Anselma Heine Die verborgene Schrift Ein Roman aus dem Elsaß Meiner treuen Helferin im Elsaß Gustel Bretzing zugeeignet Erster Teil Das Frühjahr 1870 war in Frankreich voll Sonne gewesen, Frucht und Früchte hatten schier doppelt angesetzt, und die Erde stand in Blumen. Aber die Wärme war allmählich zur Hitze geworden, die Hitze zur Glut. Auf den Wiesen war das Gras verbrannt, im Obst auf den Bäumen verkochte der Saft, nur der Weizen stand hoch und golden unter dem blauen Himmel, voller Versprechungen. Ein farbiger Hitzglanz zitterte über den Gebirgen, hier durchsichtig, dort opalisierend wie fließendes Glas. Auch den elegant und launisch geschwungenen Linien der Vogesen verlieh er ein seltsames Leuchten, das unruhig hineinflimmerte in die kühlen Waldtäler, die Weinberge, satten Felder, grünumfriedeten Dörfer und Talstädtchen des Elsaß. Etwas Erregendes lag darin, etwas, das die Leute aufrüttelte, sie frohmutig oder traurig machte, je nach ihrem Temperament. In den ersten Tagen des Juli marschierte auf der breiten Mauer des Zuchthauses in Thurwiller ein kleiner »gars de Provence« gutwillig seine Runden ab; vor und hinter ihm gingen, im Abstand von je hundert Schritten, die anderen Wachtposten. Wie sie bunt und behende auf ihrer Zinne daherschrittelten, bald durch die Pappeln des Wallrandes hindurchleuchtend, bald sich grell mit ihren roten Hosen vom weißen Kapellchen oder von den abgemörtelten Zellenhäusern abhebend, ganz hoch, ganz klein, gaben sie der traurigen Anstalt etwas Keckes, Opernhaftes. Vorschriftsmäßig drehten sie die Köpfe nach dem inneren Hofe, in dem jetzt unter Schlürfen und Klirren die Sträflinge um den gelbverbrannten Rasen wanderten. Durch die Doppeltür, die von der Straße in den äußeren Hof führte, kam ein Trupp in braunen Kitteln herein, begleitet von dem Aufseher, trabte über das Kanalbrückchen und verschwand in dem langen Gebäude. Der kleine Soldat setzte eine wichtige Miene auf. Ah ja, es brauchte strenges Überschauen in solchen Augenblicken. Andern Tags hatte einer dieser Miserabeln sich unter dem Wagen des Chefs versteckt, fuhr mit ihm zum Tor hinaus und sprang dann ab. Nicht schlecht courage, hein? Oder sie werfen sich in den Vauban-Kanal, der mitten durch den Hof geht, diese Schweine! selbst bei einer Wolfskälte im Winter. Und dann hängen sie sich an die Eisengitter der Schleuse und feilen sie durch. Letzten Winter hat man einen mit gefrorenen Kleidern tot im Thurwald gefunden. Aber jetzt – bah! Er blickt vergnügt auf die Ill hinunter, deren Bett, von der Hitze ausgetrocknet, voll glitzernder Steine und stinkender Schlammpfützen liegt – man kann unbesorgt ein wenig umheräugeln, ins Städtchen hinein und hinüber in die kleinen Gärten am Wall. Unten im äußeren Hof, über dem er jetzt wieder anlangte, kamen zwei Herren aus dem Direktionsgebäude und wanderten in tiefem Gespräch auf und ab: Monsieur de la Quine, Chef der Anstalt, und Martin Balde, Maire von Thurwiller und Arzt; der Direktor lang, dünn und elegant, der Doktor von frischem, raschem Wesen, das Strohhütchen hielt er in der Hand, die goldenen Knöpfe seines blauen Tuchrockes glänzten, silbern lag die Sonne in seinem vollen grauen Haar. Wie im Olivenwalde! dachte der kleine Provençale. Er war jetzt auf seiner Runde beim äußersten Wachthäuschen angelangt und konnte die Hauptstraße draußen übersehen. Ein Wagen mit Stroh fuhr über die Illbrücke, der Fuhrmann sang ein Lied, der Spitz bellte. Frauen in weißen Bindemützen oder schwarzen Filethauben gingen breit und schwankend wie Frachtschiffe mit Körben und Bündeln; die rotnasige Briefausträgerin mit ihrer geflochtenen Tasche beweglich und mager zwischen ihnen. Sie fuchtelten mit den Armen und tratschten mit tiefen, lauten Stimmen. Die eine hatte ein paar Kinder am Rock, die sie plötzlich wütend zu schlagen begann, Dabei schimpfte sie. Der kleine Soldat machte einen ganz langen Hals. Er hörte das zu gern! Verstehen konnte er freilich nichts von diesem sonderbar lauten und raschelnden patois alsacien. Merkwürdige Leute, hier in dieser Provinz! Groß und stark sind sie und laut und blond. Und Fäuste haben sie – nom d'un chien! Wenn die sich in die Luft strecken! Aber nur keine Furcht, sie schlagen dich nicht, sie drohen nur, sie schreien auf dich ein, sie töten dich mit Schimpfworten, und dann lachen sie und trinken. Daheim in Frankreich hätte man schon längst ein Messer in den Rippen. Aber laßt sehen, wer kommt denn da einhergeschwänzelt? Tausend Donner! es ist das Salmele, die Magd vom Maire, o, ein »Gickele« hat sie im Korb und einen großen »Kugelhopf«! Der Mund läuft ihm voll Wasser. Heute abend will er doch sicher versuchen, hinüberzuschlüpfen in die Küche des Herrn Maire zum Salmele. Hübsch sind die Mädchen hier! Und mit denen versteht man sich schon, wenn man auch die Sprache nicht kennt. Ach, und das Rosele im »Lustigen Bruder«. Das Wählen wird einem schwer. Aber das alles soll ja nun vorbei sein? Morgen heißt es: En marche. Wer weiß, wohin. Freilich sagten sie heute früh beim l'eveil -Blasen, es gebe noch keine Ablösung für die vingtoinq-er. Das treizième, das an ihrer Stelle einrücken soll, ist unterwegs festgehalten worden. Streik gibt es in Mülhausen, und da sollen die braven »Michele«, die Soldaten, wieder einmal Ordnung schaffen in der Cité, dem Arbeiterviertel. Ja, ja, wir Soldaten! Unternehmend stieß er sein Käppi nach hinten, daß ihm der dunkle, tief in die Stirn hineingewachsene Haarzipfel in Herzform über den Augen lag. So blinzelte er vergnügt auf das Wirtshäuschen hinunter, das, rosenrot gestrichen, mit kleinen Fenstern und Zipfelmützendach sich wie das Gesicht eines selig Berauschten an das Geländer der Illbrücke anpreßte und zu der ernsten Zuchthausmauer hinaufzuschmunzeln schien. Die Nase dieses rosenroten Gesichts bildete ein verregneter kleiner Heiliger, der in krummer Nische über dem Haustürchen stand, dicht unter dem Schenkenschilde »Zum lustigen Bruder«. Wie heiß es war, hier auf der Mauer! Der Sandstein brannte durch die Sohle durch. Wenn doch erst Ablösung käme! Aus der Kirche klang das Sechs-Uhr-Läuten, nicht lange danach ein Gebimmel und Geklingel aus den Fabrikhöfen der Firma Schlotterbach et Fils da hinter den Wiesen. Nun würden bald die »Fabrikmaidele« kommen, jede mit einem Liebsten, und dann würde es ein Flüstern geben und ein Küssen zwischen den Wallhecken. Es machte weh, hier oben so allein herumzuspazieren, wenn es da unten so lieblich zuging. Aber sieh da! das Kabriolett der schönen Madame de la Quine. Wenn man sie doch einsteigen sehen könnte! Ihre hübschen grauen Zeugstiefelchen mit den hohen Absätzen und die seidenen Dessous! Unwillkürlich machte er längere Schritte. Aber er sah nur die Hutkokarde des Kutschers, die um die Ecke glitt. Jetzt blickte er in den flimmernden Hitzschein, der, vom unsichtbaren Vogesengebirge emporgesandt, in breiten Wellen den Himmel überzog. Bei einer Wendung sah er auch die Vogesen selbst. So blau glühten sie dort, als wären sie durchschimmert von einem großen, glänzenden Lichte, das sich drüben in Frankreich hinter ihnen ausbreitete. Wie das Meer sieht es aus, wenn die Sonne dahintersteht! Oder wie die schuppenbesetzten Sardinennetze, die daheim die Fischer aufhängen nach dem Fange. Wie er so hinüberschaut, kommen dem kleinen Soldaten vor Sehnsucht die Tränen in die dunkeln Augen. Und leise, ganz leise fängt er an das Lied zu summen, das die Mutter sang, daheim in den Hügeln, wenn sie die Rinder weidete, wählend er im Grase hockte und mit den glänzenden gelben Blumen spielte. »Oh mes boeufs,« sang sie, »mes boeufs. Oh mon bon frère. Oh mes enfants, mes boeufs!« Und dann das feierliche Lied vom »bon Dieu« . Rot hatte die Sonne geleuchtet auf silberne Wälder und blaues Meer. »Oh mes boeufs, mon petit frère!« Hélas! wann würde er sein Frankreich wiedersehen? Das wirkliche Frankreich! Denn dieses Land hier, in dem man das Maul so breit macht, wenn man Französisch spricht, in dem man nicht lacht, wenn man betrunken ist – o nein, dieses Land hier, das war kein Frankreich mehr, das war die Fremde!   Zur gleichen Stunde wanderte auf der Mülhauser Straße zwischen Feldbreiten von gelbglänzendem Korn und langblütigem, rotem Klee ein junger Mann in grauem Reiseanzug dem Städtchen Thurwiller zu, er ging elastisch und froh und strich manchmal erwartungsvoll über seinen ganz jungen blonden Kinnbart. Zwei Fabrikmädchen, die eilig durch die Hitze gingen, drehten die schönfrisierten Köpfe nach ihm: »Grad wie d'r Saint George bei d'r Muttergottes von Thierenbach, »pas vrai?« Heinrich Hummel beachtete sie nicht. Sein Blick umfaßte das grüne Tal, aus dem einzeln oder gruppenweise hohe Pappeln emporragten, deren strenge Formen all der Fruchtbarkeit ringsum das Gerüst gaben, und um deren hochmütig zusammengefaßte Glieder die Sonne goldne Doppellinien zog. Blaubesonnt reihten sich die Vogesenberge vor ihm auf. Unwillkürlich wandte sich der junge Deutsche, um liebevoll auf die behaglichen Rundungen seines heimischen, vertrauten Schwarzwaldes zurückzusehen. Dabei entdeckte er, viel ferner und ganz klein, in Golddunst gehüllt, die Schneeberge der Berner Alpen, von denen er soeben herkam. Heinrich Hummel riß den Hut vom Kopfe. Ein überwältigendes Gefühl von der Schönheit dieser Erde und von den Freuden, die sie für ihn im Schoße hielt, durchrieselte ihn. Er war in Ferienstimmung, hatte zu Hause in Jena sein medizinisches Staatsexamen beendet und sich nun, ehe er die Assistentenstelle antrat, die dort an der Universitätsklinik auf ihn wartete, eine Erholungsreise nach der Schweiz gegönnt. Eben kam er von dort zurück. Und jetzt wollte er im Elsaß einmal seine »verwelschte Sippe« besichtigen, von der man daheim halb mißbilligend, halb neugierig zu sprechen pflegte, und die ihm ganz fremd war. Die Hummels stammten vom Rhein, ein Teil hatte sich schon im sechzehnten Jahrhundert nach Thüringen abgezweigt und wurde dort protestantisch, während ein einzelner von Köln nach Frankreich hinabging, sich in Straßburg festheiratete, dort eine Pastetenfabrik gründete und viele Kinder hatte. Einer seiner Söhne übersetzte die deutsche Hummel in einen französischen Bourdon und erwarb sich in Thurwiller eine Apotheke. Zu dem jetzigen Besitzer dieser Apotheke zum »Bourdon d'or«, Camille Bourdon mit Namen, war der junge Heinrich unterwegs. Mit seinen langen Schritten überholte er ein altes Weiblein, die ihr Reisigbündel hinter sich herschlidderte und damit auf der staubigen Chaussee große, durchsonnte Wolken aufwirbelte. »Buschur, monsieur,« sagte die Alte. »Bonjour.« Und in seinem besten Französisch fragte er sie, wie weit es noch sei bis Thurwiller. Das Weiblein riß den zahnlosen Mund weit auf. » Oh excusez, monsieur, i verstand Euch net, i verstand halt nur Elsässer-Ditsch!« Hummel war beinahe enttäuscht. Freilich hatte er als guter Patriot gehofft, das Elsaß deutsch zu finden, recht deutsch; aber daneben hegte er doch in seinem Herzen die übliche Bewunderung seiner Zeit für alles Französische. Gleich hinter den Grenzpfählen hatte er denn auch in den weniger streng geforsteten Wäldern, der malerischen Unordnung der Dörfer sowie in dem verwahrlosten Zustande der Landstraßen die erwarteten Symptome zu sehen gemeint; die ungewohnte Höflichkeit der Zollbeamten hatte ihn entzückt. Aber auch dort war die Sprache zu seinem Erstaunen deutsch, das Deutsch des sechzehnten Jahrhunderts. Mülhausen wieder hatte ihm in seiner zwar eleganten, aber wohlgeordneten Sauberkeit und Nüchternheit ganz den Eindruck einer deutsch-schweizerischen Stadt gemacht. Die Arbeiter dort redeten ein altertümliches Alemannisch, im Hotel aber hatten Gäste und Kellner ein süddeutsch betontes Französisch seinem Deutsch erwidert. So war er noch zu keiner klaren Anschauung über diese Volksart gelangt. Und daran hielt er doch! Die Straße, die sich eine Weile gesenkt hatte, fing wieder an zu steigen. Und er sah nun die kleine Landstadt vor sich, freundlich aufgebaut in der grünen Schüssel ihrer Wallwiesen. Ihre schrägen hohen Ziegeldächer glänzten in der Sonne wie knusprig. Schlank, einer versteinerten Pappel ähnlich, hob sich der Kirchturm aus der engbrüstigen Häuserversammlung, und um das Ganze zog sich wie eine appetitliche Verzierung ein schmaler Rand von Buschgrün, so daß die ovale Silhouette des Städtchens einem hübschen leckeren Tafelaufsatz glich, der dem deutschen Ankömmling bereitet stünde. Frisch ging er darauf zu, an einem altväterisch gemütlichen Fachwerkhause vorbei, das auf einem Bauerngehöft zwischen Bäumen und Kühen gemächlich dastand. In diesem Augenblick hörte er ein grobes Schelten und Rufen. Ein langer Mensch in rotgestreiftem Hemd kam durch eine Kornfurche gerannt, immerfort schrecklich mit den Armen herumfuchtelnd und Schimpfworte schreiend. Jetzt lief er quer über den Weg und verschwand jenseits in einer neuen Furche. »Françoise, Françoise, venez vite!« rief es ängstlich aus dem Feld. »Me voilà, Lucile!« Vom Feldwege her, der mit der Mülhauser Straße parallel lief, kam eilig ein Mädchen in blauem Kleide dem Scheltenden entgegen, ein blonder, glänzender Haarkorb stand ihr über dem Scheitel. Hummel konnte ihr Gesicht nicht sehen, aber ihr Gang hatte etwas Kräftiges, Zuversichtliches, das er schön fand. Zugleich bemerkte er im hohen Klee drüben einen großen Florentinerhut mit flatternden Bändern. »Françoise,« flehte es noch einmal von da. Der Bauer war inzwischen unter fortwährendem Schimpfen dem Feldweg ganz nahe gekommen. Hummel blieb stehen, aufzupassen, ob man etwa helfen müsse. Da hörte er das blonde Mädchen mit warmer, tonvoller Stimme sagen: »'s isch uns arg leid, Schambedis, arg leid.« Aber der Kerl wurde nur wütender. »Arg leid – das hilft m'r nix, nundedié noch emol!« Hummel faßte seinen Stock. Schon wollte er querfeldein auf die Gruppe zulaufen, da hörte er den Bauer wieder: » Sie mein' i jo net, Mamsell Balde, Sie isch jo net e so! Awer do dene noble Mamselle aus Paris, dene kummt's net drauf an, einem so viehmäßig d' Frucht z'verdappe.« Jetzt kam ein sonderbar kokettes Kinderlachen aus dem Korn heraus. Das zierliche Persönchen im Strohhut stand da und schaute mit gespannter Aufmerksamkeit hinüber. Plötzlich steckte sie ihr in feinem, braunem Zeugstiefel steckendes Füßchen dem Bauern entgegen und rief in geschwindestem Französisch: »Sehen Sie doch, Herr Jean-Baptiste, Sie glauben wirklich, daß man mit solchem Füßchen Schaden anrichtet? Mit solchem Füßchen?!« Und sie trillerte noch einmal dieses seltsame, bewußt kindliche Gelächter. Der Bauer grinste. Täppisch bückte er sich nach dem kleinen Fuß, der längst wieder verschwunden war, und ließ es dann geschehen, daß die Mädchen wie aufgescheuchte Wildvögel davonflatterten. Hummel amüsierte sich über den Kerl, der mit offenem Maul den fliehenden Geschöpfchen nachglotzte. Dann wurde ihm bewußt, daß er selber es nicht viel anders machte. Angeregt ging er weiter. Etwas Prickelndes fühlte er um sich her. Und die beiden Mädchenstimmen, die tiefe, weiche und die kapriziöse, gaben ihm das Geleite bis zur Illbrücke.   Françoise Balde, die Tochter des Maire von Thurwiller, und ihr junger Gast waren inzwischen atemlos den Feldweg heruntergejagt und ins Städtchen zurück. Jetzt, in Sicherheit, lachten sie, übermütig und anhaltend, wie nur junge Mädchen lachen können. Françoise hörte zuerst auf, sie machte eine anmutige, freie Bewegung des Abschüttelns. Frisch und kernig ging sie dann die heiße Straße herauf, ein paar ernsthafte Augen in dem lachenden Gesicht. Lucile schlenderte hinterher, immer noch mit kleinen Stößen von Gelächter kämpfend. Sie war mit ihrem Vater, dem Straußenfederfabrikanten Dugirard, aus Paris vor ein paar Tagen hier zu Besuch bei den Baldes eingetroffen und amüsierte sich herrlich in der ungewohnten Freiheit der Provinz. Zierlich mit den Stiefelspitzchen über das ungleiche Pflaster balancierend, kam sie sich vor wie eine kleine Fee bei Hirten. Jetzt bogen die beiden Mädchen von der Hauptstraße ab nach der Klostergasse, an deren Ende das Baldesche Haus stand. Früher war da ein Franziskanerkloster gewesen. Wiederholt von den Armagnaken geplündert, in burgundischer Zeit durch wilde Einquartierungen und unsicheres Recht verarmt, wurde es im Bauernkriege vollends zerstört. Während der habsburgischen Herrschaft baute man auf den meterdicken Grundmauern ein stattliches Haus für die österreichischen Vögte als Amtssitz. Der Dreißigjährige Krieg verwüstete auch dieses Gebäude wieder. Lange lag es öde, bis endlich die Stadt das Anwesen wiederherstellte und es an begüterte Private verlehnte. Zuletzt wurde es von Baldes Vorfahren mütterlicherseits aufgekauft und zu einem guten, sicheren Patrizierhause umgewandelt. Nun stand es da, behaglich und vornehm, mit Fruchtfestons unter den Fenstern und einer breiten Freitreppe. Zwei alte, mächtige Platanen, deren elefantengraue Stämme wie Säulen ragten, hielten rund und wuchtig davor Wacht. Die Mädchen gingen durch Flur und Eßzimmer quer durch das Haus nach dem kleinen, gemütlichen Vorplatz hinaus, der, gedielt und mit einer Balustrade versehen, von einem schiefgeneigten Birnbaum überdacht, jetzt grün und kühl im Schatten lag; dunkel dem Goldgrün des Sonnengartens gegenüber. Auf dem Rasenplatz zwischen Haus und Garten lagen weiße Wäschestücke zur Bleiche und gaben die Erinnerung an kalten Schnee. Auf diesem Vorplatz saß jetzt Françoises Schwester, Hortense Dugirard, mit ihrer kleinen Désirée in einem Lehnstuhl. Sie ließ das Kind auf ihren Knien mit einem Kätzchen spielen, sie selbst las in einem französischen Roman. Ihr ein wenig blasses Gesicht erheiterte sich, als sie die Schwester sah. Lucile begann sogleich mit der Erzählung ihres Abenteuers, ihr Mäulchen regte sich geschwind, die kurzen, raschen Silben klapperten Galopp. Wie eine Schauspielerin hob sie die Arme, machte ihr eigenes Fußstrecken, ihr Laufen nach. Hortense sah ihrer kleinen Schwägerin mit liebenswürdiger Geduld zu. Sie war in Belfort an einen Offizier verheiratet, Luciles Bruder. Ihre beginnende zweite Mutterschaft hatte ihr ein unwiderstehliches, fast krankhaftes Heimweh gebracht, noch verstärkt durch die Entdeckung eines neuen Liebesverhältnisses ihres Mannes, diesmal in ihrem eigenen Hause, mit Désirées Mademoiselle. Nun war sie hier, zufrieden, einmal wieder bei Vater und Mutter zu sein, in dem alten Garten ihren früheren sauberen Mädchenvorstellungen wieder zu begegnen und der jungen Schwester in das helle, wohlgeordnete Gesicht zu sehn. Ihr Schwiegervater, der sich seit kurzem an der Fabrik Schlotterbach et Fils in Thurwiller mit Geld beteiligt hatte und deshalb hin und wieder hierherreiste, gab sich bei den Baldes Rendezvous mit ihr. Er hatte sein Enkelkind kennenlernen wollen. Désirée war inzwischen mitsamt dem Kätzchen von Hortense zu Françoise übergegangen und saß jetzt gravitätisch auf ihrem hohen Stuhl, eine große Birne und ein Taschentuch vor sich, bemüht, der Tante ihre Hantierung abzulernen. Françoise hatte einen Korb frischgepflückter Frühbirnen neben sich auf die Bank gestellt, wählte daraus die reifsten Früchte und rieb sie aufmerksam und sorgfältig mit einem groben Tuche ab. Ihre Bewegungen waren von einer präzisen Anmut, die gut zu ihrem Gesichte paßte, das leicht durchschaubar schien. Dann aber konnte sie plötzlich emporblicken, dunkel und heiß, die Augen voll von einer noch wartenden Leidenschaft. Aber das war nur selten. Sie hatte, als wisse sie um ihre beiden Verräter, die Angewohnheit, die Lider tief zu senken, selbst beim Sprechen. So saßen die Schwestern jetzt schweigend, doch des Zusammenseins froh, beieinander. Lucile trieb währenddessen, den großen Hut auf dem Kopfe, ein Gießkännchen in der Hand, ein spielerisches Wesen zwischen den Bleichstücken, begoß sie mit dünnen, bogigen Kaskaden, wippte mit dem Kleidchen und nestelte an den schützenden Halbhandschuhen. Auch im Garten sah man ihr weißes Kleidchen bald da, bald dort durch die Büsche schimmern, niemals aber sehr entfernt vom Straßengitter. Sie wollte gesehen werden und bestaunt. Unglücklicherweise aber ging niemand vorbei als ein Mann mit seinem Hundewagen und jetzt die Postbotin. Sie reichte einen Brief hinüber an »Madame«. Lucile lief damit zu Françoise. Die sah den Poststempel an. Sie wurde rot dabei, dann strich sie ihre Ärmel glatt, die sie zur Arbeit ein wenig aufgeschlagen hatte, legte Früchte und Tuch ordentlich beiseite und ging mit langsamen Schritten ins Haus hinein, in die Küche, wo Frau Balde mit dem sommerfleckigen Salmele zusammen das Abendessen bereitete. Die elegant gewachsene Frau stand im dunkeln Kleide und großer, weißer Schürze am Herd und rührte eine Omelette, das Feuer färbte ihr schmales, bräunliches Gesicht mit Rot und übergoß die glatten, silbrig schimmernden Scheitel mit Reflexen. Gelassen reinigte sie am Küchenbrunnen ihre Hände, trocknete sie ab, ließ sich den Brief geben und trat damit ans Fenster. »Aus Mülhausen,« sagte sie dabei auf französisch zu ihrer Tochter, »von Pierre Füeßli. Es wird seine Werbung sein. Du weißt, seine Familie ist sehr gut.« »Aber Protestanten.« Françoise stand vor ihr, den Blick gesenkt, den Kopf hintenübergeneigt. Ihr Gesicht war ruhig. Die Mutter nahm sie bei der Hand. »Er fragt, ob er morgen kommen darf. Wegen des Streiks ist seines Vaters Fabrik geschlossen. So möchte er sich seine Antwort selber holen.« Françoise nickte. »Ich achte ihn, er ist ein lieber Mensch.« »Und er sieht gut aus.« »Und dann ist es auch so nah an Thurwiller.« »Wir sollen ihn also kommen lassen? Übereile dich nicht, mein Kind. Es ist für das ganze Leben.« Françoise lächelte. »Ich wüßte nicht, was sich ändern könnte. Mein Gefühl für ihn ist ruhig und klar. Aber immerhin –« Etwas Verträumtes kam in ihre Stimme, sie sah in das Funkeln des Gartens hinaus. »Ich kann mir ja noch einige Tage Bedenkzeit ausbitten,« sagte sie langsam. Still legte die Mutter ihre beiden Hände auf das weiche, heiße Blondhaar ihres Kindes. »Ja, so soll es sein,« sagte sie sanft, »er soll noch ein wenig warten.« Mit einer Bewegung, deren Präzision die geborene Französin verriet, ließ sie die kleine Schleppe ihres Hauskleides seitwärts gleiten und ging an ihre Arbeit zurück. Françoise stand einen Augenblick, die Stirn an die Scheibe gepreßt, ihre Augen waren groß und flammend geöffnet. Eine unbestimmbare Gier nach Fremdem, unerhört Bewegendem hatte sie auf einmal erfaßt. Noch recht, recht viel sich einverleiben von all dem Herrlichen, das draußen wartet, ehe man sich seinen Alltag baut! Aber dann ging dies ihr selbst Verwunderliche wieder schlafen. Er ist ein guter Mensch, dachte sie, als sie zum Vorplatz zurückging. Er wird mich auf Händen tragen, und ich werde ihm eine treue und ergebene Gefährtin sein. Es wird sich gut schaffen lassen mit Pierre Füeßli zusammen. Sie stellte sich den gutgebauten, kraftvollen jungen Mann vor, dessen glänzend schwarzer Bart von Kraft, dessen blühendes Gesicht mit den dunkeln, fast melancholischen Augen von Wärme und Güte sprach. Sie glaubte, ihn lieben zu können.   Der Empfang war freundlich gewesen in der Apotheke und wurde immer herzlicher. Hummel empfand sich bald als zugehörig, sogar seltsam vertraut. Ihm schien, als habe er das alles irgendwann schon einmal genau so erlebt oder geträumt. Man hatte zuerst in der schmalen »salle à manger« bei Abendsuppe, Huhn und Omelette, noch ein wenig steif, beisammengesessen. Hummel hatte von Jena erzählen müssen, von den bunten Mützen der Studenten und den Mensuren. Tante Amélie machte ihre dunkeln Augen rund. »Grad wie beim mardi gras !« Sie war eine umfangreiche, aber noch feste Frau mit tiefer Stimme und energischen Bewegungen. Das Schnurrbärtchen auf der Lippe war schwärzer als ihr dichtes, hochgetürmtes Haar. Der Apotheker machte neben ihr einen fast weichlichen Eindruck: lang und schwank und kahl, mit tief verfalteten Augenlidern, ein bleiches Gesicht, dem das Alter Kinn und Nase genähert hatte. Die beiden Alten versuchten gefällig ihr Hochdeutsch, fielen aber immer wieder ins Französische und in ihr Elsässisch zurück. Sie erzählten vom Lokalereignis, vom Streik. Ganz Mülhausen sei in Bewegung. Die Arbeiter zögen singend und lachend hinauf nach »Tannenwald« und »Dollermatte« und schrien »Vive l'empereur« . Was denn der Kaiser mit dem Streik zu tun hätte, fragte Hummel. Oh, pas grand' chose , die Arbeiter glaubten wohl, dem Napoleon sei es recht, den Mülhauser Fabrikanten etwas am Zeug zu flicken. Das sei sehr töricht gedacht, meinte Tante Amélie eifrig, denn hatte nicht Napoleon bei seinem Regierungsantritt gesagt: L'empire c'est la paix? Wie konnte er also solche Krawalle protegieren wollen? Aber Onkel Camille biß sich fest. Wenn auch! Die Mülhauser wären wirklich fast zu hochmütig. Und dann waren doch auch die meisten der großen Familien dort wüste Liberale; also von denen, die beim Plebiszit »Nein« gesagt hätten, und vor allem, sie seien Evangelische. Denen geschehe es ganz recht. Hummel lachte ihn scherzend an. So? Also das war Onkel Camilles Meinung? Nun, dann wäre es wohl am besten, er beeilte sich, aus dem Hause zu kommen, denn er selbst sei gleichfalls Protestant, wie die deutschen Hummels ja alle! Der alte Bourdon machte ein verlegenes Gesicht. Die Anwesenden – man wisse ja – wären immer ausgenommen, und er selbst sei ja gar nicht so, im Gegenteil, er hätte noch immer es verstanden, von jeder Meinung die gute Seite herauszufinden. Er sei kein Raisonneur wie andere hier in Thurwiller, Martin Balde, der Maire, zum Beispiel! Oh non! Man ging jetzt aus der ersten Etage in das Gartenzimmer, das zwischen Drogenstube und Verkaufsraum lag. Der Salon oben sei zu heiß. Übrigens benutzte das Ehepaar der Bequemlichkeit halber fast ausschließlich dieses ebenerdige Zimmerchen, das mit Generationen von Möbeln überfüllt war. Auf dem ovalen Tisch stand der Kaffee schon unter grüngestickter Bischofsmütze bereit. Man setzte sich. Die graue Katze machte sich's auf dem ausgesessenen geblümten Lehnstuhl auf dem Fenstertritt behaglich, Camille Bourdon stopfte sich eine lange Pfeife, während Madame noch geräuschvoll durchs Zimmer fuhr, ihrem Mann die braunseidene Kappe entgegenschleuderte, die er auf den Futternapf des Kanarienvogels gehängt hatte, den Tabaksbeutel, der neben der Zuckerdose lag, auf die Kommode warf, daß es stäubte, und ihn dann wieder zurückholte, um ihn neben die große Tasse mit aufgedruckten Stiefmütterchen zu legen. Dann bot sie dem Neffen eine Zigarre an, die sie ihm, trotz ihres matronenhaften Umfanges, mit einer gewissen Koketterie anzündete. Ein Geruch von Spezereien kam durch die Türritze, vom Hofe her hörte man Hühnergegacker und das Gebrumm von Kühen. Langsam und glockenmäßig schlug jetzt eine braune, hohe Stehuhr Sieben. Onkel Camille erhob sich, öffnete das Fenster, streckte den Arm aus und hielt, als er ihn zurückzog, eine Zeitung zwischen den Fingern. »Der ›Industriel alsacien‹ ,« erklärte er. »Sie halten ihn im Gasthause drüben, und der garçon von der ›Krone‹ bringt ihn mir jeden Abend 'nüber. Ich schröpf' ihn dafür umsonst.« Er setzte sich die runde Hornbrille auf und begann sich in die Familiennachrichten zu vertiefen und undeutlich zwischen seinen Zahnlücken vorzulesen. Wie Heinrich Hummel bemerkte, war das Blatt beidsprachig, immer eine Spalte deutsch, eine französisch. Der gute Camille las die lokalen Notizen deutsch, den offiziellen Aufruf des Präsidenten Isidor Salles aber, der die Mülhauser Bürger zur Ruhe mahnte, las er mit erhobener Stimme französisch, jede vorletzte Silbe hart betonend. Dann las er weiter. Die Fabrikanten in Mülhausen hätten an die Regierung telegraphiert, sie möge Militär schicken gegen die »Arbeiter«. Der schlappe Mann schüttelte mißmutig den Kopf. »Militär, sell gfallt m'r net! Sell gibt bös Blut!« Er fuchtelte mit der langen blassen Hand durch die Luft. »Wir protegiere uns schon allein. Wir Elsässer, wenn m'r uns nur in Ruh laßt.« Dann, wie erschrocken über seine eigene Kühnheit, lenkte er wieder ein: »Nicht daß ich ein Raisonneur wäre, Dieu m'en garde ! Aber Militär – non, non, non , sell gfallt m'r net.« Tante Amélie aber glänzte vor Pläsier: »Militär? c'est vrai? all die hübschen jungen Leute! Oha, das wird e distraction gebe für die Maidle et les jeunes femmes .« Sie jauchzte förmlich, die Tassen auf ihrem Servierbrett zitterten. Nun hatte sie den Tisch abgeräumt; sie zog ein großes weißes Strickzeug vor und begann zu stricken, immer mit dem rechten Zeigefinger, fast fieberhaft, den Faden haschend. Onkel Camille zündete sich die Pfeife an. Heinrich mußte sich neben die Tante setzen und ein sonderbar geflammtes Wollgarn von der Fischbeinwinde abwickeln, die sie auf den großen runden Tisch gestellt hatte. Wie ein umgekehrtes Schirmgestell sah das aus. Auf jeder Spitze saß ein Püppchen in weißem Kleide und fuhr Karussell. »So hat es schon die Großmutter gehalten, und wir Kinder haben unsere helle Freud dran gehabt.« Hummel wickelte gehorsam sein Garn und sah zu, wie die Püppchen rundfuhren: zwei rote Kleidchen, zwei grüne und zwei blaue, dazwischen zwei Herren im Rokokokostüm, verstaubt und knitterig. Wahrscheinlich ältester Bestand der Garnwinden-Fahrgäste. Die Winde surrte. Wo hatte er das alles schon erlebt? Wo nur? Tante Amélie erzählte ihren Tageslauf. O, sie stand sehr früh auf, schon um fünf Uhr, denn dann mußten die Milchkannen nach Bollwiller gefahren werden. Sie besaß mehrere Anwesen vor dem Städtchen, Häuser, Kuhställe und ein wenig Landwirtschaft. Was im Hause nicht verbraucht wurde, verkaufte sie in Bollwiller. Um sieben Uhr löffelt man ein Schüssele Suppe oder Milchkaffee, dann geht's in die Messe. Zwischen Neun und Zehn das Morgenessen, danach ruht man ein Stündchen. Um zwölf Uhr gibt's Mittag, um vier Uhr Vesper, dann um Sieben die Abendsuppe. Zufrieden sah sie mit dunkeln Augen um sich, und ihr üppiger Körper dehnte sich förmlich in Erinnerung all der guten Dinge, die man ihm täglich so liebevoll zuführte. Inzwischen war auch Onkel Camille mit seiner Zeitung fertiggeworden. Mit der Miene eines Mannes, der eine köstliche Überraschung anzubieten hat, stand er auf, ging zur Kommode und zog, zu Ehren des Gastes, ein Spieldöschen auf, das dort stand. Während aus dem Holzkästchen eine sachte Melodie hervorächzte, sang der Alte dazu mit einer überraschend dünnen näselnden Stimme: »Mich fliehen alle Freuden, ich sterb' vor Ungeduld, an allen meinen Leiden ist nur die Liebe schuld.« Und dann noch einmal scherzhaft die Worte versetzend: »Mich freuen alle Fliegen, ich sterb' vor Ungeduld.« Danach lachte er dünn und anhaltend, die Katze schnurrte, der Kaffee dampfte. Und auf einmal wußte Hummel, warum ihm alles das so urbekannt vorkam. Dieser Mann hier vor ihm mit seiner Pfeife, in Hausmütze und Pantoffeln; das hausfraulich unermüdliche Ab- und Zugehen der Tante, die alten tiefen Sessel, gestickten Kissen und Rollen, gebauchten Kommoden, Glasservanten und mit Andenken bestandenen Zierbrettchen, das Spindel-Ührchen und der zittrige Gesang – das alles war Deutschlands vergangene, gemütliche alte Zeit. Dort drüben fand man sie längst nicht mehr, aber hier im sich französisch glaubenden Elsaß hatte man sie unversehrt aufbewahrt. Die Erzählungen von Großeltern und Urgroßeltern waren es, die ihm hier wieder entgegentraten. Selber fühlte er allerlei Unruhe von sich abfallen, die ihn geplagt hatte, fühlte sich einfach und still, erlöst von dem Gespannten und Aufgereizten drüben in dem ehrgeizig sich dehnenden Deutschland ... Drinnen im Verkaufsraum hatte die Kundenglocke schon ein paarmal angeschlagen, worauf jedesmal ein tröstliches »Glich!« »tout de suite!« von seiten des Pharmacien folgte. Jetzt aber, da das Spieldöschen abgelaufen war, ging er gemächlich zu den Wartenden hinaus. Tante Amélie erzählte inzwischen vom Kirchweihfest, der »Kilbe«, die morgen in Sulz gefeiert würde. Da müßte der neveu auf jeden Fall mithalten, halb Thurwiller ginge hin. Und wenn er lang genug hier bliebe, würde er auch noch die Prozession in der Kirche zu sehen bekommen, den Papst zu feiern, der ja nun unfehlbar würde. Ihr kleiner Enkel würde die Fahne tragen vor dem Herzen Jesu, und Françoise Balde, die Tochter des Herrn Maire, müsse noch immer als Sainte-Madeleine gehen, obgleich sie doch schon aus der Schule sei. »Sie hat das schönste Haar im Städtchen.« Das schönste Haar im Städtchen! Das klang wie aus einem Märchen! Und Françoise? Das war ja das blonde Mädchen aus dem Korn! Er erkundigte sich nun auch nach der anderen, der Zierlichen. Man erklärte sie ihm. Eine echte Pariserin sei das. O, man verstünde sich hier auf das, was pariserisch sei, man sähe es gern! Hummel machte ein sehr vergnügtes Gesicht. Françoise – Lucile. Und es schien ihm, als stehe da draußen in der grünen, monddurchhellten Dämmerung des Gärtchens ein ganzer Zug von schönen Frauen und Mädchen und warte auf ihn. Unruhig erhob er sich. Im gleichen Augenblick kam Bourdon wütend zur Tür hereingeschossen. »Isch das recht? isch das chrischtlich?« Er stellte sich breitbeinig vor dem jungen Mediziner auf, ihm ein Rezept hinhaltend. Der begriff nicht. » Extrait de Quinquine, eau naturelle – – –? Das ist doch ganz einfach?« » Ah oui, c'est clair! viel zu einfach isch's! Was soll ein armer pharmacien da dran verdienen? Warum net noch e wen'g vin d'Espagne oder so?« Und nun machte er seinem Herzen Luft. Jo, jo! Der Maire, das sei so einer! Früher seien die Kranken fast immer directement in die Pharmacie gekommen. Die Doktors hier von dazumal wären nicht beliebt gewesen. Der eine hätte allen Ehemännern seiner Patientinnen Hörner aufgesetzt, der andere sei immer betrunken gewesen und hätte sich dann auch richtig zu Tode gesoffen. Ja, da wären alle zu ihm, zum Pharmacien gekommen, und er hätte teure Medikamente geben können nach Herzenslust; seitdem aber dieser Doktor Martin Balde, der in Straßburg Medizin studiert hätte, sich hier niedergelassen – Er zog auf eine komisch weiche Art ein paarmal die Schultern zu den Ohren hinauf. »Und er braucht's net emol,« fiel Madame ein. »Wo doch die Tochter emol d'r Sohn vom reiche Füeßli in Mülhuse heiraten wird.« Von der andern Seite fing Camille wieder an. Ja, verschreiben täte der Balde nur die allerbilligsten Arzneien. Und überhaupt sei es eine Schand', daß man einen Liberalen zum Maire gemacht habe. Noch dazu, wo seine Frau eine Fremde sei, eine Evangelische aus'm Frankrich, während sie selber, die Pharmacienne des »Bourdon d'or,« doch schon ihre Eltern und Großeltern hier in Thurwiller auf dem Kirchhof besuchen könne. Hummel suchte zu trösten, so gut er konnte. Der Herr Onkel sei ja noch in seiner besten Kraft, überdies habe er sicher schon langst sein Schäflein ins trockne gebracht? » Eh ça – je ne dis pas non! M'r will jo net klage! Un für d'Kinder isch gsorgt. Der fils , der sitzt emol weich im ›Bourdon d'or‹. Schad', daß er seinen deutschen Cousin nicht kennen lernt, aber er ist in Straßburg in der Lehre. Und meine Tochter Madame Schlotterbach« – er machte fast eine kleine Verbeugung – » vous savez , Schlotterbach et fils , die große usine hinter der Ill. Monsieur Théophile, mein Schwiegersohn – oh, il a de ça !« Er bewegte unsichtbare Geldstücke zwischen Daumen und Zeigefinger. »Sie haben nur zwei Kinder, eine Tochter und einen Sohn. Aber Madame Schlotterbach läßt Virginie, en attendant im Kloster. Une fille à marier, vous comprenez! Der kleine Victor Hugo hat erst vierzehn Jahre. Sein Gesicht war plötzlich voll Tränen. Madame gab ihm einen kleinen Stoß mit ihrer Fußspitze auf sein Knie: » Vieux drôle, va! Er hat halt e weich Herz, ce pauvre Camille! « Bourdon tätschelte ihre Hand: » On fait ce qu'on peut! Mais tenez, not' cousin , jetz solle Sie doch auch unser ditscher Vorfahr sehe, vous savez: le tolle Hümmelle!« Er stand auf, ging zum Fenster und nahm ein rundes, verstaubtes Bildchen vom Nagel, ein hübsches, blutjunges Kerlchen im französischen Dreispitz und Militärrock. »Mein deutscher Urgroßvater aus Köln,« sagte Bourdon wohlgefällig. »Un wenn ich mich net trumpier', ein Urgroßonkel von Ihne, mon neveu .« Heinrich betrachtete das Bild. Unwillkürlich mußte er die schönen, entschlossenen Züge mit den verweichlichten des Apothekers vergleichen. Der hatte sich behaglich am Fenster in den geblümten Lehnstuhl gesetzt und fing an, vom Ahn zu erzählen: Wie er unter Soubise bei der Reichsarmee diente, dann bei Roßbach elend und verzweifelt sich von preußischen Werbern einfangen ließ, bei Zorndorf ein begeisterter Kampfer des grand Frédéric wurde, beim Überfall auf Hochkirch aber schwer verwundet schließlich desertierte und sich nach Köln durchbettelte. Wie er in Frankreich, Deutschland, Holland vornehme Liebschaften gehabt und die Damen in kostbaren Equipagen mit Wappen und Lakaien an seiner Wohnung vorgefahren seien; wie er übermütig Stadt und Sippe die Stirn geboten, zuletzt aber das schönste und reichste Mädchen von Köln geheiratet hatte, in den Rat gewählt wurde und so zu Reichtum und Ehren kam, die er verschwenderisch mit Freunden und Verwandten teilte. Wie er oft »viere lang« von Köln nach Paris hinübergefahren wäre, um irgendein kostbares Möbel zu erstehen, das da in einem Schloß verkauft wurde. Auch Hummel kannte diese alten Geschichten. Man half sich ein und steigerte einander. Bunt und wild stieg alte deutsche Zeit auf im sommerheißen, von bürgerlichen Essenzen durchdufteten Stäbchen und machte den Dreien die Augen glänzend. Ein unternehmendes Lächeln lag um Camille Bourdons dicke, faltige Lippen, und Madame ging wie berauscht mit weiten, wehenden Röcken hochatmend im Zimmer hin und her. Auch Hummel war entzündet. Ja, damals gab es noch verwegene Männer und leidenschaftliche Frauen in Deutschland. Damals lebte man noch mit den Sinnen, nicht nur mit dem Geist, der Bildung! Ihm war plötzlich, als habe er das Leben versäumt. »Ja, damals!« sagte er laut. Die guten Bourdons faßten diesen Ausruf nach ihrer Weise auf. »Isch's denn wohr, mon neveu, « fragte Tante Amélie und blieb dicht vor dem jungen Manne stehen, »isch's denn wohr? Hat's jetz in eurem Ditschland keine rechte Maidele mehr? Nur so Schulmamselle mit Brille uf d'r Nas un gstutzte Haar un Dintefinger, so wie m'r sie im ›Jean qui rit‹ abgmalt gsiet?« Und Onkel Camille fragte geheimnisvoll hinter seiner Hand: » Dites donc, jeune homme, isch's immer noch so, daß die kleine Kätterche un Gretche sich mäuselestill halte, wenn ihr ihne als eure propos mache? Un d'rno z'Nacht lasse sie euch doch's Kammertürle wageweit offe?« Tante Amélie drohte ihrem Mann mit dem Finger: » Ah, voyez-moi le Don Juan! Um dich alter Babbe wird sich grad e Maidele derangiere! Monsieur Hümmelle que v'la, das isch e anderer Mann, gell!« Sie kniff die glimmerigen Augen ein. »Nur daß ihm sein Bart so wüscht ums Kinn ummewachst, sell will m'r halt net gfalle, sell kennt m'r net do bi uns. Der verkratzt jo dene arme Maidele 's Gsichtle!« »Versuche Sie's emol, Tante Amélie!« Übermütig breitete er die Arme gegen sie aus und ließ sich von ihr küssen. Erst auf beide Wangen, dann auf den Mund. »Monsieur Bourdon schaut nicht her,« sagte die vergnügte dicke Dame dabei scherzhaft beruhigend. Noch ganz atemlos setzte sie sich auf den Fenstertritt und strickte. Jetzt klang von draußen ein langgezogener Gesang herein, mit psalmodierendem Schnörkel nach jeder zweiten Zeile: »Hört, ihr Bürger, ich tu' euch kund, es ist um die neunte Stund'. Nehmet Feuer und Licht in acht, Gott geb' euch eine gute Nacht.« Das war das Zeichen zum Schlafengehen. Hummel freilich saß noch lange oben im Gaststübchen wach. Es ging auf den Platz hinaus. Ihm fast gerade gegenüber stand das schöne alte Rathaus aus dem sechzehnten Jahrhundert. Unversehrt von der Zeit, würdig und harmonisch stand es da im Mondschein. Es bildete die Ecke zwischen Hauptstraße und Markt. Weiter hinten begrenzte die Kirche das still geschlossene Geviert des Platzes. Mit ihren vielen freistehenden Schmuckturmspitzchen erschien sie weltlicher geputzt und unruhiger als das harmonisch gegliederte Stadthaus mit seinem Hallen-Unterbau und seinen breiten, dreigeteilten Fenstern. Hinter einem dieser Fenster saß ein alter Mann und schrieb. Flockig stand ihm silberweißes Haar um das stillgeneigte Gesicht. So etwas Stilles, Zeitloses lag über dem Einsamen da oben! Heinrich Hummel sah lange hinüber. Auf einmal schellte die Nachtklingel. Heinrich horchte hinaus. Es gab ein wenig Treppenlaufen im Hause, der Onkel im Schlafrock gab dem jungen, französisch antwortenden Laufburschen, der unten schlief, eine Anweisung. Auf Heinrichs Frage rief er gleichmütig hinauf, im »Lustigen Bruder« hatten sie einen zu Boden geschlagen. Es sei weiter nichts passiert. Bald war alles wieder still. Hummel setzte sich an den ovalen, etwas schwankenden Tisch. Er hatte sich einen Band von Gottfried Keller mitgebracht, in dem las er. Um ihn her war es traulich, wie von atmenden Wesen belebt. Das Muttergottesbildchen schien ihm freundlich zuzusehen, sein Lämpchen surrte mit einem behaglichen Mückenton, eine kleine eilige Uhr mit einem Füllhorn voll künstlicher Blumen tickte ganz hell, der niedrige blauweiße Fayenceofen, über dem die Röhre sich in phantastischen Schlangenwindungen zur Decke hinzog, trug in alter Schrift einen Spruch: » Je suys le soleyl de l`hyvère. « Und auf dem Nachttisch, der eine alte Säule nachahmte, lag ein schöngebundenes, Gebetbuch: »Maria, du Morgenstern.« Sein Tag zog an ihm vorüber. Nach all der Bücherstöberei der letzten Wochen und dem angestrengten Wandern in der Schweiz der erste Tag der Einkehr in sich selbst. »Holt, ihr Bürger, ich tu' euch kund, es ist nun die elfte Stund'.« Da löschte er das Licht. Er hatte einen sonderbaren Traum, der ihn in silbern tönendem Korn mit schönen Mädchen spazierengehen ließ. Eine große schwarze Schlange folgte ihm wie ein treuer Hund. Er trat auf weichen, weichen Weg. Musik war um ihn. Im halben Erwachen fand er sich dann überquer im ungewohnten französischen Zweierbett liegen, draußen war Kirchengeläut, und ihm gegenüber blendete das schwarze gewundene Ofenrohr. Noch schlafschwer blinzelte er darauf hin. Sofort aber begann sein Hirn die Gewohnheit der Examenzeit fortzusetzen und mechanisch Gedächtnisübungen zu machen. Er sagte sich die Reihenfolge der Handwurzelknochen her: das Kahnbein – das Mondbein – das Dreiecksbein. Völlig wach werdend lachte er auf. Da hörte er den Nachtwächter mit rostiger Stimme singen: »Hört, ihr Bürger, ich tu' euch kund, es ist um die fünfte Stund'. Morgenrot am Himmel schwebt, und wer den neuen Tag erlebt, der danke Gott dem Herrn!« Da schlief er friedlich wieder ein.   Im »Lustigen Bruder«, wo die »Wackes« tranken, war es lebhaft zugegangen heute abend. Schon gleich nach Arbeitsschluß war die Stube dicht voll, über den Tischen und Bänken lagerte Tabaksdunst. Die beiden offenen Öllämpchen flackerten im Luftzuge und im Stimmengewirr, das gegen sie andrängte, unruhig hin und her; zu den fast ebenerdigen Fensterchen sahen blutrote Himmelsstücke herein. Öffnete ein neuer Ankömmling die Tür, so verschwadete sich der Dampf und ließ für einen Augenblick rote, massige Gesichter und graugelbe über schmutzigen Werkstattblusen auftauchen; eine ausladende Armbewegung wurde sichtbar, dann vergraute wieder alles. Es roch nach Schnaps, Schweiß und Pfeifenschmauch. Ab und zu polterndes Lachen, das zwischen dem Durcheinanderreden hervordröhnte. Alle sprachen aus voller Kehle und zu gleicher Zeit. Man war behaglich. Jetzt aber eine Krähstimme mitten hindurch. Alle horchten auf. Der Pfiffer-Schang war gekommen, der auf den Dörfern aufspielte. Man bewunderte ihn, weil er so gewitzigt war, aber man scheute ihn auch. Manche wollten wissen, er habe geheime Auftraggeber unter den Regierenden, denen er die kleinen Leute aushorche und verrate. Bestimmtes wußte man nicht, aber es war doch eine wortlose Verabredung zwischen den Arbeitern, sich in acht zu nehmen vor ihm. Pfiffer-Schang hatte sich auf den Tisch geschwungen, er baumelte mit den langen Beinen gefährlich zwischen den Nasen seiner Nachbarn auf und ab. »Gottverdammi,« kreischte er nun los. »Han ihr scho' g'hört? Lustig geht's zu drobe in Mülhuse, nix als Feierdag. Beim Füeßli uf der Wülle han d' Spinner d'r Anfang g'macht. Un morn oder übermorn gehn sie zum Nägeli.« Er stieß die landbekannten Übernamen der großen Mülhauser Fabriken schmetternd heraus. Tiefes Stillschweigen antwortete seiner Eröffnung. Keiner wollte eine Meinung bekennen. Nur ein alter, verkommener, rothaariger Mensch am untern Ende des Tisches, mit einem durchlöcherten Strohhut über dem bleichgedunsenen Gesicht, der eine rote Blume an der linken Brust seines übelriechenden Armenröckchens trug, fing an, unsicher und mit fahrigen Bewegungen in die Luft hinein zu plappern, »'s isch awer doch nit racht, so umz'schpringe mit de Noble! Kei Respekt hat's meh in de Welt: es isch e Sünd un e Schand.« Schmied-Louis lachte: »Blib numme still, m'r wisse's scho lang: du un d' Noble, ihr fische im nämlige Weiher.« Das sollte eine Anspielung sein auf Groffs Ältesten, wegen seiner Häßlichkeit »Petit-singe« genannt, der einen député in Paris zum Vater hatte. Groff bezog eine kleine Jahresrente von dem Pariser »Gevatter«. Der alte vertrunkene Mensch legte den Kopf auf den Tisch und schnüffelte. Sonst war er der Spaßmacher im »Lustigen Bruder«, man gab ihm Wein, seine Cochonnerien zu hören, heute aber war er schon betrunken und traurig. »Jojo, so kann's de Mensche gehn,« wimmerte er. »Siebe Johr bin i im Badische gsi un hab' Thurwiller nie meh gsehn. In dere Zitt un in jedwederem Johr han i d'heim vom Schosefin a Kind bekumme. Neune sin's. Eins oder zwei, däs versteht m'r scho, ça se comprend , awer z'viel isch z'viel.« Und er jammerte laut. Drüben sprach man weiter vom Streik. »Wohr isch's!« Rosenkranz-Schorsch, ein noch junger, fetter Mensch, rieb sich das glatte Kinn. »Herre tät's allewil gebe.« »Wenn's kei Herre tät gebe, was wär d'rno der Papst?« Auch der Schneider gab das zu. »Wenn alle wollte Arweitsbluse trage, d'rno war's üs mit unserem métier . Herre un Knecht, so steht's scho im Evangelium.« Pfiffer-Schang hatte inzwischen vertraulich den Arm um den schieligen Mathiß geschlungen, er flüsterte mit ihm. Der hob den schwarzen Zeigefinger. »Ketzer sin's awer doch,« sagte er gelehrig. »Un wer d'r katholisch Glauwe net haltet, der isch au wider d'r Kaiser un's Gesetz.« Er wischte sich mit der linken Hand das schmutzige Auge, das tränte, und sah befriedigt um sich. »Nur dreimal im Johr mache sie Feiertag,« warf Pfiffer-Schang dazwischen, » merci bien .« Das traf. Alle brachen los. »I vergunn's de Herre.« » Nun-dedié , i vergunn's de Herre z' Mülhuse.« »Dene faquins .« »Dene ghört a Krambohl, e ganz wüschter Krambohl.« Der Rosenkranz-Schorsch stimmte jetzt bei. » Pour sûr . Die bonne soeurs – mi Kathele wascht ihne jede zweite Woche – jo, die bonne soeurs han gsait, d' Herre in Mülhuse, das sin net emol rachte chrétiens , und drum wird sie unser Herrgott jetz strofe. Un in Stroßburg un im Unterland gibt's au viele von dene, han se g'sait.« »Un bi euch« – Pfiffer-Schang sah triumphierend um sich – »jo bi euch hat's au Litt, die d'r rechts Glauwe net han. Die Madam vom Herr Maire zum exemple . Die isch e Welsche un e Luthrische d'rzu. Fi donc !« Er spuckte aus. Ein mißbilligendes Schweigen folgte. »Ich will man sagen, daß das anders ördentliche Lüt' sind,« schiebt der Fabrikschlosser Tjark Smeding in seinem breiten, langsamen Ostfriesisch dazwischen. Er ist vor zwei Jahren auf der Wanderschaft hier hängen geblieben und an der Schlotterbachschen Fabrik angestellt. Weil er an der rechten Hand nur drei Finger hat, nennt man ihn den Dreier-Tjark. » Diavolo! « Ein schöner, verwegener Bursch, der neben Groff an der Tischecke saß, schlug mit der Faust auf den Tisch. » Diavolo! möcht' i dabei sein! O carambolo bello! « Seine weißen Zähne blitzten. Der schielige Mathiß begehrt auf: »Jo, ihr Salzbohrlitt, ihr welsch Lump-Chor! Euch kann's net wüscht g'nug zugehe!« Und das blasse Schneiderlein hetzt gleichfalls: »Wart' numme, Krambohl, meh als g'nug, wenn dir d'r Förster Rusch emol hinter d' Hasestrickle kummt! Sell gibt e g'salzener Imbs!« Der schwarze Carlo, der berüchtigte Wilddieb, lachte mit allen seinen Zähnen. »M'r machen au mit beim Krambohl!« Die Stimme des breiten Schmied-Louis klang wie aus einem tiefen, leeren Gewölbe heraus. Alle begeisterten sich daran. Pfiffer-Schang schlug ihm auf die Schulter. »Racht hasch, ihr sin' au kei' Hund!« »Grad so isch's! D' Herre stecke alles in d'r Sack, un ihr Arweiter könne verrecke für sie.« »Jo d' Noble!« brüllte ein Rotnasiger. »Jo, die fresse un saufe, Herz was begehrsch', un unsereins hat net emol Kredit beim Wirt. Rosele, gell du bringsch mir noch einen?« Und das hübsche Wirtstöchterchen läßt sich erweichen. »Jo, d' Mülhuser han rächt!« ruft der Louis wieder. »Dreischlage, luschtig si! Sich nix g'falle losse!« Der Pfeifer ist mit einem Satz vom Tisch gesprungen. »Un ihr solle euch au nix g'falle losse,« kreischt er. »Merken ihr das net? Dor bi euch isch's grad so wie drüwe in Mülhuse. 's Schlotterbach's – –« Aber niemand will recht anbeißen. » A bah, der Alte. Der isch jo seller Arweiter gsi.« Pfiffer-Schangs Gesicht, das durch seinen Beruf unveränderliche Lachfalten bekommen hat, versucht weise auszusehen. »Jo, Hafekäs, die wo emol arm gsi sin, die sin hintenach d'Argschte.« Schmied-Louis lacht: »Jo, un der fils , der Mösjö Theophile, der stopft sich Seidewatt in d'Ohre, wenn er emol auf d' Fawrike kummt.« »Wege dem könnt unsereiner verrecke, der wüßt' net emol, daß m'r g'lebt het,« hieß es nun. »Nix als Französch parliere un 's Geld üseschmisse kann der.« »Un sine Madam kauft alle ihre seidige Plunder z' Paris,« wirft das Rosele neidvoll dazwischen. »Ues euerem Geld!« hetzt der Schang. »Verstehn's doch. Litt, i will euch doch nur üsehelfe üs'm Dreck. I sag' doch nur: Revolt' mache müsse ihr, grève mache, Revolt' wie d' Mülhuser. Awer bald. Verstehn ihr. Un d'rno, wenn ihr do ufg'räumt han – – – d'rno gehts witer.« Es wurde still in dem stickigen Raum. Man sah den Pfeifer von der Seite an. Kürzlich war in der Fabrik gewarnt worden vor Leuten, die zum Streik aufstacheln wollten. In den breiten Schädeln brodelte es. »Mir Arweiter,« beginnt der Pfeifer wieder. Aber der gewaltige Schmied weist ihn zurecht: »Dü bisch jo gar kei' Arweiter. Dü bisch jo e halwer Schirebirzler. Grève solle m'r mache, un wenn mir Hunger leide, gehsch dü ab, un mir sitze do.« Am anderen Ende des Tisches, da wo Jean Groff jetzt über seinen Armen lag und schlief, hockten ein halbes Dutzend blasse, hohlbackige Männer beisammen, alle nicht mehr jung. Man sprach leise. »I will liewer fir a Sou im Tag schaffe, als gar net, i han siewe Kinder.« Aber der Versucher bleibt im Zuge. »Revolt' müsse ihr mache,« zischt er. »'s Glieche heische, was d' Mülhüser g'heische' han!« Und er zählte auf: »Zehn Stunde Arweit un Lohn wie ziterher, wo ihr zwölf Stunde g'schunde han.« Alle sahen sich verlegen an. Der Schmied-Louis kratzte sich laut das borstige Kinn. »Häsch kei Kurasch?« höhnte der Schang. »Kurasch scho, awer – – –« Er sah vielsagend zum schieligen Mathiß hinüber, der mit ihm zusammen beim Schlotterbach arbeitete. Der wischte mit der flachen Hand über den Tisch, als hätte er da etwas zu glätten. »Kurasch scho!« sagte auch er, »awer – – –« Dreier-Tjark lachte lärmend auf. »'t is man blot: Wat der alte Slotterbach da woll zu sagen würde, wenn wir mit son Saken kämen. Denn, was wir sind, wir haben hier ja all lang, was die von Mülhausen nu man erst haben wolln.« Pfiffer-Schang machte ein beleidigtes Gesicht. »Jo, d'r Dreier, der redt allewil so Dings. Der isch halt kei Hiesiger! Üsewerfe sollt' m'r ihn.« »Werfen ihn üs!« hat's geheißen. Aber der Wagner wehrte sich. Wie in eisernen Schrauben packt er jeden, der ihm nahekommt. Sein Gesicht ist frischer, sein Anzug sauberer als der der anderen. Methodisch und schweigsam schafft er sich mit der geballten Faust Luft. Bald darauf sitzen sie alle wieder gemächlich beieinander. Das kleine échauffement hat ihnen gut getan. Jetzt will man seine Ruhe haben. Am großen Kachelofen sitzen zwei Bauern, prächtige Gestalten mit kurzgeschorenem Haar und sonnverbrannten Gesichtern. »Wie wär's, Klaus, wenn mir Büre au emol täte grève mache?« Das scharfgeschnittene Gesicht mit den spöttischen dunkeln Augen zeigt deutlich den Sarkasmus, den er für diese ärmlichen Städter hat, die blaß und geduckt oder frech in den Stuben herumhocken. Der andere, stumpfer und schläfriger als sein Gevatter, nickt. »Jo, jo, Pére Justin, hesch racht, mir sin's, wo schwitze, für daß d' Stadtlitt Brot han.« »Sell scho'. Wenn d'r Bür Sonntag mache tät, d'rno müßte sie alle Hunger leide, d' Herre un d' Arweiter. Allez , Rosele, lang' m'r e p'tit verre .« Jetzt kommen Soldaten herein mit ihren Mädchen, der kleine gars de Provence zwischen ihnen, junge Dinger aus den Fabriken mit schön frisiertem Haar und hochhackigen Schuhen. Ihre geblümten, fleckigen und zerrissenen Kattunkleidchen sind in der Taille fest zusammengepreßt. Die Paare setzen sich an den kleinen Tisch, den Rosele ihren lieben » piou-pious « freizulassen pflegt. Der kleine Provencale von der Zuchthausmauer macht dem Wirtstöchterchen schöne Augen. Er kann kein Deutsch, sie kein Französisch, aber die Sache ist trotzdem beiden sehr klar. Überhaupt hat sich die Stimmung sichtlich wieder ins Gemütliche verändert, alle reden durcheinander. Keiner weiß mehr, gegen wen und für was. » Têtes de bois sin's alle mitnander!« schimpft Pfiffer-Schang in sich hinein. Auf einmal steht er auf dem Tisch, mitten in einer klebrigen Branntweinlache, zwischen Gläsern und Fäusten. »Ihr Arweiter,« zetert er mit seiner schrillen Stimme, »ihr Arweiter, ihr dischkuriere do so umme un wisse doch gar net, was ihr in dere letschte Zitt für en importance bekumme han. Un daß es numme von euch abhängt, ob's Krieg git oder net.« »Krieg? Mit wem? Wer het denn ebbes g'macht?« »Isch's wohr, git's Krieg?« »Krieg' g'nug git's do im ›Luschtige Bruder‹,« sagt der Schmied-Louis spaßhaft und weist auf die großen Weinkrüge. Da fängt der Pfiffer-Schang an zu erzählen: wie die Schwowe, die Prussiens, sich so frech zeigen in letzter Zeit. Und der Bismarck nimmt ganze Mäuler voll. »M'r werd's stopfe!« brüllt der Schmied. »Jo, stopfe!« schreien die anderen ihm nach. Der Wagner ist still geworden. Eine Ader schwillt auf seiner Stirn, er trinkt in mächtigen Schlucken. Père Justin von Sulz, der stattliche Bauer, ist herangekommen, sich den Spektakel genauer zu besehen. »Worum,« sagt er bedächtig, »worum kann's net für d' Natione e G'setz gebe, grad' wie für jedwedere particulier ? Wer gibt m'r d' permission , d'rNochber umz'bringe, weil er m'r e Latt vom Zaun bricht, oder weil m'r seine Katz d' Gickele frißt?« »Jo, Pfiffedeckel, 's G'setz!« fallt ihm der Schang in die Rede. »Jetz, wenn's Krieg git, isch kei' G'setz meh'! Da können ihr totschlage, wen ihr wolle. Un Lohn bekummen ihr noch d'rzu un Maidle in jedem Kartjeh, Herz, was begehrsch.« »Isch das au g'wiß e so?« » C'est vrai ? Krieg git's?« »Wenn's nur au wohr isch!« » Ma foi oui , worum sollt's net wohr si? Pour sûr isch's wohr! Im ›Lion d'or‹ z' Mülhüse han sie's verzählt: kaum daß d'r souspréfet von Kolmar ankummen isch, so het scho' d'r valet d'chambre ihm müsse d'r Revolver putze!« » A la bonne heure ! Sie solle numme kumme, d' Prussiens! Dene wolle m'r d'r Weg zeige.« »I hätt', verdammi, vor hundert so Schwarzbrotfrasser kei' Angscht.« »Im Rhin müsse sie alle versüffe, bi Gott!« Und in plötzlicher Begeisterung geht es durch die Versammlung: »Vive l'empereur! Vive la France!« »Vive l'empereur!« ruft Pfiffer-Schang dazwischen. Und »Vive l'empereur!« rufen sie ihm unverdrossen nach. In der Ecke beim Comptoir, wo die »piou-pious« sitzen, wird es still. »Hörsch, was sie sage? 's gibt Krieg, d' Prussiens kumme. Prussiens puff, puff!« Das Rosele machte ihm die Gebärde des Schießens vor. Der kleine Soldat lacht. Er nimmt sie zärtlich um die Taille. »Les Prussiens – on n'en fera qu'une bouchée, ma belle!« En attendant viens donc m'embrasser!« Jo, worum net gar! Du kannsch' warte, bis m'r g'hirote han.« »Wenn's nur au wohr isch mit'm Krieg,« sagt Schmied-Louis bedenklich. Der Pfeifer hat ein Papier aus der Tasche gezogen: »Nur fir daß ihr's glauwe tun.« Man sieht das große Zeichen der Präfektur darauf. Mit lauter Stimme liest er vor: »Monsieur le Maire, je vous serais obligé de me faire conaître le plus tôt possible quel effet produit la déclaration du Gouvernement à propos des affaires d´Espagne.Veuillez me tenir au courant de l'esprit public.« Und auf deutsch erklärt er: »Wisse wolle sie z' Kolmar, was d' Litt hier halte von selle affaires d´Espagne – – un schriewe soll m'r ihne üwer d'r esprit public .« »Affaires d´Espagne?« Alle sehen sich verblüfft an. Keiner von ihnen weiß, was er mit dem fremden Wort machen soll. »Von wem hasch's, das Schriewes?« »Halt g'funden uf d'r Stroß, wo'n'i am Rathüs vorbei g'loffe bin. Eh bien, d'r Tränkele wird's üseg'schmisse han mit'm Speikischtle vom Herr Stadtschreiber.« »Uf der Stroß?! J'te crois! Sie geht unterm Deckbett von d'r Madam Tränkele durch, selle Stroß, hein? Ah, le sacré gaillard !« Pfiffer-Schang lächelt nur. Dann aber richtet er sich auf: »Eh bien, messieurs?« Er schlägt mit der Faust auf den Tisch: »Zum letschte Mol frag i jetz': Was gilt's mit d'r grève ? Was gilt's mit'm Krieg?« Er wartet einen Augenblick. Niemand antwortet. Seine Stimme wird krähend: »Viehchor sin ihr alle mitnander! Könnt ihr's denn net begreife: d' grève un d'r Krieg, das isch's Glieche. Sie g'schehen alle zwei für unser heiliger katholischer Glauwe, für daß er iwerall groß un stark würd, in magnam gloriam. Voilà. Un d' Prussiens, sell dürfen ihr glauwe, das sin noch viel ärgere protestants , als die, wo'n'im Ländle sin!« Der Wagner haut wütend auf die Bank. »Trumpf – Trumpf – un noch emol Trumpf!« schlägt der Justin seine Karten auf den Tisch. Er will nichts zu schaffen haben mit der Sache. Und auch der Tjark Smeding beruhigt sich wieder. Was geht ihn eigentlich der ganze Lärm an? Seit ihm auf dem Übungsschießplatz sein Finger abgeschossen wurde, ist er giftig auf Soldatenstand und Militär. Hier im Elsaß, wo man mit dergleichen nichts zu tun hat, fühlt er sich wohl und daheim. Nur wenn er das Wort Deutschland hört, wird ihm manchmal wunderlich zumute, als müsse er dafür einstehen hier unter den Welschen. Aber es geht vorbei. In der Stube wird es luftloser und lauter. »Vive la France! Vive l'empereur!« Und es wird doppelt so lustig getrunken. Auf einmal steht der Smeding auf, ganz langsam, ganz bedächtig, und ehe ein Mensch es sich versieht, streckt er mit einem einzigen mächtigen Schlage Pfiffer-Schang, der sich gerade sachte davonschleichen will, zu Boden. »So, do hast's für dei Spioniere.« Diesmal regte sich keine Hand gegen ihn. Nur der Schang am Boden flucht und zappelt und wischt sich das Blut vom Gesicht. Die anderen lachen. Da macht sich der Tjark Smeding denn auf, geht über die Brücke hinüber zur Apotheke und läutet die Nachtglocke. »Petit-Singe«, der bei Bourdon Hausfaktotum ist, nachts da schläft und auch in dem Verkaufsraum Bescheid weiß, bringt ihm das Pulver und kommt mit. Sie schleppen den Schang in den Garten, und »Petit-Singe« verbindet ihm die Nase. Schimpfend zieht der Mißhandelte endlich davon. Drinnen aber diskurieren Arbeiter und Soldaten noch lange miteinander über die spanische Affäre und die Maidele.   Es war schon weit in den Vormittag hinein, als Heinrich Hummel sich aus der schattigen Behaglichkeit des Apothekergärtchens losriß, um auf den sonnigen Platz hinauszugehen. Er wollte seinem Koffer nachforschen, der nicht angekommen zu sein schien, und wollte nach Briefen fragen. Jetzt, beim hellen Tag erschien ihm das alte Stadthaus noch viel schöner. Er stand lange davor und freute sich an seiner festen, maßvollen Schönheit. Oben am Fenster saß wieder der silberne Alte und schrieb. Unwillkürlich grüßte Heinrich hinauf. Er trat in die Arkade der Vorhalle. Kinder schaukelten sich auf den von Pfeiler zu Pfeiler gezogenen Sperrketten. Drüben in der Hauptstraße fuhr auf der schmalen Schattenseite des Bürgersteiges ein zweirädriger Karren, von einem zerlumpten Kerl und einem Hunde gezogen, die Begegnenden wegdrängend. Es gab Geschimpf und Lachen. Die Madames in Kattunjacken und weißen Leinenhauben, die wie Helme aussahen, lagen breit in den Fenstern, die Arme auf Kissen gestützt, und lachten. Sie sahen herab zu ihm. Bemerkungen, die er nicht verstand, flogen nachbarlich zueinander. Aus der Kaserne kam ein Trupp Soldaten heraus, die roten Hosenbeine lustig hebend, schmutzige Kinder tanzten um sie herum. Einer oder der andere der Soldaten streckte ihnen die Hand hin, gab ihnen ein vergnügtes Wort. Kritisch sah der junge Deutsche auf die fleckigen, schlechtsitzenden Uniformen und die lässige Haltung der jungen Menschen. Er war gern Soldat gewesen und achtete den Drill. Auch fiel es ihm auf, wie klein die Leute waren, und daß sie elend aussahen. Vor dem schmalen Hause, das Telegraphendrahte über dem Mützendach als Post auswiesen, blieb er stehen. Er trat ein und fand sich in einer Art Schalterraum, dessen Schranke aber nur etwa einen Meter lang ins Zimmer hineinging und wie eine Kulisse wirkte. Man blickte ungehindert in Mademoiselle Célestines blaugeblumtes Boudoir mit Toilettentisch, Nähkorb und Himmelbett, in dem zwischen ihren eigenen Kartons und Kleiderkasten die angekommenen Pakete lagerten. Mademoiselle selber war eben damit beschäftigt, ihrem blassen Bübchen, dessen ganz helle glatte Haare über die schwarze Blusenschürze fielen, mit einem Spitzentaschentuch, das sie eifrig und ausgiebig mit Speichel näßte, das Gesicht zu reinigen. » Vois-tu, friand! Was häsch au' Honig z'schlecke, vaurien que tu es !« »Das Honigfäßchen für Madame de la Quine läuft ein wenig aus,« sagte sie in schlechtem Französisch zu Hummel, »und da hat dieser gamin sich das ganze Gesicht vollgeschmiert.« Man sah das Fäßchen, das in einer Waschschüssel gesichert war. Der Kleine hielt geduldig still und sah dabei mit mühsamem Seitenblick auf den wartenden Fremden. Heinrich entdeckte jetzt, daß im Hintergrunde ein kahlköpfiger Herr mit dunkelm Henriquatre in grauem Seidenröckchen saß und rauchte. Seine Zigarre leuchtete neben dem Bettvorhang aus dem verdunkelten Zimmerchen. »Tiens!« Der Herr stand auf, er gab dem Kleinen ein blankes Geldstückchen und küßte ihn auf das gesäuberte Gesicht, dann verbeugte er sich gegen Hummel. Célestine stellte mit majestätischer Handbewegung vor: »Monsieur de la Quine, Directeur de la maison centrals in Thurwiller – Monsieur Hümmelle.« Heinrich lachte. »Es scheint, die ganze Stadt kennt mich schon.« Die üppige Célestine lächelte. »Ah certaiement ! Die Stadt ist so klein. Und was mich betrifft – Monsieur hat ja doch die bagages mit dem Postillon hierher geschickt. Wenn Sie sie vielleicht benötigen –« Sie zeigte mit königlicher Gebärde auf Hummels Reisetasche, die da seit gestern früh ungestört und nutzlos dalag. »Monsieur wird sich einige Zeit aufhalten in Thurwiller?« Sie steckte die Schleife über ihrem enormen gelben Chignon schiefer, entschlossen, Konversation zu machen. » Quelle chance pour nous , es fehlt immer an Herren in solchem kleinen Nest, besonders an jungen und hübschen.« Hummel wurde zu seinem Ärger rot und gab es deshalb auf, das Kompliment zu erwidern, was ihm, namentlich in Gegenwart des sich so häuslich gebärdenden Herrn, schwer gefallen wäre. »Ich darf wohl?« sagte er statt dessen und griff nach einem an ihn adressierten Brief seiner Mutter aus Jena, der, bereits mit allerlei schwarzen Fingerspuren punktiert, einsam auf der Schranke lag. » Oh oui , i vergaß! Man verplaudert sich so leicht, wenn einmal Gelegenheit dazu kommt.« »Nun, Sie haben aber doch hier Militär?« sagte Hummel und wies auf einen hübschen jungen Offizier, der hineinlächelte. » Oh quant à ça , unsere Garnison, an die wir uns gewöhnt hatten, zieht ab. Neun Offiziere!« Sie machte Madonnenaugen zu dem Direktor hin. »Mademoiselle Célestine sollte nach Mülhausen gehen,« sagte Monsieur de la Quine etwas sarkastisch. »Da ist heute Militär genug. Die Fabrikanten dort haben das treizième aus Hüningen, das hierher kommen sollte, bei sich festgehalten wegen des Streiks. Man veranstaltet einen bal champêtre, j'en suis sûr !« Er hatte den kleinen Charles auf den Schoß genommen und zog dessen parfümierte Haarsträhnen durch die Finger. Das Kindergesicht mit den nahe beieinanderstehenden braunen Augen schien eine verkleinerte Kopie des großen da über ihm. Die schöne Célestine fuhr fort, Hummel wie einen Besucher zu unterhalten. Ihr Bruder, Monsieur Napoléon Cerf aus Kolmar, sei seit gestern hier, sagte sie. »Sie werden ihn kennenlernen. O, ein geistvoller Mann.« »Und ein Mann von Chancen, un jeune homme digne ,« fügte de la Quine hinzu, so gut er es unter des Kleinen Hand, der ihm den Schnurrbart zauste, vermochte. »Unser Kandidat für die Wahlen des Bezirkes. Un homme plein d'esprit et de dévotion. « Mademoiselle fuhr fort: Monsieur Cerf sei gekommen, hier und in der Umgegend einige Versammlungen zu halten, ja, und nun sei jedermann mit anderen Dingen beschäftigt. Die Ernte, die bei dieser Hitze früher fallen würde als gewöhnlich, »und dann der große Streik. O, das hat viel Einfluß auf die Meinung der Partei.« Der Herr Direktor lächelte. »Sie sehen, Monsieur, unsere Damen haben ein neues Mittel gefunden, reizend zu sein. Sie politisieren. Aber Monsieur hat seinen Brief zu lesen, wir dürfen ihn nicht stören.« Hummel trat ans Fenster. Das Schreiben seiner Mutter war nur kurz und enthielt hauptsachlich praktische Fragen und Anweisungen. Am Rande stand noch: »Bleib' nur recht lange und erlebe viel Schönes! Ich erwarte keine langen Briefe von Dir, Du weißt, ich freue mich an allem, was Du genießest, auch wenn ich keinen Teil daran habe.« Am liebsten hätte er die Stelle gestreichelt, aber er schämte sich vor diesen Fremden. Er sah sein Mütterchen vor sich, tapfer, klein, mit den lieben, sorgenblassen Augen. Und die gefällige gelbblonde Dame da vor ihm mit ihrem verheirateten Galan machte ihm auf einmal gar keinen Spaß mehr. Er kaufte sich nur noch einiges Schreibmaterial und Postkarten und Marken, verbeugte sich tief und trat ins Freie. Zerstreut betrachtete er das Papier, in das man seine Postkarten gewickelt hatte. Es schien aus einem Schulheft ausgerissen und war mit einer gespreizten französischen Schrift unordentlich beschrieben, ein Konzept, erst Zahlen, ein paar Ortsnamen, dazwischen zweimal der Namenszug »Napoléon Cerf«, immer mit verschiedenem Schnörkel probiert. Das also war der jeune homme digne et dévot , der die Stadt Thurwiller im Parlament vertreten sollte! »Ein Fünftel der französischen Bevölkerung widersteht dem Kaiserreich,« las er. »Dieses Fünftel atmet immer noch den Geist der Revolution. Es setzt sich zusammen aus den Voltairianern, Leuten, die freiheitliche Ideen pflegen, und den französischen Prussiens, den Protestanten. Das letztere Element hat sein foyer im Elsaß. Überlassen wir es unserer glorreichen Armee, unsere heiligsten Güter nach außen hin zu verteidigen, wenn die Notwendigkeit sie dazu zwingt, und tragen wir inzwischen Sorge, daß auch im Lande selbst unsere katholische Religion eine geeignete Repräsentation finde.« Heinrich mußte lachen über die großen Worte. Es amüsierte ihn, wie hier einmal wieder Himmel und Erde in Bewegung gesetzt wurde zum Konzept für eine Wahlrede. Dieser Monsieur Cerf jedenfalls schien zu wissen, auf welcher Seite es zu fischen galt! Drüben, über den Platz hinüber, wartete schon der Apotheker auf ihn, unternehmend mit schiefgesetztem, hellem Strohhütchen, weißer Weste und Spazierstöckchen. Er schien begierig, dem Städtchen seinen Gast zu zeigen. Lebemännisch nahm er Heinrichs Arm und bog mit ihm zur Hauptstraße ein, ihm bei jedem Haus den Namen des Besitzers nennend. Neben der hoch ummauerten Maison Centrale stand der alte Gasthof »Zur Krone« mit seinem Renaissance-Erker, gleichaltrig mit dem Rathaus drüben. Hummel blieb stehen, die Ornamente zu betrachten. Bourdon, der meinte, seine Aufmerksamkeit gelte der schönen Madame Keller, der Besitzerin des Hauses, die mit ihrem Filetkissen im Fenster saß, grüßte ausführlich herauf, zweifach stolz auf seine Freunde: »Mes hommages, madame!« Die Frau, eine Dreißigerin mit langen, dunkeln Seitenlocken, beugte sich vor. Hummel hatte den Eindruck, sie sehe ihnen nach. Und so ging's weiter. Onkel Camille guckte überall in die niederen Fenster der Erdgeschosse hinein, bei den geschlossenen sogar durch die Herzlöcher der Fensterladen: »Geht's guet? comment ça va? « Er unterhielt sich mit einer kleinen Verwachsenen, die auf niederem Strohsesselchen vor ihrer Tür saß und nähte, und wußte nachher eine saftige Geschichte von ihr zu berichten. Er grüßte freundlich ins Fenster der Frau des jüdischen Avoué Bluhm: »Madame, je vous salue!« und fand, sie habe einen bösen Husten, für den er ein vorzügliches Mittel wisse. Aus den Häusern heraus roch es nach Kohl und Zwiebeln. Ein paar struppige Pinscher bellten dem Fremden entrüstet nach. Hummel stolperte über Katzen und glitt in Mistpfützen hinein. In der stillen, menschenleeren Breitgasse standen am alten Ziehbrunnen ein paar schmutzige Mädchen und schwatzten. Eine wilde Dunkle und eine Blauäugige. »Das sind die Kinder vom Säufer Groff,« sagte Bourdon. »Er hat sie von allen Farben, und er ist stolz darauf.« Er machte jetzt den Neffen aufmerksam auf die neuen Rinnsteine und das Straßenpflaster. Auf den Sou wußte er, was das gekostet hatte. » Oh oui , der Herr Maire! Der versteht den Leuten das Geld aus der Tasche zu locken. Und député hat er auch werden wollen, 's letztemal. Grad nur an einer Stimme hat's gehängt – –,« er lächelte selbstgefällig – »der Stimme vom Pharmacien im Bourdon d'Or. Und die Ziehbrunnen will er abschaffen, weil alle paar Jahre mal ein Kind darin ertrinkt. Quel grand malheur! Aber die Gemeinde kann sich an die Pumpen nicht gewöhnen.« Auf einmal verwandelte sich das Gesicht des guten Camille in lauter Süßigkeit. Durch ein schmales Gaßchen hindurch, das nach der Hauptstraße zurückführte, sah er das blanke Kabriolett der Madame de la Quine fahren. Die Dame saß hinter den facettierten Scheiben zwischen den hohen Rädern wie in einem fahrenden Schmuckkästchen, ein schwarzes, ovales Tellerhütchen auf dem goldbraunen Chignon, über der Stirn waren die Haare kurz verschnitten und leicht gelockt, die helle Seidenmasse ihres Kleides wogte ihr bis zu den Schultern hinauf. Neben ihr zeigte sich das ernsthafte Kinderprofil ihrer kleinen Berthe mit kurzem Näschen zwischen den runden Bäckchen. Bourdon stürzte vor, Hummel mit sich ziehend, und begrüßte die Dame, die halten ließ, mit tiefer Reverenz. Sie öffnete das Fenster. Wie es ihr gehe? fragte er. Ob sie unter der Hitze sehr leide? Und ob Monsieur viel Ärger habe in der Anstalt? Dann stellte er ihr Hummel vor: »Ein junger Verwandter aus Deutschland.« Die elegante Frau lächelte liebenswürdig. Sie reichte Heinrich die feine, im weichen Handschuh heiße Hand. In ihre großen, dunkelblauen Augen kam ein feuchtes, gleichsam schwimmendes Glänzen. In gewandtem Französisch erzählte sie, sie habe ihr Töchterchen von den »bonnes sœurs« in Isenheim hergeholt, Berthe dürfe über Nacht bei p'tite mère bleiben. »Sie liebt mich unendlich, diese Kleine! N'est-ce pas, mon amour, mon trésor, mon bijou? « und sie küßte das kleine Ding vor dem jungen Manne, wie eine Frau ihren Liebhaber küßt. Wirklich stieg Hummel das Blut ins Gesicht, ein verliebtes Brausen ging ihm durch den Kopf, daß er einen Augenblick wie taub war. Um die gefährliche Frau nicht anzusehen, faßte er das Händchen des Kindes. Berthe sah ihn ernsthaft an. Blanche de la Quine wandte sich jetzt an Bourdon. »Was gibt es Neues?« fragte sie. »Und ist es etwas Ernstes mit dem Streik? Man spricht von einem neuen Bäckefest wie damals. Ich glaube –«, das ging wieder zu Heinrich – »im Jahre Siebzehnhundertsiebenundvierzig, sie plünderten die Bäckerläden. Vielleicht kommt diese amüsante Abwechslung auch zu uns. Drüben der Bäcker-Nazi wenigstens macht schon jetzt seine brioches um die Hälfte kleiner. Er will sich im voraus entschädigen, scheint mir.« Sie lachte sehr melodisch und strich sich die gebrannten Stirnlocken über den Augen zurecht. Ihre hohen Brauen hoben sich mokant und hochmütig. Heinrich folgte jeder ihrer Bewegungen. Er fand alles reizend, was sie tat. Jetzt mischte sich auch der livrierte Bauernbursche ein, der auf dem Bock saß und kutschierte. »Dem Lumpevolk in Mülhuse g'hört d'r Buckel voll,« sagte er und ahmte dabei auf eine burleske Weise das Brauenziehen seiner Herrin nach. » Quelle crapule! verdammte Chaibe sin's!« Er schnalzte mit der Zunge, daß der Rappe zu tanzen begann. Man verabschiedete sich. »Auf Wiedersehen!« rief die schöne Blanche noch unter dem Lärm des Wagens auf dem holprigen Pflaster. Beide Männer sahen ihr nach. Bourdon grunzte: »Sapristi, eine schöne Frau!« »Und vornehm!« sagte Hummel andächtig. Bourdon lachte: »Sie war Aufwaschmädchen im ›Roten Ochsen‹ in Mülhuse. Als Monsieur de la Quine sie heiratete, zog sie zum erstenmal Handschuhe an.« Hummel schwieg eine Weile. Er war ganz verwirrt. »Und schadet diese Heirat dem Direktor nicht in seiner Stellung?« fragte er endlich. »Ah, bah! Sie ist ja reizend. Et avec ça – hier ist's net wie drüwe überm Rhin. Bi uns hat's net so Unterschiede in der société wie bei Ihne, mon neveu . Un das, wo m'r drüwe éducation heißt un grande rennommée het, darauf haltet m'r do bi uns net so große Stück. Tout au contraire. G'sunde Vernunft muß einer habe, raison un savoir vivre, voilá . Was m'r so us de Bücher nimmt, das isch halt für d' Gelehrte wie der Herr Stadtschriewer do drüwe.« Er wies nach dem Rathaus. »D' Meischte – ob hoch oder niedrig gebore – sin zufriede in ihrem Kalender z' lese un in der ›Ame catholique‹. Regardez voir unsere Fabrikmaidele, wie die mit ihre Röckele schwänzle un ihre Haar schön koiffiere! Un parliere könne sie – a comtesse verstehts net e so! Un wenn einer erscht Geld verdient het, wie unsere große Fabrikherre in Mülhuse par exemple , do kann 'r im Mischtloch uf die Welt komme sin un er wird doch eschtimert als war er a grand seigneur .« Sie waren jetzt zu dem Elend-Teil des Städtchens gelangt, dem »Süßen Winkel«. Thurwillers älteste Häuser standen hier, zerfallend, gestützt, mit zerbrochenen Fenstern. Unsäglich schmutzige Kinder, die Finger in Mündern und Nasen, die Hemdzipfel in der Luft, trieben sich da herum, in familienhaftem Durcheinander zwischen Schweinen, Gänsen und Hunden. Auf dem lehmigen Boden der kleinen Gärtchen, die zum Wall anstiegen, wuchsen nur blasse, verkümmerte Johannisbeersträucher. Hie und da ein Birnbaum mit kleinen, verschrumpelten Früchten. Onkel Camille blieb stehen. Ein Mann mit einer Uniformmütze, blauer Leinenbluse und einer großen Trommel schrie in den Straßen zu den Häusern hinauf. »Der sergeant d'ville ,« sagte Bourdon. Er ging heran zu hören und kam krebsrot zurück. »Do han mr's wieder! Jetzt loßt's der Maire gar üstrommele, daß er hüt nachmittag in seiner Wohnung die Kinder vakziniert. Quelle cochonnerie! « Cochonnerie? Ich verstehe nicht – –« »Glaub's scho, 's geht m'r gradso! Das sind halt so Plän' von Paris. Unser überg'scheiter Herr Maire muß es halt den Thurwillers beweise, daß er Interne g'si isch in Strasbourg bim Monsieur Pasteur aus Paris. Alle Johr het er's no probiert mit dem neumöder Dings, dem Vakziniere. D'r Curé het scho uf ihn spektakelt in d'r grand'messe , daß es net christlich isch, unserm Herrgott seine Intention z' dérangiere.« »Und kommen denn die Leute zu ihm?« »Das isch's jo grad, 's halbe Städtle lauft ihm noch.« Hummel lachte still für sich. Bourdon bemerkte es nicht, er war beschäftigt, seine grün und rosa Krawatte gefälliger zu zupfen. »Und jetzt, mon neveu ,« sagte er feierlich, »jetzt bringe ich Sie zu meiner Tochter Schlotterbach, vous présenter .« Wenn er nur an sie dachte, sprach er schon Französisch. »Sie ist très chic, tout à fait Paris . Nun, Sie werden ja sehen!« Hummel war neugierig und erwartungsvoll. Er fühlte sich bereit, eine große Fülle von Erlebnissen in sich aufzunehmen. Als sie sich jetzt dem Wall näherten, schlug ihnen ein sonderbar lautes Summen entgegen, das näher kam und zu Lärm wurde. Ein rhythmisches Heulen. »Uese mit ihne! üse mit!« hörte man rufen. Zugleich kamen ein Dutzend Frauen und Mädchen im Zuge heran. »O Jeses Marja Sankt Joseph!« Bourdon riß Hummel mit sich fort in einen Torweg hinein. »Sie reklamiere ihre Männer,« flüsterte er entsetzt, »üs der Fabrik wolle sie se hole, ces grues !« Hummel betrachtete amüsiert den langen Mann, der vor Angst bebte. Jetzt zogen die Frauen an ihnen vorbei, einen Geruch von Knoblauch und Schweiß verbreitend. Kattunjacken flatterten auf, man sah jugendliche Formen und welke Fleischmassen enthüllen. Die Gesichter der Vorderen sahen in den eng umschließenden weißen Leinenhauben erschreckend massig und erdfarben aus, ein paar trugen kokett gehäkelte Kopftücher, andere bloßes Haar, neumodisch getürmt. Mit langen, hartnäckigen Schritten, unter fortwährendem Rufen stürmten sie voran, eintönig ihr langgeheultes »Uese mit, üse mit!« wiederholend. »Umkehren,« zeterte Bourdon, »wir wollen umkehren!« Aber der junge Doktor hörte nicht auf ihn. Das Schreien und Schreiten dieser Weiber hier im Sonnenbrande erregte ihn, der Rhythmus ihres Ganges riß ihn mit. Unwillkürlich in den Takt ihrer Schritte verfallend, ging er dem Zuge nach. Bourdon folgte ihm unschlüssig in einiger Entfernung. Ihm war eingefallen, man würde doch von ihm erwarten, daß er sich um das Schicksal seines Schwiegersohnes in der Fabrik kümmerte. Es ging jetzt über den Vauban-Kanal. Wie Pferdegetrappel klangen die Holzschuhe der Frauen über dem Brückchen. Eine der Madames, noch jung, mit gewaltigen Feueraugen, tat sich besonders durch ihre regelmäßigen lauten und doch gleichgültigen Schreie hervor, nach denen sie jedesmal ihre Dose zog und tüchtig schnupfte. Ein paar Kinder, die mitgelaufen waren, ließen die Röcke ihrer Mütter los und fingen an, Sternenblumen und Sauerampfer aus der Wiese zu reißen. Zwei setzten sich aufs Gras und machten Ringelblumenkränze. »Das da ist die Tochter vom Schmied-Louis,«, jammerte der Apotheker, »das die Toinette vom Groff, das die Rosenkranz-Schorschre und die dort hinten die Frau vom schieligen Mathiß.« An der Zuchthausecke blieben ein paar jüngere stehen und schrien zu dem Posten hinauf: »Salü, Morissele, was hasch do owe Mülaffe feil, allez hopp, kumm mit!« Nun über die Straße gejagt und in die Wiesen längs der Ill hinein. Bis zum Fabrikhof. Da standen sie still. Laut dröhnten die Maschinen heraus, die Heizung surrte und atmete. Man hörte feilen, hämmern und klopfen. Bourdon hatte sich jenseits des Brückchens auf eine Bank gesetzt. Er hielt Hummel am Arm, daß er ihm nicht entwischen sollte. Die Weiber pflanzten sich vor dem großen Hoftor auf, das geschlossen war. Sie schlugen mit Fäusten an das Gitter und versetzten dem Eisen schallende Fußtritte mit ihren Holzpantoffeln. Niemand zeigte sich. Ein riesengroßer schwarzer Kater mit gelben Augen stand drinnen auf dem Prellstein und sah hochmütig auf die Lärmenden. Die Weiber brüllten ihre zwei Worte. Mit vorgestrecktem Halse wie eine Horde schmutziger Hunde standen sie da und heulten. Immer lauter, immer drohender. Die Groffsche begann den Kater anzuspucken, der vornehm zur Seite wich. Sie machte größere Anstrengungen. Andere folgten nach. Ein Gebalge entstand. Die Sache schien den meisten Spaß zu machen. Der Schlachtruf wurde nur noch mechanisch und nur von wenigen weitergeführt, man sang und lachte. In diesem Augenblick kam der Portier mit dem Schlüsselbunde, öffnete das Tor und trat dann zurück, einem alten Herrn in grauem Sommerröckchen Platz zu machen, der gemächlich, mit wiegendem Gang, herausschritt. Er ging auf die Dicke zu, die am lautesten geschrien hatte, faßte sie an den Schultern und drehte sie halb um. Tiefes Schweigen plötzlich. Der alte Schlotterbach lächelte freundlich. » Bonjour, les commères, ah bonjour! Ihr kumme g'wiß goh luege, wie's eure Männer do g'fallt. Eh bien, 's g'fallt ihne ganz guet. Nur darf m'r ihne net in d' Ohre blase, sell könne sie net vertrage. Sunscht git's d'r Buckel voll.« »Uese mit! üse mit!« riefen die Weiber. Der Fabrikherr stemmte die Hände in die Seiten. » Nundedié , das heißt m'r emol verliebt! Ihr bekumme eure Mannsbilder noch früh g'nug in euer Bett. Sin froh, daß ihr e paar Stündle Ruh han vor ihne.« Brüllendes Lachen. Dreckige Witzworte hinüber und herüber. Wieder griff Schlotterbach eine heraus, die er auf den Rücken klopfte, eine alte Zahnlose, deren Gesicht schwarz aussah von kleinen Härchen: »Gang heim, mon ange , sunscht brennt d'r d' Erdäpfelsuppen a, i schmeck sie scho von do!« Sie kicherten verlegen. »I sag's euch noch emol im guete,« fuhr er ernsthafter fort, »mit 'm Spektakelmache kummt m'r net wieter. I bin jo emol salwer Arweiter g'si, ich weiß, wie das Ding geht. Un wenn i net so ferme g'schunde hätt', Tag und Nacht, so war i's bliewe bis zur hutige Stund. Awer grève un révolte , jo, bonsoir , sell isch numme a Hypothek uf's Armehüs. Un noch ebbes: Sin froh, daß eure Männer noch schaffe könne für euch! Grad ewe han i g'hört, daß es wieder Krieg gebe soll, weil d' Litt im Ländle z' übermütig worde sin. D'rno isch's der empereur , wo sait: üse mit ihne! Salut ! D'rno könne ihr euch eure Männer in Pelzpommre z'sammesuche, und d'rno isch's Amen. Voilà .« Die bauernschlauen Augen zwinkerten, der Mund vergaß sich einmal kurz und wurde zynisch. Der Alte ging gleichgültig zu dem Kater, der wieder auf dem Prellstein saß, und streichelte ihm das Fell. Es war ganz still geworden unter den Weibern. »Aber die bonnes sœurs han's g'sait,« fing die Rosenkranz-Schorschre an. Ein derber Schubs ihrer knochigen Nachbarin beförderte sie jenseits der Debatte. »No, so geh m'r jetzt!« sagte eine halblaut. Aber es wirkte in der Stille wie ein Kommando. Der Portier mit den Schlüsseln, ein riesiger Mensch mit schwarzem, lockigem Vollbart, trat vors Tor und schob mit ausgebreiteten Armen das Trüppchen lachend zurück. Die seinem Mund am nächsten war, bekam einen Kuß mitten ins Gesicht, daß sie belustigt aufkrähte. Andere drängten an ihn heran, schon im voraus kreischend. Unter Gesang und Gelächter zogen sie dann an Bourdons Bänkchen vorbei, ohne ihn, der sich ganz im Ulmenschatten zusammendrückte, zu sehen. Hummel, der am Bach stand, sah sie auf der Wiese, die von Blumen wie mit blauen und weißen Tüchern belegt war, sich zusammenhümpeln, dann verstreuen. Ein Kind, ein blonder Schmutzfink, mit Ringelblumenbehängen überm Ohr, stand einsam da und heulte: »Weil m'r doch ins Schloß hatte kumme solle, wo alles von Gold isch, und wo m'r hätte alles mitnehme dürfe.« Der Pharmacien war vortrefflicher Laune geworden. »Ah le vieux juif,« sagte er zu Hummel, »er weiß so gut wie wir, daß es mit dem Krieg nix ist. Er läßt sich ja immer die côte aus Mülhausen telegraphieren, den Stand der Börse, die rente, vous savez !« Er trat jetzt über den Bach hinüber in den noch offenen Hof hinein und beglückwünschte den alten Schlotterbach, der dort mit dem Portier sprach. »Grad wollte ich Ihnen zu Hilfe kommen, Père Schlotterbach!« » Merci vielmol! Ihr brauchen euch net z'derangiere. Il n'y a pas de quoi! Il n'y a pas de quoi! 's isch net so gefährlich do in Thurwiller. D' Litt wisse salwer net, was sie wolle. Sie mache nur mit, was ihne in Mülhuse vorgemacht wird. Voilà, tout! « Seelenruhig steckte er sich eine kurze Pfeife an und paffte vor sich hin. Bourdon stellte ihm seinen deutschen Besuch vor. Der alte Schlotterbach nickte ihm zu. » Eh bien, jeune homme , Ihne wird's scho g'falle do im Ländle, do isch's anderlei als dort owe, wo noch im juin der Schnee liegt.« Er schien Hummels Berichtigung nicht sehr zu glauben: » Chancun prêche pour sa paroisse! Jedwederer hebt halt seine patrie in d'r Himmel.« Er wischte sich mit einem kanariengelben baumwollenen Taschentuche den Schweiß vom faltigen Halse. Dann nahm er seine Perücke ab: »Excusez« und zeigte einen klugen gebräunten Schädel, der seinem Gesicht etwas Ehrwürdiges gab. »Ist mein Schwiegersohn in der Fabrik?« fragte Bourdon. »In der Fawrik?« Der Alte machte eine Grimasse. »Die Herrschaften sind nach Nancy gefahren zum tapissier . Die junge Madame muß neue Fauteuils haben und ein canapé à la mode . Ah ja, meine Kinder sind Elegante!« sagte er zu Hummel. Er zeigte auf den ausgefransten Ärmel seines Orléansröckchens: »Vor Madame Schlotterbach fils dürfte ich mich so nicht sehen lassen!« Er lachte knarrend. Bourdon machte ein beleidigtes Gesicht. Er blieb stehen. Auch der Alte legte den Finger grüßend an den kahlen Kopf und ging. »Immer hat er auf meine Tochter zu sticheln, ce mufle-là, « sagte der Pharmacien, als man sich getrennt hatte. Er war sehr ärgerlich. Ziemlich schweigsam gingen sie wieder zurück, jetzt den schattigen Weg an der Ill entlang, deren verschlammtes Bett in der Hitze unerträglich stank. Es war eine Erquickung, wieder auf die Straße und den Marktplatz zu gelangen. Hummel hatte Lust, noch vor Tisch das Rathaus zu besehen. Er verabschiedete sich vor der Apotheke und versprach pünktlich um zwölf Uhr zurück zu sein. »Madame Bourdon würde es Ihnen nie verzeihen, wenn ihre Pastetchen und ihr gigot warten müßten.«   Ratsschreiber Anselme Sartorius blickte auf den Marktplatz hinunter, auf dem eine Schar Kinder im Schatten der runden, grünen Linde spielte, die wie ein Feststrauß neben dem behelmten Treppentürmchen steht. Man hat sie im Jahre Achtzehnhundertachtundvierzig während der Zweiten Französischen Republik gepflanzt und mit einem Fläschchen des ältesten Burgunders begossen. Republik und Wein waren verdampft, aber die Linde stand noch da und breitete ihre frischen, süßduftenden Zweige den Leuten entgegen, die durch das Seitenpförtchen die steinerne Rathaustreppe emporstiegen. Jetzt zwitscherten da die Kinder der Honoratioren, die rings um den Platz herum wohnten, ihr Kauderwelsch. Man zählte ab, wer »renard« sein sollte. »On, don, dree,« »Quatre animés,« »Animés animo,« »Die Kapelle Santimo,« »Santimo de täpperi,« »Täpperi de Kolibri« – »0n, don, dree,« »Arrét!« Der Alte blickte hinunter; aber eigentlich sah er nicht viel; er tat es nur, seine kurzsichtigen Augen auszuruhen, diese großen, himmelblauen Kinderaugen, vor denen die Geschehnisse der Jahrhunderte alle auf demselben Plane standen. Denn über die Toten, von denen er da in seinen Chroniken und Protokollen las, wußte er fast besser Bescheid als über die Lebenden, die da unter seinem Fenster vorbeigingen. Die konnte er nicht immer recht auseinanderhalten mit ihren Vorfahren. Seit Jahren schrieb er an einer Geschichte des Elsaß; jetzt gerade beschäftigte ihn die Chronik von Thurwiller. Er war Privatgelehrter gewesen in Kolmar und hatte die Stadtschreiberstelle hier angenommen, um Brotberuf und Quellenstudium vereinen zu können. In diesem Augenblick lag ein Dokument aus dem großen Revolutionsjahre vor ihm, ein Brief des Pfarrers Balde in Thurwiller an die damalige Regierung. Er lautete: »Hiermit bezeuge ich öffentlich, daß der Eyd, den die Nationalversammlung von uns Geystlichen fodert, sich nur auf Sachen, die der weltligen Macht zukommen, bezihen kan; demzufolge schwör ich der Nation, dem Vaterlande getreu zu seyn in Allem Was Nicht Der Catholischen Apostolischen Roemischen Kirche Zuwider Ist. Diese ausdrückliche Ausnahme fodert von Mir Mein Gewissen und die Sorge, die ich Meinen Gläubigen schuldig bin. Dieses soll in eines jeden Händen ein Unterpfand der aufrichtigen Lieb seyn, die ich zum Vatterland trage wie auch der unverbrüchlichen Treue seyn, mit welcher ich der Religion anhange. Thurwiller, den 5ten Hornung 1791. Honoré Balde, Curé.« Ja, ja, so sind sie alle, die Baldes, getreu dem, was sie einmal beschworen haben. Und das – er lächelte sein feines Greisenlächeln – das bedeutet bei dem raschen Herrschaftswechsel hier im Elsaß fast für jede Generation ein Festhalten am Gestrigen. Die große Revolution machte die Königstreuen zu Vaterlandsfeinden, der begeisterte Republikaner sollte sich in der Eile zum Nationalgardisten umwandeln, dann galt es wieder Untertan zu werden. Aber die Baldes, ja, die sind jedesmal Kämpfer für das Entwertete gewesen, liebe, unpraktische Leute. Er kennt sie alle, das ganze Geschlecht; alle sind sie seine guten Freunde, sein täglicher Umgang. Da ist zuerst Dorte Balde, das unselige Weiblein, die man als Hexe verbrannte, weil sie an Vieh und Menschen Wunderkuren machte. Dann ihre Söhne und Enkelsöhne mit Allongeperücken und den massigen gescheiten Gesichtern. Unter ihnen der berühmte »deutsche Horaz«, der Pater Jacobus Balde, und späterhin eben der Curé, starknackig und fest, ein paar treue, dunkle Augen unter dem gepuderten Haar. Martin Balde, der heutige Maire, glich ihm. Und dann sieht er den Neffen des Curé, den reizenden blonden Frédéric mit seinen schwarzen Feueraugen, aufbrausend, unzufrieden, ein Sohn der Revolutionszeit. Der Alte am Fenster schaut über den Platz. Da wo drüben jetzt die große goldene Hummel blinkt, da hat der bestgehaßte Mann des Elsaß, Eulogius Schneider, neben seiner kleinen blanken Guillotine gestanden. Das Beil hat aufgeblitzt, und Curé Baldes Haupt ist auf das heiße Pflaster gerollt. Der junge Frédéric aber hat sich aufgerichtet, ganz blaß, die Augen flammend, hat die blonden Locken geschüttelt und seines Oheims Mörder, dem gefürchteten Mann, ins Gesicht gespien. Man hat ihn ins Gefängnis geworfen. Der Umschwung der Geschichte befreite ihn wieder. Später in einem Stadtamte zu Ehren gekommen, brachte ihn seine Weigerung, dem Usurpator Treue zu geloben, um Amt und Brot. Lieb und unpraktisch wie alle Baldes! Der blonde Frédéric mußte es aber noch erleben, daß sein jüngster Sohn Octave, nachdem er ganz bürgerlich brav in eine der ersten Thurwiller Familien eingeheiratet hatte, Frau und Kind im Stich ließ und zu Napoleons Fahnen schwur. Erst als Krüppel kam er, nachdem er ein halbes hundert Schlachten für seinen Abgott mitgefochten hatte, nach Thurwiller zurück. Nun war der auch tot. Und sein Sohn, der Martin Balde, hatte schon erwachsene Töchter. Ja, ja, die Baldes! Und mit seinen Kinderaugen, denen das Geisterreich vertraut war, schaute er den Thurwiller alten Geschlechtern nach, wie sie da vor ihm aus seinen Büchern und Papieren aufstiegen. Endlich nahm er seine Arbeit wieder auf, ein ungefüges, mit französischer Schrift kreuz und quer bedecktes Manuskript. Er schlug die Blätter bald hier, bald dort auf. Als Heinrich Hummel eintrat, sah der alte, gelehrte Anselme tiefverworren in das fremde Gesicht. Heinrich erklärte, er sei gekommen, die Erlaubnis zu erbitten, das alte Stadthaus besichtigen zu dürfen, das ja eines der schönsten im ganzen Elsaß sein solle. »Die Geschichte des Elsaß ist sehr interessant,« sagte der Alte, verträumt in seinem Gleise weiterfahrend, auf französisch. »Seit dem dritten Jahrhundert kommen die Alemannen über den Rhein, dann die große Schlacht, bei der Apostata siegte. Sie wissen doch – alles zurückgetrieben – und dann – Sie entsinnen sich wohl – breiteten sie sich wieder bis zu den Vogesenpässen aus. Seit dem fünften Jahrhundert sehe ich sie immer an beiden Ufern des Rheins. Hier, nicht wahr?« – er zeigte auf eine alte Karte, die vor ihm an der Wand hing – »hier sind die fränkischen Ansiedlungen bis in den Hagenauer Forst. Aber mit wem habe ich eigentlich – was verschafft mir das Vergnügen?« Hummel erklärte ihm nach Kräften sein Woher und Weshalb. Der Alte nickte. »Die Bourdons, alias Hummel, o ja.« Er machte eine Bewegung ins Zimmer hinein, als gelte es, eine Menschenansammlung in Gruppen zu ordnen, eine rechts und eine links. Aber er äußerte sich nicht weiter. Schweigend nahm er ein großes Schlüsselbund vom Nebentische, ergriff den jungen Besucher väterlich bei der Hand und führte ihn aus dem Sälchen, in dem er arbeitete, durch einen hallenden, gewölbten Flur mit ausgetretenen Steinfliesen hinüber in den großen, schönen Sitzungssaal, der in den reinen Verhältnissen der Renaissance mit hohen, dreigeteilten Fenstern zwischen dem dunkeln Getäfel unter einer schwer und kunstvoll kassettierten Decke würdig dalag. Der Schreiber führte Hummel selbst umher, zeigte ihm das kostbare Schnitzwerk der alten Eichentür und die Zerstörungen, die bei der großen Revolution der Pöbel daran verübt hat. Dann gingen sie wieder über den weiten Treppenflur nach der anderen Seite des Gebäudes zurück. Sartorius zeigte das aus einem einzigen Eichenbaum geschnittene, in sich selbst kunstvoll hineingedrehte Treppengeländer, das Hummel beim Heraufstürmen nicht beachtet hatte. »Ein Bau aus guter deutscher Zeit,« sagte der Alte. »Sie sind Deutscher, mein Herr? O, ich kann zu Ihnen auch gutes Hochdeutsch reden; ich habe in Tübingen studiert. Und dann bin ich auch ein Pfarrerssohn aus dem Reblande. Die Pfarrer und die Philologen haben bei uns noch nicht aufgehört, das Deutsche zu pflegen. Ihr Schiller und Ihr Uhland stehen in unseren Bücherregalen.« Es freute ihn augenscheinlich, als Hummel sein gutes Deutsch so rühmte, und wirklich hatte das Sprechen des alten Herrn etwas dermaßen Trauliches und Naives, daß Hummel sich noch einmal fragen mußte: Ist das wirklich Welschland? Frankreich? Sie waren jetzt in einen der leeren Säle getreten, schmal und hoch, die ganz mit großen Schränken bestellt waren. Mächtige Schlüssel steckten vertrauensvoll in den alten Schlössern. Mit dem Stolze des Sammlers zog der Ratsschreiber die Fächer auf und kramte allerhand Kuriositäten heraus. Dann zeigte er den Riesen-Meteorstein, eine schwarze Eisenmasse, dreieinhalb Zentner schwer, die im Jahre Vierzehnhundertzweiundneunzig bei einem großen Gewitter vom Himmel fiel; zuletzt alte Karten und Dokuments. Seine Augen leuchteten. Unermüdlich bückte und beugte er sich, wie eine rosige Kugel wölbte sich seine Glatze inmitten der feinen weißen Härchen. Er zeigte alte Kupferstichs, die Schenkungsurkunde Ferdinands des Ersten mit dem großen Siegel, eine Verfügung Rudolfs von Habsburg – alles zusammen in durchaus nicht einwandfreier Art in zerrissenen Mappen und brüchigen Zigarrenkisten untergebracht. »Und nun sollen Sie auch etwas von Ihren cousins zu sehen bekommen.« Und er zeigte ihm den Kaufkontrakt über die Apotheke von Thurwiller, die der Vater von Onkel Camille erworben hatte. »Ja ja, die Bourdons, sie haben sich arg verändert, seit daß sie über den Rhein flogen. 's isch halt immer ein wenig gefährlich mit dene zwei Sprache, gar zu leicht werde sie zweizüngig, d' Leut. 's hat g'nug solche im Elsaß. Falsch heißt m'r sie dann! Aber das isch g'fehlt. Gefällig sind sie worden, um daß man sie in Frieden läßt.« »Und Sie halten diese Zweizüngigkeit, von der Sie reden, für ein Resultat der elsässischen Geschichte?« fragte Heinrich lernbegierig. Aber der Ratsschreiber machte eine abwehrende Bewegung. Er ließ sich nicht gern in seinem eigenen Ideengang stören. Kurzsichtig und ein wenig schwerhörig wie er war, hatten sich ihm die Pforten des Gegenwärtigen sehr verengt. Das genoß er wie eine Befreiung. Unbehinderter gab er sich so seiner Gedankenwelt hin, »der wirklichen«, wie er sie nannte. »Ich weiß nicht, ob Sie sich entsinnen,« sagte er, in das Französische zurückfallend, und blätterte mit leisen zärtlichen Fingern in seinem unordentlich gebauschten Manuskript. »Damals im dritten Jahrhundert,« las er, »in der Zeit der fränkischen Herrschaft – ›das Land der Eli-Sassen‹ hat man das jetzige Elsaß geheißen, das Land der Fremdsitzer. Und das ist es geblieben bis auf den heutigen Tag, ein kleines Volk zwischen zwei starken, ein Volk zwischen den forts .« Er hob, das Wortspiel andeutend, belehrend den Zeigefinger, dann klappte er das Heft zusammen. »Kein Wunder, wenn die Leute Windfahnen würden. Aber, glauben Sie mir, mein Herr, das sind sie nicht, das sind nur wenige unter ihnen. Die meisten sind treu, vielleicht sogar zu treu. Meistens freilich der Vergangenheit. Das Herz, wissen Sie, geht langsameren Schritt als die Vernunft, es braucht Gewöhnung. Und der Elsässer kann nur mit dem Herzen politisieren. Starrköpfig sind wir, das ist wahr, aber einem Zwang, den wir uns freiwillig mit unserem Herzen gewählt haben, dem gehorchen wir dann auch, dem opfern wir uns bis zum letzten Atemzuge.« Er sagte das alles leise, fast trocken, schien aber dennoch betroffen, sich so weit ins Gefühlsmäßige verloren zu haben, denn es war eine leise Scham in seiner Stimme, als er belehrsam fortfuhr. »Mein Herr, Sie kennen die alten Pergamente, die man Palimpseste nennt. Sehen Sie, so ist es uns gegangen. Abwechselnd haben bald Germanen, bald Lateiner ihre Zeichen gesetzt auf jenes Blatt in der Weltgeschichte, das Elsaß heißt. Da müßte wahrhaftig erst der liebe Gott selber kommen und ein großes Wecken blasen, um da wieder die tiefverborgene Grundschrift zum Licht zu bringen.« Sonderbar standen ihm plötzlich zwei Tränen in den Augen, während er lächelte. Der junge Deutsche wurde rot vor jäher Rührung. Dieser kleine, alte Mann im fleckigen Röckchen bekam Pathos für ihn und Größe. Aber der Ratsschreiber ließ es nicht recht weit kommen damit. Er zog plötzlich einen Zettel hervor und begann zu schreiben. »Ich werde das mit in mein Buch hineinbringen,« sagte er dabei. »So Sache falle eim grad nur beim Schwätze ei.« Er klappte das Manuskript zu; gleich darauf begann er, kurzsichtig auf der Schreibtischplatte tastend, eifrig in allerhand Mappen umherzusuchen. »Wo isch denn aber nur – –? Do het's g'lege, do überm große Dintefleck, und weg isch's! Tränkele, Tränkele,« rief er laut. Ein Mann mit vertränten Augen und ungeheurer verbuchteter Nase kam herangeschlurrt und begann auf Sartorius' Geheiß in und unter den Schränken umherzustöbern. »Such, Tränkele, such! Wo han m'r jetz' d' spanische Affäre?« In diesem Augenblick hörte man jemanden die Treppe hinaufspringen, dann rasche, kurze Schritte über den Fliesen. In der Tür tauchte ein Kopf auf mit vollem, grauem Haar, ein Gesicht, wie aus alten Holzschnittbüchern herausgestohlen, Martin Balde. Mit schwarzen, lebhaften Augen blickte er den Fremden, der sich erhob, aufmerksam an. »Sososososo, da haben wir also den Prussien!« Hummel verbeugte sich und nannte seinen Namen, aber der Maire lachte. » Sans cérémonies, monsieur! Hier in Thurwiller gibt es keine Geheimnisse. Ihr Steckbrief ist bereits in jedermanns Mund.« Dabei streckte er ihm eine warme Hand entgegen, die Hummel dankbar faßte. Der Maire wandte sich jetzt an Tränkele: ob er auch das Impfen gehörig ausgetrommelt habe? Und zu Sartorius bemerkte er auf französisch, man dürfe die Antwort an den Präfekten nicht verschieben. Wo denn das Schriftstück sei? Damit man es beantworten könne. Er sah eine Weile kopfschüttelnd zu, wie Sartorius und Tränkele nach dem Briefe suchten. »Doch nicht in den uralten Akten, mon cher! Allons donc! « Mit ein paar Griffen schob er die Skripturen auf dem Schreibtisch beiseite und entdeckte nun das leere Kuvert mit dem Präfektursiegel. »Darin hat es gestern nachmittag noch gesteckt,« erklärte der Ratsschreiber. »Also nicht verloren, sondern gestohlen!« Balde gab aufs Geratewohl dem Tränkele, der sich tief in den Schrank gebückt hatte, einen derben Schlag, der ohne jede Erwiderung akzeptiert wurde. »Un du sorgsch dafür, daß es morn doliegt! Hörsch?« Er hatte nicht besonders die Stimme erhoben, aber der Tränkele lief, die Hände an beiden Ohren, davon, wie vor dem Donner des Jüngsten Gerichts. Die Uhr schlug Zwölf. Hummel erinnerte sich seines Gastversprechens und verabschiedete sich. Balde hatte sich in den Schreibstuhl gesetzt. »Ja, gehen Sie nur,« sagte er gemütlich, »Madame Bourdons Pasteten sind heilig.« Er gab ihm die Hand. » Au revoir. Und kommen Sie auch mal zu mir, wenn Sie sich für Altertümer interessieren. Mein Haus ist einmal Schloß gewesen, Kloster, was Sie wollen. Kommen Sie zur Vesper heute.« Hummel sagte dankbar zu, aber – das Altertum in Ehren – er dachte dabei an etwas recht Junges: an die blonde Françoise und die zierliche Lucile. Balde sah ihm nach, wie er breitschultrig und elastisch durch den Saal ging. » Un garçon tout d'une pièce! « sagte er wohlgefällig. Dann klopfte er dem verträumten Ratsschreiber auf den Arm: » À nous maintenant, père Anselme! Der Brief des Präfekten ist verschwunden, wohlan, man muß ihn aus der Erinnerung beantworten.« Und er diktierte folgende Worte auf französisch: »Herr Präfekt, in Beantwortung Ihrer Anfrage vom 9. Juli teile ich Ihnen mit, daß die allgemeine Stimmung in bezug auf die spanische Affäre hier im Elsaß eine friedfertige, ja eine gleichgültige ist und das auch bleiben wird, falls es den Versuchen des Klerus und seiner Abgesandten nicht doch noch gelingt, das Volk in eine kriegerische Stimmung hineinzuhetzen. Falls zu den Meinungen, die der Herr Präfekt zu kennen wünscht, zufällig auch die des Maire von Thurwiller gehören sollte, so füge ich hinzu, daß trotz dieser Beeinflussung die Gefahr einer Revolution, von der man in den Tuilerien so viel spricht, in Wahrheit keineswegs vorhanden ist, und daß es nicht wohl angeht, diese Gefahr zum Vorwand zu nehmen für die Notwendigkeit eines Krieges, der die Unzufriedenen beschäftigen und ihnen den Ruhm ihres Kaisers wieder neu vergolden soll. Diejenigen, die solches raten, haben Sonderinteressen. Empfangen Sie, monsieur le Préfet – – –« Als der Maire unterschrieb, sah ihm der alte Sartorius erstaunt auf das Papier. Er hatte einen Augenblick gemeint, unter dieser tapfer unzeitgemäßen Erklärung müsse stehen: »Honoré Balde, Curé.«   Aus der Baldeschen Küche klang eine wilde Janitscharenmusik von Kasserollen und Pfannen, da hantierte das Salmele und ließ seine Trauer um ihren »Vengtzenker«, der sie nun bald verlassen sollte, beim Putzen und Scheuern aus. Mit ihrem runden, strohblonden Kopf, dem sommerfleckigen Gesicht und dem ewig erstaunt geöffneten Mäulchen, aus dem kleine unzufriedene Töne kamen, sprang es ungeschickt traurig umher wie ein klagendes Kälbchen. Am Fenster erschien hin und wieder Luciles braunes Köpfchen. »Pas encore?« Sie wartete aufgeregt auf den jungen hübschen Deutschen, dessen Besuch für heute nachmittag Vater Balde angekündigt hatte. Frau Balde im dunkeln Kleid, mit großer, weißer Schürze, ging ab und zu, holte warmes Wasser und reine Tücher und spülte gebrauchte Näpfchen. Sie half ihrem Manne in der Impfstube. Jetzt klingelte es, das Salmele stürzte hinaus und kam atemlos zurück. Ein fremder Herr sei da, grausam groß, der Kirchendeutsch rede. Frau Balde wies sie an, den Besucher in die Bibliothek zu führen, weil es im Salon zu heiß sei. Dort wartete nun Hummel. Angenehm kühl war es in dem verdunkelten Raume, der halbrund, mit einer einzigen Tür nach dem Garten hin, zur Sammlung lud. Rings breite Nischen, mit Bücherregalen gefüllt, zwischen den pilasterartig schmalen Wandflächen die tief hinabreichenden Fenster. Zwei kleine Bronzen waren da angebracht: Napoleon und der Große Kurfürst, »Protecteur des protestants français« stand auf dem Sockel des Kurfürsten. Aha! die Bürgermeisterin sollte ja französische Protestantin sein! Er sah weiter um. Sessel standen da, zueinandergewendet wie im Gespräch. Er betrachtete die schwarzgerahmten Bilder, die da ringsum in Augenhöhe hingen; Gravüren nach Gemälden von David, Lorrain und Correggio. Unter einer gemalten Landschaft hing ein alter gemalter Kupferstich, der die Stadt Thurwiller darstellte, noch mit dem Benediktinerkloster und den Befestigungen der Stadtmauer. Die Jahreszahl war eingraviert. Und überall Bücher. Ihre goldbedruckten Rücken glänzten in dem grünlichen Halbschatten, den die Marquisen-Rouleaus verbreiteten, braungolden auf. Hummel las einige der Titel: Rousseau, Voltaire, Schiller, Uhland, Molière. Dann Mignet, Victor Hugo, Béranger, Lafontaine; dazwischen Mörike und Goethes »Wahrheit und Dichtung«, alles schön gebunden, viele Bände anscheinend eifrig gelesen. Die Anwesenheit dieser erlauchten und vertrauten Geister machte ihm die fremde Stube heimisch. Überdies fühlte er sich angenehm berührt von dem sicheren, etwas strengen Geschmack der Einrichtung, der gute Tradition in sich trug. Dann aber dachte er wieder an seine beiden Mädchen aus dem Korn, Lucile und Françoise. Er war sicher, daß er sich in eine von ihnen verlieben würde, wahrscheinlich in die kleine Pariserin. Er machte es sich mit Gründlichkeit und Wissenschaftlichkeit klar, daß dies für ihn jetzt das Gegebene sei, ja, er fühlte dies nun fast wie seine Aufgabe hier im Elsaß. Jetzt öffnete sich die Tür, und Frau Balde erschien. Sie entschuldigte ihren Mann, der noch beschäftigt sei, und lud Hummel ein, mit ihr auf den schattigen Gartenplatz hinauszukommen. Nach den ersten deutschen Worten sprach sie ihr gewohntes Französisch, fragte, ob sie es beibehalten dürfe, da sie trotz ihres langen Aufenthaltes im Elsaß sich noch immer nicht tadellos in Deutsch ausdrücken könne und sich ihrer ungeschickten Versuche schäme. Sie hatte dabei im Gang und Reden etwas so Schlichtes, erlesen Wirkendes, in der Art, wie sie ihr Kleid faßte und an sich zog, etwas so Elegantes, daß Heinrich, der sich auf eine kleinstädtische, durch den Besuch eines Fremden genierte Frau vorbereitet hatte, wohltuend enttäuscht war. Sie traten jetzt in den Garten ein. Das Bibliothekszimmer befand sich auf dem linken der beiden Flügel, die das Baldesche Haus nach der Gartenseite ausstreckte, der rechte schloß mit einem kleinen Glasbau ab, der als Vorstube für das Ordinationszimmer des Doktors dientet Eine Anzahl Mütter mit ihren schreienden Bündelkindern im Arm, die größeren an der Hand, standen jetzt da und warteten, bis die Reihe des Impfens an sie kommen würde. Rosen und Klematis bedeckten die Mauerwände, auf dem Rasenplatz zwischen den beiden Seitenflügeln flatterten Girlanden batistener Damenwäsche. Das Ganze hatte etwas ländlich Liebes und Behütliches. Und diese beiden Steinarme bekamen jetzt, da eine seitliche Sonne sie vergoldete, eine fast leidenschaftliche Innigkeit. So als sehnten sie sich danach, ganze Generationen von Gästen zu umfassen. Jetzt kamen sie zum Birnbaumplatz. Die tief niederhängenden Zweige gaben einen schönen Rahmen ab für die drei jungen Frauenwesen, die dort hinter der Balustrade standen. Sie zeichneten sich als zierliche und klare Silhouetten ab von der grünen Hauswand. Lucile stand zuvorderst. Sie blickte mit großen, übertrieben unschuldigen Augen dem jungen Manne entgegen. Bei der Vorstellung machte sie eine kleine Kinderverbeugung. Sie ist es, die ich lieben werde, sagte sich Hummel. Wie pikant sie ist, der Kopf einer entzückenden Frau über dem kurzen Kleinmädchenkleidchen. Hortenses sehr gerade, etwas kühle Haltung verschüchterte ihn ein wenig, und Françoise erschien ihm seltsamerweise wie jemand, den er schon lange, lange kenne, mit dem man deshalb nur einen flüchtigen Erkennungshändedruck auszutauschen braucht. Und nicht einmal verwundert war er über dieses Gefühl der Zugehörigkeit. Aber eine rätselhafte Dankbarkeit, der er keine Richtung zu geben wußte, strömte in ihm auf und machte ihn glücklich. Man hatte sich an den Tisch gesetzt, der jetzt mit Karaffen roten Weines und Kuchen, Brot, Früchten und Käse besetzt war. Der Tisch hatte ovale Form, so daß jedermann jedermanns Nachbar schien. Hummel fiel die schöne Form der alten Silbermesser auf. Als er sich eine Birne nahm, stürzte der schwere silberne Nußknacker zu Boden. »Er fällt immer,« sagte Madame Balde liebenswürdig. Man plauderte. Zwischen den raschen, schwebenden Rhythmen der französischen Laute klang Elsässisch und Hochdeutsch hinein. Hummel sprach ein herzlich schlechtes Französisch, aber er versuchte sich tapfer immer wieder, angestachelt durch das frauliche Wohlgefallen an seiner Hilflosigkeit, das er um sich herum spürte. Lucils saß da wie eine Heilige. Entzückt betrachtete er ihr braunes Seidenköpfchen, das sich metallisch von Françoises frommblauem Kleide abhob. Diese kleine Pariserin liebe ich nun also, dachte er befriedigt. Humoristisch gab er dann seine erste Begegnung mit den beiden jungen Mädchen im Korn zum besten. Man lachte viel, alles war in heiterer Laune. Dann sprach man vom Rathaus und vom Ratsschreiber. Hummel erfuhr, Père Anselme sei Françoises Taufpate, die Mutter neckte sie mit ihren häufigen Besuchen bei dem Alten. Françoise machte ein ernsthaftes Gesicht. »Durch ihn habe ich Ihr Vaterland kennengelernt,« sagte sie zu Heinrich, »Père Anselme liebt es.« Zum erstenmal sah er ihre Augen. Er erschrak fast davor. Unwillkürlich wandte er sich ab, als habe er eine Indiskretion begangen. In diesem Augenblick flogen zwei Tauben auf, die im Birnbaum gesessen hatten. Sie waren durch die Spitze einer langen Angelrute beunruhigt worden, die an ihnen vorbei durchs Laub fuhr. »Nom d'un nom!« fluchte eine joviale Stimme. Ein Herr im eleganten Anglerkostüm tauchte seitwärts im Gassenschlupf auf. Er rüttelte ungeduldig die Schnur vom Baume los. Lucile lachte leise: »Voila papa!« Sie versteckte sich hinter Madame Baldes großem Stuhl. Der Straußenfedernfabrikant kam naher. Er trat durchs Pförtchen. Und als jetzt der Wind ein Paar auf der nächsten Leine, aufgehängter Spitzenhöschen leise formte, konnte er nicht umhin, mit sachverständiger Hand darüber zu streichen. Als er der Damen ansichtig wurde, machte er ein würdiges Gesicht. » Ah, mes toutes belles, ich lege mein Herz zu Ihren Füßen.« Er nahm galant Françoise den Stuhl aus der Hand, den sie für ihn frei machte. »Das ist nichts für Feenhände!« »Merci, monsieur« sagte sie konventionell. »Bonjour, papa!« rief Lucile plötzlich. Sie sprang aus ihrem Versteck heraus und umarmte ihren Vater. »Petite ingénué!« Er küßte sie auf die Stirn. Sie lachte für ihren Vater eine Kadenz, wie er sie liebte. Zu Frau Balde gewendet, beklagte sich Dugirard dann, der Maire sei nicht zu bewegen gewesen, heute an die Thur mitzukommen zum Angeln, seine »sales nourrissons« da drinnen seien ihm lieber als das Angeln mit ihm im Thurwald. »Ah, ce trâitre!« Er redete so rasch, daß Heinrich ihn kaum verstand. Seine kleinen braunen Augen wirkten exotisch in dem vergilbten Gesicht, der schwarzgefärbte Schnurrbart stand unternehmend über dem schneeweißen Spitzbartflöckchen. Man machte ihn mit Hummel bekannt, er verneigte sich höflich. Lucile stellte sich neben ihn. Sie steckte ihren Kornblumenstrauß enger in den festen Gürtel, so daß Hummel ihn sehen mußte. Vater Dugirard begann Konversation zu machen. »Finden Sie sie nicht reizend, diese kleine Stadt?« fragte er Hummel. »Das Stadthaus ein bijou , der Marktplatz eine Szene. Man scheint beständig durch ein Vaudeville zu wandeln.« Frau Balde lächelte. »Ich fürchte. Sie sehen uns nur deshalb so poetisch, Monsieur, weil man in Paris die Gewohnheit hat, die Vaudevilles in elsässischen Kostümen zu spielen?« »O nein, nicht nur das. Mir scheint auch in der elsässischen Landschaft ein sanfter, gemütlicher Zug zu liegen, wie wir ihn im übrigen Frankreich nicht kennen. Wir haben nicht einmal das Wort dafür. Das ist entschieden noch eine Erinnerung daran, daß dieses Land früher einmal deutsch war. Wir anderen Franzosen wenigstens fühlen das so. Nicht etwa, daß ich damit etwas Nachteiliges äußern wollte,« fügte er beflissen hinzu, und sich zu Hummel wendend: »Ich achte von meinem ganzen Herzen Deutschland mit seinen Dichtérs et Denkérs und Ihren Henri Aine.« »Heinrich Heine,« verdeutschte Françoise unwillkürlich. »Sein oder Nichtsein, müssen wir uns fragen,« zitierte Dugirard seinen »Henri Aine«. Er sah sich kindlich stolz dabei im Kreise um. Jetzt kam Balde. Heinrich spürte wieder deutlich das Wahrhaftige und Frohe, das von diesem Menschen ausging. Es machte schon Freude, das Behagen zu sehen, mit dem er seinen Wein trank und von dem Backwerk aß. Er redete mit großer Herzlichkeit auch dem jungen Gast zu einem neuen Glase und einem neuen Törtchen zu, legte ihm sogar selber ein Stück Gebäck auf den Teller. Hummel sah entzückt auf die schöngemalte Jagdszene des Porzellans, während er aß. Balde sagte: » Tenez, das ist etwas, was wir verstehen, wir Elsässer. Gutes Essen. Wir sind mehr gourmands – Vielfraß als die müßigen Franzosen und genäschiger – plus friands als die ernsten Deutschen. Mais voyez-vous, wir schämen uns auch unserer materiellen Bedürfnisse nicht. Wir verstecken sie nicht. Ja ja, mein junger Freund, ich weiß recht gut, bei Ihnen beschwichtigt man seinen Körper heimlich, ohne Vergnügen, sans tambour ni trompette . Man will ihn nur sättigen und zum Schweigen bringen. Wir Franzosen dagegen, ja, wir versuchen, uns aus unseren Bedürfnissen eine Kunst zu machen. C'est ça. « In diesem Augenblick klang über die Mauer des Gartens herüber ein mehrstimmiger Gesang: »Es blühen die Rosen im Tale, Soldaten ziehen ins Feld – leb' wohl, du mein Liebchen, du feines, von Herzen gefallest du mir.« Seltsam, dachte der gründliche junge Heinrich, warum singen sie nicht französisch? Auch Hortense Dugirard hatte aufgehorcht. »Fabrikmaidele, que j'aime cela ! Ich habe mich so gesehnt nach unseren alten Volksliedern.« Tränen traten ihr in die Augen. Frau Balde strich ihr leise, liebevoll über den Arm. Hummel hatte nichts gemerkt von dieser kleinen Szene, er kämpfte mit einer Frage, die er nicht mehr unterdrücken konnte. »Fühlen sich die Elsässer eigentlich mehr als Franzosen oder als Deutsche?« Er wurde verlegen nach dieser fast unfreiwilligen Explosion, die ihm selbst taktlos und ungeschickt vorkam. Wirklich entstand eine kleine Pause. Man lächelte. Dann aber setzte sich Balde tiefer in seinen weißen Holzsessel hinein und hielt dem wißbegierigen Gast eine längere Rede. Man merkte, daß es ihm Spaß machte. »Es hat lange gedauert, daß wir losgekommen sind von Deutschland,« sagte er bedächtig. » C'est vrai! Und lange hat's gedauert, bis wir Franzosen wurden. Jetzt« – er machte ein humoristisches Gesicht – »jetzt ist es vielleicht so: wir beten deutsch und rechnen französisch. Mais pour le reste – sehen Sie, mein junger Freund,« – er faßte vertraulich Hummels Arm – »wir kamen aus einem kleinlich zerrissenen Lande und fanden unter Louis-Quatorze ein großes einheitliches Reich – une vraie patrie . Wir hatten Niederlagen erlebt und fanden die gloire . Man hatte gehungert und fand Sattessen unter dem Roi Soleil . Lange haben wir Deutschland geliebt. Wir lieben es noch heute. Cela veut dire, unsere Erinnerung, l'Allemagne d'autrefois, Deutschland von früher. Das neue Deutschland kennen wir nicht. Die Badenser, die in Mülhausen und Kolmar in unseren Fabriken arbeiten, sind arme Schlucker ohne Physiognomie. Wenn wir von Ihren Titeln drüben und Dekorationen lesen, so ist uns das fremd. Ihr Bier trinkt man hier nicht, und Ihre modernen Bücher liest man hier nicht. Das ist schade, denn wir sind nicht so begabt wie die Franzosen, die weniger aus Büchern, aber desto mehr aus dem Leben lernen. Und noch eins: Frankreich hat immer nur unsern Leib verlangt. Jamais la France n'a reclamé notre âme! Und das war klug, c'était sage . Hätte es versucht, uns unsere alten Gebräuche zu nehmen, unsere Familiensprache, nos traditions, ganz Elsaß wäre dagegen aufgestanden. Denn wir sind und bleiben nun einmal die deutschen têtes carrées die Eigensinnigen, Beharrlichen; und gerade das ist ihnen recht, à ces coquins de Français. Ils en profitent, sie nützen das aus. Unser Speck und Sauerkraut ist Delikatesse in Frankreich. Unsere derbere Struktur liefert ihnen die besten Soldaten, unsere Besonnenheit die besten Generale. Gerade daß wir so verschieden sind, das bildet das Band zwischen uns.« Frau Balde lächelte zu ihm hinüber. »Monsieur kann niemals enden, wenn er vom Elsaß spricht. Und wir wollten doch unserem deutschen Gast unsere Altertümer zeigen.« Sie stand auf, ohne eine Erwiderung abzuwarten. Balde folgte, und Hummel wurde nun durch die tiefen gewölbten Keller gefühlt, in denen noch Klosterwerk bewahrt lag, zerbrochene Kruzifire und Stücke von Grabsteinen. Wieder im Tageslicht oben sah er über der Treppenwindung in einer Wandnische eine wundervolle Holzmadonna, ruhevoll und lächelnd. Auch sie hatte man im Keller gefunden. Hummel sah sie lange an, er fand, sie glich Françoise. Balde zeigte die gute Arbeit »aus der Zeit des Straßburger Münsters«, den naturalistisch gegebenen Kinderkörper, und sprach kluge, frische Worte zu alledem. An Hummel rauschte alles vorüber, er dachte an die Frauen oben, Hortense, Lucile, Françoise. Und mitten zwischen ihnen die Madame de la Quine. Vertrautheit und Fremdheit schufen ein wundervolles Wogen in ihm, dem er sich überließ wie einem warmen, blauen Meere. Jetzt wurde er durch das Haus geführt. Martin Balde hatte ziemlich alles so belassen, wie er es ererbt hatte, und nun schien es wie gerade erst für ihn und seinen Hausrat geschaffen, der sich zusammensetzte aus der behaglichen Louis-Philippe-Einrichtung, mit der er geheiratet hatte, und den ernsten geradlinigen Möbeln des alten Hugenottengeschlechtes, dem Frau Balde entstammte. Und überall standen Françoises Sträuße von leuchtenden Sommerblumen auf den Tischen. Vor der Kornblumenschüssel im Eßzimmer lächelte Heinrich, wie wiedererkennend. Nun ging man an dem jetzt leeren Vorplatz vorbei, wieder in den Garten. »Eh bien,« fragte plötzlich Balde unvermittelt, »was denkt man bei Ihnen über die spanische Affäre? Die Kandidatur Ihres Hohenzollernprinzen,« setzte er hinzu, da sein Gast ihn ratlos ansah. »Legt man in Preußen der Sache großes Gewicht bei?« Hummel antwortete nicht gleich. Er hatte auf der Reise nur selten eine Zeitung zu Gesicht bekommen, von der Thronbewerbung eines Hohenzollernprinzen nur flüchtig und uninteressiert gelesen. »Sie meinen, das könnte zu Verwicklungen führen?« fragte er tastend. Der Maire zuckte die Achseln. »Man hat von der Gefahr einer Dynastie Hohenzollern in Spanien gesprochen, die Ihr Bismarck protegiere.« »Und Frankreich fürchtet das?« »Fürchten? Nein. Man möchte wohl vielmehr eine Ablenkung daraus machen.« »Ich verstehe nicht –« Balde schwieg einen Augenblick. »Seit den anderthalb Millionen Nein beim Plebiszit hat man Angst vor dem Volke,« sagte er dann. »Man fürchtet Revolutionen. Eugénie und die Jesuiten hetzen gegen die Protestanten, die schuld daran sein sollen. Die Preußen nun sind gleichfalls Protestanten, voilà . Nichts wäre der Kaiserin und ihren Getreuen erwünschter als ein kleiner Religionskrieg, der ein Beschäftigungsspiel für die Unzufriedenen bedeutete.« Einen Augenblick schwiegen alle. Dann sagte Hummels helle junge Stimme zuversichtlich: »König Wilhelm wird kein unnötiges Blutvergießen zulassen.« Der Maire betrachtete ihn mit Wohlgefallen. »Sie lieben Ihren König!« Er seufzte. »Sie sind zu beneiden.« »Man ist hier nicht sehr patriotisch?« Balde machte ein ernsthaftes Gesicht: »Was mich betrifft, ich habe dem Louis Napoléon Treue geschworen und werde sie halten. Im übrigen – man könnte sehr wohl gegen Papst und Kaiser sein und trotzdem sein Vaterland lieben. Vielleicht sogar besser,« fügte er hinzu. Seine Stimme klang wie das Grollen eines treuen Hundes, der Gefahr anzeigt. Frau Balde sah ihn mütterlich an: »Er ist ein liebes, großes Kind!« Man befand sich im hinteren Garten, dem ehemaligen Klosterkirchhof, der über den zerfallenen Gräbern mittelalterlicher Mönche Frau Baldes Rosen und Gemüsebeete aufs vortrefflichste gedeihen ließ. Die Grenze bildete hier die Wallmauer mit dem Blick auf die Getreidefelder, dahinter sah man die Schornsteine der Schlotterbachschen Fabrik, links die Ill und das Spitalwäldchen. Nach dem Hause zurück führte eine breite, schattig lockende Kastanienallee, die in der Mitte des Gartens sich zu einem runden Platz ausweitete. Farbige Kleider schimmerten da. »Unsere Jugend,« sagte der Maire. Sie steuerten darauf zu. Da sie näher kamen, sahen sie die beiden Schwestern mit der kleinen Désirée und irgend etwas Wagerechtes, hin und her Blitzendes zwischen den Bäumen. Der Maire lachte: »Voilà la petite paresseuse!« Frau Balde machte ein unzufriedenes, fast strenges Gesicht. Jetzt erkannte auch Heinrich, was da zwischen zwei Kastanien schwebte: Lucile in einer Hängematte, die sie durch Aufschnellen und Zurückfallen in Bewegung hielt. Als die drei näher kamen, zog sie, wie in kindlicher Schüchternheit, das Netz ganz eng um sich und blieb mäuschenstill so liegen. Sie sah reizend aus in dieser Fischpose mit dem dunkeln, spitzbübisch beschämten Gesicht. Balde, geleitet durch das etwas erzieherische Schweigen seiner Gattin, versuchte gleichfalls streng auszusehen: » Eh bien, la petite, es ist nicht Schlafenszeit, wie ich glaube?« Lucile richtete sich auf. Sie schlang graziös ihre Arme um den breiten, grauhaarigen Mann: »Nicht schelten, Papa Balde, Sie wissen, ich bin nichts als ein Kind, das spielt.« Und sie ließ sich von ihm herausheben. Heinrich Hummel verwandte keinen Blick von ihr. Noch nie war ihm etwas so Entzückendes begegnet. Er hatte es ja gewußt, daß ihm in Thurwiller das Glück kommen würde! Und sein Blick ging zu Françoise hinüber, die schlank und kräftig zwischen den Büschen stand und mit der Kleinen Blätterkränze steckte. Ihr Gesicht war blaß, wie sie jetzt nach ihm hinsah. Die Allee ging vom Boskett aus weiter zum Vorgarten hin. Dort hatte Vater Dugirard im gleichen Augenblick ein strenges Verhör zu bestehen. Im Begriff, nun wirklich endlich zum Angeln aufzubrechen, wurde er von Luciles alter Wärterin zurückgehalten, die sich mit imposanter Miene vor ihm aufpflanzte. »Monsieur geht aus? O, ich weiß schon, Monsieur denkt nur daran, sich zu amüsieren, Monsieur denkt aber nicht an seine Pflicht. Monsieur vergißt, seine Demoiselle Tochter zu überwachen in dieser schrecklichen Provinz, in der es erlaubt ist, daß die jungen Fräulein ohne Papa und Mama und ohne dame d'honneur mit den jungen Leuten spazierengehen. Das ist nicht schicklich, o nein, das ist unmoralisch. Und der Effekt – voilà!« Sie wies mit dem mageren Finger, der aus einem schwarzen Filethandschuh herausstak, nach dem Boskettplatz und Luciles Hängematte. Dugirard setzte sich sein Pincenez auf und sah hin. Er lächelte. Die helle Jugend da im grüngoldnen Baumschatten gefiel ihm sichtlich, aber die treue alte Frauensperson war empört. »Monsieur lacht, aber ich werde nach Paris an Madame schreiben, was hier vorgeht. Dann wird Monsieur schöne Dinge zu hören bekommen, o ich versichere Sie, schöne Dinge.« »O, Sie verstehen zu schreiben, Louison?« Es war die einzige kleine Rache, die er wagte. Aber die Alte ließ sich nicht besiegen. Wie eine Pythia streckte sie die Arme gegen die Gesellschaft da hinten aus: »Man wird Lucile nie verheiraten, wenn man nicht vorsichtiger ist. Niemals.« Damit drehte sie sich um und ging in den Küchenflur zurück. Dugirard blieb nachdenklich stehen. Sie hatte recht, seine Frau plante eine Verbindung Luciles mit dem jungen Victor Hugo Schlotterbach. Er war erst vierzehnjährig, das ist wahr, zwei Jahre jünger als Lucile, aber die Fabrik machte ein schönes Geld, und die Schlotterbachs hatten ohnedies Vermögen. Der Kleine war vor ein paar Tagen aus dem Lyzeum in Kolmar zu den Ferien heimgekehrt, die Kinder hatten sich gut gefallen. Vorerst freilich schien der Junge über beide Ohren verliebt in Françoise, aber das ging vorüber. Nur mußte man vorsichtig sein, daß nicht etwa dieser junge Deutsche – sie machte schöne Augen nach ihm hin. Aber ein Deutscher! Bah! Seine Tochter würde keinen so schlechten Geschmack haben. Immerhin – er war hübsch, und die Frauen sind unberechenbar. Er beschloß, wachsam zu sein. Hummel hatte sich von Baldes verabschiedet. Am nächsten Nachmittage sollte er mit der Familie nach Sulz zur »Kilbe« fahren. Ihm war, als kenne man sich schon lange. Noch in der Allee warf er einen Blick zurück auf diese Menschen, die ihm plötzlich wichtig geworden waren. Aber eigentlich sah er nur Françoise und das goldene, zitternde Licht auf ihren Flechten. »Das schönste Haar im Städtchen,« fiel ihm ein. Dann versuchte er sich Luciles pikante Reize zurückzurufen, Lucile, die er ja liebte! Auf dem Heimgang durch die gleichen Straßen, die ihm vorhin an Bourdons Seite banal und häßlich vorgekommen waren, empfand er jetzt alles lebendig, so als ob alles, was er hier sah, ihn innig angehe, irgendwie zu ihm gehöre. Ja, als ob das ganze Elsaß ihn angehe, von ihm verstanden und erfaßt werden müsse. Aufmerksam blickte er in die umbuschten Gärtchen, in die offenen ländlichen Torbögen. In der Mitte eines Hofes saß ein silberweißer Pfau auf einer Leiter und ließ sein Gefieder herabströmen wie einen Wasserfall. Das rührte ihn irgendwie. Lange stand er und schaute, bis die Hitze, die die Steinmauern von sich gaben, ihn nach Hause trieb.   Françoise Balde war in das obere Stockwerk hinaufgestiegen, um für Eusébe Blanc, den Bruder ihrer Mutter aus Straßburg, der heut abend erwartet wurde, die Giebelstube herzurichten. Sie tat ein Glas mit Blumen auf den Tisch, zog die Decken glatt und rieb an der Politur des Bettes. Alles mit einem verträumten, gleichsam nach innen horchenden Gesicht. Jetzt stellte sie auf der Kommode ein altes verschwommenes Daguerreotyp zurecht, der Mutter Elternhaus auf dem Lande in Frankreich, Frau Balde selbst davor mit ihrem Bruder, beide in kurzen, karierten Kleidchen mit langen Höschen. Dazu eine Photographie der Thomaskirche in Straßburg, an der Oncle Blanc Pfarrer war. Zuletzt ging sie das Treppchen hinauf nach dem Speicher und maß dort mit Arm und hochgehaltenem Kleid den runden alten Holztisch, gleichfalls Blancsches Erbteil, der mit sechs starren Holzstühlen gemeinsam hier, ernst und vornehm, den Wechsel der Moden verwartete. Der Onkel sollte es heimatlich haben. Er war immer ein wenig stadtmüde, wenn er heraufkam ins Oberland, und voller Dankbarkeit für jede Liebe hier. Mit einem Lächeln voll Güte stand Françoise da, prüfend blickte sie auf den Niederschlag der Geschlechter, der sie hier umgab. Octave Baldes rostige Säbel hingen da, Pistolen und Uniformen der vergangenen Régimes, ein mottenzerfressener Predigertalar, lederne Mantelsäcke und gestickte, behagliche Reisetaschen. Alle hatten hier oben abgelegt, die Unruhigen und die Seßhaften. Aus den Schränken roch es nach Lavendel und Thymian, das Sparrenwerk krachte vor Hitze. Françoise rückte dies und glättete jenes, ihre Hände hatten das Leichte, Schlanke der Gutzugreifenden. Plötzlich aber quoll ein heißer Schmerzensstrom in ihr auf und stürzte ihr aus den Augen. Ganz steif stand sie da mit emporgehobenem Gesicht. Dann lächelte sie wieder tiefverklärt. Und all dies Sonderbare geschah ihr am Vorabend ihrer Lebensentscheidung. Denn morgen sollte der Mülhauser reiche Fabrikantensohn Pierre Füeßli seine Antwort haben. Die Bedenkzeit war ja doch nur eine Form gewesen. Es war ihr gar kein Zweifel gekommen, daß sie diesem Freier Ja sagen würde. Nun aber – – Lange saß sie da oben auf einem der alten, hohen Stühle, lächelte und weinte.   »Meine Tochter empfängt in ihrem Boudoir,« sagte Onkel Camille zu Heinrich, als sie am nächsten Morgen sich auf den Weg zum Château Schlotterbach machten. »Die Fauteuils im Salon stecken meist in ihren Bezügen. Man arrangiert ihn nur für angemeldete Gäste.« Das erste, was Heinrich sah, als er bei Madame Schlotterbach eintrat, war mitten im Zimmer ein niederes, blau und orange garniertes Bett von gewaltigen Dimensionen, einen großen Stoffbaldachin über sich. Unwillkürlich stutzte er. Madame Schlotterbach selber, ein zierliches Persönchen, stand aufrecht am Kamin, beide Arme vorgestreckt. Sie war in ein Deshabillé von weißen Spitzen gekleidet, über und über mit gelben Rosetten garniert. Bourdon eilte auf sie zu wie auf einen Vorgesetzten. Sie hielt ihm erst die eine, dann die andere Wange hin, die er küßte. »Bonjour, papa, vous allez bien?« Bourdon stellte sich in dritte Position: »Erlaube, daß ich dir deinen deutschen cousin präsentiere, Monsieur Hümmelle aus Jena.« »Ah, entzückt, Sie zu sehen!« Sie reichte ihm die Fingerspitzen. Das vorn verschnittene glatte Stirnhaar lag wie eine Pelzkappe über den schwarz umränderten Augen. Der Puder gab ihren unregelmäßigen Zügen etwas Maskenhaftes, das den jungen Deutschen erschreckte. Man sprach Französisch. Die Dame fragte Hummel, wie ihm die Stadt gefalle, woher er komme, wohin er reise? Heinrich ertappte sich darauf, daß er versuchte, seine Antworten möglichst geistvoll zu gestalten, und amüsierte sich zugleich über seine Originalsucht, die von der ruhigen Banalität dieser französierenden Elsässerin unvorteilhaft abstach. Trotz guten Willens fühlte er sich hier unbehaglich. Die ganze Art dieses Zimmers, das aufdringlich auf Frau gestimmt war, befremdete ihn. Da standen auf dem Klavier große Sèvresgruppen verliebter Schäfer und Schäferinnen, eine große Vase mit künstlichen Blumen, die man vor die Feuerstelle des Kamins gesetzt hatte, zeigte als Malerei Amouretten und schmachtende Damen, auf den Marmortischchen lagen Goldschnittbücher, der Toilettentisch, deutlich ins Zimmer hineingerückt, war bedeckt mit Kämmen, Bürsten, Döschen, Flakons, Spiegeln, Parfümflaschen, Puderbüchsen und Schminkkästchen. Neben der Chaiselongue eine große halbgefüllte Konfektschale auf Füßen, bunte Papierfächer auf der Kaminplatte. Die Fenster waren fest geschlossen, es roch nach Puder und Heliotrop. »Ich habe mich um dich geängstigt, ma chère !« sagte Bourdon. »Diese Umzüge und Drohungen!« Madame Schlotterbach nahm den Fächer in die Hand, sie lachte. »O, wir haben nichts gemerkt von alledem, wir sind ganz abgeschlossen von dieser schmutzigen Fabrik. Théophile ist übrigens noch in Nancy geblieben, alte Stickereien anzusehen. Ich erwarte ihn jede Viertelstunde zurück. Unser Salon soll erneuert werden,« sagte sie zu Hummel. »Er stammt zum Teil noch von meiner belle-mère und war unmöglich. Es ist nur schwer« – sie lachte kokett – »Monsieur ist blondin , und mein Teint fordert Gelb.« Heinrich begriff, daß er jetzt ihr etwas Schmeichelhaftes sagen müßte, aber einer verheirateten älteren Frau gegenüber ging ihm das zu sehr gegen Gewohnheit und Geschmack. Um einer Pause zu entgehen, blätterte er in den Noten, die zwischen Modejournalen auf dem Klavier lagen: französische Walzer und ein paar Opernarien. Auf einigen der Blätter stand eine Widmung mit schönem Namensschnörkel von Napoléon Cerf. »Sie treiben nicht deutsche Musik? Mozart? Beethoven?« »Beethoven? Ah non, c'est trop triste .« Der Pharmacien untersuchte indessen die Büchsen und Gläser auf dem Toilettentisch. Er nahm aus einer silbernen Hülle einen Stift und strich ihn sich prüfend über die Hand: »Ah, tiens , von diesem rouge bewahrt Tuteur Frères in Paris das Geheimnis.« In diesem Augenblick trat, parfümiert, mit englischem Seitenbart, ein wenig geckenhaft, der Hausherr ein. Ein Duft von starken Zigarren ging von ihm aus. Er trug ein Monokel, und die Hand, mit der er seine dünnen blonden Haare strich, glänzte von Brillanten. Seine Begrüßung war formell. »Sie befinden sich gleichfalls am Hofe von Jena, wie Ihr armer Papa?« fragte er den Besuch. Und da ihn Hummel verblüfft ansah, fügte er hinzu: »Ich las es damals in der Todesanzeige, die man meinem Schwiegervater schickte.« Hummel erklärte ihm, daß sein verstorbener Vater allerdings den Titel Hofrat besessen, daß aber ein Fürst von Jena nie existiert habe. »Ah, also nie existiert? Das ist außerordentlich interessant! außerordentlich interessant!« wiederholte er ein paarmal. Madame setzte sich graziöser auf dem kleinen Sofa zurecht. Sie empfand sich zwischen den drei Herren in ihrem Boudoir wie eine Herrscherin. Man begann nun regelrecht Konversation zu machen, plauderte mit Lebhaftigkeit über die Verschiedenheit von Paris und Provinz, über den französischen Hof, über die neuen Ausbrüche des Vesuv, über die Pazifizierung Algeriens und weiter über Dinge, die keiner von ihnen genau kannte, und die keinen von ihnen interessierten. »Sie lieben Musset?« fragte endlich Madame Schlotterbach. Sie nahm ein goldgeschnittenes Büchlein vom Ziertisch. »Er berauscht mich. O diese köstlichen einsamen Abende am Kamin! Mein Mann spielt Billard bei Monsieur de la Quine, ich sitze mit meinem Buch hier in der Ecke und lese. Gut ist's da! Ah qu'il fait bon dans mon coin, j'en ai le frisson !« Sie schauderte graziös. »Ach, wirklich?« sagte Hummel. Er hatte entdeckt, daß ihr goldenes Medaillon, zwischen dem viereckigen Halsausschnitt hin und her gleitend, auf dem gepuderten Busen einen breiten, schwarzen Strich beschrieb. Das zerstreute ihn. »Frankreich liebt nur eine Poesie,« sagte Théophile Schlotterbach unvermittelt, »die poésie parisienne .« »Und Elsaß?« fragte Hummel. »Aber das ist die gleiche Sache, mais c'est la même chose !« »Soviel ich gelesen habe,« erwiderte der junge Doktor mit Gründlichkeit, »existiert doch auch eine speziell elsässische Poesie? So etwa wie es eine elsässische Malerei gibt: Vautier zum Beispiel.« »Monsieur hat recht,« sagte Schlotterbach höflich. »Es gibt eine elsässische Poesie, aber das ist schon lange her, sehr lange.« »Gottfried von Straßburg?« fragte Hummel. » Mais certainement .« Madame Schlotterbach gähnte verstohlen. Jetzt wurde Bourdon lebendig: »Aber Sie vergessen, Monsieur Théophile: unser ›Hans im Schnokeloch‹.« Er lachte über das ganze Gesicht. Behaglich stellte er sich auf seine beiden Beine und deklamierte: »D'r Hans im Schnokeloch hett alles, was er will, und was er will, das hett et net, un was er hett, das will er net, d'r Hans im Schnokeloch hett alles, was er will.« Madame Schlotterbach fächelte sich stärker: »O, Papa!« Auch Schlotterbach zuckte die Achseln: »Sie sehen, Monsieur, das nennt sich hier Poesie.« Aber Bourdon war diesmal nicht einzuschüchtern: »Das Gedicht ist ganz gut! Und außerdem – man sagt ja, der Hans im Schnokeloch wäre der Elsässer, wie er leibt und lebt. Das muß einen Ausländer doch interessieren, nicht wahr, mein Neffe?« Auch Heinrich beharrte: »Nun wohl, die elsässische Poesie könnte inmitten der ermüdeten » poésie parisienne « eine Enklave naiver Frische bilden.« »Ohne Zweifel,« sagte Madame höflich. Hummel wurde warm. »Und sehen Sie, das wäre sogar eine Mission für das Elsaß. Es könnte eine Einzelpoesie schaffen, wo es jetzt nur Mitläufer ist. Eine Einzelpoesie, wie wir Deutschen sie pflegen. Denn das ist vielleicht der Vorzug unserer sonst so beklagenswerten deutschen Kleinstaaterei: Eine Anzahl Nebenflüsse ergießen sich unaufhörlich in den großen Hauptstrom deutscher Poesie und führen ihm frische Nahrung zu.« »Monsieur Hümmelle hat ganz recht, parfaitement ,« sagte Madame Schlotterbach wieder. »Aber nun müssen Sie mir von Deutschland erzählen, es muß charmant sein, ganz und gar pittoresk! Ich weiß leider so wenig davon. Meine Tochter dagegen –« Sie warf auf den hübschen jungen Deutschen einen prüfenden Blick. Ihr fiel ein, ob es nicht ganz gut wäre, ihre Virginie bliebe nicht länger im Kloster, sondern verheiratete sich? Der junge Mann würde dann in die Fabrik eintreten, man würde ihn französieren. Deutsche sollen ja so tüchtige und fleißige Leute sein. »Ich war schon einmal in der Schweiz mit meiner Tochter,« plauderte sie weiter, »in Lausanne. Die Schweiz – das ist ja beinahe Deutschland, nicht wahr?« Er würde ihr gefallen, dachte sie, für einen Franzosen paßt sie nicht, sie hat den bäuerlichen Geschmack ihres Großvaters. »Zu denken, daß man schon eine erwachsene Tochter hat!« begann sie wieder. Sie seufzte ausdrucksvoll. Théophile Schlotterbach wartete eine Weile auf das Kompliment, das Hummel seiner Frau sagen würde, da es aber nicht kam, äußerte er selbst: »Man würde sie beide für Schwestern halten!« Er putzte dabei aufmerksam sein Monokel mit einem hochroten Foulard. » Vrai ? O ja, man ist noch keine alte Frau. Glücklicherweise.« Jetzt endlich schwang sich Hummel zu einer kleinen Höflichkeit auf, die mit erfreutem Lächeln erwidert wurde. Und nun kam die Dame in ihr Fahrwasser. »Ich habe mich früh verheiratet, Sie wissen. Meine Tochter hat nur siebzehn Jahre weniger als ich. Madame de la Quine freilich behauptet, es seien zwanzig. Sie könnte es gut genug wissen. Denn sie hat im gleichen Frühjahr wie ich ihre Kommunion gemacht, und Mama hat ihr ein Kleid von ihren eigenen dafür gegeben. Ihre Mutter wusch für uns. Das hat sie vergessen. Mais enfin , man darf sie nicht ernst nehmen. Sie liebt es, cette chère dame , sich auf Kosten anderer zu amüsieren. Man muß auf seiner Hut sein.« Das war wie eine Warnung. »Aber wo ist Victor Hugo?« fragte Schlotterbach. »Ich habe ihn noch nicht umarmt.« Schon ein paarmal hatte ein schlankes, anmutiges Gesicht durch den Türspalt gelugt, von Madame Schlotterbach mit einer Handbewegung immer wieder weggescheucht. Jetzt kam der ganze kleine Mensch zum Vorschein: Victor Hugo, der jüngste Schlotterbach, etwa vierzehnjährig, in Kniestrümpfen und Schottenanzug, das helle Haar pagenartig verschnitten. Bourdon und Schlotterbach strahlten. »Ah, da ist er ja!« »Hast du deine thèmes beendet?« »Arbeitest du auch nicht zu viel bei dieser Hitze?« Madame Schlotterbach küßte ihn. »Und die Bonbons, die ich dir hineingebracht habe, waren sie gut?« »Vorzüglich! Ich habe sie alle aufgegessen.« Der Knabe sah unverwandt auf Hummel, der ihm gefiel. » Bonjour, monsieur le géant ,« sagte er keck. »Guten Tag, Herr Riese!« Sein Vater hielt es vor dem Fremden für anstandig, ihn zurechtzuweisen: » Eh, dites donc, jeune homme , so spricht man nicht.« Madame Schlotterbach zog ihn wieder an sich und küßte ihm ausführlich das ganze Gesicht. »Er ist ein gutes Kind, ein kleiner Gelehrter, ich versichere Sie. Er studiert im lycée in Kolmar. Und er ist schon ein Held, nicht wahr?« Sie küßte ihn von neuem. »Denken Sie, als gestern sein Großvater Schlotterbach ihm einredete, es könne einen Krieg mit Preußen geben, ist er in den fumoir eingedrungen und hat aus der Waffensammlung seines Vaters einen Degen ergriffen. Er wollte uns verteidigen.« Heinrich Hummel lachte. Er legte dem hübschen Jungen brüderlich die Hand auf die Schulter. »Gut, daß es mit dem Krieg gegen Preußen nichts ist, da hätte dieser blutdürstige junge Herr vielleicht seine Waffe gegen mich richten müssen.« »O nein« – er sah ihn verliebt an – »nie würde ich das! Aber ist denn der Herr Riese Offizier?« »Bei uns sind alle gesunden Männer Soldat.« »Allgemeine Wehrpflicht,« sagte Schlotterbach. »O ja, ich weiß.« »Ich will auch Soldat sein!« Madame Schlotterbach wehrte ab: »Aber man könnte dich totschießen, mein armes Kind!« Victor Hugo ließ ruhig maman und grand-papa an sich herumhantieren. Madame Schlotterbach seufzte. »O ja, die Kinder! Man hat sie niemals für sich selbst, seine Söhne. Nur die paar Jahre, wenn sie vom Lande von der Amme zurückkommen. Aber da schon teilt man sich in ihren Besitz mit der Bonne. Dann gleich nimmt das lycée sie uns fort, danach les filles und dann der Beruf. Zuletzt die Heirat.« Und sie seufzte wieder. Heinrich sah mit Verwunderung, wie das Gezierte von ihr abfiel wie eine Maske und ein ganz echtes, warmes Gefühl ihr in die Augen stieg, daß sie aussahen, wie richtige besorgte Mutteraugen. Die Frau wurde ihm fast lieb in diesem Augenblick. Bourdon und Théophile hatten inzwischen vom Streik gesprochen. Bourdon war noch immer tieferbost über das Gebaren des alten Schlotterbach ihm gegenüber. »Und mit Krieg zu drohen!« schrie er. »Ist das nicht sündhaft?! Ja ja« – und er puffte seine Arme einem unsichtbaren Gegner in den Bauch. »Der Krieg wird kommen und ihn strafen. Nie waren wir einem Krieg so nah wie heute, das sage ich, der Pharmacien vom ›Bourdon d'or‹«. »Und warum?« fragte der elegante Théophile sanft. »Weil, weil – – – man soll den Teufel nicht an die Wand malen, sonst kommt er.« – – Als Onkel und Neffe auf dem Heimweg zum Rathausplatz einbogen, fanden sie ihn voll Lärm und Gelächter. Vor der Kaserne stand ein Trupp Lustiger, darunter Kinder und Frauen, sie empfingen mit Händen und Schürzen, was die Soldaten aus den Fenstern warfen, als unnütz bei dem bevorstehenden Wegzug. Wer über den Platz ging, trat hinzu und beteiligte sich. Ein Trupp Dienstmädchen stand kichernd und schluchzend beiseite. Der alte Groff kauerte am Boden und wühlte unter einem Haufen bunter Papierherrlichkeit, Maskenflitter, Überbleibsel des vorigen Faschings. Er behängte sich mit Papierorden, Knallbonbonmützen und Schärpen, daß es raschelte. Zuletzt fand er noch eine scheußliche Witzmaske mit roter Nase und dickem Schnurrbart, die befestigte er am Hinterkopf und scheuchte damit die Kinder. Es sah burlesk aus im heißen Sonnenschein.   Es war eine kleine lustige Karawane, die das Balde-Haus am Nachmittag nach der Sulzer »Kilbe« entsendete, voran der Doktorwagsn, vom Maire selbst gelenkt, im Fond Frau Balde mit ihrem heute morgen hier eingetroffenen Bruder. Pfarrer Eusèbe Blanc war ein schmaler, intelligent aussehender Mensch mit dunklem gelocktem Haar und einer liebenswürdigen Stimme, der man gut sein mußte. Er zeigte dieselbe Ruhe und vornehm wirkende Gelassenheit wie Frau Balde. Sehr wohl schien er sich zu fühlen da im Kütschchen neben der Schwester, die er liebte. Seine Ehe daheim mit einer geborenen Straßburgerin, hausbacken und dabei vergnügungssüchtig, machte ihm dies Beisammensein mit der Frau seines eigenen Blutes zum Ausruhen zugleich und zur Belebung. Wie sie jetzt über die Thurbrücke fuhren, wandte er sich, nach den jungen Leuten zurückzuschauen, die im langen Bankwagen der »Krone« unter Dugirards und Hortenses Schutz folgten. Die Blumenhüte der Damen, das helle Geplauder, das herüberklang, das Lachen und Sichzueinanderneigen dort freute ihn. »Nichts Gesunderes als der Anblick von Schönheit und Fröhlichkeit,« sagte er ein paarmal. Seine schmale, feste Hand suchte die feste, schmale der Schwester. »Net so karessiere, sunsch bin i jaloux !« sagte Balde. Er sprach Elsässisch, um neckend sich abseits zu stellen von den beiden Franzosen, als seien sie gegen ihn verbündet. Im großen Wagen saßen auf der einen Seite die Damen: Hortense, Françoise und Lucile, auf der anderen Dugirard, Hummel und der junge Schlottelbach. Heinrich war froh, mitfahren zu dürfen. Er hatte gefürchtet, seine Verwandten würden ihn mit Beschlag belegen. Aber der Onkel hatte einen leichten Gichtanfall bekommen, und die Tante pflegte ihn. So waren sie gezwungen, ihren Gast der feindlichen Partei abzutreten. Ihm gegenüber die Schwestern hatten helle Kleider an, ihre Hütchen lagen ihnen wie Studentenkäppi über der Stirn. Lucile trug einen Matrosenhut mit Bändern, über dem Haar ein dichtes blaues Chenillenetz gegen den Staub. Victor Hugo hatte wieder sein romantisches Schottenkostüm an. Man lachte über nichts und alles. Wie goldene Leuchtbälle flog es durch die Luft, Scherzreden und Gelächter. Nur der arme Dugirard war nachdenklich, die Drohungen und Warnungen der alten Louisen bohrten in ihm. Er fühlte sich unbehaglich in dem unkleidsamen Amte eines Wächters. Hortense dagegen war wie im Rausch. Diese Fahrt mit ihren Erinnerungen an so viele schöne Vergangenheit machte sie glücklich. Lucile amüsierte sich köstlich. Mit einer gewissen Ranküne sah sie auf Françoise, der niemand huldigte, während sie selbst sich unter den Blicken des jungen hübschen Deutschen wußte und mit Victor Hugo plauderte, der, von seinen Eltern verständigt, der künftigen kleinen Frau nach Kräften den Hof machte. Sein Herz gehörte Françoise, aber das hinderte ihn durchaus nicht, der Kleinen seine schönsten Augen zu machen und sich zu überlegen, daß Paris doch einen ganz besonderen Schick verleihe, der den hiesigen Damen fehle. Dazwischen blickte er ein wenig erstaunt auf seinen Abgott, der so hübsch aussah und so tat wie ein Eisblock. Eben wieder sah er mit seinen blauen, klaren Augen so merkwürdig zwischen Lucile und Françoise hindurch in den Himmel hinein, als säßen anstatt zweier hübscher junger Mädchen ein paar Säcke voll Mehl vor ihm, und er habe Angst, sich vollzustäuben, wenn er ihnen zu nahe käme. Er schien gar nicht daran zu denken, daß es unartig sei, schönen Frauen gegenüberzusitzen und zu schweigen. Nein, in der Tat, Hummel dachte nicht daran. Er war eben, während er mit Dugirard Jagd- und Angelgeschichten tauschte, damit beschäftigt, Françoises und Luciles Profile zu vergleichen und zu finden, daß es nichts Verschiedeneres gäbe und daß natürlich das französische Gamin-Gesichtchen der Kleinen das interessantere sei. Françoise, die – ja, die sah eben wie ein liebes deutsches Mädchen aus. Nichts Auffälliges. Aber, er war gewissenhaft, um diese Tatsache zu konstatieren, mußte er fortwährend auf sie hinsehen. Dabei litt er unter dem Gefühl seiner deutschen Schwerfälligkeit, das er heute nicht los wurde, und das ihn in seinen eigenen Augen herabsetzte. Er ahnte nicht, wie hübsch er allen erschien in seiner kernigen blonden Frische und seiner Ruhe, sicher zwischen den Beweglicheren. Inzwischen erzählte Dugirard vergnüglich weiter von einem großen, schweren Fisch, der ihm an der Angel hing, die Schnur, hatte sich im Baum verwickelt, und er mußte hinaufklettern, um sie loszumachen. Er gab sich selbst zum besten, indem er auf sein rundes Lebemannsbäuchlein wies. Man war jetzt an den kleinen Kirchhof gelangt, auf dem die aus der Maison Centrale Heraussterbenden begraben wurden. Er war ganz rot von Mohn und leuchtete fast unerträglich in der Sonne. Hortense erkundigte sich, ob da noch immer das »Heidengrab« geschmückt werde. Sie erklärte Hummel die Bewandtnis. Unter den Begrabenen befand sich ein Mohammedaner, sein Hügel war mit einem turbanartigen Stein besteckt. Jede Woche legte dort eine unbekannte Hand eine Rose nieder. » C'est beauça !« sagte sie. »Daß ich das alles wiedersehe! Ich fürchtete schon zu sterben zuvor!« Sie weinte beinahe. Dugirard versuchte ihre Erregung, die er als nicht » convenable « empfand, abzudämpfen. »Welches schöne Feuer! Welche Passion! Ich bewundere Sie, Madame! C'est du ›Gemüt‹ – vraiment ,« und flüsternd, damit Lucile es nicht höre, sagte er ihr ins Ohr: »Wahrhaftig, er ist nicht zu beklagen, mein Sohn Armand!« Hortenses Gesicht veränderte sich, es nahm den konventionellen Ausdruck an, den Hummel zuerst an ihr gesehen hatte. »Wollen wir nicht das Grab besehen?« schlug Victor Hugo vor, der sich Heinrich dienstbar zu erzeigen wünschte. Heinrich tat ihm den Gefallen, sich von ihm führen zu lassen. Der Wagen sollte langsam vorausfahren, sie würden schon nachkommen. Der Knabe steckte mit einer kleinen, kosenden Bewegung seinen Arm in den des großen Gefährten und sah ihn mit glänzenden Augen an. Sie traten an das Grab. Die Rose war da. Lauter Kreuze ohne Inschrift. »Ein Kirchhof der Namenlosen!« sagte Hummel. Victor Hugo war sich nicht ganz klar, ob das ein Lob oder einen Tadel zu bedeuten habe. »Es muß schrecklich sein, nicht wahr, keinen Namen zu haben?« – er sah ihm nach den Augen. »Aber ich, monsieur le géant , ich werde einmal einen Namen haben, o ja! Ich bin nur ein Kind, aber ich habe Mut! O, ich habe Mut! Und ich liebe Frankreich!« Er machte sich los, blieb stehen und deklamierte mit großem Pathos den Vers seines berühmten Taufpaten: »Gloire à notre France éternelle, gloire à ceux qui sont morts pour elle, aux martyrs, aux vaillatns, aux forts! à ceux qu'enflamme leur exemple, qui veulent place dans le temple et qui mourront, comme ils sont mort!« Er streckte den rechten Arm aus und hielt die linke Hand an der Brust. Sein Gesicht hatte einen drollig-theatralischen Ausdruck, der durch das schottische Kostüm noch verstärkt wurde. Heinrich lachte laut auf. Der junge Mensch blickte ihn betroffen an, dann stürzte er sich in Hummels Arme, umhalste ihn und bot ihm seine Wange. Heinrich war gerührt. Er nahm das blutjunge Gesicht mit den Feueraugen zwischen seine großen Hände und betrachtete es väterlich. Die Mütze war dem blonden Jungen vom Kopf gefallen, und sein ehrlicher, borstiger Schopf stand ihm wie eine Flamme über der Stirn. Er sah auf einmal seinem Urgroßvater, dem »tollen Hummel«, ähnlich. Der Kleine wurde jetzt natürlicher. Auf Hummels Frage, ob er lieber Deutsch oder Französisch spreche, erzählte er, in seinem Lyzeum in Kolmar seien Strafen angesetzt für das Deutschsprechen auf der Straße. Da mache es natürlich erst recht Spaß. In Thurwiller aber, wo man bis vor ein paar Jahren in der Schule nur Deutsch unterrichtet hatte, hier wäre es feiner, Französisch zu reden. »Na, mit mir sprich du nur Deutsch, kleiner Vetter!« sagte Hummel, worauf Victor Hugo sich nur fester an ihn drückte. Im Muttergotteswäldle stiegen sie wieder ein. Es ging jetzt durch Wiesen, auf denen hohe Sternblumen blühten. Dugirard plauderte vergnüglich. »Ich liebe das Landleben,« sagte er, »und später – seien Sie sicher – wenn man einmal eine hübsche Rente beiseite gelegt hat, dann kaufe ich mir hier im Elsaß für Madame Dugirard und mich ein kleines weißes Häuschen, nahe am Wasser, dort angle ich und pflege meine Rosen.« Lucile sah ihn mit großen Engelsaugen an. »Und ich, Papa, wo bleibe ich?« »O, bis dahin« – Dugirard räusperte sich – »habe nur keine Furcht, Kleine! Man wird dann schon für dich gesorgt haben.« »O nein, Papa, ich habe keine Furcht! Ich werde stets zufrieden sein mit dem Manne, den meine Eltern mir aussuchen werden!« Es war, als wenn ein Greuze Stimme bekommen hätte, so glashell-deutlich naiv klang es. Wie ich sie liebe, dachte Hummel. Dabei fiel ihm ein, daß seine Thüringer Tannenwälder eigentlich wohl schöner seien als diese weichen, bläulich schimmernden Gehölze, und daß Lucile niemals in Tannenwälder hineinpassen würde; dazu müßte sie größer sein und blonder, herber und kräftiger. Unwillkürlich blickte er auf Fräulein Balde. Man fuhr jetzt auf der Ungersheimer Straße. Verlockend standen zu beiden Seiten die Kirschbäume, zwischen deren kohlgrünem Laub die kleinen roten Früchte glänzten. »Die Liqueurflacons des Elsaß,« sagte Dugirard. Und auf einmal standen die Vogesen da, blausilbrig, kapriziös geschwungen, so wie Heinrich sie bei seiner Ankunft in Thurwiller gesehen hatte. Vorgestern erst? Ihm war, als seien Jahre vergangen. Man fuhr weiter, immer zur Rechten die Thurwiesen, zur Linken Felder. Der Staub wurde lästig. Balde fuhr rascher, die Entfernung zwischen beiden Wagen zu vergrößern. Auf der breiten Straße schleiften die langverzerrten Schatten von Pferden, Wagen und Insassen entlang, griffen mit komisch dünnen Armen gierig zueinander, berührten sich mit langen, langen Nasen, krümmten sich leidenschaftlich, dehnten sich und wuchsen ins Leere. Victor Hugo machte darauf aufmerksam, er hob sich, drehte sich ins Profil, streckte ein Bein empor und arrangierte so immer burleskere Silhouetten. Er wäre beinahe aus dem Wagen gefallen. Alle lachten. Françoise, die seitwärts blickte, hielt sich still. Sie schämte sich. Ihr war auf einmal, als verhöhnten diese burlesken Zerrbilder da unten sie alle. Durch eine schlaflos verbrachte Nacht voll innerlicher Entscheidungen feinfühlig gemacht, spürte sie fast körperlich das Sehnen und Bangen, das sich zwischen ihnen da im Wagen kreuzte. Wie Fangbänder war es, die man einander zuwürfe. Sie selbst mitten drinnen eingefangen, eng, schmerzhaft. Da war der kokette Victor Hugo, der abwechselnd ihr, Lucile und Heinrich Hummel Liebesblicke zuwarf, Lucile und Dugirard, die wieder nach ihm hinangelten, Hummel sah nach Lucile, und Françoise selber – Schamröte stieg ihr ins Gesicht. Gleich darauf hatte sie Lust zu lachen. Ihr gesunder Sinn spürte das Komische dieses Durcheinanders. Aber dann seufzte sie wieder, weil sie sich machtlos fühlte gegen sich selbst. Denn alles war seit heute nacht bereits entschieden in ihr und Schicksal. Nur ob es Leiden werden sollte oder Glück das wußte sie noch nicht! In dieser Stunde jedenfalls war es Leiden! Mit Neid sah sie auf Lucile. Wie machte sie's, daß er sie lieben mußte? Aber dann richtete sie sich kräftig auf. Immerhin! Ohne Kampf würde sie sich nicht beiseite drängen lassen! Sie ward auf einmal im Bewußtsein einer großen Kraft ganz übermütig, holte die alte Guitarre, die sie mitgenommen hatten, unter der Bank hervor und begann, im Fahren etwas trillerig, mit kleiner, weicher Stimme zu singen, was ihr gerade einfiel. Die Geschichte vom Compère Guilleri bei der Rebhuhnjagd, der auf den Baum klettert, um seine Hunde besser laufen zu sehen, ein Bein bricht und von den Damen des Hospizes gesund gepflegt wird. Alle sangen mit: »Carabi toto carabé, marchand d'carabas, Compère Guilleri, te lairas-tu mourir?« Sie war ganz ausgelassen. Alle sahen nach ihr, weil sie so schön wurde. Man beschloß jetzt, um dem Staube zu entgehen, den Umweg durchs Isenheimer Wäldle zu wählen. Wirklich fand man dort mehr Frische, Schatten, und unversengtes Grün, ein Bächlein kam mit und sah nach Kühlsein aus. Man fuhr durch das alte, steingraue Isenheim, am Kloster vorbei. An den hohen Mauern entlang stand ein Zug kleiner Pensionärinnen in schwarzen Schulschürzen, die von einer Nonne in Kutte und Flügelhaube reihenweise spazieren geführt wurden. Die rosigen Gesichtchen drehten sich neugierig nach den Fremden. Berthe de la Quine war unter ihnen. Hummel fragte nach der Klosterkirche. Er hatte in dem Reiseführer seines Vaters von einem Altar mit schönen alten Bildern gelesen. Man sagte ihm, die Altargemälde seien alle nach Kolmar verschleppt. Von wem sie gewesen, wußte keiner. Eine Kreuzigung war es und ähnliches. Alles so unangenehm natürlich! Hortense schauderte in der Erinnerung. Man näherte sich Sulz. Herr und Frau Balde verabschiedeten sich, der Doktor hatte hier draußen im Schloß bei der Baronin Meckelen einen Krankenbesuch zu machen. Seine Frau begleitete ihn. Blanc kam in den großen Wagen. Er setzte sich zum Kutscher. »Die Baronin ist eine Landsmännin von Ihnen,« sagte Hortense Dugirard zu Hummel, »eine geborene Freiin von Stein aus Nassau und immer noch ein wenig Madame Bismarck, obgleich sie im Herzen gute Französin geworden ist.« »Was verstehen Sie unter Madame Bismarck?« »O, die Art, wie sie sich kleidet.« Désirée kicherte lustig. »Ich habe sie gesehn, sie trägt die Haare aus dem Gesicht gerissen, hinten einen kleinen Knoten und dazu eine dicke falsche Flechte über dem Scheitel, die bereits eine andere Farbe hat als ihr eigenes Haar.« »Ihre Kleidet sind immer vornehm und tadellos geschneidert,« sagte Hortense, »aber sie trägt sie nach der vorletzten Mode und über die nachnächste hinaus. Immer die gleichen. Sie ist vornehm, aber weder elegant noch chic.« In diesem Augenblick erhob sich plötzlich Dugirard im Wagen und zog den Hut. Oben im Rebgelände wanderten zwei Herren auf sie zu. Ein katholischer Pfarrer mit flatternder Soutane, breitschreitend wie eine behagliche Frau, der andere, trotz der Hitze gleichfalls schwarz gekleidet, mit hohem, steifem Hut. »Unser Curé mit Monsieur Cerf,« sagte Françoise erklärend, und Dugirard fügte hinzu: »Der Bruder der schönen Demoiselle Célestine.« Pfarrer Blanc drehte sich um zu den anderen. Er lachte. »Aha, die Herren gehen auf Wählerfang.« Nun waren die beiden ganz nahe. Sie grüßten zum zweitenmal beflissen in den Wagen hinein, mit um so auffallenderer Nachlässigkeit zu Blancs Kutschersitz hinauf. Auch Hummel erhielt nur einen scharfen Seitenblick. Er hörte das Wort »Prussien« mit einem ungut klingenden Beiwort. »Das gilt mir, dem Franzosen, ebenso wie Ihnen,« sagte Blanc zu ihm. »Alle Nicht-Katholiken sind diesen Leuten Prussiens.« Dabei machte er den beiden ein Bubengesicht hinterher, was bei seinem sonstigen Ernste komisch wirkte. »Man glaubt ja im Elsaß,« sagte er dann, »Preußen liegt hinter Rußland und ist von Kosaken bevölkert, die zum Frühstück kleine Kinder fressen.« Françoise nickte. »So dachte ich auch einmal, aber dann hat mir Père Anselme – – « Sie wurde grundlos rot. »Ich liebe ihn nicht sehr, diesen Herrn Napoléon Cerf,« sagte Blanc wieder. »Solange er beim alten Füeßli in Mülhausen Sekretär war – der gute Martin Balde hatte ihn dorthin empfohlen – solange gebärdete er sich als Freund der Republik und Freigeist. Und jetzt zieht er mit dem Klerus auf Menschenjagd für seinen Namensbruder auf dem Thron. Das ist nicht schön.« Dugirard machte sein würdiges Gesicht: »Es gibt Bekehrungen.« »Die gibt es vielleicht, obwohl« – Er hatte nicht Zeit, seine Meinung weiter zu erklären, denn ein paar lange Bauernbuben, die dem Wagen nachrannten, belustigten sich damit, über die Köpfe der Sitzenden hinweg die Pferde mit Steinen zu werfen. Der »Kronen«-Kutscher drohte mit der Peitsche und jagte sie endlich davon. »D'Buwe vom fermier Justin dort owe« – er wies mit der Peitsche nach dem Schindeldach, das zwischen den Bäumen hindurchschimmerte. »D'r Justin, jo, seller isch scho a rachter Mann, un er gilt ebbes in d'r G'mein. Awer's Georgette, sine Frau, sell het d'r leibhaftig Satan in d'r Ripp. Un d'Junge gliche d'r Alt' ufs Tipfele!«   Jetzt kam man an den Marktplatz. Schon von weitem sah er aus wie mit Dampf überzogen, der Staub stieg hoch in die Sonne, bis in die Allee hinein roch es nach bratendem, gezuckertem Fett, nach Tabak, Wein und »Kirsch«, man hörte Karusselmusik, zwei verschiedene Melodien auf einmal, Kindertrompeten und das Schreien der Verkäufer, die sich in witzigen Anlockungen überboten, und dem regelmäßig donnernde Lachsalven folgten. Ein brausendes Übereinander war es von Musik, Tiergebrüll und Menschengeräuschen. An einem der alten Gasthöfe mit rundem Tor, die den Marktplatz einfaßten, stieg man aus, ließ Wagen und Kutscher dort und schob sich nun erwartungsvoll ins Gewühl hinein, allen voran, bewußt heldisch, Victor Hugo als Sturmbock, dann folgte Hortense mit Blanc und Dugirard, zuletzt Hummel mit den beiden jungen Mädchen. Vor der schönen alten Kirche und um den Moritzbrunnen herum war das Gedränge am stärksten. Landleute, Arbeiter und Soldaten mit ihren Frauen, Mädchen, Kindern, dazu die Mädchen aus der Seidenfabrik, auf hohen Absätzen recht zierlich einherstelzend, mit echten und unechten dicken Haarzöpfen und Chignons, sehr parfümiert und sehr geschwätzig; alle mit grellen künstlichen Blumen in den Händen. Prächtig glänzten die goldigen Römerhelme der Pompiers in der Sonne. Kopf an Kopf wogte es in der von Buben gebildeten Straße. Da gab es Zuckerzeug für die Kinder, »Bäredreck« und rote, gelbe und grüne gummiartige Schlangen, die gefährlich giftig aussahen, Hampelmänner und Lärminstrumente. Kleine lebendige Katzen lagen schnurrend zwischen dem Backwerk. Jedes Kind tutete, knarrte und trommelte aus Leibeskräften. Hummel wurde an die Jahrmärkte in seiner Heimat erinnert. Er war fast gerührt, als er in einem Spielwarenstand die Arche Noah entdeckte mit genau denselben bunt bemalten Holzfiguren, wie sie ihn als Kind entzückt hatten: Herr und Frau Japhet und Herr und Frau Sem. Ganz wie damals dort kauften die Burschen ihren Mädchen Pfefferkuchenherzen und bunte Halstücher, und die Buben opferten ihren Marktgroschen für das Vergnügen, zwei Minuten auf dem Busen der Riesendame sitzen zu dürfen. Auch das prophetische Glasteufelchen in der Flasche fehlte nicht: »Samiel, steige hinauf, steige hinunter,« das die Photographie des künftigen Schatzes hervorzauberte. Die Baldeschen Damen ließen es sich nicht nehmen, es zu befragen. Hortense erhielt ein Kärtchen, auf dem ein Landmann abgebildet war – sie bezog das auf ihren künftigen Sohn und freute sich daran –, Lucile einen Kaufmann hinter dem Ladentisch, Françoise einen Soldaten. Man scherzte harmlos über die Drei, nahm sie zum Anlaß für ein Lachen, das jedem noch ungenützt in der Kehle saß und herauswollte. Auf den Tanzdielen, die mit Tannengirlanden und roten Fähnchen geziert waren, ging es schon lustig zu. Stampfen und Johlen, die Karussels klingelten und lärmten, ein paar Leierkästen machten sich den Platz streitig. Und da waren auch die Tafeln mit den Moritaten. Sogar das Lied dazu war Heinrich bekannt. Es schien ihm, als sei die heisre dicke Frau mit dem Kiepenhute, die es sang, noch genau dieselbe, der er damals andächtig zugehört hatte. Der lange Stock, mit dem sie bei jeder neuen Strophe auf die Liedertafel schlug, war bestimmt der gleiche. Das Lied hieß: »Dieser war ein wunderbarer Knabe von verwickelteerer Gestalt, dabei wahahar er schon nicht, sondern au oontr=äer. Seine Haut war braun, die Haare hatten Borstenähnlichkeiet, seine Augen taten fu–uhunkeln, Mund und Na–ase–e waren breiet.« Man war jetzt vor eine Glücksbude geraten. Lucile und Françoise erwürfelten sich einige Bonbonpapilloten mit Versen. Auf dem einen stand: »O du min Schatzele üs Zuckerpapier, wenn i di sieh', so g'fallsch dü mir,« auf dem andern: »Un wenn din Herzele us Zucker wär', so tät i dra' schlecke, bis nit meh' dra' wär.« Lucile wollte sich die Verse von dem jungen Schlotterbach übersetzen lassen, als der nicht damit zustande kam, versuchte, sich Françoise, wurde aber dabei plötzlich so brennendrot, daß es aussah, als ob sie in ein Feuer hineinblicke. Hortense trat zu ihr, nahm sie unter den Arm und ging mit ihr weiter. Victor Hugo blickte ihnen mit offenem Munde nach, er sah nicht sehr klug aus. Und auf einmal fühlte er sich sterbensunglücklich. Er hatte bemerkt, daß Françoise seinen deutschen blonden Riesen liebte. Nicht etwa der die junge Lucile, wie Victor Hugo erst geglaubt hatte. Da hinein hätte er sich gefunden, obgleich er wußte, daß Lucile ihm selber zur Frau bestimmt war. Doch dazu war ja immer noch Zeit. Françoise aber, in die er so heftig verliebt war – – Er warf mit einer erhabenen Handbewegung den Zuckerwecken, den Hortense ihm vorhin gekauft hatte, in den Staub. Nie wieder würde er essen können! Vor einem Schießbüdchen blieb er stehen. Er spähte nach Waffen zum Selbstmord. Auch die andern hielten dort an. Hortense und Françoise versuchten sich eifrig im Schießen. Françoise, die erst von ihrem Gewehr einen empfindlichen Backenschlag erhielt, kam ganz in Ehrgeiz, sie ruhte nicht, bis sie dreimal hintereinander getroffen hatte. Sie gewann ein »Spiegelchen« und wieder einen »Zukünftigen«, diesmal einen ältern Herrn mit einem Geldbeutel. Hummel, sorgfältig zielend, gewann jedesmal. Erst ein Pfefferkuchenherz mit der Aufschrift »Daß du süßer lüegsch!«, das er, an den verstummten Victor Hugo gab. Der stieß es leidenschaftlich weg, was zu seinem Kummer keinen Eindruck machte. Dann gewann Heinrich noch einen gelben Kamm. Den hielt er lange in der Hand. »Sie kämmt es mit goldenem Kamme«, ging ihm durch den Sinn. Er sah ein Bild vor sich: Françoise, wie sie abends ihr Haar, löste, daß es wie ein Sonnenmantel um sie floß. Dann aber schenkte er den Kamm an Lucile. Zuletzt gewann er noch einen Blechomnibus, auch der mit einer Inschrift: » Excusez, daß i's sage muß, wann's d'r au net sollt' g'falle: Din Herz ischt wie – an Omnibus, es steht halt druf: für alle.« Den Vers las er nicht vor. Man ging jetzt wieder in der alten Ordnung hintereinander, wegen des Gedrängs Arm in Arm. Als Heinrich in Françoises liebem Gesicht nach neuer Freude suchte, bemerkte er eine Art Erschrecken. Der Wendung ihres Kopfes folgend, blickte er sich um, sah aber nichts als ein Gefährt, das er als Blanche de la Quines Kabriolett erkannte. Jetzt erhob sich die junge Frau wie ganz überrascht im Wagen, sie winkte, man möge auf sie warten. Mit der kleinen Berthe an der Hand stieg sie eilig aus und war, mit einer Rücksichtslosigkeit vorwärtsdrängend, die ihrer eleganten Toilette nicht förderlich sein konnte, in ein paar Schritten bei der Balde-Gesellschaft. »Quelle chance!« sagte sie ganz atemlos. »Ich ahnte nicht, daß Sie hier seien, glaubte Sie ganz friedlich zu Haus in Thurwiller. Ich fürchtete schon, mich hier entsetzlich zu langweilen, aber petite Berthe ließ mir keine Ruhe, ich mußte mit ihr hierher. Nicht wahr, mon chat bleu, mon trésor !« Petite Berthe sah mit großen erstaunten Augen auf: der Blick ihrer Mutter ruhte hart auf ihr, trotz der lächelnden Lippen. Das Kind senkte den Kopf, das französisch vorgewölbte Mündchen zitterte leise. Françoise hatte sich von Hummels Arm gelöst, sie nahm die Kleine bei der Hand, beugte sich herab und küßte sie. Hummel nahm des Kindes anderes Händchen. Wie Vater und Mutter gehen wir, dachte er behaglich. Ihnen voran drängte die Gruppe Dugirard, Blanche, Hortense und Lucile durchs Gewühl. Victor Hugo hatte sich in seiner Verzweiflung zu Blanc gesellt, der still beobachtend umherblickte. Bunt genug war das Bild und wurde mit jedem Augenblick lebendiger. Immer mehr drängte die derbe, deutsche Fröhlichkeit die zierlicheren Allüren der vornehmeren Kilbegäste in Verteidigungszustand. Auch Blanche de la Quine zog ostentativ abwehrend ihr Kleid eng um sich zusammen. Überdies gewann sie dadurch Gelegenheit, ihre hellen, knappen Stiefelchen und die Spitzenvolants ihrer Balayeuse zu enthüllen. Sie wandte sich beständig zu Heinrich zurück, befragte sein Urteil und erklärte. Ihm war das fast lästig, er hätte lieber sich still treiben lassen, ohne selber in Aktion zu treten; der kleine warme Körper des Kindes schien eine Kette zu bilden, die ihn mit Françoise verband und ihm in all dem Lärm und Gedränge eins Heimat gab. Beinahe pflichtmäßig, weil er sich ja einbildete, das Französische hier bewundern zu sollen, freute er sich an Luciles kleinen, zierlichen Schritten, an ihrer schmalen Taille über dem weitabstehenden weißen Kleide und mehr noch an Madame Blanches selbstbewußter Erscheinung. Ihr preziöser Gang, die Bewegung ihrer Schultern, das unregelmäßige Flattern des schwarzen Suivez-moi =Bändchens, das sie am Halse trug, interessierte ihn. Jetzt hob die junge Frau beide Arme, ihren Hut, dem ein Arbeiterellbogen einen Stoß gegeben hatte, wieder zurechtzurücken. »Ist er grade?« fragte sie und stand einen Augenblick, halb zurückgewendet mit gehobenen Armen, vor Hummel still, so daß Nachdrängende sie wie einen Kreisel umherwirbelten und sie dicht an Heinrichs Brust gedrängt würde. Ihr Haar hatte einen heißen Duft, der ihm unangenehm war. Sie lächelte und strich ihren Schlepprock glatt, der, straff nach hinten gebunden, trotz der Tournüre ihren ebenmäßigen Wuchs recht deutlich erkennen ließ. Halb ihrer stummen Aufforderung folgend, halb selber neugierig sah er ihr in das reizende Gesicht mit der kleinen amüsanten Nase und dem ein wenig zu flachen Munde. Ihre Augen strahlten ihm blau und dunkelfeucht daraus entgegen. Er fühlte ein leichtes Frösteln mitten in der Hitze. »Bin ich hübsch in diesem Hütchen, Monsieur Hümmelle, gefall' ich Ihnen?« fragte sie auf deutsch. »Entzückend,« sagte er gewissenhaft. Sie lachte und wandte sich befriedigt um. Von diesem Augenblick an beachtete sie ihn anscheinend nicht weiter. Er aber, wie er ihr nachschritt, fühlte ein peinvolles Ziehen an seinem Herzen, eine Unruhe, die ihm die Farbe nahm. Blanche de la Quine verlangte zu tanzen; man trat zu dem großen gedielten Tanzplatz, wo es jetzt schon laut und heiß zum Ersticken war. Oben auf der Tribüne blies Pfiffer-Schang zwischen den Fiedlern die Backen auf. Es waren eben »Drei allein« angesagt, alle Paare gingen auf ihre Plätze zurück, nur ein hübscher Bursche in Hemdsärmeln und rotem Gilet tanzte ernst und würdevoll mit einer Bäuerin, alt und plump unter ihren vielen Röcken. Hortense und Françoise hatten sich seitwärts auf die über Tonnen gelegten schwanken Bretter gesetzt, während Lucile mit Berthe zusah. Victor Hugo verschmähte das Vergnügen. Madame de la Quine plauderte mit Dugirard, Hummel stand neben Victor und betrachtete die zwei, die sich da in der Mitte drehten, seine frohe Stimmung war verflogen, alles schien ihm verzerrt und unnatürlich. Als er sich zu Berthe hinunterbückte, um ihr einen Bonbon aufzuheben, fiel ihm der kleine Blechomnibus aus der Brusttasche. Er trat darauf, bis er zerstampft war. Er blickte nach Françoise. Die aber sah gerade vor sich hin. Der Tanzplatz wurde wieder freigegeben, Blanche forderte Hummel auf, mit ihr zu tanzen, während Lucile mit Berthe herumhopste. Die Quine tanzte schlecht. Das erbitterte Heinrich. Aber sie war unermüdlich. Als sie drei Runden getanzt hatten und an ihren Platz zurückkamen, waren die anderen verschwunden. Sie fanden sie auch draußen nicht. »Sie werden nach der ›Sulzer Nas'‹ hinaufgegangen sein,« sagte Blanche. »Mademoiselle Françoise ist ja solch eine Naturschwärmerin. Und es ist ja auch wirklich hier unten unerträglich.« Heinrich folgte ihr zögernd. Er hätte sich lieber allein auf die Suche begeben, aber er fürchtete, unhöflich und plump zu erscheinen, und die schöne Frau, wie sie da elastisch, die Schleppe über den Boden ziehend, das Sonnenschirmchen wie einen Schild gegen Neugierige über der Schulter haltend, durch die Straße ging, schien sie ihm der Inbegriff von französischer Grazie und Eleganz, von allem, was seiner eigenen alemannisch schweren Natur der Gegensatz war. Sie stiegen zwischen den Rebbreiten steil empor, schmale kleine Wege, kamen an niedern Tannen vorbei, der Thymian duftete, der Felsboden brannte, hier und da blühte schon die Heide. Manche ging ohne sich umzusehen, fortwährend schweigend, voran. Die Stille zwischen ihnen und ringsum gab ihrem Beieinandersein den Schein von etwas Bedeutungsvollem; Hummel bäumte ein paarmal den Kopf zurück, als gelte es, Zügel abzuwerfen. Plötzlich, an einer Steinsenkung zwischen hohem, abgeblühtem Ginster blieb die junge Frau stehen, wandte sich um und zeigte Heinrich ein Gesicht voll unbeherrschten Verlangens. Irgendein leiser, fragender Ton kam aus ihrem Munde. Sie sah ihn aus weitgeöffneten Augen starr an, sekundenlang. Unwillkürlich neigte er sich vor, ihre Gesichter berührten sich, und mit einem kleinen, hohen und zitternden Laut, der an den Liebesschrei eines Tieres erinnerte, fiel sie ihm wie eine Berauschte in die Arme. Sie küßten sich, Heinrich war wie betäubt. »Pauvre ami, comme vous m'aimez,« sagte Blanche ein paarmal zwischen ihren Liebkosungen mit süßer Stimme. Endlich machte sie sich los. »Soyons sage, mon ami!« Sie sah sich um, ging ein paar Schritte vorwärts und setzte sich dann, vorsichtig ihr Kleid hochhebend, auf einen bemoosten Felsvorsprung. Sie griff nach ihrer Pompadour und holte ein Puderbüchschen hervor. Aufmerksam drehte sie den Kopf vor dem kleinen Spiegel im Puderdöschen hin und her, während sie sich mit dem Bäuschchen über Stirn und Wangen fuhr, dann netzte sie den Zeigefinger und zog sorgfältig die Brauenbogen nach. Langsam begann, sie, die Handschuhe wieder über ihre Finger zu streifen. »Mon amour, mon trésor, mon bijou,« sagte sie dabei zu Heinrich hin, der hinter ihr stand. Der betrachtete beschämt, wie sie so ruhig und zufrieden dasaß und sich putzte. Ihm selbst schlug das Herz, und seine Brust keuchte. Da er nichts antwortete, blickte sie auf. Eine leichte Betroffenheit kam in ihre Augen. »Ich habe dich erschreckt? Sag', habe ich vielleicht nicht artig genug abgewartet, bis du kamst?« Heinrich beugte den Kopf. Aber mitten in der Verachtung, die er für sich selbst empfand, war doch eine uneingestandene kleine Befriedigung. Die Liebesbezeigungen dieser hübschen französischen Frau stellten ihm gleichsam das Reifezeugnis für seine Weltläufigkeit aus und schmeichelten ihm. Die Quine nahm seine Hand zwischen die ihrigen. Sie lachte kokett auf. »Ah der Undankbare! Und Sie müssen wissen, mein Herr, wir hatten durchaus keine Zeit zu verlieren, die arme Françoise Balde alterte bereits sichtlich vor Eifersucht.« »Vor Eifersucht? Ja – haben Sie denn den Eindruck, daß sie mich liebt?« Sein Gesicht flammte. Sie erriet ihren Mißgriff. Weich und verführerisch lehnte sie sich an ihn. »Ich scherzte nur, mein Freund. Ja, schilt mich nur,« flüsterte sie, » c'est vrai, ich bin frivole, moqueuse, nicht wahr? was du willst, aber ich liebe dich, oh, je t'aime, je t'aime! « Ihre dunkle, melodienreiche Stimme bebte und lockte und riß ihn in ihre Macht. Mit beiden Händen preßte er ihr Gesicht sich zu und küßte sie von neuem. Sie wehrte ihn ab. Ihre Lippen lächelten dazu. »Versuch' es doch! Geh' zu Françoise, liebe sie, heirate sie! Sie würde mit dir deine ernsthaften deutschen Bücher lesen, würde dich hätscheln und pflegen, dir gute Süppchen kochen, bis du einen kleinen Bauch bekommst, würde dir im Winter die Pantoffeln vor den Kamin stellen und zwischendrein eine Menge kleine Hümelles in die Welt setzen, die alle ihrem blonden dickköpfigen Herrn Papa glichen mit der schlechten Laune und der schlecht gebundenen Krawatte.« Ihre schlanken Finger versuchten seiner etwas genial geschlungenen Lavallière mehr Chic zu geben. Belustigt betrachtete sie seine verfinsterte Miene. »Wie das mich amüsiert,« sagte sie – dann ernsthaft: »Zu denken, daß ich einen deutschen amant haben werde!« Sie sah ihn prüfend an. Sie saßen jetzt beide, die heißen feuchten Hände ineinander. »Und Monsieur de la Quine?« murmelte Heinrich. »Der? O, er ist nicht eifersüchtig, er ist genug beschäftigt, seine Demoiselle in der Post zu hüten.« »Ach, Sie wissen?« » Mais certainement, das hebt ihn sogar ein wenig in meinen Augen. Er ist so träge.« »Haben Sie Herrn de la Quine geliebt, damals als Sie ihn heirateten?« Jetzt lachte sie laut. »Geliebt? Welche Phantasie! Sie sind romantisch, Monsieur. Wie das reizend ist!« »Aber warum haben Sie ihn geheiratet?« beharrte Heinrich eigensinnig. »Man muß ja doch heiraten, mon ami . Und es hätte ein viel Schlechterer werden können. Er war der Erste, der mir Stellung und Geld bot. O nein, ich bin zufrieden, ich bin ganz zufrieden! Aber reden wir jetzt von Wichtigerem. Wir lieben uns, wir müssen uns wiedersehen, nicht wahr? Bei mir in der Maison Centrale ist das unmöglich, der Pförtner ist nicht zu bestechen, aber bei Ihnen – die guten Bourdons gehen ja immer schon mit ihren Hühnern zugleich schlafen. Ich werde heute nacht durchs Gartenpförtchen kommen, etwa nach Zehn-Uhr-Läuten. Sie erwarten mich, nicht wahr – und führen mich hinauf. O, ich kann schleichen wie eine Katze!« Sie stemmte ihre beiden Arme gegen seine Brust. Ihr Atem ging heiß. »Heute nacht also,« sagte er mechanisch und küßte sie. Dabei nahm er sich fest vor, sie an dem Gärtchen abzufangen und nach ihrem Hause zurückzubegleiten. »Monsieur Hümelle! Madame!« rief es von weitem. Gleich darauf tauchte Victor Hugo auf. Man hatte ihn abgesendet, nach den Flüchtlingen zu suchen. »Ich dachte mir, Madame de la Quine würde mit Ihnen hier sein,« sagte er, »mit Papa geht sie auch immer hier hinauf, wenn Mama und ich unten bei dem Wagen bleiben.« Er hatte dabei den listigen Bauernblick seines Großvaters Schlotterbach. Heinrich Hummel nahm ihn bei der Schulter: »Schwatz' nicht dummes Zeug, mein Sohn!« Eine Pause entstand, dann lachte die Quine aus vollem Halses. Sie lachte so sehr, daß sie häßlich wurde. Zu Dreien ging es hinab. Hummel unzufrieden und befangen hinter den beiden. Die Quine plauderte hastig mit dem Knaben. Sie erzählte von einer Reise ans Meer, die sie vor ein paar Jahren gemacht hatten, und wie man den ganzen Tag im Badeanzug im Freien verbracht habe, »mit bloßen Beinen, Hals und Armen«. Dabei sah sie vergnügt auf den hübschen Jungen, der einen roten Kopf bekam. Hummel blickte zu Boden. Er fühlte eine Scham, die ihn betäubte. Am liebsten wäre er gar nicht wieder zu den anderen gegangen, hätte sich irgendwo versteckt, aber Victor Hugo, der instinktiv empfand, daß sein Held, den er immer noch heiß liebte, litt, hing sich an seinen Arm und zog ihn mit. So schritt der junge Deutsche wie ein Tauber und Blinder durch den Trubel drunten. Am Gasthof warteten die beiden Wagen, die Damen hatten schon Platz genommen. Blanche de la Quine legte beide Hände an ihre volle Brust, sie schien ganz außer Atem. »Wie wir Sie gesucht haben! Wir haben davon Herzklopfen bekommen! Nicht wahr, Monsieur Hümelle? Es war nicht schön von Ihnen, mes dames, uns so im Stich zu lassen. Und Monsieur Hümelle war die ganze Zeit über unausstehlich. Kein Wort konnte man mit ihm reden. Er sah sich die Augen aus nach seinen Gastfreunden. Sind Sie jetzt endlich zufrieden. Undankbarer?« Und sie sah ihn lachend an. Ohne irgend jemandes Antwort abzuwarten, stieg sie dann ein. Ob man etwas an die bonnes soeurs in Isenheim auszurichten habe, fragte sie, schon im Fahren, sie werde dort übernachten und erst frühmorgens in die Maison Centrale zurückkehren. Etwas übertrieben laut sagte sie das. Ob die Baldes so liebenswürdig sein wollten und das an Monsieur de la Quine ausrichten lassen? fragte sie. »Vers dix heures donc,« flüsterte sie im Vorbeifahren an Hummel hin. Dem schoß eine rote Welle in die Stirn. Françoise sah zur Seite. Er tat ihr so furchtbar leid. Victor Hugo wickelte sie in ihre Beduine, als ob es Winter wäre. Der »Kronen«-Kutscher erwies sich als dermaßen betrunken, daß man ihn dort lassen mußte, Blanc nahm seine Stelle ein. Er berichtete zornig, er habe die beiden langen Schlingel von vorhin dabei betroffen, wie sie sich an den Pferden hier zu schaffen machten, er hatte sie aber gehörig davongejagt. Die Pferde zogen an, man rasselte die steile Gasse hinab zur Chaussee. Aber das Handpferd, sonst willig und auch nicht mehr jung, zeigte plötzlich wilde Launen, schlug aus und machte böse weiße Augen. Als Blanc die Zügel stärker anzog, stieg es, schnaubte und riß am Geschirr. Hummel und Victor Hugo sprangen ab, um zu helfen, da ergab es sich, daß die beiden Buben vorhin Kletten und Nesseln am Leitriem befestigt hatten, sodaß das Pferd bei jedem Schritt gereizt wurde. Blanc lachte: » Voilà, Monsieur Cerfs Reden haben bereits Frucht getragen, das Pferd des liberalen Maire und sein ketzerischer Lenker müssen es entgelten.« Der junge Schlotterbach ballte die Faust. »Ah, les assassins!« Ein guter alemannischer Zorn stand in seinem Gesicht zu den französischen Worten. Es war ein mühsames Fahren. Das Handpferd, nervös geworden, scheute beständig. Der Pfarrer hatte beide Arme voll zu tun. Drinnen im Wagen ging es schweigsam zu. Dugirard war ängstlich und ein wenig vorwurfsvoll und Hortense nachdenklich. Lucile saß müde in die Ecke gedrückt, sie fühlte sich langweilig unbeachtet. Françoise aber sah über alles hin mit starren Augen; sie litt. Um sich ebenso wie um Hummel. Wenn sie wenigstens ihm hätte helfen können, weghelfen von dieser Frau, die keine Liebe kannte. Sie richtete sich straff auf, ihr Gesicht wurde hart. Sie soll ihn nicht bekommen, dachte sie fast laut. Hummel sah bedrückt auf ihre Hände, die zitterten. In diesem Augenblick gab es einen Stoß, einen Krach. Das Pferd hatte sich vor einem alten Messingreifen entsetzt, der am Wege lag und sich unter seinen Hufen plötzlich aufrichtete. Wieder stieg es hoch. Die Geschirrkette riß, der Wagen prallte hart an einen Stein, das Rad löste sich und rollte in den Graben. Der Wagen hing schief. Dugirard breitete galant die Arme aus für Hortense und Lucile, die lachend gegen ihn fielen. Hummel sah gespannt auf Françoise. Das junge Mädchen bog sich gewaltsam hintenüber, um ihn nicht zu berühren. Sie faßte wie angstvoll die eiserne Seitenstange und hielt sich fest. Dann stand sie kräftig gerade vor ihm, ein herber Zug in dem blühenden Gesicht. So vertieft war er in ihren Anblick, daß Dugirard ihm erst auf die Schulter klopfen mußte: »Man steigt aus, mein Herr Gelehrter. Mir scheint, Monsieur beabsichtigt, hier Wurzel zu schlagen.« Aber Heinrich regte sich erst, als er Françoise unversehrt am Grabenrand stehen sah. Victor Hugo mit aufgestreiften Ärmeln versuchte dort wichtig und ungeschickt das Rad aufzurichten, Françoise beugte sich sachverständig hinzu. Aber erst Hummels Kräften gelang das Werk. Eifrig schoben sie das Rad die Böschung hinauf und rollten es nun siegreich und stolz über den Weg. Sichtlich war das für sie alle Drei eine willkommene Befreiung aus verlegenen Minuten. Die andern klatschten in die Hände. Dugirard hatte sich eine Zigarre angezündet, er war indigniert. Man habe ihm ein Idyll versprochen, »et voilà une catastrophe« . Hortense beruhigte ihn. Man würde nun einfach zu Fuß den kurzen, schönen Spaziergang machen nach dem Isenheimer Wäldle, wo man sich lagern wollte und soupieren. Unterdessen könnte man vom fermier Justin da drüben Hilfe holen. Blanc hatte inzwischen die Pferde abgeschirrt und an Bäume gebunden. Victor Hugo erbot sich, zu dem Bauer Justin hinüberzugehen. Und Monsieur Hümelle könne sich ja bei dieser Gelegenheit dort eine elsässische ferme ansehen. Sicher würde ihn das doch sehr interessieren. Er sah bittend zu ihm auf. Es wäre ihm eine Erleichterung gewesen, sich vor dem großen Freunde auszusprechen. Heinrich antwortete nicht. Der Gang nach der ferme lockte ihn, aber die Gesellschaft des Knaben dabei schien ihm lästig, denn er sehnte sich danach, einen Augenblick mit sich allein zu sein, selbst herauszufinden aus all dem Widersprechenden, das in ihm kämpfte. Im Suchen nach einem Ausweg fiel sein Blick auf Françoise, die neben ihm stand. Und plötzlich sagte sie, als lese sie seine Wünsche und gebe ihnen Raum: »O, wir können Victor Hugo hier durchaus nicht entbehren, er muß uns helfen, unsere provisions zu transportieren.« Sie hielt die Augen gesenkt, aber Hummel hatte den Eindruck, als schaue sie ihn durch und durch. »Nur immer am Bleichbach entlang,« war ihm bedeutet worden. Er sah auch gleich die grüne Raupe, die von den niederen Randweiden des Bächleins gebildet wurde, ging über Wiesen, auf denen er mechanisch pflückte: Champignons und unwissentlich auch kleine Giftpilze. Ein Alter in Hemdsärmeln stand am Bach und fischte, zwei kleine Mädchen in roten Röcken mit Beerenkannen unterbrachen einen hohen, lauten Gesang, um ihm »bonjour« zu wünschen. Jetzt sah man oben über dem Hügel das tief herabgebogene Schindeldach des Pachthofes liegen. Auf dem Holztrog eines fließenden Brunnens saß ein Mann in blauer Bluse und dengelte. Unter der Zipfelmütze sah man das kluge scharfgeschnittene Gesicht, belebt durch dunkel-spöttische Augen. Père Justin musterte den Fremden gelassen. Als Hummel jetzt durch das Holztürchen der Schlehenhecke hindurch in das Gehöft trat, folgte er ihm langsam, schob seine Pfeife schiefer in den Mund und betrachtete den Gast von neuem. »Qu'y a-t-il à vot' service?« fragte er schließlich. Hummel richtete seine Bestellung aus, indem er versuchte, sein Hochdeutsch durch den heimatlichen Thüringer Dialekt volkstümlicher zu machen, was die Verständigung ungemein erschwerte. Zuletzt begriff der Bauer. Er schalt gelassen auf seine Buben und drohte den Abwesenden mit der Faust. Dann schrie er machtvoll in den Hof hinunter nach dem Knecht. Ein kleiner pockennarbiger Mensch kam herangeschlurrt. Der Bauer gab ihm weitläufige Anweisung, mit dem Daumen über die Schulter nach Hummel zeigend. Nun führte er den Gast weiter; sie kamen an wohlgefüllten Kuhställen vorbei, rochen Schweinekoben, ein Trupp Gänse stob vor ihnen auseinander und watschelte entrüstet dem Misthaufen zu, der in voller Breite neben der Haustür lag. Laut sprechend wie mit einem Tauben nötigte der Bauer den fremden Herrn in die große, ebenerdige Küche, die zugleich als Stube diente. Drinnen war es dämmerig. Heinrich hörte irgend etwas schnurren, fühlte ausgetretene Fliesen unter seinen Füßen, Estrich und gestampften Lehm. Allmählich erkannte er den Herd mit dem verräucherten Windfang, daneben ein geblümter Ohrensessel, in dem eine alte Spinnerin saß. Wie eine Sagenfigur sah sie aus. In der erhobenen linken Hand hielt sie einen Wocken empor, in der rechten bewegte sie die Spindel. Von ihren Augen konnte man nur die Höhlen sehen, der Mund war nichts als ein schmaler Strich, über den sich seitwärts ein langer gelber Zahn hakte. Es schien Hummel, daß sie ihm zunicke, und er grüßte zurück. Dann aber merkte er, daß die Greisin ohne Aufhören nickte und dann wieder schüttelte, emsig, lautlos. Und jetzt fing sie an mit Murmeln und Schwatzen. Justin wischte mit der Hand einen Strohstuhl ab für den Fremden. »Meine alte Mutter, Monsieur, achtzig Johr vorbi. Sie müsse ihre G'schwätz net eschtimiere, für's ordenari isch sie alleweil still, awer d'r curé un d'r jeune homme , wo derbi 'g'si isch, han sie exzitiert.« »Ah, die beiden Herren waren also hier!« Justin wies zur Bestätigung auf den Weinkrug, der auf dem Tisch stand, und auf den Teller mit abgenagtem Hühnergerippe. » Ah oui, so 'ne poulet, il ne crache pas dessus, vot' curé . Am letschte Freitag, wo 'n er do g'si isch, hat er au so 'ne Mischtkratzerle reklamiert. ›Brings nur sans façon , Justin,‹ het er g'sait. ›I mach 'a Kreuz drüwer, d'rno isch's Fisch‹« Sein bartloses Gesicht mit der Aristokratennase bemühte sich, töricht auszusehen. Er ging zum Schrank, holte ein frisches Glas und schenkte Hummel ein. Der trank ihm zu: »Zur Gesundheit!« »A la vôt', monsieur!« Sie tranken. Justin tat ein paar tiefe Züge aus der Pfeife und qualmte schweigend vor sich hin. Dann begann er in der flachen Truhe, die unter der Muttergottes stand, nach Riemzeug zu suchen, holte Hammer und Zange und kramte nach Draht. Dicke Schmeißfliegen surrten um die Speckseiten herum, die im Rauchfang hingen. Vom Käsebrett fiel ab und zu ein Tropfen in den Holzeimer. »Jo, d'r curé ,« fing der fermier wieder an. »Unsereiner het jo net so d' éducation , awer d'Herre expliziere's einem: 's Elsaß, kann erscht wieder so recht prosperiere, wenn alle üseg'jagt sin, wo d'r Glauwe net han; erscht d'rno, wenn's emol in Mülhuse, Stroßburg, Genève und Berlin kei Ketzer un kei Liberale meh' het. Un d'rno soll m'r am Platz vom Herr Maire von Thurwiller d'r Monsieur Cerf uf d'Wahl setze. D'r Monsieur Cerf kenn' i no net guet,« fuhr er fort, »awer d'r Herr Maire, seller kenn i guet! Der isch bi meinem Maidele, dem Jeannettle, am Bettl g'sesse, wo's am Versticke g'si isch, un het mit siner Hand ihm ins Hälsle g'langt un het ihm alles üseg'holt, wo ihm weh g'macht het. Do uf'm Bänkle isch er g'hockt d' ganz Nacht un isch erscht heim, wo's Jeannettle wieder laut het brülle könne. So isch es.« In diesem Augenblick fuhr aus der Kammer, die einige Stufen höher lag, ein kleines, blondes, trockenes Frauenwesen mit kreischender Stimme herab und schrie in wildem Patois, ohne auf Hummel zu achten, den Bauer an: »Halt's Mul mit dinem Herr Maire! D'r curé sait, in d'r feurige Höll muß er brote! On alle, wo's mit ihm halte, dene geht's grad e so!« Der Bauer spuckte friedfertig aus. »'s isch zum Lache,« begann er wieder. »Im Mai han sie g'sait, wenn m'r net d'r Kaiser wähle, d'rno git's Krieg. Jetz han m'r d'r Kaiser g'wählt, un jetz git's erscht racht Krieg, wie sie sage. Das Wählerdings, das isch en général so ebbes Exageriertes – uns Bauerslitt touchiert das so viel wie nix. Ob m'r seine contributions für d'r Charles-Dix, für d'r Louis-Philippe oder für d' république zahle muß, oder ob d'r Napi sie in d'r Sack steckt – n'importe !« Die dürre Frau sah die beiden schielend von der Seite an und machte sich dann unter halblautem Schimpfen am Herde zu schaffen. Justin stellte sich wie schutzbedürftig neben den großen starken Fremden. Unterdessen fuhr die Frau fort, mit großem Lärm Pfannen und Kessel hin- und herzuschieben. »D'r curé sait,« giftete sie nach einer Weile wieder hervor, diesmal in besserem Deutsch, so daß Hummel es hören sollte, – »d'r curé sait, wenn's Krieg git, d'rno schlagt m'r d'r roi d'Prusse z'samme zu 'ne ganz kleine Kurfürschtle.« Hummel lachte herzlich. »Ich will's ihm sagen, wenn ich wieder mal nach Berlin komme.« »Monsieur isch von Berlin?« fragte der Bauer bedenklich, er rückte sichtlich ein wenig ab. »Von dicht dabei. Ich bin nämlich auch Prussien« » C'est dommage .« Aber dann faßte sich Maître Justin höflich. »Z'erscht«, sagte er bedächtig, »kann Monsieur nix d'rfür, daß er Prussien isch – ensuite –«, er streckte den erdschwarzen Zeigefinger versöhnlich in die Luft – »geht mich das garnix an.« Die Greisin am Fenster, die ihre halberloschenen Augen schon eine Weile gespenstisch starr auf Hummel gerichtet hatte, erhob sich plötzlich. Sie streckte, immer mit der Kunkel in der Hand, die lange Faden zog, beide Arme wie suchend vor sich hin, blieb aber in der Bewegung stehen und fing an, leise zu weinen. »Was hat sie?« fragte Hummel. Die Schwiegertochter ging mürrisch auf die Alte zu, sie wieder auf ihren Platz zu bringen. »An einem Stück embêtiert sie d'Litt mit ihre ewige Schnecketänz.« Aber die Alte schien aus Eisen. Unbewegt stand sie da. Und jetzt zeigte sie mit den fleischlosen, bis zum Ellenbogen entblößten Armen auf Heinrich, daß er sich unwillkürlich zurückbog. »Prussien – d' Kugel – d' Kugel –« Sie machte eine Geberde des Hasses auf Heinrich zu. »D' Kugel – d' Kugel –,« wiederholte sie heiser. Justin faßte sie unter die Achsel und führte sie zu ihrem Sessel zurück: »Blib still, Muettel!« Sie ließ es ruhig geschehen, aber ihre erstorbenen Augen hefteten sich aufs neue unbewegt auf Heinrich, daß es ihn durchfröstelte. »Sie meint selle Kugel, wo mein Vater getroffen hat z'Jena,« sagte Justin. »M'r hett sie ihm üsg'schnitte un er isch dran gestorwe. Vorher awer het er noch zu mir g'sait: Wenn m'r emol d'r Tanz von vorne a'fange mit de Prussiens, d'rno schick ihne das falsche Geld wieder z'ruck, du oder dine Söhn. So het er g'sait.« Die Junge hatte inzwischen eine kleine Holzschachtel geholt, in der eine schwarze Eisenkugel lag, die Kugel eines Hinterladergewehrs, wie sie Anfang des Jahrhunderts in Preußen üblich war. Sie gab Hummel die beiden kalten glatten Stücke in die Hand. » La voilà, monsieur, sie ist in zwei Stücken, sie langt jetzt für zwei Prussiens.« Und sie lachte, daß sie stöhnte. Hummel hielt die kleinen schwarzen Halbteile in der Hand. Sie schienen sich da zu krümmen, verwunden zu wollen, wie zwei böse runde Tierchen voll gesparten Gifts. Etwas Grausames haftete an diesen kleinen schwarzen Kugelhälften, die im Blute eines Menschen gebadet waren, von geduldigem Hasse zur Rache aufgespart. Der junge Mediziner, der so oft in Blut und Schmerzen hinein kühl beobachtend seine Arbeit getan hatte, empfand dabei eine merkwürdige Beängstigung. Er hob den Kopf. Da sah er immer noch die toten vorwurfsvollen Augen der Greisin auf sich gerichtet. Unwillkürlich schüttelte er sich. Er legte die beiden Kugelhälften auf den Tisch und trat ans Fenster. Ihm war einen Augenblick, als müsse er sich versichern, daß draußen noch die Brunneneimer klapperten, die Bäume rauschten und die Hühner tuckerten, daß draußen Friede war. Der Bauer hatte ein paar Werkzeuge zurechtgepackt und gab sie ihm. »En cas d'besoin,« sagte er, »für den Notfall.« Heinrich verabschiedete sich rasch. Die Frau brummte ihm nach. Die toten Augen der Alten folgten ihm bis zur Schwelle. Er war froh, als er draußen war. Seltsam verwirrt hatte ihn die ganze Szene; dieser zähe Groll der Blinden, das aberwitzige Belfern des jüngeren Weibes – er war sich wie gefemt vorgekommen zwischen ihnen. Und da war noch etwas anderes gewesen, etwas Bitteres, ihm selber Unklares; ein wirkliches Schmerzgefühl. Und warum eigentlich? Was gingen ihn diese Leute an? Was ging ihn überhaupt das Elsaß an? Oder ging es ihn vielleicht jetzt doch an? An dem Lächeln, das jetzt sein ganzes Gesicht überzog, erkannte er auf einmal, wie es um ihn stand. Also das? sagte er sich ganz erschrocken. Plötzlich jauchzte er auf: »Françoise, Françoise.« Wie ein thüringischer Bauernbursch schickte er einen Juchzer hinterdrein. Er fing an zu laufen. Ihm war, man habe ihm eine Kostbarkeit in die Hände gelegt, und es gelte, sie möglichst schnell in Sicherheit zu bringen, als laure man darauf, sie ihm zu stehlen. Blanche fiel ihm ein und Lucíle. Ach ja, Lucíle hatte er ja lieben wollen. Wieder lachte er, ausgelassen, getröstet, so wie Kinder lachen, die ihren Kopf in den Schoß der Mutter legen beim Versteckspiel, gewiß, daß niemand da sie finden kann. So überraschend und gewaltig hatte diese Offenbarung seines eigenen Gefühls ihm die Seele überflutet, daß noch gar kein Raum darin war für die Frage, ob wohl auch Françoise ihn liebe? Er schob das von sich fort wie etwas Störendes. Im Laufen redete er ein paar zusammenhanglose Worte vor sich hin. »Ihr Haar, ihr weißes Kleid, ihre Stimme,« sagte er. Vom Dache einer Scheune flogen Tauben auf; er erinnerte sich, einmal bei einer Feuersbrunst brennende Tauben gesehen zu haben, die wie glühende Kugeln in den schwarzen Himmel flogen. Und wieder hing dies irgendwie zusammen mit dem dankbaren Gefühl des Gerettetseins, das ihn erfüllte. Übermütig peitschte er mit dem entlehnten Lederriemen die Luft. An einer Stelle, die er vorhin nicht beachtet hatte, war der Bach blau von Vergißmeinnicht. Da bückte er sich und pflückte einen großen Strauß, den er locker in der Hand hielt und vorsichtig vor sich hertrug. Für Françoise. Er hatte jetzt den Richtweg erreicht, drei helle, jugendliche Gestalten kamen ihm entgegen und winkten ihm zu: der junge Schlotterbach zwischen Lucile und Françoise. Er vermochte kaum den Gruß zu erwidern, es schien ihm unerträglich, das Mädchen, das er liebte, jetzt zu sehen, die Empfindung, die er hatte, war beinahe Furcht. Beim Näherkommen riefen alle Drei zugleich: man habe ihn holen wollen, ihm den Weg zeigen, und wo er denn bliebe? Victor Hugo und Lucile schienen bei bester Laune. Im Wäldle hätten sie sich gelagert, sagte Lucile, romanesque sei es dort. Und man habe ihm schon die besten Bissen weggegessen. Françoise sagte kein Wort. »O die entzückenden myosotis !« Lucile zeigte begehrlich nach seinem Strauß. »Haben Sie die für uns gepflückt?« Er zog unwillkürlich die Blumen an sich heran, als wolle er sie schützen. Alle lachten über die ungalante Bewegung. Er selber mit. Aber Françoises Gesicht wurde unter dem fröhlichen Getue seltsam steif. Zuletzt klang das Lachen aller komödienhaft. »Bei uns heißen die Blumen anders,« sagte Heinrich, nur um sprechen zu hören. »Wie denn sonst?« »Vergißmeinnicht.« Françoise sah auf, weil sein Ton so ungeschickt zärtlich gewesen war. Aber die verzerrte Gespanntheit wich nicht aus ihren Zügen. Mit verschlossenen Mienen wanderten die beiden jungen Menschen den Kindern nach, die sich neckten und jetzt einander zu haschen begannen. Françoise ging mit kleinen harten Schritten, sie blickte gerade vor sich hin. Sie dachte an die Leiden, die dieser fremde Mann da neben ihr ihr schon bereitet hatte. Sie dachte an Blanche. Und ein Zorn stieg in ihr auf gegen alles, was diese Liebe ihr noch bringen würde. Unfähig das Schweigen noch länger zu ertragen, brach sie auf einmal los: »Daß sie sich nicht schämt vor dem goldigen Kind!« Sie schluchzte auf, ihre feinen Brauen waren gerunzelt. »Diese Madame sans-gêne ,« schickte sie noch zornig nach. Heinrich sah sie überrascht an. Er hatte sie bisher als die Harmonische, Sanfte gedacht, die Heimatliche, in der man ruhen könne. Nun reizte ihr würziger Zorn ihn zu viel heißerer Leidenschaft. Unwillkürlich streckten seine Arme sich aus, sie an sich zu ziehen. Er hielt sich kaum zurück, ihr nahes Gesicht, das von Jugend duftete, zu küssen. Aber nein. Er durfte nicht das Mädchen, das er liebte, mit denselben Lippen berühren, auf die sich Blanches parfümierter und gefärbter Mund gedrückt hatte. Behutsam, wie bittend, ergriff er ihre beiden schlaff herabhängenden Hände, fügte sie zusammen wie eine Schale und legte seine Blumen da hinein. »Ihnen gehören sie!« Ein weiches Rauschen war in der Luft, ein Duften und Wehen, das löste. Françoise blickte auf. Ihre Augen waren ganz schwarz. Um ihren Mund zuckte es, als ob sie lange geweint hätte und nun damit aufhören wolle. Sie hob die Blumen zu ihrem Gesicht, in das langsam eine zarte Röte stieg. »Werden Sie es mir denn jemals glauben können –?« stammelte Heinrich hilflos. »Nur dich, Françoise! immer nur – nur dich!« »Ja, jetzt glaube ich es,« sagte Françoise einfach. Sie schloß die Augen. »Je vous aime,« flüsterte sie rasch und sehr leise. Aber es gab ihm einen Stoß. Die Erinnerung an die gleichen Laute aus Blanches Munde quälte ihn. »Sprich Deutsch!« flehte er. »Sage es deutsch!« Das schien sie komisch zu finden. Um ihre Wangen spielte ein Übermut. Und plötzlich hob sie sich ein wenig und gab ihm einen frischen Kinderkuß mitten auf den Mund. Und entsühnte ihn so. Sie sah in sein Gesicht, in dem es kämpfte, ihre Augen wurden voller Güte. »Jetzt gehörst du mir,« sagte er fast hart. Sie nickte. »Für immer. Was auch kommt.« Dann sprachen sie nicht mehr, gingen mechanisch weiter und sahen sich in die glühenden Gesichter. »Sie sind auf falschem Wege!« rief Victor Hugo. Er war den beiden nachgerannt, die sich anschickten, Hummels Pfad wieder zurückzugehen. Sie sahen sich an, erröteten und kehrten um. Unversehens brachen sie in Lachen ans. Diesmal befreit und froh. Es war, als hätten sie starke, tröstende Dinge zueinander gesagt in jenem einen raschen Blick, und alles, was nun kommen werde, sei erwünscht. Es ging jetzt dem Isenheimer Wäldle zu, immer über Wiesen. Lucile hielt sich neben Hummel, der, göttlich gelaunt, sie auf das amüsanteste unterhielt. Françoise ging still neben Victor Hugo. Ab und zu streiften die Liebenden mit den Händen oder den Kleidern aneinander, dann sahen sie in die Luft und lachten den Himmel an. Eine graue, kleine Wolke mit entzündeten Rändern hatte sich über ihnen zusammengeballt. Es sah schön aus im blaßblauen Himmelssee.   Duftend und herrlich kühl war es an dem Moosplätzchen zwischen Tannen, wo die übrige Gesellschaft lagerte. Dugirard hatte eine dicke Zigarre im Mund und amüsierte sich mit einer Laute, auf der er sich versuchte. Er hatte das Hütchen schief nach hinten geschoben, einen Krug mit Wein neben sich und plauderte während seines Musikknipsens gegen Hortense hin, die, ungern müßig, mit einem Elfenbeinschiffchen eine feine Spitzenarbeit neuer Mode hervorbrachte. »Occhi« nannte man sie. Nur Blanc lag, lang und unbeschäftigt, auf dem Rücken, die Augen ins Blau gerichtet, in dem die kleine, graue Wolke mit Schwefelrand größer und schwerer wurde. Er atmete den Duft der Moose ein, und sein intelligentes Gesicht zeigte eine fromme Stille. Zu ihm setzten sich die Liebenden. Man bot ihnen Wein und von den guten Fouragepäckchen, die Françoise selbst am Mittag sorgfältig und liebevoll bereitet hatte. Hummel konnte nichts genießen, aber Françoise war wie ausgehungert. Sie versuchte erst zu fasten, weil sie sich dem bedürfnislos verzückten Liebsten gegenüber beschämend materiell vorkam, aber da er ihr gute Bissen von kaltem Huhn und Pastetchen zuschob, konnte sie nicht widerstehen. Er sah ihren gesunden, starken Zähnen zu wie einer Offenbarung. Victor Hugo hatte sich abseits gesetzt. Auch er war wieder hungrig geworden, aber die Leidenschaft des Edelmuts, die in ihm tobte, vertrug keine so banale Beschäftigung. Ich gebe sie ihm! sagte er sich mit unwillkürlich segnender Handbewegung. Ihm, der der Größte und Erhabenste ist, den ich kenne. Er dachte an Mucius Scaevola, der seine links Hand verbrannte, um seinen Mut zu zeigen. Er, Victor Hugo, verbrannte sein Herz. Ob man nicht ein Gedicht daraus machen könnte? Er hatte zu Hause ein orangefarbenes Büchlein mit der Aufschrift: »Poésies« . Sieben Gesänge standen schon darin, dazwischengepappt einige Haare von Françoise, die er ihr heimlich aus dem Kamm gestohlen hatte, als er ihr eine Bestellung seiner Mutter überbrachte und in ihr Schlafzimmer gelassen wurde, in dem sie nähte. Man betrachtete ihn ja immer als ein Kind! Aber sie würden schon erkennen müssen, daß er ein Mann war, ein Römer! Und er weinte vor Hunger und Edelmut. Hummel machte inzwischen aus Kräften Lucile den Hof, die sich aus dem Lachen nicht herausfand. Dugirard beobachtete das zwischen seinen Scherzen hindurch sehr aufmerksam. Ganz gut vielleicht, daß sie diese ersten Übungen an dem Deutschen machte, das war ungefährlich. In Paris würde man sie dann wieder streng halten müssen. Hortense erbat jetzt einen Chorgesang; in Frankreich kenne man das nicht so wie »chez nous« , worauf Dugirard vorwurfsvoll erwiderte, ihr Zuhause sei doch jetzt bei ihrem Gatten in Belfort. Man sang zuerst ein paar kindliche Lieder, Françoise begleitete, ihre Lippen glühten, sie lächelte ohne Ursache. »Il court, il court, le furet, le furet des bois, mesdames,« sangen sie. Dann stimmte Dugirard mit Chansonnettenstimme an: »Il était une bergère –« den Refrain sangen alle mit: »Eh ron ron petit patapon,« Dann kam die Strophe: »Mon père, je m'accuse d'avoir tué mon chaton.« und die Antwort: »Ma fille, pour pénitence nous nous embrasserons,« wobei Françoise so falsche Griffe machte, daß Hortense verwundert und dann plötzlich verstehend aufsah. Beim Schluß aber: »La pénitence est douce, nous recommencerons« warf Françoise die Laute zu Boden und lief lachend davon; Hortense sah ihr nach, Hummel hielt sich mit aller Gewalt bei den anderen. Victor Hugo nahm das Instrument, hüllte es sorgfältig ein und trug es in seinen Armen, bis man wieder zum Wagen ging. »Die Strafe ist sehr lieblich,, wir fangen nochmals an,« summte Hummel in freier Übersetzung von Françoises Liedchen, ihr nachblickend. »Eine gute Stimme,« sagte Dugirard anerkennend. »Sie sollten Unterricht nehmen.« Die Rückfahrt war schweigsam. Heinrich hatte Françoises weißen Schal über den Knien, darunter sagten sich ihre und seine Hände viel liebe Dinge. Die übrigen waren nachdenklich oder müde. In der Luft lag Schwüle. Im Halbdunkel fuhr man, immer auf der großen, harten und staubigen Sulzer Straße durch Rädersheim und Ungersheim, deren Häuser und Häuschen die am Tage eingeschluckte Sonne an die Nacht weitergaben. Es war jedesmal, als führe man durch einen heißen, engen Hexenkamin hindurch, bis wieder die kühlere Landstraße kam. Aber auch hier war man wie eingehüllt in warme, schwere Staubluft, die unbewegte Wärme und die gleichmäßige Bewegung des Wagens machte schläfrig. Victor Hugo, der nur getrunken hatte und nichts gegessen, war leicht berauscht, er kitzelte Françoise, die verträumt abwehrte, mit einem aufgelesenen Heuhalm, spielte an Dugirards Repetieruhr und ließ sie unaufhörlich schlagen und fing endlich, wie ein wahres Kind, mit Lucile ein Bindfadenspiel an, verschlungene Fadenfiguren, die eins dem andern kunstvoll von den gespreizten Händen abnahm, sie neu verschlingend, und bei dem er wilde Verwirrung anrichtete. Dazwischen sah er mit Märtyreraugen auf den deutschen Eindringling, der gerade dasaß mit unnatürlich strahlendem Gesicht. Niemand sprach. Hin und wieder kämpfte sich der Mond durch das immer mehr zunehmende Gewölk und machte die Wegränder bleich. Man war bald zu Hause. Die Pferde liefen, Blanc brauchte nur ihnen nachzugeben. Man kam an ein schöngeschnitztes, sehr altes Haus, das ehrwürdig und traulich in seinem Gehöft zwischen Bäumen stand. »Das Pfennigsche Haus,« sagte Françoise, die Heinrichs bewunderndem Blick gefolgt war. »Es ist mehrere hundert Jahre alt. Noch mit deutschen Sprüchen im Gebälk.« Ein Trüppchen Soldaten schlenderte, ihre Mädchen im Arm, ihnen entgegen. Dugirard lächelte. »Ah ja, morgen früh ist Abmarsch! Sie haben nur diese Nacht noch. Das wird eine famose Aushebung werden in zwanzig Jahren.« Hortense legte mahnend ihre Hand auf seinen Arm. Dugirard räusperte sich. »Wie ist das bei Ihnen?« fragte er dann Hummel. »Wie lange sind die Leute Soldat?« Heinrich erklärte ihm in Kürze das System der allgemeinen Wehrpflicht. »Ja, aber wie denn? Kaufen sich die Reichen denn keine Stellvertreter?« Heinrich verneinte. »Bei uns ist es fast eine Schande, nicht dienen zu können.« »Dienen – Sie sagen das ganz recht, nach unserem Geschmack hat die Uniform immer eine verzweifelte Ähnlichkeit mit einer Livree. Mein eigener Sohn ist ja freilich Offizier, aber er hütet sich gut, sein Kostüm in der Familie zu tragen.« »Wirklich? Nun, bei uns dagegen ist des Königs Rock ein Ehrenkleid. Und dann ist es doch auch ein ausgezeichnetes Erziehungsmittel.« » Et comment cela ?« »Nun, man befestigt seine Gesundheit gerade in den Jahren nach der Schulzeit, in der man den Körper so sträflich vernachlässigt. Und man lernt Disziplin.« » Ah, votre fameuse discipline prussienne : ein – sswei – marrrrrrsch.« »Und Sie selbst?« fragte Françoise laut in die Luft hinein, »müßten Sie sich schlagen, wenn es Ihrem König einfällt, mit einem anderen Krieg anzufangen?« Heinrich fühlte ihre Hand erkalten in der seinen. Mit einer Stimme, die jedes Wort zur Liebkosung für die Fragerin machte, erwiderte er: »Davor haben wir keine Furcht. Wir wissen, wenn es irgend einmal zum Kriege kommt, dann wird es nur für eine Sache sein, die uns selber angeht. Und für die würde man ja sowieso hinausziehen wollen.« Ohne daß er's wußte, nahm sein Gesicht einen stolzen und kühnen Ausdruck an. Alle mußten ihn betrachten. Man verfolgte das Gespräch nicht weiter. Wie auf Verabredung strebten alle nach dem bekömmlicheren Alltag zurück. Hortense und Dugirard begannen halblaut zu plaudern, gleichsam im Auftrag der Gesamtheit. Sie redeten über Dinge, die keinen von ihnen interessierten, konventionell, pflichtmäßig. Jetzt holperte man über das Pflaster von Thurwiller. Blanc bog mit einer allzu kühnen Kurve nach dem Kanal zu den Baldes hinüber. Diesmal hielt Françoise sich nicht so ängstlich fest an den Wagenseiten. Alles fiel durcheinander, man lachte, stieß kleine Schreie aus, alle redeten zu gleicher Zeit. Man stieg aus, Hummel und der junge Schlotterbach verabschiedeten sich, Blanc blieb auf dem Bock, den Wagen nach der »Krone« zurückzufahren. Man verabschiedete sich ziemlich hastig mit vielen » au revoir « und » à demain «. Nur Françoise, im Begriff ins Haus zu gehen, sagte leise: »Auf Wiedersehen, morgen!« Dann war alles verschwunden. Ein gelbes, kleines Lampenlicht, das da am Flurfenster gewartet hatte, bewegte sich immer tiefer ins Haus hinein. »Sollten wir nicht gehen?« sagte Victor Hugo endlich, da sein Todfeind und Ideal wie erzgegossen in merkwürdiger Haltung am Gitter stand, beide Hände im Gesträuch da vergraben, den Kopf wie ein Mondsüchtiger emporgewandt. Er mußte noch zweimal fragen, ehe Hummel sich entschloß, zu gehen. Und dann hörte der Knabe ihn murmeln und seufzen, daß ihm fast bange wurde. So gingen die beiden jungen Leute Arm in Arm durch die warmverhaltene Nacht, jeder seinen ganz besonderen Rausch in sich tragend. Plötzlich blieb Victor Hugo stehen. »Kamerad, ich gebe sie dir!« sagte er mit dumpfer Stimme. Dann brach er in Weinen aus. Hummel sah ihn schweigend an. Sie gingen am Kanal entlang zwischen dunstig versilberten Weiden. Es schien Heinrich, der den jungen Menschen ungestört sich sattweinen ließ, als höre er ein Wispern hier und da, flüsternde Menschenstimmen, er sah Uniformknöpfe aufblitzen, die hellen Schürzen der Mädchen. Ihm fielen Dugirards Bemerkungen ein. Der Gedanke an all die Liebenden, die sich heut nacht hier ringsum fanden, trieb ihm das Blut zu Kopfe. Er seufzte. »Laß uns hier gehen durch meinen Schlupfweg,« sagte der Knabe zärtlich, »es ist näher.« Er schlug einen schmalen Querweg ein ins Gebüsch hinein. Bei ihrem Nahen flog ein Volk Rebhühner auf, ein sonderbares Geräusch folgte, wie von einem kriechenden Menschen. Hummel sah scharf hinüber: aus dem Unkraut hob sich ein struppiger Kopf, graugelb mit langem, bloßem Halse. Er ging näher und lachte laut auf, da war nichts als ein alter ausgewachsener Weidenstumpf. »Dachtest du auch, es wäre ein Mensch?« fragte er den Knaben, der ganz fahl geworden war. Er klopfte ihm auf die Schulter: »Ei, ei, Vetterlein, wo bleibt die Courage?« Victor Hugo fuhr auf: »Wenn Sie das glauben!« Sein Gesicht war schon wieder voll Tränen. Und dann kam die ganze bedenkliche Geschichte heraus. Gerade an dieser Stelle hatte Victor Hugo vor etwa acht Tagen einen entsprungenen Sträfling gesehen, geduckt, blutend, halb verhungert. Der hatte ihm von ferne Zeichen gemacht, ihn nicht zu verraten, war dann sogar herangerutscht, ihn anzubetteln; da hatte er ihm alles Geld hingeworfen, das er bei sich hatte, die Düte mit Kirschen, die er trug, und hatte dann sogar, etwas weiter weg von ihm, seinen Schulrock ausgezogen und ihm hingeworfen. Zu Hause hätte er gesagt, er habe ihn in der Thur beim Baden verloren. Am nächsten Tage hörte man von mehreren Diebstählen in der Nähe. Aber bereut habe er die Sache dennoch nicht, der Mensch hatte so verzweifelt ausgesehen. »Bis jetzt habe ich noch keiner Seele davon gesprochen, keiner, aber Ihnen – dir sage ich es! Dir, weil sie dich so arg, arg gern hat!« Der naive Ausdruck mitten in sein Französisch hinein, zeigte, wie ernst es ihm war damit. Heinrich faßte ihn an den Schultern und betrachtete ihn. »Darum also? Du bist doch ein guter Kerl, kleiner Vetter.« Der sah ihn vertrauensvoll an. »Zuerst, o, war ich Ihnen so gram. Sie waren schlecht zu der Dame, der mein Herz gehört, ich wollte mich schlagen mit Ihnen. Und ich hätte es auch getan. Erstens um Mademoiselle Baldes willen, dann aber auch, ja eigentlich hätte ich erst recht mich schlagen sollen mit Ihnen, mein Herr, wegen Mademoiselle Dugirard, der Sie schöne Augen machten! Sie wird einmal meine Frau werden, und dann – dann natürlich wird es meine Pflicht sein, ihre Tugend und ihren Ruf zu verteidigen. Jetzt aber muß ihr Vater noch für sie einstehen.« Hummel sah ihn verblüfft an. »Lucile Dugirard heiraten? Ja, aber du liebst doch eine andere, wie du merken läßt!« »O, es ist so gut wie fertig, unsere Eltern haben es alles abgemacht. Und, sehen Sie,« – er lächelte wie ein Erfahrener – »es ist für mich das Vernünftigste und Beste. Vorher aber, wissen Sie,« – er näherte sein hübsches Gesicht kokett dem des älteren Freundes – »vorher darf ich noch unvernünftig sein, darf lieben und, wenn ich das lycée hinter mir habe, sehr gut das Leben kennenlernen. Sehr gut, das kann ich dir versichern, deutscher Vetter!« Er lachte. »Und nachher, wenn du Fräulein Dugirard zur Frau hast?« »O, dann werde ich für die Mitgift meiner Tochter arbeiten. Im übrigen aber« – er zuckte die Achseln mit einer Geste, die an seinen Papa erinnerte – »ich werde es machen, wie es jedermann macht.« »So wie jedermann,« wiederholte sich Hummel. Nun, Françoise würde wenigstens einmal nicht solch einen Jedermann zum Gatten haben, Gott sei Dank! Er ging so schnell vorwärts, daß der Knabe ihm kaum folgen konnte. Man überschritt nun noch ein großes Brachfeld, das voll Dornen und Blumen stand, und kam zuletzt glücklich über die Schleuse zur Fabrik, die nur durch eine hohe Parkmauer vom Wohnhause getrennt war. Victor Hugo warf sich in einem erneuten Anfall schöner Gefühle seinem glücklichen Nebenbuhler um den Hals: »Und wenn du abreisest, nicht wahr, dann vertraust du Françoise meinem Schutze an, ich werde sie dir hüten.« Hummel lachte. »Schönen Dank, kleiner Vetter, aber ich glaube, Fräulein Balde hütet sich selbst.« Er steckte ihm den Schlüssel ins Tor und schloß auf. »Gute Nacht, schlaf' dich gut aus! Morgen wirst du hoffentlich nichts mehr von allem wissen, was du da eben geredet hast. Du hattest einen kleinen Rausch heut abend, kleiner Vetter, da bildet man sich Dinge ein, die niemals geschehen sind. Nicht wahr?« »Ich werde schweigen,« sagte Victor Hugo hoheitsvoll und ein wenig gekränkt. Dann schlug er seinen Kragen auf, weil ein Luftzug kam. Hummel sah nach der Uhr. In einer halben Stunde etwa mußte er am Apothekergärtchen sein und in der unkleidsamen Rolle des Tugendboldes die schöne Blanche abschrecken. Er fürchtete sich ganz ehrlich davor und nahm das peinliche Vorhaben auf sich als eine gerechte kleine Buße für sein großes ungerechtes Glück. Heiße Scham kam ihn an bei der Erinnerung an seine Blindheit, in der er sich, täppisch wie ein wütiges Arena-Tier, auf die ihm neckend vorgehaltenen bunten Schleier, auf alles Welsche gestürzt hatte, weil es ihn reizte und lockend anfremdete. Er empfand nun in dieser Sucht, das Fremde kennenzulernen, etwas Komisch-Pedantisches, das ihn hier im Dunkel erröten machte. Wie mußte sie, die Elsässerin; über ihn lachen! Droben am Himmel sah er ein schwarzes, zottiges Wolkenungetüm zwischen grauen, tanzenden Dünsten einhertorkeln, das schien ihm sein lächerliches Ebenbild. Und doch, das wußte er jetzt, hatte er eigentlich immer nur an Françoise gedacht, die ganze Zeit. Gerührt betrachtete er ihren weißen Umhang, den er immer noch über dem Arm trug. Ganz ehrfürchtig faltete und trug er ihn durch die in ihrem Dunste kochende Stadt hindurch, in der es überall im Dunkel raunte und raschelte von Liebenden. Hinter jedem Holzstoß, auf jeder Bank gab es ein Pärchen, jeder Hausflur wurde zum Alkoven. Aus der »Krone« fiel ein breiter Lichtschein auf die Straße. Durch die geöffneten Fenster hörte man das lustige Französisch vieler Männerstimmen, das Knallen von Champagnerpfropfen. Dort feierten die Offiziere Abschied. Kurz vor der Apotheke stoben zwei Menschen auseinander; die verlegene, rundliche Gestalt der guten Brigitte drückte sich ins Pförtchen, draußen blitzten Soldatenknöpfe. Hummel redete die Magd freundlich an, sie solle sich nur durch ihn nicht stören lassen. Und er bliebe ja nun zu Haus und könne nach dem Rechten sehen. Da schaute sie ihn mit rotverquollenen Augen dankbar an. Gerade eben sei die Ablösungsorder gekommen für morgen. Er sei nun schon im sechsten Jahrgang, nächste Allerheiligen käme er frei, dann könnten sie heiraten. Hummel fragte noch, wie es dem Onkel gehe, und erfuhr, er sei wieder wohlauf, habe sogar zum Abend wieder ein »petit verre« im Café Français genommen. Die Verliebtheit sprach dem plumpen, braven Geschöpf aus Stimme und Haltung, als sie sich wieder zu ihrem Soldaten zurücktrollte. Hummel sah ihr neidvoll nach. Ihn erwartete jetzt ein weniger willkommenes Rendezvous. Immerhin war es ihm lieb, das Mädchen, deren Kammer auf den Garten sah, außer Hause zu wissen. Vorsichtig schlich er hinauf in sein Stübchen, legte den Hut ab und erfrischte sich, dann ging er durch das Haus ans Gartenpförtchen, das nur leicht von innen verriegelt war, und öffnete es. Mit entschlossenem Gesicht stand er da und wartete. Die Schwüle ringsum erbitterte jetzt sein Blut, er fühlte beinahe Haß gegen die »madame sans-gêne« , die sich in seine schönste Lebensstunde frech hineinschob. Und jetzt sah er durch die Büsche des Gärtchens hindurch sie drüben am Platz an den Häusern entlang streichen. Mondschein auf ihrem weißen Hütchen. Ein heißer Windstoß warf ihm Staub ins Gesicht und trieb Wolken über das Licht. Bald darauf hörte er Kleiderrascheln in der Nähe. Er hatte große Lust, sich still zu halten, sie womöglich wieder fortgehen zu lassen, aber sie hatte ihn schon gespürt. »Sind Sie da, mein Freund?« Sie nahm seine Hand, die schlaff herabhing, und führte sie an ihre Wange. »Fühl', wie heiß ich habe, ich bin gelaufen, o, ich bin gelaufen! Und einen ganzen Roman habe ich gelogen deinetwegen, o schrecklich!« Sie lachte vergnügt. »Ist das Lügen Ihnen schwer geworden?« fragte Heinrich, bemüht, einen Anfang zu machen mit dem Unartigsein. Sie achtete nicht darauf. »Ich habe dem braven Xavier gesagt, ich hätte so fürchterliche Zahnschmerzen, er soll nur ruhig einfahren und abschirren, ich wolle einen Augenblick in die Pharmacie eintreten, meine Tropfen holen. Geglaubt hat er es mir nicht sehr, ich habe es an seinem Blick gesehen, o, ein unverschämter Blick, er hätte eine Ohrfeige verdient dafür. Die Hauptsache aber ist, ich bin hier! Und es findet sich heute besonders gut, daß Monsieur de la Quine beim Abschiedsbankett der Offiziere in der ›Krone‹ sitzt, anstatt wie gewöhnlich um diese Zeit zu seiner belle rousse zu schleichen. Welches Drama, wenn wir uns plötzlich auf dem Marktplatz gegenübergestanden hätten! O, ich, sehe ihn von hier in all seiner Würde, sa tête de pipe en émoi!« Und sie lachte wie eine Tolle. Hummel fuhr zusammen. »Um Gottes willen, man wird uns hören! Und überhaupt, gnädige Frau, auf welche Weise wird es Ihnen möglich sein, unbemerkt wieder durch den Gefängnishof in Ihre Anstalt zurückzukommen?« Sie sah ihn unzufrieden an. »Welche liebenswürdige Besorgnis, mein Herr! Aber glücklicherweise habe ich bereits heute nachmittag mit einem Schlüssel zu unserer Wohnung vorgesorgt, in den Hof komme ich mit dem Bäckerjungen, er verrät mich nicht, er ist galant.« Heinrich nahm sich zusammen, er machte seine Hand frei. »Ich werde die Ehre haben, Sie sicher nach Hause zu begleiten,« sagte er steif und kam sich peinlich lächerlich vor. »Jetzt gleich,« fügte er hinzu, da sie gleichmütig nickte und sich von neuem an ihn drückte. Im Begriff, naher zum Pförtchen zu gehen, stand sie plötzlich still. »Was ist das? Was ist geschehen? Vous faites une tête, mais une tête!« und da er nicht antwortete, mit einem bösen Zischen: »Françoise? Ah, Sie zucken zusammen. Ich darf den Namen nicht anrühren? Sehr gut, vortrefflich! Ich habe es mir ja gedacht. O, sie ist eine Feine, sie versteht ihr métier .« Sie fing an zu weinen, pathetisch und anklagend. Dann fuhr sie mit beiden Händen auf ihn ein, ließ aber vor seiner harten Miene die Arme sinken. »Sie sind roh, mein Herr, ein echter Deutscher!« Statt jeder Antwort bot er ihr den Arm, sie wegzuführen. Sie stampfte mit dem Füßchen auf. »Man beleidigt nicht eine Frau, die man liebt.« Er sah sie fest an. »Nein, Sie haben recht, gnädige Frau, das tut man nicht.« Sie schrie auf. Ein breiter Blitz war vor ihr niedergefallen, prasselnder Regen folgte. Die junge Frau in ihrem dünnen Kleide drängte ans geöffnete Pförtchen. Mitten im Regen stand sie einen Augenblick still und drehte sich zu Heinrich zurück, der unschlüssig folgte. An einem Fenster oben zeigte sich Tante Amélies ausführliche Gestalt mit einer Kerze, sie befestigte die Riegel. Ihr Kerzchen zeigte sich noch hier und dort im Hause. Manche hatte sich vorsichtig geduckt, jetzt glitt sie geschmeidig zum Gartenhäuschen, öffnete die Tür und trat ein. »Gott sei Dank, hier ist man doch nicht in Gefahr, seine Toilette zu ruinieren.« Sie schüttelte graziös ihre Volants. Dabei stieß sie gegen das alte breite Sofa. Sie lachte triumphierend. »Sie sehen, es ist Gottes Wille,« sagte sie zu Heinrich, der in der Tür stand. Der blieb steifernst. »Ich bin glücklich, gnädige Frau, daß ich Sie hier in Sicherheit weiß. Sobald das Gewitter vorüber ist, werde ich wieder hier sein, um Sie nach Ihrer Wohnung zu begleiten.« Damit war er in den Regen zurückgetreten, er hörte sie an das Fensterchen klopfen, aber er wandte sich nicht um. Barhäuptig, wie er war, stellte er sich mitten auf den jetzt menschenleeren Platz und ließ die zähen, kalten Faden an sich niederstreichen, sein heißer Körper erfrischte sich daran. Gereinigt kam er sich vor und frei zu allem Glück. Sehnsüchtig dachte er an Françoise. Was tat sie jetzt? Schlief sie? Dachte sie an ihn? Vielleicht betete sie. Es fiel ihm plötzlich ein, daß sie Katholikin sei. Das dünkte ihm einen Augenblick fremd an ihrem Bilde. Er war inzwischen den Marktplatz rundum marschiert und schon völlig durchnäßt, immer noch zuckten Blitze, grollte der Donner und stürzte der Regen. Jetzt ein heftigerer Schlag. Er redete sich ein, das müsse eingeschlagen haben, beim Kanal drüben, bei den Baldes. Ohne Besinnen und Überlegen lief er sturmschritts dorthin. Das Haus lag breit und friedlich da, hinter seinem umgitterten Vorplatz, nur jetzt – zwei Gestalten, weiß mit wehenden Lichtern, von langem, falbem Haar umweht, bewegten sich feierlich aufeinander zu, begegneten sich, blieben stehen, am nächsten Fenster wieder und wanderten so von Stockwerk zu Stockwerk. Eine beugte sich einmal weit in den Regen hinaus und spähte durch die Nacht, ein Jubel stieg ihm in die Kehle, es war Françoise. Unwillkürlich hatte er ihren Namen gerufen, sie horchte, schüttelte den Kopf und war verschwunden. Ein Fenster im oberen Stockwerk wurde hell, stetig, unverrückt, aber niemand zeigte sich. Da ging er, triefend und beseligt, nach seinem Posten vor der Apotheke zurück; er durfte die enttäuschte Frau im Gartenhaus da drinnen nicht im Stiche lassen. Er trat unter die Rathauskolonnade. Ihn fror. Die Rinnsteine murmelten und schluckten, das Pflaster, ganz blank, zitterte wie ein See. Er sah zu Père Anselmes Fenster hinauf, das tröstlich leuchtete wie das Auge der Ewigkeit. Das Unwetter schien jetzt ausgetobt zu haben, der Regen hörte auf, graue Schwaden zogen wie steile Wände vor dem Winde her, in einiger Ferne grollte und wetterleuchtete es. Unbehaglich durch die tiefen Pflasterlöcher watend, tappte sich Hummel mit Schuhen, in denen es gluckste, nach Haus, seine arme Gefangene zu befreien. Er schlich vorsichtig zum Gärtchen herum, dessen Tür er leise öffnete, und ging zum Gartenhaus. Überrascht blieb er stehen. Er hörte Lachen und sah Lichtschein. Sachte glitt er zum Fenster. Da sah er die Quine, frisch und elegant in ihrem hellen Kleide, die Ellbogen liebenswürdig erhoben, eine Kaffeekanne in den Händen; jetzt sah er auch Onkel Camilles langes, weichliches Gesicht, ganz verliebt dreinschauend. Er hatte sein Hauskäppchen auf die Glatze gestülpt und hielt eine Kaffeetasse in der Hand, in die die junge Frau ihm einschenkte. Auf dem Sofa saß in Tollenhaube und Umschlagetuch Tante Amélie, gleichfalls eine Tasse vor sich. Bei dem Geräusch, das Heinrichs schwergewordene nasse Stiefel auf dem Kies machten, drehten alle drei sich um. Blanche hatte ihn erkannt. Sofort erhob sie sich und sperrte die Tür weit auf. » Le voilà, le beau monsieur , ah, mein Herr Tartuffe, der den Unschuldigen spielt mit seinen roten Kinderwangen! Und nachher zieht man nachts heimlich auf Abenteuer aus. Fi donc! « Und »fi donc« ahmten die Alten sie luftig nach, wie sie den Zeigefinger komisch nach ihm ausstreckend. Triefend und verlegen wie er dastand, gab der junge Mann wirklich das Bild eines Schuldbewußten. Madame Blanche trat an ihn heran, ihn preziös mit spitzen Fingern zur Lampe drehend. » Regardez voir , wie naß er ist! Hu! O ja, in solchem Wetter gehen mit Vorliebe die sündigen Geister um!« Voll höhnischen Triumphes sah sie ihm ins Gesicht. Tante Amélies dunkle Augen lachten den Neffen lustig an. »M'r hätt's dem Herr Prussien gar net so racht zutraut. Sell g'fallt m'r jetz von ihm!« Auch der alte Camille grunzte einverständlich. Sie erzählten nun, während um den armen Sünder herum sich ein See zu bilden begann, eifrig zu dreien die schöne Geschichte von den unerträglichen Zahnschmerzen. Grad als die arme Madame an der Nachtglocke läuten wollte, habe ein Betrunkener sie erschreckt, sie sei zur Gartentür geflohen und sei dort, vom Gewitter überfallen, eingetreten. Man schalt über die verliebte Brigitte, die wahrscheinlich den Riegel vergessen hatte. Als die Brigitte von ihrem Rendezvous nach Haus kam, habe sie die Madame im Gartenhäuschen gefunden, den Pharmacien geweckt, Madame Bourdon sei auch gekommen mit ihrem schönen Kaffee und Kuchen, und man habe es sich gemütlich gemacht. »Und die Zahnschmerzen?« »O, die seien von selbst verschwunden bei der guten Behandlung.« Und sie klopfte dem entzückten alten Camille die unrasierte Wange. »Sehen Sie, mon neveu,« sagte der schmunzelnd, »so ergeht es uns Tugendhaften. Ihnen aber ist recht geschehen, daß Sie so vergewittert wurden. Von wegen Ihrer Lasterhaftigkeit. N'ai je pas raison ?« » Parfaitement ,« bestätigte Blanche und tauchte ein Biskuit in ihren Kaffee. Tante Amélie hatte inzwischen dem »pauvre garçon« in ihre eigene große Tasse eingeschenkt und hielt ihm den gut dampfenden Kaffee unter die Nase. Dabei wisperte sie ihm ins Ohr: »Bei wem waren Sie denn? Sagen Sie's!« »Raten Sie, Tantchen!« Sie wandte sich enttäuscht ab. Blanche zog die Handschuhe an. »Ich muß jetzt gehen, Monsieur de la Quine wird sonst eifersüchtig. Leider ohne Grund,« fügte sie hinzu. Sie blickte Bourdon an und legte in ihre Stimme so viel Süßigkeit, als sie nur konnte. Hummel wunderte sich über sich selbst, wie gefeit er nun war gegen ihre Künste. Bourdon küßte ihr den halbentblößten Arm »Madame ist ein Engel.« »Ah, so werde ich wohl versuchen müssen, ein wenig zu sündigen, denn ich bin gar nicht gewiß, ob es Engeln erlaubt ist, ihren Freunden in der Hölle einen Besuch abzustatten, und ich hätte gern diesen blonden Herrn dort, der ja sicher in die Hölle kommt, wiedergesehen, um zu beobachten, wie er die, armen Seelen tröstet. Denn hier auf Erden, nicht wahr?« – sie sah ihn vielsagend an – »hier auf Erden sehe ich keine Möglichkeit zu solchen Beobachtungen.« Hummel schwieg. Sie biß sich auf die Lippe. Ihre Nase wurde weiß und spitz. »Sie reisen bald, Monsieur Hümmelle, vermute ich? Unser armer Pharmacien kommt sonst am Ende noch in den Verdacht, einen preußischen Spion zu beherbergen.« Scheinbar achtlos nestelte sie an ihrer Mantille. Camille war fahl geworden. »Einen Spion?« »Aber kein Zweifel! Jetzt, da man Graf Bismarcks Intriguen kennt.« Vater Bourdon sank in einen Stuhl zurück. »Ich, einen Spion!« Blanche lächelte. »O, man ist argwöhnisch. Jetzt, da es ja zum Kriege kommt mit Preußen.« Bourdon stöhnte: »Also Krieg! Habe ich es nicht immer gesagt, es kommt noch einmal zum Kriege? Aber niemand hört auf mich. Das lebt so in den Tag hinein und denkt an nichts! Wenn ich nicht wäre! Sie wissen Neues?« fragte er dann gespannt. » Mais oui , in Isenheim ist diesen Abend eine Schwester vom Sacré-Cœur aus Paris zu Besuch gekommen, sie sprach von Lärmszenen im Parlament, ganz Paris ist in Erregung, nur wir hier in der Provinz erfahren immer alles erst, wenn es schon vorbei ist.« »Aber was geschieht denn?« fragte Heinrich. Tante Amélie hatte ihm noch einmal eingeschenkt, ihm ein gutes Stück Kuchen dazu geschnitten, nun saß er am Tisch wie ein Spießbürger und erholte sich von seinem Abenteuer, ungerührt durch die verächtlichen Blicke der schönen Qine, die tiefbeleidigt war durch die Haltung ihres »amant« . Seine »Roheit« hatte sie ihm vergeben, sein Mangel an schöner Geste schien ihr unverzeihlich. Anscheinend leichtherzig plauderte sie weiter. »Was geschehen ist? Ihr roi de Prusse , Monsieur, hat irgendwelche Ungeheuerlichkeit begangen, es hat darüber erlegte Debatten gegeben in der Kammer, und man hat beschlossen, sich keine Art von Übermut von dort drüben mehr gefallen zu lassen. C'est ainsi . Die Situation ist gespannt, man wartet auf die Entschuldigungen von Preußen, treffen sie nicht ein, dann – – –!« »Entschuldigungen?« Heinrich war aufgefahren, sein Gesicht flammte. »Ich halte das für unmöglich,« sagte er dann beherrschter. »König Wilhelm wird die Ehre seines Landes nicht preisgeben.« »Sie wollen also Krieg!« Ihre Augen blinzelten ihn an. »Krieg zwischen Frankreich und Preußen?« wiederholte Bourdon scheltend, indem er sich hinter die Quine, gleichsam in ihren Schutz stellte. Heinrich sah ihn nachdenklich an. Der Klang des Wortes Krieg, heute schon leise präludiert, nun immer deutlicher angeschlagen, erregte ihn. Vor ein paar Tagen noch würde ihn solche Aussicht vielleicht entzückt haben, er hätte an Kraft und Kampf gedacht, an Begeisterung, an Blut und Jammer auch vielleicht, aber doch an lauter Unpersönliches. Jetzt fühlte er sich sonderbar zerrissen, er hatte die Empfindung, sein eigenstes Geschick sei plötzlich unlösbar verknüpft mit einem streitenden Hüben und Drüben, als müsse er an beiden Seiten zugleich sich einsetzen, sich behaupten. So fand er keine Antwort. Auch erwartete Madame de la Quine das nicht. Im Rausch ihres Sieges über den »hölzernen Deutschen« und im angenehmen Bewußtsein, sich einen guten Abgang gesichert zu haben, schritt sie wie eine Heroine zur Türe. Heinrich raffte sich zusammen. »Ich werde Sie hinüberbegleiten,« sagte er höflich. Sie lachte auf. »Mir scheint, ich bin sicherer allein als in Gesellschaft eines Herrn, der die Nächte außerhalb des Hauses zubringt. Ihre Begleitung, mein Herr viveur , würde nur meinem Ruf schaden. Habe ich nicht recht, Madame Bourdon? Außerdem, da ich unglücklicherweise keine Nymphe bin, ist meine Toilette nicht geeignet für die Nähe eines Quellengeistes, wie Sie, Monsieur Hümmelle, es in diesem Augenblick sind. Allez vite vous mettre à sec , gewinnen Sie so rasch als möglich Ihr gewohntes Element zurück, das Trockene. Bonjour et au revoir! « Tante Amélie sah ihr entzückt nach. »So graziös schwatzt und läuft sie,« sagte sie neidlos anerkennend. Dann nahm sie ihr wollenes Umschlagetuch ab, achtlos auf die Enthüllung eines umfangreichen Hängebusens, der nur mühsam durch eine gestrickte Corsage gebändigt war, hob sich auf den Zehen und wickelte sorgfaltig ihren langen blonden Gast ein, beide Arme. Heinrich ließ sich bündeln wie ein Kind. »Sie sind doch die Beste von allen, Tante Amélie.« Er gab ihr, sich vorbeugend, einen Kuß auf die Wange. Sie strahlte. » Ah les jeunes gens! Aber nun rasch ins Bett, sonst haben wir morgen die schönste Erkältung!« »Einen Augenblick noch!« Camille Bourdon stellte sich an die Tür. Er rieb sich verlegen die Hände. »Ja, was ich sagen wollte – awer Sie dürfe m'r das net etwa iewel nehme, neveu !« »Laß ihn nur erscht emol ins Bett komme un sich wider wärme,« verlangte die Tante, aber der Alte fuhr fort: »Nicht, daß ich selber etwa der Meinung wäre, oh non , aber Madame de la Quine hat recht, die Leute in der Stadt – Sie dürfe sich darüwer net trumpiere, wie die sich erscht exaltiere mit patriotisme , d'rno isch's letz. M'r muß halt de böse Hund a Stückle Brot hinwerfe. Ich für mein Teil« – er stellte sich in Positur für sein schönes Hochdeutsch – »ich kenne natürlich kein Schwanken, mein Neffe, wenn es sich darum handelt, die Pflichten der Gastfreundschaft« – er zog mit verzweifelter Energie an den Taillenkordeln seines Schlafrockes – » mais vous comprenez , Sie verstehen, man hat Frau und Kind und seine Pharmacie, und das Hemd isch einem näher als d'r Rock. Und« – er atmete laut auf – »ja, ich tu's auch für d'r Herr neveu selber, m'r weiß ja nit, ob m'r eine Prussien so schütze kann, wie m'r gern möcht, wann's wirklich emal losgeht.« Die gelbe Angst sprach aus seinem Gesicht. Aber Madame schob sich resolut dazwischen. »Ah bah, ins Bett krabbelt m'r jetz und nir witer,« erklärte sie. »O jawohl, seinen eigenen neveu in die Welt stoßen, wos doch net emol im Blättle g'stande het. Monstre que tu es! Net für e sou courage hat er in sei'm lange magre Leib. Niemand geht's was an, was wir tun, wir sind gute catholiques, ça suffit .« Damit trieb sie die beiden Männer vor sich her die Treppe hinauf.   Droben stand Hummel lange unbeweglich im Dunkeln. Die angstvollen Übertreibungen des Alten hatten angenehm beruhigend auf ihn gewirkt. Ein Gefühl körperlicher und seelischer Wärme war in ihm, das ihn glücklich machte. Alle Einzelheiten des Tages, den er durchlebt hatte, bauten sich vor ihm auf wie ein wunderreiches Heiligtum, vor dessen Türe alles zurückbleiben mußte, was Kleinmut war und Sorge. Und wenn es wirklich wahr würde mit dem Krieg – nun, da müßte man eben auch das miteinander zu bestehen haben, Schulter an Schulter. Eines für den Anderen. »Käm' alles Wetter auch auf uns zu schlahn, wir sind gewillt, beieinander zu stahn.« Eine weiche und große Freudigkeit kam über ihn, er wollte eine Bewegung des Umarmens machen in die tröpfelnde Nacht hinein, dabei merkte er, daß er immer noch mumienhaft verwickelt da im Dunkeln stand, warf das Wolltuch ab, zündete Licht an und begann sich auszukleiden. Françoises weißen Kaschmirschal legte er andächtig auf seine Bettdecke, daß er ihn streicheln könnte, wenn er aufwachte. Im Bett blätterte er noch ein wenig mechanisch in seinem Gottfried Keller, der auf dem Nachttischchen lag. Er traf inmitten der Prosaseite auf ein Gedicht, das sich mit seinen kurzen Zeilen auffällig abhob. So las er dann: »In einem Gärtchen, wo du weißt, da blüht der Seelen Paradeis, da badt im Brunn der Heilig Geist, die Taubenflügel silberweiß, da riecht der himmlische Jasmin. Die Seel spazieret süß erbaut in Zimmetröslein her und hin. Da küßt der Bräutigam die Braut.« Eine warme Röte stieg ihm ins Gesicht, süße Vorstellungen bewegten seinen Körper. Seine Hände falteten sich fromm. Der Vater im Himmel schien ihm plötzlich erdenwirklich und nahe, hatte sein Pförtlein aufgetan und schaute liebreich herunter zu ihm, dunkle Wonnen herabträufend. Ruhig und mit einem warmen Glücksbewußtsein lag er in den Kissen, die Augen nach dem geöffneten Fenster gerichtet, in dessen Rahmen sich die Sterne nochmals zu verdunkeln begannen, das Leuchten und Grollen wurde wieder deutlicher, das Gewitter war am Zurückkehren. Und plötzlich geschah etwas Unbegreifliches. Zum Fenster herein schaute ein Gesicht, ein Kopf mit einer Krone. Man sah das Profil, eine dicke, an der Spitze etwas eingedrückte Nase, ein dichter Schnurrbart, drei aufrechtstehende, unverständlich breite Haare senkrecht auf dem kahlen Schädel. Jetzt hörte man von unten Wispern und leises Pfeifen. Hummel sprang aus dem Bett und ans Fenster. Françoises Schal hatte er mitgerissen. Da sah er, daß es eine Figur war, auf einer Stange, mit bunter Harlekinsjacke bekleidet. Ein weißer Zettel hing dem Phantom über dem dicken Bauch, der trug die Aufschrift »Bismarc« , auf der Krone stand der Name »Espagne« . Hummel bog sich, die Figur wegdrängend, hinaus, da sah er unten einen dunklen Trupp mit allerlei vorgestreckten Armen, ein paar Betrunkene schienen darunter, dazwischen Frauenschürzen, auch Soldaten. In diesem Augenblick versetzte ein krummer Mensch, der eine Harke trug, der Figur einen Backenstreich, man hörte Bravorufen und heiseres Gelächter. »An d'Latern, Bismarc,« riefen sie, » à la lanterne! « Ein gewalttätiger Zorn stieg in dem Deutschen auf, in zwei Sprüngen war er die Treppe hinunter und zum Hause hinaus, faßte den ersten, der ihm in Greifnähe kam, beim Kopf und ohrfeigte ihn, die anderen, beim Anblick des langen, wütenden Menschen im Hemd und lang nachflatternden weißen Schal, der da aus dem Dunkel sprang, stoben zu Tode erschreckt auseinander. In diesem Augenblick brach auch das Gewitter von neuem los, naher Blitz und fürchterlicher Donner, Güsse von Regen. »Der Leibhaftige!« kreischten die Frauen. Hummel mußte lachen. Das kam den Leuten noch viel grauenhafter vor, in heilloser Angst ließen sie die Puppe fallen und sprangen, holprig sich verrenkend, davon wie eine Horde lebendig gewordener, knorpliger und triefender Bachweiden. Im Laufen bekreuzigten sie sich und blickten um, voll abergläubischem Entsetzen, denn das streitbare Gespenst hatte die Puppe auseinandergerissen und lief nun den armen Tröpfen mit kriegerisch flatterndem Burnus, die nackte Stange wie einen Speer schwingend, durch Blitz und Donnerbrüllen nach. Den Krummen erwischte er noch, gab ihm einen guten Streich mit der Hand und ließ ihn laufen. An der Straßenecke blieb er stehen und lachte. Wie er da im Hemde hinter der Bande herlief, durchnäßt bis auf die Haut, mit der Gebärde eines Siegfried, kam er sich recht komisch vor. Vor der Pharmacie stand er und lauschte. Niemand regte sich, sie schliefen. Onkel Camille war sowieso ein wenig taub, die Tante sagte selbst, man könne sie nicht wecken, und die Brigitte war vielleicht schon wieder weggeschlüpft. Oben hängte er reuevoll den lieben weißen Schal zum Trocknen auf, dann erst dachte er an sich selbst. Aber es war ihm unbehaglich zumute. Gegen ihn war diese kindische Demonstration gerichtet gewesen, kein Zweifel, gegen den »Prussien«, den Bismarckspion. Wieder, wie heute beim Bauer Justin, fühlte er sich umgeben von Haß und Feindschaft, die er nicht erwidern konnte, und die deshalb beunruhigend für ihn war. Und klarer als heute nachmittag wußte er jetzt, wie nah das alles ihn angehen würde, ihn und das Mädchen, das aus dieser Welt hier zu ihm gekommen war. Er lag still in seinem Bett, umdrängt von Gedanken und Empfindungen, die geklärt werden wollten, aber seine Kraft ließ nach. Bald lag dieser ganze ereignisreiche Tag in ihm versenkt wie ein gestrandetes Schiff voll Kostbarkeiten, über das stumm und eilig die Fische Hinspielen. Morgen werden dis Taucher kommen und bergen. Morgen. – – Die Baldes hatten die Ankunft des »Kronen«-Wagens vor ihrem Tore nicht gehört. Sie saßen noch wach und angekleidet nach ihrem späten Nachtessen im Wohnzimmer, die beiden Silberköpfe zueinander geneigt. Sie hatten beunruhigende Nachrichten mitgebracht von der Meckelen, deren beide Brüder Offiziere in Norddeutschland waren. Genaueste Marschorders seien soeben ausgegeben worden für den Ernstfall. In Ems, wo König Wilhelm zur Kur war, sei es zwischen ihm und dem französischen Abgesandten zu ernsten Meinungsverschiedenheiten gekommen. Man mußte auf alles gefaßt sein! Die Baronin, deren Niederkunft bevorstand, war vor Unruhe erkrankt. »Wenn Armand marschieren muß, behalten wir Hortense hier!« sagte der Maire und schob ein wenig an der Messinglampe, so daß seine Frau den Kastenschatten bekam. Er liebte es nicht, wenn sie die Augen auf ihre Näharbeit richtete, anstatt auf ihn. »Hörst du mich auch?« fragte er. Sie drehte die Lampe gelassen wieder zurück. »Sie kann die große Stube oben haben, ganz für sich allein. Désirée schläft mit der Bonne daneben. Sie hat es ruhiger dann.« »Ob es sie sehr aufregen wird? Sie muß geschont werden! Aber laß doch das Sticken jetzt, meine Freundin!« »Es beruhigt mich, mein Freund, ich denke dann besser. Und Hortense ist es nicht allein, um die ich Sorge trage.« »Um wen noch sonst?!« Madame Balde schwieg eine Weile. »Ich denke daran, wie bedenklich es ist, seine Tochter gerade jetzt in das Ausland zu geben,« sagte sie dann, legte aber rasch den Finger auf die Lippen. »Chut!« Man hörte Françoises Stimme in das Klingeln der Haustür hinein, dann auch die anderen. Und nun brachen die Ausflügler mit Geschrei herein. Dugirard an der Spitze. Mit einer Lebhaftigkeit, die Dank für das gespendete Vergnügen bedeuten sollte, schilderte er launig den Markt zu Sulz, das Tanzen, dann den Unfall, Hummels Expedition zum Bauer Justin, das »souper sur l'herbe« , sein eigenes Lautenspiel und Singen, von dem er entzückt war, und Victor Hugos leichten Rausch. Er ahmte nach und half mit beiden Händen, die anderen sekundierten, man regte einander zur Heiterkeit auf, eine Zufriedenheit darstellend, die bei den wenigsten echt war. Blanc kam nun auch hinzu, Françoise holte einen Krug Wein und Gläser, nur Lucile wurde zu Bett geschickt. »Kleine Mädchen trinken keinen Wein.« Hortense begleitete sie hinauf, um nach der kleinen Désirée zu sehen, die oben schlief. Dort fand sie einen Brief aus Belfort von ihrem Mann. »Ich bete Dich an,« schrieb er, »sag' doch, was soll ich tun. Deine Verzeihung noch einmal zu erhalten? Ich liebe ja nur Dich. Das weißt Du, femme digne que tu es , die immer meine Irrtümer so gütig vergessen konnte.« Hortense seufzte und sah auf die Kleine, die ihm glich. Sie hätte sie am liebsten geweckt, denn dann hatte sie Martin Baldes gute schwarze Augen. Sie dachte an das Kind, das sich in ihr bildete, von ihrem Blute genährt, und das nachher vielleicht als ein zweiter Armand Dugirard von ihr geboren werden würde. Fremde, welsche Art! Mit schweren Füßen ging sie hinab. Inzwischen ließ Lucile sich im Gastzimmer von der alten Louisen zur Nacht die Locken wickeln. Sie sah dabei in den Spiegel. »Diese Elsässer sind ohne Herz,« sagte sie, »und sie wissen nicht, sich zu benehmen. Aber dennoch finde ich es zum Entzücken hier in der Provinz. Die jungen Mädchen im Elsaß haben es gar nicht nötig, sich zu verheiraten, sie haben schon jetzt ihre Freiheiten.« » Oui, malheureusement! « Eine Rachel hätte das nicht mit mehr Tragik ausrufen können« »Was mich betrifft,« fuhr Lucile nachdenklich fort, »ich werde, zurückgekehrt nach Paris, Mama bitten, mich recht schnell zu verheiraten.« »Und warum, mon cœur?« »O, dann werde ich Monsieur Hümmelle einladen, mich zu besuchen. Und, wenn es nicht Monsieur Schlotterbach sein sollte, den man mir zum Mann gibt, auch ihn.« Die Alte nahm sie in ihre Arme und küßte sie zärtlich auf Gesicht und Schultern. Lucile schloß die Augen. Sie dachte an Hummel und Victor Hugo. Unten im Wohnzimmer war inzwischen in den gespielten Übermut ein politisches Gespräch hineingewachsen. Blanc brachte aus der »Krone« die Zeitungsnotiz eines Mülhauser Blattes, der Herzog von Gramont habe erklärt, ein Preuße auf dem spanischen Thron, das sei ein feindliches Banner, das man an Frankreichs Grenzen aufpflanzen würde, eine fortwährende Beleidigung Preußens gegen Frankreich. Eine solche Beleidigung aber dürfe nicht geduldet werden. Balde ging im Zimmer auf und ab, die Hände auf dem Rücken verschränkt, Blanc, von der anderen Zimmerseite kommend, folgte seinem Beispiel. Bei jeder Begegnung blieben die beiden Männer einen Augenblick stehen und tauschten ihre Meinungen aus. »Ich bin überzeugt,« sagte Balde, »diese Zeitungsartikel sollen nur zum Sondieren dienen. Man möchte eine Erklärung Süddeutschlands hervorrufen, daß es sich im Falle eines Krieges gegen Preußen mit uns verbünden will. Darauf wartet man, ehe man stärkere Hetzereien ins Werk setzt.« »Sie haben recht, Schwager, das Ganze ist Ministerarbeit. Frankreich selbst will nicht den Krieg, auch der Kaiser kann ihn jetzt nicht wollen. Eingeweihte wissen, daß er schwer nierenkrank ist. Er würde nicht imstande sein, zu Pferde zu steigen.« »Und Frankreich macht sich lächerlich vor ganz Europa, wenn es um einer dynastischen Höflichkeitsfrage willen, die keinerlei Volksinteressen berührt, sich in ungereimten Drohungen ergeht.« Jetzt mischte sich Dugirard ein. »Die Angelegenheit ist doch nicht so unbedeutend, meine Herren, wie sie Ihnen erscheint. Sie hier oben am Rhein haben sich vielleicht an die lästige Umklammerung Preußens bereits gewöhnt, wenn es aber seine täppische Bärenumarmung nun auch an den Pyrenäen versuchen möchte, dann allerdings hat man die Pflicht, sich mit allen Kräften dagegen zu wehren.« »Jedenfalls«, sagte Frau Balde vom Sofa her, »jedenfalls würde es für die Minister schwer sein, dem französischen Volke gegenüber die Verantwortung zu übernehmen für ihre Streitsucht.« Sie hielt Françoises heiße, zuckende Hand in der ihren. Der Maire sah sich verwundert um, er war es nicht gewöhnt, daß seine Hausfrau über Politik sprach. Dugirard, behaglich in seinem Lehnstuhl, schüttelte den Kopf, » Ah bah , täuschen wir uns doch nicht hierüber. An dem Tage, da das erste französische Regiment die Grenze überschreitet, wird nicht mehr von Spanien die Rede sein und von Prinz Leopold, man wird nur daran denken, daß man endlich die dauernde Demütigung rächen kann, die uns seit Sadowa auferlegt wurde. Und was die Gerechtigkeit unserer Sache vor Europa betrifft, die ersten Siege werden alle Welt von ihr überzeugen.« »Und wenn wir nicht siegen?« fragte Balde. Dugirards Gesicht verlor völlig seinen gewohnten verbindlichen Ausdruck. »Sie sind Elsässer, Monsieur Balde, ein Stammfranzose fragt nicht so.« »Vielleicht nicht, Monsieur Dugirard, dafür befinden aber wir Elsässer uns unglücklicherweise nicht wie Sie da in Paris in der großen Galaloge, die hübsch weit von der Szene entfernt ist, sondern ganz dicht davor.« Françoise war aufgestanden. Die Hände fest ineinandergekrampft, weiß im Gesicht, horchte sie. »Was ist es mit den Preußen?« fragte sie jetzt tonlos. »Was wirft man ihnen denn vor?« Blanc lachte. »Nun, die Minister haben gehofft, Preußens Benehmen würde interessant genug sein, um die öffentliche Aufmerksamkeit von der so brenzligen Budgetfrage abzulenken, die für die Kammer zur Verhandlung stand. Daß sie sich darin zu täuschen scheinen, das eben bringt sie in Wut, meine Nichte.« »Aber dann –« Françoise machte eine hilflose Bewegung in die Luft hinein. Auch Dugirard erhob sich jetzt, er trat zu Blanc. »Ahmen Sie wirklich, Herr Pfarrer, das böse Beispiel unseres teuren Herrn Maire nach?« sagte er gezwungen lachend. »Sie, der Sie doch unvermischtes Franzosenblut in den Adern tragen? Das ist wahrhaftig ein schlechter Vogel, der sein eigenes Nest beschmutzt.« Welch ein Querulant, dieser Pfarrer, dachte er dabei. Man sagt recht, wenn man behauptet, die Protestanten Frankreichs seien die französischen Prussiens. Inzwischen war auch Hortense mit ihrem Brief heruntergekommen, sie hielt dem Vater die Seiten hin, die sie zur Mitteilung für geeignet hielt. Balde las: »Im Regiment fürchtet man, die in der Kammer angeschlagene Diskussion sei nicht genügend, ein kriegerisches Einschreiten Frankreichs zu rechtfertigen, noch dazu, da dieser Feigling von Thiers sich anmaßt, ›Vernunft predigen‹ zu wollen. Sollte es wider Erwarten dennoch zu einem Feldzug kommen, so kann er nur kurz sein. Frankreich würde dann unter dem Banner des nun endlich unfehlbaren Papstes mit Spanien zusammen marschieren, Bayern, Baden und die Pfalz, das ist gewiß, werden zu uns stoßen, ebenso wird Hannover und Hessen von Preußen sofort abfallen. Wir würden dann ganz einfach auf Staatskosten einen amüsanten kleinen Spaziergang nach Berlin machen. Madame Eugénie ist es, wie man sagt, die dieses ungefährliche Abenteuer wünscht. Und ich glaube das. Napoléon Vainqueur , das bedeutet Ablenkung drohender Revolutionen, eine vergrößerte Dynastie, ein vergrößertes Frankreich. Madame hat also recht wie immer. Denn es gibt wenige politische Ereignisse in den letzten Jahren, zwischen denen Madame nicht ihre weißen klugen Händchen hätte. Um so besser! ›Das, was die Frau will, will Gott.‹ Er tut das vermutlich um des lieben Friedens willen, denn der Frieden, wie wir wissen, ist sein métier .« Dugirard applaudierte. »Er hat Geist, dieser Junge!« Die Stelle, die Balde nicht vorlas, lautete: »Mut also, petite mère ! Und habe doch keine Furcht, die Berlinerinnen werden mir nicht gefährlich sein. Du weißt es ja leider, daß die großen Füße nicht mein Geschmack sind.« Nachdem der Brief gelesen war, legte Frau Balde ihr schwarzes Taffetschürzchen ab. Auf dieses gewohnte Zeichen ging man gehorsam auseinander. Aber kaum war jeder in seinem Zimmer, da brach das Gewitter los. Man traf sich mit wehenden Lichtern auf den Korridoren, beruhigte einander und sagte sich von neuem gute Nacht. Françoise und Hortense machten die Runde, die Fenster zu verwahren, schließlich kam auch das Salmele, naß wie ein Kätzchen, den Geruch schlechten Tabaks hinter sich zurücklassend. Die beiden jungen Schwestern hatten sich die Haare gelöst, um es leichter zu bekommen. So gingen sie durch alle Stockwerke, schweigend und schön, im Flackern der Blitze und ihrer Lichter wie zwei Gespensterweibchen anzusehen, die irgendein Schicksal im Hause umtreibt. »Du wirst ja ganz naß, Françoise,« sagte Hortense, als das junge Mädchen sich plötzlich weit aus dem Fenster bog. »Was macht das! Die Tropfen tun gut! Wie fern alles ist, wie grau!« Im Begriff das Fenster zu schließen, horchte sie auf, dann schüttelte sie den Kopf. Zusammen traten die beiden in Françoises Zimmer, das, Decke und Wand mit geblümter Kretonne überzogen, unschuldig und hell aussah. Mitten in dieser tapezierten Heiterkeit blieben die Schwestern stehen, umschlangen sich und küßten sich stumm. »Er gefällt dir?« flüsterte Françoise. »Zum Glück nicht so wie dir, meine arme Kleine!« »Arm?« Das junge Mädchen hob ihr glühendes Gesicht. »Wenn du wüßtest, wie ganz voll Glück ich stecke! Trotz allem,« fügte sie hinzu, da Hortense sie zweifelnd anblickte. Françoise errötete. »Ich weiß, was du meinst, aber sieh, die Quine fängt mit jedermann ihr Spiel an, und Lucile –« Sie zuckte hochmütig die Achseln. »Glaubst du nicht, daß ich es mit ihr aufnehmen könnte, wenn ich mir ein wenig Mühe gäbe? Mit beiden!« fuhr sie, sich steigernd, fort. »Ich brauche ihnen ja nur abzugucken, wie man es macht, lustig zu sein, kindlich tun, mich elegant kleiden. Und« –, sie sah ernsthaft besorgt aus – »glaubst du nicht, daß ich recht gut lernen könnte, kokett zu sein?« Hortense lachte ganz laut. »Kind, jetzt erst sehe ich, wie sehr du diesen robusten blonden Monsieur Heinrich liebst!« Und mitten im Lachen stürzten ihr die Tränen übers Gesicht. »Ja, tu's, geh mit deinem blonden Deutschen in sein Land, in dem die Männer ebenso treu sind, wie die Frauen. In Frankreich werden wir armen Elsässerinnen ja doch nur verlacht. Man begreift uns nicht, wenn wir in der Ehe noch etwas anderes sehen wollen als einen gesetzlichen Kontrakt. Vielleicht wärst du mit deinem Monsieur Füeßli glücklich geworden,« fuhr sie ruhiger fort, »er ist brav und liebt dich aufrichtig, aber für ihn, das sehe ich jetzt deutlich, für ihn würdest du nie versuchen, Koketterie zu erlernen.« Aber Françoise ging auf diese Wendung zum Scherz nicht ein. Sie hatte sich auf ihr Bett gesetzt, den Kopf gesenkt, ganz umschimmert und umwallt von ihrem Haar. »Seit heute würde ich's nicht mehr ertragen, wenn er eine andere liebte,« begann sie leidenschaftlich. »Ich glaube, ich müßte sterben, wenn ich ihn jetzt noch verlöre. Oder nein!« Sie erhob sich kraftvoll, die Brust gewölbt, die Hände geballt. »Nicht sterben! Kämpfen würde ich. Mit allen Mitteln. Auch den schlechten!« Hortense sah sie schweigend an. Das junge Gesicht da vor ihr, das ganz in Glauben und Begeisterung getaucht schien, verletzte sie irgendwie. Ein häßliches Gefühl stieg in ihr auf, ein Neid, der zu zerstören verlangte. »Alles in allem habt ihr euern Augenblick schlecht gewählt,« fing sie an. »Vergißt du ganz, daß wir vielleicht am Vorabend eines Krieges stehen?« »Ich vergesse es nicht, Hortense; im Gegenteil. Wenn dieser Krieg wirklich stattfände zwischen unseren Völkern, dann gerade würden wir ja um so fester zusammenstehen müssen, wir beiden, nicht wahr? Um diesen furchtbaren Zwiespalt in uns zu überbrücken. Und ich, ich hätte dann die Aufgabe, ihn zu trösten über die Niederlagen, die man für die Seinen voraussieht. Gerade wenn sein Vaterland unglücklich wird, muß er in mir seine Heimat finden können.« »Und wenn er selber ins Feld zöge? Du erinnerst dich, bei den Preußen kauft man sich nicht los, wie bei uns!« Françoise erblaßte. Sie wehrte mit beiden Händen ab. »Ich will nicht daran denken. Heute noch nicht. Nein, ich will es nicht.« Das Leiden, das sich in ihren Zügen aussprach, rührte Hortense. Sie näherte sich der Liebenden und umarmte sie. »Habe doch keine Furcht, meine arme Kleine, ihm wird nichts geschehen. Die Glücklichen sind unverwundbar.« »Sind sie das? Wirklich?« Ihr Blick, der sich auf die Schwester richtete, bohrte sich gleichsam durch sie hindurch auf irgend etwas Schreckliches und doch vielleicht Erhabenes, das sie fest ins Auge fassen müsse. »Die Glücklichen,« wiederholte sie mit seltsamer Stimme und fuhr dann fort: »Dann also, o ja, dann muß man ihn also glücklich machen.« Sie sprach mit fast unbewegten Lippen. Gleich darauf warf sie sich, wie von Scham und Furcht überwältigt, in die Kissen und zeigte ihr Gesicht nicht mehr.   Am nächsten Morgen machte Hummel mit der guten Brigitte ein Komplott, sie solle ihm Françoises Kaschmir wieder glatt bügeln. Besorgt und ernsthaft stand er daneben und gab acht, daß alles wieder in den vorigen Zustand kam, dann wurde ein zartes Papier genommen und der Schal dahineingehüllt. Er trug das Paketchen behutsam im Arme wie ein kleines Kind. Brigitte mußte ihn erst darauf aufmerksam machen, daß sein Frühstück im Gartenhäuschen auf ihn warte, er wäre sonst sogleich davongestürzt. Onkel Camille ließ sich nicht sehen. Er habe sich wieder ins Bett gelegt, berichtete die Magd. Auch Tante Amélie sah er nur von weitem, sie trennte und nähte an ihrem schwarzseidenen Kleide für die Kirchenfeier übermorgen. Es würde eine Prozession um die Kirche herum geben, rief sie ihm zu, alle Kinder weiß und ein paar junge Mädchen. Im Gartenhäuschen trank er stehend. Es mißfiel ihm zwischen den Erinnerungen von gestern. Dann las er fromm ein paar welke Lindenblüten von seinem Kragen, setzte sich den Hut sehr gerade auf und ging unter Seligkeit und Herzklopfen zum Hause hinaus. Da fiel gleich sein Blick auf ein paar große weiße Zettel unter der Rathaushalle. Er ging hin und las nun folgende Bekanntmachungen, die in deutscher und französischer Sprache abgefaßt waren: »Es wird eingeladen so bald als möglich die Ernte zu beenden.« »Die beurlaubten Soldaten der Land- und Meer-Armee sind durch dieses aufgefordert, sich zu ihren Truppenkörpern zurückzubegeben.« »Es wird den Landwirten des Kreises aufgegeben, alle militärtüchtigen Pferde sogleich nach Kolmar auf den Champ de Mars zum Ankauf zu entsenden.« Das sah bedenklich aus! Heinrich ging weiter den Platz entlang bis zur kleinen Post. An der Kaserne lungerten noch immer tatenlos die Soldaten herum ohne Erlaubnis sich zu entfernen. Die Order vom vorigen Abend war widerrufen worden. Die Leute sahen gelb und unzufrieden aus. Überhaupt erschien ganz Thurwiller an diesem Morgen übernächtig. Die wenigen Menschen, die sich schon aus ihren Betten herausgefunden hatten, standen verdrießlich herum, die Kinder, denen man für die morgige Feier schon letzten Abend Locken mit Zuckerwasser gewickelt hatte, waren gleichfalls zu kurz gekommen und gähnten zänkisch umeinander. Unter ihnen war der kleine Charles aus der Post. »Sie schlafen noch,« sagte er zu Heinrich, der an der Tür klinkte. Da er ratlos stand, rief ihn die Briefausträgerin an, die mit leerer Tasche auf Abfertigung wartete. »Ich will ein Telegramm aufgeben,« sagte Heinrich. Sie begriff zuletzt und riet ihm, die Botschaft aufzuschreiben und unter dem leise klaffenden Fensterchen hindurchzuschieben. Charles, verständnisvoll, brachte das Papierschiffchen herbei, das er im Regenfaß schwimmen ließ, faltete es auseinander und gab es hin. Aber Hummel zog ein Blatt aus seinem Notizbuch diesem nassen, zerknitterten Papierstückchen vor. »Ist meine Heimkehr sofort erwünscht?« schrieb er unter die Adresse seines Onkels, des Majors von Bassewitz in Erfurt. Dann sah er zufällig sein Schiffchen an. Wieder ein blauliniertes Schulheft und wieder die Handschrift Monsieur Cerfs. Das Konzept für eine französische Rede oder einen Artikel. »Man muß die gute Gelegenheit benutzen, um Preußen dahin zu bringen, daß es in Zukunft nicht mehr zu fürchten ist. Das wenigste, was man verlangen müßte, wäre die Freiheit der süddeutschen Staaten, die Räumung der Festung Mainz, die zum Süden gehört. Werden uns solche Garantien nicht gewährt, so können unsere Forderungen nur immer größer werden.« Dann kam noch: »Welch lebhaftes Interesse aber auch die äußere politische Konstellation Frankreichs in diesem Augenblicke bietet, der elsässische Bürger kann und darf darüber seine inneren Landesangelegenheiten nicht vernachlässigen. Er darf nicht vergessen, daß die Wahlen bevorstehen!« Hummel las das mit gesammeltem Gesicht, ebenso wie er seine Depesche geschrieben hatte. Etwas unzerstörbar Frohes war in ihm heute morgen, das wollte nichts wissen von Gefahr oder gar Hindernissen. Mit gleichmäßigen Schritten ging er seinen Weg zum Baldehaus. » Tiens, c'est vous? « Blanche de la Quine kam Seite an Seite mit Monsieur Cerf die Wallpromenade herab. »Ah, Sie wollen die lieben Baldes besuchen? Vielleicht die arme Hortense trösten, weil ihr Mann sich schlagen wird? Auch die chère Françoise wird traurig sein, ihren neuen Freund gleich wieder zu verlieren. Ich sprach eben davon zu meinem Freunde hier, Monsieur Cerf, er meint wie ich, daß alle, denen Ihre Sicherheit teuer ist, Monsieur Hümmelle, dafür sorgen müssen, daß Sie möglichst schnell Ihr Vaterland gewinnen.« »So ist es,« sagte der schöne Napoléon geziert. Sein parfümierter Henri-Quatre glänzte fettig in der Sonne, er machte mit dem Spazierstöckchen gewagte Kapriolen. Er sowohl wie Blanche sahen bedenklich erhitzt aus. »Madame hat schon früh ausgeschlafen?« sagte Hummel. Es klang boshafter als er wollte. Was ging ihn diese Dame an und ihre Liebhaber! Aber Blanche bekam auf einmal das Gesicht einer alten bösen Frau, ihr Kinn streckte sich vor, sie wußte nicht mehr, was sie sagte. »Glauben Sie vielleicht, mein Herr, man brauche eine Frau wie mich nicht zu respektieren! O« – sie zog ihren Mund sehr klein – »ich bin nicht die erste beste! Und es gibt noch Männer, die das zu schätzen wissen!« Ihre Augen sprühten. Sie raffte ihre Röcke zusammen. »Vouz venez, mon ami?« Und sie rauschte voran. Monsieur Cerf lüftete gemessen den Hut und folgte ihr mit kleinen, gezierten Schritten. Hummel sah ihnen grimmig nach. Über seine strahlende Zuversicht war ein Hauch gegangen. Langsam näherte er sich dem Haus, jeder Schritt eine abergläubische Beschwörung. Die alte Louison öffnete ihm in der Haltung einer Marschallin. Er fragte nach Françoise, da sie ihn streng ansah, verbesserte er sich aber und ließ sich »den Damen« melden. Man führte ihn, wie vorgestern, ins Bibliothekzimmer, und man ließ ihn, wie damals, warten. Heute aber besichtigte er nicht Bücher und Bilder, er blickte nur starr zur Tür. Endlich traten die Eltern ein, gleich nach ihnen beide Töchter. Man setzte sich und plauderte wie damals, aber es lag etwas Verlegenes über allen, und aus der Art, wie man jede Anspielung auf die gegenwärtige politische Lage unterließ, fühlte Hummel etwas so Absichtliches heraus, daß es ihn tief entmutigte. Ohne daß er es wußte, hefteten seine Augen sich unablässig auf Françoises Gesicht, das bald errötete, bald erblaßte. Aber sie hielt die Lider gesenkt. Nur mit Mühe brachte er die paar notwendigen Höflichkeitsphrasen zusammen. Zuletzt aber schwieg er, beugte den Kopf und hob ihn dann wieder mit einer trotzig bohrenden Bewegung in die Luft hinein. Dieses strenge Zeremoniell, an dem er sich stieß, war ihm unerträglich und beschämend zu dieser Stunde, da es sein Innerstes galt. Er erhob sich, die andern, in der Meinung, er wolle Abschied nehmen, taten dasselbe. Aber Heinrich, die Hände ineinandergepreßt, blieb wortlos vor seinem Sessel stehen, unbeweglich. »Ich werde vielleicht genötigt sein, noch heute nach meiner Heimat abzureisen,« sagte er endlich. Seine Stimme klang ihm unangenehm dröhnend und kriegerisch. »Ich kann es aber nicht tun, ohne eine Frage an Fräulein Françoise zu richten und eine Bitte an Sie, Herr und Frau Balde.« Er sah flehend von einem zum andern. Hortense wich leise hinaus, er stand vor den Entscheidenden. Frau Balde hob abwehrend die schmale Hand. »Zu früh, zu früh,« sagte Balde aufgeregt, aber diktatorisch. Er rückte sich unruhig am Bücherbrett entlang, an dem er lehnte. »Sie haben alle unsere Sympathien, das ist wahr, aber trotzdem wäre es eine Übereilung, wenn man – – « Frau Balde stand sehr grade neben ihrer Tochter. »Monsieur Balde hat recht,« sagte sie gütig, doch bestimmt. »Es ist noch zu früh, sich über Dinge zu unterhalten, die nur erst in der Phantasie zweier junger Kinder existieren.« »Denkt Fräulein Balde ebenso?« fragte Heinrich mit derselben starr schmetternden Stimme, die er verwünschte. Françoise sah auf. Sie tat nichts anderes als das, aber es lag Lächeln und Zuversicht in ihren Augen. »Wir haben unser Kind nicht befragen mögen,« antwortete die Mutter an ihrer Stelle. »Aber ich reise ab, Frau Balde!« Das klang so verzweifelt, daß der Maire sich nicht langer zurückhalten konnte, er trat vollends zu Hummel heran und faßte ihn tröstend bei den Schultern. Dabei mußte er sich hochrecken, so daß es aussah wie ein Umhalsen. »Ja, reisen Sie!« sagte er dabei freundlich. »Tun Sie das. Das ist das richtigste. Denn, Monsieur, was immer das Resultat einer Unterredung zwischen uns sein könnte, etwas Endgültiges dürfen heute weder Sie noch wir beschließen.« »Nichts Endgültiges!« Hummel hörte nur die Hoffnung heraus. »Aber diese Unterredung erlauben Sie mir also?« » Mais voyons , was bleibt mir anderes übrig, als Sie zu bitten, mit mir in mein Ordinationszimmer herüberzukommen, damit man ein paar vernünftige Worte miteinander redet?« Heinrichs Gesicht war auf einmal ganz in Seligkeit getaucht. Er drückte dem Maire stürmisch beide Hände. » Pas si vite, pas si vite, jeune ami , – seien Sie versichert, ich werde mir diesen Prussien erst einmal gründlich besehen, der mir mein Kind wegschleppen möchte.« Er winkte mit der Hand und ging zur Tür. Im Ordinationszimmer setzte er sich in seinen Ledersessel und wies Hummel einen Stuhl sich gegenüber an, der Schreibtisch zwischen ihnen. »Die Hauptsache ist – sind Sie gesund, junger Mann?« »Gesund, ja, das bin ich.« Der Alte sah ihn an. Seine guten, schwarzen Augen bekamen etwas unerbittlich Durchdringendes. Aber Hummel blickte ihm offen ins Gesicht. »Sososososo!« sagte der Alte befriedigt. Und nun begann er sich über die Vermögenslage des Bewerbers zu unterrichten, über seine Stellung, seine Berufsaussichten. Beide Männer sprachen mit Klarheit, knapp und einfach. Eine herzliche Zuneigung spann sich zwischen ihren trockenen Worten hin und her. Zuletzt sagte der Maire: »Sie werden es mir nicht verdenken, mein lieber junger Freund, wenn ich trotzdem eine Trennung jetzt für das einzig Richtige halte. Solange es so kriegerisch aussieht in der Welt und unglücklicherweise just zwischen unsern beiden Nationen, wäre es verbrecherisch, irgendeine derartige Verbindung anzuknüpfen. Ich gestehe Ihnen gern zu, daß ich, die Einwilligung meiner Frau vorausgesetzt, nichts Prinzipielles gegen eine Heirat in späterer Zeit einzuwenden habe. Wie aber die Verhältnisse jetzt liegen, wird es das beste sein, daß beide Teils sich vorerst für gänzlich frei und ungebunden betrachten. Sie mögen korrespondieren miteinander, sich dadurch besser kennenlernen, und wenn Sie dann später einmal wirklich wiederkommen, so werden wir – ich bin darin der Zustimmung von Madame Balde gewiß – Ihnen nichts mehr in den Weg legen. Ich glaube, daß das loyal gehandelt ist. Und ich hoffe, mein Herr, dasselbe von Ihrer Seite. Versprechen Sie mir, daß Sie keinerlei Versuche machen wollen, hinter unserm Rücken mit Françoise zusammenzutreffen.« »Ich verspreche es,« sagte Hummel langsam. »Und damit, mein Lieber, lassen Sie unser Verhör zu Ende sein.« Er streckte ihm herzlich die Hand entgegen. In diesem Augenblick klopfte man an die Tür, und Tränkele erschien, eine Depesche in der Hand. Der Maire las. »Dieu merci!« Er wandte sich zu Hummel. »Ja, mein Freund, das ändert unsere Angelegenheit bedeutend zu Ihren Gunsten. ›Hohenzollern verzichtet auf Königsthron, Frieden gesichert. Bekanntmachung zu Rüstungszwecken zurückziehen. Der Präfekt.‹« »Das muß Françoise wissen!« Der Jüngling taumelte hinaus, wie ein Falter, der sich in den Tag stürzt ... Als Balde und Hummel hinausgegangen waren, war es eine Weile still geblieben zwischen den beiden Frauen. Um Françoises frischen Mund spielte ein warm-gewisses Lächeln. Frau Balde hatte sich wieder gesetzt. »Ein gut und ehrenhaft aussehender junger Mann,« sagte sie, gleichsam als Antwort auf Françoises stumme Frage. Da die Tochter aber auf sie zustürzte, sie dankbar zu umarmen, wehrte sie lächelnd ab: »Kind, Kind, vor allen Dingen muß man sich gründlich erkundigen nach ihm, denn das einzige, was man von ihm weiß, die Verwandtschaft mit diesem prahlerischen Camille Bourdon, genügt doch nicht recht als Empfehlung für ihn, nicht wahr?« Sie strich liebevoll über das Haar der vor ihr Knienden. Françoise legte ihr brennendes Gesicht auf die beiden kühlen Hände der Mutter. »Er ist von deiner Kirche, maman .« Frau Balde nickte. Auf einmal stand sie auf. »Es ist sonderbar,« sagte sie mit einem fast schüchternen Lächeln und ging, sich höher aufrichtend, wie um Mut zu schöpfen, am großen Mitteltisch entlang. »Wirklich, es ist sonderbar. Jetzt, da von diesem Deutschen die Rede ist, daß er meine Tochter haben will, fühle ich mich zum erstenmal hier als Französin. Spürst du denn nicht, wie ich, an ihm die fremde Rasse?« fragte sie lebhaft. »Fürchtest du nicht, du müßtest dich immer übersetzen, wenn du mit ihm zusammen bist? Nicht nur die Worte, dich selbst, dein eigenstes Wesen?« Françoise schüttelte lachend den Kopf: »Nein, maman , so ist es mir nicht. Nie hab' ich mich noch jemandem so verwandt gefühlt wie diesem Fremden. Vom ersten Augenblick an.« Sie war tiefrot geworden und barg ihr Gesicht wie ein kleines Mädchen in ihrem Arm. »Wir haben bisher nur von Gefühlen geredet,« fing Frau Balde wieder an, bemüht, ins Ruhigere einzulenken, »ebenso wichtig aber und sogar entscheidend ist es, daß die Familien und Verhältnisse zueinander passen, und daß seine Vermögenslage befriedigend ist. Vertiefen wir uns darum nicht in Probleme, ehe wir festen Boden unter den Füßen wissen.« Aber Françoise schien sie kaum zu hören. »Meinst du nicht, maman , ich würde glücklicher werden als Hortense?« Frau Balde faßte ihre Hand. »Glücklich!« Ihr feiner, fast asketischer Mund wurde noch schmaler. »Das persönliche Glück einer Frau, meine arme Françoise, ist es nicht allein, auf das es ankommt bei der Gründung einer Ehe. Wir haben Pflichten, wir Frauen, gegen den Staat, gegen Frankreich. Eine würdige und ehrenhafte Frau wird es sich zur Aufgabe machen, die traditionelle, fast gesetzmäßige Heiligkeit der Familie der Welt gegenüber zu verteidigen.« Ihr reines, tönendes Französisch füllte strenge den Raum und hatte an sich selbst bereits etwas Gemessenes, Gesetzmäßiges. »Und was immer der Mann draußen in der Welt Unmoralisches erleben möge,« fuhr sie fort, »in dieses Heiligtum darf nichts davon eindringen. Das eben ist Aufgabe der Frau! Nicht die Passion ist es, meine Liebe, sondern die vernünftige Überlegung, die die guten Ehebündnisse schafft.« »Und du, maman ?« Sie stutzte einen Augenblick. »Dein Vater,« sagte sie dann und sah fast mädchenhaft aus dabei, »du weißt, wie sein Herz mit ihm durchgehen kann, er setzte alles daran, mich zu besitzen, obgleich ich keine Mitgift hatte. Ich habe ihn lieben gelernt in den Jahren unseres Zusammenlebens. Und überdies« – sie legte wieder einen Abstand von Respekt zwischen sich und die Tochter – »es sind nicht elsässische, es sind französische Ideen, die ich hier vor dir ausspreche, Françoise. Aber in diesen Ideen bin ich erzogen. Es sind die Ideen, durch die Frankreich groß wurde, es ist die Moral, die noch heute Frankreich erhält, und ohne die es zugrunde gehen würde. Ich glaube, ich hatte sie beinahe vergessen, diese Ideen, diese Moral, hier bei euch, wo man ja freier lebt und denkt als bei uns drüben.« »Aber gehörst du denn nicht zu uns?« fragte Françoise erschüttert. Frau Balde sah sie an. »Ich wußte es selber nicht,« sagte sie, »aber in den Augenblicken der wichtigsten Lebensentscheidungen wird einem wohl das, was man sich in der Jugend eingeprägt hat, wieder so sonderbar lebendig. Nun habe ich mit dir geredet wie mit einer erwachsenen Frau,« fügte sie dann hinzu, fast verlegen werdend. Françoise antwortete nicht, ihr Gesicht verzerrte sich. »Moral, Ideen,« murmelte sie heftig – »soll man denn wirklich sein ganzes Gefühl einmauern lassen darin? Aber ich! Weißt du, was ich tun werde, wenn man ihn in den Krieg schickt? Ich werde vorher seine Frau.« Sie schrie beinahe. »Wir würden es niemals zugeben, Françoise.« »Ich würde einfach zu ihm gehen.« »Das würdest du?« Die beiden Frauen maßen sich eine Sekunde wie Feindinnen. »Du willst das Recht haben bei ihm zu sein, wenn er verwundet würde?« fragte die Mutter tastend, bemüht zu verstehen. »Auch das.« Sie blickte vor sich hin. Nein, sie konnte der Mutter nicht sagen, was in ihr vorging. Was in ihr aufgewacht war wie ein Feuer bei Hortenses: »Die Glücklichen sind unverwundbar«, und was in ihr weitergefressen hatte, lodernd und zitternd, und nach Ausweg suchte. Erst der Wunsch, ihn zu halten um jeden Preis, ihn zu behalten, etwas von ihm in sich zu behalten, wenn er ginge, zu ihm zu gehören, wie keine andere. Das war's. Angstvoll horchte sie zur Türe, die leise zitterte. »Françoise, wir dürfen! Hohenzollern hat verzichtet, wir dürfen!« Er flog auf sie zu und umarmte sie. Balde räusperte sich. »Das heißt – – unsere Verabredung bleibt deshalb doch bestehen, Herr Doktor!« »Ja, ja,« gab der eifrig zurück. Er streichelte Françoises Hand, die zitterte. Das junge Mädchen sank nach der erregten Spannung der letzten Stunde wie ermattet in sich zusammen. Sie saß da, die Hände schlaff ineinandergelegt, und schaute mit großen glücklichen Augen zu Vater und Mutter hinüber, die leise miteinander redeten, während Heinrich fortfuhr, ihr zart und andächtig über Haar und Arm zu streichen. In abgerissenen Worten berichtete er von der Unterredung. Frau Balde hatte inzwischen das Telegramm genommen und gelesen, »Dieu soit loué!« sagte auch sie. Dann ging sie zu Françoise hinüber, küßte sie und streckte Hummel die Hand hin, auf die er sich ehrfurchtsvoll neigte. »Ich bin so dankbar, so dankbar!« sagte er immer wieder. Dann kam eine verlegene Stille, Hummel fühlte, daß die Eltern erwarteten, er würde sich nun verabschieden, aber es schien ihm ganz unmöglich, fortzugehen, ohne Françoise wenigstens noch einen Augenblick allein gesprochen zu haben. Und wieder, wie gestern abend, erriet sie ihn. »Monsieur Hummel wird reisen, da er es versprochen hat,« sagte sie mit heller Stimme. »Aber vorher, nicht wahr?« – sie lächelte – »Papa wünscht ja, daß wir uns kennenlernen. Ich lade Monsieur zu einem kleinen Spaziergang in den Thurwald ein.« Sie war doch ein wenig blaß geworden bei diesem Wagnis. Heinrich blickte erwartungsvoll zu Boden. Die Eltern schwiegen; sie sahen sich an. »Nun denn, ich werde Onkel Blanc bitten, uns als Gardedame zu begleiten, ich hatte ohnedies versprochen, heute mit ihm in den Thurwald zu gehen.« Etwas Liebenswürdig-Spöttisches lag in ihrem Ton, wie sie so kühn und höflich die strittige Frage löste. Auch die beiden Alten konnten ein beifälliges Lächeln nicht unterdrücken, Frau Balde ging selbst, ihren Brüder zu benachrichtigen. Der Maire sah inzwischen angelegentlich zum Fenster hinaus.   Blanc und das junge Paar gingen auf dem schmalen Feldpfad dem Thurwald zu. Hüben und drüben am Weg standen Leute und richteten das Getreide, die Frauen in roten Röcken und hellen Kopftüchern. Der Tag war sonnenlos und weich, voll brütender Mittagswärme, aber nur Blanc spürte das. Im Schritt der beiden andern lag etwas Frisches, Federndes, das frühlingsmäßig wirkte. »Sie wollen nach Deutschland zurückkehren, wie ich höre?« begann Blanc zuletzt das Gespräch. »Ich erwarte noch Nachrichten, Herr Pfarrer. Aber ich glaube, da doch nun alles wieder friedlich steht, meine Reise wird nicht sogleich nach Thüringen zurückgehen. Ich möchte noch eine Weile hier in Ihrem schönen Elsaß bleiben, es besser kennenlernen. Ich habe nie geahnt, daß mir dieses Land so interessant werden könnte.« Er sprach zu Blanc, aber seine Augen richteten sich auf Françoise. »Ja, das Elsaß ist schön!« sagte Blanc. »Hier das kleine Thurwiller freilich kann ihnen keinen richtigen Begriff von unserm Lande geben. Straßburg müssen Sie sehn!« Françoise fuhr auf. »Straßburg!« Auch bei ihr sprach nur der Mund zu Blanc, die Augen gingen zu Heinrich hinüber. »Die Straßburger, ach, das sind ja Stadtleute, nichts als eine billige Nachahmung von Paris. Und überhaupt das Unterland! Nein, hier bei uns im Oberelsaß – Père Anselme hat recht – hier haben sich noch die alten Landsknechtsitten erhalten, grob sind sie ja, die Leute hier, das ist wahr, aber kernig und gerade.« Blanc lachte. »Aha, die alte Eifersucht zwischen Oberland und Unterland, sicher noch ein Erbteil der früheren Kleinstaaterei.« Aber er hatte in Heinrich keinen guten Zuhörer für seine Bemerkung. Sie gingen jetzt über die Wiesen, einer hinter dem andern, durch einen weißen Sternblumenwald. Das milchige Wogen, der scharfe Blütengeruch brachten den Verzückten in eine Art wollüstigen Schwindels hinein. Er wußte nicht mehr, ob er selber sich bewegte oder nur das andere um ihn herum. Gleichsam um einen Halt zu verspüren, begann er von seinem Zuhause zu erzählen, dem Jenenser Universitätsleben, von allem, was nun auch Françoises Zuhause werden sollte. Sie lauschte, die Augen gesenkt, das volle, helle Mädchengesicht mondhaft sanft gegen den düstern Himmel sich abhebend. Heinrich fuhr indessen fort, zu Blanc für seine Verlobte das Bild seiner Mutter, die er zärtlich liebte, zu malen. Unmerklich erhielt das Porträt Ähnlichkeit mit Françoises eigenen Zügen. Und in der Tat schien es ihm auf einmal, daß die beiden sich glichen. Im Lächeln irgendwie. Françoise bog jetzt seitwärts in die Blumenwildnis ein, in der sie bis über die Knie versank. Ihr blaues Kleid schien wie getragen von Blumen. »Ertrinken Sie nur nicht, Fräulein Balde!« rief Heinrich ihr zu. Wirklich hatte ihn eine kindische Angst ergriffen, sie zu verlieren. Sie kam zu ihm zurück. »Weißt du, Onkel Blanc, daß ich einmal beinahe ertrunken bin in solcher Blumenwiese? Ich war vier Jahre alt und der Wärterin davongelaufen. Hier ungefähr war's. Plötzlich packte mich die Angst vor dem Schratzmännchen, das da im Thurwald die alten vergrabenen Schätze hütet. Ich versteckte mich. Und dann fand ich mich nicht mehr heraus. Es war schrecklich.« Sie erblaßte noch in der Erinnerung. Die Blumen, die sie gepflückt hatte, steckte sie sorgfältig in ihr Gürtelband. Die Liebenden sprachen nichts mehr. Zufrieden, dicht beieinander zu gehen, zufrieden, dasselbe zu sehen und in den Augen des anderen neu zu erleben. Sie kamen zum Waldrand. Ein frischerer Hauch wehte herüber vom Thurflüßchen, das metallisch aufrauschte. Langsam gingen sie am hohen Ufer entlang, zwischen Weiden und einzelnen Birken. Unten im Geröll des Flußbetts stand eine weiße korpulente Gestalt und angelte. Monsieur Dugirard. Blanc legte den Finger auf die Lippen, in sein Gesicht kam wieder das Lausbublächeln, das es so liebenswürdig machte. Er winkte den andern, es ihm nachzutun, und alle drei schlichen nun auf den Zehen hinter dem breiten, weißen Rücken vorbei. Außer Hörweite lachten sie wie Kinder. »Dieser Eindringling!« sagte Françoise. »Niemand sonst kommt hier in meinen Thurwald.« Sie gingen nun quer durch das Gehölz, das ihnen Schwärme von Mücken entgegensandte. »Die Weiden weinen,« sagte Françoise und schüttelte die Tropfen von ihrer Schulter. »Ja, Onkel Blanc, früher glaubte ich das nämlich wirklich, und ich fand das wundervoll märchenhaft, aber dann hat mir Jules Bourdon, der Sohn vom Pharmacien, gezeigt, daß es nichts ist als ein Büschel von Ungeziefer, das Feuchtigkeit absetzt. O, ich war so enttäuscht, geschlagen habe ich nach ihm!« »Sie hätten also lieber weiter an Ihr Märchen geglaubt? Sie scheuen es, klar zu sehn?« Etwas leise Schulmeisterliches klang hindurch. »Ich will nicht das häßlich sehn, was ich geliebt habe!« Er bückte sich tief. »Das sollen Sie auch nicht, Fräulein Balde,« sagte er halb erstickt. »Und es wird ein Ansporn sein für alle, die Sie lieben, niemals häßlich zu werden.« »Sehr interessant,« sagte Blanc und zog einen Brief aus der Tasche. Auch Françoise suchte nach Ablenkung. Sie sah sich um. Plötzlich stieß sie ärgerlich mit dem Fuß an ein gewölbtes Zweigwerk, das da auf dem Moosboden sich erhob. »Eine Marderfalle,« sagte sie. Eifrig riß sie das Gestell mit beiden Händen auseinander. Ein liebes Lächeln kam in ihr Gesicht. »Immer Sonntags nach dem Hochamt gehe ich in den Thurwald, Sonntags fängt sich kein Tier.« Sie lachte wie ein Bub. »Aber heute ist nicht Sonntag,« sagte Blanc. »Wirklich nicht?« Die beiden sahen sich an. Der Pfarrer nahm wieder seinen Brief vor. »Es ist sehr heiß hier, meine Nichte, und die Schnaken machen glorreiche Versuche, mich zu töten. Wenn du erlaubst – an der Thur dort ist es kühler. Ich habe auch meinen Brief noch nicht gelesen, er ist aus Straßburg von meiner Frau.« »Laß dich nicht stören, mein Onkel, ich zeige unserm Gast inzwischen das Hünengrab. Ich liebe es so sehr. Wir sind gleich wieder hier. Oder ziehen Sie es vor, mein Herr« – sie wandte sich zum erstenmal an Heinrich – »gleichfalls in das Kühlere zu gehen?« Der Onkel sah sie verwundert an. In das madonnenreine Oval ihres Gesichts war schüchtern ein kleiner spitzbübischer Zug getreten, der neu war an ihr, und der fast etwas Angestrengtes hatte. Heinrich aber verlor vor seines Mädchens lieber Evamiene den letzten kleinen Rest seiner Besinnung. Ganz verstört vor Seligkeit trabte er ihr nach. So gingen sie eine Weile. Der Weg wurde breiter. Ohne daß sie es wußten, hielten sie sich Hand in Hand. »Weißt du, daß du meiner Mutter, meiner Schwester gleichst?« sagte Hummel. Die neigte den Kopf ein wenig zur Seite, ihn von unten her zu betrachten. »Auch wir beide haben Ähnlichkeit miteinander,« meinte sie dann, und es war wichtig und geheimnisvoll, wie sie es aussprach. Sie prüfte weiter. »Unser Haar ist fast das gleiche. Wir sind auch vom gleichen Stamme, nicht? Meine eine Hälfte wenigstens.« Wäre Heinrich ein kühlerer Beobachter gewesen in diesem Augenblick, er hatte in ihrer anscheinend so vernünftigen Unterhaltung das Unsichere, Flatternde herausgehört; er selbst aber war viel zu aufgeregt, um das zu merken. Vielmehr verletzte ihn beinahe Françoises anscheinende Kühle und Gewandtheit. Sie liebt mich nicht, wie ich sie liebe, dachte er. Und bewunderte sie zugleich deshalb. Françoise sprach indessen weiter. »Ich glaube wirklich, wir hier im Elsaß tragen immer noch ein Stückchen alter deutscher Heimatsmelodie in unserm Blute. Manchmal hört man es auch. Ich muß an die Geschichte vom Posthorn denken, dessen Töne eingefroren sind und in der Wärme wieder auftauen.« »Und jetzt? Spürt es jetzt die Wärme?« Sie lachte nur. »Und was tönt es jetzt?« Sie wandte sich nah zu ihm. »Liebe, nur Liebe,« sagten ihre Augen. Dann auf den verhangenen Weg zeigend: »Ein paar Schritte noch, und wir sind am Hünengrab.« Sie waren an der Mulde angelangt, die ganz gefüllt mit den weißen duftenden Blüten der »reine des prés« den grünen Hügel umschloß. Eine einzelne hohe Kiefer ragte dort droben pathetisch in die Luft. Ihre untern Zweige lagen tief und dunkel auf dem Moosboden und bildeten da ein Nest. Françoise kroch vorsichtig dort unter und ließ sich nieder. »Wie viele Male habe ich doch schon hier gesessen!« Sie blickte, das Gesicht emporgewandt, an Heinrich vorbei, der vor ihr stand. Das durchfuhr ihn wie Eifersucht. »Mit diesem Herrn Jules Bourdon vielleicht?« Sie lachte. »Wir waren Kinder,« erwiderte sie dann sanft. Aber seine Miene blieb umdüstert. »Siehst du, Françoise, wenn ich mir vorstelle, ich bin fern, und du, du gehst hier im Wald mit einem andern! Ach, warum quält man uns so?« brach er aus. »Warum müssen deine Eltern auf dieser Trennung bestehen; jetzt noch, da wieder Frieden ist.« Sie senkte den Kopf. »Auch du hast mich gequält, weißt du noch? gestern! –« Er riß sie in seine Arme. »Ich verdiene dich nicht, ich weiß. Aber gestern war ich noch ein dummer Junge, das Fremde, Welsche imponierte mir an diesen beiden da, heute aber –« Er hielt sie heiß und fest an sich heran – »heute spüre ich endlich das wirkliche, das wahre Wunder.« Sie sah lieb erwartungsvoll zu ihm auf. »Dich, Françoise. Die Elsässerin, die mit französischer Sprache und dennoch den Zügen und dem Wesen meiner Heimat mir entgegentritt. Und – rätselhaft ist das – während ich am törichtsten verirrt war, immer habe ich doch gewußt, daß du zu mir gehörst.« »Und du zu mir.« Es klang wie ein Seufzer. Unwillkürlich legte sie, wie wehrend, beide Hände über ihre weißen Blumen. Und plötzlich kam ein banges, schweres Verstummen zwischen beide. Sie sagten sich nichts mehr, konnten sich nichts sagen, Heinrichs Atem keuchte. Françoise schloß die Augen, um sein Gesicht nicht zu sehen, das ihr Furcht machte. Etwas Lähmendes legte sich über sie, das doch zugleich Seligkeit war, ihre Herzen klopften denselben Schlag, ganz laut. Dicht und brennend an ihrem Ohr hörte sie ein paarmal ihren Namen. »Heinrich?« wollte sie erwidern, aber die Stimme versagte ihr. Sie fühlte etwas aufstehn zwischen ihnen, das sie nicht gekannt hatte, und von dem sie wußte, daß es da nicht sein durfte. Dasselbe junge Mädchen, das eben noch trotzig der Mutter zugerufen hatte: »Dann werde ich seine Frau,« bebte jetzt zurück bei dem ersten heißen Anhauch jener Welt, von der sie nur Wissen, aber kein Kennen hatte. Sie fühlte die Leidenschaft dieses Mannes, den sie liebte, an sich heranbrausen wie die Flügel eines großen, starken Vogels, und sie streckte gegen ihn bange zitternde Hände, von denen sie nicht wußte, ob sie abwehren oder festhalten wollten. Und plötzlich sah sie etwas Unverständliches, das sie entsetzte. Sie sah, wie Heinrich sich mit beiden Fäusten vor die Brust schlug, das Gesicht verzerrt, die ganze Gestalt hin und her geschüttelt wie ein Baum im Sturm. Sie selbst, fast herausgeworfen aus seinem Arm, hatte Mühe, sich aufrecht zu halten. »Wir dürfen hier nicht bleiben,« sagte er mit brüchiger Stimme. Sie hörte eine Angst aus seinen Worten. Mit langen Schritten, wie auf der Flucht, brach er durch die Zweige. An der Flußlichtung erwartete er sie. »Laß uns deinen Onkel aufsuchen. Françoise!« Noch einmal zog er sie behutsamem sich, und seine Lippen, die wie Feuer brannten, rührten an ihr Gesicht. »Wirst du mich nicht vergessen? Wie bald darf ich kommen? Schreibst du oft?« Als sie wieder mit dem Pfarrer gingen, wurde die Qual groß zwischen ihnen. Blanc machte darum ein Ende. »Hier wollen wir uns trennen,« sagte er freundlich, da sie wieder am Wiesenwege standen. »Sie möchten vielleicht noch ein wenig verweilen. Und wir werden erwartet.« Sie gaben sich die Hände. »Auf Wiedersehen.« »Au revoir.« Sie wandten sich noch einmal um, zu gleicher Zeit, aber still, wie schon ermattet von ihren Schmerzen.   Nachdem Heinrich sich noch ein paar Augenblicke sinnlos da im Walde herumbewegt hatte, ging er nach Hause, wie blind und taub durch die Straße, erwiderte mechanisch die Grüße von Théophile Schlotterbach, der eine freundliche Bewegung machte, ihn anzureden, hörte hinter sich etwas schleichen, das ganz nahe herankam, ihn anzurühren schien, das er, sich heftig umwendend, als den Pfiffer-Schang von der Sulzer Tanzdiele erkannte, sprang dann in zwei Sätzen die Treppe hinauf und warf sich aufs Bett. Dort versank er in bleiernen Schlaf. Ein paarmal hörte er Schritte an seiner Tür, meinte auch erst die Magd, dann die Tante an seinem Bett zu sehen, aber er regte sich nicht. Als endlich die Betäubung gewichen war, stand er auf und packte sein Köfferchen, das Buch vom »Grünen Heinrich« ließ er draußen, das sollte Françoise haben. Er schrieb eine Widmung ein für sie. »Françoise Balde zum Andenken an Heinrich Hummel.« Nichts weiter, dann Tag und Jahreszahl. Er sah nach der Uhr, es war die vierte Nachmittagsstunde. Ihn hungerte, er hatte seit heute morgen nichts gegessen. Gerade als er hinuntergehen wollte, hörte er weiche Schritte auf der Treppe. Camille Bourdon trat ein, erhitzt, den Hut noch auf dem Kopfe. »Wir haben Sie heut beim Mittagessen vermißt, mon neveu !« Hummel murmelte etwas von »nicht ganz wohl sein«. »Ah, ich hoffe, es ist sans importance ? Man selber freilich könnt' ebenfalls die raison verliere vor exaltation . Heut in der Früh hat's geheißen, alles ist wieder in der Reih, der Hohenzollern verzichtet, und jetzt hört man wieder, das Dings mit der couronne d'Espagne ist doch noch nicht en ordre. Au contraire, ganz im Gegenteil, schlimmer als je. Das Gouvernement hat bei Ihrem König in Ems reklamiert. Versprechen soll er: kein Prinz aus seiner Familie darf prätendieren für die couronne d'Espagne . Versprechen muß er's pour maintenant et toujours . Ah, ja doch« – er duckte sich vor der Bewegung des Zorns, die Heinrich machte – »ich bin ganz Ihrer Ansicht, mein Neffe, aber que voulez-vous que j'fasse ? Alle sind wütig auf den Bismarck, der uns die ganze Suppe eingebrockt hat. Im Postbüro hat man heute mittag schon von Spionen geredet, die er ins Elsaß geschickt hätte, Monsieur de la Quine machte dabei eine Grimasse nach mir hin, ich habe es wohl gesehen.« Heinrich Hummel wies statt jeder Erwiderung auf seinen gepackten Koffer. »Ah, Sie wollen wirklich?« Seine Miene erheiterte sich. »Und was hat man Ihrem Abgesandten erwidert?« fragte Hummel zuletzt. »Man sagt, König Wilhelm habe sich zuletzt geweigert, ihn zu empfangen.« »Gut so!« Heinrich richtete sich auf, seine Augen blitzten. Camille Bourdon faßte ihn unter den Arm. »Aber nun müssen Sie endlich essen. Madame Bourdon hat ein Hammelstötzele bereitet mit Böhnchen, und der gute vol-au-vent ist auch wieder in den Ofen gestellt. Kommen Sie nur geschwind, sonst nimmt Madame es Ihnen übel. Sie ist untröstlich, weil Sie uns im Stich ließen. Und, ah, fast hätte ich vergessen« – er kramte in seinen Taschen – »ein Telegramm an Sie. Monsieur Cerf hat zu Madame Schlotterbach gesagt, wo ich vor dem Essen war, es ist von einem preußischen Offizier.« »Nun, es ist recht angenehm, daß auch ich mein Telegramm zu lesen bekomme, wenn auch freilich erst zuallerletzt,« sagte Heinrich böse. Er öffnete. Es war die Antwort seines Onkels Bassewitz. »Man gehört jetzt nach Deutschland.« Das durchfuhr ihn. Er fühlte sich auf einmal wie berührt von einer festen Hand, die ihn fortriß von hier. »Monsieur Cerf ist Mittagsgast bei meiner Tochter,« fuhr Bourdon fort, ohne auf das Schweigen seines Gastes zu achten, »sehr elegant, sehr gewandt in Politik. O, eine vortreffliche Akquisition!« »Ich sah ihn heute morgen mit Madame de la Quine von der Wallpromenade kommen,« sagte Hummel. Er hatte das Bedürfnis, umsich zu beißen, seiner tiefen Erregung einen ungefährlichen Abzug zu verschaffen. Aber Bourdon schien aufs unangenehmste berührt von dieser Nachricht. Sein Gesicht wurde hochmütig. » Il fait la cour à Madame Schlotterbach, ich kann nicht glauben, daß er sich erlaubt, fast unter ihren Augen –« Unten war der Tisch noch für ihn gedeckt, die gute Tante umsorgte und hätschelte ihn, er mußte essen, guten Wein trinken und sich pflegen. Sie klagte, sie habe es so schwer mit der Magd. Die Soldaten wären immer noch hier. Der erste Offizier wisse nicht, was tun. Und mit den Mädels sei nicht auszukommen inzwischen. »Wir Hausfrauen haben es sonst gern,« meinte sie, »wenn unsere Mägde sich Soldaten anschaffen, man hat sie dann sieben Jahre sicher, und sie gehen doch etwas weniger mit andern Männern.« Und das mit der Magd sei es nicht allein, gestand sie, sie habe eben auch Angst um ihren Jules in Straßburg. Er sei Verlobter von der Tochter eines Douaniers am Kehler Tor, der dort sein Häuschen und seine Äcker zwischen den kleinen Forts habe. Käme es zum Kriege mit Preußen, müßten sofort diese Besitzungen geräumt und abgerissen werden, und dann: » bonsoir la dot !« Sie trocknete große Tränen. Aber Camille, durch Heinrichs Abreise in optimistischste Stimmung zurückversetzt, schrie sie an, wie sie so töricht sein könne, sich Sorge zu machen: »Was mich betrifft, ich habe niemals an den Krieg geglaubt, niemals.« Er puffte einem unsichtbaren Gegner triumphierend in die Seiten. Hummel, wortkarg und bleich, war schon weit, weit fort von alledem. Er fragte, wie man es einrichten könne mit seiner Abreise? »Madame Schlotterbach erläßt Ihnen den Abschiedsbesuch!« erwiderte Bourdon königlich. Aber die gute dicke Tante hatte ihn besser verstanden. Sie schlug vor, man möge Théophile bitten, seinen Wagen anzuspannen und den Neffen zum Abendzuge nach Bollweiler zu fahren. Aber Bourdon wollte davon nichts wissen. »Nicht so öffentlich vor aller Welt, man gibt den bösen Mäulern neue Nahrung. Nein, weißt du, was zu tun ist? Morgen in der Frühe – wir warten den hellen Tag gar nicht ab – Madame Bourdon schickt ja um fünf Uhr ihre Milchkannen auf einer charrette nach Bollweiler, wir legen ein paar Kissen hinein, Sie sitzen da weich comme chez le bon Dieu , und niemand ahnt Sie da.« »Ich fürchte mich nicht,« sagte Heinrich boshaft. Er verabschiedete sich bald und ging auf seine Stube. Da fand er einen dicken Brief. Er erkannte die Handschrift seines Schulfreundes Krompholtz, eines verbummelten Jenenser Theologen, der kürzlich sein fünfundzwanzigstes Semester gefeiert hatte. Die ersten Seiten überflog er nur. Die Anrede brauchte seinen studentischen Spitznamen »Bienchen«. »Wieder einmal scheußlicher Kater,« las er. Die Schilderung einer Abendsitzung mit langen Pfeifen auf dem Marktplatz folgte. »Ein Hoher Senat hat Maulkorbfreiheit beschlossen.« »Große Fahrt im Wichs, die Hunde bekränzt auf dem Rücksitz.« »Tapps und Himmelsziege rutschten aus dem Wagen.« Dann eine lustige Geschichte vom Nachtwächter, der sie mit seiner Plempe aus dem Graben am Karzerturm herausstöberte und sie feierlich anredete: »Meine Herren, wenn Sie sich betragen wie das Vieh, dann muß ich Sie auch behandeln wie das Vieh, und so fordere ich Sie hiermit die Studentenkarten ab.« Dann weiter: »Bin mal wieder tief im heulenden Elend drin. Epistel von meinem Alten, ich soll mich hinter die Bücher setzen, oder er enterbt mich. Hinter die Bücher! Schön gesagt. Die sind längst beim Juden. Lernen könnte ich sowieso nichts mehr. Beginnender Hirnschwund. Das Leben freut mich nicht, Kugel vor den Kopf, das ist das einzige.« Hummel steckte den Brief ins Kuvert zurück. Schade um den! Er sah den breiten, fett gewordnen Menschen vor sich mit den intelligenten, aufgeschwemmten Zügen. Aber alles das schien ihm jetzt sehr fern, fast störend. Er dachte an Françoise, und wie sie sich hineinfinden werde in das Universitätsleben in Jena mit seinen festen Regeln und Gesetzen. Ihm fiel ein, daß die Verheirateten, mochten sie noch so jung sein, nicht mehr tanzen durften, junge Mädchen dagegen noch mit dreißig Jahren, wenn sie wollten. O, wie sie lachen würden darüber, sie beide. Françoise würde anders sein als alle. Ihre Kleidung, ihre Sprache, die impulsive Anmut ihrer Bewegungen, keins von den Mädchen, die er dort kannte, hatte das so. Sie waren liebenswürdig, auch frisch vielleicht, klug, unterrichtet – o, sicher viel unterrichteter als sein elsässisches Mädchen. Keine aber war so gesund, verständig, irdisch wie Françoise, keine so natürlich in aller mädchenhaften Gebundenheit. So saß er lange und träumte. Auf dem Tisch lag noch ein zweites Briefblatt, nach dem griff er jetzt. »Mensch, es wird Krieg! Halleluja! Ich melde mich als Rekrut, daß Du's weißt. Bis jetzt hab' ich mich immer vom Dienen weggeschwindelt. Aber Bruder, wenn aus mir altem Sündenknochen überhaupt noch etwas Gescheites werden kann, dann ist's jetzt! Unten trällern sie ›Deutschland, Deutschland über alles‹. Jetzt soll das alte Luderleben aufhören! Jetzt hat man was, wofür man sich einsetzen kann. Vaterland! Hast Du Dir bis jetzt groß was dabei gedacht? Ich nicht! Sag' Deinen Elsässern da, erst klopfen wir den Frechlingen ihre roten Hosen aus, und dann kommen wir hinüber, Elsaß zu befreien. Sag' ihnen das.« Hummel erhob sich. Etwas Fanfarenhaftes klang da heraus, was ihn mitriß. Dann besann er sich. Das alles war ja aber nun umsonst, der Friede wiederhergestellt, die Länder in Ruhe. Fast tat es ihm leid um all die schöne Kraft, die so nutzlos verpuffte. Auch er selbst – er war jung und liebte sein Vaterland. Das sollte man ihm nicht schelten und kränken. Seine Kräfte erproben, ein großes Kampfspiel haben! Mit großen Schritten ging er im Zimmer auf und ab. Er las wieder durch, was der arme Krompholtz vom Elsaß gesagt hatte. Das machte ihn lächeln. Befreien von den Franzosen – nein, so stand es nun doch nicht hier! Er stockte. Aber wie stand es denn eigentlich im Elsaß? Er rief sich die Männer zurück, die er hier kennengelernt hatte, Balde, Bourdon, den Ratsschreiber, Schlotterbach, den jungen Victor Hugo. Jeder von ihnen hatte etwas Deutsches an sich gehabt, wenn auch etwa nur, wie Schlotterbach, die Sucht nach dem Fremden, alle aber fühlten sich als Franzosen. Und gern. Schon deshalb, weil es ihrer alemannisch-eigenbrötlerischen Art gefiel, in Frankreich die Besonderen zu sein. Und die Frauen? Die fühlten sich wohl alle als Französinnen. Und Françoise? Er selbst hätte sie sich gar nicht ganz als Deutsche denken mögen. Daß sie beide ihre Verschiedenheiten fühlten und sich trotzdem so eins wußten, so unentbehrlich eins dem anderen, grade das machte ihre Liebe zueinander so aller Wunder voll, so göttlich. Eine heftige Sehnsucht nach ihr überfiel ihn. Er trat ans Fenster. Es war kühler geworden. Drunten stand die Linde schon tief im Kirchenschatten, aber der Platz war leer. Eine Weile stand er da und schaute, dann griff er nach seinem Hut. Er wollte wieder nach dem Hünengrabe, da im Tannenneste sitzen, wo sie gesessen hatte. Bei einer Bewegung, die er machte, hörte er ein leises Knistern. Er griff rückwärts nach der Tasche und fand da, mit einer Stecknadel befestigt, ein Stück illustrierte Zeitung. Das mußte ihm der Pfiffer-Schang da angesteckt haben! Ein Witzblatt schien es. »La Prusse cane,« war die Überschrift. Daneben mit Bleistift aus dem Jargon übersetzt: »Preußen kneift.« Man sah einen Hund mit den Bartkoteletten König Wilhelms geziert, der sich vor dem Fußtritt eines kurzgeschürzten schönen Mädchens »la France« verkriecht. Diesmal ereiferte sich Heinrich nicht. Langsam zerriß er das Papier und machte sich dann auf den Weg nach dem Thurwalde. Am Beginn des Feldweges lief ihm Victor Hugo entgegen. »Sie sagen, du gehst fort?« »Ich komme wieder, bald.« Das Kind wurde rot. »Und du wirst nie vergessen, daß ich es war, der sich opferte? Nicht wahr?« »Niemals, kleiner Vetter. Und weißt du« – er zog ihn freundschaftlich am Ohr – »du könntest mir manchmal schreiben. So von dir und von den anderen.« Victor Hugo sah ihn unter Tränen an. Er nickte heftig. Dann zog er ein nicht sehr sauberes Taschentuch aus seiner Bluse, schnaubte sich donnernd und begann schon jetzt damit Abschied zu winken, obgleich Heinrich noch vor ihm stand. Er wedelte ihm fast ins Gesicht. Heinrich beugte sich zu ihm und küßte ihn, dann ging er schnell davon. Mit brennenden Augen wanderte er durch die weiße, wogende Wiese, am Ufer der Thur entlang, dann an den weinenden Weiden, den zerstörten Tierfallen vorbei, quer durch das heiße Gehölz nach dem Hünengrabe. Er bog durch die Büsche und blieb, von einem süßen, wunderlichen Schauer erfaßt, stehen. Da im Tannennest am Hügel saß Françoise. Sie saß ganz ruhig da in einem weißen Kleide und hielt die Augen auf ihn geheftet. Dann stand sie auf. Er erschrak, weil sie so groß war, und vor ihrem wie durchlichteten Gesicht. »Ich wartete hier auf dich,« sagte sie ruhig. »Du wartetest auf mich?« Ihr Wesen war so fremd und priesterlich, daß er nicht näher zu kommen wagte. »Ja, Heinrich, ich wußte, daß du noch einmal hierher kommen würdest, ehe du in den Krieg ziehst.« »In den Krieg?« Das war nicht mehr das warme blonde Kind von heute morgen, das da zu ihm sprach, etwas Frauenhaftes klang aus ihr, als sie im gleichen stillen Tone sagte: »Du weißt es also noch nicht!« Er sah jetzt, daß ihre Augen wund und rot umrändert waren, daß sie geweint hatte. »Françoise, Kind!« Er stürzte zu ihr hin und schloß sie, in dem Bedürfnisse zu schützen, in die Arme. Sie hob das wie in Schmerzen leuchtende Gesicht zu ihm empor. Und wieder durchrieselte es ihn, als hielte er eine fremd Verwandelte an seiner Brust. »Das entscheidende Wort ist noch nicht gefallen,« sagte sie lebhaft, »aber der Kriegsminister hat es in das Land hinausgeschrien: Frankreich ist bereit, la France est archiprête !« Sie ließ das Wort tönen, fast ein wenig bewußt. Ein sehr französisches Gefallen an der heroischen Geste lag darin. Heinrich empfand das dunkel. »Also dennoch der Krieg!« sagte er absichtlich nüchtern. Er hatte Angst vor Françoises Erregung und vor seiner eigenen. Aber dann packte es ihn wieder. »Es wird etwas Herrliches sein, etwas Großes, das wir damit erleben dürfen: die Erhebung eines ganzen Volkes.« Sie machte sich los. »Du wirst das erleben, nicht ich.« »Warum nicht du mit mir, Françoise?« »Wir hier in Frankreich werden einfach in den Zeitungen lesen, wenn unsere Heere diese und jene Schlacht gewonnen haben, das wird alles sein.« »Und wenn wir glücklicher sind als eure Soldaten? Wenn wir es sind, die siegen?« Sie schüttelte leise und traurig den Kopf. »Frankreich ist unbesiegbar, mein armer Freund!« »Aber wir, Françoise, wir haben eine Sehnsucht in uns, die macht stark.« »Von welcher Sehnsucht sprichst du jetzt?« »Elsaß wieder deutsch, und Deutschland wieder ein Kaiserreich.« Sie strich ihm mütterlich über sein dickes blondes Haar. Tiefinnerlich hatte es sie enttäuscht, daß er von dieser Sehnsucht sprach, nicht von der seinen nach ihr, aber sie wußte das kaum. »Mein Vater hat Auftrag bekommen,« fing sie wieder an, »die Listen für die Mobilgarde zu veröffentlichen. Man hat eine Kriegsanleihe von fünfhundert Millionen aufgenommen, die Soldaten, die wir hier erwarten, sind nach Belfort kommandiert, das Fort de Barres zu besetzen, fünfzigtausend Mann sind nach dem Camp de Châlons kommandiert.« Bei den letzten Worten brach ihre Stimme. »Ich ertrage es nicht,« schrie sie auf. »Du gehst fort, und nichts, nichts bleibt mir von dir. Ich will etwas in mir behalten von dir!« schrie sie verzweifelt. Sie warf sich mit solcher Heftigkeit auf ihn, daß er schwankte. Er faßte sie fester. »Kind, Kind!« Weiter wußte er nichts zu sagen. Aber sie ließ sich nicht beruhigen, streichelte angstvoll sein Haar, seine Hände, küßte jede Stelle seines Gesichts, brannte und zitterte und krümmte sich vor Gram. »Glaubst du nicht, daß ich auch leide?« flüsterte er. »Aber sei gewiß, ich komme zurück.« In seiner Angst sprach er blasse, haltlose Worts. »Man wird mich nicht verwunden, ich werde an mein Mädchen denken, das auf mich wartet, das wird um mich sein, wie ein Schild.« »Ach!« Mit einer verächtlichen Bewegung schüttelte sie das alles weg von sich. »Ich will dich nicht in den Krieg lassen,« stieß sie heraus. »So nicht! Ich bin zu dir gekommen – ich will dich!« Sie bog den Kopf zurück und flammte ihm ins Auge. »Hier bin ich,« sagte sie noch einmal rauh. Er atmete schwer. Eine fürchterliche Stille war zwischen ihnen, sekundenlang. Immer noch lag ihr Kopf zurückgebogen, ekstatisch. Weißer und weißer wurde ihr Gesicht, ihre schwarzen Augen glühten ihn an. Er preßte die Lippen zusammen in seiner Qual. Sein Flüstern klang wie Stöhnen. »Willst du, daß ich als Ehrloser in den Krieg ziehe?« Sie rührte sich nicht. Der Schweiß trat ihr auf die Stirn. »Du hast versprochen, nicht ich« – erwiderte sie hartnäckig. »Ehrlos auch gegen dich, Françoise.« Ihre zurückgebäumte Gestalt lastete immer schwerer in seinen Armen. Eine fast unerträgliche Lust, hinzusinken, nachzugeben, glücklich zu sein, ließ ihn einen Augenblick erschlaffen. Dann hatte er sich wiedergefunden. Es war vorbei. Françoise Balde spürte sogleich, was in dem Manne vorging, der sie im Arm hielt; sie sank plötzlich in sich zusammen. »Mein Weib, mein Weib,« flüsterte er beschwörend. Sie lag wie eine Sterbende. Und plötzlich kam glühende Scham in ihr Gesicht, sie riß sich los, wollte hinweg, lief, strauchelte über eine Tannenwurzel und sank mit einem Wimmern zu Boden. »Weg, geh weg!« Sie stieß fast mit dem Fuß nach Heinrich, der neben ihr kniete. »Geh weg!« Sie bedeckte ihr Gesicht mit beiden Händen. »Geh weg!« sagte sie nach einer Weile wieder dumpf. Er nahm ihr die Hände vom Gesicht und ließ sie seine Augen sehen, die voll Leid und Anbetung standen. So blieben sie lange. »Ich muß dir danken,« sagte Françoise endlich leise. »Ich danke dir, daß du mich beschützt hast.« Ihre Lippen zuckten. Sie senkte die Augen. Dann aber beugte sie sich und küßte rasch seine Hand. Er zog seinen Arm erschrocken zurück. Sie faßte ihn aufs neue, fast versöhnlich. Hand in Hand saßen sie dann im Moose, manchmal noch ein leises Aufschluchzen in sich niederkämpfend. »Ich gehe jetzt,« sagte Françoise endlich. »Laß uns nicht noch einmal Abschied nehmen, es ist so schwer. Wann fährst du?« fragte sie noch und wischte sich die Tränen vom Gesicht. Es dauerte eins Welle, bis er antworten konnte. »Wenn du an unserem Gäßchen vorüberfährst, sieh zum oberen Stock hinauf!« Sie war fast blind vor Tränen. »Ich kenne das Fenster, ich sah dich letzte Nacht da stehen, im Gewitter.« Sie nickte nur. Als aber jetzt ihr Blick auf das bräutlich-weiße Kleid fiel, das sie angelegt hatte, zu diesem Wege, war es mit ihrer Fassung vorbei. Sie weinte, als solle sie zerfließen. Er stand verzweifelt neben ihr. »Bist du mir böse? Soll ich weggehen? Hassest du mich noch immer?« Er griff nach den zwei Ähren, die sie zwischen ein paar Feldblumen im Gürtel trug. »Wenn dieses Korn zu Brot gebacken ist, essen wir es zusammen.« »Wo? Wann?« fragte sie mutlos. »Hier, zu unserer Hochzeit. Kopf hoch, Françoise, die Frau eines deutschen Mannes beißt die Zähne zusammen, wenn er in den Krieg zieht.« Sie fühlte, was es ihn kostete, so zu sprechen. Wirklich preßte sie die Zahne aufeinander und versuchte ein Lächeln. Dann stand sie plötzlich auf, lief, wie in Angst, sich wieder von ihrem Jammer überwältigen zu lassen, ins Gebüsch hinein und war verschwunden. Er wartete eine Weile, horchte, rief, drang da und dort ins Dickicht, aber er sah sie nicht mehr. Da kehrte er denn zum Hügel zurück, wühlte sich tief hinein in die Tannenzweige und weinte sich satt. Als er aufstand, war es schon spät am Abend. Dann ging er zum zweitenmal den Weg vom Thurwald nach Haus, zum zweitenmal heut den schweren Abschied in der Seele.   In der Pharmacie schlief schon alles, man hatte ihm ein kaltes Nachtessen zurechtgesetzt, die Brigitte, schlaftrunken, in Pantoffeln, schlurrte herbei. Sie würde ihn schon zur Zeit wecken, versicherte sie, er möge ruhig schlafen. Madame wäre dann auch schon auf und Monsieur würde kommen, ihm »bon voyage« wünschen. Ihm war alles recht. Er saß am Fenster und sah nach der Linde hinüber, die schweigend Wache hielt. Betäubend stieg von den Illwiesen her Heuduft in die schwüle mondlose Nacht, dazu das Surren der Grillen aus dem Garten. Beruhigt blickte er auf das Friedensfenster droben. Er hatte den guten, alten Mann da liebgewonnen. Als Brigitte an die Tür klopfte, fuhr er ganz wirr empor. Von unten kam die rostige Stimme des Nachtwächters: »Holt ihr Leute und laßt euch sagen, die Glock' hat Fünf geschlagen. Morgenrot am Himmel schwebt, und wer den neuen Tag erlebt, der lobe Gott den Herrn.« Es fröstelte ihn. Dann aber raffte er sich auf. Er fühlte sich entschlossen und kräftig. Der Gedanke an Françoise bekam etwas Feierliches für ihn. Das, was er an ihr erlebt hatte, schien jetzt maßlos und schön, wie eine Handlung von Erwählten. Er selbst kam sich dürftig vor mit seiner engen Vorsicht neben der reinen Glut ihrer Ekstase. In die banalen Hantierungen der Abreise hinein strahlte ihm ihr Bild in heiligem Feuer. Er sah wieder das helle, warme Rund ihres Antlitzes, wie es auf den flaumig hellen Wellen ihres Haares ruhte wie auf einem Kissen, und Begierde mischte sich ihm wollüstig mit der mystischen Wonne der Entsagung. Während seine Seele dies erlebte, begab sich sein Leib in den kleinen, durch eine Glastür vom Treppenhause abgeschlossenen Küchenflur. Er wollte nach seinem Frühstück fragen. Vielleicht wäre Heinrich Hummel nicht erstaunt gewesen, wenn jetzt ein Engel mit feurigem Schwert vor seiner Tür gestanden hätte oder ein hämischer Teufel mit roten Hosen und einer Warzennase oder der alte König, der gekommen ist, ihn in Person zu seinem Regiment zu holen, das aber, was er sah, war so unwahrscheinlich, so burlesk und unerwartet, daß man sicher nichts Besseres hatte ersinnen können, ihn zur Erde zurückzubringen. Im Küchenflur stand eine breite, weibliche Gestalt, an der es schwankte und wogte wie von Polsterkissen. Bekleidet war das Wesen mit Tollenhaube, rosageblümter kurzer Bettjacke und einem Stepprock, der wie eine Glocke abstand, dazu rote Strümpfe: Tante Amélie! In der Hand einen großen Trichter, den Rosenkranz um den Arm geschlungen, in der anderen Hand einen irdenen Wasserkrug, war sie damit beschäftigt, die großen blechernen Milchkannen, die vor ihr aufgestellt waren, ausgiebig zu verdünnen, wobei sie im Takte ihres Gießens gefühlvoll ihr Morgengebet plärrte. »Je vous salue,« schwabb – »Marie, pleine de grâces,« schwabb-schwabb – Als sie Heinrich bemerkte, machte sie einen höchst mißlungenen Versuch, den kurzen Stepprock länger zu ziehen, gab dann aber tapfer jede Beschönigung ihrer Person sowohl wie ihres Tuns auf. »Que voulez-vous, mon neveu, ce sont les affaires.« Und plötzlich rollten ihr große Tränen in den Krug. »Mir isch's arg leid, daß Ihr uns verlosse, arg leid!« Als er abfuhr, stand sie am Fenster und winkte mit einem kleinen Tuche. Onkel Camille stand unter der Haustür, zog sich aber angstvoll zurück, wenn jemand vorüberging. Heinrich setzte sich im Wagen auf seinem Koffer zurecht. Einen Augenblick schien vom Rathausfenster oben die liebe rosige Glatze auf ihn herab, dann rumpelte er zur Illbrücke. Jetzt tat sich ihr Gäßchen auf, er sah ihr Haus, ein heller Umriß am Fenster, jetzt ein langer, grüßender Schleier, dann nichts mehr. Im schütternden Trabe ging's weiter, immer weiter weg von ihr. Heinrich nahm sich zusammen. Er blickte um. Alles schien ihm verändert. Die Zuchthausmauer leer, kein rothosiges Soldätle droben, das Bataillon war heute früh endlich abmarschiert, der Ersatz wurde erwartet. Von der Chaussee aus sah er noch einmal das braunglänzende, zierlich aufgebaute Städtchen mit seinem schlanken Kirchturm, das so lockend knusprig auf der grünen Schüssel seiner Vollwiesen stand, von weitem sah er auch den Ackerweg wieder, wo ihm zuerst Françoises blaues Kleid so tröstlich aufgetaucht war, aber das Feld war gemäht, ein heißer Wind fuhr über die Stoppeln. Als er an die Thur kam, die kühl und silbern blinkte, puffte er »Petit-Singe« in den Rücken: »Plus vite, plus vite.« Sehnsüchtig folgte er dem wildkrummen Geläufe des Flüßchens bis hinauf, wo er Françoises Wald wußte. Er malte sie sich aus, wie sie als kleines Kind sich vor dem Schratzmännchen gefürchtet hatte, das da des Elsaß alte goldene Schätze hütet. Er sah es hocken, ihr treues Wichtlein, und wachen und schützen. Und unwillkürlich nahm es die Züge des Alten vom Rathausfenster an. Denn, ja freilich gab es zu wachen und zu schützen hier im Elsaß über halbversunkenem, gutem, deutschem Schatzgold. Er fühlte ein Zucken der Tatkraft in allen Gliedern. Sein Herz schlug wie eine Wünschelrute, die Edelmetall spürt unter weichem, blühendem Grund. Der Wagen polterte weiter. Am Horizont vorn hob sich eine Staubwolke, die abziehenden Soldaten. Man hörte Musik, heiter, tanzartig. Hummel sah dem allen fast teilnahmlos zu. Flüchtig fiel ihm ein, daß er diesen Soldaten dort vielleicht bald einmal im Kampfe gegenüberstehen würde. Aber das alles war noch nebelhaft, er vermochte sich keine festen Vorstellungen davon zu formen. Er tastete nach der Kornähre, die er in seiner Brusttasche trug. Françoise bewahrte die andere. Und jetzt löste sich dahinten, wo die Soldaten marschierten, etwas ab, eine zweite kleinere Wolke. Sie wogte und wankte und trennte sich endlich vollständig von dem Soldatentrupp, aus dem es unruhig wehte und blitzte. Dann rannten sie heran, Mädel aller Art. Sie hielten sich an den Händen, armschaukelnd kamen sie daher. Sie waren mitgetrabt mit ihren »bien-aimés« , an der Mühle hatten sie umkehren müssen. Ein paar weinten noch, ein paar lachten. Eine blieb stehen und schrie wie in Krämpfen: »Jetz isch er fort, d'r Schorschi, un i g'sieh 'ne nie meh'.« Immer aufs neue. Die anderen suchten sie zu trösten. Eine, da sie nun dicht am Milchwagen waren, warf Heinrich Kußhände zu. Das Französlein auf dem Lenksitz machte eine täppische Bewegung mit beiden Händen, als fange er die Küsse auf und führe sie dann zum Munde. » Ah, ah, ça fait du bien! Halte là, ma belle , Monsieur het kei Zit für's Karressiere, Monsieur reist ab. Mais le p'tit singe, le voilà .« Er machte eine burlesk einladende Bewegung. Die Lachende warf ihm eine kleine Birne ins Gesicht, an der sie eben geknabbert hatte. »Do häsch, sale bête , un meh' gits net!« Die Untröstliche aber hörte auf mit Lamentieren, sie kam heran. Sich mit dem Handrücken die Augen wischend, schwänzelte sie näher. Sie strich an dem Kleinen vorbei. »Uf'm Wall ce soir , gell?« »Petit-Singe« grinste. Eben läutete es zur Frühmesse. Die beiden faßten sich wieder an und liefen davon. Heinrich sah ihnen nach, wie sie unter dem grauen Himmel dahineilten, halb weinend, halb lachend, während ihnen aus den Stoppelfeldern die Krähen schreiend entgegenflogen. Er richtete sich auf. Gerade und fest stand er im Wagen, den Blick nach dem Lande hin gerichtet, das ihn rief, dem er gehörte. Dann wandte er sich. Noch einmal sah er zurück auf das Elsaß, von dem er nun Abschied nehmen sollte. »Ich werde wiederkommen« – sagte er laut – »wiederkommen, um mir mein Eigentum zu erobern.« Zweiter Teil Frankreichs Kriegserklärung an Preußen war abgesendet. Und nun begann jene heilige Raserei um sich zu greifen, die die Völker jäh und jäh zwingt, sich, Schaum der Begeisterung auf den Lippen, zuckend und singend in die große Blutschale hinabzustürzen, die der Krieg ihnen entgegenhält: ein wildes Amoklaufen hin zum Tode. So fing es auch diesmal wieder an. In ganz Deutschland. Denn nicht nur Preußen gab Antwort auf die Kriegserklärung. Die Hetzer in Paris, die unermüdlich ihr »à Berlin, à Berlin« schrien, hatten sich verrechnet; Süddeutschland ging mit, und Hannover ging mit und Sachsen. Alles, was vorher sich befehdet hatte vom West zum Ost, vom Süd zum Nord der deutschen Länder, das war plötzlich zusammengeschlossen im gleichen Gefühl der Abwehr und der Wut gegen Frankreich. Ein einziger Schrei, dem Feinde entgegen, flog durch das sommerheiße Land. Zorn war in diesem Geschrei und Gebet, Werkstatthämmern und Glockengeläute, ein Aufrauschen von Fahnen, die entrollt wurden, ein Zischen von Säbeln, die aus der Scheide fuhren, ein starrer, entschlossener Mut und ein Rasen von Opfersüchtigen. Frauen warfen sich jauchzend ihren Männern an die Brust und küßten sie zu Helden, Mütter hängten, mit starren Augen lächelnd, ihren Söhnen die blutgierigen Waffen um, Mädchen schmückten den Helm des Liebsten mit Rosen. Und zwischen allem ein Singen überall, junge getroste Stimmen; die machten die alten Lieder neu und ließen sie klingen. Ergreifender aber als dieses Singen, Rauschen und Klirren rundum war das tiefe Schweigen des Volkes Unter den Linden zu Berlin, wie es, lautlos eng gedrängt, eine ganze Nacht hindurch vor König Wilhelms Fenster stand und zu seiner Arbeitslampe hinaufstarrte. Auch in Frankreich war zu gleicher Stunde die Kriegsbotschaft durchs Land geflogen, das Echo aber, das ihr antwortete, war kein einmütiges. In Paris freilich dröhnten die Boulevards von Jubel und Gesang. Das Militär, sonst nicht besonders beachtet, wurde jetzt Mittelpunkt der Öffentlichkeit. Die Offiziere mit Käppi, Dreispitz, Persermütze oder Roßschweifhelm besetzten die Cafés. Sie plauderten vergnügt. Endlich einmal ging es los! Man würde Mut zeigen können. Neues erleben und bestehen! Die gallische Aktivität spritzte hoch auf. In den Arbeitervierteln ging es groß her mit Schimpfworten und Drohungen gegen diese frechen »Preußen, die den Krieg gewollt hatten«. In den Stadtteilen der Studenten zogen die jungen Leute mit ihren Mädchen singend durch die Straße. Was aber fehlte bei alledem, das war der starke, kraftvolle Ernst hinter der begeisterten Gebärde, die Besonnenheit, die sich schweigsam und gefaßt an die Arbeit macht. Und was fehlte, war das spontane Gefühl der Zusammengehörigkeit von Herrscher und Volk; jenes Gefühl, das drüben in Preußen jeden Einzelnen hatte aufschreien machen bei der Kränkung, die man seinem König angetan. Aufschreien und ans Schwert greifen aus eigenem, heißem Entschluß. Hier in Frankreich war man nicht Soldat, nur wenigen ging es ans eigene Blut, wenn Krieg kam. Die paar Mobilgardisten zählten kaum. Die meisten fühlten sich als Zuschauer. »Die Armee wird's schon machen!« In der Provinz gar merkte man von der Begeisterung überhaupt nicht viel. Wohl veranstalteten die Bürger hier und da patriotische Kundgebungen, aber man bediente sich hauptsachlich dieser Flagge nationaler Entrüstung, wenn man Lust hatte, sein Mütchen an den lokalen Mißliebigen zu kühlen, an den Ausländern etwa, den Liberalen oder Protestanten. Auch vor Baldes Hause machte sich eines Abends ein Häufchen Schreier laut. Als er aber seinen mächtigen grauen Kopf in die Gasse hinausstreckte und die Leute verwundert bei Namen rief, zogen sie befriedigt wieder ab. Ihren großen Streik hatten die Arbeiter aufgegeben, sie sahen ein, daß der Augenblick schlecht gewählt sei, sich brotlos zu machen. Nun tobten sie sich in Umzügen und Marseillaise-Singen aus. Man hatte den alten Revolutionsgesang wieder freigegeben, und seine erregenden Rhythmen, die ehemals gegen die Fürsten geschleudert waren, tönten jetzt für die Dynastie. Aber in den rauhen Kehllauten der guten Elsässer bekamen die Worte doch etwas sonderbar Grollendes, das weit besser zu ihrem eigentlichen Inhalt paßte als das prahlende Geschmetter der Franzosenkehlen: »Contre nous de la tyrannie l'étendant sanglant est levé« sangen sie. Sie ballten dabei die Fäuste. Und unvermutet gingen sie in das deutsche Volkslied über: »Muß i denn, muß i denn zum Städtle hinaus«. Das klang wehmütig. Pfiffer-Schang saß in der Klostergasse auf der schmalen Bank am Stamme der Platane und ließ den Trupp an sich vorüberziehen wie eine Parade. »Jo, jo, Soldätle spiele un uf d'r Gasse ummebrülle widder d' riche un vornehme Litt, sell g'fallt euch jetz. Awer im ›Luschtige Bruder‹, wo d'r Pfiffer-Schang 's nämlige proponiert hett, do sin sie mit d'r Fauscht uf'n losgange un han ihn halb tot g'schlage. Die elendige Chaibe, die net springe wolle, wie's d'r Pfiffer-Schang vorspielt!« Schadenfroh sieht er die Gasse hinauf, in der sie verschwunden sind. Revanchiere wird er sich scho! D' Madame Tränkele het'n geschtere z' Nacht scho Widder a document brocht üs'm Rathüs, do drinne steht: M'r hett Angscht z' Paris in de Tuileries vor dene Wackes im Ländle, un d'rwege soll d'r Maire recherches mache, ob m'r en cas de guerre dene Litt könnt Waffe in d' Händ gebe. 's brucht nix witer, als daß er auf Paris berichtet, was er grad g'hört hett, sell G'schrei un Manövre mit d'r Händ, un wie se gliech d'rno gsunge han wie d'Schwowe. Noch hitt z' Nacht wird er sin Schriewes mache un inüwer trage zum Préfet du Haut-Rhin . A güti récompense han sie'm versproche fir jede nouvelle . Mit scharfen Augen sah er nach dem Haus hinüber. Qui sait, er macht am End' noch wichtige découvertes ! Wie er da an der Platane hockt, zusammengeduckt in seinem schmutzigen, gelbbraunen Röckchen, gleicht er einer bösen Geschwulst an dem gesunden alten Baum. Im Balde-Hause hatte man nicht viel bemerkt von dem, was draußen vorging. Jeder war mit sich beschäftigt. Ein großes Rüsten zur Abreise. Man hatte sich, wie jetzt immer, frühzeitig nach dem Nachtmahl getrennt. Jeder ging in sein eigenes Zimmer. Bei den Dugirards wurde umständlich gepackt. Den Fabrikanten hielt es nicht mehr hier in der Provinz, seit er Paris voll Ereignis wußte. Er mußte dabei sein, auf den Boulevards stehen und den Zeitungsausrufern ihre noch nassen Blätter aus der Hand reißen, beim Absinthglas in den Cafés politisieren, dabei einmal wieder elegante Frauen sehen, Französinnen. Denn Paris würde nicht leer mehr sein, trotz des Sommers, die Welt würde dorthin zurückkehren wie er, um das Schauspiel der Kriegsrüstung zu genießen. Er saß rauchend im Lehnstuhl, las in der Zeitung und ordnete an. Louison, von der kleinen Désirée aufs eifrigste gestört, lief hin und her mit Kartons, Wäsche, Kleidern, Lucile glättete an ihren Bändern. Sie sah nachdenklich aus. Hatte man sie nun eigentlich verlobt mit Victor Hugo oder nicht? Ihr Vater sagte ihr nichts, und der junge Mann selber zeigte sich zerstreut und nachlässig. Nicht einmal ein Geschenk hatte er ihr geschickt zum Abschied. Am Ende fand mamam doch in Paris eine bessere Partie für sie, mit einem richtigen Franzosen. Auch Hortense drüben in ihrer Stube bereitete ein Köfferchen. Fieberhaft, unschlüssig, was sie wählen sollte für den kurzen Ausflug. Armand hatte telegraphiert. Er hatte Befehl, mit seiner Division über Altkirch nach Mülhausen und von dort weiter nach der Grenze zu marschieren. » Aimez-moi bien. Réponse,« schloß das Telegramm. Diese Antwort nun wollte sie selber sein. Und schön wollte sie sich machen für ihn, ihm nicht zeigen, wie enttäuscht sie war, daß er nicht nach ihr verlangte zum Abschiednehmen. Stolz, der sich versagen, und Liebe, die nicht länger entbehren wollte, ließen sie das eben eingepackte rosa Nachtkleid wieder herausreißen, auf das Bett werfen und wieder einpacken. Wer weiß, ob Armand nicht bis zum nächsten Tage in Mülhausen bleiben und im Hotel mit ihr zusammen sein könnte! Ihre Hände flogen und brannten. Sie war perlblaß. Nebenan in Françoises Zimmer war es ganz still. Das junge Mädchen stand an der Kommode und kramte aus einer bunten Schachtel ihre paar Liebesschätze heraus: die Kornähre, die nun hart und trocken war, und den Zettel, den »Petit-Singe« ihr aus Bollwiller heimgebracht hatte, rasch mit Bleistift geschrieben, die Buchstaben unregelmäßig, wie fliehend. »Leb' wohl, bewahr' Dich mir.« Sie nahm das Briefchen heraus, das sie von seiner Mutter hatte. Eine feine Jungmädchenschrift, die Briefbogen mit einem blauen Bändchen. Es wehte ein Hauch von Unschuld und Liebesbereitschaft durch diese Zeilen, der Françoise rührte. Unsicherheit zugleich und Würde sprachen aus den Worten, mit denen ihre künftige Schwiegermutter sie begrüßte. Zuerst hatte Françoises französisches Empfinden sich gewehrt gegen dieses deutliche Aussprechen von Beziehungen, die sie, ihrer Gewohnheit nach, als noch unberührbare eigenste Intimität betrachtete. Einen Brautstand kannte sie nicht bisher, nur Werbung und Heirat. Nun aber las sie wieder und wieder jede Zeile dieses sanften Mutterbriefes aus dem fremden deutschen, Lande: »Ich weiß, daß die Wahl, die mein Sohn getroffen hat, auch für mich die glücklichste sein muß. Heinrich hat mir bis heute noch keine einzige Enttäuschung, keine einzige trübe Stunde bereitet. Und gerade jetzt in dieser ernsten Zeit ist mir der Gedanke tröstlich, daß mit mir noch eine andere Frauenseele ihm ihre Ströme von Liebe und Kraft entgegenschickt. Ich bin des festen Glaubens, daß die ihn schützen und tragen werden und ihn uns gesund zurückbringen.« Françoise küßte den Brief, ehe sie ihn wieder weglegte. Sie meinte in der gründlichen und gewissen Art, wie diese Leute liebten, etwas von dem zu finden, was auch in Gottfried Keller ihr sonderbar und ein ganz klein wenig hilfsbedürftig erschien. Sie schlug sich die Stelle auf, da der grüne Heinrich zu Judith, die er liebt, sagt: »Treue und Glauben müssen in der Welt sein, an etwas Sicheres muß man sich halten, und ich betrachte es nicht nur für meine Pflicht, sondern auch als ein schönes Glück im Hinblick auf unsere gemeinsame Unsterblichkeit, einen klaren, so lieblichen Stern für das ganze Leben zu haben, nach dem sich meine Handlungen richten können.« Hätte nicht auch ihr Heinrich so schreiben können? Und dann, wie ein bestes Gericht, das man sich auf zuletzt aufhebt, las sie noch einmal wieder all die lieben Worte, die er ihr geschickt hatte. Aus Jena. Hier war seine Schrift sparsam eng aneinandergereiht und steil, fast pedantisch. Aber die Worte waren wie Ströme von Zärtlichkeit. Sie durchbrachen immer wieder alle seine braven Versuche, vernünftig und zusammenhängend zu erzählen. Françoise erfuhr von seinen Rüst- und Abschiedstagen da oben bei den Seinen. »Abends singen wir alle meine Lieblingslieder, die Mutter mischt ihre kleine, müde Stimme in die der Jugend. Heute ist mein Schwager fortgegangen. Meine Schwester ist tapfer und tätig. Morgen gehe dann ich. Zuerst nach der Pfalz. Wohin weiter, erfährt man erst, wenn man auf dem Marsche ist.« Am Schluß dann noch einmal ein paar verhaltene heiße Liebesworte: »Wie kurz, wie kurz ist alles gewesen zwischen uns!« Und ganz zuletzt: »Wir glauben hier alle fest an den Sieg der gerechten Sache.« Auch die letzte Karte las sie dann noch, schon aus der Pfalz. »Ich werde wohl nicht mehr direkt an Dich schreiben können,« hieß es da zuletzt. »Die Post befördert nicht nach Feindesland.« Françoise nahm das Kärtchen in die Hand. Sie stieg auf den Fenstertritt und setzte sich da am Nähtisch nieder. Nach Feindesland! Drinnen pfiff jetzt Hortense, bubenhaft, wie sie als Kind gewesen, sich beim Packen ein Liedchen: »Marlbourough s'en va-t-en guerre. « Françoise blickte über Garten, Gassenschlupf, Dachfirsten und Bäume auf ihr liebes Land hinaus: Felder, Pappeln, Wälder und Berge. Ihr schönes Elsaß! Sie sah den Krieg vor sich, wie er über die Felder schritt, Bilder voll Roheit und unbekannter Schrecken. Sie sah die Heere kommen, sehnige Franzosen und wuchtige Deutsche, sah sie ringen miteinander, hier auf ihrem Heimatboden, sah sie die Erde zerfetzen mit ihren Tritten, Pferden und Kanonen, das Land verwundet und blutend zwischen ihnen, wie ein Tier, das zwischen aufgereckten Speeren hin und her ängstet. Und sie, sie selbst war dieses Tier, das man zerfetzte. In ihrem eigenen Herzen hatte man den Kampfplatz aufgeschlagen, auf dem die Schlacht entschieden werden sollte. Sie neigte sich nach vorn. Ein entsetzliches Gefühl von Zerrissenheit, das sich bis zum wirklichen Körperschmerze steigerte, machte sie fast ohnmächtig. Sie erhob sich, sie kämpfte gegen das, was sie schwach machen wollte. Und als grenzenloses Glück ward ihr bewußt, daß trotz aller Scheidungen, die sich zwischen ihr und Heinrich auftaten, sie dennoch tief und sicher einander angehörten. Niemals könnte sich das ändern, dachte sie. Die Wärme kam ihr zurück, der Krampf war vertobt. Mit einer sanft ergebenen Gebärde schloß sie die bunte Schachtel. Lange Zeit würde sie nichts Neues mehr hineinzulegen haben. Sie öffnete das Fenster. Herrlich duftete der durch den Regen erquickte Garten herauf, porzellanen leuchteten die Lilien unten auf dem runden Weg vor ihren Fenstern, ganz voll Tropfen, die schwach blinkten. Die fernen Wetterleuchten am Horizonte hatten etwas Tröstliches, die krummen Birnbaumäste wanden sich schwarz und phantastisch wie feuchte Schlangen durch ihr grünes Laub, vom Dach floß singend die Rinne ins Regenfaß, alles draußen lockte und versprach Freude. Da band sie sich ihr Haar zusammen, tauschte ihr Kleid und ging in den von Sternen erleuchteten Garten hinunter. Sie liebte es, draußen so im Dämmer herumzuarbeiten. Sie band abgerissene Stauden frisch an ihre Pfähle, harkte dann ihre eigenen Fußtritte wieder glatt, schüttelte das Wasser aus den Rosenköpfen, schnitt welke Blüten ab, sorgsam bis zum nächsten Auge, und schüttelte sich wohlig, wenn ihr Büsche und Bäume Tropfen auf ihren warmen Nacken regnen ließen. Die Arme voll Blumen, lief sie wieder ins Haus zurück. Vor des Vaters Glasvorbau blieb sie stehen und lugte hinein. Er war leer. Die Stubentür stand auf. Drinnen saß Martin Balde ganz allein bei seinem Arzneikasten. Er füllte und versiegelte Fläschchen. Françoise beobachtete ihn eine Weile unbemerkt. Es lag etwas Einsames über seinem Wesen. Wo mochte maman bleiben, die ihm sonst immer Assistentendienste tat? »Soll ich helfen, Papa?« rief sie und war bereits bei ihm. Er sah auf. Jetzt hatte er wieder sein altes Lachen im Gesicht. Françoise ließ sich anstellen. Der Vater erklärte ihr, er wolle auf die Dörfer im Umkreise die notwendigsten Medikamente schicken, damit Pfarrer und Bürgermeister sie im Notfall abgeben könnten bei Erkrankungen. Er sähe voraus, daß Post, Omnibus und gar Bahn in nächster Zeit nur für das Militär gebraucht würden. Auch an Binden und Salben hatte er gedacht. »Denn in dere hitzige Zitt fahre d' Litt gliech ufenander un schlage sich d'r Schädel bluetig, voilà .« »Wo ist maman ?« fragte Françoise. Balde wies zu Blancs Stube hinauf. » Maman nimmt Abschied von ihrem cher frère . Er reist morgen. Schon a Stund lang stecke sie da owe.« »Bist du jaloux, mon vieux ?« Es hatte etwas Schmerzliches in seinem Tone mitgeklungen. Balde sah sie überrascht an. »Ja, ich bin jaloux ,« sagte er dann. »Nicht grad um deinen guten Onkel, mais vois-tu , Monsieur Blanc, das isch für deine Mamme la France, le protestantisme, son enfance, tout ensemble . Grad alles das, was mir net sin für sie, nous autres Alsaciens «.« Er wollte vielleicht scherzen, aber es gelang ihm nicht. Den Blick zu jenem Giebelfenster aufgerichtet, fuhr er fort zu sprechen, halb zu Françoise, halb zu denen da oben: »D' Kinderzitt, vois-tu , die geht immer mit eim. Meischt g'sieht m'r sie net. Sie haltet sich z'ruck. M'r hören ihre Stimm net in dem Lärm, wo mir selwer mache. Befallt uns awer Not, n'importe Krankheit, Alter, Zweifel – gliech isch sie do und redt uns an mit unsere alte Name d'autrefois. Maman isch a bitzi weng furt gange von uns in dene letschte Tag. Sie isch mit ihrem Bruder gange mit ihrer râce , a Stickle heimeszu, dans leur patrie à eux . Aber da isch sie, la voilà ,–,« fügte er in munterem Ton hinzu. Er richtete sich gerade. »Wünsche unserem Bruder gute Reise, lieber Freund,« sagte Madame Balde, die mit Blanc hereintrat, auf französisch. »Ah, aber ich bin Faulenzerin, ich habe meine Pflicht bei dir versäumt.« Balde nickte ihr freundlich zu. »Du siehst, Françoise hilft mir. Sie reisen bereits heute nacht?« fragte er dann. Blanc nickte. »Madame Blanc ist allein mit den Kindern in Straßburg, der Krieg wird ihr Furcht einflößen. Straßburg ist in größter Erregung. Die Fakultäten werden wahrscheinlich beurlaubt. Eine große Zahl der Studierenden gehört zur garde mobile . Meine Frau schreibt mir, die französischen Militärposten gegen den Rhein hin werden verdoppelt. Man fürchtet, daß die Badenser in Kehl die Schiffbrücke sprengen. Die Straße nach Kehl sei bedeckt mit Gepäckwagen und Reisewagen, Franzosen fliehen von Deutschland zurück und umgekehrt die Deutschen aus Frankreich. Auf dem Bahnhof ganze Berge von Gepäck. Diebstähle. Die kleinen Forts, in denen die Douaniers wohnten, sind rasiert. Punkt zehn Uhr abends schließt man die Tore.« »Und werden Sie in Straßburg bleiben können?« fragte Françoise. »Warum nicht? Frankreichs Sieg wird nicht lange auf sich warten lassen, und dann ist die alte Ordnung wiederhergestellt.« »Nein, er wird nicht auf sich warten lassen,« wiederholte Frau Balde mit glänzenden Augen. Martin Balde bog sich vor. Er betrachtete die beiden, die, Hand in Hand, erregt und heiß wie Liebende vor ihm standen. »Sie sind dessen gewiß? Um so schlimmer, wenn es diesmal anders käme. O, das ist möglich. Es sind junge respektlose Emporkömmlinge, die Leute von diesseits unseres Rheins, die mit ihrer Zungen Kraft euer geliebtes, feines, üppiges und gealtertes Land bedrängen werden.« »Frankreich bedrängen? Das wird niemals geschehen, wir kommen ihnen zuvor!« Sie blickten über die anderen hinweg, als wären nur sie beide, die wirklichen Franzosen, in dieser Frage zuständig. »Morgen können wir die Prussiens auf der Spitze unserer Bajonette balancieren,« setzte Blanc mit blitzenden Augen hinzu. Balde lächelte. – »Sieh da, wie der Krieg alles Verborgenste zutage bringt. Wer hätte in dem sanften, schmalschultrigen Pfarrer einen so kriegswütigen Soldaten vermutet? Aber es ist wahr« – er richtete sich auf und dehnte sich ein wenig – »es ist wahr. Jeder von uns Männern trägt wohl im Verborgenen ein Stückchen Wildheit mit sich herum in seinem Blute, eine Wildheit, für die in unserer bisherigen Kultur kein Platz war. Jetzt, da Krieg werden soll, fühle auch ich ganz deutlich in mir die uralte elsässische Rauflaust.« Er machte eine scherzhafte Bewegung, als wollte er die Ärmel hochstreifen zum Kampfe. Frau Balde sah ihn betroffen an. Sie hatte, ohne ganz zu verstehen, eine verhaltene Drohung herausgehört aus den lächelnden Worten. Und jetzt tauschten Vater und Tochter einen Blick. Denselben Blick des Einverständnisses, mit dem sich die Geschwister vorhin umfaßt hatten. Es war wie zwei Parteien, die sich trennen.   Ein Außenstehender, der in diesen Tagen das Städtchen Thurwiller besucht hatte, wäre vielleicht auf den Gedanken gekommen, man rüste eine große Hochzeit, oder es stehe sonst eine festliche Begebenheit bevor. Überall begegnete man froh aufmerksamen, erwartungsvollen Gesichtern, die Wirtshäuser waren gefüllt mit laut redenden Menschen, deren jeder ein Höhrrohr nach den Tuilerien zu haben schien, so genau wußte er Bescheid mit allen Wünschen und Absichten der Regierung. Die Damen gaben Nachmittagsgesellschaften, in denen es bei Kaffee und Süßigkeiten hochpolitisch zuging. Für die Dienstmädchen wieder bildete die Backstube des Frietags-Nazi ein Rendezvous. Immer war da große Versammlung, und die Brettkuchen, die im Ofen des Backhauses die letzte Weihe erhalten sollten, verbrannten häufiger in dieser Woche als sonst je. Bäcker-Nazi mit seinem von der Hitze verbrannten Blute war ein leidenschaftliches Klatschmaul. Er wußte alles im Städtchen. Die Mädchen trugen ihm zu, und seine Phantasie tat das übrige. Angeregt wurde sie bereits in ruhigen Zeitläuften durch die Makulaturbogen der Gerichtszeitung, die er als Backunterlage von einer Kolmarer Druckerei bezog und eifrig studierte. Jetzt aber erreichte sie eine fast dichterische Höhe. Der schwitzende Mann hatte sich eine Papiertüte auf den Kopf gestülpt und hielt Vortrag. Seine lebhaften schwarzen Augen funkelten erschreckend umher unter den dicken, runden Brauen, wahrend er die Fürchterlichkeiten schilderte, die geschehen würden, wenn man dem Verlangen der Arbeiter nachgeben und sie für den Krieg bewaffnen würde. Er malte alle Verbrechen aus, die sie begehen konnten. Er, der Bäcker-Nazi, war nicht eingenommen für die Besitzlosen. Inzwischen herrschte in den Straßen eine Geschäftigkeit, die sonst hier ungewohnt war. Man sah tannengeschmückte Bretterwagen, gefüllt mit Tonnen und Paketen; manche der Wagen trugen frisch gemalte Schilder. »Patriotismes« stand auf einem, auf dem andern »Envoi de la ville de Thurwiller« . Vor der Apotheke bepackte man eifrig einen elegant gestrichenen Wagen, den die Firma Schlotterbach an die Grenze senden wollte zur Erquickung der hinüberdrängenden Truppen. Camille Bourdon hatte einige Fäßchen seines ziemlich sauern Weines hinzugegeben. Die Fäßchen trugen in großer Schrift seinen Namen. Es lag ihm daran, in breitester Öffentlichkeit seine französische Gesinnung zu offenbaren. Die Gastfreundschaft, die er dem deutschen Vetter bewiesen hatte, drückte ihn. Und jetzt schlug die Kirchenuhr Sechs. Die Stunde, da die Pariser Postsachen anzukommen pflegten. Das war das Zeichen zu dem üblichen Rendezvous im Poststübchen, das sich dann fortsetzte und vermehrte unter den Stadthauskolonnaden, wo Tränkele die offiziellen Depeschen anklebte. Heute war es im Pöstchen besonders lebhaft. Es hatte am Tage geregnet und war nun erst wieder hell geworden, ein ätherischer Dunst stieg aus dem Boden empor und kühlte die Luft. Die Damen, hübsch gekleidet für diese Stunde patriotischer Plauderei, gingen laut und schnell redend die Straße auf und ab, ihre Sonnenfächer zierlich in die Höhe haltend, mit klappernden Absätzen. Sie warteten auf Nachrichten, während drinnen Quine, Cerf, Rechtsanwalt Bluhm und der Curé die Postsachen durchwühlten, die ohne jedes Zeremoniell aus dem Sack auf Mademoiselle Célestines blauseidene Steppdecke ausgeschüttet wurden und nun da jedermann zur Verfügung lagen. Der Curé saß behaglich neben dem Bett auf dem schönen Louis-Quinze-Sessel und las den Volksboten. Er las daraus vor: »Wenn die Vorsehung einem Kaiser, fünfmal wiedergewählt durch die Stimme des Volkes, die Gunst gewährt, mit einem Schlage der lateinischen Rasse und ihrer heiligen Kirche zum Siege zu verhelfen, auch in den Ländern, die ihr bisher am heftigsten widerstanden, so dürfen wir nicht fürchten und nicht klagen. Jeder gläubige Katholik wird mit Freuden die leichten Unbequemlichkeiten auf sich nehmen, die ein solcher Krieg von ihm verlangt. Unsere Soldaten werden unsere Religion und unsere Zivilisation zu den deutschen Barbaren hinübertragen und so der ganzen Welt, vor allem aber Gott, einen unermeßlichen Dienst leisten.« Alle zollten Beifall. Avoué Bluhm, glatt rasiert, korpulent und beweglich, nahm seinen goldenen Kneifer ab und putzte ihn. »Immerhin ein Rückfall ins Mittelalter, solch ein Krieg,« sagte er, und sein Mund zuckte nervös seitwärts. Cerf, in Napoleonspositur aufgepflanzt, widersprach lebhaft. »Und Sie fühlen wirklich nichts von der Wollust, die darin liegt, seinem Vaterlande mit seinem Blute zu dienen?« Die schöne Célestine, die am Fenster saß und stickte, sammelte in ihrem lächelnden Blick für ihren Bruder Bewunderung ein. Bluhm bewegte unschlüssig die Schulter. »Ich für mein Teil, ich fühle das nicht. Vielleicht weil ich Jude bin.« Er sah verschmitzt zu dem so fromm katholischen Napoléon Cerf hinüber, den er noch als Abraham Hirsch gekannt hatte. Dann aber wurden seine unruhigen kleinen Augen glänzend, als er fortfuhr: »Und dennoch, meine Damen, meine Herren, dennoch sind wir Juden es, die vor allen anderen Franzosen Frankreich am leidenschaftlichsten lieben; denn wir, gehetzt und mißachtet wie wir waren, wir verdanken ihm die Verleihung der Menschenrechte.« Sein Gesicht zuckte vor Bewegung. Er nahm seinen Klemmer ab und putzte ihn. Die übrigen hatten einen Augenblick ernst-höfliche Gesichter gemacht, jetzt drängten sie sich zum Fenster. Ah voilà , die Bürgerwache vom Maire. Die Sache gehörte ins tägliche Vergnügungsprogramm. Es handelte sich um die Zuchthauswache, die Balde zusammengebracht hatte, da die Soldaten nun abgezogen waren und der Ersatz immer noch nicht in Sicht kam. Er hatte, ohne viel zu bedenken, die paar Leute ausgesucht, die sich aufs Schießen verstanden, und sie mit den alten Waffen aus Schlotterbachs Sammlung sowie aus den paar alten Pistolen von seinem eigenen Speicher ausgestattet, so daß die Kompanie einen recht bunten Eindruck machte. Außer dem alten Groff mit seinem sagenhaften Schießprügel aus der Zeit seiner Abenteuer waren da ein halbes Dutzend verwegene Kerle, meist Salzbohrer, der schöne Carlo unter ihnen. Das Witzige aber war, daß Balde sich nicht gescheut hatte, zu dem Wilddiebe auch Förster Rüsch und seinen Forstgehilfen zu bitten. Es war immer ein lustiger Augenblick, wenn die Todfeinde sich bei der Ablösung begegneten. Eine zweite und nicht weniger beliebte Nummer des Programms war das Erscheinen der Toinette Groff inmitten der Truppe. Stark und braun, in Schoßtaille und Männerhose, nickte sie ins Postfenster hinein. Das wirre Haar fiel ihr unter einem roten Strohbarett, das sie trug, zigeunerisch ins Gesicht, die blanken Zähne blinkten. Quine lachte. »Da hat unser Maire eine glorreiche Idee gehabt.« »Sie finden?« Célestine zuckte die Schultern. »Ich für mein Teil, ich finde es ein wenig beleidigend für die Stadt. Man würde glauben können, sich in einem Zirkus zu befinden.« Die Männer antworteten nicht. »Habe ich nicht recht, monsieur le curé ?« »Sie haben recht, Madame, sicherlich, aber es gibt in dem Leben der Gemeinden Zeiten und Konflikte, in denen auch die außerordentlichen Mittel erlaubt sind.« »Und überdies« – Cerf bewegte seine schmale, rote Zunge – »das Mädel ist ja des plus belles .« Célestine lächelte verzeihend. Der kleine abenteuerliche Zug war gerade im Zuchthaus verschwunden, als man auch von der anderen Seite des Platzes her Taktschritte hörte. Ein unbekannter Offizier, mürrisch und schon alt, marschierte mit acht Mann vorbei nach der Kaserne. Die neue Besatzung war eingerückt. Lauter bejahrte, bärtige Männer. Man sah sich enttäuscht an. »Mit denen werden unsere Frauen und Mädchen nicht zufrieden sein. Und es ist doch so amüsant gewesen, mit dem Wilddieb und der Toinette.« Draußen riefen jetzt die Damen: sie wollten nach dem Stadthause hinübergehen, wo jetzt schon Tränkele auf der Leiter stand. Madame Bluhm, mehr breit als hoch, rollte ungeduldig ihre Kette von dicken Elfenbeinperlen über ihren Busen hin und her. Sie hatte zwei geputzte Kinderchen neben sich, schwarzäugig, grellstimmig und bunt wie kleine Papageien. Die Quine, nervös, trippelte bereits voran. Sie winkte Cerf zu sich. Madame Schlotterbach ging mit Quine, sie fragte ihn nach der kleinen Berthe, die im Kloster Masern bekommen hatte. Zuletzt kam noch Madame Bourdon herunter. Sie war in großer Sorge um ihren Sohn, der im Begriff schien, eine übereilte Heirat zu machen. Er war in Wissembourg bei einem befreundeten Apotheker zu einer Hochzeit geladen. Dort wollte man ihm eine Verwandte des Hauses präsentieren, deren Eltern seine Werbung gern sehen würden. » Une bonne dot, c'est vrai , aber's Maidele redt kei Wort Ditsch,'s kann uns net versteh, wann m'r Elsässerditsch rede.«. Sie jammerte laut, die Tabaksdose zitterte ihr in den fleischigen Händen. Unter den Kolonnaden standen schon die Stammgäste des »Lustigen Bruders«. Ungeduldig guckten sie zu Tränkele herauf, der mit dem Klebepinsel hantierte, während seine üppige und schlumpige Gattin ihm den Kleistertopf hielt. Der kleine, flinke Schneider, der gebückt zwischen den Leitersprossen hindurchguckte, teilte brockenweis mit, was er las: » Les jeunes gens de l'arrondissement, die junge Bueble vom Arrondissement, sin invitiert, daß sie sich solle inschkribiere als Volontärs in d'r Lischt z' Kolmar im Hôtel de ville .« » Sacré nom !« Ein kleiner Bäckerbub, der da stand, jauchzte hoch auf. »Nix schaffe derfe d'r ganz Tag, ummeflaniere mit d'r fusil untrm Arm, und alles zahlt 's gouvernement .« » Pas mal ,« meinten auch ein paar Erwachsene. Der Älteste vom Justin, der Markttags in Thurwiller einkaufte, tat einen grellen Stromerpfiff, seine knochigen Hände krallten beutelustig ins Leere. Jetzt kamen zwei Burschen an, Bauernsöhne aus der Umgegend, Vater und Mutter neben sich, jeder zwei Mädchen am Arm. Ihre Joppen waren an der Brust von Papier- und Stoffblumen dicht besteckt. Sie rochen weithin nach Kirschschnaps. »Sie haben ihre Marschrouten bekommen,« erklärte Cerf den Damen. »Die Glücklichen!« Er hielt sich sein Taschentuch vor die Nase. Die Quine, reizend in einem grünseidenen, weit abstehenden Kleide und einem kleinen, wippenden Spitzenhut, ging auf die beiden Burschen zu. Sie nahm ein paar Rosen aus ihrem Gürtel und gab jedem eine davon. »Vive notre vaillante armée!« Sie hob anfeuernd den rechten Arm. Alle klatschten. » A oroquer, la jeune femme ,« sagte die Bourdon, »grad zum Fressen.« Drüben hatte sich eine Rauferei entwickelt. Eines der hübschen Mädchen, die mit den Bauernburschen gekommen waren, hatte dem Friesen zugewinkt, der gemächlich herantrat und sie um die Taille faßte. Ihr Beschützer geriet in Wut. Er hielt dem Eindringling die geballte Faust unter die Nase. »Was häsch do umme z'tappe, animal , dreckiger Chaib, Prussien !« Dreier-Tjark, breitbeinig, die Pfeife im Mund, lachte fröhlich. »Na, dann trekt man los und slagt euch wie die Swine, ich kehr mich da nich um. Ich« – er lachte verschmitzt – »ich bleib' daweil hier und pass' auf die Wichter.« Er zeigte auf die Mädchen. Dann nahm er die hübschere der beiden in den Arm. Nun aber brach es los. Hochgehobene Arme, ein Geprassel von Schimpfworten. Im Grunde sah es gefährlicher aus als es war. Der Lärm hatte schon nachgelassen, als Toinette Groff, jetzt in Frauenkleidern und mit fliegenden Zöpfen, aus irgendeinem Winkel vorgestürzt kam und erst ihrem bien-aimé Tjark, dann dem Mädchen, das ihm gewinkt hatte, ein paar schallende Ohrfeigen gab. Geheul und das Krachen von ernsthafteren Schlägen folgte. Die Damen drüben schrien auf, und Cerf, der dicht neben der Leiter gestanden hatte, fuhr entsetzt zurück. Er drängte sich mit fuchtelnden Händen aus dem Gewühl. »Ich muß die Damen schützen.« Frau Bluhm hatte sich bereits mutig gackernd vor ihren Kindern aufgestellt. Auch ihr Mann eilte herzu, nahm die Jüngste auf den Arm und streichelte die Größere. »Siehste du, das kommt davon, wenn die Frauen auf die Straße gehen.« Sein Freiheitsbedürfnis machte halt vor seiner Familie, die er abgöttisch liebte und gern auf altorientalische Art von jedermann abgesperrt hätte. Manche war inzwischen auf einen Prellstein gehüpft und lachte aus vollem Halse über die aufgebrachten Männer da drüben, die sich an der Gurgel packten und ab und zu aufbrüllten. So konnte Cerf seine Ritterdienste nur der kleinen Frau Schlotterbach angedeihen lassen, die sich hingebungsvoll an ihn schmiegte. »Welches Unglück, dieser Krieg! Und mein Bruder Jules, der keine Anstalten macht, sich einen remplaçant zu sichern. Papa würde ihm sicher das Geld dazu geben, aber er will nicht.« »Bravo, ich liebe ihn deshalb,« sagte die Quine, die auch dort hinüberhorchte. »Und unser teurer Freund hier, ich bin davon überzeugt, wird genau ebenso mutig handeln wie Monsieur Jules.« Drüben war jetzt der Streit im Zerlaufen, es gab nichts mehr zu sehen, aber Blanche fühlte sich da gut auf ihrem Stein, der sie vereinzelte für die Blicke. Mit lebhaften Gebärden fuhr sie fort: »O, ich sehe Sie vor mir, Monsieur Cerf, auf einem langen, schmalen Pferde mit weißen Nüstern, Ihr Mantel flattert im Winde, Sie schwingen den Säbel hoch in der Hand und fliegen gegen den Feind, mitten im stärksten Kugelregen.« Madame Schlotterbach schrie leicht auf. »Aber das ist ja Verbrechen, ihm in dieser Weise zuzureden. Das ist ja Wahnsinn!« Dann wurde sie vor Schreck über sich selber flammendrot, hilflos ballte sie zwei kleine Fäuste in die Luft. »Und zudem, Sie wissen, er ist unentbehrlich hier. Unentbehrlich für die Politik, die Wahlen. Nicht wahr?« Cerf lächelte vielsagend. Blanche sprang mit einem Satze von ihrem Prellstein herunter. Sie stellte sich neben Cerf. Der aber, ohne sich ihr zuzuwenden, begann mit sanfter Stimme zu den Umstehenden zu sprechen. »Es ist manchmal schwer, sehr schwer« – er machte Märtyreraugen – »zu wissen, wo unsere Pflicht liegt. Aber es gibt ein untrügliches Zeichen, das unsere Wahl bestimmt. Sie wird immer auf die Seite fallen, auf der die schmerzlichere und schwerere Aufgabe liegt.« Frau Schlotterbach strahlte. Sie empfand diese Worte als eine Absage für die Quine, folglich eine Liebeserklärung für sie selbst. »Dinieren Sie heute mit uns?« fragte sie Cerf, »es ist fast sieben Uhr.« »Monsieur Cerf ist bei uns eingeladen,« sagte Blanche schnell, »es gibt einen vol-au-vent nach seiner Angabe. Und« – sie lachte laut auf – »sehen Sie doch, wie verängstigt er aussieht, weil ich ihn ins Feld schicken will. Ich bin ihm wirklich schuldig, ihn zu trösten, so gut ich kann.« Sie umarmte die kleine Schlotterbach. »Bon soir, chère.« »Bon soir, chère amie« – und sie küßten sich auf beide Wangen. Dann zog Blanche de la Quine mit ihrem Napoléon ab wie mit einer Beute. »Lâche,« flüsterte sie ihm zu. Dann, als sie außer Hörweite waren, blieb sie stehen. »Wenn du willst, daß ich dich weiter lieben soll, Léon, so mußt du ins Feld ziehen. Es handelt sich nicht nur um Frankreich, es handelt sich ganz einfach um mich. Denn ich hasse diese Deutschen. Und eine Frau wie ich ist es wert, daß man um sie stirbt.« Aber der liebe Léon machte ein ziemlich unglückliches Gesicht. Am Wallgraben, der die blassen Gärtchen der Süßen-Winkel-Leute begrenzte, stand der zerschundene, vor Wut noch immer dampfende Dreier-Tjark und ließ sich von Toinette mit seinem eigenen rotgewürfelten Taschentuch eine kleine Halswunde verbinden. Sie schmeichelte ihm. »Hasch mr's iewelg'numme, sale type ?« Sie lachte hell auf. »Awer die han a paar verwitscht. Jo, jo, wann mi d'r Zorn packt, kann i mi grad net losse. I han d'r défaut vom Babbe. Sunscht d'r beschte Mann, aber wenn'r g'soffe het, o Jesses, und wann ihm dann die Mamme alle Schand' sagt, dann git's Gebrüll und Gezänk de ganze Nacht. Sie anzupacken wagt er net, weischt, sie is en Ripp, en alte Katze, die Mamme.« Ihr Lachen dabei klang hell und rein wie ein Glöckchen. Dann verzog sich ihr Mund. »So leb i d'rheim, so sin se, min Babbe un mine Mamme. Woher soll m'r do de douceur herkriegen und de bonté ?« Das starke Mädchen hatte dabei ein Weinen um den Mund wie ein Kind. Tjark machte sich hart. »Ich cheh fort, chanz fort von der Fabrik. Das hier paßt mir schon lange nicht mehr.« » Ah oui « – sie nahm eifrig seine Hand – »geh mer furt, weit furt. Das is amol ebbes Gescheites gebabbelt! Mir is au schon lang leid in der Fawrik, gradso wie dir.« Er achtete nicht auf sie. »Man verhockt und verkäst hier bei euch im Lande. Bei uns ist Krieg! Ich cheh dahin, wo Krieg ist.« »Mach' kei Plän'!« Sie schlang die Arme um ihn und küßte ihn. »I hab kei Angscht. Sie nehme dich ja nit. Du bis ja doch der Dreier.« Sie lachte siegesgewiß. »Schad' is es do, daß du net Soldat mache kannscht,« meinte sie dann nachdenklich. »Der Monsieur, der bei uns war letztes Jahr in dem Zimmer, in dem du jetzt loschierst, der is im erste Linie-Regiment g'si, im zweite Jahr war er schon Sergeant. Der hätt mei Hochzitter werde könne, kam auch schon in Frack und Schibüs, aber die Mamme hat'n selber gern gehätt. Der is brosseur g'si. Das kannscht au werde.« Er sah stier über das Kanälchen hin ins Ferne, als formten sich ihm da lockende Bilder. »Oder se cheben mir bei die Tiers was zu tun. Die Beester mach ich chern leiden. Peerde. Suche dunkeln un starken, as da wo ik te Huus bün.« Sein Ton war ganz zärtlich. Sie drängte sich wieder an ihn heran. » Eh bien, fais ça . Am End' nimmt di gar d'r General von Meckelen fir sine Stall. Er geht au mit, wann's Krieg git.« »Ja, man bi de Franzosen! Nee, ich cheh na Huus.« Sein Kopf war immer noch von ihr abgewendet, die ihn umschlungen hielt. Da ließ sie ihn los. Sie warf beide Arme über sich wie eine Unsinnige. »Was willsch? Zu dene sales Prussiens ? Krieg mache willsch gege uns! Charogne! « Sie spuckte aus. Er blieb ganz ruhig. Sein Blick, den er jetzt auf sie richtete, war wie aus der Ferne mit Bildern angefüllt, die sie nicht kannte. Und das arme Geschöpf da neben ihm spürte das. Mit ihrer ganzen Kraft riß sie ihn an den Schultern und schüttelte ihn, daß er aufschrie. Er fuhr nach der Halswunde, die wieder blutete, durch das Tuch hindurch. Sie sah es, riß das Tuch herunter, lief zum Wasser, wusch und rang das Tüchlein aus und kam damit zurück, riß Fetzen von ihrer Schürze ab und band ihm die über das nasse Tuch. Alles geschickt und sanft, während sie dabei mit zorniger, lauter Stimme, daß sich aus all den Häuschen Leute ansammelten, unflätige Schimpfworte auf ihn einschrie. Als er fertig verbunden war, gab er ihr die Hand. »Nu cheh ich. Un ich dank auch noch vielmals für allens Chute. Un das annre – das soll ich ja wohl verchessen.« Er ging durchs Gärtchen in das schmutzige zerfallene Haus hinein, schloß seine Türe zu und kramte eine Weile, während Toinette mit der Faust an die Türe donnerte. Die Mutter lachte, die Kinder johlten. Dann kam er heraus mit einem Köfferchen unter dem Arm und ging starken Schrittes, ohne sich umzusehen, der Kolmarer Straße zu. Die Hunde ringsum bellten ihm nach. Toinette heulte. Die Mutter nahm ein Holzbrettchen, auf dem mit fahler Tinte holperig geschrieben stand: »Schampre karni a louwée.« Dann ging sie ins verlassene Zimmer hinein, beschnupperte die Seife, die zurückgeblieben war, entdeckte einen vergessenen Schal, ein Paar Strümpfe. »Jetzt nimm i numme noch an Franzos, un frai Vrançais ins Loschieh,« sagte sie zu ihrer Zweiten, einer dumm aussehenden, fahlen Zwölfjährigen, der der Speichel auf die Ärmelschürze floß. »A Hochzitter für dich. Du därfsch m'r net mit so Schwowedings afangs wie's Toinette, der dumme Doddel!«   Victor Hugo und Arvède von Meckelen wanderten mit roten Köpfen, Arm in Arm, die stille Klostergasse auf und ab. Sie berieten die Fassung einer Kundgebung, die sie für ihr Lyzeum geplant hatten. Sie waren sehr verschieden, die beiden. Der junge Meckelen von einem Blond, das die Stuben erhellte, mit naiven, blauen Augen und einem grüblerischen Mund; etwas schwer in Gang und Geste, der Kopf immer ein wenig gesenkt. Victor Hugo brünett und geschmeidig, impulsiv in jeder Bewegung. Der junge Schlotterbach hatte eines seiner Schulhefte in der Hand und las begeistert daraus vor, was er bereits entworfen hatte. Arèvde von Meckelen nickte. »Aber sage doch, mein Alter, ist es auch gutes Französisch?« Victor Hugo dachte nach. »Du hast recht. Man muß jemanden befragen, aber wen? maman ?« Er lächelte überlegen. »O, petite maman ist selber nie ganz sicher, ebenso Papa, Madame de Meckelen ist Deutsche, aber –«, er schnippte mit dem Finger – »wir sehen uns hier glücklicherweise vor Madame Baldes Hause. Sie ist Französin. Sie ist ganz das, was wir brauchen.« So saß man denn wohl eine Stunde lang in Madame Baldes Boudoir beisammen und redigierte. Alle drei waren voll Feuer bei der Arbeit. Frau Balde, sehr gerade, wie gewöhnlich, an ihrem zierlichen Empireschreibtischchen, schön gemaltes Mahagoni, innen Helles Holz, zierlich bemalt. Den Kindern war dieser Schreibtisch, der, wenn man die Platte schloß, aussah wie ein Spinett, ein liebes Heiligtum. Kleine Porzellanbüsten von Rousseau und George Sand standen, sich spiegelnd, vor dem handhohen Zwischenaufsatz, ein blaues Glaskännchen mit Goldblättern geschmückt, das aus irgendeinem Badeorte stammte, eine winzige Schachtel aus Kokosnußholz geschnitzt, an dem ein Galeerensklave vierzig Jahre gearbeitet haben sollte, eine offene Onyxschale, in die Balde an Sonn- und Feiertagen seine Zigarrenasche abzustreifen pflegte. Alles war ein wenig Mysterium, betonte eine gewisse Entfernung der Hausherrin von den andern. An der Wand über dem Tisch hingen die Bilder von Frau Baldes Eltern, dazwischen eine Muschel, in der die Kreuzigung eingeätzt war. Und unter all dem Strengen, Kühlen stand unvermutet auf der oberen Pultgalerie eine reizende alabasterne Venus, ihre Tauben fütternd. Den beiden jungen Leuten hatte das alles etwas Vollkommenes, das ihnen zu der Person der von ihnen verehrten Frau zu passen schien. Jetzt stand sie auf und las vor, was sie geschrieben hatte. Von den weißen Gardinen ihres großen Betts im Hintergrunde hob sich ihr Kopf streng und rein ab wie eine Kamee. Sie las elegant, jedes Wort ihres erlesenen Französisch genießend. »Mein Herr Proviseur, Im Augenblick der großen Ereignisse, die sich vorbereiten, und der allgemeinen Bewegung, die alle Herzen zur Verteidigung des Vaterlandes drängt, kann die Jugend der Lyzeen nicht die letzte sein, ihren Patriotismus zu beweisen. Wir haben den Krieg. Der Soldat wird mit seinem Blut bezahlen, der Bürger mit seinem Geld, sie schulden es Frankreich. Auch wir, in der Erwartung, einmal in einer tätigeren Art mitwirken zu können an der Verteidigung des Vaterlandes, auch wir sind im Begriff zu opfern, was wir Teuerstes haben: die Preise unserer Arbeit. Wir verzichten auf unsere Auszeichnungen, um sie denen zu geben, die sich tapfer schlagen werden. Wir bitten Sie daher, monsieur le proviseur , die Summe, die für unsere Preise bestimmt war, zu unterschreiben für die Sammlung zum Besten verwundeter Soldaten. So klein auch unsere Gabe sei, so hoffen wir trotzdem, daß sie gut aufgenommen wird, und daß unser Beispiel – sollte man uns nicht bereits zuvorgekommen sein – nachgeahmt werde durch unsere Kameraden von den übrigen Lyzeen. Die Schüler des Lyzeums von Mülhausen.« »Nous renonçons à nos couronnes,« wiederholte Victor Hugo und ließ die Worte tönen. Er sah sich mit glänzenden Augen um. »Eh?« Die Knaben umarmten sich. »Wir haben eine schöne Handlung begangen, eine schöne Handlung,« sagte der junge Schlotterbach und tanzte zum Takte seiner Worte im Zimmer umher. Meckelen blieb stumm. Frau Balde erriet ihn. Sie wußte, daß der älteste Sohn der Meckelens in Nassau bei seinem Großvater, dem Freiherrn von Stein, erzogen wurde, und daß sein Vater ihn, der ganz Deutscher geworden zu sein schien, zurückverlangte, damit er sich in diesem Kriege Frankreich zur Verfügung stellte. »Ist schon Nachricht da von Ihrem Bruder Germain aus Nassau?« fragte sie. Arvède nickte. Er bekam Tränen in die Augen. »Germain geht mit,« sagte er, »aber er geht mit Preußen.« »Ah, und Ihre Eltern, wie nehmen sie es?« Sein Mund zuckte. »Man spricht mit mir nicht darüber. Aber maman geht aus dem Zimmer, wenn Papa von unseren künftigen Siegen spricht –« Victor Hugo umschlang ihn. Frau Balde aber stand auf. Sie war lange genug im Elsaß gewesen, um zu wissen, wie man hier zu trösten hatte. Sie holte eine Platte frisch duftenden Apfelkuchen von der Küche herein und bot den beiden jungen Helden davon an. Victor Hugo biß kräftig ein, und auch Arvède schien in der Leckerei einigen Trost zu finden. Man sprach nun von dem Studiengang der beiden jungen Leute nach dem Kriegs. »Germain wird natürlich das Gut übernehmen,« sagte Meckelen. »Dann werde ich wohl Jurist werden müssen. In den Kaufmannsstand zu treten, hindert mich ein wenig mein Name. Das heißt, Papa hätte nicht viel dagegen, die Steins aber, die Familie meiner Mutter, wehren sich. So werde ich wahrscheinlich nach Paris reisen und dort ein wenig studieren und danach, um meine deutschen Verwandten kennenzulernen, ein Semester nach Marburg gehen.« »Marburg, wo liegt das?« fragte Victor Hugo. »In Hessen, es gehört zu Preußen.« »O ja, das wird herrlich.« Er hüpfte begeistert in die Höhe. »Bis dahin haben wir es ja erobert, dein Marburg, und es französisch gemacht. Dann studieren wir dort zusammen, nicht wahr?« Als sie gegangen waren, sah Frau Balde ihnen fast zärtlich nach. Sie hatte sich immer so sehr einen Sohn gewünscht. Als ihre Töchter geboren wurden, hatte ihr die Hebamme beidemal auf ihre Frage geantwortet: »Kein Sohn, Madame, aber ein Schwiegersohn.« Und nun? Armand Dugirard machte ihr Kind nicht glücklich, und Françoises Erwählter war ein Deutscher! Vor ein paar Tagen noch wäre ihr das nicht als ein Unglück erschienen. Aber heute –! Sie erhob sich. Mit ihrem schlanken, festen Schritt ging sie zur Küche, um Balde, der jetzt so angestrengt war, sein Lieblingsgericht zu bereiten. Eine dicke Abendsuppe, mit Bohnen. Sie liebten so derbe Speisen, diese Elsässer. – –   Hortense hatte Françoise gebeten, sie nach Mülhausen zu begleiten. Sie fürchtete das Alleinsein nach dem Abschied von Armand. Schweigend und unruhig fuhren die Schwestern zwischen den schon kahlen Feldern und hitzeverbrannten Wiesen dahin. Allmählich aber atmeten sie auf. Der Tag war herrlich. Über die hohen Mauern herüber blühten weiße, offene Rosen. Durch den Weinbehang der Häuser leuchtete die Sonne. Soldaten begegneten ihnen, geschmeidig in ihren grünen Uniformen auf leichten, lustigen Pferdchen. Jedes der dunklen, eleganten Tiers trug zwei Heubündelchen am Rücken. Die Husaren grüßten, winkten und lachten den beiden Damen nach. Eine halbe Stunde später, vor einem Dorfwirtshaus, stand eine blauäugige, breite Wirtin und zerschnitt eifrig lange Brotstangen für einen Trupp Soldaten, der bettelnd herandrängte. Sie hatten seit Marseille nichts gegessen, sagten sie. Ein halbwüchsiger Bursche schenkte ihnen grünen Schnaps ein. Sie klatschten in die Hände vor Vergnügen. Die Wirtin wollte sich halbtot lachen über ihre Sprache, die sie nicht verstand. Ein Lothringer dolmetschte. Aber das: »I geb's umsunscht« und »Ihr derfen nix zahle« verstanden sie auch ohnedies. Getröstet wirbelten sie ihre kleinen Schnurrbärte, schwatzten und sangen. Hortense ließ den Wagen halten und verteilte von den mitgenommenen Zigaretten an die Leute, was ihr ein begeistertes »vive« eintrug. Vergnügt fuhren sie weiter. Der »Kronen«-Kutscher, der sie fuhr, redete ihnen zu, da sie noch viel Zeit hätten bis zur Ankunft des Belforter Zuges, sich in Mülhausen das Biwak anzusehen, das ein paar Minuten von hier im Tale lagerte. Zwei Bataillone von Jägern. Schon am Saume des Wäldchens sah man allerhand Brettwagen stehen. Die Landleute, die sie hergebracht hatten, gingen Arm in Arm in langer Reihe hin und her und bestaunten die Menge weißer Zelte, die da auf der Wiese standen. Auf dem mittelsten bewegte sich leise im Winde die Trikolore. Soldaten kamen und gingen, einige lagen ausgestreckt und schliefen, andere rauchten, spielten Karten. Hier und da ging einer mit seinem Maidele untergefaßt. Sie küßten sich aus vollem Munde. Drüben stieg weißer Dampf in die Höhe. Der Wind, der herüberkam, brachte den Geruch von gekochtem Hammelfleisch mit. Die Zelte der Offiziere befanden sich etwas seitwärts zwischen hohen, herrlichen Baumgruppen und Buschwerk. Beinahe kokett sahen sie aus. Hortense und Françoise waren langsam am Lagersaume hingetreten und betrachteten nun die hübschen Jungen da mit den roten Hosenstreifen auf den dunkelgrünen Uniformen und den kleidsamen schwarzen Brustschnüren. Die persischen Pelzmützen hatten sie neben sich auf den Boden gelegt. Die beiden Damen waren jetzt zu einem Zelt gekommen, aus dem es lachte und sang. Hortense bog mit einem Rückfall in mädchenhafte Neugier die Ränder der Zeltteile etwas auseinander. Auch Françoise blickte hinein. Was man da sah, war ein Bild von Teniers. Die rötlich flackernde Beleuchtung, die ganze ländlich-festhafte Gruppierung dieser Männer und Frauen, die da auf langen, über Tonnen gelegten, schwanken Brettern saß: Bürger, Bauern, Jäger, Grisetten, alles durcheinander. Sie trinken, umfassen sich, lachen und gestikulieren. Eine Menge leerer Fässer in der Ecke. Noch gefüllte liegen auf einem Karren. Ein kleiner schielender Kantinier gießt ein. Alles beim Scheine einer schwelenden Lampe und zweier Lichter. Zwischen ein paar Jägern saßen ein paar schöne Mädchen. Das eine nahm sich eben ihr feuerrotes Halstuch ab und schlang es einem Soldaten um den Kopf. Sein Gesicht sah plötzlich fahl aus und entstellt, wie blutumströmt. Hortense ließ die Zeltbahn wieder fallen. Nervös wie sie war, hatte der Anblick sie erschreckt. In Mülhausen war die Stadt sonderbar leer. Alle Menschen auf den Bahnhof geströmt, die durchziehenden Truppen zu sehen und zu beschenken. Dort auf den Perrons breitete sich ein wahres Modejournal aus von Damen, die mit Blumen und Süßigkeiten auf den Zug aus Belfort warteten. Außerdem hatte die wohlgeordnete Stadt einen soliden Erfrischungsdienst eingerichtet, große dampfende Kessel mit Saucißchen waren aufgepflanzt, Karren mit Weißbrotstangen und Kaffeetöpfen. Dort bedienten hauptsächlich Herren der Gesellschaft. Françoise bemerkte Pierre Füeßli, der in seiner frischen und tätigen Art die Sendungen seines Hauses ordnete und an Austeiler vergab. Sein gesundes Lachen tat ihr wohl. Sie fühlte es als Schutz, ihn in der Nähe zu wissen inmitten dieses Wirbels und Gelärms. Jetzt drehte er sich um und erkannte sie. Sein ernst geschnittenes, einfaches Gesicht nahm einen verschlossenen Ausdruck an. Er begrüßte Hortense und neigte sich steif vor Françoise, die ihm die Hand entgegenstreckte. Die Tränen schossen ihr in die Augen. »Sie sind noch böse?« Er mußte ein wenig lächeln über ihre Naivität. »Fräulein Balde würde nicht wünschen, daß man sie leichten Herzens aufgibt,« sagte er leise und gehalten. Sie senkte wie eine Gescholtene den Kopf. Hortense war fieberhaft erregt, die Augen nach der Richtung der Zugankunft gerichtet. Ungeduldig nahm sie Françoises Arm. » Vite, vite , man gibt schon das Zeichen.« Pierre Füeßli war jetzt fertig mit seiner Anleitung. Da er sah, wie die beiden Damen von den neugierig Vordrängenden immer wieder zurückgeschoben wurden, stemmte er beide Arme in die Seiten, ging voran und bahnte ihnen so eine Gasse. So kamen sie vor den Zug, gerade da er eingefahren war, und Armand, hübsch in seiner schlanken Uniform, sprang leichtfüßig heraus. Mit lauten Ausrufen des Entzückens begrüßte er seine Damen, drückte dem vermeintlichen künftigen Schwager die Hand und plauderte auf das lebhafteste. » Ça marche, ça marche, alles geht gut. Man sagt, daß dreißigtausend Franzosen Luxemburg besetzt haben. Von Bayern, Hessen und den anderen deutschen Ländern noch keine Nachrichten, aber es ist abgemacht, sie marschieren mit uns. Alle Welt ist in bester Laune. Bon jour, ah, bon jour. « Er begrüßte beständig Freunde. »O Dank, Dank, welche herrlichen Blumen.« Hortense wandte kein Auge von ihm. »Und ihr geht an die Grenze? Man schickt euch nach Deutschland hinein?« »O, was das anbetrifft, man sagt, solange die Nachrichten von Süddeutschland noch nicht angelangt sind, wird keine démonstration auf der rechten Seite des Rheins vorgenommen werden. Vorerst sollen wir nur die Grenzen bewachen. Tant pis, man wird sich langweilen. Man hatte sich gefreut, etwas Neues, Außerordentliches zu erleben.« Es hatte sich ein kleiner Kreis von Zuhörern um ihn gebildet, Hortense betrachtete diese Leute eifersüchtig. Sie fühlte förmlich, wie die kostbaren Minuten rannen, aus ihrem Blute rannen. Als man das Abfahrtszeichen gab, wurde sie weiß, sie hob beide Arme. »Ich sehe dich nicht wieder, du kommst nicht zurück.« »Pauvre petite« – er nahm sie in die Arme – »wie ich dich liebe.« Sein Gesicht war von Tränen überströmt. Er flüsterte ihr ins Ohr. Der Zug bewegte sich schon, als er endlich hineinsprang. Er sah noch einmal hinaus. »Das war ein Sprung, he?« Die Sonne fiel auf sein schmales, liebenswürdiges Gesicht mit dem feinen Näschen. Er winkte und grüßte übermütig: »A bientôt, à bientôt.« Dann war der Zug fort. »Keiner kommt wieder,« sagte Hortense. Sie wurde ohnmächtig. Von Pierre unterstützt, brachte Françoise sie nach dem Bahnhofsgebäude. Dort erholte sie sich langsam. Man hatte ihnen ein kleines Damenzimmer aufgeschlossen und Pierre mit hineingeschmuggelt. Hortense saß in einem Sessel und trank starken Kaffee, während Françoise und Pierre mit halblauter Stimme plauderten. Sie wollten Hortense sich selbst überlassen. Françoise fragte nach Pierres Tätigkeit, und wie man sich in der Fabrik seines Großvaters in die politischen Verhältnisse schicke. Pierre antwortete: An Aufträgen fehle es nicht, aber man habe früher das Rohmaterial zum großen Teil aus Deutschland bezogen, und so werde sich wohl bald ein Stillstand fühlbar machen. Überhaupt sei für ihn selber nicht recht viel zu schaffen dort. Und zum Ornament eigne er sich nicht. Schon seit einiger Zeit, fuhr er lebhafter fort, sei ihm seine dortige Abhängigkeit von den Verwandten beschämend und lästig. Er habe sich daher seit langem mit dem Vorsatz getragen, die Vorschläge der Firma Schlotterbach in Thurwiller anzunehmen, die ihn zum Mitdirektor der dortigen Fabrik haben wollte. Aber nun –« er stockte und sah zu Françoise herüber, die in die Ferne hinausstarrte. »Das waren so meine Luftschlösser,« sagte er hart. »Sie haben sie mir zerschlagen.« Eine unbehagliche Pause folgte. Dann aber, ritterlich das Schweigen brechend, das die Frauen peinigte, fuhr er fort: »Fürs erste bleibt man hier und tut das Nächste.« Er berichtete noch, er habe mit der Eisenbahndirektion vereinbart, daß er einen Wagen mit Lebensmittellieferung einstellen dürfe, und dann wolle er so weit wie möglich mit Pferd und Wagen zu den Kämpfenden hinausfahren. Françoise strich sich das Haar aus der Stirn. Sie dachte an Heinrich, und daß alles, was hier geschah, zum Besten seiner Feinde sei. Das machte sie still und unteilnehmend. Dabei konnte sie sich doch der Sympathie für ihren abgewiesenen Freier nicht entziehen, dessen Art ihr nahestand wie die eines Bruders. Es war schon dunkel, als die beiden Damen ihre Fahrt antraten. Wieder saßen sie schweigend beieinander. Sie hielten sich an den Händen, wie um einander zu trösten, aber ihre Gedanken waren weit getrennt. Die Straßen, über die sie anfangs fuhren, atmeten noch Tagesstaub und Tageshitze in den kühlen Mond hinauf, bald aber wurde die Nacht immer frischer und herrlicher. Große Sterne kamen, glanzvoll gewölbt strahlte der Himmel über ihnen. Die Dörfer, durch die sie fuhren, bekamen etwas ganz Unwirkliches in diesem stillen Licht. Mondschein lag in Brunnen und Gossen und huschte geisterhaft zwischen den Waldbäumen. Ein paar Rehe kamen heran und standen wie Verzauberte. Ab und zu hörte man Marschieren auf den harten Straßen, begegnete einem Trupp von Arbeitern, erst halb eingekleidet, die müde, manchmal mit gewaltsam auflärmendem Gesang, dahinzogen. In einem der Dörfer waren noch alle Fenster hell, die Alten lehnten hinaus, die Jugend wartete auf der Gasse auf ihre »piou-pious« . Die kamen denn auch endlich, rasch, kurzschrittig, die Brust voll Papiersträußchen, Trommler und ein paar Blechbläser voran. Aus den Häusern rief man nach ihnen und winkte. Sie nickten und warfen Witze hinauf. Eine magere Frau, verhärmt und verzottelt, hing sich wie eine große wilde Katze ihrem Mann an den Hals. Er schüttelte sie ab und gab ihr einen Stoß, daß sie zurückflog. Alle lachten. Sie stand da, krumm und sehnig, mit geballten Fäusten und lachte vor Jammer. »So, loß sie numme geh, die arme Chaibe, sie gehn in d'r Tod.« Alle wurden still. Dann eine Bewegung wie eine Woge, die zusammenschwillt und wieder auseinanderrinnt. Man hörte schluchzen. Einer aus dem Trüppchen schrie: »Sin doch zufriede, ihr Wiewer, 's Fleisch wird jetz billig, d' groß Metzig fangt a.« Da warfen sich die beiden jungen Frauen im Wagen einander in die Arme und weinten aus Herzensgrund.   In Thurwiller kam man noch immer vor allen den kleinen Wichtigkeiten der lokalen Begleiterscheinungen nicht zum Bewußtsein der großen Bewegung selbst. Man hatte sich schnell recht behaglich eingenistet in den Kriegszustand, und die dazugehörige Erregung gab den für den Krieg eingerichteten Veranstaltungen erst die rechte Würze. Das eifrige Zeitunglesen von Leuten, die sonst nur den »Econome« oder ihr Modejournal gelesen hatten, das Charpiezupfen, Kistenpacken, Briefeschreiben, das Kannegießern in den Wirtshäusern war eine herrliche Abwechslung. Man vergaß ganz den Krieg vor all den interessanten Vorbereitungen. Heute hatte die Quine ihre Freundinnen auf hübsch geschriebenen, bunten Blumenkärtlein zu einer großen »Charpievisite« geladen. »Monsieur Cerf wird patriotische Lieder singen,« lautete der Schlußsatz. Nun war man in der Maison Centrale im Blauen Salon versammelt, aß Törtchen und Eingemachtes und trank süßen Wein dazu. Monsieur Cerf sang. Die Damen waren ziemlich scharf parfümiert, die Fenster geschlossen, aber alle schienen sich wohl zu fühlen in der gepreßten Luft. Sie hatten die Arbeit sinken lassen und warteten gespannt auf das hohe B, das jetzt gleich kommen mußte. »Mourir pour la patris – mou –riiiiiir.« Aber ehe es noch ganz zu Ende vibriert war, riß jemand die Türe auf und schrie: »Victoire, victoire!« Victor Hugo sprang herein. Die Damen hüpften von den zierlichen, vergoldeten Holzstühlchen auf. Man riß ihm das Zeitungsblatt aus der Hand, alle redeten, lachten, man umarmte sich. Dann las Victor Hugo noch einmal vor: »Großer Sieg in Saarbrücken über die Deutschen!« »Saarbrücken, ist das eine Festung?« »Wo liegt sie?« Cerf, als einziger Herr, meinte Auskunft erteilen zu müssen. »Eine Festung, natürlich,« sagte er mit schöner Selbstverständlichkeit, »und sie liegt, wie ich glaube, bei Cologne.« Victor las vor: »Ungeachtet der Stärke der feindlichen Stellung ...« Und dann las er auch aus der Depesche vor, die, vom Kaiser an die Kaiserin gerichtet, unachtsamerweise veröffentlicht wurde: »Lulu hat die Feuertaufe erhalten. Er hat eine Kugel aufgehoben, die ganz nahe vor ihm niederfiel. Einige Soldaten weinten, ihn so ruhig zu sehen.« »Ah, vraiment ?!« Tante Amélie war aufgestanden. Ihr Gesicht sah beängstigend rot aus: »O, l'insolent , der Unverschämte.« Sie atmete wie eine Lokomotive. »Er wagt es, uns von seinem Sohn zu sprechen, anstatt uns zu sagen, welche Soldaten bei der Schlacht getötet wurden! Weiß er denn nicht, daß die letzte Bäuerin, die letzte Frau aus dem Volke ihren Sohn ganz ebenso liebt wie er seine marmotte von Thronerben, dessen Namen er beständig vor unseren Ohren klingeln läßt?!« Ein betäubendes Geschwatze antwortete ihr. Alle Stimmen erhoben sich gegen sie. Wolken von Charpie staubten auf, die dicke gute Madame Bluhm jagte ihnen nach und pustete sie zusammen. Victor Hugo lachte jungenhaft aus vollem Halse. Schließlich beruhigte man sich. Die Bourdon setzte sich wieder, das Gesicht noch rot zum Platzen. Inzwischen hatte die Quine die rotseidene Klavierdecke ergriffen, dazu ein Stück Leinewand, aus dem man Binden hatte schneiden wollen. »Wir brauchen eine Fahne,« sagte sie, »blau-weiß-rot. Aber das Blau fehlt.« Plötzlich lachte sie hellauf. Sie nestelte an ihrem blauen Musselin-Kleids. Mit einer reizenden Bewegung ließ sie den Oberrock fallen, schlüpfte heraus und stand nun in ihrem kurzen, weißgestickten Unterröckchen da wie ein kleines Mädchen. »Le voilà.« Monsieur Cerf kniete vor ihr nieder. Die Frauen umringten sie mit Entzückungsrufen. Mademoiselle Nudele, die Wirtschaftskusine des Pfarrers, machte sich gleich heran, die Stücke zurechtzuschneiden. Bald saßen alle Damen wieder auf ihren zierlichen, goldenen Stühlen. Man schnitt und maß und heftete zusammen, die Hände zitterten vor Eifer, neue Süßigkeiten wurden angeboten, man plauderte voll Begeisterung. Selbst Tante Amélie hatte sich von ihrem Zorn erholt und tat mit. Man sprach von den neuen Mitrailleusen, die man ins Feld führen würde, von den Bureaux für Franctireurs, die sich überall bildeten, und wie seltsam es sein würde, wenn Leute, die sonst nie Soldaten waren, nun, Gewehr über der Schulter, im Marschschritt durch die Straßen gehen würden. Zuletzt war die Fahne fertig. Man schickte ins Zuchthaus hinein, damit Sträflinge sie auf eine Stange nageln sollten. Quine selber brachte sie mit Victor Hugo zusammen zurück. Er schwenkte sie wie ein Gladiator. Dann hing man sie zum Fenster hinaus. Blanche, jetzt in einem reizenden rosa Deshabillé, klatschte in die Hände vor Freude. »Ich bin die erste in der Stadt, die den Sieg feiert.« Sehr befriedigt von der Veranstaltung, gingen alle auseinander. Abends war dann die ganze Stadt beflaggt. Es standen Lichte in den Fenstern, Pompiers waren da und Musik, und Tränkele trommelte. Die Kinder zogen mit Stocklaternen hinterher. Man sang das alte Revolutionslied: »Steckt Lampen an, steckt Lampen an!« Immer wieder griff man zu diesen Liedern zurück, wenn man begeistert war. Und zuletzt war da auch wieder eine Strohpuppe, die Bismarck darstellte, und der man eine mächtige Spicknadel an die Stelle gebohrt hatte, wo das Herz sitzen, sollte. Und über allem leuchtete in gewohntem stillen Schein Père Anselmes Fenster auf den Platz herab. Dort oben stand jetzt der Alte mit seinem Patenkinde. Sie hatten beide dem Fenster den Rücken gedreht. Er am Schreibtisch, sie auf der alten Fenstertruhe neben ihm. Dumpf tönte das Trommeln herauf zu ihnen. Stimmgewirre und Schrittgetrappel. Sartorius lächelte. »Das machen sie immer so. Ich weiß noch, damals im Jahre 1642 – – – « Aber Françoise unterbrach ihn. »Ist es ein sehr großer, ein entscheidender Sieg, Père Anselme?« Der Alte lächelte. »Das muß man sagen, Stilisten sind wir, wir Franzosen. Nicht übel gefaßt die Sache. ›Man hat über die Preußen in Saarbrücken gesiegt.‹ In der richtigen Übersetzung würde das heißen: Ein paar preußische Vorposten in Saarbrücken haben vor unseren zwei Divisionen, die hinübergingen, die Stadt räumen müssen. Aber unsere Zeitungen – – – pas mal ! »Also nicht entscheidend, Père Anselme?« Sie hatte einen raschen Sieg gehofft, der schnell das Ende bringen würde. Wie hätte sie dann ihren Heinrich trösten wollen! Sie nahm dem Alten die Feder aus der Hand. »Erzähl' von Deutschland, Père Anselme!« Es war das eine Gewohnheit der letzten Tage geworden zwischen ihnen, eine Art verstohlener Erbauung. Abends, wenn unten auf dem Platz die Leute zusammenströmten und sich gegenseitig gruseln machten mit Erzählungen von den bösen Prussiens, saßen sie gern hier oben und sprachen von dem frommen, treuen Deutschland, wie es in Père Anselmes Kopfe lebte. Das Kinn auf die Hände gestützt, die Arme auf den Knien, saß das junge Mädchen da im Halbdunkel der Nische auf der großen wurmstichigen Truhe, die des Ratschreibers Tagesvorräte an Brot, Käse und Wein verwahrte. Ihr weiches, umschattetes Gesicht erschien dunkel unter dem blonden Haar. »Erzähl' von Deutschland!« sagte Françoise wieder. Da fing er an, was sie schon wußte, was sie aber nicht müde machte, immer wieder zu hören: vom Neckar und von Burg Lichtenstein, von den Studenten in Tübingen mit ihren großen Hunden, bunten Mützen, großen Bierseideln, langen Haaren und langen Liedern. Aber wie sangen sie die! Und wenn das Wort Deutschland fiel, dann hatten sie gezittert vor Begeisterung, waren einander in die Arme gefallen und hatten sich geküßt. Und von den Professorenfrauen erzählte er, die große Schürzen trugen und über ihren glatten Scheiteln weiße Rüschenhauben. Den ganzen Tag stehen sie in der Küche oder auch wohl am Waschfaß. Abends aber setzen sie sich ans Klavier und singen Glucksche Arien oder spielen eine Beethovensche Sonate. Sie zogen ihre wollenen Strickstrümpfe aus den Beuteln, die Nadeln klapperten, während sie mit klugen, verklärten Augen dem Gatten zuhörten, der auf dem breiten, schwarzen Roßhaarsofa saß und vorlas. Ein wenig Küchengeruch hing ihnen vielleicht noch in den Kleidern, aber was sie sagten, war fein und edel, und die Männer hörten auf sie. Er erzählte von jungen Leuten, die in der Dachkammer beisammensaßen, um bei ihrem Glase Zuckerwasser über Gott, Freiheit, Freundschaft zu philosophieren. »Un was man d'rno Dichtung g'heiße het un unsterblich, siescht, Maidele, das isch dort owe gebore worde beim Zuckerwasser im Dachstüble.« Er faltete die Hände. Françoise dachte still nach. Und unversehens flocht der Alte in sein Eigenerlebtes alte Geschichten ein: Mittelalter, Neuzeit und altes Germanentum, alles durcheinander. Er sprach von der Zeit, in der die Menschen zart träumten und derb handelten, die Worte Sitte, Frömmigkeit, Ehrbarkeit und Ehrfurcht noch Klang hatten. »Das Land könne mir Elsässer net vergesse, mir tragen's noch in uns, que veux-tu , wir lieben es.« Der Alte hatte sich in seinen Sessel zurückgelegt. Er rieb sich die Hände. »Wie du dasitzest, Kind, könnt' man dich leibhaftig für die schöne Welserin halten, die ja so manches liebe Mal ihren Herrn und Eheliebsten hier besucht hat, den Erzherzog Ferdinand. Heimlich. Denn seine Sippe wollt' von der mésalliance nichts wissen. Sie hat drübe im Benediktinerkloster logiert. Du entsinnst dich wohl? Augenblicklich nennen sie's die maison centrale . Ja, ja.« »Heimlich haben sie geheiratet?« Françoise betrachtete die schwarze, rauhe Truhe mit sinnenden Augen. Der Alte nickte. »Warte mal, Kind. Ich habe da noch so ein altes Glas, am Fuße ist es ein wenig zersprungen. Daraus haben sie getrunken, die zwei.« Er zündete ein vertropftes Licht an, das in einer Flasche auf dem Schreibtisch stand. Seine Bewegungen waren fast jugendlich geworden. Leise strich er beim Vorbeigehen mit seiner feinrunzeligen Hand über Françoises Haar. Sie stand auf, ihm behilflich zu sein. Aber er hatte schon gefunden: einen altersdunklen Glaskelch. Geschäftig brachte er aus der Ofenröhre eine leicht gestöpselte Flasche Obstwein hervor und wollte einschenken. Françoise wehrte lachend ab. Sie zog ihr weißes Tüchelchen aus der Tasche und wischte das Glas erst aus. Père Anselme schenkte ein, beide Ellbogen feierlich hochgehoben. »Die Deutschen stoßen mit ihren Gläsern zusammen«, sagte er, »und wünschen sich etwas dazu, wenn sie miteinander trinken.« Sie nahm das Glas. »Auf den Frieden,« sagte sie. Nun trank auch er. Dann nickte er still. »Frieden, der kommt aus uns selbst.« Seine Löckchen schimmerten, die guten, blauen Augen sahen auf Françoise, als blickten sie auf alle ihre Geheimnisse. Es durchschauerte sie ehrfürchtig vor dem alten Männchen im verfleckten Rocke. Und unter seinen Augen formte sich ihr Heinrichs Bild immer typisch deutscher. Jede Vorzeit Deutschlands gab ihm ihre besten Züge mit und machte ihn so immer vollkommener und würdiger aller Liebe. Sie warf nun auch den Gedanken weit von sich, dem sie erst wohl nachgehangen, ihn hierher nach dem Elsaß hinüberzuziehen. Sie konnte es ihm nicht zumuten, fühlte sie jetzt, im Lande der Sieger zu leben. Zu ihm hinüber wollte sie ziehen, in sein Deutschland hinein. O, sie würde sich schon hineinfinden in das fremde Land. Sie hatte dann ja ihn. Und sie würde gut sein zu den Leuten drüben, sie würde ihnen ein bißchen Kultur hinüberbringen, Geschmack, Leichtigkeit. Sie malte sich aus, wie sie sich kleiden müsse, um diesen Leuten ein Vorbild zu sein, wie sich die Haare arrangieren, und errötete dann in dem Gefühl, sie könne mit solchen Gedanken ihrem deutschen Heinrich oberflächlich erscheinen. So wie seine Landsleute sich immer die Franzosen vorzustellen pflegten! Und sie wollte doch auch darin zu ändern versuchen, soweit ihre Macht reichte. Wäre es nur erst so weit! Zu Hause fand sie ihre Schwester beim Lesen eines Briefes von Armand. Kapitän Dugirard schrieb kurz und schlechtgelaunt: »Wir haben noch keinen Preußen zu Gesicht bekommen. Das ist langweilig, und es ist gefährlich. Unsere Leute verlieren ihren élan, sie verlieren den Gehorsam; eine Tugend, die nie sehr stark bei ihnen war. Dazu die neuernannten jungen Offiziere, die sich nicht in Respekt zu setzen verstehen und alles verderben. Unsere Leute verschwinden und kommen wieder nach ihrem Gefallen. Man darf ihnen kein Wort sagen, sonst muß man befürchten, bei dem nächsten Marsch eine Mirabelle in den Rücken zu erhalten. Sie langweilen sich, auch sie, die armen Teufel. Das Schlimmste aber sind die Biskuits, die unser Déjeuner bilden. Es gibt die dicken, viereckigen, die man nicht beißen kann. Wir lösen sie in Wasser auf, und die runden, die man trocken genießt. Aber man bekommt Durst danach.« Zuletzt kam noch eine Nachschrift: »Eben eine gute Nachricht, aber eine sehr gute: die französische Flotte hat Berlin blockiert.« Hortense machte eine ungeduldige Bewegung. »Ah, der Unwissende, als ob Berlin am Meere läge!« Sie schämte sich vor Françoise. Aber die streichelte ihr nur tröstend die Hand. »Hast du große Sorge um ihn?« Und dann kam es, wie jetzt schon immer zwischen ihnen, sie hielten sich an den Händen und dachten hinaus in den Kampf, jeder zu einer anderen Seite hin. – –   Auch in den nächsten Tagen feierte man noch. Kein Mensch arbeitete, die »enfants de la patrie« verstummten nicht mehr. Heute rieselte ein dünner Regen. Trotzdem stand schon wieder der Kirchplatz voll Menschen. Man wartete. Irgendeine Neuigkeit lag in der Luft. Die Zeitungen waren nicht angelangt, aber man wußte, es ging etwas vor là-bas . Bei Wissembourg wurde gekämpft. »Ein kleines Vorpostengefecht«, sagten die einen, »eine ernsthafte Affäre«, die anderen. Auf einmal Hallo und Lachen. Die Briefträgerin mit ihrer geflochtenen Tasche segelt über den Platz. Im Nu ist sie umringt. Jeder greift in ihren Sack hinein und zieht heraus, was er an Gedrucktem in die Finger kriegt. Jeder will der erste sein, der die Siegesnachricht verkündet. Die lesen können, stellen sich auf die Stadthaustreppe und werfen ihre Nachrichten auf den Platz hinunter. Mit tönenden Stimmen und runden Gebärden stehen sie da wie selber Siegende. Der Bäcker-Nazi ist der vorderste, dann folgt der bescheidenere Kirchensepp und der Älteste vom Justin, der die Lateinschule besucht. Zwanzigtausend Preußen seien bei Wissembourg geblieben, rufen sie, dreißigtausend gefangen, darunter der Kronprinz. Ein Brausen von Jubel antwortet ihm. Es war, als habe jeder hundert Kehlen bekommen. Die Männer nehmen die Hüte ab. Im Nu, wie auf ein Zauberwort sind alle Fenster mit Fahnen behangen. Sie wehen sich blähend und einander berührend über die Gassen hinüber. Menschen strömen zu und ab. Man küßt einander, und die Stimmen sind wie Raketen, die nach oben steigen. Das geht so mehr als eine Viertelstunde lang. Auf der Rathaustreppe, die wieder leer geworden ist, erscheinen jetzt, aus dem Stadthause heraustretend, der Maire, Quine und der Curé. Sie haben sonderbar verschattete Gesichter. Quine macht eine vage Schulterbewegung, der Curé breitet die Hände gegen die Versammelten, als wolle er sie beruhigen. Balde steht einen Augenblick ganz still. Mächtig und gedrungen erscheint seine Gestalt zwischen den zwei Geschmeidigen. Quine redet auf ihn ein, er wehrt ihn ab. Barhaupt im feinen Regen stehend, das feste, altmodische Gesicht geradehinaus gewendet, sagt er mit klarer Stimme: »Ihr sin kei Kinder meh, ihr solle 's Wahre wisse, alle mitnander.« Und dann nach kurzer Pause, in der alle Gesichter sich hell, wie aufgeschäumt zu ihm emporwenden: »Mac Mahon isch g'schlage, bei Wissembourg, vollständig g'schlage, un d'r General Douay isch tot.« »Mac Mahon!« Erst ein Aufbrüllen, dann tiefes Schweigen. Mac Mahon geschlagen. Der Held von Sebastopol und Magenta. Sie fassen es noch nicht. Und auf einmal finden alle das verhängnisvolle Wort, das jedem Franzosen auf den Lippen liegt, sobald von einer Niederlage seiner Armee die Rede ist: »Verrat.« »M'r sin verrote, nous sommes vendus .« Wild blicken sie um sich, als suchten sie einen, den sie verantwortlich machen könnten, aber sie sehen nur ihren Maire, der barhaupt da im Regen steht und schweigt. Der Curé streckt jetzt wieder beschwichtigend seine Arme aus. »Nichts ist verloren,« sagt er, »alles kann wieder gut werden.« Und Quine fügt gleichfalls auf französisch hinzu: »Die Wahrheit! Wissen wir denn, ob diese Wahrheit nicht etwa eine schändliche Lüge ist, von unseren Feinden ausgestreut, uns hoffnungslos zu machen? Aber man wird sich täuschen. Derartige Ausstreuungen sind nur dazu geeignet, unsern Mut zu überreizen. Und vergessen wir doch nicht« – seine Stimme drang dünn und scharf in die Menge – »vergessen wir nicht, daß zwischen Nancy und Thionville eine Armee von fünfhunderttausend Mann steht, bereit loszuschlagen. Und die Elsässer marschieren dann als erste in den vordersten Reihen. Also ich wiederhole die Worte des Herrn Curé: Alles kann noch wieder gut werden, nichts ist verloren. Und unser Frankreich – nehmen Sie, meine Freunde da unten, das Wort eines Edelmannes: Frankreich wird in wenigen Tagen gutgemacht haben.« Seine Stimme klirrte und triumphierte, als sei er selber bereit, eine Armee gegen den Feind zu führen. Und wieder einmal siegte die schöne Geste. Sehr leicht diesmal. Man war ja so froh, glauben zu dürfen. Man klatschte in die Hände, man begann wieder zu plaudern. In diesem Augenblick fuhr, rumpelnd und klappernd, »Petit-Singe« mit seinem Milchwagen über das Pflaster. Der geschlossene Platz mit seinen lebhaft gegeneinander bewegten Gruppen, die Herren auf der Treppe und der langsam fahrende Wagen, um den sich Neugierige drängten, glich jetzt wirklich jenen Vaudevilles, von denen Père Dugirard liebenswürdig gesprochen hatte. Und wie auf dem Theater änderte sich die Szene plötzlich. »Petit-Singe« brachte Nachricht vom Kriegsschauplatze: »Wissembourg brennt in alle vier Ecke. D' Prussiens kumme üwer d'r Rhin. Alle Kinder nemme sie mit, b'sunders awer d' Büewe. Un selbscht 's Vieh.« Ein tauber Zorn kommt in der Menge auf. Noch stumm, nur sichtbar in den zuckenden, wie kochenden Bewegungen. Und der kleine Franzose berichtet weiter: »Zwei Tage sind sie marschiert, die Soldaten, und haben nichts zu essen gehabt. A jeun , mit leerem Mage, sin se in d' bataille g'schickt worde.« Nun bricht das Toben los. » A jeun ? Sind' un Schand' isch es. In d' bataille ine un nix zum Fresse, ah oui , in d'r vordere Reih marschiere, wann's an d'r Fiend geht, d'rfür sin m'r racht, mir Elsässer, do därfe mir d' erschte si, awer wann's ans Fresse geht, do kumme d' Welsche voran.« »Un an Munition het's g'fehlt,« sagt das Französlein. »Nix zum Schieße un nix zum Fresse, oh ces traîtres !« »Und hat 's net g'heiße, mir sin parat? Archiprêts ? Wo hat 's jetzt die célèbres mitrailleuses? « Einer der Arbeiter lacht. »Die? Ha, die sin alle mitanander bi d'r gamin imperial , bi d'r prince royal .« »Ah, ces animeaux , Viehchor isch' s. Um uns im Elsaß do derangiere sie sich net. Zitter zwei Woche promeniere espions prussiens in de Vogese umme, personne ne s'en fiche à Paris .« Schmied-Louis streckt die starken Arme in die Höhe. »Flinte müsse m'r han, fusils .« »Fusils, fusils,« brüllt's ihm nach. Dann, mit einem Male, wie Kinder, die, ermüdet, nicht mehr spielen wollen, gehen sie stumm und grußlos auseinander. Der Platz ist leer. Schlaff hängen die naß gewordenen Fahnen, die man nicht abzunehmen wagt, unter dem grauen, düstern Himmel. Die drei Herren waren inzwischen ins Rathaus getreten. Der Curé, Quine und Balde standen an Père Anselmes Fenster und schauten hinab. Quine hatte seinen guten Abgang nicht durch ein längeres Sichtbarsein verderben mögen. Der Curé war sehr aufgebracht. »Wir dürfen's nicht dulden, daß hier so gebrüllt wird.« »Man sieht, wie recht sie in Paris haben,« sagte Quine hochmütig. »Unmöglich, solchen Leuten hier Waffen zu geben.« Balde lächelte. »Man dürfte schon. Aber ich fürchte, man kann nicht, weil man keine hat.« Der Curé sandte ihm einen schrägen Blick hinüber. »Sie wollen also die rote Fahne der Revolution aufpflanzen?« fragte Quine. Martin Balde fuhr sich mit der Hand über sein starkes Haar. »Ich habe dem Kaiser Treue geschworen,« sagte er dann ruhiger, »aber er hat mich zugleich auf diesen Posten gestellt. Solange ich ihn habe, werde ich meine Pflicht gegen meine Gemeinde erfüllen. Nun aber,« er sah nach der Uhr, »Ihre Herren Verbrecher warten auf mich, Monsieur de la Quine.« Er bewegte seinen Hut, den er in der Hand hielt, grüßend und ging. »Dieser Herr macht mich krank,« sagte der Zuchthauschef müde. Der Curé nickte. »Und mich beleidigt er. Hören Sie, wie er mir ins Handwerk pfuscht?« Er hob den Finger nach der Seite hin, wo jetzt ein Glöckchen zu läuten begann. »Monsieur Balde läßt seinen Eintritt ins Zuchthaus ankündigen, wie man nur das Allerheiligste ankündigt. Ich weiß, es ist, damit die Kranken sich versammeln – aber dennoch ...« Sein Gesicht, im Grunde heiter, bekam einen verbissenen Ausdruck. Quine lächelte. »Ein Dämpfer könnte ihm nichts schaden, diesem selbstbewußten Herrn.«   Es war jetzt wieder sehr ruhig geworden in Thurwiller, so ruhig wie in Friedenszeiten. Aber diese Ruhe war nicht leer wie sonst, sie war mit Gespenstern gefüllt. Überall witterte man Preußen. »Die Pickelhauben haben den Rhein überschritten,« hieß es. »Sie sind uns schon ganz nahe.« Und allmählich erhielt die Angst eine Kraft, die an Irrsinn grenzte. Der Präfekt des Oberrheins selbst war es, der diese Panik entfesselte. Er hatte an seine Bürgermeister ein Telegramm geschickt, man solle die Preußen mit Freundlichkeit aufnehmen, sie nicht unnütz reizen, für die Ablieferung aller Waffen sorgen, die etwa in den Gemeinden vorhanden seien. Vor allem aber wäre es geraten, die Knaben in Sicherheit zu bringen, da sonst die Preußen sie verschleppen und als Kanonenfutter vor ihre Front mitführen würden. Balde legte diese Depesche still beiseite. »Wozu die Leute vorzeitig beunruhigen? Genug, daß man wacht!« Er legte ebenso die zweite Depesche fort, die der ersten folgte und sie widerrief. Die Ankunft der Preußen hier sei ein leeres Gerücht gewesen, hieß es darin. Abends stieg Martin Balde auf den Kirchturm und hielt Ausschau. Françoise begleitete ihn. Beim Scheine eines Laternchens stiegen sie die enge, morsche, vielgewundene Treppe empor, von der der Staub aufflog. Draußen wusch und klopfte der Regen, im Sturm schwankte das Gebäude deutlich spürbar, Baldes Schatten fiel beruhigend über Françoise hin. Sein Kopfumriß huschte hin und her über ihrer Brust. Sie fühlte sich geborgen so. Droben riß der Wind ihr das Haar zu einem Mantel auseinander. Balde hatte ein Fernglas mitgenommen, richtete es und schraubte es zurecht. Er blickte angestrengt nach Osten. Dann ließ er auch die Tochter sehen. Wie eine schlafende Herde lagen die Berge des Schwarzwaldes da. Unten blinkte hin und wieder ein Stück Rhein, Städte und Dörfer farblos, die Türme, die Dorfdächer wie ertrunken, nebeldünn, die Wälder wie schwarze, stumpfe Seen. » Pas l'ombre d'un Prussien, nicht der Schatten eines Preußen, m'r kann ruhig schlofe.« Er nahm das Laternchen wieder auf. »Net Grille fange, Kind,« sagte er, ihr das Flatterhaar zärtlich zusammenfassend. »Nas' in d'r Wind, Auge hell, so g'hört sich's für a rechts Maidele.« Sie nickte, die Augen voll Tränen. Dann sagten sie nichts mehr zueinander. Sie stiegen ruhig wieder ab in Staub und Dunkelheit auf der morschen, knarrigen, vielgewundenen Treppe, Balde voran, der Schatten seines guten, mächtigen Kopfes wie ein Schutz über ihr. In dieser Nacht erschien plötzlich kurz nach Mitternacht im Baldeschen Hause eine fragwürdige Gestalt, schlotterig, in einem blaugemusterten Schlafrock mit schief gerutschter Nachthaube. Es war Mademoiselle Nudele, des Pfarrers Kusine. Sie hielt in der Hand einen langen weißen, vollgebeulten Strumpf, in dem ihre Louisdor und Franken steckten, und bat um Gottes willen, der Maire möchte ihr ihre Ersparnisse verwahren. »Man hat sie angekündigt noch für diese Nacht, die Pickelhauben, horreur !« Sie zitterte und weinte. Wer es gesagt habe, fragte Balde, der im Schlafrock auf der Diele stand. O, das wüßten alle. Sie habe schon im Bett gelegen, da sei die Magd hereingestürzt. Die hat es vom Bäcker-Nazi. In Kolmar auf der Place d'Armes ist ein französischer Offizier herumspaziert, den man nicht kannte, und als man ihm die Kleidung vom Leibe riß, – – war es ein Prussien! O, wenn der Herr Maire nur diesmal ihr helfen wolle, sie sei ganz allein im Hause und fürchte sich so sehr. Sie machte Anstalten, sich auf ihre fleischigen Knie niederzulassen. Françoise, die gleichfalls herabgekommen war, wehrte das mit ihrer ganzen Kraft ab. »Und der Curé?« Ja, der sei mit Monsieur Cerf vor ein paar Stunden abgereist. Sie hätten wichtige Geschäfte in der Schweiz. Balde nahm den Sparstrumpf. Françoise beruhigte die Aufgeregte und brachte ihr ein Glas Zitronenwasser. Dann machte sie ihr oben in Blancs nun leerer Stube ein Bett zurecht. Françoise war noch mit ihr beschäftigt, als ein neuer nächtlicher Gast kam: Bourdon. Er brachte eine Ledermappe und ein Köfferchen. Ob der Maire so gut sein wolle, ihm das zu bewahren? Er selbst habe eilige Geschäfte in Basel. Und überdies – in jetziger Zeit – man könne nicht wissen! Ob Madame auch reise, fragte Françoise. Nein, sie nicht. Sie wolle das Haus nicht verlassen, ehe sie von Jules Nachricht hätte. Er selbst würde natürlich am liebsten auch hier bleiben, aber diese eiligen Geschäfte ... Er sah unruhig in alle Ecken. Es hatten viele Thurwiller eiliger Geschäfte wegen zu verreisen in den nächsten Tagen! Täglich wurden die Gerüchte von der Ankunft der Pickelhauben bestimmter. Freilich löste sich bis jetzt jedes einzelne als komisches Mißverständnis. Eine alte Dame mit ihrem Hündchen, die in Kolmar von der Bahn gekommen war und einen vorübergehenden Bürger am Ackerhof fragte: »Ist das die Kaserne?« wurde mit Schimpfworten verfolgt und polizeilich ausgefragt, was sie mit verkehrten Erwiderungen beantwortete. Schließlich stellte es sich heraus, daß sie taub war. Ebendort hielt man den Sohn des Kirchenarchitekten, der, bei seinem Vater zu Besuch, eins der alten Häuser der Stadt aufmerksam betrachtete, für einen Spion und mißhandelte ihn mit Regenschirmen. Mülhauser Arbeiter demolierten einen Zirkus, weil dort Deutsche bei der Musik angestellt waren. Schließlich wurde die Furcht vor den wütenden Arbeitern fast größer als die vor den Preußen. Die Bürger, um sich im Notfall zu verteidigen gegen sie, stürmten die Waffenläden. Man hielt sich in Bereitschaft mehr noch für den inneren als für den äußeren Feind. Viele Leute packten ihre Habseligkeiten zusammen, um auszuwandern, andere gruben ihre Wertsachen ein. Auch Théophile Schlotterbach ergriff höchsteigenhändig den Spaten und versenkte eine schwere Kassette im Garten. Er grub auch die besten Stücke seiner Waffensammlung da ein. Seins Frau lief unterdessen mit hellen Tränen treppauf und treppab. Sie bereitete ihren Sohn Victor zur Abreise. Die Preußen schleppten ja alle jungen Leute mit. Sie rissen sie von den Röcken der Mütter, sie suchten sie mit dem Bajonett im Stroh der Ställe! Victor Hugo sollte zuerst nach Mülhausen gehen, dann mit Pierre Füeßlis Hilfe zu einem Geschäftsfreund nach Basel befördert werden, der dem Kleinen Zuflucht gewähren würde. Die Lyzeen begannen zuerst noch nicht wieder. Victor Hugo selber widersetzte sich diesen Anstalten. Er wollte bleiben, erleben, womöglich handeln. Er lief zu seinem Freunde Arvède: »Wollen wir nicht nach Kolmar fahren und uns dort bei der Compagnie des Franctireurs anwerben lassen?« Aber der junge Meckelen schüttelte den Kopf. Er könne das seiner Mutter nicht antun. Seltsam scheu und traurig brachte er das hervor. »Papa ist nach Châlons gefahren,« sagte er dann, »ins Hauptquartier zum Kaiser Napoleon. Du verstehst, ich muß ihn hier vertreten bei maman , Frankreich vertreten.« Sein zartes Gesicht war tief und schamhaft errötet. Victor Hugo umarmte ihn schluchzend. »Auch unsere Zeit wird kommen,« sagte er pathetisch, »fügen wir uns der Notwendigkeit des Augenblicks!« Aber er war nicht so recht zufrieden mit seiner eigenen Phrase. Langsam ging er die Landstraße zurück, die eintönig zwischen den abgeernteten Feldern hindurchlief. Es roch scharf, fast stechend nach verwesendem Kraut und feuchter Erde. Die Ferne verhängte sich, gerade als werde es schon Nacht. Trostlos war alles, sonnenlos und einförmig. Und draußen, vielleicht gar nicht weit von hier gab es rotes, lebendiges Leben, da lärmte und jauchzte der Krieg, da setzte man sich selber ein und gewann Ehre, Ruhm! Victor Hugo sah sich dahinspringen mit hochgehobener Fahne, oder, noch herrlicher, im strahlenden Römerhelm, den schwarzen Roßschweif um die Schultern gepeitscht, hin und her jagen, wichtige Botschaft vermittelnd; oder mit geschwungenem Säbel als vorderster, auf die Feinde zufliegen, Blut und Tod in ihre Reihen bringend. Die Feinde! Er versuchte sie sich vorzustellen. Immer aber sah er nur eine hohe, kräftige Gestalt mit breiten Schultern und dem blonden Jünglingskopfe, den er liebte: Heinrich Hummel, sein Rival. Er konnte ihn sich gut vorstellen, fest und unerschrocken, ohne viele Worte auf den Schlachtfeldern umhergehend, den Verwundeten zu helfen. Und einen Augenblick war es ihm fast lieb, daß er noch zu jung war, um gegen den Feind zu kämpfen, in dessen Reihen auch Hummel war. Aber gleich darauf kam die Abenteuerlust wieder über ihn. Das Blut seines deutschen Urahns, das er mit dem geliebten Feinde gemein hatte, regte sich in ihm. Warum war er nicht Soldat! Warum gehört er nicht mindestens zur Garde mobile? Oder durfte sich in die Ordnung der Franctireurs aufnehmen lassen. Aber das würden seine Eltern nie erlauben! Ein paar Jahre nur älter sein jetzt! Er hob die zusammengelegten Hände, als könne er's erbeten. Und der aufgeregte Knabe hatte das Gefühl, er würde gern seine Seele selbst dem Teufel verschreiben, wenn das ihn hineinbringen könnte in den bunten, heißen Wirbel, der jetzt allein Leben bedeutete. Ohne weiter seiner Schritte zu achten im Gebrause der stürmenden Gedanken, war er doch zuletzt wieder nach Thurwiller zurückgekommen und ging nun langsam am Kanal entlang, dessen Weiden dunkel und grotesk da kauerten und ihre schwanken Zweige nach ihm hinbewegten. Er bog in seinen schmalen Schlupfweg ein, den er damals mit Hummel gegangen war. Auch heute wieder starrte der alte, graugelbe Weidenstumpf mit grünwehendem Haar wie ein verwitterter Kopf auf langem Halse aus dem Wiesenkraut hervor. Plötzlich, nah einem Schlehenbusch, fühlte Victor sich am Jackenzipfel gehalten. Er meinte erst, es seien Dornen. Ohne sich umzuwenden, suchte er sich freizumachen und faßte – eine harte, geschmeidige Hand. Er schrie auf, eine zweite Hand, die nach Schlamm und Kräutern roch, legte sich auf seinen Mund. Entsetzt, mit aufgerissenen Augen warf er sich herum und stand vor seinem Vagabunden aus dem Frühjahr. Der Mensch steckte noch in dem freilich jetzt arg beschmutzten und zerrissenen Jackett, das ihm Victor Hugo damals zugeworfen hatte. Er war entsetzlich vermagert, mit Augen wie ein hungriger Hund. Victor Hugo fühlte mit Unbehagen, daß Furcht in ihm aufstieg. »Was wollt Ihr von mir?« fragte er barsch. Er griff in seine Tasche. Der Strolch hatte sich auf seinen Baumstumpf gesetzt. »Laßt's nur im Sack, Euer Geld, jeune homme , i begehr's heut net.« »Und was sonst?« »Was i begehr', monsieur ?« Der düstere Kerl, der jetzt auf einmal jung aussah, erhob sich. »In d'r Krieg will i, voilà .« Er hatte seinen Arm gestreckt und das Wort wie eine Brücke hinübergeworfen zu dem Abgewendeten. Der blieb denn auch willig wieder stehen. Der Strolch wies auf ein Bündel, das er neben seinen Baumstumpf gelegt hatte. Er bückte sich und tat es auseinander. Ein bunter Haufen kam zum Vorschein: Bauernhosen, Schuhe, Mäntel, ein paar Filzhüte, Reiterpistolen, Degen, Gewehre und Säbel. »Alles z'samme g'schtohle,« sagte er frech. »D' Flinte do, die sin vo d'r Bühn' vom Herr Maire. Es het do no meh, awer's isch nix meh mit, d'r Roscht het se g'fresse.« Er hatte eine verbogene Pistole hervorgezogen und legte den Finger an den Drücker. Victor Hugo zwang sich stehenzubleiben. Aber das Blut sang ihm in den Ohren. Der Strolch nickte zufrieden. Er steckte die Waffe wieder ins Bündel. »Euer Babbe,« sagte er dann ruhig, »d'r Monsieur Schlotterbach, hat letscht in sim Garte allerhand so Dings vergrawe, 's kann sin, au Geld. Sorgt d'rfür, jeune homme , daß hit nacht d'r Hund net bellt. Gell? M'r könne net länger warte, jetz, 's ischt Zitt.« Victor Hugo hatte schon den Ellbogen gehoben, dem Versucher einen tüchtigen Jungenspuff zu geben und dann davonzulaufen, da hielt ihn die Neugier noch einmal fest. »Mir – han ihr g'sait. Wer sin jetz d' andere?« Der Strolch machte eine vielsagende Bewegung nach der Richtung des Kirchplatzes hin, hinter dem die Mauer der Maison Centrale sichtbar wurde. »I bruch nur z' pfiffe, d'rno sin se do.« »Die do drinne?« Dem Patriziersohn lief ein Ekel über den Rücken. »Un wohin soll's gehn?« fragt er jetzt hochmütig, beide Hände in den Taschen. Er hatte keine Furcht mehr. Der Strolch schwieg. Plötzlich hob er die Faust. »Krieg wider die, wo im Floribüs lewe un 's Geld han!« Victor Hugo trat einen Schritt zurück. Er wußte, was der andere meinte. Eine jener wilden Banden wollte er zusammenbringen, die sich gleichfalls Franctireurs nannten, den Bauer und Bürger aber meist mehr schädigten als den Landesfeind, der ihnen den Vorwand geben mußte zu ihrem Rauben und Sengen. Und die Zuchthäusler sollten helfen? Wollte der Strolch sie befreien? Einen Aufstand anzetteln? Klare Pflicht war es, diesen Menschen festzunehmen, ihn zum Gendarmen zu bringen, ihn wieder einzusperren. Mit Entzücken fühlte der Knabe, wie ein toller, rücksichtsloser Mut in ihm aufflammte. Mit dem Fuß stieß er in das offene Bündel hinein, daß Kleider und Waffen auseinanderstoben, dann trat er einen Schritt zurück, um sich mit aller Gewalt auf den gefährlichen Landstreicher zu stürzen. Da traf ihn von unten heraus ein Blick des schmierigen Burschen. Victor Hugo machte eine sonderbare Bewegung mit der umgewendeten Hand nach seinem Arm hin. Etwas Blendendes und Brennendes, das ihn verwirrte, war auf ihn zugeschleudert worden aus den tiefliegenden Augen dieses zerlumpten Menschen. Von einer seltsamen Angst befallen, lief er, fiel er, raffte sich, immer wie in der Flucht vor etwas unaussprechlich Unheimlichem, wieder auf, lief weiter und wußte nicht, wovor er floh. Was er fühlte, war Bewunderung, Verachtung, Neid und Grauen, alles durcheinander. Als er aber dann die Mauer des Château Schlotterbach wiedersah, war ihm das wie ein Asyl. Er atmete auf, säuberte geschwind Gesicht und Anzug mit seinem Taschentuche, strich sein Haar glatt und begab sich mit einem Seufzer der Erleichterung in die Gewohnheit zurück. Er hatte nun nichts mehr gegen die Reise nach Basel einzuwenden. Seinen Vater bat er an demselben Abend noch, seine Waffen und sein Geld sicherer zu bergen als in der Gartenerde, wo jeder Dieb es entdecken könne. Die Eltern waren entzückt über seine Umsicht. Verraten aber tat er seinen Strolch nicht. Bevor er sich von Vater und Mutter trennte, mußte er ihnen mit einem heiligen Schwur versprechen, sich niemals in die Liste der Franctireurs einschreiben zu lassen. Er tat es, aber er reiste mit zerrissenem Herzen ab. Eine Sehnsucht nach Leid und Gefahr war in ihm geblieben, die ihn quälte und ihm die Sicherheit des Tages verleidete. Er kam sich feige vor, unwürdig und beschämt. Das Bild des Strolches wuchs immer größer in ihm auf mit einem Glanz von Unerschrockenheit und Abenteuer. Als er die Türme von Basel sah, beschloß er, sich zu verbergen. Aber die Gastfreunde hatten ihn schon gesehen. Er war verloren, denn er war in Sicherheit.   Françoise war mit Hortense und der Kleinen in die Kirche gegangen. Sie hatte den Blick auf das Allerheiligste gerichtet und dachte dabei an ihre Kinderzeit, da sie beim Anblick der Dreieinigkeit und des Ewigen Lämpchens vor Andacht und Hingebung verging. Heute saß sie stumm, fast abwehrend da. Der Mann, den sie im Herzen trug, war Protestant, sie wollte keine Inbrunst mehr an etwas wenden, das er nicht mitempfinden konnte; vielleicht nicht billigte. Sehr gut entsann sie sich noch der Qualen, die sie ausgestanden hatte, wenn maman zur Feier des Fronleichnams mit in die katholische Kirche kam. Maman war ja eine Ketzerin, maman mußte in der Hölle brennen. Während sie im weißen Kleidchen, ein Kränzchen im Haar, mit den anderen kleinen Mädchen beim Umzug die goldenen Bänder eines Banners hielt, erwartete sie jeden Augenblick den strafenden Strahl von oben auf das liebe Haupt fahren zu sehen. Und wenn dann die anderen kleinen Mädchen zu ihren Eltern gingen, stand sie mit Hortense allein da. Papa ging niemals in die Kirche. Später hatte sie sich dann mit besonderem Eifer den kirchlichen Anforderungen gewidmet, keine Messe, keinen Gottesdienst versäumt, hatte jeden Fronleichnam die Madeleine gemacht, alles im Gefühl, sie müsse ihre Eltern bei Gott vertreten. Dann war auch das vergangen. In dem Maße wie ihr eigener Glaube stiller und innerlicher wurde, begann sie die Überzeugungen der anderen zu achten. Hortense war weniger tolerant. Auch war ihr der Katholizismus gleichsam eine Frage der gesellschaftlichen Rangordnung. Außer ihrer Mutter, die sie liebte, und Pierre Füeßli, den sie achtete, mißtraute sie ein wenig den Leuten, die nicht der alleinseligmachenden Kirche angehörten. Inzwischen sang man die Messe. Unmerklich bekamen die wohlbekannten, eintönigen Melodien Gewalt über Françoise. Sie ließ sich tragen von einer angenehm feierlichen Wonne, die Ruhe brachte und Vergessen alles Zeitlichen. Eine süße Müdigkeit bemächtigte sich ihrer. Es störte sie nicht, daß sie sah, wie der kleine Justin, der Meßnerdienste tat, zwischen den Knixen ungezogene Gesichter schnitt, oder daß die Bauern ringsum schliefen. Der Duft des Weihrauchs, das Aufblitzen der Weihgefäße, wenn sie hin und her geschwungen wurden im heiligen Dunste, die Bewegung ihrer Ketten hatte etwas unbeschreiblich Beruhigendes für sie. Nun begann der Curé seine Predigt. Die Stimme des Mannes war ihr unangenehm, sie hörte ihr nicht zu, sie träumte weiter. Einzelne Worte, die sie von sich wies, kamen in ihr Ohr: Krieg müsse sein, um der Herrlichkeit des Höchsten zu dienen und sie zu offenbaren, um die Überhebung der Irreligiösen zu zerstören. Gerade hier im Elsaß habe in letzter Zeit der Unglaube erschreckend um sich gegriffen. Françoise dachte einen Augenblick flüchtig, nun müsse der Krieg auch noch dazu dienen, die alte Leier des Curé neu zu vergolden. Jetzt hörte sie die Worts »Voltairianer, Ketzer, Liberaler«. Zugleich hatte sie die Empfindung, als würden sie von den Leuten in den Bänken angesehen. Aufblickend, sah sie Hortensens Gesicht totenblaß und hochmütig starr in die Luft gerichtet. »Dreimal wehe aber,« sagte der Curé, »wenn die Obrigkeit selber sich auf ihr eigenes Urteil verläßt, anstatt sich Kraft in der Kirche zu suchen für die schwere Zeit, die uns bevorsteht.« Hortense riß ihr Kleid an sich heran. »Laß uns gehen,« sagte sie ziemlich laut auf französisch. Sie hob ihr Kind, das die Händchen zusammengelegt, artig in die Lichter starrte, von der Bank und zog es an sich. Françoise folgte. Draußen stand ein Trupp Männer vor der Kirche und warteten auf ihre Ehefrauen und Liebsten. Hortense, ihrer selbst nicht mächtig vor Zorn, rief ihnen zu: »Do drinne können ihr's höre, die grande nouvelle : eure Maire gehört ins Narrehüs!« Die Leute sahen sich an. Dann, neugierig geworden, drängten sie sich in die Kirchentür und horchten. In den Wirtshäusern dann nachher wurde es ausgemacht: Mit dem Maire war ebbes net racht. »M'r kann's net wisse, am End' isch er gar espion . Un sine Madam, die isch jo fascht so gut wie a Prussienne . Sie glaubt net an die saints sacraments .« Aber sie beruhigten sich wieder. Martin Balde hatten sie alle gern.   Die Pickelhauben waren nicht gekommen, dafür langte französische Einquartierung an. Ein Jägerregiment, leichtfüßig und fröhlich mit heiteren clairons . Sie lachten und sangen. Alle Thurwiller traten vor die Türen, um zu sehen. Man war außer sich vor Vergnügen. Jeder freute sich, der einen der lustigen, hübschen Schnauzbärte ins Haus bekam. Bald roch das ganze Städtchen nach Speckomelette und Wein. Aber die Leutchen hatten kein Geld zu bezahlen. So gab man ihnen denn umsonst. Es schmeckte ihnen herrlich, sie waren so dankbar. Und der Sold sowie die Proviantwagen mußten ja sogleich nachkommen. Man wartete geduldig. Einen Tag, zwei – aber sie kamen nicht. Die Thurwiller ließen ihre armen Schelme von Soldaten nicht entgelten. Das Salmele dachte an ihren Ventzenker, und wahrend drinnen im Eßzimmer die Offiziere mit der Herrschaft tafelten, strich sie dem brosseur die Marmelade noch einmal so dick aufs Brot, in der Hoffnung, der Lohn für ihre gute Tat werde ihrem Fernen im fremden Lande zugute kommen. Auch die kriegerischen Gäste in den Herrschaftszimmern hatten es vortrefflich. Frau Baldes Gang und Gesicht war deutlich belebt, seit sie mit ihren Landsleuten französisch plaudern konnte. Auch Hortense ließ sich gern von ihnen erzählen, fragte sie nach dem Biwakleben aus, nach den Quartieren, und zeigte sich ihnen, die nur Angenehmes zu berichten wußten, liebenswürdig dankbar. Selbst Balde war empfänglich für die heiteren Gäste, wenn er von verdrießlichen Arbeitsstunden nach Hause kam. Einzig Françoise hielt sich zurück. Sie tat hausfraulich ihre Pflicht, nahm aber an den Unterhaltungen nicht teil. Die Prahlereien und Witze der jungen Leute, die alle ihre Spitzen gegen »ces pauvres Prussiens« richteten, vertrieben sie. Sie lernte jetzt pflegen und verbinden beim Vater. Sie wollte Verwundete pflegen. Inzwischen gingen die Umtriebe für die Wahlen immer weiter. Mitte August endlich fiel die Entscheidung. Die Listen des Curé hatten fast überall gesiegt. Auch Cerf war als Kandidat aufgestellt gewesen, aber er war nicht zurückgekehrt nach Basel. Die Zeitungen druckten einen Brief von ihm ab: Während unsere Soldaten auf den Schlachtfeldern für die Ehre Frankreichs kämpfen, tun wir es im Innern des Vaterlandes. Denn es handelt sich bei der Vertretung unseres Kreises nicht um Straßenpflaster oder neue Trinkbrunnen, nein, es handelt sich um unsere heilige Religion selbst. Weg mit dem Einfluß der Freimaurer und Protestanten, die uns obligatorische Schulen aufzwingen wollen mit einer heidnischen Freiheit des Lehrmaterials. Marschieren wir, die wir in treugläubigem Herzen den Sieg vorbereitet haben, marschieren wir ihm fest und einig entgegen, Hand in Hand.« Aber Monsieur Cerfs Phrasen machten nicht sehr viel Eindruck. Man war im Augenblick nicht gut zu sprechen auf die »Plebisziter«, die dem Volke ihr »Ja« für Napoleon abgelistet und es dadurch in diesen Krieg hineingeführt hatten, der viel mehr Unbequemlichkeiten und Sorgen mit sich brachte, als man sich vorgestellt hätte. Denn immer wieder hörte man von Niederlagen. Nichts ganz Bestimmtes – die Zeitungen kamen unregelmäßig – aber man erfuhr doch allmählich von Fröschweiler, von Forbach, man hörte, daß Metz angegriffen wurde, daß Nancy sich an vier Ulanen ergeben hatte. Und das Allerschmerzlichste: Straßburg wurde beschossen! Die Eisenbahnlinie von Mülhausen nach Paris war abgeschnitten. Man kam sich vor wie im Exil. Balde richtete eine Art Heimatsverteidigung ein, hauptsächlich zur Aufrechterhaltung der Ordnung, wenn wirklich einmal feindliche Truppen hier in seinen Winkel kommen sollten. Damit gab er auch den noch immer erregten Arbeitern, von denen mehrere entlassen und nun beschäftigungslos waren, eine Ablenkung. Die Leute sollten der Kompagnie der Franctireurs angegliedert werden, die auch versprochen hatte, für die Bewaffnung zu sorgen. Vorerst übte man mit Stöcken. Die Jäger waren abgezogen, und neue Einquartierung kam. Aber die Todmüden und Finsteren, die da hereinschlurrten, abgehungert, entnervt, zerlumpt, das waren nicht mehr die lieben lustigen »piou-pious« der ersten Zeit. Ihre Tornister, die ihnen beim eiligen Rückzug zu schwer geworden waren, hatten sie abgeworfen. Viele auch die Waffen. Den Feind hatten sie noch nicht gesehen, aber immer hatte es geheißen: zurück, zurück. Sie schimpften auf Napoleon, auf die Generale, die sie verraten hätten, verkauft an Preußen. Und sie bettelten. Ihre Proviantwagen, die nachkommen sollten, erschienen niemals. Man gab auch ihnen, was man hatte, ohne Bezahlung; denn sie hatten kein Geld. Als aber die Vorräte verbraucht waren, kam es zu täglichen Gewaltszenen. Die Soldaten wetterten gegen die »maudits Alcasiens« , die »bêtes d'Allemands« , mit denen man nicht einmal Französisch reden konnte. Sie zerstörten aus Wut den Leuten, die ihnen nichts mehr zu essen geben konnten, Gerät und Haus. Auch sonst führten die Bürger Klage über sie. Abends hörte man am Wall im Süßen Winkel die Mädchen kreischen. »Sie hausen wie die Kosaken,« klagte man, »die Preußen könnten es nicht schlimmer machen.« Die Thurwiller waren sehr traurig über alles das. Bisher hatte man in jedem Franzosen, der herüberkam, das große Frankreich verehrt, in jedem Soldaten die französische Armee, nun war es plötzlich, als sei man götterlos geworden, heimatlos. Wie Schutzsuchende drängten sich die Leute um Balde, alles sollte er schlichten, allen raten. Der Vorgarten seines Hauses war wie ein Zeltlager. Er hatte Vorräte kommen lassen aus Kolmar und Mülhausen, die teilte er aus. Seine Frau und die Töchter kochten auf dem Vorplatz an offenem Feuer für die Soldaten. Dazwischen hatte man die Offiziere zu belehren. Sie hatten eine Karte von Deutschland mitbekommen, aber nicht von Frankreich; nun mußte man ihnen klarmachen, daß die Hardt, über die sie durchaus eine Brücke schlagen wollten, kein Fluß, sondern ein Wald des Elsaß sei, man mußte ihnen sagen, wo der Schwarzwald liegt, und wo der Rhein fließt, und sie versichern, daß Kolmar nicht zu Preußen gehört, sondern eine französische Stadt sei. Inzwischen wartete Balde immer noch auf die versprochenen Waffen. Er hatte den Bescheid aus Paris bekommen, man könne dem Ersuchen der Franctireurskompagme leider nicht nachgeben, da bei der Regierung der Argwohn bestünde, die Arbeiter möchten die Waffen zu einer regierungsfeindlichen Demonstration benutzen. Diesen Bescheid warf Balde in seinen Papierkorb. Dorthin beförderte er auch die unsinnigen Depeschen, die ihm zur Veröffentlichung überbracht wurden. Die eine besagte, es seien vierzigtausend Preußen in die Steinbrüche von Jaumont gestürzt und dort umgekommen, die andere erzählte geheimnisvoll von drei Särgen, die man durchs Gebirge hatte tragen sehen, geschmückt mit den preußischen Königszeichen, von großem Gefolge begleitet. Zu diesen »Veröffentlichungen«, die im Papierkorbe des Maire ihren Daseinszweck verfehlten, kam Ende August eine wichtigere und bedenklichere, über die Martin Balde erregt mit seiner Frau beriet« Es war ein »Mahnruf« des deutschen Generals von Beyer an die Bewohner des Elsaß, in zwei Sprachen angefertigt. Dis Präfektur in Kolmar fügte dem feindlichen Schriftstück eine Nachschrift hinzu, man möge mit der Veröffentlichung noch zwei Tage warten und sie unterlassen, falls in dieser Zeit eine für Frankreich günstige Wendung eingetreten sei. Der Aufruf selbst war knapp gefaßt. Er warnte in ernstem, fast väterlichem Ton die Bürgerschaft vor Feindseligkeiten gegen die Soldaten und wies auf die Folgen derartiger Handlungen hin. Zum Schlusse hieß es: »Ich befehle, daß diese Mahnung an die Rathäuser aller Städte und Dörfer angeheftet wird.« Balde war das Blut ins Gesicht gestiegen. »Ein badischer General gibt uns Befehle! Und le croirait-on – dem ersten Mann des Departements, dem Präfekten, fällt gleich das Herz in die Hosen.« Seine Frau las still die Proklamation. Am Fenster des Studierzimmers stehend, hob sich ihr Kopf streng und rein vom Hintergrund der Büsche ab. »Oh non!« Ihre Augen flammten. Sie richtete sich höher auf. »Oh non!« wiederholte sie mit aller Kraft. »Wir Frauen protestieren,« sagte sie auf französisch und fuhr dann ebenso fort mit tönender, bebender Stimme: »Wir protestieren gegen dieses uns unverständliche Recht des Säbels, das uns verbieten will, unsere Erde, unsere foyers zu verteidigen, nur weil wir nicht das Kleid der militärischen Konvention tragen.« Sie zerriß das Dekret in tausend kleine Stücke. Balde sah ihr zu. Ihr Zorn hatte ihn beruhigt. »Ordnung muß ja sein,« sagte er, sich selber zügelnd, »und man wird schon dafür sorgen. Aber aus eigenem Pflichtgefühl: nicht auf Befehl!« Es lag dabei ein bäuerlicher Trotz in seinem Ton. Frau Balde hob den Kopf. Sie sah ihren Mann mit einem seltsamen Blick an. »Wie ihr immer Schranken ziehen könnt zwischen Recht und Unrecht,« sagte sie dann leidenschaftlich. »Ihr? Wen meinst du?« Sie antwortete darauf nicht. »Ihr sucht euch immer Gründe für eure Empfindungen. Moralische Gründe.« In ihren Augen glomm es auf wie Haß. »Ob ich im Recht bin oder im Unrecht, was geht mich das an? Mit diesen Händen würde ich...« Plötzlich zuckte sie zusammen, schrie auf und fiel zu Boden. Ein Stein, mit Kraft vom Gassenschlupf geschleudert, hatte sie an der Schläfe getroffen. Der ganze Teppich war sogleich voll Blut. Balde, selber totenblaß geworden, mühte sich um sie und rief zwischendrein nach Helfenden. Die Stube füllte sich mit mysteriöser Plötzlichkeit, wie mit Leidtragenden. Die Blutung war schnell gestillt, die Wunde erwies sich als gutartig. Aber erst nach einer halben Stunde bekam Frau Balde ihr Bewußtsein wieder. Sie lag auf dem Sofa, matt und herbe unter ihrem weißen Verbande, und las den Zettel, den man an den Stein gebunden hatte: »Die verdammt luthrisch Madam, wo uns die Prussiens uf d'r Hals hetzt, muß dra glauwe.« Sie lachte auf. »Und gerade in diesem Augenblick! Niemals war ich mehr Französin als in diesem Augenblick, da man mich als Vaterlandsfeindin bedroht.« Sie verlangte, man dürfe Balde den Zettel nicht zeigen. »Er braucht es nicht zu wissen, daß man Feinde hat. Er meint es so gut mit allen.« Aber Balde hatte längst gelesen. Als man mit ihm beraten wollte, was zur Verfolgung der Täter geschehen solle, lehnte er alles ab. »Die Schuldigen trifft man doch nicht.« Aber er hatte seinen guten treuen Kinderblick verloren seit jenem Nachmittag.   Das Leben ging weiter. Balde hatte viel zu tun mit seinen Rekruten. Immer mehr meldeten sich. Es zeigte sich jetzt hier im Elsaß im deutlichen Unterschied zu den flammenden, müßigen Tiraden der französischen Zeitung ein gut beharrlicher Mut, der nicht viel Redens machte, sondern zu Taten schritt. Aber neben dem Mut stand die Wut. Sie galt nicht dem unbekannten Feind, gegen den man sich rüstete, man dachte kaum viel an ihn, sie galt den Generalen, denen man die Schuld gab an den Niederlagen draußen, den Staatsmännern, die den Krieg nicht verhindert hatten, dem Kaiserhause, für das man sich opferte. Mit zusammengebissenen Zähnen übte man à droite, à gauche und schulterte die Stöcke. Die Jüngeren bewahrten einen gespannten Ernst, die Älteren gaben sich Ausbrüchen einer spöttischen Heiterkeit hin, wenn sie einander in dieser ungewohnten Situation betrachteten. Die übrige Bevölkerung hatte sich irgendwie in den Alltag wieder hineingefunden. Françoise saß im Drogenstübchen bei Tante Amélie. Sie hatte solche Sehnsucht gehabt nach diesem Winkel, in dem Heinrich gesessen hatte, solche Sehnsucht, die Dinge dort, die sie kannte, mit seinen Augen neu zu betrachten. Nun war sie da hineingeschlüpft und hielt verstohlen Rundschau. Sie streichelte die Garnwinde, an der Madame Bourdon wieder wickelte, vergriff sich flüchtig an dem Spieldöschen, daß ein paar Töne von »Freut euch des Lebens« herauskamen, tippte an Camilles Hauskäppchen und Pfeife und sog den Kamillen- und Äthergeruch ein, den ihr Liebster einmal geatmet hatte. Dann kam es über sie, wie fern das alles jetzt war, wie weit fort von ihm und ihr alle diese friedliche Enge und Gleichmäßigkeit. Jetzt war Sturm. Sie horchte auf das Gewitter, das draußen prasselte und polterte. Fürchterliche Regengüsse, Blitze, Donner. Es war fast dunkel in dem grün umwachsenen Stübchen. Tante Amélie hatte sogar die Vorhange zugezogen. Sie konnte nicht blitzen sehen. Sie jammerte über ihren Jules, von dem sie keine Nachricht hatte. Sie zeigte dem Gast das Bild des Sohnes, das am Fenster hing. »Jetzt lugt er andersch üs wie sellemol, gell, wo ihr nix von ihm habt wisse wolle.« Françoise wurde rot. Sie war noch ein Kind gewesen, da hatte Vater Camille bei Balde angeklopft wegen einer späteren Heirat zwischen Jules und ihr. Balde hatte den Vorschlag rund abgewiesen. Er hielt nichts von der alten Art. Seine Kinder sollten selbst wählen. Der Groll des Pharmacien gegen den Arzt hatte zum großen Teil seinen Grund in dieser Affäre. Françoise selbst hatte erst ganz vor kurzem davon erfahren. Jetzt, eingehüllt in das Glück ihrer starken, heimlichen Liebe, strich sie wie abbittend der alten Frau über die warme, gemütliche Hand. Liebenswürdig ging sie dann noch einmal zu Jules' kleinem Bilde und lobte sein gutes Aussehen. »Der Henriquatre steht ihm à merveille .« Dabei schielte sie auf das Bildchen des »tollen Hummel«, das da gleichfalls hing. Sie meinte, Heinrich müßte ihm gleichen, jetzt, da er in Uniform war. Dann aber fiel es ihr schwer aufs Herz: ihr Heinrich trug ja weder Dreispitz noch Käppi. Die preußische Uniform kannte sie nicht. Es machte sie ganz traurig, daß sie sich keine Vorstellung von seinem jetzigen Aussehen machen konnte. Madame Bourdon machte sich inzwischen mit Marmeladen und Kuchen am Tisch zu tun. Der Besuch des jungen Mädchens tat ihrem zärtlichen Herzen wohl und weckte die eingeschlafenen Hoffnungen. Sie hätte das schöne Kind noch immer sehr gern zu ihrer Schwiegertochter gehabt an Stelle der Fremden, der Französin. Und aus dem beneideten Konkurrenten Martin Walde würde dann auch ein Mann werden, der ihnen selber in die Tasche arbeitete. Schnaufend vor Aufregung ging sie im Stübchen auf und ab', »'s isch arg scheen von d'r Demoiselle, daß sie amol d'r Weg g'funde het zu mir.« Ihre Arme bogen sich mütterlich, als hielte sie ein ganzes Nest kleiner Lebewesen darin gefangen. Plötzlich schrie sie auf. Ein Schritt klang auf dem Steinflur. Die Tür ging auf. Triefend und sich schüttelnd trat ein fremder Mensch auf die Schwelle. Er hatte einen zu weiten Rock an, dazu eine kleine gestrickte Mütze, sein Gesicht war unrasiert. Madame Bourdon starrte einen Augenblick, dann fiel sie dem, Vagabunden um den Hals: »Jules, mon pauvre Jules!« Jules lachte: »Bon jour, maman, bon jour, mademoiselle.« Et hatte seine Mütze vom Kopf gerissen, die jetzt einem nassen Schwamm glich, und schwenkte sie, daß die Tropfen flogen, während er die unaufhörlichen Küsse seiner Mutter mit ebensolchen erwiderte. Und dann als erstes fragte ihn Frau Bourdon, was alle Mütter ihre Söhne fragen, wenn sie nach so langer Abwesenheit wiederkommen: »Hasch Hunger, willsch ebbes z' asse?« Jules Bourdon nickte eifrig. »Du hasch's g'rote, Mamme, je me meurs de faim .« Er hatte ein liebenswürdiges, sorgloses Jungenlachen dabei. Dann fragte er nach Papa, sagte Françoise schnell eine Artigkeit über ihre »bonne mine« und füllte das ganze Zimmer mit heiterem Geräusch. Madame Bourdon ließ die verliebten Augen nicht von ihm. »Un wo kummsch her?« Sie kramte schon im Vorratsschranke und zauberte ein halbes kaltes Huhn, Brot und Wein auf den Tisch, rief der alten Brigitte in den Garten hinunter, sie solle g'schwind Salat rupfe, und war schon wieder bei ihm, brachte ihm Vater Camilles Schlafrock und stellte ihm dessen Pantoffeln hin. Françoise half inzwischen Teller und Besteck auflegen und den Tisch ordnen. Jules machte es sich behaglich. »Wo ich herkomme? O, c'est, une affaire, mais, une affaire! « In diesem Augenblick hörte man ein sonderbares Geräusch. Ein zweiter Donner, schwächer und doch fürchterlicher als der erste. »Jo, was isch jetz däs?« Jules horchte auf. » Diantre , das kenn' i guet g'nug. Das sin canons prussiens .« »Awer wo denn, pour l'amour de Dieu , wo sin se denn?« » Que sais-je? In Brisach, in Neuenbourg, un peu partout . Awer hab' nur kei Angscht, maman, n'aie pas peur, do sin se noch net, ces maudits Prussiens. Et d'ailleurs « – er schlürfte mit Behagen seinen Wein – » il sont des gens charmants, i kenn' sie güet, méme trés bien « – er lächelte verschmitzt. »Noch geschtere bin i prisonnier g'si bi de Prussiens .« »Prisonnier!« Sie schrie gellend auf, stürzte sich ihm um den Hals, daß er fast sein Glas verschüttete. »Han se dir ebbes macht, ces animaux? « Sie befühlte mit ihren zitternden Händen sein Gesicht, seine Schultern. »Wie sin Ihr loskumme?« fragte Françoise interessiert. »Une farce de Coquelin!« Jules machte eine lustige Grimasse, stieß einen komischen Zischton zwischen den Zähnen hervor und machte mit den Händen die Bewegung des Fortlaufens. Die Mutter schlug die Hände vors Gesicht. »Déserteur! Mon Dieu, mon Dieu! Un sin se dir nochg'loffe?« Sie umschlang ihn von neuem, ihn mit ihrer breiten Sorgfalt schützend. Jules wehrte sie ab. »I bin net déserteur, oh non « – er war blaß geworden. »I han jo noch net amol min service g'macht. I bin net Soldat g'si. Mais pensez, mes dames« – und er begann zu erzählen, immer von seinen eigenen Lachsalven unterbrochen. Die Geschichte des guten Jules war in der Tat ziemlich amüsant: Trotz des Kriegszustandes war er nach Wissembourg gefahren, um dort bei dem ihm befreundeten Apotheker eine Hochzeit mitzufeiern. Man wollte ihm bei dieser Gelegenheit eine junge Verwandte präsentieren, deren Eltern eine Werbung von ihm gern sehen würden. Er kam, feierte, aß, trank, drei Tage lang. Bei Tisch disputierte man darüber, ob es für das französische Heer besser sei, über Straßburg in Baden, Württemberg und Bayern einzufallen oder von Metz aus durch das Nahetal und über Saarlouis durchzudringen. Man hörte von dem großen Siege von Saarbrücken. Nun feierte man erst recht. Man blieb beisammen, erregte sich patriotisch, und die künftige mariage war so gut wie beschlossen. Jules telegraphierte seinen Eltern. Weitere Nachrichten vom Kriege erhielt man nicht. Dafür zogen Truppen durch, braune Kerle in bunten Kostümen, verwahrlost und hungrig. Man schob alles auf die Eile des Aufmarsches. Vor den Toren der Stadt entwickelte sich ein großes Lager: Turkos, Zuaven. Es war wie eine Schaustellung. Es gab große Einladungen hinüber und herüber. Auch der Apotheker veranstaltete ein kleines Turko-Frühstück. Die Eingeladenen, um die Höflichkeit sofort zu erwidern, luden den Gastgeber und seine Familie zur Besichtigung des Lagers hinaus. Durch irgendeinen Zufall wurden Monsieur und Madame noch im letzten Augenblick verhindert, und Jules ging allein. Kaum hatte er mit seinen braunen Begleitern die Stadt hinter sich, da wurden die Tore geschlossen. Jules war ausgesperrt. Zugleich hörte er ein unbekanntes Zischen und Brummen in der Luft. Er sah Leute, die sich seltsam duckten, einige, die gar nicht wieder in die Höhe kommen wollten. Ächzende, Blutende, Tote. Die Turkos liefen heulend nach ihren Plätzen. Jules stand allein mitten im preußischen Kugelregen. In seinen Zivilkleidern von den Vorrennenden hin und her gestoßen, befand er sich einen Augenblick mitten unter den Kämpfern. Er sprang in einen leidlich trockenen Graben und verbarg sich darin, aber die Kugeln, die niederzuregnen begannen, verscheuchten ihn. Kriechend und sich hinter jedem Busch verbergend, den Kugeln von Freund und Feind ausgesetzt, brauchte er so vier Stunden, um die nahe ferme Schafbusch zu erreichen. »Und stellen Sie sich vor, meine Damen,« sagte er, jetzt wieder ganz der vergnügte Plauderer von früher, » imaginez-vous, mon petit ventre rond, admirablement rempli de dindon aux truffes et de toutes les autres friandises . Oh, ich versichere Sie,« fuhr er, immer Französisch sprechend, fort, »das Vergnügen, diese Leckerbissen zu verzehren, war größer als dasjenige, sie jetzt durch schmutzige Gräben spazieren zu führen.« »Habt Ihr die Schlacht gesehen?« fragte Françoise atemlos. »Mehr als genug. Und unsere Leute haben sich bewunderungswürdig geschlagen. Manchmal freilich bekam ich Besuch da in meinem Graben, ein Tornister, ein Gewehr flog mir auf den Rücken, ein Tschako – man lief davon, man machte es sich bequem.« »War es nicht schrecklich, alle diese Verwundeten zu sehen? Diese Sterbenden?« »Ein Ballett in der Großen Oper sieht sich lieblicher an, obgleich man da ja auch viele verrenkte Gliedmaßen zu sehen bekommt. Eins aber« – er wurde ernst und totenblaß in der Erinnerung – »eins werde ich nie vergessen, es ist schlimmer als alles, was ich sah und hörte. Das ist dieses grauenhafte Hurra, mit dem die Prussiens vorwärts stürmen. Es scheint nicht aus menschlichen Kehlen zu kommen. Die Knie werden einem weich davon. Man ist gezwungen sich niederzuwerfen, wie vor dem Heulen einer aufgescheuchten Bestie, die näher kommt.« Die Frauen schwiegen. Auf einmal war der Krieg da in ihr Stübchen hereingekommen, fürchterlich unter der leichten Frivolität der Worte, die ihn verhüllen sollten. »Et toi, et toi?« sagte endlich die Bourdon. Da erzahlte er weiter von seinem Ausruhen in der ferme , die von allen Seiten umtobt war. Die Leiche des Generals Douay hatte man gleichfalls dorthin gerettet. Jules hatte ihn liegen sehen, den Säbel in der Hand, einen Zug von Verzweiflung in dem toten Gesicht. Dann kamen die Preußen. Todmüde, wie er war, ließ Jules sich von ihnen mitnehmen. Madame Bourdon küßte ihn. »Un d'rno, un d'rno?« Jules war wieder nach Weißenburg hineingebracht worden. Die Stadt hatte von Uniformen gewimmelt. Bayern, Pommern, Sachsen, Elsässer und Franzosen, jeder redete in seiner Sprache. Dazu die Turkos. In der Hauptkirche war ein Höllenlärm. Einhundertneunzig gefangene Franzosen waren da untergebracht. Sie schimpften über Napoleon, über Mac Mahon und nannten die Summe, für die man sie an Preußen verkauft hätte. Dabei kam es für Jules zutage, daß die Schlacht verloren war. »Ich spüre eine Wut gegen die Preußen, um sie in Stücke zu reißen. Aber was tun? Wir haben keine Waffen. Weiber aus der Stadt kommen an die Tür. Sie bringen den Gefangenen Suppe, Braten, Wein. Köstliches Eingemachtes. Wir sind bewacht von bärtigen Leuten mit niedrigen Mützen, Leute, die sich den ganzen Tag mit den Franzosen gerauft haben. Aber sie haben Gemüt, diese armen Teufel. Sie bringen uns das Essen heran, ohne selber einen Mundvoll davon zu genießen.« Françoise sprang auf. »Ist das nicht schön, ist das nicht wundervoll?« Jules zuckte die Achseln. »Sie haben keine Leidenschaft, diese Leute. Daher werden auch nicht sie es sein, die den Krieg gewinnen.« Einem der Soldaten, der ihm Essen gegeben, habe er heimlich Geld zugesteckt, damit er ihn herauslasse. »Aber da hätten Sie ihn sehen sollen, meine Damen. Er warf alles hin. Den Wein, den ich ihm angeboten hatte, goß er aus.« Françoise sagte nichts mehr. Sie starrte ins Weite. Ihr Gesicht hatte einen verzückten Ausdruck. Jules erzählte von dem Transport nach Rastatt. »Wir hatten es nicht schlecht, auf dem Marsche durch die Dörfer, warfen uns die Bauern über die Köpfe unserer Wächter Kartoffeln und Käse herüber. Und dann ist es mir gelungen – ich bin ganz einfach davongelaufen. Ein junges Mädchen, dem man einige Artigkeiten sagte, verschaffte mir diesen Anzug, den sie mir in einem Korbe mit Lebensmitteln brachte. Et me voilà. « Wieder betastete ihn seine Mutter. Sie schien es noch nicht fassen zu können, daß er da war. Françoise verabschiedete sich jetzt. Ihr war, als habe sie ein Geschenk bekommen, das sie so bald als möglich in Sicherheit bringen müsse. Immer sah sie die Szene vor sich, wie der Soldat den Verräterwein ausgegossen hatte; oder wie die Deutschen, selber hungernd, die Gefangenen speisten. »Ja, so sind sie, Heinrichs Landsleute!« Aber als sie jetzt unter ihrem Regenschirm durch die leere Straße ging, verschwand diese kurze Fröhlichkeit. Man besiegte Frankreich! Sie mußte sich diese Worte zweimal vorsagen, so unmöglich schienen sie. Ihre ganze Empfindung wehrte sich dagegen. Sie fühlte sich verwundet als Patriotin und zugleich als Weib. Frankreichs Sieg hätte auch sie persönlich erheben sollen. Vor Hummel. Im Heimlichsten ihres Stolzes hatte sie es ihm nie vergessen, daß er fortgegangen war, ohne sich von ihrer Liebe beschenken zu lassen. Die ganze Zeit her hatte sie auf das Glück gewartet, ihm, der traurig und besiegt heimkehrte, in vollem Triumphe zu Füßen knien und Trost sein zu dürfen. Jetzt war sie arm. Und die alte Demütigung brannte wieder auf. Ohne zu ihrem Hause einzulenken, ging sie weiter, der Biegung der Landstraße zu, weit über Thurwiller hinaus. Unter einem Schuppenvordach blieb sie stehen und legte beide Hände auf ihr trauriges Herz. Wie schlecht sie war! Nur an sich selber dachte sie bei den Unglücken ihres Landes! Sie seufzte. Dann, die Schultern vorgebeugt, wie gealtert, ging sie nach Haus.   In Thurwiller traute keiner mehr dem andern. Der Förster hatte im Walde an einer ganzen Reihe von Bäumen Zeichen vorgefunden, ein »A« und dann wieder in einer andern Reihe den Buchstaben »R«: »Avancer« und »Retourner« übersetzte er sich das. Man wußte, allerlei Spione liefen herum, die den Preußen die Wege weisen wollten. Schmied-Louis schlug sich vor die Stirn: Tränkele hatte bei ihm vor einiger Zeit einen kleinen Hammer bestellt, in den sollten hohl zwei Buchstaben eingeschlagen werden: »A« und »R« . Wütend rannte er zum Stadthaus. Aber der alte Mann hatte ein schlechtes Gedächtnis. Endlich entsann er sich: das konnte nur für den Prussien gewesen sein, der damals in der Apotheke drüben gewohnt hatte, aber man müsse um Gottes willen den Mund darüber halten, sonst bringe man den guten Pharmacien am Ende noch in Teufels Küche. Schmied-Louis ließ sich denn auch beschwichtigen. Aber Tränkele ging am Abend hinüber in die Pharmacie und setzte der armen Tante Amélie dermaßen zu, daß sie ihm eine hübsche Summe Schweigegeld gab und die ganzen nächsten Tage nicht mehr von ihrem Rosenkranze loskam. Sie glaubte ihm das Märchen. Inzwischen drängten sich die Sensationen in Thurwiller. Schon wieder gab es ein Attentat. Auf einen der alten, mürrischen Wachtsoldaten war geschossen worden. Der Mann war nur leicht verwundet. Er erzählte, der Schuß sei aus der Ill heraufgekommen, die freilich jetzt nach den letzten heftigen Regengüssen stark angeschwollen war und brauste wie ein großer Fluß. Das Ereignis gab der hochgespannten Erregung der letzten Tage neue Reibung. Die Besitzlosen betrachteten es als Vorboten der Gewalttaten, die sie selbst zu begehen wünschten, die Wohlhabenden und Begüterten bekamen Furcht. Aber sie wußten sich zu helfen. Sie stellten einfach einen Blitzableiter auf ihr Dach. Mochte es dann wettern und krachen draußen. Zu diesem Blitzableiter hatte man Balde erwählt. Allabendlich saßen in der »Krone« der Curé, Quine, Schlotterbach jeune und Bourdon, der zurückgekehrt war, manchmal auch Jules. Sie sprachen über die letzten Vorgänge. Seltsam, daß der Gendarm den Burschen, der geschossen hatte, nicht auffand. Natürlich wäre es Sache des Maires gewesen, sich darum zu kümmern. Und der – na, man wußte ja. »Ein Mann, der niemals in die Kirche geht.« »Der immer die Partei der Arbeiter nimmt.« Der gute Maire! Jedenfalls war er Zeiten wie den jetzigen nicht gewachsen. Wichtige Depeschen warf er einfach in den Papierkorb. Quine wußte das genau. Namentlich war da eine gewesen, die große Erfolge der Franzosen berichtete, aus der hatte der alte Groff, der sowohl bei Baldes wie bei Quine Faktotum war, sich einen Fidibus gemacht. Madame de la Quine hatte das Stück Papier auseinandergefaltet und gelesen, was noch unverbrannt war. Von vielen tausend preußischen Gefangenen hatte da gestanden. Wahrhaftig, es war doch merkwürdig, daß man solche guten und tröstlichen Nachrichten ... Ja, und war es nicht Balde gewesen, der zuerst den Bericht über die unselige Schlacht bei Wissembourg gegeben hatte? Recht geflissentlich, vor aller Welt. Fast so, als mache es ihm Freude? »So ist er immer,« zeterte Bourdon dazwischen. »Wenn ich ein Rezept verschreibe – – – « Er wurde durch seinen Sohn unterbrochen, der, scheinbar unvermittelt, eine seiner Kriegserzählungen anfing, die sich bereits im Laufe dieser wenigen Tage zu wahren Heldenmären ausgestalteten, deren tätiger Mittelpunkt er selber war. Der Vater, als sei er selber mit dabei gewesen, half ein und überbot ihn noch. Ab und zu grollte Kanonendonner, aber sehr fern. Und man hatte sich auch schon daran gewöhnt. Unverjagbar aber tanzte über ihren weinheißen Häuptern die Wolke böser Worte, die sie gegen Balde ausgesendet hatten, ein blutgieriger Insektenschwarm, der zum Fenster hinausschwirrte. Und sich auf sein Opfer stürzen will. Unten an der Ill stand ein Haufen Leute. Da war eine Knabenjacke angeschwemmt worden, hell und gut gemacht. Der Schneider erkannte sie. Es war ein Jackett von Victor Hugo, das er vom Lyzeum mitgebracht, und zu dem er, der Schneider, ein Paar Hosen gemacht hatte. Seltsamerweise stak in der Tasche des Jacketts eine alte Reiterpistole, die Balde gehörte, dazu ein Papierfetzen, der nach dem Trocknen sich mit einer groben, unorthographischen Schrift bedeckt fand, aus der man folgendes entzifferte: »Am 28. mittags, bald dem Doktor sein Glöckchen läutet. Wir uns alle auf die Wärter werfen. Ihr inzwischen die Wache abtun.« Am Achtundzwanzigsten war auf den alten mürrischen Wachtsoldaten geschossen worden. Jetzt war's klar. Die Gefangenen hatten einen großen Aufstand geplant gehabt. Irgend jemand von außen hatte ihnen dabei Dienste geleistet. Am Achtundzwanzigsten aber – spürte man dabei nicht sichtbarlich Gottes Finger? – am Achtundzwanzigsten war zum ersten Male auf des Curés Vorstellungen hin das Läuten in der Maison Centrale unterblieben und somit das verabredete Signal für die Revolte nicht ertönt! – Die Leute raunten und zeterten. »Wenn d'r curé 's Läute net verbotte hätt, d'rno hätte d'prisonniers sich revoltiert, und so müßte mir jetz alle mitnander verrecke. Grad an dem Tag het's solle passiere.« »Ha, c'est vrai, was brücht er für sich läute z'losse, d'r Maire? Sell isch blasphémie , Gotteslästerung, het d'r curé g'sait.« »Jo, jo, d'r Herr Maire, der traut sich ebbes. Sunscht isch er jo a rachter, güeter Herr. Awer d' Litt rede so Dings.« Pfiffer-Schang war der Eifrigste. Er trieb es so arg, daß die Leute unzufrieden wurden. »Schandmül, dreckiges! Nix als Gift hett er in d'r Gosch.« Sie dringen auf ihn ein. Er wehrt sich. Und auf einmal fällt etwas klirrend zu Boden, ein kleiner Hammer. Man nimmt ihn auf. Auf der einen Seite ein »R« , auf der anderen ein »A« eingehöhlt. Schmied-Louis brüllt auf. Mit einem Griff hat er den schmächtigen Menschen gepackt und ihn wie einen Strohwisch in die Höhe gehoben. Ein Schrei der Wut folgt dem seinen. »Der isch's g'si, der het uns verrote an d' Prussiens.« Sie werfen sich auf ihn, sie reißen ihm die Kleider vom Leibe; aber Schmied-Louis läßt ihn nicht los. Als der Maire mit Tränkele herankam, war es schon zu spät. An der alten herrlichen Platane in der Klostergasse haben sie ihn zuletzt noch aufgehängt, schon mehr tot als lebendig.   Diesem ersten unwürdigen Opfer des Krieges folgte bald ein edleres und schmerzlicheres. Es war an einem Tage, da man ängstlicher als sonst auf das Grollen der Kanonen horchte. Nicht daß es näher gekommen wäre, im Gegenteil, es klang schwächer als da man es von Breisach hörte, viel, viel schwächer, nur der erregtesten Aufmerksamkeit wahrnehmbar. In dem Herzen jedes Elsässers aber hatte es Donnerklang. Straßburg wurde beschossen, das schöne, vielgeliebte Straßburg, das Herz, das Hirn des Landes. Ganz Thurwiller stand auf der Straße. Mit blassen, tiefbetroffenen Gesichtern starrten alle vor sich hin. Man sprach nicht miteinander, klagte nicht. Zum erstenmal trat auch in die fröhlichsten und behaglichsten Genießergesichter ein Zug von Ernst, fast Größe. Und auf einmal geschah etwas, das auf alle einen tiefergreifenden, fast schauerlichen Eindruck machte. Père Anselme, den jedermann nur kannte, wie er im Stadthause in seinem Lehnstuhle saß oder mit Papieren raschelnd in den großen Sälen hantierte, von dem jeder immer das Gefühl hatte, er müsse zu Asche zusammenfallen, wenn man ihn an die freie offene Luft brächte, Père Anselme erschien auf der Straße. Er lief. Sein Röckchen, fleckig, altersglänzend, wogte. Das weiße Haar flatterte wie Spinnwebfäden hinter ihm drein, sein Gesicht war totenblaß. »Oh ces barbares, ces monstres,« schrie er »oh ces barbares.« Was aber das Schrecklichste war: er weinte. Kein Weinen wie von einem alten, schwachen Manne, ein Weinen, das aus ihm schrie und in ein zitterndes Brüllen ausartete. Seine Augen hatten eine tiefe Röte angenommen. Sie sahen aus wie Wunden. »Die Bibliothek,« schrie er, »die Straßburger Bibliothek. Niemand hat die Bibliothek gerettet. Alles verbrennt, alles ist verloren.« Er taumelte und fiel aufs Straßenpflaster. Er war tot. Man hob ihn auf und trug ihn nach dem Rathause hinauf. Er war leicht, wie ausgehöhlt. Oben setzte man ihn in seinen großen Stuhl. Als Françoise heraufkam, saß er da, fast wie sonst. Ein wenig mehr zusammengesunken wohl, aber mit jenem Schimmer im Gesicht, den sie an ihm kannte, wenn er ihr von Elsaß' früheren Zeiten erzählte. Vom Elsaß der deutschen Zeit. Im Nebensaale standen die Männer: ihr Vater, der Pfarrer, Bluhm und die Stadtältesten. Sie berieten über Aufbahrung, Begräbnis und Feier. Zwei Lichter, in schnell herbeigeholten Gläsern stehend, brannten vor ihm auf dem Schreibtisch, zu beiden Seiten seines dicken, unordentlich gebauschten Manuskripts. Sie brannten still und fahl im Sonnenlicht. Eins der Gläser war das der Welserin, aus dem Françoise vor wenigen Tagen getrunken hatte. Françoise schloß die Tür zum Nebensaal. Nun waren sie allein. Sie setzte sich auf ihre alte Truhe und streichelte seine beinweiße, gekrümmte Hand, die noch die Feder zu halten schien. Sie starrte ihm in das stille Gesicht, bis sie vor Tränen nicht mehr sehen konnte. Der Tote und sie, sie hielten gemeinsam Trauerwacht. Sie hatten heute beide ihren großen, verehrten Helden verloren: den Deutschen. Vielleicht hatte er längst nirgends anders mehr gelebt als eben nur noch in dem Toten da und in ihr. Jene Deutschen aber, die da drüben Straßburgs herrlichste Wissens- und Schönheitsschätze verwüsteten und verbrannten, das waren ihre Deutschen nicht. An ihnen war Père Anselme gestorben. Ein leichter Wind blätterte gespenstisch im Manuskript. Ein Zettel flatterte heraus. Françoise hob ihn auf. In französischer Sprache stand da: »Und so gleicht denn unser armes Elsaß so recht eigentlich jenen alten Pergamenten, die man Palimpseste nennt, und auf denen die alte gotische Schrift mit lateinischer übermalt wurde, bis es endlich einer kundigen Hand gelang, die verborgene Schrift wieder zu Licht zu fördern. Damit dieses Wunder auch bei uns geschehe, müßte aber schon der liebe Herrgott selber herunterkommen und ein großes Wecken blasen.« Darunter stand: »Gespräch beim Besuch des jungen Deutschen, am 10. Juli 1870.« Françoise kniffte das Blatt zusammen. Sie steckte es ein. Nach Frauenart machte sie sich keine Gedanken wegen der Veruntreuung.   Seltsam verwaist schien die Stadt nach dem Tode des silberhaarigen Alten, der da oben jahrzehntelang auf sie herabgeblickt hatte, unveränderlich ruhig und doch so innig zugehörig, ein erdenfernes Gestirn, das unsere Tagesstunden ordnet. Es war, als fehle nach dem Tode des unscheinbaren Männchens, dessen man kaum geachtet hatte, der Zuschauer, für den allein man sein tägliches Werk auf sich genommen hätte, und als lohne sich nun alles kaum. Martin Balde war am deutlichsten getroffen. Er hatte das Manuskript in Verwahrung genommen und ein wenig Ordnung schaffen lassen da oben. Nun sah das Zimmer fremd aus. Er vermied es. Aber auch zu Hause war ihm fremd zu Sinne, auch da war eine böse leere Stelle: Frau Walde war noch immer leidend. Äußerlich freilich hatte ihr der Steinwurf merkwürdig wenig Schaden angerichtet, der Schreck aber und der nachfolgende Zorn schien das schöne Gebäude ihrer Harmonie verrückt und erschüttert zu haben. In den ersten Tagen sprach sie unaufhörlich sehr laut vor sich hin, anklagend, fieberhaft schnell. Sie, die niemals an sich selbst gedacht hatte, schien nun für nichts anderes mehr Sinn zu haben als für die tiefe Ungerechtigkeit, die man ihr angetan. »Ich eine Prussienne ? Sind wir nicht die allerbesten Franzosen, gerade wir Protestanten? Wer anders als wir hat Straßburg groß gemacht? Ihr hier im Elsaß, ihr seid mindere Franzosen. Nicht einmal die Sprache versteht ihr richtig zu sprechen. Nichts in euch scheint der lateinischen Rasse anzugehören, die in uns lebt. Und diese Elsässer, die wir verachten, haben es gewagt –« So ging es weiter. Weinend bald, bald drohend. Stundenlang. Françoise trat zu ihr, sie zu beruhigen. Da geschah das Jammervolle, daß die Mutter den Arm ihrer Tochter von sich wegstieß. Ihr Blick bekam etwas Fremdes, Abweisendes. »Du möchtest ja doch nur, daß deine Deutschen uns allesamt totschlügen.« Danach weinte sie bitterlich. Françoise war zurückgewichen, aber die Mutter kam ihr nach, bat mit einer schwer erträglichen, ängstlichen Demut um Verzeihung und setzte sich dann mit ihrer Handarbeit still ans Fenster. Von diesem Tage an wurde sie wortkarg. Sie weinte viel und las in ihrer kleinen französischen Mädchenbibel, die all die Jahre her unbenutzt gelegen hatte. Im übrigen trieb sie sanft mit freundlichem Lächeln ihre gewohnten Hausgeschäfte und saß dann abends still mit einer seinen, nutzlosen Handarbeit unter den Ihrigen, ohne sich an der Unterhaltung zu beteiligen. Selbst um die kleine Désirée, die sonst ihre große Freude gewesen war, kümmerte sie sich nicht mehr. Anfangs hatte man sich gescheut, vor Frau Balde über die traurigen Nachrichten zu sprechen, die allmählich durch die Beschönigungen und offenbaren Lügen der offiziellen Presse hindurchtropften: Bazaine geschlagen, die Turkos aufgerieben und vor allem das Elsaß im Begriff, vom Feinde überschwemmt zu werden. Noch war er nicht bis Mülhausen und Kolmar gedrungen, aber man erwartete das stündlich. Die Bürger verließen massenhaft ihre Heimatsstädte und retteten sich nach der Schweiz. Balde blickte forschend auf seine Frau, als er das berichtete, aber ihr Gesicht behielt den freundlich teilnahmlosen Ausdruck. Man saß wie fast immer zur Vesperzeit unter dem Birnbaumdach. Die vorausgegangene Hitze und der nachfolgende Regen hatten die harten, schmalen Blätter gefärbt, daß sie wie metallen schienen, ein Golddach unter feuchtgrauem Himmel. Françoise hatte den Tisch abgeräumt und eine große irdene Schüssel mit Pflaumen vor sich hingestellt, die sie zum Einmachen vorbereitete. Sie sah ein wenig bleich aus, ganz licht in ihrem hellen Haar, mit der weißen Schürze. Hortense, schon etwas unbehilflich, saß auf einem Korbstuhl, vor den man ihr eine Fußbank gestellt hatte, Désirée spielte unter Salmeles Aufsicht auf dem Rasen. In ihrem brennendroten, geblähten Kleidchen flog sie wie eine große Mohnblume hin und her zwischen dem Grün. Balde umfaßte mit seinem Blick das Friedensbild. Es war dasselbe fast wie vor wenigen Wochen, da Heinrich Hummel hier unter das Birnbaumdach trat, die erste helle, sich unschuldig gebärdende Welle einer gefahrvollen Flut. Heute schon drohte sie draußen vor den Toren. Und auch die Friedensinsel hier war nicht viel mehr als Scheinbild. Gespannt und erregt waren die Gesichter alle, die damals harmlos geblickt hatten, und die Lippen schmalgeworden vom vielen Schweigen. »Hast du Nachrichten von Armand?« fragte Balde. In Gegenwart der Mutter sprachen sie, wie früher. Französisch. Gewissenhafter sogar, so als fürchteten sie, es voreinander einzugestehen, daß Frau Balde keinen Teil nahm an ihren Gesprächen. Hortense hatte aus ihrem Arbeitskästchen zwei Briefe genommen, die zu gleicher Zeit an sie gekommen waren. Der erste, noch aus dem Hauptquartier Châlons, in strahlender Laune geschrieben. Den las sie zuerst. »Abends und morgens spielt die Musik. Man speist in den kleinen gemütlichen Restaurants für allerdings viel Geld ganz vorzüglich.« Er schrieb ausführlich Menüs und Preise, erzählte amüsante Tischgespräche, schickte Karikaturen, von einem Kameraden gezeichnet. Ein großer Turko mit einer Menge kleiner Prussiens auf dem Gewehr, an der Leine eine Bulldogge führend, die Bismarcks Züge trägt. »Die Mädchen des Dorfes haben uns zu einem Tänzchen eingeladen. Es sind ein paar niedliche darunter, mager und dunkel, voll Feuer. Aber habe keine Sorge um mich, meine arme liebe Hortense. Ich umarme Dich und Désirée mit Leidenschaft.« Der zweite Brief war zwischen den Märschen geschrieben: »Wir marschieren auf die Maas zu, man bietet uns überall Lebensmittel an. Wein so viel, daß die Leute in exaltation geraten. Ich habe Mühe, sie in der Reihe zu behalten. Alle Augenblicke verschwindet der eine oder der andere in einem der Wirtshäuschen, die am Wege stehen. Man sieht sie nie wieder. Und man hat Lust, es ihnen nachzumachen. Die Sonne brennt, der Küraß drückt, der Pferdeschweif peitscht die Ohren. Die Zeit des Déjeuners ist längst überschritten.« Und das letzte Briefstück aus der Nähe von Sedan: »Hier sind die Obst- und Gemüsegärten bereits von unseren Truppen verwüstet, keine Erfrischung zu haben. Alle Welt ist müde, zerbrochen. Man schilt auf unsere Generale, die uns in dieses Elend geführt haben. Aber jetzt ist nicht Zeit, darüber nachzudenken. Reisende erzählen, daß man sich schlägt. Wir hören deutlich das Geräusch der Kanonen. Auch wissen wir, daß Preußen ganz in der Nähe sind, vielleicht in diesen Wäldern. Wenn es diesen Herren beliebte, herauszuspazieren, die Zigarre im Munde, wir würden in einem Moment geliefert sein, denn wir haben keine Aufklärposten ausgestellt, nicht einmal eine Wache. Manchmal hört man ganz in der Nähe ein Geräusch, dann rufe ich ›saluez‹ , und die Leute bücken sich. Das ist alles. Man prophezeit auf morgen die Schlacht. Sei es drum. Wir alle haben nur das eine Verlangen, Abrechnung zu halten mit diesem miserablen Bettelpack in baumwollenen Hemden, die sonst, wenn sie nach Frankreich kamen, unsere Stiefel mit ihren breiten Bärten abwischten, und die nun hier sind, um unsere Pendülen zu stehlen und die Millionen unseres sparsamen Volkes auf ihre Karren zu packen. Aber sie haben nicht mit unseren Mitrailleusen gerechnet. Wenn Frankreich die Zivilisation nicht anders retten kann, als indem es diese Teutonen zertritt, so muß man sich eben nachher sorgfältig seine Stiefelabsätze abputzen.« Françoise sprang auf, ganz weiß im Gesicht. »Warum liest du mir das, Hortense? Und Monsieur Dugirard – er kennt die Deutschen nicht. Wenn du gehört hättest, was, Père Anselme –« Hortense hob den Kopf. Ein scharfes Feuer glomm in ihren Augen. »Du bist nicht mehr Französin, wie es scheint, du Arme. Aber ich – seitdem dieser Krieg ist, weiß man erst, wie heiß man Frankreich liebt. Eine Mutter, die leidet« – ihre Stimme zitterte – »sie braucht unsere Liebe mehr als eine gesunde. Ich möchte alles, was an mir elsässisch ist und an Deutsches erinnern könnte, von mir stoßen. Und wenn ich mich dabei verstümmeln sollte.« Ihre Bewegung war wild und schön. Frau Balde sah sie verwundert an mit jammervoll sanftem, verständnislosem Lächeln. Dann stichelte sie weiter an ihrer Stickerei. Hortense, sich beherrschend, fuhr fort: »Armand hat recht. Wir haben um Frankreich geworben, auch wir Elsässer. Immer noch. Wir haben es bewundert wie etwas Fremdes und haben uns dadurch lächerlich gemacht vor den Franzosen. O, ich weiß. Ich habe genug gelitten. Von heute aber wird das alles aufhören, von heute ab sind wir Franzosen, nichts als Franzosen.« Die Leidenschaft stieg wieder hoch in ihr und machte sie beben. Franchise faßte besorgt ihre Hände. Sie wärmte sie in ihren. »Schilt mir nicht uns Elsässer,« sagte Balde und versuchte zu lächeln. »Unser Land ist eben noch jung, jünger als Frankreich. Es zeigt die Fehler seines Alters. Sache der Jugend ist es, die Vorzüge anderer schwärmerisch zu bewundern und zu versuchen, sie nachzuahmen. Nun wohl. Ebenso aber ist es weit eher ein Zeichen von Altwerden als von Reife, wenn man das nicht mehr vermag. Vielleicht freilich sollten wir Elsässer, ebenso wie der Deutsche, wirklich einmal aufhören, ewig nur unsere Mängel zu bekämpfen. Es wird Zeit für uns, damit anzufangen, unsere eigensten Vorzüge zu kultivieren. Wer das nicht kann, wird im Leben kein rechter Kerl. Hoffentlich sind wir bald endlich so weit.« Er nahm die Mappe unter den Arm, die er mit hierher gebracht hatte aus dem Rathaus, und ging über den Hof hinüber in sein Zimmer ... Auch Françoise hatte sich gerettet. Sie war nach dem Wald gelaufen. Das tat sie jetzt oft, wenn ihr das Herz überzuquellen drohte. Im Walde wurde sie immer ruhiger. Da fand sie sich zurück zu sich selber, denn da fand sie ihn, den sie liebte. Auch heute. Sobald sie über die Bachbrücke trat, wurde ihr Herz fast ruhig. Sie pflückte auf den Wiesen, die nach dem Regen wieder in ihrem unverwelklichen Vogesengrün leuchteten, ein paar dürre Kelche der Frühlingssternblume und dachte daran, wie Heinrich gemeint hatte, sie könne ertrinken unter den hohen weißen Blumen. Sie bückte sich, bog eine Wildfalle auf und erinnerte sich, daß sie damals Feiertag gemacht hatte, Rettungstag für die Tiere, weil er bei ihr war. Sie sah Onkel Blanc vor sich, wie er seinen Brief hervorzog. Jetzt saß er im belagerten Straßburg. Sie sah da an der Thur Vater Dugirard angeln; die Weiden streichelte sie, die wieder feucht und tränenvoll waren wie damals. Sie faltete die Hände: wenn nur er ihr erhalten bliebe! In diesem Augenblick war es ihr gleich, ob Frankreich oder Deutschland Sieger würde. Sie hob ihr Kleid beim Weiterwandern. Es war feucht da an der Thur. Das Waldgras stand voll bunter Schwämme und lila Herbstzeitlosen, das Laub der Birken hing schon fahl. Françoise ging den Weg, den sie mit Heinrich gegangen war. Bis zum Tannennest ging sie, das jetzt voll Wasser stand. Plötzlich horchte sie auf. Aus dem Gebüsch drüben kam ein Geräusch von brechenden Zweigen, als stieße ein wundes Tier sich durch Gestrüpp. Dann wie Murmeln einer Menschenstimme. Es kam naher. »Schrecklich, schrecklich,« sagte es, und dann: »Ich muß es tun.« Françoise hielt sich ganz still. Wieder ein Knacken, diesmal heftiger. Sie sah blondes, zerwirrtes Haar, ein paar entsetzte blaue Augen: Arvède von Meckelen. Er stieß einen schwachen Schreckensruf aus, da er Françoise sah, blieb einen Augenblick wie festgewachsen, die vortastende Hand noch erhoben, in sonderbarer Duckstellung. Dann verzog er sein junges, blasses Gesicht, in dem eins Verzweiflung stand, zur Höflichkeit. »Ah, Mademoiselle Balde.« Sie erhob sich. Sie faßte ihn bei der Hand, zog ihn vor. Er sträubte sich nicht. Eine Schwäche schien ihn zu überkommen. Er senkte das nun völlig erblaßte Gesicht. Françoise betrachtete ihn genauer. Sein Anzug war voll Dornen, seine Hände verschrammt. Und noch etwas sah sie: sein Bubenkittel, seltsam vorn in die Höhe gebeult, verbarg nicht vollständig, was er bei sich trug. Da er sich eben bewegte, so daß ein Sonnenstreifen auf ihn fiel, blitzte es stählern auf. Ein Pistolenlauf. Françoise hielt ihren Aufschrei zurück. Sie trat heran und nahm ihm fest und vorsichtig die Waffe aus der Bluse. Der junge Meckelen wehrte sich nicht. Er sah sie an. Dann warf er sich auf die Erde. Er schlug beide Hände vors Gesicht. Er weinte nicht, er lag nur da wie ein Tier, das sich tot stellt, bis seine Verfolger vorüber sind. Françoise kauerte sich bei ihm nieder. Sie nahm ihm die Hände vom Gesicht, sie strich ihm über die Wangen. Sie hatte dabei die guten, klugen Bewegungen ihres Vaters. »Warum?« fragte sie leise. Arvède antwortete nicht, er hielt die Augen geschlossen. Françoise wartete. »Monsieur Arvède,« fing sie wieder an, »lassen Sie uns beide einmal zusammen reden wie zwei alte verständige Leute! Wir, die wir fast noch Kinder sind.« Ein schwaches Lächeln kam, aber er antwortete nicht. Dann nahm sie seinen heißen, schmalen Kopf zwischen ihre beiden Hände und zwang ihn aufzublicken. Er tat's, und sein Gesicht füllte sich beängstigend mit Blut. Er schämte sich. Mit einem Sprung war er in die Höhe. Er streckte seine Hand nach der Pistole aus. Françoise wehrte ihn ruhig ab. »Sie müssen sprechen,« sagte sie. Sie wunderte sich selbst, wie zwingend es klang. »Also warum?« fragte sie wieder. Er sah in die Luft. »Ich habe solche Angst ein Mann zu werden,« stieß er dann heraus. »Ein Mann,« sie sah ihn überrascht an. »Ja. Heute, nicht wahr, Mademoiselle Balde, heute bin ich noch ein Kind. Ich habe nicht nötig, mich zu entscheiden. Dann aber ...« »Ich weiß nicht, was ich tun soll,« fing er wieder mit verzweifelter Stimme an. »Papa und Mama, sie hoffen beide auf mich. Jeder für sein Land. Mama ist wieder ganz zur Deutschen geworden seit dem Kriege. Mein Bruder Germain ist bei den Deutschen eingetreten, bei den Hessen, seine Ausbildung ist schon bald beendet, Mama zittert um sein Leben. Als unsere große Siegesnachricht kam, wagte ich keine Fahne herauszustecken aus Furcht, sie zu betrüben. Unsere Leute aber taten das. Papas Schloß durfte nicht ohne Fahne sein. Papa ist im Hauptquartier beim Kaiser Napoleon, auch für ihn zittert Mama. Sie geht umher wie eine Gestorbene vor Angst. Nur wenn sie am Bett des Schwesterchens sitzt, lächelt sie einmal. Und ich liebe sie, o, ich liebe sie. Alle beide liebe ich sie. Und wenn ich eben für Frankreich gebetet habe, dann wünsche ich wieder Preußen den Sieg, weil mein Bruder dafür kämpft und meine Mutter dafür leidet. Jetzt bin ich noch ein Kind, ich brauche mich nicht zu entscheiden, aber bald – – Ich habe Furcht ein Mann zu werden. Solche Furcht!« Françoise hätte sich wieder niedergelassen. Sie blieb jetzt, das Kinn in die Hand gestützt, ruhig sitzen, bemüht, sich unbefangen und nüchtern zu zeigen. »Wenn es nur das ist, Monsieur Arvède,« sagte sie lächelnd, »so können Sie in der Tat ruhig sein. Denn das, was Sie soeben vorhatten, war so ganz kindisch, daß mir scheint, Sie haben noch einen recht langen Weg bis zu dem gefürchteten Augenblick des Mannseins. Nein, mein armer Freund,« – sie nahm seine Hand – »das Mittel, das Sie anwenden wollten, um Ihren beiden Eltern gerecht zu werden, ist so verzweifelt töricht, daß man nur darüber lachen kann.« Er sah, den Kopf gesenkt, unter den dichten, langen Wimpern auf sie nieder. Mechanisch begann er dann sich die Dornen von seinem Rocke abzulesen. »Ich bin ein Miserabler,« brach er plötzlich aus. Er zog sein Taschentuch und schneuzte sich heftig. Dann gab er sich einem hilflosen Weinen hin. Françoise ließ ihm Zeit. Mehr als sie zeigte und sich selbst gestand, erschütterte sie das Begebnis. Dieser Knabe litt ihr eigenes Leiden. Sie betrachtete ihn schweigend. »Ich habe Furcht Mann zu werden,« sagte Arvède wieder, eine Phrase, die er sich tagelang wiederholt haben mochte. Sie schien eine Art Gebetsformel für ihn geworden zu sein. Schon aber war sie nicht mehr ganz echt, war ihm nur ein Schild, hinter dem er sich zu verbergen suchte. Es vergingen mehrere Minuten. Endlich erhob sich Françoise. »Wissen Sie, Arvède, was ich mir manchmal für unser Land ausmale? Für dieses arme Land, das ein Grenzland ist, ein Kampfplatz, Wall und Glacis, das man jetzt zertritt! Ich denke es mir nach dem Frieden als einen Garten zwischen zwei großen Flüssen, von beiden fruchtbar gemacht. Die Samen beider Länder jenseits und diesseits der Flüsse mischen sich in ihm, allein in ihm, und bringen neue, fremde Gewächse hervor, die neue, fremde Früchte tragen. Beiden zutragen. Oder ich denke es mir als eine Brücke, die vermittelt zwischen dem Leben der beiden Länder, ihren Austausch fördert, ihr Verständnis.« Sie stand da, beglänzt und schön, eine überraschende Klarheit in dem sanft geformten Gesicht. Arvède faßte ritterlich ihre beiden Hände, beugte sich und küßte sie voll Dank. Sie kam zu sich, sah den Revolver neben sich auf dem Rasen liegen, bückte sich rasch, fingerte daran herum und entlud die Waffe. Es sah drollig aus, wie sie furchtsam die Augen schloß dabei. Sie lachte selbst darüber, und es war beiden wohl, dadurch von ihrer heiligen Rührung loszukommen. Wortlos reichten sie sich die Hände und trennten sich. Françoise blickte noch einmal zurück. Hier an diesem Platze, wo man sie einst so tief demütigte, hatte sie heute im Triumph ein fremdes Leben zurückerobert. Seit langer Zeit einmal wieder war sie mit sich zufrieden.   Françoise hatte das Städtchen vermieden. Sie war von der hinteren Landstraße her in ihre Gasse hineingelangt, trotzdem aber spürte sie, daß da drüben wieder Erregung war. Man hörte reden und laufen. Ein paar Bauernwagen fuhren in ungewohntem Trab daher, Hunde bellten laut, als brachen Diebe ein. Die Häuser, die die Straße begrenzten, schienen alle leer. Auf den Gartenmauern jagten sich verwilderte Katzen. Zu Haus fand sie das Salmele mit rotem Kopf und aufgeregten Bewegungen. »Der Krieg isch aus,« schrie sie ihrer Mademoiselle entgegen, »se han der empereur verwitscht. Fini! « Françoise ging nach der Mutter Zimmer. Frau Balde saß, sehr gerade wie immer, auf ihrem Nähtischstuhl und stickte. Hortense stand am Fenster. Als sie sich umwandte, war ihr Gesicht hart und schmerzgespannt, der Mund zusammengepreßt. Sie hielt ihr Taschentuch in der Hand, aber sie weinte nicht. Françoise begann zu zittern. »Was ist? Was ist geschehen?« »Ein großes Unglück. Vierzigtausend Franzosen bei Sedan gefangen.« »Bei Sedan? Und dein Mann?« Sie achtete nicht auf die Frage. Ihre Stimme bebte, als sie sagte: »Der Kaiser hat sich freiwillig ergeben. ›Freiwillig‹ steht im Telegramm, von allen Ministern unterzeichnet.« »Und Armand?« »Was weiß ich, ob er lebt? Ob ich nur wünschen darf, daß er noch lebt? Er, der dabei war.« Wie eine Meduse sah sie aus. Françoise schauderte vor dieser Härte. Die Schwestern schwiegen. Seltsam traulich tickte die Uhr an der Wand. »Wollt ihr nicht zu Abend essen?« fragte Frau Balde, »ist es nicht Zeit?« Hortense rief dem Mädchen. Die Mutter sollte ihre Abendsuppe heute hier oben essen. »Sie hat es da ruhiger.« »Wo ist Papa?« fragte Françoise. »Auf dem Rathaus. Sie haben die Bilder von Kaiser und Kaiserin aus dem Saale herausschleppen wollen und zerreißen. Er läßt sie zurückbringen.« Ein lautes Aufrauschen kam durch die stille Gasse von der Hauptstraße her. Francis« öffnete das Fenster. Weit hallend wie der Durchbruch eines Stromes der Ruf: » Des armes, des armes .« Das Salmele kam hereingestürzt: »I ha so Angscht, so Angscht.« Man hörte lautes Sprechen einer einzelnen Stimme, irgendeine Nachricht. Dazwischen immer wieder dieses sonderbare Rauschen, wie zusammengeflossen aus all dem kleinen Plätschern und Raunen ringsum. Und jetzt ein gewaltiges Hochströmen in einem einzigen Schrei: »Vive la république!« Die Schwestern sahen sich an. Auch Madame Balde horchte auf. »Was rufen sie?« Sie stand auf und ging zum offenen Fenster, was sie seit jenem Steinwurf nie mehr getan hatte, sie lehnte sich hinaus. »Bravo,« rief sie hinunter. Françoise zog sie erschreckt vom Fenster weg. Das Gesicht der Mutter war heiter. »Es geht gegen Charles-Dix,« sagte sie dann erklärend, so die Eindrücke ihrer ersten Kindheit mit der Gegenwart vermengend. »O, ihm geschieht recht, dieser Jesuitenfreund, der!« und sie drohte. Dann ließ sie sich ihre Abendsuppe schmecken. »Komm hinaus,« sagte Hortense fiebernd und nahm schnell Françoises Arm. »Hier erstickt man. Man muß hören, sehen.« Es war dunkel geworden draußen, windig und kühl. Die Sterne waren da, aber kein Mond. Die Straßen, selber schwarz wie krumme Kanäle, spiegelten alles Blanke. Und Menschen überall! Menschen blinzelnd und ungewiß, wie aus Höhlen gekrochen. Hier und da eine Ansammlung, ein Redner. »Flinte müsse m'r han, fusils, des armes, « schrie es aus dem Haus. Bäcker-Nazi saß vor der Tür, rot zum Platzen, und redete immerfort zu einer Gruppe wilder Weiber und Kinder, die ihn umstanden und seine Witze auf den Kaiser mit Stürmen von Gelächter begleiteten. » Badinguet bon yoyage, ich wünsch 'm a gute Reis, d'r weggeloffene empereur .« Er machte einen Fußstoß in der Richtung nach Westen. »Marsch, marsch, alles plus vite que ça .« »Vive la république,« brüllten die Leute. Ein Zug junger Burschen lief durch die Straßen. Ihre Holzschuhe klapperten. Es klang wie ein Trupp Pferde. Sie sangen die Marseillaise und die »lampions« . Sie amüsierten sich. Oben am Fenster der Maison Centrale saß Madame de la Quine mit Schlotterbach jeune wie in einer Theaterloge mit Schal und Fächer und sah auf die Menge herab. Durch Hortenses hohe, fruchtbare Gestalt ging es wie ein Stoß. »Wir müssen heute Heldinnen sein und nicht Salondamen,« sagte sie laut. Ihre Wangen glühten. Françoise zog sie besorgt weiter fort. Aber Hortense machte sich von ihr los. »Der Krieg isch net fertig, er fangt erscht an. Willkommen die Republik,« rief sie mit erhobenem Kinn, als riefe sie's den Sternen. Man begann sich um sie zu scharen. Mit ihrem hohen Leib im faltigen Gewande, die Enden ihres Fichüs ihr nachflatternd, stand sie da wie eine gesegnete Charlotte Corday. »Willkommen die Republik!« rief sie noch einmal. »Sie wird das Schwert aufnehmen, das dem Kaiser entfallen ist. Was bedeutet uns jetzt noch der Kaiser? Ein einzelner Mann! Frankreich hat mit ihm nicht aufgehört zu existieren. Ihr alle hier, die ihr waffenfähig seid, macht euch auf, jetzt schlagt ihr euch nicht mehr um der Sicherheit der Dynastie willen, ihr schlagt euch für euch selbst, für Weib und Kind. Ihr schlagt euch für mehr als das: für Frankreich.« Wütendes Händeklatschen ringsum. Trotzdem die wenigsten ihr Französisch verstanden, wirkte doch der Ton auf sie begeisternd. Aber auf einmal gab es ein verlegenes Verstummen, man trat ein wenig auseinander. »D'r Herr Maire.« Balde sah sehr ernst aus. Er stützte sich auf seinen Stock, den er sonst nur immer lose in der Hand hielt. Keinen Blick warf er auf die Seite, wo seine Tochter stand. Aber seine Stimme war fremd, als er im Gegensatz zu ihrem Pathos sehr leise sagte: »Mesdasmes, messieurs«! Mi Sach isch's net, z'untersuche, ob 's gouvernement güet gsi isch oder schlecht, 's isch g'falle! Assez . Mi devoir awer isch's, daß i d'r souverain net beschimpfe loß', dem wo i d'r Eid g'schwore han.« Ein unzufriedenes Gemurmel, das anhub, unterbrach ihn. » Quant à moi, i muß uf'm Platz üshalte, wo mir d'r empereur a'gwiese hett, üshalte muß i,, bis a neues, rachtmäßiges gouvernement mir d'r congé git un d'r serment ufhebt.« Wieder Gemurmel. »Denkt dran, messieurs, 's sin nur a paar Monat, daß ihr Stimme g'sammelt han für d'r Kaiser. So han doch Reschpekt vis-à-vis von eurer eigene opinion , wann ihr ewe die Dynastie net reschpektiere wolle.« In diesem Augenblicke wandten sich alle Blicke nach der Apotheke. Ein Dachfensterchen war da aufgestoßen worden, und es erschien eine Fahne, die, anstatt des kaiserlichen Adlers an der Spitze, den revolutionären Hahn trug. Camille Bourdon, der in höchsteigener Person da oben hantierte und halben Leibes aus dem Fenster hing, sah mit Erstaunen lauter breitlachende Gesichter zu sich emporgerichtet. Der alte Groff gebärdete sich wie unsinnig, rannte umher und zeigte jedem den »coq« , der von seinem Vierundzwanziger Tschako stammte. Bourdon hatte ihm die Kokarde abgekauft. »Diese Fahne ist eine Wetterfahne,« sagte jemand boshaft. Das Murren hatte sich in Lachen verwandelt. Balde knöpfte seinen Rock zusammen und ging mit festen Schritten aus dem Haufen heraus, der ihm schweigend Platz machte. Vor seinen Töchtern blieb er stehen. »Ihr begleitet mich wohl nach Haus?« Er gab beiden den Arm. So, in trügerischer Eintracht, schritten sie dahin, während vom Platze her das Schreien und Brausen ihnen folgte. Inzwischen war aus der Maison Centrale eine ganze Gesellschaft herausgetreten: Quines, Jules und alle Schlotterbachs, sogar der Alte, den die Republik-Erklärung berauscht hatte. Zum Entsetzen seines eleganten Schwiegersohnes schneuzte er sich laut in ein buntgewürfeltes Taschentuch. Madame Schlotterbach winkte abwehrend hinüber: »Mais, papa!« Die kleine Frau hatte rotgeweinte Augen. Sie hatte seit einigen Tagen keine Nachricht mehr aus Basel über Victor Hugo. Jetzt erschien auf der Treppe der Pharmacie der alte Camille. »Han i's euch net immer g'sait,« rief er schon von weitem, »do han m'r d' résultats vom plébiszit .‹« Lautes Lachen und Höhnen antwortete ihm. »Doktre Euch doch selwer a médicament z'samme üs Euere phiols, monsieur le pharmacien , – ein's gege's Vergasse!« »Was meinen Ihr?« Der lange Mann bebte. Schmied-Louis stellte sich breit vor ihm auf, so daß Jules sich schützend dazwischen schieben mußte. » Nundedié , wer isch denn mit dene Lischte ummeg'rennt: M'r soll ›Ja‹ stimme?« Der alte Bourdon hatte seine Schlauheit wiedergefunden. »Jo, wohr isch's,« sagte er bescheidentlich, »g'sammelt han i scho für das ›Oui‹ , awer« – seine Stimme wurde schmetternd, als er pathetisch auf französisch fortfuhr – »wie ich selber gewählt habe, mesdames, messieurs , das weiß nur ich allein und mein Herrgott droben im Himmel.« Allgemeines Gelächter. Man war dem alten Spitzbuben dankbar für das Bonmot. Jules wandte seine Augen beschämt zum Hause hinauf, aber seine Mutter war nicht daheim. Sie pflegte im Kloster die kleine Berthe. Madame Blanche fürchtete für sich die Ansteckung. »Merde Napoléon!« brüllten die Leute. Quine stand mit seiner Gesellschaft am Rathause. Er blickte verächtlich um sich. »Die Stadt Paris hat nicht das Recht, uns ein Gouvernement aufzudrängen,« sagte er zu Théophile Schlotterbach. »Pst,« machte der vorsichtig – er sah gelb aus und faltig wie ein altes Lederetui. »Großer Gott, welch ein Tag! Der Tag des 4. September 1870 wird in der Geschichte aufgezeichnet bleiben.« Diesen leeren Ausspruch, mit dem jede Partei zufrieden sein konnte, wiederholte er ein paarmal selbstgefällig. Man rief nach dem Curé. Als man hörte, er liege krank zu Bett, machten sich einige auf, ihn zu holen und auf den Platz zu bringen. Er sollte reden. Quine sah hochmütig in die Menge. »Die Republik erklären,« sagte er laut, »das heißt, wieder einmal die Canaille regieren lassen. Merci bien. Wir haben genug davon gehabt!« Zum erstenmal lag etwas wirklich Edelmännisches in seinem Hochmut. Théophile lächelte nervös. Er wehte sich mit seinem Hute Kühlung zu. Blanche de la Quine lachte hell auf. »Die Republik, das amüsiert mich. Man wird sich gegenseitig Bürger und Bürgerin titulieren. Bon soir, mon cher bourgeois. « Sie sah kokett zu Jules auf. Aber der achtete nicht auf sie. Hortenses Worte hatten ihn entflammt. Er hatte inmitten des unwürdigen Geschimpfes einen Entschluß gefaßt. Er wollte tun, was sie gesagt hatte, wollte kämpfen für sein Land, für seine Freiheit. Gleich jetzt wollte er seinen Koffer packen, fortgehen ohne Abschied, ehe noch seine Mutter zurückkam. Er dachte dabei an Françoise und an die Heldenaureole, die er in ihren Augen erhalten würde. Der alte Schlotterbach berichtete, zahnlos und ironisch, im »Souveränen Wahlmann« habe es gestanden, noch am Dreißigsten habe Napoleon dreißigtausend Mann von Mac Mahon begehrt, um den Prince Royal zu schützen. Er habe sich dann an Palikao gewendet, aber die Soldaten, die sich so der Dynastie geopfert sahen, hatten es vorgezogen, sich Preußen auszuliefern. Bluhms Vater, im Jahre Achtundvierzig nach Frankreich eingewandert, klein, verwachsen, der zufällig aus Metz bei seinem Sohne zu Besuch war, erzahlte: Eugénie sei aus Paris geflohen und nach Belgien gegangen. »Nichts bleibt vom Kaiserreich als die große Staatsschuld, der drohende Bankerott, die fürchterlichen Menschenverluste und die Invasion.« Wie ein Strudel seine Massen immer wieder in dasselbe Loch hineintrichtert, so fanden die erregten Gemüter immer wieder neue Verwünschungen und Flüche für das abgesetzte Kaiserhaus. Einmal schrie einer auch: »Merde la Prusse« , aber niemand stimmte ein. Man hatte über dem Toben gegen den gestürzten Kaiser den eigentlichen Feind vergessen. Triumphzüge bildeten sich, Tambour und Bläser voran, die unausgesetzt »Vive la république« schrien, die Kinder holten ihre alten Stocklaternen wieder vor, die sie zur Feier des »Sieges« in Saarbrücken bekommen hatten, und liefen mit. Man sang die Marseillaise. Die Wirtshäuser waren bis ins letzte Winkelchen voll Menschen gepfropft. Sonderbar nahmen sich darunter die drei Achtundvierziger aus, die der gemeinsame Freiheitsrausch für heut abend zusammenführte: Schlotterbach ainé , Bluhm und der alte Groff. »Jetzt kommen wieder wir an die Reihe,« sagten sie ab und zu und schenkten sich ein. Hortense hatte recht gehabt. Der Krieg war nicht aus, er fing erst recht an. Draußen und drinnen. Auch hier in Thurwiller. Jetzt erst bekam er Wirklichkeit und Gestalt für das Städtchen. Tränkele ging mit der Trommel umher und verkündete, die diesjährige tirage au sort falle aus, die ganze Klasse werde aufgerufen. Unaufhörlich wirbelte der Staub in die Höhe unter den schweren Schuhen junger Bauernburschen, die, von den nächsten Dörfern kommend, in Thurwiller noch einmal »la fête« begehen wollten und sich mit den Mädchen, Tanz und Musik lustig machten. Auch sonst machte das Volk sich laut. Bei Schlotterbachs brach ein Brand aus. Man verhaftete zwei Arbeiter als Schuldige und mußte sie wieder loslassen, weil ihre Genossen, denen unter der Republik üppig der Kamm schwoll, sich drohend zusammenrotteten. Die »Kronen«-Wirtin, die zu den wenigen gehörte, die ihren Imperialismus nicht verleugneten, kam weinend zu Balde. Man hatte ihr Schmähzettel an die Gardinen geheftet, und Monsieur Bourdon grüßte sie nicht mehr auf der Straße. »Petit-Singe« brachte aus Bollwiller immerfort neue Nachrichten vom Vorrücken der badischen Prussiens gegen den Rhein. Man sprach wieder von einem Überschreiten des Flusses, ganz in der Nähe. Auf der Regisheimer Straße kam ein junger Bauer mit verhängten Zügeln gesprengt und erzahlte ein paar alten Weibern, die er da fast über den Haufen rannte: Ein badisches Armeekorps, etwa fünftausend Mann stark, beschieße Kembs und die andern Ortschaften da am Rheinufer mit Kanonen. Deutlich habe man von Hornburg das Schießen gehört. Alle Bauern wollten die Waffen ergreifen und ihr Leben so teuer wie möglich verkaufen. Die Spittelweibchen gingen ins Städtchen zurück und erzählten. In wenigen Minuten standen unter jeder Türe schweigende Männer mit entschlossener Miene, in der Hand ein Beil, ein Messer, ein Handwerksinstrument, über eine Stunde standen sie so. Feierlich, ohne zu reden. Sie warteten. Neue Bauern kamen und bestätigten die Nachricht. Die Preußen waren in Hornburg. Man hörte schießen von dort. Pariser Franctireurs, die gerade in Mülhausen waren, seien ihnen entgegengekommen. Dazu ein Extrazug mit Nationalgarden und Pompiers. Der alte Füeßli hatte es sich nicht nehmen lassen, mitzufahren. Zuletzt war auch noch sein Enkel Monsieur Pierre aufgestiegen auf die Lokomotive zum Heizer, um den Alten zu behüten. Und dann kam ein großes Gelärme, man hatte in der Totenkapelle des Zuchthauses die von Balde bestellten Gewehre entdeckt, die der Curé hatte abfangen und nachts heimlich in dieses Versteck bringen lassen. Der Curé in seinem Bett tat sehr entrüstet, als man ihn zur Rede stellte. Es seien alte Systeme, durch den Mund zu laden, alle fünf Minuten eine Kugel. Man würde nur Unheil angerichtet haben mit den alten unbrauchbaren Dingern. Aber er fand es doch geraten, in aller Morgenfrühe des nächsten Tages sich seiner angegriffenen Gesundheit wegen nach einem Badeorte in den Vogesen zu begeben und dort den weiteren Verlauf der Geschehnisse abzuwarten. Unterdessen hatten die Bürger ihre Handwerkszeuge weggeworfen, die Waffen ergriffen und begonnen auf die Hardt zuzumarschieren. O, man wird sich nicht überfallen lassen von den Prussiens, man wird zeigen, daß man zu sterben weiß für das Vaterland! Jeder einzelne dieser Plumpen, Schwerfalligen sieht mutig aus wie Saint George. Die Stadt ist wieder still geworden nach ihrem Abzuge. Im mondhellen alten Garten der »Zwei Schlüssel« unter den beiden mächtigen Nußbäumen sitzt eine Anzahl Männer und berät. Eine halbpolitische Versammlung, die sich schlüssig machen möchte, welches Betragen man zu befolgen habe unter den veränderten Verhältnissen. Handwerker, Fabrikangestellte, Landbesitzer. Ein Zahnloser, ein kleiner Rentner aus Kolmar, der bei Thurwiller sein Sommerchâlet hat, hält eine kleine Rede, während ihm der Schnupftabak vom Rockkragen in sein Weinglas hineinstäubt, das er in der Hand hält wie ein Hochzeitsredner. Er schlägt vor, daß man sich jede Woche hier treffen und beraten solle, und zieht eine Liste aus der Tasche, auf der verzeichnet ist, wen man zu diesen monatlichen Reunions auffordern solle. Muß man nur reine Republikaner einladen? Solche, die es immer waren? oder auch solche, die, obgleich nicht als Republikaner bekannt, doch beständig Proben liberaler Gesinnung gegeben haben? Man nennt Balde, den alten Schlotterbach. Bourdon? Man lacht. Der Wirt geht umher und schenkt ein. Er ist interessiert wie im Theater. Denn jetzt erzählt jeder irgendeine Anekdote für, meistens aber gegen einen, der zur Reunion vorgeschlagen. Eine schreiende Diskussion hat angefangen. Jeder sucht den andern durch Brüllen zu überzeugen, faßt ihn am Rock, pafft ihm seine Pfeife ins Gesicht. Endlich steht der Zahnlose wieder auf, fordert Ruhe und setzt auseinander, daß es sich jetzt nicht darum handle, sich auf Persönlichkeiten festzunageln, sondern daß es jetzt wichtig wäre, über die Hauptprinzipien zu reden, über die dringendsten Reformen. Er wirft ihnen das Wort entgegen, das man schon hie und da in Paris und Kolmar rufen höre: »Trennung von Staat und Kirche.« Tiefes, betroffenes Schweigen. Niemand hat Lust, sich mit wirklich sozialen Dingen zu befassen. Der Redner selber nicht, denn er setzt sich erleichtert wieder hin. Ein Fabrikangestellter, ein fester, dunkelhäutiger Mann mit schwermütigen Augen, erklärt, während er mit der breiten Hand auf bei Tisch trommelt, daß man jetzt auf jeden Fall den Klerus bekämpfen müsse, und daß dazu die geeignetsten Mitkämpfer der Bürger die Arbeiter seien. Es ist wie auswendig gelernt, was er sagt. Und wie ein Schulkind nach Beendigung seiner Aufgabe setzt er sich wieder teilnahmslos auf seinen Dreifuß. Die Bäume lauschen, zwei kleine Vögel klagen zueinander, der Mond schifft langsam zur Höhe. Die guten eifrigen Bürger hier an ihrem Tische sehen nachdenklich einander an. Sie fühlen dumpf, daß sie Gefahr laufen, zwischen der mächtigen und sanktionierten Kraft der Kirche und der noch unbestätigten, aber frischeren und ebenso unbedenklichen Kraft des Arbeitertums mitleidlos plattgequetscht zu werden, wie die Flintenkugel zwischen Hammer und Zünder. Man war bereits zu jenem Punkte der Erregung gelangt, da jeder sich bemüht, seinen eigenen Charakter dem andern zu erklären, als vom Haufe her eine breite, ruhige Gestalt auf dem nun nur noch vom Laternenschein erhellten Sandwege sich zeigte. Es war Doktor Balde, der von einem an Masern erkrankten Söhnchen des Wirtes herkam. Man begrüßte ihn mit respektvoller Freude und zog ihn unter die Nußbaume. Man bat ihn, ein paar Worte zu sagen, die man, damit diese erste Versammlung nicht allzu nutzlos verlaufe, als eine Art Kundgebung nach Paris senden könnte. »Ah, une adresse de dévouement , eine Ergebenheitsadresse?« fragte Balde, und seine Mundwinkel zuckten gutmütig spöttisch. Aber er kam heran, zog seinen Notizblock und fing ohne Besinnen an zu schreiben. » Salut et fraternité, muß darunter stehen,« sagte ein Alter, »so gehört sich's für Republikaner.« Balde schrieb in französischer Sprache: »An das Gouvernement der Défense Nationale im Hôtel de Ville in Paris. Bürger! Das Volk von Paris hat die Republik proklamiert. Unsere Stadt schickt Ihnen durch das Organ der Bürgerschaft ihren Gruß und die Bitte, den Feind von unserm Boden zu verjagen durch – wenn es denn nicht anders sein kann – die Freiheit. Frankreich hat sich gerettet. Aber man lasse nicht Elsaß den Preis dafür zahlen. Die Stimmen mehren sich, die behaupten, man gehe mit dem Gedanken um, Elsaß deutsch zu machen. Diesen Gedanken bekämpfen wir Elsässer. Wir wollen, wie bisher, für Frankreich Elsässer bleiben, für das übrige Europa aber Franzosen. Wenn die Republik uns das ermöglicht, dann stimmen auch wir aus patriotischen Herzen ein: Vive la république! « Er riß das Papier ab. Beim Hinreichen machte er eine Bewegung des Zauderns. Was er da geschrieben hatte, war seine eigene Ansicht, sicher aber nicht die der guten Bürger, die um ihre Behaglichkeit bangten. Aber er schüttelte das ab, mochten sie doch tun damit, was ihnen paßte. Nach seinem Weggange las der Zahnlose laut und langsam vor. Geräuschvolle Mißbilligung erhob sich. »Passez-moi la liste,« sagte ein dicker Hauseigentümer zitternd. Dann zog er einen breiten, rachsüchtigen Strich durch Baldes Namen. Der übrige Teil der Sitzung war ein Autodafee für ihn ... Balde ging sorgenvoll weiter. Er dachte an die Bewachung der Maison Centrale, die ganz aufhören würde, wenn der Feind einrückte und jeder französische Soldat verschwinden mußte, kein Bürger mehr Waffen tragen durfte. Eben war er deshalb bei Quine gewesen. Der aber packte seinen Koffer. Er hatte sein Abschiedsgesuch eingereicht. Sein Aristokratentum sträubte sich dagegen, ein Angestellter der Republik zu sein. Blanche war in bester Laune gewesen. Sie zeigte ihm ein Hütchen, für Thurwiller zu auffallend, das sie nun in Paris tragen würde. Sie umarmte ihn. »Lieben Sie mich ein wenig und vergessen Sie nicht Ihre pauvre Blanche!« Er seufzte. Alle gingen sie fort. Am liebsten hätte er selber alles hingeworfen und wäre auch gegangen. Müde war er und sehr traurig. Förmlich gebeugt sah er aus, wie er so dahinschritt ... Mitten in der Nacht gab es Lärm in den Straßen. Die nach dem Rhein Entsandten kamen zurück. Mit ihnen eine Anzahl der Franctireurs. Sie sahen aus wie Operntenöre in ihren blauen Blusen und schwarzen Sammethosen und roten Seitenstreifen. Den weichen Filz mit der malerischen Hahnenfeder trugen sie tief in die Stirn gedrückt oder befestigten ihn wie einen dunklen Heiligenschein am Hinterkopf. Betrunkenes Lachen füllte die Stadt. Man lachte über sich selbst, um den Spott zu entwaffnen. Die Schüsse in Hornburg waren Flintenschüsse gewesen, nicht Kanonen. Sie rührten von französischen Soldaten her, die sich im Scheibenschießen übten. Das Rheinüberschreiten bestand darin, daß die Deutschen ein paar alte Kähne, die auf französischer Seite standen, weggenommen hatten. Als man das sah, schoß man hinüber. Die Preußen schossen zurück. Immer nur von den Ufern aus. Man flößte sich gegenseitig Schrecken ein, aber ein Franctireur hatte irgendwie dabei eine Schramme bekommen. Der Verwundete, ein hübscher Bursch mit verlebten Zügen, ließ sich feiern. Er trug den Arm in einer Binde und hatte das lustigste der Fabrikmaidele auf dem Schoß. Er spielte den Helden bis zum Morgen, dann zogen die Franctireurs nach Kolmar weiter. Eine große Menschenmenge gab ihnen das Geleit. Die Leute waren noch nicht weit gekommen, als sie einem Bauern begegneten, der erzählte, ein Trupp badischer Ulanen sei eben an ihnen vorbeigehetzt. Zu Tode erschrocken, kehrten die Thurwiller um. Kurz vor dem Städtchen blieben sie alle plötzlich stehen. Sie blickten auf den Kirchturm. Da flatterte eine Fahne. Aber seltsam, die Farben standen nicht wie gewöhnlich quer zum Tuch, sondern liefen mit ihm. Und das war ja auch nicht Blau-, das war Schwarz-Weiß-Rot, die deutsche Fahne.   Nun war der Krieg also auch nach Thurwiller gekommen. Dicht heran. Aber noch immer nicht schien seine Gestalt so furchtbar, wie die Phantasie der Aufgeregten ihn sich gemalt hatte. Die vier Reiter, die da in aller Schnelligkeit und doch fast Gemütlichkeit Besitz ergriffen hatten von der Stadt, trugen nicht einmal die berüchtigten Pickelhauben. Sie hatten die flotten, graziösen Ulanenhelme auf mit der fast kokett schiefen Stirnspitze, und sie sprachen ein Rheinisch, das ein wenig an Elsässisch erinnerte. Die Kinder liefen lachend und vergnügt zwischen den Pferden mit, und die Frauen sahen durch die Herzlöcher der geschlossenen Läden. Einige öffneten sogar die Fenster und lehnten sich neugierig weit heraus. Man wurde sich vor den vier schlanken hübschen Burschen gar nicht recht klar, daß dies der Feind sei. Stattlich sahen sie aus auf ihren blanken, dunklen Pferden, alle vier mit blondem Haar und verbrannten Gesichtern, aus denen die Augen hell herausblitzten. Im Galopp, ohne sich umzusehen, waren sie bis vor das Stadthaus geritten, geradeswegs, als ob sie im Städtchen zu Hause wären. Dort stiegen sie ab. Zwei ritten weiter, zwei gingen ins Gebäude hinein. Auf der Treppe fanden sie die erschreckte Madame Tränkele, die sie nach dem Maire schickten. Als Balde erschien, fand er unten vor den Kolonnaden eine Rotte Buben, die die Pferde des Feindes an den Zügeln hielten und streichelten; zugleich aber kam, von der schönen Célestine geschickt, der kleine Charles mit fliegenden Locken herbeigerannt. In dem unsäglich schmutzigen Fäustchen hielt er eine Reitpeitsche, die wohl von Quine stammen mochte, und die er gewaltig schwang. Der Dreikäsehoch ging mutig auf den hochbeinigen Braunen los, der ihn mit großen, glänzenden Augen wohlwollend ansah. »Verdammtes Schwoweroß,« rief er mit seiner grellen, hohen Kinderstimme. Das Pferd zuckte und sah fragend zu ihm herunter. Als der Kleine zu einem zweiten Schlage ausholte, hob Balde ihn hoch, nahm ihm die Peitsche aus der Hand, setzte ihn wieder zu Boden und gab ihm dort eine kleine väterliche Züchtigung. Der Bub schrie wie besessen. Zugleich sah er nach der Posttüre hinüber, in der neben seiner Mutter Monsieur de la Quine sichtbar wurde. Balde ging zum Rathaus hinauf. Die Treppe wurde ihm heute schwer. Er mußte zweimal stehenbleiben und Atem schöpfen. Er traf die preußischen Offiziere im großen Saal, sie betrachteten bewundernd die alten Schnitzereien an Tür und Decke. »Gutes sechzehntes Jahrhundert,« sagte der Bärtigste. Dann gaben sie sich einen Ruck, der Balde komisch schien, und standen sehr gerade da. Man begrüßte sich. Die Offiziere nannten ihre Namen: Hauptmann von Cleß und Leutnant Bertow. »Sie wissen, Ihr Land steht unter unserer Verwaltung,« sagte der Hauptmann. Seine Stimme klang scharf und streng. »Ich weiß es, mein Herr.« Er sprach aus irgendeinem Trotz heraus Französisch. »Haben sie Franktireure in der Stadt?« Balde verneinte. Seine kleine Garde rechnete ja noch nicht. Leider! Der Hauptmann sah ihm scharf ins Gesicht. »Wie steht es mit den Quartieren? Sie werden Einquartierung bekommen. Sechs Offiziere, hundertdreißig Mann, siebzehn Pferde. Für jedes Pferd täglich sechs Kilogramm Hafer, zwei Kilogramm Heu, anderthalb Stroh. Jeder Soldat siebenhundertfünfzig Gramm Brot, fünfhundert Gramm Fleisch, zweihundertfünfzig Fett, dreißig Kaffee, sechzig Tabak oder fünf Zigarren, ein halb Liter Wein oder ein Liter Bier. Zahlung bar.« Balde nannte ihm aus dem Kopf und schnell die Leute, die in Betracht kamen, schrieb die Quartierzettel, sich selbst teilte er zwei Offiziere, zehn Mann und Pferde zu, ebenso Schlotterbach und Bourdon. Die klare und bestimmte Art der Fremden gefiel ihm wider Willen. Sie glich seiner eigenen. Der Hauptmann winkte jetzt den Leutnant herbei. Der zog eine Verordnung aus der Tasche, die in Deutsch und Französisch gedruckt war, und reichte sie dem Maire. »Dies ist auf der Stelle zur Veröffentlichung zu bringen.« Balde las: »Jeder Bewohner der von den Deutschen okkupierten Städte und Dörfer wird hiermit aufgefordert, die Gewehre, mit Namen und Straßennummern versehen, bis nachmittags fünf Uhr auf dem Rathause abzuliefern. Die Waffen werden nach dem Kriege zurückgegeben. Die Nationalgarde in Uniform und die Pompiers müssen die Erlaubnis zum Tragen der Gewehre beim jetzigen Kommandanten der Stadt Kolmar, General von Schmeling, einholen.« »Und was wird mit meiner Bürgerwache?« fragte Balde. Er setzte kurz auseinander, wie es damit stand. Die Herren sahen sich an. Der eine zog ein Notizbuch und Bleistift aus der Tasche. Er warf ein paar Worte auf Papier und reichte sie Balde. »Telegraphieren Sie sogleich!« Balde las: »An den Befehlshaber der Armee des Oberrheins General von Schmeling. Maire von Thurwiller bittet um Übersendung von zehn Mann als Zuchthauswache. Hauptmann von Cleß.« »Die Leute werden um fünf Uhr hier sein,« setzte er hinzu. Balde stieg das Blut ins Gesicht. »Deutsche Soldaten? Ich soll sie herrufen?« Der Offizier machte eine abschließende Bewegung« »Ich kann mich darauf verlassen, daß die Befehle des Kommandanten prompt ausgeführt werden?« fragte er dann. »Wir halten uns an Sie, Herr Bürgermeister. Und Sie sehen mir aus,« – hier machte er verbindlich eine kleine Kopfneigung – »als würden wir dabei gut fahren. Habe ich recht?« Wieder dieser scharfe, durchdringende Blick. Balde schwieg, dann sagte er mit fester Stimme: »Mein Herr, als Mensch werden Sie in mir immer und überall den unbeugsamen Franzosen finden, als Maire dagegen einen Beamten, der alles tun will, um seine Stadt vor Kämpfen und Unglück zu bewahren.« »Nun, das ist ja die Hauptsache.« Es lag jetzt Ärger in seiner Stimme. Er drehte an seinem langen Schnurrbarte. »Es ist natürlich wichtig,« fuhr er mit lauter Stimme fort, »daß wir uns mit den Führern der Bevölkerung verständigen. Und wenn die deutsche Verwaltung erst einmal durchgeführt ist –« »Die provisorische, meinen Sie, mein Herr.« Leidenschaftlich hatte er den Arm des Offiziers gepackt. Der schüttelte die Berührung unwillig ab. »Zuerst natürlich die,« antwortete er dann. »Aber schließlich wollen wir das Elsaß doch auch endgültig vom französischen Joch befreien und es seinem alten Mutterland zurückgeben.« »Ohne es zu befragen, ob es das will, mein Herr?« Balde zitterte vor Zorn. Jetzt mischte sich auch der Dunkle, Schmale ein, der einen mächtigen Vollbart trug. »Allerdings, mein Herr,« er ließ sein Augenglas fallen, »denn Graf Bismarck wird wohl nicht allein danach fragen, was Ihren Herrn Elsässern angenehm ist. Er wird sich ganz einfach einen Wall verschaffen, auf dem wir uns in Zukunft wehren können.« »Und dieser Wall sind wir? Menschen, denen man wie einer Herde Vieh von einem Tag zum andern einen neuen Herrn geben will!« Sein Gesicht war ganz verändert, weil es, vielleicht zum erstenmal in Baldes Leben, alle Farbe verlor. Es war etwas Schreckliches darin. Selbst seine Hände, schienen in ihrem Ausdruck etwas Tragisches zu bekommen als er jetzt in seiner Tasche herumfingerte. Er zog ein Kästchen heraus, das er aufriß. Ein deutscher Orden lag darin, der Kronenorden, den er vor ein paar Jahren bei einer Landwirtschaftlichen Ausstellung von Preußen erhalten hatte. In sinnloser Heftigkeit schleuderte er den Orden auf den großen Eichentisch. »Nehmen Sie ihn zurück, meine Herren Preußen, ich will nicht die Dekoration einer Nation bewahren, die mein Land vergewaltigt.« Auch der Offizier war erblaßt. »Wissen Sie, daß wir Sie sofort verhaften lassen können?« sagte er leise vor Zorn. Der Hauptmann war ans Fenster getreten. »Lassen wir die Sache ruhen! Wir wollen es Ihnen und uns ersparen, daß unnötiger Lärm entsteht. Aber nehmen Sie sich für künftig besser zusammen, Herr Maire! Wir werden Sie nicht aus den Augen verlieren.« Damit gingen die beiden sporenklingend hinaus. Balde stand noch eine Weile unbeweglich. Er schämte sich, daß er sich hatte fortreißen lassen. Er starrte auf den Platz hinaus. Da sah er etwas, was ihn erstarren machte: Was da oben auf dem Kirchturm zuckte und winkte, was jetzt flatterte und drei breite Längsseiten zeigte, Schwarz-Weiß-Rot, das war die deutsche Fahne. Martin Balde hielt sich unwillkürlich beide Hände vors Gesicht. Er bekam einen bitteren Geschmack im Munde, sein Herz tat ein paar sonderbare Schläge, als möchte es nicht mehr weiter. Auf einmal brach er da in dem großen, öden Saale in Schluchzen aus. Tränen, die sich schon seit Wochen bei ihm angesammelt haben mußten, strömten ihm aus den Augen. Endlich faßte er sich zusammen. Mit noch zuckenden Lippen ging er zur Post hinüber, die Depesche an den deutschen General aufzusetzen. In der Post traf er Célestine allein. Auf der Schranke lagen die neuen deutschen Briefmarken und die deutschen Stempel. »Sie haben mich nicht einmal angesehen, diese Barbaren!« Sie hatte offenbar für die Prussiens in aller Eile noch einmal Rot aufgelegt, und das schwarze Spitzengekräusel ihres Mieders war voll Puder. Balde schrieb ihr die Depesche auf, die sie befördern sollte, dabei entdeckte er des kleinen Charles verheultes Gesichtchen hinter dem Bett. Er zog ihn hervor und machte ihn lachen mit einem verspäteten Marienkäferchen, das ihm übers Papier gelaufen war. Er hörte die Uhr schlagen. »So früh noch?« Seine eigene war dreiviertel Stunden später. Célestine nickte schmollend. »Sie han m'r d'Zitt verkehrt, ces monstres .« Balde preßte die Lippen zusammen. Er begriff. Man hatte ihnen die deutsche Zeit aufgedrängt. Es gab ihm einen unbeschreiblichen Schmerz. Er achtete nicht auf Célestine, die krampfhaft mit ihm plauderte, » Ah, ces cochons. ›Wir stehen früher auf als eure Franzosen,‹ han sie gsait, wo sie d' Uhr verstellt han. Ich han lache müsse. Enfin, c'est une affaire politique, cela ne me touche pas, tralala. « Als Balde gegangen war, nahm Mademoiselle Célestine das Telegramm in die Hand. Ihre Augen funkelten. Ah, dies würde sie nicht für sich behalten, Quine mußte das wissen und Schlotterbach und Bourdon. Ganz Thurwiller, aber erst wenn das Telegramm unterwegs war. Ihr freilich hatten die Prussiens ganz gut gefallen, und ein paar Männer brauchte man ja wirklich in der langweiligen Stadt, aber –,« sie zog den kleinen Charles zu sich heran, »er hat dich geschlagen, cet animal, je me vengerai .« Es war plötzlich Mittagszeit. Die Frauen hatten die Kohlsuppe noch nicht fertig und brieten die Omelette. Da schon schlug es Mittags-Zwölf. Das trieb die Frauen hinaus. Man mußte »regardez voir« . Und dann sah man! Man war starr. Die Essensstunde verändern! Welche Unverschämtheit! Madame Bourdon stand in großer Armelschürze da und schwang den Schaumlöffel gegen die unsichtbaren Übeltäter. »Brigands, animaux, assassins!« Die Pfarrerskusine, Madame Tränkele, alle Hausfrauen und Mägde am Gerichtsplatz stimmten ein Geschrei an. »Net g'falle losse, ah! mir solle dîner à la Prusse ? Mir revoltiere, nous autres femmes .« Zum erstenmal hatten sie verstanden, was es heißt: »Krieg«. Mit ihren breiten Röcken hin und her schwankend, sahen sie aus wie eine Ansammlung wandelnder Glocken. Sie lärmten noch dort, als nacheinander Quine, Bourdon und Théophile Schlotterbach sich nach der Post begaben. Die Botschaft Madame Célestines hatte gewirkt. Nachmittags lud dann die Quine zum Vesper viele Damen ein. Man wollte die Ereignisse besprechen. Die Baldes lud sie nicht. Sie schickte um Gebäck zum Bäcker-Nazi. Xavier blieb lange aus. Ein dichtes Publikum umstand ihn und flüsterte untereinander: über den Herrn Maire, der den Feind in die Stadt ruft. »Sunscht a rachter Mann!« Aber daß er den Feind in die Stadt ruft! Fäuste ballten sich. Man fluchte. Alles das berichtete er seiner Madame. Bald wußte es die ganze Stadt.   Françoise hatte die letzten Ereignisse in Thurwiller nicht miterlebt. Sie war kurz nach der Republik-Erklärung nach Sulz gefahren, um dort Frau von Meckelen bei der Einrichtung eines Lazaretts auf dem Schlosse zu helfen. Jede der beiden Frauen suchte Beruhigung für fürchterlichen Zwiespalt in dieser Kriegszeit, die Franzosen sowohl wie Deutschen zugute kommen sollte. Man hatte bereits einen Arzt verpflichtet. Krankenpflegerinnen waren berufen, man hatte sich bei den überfüllten Lazaretten des Unterelsaß gemeldet wegen Überweisung von Verwundeten. Arvède war bereits mit zwei großen Wagen unterwegs, die die Pfleglinge hierher überführen sollten. Sein letzter Brief war fast übermütig gewesen. Er hatte ein junges Mädchen kennengelernt, Französin, eine entfernte Kusine von ihm, die Krankenpflege lernte. Yvonne war ihr Vorname. Sie trage ein schwarzseidenes Kindermützchen, habe große dunkle Augen und goldbraune Löckchen. Die Mutter lächelte zufrieden, wenn sie diese Briefe las. Sonst aber war sie unnahbar ernst. Selbst mit der kleinen Madeleine, die Balde vor ein paar Wochen ins Leben geschafft hatte, spielte sie nur selten. Sie lebte in den Fernen. Ihr Mann war in Metz von den Preußen eingeschlossen, seit Wochen hatte sie keine Nachricht mehr von ihm; ihr Sohn Germain kämpfte als hessischer Jäger mit. Sie wußte nicht, wo. Ihr Vater war im preußischen Generalstab, sie selbst im eroberten Land, das ihr zur Heimat geworden. Françoise und sie verstanden sich schweigend. Sie arbeiteten, um nicht denken zu müssen. Und Françoise, die manchmal früher über die unanmutige Frau gelächelt hatte, die steif und schwerfällig schien, sah jetzt mit Bewunderung auf sie, wie sie gleichmäßig fest durch die drei großen Säle ging, deren seidene Tapeten sie mit Leinewand überspannen ließ. Françoise sah sie widergespiegelt in einem der großen goldgerahmten Kaminspiegel, die wie Seen zwischen den grauen Leinwandbahnen hervorguckten. Achtlos, ohne sich zu betrachten, stand sie da, mit den aus der Stirn gerissenen Haaren und der breiten Flechte, in der Mitte zum Diadem verdickt, deren Unzugehörigkeit zu dem seinen, schmalen Köpfchen sie durchaus nicht zu verbergen suchte. Sie trug sie, wie sie ihre haselnußgroßen, schwarzen Elfenbeinperlen trug, wie sie klaglos alle anderen Unbequemlichkeiten und Leiden auf sich nahm, die die Mode von ihr verlangte. Diese Frau hat sicher niemals danach gefragt, ob ihr dieses oder jenes steht, dachte Françoise. Und sie fühlte auf einmal ganz stark das Vornehme dieser anscheinenden Geschmacklosigkeiten. Während sie sachgemäß die Instrumente, die der Arzt geschickt hatte, putzte und in die Schränke ordnete, während sie Binden riß und wickelte, genoß sie es an sich selber, daß sie heute alles besser verstand und mitfühlte, was ihr früher als deutscher Hochmut, deutsche Kaltherzigkeit erschienen war. Das war Heinrichs Schuld, die Schuld ihrer Liebe für ihn. Ruhig, aber rastlos ging die Arbeit fort. Abends standen sechs Reihen Betten weiß und kühl in den lichten Räumen. Nach dem Nachtessen wanderte Françoise in dem großen, wundervollen Park umher, der das Schloß und allerlei kleine Einzelgebäude, Kioske, Wirtschaftshäuser, Ställe, Remisen dicht und dunkel umarmte und sich dann noch wie ein Wald weiter ins Tal hineinstellte. Françoise war wohlig müde und mit sich zufrieden. Sie ging umher mit stillen, zärtlichen Schritten und ließ sich willig durchströmen von der Schönheit ringsum. Die Taxusallee duftete. Das »refugé« , ein alter moosbewachsener Turm, stand ernsthaft und beglänzt in der lauen Nacht, herrliche Blumen bildeten auf samtenen Rasenplätzen Herzen oder Sterne, andere auf langen Stielen standen frei und in Rabatten die Büsche entlang. Eine steingefaßte Quelle silberte aus dem Dunkel heraus. Hinter ihr wurde zwischen zwei hohen Bäumen der Mittelgiebel des Schlosses sichtbar mit seiner Fahne vom Roten Kreuz. Hier hält der Haß still, dachte Françoise, hier ist die Brücke gebaut zwischen den feindlichen Ländern, von der ich zu Arvède sprach. Jetzt hörte sie Schritte auf dem Kies. Frau von Meckelen trat aus dem Hause. Sie setzte sich auf einer Bank da nieder, die zwischen hohen Hortensienkübeln stand. Sie sah Françoise nicht. Ihre Haltung nahm etwas Einsames, Versunkenes an. Sie schien die Hände zusammengelegt zu haben. Betete sie für den Sieg? Für wessen Sieg? Ein Kinderstimmchen klang klagend herüber, Madeleine war aufgewacht. Frau von Meckelen wandte nicht einmal den Kopf danach. Draußen hörte man einen Bretterwagen über das Pflaster rumpeln. Sollten schon Kranke anlangen? Die Hausschelle tönte. Frau von Meckelen stand auf. Gerade und mit ihrem gewohnten starken Schritt ging sie ins Haus zurück. Françoise folgte. Ein Mann war da, der einen dicken Brief brachte. Die Preußen, für die er in seinem Wagen Kartoffeln fahren mußte, hatten ihm das Schreiben mitgegeben. Er erzählte laut und aufgeregt, wie er unterwegs hätte Wache stehen müssen gegen die eigenen Landsleute, die heranschlichen und den Wagen bestahlen. Frau von Meckelen war auf ihr Zimmer gegangen. Sie kam nicht wieder. Françoise ging hinauf. Die Türe war geschlossen. Allmählich versammelten sich im Vorflürchen die Dienstboten. Man hatte Seufzer gehört, Töne, von denen man nicht wußte, ob wirklich die gelassene strenge Frau da oben sie ausstoßen konnte. Françoise ging noch einmal hinauf. Die Stubentüre öffnete sich. Da stand die Meckelen, groß, weiß, wie taumelnd. Sie bewegte beide Hände in der Luft. »Germain ist gefallen.« Françoise stand das Herz still vor Mitleid. Sie streichelte die Hände, die kalt waren und glatt wie Elfenbein. Frau von Meckelen wandte sich ihr zu. Aber noch im Ansehen verloschen ihre Augen. Sie machte mit der Hand eine hoffnungslose Bewegung, dann richtete sie sich auf und ging durch die schweigsame Dienerschaft hindurch in Germains Zimmer. Da hörte man sie auf und ab schreiten die ganze Nacht. Françoise stand an ihrer Tür und horchte, klopfte manchmal leise an und wartete wieder, aber sie wurde nicht gerufen. Am Morgen öffnete und erschien die Meckelen. Sie stand wie angesaugt am Getäfel der hohen braunen Tür. Auf dem Tisch lag Kinderspielzeug, eine Pferdeleine, ein Bilderbuch, daneben ein Kasten voll Briefe. Als Françoise zu ihr trat, reichte sie ihr die beiden Briefe, die sie gestern abend erhalten hatte. »Lesen Sie!« Es war ein Brief aus Nassau von der Frau von Stein, Frau von Meckelens Mutter. An sie hatte man die Todesnachricht geschickt. Erst nur die Depesche des Hauptmanns, dann nähere Berichte. Die hessischen Jäger hatten in einem Dorfe bei Gravelotte abgekocht, da kam der Befehl zum Vormarsch. Die Franzosen hatten im Halbkreis auf den Höhen Aufstellung genommen. Nach überhetztem Aufmarsch glaubte Germains Regiment einen Augenblick auf der unvollendeten Bahnlinie Metz-Verdun im Schütze des Dammes rasten zu können. Da kam Flankenfeuer. Germain hielt noch sein Butterbrot in der Hand, als man ihn fand. Ein deutscher Arzt schleppte ihn auf seinen Armen mit eigener Lebensgefahr aus dem Feuer. Françoise schloß die Augen. Ihr war, als habe man ihr das von Heinrich erzählt. Dann ging sie zu der Unglücklichen hinüber, die noch immer das alte braune Holz da an der Tür mit ihren Tränen wusch, brachte sie, die jetzt willenlos war und schwach, zu Bett und pflegte sie. Am Nachmittag kam Frau von Meckelen wieder herunter. Sehr gerade, fahl und wie mager geworden. »Nichts reden,« sagte sie zu Françoise. Sie ging an ihre Arbeit wie vorher. Nicht einmal ein schwarzes Kleid hatte sie angelegt. Die Leute in Sulz zeterten über sie: »Voilà une Allemande, elle n'a pas de coeur.« Hätte sie geschrien und gejammert, man hätte ihr verziehen, daß es ein Feind war, um den sie weinte.   Die Maison Centrale war also nun wirklich unter der angekündigten feindlichen Bewachung. Wie vorausgesagt, waren mit dem Schlage Fünf zwölf Ostpreußen in Pickelhauben eingerückt, groß, blond und schweigsam in ihren blauen Uniformen. Sie hatten nicht rechts und links gesehen, ihre Tornister und Mäntel in der Kaserne abgelegt und sogleich angefangen, dort mit Besen und Seife zu wirtschaften, während ihre Kameraden bereits auf der Zuchthausmauer die Gewehre schulterten, als wären sie ihr Lebtag nie an anderem Ort gewesen. »Sie tun, als ob sie hier zu Hause wären,« sagte das Salmele. Aber sie kochte doch einen mächtigen Topf Kaffee für die Feinde, weil die Kantine ja inzwischen eingegangen war und die Sammlung, die der Maire zur Ernährung für die Prussiens veranstaltet hatte, keinen Erfolg aufwies. Nun hatte er eine Eingabe an den General von Schmeling gemacht, die die Sachlage darstellte. Inzwischen übernahm er selber die Beköstigung. Frau Balde hatte damit unerwartet ein neues starkes Interesse bekommen. Sie war von früh bis abends spät in der Küche beschäftigt und hatte sichtlich Freude daran. Toinette Groff, die immer noch in Männerkleidung umherging und auch ihren Stutzen noch nicht abgeliefert hatte, fand sich gleichfalls zur Atzung ein. Das Salmele schalt, sie äße so gewaltig jetzt, weil sie in Hoffnung sei vom Dreier-Tjark. Sie leugnete es nicht. Hohläugig und wild ballte sie oft die Faust gegen die Richtung hin, wo sie sich ihn dachte. Er solle es nie erfahren, sagte sie, daß er ein Kind hatte hier im Elsaß. »I gunn's ihm net, dem – dem – dem Prussien!« Um die Kaserne herum machte sie einen großen Bogen. Sie spuckte aus, wenn sie einem der Wachtsoldaten begegnete. Auch die anderen Fabrikmaidele taten leidlich stolz dem Feinde gegenüber. Sie hielten sich die Ohren zu vor den schrecklichen Querpfeifen. Man schauderte davor. Die lustigen clairons der lieben »piou-pious« , die lauteten doch anders! Man lachte auch über ihr »ewiges Vaterland«. Man stellte sich auf wie zu einer Komödie, wenn sie bei der Ablösung mit starren Augen und verrenkten Gliedern wie Hampelpuppen genau im Takts in die Stützen traten, in die die abgelösten dann ebenso hart und komisch stoßweise einrückten. Aber man wagte doch nicht allzu laut zu werden gegen sie. Es lag etwas Erschreckendes in der ruhigen Art, mit der diese großen Männer den Lachenden ins Gesicht blickten, und schlecht sahen sie nicht aus, tout autrement, eigentlich ein paar prächtige Mannsbilder, diese verdammten Prussiens. Die Arbeiter aber, wenn sie aus dem Wirtshaus kamen, rannten in die Klostergasse und lärmten vor Baldes Haus. Mehr um sich zu amüsieren als aus wirklich böser Absicht. Aber irgendwie wuchs die Unruhe doch täglich stärker an und gebärdete sich stiller und verbissener. Gerade als würde sie, sobald sie erlöschen wollte, von außen immer wieder aufs neue und immer stärker angefacht. »Sales Prussien« und »traître« . Die Baldes hörten nicht groß darauf. Das abendliche Schreien da draußen war ihnen schon zur Gewohnheit geworden. Im übrigen hielten sie sich ziemlich abgesondert, seitdem Françoise verreist war, die in letzter Zeit fast das einzige Bindeglied gewesen war zwischen ihnen und der Stadt. Jetzt lebten sie wie auf einer Insel. Im, Bibliothekzimmer unten aßen die preußischen Offiziere. Es war bequemer so, als ihnen das Essen hinüberzuschaffen. Man hatte sich nicht über sie zu beklagen, sie sprachen kein Wort mehr als nötig zu dem bedienenden Salmele und trieben das Essen eilig und ernsthaft wie eine Pflicht. Draußen in der Küche hielt das Salmele sich dann schadlos an dem Burschen der bei ihnen einquartierten beiden Leutnants, einem geschwätzigen Sachsen, der ihr tausend Spaß vormachte, ihr deutschen Unterricht gab und selber von ihr »Franzeesch« zu lernen versuchte. »Gaveegebbchen«, sagte er ihr vor und wies auf die elsässische große Schüsseltasse, die sie ihm mit Kaffee gefüllt hatte. Sie dagegen lehrte ihn ein höfliches »Bermeddire Ihr« und »Adje binander«, von dem sie glaubte, es sei Französisch. Am fünften September etwa erhielt Hortense, da sie mit Balde in seinem Zimmer Zeitung las, einen Brief von Armand. Er trug den Stempel der deutschen Feldpost. Hortense hielt ihn lange in der Hand, ohne ihn zu öffnen. Dann las sie: »Meine teure Hortense! Ich weiß nicht, ob Du von den Ereignissen der letzten Tage schon gehört hast. Jedenfalls will ich, um Dir jede Sorge wegen meines Befindens zu nehmen, Dir sagen, daß ich weder verwundet noch sonst krank bin, und daß wir auf den herrlichen Wällen der Festung Sedan in der Sonne umherspazieren, auf weichem Rasen, mit Bäumen bepflanzt. Man sieht hier über die Gräben in das Land hinein. Freilich sieht man auch die Leichen von Menschen und Pferden die Mauer entlang, Tornister, zerbrochene Säbel. Wir haben sie zerbrochen bei der Gefangennahme, damit der Feind sie uns nicht abnehmen soll. Gefangennahme! So ist es denn gesagt, teure Freundin. Wir sind das Opfer eines tragischen Verhängnisses geworden. Es war ein verbrecherischer Fehler unserer Heeresleitung, sich auf die Festung Sedan zu verlassen, die ehemals wohl eine ansehnliche Festigkeit darbot, nun aber gegen die weite Tragkraft der Kanonen, die auf den umgebenden Höhen aufgepflanzt sind, machtlos ist. Unser Regiment wäre sonst befähigt gewesen, eine glänzende Rolle in dieser Schlacht zu spielen, denn der Kampfeifer war groß, obgleich die meisten meiner Leute noch niemals im Feuer gewesen sind. Es war ein heißer Tag für uns, aber die Leute waren bewunderungswürdig. Um fünf Uhr morgens stiegen wir von den Höhen herab, durchquerten das Tal und hörten schon die Kanonen von allen Seiten. Vor uns defilierten die Turkos, ihre weißen Turbane leuchteten. Sie liefen wie zu einem Fest. Wir werfen uns in ein abgeerntetes Feld. Die Sonne brennt auf unsere Köpfe, da liegen wir stundenlang. Man hört die preußischen Kanonen, die französische Artillerie wird schwacher, eine Kugel schneidet meinem Pferde, das hinter einer Deckung steht, das Ohr ab, ich behalte kaltes Blut. Man ruft mir Bewunderung zu. Ein paar Leute werden verwundet. Man kann sie nicht fortschaffen, endlich gebe ich den Befehl, vorzurücken. Man reißt noch schnell ein paar Karotten aus, den Durst zu stillen, der Sergeant hat Sauerampfer gepflückt ›für die Abendsuppe‹. Gleich darauf eine Rückbewegung bei den vorderen Truppen, ohne daß man weiß, warum. Ein Adjutant überbringt uns den Befehl zum Weitergeben des Rückzuges. Er ist schwierig. Man will sich hinter ein Boskett von Weiden verstecken, in einem Moment ist es rasiert. Es bleibt nur der Aufstieg in die Terrassengärten, die den Hügel hinter uns bedecken, eingezäunt durch hohe Hecken. Die Zügel lösen sich augenblicklich. Ohne jede Ordnung läuft jeder, sich zu retten. Unmöglich, die Leute zusammenzuhalten. Man klettert über Mauern, kriecht durch Hecken, die Kugeln verfolgen uns, überall Stöhnen und Schreien, das Fallen der Körper. Mein Pferd ist irgendwo da unten geblieben. Wir gehen in den Obstgärten daher, pflücken Apfel, unsern Durst zu stillen. Plötzlich steht ein Mensch mit großem, blondem Bart vor uns und ruft: ›Hände in die Luft‹. Wir betrachten ihn verblüfft: ein preußischer Offizier. Hinter ihm einige Soldaten, die umhergingen und Gefangene machten. Man sagte uns, daß der Kampf zu Ende ist. Ein Waffenstillstand ist beschlossen. Bazaines ganze Armee geschlagen. Mac Mahon verwundet. Was tun? Der Friede wird gemacht werden. Erst am andern Tage hörten wir, der Kaiser selbst hat sich ausgeliefert. C'est fini. Man hat uns freigestellt, ob wir nach Deutschland als Gefangene geführt werden wollen oder unser Ehrenwort geben, nichts Feindliches mehr gegen Deutschland zu unternehmen. Ich dachte an Dich, meine Teure, an unsere kleine Tochter und an den Sohn, dem Du das Leben geben willst, und ich schwankte nicht in meiner Pflicht. Es wäre mir süß gewesen, Frankreich befreien zu können, es hat nicht geschehen sollen. Armes, unglückliches Frankreich! Die Tränen kommen mir in die Augen, wenn ich an Dich denke. Man wird uns vorerst auf die Halbinsel Iges führen und dann wohl von dort aus entlassen. Wer hätte gedacht, daß dieser Krieg so enden würde? Es sind schändliche Verrate dabei im Spiel gewesen, und wir, wir haben es entgelten müssen. Nun ist man wenigstens davon erlöst, sich nutzlos durch Staub und Hitze zu schleppen und niemals den Feind zu sehen. Als Gefangener nach Deutschland zu gehen, wäre Grausamkeit gegen sich selbst und unpatriotisch gegen das Vaterland. Mich schaudert vor dem Gedanken an die harten Betten dort und an das saure schwarze Brot. Dies aber sind Kleinigkeiten, gegen den Vorteil genommen, den jeder Gefangene dort dem Feinde bietet, da er ihn ja gegen einen seiner in Frankreich gefangenen Landsleute auslösen kann. Urteile selbst, liebe Freundin, ob ich wohl anders handeln konnte, als so, wie ich handle. Ich werde, sobald es mir möglich ist, zu Dir, nach Deinem stillen friedlichen Thurwiller kommen. Dort in der Stille werden wir endlich wieder die erhabenen Freuden friedlicher Häuslichkeit genießen. Küsse für mich die kleine Désirée. Ich umarme Dich mit Leidenschaft. Mut, kleine Frau, auf bald. Dein Armand.« Hortense las den Brief langsam und genau, dann reichte sie ihn Balde. Sie sah weiß aus wie ihr Spitzentuch. »Er muß wieder die Waffen ergreifen für Frankreich.« »Aber er hat sein Ehrenwort gegeben, Kind.« »Dann muß er es brechen.« »Sein Ehrenwort brechen, ein Offizier?« und da sie nur die Achseln zuckte: »Sei froh, Kind, in all dem Elend, daß du ihn lebendig wieder hast!« Sie schüttelte den Kopf. Feierlich hob sie die Hand. »Wenn er sein Ehrenwort nicht bricht, ist er in meinen Augen ein Ehrloser, zu dem ich nicht mehr zurückkehren werde.« Sie wartete nicht ab, was ihr Vater etwa ihr noch zu sagen hatte. Auf steifen Füßen schob sie sich zur Türe. In dem gleichen Augenblick flammte ein großer roter Schein herein. »Jésus Christ, Désirée,« schrie Hortense, »maman.« Balde hatte denselben Gedanken. »Sie hat in der Küche etwas mit dem Feuer angestellt.« Beide stürzten hinaus. Flammenschein, Brandgeruch, Hitze, von oben her floß ein Feuerstrom über die Treppe. Es prasselte und krachte. Staub dampfte auf und machte fast blind. Aus voller Kehle rufend, tappten Vater und Tochter sich zur Küche. Frau Balde stand da und rührte in einer Kasserolle. »Es brennt,« sagte sie verwundert. »Wo ist Désirée?« rief Hortense. »Ich habe sie mit dem Salmele Pilze suchen geschickt.« Balde griff sie hart an. »Zum Garten hinaus, schnell, schnell.« Sie wehrte sich. »Ich will nur erst das Frikassee –« Sie hustete vor dem Rauch, der jetzt auch hier hereinströmte. Es war höchste Zeit. Wassergüsse kamen von draußen herein, Soldaten drangen ins Haus. Gesicht und Hände in nasse Tücher gehüllt, rissen sie mit Stangen und Haken an den brennenden Gardinen, Leitern wurden angestellt, Balde sprang zum Küchenfenster hinaus und hob dann mit Hortensens Hilfe die sich immer noch sanft wehrende Mutter aufs Fensterbrett und ins Freie. Dann ließ er die Frauen in den hinteren Garten, der nach den Gemeindefeldern hin völlig geschützt war. Er selbst lief durch das Haus hindurch nach der Klostergasse. Das Rettungswerk war schon in vollem Gange. Die Wachtsoldaten aus dem Zuchthause und Neugierige, die streng herangeholt wurden, schleppten Wasser. Jetzt kam auch Tränkele mit der Spritze. Die Seitenflügel des Hauses standen noch fest und dunkel nach vorn. Im Mittelbau schien alles weich und glutend, die Dachsparren über dem Speicher bloßgelegt. Beständig flogen brennende Holzstücke durch die Luft, platzten Glasscheiben. Balde ließ sogleich die Straße sperren und dirigierte den dünnen Wasserstrahl der Spritze, den der zitternde Tränkele ungeschickt mitten hinein in die Zuschauer gewandt hatte, schleppte mit den andern Möbel und Hausrat auf die Straße und war überall. Auf einmal sah er etwas, was sein Blut stocken ließ: Oben am Fenster von Blancs Giebelstube stand seine Frau. Sie war unbemerkt zurückgelaufen aus dem Garten und hielt nun ein paar gerahmte Bildchen in der Hand, unschlüssig, ob sie sie herunterwerfen sollte. Balde stieß einen Mann von der Leiter weg, die zu kurz war, rief nach einer zweiten zum Anbinden, rannte zurück ins Haus über die nasse, triefende Diele nach der Treppe, die, halb verkohlt, von triefenden Trümmern versperrt war. Nun wieder zurück nach der Hausfront, wo die Soldaten bereits die Leiter verlängert und angestellt hatten. Er stieg hinauf, er streckte warnend und beschwörend die Arme aus nach der ahnungslosen Gestalt, die ihm entgegenlächelte. Und jetzt stand sie plötzlich ganz groß im Fensterrahmen. Sie mußte drinnen auf einen Stuhl gestiegen sein. Sie neigte sich mit zufriedenem, wie erlöstem Lachen nach vorn. Aus ihren Kleidern fiel ein Garnknäuel, das wie eine glühende kleine Maus das schräge Sims entlang sprang und verkohlte. Balde sieht den Körper seiner Frau an sich vorüberfliegen, ganz umloht, wie von einer Flamme getragen. Er erkennt noch die großen, sanft erstaunten Augen, die ihn ansehen, dann scheint alles weich zu werden und zu glühen, ringsum ein Schrei. Er steigt sinnlos noch einmal höher ins flammenflutende Leere, fällt – und fand sich irgendwie im Grase liegend unter laut weinenden Frauen. – – Als Françoise zurückkam, lag noch Brandgeruch in der Luft. Sie schrie auf, als sie ihr Haus sah, feuergeschwärzt mit entblößten Sparren, davor die kahlgesengten Platanen. Sie fand Hortense und den Vater mit der Kleinen in der »Krone«. Ein kleines Kindersärglein, das Maître Zwisler, der Tischler, gerade fertig gehabt, und in das man die wenigen aufgefundenen Reste der Mutter gesammelt hatte, stand in der Kapelle der Maison Centrale. In der Kirche war kein Platz für die Protestantin. Das Grab hatte man im Baldeschen Garten gegraben, inmitten des Bosketts, das die versengte Kastanienallee abschloß. Hohe, stille Kerzen brannten in den grauen Tag hinein. Alle Bekannten waren gekommen, der Beerdigung beizuwohnen. Die Quine weinte laut, wie eine Schuldige. Aber dann sah sie neugierig auf die deutschen Wachtsoldaten, die, gleichen Glaubens wie die Tote, den Sarg herbeitrugen, ehrfurchtsvoll und ernst, als bestatteten sie einen ihrer Generale. Sie sangen auch. Ihre heimischen Gesangbuchslieder, laut, mit harten, frommen Stimmen. »Befiehl du deine Wege« und »Wenn ich einmal soll scheiden«. Und dann, als der Sarg versenkt war, las der jüngste der Offiziere, ein großer Blonder mit fast weißen Augenlidern, die seine Augen unheimlich tot erscheinen ließen, wenn er niederblickte, den Text des vorigen Sonntags, wie er das hier im katholischen Lande jeden Sonntag morgen den Kameraden tat. »Lukas achtzehn, Vers achtundzwanzig« las er, »vierzehnter Sonntag nach Trinitatis.« Alle Hände falteten sich. »Da sprach Petrus: Siehe, wir haben alles verlassen und sind dir nachgefolget. Er aber sprach zu ihnen: Wahrlich, ich sage euch, es ist niemand, der sein Haus verlässet oder Eltern oder Brüder oder Weib oder Kinder um des Reiches Gottes willen, der es nicht vielfältig wiederempfahe in dieser Zeit, und in der zukünftigen Welt das ewige Leben.« Die unbekannten Worte, von den fremden, lauten Stimmen eintönig herausgeschleudert, schienen Orakelsprüche voll geheimnisvoller Kraft. Françoise schluchzte laut auf. »Der ein Haus verlasset!« Sie fühlte sich eins mit dem Schicksal der Toten wie noch nie.   Die Hauptstraße hatte wie auf Verabredung die Fensterläden geschlossen, als die deutsche Einquartierung einrückte. Kein Mensch ließ sich sehen. In den Stuben aber stand man auf Fußbänken und Stühlen und lugte durch die Spalten. Trommeln hörte man, die entsetzlichen Querpfeifen und das »Vaterland«, und plötzlich war die ganze Straße voll Stampfen, Brüllen, Klirren. Scharfe deutsche Befehle pfiffen wie Peitschenhiebe durch die Luft, zackige Bewegungen gingen durch die Reihe. Alles rasch und wuchtig. In zwei langen Reihen standen sie jetzt in der Hauptstraße, in Straßenmitte Pferd an Pferd, längs den Häusern die abgesessenen Leute. Die Gewehrläufe bildeten einen breiten, blitzenden Streifen in der Luft, die Hände einen braunroten an den weißen Hosen. Ein paar Offiziere auf schönen Pferden, den Arm in die Hüfte gestemmt, blickten streng aus hellen, ruhigen Augen. Ein Fahlblonder gähnte unter seiner Hand. Im »Bourdon d'or« stand Mutter Amélie gefährlich balancierend auf einem Fußschemel, vom Brigittle mit beiden aufgehobenen Armen von hinten unterstützt, und lugte durch die Ladenspalte, wahrend Camille Bourdon sich im Hintergrunde hielt. Draußen ging jetzt ein dicker, bärtiger Mann mit Brille, dem der Uniformrock über dem Bauch zu eng war, von Soldat zu Soldat. In einem Nu hatte jeder einen kleinen weißen Zettel in der Hand, an dem er studierte. Jetzt marschierten sie los mit hin und her pendelnden Armen, die Beine hochgeworfen, »als wollten sie sich in zwei Stücke reißen,« sagte das Brigittle. »Psst, psst,« machte der alte Camille ängstlich, »net a so laut.« Unten ging alles weiter im Takte, ohne Übereilung. Man hörte Lachen und Schimpfen, badische Schimpfworte. Das Salmele hüpfte auf, daß die weiche Masse ihrer Herrin fast zu Boden gefallen wäre. »Des sin jo Badenser, die mache uns nix.« Von neuem klirrende Hufeisen und schwere Stiefel, ein Rhythmus, der mitriß. Etwas Herrisches, Furchtbares lag darin. Man konnte sich vorstellen, wie man sich zerstampfen ließ von diesem gewaltigen Takt. Aber das Brigittle wiederholte getröstet: »Badenser sin's, die mache uns nix.« Madame Bourdon fuhr auf. Es hatte einer von draußen an die Läden gepocht, und jetzt trat der Dicke, Bärtige in die Haustüre. Man hörte ihn im Flur. »Einquartierung,« rief er mit lauter Stimme. Er kündete an, daß außer ihm noch ein Leutnant und zwei Mann kommen würden. Dann trat er stampfend und bolzengrade zurück, daß dem Brigittle schon das Lachen wieder in die Kehle stieg. Der kleine fahlblonde Leutnant erschien. Bourdon verbeugte sich beflissen vor ihm. »Depêche-toi,« sagte er zum Brigittle, »beeile dich, führe d'r Herr in die chambre von meim deutsche neveu. Depêche-toi, nom d'un nom,« – er war sehr aufgeregt. Das Brigittle grinste breit, als sie dem Quartiergast voranging. Madame Bourdon sah den Dreien nach. »Hasefuß,« murmelte sie verächtlich gegen ihren Eheherrn. Dann ging sie in die Küche. Und bald briet und backte sie mit dem Brigittle zusammen so voll Lust, als gelte es dem eigenen Sohne. Auch die übrigen Thurwiller vermochten ihre Feindschaft dieser vertrauten und verwandten Art gegenüber nicht festzuhalten. Gleich am ersten Tage hatte ein Soldat einem kleinen Mädchen seine Hand entgegengestreckt, um ihm ein Täfelchen Schokolade zu geben, das er bei sich trug. Die Mutter hatte es dem Kinde aus der Hand gerissen und das Geschenk in den Schmutz geworfen. Mit funkelnden Augen sah sie auf den Soldaten. Sie kam sich heldenhaft vor. Der aber bückte sich, »schad' um die liebe Gottesgabe«, da mußte die Mutter lachen. Jeden Tag gewöhnte man sich mehr an die neuen gemütlichen Feinde. Man brachte ihnen Wasser, wenn sie heiß und verstaubt vom Marsche kamen, und man brachte ihnen Schnaps. Das aber verboten die Unteroffiziere. Nun bedauerte man die Leute. Man bedauerte sie auch wegen des barschen Tons, den die Vorgeordneten gegen sie anschlugen. Man begriff nicht, daß sie sich nicht unglücklich fühlten deshalb. Man nahm heimlich ihre Partei. Und gerade das kittete. Man verstand sich fast besser mit diesen Leuten als damals mit den eigenen Soldaten. Diese hier waren sauber und ordentlich, bezahlten, was sie verbrauchten, und liebten dabei außerhalb des Dienstes einen saftigen Scherz. Auch gegen die Offiziere konnte man eigentlich nichts sagen. Sie hielten darauf, daß den Einwohnern ihr Recht wurde, und waren, trotz ihrer kurzen, strengen Art, die sie im Dienste anlegten wie eine Verkleidung, keine Kinderfresser. So war man im Grunde recht zufrieden in Thurwiller. Aber diese Zufriedenheit verheimlichte man voreinander. Man fürchtete unpatriotisch zu erscheinen. Man fuhr fort, sich als Märtyrer der Zeit zu gehaben, wagte aber dabei nicht, einander ins Gesicht zu sehen. Zuletzt vermied man fast, sich zu treffen. Im übrigen aber hatte man mit der dem Elsässer eigentümlichen Liebe für Behagen und Freude auch aus dieser neuen Phase wieder Honig saugen können. Die einzigen, die das nicht vermochten, waren die Baldes. Der Brand des Hauses, das stand jetzt fest, war von unzufriedenen Arbeitslosen angelegt worden. Aber keiner im Hause zweifelte daran, daß diese Leute nur die ausführende Hand darstellten für andere im Hintergrunde. Ganz Thurwiller bemühte sich, dem Maire und seinen Töchtern Mitleid und Freundschaft zu erweisen, man vergaß in blinder Selbstverzeihung rasch alles, was man früher gegen ihn gesagt und gedacht hatte. Aber Frau Balde blieb tot. Und zwischen den beiden Seitenflügeln, die einst so liebreich zu umarmen schienen, war gräßliche Öde. Vater und Töchter wohnten wie auf der Reise im oberen Stockwerk des linken Flügels unter eilig zusammengetragenen, zueinander nicht passenden Möbeln. Nichts um sie herum war gewohnt und vertraulich. Fremd lebten sie mit den fremden deutschen Hausgenossen, die man im unteren Stockwerk eingerichtet hatte, und mit denen sie keine Gemeinschaft pflegten. Nur das Salmele vertrug sich auch mit diesen Neuen wieder vortrefflich. Manchmal in der Dämmerung hörte Françoise aus dem Wohnzimmer unten Gesang herauftönen. Dann schlich sie sich unter Herzklopfen hinunter, um zu lauschen. Eben erst hatte sie die beiden Offiziere, die jetzt da drinnen zweistimmig Mendelssohn sangen, mit strengen Gesichtern, staubig, todmüde auf ihren Pferden heimkommen sehen, nun zerschmolzen sie in Tönen: »O säh' ich auf der Heide dort im Sturme dich, im Sturme dich, mit meinem Mantel vor dem Sturm beschützt' ich dich, beschützt' ich dich. O wär' ein König ich und wär' die Erde mein, die Erde mein, du wärst in meiner Krone doch der schönste Stein, der schönste Stein.« Françoise fühlte unvermutet, daß ihr Tränen auf die Hände flossen. Der Gesang hatte etwas weggetaut in ihr. Der eine schien während des Singens im Zimmer herumzugehen. Seine Stiefel knarrten und tappten ungefüge hinein in den Gesang, aber der wurde nur schmelzender und inniger dabei. »Und wär' ich in der Wüste, die so braun und dürr, so braun und dürr, zum Paradiese würde sie, wärst du bei mir.« Françoise hielt sich nicht mehr. Mitten auf der Treppe, die sie nach ihrem Zimmer zurücklief, blieb sie stehen, legte den Kopf auf das Geländer und überließ sich einem Sturm von Weinen; einem Sturm, der an ihr riß und löste wie Frühling. Sie trocknete sich die Augen. Die Gewißheit kam ihr zurück, daß das Leben immer noch ein Glück für sie bewahrt halte, und daß sie nur die Hand auszustrecken brauchte, um es zu halten. »Wärst du bei mir!« Aber der Krieg konnte ja nicht ewig dauern. Mit einem Lächeln auf den Lippen kam sie zu den Ihrigen zurück, die mit ungetrosten Gesichtern beieinandersaßen und Hortenses Abreise berieten. Sie wollte in die Vogesen gehen nach dem kleinen Badeorte Gérardmer. »Mein Sohn soll in Frankreich geboren werden. Und man muß ja jetzt die Heimat verlassen, wenn man in seinem Vaterlande bleiben will. Vengeur will ich ihn taufen,« sagte sie zu Françoise, »er soll uns rächen an diesen da.« Sie wies nach dem Garten hinaus, wo die Soldaten mit Tabakspfeifen saßen, flickten und lasen. Schwer in sich versunkene, derbe Menschen mit Riesenfüßen in faltigen Stiefeln und mit struppigen Bärten. »C'est dégoûtant,« murmelte Hortense. Und ihr edles Gesicht verzerrte sich. Françoise sah sie fest an. »Sie tun ihre Schuldigkeit, man muß sie immerhin achten.« »Ah?« Es lag eisige Verachtung in diesem einen Wort, das scharf wie ein Messer jede schwesterliche Gemeinschaft zu zerschneiden schien. Martin Balde richtete seine jetzt immer traurigen Augen auf seine beiden Kinder. Seine noch immer verbundenen Hände griffen erst nach Françoise, dann zu Hortense hinüber. Françoise neigte sich über seinen Sessel und küßte sein graues Haar. Sie preßte die Hand aufs Herz. Ja, das Leben hielt noch immer das Glück bereit für sie, aber durfte sie es ergreifen? Ein Glück, das aus dem Unglück all der Menschen aufgebaut war, die bislang die Ihrigen gewesen sind? Von unten scholl das Lachen der Offiziere. Dann ein neues Duett, bewegte sanfte Rhythmen: »Wohin? Wir ahnen es selber kaum, es führt uns ein holder, ein süßer Traum.« Jetzt aber schüttelte sie das Weiche, Schwimmende des deutschen Singens da unten von sich ab wie etwas Gefährliches.   Gerade an diesem Tage erhielt Françoise ein »an den Maire von Thurwiller« adressiertes deutsches Feldpostpaket von Heinrich. Ein Brief und sein Tagebuch. Sie wurde fast ohnmächtig vor Freude. Erst jetzt fühlte sie, wie sehr sie sich um ihn gesorgt, sich nach ihm gesehnt hatte. Der Brief war vom ersten September. Fünf vorhergehende, von denen er sprach, waren nicht in ihre Hände gelangt. Auch diesen glaubte er vergeblich geschrieben. »Man befördert nicht nach Feindesland.« Nach den trockenen ersten Berichtworten kam dann mit völlig veränderter, wie fliegender Schrift: »Nein, man befördert nicht nach Feindesland, mein Lieb, aber jetzt geht deutsche Feldpost zwischen uns, jetzt sind wir uns nahe. Eben da ich Dir schrieb, wurde ich durch Jubel unterbrochen, donnernde Hurras, dann Musik. Die Luft zitterte. Ich lief hinaus. Der König mußte gekommen sein oder der Kronprinz. Aber nein, so jauchzt man Menschen nicht zu! Und da hörte ich's ja denn, der Krieg ist aus, Napoleon gefangen, die ganze französische Armee hat kapituliert. Man umarmt und küßt sich. Unsere Verwundeten weinen vor Glück. Alle Leiden sind vergessen. Jetzt ist der Krieg aus. Und nicht umsonst ist all das junge Blut geflossen. Sieg, Sieg, Heimkehr, Frieden. Ringsum von den Bergen klingen Freudenmärsche. Diese Stunde ist ein Leben wert. Warum kann ich sie nicht mit Dir teilen? Aber warte nur, bald werden wir alles gemeinsam besitzen und erleben. Elsaß gehört wieder uns. Elsaß kehrt zu seinem Ursprungsland zurück. Unser beider Elsaß jetzt! Das, was ich in ganz kühnen Stunden hoffte, wenn ich hier im Felde Deiner dachte, hat sich erfüllt: Wir haben jetzt ein gemeinsames Vaterland, wir zwei. Der Krieg ist aus, bald komme ich. Dich mir zu holen, mein blondes deutsches Mädchen. Nachschrift. Morgen bringe ich meine Verwundeten aus Toul nach Nancy.« Françoise ließ den Brief sinken. Ihre Lippen verzogen sich. Ihr gegenüber im Spiegel sah sie ihr Bild. Sie hatte sich in Schloß Meckelen für die Krankenpflege ihr Haar abgeschnitten. Kühn und knabenhaft schaute sie sich aus dem Glas entgegen. Und er schrieb an sein »blondes deutsches Mädchen«. War sie das? Und war sie das überhaupt, an die er schrieb? Diese Sanfte, Geduldige, die sich über den Sieg der deutschen Waffen freute, über das Deutschwerden des Elsaß freute? Sie nahm sein Tagebuch, blätterte erst darin, las sich dann fest und las drin viele Stunden. Und während sie so las, war sie wieder ganz bei ihm, alles Trennende versunken. Das Buch begann mit den ersten Tagen des Ausmarsches. Der Umschlag trug innen ihren Namen und ihre Adresse, dazu die Bemerkung, daß man es im Falle seines Todes ihr zustellen sollte. Also nicht seiner Mutter, sondern ihr! So zusammengehörig fühlte er sich mit Françoise. Das Gesicht brannte ihr. Heinrich schrieb nur Tatsachen. Meist mit Bleistift in Eile und Müdigkeit, knapp aufgezeichnet, später ausführlicher und manchmal schildernd. Heinrich erzählte die Eisenbahnfahrt durch Süddeutschland. Das neue Gefühl des Zusammenhaltens, das Norddeutsche und Süddeutsche verband. Dann die Grenze. »Ich überschreite sie als Feind, aber ich bin dadurch wieder der näher, die ich liebe.« Und überall ruhiges Selbstbewußtsein ohne Ruhmredigkeit. »Französische? Sieg bei Saarbrücken. Macht nichts, wir sind unterwegs.« »Bitsch von uns beschossen, sagt man, Sieg bei Weißenburg. Mutige fürchten, der Sieg könne beendet sein, ehe sie überhaupt ins Feuer kommen.« Anfangs war er mit dem Regiment marschiert in Eilmärschen. Aber kein Wort über die Strapazen und Entbehrungen. »Keine Zeit, abzukochen,« hieß es nur, oder: »Streng verboten, Kartoffeln auszureißen. Biwak, taureiche Nächte, kein Stroh. Man lebt von der Eisernen Portion.« Françoise dachte an Armands Briefe. Sie streichelte das Buch und küßte es. Dann die Lazarettzeit. »Viel Arbeit, Siege Schlag auf Schlag. Alle Hände voll zu tun. Die Soldaten müssen ihre Quartiere hergeben für unsere Verwundeten.« Und immer dazwischen: »Das viele Blut, die vielen Toten!« Einmal erzählte er von seinem Freunde Krompholtz, dem Korpsstudenten, den man ihm ins Lazarett brachte. »Er hatte seinen Hauptmann herausgehauen. Er sprach nichts mehr. Aber zufrieden sah er aus. So zufrieden. Mich kannte er noch. ›Fleißiges Bienchen,‹ sagte er und lächelte.« Dann kamen wieder Stellen, die Françoise empörten. Hummel schalt gegen die Franctireurs, »ungesetzliche Banden, die aus dem Hinterhalte schießen und die Leute in den Quartieren morden. Eine feige Verletzung des Völkerrechts.« Françoise ließ das Buch sinken. Ja, verstand er denn nicht, daß man sich verteidigt? Recht oder Unrecht, wenn es an das Heiligste geht, das man besitzt, setzt man sich zur Wehr. »Man bringt oft Kinder ein,« las sie dann weiter, »die man nicht erschießt, sondern prügelt und dann laufen läßt. Viele Frauen.« Roh klang das. Das Wort Barbaren kam ihr in den Sinn. Da kam sie auf den Satz, der sie nachdenklich machte: »Ich lerne die französische Nation, die ich so bewunderte, in trauriger Erniedrigung und in all ihren rohesten Instinkten kennen.« »Den ganzen Tag beschäftigt auf dem Schlachtfelde,« las sie dann weiter. »Eine Chassepotkugel prallte ab an der Kapsel, in der ich meine Ähre und die Totenmarke trage.« Die Ähre! Sie schloß die Augen. Wenn das neue Brot gebacken würde, hatten sie es zusammen essen wollen. Aber nun würde es deutsches Schwarzbrot sein, das man hier backte, auf einem Boden geerntet, der von Blut dampfte. Heinrich schilderte den Tag von Gravelotte. »Gegen drei Uhr im Dunkel der Nacht durch Alarm geweckt. Langgezogene aufregende Töne. Eine glühende Kugel über dem Gesichtskreis: die Sonne. An einem Platz vorbei, an dem Gottesdienst gehalten wurde, bedeckt mit weggeworfenen Spielkarten. Französische Lager, in Eile verlassen. Neben Eßsachen und Tornistern falsche Locken und Damenkleider. Bleihagel der Chassepots, das Knarren der Mitrailleusen. Und schon Wagen voll Verwundeter. Wir folgen der Schlacht mit unseren Wagen, Felder mit Menschenleibern besät. Telegraphendrähte, von Granaten zerrissen, fallen über die Straßen und hindern den Durchweg. Wir arbeiten. Ich lasse meinen Medizinkarren herankommen und richte einen Verbandplatz ein. Krankenträger, Lazarettgehilfen. Von allen Seiten ruft es aus der Erde: ›Ein Arzt! Au secours! ‹ Ich schnitt die Kugeln aus, hörte Granaten pfeifen und wühlen. Zwei Gehilfen werden neben mir zerrissen.« Françoise stöhnte. Schossen sie also wirklich auf das Rote Kreuz, diese französischen Barbaren? »Unser Bataillon, vorgerückt, liegt wie festgenagelt am Horizont, ein schmaler dunkler Streifen. Ab und zu von dort das laute Hurra unserer Leute. Die verwundeten Franzosen hier halten sich die Ohren zu. Ich arbeite weiter. Das Gesicht blutbefleckt, die Arme in Blut getaucht. Als der Hornist drüben noch einmal ›Das Ganze avancieren‹ bläst, kommt etwas Unvergeßliches. Unter den Leichenhügeln erheben sich die noch Lebenden und strecken die Arme aus. Die Leichtverwundeten versuchen aufzustehen, um mitzukämpfen.« Françoise schloß die Augen. Tränen strömten ihr ins Gesicht. Aber sie ließ das Buch nicht von sich. »Der Tag geht weiter. Hin und wieder blicke ich von einem Verwundeten auf und sehe meinen Bataillonsführer. Als es zu dunkel ist, um weiterzuarbeiten – etwa zu der Zeit, da die Schlacht entschieden war –, nahm ich meinen Rückzug von dem Schlachtfeld nach dem Hauptverbandplatz zu. Meine Krankenträger waren bereits dorthin aufgebrochen. So trug ich denn selber unterwegs einen oder den anderen der Verwundeten eine Strecke, bettete ihn an Plätze, wo der Samariterwagen ihn finden konnte, holte wohl auch einem Toten die Flasche weg für den Lebenden und verlor so in der Dunkelheit völlig die Richtung meines Bataillons. Einen blonden schönen Jungen, einen hessischen Jäger, den ich in einem hin und her eroberten Schuppen vorfand, trug ich lange auf dem Rücken. Er schrie wie ein Kind nach seiner Mutter, und zwar auf französisch: ›Maman, maman.‹ Während seine Arme um meinen Hals lagen, erkalteten sie. Er hielt sein Butterbrot noch in der Hand. Die Kugel hatte ihn mitten im Vespern gestört. Einer von seinem Regiment, den ich aufsuchen ließ, wußte, der Gefallene sei ein Enkel des Generals von Stein im deutschen Generalstab. Sein Hauptmann hat dorthin Nachricht gesandt.« Da aber konnte Françoise sich nicht halten. Schluchzend vor Freude lief sie hinüber zu Vater und Schwester. »Er ist es gewesen, er hat Germain von Meckelen aus der Schlacht getragen.« Aber die beiden sahen sie an wie eine Unbegreifliche.   Der Krieg war nicht aus. In Frankreich nicht und nicht Elsaß. Hier ging er erst recht an. Selbst im Oberelsaß, das von den wirklichen Schlachten verschont geblieben war. Und war man bisher nur Zuschauer gewesen und kaum beteiligt, so fand man sich jetzt mit den Unterelsässern zusammen in dem Bewußtsein, die Hauptrolle zu spielen in diesem Kriege. Würde wirklich Frankreich sich dadurch retten, daß es Elsaß im Stich ließe? Es gab Leute, die mit geballter Faust umhergingen und auf Frankreich fluchten. Die meisten aber fanden jetzt eine große heroische Geste des Patriotismus, die ihnen sonderbar zu Gesicht stand. In den Rebgegenden befeuerte der süffige Heurige die Gemüter noch mehr, es kam zu bösen Szenen zwischen den Dörflern und durchziehenden Soldaten, die von der deutschen Regierung hart bestraft wurden. Die Bevölkerung, im Grunde friedliebend und lachlustig, fand schließlich den Ausweg des spottenden Widerstandes gegen die neue Gewalt. Die Frauen trugen blaue und rote Blumen auf ihren weißen Hüten, so die französischen Landesfarben nachahmend, die Männer Schlipse von denselben Farben unter ihren zugeknöpften Röcken, die sie dann hinterm Rücken der Offiziere oder der neuen deutschen Beamten plötzlich aufklappten; bei den Ihren erweckten sie brüllendes Gelächter damit. Man wurde solcher kindlicher Späße nicht müde. Die Strafrequisitionen, mit denen die deutsche Regierung die Unbotmäßigkeiten der Bevölkerung regelmäßig zu erwidern pflegte, machten sie nur noch pikanter und wilder. Daneben aber schimpfte man ausgiebig über die französische Armeeleitung. Herrenlose Hunde, die sich da und dort herumtrieben und von den Bauern mit Steinwürfen verjagt wurden, taufte man Bazaine, selbst Napoléon. In den streng katholischen Landtälern aber fand man andere Schuldige. Dort war man überzeugt, daß die Roten Frankreich an den Feind verkauft und Napoleon verraten hätten. Man verfluchte die Republik und forderte stürmisch die Wiedereinsetzung Napoleons. Alle, die als Republikaner verdächtig waren oder sich dem Deutschen Zollverein anschlossen oder als laue Katholiken galten, wurden bedroht. In Gebwiller und St. Amarin kam es zu geregelten Überfällen gegen ein paar mißliebige Industrielle. In Thurwiller hatten alle diese Strömungen gleichfalls Vertreter. Einzig Balde hatte es fertiggebracht, sich alle Parteien gleichmäßig zum Feinde zu machen. Er schimpfte nicht gegen Napoleon. Er war kein eifriger Katholik. Er verteidigte die Roten, wo er sie als achtbar und tüchtig betraf, und man kannte die Sätze, die er im Garten der »Zwei Schlüssel« geschrieben hatte, und die allen Parteien eine Absage bedeuteten. Gerade diese Parteilosigkeit aber war es vielleicht, die ihn nach wie vor zum Treffpunkt machte für alle, die sich auszusprechen wünschten gegeneinander. So brachte ihm das Salmele eines Tages eine goldgeränderte Visitenkarte herein: »Léon Cerf, Bâle.« Der ehemalige »Napoléon« hatte sich republikanisch abgekürzt. Er trug einen demokratischen Havelock und rustikale völkische Stiefel. Françoise fragte, wie es Victor Hugo in Basel ginge, von dem man seit lange keine Nachricht hatte. Sie erfuhr zu ihrem Schrecken, daß der junge Mensch von den Gastfreunden weg und aus der Stadt verschwunden sei. Ob denn Frau Schlotterbach schon davon wisse? fragte Hortense. Cerf zuckte die Achseln. Er habe ihr die böse Nachricht anfangs gar nicht überbringen wollen – er war Hausgast bei Schlotterbachs –, einmal aber sei ihm versehentlich eine Andeutung entwischt. Die arme kleine Madame sei sehr unglücklich. Man habe große Mühe sie zu trösten. »Pas gai, pas gai,« wiederholte er ein paarmal. Balde nahm Bleistift und Papier. Er ließ sich die Adresse der Gastfreunde in Basel geben, forderte eine genauere Angabe der Plätze, wo man den Knaben zuletzt gesehen habe, und nickte Françoise ermutigend zu dabei. Léon Cerf hatte inzwischen wohlrednerisch und selbstgefällig weitergesprochen, und jetzt horchten die Baldes auf. Seit langem war man hier ohne Verbindung mit Paris, kannte die neuesten Vorgange dort nur aus Gerüchten. Nun dröhnten die Namen der Garibaldi, Gambetta in ihr Ohr. Tolle Hoffnungen knüpften sich daran, vor allem für das Elsaß. Frankreich würde Elsaß niemals im Stiche lassen, o nein, es würde kämpfen. Und den Deutschen ginge es sowieso bereits sehr schlecht. Der Kronprinz war gefallen, der Herzog von Nassau gefangen, zwölftausend Bayern waren nach Paris gelaufen, die Hände in der Luft, sich zu ergeben. Er zog gedruckte Blätter aus der Tasche, die das bestätigten. Balde lächelte schmerzlich vor sich hin, Françoise schwieg, nur Hortense glühte. – – Zwischenein hatten sich die Thurwiller merkwürdig gut mit den immer neuen Einquartierungen vertragen. Die Badener waren abgezogen, aber ihnen waren auf dem Fuße neue Prussiens gefolgt. Und als die gingen, kamen wieder neue, alle einander ähnlich in Aussehen und Tun, eine laut aufrauschende Woge, die regelmäßig zurückebbt und wiederkehrt und immer ein wenig Spur zurückläßt, in die die neue wieder einströmt. Man gewöhnte sich an sie, man vermißte sie fast in den wenigen Tagen, da sie fehlten. Einmal waren es Dragoner, dann Infanterie, Pommern, Sachsen, zuletzt Westfalen. Alle aber hielten musterhafte Ordnung. Und jedesmal stand jetzt die Straße voll Menschen, wenn sie kamen. Man beguckte sich die Neuen, wie man sich Feuerschlinger und Tanzbär beguckt hatte, wenn sie einmal ins Städtle geraten waren. Diesmal gab es viele Transportwagen, viele ledige Pferde dabei, dazwischen Trainsoldaten, die wegen ihrer hellblauen Uniformen den Elsässern etwas Vornehmeres schienen als die andern. Einer von ihnen, auf starkem, dunklem Pferde, zwei andere Pferde am Zügel führend, sah auf eine sonderbare Art in die Menge hinein. Tjark Smeding. In seiner niedern Mütze, mit seinem wilden, breiten Kinnbart hatte man ihn zuerst nicht erkannt. Zudem hatte er eine fremde, steife Art in seiner Haltung. Alle sahen auf Toinette, die, blaß, die Augen groß und brennend, die Faust nach ihm hinballte. Dann nahm sie ihre Röcke zusammen und lief wie eine Besessene nach Haus. »Die het ebbes Unguts vor,« sagten die Weiber. Wagner hatte nicht auf sie achtgegeben, er hatte auf seine Tiere gesehen, die auf dem Pflaster stolperten, die Kinder aber, die sich auf der Straße umherwälzten, drängten sich an ihn heran, und der Jüngste der Madame Groff, ein Kerlchen, das wie ein Chinese aussah, wollte von ihm aufs Pferd gehoben werden. Er winkte gravitätisch ab. Wie die Verkörperung dienstlicher Pflichterfüllung saß er auf seinem Gaul, »Saint Laurent üs Holz.« Das Rosele aus dem »Lustigen Bruder« warf ihm Kußhände zu, um ihn zu ärgern. Bäcker-Nazi nickte. »A véritabler Prussien.« Nachmittags hatte Balde seinen ersten Ausgang. Die Binden waren abgenommen, er hielt einen Stock und stützte sich auf seine Tochter Françoise. Als er in die Hauptstraße trat, blieb er einen Augenblick stehen. Zwei Dragoneroffiziere, seit heute bei ihm im Quartier, sprengten grüßend vorbei. Sie hielten vor einem Stallsoldaten, der eine Meldung machte. Als die Offiziere vorüber waren, erkannte Balde in dem Soldaten den Dreier-Tjark. Den Finger an der Mütze, wollte der Bursche sich dem Maire nähern, ihn zu begrüßen, aber Balde machte ein ernstes, abweisendes Gesicht. Unwillkürlich wandte er sich dann noch einmal. Der Mensch hatte eine komische Bewegung gemacht; jetzt drehte er sich wie zu einem lustigen Sprung in der Luft um und fiel zusammen. Françoise lief hin. Er lag da, zuckte noch einmal auf und wurde dann sehr klein. Er war tot. Und plötzlich war die enge Gasse ganz voll Menschen. Auf Baldes Schulter legte sich eine Hand. Ein Pferd drängte ihn an die Wand. »Wir müssen Sie verhaften, Herr Maire,« sagte einer der beiden Offiziere, die soeben vorbeigesprengt waren. »Man hat aus einem Hause Ihrer Stadt auf einen Soldaten geschossen.« Françoise schrie auf. »Was soll mit Papa geschehen?« »Man wird ihn wahrscheinlich nach Rastatt bringen.« Es war der Offizier, dem sie eben noch eigenhändig das Zimmer geordnet, und der ihr dafür die Hand geküßt hatte. Jetzt sah er über sie hinweg wie über einen Stein, an dem sein Pferd vorbeizuschreiten hätte. Ein Blick in sein Gesicht, und alles, was sie sagen wollte, fiel zusammen vor diesem Ausdruck unbedingter Sachlichkeit, der sie entsetzte. Sie faßte an ihre Brust. Buchstäblich drehte sich ihr das Herz im Leibe um. Nie im Leben hatte sie Ähnliches empfunden, nicht als Heinrich wegging, nicht als sie die Mutter tot fand. Und es war ein dunkles Wissen in ihr um das Fürchterliche, daß es nicht nur der Vater war, der ihr genommen wurde in dieser Stunde, daß tief in ihr etwas im Abscheiden lag: ihre Zukunft mit einem deutschen Manne. Sie faßte Martin Baldes Rock, als könne sie sich daran festhalten. Balde stand ruhig da. »Ich müßte mich sehr irren, meine Herren« – er sah fast ironisch auf die Ansammlung von Uniformen, die die Gasse füllten –, »ich müßte mich sehr irren, aber dieser Schuß hat mit Politik nichts zu schaffen. Ehe Sie mich verhaften, lassen Sie mich Ihnen behilflich sein, den Täter zu entdecken.« Aber schon schleppten sie ihn heran, ein blasser Knabe mit weichen Formen. Nein, ein Mädchen, Toinette. Balde nickte. »Es ist, wie ich dachte. Der Bursche war ihr Schatz.« »Und woher hat sie die Waffe?« Niemand antwortete. Der Offizier winkte. Zwei Soldaten faßten Balde zwischen sich. Er wurde beängstigend rot, aber er zerpreßte den Zorn fest zwischen den Lippen. Von drüben scholl Gebrüll. Toinette biß und kratzte da gegen zwei Soldaten, die sie festhalten wollten. In einem Nu war ihre ganze Sippe um sie versammelt, der Alte, schwer betrunken, die schwammige Frau und Kinder jeder Art und Größe. Sie heulten, sie zerrten, hopsten und kreischten. Balde sah herüber. Er wandte sich zum Offizier. »Man darf ihr nichts tun,« sagte er, »sie ist eine Schwangere. Ja, meine Herren« – der Schimmer eines ironischen Lächelns flog dabei über sein Gesicht –,»sie trägt das Kind eines Ihrer Prussiens, des Soldaten da, den sie erschossen hat.« Die drüben horchten auf. Toinette aber heulte: man solle ihr das Kind aus dem Leibe herausreißen. »Liewer krepiere, als dene verdammte Prussiens a Soldat zum Präsent mache.« Und sie lachte wie eine Besessene. Der Offizier gab seinen Befehl. Man führte Toinette ab. Es sollte Haussuchung gehalten werden bei ihr, danach würde man weiter sehen. Als man sie an Françoise vorbeischob, blickte sie auf: »Eh bien, Mademoiselle? Und Ihr?« Ein ganzer Haufen Süßwinkel-Leute strömte ihr nach. Sie brachen in die Gärten ein, rissen Blumen ab, bestreuten ihr den Weg wie einer Heiligen. Aus den Häusern rief man ihr »vive« nach. Der Offizier, der die Verhandlungen leitete, wandte sich jetzt zu Balde. »Und nun zu Ihnen, Herr Maire. Sie wurden uns bereits als verdächtig bezeichnet. Jetzt haben Sie sich strafbar gemacht durch die Übertretung des Gebotes, alle Waffen an uns auszuliefern. Einer unserer Leute ist getötet. Sie sind haftbar für Ihre Gemeinde. Zu meinem Bedauern muß ich Sie gefangennehmen.« Balde stampfte auf den Boden wie ein ungeduldiges Kind. »Führen Sie mich weg.« Sein Auge glitt seitwärts auf Françoise, die, ganz haltlos, in Tränen zerging. Er streckte ihr seinen Arm entgegen. Da hielt sie sich nicht mehr. Alles, was in ihr stritt und schmerzte, blutete sich aus in dem heißen schluchzenden Flüstern, mit dem sie ihn umklammerte: »Nie werde ich hinübergehen zu deinen Feinden, Vater. Zu unsern Feinden. Nie! Jetzt kann ich das nicht mehr.« Sie war fast ohnmächtig. Martin Balde streichelte seinem armen Kinde über das Haar: »Mein Kind, mein einziges, liebes Kind.« Nicht länger als eine Sekunde hatte das Ganze gedauert. Jene Sekunde, von der die Märchen erzählen, daß die Welt während ihrer viele hundert Jahre älter geworden ist. Der Offizier hatte Balde zwanzig Minuten Zeit gegeben für die Ordnung seiner Geschäfte und seines Hauses. Wachen standen vor der Tür. In der Gasse drängten sich schweigend die Thurwiller. Man sah in der Hauptstraße Gewehre aufblitzen, hörte hin und wieder Menschen und Pferde über dem Pflaster. Françoise hatte vorsichtig Hortense verständigt. Jetzt packte sie mechanisch dem Vater Anziehsachen und Gebrauchsdinge in eine kleine Tasche. Sie empfand nichts mehr. Ein ungeheures kahles Staunen war an die Stelle aller Gefühle getreten. Nur ihr Körper handelte. »Man wird ihn nicht lange behalten da,« sagte sie mit leerer Stimme zur Schwester, die sich stolz, in kalter Wut neben ihr hielt, unfähig zu reden oder zu handeln. Im Fensterrahmen stand unbeweglich wie ein Bronzebild die Gestalt des Offiziers zu Pferde, der vor dem Hause wartete. Seine kleine gerade Nase hob sich dunkel gegen den blauen Himmel, Helm und Bart glänzten weich und freundlich. Über Françoise kam jedesmal, wenn sie ihn sah, ein Schauer von Haß. Genau so würde Heinrich Hummel ausgesehen und gehandelt haben in der gleichen Lage. O, sie waren gerecht, diese Deutschen, tadellos und unbestechlich. Aber sie hatten kein Herz. Und die im Geheimsten ihrer Seele niemals verziehene Demütigung, die Heinrich ihr angetan, stieg brennend in ihr auf. Balde unterhandelte im Ordinationszimmer mit dem alten Schlotterbach, dem er seine Papiere und die vorläufige Sorge für die Stadt übergab. Bourdon sollte ihm helfen. Der alte Mann hatte rote Augen, als er jetzt mit Balde herauskam. Inzwischen war der kleine Flur gefüllt mit Menschen. Da waren die Schlotterbachs mit ihrer Tochter Virginie, einem hübschen, wohlgewachsenen jungen Mädchen, das sie aus dem Kloster heimgerufen hatten. Die ganze Familie Bluhm war da und Frau Bourdon. Ihr Mann sowie Cerf hielten sich vorsichtig fern. Draußen im Vorgarten standen sie Kopf an Kopf. Alle Hände erhoben sich zum Gruß, als der Maire ans Fenster trat. Viele weinten. Unter ihnen gerade die, denen er nicht kaiserlich oder nicht päpstlich oder nicht Republikaner genug gewesen war, und die deswegen gegen ihn gehetzt hatten. Die Blicke, die sie auf die Soldaten ringsum warfen, mit denen sie sich bereits befreundet hatten, waren jetzt voll Haß. Die Unterdrücker waren es, es war der Feind. Ein neuer Zug war in all diese derben, massigen Elsaßgesichter gekommen, ein Zug verbissenen Wartens. Es konnte ja nicht lange dauern, da war man wieder unter sich. Gambetta, Garibaldi! Cerf hatte gute Arbeit gemacht, man wußte, was sich vorbereitete in Frankreich. Der Offizier da auf seinem Pferde zog die Uhr. Mit hellen, herrischen Augen sah er aufmerksam auf die Erregten. Balde lehnte sich zum Fenster hinaus. Er wollte sprechen. »'s isch racht, daß ihr noch amol kumme sin für euerm maire a bon voyage z'wünsche,« sagte er dann in seiner gewohnten, halb scherzenden Weise. »A changement d'air in dere Zitt wär' halt net grad mine intention g'si, un m'r muß hoffe, daß d' excursion net gar so lang wird. Awer wann i d'rno wieder do bin, wird viel changiert han do im Ländle. Euer maire bin i jo wohl d' längscht Zitt g'si. Tant pis, tant, mieux! M'r hett m'r net grad d'Händ unter d'Füß breitet do in Thurwiller – un mit euerm entêtement , un alle misères , wo ihr mir g'macht han, han ihr 's au fond net emol bös gmeint. Das isch's Ärgschte! Schwere Zitte kumme jetz für euch, un do sollen ihr ferme dra denke, was euer alter maire zu euch gsait hett: Haltet Ordnung! Ordnung git courage . Haltet Ordnung inwendig in euch, un Ordnung vis-à-vis vom gouvernement, n'importe was für eins.« Der Offizier räusperte sich. Er drängte sein Pferd heran und hob warnend gegen Balde die Hand. Der zog fast schalkhaft die Uhr und zeigte sie dem Offizier. »'s isch Zitt, mon lieutenant. Et maintenant « – Baldes Fuß klopfte die Erde, diesmal um eine Rührung zu meistern, die ihm feucht zu Augen stieg – »Adje binander.« Er hob die kleine Désirée auf, die an der Hand des weinenden Salmele erschrocken bei ihm stand, grüßte die Töchter mit der Hand, und ehe sich die Leute draußen dessen versahen, war er vom Fenster verschwunden. Auch der Offizier saß wartend auf seinem Pferde. Balde aber war mit schnellen Schritten durch den Garten nach den Gemeindefeldern gegangen und schickte von da einen Buben mit einem Zettelchen an den Offizier nach vorn, man möge Wache und Wagen zu ihm schicken. Er habe, um Aufstand zu vermeiden, die große Straße nicht benutzen wollen. Alles das war so rasch geschehen, daß selbst Hortense und Françoise nichts davon gemerkt hatten. Gerade als sie begriffen, fuhr ein Wagen vor. Das Füeßlische Gespann. Pierre Füeßli stieg aus. Er hatte, eben erst von der Front mit seinem Hilfszug zurückgekehrt, den Brand und Madame Baldes Tod erfahren und war gekommen, nach den Freunden zu sehen. »Was geschieht hier?« fragte er, da er die Menschenmenge sah. Hortense fiel ihm um den Hals und küßte seine beiden Wangen, Françoise reichte ihm die Hand. Er nahm sie nicht in seiner tiefen Erschütterung, er blickte sie nur an, wie sie in ihrem blonden Knabenhaar, das sich an den Spitzen lockte, bleich und überschlank geworden vor ihm stand, ein fremder Ausdruck von Erstarrtsein in den Augen. »Jetzt bin ich da,« sagte er endlich markig und laut. »Jetzt werde ich für Sie sorgen.«   Als eine sichere Mauer stand Pierre Füeßli in den nächsten wirr gefüllten Tagen zwischen den beiden Frauen und der übrigen Welt. Wie ein Zugehöriger ordnete er alles, bedachte und beriet, und seine freie Selbstverständlichkeit ließ keine Verwunderung über sein Eingreifen aufkommen. Er verhandelte fast ausschließlich mit Hortense. Françoise hatte ein für allemal ihre Einwilligung gegeben zu allem, was die Zwei beschließen würden. Am liebsten hätte sie sich auch körperlich ganz ausgelöscht. Aber dann kam ihr das wieder wie eine Hinterlist vor gegen Balde. So als wollte sie sich davonschleichen, ohne ihr Versprechen zu erfüllen. Und dieses Versprechen war ja nicht nur ihm gegeben, sondern auch sich selber; es war nicht Gehorsam gegen einen Zwang, war nur die hörbar gewordene Form für ihre eigensten tiefsten Nöte. Mit der Gewalt einer Naturerscheinung war es aus ihr herausgebrochen, so wie Quellen eines Tages aufbrechen, wie Krater Feuersteine schleudern. Sie durfte jetzt nicht diese Kraft verleugnen. Leben mußte sie und sich erweisen. Und so tat sie denn in verzweifeltem Mute gleich das Allerschwerste: sie schrieb an Heinrich, sagte ihm von ihren Schmerzen, ihrer Wandlung und erbat seine Verzeihung. Als sie den Brief geschlossen hatte, trug sie ihn selbst nach Regisheim zur Post. Sie wollte ihn nicht durch Célestines neugierige Hände gehen lassen. Sie hörte ihn in den Kasten fallen und blieb wie betäubt davor stehen. Dieser kleine dumpfe Fall dadrinnen hatte all das Gärende und Fließende ihres Entschlusses, der bisher immer noch ihr Eigentum gewesen war, zum Geschehnis verhärtet. Der Bruch war vollzogen. Mit einem ganz gealterten Gesicht kam sie nach Haus. – – Es war beschlossen worden, Thurwiller zu verlassen, bis alles sich geklärt hatte. Hortense wollte die Geburt ihres Kindes in Gérardmer abwarten. Dort sollte man sich einrichten. Pierre, der in den nächsten Tagen wieder mit Liebesgaben an die Front fuhr, wollte die Überfahrt beschützen, Hortenses Reisewagen dem seinen angliedern. Auch Balde würde nach seiner Freilassung ihnen dorthin folgen. Von Armand glaubte Hortense, er sei wieder im Kampfe. Sie betete für ihn. Am Abend vor der Abreise ging Françoise ruhelos in ihrem unvertraulich ausgeräumten Stübchen auf und ab. Sie hatte kein Licht anzünden wollen, auch nicht den Mut gefunden, zu Bett zu gehen. Pierre hatte heute abend unter den Plätzen, die er besuchen wollte, auch Toul und Nancy genannt. Das war ihr wie ein erlösender Fingerzeig in der Wirrnis; wie eine Erlaubnis, geradewegs vom Himmel auf sie niederträufelnd und sie salbend mit heiligem Trost. In Nancy und Toul hatte Heinrich seine Kranken. Ihn wiedersehen vor der großen Trennung, sich aussprechen mit ihm, sich von ihm Mut holen, ihn trösten, ihm den Abschied sanft machen – immer gewisser wurde es in ihr, daß sie das tun mußte. Trotz ihres Versprechens an den Vater. Sie blieb stehen. Noch war nichts geschehen; noch war sie frei, zu tun, was sie wollte, frei ihrer Liebe nachzugehen. Sie konnte hinübergehen zu Heinrich, an einem Tisch mit ihm sitzen, an einem Tisch mit den Leuten, die ihren Vater beschimpften, sie konnte sich die Ohren zuhalten, wenn ihr armes verblutendes Land aus allen Poren seines wunden Leibes nach ihr schrie. Ja, sie konnte zum Sieger überlaufen als eine willige Beute. Lange stand sie so und warf harte, wilde Worte gegen sich selber. Und dabei fühlte sie immer deutlicher, daß sie in Wahrheit keine Wahl mehr habe. Der Gedanke der Scheidung, in tausend Schmerzen zum Gelöbnis erhärtet, hatte sich über ihr zusammengeschlossen wie eine Rüstung, kalt, schwer und undurchdringbar. Diese Rüstung aber – und nur sie – gab ihr in ihren eigenen Augen auch das Recht zu Heinrich zu gehen. Ja, sogar die Pflicht, sagte sie sich. Sie ging zur Tür. Sie hielt es nicht mehr aus in ihrem Zimmer, zwischen dessen gleichgültig und mutlos zusammengestellten Möbeln sie sich überhaupt noch nicht heimisch gemacht hatte, und in dem jetzt die Koffer bereitstanden, die sie nach Gérardmer begleiten sollten. Aber sie würde nicht dort hingehen. Sie mußte versuchen, Heinrich noch in Toul zu treffen, oder in Nancy, oder dort zu erfahren, wo sein Lazarett hingekommen sei. Das würde nicht unmöglich sein, war man erst einmal dort in der Nähe. Und dorthin – sie preßte die Lippen entschlossen zusammen –, dorthin würde sie jetzt reisen. Pierre ging ja nach Nancy und Toul. Wer wollte sie hindern, sich ihm anzuschließen? Unter seinem Schutze mitzureisen? War sie nicht Krankenschwester? Konnte sie nicht helfen dort? Pflegen, ordnen, lindern? Und dabei in Heinrichs Nähe sein. Und dann würde sie Heinrich alles erklären, sich mit ihm aussprechen. Gut zu ihm sein und den Abschied für sie beide zu etwas Schönem machen. Ja, das wollte sie. Nun kam Ruhe über sie. Aber schlafen konnte sie nicht. Sie ging nach dem Garten hinunter, sich zu erfrischen. Unter der Haustür stehend, sah sie eine Bewegung da im Dunkeln unter den Bäumen – ein Mensch, der langsam hin und her schreitet. Nach der Höhe zu urteilen, in der die Büsche sich bogen, konnte es nur Pierre sein. Das war ihr lieb. Jetzt gleich wollte sie ihn fragen, ob er sie mitnehmen könne. Ihr Plan, eben erst entstanden, war so fertig, als habe sie ihn lange schon in sich getragen. Sie ging langsam. Ohne Aufregung folgte sie dem Geräusch von Pierres Schritten, die jetzt auf die Kastanienallee zugingen, ihr entgegenkamen. Die Nacht war schwül. Ab und zu ein zuckendes Wetterleuchten zwischen den vom Brande verstümmelten Bäumen. Françoise genoß es, daß sie so ruhig war. Im Rondell hielt sie an und wartete. Sie stellte sich so, daß er sie sehen mußte, wenn er näher kam, gerade in die Mitte. Sie wollte ihn nicht erschrecken. Dennoch fuhr er zusammen, als er sie, ganz nahe schon vor ihm, erblickte. »Sie können auch nicht schlafen, Mademoiselle Balde? Ja, die Gewitternacht, nicht wahr? Man schläft nicht sehr gut in solcher Gewitternacht.« Sie sah ihn freundlich an, weil er sich so abmühte. »Ich sah Sie im Garten,« sagte sie, »und ich habe hier auf Sie gewartet, um mit Ihnen zu sprechen.« »Mit mir?« Françoise, von ihrem einzigen Gedanken besessen, achtete nicht auf den Ton der Freude in seinem Ausruf. Sie fuhr fort: »Ja, ich will nach den Kampfplätzen reisen, nach Nancy und Toul. Ich denke, man kann da – –« Einen Augenblick schwankte sie, ob sie ihm alles sagen sollte. Aber welche Worte hätte sie finden können, ihm ihr Handeln begreiflich zu machen! »Sie wissen,« sagte sie dann, »ich habe schon als Krankenschwester gearbeitet, ich denke, man kann da viel helfen.« Die Antwort ließ lange auf sich warten. Es war in diesem Augenblick so dunkel, daß Françoise glauben konnte, sie stehe allein da unter den Bäumen. Von fern rollte ein Donner, ohne daß man das Blitzen bemerkt hätte. Als jetzt Füeßlis Stimme zu reden begann, war es aus größerer Entfernung als vorhin. Er mußte weiter weggegangen sein. »Sie wollen nach den Kampfplätzen reisen,« sagte er, »und ich soll Sie dorthin begleiten. Sie dürfen mir nicht böse sein, wenn ich mich in diese Vorstellung nicht so schnell finden kann. Aber das natürlich würde niemals ein Hindernis bilden für meine Bereitwilligkeit. Ihre Absichten sind bewunderungswürdig und heroisch, nur –« Françoise errötete. »Ich bin eine Selbstsüchtige,« murmelte sie. »Nur glaube ich nicht,« fuhr Pierre fort, »daß Madame Dugirard jemals eine so beschwerliche und gefahrvolle Reise für ihre Schwester zugeben würde. Eine einzelne Dame –« »O, meine Schwester ist nicht verantwortlich für mich, und ich bin ja unter Ihrem Schutze, Monsieur Füeßli.« »Gerade das ! Françoise!« Er war jetzt nahegekommen und hatte ihre Hand gefaßt, die er preßte. Sie achtete nicht darauf, fühlte es kaum. »Ich kann nicht in Gérardmer sitzen und Frieden spielen,« stieß sie hervor. Ihr ganzes Wesen bebte in Angst, den Helfer zu verlieren, der sie zu Heinrich bringen konnte. Sie faßte mit beiden Händen seinen Arm. »Nehmen Sie mich mit, Pierre, ich will Ihnen mein Leben lang dafür dankbar sein.« »Ihr ganzes Leben lang?« Nun erschrak sie doch vor dem dunkel drohenden Ton, den sie aus ihm herausgerissen hatte, und den sie nun wieder zu beschwören trachtete. »Ich würde Sie nicht stören auf der Reise, Monsieur Füeßli,« sagte sie ruhiger. »Sie und die anderen Herren, die Sie da mit sich haben. Sie wissen, wir Krankenpflegerinnen schicken uns in alles. Das gehört zu unserem Beruf.« Pierre schien kaum hinzuhören auf das, was sie sagte. »Mademoiselle Balde kann nicht allein in die Welt hineinfahren,« sagte er eigensinnig, »Madame Dugirard wird es nie erlauben, und ich – ich will es auch nicht!« Françoise versuchte es mit einem leichten Lachen. »Oh?« sagte sie spöttisch. »Ja, ich will nicht, daß die Frau, die ich liebe, ihren Ruf aufs Spiel setzt, sei es auch mit mir.« »Sie vergessen, daß Krieg ist, Monsieur Füeßli.« Françoise wurde streng. »Eine Krankenschwester, die an die Front geht, ist keine Frau.« In diesem Augenblick flammte und krachte ein Blitz zu Boden, der den Rasen vor ihnen zu spalten schien. Zugleich rauschte es und klatschte von allen Seiten. Heftiger Regen ging nieder. So laut, daß Françoise nicht verstand, was Füeßli sagte. Sie mußten aus der Allee herauslaufen, die, kronenlos, keinen Schutz gab. Dieses Rennen, wobei Françoise ihr Kleid sehr hoch gezogen, sodaß sie wie ein kleines kurzröckiges Mädel dahinsprang, zerriß Ärger, Liebesglut und jede Art von Pathos. Sie mußten beide lachen. Dann liefen sie unter das Vordach eines Heuhäuschens, das Schutz bot. In der Regenrinne sang und gluckerte das Wasser, strömte aus und bohrte tiefe Löcher in den roten Boden, aus dem es nun wie Blutstropfen emporspritzte. Eine fahle Helligkeit kam von irgendwo her und machte alle Blatter leuchten. Die beiden jungen Leute standen eng zusammengedrängt, dampfend vor Nässe da. Wieder fragte Pierre etwas, das Françoise nicht hören konnte. Er mußte laut schreien. »Lassen Sie sich mit mir trauen,« rief er in den Regen hinein. »Das löst alle Schwierigkeiten. Als Frau eines Schweizers, als Neutrale, können Sie reisen, wohin Sie wollen.« Sie mußte lachen. An seinem Gesicht aber merkte sie, daß es ihm ernst war. »Alles würde einfach sein, einfach und schön,« schrie er wieder. Françoise sah ihn an. Es rührte sie, wie der große Mann da neben ihr nichts anderes dachte als ihr zu dienen, ihr zu helfen. »Ich liebe einen andern,« sagte sie, aber im Tosen des Regens hörte er es nicht. Sie hatte nicht den Mut, dieses schmerzliche Geheimnis laut herauszurufen. So standen sie und warteten stumm. Pierre hatte seinen Rock ausgezogen und ihn Françoise umgehängt, deren dünnes Kleid wie eine nasse Haut an ihr klebte. Er nahm jetzt seinen Hut ab und ließ den Regen davon abtriefen. Barhaupt, in Hemdsärmeln, mit braunem Gesicht und glänzenden Augen sah er bäuerlich aus und gesund. Ein wenig trotzig. Françoise war sich selber gram, daß sie ihn quälte. »Verzeihen Sie mir,« sagten sie beide zueinander, da sie sich trennten ... In ihrem Zimmer dann wollte Françoise noch weiter denken, aber von einer plötzlichen, unentrinnbaren Müdigkeit gelähmt, vermochte sie kaum noch die Kleider zu lösen, stieg daraus heraus wie aus einem Gehäuse und glitt sogleich in ihr Bett hinein, in dem sie versank wie in einem lau beruhigenden Wasser. Nur gegen Morgen träumte sie, sie fahre mit Heinrich in einem jener grünen zweirädrigen Karren, in dem die Gaukler fahren, und Pierre Füeßli stand bei dem Pferd, gab ihm Heu zu fressen und weinte. Sein schöner, brauner Bart war ganz spitz zusammengeklebt von seinen Tränen.   Hortense war es, die am nächsten Morgen zu Françoise kam, um die Unterredung vom Abend fortzusetzen. Pierre hatte in aller Form bei ihr zum zweitenmal um Françoise geworben, und sie kam nun, mit ihr zu sprechen. »Du mußt ihm mitteilen, daß ich einen andern liebe,« sagte Françoise. Hortense machte ein unzufriedenes Gesicht. »Wozu die Romantik, meine Liebe? Sie kann nur dazu dienen, eure Ehe unglücklich zu machen.« »Unsere Ehe! Aber was denkst du? Du, die du doch weißt –« »Ich weiß, meine Liebe, daß es ein großes Glück für dich ist, in diesem kritischen Augenblick die Hand eines Mannes ergreifen zu können, der dich liebt und bereit ist, dich glücklich zu machen. Es wird ganz in deiner eigenen Macht liegen, ob ihm das gelingt oder nicht.« Sie stand da in der doppelten Würde, die ihr Zustand ihr gab, und im Bewußtsein, Mutter und Vater bei Françoise vertreten zu müssen, und wie sie so redete, erinnerte Françoise sich an die Worte, die ihre Mutter ihr einmal gesagt hatte: »Das persönliche Glück einer Frau ist es nicht allein, auf das es ankommt bei der Gründung einer Ehe. Wir Frauen haben Pflichten gegen den Staat, gegen Frankreich.« »Die Zeit ist ernst,« fuhr Hortense fort, »sei dankbar für das, was sie dir bringen will. Es bietet sich dir eine Partie mit gesicherter Zukunft, um die dich jedes Mädchen beneiden kann. Wenn unser Vater zurückkehrt, wird er durch diese Heirat eine Freude genießen, die er durch sein Leiden wohl verdient hat.« »Ich kann es nicht,« sagte Françoise schwach, »schon Pierres wegen kann ich es nicht. Es würde ja nichts weiter sein als eine Form.« Hortense erhob sich. »Laß es immerhin zuerst nur eine Form sein, meine Schwester, ihr seid beide jung. Er liebt dich, du hast geliebt. Dein Herz ist weit geöffnet. Glaube mir, die Form wird Wahrheit werden.« Damit ging sie. Françoise sah ihr nach. Sie setzte sich an den Tisch und schrieb an Pierre. Viele Anfänge. Jeder begann mit den Worten: »Ich liebe einen andern.« Als sie noch so saß, ließ Pierre sich melden. Er wollte sich Antwort holen. Sie ging hinüber in die Bibliothek, ihn zu empfangen. Sehr kühl war es da und ein wenig dunkel. Blutrotes Herbstlaub, hinter dem die Sonne stand, gab grelle Farbe in dem ruhigen Raum. Pierre stand gegen das Fenster, geschlossen, ruhig. »Sie sind so gut, Pierre Füeßli,« begann Françoise flattrig, »aber ich kann nicht Ihre Frau werden, ich achte Sie, aber ich liebe Sie nicht.« Erstaunt sah sie zu ihm hinüber, weil er nicht antwortete. »Ich kann nicht Ihre Frau werden, weil ich Sie nicht genug liebe,« wiederholte sie. Ein dunkles ruhiges: »Ich weiß es,« kam vom Fenster her. »Nun ja, aber dann –« Er war jetzt nähergetreten. Sie sah sein Gesicht, das sich mühte, Ruhe zu zeigen, und das ihr in diesem Augenblick sehr schön vorkam. »Es werden meistens«, sagte er, »Ehen hierzulande so geschlossen, daß das Mädchen noch nicht liebt. Sie hofft es zu lernen in der Ehe. Und ich – Françoise« – er bewegte willenlos die Lippen zu ihrem Namen – »ich, ich liebe Sie so sehr, daß es genug ist für uns beide.« Da sie eine Bewegung machte, wie sich weiter zurückzuziehen, fand er, in der Furcht sie zu erschrecken, einen leichteren, fast humoristischen Ton; vorerst nur als ein Werkzeug, wieder ihr Vertrauen zu erringen. »Übrigens, Mademoiselle Balde – ich bin nicht besonders bescheiden – ich traue mir zu, meine Frau das Lieben zu lehren.« Das erhoffte Lächeln blieb aus. Irgend etwas in ihrem Gesicht, das sie jetzt zu ihm emporwandte, erschreckte ihn. »Oder lieben Sie einen anderen?« fragte er. »Ich werde niemals heiraten.« »Sie lieben einen anderen?« Sie senkte den Kopf. »Einen verheirateten Mann also!« Wie im Grimm machte er ein paar Schritte durchs Zimmer. Dann blieb er vor ihr stehen. »Sie armes Kind!« Er streichelte ihre Hände, die sie ihm ließ. Plötzlich begann sie heftig zu schluchzen. Sein Streicheln tat ihr gut und furchtbar weh, wie die pflegende Hand, die sich um eine Wunde müht. »Nun wissen Sie es also,« sagte sie weinend, »nun gehen Sie.« Sie hatte ihre Hände befreit und bedeckte ihr Gesicht damit. Er machte eine Bewegung, als solle sie ihn nicht stören in einer peinvollen Überlegung. Man sah, wie seine Gedanken arbeiteten in ihm. Sein Blick war geradeaus gerichtet wie bei Menschen, die ein Ziel sehen und geduldig, mühsam sich ihm nähern. »Sie werden heiraten,« sagte er dann langsam, »später, eines Tages. Und Sie werden dann den ersten heiraten, der Ihnen das bequem macht. Das ist es. Das wird kommen. Denn Sie sind nicht geschaffen dazu, für sich allein zu leben. Nein, das sind Sie nicht. Sie können ja nicht anders als glücklich machen und sich lieben lassen.« Sie trocknete die Augen. »O, man kann doch auch für andere – man kann helfen –« Sie glaubte selbst nicht ganz an das, was sie sagte. Jedes Wort aber seiner Rede überzeugte sie. Denn es waren die gleichen Gedankengange, die in ihr selber lagen, fertig und bereit, gedacht zu werden; nicht heiraten, niemals eigene Kinder haben, das Leben der anderen mitleben, geschätzt vielleicht von ihnen, vielleicht auch nur geduldet! Die Erwartung einer solchen Zukunft war es, die den tiefsten Grund bildete für das unsägliche Mitleid, das sie mit sich selbst hatte, und das jetzt in ihren Tranen strömte. Endlich faßte sie sich, nahm ihr Tuch von den Augen und lächelte Pierre zu, dessen Blick sie die ganze Zeit her über sich gespürt hatte. Er war jetzt nah bei ihr. Sie bog sich zurück, weil er seinen Arm leicht um sie legte; aber er wollte sie nur vor den Spiegel führen: »Schauen Sie da hinein, Mademoiselle Balde! Ist das eine Frau, die unverheiratet bleiben kann?« Unwillkürlich aufmerksam betrachtete sie ihr Bild, das ihr, mit rotgeweinten Augen zwar, aber jung und weiblich rätselvoll entgegenblühte. Sie wandte sich ab. Pierre, ihr gegenüber neben dem Spiegel stehend, las ihre Gedanken. »Ja, Mademoiselle Balde, Sie sind eine viel zu reiche, viel zu gesunde Frau, um Ihr ganzes Leben lang sich von einem Gefühl verzehren zu lassen, für das es keine Erfüllung gibt, wie Sie mir sagen.« Sie lächelte schwach. »Was für ein geschickter Anwalt Sie sind, Monsieur Füeßli! Aber ich darf mich nicht von Ihrer Beredsamkeit betören lassen. Es wäre unrecht. Unrecht gegen Sie selbst.« Jetzt lachte er. Ein ganz wirkliches, fröhliches Lachen. »O, das lassen Sie nur meine eigene Sorge sein, liebe Freundin. Ich werde mich nicht zu Schaden bringen, seien Sie sicher. Sie sind nicht imstande, einen unglücklich zu machen, der um Sie herum sein darf. Ich denke natürlich die ganze Zeit über nur an mich und mein eigenes Glück, aber es trifft sich herrlich, daß ich gerade damit auch das Ihre fördern darf, Mademoiselle Balde. Denken Sie doch nur an alle die Pflichten, die diese Heirat Ihnen aufbürden würde. Sie, die Sie Pflichten so lieben: der Haushalt, die Fabrik, die Frauen und Mädchen, die man erziehen und behüten muß –« Françoise erhob sich aus dem Sessel, auf den sie sich eben niedergelassen hatte. »Ich freue mich, daß Sie so guter Laune sind, Monsieur Füeßli.« Er faßte sie voll Leidenschaft am Arm, als fürchte er, sie wolle ihm entfliehen. »Françoise, Françoise.« Es klang wie eine angstvolle Beschwörung. »Meine Liebe würde eine Mauer um Sie ziehen,« sagte er dann sehr ernst. »Nichts Häßliches und Böses soll an Sie herankommen können. Alles Quälende müßte draußen bleiben. Françoise, kommen Sie zu mir! Niemand kann Sie so von Grund aus liebhaben, wie ich das tue. Niemand.« Er redete noch lang, heiß und stoßweise vor sie hinsprechend, ohne sie anzusehen, nur immer ihre Hand betrachtend, die jetzt in der seinen lag und sich wie willenlos von ihm umschmeicheln ließ. Endlich, weil sie so seltsam unbeweglich blieb, blickte er auf. »Françoise, hören Sie mich denn? Warum starren Sie so?« Sie hatte« wirklich lange schon nicht mehr auf ihn geachtet. Eine Mauer. Immer noch dachte sie an dem einen Wort herum. Eine Mauer. Das war es! Das brauchte sie. Trug sie eist einmal Füeßlis Namen, dann war sie gefeit. Auch gegen sich selber. »Ich will es tun,« sagte sie plötzlich laut. »Ich will annehmen, was Sie mir schenken. Und ich verspreche Ihnen« – ihre Stimme brach. »Alles, was ich noch an Güte und Freude in mir habe, soll Ihnen gehören,« murmelte sie dann. Pierre war still geworden. Sein Gesicht sah aus wie von irgendeinem Schmerze nach den Seiten gezerrt, flacher als sonst, und zwischen dem dunklen Bart waren die Lippen auf einmal blaß. »Ich hatte gedacht,« sagte er leise und ein wenig heiser, »ich hatte gedacht, mein Glück würde anders zu mir kommen, froher, aber« – er richtete sich kräftig auf – »es soll mir willkommen sein, wie Sie es schenken.« Sie reichte ihm schweigend zwei kalte zitternde Hände, die er küßte. »Sie müssen Geduld haben mit mir.« »Ich werde es,« sagte er ernst. Dann trennten sie sich mit einem Händedruck. Pierre wollte alles Notwendige zur Trauung einleiten.   Virginie Schlotterbach hatte sich bereit erklärt, Françoises Stelle in Gérardmer bei Hortense einzunehmen. Das junge Mädchen war froh, von Thurwiller wegzukommen. Sie hatte Pierre Füeßli, den die Eltern ihr im stillen zum Mann bestimmt hatten, weil die Verhältnisse zusammenpaßten, ein einziges Mal gesehen und eine heftige Neigung zu ihm gefaßt. Da sie ihn nun an Françoise gebunden wußte, war ihr die Stadt verleidet, in der sie sich schon als glückliche Frau gesehen hatte. Die Gegenwart der Eltern, die ihr ein verdrießliches, enttäuschtes Wesen zeigten, peinigte sie. Das Haus war sowieso für eine erwachsene Tochter wenig eingerichtet. So gab sich Virginie mit Eifer den Vorbereitungen für Gérardmer hin. Auch Françoise war tätig. Aber alles, was sie anordnete und tat, erschien ihr selber wie in Traum getaucht. Ihre Hände hatten nicht das Gefühl wirklicher Berührung, wenn sie Dinge wegräumte oder einpackte. Ihre Stimme kam wie von weither. Die Fahrt nach Mülhausen bei strömendem Regen, die Trauung dort beim Maire, die Glückwünsche der Füeßlischen Familie nach der Zeremonie – alles das glitt an sie heran und glitt weg von ihr wie graue Schleier. Dann fuhren sie nach Gérardmer. Voran Hortense mit Françoise, Désirée, Virginie und dem Salmele in Hortenses Reisewagen, ein Stück hinter ihnen Pierres großer Ambulanzwagen, der die Geschenke an die Truppen enthielt, Medikamente, Verbandzeug und Lebensmittel, und in dem er selbst mit seinen Gehilfen saß. In Hortenses Wagen wurde wenig gesprochen, einzig Désirée und Virginie plauderten zusammen. Einmal wurden die Damen angehalten, weil die französischen Wachen das Elsässisch vom Salmele und der Kleinen für Feindessprache hielten, erst Füeßlis Dazwischenkunft gelang es, die Sache zu ordnen. Später wieder mußten sie aussteigen und in einem schmalen Tunnel die Vogesen zu Fuß durchqueren, weil die Straße durch herausgerissene Telegraphendrähte unüberfahrbar war. Die Frauen gingen allein, während Pierre mit den Reisegehilfen ihnen auf großen Umwegen die Wagen entgegenführte. Unsäglich verlassen kamen sie sich plötzlich vor, so im Dunkel unter dem Gebirge hintappend, eng an die Wände gedrückt, einer hinter dem andern. Das Kind weinte, Schwefel- und Kohlenstückchen wurden ihnen von begegnenden Lokomotiven entgegengeschleudert, das Salmele war voll abergläubischer Visionen, im Stockdunkeln fuhren Züge an ihnen vorüber, die schrien. Diese Schreie zerrissen die Finsternis wie Dolche. Endlich drüben, vom Tageslicht noch geblendet, sahen sie Pierres Gestalt, ruhig, sogar ein wenig behäbig vom Wagen steigen und auf sie zukommen. »Dieu soit béni,« sagten sie alle zu gleicher Zeit. Man hatte das Gefühl, nun sei alles gut. Die Pferde am Wagen zitterten und mußten noch ein wenig ruhen. Pierre hatte sie gejagt über ihre Kräfte. Die Reise ging weiter. Das Rütteln des Wagens, der Regen, der an die Scheiben wusch und die Landschaft verhüllte, alles war einschläfernd und verhinderte das Denken. Und dann war man in Gérardmer. Man trennte sich in Eile, fast wie auf der Flucht voreinander. Schon im Begriff, zu Pierre und den beiden anderen Herren einzusteigen, wurde Françoise von einer plötzlichen Angst gefaßt. Sie stieg noch einmal aus, umarmte Hortense und riß die kleine Désirée zu sich herauf, sie in Küssen fast erstickend. »Mein Sohn wird Franzose sein, er wird Franzose sein,« wiederholte Hortense ein paarmal. Als solle darin ein Trost liegen für das Leid aller. Die Fahrt ging rasch. Françoise war so übermüdet, daß sie meist schlummerte, in die Ecke gedrückt, die man ihr wohnlich gemacht hatte. Auf das, was draußen vorbeiglitt, achtete sie wenig. Es ging durch Wald, immer die bewachte Straße entlang. Man gewöhnte sich an die Soldaten. Einmal sah sie lange einen Burschen, der vor ihnen herlief, immer in gleichem Abstande, seine weiß bestaubten Sohlen schlugen ihm regelmäßig, wie die Schaufeln eines Mühlrads, an die Hosen. Dann wieder Regen. Nasse Fahnen in ausgestorbenen Dorfstraßen, die irgendeinen erfundenen Sieg feierten. Ihre Gefährten unterhielten sich mit leiser Stimme darüber. Die Wegs wurden schlecht. Pierre ordnete an, man solle suchen die Bahnstrecke zu erreichen, die unter deutscher Militäraufsicht jetzt wieder ausgebessert war, so daß Züge gehen konnten. Aber es gab überall Aufenthalt. Man begegnete Artilleriereserven. Die Pferde kamen auf dem schlüpfrigen Boden nur langsam und ruckweise von der Stelle, sie stießen fortwährend aufeinander, in Gefahr zu fallen. Alle todmüde. Zu gleicher Zeit drängte, die Geschütze überholend, ein Zug Infanterie vorbei, Munitionswagen, Trainfuhrwerke, Postwagen, Lastkarren aller Art, die sich unabhängig voneinander weiterschoben. Bald marschierten sie gleichzeitig an, bald hielt die eine Reihe inne, die andere marschierte weiter. Das Ergebnis war ein heillos undurchdringlicher Wirrwarr. Niemand rückte von der Stelle. Die Offiziere mit ihren Kalpaks aus Biberfell und riesigen. Kragenmänteln waren von ihren großen Pferden abgestiegen, sie am Zügel führend. Die schlecht gegurteten Sättel rutschten, da sie wieder aufsteigen wollten. Pierre war außer sich über den Anblick. Er schämte sich. »Was? keine Anweisung scheint gegeben, keine Ordnung eingehalten, einem Teil gefällt es zu halten, er versperrt den Nachfolgenden den Weg. Sehen Sie, Mademoiselle Balde – Madame Füeßli,« verbesserte er sich und sah sie lächelnd an – »sehen Sie jenen Reiter, dessen Pferd glaubt jagen zu müssen, weil sein Reiter im Schlaf vornüberstößt!« Er trat voll Ungeduld auf den Boden des Wagens. Und immer phantastischer wurde die Reise. Jetzt, da die Dunkelheit hereinbrach, sah man auf allen Höhen und in den Tälern Biwakfeuer. Sie schienen sich ins Unendliche zu dehnen. Françoise, vor deren Augen aus Schlafsucht die Umrisse verschwanden, glaubte eine große, große Stadt zu sehen mit da und dort brennenden Häusern. Da die Nacht kalt war, hatte man gewaltige Baumstämme angezündet, um jedes Feuer lagerten etwa zwölf bis fünfzehn schweigende Gestalten. Einmal trafen sie dicht an der Straße einen dicht blühenden, aber hohlen Baum, der von innen brannte. Wie eine blühende Fackel lohte er empor. Mitten im Schauen fiel Françoise in Schlaf. Sie erwachte frierend und fast furchtsam, sich so im Fremden zu wissen, fand sich eingehüllt, ein Kissen unterm Kopf, einen Koffer als Fußstütze vor sie hingestellt. »Bon jour, mon camarade,« sagte Pierres Stimme. Sie streckte ihm die Hand hin und dankte. Im Posthaus eines Grenzdorfes frühstückte man, übernächtig, fröstelnd und wenig zum Sprechen aufgelegt. Die Bewohner waren geflohen. Françoise kochte auf dem verlassenen Herd ihren mitgebrachten Kaffee und stellte in der Eile einige Behaglichkeit auf ihrem Eßtisch her. Es regnete schon wieder. Alles, was man anfühlte, war naß. Die Fliegen in dem niedern Zimmer unerträglich. Als sie wieder einsteigen wollten, sahen sie plötzlich einen Strohberg lebendig werden, hinter dem sich Soldaten in fremder Uniform erhoben. Bayern. Sie kreuzten ihre Bajonette vor den Erschrockenen. »Zurückbleiben,« rief es mit Donnerstimme. Der befehlshabende Offizier trat heran. Bei der Durchsicht von Pierres Papieren, die ihn als Schweizer auswiesen, ließ er den Wagen ohne weiteres passieren. Bedrückt fuhr man weiter in den grauen Morgen hinein. Man war in Feindesgebiet. Françoise sah abgeerntete Täler, in den Dörfern rüsteten sich die Leute zur Flucht. Hochbepackte Wagen, weinende Kinder, Weiber mit großen Bündeln auf dem Rücken. Und dann wieder auf der zerstörten Bahnstrecke überall fleißige Männer in deutschen Uniformen. Man näherte sich den Stellen, wo gekämpft worden war. Geköpfte Bäume, geknicktes Strauchwerk. Spuren von Blut auf dem Erdboden. Plötzlich kam ein Stöhnen aus dem Gebüsch, ein blauer Ärmel mit fünf goldenen Tressen, an dem keine Hand mehr ist, hängt aus einem Dickicht hervor. Jetzt zieht er sich ein wenig zurück. Die Herren steigen aus und bringen den Verwundeten herbei, der vielleicht schon tagelang da gelegen hat. Françoise schneidet ihm den Rock auf, hilft waschen und verbinden, aber es ist zu spät. Man müht sich um einen Toten. Im nächsten, halbzerschossenen Dorfe ein Feldlazarett. In den verfallenen Häusern deutsche Ärzte. Man nimmt gern die Hilfe der Elsässer Samariter an. Auch Françoises Leinewand und das frische Wasser, das sie in Fässern mit sich führten, war sehr willkommen. In einem zerstampften Garten grub man einen langen Graben für die Toten, Freund und Feind. Françoise sah unterm Arbeiten aus dem scheibenlosen Fenster herunter auf die Leute, die in ihren blutigen, schmutzbedeckten Uniformen furchterregend schienen, sah, wie sie mit abgezogenen Mützen herantraten und Holzkreuze und Blumensträuße auf die Gräber niederlegten. Sie sah dann freilich auch, wie sie sich bückten und aus demselben Boden nahe dem frischen Leichengraben sich Kartoffeln aus der Erde holten, mit denen sie sich die Taschen füllten zum Mittagessen. Die vier Elsässer arbeiteten bis gegen Mittag mit den deutschen Ärzten. Die Schwerverwundeten wurden in die Kirche geschafft, die anderen verschwanden auf den allmählich angelangten Krankenwagen. Françoise, die sich vor dem Anblick der Verwundeten gefürchtet hatte, war nun fast erschrocken über ihre eigene Kaltblütigkeit und Ruhe. Sie fühlte sich selber nicht, war ganz Auge und Hand. Selbst das Mitleid kam zu kurz dabei. Ein einziges Mal wurde sie krank vor Entsetzen, und das war seltsamerweise beim plötzlichen Anblick eines verendeten Pferdes, dessen Körper so unförmig aufgeschwollen war, daß seine vier Beine nur wie spannenlange Stöckchen darin staken. Endlich saßen sie wieder in ihrem Wagen, müde und wortlos. Pierre wies auf die Soldaten, die zum Bach hinabstiegen, um Wasser für ihre Pferde zu schöpfen, rauchend und scherzend. Nirgends eine Spur an ihnen von den fürchterlichen Eindrücken, Anstrengungen und Entbehrungen des heutigen Tages. Feuer waren angezündet auf den Wiesen, an denen bereits die Suppe kochte. Hier und da ruhige Gruppen, Soldaten, die ihre Röcke ausbesserten und Knöpfe daran nähten. »Es muß Wasser anstatt Blut in ihren Adern fließen.« Die beiden Gehilfen stimmten heftig bei. »Ein Zeichen, daß sie keine Begeisterung haben, ces animaux .« Françoise schwieg. Endlich, wider ihren Willen brach sie in die Worte aus: »O ich finde sie stark, diese bürgerliche Ordnung, sogleich nach der mörderischen Zügellosigkeit der Schlacht. Sehen Sie, die Pferde selbst scheinen die Ordnung zu achten. Sie liegen, obgleich in Freiheit, in den richtigen Entfernungen voneinander ruhig da und haben Vertrauen, ganz wie ihre Herren.« Der eine der Gehilfen stieß eine Verwünschung aus: »Warum loben Sie unsere Feinde, Madame Füeßli?« »Um uns zu trösten,« sagte Pierre rasch. »Man muß seinen Gegner erhöhen, um sich nicht erniedrigt zu fühlen, wenn man einmal von ihm besiegt wird.« Françoise sah ihn ernsthaft an: Sagte er das um ihretwillen? Wußte er? Aus irgendeinem Grunde verhärtete sie sich gegen ihn. Ein Stoß, der den ganzen Wagen erschütterte, machte allem Gespräch ein Ende. Die Männer mußten aussteigen, das Hindernis – einen umgefallenen Baum – wegzuschieben. Dann war man wieder im Geleise. Françoise hatte inzwischen für Nahrung gesorgt. Rotwein, Huhn und Biskuit. Einmal blickte Pierre, während er sein Glas an den Mund setzte, flüchtig zu Françoise hinüber. »À votre santé, ma femme.« Sie senkte die Augen. Jetzt gelangte man an eine von den Deutschen ausgebesserte Bahnstrecke, die schon wieder betriebsfähig war. Nach vielen und lange dauernden Verhandlungen bekam Pierre die Erlaubnis, seinen Samariterwagen in den Zug einzustellen. Auf dem Bahnhof des nächsten Stadtchens war ein wüstes Gewirr. Landleute mit Frau und Kindern und Gepäckstücken, die – sie wußten selber nicht wohin wollten. Deutsche Soldaten, verwundete Nachzügler, einige Offiziere in Regenmantel, mit umgehängter Feldflasche, Menschen aller Art, die einen am Boden ausgestreckt, die andern auf ihren Gepäckstücken liegend oder sitzend, etliche trotz des Lärms friedlich schlafend. Männer in blauen Uniformen mit Pickelhauben gingen umher und ordneten durch ein paar Handbewegungen sehr schnell das Chaos. Eine Gasse wurde freigemacht. Marschgeräusch wurde laut, sonderbar ungleichmäßig. Zwischen den gewichtigen taktsicheren Schritten der Prussiens ein Schlürfen, Zögern und Schleifen. Zuerst sieht man nur die Deutschen, Dragoner und Husaren mit gespannten Karabinern, dann in der Mitte eine arme Herde, nachlässig, niedergeschlagen. Gefangene Franzosen. Françoise schrie laut auf. Pierre nahm ihre zitternde Hand in die seine. Auch er sah finster aus. Die Menge murrte. Man sah alte Soldaten mit weißen Schnauzbärten, bemüht, sich würdig zu halten. Zwischen ihnen die glattwangigen Neuinskribierten, denen die bitteren Tränen übers Gesicht liefen. Eine alte Frau, die weiße Lothringer Haube hoch über dem Gesicht, stieß Françoise vertraulich an und sprach in ihrer Mundart aufgeregt in sie hinein. Andere redeten hinzu. Françoise verstand, daß man im Volk verbreitet hatte, diese Leute da seien gar nicht etwa gefangene Franzosen, es seien das alles verwundete und kranke Preußen, denen man französische Uniformen angezogen habe, um dadurch der grande nation den Glauben beizubringen, Preußen habe so viele Gefangene gemacht... Man hatte im Städtchen übernachten wollen und sich ausruhen, aber alles war überfüllt, kein freies Plätzchen zu bekommen. So richtete man sich wieder im Wagen ein. Es folgten Tage rastloser Arbeit. Überall gab es zu helfen, fürchterliche Leiden zu lindern. Not und Blut, wohin man kam. Unausgesetztes Pflichtbewußtsein, Anstrengung, Schlaflosigkeit, fast Stumpfheit. Jedes Eigengefühl ging darin unter. Pierre und Françoise arbeiteten zusammen wie zwei Brüder. Manchmal trafen sich ihre blutbeschmutzten Hände zu kurzem Freundesgruß. Wie Phantasien glitten Bilder und Szenen an ihnen vorüber, eine die andere verlöschend. Einmal wurde ihnen ein blutjunger, schwerverwundeter deutscher Offizier von seinen Leuten, mit denen er Patrouille geritten war, zugetragen. Franctireurs, die in den Büschen herumlungerten, hatten auf ihn geschossen. Die Kugel hatte ihm den Leib zerrissen. »Verflucht, ich muß dran glauben,« sagte er mit zusammengebissenen Zähnen zu Pierre und Françoise, die sich über ihn beugten. Mitten im Stöhnen dann wieder ganz kindlich. »Nun sterbe ich also. Und ich habe noch nicht einmal für einen Pfennig Schulden gemacht! Schade!« Kurz darauf brachen seine kindergroßen Augen. Es war, als seufzte noch dieses: »Schade!« aus seinem halbgeöffneten Munde. Ein andermal, in einem zerschossenen und halbverbrannten Dorfe, fanden sie einen bewußtlosen Soldaten im unversehrten Schilderhause vor einem Trümmerhaufen. Er zeigte keine Verwundung. Als er wieder zu sich kam, merkte man, daß er am Verhungern stand. Gespeist und gedrängt zu berichten, sagte er: »Ich stand Ehrenwache vor dem Hause unseres Generals. Es ist abgebrannt. Man hat vergessen, mich abzulösen.« Einmal beim Bettenrequirieren gerieten sie in große Gefahr. In einem Häusergrüppchen am Wege, das sie absuchten, verbargen sich französische Soldaten in Frauenkleidern, andere lagen unter den Betten und schossen auf sie, sobald sie das Zimmer betraten. Françoise erhielt einen Streifschuß am Ohr. Mit der Binde um den Kopf sah sie aus wie ein junger Krieger. Seit diesem Ereignis sorgte Pierre für Begleitung deutscher Soldaten als Bewachung. Das brachte eine sonderbare Begegnung für Françoise, die sie tief erregte. Zum Wagen hinausblickend, sah sie ein bekanntes Gesicht: der pommersche Offizier, der am Grabe der Mutter aus der Bibel gelesen hatte. Das beschwor fürchterliche Erinnerungen aus ihr herauf! »Wahrlich, ich sage euch, es ist niemand, der sein Haus verlasset oder Eltern oder Brüder oder Weib oder Kinder um des Reiches Gottes willen, der es nicht vielfältig wiederempfahe in dieser Zeit, und in der zukünftigen Welt das ewige Leben.« Wie in etwas Grauenhaftes hinein starrte sie in das braune, einfache Gesicht des jungen Soldaten. Und sie, die ekle Wunden ohne Zaudern berührt, Tod und furchtbarste Verwüstung gesehen hatte, sie fiel plötzlich in eine tiefe, schwere Ohnmacht, aus der sie lange nicht zu wecken war. – – Am selben Tage noch brachte Pierre sie in das Kloster Sainte Anne, zwischen Nancy und Toul. Dort wollte er sie später zur Heimreise abholen.   In den blühenden Höfen des Klosters Sainte Anne, das unweit Toul in einem hohen Park mit uralten dunklen Bäumen und blinkenden Fischteichen lag, huschten und zeterten die Nonnen ratlos umher. Wie ein Schwarm großer schwarzweißer Vögel ließen sie sich dann zwischen ihren Oleanderkübeln und grell beblumten Granatbüschen nieder, flatterten Obstbaumgänge und Traubenlauben entlang, mechanisch-genäschig dabei das Abfallobst auflesend und benagend oder die noch an den Zweigen hängenden unreifen Früchte befühlend. Ab und zu wischten sie sich in der Schwüle dieses bangen Septembermorgens den Schweiß von den verängsteten Gesichtern und horchten, die Hand am Ohr, nach Toul hinaus. Seit dem 19. August war die Stadt von den Preußen eingeschlossen. Seitdem hatte man immer wieder den nahen Kanonendonner der Beschießung gehört, mehr als einen Monat schon. Heute hat es ohne Aufhören gedröhnt dadrüben. Lauter und heftiger als je. Gleich nach der Neun-Uhr-Messe hatte es begonnen und in gleicher Stärke angedauert bis zur Vesperandacht eben jetzt. Man hatte wohl hinausgehorcht, hatte vielleicht auch ein Gebet mehr zum Himmel hinaufgeschickt für die armen Belagerten dadrüben, sonst aber war man im Hause, Garten und in den Wirtschaftsgebäuden seinen Geschäften nachgegangen, hatte gejätet, gestickt, gebraten, gebacken und neben dem Knecht am Ziehbrunnen gestanden und geschwatzt, wahrend man die Krüge füllte. Dann aber – halb sechs Uhr – war es geschehen! Etwas Unerwartetes, Furchterregendes, das keinen Namen hatte. Jede fühlte es sogleich, wo immer sie sich befand, und woran immer sie hantierte, hielt mit weitaufgerissenen erschreckten Augen inne, lief dann zu einer Schwester, die wieder zu andern Schwestern lief, bis man beisammen stand. Man sprach nicht, man stand nur und lauschte auf diese plötzliche, unheimliche Stille, die wie ein Ruf wirkte. Und dann wandten sich alle Augen zu dem gelben, langgestreckten Hause zurück, aus dem die Frau Mutter zu ihnen treten sollte. Endlich kam sie, eine blasse, kränkliche, schon bejahrte Gestalt, zart in ihrer weiten, groben Kutte, in der sie steckte wie in einer bereits abgestreiften Hülse. Schon von weitem hob sie die Arme. Alle drängten hinzu. Und da erfuhren sie's dann: Toul hatte sich ergeben. Diese schrecklichen Prussiens drangen vor, immer weiter vor. In Nancy saßen sie ja schon fest. Seit Wochen. Auch bis nach Sainte Anne würden sie kommen. Hierher ins Kloster. Die kleine Dame hatte mit schwacher, aber pathetischer Stimme gesprochen. Eine Art Gemeinschaftsschrei antwortete ihrer Rede. »Nach Sainte Anne?« Die Oberin nickte. Ja, sie würden kommen, mit ihren groben, kotigen Stiefeln würden sie durch diese blühenden, fruchtbeschenkten Laubgänge stampfen. Alles nehmen, was ihnen gefällt, alles zerstören, was sich ihnen widersetzt. Sie würden in die Kirche dringen, in die Klostersäle und in die Zellen. Ja, in die Zellen. Wußte man denn nicht, wie die Soldaten es machten, wie es Bazaines Kürassiere gemacht hatten im Marienkloster bei Reims? Die Kapellen waren geleert gewesen nach ihrem Abzüge und die Leiber der Nonnen gefüllt, o ja! Es lag eine gewisse Befriedigung in der Art, mit der sie die derbe Klostersprache benutzte. So als wolle sie damit, ebenso wie mit der groben Kutte, ihre eigene Zartheit bedecken. Den Nonnengesichtern ringsum stieg eine Welle neugierigen Abscheus in die wohlgenährten, doch entbehrungsbleichen Wangen. Die Frau Mutter hob wieder die Arme. »Die heiligen Bilder! Wir müssen die Bilder vor ihnen retten.« Es kam Bewegung in den Knäuel. Man lief in die Kirche, in die Kapellen, in das Refektorium, Vor allem rettete man die Schutzheilige Sainte Anne, die in mehreren gemalten und gehauenen Exemplaren in Altarnischen stand, an Pfeilern hing. Und dann »Madame«, die Madonna. Man hob sie von ihrem Piedestal im Klosterhofe, der starke, löwenmähnige Knecht mußte helfen. Man schleppte sie zum Keller hinab und versuchte sogar die Grabplatten der toten Äbtissinnen zu heben, um ihnen in ihren gemalten Heiligen Gesellschaft zu geben. Auf den Treppen und in den langen Korridoren hallte das Schleppen und Schlürfen sonderbar wider. Françoise kam erstaunt aus ihrer Zelle in den Flur hinaus, als gerade Soeur Marie, eine Küchenschwester mit flacher Brust und entzündeten Augen, Sankt Christophorus – seine Füße nach oben – auf ihrem Rücken, die Treppe hinabging. Der gute Alte, selbst gewöhnt ein Tragender zu sein, schien stark verdrossen über diese Gewalttat und sah grimm von unten herauf nach dem gestärkten Schleier der Nonne, der ihn an den Knien kitzelte. Françoise trat völlig hinaus. »Was gibt es denn?« fragte sie, »warum räumt man aus?« Ein Dutzend Stimmen antwortete ihr. Die Oberin, die zierlich, mit gespanntem Gesichtchen am Geländer stand und zuschaute, trat jetzt naher. »Ah, Madame. Sie werden uns helfen in diesem Unglück. Madame ist Elsässerin. Sie verstehen Deutsch zu sprechen, nicht wahr? Sie werden diese Horden in ihrer eigenen Sprache anflehen, uns zu verschonen.« In Françoises Zelle eingetreten, redete sie eifrig auf sie ein. Das Kloster werde gutwillig ausliefern, was an Vortäten vorhanden sei. Sie würde sich mit den Nonnen in den Keller begeben. Françoise möge unterhandeln. Françoise stand vor ihr im Türrahmen. Ihre schlank gewordene Gestalt mit dem wanderhaft aufgeschürzten Rock, der Goldschein ihrer kurzen gelockten Haare um das junge Gesicht herum gaben ihr ein wenig das jünglingshafte Aussehen einer Jeanne d'Arc. Wie sie jetzt anfing zu trösten, mutig und sicher, und der Frau Mutter erklärte, die Deutschen seien nicht roh und grausam, schien ihre Art auf die verängstigte Frau durchaus überzeugend zu wirken. Sie entfernte sich gefaßter. Allmählich wurde es ruhiger im Hause. – Françoise war nicht ruhig. Sie blickte hinab auf die Straße, die sich, bald nackt, bald mit Gebüsch bekleidet und bald im Walde nur erratbar, von Toul nach Frouard zog und von dort nach Nancy. Nun war also auch Toul deutsches Revier wie Nancy! Auf dieser Straße würden vielleicht bald deutsche Truppen einherziehen, deutsche Sanitätswagen vielleicht, vielleicht Heinrich Hummel. Sie preßte beide Hände vor die Ohren, als wolle sie sich schützen vor den Vorwürfen, die sie umschwirrten. Der Brief, den sie in Thurwiller an Heinrich schrieb, war hierher ins Kloster an Françoise zurückgekommen. Sie hatte noch immer nicht den Mut gefunden, einen neuen zu schreiben. Sie vermochte es nicht. Die Kühnheit der ersten Tage war schwerer Dumpfheit gewichen. Von Tag zu Tag schob sie ihr Bekenntnis auf. Immer wieder ließ sie sich hineingleiten in den Klosterfrieden. Sie hatte sich hineingewühlt in diesen Frieden, wie man sich nach langem Wachen in sein Kissen wühlt. Aber zu viel Blut und Lärm war noch in ihren Sinnen, als daß sie traumlos hätte darin verdämmern können. In den Klostergängen, im geheimnisvollen Helldunkel der Kirche, den Blick auf das Kruzifix gerichtet, den Weihrauch und die Lieder der vor Gott hingeworfenen frommen Schar einatmend, verharrte sie oft lange wie betäubt, ohne sich hingeben und mitfließen lassen zu können. Kritisch betrachtete sie oft die Nonnen, die, in der niederen Kapelle kniend, die Augen von Entbehrungen trübe, mit Inbrunst den Blick auf jenen nackten Männerkörper hefteten, den sie Christus nannten, und dessen Anblick sie mit Schauern unverstandener Wollust füllte. Dann wieder tat ihr die sanfte Stimme des Geistlichen wohl, der Chorgesang, die grobe, gesunde Beschränktheit der älteren Nonnen, ihre derbe Art zu scherzen. Und wie sie jetzt hier an ihrem tief in die Wand hineingeschnittenen Fensterchen stand, ergriff sie eine feige Angst, das Leben könne wieder nach ihr langen und sie fordern. In dieser Angst ging selbst der Wunsch eines Wiedersehens mit Heinrich unter. Sie hatte ein paar Karten von ihm erhalten, in denen er sich über ihr Stillschweigen beklagte und ihr voll Stolz und Siegerfreude schrieb. Die las sie immer wieder. Und las sich daraus geflissentlich den Trost, sie werde ihn nicht unglücklich machen durch die Trennung. Vielmehr sei das Zusammenleben zwischen zwei Menschen mit so ganz verschiedener Vaterlandsempfindung erst das eigentliche Unglück geworden. Das alles half ihr, ihn aus sich hinauszuschieben, sich einzubilden, sie vergesse ihn. Wenn sie jetzt an eine mündliche Aussprache mit Heinrich dachte, erstarrte sie vor Furcht und dann wieder vor Verlangen. Oft schien ihr das als etwas, das nicht mehr sein dürfe, als ein frivoles Halbsein, das sie schände. Sie hatte sich von Pierre »die Mauer« erbeten, sie durfte nicht klagen, wenn die sich nun undurchdringlich zeigte, auch für sie selber. Und sie beklagte sich auch nicht. Sie empfand keine Reue. Der Schritt, den sie getan hatte, in einem Instinkt der Verzweiflung, hatte ihr die Ruhe gebracht. Eine wunde, scheue Ruhe freilich. Denn noch immer lag die Liebe zu Heinrich schwer und tief in ihrem Herzen und versperrte den Platz für jeden andern. Aber sie lag da wie ein Sarg in stiller Totenkammer, den man mit allen seinen Blumen schmückt. Auch die Ihrigen waren ihr innerlich fremder geworden. Jeder Brief, den sie von ihnen bekam, sprach wie aus weit entfernten Vergangenheiten. So hatte Virginie ihr aus Gérardmer geschrieben: Hortense hatte ihr Kind geboren, aber es war nicht der Sohn, auf den sie gehofft hatte, sondern ein Mädchen, das wenige Tage nach der Geburt starb. Hortense sei verzweifelt, und auch an Armand hatte sie eine Enttäuschung erlebt. Statt weiter zu kämpfen, war er nach Gérardmer gekommen und verblieb dort müßig. Hortense verachtete ihn deshalb. Martin Balde war rasch aus seiner Gefangenschaft entlassen und hatte sich wieder nach Thurwiller begeben. Er lebte dort im alten Hause. Vorerst als Zuschauer der Begebenheiten. Seine Verpflegung hatte wieder das Salmele übernommen, das bei Hortense durch eine französische Bonne ersetzt wurde. Eine Nachschrift von Hortense war noch da, ein paar Worte nur. »Wenn Du einen Sohn bekommst, gib ihn mir. Ich werde ihn hier in Frankreich für uns erziehen.« Françoise stieg das Blut ins Gesicht. Sie lehnte sich an die Fensterscheibe, ihre Wange zu kühlen. In diesem Augenblick sieht sie weithin draußen vor sich auf der großen Straße irgendeine Veränderung. Sie weiß noch nicht recht, was es ist, aber der Boden des Gehölzes wird dunkler, jetzt blitzen leuchtende Punkte auf, Säbel, Helme, jetzt erreicht es die Straße, jetzt zeigt es sich: deutsche Soldaten, die Verwundete herbeibringen. Sie kommen gerade auf das Kloster zu. Da rafft sie sich zusammen und geht ihnen entgegen.   Das Kloster von Sainte Anne hatte ein verändertes Gesicht bekommen. Männer waren da eingezogen, verwundete zwar, denn nur solche erlaubte die Klosterregel, aber eben doch Männer. Bald genug waren Oberin und Nonnen aus ihrem Klosterversteck herausgekommen, halb dem Befehl gehorchend, halb ihrem eigenen Pflichtgefühl, das sie zu den Hilfsbedürftigen rief. Nun gingen unwillkürlich alle Schwestern bedeutsamer umher, und die zarte Frau Mutter hatte zwischen den groben Falten ihrer Kutte etwas Entschlossenes, fast Burschikoses bekommen, das ihr entzückend stand, wie Françoise ihr scherzend sagte. Die selber bewegte sich unablässig in den Krankensälen. Man hatte ihr ohne viel Worte die Führung überlassen. »Madame est d'un courage hardi et sûr.« Das Refektorium war voll Betten gestellt worden, ebenso Nähsaal und Sprechstube. Es lagen da Franzosen und Deutsche. Und die Schwestern gingen lautlos zwischen ihnen hindurch, mit weichen Bewegungen und wehenden Gewändern, und linderten. Zuerst freilich hatten sie sich jämmerlich gefürchtet vor den Eindringlingen. Und als die ersten hereingetragen wurden, pulvergeschwärzt, die Uniformen blutsteif, die Gesichter gelb und schmerzverzerrt, da hatte es der ganzen Strenge der Oberin bedurft, sie zum Dienste heranzuziehen. Nun aber ging alles in Frieden, und die Gesichter der Gefolterten glätteten sich, dankbar für diese Insel der Reinheit und der Harmonie inmitten des fürchterlichen Wütens und der Leiden des Kriegs. Der Klosterarzt war ein freundlicher alter Franzose mit wenig Kenntnissen, gewöhnt an die gleichmäßig wiederkehrenden Leiden der Nonnen, in der Chirurgie zurückgeblieben. So ließ man Ärzte aus Nancy kommen. Wer gerade Zeit hatte. Von jetzt ab aber erwartete man den deutschen Stabsarzt, der dem dortigen Schloßlazarett vorstand. Françoise fragte nach seinem Namen. Man wußte ihn nicht. Nun lebte sie fieberhaft auf seine Ankunft hin. Als er dann wirklich kam, ein überbeschäftigter, abgemagerter Herr, an dem die Uniform herumhing, und der vor Nervosität zuckte, bekam sie mitten bei einer Operation, der sie beistand, einen neuen Ohnmachtsanfall. Seitdem verachtete der Arzt sie. Mit Aufbietung aller ihrer Kräfte fragte sie ihn einmal nach Hummel. Wirklich war er lange Zeit in Nancy gewesen und würde wahrscheinlich dorthin zurückkehren. Eben jetzt sei er mit einem Krankentransport tiefer ins Land hinein. Er wußte nicht wohin oder sagte es doch nicht. Danach wurde Françoise ruhiger. Der Gedanke, Heinrich sei in der Nähe, hatte sie in den letzten Tagen tief zerstört. Mit neuer Kraft widmete sie sich dem Pflegen. Der Krankensaal war überfüllt. Neben den großen kräftigen Deutschen sahen die zierlichen Franzosen aus wie die Miniaturen in den Brevieren der Klosterbibliothek. Nicht ganz so heilig freilich. Wenn man sie einbrachte, gefangen, enttäuscht, schienen sie von allem Mutwillen verlassen. Wenn man sie dann aber gewaschen und gebettet hatte und gepflegt, kamen sie wieder zu sich selbst, fingen an Witze zu machen, zu fluchen und zu trällern und schauten den Nönnchen mit lachenden Augen unter die Haube, daß sie sich abwenden mußten, um nicht zu lächeln. In der Küche holten sie es dann nach. Dort war der Hauptversammlungsort der Nonnen. Den ganzen Tag wurden Umschläge gekocht, Mahlzeiten bereitet und dazwischen ausgiebig geplaudert. Man unterhielt sich über die Deutschen. Diese großen, starken Kerle, über die man lachen mußte, weil sie ja gar keine Unholde und Menschenfresser waren, wie man immer gesagt hatte, sondern gutmütig wie Kinder. Einige unter ihnen waren sogar Katholiken. Die bevorzugte man ein wenig. Man schenkte ihnen Heiligenbildchen und Gebetbücher, und alle wollten immer Briefe schreiben. Immer Briefe. Sowie sich einer nur regen konnte, nahm er Papier und Bleistift und malte seine abenteuerlichen langen Buchstaben, manchmal mit der linken Hand. Konnte er nicht selbst schreiben, so diktierte er einem Kameraden. Und dann zogen sie Photographien aus den Brieftaschen. Häßliche Frauen mit ungeschickter Taille und dicken Bäuchen in lächerlichen Kleidern. Auf die starrten sie, redeten sie mit Namen an und lächelten. Und dann lesen sie. Alles was sie in die Hand bekommen. Viele von ihnen verstehen Französisch, die lesen auch die Zeitung, die zweimal die Woche ins Kloster kommt: »Le Phare«. Dann aber werden sie böse. Madame Füeßli, die Elsässerin, mußte den Nonnen übersetzen, was diese Männer dann so zornig hervorschrien. »Verdammte Lügen,« riefen sie. »Wir sollen Kinder morden, Frauen schänden? Wagen voll Pendulen mitschleppen? Wer kann solchen Unsinn glauben! Wenn jemand uns das von den Franzosen erzählen wollte, würden wir nur lachen!« Und wie sie dann aussahen. Die erschreckend hellen Augen blitzten, die groben Riesenfäuste ballten sich. Aber essen konnten sie. Nicht satt zu kriegen. Die Küchenschwester mit den entzündeten Augen und der flachen Brust rührte unwirsch in ihren Tiegeln. »Sie fressen wie der Mutter Ochsen zu Haus. Erst aber kommen meine Franzosen. Die preußischen Schweine können warten.« Aber sie war die einzige, die diesen Unterschied machte. Und auch sie nur in Worten. Emsig bereitete sie ihre kühlenden Getränke, Gemüse, Eierspeisen und dicken Suppen, gleich gut für Freund und Feind. Und dann kam einer, der ihr Liebling wurde: ein hübscher, blonder Franzose aus dem Elsaß, der lachen konnte so herzlich wie kein anderer, und der mit der elsässischen Madame dieses komische Kauderwelsch redete, das man nicht verstehen konnte. Er war so hübsch, so liebenswürdig. Er bekam die kostbarsten Konfitüren, in sein Omelett mischte sie am sorgfältigsten den Eiweißschnee. Françoise aber wurde seit seiner Ankunft von ihr gehaßt. Der hübsche kranke Franzose sah sie immer mit so verzückten Augen an. Dieser hübsche kranke Franzose war Jules Bourdon. Françoise hatte ihn gleich am ersten Tage entdeckt in seiner Bettreihe, wo er fiebernd, frierend vor Schmerz in einem fort rief: »I bin kapütt, i bin kapütt.« Sie trat zu ihm heran, ohne ihn zu erkennen, der mit geschorenem Kopfe dalag, eine Binde um die Stirn. Und auf einmal lachte er über das ganze, heiße, zuckende Gesicht. »Ah, la voilà.« Er schien sich nicht zu wundern, sie zu sehen. Er griff unruhig nach ihr. Françoise reichte ihm zwei stille, beruhigende Hände. Sie vermochte nicht zu sprechen, so hatte das Wiedersehen mit einem aus ihrer Stadt sie erschüttert. Als müsse plötzlich ihr Vater hereintreten, ihre Mutter, Heinrich. In diesem Augenblicke kam der Klosterarzt vorbei mit der Oberin. Sein fein gefaltetes Greisengesicht mit dem ewig ermunternden Lächeln wurde ernst, als er vor Jules' Bett trat. »Was ist mit dem Kind?« fragte die Oberin, die ihn begleitete. »Es ist im Himmel, Frau Mutter,« erwiderte der arme Bursche fromm, doch ein wenig schalkhaft auf Françoise blickend. »Habt Ihr Weh?« fragte Françoise, als der Arzt gegangen war und sie den Kranken weinen sah. Er schüttelte den Kopf, suchte ihre Hand zu erhaschen und zu küssen. Die Frau Mutter sah streng drein. Da faßte Jules, der Unverbesserliche, auch nach ihrer Hand, die sie lächelnd zurückzog. »Was wird aus der Klosterregel, meine Kinder?« sagte sie mahnend. Um Jules' Lager herum war es immer wie Festtag. Mit allen scherzte er trotz seiner Schmerzen, und alle scherzten mit ihm. Nur mit Françoise war er still, wie anbetend. Sie hatte ihm von des Vaters Wegführung erzählt, von Hortenses Übersiedlung. Füeßli erwähnte sie nicht. Jules glaubte, sie sei einfach als Pflegeschwester hierher gekommen. Daß sie ihn hob und wusch, wollte er nicht leiden. Zuletzt, da er immer kränker wurde, gewöhnte er sich daran, und sein » merci vielmol« klang tief ergeben. Er äußerte oft, die sanfte Ruhe der Schwestern ringsum mache ihn kränker. Abends quälte er dann so lange, bis die Nonnen vor ihm sangen. Wollten sie es nicht, so stöhnte er herzbrechend, bis sie ihm den Willen taten. Selbst die Küchenschwester, die einen brüchigen Männeralt hatte, sang aus dem Hintergrund verstohlen mit: »Virgo rspice, matger aspice, audi nos, o Maria! Tu medicinam portas divinam. Ora, ora pro nobis »Tua gaudia et suspiria juvent nos. In te speramus, ad te clamamus, Ora, ora pro nobis.« Und eines Abends wußte man, daß der lustige Elsässer sterben würde. Die Wunde war zu lange vernachlässigt gewesen. Der Stabsarzt hatte noch einige Knochensplitter und Tuchfetzen entfernen können, aber die Eiterung hörte nicht auf. Jules, als er nach der Operation erwachte, scherzte. »I han gar net denkt, daß so arg viel in mir drin steckt. A véritabel Schatzkäschtel bin i.« Abends dann verlangte er wieder, die Schwestern sollten ihm singen und dazu tanzen, »wie die jungen Maidele tanzen auf den Matten daheim«. »Tanzen!« Sie stoben entsetzt zusammen und auseinander. Er bestand darauf. Françoise nickte der Oberin zu. »Er wird sterben noch heute nacht.« Da stand sie auf, ließ ihre Nönnchen sich bei den Händen fassen und ordnete den Zug. Die Jüngste, ein rundes, frommäugiges Gesicht, sang leise dazu. Die andern stimmten ein. Sie gingen im Kreise. Weiche, fließende Wellen zogen sich ineinander, die Haubenschnäbel stießen zusammen. Der Kranke lachte. Plötzlich seufzte er tief. Erschreckt hielten die Nönnchen inne. Jules Bourdon griff in die Luft hinein nach Françoises Hand, dann streckte er sich aus, war tot. Alle knieten nieder. Einige weinten. Die Oberin aber stand zart, fast fremd am Bettende. Sie hob die schmale Hand. »Wen Gott uns sendet, der ist uns willkommen,« sagte sie, »wen er fortruft, so oder so, dem folgen unsere Gebete.« Und sie griff zum Rosenkranz. Françoise blickte ihr mit neidvollen Augen nach, wie sie in der Kirche verschwand.   Der arme Jules war begraben worden. Im Erlenwäldchen, unweit des Nonnenkirchhofes, hatte man ihm ein Kruzifix auf seinen Hügel gesteckt. Françoise hatte ihm Blumen aufs Grab gepflanzt. Sie schrieb seinen Eltern, warm und töchterlich. Sie legte all ihr Heimatherz hinein in diesen Brief und ließ es bluten. Wenige Tage darauf wurde sie ans Tor gerufen. Pierre war da. Er kam zu Fuß, hatte einen Wagen mit Verwundeten im nächsten Dorf gelassen und wollte nun seine Frau mitnehmen. »Heim pour Mulhouse .« Das Betreten des Klosters war ihm nicht erlaubt. Sie erschrak. Pierre erwartete sie unter einer der uralten, dunklen Ulmen, die Kloster und Landstraße voneinander trennten. Eine Bank war da. Auf der setzten sie sich beide nieder, die Gesichter zueinander gewendet, ihre Hand in den beiden seinen. Aber es war lauter Fremdes zwischen ihnen. Pierre erzählte, und Françoise erzählte, ohne daß einer dem anderen recht zugehört hätte. In Pierres treubraunen Augen ging dabei beständig ein Fragen und Bitten zu den jetzt ganz undurchsichtigen schwarzen hinüber, die sich oft wie behutsam schlossen. Dann lagen die Lider seltsam bleich im gebräunten Gesicht. »Sind Sie müde, warum sehen Sie mich nicht an?« fragte Pierre, der das nicht ertrug. Sie lächelte zerstreut. »Ich habe eine Überraschung für Sie im Dorfe,« sagte Pierre endlich. »Einen Verwundeten.« Françoise wurde weiß. Sie zitterte. »Schwer verwundet? Wer ist es?« fragte sie dann fast schreiend. Das Brausen ihres Blutes war so heftig, daß sie kaum den Namen hörte. Nachträglich verstand sie dennoch: »Victor Hugo.« Wirr und haltlos fing sie an zu weinen, und dann hatte sie tausend Fragen. Wo kam der Bub her? War er heimlich in die Armee eingetreten? Hatten die Preußen ihn gefangen? Ihre Worte überstürzten sich. Füeßli gab ruhige, aber knappe Antworten. Man habe aus dem Etappenlazarett unweit Toul nach ihm geschickt und angefragt, ob er wohl einen verwundeten jungen Elsässer, ein halbes Kind noch, nach dessen Vaterstadt Thurwiller mitnehmen könne. Dieser junge Elsässer sei Victor Hugo gewesen. Françoise horchte aufgeregt. Zuletzt fragte sie ganz leise noch eins: »Weiß er, daß ich – daß wir zwei – Haben Sie ihm gesagt, daß ich Madame Füeßli geworden bin?« Pierre verneinte. »Das habe ich nicht. Der arme Bursche hatte genug mit sich selbst zu tun. Man hat ihm das Bein abnehmen müssen,« fügte er hinzu. Er sah dabei besorgt zu ihr hinüber, wie sie die Nachricht treffe. Die junge Frau legte schmerzvoll die Hände ineinander. »Victor Hugo ein Krüppel!« Aber sie fühlte mit Scham, daß dieser Ausruf nicht viel mehr war bei ihr als eine Gebärde, und daß der Schreck von vorhin, als sie auf Heinrichs Namen wartete, immer noch in ihr nachbebte. Füeßli stand auf. In seiner Bewegung lag schwer beherrschte Ungeduld. »Nun, er kann von Glück sagen, daß er nicht füsiliert wurde. Es war nahe daran.« »Warum? Wofür?« Aber Pierre wollte nichts weiter sagen. Der junge Schlotterbach solle selber beichten. Es werde ihm gut tun. Denn viel schlimmer als seine Wunde sei sein Seelenzustand. »Wenn ich nicht aufgepaßt hätte, er wäre mir unterwegs unter die Räder gesprungen.« Er schwieg und sah sie an. Dann blickte er ein paarmal nach der Uhr. »Wie lange brauchst du, dich zu bereiten?« Françoise richtete sich auf vor diesem »Du«. Zum erstenmal ließ Pierre sie fühlen, daß sie sein Eigentum war. In diesem Augenblick tiefster Aufgewühltheit hatte das eine verhängnisvolle Wirkung auf die junge Frau. Alles Zurückgedrängte wurde stark und bäumte sich auf gegen ihn. Sie wollte jetzt nicht fort von hier, wollte nicht weg aus der Nähe von Nancy. Ein Böses, Neues schoß in ihr auf, die Kraft sich zu verstellen. Alle Mächte weiblicher List wurden in ihr wach. »Wäre es nicht am besten,« sagte sie, mit einer Stimme, deren Ehrlichkeit ihrem früheren Selbst abgeborgt war, »ja, wäre es nicht am besten, mein Freund, wenn Victor Hugo hier ins Kloster geschafft und da von uns gesund gepflegt würde?« »Von uns? Ah, Sie meinen die Nonnen.« »Und von mir,« sagte sie erbarmungslos. Er blickte auf. »Sie möchten also noch bleiben?« Aber sie, sogleich Meisterin in ihrer kaum erst geborenen Kunst, fuhr fort: »Aufrichtig gesagt, ja. Einige Zeit noch wenigstens. Es sind gerade jetzt ein paar Schwerkranke wieder eingebracht. Jedes Paar Hände ist nötig. Wenn Sie's natürlich wünschen, werde ich – – Aber ich dachte, es sei noch nicht so eilig mit der Heimreise.« Sie sah zu Boden, ihre Lider zitterten vor Erwartung. Dann hörte sie des armen Pierre gewaltsam brüderlich gedämpfte Stimme. »Sie haben recht, Françoise. Man muß sich gedulden; in dieser Zeit gehören wir dem Vaterlande, nicht uns selbst. Sie beschämen mich.« Françoise war glühend rot geworden. In ihrer Verwirrung und Dankbarkeit legte sie, da im tiefen Schatten geschützt vor den Blicken der Vorübergehenden, ihre schmal gewordenen Arme um Pierres Hals. Auf Pierres Aufforderung gingen sie dann ein paar Schritte weiter nach dem Wirtshäuschen, für Pilger errichtet, das mit silbrig glänzendem, durch die Sonne verbogenem Schindeldache hart am Wege lag. Man ließ sich auf dem Holztisch vor der Tür im Hausschatten ein Frühstück auftragen, bei dem man schweigsam aß, im Anscheine einer Behaglichkeit, die man nicht empfand. Pierre litt. Seine Hände, dick geädert, zuckten. Françoise neben ihm fühlte sich verächtlich, zweizüngig, falsch, verlogen. Angstvoll spähte sie umher nach Entschuldigungen. Unruhig blickte sie auf den bröckelnden Kalkbewurf des Hauses, auf die geschnitzten, altersschwachen Holzbalken, die die gebrechlichen Holzwände zusammenzuhalten schienen. Es war fast Abend geworden, als sie nach dem Dörfchen aufbrachen. Gewitterahnung lag in der Luft. Sie gingen schnell. Françoise war es, da sie so dahineilte, als erwarte sie da irgendwo ein eingreifendes Erlebnis. Seit ihrer allerersten Jugend schon war sie solchen seltsamen Vorgefühlen unterworfen. Früher aber war es Sehnsucht gewesen, wollüstig-dunkle Furcht des Mädchenbluts vor seinem Schicksal, heute war es Fatalismus, tatenlose Ergebung in eine Entscheidung. Das Dorf, in das sie bei Abendläuten gelangten, war morastig und übelriechend, mit Misthaufen vor den Türen, kleine, schiefe Häuschen mit fliegenbeschmutzten Fenstern, dazu ein schöner, dunkler Menschenschlag mit Augen, deren Feuer die Rebbauern verriet. Wirklich hoben sich auch niedere Hügel im Süden des Ortes empor, deren hohe weiße Stecken, feucht in der Sonne glänzend, zwischen vergilbten Ranken unruhig hervorstachen. Pierre hauste im einzigen Wirtshause, einer Ausspannung, mit niederen, fliegengeschwärzten Stubendecken und einem Kuhstall, rundem Torbogen und modrigem Unkrautgarten. Ein paar Gemüsebeete waren in die Brennesseln und in das Rankengewirr unzähliger Schmarotzerpflanzen sauber hineingeschnitten. Weiße Schmetterlinge flogen in träger, seltsam dichter Wolke darüber hin. Gegenüber flammte und dröhnte die Schmiede, auf dem Marktplatze jagte sich ein Rudel überernährter Hunde, dicht unter dem blutigen Maule eines toten Kalbes, das da den Fliegen als Eierablage diente. Im Hintergrund zeichnete sich auf einem Baumhügel das langgestreckte Gebäude einer Priesterschule ab. Das Zimmerchen, in das Françoise trat, war mit hübschen Kretonne-Vorhängen geschmückt, über dem breiten Bett hing ein schönes altes Madonnenbild und schaute lächelnd herab auf die starre, weiße Gestalt, die da in den Kissen lag. »Er weiß nicht, daß Sie kommen,« flüsterte Pierre. »Treten Sie gerade vor ihn hin, daß er Sie sieht!« Er selbst verließ das Zimmer, um nach den anderen Verwundeten zu sehen, die mit den beiden Helfern drüben im Konvikt untergebracht waren. Françoise stellte sich am Bettende auf und wartete. Sie sah ein fahles Gesicht mit einem kleinen blondglänzenden Bärtchen auf der Oberlippe. Und jetzt traf sie ein mißtrauischer, forschender Blick aus großen, düster gewordenen Knabenaugen. »Ça va mieux?« fragte sie ungeschickt heiter aus gepreßter Kehle heraus, »Sie haben keine Schmerzen mehr?« Er antwortete nicht. Und immer dieser tiefe, leidgefüllte Fakirblick. Sie fing wieder an zu plaudern. »Sie wundern sich nicht, mich hier zu sehen?« Er schwieg. Etwas Abweisendes kam in seine Augen, mit denen er sie noch immer festhielt. Françoise nahm all ihren Mut zusammen, sie trat zur Seite an ihn heran und ließ ihre Finger sanft über seine braunen, rissigen Hände gleiten, die auf der Decke lagen. Mit Kraft riß er die Arme auseinander. »Tut mi net anrühre, Mademoiselle Balde, tut Euch net vergifte an mir.« Entsetzt und Beistand suchend sah sie sich nach Pierre um. Hatte er sie zu einem Wahnsinnigen gefühlt? Victor Hugo streckte jetzt beide Arme hart und gerade von sich, so daß er nun dalag wie ein Gekreuzigter. Und jetzt fing er an zu reden, fieberhaft flüsternd, wie feindgejagt. »Net mir d' Händ anrühre, das sin d' Händ von einem misérable . Jo die Händ« – er betrachtete sie, indem er langsam den ausgestreckten Kopf hin und her wendete – »die Händ do han d' patrie verrote, trahi la France! Mais c'était plus fort que moi .« Und er fuhr auf französisch fort: »Als ich ihn eintreten sah, da in den großen Herbergssaal, kräftig und schön, – ich war ganz verwirrt, mein Herz schlug zum Zerbrechen, und dann – ich habe ihn warnen müssen, man hört mich oder nicht.« Françoise horchte auf. Eine rätselhafte Unruhe erfaßte sie. »Von wem sprechen Sie, Victor Hugo?« Der junge Mensch antwortete nicht. Er sah sie mit glänzenden Augen an, lauernd, fast boshaft. Dann schloß er die Augen und stöhnte: »Ah, finir le plus vite cette partie odieuse, nomée la vie! Tuer ce cœur qui meurt pour le crime d'avoir trop aimé.« Es lag ein Klang von seinem alten Bubenpathos in diesen Worten, der Françoise ein wenig beruhigte. »Wer hat Sie verwundet?« fragte sie. »Waren Sie bei einer Schlacht?« Er schüttelte den Kopf. Nach einer Weile fing dann er an, klar und zusammenhängend zu erzählen. Und während er erzählte, löste sich sein Zustand in die alte Vertraulichkeit. Victor Hugo hatte sich in Basel sehr unglücklich gefühlt. Er schämte sich seiner Untätigkeit dort. Eines Tages erhielt er durch die Post einen Brief, grobe Handschrift, unorthographisches Französisch. Von einem Legionär. Nur ein paar Worte, die ihn aufforderten, am nächsten Tage nach Sechs-Uhr-Läuten an der Sankt-Gallus-Pforte zu sein. Neugierig begab er sich dorthin. Nachdem er eine Weile da gewartet hatte, wollte er eben fortgehen, da sah er ihn, der schon eine Weile unter dem Portal der Barmherzigkeit lehnte und ihn beobachtet zu haben schien. Sein Strolch aus dem Thurwalde in jetzt leidlich anständiger Kleidung. Ohne weiteres begann er einen Plan auseinanderzusetzen! Er habe bereits mit einem Dutzend junger Leute, die er angeworben und an die Kampfstätten geführt, viel geleistet; nun setzte er seine Tätigkeit fort. Nach Basel sei er nur Victor Hugos wegen gekommen. Aus alter Dankbarkeit. Er hatte dabei auf das »Jüngste Gericht« gewiesen, das da über den »Werken der Barmherzigkeit« angebracht war, und auf das Glücksrad über der Tür. Das passe gut für ihre Vokation. Victor Hugo hatte ihm trocken geantwortet, daß er es dem Curé in die Hand habe schwören müssen, sich nicht als Franctireur anwerben zu lassen. Er war froh über diesen Ausweg aus dem Gewirr von Lockung und Abwehr, das er wieder, genau wie damals im Walde, in sich spürte. Aber der ehemalige Strolch lachte, » Ah bah, c'est tout autre chose , wege dem können Ihr scho mitmache, mit d'r Compagnie des Franctireurs han mir nix z'schaffe. Mir han net so weiße Hose un bérets Narredings.« Dieser Zusammenkunft folgten andere. Victor Hugo fand unter den Angeworbenen, mit denen der Legionär ihn in einem Landwirtshause zusammenbrachte, auch zwei Baseler Bürgerssöhne vor, die gleich ihm »mittun« wollten. Schließlich waren sie wirklich miteinander davongereist, nach Frankreich hinein. Es war viel von einem geheimnisvollen großen Coup die Rede, den man machen und mit dem man dem Vaterlande dienen würde. Vorerst lebten sie lärmend und großsprecherisch nicht schlecht in den Schänken halbverlassener Dörfer, die die Furcht geleert hatte. Victor Hugo und die beiden Baseler hielten zusammen, wurden auch nicht recht eingeweiht in das Treiben der andern, die manchmal verschwanden, dann schmutzig und lustig, oft mit zerrissenen Kleidern, manchmal mit sonderbaren Kratz- und Reißwunden zurückkehrten, viel tranken und dann tüchtig draufgehen ließen, auch wohl einander allerlei verdächtige Dinge zeigten; Uhren, Ringe, Geldbörsen. Zu spät erinnerten sich die beiden Bürgerssöhne dann der Gerüchte von unorganisierten Franctireurs, gefürchtet von denen, deren Feinde sie zu vernichten kamen. Leute, die raubten nach Gefallen, die wohl einmal zu einem patriotischen Streich zu haben waren, die aber weit mehr für die eigene Tasche und den eigenen Wunsch sorgten als für das Vaterland. Gerade aber als sie anfingen zu bereuen und an Flucht zu denken, wurde ihnen ein »ehrenvoller Auftrag« zuteil. Man hatte erfahren, der Großherzog von Mecklenburg und sein Stab habe sich nach der Eroberung von Toul nach einem Dörfchen dort in der Nähe in Quartier begeben. Dahin nun sollten die drei jungen Leute als die Ansehnlichsten der Gesellschaft gehen, sich für Kellner ausgeben und den Offizieren im Wirtshause aufwarten. Der Gastwirt war im Einverständnis. Die anderen Mitglieder des Trupps hatten sich im Dorfs versteckt, wo die Mannschaft untergebracht war. Der Großherzog und seine Begleitung würden im Gasthof wohnen. Abends beim Diner, wenn der Hahnenbraten aufgetragen war, sollte Victor Hugo mit einer Gardine zum Fenster hinaus das Zeichen geben. Alle würden ermordet werden. Freilich erfuhr man dann an Ort und Stelle, der Großherzog selber habe sich nach Châlons begeben, und nur sein Stellvertreter, der General von Bassewitz, sei anwesend. Aber der Plan war nun einmal gefaßt, das Vorhaben im Gange. Mit Herzklopfen trugen Victor Hugo und seine Gefährten die Speisen auf. Sie waren unter ihrem Kellnerfrack mit Pistolen und Messern versehen und fühlten sich als Helden. Das Diner hatte begonnen. Ein Platz am Tische war noch frei geblieben. Victor Hugo, der den General bediente, hörte ihn sagen, er erwarte noch seinen Neffen, einen Arzt aus dem Lazarett im Palais ducal in Nancy. Eben wurde der Hahn aufgetragen. Victor Hugo stand wie verabredet am Fenster. Da tritt ein großer Mann in Arztuniform ein, Heinrich Hummel. Der junge Mensch hat sich nicht mehr halten können, hat ihn bei Namen gerufen und ist auf ihn zugetreten. »Prenez garde,« hat er ihm zugeflüstert, »Ihr sin in G'fahr.« Sein Gefährte, der neben ihm steht, ein besserer Patriot als er, merkt den Verrat an der gemeinsamen Sache, nimmt in Wut sein Messer und sticht auf ihn ein. Aufregung, Tumult, der Plan ist gescheitert. Victor Hugo ist zum Fenster hinausgesprungen und davongelaufen. Unterwegs ist er dann halb verblutend in einem Gebüsch liegengeblieben. Als er aus langer Bewußtlosigkeit erwachte, fand er sich in Gefangenschaft bei den Mecklenburgern. Man brachte ihn ins Lazarett. Man würde ihn erschossen haben, wenn sich Hummel nicht für ihn bei seinem Onkel verwendet hätte. Erkannt hatte er bei der flüchtigen Begegnung Victor Hugo nicht, aber er legte für seinen Retter, der mit dieser Warnung den ganzen feindlichen Anschlag vernichtet hatte, ein gutes Wort ein. So sah man von einer Bestrafung ab und ließ es bei strenger Verwarnung bewenden. Als Pierre kam, gab man ihm den Burschen mit, damit er ihn in seine Heimat bringe. Françoise hatte zugehört, ohne sich zu regen. Sie konnte nicht denken. Hummels Name und Gestalt, hier in der Fremde vor ihr aufgetaucht, erschütterte ihr ganzes Wesen. Mit Dankbarkeit sah sie auf seinen Schutzengel da, der, sogleich ihr Gefühl nachspürend, sein Gesicht ein wenig zu dem ihren hob. »Ich hab' Euch Euren bien-aimé gerettet, Mademoiselle Balde, gebt mir meinen Lohn.« Und mit einem Rest seiner alten Anmut, die bei seiner Magerkeit und Blasse herzzerreißend wirkte, streckte er ihr die Arme entgegen. Françoise beugte sich zu ihm und küßte seine Knabenlippen. Er lächelte und legte sich zurück wie ein zufriedenes Kind. »Ah, sieh da,« sagte Pierre lachend, der eben eintrat, »auf diese Art, scheint mir, gestaltet sich Ihr Samariterdienst bei den Verwundeten ein wenig anstrengend; meine Liebe?« Sie reichte ihm nur lächelnd ihre Hand. »Victor Hugo hat mir erzählt.« Pierre antwortete nicht. Man sah jetzt, daß das Lächeln von eben nur flüchtig gewesen war, und daß sein Gesicht voll Leid stand. »Elsaß ist verloren,« sagte er kurz. Dann berichtete er weiter. »In Freiburg hat sich ein deutsches Armeekorps zusammengezogen. Man wirft überall Brücken über den Rhein. Während diese Truppen nach Belfort und Mülhausen gehen, wird sich ein anderes deutsches Detachement nach Kolmar ziehen, das Oberelsaß zu besetzen.« »Und Gambetta?« fragte Françoise. »Und Garibaldi, und die levée en masse , von der man in den Zeitungen spricht?« Pierre zuckte resigniert die Achseln. »Jedenfalls ist der Rückweg jetzt für Sie gefährlich, Françoise. Ich hatte gehofft, ja, ich hatte mir bestimmt vorgenommen, Ende der Woche mit Ihnen zurückzureisen,« er sah sie fest und, wie ihr schien, ein wenig herausfordernd an dabei, »nun aber halte ich es für das beste, Sie lieber nach Nancy zu bringen, wo unter preußischem Regiment wenigstens doch wieder Ordnung herrscht und Sicherheit; auch für uns.« »Nancy?« Ihr Gesicht überzog sich mit brennender Röte. Er nahm es für ein Zeichen des Bedauerns und drückte ihr die Hand. »In Mülhausen herrscht größte Unordnung,« fuhr er finster fort, »das vierundachtzigste französische Infanterieregiment, das zum Schütze der Stadt aus Belfort eingetroffen war, ging den eindringenden Badensern nicht etwa entgegen, o nein, es zog mit den Mobilgarden zusammen wieder ab. Das badische Militär fand keinen Widerstand und konnte die Entwaffnung vornehmen. Der Präfekt und der Maire sind aus Mülhausen geflohen, die Fabriken stehen still.« Victor Hugo stöhnte auf. Dann saß man lange schweigend beisammen. Hin und wieder ergriff Françoise Pierre Füeßlis Hand und streichelte sie in einer Dankbarkeit, von der ihr selber nicht bewußt wurde, wie verbrecherisch sie war. Der Abend war hereingebrochen. In der Küche nebenan wurde das kleine Souper gerichtet, das Pierre, der als Franzose gern gut, als Elsässer gern viel aß, angeordnet hatte. Als die Suppe hereinkam, klatschte Victor Hugo in die Hände. »Wir hatten so magere Kost, wir in unserem Lazarett,« sagte er entschuldigend. Aber auch die andern konnten sich nicht enthalten, wahrend der Mahlzeit wieder Behagen und Freude zu fühlen. Bald wurde es für Françoise Zeit aufzubrechen. Der Postwagen, der abends am Kloster vorbeifuhr, sollte sie mitnehmen. Später dann wollte sie mit Pierre in Nancy zusammentreffen, wo er eine sichere Unterkunft für sie suchen wollte. Vom Kloster aus hatte sie leicht Gelegenheit, dorthin zu fahren. Er selbst wollte dann nach Mülhausen zurückkehren, um Eigentum und Gewerbe zu ordnen. Müßte Françoises Rückkehr nach dem Elsaß sich noch länger verzögern, so würde sie nach Gérardmer zu Hortense gehen. Victor Hugo hörte diesen Verhandlungen teilnahmlos zu. Die freudige Erregung war wieder niedergesunken in ihm. Er sah wieder bleich aus und finster wie zuerst. Beim Abschied von Françoise weinte er ungebärdig. Sie mußte ihn noch einmal küssen und ihm versprechen, ihn zu lieben, so sehr sie konnte. Pierre brachte sie zum Postwagen. Sie trennten sich mit der Verabredung, sich in wenigen Tagen in Nancy im Grand-Hôtel zu treffen. Françoise wußte, daß demnächst Verwundete aus dem Kloster zu einer Operation nach Nancy geschafft werden sollten. Sie wollte sich dem Transport anschließen. Zwei Tage darauf war sie unterwegs dorthin. Zitternden Herzens. Sie hatte durch den Arzt erfahren, Heinrich befinde sich augenblicklich dort im Lazarett des Palais ducal. Sie würde ihn sehen, sprechen. Mehr wußte sie nicht. Im letzten Augenblick erkrankte die Oberschwester, die den Krankentransport behüten sollte. So fuhr Françoise denn allein mit dem Kutscher, als Schutz die weiße Fahne, in strömendem Regen davon. An Pierre hatte sie Botschaft gesandt, ihm aber nicht genau die Zeit ihrer Ankunft angeben können. Auch sagte sie ihm nichts von der ziemlich mühevollen Art, in der sie diese Fahrt machen würde, und die sich dann in Wahrheit noch viel beschwerlicher herausstellte, als sie gedacht hatte. Die Plane des strohgefüllten Leiterwagens war bald vollgesogen und tropfte. Die Fahne, am Kutschbock befestigt, schlug mit trostlos regelmäßigem Klatschen die Breitseiten; der Kutscher, Besitzer des Wagens, trank einen Kirsch nach dem andern und wurde nach jedem mürrischer. Françoise saß da wie eine Nonne, eingehüllt in dunkle, weite Gewänder, aus denen nur die hellen Falten ihrer Ärmelschürze klösterlich hervorschauten. Um den Kopf hatte sie einen dunklen Schleier geschlungen. Ihre Blicke hafteten auf dem jüngsten der Kranken, halb noch Knabe, der im Fieber zuckte und lautlos schwatzte. Françoise erhob sich vorsichtig, nahm ihm die Binde von der Stirn und hielt sie in den Regen hinaus. Als sie ihm das Tuch wieder umlegte, sah sie seine wunderschönen, sanften Augen wie in Verzückung auf ihr Gesicht gerichtet. »Angèle, o'est toi?« Der andere, ältere sah mit skeptischem, ungutem Lächeln auf die beiden. »N'est pas gai de crever comme ça.« Françoise schob sich mit ihrem Weidenkorb, auf dem sie saß, näher an ihn heran. Sie sprach ihm von dem geschickten Arzte, zu dem sie ihn führen werde, und der ihn am Leben erhalten würde. Ihre Stimme bekam den geheimnisvoll verheißenden Ton einer Märchenerzählerin dabei. Denn was sie redete, war nur ein Widerklang aller Hoffnung und Zuversicht, mit der sie selber diese Pilgerfahrt begonnen hatte, die ihr Lossprechung von aller Sünde bringen würde. Während sie jetzt im Eifer des Redens ihren Schleier weiter rückwärts schob, fiel eine gelockte Strähne ihres Haars wie ein Sonnenzeichen an ihrer schmalen, zarten Wange entlang. Der junge Kranke griff danach. Sie lächelte ihm zu und brachte sich wieder in Ordnung. Den älteren, der stöhnte, richtete sie auf. Er hielt sich nicht ohne Vergnügen an ihrem Arm. Sie tat, als bemerke sie es nicht, auch als er scherzend sagte: »O, welche Freude, einmal wieder im Arme einer Schönen zu liegen,« kümmerte sie das nicht. Sie war geheiligt. Allmählich wurde es auch draußen heiterer. Der Regen hörte auf, die Feuchtigkeit verwandelte sich in erquickende Frische. Vor den Haustüren standen die Landleute und brachten Wein und sonstige Labsal für die Kranken herbei. Sie begegneten vielen Leuten, die aus Toul geflohen waren. Dazwischen Soldaten der frei gewordenen Belagerungstruppen. Man erzählte: Als sich vor den Eroberern die Tore geöffnet hatten, um die deutschen Truppen einzulassen, stürzten gleichzeitig mit den Bewohnern Hunderte von Leuten heraus, die sich in die Festung geflüchtet hatten, begrüßten die Deutschen als Befreier, drückten ihnen die Hände, umarmten und küßten sie. Sogar die französische Besatzung, die auf dem Glacis stand, begrüßte freundlich die feindlichen Kameraden, die ihnen zu essen brachten. Deutschredende Rothosen drängten sich heran, konnten aber ihr Elsässisch den Plattdeutschredenden nicht verständlich machen. Françoise sah viel requirierende deutsche Soldaten. Ein stattlicher Dragoner melkte auf offener Straße eine Kuh, ein Artillerist hatte ein Dutzend Hühner, die kreischend mit den Flügeln schlugen, an dem Leibgurt befestigt, überall aber herrschte Humor und eine gewisse beruhigende Ordnung. In den Dörfern waren Postbureaus neu eingerichtet, kleine Feldeisenbahnen beförderten ungestört ihre Güter. In der Nähe von Frouard dann änderte sich das Bild wieder. Man hätte glauben können, in einem Festkorso mitzufahren. Offiziere aller Grade, auf Ehrenwort freigelassen, kamen lustig, zum Teil sogar ausgelassen in eleganten Chaisen angefahren mit Verwandten, Freunden und Damen jeder Gesellschaftsstufe, die sie von Toul aus begleiteten oder sie dort abgeholt hatten. Aus Nancy wieder strömten Fußgänger und Wagen nach der befreiten Festung hin. Gegen Mittag waren sie in Nancy. Die Stadt machte, im Gegensatz zu den eben erlebten Szenen, einen gehaltenen, vornehmen Eindruck. Alle Damen waren schwarz gekleidet, phantastisch genug freilich, mit modischen Verschnürungen à la polonaise auf ihren Samtjacken, Falbeln und Spitzen. Dazwischen sah man überall deutsches Militär, meist Kavallerie. Langsam fuhren sie durch die gewundenen Straßen. Bei jeder Biegung, jeder Einmündung bekam Françoise Herzklopfen. Wenn er ihr plötzlich entgegenkäme! Sie kreuzten die Place Stanislas. Zerstreut verfolgte ihr Auge das heitere Gegitter, das den Platz gegen den Park hin abschließt, glitt über die Fontaine d'Amphitrite, die silbern rauschte, und dann betrachtete sie die an den Toren angebrachten Kronen: lothringische, polnische und französische. Dann sah sie wieder auf die preußische Wache drüben, die gerade eben abgelöst wurde. Das Schauspiel fesselte sie einen Augenblick. Trommler und Spielleute voran, zog die neue Wache auf, mit jenen ruckartigen Bewegungen, die ihr immer komisch erschienen. Die alte Wache steht still. Alle Soldaten haben plötzlich die Gewehre in der Hand und präsentieren. Erst die alte der neuen, dann die neue der alten, ein paar schreiende Kommandos hin und her, Meldungen, dann das »Ratt Ratt« des preußischen Marsches, das sie nun schon gut kennt. Die Figuren treten aus und ein zwischen die Gewehrstützen, wie hinaus- und hineingedreht durch eine Maschine. Auf dem Platz hat sich die Musik aufgestellt und spielt. Eine Menge Volk steht umher und hört zu. Einige halten sich ostentativ die Ohren zu wie vor etwas Widerwärtigem. Françoise nahm das alles in sich auf, ohne eigentlich es zu sehen und zu hören. Aber angesichts der Vergangenheit und Gegenwart, die sich da auf dem alten Platze schicksalsvoll zusammendrängte, wurde es wohltuend still in ihr. Sie fühlte sich unwichtig und klein, ihr Dasein nur ein Mückentänzchen im Strahl der Ewigkeit. Jetzt waren sie am Palais ducal angelangt, in dem man das Lazarett untergebracht hatte. Das ganze Erdgeschoß des schönen alten Gebäudes war dazu benutzt, selbst die Gemäldegalerie belegt. Françoise half ihre Kranken aufbetten und auf die Trage legen. Sie war jetzt ganz ohne Ungeduld, in sich gesammelt, wie der Gläubige, der auf ein Sakrament wartet. Ohne Übereilung tat sie ihre Pflicht der Barmherzigkeit zu Ende, mit Umsicht und Genauigkeit. Ins Palais selber durfte sie nicht, die Regel des dort arbeitenden Mönchsordens verbot es. Das enttäuschte sie bitter. Sie hätte gern Heinrich drinnen überrascht. Nach kurzem Nachdenken übergab sie dem Bruder Pförtner ihre Visitenkarte. Es stand noch ihr Mädchenname darauf. Nach kurzem Warten erhielt sie den Bescheid, man könne den Herrn Stabsarzt jetzt nicht stören, er sei bei einer eiligen Operation. Im Vorhofe aber könne sie warten. Um sich dieses Warten erträglicher zu machen, betrachtete Françoise den alten Treppenturm mit seinen Gargotten, die Wasser in den Hof hinabspien. Der Säulengang um den Hof herum erinnerte sie so sehr an die Säulen der Rathauskolonnade in Thurwiller, daß sie sich zusammennehmen mußte, nicht zu weinen. Dabei sah sie sich plötzlich in einer Fensterscheibe widergespiegelt. Sie fand sich häßlich und reizlos und erschrak in dem Gedanken, daß Heinrich das gleichfalls sehen würde. Sie fand ein Beet mit Astern, pflückte drei verschiedenfarbige und steckte sie in ihr Brusttuch. Dann fing ihr Herzklopfen wieder an. Ein Arzt in blutiger, weißer Blusenschürze kam vorbei. Er sagte ihr Bescheid über die beiden von ihr Eingebrachten, die eben jetzt operiert würden. Ob sie nicht helfen dürfe? fragte sie. Aber er schlug es höflich ab. »Man läßt keine Externen zu, vor allem keine Frauen.« Er ging weiter. Sie nahm sich zusammen. Um sich zu zerstreuen, besah sie die Skulpturen, Grabplatten, Säulenknaufe, zerbrochene Bildwerke, die umher lehnten. Sie versuchte, die mittelhochdeutschen Worte zu lesen, die hier und da eingegraben waren. Vor dem Grabmal einer Fürstin Philippine von Geldern blieb sie lange stehen. Es lag da auf dem Steinsargdeckel die kunstvoll gemeißelte Figur einer Frau im geistlichen Gewande. Sie entzifferte den Spruch: »Ci-gît tout en pourriture rendant au mort le triomphe de nature fille ducale passée Philipp de Cheldren. Terre seule pour toute couverture Soeurs, dites lui un requiescat in pace.« »Hier ruht ganz in Moder und Staub, der triumphierenden Natur ein Raub, Philippine von Geldern, einst Herzogstochter, Ihre einzige Decke ist Erde jetzt und Laub. Schwestern, schließt in euer Gebet sie ein.« Die Krone lag ihr zu Füßen, und ein kleines Nonnenfigürchen, von dem man nur die Mantelfalten, kaum den Körper sah, las in einem Brevier mit gesenktem Haupte. Alles das hatte etwas Stilles, Ergebenes und Zeitloses. Françoise meinte, der alte Père Anselme müsse kommen und sagen: »Ich weiß nicht, ob du dich entsinnst, im vierzehnten Jahrhundert – –« Aber die Ungeduld riß sie wieder empor. Auf und ab lief sie wie eine Gefangene. Wie sie da ging, mit wehenden Röcken und emporgewandtem, sehnsüchtigem Gesicht, hatte sie etwas Fliegendes, Starkes, wie von Flügeln emporgehalten. Sie war wieder am Ende der äußeren Galerie angelangt, als sie einen Arzt in weißem Kittel auf sich zueilen sah. Im Laufen riß er die Bluse ab und warf sie auf eine Steinbank. Er rannte wie ein Kind. Konnte das Heinrich sein? Da war er schon bei ihr. »Du bist gekommen! Nach so langer Zeit!« Er umfaßte sie. Sie regte sich nicht. Sein langer Bart, der Karbolgeruch, den er ausströmte, der Gedanke, daß er von blutenden Menschen kam, machte sie wild. Mit einem Schrei, wie sie nie gewußt hatte, daß er in ihrer Kehle sitzen könne, preßte sie sich an ihn. Und an diesem ihrem eigenen Tierschrei erregte sie sich noch mehr. Sie drückte ihren Mund an seine Lippen wie verdurstet. Und wie ein Insekt, das zu viel Blut in sich gesogen hat, fiel sie dann in einer Art Ohnmacht zurück in seine Arme. Er hielt sie und redete geschwätzig. »Daß du gekommen bist! Und so wunderschön. So fremd dein Schleier. Was hast du wohl alles durchgemacht um meinetwillen! Nein, erzähl' mir nichts, was dir weh tut! Jetzt nur wir zwei, nur wir zwei.« Seine Stimme bebte und raunte. Sie ließ sich überströmen von ihr. Unverwandt sah sie ihn jetzt an. Sein Gesicht schien männlicher geworden. Ein Zug von Entschlossenheit war da, den sie nicht kannte, und der sie willenlos machte. Sie hatte Heinrich fast vergessen gehabt, merkte sie nun. Einem anderen hatte sie sich weggenommen als dem, den sie nun vor sich sah. Einem, der nur flüchtig in ihr Leben getreten war, einer schönen Erinnerung. Nun aber war alles wieder da, was sie zu ihm gezwungen hatte: die Erkenntnis, daß einzig sie beide zueinander unlöslich gehörten. Nach ihrer Art schloß sie die Augen, als könne sie die Außenwelt dadurch verbannen und wieder nur ganz sich gehören. Ihm. Und wieder kam das Heiße, Zitternde von ihm zu ihr, wie damals im Thurwalde. Und jetzt wehrte sich Heinrich nicht mehr gegen sich selber. Der Griff, mit dem er sie umfaßte, wurde begehrlicher. Er zischelte ihr verlangende Worte ins Ohr. Ihr Gesicht war fahl geworden, wie mit Aschenperlen bedeckt. »Laß mich,« stieß sie hervor. In ihrer Gebärde war eine solche Verzweiflung, daß er gehorchte. Sie suchte nach Worten. Durch den Seitengang taumelnd, stieß sie sich hier und dort an den Säulen, wie blind geworden. Ihr dunkles Flattern durch das Gewölbe, das eben jetzt von der Abendsonne purpurrot durchflutet war, glich dem Zucken einer armen Seele im Fegefeuer. Heinrich hatte die Arme ratlos sinken lassen. Er folgte ihren Bewegungen mit den Augen. »Sage mir, was dich so verzweifelt macht!« sagte er. Und dann, unfähig, sich in diesem Augenblicke höchster Manneserregtheit in irgendeinen andern Gedankengang hineinzubegeben, faßte er, da sie eben an ihm vorüberstürmte, rauh nach ihren beiden Händen. »Bin ich dir zuwider?« fragte er leise und heiser. »Sag'! Bin ich dir vielleicht zuwider?« Sie schüttelte langsam, in seltsamer Feierlichkeit den Kopf. Und dann, ganz schnell, so als könne sie damit auch die Tatsache flüchtig und unwirklich machen, sagte sie es ihm, die Blicke auf ein Schwalbennest gerichtet, das sich da am Endgeästel der gotischen Wölbung dunkel und wollig in den Schatten preßte. Er verstand sie nicht. »Was sagst du?« Da wiederholte sie es, grausam jetzt, fast boshaft, froh, ihre Last auf andere Schultern abzuwälzen. »Ich habe mich mit dem jungen Fabrikanten Pierre Füeßli aus Mülhausen verheiratet.« Sie atmete tief. Die Farbe kam ihr wieder. Er ließ sie so plötzlich los, daß sie taumelte. Ein Ton zischte auf aus seiner Kehle. Furchtsam sah sie ihn an. Da brach aus seinem Auge ein blauer Strahl, so hart vor Verachtung, daß sie die Hände vors Gesicht hielt. Sie hörte ein Geräusch, das Pförtchen, das zum Inneren des Klosters führte, schnappte ein. Heinrich Hummel war entwichen. Blutbefleckt und weiß leuchtete sein Blusenkittel von der Steinbank drüben. Sie warf sich an die Pforte. Drinnen hörte sie seine Tritte sich entfernen, stur und hart, wie in endlose Weiten schreitend. Sie rüttelte am Schloß, das keine Klinke hatte. Sie schrie. Sie legte ihren Kopf an den eisernen Beschlag der Arabeskenknospen, die sich ihr kalt und spitz ins Gesicht bohrten. Blut floß von ihrer Wange. Fühllos und schamlos hämmerte sie mit den Fäusten an die Tür. Zuletzt kam der Mönch mit dem glänzend schwarzen Bart heraus, der sie hereingelassen hatte. Sie fragte nach Heinrich. Der Mönch gab ihr Bescheid. Er sei nach Pont-à-Mousson abgereist in das große Zentrallazarett, habe noch im letzten Augenblick die Vertretung eines Kollegen, der dorthin fahren sollte, übernommen. Françoise sah ihn an, ohne recht zu verstehen. Ob er ihr nichts hinterlassen hätte? fragte sie. »Nein, nichts.« Da packte sie ein Zorn. Hätte er sie beschimpft, geschlagen, sie würde geduldet haben und begriffen. Aber dieses lautlose Entweichen war das Ärgste. »Gerecht sind diese Deutschen, nichts als gerecht!« Sie fühlen nicht, sie verurteilen nur. In diesem Augenblicke dachte sie an Toinette Groff. Herausreißen wollte auch sie aus sich, was sie noch Deutsches in sich hatte! Beim Weggehen kam sie an Philippine Gelderns Sarg vorbei. »Du hast es gut,« sagte sie und strich über den glatten Stein. Dann, ohne irgend zu wissen wohin, ging sie davon. Sie setzte ohne ihr Zutun Fuß an Fuß und kam so weiter, stieß auf der Straße an Menschen und wurde mitgeschoben. Sie fühlte nicht, sie dachte nicht, sie ging und ging. Manchmal sah sie in die Fenster der Häuser hinein, in denen unter der Lampe Familien beim Abendessen saßen oder Leute an ihren Tischen schrieben. An der Place Stanislas strich sie dicht am Grand-Hôtel vorüber. Die Fenster seiner Salons, hell erleuchtet, reichten bis zum Boden. Der Speisesaal war menschengefüllt. Ein Geruch von Speisen, der Françoise Übelkeit erregte, drang heraus. Im Lesezimmer daneben saß ein einzelner Herr und las Zeitung. Françoise stand das Herz still. »Pierre!« Er blickte auf, sah eine fliehende Gestalt, die kraftlos schwankte, und war in ein paar Schritten bei ihr. »Wie du zitterst!« Er nahm sie fest an seinen Arm und führte sie ins Haus. Françoise überließ sich ihm, jede Kraft war ihr gebrochen. Er setzte sie in einen Sessel, rieb ihr die Hände und klingelte nach Wein. Sie sah ihm zu. »Nimm mich mit dir nach Mülhausen!« sagte sie endlich leise. »Ma femme,« sagte er beruhigend. Sie küßte seine herabhängende Hand mit Heftigkeit. »Nur du, nur du bist gut.« Er strich über ihr heißes Haar, unter dem es pulsierte wie bei einem ganz kleinen Kinde. »Du hast ihn getroffen?« »Du weißt?« Er nickte. »Victor Hugo hat mir gesagt.« Da kam eine große, wundervolle Ruhe über sie. »Es ist aus,« sagte sie leise. Er nahm sie in seine Arme und ließ sie weinen. Dritter Teil In dem kleinen französischen Badeorte Gérardmer strömte unbarmherzig der Regen über den Girlandenschmuck der Häuser und Plätze, den man in der frühesten Morgenstunde angebracht hatte. Er zerblätterte die großen Papierblumen zwischen ihrem Tannengrün, tropfte auf das pompös geschnörkelte »R F« (»République Française«) der Flaggen und zerweichte die blau-weiß-roten Fähnchen der Kinder, die singend und lachend durch die Straßen sprangen, immer mitten hinein in die regengefüllten Pflasterlöcher, deren Inhalt sich als Schmutzkaskade über die Kleider der Vorübergehenden ergoß. Naß und eifrig unter ihren Regenschirmen schrien die Leute dann lustig auf. Sie nahmen die Sache weiter nicht schwer. Jedermann war fest entschlossen, heute bei Laune zu bleiben, heute am Feste des »Quatorze Juillet« . Frankreich feierte den Gedenktag des Bastillensturms, nun zum vierundzwanzigsten Male, seit ihn die Dritte Republik im Juli 1871 wieder eingeführt und zum Nationalfest erhoben hatte; feierte ihn jedesmal gleich vergnügt und ausgiebig, aber ohne besondern patriotischen Überschwang. Man nahm den Tag einfach als Anlaß, sich in der sonst festlosen Sommerzeit wieder einmal zu amüsieren. Selbst die Pariser elegante Welt, die alljährlich sorgfältig den populären Freilufttänzen und lärmenden Umzügen dieses Tages aus dem Wege reiste, rechnete den vierzehnten Juli mit ein in ihre ländlichen Zerstreuungen. So sah man auch heute hier in aller Morgenfrühe elegante Equipagen durch die triefende Straße fahren und am Hôtel du Lac anhalten, empfangen von dem in Blau und Gold pompös gekleideten Portier. Man sah schmale dunkelgekleidete Herren, von Kopf zu Fuß ein einziger blanker Strich, die ihren Damen aussteigen halfen und sie dann am Arme unter dem Schirme des Portiers die Steintreppe hinaufführten. Die Damen waren gleichfalls dunkel gekleidet, mit großen Ballonärmeln, die vielgebogenen Strohhütchen kunstvoll auf den hohen Frisuren befestigt. Zierlich und souverän schritten sie einher, schon im voraus die Lippen zum Lachen gewölbt, Neugier und Spott in den Augen. In der Grand' Rue entwickelte sich unterdessen ein fieberhaftes Schaffen. Die Schaufenster schmückten sich mit teuern Unnützlichkeiten, schöngeordnet und mit Preistafeln auf farbigem Papier erklärt. Zwischen Torten und Wäsche saßen Kätzchen und blinzelten. Schulschwestern mit ihren Kindern, wie verregnete Hennen mit ihren Küchlein, zogen nach dem Wald, sich Grün für die Kränze zu holen. Geistliche machten mit ihren Schülern Arrangierproben für den Fackelzug heute abend. An den Hotels, der Bank, dem Kasino arbeiteten Burschen in Blusen, die Gasröhrchen zu Buchstaben oder Sternen bogen, und Frauen mit Kleistertöpfen gingen umher, die Plakate frisch anzukleben, aus denen Wind und Regen Ballettröckchen für die Affichensäulen gemacht hatte. Nun hingen sie wieder grade und verkündigten das Programm des Festes: Um zehn Uhr große militärische Revue. Um zwölf Uhr Glockenläuten. Nachmittags Wasserspiele auf dem See, Konzert im Kasino. Abends Fackelzug, Illumination, Feuerwerk und im Kasino Absingen der Marseillaise. Danach Tanz. Und das Roulettespiel sei für Nachmittag und Abend dieses Festtages freigegeben. So war das Programm. Und jetzt wurde auch der Regen durchsichtiger. Es klärte sich auf. Sofort veränderte sich das Bild. Man stellte Stühle vor die Tür; auf den Balkons der Hotels und an den tief hinabreichenden Fenstern sah man die Damen, wie sie ihre Schleier, Hüte, Mäntel in die Sonne breiteten und sie trocknen ließen. Die kleinen weißen Villen, die sich, halb im Grün versteckt, den Berg hinaufziehen, steckten Flaggen heraus, man öffnete die Türen zum Garten. Vor einer dieser Villen stand soeben ein junger Mann und läutete an der Gitterpforte des Vorgartens. Hübsch, elegant, die Zigarre im Munde, eine schmale Reisetasche in der Hand, wartete er eine Weile, dann, wie einer, der hier zu Hause ist, griff er mit der Krücke des Regenschirms über das grünumwachsene Mäuerchen zu einem Apfelbaum hinauf, dessen tiefere Zweige er schüttelte, so daß unter einem Tropfenregen einige frühgelbe Früchte herabfielen. Er bückte sich danach, sammelte sie in der behandschuhten Linken und biß vorsichtig, um die Made darin nicht zu treffen, hinein. Dann schüttelte er enttäuscht den Kopf. »Sieh da,« rief er einer Alten zu, die braun, krumm und mager in ihren weiten Kleidern den Kiesweg herankam, »sieh da, Louison, ich mache einen mißglückten Versuch, den Geschmack meiner sechs Jahre wiederzufinden.« Damit warf er übermütig die angebissenen unreifen Früchte über die Gittertüre. Louison, die jetzt erst den Besucher recht erkannte, stieß einen Schrei aus. »Ah, Monsieur Paul.« Sie hastete vorwärts mit jener Eile der Greise, die sich ihnen wie Blei an die Glieder hängt, ihre zitternden Arme vorausschickend. »Sind meine Eltern schon eingetroffen aus Thurwiller?« fragte der junge Mann. »Madame und Monsieur Füeßli kommen erst mit dem Zuge um elf Uhr.« Sie öffnete jetzt. »Man sieht Sie also endlich, Monsieur. Wir erwarteten Sie schon gestern, aber Monsieur kam natürlich nicht. O, dieses Paris! Ah ja! Es hält die jungen Leute fest mit seinen Kletten« – wobei sie das Wort gebrauchte, das in ihrer Klasse die Klette sowohl wie die käuflichen Weiber bezeichnet. »Man kennt das, ah la jeunesse, la jeunesse !« Paul Füeßli lachte wohlklingend. »O, welche Schelterin sie noch immer ist, diese Mère Louison. Aber der kleine Säugling von früher, er ist groß geworden, er hat jetzt einen Schnurrbart bekommen, fühle nur« – und während er das alte Familienerbstück zärtlich umarmte, rieb er seinen Bart an ihrer Faltenwange. Sie schrie laut auf vor Vergnügen. »Wie befindet sich meine Tante?« fragte der junge Mann, während sie dem Hause zugingen. »Madame Dugirard ist mit ihren Enkeln in der Kirche.« »Ah, sind also jetzt die Kinder von Madame Désirée hier zu Besuch?« Die Alte nickte. »Diese Engelchen.« »Und mein Onkel?« »Monsieur ist in seiner Käserei.« »O, dann will ich ihn nicht stören.« Louison hatte die Tasche ergriffen, sie ins Haus zu tragen. »Wir haben Ihr früheres Zimmer für Sie bereitet, Monsieur Paul.« Der aber blieb im Garten, schüttelte nachdenklich und langsam den Regen aus den dicken Köpfen der Rosen, Stock für Stock, und blickte dann hinunter zur Stadt, auf die blauen, platten Schieferdächer der öffentlichen Gebäude, die wie Seen glänzten, auf die bunte Herde der Ziegeldächer, die sich um sie herumdrängten, und auf die kleinen Schindeldächer, die sich weiter im Tal in Grün vergruben. Er wandte sich zum Kirchhof, das Efeudunkel der alten Kapelle wieder zu begrüßen; eben jetzt spiegelte sich in ihrem Rundfenster die ganz verweinte Sonne. Der junge Füeßli sah das alles mit einem gewissen gerührten Lächeln. Er war hier zu Hause gewesen während seiner Schuljahre, die er nach dem Wunsche seiner Eltern bis zur Wiedereroberung des Elsaß durch Frankreich – einige wenige Jahre – in Frankreich verbringen sollte. So hatte ihn denn seine Tante Hortense an Stelle eines eigenen Sohnes erzogen und ihn zum willigen Werkzeuge für ihre fanatischen Revanche-Ideen zu machen gesucht. Paul Füeßli entsinnt sich der aufregenden Fahrten nach Belfort. Wie Hortense ihn aufschauen ließ zur trotzig auf dem Felsen erbauten breiten Feste und ihm unter Tränen der Bewunderung von den Heldentaten erzählte, die im Jahre Siebzig die Besatzung vollführte. »Die ganze Nation hatte schon die Waffen niedergelegt, Paris und die Departements erklärten sich für besiegt. In diesem verlassenen Winkel des Elsaß aber ließ sich eine Handvoll Tapferer töten für die Ehre Frankreichs. Selbst die Eroberer, diese Grausamen, haben sich der Ehrfurcht nicht erwehren können, man hat den Überlebenden freien Abzug gewährt, man hat ihnen sogar ihre Waffen belassen müssen.« Und Paul hat mitgeweint und sich geschworen, wenn er erst groß wäre, so zu sein wie diese Männer. Aber Sieger, nicht Besiegte! Und dann hatte Hortense Dugirard ihm das Denkmal von Bartholdy gezeigt, eingehauen in den Fels unterhalb der Feste. Ein wutbrüllender Löwe, die Pratze kraftvoll gerade vor sich hingestreckt, das mächtige Haupt mit dem geöffneten Maul witternd emporgerichtet, die tiefliegenden Raubtieraugen furchtbar spähend. Darunter stand: »Aux défenseurs de Belfort 1870/71«. Eine nationale Sammlung habe das Werk bezahlt, sagte Hortense, und sie selbst habe drei Jahre auf alle Toiletten verzichtet, um eine große Summe dazu beisteuern zu können. »Und du, was tust du?« fragten ihre Augen. Der kleine Paul hat dann einen Schauer in sich aufwallen gefühlt, halb schöne Vorsätze und halb Abneigung. Unwillkürlich und ohne sich darüber klar zu werden, wehrte er sich dagegen, schon jetzt eine Verpflichtung auf seine Schultern zu nehmen, da er noch so neugierig war auf das Leben und die Arme freibehalten wollte dafür. Auf die Place d'Armes wurde er geführt, wo die »Quand-même« -Statue stand, eine junge Elsässerin mit ländlicher Schlupfenhaube, in deren Kleid sich, niedersinkend, ein verwundeter französischer Soldat krampft, und die das Gewehr, ehe es seiner Hand entsinken kann, entschlossen über ihn wegschreitend, auf die Schulter nimmt. Hortenses Gesicht wurde vor diesem Bilde steinern und brutal wie das der Standfigur selber. Zuletzt ging sie mit Paul in die kleinen schmutzigen Läden der Bilderbuchhändler und kaufte die Schmähbilder auf Deutschland, die dort feilgeboten wurden: deutsche Soldaten, die kleine Kinder auseinanderrissen, an hellem Feuer brieten und verzehrten; »Prussiens«, die über die Schlachtfelder gingen und Ringfinger abschnitten, die sie an Gürteln um den Leib hängten; Kaiser Wilhelm als große Spinne inmitten eines Netzes, davor die République Française mit einem Besen, im Begriff, das Netz zu durchstoßen, und ähnliche Kindlichkeiten. Mit solchen Bildern füllte sich seine Phantasie. Kam er in den Ferien nach Mülhausen, wo seine Eltern damals noch im alten Füeßlischen Familienhause mit wohnten, so fand er dort an Stelle der erwarteten deutschen Grobiane und Tyrannen eine Handvoll Beamter, über deren enge Sparsamkeit, Besserwisserei und unfranzösisches Wesen Großpapa und Großmama unterhaltsam spotteten, an Stelle der elsässischen Märtyrer aber Spaßvögel, die mit blau-weiß-roten Schlipsen unter zugeknöpften Röcken patriotischen Sport trieben, Damen, die ihre Hüte mit Mohn, Kornblumen und Sternblumen besteckten, um damit die französischen Farben anzudeuten, und »kuraschiert« unter der Nase des Gendarmen damit herumwippten. Wirklich zu Hause hat er sich in Mülhausen nie gefühlt. Seine Eltern, abhängig vom Familienoberhaupte, schienen ihm gleichfalls wie nur zum Besuche dort. Sie hatten überdies eine Art, ihn zärtlich prüfend zu betrachten, die ihm unbequem war. Er spürte es bald heraus, daß sie irgend etwas für sich selbst von ihm erwarteten, daß er ihnen irgendwie helfen sollte. Das rührte und beunruhigte ihn zu gleicher Zeit. Dabei liebte er seine junge Mutter zärtlich. Ihr kleines weißes Zimmer, das immer aussah wie ein erwartungsvolles Mädchenstübchen, war ihm der einzig trauliche Platz des Hauses, in dem es prächtig, aber steif und zeremoniell herging, und das für Kinder kein Herz hatte. Nur wenn Françoise einmal plötzlich mit einer Leidenschaftlichkeit, die zu ihrem übrigen Wesen nicht paßte, von ihm verlangte, er solle jeden Deutschen hassen und verfolgen, sah er sie befremdet an und schwieg. Er, der durch die Fremden noch nichts gelitten hatte, empfand im Grunde keinen Groll gegen sie. Seinem Vater begegnete er mit altkluger Nachsicht. Ihm, den man gelehrt hatte, die französische geräuschlose Feinheit der Formen möglichst vollkommen nachzuahmen, schien Pierres naiv-fröhliche und laute Art bäurisch. Er schämte sich für ihn. Überhaupt war er ein wenig herablassend gegen das Elsaß und wurde darin bestärkt durch die andern, die gleichfalls in ihm den Franzosen sahen und ihn deshalb wichtig nahmen. Man maß an ihm eigenes Benehmen und Verhalten ab. Da war besonders grand-papa Füeßli. Die Familie hatte sich, trotzdem sie längst in Mülhausen ansässig war, ihre Schweizer Nationalität bewahrt. Sie schickte ihre blonden, kräftigen Söhne seit Generationen nach Paris, um dort freieren Blick und Bildung zu bekommen. Auch grand-papa Füeßli war dort gewesen. Damals politischer Spötter, war er seit Siebzig blindglühender Anhänger Frankreichs, jenes Frankreichs, dessen Sitten und Anschauungen er in seiner Jugend in Paris kennengelernt hatte, und die er nun gewissenhaft seinem elsässischen Heim einimpfte. Seit dem Kriege durften selbst seine Dienstboten kein Elsaß-Deutsch mehr reden, und es war dem Alten ewiger Grund zum Spott, daß Pierre von seinem Patois nicht lassen konnte und immer wieder hineingeriet. Grand-papa ließ sich Pauls französische Schulhefte bringen und entzückte sich an den bunten patriotisch-sentimentalen Bildern der Umschläge: Napoleon in ritterlicher Haltung vor einer jungen bittenden Frau, ein Todesurteil zerreißend. Und ähnliches. Geschwätzig erzählte er dem Knaben von glänzenden Festen, berühmten Männern und schönen Frauen, die er in Paris erlebt. Paul hörte aufmerksam zu. Er wollte auch so leben, später, wenn er erwachsen wäre. Und ganz im Tiefsten seines Herzens wünschte er dann wohl, die Deutschen möchten das Elsaß nicht wieder hergeben, dann würden die Eltern ihn in Frankreich lassen, und er könnte nach Paris gehen, schöne Frauen sehen, Feste feiern und ein berühmter Mann werden. Dem Vater gegenüber verschwieg er freilich solche Hoffnungen. Der rechnete sicher auf den Sohn, nicht nur als Nachfolger, sondern bereits als Mitarbeiter in der Fabrik. Schon jetzt redete er mit ihm gern Geschäftliches. »Wann du emol an der Reih bisch, mon petit , do wirsch dü's besser bekumme wie di'Vatter.« Und dann, unter dem leise mißbilligenden Blick des Sohnes französisch fortfahrend: »Früher, da wir für Frankreich lieferten, waren wir Spezialität, wir konnten für unsere solide Arbeit hohe Preise fordern; jetzt haben wir die Konkurrenz mit Deutschland, das an billige Ware gewöhnt ist. Und grand-papa , der verlangt, wir sollen uns keine Mühe geben für die kurze Zeit, bis Elsaß wieder französisch geworden ist! Ich dagegen vertrete die Meinung: Wir dürfen unsern Ruf nicht schädigen, wir dürfen nicht nachlässige Gewohnheiten annehmen in unserer Produktion, sondern müssen gerade durch die Güte und den Geschmack unsrer Ware die neue Konkurrenz besiegen. Dann kann alles mit der Zeit gut werden. Aber der Kampf ist hart. Ihr müßt uns dankbar sein, ihr jungen Leute, wenn ihr nachher einfach im wieder französischen Elsaß in die Nester zurückkehrt, die wir für euch bereit hielten, Allemand malgré nous «. Und er schloß, wieder kräftiger: »Jo, 's isch kei Pläsier jetzt, mit dere neie Douangrenz', je t'assure . Dü wirsch's besser han, wenn du emol an d' Reih kummsch.« Paul hatte dann schweigend die Augen gesenkt. Genau wie bei Tante Hortenses Fanatismus und grand-papa 's Spott empfand er Abwehr. Alle wollten ihn mit Beschlag belegen, jedem sollte er zur Erfüllung eines Ideals dienen. Er aber wollte vorerst einmal selber erleben. Sich noch nicht binden. Von grand'-maman und den Tanten wurde er ausgiebig gehätschelt. Sie machten dem hübschen Buben den Hof und benutzten ihn zugleich dazu, ihnen französische Parfüms, Seifen und verbotene Romane herüberzuschmuggeln. Der Kleine plauderte gern mit ihnen, und sie lachten zusammen. Sie waren fromm, putzsüchtig und unterhaltend boshaft. Vor allem wurden die norddeutschen Damen von ihnen unbarmherzig bekrittelt. »Baumwollne Hemden tragen sie, sie tragen ihre Hüte drei Jahre, immer die gleiche Fasson. Sie verlangen beim Schuhmacher niedrige Absätze, imaginez-vous . Natürlich haben sie den Kot der Straße an ihren Rocksäumen. Sie tragen gewirkte Handschuhe, sie essen süße Obst- und Biersuppen. Sie haben nur zwei Mahlzeiten täglich, so geizig sind sie. Ihre Dienstboten bekommen nicht das tägliche Schöpple Wein. Sie arbeiten sich ab; sie begleiten ihre Männer abends in die Wirtshäuser, essen ungeheure Portionen von rohem Fleisch und stützen die Arme auf die fettigen Tische. Zu Hause haben sie den ganzen Tag ihre schreienden Kinder an ihren Rockfalten. Und wie viele Kinder sie haben! Fünf oder sechs ist das Gewöhnliche. Man kann nicht verstehen, wie es vorkommen kann, daß ein Elsässer ein deutsches Mädchen heiratet.« »Oh, ça dépend!« Paul sah spitzbübisch drein. Er war letzten Mittwoch in der Lambertsgasse ein paar hübschen blonden deutschen Mädelchen mit Musikmappen begegnet, deren dicke Zöpfe und helle, gerade Blicke ihm so gut gefallen hatten, daß er beschloß, fortan jeden Mittwoch und Sonnabend in der Lambertsgasse Ausschau zu halten. »In Frankreich ist alles feiner und besser als bei uns jetzt hier,« sagten die Tanten. »Nur die Straßen schmutziger,« erwiderte Paul keck und wies auf die uniformierten Straßenreiniger, die unter Leitung eines strammen Deutschen die Gasse kehrten. Die Tanten nahmen es als Witz und lachten. Aber es war wirklich so, daß der kleine Franzose den Deutschen weniger gram war als die Elsässer daheim, die sich täglich an den Eroberern rieben. Als Paul dreizehn Jahre alt war, übersiedelten seine Eltern nach Thurwiller, wo Pierre in Gemeinschaft mit Victor Hugo die Schlotterbachsche Fabrik übernahm. Er wollte selbständiger arbeiten können. Von da ab fühlte Paul sich in der Heimat heimischer. Das alte Baldehaus, in dem sie wohnten, die Ländlichkeit des ganzen Wesens rund ergänzte besser und willkommener den gemütlosen Zwang des Lyzeums, als die Mülhausener Umwelt das gekonnt hatte. Auch die Eltern schienen bodenständiger dort und widmeten sich ihm mehr als früher. Vor allem aber war es Großpapa Balde, der ihn interessierte. Paul wußte, daß die Deutschen ihn im Jahre Siebzig gefangen mitgeschleppt hatten, daß er dann am sechzehnten Februar als Abgeordneter des Elsaß im Deutschen Reichstag zu Berlin gesessen und die Verkündigung der Annexion mitangehört, sich in hohem Zorn erhoben und den Sitzungssaal verlassen hatte. Alle die anderen Abgeordneten hinter ihm her. Und er war anfangs enttäuscht gewesen über die schlichte, fast nachlässige Erscheinung dieses Helden, den er sich in beständig heroischer Attitüde vorgestellt hatte. Wenn er aber heimkehrend an dem neugebauten Gartenhaus vorbeiging, das der Alte jetzt an Stelle des niedergebrannten Pavillons bewohnte, konnte er sich niemals enthalten, hineinzugucken: »Du befindest dich gut, Großpapa?« »Bisch net so wunderfitzig, Bub.« Martin Balde konnte es nicht leiden, wenn man nach seiner Gesundheit fragte. Paul wußte das, brachte es aber niemals fertig, die höfliche Formel zu umgehen. Balde saß gewöhnlich ohne Rock am Schreibtisch, Hemdärmel und Haare in gleichem Weiß. In dem Gesicht, das beim Altern ein wenig kurz geworden war, herrschten gut und spöttisch seine dunklen Augen. »Kumm numme ine, i bin gliech fertig,« sagte er und schrieb an seinen Krankenbüchern, Rezepten oder Briefen weiter. Dann faßte er den Enkel an den Schultern und stellte ihn zur Prüfung vor sich hin. » Nom de Bibbele, 'ne richtige Welsch han sie üs dir g'macht. Ah ja, m'r müeß jo Franzeesch rede mit d'r, monsieur . Unser güet alt Elsässer-Ditsch kann er net meh versteh, pas vrai ?« Dabei nahm er ihn in den Arm und küßte ihn zärtlich. Dann führte er ihn wohl an Großmamas Grab im Park, sprach von dem schrecklichen Brande, von den deutschen Soldaten, die beim Begräbnis gesungen hatten, und von dem bösen, bösen Tag der Republik-Erklärung. Paul mochte davon nichts hören. »Erzähl' von den Festen beim Statthalter,« verlangte er. Er liebte es, von Glänzendem und Heiterem Berichte zu bekommen. Aber der Alte erzählte auf seine eigene Weise. Wie da immer ein paar verächtliche Windfahnen von Elsässern den Statthalter umdrängt und umschmeichelt hätten, wie der Statthalter selber die Honoratioren hofiert und auf die Geringeren im Lande, die Titel- und Mittellosen, nicht geachtet habe, so daß, schlimmer als zu französischer Zeit, Protektion und Rechtlosigkeit geherrscht. Er, Balde, hatte natürlich kein Blatt vor den Mund genommen. Einmal, ganz laut, mitten auf einem der großen Februarempfänge im Statthalterpalais hatte er seine Meinung gesagt. Er sei denn auch nimmer wieder eingeladen worden. »Un geholfe het's doch nix,« fügte er hinzu. »Warum hast du es getan?« fragte Paul. Er hatte ein wenig Mißachtung für die Erfolglosen. Manchmal auch stöberte er, ohne viel reden zu müssen, in Baldes Zimmer herum, in dem Bücher- und Flaschenschränke die Wände bestellten, und in dem die alten, lieben, bürgerlichen Möbel der Baldes standen. Er entsinnt sich noch genau, wie ihm einmal ein Bildchen auffiel, das er bis dahin noch nicht gesehen hatte, die Zeichnung eines Elsässers: Eine Elsässerin und ein Knabe mit großer Werbetrommel steigen aus dem Tal empor, drunten auf allen Wegen und Nebenwegen strömen Burschen herbei, der Trommel zu folgen. »L'Alsace-Lorraine à l'Alsace-Lorraine« hieß die Unterschrift. Während er das betrachtete, trat der Alte hinzu. »G'fällt dir das, hein ?« Paul verstand wohl, daß dies eine Frage nach seinem politischen Glaubensbekenntnis bedeuten sollte. »Es ist gut gemacht,« hatte er gesagt. Da war Martin Balde der Zorn rot in die Stirn gestiegen. »Gut gemacht, gut gemacht!« Dann, in seinem alten Ledersessel sitzend, den Kopf etwas emporgerichtet, hatte er mit bebender Stimme, die plötzlich greisenhaft klang, seinen neuen Kampfspruch herausgestoßen. »Français ne puis, Allemand ne daigne, Alsacien suis.« Dabei hatte er die dunklen Augen fest auf das Gesicht des Enkels gerichtet, der schlank und rosig neben ihm stand und an seinem schmalen Kommunionsring drehte. Paul weiß dies alles noch ganz gut. »Und wenn nun Frankreich kommt, euch zu befreien?« hatte er zuletzt gesagt. Da hat Großpapa bitter aufgelacht. »Damit hat es gute Wege, mein Kind. Frankreich wird sich nicht um unserer schönen Augen willen ruinieren. Nein, l'Alsace aux Alsaciens, das ist das Ziel. Und sei es selbst unter deutscher Oberhoheit. Und für das« – der Greis hatte ihn an sich herangezogen und geschüttelt – »für das, mon enfant, sollsch lawe un starwe.« Wieder einer, der die Hand auf ihn hat legen wollen, ihn auf ein Gelöbnis festhalten. Paul hatte damals das Wort nicht gesprochen, das der Alte von ihm erwartete. Ein paar Jahre darauf ist Martin Balde gestorben. Und dann, Elsaß war noch immer deutsch, trotz aller Prophezeiungen, ist er in das militärpflichtige Alter gekommen. Er hatte sich zu entscheiden. Stellte er sich in Thurwiller und wurde damit Deutscher, so war das ein Messerschnitt zwischen ihm und der Mülhauser Familie. Wurde er Franzose, so durfte er deutschen Boden nicht mehr betreten, seine Heimat nie wiedersehen. So oder so war Pierre Füeßli vergeblich der Platzhalter seines Sohnes gewesen. Seine Eltern griffen in diese erste ernste Entscheidung seines Lebens nicht ein. Sie waren unter sich selber nicht eins. Vater Pierre wollte den Sohn im Elsaß behalten, quand-même, Françoise verlangte leidenschaftlich, ihn an Frankreich zu geben und ihm, wenn er dort ansässig geworden, nachzuziehen. Paul selbst war so unentschieden, daß er sein Schicksal gern an den Knöpfen abgezählt hatte. Ein Brief von Großvater Füeßli, der ihm gänzliche Enterbung in Aussicht stellte, falls er Deutscher werde, gab zuletzt den Ausschlag. Er liebte das Geld und brauchte es, hübsch und voll Appetit auf das Leben, wie er war. So ging er nach Paris. Tante Hortense hatte gewünscht, er solle in die französische Armee eintreten. Paul aber machte sich zum Juristen. Er fühlte keinen Beruf zum Soldatenstande. Und er konnte unmutig werden, wenn ihm nun auch hier in Frankreich das alte Lied vom »vengeur« , zu dem er bestimmt sei, gesungen wurde. Man hätschelte in der Gesellschaft förmlich den »verlorenen Bruder«, den man erlösen würde, und dessen Schicksal so poetisch war. Aber Paul fühlte nicht das Talent zum Märtyrer in sich. Und in Paris legte man freilich Kränze nieder vor der Statue der Strasbourg, man ließ bei der Internationalen Ausstellung als patriotische Anziehung Elsässerinnen im Kostüm Sauerkraut und Würstchen verkaufen, man spottete aber nach wie vor über die »têtes oarrées» und machte Lustspielfiguren aus ihnen. Und die Elsässer Familien, die an die Versprechungen der Franzosen geglaubt hatten, die in wenigen Monaten zurückkehren und »ihre Provinz« zurücknehmen würden, jammerten enttäuscht. So zog Paul es vor, sich vorerst in Frankreich zu akklimatisieren, bemühte sich, möglichst wenig elsässisch zu erscheinen, besserte an seiner Aussprache und achtete auf seine Manieren, die er immer noch ein wenig à l'allemande wähnte. Er hatte hierfür eine verständnisvolle Lehrmeisterin gefunden: Lucile Deveau née Dugirard, die man an den Kompagnon ihres inzwischen verstorbenen Vaters verheiratete hatte, und die, obgleich Vierzigerin, vor einem Jahre Pauls Maitresse geworden war. In ihrer amüsant-weltklugen Art lenkte sie ihn nach direkt entgegengesetzter Richtung wie Tante Hortense. Sie lachte sehr hübsch über die Exaltation alter Damen und beklagte sich, Hortense habe ihren armen Bruder Armand mit ihrem unpraktischen Idealismus fast in den Tod gehetzt. Paul hörte ihr belustigt zu. Kam er dann nach Gérardmer, so hatte er ein peinliches Gefühl von Undankbarkeit und Saumseligkeit, das ihm die Tante, die es veranlaßte, nicht lieber machte. So war es ihm heute nicht unangenehm, die Begegnung mit ihr noch aufzuschieben. Er sah nach der Uhr. Der Gedanke war ihm gekommen, wieder hinunterzugehen und mit der Dampftram bis zur Grenze den Eltern entgegenzufahren. Die Grenze! Es lag eine geheime Lockung darin, nahe, ganz nahe heranzutreten ans verbotene Land, wenigstens einmal hinüberzugucken. Dann lachte er über sich selbst. Immerhin sah er so die Eltern eine Viertelstunde früher, und es würde lustig sein, die Elsässer zu beobachten, die ja heute in Scharen herüberzogen nach Frankreich, um die fête nationale zu feiern und ihre Söhne und Verwandten zu sehen. Es hatte sich dies als förmliche elsässische Sitte herausgebildet in diesen vierundzwanzig Jahren. Man verband Gemüt, Patriotismus und Landpartie dabei. Und zwar so, daß die Patriotischen nach Belfort zogen, die Naturfrischler aber nach der Schlucht und Gérardmer. Jungen Schritts ging er den Hügel hinab. Ein wundervoller Regenduft stieg aus dem Waldgrund, die Bäume funkelten. Auf den Wiesen sah man weiße Kleider. Man hörte Singen. Ganz nahe bei ihm, auf einem Parallelweg, durch Büsche bedeckt, sang eine alte Frau eine heitere Chanson: »En revenant des noces j'étais si fatiguée, près d'une fontaine je me suis reposée. Ah tralala tralalalaine.« »Tralala, tralalalaine,« sang er mit. Er war vergnügt und leicht und in Feststimmung. Auf einmal gab er sich ein würdiges Aussehen, nahm das Hütchen ab, strich über sein Haar und zog die Handschuhe glatter. Auf der Kurpromenade, die er nun fast erreicht hatte, bemerkte er, auch ihnen nun sichtbar werdend, eine junge Frau in hochmoderner Toilette, die neben einem eleganten Krankenwägelchen herging, den ein junger Bursche in Livree schob. In dem Wagen saß ein wachsbleicher, magerer Herr, Baron de la Flèche. Madame Berthe, seine Frau, war eine geborene de la Quine. Man wußte, daß ihre Mutter jahrelang die Geliebte des Barons gewesen war und diese Heirat gemacht hatte. Lucile hatte Paul in der Familie eingeführt. Es war da eine Tochter des Barons aus erster Ehe, eine reiche Erbin, die sollte er heiraten. Korrekt und dabei doch ein winziges wenig intim, stand Paul jetzt neben dem Krankenstuhl, fragte nach Mademoiselle, die bei einer Klosterkameradin in Belgien zu Besuch war, und legte, wenn er mit dem Kranken redete, einen respektvollen Rücksichtston in seine Stimme, der seiner Frische vorzüglich stand. Madame Berthe plauderte inzwischen mit konventioneller Heiterkeit. Sie hatte die wunderschönen, feuchtblauen Augen der Mutter, die aber in ihrem schmalen resignierten Gesichtchen jede Spur von Frivolität eingebüßt hatten. Paul sagte ihr im Weiterspazieren Komplimente über ihre Toilette, die, streng nach der letzten etwas koketten Mode, sie in ein entzückendes Blau kleidete, das bis zum Weiß hinauf sich aufhellte und in einem weißen Tüllhütchen mit Federn endete. Der gestickte blaue Tüllärmel, durch Drahtgestelle aufgespannt, ließ den schmalen weißen Arm wie ein Silberfischchen im Wasser schwimmend erscheinen. Der Sonnenschirm war eine blaue Nelke mit grünseidenen, schmalen Blättern. All dies Pikante aber und fein Aufreizende verlor seine Kraft an ihrem pensionärinnenhaft korrekten Wesen. Hätte einer sich die Zärtlichkeit genommen, genau zuzusehen, so hätte er wohl den Zug von Herbheit, fast Verachtung um ihren feinen, hübschen Mund gesehen. Die meisten aber merkten nichts davon. Sie galt als tadellos uninteressant. Auch Paul blieb höflich und gelangweilt an der Mauer der Banalität stehen, die sie um sich herum gezogen hatte. Sie waren jetzt bei den letzten mondänen Auktionen, die man in Paris gemeinsam erlebt hatte. Der Baron war Sammler von Illustrationen, Radierungen und sprach angeregt aus seinem unbeweglichen Gesicht heraus wie aus einer Maske über die Feinheiten der Chéretschen Plakate, in denen Blau und Orange vorherrschten. »Ich liebe diese starken Farben,« sagte er mit schleppender Stimme. »Ein Kranker wie ich liebt alles Starke. Alles Junge und Zukunftsreiche,« fügte er liebenswürdig hinzu, indem er in seine immer noch schönen Augen eine Schmeichelei für Paul zu legen versuchte. Paul dankte mit einer leichten Verbeugung. »Und dieses Fest, unterhält es Sie?« »Der Baron ist der Jüngste von uns allen,« sagte Madame Berthe, »wenn es gilt, ein Vergnügen mitzumachen, sich zu putzen, Menschen zu begegnen.« Ihre Ärmel flatterten sonderbar dabei im Luftzuge. Es sah aus, als friere sie. Der Kranke blickte sie, ohne den Kopf zu bewegen, von der Seite an. »Meine beiden Damen müssen viel entbehren,« sagte er dann leichenhaft liebenswürdig. »Mein Zustand erlaubt mir nur selten, ihren Kavalier zu spielen. Ich mache mir Vorwürfe deshalb. Auch die unschuldigen Vergnügungen meiner Tochter behindere ich. Sie ist eine so heitere Natur, Monsieur Füeßli, so dankbar für jede kleine Freude, die man ihr macht.« Wieder warf er seiner Frau einen Blick zu. Die Meinung war ein strenges: »Fahre nun du gefälligst fort darin!« Und Madame Berthe sagte lächelnd: »Ja, es ist wahr, unser Töchterchen vergißt keine Freundlichkeit, die man ihr erweist. Sie haben ihr auf der Soiree der Deveaux ein Buch empfohlen von einem gewissen Maeterlinck, es heißt ›Die Blinden‹. Ich habe es gleichfalls gelesen. Ein merkwürdiges Buch. Es macht traurig und glücklich zugleich.« Sie wurde rot im Bewußtsein, von sich selbst gesprochen zu haben und dabei das nützliche Thema »Tochter« zu vernachlässigen. »Aber ich ertappe mich darauf, selber ein wenig im Stile Ihres Buches zu reden, während ich doch nur ...« Aber Paul hatte Angst. Er wollte selber werben, wenn er erst mit sich im reinen war, nicht sich einfangen lassen. »Sie haben recht,« sagte er. »das Buch ist schön. Es ist ein wenig niederländisch-mystisch. Aber vielleicht tut der wachsamen französischen Spöttischkeit ein Zuguß solcher Träumerei nicht schlecht?« »Was mich betrifft, ich bin für das Greifbare,« sagte der Baron. Unwillkürlich rundete er die noch bewegliche linke Hand dabei, als fasse er verwegen. Er drehte mühsam den Kopf. Ein paar hübsche Radlerinnen führten ihre Velos den Berg hinauf. Sie waren in Sammethöschen und hatten gefärbtes Haar. Inzwischen war das Leben des kleinen Bades völlig aufgewacht, überall flutete bunt und von Lachen überschwirrt die Masse Vergnügter durch die Straßen. Auf hohen Schuhabsätzen stöckelnd die Bourgeoisen, die am frühen Morgen schon ihre Ohrbrillanten trugen, Bauern vom Lande in kurzen Jacken und langschößigen Röcken, die Frauen künstliche Blumen am Vortuch. Alle waren Mitspieler, keiner Zuschauer. Vor den Auslagen der Geschäfte standen sie und bewunderten Waren und Ankündigungen. Paul ging immer noch mit Madame Berthe hinter dem Krankenstuhl her. Er hatte noch Zeit, wollte, wohlerzogen, die Tante am Kirchausgang begrüßen. Sie kamen an den Hauptplatz, auf dem eine Negerin, grell aufgeputzt, den Leuten Reklamezettel für einen Zahnarzt zusteckte. Die elsässische Brasserie Gyß hatte ein Bübchen entsandt, das allem, was nur ein wenig unfranzösisch aussah, seine papierne Lockung in die Hand steckte. » Aux Français de coeur ,« schrie er dazu, »'s isch f'r die, wo im Herze franzeesch bliewe sin.« Auch Paul erhielt einen Zettel von ihm. Er wurde rot. Sah man ihm wirklich noch den Elsässer an? »Man würde Sie einen Belgier glauben,« sagte Madame Berthe, die ihn erriet, beschwichtigend. Der Baron erkundigte sich nach Hortense. »Une femme digne, je la respecte de tout mon coeur«. Jetzt fingen die Glocken an zu läuten, voll, feierlich. Paul verabschiedete sich und eilte zur Kirche, deren Türen bereits geöffnet waren. An ihm vorbei hastete die alte Louison mit den kleinen Paletots der Kinder. Es sei nach dem Regen frisch geworden, die Kleinen könnten sich erkälten. Hortense war unter den ersten, die herauskamen. Paul betrachtete sie. Sie sah alt aus. Ihr Körper, immer magerer und härter werdend, schien nur noch ein achtlos ungeschmücktes Behältnis zu sein für den Feuerfluß ihrer Seele, der sich im Glanze ihrer Augen verriet. Ihr Gang, mit dem sie jetzt auf ihn zukam, war heftig und ruckweise, wie gestoßen. Die ersten Begrüßungen mit ihrer falschen Lebhaftigkeit von beiden Seiten, ihren Fragen und Antworten waren vorbei. Hortense, ruhelos wie immer, drängte zum Hauptplatz, die »grande revue« nicht zu versäumen. »Die Kinder müssen es sehen.« Die kleine Eugénie, Tütü genannt, machte fromme Augen, während das Bübchen, als Abkürzung von grand-frère »Granfe« genannt, unverhohlen der Negerin zustrebte und große Lust bekundete, sich Zuckerschlangen und Dragantpüppchen zu kaufen. Aber die Großmutter zog ihn mit sich fort. Die Parade verlief nicht sehr feierlich. Schmuck genug freilich sahen die Offiziere in ihren elegant sitzenden Uniformen aus. Ihr kurzschrittiges Marschieren hatte etwas Lustiges und Graziöses. Voll Verve zogen die Soldaten an ihrem Colonel unter den Klangen des Sambre-et-Meuse-Marsches vorüber. Scharen junger Mädchen begleiteten die Soldaten und summten im Walzertakt die Klänge mit. Hier und da wurde in einer Ecke des Platzes von Kindern und Erwachsenen nach der Musik getanzt. Der blasse, verdrossen an Hortenses Hand dahertrippelnde Granfe wurde plötzlich von einem Soldaten gegriffen und mitgenommen im Zuge. »Hé, l'ami, ta graisse ne te pèse pas trop, par exemple.« Die alte Louison hielt dem Kleinen das Händchen und trabte mit. Sie nickte eifrig. » Ben oui, le soldat ,« und zum Kleinen weiter in ländlichem Französisch: »Qu'est-ce que je te disais toujours, mon vieux? Si tu ne manges pas, tu ne seras pas fort, si tu n'es pas fort, tu ne te marieras pas. Voilà.« Das kleine Französlein erhob bei dieser Aussicht ein jämmerliches Geschrei und bat und flehte, er wolle dennoch heiraten. Tütü aber, einen Dreimaster aus Papier auf dem Kopf, den ihr Louison gemacht hatte, marschierte mit glühenden Bäckchen nebenbei und sang aus Herzensgrunde sehr falsch den Marsch mit. »C'est ça,« sagte sie befriedigt. Hortense wandte sich unaufhörlich zu ihrem Neffen zurück. »Nun, was sagst du? Ist es schön, ist es erhebend, Franzose zu sein? Möchtest du vielleicht lieber mit den Deutschen ihren Kaisersgeburtstag feiern drüben im Elsaß? Sie tun es nicht wie ein Vergnügen, wie eine Arbeit tun sie es. Und wie sie dann schreien, ces rustres .« Sie schüttelte sich vor Ekel. Wenn sie mich doch lassen wollte, dachte Paul. Zu patriotischen Aufgaben war immer noch später Zeit, wenn er seine Karriere gemacht hatte! Er sah nach der Uhr. Hortense nickte. »Ja, ja, geh' nur, sonst kommst du zu spät; die Dampftram nach der Schlucht muß jeden Augenblick abgehen. Leider haben wir ja die Eisenbahn dorthin noch nicht. Sie ist uns seit zehn Jahren versprochen ...« Die Fahrt zur Grenze war genußreich, trotz des Stoßens, Pfauchens und Übelriechens der Dampfbahn, die man zum Empfang der Elsässer mit Grün, Lilien und Fähnchen geschmückt hatte. Paul war der einzige Fahrgast. An den großen Waldseen, an denen er entlang fuhr, wimmelte es von buntgekleideten Menschen. Schon jetzt, kurz nach dem Kirchgang, sah man die Jugend verliebt Arm in Arm in die stilleren Seitenpfädchen hineinschlüpfen, während die stattlichen Straßburger, Kolmarer und Mülhauser Madames geputzt und selbstbewußt am Arme ihrer Ehemänner oder Galans dahinwogten. Eine Reihe épiciers, alle in weißen Festwesten, bildete mit amüsanter Silhouette eine Bogenornamentik von Frühstücksbäuchlein gegen den Rasen. Paul hatte Muße, das alles zu sehen. Die Tram ging langsam. Aber mit willigen Sinnen nahm er es nicht auf. Die französische Kleinstadt und die kleinstädtischen Bourgeois waren ihm zuwider. Er fühlte sich Pariser bei solchem Anblick. Nun kam er zur Schlucht. Und nun hielt die Tram. Paul stieg aus. Hüben das große französische Hotel, drüben ein deutsches Wirtshaus. Am Hotel bewegten sich elegante Leute hin und her. Sie erwarteten den Zug aus Münster, der die Elsässer bringen sollte. Die Damen hatten Lorgnetten vor den Augen und hoben ihre weißgekleideten Kinder auf die Tische, damit auch sie die Alsaciens und namentlich die Alsaciennes in ihrer Tracht sehen könnten. Als wenn Seiltänzer kämen, dachte Paul geärgert. Er stellte sich auf der Landstraße dicht am Grenzpfahl auf. Ein Spaßvogel hatte hier einen Kreidestrich auf den Boden gezogen, auf den setzte er seine beiden Füße. Die beiden Soldaten vor ihren Schilderhäusern, der rothosige hier und der blauhosige drüben, lachten einander an. Sie waren alle zwei in Feststimmung. Neben Paul machten sich zwei junge Menschen, ihrer Aussprache nach geborene Elsässer, über die deutschen Aufschriften drüben lustig, die man von hier aus lesen konnte. »Halt, wenn die Barriere geschlossen ist«, »Rechts gehen«, »Vor Taschendieben wird gewarnt«, »Es ist verboten, die Gleise zu betreten«. »Es ist verboten! In Deutschland ist alles verboten, was nicht erlaubt ist,« sagte der eine witzig, »in Frankreich dagegen alles erlaubt, was nicht verboten ist.« Dann plötzlich änderte sich seine Stimme. »Le voilà,« sagte er leise. Man sah noch nichts, aber man hörte ein prasselndes Geräusch. »Eisenbahnbauen, das verstehen sie, ces cochons ,« sagte der Witzige wieder. Der andere antwortete nicht, denn nun kam der Zug wirklich. Langsam keuchte er sich hinauf, kurz vor der Grenze anhaltend. Leute stiegen aus. In diesem Augenblick tönten von der französischen Seite her ein paar Flintenschüsse. Zwei Männer hatten sich auf dem unteren Felsvorsprung aufgestellt und feuerten Begrüßungsschüsse ab. Die Leute auf der Hotelterrasse winkten zierlich und taktmäßig mit den Taschentüchern. Die Elsässer lachten und riefen hinauf. Dann verschwanden die Elsässer im Bahnhofsgebäude, um die deutsche Zollrevision zu durchlaufen. Auf französischer Seite gibt es das nicht heute. Man hat den Zolltisch im Freien hart hinter den beiden Grenzpfählen aufgestellt. Keine Beamten, dafür drei ländliche Musikanten mit ihren Blechinstrumenten, die einen lustigen Marsch spielen. Jetzt schwingt sich ein hoher, schöner Bursch zu ihnen hinauf, eine zusammengerollte Fahne tragend. Und da jetzt die Elsässer aus dem Bahnhofsgebäude heraustreten, lärmend und mit ihren Paketen, Tüchern, Schirmen, Kindern beschäftigt, entrollt er plötzlich die Trikolore und hält sie mit beiden Händen hoch in der Luft. Eine plötzliche Stille ist eingetreten. Die Männer nehmen die Hüte ab. Zwei zu zweien, wie bei einer Prozession, ziehen sie unter der Fahne hindurch, die leise ihren Nacken berührt, wortlos, lautlos. Ein paar Kinder falten die Hände »Bleu, blanc, rouge,« sagt ein stiller dunkelhaariger Mensch. Mit einer linkischen, unbeschreiblich rührenden Bewegung nimmt er sein zerknittertes Filzhütchen vom Kopf und weist auf die Fahne, die leise im Winde weht. Auch Paul fühlt Tränen in den Augen. Eine unerwartete Ergriffenheit macht ihm das Herz klopfen. Von oben feuerte man aufs neue, aber die Ankömmlinge blieben noch stumm. Ein seltsames Pathos hatte sich auf diese bäuerlichen Gesichter gelagert und machte sie heilig-hölzern. Sie regten sich erst, als die Musikanten auf dem Tische wieder anfingen zu blasen. Die Melodie des elsässischen Trutzliedes. Sie stimmten ein: »Vous n'aurez pas l'Alsace, la Lorraine, et malgré vous nous resterons Français.« Aber sie sangen mechanisch, traumhaft, ohne die Radaustimmung, die man oben auf der Terrasse von ihnen erwartete. Und Paul begriff: Das war keine programmäßige Demonstration mehr, das war ehrliche und unwillkürliche Gemütshingabe. Der »Quatorze Juillet« , dieser froh gedankenlose Festtag der Franzosen, war den Elsässern eine heilige Sache, eine ernsthafte Erinnerungsfeier. Jetzt waren die Ankömmlinge alle drüben. »Un, deux, trois,« kommandierte einer. Sehr wider seinen Willen verriet sich in der scharfen, etwas gehackten Art dieses Kommandos preußischer Drill. Und wie mit preußischem Drill auch klang es scharf und geschlossen: »Vive la France!« Alle zugleich. Paul, mitrufend, fühlte sich plötzlich auf die Schulter geklopft: sein Vater, der neben ihm stand, ohne daß er es in seiner seltsamen Ergriffenheit bemerkt hätte. Auch die Mutter war da. Zärtlich umarmte sie den Sohn. »Wie man dieses Frankreich liebt,« sagte sie dann leise, »jetzt erst recht.« Paul bemerkte mit Genugtuung, wie gut sie aussah. Die helle Seite ihres Haars hatte ein tieferes Blond bekommen, farbiger als das ihrer Jugend, das nun besser fast paßte zu den ernster gewordenen Zügen der Zweiundvierzigjährigen. »Wie schön du bist, maman, wie elegant du dich kleidest,« sagte Paul. »Merci.« Sie sah ihn liebevoll an, und er wieder versuchte in seinen Blick all die Bewunderung und Verehrung zu legen, die er empfand. Sogar noch etwas mehr. Denn er fühlte dunkel, daß seine Mutter etwas Besonderes von ihm erwartete, mehr vielleicht, als er ihr geben konnte. Denn Pauls Liebe zu Françoise war gar nichts anderes als die typische, unindividuelle, fast religiöse, fertig hergestellte, französische Verehrung für das Institut »Mutter« schlechthin. Wie sie mich liebt, diese arme, kleine Mutter, sagte er, wenn er an sie dachte. »Du siehst müde aus,« sagte Françoise, »du befindest dich doch wohl? Du leidest nicht?« »Ich befinde mich völlig wohl, maman .« Er zog ihre Hand an seine Lippen. Noch immer sah sie ihm besorgt nach den Augen. »Ach, wenn ich dich doch nach Hause nehmen könnte, aber das darf man ja nicht.« Sie machte eine anmutige Bewegung des Zorns gegen den Grenzposten hin. Paul reichte ihr den Arm. »Und Lucile?« fragte Françoise. »Siehst du sie oft?« Er lachte. »Sieh da, die erste Frage von petite maman .« Sie errötete. »Wir Mütter sind eifersüchtig, und ich verwünsche alles, was dich hindern kann, dich früh und gut zu verheiraten.« »Aber gerade sie will mich ja immer verheiraten. Du glaubst nicht, welche Mühe sie sich gibt mit mir.« »Ah, wirklich, sie will dich verheiraten?« Sie strahlte. »Gott sei Dank. Ich hatte schon törichte Sorgen. Aber freilich, sie ist nun auch schon eine alte Frau.« Paul sah sie von der Seite an. Die unzerstörbare Reinheit dieses Mutterantlitzes rührte ihn. »Ma pauvre petite mère,« murmelte er zärtlich und umarmte sie aufs neue. Pierre Füeßli trieb zur Eile. Drüben waren die Wagen bereits überfüllt. Der Zug setzte sich in Bewegung, dabei immer noch neue aufnehmend. Auf den Plattformen stießen sich die Menschen. Es war ein wüstes Gelache und Gefluche, ein Zurückfluten des elsässischen Alltags aus dem elsässischromantischen Pathos von vorhin. Pierre zog Françoise zurück, die sich noch hinzudrängen wollte. »Bleiben wir zurück. Die Wagen kommen noch ein zweites Mal, dann ist es leerer.« Sie standen einen Augenblick und sahen der grotesken Silhouette des Zuges nach, dem aus den Fenstern, Türen und Plattformen ein Gesträuch heftig winkender Arme und zappelnder Beine entragte. Viele noch außer ihnen hatten zurückbleiben müssen. Sie spazierten betrachtend und wählend zwischen den Bazarbüdchen umher, die sich zu beiden Seiten des Hotels hier herunterzogen, und versickerten allmählich in dem nur für heute aufgeschlagenen Zelte der Confiserie, deren Büfettauslagen und Ankündigungen Genüsse versprachen. Die jungen Männer aber wanderten zu dem photographischen Atelier, vor dem gespenstisch ein Mannequin seine blaue, schön verschnürte Algerieruniform unter einem kopflosen Fes trug. Dort konnten sich die jungen Elsässer in französischen Uniformen photographieren lassen. Sie schickten dann die Bilder ihren Verwandten, die damit prahlten. Die Füeßlis gingen inzwischen zum Hotel hinauf, das elegant und hell am Bergabhang stand. Auch hier alles festlich. Fähnchen waren auf den Terrassentischchen angebracht, das Karussel beweglicher Holzpferdchen wurde von den bunten Seidenröckchen der Hotelkinder, die sich darauf hin und her wiegten, dicht beblümt. Als Aufmerksamkeit für die Nachbarn jenseits der Grenze hatte man am Musikpavillon ein Menü ausgehängt, das mit »Sürkrüt et saucissons « begann. Pierre ging, an Hortense zu telegraphieren, daß sie erst später kämen. Paul führte seine Mutter inzwischen auf die Terrasse, die ins Waldtal sah. Es war jetzt einsam da. Die Gäste machten Toilette zum Déjeuner. Dicht neben ihnen auf deutschem Boden lag die kleine deutsche Wirtschaft, vor der vergnügt und laut redende Reisende in nicht sehr gewählter Wandertracht beim Biere saßen. Alle Männer rauchten. Paul sah interessiert hinüber. Ah, Reichsdeutsche, die berühmten Lodenkittel. Françoise zuckte verächtlich die Achseln. »Sie haben sich ausgerüstet wie für den Chimborasso, wahrscheinlich um den Hohneck zu besteigen. Kaum mehr als eine Stunde dauert das!« Gerade eben kamen Hand in Hand zwei junge deutsche Mädchen vorbei mit hellen, breiten Strohhüten am Arm, die sie mit frischen Blumen besteckt hatten. Ihr Schritt war elastisch, sie redeten kinderhaft eifrig miteinander. Die jungen Gestalten, in füllenhafter Ungebundenheit springend, verschwanden im Walde. »Pas mal,« sagte Paul, der ihnen nachsah. Ihm war, als sei ein würziger Windhauch an ihm vorbeigestrichen. Auch Françoise hatte auf die beiden drüben geschaut. »Erzähle von deinem Leben,« sagte sie jetzt. Er lächelte. »Mein Leben! Was verstehst du darunter?« »Deine Arbeit und deine Liebe,« sagte sie rasch. Er sah sie verwundert an. Waren das wirklich seine wichtigsten Dinge? Der Kellner hatte Wein und Limonade gebracht. Er wies auf einen Platz weiter seitwärts, der besser im Schatten lag. Man konnte von hier den phantastisch geformten Schluchtfelsen sehen, grün umwachsen, an einer Stelle aber nackt, Und dort, wie eine dunkle Wunde, das frisch ausgesprengte Loch des Tunnels. Paul starrte wie gebannt auf das schwärzliche Halbrund da im Felsen. Je länger er hinsah, desto mehr nahm es das Rätselhafte eines Menschenauges an. Es schien zu locken, zu versprechen. »Da hinüber darf ich also nicht,« sagte er unwillkürlich. »Ich nicht.« Seine Mutter sah ihn erschrocken an. »Du hast Heimweh?« Sie brauchte das deutsche Wort. Er lächelte wieder. »Was würde das schaden? Es ist sehr hübsch, etwas zu haben, nach dem man sich eine Sehnsucht einbilden kann.« Sie blickte noch immer ernst. »Vielleicht – wenn man gewußt hätte! Aber damals sagte man uns armen Eltern, die Franzosen könnten jeden Tag, jede Stunde zurückkommen, und deshalb ...« »Ich weiß gut, kleine Mama, und es reizt mich wahrscheinlich auch nur das Verbotene, das darin liegt. Das Gefühl, daß man nicht darf! Einfach nicht darf.« Françoise seufzte. »Man hat sich alles so anders gedacht!« Ihr Blick strich wie suchend über Pauls Gesicht. »So anders gedacht,« wiederholte sie. Dann schloß sie wie von der Sonne geblendet die Augen. Er sollte es nicht merken, daß er es war, der sie enttäuschte; nicht merken, daß sie ihn phrasenhaft fand, oberflächlich und lau. Was aber diese Enttäuschung so furchtbar machte, war der Gedanke: sie selbst sei schuld an Pauls ungünstiger Seelenentwickelung. Warum hatte sie ihn von sich weg und an Frankreich gegeben! »Was hast du, maman, du siehst auf einmal ganz blaß aus. Leidest du?« Er nahm ihre Hand. Sie entzog sie ihm schnell. »Nein, nein, ich bin nur ein wenig müde. Du weißt, ich schließe dann gern ein Weilchen die Augen.« Und, um einen Scherz zu machen, fügte sie hinzu: »Ich sehe in mich hinein.« Ihr Mund verzerrte sich. O ja, sie sah in sich hinein! Jäh und grausam war ihr, während sie hier saß, die Antwort gekommen auf ihr Warum von vorhin. Warum sie Paul an Frankreich gegeben hatte? O, nicht um seinetwillen. Nicht um ihn glücklicher, besser dadurch zu machen. Nein! Sich selbst hatte sie erlösen wollen vom Deutschtum. Lösen von der Kette der Erinnerungen. Das ist's gewesen. Wie die Sünderin, die zu ihrer eigenen Entsühnung ihr Kind dem Kloster gelobt, hatte sie ihren Sohn dazu benutzen wollen, sich zu reinigen und zu entlasten. Sie hörte neben sich Paul plaudern und gab mechanisch Antwort, immer mit gesenkten Augen, während sie rang mit dieser neuen grausamen Erkenntnis. »Ja und ist es denn ein Wunder,« sagte Paul, »wenn man gern an seine Kindheit zurückdenkt?« Er hatte die Empfindung, er müsse mit seiner Mutter sentiments reden, dürfe sie nicht von Boulevard und Café unterhalten. »Mit Rührung erinnere ich mich der reizenden Landpartien da in eurem Elsaß, die wir in meinen Ferien miteinander unternahmen. Die altväterischen Walzer auf den Tennen, die drolligen alten Dreispitze. Ich sehe sie noch vor mir, die Männer in ihren langen Röcken und die Mädchen in ihren kurzen. Ah, und das Biertrinken oder der blonde, kühlsaure Wein, der so erfrischt. Euer naives Patois. Kurz, alles, was ihr da drüben habt, scheint mir entzückend.« Überdem war Pierre herangekommen. Er hatte die letzten Sätze gehört. »Nichts von alledem, was du da lobst, haben wir noch drüben, mein armer Paul,« sagte er, während der Sohn den Wein einschenkte. »Alles das ist verschwunden. In den Tonnen versucht man sich in französischen Tänzen. Die Frauen haben ihre alte Tracht verlassen und kleiden sich städtisch. Elsaß-Deutsch spricht keiner aus den guten Familien mehr auf der Straße. Man halt das für unpatriotisch. Nur das Volk spricht noch sein Patois.« »Und du bist jetzt zufrieden mit dem Geschäft?« fragte Paul. »Früher, ich entsinne mich, klagtest du oft.« Pierre Füeßli zuckte die Achseln. »Unsere Gefühls – nun ja – die muß jeder mit sich abmachen. Immerhin – man hat damals nicht wegziehen wollen. Man hat darauf gerechnet, wieder französisch zu werden, nun muß man sich aus den gegebenen Verhältnissen das Beste herausholen. Das ist mir – ich kann es wohl sagen – geglückt. Sein Leben auf Rachehoffnungen aufbauen, ist immer unfruchtbar und führt zu Bereuungen.« Er wickelte sich dabei aufmerksam eine Zigarette. Françoise nestelte an ihrem Schleierchen. Paul bemerkte mit Verwunderung, daß ihres Mannes Bemerkung sie erregt hatte. »Du bist also zufrieden?« wiederholte er zerstreut. »Nicht zu schlecht. Wir haben uns auch Deutschland gegenüber bereits eine Einzelstellung erobert, wir Elsässer Textilleute. Das kommt, unsere Zeichner bewahren noch ein wenig den französischen Farben- und Formensinn, gute Tradition. Die Rokokomuster unserer Indienne haben sich überall in Deutschland eingeführt, im übrigen Reich herrscht immer bei den Fabrikanten die Angst, nur ja Neues zu bieten, immer Neues. Die Produktion tastet umher und erwirbt keine Sicherheit. Das ist es. Wir verdienen sehr hübsch. Und siehst du« – er schmunzelte – »darin sind wir vielleicht am allermeisten Franzosen geblieben, wir Elsässer, wir beten den Nutzen an.« Paul lachte. »Und das gibt euch natürlich eine heimliche Überlegenheit über die unpraktischen Deutschen, die in die Sterne gucken, während ihnen die Häute wegschwimmen.« »Aber so sind sie ja gar nicht mehr!« Françoise schrie beinahe. »Der Krieg hat sie zu Strebern gemacht, zu Leuten ohne Gefühl und Idealismus.« Sie hatte das Bedürfnis, sich vor Paul auszusprechen. Pierre legte beschwichtigend die Hand auf ihren Arm. »Sieh, wie maman galoppiert, wenn sie in die Wärme kommt,« sagte er zu Paul. Auch das Folgende sprach er zu ihm gewendet, obgleich es Antwort war für Françoise: » Maman erlebt immer noch ein wenig das Deutschland des Mittelalters, das, von dem Père Anselme ihr erzählt hat. Sie ist beleidigt, daß es nicht die derben, täppischen und kindlich gläubigen Leute von damals sind, die man zu uns herüberschickt, sondern kluge, weltläufige Männer, die ihren Weg machen wollten. Sie vergißt auch, daß es nicht das ganze Deutschland ist, das man hier bei uns kennenlernt. Wir bekommen ja nur Beamte und Militär zu sehen, aber weder ihre Handwerker noch ihre Bauern; gerade die Stände also, in denen das Volkstum immer am festesten sitzt.« Paul sah ihn verwundert an. »Wie du gerecht bist, Papa. Niemand sonst im Elsaß, scheint mir, würde es wagen, so zu reden.« »Niemand.« Françoise nickte ihm zu. »Papa ist eben Optimist. Ich bin glücklich darüber. Wie oft hat er mich damit erfrischt!« Pierre lachte laut. »Ich habe mir ein gewisses Deutschtum angeschafft als Beruhigungsmittel für maman .« »So hatte ich also meinen Mann fast zum Deutschen und meinen Sohn ganz zum Franzosen gemacht,« sagte Françoise leise. Sie stand auf, da man jetzt die Tram von Gérardmer heraufkommen sah. »Man schwatzt so vieles an solchem Wiedersehenstag,« sagte sie und zog sich ihre Ärmel glatt. Inzwischen war von Gérardmer her ein Omnibus angelangt. Eine Anzahl Leute, meist elsässische Bauern, hatten sich bereits der eben einfahrenden Tram bemächtigt, kletterten auf die Trittbretter, hingen sich an den Wagen, und so waren die Abteile wiederum überfüllt, als die Füeßlis einstiegen. Drinnen quetschte man sich ineinander, so gut es gehen wollte. Man konnte kaum atmen. Dazu roch es nach Zwiebeln und Schweiß. Die Rosmarinsträußchen der Frauen sandten ihren Duft zwischen Lilien und Münsterkäse hinein. Viele hielten die rundgelben Käseräder uneingewickelt zwischen ihren Knien. Sie brachten sie den französischen Verwandten mit. Pierre und Paul standen. Françoise saß zwischen zwei pfeifenrauchenden, breiten Männern, die sich über sie hinweg damit unterhielten, die Weine aufzuzählen, die sie in Gérardmer in der Brassens Gyß kosten wollten, »denn daheim im Elsaß, bon soir, zitter daß d' Schwowe im Ländle sin, zitter g'rotet d'r Win net mehr rächt.« Paul hörte zwei jungen Mädchen zu, die sich umfaßt hielten und miteinander wisperten. Die eine hatte eine bunte französische Postkarte gekauft, auf der eine Art fliegender Jeanne d'Arc mit mächtiger Siegesfahne die Fesseln einer knienden Elsässerin löste. In der Schlupfenhaube saß die französische Kokarde. »Le rêve d'Alsace« stand darunter. Das hübsche Mädel buchstabierte an dem französischen Vers herum, der auf der Fahne stand. »Fais tomber la chaîne avec ton épée, o France, en tes gloires drapée.« »Die Kart' schick i 'm Finele. Meinsch, das wird griengäl vor jalousie , wann's d'r timbre sieht üs'm Frankrich.« Die andere, feiner und sanfter, nickte still. »Un i schreib' 'm Babbe. 'r het nit mit könne, sin Chef het'm d' permission net gawe.« »Ah, un was isch das jetzt fir a métier , wo er het?« »Schriewer isch er bim ditsche gouvernement , z' Stroßburg. Scho meh as zwanzig Johr.« Die andere schwieg eine Weile. »Er verdient probablement a scheen Gald?« Sie wartete die Antwort nicht ab. »Kiklons, Madeleine,« rief sie aufgeregt. »Jetz sin m'r driewe. Jetz het's do culottes rouge . Paß uff, 'm erschte piou-pou , wo i gsieh, fall i grad um d'r Hals, tu verras .« »'s ganze Johr denkt m'r net an so Sach,« sagte eine ältere Frau im Stadtputz, aber mit der Bauernhaube, zu Françoise. »Awer am Quatorze Juillet , do gibt's kei Halt meh, do ziegt's eim ins Frankrich. Sie han eim viel misère g'macht in dere franzeesche Zitt, meh misère, peut-être , als m'r jetz han, wo m'r ditsch sin. Mais que voulez-vous , m'r isch jung g'si sellemol, un isch jetz alt. Sell sucht m'r halt Widder do drüwe, 's Jungsin.« Françoise hatte sich weit zurückgelehnt. Sie war froh, nicht sprechen zu müssen. Nachdenken wollte sie. Sich klar werden. Und da gewahrt sie denn, daß eigentlich ihr ganzes bisheriges Leben bestimmt worden ist von jener einen verhängnisvollen Minute an der kleinen steinernen Pforte zu Nancy. Ihre Ehe hat sie geschlossen im Zorn gegen den andern, ihren Sohn zum Nicht-Deutschen erzogen, um keine Gemeinschaft mehr zu haben mit jenem. Immer, bei allen entscheidenden Fragen, ist es der Gedanke an Heinrich Hummel gewesen, der sie geleitet hat. Nicht etwa, daß sie ihn noch liebte, o nein! Die Vereinigung mit Pierre, anfangs locker und leicht zerreißlich, ist ihr nun längst zum täglich neuen Glück geworden. Ihr Herz ist voll von ihm. Aber da gab es etwas Unvergessenes zwischen ihr und dem Entwichenen. Etwas, das die Erinnerung an ihn fortwährend leidenschaftlich lebendig hielt. Er hatte sie verschmäht. Zum zweitenmal verschmäht. Das war es. Denn alles erträgt, verzeiht und vergißt die Frau endlich; aber ungehört verdammt zu werden von einem, den sie geliebt hat, und zu dem sie ging als zu einem Liebenden – das vergißt sie nicht. Françoise hat oft gemeint, ersticken und verbrennen zu müssen an all den ungesprochenen Worten. Und dann hat sie angefangen ihm zu schreiben. Das geheime Fach ihres Schreibtisches ist angefüllt mit unabgeschickten Briefen. Sich einmal, ein einziges Mal gegen ihn aussprechen zu können, das wurde zur glühenden Sehnsucht in ihr. Und weil diese Sehnsucht ungestillt bleiben mußte, deshalb hat sie den Mann, der sich schweigend von ihr wandte, nicht vergessen; deshalb hat er ihr Leben beherrscht bis zum heutigen Tage. Heinrich Hummel ist es gewesen, der sie führte, wohin sie nie sonst gegangen wäre. Sein Schatten hat sie ins französische Lager gejagt, hat ihr den Sohn von der Seite gerissen und ihr entfremdet. Jetzt stieg noch eine Frau ein, prustend vor Eile. Eine dicke Madame, die fast auf Françoises Knie zu sitzen kam, da der eine ihrer Nachbarn höflich aufgestanden war, um Platz zu machen. Die Frau in schwarzseidnem Schleppkleid, Filethandschuhen, Mantille und verschobenem rundem Blumenhut fing sogleich an, mit schallender Stimme zu erzählen. Ihr kleiner Sohn sei in Gérardmer im Hôtel de la Poste angestellt. Er hatte an sie geschrieben, aber malheureusement war es Französisch. Weder sie selber noch irgendeiner in ihrem Dorfe konnte das lesen. Sie bat jetzt Pierre darum, der ihr Vertrauen einzuflößen schien. Pierre nahm die Briefe und las. Dann reichte er sie Françoise. »Unmöglich dabei ernsthaft zu bleiben,« flüsterte er ihr zu. Es war ein unverfälschtes Elsaß-Französisch, das sie zu sehen bekamen. Sie las. »Scherarmère Dimange. Je suis maintenant dans mon médier peudi pordier et garson dofisse en même tams, dans l'hôtel de la Poste. J'ai vain francs par moi et le casquète de pordier et de bons bésés pour longle. de queure Rémond.« Françoise übersetzte: »Gérardmer Sonntag. Ich bin jetzt in meinem Amte kleiner Portier und Laufbursche zugleich im Hôtel de la Poste. Ich habe jetzt zwanzig Franken im Monat und die Portiersmütze und gute Küsse für den Onkel. Von Herzen Raimund.« Der zweite Brief war so: »Mes chèrs parents. Je suis maintenant très sein et j'apprend très. J'espère que vous êtes aussi sein. Fait donc des chaucaula si je viens. J'aime les. Fait donc. Votre honoré R.« »Meine lieben Eltern. Ich bin jetzt sehr gesund und ich lerne sehr. Ich hoffe, daß Ihr auch gesund seid. Macht doch Schokolade, wenn ich komme. Ich liebe sie. Macht doch. Euer geehrter R.« Und der dritte: »Chèrs parents. Les souliers ne sont pas raison, parce que je me suis surmarché le pied. Je ne peux pas apprendre, jusque je peux marcher. J'ai feu dans la chambre et und bouteille de lit. Lucien n'a pas une et n'a pas feu. Moi, j'ai. Envoie moi du Zantihanniskumfitüre. De queure R.« »Liebe Eltern. Die Schuhe sind nicht recht, weil ich mir den Fuß überlaufen habe. Ich kann nicht lernen, bis ich gehen kann. Ich habe Feuer im Zimmer und eine Bettflasche. Lucien hat keine und hat auch kein Feuer. Ich, ich habe. Schickt mir Sankt-Johannis-Konfitüre. Von Herzen R.« »A arg scheen Schriewes,« sagte Françoise und gab der Dicken ihren Brief zurück. »Awer besser wär's halt doch, er tät Euch Elsässer-Ditsch schriewe. Gell?« »Abah, i freu mi au so scho gnue, wann i's au net verstand. Franzeesch isch nowler. Wenn einer Franzeesch kann, isch'r un petit monsieur .« Sie glänzte vor Stolz. » Merci vielmol, madame .« Und der Brief verschwand wieder in der Pompadour. In Tournemer und Longemer stiegen viele aus, die Füeßlis konnten nebeneinander sitzen. Erst jetzt auch konnte man aus dem Fenster sehen und die sanfte Romantik der Schluchten und Berge, die farbige Schönheit der Seen genießen. »Wie reizend diese französischen Provinzstädtchen sind,« sagte Françoise. »Glaubt man nicht, die Zeit sei über ihnen still gestanden?« Paul nickte. »Sie liegen da und schlafen und warten auf Paris. Das tun sie alle hier in Frankreich.« »Es liegt etwas angenehm Träges über ihnen,« sagte Pierre, »das einem gefällt, wenn man aus der deutschen Regsamkeit kommt. Und wieder in sie zurückkehrt,« fügte er hinzu. Er lächelte wie entschuldigend. »Ich kann es nicht leugnen, man entwöhnt sich drüben bei uns ein wenig des behaglichen laisser aller . Man kann's kaum noch.« »Das konntest du gewiß niemals,« meinte Françoise, und es klang halb wie Neckerei, halb wie Lob. Sie sah dabei auf Paul, der lässig und elegant neben dem breiten, bürgerlich wirkenden Pierre saß. Am kleinen Bahnhof in Gérardmer warteten Armand und Hortense Dugirard. Françoise fiel es auf, wie ungleich die zwei waren. Wie aus verschiedenen Zonen. Hortense ganz in Schwarz, herbe, mager, streng, erschien weit größer als Armand, der verblüffend seinem Vater ähnlich geworden war, in hellem Vormittagsröckchen, rundbäuchig mit schwarzgefärbtem Schnurrbart und braunen, lustigen Augen. Er winkte mit beiden Händen, ganz Liebenswürdigkeit und Eifer, sagte jedem etwas Leichtes, Verbindliches, behauptete, Françoise werde immer jünger, und umspann den ganzen kleinen Trupp mit lebhaftem Gerede. »Aux Français de coeur,« rief der kleine Laufbursche vom Gyß und steckte den Ankömmlingen seine Menüzettel zu. »Fir die, wo im Herze franzeesch bliewe sin.« »Potage de république et boeuf à l'Alsacien,« las Pierre lachend vor. Hortense nahm das fast übel. »Sie müssen doch fühlen, wie gut es gemeint ist, Monsieur Füeßli.« Sie zeigte an die Tür der Brasserie, an der sie eben vorüberkamen, die in großen Lettern ein elsässisches Gedicht trug: »Dr Gyß hat si extra Müh genumme, wil viel Elsässer annekumme. Er sorgt, daß sie ihr Leid vergasse dur Müsik, Tanz, Trinke un Asse. A güeter Tropfe Bier un Win, a finer Immis owedrin un billig, 's isch fascht nit zu sage, kann m'r derfille sich d'r Mage. A einz'ger Tag franzeesche Freid langt für a ganz Johr Schwoweleid,« Andächtig standen die Elsässer umher und lasen. Einige drängten sogleich hinein; die Stunde des Mittagessens, das sie heute »déjeuner« nannten, hatte geschlagen. Andere zogen ihre Gesichter zum Ernst. Sie legten jetzt erst ihren, das ganze Jahr über sauber weggepackten Patriotismus an wie ein Festkleid und verlangten danach ihn spazieren zu führen. Armand Dugirard machte auf sie aufmerksam. »Sieht man ihnen nicht das ›Gemüt‹ in jedem Schritte an? Niemals könnte man diese Leute für richtige Franzosen halten.« Er warf einen schnellen Blick auf Hortense, die mit ihrer Schwester voranging und ihn nicht hören konnte. »Sie verstehen sich nicht zu amüsieren. Entweder sie essen und trinken, oder sie beten an. Sehen Sie nur« – er wies auf eine Gruppe Kolmarer Bürger, die nachdenklich bei den Kanonen standen, die vor dem Hôtel de la Poste unter den uralten, knorrigen Linden aufgefahren waren – »sind sie nicht wie Leidtragende bei einem Begräbnis?« Auch die anderen sahen nun hinüber. Wirklich fiel das Halbdutzend schweigender Männer deutlich heraus aus der Art der Einheimischen und der aus Frankreich Gekommenen. In ihrem rührend steifen Anstand, ihrem schwerfälligen Ernst sprach sich das Bewußtsein aus, eine heilige Handlung zu begehen. Wagte sich ein derblustiges Wort hervor, wurde es gleich wieder unterdrückt. »Quel drôle sérieux,« sagte Armand wieder. Er ging auf sie zu. »Dites donc, messieurs, vous allez prendre racine là-bas?« Sie grüßten ihn ernsthaft, ohne zu antworten. Da ging er lachend weiter. »Was mich betrifft,« sagte Paul zu seinem Onkel, »ich finde, Ihr Fest bekommt einen prachtvoll pathetischen Einschlag durch den Besuch dieser Elsässer.« »Ästhet du,« sagte Vater Pierre. Paul wandte sich noch einmal zurück. Er hatte einen Augenblick wirklich Lust, sich den Ernsten dahinten zuzugesellen.   »Wollen wir jetzt die Käserei sehen?« fragte Armand Dugirard. Man hatte gefrühstückt und war ins Billardzimmer gegangen, den Kaffee zu nehmen. Die Herren trieben lässig auf dem grünen Billardtuch die Bälle aufeinander, hin und wieder zu ihren Tassen zurückkehrend, die Damen saßen mit Handarbeiten am Fenster. Désirées Töchterchen hatte soeben ihre »Cloche du monastère« beendet und kehrte zu dem Kamintischchen zurück, um mit ihrem Bruder ein Bilderbuch zu besehen, das Françoise ihnen mitgebracht hatte. Lustige elsässische Bilder, denen der Verleger für die neueste Auflage statt der elsässischen Verschen mit ihren naiven Reimen französische Worte beigegeben hatte. Paul lehnte am Billard und verteidigte seinen Maupassant gegen die Angriffe von Tante Hortense, die des Dichters Unsittlichkeit leidenschaftlich bekämpfte. »Die Unmoral kann niemals schön sein, mein Lieber, denn die Kunst soll ...« »Wollen wir nicht jetzt meine Käserei besichtigen?« fragte der Hausherr wieder. Hortense fuhr auf. »Mais c'est dégoûtant ça.« Sie wurde rot, da sie sich von ihrer Heftigkeit übermannt sah, und begann nervös zu lachen. »Nein wirklich, Monsieur Dugirard kennt nichts mehr als seinen Käse. Und seine Kühe sind ihm wichtiger als das ganze übrige Frankreich.« »Sie halten also selber Kühe?« fragte Pierre freundlich, so auf die Seite des Mißhandelten tretend. »O, nur einige.« Zutraulich wie ein Kind trat er zu ihm heran. »Die andern Kühe sind mir nur tributpflichtig. Sie gehören den Leuten im Dorfe.« Hortense zuckte die Achseln. Sie hatte sich erhoben und machte ein paar rasche, ungeduldige Schritte ins Zimmer hinein. »Wir wollten doch die Wasserspiele am See besuchen, denke ich, und nachher das Konzert im Kasino. Glaubst du, unsere Gäste sind hierhergekommen, um sauren Käsedunst zu riechen?« Sie ging zu den Kindern. »Habt ihr eure Aufgaben beendet? Nun gut.« Sie nahm das Bilderbuch und betrachtete es mit verschlossener Miene. Dann legte sie es beiseite. »Spielt lieber Karten, Kinder. Sie sind dieses Derbe und Bunte nicht gewöhnt,« sagte sie entschuldigend zu Françoise. In Wahrheit, aber das wußte sie selbst nicht klar, tat es ihr weh, die Reime, an denen sie sich als Kind gefreut, so verwandelt zu sehen. Die andern hatten sich inzwischen mit Armand auf den Weg gemacht. Hinter dem Haus über einen wundgetretenen Rasen dem Wäldchen zuschreitend, kam man zu einer Anzahl Holzbaracken, noch ganz hell, wie nackt in der Sonne stehend. Ein scharfer Geruch drang daraus hervor. Armand blieb stehen und zog laut die Luft ein. »Kräftig, nicht wahr? Das ist der Laab, der die Sauermilchkäse faulen läßt.« Eine Zärtlichkeit sprach aus seiner Stimme. Seine Nase blähte sich. Drinnen war ein gelbliches Halbdunkel. Die Fenster, oben angebracht, alle geöffnet und mit durchsichtigem Stoff verhangen. »Es ist wegen der Fliegen. Sie fallen in Massen in die Kessel und verlangen in der gerinnenden Milch, der caillebote, unter der Presse zerstampft zu werden.« Er ging umher und strahlte vor Eifer, sprach ein paar Worte mit den Mädchen, die die Kessel säuberten oder die Milch seihten. »Jetzt kommen wir in die eigentliche fromagerie . Ich versuche eine neue Sorte. Sie gleicht dem Brie, ist aber kräftiger. Die Temperatur ist, sehen Sie, von großer Wichtigkeit. Ich denke seit langem daran, mir eine Dampfheizung anlegen zu lassen, aber Madame wünscht es nicht. So behelfen wir uns immer noch mit dem freien Feuer oder den kupfernen Kesseln da. Man muß mit dem Fahrenheit messen. Zehn bis zwanzig Grad, je nach der Sorte. Hier ist das Orléans zum Färben. In fünfzehn oder zwanzig Minuten gerinnt die Milch, in der noch die Molke ist.« Er ließ sich einen Holzlöffel reichen, schöpfte und gab den Gästen zu kosten. »Dann mischt man und füllt ab. Dann kommt die Knetmaschine. Ein kräftiges Tier, nicht wahr? Dann werden die Käse gesalzen und müssen reifen. Manche preßt man in die Form. Hier sind die Käsebretter, auf denen sie aufgereiht liegen. Ich kann oft stundenlang dastehen und sie betrachten.« »Wie er jung ist, nicht wahr?« sagte Pierre gefällig. Armand errötete vor Vergnügen. »O, man ist durchaus noch nicht zu Ende. Selbst wenn man nicht mehr Offizier ist. Ich gebe nicht so viel auf diese Ehre, nicht so viel.« Und er schnipste in der Richtung des Hauses zu, in dem Hortenses schwarzes Kleid sich zwischen den Blumen der Veranda bewegte. »Man ist immer zufrieden, wenn man arbeitet,« sagte Françoise schnell. »Das ist wahr. Sehen Sie diese kleinen runden Käse, sie sind meine Rekruten. Ich kommandiere sie. O, ich kenne jeden einzelnen, so ähnlich sie sich scheinen. Man hat genau das gleiche Vergnügen an ihnen wie an den lebendigen Soldaten. Und die gleiche Mühe.« In diesem Augenblick fiel ihm ein kleiner Bleistift aus der Tasche und bohrte sich in eins der Käschen ein. Armand zog ihn sorgfältig heraus. »Sie sind verwundet, caporal ?« Und er spielte weiter. »Ihr da, ihr andern, he, was sehe ich, ihr erschreckt vor einem toten Mann? Voilà une belle affaire! Irgendeiner muß doch wohl einmal eine solche Pflaume bekommen von Zeit zu Zeit. Das ist der Krieg.« Paul lachte herzlich. Er kannte diese Anfälle von Bubenalbernheit hinter dem Rücken der Tante. Dugirard aber ging umher, schwankend und gebläht wie ein berauschter Hahn und sang: »C'est moi, p'tit gos' de gosse, qui avait voulu faire la noce.« Bedeutsam um sich blickend, wiederholte er den Refrain: »Reprends ton petit môm' de môme, je suis dans mon royaume«. Françoise sah zu Boden. Ihr tat der Schwager leid, der den Narren machte, um sich nicht bedauern zu lassen. Sie hatte nicht gewußt, daß sein militärisches Mißgeschick ihm noch immer so schmerzhaft sei, und sie warf es in Gedanken Hortense vor, daß sie durch ihre Verachtung diese Wunde immer offen hielt. »Was ist das?« fragte Paul, der sich langweilte. Er nahm ein gelbes, bastartiges Büschel vom Wandnagel. »Das? O, das ist eine Marotte meines Melkers. Wir haben die schönsten neuesten Siebe, aber Monsieur Albert hier« – er machte eine Art vorstellende Handbewegung nach einem breiten, graubärtigen Manne hin, der in blauer Bluse am Milchkessel stand und die Temperatur maß – »Monsieur Albert läßt es sich nicht nehmen, die Milch durch solches Gewächs hindurchzuseihen. Siebenmoß nennen sie's bei ihm im Elsaß, nicht wahr, Albert?« Albert schob die Pfeife, die er kalt rauchte, im Mund zurecht. Er lächelte nur, aber in diesem Lächeln lag eine sonderbare Melancholie. Die müde Herablassung eines Erwachsenen, der Kinder spielen läßt. Es war ein vorgeschrittener Fünfziger mit blauen, seltsam harten Augen. Alles an ihm kräftig und fast nordisch zusammengeschlossen. Paul betrachtete ihn nachdenklich. Der Mann kam ihm bekannt vor. »Sind Sie nicht –« Er errötete plötzlich. Ihm war eingefallen, wen er vor sich hatte. Er hatte einmal in den Ferien einen Onkel Füeßli im Münstertal besucht, der dort eine Spinnerei besaß. Dort war viel davon die Rede. Der Förster sei unbeliebt, er sei Renegat. Das Wort, und wie der Onkel es aussprach, machte tiefen Eindruck auf den kleinen Paul. Ein andermal sah er den scheuen blonden Försterbuben, dem die Lehrerssöhne Steine nachwarfen. Dann einmal sah er den Förster selber, wie er stattlich mit Jagdtasche und Knüttel durch die Wälder ging. Und sah ihn ein paar Tage später vor der Schultüre stehen und auf sein kleines Mädchen warten. Als das Kind herauskam, feuerrot und verängstigt, nahm er es wortlos finster beim Händchen und zog es mit sich fort, viel zu schnell für das trippelnde und schnaufende kleine Ding. Blitzschnell fuhr Paul das alles durch die Phantasie. Der Melker war eine Weile anscheinend ruhig vor seinem Milchbottich geblieben. Langsam quollen ihm zwei Zickzacklinien auf an den Schläfen, blau in seinem Gesicht, das im Widerschein der Holzplanken totenhaft gelb erschien. Plötzlich drehte er sich mit einem Ruck um, machte ein paar Schritte und stellte sich breitbeinig, wie drohend vor Paul auf. »D'r Herr het racht, 's isch der Albert Schmelzle üs'm Münschtertal, d'r renégat, wo d' uniforme des eaux et forêts trage het un sich d'rno von de Prussiens als Förschter iewernemme het losse. 'm Herre isch's probablement zuwidder, daß i leb, un daß i gar widderum franzeesch worde bin? Hein? Daß i net kapütt gange bin an miner Schand? Jage mi doch widder üse vo do, stecke mi in d' prison .« Beide Hände vorgestreckt, fast schreiend stand er da, ganz außer sich. Armand Dugirard machte eine verlegene, beschwichtigende Bewegung. »Niemand denkt daran. Albert.« Ihm war der Auftritt peinlich unbequem. Gerade jetzt, da er einmal Zuhörer gefunden hatte. Pierre ergriff das Thermometer, das der Melker hatte in den Bottich gleiten lassen. »Wieviel Grad?« fragte er. »Achtzehn,« gab der Melker mechanisch zurück. Aber seine Stimme war heiser, er bebte. Paul gab dem Melker die Hand. »Ich habe Sie nicht ärgern wollen, Monsieur Schmelzle.« Aber der Wütende hielt ihn am Rock. »Nein, Ihr sollt mi Sach höre, mon cas .« Er senkte einen Augenblick den Kopf wie um nachzudenken. »D' Prussiens sin kumme,« sagte er dann, »si han mi g'frogt, oui ou non, ja oder nein. Die wo nein g'sait han, sin furtg'jagt worde, et alors que faire ? I han drei Kinder g'ha, messieurs, madame, deux fils un a Maidele, jetz sin's numme noch zwei, 's isch a fin scheen Dingele g'si, 's Margrittle.« Er lachte plötzlich auf, sah sich um und redete weiter. »Sellemol sin's drei g'si. Das wachst, ça pousse, ça veut vivre, messieurs . I ha in Frankrich a neu engagement g'sucht, jo, bon soir ! Se han mi vertröschtet, i soll widderkumme in zwei Monat, in sechs. O, ces messieurs de l'administration française, die han Zitt in ihre bureaux . Awer fir so Litt wie mir, – sechs Monat ohne payement, c'est mourir de faim, tout simplement . D'rno han i mi g'frogt, ob réellement die devoirs von 'm citoyen größere importance han als die devoirs von 'm Familienvatter.« Er schwieg einen Augenblick, die Augen gesenkt, daß die Lider hell und unheimlich in dem braunen Gesicht standen. »I han mine Wälder arg gern g'ha,« fing er wieder an, »i hätt's schier net könne iewers Herz bringe, sie zu verlosse. D'r Babbe isch Melker g'si in Metzeral, d'Muetter hat au noch g'lebt un – eh bien, ich han mi dezidiert do in d' Nocherschaft z'kumme un han die franzeesche Wälder iewernumme uf Rechnung vom ditsche gouvernement, je suis resté, i bin bliewe.« Er steckte beide Hände in die Taschen und richtete sich trotzig auf. »Wir verstehen Euch ganz gut, Monsieur Schmelzle,« sagte Pierre beschwichtigend, »wir haben's gradso gemacht.« Der Melker machte eine abwehrende Bewegung, »'s isch net 's glieche, Monsieur, net's glieche. Monsieur hat net Dienscht g'numme bi de Schwowe, Monsieur isch net renégat worde, Monsieur hat's net notwendig g'ha.« Er lachte wieder auf. »Z'erscht 's isch alles guet gange, 's gitt iewerall rechtschaffene Litt, même parmi les Allemands ». M'r het sich ne z'beklage g'ha, 's isch wohr. Iewer d'Ditsche net, awer –« Seine Stimme nahm plötzlich etwas Wildes an, das erschreckte. »Awer d'Elsasser! Wie d'Wölf sin se um mich ummeg'schliche. Mache han se m'r jo nix könne, mir salwer, – awer mine arme Kinder! Daß se ewe net verhungere, dofir han i sorge könne, daß se ihne awer 's Lawe verleidt han mit ihrem Haß und ihrer Verfolgung – d'rgege han i nix mache könne, i han's halt üshalte müsse. Awer uf d' letscht – mi Maidele isch ins Wasser gange um das!« Er schrie es heraus, daß die Planken bebten. »Se han's in d'r Tod g'jagt, ces messieurs, ces lâches !« – er suchte ein schrecklicheres Wort – »ces Alsaciens!« brüllte er endlich heraus. Er schüttelte beide Fäuste gegen das Gebirge hin. Man hörte seinen keuchenden Atem. »D'rno han i mei Sach ufpackt un bin ins Frankrich kumme,« sagte er dann still, wie gleichgültig. »I han's métier vom Babbe aag'fange.« »Und Ihre Söhne?« fragte Pierre. »'s sin Ditsche g'si. Ihr Vatter isch jo d'r employé g'si vom ditsche gouvernement . Awer d'rno – se han's net üshalte könne mit aller Fiendschaft um se umme. Se sin furtg'loffe in d' légion d'étrangers . No, un wenn einer vo dort z'ruckkummt, so hört er d'r Kuckuck nimme lang rufe. Hinter dem kann m'r Ame sage, sell weiß m'r jo.« Seine Augen sahen jetzt geradeaus, hart, trocken, wie zu Ende geweint. Paul trat wieder zu ihm heran. Er war erschüttert und sich selber gram darüber, denn er liebte die Selbstbeherrschung. Er sah auf seine Mutter, die still weinte, auf Onkel Armand, der gepeinigt mit dem Fuße wippte, und hörte dem Vater zu, der mit dem Melker darüber sprach, wie man ihm vielleicht seine Söhne aus der Fremdenlegion lösen könne. Und er gelobte sich selbst, sich niemals hineinzwingen zu lassen in das grauenhafte Märtyrertum inmitten des derben, schweren und fanatisierten Elsaßvolkes. Elastisch reckte er sich auf. Ernsthaft und schweigend verließen sie alle die Baracke. » Oh non, monsieur, mir sin jo alle zwei Alsaciens, « sagte der Melker, als ihm Pierre ein »pourboire« für die Besichtigung in die Hand drücken wollte ... »Wie ihr lange bleibt,« sagte Hortense, »und ihr seht ganz verstimmt aus. Habe ich euch nicht prophezeit, er würde euch langweilen? Für die Wasserspiele ist es nun zu spät geworden,« fuhr sie fort. »Ich habe die Kinder mit Louison hingeschickt. Schade, ich hätte gern ihre Freude dabei mit angesehen.« Sie blickte dabei verdrießlich auf Armand. Der aber, sich geschützt und gestützt fühlend durch die Gäste, summte vor sich hin: Reprends ton petit môm' de môme, je suis dans mon royaume.« Er war wieder vollkommen vergnügt. Man beschloß, ins Kasino zu gehen zum Konzert. Der Kasinogarten war dicht gefüllt. Auf dem Platz zwischen dem Musikpavillon und dem Gesellschaftshause saß die elegante Welt: Schloßdamen, Deputierte, Kokotten, Offiziere, Beamte, ehrbare Bürgerfrauen. Die Frauen in ihren weißen Holzstühlen waren sich trotz der verschiedenen Toiletten ähnlich durch die Gleichmäßigkeit ihrer Haltung. Alle hatten sie das rechte Bein über das linke Knie gelegt, so daß unter den dunkleren Oberröcken die Schaumwellen buntfarbiger Volants hervorbrausten. Dazwischen stand das Bein in durchsichtigem schwarzem Spitzenstrumpf. Alle machten sie es so. Denn die Provinz wagt nichts Eigenes. Sie bezieht von Paris die Eleganz von vor einigen Wochen aus ihren Modejournalen, denen sie religiös gehorsam nachfolgt. Die Herren, jetzt in Zylinder und schwarzen Röcken mit viel weißer Wäsche, beugten sich über die in ihren hoch hinaufreichenden Schnürleibern sehr gerade aufgerichteten, steifen Oberkörper ihrer Damen. Man schwatzte. Wie das Ticken von vielen, vielen kleinen Uhren klang es rhythmisch und rasch unter den roten Schattenschirmen der Zelte hervor. Dicht neben dieser Gesellschaft, oft am selben Tisch mit ihr saßen die Handwerker des Städtchens mit ihrem Besuch, Frauen ohne Hüte, Männer im Filzhut. An einem großen runden Tische prall in der Sonne sah man ganze Blumenbeete voll Fähnchen und Kokarden. Sie steckten auf den Hüten der Männer, auf den Schleifen der Frauen, sie wehten und leuchteten, sie brannten exotisch in dem starken Licht des Nachmittags. Es waren die Elsässer, die sich dort zusammengefunden hatten, viele in Landestracht. Hell blickten die Gesichter der jungen Mädchen unter den schwarzen Flügelhauben und runden Blumenhüten hervor. Verkrümmte Bäuerlein waren da mit ungeheurem violettem Regenschirm, Frauen in weiten Jacken mit eng anliegenden Samthäubchen, ein paar immerwährend essende Kinder an ihren Rockfalten. Jetzt waren sie alle lustig. Sie lachten geräuschvoll, hatten Weinkrüge vor sich stehen und schmausten ihre mitgebrachten Vorräte, die sie aus buntkarierten Tüchern hervorzogen. Die gerade aßen, waren stumm, wichtig, wie bei einer schweren Arbeit. Und die Umsitzenden achteten ihr Schweigen. Zwei andere Elsaßtische waren noch da, Bürger mit ihren Frauen und Töchtern, Kaufleute, Lehrer, Gastwirte, Fabrikangestellte. Bei ihnen ging es gehaltener zu und stiller. Viel frische Jugend auch hier und viele nasse Mutteraugen, die beim Wiedersehen mit dem Sohne schon wieder um den Abschied weinten. Pierre trat mit Paul einen Augenblick an solchen Tisch heran. Paul hatte den Eindruck, der Vater wolle ihn seinen Landsleuten vorstellen. Er begrüßte einen Winzer, den er kannte. »G'rotet's?« Der Winzer, eben noch von Lachen über irgendeinen Witz geschüttelt, zog ein Jammergesicht. »Wie soll's g'rote? Vous savez, Monsieur Füeßli, sitther, daß m'r net meh zum Frankrich g'höre, sitther g'rotet d'r Win nimmeh.« » Vous croyez, monsieur? Awer grad Ihr, les vignerons, in d'r alte Zitt han Ihr doch noch allewil d' concurrence vom Frankrich g'ha – pas vrai ?« Der Alte lächelte verschmitzt. » Vous avez raison , racht han Ihr, Monsieur Füeßli. Ça ne va pas trop mal. « Paul sah den Alten sitzen, der die Fahne geküßt hatte. Er ging auf ihn zu. Ob es ihm nicht zu viel würde, die Reise zu machen in seinem Alter? » Je crois ben qu'non, monsieur, un bon Alsacien comme moi !« »Sprechen Sie nur Elsässisch mit mir,« sagte Paul, weil das Männchen seine Worte suchte, erhielt aber stolz zur Antwort: »Je Vrançais, je ne boufoir allemang.« Dann aber fuhr er dennoch auf deutsch fort: Viel könne er freilich jetzt nicht mehr tun, die campagne in Afrika hätte ihn allzusehr ausgesogen, und die kleine Pension, die er von Frankreich beziehe, könne ihn nicht ernähren. »Awer, Dieu merci, fufzeh Mark han i noch d'rzu de ces cochons de Ditsche. I bin do vordem postillon g'si, driewe in Bollwiller.« »Ah so, nun, dann habt Ihr's ja gut, Ihr nehmt von beiden!« Er war plötzlich abgekühlt. Das Männchen nickte. » Que voulez-vous, m'r mueß lawe.« »Sind denn gar keine elsässischen Honoratioren hier?« fragte Paul den Vater. »Ja freilich, aber sie mischen sich zwischen die Franzosen und bemühen sich, möglichst wenig abzustechen von ihnen.« Sie horchten nun ein wenig an den bezelteten Tischen umher. Dort sprach man von Toiletten. Ein Herr, dessen Dialekt ihn als Elsässer bezeichnete, meinte, man dürfe nur Engländer als Schneider haben, nur sie verständen ihre Kunden pariserisch anzuziehen. »Es ist nicht bequem zu reisen,« sagte ein Herr zu einer Dame, »aber man erfährt etwas.« »Wozu? Es ist nie angenehm zu erfahren, daß man etwas nicht weiß.« Zwei Damen versuchten eine Kollekte anzubringen für ihre Armen. Man sprach von einer Trauung, der man beiwohnen wollte, von der Mitgift der Braut, der Karriere des Bräutigams. Mitten in ein graziöses Potpourri herein klang jetzt abscheuliche Blechmusik. Ein Zug kam heran, etwa dreißig Blondköpfe mit blau-weiß-roten Wedeln und Fähnchen. Alle französisch gekleidet mit Käppi, Gamaschen und runden Kragen, den »Revanchemänteln«. Ihnen voran ging ein Geistlicher. Sie kamen aus Kolmar und gehörten dem unter deutschem Schütze stehenden Katholischen Jünglingsverein an. Der Geistliche, ein Blasser mit fanatischen Augen, sah sich befriedigt um. »Nous voilà enfin en France,« sagte er. Die Knaben nickten gehorsam. Es waren Kinder von elf bis siebzehn Jahren, die, wenn sie sich unbeobachtet meinten, geläufig Deutsch miteinander redeten, »Ces jeune patriots« , nannte sie der Geistliche trotzdem. Einige Damen gingen ihm entgegen und begrüßten den Trupp mit Händeklatschen. Der Geistliche dankte. Dann breitete er vor ihnen in einer kleinen Rede seine Hoffnungen und Absichten aus für das Elsaß. Die französische Sprache müsse wieder als herrschende in den Volksschulen eingeführt werden, damit es für die Knaben leichter sei, in den vornehmen Familien des Elsaß ihr Brot zu finden, deren Kultur ja rein französisch sei. Die Mädchen könnten dann als Bonnen hinübergehen nach Frankreich. Sie seien beliebt dort, weil sie billiger und gewissenhafter wären als die Franzosen. Inzwischen waren Hortense und Françoise mit Armand wieder herangekommen. Sie hatten vergeblich nach einem freien Tisch gesucht. Armand schielte verlangend hinüber nach dem Gesellschaftshause. »Dort spielt man Roulette.« Paul erklärte sich bereit, mit ihm hineinzugehen, und Hortense redete Pierre zu, gleichfalls von der Partie zu sein. »Dugirard verspielt sonst am Ende Frau und Enkel,« sagte sie.   Die Schwestern spazierten unterdes im kleinen Kurpark, dessen steife Anlagen, in denen bereits die Holzgerüste für das abendliche Feuerwerk standen, den kalten Eindruck einer Bühne bei Tageslicht machten und der alternden Hortense mit ihrer heftigen, an herbstliches Stürmen erinnernden patriotischen Erregung den nur allzu passenden Hintergrund gaben. »Nun, ist es schön, wieder im Vaterland zu sein?« fragte sie beständig. »Habt ihr wirklich immer noch nicht genug von der barschen Formlosigkeit bei euch da drüben? Ich begreife nicht, wie man leben kann in einer Luft mit ›ihnen‹. Ich könnte es nicht.« »Wir leben nicht mit ihnen,« sagte Françoise abweisend, »wir atmen unsere besondere Luft à nous .« Eine Pause entstand. Ein Kätzchen lief über den Weg. Françoise nahm es auf und streichelte an ihm herum. Es war, als wecke die Gegenwart der harten, strengen Schwester ein Bedürfnis nach Anmut und Hätscheln in ihr. Hortense, in irgendeinem dunkeln und bittern Bewußtsein dieses Vorganges, wurde rot. Es machte sie alt. »Nun, und wie findest du Paul?« fing sie endlich an. »Du hast ihn lange nicht gesehen.« »Sehr lange nicht.« »Ist er nicht reizend? Ein vollkommener Gentleman.« »Ja, ich glaube, das ist er.« »Aber nicht genug Patriot, nicht wahr? Das ist es, was du sagen willst.« Françoise fing plötzlich an zu weinen. »Ich wollte, ich hatte Paul niemals von mir gegeben. Er ist mir ganz fremd geworden, ganz unverständlich. Ich hätte ihn den Umgang seines Vaters genießen lassen sollen.« Hortense sah sie mißbilligend an. »In der Tat, du hast nicht viel Gleichmäßigkeit in deinen Ansichten, meine Liebe.« »Ich hätte ihn nicht fortgeben sollen,« wiederholte Françoise. »Nun ist er im Begriff ein Mensch zu werden ohne Heimat, ohne Charakter.« »Aber, Unglückliche! Er wäre heute Prussien, dein Sohn!« »Er wäre ein Elsässer. Wie sein Vater.« »Ah, du willst sagen, einer, der in Behaglichkeit lebt, quand-même .« » Quand-même! Und ich fange an zu glauben, es wäre meine Aufgabe gewesen, Liebe für die Heimat in Pauls Herz zu säen. Das hätte ihm einen Halt gegeben.« Hortense riß sich los vom Arme der Schwester. In maßlosem Zorn warf sie die Hände hoch wie eine Frau aus dem Volke. »Säe du Liebe,« rief sie heiser, »ich aber, ich will Haß säen, Haß, Haß!« Es klang wie Rabengekrächz. Françoise schauderte. Alles in ihr war wirr und wund. »Gehen wir hinein,« bat sie. Sie sehnte sich nach Pierre. Sie hatten sich auf ihrem Rundgang der Rückseite des Gesellschaftshauses genähert, das sich nun hell und schloßartig vor ihnen erhob. Aus den Fenstern klang unablässiges Rufen. Jetzt verstand man: »A vos jeux, messieurs, tous vainqueurs, tous vainqueurs.« »Armand wird gewiß schön viel verspielt haben,« sagte Hortense in gewöhnlichem Tone. Die beiden Frauen traten ein. Der große, dunkel tapezierte Raum schien ihnen, die von draußen kamen, fast dämmerig, etwas Schwimmendes, Wiegendes, Zwitscherndes umgab sie plötzlich, warmes Duften parfümierter Menschen, seidnes Knistern, ein angenehm erregendes Klirren von Geld, ein Reiben und Rollen, dazu, gleichsam als fester Rhythmus, wieder das eintönige: »A vos jeux, messieurs, tous vainqueurs, tous vainqueurs.« Eben jetzt als ironischer Schlußrefrain ein lauteres: »Rien ne va plus.« Die Schwestern traten naher. Man sah jetzt genau den großen Roulettetisch, um den sich die Menschen drängten, dunkle, eifrige Silhouetten, die gegen das Fenster standen. Andere, die das Licht traf, farbig und blitzend vor Eleganz. Die Damen nahmen seltsame und hübsche Stellungen ein, sich biegend, die Arme ausstreckend, sich mit eingezogenem Leib vorbeugend, so daß sie ihre Brust, ihre kleinen Hände zeigen konnten. Ihre Toiletten, in diesem Jahre mehr für Gehen und Stehen als fürs Sitzen erdacht, kamen zur Schau und entwickelten sich. Wechselten sie den Platz, so preßten sie den Kleiderrock, ihn mit voller Hand fassend, ein wenig an die Hüfte, ihm so mehr Kürze zum Ausschreiten gebend, den zierlichen Seidenschuh zu Gesicht gestellt. Zudem gab ihnen das Spiel, das hier nicht die verzehrenden, lebenvergiftenden Leidenschaften der gewerbsmäßigen Spielhöllen zeigte, sondern mehr als gesellschaftliches Vergnügen betrieben wurde, Gelegenheit, sich naiv beutelustig zu äußern und dabei einen Schimmer jener Brutalität zu zeigen, oft vielleicht auch nur zu erheucheln, der die Männer reizt, ihnen erotische Ideenverbindungen bringt. Die Männer selber gefielen sich meist in gelassener Haltung, zeigten sich überlegen, erfahren, als Führer und Ratgeber, gaben ihren Damen kleine Winke, kleine Tricks, redeten System. »Sind wir nicht töricht, uns mit patriotischen Fragen zu quälen?« sagte Hortense bitter. »Sieh diese hier! Kann man sich vorstellen, daß einer dieser Menschen weint, Sorgen hat, hungrig ist oder verzweifelt? Alle sind rosig, alle lächeln. Sie gehen, als könnten sie ebensogut fliegen, wenn sie wollten, alle Schwere scheint aufgehoben. Man kann sich einen Augenblick einbilden, man sei nur dazu da, sich schön anzuziehen und zu gefallen. Das tut gut.« Sie legte wie ermüdet die Hand an die Stirn. Françoise betrachtete sie mit scheuem Mitleid. In diesem Augenblick kam Paul heran und begrüßte sie. Er spiele nicht mehr, habe gewonnen, verloren und schließlich wieder seinen Einsatz zurückgewonnen. Nun schaue er zu. Auch Pierre beteiligte sich nicht mehr. Armand Dugirard setze für ihn weiter. Sie sahen die beiden. Pierre ruhig, nicht ganz interessiert, Armand mit gerötetem Gesicht. Paul führte seine beiden Damen zur Baronin Flèche, die neben dem Rollstuhl ihres Mannes stand, der eifrig mitspielte. Die drei standen eine ganze Weile da und beobachteten. Der erste Eindruck von Heiterkeit, den die Damen beim Eintreten gehabt hatten, verstärkte sich noch, als man die Gaskronleuchter anzündete. Die Stimmen brausten lauter auf, das Lachen wurde übermütiger. Das Geld klirrte heftiger. In diesem Augenblick flammte drüben ein aus farbigen Leuchtkugeln gebildetes, riesengroßes »R F« in der Luft, sich im kleinen See wiederholend. Zugleich begann das Orchester die ersten Takte der Marseillaise, heroisch, aufreizend. Aus dem Roulettesaal, wo eben eine Runde beendigt war, drängte man ins Freie. Man wollte die programmäßige Sensation genießen. Draußen hatten sich alle Gäste erhoben. Wie mit einem Schlage. Die Männer nahmen die Hüte ab. Und als jetzt der Tenorist an die Rampe trat, die bereit gehaltene Fahne schwenkend und mit sonorer, leicht vibrierender Stimme begann: »Allons, enfants de la patrie, le jour de gloire est arrivé,« da ging ein Rauschen und Brausen der Begeisterung durch das Publikum. Man sang mit, man jauchzte. Die eleganten Damen wurden auf Stühle gehoben, um besser das Schauspiel genießen zu können. Mit ihren fein behandschuhten Händen taktierten sie lachend über der singenden Menge. Zuletzt aber wurden auch sie von dem prachtvollen Rhythmus dieser Hymne mitgerissen, und zusammen mit den andern stimmten sie in die Wiederholung des Refrains ein: »Aux armes, citoyens.« Neben Paul stand der dunkelhaarige Bleiche, der am Morgen in Gérardmer so inbrünstig sein »bleu, blanc, rouge« geflüstert hatte. Er sang mit. Länger als alle. Jedesmal wenn der Vers zu Ende war, hörte man noch seine heisere, von Schluchzen fast erstickte Stimme, ein nachhinkendes »Enfants de la patrie« wiederholend. Als der Gesang beendet war, stiegen die ersten Flammengarben in die Luft. Baron de la Flèche klatschte zierlich Beifall. »Reizend arrangiert, das muß man sagen.« Unmittelbar nach der Marseillaise hörte man heftiges Läuten. Ein Diener ging umher und kündete die Tram nach der Schlucht an. An den Tischen der Elsässer begann hastiges Einpacken und der Lärm betäubend laut gesprochener Abschiedsworte, Höflichkeitsphrasen, mit bäuerlicher Feierlichkeit und Gewissenhaftigkeit hervorgeschrien, donnerten daher. Die Frauen suchten und bündelten, die Männer tranken ihre Gläser aus, die Kinder weinten. Alle schwatzten zugleich. »Zitt fir heim,« holte man und »écrivez-moi« und »au revoir à l'année prochaine« . Rasch, ohne Anmut und Würde, machten sie sich davon. Pierre sah ihnen nach. »Sie haben's eilig genug, ins Elsaß zurückzukommen, und welche Klagen hat man heute nicht von ihnen gehört! Gar so unglücklich, wie sie behaupten, müssen sie sich also doch wohl nicht fühlen da in ihrem Deutschland.« Paul trat lebhaft heran. »Nicht jeden Tag, Papa! O, ich verstehe das gut. Der Alltag laßt sie eben mittrotten ohne Gedanken, bis wieder der Quatorze Juillet herannaht mit seinen lustigen und aufreizenden Melodien und seiner Marseillaise. Dann erheben sich die Ruhigen und Lässigen, dann beginnen sie ein erregtes Traumleben, dann irren sie umher unter den lustigen, leichtmütig feiernden ›Brüdern‹ und geben mit ihrer alemannischen Ernsthaftigkeit den pathetischen Einschlag zum leichten, schimmernden Gewebe des französischen Nationalfestes. So ist es.« Er hatte, inmitten der aufhorchenden Elsässer stehend, gesprochen, die Arme rednerisch bewegt. Ein lautes »vive« ringsum erwiderte ihm. Auch die Franzosen schlugen beifällig die Hände zusammen. Man drängte sich um Françoise und beglückwünschte sie wegen ihres Sohnes. Ein plötzlicher Regenguß störte die Szene und machte alle fliehen. Große, warme Tropfen stürzten nieder. Ohne viel Abschiednehmen stob alles auseinander. Das Kasinogebäude war schnell überfüllt von Schutzsuchenden. Armand schlug vor, dort im Speisesaal das Diner zu nehmen, aber Hortense widersprach, da sie schon zu Hause alles habe richten lassen. Auch Françoise war froh, aus dem Gewühle und Gelärme herauszukommen. So schickte man denn zur Villa um Regenschirme und ging dann durch den herrlich duftenden Abend nach Haus. Françoise ging, eng mit Paul zusammengeschmiegt, der seine Zigarre angezündet hatte und heiter auf sie einschwatzte. »Wenn ich sie so sehe, diese braven Leute, diese Elsässer, wird mir ganz froh zumute. Wie naiv sie noch sind. Ganz aus einem Stück, ohne alles Raffinement.« »Du findest?« sagte Françoise sanft. Sie war nicht ganz seiner Meinung, aber sie hütete sich, die beruhigende Melodie dieser Äußerungen zu unterbrechen, die ihr wundervoll gut taten. Paul fing an von Paris zu sprechen, wie fade es auf die Dauer sei, ewig Neues zu erleben. Immer neue Erregungen sich abwechseln zu lassen. »Im Augenblick noch, ja, vielleicht, ich bin ja noch jung, aber wieviel würdiger lebt ihr doch da in der Provinz, Papa und du. Du mußt mir viel von euch erzählen. Und trägst du noch des Morgens deine reizenden kleinen Spitzentücher? Später, wenn ich erspart habe, kaufe ich mir eine Hütte auf dem Lande und okuliere Rosen. Ich träume davon. Paris degoutiert mich manchmal.« Françoise lächelte beglückt. »Du mußt dich verheiraten, Paul. Und weißt du, es wäre mir solche Beruhigung, wenn du keine Pariserin zur Frau nehmen würdest. Am liebsten eine Elsässerin. Das wäre ein festeres Band zwischen uns und dir da in der Fremde, und die Elsässerinnen sind vortreffliche Hausfrauen.« »Ich weiß das,« sagte er galant. »Nein, wirklich. Sie sind in mancher Beziehung auch gebildeter als die Französinnen. Namentlich in der letzten Zeit fängt das an. Sie wollen nicht zurückstehen darin gegen die Deutschen. Und sonst – wie heiter sind sie, wie vernünftig, gesund, und was für prächtige Mütter.« Und nun kam sie mit ihrem kleinen Plan hervor. Sie wollte morgen mit ihm einen Ausflug nach Epinal hinüber machen. Madame Treumann, die einstige Virginie Schlotterbach, würde dort sein mit ihrer Tochter. »Sie hat gegen den Willen der Eltern geheiratet, einen Deutschen, der Postvorsteher ist in Thurwiller. Aber die Tochter ist reizend, noch ganz jung, kaum Sechzehn, sehr gut erzogen, mit herrlichem blondem Haar. Und ihr Vermögen von der Mutter, ich habe mich erkundigt, wird einmal beträchtlich sein. Man gibt ihr die Hälfte bereits bei der Verheiratung. Willst du?« fragte sie zuletzt. Paul lächelte. Er sah sich auf dem Lande in einem blühenden großen Garten stehen, neben ihm eine hübsche, junge, blonde Frau, die ihn liebte. »Nun wohl, machen wir morgen den Ausflug nach Epinal,« sagte er fröhlich. Françoise atmete tief auf. Sie hatte ihren Sohn wiedergewonnen. Ein bräutlicher Schimmer lag über ihrem Gesicht, als sie sich mit den andern im Eßsaal zu Tisch setzte. Pierre sah sie forschend an. Sie nickte ihm zu. Da schenkte er sich ein gutes Glas voll Wein, wurde vergnügt und ein wenig lärmend, so daß Hortense die schmalen Brauen in die Höhe zog. Aber Françoise sah voll stiller Zärtlichkeit zu ihm hinüber. Sie hörte aus seinem geräuschvollen Lachen heraus, wie sehr ihre Traurigkeit vorhin ihn bedrückt hatte. Wie undankbar war ich, dachte sie. Eine glückliche Frau, eine glückliche Mutter, und in einigen Jahren vielleicht werde ich ein Enkelkind in meinen Armen halten. Ihre schwarzen Augen träumten ins Ferne. Das Stubenmädchen kam herein und brachte ein Telegramm. Sie reichte es Armand, der es rasch aufriß und dann, weitsichtig, wie er war, nach seiner Brille schickte. »Lassen Sie sehen, von wem es ist!« fragte Hortense. Er wehrte wichtig und kokett ab. »O nein, man kann nie wissen. Ein Kavalier muß verschwiegen sein.« Er hielt das Blatt von ihr weg, so daß sie nur die Rückseite sah. Françoise, die neben ihm saß, blickte unwillkürlich hin und sah die Unterschrift: »Lucile«. Aha, von seiner Schwester, dachte sie. Uninteressiert wandte sie sich wieder dem Gespräch mit Paul und Hortense zu, die über die Schriftstellerin Marcelle Tynaire stritten. Es ging um das Buch »La maison du péché« , von dem Françoise fand, es sei ohne Tiefe und trotz aller Schilderung der Leidenschaft kühl. Paul, ohne den Roman gelesen zu haben, war voll Lob dafür. Die Verfasserin sei zur Akademie vorgeschlagen worden, ihres Geschlechtes wegen aber nicht angenommen. Hortense flammte auf. »Ah, also auch sie ein Opfer des Mangels an Revolutionsgeist bei unserer Generation.« Pierre verhielt sich schweigend. Er liebte die moderne französische Literatur nicht, hatte übrigens auch keine Zeit zum Lesen. Armand hatte inzwischen seine Brille bekommen. »O, es ist gar nicht an mich,« sagte er enttäuscht. »Und ich, der ich mir schon ausmalte –« Er reichte das Telegramm an Paul, ihm vertraulich lebemännisch mit der Hand hinüberwinkend. Paul war rasch aufgestanden und mit dem Telegramm ans Fenster getreten, obgleich es dort finsterer war als unter der Gasflamme. So, den übrigen den Rücken zudrehend, las er Luciles paar Worte: »Mon mari est parti, venez.« »Wie schade das ist,« sagte er, zum Tisch zurückkommend. »Ich muß heute nacht noch fort. Es handelt sich um einen Prozeß, der – – « Françoise hatte die Stirn gesenkt. Ihr Kopf dröhnte, als sei plötzlich ein ungeheurer widriger Lärm um sie herum entstanden. Sie schabte mit ihrem Löffelchen hin und her auf ihrem Teller, daß bald die lächelnden Köpfe des galanten Schäferpaares daraus hervorschauten, bald die Lämmchen. Unaufhörlich malte sie dieselben paar Buchstaben hin, die den Namen »Lucile« bildeten. Immer neu. Armand hatte inzwischen den indicateur herbeigeholt. Er war um Paul geschäftig, als könne so ein Teil von dessen gutem Glück auch auf ihn fallen. Er nickte ihm ein paarmal zu. Wir Männer, nicht wahr? Hortense war voll Eifer, packte Früchte ein und kleine Kuchen für unterwegs und wollte wissen, ob er Aussicht habe zu plädieren. Pierre hatte inzwischen ruhig seinen Wein ausgetrunken. »Und sie hat nicht Zeit bis übermorgen, diese Reise?« fragte er jetzt mit dröhnender Stimme. Er hatte Françoises verzweifeltes Gesicht bemerkt. Hortense fuhr herum. »Übermorgen? Was denken Sie? Wenn sein Beruf es doch von ihm fordert.« Und zu Françoise sagte sie: »Man darf nicht zu weich sein, meine Liebe.« Paul trat zu seiner Mutter heran und umarmte sie. » Pauvre petite maman, ich bin sehr traurig. Aber was wollt ihr – die Geschäfte!« Françoise starrte ihn an. Armand, die Uhr in der Hand, riß ihn fort. »Beeile dich, du wirst deinen Zug verfehlen. Das Auto wartet draußen. O, keine Ursache zum Dank. Wir Männer helfen einander.« Er klopfte ihm väterlich den Rücken. Einen Augenblick des Durcheinanderredens, Ratschlägegebens, Hin- und Herlaufen mit Mantel, Mütze und Tasche, dann war Paul verschwunden. Die Herren gingen ins Rauchzimmer, Françoise hatte sich in den Erker gesetzt. Sie hätte beinahe aufgelacht, weil alles so ungereimt war. So viel unnützer Gram und so viel unnütze Freude! Hortense trat zu ihr. Ihre trockene Hand strich zart über die weiche Wange der Schwester. »Wie du an ihm hängst, Françoise. Aber es ist nicht klug, so zu lieben. Man fordert Glück für sich, wenn man liebt. Und wir sind nicht zum Glücklichsein auf der Welt, wir Frauen von heute. Wir müssen handeln.« In diesem Augenblick kam Pierres frisches, gutes Lachen hereingelärmt. Françoise fuhr zusammen. Dann aber lächelte sie. Ein tiefes Bewußtsein seiner Treue und Zärtlichkeit kam über sie. Sie erhob sich und trat in die Türe. Da, ohne sie zu sehen, fühlte er ihr Kommen. »Bisch müd, Maidele? Soll i dir singe: Schlof, Kindele, schlof?« Er schien zu lachen. Françoise aber sah den Blick warmen Erbarmens, den er auf sie richtete, und er rührte sie grenzenlos. In ihrem Zimmer angekommen, war Pierre schweigend um sie bemüht. Seine starken Hände zogen ihr geschickt und zart die Nadeln aus dem Haar. Er half ihr das Kleid ablegen und in den weichen, hellen Seidenschlafrock schlüpfen, in dem sie weiß und schlank aussah wie eine junge Frau. »Müetterle!« Er streichelte sie. Sie fiel ihm um den Hals. »Wir haben ihn verloren, Pierre, wir haben unsern Sohn verloren.« »Ah bah, a rachter Elsasser Büe, der kummt scho vo salwer z'ruck, et tu sais, il revientil à lui-même .« »Aber sie verderben ihn mir, sie machen mir ihn schlecht, diese Lucile – – « »Kei Idee, bime rachte Elsasser Bus schabt das nix.« Sie hörte kaum darauf. »Zwei einsame alte Leut' sind wir nunmehr.« »Meinsch?« Er stellte sich drollig unternehmend vor sie hin. »Man ist noch kein Greis, Madame.« Sie mußte lachen. Zärtlich zupfte sie ihn an seinem dichten, jetzt leicht ergrauenden Bart. »Sie haben recht, Monsieur. Und die paar weißen Fäden da, cela vouz va à merveille .« »Und du, Françoise?« Er faßte sie bei den Schultern und hielt sie wie ein Kunstwerk, das man betrachtet, steif von sich ab. Dann plötzlich sie an sich heranziehend, nahm er sie heiß in die Arme. »Nein, wir sind jung, jung,« sagte er laut und zuversichtlich. »Und wir lieben uns zwei. Grad so wie am Anfang.« »O viel, viel besser,« flüsterte sie, weich und hingegeben an seiner Brust. Vierter Teil Das diesjährige Osterfest hatte dem Städtchen Thurwiller, das jetzt bereits seit drei Jahrzehnten Thurweiler hieß, nach einem warmen, knospentreibenden Februar wieder Schnee gebracht; einen lockeren, nassen Märzschnee, der tags in der Sonne zerging und einen warmen Duft von Fruchtbarkeit in die Luft schickte. Im Wäldchen blieben Grundlöcher und Bodenfalten noch weiß gefüllt, die Landstraßen aber waren bereits dunkelbreiig, von kleinen Flüssen durchzogen. Und das helle Automobil, das da eben durch das blinde, triefende Grau des kalten Vorfrühlings stieß, war bis hoch hinauf mit Schmutz bespritzt. Dennoch blieben die Leute stehen, grüßten und blickten ihm wohlgefällig nach. Man liebte in der Umgegend Baron Arvède von Meckelen, den Sulzer Schloßbesitzer, der seinen Grund und Umkreis klug in Ordnung hielt, vernünftig wirtschaftete und beriet und nach oben wie unten seinen Platz behauptete. Die Frauen lüfteten ein wenig ihre schützend über den Kopf geschlagenen Röcke, um zu lugen, ob etwa Madame Yvonne hinter den Scheiben zu entdecken wäre, mit ihren noch lichtbraunen Löckchen unter dem schwarzseidenen Kinderkäppchen, deren nußfarbene Augen so herzig dreinschauten, während sie ihr elegantes Französisch, das man nicht verstand, an einen heranschwätzte. Auch nach den vier goldhaarigen Kinderchen hielt man Ausschau. Gewöhnlich saß eins vorn beim Kutscher, und die andern drei purzelten dadrinnen umeinander, wie junge Vögel im Nest. Heute aber sah man rechts neben dem Baron, der in Schildmütze und kariertem Fahrmantel in seiner gewohnten Ecke saß, einen breitschultrigen, älteren Herrn, den man nicht kannte. Man bemerkte beim Vorüberfliegen eine goldene Brille und einen grauen Vollbart, dazu einen lehrhaft gegen die Straße gestreckten Zeigefinger. Die Leute lachten. »Sicher'n Studierter. Halt en' Schwob.« »Sie werden eine gute Ernte bekommen, Herr von Meckelen,« sagte drinnen im Wagen der Universitätsprofessor Heinrich Hummel aus Straßburg zu seinem Gastfreunde und wies auf die Kirschbäume am Wege. »Die Knospen, scheint mir, haben nicht gelitten durch den Frost.« »Wer kann das sagen, Herr Geheimrat. Später Schnee freilich ist gut. Aber für die hiesige Gegend auch gefährlich, wegen der Thurüberschwemmung.« »Ach ja, die Thur, ich weiß. Sie verändert jedes Jahr ihr Bett.« Dabei kam etwas Horchendes in sein Gesicht. So als höre er irgendwo da draußen einen Ton, eine Melodie, die ihn erinnere. Er rückte seine Brille fester. Seine Augen richteten sich mit dem scharfen Blick des Naturforschers auf die Dünste, die der Thurwald hier heraufschickte, und die, das Gebirge verhüllend, ein dunkleres Grau in den Regennebel hineinmalten. Arvède von Meckelen merkte mit Erstaunen, wie jugendlich der gelehrte Herr aussehen konnte, wenn er lächelte. Bis jetzt hatte der Baron sich ein wenig gelangweilt mit dem nicht sehr redseligen und etwas steifen Geheimrat. Mit schlechtem Gewissen! Denn er hegte für den Mann, der im Jahre Siebzig seinen Bruder Germain vom Schlachtfelde trug, eine tiefe und dankbare Pietät in seinem Herzen. Und als seine kleine Madame Yvonne ihm eines Morgens mit vor Rührung bebender Stimme aus der Mülhauser Zeitung vorlas, der berühmte Jenenser Bakteriologe Heinrich Hummel sei an die Universität Straßburg gerufen worden, da beschlossen sie beide, den unbekannten Freund aufzusuchen, ihm zu danken, ihn zu sich aufs Land zu laden. »Wir werden mit ihm gemeinschaftlich diesen teuren Toten beweinen,« sagte Yvonne, »der für Deutschland gestorben ist,« und ihr zartes Gesichtchen rötete sich vor Eifer. Sie waren dann auch wirklich nach Straßburg gefahren und hatten den Professor aufgesucht, der in einem der neu entstehenden Stadtteile, in die sie sonst kaum kamen, in der Nähe des Statthalterpalastes wohnte. Gerade, breite, tadellos saubere Straßen, in denen sie ihre alte, kapriziöse und zugleich feierliche Stadt nicht mehr erkannten. Unglücklicherweise hatten sie den September zu ihrem Besuch gewählt, die »großen Ferien«, von deren Existenz sie nichts wußten. Das Haus war verschlossen. Als Antwort auf die Karten, die sie hinterließen, bekamen sie im November Hummels große offizielle Visitenkarte zugeschickt, auf der ein paar höflich bedauernde Worte standen. Nichts weiter. Jetzt aber hatten sich seit einiger Zeit mehrere Städte des Elsaß zu einem Kunstbunde zusammengetan, der Konzerte und literarische Vorträge veranstaltete, und dem auch die Meckelens angehörten. Als letzte Vorführung dieses Jahres hatte man Hummel ausersehen. Der Vortrag sollte in Mülhausen stattfinden. Als Hummel die Aufforderung annahm, machten die Meckelens einen zweiten Versuch, sich ihm zu nähern: sie luden ihn ein, auf dem Hin- oder Rückwege ihr Gast zu sein. Zu ihrer Freude nahm er an. Nun war er gestern gekommen, wollte morgen abend abreisen und beunruhigte sie ein wenig durch die hilflose Abgeschlossenheit seines Wesens. Sie hatten nicht bedacht, daß er nun fast schon ein Sechziger war. Nur wenn er, wie eben jetzt, still in sich hineindachte oder, getroffen durch ein Wort, aufsah, bekamen seine Züge Frische. Und wenn er den Hut lüftete, leuchtete die Klugheit seiner Stirne hell über den etwas stubenhaft schlaffen Gesichtszügen. Sie fuhren eine Weile schweigend. Das Geräusch des Autos erschwerte längere Unterhaltungen. Hummel blickte hinüber nach dem zackigen Gebirge, das sich jetzt zu enthüllen begann. Er dachte daran, daß er vor einem Menschenalter dieselbe Straße hier gewandert war, erwartungsvoll und froh, zwischen Feldbreiten goldenen, buntdurchblühten Korns, und es tat ihm einen Augenblick leid, hierhergekommen zu sein. Man soll nie wieder die Plätze aufsuchen, an denen man jung war. Daß er es dennoch tat, galt einem Wiedersehen mit Victor Hugo. Denn da die Meckelens ihn als Pfleger ihres armen Germain feierten, war ihm eingefallen: weit mehr Grund zur Dankbarkeit habe ja doch er seinem Lebensretter Victor Hugo gegenüber. Er erkundigte sich nach ihm, und es stellte sich heraus, daß er Arvèdes Schwester geheiratet hatte, jenes Kind, dem Martin Balde im Juli Siebzig ins Leben hineingeholfen hatte. Man sprach mit einer gewissen Zurückhaltung von ihr, und Yvonne vertraute dem Geheimrat an, ihre Schwägerin wäre ihnen ein wenig entfremdet, da sie eigensinnigste Chauvinistin geworden sei. Wie das gekommen sei, hatte Hummel gefragt. O, sie sei von Anfang an französischer erzogen worden als die andern Kinder, »Après l'année terrible, vous savez.« Und dann war der General gestorben, gerade als Madeleine, sein Liebling, auf den Wunsch der Mutter in eine deutsche Schule kommen sollte. Nun schickte Frau von Meckelen sie, gleichsam ein Opfer, das sie ihrem toten Manne brachte, nach Frankreich in ein Kloster. So war Madeleine vollends zur Französin geworden. Sie hatte Victor Hugo nur unter der Bedingung geheiratet, daß sie, so oft sie wollte, in Paris leben konnte. Sie kam nur selten nach Thurweiler, Victor Hugo besuchte sie und seine beiden Kinder in Paris, wenn seine Geschäfte es ihm erlaubten. Geschäfte! Hummel war neugierig auf diesen neuen Victor Hugo. So hatte man denn die Fahrt nach Thurweiler unternommen. Arvède, der auf einem Gute in der Nähe einen Pferdekauf zu machen hatte, wollte den Gast abends bei seinem Schwager wieder abholen. Sie rüttelten jetzt über Schienen herüber, sahen weißglitzernde gefüllte Wagen, die man ankettete. Auf der Lokomotive standen Männer, deren Kleider, naß, in die Luft hineindampften. »Die Güterbahn von Thurweiler nach Bollweiler,« erklärte Meckelen auf Hummels fragenden Blick. »Für den Kalitransport.« »Haben Sie hier auch Kalifunde?« »Hier hauptsächlich. Die ganze Gegend leidet darunter.« Hummel hatte auf die letzten Worte nicht geachtet, auch den grimmen Ton nicht bemerkt, in dem der Baron seine Auskunft gab. Ganz eifrig beugte er sich vor, so daß ein Stoß des Autos ihn sein Gleichgewicht verlieren ließ. Das störte ihn nicht. Erfüllt von einem Gedanken, der ihn glücklich machte, nickte er ein paarmal vor sich hin. Dann, ihm Worte gebend, sagte er laut in die Wagengerausche hinein: »Ist es nicht herrlich, daß man gerade hier im Elsaß Kali findet? Im deutschen Elsaß? Deutschland plant ja das Syndikat für Kali. Da muß doch diese Tatsache: nämlich daß man nur in Deutschland Kali findet und nun auch hier, den Elsässern beweisen, wie sehr sie, schon allein geologisch, zu uns gehören? Glauben Sie nicht, daß dieser Umstand, wenn man ihn dem Volke genügend einprägen würde, für die Germanisierung von höchster Bedeutung werden kann?« Wundervoll blau waren seine Augen dabei. Meckelen zuckte die Achseln. » Quant à moi, ich betrachte sie als Fatalität. Sie verpesten die ganze Gegend,« fuhr er finster fort. Hummel zog die Luft ein. »Ich rieche nichts.« Da mußte Meckelen lachen. Er hatte noch sein weiches, blondes Kinderlachen. Plötzlich aber wurde er wieder ernst. Er zeigte nach vorn. Hummel blickte durch das Vorderfenster und erkannte, soweit es der wehende Havelock des Kutschers zuließ, ein hohes, schwarzes Gerüst, das mitten auf dem freien Felde stand. »Was ist das?« fragte er erstaunt, fast ein wenig beleidigt. Ihm war, als habe man ihm ein hübsches Andenken verdorben. Denn hier in der Nähe mußte der Feldweg gewesen sein, auf dem er damals die beiden jungen Mädchen mit dem groben Bauern beobachtet hatte. »Was ist das?« »Ein Bohrturm. Da weiter weg sehen Sie noch einen zweiten. Häßlich, gelt? Aber das ist nicht das Schlimmste. Das nicht.« Er sagte nichts mehr, aber in seinem seinen Edelmannsgesicht schien etwas Leidenschaftliches aufzuwachen: Verachtung, Kummer. Hummel blickte noch immer nach vorwärts auf die Bohrtürme, die man jetzt beide sah, wie sie sich schmutzig und breitbeinig vor die Landschaft stellten. Im weiten Umkreise eine wüste Öde, halmlos, von Salz bereift und zerfressen. Man erkannte Schuttberge, verlassene Schächte, Bohrlöcher, da wo früher Feld gewesen: unfruchtbare Erdschollen, hart, braunrot, die aussahen wie geronnenes und versteinertes Blut, ein paar Kirschbäume ohne Blätter mit dürren, anklagend weggestreckten Ästen. Ein hoher schwarzgestrichener Bretterzaun stand massig und undurchdringlich wie eine Gewitterwolke, die sich gesenkt hatte, vor einem teergeschwärzten Hümpel von Bauhütten und Schuppen. Arvède von Meckelen hob drohend die geballte Faust. »Ah ces brigands!« »Sie lieben die Industrie nicht sehr, wie es scheint.« Arvède machte ein abweisendes Gesicht. »Wir sind ein Bauernvolk, Herr Geheimrat. Unsere Erde ist unsere Heimat. Wenn man auch die uns noch verschandelt, dann, ja dann ... Meinetwegen kann man dann auch türkisch werden.« Sieh, sieh, der Agrarier, dachte Hummel. »Aber haben nicht viele Leute ihr Brot durch diese Unternehmungen?« fragte er beschwichtigend. » Malheureusement. Man lockt uns vom Lande die Knechte weg und macht dann Maschinen aus ihnen. Und diese Arbeit à la prussienne liegt nicht in der Natur unserer Leute. Sie sind es gewöhnt, ein wenig zu verschnaufen, wenn die Lust sie dazu ankommt, zu lachen, zu schwätzen, und es wird ihnen arg schwer, das Maul zu halten, wenn ein Bonmot sie prickelt. Sie kommen wohl auch mal eine halbe Stunde später, als die Uhr es bestimmt. Dafür schaffen sie ein andermal über die Zeit hinüber, wenn's ihnen in den Kopf kommt. Da drüben aber werden sie ausgenutzt, bis sie keinen Tropfen gesundes Blut mehr im Leibe haben. Kommen sie dann aus der Fabrik nach Hause, wollen sie genießen: Kino, Wirtshäuser, die Frauen tun mit. Das Geld geht zum Teufel und die armen Seelen selber hinterdrein. Und dann kommen sie zu uns zurück und wollen wieder Bauernarbeit tun. Als ob sie das noch könnten, geschwächt und anspruchsvoll wie sie sind! Und nun sehen sie erst dies! Vous voyez ces baraques-là? « Jetzt zog auch Hummel die Stirne kraus. Da wo früher das Pfennigsche Grundstück so einladend und behäbig gelockt hatte mit seinem niederen Fachwerkhause, dem Kuhgeruch und seinen Fruchtbäumen auf Wiesengrund, da sah man jetzt ein paar engbrüstige hohe Mietskasernen, dünnwandig und bereits ein wenig schief in ihrer schlecht getünchten Nacktheit stehen. Der Geheimrat schüttelte mißbilligend den Kopf. »Aber das ist unerhört, die schönen alten Häuser einfach wegzureißen. Ja, konnte man denn das nicht verhindern? Wir haben doch den Verein zur Erhaltung elsässischer Bauwerke?« Der Baron hatte ein nachsichtiges Lächeln in den schmalen Augen. »Ganz so einfach gehen diese Dinge doch nicht zu behandeln, wie Sie, Herr Geheimrat, sich das vielleicht auf Ihrer behüteten Professoreninsel vorstellen.« Er sah, erschrocken über seine Verwegenheit, dem Gaste ins Gesicht. Der aber sah nur nachdenklich vor sich hin. So fuhr er fort: »Die Geschichte dieser Häuser ist die Geschichte unserer ganzen Gegend. Vor sechs Jahren noch stand das Gehöft ruhig da. Man bewunderte es niemals, man liebte es, ohne das zu wissen. Eines Tages, un beau jour, findet der propriétaire Kali auf seinem Grundstück und in den Monaten darauf immer mehr Kali, überall. Er zeigt es der Regierung an, man kauft, grabt, wühlt und demoliert. Der Mann verkauft für die unerwartet hohe Bezahlung Stück für Stück von seinem Eigentum und zuletzt das ganze Anwesen an die hiesige Kaligesellschaft. Er wird ein reicher Mann. Übrigens aber macht das gouvernement damit ein schlechtes Geschäft. Denn natürlich hat mein bonhomme , entwurzelt wie er doch nun einmal ist, nichts Eiligeres zu tun, als mit seiner Familie nach Frankreich überzusiedeln und dort sein von den Deutschen erhaltenes Geld als Rentier zu verzehren. Auf dem Rest des Grundstücks aber haben deutsche Bauunternehmer die Cochonnerien aufgerichtet, die Sie da sehen. Enfin que faire? « »Und wer bewohnt die Häuser?« »Zugezogene Leute. Angestellte der Fabriken, Agenten, que sais-je, der ganze Troß von Spekulanten und von traditionslosem Gesindel, das zu solch modernem Betrieb nun einmal gehört. Moderner Betrieb,« wiederholte er, Er sah zart und bekümmert aus, wie er da in seiner Ecke saß und klagte. Hummel betrachtete ihn mit Sympathie. Ihm selber war die moderne Industrie mit all ihrem Geräusch, ihrer Hast und ihrem Haften an der Materie zum mindesten gleichgültig, oft störend gewesen. Er verachtete sie ein bißchen. Wie er alles ein bißchen verachtete, was nicht Wissenschaft war. »Wenn Sie hier schon klagen,« sagte er, »dann dürfen Sie nicht nach Berlin gehen. Ich war einmal da. Freilich ist es jetzt schon eine Weile her. Damals, gerade ehe ich den Ruf nach Straßburg erhielt, bekam ich nämlich auch eine Anfrage nach Berlin. Ich war dort, mir die Verhältnisse anzusehen, zwei Tage, dann hatte ich genug. Moderner Betrieb, wie Sie sagen. Man kann in Berlin nicht denken. Jeder füllt sich seinen Tag voll Lärm und Anstrengung, weit über seine Kräfte, und nachts, genau wie Ihre Arbeiter hier, stürzen sie sich in das Vergnügen. Wieder eine Arbeit. Zeit hat niemand. Auf den Straßen hört man kein anderes Wort als Geld und wieder Geld. Das war noch die Gründerzeit, wissen Sie. Jetzt, scheint mir, ist sie ins Elsaß geraten.« »Ja, wir bekommen den reinen Amerikanismus her. Alles was Geschmack und Tradition ist, wird überflutet davon. Nur neu soll alles sein. Billig und rasch. C'est le cas. « »Ganz recht, die Leute kennen keine Werte mehr, nur noch Zahlen.« »Keine Werte mehr,« wiederholte Meckelen feinschmeckerisch, » voilà ce que vous avez bien dit, monsieur. Als Knabe fühlte ich mich unglücklich und zerrissen,« sagte er dann leise, den Kopf gesenkt, »der Tod meines armen Bruders hat mich in eine Tätigkeit hineingesetzt. Ich habs zu schaffen und spüre, daß ich Kraft habe. Da sollen mir nun nicht Maschinen kommen und Bureaus und mich ersetzen wollen, cela jamais !« Er klopfte heftig mit dem Fuße auf im Wagen. »Der menschliche Geist ist auch schaffend,« sagte der Professor. Arvède achtete des Einwurfs nicht. Er fuhr leidenschaftlich fort, kurze Sätze herauszustoßen: »Ich bin zufrieden geworden auf eigenem Grund und Boden. Die Heimaterde hat Heilkraft. Freizügigkeit ist plebejisch.« »Wo der Materialismus beginnt, da tritt der Sport an Stelle der geistigen Arbeit.« Die beiden Männer sahen sich wohlgefällig an, während sie noch eine Weile so aneinander vorbeiredeten, ähnliche Worte gebrauchend und ganz Verschiedenes darunter verstehend. Sie glaubten sich einig. Zuletzt schwiegen sie. Jeder hing seinen Gedanken nach. Hummel blickte auf den kleinen Drei-Wagen-Zug, der eben an ihnen vorbeifuhr. Ihm kam auf einmal der Milchwagen in den Sinn, auf dem er in verstohlener Morgenfrühe zwischen klappernden Blechkannen gesessen hatte. Den Gesang der Fabrikmädchen hörte er wieder, sah den Zug der französischen Soldaten, die aus der Garnison ausrückten. Wie lange, lange war das her. Er hatte nie mehr daran gedacht. Jetzt sah er prüfend auf die Pappeln, um deren enggefaßte Glieder eine eben durchbrechende fahle Sonne flimmernde Linien zog, so daß sie sich vom feuchtbraunen Tale abhoben wie bleigefaßte, blasse Stücke eines Glasgemäldes. Er erinnerte sich, wie dicht belaubt und goldumzogen er sie damals vor sich gesehen hatte. Und nun tauchte auch der braune Kirchturm vor ihm auf, einen Augenblick später sah er das Städtchen selber, das, weit über die grüne Schüssel seiner Wallwiesen herübergeflossen, sich in wohlgeordneten Straßen heranzog. Alle Häuser gleich hoch mit Ziegeldächern und gleichen geraden Schornsteinen. Seitwärts endeten die glitzernden Schienenstränge an einem kleinen Bahnhof, mit Telegraphen- und Telephondrähten auf seinem Dach. Der Geheimrat schob seine Decke beiseite. »Ich möchte hier aussteigen und zu Fuß gehen. Ihr Weg zweigt, wie ich glaube, hier ab, und« – er zog die Uhr – »es ist auch gerade die gewohnte Stunde meines Nachmittagsspazierganges.« »Sie werden sich ermüden.« Aber Hummel drückte einfach den pneumatischen Ball, so daß der Chauffeur hielt. Unerwartet rasch war er draußen, nahm mit energischer Bewegung seinen Schirm unter dem Verdeck hervor und reichte seinem Wirt die Hand. »Auf Wiedersehen also.« »Da Sie es wollen, Herr Geheimrat, auf Wiedersehen dann in der Villa Schlotterbach. Der neuen,« fügte er hinzu und machte beschreibende Bewegungen mit den Armen. Aber das Geräusch des Autos, das sich wieder in Bewegung setzte, verschlang seine Worte.   Mit kräftigen Schritten wanderte Heinrich Hummel nun zum Städtchen hinunter und kam bald zu den neuen Häusergevierten, die mit ihrem abgeteilten Gartenstückchen Arbeiter- oder Beamtenwohnungen zu sein schienen. Die Straßen, die sich diesen Bauanlagen anschlossen, waren nur erst abgesteckt, trotzdem trugen sie an Holzschildern bereits ihre Namen: »Hohenzollernstraße«, »Wilhelmstraße«, Friedrich-Wilhelm Straße«, »Kaiserweg«. Mitten im Kahlen stand eine Bretterbude mit rotem Vorhang, der sich im Winde blähte. »Kinematograph« stand mit großen, aus elektrischen Lämpchen gebildeten Buchstaben über dem Holzdach. Hummel schüttelte den Kopf. Nichts erinnerte mehr an Thurweiler. Man konnte glauben, in einem Großstadtvorort zu sein. »Ist es noch weit zur Villa von Herrn Schlotterbach?« fragte er einen mürrisch aussehenden Mann, der ihm entgegenkam, die Pfeife im Munde, in Bluse und Schirmmütze, in einem dicken, fettigen Notizbuche blätterte und Zahlen murmelte. Der Angeredete sah ihn feindlich an. »Moi entendre seulement Français.« Er sah mit Verwunderung, daß der deutsche Herr mit der goldenen Brille lachte, übers ganze Gesicht. Hummel erinnerte sich des alten Weibleins, das er damals hier, vielleicht an derselben Stelle, in seinem besten Französisch angeredet hatte und das ihm erwiderte: »I verstand nur Elsasser Ditsch.« Tempora mutantur. »Der Herr sind fremd im Ort?« Der Geheimrat blickte sich um. Ein schmaler, jüdisch aussehender junger Mensch in deutscher Soldatenuniform, mit elegant aufgezwirbeltem Schnurrbart stand vor ihm. »Die Häuseranlage hier ist neu?« fragte Hummel. Das Gesicht des jungen Mannes kam ihm bekannt vor. Der Jüngling schlug die Hacken zusammen. »Ganz neu, mein Herr. Die Beamten vom Zuchthause wohnen da. Alles tadellos geregelt.« »Die Beamten? Ja, ist denn kein Militär mehr in der Stadt? Kein Wachtkommando?« Der Jüngling wirbelte sein Schurrbärtchen. »Der Herr meint vielleicht, weil er mich in Uniform sieht? Aber ich bin nur auf Urlaub hier. Ich diene mein Jahr in Straßburg ab. Die Familie freut sich, wenn man sie wieder einmal besucht,« setzte er herablassend hinzu. »Also kein Militär mehr,« wiederholte Hummel fast bestürzt. Die roten, lustig marschierenden Hosen auf der Zuchthausmauer waren ihm unzertrennlich von Thurwiller. Er gab sie ungern her. Aber es waren ja doch nicht rote mehr gewesen, jetzt, sondern dunkle. Natürlich! Der Freiwillige hatte inzwischen geläufig in Druckschriftsprache auseinandergesetzt, früher habe es in der Tat hier einmal Militär gegeben, aber da wäre immer Streit geworden mit den Arbeitern. Jetzt dagegen sei alles geregelt. Tadellos. »Und die Runden um die Mauer?« O das sei nicht mehr nötig. Ein Netz von elektrischen Drähten, in denen die Gefangenen hängen blieben, wenn sie den geringsten Fluchtversuch machten. Tadellos. Hummel suchte immer noch nach der fatalen Ähnlichkeit. Er hatte sich zum Gehen gewendet, der Bursche begleitete ihn wie sein Diener, immer ein paar Schritte zurückbleibend, seiner Ansprache gewärtig. »Das ist die Post,« sagte er, da keine Frage erfolgte, von selber. Es war ein banales, aber von blauen Glyzinien umranktes einstöckiges Häuschen. »Alles mit elektrischem Licht,« berichtete der Allzugefällige. »O, Herr Treumann, der Postvorsteher macht sein Metier gut. Er ist aus Westpreußen. Das gibt manchen Spaß, wenn er Elsässisch spricht. Zu Anfang freilich hatte er viel Ärger. Er verstand die Leute nicht und sie ihn nicht. Als er dann aber heiratete – seine Frau war Elsässerin – da gehörte er auf einmal ins Land. Er hat in eine sehr gute Familie geheiratet, o sehr reich. Die Schlotterbachs aus der Fabrik dahinten. Damals war es noch keine Aktiengesellschaft. Aber die Besitzer zogen im Jahrs Siebzig nach Frankreich – que voulez-vous ? Sie waren sehr unzufrieden, als Mademoiselle Virginie sich in den lustigen deutschen Monsieur Treumann verliebte. Aber niemand kann ihm gram sein. Er trägt favoris à la Guillaume Premier . Trotzdem ist er ein Mann, der zu lachen versteht. Er singt Euch die lustigsten Lieder. Und bei Hochzeiten und Kindstaufen tanzt er wie der Jüngste. Mademoiselle Charlotte, seine Tochter, kann es nicht besser. Da steht sie gerade am Fenster oben, sehen Sie? Une jeune fille bien faite. Und welche reiche chevelure .« Hummel, von dem Schwatzenden deutlich abgewendet, hörte interessierter zu, als er zeigen wollte. Virginie Schlotterbach! Wie aus einem Nebel tauchte ihr Name vor ihm auf. Er sah sich wieder im Boudoir von Madame Schlotterbach. Sie am Kamin in ihrem Spitzenkleide mit gelben Rosetten. Die Arme vorgestreckt wie eine Puppe. »Vous allez bien, papa?« Und dann hatte sie versucht, ihm ihre Tochter Virginie zur Ehe anzupreisen. Er lächelte. Dinge und Menschen, von denen er nicht geahnt hatte, daß in seiner Seele noch irgendein Abdruck von ihnen bewahrt lag, bekamen neue Melodie für ihn, seitdem er wieder hier war. Keine laute, störende Melodie, sondern eine, auf die man Lust hatte noch ein wenig zu hören. Ganz vorsichtig dachte er nun auch den Namen: Françoise. Seit Jahrzehnten hatte er das vermieden. Zuletzt schon gar nicht mehr zu vermeiden brauchen. Ihr Bild war ganz verwelkt. Nur daß ihm manchmal, mitten aus dem Schlaf heraus, eine heiße Scham aufstieg, von der er sich nicht klar machte, woher sie kam. Ganz selten aber geschah es, daß er wußte: er hätte sie nicht stehen lassen sollen wie eine Bettlerin, damals in Nancy vor der Steintür. Heute dachte er das wieder, aber ruhig, ganz erinnerungsmäßig, genau so wie an die Landschaft hier dachte und an den Sommer, da er sie zum ersten Male durchschritt. Der Freiwillige hatte sich inzwischen umgewendet. Drüben auf der andern Seite der Straße wurde eben ein Möbelwagen abgeladen. Hummel bemerkte schändliche Fabrikmöbel, die man ins Haus trug. Der Jüngling aber schien entzückt. »Unser neuer Arzt wohnt da,« erklärte er, »o, ein feiner Herr. Er hat eine Narbe im Gesicht, einen Schmiß nennt er es. Er hat auch einen Studentenring und ein kleines buntes Abzeichen über der Weste zu tragen. Alles von seinem Studentenkorps. Er ist sehr stolz darauf. Und nichts gefällt ihm hier. Eben läßt er sich Möbel aus Berlin kommen, aus einer großen Fabrik. Alles grüner Plüsch. Sehen Sie, das ist der Sofaumbau. Und gleich Vasen dazu.« »Ich danke Ihnen,« sagte Hummel, ihn unhöflich verabschiedend. Er wandte sich jetzt zur Ill-Brücke. Das Rathaus wollte er wiedersehen und dann in die Kirchgasse einbiegen, nach dem Teil hinter der Stadt, in dem nach Meckelens Beschreibung Victor Hugos neue Villa stand. Aber der Urlauber, der sich langweilen mochte, war ihm nachgegangen. »Da rechts ist das Zuchthaus, sehen Sie, mein Herr. Man hat alles vergrößert. Auch eine protestantische Kirche befindet sich im Vorderhofe. Es gibt jetzt viele Protestanten in Thurweiler. Ah, der Herr betrachtet das Rathaus. Sehr schön, nicht wahr? Wollen Sie's nicht innen besichtigen? Der Ratsschreiber ist mein guter Freund. Er läßt uns eintreten.« »O ich kenne ihn.« Der Geheimrat spähte nach dem Fenster hinauf, wo damals der Silberkopf herabzuschimmern pflegte, wie aus Ewigkeiten stammend und in Ewigkeiten hinüberlebend. »Ich kenne Père Anselme,« sagte er noch einmal. »Der alte Sartorius? O, der ist lange, lange tot. Ein ulkiger Patron. Na, etwas mehr versteht unser Monsieur Justin doch.« »Justin? Gab es nicht einen Pachthof in der Umgegend, der so hieß? In der Nähe von Sulz, glaube ich.« Er wußte selbst nicht, wie ihm diese alten Namen wiederkamen. »Der Herr hat recht. Der Bauer aus Sulz war der Vater unseres jetzigen Ratsschreibers. Die Mutter lebt mit ihm zusammen hier. Eine fromme Frau. Beide sind sie fromm. Katholisch bis dort hinaus. Der Curé steht gut mit ihnen.« »So, also der Sohn vom Justin.« Hummel war stehengeblieben. Er blickte auf das Zipfelmützendach des »Lustigen Bruders«, der jetzt, gelb angestrichen, reinlicher und heller als früher aussah. Dann ging er über die Brücke. Der Beflissene blieb fest an seiner Seite. »Wenn ich dem Herrn noch weiter zu Diensten sein kann. Hier bin ich zu Hause. Der Herr kann eintreten, wenn er irgend etwas bedarf.« Er zeigte auf ein großes Ladenfenster, in dem Schinken, Konservenbüchsen aller Art, Wurst, geräucherte Fische, Käse und Schwarzbrot ausgestellt waren. An den Scheiben hingen bunte Plakate für Maggi, Knorr-Suppen und sonstige Surrogate. Hummel betrachtete das Schild: »Leo Zerff« stand da in großen Buchstaben. Sollte das der alias Napoleon Cerf alias Hirsch sein? Zerff junior fuhr fort: »O ja, es gehörte Mut dazu für meinen Vater, hier ein solches Geschäft aufzumachen. Die Elsässer, Sie wissen, essen des Abends ihre Suppe und ihre warmen kleinen Gerichte.« Er legte einen leichten Ton der Verachtung in diese Worte. »Die Deutschen waren unglücklich, als sie herkamen. Kein Aufschnitt für ihr Abendbrot. Nichts als Knoblauchwurst und nasses weißes Brot. Kein Tee, kaum gutes Vier. Da hat Papa gründlich Abhilfe geschaffen mit seiner ›Zerfelatwurst‹.« Er kicherte über seinen Witz. »Und er selbst befindet sich sicher dabei am besten,« sagte Hummel ironisch. »Tadellos. Die Arbeiter lassen etwas draufgehen nach Feierabend. Samstag kann man nicht genug Kaviar schaffen. Man kann ihn billig geben. Papa kauft havarierten. Sie schmecken es nicht, wenn er ein bißchen ranzig ist. Die deutschen Direktoren übrigens auch nicht,« fügte er vertraulich hinzu, sich einen Augenblick vergessend. Hummel lüftete verabschiedend den Hut und ging. Napoleon Cerf! Er mußte lachen. Blanche de la Quine fiel ihm ein. Wie sie an dem Morgen nach dem Gewitter neben dem faden Gesellen gestanden hatte. Versunken, vergessen. Sein zudringlicher Begleiter war endlich verschwunden. Hummel stellte sich mitten auf den Kirchplatz, freute sich wieder des still geschlossenen Gevierts und sah auf das Rathaus. Ja, das war unverändert. Heiter und fest wie seit Jahrhunderten begrenzte es den Platz, ein sicherer Maßstab für seine kleinen, steinernen Nachkommen ringsum. Manch unruhiges, dünnwandiges und elend zusammengemörteltes Geschöpf war unter denen. Hummel suchte die frühere Post. Das Häuschen stand noch, aber es war ein Kramladen darin errichtet. An Stelle der fleckigen französischen Kaserne stand eine reinliche deutsche Mädchenschule. Die Apotheke drüben aber war noch da, ihr Schaufenster vergrößert, die rot und giftig grün gefüllten Glasbassins leuchteten herüber wie ehemals, und auch das Schild mit der goldenen Hummel streckte sich wie früher vom Hause ab. Er ging über den Platz, weil ihm die Schrift verändert schien. Ja, da stand deutlich: »Zur deutschen Hummel«, darunter in viel größeren Buchstaben: »Inhaber Charles Amstoutz«. Der Geheimrat mußte erst eine ganze Weile nachdenken, bis er begriff: dies sei der kleine blonde Schmutzfink aus der Post, der illegitime Sprößling des Monsieur de la Quine. Er hätte seiner, selbst verwelschten Sippe einen legaleren Nachfolger gewünscht. Von einer gewissen Neugier getrieben, näherte er sich dem Gitter, wobei er aus dem halbgeöffneten Fenster des Drogenstübchens einen erinnerungsreichen Geruch von getrockneten Kamillen und Nelkenöl an sich heranströmen fühlte. Das Haus hatte nach dem Garten zu eine Glasveranda erhalten, in der ein Petroleumöfchen glühte. Hummel sah da eine alte dicke Dame sitzen, in schwarzem, weitem, etwas unordentlich zusammengeknöpftem Hauskleid, auf dem Kopfe ein schwarzes Netz mit Seidenrüsche, halb Hut, halb Haube. Tante Amélie? Wahrhaftig. Da war ja auch die alte Garnwinde, wie ein umgekehrtes Schirmgestell, auf jeder Spitze ein Püppchen. Die dicke alte Frau wickelte graue Baumwolle. Jetzt rollte ihr das große Knäuel zu Boden. Sie bückte sich es aufzuheben, und Hummel entdeckte unter dem schwarzen Hut einen großen, gelb glänzenden Chignon. Nun wurde ihm alles klar. Die Bourdons waren ja natürlich längst tot, und hier wohnte nun die »schöne« Célestine mit ihrem Sohne zusammen. Der Geheimrat wühlte unbarmherzig seinen Bart schief. Ein ganzes Kaleidoskop von Figuren war ihm aufgetaucht, schoß zusammen und auseinander und formte bunte Schaubilder für ihn. Wie ihm das alles imponiert hatte damals! Er kam sich weise vor und weltklug geworden. Er ging weiter. Alles wie damals: Die Madames in Bettjacken und weißen Hauben lagen zum Fenster hinaus und schwatzten, eine neue Generation struppiger Pinscher kläffte ihm nach. Es roch nach Kohlsuppe und Zwiebeln. Bunte Wäschefetzen trockneten in den Seitenschlupfen der Häuser, man trat mitten auf dem Pflaster auf Gemüseabfälle, scheuwildernde Katzen strichen umher, Pantoffeln klapperten, unförmige Frauen schalten mit rauhen, tiefen Stimmen gegeneinander. Rotznäschen stolperten umher. Aber man bemerkte doch eine gewisse neue Anlage zu Regelmäßigkeit, Ordnung und Reinlichkeit: Regentonnen standen unter den singenden Dachrinnen. Die Fensterscheiben waren blank, hatten saubere Gardinen ins Zimmer hinein, die Bänke vor den Häusern waren hell angestrichen. Ein paar nett gekleidete Schulmädchen gingen vorbei. Sie schauten nur flüchtig nach ihm um. Man schien an Fremde gewöhnt zu sein im neuen Thurweiler. Am Ende der Straße angelangt, bog er zu den Wiesen ein, hinter denen die Schlotterbachsche Fabrik stand. Er entsann sich gut des Weges und der streitenden Weiber, die hier dahergestampft waren: »Uese mit, üse mit«. Und deutlich sah er das verängstigte Gesicht seines armen Onkels vor sich. Nun hörte er auch schon Fabriklärm, Hammern und Surren. Er sah die Gebäude – ein breiter Komplex jetzt: Maschinenhäuser, Elektrizitätsanlagen. Von der Wiese, die damals voll weißer hoher Sternblumen und spielender Kinder gewesen ist, war kein Halm mehr zu erblicken. Alles rundum schwarz von Kohlenbergen. Kein Strauch, kein Baum in der Nähe. Und der Park? das Wohnhaus? Der Geheimrat wandte sich hin und zurück. Er putzte seine Brille. Er ging näher zur Fabrik. Das große Tor war geschlossen. Der Hof dahinter ganz leer. Nur der Portier, ein mächtiger Ostpreuße, kam aus seinem Wachhäuschen und erkundigte sich nach dem Begehr des Herrn. Hummel fragte nach der Villa. Der Mann, der verdrießlich schien, zeigte mit dem Arm weit weg. Er war verschwunden, ohne weitere Auskunft zu geben. So ging denn Hummel ziellos vorwärts die neue Straße entlang, in der ein paar helle Backsteinhäuser standen, aus deren Laden es nach Schuhwichse und Apfelsinen roch; im Schaufensterchen standen Bonbons und Zahnbürsten, Tabakspfeifen, Kleiderstoffe, schwarze Johannisbrotschoten und Arbeitswerkzeuge. Hier irgendwo in der Nähe mußte der Schlupfweg eingemündet haben, auf dem der kleine Victor Hugo ihn geführt hatte. Wie hübsch der Junge gewesen ist, wie begeistert! Da am Fluß im Röhricht ist damals ein Volk Rebhühner aufgeflogen, jetzt stand da eine Arbeiterkantine. Man roch Schnaps und Tabak und hörte ein Grammophon mit Tenorstimme quäken: »Mein Herz, das ist ein Bienenhaus«. Eine starke Frau trat aus der Türe und grüßte neugierig. Sie hatte die Brust, die sich gewaltig und fest vorwölbte, mit großen Stopfnadeln besteckt, von deren einer ein langer, grauwollener Faden wehte. Auf diesen Faden mußte der Geheimrat starren. Er beunruhigte ihn. Wo die Schlotterbachsche Villa sei, fragte er dann, er finde sich nicht mehr zurecht. Die Frau zeigte ihre stark gelichteten großen Zähne. Die Villa bei der Fabrik? O ja, da habe früher einmal eine gestanden, aber die sei weggerissen. Jetzt war ja der große Kalistollen da, wo sie gestanden hatte. »Und Herr Victor Hugo Schlotterbach?« Ah oui, der Herr Direktor wohne dahinten. Sie wies gegen den Illwald hin. »Ein prachtvolles Château. O, Monsieur hat es dazu. Monsieur ist reich.« Eben im Begriff wieder umzukehren und in den kleinen Seitenweg einzubiegen, der gegen den Wald führte, blieb Hummel noch einmal stehen. Ihm entgegen schritt ein sonderbarer Zug. Man sah zuerst nur einen jungen Mann im Strohhut und hellen Anzug, der mit steifen Armen langsam, den Kopf wie ekstatisch mit geschlossenen Augen emporgehalten, herankam. Irgend etwas Lebendiges bewegte sich auf wunderliche Weise über seiner Brust, wie eine Schlange, die sich aufbäumt, oder, jetzt sah man's deutlicher, ein Zweig, den man stößt. Hinter dem jungen Manne kamen Herren in Stadttracht, aufmerksam und vorsichtig nachschleichend. Dann ein paar Bürger und Frauen. Der vorderste der städtisch Gekleideten – er trug Gehrock und Zylinder – hielt eine im Winde flatternde Landkarte, in die er sich mit Bleistift Notizen machte. Die Art, wie der kleine Zug herankam, hatte etwas Feierliches und zugleich Komisches, die Leute benahmen sich halb lachend, halb achtungsvoll, so wie man den Produktionen eines Seiltänzers folgt. Jetzt erkannte Hummel auch, was sich da so seltsam bewegt hatte und nun, steil gestreckt, ruhig von dem Manne abstand: eins Art Zweig oder Gerte. Und er begriff, daß er einen jener Wünschelrutenmänner vor sich hatte, die den Boden auf Wasser, Gold, Metalle aller Art und hier wahrscheinlich auf Kali untersuchen zu können behaupten. »Humbug,« sagte er grimmig vor sich hin und ließ den Zug an sich vorbei. Er sah noch, wie aus dem Fabrikgebäude ein hoher, gut gewachsener Herr mit langem, grauem Vollbart heraustrat, der von allen ehrerbietig begrüßt wurde, mit dem Rutenträger ein paar Worte sprach, aus dunkeln Augen prüfend um sich blickte, die Kinder wegwies, die sich herandrängten, und dann mit dem Zuge weiterging. Es hatte etwas Frisches, Festes in der Art gelegen, wie er sich bewegte. Die Kinder kamen jetzt lärmend zurück. Sie begannen auf einem der Bauplätze zu spielen, an dem vor einer großen Kalkgrube verlockend Holztrümmer und Ziegelsteine lagen. Fast alle waren sie blond und blauäugig, sahen gesund aus und machten einen ungeheuren Lärm. Ein Schwarzäugiger mit vollem, braunem Haar, etwa siebenjährig, wurde soeben von einer alten Magd heimgeholt, deren nicht sehr geistvolles Gesicht von großen Sommerflecken getigert war. Er riß sich los, um weiter zu spielen. Hummel hörte ihn mit einer lieben Stimme der Alten schmeicheln, die denn auch nachzugeben schien. »Awer numme, bis daß i d'Eier g'holt han.« Der Geheimrat hatte den kleinen Pfad beschritten, der hocheingebuscht an der Ill entlang führte. Über dem noch kahlen Gesträuch sah man nun Gärtnereien, Glasdächer und strohbedeckte Frühbeete. Ein langes Beet voll Chrysanthemen in wundervollen Farben. Dann kamen Warmwasseranlagen, Remisen, Kutscherhaus und Ställe. Hinter einem dichten Schutzgebüsch von Tannen und Lebensbäumen begann der große herrschaftliche Park. Hummel ging am Gitter hin, sah die schöne, noch etwas neue Anlage, eine Flora, eine Faunsbüste, Springbrunnen, Gartenhäuschen, Marmorbänke, dann kam das Portal, schmiedeeisern mit goldenen Ranken, dahinter die Villa, hell, in prächtigem Barockstil. Auf gelbem Sand geschlängelte Kieswege, an Rabattenbeeten vorbei ging es zur Freitreppe. Ein galonierter, geschmeidiger Diener, der Französisch sprach, öffnete und fragte nach des Fremden Wünschen. »Reden Sie nicht Deutsch?« fuhr Hummel ihn an. Er war irgendwie in schlechte Laune geraten. »Wir sind hier in Deutschland.« Der Diener lächelte überlegen höflich und nahm mit einer untadeligen Verbeugung die Karte auf einem silbernen Tellerchen entgegen. Das Vestibül, in dem Hummel wartete, sah ziemlich prunkhaft aus: Marmorwände, eine bronzene Mohrin am Treppengeländer, die eine Schale voll Blumen hielt, eine sehr hübsche Kammerzofe in Musselinschürze und koketter Haarschleife lief mit klappernden Absätzen die Treppe herab und knixte graziös vor dem Fremden. Hummel wurde hinaufgeführt nach dem Salon, der mit roten Damasttapeten und viel Gold einen deutlich ausgesprochenen Eindruck von Pracht machte, durch den mit Gaze verhüllten Kronleuchter aber und die Schutzdecken über den Sesseln sehr ungemütlich aussah. Hummel betrachtete das große Ölgemälde, das da hing, ein Werk von Besnard. Es stellte eine zarte Blondine dar mit ihrem Töchterchen, wie zerfließend in Schleiern. Das Kind hatte große, erwachsene Augen und einen Kirschenmund. Sicher ein Porträt von Victor Hugos Frau und seinem Kind. Er betrachtete das Bild noch, als ein eleganter Herr eintrat mit kleiner Vorderperücke und blond gefärbtem Schnurrbart, gepflegt bis zur Geckenhaftigkeit. Er hatte einen etwas steifen Gang. Als er jetzt auf den Besucher zutrat und lächelte, war es ein Gespenst von »Schlotterbach fils«, unheimlich gemischt mit den Allüren von Madame Schlotterbach. Jetzt streckte er, ein wenig theatralisch, beide Arme vor, »Ah quel surprise, quelle joie. Quel honneur pour moi,« verbesserte er sich schalkhaft, wobei auf eine wehmütige Weise das Knabenlächeln Victor Hugos zum Vorschein kam. Hummel betrachtete ihn ernsthaft und gründlich, mit jenem unbestechlich beharrlichen Blick, wie Naturforscher, Maler und Kinder ihn haben. Als aber Victor Hugo sich jetzt mit geschickt verhehltem Hinken in Bewegung setzte, um den Gast in sein Arbeitszimmer zu führen, wo es wärmer sei als hier im Salon, da während der Abwesenheit von Madame hier nicht geheizt werde, fiel Hummels Blick auf das elegant gestiefelte künstliche Bein, und es stieg eine warme Empfindung in ihm auf. »Ich bin gekommen Ihnen zu danken,« begann er und errötete vor Eifer und in einem Gefühl von Unbeholfenheit. »Sie haben mir das Leben gerettet. Ich weiß eigentlich erst jetzt – – Ihr Herr Schwager hat mir erzählt –« Direktor Schlotterbach machte eine liebenswürdig abwehrende Bewegung. »O, mein Herr, kein Verdienst könnte hoch genug sein, daß ihm der Besuch eines so sehr berühmten Gelehrten nicht Belohnung wäre.« Hummel wußte zu seinem Ärger nichts darauf zu erwidern. Auch ließ ihm der gewandte Hausherr keine Zeit. Er versicherte in vielen Worten, Madame Schlotterbach würde untröstlich sein, aber sie sei zu einer Kusine nach Paris gefahren, deren Sohn die erste Kommunion mache. »Madame Schlotterbach ist nur selten in Thurweiler, sie kann die Luft hier nicht vertragen.« Man war jetzt im Arbeitskabinett angelangt, einem schmalen, mit geschnitzten, dunkeln Möbeln reich besetzten Zimmer. Man saß am Kamin, in dem frische Scheite glühten, man rauchte. Hummel wollte wieder von seinem Dank beginnen, aber sein Wirt verscheuchte ihm die Anfangsworte mit der gleichen weltmännisch leichten Bewegung von vorhin. »Sie sind sehr gütig, mein Herr, und ich hoffe wirklich, der Himmel wird es mir einmal auf der Avoir -Seite anrechnen, daß ich eine Leuchte der Wissenschaft vor der degradierenden Bekanntschaft mit einem derben Bauernknüttel bewahrt habe.« Er sprach ein suchendes Deutsch von leicht ironischer Färbung. »Das Leben hat Humor,« sagte er dann ernster, und die Flamme des Kamins gab seinem Gesicht eine lebensvollere Färbung, »es hat mir aus einer verbrecherischen Nachlässigkeit ein Verdienst machen wollen, voilà ce qui est bizarre .« »Eine verbrecherische Nachlässigkeit? Wie meinen Sie das?« »Ich hatte ein wenig mein Vaterland verraten. Simplement. « Er strich sich vorsichtig über das dünne Nackenhaar. »Ihr früheres Vaterland, meinen Sie?« Schlotterbach schwieg. Hummel hatte die Füße gegen das Kamingitter gestreckt, die Wärme stieg wohlig in seinen Gliedern empor. Die Zigarre war ausgezeichnet, der Sessel bequem, das mit altgoldener Seide verhangene Licht der Deckenlampen wohltuend, er wünschte keine Veränderung seiner Lage für eine Weile. So dämpfte er denn bedachtsam seine eigene Stoßkraft, wollte weder forschen noch bekehren. Er begann von der Fabrik zu sprechen und von den Vergrößerungen, die er bemerkt hatte. Es stellte sich heraus, daß Victor Hugo eigentlich nur dem Namen nach und mit einer Anzahl Aktien noch bei dem Unternehmen beteiligt war. Der wirkliche Träger der Geschäfte sei Monsieur Füeßli, der Mann von Françoise Balde. Er wisse darum, antwortete Hummel. Beide Männer sahen in die Flammen, in denen sich glühende Gebilde bogen, neigten und schwärzten. Schlotterbach seufzte. »Ah ja, die Jugend, das ist weit. Mais monsieur n'a pas changé,« fügte er höflich hinzu. »Man würde Monsieur einen Vierziger schätzen.« Hummel antwortete nicht. Er verstand überhaupt nur zu reden, nicht zu plaudern, und fühlte keine Verpflichtung zur Erwiderung von Phrasen. Schlotterbach hatte inzwischen den Feuerhaken ergriffen und stocherte in den Scheiten. Die Zofe trat ein mit Wein und Gebäck. Sie strich mit deutlicher Vertraulichkeit um den Hausherrn herum und betrachtete den schweigenden Gast, der keine Fühlung zu ihr nahm, mit mokanter Miene. Als sie gegangen war, erkundigte sich Hummel nach dem Rutenmanne, den er beobachtet hatte. Eine Möglichkeit solcher Feststellungen lasse sich wissenschaftlich nicht unbedingt leugnen, meinte er. Aber die Handhabung sei durchaus laienhaft und lasse alle Irrtümer zu. Schlotterbach zuckte die Achseln. Alle solche mystischen Dinge seien ihm gleichgültig, er beschäftige sich jetzt nicht mit ihnen, habe die Zeit nicht dazu, überhaupt sei er zu der Einsicht gekommen, daß man am besten sich nur um das Nächste und Notwendigste kümmern solle. »Mit Enthusiasmus und schönen Idealen, wie man sie in der Jugend liebt, kommt man nicht weiter. Als Knabe freilich – man ist ein kleiner Unbesonnener, der nicht überlegt, der seinem Bedürfnis zu lieben und zu bewundern nachgibt.« »Und später bereut man dann?« Hummel sah ihn mit klaren Augen an. Sollte das eine Absage sein an ihn? »C'est loin,« wiederholte Schlotterbach nachdenklich. Er starrte auf den weichen roten Widerschein des Burgunderglases, der über dem Marmortischchen zitterte. »Sie dichten nicht mehr?« fragte Hummel nach einer Pause. Schlotterbach sah auf, noch die zarte Spur eines Traumes in den Augen. »Dichten, o dafür bleibt keine Zeit, kein Kopf, es paßt nicht für einen Geschäftsmann.« »Sie haben also jetzt Geschmack gefunden an der praktischen Arbeit?« Schlotterbach zuckte wieder mit den Schultern. »Was wollen Sie? Ich habe meiner Tochter eine gute Mitgift zu schaffen, das genügt mir. O man verliert nicht seinen Tag, können Sie mir glauben, selbst wenn man auf der Erde bleibt mit seinen Gedanken. Und dafür sorgen schon die täglichen embêtements . Man hat viel Ärger mit der Bevölkerung. Allein nur die Mühe mit den expropriations , die nötig sind, um die wichtigsten Ausgrabungen zu machen. Niemand will etwas von seinem Besitz hergeben. Umsonst, daß ich selbst das Beispiel gab dazu. Die Proprietärs hangen an ihren miserablen Hütten, die über ihnen zusammenfallen. Und die Gesellschaft zahlt gut. Sie könnten ziehen, wohin sie wollen, niemand hält sie,« »Die Leute lieben eben ihre Erinnerungen.« »Ach, unsere. Erinnerungen, Monsieur, sie stecken nicht in unsern Häusern und Möbeln, hélas, ils se trouvent dans nos coeurs .« Er schlug sich auf die Brust. Hummel sah ihn scharf an. »Sie haben keinen Sohn, Herr Schlotterbach?« »Nein, glücklicherweise. Sie verstehen« –er streifte langsam die Asche seiner Zigarre in die Kupferschale, seine Finger zitterten – »Sie werden verstehen, Monsieur, ein Sohn bedeutet für uns Elsässer immer: den Konflikt.« »Ein Konflikt, dessen Lösung klar gegeben ist, Herr Schlotterbach.« »Pour vous, monsieur, pas pour nous.« Hummel sprang auf. »Mir scheint wirklich. Sie waren ein besserer Deutscher, als Sie noch Franzose waren.« Dem Elsässer schoß das Blut in die Wangen. Er meinte den Ton wiederzuerkennen, den er am meisten haßte, den Ton des anmaßenden Siegers dem Besiegten gegenüber, dem er Gesetz, auch für sein intimstes Leben, diktieren zu dürfen glaubt. »Man hat nicht aufgehört Frankreich zu lieben, Herr Geheimrat,« erwiderte er fast zischend, »weil sich eines Tages, vor mehr als dreißig Jahren, eine Anzahl Männer vor eine Landkarte gesetzt und einen Strich gezogen haben. Die Grenzen des Herzens« – wieder streckte er mit Pathos den rechten Arm aus – »die Grenzen des Herzens lassen sich nicht gebieten.« Die Röte wich aus seinem Gesicht, die Stimmanstrengung schien ihm wohlgetan zu haben. »Hm,« machte Hummel verbissen. Er erhob sich. »Dann also« – er machte eine kurze harte Verbeugung, und ohne ein Wort hinzuzufügen ging er mit lauten Schritten zur Türe hinaus, die Treppe hinunter. Im Vestibül angelangt, hörte er Victor Hugos nachziehenden Gang im oberen Korridor, riß, ehe der herbeistürzende Diener ihm helfen konnte, Hut und Schirm vom Riegel und lief wie vor etwas durchaus Widerwärtigem die Freitreppe hinunter durch den Garten. Trotz seiner Wut und Aufregung bückte er sich draußen an der Rabatte, eine gelbe Pflanze zu betrachten, die ihm in dieser Jahreszeit und Klimazone als ungewöhnlich auffiel. Auf der Straße blieb er stehen und ordnete seinen Atem. »Diese Elsässer! diese Elsässer!« sagte er fast weinend. Er fühlte sich beleidigt und beraubt, so als habe man ihm ein kostbares Eigentum, das er sich in einer Vitrine bewahrt, zerbrochen oder entwendet. Mit bebenden Lippen ging er weiter, dem Fabrikgeräusch folgend, das schwach bis hierher drang, sich mit jedem Schritt vor ihm verstärkte, dann zu einzelnem Gelärme auseinanderfiel und ihn führte. Dazu rief ihm das aufgewühlte Blut beständig Töne in die Ohren, Schreie von Tieren oder Menschen, zuletzt immer deutlicher als die Stimme eines Kindes erkennbar. Dazwischen rief jemand, ob Weib oder Mann, ließ sich nicht unterscheiden, laut um Hilfe. Hummel spürte im allgemeinen keine starken Impulse des Zugreifens in sich, da aber das Schreien und die Rufe andauerten, setzte er sich rascher in Bewegung, nachzusehen, was es gebe. Er rückte sich die Brille fester und machte große Schritte, lief so über das Ödfeld an den leeren Arbeiterschuppen vorbei, hinter denen etwas dampfte. Bald sah er: es war die große Kalkgrube. Davor tanzte etwas Kleines, Helles, ein Kind. Es machte hohe Sprünge, von denen man nicht gewußt hatte, daß ein menschliches Wesen sie machen konnte, und die umso sonderbarer erschienen, als sie, von Schreien begleitet, in ein wie behextes Drehen ausarteten. Neben dem satanisch hüpfenden Kinde stand eine alte Frau und bewegte gleichfalls laut schreiend sinnlos die Arme. Er erkannte jetzt die Sommerfleckige und das braunlockige Bübchen von vorhin, sah auch eins große Gartengießkanne und verstand, daß der Kleine den ungelöschten Kalk zum Sieden gebracht und sich dabei verletzt hatte. Das Kind, da es ihn kommen sah, hatte mit seinem schauderhaften Gespringe und sogar mit Schreien aufgehört. »Was gibt es denn?« fragte Hummel, »hat er sich verbrannt?« Die Alte, an die er sich wandte, fing an in aufgeregtem Elsaß-Deutsch zu erklären. Gespielt habe es, das Martinle, und dann sei es mit dem Fuß, ja mit dem ganzen Fuß sei es hineingetreten in die Kalkgrube. Dann fuhr sie fort, mit rostiger und brüchiger Stimme Heilsprüchs zu singen. »Dreimal an de Galge g'hängt, steckele uffe, Steckele abe, biß d'r Katz d'r Wadel a –« Hummel war an das Kind herangetreten, das ihm jetzt vertrauensvoll sein Beinchen entgegenstreckte, und hatte begonnen, den halb verzunderten kleinen Knöpfschuh mit seinem Taschenmesser vollends wegzuschneiden. Das Kind schluchzte still. Mit geöffnetem Mäulchen seufzte es nur klanglos und rhythmisch auf, wie der Krampf der Schmerzen es stieß, wobei es jedesmal seine großen, ganz mit Tränen gefüllten, unbeschreiblich glänzenden schwarzen Augen auf den Fremden richtete, der, ohne den Knaben anzusehen, an ihm hantierte. Nur als auf Anweisung des Professors die Alte ihm das nun nackte Füßchen mit dem kalten Wasser der Gießkanne abspülte, begann der Kleine wieder sein Geschrei, das die Alte durch ein neues Sprüchlein zu beschwichtigen suchte: »Hopsa, Kindele, hopsassa, kumm', w'r wolle danze, nimm e Stickele Käs' 'n Brot, steck's in dine Ranze,« wobei sie ihre Hände wie tanzend grotesk bewegte. Inzwischen waren die Arbeiter aus dem Fabriktor herausgekommen, Männer und Frauen. Sie stellten sich an die Kalkgrube, fragten und gaben Rat: Weiße Liliensalbe sei das Beste. Und geriebene Kartoffeln auflegen. Auch Spinnwebe oder Schafsmist tue Wunder. Hummel schickte einen Halbwüchsigen nach der Apotheke, er solle Leinöl holen; dann schrieb er in sein Notizbuch ein Rezept, unterzeichnete es, riß das Blatt aus und gab es dem Burschen mit, zugleich den ungefähren Geldbetrag. Darauf entfernte er sich rasch. Er liebte Ansammlungen nicht. Und hatte nun genug von seinem Samaritertum. Recht eigentlich in Flucht jagte ihn eine Bemerkung, die er erwischte. Man müsse es dem Babbe sagen, hatte einer der Arbeiter gemeint, und die Alte darauf erwidert: Monsieur Füeßli sei nicht mehr in der Fabrik, er sei mit den Herren aus Berlin nach dem Spitalwäldchen gegangen. Monsieur Füeßli! Unwillkürlich eilig ging er seinen Weg zurück, als habe er ein Ziel, das nach ihm verlange. In Wahrheit wußte er nicht, wohin. Er war es nicht mehr gewöhnt, Zeit zu haben. Seit Jahren hatte er sich seinen Tag streng eingeteilt, um ihm möglichst viele Leistungen zu entlocken. Im Hause hielt seine Nichte jede Störung seiner Gewohnheiten fern. Ihre Kinder sah er kaum, vielleicht wußte er nicht einmal, wie alt sie seien. Sogar das Verhältnis zu seinen Zuhörern und Schülern hatte etwas Programmäßiges, Unpersönliches bekommen. Wirklich nahe stand ihm keiner. Am fernsten aber stand er doch sich selber. Er beschäftigte sich niemals mit sich selbst und dachte nicht viel über sein eigenes Leben nach. So war es ihm auch, als er nach Straßburg kam, nicht eingefallen, den Bindestrich zu machen zwischen dem Elsaß, das er zufällig nun bewohnte, und jenem Elsaß, das einmal das Erlebnis seiner Jugend gewesen war. Diese Reise tat das jetzt für ihn. Und so wußte er plötzlich, während er aufs Geratewohl, die Straße kreuzend, in den Wallweg einbog, daß Meckelen ihm von einem kleinen Nachgeborenen gesprochen hatte, das bei den Füeßlis noch im Jahre der Silbernen Hochzeit erschienen sei. Diesem »Silberkinde« also war er jetzt begegnet. Er öffnete seinen Rock ein wenig. Zerstreut lächelte er in die staubige Wärme hinein, blickte an der Zuchthausmauer in die Höhe und sah, daß Zerff recht hatte. Statt der naiven Soldätlein, deren rote Hosen malerisch und fast lustig gewirkt hatten, gab es jetzt da oben blitzende und grausame Drahte. Natürlich praktischer! Man sparte an Personal! Aber wieder war es ihm, als sei ihm etwas weggestohlen worden. Die Pappeln am Kanal waren gestutzt. Man sah über ihre rauhen Reiser herüber die kahle, frisch erhöhte Mauer. Das Wasser des Grabens war schwarz und gering, die Tür der Leichenkapelle stand offen. Am Wall dagegen war alles freundlich. Hübsche gärtnerische Anlagen, ein runder Aussichtsplatz mit Banken, zu dem sich die Armengarten gepflegt und gerade hinaufzogen. Ein paar der uralten »Remparthäuser« aber standen noch. Schief und zerfallen mit blinden Fenstern, von Balken und Eisenstützen gehalten, schienen sie kaum mehr bewohnt. Ganz wenige Türen hingen noch in den Angeln. Hummel trat näher: »Madame Groff, Schampre à louwée «, stand am Schildchen des Holzzauns. Ein abgerissener rostiger Klingeldraht hing in die Luft. Er kam nun in den »Süßen Winkel«. Alles geordneter und sauberer als früher. Die Misthaufen fest geformt mit Abflußkanälchen neben sich. Durch die runden Hoftore sah man geschäftige Leute. Ein blindes Pferd drehte irgendeine Mahlmaschine im Kreise. Hatte früher hier nicht einmal ein weißer Pfau gesessen? In diesem Augenblicke schoß ein halbgeschorenes Hammelchen in wilder Flucht an ihm vorbei, von einem Mann gefolgt, der fluchte. Er sah Hummel und zog sogleich ein mürrisches Gesicht. »Excusez.« Beim Vorbeirennen schubste er ihn ein wenig in die Gosse. »Drecksäckl, Luder,« schimpfte er dabei. Man konnte das auf Tier oder Mensch beziehen. Hummel wunderte sich über sich selbst, daß er friedfertig blieb. Früher wäre das wohl anders gewesen. Ein Bild erhob sich vor ihm: Sturm und Regen. Ein langer junger Mensch im Nachthemd. Einen flatternden weißen Schal um den Kopf, der einer Rotte Betrunkener kriegerisch nachjagte. »Ja, ja, man wird alt!« Aber er empfand das jetzt als Behaglichkeit. Wieder in der Hauptstraße, ging er nun schon ganz gewohnheitsmäßig an den Häusern vorüber, die er heute so oft gesehen hatte. Förmlich heimatlich kam ihm das vor: die weißen Oleander, die Pinscher, die Madames. Vor dem Renaissanceerker der »Krone« blieb er stehen. Er beschloß hineinzugehen und den Baron dort zu erwarten. Er faßte nach seiner Brusttasche. Für alle Fälle hatte er die Korrektur seiner neuen Arbeit über die Erreger des Flecktyphus mitgebracht. Nun fühlte er sich geborgen. Beim Eintreten in den hallenden Steinflur gab er dem Hausknecht den Befehl, nach der Villa Schlotterbach zu telephonieren, Baron Meckelen möge den Herrn Geheimrat in der »Krone« abholen. Die breite Wendeltreppe gemächlich hinaufspazierend, fand sich Hummel vor der geöffneten Tür zum großen Gastzimmer. Zu seinem Mißbehagen sah er eine gedeckte Tafel, Blumensträuße, Weinflaschen und Leute, die Französisch sprachen. Die zierliche kleine Mamsell, die bediente, kam mit wippenden Röcken und klappernden Absätzen auf ihn zu: Monsieur sei vielleicht ungestörter nebenan im Erkerzimmer? Sie schloß das spitze Holztürchen auf, öffnete ein Fenster, weil es drinnen ein wenig muffig roch, deckte schnell mit leichten, hübschen Bewegungen ein Tischchen und stellte es vor den Gast hin, der im Erker Platz genommen hatte. Er entsann sich, daß damals hier die schöne »Kronen«-Wirtin mit einer Handarbeit gesessen hatte, als er mit Bourdon vorüberging. Auf der »altdeutsch« verzierten Weinkarte aber, die man ihm reichte, stand ein neuer Name, und der Erker hatte funkelnagelneue Butzenscheiben erhalten. Der Geheimrat bestellte sich Tee, und während das Mädchen die Tasse aufstellte und das künstliche Sträußchen vom Schanktischchen herübersetzte, erzählte sie wichtig, es sei ein Brautpaar drinnen, papa, maman und die beiden andern Herren en qualité de témoins . Der eine Monsieur Treumann, der Postvorsteher, der andere der Pharmacien Charles Amstoutz. »Grad eben haben sie uff'm Rathaus den contrat gemacht, dreiundneunzigtausend Francs Aussteuer, monsieur !« Ihr stumpfnasiges Gesicht wurde ehrfürchtig und fromm. »Dreiundneunzigtausend Francs, c'est chic !« Sie seufzte. Er erfuhr dann noch, die Braut sei die Tochter eines reichen Holzhändlers aus der Gebweiler Gegend. Der Bräutigam war der Doktor, der der Post gegenüber wohnte. »Ein Prussien,« fügte sie hinzu, und es lag ein gewisses Mitleid in ihren Worten. »Sie möchten also nicht mit der Braut tauschen, Fräulein?« »O, quant à ça, welsch oder deutsch, sell wär mir au fond egal.« »Margritle, Margritle,« rief man aus dem Nebenzimmer. Sie flog wie von ihrem weißen Schürzchen gesegelt hinaus. Hummel zog jetzt sein Manuskript aus der Tasche. Im Erker war es noch hell, sogar ein Sonnenstrahl fiel schräg und gelb auf seine Blätter. Und schnell war Thurweiler und Elsaß vor dem Gelehrten versunken. Er las und korrigierte, dachte nach und träumte. Jedes völkische Sonderinteresse hatte seinen Sinn für ihn verloren. Nur an die Menschheit, die leidet, dachte er in diesen Augenblicken und an die Wissenschaft, die ihr zu helfen bereit ist. Er gründete in Gedanken wundervoll eingerichtete Institute für Forschung und Heilungen, leitete Ströme von Gold hindurch, von allen Seiten auf ihn zufließend. Wenn man doch einen Hebel wüßte, eine Gewalt, einen Befehl, dem alle gehorchten, so daß man die Menschen zwänge, Geld und Kräfte herzugeben für solche Zwecke. Nur ein paar einzige Monate lang! Er dachte sich ein großes Aufgebot. Jeder ließ seine eigene Arbeit und ging an die Stelle, an die man ihn zum Wohl der Allgemeinheit hinberief. Eine Abgabe vom Vermögen plante er, eine Beschränkung des persönlichen Genießens und Bereicherns aller irgend Vermöglichen. Und das alles dann zusammengerafft, um, wissenschaftliche Untersuchungen und Experimente zu fördern, Mittel herzustellen, die, so teuer sie seien, der großen Masse der Kranken ohne Unterschied zugänglich gemacht werden könnten. Erst sollte einmal der körperliche Mensch auf einen gesunden Zustand gebracht werden, weitere körperlich Gesunde erschaffen und so den Grund zu gesunden, graden Gedanken legen, zu einem Leben frei von der Qual unnatürlicher Bedürfnisse und Nöte. Wer aber hatte den Zauberstab, der die Geldbeutel öffnen und über Parteihader, Bequemlichkeit und Lauheit herüber eine Einheit der Willigen schaffen konnte, ein Instrument der Macht? Seine Stirne, blaß und leuchtend unter solchen Gedanken, machte sein Gesicht schön. Die Türe wurde ehrfurchtslos aufgestoßen. Laut sprechend und lachend kamen ein paar Herren herein. »Donnerwetter, das Nest hat ja ein ganz anständiges Gasthaus. Na denn mal her mit dem Schlampanjer. Hier muß es doch massenhaft geschmuggelten französischen Champagner geben? Was?« Es waren die städtischen Herren vom Fabrikhof vorhin. Berliner, der Sprache nach. Ein dünner Vornehmer, der vor Langeweile zu sterben schien und empört war, daß es hier so kalt sei. Er sprach leise und langsam, wie diktierend. Habe er gewußt, daß kein Auto hier an der Bahn wäre und nicht einmal Droschken, dann hätte er die Schose überhaupt nicht mitgemacht. Ein Überernährter war da, seltsam beweglich, der die Unterhaltung führte, und ein Stiller, Fleißiger, derselbe, der sich vorhin auf der Landkarte Notizen gemacht hatte. Er schrieb auch jetzt in sein Buch und murmelte Zahlen vor sich hin, kurzsichtig, ohne Haar, im Gesicht etwas Geierhaftes. Wahrscheinlich war er weit jünger als die fünfzig Jahre, die er zeigte. Hummel drehte den Leuten den Rücken zu. Er war aus seiner Welt herausgerissen. Zerstreut trank er seinen Tee und las die Zeitung, die er gestern aus Straßburg mitgebracht und nur flüchtig angesehen hatte. Die Herren unten im Saal hörten keinen Augenblick auf, sich zu unterhalten. »Meine Frau, meine Frau,« sagte der eine immer. Es war der Langsame und Dünne. Der Dicke schrie beständig wie erbost. Selbst als er nur erzählte, wie billig er seine Spazierstockkrücke erhalten habe, klang es, als ob er sich mit jemandem zanke. Der mit dem Notizbuche rief nach einem »Zeitungsmenschen« zum Fenster hinaus, hatte aber keinen Erfolg, weil er irrtümlich den Postboten anrief. Man sprach während des Essens von anderem Essen, das man hier oder da in anderen Städten gegessen hatte. Dazwischen von Preisen. »Können Sie jetzt billig haben, wenn Sie sich beeilen.« Hummel kroch ganz in sich zusammen. Er goß sich sogar Arrak in seinen Tee. Jetzt fingen die Vier an – offenbar bildeten sie eine Art Kommission – über den Rutengänger zu schimpfen, der sie irgendwie in ihren Hoffnungen enttäuscht hatte. Der Dicke räsonnierte und lachte sogleich aus voller Kehle. Zuletzt begriff Hummel: der Rutengänger sei mit unbeweglicher Rute an einem Schacht vorbeigegangen, an dem stand: »Außer Betrieb.« Füeßli hätte den Herren dann gesagt, daß dies der ergiebigste Schacht des ganzen Unternehmens sei und nur augenblicklich wegen Sicherungsarbeiten geschlossen. »Übrigens famoser Kerl, der Füeßli,« sagte der Fleißige. »Versteht was von der Schose.« Er hatte eine hohe, heisere Stimme, in der auf eine unangenehme Weise Energie schwang. Zuletzt sprach man nur noch von Berlin. Man rühmte alles: die Sauberkeit, Ordnung, Schnelligkeit der Verkehrsmittel, die Kinos und das Nachtleben in der Friedrichstraße und Tauentzienstraße. Man schien den gelehrten stummen Rücken des Mannes da im Erker recht als eine Aufforderung zu empfinden, saftige Männeranekdoten zu erzählen. Ganz schnell, wie man Waren aufzählt oder Ziffern nennt. Der Dicke sah nach der Uhr. Er schalt, daß man ihn hier seine Zeit versäumen lasse. Er müsse morgen früh zur Sitzung und habe noch einen langen Bericht zu schreiben dafür. Der Dünne fragte mit schleppender Stimme, was denn dabei sei. Bis dahin werde er noch lange fertig. »Sie haben ja noch die ganze Nacht vor sich.« Unwillkürlich hatte sich Hummel umgesehen. »Die ganze Nacht noch vor sich,« das war echt Berlinisch. Im Nebenzimmer war schon eine ganze Weile Klavier gespielt worden. Ein weicher, huscheliger Anschlag. »Hört, hört.« Der Dicke ging zur Tür und öffnete sie vorsichtig. »Ah, France, ma France,« hörte man, »loin de toi je me meurs.« »Die Kerls machen Chauvinismus. Zum Rollen.« Er öffnete die Türe weiter. Gerade begann eine männlichere Stimme. Man sah einen breiten, etwas runden Rücken, der sich nach dem Takte einer neubeginnenden lustigen Melodie vor und zurück bewegte. Es war eine französische Deklamation. Harmlos unanständig, mit festem deutschem Akzent gesprochen. »Embrasse moi, Ninette.« Man lachte drinnen und draußen. »Zum Rollen,« sagte der Dicke wieder ernsthaft. Das Margritle kam, die Teller abzunehmen. Sie schloß dabei wie unabsichtlich die Türe wieder. »D'r Monsieur Treumann singt,« sagte sie zu dem Fleißigen. »Der Herr Postvorsteher. Er ist alleweil gespaßig und so ein guter Herr. Er kennt eben die Leute hier in Thurweiler. Wenn er jetzt nicht gesungen hätt', dann hätte der schönste Krawall angefangen.« »Krawall? Na, das wäre doch mal ein bißchen Abwechslung gewesen.« »Der Herr hat schon recht, certainement, mais voyez-vous, dann muß der Kronewirt am End' wieder blechen, wie letzthin am Sonntag von Karneval. Wir hatten hier eine Reunion vom Cercle Alsacien.« »Kenn' ich nich, was ist denn das auf deutsch?« »Ein Verein, wissen Sie, Monsieur, den die jungen studierten Herren in Straßburg haben. Eh bien, da haben sie eben wieder mal die Marseillaise gesungen, und das erlaubt das gouvernement natürlich nicht. O, und hier in Thurweiler hat's auch noch Leute, so von den älteren, wenn die den Wein im Kopf spüren, dann werden die Fensterläden zugemacht, und dann geht's los mit der Marseillaise. Sehen Sie, der Vater von der Hochzeiterin dadrin, der ist auch noch so einer. Aber wenn der Herr Treumann dabei ist, so hat's keine Gefahr. Er sagt ihnen seine Späße, und dabei vergessen sie die Marseillaise.« Hummel rief das Mädchen heran, um zu zahlen. Der Aufenthalt hier wurde ihm unerträglich. Er hatte sich bereits erhoben, als dicht neben dem Erker sich eine Tapetentüre öffnete, die er bisher nicht bemerkt hatte, und die nach der Privatwohnung des Wirts führen mochte. Die Wirtin selber, eine junge, blasse Frau mit geziertem, zusammengezogenem Munde, erschien, um zu sagen, der Herr Maire wünsche Monsieur zu sprechen. Unwillkürlich erwartete Hummel, Balde eintreten zu sehen. Er erhob sich. Vor ihm stand der hochgewachsene kräftige Mann, der vorhin aus dem Fabrikgebäude dem Rutengänger entgegengetreten war, Pierre Füeßli. Da er jetzt den Hut abnahm, war sein Haar leicht gewellt, noch voll und von einem bläulichen Grau, gegen das sein bläßlich braunes Gesicht südländisch hervorstach. Dabei hatte aber der ganze Typus etwas Alemannisch-Treuherziges. Er nannte seinen Namen: »Füeßli.« Hummel forschte betroffen in das zwar sympathische, ihm aber ganz fremde Gesicht hinein. »Madame Füeßli schickt mich zu Ihnen, Herr Geheimrat,« sagte der Ankömmling, und seine Stimme klang befangen. »Wir haben Ihren Namen auf dem Rezept gelesen, das Sie die Menschenfreundlichkeit hatten unserm Söhnchen zu verschreiben.« Hummel verbeugte sich. Er zeigte mechanisch auf den Sessel neben seinem eigenen. Eine Pause entstand. »Wie geht es dem Kinde?« fragte Hummel endlich gemessen, »hat es noch Schmerzen?« »Er findet sich jetzt besser. Madame Füeßli ist zur Hälfte Arzt, sie hat die leichte Hand ihres Vaters. Sie erinnern sich an Monsieur Balde?« »Vollkommen. Ich habe den alten Herrn sehr verehrt.« »Er verdiente es von Ihnen verehrt zu werden, Monsieur, ein seltener Mann. Ich wollte, das Elsaß hätte mehr von seiner Art.« Nun war man wieder fertig. Der Geheimrat wartete. Es machte ihm jetzt eine kleine Freude zu sehen, daß der andere sich mühte. »Madame Füeßli hat mir aufgetragen,« fing der Maire wieder an, »ihr Gelegenheit zu geben, Monsieur persönlich ihren Dank aussprechen zu dürfen. Sie würde sehr glücklich sein, wenn Monsieur mich zu ihr begleiten wollte.« Hummel sah nach der Uhr. »Sehr liebenswürdig, aber ich erwarte – – Baron von Meckelen wollte hier in der ›Krone‹ mit mir zusammentreffen.« »O, wenn es nur das ist! Der Baron ist häufig unser Gast. Er wird nichts dagegen haben, sein Rendezvous mit Ihnen in unser Haus zu verlegen. Aber Monsieur muß entscheiden. Ich will nicht hartnäckig erscheinen.« Hummel schwankte. »Ich müßte dann zu Herrn Schlotterbach telephonieren. Der Baron wollte mich anfänglich dort – – Ich würde mich natürlich freuen, bei dieser Gelegenheit allerlei alte Erinnerungen – –« Er wußte durchaus nicht weiter. Da sah ihn der bärtige, große Mann da vor ihm mitten aus seinem tadellos korrekten Benehmen heraus treuherzig an. »Grad das mein' ich. Man kann doch nicht so beieinander vorbeilaufen! Gelt?« Hummel stieß mit seinen Fingern unruhig in seinem Bart umher. »Gehen wir also, wenn Sie meinen.« Weiter wurde lange kein Wort gewechselt. Man nahm jetzt nicht den Weg durch den großen Saal, sondern ging durch die Privatwohnung des Wirts, ein behagliches, bürgerliches Zimmer, in dem ein Kanarienvogel schmetterte, die Nebentreppe herunter und durch Hof und Garten wieder nach vorn auf die Straße« »Sie sind Maire hier wie Ihr Schwiegervater es damals war, Herr Füeßli?« fragte der Geheimrat endlich. »Ja, seit etwa zehn Jahren. Vor mir hatte übrigens Ihr Verwandter das Amt, Monsieur Camille Bourdon.« »Ah, wirklich? Ich dachte nicht, daß er dazu passen würde.« »O, er hat uns durch die Zeiten des Regimewechsels gut hindurchgebracht, gerade er. Es war ganz gut, in solcher Zeit einen Mann an der Spitze zu haben, der sich in den beiden Sprachen gleichmäßig freundlich auszudrücken suchte.« »Also zweizüngig!« Sein ganzes ungebrochenes Temperament grollte in diesen Worten. Pierre schwieg. »Ich weiß,« sagte er dann ernst. »Die eingewanderten Deutschen werfen uns immer Unaufrichtigkeit vor. Sie beklagen sich, wenn wir sie nicht in unsere Intimität hineinsehen lassen, oder wenn wir aus Höflichkeit zu ihnen so reden, wie sie es wünschen. Und tags darauf vielleicht kommen unsere Verwandten aus Frankreich zu Besuch; was Wunder, wenn man ihnen, die in Rage geraten, wenn sie eine Pickelhaube sehen, und Ohrenschmerzen spüren, wenn sie deutsch angeredet werden, die Berührung mit seinen deutschen Freunden erspart, sie vielleicht gar vor ihnen verleugnet? Wir sind nicht zu beneiden, glauben Sie mir. Und es ist nicht schwer für einen Elsässer, seinen festen Charakter zu verlieren und zwischen den zwei Feuern, die auf uns gerichtet sind, nach jeder Seite hin zu schmelzen.« »Ja, ja, ich weiß, man hat ja neuerdings auch die schöne Phrase von der elsässischen Doppelkultur aufgebracht. Ich muß gestehen, ich kann mir nichts Rechtes darunter vorstellen.« Der Maire hatte eine unbestimmte Handbewegung. »Pubertätserscheinungen, beim Volke wie beim Einzelnen. Wir sind alle ein wenig an dieser Klippe vorbeigesegelt. Und wenn Sie jetzt Baron Arvède sehen, werden Sie nicht glauben, daß er einmal am Zwiespalt seiner Doppelnationalität fast zugrunde gegangen wäre.« Hummel nickte. Françoise hatte ihm damals von ihrer Begegnung mit dem Knaben im Thurwalde geschrieben. Und er kam sich einen Augenblick verwoben vor und verstrickt in das Leben dieser Personen, an die er ein Menschenalter lang überhaupt nicht mehr gedacht hatte. »Und Ihr Schwager Schlotterbach?« fragte er dann. »Mir scheint, er ist gescheitert an dieser Klippe, von der Sie sprechen. Ich hätte nie gedacht, daß ein Mann, der in seiner Jugend so viel Verständnis für Deutschlands Größe hatte, ein so eigensinniger Chauvinist werden könnte.« Füeßli zuckte die Achseln. »Mein guter Schwager liebt es, sein Glück immer dort zu sehen, wo er gerade nicht ist. Man nennt diese Leute Idealisten. Wir andern Prosaischen sind weniger Guck-in-die-Luft-Menschen, wir sehen auf unsere Füße. Dabei bog er mit freundlicher Bewegung dem Fremden einen feuchten Zweig zurück, der an seinen Hut streifte. »Und da zu Ihren Füßen, was sehen Sie da?« Schon ein paarmal waren sie, von gleichem Impulse getrieben, vor dem Gitter des Balde-Hauses wieder umgekehrt und von neuem die Klostergasse zurückgegangen. Auch jetzt machten sie es so. Unvermittelt begann Füeßli wieder: »Sehen Sie, Herr Geheimrat, das Elsaß hat noch nie das Glück gehabt, eine Staatsform organisch aus seinem Volkstum herauswachsen zu sehen, malheureusement . Immer ist sie ihm von dem Staate, dem es gerade angehörte, oktroyiert worden. 1870 waren wir einfach ein Departement von Frankreich. Man wünschte sich bei uns die freie Republik. Frankreich hat die Republik erhalten, wir aber gehören zu Deutschland, voilà . Einen Volksstaat haben wir gewollt, einen Beamtenstaat haben wir erhalten, und würde jetzt Elsaß-Lothringen von Deutschland eine Verfassung geschenkt bekommen, so würde den Inhalt dieser deutschnationalen Verfassung wiederum nur eine Bevölkerung bilden, die noch kein inneres Verhältnis zu ihrer Staatsform gefunden hat. Was uns fehlt, ist das gemeinsame politische Gemütserlebnis mit unserer Heimatsregierung, mit Deutschland. Ein Erlebnis, wie Elsaß es mit Frankreich durch die Revolution hatte.« Hummel sah ihn überrascht an. »Ein gemeinsames Gemütserlebnis!« Der Gedanke überraschte ihn. Stumm lächelte er vor sich hin, sich immer mehr in den begonnenen Gedankengang vertiefend. Pierre fuhr fort. »Von diesem gemeinsamen Gemütserlebnis aber sind wir noch weit, weit entfernt; denn Ihre Regierung – Sie verzeihen mir? – macht es manchmal wie das Kind im selbstgepflanzten Gärtchen, das immerfort neugierig an seinen jungen Setzlingen rupft, um zu sehen, ob sie schon Wurzeln treiben. Man kann von uns nicht verlangen, daß wir mit Emphase die ›Wacht am Rhein‹ singen. Aber wir wehren uns ebenso gegen die Franzosen, die verlangen, man solle immerfort Revanche schreien.« »So, tun Sie das? Wehren Sie sich? Das wäre ja sehr schön!« Er ging rasch und böse neben dem Gatten von Françoise her. Wozu eigentlich war er mit ihm gekommen? Er sann auf eine Ausrede, wieder umzukehren. Und nun fiel es ihm auch schwer aufs Herz, daß er der Frau gegenübertreten sollte, die ihn verlassen und die er beleidigt hatte. Er liebte es nicht, sich in Lagen zu begeben, die er nicht beherrschte. Dieser gegenüber fühlte er sich hilflos. Er vermochte nicht sich vorzustellen, was Françoise sagen würde, was er ihr erwidern. Die Klostergasse, in der sie jetzt gingen, baumdunkel und von einer feuchten Wärme erfüllt, machte ihm fast Furcht. Er suchte nach einem Wort, das ihm zu entschlüpfen erlaubte. »Also Sie fühlen sich hier alle schlecht behandelt von den Deutschen?« fragte er schließlich zänkisch. »Das, o nein, wir haben im Gegenteil unsere Freude und unser Behagen an Invalidenversicherung, Krankenkasse, Wasserklosetts, Elektrizität, gut schließenden Fenstern und Türen und sprechen daneben seelenvergnügt« – er machte eine spöttisch-schalkhafte Bewegung mit der Hand – »unser angestammtes Französisch. Aber« – wieder waren sie an der Gittertüre angelangt – »wir sollten längst bei Madame Füeßli sein, und statt dessen führe ich Sie hier im Dunkeln umher und langweile Sie mit meinen Bemerkungen. Verzeihen Sie mir.« Hummel antwortete steif. »Es hat mich sehr interessiert, einen Elsässer über diese Dinge zu hören. Heute habe ich nun in Baron von Meckelen, Herrn Schlotterbach und Ihnen, Herr Maire, die Vertreter dreier typischer Berufe kennengelernt.« Er steckt uns in sein Herbarium, dachte Füeßli belustigt. Dieses Zusammentreffen mit dem Manne, dem Françoises erste Liebe gehört hatte, war längst ein Wunsch von ihm gewesen. Vor allem, weil er den Kern des Schattens kennen wollte, mit dem er einst so schwer zu kämpfen gehabt. Mit Befangenheit und aufgeregter Neugier war er in der »Krone« eingetreten. Das Feine, Kindliche und fast Hüllenlose aber dieser Seele, wie es aus jeder Äußerung und jedem Blick hervorleuchtete, dazu die edle Form der Gelehrtenstirn, die über dem schon etwas erschlafften Gesicht sich fest und klar erhob, alles das gab ihm einen neuen Menschen, der gar keine Verbindung für ihn hatte mit dem Heinrich Hummel, den er sich unwillkürlich immer noch jung und fordernd vorgestellt hatte. Und jetzt, da er ihn auf einer kleinen Lächerlichkeit zu ertappen meinte, war er ihm geradezu lieb geworden... Inzwischen saß Françoise Füeßli am Bett des kleinen Martin, der unter ihren geschickt lindernden Mitteln und beruhigenden Händen jäh eingeschlafen war. In seiner kleinen Faust aber hielt er ein paar ihrer warmen Finger gefangen, so daß sie in unbequemer Haltung dem Schneeschlagen lauschte, das aus der Küche herüberdrang. Man bereitete für den Gast. Hausfraulich überdachte sie noch einmal ihr eilig verfestlichtes Nachtessen und betrachtete dann zärtlich des Kindes verwühlte Locken, den dunklen Wimperstrich der Lider, die erhitzten Bäckchen. Ein gelblich verhülltes Lämpchen brannte auf der Kommode und warf ein mondhaft stilles Licht über das hübsche neue Bronzebett, in dem der Knabe lag, daß das Gegitter märchenhaft floß und gleißte. Pierre hatte, als das »Silberkind« in Aussicht war, darauf bestanden, es nach neuesten hygienischen Grundsätzen zu betten und zu pflegen. Keine Wiege und später nicht Pauls altes Kinderbettchen, das mit Batist und Schleifchen aufgeputzt zu werden verlangte. Françoise vermißte anfangs das Zarte und ein wenig Sentimentale ihrer früheren Kinderstube, dann aber hatte sie sich an die saubere Übersichtigkeit gewöhnt, an die kalten Bäder für den Kleinen, die kurzen Strümpfchen. Sie war stolz auf sein abgehärtetes braunes und sehniges Körperchen und konnte ihn sich jetzt gar nicht mehr anders denken als in seinem Matrosenkittelchen mit freier Brust. Freilich trennte sie die deutschen Schiffsabzeichen von Mütze und Ärmel und stickte Phantasieblumen hinein, der Bub aber bewahrte sich die deutschen Abzeichen und spielte damit Marine. Sie ließ ihn gewähren. Ebenso wenn er weinte, weil er keine deutschen Buchstaben lernen wollte, und trotzig schwieg, wenn ihn jemand deutsch anredete. Auch als er vor einem Jahre zur Schule kam, blieb das so, bis er auf einmal von deutschen Verschen und Liedern überfloß. So sehr, daß er seine kleinen Kusinen aus Mülhausen verachtete, die nur Französisch zu plappern verstanden. In dieser deutschen Phase befand er sich noch heute. Die Veranlassung dazu war seine Schwärmerei für den deutschen Lehrer, dem er für die Botanikstunde die schönsten Pflanzen herbeischleppte, deren Hauptwert darin bestand, daß man sie mit Mühe und Gefahr aus Sumpfwiesen zwischen Felssteinen, Erdlöchern und Stachelpflanzen herausreißen konnte. Auch der Sturz in die Kalkgrube war eine Folge seines wissenschaftlichen Eifers gewesen. Er wollte die Löschbarkeit des Kalks prüfen und vor dem Lehrer damit Beachtung finden. Françoise war nicht weichlich mit ihm. Sie dachte mehr an seine Freude als an ihre Angst bei allen seinen Unternehmungen. So trug sein kleiner Körper und sein Anzug immer Risse und Flecke. Paul war in diesem Alter bereits ein kleiner eleganter Herr gewesen. Ihm gegenüber wäre die Mutter vielleicht auch eitler gewesen. Martin erst hatte ihr wirkliche Muttergefühle geschenkt. Vor diesem Spätling vergaß sie oft alle Erziehungsvorurteile und wollte nur genießen. Und wie er nun größer wurde, empfanden Pierre und sie eine sonderbare Dankbarkeit gegen ihn, daß er sie mit der neuen Generation verband, zu der sie sonst keine Fühlung mehr gesucht hatten. Um seinetwillen machten sie sich horchend und willig für das neue Elsaß. Sie sahen sich um. Vielen ererbten und sorgfältig gepflegten Groll sahen sie da. Aber dieser Groll war sonderbar mit unwillkürlichem Deutschtum gemischt. Die jüngere Generation der Elsässer war politisch gleichgültig, hatte nur die ernste Absicht, als Individuum irgendwie voranzukommen, angenehm zu leben. An ein Wieder-französisch-werden glaubte keiner recht, so viele auch sich mit dieser Idee drapierten oder sie als unterhaltendes Spielzeug benutzten. Als Gegengewicht gegen diese Bestrebungen hatte die deutsche Presse begonnen, sich mit dem anerkannt Guten der deutschelsässischen Vorzeit zu beschäftigen: Gottfried von Straßburg, die Mystiker, Gutenberg. Man wollte damit die gemeinsame Vergangenheit gegen die französische ausspielen, einen Treffpunkt schaffen für die schönen Geister beider Seiten. Eine elsässische Rundschau wurde gegründet, Jahrbücher, die sich den alten elsässischen Volkssitten widmeten und Beiträge von elsässischen Laien wie deutschen Gelehrten vereinigten. Hier fand sich Françoise am leichtesten ein. Sie nahm Père Anselmes liebes Buch vor, das nach dem schwer leserlichen Manuskript in unwürdiger Form erschienen war, und ergänzte für eine neue Auflage nach dem nunmehr geordneten und gesichteten Archiv die Lücken. Ihr Onkel Eusèbe Blanc, der jetzt als Universitätslehrer in Straßburg lebte, verschaffte ihr aus den dortigen Bibliotheken, was sie brauchte. Sie saß im Rathause und las in den alten Büchern. Und dabei fand sie ein Deutschland wieder, wie sie es geliebt hatte. Das Deutschland des Mittelalters und der Romantik. Père Anselmes Deutschland. Aber die Wirkung dieses Wiederfindens war keine germanisierende bei ihr. Im Gegenteil. Denn indem sie die gründliche handwerkliche Sicherheit und tiefe Innerlichkeit des mittelalterlichen Deutschen mit dem verglich, was sie heute um sich sah, oder die seelische Vertiefung der »Gottesfreunde« mit dem materiellen Gehaben rundum, ergriff sie eine böse Verachtung; zugleich aber der brennende Wunsch einer leidenschaftlichen Mütterlichkeit: ihr Sohn möge es sein, der dazu beitrüge, im Elsässer wieder dies alte schöne Menschentum aufzuwecken. Ja – und ihr wurde heiß und weit bei dem Gedanken – in den Deutschen selber. Françoise stand auf. Der Kleine hatte ihre Hand losgelassen. Sie sah nach der Uhr. Dann ging sie langsam vor den großen Spiegel und betrachtete sich. Würde Heinrich Hummel sie sehr alt finden? Sie zupfte die Spitzen ihres Jabots voller und ging in ihr Schlafzimmer nebenan, sich das Haar frisch zu ordnen. Schließlich vertauschte sie auch ihr Kleid mit einem besseren. Dabei spürte sie, daß sie Herzklopfen hatte. Sie trat ans Fenster, das über das Vorplatzgitter hinüber nach der Klostergasse sah. Sie wartete. Der Gedanke eines Wiedersehens mit Hummel war ihr nicht neu. Seitdem sie ihn in Straßburg wußte, hatte sie, wenn sie dort Besuche oder Besorgungen machte, an jeder Straßenkreuzung eine Begegnung erwartet, sich überlegt, ob man sich grüßen, ansprechen, versöhnen würde. Es war ja so ewig lange her, daß man einander wehgetan. Seitdem sie Martin hatte, war diese Vergangenheit ihr gleichgültig geworden, wie sie glaubte. Jetzt spürte sie mit Staunen und Verdruß, daß sie erregt war. Und als sie jetzt die Gittertüre gehen hörte, streckte sie abwehrend beide Hände aus. Darüber aber mußte sie lachen. Noch einmal blickte sie nach dem Bübchen, dann ging sie mit glühendem Kopf und eiskalten Händen hinüber ins Besuchszimmer, sehr unzufrieden mit sich selber. Unwillkürlich strich sie sich kurz vor der Türe die Hüften schlanker. Als sie in den Salon kam, standen sie schon da: Pierre und ein völlig Fremder; ein deutscher Geheimrat mit Brille, grauem Bart und nicht ganz gut sitzendem, dunklem Rock. Eine tiefe, köstliche Beruhigung kam über Françoise. Mit anmutiger Bewegung streckte sie dem Fremden, der sich zweimal schweigend vor ihr verneigte, die Hand hin, die er behutsam nahm und hielt, ohne viel damit anzufangen. Françoise dankte ihm in fließend wohlgeordneten Worten für seinen Beistand bei Martin und berichtete, daß es dem Kinde gut gehe. Wenn der Kleine jetzt nicht schlafe, würde er dem fremden Onkel Doktor sicher gern selber gedankt haben. Dann fügte sie in leichtem Ton hinzu, sie freue sich darauf, recht viel von ihm zu hören. Pierre stand dabei und hatte eine gute, wie beschützende Geste nach dem Geheimrat hin, die Françoise belustigend vorkam. Allerhand nichtsnutzige Instinkte kamen in ihr auf und ließen sie hochmütig lächeln. Pierre sah sie an. »Nicht doch, nicht doch,« schien er zu sagen. Wie es ihm in Straßburg gefalle? fragte Françoise, und es sei schade, daß das Wetter nicht besser sei. Hummel hatte bisher nur das Notwendigste geantwortet, karg, wie verbissen. Er war zerstreut eingetreten, hatte weniger an Françoise gedacht als an ihren Mann, der ihm interessant geworden war in der kurzen Zeit. Dann aber sah er sie. Mit der hohen Frisur, die sich steil über der Stirn erhob, erschien sie größer als früher. Ihr silberblondes Haar, unmerklich ergrauend, stand metallisch ab gegen ihr von der Gesundheit der Frauenreife kräftig getöntes Gesicht. Sie hatte etwas Majestätisches bekommen in Haltung und Gestalt. Wie eine Marquise, dachte Hummel überrascht. Mit zufriedener Gründlichkeit betrachtete er sie. Die Erlesenheit ihrer Erscheinung gab ihm vor sich selber die Rechtfertigung dafür, daß diese Frau ihn einmal sehr glücklich und sehr unglücklich gemacht hatte. Aufmerksam, als gälte es Art und Klasse eines Naturwerkes zu bestimmen, folgte sein Blick der noch immer strengen Linie ihrer Arme, die sich unter dem engen Ärmel rein abzeichnete, hob sich wieder zu ihrem Gesicht, um sich, wie vervollständigend, dann auf Pierre zu richten. Der blaue jünglinghafte Strahl, den der Ergraute dabei emporschickte, verwirrte Françoise einen Augenblick. Sie verlor von neuem ihre Sicherheit. Und als sich jetzt ihr Mann, vertraut wie zu einem Verbündeten, zu dem Besucher wandte, der ihm ebenso vertraulich antwortete, kam ein merkwürdiges Gefühl der Eifersucht über sie. Sie sah von einem zum andern, fühlte sich ausgeschlossen, beiseite geschoben, fast vernachlässigt. Und spürte es dabei gar nicht, daß der gute Geheimrat sich noch einmal kopfüber in sie verliebt hatte. Françoise hatte sich niedergelassen und war wieder aufgestanden, noch ehe die beiden Herren sich über ihre Plätze vor ihr schlüssig geworden waren. »Vielleicht unterhält es Monsieur Hummel, die Bilder zu sehen, die seine Tante Amélie mir vor dem Verkauf des ›Bourdon d'or‹ geschenkt hat?« Sie zeigte auf ein paar viereckig gerahmte Pastellbildchen, die in der breiten braunen Türnische hingen: Jules Bourdon und der tolle Hummel. »O, ich habe noch etwas anderes aus der Pharmacie,« sagte sie. »Den neuen Besitzer interessierte es nicht. Da kaufte Monsieur Füeßli es ihm ab für mich.« Sie wies auf ein altes braunes Kästchen, das auf dem schön gemaserten Zierschränkchen stand. Pierre ging auf ihren Wink heran, ein Uhrwerk schnurrte ein wenig, und auf einmal – Françoise hatte die Hände erhoben, um Stillschweigen zu gebieten – hörte man das seine alte Stimmchen des Spieldöschens »Mich fliehen alle Freuden« singen. »Die alte Zeit,« sagte Hummel lächelnd. Seine Augen wurden blank vor Bewegung, aber er nahm sich zusammen. »Wie schön, daß Sie sich hier so mit alten Erinnerungen umgeben, gnädige Frau,« sagte er verbindlich. »O ja« – sie hatte jetzt Lust ihn zu quälen – »es ist das beste Mittel, ihnen zu entgehen, Monsieur Hummel. Sie wissen, die Bilder, die man in die Stuben hängt, sieht man gar nicht mehr. Sie sind nur der gewohnte Fleck da an der Wand.« »Ah bah, Erinnerungen,« rief Pierre dazwischen, und Françoise bemerkte mit Staunen, daß er ein wenig lärmend sprach, so als ob er sich völlig unter den Seinen fühlte. »Vorerst schaffen wir uns noch neue, ehe wir darangehen, die alten zu sammeln. Wir haben nicht wie Sie, Herr Geheimrat, wissenschaftliche Werke zu schaffen für die Zukunft. Unsere Zukunft aber, das ist unser kleiner Bub da oben, und der wird uns noch genug Nüsse zu knacken aufgeben. Sieht er nit grad so aus, der Lausbub?« Aus seinen schmalen Augen glänzte eine ungeheure Vaterfreude. »Ein reizendes Kind,« sagte Hummel aufs Geratewohl. Der Knabe hatte ihm flüchtig gefallen. Wie er aussah, hätte er in diesem Augenblick schon nicht mehr zu sagen gewußt. »Haben Sie sich gut im Elsaß eingelebt?« fragte Françoise konventionell. Hummel antwortete in gleicher Weise. »Und Madame Hummel?« fragte sie tastend. »Ihr ist es wohl schwerer geworden. Meine Nichte stammt aus Ostpreußen und aus einer Offiziersfamilie.« Eine Nichte also, keine Frau! Françoises Gesicht war plötzlich ganz hell geworden. Hummel fuhr fort: »Alle ihre Gewohnheiten sind streng preußisch. Es empört sie, wenn man sie in den Kaufläden französisch anredet, und sie behauptet, man fordere den Deutschen doppelte Preise ab. Ihre Mädchen läßt sie sich aus Königsberg kommen. Die hiesigen wären alle Trinkerinnen.« Françoise lachte. Sie stand auf. »Der Baron läßt sich erwarten,« sagte sie heiter. »Täuschen wir unsere Ungeduld, indem wir ein wenig in den Garten gehen. Der Mond scheint.« »Der Mond scheint;« wiederholte Hummel. Und in seinem Munde bekam der kleine Satz einen Klang von Poesie, vielleicht Erinnerung. Françoise mußte gegen ihren Willen auf einmal daran denken, daß sie diesen Mann da einmal unsinnig gern gehabt hatte. Ohne aufzusehen, ließ sie sich von Pierre in einen schönen, rotseidenen Schal wickeln, den er herbeigeholt hatte. Hummel stand dabei und sah ernsthaft zu. Im Garten war es lau und dunstig. Eine Feuchtigkeit, die duftete. Françoise ging voran. Die Blicke beider Männer folgten ihr, wie sie langsam und rhythmisch vor ihnen her dem Mond entgegenschritt, den Kopf emporgerichtet, schweigend, wie nachtwandlerisch. »Wie sich das verändert hat,« rief plötzlich Hummel erschrocken. Erst jetzt hatte er bemerkt, daß die prachtvollen Kastanien der Allee gestutzt und von den Jahren völlig verkrümmt waren. Böse, feucht und schwarz standen sie da. »Alles verändert,« wiederholte er fast vorwurfsvoll. Françoise sah ihn lächelnd an. Und in ihrer Stimme, die sich gegen Rührung wehrte, klang es wie Schadenfreude, als sie sagte: »Nichts bleibt bestehen, Herr Geheimrat, nichts kommt wieder.« Pierre hatte wieder seine gute, schützende Bewegung zu Hummel hinüber. »Das hat der Brand gemacht,« sagte er dann. »Er hat die schöne Allee verwüstet.« Er redete weiter: »Im Sommer, wenn die Zweige voll Blätter sind, scheinen sie ganz jung; sie blühen; gerade wie Kerzen stehen die weißen Trauben in die Luft. Aber jetzt, nein, hierher müssen Sie sich stellen, so daß Sie auch die Silhouetten auf dem Boden sehen können.« Hummel gehorchte und betrachtete nun bald die krausen Äste selber, bald ihr wunderliches Abbild auf dem Kiesrondell, an das sie nun gelangt waren; dasselbe, in dem einst Luciles Hängematte geschaukelt hatte inmitten friedlicher Blütenbüsche. Jetzt hier schien alles Kampf, Haß und Aufruhr. Aufgebäumte Leiber streckten sich zueinander, verknäulten sich und schickten wie hilferufend kraftlose Arme aus. Lange Spinnenbeine griffen in die Luft. Spitze Zungen bleckten sich wütend entgegen, Schuppenbeine mit grauenhaft gekrampften Zehen traten hilflos flehenden Baumweibern auf Brüste und Hüften. Vom Mondlicht gigantisch verzerrt und wie sich regend, malte sich diese phantastische Gigantomachie auf dem hellen Kiesboden. Hummel wagte kaum zu treten zwischen den Gespenstern. Er sah auf Françoise, die schweigend dastand, ihr Schal blutrot über der steingrauen feinen Wolle des Kleides. Der starr in sich versenkte Ausdruck, mit dem sie auf die Tiersilhouetten auf ihren Füßen blickte, löste in dem erregten Gelehrten eine mythologische Vorstellung aus. »Kirke,« sagte er halblaut. Pierre hatte es gehört und lachte frisch. »Und ich der Bär? meinen Sie.« »Ich jedenfalls die Eule,« fügte Hummel gewandt und heiter ein. Er hatte in Françoises Miene gesehen, daß sie ihm aus irgendwelchem Grunde nicht mehr böse war. Und wirklich hatte seine Äußerung eben sie von aller Unsicherheit erlöst. Denn sie war Frau genug, es zu genießen, daß er sie neu bewunderte, und daß sie sich nicht gegen seine Verachtung zu wehren hatte. Viel eher sogar ihn müßte sie beschützen. Damit war eine tief mütterliche Empfindung in ihr erwacht für ihn. »Mein kleiner Sohn hat sich gefürchtet, als er zum erstenmal beim Mondenschein hier stand,« sagte sie zu Hummel, und es lag in ihrer Stimme ein Ton, als bringe sie ihm mit dieser kleinen intimen Erwähnung ihres Kindes eine Kostbarkeit dar. Auch er fühlte es so und sah sie dankbar an. Françoise lächelte erwidernd. Und weil sie froh war, nahm sie im Schatten Pierres Hand und strich darüber hin. Pierre nahm die warme Hand und drückte sie. Auch ihm war lastenlos zumute. Er, der alles, was seine Frau anging, begriff, fühlte, daß sie jetzt Hummel wieder gern hätte. Er strich sich seinen Bart. Nun kam ja noch alles in schönste Ordnung. Denn nun erst würde sie ganz fertig sein mit dieser Vergangenheitsgeschichte. Und jetzt tat er etwas, das bei einem andern komisch gewirkt hätte. »Wollt ihr euch nicht einmal aussprechen?« sagte er und griff in der Dunkelheit nach beider Händen, wie um sie ineinander zu legen. »Es ist doch so gut, sich einmal auszusprechen.« Damit ließ er die Hände wieder fallen und ging mit Schritten, die auf dem Kiesweg laut knirschten, zum Hause zurück. Die beiden standen allein. Hummel beeilte sich, keine Stille eintreten zu lassen. »Ich bin so froh, Ihren Herrn Gemahl kennengelernt zu haben.« Und Françoise als Antwort darauf: »Wie gut Sie zu unserm Bubi waren.« »Sie haben gewiß Kinder sehr gern?« fragte sie nach einem Weilchen. »O das – ich habe das eigentlich noch nicht bemerkt. Um die Kinder meiner Nichte kümmere ich mich wohl nicht sehr. Ich weiß kaum, wie sie aussehen. Ich habe immer so wenig Zeit,« fügte er entschuldigend hinzu und fing an zu lachen dabei. Auch Françoise lachte. Danach sagten sie sich nichts mehr. Aber sie hatten das Gefühl, sich endlich einmal gründlich ausgesprochen zu haben miteinander, so wie Pierre ihnen das aufgetragen hatte. Und so war es wirklich. Denn nun wußten sie das einzig Wichtige voneinander, nämlich daß sie versöhnt seien, und daß sie fortan nur Gutes voneinander denken wollten. So kehrten sie denn um und gingen Pierre Füeßli nach ins Haus hinein. Als sie im Hausflur standen, kam gerade Meckelens Auto vorgefahren. Es gab ein heiteres Willkommen. Bald läutete der Gong, man ging zu Tisch. Es war der alte schwere Eichentisch, die alten schweren, hochlehnigen Stühle, die Hummel sah. Er erkannte sie wieder. Aber eine neue hellere Tapete war da und elektrisches Licht. Viele grüne Pflanzen standen am Fenster, blühende Kamelien, Kakteen, eine Zimmerlinde, die aussah wie durchsonnt. Beim Essen meinte Hummel, die Form des Silberzeugs sei ihm bekannt, und ganz bestimmt erinnerte er sich der Jagdszenen des Porzellans und des alten schönen Schliffmusters der Kristallbowle, die auf dem Eckbüfett stand. Als das Mädchen jetzt den Silberschrank öffnete, erkannte er den alten Duft von Silberputzpulver und Veilchen, der ihm damals entgegenschlug. Françoise bot ihm Salat. »Sie müssen die Löffel halten, sie sind etwas schwer.« »Wie Ihr Nußknacker damals.« Sie lächelten alle beide. Dann sprach man wieder von dem Brand und zählte die Dinge auf, die man nicht hatte retten können. Arvède beklagte namentlich das Schreiblädchen von Frau Balde, das er sehr geliebt hätte. Es habe ausgesehen wie ein Spinett. Innen eine Menge geheimnisvoller Fächer, die immer voller Briefschaften, steckten. Er kannte noch alle Figuren, die darauf standen: die Venus mit ihren Tauben, die Porzellanköpfe, dahinter die große Perlmuttermuschel, auf der die Kreuzigung eingraviert war. Er erzählte, wie er an diesem Schreibtischchen mit Victor Hugo zusammen gestanden und wie sie alle drei das Schriftstück für das Lyzeum verfaßt hatten. »Ja ja, Victor Hugo.« Er sah lächelnd auf Hummel. Der wurde rot wie ein Knabe. »Sie müssen mir verzeihen, wenn ich Ihren Schwager beleidigt habe, aber –« Arvède schüttelte den Kopf. »Sie haben seine ganze Achtung davongetragen, Herr Geheimrat, und er läßt Sie durch mich um Entschuldigung bitten wegen seiner Bitterkeiten. Die Vergangenheit, Sie begreifen, ist für ihn das rote Tuch, das ihn zu stoßen zwingt. Er liebt sie immer noch ein wenig, seine deutschfreundliche Zeit, aber er ist trotz seiner gespielten Nüchternheit zu sehr Idealist, um das Land zu verleumden, das seiner Meinung nach jetzt ein leidendes ist.« »Idealist? Sie drücken das sehr geschickt aus, Herr Baron, und sehr menschenfreundlich. Wirklich sehr geschickt.« Vielleicht hätte das Gespräch, selbst hier an Françoises Tisch, eine gewisse Heftigkeit angenommen, wenn sich nicht in diesem Augenblick die Tür zum Kinderzimmer aufgetan hätte und eine kleine, weiße Gestalt hineingehumpelt wäre, schlaftrunken, wie taumelnd, geradeswegs auf Hummel zu, und ihm auf den Schoß fiel. Alle lachten. »Mais Martin,« rief seine Mutter, »qu'est-ce qui te prend?« Das Kind sah einen Augenblick wie erstaunt um sich, dann beschämt schlang es beide Ärmchen um Hummels Hals und versteckte sein Gesicht an seiner Brust. Hummel hielt ganz still. Die aufrechtstehenden heißen Löckchen kitzelten ihn am Munde, an der Wange. Er rührte sich nicht. Es war ihm wunderlich, den weichen, schlanken Körper auf seinen Knien zu fühlen. Er, dem seit Jahrzehnten kein Mensch mehr körperlich nahe gekommen war. Vater Pierre war aufgestanden, faßte verliebt und mahnend den kleinen Kerl um die Taille, ihn fortzutragen. »Es ist ein Naturkind, ce marmot, man muß ihn schelten.« Aber Martin ließ sich nicht stören. Er bog den Kopf zurück und studierte ernsthaft Hummels Züge. »Hast du einen Hund?« fragte er endlich. »Einen Hund? Nein, mein Junge.« »Ich will dir Boppele schenken,« entschied der Kleine. Dann ließ er sich hinaustragen. »Boppele!« Arvède lachte bis zu Tränen. Er erklärte, Boppele sei ein Scheusal. Eine Rassensammlung vollständigster Art. Das Kind habe die Mißgestalt auf der Straße gefunden und liebte nun das Tier mit Schwärmerei. Françoises Gesicht war ganz in Lächeln getaucht. »Ich hätte nie gedacht, daß er sich davon trennen würde.« Jetzt ist sie nicht mehr Kirke, sondern Madonna, dachte Hummel. Nach den sonderbaren Gesetzen, in denen die Liebe der Gealterten sich bewegt, trug der zarte, schaumige Wohlgeschmack der Nachspeise, die er dabei aß, noch einen besonderen Reiz zu seinem Gefühl hinzu. Er fühlte sich liebend und liebte sich um dieses Liebens willen, das er sich längst nicht mehr zugetraut hätte, freute sich, daß diese Liebe ohne Qual war, nur ein ungeheures Wohlerbitten für Françoise und die Ihren. So löffelte er denn seine Zitronenspeise zwischen den Geweihen eines gemalten Hirsches heraus und wußte auf einmal wieder die Welt voll guter Dinge. Man sprach von Martins Zukunft. Füeßli meinte, er solle Ingenieur werden. Damit komme man jetzt im Elsaß am weitesten. Françoise wünschte, ihn studieren zu lassen. Kunstgeschichte. Schon jetzt sitze er stundenlang vor einem alten Kunstatlas und versuche, die Figuren nachzuzeichnen. Arvède schlug vor, man möge ihn, wenn er die Schule hinter sich habe, als Volontär zu ihm hinausgeben, und Hummel sagte, er passe sicher zum Arzt, da er sich des leidenden Hundes so treu angenommen habe. So wollte jeder ihn in seinem Handwerk unterbringen. Im Fumoir gab es Kaffee, Zigarren und Liköre. Hummel betrachtete sich die in Glasschränken verwahrten Bücher: alte französische Klassiker, einige Bände Shakespeare, Schiller und Goethe, schöne Ausgaben von Sophokles und Euripides. Er fand alte Bekannte darunter aus dem früheren Bibliothekzimmer, daneben ein Schränkchen moderner Literatur: Baudelaire, Verlaine, Huysmans, Mallarmé, Heine, Stefan George und einen Band Gottfried Keller. Hummel nahm ihn ahnungslos in die Hand. Eine Seite schlug sich auf: »In einem Gärtlein, wo du weißt.« Eine Blutwelle stieg ihm ins Gesicht. Er erinnerte sich. Hastig stellte er das Buch zurück. »Ah, da sind auch französische Schulbücher,« sagte er dann scheinbar interessiert und bückte sich zum unteren Fach des Schrankes. »Ja, die sind noch von Paul, unserm Ältesten.« Die Unterhaltung wandte sich auf Paul. Françoise beklagte mit Heftigkeit, daß man immer noch seine französischen Söhne nur in Frankreich sehen dürfe. Von Jahr zu Jahr erwarte man vergebens die Aufhebung dieses Ausnahmegesetzes. Sie erzählte, daß Paul verheiratet sei und zwei nette Kinder habe. Seine Frau war eine geborene Baronin Flèche, »eine Stieftochter der kleinen Berthe de la Quine«, erklärte sie, die Hummel damals hier vor dem Laden des Bäcker-Nazi getroffen habe. Es war das erstemal, daß sie ihn geradezu an die Vergangenheit erinnerte, und sie lächelten sich beide an wie einverständlich. Pierre und Arvède hatten sich zurückgezogen in das Zimmer des Hausherrn. Sie wollten einige Kreisgeschäfte miteinander bereden. Hummel blieb bei Françoise, die sich an ein zierliches Nähtischchen gesetzt hatte, die Augen auf eine Handarbeit gesenkt. Hummel ging im Zimmer umher wie suchend. »Hatten Sie hier nicht früher einen schönen alten Kupferstich, der die Stadt Thurwiller darstellte, wie sie im vierzehnten Jahrhundert war? Ich hatte ihn so gern mit seiner bunten Übermalung.« »Der Kupferstich?« Sie erhob sich ein wenig und griff hinter sich, wo auf dem Fenstertritt eine bunt bemalte Schachtel stand, die sie empornahm und auf ihre Knie setzte. Im Bewußtsein, daß sie unter anderen Andenken auch Hummels erste Briefe enthalte, zögerte sie einen Augenblick, schloß aber dennoch auf und reichte ihm das Kupferblatt, nach dem er gefragt hatte, rahmenlos und mit ein paar gelben Flecken an der Seite. Es sei beim Brande angesengt, sagte sie. »Aber kennen Sie noch diese Handschrift?« Sie gab ihm einen mit französischen Worten eng beschriebenen Zettel, der Spuren von Zerknitterung aufwies. Er dachte nach. »Der Ratsschreiber?« Sie nickte. Er las. »Und so gleicht denn unser armes Elsaß so recht eigentlich jenen alten Pergamenten, die man Palimpseste nennt, auf denen die alte gotische Schrift mit lateinischer übermalt wurde, bis es endlich einer kundigen Hand gelang, die verborgene Schrift wieder zu Licht zu fördern. Damit dieses Wunder auch bei uns geschehe, müßte aber schon der liebe Herrgott selber herunterkommen und ein großes Wecken blasen.« Dann las er auch die Unterschrift: »Gespräch beim Besuch des jungen Deutschen, am 10. Juli 1870.« »Eigentlich gehört der Zettel also Ihnen,« sagte Françoise lachend, »aber ich habe ihn gestohlen, ganz einfach gestohlen und behalten.« Nie war sie ihm reizender erschienen als in diesem Augenblick. Sie saß wie überschwemmt von Licht mit ihrer hellen Stickerei unter der Lampe, ein Körbchen mit bunten Seidenknäueln, Scherchen und Schächtelchen um sich herum. Das erinnerte ihn plötzlich an seine Mutter, bei der er abends manchmal gesessen hatte, wenn sie nähte. Die Vergangenheiten mischten sich vor ihm, er unterschied nicht mehr recht zwischen ihnen. Was habe ich nun eigentlich an ihm geliebt? dachte Françoise inzwischen. War es das Kindliche und Gute in seinem Wesen? Der blaue Blick, der strahlen konnte? Seine Jugend? Seine Liebe für sie? Jedenfalls war es vorbei damit, und dafür war sie ihm besonders gut in diesem Augenblick. Hummel fing wieder von Martin an. Er wußte keine andere Form, in der er Françoise seinen Zustand der Ergebenheit und Anhänglichkeit klarmachen konnte. Wirklich begann sie denn auch zu erzählen. Er erfuhr, das Kind sei, während Paul natürlich Katholik war, protestantisch getauft wie sein Vater und seine Großmutter. »Ich wünschte es, um ihn seinem Vater ganz nahezubringen. Und dann – der Einfluß der katholischen Geistlichkeit ist sehr groß in den Familien, die zu ihrer Kirche gehören. Ihr beständiges Wühlen gegen Deutschland würde unserem Kinde mehr Zwiespalt gebracht haben, als ein Elsässer ohnehin schon zu ertragen hat.« »Sie werden ihn also keinesfalls an Frankreich geben?« »O, nichts weniger als das. Wir möchten« – Sie unterbrach sich und hob den Finger. Aus der Küche unten drang ein eintöniger Zwiegesang, aus dem die Zischlaute scharf hervorsausten. Man verstand deutlich die Worte: »Je suis Alsacienne, tue es Alsacien nous sommes Alsaciennes, vous êtes Alsaciens –« Immer wiederholt. »Kein sehr geistreiches Lied,« sagte Françoise. »Aber es sagt das, was ich mir für Martin wünsche. Unseren ältesten Sohn haben wir an Frankreich verloren. Ich habe manchmal Angst, daß wir unseren jüngsten an Deutschland verlieren könnten.« »Verlieren? Meiner Meinung nach wäre es dann einfach zu Hause.« Sie sah ihn gütig an. »Wie wenig Sie doch eigentlich verändert sind!« »Und Sie nicht im geringsten.« Sie lachte auf. »O, o, die französisch galante Art im Elsaß scheint ein wenig abgefärbt zu haben?« Er wollte sich verteidigen, irgend etwas Leichtes sagen. Während er aber noch darüber nachdachte, hörte man draußen einen immer wiederholten rauhen Ruf: »Vive la France«, dazwischen Lachen von allerlei Leuten und Pantoffelschurren. Hummel fuhr auf. »Was ist das?« Auch Füeßli und Meckelen waren hereingekommen. »O, nichts von Bedeutung,« sagten die. »Beunruhigen Sie sich nicht, Herr Geheimrat, nur Jean Groff ist es, der da draußen lärmt. Er braucht wahrscheinlich wieder eine Schlafstelle.« »Jean Groff?« Hummel dachte nach. »Kann das derselbe sein, der hier im Jahre Siebzig den Garten begoß? Der Stammvater des Süßen Winkels? Er war damals schon sehr bejahrt.« »Derselbe. Er ist bereits ein Achtziger und immer noch ein großer Farceur.« Arvède erzählte dann, der Mann habe in den ersten Jahren nach dem Kriege, wenn seine Frau ihm mitten im kalten Winter einmal wieder die eheliche Türe vor der Nase zuschloß, das Mittel gefunden, sich Nachtquartier zu schaffen. Er tat sich eine blau-weiß-rote Kravatte um, ging vor die Häuser der Behörden und schrie: »Vive la France«. Dann sperrte man ihn ein, und er war zufrieden. »Zu seinem Unglück läßt man seit vielen Jahren die Leute schreien, was sie mögen. Trotzdem versucht er es immer wieder. Es ist seine Art zu betteln.« »Und sein Häuschen? Ich habe das Schild noch eben gelesen.« »Das Häuschen gehört seiner Enkelin, bei der er in Pflege ist. Aber« – Arvède senkte aus Respekt vor Madame Füeßli die Stimme – »sie hat an den zugezogenen Deutschen Schlafgäste, die ihr lieber sind als ihr alter Papa. Er muß ihnen oft Platz machen.« Pierre kam lachend zurück. Er habe den Alten für eine Nacht oben in der Bodenkammer unterbringen lassen. »Also doch wieder!« Françoise drohte ihm mit dem Schlüssel, den sie aus dem Körbchen nahm, um für den Strolch Bettwäsche herauszugeben. Als sie gegangen war, fühlte Hummel plötzlich Müdigkeit. Auch Arvède gähnte verstohlen. Die Abschiedsstunde war da. »Werden Sie mich einmal in Straßburg besuchen?« fragte Hummel, als Einleitung zum Aufbruch, »Sie und Ihre Frau Gemahlin?« »Gewiß, wenn Sie glauben, daß wir Madame Hummel willkommen sind? Sie verkehrt nur mit Deutschen, wie Sie mir sagten?« »O, meine Nichte richtet sich natürlich ganz nach meinen Wünschen«« »Natürlich, aber immerhin...« Hummel schwieg. Er fühlte, Füeßli hatte recht mit seinem Bedenken für Straßburg. In der Stadt floß Scheidewasser zwischen Elsässern und Altdeutschen, mehr als hier auf dem Lande. Dennoch wandte er sich jetzt an Françoise, die wieder eintrat. »Wir verabreden soeben Ihren Erwiderungsbesuch bei mir in Straßburg. Wann kommen Sie?« Es hatte ihn nun doch eine plötzliche Ungeduld befallen. Ihm schien, er habe viel zu viel Zeit verloren, ehe er diese Hand fassen durfte, die sich ihm ebenso freundschaftlich entgegenstreckte, und die er unbewußt ganz vorsichtig drückte. Er begriff nicht mehr, daß er so lange an Françoise nicht einmal mehr gedacht hatte. »Wann kommen Sie?« wiederholte er dringender. Sie zog ihre Hand zurück. »Genießen wir vorerst recht herzlich die Erinnerung an die paar Stunden heute.« »Aber warum nicht sie wiederholen?« Françoise lächelte frauenhaft überlegen. »Nichts wiederholt sich im Leben, nichts kehrt wieder.« Es waren ihre Worte von vorhin, die sie ihm zurückrief. »Wir bringen Ihnen unseren Sohn nach Straßburg, wenn er aus der Schule ist,« sagte Pierre, dem der Geheimrat leid tat. Françoise trat ganz mütterlich zu ihm. »Zeit lassen, Herr Geheimrat, Zeit lassen.« Sie sagte es ganz in dem gleichen Tonfall, in dem Pierre die Worte früher ausgesprochen hatte. Und gab Hummel damit, ohne es zu wissen, die Unmöglichkeit, das Paar getrennt zu denken. Während Meckelen sich mit den Autolichtern beschäftigte, die er anstecken wollte, und Pierre ihm die Streichhölzer brachte, beugte Françoise sich anmutig vor und küßte den Jugendfreund auf beide Wangen, ein sachter Hauch, der ihm allen Trübsinn nahm. Einen Augenblick dachte er daran, ihre Hand zu küssen, aber er wußte sich ungeschickt, fast spöttisch aussehend bei solcher Gelegenheit. So drückte er nur ihre schmalen Finger in den seinen. »Ich danke für alles.« Und wiederholte dieselben Worte mit gleichem Händeschütteln gegen Pierre. Als der Geheimrat mit Pierre und Arvède die Treppe hinunterging, hatte er ein Gefühl tiefer, köstlicher Erleichterung. Schon jetzt genoß er diesen Besuch in Thurweiler wie eine schöne Episode. Nun war sie abgeschlossen. Ein Wort aus seinem neuen Aufsatz, das er lange gesucht hatte, stand klar und gut eingefügt vor seiner Vorstellung. Das machte ihn froh. Ein paar Hin- und Herrufe noch, ein Winken, das Auto fauchte davon. »Reizende Leute, die Füeßlis,« sagte Arvède gähnend und zog dem Gaste die Decke höher hinauf. Beide sprachen lange nichts. »Ich schäme mich, wie wenig ich weiß von dem Treiben der elsässischen Jugend,« sagte Hummel plötzlich. Meckelen, im Einschlafen begriffen, fuhr erstaunt auf. Der Professor war doch unverwüstlich. Aber Hummel, fast schwatzhaft geworden, fuhr fort: »Als ich damals von Thurwiller fort ging, hier diesen selben Weg, den wir jetzt fahren, in der Dunkelheit auf einem Milchwagen, heimlich wie auf dem Schub, da habe ich dem Städtchen bei meinem Abschied zugerufen: ›Ich komme wieder, zu erobern was mein ist.‹ Ich hatte damals, heute kann ich es wohl sagen, mir Hoffnung gemacht, einmal hier heimisch zu werden. Nun ist es anders geworden. Zurückgekommen ins Elsaß bin ich ja, aber nur gemächlich wie ein Erbe. Trotzdem – hatte ich nicht am Ende recht damals? Müßte ich nicht jetzt – Sie kennen wohl das Wort von Goethe – endlich anfangen, auch zu erwerben, was ich ererbt habe, um es wirklich zu besitzen? Daran denke ich in diesem Augenblick.« Der Alte redet wie im Rausch, dachte Arvède wieder, der Bocksbeutler ist ihm zu Kopf gestiegen. »Und noch eins wird mir klar,« sagte Hummel wieder: »Paßt das Goethewort, das ich eben zitierte, nicht auf uns Deutsche hier überhaupt? Müßten wir nicht dieses Land uns erst erwerben, das wir eroberten?« Der Baron nickte wohlgefällig. »Schön wäre das, Herr Geheimrat. Und manches wäre besser geworden, wenn man hier in deutschen Kreisen so gedacht hätte.« Hummel hörte nicht auf ihn. »Ich werde mir das elsässische Volkstheater ansehen,« fuhr er begeistert fort. »Ich werde mir die ›Elsässische Rundschau‹ halten und die ›Revue alsacienne‹ . Die jungen elsässischen Studenten will ich in mein Haus ziehen, die Kinder meiner Nichte sollen Umgang haben mit den elsässischen Kindern, nicht nur mit Militär- und Beamtenfamilien. Ich will mich umsehen von heute ab, will nicht länger sitzen auf meiner Professoreninsel.« Er sah nach dem Mond empor, der hochmütig mit ihnen ging. »Famos, famos,« sagte Meckelen. Und im stillen fügte er hinzu: Diese Deutschen sind doch unberechenbar. Kommt jetzt aus diesem berühmten alten Geheimrat noch einmal der studentische Schwärmer herausgaloppiert, der ewige, unzerstörbare Idealist, der echte Deutsche. Und es fiel ihm ein, daß ja auch er von diesem ewig unzerstörbaren deutschen Idealistenblut in seinen Adern trug. Fünfter Teil Das Jahr 1914 war zur besten Hälfte durchlebt. Martin Füeßli, »das Silberkind«, jetzt junger Student, hübsch, elastisch, kam im Tennisanzug, mit dem Schläger in der Hand, im Schmuck seiner braunen Locken barhaupt, wie es die Jünglingsmode des Jahres heischte, aus seiner »Bude« am Metzergießen zu Straßburg. Er ging auf der Sonnenseite. Absichtlich. Ihm war es ein Genuß, sich von der Julihitze dieses Spätnachmittages durchbrennen zu lassen, so stark, daß er die Sonne zuletzt wie ein fließendes Feuer in seinen Adern fühlte, ein glühender Strom, der tanzen macht. Die ganze Ungeduld einer Generation war in ihm, die, kurz vor der verheißungsvollen Jahrhundertwende geboren, sich nun, erwachsen, in die Ereignislosigkeit versetzt fand. Bei Martin Füeßli, dem Spätling seiner Familie, kam noch anderes hinzu. Ihm steckten die Erregungen der Kriegszeit noch lebendiger im Blute als seinen Altersgenossen, Sprößlingen von Leuten, die »l'année terrible« nicht oder höchstens als Kinder mit erlebten, die längst Beruhigte, Resignierte oder gar Zufriedene geworden waren. Viele dieser jungen Leute freilich ließen sich, wenn sie nach Straßburg kamen, um da zu studieren, in den Cercle Alsacien aufnehmen, sie spazierten auch getreulich jedes Semester einmal um das Kleber-Denkmal herum, und sangen herausfordernd die Marseillaise, sie schnitten Gesichter, wenn Offiziere in das Kaffee eintraten, in dem sie saßen; sie belustigten sich damit, jedesmal, wenn sie eine Briefmarke aufklebten, verächtlich auf den preußischen Adler zu tippen und zu singen: »Mir wolle d'r deutsch Ganser net! übers Bachle mit denne Hergeloffene.« Bei den meisten aber bedeutete das nicht mehr als jeder andere studentische Ulk. Und es geschah viel weniger aus Liebe zu Frankreich, das sie nicht kannten, und mit dem sie prahlten, wie arme Verwandte mit einem reichen Onkel prahlen, der nichts für sie tut –, es geschah allein in der Hoffnung, einmal ein kleines Skandälchen, vielleicht sogar eine Sensation zu erleben. Und ihre kleinen politischen Demonstrationen vertrugen sich ebenso gut mit dem Streben nach einem einträglichen Philisterposten im Ländle oder im Reich wie mit einem ausgiebigen Lebensgenuß im Rahmen der reichsländischen Verhältnisse. Daneben trieb diese allzu ausgeruhte Jugend systematisch ihren Sport, machte Wettläufe, Turnfeste und Ruderfahrten und übte jede Art von wissenschaftlich geregelter Leibesübung. Dem jungen Martin Füeßli genügten alle diese studentischen Zeitvertreibe nicht. Auch er gehörte, in einer gewissen Reaktion gegen seine deutschfreundliche Schulbubenvergangenheit, dem Cercle Alsacien an. Auch er sang mit am Kleber-Denkmal. Aber mitten zwischen diesen patriotischen Spielereien kam ihn manchmal ein Zittern der Tatkraft an, ähnlich dem wartenden Rennpferde vor dem Lauf. Eine Tatkraft, die noch ihr Ziel nicht kennt, kaum weiß, kaum sucht, die nur gierig umherwittert. Namentlich seitdem er in Straßburg war, schien ihm die Luft wie mit Ereignis geladen. Wirklich fiel auch seine Ankunft dort in eine erregte Zeit hinein. In der kleinen unterelsässischen Stadt Zabern, unweit Straßburg, war die Bürgerschaft durch den Übermut eines jungen Leutnants beleidigt worden. Und diesmal waren es nicht die Elsässer allein, die sich entrüsteten, auch unter den Altdeutschen machte sich Widerspruch laut. Die Schlagworte »Militärherrschaft«, »junkerliche Anmaßung« flogen umher. Man warf der Regierung vor, parteiisch für die Armee zu sein, verlangte deutlichere Bestrafung des jungen Offiziers, der den Mißgriff getan. Ihnen gegenüber standen dann die Regierungsfreundlichen, deren Fühlen sich in ein paar Substantiven wie »Armee, Disziplin, Unterordnung« befriedigte. Auch ihnen wurde das Ereignis zum Anlaß, ihre gewohnte Tradition lebendiger und bis zu wirklicher Erhebung umzugestalten. Mit Eifer verfolgten sie den unlängst vom Kaiser bei einem Frühstück in Straßburg geäußerten Gedanken, das Elsaß in eine preußische Provinz zu verwandeln. Sie trugen dadurch ihrerseits dazu bei, das Sonderbewußtsein der Elsässer bis zur Wut zu schärfen und sie in die heißeste Opposition hineinzudrängen. Auf dem Broglieplatz, wo die Stühle des nebeneinanderliegenden deutschen und französischen Kaffeehauses sich fast berührten, wurde leidenschaftlich diskutiert. Hier französisch, dort deutsch. Martin Füeßli, sonst meist zuschaulich und langsam das Gehörte nachprüfend, tat plötzlich den jungen roten Mund auf und redete Dinge, über die er bisher nie eine Meinung gehabt hatte. Irgendein Stoß trieb ihn vorwärts, daß er sagen mußte: »Was die da drüben und die im Lande, und auch die drüben überm Rhein jetzt reden, das ist zu uns hin gesagt, zu uns Jungen. Darum müssen wir unsere Ohren auftun und hören, ob da irgend etwas ist, das uns wirklich angeht. Da hören wir von der einen Seite nichts als Verordnungen und Befehle auf uns zuschreien, von der anderen flüstert man Schmeicheleien und Versprechungen für uns. Einen wirklichen Ruf aber, der zu unseren Herzen spricht, den haben wir noch nicht gehört. Nicht wahr? Darum stehen wir noch und warten. Wir haben keinen culte du passé getrieben, wir Jungen, und keine Zukunftsmusik. Wir haben gewartet darauf, daß man uns ruft, so ruft, daß wir kommen müssen. Von welcher Seite es auch sei. Wir warten.« Dann ist der Wirt gekommen und hat gebeten, man möge vorsichtig sein, und Martin Füeßli ist sich einen Augenblick wie ein Held vorgekommen. Die anderen haben sich halb herausfordernd, halb ängstlich umgesehen. Als aber, wie gewöhnlich, nichts geschah, ist man ernüchtert voneinander gegangen ... Und nun spaziert Martin Füeßli da mit dem Tennisschläger an der alten Rabenbrücke umher, unentschieden, ob er rechts gehen soll, den Schiffsleutstaden entlang und durch das deutsche Universitätsviertel mit seinen breiten, regelmäßigen Straßen, die Martin nicht liebt, nach der Rupprechtsauer Allee bummeln, bis zu seinem Tennisplatz in der Orangerie, oder ob er nicht vorher schnell einmal nach dem Thomasplatz hinüberspringen soll zu seinen Verwandten, den Blancs, und versuchen, Kusine Jeannette mitzukriegen zum Spielen. Einen Augenblick sieht er unentschlossen den Weibern zu, die, sich weit über den Rand der längs der Ill festgeankerten Waschkähne hinüberbeugend, ihre Wäsche am Kanalrande reiben und spülen. Heißer seifiger Brodem mischt sich mit dem goldbraunen Wasser, das im Sonnenlichte Blasen zu werfen scheint. Sie wird ja nicht mitkommen, die Mutter erlaubt es nicht. Aber schon ist er nach links eingeschwenkt und marschiert nun eilig an all den traulich engbrüstigen Giebelhäusern des Stadens mit ihren grünen Holzjalousien vorbei, blickt gewohnheitsmäßig erfreut über den Fluß hinüber zum Münster, das sich heiter und ziervoll gegen den blauen Himmel abhebt, und überschreitet dann die Thomasbrücke. Er wandte sich rechts zum alten Thomasstift, hinter dem der ehrwürdig-plumpe Turm der Thomaskirche hervorschaute. Orgeltöne kamen herüber, vereinzelte Akkorde, dann Kadenzen, die sich zu einem kunstvoll umschnörkelten Bachchoral zusammenschlossen. Das spielte Albert Blanc, der Vater von Jeannette, der Sohn des alten Pfarrers Eusèbe Blanc. Und wahrscheinlich standen wieder ein paar seiner jungen Schülerinnen und Anbeterinnen neben ihm auf der Orgel. Albert Blanc war der vergötterte Prediger der protestantischen Frauenwelt in Straßburg. Dabei ein talentvoller Musiker, überdies umkleidete es ihn mit einer Art mystischen Gloriole, daß er als blutjunger Mensch als Missionar nach Französisch-Afrika gegangen war. Man fand das sowohl mutig wie poetisch. In Wahrheit hatte ihm diesen Entschluß die Vernunft diktiert. Er gewann auf solche Weise in Kirchenkreisen Protektion und konnte abwarten, zu wessen Gunsten die Verhältnisse daheim sich entscheiden würden. Sein Vater Eusèbe Blanc lebte inzwischen im Exil in der Schweiz, von der französischen Partei der Spionage für Deutschland beschuldigt, wie alle protestantischen Pfarrer damals im Elsaß. Albert kehrte zurück, als die Straßburger Universität seinen Vater zum Lektor der französischen Sprache berief. Jetzt trieb er hier Vermittlerethik zwischen deutscher und französischer Kultur. Sein Buch über Kirchenmusik, in französischer Sprache verfaßt, schrieb er rasch ins Deutsche um. Hin und wieder fuhr er nach Paris, um im dortigen Bach-Verein Orgel zu spielen. Seine Frau war, gerade wie seine Mutter es gewesen, eine kleinbürgerliche Straßburgerin. Dem jungen Martin schien der deutlich betonte Idealismus dieses Mannes, der so praktisch handelte und nirgend anstieß, ein wenig komisch. Recht klar aber hatte er sich das alles noch nicht gemacht. Er dachte mehr in das hinaus, was kommen würde, als über das Gewordene, das fertig vor ihm stand. Und er hätte sich manchmal gern Scheuklappen angelegt, nur um ungestörter vorwärts stürmen zu können. So lief er denn auch jetzt, ohne sich weiter umzusehen, in dem ehrwürdigen, mit Altertümern vollgepfropften Stiftshause wie ein Sturmwind die breite, ausgetretene Treppe hinauf. Oben im Besuchszimmer schien großes Putzfest zu sein. Martin erwischte noch rasch den Anblick seiner Kusine Jeannette, die ein Staubtuch über dem Haar, mit einem kleinen Schrei davonflog. Seine Tante, gleichfalls den Kopf verhüllt, eine große weiße Ärmelschürze über dem Kleide, hielt einen langen Besen in der Hand und starrte mit weit zurückgelegtem Kopf wie gebannt nach oben. Sie begrüßte den Neffen, indem sie ihm nicht ohne Zierlichkeit die Wange zum Kuß bot. »Ich bin auf der Jagd nach Spinnweben,« sagte sie; »mein Sohn Maurice kommt morgen an. Er hat zum Oktober eine Stelle bekommen als Volontär in dem Hygienischen Institut des Geheimrats Hummel. Wir machen ihm sein Zimmer in Ordnung. Aber dieses alte Haus bringt mich noch um. Überall sammelt sich Staub an, und mein Mann erlaubt ja nicht, daß man aufräumt. In seinem Zimmer unten schon gar nicht. Monsieur Bach hat eine ganz schwarze Nase, und unter dem Glas von Berlioz' Porträt hängt eine vertrocknete Motte. Er ist so genial, dieser liebe Albert.« Sie seufzte. »Sie kommen vom Tennis?« fing sie wieder an und zog ihre langen Schutzhandschuhe aus. »Ich gehe erst, meine Tante, und ich wollte fragen, ob meine Kusine vielleicht –« Sie unterbrach ihn. »Gehen Sie einen Augenblick hinunter, Martin. Mein Schwiegervater wird sich freuen, Sie zu sehen. Wir kommen gleich.« Unten fand er den alten Eusèbe Blanc, der in einem Hefte las, das elfenbeinfarbene, zarte Profil sanft geneigt über der breiten weißen Halsbinde. Wenige lange weiße Haare fielen auf seinen dunklen Predigerrock. Er sah aus wie ein französischer Abbé aus dem achtzehnten Jahrhundert. »Mein Kollegienheft,« sagte er zu Martin. »Aber es ist alles nur Verschwendung für die heutige Jugend. Sie hat keinen Sinn mehr für Grazie, und sie hat, noch schlimmer, keinen Sinn mehr für den Geist. Man hat heute nur noch Respekt vor seinem Körper und dessen Bedürfnissen.« »Aber diese Bedürfnisse, scheint mir, man befriedigt sie durch Erfindungen, die der Verstand gemacht hat?« »Der Verstand. Aber es gibt keine zwecklose Feinheit oder Tiefe mehr. Weder bei den Elsässern noch bei den Deutschen.« »Nicht bei den Deutschen? Diesen offiziell beglaubigten Philosophen?« »Nenne sie nur einmal so, mein Kind. Dann wirst du sehen! Für einen Schimpfnamen halten sie das, diese Deutschen von heute! Wie wäre das auch anders möglich in einer Zeit, in der man die Technik anbetet. Eure Naturforscher haben die Meßbarkeit und Zählbarkeit des Universums entdeckt und so alle Welt zu Materialisten gemacht.« Der fast Neunzigjährige hüstelte. »Seine alten Klagen,« sagte Madame Blanc, die mit Jeannette hereintrat. Das junge Mädchen, ein brünettes, mageres Ding mit großen schwarzen Augen unter seinen Brauen, begrüßte den Vetter heiter. »Sie kommen vom Tennis?« fragte auch sie. »Ich wollte fragen, ob Sie Lust haben mitzukommen?« Madame Blanc hob beide Hände hoch. »Auf keinen Fall. Ich selbst habe heute nicht Zeit mitzugehen, und ein junges Mädchen ohne dame d'honneur –« »O, du erlaubst es, nicht wahr?« Jeannette umarmte ihre Mutter, den Kopf lachend zu ihrem Vetter zurückgebogen. Ihr dünnes Musselinkleidchen war so modisch eng, daß man jede Muskelbewegung ihrer Beine und Schenkel sah. Martin blickte sie entzückt an. »Tennis ist so eine gesunde Bewegung für junge Mädchen!« Der greise Gelehrte lächelte. »Sie sprechen wie ein alter Professor, junger Mann. Aber so ist es jetzt! Nicht einmal die Natur wird noch einfach als Genuß genossen. Man schwimmt und rudert nicht. Man treibt Wassersport, und wenn sich zwei junge Leute in Gesellschaft begegnen, sagen sie zueinander: ›Fühlen Sie einmal meinen Bizeps, wie hart er ist.‹« Er lachte. Seine leise gewordene, etwas stockende Stimme hatte den Klang eines alten, ausgespielten Spinetts. Madame Blanc hatte respektvoll zu der kleinen Rede des alten Herrn geschwiegen. »Ah, hören Sie Monsieur, der mir recht gibt,« sagte sie jetzt. »Junge Mädchen, die Sport treiben, bekommen einen schlechten Teint und braune breite Hände. Und sie bekommen einen enormen Appetit. Sie werden dick. Und kurz und gut,« sie wehrte majestätisch die bittende Liebkosung ihres Töchterchens ab, »ich finde es für ein junges Mädchen durchaus unschicklich, mit lauter jungen Leuten umherzuspringen, noch dazu ohne Aufsicht. Es knüpfen sich dabei Beziehungen an –« »Aber gar nicht, meine Tante. Sie irren vollkommen. Gerade der Sport befördert den harmlosen Verkehr zwischen den jungen Menschen beiderlei Geschlechts. Man fühlt sich als Kameraden.« »Das ist ja eben das Empörende!« Tante Blanc war das Blut zu Kopf gestiegen. »Kameradschaft! Schließlich wird überhaupt nicht mehr geheiratet.« Sie schrie so laut, daß der Kanarienvogel anfing zu schmettern. »Also gehen wir?« fragte Martin, die Erörterung keck abschneidend. »Wer spielt denn mit?« fragte Jeannette. »Da sind zwei Plätze, ein elsässischer und ein deutscher. Aber von meiner elsässischen Partei sind schon einige verreist, und da werde ich wohl heute mit den Deutschen spielen. Die Hummels haben mich aufgefordert.« »Ah?« »Ihre Schulkameradinnen, meine Kusine, wie ich glaube.« »Ja. Ich war erst mit Hanna, der Ältesten, und dann mit der Dora in einer Klasse. Dora ist ja ganz angenehm. Aber die Hanna –! Wir nannten sie bas-bleu , wir Elsässerinnen.« »Sie spielt schneidig. Am besten von allen.« »Alles was sie tut, tut sie am besten,« sagte Jeannette mokant. »Das macht ein junges Mädchen nicht gerade liebenswürdig, denke ich,« äußerte Madame Blanc. »Und übrigens wäre es für Jeannette wenig amüsant, mit Ihnen zu gehen, Monsieur, da Sie ja bereits als Kavalier engagiert sind.« Auch die Kleine hatte nun keine Lust mehr. Sie schmollte sichtlich. »Beeilen Sie sich nur. Sie kommen sonst zu spät zum Rendezvous.« Verstimmt lief er davon, schwang sich in eine vorüberfahrende elektrische Bahn und hatte mit diesem Sprunge seine Gedanken von den Blancs weg und zu den jungen Mädchen hingeschickt, die ihn erwarteten. Er sah nach der Uhr. Die Hummels waren so pünktlich! Es ging ihm sonderbar mit diesen Leuten. Er mußte eigentlich immer wieder aufs neue Bekanntschaft machen mit ihnen. Für seine erste Kinderzeit hatte der Mann mit der goldenen Brille und dem grauen Bart, der ihm den verbrannten Fuß verband, immer die Rolle einer Art von Heiland gespielt, vermischt mit der Vorstellung vom Pelzmärten, dem Spender guter Sachen, der aber auch die Rute tragt, und vor dem man Verschen und Gebete hersagen muß. Dann hatten ihn die Eltern mit nach Straßburg genommen. Sie wollten dem Geheimrat einen Besuch machen. Dieser Besuch enttäuschte den kleinen Martin jämmerlich. Er fand einen alten zerstreuten Herrn, der »ach so« zu ihm sagte, ihn mit großen blauen Augen hinter seiner Brille betrachtete und dann mit den Eltern weitersprach. Die saßen steif und, wie das Kind wohl merkte, gleichfalls unbefriedigt zwischen dem alten Herrn und einer Dame mit ganz hellblondem Haar, die furchtbar gerade saß und eine hohe, laute Stimme hatte. Martin konnte ihr Deutsch nicht verstehen. Man führte ihn denn auch bald in die Kinderstube, wo drei Kinder Schularbeiten machten: Helmut, Hanna und Dora. Die beiden älteren ließen sich nicht stören, nur Dora kam auf ihn zu und fragte: »Hast du mir was mitgebracht?« Sie gab ihm dann Bonbons, die sie vom Apotheker geschenkt bekommen hatte, und die zwischen den Zähnen klebten. »Ich leihe sie dir,« sagte sie dabei, worauf Helmut laut lachte und überlegen sagte: »Sprich nicht solchen Unsinn, Dora!« Hanna, die die Haare in einem steifgeflochtenen dicken Zopfe trug, während Dora Locken mit einer roten Schleife hatte, sagte belehrend: »Leihen ist Wiedergeben, Schenken ist Für-immer-behalten.« Doras Haar war rötlichbraun und gefiel Martin sehr. Zuletzt hatte er angefangen zu weinen, und man brachte ihn weg. Bei der Rückfahrt hörte er die Eltern sagen: »Man paßt nicht mehr zueinander. Er ist so beschäftigt. Man hat die ganze Zeit über das Gefühl, ihn zu stören.« Sie sind nie wieder hingegangen. Im Jahre 1908 dann, er war schon ein großer Junge, machte sein Vater mit ihm eine Fußwanderung durch den Schwarzwald und führte ihn auch nach Donaueschingen. Martin war entzückt von dem Schloß mit seinem Park und Teichen, besah sich auf Wunsch des Vaters zerstreut die reinlich gefaßte Donauquelle und geriet in Rausch vor den sacht auf dem Wasser dahingleitenden schwarzen Schwänen mit roten Krönchen und roten Halsringen. Wie verzaubert starrte er hinunter. Neben ihm stand ein Mädchen mit festgeflochtenem blondem Haar in hellem Sommerkleid, das gleichfalls hinabblickte. Eine hohe, laute Stimme rief sie ein paarmal bei Namen: »Hanna.« Dann kam die Dame heran: Frau Hauptmann Hummel mit ihren beiden anderen Kindern. Sie erkannte Pierre, man begrüßte sich und blieb beisammen. Dora und Martin, die Gleichaltrigen, wurden ausgeschickt, Pilze zu suchen. Dora gab ihm Schokolade aus ihrem Täschchen. Er fand sie reizend mit ihrem üppigen herbstroten Haar, das ihr, von einem runden Kamm gehalten, bis zu der Taille fiel. Sie schüttelte es beständig. Wie eine kleine vollständige Dame war sie schon, zog ein Puderbüchschen aus der Tasche und puderte sich, indem sie in ein Taschenspiegelchen guckte. »Es ist schick, seine Toilettenkünste nicht zu verbergen,« sagte sie dabei altklug. »Wir Elsässerinnen tun das nie. Jawohl, ich halte mich für eine Elsässerin. Ich war ja erst ein Jahr, als wir nach Straßburg zogen.« Es verdroß Martin, daß sie sich bei dieser Rede ängstlich nach der Mutter und den Geschwistern umsah, ob sie auch nichts hörten. Dora aß wieder Schokolade. »Ich habe immer solchen Appetit,« sagte sie kummervoll, »aber dann massiere ich mich, um nicht zu dick zu werden. Und wenn es niemand sieht, trinke ich Essig, das macht blaß.« Bis jetzt sah sie noch recht rundlich und blühend aus, wie Martin wohlgefällig bemerkte. Die ernste Hanna dagegen, mit dem herb geschlossenen Mund und den geradeblickenden grauen Augen, machte ihm fast Furcht. Helmut nun gar – jetzt schon Student in höheren Semestern – war unausstehlich. Alles wußte er besser, und wenn er in seinem von der Mutter ererbten Ostpreußisch zu ihm sprach, sah er mit harten, herrischen Augen über den zierlichen Elsässerbuben hinweg, wie über etwas Verachtetes. Sein schmales, bartloses Gesicht erschien unangenehm nackt. Er trug einen schwarz gefaßten Klemmer und ein goldenes Uhrarmband. Und dann ist vor Martin ein Wunder aufgegangen. Ein Brausen ist gekommen, ein Rauschen, als schwelle das Meer heran von seinen fernen Küsten. Und dann schwamm etwas über ihn hinweg, ruhig, schimmernd und unbegreiflich. Zum erstenmal sah Martin ein Luftschiff. Der Knabe fühlte einen Schwindel der Lust. Ohne daß er es wußte, stürzten ihm die Tränen aus den Augen. Als er aufsah, war Hanna neben ihm. Ihre starken, gesunden Zähne blitzten. Sie nahm Martin bei der Hand und zog ihn weg. »Die anderen sollen nicht über dich lachen.« Dann ließ sie ihn stehen. Ein paar Tage später hörte man, der neue Zeppelin sei in Echterdingen verbrannt. An der Wirtstafel, an der die Füeßlis mit den Hummels saßen, wurde gesammelt. Norddeutsche, Süddeutsche und Elsässer, jeder gab, plötzlich und einmütig. Auch Pierre. »Das Lebenswerk eines bedeutenden Mannes soll nicht so nutzlos untergehen.« Martin legte sein ganzes Spartum auf den Teller, zwei Goldstückchen, die er auf die Reise mitgenommen hatte, um sich irgendwo etwas unerhört Schönes dafür zu kaufen, etwas Lebendiges vielleicht, oder auch eine schöne Schlipsnadel, oder seine Zigarren. Aber nun gab er es weg. Er dachte an den schmalen, silbernschimmernden Seidenballon dabei und an Hanna, die ihn von den andern wegführte, damit sie nicht über ihn lachen sollten. Später manchmal tat es ihm leid, sein schönes Geld so fortgegeben zu haben. Aber er brauchte nur den Atem anzuhalten, so daß er Herzklopfen bekam, und gleich war das merkwürdig wundervolle Gefühl von jenem Tag in Donaueschingen wieder da. Dann hatte er die Schule durchlaufen und war nach Straßburg gekommen, Chemie zu studieren. Sein Vater wollte ihn später bei der Fabrik anstellen. Inzwischen hörte er auch Vorlesungen, die nicht in sein Fach gehörten: Kunstgeschichte und Biologie. Auch bei Hummel belegte er ein Kolleg, ging aber selten hin. In dessen Hause in der Goethe-Straße hatte er eine Karte abgegeben mit Grüßen von seinen Eltern. Kurze Zeit nach diesem Besuch, bei dem er niemand zu Hause getroffen, wurde er zum Abendessen dorthin geladen. Es war ein Studentenabend. Lauter Zuhörer des Geheimrats, darunter eine Dame, ein Elsässerin. Der alte Geheimrat war sehr liebenswürdig, sprach mit jedem, zeigte nach Tische schöne Photographien von interessanten Reisen. Man rauchte und trank Wein. Die jungen Leute sprachen wenig, eigentlich nur, wenn sie gefragt wurden. Es kam Martin vor wie in der Schule. Die Damen waren wahrend des Essens zugegen gewesen, hatten alle drei nebeneinander am Kopf des Tisches gesessen. Dora schien ihm sehr schön und üppig mit dem blendenden Teint der Rothaarigen, Hanna ernst, unzugänglich, beinahe unliebenswürdig. Die Mädchen trugen weiße Kleider. Frau Hauptmann sah vornehm und altmodisch aus, in einer weißseidenen Bluse und schwarzseidenem unmodernem Rock. Sie saß in der Mitte zwischen den Töchtern, unterhielt sich nicht, sondern leitete mit einer Kopfbewegung oder einem Deuten ihrer gutgeformten großen Hand das aufwartende Mädchen, eine ländliche Ostpreußin, die erst angelernt werden mußte. Nach Tisch zogen sich die Damen geräuschlos zurück. Helmut war nicht mehr in Straßburg. Er war Referendar in Berlin. Der Sommer gab keine Gelegenheit zu neuen Einladungen. Martin war das recht. Er sei nicht nach Straßburg gekommen, um »Familie zu simpeln«, sagten seine Kommilitonen. Noch dazu bei Deutschen! Nun, kurz vor den Universitätsferien, war es das Tennisspiel, das ihn wieder mit den Hummelschen Mädchen zusammenführte. – Jetzt war er an die Orangerie gekommen, stieg aus und ging hinüber zu den Tennisplätzen, auf denen bereits weiße Gestalten hin und her sprangen. Um das Drahtgitter des Platzes herum übten junge Leute sich im Wettlaufen. Das Trikot ihrer Oberkörper war durchnäßt, ihre Augen wie herausgequollen vor Anstrengung. Man hörte ihren Atem schon von weitem. Es lag etwas Fanatisches in diesem Laufen. Und auf diese Jugend schilt der alte Eusèbe, dachte Martin. Er verachtete in diesem Augenblick die geistvolle Zierlichkeit des alten Herrn, die ihm müßig schien und unnütz, genau so wie die »Genialität« seines Sohnes Albert. Diese hier, die ihren Körper stählten für das Kommende, das dräuend wie Pulvergeruch in der Luft lag, sie schienen ihm bewundernswert in ihrer Stärke. Auf dem deutschen Tennisplatze lagen bereits schräge, lange Schatten. Dort spielte man. Martin erkannte die Schwestern Hummel, die Schlanke, Rasche und die Rundliche in ihrem sehr engen Kleide, die beim Laufen aussah, als kämpfe sie verzweifelt um Bewegungsfreiheit. Ihnen gegenüber hielt ein hochbeiniger Herr in elegantem Tennisanzug allein seine beiden Plätze. Es war Helmut. Er sprang geschickt hin und her und warf jeden Ball, kaum zentimeterhoch über dem Netz, kunstvoll und sicher zurück. Hanna, ihm ebenbürtig, sah sich ein paarmal zornig nach der langsamen Dora um, die eben vorn stand und von ihr bedient wurde. Dora schickte jedem Ball, den sie nicht fing, einen kleinen Schrei nach. Als Martin kam, ließ Dora den Käscher sinken. » Le voilà, ich dachte schon –,« aber Hanna stampfte ungeduldig mit dem Fuße auf, weil Dora ihr wieder einen Ball verdorben hatte und das Spiel nun verloren war. Die drei gingen nach der Mitte an das Netz, um abzurechnen. Man hörte englische Zahlen und Benennungen. Martin setzte sich auf eine leere Bank am elsässischen Platz und wartete. Zwei junge Straßburgerinnen saßen da in kleidsamen weißen Tennismänteln, die ihre weißen Schuhchen sichtbar machten, und warteten auf das Verschwinden der Sonne. Ihre Männer standen hinter ihnen, partie carrée, und machten ihnen den Hof. Man sprach vom Prozeß Caillaux und verabredete eine Autopartie für kommenden Sonntag. In diesem Augenblick kam ein lautes Surren aus der Luft. Die silbern schimmelnde Zigarrenform eines Zeppelins fuhr langsam über den Platz hin. Alle blickten, auf. Hanna hatte den Kopf zu Martin herüber gewendet, er zu ihr. Sie lächelten sich zu. »Weißt du noch?« Aber das dauerte nur einen Augenblick. Jetzt endlich kam auch Martin an die Reihe zum Spielen. Es gestaltete sich so, daß die beiden Mädchen die Adjutanten der Männer wurden. Martin glühte und strömte über von Energie, der junge Hummel spielte gelassen, »todsicher und todschick«, wie er sich selber rühmte. Martin sah, wenn der Gegner sich neigte, seinen geraden weißen Scheitel in der Mitte des Kopfes. Das erfüllte ihn mit rätselhafter Abneigung. Auch die breiten Schultern, die aussahen, als ob Epauletten unter ihnen steckten, die schmale Taille, der scharfe helle Junkerblick, alles war ihm zuwider. Er spielte mit Haß, als gelte es eine körperliche Niederwerfung des anderen. Dora, seine Partnerin, rief ihm beim Hin- und Hergehen hinter ihm beständig ein paar Worte zu, die ihn neugierig machen sollten. Ob er ein guter Schauspieler sei? Ob er singen könne? Malen? Hanna drüben sprach nichts Überflüssiges. Zuletzt setzte man sich zum Abkühlen auf die Bank. Dora in einen blauen Schal gehüllt, Hanna in ihrer einfachen durchsichtigen Bluse, die mädchenhafte Arme durchschimmern ließ. Sie saß ein wenig vorgebeugt, das Racket wie ein Junge zwischen den Knien hin und her bewegend. »Können Sie rasch auswendig lernen?« fragte Dora wieder zu Martin hinüber. Helmut nahm nun das Wort und berichtete, man feiere in wenigen Tagen den siebzigsten Geburtstag des Geheimrats Hummel. Die Fakultät und die Studenten hatten große Vorbereitungen getroffen, aus allen Ländern und Weltteilen hatten sich Abgeordnete der Universitäten und gelehrten Gesellschaften, deren Ehrenmitglied er war, angemeldet. Man rechnete auf mindestens fünfzig Personen zum Diner. Um nun auch von der Familie aus etwas beizusteuern, hatte Hanna ein Festspiel gedichtet: Bilder, Musik, Tänze, ein großer feierlicher Zug mit einzelnen Sprechern. Das Ganze sollte eine Huldigung der Länder sein, die durch die Forschungen des Geheimrats von ihren Seuchen und Gesundheitsgefahren befreit waren. »Meine Schwester hat die schwierige Aufgabe wirklich glänzend gelöst,« sagte er halb ritterlich, halb anmaßend. »Wir hatten einen Japaner,« fuhr Dora dazwischen, »für Asien, und denken Sie nur, heute nachmittag sollte die erste Besprechung sein bei uns. Alle andern kamen, der Japaner bleibt aus. Wir schickten hin. Er ist abgereist. Abgereist ganz lautlos, ohne von irgend jemandem Abschied zu nehmen.« »Ja, sogar ohne seine Rechnungen zu bezahlen,« ergänzte Helmut lachend. Man forderte nun Martin Füeßli auf, die Rolle des Verschwundenen zu übernehmen. »Sie haben nicht viel zu sprechen,« sagte Hanna. Dora erzählte, sie selber würde die Gesundheit darstellen, Helmut die Wissenschaft, Hanna die Pest. »Sie hat sich eine abscheuliche Maske dazu gemalt, ganz grün, mit Schlangen darum herum. Und dann geht sie auf Stelzen. Ganz groß.« »Ein Erinnyenkostüm,« sagte Hanna sachlich. Und nun kam die Hauptbitte. Der russische Maler, der angefangen hatte, die exotischen Kulissen für das Spiel zu malen, war vor der Zeit in die Ferien gereist. Irgendeine Familienbotschaft, wie er sagte. Hanna hatte in der »Revue alsacienne« ein paar kleine Zeichnungen von Martin Füeßli gesehen, die ihr sehr gefielen und sie auf den Gedanken brachten, ihn zu bitten, die Kulissenmalerei zu vollenden. Martin sagte zu. Was für ein Kostüm es sein müsse? fragte er dann. Dora sprang auf. »Oi, ich habe wundervolle schwarze Angorafransen, die können Sie sich als Haare umtun.« Aber Hanna bewies ihr, daß man sie höchstens für Zigeuner oder Italiener benutzen könne oder für Hottentotten, die der afrikanischen Rasse angehörten; nicht aber bei der mongolischen, die zwar grobes und glänzend schwarzes, aber schlichtes Haar hätte. »Sie macht ihr Lehrerinnenexamen,« sagte Dora achselzuckend zu Martin und wölbte die rote Unterlippe, um zu zeigen, wieviel hübscher man sei, wenn man sich nicht mit Gelehrsamkeiten befasse. Martin schwankte einen Augenblick. Sollte er wirklich bei den Deutschen mitspielen? Sein Onkel Albert Blanc habe gleichfalls zugesagt, fügte Hanna hinzu, als könne sie in irgendeiner rätselhaften Klarsicht seine Zweifel lesen. Er würde die Einleitung und Zwischenmusik spielen. So fand er sich denn ein paar Minuten später mit den Geschwistern auf dem Wege nach der Goethe-Straße, um sich seine Rolle abzuholen; fast ehe sein Entschluß zu spielen feststand. Der Referendar fragte nachlässig, welcher Fakultät Martin angehöre? Im wievielten Semester er stehe? Und ob er in Straßburg bis zum Doktor zu bleiben gedenke? Als Martin sagte, er würde wohl ein paar Semester nach Paris gehen, meinte er, eine große Stadt sei freilich gut für jeden jungen Mann, aber er würde ihm doch Berlin raten, das wissenschaftlich wahrscheinlich höher stünde und entschieden moderner sei als Paris. Er selber möchte jetzt in keiner anderen Stadt mehr leben. Unmöglich in einer kleineren. Die Verschiedenheit der Menschen, mit denen man in Berührung komme, die weltstädtische Gleichgültigkeit, alles das sei die beste Schule für einen Mann. »Keine Verpflichtungen, keine Rücksichten. Man kann untertauchen und wieder auftauchen, verschwinden, ohne daß man vermißt wird.« »Ich möchte das nicht,« sagte Martin. »Nun ja, Sie sind Süddeutscher. Sie brauchen Gemütlichkeit.« »Freude,« sagte Martin, in den gleichen knappen Ton verfallend, den Helmut Hummel anschlug. »Freude? Glauben Sie etwa, daß wir nicht genießen wollen? Und wie! Arbeit zu ihrer Zeit, und Genuß zu seiner. Es geht alles. Man muß nur verstehen, es sich einzuteilen.« Martin hätte gern geäußert, daß Freude und Genuß nicht dasselbe sei, und eingeteilter Genuß erst recht nicht. Auch etwas vom Unterschied zwischen Arbeiten und Arbeit fiel ihm ein. Seine langsamere Art zu denken aber kam gegen den Berliner Referendar nicht auf, der fortfuhr: »Nein, wer auch nur ein wenig modern lebt, der hat die verschlampte altmodische Gemütlichkeit gründlich abgeschafft. Man kommt nicht durch damit. Ich denke mir, daß die ganze deutsche akademische Jugend heutzutage –« »Ich bin Elsässer,« sagte Martin und dann mildernd: »Ich selber habe über diese Fragen freilich noch nicht viel nachgedacht, nur von meinen Eltern her weiß ich, daß den Elsässern Ihr modernes Deutschland undeutscher vorkommt als das frühere, zu dem unsere gemeinsamen Vorfahren einmal gehört haben.« Frecher Fuchs! dachte Helmut amüsiert, und er sagte laut: »Ich weiß, man spielt hierzulande das deutsche Mittelalter gegen die Neuzeit aus. Ich finde das ziemlich kurzsichtig. Die Kräfte, durch die der Mensch Herr des modernen Lebens bleiben kann mit seiner ungeheuren Fülle von Eindrücken und Ansprüchen, sind eben nur: rasches, rücksichtsloses Zugreifen, kühles Rechnen und dabei Geschmeidigkeit. Lauter Eigenschaften, die nur in der Neuzeit und am besten in der Großstadt gedeihen.« »Am allerbesten aber in Preußen?« Martin sah ihn ein wenig schalkhaft von der Seite an. Helmut überhörte es. »Vorwärts muß der Mensch,« sagte er überzeugt, »darum leichtes Gepäck. Keine Vorurteile. Wenig Tradition. Ich zum Beispiel,« er sah mit scharfen Herrenaugen geradeaus, »ich habe mich entschlossen, zum Bankfach überzugehen. Als Regierungsbeamter ist das Avancement zu schlecht, und ich sehe nicht ein, warum man nicht versuchen soll, ein Vermögen zu erwerben?« Es war jetzt bei allem ostpreußisch Schneidigen etwas Helles, Springendes in seiner Art, das Martin gefiel. Aufmerksam betrachtete er dieses Exemplar einer neuen Mischung von Tatkraft und Genußsucht, die modern war und in moderner Form am Ende doch den starklebigen Menschen des Mittelalters wiederholte. Sie blieben jetzt vor einer Anschlagsäule stehen. Die Mädchen traten hinzu. Dora zeigte mit dem Sonnenschirm auf einen roten Zettel. »Ach, der Pawlowa-Abend ist abgesagt.« »Abgesagt?« Hanna sah zu ihrem Bruder auf. »Hältst du das nicht für ein politisch schlechtes Zeichen?« Helmut schüttelte den Kopf. »Diese Gefahr ist vorbei,« sagte er mit unumstößlicher Bestimmtheit. »Es wäre auch ein zu großer Blödsinn gewesen. Wenn ich nicht dächte, daß die Schose nun endgültig lokalisiert ist, wäre ich ja gar nicht hergereist.« »Ach, es wird ja doch niemals etwas mit dem Kriege,« rief Martin fast ärgerlich. »Wie oft war schon die Rede davon. Es zieht sich alles immer wieder zurecht.« Hanna sah ihn kühl an. »Hoffentlich! Wenn wirklich noch einmal ein Krieg kommen sollte, müßte man verzweifeln an allem, was man gewollt und erstrebt hat.« Helmut hörte nicht auf sie. »Es hätte nur scheußlich in die Bude geregnet,« sagte er, »wenn wir gerade jetzt Krieg bekommen hätten. Im Oktober wollte ich gerade mit der Banksache beginnen.« Man hatte sich jetzt in Trab gesetzt. Es sei fast acht Uhr, der Onkel verlange unbedingte Pünktlichkeit. Er esse doch wohl ein Butterbrot mit ihnen? fragte Hanna flüchtig im Laufen und wartete die Antwort nicht ab. Martin, gewöhnt um sieben Uhr seine ausführliche elsässische Mahlzeit zu nehmen, war schrecklich hungrig. Das »Butterbrot« lockte ihn wenig. Er sei verabredet, sagte er, wolle nur rasch seine Rolle abholen und dann gehen. Man war jetzt in der Goethe-Straße und bei der Hummelschen Villa angelangt, die, durch ein Vorgärtchen von der Straße abgeschlossen, als letzte neben ähnlichen am Straßeneck stand. Dora lief voraus, zu sehen, kam dann kichernd und wichtig zurück, der Onkel und die Mutter säßen schon beim Tee im Eßzimmer. Martin möge nur ja mit ihnen hineinkommen, »sonst kriegen wir Schelte«. Aber er bat, im Garten bleiben und warten zu dürfen. Das tat er dann unter einem weiß und rosa blühenden Rosenbogen, mit knurrendem Magen und in Versuchung, sich wieder davonzuschleichen. Der Garten war größer, als er vermutet hatte, zog sich, wohlangelegt, mit schönen Bäumen, Rasenplätzen, Lauben und Büschen über die Parallelstraße hinaus bis in die zweite hinein. Aus den geöffneten Fenstern des Nebenhauses kam Gesang, der plötzlich verstummte; dafür begann ein Vogel zu singen, weiße große Blütendolden glänzten und dufteten im langsam beginnenden Dämmern. Martin setzte sich auf eine Korkbank. Vor sich, durch die Länge des Gartens getrennt, hatte er die große, blumenbestellte Veranda, hinter der das Eßzimmer lag. Die breite Flügeltüre stand geöffnet. Er hörte ab und zu ein Glas klirren, eine Gabel auf Porzellan klappern. Es kam ihm plötzlich angenehm abenteuerlich vor, so allein im fremden Garten zu sitzen und von ferne Menschen zu belauschen, die ihn nichts angingen. Er hielt aus irgendeiner Laune den Atem an. Ein wohlbekanntes Brausen der Erwartung, das er liebte und das nicht viel mehr war als ein leichtes Herzklopfen, trieb ihm das Blut empor. Eine helle, herbe Gestalt kam die Verandastufen herab. Kameradschaftlich gab Hanna ihm die Hand. »Kommen Sie, Onkel Heinrich ist in sein Zimmer gegangen.« Man ließ ihn gar nicht erst in die Eßstube hinein. »Ein abgedeckter Tisch ist häßlich,« sagte Frau Hauptmann Hummel. Sie ließ auf dem Verandatisch frisch aufdecken: Tee, Brot, Butter und Aufschnitt, das typische norddeutsche Abendessen. Martin fand es puritanisch. Aber da er hungrig war, aß er zu seiner eigenen Beschämung alles auf, was auf dem Teller war. Frau Hummel wurde jetzt weit freundlicher zu ihm. »Ich sehe es so gern, wenn man ordentlich zugreift.« Hanna war hinaufgegangen, das Manuskript zu holen. Die Mutter und Dorn sprachen inzwischen von dem bevorstehenden Geburtstagsdiner. Bisher waren keine Absagen der ausländischen Gäste gekommen. »Vielleicht befördert die Post keine Privatdepeschen mehr,« meinte Frau Hauptmann. Unter ihren Augen zeichneten sich rote Erregungsflecke ab im blonden Gesicht. Aber sie redete laut mit deutlicher, etwas scharfer Stimme wie immer. »Sie haben Angst, Madame?« fragte Martin teilnehmend. Sie sah ihn gerade an. »Ich bin ein Soldatenkind.« Unwillkürlich faßte aber ihre Hand dabei nach dem Sohn, als müsse sie sich versichern, daß er noch dasitze. »Und Sie?« fragte Helmut, »müßten Sie auch mit?« »Ich habe noch nicht gedient.« »Sie haben Verwandte in Frankreich, gelt?« fuhr Dora dazwischen, die sich zu wenig beachtet fühlte. »Meinen ältesten Bruder.« Frau Hummel und ihr Sohn sahen einander an. Es lag Mißbilligung in ihrem Schweigen. So daß Martin unwillkürlich entschuldigend hinzusetzte: »Er ist so viel älter als ich, ganz kurz nach der Annexion geboren.« Hanna kam jetzt mit der ausgeschriebenen Rolle. Sie bat Martin, in ihr Zimmer mit hinaufzukommen, die Wandschirme zu besehen, die er bemalen sollte. Zu Martins Verwunderung und fast Enttäuschung hatten weder Frau Hummel noch Helmut irgendwelche Schicklichkeitsbedenken dabei. Und so stieg er denn hinter der schmalen, leichtfüßigen Gestalt die Treppe hinauf, kam in ein sehr ordentliches helles Zimmer, mit Bücherregalen, hinter dessen hellem Kretonnevorhang ein Bett herauslugte. Der Schirm lehnte, halbfertig, an der Wand. Er war mit stark farbigen Bäumen, Berg, Wasser und fliegenden Tieren bemalt. Die zweite Seite noch leer. Hanna zog ein Fach des großen Schreibtisches auf, nahm einen Zollstab heraus und maß gewissenhaft die Seiten. »Eineinhalb Meter zu dreiviertel jeder Teil,« sagte sie trocken. Jetzt kam auch Dora. Das Haar zierlicher in Unordnung gebracht als vorher, frisch parfümiert und gepudert. »Nun, wird er es machen?« Sie hatte die Türe aufgelassen. Offenbar war es ihr eigenes Zimmer, in das man hineinsah. Ein heller Toilettentisch mit Musselinvorhängen, ein Schaukelstuhl, Zigarettengeruch und jener staubige Fliederduft, der an Friseur erinnert. Martin hatte gar zu gern ein bißchen näher da hineingeguckt, aber die Audienz war sichtlich zu Ende. »Ich muß noch arbeiten,« sagte Hanna und ordnete die Hefte auf ihrem Tisch. »Zum Examen arbeiten.« Unten verabredete man dann die Probe auf den Dreißigsten. »Wenn nichts dazwischen kommt.« »Man muß seine nächste Pflicht tun,« sagte Frau Hummel, »ganz so als ob es nichts anderes gäbe. Unsere nächste Pflicht ist einfach, dem Onkel sein Fest schön zu machen.« Helmut stimmte bei. »Lassen kann man ja immer noch alles.« Als Martin von ihnen ging, war er sehr unzufrieden mit sich. Was hatte er sich zu befassen mit diesen unausstehlich tadellosen Menschen!   Am nächsten Morgen sehr früh gab man bei ihm im Auftrage von Frau Hauptmann Hummel eine große Papierrolle ab. Das abgemessene Material für sein Wandschirmgemälde. Er empfand es wie eine Vergewaltigung, setzte sich aber doch sogleich hin und begann zu entwerfen. Gestern abend spät und noch tief in die Nacht hinein hatte er an seiner Rolle gelernt, bereit, sich über das Machwerk des »bas-bleu« zu mokieren. Aber er hatte wirkliche Poesie gefunden, und zwischen den Verszeilen lachte ein überlegener Humor. Er hätte dem schweigsamen Mädchen das nicht zugetraut. In Hemdsärmeln setzte er sich ans offene Fenster, machte sich mit Reißbrett und Geigenpult auf dem Tisch eine Staffelei zurecht und ließ sanfte, fruchtbeladene Wunderbäume entstehen, fromm werdende Tiere, und zwischen fabelhaften Sonnenblumen zwei Liebende, deren Kleidung aus Blumenkränzen und Grasmatten bestand. Stundenlang arbeitete er so im unaufgeräumten Zimmer, ging nicht ins Chemische Institut, wo heute Semesterschluß war, und hatte ganz vergessen, daß es ein Serbien gab, ein Österreich, ein Rußland. Erst als er auf der Straße war und ein Extrablatt ausrufen hörte, durchfuhr es ihn. Aber es stand keine Kriegserklärung darin, im Gegenteil, Beruhigung. England habe vermittelt, hieß es. Martin ging über die Brücke zum Gutenbergplatz und an den Gewerbslauben entlang. Er wußte da ein Lädchen, dunkel und luftlos hinter seiner Holzgalerie, wo es allerhand Raritäten gab. Er meinte dort einen leichten, japanisch bedruckten Stoff gesehen zu haben, der gut für sein Kostüm passen konnte. Wirklich fand er auch das Gesuchte. »Dix cinquante,« sagte die Verkäuferin, die ihm den Stoff einwickelte. Er legte ihr das kleine Goldstück hin und den Fünfziger. Sie schob das Geld zurück. »Sie geben mir zwei Mark zehn Pfennig zu viel, mein Herr.« »Ah, Sie rechnen mit Francs?« Sie lächelte. »Immer noch. Und hoffentlich – bald wieder. Nicht wahr?« Und sie blinzelte einverständlich. Martin lächelte zerstreut zurück. Draußen traf er auf einen Hümpel alter Männer, echte »Steckelburger« mit unternehmenden weißen Knebelbärten, dazu Bauern der Umgegend, die von ihrem petit verre aus einem Estaminet kamen. Ein krummes altes Männchen tat sich besonders hervor mit Fuchteln seines Spazierstocks und stolzem Umherblicken seiner dunkeln, immer noch feurigen Augen. »Im Krieg,« krähte er heiser, »im Krieg, do sinn mir Elsässer allzitt voran g'si. Bei Wissembourg en Siebzig, do hab' i denne verdammte Prussiens d' clairons entgegengeblose, d'r casque isch ihne fascht vom Kopf nunter gefalle. Akkrat so –« Er wandte sich an seinen Sohn, der, die Hände in den Armlöchern seiner Weste, teilnahmlos danebenstand. »Akkrat so müesch's au mache, Jules, 's Ding isch's glieche. Ob mer fir de Napoleon oder fir Guillaume ins Feld zieht.« Aber der Sohn zuckte mißmutig die Schultern, » Fiche-moi la paix mit dinem Napoleon un Guillaume. Sel Dings do mit d'r politique , die macht m'r net heiß un net kalt. I will nix wisse drüwer und nir schwätze drüwer.« Damit ging er davon. Die Alten sahen ihm enttäuscht nach. Martin strich nachdenklich an den alten Buden der Gewerbslauben hin, aus denen es nach Leinöl, Arnika und allerhand altmodischen Parfüms roch. Zuckermänner mit Sprüchen auf dem Magen lagen in den kleinen Schaufenstern. Dazu die Arche Noah mit Madame Sem in giftgrünem Kleide. Martin mußte sich die Menschen vorstellen, die früher da in diesen alten Häusern gewohnt hatten. Er sah sie breit und sicher vor ihren Türen sitzen, von ihren handgefertigten Werken umgeben, ihr Morgen- und ihr Abendlied singend, mit den Nachbarn die Tagesereignisse austauschend. Alles gemächlich, zuversichtlich und im ruhigen Wechselkreis der Tradition. Und dann sah er sich die Männer an, die da vorübergingen, dachte an sich selbst, an Blancs, an Helmut, und er fühlte sie alle unstet und sprunghaft, sehnsüchtig und kritisch, ewig hastend, einem Zweck, einem Erfolge nachjagend. So kam er wieder auf den Gutenbergplatz. Er bemerkte dort eine kleine Ansammlung. Erregt schritt er darauf zu. »Gibt's do nouvelles ?« Man wies auf einen Bierwagen mit beschädigtem Faß, den ein paar kräftige Männer angehalten hatten, sich vor die Räder stellten, das vorquellende Bier in ihren Mützen auffingen und tranken. Ein Schutzmann kam quer über den Platz und notierte sich den Vorgang. Martin kehrte um, blieb aber dann wieder stehen, weil ihm zwischen dem Unterelsässisch der Johlenden ein paar Worte seines Heimatsdialektes auffielen. Auch die Stimme, die sprach, schien ihm bekannt. Er trat näher und sah einen Bekannten aus Thurweiler, den Advokaten Rufère. Er bewohnte seit einiger Zeit den einen Flügel des Baldehauses zur Miete. Martin wußte, daß Vater Pierre ihm zum nächsten Quartal gekündigt hatte, weil der Mann ihm politisch verdächtig war und er keine Unannehmlichkeiten durch ihn haben wollte. »Losse's numme laufe, 's Bier,« sagte der Rechtsanwalt zu seinen Nachbarn. »In e paar Tägle trinke mir do in Stroßburg wieder unser gueter franzeescher Win mitnander – billig, ihr Litt, sans frais de douane .« Alle lachten. Jetzt hatte der Rechtsanwalt Martin entdeckt. »Pas vrai?« sagte er verschmitzt und grüßte ihn. Martin antwortete nicht. Der Mann war ihm unangenehm. Er strich sich seinen Rock glatter. Dabei knisterte etwas in seiner Brusttasche, Hannas Manuskript. Steif ging er an dem Rechtsanwalt vorbei. Ein paar Schritte weiter begegnete er Monsieur Henri, einem seiner Kameraden im Cercle Alsacien, der in Hummels Präpariersaal arbeitete, und dem man auch die Rede übertragen hatte zu des Geheimrats Geburtstag. »Bon jour, bon jour, ça va bien?« Sie gingen ein Stück miteinander, sprachen von den Kommilitonen, die bereits in die Ferien gereist waren, und dann beklagte sich Monsieur Henri darüber, daß man am Theater seiner kleinen Freundin, einer Soubrette, in der letzten Operette wieder keine Rolle zugewiesen habe. Minette sei eben Halbfranzösin, viel zu anmutig und nuanciert für den Geschmack des hiesigen Publikums, das im Ballett eine Weltanschauung getanzt verlange und in der Operette Bombenstimmen. Der junge hübsche Mann legte seinen Arm in Martins und zog ihn freundschaftlich mit sich. Martin ließ es sich gefallen. Henri war ihm der liebste aus dem Cercle, ein lebhafter Mensch, der freilich ein wenig Räsonneur war, aber wirklich fast so weit über dem Durchschnitt, wie er sich dünkte. Viel Staub hatte er kürzlich aufgewirbelt mit seiner Weigerung, bei einem Offiziersessen zu Kaisers Geburtstag in Uniform zu erscheinen. Ein deutscher Kollege machte ihm die Bemerkung: er müsse es doch als eine Ehre betrachten, einmal im Jahre wenigstens in des Kaisers Rock zu stecken, worauf er erwiderte: was ihn beträfe, so fühle er sich jeden Tag im Jahre Ehrenmann, nicht nur an Kaisers Geburtstag! Die Auseinandersetzungen, die nun kamen, hatten ein Duell zur Folge, das unblutig verlief, aber Monsieur Henri im Lager der Franzosenköpfe eine Gloriole gab. »Und Sie sind zu den Deutschen übergegangen?« sagte Henri jetzt scherzend zu Martin. »Sie werden im Hause unseres Professors Hummel Theater spielen?« »Es ist noch unbestimmt,« sagte Martin abwehrend. Er ärgerte sich über die Neckerei und sah neue voraus im Cercle. »übrigens habe ich vor, die Rolle zurückzuschicken,« sagte er. Und meinte das in diesem Augenblicke wirklich. »Ich bin dazu gekommen, ich weiß nicht wie.« »Der Alte ist ungeheuer beliebt bei uns allen,« sagte Henri begütigend. »Er ist zwar der gefürchtetste Examinator, aber im persönlichen Verkehr eingehend und gütig. Wenn er wirklich abginge, wie er vorhat, wäre es ein großer Verlust für seine Schüler.« »Fest steht und treu die Wacht am Rhein,« dröhnte es jetzt neben ihm. Wagerecht geschleuderte Beine, Stampfen, Aufstäuben, Knirschen der Eisennägel auf dem Pflaster. Henri lachte. »Ich sehe das zu gern. Jedesmal freue ich mich, daß ich nicht mehr dabei bin. Und eines rate ich Ihnen, Füeßli, dienen Sie niemals in Straßburg.« »Ist es hier strenger als in anderen Städten?« »Das vielleicht nicht, aber die Familie! Auch Sie haben ja Verwandte hier. Die nächsten Angehörigen grüßen einen nicht, wenn man ihnen in Uniform begegnet. Sie schämen sich. Ein Rendezvous im Café oder Restaurant mit ihnen ist gleichfalls unmöglich. Die französischen, die sie allein besuchen, sind uns verboten. Man lebt wie in der Verbannung. Ich wenigstens bin jetzt frei.« Die Art, in der er es sagte, hatte wenig von Fröhlichkeit, aber sehr viel von Selbstverspottung. Er erwähnte dann noch, Maurice Blanc, Martins Vetter, werde ja zum Wintersemester Volontär sein in Hummels Laboratorium. Martin brach das Gespräch ab. »Ich kenne ihn gar nicht.« Er liebte den streberhaften Vetter nicht. Die Aufforderung Henris, mit ihm im »Bäckehiesel« zu Mittag zu essen, schlug er ab. Er habe sich vorgenommen im Rhein zu baden und erst später zu essen. In Wahrheit kam ihm die Lust dazu erst jetzt; aber er schwang sich schnell auf eine elektrische Bahn und fuhr nach Haus, sein Rad zu holen. Henri hatte nichts über Kriegsbefürchtungen zu ihm geredet, aber jeder Augenblick konnte das bringen. Und da war eine uneingestandene Angst in Martin vor jedem Wort, das man hierüber von ihm verlangen könnte. Er fühlte alles in sich voll Gärung und Erwartung. Niemand aber sollte vorzeitig hineinschauen oder gar hineingreifen in dies geheimnisvolle Spiel chemischer Verbindungen und Zersetzungen, das in seiner Seele begonnen hatte. Er selber wendete in Angst und Ehrfurcht sein Bewußtsein davon weg. Und eben diese Flucht vor sich selbst machte ihn die letzten Stunden her so rastlos und so schutzsuchend. Zu Hause stand sein Rad im Hausflur, er griff rasch danach und hielt dem Geschwätz der Wirtin nicht stand, die voll Bewunderung seiner » tableaux drowe im Stüble« war, »wo so arg scheen sin«. – Das rasche Fahren im Sonnenbrande tat ihm wohl, vorbei an den alten Hafenanlagen und über den Kleinen Rhein hinüber. Die Eisenbahnschienen funkelten vor Hitze. Martin sah hinüber zum Grabmal des Generals Desaix, der hier vor etwa hundertzwanzig Jahren für Frankreich den Rhein gegen die Österreicher verteidigt hatte. Ein kalter, abergläubischer Schauer durchfröstelte den jungen Menschen inmitten der Glut, so als würde er bald selber an dieser gleichen Stelle den Rheinübelgang zu verteidigen haben und dabei fallen ... Für Frankreich? für Deutschland? ...« Ein wollüstiger Wunsch, sein Leben hinzugeben für etwas Forderndes, Großes, machte ihn aufschlürfen, als böte man ihm süßen, starken, berauschenden Wein. Seine Phantasie war erfüllt von Kriegsbildern, denen er keinen Rahmen zu geben vermochte. Eine große, pulsende Sehnsucht war da und quälte. Die Badeanstalt war leer um diese Stunde, Martin der einzige Benutzer. Leichtsinnig sprang er, fast ohne sich abzukühlen, ins Wasser, tauchte und schwamm, lag lange auf dem Rücken und ließ sich treiben, sprang dann wieder von hoch hinab, schlug ins Wasser wie ein Kind und jauchzte dabei. Er war ganz fröhlich geworden. Hannas Papier knisterte in seiner Tasche, als er, sich wieder ankleidete. Er aß drüben im Badischen in einer kleinen Wirtschaft, achtete nicht viel auf die übrigen Gäste, streute den Spatzen Brocken, sah, wie sie sich stritten, zeichnete mit einem Stöckchen Sonnen und Berge auf den Boden und fuhr dann, anstatt nach Straßburg zurückzukehren, weiter ins Badische hinein. Stundenlang. Eine Weile folgte er der Bahnlinie. Aus einem vorbeisausenden Zuge klang Männergesang heraus, kräftig, froh. Junge Leute. Sie winkten zum Fenster heraus; von den Chausseen aus winkte man ihnen zurück und rief ihnen nach. Martin war abgestiegen und führte sein Rad die Anhöhe hinauf, »'s sin Urlauber, die mer heimg'rufe hat,« sagte eine alte Frau zu Martin, der neben ihr stehengeblieben war. »Sie sage ja im Dorf, 's gibt Krieg. Mei großer Bub müßt' auch mit. Un 's Korn noch nit ei'bracht un's Obscht noch auf de Bäum'. Un Heuer hat's doch so arg viel, grad zum Abbreche sinn die Zweich.« Sie zeigte es an ihrem Arm. »Ihr müßt halt alle hingehen zu euerm Kaiser,« sagte Martin. »Ihr müßt ihm sagen: Ihr wollt keinen Krieg!« Die Frau sah ihn groß an. Ihr einfaches Gesicht mit seinen vielen Arbeitsrunzeln umgab braun und hart die beiden stillen, blauen Augen. »Um nix macht mer kei Krieg bei uns,« sagte sie ruhig. »Daderfür sorgt schon der Großherzog. Un wenn's sei muß, darf mer sich nit losbitte vom liewe Herrgott. Un mit der Ernt' und mitem Obscht, das wird schon alles geregelt werden vom Großherzog.« Aus Respekt vor ihrem Fürsten sprach sie die letzten Worte hochdeutsch. Martin hatte sich wieder auf das Rad gesetzt. Auf einer Waldchaussee in Duft und Schatten eilte er dahin, einem Bächlein entlang, und genoß im Eilen dennoch Ruhe. Die Leute, an denen er vorbeikam, hatten heute alle etwas Feierliches, Erregtes. Er beobachtete, daß sie, ob auch sich fremd, einander ansprachen wie Glieder einer einzigen Familie. Ich nur bin auf der Reise, fühlte er. Dann aber glitt er wieder ins Freie hinaus, sah dankbar Obstwiesen, Felder und Hügel, spähte nach der in Duft zerflossenen Gebirgskette und grüßte die Kirchtürme der Dörfer. Er hatte die Landschaft lieb. Keine andere je würde so heimatlich zu ihm sprechen wie die im Umkreise des Rheins und seiner Flüsse. Auch im Winter, mit den verschiedenen Farben des Schnees und der strengeren Struktur der kahlen Bäume, war sie ihm herrlich. Er fuhr nun langsamer, versuchte zu denken: Zum Winter hatte er in Paris sein wollen. Sein Bruder Paul hatte ihn erst, neulich wieder dringend eingeladen. Er wollte dort sein Studium fortsetzen. Und außerdem – Paris war doch eben: Sehnsucht, Vorbild, Quell der Anmut und der eleganten Lebensschönheit. Man mußte es erlebt haben, ehe man sich im Elsaß festsetzte. Und wenn jetzt Krieg würde? Krieg auch zwischen Frankreich und Deutschland? Er konnte sich keine Vorstellung davon machen, wußte nicht einmal, ob es ihm dann erlaubt sein würde, in Paris zu leben. Ihm, der ja die deutsche Staatsangehörigkeit in seinen Papieren bescheinigt hatte! Die Sonne stand schon schräg, als Martin in einem großen Dorfe ankam, ihm von Ausflügen her wohlbekannt. Er setzte sich ins alte Gasthaus »Zu den drei Linden«, ließ sich Wein, Brot und Käse geben und unterhielt sich mit der hübschen Wirtin, jung verheiratet, eine echte Schwarzwälderin, mit Augen, die wie dunkle Herzkirschen glänzten, und einem frischen schelmischen Mund. Sie scharmierte herzhaft mit dem jungen Gaste, und es gab ein lustiges Gelächter hin und her, unter dem der Wirt herbeikam und ins Unbestimmte hinein mitlachte. Er war in Hemdsärmeln, hatte einen Militärrock über dem Arm und bat seine Frau, ihm hineinzuhelfen »zur Anprob'.« Sie schäkerten miteinander und rühmten die gute Küche der Frau, da die Uniform zu eng geworden war. Sie bastelte verliebt an ihm herum, mehr als die Anprobe verlangte. Er ließ es sich gern gefallen und sah dabei triumphierend auf den Gast, als wolle er sagen: »Bischt neidisch?« »Wenn ich so ein Weibchen hätte,« sagte Martin dann auch. »Ich ließe mich nicht wegnehmen von da.« Der junge Wirt zuckte gemächlich die Schultern. »Warum nit, 's isch halt e Abwechslung.« Sie lachte und drohte ihm mit der Faust. »Meinsch, ich tät' auf dich warte? Kei Red'. Ich nemm mer en andere, gell?« Sie blickte herausfordernd zu Martin hinüber. Aber ihr Mann ließ es sich nicht anfechten, »Ich hab' kei Angscht. Die Schwarzwalder Mädle bleiwe treu. Un jede Kugel trifft ja nit,« sagte er plötzlich ernst, scheinbar ohne Zusammenhang mit seiner vorigen launigen Art. Die Frau schlang unbekümmert um den Zuschauer beide Arme um ihn, dann verschämt, das Gesicht in der Schürze versteckend, lief sie davon. Der Wirt sah ihr nach. »Ich hab kei Angscht,« wiederholte er. Dann lachte er auf und setzte Martin in wohlgesetzter Rede auseinander, daß es mit dem Kriege sicherlich noch gute Weile habe. Aber Ordnung müsse sein. Und den Uniformrock wolle er morgen vom Schneider richten lassen. Martin lag lange im Wirtshausgärtchen auf dem Rasen, riß mit den Zähnen Taubnesselblüten aus, die da standen, und sog sie aus, legte sich dann auf die Seite und blinzelte in den Pflanzenzaun hinein, der ihm Haus und Landschaft verbarg. Er legte das Ohr fest auf die Erde, und das Klopfen seines Herzens tauschte ihm Pferdegetrappel vor, das herankäme. Zuletzt aber schlief er ein. Beim Aufwachen fühlte er sich nun doch etwas gliedermüde. So radelte er nur die kurze Strecke bis zur Bahnstation und stieg dann in den Zug, um nach Straßburg zurückzufahren. Das Abteil war sehr gefüllt. In der Mitte standen, sich an den Gepäcknetzen festhaltend, zwei Studenten und eine Studentin mit Rucksäcken. Das Mädchen hatte einen Blumenkranz im Haar. Berliner Geschäftsreisende unterhielten sich laut durch die Lücken hindurch, die die jungen Körper der Stehenden bildeten. Sie sprachen über den abgewendeten Krieg. Allwissend. Ihr Ton schalt im voraus auf etwaige Andersgläubige. »Der Kanzler hat nach Wien geschrieben, daß er sich nicht ohne jeden Grund in einen Krieg hineinziehen lassen werde, und Grey schrieb dasselbe nach Petersburg.« »Krieg? Ausgeschlossen! Und wenn auch, wir lassen uns nicht an die Wimpern klimpern. Und sie können ja nischt, diese Kerle von Russen. Die kriegen wir noch lange.« Ja du, dachte Martin höhnisch zu dem fetten kurzbeinigen Mann hinüber. In Appenweier stieg ei um. Ein Soldat saß da und zwei hübsche junge Frauen, Straßburgerinnen, sehr schick mit ganz engen Kleidern, entzückenden Schuhen und Riesenhüten. Sie plauderten französisch miteinander. Der Soldat, ein junger Mensch aus Ostpreußen, erzählte Martin in seinem harten, singenden Dialekt, kaum sei er auf Urlaub gewesen daheim, da hätte er wieder zurückgemußt. Seine Eltern waren auf dem Felde. Er hatte sie noch gar nicht gesehen, als ihm der Briefträger die Order übergab, die ihn in seine Garnison zurückberief. Mit dem nächsten Zuge sei er dann wieder abgereist. Martin betrachtete ihn aufmerksam. Nach zwei schlaflos verbrachten Nachten tief ermüdet, saß der junge blonde Mensch, dennoch sauber und gerade, aufrecht da. Ein gefälliges Lächeln in seinen blauen Augen. »Fünf Stück von uns müssen mit, wenn's losgeht,« sagte er in respektvollem Hochdeutsch. »Unser Ältester kommt eben aus China, den haben die Eltern drei Jahre nicht gesehen, nun kann er gar nicht erst nach Hause.« Er sagte das alles ungelenk unter verlegenem Lachen. »Diesmal kostet's viel Blut,« fing er wieder an, »ob wohl einer von uns Fünfen zurückkommt? I nein, ich glaube es nicht.« Er bürstete sich ein Stäubchen vom Ärmel. Die hübschen Elsässerinnen hörten auf zu plaudern. Sie sahen den jungen Menschen mitleidig an, und der Berliner Geschäftsreisende, der mit umgestiegen war, sagte, sich selbstgefällig umsehend: »Uns kann keiner! Was?« Dann wurde es still im Kupee. Und jetzt schlief der junge Ostpreuße ein. Erst artig grade, dann sich tief seitwärts senkend, und zuletzt liegt sein Kopf schwer auf der Schulter der Elsässerin. Sie sitzt ganz still. Der Geschäftsreisende ihr gegenüber macht einen anzüglichen Witz. »Oh non,« antwortet sie streng. Der junge Bursche schläft gut und lange. Sie rührt sich nicht. Endlich wacht er auf. Er wird blutrot, ringt wie ein ratloses Kind die Hände ineinander und stottert Entschuldigungen. Die Elsässerin lächelt, » Ah bah! Vous avez bien dormi, monsieur. Sie han guet g'schlofe. Sie han's arg nöti g'hätt.« Würdig und graziös drückt sie ihre verschobene Bluse zurecht und plaudert weiter mit ihrer Reisegefährtin. Auf französisch ... In der Nacht hatte Martin wirre Träume. Er war in Paris und vermochte plötzlich kein Wort Französisch mehr zu reden. Immer waren es deutsche Sätze, die er sagte, Gedichte sogar. Er wachte einmal auf, als er eines, das ihm sehr herrlich vorkam, laut aufsagte und hörte: »Und malte die Rosen des Schwarzen Adlers von Japan.« Da mußte er lachen und schlief beruhigt wieder ein.   Sehr spät stand er am nächsten Tage auf, wollte ins Schlußkolleg gehen, bekam aber ein Billett aus dem Hotel »Ville de Paris«, das seinen Vorsatz wieder umwarf. Pauls Schwiegermutter, die Baronin Flèche geborene de la Quine war auf der Durchreise in Straßburg und lud ihn zum Frühstück ins Hotel. Sie hatte in Bad Nauheim die Kur gebraucht, nahm in Straßburg ein paar Stunden Aufenthalt und reiste nachmittags wieder ab. Martin gab dem Boten seine Zusage. Er hatte gerade noch Zeit sich umzukleiden. Dieser Besuch aus Frankreich erschien ihm als ein Wink, eine Entscheidung für geheime Zweifel. Er würde von Paris hören, von Paul! Der Bruder war ihm bisher eigentlich nicht viel mehr als ein fremder Herr, der alle paar Jahre einmal nach Thurweiler zu Besuch kam, sehr höflich war und sehr liebenswürdig, Photographien mitbrachte von seiner eleganten Frau und seinen beiden hübsch angezogenen Kindern, regelmäßig eins Wagenfahrt arrangierte, zu angeln verlangte, alle Leute bezauberte und dann wieder abreiste. Die spärliche Korrespondenz besorgte die junge Madame Füeßli. Sie schrieb selten, liebenswürdig und flüchtig. Meist klagte sie über ihre Gesundheit, berichtete von Pauls Erfolgen als Rechtsanwalt, fügte wohl auch einen Zeitungsausschnitt bei mit einem Zitat seiner Rede oder eine Notiz, in der die Empfänge erwähnt wurden, die die Füeßlis regelmäßig in den Wintermonaten gaben. Im Sommer reisten sie aufs Land. Die Baronin Flèche, die nach dem Tode ihres Mannes zu ihnen gezogen war, beschäftigte sich mit der Pflege und Erziehung der Kinder. Als Martin in das Hotelzimmer eintrat, war der kleine rot tapezierte Raum gefüllt von Menschen. Albert Blanc war da mit Frau und Tochter, und neben der zierlichen weißhaarigen Baronin stand ein elegantes Herrchen von etwa zehn Jahren, der kleine Gaston, der liebenswürdig die Honneurs machte und auch Martin mit ein paar gewandten Worten empfing, ihm Grüße von Papa und Maman brachte und sich nach seinem Befinden erkundigte. Die Baronin hatte sich eine mädchenhafte Gestalt und Anmut bewahrt. Sie bot Martin eine glatte, von Essenzen duftende Wange zur Begrüßung. Ihre wunderschönen Augen standen voll Güte. Aber sie konnte mit ihm nur wenige Worte wechseln, der geniale Albert hatte bereits das Gespräch an sich gerissen, und unwillkürlich formte es sich um ihn wie ein Schülerkreis. Er sprach über lateinische und deutsche Musik, über Stradella, Nach, Berlioz, Wagner, fließend und geistreich. Sein dunkelbraunes, kräftig gelocktes Haar, die niedere Stirn und breite Nase gaben ihm etwas Imperatorenmäßiges. Er ließ seine Stimme tönen. Der Kellner lud zum Frühstück, das man in einem besonderen Zimmer servierte. Martin saß der Baronin gegenüber, deren herbstlich milde Art ihm sehr gefiel. Sie erzählte, sie habe die Rückreise mit großer Angst angetreten, Paul hatte sie brieflich beschworen, ihre Kur, die auf noch zwei Wochen länger berechnet war, abzubrechen und so bald als möglich nach Paris zurückzukehren. Jeden Augenblick könne der Krieg erklärt werden« Ein nachdenkliches Schweigen folgte diesem Bericht. »Was mich betrifft,« sagte die Baronin, »ich glaube nicht mehr daran, seit ich hier bin. Alles sieht so friedlich aus.« Der majestätische Albert schüttelte den Kopf, während er sich die Serviette am obersten Westenknopf befestigte. »Deutschlands Armee ist eine überheizte Maschine. Jeder kleinste Druck kann sie zur Explosion bringen, und« – er bewegte rednerisch die Hände – »es geht hiermit wie mit jeder anderen Vollkommenheit. Alles Vollendete verlangt nach Betätigung, nach Erfüllung seines Zwecks. Der Brief zum Beispiel, den wir geschrieben haben, gleitet in den Kastenspalt fast ohne unser Zutun; eine schöne Frau, die tugendhaft bleibt, wird niemals eine leise Melancholie überwinden können, ein Schuldgefühl der Männerwelt gegenüber. Dieses Deutschland hat so lange an seinem Heer vervollkommnet, nun ist es eine Gefahr geworden für Deutschland selbst.« Sein Blick streifte Martin, in dessen Auge die unbestimmte Ungeduld der Jugend brannte. »Es wäre fürchterlich für unsern Sohn, für Maurice,« erklärte Madame Blanc, als wolle sie damit die Unmöglichkeit eines Krieges dartun. Die Baronin lachte hübsch auf. Sie plauderte weiter vom Kriege, der nicht kommen würde. Und alle diese schweren und fürchterlichen Dinge bekamen zwischen ihren Lippen etwas Mildes, Wohlschmeckendes. Martin mußte sie immer ansehen. Er selbst und die übrigen Elsässer hier am Tisch kamen ihm grob vor und von plebejischer Unsicherheit gegenüber der harmonischen Gleichgültigkeit der beiden Franzosen. Denn auch der kleine Gaston zeigte bereits die Anmut und Leichtigkeit seiner Rasse. »O, die Deutschen sind nicht so schlimm,« sagte er lebhaft. »Sie amüsieren mich.« Und er erzählte lachend, wie erstaunt er gewesen sei in Nauheim zu bemerken, daß sie weder immerfort laut brüllten, wie man ihm gesagt hatte, noch alle einen schlechten Geruch an sich hätten. Und daß die Speisen, die man in Deutschland bereitete, keineswegs so ekelhaft und ungenießbar seien, wie man ihn in Frankreich glauben machen wollte. »Und werden Sie nun in Paris Ihren Kameraden die Augen öffnen hierüber?« fragte Martin belustigt. Das Kind sah ihn mit großen, engelhaften Augen an. »O nein, Monsieur, ich würde mich lächerlich machen.« Gegenüber am Tisch erkundigte sich Madame Blanc nach der Mutter der Baronin, Madame de la Quine, die gelähmt in einer frommen Anstalt nahe von Paris lebte. Die Baronin erwiderte, es gehe ihr nicht schlecht, sie sei sehr fromm geworden und fühle sich dort unter den Nonnen wohl. Gaston erzählte Martin, was die Russen in Nauheim ihnen aus ihren Zeitungen vorgelesen hätten: Kaiser Wilhelm wahnsinnig geworden, will Krieg spielen, wer dagegen ist, wird erschossen. Alle Sozialdemokraten hat man gegen die Wand gestellt und getötet. »Wir haben uns anfangs nicht getraut, mit irgend jemandem zu reden, Mama und ich. Wir glaubten, ganz Deutschland würde sich aufheben gegen uns, wenn wir unser Französisch sprächen. Wie kleine Mäuschen sind wir nebeneinandergekauert, so,« und er machte es mit Jeannette vor, die neben ihm saß. »Und dann hatten wir auch ein wenig Furcht, seit der Zabern-Affäre. Kein Mensch soll sicher sein vor den Gewehren der Offiziere,« fing die Baronin wieder an. Man liest so viel Aufregendes über das Elsaß, und man kann es verstehen, daß das Militär beim Volke so fürchterlich verhaßt ist.« »Oft erlebt man das Gegenteil,« sagte Martin, und er erzählte sein Erlebnis mit dem ostpreußischen Soldaten und der Straßburgerin in der Eisenbahn. Es störte ihn, daß er nicht so ganz mit seinem Französisch zurecht kam. Es erschien ihm fadenscheinig und dabei holperig neben dem großstädtisch abgeschliffenen Rhythmus der beiden Pariser. Mitten in der Erzählung brach er ab, fühlte sich unglücklich und fing an, seinen Traum von heute nacht zu erzählen, ohne eine rechte Pointe dazu finden zu können. Worauf Albert sich von neuem der Unterhaltung bemächtigte und sich über seltsame Träume ausließ. Er redete glatt und witzig und brachte zum Lachen. Zugleich sah er sich bei jedem neuen Gange, der serviert wurde, selbstgefällig um. Er hatte das Menü mit dem Wirt verabredet und fühlte sich stolz darauf. »Straßburger Spezialität«, sagte er bei der Gänseleber, den Eiern in Gelée und beim Croquant, einem Nachgebäck, mit glasiertem Zucker überzogen, das er besonders rühmte. »Alles echt französisch.« Die Flèche hatte noch einen besonderen Auftrag für Martin, den sie ihm beim Kaffee flüsternd mitteilte. Paul ließe ihm sagen, er solle auf keinen Fall im Elsaß bleiben und sofort mit ihnen nach Paris kommen, noch sei es Zeit, da er ja in Deutschland seiner Dienstpflicht noch nicht genügt habe. »Paul sagt, es müsse doch für Sie unerträglich sein, in einem Lande zu bleiben, in dem man Sie früher oder später zwingen könne, gegen Frankreich zu kämpfen.« Es lag etwas in dem Tone ihrer Stimme, das Martin aufmerken ließ. So als entledige sie sich eines Auftrags, der nicht ganz ihre eigene Billigung habe. »Und Sie, Madame,« fragte er daher, »würden auch Sie mir raten, meine Heimat für immer zu verlassen?« Sie schwieg. Ihre Augen bekamen einen feuchten Schimmer. »O das Elsaß! Ich war nur erst ein kleines Kind, als ich es verließ, aber ich habs es dennoch nie vergessen.« »Sie haben recht,« sagte der große Albert, der viel getrunken hatte, drüben zu Gaston. »Sie sind alle ein wenig Besserwisser, diese Deutschen; nicht nur die Kinder da in Nauheim, von denen Sie uns erzählen. Immer wollen sie regieren oder regiert werden. Sehen sie unsere Beamten hier an. Sie haben ein schlechtes Gewissen, wenn sie einmal zehn Minuten später an ihre Arbeit gehen. Man kann seine Uhr nach ihnen stellen. Ihre Titel und Orden tragen sie, als gäben erst die ihnen die Berechtigung, zu existieren.« Martin, zuhörend, bog sich vor. Dabei knisterte Hannas Manuskript in seiner Tasche, und wie dadurch aufgerufen, erinnerte er sich des Gesellschaftsabends bei Hummel. Damals hatte der alte Geheimrat seinen Zuhörern eine besonders schöne englische Ehrenmedaille zeigen wollen, und bei der Gelegenheit entdeckte man eine ganze Reihe ziemlich hoher Orden, die er niemals anlegte. »Es gibt wohl auch Ausnahmen,« sagte er wieder und fühlte sich mutig dabei, »ich kenne einen deutschen Professor, der – – – « »O, aber ihre Frauen!« Jeannette Blanc, die bisher wenig zu Wort gekommen war, wie von einer geheimen Wissenschaft um Martins Gedankengänge eifersüchtig gequält, unterbrach ihn hastig. »Sie reden einander mit den Titeln ihrer Männer an und setzen sich in der Reihenfolge von deren Rang zu Tisch.« Sie sah häßlich aus in diesem Augenblick. Ihr Anzug, überladen und künstlich wirkend, hatte sie in Martins Augen sowieso schon den ganzen Mittag über entstellt und ihn verstimmt, so daß er nur die allernotwendigsten Worte zu ihr sagte und das fortwährende Bedürfnis empfand, sie zu ärgern. »Nun ja,« sagte er darum auch jetzt, »bei den Deutschen sind es die Titel, denen man nachstrebt, bei uns ist es das Geld.« Sie sah ihn böse an. »Sie meinen wohl, Vetter, Sie müssen die Deutschen verteidigen, weil Sie mit den hochnasigen Demoiselles Hummel Theater spielen?« Mit Bestürzung fühlte er sich rot werden. Zum Glück stand man jetzt auf und ging in den Salon. Die Baronin setzte sich graziös in einen Lehnstuhl, zog eine dicke Zigarre aus ihrem Etui und begann zu rauchen. »Das Alter läßt uns so wenig Freuden, uns Frauen, dafür erlaubt es uns einige Extravaganzen.« Sie stützte den zierlichen Fuß an das Kamingitter. Die Enden ihres Schulterschals wogten sanft empor, die Fenstervorhange ließen ein weiches fließendes Rot herein, das sich wie eine Flut von Rosenblättern über alles Helle stürzte, daß es sommerlich durchglüht erschien. Gaston, mit seinen kleinen Händen und Füßen pagenhaft umhertänzelnd, sah aus wie Mozarts Chérubin. Albert, emporgewandten Hauptes am Klavier phantasierend, erschien wie ein Genie, Frau Blanc und Jeannette wie zwei etwas zu stark versonntaglichte Schwestern, die Baronin aber, in ihrer matten und bewußten Reife, wurde dem entzückten jungen Martin Füeßli immer mehr zur Verkörperung der Stadt Paris, der er sich nun entgegensehnte, und vor der er sich roh, rauh und unhold vorkam wie ein grober Zaungast. Wieder fühlte er das Entscheidende dieser gewitterdrohenden Tage über sich. Aber in diesem Augenblicke hatte er bereits den Weg gefunden, der ihn lockte. Nach Paris. Ungern nahm er Abschied, um nach der Goethe-Straße zu einer Probe zu gehen. Er war fest entschlossen, seine Rolle dort zurückzugeben.   Dazu aber kam es nicht. Beim Einbiegen in die Goethe-Straße stieß er auf Helmut Hummel, der der Stadt zuging. »Ist keine Probe?« fragte Martin. »Probe? Ach so! Aber ich komme ja erst zuletzt daran im Stück. Ich muß in die Stadt,« fügte er ungewohnt mitteilsam hinzu. »Man braucht gute bequeme Stiefel beim Militär.« »Sie müßten also mitgehen?« »Ich bin Reserveleutnant. Aber wenn es losginge, zöge ich natürlich sowieso mit, freiwillig!« Er sah kühl geradeaus. »Ich glaubte, Sie lieben den Krieg nicht sehr?« fragte Martin. »Lieben? Man tut einfach seine Pflicht!« Pflicht und wieder Pflicht! dachte Martin ärgerlich. Ihm schien, als liege in der Art, wie der Referendar vor ihm den Hut lüpfte, etwas Geringschätziges. Er bekam einen roten Kopf davon. – Bei Hummels schien große Geschäftigkeit. Festliche Blumenkörbe und blumengefüllte Schalen, bereits heute als Geburtstagsgeschenk gesendet, standen den Korridor entlang. Die Frau Hauptmann selber stand dort am Telephon und gab Anweisungen, wahrscheinlich das Diner betreffend, das man abgesagt hatte. Martin hörte, man solle die bestellten Braten und Gemüse für jeden Fall in Büchsen einmachen. »Man kann es dann im Kriegsfall an die Lazarette abgeben.« Ihn schauderte vor dieser Besonnenheit, die sich jetzt schon mit den Lazaretten befaßte. Im Eßzimmer, durch das er versehentlich hindurchging, traf er Dora. Das Mädchen sah sehr schön aus, wie knisternd vor Erregung. Das Haar röter als je. »Solche Zeit mitzuerleben,« sagte sie mit fliegendem Atem zu ihm. »Ist es nicht wundervoll?« Martin schwieg. Er fand es taktlos, daß sie von ihm, dem Elsässer, deutsch-patriotische Begeisterung verlangte. »Es ist noch nichts entschieden,« sagte er zurückhaltend. Sie merkte seine Verstimmung nicht. »Eben das! Man kann alles erwarten, das Ungeheuerlichste sich vorstellen. Die Männer natürlich, die haben ja gleich an Positives zu denken, aber wir – – Man hat die ganze Zeit über in solchem Einerlei gelebt. Es ist herrlich, aus allem Gewohnten herausgeworfen zu werden, eine starke Faust über sich zu spüren, die einen wegreißt.« Eine fast verletzende Sinnlichkeit lag über ihrem flammenden Gesicht. »Hanna hält drinnen Probe,« fuhr sie fort. »Sie fühlt das alles gar nicht so wie ich. Sie ist eine Verstandesnatur. Ich aber – wissen Sie, woran ich immer denken muß? In meinem Zimmer habe ich eine Photographie von Böcklins drei Kriegsreitern Tod, Hunger, Pest. Grauenhaft schön ist das.« »Vielleicht weniger schön, wenn man es erlebt!« Nun war er es, der aus irgendeinem Mißfallen heraus sich nüchtern gebärdete. Sie sah ihn erstaunt an. »Was tun Sie denn da so fleißig?« sagte er, im Gefühl, etwas Teilnehmenderes äußern zu müssen. »O, ich leere die Silberkasten. Man muß die Wertsachen zur Bank bringen; für alle Fälle.« Jetzt rief Hanna nach Martin. Er ging in den Salon, wo ihn ein sonderbarer Anblick überraschte. Inmitten des von grünen Jalousien verdunkelten Zimmers, mit seinen phantasielosen Nußbaummöbeln der siebziger Jahre, stand ein Negerpaar in grellbunten Kattunröckchen, pechschwarzen Locken und Flormasken, Hummels Erster Assistent mit seiner Braut. Die andern Beteiligten wurden noch erwartet oder hatten abgesagt, nur eine Elsässerin in großer Schlupfenhaube stand noch in der Fensternische. Martin kannte sie von der Hummelschen Sommergesellschaft her. Sie war die Tochter des Bürgermeisters von Thann, eine eifrige Zuhörerin und unbedingte Verehrerin des Geheimrats. Sonst immer strahlend von Jugend und Lebenslust, schien das bildhübsche Ding heute ganz verwandelt. Sie lerne ihre Rolle, gab sie Martin abwehrend zur Antwort, als er sie ansprach. Hanna dankte ihm für die Malerei, die sie hatte abholen und auf den Schirm spannen lassen. Sie sah angestrengt aus, und ihre Stimme war spröde. Sie klatschte in die Hände zum Zeichen, daß man anfangen müsse zu proben. »Aber – pardon, gnädiges Fräulein, ist es nicht eigentlich frivol, so ruhig weiterzuwurschteln?« fragte der Neger-Assistent und warf die Maske auf das Klavier, wobei sich plötzlich sein blasses Sorgengesicht zeigte. Seine Braut aber, eine lebenslustige Straßburgerin mit unruhigen Augen, meinte, man müsse noch rasch mitnehmen, was sich an Festlichkeiten biete. Man wisse nicht, ob es nicht bald für eine Weile mit Spiel und Tanz vorbei sei. Sie begann denn auch gleich, ihrer Rolle gemäß, einen burlesken Tanz, dem die andern ernsthaft zusahen. Als sie fertig war, noch außer Atem, fragte sie Hanna, ob sie sich auch mit Butter versehen hätten? Die Preise seien plötzlich enorm in die Höhe geschnellt. Worauf ihr Bräutigam erinnerte, man müsse sich Gold eintauschen auf der Bank, Münze gelte nicht mehr. Man sprach von einigen Personen, die ihre geplante Ferienreise bereits jetzt angetreten hätten, da man nicht wisse, wie lange die Bahnen noch Zivilpersonen beförderten. Das junge Mädchen aus Thann, als verlange es sie, diese Gespräche abzubrechen, trat mit einem sonderbar gespannten Ausdruck in ihrem jungen Gesichtchen in Deklamierstellung auf den Fensterteppich und begann unvermittelt ihre Rolle herzusagen. Sie, die Vertreterin der Studentinnen, sollte dabei eine silberne Schale überreichen, die bereits jetzt mit eigentümlich hellroten Rosen gefüllt war. Sie begann: »Das Elsaß, unser Ländle, das isch meineidi scheen, wir halten's fescht am Bändle und lassen's nimmer gehn.« Plötzlich brach sie in Schluchzen aus und rannte zum Zimmer hinaus. Hanna folgte ihr besorgt. Ein landsmännisches Gefühl trieb auch Martin der Weinenden nach. Sie saß unter Hüten und Sonnenschirmen in der Garderobe, Hanna hielt ihre Hand. »Was wird aus unserm Ländle werden?« schluchzte die Verstörte. »Wir sind verloren, alle miteinander, so oder so. Der Vater sagt, die Deutschen trauen keinem geborenen Elsässer Gutes zu. Und wenn etwa die Franzosen nach Thann hineinkommen, schleppen sie ihn als Geisel fort, weil er bislang den Deutschen gut war.« »Die Franzosen nach dem Elsaß?« Hanna schrie beinahe. Sie hatte die Hand der Fremden losgelassen wie etwas Giftiges. Und da die Mutter jetzt nach ihr schickte, ihr bei irgendeiner häuslichen Anordnung zu helfen, ging sie eilig davon. »Wir geben nun doch die Aufführung auf,« sagte sie im Weggehen. »Alles Zusammennehmen nützt nichts. Man muß sich ergeben.« In diesem Augenblick schloß jemand von außen die Haustür auf. Helmut. Das Gesicht der Elsässerin veränderte sich jäh, und in Helmuts Wangen stieg eine brennende Röte auf. Sie lieben sich ja, dachte Martin überrascht. Die beiden jungen Leute sahen sich einen Augenblick an. »Sie wollen schon fort?« fragte Helmut. Martin drängte zur Türe. Er wollte die zwei allein lassen. Aber in ihrer selbstvergessenen Starrheit versperrten sie ihm den Weg. Das Mädchen hatte ihre Schlupfenhaube abgelegt und stand nun kraftvoll da in ihrem dicken, dunkeln Scheitelhaar. »Sie ziehen sich nun wahrscheinlich Ihren deutschen Soldatenrock an?« fragte sie zornig zu Helmut hinüber. »Selbstverständlich!« Sie pochte ungeduldig mit den Fingern am Holzgetäfel der Wand. »Wie ich das Wort hasse! ›Selbstverständlich.‹ Seit gestern hört man kein anderes mehr bei den deutschen Herren hier in Straßburg.« An Helmuts Stirn sprang eine Zickzackader auf, dick von Blut. »Weil es gar nichts anderes zu antworten gibt,« sagte er böse. »Auch nicht für Sie? Wie oft haben Sie sich gerühmt, keins der alten abgelegten Ideale mehr anzuerkennen, und nun – –« »Es sind keine abgelegten!« Seine Stimme war schnarrend vor Aufregung. »Nein? Ich höre nur die alten deutschen Schlagworte ›Deutschland über alles‹, ›Hurra, Hurra‹ und Säbelrasseln. Ist es nicht so?« Sie sah jetzt zu Martin hinüber wie zu einem Mitstreiter. »Ich beneide den Herrn Referendar aufrichtig um sein ›Selbstverständlich‹,« sagte der. Die beiden hörten nichts davon. Glut und Feindlichkeit mischten sich in ihren Blicken, die sich trafen wie blitzende Klingen. »Dressur!« spottete das Mädchen wieder, »nichts als preußische Dressur. Der Herr befiehlt, der Hund springt ins Wasser, Tout simplement .« Sie nestelte dabei an ihrem Silberschmuck und knüpfte sich ihr Schultertuch fester, wie um fortzugehen. Er trat zurück, sie vorbeizulassen. Sein blondes, glattrasiertes Gesicht erschien metallisch bleich. Sie wandte sich noch einmal heftig um. »Sie sehen also Ihr Glück darin, einer zu sein von den Hunderttausenden, die die große Maschine bedienen?« »Ja, ja,,« schrie er ihr entgegen. Das Wort hallte, als habe man an einen Schild geschlagen. »Man hat es selber nicht gewußt, daß man einmal so fühlen könnte,« sagte er dann ruhiger, sich an Martin mitwendend. »Man folgt Gesetzen, die längst nicht mehr die unsern schienen. Man muß,« etwas Brüchiges kam in seine Stimme, »man muß alles hinter sich lassen, das einem bisher lieb war, geht hinaus ins Ungewisse, Fremde, man weiß das alles ganz genau, und dabei hat man ein Glücksgefühl, das unverständlich ist.« Ein kurzes schweres Schweigen folgte. Die Elsässerin zog ihr Schultertuch fester zusammen. »Ich gehe jetzt.« Sie reichte Helmut die Hand. »Aber wollen Sie so auf die Straße?« fragte Hanna, die mit einem Stapel Wäsche die Küchentreppe heraufkam, »so im Kostüm?« »O, wir Elsässer schämen uns nicht unserer Tracht. Gelt?« Wieder sprach sie zu Martin hinüber. Dann, schneller als er ihr folgen konnte, war sie zur Tür hinaus. Helmut war in der Garderobe stehengeblieben. Sein Fuß klopfte wie in wütenden Schmerzen den Boden. Im Begriff endlich wirklich zu gehen, wurde Martin noch einmal durch Unvermutetes zurückgehalten. Denn in der Türe, die die Elsässerin offen gelassen hatte, erschien jetzt Albert Blanc mit seiner Gattin, sich an die Fersen von Geheimrat Hummel heftend, den sie im Vorgarten erwischt hatten. Unwillkürlich zog sich Martin zurück und war nun Zeuge einer Szene, die ihn peinigte. Madame führte das Wort. Im Hausflur stehend, da der Geheimrat nicht Miene machte ins Haus einzutreten, begann sie geläufig von ihrem Sohne Maurice zu reden, der ja bei dem Herrn Geheimrat Volontär werden solle, und dessen ganze zukünftige Karriere verdorben sei, wenn er jetzt zur Armee berufen würde. Sie hob die Hände wie zu einem Andachtsbilde, unerschreckt durch den geraden, unbewegten Blick des alten Herrn, der nichts erwiderte. »Ein Mann wie Sie,« sagte sie enthusiastisch, »der nur ein Wort zu sagen braucht, um zu erlangen, was er will. O, Herr Geheimrat, sagen Sie es, dieses Wort! Dieses Wort, das eine arme Mutter glücklich macht. Ich wäre so überaus dankbar, so unaussprechlich dankbar. Ich möchte Ihnen jetzt gleich einen Kuß dafür geben, daß Sie sich für uns bemühen werden, n'est-ce pas, Albert?« Hummel hatte seinen Fuß auf die erste Stufe der Flurtreppe gesetzt, es sah aus, als habe er Angst vor der angedrohten Belohnung. Jetzt sagte er trocken: »Ich habe keinerlei Einfluß auf die Verordnungen der Militärbehörde. Und ich würde diesen Einfluß auch nicht suchen. Selbst nicht für meinen eigenen Sohn. Ich würde mich schämen.« Er grüßte und ging ruhig die Treppe hinauf und weiter nach oben in sein Zimmer. Martin war rot geworden da in seinem Versteck. Sorgfältig wartete er, bis er seine Verwandten leidlich entfernt glaubte, dann schlich er sich davon wie ein Bestrafter. Dies hier war also nun zu Ende für ihn. Abschiednehmend strich er über die herabhängenden Ranken des Rosenbogens, die ihn streiften. – – – Draußen erreichte er dann, wider Willen, noch die Blancs. Sie standen am Ausgang der Goethe-Straße und redeten erregt aufeinander ein. Als sie Martin bemerkten, hielten sie ihn an. »Es ist entschieden,« sagte Madame kurzatmig vor Zorn. »Wir schicken unsern Maurice nach Frankreich.« »Wird er sich denn schicken lassen?« »Eh, qu'est-ce vous me chantez là? Man kann doch nicht abwarten, ob Krieg wird. Als Elsässer auf Franzosen schießen müssen, impossible! « »Impossible!« wiederholte Albert, so laut, daß die Vorübergehenden stehen blieben. »Und wir selbst werden auch fortziehen.« Er sprach jetzt Französisch. »Eine Weile wird man sich noch stillhalten müssen, dann aber kann man endlich einmal Farbe bekennen.« »O ja, wir ziehen alle zusammen nach Paris,« lachte Madame Blanc, schon wieder ganz erheitert, und legte ihre Hand auf Martins Arm. Der machte sich unauffällig los. »Ich komme wohl noch einmal zu Ihnen,« sagte er hastig, grüßte und lief der elektrischen Bahn nach, die ihn nach seinem Metzgergießen führen sollte. – – Zu Hause trat ihm seine Wirtin aufgeregt entgegen, der Babbe und die Mamme seien angekommen aus Vichy. In zwei Sätzen sprang er die Treppe hinauf. Da waren sie. In seinem Zimmer. Pierre, die Hände auf dem Rücken, betrachtete die Bilder an den Wänden, Françoise, noch im Reisemantel, saß auf dem großen schwarzen Ledersofa. Ihr grauer Schleier fiel ihr gelöst und weich zu beiden Seiten herab, daß es aussah wie eine Fortsetzung ihres Haars. Sie erhob sich hastig, als sie Martin sah, und fiel ihm mit einem kleinen Schrei in die Arme, »Te voilà enfin.« »Habt ihr schon lange gewartet?« fragte Martin, bestürzt von ihrer ungewohnten Leidenschaftlichkeit, denn sie begann jetzt fassungslos zu weinen. » Maman ist übermüdet,« erklärte Pierre, der sich um sie mühte. »Wir haben eine abscheuliche Reise gehabt von Vichy. Namentlich die Abfahrt war erschreckend und unwürdig.« Er sah finster aus, und der Händedruck, mit dem er den Sohn begrüßte, lang und überfest, hatte etwas Feierliches. Françoise schien jetzt wie nach einem Krampfanfall matt und dankbar. Man hatte ihr Mantel und Schleier abgenommen, ein großes weißes Kissen aus Martins Bett unter den Kopf gelegt. Nun lag sie ganz still in ihrer weißen Bluse und dem schlanken Rock von matter chinesischer Seide. Sie streichelte beständig Martins Hand. »Dich wenigstens habe ich bei mir.« »Nun und Papa doch auch,« sagte Martin tröstend. »Ja, Papa auch, mais Paul!« Ihre Lippen zuckten. »Warum fragt man nicht uns Frauen, ob Krieg werden soll? Wir würden es nie erlauben.« »Noch ist ja Frieden,« sagte Martin, fröhlicher als ihm zumute war. »Niemand hier glaubt so recht an Krieg.« »Wirklich nicht? Aber du hast recht. Hier scheint noch alles seine alte Ordnung behalten zu haben, da drüben hatte man den Eindruck, niemand stehe mehr auf seinen Füßen, alles ging auf den Köpfen. Man wurde selber schwindlig davon.« »Die Deutschen sind eben sachlich. Sie haben keine Leidenschaft in sich.« Pierre lächelte über das rasche Urteilen seines Jungen, aus dem irgendeine Verletztheit hervorklang, die er nicht verstand. Dann, wieder sehr ernst, erzählte er die Vorgänge in Vichy. Sie hatten noch den letzten Zug erjagt, der für die Fremden abgelassen wurde. Unbeschreibliche Szenen auf dem Bahnhof. Zusammengepfercht in luftlosen Warteräumchen, beschimpft von der Bevölkerung, am schändlichsten hatten sich die eleganten Weiber gebärdet, mit ihren Sonnenschirmen stachen sie auf die deutschen Geschlechtsgenossinnen ein, ihnen unter wüsten Beleidigungen Hut und Frisur zerraufend. Eine hatte ein blondes Lockentoupet auf ihren Schirm gespießt. Sie trug es mit einer so grausamen Miene umher, daß man meinte, sie habe einen abgeschlagenen Kopf zu präsentieren. »Wenigstens hat Papa wieder seinen Humor zurückgefunden,« sagte Françoise und reichte ihrem Manne zärtlich die Hand. Dann richtete sie sich auf. Sie sei beschämt über sich selbst und ihre Schwäche. Aber der Eindruck wäre zu fürchterlich gewesen. »Dieser Haß auf einmal von allen Seiten. Man warf uns unser Geld vor die Füße. Man wollte uns nichts zu essen geben. Man glaubte uns Deutsche.« »Und sie hatten recht damit,« sagte Pierre. »In diesem Augenblick, den ekelhaften Megären gegenüber, inmitten all dieser Ungerechtigkeit und blinden Torheit schämte man sich der berühmten französischen Kultur, die man so sehr geliebt hat. Man fühlte sich als Deutscher.« Die Wirtin brachte den Kaffee. Ein hausväterisch bürgerlicher Duft begann im Zimmer aufzusteigen. Unwiderstehlich behaglich. Françoises Klagen und Pierres Worte von eben verschwebten darin und verflüchtigten sich, ganz dünn und friedsam. Die Wirtin rühmte, während sie die buntgeringelten »Kaffeeschüssele« aufstellte und vollgoß, die bereits zum Abend frisch gebackenen Hörnchen, die »croissants« . Der Bäcker gegenüber habe in Paris gelernt. Seine Brioches seien genau wie die, die man in Notre-Dame an Stiftungstagen den Armen verteilt. Nun brachte sie auch ein Paket herauf, das für Madame Füeßli mit der Post gekommen war. Françoise wurde ganz froh im Gesicht, als sie es sah. »Ah, da ist es. Unser Geburtstagsgeschenk für den Geheimrat Hummel. Er liebte ihn so, den alten kolorierten Kupferstich von Thurwiller. Wir wollen ihn hübsch rahmen lassen für ihn.« Sie begann die Schnüre aufzuknüpfen. Es kam eine bunte Schachtel zum Vorschein. Martin kannte sie. Sie hatte immer hinter dem Nähtisch der Mutter gestanden, und das festverschlossene kleine Gehäuse hatte für ihn immer etwas angenehm Geheimnisvolles gehabt. Mamas Erinnerungskästchen. Die Mutter öffnete es nur, um kanonisierte Denkwürdigkeiten hineinzulegen. Dann war jedesmal, ganz zart, ein Duft herausgeströmt. Nach Herbstblättern roch es, nach Blumen und süßem Staub. So wie gar keine anderen Dinge in der Welt jemals rochen. Ganz selten auch zeigte ihm die Mutter von ihren Schätzen. Da war ein uraltes, ganz versteintes Kuchenstück von Pauls Hochzeit. Martins erste Schühchen und eine seiner braunen Kinderlocken, sorgfältig mit Goldschnur umbunden, Briefe knisterten, und Zettel lagen da, deren Tinte blaßgelb aussah. Und einmal hatte er sich mit einem Knopfe seines Kittelchens in eine vergilbte lange Seidenfranse verwickelt, die zu einem Schal gehörte, der dann, mit hinausgezerrt, alle Herrlichkeiten zu Boden streute, daß die Mutter eilig, rot vom Bücken, sie wieder auflesen mußte. Es hatte auf Martin einen befremdlichen Eindruck gemacht, daß er nicht helfen durfte, und daß maman so ernsthaft aussah beim Einsammeln. Pierre Füeßli machte sich zum Gehen zurecht. Er mußte wegen der Pässe zur Polizei und hatte Geschäftliches zu besprechen mit hiesigen Abnehmern seiner Fabrikation. Françoise wollte inzwischen den Rahmen für den Kupferstich besorgen. Bei Hummel wollte man sich dann treffen. »Und weißt du was,« sagte Françoise, »laß uns Père Anselmes Zettel daraufkleben. Eigentlich gehört er ja mehr ihm als mir.« Sie kramte einen schmalen zartblauen Umschlag hervor und gab das alte, stark vergilbte Papier ihrem Sohn zu lesen. In französischer Sprache stand darauf: »Und so gleicht denn unser armes Elsaß so recht eigentlich jenen alten Pergamenten, die man Palimpseste nennt, und auf denen die alte gotische Schrift mit lateinischer übermalt wurde, bis es endlich einer kundigen Hand gelang, die verborgene Schrift wieder zu Licht zu fördern. Damit dieses Wunder auch bei uns geschehe, müßte aber schon der liebe Herrgott selber herunterkommen und ein großes Wecken blasen.« Darunter stand: »Gespräch beim Besuch des jungen Deutschen, am 10. Juli 1870.« Martin hielt das Papierchen pietätvoll in der Hand. »Also gerade vor dem großen Kriege war der Geheimrat in Thurweiler?« »Ja, gerade vorher,« sagte Pierre aus der Schlafstube heraus, wo er sich die Hände wusch. Martin sah wohlgefällig zu, wie sein schöner alter Vater, dem der schneeweiße Bart etwas Bedeutendes gab, sich so frisch und tatkräftig umherbewegte. Von drinnen herausredend, befragte er den Sohn jetzt über allerhand Einzelheiten seines Lebens, wollte von seinen Studien wissen, seinem Umgang, und sagte dann, sich die Hände trocknend, auf der Türschwelle wie beiläufig: »Nachts fahren wir dann. Am besten, du packst gleich nachher deine Sachen, damit du mit uns nach Hause reisen kannst.« Nach Hause! Wie das klang, so sicher und gerettet. Der heutige Tag mit seinem seelischen Hin und Her: die Blancs, die Flèche, dann Dora, Hanna, Helmut, die Elsässerin, nun hier die Eltern mit ihren widerwärtigen Eindrücken aus Frankreich, alles das wich weg von ihm, verstummte. »Ja, ich will mit,« sagte er laut, »mit euch nach Hause.« Als er aufblickte, erwischte er einen zufriedenen Blick, den die Eltern miteinander tauschten. Hatten sie also Widerstand von ihm erwartet? Fast schämte er sich nun des raschen Zugebens. Françoise umarmte ihn mit Heftigkeit. »Je älter ich werde, eine desto närrischere Mutter mache ich aus mir,« sagte sie lächelnd, aber ihre Lippen zuckten. »Heirate nie eine Französin oder eine Deutsche, Martin. Kommt dann ein Krieg, so ist dies ein Zerreißen in dir selbst und hinweg von den Deinen.« Pierre war gegangen. Françoise hatte es sich wieder auf dem Sofa bequem gemacht. Sie wollte ein wenig schlafen, während Martin im Nebenzimmer seine Sachen zusammenlegte für die Reise. Aber er saß vorerst da drinnen ganz still. Er hörte auf das Brausen in seiner Brust und suchte es sich zu deuten. Er faltete die Hände, wie er es als Kind getan, wenn es galt besser aufzupassen in der Schule. Und es wurde eine Art von Gebet, in dem sich seine Wünsche zu gedachten Worten formten: »Möge mir etwas geschehen. Etwas Starkes! Alles in mir bebt nach Leben, nach Gerufenwerden. Irgendwohin. Rufe mich!« Und er hörte einen Gesang und ein Geläute über den Häuptern der Stadttürme. Ihn aber rief es nicht. Er erhob sich und begann seine Kleider aus dem Schrank zu nehmen. Die Worte Père Anselmes kamen ihm in den Sinn: »ein großes Wecken«. Aber an ihm würde es vorbeitönen. Ihm fehlte beides: die Selbstverständlichkeit des Deutschen dem Kriege gegenüber und ebenso die Revanche-Aufregung des Franzosen. Nein, es war schon am besten, er ging nach Haus! Durch die offene Tür hindurch sah er die Mutter schlafen. Er ging hinein, um ihr die Decke, die herabgerutscht war, wieder über die Knie zu legen. Dabei warf er ungeschickt die bunte Schachtel um, die noch geöffnet stand. Ein paar der alten Briefe fielen heraus. Er bückte sich, sie aufzuheben. Dabei las er zufällig ein Wort: »Mein Lieb« von einer fremden Hand geschrieben. An wen war das? Er sah die Adresse »Mademoiselle Françoise Balde«. Dann las er den Bleistiftzettel Hummels aus Bollweiler vom vierzehnten Juli Siebzig. »Leb' wohl, bewahr' Dich mir,« rätselte mit der Hand weiter, indem er die Blätter nun einzeln in den Kasten zurücklegte, und fand den Sedanbrief mit den jubelnden Schlußzeilen: »Wir haben jetzt ein gemeinsames Vaterland, wir zwei. Der Krieg ist aus, bald komme ich. Dich mir zu holen.« Nun sah er auch zum erstenmal die Unterschrift. Aber begreifen konnte er immer noch nicht ganz. Rücksichtslos und keck faltete er jetzt ein anderes Blatt auseinander, noch eines, und sah seine schlafende Mutter an, die schön und würdig dalag, den silbergrauen Schleier schützend um das Haar gelegt. Mit beiden Händen hielt er sich den Kopf wie ein Entsetzter. Diese Entdeckung nach allen Erlebnissen des Tages überwältigte ihn. Er kam sich verraten vor und betrogen, nichts, an dem er sich noch halten konnte. Er ging ins Schlafzimmer zurück. Er wollte seine Mutter nicht sehen, während er über sie nachdachte. Von einer Verlobung vor ihrer Heirat mit Füeßli wußte er. Der Vater hatte einmal flüchtig davon gesprochen. Aber daß es der alte Geheimrat Hummel war! Er versuchte sich ihn vorzustellen, wie er einmal jung war, aber seine Phantasie vermochte es nicht. Und doch hatte er plötzlich das sonderbare Gefühl, er habe längst von solchem Zusammenhange zwischen sich und dem alten Herrn gewußt. Eine mysteriöse Gemeinsamkeit empfand er nun mit ihm, die aus einem ihm verborgenen Grunde süß war. Ganz verwandelt schien er sich. Als sei auf eine geheimnisvolle Weise etwas vom Blute des Hummelschen Geschlechts in seine Adern, geraten und mache ihn verwandt mit ihnen. Er sprang auf. Er wollte hin, gleich jetzt, Dora und Hanna sehen und mit ihnen davon sprechen. Der Krieg und alles Weltgeschehen war für einen Augenblick vergessen über dem Erlebnis an sich selbst. Einzelne Rufe und immer lauter werdendes Gerede vieler Erregter brachte ihn zur Gegenwart zurück. Jetzt stürzte die Wirtin ins Wohnzimmer, die Schürze vor dem Mund, und schrie es hinein: nun sei es richtig mit dem Krieg, es stünde gedruckt an allen Straßenecken. Françoise, grell erweckt, sprang sogleich auf bis Füße, begriff alles, ordnete ihren Anzug und trieb Martin an, mit ihr hinunter auf die Straße zu gehen. Dann kehrte sie noch einmal um, den Kupferstich vorholend, den sie mitnehmen wollte. Wacher war sie als er, der sie forschend wie ein Fremder von der Seite ansah, und dem die ihm neu gewordene Vergangenheit Fragen und Forderungen der Stunde verdeckte. Kaum aber waren sie draußen, als ihm, eingereiht in die dunkelziehenden Menschenmassen, jedes Eigengefühl verlorenging. Nur wie eine weitgeöffnete Schale fühlte er sich, durch die Ströme ein- und ausflossen. An den Straßenecken staute sich die Flut. Deutschlands Ultimatum an Rußland war da angeschlagen; aber die herandrängten, wußten schon darum, die Extrablätter waren in jedermanns Händen. Was man aufmerksam da las, waren die Nachrichten über die Mobilisierung der russischen Armee. Dazu die Depeschen von den letzten Tagen, in denen der Zar Nikolaus dem Deutschen Kaiser seine Ergebenheit und unverbrüchliche Friedenshaltung versichert. In Empörung standen die Leute davor. »Man hat ihn betrogen, den Kaiser!« Neben Françoise, die in der Menge stand und sich wider ihre Gewohnheit drängeln und pressen ließ, nahm ein Mann die Mütze ab. Er wischte sich mit seinem bunten Tuch den Kopf. »E' Viecherei isch's g'wese,« sagte er langsam. »D'r Kaiser isch zu ehrlich. Den kann mer dumm mache. Unsereinem hätt' des grad so passiere könne.« Françoise nickte ihm zu. Immer mehr wuchs eine begeisterte Wut an, die in Hochrufe auf den Kaiser umschlug. Der Mann neben Françoise stand unbeweglich. Man sah förmlich, wie er nachdachte. »Morge kauf' ich mir's Kaisers Bild,« sagte er endlich entschlossen. »Möge se sage, was se wolle, die von d'r Partei! Es soll in die Mitt' komme zwischen Liebknecht und Bebel.« Eingeengt unter den Begeisterten standen einige schweigende, höhnische Gestalten. Elsässer. Man sah verbissenen Groll, Unruhe und Angst. Martin fühlte mit ihnen. Wie Andersgläubige bei einer großen, heiligen Feier kamen sis ihm vor. Gesang klang auf: »Die Wacht am Rhein«. Soldaten! Die Leute schrien ihr »Kannst ruhig sein« laut in die Menschenmasse hinein, herausfordernd, prahlend. Eine Schar Schulbuben, deutsche und elsässische, zog in soldatischer Haltung hinten nach, gleichfalls singend, die Gesichter glühend vom Rausch der Stunde, ohne nach deren Bedeutung zu forschen. Alte Mütterchen humpelten aus den Häusern, schlugen die Hände zusammen und lachten, wie sie immer lachten, wenn die Jugend etwas vorhatte, von dem sie nichts verstanden. Zwei junge Mädchen küßten sich in der Menge, eine schwangere Frau lief weinend mit hochgehobenen Armen von einem zum anderen und beschwor sie, ihr zu sagen, was das bedeute? Ob man ihr erklären könne? Serbien? Unsinn, was geht uns Serbien an! Ein ihr Unbekannter antwortete darauf ernst: »Es mußte einmal sein, liebe Frau. So ging's nicht weiter. Die Menschen waren zu genußsüchtig geworden.« Und er zündete sich eine neue Zigarre an. Die beiden Füeßli trieben jetzt im Strom der Deutschen gegen den Kleberplatz zu. Dort wohnte der Kunsthändler, zu dem Martin seine Mutter hatte führen wollen. Keiner von ihnen dachte noch daran. Aber ihre Füße führten mechanisch den einmal erhaltenen Auftrag aus. Sie kamen langsam vorwärts, fortwährend angesprochen von Mitströmenden und Begegnenden. Die Stadt hatte sich in zwei Familien geordnet. Eine finstere mit geballten Fäusten, die schwieg, die andere heiß entzündet und laut. Begrüßungsrufe flogen über die Straße, winkende Arme riefen heran. Und überall Lieder; plötzlich waren sie aufgesprungen wie Frühlingsblumen nach dem Regen. Die ganze Stadt war davon gefüllt. Nie war ein solches Singen gewesen in Straßburg. Der tiefliegende, hitzgraue Himmel schien alle Töne zurückzudrücken, sie, wie aus einer umgekehrten Herdpfanne, kochend wieder herabzugießen auf die Köpfe der Leute. Eine unbestimmte glühende Erregung floß umher in der Menge, wurde hier und da aufgenommen, geformt, gehärtet und zu Wurfgeschossen gegeneinander benutzt. Man hörte Schimpfworte der Deutschen, Flüche der Elsässer, Prahlen und Drohen, aber zu einer Rauferei kam es nicht. Zur rechten Zeit wurde die Menge auseinandergeschoben durch eine Reihe Landwagen, die dicht bepackt durch die Straße fuhren. Eine spontane Scheidung der feindlichen Elemente erfolgte. Fester schlossen sich die Zusammengehörigen aneinander. Martin bemerkte, daß er mit seiner Mutter unter die Altdeutschen geraten war. Er wollte Françoise darauf aufmerksam machen, unterließ es aber. »Sie verproviantieren die Festung,« sagte ein bureaukratischer Herr zu ihm. »Bei uns geht alles am Schnürchen. Organisation! Ja, ja.« »Jetzt geht's also endlich los!« hörte er hinter sich jubeln, ein Halbwüchsiger mit unreinem Teint, »endlich einmal, es war höchste Zeit!« Ein paar deutsche Kollegen, die Martin kaum kannte, stießen ihn an, ihm mitzuteilen, sie gingen auch »mit«. Das Wort hatte einen religiösen Klang, wie sie es aussprachen. Auf dem Platze bewegte man sich freier. Ernst stand der bronzene General Kleber da auf seinem Postamente, der Elsässer, der in deutscher Tapferkeit und Treue seinem französischen Herrn die Schlachten gewann. »Da sind die Blancs,« sagte Françoise und ging ihnen entgegen. Madame Blanc hatte verweinte Augen, sie kamen vom Bahnhof. »Maurice ist fort,« sagte sie, »nach Paris.« Dann erst begrüßte sie die »chère cousine« . »Sie sind nicht mehr in Vichy? und wir dachten gerade daran. Sie dort zu besuchen. Nicht wahr, Jeannette? Die Kleine hat sich bereits eine reizende Toilette bestellt dafür.« Jeannette nickte. Sie kannte Françoise wenig und machte sich überdies nichts aus älteren Damen. Mit Martin indessen fing sie hurtig an zu plaudern. Man müsse vorerst reisen, abwarten und erst zurückkommen, wenn alles entschieden sei. Was er darüber denke? er als Mann? Würden die Franzosen wirklich gezwungen sein mitzutun, wenn Rußland gegen Deutschland vorrücke? Und ob sie durch die Vogesen kämen? Ein kleiner Schauer der Neugierde, den sie absichtlich verstärkte, schüttelte sie zierlich. Martin antwortete kaum. Das Wörtchen »Mann«, mit dem sie ihm hatte schmeicheln wollen, brannte ihn. Alle diese Worte und Gebärden ringsum verstörten ihn. Sich selbst fühlte er noch immer nicht. Seine Nerven warteten. Madame Blanc erzählte inzwischen ausführlich, wie schwer es gewesen sei, den Koffer nach der Bahn zu befördern. Alls Autos beschlagnahmt, alle Pferde. Endlich gelang es, einen Bretterwagen zu finden, der sie mitnahm. Der Straßburger Bahnhof war überfüllt. Sie mußte nach dem Kehler hinüberfahren. An der Brücke standen Wachen und untersuchten den Koffer. »Der arme Maurice hat Höllenqual gelitten. Man hielt ihn für einen Spion. Aber der eine der Brückenwächter war ein Schüler von Monsieur Blanc. Da ließ man ihn durch.« »Wie das schön ist,« sagte Albert salbungsvoll zu Françoise. »Wie das schön ist, einem Volke zuzusehen, das sich von einer einzigen mächtigen Empfindung ergriffen fühlt. Mag man sie übrigens teilen, diese Empfindung, oder nicht. Und der Deutsche ist dann plötzlich lebendig wie niemand. Die Erlösung von seiner eigenen Schwere steht ihm auf dem Gesicht. Ich kann das verstehen. Wir alle waren viel zu tief hineingeraten in eine frivole Sicherheit des Lebens. Nun tritt der Meister Tod heran und will uns erziehen. Alle müssen tanzen gehen, wenn er winkt.« Er lächelte, weil ihm poetisch schien und freisinnig, was er geäußert. »Ich finde es furchtbar,« sagte Françoise einfach. Aber der Ästhet fuhr fort: »Furchtbar, das ist wahr. Aber sehen Sie die Frauen an. Die Plumpsten auch sind schön geworden; alle kleinlichen Züge sind untergegangen; sie sehen kühn aus, fast bedeutend, und alle schreiten wie auf Wolken.« »Aber unser Maurice ist fort!« jammerte Frau Blanc. Der majestätische Albert legte ihr mahnend die große, weiße Hand auf den Arm. »Sehen Sie die beiden jungen Mädchen dort,« fing er dann wieder an. Aber zwei Herren in Strohhüten, Deutsche, denen die Französisch redende Gruppe da sichtlich ein Ärgernis war, zischten jetzt ungezogen hinüber: »Man spricht Deutsch im Elsaß!« Albert lächelte höflich. »O, ich glaubte, es würde Deutschland nicht schaden, wenn man sein Lob auch auf französisch verkündet. Ich habe mich geirrt. Verzeihen Sie.« Gerade standen sie vor dem Laden des Kunsthändlers. Martin machte darauf aufmerksam. Albert, der gern seinen Kunstgeschmack bewies, trat mit Françoise in das Geschäft ein. Die Damen verabschiedeten sich. »Fahren Sie mit uns?« fragte das Jeannettle heiß zu Martin hinauf. Er schüttelte die Locken. Sie wartete, aber er setzte nichts hinzu. Drinnen entwickelte Blanc einen großen Eifer, machte sich mit Vorschlägen und Kritisieren wichtig und riß Françoise, die zuerst das Vorgelegte betrachtet hatte, in Eifer hinein. Sie entdeckte ein über Erwarten passendes altes Rähmchen, in dem ein übles französisches Bild steckte, und entschied sich ohne weiteres dafür. Der Mann nannte einen unerhört hohen Preis. Albert, von Natur sparsam und nur in Gedanken zu allem Schönen schweifend, war ganz erschrocken, wollte vermitteln; Françoise aber, die schwarzen Augen feurig emporgewendet, ein wundervolles Lächeln auf den Lippen, meinte, man müsse auch einmal verschwenden dürfen, wenn es einer Jugenderinnerung gälte. Martin betrachtete sie forschend. »Ich achte jede Pietät,« sagte Albert. »Aber da Sie selber Thurwiller in diesem Zustand gekannt haben, kann man kaum noch von Erinnerung sprechen.« »Vielleicht habe ich es dennoch damals gekannt.« Albert, von seiner Frau durch Klopfen an das Schaufenster gemahnt, küßte ihr den Handschuh. »Man muß Ihnen auch das glauben, Madame Füeßli. Sie sind die ewige Jugend!« »In der Heimat, in der Heimat, da gibt's ein Wiedersehn,« sangen sie draußen. Martin hatte aufgehört zu denken. Ihm war, als sei er weit, weit fortgegangen von allem Gewohnten, in eine fremde Welt hinein, in der er sich nicht zurechtfand. »Ah, le voilà .« Monsieur Henri trat eilig zur Tür herein. »Ich sah Sie von draußen.« Der junge Mann sah aufgeregt aus. Seine Stimme schwang wie zu Liedern. »Ich war bei Ihnen, Füeßli. Ich wollte Sie bitten, an meiner Stelle die Ansprache an den Geheimrat Hummel zu halten. Sie können ja reden. Damals im Café Broglie haben Sie uns alle erstaunt. Nun wohl. Sie können auch mein Manuskript haben, wenn Sie das wollen. Ich? Nein, ich kann nicht bleiben, ich muß fort.« »Mit ins Feld?« »Hoffentlich!« Martin sah ihn überrascht an, wollte etwas fragen, brachte aber nur einen lauten Seufzer hervor. Monsieur Henri atmete tief. »Was heute hier um einen herum vorgeht, das reißt mit. Das ist denn doch etwas anderes als Kaisers Geburtstag und Festessen. Die Uniform bekommt heute zum erstenmal einen Sinn für mich.« »Wollen Sie damit sagen, daß Sie sich mit einem Male als Deutscher fühlen?« Martin versuchte skeptisch auszusehen, aber seine Stimme zitterte verräterisch. »Gibt es das? Kann man das? Und Frankreich, das wir alle so geliebt haben!« Monsieur Henri errötete. Er senkte den Kopf wie um nachzudenken. Dann sagte er: »Ich glaube, es ist so: Frankreich war für uns die Erlaubnis zur Sehnsucht. Verwirklichte es sich jetzt für uns, wären wir beraubt. Und dann – man hat sie nicht ungestraft ein Jahr lang getragen, die deutsche Uniform! Sie klebt einem immer noch ein wenig an, selbst wenn man sie verleugnet. Und jedenfalls hat sie einen verdorben zum Franzosen.« Es klang sonderbar, daß er das alles auf französisch sagte. Martin legte plötzlich die Hand auf den Arm des Kommilitonen. Er hatte das Gefühl, er müsse eine Verbindung herstellen zwischen dessen Herzen, das überfloß, und dem seinen, das sich nutzlos hin und her bewegte. In diesem Augenblicke trat Pierre ein. Die Blancs hatten ihn auf der Straße getroffen und ihm berichtet, wo die Seinen zu finden wären. Der Fabrikant sah sehr ernst aus. Françoise ging ihm entgegen. »Und was sagst du dazu?« Er nahm ihre Hände. »Straßburg ist mir ganz neu, ein Marschieren und Singen überall. Und alle diese leuchtenden Augen, wie ein Nüchterner steht man da unter lauter herrlich Berauschten!« »Fühlst du das so?« Sie sah ihn besorgt an. »Nicht ganz. Denn wenn ich sincère bin, da drinnen« – er legte die Hand auf die Brust, »da drinnen regt sich's gradso närrisch. Mitgehen möcht' man fast.« »Und das wünschst du dir? Du, Pierre?« Ihre Stimme zitterte angstvoll, und doch klang Stolz auf ihn hindurch. »Monsieur würde es schwer finden, glaube ich,« sagte der Geschäftsinhaber, der mit dem gerahmten Bilde herbeikam. »Da ist die berühmte preußische Disziplin und die preußischen Leutnants, vous savez .« »Sie haben recht, Monsieur. Und dennoch – uns Elsässern ist doch wohl noch etwas von der mittelalterlichen Lehnstreue in den Gliedern sitzengeblieben. Das zuckt auf, wenn der Landesherr in Not gerät. Warum siehst du mich so an, Françoise?« »Alles das war schon einmal,« sagte sie sinnend, »genau so. Im Traum.« Aber sie irrte sich. Es war kein Traumerlebnis, was sich wiederholte; in ihrer Erinnerung wurden, ohne daß sie es wußte, ihres Vaters Worte lebendig, die er im Juli 1870 seinem Schwager Blanc entgegenrief: »Man hat nicht gewußt, daß man ein gut Stück Wildheit in seinem Blute mit sich herumträgt.« »Was wird mit der Rede?« fragte Monsieur Henri, im Begriff zu gehen. »Wollen Sie sie halten?« Martin bejahte. Er erklärte seinen Eltern, um was es sich handelte, und machte sich denn auf den Weg, bei Monsieur Henri das Konzept der Rede abzuholen. Es wurde beschlossen, Pierre und Françoise sollten vorausgehen zu Hummel, Martin dann mit der Deputation nachkommen, die schon für heute abend angekündigt war. Man konnte, der Zeitlage wegen, den Geburtstag nicht abwarten. Als Martin verschwunden war, sahen die beiden Füeßli sich an. Aber keiner von ihnen wagte es, seine Gedanken auszusprechen. Auf der Straße nahm Françoise ihres Mannes Arm. Und so schritt sie dahin, zwischen verhüllter Zukunft und verblaßter Vergangenheit. Wie mit verbundenen Augen geführt. – – Ganz still war's im Villenviertel. Die Straßen hatten alle ihre Menschen in die Stadt hineingeschickt und lagen nun matt wie blutlose Arme eines Kranken, dem das Herz übermäßig klopft. Françoise trug einen mächtigen Feldblumenstrauß. Sie hatte alle Blumengeschäfte Straßburgs durchsucht nach den hohen weißen Sternblumen, wie sie auf den Wiesen von Thurweiler wachsen. Über diesem Suchen war es schon fast Abend geworden, sie mußten sich beeilen, wollten sie noch vor den Studenten in der Goethe-Straße sein. Nun sie jetzt da einbogen, hörten sie eine aufgeregte Knabenstimme überlaut, fast brüllend mit vielen falschen hohen Tönen patriotische Lieder singen. »Lieb Vaterland« und »Ich hatt' einen Kameraden«. Jetzt sahen sie ihn, einen kleinen Dreikäsehoch mit Papierhelm auf dem Kopf, einen Stock geschultert, in wütender Begeisterung hin und her marschierend. Neben Hummels Villa lief er Schildwacht. Als er die Fremden sah, die ihn betrachteten, salutierte er ernsthaft. Françoise redete ihn an: »Nun, kleiner Soldat?« Er nannte unaufgefordert seinen Namen. »Otto von Reitzenstein. Papa geht in den Krieg. Papa ist Hauptmann. Wir wohnen hier.« Und dann begann er wieder, heiser schon: »Daß er unsre alte Kraft erprobt, wenn der Schlachtruf uns entgegentobt.« Dann ging er über in das Weihnachtslied: »Morgen, Kinder, wird's was geben.« Alles Feierliche floß dem Kinde wohl zu Einem zusammen in dieser Stunde. Im Salon, in dem sie einen Augenblick warten mußten, lagen allerlei halb ausgewickelte Geschenke umher: Kunstwerke, Medaillen. Pierre las die Siegel von mehreren ausländischen Ehrenschreiben und -Verleihungen. Ein bronzener Äskulap blickte kritisch auf das Umhergestreute. Und wirklich schien in diesem achtlosen Nebeneinander etwas Klägliches zu liegen. So als habe ein Zufallswind allerhand Flüchte von den Bäumen gebrochen und hierher geweht, sie ihres Lebens, ihres Sinns beraubt und zu Gerümpel gemacht. Jetzt ging die Tür vom Nebenzimmer, und Hummel trat ein. Als lägen nicht Jahrzehnte zwischen Abschied und Wiedersehen, ging er, ohne ein Wort zu sprechen, auf die beiden zu und drückte ihnen die Hand. Sein Gesicht war ernst. Wundervoll glänzte sein schneeweißer Bart und sein dichtes weißes Haar. »Nun erleben wir auch dieses wieder zusammen,« sagte er. »Wieder im Juli!« Und zu Füeßli sagte er: »Wir dürfen nicht alt sein heute, nicht wahr?« Françoise gab ihm ihren Strauß. »Blumen, wie sie in Thurweiler wachsen.« Er nahm sie, lächelte darauf hin, hielt sie hilflos in der Hand und war froh, als Pierre sie in eine der Vasen steckte, die, schon wassergefüllt, auf der Spiegelkonsole standen. Den Kupferstich betrachtete er lange sinnend und sagte mit leiser Lippenbewegung die Worte des alten Anselme nach. Seine Augen, größer und blauer als je, dankten kinderhaft der Freundlichkeit der Freunde. »Lassen Sie uns in den Garten gehen,« sagte er dann konventioneller. »Es ist kühler draußen.« Im Eßzimmer, das sie durchschritten, ordnete die Frau Hauptmann Hummel mit dem Mädchen den Tisch. »Der Geburtstag ist freilich erst in einigen Tagen,« sagte sie zu Françoise, »aber es kommen bereits heute Gratulanten. Sie können nicht warten, die jungen Leute, sie haben alle ihre Stellungsorder schon in der Tasche. Mein Sohn Helmut geht nachher auch fort. Er hat in Königsberg gedient.« Sie wischte sorgfältig an einem Glase, das ein wenig blind schien. Auf dem Tisch bemerkte Françoise eine anmutige Schale mit sonderbar hellroten Rosen. Das Geschenk der Elsässerin. Auf der Veranda, die sie jetzt betraten, saß Hanna, die Feder in der Hand, vor einem Briefbogen in offiziellem Reichsformat, der bereits halb beschrieben war. »Meine Nichte spielt manchmal meinen Sekretär,« sagte Hummel und strich dem jungen Mädchen freundlich über das Haar. »Wir haben Sie gestört, Herr Geheimrat?« »Ein Brief an das Kultusministerium. Ich ziehe meine Abdankung zurück. Gern freilich wäre ich nach meinem siebzigsten Geburtstage nach Jena in mein altes Elternhaus gezogen und hätte dort meine Tage, so viele es noch werden wollen, mit eigenen wissenschaftlichen Arbeiten verbracht. Jetzt aber muß man abwarten, ob die Allgemeinheit einen nicht noch braucht. Wird Krieg, muß man ungeheure Mengen von meinem Serum ins Feld schicken. Ich bitte den Minister um Vollmachten, mein Mittel in großem Maßstabe herstellen zu lassen. Das gibt genug zu tun für einen alten Mann.« Es klang frisch zugleich und ernst. Er blickte durch seine Brillengläser gerade vor sich hin, schien niemanden zu sehen und dennoch tief hineinzuschauen in alle. Die Frau Hauptmann hatte inzwischen Wein und Kuchen in der Laube hinter dem Rosenbogen aufstellen lassen. Und die Füeßli gingen dorthin. Der Geheimrat müsse durchaus erst sein Schreiben beenden, sagten sie, ehe er sich ihnen widme. Auf dem Wege nach der Laube blieben sie einen Augenblick stehen, Dora anzusehen, die eben unter dem Rosenbogen auftauchte, einen großen Korb mit abgeschnittenen Blumen in der Hand, die sie zum Tafelschmuck verwenden wollte. Man begrüßte sich. Das junge Mädchen blieb einen Augenblick mit emporgereckten Armen unterm Blütenbogen stehen, nach den Hängerosen zu greifen, von denen sie freilich wußte, daß sie ihr zu hoch seien. Pierre trat hinzu und half ihr. Bacchantisch faßte sie die von ihr niedergebogenen Rosenzweige und drückte sie an ihr farbiges Haar. »Ein Rausch, ein Rausch diese Tage,« sagte sie zu Pierre, dessen festes Alter ihr gefiel. »Ist es nicht ein Rausch? Ich möchte mich hineinstürzen in die Gefahr, mir Hosen anziehen, den Tornister auf den Rücken nehmen und Mann spielen!« »Sieh da, eine Patriotin,« sagte Pierre amüsiert. Françoise machte ein abweisendes Gesicht. Dieses genießerisch in das Verhängnis hineinjubelnde junge Ding war ihr nicht lieb in diesem Augenblicke, da sie litt. »Mein Patriotismus ist noch sehr neu,« sagte Dora zu Pierre. »Ich habe mich eigentlich bis jetzt mehr Elsässerin gefühlt.« »Und wer weiß, wenn Sie diese Tage in Moskau oder Paris erlebten, würden Sie vielleicht glühende Russin oder Französin sein!« Sie lachte. Man setzte sich in die Laube. Das Gespräch wurde mühsam. Man bemerkte, daß man sich nicht kannte und in ganz verschiedenen Gefühlszonen lebte. Pierre sagte in seiner freien süddeutschen Art, die immer herzlich klang, ein paar Galanterien an Dora. Dann kam Hummel mit Hanna. Man stieß auf des Geheimrats Wohl an, aber der Trinkspruch, den Füeßli formen wollte, würde von Hummel verscheucht, der fast befehlend sagte: »Heute gibt es keinen Einzelnen.« Françoise betrachtete Hanna mit Anteil. Sie war ihr als ein reizloses und unliebenswürdiges Kind im Gedächtnis. Jetzt sah sie in ein herb gesammeltes Gesicht, in dem ein Kummer lag, der zitternd war und fragend. Ihr ewig horchendes Mutterherz argwöhnte einen Zusammenhang mit Martin. Er hatte ihr fast nur von Dora gesprochen, aber sein Schweigen über Hanna war ihr beredter erschienen. Indessen war zwischen den Männern ein Kriegsgesprach in Gang gekommen, dessen beherrschte Gelassenheit Françoise beben machte vor Leidenschaft. »Wir müssen mit ungeheuren Menschenopfern rechnen,« sagte jetzt Füeßli. Françoises Gesicht rötete sich beängstigend. »Und das hören wir ruhig an, wir Frauen? Warum dulden wir das, warum tun wir uns nicht zusammen, die Frauen aller Nationen zusammen, zerren den Männern die Waffen aus den Händen, lassen sie nicht ziehen? Uns gehören sie. Aus unseren Schmerzen sind sie entstanden!« Pierre war hinter ihren Stuhl getreten, Hummel sah sie überrascht an, sie merkte es nicht. »Euch jungen Mädchen gehören sie,« fuhr sie fort, die Hände hebend in selbstvergessener Gebärde, »euch hätten sie geliebt, euch hatten sie zu Frauen und Müttern gemacht. Aber wir sind ja alle feige. Unser Blut ist es, das sie vergießen wollen, das Blut unseres Leibes und unserer Herzen. Wir aber schweigen.« »Und lieben sie dafür,« sagte Hanna leise. Aber Françoise hatte es doch gehört. Es heilte ihren Sturm und machte sie dankbar. Sie nahm Hannas Hand und hielt sie in der ihren. Dora ließ ihre roten Lippen zwischen den Zähnen vorschnellen. Sie sah unzufrieden aus. In das Schweigen hinein, das nun folgte, kam Frau Hauptmann Hummel den Geheimrat holen. Die Deputation der Studenten sei bereits vor der Gartentür. Im Salon, der durch die breiten Kronen der nahen Straßenbäume ohnedies verdunkelt war, schloß Dora die Vorhänge und machte Licht. »Es ist feierlicher.« So gab es ein buntes, fast theaterhaftes Blinken, als die Abgeordneten der Korps in ihrem »Wichs« hereintraten. Hutfedern, Stulphandschuhe und farbige Pekeschen glänzten, die Schläger klirrten. Auch die nichtfarbentragenden Studenten bekamen goldene Strahlen auf ihre weiße Hemdbrust und die jungen, frisch emporgerichteten Gesichter. Es war hübsch, als alle diese lebendige Jugend mit achtungsvollem Neigen vor dem weißhaarigen Gelehrten stand und ihn grüßte. Françoise hatte im Vorzimmer gezögert. Sie wollte ihre Nerven erst beruhigen. Inzwischen lief sie mit den Augen durch die Reihe der Studenten, die da standen. Martin war nicht darunter. Wo blieb er nur? Hatte er denn nicht sogar die Ansprache halten wollen? Und jetzt, militärisch taktfesten Schrittes tritt einer vor, schlank und federnd, den silbernen Pokal, der überreicht werden sollte, hoch in der Hand. Es ist, als trete die Jugend selber in das Zimmer. Er steht nun gerade unter dem Kronleuchter, sein soldatisch kurz geschnittenes Haar schimmert wie brauner Goldsamt, das Gesicht im Schatten, ihr in jeder Bewegung vertraut und doch ganz fremd in seinem Umriß, dem die Einrahmung der Locken fehlt. Seine Stimme zittert ein wenig, als er anfängt zu reden. Es ist Martins Stimme. Françoise lehnt sich an die Nische der Tür, in der sie steht. Es ist also geschehen! Martin Füeßli hat sich zum deutschen Soldaten gemacht. Sie sucht Pierres Blick, den sie besorgt über sich hingehen fühlt. Da drüben war er. Auch er hatte verstanden. Mit einer Anstrengung, die ihr die Empfindung plötzlichen Alterns gab, richtete sie sich hoch. Sie lächelte ihm zu. Sie sah auf Martins leuchtende Gestalt und trat mit tapfer verhehlten Schmerzen hinter das große Erlebnis des Sohnes zurück. Nach einer Weile erst vermochte sie zu hören, was er dem Geheimrat entgegenredete. Es waren Monsieur Henris feine, klug gestellte Worte, aus dem Manuskript gelesen, das Martin verstohlen im Zylinder vor sich hinhielt. Von des verehrten Lehrers Verdiensten um die Wissenschaft war die Rede, von der Freude der Studenten, daß er die Universität nicht verlasse, sondern ihnen dort erhalten bleibe. Denn nicht nur Wissenschaft habe er gelehrt, hieß es, sondern gelehrt auch was Deutsch ist. Nämlich nach dem Worte von Lagarde: »Deutsch sein heißt eine Sache um ihrer selbst willen tun.« »Und darum – –« Und den Geburtstag selber hätten sie nicht abwarten können, weil – – Im Begriff, den Pokal zu überreichen, flog ihm das Konzeptblatt zu Boden. Er neigte sich unwillkürlich ein wenig, es aufzuheben, lachte dann sorglos auf, warf den Kopf zurück und schickte dem verstummten Manuskript eine kleine Fußbewegung der Verachtung nach. »Nein, wir können nicht warten,« sagte er mit völlig veränderter Stimme. Alle schauten auf, weil es klang wie Fanfarenton. »Eine Botschaft ist hineingedröhnt ins Land, die ruft zu den Fahnen. Alles, was stark ist und gerade. Auch hier im Elsaß. Das ist über uns gekommen wie ein großer Wind, der die Leute auseinander bläst und zueinander, jeden wo er hingehört. Und wer eine Maske getragen hat, dem ist sie abgefallen; der Wind hat ihn hinübergeblasen über die Grenze in sein Land. Wer aber bislang nicht recht gewußt hat, wer er ist, der erfährt es heute. Ich, ich habe es erfahren. In Deutschland bin ich daheim. Deutschland muß leben und sollt' ich selber darum sterben!« Seine Stimme jubelte und sang. Es war wie das Geschmetter von tausend Frühlingslerchen. »Amen,« sagte, eine Stimme, vor Erregung schnarrend. Es war Helmuts Stimme. Er stand hinter dem Geheimrat, schon in Uniform, eine sonderbar hellrote Rose an der Brust. An dem allgemeinen Schweigen, das folgte, erwachte Martin. Er errötete, sah sich ratlos um, neigte sich dann wortlos und tief vor dem Geheimrat und hielt ihm anmutig mit beiden Händen den Pokal entgegen. Der nahm ihn in Empfang, tiefernst, mit Händen, die ein wenig zitterten. Und als Helmut ihm den Becher abgenommen hatte, ihn zu füllen, blieb er noch eine feierliche Sekunde ohne Worte, hob wieder die Hand und glitt damit über Martin Füeßlis kurz geschorenes heißes Haar. Er wartete, bis seine Stimme fest geworden war, dann, fast leise, begann er: »Wenn die Jugend Taten findet, soll das Alter schweigen. Und wir schweigen gern. Denn Sie, meine Herren, Sie sind jetzt weiser als wir. Anstatt aus Büchern und Erfahrungen, wie wir es Sie lehren wollten, schöpfen Sie sich Begeisterung aus der lebendigen, nie versagenden Quelle des Gefühls. Endlich einmal wieder! Lange ist es in Deutschland verschüttet gewesen, das Gefühl, dieser Urquell deutscher Kraft. Man hatte verlernt seinem Herzen zu vertrauen, man traute nur noch seinem Kopf und seinem Körper. Klugheit, Geschicklichkeit waren die neuen Götter; Seele, Gemüt Spottnamen geworden. Uns Alten, die wir Deutschland kannten, als es noch das Land der Philosophen und Idealisten hieß, uns tat das weh. Wir suchten manchmal nach dem alten, tiefverborgenen Quell. Aber man hatte ihn so vorsichtig ummauert, daß er versiegt schien. Nur Toren und recht alten Leuten zeigte er sich manchmal noch in ihren Träumen, der alte Quell deutschen Gefühls. Elementarer Erschütterungen aber bedurfte es, um seiner Kraft wieder zum Licht zu helfen, so daß er dem ganzen Volke sichtbar werde. Und nun,« mit einer ergreifenden Bewegung hob er jugendlich adorantisch den Pokal hoch, als wolle er Ströme darin auffangen, »nun rauscht er wieder und ich höre ihn. Das große Wecken, auf das die Besten hier im Elsaß lange hofften, ist ertönt, die so oft übermalte Urschrift, von der die Weisen wußten, Elsaß' Deutschtum ist wieder lebendig geworden! Hell flammt sie auf in großen, heiligen Zügen, die alte, unverloschene, deutsche Schrift. Daß sie sich nicht wieder verberge und verfremde, das steht zur Entscheidung in diesem Kriege. Und ihr seid es, die Jugend, die diese Entscheidung fällen wird. Für Elsaß und das ganze Deutschland!« Er trank ihnen zu. Ein unbeschreiblicher Tumult erhob sich. Schreie des Muts und der Begeisterung wurden laut, dazwischen kreiste feierlich der schimmernde Pokal von Mund zu Mund. Und dann sangen die Studenten. Ein trotziges Lied in wuchtigem Rhythmus: »Burschen heraus!« Sie glühten vor mannhafter Lust. Auch als sie am langen Eßtisch saßen und tafelten und tranken, lag noch das Schimmern einer Feierstunde über ihnen. Martin ging wie ein Berauschter umher. Er ging zu Vater und Mutter und küßte sie, er blieb vor Helmut stehen und küßte auch den. »Du!« Dann Dora, Hanna. »Du!« Dora schloß die Augen und lächelte, als Martin seinen Mund auf ihren drückte. Hanna stand regungslos. Dann küßte sie ihn wieder. »Du!« sagte sie ernsthaft. Er sah sie an, betroffen, wie erwachend. Dann nahm er ihre Hand und hielt sie fest in den beiden seinen gefaltet. – »Ich muß nun gehen, Mutter,« sagte Helmut zur Frau Hauptmann. Ihr Gesicht wurde fahl. Starr sah sie ihn an, mit vor Leid harten Augen. »Komm mir gesund zurück, mein Junge, und halt' dich brav!« Er küßte ihr die Hand. Da schloß sie ihn ganz fest in die Arme. Dora hing sich ihm um den Hals und schluchzte. – – Die Studenten verabschiedeten sich. Draußen im Garten stellten sie sich noch einmal auf und sangen das alte Lied, das eben wieder neu sich auf allen deutschen Lippen wiedergefunden hatte. »O Deutschland hoch in Ehren, du heil'ges Land der Treu'.« »Haltet aus, haltet aus im Sturmgebraus,« klang es verhallend, als sie abzogen. Die Zurückgebliebenen standen am Fenster und sahen ihnen nach. Françoise hielt die Hand der Frau Hauptmann, die eiskalt war. Dora weinte laut. Sie blickte dabei auf Martin und Hanna, die still beieinander standen. Auch Pierre und Françoise sahen zu ihnen hinüber. »Nun hat das Elsaß auch mit Deutschland sein vaterländisches Erlebnis gehabt,« sagte Hummel zu Pierre, an ein Wort anknüpfend, das er von ihm im Gedächtnis hatte seit ihrer letzten Begegnung damals in Thurweiler. Pierre nickte. »Das gemeinsame Gemütserlebnis, ja, das kittet.« Und er wies auch Hummel nun die beiden Verbundenen drüben. Hummel ließ seine Augen langsam über alle Anwesenden hingehen. Dann blickte er wieder hinaus, dem letzten verwehenden Klang der Studentenschritts nach. »Die Kinder haben es erlebt,« sagte er, über das Einzelschicksal da in seinem Hause weit hinausschauend. »Wir alle haben es erlebt, haben es wiedergesehen, das deutsche Urgefühl im Elsaß, neu und jung und jauchzend! Mag nun auch Enttäuschung kommen und Verzagtheit. Wir glauben daran !« Und er reichte seinen Freunden beide Hände.