Laurids Bruun Der unbekannte Gott Erster Band Er war am vorhergehenden Abend spät mit dem Orientexpreß angekommen und gleich zu Bett gegangen. Eine Gesellschaft aber hatte unter seinen Zimmern Neujahr gefeiert, so daß er nicht einschlafen konnte. Er wollte gerade klingeln und sich ein anderes Zimmer geben lassen, als der Schlaf ihn plötzlich übermannte, und er schlief fest, bis ein paar Truthähne unter seinem offenen Fenster beim Morgengrauen zu krähen anfingen. Ralph reckte sich im Automobil an dem strahlenden Neujahrsmorgen und dachte, es sei gut, daß er sich endlich hier an der Grenze von Europa befände. Dort hinten in der Sonne die graue Wellenlinie – das also waren die Höhenzüge von Asien. Er richtete sich höher auf, kniff die Augen zusammen und maß die Entfernung. Warum war hier keine Brücke? Wäre es in den Vereinigten Staaten, wo er zu Hause war, dann würde man schon längst mit Automobilen über die Wasserstraße fahren. Räder begannen in seinem Gehirn zu schnurren. Formeln marschierten auf, Skelette, Profile. Sein Mund wurde schmal, gerade, hart, und das glattrasierte Kinn strammte sich unter dem Faltennetz, das während der zwanzig Tage, die seit seiner Abreise von Neuyork vergangen waren, bereits angefangen hatte zu erschlaffen. Dann aber nahm er sich mit einem Ruck zusammen, strich sich über Stirn und Augen und verwischte all das, was für lange Zeit nicht mehr da sein sollte. »Prost Neujahr, old chap! « sagte er laut zu sich selbst, so daß der Chauffeur den Kopf nach ihm umdrehte. Ralph achtete seiner nicht, lehnte sich in den Wagen zurück, riß die Augen auf und dachte an nichts. Nach einer langen Fahrt zu den nördlichen Höhen, die von dem Morgennebel unter der Sonne dampften, kehrte er durch die Galatastraße zurück, wo das Leben bereits sein Lied begonnen hatte. Das Auto hielt vorm Café Genio, auf dem kleinen Platz vor der Galatabrücke, mitten in der bunten Menge, die sich aus allen Himmelsrichtungen auf der Schwelle zum Paradies Europa drängt. Er stieg aus und trank einen Snapshot, während der Chauffeur sich bemühte, das große Ding in dem Gedränge von lebendigem, beseeltem Fleisch, das nur gezwungen zur Seite wich, zu drehen. Dann ging er in das dunstige, verräucherte Café und frühstückte. Der Kellner, ein behender Italiener mit gemütlich zwinkernden Augen, tänzelte hin und her und gab jedem, was ihm zukam. Die meisten waren Stammgäste. Jungtürken, gelb, mager, mit bekümmerter Stirn über dem Kneifer, den Fes auf der struppigen Muselmannperücke tief in den Nacken geschoben, blickten ihn verstohlen an, mit Augen, die wie Feuer unter Asche glühten. Sie spielten auf der schmutzigen Marmorplatte Domino, während sie an ihren Kaffeetassen nippten, die so klein wie Walnußschalen waren. Ein gelber, fetter Grieche lehnte in einer Ecke gegen die lederbezogene Wand, sein Bauch hing ihm bis über die Knie, während er die Kursliste in einer Wiener Zeitung studierte. Zwei ganz junge Militäreleven saßen über »Le Rire« gebeugt, mit schamlosem Lächeln und glühenden Backen. » Je vous salue, mon seigneur !« sagte der Kellner, die Hand am Fes, als er das Trinkgeld sah. Ralph hatte nach Neuyorker Sitte gegeben. Der Platz lag jetzt im vollen Sonnenschein. Eine weiße Fassade gegenüber blendete. Er las »Crédit Lyonnais« und merkte es sich; es war seine Kreditivbank. Auf der obersten Stufe stand vor der offenen Tür ein grauhaariger Türke mit buntem Turban und roten und grünen Streifen längs der weiten Djubbe. Er stand in tiefen Gedanken, den Blick auf Ralphs helle, scharfe klugen und glattrasierte Backen unter der weichen Reisemütze gerichtet. Als Ralph seinen Blick fühlte, schlug er die Augen nieder und stieg mit raschen Schritten die Treppe hinunter. Auf dem schmalen Fußsteig vor dem Café ging ein hochgewachsener Greis in der Sonne auf und ab. Er trug einen großen italienischen Schlapphut und einen Stock mit silbernem Knopf. Die Gestalt war einst elegant gewesen, jetzt war sie in den Gelenken erschlafft; aber der Rock saß gut, und der krapprote Schlips war neu und tadellos. Er atmete tief und ließ sich die Brust zwischen dem offenstehenden Rock, in dessen breitem Aufschlag ein Veilchenbukett saß, von der Sonne bescheinen. Ein kleiner kränklicher Junge, halb Krüppel, kam aus einem schmalen Gang hinterm Café auf ihn zugehinkt. Der Kleine griff nach seiner ausgestreckten Hand, bekam eine Mandarine, die der Alte in der Tasche hatte, und wanderte dann mit ihm auf und ab, soweit der Sonnenschein reichte. Ein Leben auf dem Gipfel hingewelkt, und ein Leben, das an der Wurzel gezeichnet war – so gingen sie Hand in Hand und trösteten sich mit der Sonne. Ralph dachte an seine eigenen fünfunddreißig Jahre. Ja, er hatte richtig gehandelt; es war die höchste Zeit gewesen, daß er sich losgerissen hatte. Er hatte erreicht, was er seit seinen Knabenjahren erstrebte. Als er aber auf dem Gipfel war, der Meister »der Himmelsbrücke«, wie ein smarter Journalist seinen letzten großen Arbeitstriumph genannt hatte – als er Macht und Reichtum wie ein Steuer in der Hand hielt, so daß er die Lebensachse nach Belieben drehen konnte, da geschah es eines Tages, daß er sich selbst fragte, ob er nicht zu teuer gekauft und mit dem bezahlt habe, was nie wiederkehrt – mit dem Leben und seinen Launen und Spielen, dem Leben in der Sonne. Die Kette ungezählter Stunden, das ununterbrochene Grübeln Tag und Nacht unterm Zwang des Glockenschlages und der Termine – der ewige Griff in Kontakte, damit Ströme geschlossen, Ströme ausgewechselt und das Ganze von einem mächtigen Willen in scharfbegrenzte Wege geleitet werden konnte – wog das alles Sonne und Leben auf? Ganz plötzlich war es über ihn gekommen, als er an einem schönen Sommermorgen die Augen von seinem Pult hob und hinter den Wolkenkratzern die grünen Bäume von Broux in der Ferne sah. Da fühlte er sich an seine Arbeit geschmiedet wie ein Sklave, der nie an einem Sommertag Wasser an der Quelle holen darf. Es war gerade vor der Ablieferung der Himmelsbrücke gewesen, wie ein Aufrührergeist war es über ihn gekommen. Zuerst hatte er es niedergekämpft; aber es verfolgte ihn den ganzen Tag, lag auf der Lauer in seinen wenigen freien Stunden, wenn er essen wollte oder im Begriff war, seine Augen zu schließen, um in den Schlaf hinüberzuschlüpfen. Er fürchtete sich davor, wagte sich kaum die Ruhe des Sonntags zu gönnen und überwand es erst, als er ein Surrogat fand. Er kaufte sich ein wenig Sonne und Glück bei einer Frau, die er eines Abends getroffen hatte, als sein Gehirn streikte und ihn in das Licht der Nacht hinaustrieb. Sie hatte es verstanden, ihm wohlzutun, darum kaufte er sie; und nachdem sie ihre Schuldigkeit getan hatte, trennte er sich von ihr, wie es einem Manne geziemt, der sowohl Kavalier wie Millionär ist. Als aber die Brücke abgeliefert war, überkam es ihn von neuem. Die Zeitungen flossen von seinem Ruhm über. Die Milliardäre nahmen ihn in ihr heimliches Syndikat auf, in den »Klub der Verantwortungslosen« – obgleich es gegen ihre Statuten war, denn Milliardär war er nicht. Jedenfalls noch nicht. Das alles machte nur wenig Eindruck auf ihn, kitzelte einen kurzen Augenblick sein Machtgefühl, war aber nicht von langer Dauer. Er fühlte sich leer und mißmutig, war stehengeblieben wie ein Uhrwerk, das geschmiert werden muß. Er begann seine eigene berühmte Brücke als Passagier zu studieren, befuhr sie mit Auto, Luxuszug und elektrischen Bahnen – mit allen Beförderungsmitteln, mit denen man in gerader Linie und einer sanften Steigung von dreißig Grad den Berg hinauf und auf der anderen Seite wieder herunterkommen konnte, ohne mit Zickzacklinien Zeit und Kraft zu verschwenden. Während alle anderen über diesen letzten Riesenschritt der Kultur begeistert waren, konnte er, der diesen Schritt gemacht hatte, mit dem besten Willen nicht einsehen, daß er der Menschheit dadurch einen besonderen Dienst geleistet hatte. Gewiß, er hatte einen Rekord erlangt an Arbeit, Erfindungskunst, Präzision – und in seinem Bankkonto; – das war alles – ja, und außerdem hatten eine Menge Menschen von der Arbeit gelebt, während die Brücke im Bau war. Jetzt aber, wo sie fertig dalag, war und blieb sie eine tote Masse, deren Dasein zum mindesten gleichgültig war. In seinem Gemüt war ein saugender Abgrund von Leere. Er versuchte, sich durch Philosophieren davon loszumachen: es sei ganz klar und auch natürlich, daß nach einer so riesenhaften Arbeit eine Reaktion kommen müsse; war ihm nicht ein ungeheurer Weisheitszahn aus dem Kopf gezogen und konnte das ohne Schmerzen vor sich gehen? Aber es half nichts: die Bedenken meldeten sich wieder und wieder. Die Brücke und alles, was vorangegangen und Voraussetzung dafür gewesen war, daß er es soweit bringen konnte, das alles hatte er mit dem bezahlt, was eigentlich unbezahlbar ist, weil es, einmal ausgeleert, sich nie wieder füllt. Und dieses ewig kostbare Lebendige hatte er für ein totes Ding von Eisen und Zement hingegeben. Wenn eine neue »Himmelsbrücke« auch durch den ganzen Himmelsraum geradesweg wegs zur Sonne führte, was hatte er davon, wenn er jede Million Kilogramm ihres toten Gewichts mit einer Unze seines Lebens bezahlen mußte? Er konnte sich nicht davon freimachen. Es war ja sein Beruf, Schlüsse zu ziehen und darauf weiter zu bauen; dazu war er wie kein anderer trainiert. Und so kam es, daß er sich nach einem Weg ins Freie umzusehen begann. Kaum war der Gedanke, fortzureisen und alles hinter sich zu lassen, in ihm geboren, als er auch schon fühlte, wie neue Kraft und neue Sehnsucht durch sein Gemüt zu strömen begannen. Was verloren war, war verloren; noch aber war er jung und wollte leben. Er entließ seine Ingenieure, schloß seine Bureaus, wickelte alle laufenden Geschäfte ab. Die Presse, die ihn seit seinem letzten Triumph überall verfolgte, schlug sofort Alarm. Warum ging er fort? War es wirklich wahr, daß Europa die Staaten überboten und ihn seinem Vaterland abspenstig gemacht hatte? Was hatte er im Sinn? Well , er wollte Paris kennen lernen, nach einundzwanzigjähriger, ununterbrochener Arbeit ausruhen, war das nicht all right ? Eines schönen Morgens war er auf und davon. »New York Herald« folgte ihm auch nach der Seinestadt. Was aber kann ein Ferienbummler auf dem Boulevard Interessantes bieten, ein Hotelgast zwischen tausend anderen? Darum ließ man ihn bald in Frieden. Ralph ergötzte sich beim Gedanken daran, daß es in diesem Augenblick in den Staaten keine einzige Seele gab – Verwandte besaß er nicht – die ahnte, daß er an diesem strahlenden Neujahrsmorgen hier stand, mit dem einen Bein in Europa, mit dem anderen in Asien. Er bahnte sich mit den Ellbogen einen Weg über den Platz und bereute, daß er seinen Ulster nicht im Auto gelassen hatte. So warm war es geworden. Dort führte der enge, ausgetretene Völkerpfad quer über das Horn, gab und nahm und vermischte. Mitten auf dem Fahrweg stand ein dickleibiger Cerberus und streckte jedem seine Blechdose für das Brückengeld entgegen. Keiner entschlüpfte ihm. Ralph bezahlte und ging auf den Fußsteig. Möwen schwangen sich in regelmäßigen Rundbögen spähend und schreiend über das blaue Wasser, das hell glitzerte, als ob die Sonne Millionen von elektrischen Funken aus seiner Oberfläche zöge. Boote fuhren von Küste zu Küste mit spitzen, weißen Lateinersegeln, deren gekreuzte Flügel Schatten aufs Wasser warfen. Motoren töfften emsig mit ihrem giftigen Atem, durch den Wasserspiegel brodelnd. Weiter draußen, hinter der nächsten Brücke, ragten die Schornsteine und Masten der dunklen Kriegsschiffe durch die Luft. Ganz hinten verschlossen Eyubs Berge die Aussicht mit ihren ehrwürdigen Kirchhofszypressen. Geradevor und nach links, in einer großen Zunge nach Asien hinüber, breitete Stambul sich im Licht, sich mit seinen Minaretts im Wasser spiegelnd, stumm zur weißen Himmelswölbung hinausragend, die sieht und weiß und schweigt. Die Holzbrücke knackte und zitterte. Ein Autobus arbeitete sich schwer und häßlich mitten durch den Strom. Ralph war kein Aesthetiker, aber dieses Stück Neuyork mitten in der Völkerwanderung stieß ihn wie einen Mißklang ab. Er ertappte sich selbst auf einem plötzlichen Unwillen gegen die Kultur, die ihn erzeugt hatte, und von der er lebte. Betrachte ich das Leben schon wie ein Türke? dachte er und lächelte. Ein Polizeioffizier – im grauen Mantelkragen, der mit einer Silberspange zusammengehalten wurde, und einem Astrachanfes mit dem Halbmond über der Stirn – kam in kurzem Galopp angesprengt, die Knie hochgezogen, wie Kosaken zu reiten pflegen. Ein schwitzender Neger, der sich unter einem mächtigen Bündel von buntem Baumwollzeug vorwärtsarbeitete, wäre fast von den Pferdehufen getroffen worden. Er blieb stehen und sah dem Reiter mit seinem großen, leidenden Tierblick lange nach, während seine dicken, geduldigen Lippen Worte murmelten. Ralph ging langsam weiter und sah sich mit offenen Augen um. Zwei lehmfarbige Perser mit hohen Hüten kamen würdig Hand und Hand dahergeschritten. Ein Tscherkesse trabte auf einem Rappen, die roten Schaftstiefel fest um die Flanken des Pferdes gepreßt, seine pelzverbrämte, weißgestickte Mütze schief auf dem blanken Haar. Zwei riesengroße, gebeugte Eunuchen kamen ihm mit langen, schwankenden Schritten entgegen, weiche Frauenwangen, kleine ausdruckslose Augen, die in großen Höhlen schwammen, und weiße Zähne hinter schlaffen Lippen. Sie sprachen mit heiser flüsternden Stimmen und achteten nicht auf ihre Umgebung. Eine Schar Griechen kam singend Arm in Arm mitten auf dem Fahrweg daher, sonnenverbrannt und brünett, berauscht von ungegärtem Wein, ausgelassen wie Ferienkinder. Straßenverkäufer schrien mit den singenden Griechen um die Wette. Auf einem rumänischen Passagierdampfer, links vom Zollamt, rasselte das Gangspill beim Laden. Küstendampfer flöteten bei Ankunft und Abfahrt. Stimmen summten in allen Sprachen, eifrig, bedächtig, froh und düster durcheinander. Das Leben brach sich in einem Schaumwirbel von Lauten, die zu einer seltsam dumpfen Melodie verschmolzen – der ewige, immer wiederkehrende Aufgesang der Völkerwanderung auf dem Wettlauf nach einer höheren Kultur, einem größeren Glück. Eine alte Karosse mit zwei feurigen Schwarzen kam in scharfem Galopp über die Brücke gedonnert, indem sie alles beiseite fegte. Neben dem Kutscher saß ein zwei Meter langer Kerl, mit einer roten Mütze über gestutzten Whiskers, in einer goldgestickten Salta mit weißem Rock und roten Gamaschen, ein Götzenbild, das einen Krummsäbel zwischen den Knien hielt. Es war ein Gesandtschaftskavaß. Aus der Dunkelheit des Wagens, hinter geschlossenen Fenstern schimmerte ein goldübersäter Frack, ein breites Ordensband unter einem weißen Bart und ein dreieckiger Hut. Auf dem Rücksitz saß ein weniger belasteter Sekretär. Ralph spähte nach der Kokarde des Kutschers, um zu erraten, welche von den Großmächten bei der Goldenen Pforte Besuch gemacht hatte. Einige Droschken kamen mit hinfällig klirrenden Fensterscheiben angewackelt, Gepäck auf dem Deck und einem Dragoman mit Cooks Schild am Hut auf dem Bock. Es waren neue Gäste aus Europa. Im selben Augenblick kam von der anderen Seite ein Koppel junger kaukasischer Pferde, die mit langen, faserigen Hanfstricken zusammengebunden waren. Zwei Bulgaren mit hitzigen Augen und blutroten Lippen drängten sie zusammen, schlagend und fluchend. Die erschreckten Pferde reckten die Hälse mit fliegenden Mähnen und bebenden Nüstern; die mittleren sprangen unter dem Druck in die Höhe, und im nächsten Augenblick entstand wilder Tumult. Da trat ein ruhiger türkischer Offizier dazwischen und veranlaßte die Bulgaren, ihren strammen Griff zu lockern, so daß die Tiere sich besinnen und ihrer friedlichen Natur folgen konnten. Die Droschkenreihe mußte halten, bis das Koppel gesammelt war und unter munterem Geklapper auf dem Steinpflaster weitertrieb, was wie eine emsig arbeitende Schreibmaschine klang. Ralph hatte reichlich Zeit, die Neuangekommenen zu betrachten. Da waren Landsleute von ihm, mit flachen Reisemützen und kräftigem Teint, und ein deutscher Professor, der das Neue in seinem Baedeker statt auf der lebendigen Straße suchte. In dem dritten Wagen saß eine junge Dame ganz allein. Sie trug einen weiten, grauen Staubmantel und einen indigofarbigen Automobilschleier, dessen Enden in einer dunklen Wolke hinter ihrem Rücken herflatterten. Ihr dunkelbraunes Haar fiel locker von der Stirn über die weißen Schläfen. Die starken Brauen waren eigenwillig geschwungen, mit einer kleinen Falte in der Mitte, tiefsinnig oder wehmütig. Die Nase war fein gebogen, etwas in ihrer Form erinnerte an nahe oder entfernte Verwandtschaft mit Judenblut; der Teint war weiß und gesättigt. Aber das alles war es nicht, was ihn anzog, es waren die Augen, die großen dunklen Pupillen, der starke und warme Blick, in Einsamkeit gereift, der sich dem Leben verwundert öffnete. Das war nicht der Blick einer Großstädterin. Er hatte solche Augen in den Bergen gesehen, aber nie in Neuyork. Ralph interessierte sich besonders für Hände; er sammelte sie, studierte sie und ließ sich von ihnen in seinem Urteil beeinflussen. Schon als Knabe hatte er viel auf Hände gegeben. Aergerlich, daß er ihre Hände nicht sehen konnte. Nach Stirn und Schultern zu urteilen, mußten sie kurz, weich, etwas zu breit sein, aber mit hübsch gerundeten Fingern, die unter klaren, weißen Nägeln spitz zuliefen. Die Büste war kräftig, mit einer gespannten, aber hoch atmenden Brust. Sie saß aufgerichtet da, ein wenig vornübergebeugt und nahm das Leben mit kleinen empfindsam lauschenden Bewegungen entgegen, während die Eindrücke über ihr Gesicht huschten, wie der Wind über ein Weizenfeld; sie runzelte die Brauen, verzog den kleinen, empfindsamen Mund und krauste das Kinn, das ebenso wie die Stirn fein gerundet war. Von diesem ganzen Schattenspiel ging ein so warmer Atem aus, solch Duft von etwas Gutem, daß es ihn packte. Solange die Wagen hielten, verwandte er keinen Blick von ihr, und schließlich erreichte der Strom seines Interesses sie und veranlaßte sie, den Kopf nach ihm umzudrehen: Ihre Blicke begegneten sich, und obgleich er seinen Blick sofort abwandte, fühlte er sich wie auf einer Indiskretion ertappt, sie beugte den Kopf über ihre Reisetasche, während der Kutscher schrie, die Pferde vorbeiklapperten und der Wagen weiterfuhr. Was mochte sie für eine Landsmännin sein? Seine Erfahrung reichte hier nicht aus. Dann aber entschwand der Eindruck seinem Bewußtsein. Als Ralph die Brücke passiert hatte, klingelte gerade eine elektrische Straßenbahn zur Abfahrt, mitten in dem Gewimmel von bunten Turbanen und roten Fes, die in allen Richtungen über den schmutzigen Markt eilten. Eine Mißgeburt von einer Straßenbahn war es, klein und plump. Er zwängte sich auf die hintere Plattform zwischen zwei Jungtürken in europäischen Röcken, mit Kneifern und Bartstoppeln. Der Wagen war in zwei Teile getrennt, mit einer hölzernen Scheidewand, die der Schaffner hin und her schieben konnte, je nachdem sich viele oder wenige in dem vorderen Raum befanden, der für Frauen bestimmt war. Sie saßen abgesperrt hinter einem Vorhang, der den Durchgang verdeckte, in langen, einfarbigen, grünen, roten oder blauen Kleidern, mit gleichfarbigen Kopftüchern. Das Gesicht vom Schleier verdeckt, saßen sie wie materialisierte Geister in einem Spiritistenkabinett. Der Wagen kämpfte sich mit halber Kraft durch die dichtbevölkerte Straße vorwärts, unaufhörlich bimmelnd. Weiterhin wurde die Straße ruhiger, führte an verrosteten Eisengittern auf Marmorsockeln vorbei, hinter denen verwitterte Grabsteine standen, lange und flache, schiefe und gerade, die vornehmsten mit Kuppeln. Im Hintergrunde lag eine Moschee, weiß und geschlossen, die blinden Fensterbogen waren zur Sonnenseite gekehrt, die Minaretts saßen wie Schildwachen auf allen vier Ecken des Kuppelhimmels, der sich weiß und rein zu seinem hohen Genossen emporwölbte. An einer Straßenecke stand ein ehrwürdiger Platanenbaum, dessen Rinde wie ein verblichenes Pantherfell aussah. Das Rascheln des dürren Laubes im Wind klang wie silbernes Schellengeläute. Auf dem breiten Platz am Fuße der Sophie-Moschee saßen gutgekleidete Alttürken vor einem kleinen Café auf niedrigen Diwans, mit hochgezogenen Beinen, tranken Kaffee und rauchten ihren Tschibuk, während ein hochaufgeschossener Bengel herumging und Zeitungen verkaufte. Wer tat die Arbeit in ihren Bureaus? Wer verkaufte, was verkauft werden mußte? Es war ja mitten in der Arbeitszeit! Hatte Zeit keinen Wert für sie? Die Straße wurde breiter, luftiger und heller. Zwischen Zypressen und Apfelsinenbäumen lagen Puppenhäuser aus Holzfiligran; dort stand eine einzelne abgehärtete Palme. Die Vorstadt gab sich durch die Kleidung und Manieren der Menschen kund. Es war, als ob das Leben stehen bliebe, dann plötzlich wieder mit einem kleinen Ruck erwachte, wieder stehen bliebe und sich auf einem sonnigen Fleck vor einem Laden niedergelassen hätte, von dessen Decke eingeschrumpfte Würste herabhingen, und auf dessen schmutziger Ladenbank staubige Flachbrote und klebrige Kuchen lagen. Hühner liefen mitten auf dem Weg. Ein scheuer, räudiger Hund durchschnüffelte den Abfallhaufen unter einer verfallenen Gartenmauer. Arme Kinder spielten Ball mit verfaulten Mandarinen, in Lumpen gekleidete Männer saßen mit gekreuzten Beinen im Schatten der Häuser und rauchten ihre Pfeife, ohne ein Wort und ohne Sorgen. Der Uebergang von der lärmenden Stadt zu der ländlichen Oede war so plötzlich und überwältigend, daß es wie eine Offenbarung auf Ralph wirkte. Er wunderte sich über diesen ziellosen Stillstand, der ihm fremd war. Sein ganzes Leben hatte er in emsigen Städten mit zielbewußten Menschen zugebracht. Es zog ihn an, ärgerte und fesselte ihn zugleich. Sah das Leben vielleicht so aus, wenn man die Kultur abkratzte? Er selbst war in kleinen Verhältnissen groß geworden. Er hatte Arbeiter in Kälte und Not gesehen und hatte sie verachtet, weil es seine Pflicht war, die Verkommenen zu verachten. Er hatte ihre Frauen und Kinder bei dem Generalstreik, der das Gelingen seiner Brücke beinah zuschanden gemacht, den er aber mit geballter Faust unterdrückt hatte, hungern sehen. Er hatte es ohne viel Mitgefühl getan, du lieber Gott, das Leben ist ja für uns alle schwer. Sie waren Stiefkinder, Sklaven der Kultur, aber andererseits auch hilflos ohne diese. Die meisten ahnten ja nicht einmal, daß das Leben auch für sie anders sein konnte. Und war es ihm selbst nicht ebenso ergangen? Die Freude am Leben, ohne Rücksicht auf die kommende Stunde, das Glück, das in wunschlosem Verweilen liegt, das alles kannte er nur aus Büchern, an die er nicht einmal glaubte. Aber jetzt wollte er es kennen lernen. Er wollte das ursprüngliche, eigentliche Gesicht des Lebens sehen. Wenn er hier schon, auf der Schwelle zum Osten, einen Schimmer davon sah, wie vollständig würde es sich ihm dann erst dort hinter den grauen Höhen, in der uralten Welt entschleiern, wo alles, auch was jetzt lebt, seinen Ursprung hat. Die Bahn hielt an der Endstation. Vor ihnen lag die alte Stadtmauer mit den verwitterten Riesensteinen, Erderhöhungen, dem breiten Mauergang und den viereckigen Schießtürmen. Gerade vor der Endstation lag ein Wirtshaus mit gewölbten Torräumen, wo dunkle Muselmänner in der Hucke saßen und mit unbeweglichen, bärtigen Gesichtern hinter ihm herblickten. Er folgte dem Weg längs der Mauer in nördlicher Richtung. Dornbüsche und Brombeersträuche wuchsen wild zwischen den Ruinen. Junge, anmutige Akazien klammerten sich zwischen den Ritzen an die Steine und hingen über den Weg. Nachdem er eine halbe Stunde gegangen war, ohne einem Menschen zu begegnen, erweiterte der Weg sich plötzlich zu einem offenen Feld. Dort drüben lagen schmutzige Zelte und dahinter, im Schutz der breiten Stadtmauer, einige Lehmhütten. Ein Hund witterte ihn und bellte wie rasend. Vor dem nächstgelegenen Zelt richtete sich ein Mann von der Erde auf und starrte den Friedensstörer an. Ein weiblicher Kopf tauchte aus der Dunkelheit des Zeltgiebels auf. Die elende Zuflucht armer Leute, im warmen, goldenen Licht des Nachmittags gebadet. Ralph sah auf der Karte nach. »Zigeunerviertel« stand da. Mit Appetit machte er sich an das Abenteuer. Seinen Browning-Revolver hatte er in der Tasche, falls jemand ihm zu Leibe wollte. Als er in die Nähe der Hütte gekommen war, saß der Mann wieder über seine Arbeit gebeugt. Er formte aus einem Stück Holz mit seiner Axt einen Handgriff. Zwei stechende Augen blickten aus einem mageren, gelben Gesicht fragend zu Ralph auf. Darauf verzog sein Mund sich zu einem Lächeln: er grüßte auf Türkenart, indem er die Hand von der Erde zu Mund und Stirn führte. Ein junges Weib und ein kleines Mädchen kamen aus dem Zelt und musterten Ralph mit ihren schwarzen Augen, während sie grüßten. Als er sie auf englisch anredete, schüttelte die Frau den Kopf und warf einen hastigen Blick auf den sitzenden Mann, als ob sie ihn um Rat befragen wollte. Ralph studierte sie mit Muße. Sie stand auf gespreizten Beinen, mit nackten Füßen, klein und untersetzt. Das staubige, lange Haar hing in Strähnen um die niedrige Stirn. Sie hatte blanke, leuchtende Augen; der Mund öffnete und schloß sich unter seinem Blick, als wüßte er nicht, ob er betteln oder verführen wollte. Da streckte sie plötzlich ihre Hand aus und sagte: »Backshiis«. Im selben Augenblick zupfte die Kleine von hinten an seinem Ulster. »Backshiis« sagte sie, und streckte ihm die schwarzen Händchen entgegen, mit großen Augen, die schon inständig bitten gelernt hatten. Und der Mann legte den Kopf auf die Seite, führte die Hand zum Munde und sagte »Backshiis«. Mit einem plötzlichen Einfall stemmte Ralph die Hände in die Seite, wiegte sich in den Hüften und bedeutete der Frau, daß sie tanzen solle. Sie verstanden ihn sofort. Auf einen Wink des Mannes sprang die Kleine ins Zelt und kam mit einem schmutzigen Tamburin zurück. Sie hob ihr Röckchen und wischte den Staub damit von dem Ding. Die Frau riß ihr Kopftuch ab, löste mit einem Ruck die aufgesteckten Flechten, warf den Kopf in den Nacken, heftete die langen geteilten Beinkleider bis an den Gürtel hinauf, streckte Ralph ihre festen, runden Arme mit offenen Handflächen entgegen und nickte der Kleinen zu, die das Tamburin mit der einen Hand schlug, während sie es mit der anderen durch die Luft rasseln ließ. Die Frau sprang in die Höhe, zog die Arme ein und streckte sie ihm wieder entgegen, drehte den Kopf hin und her, beugte ihn vor und legte ihn in den Nacken. Die Zähne blitzten durch die weitgeöffneten Lippen, ihre Augen ließen ihn keinen Augenblick los. Sie drehte sich, beugte sich in den Knien, saß in der Hucke, sprang auf, schwang sich herum, aber drehte sich sofort wieder um und fing ihn wieder mit ihrem Blick ein. Schneller und schneller bewegte sie den Kopf, schwang und drehte sich, daß ihre Flechten wie Schlangen durch die Luft wirbelten. Ihre Backen glühten und ihre Augen brannten bei der rasenden Schnelligkeit. Der Mann erhob sich und begleitete sie mit singenden, erhitzenden Zurufen, schließlich entriß er der Kleinen das Tamburin, um es schneller zu schlagen, als sie es vermocht hatte. Staub wirbelte um sie herum, feiner, weißer Staub in der glühenden Sonne, der sich mit dem Dampf ihres schweißtriefenden Körpers vermischte. Plötzlich flog das Tamburin ins Zelt, die Frau hielt mit einem Schlage inne und stand auf gespreizten Beinen vor Ralph, mit krampfhaft wogender Brust, glühenden Wangen, die Arme ihm entgegengestreckt wie zu Anfang. Ihre schwarzen, blitzenden Augen hingen wie gebannt an ihm, während die roten Lippen über weißen Zähnen schimmerten. Ralph erwachte plötzlich wie aus einem Traum, Er hätte dieses Leben dort vor ihm, das wie ein langer, leidenschaftlicher Ton bebte, in seine Arme reißen mögen; aber er beherrschte sich, tat einen tiefen Atemzug, griff in die Tasche und warf einige Goldstücke in die Luft, die in der Sonne blitzten; sie fing sie mit ihrer offenen Hand auf. Dann machte sie eine heftige Bewegung, als ob sie sich auf ihn stürzen wollte, gab aber nur einen heiseren Kehllaut von sich. Darauf preßte sie die Münzen gegen ihre Lippen und nahm sie zwischen ihre weißen Zähne. Den Blick unverwandt auf seine festen, grauen Augen gerichtet, riß sie sich eine Kette vom Hals, griff nach seiner Hand und hängte sie ihm ums Handgelenk. Und jetzt fand sie auch das Wort, das sie suchte, das englische Wort, das sie kannte: »Sweetheart! Sweetheart!« Er lachte laut auf, mit seinem kurzen, kräftigen Lachen. Er verstand, was sie meinte; und ihre Augen, die jetzt ruhig geworden waren, bestätigten, daß er sie richtig verstanden habe: »Diese Kette sollst du deiner Braut geben.« Es war eine silberne Kette mit vielen kleinen Amuletts: eine Hand, ein Fisch, ein Kreuz, ein Anker, ein Gesicht und eine Schlange. Indem er sie nach und nach durch seine Finger gleiten ließ, nickte sie und erklärte ihm mit einem Griff an Herz oder Auge, was sie zu bedeuten hätten. Das war Ralph Cunnings erstes Abenteuer in der alten Welt. Er kehrte zur Stadt zurück. Ueber den Kuppeln im Westen wurden jetzt weiße Federwölkchen von der untergehenden Sonne entzündet, die breite, rote Feuerschwerter über den Himmel schickte, bis sie schließlich zu einem Himmelsbrand zusammenschlugen, der Stambuls Kuppeln zum Glühen brachte. Im selben Augenblick war es, als ob Warnungsrufe vom Himmel erklängen. Er blickte sich erstaunt um, und sein Auge fiel auf den Muezzin, der von der Galerie des Minaretts zum Gebet aufforderte. Dort oben stand er, mit der Himmelsglut auf seinem weißen Turban, und verkündete mit hocherhobenen Händen, vor Einbruch der Nacht, daß es nur einen Gott gäbe. Die Gläubigen hasteten über den Marktplatz zum Brunnen und wuschen Hände, Gesicht und Füße, um rein vor des Herrn Angesicht zu treten. Auf der Galatabrücke hatte der Verkehr jetzt abgenommen. Nur Geschäftsleute gingen dort noch, die von Pera nach Stambul, von Europa nach Asien heimkehrten. Ihr Mund war stumm, ihre Hände waren still, wie es sich für Orientalen in der Stadt des Sonnenuntergangs geziemt. Er kam beim Café Genio vorbei, wo das elektrische Licht bereits mit dem schwindenden Tag kämpfte, und ging über die enge Straße zum Funiculaire, der durch einen steilen Tunnel zu Peras Gipfel hinaufführt. Dort wimmelte es von Europäern: Kontoristen, Journalisten, Börsianern, die im Stehen die Zeitung lasen. Er fand, daß er wieder zu Hause sei. Der Stempelschlag der Arbeit klapperte um ihn herum mit seinem rastlosen Takt. Er war mitten drin und dennoch ganz außerhalb; es war ein merkwürdiges Gefühl, halb Leere und Sehnsucht nach dem Gewohnten, halb Befreiung und unruhige Freude. Eine heftige Neugierde nach dem Kommenden wurde aus dieser Gemütsstimmung geboren; und er merkte plötzlich mit knabenhaftem Erstaunen, wie weit er sich in diesen zwanzig Tagen bereits von sich selbst entfernt hatte. Er eilte zum Hotel zurück, durch dunkle Seitenstraßen, wo alles Leben des Tages bereits erloschen war. Kein Licht war hinter den geschlossenen Fensterläden zu sehen, nur gedämpftes Sprechen erklang hier und dort, und die wehmütigen Töne einer türkischen Laute. Er kleidete sich zum Diner um, ohne Licht zu machen. Der Schein der Nacht fiel durch die offenstehenden Balkontüren auf weißlackierte Möbel und dunkle, schwere Teppiche. Hinter den Zypressen und Ruinen auf der Höhe lag das Goldene Horn, mit zitternden Sternen in seinem Schoß. Von beiden Brücken streckten die Lichtstreifen der Laternen ihre langen Fühlfasern durch das dunkle Wasser. Die roten und grünen Lichter der Motorboote huschten wie Irrlichter von Kai zu Kai. Leises Summen, wie der ferne Gesang eines Meeres, stieg durch die kalte, reine Luft zu dem glitzernden Kristall des Himmels auf. Fledermäuse schwirrten wie ruhelose Geister an seiner Tür vorbei. Im Speisesaal waren nur wenige Gäste. Die meisten hatten schon gegessen. Das Essen war gut und der Wein, den er, ganz gegen seine Gewohnheit, zwischen den besten Marken ausgesucht hatte, noch besser. Gewöhnlich war er schnell fertig mit seiner Mahlzeit, heute aber blieb er lange sitzen und sann über den Tag nach. Das leise Rascheln eines Kleides weckte ihn. Eine Dame erhob sich von einem Ecktisch und ging an seinem Tisch vorbei. Ein großer Aufsatz von weißen Syringen hatte ihr Gesicht bisher vor ihm verdeckt. Jetzt sah er es. Im selben Augenblick trafen ihre Blicke sich, und ein Wiedererkennungsstrom blitzte zwischen ihnen auf. Ihre Augen konnten es nicht verbergen, es zuckte in der Falte zwischen ihren Brauen, als ob ein Windhauch darüber hingegangen sei. Er folgte ihr mit den Augen, während sie aus dem Saal ging. Ihr Nacken war fest und weiß hinter dem hochgekämmten Haar, das sich an den Schläfen wellte. Die Schultern fielen sanft gerundet zu den Armen ab. Der Gang war leicht und frei, schneller, als er ihn bei Neuyorker Damen gewöhnt war. Sie war einfach gekleidet, in schwarzer Seide mit einem Kragen von feinen alten Spitzen. Den Kopf trug sie hoch, als recke sie sich, um über ein Gitter zu sehen. Die zartgeformten Arme waren bis an die Ellbogen entblößt und ohne Schmuck. Wohlhabend, aber nicht reich, dachte er, aus guter Familie und in Trauer. Er irrte sich sicher nicht, wenn er annahm, daß sie an Arbeit gewöhnt sei. Aber welche Art Arbeit? Und aus welchem Lande mochte sie sein? Französin war sie ebensowenig wie Amerikanerin, auch keine Engländerin. Eine Süddeutsche? Er war selbst von deutscher Herkunft; sein Urgroßvater hieß Kunz und war nach den napoleonischen Kriegen aus Heilbronn ausgewandert. Er, Ralph, hatte kurze Zeit am Polytechnikum in Hannover studiert, hatte später mit vielen deutschen Ingenieuren zusammen gearbeitet und gelegentlich in ihren Familien verkehrt. Er kannte den Typ; nein, eine Deutsche war sie auch nicht. Er stand auf und ging in den Salon hinauf, aber sie war nicht da. Dann zündete er sich eine Zigarre an und schlenderte in die Halle, wo das Fremdenbuch auf einer Drehscheibe beim Pförtner aufgeschlagen lag. Zwischen den Neuangekommenen stand mit großer, fester Schrift und steilen, runden Buchstaben: »Helen Herz – Copenhague.« Als er sich umdrehte, fiel sein Blick auf den Dragoman, der ihn bei seiner Ankunft vom Bahnhof abgeholt hatte und sich jetzt tief verbeugte, mit einem resignierten Blick in seinen schwarzen Hundeaugen. Ralph erinnerte sich seines enttäuschten: »Mylord wollen allein fahren?« als er ihn am Morgen von dem Sitz neben dem Chauffeur heruntergewinkt, wo er bereits Platz genommen hatte. Ralph war nach dem Mittagessen in guter Laune und winkte ihn freundlich zu sich heran. »Na, Dragoman, was können Sie mir denn zeigen?« »Alles, was Mylord wünschen.« »Gut. Treten Sie morgen um acht Uhr an und zeigen Sie mir etwas, was kein anderer zu sehen bekommt. Aber kein Europa.« »Ich werde Mylord offenbaren, was allen anderen verborgen bleibt.« Er rollte bedeutungsvoll mit den Augen und schlug mit den Armen aus, als brauche er sich die Sehenswürdigkeiten nur aus dem Aermel zu schütteln. Punkt acht Uhr hielt ein großes, rotlackiertes Auto vor der Hoteltür. Ralph nahm mit dem Dragoman hinter dem Chauffeur Platz. Es ging am Theaterpark vorbei durch die Perastraße, deren Pariser Läden noch geschlossen waren, längs der weißen Fassade der Artilleriekaserne und dem großen, öden Feld davor, dem Marsfeld, wo Reitübungen abgehalten werden. Beim armenischen Kirchhof verstärkten sie das Tempo und waren bald außerhalb der Stadt auf einem Wege, der in Zickzacklinien zu dem Rücken der westlichen Höhen des Bosporus anstieg. Zwischen dunklen Zypressen leuchteten weiße, türkische Pavillons und die europäischen Landsitze der Gesandtschaften. Die schlanken Zinnen der Sultanschlösser Dolman-Bagtschés und Tschiragans blinkten in der Sonne am Fuße der Höhen; dahinter kam ein Streifen des veilchenblauen Bosporus zum Vorschein. Lateinersegel schwammen darauf wie Federn, die die Möwen verloren hatten. Ein langer, schmaler Passagierdampfer schnitt einen dunklen Streifen durchs Wasser, indem er auf die Küste zusteuerte. Drüben auf den Höhen von Kleinasien konnte man die alten Küstenforts erkennen und verstreute Dörfer, wie rote Flecke in einem grauen Fell. Eine Mauer schlängelte sich zwischen Zypressen auf sie zu. Dahinter lag ein mächtiger Park mit weißen Pavillons. »Das ist der Nildiz-Kiosk,« sagte der Dragoman auf Ralphs fragenden Blick – »dort drüben liegt Abdul Hamids Harem, und das ist eine Moschee.« Er berichtete mit großen Gesten von der Absetzung des Sultans und der Auflösung des Harems. »Wohin fahren wir?« unterbrach Ralph ihn. »Mylord,« der Dragoman zog feierlich die Augenbrauen in die Höhe, »ich führe sie irgendwo hin, wo ich noch keinen Christen hingeführt habe, obgleich ich schon siebenundzwanzig Jahre Dragoman für Herrschaften gewesen bin.« Da Ralph nicht genügend imponiert zu sein schien, fügte er hinzu: »Mylord, ich tue es auf die Gefahr hin, meinen Posten zu verlieren.« Ralph verzog den Mund. »Wohin?« fragte er. »Zur Waschmühle des Sultans.« Ralph sah ihn fragend an. »Wo die Wäsche des Hofes und Harems gewaschen wird. Warten Sie es ab, Mylord, warten Sie es ab!« Er nickte verheißungsvoll und zeigte über die Höhen hinweg auf ein niedriges, viereckiges, weißes Gebäude, das wie der Flügel eines Gutshofes aussah. »Dort liegt sie.« Der Weg hatte sich wieder gesenkt. Links blinkte ein Bach in einer Kluft. Das kristallklare Wasser rieselte wie klirrendes Metall über die Steine. »Das ist der Mühlenbach.« Weiter fort floß das Wasser in einem ruhig laufenden, breiten Strom zwischen Zypressen und verschwand unter der weißen Mauer. Das Auto bog in einen Seitenweg ein, zwischen hohen Mauern, schwankte über Steine und wirbelte den Staub zu einer dichten, trägen Wolke auf, die wie Kalkpuder auf Ralphs Ulster fiel. Der Weg war so schmal, daß sie die Mauer mit der Hand erreichen konnten. Plötzlich erweiterte er sich zu einem runden Platz vor einem hohen Portal mit einer alten, verzierten Bronzetür. Der Dragoman sprang ab und klopfte ans Tor. Schleppende Schritte ertönten, das Tor wurde einen Spalt breit geöffnet, und ein alter Torwächter mit weißem Turban, wattiertem Schlafrock und großen Binsenschuhen steckte sein rundbärtiges Gesicht durch die Oeffnung. Der Dragaman führte eine flüsternde Unterhaltung mit ihm. Der Alte machte mit trocken knarrender Stimme Einwendungen, musterte Ralph, kratzte sich den Bart und sagte »Allah«. Darauf zog er seinen Kopf zurück, und das Tor ging ganz auf. Sie fuhren durch einen viereckigen, kiesbestreuten Hof und hielten auf der anderen Seite, die in Sonne gebadet lag. Vor einer Tür in der Mauer stand ein niedriger Wagen mit einer langhaarigen Ziege davor, deren Euter fast den Boden berührten. Ein junger Bursche erschien in der dunklen Türöffnung und schob einen Karren mit schimmernd weißem Zeug vor sich her. Beim Anblick des großen roten Wagens blieb er verwundert stehen. Während der Dragoman, von Ralph gefolgt, zu einem Torbogen im linken Flügel schritt, beeilte der Junge sich, das Zeug auf dem kleinen Wagen abzuladen, gab der Ziege einen Schlag, und das Fuhrwerk rollte hastig über den Kies auf das Tor zu, während der Junge mit merkwürdig schlotterndem Gang nebenher ging, als könne er vor Müdigkeit seine Glieder nicht beherrschen. Er war schmalschultrig, die Augen groß und stumpf, die Lippen standen halboffen in dem weißen Gesicht. »Was fehlt ihm?« »Nichts, so sind alle Eunuchenknaben.« In der offenen Torwölbung stand ein großer Mann mit weißem Anzug und rotem Fes. Er drehte sich beim Geräusch der knirschenden Schritte auf dem Kies um. Der Dragoman grüßte ehrerbietig, eilte auf ihn zu und hielt eine lange, flüsternde Rede. Der Weißgekleidete blickte verstohlen auf Ralph, führte seine Hand grüßend an Mund und Stirn, lächelte verdrießlich mit seinen schlaffen Lippen und gab Ralph mit einem Achselzucken zu verstehen, daß er nur türkisch spräche. Darauf füllte er einen Erlaubnisschein aus, den er dem Dragoman gab, und wandte sich wieder seiner Arbeit zu. Ralph musterte ihn, während sie an ihm vorbeigingen. Ueber der hohen Erscheinung lag ein merkwürdiges Gepräge von edlem Negerblut mit abendländischem Schliff vermischt. Die Augen waren klein und ausdruckslos, die Nasenflügel sehr breit, aber fein gemeißelt, die Ohren wohlgeformt und klein. Die glatte Haut war zart wie bei einer Frau; an der leise quäkenden Stimme und den langen, feisten Gliedern erkannte Ralph gleich, was er für ein Mann war. »Das ist der Obereunuch,« flüsterte der Dragoman mit Ehrfurcht, »er leitet die Mühle.« Die Arbeit ging ihren Gang, der Junge kam mit seinem Ziegenwagen, sagte etwas, was der Obereunuch notierte, und trieb dann das Fahrzeug mit der Ziege durch den großen Scheunenraum und aus einem offenen Tor auf der anderen Seite wieder hinaus; dort war ein großer Abhang, auf dem Wäsche zum Bleichen lag; sie blendete so, daß es einem in die Augen schnitt. Dort draußen waren mehrere weißgekleidete Jungen, von derselben Art wie der Ziegenwagen-Junge, damit beschäftigt, die Wäsche in langen Reihen auszubreiten. Der Wagen lieferte den Jungen auf der Bleiche seinen Inhalt ab und kehrte leer zum Obereunuchen zurück, der schmutzige Wäsche aus einem ungeheuren Haufen neben sich abzählte und von dem Jungen auf den Wagen laden ließ. »Wo wird die Wäsche gewaschen?« »Geduld, Mylord, Geduld!« Sie folgten dem Ziegenwagen, bis er vor der Tür hielt. Sie sahen, wie der Junge das schmutzige Zeug auf die Schubkarre lud, und folgten ihm, bis sie zu einem Raum kamen, der nur aus einer Türöffnung von der entgegengesetzten Seite Licht erhielt. Unter ihren Füßen erklang ein summendes Geräusch. »Das ist der Mühlenbach,« sagte der Dragoman. Durch eine Loggia kamen sie in einen Saal, in dem zu beiden Seiten kleine abgeteilte Räume waren. Auch hier war es halbdunkel; aber Ralph, der gute Augen hatte, konnte doch in jedem Raum einen niedrigen Diwan und einen kleinen Tisch unterscheiden. Auf dem Diwan lag Wäsche, an einzelnen Stellen meinte er eine Frauengestalt zu erkennen, die im Begriff war, sich an- oder auszukleiden. Es war wie in einer Badeanstalt, wo die Besucher ihre Kabinen verlassen haben, um ins Wasser zu gehen. Der Bach floß in einem breiten Strom unter dem Fußboden; Ralph konnte das klare, grüne Wasser zwischen den Brettern blinken sehen. Von dem Saal kamen sie in eine breite Vorhalle, die wie eine Veranda an drei Seiten geschlossen war. Wo der Boden der Halle aufhörte, strömte das kristallklare Wasser in einem breiten, ruhigen Bogen hervor und stürzte sich dann von einer meterhohen Kante auf ein Plateau herab, über dem ein Gangbrett lag. Unter dem Brett floß das Wasser weiter und fiel etwas weiterhin wieder einen Meter tief auf eine Terrasse herab, auf der ebenfalls ein Gangbrett lag. Wieder floß das Wasser weiter und fiel noch einen Meter zu der tiefsten Terrasse herab, die von keinem Brett überdeckt war. Von hier aus lief das Wasser in einem ruhigen Strom zu einem kleinen Teich, über den auf Pfählen ein hohes, weißes Gitter errichtet war, das die Aussicht verschloß. Von dem Dach der Vorhalle war zwischen Pfeilern ein Baldachin aus Segeltuch über alle Terrassen ausgespannt, während der kleine Bach in blendendem Sonnenschein dalag. Die Gesichter zur Halle gekehrt, stand eine Reihe Frauen auf dem obersten Gangbrett, die alle ein Stück Wäsche über die Kante des Bretts hielten, so daß das Wasser darüber hinspülte. Nach der Spülung falteten sie es zusammen und legten es auf den Boden der Halle. Darauf beugten sie sich auf das Gangbrett herab und nahmen aus dem Haufen neben sich ein anderes Stück, das von der Terrasse unter ihnen für sie dort bereit gelegt wurde. Die Frauen, die auf der unteren Stufe standen, rieben die Wäsche mit ihren Händen in dem herabfallenden Wasser, so daß es hoch um sie aufspritzte. Jedes Stück, das ihnen von der Terrasse, die wieder unter ihnen war, hinaufgereicht wurde, legten sie, nachdem sie es gewaschen, den Frauen auf die obere Terrasse hinauf. Die Frauen auf der dritten und niedrigsten Stufe standen hoch aufgeschürzt mit den Füßen in dem kalten Wasser, das bis an die Knie reichte, so daß bald diese, bald jene fröstelnd die Beine aus dem Wasser hob. Diese Frauen verrichteten die gröbste Arbeit. Der Junge, der mit dem schmutzigen Zeug kam, schob den Karren über eine schräge Flache an der Seite des Bassins, bis zur untersten Reihe hinunter und reichte dort der Frau, die ihm am nächsten stand, die Wäsche stückweise; diese reichte sie ihrer Nachbarin und so immer weiter, bis jede ihre bestimmte Anzahl bekommen hatte. Mit Seife oder Lauge, die in einer Tasche an ihrem Gürtel hing, rieben sie die Wäsche ein, wuschen sie in dem fallenden Wasser, so daß der Schaum über ihre nackten Arme ganz bis an die Schultern spritzte, und reichten sie nach einer hastigen Spülung den Frauen auf der oberen Terrasse. Von der Halle aus beaufsichtigten zwei Rieseneunuchen diese Arbeit. Sie paßten auf, daß keine der Frauen träge bei der Arbeit war; sie betrachteten die Wäsche, daß sie reingewaschen war, wenn nicht, reichten sie sie hinunter, damit sie noch einmal gewaschen wurde. Sie paßten auf, daß Zänkereien nicht überhandnahmen, so daß die Arbeit darunter litt; im übrigen aber konnten die Frauen nach Herzenslust singen, plaudern, lachen und sich zanken. Der eine Eunuch nahm Ralph und dem Dragoman an der Tür den Erlaubnisschein ab und ließ sie mit einer Handbewegung vorbeigehen, indem er Ralph ehrerbietig grüßte. Der Dragoman hatte offenbar wahr gesprochen; hier pflegten nur Rechtgläubige zu kommen. Der Anblick eines Mannes in Rock und Hosen, ohne Fes, weckte große Verwunderung zwischen den Frauen. Der Dragoman erzählte, daß die Waschmühle des Sultans eine Strafanstalt für Odalisken sei. Die Frauen in der untersten Reihe hatten sich am schwersten vergangen. Darum standen sie in dem kalten Wasser, mußten die schwerste Arbeit verrichten und am längsten arbeiten. Ihre Füße wurden grob, ihre Hände verloren die Weichheit und schöne Form. Für Frauen, die keinen anderen Maßstab für ihren Menschenwert kennen, als ihr Aeußeres, war es eine sehr schlimme Strafe. Es kam vor, daß eine Odaliske Selbstmord beging, um ihr zu entgehen. Die Arbeit auf der zweiten Terrasse war die zweitschlimmste Strafe. Dort wurden ihre Hände von Seife und Lauge, ihre Beine von dem kalten Wasser verschont, ihre Arbeitszeit aber war dieselbe. Auf der obersten Stufe aber arbeiteten die Frauen nur einen halben Tag, bekamen weder nasse Füße, noch Seife an die Hände, und ihre Arbeit war so leicht wie möglich. Da waren alle Grade von Odalisken, aber keine Kadinen, keine Sultansfrauen. Es kam auch vor, daß Favoritinnen zwischen den Frauen der obersten Stufe waren, – Ikbals, die dem Sultan schon persönlich gedient hatten. Bisweilen intrigierte die Hasnadar Usta, die Oberhofmeisterin, gegen eine Ikbal, die Aussicht gehabt hatte, zur Kadine befördert zu werden. Dann tat die hohe Dame alles was sie konnte, um die Betreffende zu reizen, bis sie die Oberhofmeisterin beleidigte oder ihr sogar den Gehorsam verweigerte. Dann konnte sie bestraft werden und hatte damit ihre Chance verloren. Da waren auch Gösdes, auf die das Auge des Sultans gefallen war und die Hoffnung hatten, daß er ihnen das seidene Taschentuch vor die Füße werfen würde, das heißt, daß sie Favoritinnen werden konnten, wenn der Sultan im Ramadánmonat seine jährliche Revue im Harem abhielt. Sie gehörten meistens den beiden niedrigsten Rangklassen an: den Kalfas, Kammermädchen, die frei im Harem herumgingen und darauf hofften, daß das Auge des Sultans eines Tages auf sie fallen möge, so daß sie Gösdes werden konnten, und den Halaiks, die es nicht weiter gebracht hatten, als in Scharen zu singen, zu spielen und zu tanzen. Zwischen diesen Jüngsten pflegten die gröbsten Sünderinnen zu sein, weil sie noch nicht lange die Schule durchgemacht und sich zu schicken gelernt hatten. Während Ralph die Frauen betrachtete, musterte der Dragoman ihn von der Seite, um zu erraten, was in ihm vorginge. Alle waren gleich gekleidet, in langen, lose hängenden Kitteln, die von einem Gürtel zusammengehalten wurden. Die Frauen in der ersten Reihe hatten nur unbedeckte Unterarme; auf der zweiten Stufe waren ihnen die Aermel bis an die Schultern hinaufgeheftet, und denen auf der letzten Stufe waren auch die faltigen Beinkleider bis übers Knie gerafft. Der Hals war bei allen frei, und wenn sie sich über die Wäsche beugten, war die Rundung der Brust zu sehen. Anfangs genierte es Ralph, daß alle diese Augenkugeln auf ihn gerichtet waren, indessen Gesang und Gezwitscher verstummten. Er bekam einen roten Kopf und konnte sich nicht ruhig verhalten; aber er gewann seine Ueberlegenheit wieder, indem er sie kritisch betrachtete. Er ging sie Reihe für Reihe, Stück für Stück durch. Da waren tannenschlanke Tscherkessinnen mit hübschgeformten Armen, strahlenden Augen unter scharfgezeichneten Brauen, die ihren ovalen Kopf stolz unter dem weißen Kopftuch trugen. Ihre flaumige, weißgüldene Haut bekam bei der Arbeit einen Rosenschimmer, während die Lippen bei dem hastigen Atemholen bebten. Sie standen wie weiße Blumen im Wasser, deren Becher und Blätter vom Wind nach vorn geweht werden. In der ersten Reihe strahlte eine Schönheit mit einer Haltung wie eine Königin und einem Blick wie der einer reinen Jungfrau, die zum erstenmal in die Welt tritt. »Das ist eine Georgierin,« sagte der Dragoman. Sie sah, daß er von ihr sprach und senkte langsam ihre hohen Lider, um sich von der Welt abzuschließen. Da waren rundliche Albanierinnen mit behenden Bewegungen und hastigem Lächeln in den blanken Eichhörnchenaugen. Da war ein vierschrötiges Kurdenmädchen mit wilden Augen wie ein gefangener Vogel. Sie arbeitete mit heimlichem Aufruhr im Gemüt; wenn sie das Zeug mit ihren plumpen Armen hob, sah es aus, als schlüge sie mit Flügeln gegen einen Käfig. Da war eine schlanke, geschmeidige Armenierin mit listigen Augen hinter schmalen Spalten und starrem Lächeln um die feingekräuselten Lippen. Sie hatte den Kopf auf die Seite gelegt, während sie arbeitete, und verwandte keinen Blick von dem Fremden. Während Ralph die Frauen musterte und hin und wieder eine Frage an den Dragoman richtete, waren die Frauen auch nicht faul, ihn zu kritisieren. Sie prüften ihn Zoll um Zoll, mit Lächeln, Kopfbewegungen und hastigen Blicken. Besonders die Jüngsten in der untersten Reihe hatten ihren Spaß und peitschten das Wasser hoch auf, um sich vor den aufmerksamen Blicken der Eunuchen zu decken. Eine Albanierin witzelte. Mit unschuldiger Miene und fast ohne die Lippen zu bewegen, flüsterte sie kurze Sätze, die die nächsten aufschnappten, und die darauf von Mund zu Mund gingen. Gelächter und Prusten knisterten wie elektrische Funken durch die Reihen, während die Köpfe sich über die Wäsche beugten. Eine erkühnte sich, einen gewagten Liedervers zu summen, was eine andere zum Lächeln brachte, halb lüstern, halb verlegen. Bald fing er einen Blick auf, der an seinem Mund, bald einen, der an seiner Stirn hing. Bald mußte seine flache Reisemütze, bald sein Rock herhalten. Er wollte eine Momentaufnahme machen, der Dragoman aber bat ihn, es zu unterlassen, mit einem scheuen Blick auf den Eunuchen. Eine volle Armenierin mit großem, sinnlichem Mund schleuderte auf französisch einen Satz durch die Luft, den er aufgreifen konnte, wenn er wollte. Der Dragoman hörte ihn und lächelte. »Sie bittet Mylord, sie loszukaufen und mit auf Eure Yacht zu nehmen.« Ralph nickte ihr zu. Sie schlug die Augen nieder, über ihre eigene Kühnheit erschrocken. Eine Tscherkessin sandte ihr einen verächtlichen Blick, während der Eunuch seine Augen auf sie richtete. »Kann man die Mädchen kaufen?« fragte Ralph. Der Dragoman flüsterte ihm zu, daß der Obereunuch, der alles unter sich habe, sich bisweilen eine kleine Nebeneinnahme mache, indem er die Mädchen an reiche Landsleute, die zur Besichtigung der Wäscherei kamen, verkaufte. Hasnada Usta bekäme dann ein Geschenk, und es hieße, daß das Mädchen die Arbeit in dem kalten Wasser nicht vertragen habe und gestorben sei. Ralph lachte. Ihm fiel ein, was von den Inspektoren der großen Zigarrenfabriken in Südamerika erzählt wurde, die Tausende von jungen Frauen beschäftigten, und wo häufig »Touristen« aus den Vereinigten Staaten kamen, um die Fabrik zu besuchen. Menschen gleichen sich unter allen Himmelsstrichen, dachte er; unsere Kultur aber ist humaner, weil das Mädchen selbst wenigstens einen Anteil an der Kaufsumme bekommt. Ein plötzlicher Ekel stieg in ihm auf, und er wandte sich zum Gehen, als englische Worte, von einer melodischen Frauenstimme gesungen, sein Ohr erreichten. In der zweiten Reihe, am weitesten nach links, stand eine zarte Frauengestalt, den schmalen Kopf über die Wäsche gebeugt, die sie mit schmächtigen Armen hob und mit feinen Fingern rieb, die, allzu schwach, unter der Arbeit zu leiden schienen. Sie sang ihre Klage in einer Melodie ihrer Heimat, ohne daß die anderen es beachteten, die ihre Spräche nicht verstanden. Sie allein schien die Anwesenheit des Fremden nicht zu bemerken und setzte ihren Gesang ruhig fort. Indem sie das Stück hob, um zu sehen, ob es rein sei, sah er ihr Gesicht im Widerschein der weißen Wäsche. Es war lang und schmal. Ueber den dunklen Pupillen in den opalblauen Augäpfeln schimmerte es wie eine glasartige, dünne Haut; als er ihren Blick auffing, war es, als wenn hinter dieser Haut ein bodenloser Abgrund von Trauer seine Leere auf ihn richtete. Das Gesicht hatte die Farbe einer matten Perle, als sei alles Blut aus ihrem Körper gewichen. Die schönen, etwas hervorstehenden Lippen lagen unsagbar weich aufeinander, wie von beständigem Schmerz geformt. Das Lied, das keine ihrer Leidensgefährtinnen verstand und darum nicht beachtete, war englisch. Ralph beobachtete sie scharf und versuchte die Worte zu verstehen. Obgleich ihre Augen niedergeschlagen waren, merkte sie doch gleich seinen Blick. Es war, als richtete sie das Lied an seine Ohren allein und formte die Worte, damit er sie verstehen sollte. Durch den Lärm des platschenden Wassers, des zwitschernden Geflüsters, des Kicherns und Prustens, das ihm galt, erzwang dieses stille Lied sich einen Weg zu seinem Ohr; und plötzlich verstand er die Worte. Es waren weder Reime noch Versfüße; es war ein Lied, das auf den Lippen eines Herzens geboren wurde, das seine Not verdolmetschte und um Hilfe flehte. »Fremder, hilf mir!« so sang sie, »wenn du ein Mensch bist wie ich, dann hilf mir in meiner Not! – Wenn du eine Mutter oder eine Schwester hast, oder eine Frau, die dir teuer ist, oh, Fremder, dann hilf mir! – Ich bin aus meinem Heim in Indien geraubt, von einem Pferdehändler aus Bendhi Basar nach Damaskus entführt und dem Harem des Sultans verkauft worden, weil ich anders bin als die anderen. Ich bin ein Parsenmädchen aus Navsari; mein Vater ist Mobed, ich habe mit Kindern deines Volkes gespielt und deine Sprache gelernt, als ich klein war. Sieh, man hat mich hier eingesperrt, weil ich nicht tun wollte, was man von mir verlangte, und was ich nicht sagen kann. Hilf mir, hilf mir, Fremder, bevor mein Leib gekränkt wird, und meine Seele in Ahriman vergeht. Kauf mich los und schicke mich zurück zu meines Vaters Haus in Navsari!« Wie fein und klug sie die Gelegenheit ergreift, dachte er. Er wandte sich hastig zum Dragoman um, der bereits auf der Fährte war, obgleich er nichts von dem Notruf in dem einförmigen Lied verstanden hatte. »Ich will kaufen!« Der Dragoman bekam einen roten Kopf vor Freude. Hier gab's mehr zu verdienen als an den elenden Prozenten in den Basaren von Stambul. Er rollte bedenklich mit den Augen und sagte: »Mylord, ich weiß nicht, ob an Christen verkauft werden kann.« »Wieviel verlangen Sie, um die Sache in Ordnung zu bringen?« »Mylord, das ist eine sehr gewagte Geschichte. Hätte ich daran gedacht, dann hätte ich Mylord einen Fes aufgesetzt. Wenn Mylord wenigstens Muselmann wären.« »Woher wissen Sie, was ich bin und nicht bin?« Ralph lächelte. »Sie können gern sagen, daß ich rechtgläubig bin. Also, wieviel verlangen Sie?« »Mylord dürfen nicht glauben, daß es mir ums Geld zu tun ist. Sie müssen selbst bestimmen, was ich für meine Mühe und fürs Risiko haben soll. Wenn Mylord rechtgläubig sind, will ich einen Versuch machen. Wie viele wollen Mylord kaufen?« »Eine.« »Welche?« »Die äußerste dort, links, in der zweiten Reihe.« Der Dragoman kniff die Augen zusammen und musterte sie mit Kennermiene. »Sie ist weder von der Levante, noch vom Kaukasus; sie ist eine Seltenheit und wird teuer.« »Gleichviel.« »Lassen Sie sich nichts anmerken, Mylord, die Eunuchen haben scharfe Augen; ahnen sie, um welche es sich handelt, dann kann sie verschwunden sein, bevor der Befehl kommt. Mylord müssen ihnen fünfzig Frank geben, damit sie nichts gesehen haben; das ist die Taxe. Ich habe nicht so viel bei mir.« Ralph gab ihm, was er brauchte. Während der Dragoman ihn zuerst durch die Tür gehen ließ, sah Ralph, wie er mit den Eunuchen flüsterte, die sich um ihn drängten und mit den Rücken eine Wand gegen die Frauen bildeten, damit keine sehen sollte, was vorging. Der Dragoman ließ einen Schein in ihre Hand gleiten, als er sie ihnen zum Abschied schüttelte. Als sie in den Hof hinauskamen, forderte er Ralph auf, im Automobil zu warten, während er einen Versuch beim Obereunuchen machen wollte. Ralph nahm im Wagen Platz. Ich bin gespannt, was so etwas kostet, dachte er. Wenn es nur nicht zu lange dauert; er verlangte ungeduldig danach, das Mädchen in der Nähe zu sehen und ihre Dankbarkeit zu erleben. Was würde das Hotel sagen, wenn er ein Parsenmädchen mitbrachte, das auf seine Kosten einquartiert werden sollte? – Es war ein gelungener Spaß, ein gutangewandter Vormittag, ja, noch mehr – eine gute Tat. Ralph machte es sich in der Ecke des Wagens bequem und wartete zehn Minuten. Er wollte gerade den Chauffeur hinschicken, um zu erfahren, was aus der Sache würde, als er den Dragoman mit dem Obereunuchen aus der Torwölbung des Flügels kommen sah. Der Eunuch, der um zwei Köpfe größer war als der Dragoman, trug seinen Riesenkörper wie ein schweres Bündel mit langen, schwankenden Schritten über den kiesbestreuten Platz, wo der Sonnengürtel jetzt schon breiter geworden war. Als er das Auto erreichte, beugte er sich zur Erde, als ob er mit seiner rechten Hand Kies von der Erde aufnehmen wollte, worauf er sie an Mund und Stirn führte, während er die Linke flach gegen die Brust drückte. Ralph war sich bei dem übertriebenen Gruß gleich klar darüber, daß der Preis sehr hoch sein würde. Der Dragoman bat Ralph, ihnen zum Torbogen zu folgen, damit der Chauffeur nichts von der Sache erführe. Ralph folgte ihnen. Wie er dort ging, fiel ihm ein, daß er einem Generalagenten für den weißen Sklavenhandel, der sich auf einer jährlichen Einkaufsreise befand, nicht unähnlich sei. Der Gedanke belustigte ihn. Dies war ein wirkliches Abenteuer, wie er es sich bei seiner Abreise von Neuyork vor zwanzig Tagen nicht hatte träumen lassen. »Mylord,« sagte der Dragoman, als sie bei geschlossenem Tor vor dem Pult des Eunuchen standen, »ich habe mein möglichstes getan, aber der Obereunuch wagt hier nicht ohne einen Befehl des Kislar-Aga zu handeln.« Ralph sah zu dem Riesen auf, der die Achseln zuckte und mit den langen Affenarmen eine bedauernde Bewegung machte. »Wo wohnt er und wann ist er zu treffen?« »Mylord müssen eine Einführung haben und auf eine Audienz warten.« Ralph zog ein Scheckbuch heraus. »Wieviel?« fragte er und blickte von einem zum andern. Die dicken Lippen des Obereunuchen bewegten sich schmatzend, und in seinen stumpfen Augen kam und ging ein gieriger Schein. Er strich sich über seine klare Mädchenhaut und sagte etwas zum Dragoman, der unruhig wurde und nach Luft schnappte. »Zehntausend Frank!« brachte er schließlich leise und heiser heraus. Er blies die Backen auf, um seine Bewegung zu verbergen; Ralph aber sah, daß seine Hände zitterten. »Gut – und fünfhundert für Sie. Das ist eine ganz hübsche Provision für Sie als Anteil an der Kaufsumme.« Der Dragaman wollte gegen den Verdacht einer Gemeinschaft protestieren; ein Blick auf Ralph aber zeigte ihm, daß er lieber seinen Mund halten müsse. Darum nickte er nur und trocknete sich den Schweiß von der Stirn. Ralph füllte einen Scheck aus. »Hier, bitte!« Er reichte ihn dem Obereunuchen, der ihn an den Dragoman weitergab, damit er ihn begutachten sollte. »Das ist die Hälfte des Betrages, den Rest bekommen Sie, wenn das Mädchen im Hotel abgeliefert ist.« »Im Hotel?« »Ja, im Hotel.« Der Dragoman verhandelte mit dem Eunuchen, der bedenklich aussah und neue Schwierigkeiten machte. »Der Obereunuch stellt die Bedingung, daß das Mädchen in Knabenkleidern abgeliefert wird, daß sie sie nicht ablegt, solange sie in Stambul bleibt, und daß sie sich nie vor Anbruch der Dunkelheit und allein auf der Straße zeigt.« »Schön! – verkleiden Sie sie und bringen Sie sie zum Auto.« »Mylord, das geht nicht an. Bedenken Sie den Chauffeur! Mylord haben mich ja gebeten, einen eingeborenen Diener für die Reise zu verschaffen. Ich werde ihn heute abend nach dem Mittagessen im Hotel abliefern.« »Gut! Kommen Sie.« Als Ralph nach dem Mittagessen seine Zigarre in einem tiefen Klubsessel der Halle rauchte, kam Helen Herz aus dem Speisesaal. Sie trat an den Tisch neben ihm, auf dem Zeitungen lagen, stützte ihre Ellbogen darauf und durchlief die Spalten des »Le jeune Turc«, während sie vor sich hinsummte. In dem scharfen Licht, das der Schein der elektrischen Lampe über den Tisch warf, konnte Ralph ihr Gesicht in der Nähe betrachten, ohne selbst gesehen zu werden. Er saß im Schatten des Schirmes, und der breite Lederrücken des Sessels verbarg ihn. Dem intimen Spiel ihrer Gesichtszüge konnte er anmerken, daß sie sich allein glaubte. Er erfreute sich an dem Zittern der kleinen Falte zwischen den Brauen, während er zu erspähen versuchte, was sie in der Zeitung suchte. Die Oberlippe hatte einen zarten Schatten von dunklem Flaum, und der empfindsame Mund bewegte sich im Takt mit der Falte zwischen den Brauen. Jetzt konnte er auch ihre Hände sehen. Sie waren nicht kurz und breit, wie er angenommen hatte, sondern schmal und stark, mit ausdrucksvollen Fingern, die in ständiger Bewegung waren. Er verglich die Hand mit den offenen Linien des Gesichts und fand darin dieselbe Mischung von Starkem, Gutem und Reinem, von Kindlichkeit und zugleich Mütterlichkeit, die ihm aufgefallen war, als er sie zuerst im Wagen gesehen hatte. Warum konnte er nicht ganz einfach aufstehen und sie von Mensch zum Menschen anreden? Der tiefe Mißmut, der ihn in Neuyork geplagt hatte, kam plötzlich wieder über ihn. Er war der Einsamkeit in der öden Geschäftigkeit entflohen, war ins Leben hinausgeflüchtet – und sieh – so nah, daß er jedes einzelne ihrer langen, nach aufwärts geschwungenen Augenhaare unterscheiden konnte, schlug ihm das Leben warm und klopfend entgegen, und dennoch wagte er nicht, die Hand danach auszustrecken. Er saß und betrachtete seine leeren Hände. Würde er so von Ort zu Ort reisen, das Leben um sich herum wechseln und wogen sehen, ohne den Mut zu haben, es zu greifen? Wie machen wir Menschen uns das Leben schwer, dachte er. Da fiel ihm das Abenteuer des Vormittags ein. wenn es zu helfen galt, da konnte er zupacken; mein Geld wird nicht verschmäht; und er lächelte bitter. Sie richtete sich aus der gebeugten Stellung auf und ging zur Portierloge. »Können Sie mir sagen,« fragte sie, »wann der nächste Dampfer nach Beyrut fährt?« Ihre Stimme war klar und rein und so warm im Klang. Wie gut sie zu ihren Händen, Augen und Lippen paßte! Und sie sprach seine eigene Sprache, mit einem weichen Tonfall, der sie heller zu machen schien. Der Nachtportier, ein junger Grieche, wußte nicht Bescheid. Er sah in Reisebüchern nach, kratzte sich seinen schwarzlockigen Kopf und versprach, ihr morgen früh Bescheid zu geben. Ralph erhob sich mit einer plötzlichen Eingebung. »Erlauben Sie, gnädiges Fräulein, das kann ich Ihnen ganz genau sagen!« Sie wandte sich erstaunt um, erkannte ihn und war sich klar darüber, daß er irgendwo gesessen und sie beobachtet hatte. Sie errötete, die Falte zwischen den Brauen zitterte, aber sie faßte sich schnell, sah ihn freimütig an und sagte: »Vielen Dank! Ich kann es in der Zeitung nicht finden.« Ralph zog sein Notizbuch heraus. Er hatte sich die Daten aufgeschrieben, um abzureisen, wenn er von der Stadt genug hatte. »Der nächste Dampfer geht Dienstag um drei Uhr, von der Galatabrücke. Wenn Sie ihn benutzen wollen, würde ich Ihnen raten, sich beizeiten eine gute Kabine bei Cook zu sichern.« »Danke, das will ich tun.« »Cooks Office liegt dem Hotel schräg gegenüber; sie ist sehr leicht zu finden.« »Ich bin zum erstenmal hier, wissen Sie, ob es gute Dampfer sind?« »Der Dampfer, der am Dienstag geht, ist der neueste. Er gehört der Messageries Maritimes; die Verpflegung wird also auf jeden Fall gut sein. Ich bin auch zum erstenmal hier; aber ich habe meine Weisheit von Cook, der mir dieses Schiff besonders empfohlen hat; und auch ich habe die Absicht, mir morgen eine Kabine zu bestellen.« Ralph hatte eigentlich erst in vierzehn Tagen reisen wollen, jetzt aber änderte er seinen Entschluß. Sie zögerte einen Augenblick, während sie ihn ansah. Er verstand, daß sie überlegte, ob sie dieses Zusammentreffens froh sein sollte, oder nicht. Dann lächelte sie zuversichtlich und sagte: »Desto besser, dann bin ich nicht ganz allein.« Jetzt geht sie, dachte er, denn es war ja nichts mehr zu sagen; sie aber blieb ganz ruhig stehen und schien zu warten, ob er noch etwas auf dem Herzen habe. Er nahm all seinen Mut zusammen: »Da wir uns vier Tage an denselben Tisch setzen sollen, erlauben Sie wohl, daß ich mich vorstelle.« Sie nickte freundlich und sah ihn fragend an. »Ich bin Ralph Cunning aus Neuyork!« sagte er mit einer Verbeugung. »Und ich bin Fräulein Helen Herz aus Kopenhagen.« »Das weiß ich schon.« Es war ihm entfahren. Sie sah ihn erstaunt an. Er kniff die Augen zusammen, wie es seine Gewohnheit war, wenn er verlegen wurde. »Ich habe es zufällig im Fremdenbuch gelesen.« Jetzt lächelte sie wieder, ganz einfach und menschlich, ein wenig schelmisch, als amüsierte sie sich über seine Verlegenheit. »Es würde mich sehr freuen, wenn ich Ihnen behilflich sein könnte,« sagte er aufrichtig, »um so mehr, als Sie ja ganz allein reisen.« Wieder war es ihm entschlüpft. Woher konnte er wissen, ob sie nicht eine Kammerfrau oder eine Gesellschaftsdame hatte – und wenn auch nicht, was ging es ihn an? Sie sah, was er dachte, und fragte mit einem Schelm im Auge: »Woher wissen Sie das?« Da saß er in der Patsche. »Ich sah Sie, als Sie vom Bahnhof kamen, Sie waren allein im Wagen; aber ich gestehe, daß es eine kühne Schlußfolgerung ist, und bitte um Entschuldigung.« »Weshalb? – Weil Sie mich im Wagen gesehen haben – oder weil Sie mich allein glaubten?« »Weil ich mich in etwas gemischt habe, was mich nichts anging.« »Aber es stimmt leider. Ich bin ganz allein auf der weiten Welt,« fügte sie hinzu, indem sie zur Seite sah. Warum sagt sie mir das, dachte er, und ein plötzlicher Verdacht warf einen Schatten auf sein Gemüt. Als ob sie es ahnte, wandte sie sich mit erhobenem Kopf zu ihm um und fragte: »Was soll ich entschuldigen? – Ich finde nichts Unrechtes daran, wenn Menschen Interesse für einander verraten. Ich habe Sie auch gesehen. Menschen pflegen sich immer solch dumme Komödie vorzuspielen. Oder können Sie mir vielleicht etwas nennen, was uns mehr interessiert als unsere Mitmenschen?« »Unsere Arbeit.« »Arbeiten wir denn nicht für unsere Mitmenschen?« Ralph dachte an seine Himmelsbrücke. Hatte er sie für seine Mitmenschen gebaut? – Nein. Es war seine Freude und sein Beruf, mit Zahlen umzugehen, Zahlen lebendig zu machen, und Projekte aus seinem erhitzten Gehirn in die Wirklichkeit von Stein und Eisen übergehen zu sehen. Andere, die Gebrauch für ihn hatten, nahmen seine Fähigkeiten in ihren Dienst und setzten sie ins Werk. Der Menschen wegen? Nein. Er engagierte Arbeitskräfte, und Tausende arbeiteten wieder in seiner Hand. Seinet- oder des Staates wegen? Nein. »Wollen wir uns nicht setzen?« Sie ging voran und nahm in dem Klubsessel Platz, in dem er vorhin gesessen hatte. »Ich selbst und alle, die ich kenne,« sagte er, indem er sich setzte, »arbeiten für sich selbst; für ihre Mitmenschen haben sie keinen anderen Gedanken, als daß sie sie so viel wie möglich ausnutzen wollen!« »Ich bin aus einem kleinen Lande und habe nicht viel Arbeitserfahrung; aber ich glaube doch, daß Sie unrecht haben.« »Vielleicht sind die Menschen in Ihrem Lande anders; aber ich bezweifle es.« Er blickte sie von der Seite mit einem stillen Lächeln seiner hellen, grauen Augen an. »Ich glaube kaum, daß Arbeit allein jemand auf die Dauer befriedigen kann.« Er hätte sie am liebsten reden lassen und nur ganz still dagesessen und ihr Mienenspiel beobachtet; aber ihre Worte und die freimütige Ehrlichkeit, mit der sie gesagt wurden, fesselten ihn wider Willen. Befriedigen – das wohl kaum, war es vielleicht deshalb – Er richtete sich auf. War es deshalb , daß er keine Freude erntete? Nur Leere und Ueberdruß? Während er Tag und Nacht arbeitete, Schwierigkeiten überwand, Chancen ausnutzte, inspizierte und berechnete, den Willen der anderen dem seinen untertan machte, die Streitenden versöhnte, um sein Werk durchzusetzen, – hätte er dabei vielleicht an das Wohl seiner Mitmenschen denken sollen? An ihrer aller Wohl, oder nur an das derjenigen, die durch ihn ihr tägliches Brot verdienten – und mit denen er bis aufs Messer kämpfen mußte, als sie ihm in der elften Stunde durch Streik ein Bein stellen wollten? – Nonsens. Ja, er hatte an sie gedacht, aber nur um ihnen mit Hunger, Not und Tod zu drohen, weil sie sein Werk vernichtet hätten. Oder hätte er vielleicht an das Wohl der Aktionäre denken sollen? Dieser Herren, die ihn feierten und ehrten, weil er ihr Vermögen verdoppelt hatte, ohne daß er selbst mehr als einen verhältnismäßig bescheidenen Anteil daran bekam? Oder sollte er vielleicht an die große, leidende Menschheit in Neuyork und Umgebung denken, die jetzt ohne Tunnelbeschwerden Sonnabend abend zeitiger zu ihren Landsitzen in die Berge hinauskommen konnte? – Nonsens! – Frauenzimmergeschwätz. Nein, Ralph Cunning hatte an sich selbst gedacht, jawohl. Seine Mitmenschen waren Hindernisse, die überwunden, oder Werkzeuge, die gebraucht werden mußten. Mittel, weiter nichts. Und solange er seine Fähigkeiten zu verwerten und seine Zeit und Kräfte zu gebrauchen gedachte, solange mußte er auf diese Weise fortfahren, wenn er seine Mitmenschen recht verstand. Er hatte Helen einen Augenblick vergessen. Jetzt sah er auf und begegnete ihrem Blick, der mit offenem und lebendigem Interesse auf ihm ruhte, so daß er sich unwillkürlich duckte. Sie, die dort saß und so hübsch und unwissend über ihre Mitmenschen sprach – war sie ein Werkzeug, das er gebrauchen konnte – oder ein Hindernis auf seinem Weg? Er blickte ihr mit dem ungeschickten Knabenlächeln in die Augen, womit er die Gedanken in seinem energischen Herrschergesicht zu verbergen pflegte. Er ließ seinen Blick von ihrem gefühlvollen Mund zu ihren Händen gleiten, die mit leicht ineinandergeflochtenen Fingern auf der Armlehne lagen, die ihm zunächst war, als suchten sie zu erlauschen, was in ihm vorging. Die Zeit würde es zeigen. Jedenfalls war sie eine Offenbarung des Lebens, das er seiner Arbeit wegen versäumt hatte. Sie war ein Mensch, den er kennen lernen wollte, eine Frau mit jener Mischung von Kindlichkeit und Mütterlichkeit, die ihm neu war. Er wollte seine Erfahrung durch sie bereichern – und würde es sich zeigen, daß sie ihn nichts vom Leben lehren konnte, dann waren ihre schönen Augen, ihr lebensvolles Gesicht, ihr gefühlvoller Mund und ihre ausdrucksvollen Hände an sich ein Erlebnis, das sich lohnte, wenn man Zeit hatte. War das nicht genug? Was konnte man sonst von einem Menschen erwarten, wenn es sich nicht um Geld oder Liebe handelte? Die Glastür zum Hotel ging auf, und der Dragoman trat herein. Er hielt die Tür offen und ließ einen halbwüchsigen Knaben hinter sich eintreten. Der Knabe war sehr blaß und blieb mit gesenktem Kopf neben der Tür stehen. Ralph hatte das Abenteuer vom Morgen ganz vergessen. Jetzt stand es wieder lebendig vor ihm. Er erkannte das Parsenmädchen an dem langen, schmalen Gesicht, den engsitzenden, scheuen Augen unter dem niedrigen Fes und dem schmerzlich süßen Mund. Er wollte aufspringen, beherrschte sich aber. Es sollte ja eine Komödie gespielt werden. Während der Dragoman zur Portierloge ging, betrachtete Ralph das junge Mädchen, das mit festgeschlossenen Beinen gegen die Tür lehnte, ohne es zu wagen, ihren Blick zu dem Neuen zu erheben, das sie umgab, in angstvoller, zitternder Erwartung auf das, was ihr Gott ihr bereiten würde. Ob das Haar unterm Fes wohl versteckt ist, dachte er, oder ob man es ihr abgeschnitten hatte? Ihre Hilflosigkeit rührte ihn. Mitmenschen, ja – Fräulein Herz sollte nur ahnen, wie er sich selbst in diesem Augenblick Lügen strafte – sie würde sicherlich triumphiert haben. Für seine gute Tat, die dort zitternd an der Tür stand, hatte er zehntausend Frank geopfert, ganz ohne eigennützige Zwecke, sie war weder ein Hindernis, das er durch Geld aus dem Weg geräumt, noch ein Werkzeug, das er erworben hatte. Sie war ein Abenteuer. Und er bereute nichts; er hatte versprochen, sie zu ihrer Familie zurückzuführen, und er wollte sein Versprechen halten. Der Dragoman kam mit dem Hut in der Hand auf Ralph zu. Seine Backen waren blau, und die Augen hatten einen schimmernden Glanz, der Ralph davon überzeugte, daß er den erfolgreichen Tag bereits zu feiern begonnen hatte. Als der Dragoman Ralph in Gesellschaft mit einer Dame sah, stutzte er; Ralph aber winkte ihn zu sich heran und sagte: »Na, Dragoman, haben Sie meinen Auftrag ausgeführt?« »Jawohl, Mylord. Der Bursche steht dort an der Tür. Er ist ein bißchen jung und zum erstenmal unter Fremden, darum ist er scheu wie ein Füllen; aber der Mann, bei dem er in der Lehre war, hat ihn sehr gelobt. Er ist weder diebisch, noch lügnerisch, nur ein wenig schüchtern, weil er seine Eltern schon als kleines Kind verloren hat.« »Sie haben doch eben gesagt, daß er noch nie unter Fremden war,« neckte Ralph mit einem ernsthaften Gesicht. »Ja, freilich; er war auch bei seinem Pflegevater, einem Onkel, in der Lehre, der Vaterstelle an ihm vertreten hat.« Der Dragoman trocknete sich die Augen vor Rührung. Helen Herz sah vom einen zum anderen, und zu dem Knaben an der Tür. »Fräulein Herz,« sagte Ralph, »da Sie der Ansicht sind, daß wir uns für unsere Mitmenschen interessieren sollen, so lassen Sie mich Ihnen erzählen, daß der Dragoman mir einen kleinen türkischen Diener verschafft hat, den ich mit auf die Reise nehmen will. Er soll für mein Gepäck sorgen, mit mir ausfahren und sich bei jeder Gelegenheit nützlich machen. Das ist bequemer und billiger als mit einem Dragoman zu reisen, solch junger Bursche stellt bescheidenere Forderungen.« »Wie ist er zart,« sagte sie, »und scheu wie ein junges Mädchen.« »Das verliert sich, Mylady,« sagte der Dragoman eifrig, »wenn er erst in die Welt hinauskommt und sich umsieht. So sind die jungen Burschen hierzulande anfangs. Später wünscht man, sie hätten mehr von ihrer Scheu bewahrt.« »Entschuldigen Sie einen Augenblick, gnädiges Fräulein,« sagte Ralph, indem er sich erhob. »Ich habe eine geschäftliche Angelegenheit zu ordnen.« »Lassen Sie sich nicht stören; ich gehe nach oben, es ist auch schon spät. Gute Nacht.« Er begleitete sie zur Treppe und wünschte ihr gut zu ruhen. Sie reichte ihm die Hand wie einem guten Bekannten. Es war ein fester, vertrauensvoller Händedruck, der sagte: »Lassen Sie uns gute Reisegefährten sein.« Indem Ralph an der Hoteltür vorbeiging, nickte er dem Parsenmädchen freundlich zu. »Kommen Sie mit!« sagte er. Sie folgte ihm mit kleinen, gleitenden Schritten über den Teppich. Außer dem Nachtportier war niemand da, der sie sehen konnte. Der Portier wunderte sich im stillen, wie es diesem durchtriebenen Spitzbuben von Dragoman gelungen war, dem Amerikaner einen so spindeldürren und schwachköpfigen Taugenichts anzuschwatzen. Wahrscheinlich hatte die Familie noch was draufgezahlt, um ihn loszuwerden. Ralph gab dem Dragoman einen Scheck, worauf dieser sich ohne viele Danksagungen entfernte. Denn die Augen des Nachtportiers saßen ihm im Nacken, und er durfte beileibe keinen Verdacht erwecken. Er wollte sich vom Hotel fernhalten, bis der Amerikaner glücklich mit seiner Beute an Bord gekommen war. Was für'n Geschmack, dachte er bei sich, indem er die Treppe hinunterstieg. Wenn man bedenkt, daß er die andere, die große Georgierin, für denselben Preis bekommen hätte! Ralph saß auf der Kante des Tisches und betrachtete das junge Mädchen, das mit gesenktem Kopf, die Hände gegen die Brust gepreßt, vor ihm stand. Du bist also mein, dachte er, ich habe dich gekauft und bezahlt. Er wartete, ob sie etwas sagen würde. Ihre Lippen bebten, und eine große Träne arbeitete sich unter den gesenkten Wimpern hervor; aber es kam kein Wort. »Sind Sie hungrig?« fragte er. Sie schüttelte den Kopf. »Ich fürchte mich.« »Vor wem?« »Ich weiß nicht.« »Vor mir?« Sie hob die Wimpern und sah von der Seite mit einem Blick zu ihm auf, der aus der Tiefe ihrer Seele zu fragen schien. Der Schurke hatte ihr wohl Angst gemacht, ihr gesagt, daß sie mit Haut und Haaren verkauft sei und Gegenleistungen bieten müßte. »Sie tun mir nichts zuleide, nicht wahr?« Das hat man also davon, dachte er. »Ich werde Sie nach Hause schicken,« sagte er kurz und stand auf. Das Blut schoß ihr in die Wangen. Sie blickte sich um und sah den Nachtportier. Da schloß sie die Lippen schmerzhaft und sah Ralph nur an. Ihr Blick sagte: Ich lege meine Seele und meinen Körper in die Hand meines Retters. Was nun? – Er konnte sie nicht zu der Dienerschaft des Hotels hinunterschicken. Dazu war sie zu scheu und unbeholfen; ihr Geschlecht würde vor Morgen verraten sein. »Folgen Sie mir!« sagte er. Er nahm seinen Ulster von dem Garderobenständer neben der Tür und hing ihn ihr übern Arm, damit der Portier sehen konnte, daß sie sein Diener sei. Dann stieg er vor ihr die breite, teppichbelegte Treppe hinauf. Als sie in seinem Salon standen, sagte er: »Solange wir hier in der Stadt sind, müssen Sie in meinen Zimmern bleiben. Später können Sie als mein Diener reisen.« Darauf klingelte er dem Stubenmädchen und sagte ihr: »Wollen Sie Decken bringen und meinem Diener hier drinnen ein Lager zurechtmachen.« Dann bat er das Parsenmädchen, mit in sein Schlafzimmer zu kommen, und wies ihr dort einiges an, das sie ordnen, Wäsche, die sie morgen ausbessern sollte. Als das Dienstmädchen im Salon fertig war, sah er nach, ob alles in Ordnung sei. Dann ging er auf den Korridor und zeigte seinem neuen Diener, wo er Toilette machen könne. Er wollte ihr die Hand zum Gute Nacht geben. Sie aber stand zögernd vor ihm, die dünnen Hände über der hochatmenden Brust zusammengepreßt, als habe sie etwas auf dem Herzen, das ihr nicht über die Lippen wollte. Sie sah ihn nicht, an, es zuckte in ihrem schmerzlich zusammengezogenen Mund. Er wurde von ihrer Hilflosigkeit gerührt, streichelte ihr die Wange und sagte: »Mut, junger Mann! Ist es hier nicht besser als in der Mühle des Sultans?« Indem seine Finger ihre Wange berührten, erzitterte sie wie unter einem Kälteschauer. Ihr Kopf schwankte, sie ergriff seine Hand mit ihren beiden, fiel auf die Knie und küßte sie, während Hals und Rücken unter einem lautlosen Schluchzen bebten, und Tränen seine Hand netzten. Ralph wurde verwirrt, was hatte er getan? Er war einer momentanen Eingebung gefolgt, hatte ein Abenteuer erlebt. Sollte der Halunke ihr den Preis genannt haben? In ihren Augen waren zehntausend Franken natürlich eine ungeheure Summe. Armes kleines Vögelchen, dachte er, spare deinen Dank auf, bis du wohlbehalten in deinem Nest bist. Er zog seine Hand zurück, wünschte ihr gute Nacht und ging in sein Schlafzimmer. Als er am nächsten Morgen mit seiner Toilette fertig war und in den Salon kam, stand sie in der offenen Balkontür und blickte auf Stambul hinab. Ihre Hände waren wie zum Gebet erhoben. Als sie ihn sah, zog sie sie hastig zurück und ging ihm mit gleitenden, lautlosen Schritten entgegen. »Was wünschen Mylord?« »Nennen Sie mich Herr oder Herr Cunning. Ich bin Amerikaner, kein Engländer.« Er sah, daß sie ihr Bettzeug in einem zierlichen Haufen zusammengelegt hatte, und es belustigte ihn, daß sie sich für das viele Geld nützlich zu machen versuchte. »Kann ich das Schlafzimmer aufräumen, Herr?« »Sie? Das fehlt gerade, wollen Sie das Zimmermädchen um ihr Trinkgeld bringen?« Ihr Gesicht wurde betrübt. »Aber die Wäsche, die Sie mir gestern angewiesen haben?« »Damit können Sie warten, bis Sie etwas gegessen haben.« Jetzt sah er, daß ihr Haar abgeschnitten war. Der Rest fiel ihr in schwarzen Locken um die Ohren. Man kann ihr trotzdem ansehen, daß sie ein Weib ist, dachte er. wenn Brust und Hüften auch zart sind, so sind die Schultern doch zu schräg, die Halslinien zu weich und die Beine sind zu eng gewachsen für einen Knaben. Da erinnerte er sich der Knaben, die er in der Waschmühle gesehen hatte. Auch sie hatten Teint und Wuchs wie junge Mädchen. Man wird sie für einen Eunuchen halten, dachte er. »Sie müssen den Kopf höher tragen – so! – Runzeln Sie die Brauen, den Mund fest zusammenpressen, ein grimmiger Ausdruck in den Augen. Lassen Sie mal sehen.« Sie tat, wie er sagte; und zum erstenmal wurde ihr Gesicht von einem Lächeln erhellt. »Sehen Sie, so ist's schon besser. Sprechen Sie mit tiefer Stimme und schlenkern Sie beim Gehen mit den Armen.« Sie ging durchs Zimmer und fragte mit tiefer Stimme: »Ist es so recht?« »Lange Schritte – lose Arme – Nase in die Höhe – so.« Er zeigte es ihr. Sie lächelte wieder und machte es ihm nach. »Wie heißen Sie eigentlich?« »Schehanna Modi.« »Und wie soll ich Sie nennen?« »Schehann; das ist ein Knabenname.« Er hätte gern etwas von ihrer Vergangenheit erfahren, mochte sie aber nicht ausfragen. Bei näherer Bekanntschaft würde sie es ihm gewiß aus eigenem Antrieb erzählen. »Wie alt sind Sie, Schehann?« »Neunzehn Jahre, Herr.« Sie schlug die Augen nieder bei seinem prüfenden Blick; ihr Mund verzog sich schmerzlich, als habe etwas Unreines sie berührt, und sie preßte die dünnen Hände mit dem zarten, dunklen Adernetz über der Brust zusammen, wie sie es gestern getan hatte. Sie ist gewiß Dame in ihrer Heimat, dachte er, und bereute, daß er sie zu seinem Diener gemacht hatte. »Sie verstehen wohl, daß Sie nur zum Schein mein Diener sind, Schehann. Wenn wir allein sind, sind Sie mein Gast.« Sie sah wieder mit dem innig ergebenen Blick zu ihm auf, der ihn gestern gerührt hatte – dem Blick, der sagte: Herr, ich bin in deiner Hand. Er ging, die Hände in den Taschen, im Zimmer auf und ab und überlegte. Darauf wandte er sich um und sagte: »Wir reisen Dienstag um drei Uhr nach Beyrut. Wissen Sie, wo das liegt?« Sie nickte lächelnd. »Wo haben sie eigentlich so gut englisch sprechen gelernt?« platzte es aus ihm heraus. »In der Parsenschule in Navsari.« »Wo liegt das?« »Nördlich von Bombay, es ist unsere heilige Stadt.« »Wollen Sie dorthin zurück?« »Ja, Herr.« Die großen Pupillen in dem opalblauen Augapfel füllten sich mit einem Dunkel, das wie ein sternenfunkelnder Nachthimmel glänzte, während die Lippen sich öffneten und irgend etwas, was sie in der Ferne sahen, zulächelten. Ralph schwieg eine Weile; dann kehrte er zu den praktischen Dingen zurück. »Haben Sie mir nicht auch in Ihrem Waschlied von Navsari vorgesungen?« fragte er und sah sie munter an. Sie kehrte zur Wirklichkeit zurück. »Ja, Herr. Dort wohnt mein Vater.« »Was ist er?« »Mobed, Herr.« »Was ist das?« »Unterpriester am Tempel.« Also eine Priestertochter. Hatte er sich doch gleich gedacht, daß sie eine Dame zwischen denen ihres Stammes sei. Seine gute Tat wurde immer besser. Jetzt war sie reichlich ihre Zehntausend wert. »Fräulein Modi,« sagte er, als spräche er mit Fräulein Herz – »Es gibt keine direkte Verbindung zwischen Beyrut und Bombay. Wir müssen einen Umweg über Suez machen. Ich will desselben Weges, erst aber will ich Damaskus, Jerusalem und noch einige andere Städte kennen lernen – und habe auch die Absicht, Aegypten zu bereisen, wenn es sich lohnt. Sie müssen nun selbst entscheiden, ob Sie mit dem ersten fälligen Dampfer der P- \& O-Linie oder dem österreichischen Lloyd von Beyrut nach Port Said und von dort direkt nach Bombay wollen, oder ob Sie Lust haben, auf mich zu warten und die Reise mit mir zu machen, bis wir Ihre Stadt erreichen?« Gleich, als er sie mit Fräulein anredete, war ihr das Blut in die Wangen geschossen, und sie hatte eine abwehrende Bewegung mit der Hand gemacht. Sie hörte ihm mit gesenktem Kopf zu, während die großen Augäpfel sich unter den Lidern bewegten und ihre Erregung verrieten. Als er geendigt hatte, sah sie auf und sagte flehentlich: »Nennen Sie mich Schehann, Herr, wie Sie es versprochen haben und schicken Sie mich nicht fort, bevor ich zu Hause bin.« Ralph drehte sich auf dem Absatz um und ging einmal durchs Zimmer. »Gut,« sagte er, indem er vor ihr stehen blieb, »wie Sie wollen.« Dann ging er auf sein Schlafzimmer zu, drehte sich in der Tür noch einmal um und rief mit angenommener Strenge: »Komm, Schehann, und mach dich nützlich!« Schehann hielt Ralphs Garderobe aufs zierlichste in Ordnung. Sie putzte alles, was er an Silber und Leder in seiner Reiseausstattung besaß. Sie machte die Arbeit des Zimmermädchens noch einmal und ordnete alles im Schlafzimmer nach den strengsten Gesetzen der Symmetrie. Wie verabredet, zeigte sie sich nicht außerhalb seiner Zimmer. Ralph sorgte dafür, daß man ihr das Essen hinaufbrachte, und das Zimmermädchen, das vergeblich versucht hatte, sich zu nähern, erzählte spaßige Geschichten im Keller von dem einfältigen Diener des Amerikaners. Man munkelte von Ralphs perversen Neigungen. Er merkte es, wenn die Kellner im Speisesaal sich hinter seinem Rücken zusammenrotteten. Er amüsierte sich über die übertrieben ehrerbietigen Verbeugungen des Nachtportiers, wenn er abends an ihm vorbeiging, über seine anerkennenswerten Bemühungen, jeden Schimmer von Spott zu verbergen, wenn er Ralph den patriarchalischen Sitten des Hotels gemäß eine »gute Nacht« wünschte. Es machte Ralph Spaß, ihn mit den Augen eines bösen Gewissens verstohlen anzusehen und seinen Gruß zu beantworten, als wolle er ihn wissen lassen, daß er sehr gut begriffe, was der Portier von ihm glaubte. Dieser gab sich die größte Mühe, ihn durch Blick und Handlung von seiner vollkommenen Unschuld zu überzeugen. Als es trotzdem nichts half, gab er schließlich den Kampf ums Trinkgeld auf und zeigte ihm sein wahres, naseweises Gesicht, wünschte ihm mit einem bedeutungsvollen Lächeln gute Nacht oder kehrte ihm einfach den Rücken. Das war's, was Ralph wollte. Am letzten Abend winkte er den Portier zu sich heran und sagte ihm wegen seines Gepäcks Bescheid. Der Bursche nahm die Befehle mit nachlässigem Unwillen entgegen, und als Ralph ein paar Goldstücke auf den Tisch legte, ahnte er nicht, daß sie für ihn waren. Als er es aber schließlich begriffen hatte, wurde er rot, duckte sich reuevoll wie ein Hund, der sich gegen seinen Herrn vergangen hat, und seine Danksagungen fanden kein Ende. Ralph lachte laut auf, klopfte ihm seinen fetten Rücken und nannte ihn einen anständigen Burschen. Schehann half seinem Herrn beim Kofferpacken. Als alles gepackt und verschlossen war, fand Ralph noch die Halskette der Zigeunerin in einem Schubfach. »Schehann,« rief er. »Ja, Herr.« »Hier ist etwas für Sie,« sagte er und hing ihr die Kette um den Hals. Sie dankte, nahm sie gleich wieder ab und ließ die Amuletts gedankenvoll durch ihre zarten Finger gleiten. »Sie bringt Glück,« sagte er munter und erzählte ihr, wie er sie bekommen hatte. Sie errötete, lächelte vor sich hin und steckte sie in ihren Gürtel. Es war Abend. Der große französische Dampfer kreuzte zwischen den Felseninseln an der Küste von Kleinasien. Die Sonne verschwand hinter dem Olivenhain, der den oberen Teil der Insel bedeckte, deren Fuß in dunklem Abendnebel lag. Der Himmel war hoch und gewölbt. Durch die stofflose Atmosphäre blickte ein vereinzelter Stern mit ungebrochenem Strahlenglanz wie ein ruhig forschendes Auge auf die Erde herab. Am Horizont wechselten die Farben von ewigkeitsblau und grün, zu purpurrot, bis die güldene Schale des Orange den Bergrand erreichte und auf der Esse desselben zu Gold geschmolzen wurde. Helen Herz stand auf dem Achterdeck, der Abendschein spiegelte sich in ihren weitgeöffneten Augen. Ihre Gedanken waren weit fort, und ihre Seele vermischte sich mit dem feierlichen Frieden des goldenen Abends. Es fror sie in ihrem dünnen Mantel, der für Mittelmeerwärme berechnet war; ihre Schultern zitterten leicht, aber sie merkte es nicht. Ralph Cunning kam vom Promenadendeck, wo er seinen Nachmittagsspaziergang gemacht hatte. Er stand eine Weile und betrachtete sie, ohne daß sie ihn bemerkte. Dann machte er kehrt und holte seine Reisedecke, näherte sich ihr auf den Zehenspitzen – der taktfeste Stempelschlag des Schiffes verschlang den Laut seiner Schritte – und legte sie ihr von hinten um die Schultern. Sie wandte sich um, gewaltsam aus ihrer Stimmung gerissen, und sah ihn mit einem erschrockenen Blick unter gerunzelten Brauen an. Dann lächelte sie mit ihren weißen Zähnen und fühlte im selben Augenblick, daß sie fror. »Danke!« sagte sie und hielt die Decke über ihrer Brust zusammen, ohne ihre Augen von den seinen abzuwenden, in denen sich der Sonnenuntergangsschein wie in farblosem Kristall spiegelte. Ihre Pupillen waren fast schwarz, wie sie dort mit dem Rücken gegen das Bergfeuer stand, das eine Glorie in dem Gelock ihres feinen Schläfenhaares entzündete. Sie standen sich einen Augenblick gegenüber, ohne zu sprechen. »Sie waren weit fort mit Ihren Gedanken,« sagte er mit einem Lächeln. »Ja.« »In Ihrem fernen kleinen Land?« »Ja, und in Erinnerungen.« Er hätte gern etwas von ihren Lebensverhältnissen erfahren. Bereits mehrmals hatte er auf Umwegen etwas zu erfragen versucht, ohne aufdringlich erscheinen zu wollen. Jetzt schien ihm eine Gelegenheit gekommen. »Ist es nicht unangenehm für eine junge Dame, ganz allein in der Fremde zu sein?« »Zu Hause bin ich auch allein.« Sie setzte sich in einen Korbstuhl, der auf Deck stand, und deutete ihm mit der Hand an, neben ihr auf der Bank Platz zu nehmen. »Meine Mutter starb, als ich acht Jahre alt war, und mein Vater vor vier Monaten.« Er wandte seinen Blick von ihrem starken, reinen Profil ab und blickte auf seine Hände herab. Eine Weile war es still zwischen ihnen. Eine Möwe hob sich groß und schwarz von dem hellen Himmelsgrund ab und wandte den Kopf nach ihnen um. »Sie haben keine Geschwister?« »Ich hatte einen älteren Bruder; aber er starb, als ich noch klein war. Ich kann mich seiner kaum erinnern.« »Ganz allein in der Welt!« sagte er und sah sie an. Der Sonnenschimmer verlöschte, die Dunkelheit senkte sich ganz plötzlich über Schiff und See und Berge; das Heer der Sterne rückte mit seinen blinkenden Lanzenspitzen vor. Die Falte zwischen ihren Brauen zitterte über den dunklen Augen, und die Lippen bebten halb geöffnet. »Erinnern Sie sich noch, daß Sie diese Worte am ersten Abend in Konstantinopel zu mir sagten?« fügte er hinzu, als habe ihre damalige Vertraulichkeit zu einer Bekanntschaft geführt, von der sie bereits gemeinsame Erinnerungen hatten. Sie hob den Kopf und sah ihn von der Seite mit einem forschenden Blick an. »Wie weit geht Ihre Reise eigentlich?« fragte sie. Er lachte kurz auf, indem er das eine Bein über das andere schlug. »Das kann ich Ihnen nicht sagen. Ich habe seit meinem vierzehnten Jahr gearbeitet. Jetzt will ich in die Welt hinaus und fühlen, daß ich leben, nicht nur arbeiten kann wie ein Dynamo von soundsoviel Pferdekräften. Ich will in die Welt hinaus und Menschen finden. Und Sie?« »Ich will mich selbst finden.« In dem weißen Licht der Glühlampen, die angezündet worden waren, sah er, daß sie errötete, die Lippen zusammenzog und Miene machte, sich zu erheben. »Warum bereuen Sie Ihre Worte?« fragte er und machte eine unwillkürliche Bewegung, als wollte er ihre Hand nehmen, die suchend auf der Armlehne lag – »das ist ja gerade das Gute bei einer Reisebekanntschaft, daß das gesagte Wort weder eine Vergangenheit noch eine Zukunft hat. Man kann frei sprechen, ohne zu befürchten, daß sich die Worte später wie eine Waffe gegen einen selbst kehren.« »Sie haben recht,« sagte sie mit plötzlicher Wärme. Eine heftige innere Bewegung überwältigte sie; sie beugte sich zu ihm und flüsterte: »Ich kann nicht aus dem Leben klug werden – und doch soll ich einen Entschluß fassen, der für mich und viele andere entscheidend ist.« Sie hielt inne und blickte über das Wasser, während ihre Brust wogte. Noch einmal versuchte sie das zurückzuhalten, was ihr Gemüt bewegte. Dann wandte sie den Kopf zu ihm um und begegnete seinem klaren, festen, zuverlässigen Blick. In dem Augenblick, wo sie anfing, ihm ihre Lebensgeschichte zu erzählen, änderte sie den Ton; er wurde leise und innig, als seien sie plötzlich vor einem Kamin in einer kleinen behaglichen Stube dicht aneinandergerückt. Er beugte sich vor, damit ihm keines ihrer Worte entginge. Je vertraulicher sie sprach, desto persönlicher wurde ihre Ausdrucksweise. Voll von Wendungen, die nicht englisch waren, aber auf ihren Lippen von englischen Worten geboren wurden, neu und frisch wie der Versuch eines Kindes, das der Sprache noch nicht mächtig ist. Helen Herz erzählte: »Ich bin in einer Häuslichkeit aufgewachsen, wo man es für das einzige Glück hielt, für andere zu leben. Mein Vater war Oberarzt am Armenkrankenhaus. Sie können sich nicht denken, wie gut er war, wie aufopfernd. Nach dem Tode meiner Mutter widmete er denen seine Liebe, die ihn am nötigsten hatten, den Allerärmsten. Als ich achtzehn Jahre alt war, machte ich mein Abiturium und durfte studieren, was ich wollte. Ich habe mich mit Philosophie beschäftigt, Sprachen, Geschichte, Kunst, von allem etwas. Aber ich bin kein Stubenmensch. Vater hatte mich von klein auf an Sport gewöhnt, wir haben viele Jahre jeden Morgen zusammen geturnt. Seit ich erwachsen bin, ist mein Leben ein beständiges Schwanken gewesen. Wenn ich eine Zeitlang mit Büchern und Vorlesungen, Ideen und Gedanken gelebt hatte, brach ich plötzlich eines schönen Tages ab und kehrte zu dem zurück, was der Körper verlangte. Ich spielte Fußball und Hockey, besuchte Gesellschaften und Theater. Vater ließ mich gewähren; aber seine großen nachdenklichen Augen folgten mir, und sein stilles Lächeln bewachte mich, wenn ich über Stag ging, wie er es nannte. Während er wie eine fleißige Arbeitsbiene herumsummte, flatterte ich im Licht wie eine Eintagsfliege. So ging es einige Jahre, bis ich eines Morgens erwachte und wußte, was ich lange vor mir selbst zu verbergen versucht hatte, daß ich mich leer und unbefriedigt fühlte. Etwas in meinem Gemüt empörte sich gegen das Leben, das ich führte. Seit Jahren war ich Zeuge der großen Not gewesen, die zu lindern mein Vater sich berufen fühlte. Ich begegnete den Patienten auf unserer Treppe, wenn sie ihn außerhalb des Krankenhauses aufsuchten. Plötzlich gingen mir die Augen auf. Ich fühlte ihre Not in meinem Herzen und schämte mich; jetzt erst sah ich, wie müde und betrübt die Augen meines Vaters waren. Ich fühlte, daß ich ein leichtfertiges Leben führte und so nicht fortfahren konnte. Ich erinnere mich nicht, wie es eigentlich kam: ob er mich mit seinen Augen rief, oder ob ich von selbst den Weg zu ihm fand. Eines Tages aber stand ich in seinem Zimmer und bat ihn, mich an seiner Liebesarbeit teilnehmen zu lassen. Nie hatte ich ihn so froh gesehen. Seine Augen standen voller Tränen, als er mich küßte und sagte: ›Also bist du doch gekommen, mein geliebtes Kind.‹ Ich lernte Krankenpflege im Hospital. Sie können sich nicht denken, wie schwer es mir zu Anfang fiel, weil alles so unschön war. Eines Tages aber kam die Freude von selbst. Ein Lächeln auf einem kranken Gesicht hervorbrechen zu sehen, wie eine kleine bleiche Blume, die sich in der Sonne erschließt, und zu wissen, daß man selbst das Lächeln unter der Wärme seiner Hand hervorgelockt hat – das ist ein Glück, das man gekostet haben muß, um es ganz zu verstehen. Und als es erst begonnen hatte, nahm es mich ganz gefangen. Ich brachte es so weit, daß ich Vater als seine beste Krankenpflegerin zur Hand ging. Ebenso wie er, begnügte ich mich nicht mit dem Krankenhaus. Ich suchte die Armen in ihren Häuslichkeiten auf, wenn sie als gesund entlassen waren; ich habe den Haushalt bei armen Wäscherinnen besorgt, die im Wochenbett lagen und deren Kinder sich noch nicht allein helfen konnten. Ach, Sie kennen die Armen nicht. Hat man ihnen erst einmal geholfen, dann lassen sie einen nicht wieder los. Ging es ihnen schlecht, dann kamen sie zu mir, öffneten mir vertrauensvoll ihr Herz, weinten ihre Not in meinen Zimmern aus und legten treuherzig ihr neues Elend auf meine Schultern, als sei ich ihr natürlicher Versorger. Was es mich kostete, nein zu sagen, wenn zuletzt meine Körperkraft oder mein Geldbeutel versagten, davon machen Sie sich keinen Begriff; es war schrecklich, Enttäuschung in ihren Augen zu sehen, die der hoffnungsvollen Erwartung folgte, mit der sie gekommen waren. Vater bekam wie immer recht. Er hatte mich davor gewarnt, mich zu heftig in die Arbeit zu stürzen. Jetzt kam es: ich hatte mich überanstrengt, war eine Zeitlang krank und während ich Rekonvaleszentin war, kehrte mein Verlangen nach dem freien Leben, nach Entwicklung und eigener Freude zurück. Ich sehnte mich von neuem nach allem, was schön war, sehnte mich, das Leben in freien, schönen, persönlichen Formen zu leben, und nicht der Not und Erniedrigung Aug in Auge gegenüberzustehen. Ich hatte Ekel vor meiner Arbeit bekommen. Es tat mir weh, aber ich konnte nichts dafür. Ich fühlte mich so jung und stark und schön, und fand, daß alles, was nicht nur elend und arm, sondern auch häßlich und schmutzig war, mir aus den Augen mußte. Ich fing an, mich selbst und mein Aeußeres zu pflegen, wie meine Freundinnen es taten. Ich interessierte mich wieder für meine Toilette und für die Meinung der Welt. Meine gleichaltrigen Kameraden empfingen mich wie den verlorenen Sohn, man machte mir die Tour und verhätschelte mich. Mein Vater hatte kein Wort des Vorwurfes für mich; nur war es, als wollte er den Armen den Verlust ersetzen. Er nahm sich derer an, die mich aus alter Gewohnheit aufsuchten und meine Tür verschlossen fanden. Einmal hörte ich zufällig, wie er mich bei ihnen entschuldigte und mit einem Lächeln auf meine Jugend hinwies. Es kränkte meinen Stolz und rührte mich dennoch tief. Jetzt, wo er tot ist, sitzt es wie ein Stachel in meinem Herzen, daß ich ihn enttäuscht habe. Ich verliebte mich in einen Studiengenossen, einen jungen Mediziner. Er war hübsch und hatte sich moderne Gedanken und Worte angeeignet, aber das war auch alles. Als ich ihn näher kennen lernte, enttäuschte er mich. Er schrumpfte gleichsam zusammen, und meine Verliebtheit verging, als ich sah, daß die Eigenschaften, die ich in seinem frischen Wesen und seinem hübschen Gesicht zu finden gemeint hatte, von mir selbst hineingedichtet worden waren. Ich spiegelte mich in ihm und sah, wie es auch mir ergehen, daß auch bei mir alles nach und nach Oberfläche werden würde. Ich sah ein, daß ich mich auf die Dauer von diesem Leben, zu dem ich zurückgekehrt war, nicht befriedigt fühlen könnte. Ich fühlte, wie ich nun einmal geschaffen bin, daß ich etwas haben müßte, nach dem ich streben und um das ich mich sammeln konnte. In mir ist ein ewiger Kampf zwischen Gemüt und Körper: bald betrachte ich mein eigenes Glück als das einzig wichtige in der Welt, und bald gewinnt mein angeborenes Verlangen, andere um mich herum glücklich zu machen, die Oberhand. Wieder und wieder stellte ich mir selbst die Frage: Warum bist du gesund und stark und hübsch und jung, wenn du dich dessen nicht freuen und zu etwas noch Stärkerem und Schönerem entwickeln darfst? Wenn mir aber ein verhungerter Mensch auf der Straße begegnete, erlosch meine Freude. Besonders Kinder rührten mein Herz; ich meinte, ich dürfte mich nicht satt essen, solange sie hungerten. Mein Gemüt war abermals aus dem Gleichgewicht gebracht und das Schlimmste war, daß ich nicht länger an eine Lösung glaubte. Kaum hatte ich mir selbst gesagt: Jetzt will ich meiner eigenen Entwicklung leben, so fühlte ich auch schon, daß ich es nicht konnte , solange ich menschliches Elend vor Augen hatte, wenn ich mir aber vorstellte, daß ich zu meiner alten Arbeit zurückkehren und Freude in der Linderung der Leiden anderer finden würde, dann verlangte meine Persönlichkeit ihr Recht, und ich war ebenso wie vorher. Mein Gemüt wurde schwer. Die Augen meines Vaters folgten mir mehr als je. Schließlich ging ich zu ihm und offenbarte ihm, wie es um mich stand. Er klopfte mir die Wange und sagte, daß er mir weder helfen könne noch wolle, es sei ein Kampf, den ich allein durchkämpfen müsse. Er selbst habe ihn in seiner Jugend bestanden. Die meisten Menschen, die etwas taugten, kennten ihn in der einen oder anderen Form. Es sei nicht nur der Kampf zwischen der Pflicht gegen sich selbst und gegen andere, sondern es sei gleichzeitig der Kampf zwischen Körper und Geist. Vater ging nie zur Kirche. Er sprach nie von Gott, und doch bin ich fest davon überzeugt, daß er gläubig war. Ich bin von klein auf oft zur Kirche gegangen. Mutter hatte mich zu glauben gelehrt, und nach ihrem Tode ist unser altes Mädchen jeden Sonntag mit mir zur Kirche gegangen, bis ich konfirmiert wurde. Ich fühlte, daß Vater es gern sah, obgleich er mich nie dazu aufforderte. Während ich Konfirmationsunterricht hatte, war ich stark von der Religion erfüllt. Ich kam in ein eigenes persönliches Verhältnis zu Gott, das ich mir nach meinem eigenen Kopf formte; so wie er war, gehörte er mir und hatte mein volles Vertrauen. Er ersetzte mir die Mutter; ich fand, daß sie auch dabei sei, wenn ich zu ihm betete. Es war, als ob wir gemeinsame Sache machten. Als aber mein Gemüt schwer geworden war, suchte ich vergeblich Trost in meinem Glauben. Bis jetzt hatte ich nie selbständig über diese Dinge nachgedacht. Es war mir nie eingefallen, zu zweifeln. Jetzt fing ich an zu vergleichen. Was ich gelesen und studiert, hatte mich früher nicht angefochten, weil ich nie so tief darin eingedrungen, daß es meinem Glauben zu nahe gekommen war – jetzt meldete es sich mit Zweifel und Verlangen nach Zusammenhang. Ich konnte die Not, die ich in der Welt sah, nicht mit einem gnädigen und barmherzigen Gott vereinigen – und ich kann es noch immer nicht. Ist die Erklärung der Erbsünde denn etwas anderes als eine große Ungerechtigkeit gegen das ganze übrige Leben? Wie kann ein allmächtiger und barmherziger Gott Menschen mit so himmelschreiend ungleichen Schicksalen auf die Welt kommen lassen, von denen der eine einen geebneten Glücksweg, der andere ein Leben in Not und Qual vor sich hat? Darüber kommt das Christentum nie hinweg, was hilft es, daß es auf Gottes Unerforschlichkeit hinweist oder auf die Gnade und Erlösung durch seinen Sohn, der die Erbschuld bezahlte? Gerechtigkeit und Gnade sind zweierlei. Was soll es heißen – Gnade für einen sündigen Menschen – wenn er die Sünde nicht selbst verschuldet hat, sondern sie ihm von dem Allmächtigen zuerteilt worden ist? Bedeutet es nicht, daß Gott in sich selbst gegangen ist und die Strafe für nichtig erklärt hat, weil er selbst erkennt, daß Erbschuld keine Schuld, sondern eine Ungerechtigkeit ist? Ich habe den Glauben meiner Mutter verloren, der mir in meiner Kindheit geholfen hat. Gottlos bin ich nicht, aber ich bin auch keine Christin. Not und Elend, Glück und Unglück, wie wir sie täglich in unbegreiflichem Durcheinander sehen, müssen einen Zusammenhang, einen vernünftigen Sinn haben; denn ohne den ist das Leben sinnlos; welchen Sinn? – Das ist für mich die große offene Frage; und bevor ich sie nicht gelöst bekomme, durch Gewißheit oder durch einen Glauben, der ebensogut ist wie Gewißheit, kann ich nicht froh werden, wie ich es in meiner Kindheit war, kann ich nicht wie ein freies, persönliches Wesen leben; denn wie sollte ich mich selbst oder andere gegen ein solches Unrecht wehren? Keine Religion, die ich kenne, gibt eine Lösung. Vielleicht, daß es in Asien, woher all unser Wissen vom Ewigen stammt, Weise gibt, die das Rätsel gelöst haben. Ach, ich würde viel darum geben, wenn ich's erfahren könnte. Daß es einen Gott gibt, erscheint mir ebenso sicher, wie daß es eine Seele und einen Körper und eine Welt um mich herum gibt; aber er ist stumm, er verbirgt sich vor den Menschen. Man sagt, daß das Niedrigere das Höhere nicht erfassen kann, ein Hund zum Beispiel nicht den Menschen, der sein Gott ist; ein Mensch aber würde doch einen Hund nicht fortweisen, wenn er das Leben seines Herrn retten will. Es gibt Menschen, die im Verhältnis zu Gott wie herrenlose Hunde sind. Wenn Menschen ihrem Glauben an einen allmächtigen und allgütigen Gott treu bleiben sollen, muß es eine Offenbarung, eine Erklärung geben, wie es mit der Gerechtigkeit des Lebens zusammenhängt. Die alte Lehre, die die Menschen vor zweitausend Jahren erlöste, genügt heute nicht mehr. Die Menschen sind durch ihre Arbeit ein anderes Geschlecht geworden wie früher. Ihr Gott, der Gott unserer Vorfahren, ist hinfällig geworden. Der Ewige aber muß in unsern Herzen lesen können, wie wir darunter leiden, daß keine neue Offenbarung uns die höhere Einweihung gegeben hat, zu der wir jetzt herangereift sind. Sie ist notwendig, damit unsere Entwicklungsquellen nicht versanden, und unser Sinn nicht von hoffnungslosem Zwiespalt in uns selbst verzehrt wird. Christus erneuerte das alte Gesetz, dem das Leben entwachsen war, und gab den Menschen ein neues, weil es notwendig war. Die neue Zeit hat die alten Lebensformen wie eine Puppenlarve gesprengt; mit den alten können wir nicht mehr weiterleben und die neuen haben wir noch nicht erreicht. So war es zu Christi Zeiten, und so ist es heute wieder. Eine neue Offenbarung muß uns die höhere Form, das neue Gesetz zeigen, das für uns Leben und Wahrheit bedeutet. Der Ewige muß uns sein Antlitz von neuem zeigen, damit wir auch jetzt auf das Licht zusteuern können. So denke ich jetzt und so dachte ich vor einem Jahr, als ich von dem Unglück betroffen wurde, daß mein Vater eines Tages während seiner Tätigkeit im Krankenhaus das Bewußtsein verlor und krank nach Hause gebracht wurde. Er war verbraucht. Das Leben für andere hatte ihm das seine gekostet. Nicht eine Klage kam über seine Lippen, und doch war auch er einst ein junger Mensch wie ich gewesen, der danach strebte, sein eigenes persönliches Leben zu entwickeln und der jetzt ein Opfer für andere geworden war. Der Gedanke war mir unerträglich. Ich verbarg vor ihm, was in meiner Seele vorging, aber ich glaube doch, daß er es in meinen Augen las. ›Ich muß sterben, mein geliebtes Kind,‹ sagte er eines Tages, ›es gibt keinen Ausweg. Die Maschine will nicht mehr, die Räder sind verbraucht. Was aber soll aus meinen Kindern werden?‹ Er meinte die vielen armen Menschen, deren Leben er gerettet hatte und für die er später ein Freund gewesen war, für viele der einzige, den sie im Leben gehabt hatten, ein Freund, der ihre Not sah, ohne kleinlich nach Ursache oder Schuld zu forschen. Eines Abends zog er mich an sich und küßte mich auf die Stirn, hielt meine Hand lange in der seinen und betrachtete mich, bis seine Augen sich mit Tränen füllten. Wir hatten lange von Mutter gesprochen, und ich glaube, daß er deshalb so bewegt war. Am nächsten Morgen lag er tot in seinem Bett. Nie werde ich vergessen, als die Todesnachricht in unserm Viertel bekannt wurde. Sie standen vor unserer Tür, um zu hören, ob es wahr sei; bis weit auf die Straße hinaus standen sie, Frauen und Männer und Kinder, Alte und Junge, stumm und bedrückt in ihrer Not. Die Frauen weinten, die Männer trockneten sich die Augen. Ich sah sie von meinem Fenster aus. In meinem eigenen verzweifelten Schmerz meinte ich, daß der ihrige nicht geringer sei, und daß ich ihn, der dort lag und im Tode lächelte, fast leichter entbehren könne, als alle die, die jetzt ohne Freund in der harten Welt standen. Sie waren ebensosehr seine Kinder wie ich. In diesem Augenblick liebte ich diese armen Menschen wie meine Brüder und Schwestern. Ein größeres Begräbnis als das meines Vaters hatte man nie gesehen. Da waren keine Orden auf seinem Sarg, keine Ehrenbezeigungen von der herzlosen und unpersönlichen Obrigkeit dieser Welt, keine Herren mit Titeln und Uniformen, aber eine leidende und trauernde Menschheit gab ihm zu Fuß den langen Weg zum Grabe hinaus das Geleit, um ihm ein letztes Lebewohl zu sagen. Und dieser Mann, der mein Vater war, der mein Gemüt und mein Herz kannte, der selbst das Richtige gewählt und niemals von seiner Pflicht abgewichen war, hatte mich vor seinem Tode vor dieselbe Wahl gestellt. So wie er einst zu mir gesagt hatte, als ich mich ihm in meiner Not anvertraute: das mußt du selbst durchkämpfen, hier kann nur dein eigenes Gemüt dir helfen, so mahnt er mich auch jetzt aus seinem Grabe: Du mußt deine Wahl treffen! In seinem Testament stellt er die Größe seines Vermögens fest und sagt darauf: ›Dies alles hinterlasse ich meiner Tochter. Es ist ihr väterliches und mütterliches Erbe. Ich habe keine Legate verteilt, habe niemandem über meinen Tod hinaus helfen wollen, obgleich jetzt viele brotlos werden. Ich überlasse alles meiner Tochter. Ihr gehört das Ganze, sie soll wählen, was sie damit machen will. Ob sie, jung und kräftig, wie sie ist, und mit der Ausbildung, die sie bekommen hat, das Los der Allgemeinheit teilen und sich durch Arbeit und eigene Kraft ernähren will, um mit dem Vermögen einen Fonds zu stiften, der meinen armen Kranken zugute kommen soll, oder ob sie das Vermögen dazu verwenden will, ihre eigene Persönlichkeit zu einem reicheren und schöneren Eigenleben zu entwickeln. Sie allein soll es entscheiden, vor sich selbst, ihrem Nächsten und ihrem Gott‹« Helen hielt inne und starrte vor sich hin. Der Mond war aufgegangen; seine scharfe Sichel zog eine Linie von zitterndem Gold über das dunkle Wasser. Ralph hatte sie nicht ein einziges Mal unterbrochen; mit stiller Verwunderung, ja, fast mit Ehrfurcht war er Zeuge davon gewesen, wie eine junge Frauenseele sich vor ihm entfaltete und ihm ihr Inneres zeigte. Das hatte er noch nie erlebt. Auch jetzt wollte er das Schweigen nicht brechen, das ihm aus ihrer bewegten Seele entgegenzitterte. »Ich habe überlegt und überlegt,« begann Helen wieder mit gedämpfter Stimme, während ihre Hände sich um ihr Knie falteten, »aber ich bin zu keinem Resultat gekommen. Ich habe denen geholfen, die nicht ohne meine Hilfe leben konnten. Aber die entscheidende Wahl habe ich noch nicht treffen können. Da faßte ich den Entschluß, fortzureisen. Nur wenn das Herz leer ist, ist es bereit, Gott zu empfangen, habe ich einmal gelesen; darum wollte ich fort von all dem, was mich zu Hause mit Kummer und Freude erfüllte. Es wurde mir klar, daß Vater mich zwingen wollte, mich selbst zu finden, weil er sah, daß ich in beständigem Zwiespalt mit mir selbst lebte. Und im Zwiespalt mit sich selbst kann kein menschliches Gemüt gedeihen. Er hatte erreicht, was er wollte. Habe ich das Recht, mir selbst zu leben und kann ich es? – oder muß ich für andere leben? Darf ich Zuschauer sein – oder muß ich dienen; das ist das Entscheidende für mich geworden. Darum muß ich fort. Solange ich zu Hause bin, fühle ich mich nicht frei in meiner Wahl. Ich kann nicht über eine Straße gehen, ohne daß es mir von jedem Ladenfenster zuruft: Sieh hier, was für dich zu haben ist, damit dein Leben reicher und schöner wird, du Glückliche, die du die Mittel hast zu kaufen. Museen und Bibliotheken, Kunst und Pracht und alle schönen Dinge rufen mir zu: hier ist, was du suchst. Alles dies ist gesammelt und gebaut, um der Entwicklung deiner Persönlichkeit zu dienen. Der Staat, der mit der Kirche im Bunde ist, der du angehörst, unterhält es; wie kannst du da noch zweifeln? Warum ist dir ein lebendiger Geist mit Verlangen nach Schönheit und Erkenntnis gegeben, wenn du dich nicht zu einem höheren Menschen und einem reicheren Leben entwickeln willst? Laß die, denen es nicht gegeben ist, anderen dienen, diene du, die du die Begabung und das Verlangen hast, Gott durch dich selbst. Ich will fort von der Zivilisation, hinaus zu Menschen, die nur Menschen sind, um zu finden, wo ich wurzle; durch die dicke Schicht von Gewohnheitsgedanken und Gewohnheitsglauben will ich den Weg zurück, den die Kultur gewandert ist, bevor sie mich formte. Vielleicht finde ich in Asien, woher alles stammt, zu dem Ursprünglichen in mir zurück, wo es keinen Zwiespalt und keine Wahl gibt, weil die Entscheidung schon in dem Gesetz meines Wesens begründet ist. Darum sitze ich nun hier neben Ihnen und sehne mich nach den Bergen dort drüben. Ich werde erst in das Land meines Vaters und zu der Frage meines Vaters zurückkehren, wenn ich Antwort gefunden habe.« Helen hatte sich erhoben. Sie stand vor ihm, groß und schlank, mit einem fernen Blick in ihren tiefen, glänzenden Augen. Ihre Lippen trennten sich zu einem wehmütigen Lächeln. »So allein bin ich, daß ich mein Herz einem Fremden öffnen muß.« »Für mich sind Sie keine Fremde,« sagte er und nahm ihre Hand. »Nein,« lachte sie, »jetzt kennen sie mich in- und auswendig.« »Ich danke Ihnen für Ihr Zutrauen!« sagte er und blickte ihr fest in die Augen. Er wollte etwas ganz anderes gesagt haben, aber es fehlten ihm Worte, um Gefühle auszudrücken; darin hatte er niemals Uebung gehabt. »Gute Nacht!« sagte sie, drückte seine Hand und eilte in ihre Kajüte hinunter. Ralph wurde durch einen Stoß der Dampfflöte geweckt, der seine ganze Kajüte zum Beben brachte. Er richtete sich auf und sah hinaus. Die Sonne war noch nicht aufgegangen, aber es dämmerte am Horizont. Der Dampfer glitt mit halber Kraft an einer dunklen Bergwand entlang; er konnte eine kleine Stadt an ihrem Fuße unterscheiden, mit flachen Dächern über blinden Mauern; von einem Haus stieg weißer Rauch langsam in die klare, dünne Luft. Er kleidete sich an und ging auf Deck, wo zwei Matrosen mit bloßen Füßen spülten. »Wo sind wir?« fragte er. »Wourla!« Die Matrosen drehten sich um und zeigten aufs Land. »Was sollen wir hier?« »In Smyrna ist Cholera, – wir dürfen nicht landen, bevor wir einen Arzt an Bord gehabt und einige Quarantänepassagiere aufgenommen haben.« Etwas weiter fort lag ein großer Passagierdampfer. Ralph sah durch das Fernglas, daß es der »Osmannieh« von der ägyptischen Khediv-Linie war. Die gelbe Quarantäneflagge wurde gerade zwischen den Masten gehißt, und kurz darauf wehte am Vortopp seine eigene heimatliche Flagge, » Stars and Stripes «. Der Gesandte ist also an Bord, dachte er und erinnerte sich, in der Zeitung gelesen zu haben, daß der Gesandte von seiner Erholungsreise in Aegypten nach Konstantinopel zurück erwartet wurde. Zwischen der hohen Pforte und dem europäischen Konzert mußte etwas nicht in Ordnung sein: es war ein bedenkliches Zeichen, daß Mr. Lawson, dessen er sich von einem Mittagessen in Neuyork erinnerte, seine Reise unterbrochen hatte. Er versuchte sich ins Gedächtnis zurückzurufen, was er über die politische Situation in den letzten Tagen gelesen hatte, sandte Hopson Brothers in Neuyork, die sein Vermögen verwalteten, einen flüchtigen Gedanken und schob dann alles wieder mit einem Achselzucken von sich. Das alles kümmerte ihn wenig. Er war ein freier Mann, der sich über den Sonnenaufgang freuen durfte. Er schlenderte über das Promenadendeck, um das Leben an Bord erwachen zu sehen. Von der Laufbrücke aus konnte er das Zwischendeck übersehen. Um die geschlossene Luke herum lagen Schlafende, in ihre Mäntel gehüllt. Neben der Reling hatte ein Türke, der mit seiner ganzen Familie reiste, durch Decken einen Privatraum für seine Frau und Rinder abgeteilt; ein lautes Schnarchen war von dort zu hören. Den Rücken gegen die Kajütenwand gelehnt, saß ein armenischer Mönch in seiner langen schwarzen Doppelkutte, die Kapuze über seine Glatze gezogen. Er schlief sanft, die groben Hände um seinen langen, schwarzen Bart gefaltet, der ihm bis an den Gürtel reichte. Ein junger Levantiner in europäischer Kleidung lag mit dem Kopf auf einer Taurolle. Er hatte sich seinen Wintermantel über die hochgezogenen Knie gebreitet. Die blutlosen Lippen zitterten in der Morgenkälte. Etwas Degeneriertes sprach aus dem schmalen Gesicht mit den langen Brauen und den schlaffen Mundwinkeln. Unter dem aufgeknöpften Kragen hing ihm ein feuerroter Schlips lose über die Brust. Er sah aus, als habe der Schlaf ihn auf der Flucht vor einem Verbrechen übermannt. In der offenen Kajütentür tauchte eine Frau auf. Sie blickte sich vorsichtig um und schlich unbemerkt durch die Schlafenden, bis sie die Reling erreichte. Sie beugte sich vor und blickte neugierig zum Land hinüber, indem sie die Augen mit der Hand beschattete. Es war eine drusische Frau aus dem Libanontal, in einem langen, groben Mantel, der ihr bis auf die Füße reichte und um die Taille von einem Ledergürtel mit einer kunstfertigen Silberspange zusammengehalten wurde. Von der hohen Spitze ihrer Mütze, die ihr Haar bedeckte, hing ihr ein Kopftuch übers Gesicht; es war der Hennin, derselbe Zuckerhut, den die Ritterfrauen im Mittelalter trugen, und der die syrische Haube genannt wurde, weil die Kreuzritter die Mode im Libanon von den Vorfahren dieser Frau gelernt hatten. Das Kopftuch hing ihr wie eine Gardine vorm Gesicht, so daß sie es zurückziehen mußte, um zu sehen. Als sich kurz darauf jemand hinter ihr rührte, eilte sie zur Kajüte zurück. Ein junger Perser, der sich die hohe Lammfellmütze über die Augen gezogen hatte, erwachte und reckte sich. Noch schlaftrunken, wandte er sein lehmfarbiges Gesicht dem zunehmenden Licht zu und rieb sich die Augenlider, dann drehte er sich um, suchte etwas hinter dem Bündel, das ihm als Rückenstütze diente, zog eine Nargilha hervor und machte sich eine Pfeife zurecht. Das war seine Morgenmahlzeit. Zwischen der Reling und einem verdeckten Rettungsboot rührte sich etwas. Eine zusammengerollte, grobe Wolldecke mit breiten, schwarzen Streifen wurde plötzlich lebendig. Sie faltete sich auseinander und aus ihrem Inneren richtete sich ein Beduine auf seinen Knien auf. Ein gewürfeltes Kopftuch, das mit einem Doppelring von gedrehtem Kamelhaar um seinen Kopf befestigt war, fiel ihm über Brust und Schultern. Er reckte seinen mageren Kopf wie ein Adler, der von seinem Felsengipfel zum Sonnenaufgang hinüberblickt und das Land zu seinen Füßen, wo er seine Beute suchen will, mustert. Unter den geraden Brauen glühten die schwarzen Augen noch blank vom Schlaf. Er atmete mit weitgeöffneten Nasenflügeln die Luft, wickelte sich in die Decke ein, die sein Bett gewesen war, und erhob sich, um seine Morgenandacht zu verrichten. Er ging auf einen Wasserhahn am Vordersteven zu, pumpte sich ein Zinngefäß voll Wasser, befeuchtete seinen dünnen, spitzen Bart damit, setzte sich in die Hucke, streifte seine Lederhosen hinunter und wusch seine Füße und Arme, alles auf die vorgeschriebene Weise. Darauf senkte er den Kopf, bedeckte sein Gesicht mit den flachen Händen, und blieb so eine Weile sitzen. Als die Vorbereitungen zum Gebet beendet waren, erhob er sich, sah zur Morgenröte hinüber, machte die richtige Himmelsgegend ausfindig und wandte sich nach Südosten. Dann breitete er den Mantel zu seinen Füßen aus und stellte sich auf die eine Ecke desselben, das Gesicht gen Mekka gewandt, während die Hände herabhingen, ohne das Hemd zu berühren. So betete er sein Istigphar, das Vergebungsgebet. Darauf hob er die Hände in Gesichtshöhe, wandte die offenen Flächen nach auswärts, indem er die Daumen gegen die Ohrläppchen legte, und sagte das Einleitungsgebet Tekbir – Gott ist groß; darauf betete er den ersten Vers des Korans, legte mit niedergeschlagenen Augen die Hände unter dem Leib aufeinander, so daß die Rechte die Linke, die verflucht ist, verbirgt. Während er betete, neigte er sich tief vornüber, die Hände flach auf den Knien, und richtete sich wieder auf. Dann warf er sich auf die Knie, die Hände vorgestreckt und die Fingerspitzen auf dem Mantel. Er berührte ihn mit seiner Nasenspitze, blieb eine Weile so liegen und betete, erhob sich auf seinen Knien, die Hände auf den Beinen, und verrichtete von neuem sein Tekbir. Wieder warf er sich vornüber, wieder richtete er sich auf den Knien auf, drehte seinen Kopf grüßend erst zu seiner rechten Schulter, wo der gute Engel sitzt, der auf den rechten Weg führt, darauf zur linken, wo der Verführer sitzt, der das Böse in Gewahrsam hat. Und als der ganze Rickah beendigt war, fing er ihn noch einmal von vorn an. Schließlich war das »Salatu'l Fajr«, das Morgengebet, beendet, und er ging auf Deck hin und her, mit befreitem Gemüt, das Gesicht der Sonne zugewandt, während er den Tchibuk aus seinem Gürtel zog und sich eine Pfeife stopfte. Ein junger Türke mit Fes und Kneifer stellte sich in der Tür zum Salon auf, wo die Passagiere der ersten Klasse versammelt waren, rief die Namen aus der Schiffsliste auf und blickte über den Kneifer hinweg auf den, der auf den Namen antwortete. Das war die ganze ärztliche Untersuchung. Ein Boot kam vom »Osmannieh« mit den neuen Passagieren, die seit zwei Tagen auf Schiffsgelegenheit nach Beyrut gewartet hatten. Ralph lehnte über die Reling und sah sie die Fallreeptreppe hinaufentern. Da waren zwei sehr lautsprechende französische Damen, die wie für eine Nordpolreise gekleidet waren, eine eckige Engländerin von der bekannten Touristenrasse, mit Sportmütze und Golfjacke, ein ältlicher Türke mit Fes und langschößigem Rock, und fürs Zwischendeck einige schweigsame, dunkeläugige Maroniten, die zu ihren Weingärten im Libanon wollten. Der Gong ertönte und Ralph eilte zur ersten Mahlzeit des Tages hinunter. Anfangs war er mit dem Kapitän allein, einem kleinen untersetzten Südfranzosen mit hitzigen Augen und Don-Quijote-Bart, außerdem waren da der Schiffsarzt und der Intendant, die ihren eigenen Tisch hatten. Während er aß, kamen die neuen Passagiere nacheinander herein; sie bekamen ihre Plätze von dem Maitre-d'hôtel angewiesen, einem vierschrötigen Marseiller mit gestutzten Whiskers, blauem, kurzschößigem Livreefrack und weißem Schlips. Die verfrorenen französischen Damen wärmten sich Hände und Rücken am Koksofen mitten im Salon, bevor sie sich setzten. Der Türke bekam Ralph gegenüber Platz. Er hatte blaßbraune Augen in einem länglichen Gesicht, einen gelblichen Teint voll von kleinen braunen Leberflecken und einen dichten, graugesprenkelten Vollbart, der lange nicht unter der Schere gewesen war. Den hab' ich schon mal gesehen, dachte Ralph, der ein gutes Personengedächtnis hatte. Der Türke behielt seinen Fes auf, während er aß. Die schwarze Troddel bewegte sich bei dem energischen Kauprozeß, der seinen ganzen Kopf in wackelnde Bewegung versetzte, wie bei einem wiederkäuenden Widder. Etwas Lauerndes in seinem Blick unter den Lidern sagte Ralph, daß der Türke auch ihn wiedererkannt hatte. Ralph suchte zu erraten, was der Mann sei. In Neuyork würde er ihn für einen Gelehrten aus einem Laboratorium gehalten haben, hastig forschend, von seinem eigenen Gedankenleben in Anspruch genommen, verschlossen und doch mit wachen Sinnen. Erst als der Türke sich erhob und mit langen, ruhigen Schritten, die gar nicht zu seinen energischen Kaubewegungen paßten, auf den Diwan zuging und so nahe wie möglich am Ofen Platz nahm, erinnerte Ralph sich, wo er diesen Mann schon einmal gesehen hatte; damals trug er Turban und Djubbe mit grünen, blauen und roten Streifen längs der weißen Aermel. Ralph lehnte sich in einen Deckstuhl zurück, die Beine auf dem Nachbarstuhl am Ofen, und überflog »Le Temps« und »New York Herald«, die mit der Post an Bord gekommen waren. Er wartete auf Helen Herz. Während seine Augen die Spalten durchflogen, ob er etwas finden würde, was ihn interessieren konnte, waren seine Gedanken bei ihrer abendlichen Unterhaltung. »Erlauben Sie,« sagte der Türke auf französisch und streckte seine Hand nach »Le Temps« aus, den Ralph auf den Tisch gelegt hatte. »Bitte!« antwortete Ralph auf englisch und schob ihm die Zeitung hinüber; er war nicht zum Unterhalten aufgelegt. »Sie sind Amerikaner!« sagte der Türke auf englisch. Ralph blickte ihn kalt über den Tisch hinüber an und nickte. Der Türke hatte seine Beine unter sich gekreuzt; Ralph ließ ihn durch einen Blick verstehen, daß er es bemerkte. Die bläulichen Lippen des Türken verzogen sich zu einem halb nachsichtigen, halb spöttischen Lächeln. »Entschuldigen Sie!« sagte er und veränderte seine Stellung. »Es ist eine nationale Angewohnheit von uns, die man schwer los wird. Ihr Abendländer wißt nicht, was euch entgeht. Denn wer seine Beine sammelt, sammelt seine Gedanken.« Während er sprach, drang ihm aus Nasenlöchern und Mund Rauch wie aus den Spalten eines rauchgefüllten Raumes. Er hatte lange keinen Zug an seiner Zigarette getan, die halb ausgebrannt auf dem Aschenbecher lag – mußte also den Rauch seit längerer Zeit in sich gehabt haben. Ralph hatte einmal gelesen, daß die Orientalen durch die Lunge rauchen; nun sah er es zum erstenmal selbst. »Warum füllen Sie die Lunge mit Rauch?« fragte er unumwunden, wie es seine Gewohnheit war, wenn ihn etwas interessierte. »Warum tun Sie es nicht?« Der Türke nahm die Zigarette und tat einen Zug, bis die Asche glühte. Die weiten Nasenflügel bewegten sich und der Mund stand offen, aber es kam kein Rauch. Ralph sah ihn an, ohne zu antworten. Der Türke lächelte und zeigte seine langen, spitzen Zähne, die etwas auseinanderstanden. »Ich habe keine Freude an dem Rauch, wenn ich ihn gleich hinauslasse! Ihr raucht mit den Lippen, wir mit den Lungen, und durch sie mit dem Blut, und durch das Blut genießt der ganze Körper.« »Andere Rassen, andere Gewohnheiten!« fügte er hinzu und ließ seinen Blick forschend auf Ralph ruhen. »Als ich zum erstenmal nach Paris und London kam, wurde ich nicht müde, mich über eure abendländischen Gewohnheiten zu wundern. Jetzt sehe ich den Unterschied kaum mehr. Die Welt bleibt sich gleich, aus welcher Himmelsrichtung der Wind auch weht.« »Und Sie kleiden sich nach der jeweiligen Windrichtung!« – Jetzt entschleiere ich dich, dachte Ralph und lachte kurz auf. »Wie meinen Sie das?« »Ich sah Sie auf der Treppe zum Crédit Lyonnais in Konstantinopel. Damals waren sie wie ein Alttürke gekleidet, mit Turban und allem, was dazu gehört.« »Das stimmt,« sagte der Türke und lächelte freundlich mit seinen braunen Augen, als verstünde er Ralphs Absicht und hätte Nachsicht mit ihm. »Ich habe auch Sie gesehen.« »Interessiert es Sie, warum ich mein Gefieder wechsele?« fügte er hinzu und beugte sich über den Tisch zu Ralph hinüber. »Ja,« sagte Ralph schlagfertig, »sonst hätte ich es nicht bemerkt.« »Ich bin ein verfolgter Mann!« sagte der Türke still und kreuzte die Beine wieder. Der geschwätzige Türke war jetzt kein aufdringlicher Reisegefährte mehr, der sich herausnahm, Ralph Cunning überlegen zu behandeln. Er war plötzlich ein Mitmensch mit einem Schicksal, das Ralph kennen zu lernen wünschte. Er nahm seine Beine vom Stuhl, drehte sich um und heftete seinen scharfen, hellen Blick mitten auf das lebergefleckte Gesicht, das keine Bewegung verriet. »Wer sind Sie?« fragte er. Der Türke sah auf und sagte sanft: »Als ich in Neuyork war, pflegte man seinen eigenen Namen zu nennen, wenn man den eines andern kennen zu lernen wünschte.« Ralph wurde rot und strammte sein Kinn. »Entschuldigen Sie!« sagte er mit seinem ungeschickten Lächeln. »Ich bin Ralph Cunning aus Neuyork, Mitglied des ›Klubs der Verantwortungslosen‹.« Der Türke blickte ihn unter seinen halbgeschlossenen Lidern verstohlen an und nickte. »Kennen Sie den Klub?« »Ich habe davon gehört. Mein Name ist Gamâl-ed-dîn. Ich heiße ebenso wie unser berühmter Philosoph aus dem vorigen Jahrhundert. Auch ich bin Schejk, ebenso wie er, oder richtiger: ich bin es gewesen.« »Schejk – ist das nicht dasselbe wie Bürgermeister?« »Das kann es sein. Dort wo ich war – an der El-Azhar in Kairo, der größten Universität der Mohammedaner, ist es das, was ihr Professor nennt.« Also doch ein Gelehrter. »Und Sie sind es nicht mehr?« »Nein. Ich bin abtrünnig geworden,« sagte er sanft. »Ich bin Christ.« Ralph zeigte unverhohlen sein Erstaunen. »Sie sind in Paris, London und Neuyork gewesen?« fragte er, als Gâmal-ed-dîn mit einem vollkommen unbeweglichen Gesicht an ihm vorbeistarrte, als sei er in tiefe Gedanken versunken. »Ja, ich habe an der Sorbonne und im British Museum studiert und bin Gast in Harward gewesen.« Ralph forschte in seinem Gedächtnis. Merkwürdig, daß solch ein seltener Besuch nicht durch die Neuyorker Zeitung zu ihm gelangt war. »Sind Sie schon lange Christ?« »Seit drei Jahren. Ich wollte Mohammeds Lehre reformieren,« sagte er einfach und natürlich, als spräche er vom Wetter, »aber die Turbanleute – so nennen wir die Schejks, die keine andere Weisheit in den Schulen dulden, als die des Korans – vertrieben mich und trachteten mir nach dem Leben. Ich habe Luthers Leben und Lehre studiert und wollte den Islam reformieren, so wie er die christliche Kirche reformiert hat. Christus ist ein größerer Prophet als Mohammed, das war mein Standpunkt. Ich nahm die Konsequenzen und ließ mich heimlich in Genf taufen. Ich habe mein väterliches Gut in Fajum verkauft und besitze genug, um unabhängig leben zu können. Jetzt lasse ich mich vom Zufall führen, oder was dasselbe ist, vom Schicksal, oder wiederum dasselbe: von Gott. Bald bin ich in London, bald in Neuyork. Seine Rasse aber kann man nicht von sich abstreifen, wie man den Glauben wechselt. Sie sehen, wie es mir mit den Beinen geht« – er lächelte und sah auf seine Stiefelspitzen auf dem Diwan herab. – »Das Land des Sultans kann ich nicht ganz entbehren, darum komme ich hin und wieder inkognito her und ziehe mein altes Schejkkostüm an. Darin haben sie mich neulich gesehen. In der Regel ist es nur ein kurzes Wiedersehen, denn die Turbanleute haben tausend Augen, und sobald ich merke, daß ich erkannt bin, muß ich so schnell wie möglich fliehen. Wenn man wüßte, daß ich Christ geworden bin, würde man einen Preis für meinen Kopf aussetzen.« »Gibt es denn kein Recht und kein Gesetz in den türkischen Landen?« »Nicht mehr als in Neuyork,« sagte Gamâl und betrachtete ihn mit seinem nachsichtigen Lächeln. »Wie meinen Sie das?« »Ich habe mir erzählen lassen, daß es auch in Neuyork vorkommen kann, daß ein Mann morgens in sein Geschäft geht und nicht zurückkehrt.« »Das ist Raubmord. ›Die schwarze Hand‹, – die Italiener.« »Ist ein Religionsmord unmoralischer als ein Raubmord?« »Nein. Da haben Sie recht.« »Ja, so hängt es mit mir zusammen. Jetzt habe ich Sie über mich aufgeklärt. Und Sie sind Techniker?« Ralph blickte erstaunt auf. »Sie kennen mich?« »Sind Sie es nicht, der ›die Himmelsbrücke‹ gebaut hat?« Er zeigte alle seine weißen Zähne und lachte herzlich. »Wie lange haben Sie in Neuyork gelebt?« »Ich bin mehrere Male dort gewesen. Zum letzten Male im vorigen Jahre, als Sie den großen Streik so glücklich lösten.« Ralph runzelte ärgerlich die Brauen. Sein Interesse für die neue Bekanntschaft schwand, weil der Mann sozusagen aus seiner eigenen Stadt war. Gamâls braune Augen mit den stechenden Pupillen ruhten auf ihm mit lebendigem Verständnis, und Ralph hatte das peinliche Gefühl, ein offenes Buch in der Hand eines überlegenen Lesers zu sein. Um Ralphs Mißstimmung zu zerstreuen, nahm Gamâl »Le Temps« und deutete auf einen Artikel. »Haben Sie den gelesen?« »Worüber?« »Ueber die Spannung in Europa.« »Ist denn eine da?« fragte er gleichgültig. »Es ist immer eine da,« sagte Gamâl und beobachtete ihn aufmerksam von der Seite, »sie ist wie ein Kaltfieber, das in bestimmten Zwischenräumen akut wird.« »Warum wird denn nicht losgeschlagen?« »Ein Weltkrieg?« »Dem Unvermeidlichen soll man nicht aus dem Wege gehen, wenn man vorwärts will, muß die Machtfrage entschieden werden.« »Solange wir nicht wissen, wer zu siegen verdient, gibt es keinen Krieg.« »Zu siegen verdient?« »Die Spannung zwischen den Großmächten ist keine Machtfrage und auch keine Geldfrage. Es handelt sich darum, wessen Kultur die herrschende sein soll. Brüder streiten sich, obgleich sie aus demselben Mutterschoß geboren wurden, weil ihre Individualität verschieden ist und sich aneinander reibt. So ist es auch mit den Nationen. Seid ihr nicht alle von derselben weißen Rasse? – Warum streitet ihr euch da? – Weil jeder seine eigentümlich ausgeprägte Kultur hat. Darum ist die Reibung in den Grenzländern am größten. Alle Nationen wollen sich entfalten und nach ihrer Eigenart studiert werden, was würde geschehen, wenn Frankreich Deutschland besiegte? Würde das Leben nicht wie bisher weitergehen? – Der Bäcker will Brot backen, und der Beamte will regieren,– nur die Uniformen werden wechseln; die Regierung, das öffentliche Leben wird nach dem Geist der herrschenden Macht geändert werden. Die Flagge wechselt und alles, was durch die Flagge ausgedrückt wird. Nicht einmal die Sprache würde davon berührt werden, oder sprechen nicht alle Deutschen deutsch und alle Franzosen französisch in Elsaß-Lothringen?« »Sie sagten: zu siegen verdient?« Gamâl blickte an ihm vorbei und fuhr fort, ohne seinem Zuhörer einen Gedanken zu schenken. »Das Volk, dessen Kultur am stärksten ist, wird siegen. Denn es sind nicht die Menschen, die kämpfen, sondern ihre Götter.« Ralph blickte erstaunt auf. »Es ist nicht nur Mohammeds und Christi Gott, die um die Herrschaft ringen; es ist auch der Gott der Germanen und Gallier und Angelsachsen, die gegeneinander streiten. Die Alten hatten recht, wenn sie die Götter des Feindes mehr fürchteten als ihn selbst. Mithra war es, der die römischen Legionen im Osten besiegte. Darum opferten sie dem Sonnengott und machten ihn zu ihrem eigenen, ebenso wie sie die ägyptischen Götter und schließlich den Gott der Christen annahmen.« Ralph verzog den Mund zu einem Lächeln. »Sie sind ein Christ und glauben, daß jede Nation einen anderen Gott hat?« »Gott ist Gott,« sagte Gamâl und sah ihn nachsichtig an, »aber jede Nation hat ihren eigenen Gott: er ist die Vorstellung der Nation von Gott, ihre eigene Seele in Gott gespiegelt, und dieses Spiegelbild ist die Eigentümlichkeit ihrer Kultur.« »Und das sollte Einfluß auf den Sieg haben?« »Der Sieg ist Gottes, ebenso wie das Leben die Entfaltung Gottes in der Welt ist. Diejenige Nation wird siegen, deren Kultur der klarste Ausdruck für Gott ist. Der Weg in der Welt geht vorwärts; denn Gott ist nicht im Zwiespalt mit sich selbst. Also muß derjenige siegen, der am weitesten vorgeschritten ist. Denn Gott ist Gott.« Ralph lachte. »Ich glaube mehr an Geld, Heer und Flotte.« Der Schejk betrachtete ihn mit seinem nachsichtigen Lächeln. »Sind nicht auch diese Dinge Gottes?« »Ist der Krieg vielleicht auch Gottes?« »Krieg ist Vollbringung und Erneuerung, Geburtswehen, bei denen die Rasse entsteht.« »Wenn die stärkste Kultur siegt, wie Sie sagen, so wird die weiße Rasse also niemals der gelben unterliegen? Gamâl sah ihn an. Sein Blick war so vielsagend, daß Ralph unwillkürlich die Augen niederschlug. Der Türke schwieg eine Weile. Dann sagte er: »Große Dinge habt ihr ausgerichtet, aber Gott ist nicht in Resultaten; er ist in erreichten Zielen. Der Mensch ist nicht die Frucht von dem, was er ausrichtet, sondern von dem, was er gedacht hat.« »Die weiße Kultur beherrscht die anderen. Also ist sie die stärkste.« »Nur zwei Wege führten zur Kultur: der Weg des Herzens und der Weg des Interesses. Der Zwangsweg ist kein Weg. Eure Kultur ist voll von Irrwegen.« »Nennen Sie mir einige.« »Ihr schätzt das Geld höher als die Weisheit. Ihr lehrt eure Kinder, daß die Natur gut und weise ist. Ihr habt falsche Ehrbegriffe.« »Zum Beispiel?« »Ich weiß, daß ein Mann die Frau seines Freundes nehmen und dennoch angesehen sein kann; aber er kann nicht mit Löchern in seinem Rock gehen oder seine Spielschuld unbezahlt lassen. Und ihr habt Orden, Rang und Titel.« »In Europa wohl, aber nicht bei uns. Auf unserer Kultur aber beruht aller Fortschritt, den sich die anderen Rassen aneignen.« »Seid ihr dadurch glücklicher geworden? Herrscht darum größere Eintracht zwischen euch? – Hat es euren Glauben gestärkt?« Ralph lachte kurz und hart. »Nonsens!« – sagte er. »Was bleibt übrig, wenn man euch die Aufklärung nimmt? Bleibt Weisheit übrig? – Habt ihr nicht eher das Licht vergessen, während ihr hinter Aufklärung herjagtet?« »Und doch leben die anderen Rassen jetzt im Lichte unserer Kultur,« wiederholte Ralph eigensinnig. »Ihr habt sie einigen Völkern aufgezwungen, die dadurch unglücklich geworden sind und daran sterben. Andere haben sie angenommen, um sie als Notwehr im Kampf gegen euch zu gebrauchen, wer aber hat sie sich aus freiem Willen angeeignet und aus innerem Drang? – Können Sie mir das sagen?« Ralph dachte nach, aber er fand keine Antwort. Gamâl sah es und lächelte. Dann beugte er sich vor: »Und ehrlich gesagt, kann es sich für andere Völker lohnen, eure Lehre anzunehmen? – Ist sie mehr wert als ihre eigene?« Ralph lachte und schüttelte den Kopf. Gamâl aber fuhr mit leiser Stimme fort, während seine kleinen Augen glühten: »Seid ihr nicht satt und müde? – Seufzen nicht viele von euch nach der Ursprünglichkeit, die ihr verloren habt? – Sie selbst, verlangen Sie nicht nach dem, was nicht gelernt, sondern nur gelebt werden kann?« Ralph blickte erstaunt auf diese stechenden Augen, die in ihm wie in einem offenen Buch lasen. Die Worte hatten ihn getroffen, und er lachte nicht mehr. »Mit mir ist es eine eigene Sache,« sagte er halb unwillig, halb zustimmend. »Haben eure großen Männer es nicht wieder und wieder gefühlt, darüber geseufzt und euch zugerufen: Zurück zur Natur! Sie begriffen selbst nicht, daß sie eigentlich meinten: Fort von der Aufklärung, zurück zum Licht – fort von der Kultur, zurück zu uns selbst.« Ralph erhob sich ohne zu antworten, während der Türke sich eine neue Zigarette rollte und es sich in der Diwanecke bequem machte, ging Ralph aufs Promenadendeck hinauf. Er dachte an das, was Helen Herz ihm gestern anvertraut hatte. Hier im vollen Tageslicht, während das Schiff zwischen waldbekleideten Felseninseln in einer Landschaft vorwärtsglitt, die beständig wechselte und sich doch gleich blieb, erschien ihm das Erlebnis abenteuerlich fern; es kam ihm wie ein Traum vor, daß er gestern abend auf dieser Bank gesessen und unter einem wachen, lauschenden Sternenhimmel, durch zwei dunkle Augen in eine Seele geblickt hatte, die sich ihm schweigend entfaltete und dabei wuchs. Er sehnte sich, sie wiederzusehen und das Abenteuer bestätigt zu bekommen; aber sie zeigte sich nicht. Die Sonne ging mit derselben glühenden Pracht unter wie gestern, aber sie kam nicht. Da ging er in seine Kajüte hinunter. Der Gong-Gong hatte zweimal geschlagen. Ralph war in den Speisesaal gegangen und saß Gamâl gegenüber, ebenso wie beim Frühstück, jetzt aber waren sie beide stumm. Die hitzige Stimme des Kapitäns kreischte hin und wieder auf. Der Schiffsarzt begleitete sie mit langen, schwungvollen Sätzen, wobei er sein behaartes Müßiggängergesicht auf die Seite legte. Die französischen Damen unterhielten den ersten Offizier und den Intendanten, die dem Geklatsch aus der Saison in Kairo beehrt und angeregt zuhörten, mit schreiender Lebhaftigkeit, während die englische Miß ihre kalten, grünlichen Augen prüfend vom einen zum andern wandern ließ, als wohne sie einer Vorstellung bei. Helen Herz kam schnell und leicht die Salontreppe herauf. »Guten Abend, Herr Cunning!« sagte sie und nickte ihm munter zu. »Sie sind doch nicht krank?« fragte er und sah sie aufmerksam an. Ihre Gesichtsfarbe war blaß, aber die Lippen waren rot und die Augen lebhaft wie sonst. Er konnte ihnen ansehen, daß er die Unterredung von gestern abend als einen Traum betrachten sollte. »Nein, nur faul,« lachte sie, »ich war müde und bin liegen geblieben. – Vielleicht ein wenig seekrank,« fügte sie mit einem verlegenen Lächeln hinzu, als gestehe sie eine Kindlichkeit ein. »Das Meer ist ja so blank wie ein Spiegel.« »Man kann auch in einem Ruderboot seekrank werden.« »Und Sie sind aus dem Lande der Wikinger?« Helen antwortete mit einem Achselzucken und begegnete im selben Augenblick Gamâls Augen, die sie von der Seite musterten. »Darf ich Sie mit unserem neuen Tischgenossen bekannt machen?« sagte Ralph, als er sah, daß sie neugierig war. »Herr Gamâl, ein gelehrter Mann aus Kairo – Fräulein Helen Herz!« Der Türke erhob sich halb und verbeugte sich, die rechte Hand flach auf der Brust, aber er sagte nichts. Helen suchte nach einem Gesprächsthema; dann sagte sie: »Sie haben vor Smyrna in Quarantäne gelegen, wie ich mir denken kann?« . »Ja, gnädiges Fräulein.« »Das war wohl unangenehm?« Sie blickte ihn verstohlen an und dachte, ob er wohl zu Hause einen Harem habe. Gamâl lächelte nachsichtig. »Das Wetter war gut, die Menschen waren gut und das Essen ebenfalls, was kann man mehr verlangen?« Dabei rollte er das Brot zu einem Klumpen, steckte es in den Mund und kaute, daß der Kopf wackelte und in seinen Kauangeln knackte. Helen war bald mit dem Essen fertig. Sie hatte nur Suppe, Fisch und Obst zum Dessert gegessen. In einer Krachmandel fand sie einen Doppelkern. »Kennen sie ›Vielliebchen-Essen‹?« fragte sie Ralph. »Und ob!« Er streckte die Hand nach dem Kern aus und fragte: »Wann soll es sein?« »Morgen beim ersten Frühstück, wenn wir den ersten Bissen in den Mund stecken.« »Gut, aber wenn Sie nun wieder wie heute seekrank werden?« »Seekrank?« »Oder faul.« »Das werde ich nicht.« »Können Sie es denn auch vertragen, zu verlieren?« Er kniff die Augen zu und sah sie mit seinem ungeschickten Lächeln neckend an. »Sind die Amerikanerinnen solch verhätschelte Kinder?« fragte sie und bekam einen roten Kopf. Er hatte erreicht, was er wollte: Die kleine Falte zitterte zwischen den Brauen. Das machte ihr Gesicht so lebendig und gleichzeitig so kindlich. »Sie sind ja keine Amerikanerin!« setzte er seine Neckerei fort. »Nein, Gott sei Dank. Ich bin aus einem alten Kulturlande.« »Wo liegt Ihr kleines Land eigentlich?« Im selben Augenblick sah er an der plötzlichen Dunkelheit in ihren Augen, daß er zu weit gegangen sei. »Verzeihen Sie!« bat er wie ein Junge, der weiß, daß er sich ungezogen benommen hat, »ich bin den ganzen Tag so allein herumgegangen, daß ich unleidlich geworden bin.« Helen antwortete nicht. Kurz darauf stand sie vom Tisch auf und setzte sich mit einem Buch in eine Diwanecke. Ralph stellte sich ganz unbefangen. Er ging mit nachlässigen Schritten durch den Raum und blickte verstohlen auf ihre weiße Hand, die das Buch so fest und vorsichtig hielt, als sei es ein lebendes Wesen, stocherte ein wenig im Koksofen, wo die Glut im Begriff war, zusammenzufallen, zündete sich eine Zigarre an und versuchte, vor sich hin zu summen, ärgerte sich plötzlich über sich selbst und ging zu den Sternen hinaus. Er hatte sich den ganzen Tag auf eine abendliche Unterhaltung wie gestern gefreut. Nun hatte er sie sich durch seine eigene Schuld verscherzt. Ich kann nicht mit Damen umgehen, dachte er, oder bereut sie vielleicht, daß sie einem Fremden ihr Herz geöffnet hat? Er ging ihr Gespräch von gestern Punkt für Punkt durch. Er wunderte sich, verstand, und kam ihr nach und nach ganz nahe, so nahe, daß sein Herz heftiger schlug. Was für eine verzweifelte Idee, daß sie ihr Leben und ihr Vermögen opfern wollte, um Armen zu helfen, die ihr den Rücken kehrten, sobald sie ihnen nichts mehr geben konnte! – wie kann ein Vater sein Kind in solche Lage bringen? Er blieb unter den Sternen stehen, die sahen, was in seinem Innern entzündet wurde. Ich will sie retten, dachte er. Ich will ihr die Augen öffnen, damit sie sich nicht in törichter Frömmigkeit wegwirft. Ich will sie gegen die Welt, vor sich selbst beschützen. Er ging mit starken Schritten nach achter und blickte übers Meer, wo der Kielwassergürtel wie fließendes Silber unterm Mond blitzte, der hoch und rein in festlichem Gewand mit einer weißen Glorie überm Bergrücken hing. Auf dem Zwischendeck war alles still. Die Schatten der Kajüte und Takelage teilten das weiße Licht in scharfgezeichnete Figuren. Ganz achter wurde es plötzlich lebendig. Ein Schatten streckte sich, reckte die Arme zum Himmel empor und beugte sich nach vorn. Die Gestalt lag auf den Knien, das Gesicht dem Mond, den Rücken dem Schiff zugewandt, eine zarte Gestalt, die die Hände zu dem toten Gott emporhob und ihr Gesicht vor seinem Antlitz beugte. Es war Schehanna. Er hatte ihre Anwesenheit an Bord bei all dem Neuen, was ihm begegnet war, ganz und gar vergessen. Er empfand durch die Nacht die tiefe Verlassenheit ihres scheuen Gemüts. Es war ihm, als ob er das Gebet durch ihre gerungenen Hände zittern fühlte, und warf sich vor, daß er sich nicht ein einziges Mal, seit sie an Bord waren, nach ihr umgesehen hatte. Er meinte durch die helle Nacht, zwischen den dumpfen Stempelschlägen der Maschine, den weichen Celloklang ihrer Stimme zu hören, wie an jenem Tage, als sie in der Waschmühle sang. Zu wem sie wohl betet, dachte er. Bei der Abreise hatte er ihr eine Einzelkajüte in der zweiten Klasse verschafft. Als sie aber in der Kajütentür zwischen den fremden Menschen stand, die aus- und einrannten und sie stießen, sah sie so klein und widerstandslos aus, so zart und hilflos in ihrem grüngestreiften Knabenanzug, daß er einen Augenblick bereute, sie nicht mit in die erste Klasse genommen zu haben. Da aber war es zu spät und er vergaß sie Helen Herz' wegen, der er einen Deckstuhl verschaffen wollte. Ralph ging aufs Zwischendeck hinunter, trat vorsichtig zwischen die schlafenden Menschenbündel und erreichte sie, als sie sich gerade vom Gebet erhob. Sie zuckte zusammen, als sie ihn sah. Ihre Hände kreuzten sich über der Brust; ihr feiner Kopf mit den Mondstrahlen im Haar bewegte sich schwankend, wie damals, als sie im Hotel vor ihm auf die Knie gefallen war und ihm dankte. Er blickte ihr in die Augen und fragte: »Wie geht es, Schehanna?« »Dank, Herr!« »Vermissen Sie etwas?« »Es geht mir gut, Herr!« Sie blickte auf und fügte leise hinzu: »Kann ich mich Ihnen nicht nützlich machen, Herr?« »Nein, Schehanna. Nicht an Bord, vielleicht, wenn wir an Land kommen.« Sie blickte in einem drolligen Ausdruck von Verlegenheit an ihren Beinen hinunter. »Wie lange soll ich noch Junge bleiben?« Ralph lachte und folgte der Richtung ihres Blickes. Die Beine waren nicht das Schlimmste; sie waren schlank und geschmeidig und konnten jemandem, der unbefangen war, ihr Geschlecht nicht verraten. Aber die hohe, schmale, nervös wogende Brust und die stark abfallenden weichen Schultern waren gefährlicher. »Ist es denn so schlimm?« Sie lächelte verlegen. »Ein Junge flötet und raucht, aber ich kann weder flöten noch rauchen. Ein Junge darf nicht weinen.« »Weinen Sie denn?« Sie blickte erstaunt zu ihm auf, als ob er sie gefragt hätte, ob sie äße und tränke. »Knaben müssen andere leiden sehen können. Und wenn jemand schilt, dürfen sie die Antwort nicht schuldig bleiben.« »Wer schilt? Sagen Sie es mir, wenn jemand Sie belästigt.« »Da ist ein großer, schwarzhaariger Beduine in einem langen, gestreiften Mantel, der mich mit den Augen verfolgt, wo ich gehe und stehe, ebenso wie der Pferdehändler. Er zeigt seine weißen Zähne und kneift die Augen zu, als ob er sagen wollte: Glaubst du nicht, daß ich sehen kann, daß du ein Mädchen bist? – Ich fürchte mich, Herr.« »Trösten Sie sich, übermorgen ist es überstanden.« »Sehen Sie,« flüsterte sie und deutete mit den Augen auf die Taurolle unter der Reling, »jetzt hebt er den Kopf, sieht hierher und lauscht.« Ralph drehte sich um und sah den Beduinen, der in seinen Mantel gehüllt war. Es war derselbe, den er gestern bei Sonnenuntergang beim Gebet gesehen hatte. Als Ralphs Blick ihn traf, wurde er wieder zu einem leblosen Bündel. »Er ist nur neugierig,« sagte Ralph und streichelte beruhigend ihre zitternde Hand, »was kann er Ihnen hier tun? – Gehen Sie ruhig zu Bett.« Sie sah zu ihm auf, als lausche sie auf etwas, das in ihr selbst klang. Sie hat Augen wie Achat, dachte er. »In Beyrut will ich Sie wieder zu einem Mädchen machen.« Ein strahlendes Lächeln huschte über ihr Gesicht. »Dank, Herr!« flüsterte sie und berührte seine Hand mit ihren weichen Fingerspitzen. Sie fühlen sich an wie das Maul eines Pferdes, das nach Zucker sucht, dachte er. »Dann müssen Sie mir Ihre Geschichte erzählen und wie es zuging, daß Sie in die Waschmühle kamen.« »Ja. Herr.« »Gute Nacht, Schehann.« »Ahura-Mazda möge Ihnen einen guten Schlaf geben, Herr,« sagte sie und beugte den Kopf. Es war herrliche, milde Morgenluft. Das Meer lag glatt und schwer wie Oel da. Fern im Westen wurde der Horizont hin und wieder von einem Wind verdunkelt. Die Küste von Kleinasien blaute im Norden und die Schneegipfel der Taurusberge verbanden sich mit cremefarbenen Wolken, so daß man nicht sehen konnte, wo der Himmel aufhörte und der Berg anfing. Helen war zeitig oben. Sie saß beim ersten Frühstück im Salon, als Ralph die Treppe heraufkam. Als er ihr »guten Morgen« wünschte, erinnerte er sich im selben Augenblick ihres Vielliebchenspiels. Ihr schelmischer Blick hatte ihn daran erinnert. Er sah, wie kindlich ungeduldig sie darauf wartete, daß er anfangen sollte zu essen, damit sie ihm ihr Vielliebchen zurufen konnte. Laß sie gewinnen, dachte er sich und steckte sich mit harmloser und morgenverdrießlicher Miene den Zipfel seiner Serviette zwischen die Knöpfe der Weste. Es machte ihm Spaß, die Sache hinzuziehen; er traf umständliche Vorbereitungen, als er seine Hafergrütze bekommen hatte, rieb Tellerrand, Löffel, Messer und Gabel mit seiner Serviette, und als er schließlich den Löffel in die Grütze getaucht hatte, legte er ihn wieder hin. »Ich bin gar nicht hungrig,« sagte er und lehnte sich in den Stuhl zurück. »Seekrank?« fragte sie, während ihre Finger ungeduldig das Brot zerbröckelten. »vielleicht! – Ich glaube, ich will gar nichts essen.« Er tat, als ob er vom Tisch aufstehen wollte. Sie konnte ihre Enttäuschung nicht verbergen. Die Falte zwischen den Brauen zitterte und die Lippen verzogen sich. »Etwas müssen Sie doch essen,« sagte sie. »versuchen Sie mal die Koteletts, die sind ausgezeichnet.« »Na gut.« Er winkte dem Steward und bestellte. »Es dauert zehn Minuten, Herr.« »Schadet nichts,« sagte er und sah ihn an, »wir haben ja Zeit.« Der Steward nahm die Grütze fort, und Helen räusperte sich vor Ungeduld. Wie kindlich sie ist, dachte er, nahm verstohlen ein Brötchen, brach ein Stück davon ab und steckte es in den Mund. Sie sah es nicht gleich, entdeckte aber plötzlich, daß er kaute. »Vielliebchen!« platzte sie heraus. »O weh!« sagte er. Er spielte seinen Aerger so gut, daß sie den Kopf in den Nacken warf und laut lachte. »Was soll ich Ihnen schenken?« fragte er, »ich kenne Ihren Geschmack ja gar nicht.« »Das müssen Sie selbst wissen; aber ich bin sehr verwöhnt und sage Ihnen ehrlich meine Meinung, wenn mir Ihr Geschenk nicht gefällt.« »Das sind harte Bedingungen!« Im selben Augenblick wußte er, was er ihr schenken wollte. Ging es aber auch an? – Er überlegte hin und her; aber je mehr er darüber nachdachte, desto besser gefiel ihm die Idee. Es ist jedenfalls eine seltene Gabe, dachte er und freute sich auf ihre Ueberraschung. Den ganzen Tag wehte eine südwestliche Brise über das erhitzte Meer und machte die Luft milde. Sie ließen sich den Nachmittagskaffee auf Deck bringen; sie saß in demselben Stuhl, in dem sie neulich abend gesessen hatte, und er auf der Bank neben ihr. Schweigend sahen sie die Sonne ins Meer sinken; während sie längs der Südküste von Zypern fuhren, war der Horizont frei. Sie sahen die glühende Kugel wie einen Ball auf der Scheidelinie zittern, sahen das Meer unter ihm entweichen, sich an seinem Rand emporschieben, bis es ihn in seinen dunklen Schoß aufgesogen hatte. Sie sahen, wie die letzten langen Strahlen sich loslösten und über den blanken Spiegel tanzten. Es war, als ob die Kugel in dem Augenblick, wo sie ganz untertauchte, zerschmölze. Indem ihr Gold am Rande zerfloß, stiegen helle Feuerwolken in die Höhe, wie Wasser an einem Sommerabend in hellen Dämpfen aus einem dunklen See emporsteigen kann. Das Flammenmeer streckte sich weit über den Himmel, wechselte schnell die Farbe, wurde purpurrot, grün, blau, und als der letzte Himmelsschleier verflogen war, lag der Sternenhimmel offen und funkelnd vor ihnen. Ralph erhob sich und ging auf den Salon zu, während Helen noch in den Anblick versunken war. Sie wandte den Kopf nach ihm um, als er die Tür erreicht hatte. »Wollen Sie schon hineingehen?« »Ich komme gleich wieder – ich will nur etwas holen.« Zehn Minuten vergingen. Es fror Helen und sie wollte sich gerade erheben, als Ralph endlich zurückkam. Das weiße Licht der Glühlampen, die jetzt angezündet waren, fiel auf sein Gesicht. Es war etwas Ungewöhnliches in seinem Blick, wie der Widerschein eines frischen Erlebnisses. Hinter ihm ging ein junger Bursche, der sich dicht neben ihm hielt. Erst als sie ganz nah an Helens Stuhl herangekommen waren, sah sie, daß es der kleine Türke war, den Ralph im Hotel engagiert hatte. Sie hatte ihn ganz vergessen. Jetzt wunderte sie sich, daß sie ihn noch gar nicht auf dem Schiff gesehen hatte. »Sie haben nicht viel von Ihrem Diener hier an Bord,« sagte sie und betrachtete Schehanna, die ihre Augen verbarg und ihren Mund zusammenpreßte, damit er nicht verriet, was in ihrem Gemüt vorging. »Nein,« sagte er und setzte sich neben sie, »darum will ich ihn auch loswerden.« Helen sah von ihm zu dem Knaben. Da machte sie etwas in Schehanns bewegtem Gesicht stutzig. In dem scharfen, weißen Licht der Glühlampen sah sie das hohe Wogen der Brust und den weichen Fall der Schultern. Plötzlich kam ihr der Gedanke, daß Schehann eine Frau sei. Sie wurde rot; und ein plötzlicher Unwille gegen den fremden Mann an ihrer Seite stieg in ihr auf. »Was meinen Sie mit loswerden?« fragte sie und sah ihn an. »Ich will ihn Ihnen als Vielliebchengeschenk verehren.« Schehanna schlug die Augen auf und sah Helen mit einem so schuldfreien Blick an, daß Helens Verdacht sofort verschwand und einem tiefen Erstaunen Platz machte. Sie blickte Ralph unsicher an; er genoß augenscheinlich die Situation und schien nicht die Absicht zu haben, sich näher zu erklären, sie sollte selbst fragen. »Was soll ich mit einem Diener?« fragte sie und erinnerte sich im selben Augenblick seiner Verwunderung, daß sie ganz allein reiste. »Wenn es noch ein junges Mädchen gewesen wäre, aber ein Diener!« Schehannas Gesichtsausdruck wechselte mit ihren Worten, als seien sie ein Windhauch, der über sie ging und ihre Brauen zum Zittern, ihre Lippen zum Beben brachte. Die dunklen Pupillen zogen sich unter den nervösen Lidern zusammen, als verursache ihnen das Sehen einen physischen Schmerz. Helen hatte noch nie einen so empfindsamen Blick gesehen, das tief Kummervolle rührte ihr Herz. »Es ist ein Mädchen!« sagte Ralph nachlässig und sah Helen mit einem großen Lächeln in seinen hellen Augen an, ohne Miene zu machen, mehr zu sagen. Es war also wirklich sein Ernst. Eine Menge Gedanken kreuzten ihr Gehirn, wie konnte er so ohne weiteres in ihr tägliches Leben eingreifen? Es war ein merkwürdiges Geschenk: ein fremdes Mädchen, für das sie sorgen und deren Reise sie bezahlen sollte. Dennoch war etwas in seinem freimütigen Wesen, das sie ansprach. Und das Mädchen selbst – »Man kann nicht verschenken, was einem nicht gehört,« sagte sie und versuchte zu lächeln. »Sie können sie mir doch höchstens zu denselben Bedingungen überlassen, die Sie selbst –« Sie hielt plötzlich inne und wurde rot. Was war seine Absicht gewesen, als er ein junges Mädchen engagierte, das ihn auf seiner Reise begleiten sollte, – als Diener verkleidet? Sie zog sich unwillkürlich zurück. Er wurde ihr plötzlich ebenso fremd, wie damals, als sie ihn zum erstenmal auf der Galatabrücke sah. Sollte sie aufstehen und den Scherz abbrechen? Oder offen eine Erklärung fordern und sich einer Antwort aussetzen, die –? was wußte sie von ihm? – vielleicht war er ein Monoman, der auf diesem einen Punkt, der sein Laster war, unzurechnungsfähig war! »Da ich sie gekauft und bezahlt habe,« sagte Ralph, ohne seine Augen von Helen abzuwenden, »kann ich sie wohl auch verschenken.« Sie richtete sich auf, griff energisch um den Stuhlarm und sagte mit gerunzelten Brauen, indem sie ihm voll in die Augen sah: »Herr Cunning, wenn Sie ein Gentleman sind, dann geben Sie mir eine Erklärung.« So ging es nicht weiter. Im nächsten Augenblick würde ihr Zorn in hellen Flammen ausbrechen. Verflucht, wie wenig sie sich auf Scherz verstand. Er richtete sich langsam auf, machte Schehanna ein Zeichen, daß sie beiseite gehen solle, und erzählte Helen Herz sein ganzes Abenteuer in der Waschmühle des Sultans. Schehanna stand neben der Brücke des Promenadendecks, die Hände auf die Reling gestützt und blickte übers Wasser. Ihre Gedanken wurden von den Strahlen ihres Blickes getragen und verloren sich in dem großen Leben des Raumes draußen, während ihr Herz im Takt mit dem Puls desselben schlug. Sie war weit von hier und in Ruhe. Da fühlte sie eine Hand auf ihrer Schulter, und eine weiche Stimme rief sie zum Augenblick und zur Wirklichkeit zurück. Sie wandte sich um und blickte in zwei warme, lebensvolle Frauenaugen. »Schehanna, wollen Sie mir statt Herrn Cunning dienen? Ich will gut gegen Sie sein.« Schehannas Augen suchten die Ralphs. Er stand einige Schritte entfernt, aber als er ihren Blick durch die Dunkelheit merkte, nickte er zur Bekräftigung auf ihre schweigende Frage. »Ja, gnädige Frau, wenn mein Herr es will,« sagte sie und beugte ihren Kopf. Helen nahm ihre Hand, die gewohnheitsmäßig nach der Brust greifen wollte. Sie drückte sie zwischen den ihren und sagte: »Ich weiß alles, Sie brauchen sich nicht zu fürchten. Sie sollen in Ihre Heimat zurückkehren, wie Herr Cunning es Ihnen versprochen hat. Wir reisen zusammen und Sie sollen bei uns bleiben.« Ralph sah Schehannas Kopf von der einen zur anderen Seite schwanken, wie er es bereits an ihr kannte, wenn etwas ihr Gemüt überwältigte. Dann beugte sie ihr Gesicht über Helens Hand und küßte sie, wie sie die seine an jenem Abend im Hotel geküßt hatte. »Dank, gnädige Frau,« sagte sie und sah zu ihr auf. Ihre Augen standen voll klarer Tränen. Helen folgte einer Eingebung, nahm ihren Kopf zwischen ihre Hände und küßte sie auf die Stirn. Als Ralph sich in seiner Koje streckte und das elektrische Licht löschte, war er mit seinem Tagewerk zufrieden. Er hatte mit einem Schlage zwei Ziele erreicht. Erst hatte er Schehanna aus ihrer Verkleidung erlöst, die sich, wie er einsah, unmöglich auf der Reise durch halb Asien durchführen ließ, ohne sie Mißdeutungen auszusetzen, die sie tief kränken und ihn in dem Kreis, dem er angehörte, isolieren würden. – Ferner aber, und das war wichtiger, hatte seine Liebestat ihn enger mit Helen Herz zusammengeführt, als er es in Tagen durch Worte erreicht hatte; das hörte er an ihrer bewegten Stimme, als sie ihn wegen des Unrechts um Entschuldigung bat, das sie ihm einen Augenblick in Gedanken angetan hatte. Wie die zehntausend Franken ihr imponiert haben! dachte er. Sofort hatte er seinen Sieg verfolgt und ihr vorgeschlagen, die Reise mit ihm gemeinsam zu machen. Sie wurden sich über ihre Reiseroute einig, indem er versprach, Palästina in seinen Reiseplan aufzunehmen, was er ursprünglich nicht beabsichtigt, während sie ihm nach Kairo folgen wollte, was außerhalb ihres Planes gelegen hatte. Sie wollten beide durch Syrien, dann nach Ceylon und von dort über Indien nach Bombay. Kurz vor Sonnenuntergang tauchte die Reede von Beyrut wie ein bunter Saum an dem dunklen Mantel des Libanon, am Horizont auf. Nördlich von der Stadt streckte der Sannin seine weißen Schneegipfel in einen Wolkenballen hinein, das Meer war still und dunkel. Nur lange Dünungen hoben sich wie die ruhigen Atemzüge eines schlafenden Riesen. Cooks Boot kam zum Dampfer hinaus, von jungen kräftigen Syriern gerudert, mit roten Fes und hellroten Wolljacken, wo der Name der Firma vorn auf der Brust eingewebt stand. Der stille, kühle Abend trug den Rudergesang der lebensfrohen Syrier weit übers Wasser. Die Ausbootung ging unter Scherz und Gelächter vor sich, während der Kapitän auf dem obersten Deck vor den Damen stramm stand, die alle an Land wollten. Cooks Agent, ein junger Syrier mit großen, intelligenten Augen in einem runden, sinnlichen Gesicht, war mit im Boot. Er fand gleich heraus, wer Herr Cunning war, dessen Ankunft man aus dem Kontor in Konstantinopel telegraphisch gemeldet hatte. Die Ruderknechte, die gleichzeitig Gepäckträger waren, scharten sich um Ralph, und der Agent redete Helen mit großer Ehrerbietung als Frau Cunning an. Ralph gab ihm zu verstehen, daß Schehanna zu seinem Gefolge gehöre. Darum kam sie mit ihm und Helen ins erste Boot, zusammen mit den Damen und dem Schejk Gamâl, der wegen Seekrankheit zwei Tage in seiner Kajüte geblieben und erst im letzten Augenblick an der Fallreepstreppe erschienen war, mit grünen Schatten in seinem lebergefleckten Gesicht. Im zweiten Boot befand sich außer dem Gepäck der armenische Mönch in seiner Doppelkutte, der Beduine, der mit erhobenem Kopf die Stufen hinabschritt, ohne das Geländer zu berühren, die drusische Frau, die die Gardinen ihres Kopfschleiers vors Gesicht gezogen hatte, so daß nur das eine Auge frei war, und der falsche Levantiner mit dem schäbigen Wintermantel und dem hellroten Schlips, der über seinem Mantelkragen flatterte. Ralph und Helen fuhren, mit Schehanna auf dem Bock, durch die abendstillen Hafenstraßen zum Grand Hotel d'Orient, dessen blaugemalte maurische Bogen aufs Meer gingen. Am selben Abend bat Ralph den Agenten vertraulich, einen Frauenanzug für Schehanna zu besorgen, die in Knabenkleidern geflüchtet sei, um in ihre Heimat zurückzukehren. Während Ralph seine Abendzigarre in dem großen Salon rauchte, der sich durch die ganze Länge des Hauses erstreckte und gleichzeitig Rauch- und Billardzimmer war, saß Helen in ihrem Zimmer am Fenster und starrte in den dunklen Garten hinaus, von wo der Duft der Apfelsinen heraufstieg und sich mit einem kräuterigen Blumenduft vermischte, dessen Ursprung sie nicht kannte. Kurz darauf hörte sie Schehanna im Nebenzimmer. Sie klopfte an und ging hinein. Schehanna war im Begriff, ihren Knabenanzug mit dem Kleid, das der Agent ihr verschafft hatte, zu vertauschen. Helen amüsierte sich über ihre Unbeholfenheit und stand ihr bei. Es war ein Stubenmädchenanzug von französischem Schnitt, den der Agent einem Hotelmädchen abgekauft hatte. Er war viel zu weit über Brust und Hüften. Ein Schimmer von kindlicher Ausgelassenheit blitzte in Schehannas Augen, als sie sich selbst im Spiegel sah. Sie lachte mit einem kurzen klaren Lachen auf, wurde aber gleich wieder ernst, als ob der Laut sie erschreckt habe. Helen versprach ihr, ihr am nächsten Morgen im Basar ein neues Kleid zu kaufen. Dann legte sie den Arm um ihre Taille und zog sie mit sich in ihr eigenes Zimmer, zeigte ihr ihre Kleider und Schmucksachen, und lehrte sie, wie sie ihr bei der Toilette helfen sollte. Schehanna sah mit großen Augen zu, aufmerksam und bewundernd; sie verstanden sich bald sehr gut. Helen fragte, und Schehanna erzählte von sich und ihrem Lande. Ihre Augen strahlten, plötzlich aber blitzten Tränen darin, und sie beugte den Kopf, von Erinnerungen überwältigt. Helen nahm ihre Hand und streichelte sie; sie fragte nicht, aber nachdem sie eine Weile so gesessen hatten, begannen die Worte von selbst aus Schehannas Herzen zu strömen; und als sie merkte, daß es ihr Gemüt erleichterte, hielt sie nicht inne, bevor sie Helen ihre ganze Geschichte erzählt hatte. Die Uhr wurde zwei. Durch die offenen Fenster klang nur noch das stille Lied der Sterne, als die beiden Frauen sich schließlich trennten, um zur Ruhe zu gehen. Schehanna erzählte: Ich bin aus dem Geschlecht der Sanjana, dem ältesten der fünf großen Priestergeschlechter. Einer meiner Vorfahren war es, der Zarathustras Feuer nach Indien brachte, als die reine Lehre in Persien verfolgt wurde und unser ganzes Volk flüchten mußte. Ich bin das einzige Kind meiner Eltern, die in Navsari am Purnafluß nördlich von Bombay wohnen. Dort in unserm kleinen weißen Haus am Fluß bin ich geboren. Unser Garten stößt an den Tempelgarten, von der Grotte unter dem Baum der Tempelblume konnte ich den weißen Turm des Schweigens sehen, um den die Geier kreisen, wenn ein Leichenzug die Straße heraufkommt. Unser Haus liegt am äußersten Ende der Stadt, dicht neben Sir Cowringhees großem Bungalow. Er hat sein Geld in Kalkutta verdient; als er alt wurde, zog er sich in die Stadt seiner Väter zurück und schenkte ihr eine neue Wasserleitung zu Ahura-Mazdas Ehre, viele reiche Parsen wohnen vor unserer kleinen Stadt in weißen Häusern mit grünen Matten, die von den Dächern herabhängen. Sie liegen im Schatten von fächelnden Palmen. Navsaris Dattelpalmen sind die größten und schönsten in ganz Indien; Hinduknaben kommen des Nachts, klettern auf die Bäume und schneiden sich Scheiben von den frischen Blumenkolben, um den Saft auszusaugen. Solange ich zurückdenken kann, habe ich meiner Mutter im Hause geholfen. Ich machte die kleinen Darunbröte, die die Priester beim Opferfest essen. Ich formte sie aus Teig, breitete sie auf den Herd und gab acht, daß sie nicht ausbrannten. Ich begleitete meinen Vater, wenn er bei Tagesgrauen zum Tempelhof ging; wenn er sich vor dem Opfer reinigte, stand ich dabei und half ihm. Ich saß unter der Dattelpalme in dem weißen Hof und sah zu, wie er das Opferwasser weihte, wenn er Wasser aus dem großen Gefäß, das er am Brunnen gefüllt hatte, in das kleinere Gefäß schöpfte, blickte er zur Sonne und sagte laut: »Gepriesen sei Ahura-Mazda!« und darauf flüsterte er leise vor sich hin: »Gereinigt sei das Meer, gereinigt sei der ganze göttliche Fluß.« Ich wartete im Hof, während er im Adaran opferte, wo keiner außer ihm und dem Zot, dem geweihten Priester, hineinkommen darf, wenn ich auf dem Steinabsatz stand, der um den Brunnen herumläuft, konnte ich ihn durch das Gitterfenster vor der Feuervase stehen sehen. Mit dem Padan-Schleier vor Mund und Nase, und Handschuhen an den Händen, damit nichts Unreines das heilige Feuer berühren sollte, reinigte er den Stein Adosht, auf dem die Vase stand. Dann nahm er die silberne Schaufel von der Wand und schaufelte damit den reinen Körper des Feuers in die Aschenschublade. Darauf hob er mit der großen Zange das duftende Sandelholz vom Holzfuß und legte es auf die hellen Flammen, die mit der Luft über der Kante der Vase spielten. Er nahm Weihrauch, warf ihn ins Feuer und sagte: »Gegen die bösen Gedanken, bösen Worte und bösen Taten!« Dann läutete er mit der Glocke, die von der Kuppel herunterhing, damit alle auf der Straße hören konnten, daß er das Morgengebet sprach. Jeder, der draußen vorbeiging, blieb stehen, blickte zur Sonne und betete mit. Und wenn das ganze Gah zu Ende gebetet war, tauchte er seine Finger in den heiligen Körper des Feuers und bestrich damit seine Stirn, auf daß er im Tode rein werden möge wie diese Asche. Während ich wartete, sah ich die Herbeden in ihren weißen Kitteln aus dem Meßhaus Izish-Gah kommen, das östlich vom Adaran im Hof lag. Sie scherzten und lachten, wie Knaben es zu tun pflegen; wenn aber die Glocke ertönte, blieben sie stehen, blickten zur Sonne und schwiegen; denn keiner von uns, der der reinen Lehre dient, darf sprechen, wenn gebetet wird. Auch wenn wir essen, sind wir stumm, damit kein unreines Wort die Speisen berühre. Darum nennen die Muselmänner uns Geben und spucken aus, um uns zu verhöhnen. Ich spielte im Palmenhain, am Ufer des rinnenden Flusses. Ich pflückte die weiße duftende Tempelblume und warf sie ins Wasser, um die reine Jungfrau Asai Vanuhi zu bitten, daß sie mir einen kleinen Bruder schenken möge, wie meine Mutter es mich gelehrt hatte. Von der Anhöhe am Fluß konnte ich das Meer im Westen hinter den grünen Reisfeldern leuchten sehen. Ach, es ist schön in meinem Heimatland, wenn die Bananen mit ihren langen, grünen Blättern fächeln, und die Büsche, die ihr Bougainvilles nennt, bei Sonnenuntergang wie rote Wolken leuchten, die vom Himmel gefallen sind. Silberweiße Baumwollfelder spiegeln sich in dem blanken Wasser des Flusses. An der Mündung aber versandet er, und der Wind wühlt in den Sandhügeln. Seit ich Bombay und die unreine Stadt gesehen habe, die wir eben verließen, erscheint unsere Stadt mir nicht mehr groß. Als ich aber Kind war, schien sie mir groß und wunderbar mit ihren weißen Häusern und grünen Läden, mit ihren reinen Straßen, die von seinem, rotem Sand bedeckt sind. Keine Stadt kommt unserer an Reinlichkeit gleich; das haben wir unseren Vorfahren zu verdanken. Keine Stadt hat solch reines Wasser und solch reine Erde; die Ehre dafür gebührt den Parsen. Ahura-Mazda hat in Gnade auf uns herabgesehen, weil wir sein Feuer gegen die Verunreinigung der Ungläubigen bewahrt haben. Der weiteste Weg, den ich an der Hand meiner Mutter machte, führte uns bis zur Eisenbahnstation. Ich sah das schwarze Ungeheuer über die Felder zischen, während sein unreiner Atem zu dem heiligen Licht des Himmels hinaufbrodelte; ich tat dann wie sie und rief die guten Gedanken, die guten Worte und guten Taten um Schutz an. Wir gingen durch die Straße der Handwerker, wo Männer vor ihren Läden hockten und Kupfergefäße hämmerten, Messingplatten gravierten, Holzschnitzarbeiten oder Ledergürtel und Sandalen machten. Ich wußte, daß Männer, die uns in weiten Gewändern mit einer hohen Mütze, wie die, die mein Vater trug, begegneten, Mobeds waren, wie er. Es gibt viele in unserer Stadt. Mehr als in Bombay, ja, mehr als in ganz Indien. Bei uns werden sie zu Priestern geweiht und mit dem weißen Saderé bekleidet, das die Frauen und Mädchen der Mobeds weben. Ich war erst fünf Jahre alt, als meine Mutter mich lehrte, die heilige Betschnur zu knüpfen, die Khosti, die aus zweiundsiebzig Fäden gewebt wird, einen für jedes Kapitel aus dem Nasnas. Meine Mutter lehrte mich den Unterschied zwischen Ahura-Mazdas und Ahrimans Reich, zwischen rein und unrein. Sie lehrte mich die Reinigung für Kopf, Hände und Füße; sie lehrte mich zu dem hohen Mithra, dem Gott des Lichts zu beten, der mit der Sonne um die Erde wandert und alles überblickt, von den reinen Gefilden, wo Ahura-Mazda wohnt, bis zum Reich der Dunkelheit, wo Diven und Darvanden herrschen. Ich lernte zum Mond und zu den Sternen beten, zu den Lichtern, die Gott als Geschenk für die Guten an seinen Himmel gesetzt hat. Mein Vater war ein stiller Mann mit klaren, traurigen Augen und einem langen, schwarzen Bart, der von Reinheit schimmerte. Er sprach sehr wenig, aber seine Augen erzählten mir seine Gedanken, und ich lernte zeitig ihre Sprache verstehen. Meine Mutter war klein und zart wie ich, aber heiter und hell. Oft mußte sie ihre Munterkeit beherrschen, damit kein unreiner Div durch die Tür ihrer Fröhlichkeit in ihr Gemüt eindränge. Sie war leichtfüßig und hatte eine geschickte Hand, war zeitig auf und niemals untätig. Sobald mein Vater zum Morgengebet gegangen war, setzte sie sich an den Webstuhl, und das Weberschiffchen ruhte nicht, bevor die Sonne so hoch stand, daß es Zeit war, die Gefäße für das Mittagessen zu reinigen. Es war meine größte Freude, wenn ich ihr helfen durfte; ich beobachtete jede Bewegung ihrer Hände, machte sie ihr nach und murmelte dieselben Einweihungsworte vor mich hin wie sie, obgleich ich den Sinn nicht verstand. Alle Gefäße, die man für das Essen, für Wasser und Milch und Gemüse verwandte, müssen gereinigt werden, damit kein Div sich darin verbergen und durch unsere Nahrung in unsern Körper einschleichen kann. Der größte Kummer meines Vaters war, daß er keinen Sohn bekommen hatte. Oft stand er vor unserer Tür, streckte seine Arme der untergehenden Sonne entgegen und flehte Ahura-Mazda an, den Leib meiner Mutter zu segnen. Oft, wenn meine Mutter scherzte, blickten seine traurigen Augen sie verwundert an, als ob er dächte: wie kann sie lachen, sie, die keinen Sohn geboren hat? Dann ging meine Mutter abseits und weinte. Jeden Monat nahm sie die große Reinigung, Barashnun, vor; neun Tage fastete sie, und bei Sonnenuntergang ging sie schweigend mit gebeugtem Kopf durch die Oeffnung in unserer Gartenmauer zum Fluß hinunter; sie ging allein, ich aber folgte ihr von der Grotte mit den Augen. Ich sah sie niederknien und aus dem rinnenden Fluß Wasser schöpfen; wenn sie zurückkam, schloß sie sich im Dashtanistan ein, wo nie Licht hineingelangt. Während sie sich wusch, hörte ich sie die einundzwanzig Worte, das Glaubensbekenntnis und das Sündenbekenntnis beten. Ich hörte sie mit lauter Stimme Jahi, den Diven, der die Frauen verunreinigt, und den bösen Aeshma-Daeva beschwören. Sie rief den heiligen Geist und die sechs Amshaspand, Zarathustras Erzengel, an; den einen nach dem anderen rief sie an ihr Lager, den Geist der Güte und den der vollkommenen Reinheit und Unsterblichkeit, die hohen Richter auf der Tchinwatbrücke, die, welche die Guten zum Bihisht und die Bösen zum Dozakh verurteilen; sie rief den Erzengel an, der die Seelen zur Himmelsbrücke geleitet, den, der die Schuld auf der strengen Wage der Gerechtigkeit wiegt, und den hohen Mithra selbst, der das Urteil ausspricht. Sie betete zu den Ferveden, den freigemachten Seelen der Lebenden wie der Toten, daß sie die Reinigung ihres Körpers vervollkommnen möchten, damit ihr Leib sich von neuem öffne. Dann wurde es still in der dunklen Kammer. Am Morgen strahlte das Licht der Reinheit aus ihren Augen; sie küßte mich segnend; und mein Vater legte meine Hand auf ihren Kopf, und sein Blick wurde milde und tief von neugeborener Hoffnung. Ich aber bekam keinen Bruder, und meine Mutter keinen Sohn. Als ich sechs Jahre alt war, kam ich zur Schule und lernte eure Sprache, die ihr über Hindus, Muselmänner und Parsen herrscht. Die englische Schule ist von unsern Reichen gestiftet worden, die wollen, daß wir uns mit euch vermischen und zu eurer Höhe hinaufgelangen sollen – wir, die wir der reinen Lehre dienten, als eure Vorfahren noch viele wilde Götter hatten. Dort lernte ich von der Natur, von Tieren und Pflanzen und von euren fremden Ländern; es gab viel Schönes zu lernen, viel Großes, das leuchtet, wenn man es hört, wenn man auch nicht alles glauben kann; denn es gibt keine andere Wahrheit als Zarathustras; er ist das Licht in der Welt, und ihr habt ihn nicht gekannt. Es wurde mir nicht schwer, eure Sprache zu erlernen, sie war so knapp und einfach. Meine Zunge gehorchte gern euren Lauten. Ein Dastur lehrte sie uns; er hatte viele Jahre in eurem Lande gewohnt und eure Bücher studiert, als er für Leute unseres Stammes in London Priester war. Einer der kleinsten Knaben in der Schule hieß Darab und war der Sohn eines Mobeds aus Bombay; sein Vater starb, als er in die Schule gekommen war, und unser Zot wurde sein Vormund. Eines Tages kam der Zot mit ihm an der Hand zu uns und fragte nach meinem Vater. Sie sprachen lange im Garten zusammen; und als er gegangen war, hatte ich einen Spielkameraden bekommen, der meine Einsamkeit teilte. Darab durfte unsere Kuh aus dem Stall auf die Weide führen und sie abends wieder heimziehen. Wir gingen Hand in Hand zur Schule und spielten am Fluß, wenn wir nach Hause kamen. Wir waren gleich alt, er aber war größer als ich und wollte mich immer gern belehren und leiten. Als wir einst am Flußufer saßen und den großen schwarzen Reiher auf der anderen Seite nach Fischen schnappen sahen, hörten wir jemanden hinter uns. Als wir uns umblickten, war es Dasturan Dastur, der Priester aller Priester, der über unsere Gemeinde und unsere ganze Stadt gebietet. Er stand da, die Hand an seinem langen weißen Bart, und blickte uns mild mit klaren, weisen Augen an. »Der Mund des Mädchens und ihre arbeitende Hand ist rein!« sagte er; dann nickte er und ging weiter. Wir begriffen ihn nicht, aber seine Worte blieben in meinem Gedächtnis haften. Wir sahen ihn in seinem weißen Gewand langsam auf dem sonnenheißen Wege dahinschreiten. Der Wind erfaßte seinen Mantel und blähte ihn; es sah aus, als ob sein Körper fortgetragen würde. »Sieh,« sagte Darab und ergriff meinen Arm, »ist er nicht ein Amshaspand?« Seine Augen wurden groß und tief, als er es sagte; er blickte hinter dem Alten her, solange er ihn sehen konnte, und ich wünschte aus tiefstem Herzen, daß ich ebenso schön und gut sei wie Darab. Als Darab sieben Jahre alt war, näherte sich der Tag, wo er in der Gemeinde aufgenommen werden sollte. Der Zot holte ihn eines Tages, um ihn zum Nozud vorzubereiten. Da vergingen ganze Tage, wo wir uns nicht sahen, wenn ich zum Fluß hinunterging, streckte ich meine Hand aus und reichte sie ihm in Gedanken. Ich fühlte, wie sein Ferved sie ergriff, so sanft, als sei es nur die Luft, die durch meine Hand strich. Dann sprach ich mit ihm, wie ich es zu tun pflegte, und war nicht mehr allein; wenn es aber Abend wurde, verließ sein Ferved mich, und ich dachte: wenn er mich einmal ernstlich verläßt? Und ich weinte, denn ich liebte ihn mehr als mich selbst. Eines Morgens, als ich im Garten spielte, rief meine Mutter mich zu sich an ihren Webstuhl. »Schehanna,« sagte sie, »sieh, diese Fäden hab' ich ausgewählt.« Sie hob sie hoch und ich sah, daß sie blendend weiß und ohne Fehl waren. »Wozu?« fragte ich, obgleich mein Herz es wußte. »Für Darabs Khosti. – Willst du ihn weben?« »Ja,« sagte ich und senkte den Kopf. Ich fühlte, daß Darabs Ferved in der Stube sei; ich hob meine Augen zu ihm auf und flüsterte: alle Reinheit, die ich durch Ahura-Mazdas Gnade besitze, will ich in deine Betschnur weben, damit sie für dich sprechen möge, wenn das Urteil über dein Leben auf der hohen Brücke gesprochen werden soll. Meine Mutter beugte sich herab, küßte meine Stirn und sagte: »Der heilige Geist sei mit dir und führe deine Hand.« Sie hatte bereits seine Saderé gewebt; jetzt befestigte sie die siebzig Fäden auf dem Webstuhl und las bei jedem ein Kapitel aus dem heiligen Pasna vor. Sie sprach, langsam, und ich wiederholte die Worte. Ich verstand sie damals nicht, aber ich wußte, daß der Faden durch ihre Reinheit geweiht und der heilige Nasna durch meine Hand in Darabs Khosti eingewebt wurde. Als ich fertig war, gingen mein Vater und meine Mutter zum Zot, und tags darauf stand Darab wieder in unserer Stube. Seine Wangen waren blaß, seine Augen groß und seine Hände bebten, während er sein Ashem-Vohu hersagte: »Gerechtigkeit ist das größte Gut; selig der, dessen Gerechtigkeit vollkommen ist!« und danach das Glaubensbekenntnis: »Ich glaube an Ahura-Mazda und sage mich los vom Fürsten der Dunkelheit.« Und die einundzwanzig Worte, Ahuna-Vairyu: »Der Wille des Herrn ist das Gesetz der Gerechtigkeit. Der Himmel lohnt, was auf Erden zu Mazdas Ehre verrichtet wird. Ahura schenkt demjenigen sein Reich, der den Armen hilft.« Zum Schluß sagte er dem Zot und meinem Vater das Sündenbekenntnis auf, während Mutter und ich als Zeugen zuhörten. Der Zot küßte Darab auf die Stirn, breitete seine Arme aus und wandte sein Gesicht Mithras Licht zu. Er nahm das Saderé aus der Hand meiner Mutter, segnete es und bekleidete Darab damit. Dann wandte er sich an mich, nahm die Khosti, die ich auf meinen Armen trug, und legte sie um den Leib Darabs, zur Hilfe für die guten Gedanken, guten Worte und guten Taten. Jetzt war Darab in den richtigen Glauben aufgenommen und für seine Handlungen verantwortlich. Darab kam wieder zu uns; wir spielten wie sonst miteinander, gingen aber nicht mehr in dieselbe Klasse, in der meinen waren nur Mädchen; er saß zwischen den Mobedsöhnen, die weiterstudieren sollten, um erst Herbed und später Mobed zu werden, wie ihre Väter. Er lernte viele neue Dinge; und wenn wir zusammen am Fluß gingen, erzählte er mir davon. Wir spielten, daß er Mithra auf der Tchinwatbrücke und ich die Seele sei, die gerichtet werden soll. Wir stiegen auf die Anhöhe, Elburs Berg, und er war Sraosha, der das Kraut der Unsterblichkeit pflückte, die heilige Haoma. Wir spielten, wir wären das erste Menschenpaar, Mashya und Mashyoi, die ihr Adam und Eva nennt. Und das Ende der Zeiten kam, wo der letzte Kampf zwischen Licht und Dunkelheit geführt wurde. Da mußte ich mich entkleiden und im Fluß baden; ich war die Jungfrau Eredhatfedhri, die im Kasava-See badet, nachdem sie unbefleckt von Zarathustra den Erlöser empfangen hat und den siegesstarken Astvatereta gebiert. Einmal war ich Jahi, der Geist der weiblichen Unreinheit, und er war Ahriman, der Fürst der Dunkelheit, den ich zum Kampf gegen das Licht verlockte; er rief seine Diven und Darvanden, damit sie die Erde verpesten sollten. Unser Spiel war so stark, daß wir beide Furcht bekamen; und als die Sonne unterging, streckte Darab seine Arme der Dunkelheit entgegen und rief mit lauter Stimme die Worte der Teufelsbeschwörung; und wir reinigten uns in dem rinnenden Wasser des Flusses, um uns gegen die Diven der Luft zu wehren, die in der Nähe der Menschenhäuser schwärmen, wenn die Dämmerung hereinbricht. Darab hütete unsere Kuh; er liebte sie, als ob sie ein Mensch sei, weil er wußte, daß sie Zarathustras heiliges Tier war; er gab ihr Wasser und sorgte dafür, daß nichts Unreines in ihre Nähe kam. Eines Tages lief er weinend nach Hause und erzählte, daß er auf der Wiese einen toten Hund gefunden habe. Er und Vater gingen mit einem Tuch vorm Mund hinaus und schafften den Kadaver mit langen Stangen fort, damit der Tod ihre Hände nicht beschmutze. Die Kuh aber hatte auf der Weide in der Nähe des Todes gegrast. Jetzt war sie unrein und ihre Milch durfte ein ganzes Jahr lang nicht getrunken werden. So streng ist unsere Lehre. Die Jahre vergingen, und Darab wuchs heran, schweigend und still wie mein Vater. Wir spielten nicht mehr wie in unserer Kindheit. Ich durfte nicht mehr mit ihm im Fluß baden; und als ich weinte und nach dem Grund fragte, antwortete er, daß er ein Mann und ich ein Weib sei, und nichts Unreines zwischen uns sein dürfe. Eines Tages, als wir schweigend nebeneinander auf der Anhöhe saßen und in das Meer blickten, nahm er meine Hand und sagte: »Dasturan Dastur sagt, daß das Ende der Zeiten nahe sei. Daß aber der, der sich rein wie das Licht bewahrt, die weise Haoma auf Elburgs Berge pflücken und ewig leben wird!« Und wir versprachen einander, uns rein wie das Licht zu bewahren, um einst auf Elburs Berg zusammenzutreffen. Von da an ging er am liebsten allein. Ich folgte ihm aus der Entfernung und dachte, daß ich nicht würdig sei, an seiner Seite zu gehen. Als Darab alles gelernt hatte, was er für die Nabarprüfung wissen mußte, verließ er wieder unser Haus und wohnte beim Zot, um in dem Gebrauch der heiligen Gefäße unterrichtet zu werden. Er mußte die große Reinigung neun Tage durchmachen, einmal für sich selbst und einmal für den Zot, der sein Pate sein sollte. Als der Tag herangekommen war, gingen wir alle zum Hause des Zoten. Mutter und ich warteten draußen, bis die Tür sich für die Prozession öffnete. Darab ging zwischen dem Zot und meinem Vater, eine Keule auf jeder Schulter tragend, als Zeichen, daß er der Streiter des Lichtes sein wolle, im letzten Kampf gegen die Darvanden. Hinter ihnen kamen die Mobeds in ihren weißen Gewändern. Als wir den Dari-Mihr – so heißt unser Tempel – erreichten, kam Dasturan Dastur uns mit seinem Zug auf der Schwelle zum Meßhause entgegen. Er nahm Darab bei der Hand und führte ihn in den Tempel. Er selbst nahm auf dem höchsten Stuhl Platz, während die Dasturen und Mobeds hinter ihm hockten, die Hände im Schoß. Darabs Pate stellte sich vor dem höchsten Priester auf und sagte: »Sieh, ich bringe euch einen neuen Diener des Lichts. Wollt ihr ihn in eurer Mitte empfangen?« Die Versammlung nickte schweigend; Dasturan Dastur saß unbeweglich, seine klaren, weißen Augen auf Darabs Gesicht gerichtet; es war, als ob die ewige Flamme des Lichts in seinem Blick brannte; darauf machte er eine Bewegung mit der Hand und gab das Zeichen, daß die Handlung beginnen könne. Darab wurde von dem Zot zum Opfertisch geführt. Mit bebenden Händen ergriff er das heilige Gefäß und verrichtete die Einweihung, während alle aufmerksam zusahen und Vater ihm als Raspi zur Hand ging. Als das Wasser geweiht war, begann er den heiligen Parahom zu mischen; als seine Hände die gelben Haomastengel berührten, bebten seine Lippen vor Bewegung. Er legte sie in den Mörser, nahm die Granatzweige vom Baume Urvaram, brach sie durch und tat auch sie hinein. Dann holte Vater die Tempelkuh und führte sie an den Tisch. Darab kniete nieder und melkte einige Tropfen in den Mörser. Er erhob sich, zermalmte die Zweige und goß Opferwasser darauf. Dann betete er das ganze Nasna und Vendidad und das Todesgebet Srosh Daran. Er betete leise und vor Erregung flüsternd, aber ohne Fehler; und als er fertig war, reichte mein Vater ihm die fünf kleinen Darunbröte, die ich gebacken hatte. Indem er sie zum Munde führte, suchten seine Augen meine. Ich schloß die meinen und griff nach der Hand meiner Mutter; denn in der tiefen Stille, in der er sein Opfer aß, war es mir, als würde ich für alle Zeit mit ihm vereinigt. Dann goß er das Parahom aus dem Mörser, siebte es und führte zum erstenmal den Unsterblichkeitstrank an seine Lippen. Das Opfer war zu Ende und Darab reichte meinem Vater die Gefäße. Dasturan Dastur erhob sich, und die ganze Versammlung mit ihm. Er winkte Darab zu sich heran, nahm ihn als Herbed auf, setzte ihm die weiße Mütze auf den Kopf und segnete ihn. Jetzt war Darab Tempeldiener und hütete den Tempelhof mit den anderen Herbeden, die ich so oft gesehen hatte, wenn ich Vater zu seinem Raspidienst begleitete. Die Jahre vergingen und wir wuchsen heran, wir sahen uns selten, ich tat die Hausarbeit an Stelle meiner Mutter, und Darab war mit dem Studium für die letzte Prüfung beschäftigt. Als er achtzehn Jahre alt war, machte er sein Maratih. Jetzt war es Mobed Dastur, ebenso wie unser Zot und durfte alle heiligen Handlungen vollführen, das Opfer der Ferveden, das Mitternachtsopfer Vendidad und das Todesopfer. Er konnte die Menschen unseres Stammes zu Ehe, Geburt und Tod weihen. Den Abend nach der Prüfung verbrachte er mit dem Zot bei uns. Wir aßen im Garten unter dem Baum der Tempelblume. Ich erinnerte mich, was vor vier Jahren, als Darab die Opferbrote aß, im Tempel mit mir geschehen war. Meine Augen hingen an den seinen, bis ich merkte, daß es dem Zot auffiel und er von ihm zu mir blickte. Mich dünkte, daß ein Lächeln in seinem Bart war, und ich stand beschämt vom Tisch auf. Darab wohnte bei dem Zot, und wir sahen uns nur selten. Eines Nachmittags, als ich mit einem Arm voll Blumen, die ich beim Fluß gepflückt hatte, nach Hause kam, stand Darab in der Tür. Als ich seiner gewahr wurde, fühlte ich, was mir bevorstand. Ich griff mir ans Herz und verlor meine Blumen. Er beugte den Kopf zum Gruß und sah mich an, als ob er sagen wollte: »Ich stehe in Ahura-Mazdas Hand und muß zu seiner Ehre kämpfen.« Darab kam, um uns Lebewohl zu sagen. Der Zot hatte ihm eine Stellung als Priester in Bombay verschafft. Ich beugte meinen Kopf, als ich es hörte und dachte: ich muß stark sein wie er. Er sprach lange mit Vater auf der kleinen Bank unter dem Baum der Tempelblume; Mutter ging hin und her, ihren Worten lauschend, während ich Blumen für ein Abschiedsopfer pflückte. Dann erhob er sich und blickte sich nach mir um. Ich stand in der Tür und wartete auf ihn. Er kam auf mich zu und ich ging ihm entgegen. Zum letztenmal begaben wir uns zum Fluß. Schweigend gingen wir auf dem alten Wege nebeneinander. Wir dachten beide an dasselbe. Er nahm meine Hand wie damals, als wir Kinder waren. Ich war seine Braut, das wußte ich; es bedurfte keiner Worte zwischen uns. Als wir den Fluß erreichten, pflückte ich von den großen gelben Blumen, die längs des rinnenden Wassers leuchteten. Ich flocht sie zu einer Kette, während ich seinen Worten lauschte, vom Ende der Zeiten, das nahe sei, vom Kampf der letzten Tage und vom endgültigen Sieg des Nichts. Als er fertig gesprochen hatte, hing ich ihm die Kette um den Hals. Ich nahm seine Hand und küßte sie. Er küßte auch die meine und sagte: »Wer den einzig richtigen Pfad wandert, dem wird es im Namen des Guten am besten ergehen.« Darauf kehrte ich allein zurück. Mein Herz war voll Glück und doch von Kummer schwer. Ich hörte, wie er langsam hinter mir herkam. Einmal wandte ich mich um; da streckte er seine Arme aus, als wolle er mich zurückrufen. Ich nickte ihm zu und nahm ihn, wie er dort stand, mit dem Abendhimmel hinter sich, in meinem Herzen auf. Aber ich ging nicht zu ihm zurück, denn ich wollte, daß er auf seinem Weg zum Licht meinetwegen nicht stehenbleiben, ich wollte, daß er stark sein sollte. Ich bin deine Braut, dachte ich und werde warten, bis du zurückkehrst. Mein Vater erkältete sich eines Tages und mußte zu Bett gehen. Am nächsten Tage hatte er Fieber; er lag und starrte mit wilden Augen vor sich hin. »Seht die Diven!« sagte er und streckte beschwörend seine Hand aus. »Seht, jetzt verlöscht das heilige Feuer – und ich habe keinen Sohn, der die heiligen Flammen in meiner Seele bewahren kann.« Dann weinte er wie ein Kind. Kurz darauf begann er von neuem: »Hört, wie sie mich rufen! – kannst du hören, wie das Licht mich ruft – und ich habe keinen Sohn, den ich hinsenden kann!« Er wollte aus dem Bett. Mutter konnte ihn nur mit Gewalt halten. Ich lief, um den englischen Arzt zu holen; er wollte Vater ins Krankenhaus bringen lassen, Mutter aber weigerte sich, und wir wachten Tag und Nacht abwechselnd bei ihm. Mein Vater war dem Tode nahe. Ich sah eines Nachts seinen Ferved neben seinem Bett sitzen und auf seinen Herzschlag hören. Ich betete und betete; endlich gegen Morgen erhob er sich und schwebte davon. Als es hinter der Matte dämmerte, schlug mein Vater seine bleichen Augen auf, wandte seinen Kopf zum Fenster und machte mir ein Zeichen, daß ich die Matte hochziehen solle. Als das Licht ins Zimmer strömte, brachen ihm Tränen aus den Augen. Er bewegte die Lippen und flüsterte der Sonne etwas zu. Ich beugte mich über ihn, um zu hören, was es war; aber er sprach nicht mit mir, sondern mit Mithra, dem Hohen, und es waren Avestas heilige Worte: »Ein Mensch von dieser Welt kann nicht so schlechte Gedanken denken, wie Mithra in seinem Himmel gute, ein Mensch von dieser Welt kann nicht so böse Worte sagen, wie Mithra in seinem Himmel gute; ein Mensch von dieser Welt kann nicht so schlecht handeln, wie Mithra in seinem Himmel wohltuen kann.« Jetzt ging es ihm mit jedem Tag besser, wir trugen ihn in den Garten hinaus, zu seinem Lieblingsplatz unter den Baum der Tempelblume, von wo man Sir Cowringhees Palmen mit der blauen Luft spielen sehen und das schnaufen der Büffel hören kann, wenn sie sich im Fluß baden. Schließlich durfte er wieder in den Tempel gehen, und der englische Arzt kam nicht mehr. Vater wußte, daß er der Schwelle des Todes so nahe gewesen war, wie ein Mensch ihr kommen kann. Sraosha hatte neben seinem Lager gestanden und ihn bei der Hand gehalten, um ihn zu der Tchinroatbrücke zu führen, sein Ferved aber wollte, daß er noch eine Weile für das Licht kämpfen sollte. In der stillen Todesnachtstunde aber, als er fühlte, wie die Ketten seiner Seele sich lösten, hatte ihn die Sehnsucht nach einem Sohn, der das Streben seines Geschlechts nach Licht fortsetzen konnte, fast zu Boden gedrückt. Eines Abends, als er, Mutter und ich am Fluß gingen, wandte er sich plötzlich zu uns um, sah von Mutter zu mir und fragte: »Ihr, die ihr meinen Lebenswandel und mein Herz kennt, sagt mir, was hab ich Böses getan, daß Auhra-Mazda mir seine Gnade versagt?« »Du hast nichts Böses getan,« sagte ich und faßte seinen Arm. Alles Blut war aus seinem mageren Gesicht gewichen und er schwankte, als ob die Gemütsbewegung ihn zu Boden werfen würde. »Ahura-Mazda hat dir ja seine Gnade bewiesen und dein Leben gerettet, damit du noch eine Weile für das Licht kämpfen kannst.« »Einen Sohn hat er mir verweigert,« sagte mein Vater und heftete seine Augen, die von den vielen Krankheitstagen noch matt waren, auf meine Mutter. Da konnte sie es nicht länger ertragen. Sie fiel zu seinen Füßen nieder, umfaßte seine Knie und sagte weinend: »Nimm dir eine zweite Frau, wenn du willst, weil auf mir ein Fluch zu liegen scheint.« Sie brach zusammen und schluchzte. Vater betrachtete sie; dann beugte er sich herab und berührte ihr Haupt; aber er schwieg und ging allein nach Hause. In jener Nacht erwachte ich dadurch, daß meine Mutter über mein Bett gebeugt stand und meinen Namen flüsterte. Als ich ihrem Blick begegnete, der auf mir ruhte, sah ich durch die Dunkelheit ihren Kummer leuchten, und es war mir, als ob eine Hand sich um mein Herz legte und es zusammenpreßte. Ich empfand unklar, was kommen würde. Und ich sah Darabs Ferved am Fußende meines Bettes stehen; doch ich konnte nicht fassen, was er dachte. Ich wünschte, daß meine Mutter noch eine Weile von dem schweigen würde, was kommen mußte, bis ich Kräfte genug gesammelt hatte, um es zu ertragen. Meine Mutter fühlte, was in dem Herzen ihres Kindes vorging. Sie küßte mich auf die Stirn; bei ihrem Kuß beugte mein Wille sich, Ahura-Mazdas, und ich erinnerte mich der Worte, die Darab mir gesagt hatte, als wir uns trennten: »Wer den einzig richtigen Weg wandelt, dem soll es im Namen des Guten am besten ergehen.« Sie kniete nieder und nahm meinen Kopf in ihre Arme, wie damals, als ich noch ein kleines Mädchen war. Dann begann sie zu sprechen, und obgleich ich im voraus wußte, was sie sagen wollte, traf mich dennoch jedes ihrer Worte mit voller Wucht. »Sieh, dein Vater verlangt einen Sohn, um Frieden für seine Seele zu finden, Gott aber hat meinen Leib verschlossen. Willst du, daß er sich eine neue Frau nimmt, wie es sein gutes Recht ist? – Willst du, daß eine fremde Frau hier, wo ich dich auf meinen Armen getragen habe, umhergehen, das Feuer auf unserem Herd bewachen und das Wasser weihen soll? – Und wenn sie ihm einen Sohn schenkt, sieh, dann wird sie dem Herzen deines Vaters näher stehen als du und ich. Seine Augen werden auf dir ruhen und seine Hand auf ihrem Haupt liegen, und er wird mich, die ich seine Seele nicht erreichte, und dich, die du nur ein Mädchen bist, vergessen. – Schehanna, werde Youg-zan und gib deinem Vater den Sohn, nach dem seine Seele verlangt!« Ich weinte mich in ihren Armen aus und fragte: »Weißt du, daß ich Darabs Braut bin?« »Ich weiß, daß ihr eure Seelen vereint habt, aber bist du nicht von deines Vaters Herzen und von seinem Körper und Blut? – Gib ihm einen Sohn, der durch dich Blut von seinem Blut und Herz von seinem Herzen ist, und wenn fünfzehn Jahre vergangen sind, dann gib Darab, was mit Recht ihm gehört, einen Sohn von eurem Körper und eurer Seele, damit auch er sich im Tode sicher fühlen kann. Bedenke, er ist jung und die Dunkelheit ist ihm noch fern; deinem Vater aber stehen die Schatten nah; bereits saß Sraosha an seinem Bett.« Ich tat, wie meine Mutter wollte. Tags darauf ging ich zu meinem Vater, der unter dem Baum der Tempelblume saß und auf den Fluß blickte. Ich kniete vor ihm nieder, faßte seine Hände und sagte: »Ich will dir einen Sohn geben.« Seine Hände bebten. Ich hörte das Herz in seiner Brust klopfen, ich sah seine Augen vor Verwunderung und Freude erstrahlen. Dann umfaßte er meinen Kopf, sah mich lange an und küßte mich auf die Augen. »Ich werde dir einen guten Mann verschaffen!« sagte er und stand auf. Die ganze Nacht lag ich wach und überdachte, was ich getan hatte. Ich rief Darabs Ferved an und bat ihn, mir zu helfen, aber er blieb stumm. Ich weinte und betete und wälzte mich verzweifelt auf meinem Lager. Ich wartete, daß das Licht in meinem Herzen scheinen würde; aber es schien nicht. Als ich am nächsten Morgen die Freude meines Vaters sah, wurde ich wieder ruhig. Er kam mir entgegen und hieß mich neben ihm niedersitzen. Er reichte mir das Brot zuerst, und seine Augen ruhten auf mir, als sei ich eine andere geworden, größer und reiner; schließlich aber stand ich vom Tisch auf, weil mein Herz so voll war, daß ich weinen mußte, und ich wollte nicht, daß er meine Tränen sehen sollte. Auch in jener Nacht lag ich wach. Mein Herz war bei Darab, und ich tröstete mich vergebens mit den Worten, die ich aus Zend-Avesta wußte: »Wer gut gegen Vater und Mutter handelt, handelt gut gegen seine eigene Seele. Er soll an Ahura-Mazdas Seite auf Elburs Berg wandern.« Eines Tages kam ein junger Mann und fragte nach Vater. Als ich ihn sah, wußte ich, daß er der Auserwählte sei. Er war größer und heller als Darab, hatte milde Augen, aber einen plumpen Mund und große Hände. Ich sah ihn lange an und dachte: Warum tust du es eigentlich? – Er wurde verlegen und versuchte zu lächeln. Da kam Vater aus dem Garten und streckte ihm grüßend beide Hände entgegen. »Sieh, das ist Jivanji, er ist aus dem Geschlecht der Sanjanas ebenso wie wir. Er ist ein Sohn von dem Bruder meines Vaters.« Ich konnte nichts sagen und wagte nicht aufzusehen, um nicht in Tränen auszubrechen. Ich saß wie ein kleines Mädchen auf meiner Bank und ließ alles mit mir geschehen. Ich betete zu Darabs Ferved, daß er mir Kraft verleihen möge. Wir hatten einander ja gelobt, den einzig richtigen Weg zu gehen. Sieh, ich opfere Jahre meines Lebens, dachte ich, um meiner Mutter willen und um dem Licht in der Seele meines Vaters zu dienen. – So erfülle ich mein Gelübde. Ahura-Mazda wird mich dafür belohnen! Erst viel später erfuhr ich, daß mein Vater Jivanji gekauft hatte. Auch er mußte fünfzehn Jahre warten, wie unser Gesetz es vorschreibt, bevor er sich einen Lohn für seinen eigenen Namen verschaffen durfte. Doch trug er keine andere in seinem Herzen, als mich, die ich die Braut eines anderen war. Mein Vater fragte mich, wie Jivanji mir gefiele. Ich antwortete nicht, aber er las in meinen Augen und schwankte in seinem Entschluß. Er verließ mich und ging in den Garten. Ich sah ihn neben der Mauer auf- und abwandeln; einmal betete er laut. Abends sagte er zu mir: »Schehanna, überleg es dir wohl; besser etwas unterlassen, als mit Mißmut handeln. Wo die Kräfte uns verlassen, da strömen die Diven herbei, schlagen die schwache Wand ein und lassen sich nieder.« »Ich habe es mir überlegt,« sagte ich und beherrschte mein Gesicht, »ich bin bereit, wenn du es willst; nur um eins bitte ich, laß mich die ganze Zeit bei dir und Mutter bleiben.« Ich meinte die Zeit, wo ich niederkommen sollte, aber ich brachte es nicht über die Lippen. An jenem Abend begann ich zu fasten; ich wollte die große Reinigung abhalten, um Kraft und Reinheit für das zu erlangen, was mir bevorstand. Mein Vater ging zu Dasturan Dastur, der seine Erlaubnis gab, daß ich zu Hause bleiben durfte, und er versprach, den Hochzeitstag nach dem Rat der Sterne zu wählen. Als der Tag bestimmt war, ging der Zot selbst von Haus zu Haus und meldete denen, die uns und Jivanji kannten, die Begebenheit und lud sie zur Hochzeit ein. Der Tag kam. Mein Gemüt war demütig vom Beten und Fasten. Das Licht war endlich in mein Herz gedrungen; jetzt war es rein von Gedanken, und bereit, die gute Tat zu vollbringen. Mutter hatte den Musselinschleier gewählt und zugeschnitten. Wir hatten den Hochzeitskuchen gebacken, Früchte gekauft und unser Haus mit Blumen geschmückt. Kurz vor Sonnenuntergang hörte ich die Flöten- und Trommelklänge. Der Zug kam langsam auf unser Haus zu. Der Zot und der elternlose Jivanji gingen an der Spitze, Verwandte und Freunde folgten. Vater trat in die Tür und hieß Bräutigam, Zot und Gäste willkommen. Als Jivanji über die Schwelle trat, ging meine Mutter ihm entgegen. Sie nahm Reis und Früchte aus der Schale, die sie in ihrem Arm trug, und streute sie als Willkommensgruß vor seine Füße. Dann traten sie zu mir in die Stube und begrüßten mich schweigend. Der Zot führte Jivanji zum Stuhl, der dem meinen gegenüberstand. Ich streckte ihm meine rechte Hand entgegen und der Priester, der uns weihen sollte, band unsere rechten Hände mit der Seidenschnur zusammen, so daß wir sie nicht rühren konnten. Mutter hüllte mich von Kopf bis Fuß in den Musselinschleier ein, und Vater und der Zot nahmen vor uns Platz, der Priester zwischen ihnen. Der Priester legte Weihrauch auf die Lampe, die er an dem heiligen Feuer im Adaran entzündet hatte. Mutter zog den Schleier fester um mich, so daß nichts von mir zu sehen war, außer der Hand, die an Jivanji gebunden war. Dann begann die Trauung. Der Priester las die Kapitel aus Zend-Avesta, während er die Seidenschnur von unsern Händen löste und um unsere Körper schlang, so daß wir ganz zusammengebunden waren. Er betete die Trauungsformel, nahm Reiskörner aus Mutters Schale und bewarf uns damit, als Zeichen der Fruchtbarkeit. Die Mutter reichte uns den Hochzeitskuchen. Jivanji und ich brachen jeder ein Stück davon ab und reichten es einander. Dann bot ich dem Zot, Vater und Mutter davon und auch jeder der Gäste bekam ein Stück aus meiner Hand. Mutter reichte die Früchte herum und Vater schenkte den Geladenen Dattelwein ein. Als gegessen und getrunken war, erhoben die Gäste sich, grüßten uns mit beiden Händen und wünschten uns Glück. Darauf führten sie Jivanji in Prozession denselben Weg zurück zum Hause des Zot, wo er, wie es bei uns Brauch ist, Abschied mit Verwandten und Freunden feiern sollte. Um Mitternacht wurde er wieder von den Festgästen zu unserem Hause geführt. Sie trugen Laternen; Flöten gellten und Trommeln lärmten in der stillen Nacht, bis alle Hunde der Stadt zu bellen anfingen. Den ganzen Tag war ich stark gewesen. Ich hatte gelächelt, damit niemand in meinem Herzen lesen sollte, ich hatte ein freundliches Wort für alle gehabt. Mein Vater segnete mich, als ich ihm gute Nacht wünschte. »Glücklich ist der, der reines Herzens ist,« sagte er und legte seine Hände segnend auf meinen Kopf. Dann zog er mich an sich und küßte mir die Stirn. Mutter entkleidete mich und zog mir das Brauthemd an. Sie weinte, wie ich sie nie weinen gesehen habe, und preßte mich an ihre Brust. Ich begriff, daß sie im letzten Augenblick zweifelte, ob sie recht gehandelt habe. Um sie zu trösten, sagte ich, daß der Tag gut gewesen sei und daß ich mich nicht fürchte. Als sie mich aber verließ, als ich allein auf meinem Lager lag und dem Zug der Gäste lauschte, der sich draußen näherte, da war es mit meinem Mut und meiner Kraft vorbei. Und als sie so nahe gekommen waren, daß ich Abschiedslärm und Gelächter unterscheiden, ihre lauten Rufe und Glückwünsche hören konnte, da weinte ich, als ob mein Herz brechen sollte, und rief Darab beim Namen, bis ich seinen Ferved in meiner Stube merkte. Ich klagte ihm meine Not und flehte, daß er es nicht geschehen lassen möge, daß dieser Fremde meinen Körper nähme, der sein war für alle Zeiten. Aber er schwieg; niemand hörte mein Jammern. Und schließlich hatte ich keine Tränen mehr. Ich zwang mich, an meinen Vater zu denken. Für sein Seelenheil wollte ich leiden. Ahura-Mazda würde meine gute Tat sehen und sie mir am Siegtage des Lichts anrechnen; und ich überwand die Verzweiflung in meinem Herzen, um das Verdienst meiner Handlung nicht durch unwillige Gedanken zu vernichten. Ich wiederholte wieder und wieder Darabs Worte, als mir uns trennten: »Wer den einzig richtigen Weg wandert, dem soll es im Namen des Guten am besten ergehen.« Als ich Jivanjis Hand an meiner Tür tasten hörte, hatte ich Trost in der Gewißheit gefunden, daß meine Opfertat mir einen Platz an Darabs Seite auf Elburs Gipfel sichern würde, wenn das Ende der Zeiten gekommen sei. Jivanji wohnte in unserm Haus und kam und ging tagsüber. Er war Mobedsohn und hatte eine Stellung in Sir Cowringhees Bank. Er war gut gegen mich, tröstete mich, wenn ich betrübt war, und ließ mich in Ruhe, wenn ich allein sein wollte. Er und Vater saßen des Abends zusammen in unserm Garten. Vater wollte den, durch den die Flamme seiner Seele verpflanzt werden sollte, genau kennen lernen. Als die Zeit kam, wo ich guter Hoffnung wurde, kaufte er mir einen Hund. Das ist unser heiliges Tier, und heiliger als ein anderer ist der Hund, der vier Augen besitzt, das heißt, wenn er zwei helle Flecke über den Augen hat; denn er vertreibt die bösen Geister von den Wohnungen der Menschen. Ich gewann ihn sehr lieb, und er folgte mir überall, mir allein; ich gab ihm zu fressen, und nachts lag er neben meinem Bett, damit kein unreiner Geist mein Lager im Schutz der Nacht aufsuchte und das Kind verhexte, das ich zur Welt bringen sollte. Ich gebar einen Knaben; mit großen Schmerzen gebar ich ihn, zur Freude für die Seele meines Vaters. Mutter stand neben meinem Lager. Sie war die erste, die seine dunklen Augen sah, die Darabs glichen. Sie trug ihn auf ihren Armen zu Vater, und ich hörte wie im Traum seinen Freudenruf. Gleich darauf aber fiel ich in Ohnmacht und erwachte erst am dritten Tage. Da blickte ich in die Augen des englischen Arztes, er lächelte mir zu und wünschte mir Glück zu meiner Genesung. Mutter brachte mir den Knaben. Ich war zu schwach, ihn zu heben, aber sie legte ihn mir in den Arm; und als ich Darabs Augen in seinem kleinen hilflosen Gesicht sah, da weinte ich vor Schmerz und Glück. Vater ging zum Tempel und ließ den heiligen Parahom bereiten. Der Zot reichte ihn ihm mit vielen guten Wünschen. Ich sah durch die Tür, wie er die Watte in den heiligen Trunk tauchte und sie an den kleinen, roten Mund meines Kindes drückte, indem er es segnete. Dann badete er den Knaben in dem geweihten Wasser, hob den kleinen, nackten Körper zur Sonne empor und sagte, während ihm die Augen voll Freudentränen standen: »Sieh, das ist mein Sohn. Jetzt hat er den heiligen Trunk gekostet und ist in Gomez gebadet, sieh, jetzt ist er von aller Unreinheit befreit, die am Körper haftete. Er ist in Ahura-Mazdas Hand!« Unser Gesetz schreibt vor, daß die Mutter, die gebiert, sich in der Stube aufhält, die der Erde am nächsten ist, damit das Kind sein Leben in Demut beginnen kann; denn nur durch gute Gedanken, gute Worte und gute Taten kann ein Mensch sich von der Erde losreißen und zum Licht emporsteigen. Vierzig Tage lang ist die, die geboren hat, unrein, und niemand von ihren Verwandten darf sich ihr nähern; Mutter aber umging das Gesetz; sie und der Arzt waren die einzigen Menschen, die ich außer meinem Knaben zu sehen bekam. Ich blickte auf den kleinen, bleichen Kopf, der an meiner Brust lag. Ich dachte, daß ich ihn groß und herrlich finden würde, wenn es Darabs Kind gewesen wäre. Jetzt fühlte ich für mein Kind mehr inniges Mitleid als die strahlende Liebe, von der ich bei anderen Müttern gehört. Was hatte es verschuldet, daß es nicht teil an seiner Mutter Seele, sondern nur an ihrem Körper haben sollte? Am siebenten Tage nach der Geburt hörte ich eine fremde Stimme in der Stube meines Vaters. Mutter erzählte mir, daß es der Sterndeuter-Zot sei, der gekommen wäre, um die Zukunft des Kindes zu deuten. Ich selbst hörte und sah nichts davon; meine Mutter aber erzählte mir den Vorgang. Von den Namen, zwischen denen der Zot wählen ließ, wählte mein Vater Bahram. Das ist bei uns ein heiliger Name. Der Zot zeichnete die Sterne mit Kalk auf den Tisch, und als er ihren Zusammenhang gedeutet hatte, sagte er, daß Bahram unter dem Zeichen der Jungfrau geboren sei. Aber von dem Schicksal des Kindes, das mein Vater wissen wollte, schwieg er, und in dem Brief, den er Vater gab, wie es bei uns Sitte ist, stand nur das eine; »unter dem Zeichen der Jungfrau geboren«. Nichts von seiner Lebenslage oder seinem Glück. Er verabschiedete sich schnell und mein Vater war den ganzen Tag schweigsam; er fürchtete, daß der Sterndeuter Ungünstiges gelesen hatte und es nicht sagen wollte. Als die vierzig Tage um waren, zog ich wieder in mein altes Zimmer. Nach der großen Reinigung, die unser Gesetz vorschreibt, war ich jetzt wieder rein und konnte mich überall frei bewegen. Ich ging mit meinem Kind auf dem Arm in den Garten. Ich saß auf der schattigen Bank unter dem Baum der Tempelblume und sah, während der kleine, blasse Kopf an meiner Brust lag, dem Spiel der Palmen in der blauen Luft zu und lauschte dem rinnenden Fluß. So oft mein Vater von seiner Beschäftigung abkommen konnte, saß er neben mir und betrachtete den Knaben. Wenn er auf seine stille, sanfte Weise lächelte, strahlten die Augen meines Vaters, und er schloß ihn so zärtlich und vorsichtig in seine Arme, als fürchtete er, den zarten Stengel zu knicken. Eine kränkliche Blume war mein Kind, und das Schicksal seiner Mutter war schuld daran. Hin und wieder las ich in den Augen meines Vaters eine plötzliche Angst, als ahne er, daß er sich gegen das zarte Leben versündigt habe, das er zur Verpflanzung seiner Seelenflamme auserwählt hatte. Wir riefen den Arzt, damit er den Kleinen untersuche, aber er konnte keine eigentliche Krankheit feststellen. Als mein Vater ihn bat, uns die volle Wahrheit zu sagen, blickte er zur Seite und hob mit der Hand eine halbverwelkte Blume, die an ihrem Stengel hing. Da bedeckte mein Vater sein Antlitz mit den Händen und weinte. Mein kleiner Junge war immer sanft und still, selbst in der Nacht weinte er nicht, und wenn er hungrig war, schrie er nicht wie andere Kinder, sondern preßte nur die kleinen Hände auf der Brust zusammen und blickte mich mit großen Augen an, als ob er sich wundere. Diesen Blick konnte ich nicht ertragen, er ging mir wie ein Stich durchs Herz, als habe ich eine große Sünde begangen und sei jetzt Zeuge von den Folgen. Bahram wollte nicht gedeihen. Er nahm kaum zu an Gewicht, obgleich er mit all der Sorgfalt gepflegt wurde, die in Menschenmacht steht. Er welkte Tag für Tag hin, und eines Abends kurz nach Sonnenuntergang verging die Blume. Mein Vater hatte es vorausgesehen. Sein Sinn war schon während vieler Tage bedrückt gewesen. Der Tod des Kindes war fast wie eine Linderung für seine Seele. Auch ich, seine Mutter, trauerte nicht, wie Mütter über den Tod Erstgeborener zu trauern pflegen. Ich hatte schon lange in den dunklen Augen gelesen, daß die kleine, reine Seele sich nach dem Ort sehnte, wo sie zu Hause war. Hier auf Erden hatte sie ihre Heimat nicht. Mutter nahm sich den Tod des Kindes am meisten zu Herzen. Sie weinte und drückte den kleinen welken Körper verzweifelt an ihre Brust, obgleich es gegen das Gesetz ist, Leichen zu berühren. Als sie ihn für die Bahre eingekleidet und meinen Hund, den Vieräugigen, gerufen hatte, daß er die Nacht über am Kopfende des Knaben stehen und alle Diven vertreiben sollte, die sich an Tote heranmachen, da wies mein Vater sie zurück und sagte: »An ihm ist nichts unrein. Er ist in Ahura-Mazdas Hand. Kein Div wagt sich in seine Nähe.« Erst als die beiden Leichenträger die kleine Bahre aus dem Hause trugen und mein Vater mit gebeugtem Haupte folgte, erst da wurde es mir klar, daß es ein Teil meines eigenen Leibes sei, das jetzt zu dem großen Schweigen in den weißen Turm getragen und den Geiern übergeben wurde. Ich selbst war krank, mehr seelisch als körperlich. Mein früheres gesundes Aussehen hatte ich bereits in den vierzig Tagen verloren. Als aber die Sorge um den Kleinen die Dunkelheit in meiner Seele nicht mehr zerstreute, da war keine Freude, nur noch Leere in meinem Gemüt. Warum war das Opfer von mir verlangt worden, wenn er doch sterben sollte? Ich las in den Augen meines Vaters, daß er dasselbe dachte. Wenn er sich unbemerkt glaubte, sah ich seinen Blick schwer auf mir ruhen, als ob er meinen Ferved um Verzeihung bäte. Meine Gedanken waren mehr als je bei Darab. Bereits nach der Geburt des Kindes war Jivanjis Anblick mir zuwider gewesen; es schmerzte ihn, aber ich konnte ihm nicht helfen; und er hielt sich von unserm Hause fern. Stundenlang wanderte ich am Flusse, vom Palmenhain bis zur Anhöhe – denselben Weg, den ich als Kind an Darabs Seite gegangen war. Ich spielte in Gedanken unsere Kinderspiele. Jeder Busch, jeder Stein war eine lebendige Erinnerung an das, was er gesagt und ich geantwortet hatte. Als ich eines Abends auf der Anhöhe saß und zur Sonne hinüberblickte, die im fernen Meer versank, war mein Herz so voll, daß ich zusammenbrach, den Kopf in meinen Händen vergrub und weinte. Da hörte ich einen leisen Laut hinter mir; es war, als ob jemand mich gerufen habe. Ich wandte den Kopf und sah Dasturan Dastur. Er stand mitten auf dem Wege in seinem weißen Gewand und blickte mich mit seinen klaren, weisen Augen an, als ob er über mein Schicksal nachsänne. »Warum weinst du?« fragte er und trat näher. Da konnte ich nicht länger an mich halten. Ich brach in lautes Schluchzen aus und erzählte ihm, wie das Leben gegen mich gehandelt habe. Er strich mir übers Haar und sagte: »Weine nicht mehr! – Sei geduldig und kämpfe noch eine Weile für das Licht! – Das Ende der Zeiten ist nah.« Als ich nach Hause kam, erzählte mein Vater, daß Dasturan Dastur im Tempel mit ihm gesprochen und gesagt habe: »Die Perle, die du in deinem Hause birgst, ist welk und matt. Reise mit ihr zu der großen Stadt, auf daß deine kranke Perle ihren Orient zurückerlangt.« Mein erster Gedanke war: ich soll Darab wiedersehen! Und ich begriff, daß es auch der Dasturan Dasturs gewesen war. Aber ich hatte zu viel gelitten. Mein Sinn war noch zu schwer, um Freude empfinden zu können; es war mir unmöglich, die große Veränderung zu fassen, ich wagte noch nicht an mein Glück zu glauben. Wenige Tage später waren wir reisefertig. Als ich auf dem Bahnhof stand und sah, wie das zischende Ungeheuer sich mit Menschen füllte, als sei es einer der sechs Darvanden, der sie verschlänge, da begann mein Herz vor Erwartung zu schlagen, aber auch aus Angst vor all dem Neuen und Unreinen, das mich erwartete. Wir fürchteten, daß wir verunreinigt würden, als wir uns in den dunklen Kasten setzten, wo so viele Menschen, die man nicht kannte, vor einem gesessen hatten, ohne daß die vorgeschriebene Reinigung mit geweihtem Wasser stattgefunden hatte. An einer Zwischenstation stieg ein weißgekleideter Mohammedaner mit dem bunten Turbantuch der Afghanen ein; nachdem er uns lange aufmerksam betrachtet und unserem Gespräch gelauscht hatte – wir wußten nicht, daß er unsere Sprache verstand –, fing er plötzlich mit meinem Vater ein Gespräch in unserer eigenen Sprache an. Er war ein sehr höflicher Mann, der bei jedem freundlichen Wort mit weißen Zähnen lächelte; seine gelben Augen mit den dunklen Rändern aber flackerten so seltsam in seinem Gesicht. Sein Blick gefiel mir nicht. Vater, der für gewöhnlich so Schweigsame, wurde gesprächig. All das Neue, die grünen Wiesen, die fächelnden Palmen und die großen Baumwollfelder, die an unserem Auge vorbeiflogen, öffneten sein Gemüt, das so lange verschlossen gewesen war. Für alles, wonach er fragte, hatte der Mohammedaner eine Erklärung, und er erzählte uns von seinen Reisen; er war sowohl in Bengalen als auch in den großen Bergen, jenseits des Pendjab, in Persien gewesen. Er erzählte, daß er Pferdehändler sei. Vierzigmal hätte er die Karawanenstraße zwischen Bombay und Damaskus überschritten. Er brachte seine Beduinen- und Tscherkessenpferde über die Wüsten- und Bergpässe und Flüsse nach Bombay, um sie dort im Basar der Pferdehändler zu verkaufen. Darauf kaufte er Waren in Indien und reiste viele Meilen weit, um die schönsten Decken, Seidenwaren, Schmucksachen und Waffen zu den Städten des Westens zu bringen. Mein Vater vertraute ihm das Ziel unserer Reise an; und er blickte mich aufmerksam an, als ob er aus der kurzen Erklärung mein ganzes Schicksal herauslesen wollte. Wir kamen zu der großen Stadt und standen in einer mächtigen Halle, ganz verwirrt von dem Lärm. Das Leben, so unrein, wie wir es uns nie vorgestellt hatten, drang mit solcher Heftigkeit auf uns ein, daß wir uns nicht dagegen wehren konnten. Da lächelte der Mohammedaner und bot uns seine Begleitung an. Er winkte einen Mann mit einem Ochsenkarren herbei, wir nahmen unter dem Segeltuchdach Platz und fuhren durch die Stadt. Jetzt erst begriff ich ganz, was meiner wartete. Der Gedanke, daß Darab in dieser Stadt lebte und ich ihn bald wie in vergangenen Tagen sehen und mit ihm sprechen würde, stieg mir zu Kopf und verwirrte mich. Mein Herz schlug unruhig, meine Augen brannten, meine Hände waren feucht, und ich war noch so schwach, daß meine Knie zitterten. Der Mohammedaner schlug uns vor, gleich zum Sekretariat der Parsen zu fahren. Mein Vater sollte dem Vorsteher Grüße von Dasturan Dastur überbringen, der uns sagen würde, wo Darab zu finden sei. »Wenn ihr euren jungen Freund gefunden habt,« sagte der Mohammedaner, »bedürft ihr meiner nicht mehr. Dann kann er euch selbst in dieser großen verwirrten Stadt herumführen.« Ich war ihm dankbar für den guten Rat; er lächelte mit seinen weißen Zähnen, als er sah, wie ich vor Freude errötete. Der Mohammedaner verließ den Wagen, um dem Kutscher Bescheid zu sagen, der in dieser großen Stadt nicht Bescheid zu wissen schien, denn der Mohammedaner mußte ihm seine Wünsche umständlich erklären. Schließlich stieg er wieder ein und sagte verächtlich: »Wie sind diese von AIlah verdammten Tamulen dumm!« Wir fuhren eine Zeitlang, es schien mir kein Ende zu nehmen, von einer engen Straße voll Schmutz und Gestank in die andere; schließlich aber hielten wir vor einem Steinhaus mit grünen Matten vor den Fenstern und einem kleinen Garten mit einem eisernen Gitter davor. »Wir sind am Ziel,« sagte der Mohammedaner und stieg aus, um meinem Vater Platz zu machen, »geh hinein, während deine Tochter im Wagen wartet, denn Frauen dürfen nicht mit ins Sekretariat. Ich werde inzwischen in der Nähe eine Besorgung machen.« Mein Vater dankte ihm und versprach, sich zu beeilen. Darauf ging er durch die Gittertür in den Garten. Wie lange ich gewartet hatte, weiß ich nicht; der ungewohnte Lärm, all das Neue, daß so plötzlich auf mich eindrang, hatten mich erschlafft, so daß meine Augen zufielen und ich in einen Halbschlaf versank. Ich erwachte dadurch, daß die gelben Augen des Mohammedaners mich unterm Verdeck anstarrten. Ich richtete mich auf und wollte nach meinem Vater fragen, er aber kam mir zuvor: »Dein Vater ist mit dem Vorsteher zum Tempel gegangen,« sagte er, »es handelt sich um eine wichtige Angelegenheit. Ich begegnete ihnen auf der Straße auf der anderen Seite des Hauses; dein Vater hat mich gebeten, dich zu Colaba zu bringen, wo du deinen Freund Darab wiedersehen und bei ihm auf ihn warten sollst.« Darauf setzte er sich zu mir in den Wagen. Es war mir unangenehm, daß ich nicht selbst mit meinem Vater gesprochen hatte. Ich war jetzt allein in der großen Stadt mit einem Menschen, der zufällig vor einigen Stunden unseren Weg gekreuzt hatte; aber es mußte wohl so sein; der Vorsteher war ein großer Mann, den man nicht warten lassen durfte. Ich schloß die Augen, um ihm verständlich zu machen, daß ich müde sei und nicht zu sprechen wünschte. Meine ganze Seele eilte Darab entgegen, und so erfüllt war mein Gemüt, daß ich nicht mehr merkte, was um mich herum vorging. Bis zu diesem Augenblick hatte ich mich auf das Wiedersehen gefreut; so kurz vorm Ziel aber wurde ich ängstlich. Ich mußte ihm ja sagen, daß ein anderer den Platz an meiner Seite eingenommen hatte. Würde er es als eine Schuld betrachten? Oder würde er einsehen, daß ich für das Licht gekämpft und den reinen Pfad gewandert war, wie ich es ihm versprochen hatte? Ich erwachte aus meinen Träumen und sah, daß der Wagen nicht mehr durch enge Straßen, sondern zwischen Gärten und blühenden Büschen dahinfuhr. Dicke, niedrige Palmen, die ich nicht kannte, standen neben breiten Blumenrabatten. Der Weg führte bergab, an einem Ende lag ein blaues Wasser und glitzerte in der Sonne. »Sind wir bald da?« fragte ich. »Ja,« sagte er und zeigte übers Wasser, »siehst du die grüne Küste dort auf dem jenseitigen Ufer mit den weißen Bungalows hinter den Palmen? Dort zur Rechten liegt ein weißer Turm, das ist Colabas Dakhma; dahinter kannst du die Zinnen des Parsententempels sehen, das Agiari, wo dein Freund Dienst tut. Kannst du dort draußen das Schiff mit dem großen weißen Segel sehen? Das soll uns über die Bucht zu deinem Freund bringen – Allah beschützte ihn deinetwegen, obgleich er nur Geber ist! – Und kannst du das kleine Boot dort am Strande sehen? – Damit wollen wir zum Schiff hinüberrudern, wir hätten auch den Weg im Wagen zurücklegen können, aber dann hätten wir um die ganze Bucht herumfahren müssen, und du hättest deinen Freund nicht vor Abend erreicht. Mit dem Schiff dauert es nur eine knappe Stunde.« Ich dankte ihm und blickte zu der grünen Küste und dem weißen Turm hinüber. Vielleicht stand Darab in diesem Augenblick im Tempelgarten und blickte ebenso wie ich übers Wasser; und sein Blick kreuzte den meinen, ohne daß er es wußte, wie zwei Töne sich in der Luft kreuzen. Wir kamen zum Strande und bestiegen das Boot, mein Reisegefährte und ich. Als ich mich zum Ufer, das wir verließen, umwandte, begegneten mir die Augen unseres Kutschers. Er saß auf der Deichselstange und lachte häßlich, daß ich von einer plötzlichen Angst befallen wurde. Ich fühlte mich hilflos der Gewalt des fremden Mannes überlassen, fern von allem, was mir teuer, und dennoch ihm, dessen Braut ich war, so nah. Ich suchte den Blick meines Reisegefährten, um darin zu lesen, er aber hatte den Kopf abgewendet und gab nur auf seine Ruder acht. Kurz darauf hatten wir das Schiff erreicht. Hinter der Reling tauchten zwei schwarze Burschen auf, sie enterten die Strickleiter hinunter, griffen mit ihren nackten Armen nach dem Steven und zogen das Boot zum Schiff heran. Der Mohammedaner zog die Ruder ein und erhob sich, um den Aufprall abzuwehren. »Soll ich dich an Bord tragen?« fragte er und streckte mir seine Arme entgegen. Ich schlug es ab, wollte mich nicht von ihm berühren lassen und kletterte die Strickleiter hinauf. Auf Deck ging der Mohammedaner hastig an mir vorbei, indem er sagte: »Diesen Weg.« Wir standen vor einer offenen Luke, von wo eine Treppe zu einem Raum führte, der Oberlicht hatte. An der einen Wand sah ich einen niedrigen Tisch und einen Diwan. Er ging vor mir die Treppe hinunter, streckte die Arme aus und griff nach meiner Hand. »Komm,« sagte er, »das Großsegel wird nach dem Wind gedreht, wenn wir die Anker lichten. Komm hier hinunter, damit du nicht umgerissen wirst!« Ich zögerte einen Augenblick, wieder von einer unerklärlichen Angst gepackt. Ich sah mich hilfesuchend um, aber es war nichts anderes da als das blaue Wasser und die braunen, grinsenden Gesichter der Bootsleute. Ich schämte mich meines Verdachtes gegen den Fremden, der so gut und hilfreich gegen uns gewesen war, obgleich er sich nicht zur reinen Lehre bekannte. Ich reichte ihm meine Hand und stieg willig die Treppe hinunter. Kaum hatte mein Fuß den Boden berührt, als die Luke über meinem Kopf zugeschlagen wurde. Ich fühlte mich von den starken Armen des Mohammedaners ergriffen, und bevor ich mich zu wehren vermochte, wurde mir ein Tuch in den Mund gestopft und ein anderes um den Kopf gewickelt. Ich war wie gelähmt, ohne Widerstand ließ ich mir die Arme binden und fühlte, wie ich hochgehoben und auf den Diwan gelegt wurde. Kurz darauf klang seine Stimme an mein Ohr. »Wenn du gehorsam bist, soll dir kein Leid geschehen.« Da wurde mir klar, daß ich weder Darab noch meinen Vater wiedersehen würde, daß alles vorbei sei. Und Dunkelheit senkte sich auf meine Seele. Als ich wieder zum Bewußtsein kam, stand der Mohammedaner über mich gebeugt und betrachtete mich mit seinen gelben Augen. Die Luke stand offen, helles Tageslicht fiel herein. Er nahm das Tuch aus meinem Mund und sagte lächelnd: »Schrei nur, mein Kind, wenn es dir Linderung verschafft. Hier kann dich keiner hören.« Als ich schwieg, setzte er sich an den Tisch, schob mir Brot, eine Schüssel mit Reis und eine Kruke mit Dattelwein hin. »Iß! – Du hast vierundzwanzig Stunden geschlafen.« Ich konnte nichts essen. »Darfst wohl die Speisen nicht berühren, weil ein Unreiner zusieht?« spottete er. »So warte, bis ich hinausgehe. Ich kenne euch Geben; ich glaubt, daß ihr besser seid als wir Muselmänner, obgleich Allah euch verflucht hat.« »Was willst du von mir?« fragte ich. »Du bist meine feinste Ware, mein köstlichster Seidenstoff. Hättest du etwas mehr Fleisch auf dem Körper, wärst du doppelt soviel wert. Aber auch so wirst du wegen deiner Seltenheit bei den Seidenhändlern in Damaskus Erfolg haben. Solange ich meinen Handel betreibe, ist keine von deiner Rasse im Basar gewesen. Wenn du dich gut benimmst und lächeln lernst, und wenn wir das Glück haben, einen der Agenten aus Stambul zu treffen, kannst du sogar in den Harem des Sultans, kommen.« Ich wandte mich zur Wand und weinte. »Du solltest mir lieber danken,« sagte er zornig, »anstatt dazu verurteilt zu sein, als einfaches Dorfmädchen zeit deines Lebens für deinen Vater zu kochen, zu waschen und Wasser zu tragen, kommst du zu den großen Städten des Westens und wirst eine vornehme Dame. Hast du erst die Künste der Liebe erlernt, kannst du es bis zur Kadine bringen; vielleicht gebierst du deinem Herrn einen Sohn, dann wirst du Sultana-Validé! Und das hast du dann mir, dem Pferdehändler, Allahs geringstem Diener zu verdanken.« Als ich nicht aufhörte zu weinen, fuhr er fort: »Die Tscherkessenmädchen in Kuban bitten ihre Väter um das, worüber du weinst. Alle wollen verkauft werden, um nach Stambul, dem Paradies des Westens zu kommen. Aber sie sind zu zahlreich; sie stehen zu niedrig im Preis. Du aber, mein Kind, mit deinen verschleierten Taubenaugen und deiner Gesichtsfarbe wie eine matte Perle, gleichst keiner von den Frauen, um die die dicken Seidenhändler feilschen. Du sollst nicht für einen Sack Datteln verkauft werden, das verspreche ich dir. Die Summe, die du kosten sollst, können nur hohe Herren bezahlen. Vierzig Tage dauert die Reise, fünfzehn Tage zur See, bis wir Kueit erreichen, und von dort fünfundzwanzig Tage auf Kamelrücken nach Damaskus. – Ueberleg dir meine Worte wohl und lerne zu lächeln – iß reichlich und oft – du kannst bekommen, was du magst – und plage dich nicht mit schlimmen Gedanken! – Das ist nur dein eigener Vorteil, dann wirst du dick, bist leichter zu verkaufen und hast Aussicht, in den Harem eines vornehmen Herrn zu kommen.« Ich ging frei auf Deck umher – immer aber ruhten Augen auf mir, damit ich nicht über Bord springen konnte. Und man gab mir kein Messer und keine Schnur, damit ich mir nicht auf andere Weise ein Leid antun sollte. Meine Kräfte waren erschöpft, ich hatte in dem letzten Jahr zu viel gelitten. Ich war schlaff und ergab mich in mein Schicksal. An manchem Abend vergaß ich zu beten. Ahura-Mazda hat sein Auge von mir gewandt, dachte ich, was kann es nützen zu beten? Da ich ihre Speisen aß, zu lächeln versuchte und mich seinem Willen fügte, wurde er gut zu mir. Er saß in den warmen, stillen Abenden mit gekreuzten Beinen am Feuer und tröstete mich auf seine Weise. Er verbat seinen Leuten, mich zu necken und sorgte dafür, daß ich allein war, wenn ich aß oder mein Gebet sprach. Er erzählte mir seine ganze Lebensgeschichte und meinte wirklich, daß ich ihm Dank schulde. »Das Leben ist zu kurz!« sagte er und blickte zum Sonnenuntergang hinüber, wo das Meer in Purpur und Blau dunkelte – »hat Allah es uns nicht zur Freude gegeben? Warum trauern? Unser Kismet erreicht uns trotzdem; warum gegen den Stachel des Lebens löcken? – Wer klug ist, gehorcht Allahs Willen, ohne sich kummervollen Gedanken hinzugeben.« Wir erreichten Kueit. Ich wurde als die Frau des Mohammedaners zum Khan an Land getragen. Der Pferdehändler, Abdul-ben-Ismail, so wurde er von seinen Leuten genannt, mietete Kamele beim Scheik. Die Warenballen wurden an Land getragen und auf die knienden Tiere geladen, die das Maul hoben, ihre großen Zähne zeigten und zum Himmel hinauf wieherten, als ob sie Mithra zum Zeugen anriefen, wenn die Bürde zu schwer wurde. Ich bekam mein eigenes Kamel, das gleich hinter dem Abduls ging; der Hüter desselben war mein Diener, der mit seinem Leben für das meine haftete. Alle glaubten, daß ich Abdul-ben-Ismails Frau sei, die kein männliches Auge erblicken durfte. Jedesmal, wenn wir durch eine Stadt kamen, mußte ich unterm geschlossenen Zelt auf dem Rücken des Kamels sitzen. Ich hörte, wie die Beduinen sich auf ihren schnellen Pferden um Abduls Kamel scharten, Grüße mit ihm austauschten und scherzten; er war mit allen befreundet und hatte für alle Geschenke. Als die fünfundzwanzig Tage zu Ende waren, hatten wir Damaskus erreicht. Bei dem Khan, wo wir wohnten, wurde ich eines Morgens bei Sonnenaufgang auf ein ungeheures Lastkamel gesetzt, zwischen Warenballen versteckt und von Segeltuch bedeckt. Wir erreichten den Basar, als das Tor gerade geöffnet wurde. In der langen, überdeckten Straße war man im Begriff, die Buden zu öffnen; die Fensterläden wurden zurückgeschlagen und die Waren ausgebreitet. Im Viertel der Seidenhändler scharten die Kaufleute sich um das ungeheure Kamel, sprachen mit dem Treiber und fragten nach Abdul-ben-Ismail, den alle kannten. Wir machten in einem geschlossenen Hof hinter der größten Bude halt. Das Kamel kniete nieder, der Stuhl, in dem ich saß, wurde hochgehoben und hineingetragen. Als das Segeltuch entfernt war, sah ich; daß ich mich in einem hohen Raum befand, dessen Wände mit Stapeln von Teppichen und Seidenstoffen bedeckt waren. Nur von der Decke fiel Licht herein, und die weichen Teppiche erstickten jeden Laut. Der Seidenhändler kam herein, nickte zum Gruß und fragte mich etwas, was ich nicht verstand. Dann brachte ein Neger mir Kaffee und eine Wasserpfeife, ich rührte aber nichts davon an. Am Vormittag kam Abdul, um nach mir zu sehen. Er ließ mir andere Kleider geben, wie vornehme türkische Frauen sie tragen. Vier Tage und Nächte saß ich dort gefangen. Abdul kam jeden Morgen und ließ sich im Hof zwischen seinen Warenballen nieder, wo er mit den Kaufleuten handelte, die ihn aufsuchten; sie saßen im Kreis um ihn herum, mit gekreuzten Beinen, tranken Kaffee und rauchten. Die vornehmsten Kunden wurden in den Raum geführt, wo ich saß, um die kostbarsten Stoffe zu betrachten. Statt der Seiden betrachteten sie aber mich. Ihre Sprache verstand ich nicht, oft aber las ich aus ihren Blicken, was sie redeten. Und viele musterten mich von oben bis unten, so daß ich dabei errötete. Abdul wurde böse, wenn ich geweint hatte. Ich sollte lächeln, damit die Fremden meine Zähne sehen konnten. Am vierten Tage kam ein großer, dicker Mann, mit Fes und englischem Gehrock. Er hatte breite Lippen und kleine Augen, die tief im Kopf lagen; sein Gang war schleppend und er sprach mit seltsam quäkender Stimme. Abdul verbeugte sich tief vor ihm und ließ ihn ganz nah an mich herantreten. Er befahl mir, aufzustehen und mich zu drehen. Abdul löste mein Haar, und der Kunde hielt es mit seinen dicken Fingern gegen das Licht, während Abdul mich in den höchsten Tönen pries. Der Fremde befühlte meinen Arm, als er aber seine fette Hand über meine Brust gleiten ließ, zog ich mich zurück. Er lächelte und richtete einige Worte an Abdul, der die Achseln zuckte und den Kopf schüttelte. Ich zitterte vor Angst und war fest entschlossen, so laut zu schreien, daß man es im ganzen Basar hören konnte, wenn man mich zwingen würde, mich zu entkleiden. Abdul zog sich mit dem Fremden zurück und ließ die Tür einen Spalt breit hinter sich offenstehen. Ich konnte sie im Hof bei Kaffee und Pfeife zusammensitzen sehen. Dort waren sie lange, sprechend und rauchend; und als der Fremde sich schließlich erhob, um zu gehen, begleitete Abdul ihn mit vielen Verbeugungen zur Tür. Abdul-ben-Ismail kam zu mir herein und sagte: »Das war der Agent aus Stambul. Er hat dich gekauft, habe ich es dir nicht prophezeit? – Du bist für den Harem des Sultans gekauft worden, wer weiß, vielleicht bringst du einen Herrscher zur Welt.« Obgleich ich lange gewußt, was mir bevorstand, und mich widerstandslos in mein Schicksal ergeben hatte, traf mich die Entscheidung doch wie ein Schlag. Ich warf mich ihm verzweifelt zu Füßen, umklammerte seine Knie und flehte ihn an, mich wieder nach Hause zu nehmen. Ich weiß nicht mehr, was ich alles in meiner Verzweiflung sagte, ich glaube, ich bot ihm meinen Körper als Lohn, wenn er mich wieder mit nach Hause nehmen wollte. Er hörte mich ruhig an, versuchte mich zu trösten, schalt, wie man ein verhätscheltes Kind ausschilt, redete mir zu und sagte, daß ich ihm einst danken würde. Als alles nichts half, wurde er ernstlich böse. Er löste meine Hände mit Gewalt von seinem Mantel und schleuderte mich mit einem Fluch von sich. Dann ging er hinaus und verschloß die Tür hinter sich. Ich betete mit lauter Stimme; ich rief den Ferved meines Vaters an und die sechs Amshaspand, daß sie die Tür öffnen und mich fliehen lassen sollten. Schließlich verfluchte ich mein Schicksal und sah mich nach etwas um, womit ich meinem Leben ein Ende machen könnte. Auch jetzt war ich unter Aufsicht. Es rasselte im Türschloß; der Wächter, der mich auf dem Kamel durch die Wüste geführt hatte, setzte sich neben der Tür in die Hucke und folgte mir mit seinen großen dunklen Augen. Ich las Mitleid darin, fiel ihm um den Hals und bat ihn, mich zu retten. Er schüttelte seinen schweren Kopf und beschwichtigte mich, wie man ein Kind in Schlaf lullt. Von neuem war es mit meinen Kräften zu Ende. Ich schluchzte, als ob mein Herz brechen sollte, aber es kamen keine Tränen. Wieder schwand mir das Bewußtsein und ich erwachte erst, als ich in einem geschlossenen Wagen saß, mit einem Tuch vorm Munde. Der Agent saß mir gegenüber; ich gab ihm durch Zeichen zu verstehen, daß mein Widerstand gebrochen sei. Nach einem Augenblick des Bedenkens nahm er mir den Knebel aus dem Munde. Ich war sehr matt, mein Kopf war leer; mich fror und hungerte, denn ich hatte seit mehreren Tagen nichts gegessen. Vor einer Eisenbahnstation machten wir halt. Der Agent legte mir den Schleier, wie vornehme türkische Frauen ihn tragen, vors Gesicht, und führte mich zum Zug hinaus, durch eine Menschenmenge hindurch, die zurückwich, als sei ich die Favoritin eines Rajahs, die vom Obereunuchen zum Wagen geleitet wird. Wir bekamen einen ganzen Wagen für uns. Als der Zug sich in Bewegung gesetzt hatte, gab er mir zu essen und zu trinken. Darauf schlief ich ein und erwachte erst, als der Zug langsam einen kahlen Berg hinauffuhr, mit Schnee auf dem Gipfel. Wir kamen nach Beyrut, wo ich jetzt zum zweitenmal bin. Noch an demselben Abend wurde ich an Bord eines großen Dampfers gebracht, und vier Tage später war ich in Stambul. Ich war so erschöpft, daß diese ganze Zeit nur undeutlich vor mir steht. Eines Tages wurde ich zu einem geschlossenen Wagen geführt, ähnlich dem, der mich durch Damaskus gefahren hatte. Ich kam durch lärmende Straßen zu einer staubigen Landstraße, wo ich den Duft von Bäumen und Büschen spürte. Als wir endlich hielten, stieg der Agent aus, sagte einige Worte zu einem Pförtner, der uns entgegenkam, einem großen Eunuchen wie er selbst, reichte mir die Hand und half mir beim Aussteigen. Darauf nahm er wieder im Wagen Platz und fuhr davon. Von meinem neuen Wächter wurde ich durch ein Tor mit vielen goldenen Schnörkeln in einen Hof mit weißen Säulen geführt, wo das Licht durch große Gitterfenster fiel. Ueber eine breite, teppichbelegte Treppe wurde ich in einen Saal geleitet, in dem eine vornehme, alte Dame ganz allein saß. Sie zog mir den Schleier vom Gesicht und betrachtete mich lange mit kalten, strengen Augen. Darauf schlug sie mit einem kleinen Hammer auf ein Metallbecken. Zwei junge Mädchen kamen herein und führten mich aus dem Saal, durch lange, hohe Korridore zu einem Zimmer mit großen Schränken an den Wänden. Die jungen Mädchen kleideten mich, während sie scherzten und lachten und sich in einer Sprache unterhielten, die ich nicht verstand. Als ich meinem Kummer erlag und zu weinen anfing, legte die eine ihren Arm um meinen Hals und küßte mich. Ich befand mich im Harem des Sultans zwischen Odalisken, ich war selbst eine Odaliske. Es folgten stille Tage zwischen jungen Mädchen meines eigenen Alters. Sie zwitscherten wie Vögel und lehrten mich tanzen, singen und sprechen, wie sie selbst es gelernt hatten. Wir bewohnten zu vieren ein Zimmer; eine von ihnen – die, die mich geküßt hatte – wurde meine Freundin, obgleich wir unsere Sprache nicht verstanden. Mehrmals wurde ich zu der alten Dame geführt, die von allen gefürchtet war; sie war die Oberste des Harems und wurde Hasnadar Usta genannt. Ich sollte zeigen, was ich gelernt hatte. Sie war unzufrieden mit mir und runzelte die Brauen, weil ich ihre Sprache noch immer nicht verstand. Wir durften in einem herrlichen Garten spazieren, wo Eunuchen an den Toren Wache hielten. Ein Tag verging wie der andere. Ich begann die Sprache zu erlernen und mich mit meinem Schicksal abzufinden. Da geschah das, was zu meiner Rettung führte. Eines Tages ließ die alte Dame mich holen. Zwei Mädchen entkleideten mich, und ich mußte vor den Augen der Hasnadar auf und ab gehen. Sie richtete Fragen an mich, die mir das Blut in die Wangen trieben. Als ich wieder angekleidet war, bekam ich ein Zimmer für mich allein, und einen Eunuchen zu meiner Bedienung. Da geschah das , was ich nicht erzählen kann. Der Eunuch verlangte, daß ich etwas sehen und lernen sollte, was so unrein und häßlich war, daß ich davor zurückschreckte und den Gehorsam verweigerte. Der Eunuch verklagte mich, er hatte nur seine Pflicht getan. Wieder wurde ich vor die alte Dame geführt und bekam meine Strafe zuerteilt. Die Strafe war die Waschmühle, die meine Rettung wurde. Ich bin überzeugt, daß Darabs und meines Vaters Ferved Herrn Cunnings Schritte geleitet und seinen Sinn gerührt haben, so daß er mich dem Lichte wiedergab. Sehen Sie, ich bin in Herrn Cunnings, meines Herrn Hand. Ihm hab' ich es zu verdanken, daß die Dunkelheit von meinem Gemüt gewichen ist. Oft habe ich vergeblich darüber gegrübelt, warum mein Leben so dunkle Pfade wandern mußte, obgleich ich von Kind auf zum Licht gestrebt und mein eigenes Glück dem meines Vaters geopfert habe, um Darab mein Versprechen zu halten und den einzig richtigen Pfad zu wandern. Jetzt aber frage ich mich: mußte nicht alles so kommen, damit meinem Herzen der Sinn der reinen Lehre offenbart wurde und es zu der Erkenntnis gelangte, daß man nicht für sein eigenes Selbst kämpft, sondern daß das Licht der Welt über Dunkelheit, Leben und Tod siegen soll? Jeden Morgen und jeden Abend bete ich zum heiligen Geist, daß der Ferved meines Herrn so mächtig im Himmel werden möge, wie er selbst auf Erden ist, damit die guten Gedanken, guten Worte und guten Taten durch ihn am Ende der Zeiten vollbracht werden. Sollte mein Leben dazu führen, dann ist die Dunkelheit nicht bitter gewesen, dann waren es nur Ahriman und seine Darvanden, die verzweifelt gegen das zunehmende Licht gekämpft haben. Ashem-Vohu – selig ist der, dessen Gerechtigkeit vollkommen ist! Es war ein strahlender Morgen, Frühling an der syrischen Küste! Im Garten des Hotels blühten die Rosen, die Apfelsinenbäume trugen dunkle, goldene Kugeln, und im Schatten der Kronen lagen reife Früchte, die noch niemanden zum Aufsammeln gelockt hatten. Der Himmel war so blau wie ein Saphir, Möwen tummelten sich in der leichten Luft, und am Fuße der lächelnden Stadt lag das Meer und trank Sonne; die glitzernde Fläche blitzte von Millionen Funken. Ralph und Helen fuhren zeitig aus. Der Portier hatte ihnen einen jungen Führer von drusischer Abstammung verschafft, der in einer englischen Schule erzogen war und jetzt im Dienst des Hotels stand. Es war ein zartgliedriger, schmalschultriger Bursche mit spitzem Kopf und kleinen leuchtenden Augen, deren schlauer Ausdruck mit dem kindlichen Lächeln um seinen Mund im Widerspruch stand. Er hatte einschmeichelnde Handbewegungen und beugte den Kopf artig, wenn er zuhörte. Er saß neben dem Chauffeur und war so durchdrungen von der Aufgabe, sich nützlich zu machen, daß er sich fast die ganze Zeit zum Wagen umdrehte, wo Ralph und Helen auf dem Vordersitz saßen, Schehanna ihnen gegenüber. Vom Hotel fuhren sie durch eine ansteigende Seitenstraße, von hohen Gartenmauern begrenzt, hinter denen links europäische Villen mit flachen Dächern, rechts ein katholisches Kloster-Internat für junge Mädchen lagen. Zart belaubte Akazien reckten sich über die Mauer, mit ihren dünnen Blattfingern durch die milde Seeluft tastend, als wollten sie so viel wie möglich davon einfangen. Man sah ihnen an, wie wohl sie es sich sein ließen, wie sie in der Sonne lachten. Dann bog das Auto nach rechts ab und fuhr durch eine breite Landstraße zur Vorstadt. Zu beiden Seiten lagen Gärten hinter Mauern oder Hecken, und in den Gärten lächelten kleine europäische Villen mit Balkons und grünen Fensterläden, von Sauberkeit und Wohlstand strahlend. Über einem Tor lasen Ralph und Helen »Englische Schule«, über einem anderen »Amerikanisches Asyl für Kinder«. In einem Garten gingen paarweise Mädchen in grauen Kleidern und weißen Kopftüchern, vertraulich plaudernd, während kleine Kinder, alle gleich gekleidet, Ringelreigen tanzten. Es war ein protestantisches Kinderheim. In dem hochgelegenen Hause stand vor einem offenen Fenster ein Mann mit einem großen Bart, und sah auf die strahlende Jugend herab, als sei er der Vater des Ganzen. »Das ist der Vorsteher,« sagte der Führer mit tiefem Respekt, »er ist auch mein Lehrer gewesen.« »Sind Sie denn Christ?« fragte Ralph. »Ja, Herr!« antwortete er und blickte stolz von Ralph zu Helen, als ob er sagen wollte: ja, ja, ich bin viel mehr wert, als ihr geglaubt habt. »Ich meine, sind Sie geborener Christ?« »Nein, ich bin bekehrt!« – Er warf den Kopf selbstbewußt in den Nacken. »Ich bin dort oben geboren,« er zeigte auf die Berge, »mein Vater besitzt einen kleinen Garten mit Wein und Gemüse. Jeden Morgen bei Sonnenaufgang ritt ich auf unserem Esel mit den Waren zur Stadt, um sie auf dem Gemüsemarkt zu verkaufen. Da wurde ein amerikanischer Missionar auf mich aufmerksam. Eines Tages kam er zu meinem Vater und bot ihm an, mich im Asyl aufzunehmen und zu erziehen, was sollte mein Vater tun? Er hatte nicht die Mittel, mich zu Hause zu behalten, wir sind so viele Geschwister, ich kam ins Asyl und wurde Christ. Und jetzt spreche ich englisch so gut wie ein Eingeborener, nicht?« Er neigte seinen Kopf lächelnd Ralph entgegen, der ihm ermunternd zunickte. »Mein Glück ist gemacht, weil ich so viel gelernt habe, jetzt kann ich die ganze Welt zu sehen bekommen.« Helen betrachtete das selbstbewußte Kindergesicht mit den schlauen Augen und amüsierte sich über den Herrscherausdruck. Sie kamen zu einem niedrigen, blendend weißen Gebäude, hinter dem ein weißer Turm in die blaue Luft ragte. »Das ist der Leuchtturm,« sagte der Führer und deutete mit einer großen Armbewegung auf den Horizont, als wollte er alle Herrlichkeiten des Meeres zeigen. Hinter der Landzunge, die vom Leuchtturm beherrscht wurde, lag von Süden nach Norden das weite, glitzernde Meer. Zwischen dürren Kaktushecken führte ein schmaler weißer Pfad längs der Landzunge zu einem Stück Strand, wo die Brandung schäumte und von nassen Klippen zu beiden Seiten der kleinen Bucht eingefangen wurde. Im Norden hoben sich die weißen Gipfel des Libanon zum Licht empor, alle überragt von dem ehrwürdigen Kopf des Sannin. Aus dem kleinen freundlichen Haus am Fuß des Turmes, der von einem neuangelegten Garten umgeben war, kam jetzt ein junger Mann mit einem scharfgeschnittenen, glattrasierten Gesicht und bleichen, nervösen Augen. Ein Landsmann, dachte Ralph. »Das ist Mr. Wilson,« sagte der Führer, Oberlehrer an der Schule der amerikanischen Gesellschaft.« Er grüßte ihn ehrerbietig. Die Amerikaner hob seinen gebeugten Nacken und blickte aus tiefen Gedanken vom Führer zu den Insassen des Wagens. Darauf lächelte und nickte er vergnügt; auch er schien bei sich zu denken: »Leute aus den Staaten.« Sie ließen wenden und fuhren denselben Weg zurück. Eine elektrische Straßenbahn kam ihnen klingelnd entgegen. Aus einer grünen Gittertür in einem kleinen Seitenweg trat eine Schar junger Mädchen unter der Aufsicht von zwei älteren Damen in Schwarz. Sie hatten sonnenbraune, frische Gesichter mit dunklen, leuchtenden Augen und üppigem Haar, das sich nur widerwillig von einem Knoten im Nacken halten ließ. Sie schwatzten vergnügt und betrachteten die vornehmen Fremden in dem feinen Automobil mit lächelnder Neugierde. »Das sind Maroniten, Bauernmädchen aus den umliegenden Dörfern. Sie sind alle bekehrt, aber man kann sie nicht viel lehren!« Der Führer zog seine Oberlippe spöttisch in die Höhe. »Dann können sie die Welt auch nicht zu sehen bekommen, wie Sie?« sagte Ralph mit einem ganz ernsthaften Gesicht. »Freilich nicht, Herr,« er schüttelte nachsichtig den Kopf. »Wie viele Missionsschulen gibt's denn eigentlich in dieser Stadt?« fragte Helen interessiert. »Es gibt viele Bekehrte,« der Führer machte eine große Armbewegung und fügte erklärend hinzu: »denn wir Leute aus den Bergen sind zu arm, um unsere Kinder selbst zu versorgen.« Sie hatten inzwischen die Landstraße zurückgelegt, die sie kürzlich gefahren waren, und bogen jetzt zum Zentrum der Stadt ein. Es war eine Straße mit Werkstätten in offenen Toren, mit düsteren Läden hinter blinden Mauern, grau von uraltem Schmutz. Die Arbeit des Tages war bereits in vollem Gange. An einer Stelle ertönte hinter einem dunklen Gitterfenster ein einförmig trauriger Gesang, an einer anderen Hammerschläge und scheltende Stimmen mit vielen Nasallauten. Es war ein Grenzland, durch das sie fuhren; die Häuser gehörten dem Westen, während die Einwohner unter Allahs Schutz standen. Sie ließen das Auto halten, stiegen aus und gingen zu Fuß weiter. Je tiefer sie in die Stadt hineinkamen, desto größer wurde der Verkehr auf der Straße. »Sehen Sie nur!« rief Helen aus und legte ihre Hand auf Ralphs Arm. Es waren Kamele. Mit den langen, gottergebenen Köpfen, hoch über dem Getriebe der Menschen wie Schiffssteven in einer sanften Brise schwankend, kamen sie mit großen, schweren Bündeln auf den Buckeln und an den Seiten daher, das eine nach dem anderen, wie ein Trauergefolge, von einer gemeinsamen Schnur zusammengebunden, die in der Hand eines verschwitzten Nubiers lag. Ralph und Helen blieben stehen und ließen den ganzen Zug an sich vorbeipassieren. Zu beiden Seiten der Straße waren Buden neben Buden errichtet. Die Waren lagen auf niedrigen Tischen zur Schau oder hingen von der Decke herab. Da waren Fleischer, Krämer, Stoffhändler; vor den Bäckerläden lagen flache syrische Brote längs der Mauer aufgereiht. Hier trugen die Handelnden europäische Kleidung und Fes; weiterhin aber, wo die Straße so schmal wurde, daß die elektrische Straßenbahn sich Schritt für Schritt durch die lebendige Masse, die sich auf beiden Seiten drängte, durchkämpfen mußte, waren doch Djubbe und Turban vorherrschend, und die Kaufleute saßen mit gekreuzten Beinen da, die Wasserpfeife vor sich, in ihr Schicksal ergeben. An einer Straßenecke befand sich mitten zwischen syrischen Buden ein europäischer Manufakturladen, vor dessen Fensterauslage ein Herr und zwei Damen standen. Die eine der Damen war klein, eine zierliche Erscheinung in einem knappsitzenden Kostüm, mit einem dunkelroten Hut nach der neuesten Mode. Das Gesicht hatte einen leidenden Ausdruck, mit tiefen Schatten unter den Augen und nervösen Nasenflügeln. Die andere Dame war üppig; ihr Kleid umspannte Brust und Hüften, als hätte es seine liebe Not, all den lebendigen Stoff zusammenzuhalten. Indem Ralph und Helen vorbeigingen, drehte der Herr sich zu ihnen um; er war mager und engbrüstig. Das graubleiche Gesicht, in dem die Augen dunkelgerändert waren, wie von mangelhaftem Schlaf vieler Nächte, war rotgefleckt. Sein Mantelkragen war an der einen Seite hochgeschlagen, er trug einen beuligen Künstlerhut. Ralph begegnete seinem Blick und erkannte den Levantiner vom Schiff, mit dem flatternden roten Schlips und dem schäbigen Wintermantel. Abfallprodukte von Europas Kultur, dachte er, die professionellen Dirnen und ihre Beute, die obendrein froh zu sein scheint. Der Führer bemerkte die Richtung von Ralphs Blick und sagte, stolz auf das mondäne Leben seiner Stadt: »Das sind die beiden französischen Sängerinnen aus dem Varieté, die jeden Abend volle Häuser machen.« Der Führer betrachtete die üppige Dame mit unverhohlener Verwunderung und versuchte, so nah wie möglich an sie heranzukommen. Eine Sekunde weilte ihr unkeuscher Blick auf den bewundernden Augen des jungen Mannes. Dann sagte sie etwas zu ihrer Freundin, die sich nach ihm umdrehte, den Kopf in den Nacken warf und ihre rotgemalten Lippen zu einem höhnischen Lachen verzog. Als sie aber im selben Augenblick Ralphs ansichtig wurde, veränderte sich ihr Ausdruck, sie richtete sich auf wie eine Feder, die in die Höhe schnellt, und versuchte mit einem Blick ihrer schwarzen Augen seine Aufmerksamkeit zu erzwingen. Ralph hörte, wie ihre Freundin »Amerikaner« flüsterte, und als er sich kurz darauf umsah, folgten sie ihm alle drei. In der herrlichen, reinen Frühlingsluft, in der reichen, starken Sonne, die all das bunte Elend, das sich um ihn herum rührte, vergoldete, wirkte das herausfordernde Sichfeilbieten dieser Frauenzimmer wie ein schneidend falscher Ton in einem harmonischen Spiel. Es war wie ein verpesteter Atem in einem duftenden Garten, wie ein Geschmack von etwas Verfaultem. »Die Kultur des Westens,« dachte er bitter, indem er den Eindruck von sich abschüttelte und verstohlen zu Helen hinblickte, die unangefochten weiterging; sie war nicht davon berührt worden. Die Szenerie wechselte. Indem sie um eine Ecke bogen und durch einen gewölbten Torgang von uralter Konstruktion schritten, kamen sie vom Grenzland in den unverfälschten Orient. Auch hier war es voll von Buden, die so dicht standen, daß nur eine schmale Passage in der Mitte der Gasse frei war; Wagen aber gab's hier nicht, und auch Kamele hätten sich nicht durchdrängen können. Außer den Menschen sah man hier nur vereinzelte Esel, die mit ihrem Maul in Haufen von grünem Abfall wühlten, und lichtscheue, schmutziggelbe, kurzhaarige Hunde, die zwischen den Buden herumschnüffelten und die Handelnden umkreisten, um sich ungesehen ein wenig elende Nahrung zu erschleichen. Die Straße war nicht gepflastert; tags zuvor hatte es geregnet, so daß die mit Abfall vermischte Straße hoch aufspritzte. Die niedrigen Häuser waren sehr verfallen, man konnte ihnen ansehen, daß sie nie ausgebessert wurden. Ueber den Buden waren Binsenmatten zum Schutz gegen die Sonne ausgespannt; darunter saß der Kaufmann auf seinem syrischen Teppich und starrte gedankenvoll vor sich hin. Vornehme Stille herrschte in der kleinen Gasse; der Lärm der Hauptstraße klang nur fern und unwirklich durch den gewölbten Torgang. Die Menschen, die sich zwischen den Buden bewegten, hatten eine würdige Haltung und ließen sich Zeit, vereinzelte Frauen waren da, mit geblümten Schleiern vorm Gesicht; sie sprachen von Seidenzeug und Musselin, während sie die Stoffe prüften und gegen das Licht hielten. Wenn gehandelt wurde, saß der Kaufmann auf der Erde mit der Wasserpfeife vor sich, den Kunden zur Seite, während ein junger Lehrling die Waren aufrollte und zeigte. Er sah aus, als wäre der Käufer nur zu Besuch da. Man sprach besonnen und abgemessen, mit vielen Allah, Mashallah und Inshallah. Nur an dem Aufflammen des Blicks konnte man hin und wieder sehen, daß es sich um ein Interessenspiel handelte. Der junge Druse sollte Ralph und Helen zu einem türkischen Manufakturladen führen, wo Helen ein passendes Kostüm für Schehanna kaufen wollte. Als sie die Bude erreichten, war sie leer. Ueber den niedrigen Tisch, wo die Waren zwischen Maßstock, Wasserpfeife und anderen Hausrat ausgebreitet lagen, war ein großmaschiges Netz gespannt; aber keiner war da, der den Laden versorgte. Der Führer warf dem Nachbarhändler einen fragenden Blick zu, der, ohne den Kopf zu bewegen, mitteilte, daß Abdullah zur Moschee gegangen sei, um zu beten. »Endlich sind wir im Orient!« sagte Ralph zu Helen und lachte. Er musterte den Laden und sah über der Matte einige Schriftzeichen. »Ist das der Name des Besitzers?« fragte er. »Nein,« sagte der Führer, »dort steht: ›Allah, o du, der du dem redlichen Kaufmann die Tore des Verdienstes öffnest und den betrügerischen vernichtest.‹« »Das bedeutet dasselbe wie bei uns › Grand prix de Paris ‹,« sagte Ralph. Helen aber fand es hübsch und rührend. Ein Bettler mit wolligem, weißem Bart in einem braungegerbten Gesicht kam ihnen schwankend entgegen, einen Stock im ausgestreckten Arm. Mit seinem erhobenen Kopf witterte er durch die Luft, wie die Kamele; die großen, wasserklaren Augen waren starr nach aufwärts gerichtet; sie waren blind. »König Oedipus!« sagte Helen und ging auf ihn zu, um ihm eine Silbermünze zu geben. Ralph wunderte sich, daß sie kein Aufsehen zu erregen schienen. Die Handelnden streiften sie wohl mit den Blicken, wenn sie vorbeigingen, aber kaum daß einer den Kopf nach ihnen umdrehte; er mußte an sein Gespräch mit Gamâl denken, was dieser von dem Verhältnis der anderen Rassen zur weißen gesagt hatte. Es war unverkennbar, daß diese Muselmänner ihre eigene Kultur für die überlegene hielten; die Geschichte der Jahrhunderte aber hatte sie gelehrt, daß es notwendig sei zu schweigen und zu warten. Sie fanden sich damit ab, daß Europa ihren Weg kreuzte, ihre Schwelle aber hielten sie rein. Ein Beduine kam ihnen entgegen, langsam schreitend, in seinem langen, gestreiften Mantel, zwei schwarze Kamelwollringe um das Kopftuch gedrückt, das Nacken und Backen bedeckte und bis auf die dunklen, geraden Brauen fiel. Wie ein König setzte er seine mit schmutzigem Segeltuch umwickelten Füße auf den Straßenschmutz. Hochaufgerichtet, den Kopf stolz wie ein Raubvogel erhoben, ließ er seine Blicke prüfend von rechts nach links, von Laden zu Laden schweifen. Ralph blieb stehen, von dem Unterschied zwischen diesem Beduinen und all den anderen Menschen, die ihm heute begegnet waren, betroffen. Endlich mal ein Mensch, dachte er bei sich, frei und ursprünglich von der Hand der Natur. Wie er auf diese hockenden Geschäftsleute herabblickte, wie er dieses Stadtleben geringschätzte! – Ob er seine Ueberlegenheit auch in Piccadilly oder der Wallstreet bewahren würde? – Ein Mensch ohne den Begriff von Fortschritt, ohne den Zwang des unersättlichen Arbeitshungers, der das Unglück des Westens geworden ist. Für ihn, dachte Ralph, bedeutet Kultur, das zu sein und zu bleiben, was seine Vorfahren waren, er selbst und ganz nur er selbst. Ob er überhaupt eine Religion hat? Der Führer, der ihm die Gedanken von den Augen ablas, neigte ihm seinen Kopf zu und sagte: »Die Beduinen glauben an böse Geister, aber sie haben weder Moscheen noch Kirchen.« Ralph empfand Sympathie für diesen Wüstenhelden, der nichts zu sein schien und doch alles war, was ein Mensch erreichen kann. Er fühlte sich ihm näher verwandt als den anderen Menschen, die ihm heute begegnet waren. Er blieb stehen, von einem plötzlichen Einfall gepackt: Hat die Kultur uns nicht rückwärts anstatt vorwärts geführt? Wie tief wurzelte denn eigentlich der scheinbar so große Unterschied zwischen Lebensanschauungen, Lebensweisen, Trachten? Hatten der Missionar beim Leuchtturm, die Varietédame mit ihrem Levantiner, der Führer und das Parsenmädchen, Türke und Christ, er selbst und Helen Herz und der Beduine dort nicht alle etwas Gemeinsames? Er erinnerte sich an Gamâls Worte: Kann es sich für die anderen lohnen, eure Lehre anzunehmen? – Er betrachtete den Beduinen und dachte an sein eigenes Dasein in Neuyork: Ja, die ganze Stufenreihe, die die christliche Kultur, und später die moderne Forschung aus dem Felsen der Zeit mühselig herausgehauen hatte, stand zwischen ihnen. Wer aber war der Glücklichere? Donnerstag ist Reisetag, sagen die Araber,« bemerkte der Hotelportier, als er Ralph und seine Gesellschaft ans Automobil geleitete, das vor der Treppe hielt. Ralph und Helen stiegen ein, Schehanna und der Führer nahmen ihnen gegenüber Platz. Dann ging's durch die enge, staubige Hafenstraße, an europäischen Handelsspeichern vorbei, zum Hundefluß, der unter Felsen hervorschäumte, zur Landstraße von Damaskus, die in Zickzacklinien zwischen üppigen, weinbewachsenen Terrassen ansteigt, wo syrische Kleinbauern spärlichen Unterhalt finden. Nachdem sie einige Stunden gefahren waren, erreichten sie die Paßhöhe des kahlen, rötlichen Berges, wo ein eiskalter Wind wehte. Es fror Helen, und Ralph hüllte sie in den Pelz ein, den er vorsichtshalber mitgenommen hatte. Sie hatten Frühstück vom Hotel mitbekommen und verzehrten es auf dem Bahnhof von Rayak, wo der französische Wirt ihnen persönlich aufwartete und seinen allerbesten Bordeaux vorsetzte. Es wurde Nachmittag, bevor sie Baalbeks sechs Riesensäulen der Ruine des Zeustempels ansichtig wurden, die sich wie weiße Striche von dem Rücken des Libanon abhoben. Ralph ließ halten, damit Helen die Aussicht genießen konnte. Meilenweit erstreckte sich die winterrote Ebene, grau von gebleichtem Gras, mit dunklen Flecken verstreuter Kaktusgruppen hier und da. Langsam stieg sie aus dem breiten Boden des Tals an, wo eine Reihe blätterloser Pappeln das Bett des unsichtbaren Flusses bezeichnete. An einer Stelle scharten die Pappeln sich zu einem Hain zusammen, und zugleich zeigten einige Punkte, daß dort eine Stadt mit gekalkten Mauern und flachen Dächern läge: Hinter einer dichten Wolke, die über die klare Himmelswölbung segelte, mit einer Schar kleiner Zwerge im Gefolge, fiel das Sonnenlicht in breiten Strahlenstreifen über die sanft ansteigende, braune Halde. Durchs Fernglas konnten sie eine Herde schwarzer Schafe unterscheiden und vereinzelte langhaarige, dunkle Kühe. Kein Mensch war zu sehen, aber wo die ansteigende Ebene am Horizont mit dem niedrigen Bergprofil des Antilibanons zusammenfloß, erhoben die Säulen sich wie ein ungeheures Grabmal über eine gefallene Größe, eine versunkene Kultur. Rechts stieg die Berglinie langsam an, bis sie im Osten die Schneegrenze erreichte. Während Helen sich der melancholischen Stimmung der Landschaft hingab, richtete Ralph seinen Blick von der Landschaft auf ihre dunkelgrauen Augen, die von Wehmut verschleiert waren, auf die gebogenen Augenwimpern unter den leicht gerunzelten Brauen, die flaumige Wange, die einen Rosenschein durch die Schärfe der Luft bekommen hatte, auf das zartgeformte Kinn und die halbgeöffneten Lippen. Er fühlte dieselbe plötzliche Lust, einen Kuß auf ihre weiße Hand zu drücken, die unbehandschuht auf der Wagenkante lag, wie in jener Nacht auf dem Schiff, als sie ihm ihr Herz geöffnet und einen Einblick in ihr Leben gewährt hatte. Schehanna saß in der gegenüberliegenden Ecke, in Ralphs Ulster eingewickelt, auch sie hatte gefroren, als sie über die Berghöhe fuhren. Ihre Augen weilten nicht bei dem, was sie sahen, ihr Blick war nach innen gekehrt; aber auch sie sah, nach dem zarten Lächeln zu urteilen, etwas Schönes und Feierliches, das der Anblick um ihren bebenden Mund zeichnete. »Wenn wir noch länger verweilen, Herr,« sagte der Führer, »bekommen wir die Ruinen, die bei Sonnenuntergang geschlossen werden, nicht mehr zu sehen.« Helen erwachte aus ihren Träumen, und Ralph hieß den Chauffeur weiterfahren. Abbas, der Führer, war bei strahlender Laune. Unter dem Vorwand, daß er Baalbek wie seine Vaterstadt kenne, war es ihm geglückt, mitzukommen, obgleich er in Wahrheit nur einmal als Knabe dort gewesen war. Er saß da, den Fes im Nacken, große Schweißperlen auf seiner langen, bleichen Nase, und lächelte dem Dämmerlicht zu, das die Wolken bereits über die Ebene warfen, während seine dünnen Finger mit dem roten Lederrand des Automobils spielten. Seine Augen hingen mit unverhohlener Bewunderung an Helen. Sie mußte sich ein Lächeln verbeißen, wenn ihre Augen die seinen streiften und sie die plötzliche Wärme sah, die in den gelbgeränderten Pupillen aufflammte. Auch Ralph sah es und sandte dem Burschen, der nicht zu wissen schien, daß er seine innersten Gefühle bloßlegte, einen prüfenden Blick. Er benutzte jede Gelegenheit, um Helens Armen und Händen so nah wie möglich zu kommen. In plötzlich aufsteigendem Zorn sandte Ralph ihm einen scharfen Blick, der Abbas das Blut in die Wangen trieb und das kindlich lüsterne Lächeln über den schmalen, spitzen Zähnen verscheuchte. Er zog den Kopf zurück und drückte sich in die Ecke, als ob Ralph ihn geschlagen habe. Helen mußte lachen und auch Ralph konnte ein Lächeln nicht unterdrücken. Wie um sein Unrecht wieder gutzumachen, begann Abbas jetzt Schehanna zu unterhalten, die aus fernen Gedanken erwachte und vom einen zum anderen blickte. Die Säulen wuchsen rasch vor ihren Augen. Sie wurden immer weißer und schlanker und reckten sich zum blauen Himmelslicht empor, kein Grabmal mehr, sondern eine Ehrenpforte, die zu der Schönheit führte, die in dem toten Gestein fortlebte. In diesem Augenblick glitt die Sonne unter dem Wolkenrand hervor und ein rosiger Schein fiel über die Ebene. Alles Tote bekam Leben. Die schlanken Pappeln streckten sich, die fernen, weißen Mauern stiegen aus dem grauen Schatten, der sie vorhin verschleiert hatte, hervor. Die Schafherde wurde zu einem Gewimmel von lebendigen Punkten, und die verstreuten Kaktusgruppen bekamen einen grünlichen Schimmer. Der Weg stieg langsam zu der Ruinenstadt an. Rechts sahen sie einen Hirten auf seinen Stab gestützt, der in den seltenen Anblick der Fremden versunken war, während sein zottiger Hund hinter dem Automobil herjagte, doch ohne ihm zu nahe zu kommen. »Dort liegt das Hotel,« sagte Abbas und zeigte auf ein großes weißgekalktes, zweistöckiges Gebäude mit Bogenfenstern und einer Steintreppe, die zur Tür hinaufführte. Ralph fragte, wie es hieße und wem es gehörte. Abbas starrte einen Augenblick vor sich hin, er wollte seine Unwissenheit nicht verraten und nannte darauf den Namen, der ihm am nächsten lag. »Es gehört Cook.« Der Weg machte eine Biegung, und das Auto fuhr auf das Hotel zu, dessen Tür im selben Augenblick geöffnet wurde. Ein alter Mann trat heraus, der einen Fes und syrischen Mantel zu europäischen Hosen und Weste trug. Er stieg beschwerlich die Steintreppe herunter, die Hand grüßend am Fes, mit tiefen Verbeugungen, hinter ihm in der Tür tauchte eine junge Frau auf, die dunkle Flechten lose um den Kopf trug. Während Ralph und seine Gesellschaft den Nachmittagstee einnahmen, sorgte der Wirt für einen Führer, obgleich Abbas sich dagegen sträubte. Der Führer, ein hoher, breitschultriger Maronit mit dunklen, lebhaften Augen, einem Klappkragen und weichem Künstlerhut, entdeckte sofort, daß Abbas ein Konkurrent sei. Hm, hm, es war nicht das erstemal, daß das Hotel in Beyrut den Fremden seine eigenen Leute mitgab! Sie brachen gleich auf, da die Zeit vorm Sonnenuntergang ausgenutzt werden mußte. Schehanna war müde und erbat sich die Erlaubnis, im Hotel zu bleiben. Ein frischer Wind wehte von den Bergen, nach der langen Automobilfahrt war es ein Vergnügen zu gehen; alle waren in heiterer Stimmung. Der Führer ging aus alter Gewohnheit voran und erzählte lokale Neuigkeiten, die Abbas mit nachsichtigem Lächeln anhörte. Ralph und Helen ließen ihn schwatzen; sie waren in den Anblick der Stadt mit den ehrwürdigen Säulen vertieft, die jetzt ganz dicht vor ihnen lag. Ein Bach schlängelte sich zwischen schlanken Pappeln an weißen Ruinenmauern vorbei, wo er mit der Landstraße zusammentraf, erweiterte er sich zu einem Teich, der von Steinen eingefaßt war; das war der Waschplatz der Stadt. Die Wohnhäuser lagen verstreut; sie waren niedrig, auf arabische Art, und hatten nur ein kleines Fenster ganz oben unter dem flachen Dach; neben dem Hause lag ein mauerumzäunter Hof für die Haustiere. Die Landstraße führte um eine alte Ruine herum, deren oberer Teil ganz verfallen war. Mauerbrocken lagen um ihren Fuß, der mannshoch emporragte und einen viereckigen Raum ohne Dach umschloß. Da hörten sie das Geräusch von herabkollernden Steinen, und sahen einen Mann, der aus der Ruine hervorkroch, sie betrachtete und sich auf einen Steinhaufen setzte, die Hände im Schoß. Er war bucklig und trug syrische Bauernkleidung und Kopfbedeckung. Seine Glieder waren unförmig groß, die Arme viel zu lang und die Hände so plump, daß sie den Sack ganz bedeckten, den er im Schoße liegen hatte. Das Gesicht war lang, mit einem wirren, grauen Bart, der den Eindruck machte, als ob er in der Erde gelegen hätte. Unter der kreuz und quer gefurchten Stirn starrten zwei große hervortretende Augen mit schwerem, wildem Blick auf Abbas. Als der junge Druse so nahe gekommen war, daß er die Gesichtszüge des Mannes erkennen konnte, verschwand das Lächeln von seinen Lippen; er wurde bleich, trat hinter Ralph und duckte den Kopf, als ob er sich verstecken wollte. »Das ist der Natik!« sagte der neue Führer und grüßte halb ehrerbietig, halb spöttisch, als sie den Haufen erreichten, wo der Alte saß. Der Bucklige würdigte ihn keines Gegengrußes, er starrte nur Abbas an, als ob sie beide ganz allein auf der Landstraße waren. Als die Gesellschaft ihn erreicht hatte, hob er seinen Kopf und sagte: »Säen die Menschen in dem Lande, woher du stammst, Körner aus Ehlilodsch-Balsam?« Wie etwas Auswendiggelerntes antwortete Abbas: »Ja, sie werden in die Herzen der Gläubigen gesät.« Der Alte wischte sich den Bart und fragte weiter: »Gehörst du zu den Bekennern der Einheit? – Ehrest du deine Mutter und wirst du von ihr gesegnet, bevor du an deine Arbeit gehst?« Abbas nickte, ohne zu antworten und trat näher an Ralph heran, wie um Schutz zu suchen. Ralph und Helen blieben stehen; sie verstanden nicht, was der Fremde sagte, aber sie sahen, daß er zornig war, und wurden neugierig. Der Alte erhob sich; trotz seines krummen Rückens hatte er die Länge eines normalen Menschen. Er ging über das staubige Gras bis an den Wegsaum und sagte, indem er Abbas seinen mächtigen Arm entgegenstreckte: »Laß mich deinen Händedruck prüfen!« Abbas wechselte die Farbe, und sein Mund verzog sich wie zum Weinen. Er trat unruhig von einem Fuß auf den anderen und bewegte voller Unentschlossenheit die Hände. Als der Alte aber nach einen Schritt näherkam, schob Abbas plötzlich den Führer beiseite und rannte zur Stadt zurück. Der Bucklige reckte die Arme hinter ihm her und schrie: »Ich hab auf deiner Stirn gelesen, daß du logst. Du bist ein Abtrünniger. Al Kaim möge dir das Los der Abtrünnigen bereiten!« Dann wandte er sich ab, stieg über den Steinhaufen und verschwand hinter der Ruine. Ralph sah den Führer fragend an. »Das war ein drusischer Scheik,« sagte dieser und fügte mit einer vielsagenden Geste auf seine Stirn hinzu: »Er ist nicht recht klug; man nennt ihn Natik, weil er sich selbst dafür hält. Er streift umher und prüft die Drusen auf ihren Glauben. Das Ende der Zeiten ist nah, sagt er, und er sei dazu ausersehen, das Urteil der Welt zu vollbringen und die Bekenner der Einheit zu retten.« »Was sind Bekenner der Einheit?« fragte Helen. »So nennen die Drusen sich selbst; aber niemand weiß etwas Bestimmtes über ihren Glauben, nicht einmal sie selbst, denn nur die ›Eingeweihten‹, die Ukkal, bekommen die Wahrheit zu wissen; und wenn sie sie verraten, kostet es sie das Leben.« »Was heißt Natik?« »Das ist so etwas Aehnliches wie Prophet, ebenso wie Moses oder Elias oder Mohammed. Einer, der dazu auserwählt ist, den Gott, der sich vor den Menschen verbirgt, zu offenbaren und seinen Willen zu verkünden.« Helen blickte vor sich hin; sie dachte an das, was Schehanna ihr aus ihrem Leben erzählt hatte. »Warum hat er sich aus dem Staube gemacht?« fragte Ralph und blickte sich nach Abbas um, der in seinem Lauf innegehalten hatte, als er sah, daß der Alte verschwunden war; er stand in einiger Entfernung und guckte sehnsüchtig zu ihnen herüber. »Wer kann das wissen?« sagte der Führer mit einem boshaften Lächeln, »wenn er aber ein Abtrünniger ist, wie der Alte meint, möchte ich ungern in seiner Haut stecken; die Scheiks sind schweigsam und rachsüchtig. Die Araber behaupten, daß sie Nachkommen von den Söhnen sind, die Loth mit seinen Töchtern zeugte, als er mit ihnen allein in der Berghöhle wohnte.« Er rümpfte verächtlich die Nase und winkte Abbas, daß die Gefahr überstanden sei. »Also du bist einer von denen,« sagte der Führer und lachte spöttisch, als Abbas niedergeschlagen zurückgekehrt war, – »hüte dich davor, nach Dunkelwerden auszugehen, und bleibe ein andermal lieber in Beyrut.« Abbas warf Helen einen flehenden Blick zu; sie erbarmte sich seiner und machte Ralph ein Zeichen, daß er ihn nicht necken solle. Ralph lachte und ging weiter. Sie kamen zum Eingang der Ruine. Die Torwache schüttelte den Kopf und deutete auf die Sonne; es war Zeit zum Schließen. Ralph aber gab ein Trinkgeld, das das übliche so weit überstieg, daß der Torwächter sich mit einem Schwall von blühenden Reden zur Erde neigte, Sand aufnahm, Stirn und Brust als Zeichen der Unterwürfigkeit damit benetzte und ihnen folgte. Währenddessen begann der Führer mit seiner auswendig gelernten Rede und rappelte die Geschichte von Jahrtausenden in fünf Minuten herunter. Die Stadt war Herr über das Tal und die Stadt der Quellen. Zwei Flüsse rannen aus ihrem Schoß. Es war Baals und Molochs Stadt. Hier hatten Baals Priester das goldene Kalb angebetet. Baal war der Sonnegott, in dieser Stadt hatte der Altar gestanden, worauf Menschen geopfert wurden. Alexander kam und siegte und gab der Stadt den Namen Heliopolis, nach dem Sonnengott der Griechen. Als Rom die Welt eroberte, wurde das Land eine römische Provinz und Antonius baute schöne Tempel über den tausendjährigen Altären, einen für Zeus und einen für Helios; für Venus errichtete er einen Rundtempel, dort wo Baals Gattin Astarte ehemals von vornehmen Jungfrauen der Stadt verehrt worden war, die ihre Keuschheit der Göttin zum Opfer brachten. Sie wanderten durch Gänge von verfallenen Säulen, an herabgestürzten Architraven mit wunderbaren Reliefskulpturen vorbei, die einstmals in der Sonne über den Säulen gestrahlt hatten. Sie durchschritten die Ehrenpforte der sechs Säulen und genossen den Blick übers Tal zu den Bergen hinüber. Die Sonne war im Begriff unterzugehen, und am gegenüberliegenden Horizont stand bereits die bleiche Halbkugel des Mondes auf dem hellen Himmelsgrund. Indem sie die hohen Stufen vom Tempelfundament herabstiegen, sagte der Führer: »Nehmen Sie sich in acht, gnädige Frau, zwischen den Steinen im Gras sind Schlangen.« Helen schürzte ihr Kleid auf und sprang von Stein zu Stein, um nicht ins Gras zu treten. Ralph faßte seinen Stock fester und hielt scharf Ausguck, um nötigenfalls einer Schlange den Kopf zu zerschmettern. Sie kamen zu einer Tempelhalle, deren Mauern in ihrer ganzen ursprünglichen Höhe dastanden, nur waren sie ihres Marmorschmuckes beraubt. Leere Nischen mit runden, dunkelschattigen Bögen gähnten ihnen entgegen. Ueber ihnen war der offene Himmel, auf dem die größten Sterne bereits hinter dem dunklen Purpurschleier, den der Sonnenuntergang über das Firmament gebreitet hatte, entzündet waren. Von der wunderbaren Feierlichkeit ergriffen, die die zunehmende Nacht über die Ruinen herabsenkte, standen sie schweigend da und lauschten der Stille. Selbst der Führer rührte sich nicht. Ob auch er ergriffen war? – Oder wußte er aus Erfahrung, daß dieselbe Stimmung Europäer zu dieser Stunde und an diesem Ort zu ergreifen pflegte? Nur Abbas war unruhig; seit dem Erlebnis mit dem Alten hatte er nichts gesagt, und sein herumflackernder Blick verriet seine Angst. Er spähte von Mauer zu Mauer und betrachtete die dunklen Schatten zwischen den Säulentorsos mißtrauisch, als erwarte er jeden Augenblick den Alten dahinter hervortreten zu sehen, um von neuem Rechenschaft von ihm zu fordern. Als sie aus der Tempelhalle kamen und durch den Vorhof gingen, die Augen aus Furcht vor Schlangen aufmerksam vor sich aufs Gras gerichtet, leierte der Führer den zweiten Teil seiner auswendig gelernten Rede her. Hier wurden in der Kaiserzeit Münzen geprägt. Dort, in jener viereckigen Marmorrinne lief das Wasser, worin die Priester sich vorm Opferdienst wuschen. Er deutete auf die äußere Mauer und zeigte, wie Schießscharten in das Fundament eingebaut waren, so daß das Ganze eine gewaltige Festungsmauer bildete. Das war das Werk der Araber; sie hatten die Christen abgelöst, die in der byzantinischen Kaiserzeit das Erbe des heidnischen Rom angetreten und die Tempel zu Kirchen gemacht hatten. Dort, wo zuerst Baal angebetet worden war und nach ihm Zeus, hatte auch der Gott der Christen geherrscht, bis Mohammeds Halbmond über den Bergen emporstieg. Der Rundtempel wurde der heiligen Barbara geweiht; an der Stelle, wo Astartes Jungfrauen getanzt, wo später Venus mit ihrem kalten Marmorlächeln ihren Getreuen zugelächelt hatte, stieg der Rauch um das Bild der heiligen Barbara auf und wallte zu den Jungfrauen der Stadt hinaus; jetzt schritten sie nicht mehr stolz mit Blumen im Arm durch den Tempel; jetzt knieten sie betend mit niedergeschlagenen Augen und lauschten wehmütigen Chorälen, wo ihre Mütter in längst entschwundenen Zeiten zum Klang der Flöten und Zimbeln getanzt hatten. Der Boden unter ihnen klang hohl; dort waren die unterirdischen Räume, die die Römer zuerst als Kasematten, die Araber später als düstere Gefängnisse benutzt hatten. Die letzten, die an diesem erinnerungsreichen Orte geherrscht hatten, waren die Emire der Drusen. Als Hakim, der verrückte Kalif, wie die Araber ihn nannten, von der Hand seiner Schwester in Kairo gefallen war, nachdem er die neue Lehre gegründet hatte, flohen seine 187 Getreuen nach Syrien, von dem Propheten Hamza geführt, der ihnen ein Reich im Tale des Libanon errichtete; dort schrieb er seine heiligen Bücher und gewann die Drusen, deren Stamm dieses Tal und die Berge seit undenkbaren Zeiten bewohnt hatten, für Hakims, Al Kaims Lehre, die ihm von Gott offenbart worden war. Helen empfand, daß der Ort, auf dem sie stand, von der Anbetung Tausender geheiligt war. Zeiten wechselten und der Gott mit ihnen, er verbarg sein wahres Gesicht vor den Menschen. Die wenigen, die seine Stimme durch die Stille vernahmen, bald von einem kahlen Felsenkamm herab, bald aus einem brennenden Busch, deuteten ihn jeder auf seine Weise. Sie bildeten Gemeinden, die einander verfolgten und bekriegten. Und Gott verhüllte sein Angesicht; seine Stimme klang nicht mehr durch die Stille, wie laut sie ihn auch von ihren Altären riefen. Ja, Gott verbarg sich vor den Menschen. Nicht mit Worten und nicht durch Bilder führte ein Weg zu ihm; und dennoch flüsterte seine Stimme aus jedem klopfenden Herzen, aus jeder lebenden Zelle, ja, lag er nicht unter diesem toten Gestein verborgen? Doch offenbart er sich von neuem, wenn die Zeit gekommen ist. Wird es in der Stille geschehen, wie ein Geisterhauch von oben, der in der Orgel eines auserwählten Herzens Widerhall findet, bis er wie ein Lobgesang über der Erde schwillt? – Oder wird er wie ein Sturm kommen, der die großen und kleinen Bäume niedermäht und Geschlechter dem Erdboden gleichmacht, auf daß neue aus dem Tod der alten sprießen können? Offenbare uns den Zusammenhang, Du, der Du Dich vor den Menschen verbirgst, bat sie im stillen, zeige uns die Gerechtigkeit der neuen Zeit, unserer Zeit, damit wir nicht im Blinden tasten, ohne Glauben und ohne Hoffnung! Der Mond hatte inzwischen seinen vollen Glanz bekommen, er stand dicht über den sechs Säulen und warf ihren Schatten auf die weißen Steine im Vorhof des Tempels. Der Führer mahnte zur Rückkehr, Ralph aber fragte ihn, ob sie alles gesehen hätten; und als er von den Granitblöcken hörte, die in das Fundament eingemauert waren, in einer Höhe von acht Metern über dem Erdboden – Blöcke, die so groß waren, daß moderne Ingenieure vergeblich darüber gegrübelt haben, wie man sie mit den Gerätschaften damaliger Zeiten das weite Wegstück von den Steinbrüchen hierhergeschafft hatte, – wollte er die Ruine nicht verlassen, ohne sie gesehen zu haben; sie interessierten ihn als Fachmann. »Zeigen Sie sie mir,« sagte er zum Führer. »Das Mondlicht trügt,« sagte der Führer, »wenn man das Herumklettern zwischen den Steinen nicht gewöhnt ist, kann man leicht fallen und den Hals brechen; hier gibt's viele Löcher zu den tiefen Kasematten.« »Die haben wir ja auch noch nicht gesehen. Kann man dort nicht hinunterkommen?« »Ja – jetzt aber nicht mehr.« »Haben sie Furcht?« Ralph griff in die Tasche nach Geld. »Nicht meinetwegen; aber ich trage die Verantwortung und darf Sie keiner Lebensgefahr aussetzen. Wenn etwas geschähe, würde ich um meine Stellung kommen; um so mehr, als ja schon lange geschlossen sein müßte. Hab ich nicht recht?« wandte er sich an den Torwächter, der sich tief vor Ralph verbeugte, eine Armbewegung machte und sagte: »Herr, das dürfen Sie nicht von uns verlangen.« Ralph blickte über die Sterne zum Mondschein hinaus und überlegte einen Augenblick. »Was kann uns denn geschehen?« »Erstens sind da die Schlangen, die weder Sie noch ich sehen können; in den Kasematten ist es stockdunkel, und wir haben keine Laterne.« Er blickte umher, als ob er lauschte und fügte mit gedämpfter Stimme hinzu: »Außerdem ist Donnerstag abend.« »Und was dann –?« »Dann versammeln sich die Ukkal der Drusen kurz nach Sonnenuntergang und halten Sitzung. Niemand darf wissen, wo sie ihre Zusammenkünfte abhalten, keiner darf sie sehen; man sagt in der Stadt, daß sich ein Chalva zwischen den Ruinen befindet. Hab ich nicht recht, Kasim?« Wieder verbeugte der Torwächter sich vor Ralph und machte eine bekräftigende Armbewegung. »Was ist ein Chalva?« »Das ist ein hochgelegener Platz, ohne Baum oder Haus, wo das Kalb unter offenem Himmel angebetet wird.« Er wandte sich an Abbas, der unruhig nach allen Zeiten spähte. »Du mußt es ja wissen, bist ja selbst im Aquil gewesen.« Abbas wagte nichts zu sagen; die Begegnung mit dem Alten hatte ihm ein Schloß vor den Mund gelegt. »Ein Kalb?« fragte Helen erstaunt, »wie ist es möglich, daß ein Kalb heimlich zur Nachtzeit hier heraufgeführt wird?« Der Führer lachte und sagte: »Das Kalb ist nicht größer als meine Hand; es ist nicht lebendig, sondern aus Gold. Imamen, der Priester, führt es in seiner Tasche bei sich.« Ralph sah vom Führer zum Torwächter, von Helen zu Abbas, alle waren von der Unheimlichkeit des Ortes berührt. »Gut,« sagte Ralph und fügte sich in das Unabänderliche – »aber zeigen Sie mir wenigstens den großen Steinblock.« Helen fühlte sich abgespannt, der starke Eindruck vorhin hatte sie erschöpft. »Ich warte hier mit Abbas!« sagte sie und setzte sich auf eine umgestürzte Säule, während Ralph mit dem Führer durchs Mondlicht ging. Während sie warteten, machte der Torwächter sich nützlich. »Hier ist ein Altar!« sagte er und zeigte auf ein niedriges Steinviereck, worauf Worte mit römischen Buchstaben eingehauen waren. »Was steht darauf?« »Der Altar für den unbekannten Gott.« Helen fühlte sich seltsam ergriffen. Es war, als ob eine längst entschwundene Zeit ihren Gedanken in der feierlichen Mondnacht gelauscht hätte. Es war, als strahle ein ironisches Lächeln von der rätselhaften Inschrift aus: So beteten wir damals, als unsere Götter alt geworden waren und wir nicht mehr wußten, wo wir den neuen suchen sollten, wie steht es mit euch? – Habt ihr es weiter gebracht? »Es ist gut, Gottes heimlichen Namen zu kennen, damit man sich zur Nachtzeit an öden Orten gegen Jinns und Shaitas wehren kann,« sagte der Torwächter und sah sich vorsichtig um. »Ich glaube, daß dieser Altar zur Hilfe gegen die Dämonen errichtet wurde. Der, der ihn errichtet hat, kannte Gottes heimlichen Namen, hat ihn aber nicht verraten wollen.« Er trat dicht an den Stein heran, als ob die Inschrift ihn schützen könnte. »Sehen Sie dort!« flüsterte Abbas im selben Augenblick. Seine Züge bebten vor Angst, und er machte eine Bewegung, als ob er sich hinter Helen verstecken wolle. Ganz in der Nähe sahen sie mehrere dunkle Gestalten im Mondlicht zwischen den Steinen klettern; sie hielten nach jedem Schritt inne und blickten sich spähend um. Abbas packte Helen am Arm und bat sie, sich nicht zu rühren. »Es sind Ukkal!« flüsterte er, »ich kann sie an der Kopfbedeckung erkennen.« Einer von den Männern hatte inzwischen die höchste Stufe erreicht und stand frei im Mondlicht zwischen den Säulen. Er stand dort wie eine Statue, den Blick auf die weite Ebene gerichtet. Ein zweiter erschien neben ihm; sie traten neben das Fundament und blickten nach der anderen aus. Sie winkten ihnen mit den Armen, und kurz darauf tauchte ein Kopf nach dem anderen über dem Rand des Fundamentes auf; die Männer schwangen sich mit den Händen herauf und setzten sich zwischen den Säulen in die Hucke. In diesem Augenblick erklang Ralphs Stimme aus der Tempelhalle, ihr Laut wurde von den Säulen gegen die Mauer zurückgeworfen. Da sah Helen, wie die Männer aufsprangen, und nach einem Augenblick war der Platz leer. Man hörte Steine rollen, dann war alles still. Da tauchte Ralph im Mondlicht auf, vom Führer gefolgt. Helen sah, wie er stehenblieb und wie ein Jäger auf dem Anstand lauschte, wieder erklang das leise Rollen von Steinen. Ralph folgte der Richtung des Geräusches, Helen sah ihn zwischen den Steinen klettern. Als er auf das Fundament hinaufgelangt war, drehte er sich um und winkte zu ihr hinunter. Sie begriff, daß er die fliehenden Männer gesehen hatte und sie darauf aufmerksam machen wollte. Als sie Miene machte, ihm zu folgen, faßte Abbas sie am Arm und bat mit angstbebender Stimme: »Nicht dorthin, nicht dorthin!« Da ertönte dicht neben ihnen ein Laut. Es klang, als seien es schleppende Schritte in den Kasematten unter ihnen. Abbas fuhr zusammen und drehte sich um. Hinter dem Altar des unbekannten Gottes erhob sich eine Gestalt im Mondschein. Ein mächtiger Kopf auf gewaltigen Schultern und lange plumpe Arme. Es war der Bucklige. Er hielt seinen Blick auf die Säulen gerichtet, wo Ralph noch stand und den Drusen nachblickte. Der Alte duckte sich im Mondlicht und schlich vorsichtig, als ob er den Friedenstörer aus dem Hinterhalt angreifen wollte, auf das Fundament zu. »Achtung!« rief Helen, um Ralph zu warnen. Da richtete der Bucklige sich zu seiner vollen Höhe im Mondlicht auf und richtete seinen Blick auf sie. Als er aber Abbas entdeckte, der sich vergeblich zu verbergen suchte, hob er drohend die Arme und rief: »Du hast uns verraten! Du hast unser Chalva preisgegeben! – Ich, der Imam der Imamen, verkünde dir dein Urteil: Deine Mutter soll dich auf ihrem Totenbett verfluchen! Aller Drusen Hände sollen sich gegen dich erheben, bis das Unkraut deines Lebens aus dem Garten der Welt getilgt ist!« Abbas klammerte sich wie ein Knabe an Helens Kleid. »Ich hab euch nicht verraten!« jammerte er – der Alte aber hörte ihn nicht. Er riß sich die Kopfbedeckung von seinem langen Haar, das im Mondschein leuchtete, damit Gott seinen Zorn sehen solle. Ralph sprang vom Stein und eilte auf sie zu, während der Führer sich vorsichtig näherte und in einiger Entfernung stehenblieb. Als der Alte Ralphs ansichtig wurde, hob er seine Riesenarme drohend über den Kopf, als wolle er die Strafe des Himmels auf ihn herabbeschwören. Dann machte er kehrt und verschwand zwischen den Steinen hinterm Altar. Aus der Tiefe erklangen seine schleppenden Fußtritte. Ralph erreichte Helen und wollte an ihr vorbei, um dem Alten zu folgen. »Folgen sie ihm nicht!« bat Abbas und streckte ihm abwehrend die Hände entgegen. Ralph sah ihn erstaunt an. »Folgen sie ihm nicht, Herr!« sagte der Führer ernst, »er ist ein Natik; wenn die Drusen sehen, daß wir ihm folgen, kommen wir nicht lebend von hier fort.« »Er hat sich Imam der Imamen genannt, Herr!« sagte der Torwächter und verbeugte sich tief vor Ralph. »Dann hat er das goldene Kalb in Verwahrung und steht mit allen Jinns und Shaitans der Nacht im Bunde.« Ralph überlegte einen Augenblick. Er hatte seinen Browningrevolver in der Tasche – wer aber konnte wissen, wie viele Drusen sich in den Schlupfwinkeln zwischen den Ruinen versteckt hielten; vielleicht verbargen sie sich in den Kasematten, und in dem trügerischen Mondlicht konnte man sich schlecht gegen Angriffe aus dem Hinterhalt wehren. »Gut,« sagte er und gab die Verfolgung auf. »Herr!« Abbas warf sich Ralph zu Füßen und ergriff seine Hände, »es ist nicht wahr, daß mich mein Vater dem Missionar überlassen hat; ich bin aus meinem Elternhause fortgelaufen und habe mich taufen lassen. Seitdem bin ich nicht wieder bei den Meinen gewesen, mein Vater kennt mich nicht mehr. Jetzt hat Natik mich verflucht und man würde mich töten, weil man glaubt, daß ich ihr Chalva verraten habe,« – er sah sich schaudernd zu den langen Schatten zwischen den Steinen um – »Herr, beschützen Sie mich, nehmen Sie mich in Ihren Dienst und lassen Sie mich bei Ihnen bleiben. Ich will alles tun, was Sie von mir verlangen!« Ralph sah Helen an. Abbas folgte seinem Blick und richtete seine angstvollen Augen flehend auf sie. Helen ließ sich rühren und nickte. »Gut, dann nehmen wir ihn mit!« sagte Ralph, bedeutete Abbas aufzustehen und ging zum Ausgang. Zeitig am Morgen kamen Ralph und Helen mit ihrem Gefolge nach Damaskus. Nach einem hastig eingenommenen Frühstück im Hotel fuhren sie nach der großen Moschee, die einst eine christliche Kirche und Johannes dem Täufer geweiht gewesen war. Der Führer geriet mit dem Torwächter in Streit, der der Herrschaft durchaus seine Binsenschuhe anziehen wollte, obgleich der Führer vom Hotel welche mitbekommen hatte. Es war eine Streitfrage, die jedesmal ausgefochten wurde, wenn der Führer mit einer Gesellschaft kam, darum aber war sie nicht weniger heftig. Der alte Mohammedaner zitterte am ganzen Leibe, er kniete nieder und tastete mit steifen Fingern nach Helens Füßen, während seine Augen in ihren Höhlen Funken sprühten und kräftige Koransprüche auf seinen bläulichen Lippen blühten. Einige langaufgeschossene Straßenjungen sorgten dafür, daß das Feuer geschürt wurde. Bettler schleppten ihre Arm- und Beinstümpfe zum Walplatz und benutzten die Gelegenheit, Geschäfte zu machen, während sie zugunsten des Torwächters mitbellten; sie lebten ja von seinem Tor. Ralph amüsierte sich köstlich. Als er und Helen schließlich glücklich die Segeltuchpantoffeln des Hotels über ihre Stiefel gezogen hatten, warf er dem Alten ein großes Geldstück hin, worauf dieser ihn jetzt ebenso fleißig segnete, wie er ihn vorher verflucht hatte. Im Torweg saßen zwei Bettlerinnen gegen die Mauer gelehnt, mit hochgezogenen, nackten Beinen; mit dumpfer Stimme, ohne eine Miene in ihren steinernen, erdfarbenen Gesichtern zu verziehen, gaben sie ihre und Allahs Ansicht über die begangene Gemeinheit gegen den biederen alten Torwächter kund, dessen Grabstätte Allah mit einem gnädigen Regen benetzen möge. Ralph bedachte auch sie, und der Schwall ihrer Danksagungen folgte ihm durch die Arkaden. In dem mächtigen Hofviereck, wo weißer Sonnenschein lag, befanden sich viele Gläubige mit bunten Turbanen und Djubben, die ihnen bis auf die Füße fielen. Einige standen über das große Marmorbassin gebeugt und reinigten sich in dem sonnenglitzernden Wasser zum Gebet, während Moscheetauben ihre schwirrenden Schatten über Gute und Böse warfen. Andere näherten sich der mit Matten verhängten Eingangstür der Moschee, gebeugten Hauptes, die Hände flach auf die Brust gelegt. Wo zwei Arkaden zusammenstießen, hockte ein Lehrer in der schattigen Ecke und unterrichtete eine Schar Knaben mit blitzenden, schwarzen Äugen in schmalen, olivengelben Gesichtern. Als Ralph und Helen vorbeigingen, drehten die schwarzlockigen Köpfe sich nach dem Märchen Europa um, der Lehrer aber rief sie mit zorniger Stimme zu ihrer väterlichen Kultur zurück. »Hören Sie, wie er uns verflucht?« sagte Ralph. »Mir mißfällt das sehr,« sagte Helen und zog wie fröstelnd die Schultern zusammen, »was haben wir hier in ihren Kirchen zu suchen?« Ralph sah sie an und sagte ernst: »Was wir suchen? Haben Sie mir das nicht damals auf dem Dampfer im Marmarameer gesagt? Wissen Sie nicht mehr?« Es war das erstemal, daß Ralph auf das Gespräch jenes Abends zurückkam. Helen blickte vor sich hin und dachte an das, was sie gesagt hatte. Bereute sie ihr Vertrauen? Was würde er in Zukunft für sie bedeuten? – Sie merkte, daß sein Blick auf ihrer Wange ruhte und zog sich unwillkürlich einen Schritt von ihm zurück. »Wenn Sie sich Skrupel machen, hätten Sie zu Hause bleiben müssen,« sagte Ralph. »Wer sucht, darf nicht zu feinfühlig sein.« Da Frauen die Moscheehalle nicht betreten durften, wurden Helen und Schehanna unter Abbas' Schutz zurückgelassen. Als Ralph eintrat, wurde er von dem drückenden Ernst, der über dem halbdunklen, viereckigen Raum unter der düsteren Ecke brütete, ergriffen. Keine Bilder, keine Statuen, keine heiligen Symbole, nichts von alledem, was in christlichen Gotteshäusern das Gemüt unwillkürlich hebt und feierlich stimmt. Nur in einem breiten Gürtel an den Wänden sattes Goldmosaik und dunkle Koransprüche mit meterhohen gestielten Buchstaben, wie ungeheure Kaprifolien. In der Mitte der Längsseite die blinde Betnische, die gen Mekka gerichtet ist, der Koran aufgeschlagen auf dem Pult davor, und in der einen Ecke des Saales ein geschlossener Pavillon, die Kapelle, wo der Kopf Johannes des Täufers aufbewahrt wird. Auf dem Fußboden lagen Binsenmatten in breiten Streifen, wie Wäsche auf der Bleiche. Zwischen den Mattenreihen schimmerten schmale Stücke des Fußbodens, wo die Gläubigen vorm Gebet ihre Fußbekleidung hinstellten, die sie in der Hand hielten. Der Raum war voll von Betenden, die mit dem Gesicht zur Nische lagen, wo ein Imam mit grünem Turban knieend die Andacht vorm Koran verrichtete. Ralph blickte über die Reihen der Betenden, und verglich diese Andachtsstunde mit denen der christlichen Kirche. Der Ernst schien ihm hier größer zu sein, die Innigkeit tiefer in den Herzen zu wurzeln. Da wurde er von demselben Gefühl ergriffen, das sich vorhin Helens bemächtigt hatte, dem Gefühl des verbrecherischen Eindringens in etwas Heiliges. Doch wies er es gleich zurück – was ging dieser fremde Gottesdienst ihn an? Im selben Augenblick erklang volltönend und düster der Sieges- und Treuruf durch die Reihen: »Allah-il-Allah« – »Gott ist Gott!« Und plötzlich wurde ihm die ursprüngliche Einheit klar, und die tiefe Bedeutungslosigkeit der äußeren Form des Bekenntnisses, alles dessen, was den Namen Religion trägt. Jeder wird durch seinen eigenen Glauben glücklich, dachte er bei sich, und der Nachdruck liegt nicht auf seinen eigenen, sondern auf Glauben . Ralph schritt durch die Reihen, ohne auf den Führer zu achten, der ihn zurückzuhalten versuchte. Dieser und jener von den Gläubigen zog die Hände vom Gesicht und sandte ihm einen erbitterten Blick nach. Ein unheilverkündendes Gemurmel ging von Mann zu Mann, als ob Bienen vor einem Korb summen. Da plötzlich wurde aller Aufmerksamkeit von der entgegengesetzten Richtung angezogen. Am Ende des Saales, in der Nähe des Ausganges, erhoben sich viele Betende und rotteten sich in flüsternder Unterredung zusammen. Worte gingen wie ein Lauffeuer von Mund zu Mund durch die Reihen. Die Augen, die eben zornig geblickt, verrieten jetzt Neugierde und gespannte Erwartung. Einer nach dem anderen unterbrach das Gebet und schloß sich dem flüsternden Haufen an. »Was ist denn los?« fragte Ralph den Führer, der ihm vorsichtig gefolgt war. »Allah weiß es!« antwortete er und zuckte die Achseln. Ralph näherte sich zwischen Mattenreihen den drohenden Augen, die ihm den Weg versperren wollten. Plötzlich aber setzte der ganze Haufen sich in Bewegung und strömte zum Ausgang, und da sah er, daß ein Mann mit grünem Turban und bunten Streifen längs der Djubbenärmel, der Mittelpunkt war. Als dieser die Türmatte hob, um hinauszugehen, fiel das Licht vom Hof auf sein Gesicht, und Ralph meinte Gamâl-ed-dîn zu erkennen. Er eilte hinter ihm her, indem er sich durch die Menge drängte und mit zusammengekniffenen Augen den vielen bösen Blicken zulächelte. Plötzlich versetzte ein großer Muselmann ihm einen Stoß gegen die Brust, bevor er aber den Schlag zurückgeben konnte, war der Mann draußen und im Gedränge unter der langen Arkade verschwunden. Der Führer holte Ralph ein. Blaß vor Schreck, faßte er ihn am Arm und bat ihn flehentlich, den Mann nicht zu verfolgen. »Ein Scheik soll heute aus Kairo gekommen sein mit der Neuigkeit, daß ein Mahdi in Aegypten erstanden ist. Es ist nicht ratsam für Christen, sich heute hier aufzuhalten, stößt Ihnen etwas zu, dann bin ich dafür verantwortlich.« Er zog Ralph mit sich fort, während die murmelnden Muselmänner wie ein aufgeregter Bienenschwarm in der entgegengesetzten Richtung durch die Arkaden davoneilten. Kaum hatte der Lehrer in der Ecke die mystischen Worte aufgefangen, als er in die Höhe fuhr, und die Knaben mit ihm. Sogar die Bettlerinnen an der Tür sammelten ihre Lumpen zusammen und starrten offenen Mundes der Schar nach, die an ihnen vorbeischwirrte. Helen kam Ralph entgegen, mit Angst in ihren großen, grauen Augen, während Abbas mit seinen Armen Schehanna schützte, die seit dem Zwischenfall neulich auf der Wagenfahrt seine Auserkorene geworden war. »Wir müssen eilen, daß wir von hier fortkommen!« sagte Helen, »eben hat uns eine vorbeiziehende Schar gedroht. Einer wollte sich auf uns stürzen, die anderen aber zogen ihn mit sich fort.« Während sie auf den Ausgang zueilten, wäre Helen fast über einen knochendürren, alternden Mann gestolpert, der neben einer Säule zusammengesunken kauerte; seine Augen waren geschlossen, die Hände lagen flach auf der Brust, große Kieferknochen bewegten sich aufgeregt unter der Haut, während er den Kopf bald von rechts, bald von links zur Brust herabwarf, wobei seine Lippen sich lautlos öffneten. Die Lider über den Augenkugeln zitterten, und Schweiß rann ihm von der Stirn. Obgleich sie dicht an ihm vorbeigingen, veränderte sich kein Zug in seinem Gesicht; er hörte anscheinend weder sie, noch das Summen der Bienen. Helen blieb stehen und betrachtete ihn ergriffen. In ihrem Gesicht war ein Ausdruck von Bewunderung und Schmerz, den Ralph noch nie an ihr gesehen hatte. Der Führer sagte: »Es ist ein Derwisch, der sein Zikr Khafi betet.« Indem Ralphs Augen Helens Blick streiften, las er darin die Worte: »Wer solchen Glauben hätte!« Von der Moschee fuhren sie zum großen Basar. Helen fragte Schehanna, ob sie Damaskus wiedererkennen könne. Schehanna richtete ihren Blick auf die unansehnlichen Mauern, die so viel bunte Schönheit verbargen; sie betrachtete die lichtscheuen Hunde, die im Schmutz der Straßen zwischen zerlumpten Lastträgern und schäbigen Offizieren herumschlichen, die nach Damaskus strafversetzt waren. Dann schüttelte sie den Kopf, sah zu Ralph mit einem Blick auf, der von Dankbarkeit strahlte, und schmiegte sich dicht an Helen, indem sie die Augen mit einem glücklichen Lächeln schloß. Ralph bemerkte es nicht. Er saß zurückgelehnt und starrte gedankenvoll vor sich hin. Er dachte an Helen, und sein Blick wurde wie gewöhnlich von ihren Händen angezogen; die eine umschloß Schehannas Hand, die andere lag müßig im Schoß. Plötzlich überkam ihn ein so heftiger Drang, sie zu ergreifen und zwischen den seinen zu drücken, daß er sich Gewalt antun mußte, um diesem Drang nicht nachzugeben. Hab ich mich verliebt? – fragte er sich selbst, und ein Lächeln dämmerte in seinem Herzen. Er preßte die Lippen fest aufeinander und ließ seinen Blick langsam über Helens Kopf mit der daunigen Wange und dem schmalen, ausdrucksvollen Mund gleiten. Der Wagen fuhr auf die wimmelnde, lärmende Menge zu, die aus der tiefen, dunklen Perspektive des Basars strömte. »Wir sind da!« sagte er. »Dies ist der gerade Weg,« – der Führer, der auf dem Bock saß, rappelte sein Pensum herunter, – »den Paulus wanderte, wie in der Apostelgeschichte, Kapitel neun, geschrieben steht.« Ralph schlug Helen vor, zu Fuß durch den Basar zu gehen. Der Wagen hielt und sie stiegen aus. Schehanna wollte an Helens Seite gehen, Abbas aber machte ihr begreiflich, daß sie nicht in einer Reihe durch das Gedränge gehen könnten. Darum beugte sie den Kopf und hörte seinen blühenden Reden geduldig zu. Abbas' Äugen leuchteten vor Verliebtheit, und er benutzte jede Gelegenheit, um sie mit seinen schmalen, einschmeichelnden Händen zu berühren, während er wie ein Kind über alles plauderte, was sie sahen und was er ihr kaufen wollte, wenn er erst so viel Geld verdient hätte, daß er nach Europa reisen und ein reicher Mann werden könne. Schehanna hörte nicht, was er sprach. Mechanisch zog sie ihre Hand von der seinen zurück, häufig aber überließ sie sie ihm auch in Gedanken. Seine Wärme kam ihr nicht zum Bewußtsein. Sie dachte an das zurück, was sie auf diesem selben Wege gelitten hatte, als sie, von dem Rücken des mächtigen Kamels getragen, sich ihrem Schicksal näherte; und sie blickte auf den Mann, dessen schlanken und kräftigen Rücken sie gerade vor sich hatte. Sie wußte selbst nicht, was sie ihm wünschte und was ihr Herz ihm gab. Sie dachte ohne Schuld und ohne Nebengedanken, daß er ihr Herr sei, und daß ihr Schicksal nicht so bitter wäre, wie sie gedacht, da es sie in seine Hand geführt hatte. Sie sah Helen so vertrauensvoll an seiner Seite gehen, und sie mußte an Darab und sich selbst denken, während Wehmut aus der Tiefe ihres Herzens aufstieg, sie dachte daran, wie an etwas, das nichts mit der Wirklichkeit zu tun hatte; sie wünschte den beiden dort vor ihr, daß ihr Glück wachsen und über die Welt leuchten möge. Es war kein Schatten von Neid in ihrer Seele. Auf dem schmalen Fahrweg trafen zweirädrige Lastkarren mit alten Herrschaftskarossen zusammen, in denen vornehme Türken saßen und nur langsam vorwärts kamen. Ein Konsulatswagen aber kam in scharfem Trab angefahren, mit einem goldstrotzenden Kavaß auf dem Bock; der ganze Verkehr geriet durch ihn ins Stocken; ein zorniges Gemurmel schlug wie eine Kielwasserwoge hinter ihm zusammen. Ein vereinzeltes Automobil näherte sich in der Ferne mit Töff-Töff. Alles blickte sich nach der vierrädrigen Zauberei um, wobei sicher Jinns und Shaitas mit ihm im Spiel waren. Ein Beduine, den Mantelkragen fest um sich geschlagen, stand mit gekreuzten Armen da und betrachtete die blitzende Hupe, mit ohnmächtiger Drohung in seinen träumenden Augen. »Mashallah,« klang es in heiligem Erstaunen rings herum. Ein paar syrische Frauen hoben ihre geblümten Gesichtsschleier, um besser zu sehen. Die Hunde zogen den Schwanz ein und krochen bei dem ungewohnten Anblick unter die Buden. Kaufleute, die rauchend mitten zwischen ihren Waren saßen, unbeweglich wie das leibhaftige, unabwendbare Schicksal, drehten den Kopf nach dem neuesten Wunder aus dem von Allah verfluchten Europa. Was hatten sie im Laufe der Jahre alles in dieser geraden Straße einrücken sehen! Wobei hatten sie überall mit stummen Flüchen Allah als Zeugen aufgerufen, in der Hoffnung, daß er die Vermessenheit sehen und bestrafen würde! Noch eine kleine Weile, dann würde er, wie geschrieben steht, seine Gläubigen sammeln und den Propheten vom Himmel zum höchsten Minarett der großen Moschee herabsenden und dem allen ein Ende machen. Jetzt war Schlaffheit in ihre Herzen eingezogen. Die Aeltesten hatten die Hoffnung aufgegeben, daß sie die Herrlichkeit noch erleben würden, daß der Islam die Christenheit besiegen und die Ungläubigen aus dem Garten der Erde tilgen würde. Den deutschen Kaiser hatten sie vorbeireiten sehen, mit seinem glänzenden Gefolge, ja, hatte der Beherrscher der Gläubigen nicht sogar den Basar niederreißen lassen, um ihn breiter zu machen? Die Straße ihrer Väter war nicht breit genug gewesen, damit der Kaiser der Ungläubigen seine Majestät hindurchführen konnte! Sie hatten ihre ehrwürdigen Häupter geschüttelt und den Koran um Rat gefragt, aber nichts über solchen Fall gefunden; sie hatten aus der Tiefe ihrer Herzen geseufzt, und eine ungeduldige Seele hatte so laut gefragt, daß man die Frage in seinen Augen lesen konnte: Schläft Allah droben? Als das Automobil schließlich verschwunden war und seinen giftigen Atem auf Tischen und Waren hinterlassen hatte, kam ein ungeheures Lastkamel langsam auf sie zugeschwankt. Es wackelte mit seinem mächtigen Kopf und witterte mit seinen empfindsamen Lippen den Benzingeruch. Oben zwischen den Warenballen saß hochaufgerichtet ein schwarzäugiger Kameltreiber. Schehanna blieb stehen und faßte Abbas am Arm. Ihre Lippen waren weiß und ihre Augen blickten starr, als sähe sie ein Gespenst; sie schwankte, und Abbas wußte keinen besseren Rat, als seinen Herrn zu rufen. Ralph drehte sich um und folgte der Richtung ihres Blicks. Ein großer, weißgekleideter Afghane kam mit langen, würdigen Schritten auf sie zu. Seine schläfrigen, gelben Augen streiften die Fremden mit vornehmer Zurückhaltung, plötzlich aber veränderte sich der Ausdruck seines Gesichts; er riß die Augen auf und kniff sie dann wieder zusammen, indem er hochaufgerichtet vorbeischritt. Helen sah das Entsetzen in Schehannas Blick, als sie dem Riesen mit dem Turban auswich. Im selben Augenblick begriff sie alles und flüsterte Ralph zu, daß es gewiß der Pferdehändler sei, der Schehanna geraubt habe – schaukelte dort hinten nicht das mächtige Kamel? Sie hatte ein Gefühl, als ob sie selbst auf Kamelrücken durch diese gewölbte Gefängnisstraße ihrem Schicksal zugetragen würde. Ralph musterte die Gestalt des Afghanen und sah sich nach Polizei um, keiner von den mausgrauen Ehrenmännern aber war weit und breit zu sehen. Da faßte er den Führer am Arm und erklärte ihm mit wenigen Worten, was dieser Mann sich hatte zuschulden kommen lassen. Der Führer sah ihn erstaunt an; erst als Ralph Miene machte, dem Afghanen zu folgen, begriff er, daß Gefahr im Anzuge sei. Er packte Ralph entsetzt am Arm und bat ihn inständig, nichts zu unternehmen; alle im Basar würden zum Pferdehändler halten, und Ralphs Leben würde bedroht sein. In der Bude hinter ihnen war die Neugierde bereits geweckt worden. Der Kameltreiber schien etwas gemerkt zu haben, denn er beugte sich herab und flüsterte seinem Herrn einige Worte zu. Der Afghane blieb stehen und beobachtete von der Seite, was hinter ihm vorging. Ralph war nicht in der Stimmung, nachzugeben; er hatte den Revolver bereits in der Hand. Da begriff Schehanna, was er vorhatte, sie faßte mit beiden Händen nach seinem Handgelenk und hielt ihn zurück, die Augen dunkel und wild vor Angst. Abbas blickte verständnislos vom einen zum anderen; da befahl Ralph ihm kurz, dem Kamel von weitem zu folgen, um zu erfahren, wohin es gehe; wenn er keinen Bescheid brächte, brauchte er überhaupt nicht zurückzukehren. Darauf forderte er Schehanna auf, ihm den Laden des Seidenhändlers zu zeigen. Nach einigem Suchen fand sie ihn. Sie gingen hinein und betrachteten die Waren; sie wurden über den Hof geführt, wo der Afghane Schehannas Schicksal entschieden, zu dem Raum, wo man sie gefangen gehalten hatte und die kostbarsten Teppiche aufgestapelt lagen. Ralph blickte den Seidenhändler scharf an und fragte ihn, ob er nicht noch teurere Waren zu verkaufen habe. Der Kaufmann lächelte und machte eine bedauernde Handbewegung. Ralph konnte nicht daraus klug werden, ob er seine Frage verstanden habe oder nicht. Als Ralph und seine Gesellschaft durch die große kreuzförmige Halle des Hotels gingen, in die alle Zimmer mündeten, saß der Wirt auf einem breiten Diwan und sprach mit einem europäisch gekleideten Herrn. Spärliches Licht fiel von oben auf die farbigen Teppiche und die Wände, die in buntem Durcheinander mit alten Waffen, Reklameplakaten, Fahrplänen und Photographien von türkischen Größen behängt waren. Sowohl der Wirt wie der Gast erhoben sich und grüßten, als sie vorbeigingen. »Guten Abend, Herr Cunning!« sagte eine bekannte Stimme. Ralph blickte auf und schüttelte die Hand, die ihm entgegengestreckt wurde. Es war Gamâl-ed-dîn. Auch Helen drückte dem ehemaligen Scheik die Hand. Als sie zu Tisch gegangen waren, sagte Ralph: »Ich habe heute bereits einen Schimmer von Ihnen in der großen Moschee gesehen. Sie trugen Ihre Scheikuniform und erweckten großes Aufsehen.« »Das bin ich nicht gewesen,« antwortete Gamâl und schenkte sich ein Glas Rotwein ein, »Sie wissen doch, daß ich inkognito reise.« Hatte er sich wirklich geirrt? – Ralph begegnete Gamâls Blick, indem dieser sein Glas leerte; es war nichts Verborgenes in dem festen, braunen Blick zu lesen. »Es war große Aufregung zwischen den Gläubigen. Der Führer sagte, daß Mahdi-Gerüchte im Umlauf seien.« »Ja, ein Kollege aus Kairo soll hier sein, der für eine neue religiöse Bewegung gegen die Engländer wirbt. – Sie werden darum begreifen, daß ich augenblicklich besonderen Grund habe, mein Inkognito zu bewahren.« Letzteres sagte er mit leiser Stimme und ließ seinen Blick um den Tisch schweifen, wo außer Ralph und seiner Gesellschaft nur einige lautredende französische Handelsreisende saßen, und ein alter schottischer Geistlicher, der durch Syrien reiste, um Momentaufnahmen von heiligen Orten zu machen. Helen erzählte von dem Derwisch, den sie in der Moschee gesehen hatte. »Das war ein Fakir vom Naqshbandiyah-Orden,« sagte Gamâl. Helen wollte gern Näheres über den Glauben derselben erfahren und Gamâl erzählte bereitwillig: »Wir nennen sie Sufies. Vieles von ihrer Lehre haben sie den Hindus entliehen. Sie selbst meinen, daß sie vor Mohammed, ja, vom Anfang aller Zeiten an existiert haben. Die Welt ist nur ein Blendwerk, sagen sie. Alles verlangen und aller Schmerz kommen aus dem eigenen Selbst, dem man darum entfliehen muß. Für den, dem es gelungen ist, sich von seinem Selbst zu befreien, gibt es weder Gutes noch Böses; er kann handeln, wie er will, denn Gott handelt durch ihn. Durch Seelenwanderung wird das Selbst zur Vereinigung mit Gott gereinigt; nur durch Gottes Gnade kann das geschehen, die Gnade aber wird durch Leben und Gebete erworben. Sie besitzen Mittel, sich in Ekstase zu bringen, und glauben dann, daß Gott durch sie spricht, ja, manche reden sich sogar ein, daß sie Gott selbst werden.« »Was sind das für Mittel?« fragte Ralph. »Gebete, Hersagen aus dem Koran, Tänze, haben Sie nicht von den heulenden und tanzenden Derwischen gehört? – Einige gebrauchen auch Opium oder Hachiis. Der, den Sie gesehen haben, gehört einem Orden an, der still betet, mit der Zunge des Herzens, was man Zikr Khafi nennt.« Helen konnte den hingerissenen Ausdruck im Gesicht des Betenden nicht vergessen und wollte mehr wissen. Gamâl betrachtete sie mit seinem nachsichtigen Lächeln und sagte: »Wie soll ich Ihnen erklären, was nicht mit Worten gesagt werden kann. – Aber wenn Sie sich so sehr dafür interessieren, kann ich Sie irgendwo hinführen, wo Sie selbst sehen und urteilen können.« Helen dankte mit lebhaftem Interesse und bat ihn, gleich Tag und Stunde zu bestimmen. Gamâl überlegte, während er von Helen zu Ralph sah. Dann zog er seine Uhr, eine große Golduhr mit doppeltem Deckel, auf die er sehr stolz war, und sagte: »Heute, Donnerstag abend, um zehn Uhr, hält der Chishtiya-Orden seine wöchentliche Andacht ab. Der Takyab liegt hier ganz in der Nähe, wenn Sie nicht zu müde sind, werde ich Sie nach dem Essen dorthin führen.« Sie gingen über einen öden Marktplatz, der in Mondlicht gebadet lag. Der Schatten einer Platanengruppe lag wie ein geflecktes Tigerfell auf der weißen Erde. Drüben wurde gerade ein elektrisches Licht auf einem hohen Ständer gelöscht. Einige Hunde sandten mit regelmäßigen Zwischenräumen ihr langgezogenes Geheul in die Nacht hinaus. Sonst war alles still. Gamâl führte sie durch eine enge Straße ohne Fußsteig. Helen stieß einen leisen Schrei aus. Ihr Fuß war gegen etwas Weiches gestoßen, das mit einem Grunzen zur Seite sprang. Es war einer von den herrenlosen Straßenhunden, der sich mit dem Kopf auf einen Kehrichthaufen zum Schlafen gelegt hatte; sein gelbes Fell war im Mondlicht nicht vom Erdboden zu unterscheiden gewesen. Gamâl blieb stehen. Durch eine Türöffnung sahen sie am Ende eines Ganges eine erleuchtete Glastür, hinter der sich viele Menschen bewegten. Als sie gerade in das Haus eintreten wollten, kam ein Mensch in vollem Lauf auf sie zu. Es war Abbas, der so außer Atem war, daß er nicht gleich sprechen konnte. »Na?« fragte Ralph ungeduldig. »Ich folgte dem Kamel bis zu einem großen Marktplatz, weit, weit fort« – er zeigte in die Ferne – »wo es von Kamelen und Treibern und Beduinen wimmelte. Sie umdrängten den Afghanen und sprachen eifrig miteinander, ich konnte nur Allah und Mahdi verstehen. Aber Sie hatten mir ja auch nicht befohlen, dem Afghanen, sondern nur dem Kamel zu folgen,« fügte er hinzu und sah mit einer unschuldig pfiffigen Miene zu Ralph auf. »Ich stand so dicht neben dem Kamel, daß ich es mit meiner Hand berühren kannte. Es kniete nieder, die Warenballen wurden abgeladen und unter ein ungeheures Segeltuch getragen, wo viele andere waren lagen. Dann führte man das Kamel zu einem großen flachen Brunnen, um es zu tränken, als es getrunken hatte, ging es von selbst unter ein Strohdach und legte sich in einen Stand zwischen vielen anderen Kamelen. Als der Treiber kam, um ihm Futter zu geben, entdeckte er mich und fragte, was ich wolle. Im selben Augenblick kam auch sein Herr, der Afghane. Da ich keinen Grund angeben konnte, griff der Treiber nach mir; ich aber riß mich los und lief über den Platz, so schnell ich konnte. Man schrie und versuchte mir den Weg zu versperren, ich aber drückte mich im Schatten entlang, erreichte eine Straße und bin ohne Unterbrechung hierher gelaufen.« Ralph berichtete Gamâl, um was es sich handelte. Der Scheik hörte aufmerksam zu, lächelte jedesmal nachsichtig, wenn Ralph Schehannas Namen nannte, und riet ihm, die Sache nicht weiter zu verfolgen. »Gibt es hier denn kein Gesetz, das Frauenraub und -Handel verbietet?« »Das wohl, aber der Raub ist nicht hier begangen worden. Und der Handel – wie wollen Sie den beweisen?« »Schehannas eigenes Zeugnis.« »Wenn das etwas wert wäre, würde sie schon jetzt verschwunden sein.« Er betrachtete Ralph mit seinem scharfen, überlegenen Blick, und fügte ernst hinzu: »Wenn Sie das Leben Ihres Schützlings nicht aufs Spiel setzen wollen, dann lassen Sie die Sache auf sich beruhen.« Ralph überlegte einen Augenblick. »Ich werde warten, bis wir nach Bombay kommen, wo das Verbrechen begangen worden ist.« Ohne etwas zu erwidern, ging Gamâl durch den Gang, von den anderen gefolgt. Er öffnete die Glastür und ließ die anderen eintreten; sie befanden sich in einem gewölbten Raum; geradevor war ein großer Wandbogen, der zu einem Hof führte, wo ein dünner Springbrunnenstrahl im Mondlicht glitzerte. Längs der Wände waren die niedrigen Diwane dicht mit Kaffeegästen besetzt, die die Beine unter sich gekreuzt hatten. Einige rauchten Tschibuk, andere Wasserpfeifen. Sie saßen paarweise beisammen und spielten Schach oder Domino, während sie an den Kaffeetassen nippten, die nicht größer als Eierschalen waren. Einige junge Leute waren unaufhörlich damit beschäftigt, Kaffee zu bringen und Pfeifen zu reinigen; sie kratzten die Asche aus, stopften neuen Tabak hinein, taten Glut von einem Feuerbecken, das sie bei sich hatten, in den Pfeifenkopf und setzten frische Bernsteinmundstücke auf die Pfeifenschlange. Obgleich fast alle Sitzplätze besetzt waren, herrschte kein Lärm, keine Unruhe. Sie erweckten scheinbar gar kein Aufsehen zwischen den Gästen. Die Augen waren mehr auf Gamâl als auf seine Gesellschaft gerichtet, und es schien Ralph, als ob stumme Grüße mit den Augen zwischen ihm und mehreren der Aelteren ausgewechselt würden. Es war Helen peinlich, das einzige weibliche Wesen zwischen all diesen Orientalen zu sein, die, wie sie fand, eine so niedrige und unwürdige Auffassung von ihrem Geschlecht hatten; aber zu ihrer Verwunderung richtete nicht einer den Blick auf sie; begegnete sie zufällig einem schwermütigen, dunklen Augenpaare, so senkte sich der Blick gleich, als ob die Männer eine Schamhaftigkeit zu hüten hätten, und nicht sie. Auf den Fliesen unter dem Wandbogen saßen zwischen Café und Hof zwei Musikanten in langen, dunklen Schlafröcken und spitzen Wollmützen; der eine hielt eine Tar, die dreisaitige persische Gitarre, in seinem Schoß, der andere eine Zambr, die arabische Oboe. Als Gamâl an ihnen vorbei in den Hof gehen wollte, klatschte der Mann mit der Gitarre in die Hände, und ein junges Weib kam unter den dunklen Apfelsinenbäumen hervor, die um das Springbrunnenbassin standen. Sie trug einen grünen Rock um die nackten Hüften, eine weiße, hängende Musselinjacke um den Oberkörper, und darüber einen roten Seidenbolero. Ueber dem Haar lag eine kleine goldgestickte Haube. Die Oboe kreischte und die Gitarre klimperte, während sie zu tanzen begann. Es war ein mimischer Tanz, der die Flucht vor einer Biene vorstellen sollte. Sie schützte ihr Gesicht mit den Händen, während sie ihren schlanken Oberkörper über den geschmeidigen Hüften hin und her drehte. Ihr Ausdruck wechselte zwischen Furcht und Zorn, während sie die Biene mit dem Kopf zu verscheuchen versuchte. Sie griff sich mit den Händen an den Hals, der unterm Musselin wogte; sie schützte ihren Unterleib, der nackt, mit einem Muster von roten Blumen, unterm Rockrand leuchtete. Sie zitterte am ganzen Körper, als sie meinte, daß die Biene unter den Bolero geraten sei. Mit einem behenden Griff riß sie ihn von sich und schwang sich in wilder Angst, mit wogender Brust und bebendem Unterleib. Die Biene war jetzt unterm Musselin; bald saß sie auf ihrem Rücken, bald kitzelte sie sie in der Armhöhle. Die Bewegungen waren so ausdrucksvoll, daß man nie im Zweifel war, wo sie sich gerade im Augenblick befand. Der Tanz wurde wilder und wilder; plötzlich aber hielt sie inne und stand augenscheinlich unbeweglich da, tatsächlich aber zitterte sie von oben bis unten wie ein Harfenstrang; die Brauen zitterten, Lippen, Hals, Brust und Unterleib. Diese zitternde Unruhe, die für den Orientalen so viel Reiz hat, rief Bewegung im Saal hervor. Die Spieler ließen die Bricken los und vergaßen zu rauchen. Man rief ihr zu, ein seltsam dumpfer, fast schwermütiger Beifall, der sich den halbgeöffneten Lippen entrang, während die Augen groß und blank wurden. Da fuhr sie mit einem Satz in die Höhe. Ein furchtbarer Schmerz zeichnete sich auf ihrem Gesicht: die Biene hatte sie gestochen. Indem sie sich im Kreise drehte, entledigte sie sich der Musselinbluse und stand mit nacktem Oberkörper da, den grünen Rock von den Hüften gestreift. Die Brust wurde von einer schmalen Silberkette gehalten, die über Schultern und Rücken lief. Schließlich fing sie die unsichtbare Biene unter ihrem Arm und hielt sie zwischen zwei Fingern, trotz des Schmerzes triumphierend. Die Musik verstummte. Sie beugte sich herab, um ihre Kleider aufzuraffen, und verschwand unter den Bäumen, woher sie gekommen war, während der Beifall losbrach. »Das war der persische Bienentanz,« sagte Gamâl, »eine uralte Nummer, die in allen mohammedanischen Ländern getanzt wird.« Er ging voran, am Springbrunnen vorbei, quer über den Hof, und öffnete eine Tür. Sie kamen in einen engen Gang zwischen hohen Mauern, deren höchster Teil vom Mondlicht beschienen war. Helen hob ihren Kopf zu den Sternen empor; zwischen diesen hohen Mauern eingeklemmt, fühlte sie sich von ihrer Vergangenheit losgelöst und wie ein Blatt auf den Grund eines Brunnens gewirbelt. Nur die Sterne ließen sie nicht im Stich; sie funkelten in die Tiefe ihres Herzens und blinzelten mit einem verborgenen Lächeln, als ob sie alles wüßten, was sie suchte, und sie auf ihrem Wege in das neblige Ungewisse mit einem ermunternden »gib Zeit« trösten wollten. Als sie den Blick wieder von den tausend stummen Zungen abwandte, sah sie Ralphs Rücken gerade vor sich; er drehte sich im selben Augenblick zu ihr um, und ihre Blicke begegneten sich. Seine hellen Augen erschienen dunkel hier im Mondlicht; es war eine tiefe Aufmerksamkeit in ihnen, die sein Gesicht streng machte; sie hatte in ihrem Herzen eine Empfindung, als sammele er sich zu einer Frage, auf die sie Antwort geben sollte. Sie wußte selbst nicht, warum sie ihre Hand auf seine Schulter legte, als sie diese aber fest und stark unter ihrer Hand spürte, schoß das Blut ihr in die Wangen; sie machte eine Bewegung, als ob sie stolperte, und sagte: »Entschuldigen Sie, ich wäre beinah gefallen.« Er blieb stehen und streckte seine Hand aus, um sie zu stützen; sie aber nahm sie nicht. Da rief Gamâl sie, der das Ende des langen Ganges erreicht hatte. Gamâl klopfte ein Zeichen gegen die Tür, die gleich darauf geöffnet wurde. Einen Augenblick später standen sie in einem halbdunklen, gewölbten Raum von derselben Art und Größe wie das Café, das sie eben verlassen hatten. Rings herum an den Wänden saßen auf niedrigen Diwanen Männer in wollenen Mänteln, die wie Schlafröcke lose über der Brust zusammengerafft waren. Auf einer Erhöhung geradevor erhob sich ein Mann mit einem langen Bart und einer persischen Mütze; ohne die Arme zu bewegen, die schlaff über die Knie herabhingen, beugte er den Kopf zum Gruß vor Gamâl, der die Hand auf Türkenart von Brust zu Stirn führte. Gamâl sagte einige Worte und zeigte auf seine Gäste. Die dunklen Augen in den weißen Gesichtern hefteten sich einen kurzen Augenblick auf Ralph und Helen, dann glitten sie in ihre eigene Welt zurück. Junge Diener, in helleren Wollmänteln als die der sitzenden, glitten lautlos zwischen ihnen ein und aus, brachten Wasserpfeifen, legten Glut auf den Tabak und steckten den Sitzenden, die kaum die Lippen bewegten, die Pfeifenspitze in den Mund. Sie brachten Kaffeetassen, und während ein Diener das dickfließende Getränk eingoß, nahm ein anderer etwas Pulver aus einer silbernen Schale, die er bei sich trug, tat es in den Kaffee und rührte ihn mit einem silbernen Pfriemen um. Sie gingen von Wasserpfeife zu Wasserpfeife; aus einer Schale nahmen sie mit den Fingern einen braunen Teig, kneteten ihn zu einer Pille, steckten diese auf den silbernen Pfriemen und taten sie in die Tabaksglut. Ein brenzliger Geruch entstand, wenn der Rauchende einatmete, die Augen starr auf die Glut geheftet, mit, einem Ausdruck, als ob er eine heilige Handlung verrichte. Als Ralph und Helen ihre Augen an das Halbdunkel in dem kahlen Raum gewöhnt hatten, sahen sie, daß einige der Derwische ihren Diwan verließen. Einer kniete auf der Erde nieder, ein anderer lehnte sich zurück, die Beine unterm Mantel hochgezogen, den Blick starr auf die Decke geheftet, während die Lippen sich lautlos bewegten. Plötzlich erklang unterdrücktes Schluchzen. Einer von den Derwischen weinte; seine Schultern bebten und die Augäpfel bewegten sich in ihren Höhlen mit dem Ausdruck tiefster Verzweiflung. Ein anderer lachte, daß es in ihm gluckste, während seine Augen in höchster Seligkeit zur Decke starrten. »Keiner von all diesen hat heute Nahrung zu sich genommen,« flüsterte Gamâl, setzte sich auf den Diwan gleich neben dem Eingang und bedeutete Ralph und Helen, neben ihm Platz zu nehmen. »Wer ist das, der dort auf der Erhöhung sitzt?« flüsterte Ralph. »Das ist der Murshid, der Oberste.« Gamâl zeigte auf den Schluchzenden, der den Kopf von der linken Schulter zur Brust hinabwarf, wie Helen es in der Moschee gesehen hatte. »Der Geist ist über ihm. Er ist ein Ilhamiyah, ein von Gott Besessener. Bald wird Gott aus seinem Mund reden.« Ralph warf Gamâl einen forschenden Blick zu, aber es war weder Lächeln noch Spott auf dem Gesicht des Scheiks zu lesen. Der, der vor Lachen gluckste, kreuzte jetzt die Hände über der Brust und begann auch mit dem Kopf hin und her zu wackeln. Der Schluchzende zog die Beine hoch; wie ein Krampf ging es durch seinen magern Körper, und plötzlich ertönte ein klagendes »Allah« aus seinem verzerrten Munde. Es sah aus, als ob er den Laut aus seiner linken Schulter hervorzog und gegen sein Herz sandte. Er wiederholte es wieder und wieder, lauter und lauter, bald von der linken bald von der rechten Schulter. Er krümmte sich zusammen, bis sein Mund die Beine berührte, und jetzt war es, als ob er den Allahruf aus seinen Knien herausholte, mit dem Kopf hochhob und in seiner Kehle verwahrte, bis er sich zusammenkrümmte, daß seine Lippen fast die Herzgegend berührten und den Ruf mit einem langgezogenen »– lah« in sein Herz hineinströmen ließ. Unablässig wiederholte er diese Bewegung und diesen Ruf, schneller und schneller, bis der Schweiß auf seiner Stirn perlte und sein Körper in höchster Verzückung bebte. Der, der gelacht hatte, begann jetzt auch zu rufen. Mit geschlossenen Augen beugte er den Mund zur Nabelgegend herab und hob dann langsam den Kopf zur linken Schulter, indem er ein klagendes »La« ausstieß. Darauf legte er den Kopf so tief in den Nacken, daß die Kehle über das Kinn herausragte und ein gurgelndes »Iláha« seine gestrammten Halsmuskeln erzittern ließ. Dann richtete er den Kopf wieder auf und warf ihn mit einem halberstickten, schluchzenden »Illá'lláhu« zum Herzen herab. Es war ein qualvoller Anblick. Helen wurde beinah übel, sie griff nach Ralphs Hand. »Was bedeutet das?« flüsterte er. »Lá-Illáha-Illállahu heißt: ›Es gibt keinen Gott außer Gott‹ . – Sehen Sie, wie er sich die heiligen Worte aus dem Körper zieht und in seinem Herzen sammelt. Denn die ganze Weisheit Gottes sitzt im Menschenherzen, und jede Anbetung, die ihren Weg zum Herzen findet, findet auch ihren Weg zu Gott!« Ein Dritter lag zusammengerollt auf der Erde, einen endlosen Redefluß von unverständlichen Worten herplappernd, während er sich tief atmend langsam aufrichtete. Die Stimme wurde lauter und lauter, und endete schließlich mit einem Fistelton, während der Kopf ganz hintenüber lag und die Augen bei der großen Anspannung ganz aus ihren Höhlen traten. Einen Augenblick schwieg er. Dann begann das Herrappeln von neuem, während er unter langsamem Ausatmen Kopf und Oberkörper in die zusammengerollte Stellung zurückbewegte, die er zuerst eingenommen hatte, und die Stimme hohl, tief und stöhnend wurde, während des ganzen Redeflusses tasteten seine Finger krampfhaft über die großen braunen Fruchtkerne seines mächtigen Rosenkranzes. »Er sagt Allahs neunundneunzig Namen her,« erklärte Gamâl. »Es gab einmal einen Derwisch in Peschavár, der brachte es so weit, daß er den Atem drei Stunden lang anhalten konnte; er war ein sehr heiliger Mann.« Wieder warf Ralph Gamâl einen forschenden Blick zu. Aber es war kein Schatten von Ironie in dem leberfleckigen Gesicht zu sehen. »Er erreichte Marifah, die völlige Erkenntnis Gottes.« »Was ist die erste Stufe?« fragte Helen. »Das ist ein Talib – ›der Gott-suchende‹.« Ralph betrachtete Helen; sie lehnte den Kopf gegen die Wand und schloß die Augen. »Die nächste Stufe auf der Leiter der Erkenntnis ist ein Murid – der sich unter das Gesetz beugt. Und die dritte Stufe ist ein Salik, das bedeutet ›der Reisende‹.« »Der Reisende?« fragte Ralph, während Helen wieder die Augen öffnete und Gamâl ansah. »Das Leben ist eine Reise, und ein Reisender ist, wer richtig zu leben versucht. Sehen Sie, alle diese nähern sich Gott. Der dort ist noch auf Nasut, der Stufe des Gesetzes; der Schluchzende aber hat Malakut erreicht, er ist auf der Stufe der Reinheit und gleicht bereits den Engeln. Der Murshid, der bis jetzt stumm dagesessen und seinen Blick vom einen zum anderen Derwisch gesandt hatte, faltete jetzt die Hände flach über der Brust, hob den Kopf, schloß die Augen und begann zu beten mit einer klagenden Stimme, deren tiefer Ernst Ralph wider Willen zu Herzen ging. Gamâl hatte die Beine unter sich gekreuzt und unwillkürlich dieselbe Stellung eingenommen wie der Oberste, seine Augen lagen auf dem langen, unbeweglichen, weißen Gesicht, während er für Ralph und Helen die Worte übersetzte, die der Oberste rief: »Er ist der Erste – Er ist der letzte – Er ist der Offenbarende – und Er ist der Verborgene – Er kennt alle Dinge!« »Er ist mit dir, wo du auch weilst!« »Er ist dir näher als deine Halsader!« »Wohin du dich auch wendest, dort ist Sein Angesicht!« »Er umfaßt alle Dinge!« »Alles auf Erden wird vergehen, Sein Angesicht aber wird ewiglich in Hoheit und Ehre erstrahlen!« Jedesmal, wenn er zu einem neuen Satz anhub, ging ein Leben durch die Verzückten, als spielte seine Stimme auf den von Ekstase verzerrten Körpern und reizte sie zu immer neuer Anspannung. Obgleich alle durcheinander schrien, klang die Stimme des Obersten doch tief und feierlich durch den Wirrwarr. Kaum war er fertig, so begann er von neuem, immer lauter, bis er aus vollen Lungen schrie. Plötzlich sprang er in die Höhe, wobei der helle Wahnsinn ihm aus den starren Augen leuchtete, wie durch eine unsichtbare Feder mit ihm verbunden, sprangen alle Derwische gleichzeitig auf. Der Schluchzende tastete sich zu dem Lachenden hin und legte seine Hand auf dessen Schulter; der Lachende legte die Hand auf seinen Nachbarn, und so immer weiter, bis alle – Ralph zählte einundzwanzig – in einer einzigen ununterbrochenen Kette hin und her wogten. Jetzt näherten sich die Flügelmänner einander, von einer unsichtbaren Macht getrieben, legten sich die Hände auf die Schultern, und als die Kette geschlossen war, rasten sie, wie von Stoßwinden getrieben, von der einen Seite des Saales zur anderen, indem sie wie aus einem Munde riefen: »Er lebt – wahrlich Er lebt!« Sie drehten die Köpfe in alle vier Himmelsrichtungen und schleuderten die Rufe heraus, bis ihre Brust von aller Kraft entleert war. Da löste sich die Kette; die Derwische schlugen sich auf Stirn und Herz, sie seufzten, weinten, wimmerten mit hängenden Köpfen und taumelten durcheinander, in äußerster Ermattung. Dann fielen sie um, der eine nach dem anderen, und lagen wie Leichen auf dem Fußboden. Helen hatte sich erhoben. Sie war totenblaß und ihre Augen waren weit aufgerissen vor Entsetzen. Sie hatte Herzklopfen und Schwindelgefühle. Ralph sah es und faßte sie um die Taille. Auch ihm war die Brust so zusammengeschnürt, daß er kaum atmen konnte. Ihm war, als müsse er lachen oder weinen, tanzen oder springen. Mit einer gewaltsamen Kraftanspannung aber wurde er Herr dieser Anwandlung und wandte sich ab. Da sah er Abbas mit selig trunkenen Augen dastehen und wahnwitzig mit den Armen schwenken. Er packte ihn heftig bei der Schulter, rüttelte ihn zur Besinnung, puffte ihn vor sich her zur Tür und eilte hinter Gamâl her, indem er Helen bei der Hand hielt. Als sie wieder in der mondhellen, totenstillen Straße standen, erzählte Ralph Gamâl, was er empfunden, während Helen, die sich noch nicht erholt hatte, gegen Ralphs Arm lehnte; Ralph sprach seine Verwunderung über die Macht der Suggestion aus, die ihn überwältigt hatte. »Das war nicht Suggestion allein,« sagte Gamâl und lächelte. »Was denn?« »Ein beginnender Rausch. Der Raum war von Hachiis-Rauch angefüllt.« Als Ralph ihn erstaunt ansah, fügte er hinzu: »Haben Sie nicht den Diener mit der silbernen Schale gesehen? Das Pulver, das er in den Kaffee tat, war Hachiis; und die Pillen, die er knetete und in den glühenden Tabak legte, waren auch Hachiis. Seien Sie Ihres guten Mittagessens froh; hätten Sie gefastet wie die Derwische, dann würden Sie jetzt auch im Rausch liegen.« Weder Ralph noch Helen ließen sich am nächsten Tage vorm Frühstück blicken. Sie hatten sich verschlafen und erwachten mit schwerem Kopf und schmerzenden Augen. Gamâl kam ihnen in der Halle auf dem Weg zum Lunch entgegen und lächelte über ihr übernächtiges Ausssehen. Er wollte mit der Mekkabahn nach Haïfa fahren und war ins Hotel gekommen, um ihnen Lebewohl zu sagen. Sie drückten ihm die Hand und dankten ihm für das Erlebnis, das er ihnen verschafft hatte. »Es wäre schön, wenn Sie die Reise mit uns gemeinsam unter den Anhängern Mohammeds, denen noch keine irdische Macht Zügel anzulegen vermocht hat, machen könnten!« sagte Ralph. Gamâl sah ihn aufmerksam an und antwortete nach kurzem Zögern: »Das kann ich leider nicht; da Sie und Fräulein Herz sich aber so lebhaft für die religiösen Phänomene des Islams interessieren, werde ich Ihnen die Adresse eines Freundes in Kairo geben, eines jungen Scheiks an der El-Azhar-Moschee. Er ist Lehrer der Senussijen – das sind die fanatischsten Feinde der Christenheit und der weißen Kultur, – er wird Ihnen während Ihres Aufenthalt in Aegypten von großem Nutzen sein können. Grüßen Sie ihn von mir und sagen Sie ihm, daß ich das, was er für Sie und Fräulein Herz tut, als für mich getan betrachten werde.« Er riß ein Blatt aus seinem Taschenbuch und schrieb eine Adresse darauf, samt einigen Schriftzeichen, die Ralph nicht zu deuten vermochte. Sie dankten ihm noch einmal, begleiteten ihn durch die Halle und gingen dann in den Speisesaal, um zu frühstücken. Sie sprachen nichts; beide dachten an den gestrigen Tag. Indem Ralph zurücktrat, um Helen zuerst durch die Tür gehen zu lassen, sah sie zu ihm auf. In ihren großen, tiefen Augen war ein fragender Blick, den er nicht zu deuten vermochte; ohne recht zu wissen, was er tat, streichelte er ihre Hand. Sie zog sie hastig zurück, hob den Kopf und ging vor ihm in den Speisesaal. Ralph und Helen waren seit einer Woche in Jerusalem. Sie hatten alles gesehen, was die Reisebücher vorschreiben. Sie hatten alle vierzehn Stationen der Via dolorosa durchwandert und die Andacht mitgemacht. Sie hatten die Kirche des heiligen Grabes gründlich besichtigt und am längsten in Helenas Kapelle geweilt, wo das Kreuz gefunden sein soll. Sie waren auf dem Oelberg und in Josaphats Tal gewesen; sie hatten die uralten Gräber gesehen; sie waren in dem alten Judenviertel auf unebenen Steinstufen, unter Wölbungen und durch Torbogen, die alle ihre Geschichte hatten, herumgestiegen. Jetzt standen sie vor der Mauer von tausendjährigen Quadersteinen, die seit Jahrhunderten das auserwählte Volk Gottes von dem Allerheiligsten ihrer Väter getrennt hat, dem Ort, wo Abraham Isaak opfern sollte, dem Platz auf Morias Berg, wo Salomon seinen Tempel aus Gold und Elfenbein errichtete. Obgleich es Freitag nachmittag war, befanden sich nur zwei Juden vor der Klagemauer; der eine war ein alter Kaufmann mit grauen Korkzieherlocken, die ihm von den Ohren bis auf den schmutzigen Pelzkragen hingen – derselbe Typ, den sie so oft im Judenviertel gesehen hatten; der andere war ein junger, moderner Jude mit hervorstehenden, schwarzen Augen in einem blassen Gesicht, ein Tourist wie sie. In seiner Heimatstadt in Europa gehörte er sicher zu denen, die Rasse und Glauben verleugnen, wenn persönlicher Vorteil es mit sich bringt; denn er wendete und drehte sich verlegen vor der Mauer und versuchte sich das Aussehen eines zufälligen Reisenden zu geben; Ralph aber las in seinen Augen, daß er ergriffen war. Wären keine Zuschauer aus Europa dagewesen, würde er vielleicht die nasse Mauer geküßt und laut geklagt, ja, vielleicht geweint haben. Es hatte den ganzen Tag leicht geregnet. Die Luft war rauh und kalt und die Wege aufgeweicht. Der alte Jude mit den Korkzieherlocken und der junge schickten sich zum Gehen an. Ralph und Helen standen noch eine Weile und sprachen darüber, was diese Mauer für Millionen von Mitmenschen bedeutet. Dann wandten auch sie sich zum Gehen, als im selben Augenblick ein hochgewachsener Mann in einem langen, dunklen Talar, der viel zu weit für seinen knochendürren Körper war, auf sie zukam. Er trug seinen schmalen Kopf hochaufgerichtet, die linke Seite des Gesichts aber war lahm und welk. Das linke Augenlid war fast geschlossen, der linke Mundwinkel krampfhaft verzogen; es sah aus, als ob er mit dem einen Mundwinkel lache und mit dem anderen weine. Der lange Spitzbart hing in grauen unordentlichen Strähnen herab. Unter dem Talar sah man das offene, schmutzige Hemd; auf der nackten Brust kam ein Büschel struppiger, grauer Haare zum Vorschein. Die Aermel waren sehr weit und die mageren Hände über dem Gürtel aufeinandergelegt, die rechte Hand auf der Linken. Als er Ralphs und Helens ansichtig wurde, verzog sein Mund sich voller Hohn, und das gesunde Auge drückte solchen Haß aus, daß Helen Ralph erstaunt anblickte, als ob sie ihn fragen wolle, wo sie diesem Mann schon begegnet wären und was sie ihm denn Böses getan hätten. Der Führer sah es und flüsterte: »Das ist der verrückte Rabbi.« Während der Mann an die Mauer trat, um zu beten, erzählte der Führer: »Er ist sehr gelehrt, spricht Englisch, Französisch und Deutsch. Er war irgendwo in Deutschland Rabbiner, bekam aber seinen Abschied, weil er einst an einem Osterfest öffentlich gepredigt hatte, daß Christus der Sohn einer Dirne, namens Miriam, und eines römischen Soldaten Pandhera, und ein ganz gewöhnlicher Betrüger gewesen sei, der in seiner frühesten Jugend in Aegypten gewesen und Zauberkunst gelernt hatte. Es ist eine uralte jüdische Sage; so etwas aber sagt man doch nicht öffentlich! – Darauf reiste er nach Palästina und ließ sich in der heiligen Stadt Safed am Tiberias-See nieder, um den Messias zu erwarten, denn aus Zeichen der Zeit und den Sternen will er lesen können, daß der Messias der Juden bald kommen wird. In Safed bestieg er jeden Morgen den Berg, der der Stadt gegenüberliegt, und spähte in den Wolken nach Elias aus; denn es ist geweissagt worden, daß der Prophet sich auf Safeds Berg offenbaren und den Gläubigen verkünden wird, wann der Messias sich mit seinen Heerscharen Jerusalem nähert. Er wollte der erste sein, der die frohe Botschaft empfängt. – Kaum aber war er ein Jahr dort, als er auf Betreiben des deutschen Konsuls ausgewiesen wurde, weil er die jüdischen Armen, die aus Rußland und Polen und vielen anderen Ländern nach der heiligen Stadt geströmt sind, seit der Zionismus so viel Ausbreitung in Europa gefunden hat, aufhetzte. Er hetzte sie nicht nur gegen die türkische Obrigkeit auf, sondern auch gegen christliche Europäer und Reisende, die keine Juden sind. Es glückte ihm, einen deutschen Archäologen, der seiner Wissenschaft halber in die Stadt gekommen war, für Cherem zu erklären, das heißt bei den Juden in den Bann zu tun, so daß keiner mit ihm sprechen, niemand ihm Lebensmittel verkaufen, keiner ihm den Weg zeigen durfte. Der Konsul verklagte den verrückten Rabbi, und obgleich er unter den armen Juden als ein sehr heiliger Mann galt, mußte er doch fort. – Hier in Jerusalem, wo er seitdem wohnt, verbringt er seine Zeit damit, in Straßen und Läden herumzustreifen, um seine Glaubensgenossen zu veranlassen, Andersgläubige als Cherem zu behandeln; da aber nur die Allerärmsten ihn ernst nehmen, und weil hier alle miteinander handeln, die Juden mit den Christen, die Christen mit den Juden, darf er frei umhergehen. Die Obrigkeit drückt ein Auge zu, um Unannehmlichkeiten zu vermeiden; denn er hat seinen Ruf als heiliger Mann bewahrt, wenn auch keiner seinem Rat zu folgen wagt. – Er kommt jeden Tag zur Klagemauer, um für den kommenden Messias zu beten.« Der verrückte Rabbi war mitten im Schmutz niedergekniet, legte die Hände flach gegen die Mauer und stützte seine schiefe Stirn gegen den nassen Stein. Zuerst betete er murmelnd mit geschlossenen Augen. Dann drehte er den Kopf von links nach rechts, ohne seine Stirn von der Mauer zu heben; jedesmal aber, wenn sein Auge den Platz streifte, wo Ralph und Helen standen, sah man an dem blitzenden Zorn in seinem gesunden Auge, daß seine Gedanken mehr bei ihnen als beim Gebet weilten. Ralph fragte, was er hersage. »Etwas aus dem Talmud!« flüsterte der Führer und zog sich zurück, als fürchte er, daß die Sache nicht friedlich ausgehen würde. Der verrückte Rabbi verstand, was Ralph gefragt hatte, plötzlich erhob er seine Stimme, und jetzt sprach er nicht mehr Hebräisch, sondern ein klares und deutliches Englisch, mit eigenartig harten Kehllauten. Er sprach von der Schlechtigkeit der Menschen und vom Ende aller Zeiten. Er sprach von Sodoms Untergang, und sagte das ganze Kapitel aus dem ersten Buch Moses her. »Jahve, laß deinen Zorn über die Menschen rasen!« rief er, »es gibt noch nicht genug Elend in der Welt, weil die Menschen sich noch nicht gehorsam deinem Gesetz gebeugt haben.« Er sprach von den Posaunen vor den Toren Jerichos. Er rief Elias' Namen und hob sein Auge zum Himmel. Er sprach vom Todesengel, der in dieser Stunde unsichtbar in der verseuchten Stadt von Haus zu Haus gehe und das Zeichen des Verderbens mit unsichtbarem Blut auf die Tore der Christen zeichne. Seine Backen bekamen rote Flecke, sein Gesicht zitterte vor Erregung. Immer höher hob er die Stimme, die Halsmuskeln bebten von der Anstrengung. Er breitete die Arme über die Mauer, die Finger krallten sich gegen den Stein. Dann vergaß er die Fremden und sprach wieder hebräisch. Die Pupille glitt unter das Lid, nur das Weiße des Auges war noch sichtbar; und der Mund verzog sich, selbst die linke Seite bewegte sich ganz schwach. Die Stimme wurde gurgelnd und unverständlich, und die Kehle arbeitete krampfhaft. Schließlich trat ihm Schaum auf die Lippen, er brach zusammen, der Kopf sank ihm auf die Brust, und die Arme glitten langsam an der nassen Mauer entlang in seinen Schoß. Helen fühlte tiefes Mitleid mit dem Wahnsinnigen. »Helfen Sie ihm doch,« sagte sie zum Führer, der sich voller Ungeduld den Arm kratzte. Er blickte erstaunt von ihr zu dem verrückten Rabbi, der zusammengesunken mit geschlossenen Augen dalag. »Ihm helfen? – Der hat keine Hilfe nötig. In kurzer Zeit ist er ebenso lebendig und boshaft wie vorher.« War der Mann krank? Ralph berührte seine Schulter. Im selben Augenblick öffnete der Rabbi die Augen und richtete seinen Kopf mit einem Ruck auf, indem er wild in Ralphs helle Augen starrte, als erwache er aus einem fernen, leidenschaftlichen Traum. Dann kehrte ihm die Besinnung wieder. Er zog seine Schulter zurück, um sich von Ralphs Hand zu befreien, damit sie ihn nicht besudeln solle. Er erhob sich, raffte seinen Talar mit einer Bewegung wie ein König zusammen und legte die Hände wieder auf dem Gürtel übereinander. Darauf wandte er sich hochaufgerichtet an Ralph, und indem er seinen Blick von ihm zu Helen schweifen ließ, und von ihr zum Führer, der mit seinen indolenten, braunen Augen zusah, als ob er sagen wolle: »Wir haben genug von dieser Komödie!« – fragte er auf englisch: »Was wollen Sie hier?« Ralph erwiderte seinen Blick und fragte lächelnd: »Was wollen Sie hier?« Diese Frage verblüffte den Rabbi: Seine Backen bekamen rote Flecke; mit solch tief empfundenem Selbstbewußtsein, daß er fast Ehrfurcht erweckte, trat er auf Ralph zu und sagte: »Ich bin der Auserwählte, der Jahve sehen und sterben soll!« Obgleich ihm der Wahnsinn aus dem Auge leuchtete, lag eine so tiefsinnige und schmerzliche Hoheit auf seiner schmalen, schiefen Stirn, die sich einem unabwendbaren Schicksal stolz darbot, daß Helen den Kopf ganz ergriffen beugte und Ralph erstaunt schwieg. Wieder wechselte der Ausdruck im Gesicht des Wahnsinnigen. Als ob er die Hoheit auf die Dauer nicht tragen könne, senkte er den Kopf, und die Hände lösten sich vom Gürtel. Ein höhnisches und pfiffiges Lächeln im rechten Mundwinkel entblößte spitze, schimmernde Zahnstummel. »Sie sind Amerikaner,« sagte er und streckte Ralph seine mageren Arme entgegen, als wolle er ihn von sich fernhalten und gleichzeitig an sich ziehen. »Und die Frau dort –« Sein Blick bohrte sich in den Helens, während sein Gehirn arbeitete, um das Geschaute zu deuten – »was mag sie nur suchen?« Sein Gesicht wurde plötzlich traurig. Er beugte den Kopf und sah von der Seite mit einem vorwurfsvollen Blick zu ihr auf: »Was nützt euch das Suchen – ihr, die ihr dem Galiläer gefolgt seid? – Wißt ihr denn nicht, daß er ein Aufständiger gegen Jahve war, ein Sohn von Belijaal, ja, von Beelzebub selber. Ich sage euch, er war ein Abtrünniger vom Anfang aller Zeiten. Erst kam er im Balg der Schlange zur Welt und verdarb das Gemüt der Menschen, so daß das Geschlecht an der Wurzel böse wurde. Dann kam er zum zweitenmal und nahm die Gestalt des Sündenbockes an, – sagte er nicht: Seht, ich bin das Lamm, das alle Erdenschuld auf sich genommen hat? – Wißt ihr nicht, daß er Azazel, der Fürst der Wüste war? – Azazel war es, der die Gestalt des Galiläers annahm, vom Berg in der Wüste herabkam und erzählte, daß Satan ihn mit allen Herrlichkeiten des Lebens gelockt habe, – Azazel war es, der Gott verhöhnte, indem er sich Gottes Opferlamm nannte und das auserwählte Volk Gottes zu sich in die Wüste lockte. Und sieh, es glückte ihm! – Seit jener Zeit wandert ihr, Volk des Galiläers, mit dem Tode im Herzen.« Er beugte sich zu Ralph und flüsterte: »Das Ende der Zeiten ist nah. Es gibt Zeichen in der Nacht und Zeichen am Tage. Die Blinden sehen sie – und ich, der ich des Herrn Werkzeug bin, habe die Sehkraft der Blinden bekommen.« »Was sind es für Zeichen?« fragte Ralph. Der Rabbi maß ihn von Kopf bis Fuß mit unsagbarer Verachtung. »Wer bist du, daß du so zu fragen dich vermißt? – Die Zeichen sind für Gottes auserwähltes Volk und nicht für die, auf denen sein Zorn ruht.« Wieder veränderte sich der Ausdruck seines Gesichts. Er sah Helen an, und ein Schimmer von Zärtlichkeit leuchtete in seinem Auge auf. »Sehnst du dich, Weib? – Nach wem sehnst du dich? – Nach dem Messias, so höre –!« Er legte den Kopf auf die Seite und horchte nach oben. »Kannst du das Getöse der Heerscharen hören? – Kannst du sehen, wie es dort oben, wo der Himmel sich halb öffnet, glänzt? – Merkst du den feinen Tau?« Er breitete seine Hände mit nach oben gekehrten Handflächen aus, während ein seliges Lächeln die haßerfüllten Falten um seinen Mund glättete. Entzückt betrachtete er die Feuchtigkeit, die der feine Staubregen über seine Hände breitete. Er führte sie zum Munde und küßte sie. »Noch eine kleine Frist, dann kommt er in seiner Herrlichkeit, der Fürst des Lichts – dort von jenem Berg herab, – und das Flammenschwert des Engels wird überm Tal leuchten – und die Erde wird sich zu ihm emporheben – und alles, was Leben ist, wird leben – und alles, was tot ist, wird noch einmal sterben. Dann rollt der Donner der Vergeltung über die Erde – Schuld trifft sich mit Schuld und fragt: ›Wo kommst du her?‹ – Der Fürst der Dunkelheit aber legt seine Hand auf das Herz, das die Schuld zeugte.« Sein Auge traf Ralphs, und der Ingrimm um seinen Mund kehrte zurück. »Und du glaubst, daß du dem Zorn entgehen kannst? – Cherem sollst du sein vor Gott, jetzt und bis in alle Ewigkeit!« Er griff sich mit beiden Händen an den Kopf, als versuche er Ordnung in seine verwirrten Gedanken zu bringen. »Nach Zeichen hast du gefragt? – Blick dich um in der Welt! Wer herrscht dort? – Wer gebietet über Krieg und Frieden? – Wer sitzt auf goldenen Thronen? – Vielleicht der Galiläer und sein Volk? – Ha, ha, ha – nein, wir, die Auserwählten des Herrn.« Er beugte sich zu Ralph und flüsterte mit einem geheimnisvollen Lächeln: »Weißt du, wie wir gesiegt haben? – Durch Auflösen und durch Sammeln. – Gab es je im Volk des Galiläers Zwiespalt, ohne daß wir dahinter standen? – Gab es je Kampf gegen Könige, Aufruhr gegen Gesetz und den Geist des Gesetzes, ohne daß wir die, die den Zwiespalt säten, vorwärts stießen? – Recht des Individuums – Recht des Menschen – diese fruchtbaren Worte sind von uns erfunden worden. Ihr, das Volk des Galiläers, habt über Körper und Wohlfahrt, über Formen und Worte geherrscht – über all das, was hohl ist. Wir aber herrschten über den Geist der Worte, wir entstellten und verdrehten in unseren Zeitungen. Wer hat die Sonde geformt, die tief geht und in der Tiefe sondiert? – Unser jüdischer Geist, wir sahen Reiche erstehen und Reiche vergehen. Wer herrscht über sie alle? – Der Gedanke der Zeit. Wer aber formt den Gedanken der Zeit, den kalten, zersplitternden Gedanken, mit der Geduld der Ewigkeit? – Das taten wir, das auserwählte Volk des Herrn – die Verfolgten, die Gegeißelten, die Verspotteten! – Wir waren die Ausgespienen, und wir kehrten auf die Lippen derer zurück, die uns ausgespien hatten. Wir waren die Tropfen, die den Stein höhlten, wir waren das Salz der Erde. Aus den lichtscheuen Gassen im Dunkel des Ghetto kamen wir wie Würmer hervorgekrochen, – wir bohrten uns vorwärts, wir fraßen uns durch – wir nährten uns von dem Streit des Galiläervolkes und lebten von seinem Abfall. Wir hatten unsere geheimen Gänge auf der ganzen abtrünnigen Welt. – Wer hat das Reich des Geldes gegründet – die großen vereinigten Reiche des goldenen Kalbes, die über Fürsten und Völker herrschen und sich weder um Rasse, noch um Stand kümmern? – Das taten wir! Wir untergruben Throne und setzten das goldene Kalb statt der Könige darauf. – Und wie haben wir das alles erreicht? – Indem wir nach außen hin auflösten und nach innen sammelten. Wir zersplitterten die anderen und sammelten uns selbst. Wir waren ein Körper und ein Geist. Wir zeugten Gold, und das Gold zeugte uns Kinder, und die Kinder zeugten uns wieder Gold. Wahrlich, der Geist des Herrn war mit uns. Er machte uns zu einem Schwert in seiner Hand – und sehet, jetzt hat er durch sein auserwähltes Volk gesiegt! – Die Zeit der Galiläer ist vorbei: Der falsche Messias ist entschleiert! – Jetzt fällt das Urteil wie Tau vom Himmel.« Der Talar hatte sich geöffnet und fiel in langen Falten an ihm herab. Er hatte die Hände zur Klagemauer ausgebreitet, die ihn vom Allerheiligsten trennte; und sein Auge war hingerissen darauf gerichtet, als höre er dahinter das erste ferne Brausen der himmlischen Posaunen. Er erwachte wieder zur Wirklichkeit, raffte den Talar zusammen, wandte sich an Ralph und Helen und sagte feierlich: »Machet kehrt und gehet den Weg zurück! – Der Gott der Juden ist nicht nur gerecht, er ist auch ein barmherziger Gott.« Dann neigte er den Kopf wie ein König und schritt in seinem schmutzigen Talar über die nassen Steine an ihnen vorbei. Es war Abend. Ralph und Helen gelangten durch das Tor von Damaskus zu dem breiten Weg, der längs der Stadtmauer zu Abdul-Hamids Tor führt. Sie hatten von ihrer merkwürdigen Begegnung mit dem verrückten Rabbi gesprochen. Jetzt gingen sie schweigend nebeneinander her. »Erinnern Sie sich noch,« begann Helen nach einer Weile, »was Schehanna von dem alten Parsenpriester erzählte?« Ralph sah sie fragend an. »Er predigte ihnen von dem Ende der Zeiten.« »Ja.« »Erinnern Sie sich des Natiks der Drusen, des Buckligen, der Abbas verfolgte – auch er sprach davon. – Und nun hier in Damaskus die Gerüchte von dem Mahdi, der in Aegypten erstanden sein soll – ein Mahdi ist ja ein Messias-Prophet, nicht wahr?« »Ja, so etwas Aehnliches.« »Und nun heute dieser verrückte Rabbi, der in Gedanken an den Erlöser lebt, der kommen soll!« »Der Messias der Juden ist kein Erlöser in unserem Sinne. Soviel ich weiß, ist er ein irdischer König, der sein Volk sammeln und ihnen ein tausendjähriges Reich schaffen soll!« Helen ging weiter, ohne etwas zu antworten. Nach einer Weile sagte sie: »Was mag das nur zu bedeuten haben? – Glauben Sie, daß es Zufall ist, oder daß es einen tieferen Zusammenhang hat?« Sie sah zu Ralph auf; ihr Blick gab den letzten Worten einen geheimnisvollen Sinn. Ralph hatte auch schon nachgedacht. Er überlegte eine Weile, bevor er antwortete: »Ich denke mir, daß es eine Zeitströmung ist, das Gefühl von etwas Neuem, das das Alte verdrängen will. Die Orientalen, die die Religion und Politik miteinander vermengen, glauben nun gleich, daß Gott sich rühre und das Ende der Zeiten nahe sei. – Und wie steht es denn um uns kultivierte Menschen? – Kämpfen wir nicht auch gegen unsichtbare Fesseln, die uns hindern, dorthin zu gelangen, wohin wir müssen?« »Wohin müssen wir denn?« »Ja, wenn wir das wüßten, dann wären die Ketten gewiß schon gesprengt, und wir wären am Ziel. – Ist in Ihnen, Fräulein Helen, und in mir nicht auch etwas Neues, was zum Durchbruch drängt? – Sind wir noch dieselben wie vor einem halben Monat – und wo werden wir im nächsten sein? Verändern wir uns selbst, – oder offenbart die Welt ihre Verwandlung durch uns? – Es ist, wie Sie an jenem Abend auf dem Dampfer im Marmarameer sagten: In dem Alten können wir nicht mehr leben, und das Neue haben wir noch nicht erreicht.« Sie antwortete nicht, horchte nur auf die Wärme in seiner Stimme, und dachte, was sich wohl dahinter verberge. »Menschen wollen immer von neuem anfangen,« sagte er nach einer Pause, »aber um anzufangen, muß man einen festen Ausgangspunkt haben. Und der fehlt uns.« »Die Derwische haben einen,« sagte Helen, »darum ist ihre Macht über die Gemüter so groß.« »Ja, hier im Osten weiß man mehr vom Leben als wir. Die Erde können wir Europäer nach unserem Willen formen, aber unsere eigene Seele zu formen, dazu sind wir nicht imstande. Ich habe nie geahnt, wie wenig Wert unser Wissen hat.« Helen sah zu ihm auf und sagte: »Ich habe mal gelesen, daß man glauben muß, um wissen zu können.« Er blickte vor sich hin und dachte über ihre Worte nach. »Das verstehe ich nicht,« sagte er kurz. »Doch,« sie wurde eifrig und trat unwillkürlich näher an ihn heran, »glauben bedeutet ja gerade einen festen Ausgangspunkt haben. Und wie kann man etwas wissen, wenn man nicht einen Mittelpunkt hat, um den man sein Wissen sammelt. Ist nicht alles, was wir wissen, im Grunde Glaube? Glaube an Hypothesen?« »Ja – und an Systeme. Aber man kann eine Lebensanschauung nicht aufbauen, wie man ein System zusammenschweißt – oder eine Brücke baut. Man kann nur aus dem bauen, was ist, nicht aus dem, was kommen soll. Kein System kann für die Zukunft gutsagen, es kann nur Meilensteine auf dem Wege, den das Leben bisher gegangen ist, errichten, nicht auf dem, der vor uns liegt, Leben ist eine Bewegung, deren Richtung und Stärke wir nicht kennen und deren Inhalt sich nicht im voraus greifen läßt, ebensowenig wie man im voraus die Möglichkeiten der Phantasie umfassen kann. Lebensanschauung ist Anschauung von etwas, was ewig im Fluß ist, darum kann sie nicht fest sein; eine feste Anschauung aber brauchen wir, um vorwärtszukommen. Mit anderen Worten: die Aufgabe ist unlösbar, und es ist nutzlos, darüber zu grübeln.« Sein Gesicht strammte sich und er blickte sich um, als wollte er sagen: »Wir wollen von was anderem reden.« »Nein,« sagte Helen stark, »Sie haben unrecht, wir müssen wissen, wie es sich mit dem Leben und unserer Seele und der Welt, der wir angehören, verhält.« »So was sagt man,« er zuckte skeptisch die Achseln, »in der Praxis aber drängt sich das gar nicht auf; man lebt ja sehr gut auch so. Die wenigsten finden es der Mühe wert, ihre freie Zeit zum Nachdenken über ihre Seele zu benutzen, wir fechten uns durchs Leben, von der einen handgreiflichen Herausforderung zur anderen, wir plätschern in der Oberfläche der vorhandenen Anschauungen, die wir abwechselnd aus Sympathie oder aus Berechnung wählen. Eine bestimmte Anschauung, der wir nicht entgehen können und die sich uns mit Macht aufdrängt, wie bei den Menschen des Ostens, deren Leben noch nicht von den Segnungen der Kultur getrübt worden ist, gibt es bei uns nicht.« »Darum kommen wir auch nicht weiter als bis zur Oberfläche, wir schwimmen obenauf, aber wir dringen nicht auf den Grund, wir lassen unsere Handlungen von Zufälligkeiten bestimmen, anstatt durch unsere Persönlichkeit die Verhältnisse zu schaffen, unter denen wir leben.« »Um auf eigene Rechnung leben zu können, muß man eine selbständige Wertschätzung des Lebens besitzen. Und wer hat das?« »Das ist ja gerade der Fehler. Darum meine ich auch, daß nichts wichtiger ist, als zur Klarheit über uns selbst zu kommen. Und das kann man nicht, solange man nicht einen festen Punkt hat, von dem man ausgeht. – Darum haben Sie unrecht, wenn Sie sagen, daß es keinen Zweck hat, darüber zu grübeln.« »Entschuldigen Sie, das ist Frauenlogik!« sagte er und lächelte. Sie aber ließ sich nicht stören. Etwas, was lange unklar in ihr gelegen hatte, begann sich plötzlich, während sie es zu Worten formte, zu klären. »Man kann die Werte des Lebens nicht erkennen, wenn man keinen festen Ausgangspunkt hat. Man wird dann nur die Beute zufälliger Einwirkungen, deren Tragweite man selbst nicht ahnt und die einen Gott weiß wohin führen, besonders wenn man, wie die meisten modernen Menschen, den Instinkt, das unmittelbare Gefühl für das Rechte verloren hat. Nicht nur, daß unser Wille ziellos ist, sondern wir sind nicht mal imstande, ein Gefühl zu nähren, wir können weder lieben noch hassen, unsere Erkenntnis ist schwankend und haltlos, wenn wir alt werden und die intime Berührung mit dem Leben verlieren, die unsere Sinne uns vermitteln, solange wir jung sind und die uns eine gewisse Grundlage geben – wenn wir nur noch durch uns selbst etwas sein sollen, auf das Resultat unseres Lebens gestützt – ja, dann wird nichts als eine trostlose Leere in uns sein. Ich begreife nicht, wie Menschen froh und sorglos leben können. Früher hatte man die Religion in irgendeiner Form; aber heute, wo alle Autorität untergraben ist, wo Kritik vor Glauben kommt, – ja, wer bestimmt da die Werte und zeigt uns, woran wir uns halten können?« »Die öffentliche Meinung!« sagte Ralph mit heimlicher Ironie. »Ach, die öffentliche Meinung!« – Jedes Land und jeder Stand hat eine andere.« »Stimmt. Darum sind die Menschen auch der Ausdruck für den Kreis, in dem sie leben. Für einige bedeutet der Wert des Lebens ein angesehener Name, für andere Luxus und Wohlleben. Für die große Menge geht alles in dem einen gemeinsamen Ziel unter: Geld, – der Generalnenner, mit dem alle Werte der menschlichen Gesellschaft gemessen werden.« »Alles, was Wert hat, kann also ökonomisch bemessen werden?« »Ja, und dort liegt der Mangel, wir haben letzten Endes keinen anderen Maßstab als das Geld, wir fragen nicht nach dem Wert der Dinge an sich, sondern nach ihrem Kurs. Sogar Liebe und Haß, ja, Familiengefühl und Freundschaft – alles hat seinen Kurs. Und auf diese Weise ist die Kultur uns eine Bürde statt einer Stütze geworden, sie hat unser ursprüngliches, menschliches Urteil verdorben. Das wird einem erst richtig klar, wenn man den Vergleich mit dem Osten zieht. Gamâl hat recht, wenn er sagt: Ist es denn so sicher, daß eure Kultur die überlegene ist?« »Was sollen wir denn tun?« »Wir müssen zu dem Ursprung der Dinge zurück. Ich denke mir, daß es so gehen wird, wie es oft in der Geschichte gegangen ist. Die Kultur verfault von innen heraus, bis sie schließlich unter dem Druck anderer Rassen gesprengt wird. Dann kommen die Gelben oder die Schwarzen und erneuern das Menschenleben.« »Glauben Sie wirklich?« Sie sah ihn entsetzt an. »Ja, warum nicht? – Der Zusammenbruch einer Kultur, die sich nicht mehr selbst tragen kann, ist eine Notwendigkeit – und als Notwendigkeit eine Erlösung. Bedenken sie: jede Entwicklung geht durch Tod. Nichts kann geboren werden, ohne daß etwas stirbt; jede Sache hat ihre zwei Seiten.« »Ich sehe nicht ein, warum unsere Kultur so gering ist. Stehen unsere Staaten nicht auf einer höheren Stufe als alle früheren und als die aller anderen Rassen?« »Was sehen Sie denn eigentlich als die ideale Kultur an?« »Die, die der Individualität den freiesten Spielraum und an allen Lebensgütern gleichen Anteil gewährt, die die Bürden gleichmäßig verteilt und Schmerzen verringert, – das wäre meiner Ansicht nach eine ideale Kultur.« »Und Sie finden, daß die europäisch-amerikanische Kultur diese Ideale hochhält?« »Besser als eine andere. – Was hat man in alten Zeiten – was hat man in anderen Weltteilen für die Schwachen und Leidenden getan? – Bedenken Sie unsere ganze soziale Fürsorge! – Bedenken Sie die Eugenic-Bewegung! – Bedenken Sie, daß wir im Begriff stehen, Leiden vorzubeugen , Schwäche zu hindern überhaupt ins Leben zu treten, – Sorgen und Leiden durch den Weg der Auserwählung zu verhüten, damit die Rasse edler und stärker wird. Sind das nicht Zeugen einer hohen und makellosen Kultur?« »Die Eugenic-Bewegung? – Pah, die ist nichts weiter als ein Beweis für eine erdgebundene und kurzsichtige Lebensanschauung. Oder glauben Sie vielleicht, daß Schmerz und Kummer blinde Zufälligkeiten sind, von einer lieblosen Vorsehung wie ein Hagelschauer auf die Welt herabgesandt? Das können Sie, die Sie die entscheidende Bedeutung des Seelenlebens zu betonen pflegen, doch nicht glauben. – Wer weiß, ob die Morgenländer mit ihrem Glauben an die Reinigung der Seele durch die Seelenwanderung nicht recht haben? Wer kann wissen, was das Wichtigste in unserem Wesen ist? – Und wer nichts weiß, sollte vorsichtiger sein, bevor er Eingriffe macht. Ist das Leben nicht ein Kampf ums Dasein? Also nicht nur ein Kampf der Körper, sondern auch der Seelen, wenn wir die Form derselben auch nicht kennen? – Vielleicht ist der Kampf der Seelen mehr an Gesetze gebunden als der körperliche. – Ja, wir sind noch weit zurück. Auf unsere Zeit, auf unsere Zivilisation passen die Worte der Bibel besser als auf sonst eine ›Wir machen uns Kummer und Sorgen über mancherlei Dinge, ja, über alles zwischen Himmel und Erde, – und vergessen darüber das einzig Notwendige‹. Ist es nicht bezeichnend genug, daß weder Sie noch ich die einfache Frage beantworten können, die entschieden werden müßte, bevor wir etwas anderes beginnen: Was ist das Wesentliche und was ist das Wertvolle? – Wir kämpfen auf Tod und Leben für eine Menge Bedürfnisse, ohne uns klargemacht zu haben, ob sie überhaupt des Kampfes wert sind. Und hierin sind uns die Morgenländer – das hab ich bereits erfaßt – weit voraus. Sie haben die Hohlheit dessen, woran wir uns mit aller Macht klammern, eingesehen. Darum lassen sie das einzig Notwendige auch nie aus dem Auge. – Wenn wir sogenannten Kulturvölker darüber klar werden könnten, was in Wahrheit wertvoll und in Wahrheit wesentlich ist, dann wäre die Kulturaufgabe leichter zu lösen. – Eine Lebensanschauung ist wie ein Licht, das sich in einer Linse bricht, und diese Linse ist die menschliche Individualität. Verschiedene Linsen geben verschiedene Bilder. Das Gesamtbild aber ist der Ausdruck für das allgemein Menschliche, für das, was wir Kultur nennen. Die Eugenic-Bewegung, das neueste Produkt unserer Kultur, ist darum begrenzt, weil es nur diejenigen Linsen anerkennt, die Bilder ergeben, die zu dem Gesamtbild passen. Und sie ist feige, weil ihr der moralische Mut fehlt, die Konsequenz ihres Standpunktes zu ziehen und die irreführenden Linsen zu vernichten; statt dessen will man vorbeugen, daß sie überhaupt entstehen. Wir hochkultivierten Abendländer wollen das Erdenleben zu einem Klub machen, wo die Mitglieder durch Würfel abstimmen, ob man neue zulassen will oder nicht. Für Morgenländer aber ist das Leben wie es ist – ein Gefäß mit zahllosen kleinen Löchern, durch die das Leben unaufhörlich ein- und aussickert; wenn es an einer Stelle herausgedrängt ist, taucht es an einer anderen wieder auf. Wir Abendländer aber stellen eine Wache am Eingang auf und fordern Kontrollbillette.« Helen dachte über seine Worte nach, und ein plötzlicher Mißmut überfiel sie. Sie sah ihn mit solch inniger Sehnsucht in ihren großen grauen Augen an, daß er tief gerührt wurde. »Was sollen wir denn nur tun, um das Wesentliche herauszufinden?« »Wir müssen alles Ueberflüssige, was wir Kulturmenschen mit uns herumschleppen und was die Vorurteile gezeugt hat, die unser Leben beschweren, aus unserem Herzen herauskehren; denn solange wir diesen toten Stoff mit uns herumtragen, sind wir nicht imstande, ursprünglich zu denken oder zu fühlen. Sprießt ein neuer Gedanke oder ein neues Gefühl hervor, gleich wird es von dem überschattet, was vor ihm war; es ist nirgends ein Platz frei. Das Neue wird gezwungen sich anzupassen, darf sich nicht seiner eigenen Natur nach entfalten. Es gibt keine großen Persönlichkeiten mehr. Die Vergangenheit der Menschheit, so wie sie in jedem einzelnen Kulturhirn aufgespeichert ist, erstickt das Eigenartige im Keim. Wenn der Mensch mit freigemachtem Gehirn und frischen Augen der Natur gegenübergestellt würde, wie Robinson auf seiner Insel, dann käme der neue Mensch von selbst, dann käme die neue Religion, die alle um das Wesentliche sammeln kann, dann kehrten die ursprünglichen Einschätzungen von Glück und Unglück, von Gut und Böse wieder. Dann bekämen wir die Weisheit des Kindes zurück, die darin besteht, das Wesentliche zu fühlen und darin zu leben. – Sehen Sie mal, wie weit sind wir mit all unserem Wissen in dem zurückgeblieben, was uns am nächsten liegt! Verstehen wir die Kunst zu leben? – Haben wir einen Leitfaden, in der Kunst zu siegen? – Alles das ist dem ureigensten Empfinden des Individuums überlassen; da wir aber die Instinkte verloren haben, sind wir in dem, was uns näher liegen müßte als irgendeine angelernte Kunst, am weitesten zurückgeblieben. Wir haben Staatswissenschaften und Rechtslehre, Hygiene und Ethik, aber eine Lehre vom Individuum, ein Handbuch der praktischen Lebensweisheit haben wir nicht, wie man seine Eigenart am besten entwickeln, wie man im persönlichen Leben mit möglichst wenig Kosten siegen kann, darin sind die Völker des Ostens uns weit voraus; wir haben diese Weisheit vergessen oder keine Zeit dafür gehabt; wir hatten so viel mit der Welt um uns herum zu tun, daß wir die Welt in uns selbst vernachlässigten. Wir, die wir von allem Möglichen Bescheid wissen, sind nicht einmal imstande zu sagen, was Glück und was Sieg ist. Fragen wie diese: wie besiegen wir Schmerzen? Wie sparen und vermehren wir unsere Seelenkräfte? – können wir ebensowenig beantworten wie wir feststellen können, was gut und wahr und schön ist. Nicht nur Schehanna und ihre Parsen, auch der arme Natik und der heulende Derwisch, den wir neulich sahen, wissen besser über diese ersten und wichtigsten Dinge Bescheid, als sowohl Sie wie ich. Es kann mit wenigen Worten gesagt werden, was wir nicht wissen, und was doch das Wichtigste für uns zu wissen wäre: Wie können wir ganze, freie und glückliche Menschen werden? – Wenn unsere Sinne uns gestatteten, die ganze Natur zu überschauen, statt nur einen kleinen Bruchteil derselben, dann würden wir gleichzeitig Ursache und Wirkung, die Vergangenheit in der Gegenwart und die Zukunft als Resultat der wirkenden Kräfte der Gegenwart erkennen können. Wir würden jede isolierte Handlung als ein Produkt des Zusammenwirkens aller Kräfte durch alle Zeiten erkennen und wissen, was Natur, was Leben und Tod ist – was aus dem anscheinend sinnlos Geborenen und sinnlos Getöteten wird – warum Tölpel leben und regieren dürfen, während Genies frühzeitig sterben. Dann werden wir erkennen, was Liebe und Verpflanzung, was menschlicher Fortschritt – und was Persönlichkeit ist.« Ralph hatte noch nie so viel und so eingehend zu ihr gesprochen. Er war selbst erstaunt über seine lange Rede und blickte mit einem verlegenen Lächeln fort. Helen sah von der Seite zu ihm auf. Sie hatte ihn nicht ganz verstanden. Er ging von Voraussetzungen aus, die ihr Leben nicht enthielt. Es waren die Gesichtspunkte eines Mannes ; aber obgleich sie nicht alles verstand, so fühlte sie doch, daß das, was in diesen Tagen in seiner Seele vorging, mit dem, was sich in ihr rührte, eng verwandt war. Und sie fragte sich selbst: Welche Bedeutung wird er für mich bekommen? Im selben Augenblick tauchte ihr eine andere Frage auf, die ihr noch wichtiger erschien: Was werde ich ihm sein können? Ihr Herz schlug stärker; unwillkürlich ging sie schneller, so daß sie ihm um einige Schritte voraus kam. Er begriff, daß sie sich von ihm entfernte, weil sie im Grunde ihres Herzens fürchtete, daß er ihr bereits zu nahe gekommen sei. Er fragte sich selbst erstaunt: Wie ist es möglich, daß ich hier gehe und philosophiere, – ich, der ich mich sonst nie mit Dingen beschäftige, die nicht von Beobachtung und Erfahrung kontrolliert werden können? – Und hatte er ihr eigentlich nicht von ganz anderen Sachen sprechen wollen? Er erinnerte sich seiner Gefühle für sie auf dem Dampfer, als sie ihm ihre Lebensgeschichte erzählt hatte. Damals hatte er Mitleid mit ihrer einsamen, verlassenen Jugend gefühlt. Jetzt war es anders geworden. Nicht mehr der Gedanke, ihr zu helfen, wärmte ihm das Herz, sondern der Gedanke, sie zu besitzen. Sie schien zu merken, was er in diesem Augenblick, fühlte, denn ein leises Beben ging durch ihre Schultern – jenes Zittern, wie bei einem plötzlichen Kälteschauer, das er bereits früher an ihr beobachtet hatte. Ihm ahnte, was es bedeutete. Unwillkürlich streckte er die Hand nach ihr aus und flüsterte »Helen«. Er sah, daß sie es gehört hatte; aber sie drehte sich nicht um, und er wagte es nicht zu wiederholen. Das »Helen«, das Ralph seiner Reisegefährtin zugeflüstert hatte, ließ sie nicht wieder los; es wuchs im Verborgenen. Hätte sie sich gleich zu ihm umgedreht, dann wäre es vielleicht überwunden gewesen, das fühlte sie. Statt dessen war es durch all das, was, unausgesprochen zwischen ihnen blieb, noch gewachsen. Auf dem Dampfer von Jaffa nach Port Said hatte sie jedes Alleinsein mit ihm vermieden und dafür Sorge getragen, daß Schehanna immer bei ihr war. Jetzt, bei ihrer Ankunft in Aegypten, wo sie in den schönsten Frühling kamen, machte ihre Besorgnis einer stillen, etwas wehmütigen Freude Platz; und auf dem Wege von Port Said nach Kairo wechselte ihr Gemüt wie Frühlingswetter; bald bekam sie Lust zu lachen und zu singen und gab diesem Drang auch nach; bald dachte sie an ihre Kindheit, bis ihr die Tränen kamen. Als sie vom Hotel-Omnibus über die große Terrasse von Shepheards Hotel ging, mit den vielen lächelnden und genießenden Menschen in hellen, leichten Toiletten unter den elektrischen Lampen, da dachte sie: jetzt will ich leben. Und als sie an Ralphs Seite über den langen teppichbelegten Gang zu ihren Zimmern ging, hatte sie das Gefühl, daß sie sich über Weg und Ziel einig wären. Sie dachte bei sich: wir wollen uns helfen, denn wenn man ein Ziel erreichen will, muß man zu zweien sein. Schehanna, deren Zimmer neben dem Helens lag, kam herein, um ihren Koffer auszupacken. »Morgen will ich ein weißes Kleid anziehen, wie die anderen,« sagte Helen und legte es bereit. Als sie ihr Haar löste, begegneten ihr Schehannas Augen im Spiegel. Helen lächelte ihr zu, und Schehanna erwiderte ihr Lächeln; plötzlich aber wurde sie ernst und ihr Blick erstarrte: sie hatte Ralphs Ferved in Helens Augen gesehen. Während Helen ihr weißes Kleid anprobierte, dachte Schehanna über die Veränderung nach, die mit ihrer Herrin vorgegangen war. Helen lachte, sang und plauderte indessen unausgesetzt. Plötzlich aber schlang sie ihre Arme um Schehannas Hals, legte den Kopf auf ihre Schulter und weinte; sie wußte selbst nicht warum; sie war so glücklich in ihrem Herzen. Indessen stand Ralph im Pyjama auf seinem Balkon und blickte durch die Nacht in den dunklen Garten hinaus, wo Palmen einander in der milden Lust zuflüsterten. Das Gras flimmerte von leuchtenden Insekten und der Himmel von blitzenden Sternen. Ihm war, als ob er plötzlich auf einem fremden Weltkörper erwacht sei und sich nach seiner alten Heimat umblicke. Er sah wie in einem fernen düsteren Nebel das Häusergewirr von Neuyork und mitten darin sein elegantes Schlafzimmer. Wie hatte er dieses Leben einundzwanzig Jahre aushalten können? – Jetzt, wo das Dasein sich ihm enthüllt hatte, sah er erst recht, wie leer und traurig es gewesen war. Leben hieß, einen anderen Menschen in seinem Herzen und Hirn tragen. Er war von Helen besessen, wie er es früher von seiner Arbeit gewesen war; aber es war nicht die dumpfe, drückende Empfindung von einer schweren toten Masse, mit der er kämpfen mußte, um sie zu bewältigen; es war ein seliges Gefühl des Tragens und Selbstgetragenwerdens. Die Zikaden sangen, die Sterne funkelten; ihm war so leicht zumute wie seit seiner Kindheit nicht mehr. Er stand über allem, und außer einem war ihm alles gleichgültig. Meinetwegen können Sie sich in den Staaten bekämpfen, dachte er, und meine Himmelsbrücke in die Luft sprengen, was kümmert es mich, ich bin keine Arbeitsmaschine mehr, ich bin ein Mensch und verliebt. Eine Sehnsucht, so stark, daß er sie wie Schmerz empfand, begann plötzlich in seinem Gemüt zu bluten. Er seufzte und ging hinein. Inzwischen lag Abbas mit Stiefeln und Kleidern, so lang er war, auf seinem Bett und fuchtelte mit den Armen durch die Luft. Er war krank vor Sehnsucht nach Schehanna, nach ihren Augen, ihrem Haar. Er sah sie so leibhaftig vor sich, daß er den Duft ihres Körpers, der wie Wein auf ihn wirkte, zu spüren meinte. Er sah, wie ihre Brust sich hob, und er rang die Hände, er seufzte und wälzte sich und dachte an ihre weichen Arme, die er so oft im geheimen berührt hatte. Die warme Nacht hitzte sein Begehren, daß er nicht schlafen konnte. Ich will sie besitzen, dachte er, morgen muß ich sie haben; und er verlor sich in Liebesphantasien, bis der Schlaf ihn übermannte. Als Schehanna in ihr Zimmer kam, dachte sie an das, was sie in Helens Augen gesehen hatte. Die ganze Zeit war es ihr gewesen, als habe sie Ralphs Ferved im Zimmer gespürt, und als Helen die Arme um ihren Hals schlang, ahnte sie, daß sein Ferved sich im selben Augenblick mit dem ihren verband. Sie sagte ihr Ashem-vohu und betete zu den guten Gedanken, den guten Worten und guten Taten, daß sie einen Kreis um Helen schließen möchten, auf daß nichts Unreines in ihr Gemüt käme. Sie flehte Segen auf sie herab, damit sie Ralph in seinem Kampf um das Licht beistehen könne. Ralphs Ferved vereinigte sich in ihren Träumen mit dem Darabs, und sie betete, daß Helen mehr Glück haben möchte, dem zu dienen, der ihr Herr geworden, als es ihr bei Darab vergönnt gewesen war. Ralph saß auf der Terrasse und wartete auf Helen, um mit ihr zusammen das erste Frühstück einzunehmen. Abbas stand etwas entfernt und blickte voll Interesse über die Straße, wo eine lange Reihe Autos vorm Hotel hielt, wahrend die Dragomons sich längs der Treppe herumtrieben, darauf wartend, daß die Herrschaften ihren Arbeitstag beginnen sollten. Abbas hatte noch nie solche große Stadt gesehen. Er lachte und schwatzte laut mit sich selbst, den Fes im Nacken, Schweißperlen auf seiner langen Nase. Durchs Glasdach schien die Sonne auf ihn. Er kratzte sich vor Verwunderung den Arm und machte Bemerkungen über die Gäste, die über die Treppe zu den wartenden Wagen gingen. »Herr, sehen Sie die dort – die wunderschönen Augen!« Zwei Amerikanerinnen in weißen Kostümen mit weißen Automobilschleiern und Schärpen erregten seine höchste Bewunderung. Er folgte ihnen ein Stück und nickte ihnen zärtlich lächelnd mit seinem langen Gesicht zu, als sie auf der Treppe stehenblieben, um sich nach ihrem Begleiter umzusehen. Oh, wie groß und herrlich die Welt war! Abbas träumte seinen alten Herrschertraum, daß er hinaus wollte, um die Welt zu erobern, wenn er genug gelernt und gesehen hatte. Helen und Schehanna standen weißgekleidet in der Hoteltür und sahen sich nach Ralph um; er hatte ihnen sagen lassen, daß er sie auf der Terrasse erwarte. Als Helens Augen den seinen begegneten, errötete sie wie eine junge Braut. Bei dem starken Willensausdruck, der auf seinem Gesicht leuchtete, bekamen ihre Augen einen bittenden und scheuen Ausdruck, und die Falte zwischen ihren Brauen zitterte. Sie zögerte, beugte den Kopf und dachte mit einem plötzlichen, unerklärlichen Schmerz, daß es alles ganz anders sei, als sie gestern abend geträumt hatte. Sie nahm seine Hand, wagte aber den festen Druck derselben nicht zu erwidern, denn ihr war, als ob er ihr damit ans Herz griffe und zu sich zwänge. Er sah ihre Verwirrung, ließ ihre Hand los, und ein plötzlicher Aerger glitt wie ein Schatten über sein Gesicht. Da lächelte sie und war wieder natürlich. Schehanna erweckte Aufsehen bei den Gästen durch ihre matte Farbe, die Farbe der kranken Perle, die von ihrem blendend weißen Kleid, den dunklen, verschleierten Pupillen in dem sanften Opal ihrer Augäpfel, dem rabenschwarzen Haar, das unter der leichten Sommerhaube über ihre kleinen Ohren fiel, noch gehoben wurde. Abbas war stumm vor Entzücken über Schehanna in ihrer neuen Toilette. Seine schmalen Hände, die er von sich streckte, indem er, ohne es zu wissen, Ralph kopierte, zitterten; seine Nasenflügel bebten, während er Schehanna mit seinen braunen Augen, die von unbewußter Begierde blank waren, verzehrte. Indem ihre Augen die seinen streiften, schoß ihr das Blut in feinen Pünktchen in die Wangen, wie die Röte eines reifen Pfirsichs. Abbas und Schehanna nahmen an einem Tisch hinter ihrer Herrschaft Platz, und kurz darauf kam der Kellner mit dem Frühstück. Als sie fertig waren, gingen sie über die Terrasse, von Dragomans umringt, die sie schon lange im Auge gehabt hatten und jetzt zu einem der wartenden Automobile führen wollten. Helen und Ralph aber mochten nicht fahren; sie wollten von dem Leben, das auf der sonnenbeschienenen Straße flutete, berührt, nicht getragen werden; sie wollten sich davon mitreißen lassen, den warmen Atem auf ihrem Gesicht spüren. Sie gingen paarweise über den breiten Fußsteg. Die warme Luft schlüpfte durch Helens dünnes, weißes Kleid, über Hals und Arme, während sie den blendenden Frühling in tiefen Zügen atmete und für eine kurze Weile vergaß, wer an ihrer Seite hing. Das Leben nahm sie in seine starken Arme und füllte ihre sehnsuchtsvolle Seele mit einer volltönenden Musik, die sie atemlos machte, während sie ihr lauschte. Ihre Sinne öffneten sich der Welt wie noch nie; die Dinge teilten sich ihrer Seele nicht nur durch ihr sichtbares Aeußere, sondern auch in ihrem inneren Zusammenhang mit. Ein junges Paar kam ihnen entgegen, dicht aneinandergeschmiegt, mit Panamahüten und Stöcken, so elastisch schreitend, daß sie förmlich auf sie zugetanzt kamen – Helen empfand ihr Liebesglück so intensiv, daß sie errötete. Dort stand ein zerlumpter Bursche mit funkelnden Spitzbubenaugen in einem braunen Gesicht, und langen, weißen Zähnen hinter halbgeöffneten Lippen – er nestelte an dem Sattelknopf seines aufgeputzten Mietsesels, der das Maul nach einem grünen Blatt auf der Fahrstraße reckte. Helen konnte ihm so lebhaft nachempfinden, was er dachte, als sei sie es selbst, die mitten im Kampf ums Dasein auf eine Tour für den Esel wartete. Sie lächelte ihm unwillkürlich zu, als sie vorbeiging. »Mylady,« rief er, und der Esel, der die Sache schon kannte, kam über den Asphalt hinterher geklappert, »mein Esel ist der beste in ganz Kairo! Sitzen Sie auf – es ist weit bis zur Zitadelle, Ihr hübscher kleiner Fuß kann so hoch nicht steigen. Es ist viel zu warm, Mylady, Sie können nicht gehen!« Die braunen Knirpse, die auf dem Fußsteig neben dem hohen Gitter des Ezbekijeh-Gartens durcheinanderkugelten, mit roten Korallenketten um den Hals, kurzen Hemdchen und nichts weiter an – hatte sie die nicht schon lange gekannt? Sie blieb stehen und bückte sich nach dem Kleinsten. Ralph sah sie erstaunt an. Sie besann sich und lächelte und dachte im selben Augenblick: wie seltsam alles zu einem unendlichen Leben zusammenfließt! Sie gingen an der Villa des internationalen Gerichts vorbei, die weiß und vornehm hinter Palmengruppen lag, an der Ecke bei der Polizeiwache, wo lebhafter Verkehr war, und kamen zu dem Atabelmarkt. Elektrische Straßenbahnwagen bahnten sich bimmelnd ihren Weg zwischen qualmenden und tutenden Automobilen, zwischen staubigen, zweiädrigen Wagen und hinfälligen Droschken. Es wimmelte von Straßenverkäufern. Ein Händler mit gelben Hosen und grüner Jacke ließ kleine Puppen auf dem Fußsteig tanzen, während seinen blutroten Lippen blühende arabische Reden entströmten, mit englischen Wörtern vermischt. Feilahs mit breiten Schultern, schmalen Hüften und demselben kurzen, starken Profil wie ihre Vorfahren, die guten, alten Aegypter, kamen langsam über den Platz geschlendert, mit weit aufgerissenen, blanken Augen, das wogende Leben betrachtend, wovon sie sich in ihrem Dorf nichts hatten träumen lassen. Große dunkle Nubier mit schwermütigen Hundeaugen, in langen Rockhosen und seidenen Jacken, gingen auf ihrem Weg zum Herrschaftshaus, dessen Tor sie bewachten, schläfrig vorbei. Ein Beduine sah sich vor einer Retirade verwirrt um und wußte nicht, in welche Richtung er gehen sollte. Zeitungsjungen liefen schreiend über den Platz. Leute stiegen an der Haltestelle der Straßenbahn mitten auf dem Markte ein und aus. Englische Soldaten in Khakiuniformen kamen mit langen, taktfesten Schritten vorüber, als ginge sie das alles gar nichts an. Ralph nahm einen Wagen; sie wollten nach der El-Azhar-Moschee fahren, um den Scheik zu besuchen, an den Gamâl sie empfohlen hatte. Sie fuhren durch enge Gassen und lärmende Basarstraßen, der Kutscher schimpfte unaufhörlich, bald nach rechts, bald nach links warnende Zurufe austeilend. Am Ende eines sehr belebten Basars machten sie halt. Junge Turbanträger wimmelten durch ein niedriges Tor ein und aus, einige mit Büchern und Manuskripten unterm Arm, andere Brot und Früchte kauend. Sie hatten blasse, gelbe Gesichter mit dunklen Augen, die fest und durchdringend blickten; sie gingen paarweise in leisem, vertraulichem Gespräch oder laut streitend. In der Vorhalle wurden sie von dem Torwächter angehalten; sie mußten Pantoffeln über ihre Stiefel ziehen. Ralph gab ihm den Zettel mit der Adresse des Scheiks. Der Wächter war ein magerer, weißbärtiger Mann mit einem entgegenkommenden Lächeln und mißtrauischen, stechenden Augen. Er führte sie in den Moscheehof, einen großen sonnenbeschienenen, viereckigen Raum zwischen langen Arkaden mit keilförmigen Bögen, die von Marmor- und Porphyrsäulen getragen wurden. Links waren die Wände der Arkaden mit hohen Holzschränken bedeckt. Auf einer Leiter stand ein alter Muselmann und nahm Manuskripte von den obersten Borden. Ueberall in den Gängen und auf dem offenen Hof war es voll von Studenten in gestreiften Djubben und bunten Turbanen; einige gingen in gelehrtem Gespräch auf und ab, andere hockten auf der Erde, den Rücken gegen die Säulen gelehnt. Viele Junge lagen auf den Knien und übten sich in Gebeten, während Lehrer sie in den vorgeschriebenen Bewegungen unterrichteten. Einige lasen laut aus dem Koran, in einem singenden Meßton, wobei sie Kopf und Oberkörper bewegten. Andere wiederum redeten mit allen zehn Fingern. Es war ein Summen wie in einem riesigen Bienenkorb. Der Torwächter zeigte bald auf diesen, bald auf jenen und nannte ihre Namen; es waren berühmte Professor-Scheiks, im ganzen Morgenlande berühmt. In einer Ecke saß eine Gruppe weißgekleideter junger Leute mit flaumigen, mandelbraunen Gesichtern und dunklen Augen unter schmalen Lidern. Ihre Lippen waren vom eifrigen Sprechen gerundet, ihre Hände hastig und in beständiger Bewegung; es lag keine morgenländische Ruhe über ihnen. Sie betrachteten Ralph und seine Gesellschaft mit offenkundigem Unwillen. Einer ballte die Faust, ein anderer runzelte die Brauen. Auch der Scheik, der vor ihnen in der Hucke saß, sah zornig auf. Seine schmale Stirn hatte eine tiefe, lotrechte Falte, die die schwarzen scharfgezeichneten Brauen in die Höhe zog. Die gebogene Nase war an der Spitze schief, die schmalen Lippen vibrierten noch von den Worten, die sie soeben geformt hatten. Unter dem dünnen Bart trat der Adamsapfel stark hervor und bewegte sich unaufhörlich auf und nieder, als ob er etwas schlucke. Es war der Scheik, an den ihre Empfehlung gerichtet war. Der Torwächter gab ihm Gamâls Zettel. Er riß ihn an sich und durchflog ihn; dann hasteten seine gläsernen braunen Augen mit einem prüfenden Blick über Ralph, während der Ausdruck seines Gesichts sich veränderte, die Stirn sich glättete und der Mund sich zu einem Lächeln öffnete. Er erhob sich und verneigte sich grüßend. Als Ralph ihm die Hand hinstreckte, nahm er sie zögernd, als wüßte er nicht recht, was er damit machen solle. Gleich darauf aber besann er sich und drückte auch Helens, Schehannas, Abbas' Hand. »Mein Herr und Freund bittet mich, Ihnen behilflich zu sein,« sagte er auf englisch, »Seine Freunde sind auch meine Freunde. Befehlen Sie über mich; ich bin Ihr Diener.« Ralph bat ihn, sie in dieser merkwürdigen Universität herumzuführen, wo Lehrer und Schüler auf der Erde durcheinander saßen und über die Dinge verhandelten, während Wasserträger mit Ziegenfellsäcken auf dem Rücken und barfüßige Kuchenverkäufer ungeniert zwischen ihnen herumgingen. Abdul-Hassan, so hieß der Scheik, bat sie, vorsichtig zu gehen und leise zu sprechen, um nicht den Zorn der Gläubigen zu erregen. Einige seiner Schüler folgten ihnen von weitem, andere nahmen ihre Bücher unter den Arm und gingen zu ihren Zellen. Hassan führte seine Gäste zu der großen Lesehalle, dem Allerheiligsten der Moschee, mit ihren neun Schiffen, hundertundvierzig Marmorsäulen und vier Betnischen, eine für jede orthodoxe Sekte. Darauf zeigte er ihnen, wo die verschiedenen Nationen ihren Raum hatten. Sie sahen in dunkle, hohe Zimmer mit Matten auf dem Fußboden und Schränken an den Wänden, aber ohne Möbel. Schüler lagen auf den Matten und aßen, andere saßen in der Hucke und lernten laut, indem sie mit dem Kopf den Takt dazu schlugen; andere wiederum schliefen. Die meisten waren von weither gekommen – da waren Studenten aus Ceylon und Hinterindien – sie wohnten Tag und Nacht in der Moschee und wurden von milden Gaben und Legaten unterhalten; auch die Scheiks wurden auf diese Weise bezahlt. »Hier ist das Rivak der Blinden.« Eine Reihe erloschener Blicke in stark bewegten Gesichtern wandte sich zu ihnen um, und ein zorniges Geknurr erklang; der Grimm, den die Augen nicht auszudrücken vermochten, stand auf ihren Lippen zu lesen. »Warum sind sie böse?« fragte Helen. »Weil ihr nicht den richtigen Glauben habt!« sagte der Scheik und sah sie ernst an. Er versuchte Ralph nach seiner Bekanntschaft mit Gamâl auszufragen, und Ralph seinerseits hätte gern etwas über Gamâls Vergangenheit erfahren; aber sie erfuhren beide nur wenig. Sie gingen an der Zelle der Marokkaner vorbei. »Man sagt von ihnen, daß sie zauberkundig sind,« sagte Hassan und machte, daß er vorbeikam. »Was hat das Gerücht von dem Mahdi zu bedeuten?« fragte Ralph. Hassan sah hastig auf. »Dem Mahdi?« fragte er zögernd. »Ja, es hieß in Jerusalem, daß ein Mahdi in Aegypten aufgetaucht sei.« Einige magere Burschen mit schwarzen Djubben und Mützen gingen im selben Augenblick vorbei; sie schnappten das Wort Mahdi auf, mäßigten ihre Schritte und spitzten die Ohren. Hassan zog Ralph hastig mit sich durch die Arkaden, als fühle er sich dort nicht ganz sicher. »Es soll ein junger Einsiedler aus der Wüste sein,« sagte er mit einer abfertigenden Handbewegung, »vom Stamm der Senussijen, es hat nichts zu bedeuten.« Die sonderbare Gesellschaft, die von einem Scheik herumgeführt wurde, den alle kannten, erweckte nach und nach allgemeines Aufsehen. Die Gespräche verstummten, der Unterricht geriet ins Stocken. Hassan fühlte sich dadurch bedrückt und trieb Ralph und seine Gesellschaft zur Eile an. Indem sie quer über den Hof gingen, um die Eingangstür zu erreichen, wurde rings um sie herum von Gruppe zu Gruppe geflüstert. Einige erhoben sich und folgten ihnen von weitem, andere rotteten sich zusammen und versperrten ihnen den Weg, so daß sie um sie herumgehen mußten. Es war offenbar, daß Ralphs unbekümmert forschender Blick und ironisches Lächeln sie reizte. Mehrere betrachteten Helen und Schehanna mißbilligend; unverschleierte Frauen einer fremden Rasse kränkten die Heiligkeit des Orts. Schehanna fühlte sich unbehaglich zumute; sie fand, daß die Luft voll von Darvanden sei und betete unaufhörlich ihr Ashem-vohu, um sie sich vom Leibe zu halten, und gelobte sich selbst eine gründliche Reinigung, wenn sie nach Hause käme. Einige von den weißgekleideten Jünglingen, die der Scheik unterrichtet hatte, kamen jetzt auf Hassan zu und flüsterten ihm etwas zu, das wie Vorwürfe klang. Ralph, der Augen und Ohren offenhielt, meinte das Wort Mahdi zu verstehen. Hassan entschuldigte sich, und Ralph hörte ihn Gamâls Namen nennen. Als sie endlich draußen standen, atmeten Helen, Schehanna und Abbas erleichtert auf. Ralph aber hätte gern noch mehr gesehen. Es gärte etwas, das war klar, und Ralph hatte den Eindruck, als ob die Erregung auf irgendeine Weise mit dem Gerücht vom Mahdi in Verbindung stehe. Im selben Augenblick fiel ihm ein, daß Mr. Lawson, der amerikanische Botschafter, seine jährliche Erholungsreise in Kairo unterbrochen hatte und nach Konstantinopel zurückgekehrt war – sie waren ja seiner Dampfjacht vor Smyrna begegnet – und hatte Gamâl ihn nicht in den Zeitungen auf einen Artikel über ›das europäische Konzert‹ und einen Aufstand des Islams aufmerksam gemacht? – Jetzt bereute er, daß er ihn nicht gelesen hatte. Hassan versprach, Ralph und Helen im Hotel aufzusuchen. Er wollte es sich nicht nehmen lassen, ihr täglicher Führer zu sein, solange sie sich in der Stadt aufhielten; und Ralph willigte ein, als er merkte, daß eine Ablehnung den Scheik kränken würde. Einige Tage darauf machten Ralph und seine Gesellschaft einen Ausflug zu Esel nach Sakkara, um die Apis-Gräber und Ti's Grab zu besuchen. Nur Abbas verstand sich darauf, einen Esel zu reiten; er fühlte sich in seinem Element, saß hochaufgerichtet und schlug dem Langohr die Hacken in die Flanken, während er sich über Helen und Schehanna belustigte, die sich mit Händen und Füßen festklammerten, wenn der Esel sich in Trab setzte. Ralph ritt an der Spitze. Er hatte einen harten Kampf mit seinem Tier zu bestehen, das er zwingen wollte, ihm zu gehorchen und nicht dem Eseljungen, der nebenher lief, wenn Ralph dem Esel seinen Willen mit dem Stock kundtat, schrie dieser empört und drehte den Kopf nach dem Jungen um, als wolle er dessen Hilfe anrufen. Der Junge stand Ralph anscheinend aus vollen Kräften bei, im geheimen aber unterstützte er den Esel in seinem Eigensinn durch kleine verblümte Redensarten, die er zwischen den Schimpfworten einstreute und die nur die beiden verstanden. Abbas lachte laut und ungeniert, bis Ralph den Kopf umdrehte und ihm einen Blick sandte, der ihn beinah um sein Gleichgewicht gebracht hätte. Den Rest des Tages folgte er seinem Herrn mit einem Blick wie ein treuer Hund, der einen Fußtritt bekommen hat. Auf dem Rückweg ritten sie durch einen Palmenhain an dem Dorf Sakkara vorbei und von dort über flaches, üppiggrünes Wiesenland, das im Herbst überschwemmt gewesen war. Am Ende des Wiesenlandes kamen wieder Palmen. Durch die Stämme sahen sie in der Ferne das Dorf Mit Rahine, das alte Memphis, wo Ramses des Zweiten Riesenstatue stand, die sie schon auf dem hinweg gesehen hatten. Auf der Grenze zwischen Palmenhain und Wiesenland lag ein Garten hinter einer Hecke, und im Garten eine Villa mit Terrasse, Balkon und großen weißen Fensterbögen. Helen war vom Reiten ermüdet und stieg vom Esel. Sie trat mit Ralph an eine weiße Gittertür in der Hecke und blickte über den Garten. Vor der Terrasse war ein mächtiges Beet mit dunkelgelben, hochstämmigen Rosen, die in vollem Flor standen. Die schmalen Wege waren mit Kies bestreut. Auf dem Rasen mit dem hohen, dunklen Gras standen Gruppen von Tuja, jungen Zypressen und immergrünen Büschen, die sie nicht kannten. Stiller Friede lag über diesem Rasenhain im Schatten hoher Dattelpalmen. »Hier möchte ich wohnen!« sagte Helen und blickte sehnsuchtsvoll zu den Rosen hinüber. Alle Fenster waren verhängt, die Türen auf der Terrasse und den Balkons geschlossen. »Das Haus scheint leer zu stehen!« sagte Ralph und ging zu einer Stelle, wo die Hecke eine Biegung machte. Dort sah er einen dünnen Rauchstreifen aus einem Wirtschaftsgebäude aufsteigen, das hinter der Villa verborgen lag. Er ging an der Hecke entlang, von Helen gefolgt. Ein Hund, der aus seinem Mittagsschlaf aufgeschreckt war, bellte, und der Kopf eines alten Mannes mit einem flachen Strohhut tauchte über der Hecke auf. Ralph grüßte und fragte auf englisch, wer hier wohne. Im selben Augenblick fiel sein Auge auf ein Schild am Eingang. Darauf stand: »To be let« . Der Alte betrachtete Ralph und seine Gesellschaft und sagte auf englisch: »Will der Herr die Villa vielleicht mieten? Sie ist bis April frei.« »Ja,« sagte Ralph, ohne sich zu besinnen. »Kann ich es gleich mit Ihnen abmachen?« Der Mann legte seine Harke hin, öffnete eine kleine Gittertür und forderte die Gesellschaft auf, näherzutreten. Eine alte Frau in einer offenstehenden Bluse kam in der Tür zum Vorschein, grüßte mit runden, neugierigen Augen und zog sich wieder in das Dunkel des Wirtschaftsgebäudes zurück. Helen sah, daß sie dort stehenblieb, ihre Augen leuchteten durch die Dunkelheit. Der alte Mann führte sie durch den Garten, schloß das Haus auf und zeigte ihnen die Zimmer, die mit Korbmöbeln ausgestattet waren. Die Villa gehörte einem englischen Obersten aus der Garnison in Kairo; er war Witwer und augenblicklich nach England beurlaubt. »Ich miete die Villa,« sagte Ralph zu Helen, als sie vor den Rosen standen, »und mir bleiben hier, bis wir Weiterreisen müssen, haben Sie Lust?« Helen sah mit einem begeisterten Ja auf den Lippen zu ihm auf; als sie aber seinem Blick begegnete, hatte sie wieder dasselbe Gefühl wie damals in Kairo, als er ihr die Hand gab, daß er ganz und gar von ihr Besitz ergriff. Nein, dachte sie errötend und versuchte ihr verlangen, bei dem glücklichen Augenblick zu verweilen, zu überwinden. Aus dem gelben Dunkel der Rosen aber schien ihr ein verborgenes Lächeln entgegenzustrahlen, und die leise fächelnden Palmen flüsterten von dem ewig blühenden Leben, das sie beschatteten. In ihrer Ratlosigkeit ergriff sie Schehannas Hand; es war ihre Stärke und Reinheit, nach der sie griff. Was sie in Ralphs Augen las, war nicht das, was sie sich gedacht hatte. Die Vorsehung hatte sie am ersten Tage ihrer Reise zusammengeführt. Ohne daß sie wußten warum, hatte sie ihm ihr Herz geöffnet. Das tiefe verlangen ihrer gleichgestimmten Seelen hatte sie einander nahe gebracht, damit sie auf ein gemeinsames Ziel zustreben, nicht, damit sie sich in einer armseligen Verliebtheit verlieren sollten. Die Rosen riefen, die Palmen lockten, sie meinte, daß sie in der Tiefe ihres Herzens Widerhall fänden. Was konnte geschehen, wenn sie nicht wollte ? – Auf sie kam es an, auf sie allein,. Sie wollte dem, was sie in seinen Augen las, nicht nachgeben, weil sie klarer sah als er. Er würde sie schließlich verstehen, sie wollte es ihn lehren, hatte er nicht selbst von dem wesentlichen gesprochen – hatte er nicht gerade die Worte gefunden, die ihrem Gemüt Klarheit brachten? »Was meinst du, Schehanna?« sagte sie und nahm ihre Hand zwischen ihre beiden, »wollen wir hier bleiben?« Schehanna ahnte, was in Helen vorging und fürchtete für sie; als sie aber den starken Wunsch in Ralphs Augen las, dachte sie: Muß er nicht besser wissen, was seinem Ziel dienlich ist, als ich? – Sie blickte sich in dem lächelnden, friedlichen Garten um und sagte voller Ueberzeugung: »Hier ist es rein und schön.« Als Abbas hörte, um was es sich handelte, wurde er wild vor Begeisterung und nahm unverzüglich den Garten in Besitz. Ralph mietete die Villa bis auf weiteres und bestimmte ihrer Verabredung gemäß Helens Anteil an den Kosten. In der ersten Nacht konnte Helen nicht schlafen. Sie lauschte dem Heulen der Schakale und dem quakenden Gesang der Zikaden; es war so warm wie im Mai. Sie stand auf und ging auf den Balkon hinaus, von wo sie den Garten und den Palmenhain übersehen konnte. Es war kein Mondschein, die Milchstraße aber leuchtete auf den Gartenwegen und dem dunklen Gebüsch der Rosen. Sie dachte an ihr Leben und an ihren Vater. Sie erinnerte sich der Worte, die er ihr übers Grab hinaus mit auf den Weg gegeben hatte, und der Beweggründe, die sie zu der langen Reise veranlaßten. Nur wenn ein Herz leer ist, kann es Gott aufnehmen. Hatte der fremde Mann, mit dem sie zusammen wohnte und der bereits in ihrem Heizen war, sie ihrem Ziel näher oder ferner gebracht? Sie wußte es nicht, sie wußte nur, daß sein Wesen ihr Gemüt bereichert und aus seiner Einsamkeit herausgetrieben hatte. Und sie fühlte, daß es gut sei. Von Verliebtheit aber durfte nicht die Rede sein. Sie wollte sich und ihren Zielen nicht untreu werden. Als sie morgens Ralph im Garten traf, gab sie ihm die Hand wie ein guter Kamerad, und er las in ihrem festen, klaren Blick, daß sie einen Entschluß gefaßt hatte, der sie beide betraf. Er beugte den Kopf und gelobte sich selbst, ihn zu achten. Ralph und Helen ritten auf ihren Eseln nach Bedrachén und fuhren von dort mit der Eisenbahn nach Kairo, um Museen und Moscheen zu besehen. Aber das war nur in den ersten Tagen; bald bekamen sie es satt und zogen es vor, Ausflüge in die Umgebung und zu den Pyramiden zu machen. Schehanna und Abbas blieben zu Hause und besorgten die Wirtschaft mit dem alten Ehepaar, das gewöhnt war, den Oberst zu bedienen. Die Frau kochte und der Mann hielt das Haus rein, und so blieb es auch unter der neuen Herrschaft, nur daß Schehanna als Stubenmädchen mithalf, und Abbas Diener, Bote und Gartengehilfe zugleich war. Abbas hatte sich seinen Gefühlen ganz hingegeben und folgte Schehanna wie ihr Schatten, während sie die Zimmer aufräumte, stand er in der offenen Balkontür und erzählte ihr, wie schön sie sei, und daß er nachts von ihr geträumt habe. Er half ihr, wenn sie Blumen für die Vasen pflückte, und wenn sie sie ihm reichte, berührte er ihre Hände und lachte wie über einen guten Witz. Er half ihr beim Füttern der Hühner und Tauben und ließ ihnen all die Zärtlichkeiten zuteil werden, die er ihr zugedacht hatte. Anfangs lächelte sie und ließ ihn gewähren, mit jedem Tag aber wurde er wärmer und heftiger. Er küßte die Blumen, die sie ihm reichte, und seine kleinen Augen brannten, so daß sie vor ihrer Glut den Blick errötend niederschlug. Wenn sie allein waren, sang er ihr Lieder vor, die er von den französischen Frauen im Varieté in Beyrut gehört, und tanzte, wie er sie tanzen gesehen hatte wenn sie nicht hinsah oder sich scheu seinen begehrlichen Händen entzog, gebärdete er sich wie ein verzogenes Kind. Er zupfte sie am Kleid und bettelte mit seinen glühenden Augen, bis sie böse wurde und ihn abschüttelte. Der alte Mann schalt ihn, wenn er es sah, die Frau aber hatte Mitleid mit ihm und steckte ihm im geheimen Keks und Marmelade vom Vorrat des Obersten zu. Als er sah, daß er keinen Erfolg bei Schehanna hatte, begann er verblümt davon zu reden, daß er wohl wüßte, wo ihre Gedanken seien und wovon sie träumte. Aber er wolle nach Europa reisen und bei den großen Hotels in Dienst gehen, um ebenso reich zu werden wie Mr. Cunning; und dann wolle er sie Herrn Ralph abkaufen, denn er wüßte wohl, daß sie sein Eigentum sei, er habe sie aber viel zu teuer bezahlt und würde sie sicher verkaufen, wenn er ein ordentliches Angebot bekäme. Denn was läge Herrn Cunning an ihr? Könne sie nicht sehen, wo er seine Augen habe? – Und er phantasierte etwas über Ralph und Helen zusammen, von Händedrücken und Küssen, die er gesehen habe, von schleichenden Schritten, wenn er nachts wach im Bett läge und aus Sehnsucht nach ihr nicht schlafen könne. Schehanna erschrak und beobachtete Ralph und Helen, wenn sie sie beisammen sah, aber sie konnte nichts entdecken. Der alte Mann hörte Abbas eines Morgens und drohte ihm, daß er Ralph alles sagen wolle. Da nahm Abbas seine Worte zurück und bat so kläglich um Schonung, daß Schehanna begriff, daß alles nur Erfindung sei. Sie hatte Mitleid mit dem Knaben, weil seine Liebe ihn so weit von dem Wege der Wahrheit abgeführt hatte, und sie sprach das Gebet der guten Gedanken, guten Worte und guten Taten für seine unreine Seele. Abbas neuester Einfall war, seinen Herrn zu kopieren. Er sagte » well « wie dieser, kniff die Augen zusammen und lachte wie er; er schlenderte mit langen Schritten, die ganz vom Nacken auszugehen schienen, trug den Kopf hoch und machte den Mund schmal, wie Ralph es zu tun pflegte, wenn er überlegte. Da konnte Schehanna nicht länger widerstehen; sie lachte so herzlich, daß Abbas froh wurde und wieder Hoffnung schöpfte. Ralph sagte sich: Es soll also keine Verliebtheit zwischen uns sein; und entschlossen wie er war, hielt er alle Gedanken, die in diese Richtung wollten, zurück. Im tiefsten Innern hatte er es sich selbst so gedacht, als er ihr vorschlug, daß sie das Haus zusammen mieten wollten; und im Grunde seines Herzens war er froh, daß sie seinen Erwartungen entsprochen hatte. Er, der Zeit seines Lebens gearbeitet hatte, streckte sich auf dem Rasen wie ein Schuljunge. Er lehnte neben Helen am Gartengitter und blickte gedankenlos zu dem klaren Dunkel unter den Palmen hinüber, das vom Licht in Streifen und Strahlen zerschnitten wurde, wenn der Wind die schlanken Blätter bewegte. Er beobachtete das Spiel der Tauben im Hain, als sei es eine Sache von großer Wichtigkeit, und ließ sich von dem verborgenen Lächeln der gelben Rosen verlocken, Zeit und Vorsatz zu vergessen. Nur Sonne und Mahlzeiten kündeten ihm die Zeit an. Er lauschte Abbas' melodischem Geplauder und versuchte auf den Grund von Schehannas verschleierten Augen zu dringen, die etwas verbargen, was auf geheimnisvolle Weise an ihn gerichtet zu sein schien. Er mußte an den Beduinen denken, den er in Beyrut gesehen und bewundert hatte; jetzt verstand er ihn erst ganz und wunderte sich über ihn selbst; wer hätte vor einem Monat geahnt, daß er, Ralph Cunning, der Schöpfer der Himmelsbrücke, so schnell im streberlosen Verweilen das Glück finden würde? Ein neues Ich schien in ihm emporzuwachsen, das sowohl die Welt wie ihn selbst mit anderen Augen betrachtete und ihm einen Schimmer von dem ursprünglichen Gesicht des Gebens zeigte, das er sich als Ziel seiner Reise geträumt hatte. Neuyork und das Leben in seiner Heimat verschwammen wie Bilder in fernem Nebel. Zeitig stand er auf, weil das Sonnenlicht ihn weckte und am Schlafen hinderte. Er hatte die größte Lust, beim Ankleiden zu singen, obgleich er keine Melodien konnte; aber er unterließ es, um Helen nicht zu wecken. Doch es saß ihm in der Kehle und ließ ihm keine Ruhe, bis er es im Garten, der sich strahlend unter den Sternen erneut zu haben schien, herausgesummt hatte. Er schlenderte am zeitigen Morgen unter Palmen und beobachtete den Wiedehopf, der auf dem Rasen umherhüpfte und seinen Federbusch spreizte, wenn er ängstlich oder zornig wurde. Er betrachtete die großen Insekten, die wie Aeroplane schwirrten, mit Sonnenblitzen auf ihren durchsichtigen Flügeln. Bei allem, was er sah, dachte er an Helen. Der Garten und die Palmen und die Rosen waren sie. Es fiel ihm gar nicht ein, daß es ja gegen seine guten Vorsätze verstieß. Eines Tages, als Helen wegen Kopfschmerzen im Bett geblieben war, wurde es ihm plötzlich klar, daß er ein unfreier Mann geworden sei. Es kam ihm so überraschend, daß er die Brauen zusammenzog und zu überlegen begann. Er, Ralph Cunning, der die Fesseln der Arbeit von sich abgeworfen hatte, um ins Leben hinauszuflüchten, hatte sich von neuem binden lassen. Sie, die dort oben hinter der offenen Balkontür lag, hatte ihn gebunden und regierte sein Gemüt mit ebenso fester Hand, wie die Arbeit es vorher getan hatte, wenn auch auf eine ganz andere Weise. Er merkte mit Staunen, daß das Leben ihm ein anderes Gesicht zugekehrt hatte. Was war aus dem Kampf geworden? Was aus dem atemlosen Jagen nach Gewinn, dem Wettlauf mit Geld und Macht als Einsatz? Jetzt schien es ihm, daß die Menschen sich vereinigten, um ein gemeinsames Ziel zu erreichen, daß der Kampf dem Mitgefühl gewichen und die Kämpfenden sich zu Brüdern verwandelt hätten. Hatte sie anfangs nicht einmal gesagt, daß er für seine Mitmenschen arbeitete? Damals machte er sich darüber lustig, – jetzt fühlte er selbst, was ihm gefehlt hatte. Und er blickte mit einem nachsichtigen Lächeln auf die Verworrenheit seiner Vergangenheit zurück. Jetzt schien es ihm, daß die Menschheit gemeinsam auf einen Berggipfel zustrebte – fiel der eine, dann fielen alle – und erreichte einer etwas Schönes und Gutes, dann bekamen alle Anteil daran. Es war ihm, als ob ein großer Herzschlag in allen pulsierte. War es diese Einheit der Seelen, die ihm in der Moschee von Damaskus vorgeschwebt hatte? Schehanna stand am Gitter und blickte zu dem Palmenhain hinüber. Sie sah ihn nicht, aber er sah sie; und er empfand stärker als je, daß ihre Seele auf irgendeine innige Weise mit der seinen verbunden war. Wie heilig und unangefochten sie war, ihr Blick so groß und reich – als ob sie in der neuen Welt, die ihm einen kleinen Spalt geöffnet hatte, Herrscherin wäre. Was will sie von mir, dachte er, wonach sehnt sie sich? – War es Liebe? Oder war es die innerste Natur des Weibes, die sich ihm durch ihren Blick enthüllte? Ja, plötzlich überkam es ihn wie eine Erleuchtung – es war das Weib, sowohl in ihr wie in Helen, es war das Weib, für das ihm zum erstenmal die Augen aufgegangen waren. Das Weib hatte Einzug in seinem Herzen gehalten. »Und herrscht jetzt über mich, Ralph Cunning!« sagte er sich selbst und lachte still über diesen lächerlichen Gedanken; dennoch war er innerlich davon überzeugt. Wie merkwürdig, daß er nie geahnt hatte, daß es zwei Reiche in der Welt gab, – das des Mannes und das des Weibes –, und das des Mannes war das geringere. Das Reich des Mannes hatte den Wettlauf und den Grimm, die Macht und den Haß geschaffen. Wenn aber das Reich des Weibes siegte, würde die Welt vielleicht heller und glücklicher werden. – Unsinn, dachte er und lachte, – und dennoch fühlte er, daß es so sei, nur der alte Ralph, der Erbauer der Himmelsbrücke sagte Unsinn dazu, weil er sich der neuen Wahrheit gegenüber behaupten wollte. Er dachte an das, was Helen von dem Gott gesagt hatte, der sich vor der Welt verbirgt, verbarg er sich vielleicht, weil bisher alle Religionen von Männern für Männer verkündet waren? Wenn er sich einst offenbarte und es zeigte sich, daß er ein Weib war, und daß alle Not davon herrührte, daß Männer stark und töricht genug gewesen waren, Gott zu verleugnen – das Weib zu verleugnen – Helen zu verleugnen – Ralph erwachte mit einem Ruck und sprang auf. Hatte er geschlafen, geträumt – oder was fehlte ihm? – Es war, als ob ein anderer in ihm gedacht habe. Er sah sich erstaunt um. Es war hoher klarer Tag; er saß unter den Palmen und konnte die Gartenpforte drüben sehen. Schehanna war nicht mehr da – war sie denn da gewesen? – Oder hatte er alles nur geträumt? – Was hatte er gefühlt oder gedacht? – Er konnte sich nicht mehr darauf besinnen. Nur eines war in seinem Herzen zurückgeblieben: das Gefühl, daß er das Weib entdeckt habe – und daß das Weib Helen sei. Indessen lag Helen in ihrem Bett hinter der offenen Balkontür und blickte zum Himmel unter der großen Markise hinaus. Tauben kamen angeflogen, setzten sich auf das Balkongitter, legten den Kopf auf die Seite und guckten zu der Hand hinein, die ihnen Mais zu streuen pflegte. Ein Täuberich kam dazu, blähte die Brust auf, tanzte und gurrte, während die Jungen zusammenrückten, nickten und sich zulachten. Der Kopf schmerzte ihr, es klopfte in ihren Schläfen; trotz des Schmerzes aber meinte sie nie glücklicher gewesen zu sein. Das Leben hatte ihr seine Schönheit und Freude auf eine ganz andere Weise offenbart, als sie sich gedacht hatte, wie sie hinausreiste, um es kennen zu lernen. Sie hatte geglaubt, daß das Leben aus zwei ganz getrennten Welten bestände, die es zu vereinen gälte: Ich und die anderen. Jetzt in diesem Land der Sonne konnte sie den Unterschied nicht mehr sehen. Sie meinte in allem, was um sie herum lebte, ihrem eigenen Herzschlag zu begegnen. Sie war mit allen im Bunde, mit Menschen, Tieren und Pflanzen. Sie dachte an ihr Gespräch mit Ralph: Es war ihr, als ob der Durchbruch in der Welt, von dem sie gesprochen hatten, sich in ihrem eigenen Innern vollzöge; sie meinte, es in sich selbst wachsen und gären zu spüren – als ob Flügel gegen eine Puppenhülle drängten, die reif zum Platzen war. Sie fand, daß sie bereits den festen Punkt gefunden hatte in dieser wunderbaren Einheit, in diesem Zusammenfließen von allem, was Lebensodem hatte, – die unendliche Zusammengehörigkeit. Es war ihr, als ob sie von diesem Punkt aus den wahren Wert der Dinge erkennen könne, ja, daß sie bereits begonnen habe, auf dieser Grundlage zu leben. Sie ertappte sich dabei, daß Ralph die ganze Zeit in ihren Gedanken war. Sie fühlte, daß auch er sich nach ihr sehnte. Und plötzlich fragte sie sich selbst, ob dieses ganze neue Lebensgefühl vielleicht nur Verliebtheit sei? Sie setzte sich aufrecht hin und vergaß die Schmerzen vor angestrengtem Denken. War es Verliebtheit, was ihr Herz so lieblich mit allem Lebenden im Takt schlagen ließ? Waren es ihre Sinne, die ihr in dem glücklichen Augenblicksdasein dieses sonnenhellen Landes einen Streich spielten? Beschattete er ihre Seele, so daß sie in Wirklichkeit nur ihn sah, statt des vermeintlichen Lebens? – War sie auf falscher Fährte, im Begriff sich selbst zu verlieren, anstatt, wie sie glaubte, den Weg zum Wesentlichen gefunden zu haben? – Sie, die seit ihrer Kindheit die Empfindung gehabt hatte, daß etwas außerhalb ihres eigenen Ichs Anforderungen an sie stellte – ein Ziel, das darauf harrte, durch sie vollbracht zu werden, – stand sie im Begriff, sich für den Genuß in dem Herzen und Begehren eines Mannes zu leben, einzutauschen? – War das alles, wonach sie sich in der Tiefe ihrer Seele gesehnt, worüber sie geweint hatte, ohne es selbst zu wissen? – Wurzelte das, was ihrem Vater in seinen letzten Stunden Sorge gemacht hatte, nicht tiefer in ihrem Gemüt? – War das die Antwort auf seine Forderung von jenseits des Grabes: Wähle zwischen einem Leben zur Förderung deiner eigenen Persönlichkeit oder zur Hilfe anderer. – Stand sie im Begriff, ihr Ziel zu verlieren, sich für Liebkosungen fortzuwerfen? – Genügten diese Tage in der Sonne, um sie die Summe von Leiden vergessen zu machen, für die ihr Vater ihr die Verantwortung hinterlassen hatte, die Armen und Kranken daheim, die in Angst und Schweigen harrten, daß sie ihren Entschluß fassen würde? Sie, die hinausgegangen war, um Gott und sich selbst zu suchen – hatte sie sich bereits mit der Eroberung eines Mannes zufrieden gegeben? Es war Frühstückszeit. Ralph konnte durch die stille Luft die alte Frau mit den Tellern klappern hören. Irgendwo hinter der Hecke wurde leise gesprochen; vielleicht waren es Abbas und der Alte. Indem Ralph langsam auf die Gartenpforte zuschlenderte, noch erfüllt von Erstaunen über sich selbst, sah er etwas Weißes dort, wo die Hecke neben dem Graben herlief, der den Garten von dem flachen, grünen Wiesenland trennte. Es war eine weißgekleidete Gestalt, die über den Graben sprang. Etwas Hastiges und Verborgenes in der Bewegung erregte seine Aufmerksamkeit. Ein Hühnerdieb, dachte er, und deckte sich hinter einer Palme. Da sah er, wie die Gestalt an der Hecke entlang schlich, stehenblieb, sich duckte und durch eine Oeffnung im Buschwerk spähte. Ralph zog seinen Revolver und schlich sich von Palme zu Palme, bis er sich dem Graben gegenüber befand und die Hecke in ihrer ganzen Länge übersehen konnte. Als er aber noch ein Stück weiter vorgehen wollte, stolperte er über eine Wurzel. Die Gestalt vor der Hecke schnellte wie eine Feder in die Höhe. Ralph sah im Fluge einen angstvollen Tierblick in dem mageren, braunen Gesicht, das von einem weißen Kopftuch unter dem Turban eingerahmt war, eine schmale, sprungbereite Gestalt, wie ein Bock, der im Walde überrascht wird. Es war nur ein Moment. Als der spähende Blick den seinen getroffen hatte, raffte die weiße Gestalt ihren Mantel zusammen, sprang über den Graben und war im nächsten Augenblick hinter dem Wiesenzaun verschwunden. Er ging an der Hecke entlang zur Oeffnung, wo der Weißgekleidete gelauert hatte. Als er herankam, hörte er Abbas' Stimme im Garten. Sie klang erregt und weinerlich. Noch einige Schritte, dann konnte er die Worte unterscheiden: »Schehanna,« flehte Abbas, »ich liege die ganze Nacht wach und denke nur an dich, ich kann auch nichts mehr essen. Sieh, wie mager meine Hände geworden sind! Warum willst du mich nicht erhören? Bist du eine alte Frau, daß du nicht wie alle anderen Mädchen küssen willst? Bin ich nicht jung und hübsch und stark? In Beyrut konnte ich alle haben, die ich wollte. Ich brauchte nur zu winken, gleich waren sie da. Das ist Abbas mit den schönen Augen und den weichen Lippen, seufzten sie, wenn er mich doch nehmen würde. Du aber kehrst mir den Rücken und schließt die Augen, wenn ich dich ansehe.« Ralph war bis zur Oeffnung gelangt, er beugte sich vor und sah hindurch. Schehanna stand vor einem Oleander mit großen, schwellenden, roten Blumen. Sie war im Begriff, Blumen für den Frühstückstisch zu pflücken; sie hatte bereits einen Teil in ihrer Schürze, die sie mit der linken Hand hoch hielt. Ihre zarten, weichen Lippen waren schmerzlich geöffnet und die Brust wogte heftig beim Atmen, während sie sich über die Blumen beugte und mehr auf deren Rat als auf Abbas' hitzige Worte zu hören schien. Abbas' Gesicht war blaß vor Erregung; die Augenlider zitterten über den von Begehren verschleierten Augen. Es war glühend heiß, der Schweiß saß in großen Perlen auf seiner Nase, er wischte sich mit dem Rücken der Hand über Stirn und Wangen. Plötzlich wurde er von einem Beben geschüttelt. Er streckte seinen Arm aus, als wolle er sie anflehen, ihn zu erhören. Als seine zitternden Finger aber ihren weichen Arm unter dem dünnen Kleid fühlten, verlor er jede Besinnung. Ralph sah, wie er die Arme um Schehannas zarte Gestalt schlang und sie an sich preßte. Er sah, wie er ihren Kopf zu sich heraufbog und ihre bebenden Lippen zu einem langen Kuß gegen die seinen zwang. Schehanna riß sich los, die Blumen fielen zu Boden. Sie schrie nicht, ihre Lippen aber waren weiß vor Zorn, ihre Brust atmete wie im Fieber und die dunklen Augen waren mit einem Blick voller Schmerz und Erstaunen auf Abbas gerichtet. Ralph war empört; die Wut stieg ihm mit einer Heftigkeit zu Kopfe, die ihm sonst fremd war, und er ertappte sich zu seinem eigenen Erstaunen dabei, daß er den Revolver, den er noch in der Hand hielt, gespannt hatte. Er steckte ihn in die Tasche, und sprang mit einem Satz durch die Oeffnung der Hecke. Abbas stand mit leeren Händen, vor Aufregung zitternd da und blickte hinter Schehanna her, die über den Rasen auf das Haus zulief. Als er das Geräusch hörte, drehte er sich um, und als er Ralphs hellen Augen begegnete, deren Pupillen wie dunkle, drohende Punkte leuchteten, griff er sich, vor Angst stöhnend, wie ein Junge, der Prügel erwartet, mit beiden Händen an den Kopf und zog die Schultern hoch, ohne einen Fluchtversuch zu machen. Ralph maß den unverschämten Jungen, der es gewagt hatte, die geheimnisvolle Tiefe einer reinen Frauenseele mit seiner schmutzigen Begierde zu trüben. Abbas krümmte sich vor Angst. Ralph sah sich nach einem Stock um, und als er keinen fand, packte er Abbas am Kragen und ohrfeigte ihn, daß er laut schrie. Schehanna hatte inzwischen die Terrasse erreicht. Sie hörte die Schreie und drehte sich um. Als sie sah, was vorging, schwankte sie vor tiefer Bewegung und streckte die Arme nach Ralph aus; als bäte sie um Gnade für Abbas. Ralph ging ohne ein Wort davon. Abbas warf sich unter dem Oleander auf die Erde, vor Wut weinend und halberstickte Drohungen in seiner Muttersprache ausstoßend, die Ralph nicht verstand. Schehanna lief zu Helen hinauf und erzählte ihr vor Aufregung zitternd, was sich zugetragen habe. Helen hatte das schreien gehört, als sie die Ursache von Ralphs Zorn erfuhr, begriff sie, was sich in seinem Gemüt gerührt hatte, und ein Gefühl von Geborgenheit, Dankbarkeit – sie wußte selbst nicht warum – machte ihr das Herz schwellen. Nein, sie wollte ihr Ziel nicht verlieren, sich nicht an Liebkosungen wegwerfen. Sie hatte keinen Liebhaber, sondern einen Genossen gefunden. Als Ralph und Helen eine Woche in der Villa gewohnt hatten, bekamen sie Besuch von dem Scheik Abdul-Hassan. Eines Morgens, als Ralph herunterkam, stand er ganz unerwartet im Garten und sprach mit dem alten Ehepaar. Ralph erkannte ihn nicht gleich. Die hohe Stirn mit der lotrechten Furche zwischen den Brauen leuchtete wie bei einer guten Neuigkeit. Die gläsernen Augen mit ihrem hastig forschenden Blick strahlten Ralph entgegen, als ob er, seit sie sich zuletzt gesehen, warme Sympathie für die Fremden gefaßt habe, denen er in Kairo wohl bereitwillig, aber doch mit einer gewissen Feierlichkeit gedient hatte, als ob er eine ernste Pflicht erfüllte. Der Scheik kam Ralph mit ausgebreiteten Armen entgegen, neigte sich zum Gruß, erkundigte sich nach seinem und Helens Befinden und brach in begeisterte Lobreden über den herrlichen Wohnsitz aus, den sie gefunden hatten. Nachdem Abdul-Hassan den Sitten des Landes gemäß von der alten Frau mit Kaffee bewirtet worden war und eine Nargileh bekommen hatte, rückte er mit seiner Neuigkeit heraus. Ralph hätte ja lebhaftes Interesse für das Gerücht von dem Mahdi an den Tag gelegt. Jetzt böte sich eine Gelegenheit, ihn zu sehen. Ob er Lust hätte? Ralph sprang auf. »Ich wäre Ihnen sehr dankbar!« sagte er und legte seine Hand auf die Schulter des Scheiks, »erzählen Sie!« Abdul-Hassan erzählte, daß der Mahdi mit seinem Gefolge aus dem fernen Westen, jenseits der Siwa-Oase durch die Wüste von Djarabub gekommen sei. Wahrscheinlich wäre es seine Absicht, Anhänger in Aegypten zu sammeln und die Stimmung für die Engländer zu prüfen. Man hätte seine Leute in der Nähe von Sakkara gesehen, sie handelten friedlich mit den Fellahs. Als er, Abdul-Hassan, durch seine Schüler davon erfuhr, habe er gleich an die Freunde seines Herrn Gamâl-ed-dîn gedacht. Abdul-Hassan schlug nun Ralph vor, einen mehrtägigen Ausflug in die Wüste zu machen. Er kenne einen zuverlässigen Führer aus dem Stamme der Senussijen, einen früheren Schüler von ihm. Wenn dieser den Ausflug leitete, würden sie gegen Feindseligkeiten geschützt sein und wahrscheinlich den Mahdi zu sehen bekommen. Ralph und Helen waren entzückt. Der Scheik wurde zum Frühstück eingeladen, und bevor er auf seinem Esel heimritt, war verabredet worden, daß der Führer in zwei Tagen mit Zelten, Kamelen, Proviant und Leuten da sein sollte. »Was ist eigentlich ein Mahdi?« fragte Helen. »Das ist ein Prophet vom Stamme Mohammeds, der am Ende aller Zeiten kommen und die Gläubigen zum Kampf gegen den falschen Christus Ad-Dajjal sammeln soll.« »Sind wir denn jetzt am Ende aller Zeiten?« fragte Helen und sah Ralph an, indem sie ihn mit dem Blick an ihr Gespräch in Jerusalem erinnerte. Der Scheik zuckte die Achseln und blickte mit einem feierlichen Ausdruck in den dunklen Pupillen geradeaus. »Es ist geweissagt worden, daß zwölf Imamen oder Propheten kommen sollen. Der zwölfte ist vor tausend Jahren verschwunden, er verbarg sich vor der Welt, und Islam erwartet, daß er zurückkehren wird, wenn das Ende der Zeiten nahe ist.« »Sie sagten doch neulich in der El-Azhar, daß das Gerücht nur eine Erfindung der Senussijen sei, und nichts weiter auf sich habe,« sagte Ralph und lächelte. »Allah wählt Zeit und Ort nicht nach dem Willen der Menschen; der Weise aber liest die Zeichen in den Sternen, und die Senussijen behaupten, daß sie die Zeichen gesehen haben.« Am zweiten Tage nach dem Besuche des Scheiks kam ein hochgewachsener, weißgekleideter Araber auf einem Kamel durch den Palmenhain. Abbas, der den ganzen Tag Ausguck gehalten hatte, entdeckte ihn zuerst. Er stieß einen Freudenschrei aus und lief, um Ralph zu holen. Einen Augenblick später stand Ralph an der Gartenpforte. Der Führer sprang vom Kamel und kam auf ihn zu. Es war ein junger Mann mit würdiger Haltung und gemessenem Gang. Er blieb einige Schritte vor Ralph stehen und grüßte mit der Hand auf der Brust, während seine Augen, die schwarz und glänzend waren, wie reife Heidelbeeren, ihn aus ihrer mandelförmigen Umrahmung fragend anblickten. »Sind Sie der Führer?« fragte Ralph. »Ja. Scheik Abdul-Hassan sendet mich mit einem Gruß für seinen Herrn und Freund.« Er drehte sich um und zeigte auf den Palmenhain. Ralph zählte sechs Kamele mit zierlicher Aufpackung, die langsam und lautlos auf dem weichen Boden näherkamen, mit roten, fransengeschmückten Schnüren, die von den vornehmen Köpfen herabhingen. Für jedes Kamel war ein Mann da; alle waren wie der Führer weiß gekleidet. Es war ein so malerischer Anblick, sie im Schatten der Palmen daherschreiten zu sehen, daß Ralph Helen und Schehanna, die von der Terrasse kamen, zurief, daß sie sich beeilen sollten. Abbas war um die Hecke herumgelaufen und ging dem Zug entgegen; auch die beiden Alten kamen neben der Hecke zum Vorschein. Die Kamele wurden vor der Gartentür gelagert und die Leute in die Küche gerufen, wo die Alte ihnen Kaffee gab. Der Führer blieb im Garten, von wo er die Kamele im Auge behalten konnte. Nach dreitägiger Reise in westlicher Richtung durch die Libysche Wüste machte Ralphs und Helens Karawane Rast und schlug ihr Lager auf. Es war spät am Nachmittag, als die Zelte aufgerichtet wurden. Ralph, Helen und Schehanna hatten jeder eines, Abbas schlief mit im Zelt des Führers. Die Leute lagerten bei den Kamelen um das Küchenzelt. Sobald sie zu Mittag gegessen und vor dem Zelt in dem stillen Abend Kaffee getrunken hatten, gingen Ralph und Helen zur Ruhe. Sie wollten sich früh wecken lassen, um die Sonne aufgehen zu sehen. Ralph erwachte von selbst. Als der Führer seinen Kopf durch die Zelttür steckte, um ihn zu wecken, war er bereits halb angekleidet. Eisigkalte Luft schlug ihm draußen entgegen. Einen Augenblick bereute er, Helen veranlaßt zu haben, so früh aufzustehen. Er ging zu ihrem Zelt und lauschte, und als er hörte, daß sie auf war, rief er: »Es ist hundekalt. Ziehen Sie Ihre wärmsten Sachen an, oder kriechen Sie wieder ins Bett.« Er hörte ihr klares Lachen, das ihm immer zu Herzen ging, und eilte zurück, um sein großes Kamelhaarplaid zu holen. »Guten Morgen!« sagte sie und schüttelte sich vor Kälte. Sie hatte ihren Reiseschleier um den Kopf gebunden und grub ihre Hände in die Taschen des Ulsters. Es war noch so dunkel, daß nur die strahlenden Augen in ihrem Gesicht leuchteten. Er wickelte sie wie ein Kind in sein Plaid ein; es fiel ihr bis auf die Füße, sie lachte ihn mit ihren frischen Zahnen an. Jetzt, wo er ihr so nahe war, sah er, daß ihre Nase ganz blaugefroren war. Er faßte sie bei den Schultern und schwenkte sie ausgelassen wie einen Kreisel herum. Vorm Küchenzelt knisterte ein Feuer, auf dem das Wasser zum Kaffee gekocht werden sollte. Es loderte hell im Wind und warf einen rosigen Schein auf Helens weißes Gesicht. Ralph blieb hingerissen stehen und sah sie an; er hatte sie nie so schön gesehen. Die Kamele reckten die Köpfe nach der schwachen Strahlenwärme; die langen, schwankenden Schatten haben sich gespensterhaft von der Dunkelheit der Wüste ab. Ralph und Helen gingen zum Feuer und wärmten ihre Hände daran, wahrend sie den kräutrigen Duft der frischgerösteten Kaffeebohnen begehrlich einsogen. Nachdem sie Kaffee getrunken hatten, verließen sie das Lager und gingen in die Wüste hinaus. Sie gingen von Sandwoge zu Sandwoge. An einigen Stellen wich der Land unter ihren Füßen, an anderen war er so fest und elastisch wie ein Strand. Bald waren alle kleinen Geräusche vom Lager verstummt, auch der Feuerschein verlöschte. »Jetzt legen sie sich gewiß wieder zum Schlafen,« sagte Ralph. Sie gingen noch ein Stück, bis sie eine Woge erreichten, die höher war als die anderen. Sie bestiegen sie und waren allein mit Himmel, Wüste und Nacht. So weit ihr Auge reichte, die tote dunkle Fläche, über die sich die Milchstraße von Horizont zu Horizont wölbte. Das flimmernde Licht von Millionen Sternenleben, die entzündet wurden und wieder verlöschten, machte das erstarrte Meer nach starrer. Der Raum war wie zu einem ungeheuren Kristall geworden, auf dessen Grunde sie sich befanden – sie beide, zwei unreine Fasern, die mit dem Stoff zusammen erstarrt waren. Das Gefühl von der erdrückenden Umarmung dieses Leblosen war so stark, daß es ihre Bewegungen hinderte und ihnen das Atmen schwer machte. Es war so still, als ob sie ganz allein auf der Welt seien. Ein seltsames Gefühl feierlicher Erwartung füllte ihre Seelen. Unwillkürlich fanden ihre Hände sich, sie erfaßten in diesem Augenblick, daß der Tod nur eine Schale ist, die vom Leben durchbrochen wird, und sie lauschten mit verhaltenem Atem auf das, was in dieser Stunde erstehen sollte. Da glitt ein leises Zittern über das erstarrte Meer. Es war; als ob ein lange geschlossenes Auge sich blinzelnd öffnete und strahlen der Seele aus dem Reich der Träume flimmerten. Die Dunkelheit am Horizont wich einem blendenden Lichtstreifen. Eine Hand schien von oben langsam den äußersten dunklen Vorhang wegzuziehen, so daß der Purpur des Himmels zum Vorschein kam. Die fernsten Steine erloschen, die nächsten und stärksten hoben sich matt von dem Widerschein der güldenroten Flut ab, die sich aus der noch unsichtbaren Quelle über den Horizont ergoß. Die Dunkelheit entwich von Wogenkamm zu Wogenkamm und sammelte sich zu Schatten in den Senkungen. Es war, als ob das Sandmeer befreit aufatmete, als ob das Kristall des Raumes von den Flammenfäden, die sich von dem Gold im Osten loslösten, gesprengt würde. Die Erde rang sich aus der Umarmung des Todes los. Das Leben hatte von neuem gesiegt. Helen starrte zu dem siedenden Rand hinüber, wo das Gold zusammenfloß. Da hob die Sonne ihr loderndes Auge über die Kimmung. Sie hielt den Atem in seltsamer Erwartung an, als ob ein Wunder im Begriff stehe, sich vor ihren Augen zu vollbringen. Offenbart er sich jetzt? klang es durch ihre Seele. »Was sagten Sie?« fragte Ralph. Das Licht in ihrem Inneren verlöschte, als sie wieder zum Bewußtsein ihres Selbst, seiner Gegenwart und des Augenblicks erwachte. Sie wußte gar nicht, daß sie etwas gesagt hatte, und antwortete nicht. »Sehen Sie dort,« sagte Ralph und zeigte in die Ferne. Sie waren nicht allein in dieser Schöpfungsstunde. Dort hinten, zwischen der Sonne und ihnen hoben einige ferne Gestalten ihre dunklen Silhouetten von dem dämmernden Tage ab. Es waren Kamele, die ihren Hals dem Licht entgegenstreckten, und ein Stück von ihnen entfernt kniete ein Haufe weißgekleideter Männer im Gebet. Helen sah durchs Fernglas, wie sie die Handflächen bis an die Ohren hoben und sich vornüber in den Sand warfen. »Sie wenden sich nicht der Sonne zu,« sagte Ralph, »sondern mehr nach Norden. Sie suchen Mekka.« Helen hörte ihn nicht. Sie beobachtete einen der weißgekleideten, der etwas abseits kniete, dem glühenden Sonnenauge näher als die anderen. Trotz der Entfernung fühlte sie die wunderbare Hoheit, die von dieser Gestalt ausging. Sie wünschte, daß sie sein Gesicht, seine Augen sehen könnte. Vielleicht wird ihm in diesem Augenblick enthüllt, was ihr verbargen blieb, vielleicht ist seine Seele offen, während meine verschlossen ist, dachte sie, vielleicht ist sein Sinn wach, während ich noch träume. Helen hielt die fernen Gestalten im Auge, bis das Gebet beendigt war und der einsam Knieende sich erhob. Er ging vor den anderen zu den Kamelen. Sie stiegen auf, spähten umher und bewegten sich langsam über die öde Ebene, wo die Schatten jetzt ganz dem blendenden Morgen gewichen waren. Nach dem Mittagessen, als Ralph und Helen sich im Zeltschatten in ihren Liegestühlen gestreckt hatten, ermattet von der heißen Luft, die aus dem von der Sonne erhitzten Sand um sie herum aufstieg, erklang plötzlich ein Ruf vom Küchenzelt. Ralph wollte sich gerade erheben, um zu sehen, was es gäbe, als der Führer um das Zelt herumgelaufen kam und mit ausgebreiteten Armen stehenblieb. Seine Brust wogte vor Erregung und die mandelförmigen Lider zitterten über den blauschwarzen Augen. »Al-Mahdi!« sagte er und zeigte in die Wüste hinaus. Ralph und Helen sprangen auf und liefen zum Gipfel der Sandwoge, auf deren Abhang das Lager errichtet war. Im Osten sahen sie eine Schar weißer Kamelreiter, die nach ihnen ausspähten. Während Ralph zurückeilte, um das Fernglas zu holen, kamen die Leute aus dem Küchenlager herbei, beschatteten die Augen mit den Händen und wechselten hastige Worte, sich um den Führer scharend, der ihnen mit großen Armbewegungen eine Erklärung abgab, ohne die fernen Gestalten einen Moment aus den Augen zu lassen. »Sehen Sie,« sagte Helen mit dem Glas vor den Augen, rot vor Aufregung – »sehen Sie nur, der vorderste mit dem hohen Turban, das ist derselbe, den wir heute morgen ein Stück von den anderen entfernt knien sahen.« Auch Ralph erkannte ihn wieder. Helen reichte dem Führer das Glas. Er nahm es aus Höflichkeit, guckte einen Augenblick hinein, gab es ihr aber ohne ein Wort zurück, als habe er Zauberei berührt. Einige Minuten stand er unbeweglich und starrte über die Ebene, dann atmete er tief auf und rief mit lauter Stimme, indem er seine Hand flach auf die Brust legte: »Wahrlich, das ist der Mahdi! – Mashallah, Mashallah!« Die Leute, die sich in einem Haufen zusammengeschart hatten, riefen Mashallah wie er und legten die Hände flach auf die Brust, oder umfaßten die linke Hand, die am Gürtel lag, mit der rechten. Ralph näherte sich dem Führer und fragte: »Woher weißt du, daß es der Mahdi ist?« »Mir träumte heute nacht, daß er an meinem Zelt vorbeiritte; ich erwachte, stand auf und sah hinaus, da aber war er verschwunden.« »Hast du keine anderen Zeichen?« »Sieh!« Er zeigte auf die Kamelreiter, und seine Augenlider zitterten, »siehst du die schwarze Fahne?« Ralph hielt das Glas an die Augen. Die Schar hatte sich in Bewegung gesetzt; er zählte ein paar Dutzend, die auf das Lager zukamen, langsam und würdig, als wüßten sie, daß sie Segen und Frieden brächten. Jetzt sah er, daß alle, ausgenommen der mit dem hohen Turban, eine Stange mit einer schwarzen, dreieckigen Fahne trugen. »Es steht geschrieben: wo ihr die schwarzen Fahnen seht, dort seht ihr das Zeichen!« sagte der Führer mit tiefem Ernst und legte wieder die Hand auf die Brust. Schehanna kam aus ihrem Zelt, und auch Abbas kam, noch mit Schlaf in den Augen und Gliedern; er hatte ein kleines Mittagsschläfchen gehalten. Während die Karawane sich näherte, ging der Führer zu seinen Leuten; er hatte das Bedürfnis, in dieser feierlichen Stunde zwischen Glaubensgenossen zu sein. Ralph lächelte im stillen über seine Naivität. Wie konnte man sich von einem schwarzen Lappen narren lassen, den jeder Beliebige auf einer Stange vor sich auf dem Kamel tragen konnte. »Ich werde mich auch für einen Mahdi ausgeben!« sagte er scherzend zu Helen; aber er bekam keine Antwort. Sie dachte an den einsam Knieenden in der Morgenröte, an die feierliche Erwartung, die von seinem Kopf ausstrahlte. Die Reiter waren inzwischen so nah gekommen, daß Ralph den Kopfputz der Tiere unterscheiden konnte. Der Mann mit dem hohen Turban war noch immer voran. Einige der anderen, die hinter ihm ritten, steckten die Köpfe zusammen und schienen zu beratschlagen. Die Tiere hoben die Mäuler, durch den leichten Luftzug den Rauch des Küchenfeuers witternd. Die Sonne stand schon niedrig und warf die langen Schatten der Kamele über die Ebene, sie bedeckte die Talsenkung wie mit einem dunkelvioletten Teppich, der langsam über den güldenbleichen Sand vorwärtsglitt. Kaum machte die Karawane halt, als der Führer auf sie zulief, von seinen Leuten gefolgt. Einige Schritte vor der Karawane warfen sie sich im Sand auf die Knie und riefen: »Lá illáha ill'Allâhu – »es gibt keinen Gott außer Gott!« Der Mann mit dem hohen Turban hob seine Hand und antwortete, während die Knieenden sich mit Händen und Stirn vorüber in den Sand warfen: »Wa muhammadun rasúla 'lláhi –« »und Mohammed ist sein Prophet.« Der Führer erhob sich und seine Leute mit ihm. Sie standen einen Augenblick und starrten den Mahdi unverwandt an, der hochaufgerichtet auf seinem Kamel saß, das größer war als das der anderen, von rötlichgelber Farbe, wie der Sand in der Abendsonne. Auf seinen Wink zogen der Führer und seine Leute sich zurück, und der Mahdi ritt im Schritt näher, von seinen Männern gefolgt, bis er so nah war, daß Ralph und Helen seine Züge unterscheiden konnten. Der Haik, das weiße Wolltuch, war mehrfach um seinen Kopf zu einem hohen Turban geschlungen, der von fünf braunen Kamelhaarringen zusammengehalten wurde. Der Haik bedeckte Nacken und Ohren in breiten Falten, die bis auf den weißen Burnus fielen, dessen linkes Ende über die rechte Schulter hing und im Rücken bis auf die Lenden des Kamels reichte. Er saß hochaufgerichtet und unbeweglich, wie festgewachsen auf dem Buckel, die Füße vorn unterm Burnus auf dem Hals des Kamels gekreuzt. Das schmale Gesicht im Rahmen des weißen Haiks war ganz jung. Die Farbe war braun, die Wangen aber hatten denselben rötlichgelben Ton wie der des Kamels, die Farbe des Wüstensandes. Auf der klaren Kinderstirn waren die Brauen scharf und rein wie mit einem Pinsel gezogen. Die weitgeöffneten, engsitzenden, sprechenden Augen unter den schwarzen Augenwimpern ruhten mit verwunderter Frage auf Ralphs Gesicht. Von ihm glitten sie zu Helen, über ihr weißes Kostüm und den Tropenschleier. Die kurze Oberlippe mit dem bläulichen Schatten eines sprossenden Bartes zog sich von den weißen Zähnen zurück, ein Lächeln aber wurde nicht daraus. Ralph legte seine Hand zum Gruß an den Tropenhut und fragte auf englisch: »Sind Sie der Mahdi?« Der junge Mann betrachtete ihn erstaunt und hob wie abwehrend die Hand; sie war klein und zart, kaum größer als eine Kinderhand. Zwei ältere Muselmänner, die den Haik auf Wüstenart über Mund und Nase gezogen hatten, zum Schutze gegen Sand und Wind, wendeten sich an den Mahdi und sprachen hastig auf ihn ein. Er blickte vom einen zum anderen und dann wieder zu Ralph, ohne den Mund zu öffnen. Der eine der Aelteren richtete einige Worte an den Führer, der mit ehrerbietig geneigtem Kopf antwortete. Ralph meinte, daß er Abdul-Hassans Namen nannte. Währenddessen waren all die dunklen Augen auf Ralph und seine Gesellschaft gerichtet, die vor den Zelten dicht beisammen standen. Helen meinte, daß diese Augen drohten, und Ralph hielt seine Hand am Revolver in seiner Tasche, während er scharf auf die blanken Büchsenläufe achtgab, deren Stahlbeschläge in der Sonne funkelten. Alle hatten Kabylgewehre, ausgenommen der Mahdi, dessen einzig sichtbare Waffe, ein Dolch mit goldenem, juwelenbesetztem Schaft, unterm Burnus im Gürtel blitzte. Als der Führer gesprochen hatte, schlug die Stimmung um. Die beiden Alten verzogen den Mund zum Lächeln, und der Mahdi ließ seine jungen sprechenden Augen vom einen zum anderen gleiten. Bei Schehannas zarter Erscheinung machte sein Blick verwundert halt. Er begriff, daß sie nicht zu Ralphs Stamm gehörte. Auch Abbas, der zwischen Furcht und Neugierde schwankte, wurde ein Blick aus den blanken Augen zuteil. Plötzlich blitzte ein Schimmer von kindlicher Heiterkeit darin auf, die Oberlippe zog sich von den weißen Zähnen zurück; der Mahdi lächelte. Da bemerkte Ralph, daß einer aus dem Gefolge des Mahdis sich hinter den anderen zu verbergen suchte. Ralph trat einige Schritte zur Seite, um sein Gesicht zu sehen, und er erkannte in den dunklen, lauernden Augen den erschrockenen Tierblick wieder, der ihm neulich entgegengestarrt hatte, als er den Hühnerdieb an der Hecke ertappte. Ralph tat ganz unbefangen; dieses Zusammentreffen aber warf einen Schatten auf den feierlichen Glanz des Mahdibesuchs. War so die friedliche Art, in der sie mit den Fellahs handelten, wie Abdul-Hassan gesagt hatte? Ralph blickte verstohlen zu dem bartlosen Gesicht des Mahdis hoch oben unter dem mächtigen Turban auf, kniff die Augen zu und erwiderte die plötzliche Munterkeit im Gesicht des Mahdis mit seinem herausfordernden Knabenlächeln, als wolle er sagen, daß er ihn verstehe und den Scherz wohlgelungen fände. Da glitt ein dunkler Schatten über die Wangen des Mahdis, während die Brauen sich zusammenzogen und die schmalen Lippen erbleichten. Das kindliche Gesicht bekam einen harten und gespannten Ausdruck und schien plötzlich zehn Jahre älter zu werden. Die beiden Alten sahen die Verwandlung und sandten Ralph einen drohenden Blick aus ihren kleinen stechenden Augen. Darauf ritten sie seitwärts, damit das Kamel des Mahdis wenden konnte. Der Führer und seine Leute warfen sich zur Erde und riefen: »Lá illáha ill'Alláhu!« Diesmal aber bekamen sie keine Antwort. Die Kamele trugen den Mahdi und sein Gefolge in gestrecktem Lauf zur Wüste zurück. Der Sand wirbelte in einer niedrigen Wolke hinter ihnen auf, und die weißen Burnusse wurden von dem Luftdruck aufgebläht, so daß sie wie Fahnen in der bewegten Luft wogten. Der Führer und seine Leute blickten der Staubwolke verblüfft nach. Erst als sie die Karawane nicht mehr sehen konnten, kehrten sie zu ihrem Lager vorm Küchenzelt zurück. Ralph hörte sie noch lange nach Sonnenuntergang von dem Ereignis sprechen. Sowohl auf Helen wie auf Schehanna hatte der Besuch des Mahdis einen starken Eindruck gemacht. Während Ralph noch hinter den Reitern herblickte, überrascht über die unerwartete Wirkung seines Lächelns, sagte Schehanna zu Helen: »Wie war sein Antlitz rein!« Sie sah träumend vor sich hin, mit schmerzlich verzogenen Lippen; etwas im Gesicht des Mahdis hatte sie an Darab erinnert. »Woran denkst du?« fragte Helen und schlang den Arm um ihre Taille. »Als ich klein war, glaubte ich, daß alle, die nicht den rechten Glauben hatten, die Diener der Dunkelheit seien. Jetzt aber weiß ich« – und ihre Augen umfaßten Ralph und Helen mit einem Blick – »jetzt weiß ich, daß Ahura-Mazda seine Kämpfer fürs Licht auch unter denen wählt, die seinen Namen nicht kennen. Dasturan Dastur sagte,« fügte sie träumend hinzu, »daß das Ende der Zeiten nah sei – und das Gesicht des Mahdis war rein und gut und ohne Furcht; der richtige große Saoshyant aber, der von einer Jungfrau geboren werden soll, kann er nicht sein; denn wie könnte Zarathustras Sohn zwischen Ungläubigen geboren werden?« Die großen Augäpfel bewegten sich unter den halbgeschlossenen, durchsichtigen Lidern. Sie schlug sie auf und ihr Blick begegnete dem Helens, voll und warm und unverschleiert; sie legte den Kopf auf ihre Schulter und flüsterte: »Ich bete täglich zu Ahura-Mazda, daß er Ihr Herz der richtigen Lehre zuwenden möge, weil Sie so rein und gut sind.« Als Helen, überrascht und gerührt, keine Antwort fand, faßte Schehanna die Hand, die um ihre Taille lag, und drückte sie zärtlich: »Wer den einzig richtigen Pfad wandert, dem wird es im Namen des Guten am besten ergehen.« Helen zog sie heftig an ihre Brust und küßte sie. Darauf wandte sie sich hastig ab, um ihre Bewegung zu verbergen und ging gebeugten Hauptes in ihr Zelt. Ralph hatte sie im bewegten Gespräch zusammen stehen sehen, konnte die Worte aber nicht verstehen. Als Helen Schehanna küßte, wandte er sich ab und ging zu seinem Zelt, wo er sich vor der Tür in den Feldstuhl streckte und gedankenvoll vor sich hinstarrte. Er sah Schehannas weißes Kleid hinter der Zelttür verschwinden und erwartete, daß Helen kommen und ihm gute Nacht sagen würde. Aber aus ihrem Zelt war kein Laut zu hören. Es wurde Nacht, vorm Küchenzelt erlosch das Feuer, die Kamele hatten sich niedergelegt, die Leute schwiegen. Alles war still. Wie er allein in der Nacht saß, wurde sein Gemüt von einer seltsamen Feierlichkeit erfüllt. Ihm war, als ob er von etwas umschwebt würde, das ihn bewachte und seine Seele erwartungsvoll höbe. Er legte den Kopf in den Nacken, blickte zu dem funkelnden Sternenhimmel hinauf und versuchte zu durchdringen, was er empfand und was es zu bedeuten hätte. Die alte Redensart fiel ihm ein, daß alles in den Sternen geschrieben stehe. Die Strahlen, die seinen Augen aus fernen Welten begegneten, waren nicht nur selbstleuchtend, sondern zugleich ein Widerschein des Lichts, das ihnen von der Welt entgegenstrahlte – ein Widerschein dessen, was die Erde Nacht für Nacht seit aller Ewigkeit in ihnen gespiegelt hatte. Ja, ebenso wie die Geschichte der Welt sich in den Strahlen der Sterne spiegelte, so stand auch jede Falte seiner eigenen Seele in ihnen geschrieben. Sie formten sein zukünftiges Leben, wie sie es von seiner Geburt an getan hatten, formten es durch sein Geschlecht, durch die unverbrüchlich zusammenhängende Kette der ganzen Menschheit, formten die Geschichte des Weltkrieges und des Menschengeistes. Er erinnerte sich der warte Abdul-Hassans: »Der weise liest die Zeichen in den Sternen,« und er sah das Gesicht des Mahdis vor sich – die klare unbeschriebene Stirn und das fragende Augenpaar, das so wach auf das Leben gelichtet gewesen war. Vielleicht kam in dieser feierlichen Nacht kraft dieser jungen Seele und der Auswahl unerforschlicher Ursachen das Neue in der Welt zum Durchbruch. Vielleicht standen wirklich Zeichen am Himmel, die die Kinder der Wüste, die sich auf die Sprache der Sterne verstanden, zu deuten vermochten. Vielleicht verkündeten die Zeichen, die die Senussijen gesehen hatten, daß die Botschaft, die ihren Vorfahren vor zweitausend Jahren auf dem Felde verkündet wurde, ihre Zeit gehabt hätte und das Ende der Zeiten und eine neue Erlösung nahe sei. Es dauerte lange, bevor Schehanna einschlafen konnte. Sie dachte an Darab, sie dachte an ihr totes Kind, an ihren Vater und an ihre Mutter, an alle, die sie in ihrem herzen trug; sie zog sie in der Stille der Nacht zu sich heran, die Lebenden wie die Toten, bis sie schließlich ihren Ferved neben ihrem Lager fühlte. Sie sprach mit ihnen, lauschte ihrem Schmerz und ihrer Freude, fühlte ihre Hand in der ihren und sah ihr lächeln wie bleiche Blumen auf ihrem Kopfkissen. Auch die sprechenden Augen des Mahdis tauchten aus der Dunkelheit auf und sahen sie an, als ob sie auf ihre Zweifel antworten wollten, die richtigen Worte aber nicht finden konnten. Und Ralphs blonder Kopf beugte sich zu ihr herab und horchte auf das, was in ihrem Herzen klopfte, langsam glitt sie in den Schlaf hinüber. Ihr träumte, daß sie Hand in Hand mit Darab an dem Ufer eines schilfbekränzten Sees wandelte. Sie blieben stehen und spiegelten sich in dem blanken Wasser, wie damals, als sie Hand in Hand am Flusse ihrer Kindheit gingen. Da sahen sie Dasturan Dastur in seinem weißen Gewand auf dem anderen Ufer. Er winkte ihnen und sagte: »Seht, dieses ist der See Kasava, und das Ende der Zeiten ist nah. Wo ist die Jungfrau, die in dem heiligen Wasser, das Zarathustras Körper umspült hat, baden soll, um den Erlöser zu empfangen, den großen Saoshyant, Astvatereta?« Darab wandte sich zu ihr und sagte: »Hörst du nicht?« Sie beugte den Kopf. Der Schmerz zwang sie in die Knie, und sie sagte: »Ich bin keine Jungfrau mehr; ich habe einen Sohn geboren zur Erlösung der Seele meines Vaters.« Darab sah sie mit seinen schwarzen Augen vorwurfsvoll an. »Können wir nicht mehr auf Elburs Berg zusammentreffen,« sagte er, »und die weiße Haoma pflücken, wie wir uns gelobt haben?« Sie sank zwischen dem Schilf nieder und verbarg ihren Kopf weinend in den Händen. Während sie so lag, hörte sie Dasturan Dasturs Stimme zum zweitenmal: »Wo ist die Jungfrau?« rief er klagend über den See, und es war ihr, als ob dessen Spiegel im selben Augenblick von Tränentau verdunkelt würde. Da faßte Darab sie bei der Schulter und sagte: »Richte deinen Kopf auf und sieh!« Und sie sah, daß der Tau über dem Wasser kein Tränentau war, sondern der Schatten des bösen Geistes Aeshma-daeva, der mit dem Teufelsweib Jahi in den Wolken schwebte. Das Herz stockte ihr vor Angst. Sie sah sie zur Erde niederwallen, und Darab flüsterte: »Sieh, der Fürst der Dunkelheit weiß, was geschehen soll, darum kommt er, um die Empfängnis des Mädchens zu verhindern.« Sie beugte das Schilf zur Seite und starrte über die Ebene. Da kam ein junger Mann mit großen sprechenden Augen auf sie zugeschwebt. In ihrer Freude griff sie nach Darabs Hand und flüsterte: »Siehst du denn nicht, daß es der Mahdi ist, – er ist auch ein Kämpfer fürs Licht.« Darab aber schob sie zornig von sich und sagte: »Weh dir, Schehanna, du bist von Jahi besessen, du kannst nicht mehr Licht von Dunkelheit unterscheiden.« Sie beugte sich tief beschämt und betete, daß Ahura-Mazda sie töten möge, wenn Jahi ihr Herz verunreinigt habe. Da erklang Dasturan Dasturs Stimme zum drittenmal: »Wo ist die Jungfrau?« Im selben Augenblick fiel ein starkes Licht vom Himmel herab. Der See lächelte mit blankem Spiegel, und Darab rief: »Sieh nur – sieh!« Sie bog das Schilf beiseite und sah: Drüben auf dem anderen Ufer kam eine Jungfrau in schimmernd weißen Gewändern über die Wiese auf Dasturan Dastur zu. Die Blumen drehten sich nach ihr um und öffneten ihre Kelche. Der See trat über das Ufer und küßte ihren weißen Fuß. Und Dasturan Dastur beugte sich ganz bis zur Erde und rief: »Sei gegrüßt!« Als sie den See erreichte, sah Schehanna ihr Gesicht. Im selben Augenblick rief Dasturan Dastur: »Sei gegrüßt, Schehanna, du Gesegnete, die du die Schlange Azi durch die Frucht deines Leibes töten sollst! Ich wußte, daß du kommen würdest.« Schehanna wollte rufen: siehst du denn nicht, daß es Helen ist? Denn es war Helens Ferved, der dort drüben strahlend schwebte. Sie hörte es im Schilf flüstern, sie sah, wie der Schatten sich düster über den See legte, und sie hörte Darabs Stimme aus der Ferne: »Errette sie, du heiliger Geist! – Sieh, Aeshma will die Jungfrau rauben, damit sie nicht im See baden und den großen Saoshyant empfangen kann.« Schehanna versuchte sich zu verbergen, mitten in ihrer furchtbaren Angst aber dachte sie: »Ahura-Mazda hat Dasturan Dastur mit Blindheit geschlagen, so daß er Helen und mich verwechselt. Es ist der Wille des Lichts, daß Aeshma mich tötet, weil ich nicht mehr Jungfrau bin, damit sie, die Rechte, erlöst werden und den Mächtigen empfangen kann.« Da schwebte die Dunkelheit von Aeshmas Mantel so dicht auf die Erde herab, daß die Blumen auf dem Felde unter seinem giftigen Atem welkten und das Schilf sich duckte und das heilige Wasser um Schutz bat. Und der See erhob sich zwischen ihr und der Dunkelheit. Der blanke Spiegel richtete sich auf, das Wasser nahm Gestalt an, und im Licht des Himmels sah sie, daß Ralphs Gesicht sich den Geistern der Dunkelheit zuwandte, mit zornblitzenden Augen. »Ahura-Mazda hat ihn gesandt,« dachte Schehanna, »um Helen und mich und uns alle zu retten.« Sie streckte die Arme nach ihm aus und rief seinen Namen. Aeshma stieß einen Zornesruf aus, der in der Dunkelheit Widerhall fand. Ralph breitete seine Arme aus; die bösen Geister wichen zurück und hielten den Mantel hoch, um sich gegen das Licht seines Angesichts zu schützen. »Er treibt sie zum Abgrund zurück,« dachte sie. Da sah sie, daß Ralph kämpfte, um sich von etwas freizumachen, das ihn nach unten zog. Im selben Augenblick sahen es auch die Geister der Dunkelheit; sie erhoben ein Jubelgeschrei und näherten sich von neuem. Atemlos vor Angst, beugte Schehanna sich vor, um zu sehen, was ihn zurückhielt. Da sah sie, daß es Helen war, die die Arme um seinen Leib geschlungen hatte und ihn nicht loslassen wollte. Es war nur ihr Körper, denn ihr Ferved, die strahlende Jungfrau in dem blendenden, weißen Gewand stand hilflos am Ufer und sah mit Verzweiflung im Blick zu. »Laß ihn!« flehte Schehanna in ihrer Herzensangst, »damit er sich zum Licht emporheben kann!« Das Teufelsweib Jahi hatte sich aus der Luft herabgeschlichen und flüsterte Helen mit süß verlockenden Worten in Herz und Ohren, daß sie die Beute ihrer Liebe festhalten solle. Und Schehanna sah noch mehr; sie sah, wie auch Ralphs Körper selig bestrickt war, und wie sein Ferved, der sich loszukämpfen versuchte, dieselbe Verzweiflung im Blick trug wie die strahlende Jungfrau. Während Ralph und Helen sich noch umschlungen hielten, kam Aeshma immer näher, so daß Schehanna seinen Atem auf ihrer Stirn fühlte; um sie her wurde es ganz schwarz von der Dunkelheit seines Mantels, er streckte die Arme nach ihr aus, seine Krallen griffen nach ihrem Kopf und – Schehanna erwachte mit einem Schrei, der in ihrer Kehle von einem Knebel erstickt wurde. In der schwarzen Dunkelheit fühlte sie sich von unsichtbaren Armen ergriffen und hochgehoben. Sie schlug verzweifelt um sich, fühlte, wie ihre Füße den Boden berührten und griff in die Falten eines Mantels. All ihr Kämpfen aber war vergeblich, der Unsichtbare war stärker als sie. Es gelang ihm, sie in ihre Bettdecke zu hüllen und aus dem Zelt in die Nacht hinauszutragen, die ihr eisigkalt entgegenschlug. Sie wollte schreien, aber ihr Mund war verschlossen, sie rang nach Luft und verlor die Besinnung. Ralph erwachte. Er fuhr in seinem Stuhl in die Höhe und lauschte in die Nacht hinaus, vor Kälte zitternd. Hatte er geträumt – oder war es wirklich ein Schrei gewesen? Er hörte ein Geräusch, als ob ein Segel im Winde schlug. Er Zog seinen Revolver au« der Tasche, spannte den Hahn und schlich näher. Als er Schehannas Zelt erreichte, sah er, daß der Vorhang zurückgeschlagen war und die Segeltuchwände sich wie im Sturm bewegten. Etwas Weißes, das in heftiger Bewegung war, tauchte in der Zelttür auf. Im selben Augenblick wurde es Ralph klar, daß ein Mann im Begriff war, Schehanna zu rauben. Er blickte sich um und entdeckte beim Schein der Sterne, etliche Schritte entfernt, einen Mann zu Pferde, der ein zweites Pferd am Halfter hielt. Der Mann versuchte durch leises Flöten seinen Gefährten zu warnen. Der Räuber machte halt, wußte aber nicht, nach welcher Richtung er sich wenden sollte. Ralph zielte nach seinen Leinen, um Schehanna nicht zu treffen. Der Schuß fiel. Der Mann war verwundet, ließ seine Beute aber nicht fahren. Ralph sprang näher und schoß noch einmal. Da leuchtete und knallte ein Schuß aus der Büchse des wartenden Reiters. Ralph merkte, wie das Projektil dicht an seinem Ohr vorbeizischte. Aus dem Zelt des Führers erklang ein Ruf. Die Leute vom Küchenzelt erwachten und sprangen auf. Der Mann ließ seine Bürde fallen, um sich aufs Pferd zu schwingen. Ralph schoß nach dem Pferd und traf den wartenden Reiter, der einen Schrei ausstieß, seinem Pferde die Sporen gab und durch die Dunkelheit davonjagte, in der Annahme, daß sein Gefährte ihm folgte. Der Räuber aber verfehlte sein Pferd, das beim Schuß zur Seite gesprungen war und hinter dem Reiter herraste. Ralph lief herbei, um den Räuber zu greifen. Bevor er ihn aber erreicht hatte, war er aufgesprungen und lief in die Wüste hinaus, sich hinter jedem Sandhügel duckend. Ralph verfolgte ihn, er war ihm so nah, daß er ihn stöhnen hören konnte. Der Führer eilte herbei und rief Ralph etwas zu, was er indessen nicht verstand. Darauf rief er die Leute, die bereits bei den Kamelen standen, die sich träge streckten und in der Dunkelheit nicht aufstehen wollten. Schließlich ließen sie die Tiere liegen, holten ihre Büchsen und liefen den Hügelkamm hinauf. Schüsse fielen; sie sahen den Feuerschein und folgten seiner Richtung. Helen war beim Laut der Schüsse erwacht. Sie dachte gleich an die drohenden Blicke der Senussijen, als sie ihre Kamele wandten und davonritten, und fürchtete einen Ueberfall. Sie sprang aus dem Bett, zog Pantoffel über ihre nackten Füße, wickelte sich in das große Kamelhaarplaid ein und ging in die Nacht hinaus. Sie sah die Kameltreiber durcheinanderlaufen, hörte ihre aufgeregten Worte, die sie nicht verstand, und das prusten der Kamele. Sie suchte nach Ralph. Da sie ihn nicht fand, wunderte sie sich, daß er noch nicht draußen sei, und lief zu seinem Zelt, um ihn zu rufen. Als der Führer sie sah, eilte er vom Hügelkamm auf sie zu. Er erklärte ihr auf englisch und arabisch durcheinander, was vorgefallen war; sie verstand, daß Räuber dagewesen, daß auf sie geschossen war und daß sie geflüchtet seien. Als sie nach Ralph fragte, zeigte er schweigend auf die Wüste. Sie starrte in das Kristalldunkel hinaus, wo das Sternenmeer in der Ferne den Rand der Oede berührte. Er ist verloren, schnitt es ihr durchs Herz; gleich darauf aber beruhigte sie der Gedanke an seinen Mut und seine Kraft. »Schicken Sie ihm doch Leute zu Hilfe!« sagte sie. »Zwei Mann sind draußen.« Sie sah sich nach Spuren des Einbruchs um. Da fiel ihr Blick auf ein weißes Bündel, das dicht neben Schehannas Zelt auf dem Boden lag. Sie ging hin und beugte sich darüber. »Schehanna!« schrie sie auf. Tot, dachte sie, und das Herz stand ihr still. Sie tastete mit beiden Händen über ihre Brust und hob ihren Kopf, der mit dem Gesicht im Sand lag. Die Augen waren geschlossen und der Mund weit aufgerissen, ein Knebel steckte darin. Sie zog ihn heraus und begriff, was geschehen war. »Kommen Sie hierher!« rief sie dem Führer zu. Sie faßte Schehanna unter die Arme und bettete den Kopf in ihren Schoß. Als der Führer kam, trug er sie ins Zelt und legte sie aufs Bett. »Zünden Sie Licht an!« Der Führer zündete Licht an und setzte es auf den kleinen viereckigen Feldtisch, den er zwischen Kopfkissen und Wand schob. Er wartete, während Helen Schehannas Nachthemd löste und das Ohr auf ihr Herz legte; als sie es schlagen hörte, bedeutete sie ihm hinauszugehen. Sie nahm die Wasserkruke und befeuchtete Schehannas Schläfen. Dann bewegte sie ihre Arme auf und nieder, wie sie es von ihrem Vater gelernt hatte, während sie atemlos in das von Entsetzen erstarrte Gesicht blickte, wo der Knebel in beiden Mundwinkeln eine rote Furche hinterlassen hatte. Endlich begann die Brust zu arbeiten, die Lippen zitterten, Schehanna schlug die Augen auf. Der Schreck saß ihr noch in den Pupillen; sie waren groß, als ob sie springen sollten, plötzlich schlug das Leben wie eine dunkle Flamme aus ihnen heraus. Sie hob die Hände vors Gesicht, als ob sie sich wehren wolle. Ihr Blick starrte auf den Schatten, den Helens Kopf auf die Segeltuchwand warf. Der Schatten war groß und flackernd und füllte die Wand ganz bis zur Zeltspitze. Sie glaubte, daß das Aeshmas Mantel sei, und fuhr mit einem Schrei in die Höhe. Helen ergriff ihre Hände und rief sie beim Namen. Schehanna wandte den Blick beim Laut ihrer Stimme und sah Helen an, als suche sie in ihrer Erinnerung nach ihrem Bild. Da erkannte sie sie, und in ihr Entsetzen mischte sich solch tiefer Schmerz, daß Helen ihn in ihrem Herzen mitfühlte und unwillkürlich die Hände zurückzog. »Warum läßt du ihn nicht los?« klagte Schehanna und wich zurück, als fürchte sie sich vor Verunreinigung. »Schehanna! Komm zu dir. Ich bin es ja – Helen! Fürchte dich nicht, sie sind geflohen.« Schehanna heftete ihren Blick wieder auf die Schatten an der Wand. Sie richtete sich auf den Ellenbogen auf, den Kopf so weit zurückgebogen, daß er fast die Wand berührte. Ihr eigener Schatten erhob sich wie eine flackernde Geistererscheinung und vermischte sich mit dem Helens. Mit vor Angst verzerrten Zügen starrte sie auf die Schatten. »Sieh!« flüsterte sie, »dort– dort!« Helen folgte der Richtung ihres Blicks, konnte aber nichts sehen. »Aeshma-daeva,« flüsterte sie, »und Jahi!« »Schehanna!« bat Helen und versuchte sie an sich zu ziehen, »ich bin es ja – Helen!« Schehanna schüttelte verzweifelt den Kopf. Dann beugte sie sich zu Helen, und der Blick aus der Tiefe ihrer reinen Seele war düster und feierlich, wie durchtränkt von Leiden. Und sie flüsterte, indem ihre Finger bebend über Helens Arm strichen, als brenne die Berührung sie: »Jahi hat deinen Leib bestrickt.« Die Worte drangen Helen bis ins Herz. In der Tiefe ihrer Seele dämmerte ein unklares verstehen. Es war ihr, als sei sie zwei Wesen, als stände sie hinter sich selbst und forsche in ihrem eigenen Herzen nach der Wirkung dieser geheimnisvollen Worte. Schehannas Körper erschlaffte, ihre Hände glitten von Helens Armen herab. Sie sank ins Bett zurück, klein und schwach, schloß die Augen und bewegte die Lippen im Gebet. Helen lauschte voller Angst; aber sie murmelte die Worte in ihrer eigenen Sprache. Helen verweilte bei ihr, bis sie merkte, daß ihre Atemzüge regelmäßig und die großen Augäpfel hinter den durchsichtigen Lidern ruhig wurden, während die Lippen sich schlossen. Noch gingen hin und wieder seufzende Zuckungen ihrer Seelenqual über ihre Züge, dann hörte auch das auf, und sie schlief ein. Da erhob Helen sich und ging hinaus. Sie war todmüde, aber sie achtete nicht darauf. Die kalte Luft rief die Erinnerung an Ralph in ihr zurück und an die Gefahr, in der er schwebte. Sie eilte zum Führer hinauf, der auf dem Hügelkamm stand und schweigend ins Weite starrte. »Lassen Sie ein Feuer machen,« sagte sie und packte ihn am Arm, ohne daß es ihr bewußt war, »damit er zurückfinden kann.« Der Führer drehte sich um und sah sie mit großen Augen an. Dann ging er ins Lager und rief die anderen. Sie hörte ihn Befehle austeilen. Bald darauf flammte ein Feuer auf, das die Schatten der Männer und Kamele wie flüchtende Geister auf die öde Ebene warf. Helen versuchte Herr ihrer Angst zu werden, während sie über die Ebene starrte, wo nur Dunkelheit und Sterne zu sehen waren. Seit den Schüssen, die sie geweckt hatten, waren keine wieder gefallen. Sie meinte, daß es ein gutes Zeichen sei, weil wenigstens der Kampf zu Ende wäre. Sie hatte laut gesprochen, ohne es zu wissen. Der Führer, der wieder neben ihr stand, wandte sich ihr fragend zu. Kurz darauf ertönten Stimmen durch die Dunkelheit. Ist er mit? dachte sie und griff sich ans Herz. Sie sah die Umrisse der hellen Burnusse, und wollte ihnen entgegenlaufen. Im selben Augenblick aber fühlte sie, daß Ralph nicht mit sei, und die Angst lähmte sie. Als die Männer schließlich vor ihr standen, wagte sie nicht zu fragen. Sie versuchte in ihren Blicken zu lesen, aber sie waren leer und traurig. Die Männer zuckten die Achseln. Sie verstanden, was Helens Herz ihnen in seiner Qual zurief. Sie wandte sich zum Führer um und deutete sich die Antwort aus seinem düsteren Blick: die Wüste ist groß, er ist in Allahs Hand. »Hat er sich verirrt?« fragte sie leise. Der Führer blickte in die wüste hinaus und zuckte die Achseln. Vielleicht war er in der Gewalt der Räuber, vielleicht von ihren Kugeln getötet! Vielleicht verwundet, konnte sich nicht vorwärtsschleppen – und niemand hörte seinen Ruf. Das Herz stand ihr still. Sie fühlte, daß sie ihn, der draußen in der fürchterlichen Oede vielleicht sterbend lag, liebte. Vom Schmerz überwältigt, wandte sie sich an den Führer und die beiden Männer, die noch neben ihr standen. »Sucht ihn – rettet ihn!« bat sie und rang in Verzweiflung die Hände, während sie hilfesuchend von einem zum anderen blickte. Sie erfaßten ihre Worte durch den Tonfall, und schlugen die Augen nieder bei ihrem Kummer. Der Führer wechselte einige Worte mit den beuten. Darauf sagte er, und seine Stimme schlug düster und undeutlich an ihr Ohr: »Wen Allah verbergen will, können Menschen nicht finden. Er ist wie ein Sandkorn in der Wüste. Das Feuer können wir brennen lassen, damit er den Weg zurückfindet, wenn es Allahs Wille ist. Mehr können wir nicht tun, solange es Nacht ist.« Ich will ihn selbst suchen, dachte Helen und maß die Weite, die sie trennte. Als ob der Führer ihre Gedanken gelesen hätte, zeigte er auf ihre Bekleidung und ihre nackten Füße in den Pantoffeln. Sie achtete dessen nicht; als sie sich aber zum Gehen anschickte, fiel ihr Schehanna ein, die krank und hilflos in ihrem Zelt lag. Was soll aus ihr werden, dachte sie, wenn die Wüste mich verschlingt und er nicht zurückkehrt? Sie ging in ihr Zelt, machte Licht und kleidete sich an. Als sie fertig war, warf sie sich neben dem Bett auf die Knie, um zu beten, aber sie fand keine Worte. Ich habe keinen Gott, zu dem ich beten kann, dachte sie. Sie war hinausgezogen, um ihn zu finden. In ihrer Qual aber war er ihr ferner als je – in ihrer Freude über Ralph hatte sie vergessen, ihn zu suchen. Nur wenn das Herz leer ist, kann es Gott aufnehmen; ihr Herz aber war von Ralph erfüllt. Sie liebte ihn mit ganzer Seele und allen Sinnen – wie konnte sie ihn jetzt verleugnen? »Rette ihn!« flehte sie ins Leere hinein, »rette ihn, du Ewiger, der du dich verbirgst, obgleich du unsere Not siehst!« Von neuem begann die Angst ihre Gedanken zu jagen. Bald sah sie ihn tot im Sand liegen, bald mit versagenden Knien umherirren, während die letzten Kräfte aus seinem Herzen sickerten. Bald sah sie ihn gefesselt auf Kamelrücken, zu Qualen in unbekannte Gegenden entführt. Sie jammerte laut und rief sich jede Stunde ins Gedächtnis zurück, die sie zusammen verlebt hatten – von ihrer ersten Begegnung bis zum Sonnenaufgang gestern morgen. Sie warf sich vor, daß sie ihn ihrer eigenen egoistischen Ziele wegen abgewiesen hatte, vielleicht würde er jetzt sterben und nie erfahren, daß sie ihn liebte. Sie erinnerte sich jenes Morgens in Kairo, als sie sich scheu vor dem Begehren in seinem Blick zurückgezogen hatte, wenn sie ihm damals nachgegeben hätte, dann wäre er jetzt gewiß hier, dann hätte er ihrer- und seiner Liebe wegen besser auf sein Leben achtgegeben. Wenn er zurückkehrte, wollte sie sich ihm mit Leib und Seele zu eigen geben, das gelobte sie sich selbst. Ohne Vorbehalt und ohne Bedingungen wollte sie sich ihm beugen, eigenen willen, eigene Ziele opfern und ihm zu eigen sein. Gedanken und Sehnsuchtsgefühle aber liefen sich schließlich müde, und sie fiel in einen Zustand der Bewußtlosigkeit, der in Schlaf überging. Sie erwachte dadurch, daß der grauende Tag durch die Tür drang, die sie zu schließen vergessen hatte. Ihr Kopf war wie Blei, das Herz zentnerschwer. Als sie sich erinnerte, was es war, was sie drückte, fuhr sie in die Höhe. Während sie sich ankleidete, versuchte sie ihren Kummer und ihre Angst zu beschwichtigen. Sie stellte sich vor, daß Ralphs Errettung, wenn er noch am Leben war, einzig und allein von ihrem Mut und ihrer Stärke abhinge. Als sie aus dem Zelt trat, war die Sonne noch nicht aufgegangen, aber alle Leute waren auf den Beinen. Abbas, der das Ganze verschlafen hatte, kam im selben Augenblick heraus. Er sah erstaunt von einem zum anderen und fragte, was denn los sei, während er sich den Schlaf aus den Augen rieb. Die Neuigkeit machte ihn ganz wach; er blickte sprachlos in die Wüste hinaus. Dann stieg die Angst in seinen gelbgeränderten Augen auf und er murmelte, daß es besser sei, nach Sakkara zurückzukehren. Auf einmal zeigte einer von den Männern auf den Hügelkamm hinterm Zelt. Alle sahen dorthin und verstummten. Helen machte einige Schritte, weil das Zelt ihr die Aussicht benahm. Da sah sie Schehanna auf der Höhe knien, die Arme der Sonne entgegengebreitet. Sie war nur mit ihrem Nachthemd bekleidet. Sie schwankte, als ob die Erde unter ihr wogte, und ihr Kopf senkte sich zur Schulter, als könne er das Gewicht nicht tragen. Eine wunderbare Hoheit lag über dieser zarten Gestalt, wie sie sich von der aufgehenden Sonne abhob. Helen ging auf sie zu, um sie wieder ins Bett zu bringen. Als sie dicht bei ihr war, blieb sie stehen und lauschte ihrem Gebet. Obgleich sie die Worte nicht verstand, wurde sie von ihrer tiefen Andacht ergriffen, und sie wünschte innig mit ihr beten zu können. Die Sonne ging im Glanz ihrer Herrlichkeit auf, lächelnd dem Jammer der Welt lauschend, während sie gleichzeitig gab, nahm und segnete, wie ein Gott – und dennoch eine glühende Kugel, die einst entzündet wurde und am Ende aller Zeiten verlöschen wird. Als Schehanna mit ihrem Gebet fertig war, senkte sie die Arme und erhob sich zum Gehen. In ihrem aschgrauen Gesicht flackerten die Augen groß und blank wie im Fieber. Sie machte einige Schritte und schwankte. Helen eilte auf sie zu und fing sie mit ihren Armen auf. Als Schehanna sah, wer es war, bekamen ihre Augen denselben scheuen Ausdruck wie in der Nacht, und ihr Gesicht zuckte nervös, während sie sich von Helens Armen zu befreien versuchte. Helen aber ließ sie nicht. Sie führte sie zu ihrem Zelt zurück, brachte sie zu Bett und blieb bei ihr, bis sie schlief. Darauf ging sie zum Führer hinaus und fragte ihn, was er zu tun gedächte. Er wollte gleich einen von den Leuten auf dem schnellsten Kamel nach Sakkara zurückschicken, mit einer Botschaft für den Scheik. Sie hatten die Tour in aller Bequemlichkeit in drei Tagen gemacht, er würde sie im Eiltempo in anderthalb Tagen machen können, wenn der Scheik die Meldung empfangen hatte, war es seine Pflicht, Leute zum Nachforschen auszusenden und die Meldung an die Regierung in Kairo weiterzugeben, die wahrscheinlich eine Abteilung Wüstenreiterei schicken würde. Er selbst wollte mit drei Leuten und drei Kamelen die Wüste nach allen Richtungen absuchen. Er kenne die Gegend und wüßte, wo die Senussijen ihre Wohnstätten hätten. Er wollte sich an den Mahdi wenden und hoffte auf seine Hilfe, wenn er ihm berichtete, was sich zugetragen hätte. Allahs Sendbote sei ein gerechter Mann, der ihnen seine Hilfe nicht versagen würde. Ralphs und Helens Kamele sollten mit dem Rest der Leute und Abbas zum Schutz für sie und Schehanna zurückbleiben. Helen wäre am liebsten mit dem Führer geritten; Schehanna aber hielt sie an den Ort gebunden. Der Tag schlich langsam hin. Helen hielt sich meistens in Schehannas Zelt auf. Abbas stand draußen und lauschte auf Schehannas Stimme. Jedesmal, wenn er Helen sah, versicherte er ihr, daß Ralph am Leben sei und gegen Abend zurückkommen würde. Das habe er geträumt. Er kenne Geschichten von Männern aus seiner Heimat in Syrien, die auf seltsame Weise von der Wüste verschluckt und wieder ausgespien worden seien, wenn die Wüste jemanden fange, wollte sie ihn dadurch nur zum Fasten zwingen und seinen Glauben prüfen. Schehanna schlief fast den ganzen Tag. Als sie erwachte, war sie bei Bewußtsein und verstand, was Helen ihr von der Begebenheit erzählte, ihr tieferes Verständnis für die Sache aber ließ sie sich nicht nehmen. Sie wollte weder essen noch trinken, und als Helen in sie drang, flüsterte sie, daß sie nichts genießen wolle, um besser sehen zu können. Bei Sonnenuntergang kehrte der Führer mit seinen Leuten zurück. Sie hatten den ganzen Tag gesucht, die einzige Spur aber, die sie gefunden, war ein abgerissenes Stück von einem blutigen Tuch, das sie in der Nähe des Lagers gefunden hatten. Es gehörte Ralph nicht, und bewies nur, daß der Verfolgte verwundet war. Helen ging in rastloser Aufregung zwischen den Zelten aus und ein. Hin und wieder warf sie sich aufs Bett und weinte; gleich darauf aber erhob sie sich wieder und bekämpfte ihre Tränen. Sie gab die Hoffnung nicht auf, sie konnte es nicht. Ralph würde zurückkehren, vielleicht leidend, verwundet, aber kommen mußte er. Die Vorsehung, die gewollt hatte, daß sie ihren Weg gemeinsam machen sollten, konnte sie nicht wieder so sinnlos trennen. Wieviel hatte ihr Zusammensein in ihnen beiden zum Keimen gebracht? Die Verwandlung der Welt war über ihnen – sollte das alles wieder untergehen, von Entbehrung vermischt werden? In einer plötzlichen Eingebung faßte sie den Entschluß, die Nacht bei Schehanna zu verbringen, sie war ja krank, wenn sie im Fieber aufstehen und hinausgehen würde, war sie verloren. Im geheimen, und fast unbewußt hoffte sie, daß Schehanna etwas sehen könnte, was ihr verborgen blieb; und sie fühlte, wie es plötzlich still wurde in ihrem Gemüt. Schehanna warf sich unruhig hin und her und nannte mehrmals Ralphs Namen. Plötzlich fuhr sie in die Höhe und streckte die Arme zur Wand aus. Helen beugte sich zu ihr herab, um sie zu beruhigen. Ihre Hände öffneten und schlossen sich. Die Augenlider bebten; sie waren so durchsichtig, daß Helen das Dunkel der Pupillen dahinter sehen konnte. Ab und zu schlug sie sie auf und sah Helen an, ohne sie zu erkennen. Die Lippen bewegten sich in flüsterndem Gebet. Plötzlich blickte sie angestrengt vor sich hin, als sähe sie etwas in der Ferne. »Wo ist Ralph?« fragte Helen und hielt ihre Hände fest. »Im See Kasava.« Sie träumt, dachte Helen, wagte nicht weiter zu fragen, und tat es nach einer weile doch. »Lebt er?« Schehannas Gesicht verzog sich schmerzlich und die Lider glitten zu. »Er kann sich nicht freimachen.« Das waren dieselben rätselhaften Worte wie gestern. »Wer hält ihn denn?« »Helen.« Helen faßte ihre mageren Hände noch fester und beugte sich tief zu ihr hinab. »Kennst du mich?« fragte sie. In Schehannas Augen glühte es auf. Sie erkannte Helen, zog ihre Hände an sich und preßte sie unterm Kinn zusammen, während sie ihren Kopf scheu zurückzog. »Gib ihn frei!« bat sie, »damit er kämpfen kann fürs Licht.« Helen senkte ergriffen den Kopf bei ihrem bittenden Blick. »Auf welche Weise halte ich ihn denn?« fragte sie leise. »Jahi verlockt dich.« »Wer ist Jahi?« Schehanna antwortete nicht, sie hatte sich zur Wand umgedreht. »Dasturan Dastur!« rief sie und streckte die Hände aus, während ihr Blick groß und leuchtend wurde. Obgleich Helen nur ihren eigenen flackernden Schatten an der Wand sah, war es ihr, als ob sie nicht mehr allein seien. »Hörst du nicht, wie er die strahlende Jungfrau ruft?« flüsterte Schehanna. Sie legte ihre Hände auf Helens Brust und beugte sich vor, um zu lauschen. »Dein Ferved hat dich verlassen, weil du ihn nicht freigeben willst.« Helen wurde von Angst gepackt. Das Herz schien ihr plötzlich leer und kalt zu werden, wie gestern dämmerte ein dunkles Verständnis des richtigen Zusammenhangs in ihrer Seele auf; es war ihr, als ob eine unbekannte Schuld ihr das Herz beschwerte, voll Angst vor sich selbst und ihrem Schicksal drückte sie sich an die erregte Brust der Kranken. »Laß uns beten!« Schehanna richtete sich auf den Knien auf, Helens Hände zwischen den ihren. Sie betete mit lauter Stimme in ihrer eigenen Sprache. Die tiefe Inbrunst teilte sich Helen mit. Ihr galt des Gebet, ihr und Ralph, und doch stand sie außerhalb – mit Schuldgefühl im Herzen. Sie wollte mitbeten – an wen aber sollte sie ihr Gebet richten? Helen weinte. Schehanna hielt in ihrem Gebet inne. Ihre Hände tasteten über Helens Haar. Sie beugte sich herab und fragte: »Warum weinst du?« Helen wußte es nicht; aber sie antwortete: »Weil ich niemanden habe, zu dem ich beten kann.« »Dasturan Dastur will es dich lehren – erst aber mußt du Ralph freigeben, damit du selbst frei wirst und ihr beide fürs Licht kämpfen könnt. Still, hörst du nicht? Dein Ferved klagt, weil du dich in Dunkelheit verloren hast.« Helen legte ihren Kopf in Schehannas Schoß und weinte leidenschaftlich. »Ja – ja – ich will ihn freigeben, wenn er dadurch gerettet wird.« Schehanna nahm Helens Kopf mit unsagbarer Zärtlichkeit zwischen ihre kleinen dünnen Hände. »Still!« flüsterte sie und sah mit einem hingerissenen Lächeln zur Wand, »die strahlende Jungfrau hat eben gesprochen. Sieh, ihre Gewänder sind wieder weiß geworden. – Hast du es gehört, Dasturan Dastur?« Helen wiederholte das Gelübde in ihrem Herzen, das Gelübde an den unbekannten Gott: Ich will meiner Liebe entsagen, wenn du ihn lebend zurückführst. »Siehst du ihn?« fragte sie. »Ja, er schwebt zum Licht empor. Dein Ferved lächelt der strahlenden Jungfrau zu und streckt seine Hand übers Ufer. Sieh nur – sieh!« Sie richtete sich auf den Knien auf. Helen spürte den Jubel durch ihre Hände. »Jetzt ergreift er Aeshmas Mantel. Die Dunkelheit entweicht. Sieh, die strahlende Jungfrau hat über Jahi gesiegt. Nun, geht sie in den heiligen See hinaus.« Schehanna fiel ins Bett zurück, ihre Hände falteten sich auf der Brust. Ihre Augen schlossen sich, und auf ihrem Gesicht leuchtete ein Schimmer von Verzückung, während ihr Herz sich im Schlaf zur Ruhe begab. Helen ging von ihr und legte sich auf ihr Bett. Langsam glitt sie ins Traumland hinüber: Ralph stand neben ihrem Kopfkissen. Sie gab ihm ihre Hände und wiederholte ihr Gelübde. Und er sagte, daß sie Genossen im Kampf fürs Licht sein wollten. Helen erwachte beim ersten Morgengrauen. Schehanna stand neben ihrem Bett und betrachtete sie mit glänzenden Augen.« »Komm,« sagte sie, »Ralphs Ferved hat gerufen!« Helen richtete sich auf und blickte in ihr weißes Gesicht. »Lebt er?« fragte sie. »Ja – steh auf und komme mit! – Sein Ferved wird uns führen. Schnell, mein Herr ist in Not. Ahura Mazda hat mir vergönnt, ihn vom Tode zu retten, wie er mich zweimal aus der Finsternis errettet hat.« Helen zögerte einen Augenblick, während sie ihre Gedanken zu sammeln versuchte. Dann gab sie sich dem Unfaßbaren hin, sprang auf und kleidete sich eilig an. »Erinnerst du dich deines Gelübdes?« fragte Schehanna. »Ja.« »Dann komm mit, und wir werden ihn finden.« Helen traf den Führer vorm Zelt. »Lassen Sie die Kamele satteln!« sagte sie. Er sah sie erstaunt an und zögerte, bis er in ihrem Blick las, daß es ernst sei. »Wie viele?« fragte er. »Zwei – Schehannas und meines.« Während Helen Reiseapotheke, Keks und Kognak holte, wurden die Kamele gesattelt. Es waren ihrer drei, der Führer wollte selbst mit. Helen äußerte nichts dazu, als er aber voran ritt, um den Zug zu leiten, rief sie ihn zurück und sagte, daß Schehanna sie führen solle. Schehanna saß mit gesenktem Kopf auf dem Kamel und starrte wie eine Schlafwandlerin vor sich hin. Die Kamele schlugen instinktiv den Weg ein, den sie gestern und vorgestern gegangen waren. Als sie über die Hügel gekommen waren und die Spuren weiter verfolgen wollten, wurde Schehanna unruhig. Sie blickte über die wogende Ebene, hob den Arm und zeigte nach rechts. Helen rief den Kameltreiber an und bezeichnete ihm den Weg. Nachdem sie eine Weile stillschweigend geritten waren, wurde Schehanna wieder unruhig. Sie sagte einige Worte, die Helen nicht verstand. Dann klärte ihr Gesicht sich auf, sie lächelte und winkte mit den Armen, als begrüße sie einen Freund in der Ferne. Helen rief dem Treiber zu, ihr zu folgen; er blickte von ihr zum Führer, ob es ratsam sei, zu gehorchen. Der Führer nickte schweigend; und wieder gingen die Kamele eine Weile. Sie kamen zu einer Stelle, wo der Sandboden fester war als anderswo. Niedrige Büsche mit starren, grauen Lederblättern standen in einem dichten Ring mitten im Sande, als ob sie von Menschenhand gepflanzt seien. Zwischen ihnen erhob sich ein schwarzer Stein, der wie ein Obelisk ausgehauen war. Schehanna sah auf und zeigte über den Stein. Der Kameltreiber machte halt, wandte sich an den Führer und wechselte einige Worte mit ihm in ihrer eigenen Sprache. »Es ist unnütz, dort zu suchen,« sagte der Führer zu Helen und bedeutete dem Treiber, zu wenden. »Warum?« »Kein Muselmann begibt sich an diesen Ort, selbst wenn er auf Tod und Leben verfolgt wird.« »Herr Cunning ist kein Muselmann.« »Aber der, den er verfolgt hat. Und sollte er dort selbst Zuflucht gesucht haben, dann klopft sein Herz nicht mehr.« Der Führer heftete seine blauschwarzen Augen feierlich auf Helen; seine Stimme klang unheilschwanger, daß sie wider ihren Willen Furcht empfand. »Was hat es für eine Bewandtnis mit diesem Ort?« fragte Helen und blickte über die Sandhügel hinter die Büsche mit dem schwarzen Stein. Hier und dort schimmerte etwas Weißes im Sande, sonst war nur Wüste überall. »Es ist der Garten der bösen Geister,« sagte der Führer mit leiser Stimme und vermied es, den Stein mit seinem Blick zu streifen, »Jinns und Shaitas hausen hier mit ihrer Beute.« »Warum zögern wir?« sagte Schehanna und blickte sich ungeduldig um. »Führe das Kamel!« rief Helen Schehannas Kameltreiber zu, der mit dem Rücken zum schwarzen Stein stand und furchtsam von einem braunen Fuß auf den anderen trat. Er heftete seine großen Augen auf den Führer und gab sich den Anschein, als ob er die Worte nicht hörte. »Ich habe den Auftrag, meinen Herrn und die Seinen in die Wüste zu führen,« sagte der Führer und warf seinen Burnus über die Schulter, »nicht aber böse Geister in ihrer Behausung aufzusuchen.« »Warum zögern wir?« klagte Schehanna wieder. Der Führer hatte sein Kamel bereits gedreht, und seine Leute standen im Begriffs, dasselbe zu tun. Helen fühlte, daß sie machtlos sei. Sie biß sich auf die Tippen und sah ratlos von einem zum anderen. Da fiel ihr Blick auf Abbas, der hinter dem Führer saß; sie winkte ihm, er ließ sich vom Kamel gleiten und lief zu ihr hin. »Nimm du den Zügel!« befahl sie. Abbas zögerte und sah sie bittend an; als Schehanna aber wieder ungeduldig wurde, nahm er ihrem Kameltreiber den Halfter aus der Hand. Der Mann trat verblüfft zur Seite. Das Kamel bewegte den Kopf von rechts nach links, als ob es überlegte. Dann setzte es sich langsam in Bewegung, und Helens Kamel folgte seinem Genossen. Helen rief dem Führer zu, daß er hier auf sie warten solle. Er runzelte die Brauen und meinte, daß er die Verwegenen mit Gewalt zurückhalten müsse; aber es war schon zu spät. Dann empfahl er sie in Allahs Hände und ritt auf die höchste Stelle, damit er ihnen sichtbar sein konnte, wenn sie zurückkehrten. Ralph verfolgte den weißgekleideten Räuber mit dem Revolver in der Hand. Anfangs war er dicht hinter ihm; das Terrain aber wurde immer unebener, und in dem schwachen Sternenlicht konnte Ralph die Kräuselungen des Sandbodens nicht unterscheiden. Er stolperte immerfort, während der Wüstensohn so sicher wie am Tage lief und jeden Vorteil zu benutzen verstand, den die Wogen des Sandes ihm boten. Als Ralph einsah, daß es ihm nicht glücken würde, den Banditen zu fangen, obgleich er verwundet war, beschloß er, ihn niederzuschießen. Sofort fühlte der Räuber, was bevorstand; seine Sinne, so wach und empfänglich wie die der wilden Tiere, ahnten Ralphs Griff um den Revolver und das Knacken der Feder. Mit einer letzten Kraftanstrengung beschleunigte er seinen Lauf, breitete seinen Mantel wie ein Segeltuch zum Schutz aus, duckte den Kopf und stieß einen Schrei aus, der wie das Klagen eines Raubvogels durch die dunkle Nacht klang. Ralph schoß, merkte aber, daß er nicht traf. Im selben Augenblick blitzte ein Schuß weiter vorn aus der Dunkelheit auf; Ralph sah, wie der Räuber an der Erde entlang lief und wie eine andere Gestalt in seiner Nähe auftauchte; es war der Reiter mit dem ledigen Pferd. Indem der Verfolgte sich hinaufschwang, schoß Ralph noch einmal; die Reiter aber waren schon außer Schußweite. sie sandten ihm ihr Hohngelächter nach und die Dunkelheit verschlang sie. Ralph verfluchte seine Unvorsichtigkeit; er hatte seinen letzten Schuß abgefeuert und war jetzt wehrlos. Er blieb stehen, trocknete sich den Schweiß von der Stirn und versuchte sich zu orientieren. Jetzt galt es, so schnell wie möglich zum Lager zurückzugelangen; die Wüste war ja voll von diesen Banditen. Wenn die beiden Reiter ihre Kameraden benachrichtigt hatten, würden sie ihn umringen und fangen. Er stellte fest, wo Norden war; es nützte ihm aber nichts, da er nicht wußte, in welche Richtung er hinter dem Räuber hergelaufen war; außerdem hatte dieser sicherlich sein möglichstes getan, um ihn irrezuleiten. Es war noch zu dunkel, um nach Spuren im Sande zu suchen, und er hatte nicht einmal seine Uhr bei sich, um zu sehen, wie lange die Verfolgung gedauert hatte. Er stieg auf den nächsten Wogenkamm und hielt Umschau nach einem hellen Punkt. Sie würden im Lager natürlich ein Feuer angemacht haben, damit er zurückfinden konnte; aber es war nirgends etwas zu sehen. Er war allein unter der ungeheuren Kristallwölbung. Ueber seinem Sportshemd hatte er nur eine dünne weiße Drillichjacke, und an dem eisigen Gerinnen der Luft schätzte er, daß es gegen Morgen sei; ihn fror so, daß ihm die Zähne im Munde zusammenschlugen. Er lief hin und her, um sich warm zu halten; gleichzeitig spähte er nach allen Zeiten, um nicht aus dem Hinterhalt überrascht zu werden, vielleicht ruhten Augen hinter jedem Sandhügel auf ihm – Augen, die gewohnt waren, die Wüstenfinsternis zu durchdringen. Vielleicht wartete man nur darauf, daß er sich müde laufen sollte, um ihn dann ohne Risiko zu überwältigen – die wußten ja nicht, daß er seinen letzten Schuß töricht vertan hatte – ihn fortzuführen und bestenfalls gegen teures Lösegeld wieder freizulassen. Er erinnerte sich des jungen Gesichts des Mahdis, seines plötzlichen Zornes, der es zehn Jahre älter machte, und zweifelte nicht daran, daß der Auserwählte Gottes dahinter steckte. Jetzt meinte er sich auch zu erinnern, daß seine lebhaften Augen mit besonderem Wohlbehagen auf Schehanna geruht hatten. Der Hühnerdieb, den er neulich bei der Hecke überraschte, machte dieselbe Absicht gehabt haben, ja, vielleicht hatte er diese heute nacht verfolgt. Man hatte ihn und seine Gesellschaft wahrscheinlich schon seit Kairo ausspioniert, vielleicht schon seit jenem vormittag in der El-Azhar, als die Senussijen sie mit feindlichen Blicken im Moscheegarten verfolgten, war der Mahdi vielleicht heimlich zwischen den Studenten gewesen und hatte sich das fremde Weib auserkoren? Er suchte Deckung in einer Lenkung; kaum aber hatte er sich niedergelegt, als die Müdigkeit ihn übermannte. Nach kurzem, bleischwerem Schlummer wurde er von der Kälte geweckt. Glieder und Rücken waren ihm ganz erstarrt und er spürte innen Schmerzen. Er lief wieder, um warm zu werden, und wagte nicht, sich zu setzen, um nicht von neuem einzuschlafen. Endlich dämmerte es. Er dachte an den Sonnenaufgang, den Helen und er zusammen erlebt hatten, und konnte nicht fassen, daß erst vierundzwanzig Stunden seither vergangen waren. Dasselbe feierliche Gefühl wie gestern überkam ihn, als die Sonne sich überm Horizont hob und die strahlen ihn umfingen. Es war, als ob das Licht ihn dem Tode entrang und dem Leben zurückgab. Er atmete tief auf und fühlte, wie Muskeln und Nerven sich von neuem spannten. Was jetzt? Von dem höchsten Punkt, den er erreichen konnte, blickte er in alle Himmelsrichtungen, entdeckte aber nichts, was darauf deutete, daß das Lager in der Nähe sei. Er suchte seine Spuren von der Nacht, aber sie liefen durcheinander, und er erinnerte sich, daß er hin und her gerannt war, um sich warm zu halten. Weiterhin verloren sie sich ganz, vom weichen Sand verwischt. Noch weiter fort sah er sie wieder mit breiten Sandalenabdrücken vermischt, die von dem Räuber herrühren mußten; aber auch diese verloren sich plötzlich in tiefem, weichem Sand, wie er auch suchte, er fand sie nicht wieder. Er wußte nicht, in welche Richtung er gehen sollte, um sich nicht noch mehr vom Lager zu entfernen. Jetzt, nach Sonnenaufgang waren die Führer und alle seine Leute gewiß in allen Richtungen unterwegs, um ihn zu suchen. Das beste war, ruhig auf dem höchstgelegenen Punkt zu bleiben, von wo er Ausschau halten und selbst gesehen werden konnte. Wenn die Banditen mich vor den anderen entdecken, ist es mit mir vorbei, dachte er. Wenn ich glücklich ins Lager zurückgekehrt bin, müssen wir sofort aufbrechen und Jakkara so schnell wie möglich zu erreichen versuchen. Denn was bedeutet die Handvoll Männer, über die wir gebieten, wenn der Mahdi es sich wirklich in den Kopf gesetzt hat, Schehanna zu besitzen? Unsere ganze Karawane auszurotten, wäre außerdem das sicherste Mittel für ihn, um seine Gewalttat bei den Behörden in Kairo zu verheimlichen und sich vor unangenehmen Folgen zu schützen. Später kann er dann schwören, daß er uns nie gesehen – daß die Wüste uns verschlungen hat. Ralph sah ein, daß ihrer aller Leben in den Händen des Führers und seiner Leute läge. Würden sie ehrlich genug sein, die Fremden, die ihnen anvertraut waren, gegen den Wunsch und Willen des Mahdis zu beschützen – darauf kam es an. Da sie Leute aus dem Stamme des Mahdis waren, würde dieser sie gewiß nur töten, wenn er selbst in Gefahr kam. Ralph aber hatte sie in blinder Unterwürfigkeit vor den Füßen des Mahdis gesehen – er war ja der von Gott Gesandte; höchstwahrscheinlich würde jeder seiner Wünsche für sie Gesetz sein. Je mehr Ralph die Lage überdachte, desto ernster erschien sie ihm, und nicht nur für ihn selbst, sondern für sie alle. Schon brannte die Sonne so stark, daß er nicht wußte, wo er sich auf der schattenlosen Ebene hinwenden sollte. Der Hunger begann ihn zu plagen, aber der Durst war schlimmer. Aus Westen strich eine heiße Brise über die große Wüste. Sie trocknete Augen, Nasenlöcher und Mundhöhle aus und füllte sie mit feinem Sand, den man in der flimmernden Luft nicht sah, aber wie eine Kralle in den Augenlidern und wie Kies zwischen den Zähnen fühlte, ja, bis ganz in die Lungen hinunter meinte man das kitzlige Gefühl zu spüren. Wie er dort stand, nur von seinem Tropenhut gegen die brennende Sonne geschützt, vor Hunger und Durst gequält, nach der Schlaflosigkeit und Kälte der Nacht ermattet, kam ihm plötzlich der Gedanke: wenn meine Leute mich nun nicht finden, und die Banditen es vorziehen, mich von der Wüste umbringen zu lassen – sollte ihr Hohngelächter in der Nacht das vielleicht bedeuten? Die Sonne stand hoch am Himmel; bald würden die Strahlen lotrecht auf seinen Kopf fallen. Meilenweit nur Oede, hier und dort der Schatten eines fußhohen Kaktusbusches, den die Kamele verschmäht hatten, sonst nur Sand – Sonne, Himmel und Sand. Er begann nach Norden zu gehen, wie er es bereits in der Nacht getan hatte; aber die Furcht, sich noch mehr vom Lager zu entfernen, hielt ihn zurück. Sie haben mich seit Sonnenaufgang gesucht, dachte er. Die Wahrscheinlichkeit, daß sie mich jetzt finden werden, ist also gering – oder – ? Eine neue furchtbare Möglichkeit trieb ihm das Blut zum Herzen: Wie, wenn der Führer ein Verräter und die Begegnung mit dem Mahdi ein abgekartetes Spiel gewesen war. Während die Leute zum Schein ihren Herrn suchten, kam der Mahdi und überwältigte die Zurückgebliebenen. Der Führer würde zurückkehren, ohne ihn gefunden zu haben, und Allah und seine Leute zu Zeugen nehmen, daß er seine Pflicht getan hätte, vielleicht waren Helen und Schehanna jetzt auf dem Weg nach der fernen Oase Siwa, wo der Mahdi zu Hause war, wie der Scheik gesagt hatte, und er selbst war zum Hungertod in der Wüste verurteilt! Die Sehnsucht nach Helen und die Angst ihretwegen überfielen ihn mit solcher Gewalt, daß er in die Knie sank, weder Hunger, Durst noch Hitze empfand er in diesem Augenblick – nur sie. Er machte sich die heftigsten Vorwürfe, daß er sie in diese Oede geführt hatte. Ich bin für ihr Leben verantwortlich, dachte er. Nicht nur für ihr Leben, sondern auch für das, was im Begriff war, in ihrem Gemüt emporzuwachsen. Er hatte ein unklares Gefühl von Verantwortung, das sich auf die Welt, auf die Menschheit, verpflanzte. Warum bin ich ein anderer geworden, warum ist eine Veränderung mit meinem Sinn vorgegangen, wenn ich wie ein Hund in der Wüste sterben soll? – wenn er seinen letzten Schuß nur nicht unnütz vergeudet hätte! Da wurde es plötzlich still in ihm. Der Tod – der ist ja nur – Es war ihm, als ab der Horizont sich plötzlich erweiterte, als ob er über die ganze Welt schaute, die Welt, die er kannte und die dennoch eine ganz andere war. Das Dasein schien einen doppelten Boden zu haben, der ihm in sekundenlanger Klarheit zu schauen vergönnt war. Eine unsagbare Milde hob sein Herz – eine tiefe, ahnungsvolle Stille senkte sich auf ihn. Was mag hinter dem Leben sein? dachte er, was werde ich zu sehen bekommen? Es war ein seltsames Gefühl, als sei er entrückt und doch zugegen, als sähe er sein eigenes Leben von oben und warte mit klopfendem Herzen auf etwas, was aus der Ferne rief. Dann aber war es wieder ausgelöscht – er wußte selbst nicht mehr, was sich in ihm geregt hatte. Es war ihm, als ob er aus einem Traum erwachte und die Worte des Traumes sich tief ins Herz eingeprägt hatten; doch wollte es ihm nicht glücken, sie sich ins Bewußtsein zurückzurufen. Er hatte sich hingesetzt, ohne es zu Wissen, und hielt etwas Weißes in der Hand, das er aus dem Sand aufgenommen hatte – es war der Schädel eines Raubvogels; aber er achtete dessen nicht. Während er darauf niederstarrte, dachte er: was habe ich aus meinem Leben gemacht? – Welche Werte habe ich geschaffen? Die Himmelsbrücke tauchte vor ihm auf. aber er rechnete sie für nichts. Er suchte und suchte, fand aber nichts, was ihm wert schien, genannt zu werden. Ich habe vergeblich gelebt, dachte er ohne Bitterkeit, – es war, als ob er ein Fazit zog. Wie war es nur möglich, daß ich die Jahre in nutzloser Arbeit vergeudet habe, als seelenloses Werkzeug im Dienst von Mächten und Verhältnissen, die gar nicht in mir selbst lagen? – wie war es möglich, daß ich Tag für Tag Sklavenarbeit verrichtet habe, ohne nach dem Wert der Ziele, in deren Interesse ich schaffte, zu fragen? – Wie ging es zu, daß ich so rastlos schaffte, ohne die Gewißheit zu haben, daß ich an der richtigen Stelle stand? – warum verschaffte ich mir nicht erst Klarheit darüber, was die Welt eigentlich ist und was ich darin zu schaffen hatte? Vielleicht, dachte er, verlor ich die Lust, als ich in den Augen der Welt den Höhepunkt erreicht hatte – und ließ darum alles leichten Herzens im Stich. Und jetzt, wo mir endlich die Augen für das Wesentliche und Wertvolle aufgegangen sind, jetzt soll ich hier liegen und sterben? Aber stärker als der Gedanke, daß er sterben müsse packte es ihn, daß er allein sterben sollte; er meinte, es könnte nicht geschehen, ohne daß Helen sein Schicksal mit ihm teilte. Es war ihm, als ob sie sich gegenseitig trügen, gleichzeitig aber auch herabdrückten. Sie konnte doch nicht im Leben bleiben, wenn seine Aufgabe jenseits des Todes lag. Meine Millionen werden dazu verwendet werden, den Wettlauf fortzusetzen, dachte er, das leere, geschäftige Getümmel, das so bedeutungslos ist. Während er dies dachte, hatte das Bewußtsein ihn schon halbwegs verlassen, von Hunger und Mattigkeit übermannt, sank er zusammen und schlief ein. Als er erwachte, war es schon spät am Nachmittag. Er fuhr aus einem furchtbaren Alpdruck auf. Etwas wollte ihn niederhalten und er mußte sich mit aller Macht wehren, um loszukommen. Er hatte heftige Kopfschmerzen und es flimmerte ihm vor den Augen. Er versuchte aufzustehen, aber die Sandwogen um ihn herum hoben und senkten sich, als sei die ganze Wüste in Aufruhr. Ich habe einen Sonnenstich bekommen, dachte er und faßte sich mit beiden Händen an den Kopf. Er versuchte seine Gedanken zu sammeln und einen Entschluß zu fassen; aber es glückte ihm nicht, weil er fühlte, daß es nutzlos sei. Hunger und Durst wurden auf einmal so heftig, daß er etwas vornehmen mußte , und in einer plötzlichen Eingebung begann er nach Osten zu gehen, schneller und schneller ging er, schließlich lief er, bis die Beine ihn nicht mehr tragen wollten und er im Sand zusammenbrach. Jetzt erst wußte er, was der Zweck seines Vorwärtsstrebens gewesen war. Er wollte Sakkara erreichen, – den Nil mit dem fruchtbaren Land – wo es Menschen und etwas zu essen und zu trinken gab. Drei Tage hatten sie zur Ausreise gebraucht, jetzt mußte er versuchen, so schnell wie möglich zurückzugelangen; das war die einzige Rettung. Er wollte in der Nacht gehen und am Tage ruhen, und er begann von neuem nach Osten zu wandern. Wie lange er so gegangen war, wußte er nicht. Sein Gehirn enthielt keine Gedanken mehr, aber auch keine Furcht; es war der Körper, der sich ohne Mitwirkung der Seele aufrecht zu erhalten versuchte. Nur Helen war immerfort in seinem Gemüt. Er merkte, daß das Terrain abfiel. Als er an etwas Dunklem vorbeikam, das sich von der schwachen Dämmerung unter den Steinen abhob, ging er näher heran und sah, daß es ein Stein zwischen trocknem Buschwerk war. Vielleicht ist eine Oase in der Nähe, dachte er und bog dort ein, wo ihm ein Pfad zu sein schien. Als er ein Stück gegangen war, sah er etwas Weißes im Sand leuchten; es war der Schenkelknochen eines großen Tieres. Nicht weit davon fiel sein Auge auf ein Kamelskelett; schimmernd weiß wölbte sich der mächtige Brustkasten durch die Dunkelheit, die Rippen steckten im Sand, der sich um sie aufgehäuft und den Hohlraum zwischen ihnen ausgefüllt hatte. Hier will ich ruhen, dachte er. Wenn die sonne aufgeht, werden die Knochen mir Schatten geben. Er versuchte das Skelett auf die Seite zu wälzen, aber es lag zu fest. Es glich dem Wrack eines Schiffsrumpfes, das er einmal bei den Bermudas-Inseln gesehen hatte. Er schaufelte Sand beiseite und machte sich ein Lager im Hohlraum zurecht. Ich will eine Notflagge hissen, dachte er und band sein Taschentuch an die Rippe, die am höchsten ragte. Dann kroch er in den Bug des Gerippes hinein, zag seine Jacke fest um sich, bohrte seine Beine in den losen Sand, der noch warm vom Tage war, schaufelte sich den Sand zum Schutz gegen die Nachtkälte über Unterleib und Brust und schlief ein. Als Ralph die Augen aufschlug, begegnete er Helens Blick. Sie kniete neben ihm, den Kopf über ihn gebeugt, die Hand auf seinem Herzen, hinter dem Tränenschleier strahlte ihre Seele ihm aus den großen dunkelgrauen Pupillen entgegen. »Also hab ich sie doch wieder zu sehen bekommen,« dachte er und lächelte, »aber wo ist sie? – Im Leben oder jenseits des Todes?« Er richtete den Kopf auf, sie half ihm; ihre Lippen zitterten so heftig, daß sie nicht zu sprechen vermochte. »Dort ist ja Schehanna,« dachte er und betrachtete das blasse Gesicht mit den fieberglänzenden Augen, die die seinen wie aus einer anderen Welt betrachteten. Er stützte sich auf den Ellbogen und wurde Abbas' und der Kamele ansichtig. »Es ist aber doch das Leben,« dachte er, »ich habe noch etwas auszurichten« – und plötzlich erwachte er zu vollem Bewußtsein. Er sah die Sprossenwand der Rippen und erinnerte sich des vorgefallenen wie eines fernen, fernen Traumes. Dann arbeitete er sich aus seinem Käfig heraus, schüttelte den Sand von sich ab und stand auf. Abbas war der erste, der sprach. Er gab seiner Freude in einem Strom von Worten Ausdruck. »Ich bin all right !« sagte Ralph und nahm Helens Hände mit einem Versuch seines Knabenlächelns. Helen wagte nichts zu sagen. Die Spannung war zu groß gewesen; sie fühlte, daß sie in Tränen ausbrechen würde, wenn sie den Versuch machte, etwas zu sagen. Schehanna murmelte Worte in ihrer eigenen Sprache. Ralph begriff, daß es ein Dankgebet war. Er faßte ihre Hände, die sie vor der Brust hielt, und drückte sie schweigend. Dann nahm er Helens Arm. »Laßt uns so schnell wie möglich zum Lager gehen!« sagte er, »ich bin halb verdurstet.« Helen holte Keks und mischte Kognak mit Wasser. Ralph trank, essen konnte er nicht. Abbas ließ Helens Kamel niederknien; Ralph stieg auf, ohne Hilfe annehmen zu wollen; und eine halbe Stunde später hatten sie den Garten der bösen Geister hinter sich. Als sie an dem schwarzen Stein vorbeikamen, sahen sie den Führer und seine Leute noch an derselben Stelle halten, wo sie sie verlassen hatten. Der Führer wollte Ralph nicht allein reiten lassen. Er machte ihm vor sich auf seinem Kamel Platz und stützte ihn von hinten mit seinen Armen, ohne daß er es merkte. Unterwegs erzählte Helen, die neben ihm ritt, was sich zugetragen hatte. Ihrem Versprechen getreu, verbarg sie, so gut es ging, was sie selbst gelitten hatte. »Schehanna hat Ihr Leben gerettet!« sagte sie. Sie erinnerte sich an alles, was sich in Schehannas Zelt in der Nacht ereignet hatte, und sie dachte bei sich, daß nicht Schehanna, sondern ihr Glaube der Retter gewesen sei. Der Führer bestand darauf, daß sie sogleich aufbrachen. Er fürchtete, daß die Senussijen ihnen den Weg abschneiden könnten, um ihren Kameraden zu rächen. Sobald sie gegessen hatten, wurden die Zelte abgebrochen. Am selben Nachmittag schon waren sie unterwegs und erreichten die Villa nach zwei Tagen und drei Nächten. Als der Scheik Abdul-Hassan erfuhr, was sich in der Wüste zugetragen hatte, ritt er zur Villa hinaus und riet Ralph und Helen, Aegypten unverzüglich zu verlassen, wenn der Mahdi sich Schehanna wirklich ausersehen hatte und der Raub auf seinen Befehl geschehen war, dann würde er sicher früher oder später ausgeführt werden, denn es war eine Gott wohlgefällige Handlung, den Wünschen des Mahdis zu dienen. Und wenn der Senussije, den Ralph verfolgt hatte, an seinen Wunden starb, würde Blutrache Ehrenpflicht seiner Stammesgenossen sein. Zwei Tage später gingen Ralph und seine Gesellschaft wohlbehalten in Port Said an Bord eines Dampfers des Norddeutschen Lloyd. Ende des ersten Bandes.