Theophil Zolling Die Million Erster Teil I. Ein heißer Tag an der Börse! Die drei großen Säle waren voll Lärm und Bewegung. Überall tauchten Makler und Agenten in fieberhafter Thätigkeit auf und verschwanden in dem hastenden, heftig erregten, tosenden Menschenstrom. Barhäuptig oder den Cylinderhut auf dem Hinterkopfe, wimmelten die meist schwarzgekleideten jungen und alten Herren durcheinander. Es gab kein Plaudern oder ruhiges Gespräch mehr, man schrie oder flüsterte, Kurse und Papiere wurden ausgerufen und Zahlen flogen durch die Luft, wie auf einer Versteigerung, und weil man sein eigenes Wort kaum vernahm, so schrie man einander in die Ohren. Die Wissenden und die Wichtigthuer raunten mit Diplomatenmiene geheimnisvolle Ziffern, lächelten schlau, zuckten die Achseln und schoben sich Kursberichte, Depeschen und Zeitungsblätter zu. Und diese Zurückhaltung und Leisetreterei schien die Anderen nur noch mehr aufzuregen. Immer lauter wurde die wilde Jagd der Makler und ihrer Angestellten. Da galt es, den Konkurrenten zu übertönen, die Kurse zu treiben, die Kauflustigen anzueifern und zu bereden, die erteilten Aufträge auszuführen und neue zu erhaschen, die Bewegung der Hausse zu befestigen, Fernsprecher und Telegraphen spielen zu lassen. Die großen Bankiers und ihre Disponenten saßen auf den mit ihren Firmatäfelchen versehenen Rohrbänken oder an den Schreibtischen unter den hohen Fenstern, durch welche mächtige Lichtwellen aus dem stillen Hof in das Getümmel fielen, und empfingen Berichte und Aufträge, erteilten Ratschläge und Ordres und klatschten wohl auch über gleichgültige Stadtneuigkeiten, um sich vom Geschäft zu erholen oder durch ihre Ruhe und gute Stimmung Vertrauen zu verbreiten. Unter der Uhr, deren goldene Zeiger auf halb Zwei rückten, sah man eine stillere Gruppe von ergrauten Börsenmännern, die von Lehrjungen und Kommis zwar umschwärmt, aber kaum erregt wurden, – kaltblütige Spekulanten und schlaue »Konzertzeichner«, die sich nicht mehr verblüffen und überrumpeln ließen. Nur ein dicker, ältlicher Herr, dessen Haar von Pomade glänzte, sprach, an eine graue Granitsäule gelehnt, etwas heftiger, – ein Baissier aus Temperament und Beruf, den dieser Hexensabbath mit immer stärkerem Mißtrauen erfüllte. »Alles fauler Zauber!« rief er mit lispelndem Deutsch, das den germanisch blonden Bart Lügen strafte und deutlich die morgenländische Abkunft verriet. »Alles fauler Zauber! Noch vor Börsenschluß haben wir den Krach! Und das sage ich!« Nun wurde endlich den umstehenden Freunden die ewige Zweifelsucht und Schwarzseherei zu viel. Sie suchten den Pessimisten zu bekehren, und ein eben herbeigeeilter Makler mischte sich in die Unterhaltung. »Aber Herr Moritz,« kreischte der schon heiser gewordene Schreier, indem er entrüstet die Bleifeder in sein Buch steckte und die Hände zusammenschlug, »heiß' ich einen ungläubigen Thomas! Liegt die Sache nicht so klar wie Tinte? Die Niederdeutsche Bank rückt mit der Emission der peruanischen Anleihe heraus ... Ist es nun so unnatürlich, daß der Herr Generalkonsul für seine Emission Stimmung macht, indem er eine Hausse auf allen Märkten in Szene setzt?« »Das ist nicht natürlich, sondern ungesund!« versetzte Herr Moritz, der ein arger Prinzipienreiter war. »Selbst ungesund!« rief der Andere, dessen Geduld zu Ende ging, und stürzte sich wieder in den Menschenstrom, denn jenseit der viereckigen Schranken hatte er eine hohe Gestalt mit grauem Cylinderhute bemerkt, die von einem Kreise von Bankiers, Disponenten und Agenten umgeben war. Rasch brach er sich mit Hilfe rücksichtlos eingesetzter Ellbogen Bahn und näherte sich dem allmächtigen Bankdirektor. »Ein seltener Gast an unserer Börs'!« rief der Makler mit süßlichem Lächeln und erkundigte sich einschmeichelnd, ob der Finanzmann vielleicht einen Auftrag für ihn habe. Doch dieser schüttelte den leicht ergrauenden Kopf und strich gelassen mit der Hand über die glattrasierten Wangen. Dann warf er durch seine goldene Brille einen ungeduldigen Blick nach dem Haupteingang, als erwartete er jemand. Aber die Umstehenden überließen ihn nicht lange seinen Gedanken und bestürmten ihn von allen Seiten mit ihren Fragen, denn er galt als treffliches Börsenorakel, das Vieles wußte und immer geschickt zu kombinieren verstand. Heute war er indessen nicht gewillt, den forschenden Geistern Rede zu stehen. Meist antwortete er ihnen mit irgend einer gleichgültigen Bemerkung, die zu nichts verpflichtete, oder mit einer ausweichenden Gegenfrage. Es schien ihn wenig zu interessieren, daß London fest, Wien animiert, Paris kauflustig, daß der kranke Kaiser eine gute Nacht gehabt, daß Lombarden 65, Franzosen 109, Diskonto 219, daß Fürst Schnitz gestern Abend im Klub 100+000 Mark im Baccara mit einem Pariser Journalisten verloren. Als aber ein mittelgroßer alter Herr, den Zylinderhut in der Hand, neben dem Portier erschien, durchbrach er rasch den ihn umgebenden Kreis und eilte mit elastischen Schritten zum Eingang. »Der Herr Kommerzienrat gehört zu mir!« rief er dem Thürhüter schon von weitem zu, der sich mit einer Verbeugung entschuldigte. Dem Fremden aber mochten die Schwierigkeiten, die der Cerberus gegen seinen Eintritt erhoben, peinlich gewesen sein, denn eine jähe Röte färbte sein Gesicht, so daß es jetzt in der Umrahmung des weißen Backenbartes weniger alt erschien. Der Bankdirektor ging ihm mit vorgehaltenen Händen entgegen, was der Alte sehr geschmeichelt aufnahm, denn er verneigte sich einmal übers andere, immer mit einem Anfluge von schüchterner Unbeholfenheit. Doch weltstädtisch gewandt half ihm der Börsianer darüber hinweg, ergriff seinen Arm, hakte ihn in den seinigen ein und führte ihn so schnell, als es das Gedränge und die Rücksicht auf den Greis zuließen, in die Fensternische der Niederdeutschen Bank, wobei er mit ungeduldigen Handbewegungen die sich herandrängenden Geschäftsleute verscheuchte. »Gott sei Dank!« rief er aus, als sie diese Insel inmitten der Brandung erreicht hatten. »Die Rotte Korah sind wir los. Aber bedecken Sie sich doch, Herr Kommerzienrat.« Er setzte dem nicht gern unhöflich scheinenden Greise den Hut mit sanfter Gewalt auf den noch dichten Graukopf, und sie nahmen mit dem Rücken gegen das Fenster an dem viereckigen grünen Tische Platz. Der freundliche, aber noch nicht warme Aprilsonnenschein fiel nach einem Augenblicke der Verdunkelung durch leichte Regenwolken wieder in den Saal und goß, lustig von Stäubchen durchtanzt, über die nächsten Männergruppen seinen flimmernden Glanz, und der blanke braune Stuckmarmor an den Wänden warf den Schimmer wie ein Spiegel zurück, so daß der ganze Raum und alles Treiben darin wie in Licht gebadet schien. Doch nur zu bald mußte eine Wolke über das Stückchen Himmel ziehen, denn plötzlich erlosch das Sonnengold und sein Widerschein, und man sah von neuem nichts mehr als dunkle Männergestalten in einer von Staub, Dunst und Lärm erfüllten Säulenhalle. Der Bankdirektor wies dem Fremden mit deutendem Finger den dreifach gegliederten Saal und seinen kunstvollen Bau, die Marmorgruppen, die Kolonnaden und die Galerien mit ihrem verwunderten Zuschauerpublikum aus der Provinz, aber das Haus schien seinen Freund weniger zu fesseln, als das betäubende Getriebe ringsum. »Ja, das ist Handel und Wandel!« rief er aus. »Wer sein Leben lang wie ich nur Hand- und Maschinenarbeit verrichtete und verrichten ließ, erstaunt über diese Zauberwelt der modernen Million. Man spielt mit bloßen Begriffen, und ein Vermögen zerfließt einem zwischen den Fingern. Aber im Grunde wird hier doch das bewegliche Kapital der produktiven Arbeit entzogen und nur der schnell gewinnenden Spekulation zugeführt. Der mühsam erworbene und beharrlich gesammelte Volksreichtum verfliegt in der Luft, ohne daß man nachweisen kann, in welchen Taschen der Niederschlag geblieben. Hab' ich Recht, Herr Generalkonsul?« Der Finanzmann warf aus seinen kalten, wasserblauen Augen einen ironischen Blick auf den alten Fabrikherrn, aber lächelte ihn gleich darauf freundlich an, um ihn nicht zu verletzen. »Die Börse ist ein ganz unentbehrlicher und segenreicher Regulator und Stützpunkt des wirtschaftlichen Lebens,« wandte er ein. »Sie schafft den öffentlichen Kredit, gibt den Staaten und der Industrie ihre Millionen und öffnet der Sparkraft des Volkes sichere Wege und Stätten, wodurch die nationale Basis des Wohlstandes und der Steuerkraft gebildet wird. Freilich ist hier ein heißer Boden, und man muß genau Bescheid wissen. Sehen Sie, ein bloßes Gerücht hat den Bienenkorb in Aufregung versetzt. Andere Gerüchte sind entstanden. Ob wahr oder falsch, gleichviel. Die Hausse ist da. Wohl dem, der sie zu nützen versteht, ehe es zu spät wird.« Zwei Makler hatten die Herren erblickt und drängten sich mit ihren Kurszetteln und Depeschen heran. Als der Direktor sie abwies, wandten sie sich an seinen Begleiter, der sie mit einem hilfeflehenden Blick auf den Freund loszuwerden suchte, doch fand er keine Unterstützung. »Stellen Sie Ihr Glück auf die Probe.« sagte der Konsul. »Die steigende Tendenz ist nach meiner Berechnung fest, und Sie riskieren nichts.« Es bedurfte nur dieser Aufmunterung, um die Makler zu einem erneuten Ansturme zu veranlassen. Aus ihrem Munde kamen Börsenausdrücke, Zahlen, Namen, von denen der Fremde nichts verstand. Im Handumdrehen hatte er um dreißigtausend Mark erstanden, und auch nach diesem Geschäfte gelang es dem Direktor nur mit Mühe, ihn von seinen Drängern zu befreien. Mit gutmütigem Lächeln und der leisen Besorgnis, die Herren zu beleidigen, ließ er sich von dem Konsul entführen, wahrend die anderen ihm neugierig nachblickten. »Wen hat sich Lenz da herangeholt?« fragte der pessimistische Herr Moritz, der in diesem Augenblicke zu den Agenten trat. »Kommerzienrat Heller, Hohenzollernstraße 12,« antwortete der Makler mit einem Blick in sein Notizbuch, das er jetzt mit dem scharf gespitzten Bleistifte verschloß. »Ich weiß aber mehr von ihm, denn ich arbeitete früher am Rhein als Baumwollener. Heller war durch dreißig oder vierzig Jahre Besitzer der jetzigen Union-Aktienspinnerei in Burtscheid bei Aachen. Hat sein Schäfchen im Trocknen. So Stücker zwei, drei Millionen nach niedriger Schätzung.« »Was Lenz nur mit ihm vorhat?« brummte der unverbesserliche Moritz. »Der Alte mag sich in acht nehmen. Wo Lenz hinkommt, da wächst kein Gras mehr. Der ist noch mit jeder Million fertig geworden.« Die Anderen hörten kaum auf die Unglücksunke, denn sie drängten sich schon wieder zu den Schranken der vereideten Makler, wo jetzt die neuen Papiere reißenden Absatz fanden. »Peruaner achtzig!« rief es von allen Seiten. »3/8 Geld! 1/2 Brief! 81 Geld! 82 Geld! Nur Geld!« Indessen kamen die beiden Kaufherren auf ihrem vielgehemmten Rundgange durch den gewaltigen Bau weiter. Der Direktor führte den Greis an den Schranken vorbei durch die Menge, wo mit offenem Buch und gespitztem Bleistifte die »Pfuschmakler« standen und schrien, und hinüber zur Montanbörse, wo die ersten Kurse auf hochragenden schwarzen Tafeln angekreidet waren. Er wurde nicht müde, seinem Begleiter die Organisation der Börse zu erklären, berechnete den Umsatz der täglichen Geschäfte, schätzte den jährlichen Ertrag der Provisionen und war objektiv genug, auch die Verluste im Börsenspiel ungefähr zu beziffern. Der Kommerzienrat, auf seinen Arm gestützt und das Ohr ihm zugeneigt, hörte mit größter Aufmerksamkeit und wachsendem Erstaunen zu. »Wirklich! ... unglaublich!« diese Ausrufe drängten sich immer wieder über seine Lippen. Der Generalkonsul weidete sich an diesem Erstaunen. Nein, für so naiv hatte er den Alten doch nicht gehalten, als dieser mit der Empfehlung eines Kölner Bankiers in seinem Bureau in der Niederdeutschen Bank vorsprach und sich zugleich über einige zweifelhafte nordamerikanische Papiere – Alabama-Tennessee und Memphis City – erkundigte, sowie die letzten Ziehungslisten der Schwedischen Zehnthalerlose einzusehen wünschte. Während ein Kommis die alten Nummern des Frankfurter »Aktionär« heraussuchte, beeilte sich der Direktor, dem Kommerzienrate klar zu machen, daß er sein Vermögen in weniger altmodischen Werten anlegen sollte, und gab sich alle Mühe, sein Mißtrauen gegen den »Giftbaum Börse« zu bekämpfen. Darum hatte er ihn auch zu einem Besuche des Merkurtempels in seiner Gesellschaft eingeladen. Und nun war er wirklich gekommen, und es traf sich ganz vortrefflich, daß er gerade in eine Hausse geriet, die freilich Lenz selber vorbereitet hatte. »Die Börse,« sagte er, indem sie die leeren Verwaltungszimmer und die Restauration mit den beiden belagerten Büffets durchschritten, »ist das Herz der modernen Gesellschaft. Sie sehen nur das wüste Hin und Her, das Drängen und Schreien der Jobber, die Finanzmänner, die aus jedem Bankbruche bereichert hervorgehen, die getäuschten Aktionäre, all diese feilschenden Krämer, die man mit der Peitsche aus dem Tempel treiben sollte. Aber aus dieser wilden Jagd nach der Million geht auch tausendfacher Segen hervor. Viele gemeinnützige Werke, die Seehäfen, Eisenbahnen, Docks, Kanäle, die durchbohrten Meerengen, die bekämpfte Hungersnot, das Brot für jeden ... das wäre alles nicht ohne die Börse.« Nach einem Blick in den Telegraphenraum und Journalistensaal drängten sie sich durch das Gewimmel der Produktenbörse, die gleichfalls in hellem Aufruhr schien. Drüben an der Längswand hoch ob dem Gewühl und Lärm war ein großes rundes Zifferblatt angebracht, aber der Zeiger wies nicht wie die Uhr drüben in der Fondsbörse die bedächtig entfliehende Zeit unter den Schlägen einer lauten Glocke, sondern sprang leise und launenhaft vor und zurück, in kurzen und langen Sprüngen und Zwischenräumen. »Das sind die Drehungen der Windfahne auf dem Dach,« erklärte Lenz seinem Begleiter, und dieser war der Ansicht, daß die Winduhr da oben, die den Getreidespekulanten das Wetter verkündete, so recht in diese Räume passe. Unerachtet des eben gehörten Lobliedes kam ihm der ganze stolze Bau wie ein windiges Schwindelnest vor, aber er verschwieg rücksichtvoll seine Gedanken. Sie waren eben in den Mittelsaal zurückgekehrt, als ihnen unter der Arkadengalerie ein hochgewachsener junger Mann in tadellos sitzendem grauen Anzuge den Weg vertrat. Nein, dachte Heller, das ist kein Börsianer, sondern gewiß ein Offizier in Zivil, wie der lang gedrehte Schnurrbart verrät, der Hinterscheitel, das bis zur Stirne sonnenverbrannte Gesicht und das ins rechte Auge gedrückte Glas. »Lothar,« rief ihm der Konsul entgegen, »Du hier?« »Jawohl, Papa,« antwortete der Offizier lustig, und Heller faßte jetzt den brünetten jungen Mann schärfer ins Auge und wunderte sich nur, daß ihm dessen Familienähnlichkeit mit Lenz nicht gleich aufgefallen war. Das war dieselbe schmale, spitze Nase, der fein geschnittene Mund, doch der Ausdruck offener, frischer, weniger diplomatisch zurückhaltend. »Leutnant Lothar von Lenz,« sagte der Generalkonsul, während der Alte seinen schlichten bürgerlichen Namen »Heller« rief und dem Offizier die Hand schüttelte. »Du wolltest ohne Zweifel Deine schöne Uniform nicht bei diesem Krämervolk enkanaillieren,« fügte der Direktor mit einem Blick auf seines Sohnes Zivilistenanzug hinzu. »Nein, nicht darum,« war die Antwort, »denn bei Dir und Deinen Freunden gibt es keine Kanaille. Aber ich bin in Begleitung ... draußen im Wagen ... Miß Leona, Du weißt ja ...« Der Konsul erhob drohend den Finger. »Junge, Junge!« rief er mit falscher Strenge. »Also noch immer gute Freunde?« »Ach ja!« seufzte der Offizier, und die Erinnerung an die tyrannischen Launen der vielumschwärmten Schulreiterin ging ihm wie ein Blitz durch den Kopf. »Sie wollte Dich um Rat fragen wegen ihrer Ungarischen Papierrente, ob sie verkaufen soll, und überhaupt wegen der heutigen Hausse, die ihr Hirsch telefoniert hat. Auch Peruaner will sie haben. Nur zu Dir hat sie Vertrauen. Also was soll sie thun?« »Eine unverbesserliche Spielratte!« rief der Konsul kopfschüttelnd. »Nur gut, daß sie sich von ihren wucherischen Wechselagenten befreien will. Sie hat bei ihren letzten Operationen eine Reihe größerer Verluste erlitten, so daß ihre weiteren Spekulationen zu einem Risiko für uns führen. Wir werden sie auffordern müssen, ihr Depot bei uns zu verstärken.« »Vater,« rief Lothar stehend, »sei kein Unmensch. So'n reizender kleiner Käfer! ...« »Hat Schulden wie ein Major,« warf Lenz ein. »Aber auch Freunde, die für sie gut stehen und sie unter allen Umständen über Wasser halten.« »Du etwa?« spöttelte der Konsul. »Bessere als ich,« rief Lothar mit Überzeugung. »Fürst Saßnitz zum Beispiel ...« »Der gestern im Baccara 100 000 Mark verspielt ...« »Das weißt Du auch schon?!« »Die Börse weiß alles,« antwortete der Konsul trocken und winkte einen kleinen schwarzen Herrn heran, der am Tische der Niederdeutschen Bank ein Depeschenformular füllte und unter frauenhaft langen Locken einen starken Höcker umsonst zu verbergen suchte. Während der Chef sich halblaut mit ihm unterhielt, wechselten Heller und Lothar einige Worte. »Papa ist nicht immer rosiger Laune,« vertraute er dem alten Herrn an, »aber ich kenne ihn und weiß jedesmal genau, wie weit ich gehen darf. Natürlich wird diese neue Spekulation meiner Freundin auf mein Konto gebucht, dessen Saldo schließlich doch er begleichen muß. Aber dahin wird es ja nicht kommen, denn Leona wird sicher gewinnen. Sehen Sie, jetzt erkundigt er sich über die Bewegung der Kurse ... ein Blick auf die Frankfurter Depesche, ein gedankenvoller Strich über die Stoppeln ... Achtung, er kombiniert! ... Hat ihm schon, von Schiller. Jetzt gibt er die Ordre ... was hab' ich gesagt? Und nun, die Kopie für Miß Leona ...« »Lothar!« rief der Konsul. »O ich kenne ihn!« flüsterte der Lieutenant lächelnd. »Folgt noch eine Strafpredigt über jugendlichen Leichtsinn, aber es ist nicht böse gemeint.« »Lothar!« »Da bin ich schon, Papa.« Heller beobachtete aus der Entfernung die leise Unterhaltung zwischen Vater und Sohn, die allerdings den programmäßigen Verlauf zu nehmen schien. Geheuchelte Zerknirschung hier, nicht minder gut gespielte Strenge dort, dann ein Lächeln hüben und drüben, und der Zettel für Miß Leona ging von Hand zu Hand. »Tausend Dank, Papa!« rief Lothar und schlug mit dem Spazierstöckchen, als wäre es eine Reitgerte, an seine Waden – eine Gewohnheit vom Exerzier- und vom Rennplatz. Aber zuletzt gab es doch eine Überraschung, denn der Konsul hielt seinen halb schon zum Gehen bereiten Sohn fest und sagte in wirklich hartem Tone zu ihm: »Übrigens erwarte ich, daß Du bei nächster Gelegenheit Dich von dieser Zirkusreiterin freimachen wirst. Sie zerstreut Dich und lenkt Dich von Deinem wahren Ziel ab. Du weißt, was ich meine. Du machst seit einiger Zeit Adelheid von Berlow lässiger den Hof. Ich brauche aber die Unterschrift ihres Vaters für eine hannoversche Operation. Also muß ich sie zur Schwiegertochter haben.« »Sie ist mir zu kalt und vernünftig,« wandte Lothar ein und spielte verlegen mit seinem zimmtfarbigen Hut. »Aber ich werde Dir gehorchen, Papa.« Und darauf gab er ihm die Hand, machte mit zusammenschlagenden Hacken vor dem Kommerzienrat eine Verbeugung und verschwand eilig in dem Gewühl. »Ich war wieder schwach,« sagte Lenz lächelnd zu Heller, »aber es ist mein Einziger. Er ist gutmütig und willig, und da er meine Kreise sonst niemals stört, so drück' ich gern ein Auge zu.« Er ergriff den Kommerzienrat wieder am Arm und führte ihn hinweg. »Wir wollen doch sehen, wie seine Schöne ihm dankt.« Sie betraten eines der menschenleeren Kurszimmer und stellten sich ans Fenster, das auf die Straße ging. Dort hielt ein leichter, offener Daumont, dessen feurige Schimmeljucker von einer eleganten, doch in schreiende Farben gekleideten, sehr schlanken Dame gelenkt wurden. Ihre großen, regelmäßigen Züge, die hochblonden Haare, rückwärts in einen schimmernden Zopf verflochten, und die kecken schwarzen Augen erschienen bei dem starken Auftrag von Schminke, der ihre Wangen bedeckte, noch auffallender und sehr herausfordernd. Ungeduldig blickte sie von Zeit zu Zeit nach dem Börseneingang, und in ihrer Hand zitterte die Peitsche. Da nahte Lothar von Lenz mit frohlockendem Gesicht und schwang den Zettel in der Rechten. Schnell entriß sie ihm das Papier, warf einen flüchtigen Blick darauf, zuckte geringschätzig die Schultern und schob es ins Mieder. Dann streifte sie mit der Peitsche leicht den Rücken ihrer Pferde, und ehe der über den ungnädigen Empfang erstaunte Offizier noch recht Platz neben ihr gefunden, rollte der Wagen der Spreebrücke zu und verschwand, wie vom Winde getragen, hinter den Bäumen des Lustparkes. »Armer Junge!« sagte Lenz lachend. »Die Prinzessin scheint nicht zufrieden, aber den Gewinn, und wenn er noch so klein, wird sie pünktlich höchstselber einkassieren, dafür steh' ich. Doch Lothar muß mit ihr brechen, denn es ist eine gefährliche Person. Diesmal entsprach ich ihm noch. Man soll im Kasino und im Klub seinen Vater nicht einen Knicker heißen. Das könnte seinem Avancement Schaden bringen.« Er nahm den Arm des Kommerzienrates, und sie gingen in die Halle zurück. »Wohl eine kostspielige Ehre, einen Sohn bei der Garde zu haben?« bemerkte Heller, denn die Szene zwischen Vater und Sohn und zumal die blendende Erscheinung im Daumont hatten allerlei Gedanken in ihm geweckt. »Aber freilich,« fügte er wie zur Entschuldigung seiner Verwegenheit hinzu, »der Herr Papa hat es ja dazu.« Der zerstreute Generalkonsul schien ihn nur halb verstanden zu haben, nickte aber doch artig. Dann ließ er seinen Arm fahren und ging rasch in den vom Menschengetöse erfüllten Saal voran. Da trat der lockige Kommis auf ihn zu. Sie wechselten einige Worte, und der Buckel tauchte wieder in der Menschenflut unter. Fragend sah Heller, der näher getreten, den Konsul an. »Die Hausse macht das Völklein nervös,« war die Antwort, wobei Lenz vor seine goldene Brille noch einen Kneifer auf die Nase setzte, um besser zu sehen. »Ihre dreißigtausend Mark dürften schon jetzt einen ansehnlichen Gewinn repräsentieren.« »Wirklich?« rief Heller vergnügt. Das Leben und Treiben schien in der That seinen Höhepunkt erst jetzt erreicht zu haben, trotzdem die Uhr bereits Zwei schlug. Doch fiel dem Kommerzienrat auf, daß die gute Geschäftslaune von früher verschwunden war und einer gewissen Gereiztheit Platz gemacht hatte. Die Gebärden waren ungestümer, die Ausdrücke heftiger, die lauten Stimmen heiser geworden und überschlugen sich im Geschrei, und schon gab es da und dort Vorwürfe, Wortwechsel, von der Hysterie des Spiels geballte Hände. Aber was war das? Da hielten sich ja zwei Börsianer drohend die Faust unter die Nase und überschütteten sich mit einer Flut von Schimpfreden. Kaum gelang es den Umstehenden, die Streiter zu beruhigen und auseinander zu bringen. Natürlich war Herr Moritz, der ewige Baissier und Krakehler, der Störenfried. »Was geht vor?« erkundigte sich der Bankdirektor bei seinem buckligen Faktotum und setzte wieder den Zwicker vor seine Brille, doch Herr Moritz mit hochrotem Gesicht, in dem jede Ader geschwollen war, hatte ihn gesehen und seine Frage gehört. »Was es gibt, lieber Herr?« rief er ihm höhnisch zu und deutete auf seine vier Augengläser. »Sechs Augen und sieht doch nicht! Baisse gibts! Die Peruaner futsch! Alles fauler Zauber, ich hab's immer gesagt, und nun haben Sie mich doch reingelegt, zum erstenmal, wo ich à la hausse war. Pfui Teufel!« Die Umstehenden schlossen einen Kreis um den aufgeregten Mann, und obgleich er fortfuhr, weitere Verwünschungen auszustoßen und wild um sich zu schlagen, so gelang es dennoch, ihn ins Freie zu schaffen, wo er sich an der frischen Luft beruhigen konnte. Doch sein Zorn schien auch auf andere übergegangen, wenn er sich schon bei ihnen maßvoller äußerte. Lenz fing indessen noch genug drohende Blicke und leise Flüche auf und fand es geraten, den heißen Boden zu räumen. Er führte den Kommerzienrat seitwärts unter den Säulengang und erkundigte sich bei einem guten Bekannten nach der Ursache dieser Panik. Nichts war einfacher. Die Rothschild-Gruppe, die der Niederdeutschen Bank feindlich gegenüberstand, hatte dem verhaßten Konkurrenten einen schweren Schlag versetzt. Sie hatte sich durch ihre Vertreter und Agenten in Peru genau über die Absichten und Aussichten der Regierung erkundigen lassen, und all die dunklen Gerüchte, die seit einiger Zeit über die neue Anleihe in den bestunterrichteten Börsenkreisen herumgingen, hatten jetzt plötzlich Gestalt genommen. Depeschen von Lima und London mit den schlechtesten Auskünften wurden herumgereicht und eifrig besprochen. Die Niederdeutsche hatte in ihrem Prospekt unkontrollierte Angaben über die Staatsschulden gemacht, gewisse Posten waren verschwiegen, die Zolleinnahmen gefälscht worden, die neuen Silber-, Salpeter- und Goldminen schienen wertlos zu sein, die Guanolager waren längst in Paris verpfändet. Und indem diese bösen Berichte von Mund zu Mund gingen und in ihrem Rundlaufe sich verschlimmerten, sank der Kurs in wenigen Minuten von achtzig auf sechzig Prozent. Schon wurde der Generalkonsul von den Vertretern der großen Bankhäuser umringt, die eifrig mit ihm die Sachlage erwogen. Gewiß, die Niederdeutsche mochte ja selbst von ihrem Agenten hinters Licht geführt worden sein, aber bei einem solchen überseeischen Geschäft, meinte Bankier Mehlmeyer, schickt man einen Vertreter an Ort und Stelle, das sei man seiner Kundschaft schuldig. »Ist alles geschehen,« rief Lenz, ohne seine diplomatische Haltung einen Augenblick zu verlieren, so peinlich und aufregend auch der Auftritt für ihn sein mochte. »Ich bestreite die Richtigkeit all dieser leeren Gerüchte. Eine sachverständige Expedition und kostspielige Studien lauter fachmännisch geschulter Kräfte gingen voraus, denn der allgemeine Grundsatz, daß jeder ehrenhafte Kaufmann sich bemühen soll, seinen Abnehmern für gutes Geld auch gute Waare zu liefern, kann im Emissionsgeschäfte nicht ernst genug genommen werden. Nach diesem Grundsatz hab' ich auch hier gehandelt.« »Bestreiten Sie etwa,« fragte Herr Mehlmeyer lächelnd, »daß Sie die Emission mit achtzig ausgaben, während Sie sie mit sechzig übernahmen?« »Nein,« war die Antwort. »Ein horrendes Agio!« ging es entrüstet im Kreise herum. »Die Niederdeutsche Bank,« erwiderte der Direktor achselzuckend, »hat sich als Emissionshaus den Ruf erworben, daß ihre Gründungen Erfolg haben, sei es durch schnelle Kursentwickelung oder durch wirkliches Gedeihen der Betriebe. Darum bin ich beim Ansetzen des Verkaufspreises immer für den kühnen Griff, denn ich denke, die Käufer schätzen den Wert einer Aktie hoch, wenn der Verkäufer sie selbst hoch schätzt. Übrigens noch einmal, meine Herren, die peruanische Emission ist durchaus solide und wird trotz aller neidischen Konkurrenz und des augenblicklichen Erfolges der Kontremine Freunde finden.« Die grünröckigen Boten des Wolff'schen Telegraphen-Bureaus drängten sich eben durch die erregte Menge und verteilten hastig ihre blauen Zettel, die schon im nächsten Augenblick in den geschwungenen Fäusten der Geld- und Briefschreier flatterten oder in Fetzen am Boden lagen. Auch der Bucklige stürmte mit fliegenden Locken einher. Er brachte sehr günstig lautende Depeschen von den Börsen in London, Paris, Frankfurt, Wien, und sein Herr zeigte sie triumphierend herum. Dann eilte er, seinen Gast vergessend, der ihm schüchtern folgte, zum Tische der Niederdeutschen Bank und sprach eifrig mit seinen Angestellten. Er setzte sich und diktierte halblaut seine Maßnahmen. Depeschen, Briefe, Meldungen flogen hin und her, Boten kamen, und die Lehrlinge stürmten zum Depeschensaal und in den Telephonkeller. Und noch immer stieg die Unruhe und das Unbehagen im Saal. Die Bewegung von fast unheimlicher Natur nahm an Umfang zu und riß auch die anderen Märkte mit sich ins Verderben. Alle Kurse sanken plötzlich, niemand wußte warum. Auswärtige Börsen sandten große Verkaufsordres, und auch am Platz erfolgten von angesehenen Instituten bedeutende Abgaben. Tausend ungünstige Gerüchte schwirrten durch die Luft. Kaiser Friedrich sei gestorben, in Petersburg habe ein neues Attentat stattgefunden, London und Paris seien in Panik und ähnliche Enten. Aber wer hatte denn noch Zeit, all den Unsinn zu kontrollieren? Verkaufen, nur verkaufen! hieß jetzt die Losung. Blindlings wurde alles über Bord geworfen, was man kurz vorher eifrig erworben hatte. Noch immer stand der Konsul unentweglich im Sturm und bot ihm die Stirn. Er hoffte vor Börsenschluß die letzten Kurse zu retten, aber die Zeit verrann ohne sichtbaren Erfolg. Wie ein Feldherr nach verlorener Schlacht seine Reserven zusammenrafft und zu einem letzten Vorstoße dem übermütig vordringenden Feind entgegenwirft, um, wenn auch nicht mehr den Sieg, doch einen geordneten, ehrenvollen Rückzug zu erstreiten und den Ansturm der Verfolger zu brechen, so hatte Lenz noch einmal einen Gegenstoß gewagt und große Beträge aus dem Markt genommen, um das rasende Fallen der Kurse aufzuhalten. Den goldenen Tintenstift in der Hand, die Augen hinter den doppelten Brillengläsern fest auf das Treiben im Saale gerichtet, jeden Schrei der Makler, jede Miene der Widersacher auffangend, saß er ruhig auf seinem Lehnstuhl und hielt dem stürmischen Angebote stand. Heller mit seinem schlichten Alltagsverstand erkannte etwas Großes, Unbegreifliches in ihm und bewunderte seine Ruhe und Energie, weil sie ihm selbst so gänzlich versagt waren. Mochte Lenz auch die heutige Schlacht verlieren, so gewann er doch jetzt einen treuen, überzeugten Freund und wertvollen Bundesgenossen. Da tauchte das bucklige Faktotum wieder aus der lärmenden Menge auf und drückte seinem Chef eine Kursdepesche in die Hand. Dieser warf einen Blick hinein und gab sie zurück, worauf er sich lächelnd an Heller wandte, den er ganz vergessen zu haben schien. »Der Kurszettel ist das Zifferblatt an dem Uhrwerke des politischen und wirtschaftlichen Lebens,« sagte er, »aber man muß die Ziffern zu lesen verstehen und nie vergessen, daß oft auch unberufene Hände in das Räderwerk eingreifen und Unordnung schaffen. Doch solche Ruhestörer vermögen die Wirkungen realer Ursachen und Anlässe nicht auf die Dauer zu unterdrücken.« Diese beschwichtigenden Worte schienen fürs erste ihre Wirkung auf den Kommerzienrat zu verfehlen, der eine feine Andeutung, einen Wink vermutete. »Soll ich verkaufen?« fragte er, von der inneren Unruhe getrieben. »Wenn Sie kein Vertrauen haben, gewiß,« war die Antwort. »Nun, ich gestehe offen, die Deroute ringsum hat mich nervös gemacht.« »Gut, dann übernehme ich Ihre Effekten zu Ihrem Ankaufspreise.« »Sie verlieren also aus Rücksicht auf mich?« »Rücksichten soll ein Finanzmann nicht kennen. Übrigens wäre ich sie Ihnen schuldig, denn ich verleitete Sie zum Kauf.« Der Kommerzienrat sah mit Bewunderung zu dem Spieler auf, der einige Worte auf ein Blockbuch schrieb, den Zettel herausriß und dem Alten reichte. »Wenn Sie darauf bestehen,« versetzte Heller, indem er fast beschämt über sein Mißtrauen den Zettel zu sich nahm. »Ich kaufe noch tausend Stück zu,« sagte Lenz dem herangewinkten Makler, der den Auftrag rasch notierte. Auch andern Maklern, die herangekommen waren, erteilte er ähnliche Kaufaufträge. »Direktor Lenz kauft!« dieser Ruf pflanzte sich bald von Gruppe zu Gruppe fort. Man zollte dem Mute des Spekulanten alle Achtung, aber die Stimmung blieb doch gedrückt. Nur wenige Kurse erholten sich wieder um ein Weniges. Die Baisse behauptete das Feld. Nach und nach legte sich auch der Sturm, schon weil die offizielle Börse geschlossen wurde. Die Uhr gellte mahnend von oben herab, und in ihr Geläute heulten jetzt die langstieligen Handglocken der Börsendiener ihre schrillen Klänge. Die abgehetzten Schreier verstummten zuletzt, das Gedräng hörte auf, die Reihen lichteten sich, und hüben und drüben klappten die Ausgangsthüren immer schneller auf und zu. »Peruaner fünfzig!« schrie ein kühner Makler. Ein Hohngelächter antwortete ihm. »Narren!« brummte Lenz und zog den Kommerzienrat dem Ausgange zu, doch gellte ihnen noch der Ruf eines Pfuschmaklers nach: »Peruaner fünfundvierzig!« Ärgerlich schlüpfte der Konsul durch die selbstthätig sich drehenden Thüren und bemerkte erst draußen, daß sein Begleiter, der vor den Tourniquets sich nicht zu helfen wußte, zurückgeblieben war. Er kehrte also nochmals um, hieß ihn den Griff fassen und schob ihn vor sich her durch die Thüre. »Die Börse will mich nicht mehr los lassen,« sagte der Alte mit gutmütigem Lachen. »Das ist ein Omen!« »Nein, nein! Mir fehlt der Mut, Sie aber haben Nerven und Courage, alle Achtung!« »Immer, wenn ich meinen Fetisch bei mir habe,« erwiderte Lenz und strich seinem Kommis, der ihnen gefolgt war, mit der Hand über den gekrümmten Rücken. »Nicht wahr, ein heißer Tag, Schwarzbach?« »Hoffentlich bringt Ihnen mein Verdruß Glück, Herr Generalkonsul,« antwortete der Krüppel mit einer tiefen Verbeugung, wobei sein Höcker noch höher emporzuwachsen schien. Lächelnd öffnete der Konsul den Schlag seines Koupees, das links vor dem Gebäude am Ufer harrte, und nötigte den Geschäftsfreund hinein, der bloß in einer Droschke zweiter Klasse hergefahren war. Einen Augenblick später rollten die Gummiräder über die Brücke dem Westen der Stadt zu. Aber die beiden Kaufleute waren von dem erlebten Schauspiele zu mächtig erregt, um ihre Gedanken anderen Dingen zuzuwenden, und Lenz empfand das Bedürfnis, seinen Begleiter zu beruhigen und mehr noch sich selbst gewissermaßen zu rechtfertigen. »Die besten Wirkungen entstehen oft aus den unsinnigsten Ursachen,« sagte er. »Die Abenteurer haben mehr neue Länder entdeckt, als die vorsichtigen Küstenfahrer. Ganz rücksichtlose Geschäftsmänner verliehen der Industrie einen Aufschwung, an dem noch unsere Kinder und Kindeskinder sich erfreuen werden, ohne nach all den Vermögen zu fragen, die dabei zu Grunde gegangen sind, wie wir uns auch nicht mehr um die untergegangenen Schiffe grämen. Ich kenne Faiseurs der Börse, die Millionen schuldig geblieben sind, und denen die dankbare Nachwelt ein herrliches Denkmal errichten sollte.« Ein scheu fragender Blick flog aus den Augen des Alten auf den Sprecher, aber dieser redete wirklich mit dem Brusttone der Überzeugung und schob seine Rechte majestätisch in den Ausschnitt seiner Weste, als stände er schon auf dem marmornen Sockel, der schnöden Mitwelt zum Vorwurf und kommenden Geschlechtern zu dankbarer Verehrung. II. Einer freundlichen Einladung eingedenk, machte Generalkonsul von Lenz dem Kommerzienrat Heller schon nach wenigen Tagen einen Besuch. Zwar kam er zunächst um gewisser Papiere willen, die Heller bei der Niederdeutschen Bank deponieren wollte, aber als diese geschäftliche Angelegenheit, die sich ebenso gut brieflich hätte erledigen lassen, besprochen war, da ließ es sich der ehemalige Fabrikant nicht nehmen, den Bankier in seine Häuslichkeit einzuführen. Es wurde dem Weltstädter, der lange Jahre in London, Paris und New-York gelebt und jetzt in Berlin eine große gesellschaftliche Stellung einnahm, nicht allzu behaglich darin. Zwar die Wohnung in der Hohenzollernstraße bestand aus einer »hochherrschaftlichen Belle-Etage« mit einer Flucht von vier Salons nach der Straße zu und entsprechenden Räumen gegen die Hofseite, alles komfortabel und geräumig, aber der kleinbürgerliche Geist hatte sich doch zugleich mit den Bewohnern hier festgesetzt. Schon im Kontor, wie Heller gewohnheitsmäßig sein Sprechzimmer nannte, bildete die von einem Berliner Tapezierer gelieferte Einrichtung einen scharfen Gegensatz zu den von Burtscheid mitgebrachten Bureaumöbeln: dem soliden, aber geschmacklosen Schreibtisch aus gelblackiertem Tannenholz mit Unterlage, Blockkalender und Tintenfaß, sowie dem plumpen, kaum von der Stelle zu rückenden Sessel, der mit seiner niedrigen Lehne und dem grünen Sitzkissen ebenso unbequem, als seinem Besitzer unentbehrlich war. An den Wänden hingen verblichene Photographien und erblindete Daguerrotypieen in verschossenen Plüsch- und holzgeschnitzten Rahmen, und ein von schmaler Goldleiste umgebenes Diplom irgend einer Ausstellung, wo die Firma Johann Rudolf Heller ihre erste Auszeichnung errungen, prangte über einem altväterlichen Sopha, das Heller aus seiner Junggesellenzeit herübergerettet hatte. Das waren alles teure Andenken für ihn und Marksteine aus seinem aufsteigenden Lebenslaufe vom Ansetzerburschen zum Fabrikherrn und Millionär, und er wollte sich um keinen Preis von ihnen trennen, den Vorstellungen seiner sonst vielvermögenden Frau zum Trotz. Übrigens hätte diese in den anderen, ihrer ausschließlichen Herrschaft unterstehenden Gemächern bei etwas besserem Geschmack reichliche Gelegenheit zur Umgestaltung und Verschönerung gefunden, wie ihr das sogar ihr Berliner Tapezierer schon mehrmals angedeutet hatte. Ebenso vergeblich waren seine Versuche gewesen, der Dame klar zu machen, daß die lebensgroßen Familienporträts, die sie für unerreichbare Meisterwerke hielt, bloße Pfuschereien eines höheren Weißbinders waren. Da sah man in handbreiten Goldrahmen den vierzigjährigen Johann Rudolf Heller mit Frack, Vatermörder und hoher schwarzer Seidenbinde, wohlfrisiert, mit roten Bäckchen und klugen, glänzenden Äugelein, in der flüchtig gepinselten Hand eine dampfende Zigarre. Die um achtzehn Jahre jüngere Gattin aber thronte ihm gegenüber mit eingefrorenem Lächeln in ihrem besten schwarzen Seidenkleide mit Krinoline und indischem Shawl, dem jüngsterhaltenen Ohren- und Busenschmuck von schwerem Gold, das Gesicht wie frisch geschminkt, süßlich, fad, aber dafür waren die über die Handknöchel fallenden Spitzenmanschetten mit einem Fleiße gepinselt, worauf das Ehepaar den Beschauer niemals hinzuweisen versäumte. Zwei ebenso großartige Bildnisse prangten daneben. Da sah man in Samtbluse und Spitzenkragen den jungverstorbenen und noch immer beweinten einzigen Sohn des Hauses, den kleinen Alexander, und die annoch blühende Tochter des Hauses, Viktoria, nach der imposanten Mutter, aber zum Unterschiede von ihr gewöhnlich Wicky benannt, damals ein kugelrundes, rotwangiges Backfischchen mit der Stumpfnase und den schönen Augen der Mutter. Unwillkürlich verglich der Generalkonsul, als ihn Heller mit vieler Förmlichkeit in seinen Salon führte, diese Porträts mit den ihm vorgestellten lebendigen Urbildern. Wie Papa Heller aus dem rüstigen Fabrikherrn an der Wand ein weißköpfiger Rentier, so war auch Frau Viktoria aus der jungen Mutter eine behäbige Matrone geworden. Nur ihren Augen hatten die Jahre nichts oder wenig genommen; sie glänzten noch mit denen ihrer Tochter um die Wette und sprachen von einer Lebenslust, die den ergrauten Scheitel Lügen strafte. Diese Augen schienen nebst der impertinenten Stumpfnase das einzige, was ihre Tochter, die den Besuch mit dem schönsten Tanzstundenknix empfing, aus ihren Kinderjahren bewahrt hatte. Es war ein hochgeschossenes, etwas blasses, aber recht hübsches Mädchen geworden, das mit der Siegesgewißheit einer reichen einzigen Tochter eine Schaar Verehrer und Bewerber zu erwarten schien. War der Konsul im ersten Augenblicke von dem provinzialen Beigeschmack des Hauses unangenehm berührt, so überraschte ihn bald ein etwas freierer Zug, ein gewisser Drang nach größeren Verhältnissen, ja eine Sehnsucht nach weltstädtischem Schliff und moderner Lebensfreude. Schon das Kleid der Kommerzienrätin aus dunkler Seide kam offenbar nicht von Burtscheid, sondern aus einem Modewarengeschäft der Residenz. Wenn die Dame sich noch von der plebejischen goldenen Uhr und Kette und den protzenhaften Diamantohrringen trennen konnte, so durfte sie sich in jedem feinen Salon mit Anstand sehen lassen. Im Anzug und Behaben der Tochter hatte der Kundige fast nichts auszusetzen. Ihr einfaches Rosakleid war vielleicht samt den Hängezöpfen für ihre zwanzig Jahre zu jugendlich, aber beides paßte zu ihrem matten Teint und den braunen Augen. Entschieden, Papa Heller war der altmodischste und spießbürgerlichste in seinem Hause. Kaum hatte der Generalkonsul und Direktor diese Bemerkung für sich gemacht, so war sie von der Kommerzienrätin schon laut ausgesprochen und von ihrer Tochter durch ihr lächelndes Schweigen bestätigt worden. »Mein Mann sieht es nicht ein!« ... diese Klage kehrte im Munde der stattlichen Frau immer wieder. Ach, und was sah der gute Alte nicht alles ein! Daß seine Frau ihr Leben in der traurigen Provinz eigentlich gar nicht genossen habe, und daß er es ihr und seiner heiratsfähigen Tochter und nicht zu vergessen seinem Stand und Vermögen schuldig sei, ein großes Haus in Berlin zu machen, glänzende Gesellschaften zu geben, sein »Kontor« neu zu möblieren, Wagen und Pferde zu halten, ein eigenes Haus zu bewohnen, auf eine Loge in der Oper und im Schauspielhaus zu abonnieren, die vornehmen Konzerte nicht zu vergessen u.s.w. u.s.w. Und indem Frau und Fräulein Viktoria vor dem Besucher die jedenfalls täglich wiederholte und verlängerte Liste der »wirklich notwendigen« Weltstädtereien aufzählten und mundfertig ergänzten, lachte Papa Heller in der ganzen Verstocktheit eines anspruchlosen Kleinbürgers in sich hinein. »Schon recht, schon recht, Kinder!« rief er zuletzt, als er ganz in die Enge getrieben war und auch vom Generalkonsul keine Hilfe bekam, »ich gebe ja alles zu. Ich bin vom alten Schlag und verstehe mich nicht auf den modernen Ton. Als ich vor fünfundfünfzig Jahren mit zerrissenen Schuhen und dem Ränzel auf dem Rücken nach Burtscheid kam ...« Mutter und Tochter brachen in ein schallendes Gelächter aus, das offenbar die unliebsame Reminiszenz übertönen sollte, aber der Alte mißverstand diese Absicht, und da er sich verlacht sah und befürchtete, von dem Bankier nicht ernst genommen zu werden, so wiederholte er mit erhobener Stimme seine Behauptung und erzählte, vor Eifer glühend, ein Langes und Breites von seinen mühsamen Anfängen auf dem Wege zur Million: wie er, der Sproß einer kinderreichen Arbeiterfamilie, als kleiner Knabe, statt die Schule zu besuchen, die Spinnstühle fegen und die zerrissenen Baumwollfäden anknüpfen mußte, dann nach Jahren endlich einen Spinnstuhl bekam, Aufseher wurde und eines Tages eine kleine Wattenmühle einrichtete, aus der sich im Laufe der Jahrzehnte die größte Spinnerei der Rheinprovinz entwickelte. Lenz hörte mit aufrichtiger Teilnahme der Erzählung dieses schlichten Arbeiters zu, der sich durch Intelligenz und unermüdlichen Fleiß emporgeschwungen, aber seine Bewunderung wurde ihm erschwert durch die lachenden Zwischenrufe von Frau und Tochter, denen solche Erinnerungen unerwünscht und vor diesem Weltmanne peinlich und beschämend waren. Doch der Alte fuhr unbeirrt fort, ohne die gute Laune zu verlieren, und erzählte auch weitläufig, wie er die Bekanntschaft seiner späteren Frau gemacht, welche die Tochter eines Oberlehrers am Gymnasium gewesen sei. »Alles, was ich bin, verdanke ich neben dem lieben Gott, der mir Gesundheit gab, nur mir selbst und meiner Hände Arbeit,« schloß er seine Bekenntnisse. »Dafür kenne ich aber auch den Wert des Geldes, denn ich weiß, wie schwer ich es verdient habe. Und wenn ich heute nochmals auf die Welt käme, so wollte ich doch wieder so ein altmodischer Mensch werden, der alles nur seinem Fleiße schuldet. Ich sehe wohl ein, daß man heute leichteren Verdienst findet, und Sie, Herr Generalkonsul, haben mir jüngst ein Beispiel davon auf der Börse gegeben. Aber das ist nichts für einen schlichten Arbeiter wie ich.« Frau Viktoria zuckte die Achseln. »Deine Verdienste in Ehren, lieber Mann, und kein Mensch denkt auch daran, sie Dir zu nehmen. Du bist aus der alten Schule, und sie ist Dir wohlbekommen. Gut, aber deswegen sollst Du Dir doch Mühe geben, Dich in die neue Zeit zu fügen, in der Du nun einmal lebst und wir mit Dir. Unsere Übersiedelung nach Berlin haben wir Dir nach jahrelangem Zureden abgebettelt und abgetrotzt. Das war aber nur der erste Schritt. Jetzt heißt es hier standesgemäß leben. Das sind wir unserem einzigen Kinde schuldig. Habe ich nicht Recht, Herr Generalkonsul?« »Reichtum verpflichtet,« war die Antwort. »Der Herr Kommerzienrat wird sich schon noch in seine neue Umgebung und seine neuen Pflichten finden.« »Nie, nie!« rief der Alte. »Hier werde ich mich niemals heimisch fühlen! Ja, wenn ich meine Thätigkeit wieder hätte! Meine hohen, luftigen Spinnsäle, die sausenden Maschinen, die Arbeit, die Arbeit! Sie können nicht glauben, wie ich mich schon in Burtscheid nach meinem Austritt aus dem Geschäft unglücklich fühlte! Und dort hatte ich wenigstens meinen Garten, mein Stammcafé, meine Geschäftsfreunde ... Aber hier in der Weltstadt sterbe ich vor Langeweile.« »Dagegen gibt es bewährte Mittel,« sagte Lenz, »und Ihre Frau Gemahlin hat sie bereits aufgezählt: die Gesellschaft aufsuchen, zu sich laden, sich in den Strudel stürzen« ... »Nicht wahr?« rief Frau Viktoria mit strahlenden Augen, ganz glücklich, einen Helfer und Bundesgenossen gefunden zu haben, doch ihr Gatte blickte mit hartnäckigem Kopfschütteln vor sich hin. »Ich bin kein Weltmann,« sagte er fast traurig. »So werden Sie einer!« rief Lenz. »Es gibt keine zweite Stadt auf der Welt, wo es einem so leicht gemacht wird, wie in Berlin. Eine harte, schneidende Luft, gewiß, aber man fühlt sich warm und wohl darin, sobald man sich daran gewöhnt hat. Genußfreude und Lebenslust liegen hier wie das Geld auf der Straße. Eine maßlose Gastfreundschaft, gar nicht wählerisch, denn die Gesellschaft ist demokratisch angehaucht und leicht zugänglich. Und so billig!« »Wirklich?« rief der Kommerzienrat, dem das letztere Argument gewaltig einleuchtete. Doch seine Frau schien beleidigt. »Und wenn es was kosten würde, Rudolf?« sagte sie aufgebracht, »wir haben's ja!« »Das mein' ich auch, gnädige Frau.« »Du siehst, der Herr Generalkonsul sind ganz meiner Ansicht.« »Gewiß, und ich glaube, daß es leicht sein würde, die Lieblingswünsche Ihrer Frau Gemahlin auszuführen, ohne Ihre eigenen Gewohnheiten allzu sehr zu stören. Sie führen ein großes Haus, Sie leben weltstädtisch, Sie empfangen und erwidern Besuche, Sie gehen in die Theater« ... »Das wäre mein Tod!« unterbrach ihn Heller angstvoll. »Drei Stunden lang eingesperrt in einem menschenüberfüllten Haus, ohne Licht, ohne Luft, und dazu sich eine Geschichte vormachen lassen, die einen gar nichts angeht! Ein Komödiant, der nichts als Schulden hat, setzt sich eine Papierkrone auf und mutet uns zu, wir sollen ihn für einen König halten. Das sind Kindereien, denen ich keinen Geschmack abgewinne.« Lenz lächelte, während die beiden Damen verzweifelnde Blicke wechselten. »Mein Mann war von jeher ein Prosamensch!« seufzte die Kommerzienrätin. »So lassen Sie ihm seine Prosa,« versetzte Lenz begütigend. »Er ist glücklich dabei, und sie hat ihm wahrlich Segen gebracht. Es wäre Unrecht, sie ihm verkümmern zu wollen. Nein, die Weltstadt läßt jeden nach seiner Fasson selig werden. Das ist gerade ihr größter Reiz. Mögen Frau und Tochter in die Welt gehen, dem Gatten bleibt es unbenommen, in seinem stillen Winkel ruhig für sich zu leben. Wenn der Gemahl seine Rolle bloß markiert, ist die Welt schon befriedigt. In der Gesellschaft regiert ja überhaupt die Frau, nur die Frau! Der Mann braucht einzig bei Antritts- und Anstandsbesuchen dabei zu sein. Als Wirt kann er fast ganz verschwinden, sofern die liebenswürdige Wirtin für die Gäste sorgt. Um die Damen in Konzert und Theater zu führen, findet sich wohl ein Freund des Hauses ... O es wird Ihnen nicht an Begleitung fehlen, meine Damen, glauben Sie mir!« »Herrlich! herrlich!« jubelte Wicky und klatschte in ihre weißen, weichen Händchen. » Mein verehrtes Fräulein, Sie werden sogar Mühe haben, sich all' Ihrer Verehrer zu erwehren.« Das junge Mädchen schlug errötend ihre Augen nieder und war in diesem Augenblicke von einer berückenden Anmut. Nur Schade, daß sie es viel zu gut weiß, dachte Lenz. »Ich habe also dabei wirklich nichts zu thun?« fragte der Kommerzienrat. »Gar nichts.« »Das paßt mir. Aber wie werde ich dann erst meine Langeweile los?« »Ich denke die Verwaltung Ihres Vermögens sollte schon genügen, Ihre Muße interessant auszufüllen.« »Das gibt mir wenig Arbeit. Den größten Teil habe ich in meiner ehemaligen Spinnerei sicher angelegt. Allwöchentlich erhalte ich die Arbeitausweise, die ich nachrechne, und einmal im Jahre die Bilanz.« »So lange Sie dort selbst regierten, ging das an,« meinte der Bankier. »Aber bei der leidigen Aktienwirtschaft und der englischen Direktion zöge ich mich zurück. Freilich, an der Börse mögen Sie nicht spielen?« »Da sei Gott vor!« rief Heller in panischem Schrecken, so daß der Konsul laut auflachen mußte. Indessen war diesem noch daran gelegen, seinen Freund zu einer milderen Anschauung von der Börse zu bekehren, denn er kam auf die Vorfälle an jenem heißen Tage zurück, deren Zeuge der Alte gewesen war. Es hatte sich alles nachträglich als Mißverständnis herausgestellt und in Wohlgefallen aufgelöst. Die feindliche Gruppe war von ihrem Nachrichtendienst schlecht informiert worden oder hatte ein bloßes Börsenmanöver zu Gunsten der Baissiers in Szene gesetzt. Natürlich war die Wahrheit noch am nämlichen Abend ans Licht gekommen, und sämtliche Kurse schnellten in die Höhe, so daß auch der Kommerzienrat, wenn er nicht den Mut verloren, jetzt einen namhaften Gewinn in der Tasche hätte. »Ja, ich habe den Ring gesprengt,« schloß er stolz seine Ausführungen, »und dem neuen Reichsanleihen die Wege geebnet. Diese goldene Internationale kann ja vom rein geschäftlichen Standpunkte keine freundliche Haltung gegen ein Land einnehmen, welches sich mit seiner geordneten Finanzwirtschaft von den Geldmächten frei hält und ihnen keinerlei Einfluß einräumt, obendrein staatssozialistische Bestrebungen bethätigt und die andern Staaten zur Nachfolge drängt.« Heller horchte auf. Er hielt als Mann der Selbsthilfe nicht eben viel vom sozialpolitischen Erbe des alten Kaisers, aber der patriotische Klang dieser Worte berührte ihn angenehm, und bewundernd blickte er zu dem großen Finanzmanne auf. Seine Frau jedoch, für welche die Börsenthätigkeit einen vornehmen Beigeschmack hatte, beklagte den spießbürgerlichen Standpunkt ihres Gatten und machte sich nicht wenig über seinen mangelnden Spekulationssinn lustig. »Das ist Sache des Temperaments,« meinte Lenz, »Man müßte eine andere Beschäftigung für Sie finden, Herr Kommerzienrat.« »Ach bitte ja, Herr Generalkonsul, suchen Sie!« baten die Damen. Doch da fiel dem Bankier ein, daß er nebenbei auch gekommen war, das fachmännische Urteil Hellers in einer anderen geschäftlichen Angelegenheit zu erbitten, und als er von den Damen Abschied genommen, da ersuchte er noch um eine kurze Audienz im »Kontor«. Es handelte sich um die Erlaubnis, den Alten an einem Abend nächster Woche zum Besuch einer verkrachten Charlottenburger Baumwollspinnerei abzuholen. Sie hatte dem jüngeren Lenz gehört, der vor einigen Monaten einem Schlaganfall erlegen war. Bei der Ordnung des brüderlichen Nachlasses ergaben sich so bedeutende Passiven, daß der Betrieb der Fabrik eingestellt werden mußte. Der Hauptgläubiger, die Niederdeutsche Bank, stand gegenwärtig mit den übrigen Kreditoren in Unterhandlung, doch war der Zwangsverkauf an den Meistbietenden kaum mehr zu umgehen. Während der Direktor noch hoffte, die Fabrik für den Sohn seines Bruders, den dreißigjährigen Hans Lenz, retten zu können, der unter seinem Vater dem Bureau vorgestanden hatte, war der Verwaltungsrat der Bank eher geneigt, dieses Privatunternehmen in eine Aktiengesellschaft umzuwandeln. Der Vorbesitzer, als Fabrikant ein guter Techniker, aber schlechter Kaufmann, war lange ein unbequemer Schuldner der Niederdeutschen Bank gewesen, doch konnte man seine Fabrik mit genügenden Geldmitteln wohl noch emporbringen. Jedenfalls war es dem Konsul erwünscht, in dieser Angelegenheit das Gutachten eines Fachmannes wie Heller einzuholen, und mit tausend Freuden erklärte sich dieser zur Besichtigung der Spinnerei bereit, worauf Tag und Stunde sofort vereinbart wurden. »Ein genialer Kaufmann!« rief der Alte begeistert, als er nach dem Abschiede des Konsuls wieder ins Wohnzimmer zu seinen Damen stürmte. »Ein Ideal von einem Mann,« erwiderte Frau Viktoria, die sehr leicht schwärmte. »Hoffentlich sehen wir ihn recht oft bei uns. Er hat auch einen Sohn, den Gardelieutenant von Lenz ... aber freilich seine Zirkusreiterin ...« Der Alte verstand die Anspielungen seiner Frau, die in jedem adeligen jungen Mann einen passenden Schwiegersohn vermutete, und er gebot ihr mit dem Finger auf dem Munde, in Wicky's Gegenwart von solchen Damen zu schweigen. »Das Kind, das Kind!« flüsterte er mit besorgtem Vaterblick. Unnötige Vorsicht! Das »Kind« war längst kein Kind mehr und hatte denselben Gedanken wie ihre liebe Mutter, und obwohl sie jetzt einen verschämten Blick zu Boden warf, zuckte doch um ihre Mundwinkel ein eigentümliches Lächeln, das sogar den tapferen Dragoneroffizier vielleicht entmutigt hätte. III. Es war ein schöner Nachmittag im Mai, als der Kommerzienrat schon eine Stunde vor der festgesetzten Zeit den Konsul zum Besuche der Spinnerei erwartete. Das blanke Koupee fuhr Schlag drei pünktlich vor, und da vergaß der Alte in seiner Aufregung, daß er seinen Damen versprochen hatte, ihnen den Freund noch auf einen Augenblick heraufzubringen. Er stieg also wider die Abrede nach kurzer Begrüßung sogleich ein, und der Wagen rollte ohne Aufenthalt von dannen, gefolgt von den enttäuschten Blicken der am Fenster harrenden Frau Viktoria und ihrer Tochter. Der blaue Himmel, nur da und dort noch gesprenkelt von hellgrauen Wolken, und ein warmer, sanfter Hauch hatten Spaziergänger und spielende Kinder auf die Straßen und Plätze gelockt. Auf der Charlottenburger Chaussee, zu deren beiden Seiten die Bäume des Tiergartens im zarten Schmuck ihres jungen Laubes grünten, war ein Gedränge von Menschen und Fuhrwerken. Die hellgrauen Tische und Stühle der Schenkgärten standen nicht mehr einsam da, denn zahlreiche Gäste saßen unter den Kastanien bei Bier und Kaffee und ließen sich nach dem langen Winter endlich wieder einmal von der Sonne durchwärmen. Fröhliches Geplauder, wohl auch ein Lied vergnügter Zecher, Kinderlachen und Vogelgezwitscher überall. Und dichter wurde das Gewühl, je näher man dem Schlosse kam, von dessen Kuppel hoch über der Krankenstube des kaiserlichen Dulders die purpurne Standarte wehte. Die Spinnerei lag am äußersten Westende der Vorstadt Moabit auf Charlottenburger Gebiet, und als der Wagen von der Chaussee rechts abbog und den Spreekanal entlang fuhr, erkannte Hellers scharfes Auge das Ziel schon von weitem. Es war ein langes, fünfstöckiges Gebäude mit kleinem Thürmchen, das die gelbe Vesperglocke sehen ließ, und obwohl nutzlos und verlassen, blickte es stolz auf die umliegenden Bau- und Zimmerplätze und die spärlichen Häuser. Auf den ersten Blick erkannte der Fachmann die stillstehende Fabrik an dem schadhaften Dach und den unbelebten Fenstern mit ihren blinden Scheiben, und es that ihm leid um die große tote Spinnerei mit ihrem eingestellten Betrieb. Das Koupee fuhr über die plumpe Holzbrücke. Der Blick von hier war sehr verschiedenartig. Stromaufwärts ahnte man die große Stadt, deren Thürme und Giebel in Rauch und Nebel verschwammen. Hier ankerten mächtige Baggerschiffe und bliesen aus ihren Schloten dichte Rauchwolken, indessen der triefende Eisenkorb aus dem schwarzen Wasser tauchte, in der Luft kreiste und seine Last klaffend in den angekoppelten Schuttnachen ausgoß. Dampf- und Handkräne waren in voller Thätigkeit und entleerten die angekommenen Schiffe, Lastträger luden Backsteine und Balken auf, und eine hochgeschnabelte »Apfelzille« empfahl sich als Restaurant. Neben diesen unbeweglichen Schiffen sah man die stinken Schlepper, die den Kanal auf und ab fuhren und einen ganzen Schweif von schwerbeladenen Elbkähnen hinter sich durch das trübe Wasser zogen. Der Rauch wirbelte empor, an seinem aufrechten Rade stand der Steuermann neben dem rußigen Maschinisten, und rasselnd glitt die nasse Kette über die sanft gewölbte Länge des niedrigen Dampfers. Auch die Lastschiffe, die aus eigener Kraft stromauf strebten, kamen heute rascher von der Stelle. Frau oder Kind stand am ungefügen Steuer, indes die Männer mit ihren an die Schulter gelegten zweizinkigen Stacheln den Kahn weiterstießen, wobei sie tief gebückt das ganze Schiff abliefen, doch der Wind, der westwärts von Spandau her wehte, erleichterte ihre Mühe. Das große, graue Segel war ja halb gehißt und blähte sich mit lustigem Rauschen im Winde, und so glitt das Schiff schnell genug dahin, daß die Männer bald ihre harte Arbeit aufgaben und sich behaglich der Stadt entgegentreiben ließen. Ein ganz anderer Ausblick war nach Westen. Da sah man kein Haus, keine Lagerplätze, keine Arbeiter. Der Kanal machte eine Biegung, und der königliche Schloßpark am linken Ufer umrahmte mit seinen hohen Linden und Buchen das idyllische Landschaftbild, so daß der Strom einer stillen Bucht ähnlich sah. Nur links hatte ein großer Apfelkahn geankert, und rechts bei der Fabrik lagen ein Lastschiff und ein kleines Boot an der Kette. Ein Flug weißer Möven flatterte kreischend über dem Wasser, während einige Krähen auf den Weiden und Pappeln krächzend ihre schwarzen Flügel schlugen. Hoch über den Bäumen des Parks schwamm ein Weih mit ausgebreiteten Schwingen fast reglos in der Luft. Der Wagen hielt vor dem verschlossenen Thor, über dem in Goldbuchstaben die Firma: Johannes Lenz \& Komp. stand, und lange dauerte es, bis auf das gellende Glockenzeichen ein leichter Schritt näher kam, so daß den Herren alle Zeit blieb, um auf eine Geige mit Klavierbegleitung zu hören, deren Klänge über die hohe Fabrikmauer drangen. Ein fünf- oder sechszehnjähriges bleichsüchtiges Mädchen in dünnem Kattunkleid öffnete, und die großen dunkelbraunen Augen nahmen einen erschrockenen Ausdruck an, als sie den Generalkonsul erblickten. »Um Entschuldigung,« stammelte die Kleine, »daß ich so lange warten lasse. Ich dachte, es wäre man bloß der Nachtwächter. Gleich ruf' ich Vatern.« Ein Wink des Konsuls hielt die Enteilende zurück. »Hier geht es ja wieder hoch her,« sagte er streng. »Vater musiziert.« »Natürlich mit meinem Neffen?« Die Kleine nickte, und über ihr hübsches, aber fahles Gesichtchen flog ein roter Schimmer. »Und ich hörte zu mit Muttern. Es war so schön, daß ich Ihr Klingeln gar nicht vernahm. Mutter schickte mich und ich schlich davon, um nicht zu stören. Es ist die neue Sonate. Die ganze letzte Nacht hat er daran gearbeitet.« »Also eigene Komposition?« »Ach!« Der Seufzer war ihr unbewußt entfahren, und mit offenem Munde schien sie die Tonwellen zu trinken, indeß ihre Augen weit geöffnet standen und doch nichts sahen. Ein nervöses Zucken lief durch ihren zarten Körper, als zitterte darin jeder Bogenstrich nach. Und jetzt ging die sanfte klagende Weise in eine brausende, schwungvolle Melodie über, worin sich alle Wehmut des Adagio ungestüm auflöste. Es klang wie Befreiung und Erlösung, wie von fallenden Ketten und seligem Jubel, in kräftigem Takt, als gelte es einen begeisterten Marsch in einem heiligen Kriege für alles Hohe und Schöne. Aber nur zu bald brachen die klagenden, grübelnden, bohrenden Akkorde wieder hervor und überwucherten den erhabenen Freiheitgesang. Was hatte die jubelnde Seele aus ihren Himmeln gestürzt? War sie erlegen im Kampf oder vor dem entscheidenden Schlag ermattet? War sie zu schwach und zu zaghaft? Trug sie den Feind in sich selbst, die nagende Schwermut, den tödtlichen Zweifel, die Milde oder die unendliche Liebe, die nur den Frieden will und wenn sie selbst zu Grunde gehen sollte? Und in sanften, trüben, langgezogenen Klagetönen verklang das Lied. Die Kleine blieb noch immer aufhorchend stehen und sah wie verklärt aus, aber die beiden praktischen Geschäftsleute hatten weder für Musik, noch weibliche Anmut Verständnis und gingen voran. Jetzt schien das Mädchen aus seinem Traum zu erwachen, strich sich mit der kleinen gelben Hand über die Stirn und sprang den Herren nach, um vor ihnen die Thüre zu öffnen. Als sie die Schwelle betraten, zeigte die große Uhr darüber halb Vier. Nur sie hatte die Arbeit nicht eingestellt. »Ich werde Vatern rufen,« wiederholte das Mädchen. »Nein, wir finden uns ohne ihn zurecht,« »Auch Herrn Hans – ich meine Herrn Lenz – nicht?« »Kein Wort. Er mag weiterspielen, denn zu Geschäften scheint er nicht aufgelegt. Sie können gehen, Kleine.« Sie zögerte Und blieb kopfschüttelnd mit einem entschlossenen, fast trotzigen Zug im Gesichte stehen. »Ich darf keinen Fremden allein in die Fabrik lassen.« »Mich auch nicht?« »Niemand.« »Ein wohlbewachtes Haus!« sagte der Konsul lächelnd, »aber Sie folgen mit Recht Ihrer Instruktion. Also kommen Sie mit.« Sie stieß zur Linken eine große, ungestrichene Thür auf, in der ein von schmutzigen Händen abgegriffenes Guckloch angebracht war, und sie traten in den ersten Arbeitsaal, der sein Licht von den Doppelreihen hoher Fenster erhielt, durch deren trübe Scheiben die Frühlingssonne mit irisierendem Glanze sah. Ein Geruch von Maschinen- und Brennöl lag in der muffigen Luft. Er fiel dem alten Spinner nicht lästig, aber Lenz öffnete schnell ein Fenster. Nun gingen sie langsam zwischen den feiernden Maschinen hindurch, die in Manneshöhe ragten und mit ihren Spulen, Haspeln und Rädern etwas Persönliches, Menschliches hatten. Wie die verzauberten Bewohner von Dornröschens Schloß waren sie mitten in ihrer Thätigkeit erstarrt, und nun schienen sie die Besucher anzustehen: Gebt uns das Leben wieder! Heller musterte mit kundigem Blick und tastenden Händen die Maschinen, las die Firmentafeln, die sie an der Stirnseite trugen, klopfte auf die Blechröhren, zog an den Treibriemen. Da und dort hing noch eine Flocke Wolle. Er nahm sie sorgsam weg und prüfte sie aus alter Gewohnheit, indem er sie zwischen den beiden Daumen und Zeigefingern drei- oder viermal zerzupfte und übereinander legte, bis er die Fasern in ihrer ganzen Länge in der Hand hielt. »Guter Stapel!« murmelte er dann oder benannte die Wolle: »Low Middling!« oder »Fair Oomra!« oder »feine Ägyptische!« Am Ende des Saales warf er einen Blick zurück, als wollte er den ganzen Inhalt noch einmal übersichtlich ordnen und in einem Zahlenwert ausdrücken. Lenz sah ihn fragend an, aber der Alte schwieg und eilte ins erste Stockwerk voraus. Dort stand der »Wolf« mit offenem Rachen, in dessen Innern der Gehalt ganzer Baumwollballen wie spielend auseinander gerissen und ausgespieen wurde. Jetzt schwieg das eiserne Ungeheuer, seine Verdauung stockte, und Heller gab ihm mit der Hand im Vorbeigehen einen Klaps. »Alter Junge!« sagte er mit einem Doppelsinn, der dem Konsul entging. »Du mußt Gesellschaft haben!« fügte er bei, um keinen Zweifel über die Notwendigkeit eines neuen Openers aufkommen zu lassen. Nun in den zweiten Stock und über einen mit Eichenbohlen belegten Vorraum, wo die emporgezogenen Ballen durch das offene Fenster hereingerollt und geöffnet wurden. Noch lag im Winkel ein Haufen rostiger Eisenbänder und verstaubter Packleinwand. Heller schüttelte mißbilligend den Kopf. Sein Ordnungssinn war verletzt, weil man das gar nicht wertlose Gerümpel hier liegen ließ. Dann über die steile Holztreppe einen Stock höher durch eine offene Fallthüre. Sie standen in der unteren Karderie. Dort sah man auf einem Podium die Maschinen des Schleifers, der die Kratznadeln zu reinigen und zu schleifen hatte, und zwei Reihen Krempelmaschinen. Noch klebte an einem Deckel eine dicke Kruste Watte. Heller, dessen Bäcklein sich gerötet, brummte etwas Unverständliches und ging ohne Aufenthalt schnell weiter. Er schien wie verjüngt. Länger hielt er sich in den Spinnsälen auf. Er prüfte die Halbselfaktors mit wohlgefälligem Auge und las die englischen Firmenschilder. »Eine Sünd' und Schande für so ein Geschäft!« rief er aus. »Die Maschinen sind alt, aber gut.« »Mein Bruder hat sich daran verblutet.« »Ja, die Engländer sind nicht billig,« gab er trocken zurück. »Aber im Stillstand muß das alles freilich verrosten und verkommen.« Im vierten Stocke warf der Alte einen Blick auf den Saal der Hasplerinnen und fand in der Packstube eine vergessene Spule, deren Faden er sofort abwickelte, wobei er ihn kräftig lang zog. Zu seiner Genugthuung brach der Faden nicht so leicht. Der gute Eindruck wurde aber bald gestört, als er im obersten Spinnsaal die schwarzen hölzernen Stühle alter Konstruktion sah. »Jetzt wundert's mich nicht mehr, daß Ihr Bruder zu Grunde ging!« rief er aus und hastete die letzte Treppe empor. Es war ein großer Lagerraum unter Dach. »Da hinein gehören Maschinen,« sagte er. »Alle Achtung vor Ihrem Bruder, aber er war kein Spinner.« Langsam stiegen sie mit dröhnenden Schritten das abgrundtiefe Treppenhaus hinab. »Wünschen die Herren ins Kontor, so hol' ich den Schlüssel?« sagte das Mädchen, als sie im dritten Flur standen, und wies auf eine verschlossene Thür. »Was?« donnerte Heller, »die Schreibstube hier im Hauptgebäude? Lächerlich! Daraus muß ein Spinnsaal werden.« Und nun in den kleinen Anbau der mechanischen Werkstatt. Hier herrschte große Unordnung. Zwischen den Ambossen, Schraubstöcken, Blasebälgen und Schleifsteinen lagen Haufen von Gußrädern, Treibriemen, Stahlspindeln. Nur eine Ecke war aufgeräumt und artig mit Bildern aus illustrierten Zeitschriften beklebt. Auch eine Schwarzwälderuhr tickte da von der Wand. »Hier arbeitet Vater,« sagte das Mädchen und fügte erläuternd und nicht ohne Stolz hinzu: »der Cylindermacher Fabian.« Der Direktor streifte mit einem Blicke die Holzschnitte, welche Schiller, Klopstock und andere Dichter darstellten, und folgte seinem Begleiter ins Nebenzimmer. »Und hier neben Vatern bin ich.« »Was machst Du da?« fragte der Konsul freundlich. »Röhrchen.« »Auch jetzt noch?« »Ja, wenn ich mich langweile.« Sie zeigte auf einen Haufen weißer und blauer Papierhülsen, die zierlich gedreht und fest geleimt waren, »Die werden auf die Spulen gesteckt, und das Garn wickelt sich drüber auf,« erklärte sie. Doch Hellers Schritt klang bereits aus der Ferne, wo er sich kopfschüttelnd den Kesselraum mit der Dampfmaschine besah. Sie holten ihn eilig ein und fanden ihn am offenen Fenster, den Blick sinnend auf den Hof gerichtet. Dort waren die Lagerräume für Baumwolle und Garne, die Wage, die Rollfuhrwerke die sich unter ein Vordach drängten. Darüber hinweg sah man die eingedämmte Spree, von schweren Lastschiffen befahren, die dunkelgrünen Wipfel des Schloßparks und zur rechten Hand, halb unter Bäumen verborgen, den zierlichen Thurm einer benachbarten Villa. Der Wind brachte wieder die Klänge des Geigenkonzerts herüber, aber gewiß lauschte der alte Prosamensch nicht auf sie. Lenz trat hinter ihn und sah nun gleichfalls hinab, indes die junge Fabian ganz weltverloren aufhorchte. »Die Mondscheinsonate,« sagte sie. »Herr Hans – Herr Lenz spielt sie mit harfendem Bogen.« Wirklich klang es säuselnd herüber in verschwommenen Akkorden, wie aus einer Äolsharfe. Als aber Lene ihre Blicke unwillkürlich nach rechts schweifen ließ, zuckte sie zusammen. Lenz bemerkte es und sah nun auch nach derselben Richtung. »Ist das nicht Fräulein von Berkow?« fragte er die Kleine, indem er seinen Zwicker vor die Brillengläser hielt. Sie nickte verlegen. »Sie liebt die Musik auch,« sagte sie wie zur Entschuldigung. Heller schien von der eleganten jungen Dame, die sinnend über den Zaun des nachbarlichen Gartens blickte, nichts zu sehen und zu hören, so sehr war er in seine Berechnungen vertieft. Plötzlich aber ergriff er Lenz am Arm und zog ihn in eine Nische, während das Mädchen verstohlen der jungen Dame ein Zeichen gab, worauf ihr weißes Kleid zwischen den Büschen verschwand. »Ein leidendes Geschäft,« sagte der Kommerzienrat. »Das kann nur durch Aufwendung großer Kapitalien wieder flott gemacht werden. Es ist konkurrenzunfähig, weil nicht die ganze Einrichtung auf der Höhe der Zeit steht. Vor allem fort mit den alten Spinnstühlen, der zu schwachen Dampfmaschine und allem Gerümpel, wenn etwas ordentliches werden soll. Lauter Selfaktors, nichts als Selfaktors, schon um Arbeiter zu ersparen, die in Berlin theuer sind. Die sonstigen Konjunkturen sind gewiß nicht schlecht. Wenig Wettbewerb am Platz und in der Nähe, und mit der englischen Konkurrenz wollt' ich schon fertig werden.« Lenz fiel ihm rasch ins Wort. »Ja, Sie mit Ihrer jugendfrischen Thatkraft und reichen Erfahrung, aber wo fände sich ein passender Leiter für ein so schwieriges Unternehmen?« »Den würden wir bald haben,« eiferte der Kommerzienrat. »Sind Sie erst so weit, hier wieder an die Arbeit denken zu können, so wenden Sie sich an mich. Ich weiß mehr als einen guten Spinnmeister, der meinem Rufe Folge leisten würde.« »Und wäre der richtige Mann für die technische Leitung da,« fuhr Lenz fort, »so ließe sich also das Geschäft wagen, glauben Sie?« »Ja, vorausgesetzt, daß auch die kaufmännische Führung in guten Händen wäre. Es müßte eine Lust sein, das Schiff wieder flott zu machen.« Über des Konsuls Züge glitt ein freudiger Schimmer, und als der Alte das Gespräch abbrach und weiter ging, folgte er ihm mit zufriedener Miene. Erst draußen im Hofe machten sie Halt. »Wenn es Ihnen recht ist, sehen wir noch meinen Neffen,« sagte Lenz. Das Mädchen ging ihnen mit klirrendem Schlüsselbunde voraus ins Wohnhaus, das hinter dem Fabrikgebäude in einem Gärtchen an der Spree lag. Lenz zeigte im Vorübergehen auf das zweistöckige sogenannte Fischerhaus, das etwas abseits, doch innerhalb der Fabrikmauer lag und als Arbeiterwohnung diente. Heller, noch ganz in Gedanken, mißverstand ihn und lenkte im Glauben, dort sei der Neffe zu finden, seine Schritte dahin. Lenz seinerseits dachte, dem Alten wäre daran gelegen, auch diesen Teil der Fabrik kennen zu lernen, und folgte ihm mit der kleinen Fabian. Eine dicke, rotbäckige Frau trat ihnen unter der Thür entgegen und hieß sie mit stark sächselndem Accent und förmlichem Gruße willkommen. »Bitte gehorsamst nur näher zu treten,« sagte sie und ging ihnen im engen Flur voran, »mein Fabian ist zwar drüben beim Herrn, aber Lene kann ihn rufen. Und bitte die Unordnung zu entschuldigen. Ei ja, mein Fabian treibt so vielerlei! Sehen Sie, da macht er Raketen und Schwärmer – sie sind nicht gefüllt ... Dort steht sein selbst gebauter photographischer Apparat ... Und hier bitte ich nicht auf die Löwen zu treten; sie sind frisch gestrichen.« Erst die frischgestrichenen Löwen zogen den Kommerzienrat aus seinen Gedanken. Löwen? Um Gotteswillen, wo? Und nun folgte er dem Fingerzeige der guten Frau und sah auf dem Boden des Nebenzimmers hingebreitet drei Wachstuchteppiche, deren schwarzer Grund eine noch farbenfeuchte Malerei wies. Da sah man phantastische Wüstenlandschaften mit blutigen Sonnenuntergängen und schweinfurtergrünen Palmen, in deren Schatten sich zähnefletschende Löwen mit wunderschönen großen Augen lagerten. »Nicht wahr, die sind fein?« sagte die Frau zu den Herren, die ihr Lachen mühsam verbargen. »Ei ja, mein Fabian kann alles. Sogar dichten! Er hat seit dem Stillstand viel freie Zeit, und die nutzt er, wie er kann. Er hofft die Teppiche morgen um ein schönes Stück Geld zu verkaufen, denn es ist solide Malerei, und der Lack ist sein Geheimnis. Er wird ein Patent darauf nehmen.« Da die Löwen einen durchdringenden Geruch ausströmten, so flüchteten die beiden Besucher wieder in den Flur, der durch eine Unzahl aufgespeicherter Werkzeuge und Hausrat noch enger wurde. Da sah man eine Hobelbank, eine Wage, eine Hoboe, eine Drehbank, einen Pflug und eine Nähmaschine, die offenbar hier zur Reparatur weilten, und zu ähnlichem Zwecke versammeltes Haus- und Küchengerät. Besonders stolz war Frau Fabian auf einen selbstthätig sich drehenden Spieß, an dem die größten Martinsgänse gebraten werden konnten, eine der letzten Erfindungen ihres Mannes. »Und was steht denn hier für ein Chronometer?« fragte der Konsul, indem er auf ein Uhrwerk zeigte, das in einem kleinen hölzernen Gehäuse steckte. Lene nahm es von dem niedrigen Spind und wischte mit ihrer Schürze den Staub ab. »Verzeihung,« sagte sie, »das ist kein Chronometer, sondern eine Höllenmaschine.« »Um Gotteswillen!« rief Heller, der stark am Leben hing. »O die Knarre ist nicht geladen,« warf Frau Fabian lächelnd ein. »Ich wollte zwar auch lieber, es wäre eine einfache Schwarzwälderuhr, so könnte man's wenigstens gebrauchen.« »Wie kommt Ihr Mann zu diesem Mordinstrument?« fragte Lenz. »Er hat es sich selber beschert. Da las er vor Jahren von dem amerikanischen Massenmörder Thomas, der in Bremen ein Schiff in die Luft sprengen wollte, und da die Blätter eine Beschreibung seiner Uhr brachten, so setzte sich mein Fabian, der ja alles kann, hin und machte nach den Angaben diese da. Es hat ihm aber viele schlaflose Nächte gekostet, bis er das Schlagwerk richtig herausbekam. Der Schlüssel steckt auch noch. Sie kann jeden Augenblick gebraucht werden.« Obwohl der Kommerzienrat entschiedene Verwahrung gegen alle auch ungeladenen Höllenmaschinen einlegte, nahm sein Begleiter dem Mädchen das Werk aus der Hand und ließ es sich von ihm erklären, so gut sie es vermochte. Sie drehte den Schlüssel, zog die bald lustig schwirrende starke Feder auf, die das Laufwerk mit Windfang trieb, und er freute sich über den leisen Gang, der kaum das übliche Tiktak hören ließ. Dann stellte sie den Zeiger und wartete, bis die zwei Federn die Schlagstange auslösten, um mit dem dadurch bewirkten Drucke den Zündstoff zu entflammen. Nun schnappte es zu, und der Schlag war so stark, daß das Kästchen ans der Hand und zu Boden fiel. Sie hob es auf und schob es sorglos wieder auf das Spindchen. Der Kommerzienrat hatte sich vor dieser »unheimlichen Spielerei« längst ins Freie geflüchtet. »Dein Vater ist ja beneidenswert vielseitig,« sagte der Konsul draußen zu Lene, die ihnen wieder das Geleite gab. »Ei ja, aber er hat kein Glück,« antwortete sie ernst, »Die Menschen sind zu schlecht, sonst hätte er es weiter gebracht. Denken Sie mal an, was ihm neulich passiert ist! Er bringt einem großen Hutmacher in der Leipziger Straße einen mit seinem Lack gesteiften Matrosenhut als Probe. Der Mann ist reine weg, denn, das muß der Neid lassen, glänzend, hart und wasserdicht macht Vaters Lack. Er erbietet sich, auf Wunsch noch andere Hüte zu liefern, aber der Mann erhebt die Bedingung, daß er sie in seiner Fabrik fertigstellen soll. Wir warnen ihn, Mutter und ich, aber Vater ist so gut und vertraut allen Leuten. Er arbeitet also in der Werkstatt mit den anderen, aber schon am zweiten Tag wird er gekündigt, weil sein Lack schlecht sei. Natürlich Schwindel! Sie hatten ihm einfach sein Geheimnis abgeguckt und brauchten ihn nicht mehr.« Jetzt standen sie vor dem zweistöckigen Wohnhause, das in leichtem Villenstil mit Dachzinne und Stuckornamenten gebaut, jedoch ein wenig verwittert und vom Niederschlage der Esse beschmutzt war. Durch das offene Fenster hallte eine weiche, einschmeichelnde Musik wie von menschlichem Gesang, bald jubelnd wie Lerchentriller, bald schluchzend wie Nachtigallenschlag. »Still,« flüsterte Lene den beiden Herren zu, »das ist wieder von Herrn Hans aus seinem Violinkonzert.« »Wirklich!« gab der Kommerzienrat zurück, in Hochachtung erstarrt, allein der Konsul ging rücksichtlos weiter und die Steintreppe hinauf. So mußte er mit, aber er trat so leise wie möglich auf. Die Thüre knarrte nicht, als sie in das kleine halbdunkle Gemach drangen, dessen Wände Bilder und Bücher bedeckten. Die Musizierenden drehten dem Eingange den Rücken und hörten auch nichts, so eifrig waren sie in ihre Tonwelt versunken. Und ergreifend und rührend quoll die Weise unter dem Fiedelbogen des Meisters hervor, so daß der nüchterne Finanzmann ganz benommen dastand und sogar der alte »Prosamensch« sich verstohlen eine Thräne fortwischte. Als sie geendet, applaudierten die Besucher aufrichtig, während Lene noch lange wie traumverloren im Dunkel des Flurs stand. Die Musiker erhoben sich schnell und sahen nach ihrem unvermuteten Publikum. Vor den Besuchern stand Hans Lenz, ein zarter, blasser, etwas flachbrüstiger Jüngling mit langen Künstlerhaaren und müden, sanften Augen. In seiner Art lag etwas Weiches, Schwärmerisches, zu dem sein einfaches Wesen einen wohlthuenden Gegensatz bildete. Er wollte sich zum Musiker ausbilden, aber nach dem Tode der Mutter hatte sein Vater sich dem widersetzt und ihn ohne weiteres als Volontär in die Niederdeutsche Bank gesteckt und dann nach England gesandt, damit er die dortigen Baumwollspinnereien studiere. Als er vor drei Jahren heimkehrte, trat er in die väterliche Fabrik ein, doch war er nur ein mittelmäßiger Kaufmann geblieben, ohne rechten Geschäftseifer und praktischen Geist, immer nur auf seine geliebte Musik bedacht, der er jede freie Stunde widmete. Verschüchtert und doch zäh rief er heftige Auftritte mit seinem Vater hervor, indessen fand er wenigstens an seinem Onkel eine Hilfe, die ihn gegen den zornig Aufbrausenden oftmals in Schutz nahm. Als dann die Katastrophe ausbrach, die ihm den Vater raubte, durfte Hans hoffen, jetzt endlich seine geliebte Musik als Lebensberuf wählen zu können. Er hatte sich vorgenommen, das nächste Mal, wo er mit seinem Onkel zusammentreffen würde, ihm seinen Entschluß mitzuteilen, und war daher nicht erfreut, als er ihn heut in Gesellschaft eines Fremden sah. So war also wieder keine Gelegenheit zu ernstlicher Aussprache. Nach der Vorstellung wollte sich der Klavierspieler, der sich hier wie ein Eindringling vorkam, still entfernen, doch Heller nahm ihn bei der Hand. »Also Sie sind der Tausendsassa?« rief er aus. »Wir haben schon Ihre Löwen, Raketen, Apparate gesehen und bewundern nun auch Ihre musikalische Gabe.« Der alte Arbeiter kniff sein linkes Auge – das rechte hatte er bei einem chemischen Experimente gelassen – freundlich zusammen und strich sich mit den großen, rauhen und dabei doch so geschickten Händen den grauen Vollbart. Dann empfahl er sich bescheiden mit einem linkischen Kratzfuß. Der junge Lenz machte auf Heller einen so vortrefflichen Eindruck, daß er ihn gleich zu einem Besuch in der Hohenzollernstraße einlud. »Meine Frau spielt Klavier,« sagte er, »aber meine Tochter ist leider unmusikalisch wie ich. Die Damen würden es Ihnen gewiß verübeln, wenn Sie Ihre Geige nicht fleißig mitnehmen würden. Doch reden wir jetzt von Geschäften.« Bald saßen die drei Männer in der dämmerigen Stube im Gespräch, wie der »leidenden« Fabrik wohl aufzuhelfen wäre. Heller hatte seinen Plan schon fertig und legte ihn dar. Begreiflicherweise spielte dabei der junge Lenz als natürlicher Geschäftsleiter eine wichtige Rolle. Er aber blickte schweigend in die Ferne, in der sein klingender Traum von freiem, heiligem Künstlertum für immer verschwand. IV. Als der Wagen mit den beiden Handelsherren jenseit der Brücke verschwand, kehrte Hans Lenz in tiefer Traurigkeit nach seiner Wohnung zurück, um bei seiner Geige Trost zu finden. Doch kaum war er um die Ecke der Fabrik, als Lene Fabian ihm entgegenhastete. »Herr Hans, Herr Hans!« stammelte sie und hielt ihm mit glühendem Antlitz einen Zettel entgegen, den er ohne ein Wort des Dankes hastig aus ihrer Hand nahm. Es war nicht das erste Mal, daß die frühreife Kleine als Liebesbotin diente, doch immer hatte er eine unangenehme Empfindung vor diesen großen, wissenden Kinderaugen, die sich an sein Gesicht klammerten und bei dem Ausdrucke seiner Freude oft wie mit einem Schleier bedeckten. Auch jetzt wieder, als er vor Wonne zitternd die eilig mit Bleistift gekritzelten Worte las: »Papa ist in die Stadt. Die Mistreß hat Migräne. Ich erwarte Sie unter der Rampe.« Nichts weiter, aber wie viel Seligkeit lag in diesen Worten für ihn! »Was soll ich dem gnädigen Fräulein sagen?« fragte Lene in seine Gedanken hinein. »Ich bringe die Antwort selbst.« Sie wandte sich und ging langsam und schlürfenden Schrittes über den Hof zurück. Nun eilte er an seinem Hause vorüber gegen die Spree hinab, die zwischen den emporgethürmten Kohlenhaufen und Holzstößen aufschimmerte, öffnete das Thor und bog in den Uferweg ein, der rechts am nachbarlichen Garten vorbeiführte. Über dem Zaune sah man zwischen den Linden und Erlen ein Stück der Villa mit ihren Erkern und Veranden. Noch ehe er die kleine steinerne Rampe am Ufer erreicht, schimmerte ihm ein helles Kleid und ein großer gelber Gartenhut von oben entgegen. »Guten Abend, Herr Nachbar!« rief sie ihm zu, indem sie ihre zarte, schlanke Gestalt über die steinerne Brüstung beugte, und der frische, herzwarme Ton ihrer Stimme durchschauerte ihn. Er zog artig seine graue Fabrikmütze, und sie kam mit elastischen Schritten die Treppe herab und griff nach seiner Hand, die sie kräftig schüttelte, wie es ihre englische Gouvernante zu thun pflegte. »Boby ist auch von der Partie!« rief sie aus und neigte sich zu einem langhaarigen Rattenfänger, der schwänzelnd und bellend hinterher keuchte. »Er ist mir sogar lieber, als die entsetzliche Mistreß, die alles shocking findet. Sie wissen, ich habe ihr versprechen müssen, niemals allein mit Ihnen spazieren zu gehen. Na, wenn Boby dabei ist, sind wir doch nicht allein. Das ist auch eine Anstandsperson, nicht wahr?« Er hörte lächelnd auf ihr Kindergeplauder, und ohne zu wissen, wohin sie eigentlich gingen, schritten sie am Ufer neben einander hin. Die Sonne warf ihre fast wagerechten Strahlen durch die Wipfel des Schloßgartens ihnen gerade ins Gesicht. Er zog seine Mühe tiefer in die Stirn, und sie öffnete ihren roten Sonnenschirm. Der ungepflasterte Weg, von Pappeln und Linden gesäumt, führte von der Schleuse den Kanal entlang bis zur Brücke und war nichts weniger als bequem. Das Gehen wurde auch dem aufmerksamen Fußgänger durch eingerammte runde Holzpflöcke erschwert, die zollhoch ihre Köpfe aus dem Boden streckten. Dieses tückische Pflaster war als Stützpunkt für die Arbeiter bestimmt, welche im Schweiß ihres Angesichtes die Lastschiffe den Kanal aufwärts zogen, tief auf ihre Stöcke gebückt, dem Vornüberfallen nah. Noch verkündeten Warnungstafeln, daß das Betreten dieses Uferweges nur zum »Treideln« gestattet sei, aber das Verbot war längst hinfällig geworden. Die Maschine hatte auch hier die Menschenarbeit verdrängt. Seit einem Jahre und länger »treidelten« nur noch die flinken und billigen Schleppdampfer. Als sie die gewaltige Holzbrücke passierten, polterte gerade ein Pferdebahnwagen an ihnen vorüber. Unwillkürlich senkte Adelheid ihren Schirm, um ihr Gesicht zu verbergen. Er bemerkte es. »Kein Fahrgast drinnen,« sagte er, »und der Schaffner verrät Sie nicht.« Dann erzählte er ihr von dem Besuche des Onkels, der heut' einen Geschäftsfreund mitgebracht, einen freundlichen alten Herrn, und wie sie die Spinnerei besichtigt und nachher beratschlagt hatten, auf welche Art das Geschäft wieder in Gang zu bringen wäre. Adelheid horchte aufmerksam zu, denn sie nahm schon um ihres Begleiters willen warmen Anteil an dem Schicksal der benachbarten Fabrik. Sie kannte ja auch den Generalkonsul, der ein guter Freund ihres Vaters war und gerade in letzter Zeit viel mit ihm verkehrte. Was es galt, wußte sie freilich nicht, und auch Hans konnte ihr keine Auskunft geben. »Ich kümmere mich nicht um seine Geschäfte,« sagte er, »und bin überhaupt froh, wenn ich nichts von Geschäften höre. Sie können sich denken, mit welcher Empfindung ich von meiner Geige weg in die Konferenz mit den Herren ging.« »Ach, und wie haben Sie wieder gespielt!« rief sie aus und gestand ihm, daß sie sich zu seinem Konzert ein Zaunbillet genommen und erst auf Lenens Wink der beiden Besucher wegen zurückgezogen. »Hoffentlich hat Ihr Herr Onkel die Lauscherin nicht erkannt,« fuhr sie fort. »Ich habe eine dunkle Ahnung, als käme mir von ihm wenig Gutes!« Da war nun Hans bemüht, seinen Onkel in Schutz zu nehmen. Er nannte ihn einen großmütigen, einen großartigen Menschen, der zum Börsianer viel zu gut sei. Wie hatte er nicht zu seinem Bruder gehalten, so lang' es nur immer ging, und ihn auf die Gefahr hin, sich mit den Aktionären und Verwaltungsräten der Niederdeutschen Bank zu überwerfen, bis zu seinem Tod unterstützt! Und auch gegen den Neffen sei er stets liebenswürdig gewesen und habe ihm die drei schrecklichen Jahre auf der Bank durch seine Gönnerschaft erleichtert und die Reise nach England bei seinem Vater durchgesetzt. Freilich, am Unmöglichen scheiterte er ebenfalls, und so konnte auch er nicht seiner »Umsattelung« das Wort reden und aus dem widerwilligen Kaufmann einen Berufsmusiker machen. »Und jetzt,« warf sie in trockenem Ton ein, aus dem ihr Zweifel deutlich genug sprach, »wird er Ihnen jetzt den Willen lassen, nun kein väterliches Verbot mehr im Wege steht?« Er schwieg einen Augenblick, denn die Unterredung mit den beiden Herren hatte ihn doch sehr erschreckt und entmutigt. »Wer weiß,« sagte er kleinlaut. »Aber wenn ich auch in der ersten Zeit noch da drüben mitschaffen muß, so werde ich mich später gewiß frei machen. Und da baue ich gerade auf den Onkel.« Unterdessen hatten sie am gelben Wärterhäuschen vorbei die Brücke überschritten und blieben ratlos stehen. Wohin jetzt? Der Besuch des Schloßgartens war untersagt. Nach Charlottenburg, das von Berlinern wimmelte, wagte sie sich in ihrem Gartenkleide nicht, auch fürchtete sie, Bekannte zu begegnen. Da blieben unwillkürlich ihre Blicke auf einem großen Kahn haften, der an der Brücke ankerte. Es war eine Apfelzille, die morgen nach Berlin hinaufgezogen werden sollte, und ein Duft von frischem Obst wehte ihnen entgegen. »Heute bin ich zu Abenteuern aufgelegt, Herr Nachbar,« sagte sie mutwillig, »und Sie müssen mein Robinson sein. Wir bilden uns ein, dieser Obstkahn sei das verlassene Wrack, aus dem Robinson seine Vorräte holt, die ihn dem Hungertod entreißen sollen. Und Boby ist Freytag, der treue Freytag! Schwarz ist er ja auch.« Dann trat sie lachend dem Schiffe näher. »Haben Sie schon ein solches Ungeheuer besucht, Sie Landratte? Nein? Ich auch nicht, aber Kriegsschiffe in der Begleitung von galanten Seeoffizieren – in Kiel –, und sogar getanzt wurde drauf. Aber auch dieser Spreekahn muß eine Sehenswürdigkeit sein, und er hat den schönen Geruch voraus.« Vorne, wo die mit Fensterchen versehene Wohnung der Schifferleute war, stieg ein bläulicher Rauch aus dem blechernen Schlot. Offenbar wurde Abendbrot gekocht. Umso ungestörter konnten die Besucher den Kahn auskundschaften. Auf einem schwankenden Brette ging es hinüber. Doch der treue Phylax des Fahrzeuges, ein dicker, alter Spitz, hatte die Eindringlinge schon bemerkt und keuchte ihnen kläffend entgegen, um alsbald durch Boby von seinem Vorsatze abgezogen zu werden, denn er schien ihm der Freundschaft nicht unwert. Die Besitzerin des Kahns, eine dicke Spreewälderin, war indessen schon allarmiert und kam, ein buntes Tuch über dem Kopf und Holzschuhe an den Füßen, langsam heran. Sie musterte lächelnd das neugierige Pärchen und führte es durch den hohlen Schiffsraum, wo die links und rechts aufgehäuften Früchte eine Gasse bildeten. »Beurre blanc,« sagte sie und wies auf einen Korb voll Birnen. Hans und Adelheid gingen hintereinander zwischen all' dem herbstlichen Segen her und sogen den würzigen Duft ein. Er hatte freilich nur Augen für ihre reizumwobene Gestalt; sie betrachtete das Obst dagegen mit dem Kennerblick einer Gartenbesitzerin und einer guten kleinen Hausfrau, die sie war. Boby schien der Geruch lästig zu fallen, denn er nieste einigemale, worauf er sich schüttelnd und scheu nach seinem eingeborenen Kollegen umsah, der als treuer Hüter draußen vor der Thüre geblieben war. »Borsdorf,« rief die Frau wieder und strich mit dem Ärmel einem großen Apfel, den sie aus dem Haufen nahm, über die roten Backen, daß sie wie poliert glänzten. »Werder und Böhmen waren faul im letzten Jahr. Das kommt alles aus Steiermark mit der Bahn, von Marburg hinter Wien.« Hans kaufte ein Liter und ließ es Frau Fabian hinüber schicken, die sich über den unbekannten Geber gewiß den Kopf zerbrechen würde. Dann wollten sie noch das schwimmende Wohnhaus sehen. Die Obstfrau ging ihnen voran, und schon standen sie in einem niedrigen Zimmerchen mit dampfendem Herd und blitzendem Geschirr. »Alles propper und gemütlich,« sagte die Frau. »Es wackelt und schunkelt zwar ein bischen, aber ist doch solide und mollig. Und dann die liebe Freiheit! Wir wohnen hier und dort, und paßt uns eine Gegend nicht mehr, fahren wir einfach eine Station weiter. Wir wechseln ohne Geschäftsanzeigen und zahlen keine Grundsteuer. Freilich viele Reparaturen, bald unten, bald oben, bis der Zillenschlächter kommt und den Kahn holt und zerschlägt. Dann heißt es ein neues Schiff kaufen, aber so gemütlich wie in der alten Kabuse da wird es uns so bald nicht wieder. Besonders jetzt im Frühling, da ist es hübsch bei uns; nur im Winter bleiben wir oft im Eise stecken, aber der Ofen hält warm.« Sie zeigte dem Pärchen auch das schmucke Wohnzimmerchen mit Spiegeln und Bildern, Betten und Tischen, die reine Puppenstube, und da stand richtig auch eine Wiege mit einem Kind darin, das die runden, klaren Augen verwundert auf die Besucher richtete. »Ach, das herzige Baby!« rief Adelheid und beugte sich mit leuchtenden Augen über die Wiege, »Und die dicken, roten Bäckchen! Dagegen kann kein Apfel aufkommen!« »Ja, diese Borsdorfer sind Eigengewächs,« antwortete die Obstfrau stolz und hob den strampelnden Jungen aus der Wiege. »Auf dem Wasser geboren und mit Spreewasser getauft ... ein strammer Matrose, sag' ich Ihnen.« Sie legte den zappelnden Schelm Adelheid in die Arme, und er umschlang ohne weiteres mit seinen dicken Ärmchen ihren Hals und lachte silberhell vor Vergnügen auf. Und wie sie gleich einer jungen glücklichen Mutter so dastand, sah Hans sie bewundernd an und wußte, daß er das freundliche Bild zeitlebens nicht wieder vergessen würde. Aus dem halbdunklen Räume traten sie hinaus in die abendsonnige Luft. »Nicht wahr, meine Herrschaften, da möchten Sie auch einziehen?« scherzte die Frau. »Zusammen hier zu wohnen, warm und gemütlich, das wäre so 'was fürs Herz!« Adelheid errötete bis tief unter ihren Hut, und Hans wandte sich ab. Nun standen sie am Steuerbord und bemerkten erst jetzt, daß es an den Schloßpark anstieß. »Wenn wir nur in den verbotenen Garten könnten!« rief Adelheid, und ihre blauen Augen glühten vor Sehnsucht. »Ich hol' Ihnen ein Brett,« erwiderte die gutmütige Frau, aber noch ehe sie es hergeschleppt, war Hans ans Ufer gesprungen und hob Adelheid aus dem Schiff. Ihr Atem streifte seine Wange, und als er sie so dicht an seinem Herzen fühlte, sprang es beinahe vor Glück. Errötend strich sie über ihr Kleid, schob ihren Hut wieder zurecht und rief fröhlich aus: »Nun ist der Robinson vollständig! Aber was würde Mistreß sagen!« Zuletzt wurde auch der bellende Boby aus dem Kahn gehoben und der Obstschifferin ein Gruß zugerufen, und dann tauchten ihre Gestalten in den Schatten des königlichen Gartens. Hier unter den grünen Laubgängen spürte man schon überwältigend den Frühling. Zahllose Knospen und schimmernde Keime guckten verschmitzt aus Busch und Strauch, und mitten im vorjährigen dürren Gras, und unter dem vergilbten Laub am Boden grünte und blühte es. Ein heller Schein von jungen Trieben leuchtete überall auf; die Vogelmiere öffnete ihre weißen Sternenaugen, und am Teiche drüben sah man gelbes Kreuzkraut neben verschämten Gänseblümchen und blauen Veilchen. Die Birken hatten unzählige hellgrüne Blätter, und die Schneeglöckchen läuteten das nahe Fest ein. Nur spärliche Menschen zeigten sich: in der Ferne vor dem hellschimmernden Schloß ein riesiger Gardekürassier, der, den blitzenden Adlerhelm auf dem Kopf und den gezogenen Pallasch in der weißbehandschuhten Faust, auf und ab ging, ein Gärtnerbursche, der Feierabend machte, ein laubsammelndes Weib, das gebückt durch den Baumschatten raschelte. Sie wandelten in eifrigen Gesprächen durch den abendlichen Park und redeten kein Wort von Liebe, so laut sie auch in ihren Herzen pochte. Sie konnten und wollten sich bezwingen, so wie es die Mistreß geboten, denn an ihre Vereinigung war ja doch nicht zu denken. Oberst von Berkow hatte sein Rittergut bei Hannover verkaufen müssen und lebte von seiner Pension und einer unbedeutenden Rente. Seine Tochter war auf eine standesgemäße Heirat, eine gute Partie angewiesen. Und was konnte ihr der Sohn eines bankrotten Fabrikherrn bieten, dessen Traum es war, Musiker zu werden und dem Kontor Ade zu sagen? Wie viele Jahre des mühsamen Strebens, der stillen, emsigen, unfruchtbaren Arbeit lagen auf beiden Wegen noch vor ihm! Nein, sie waren nicht für einander bestimmt, das wußten sie, aber darum wollten sie doch Freunde, gute Freunde bleiben für immerdar. Unter anscheinend gleichgültigen Gesprächen gingen sie dahin, und doch wie sehr nahmen sie beide Anteil an allem, was sie betraf! Durch Fragen und kluge Bemerkungen regte sie ihn an, ihr von seinen letzten Kompositionen zu erzählen. Er hatte gegenwärtig eine Ouvertüre für großes Orchester unter der Feder, wobei ihm Fabians Rat sehr wertvoll war, denn dieser vielseitige Mann kannte alle Instrumente, blies Horn, Flöte und Hoboe, kratzte Geige, Bratsche und Violoncell, schlug die Harfe und die Trommel. Freilich nichts gründlich, aber die Vielseitigkeit stimmte zur Nachsicht. Und Hans erzählte ihr, nach welchem Programm er das Tonwerk dichtete, welche Gefühle es ausdrücken, welche Stimmungen es malen sollte, wie da die Hauptmelodie ertöne und später nochmal leise anklinge, wie das Ganze sich zur tragischen Wucht steigern und in einem schwungvollen Akkord ausklingen sollte. »O wenn ich nur festhalten könnte, was tönend in mir flutet und wogt!« rief er leidenschaftlich aus. »Oft wenn ich in die herabschwebenden Schatten des Abends hineinsinne, umfängt mich die Musik mit ihren liebeweichen, allmächtigen Armen. Dann erwacht in meinem Gehirn ein jubelndes oder klagendes Klingen, das mir wie aus einer anderen Welt kommt. Wohl wandle ich noch mit den Füßen auf der Erde, aber mein Haupt reicht in ein Traumparadies voller Wohllaut. Dann greife ich in mächtiger Bewegung zu meiner Geige, um die Töne erlösend aus meiner Brust hinausströmen zu lassen. Und doch, wie dürftig und schwach ist alles im Vergleiche zu dem Reichtum hier, und werf' ich es gar aufs Papier, so scheint es mir schal und öde, ein matter Abglanz von dem, was in mir lebt und vielleicht ewig versunken bleibt.« Nun standen sie am umwaldeten Karpfenteich, einem stillen schwarzen Gewässer, von Seerosen und Binsen bedeckt. Auf einer kleinen Terrasse war am Eisengeländer ein Glöcklein angebracht, auf dessen Klang die Fische in Erwartung eines Leckerbissens heranzuschwimmen pflegten. Bald ertönte silberhell die Glocke unter ihrer Hand, und sie lehnten nun beide über das Geländer und sahen, wie die Fische von allen Seiten herschwammen. Eben fiel ein schräger Strahl der scheidenden Sonne über die Wipfel ins Wasser, so daß die Schuppen bei jeder Bewegung goldig aufschimmerten. Es war ein lieblicher Anblick, wie die kleinen Tiere hin- und herschossen in der warmen Helle, silberglänzend in die Luft sprangen, unermüdlich ihre Kreise zogen und mit den runden Äuglein nach oben sahen, ob nicht endlich die Nahrung für sie niederfalle. Und sie warf von Zeit zu Zeit eine Brotkrume ins Wasser, um die sich die Fische rudelweise stritten. Er beobachtete sie mit stiller Freude und fand, daß sie noch nie so schön war. Über eine Brücke aus weißen Birkenstämmen gingen sie an ehernen Bildsäulen und bunten Blumenbeeten vorüber, und sahen von ferne im Tannendunkel das Mausoleum, dessen Gruft sich unlängst dem alten Kaiser geöffnet hatte. Und dann hinüber zur Spree, Schulter an Schulter, in traulichem Gespräch. »Was wissen Sie von meinem Vetter Lothar?« fragte er arglos. »Ich habe ihn schon seit einer Ewigkeit nicht gesehen.« Sie schlug die Augen nieder ... »Er kommt seit einiger Zeit häufiger,« antwortete sie mit einem erzwungen harmlosen Ton, doch da sie fühlte, daß er die Wahrheit begehrte, die sie ihm schuldig war, fuhr sie fort: »Wir spielten zusammen vierhändig, fingen auch einmal Croquet an, bis die Mistreß mich aus dem feuchten Grase verjagte. Ich wollte Sie gestern zum Thee rufen lassen, damit Sie meine selbstgebackenen Cakes versuchen, aber er meinte, es sei besser, Sie nicht zu stören.« »Oder vielmehr ihn nicht zu stören,« gab Hans zurück. Sie sah ihn fragend an, und weil er ihren Blick vermied, so verstand sie seinen Argwohn und lachte gewaltsam auf. »Herr Nachbar,« sagte sie, »wie heißt es doch im »Narziß«? »Eifersucht muß man sich abgewöhnen, wenn man ein großer Mann werden will.«« Und sie lachte wieder, schrill und scharf, daß er ihre Stimme kaum wieder erkannte. »Scherz bei Seite, ich glaube allerdings, daß der flotte Herr Gardeleutnant neben seinen Pferden und Zirkusdamen sich auch ein bischen für meine Wenigkeit interessiert.« »So?« sagte er nun wieder gefaßt und stark. »Ja, er ist von einer unheimlichen Galanterie und stellt sich, als wäre er ganz vernarrt in mich. Ich glaube aber, er markiert die Liebe bloß.« »Nein, nein, dafür ist er zu ehrlich, so leicht und flatterhaft er auch sonst sein mag,« entgegnete er hastig. »Wer kann das wissen!« rief sie aus. »Offen gesagt, ich glaube, es ist etwas im Werk. Seine häufigen Besuche, die Konferenzen seines Onkels mit Papa ... Sogar die Mistreß traut dem Frieden nicht recht und fragte mich neulich aus, vielleicht in Papas Auftrag. Er selber schweigt noch, aber seine Zärtlichkeit, ein trauriger Blick neulich ... ich glaube wirklich, er sucht sich an den bitteren Gedanken einer Trennung von mir zu gewöhnen.« »Und wie würden Sie Lothars Werbung aufnehmen?« »Was ich dazu sagen würde?« rief sie mit Bitterkeit. »Bah, was liegt daran? Ob er oder ein anderer!« ... Sie stockte und sah ihn mit thränenden Augen an und vollendete ihren Gedanken: »da es doch der Eine und Einzige nicht sein kann!« Er wollte, wie ein Versinkender, nach ihrer Hand greifen, aber sie entzog sie ihm. Da drückte er die Widerstrebende selbst an seine Brust. Doch nur ein Augenblick, und mit flammenden Wangen riß sie sich los, und weil gerade Boby, der seine Herrin bedroht glaubte, zu bellen begann, so wandte sie sich rasch ihm zu, um einen Ablenker zu haben, und schlug blindlings mit dem Schirme nach ihm. »Garstiges Ding, sei ruhig, sei vernünftig!« schalt sie, und es klang, als ob sie ihr eigenes Herz meinte. Dann lachte und sprang sie wieder mit dem Hündchen um die Wette und sank zuletzt atemlos auf eine Bank, wo sie ihr glühendes Gesicht in ihr Taschentuch vergrub. Er näherte sich kopfschüttelnd. »Mir ist so heiß!« sagte sie. Er sah aber ihre von Thränen überrieselte Wangen und setzte sich still und traurig neben sie. Nun hatten sie die Rückseite des Schlosses wieder vor sich. Ein unheimliches Leben regierte dort. Wagen fuhren vor, Offiziere eilten hin und her, Lakeien und Schutzleute zeigten sich an den Fenstern und Thüren, nur der schöne Garten lag einsam da, und niemand durfte sich an seinem Frühlingszauber freuen. Und sie dachten an den Kaiser, der drüben im Sterben lag und dessen Dulderhaupte die kaum ergriffene Krone entfiel. O was war ihr kleines Leid neben jenem ungeheuren Schmerz, jenem stillergebenen Verzicht auf Größe und Leben und dem letzten Abschied von all' dieser blühenden Welt! »Lernen wir von ihm, wie man sich bescheidet,« sagte sie, und Hans seufzte schmerzlich. Lange saßen sie schweigend da, in ernstes Sinnen versunken. Sie achteten kaum darauf, daß die spielenden Sonnenlichter in den Zweigen erloschen, die lang und länger gewordenen Schatten in einander verschwammen und der ganze Horizont einige Augenblicke ins Abendrot getaucht schien, und erst als am dunkelnden Himmel Stern um Stern aufblitzte und in den unzähligen Fenstern drüben die Lichter schimmerten, wie ein anderes, irdisches Sternenmeer, da stand sie auf, hüllte sich in ihr Tuch und rief ihrem Hündchen. Und Trauer und Trost im Herzen gingen sie unter den finstern Bäumen der Orangerie zu und am Portier vorbei durch das Thor, wo die Wache sie ungehindert passieren ließ. Die Menschenmenge, die den ganzen Tag vor dem Schlosse hielt, um Nachrichten vom Krankenbette des gekrönten Dulders zu empfangen, hatte sich verlaufen und die Schutzmännerkette war aufgelöst. Nur gegenüber in den Kasernen und auf der Chaussee und Brücke, wo die menschenüberfüllte Pferdebahn vorbeirollte, regte sich noch das großstädtische Leben. Sie schlug den Seitenweg ein und gestattete ihm bloß, daß er ihr bis zum Fabrikthore das Geleite gebe. Ein Händedruck, und sie trennten sich. Sie aber blieb stehen, als er verschwunden war, und horchte mit Trauer im Herzen auf seinen verhallenden Schritt. V. Über der Liebe von Hans und Adelheid lag immer eine sanfte Abschiedstimmung, und wenn sie bei ihrer letzten »Robinsonade« stärker zum Ausdrucke kam, als je zuvor, so geschah es unter dem Einfluß einer dunkeln Furcht vor dem nahen Ende. Diese Ahnung eines unabwendbaren Verzicht sollte sich schon wenige Wochen später erfüllen. An einem schönen Maienabend, der nur von Hoffnung und Lebenslust wußte, überbrachte Lene Fabian ihrem Herrn mit dem gewohnten forschenden Ausdruck im Gesichte folgenden Brief: Mein lieber, lieber Herr Nachbar! Gott sei Dank, daß wir nur Nachbarn geblieben sind und nichts weiter, als gute Freunde, und daß wir unsere Herzen bloß auf den Mollakkord der Sympathie gestimmt haben, denn nun werden wir beide das Unabänderliche viel besser überwinden. Das Gefürchtete ist eingetroffen. Ich bin auf meines Vaters Wunsch die Braut Ihres Vetters Lothar. Wenn etwas meine Wehmut zu lindern vermag, so ist es der Gedanke, daß ich Ihren Namen tragen und mit Ihnen verwandtschaftlich verknüpft werde. Unsere Freundschaft hat also ein neues, stärkeres Band erhalten. Bleiben Sie mir gut und tapfer, wie Ihre Adelheid. Sein Herz krampfte sich zusammen, und seine Augen füllten sich mit Thränen. Da hörte er hinter sich ein leises Schluchzen, und erst jetzt bemerkte er, daß Lene noch immer dastand. »Verzeihung, Herr Hans,« sagte sie und wischte sich mit dem Schürzenzipfel die rotgeweinten Augen. »Ich weiß alles. Ich hab's geträumt ... und kommen sehen. Es war auch die letzte Zeit so viel Leben drüben. Ihr Onkel zuerst allein, dann zusammen mit dem Herrn Leutnant, und dann der wieder allein, fast jeden Tag und immer mit einem Strauß, einer größer als der andere. Und gestern gingen sie Arm in Arm durch den Garten. O sie that gar nicht zärtlich. Gerade so kühl, wie wenn sie mit Ihnen spazierte, aber da fühlte man doch die Liebesleute heraus. Man so thun, wie wir sagen. Ach, und nun ists aus, Sie armer Herr! Aber nicht wahr, Sie nehmen sichs nicht zu Herzen? Mir ist immer so bang. Sie kann ja auch nichts dafür. Sehen Sie, die reichen Mädchen können nicht immer, wie sie wollen. Sie haben's viel schlimmer als wir armen, glauben Sie's nur. Soll ich Vatern rufen? Er begleitet Sie gern auf dem Instrument. Sie spielen Ihre Sonate. Ach, wie schön die klingt! ... Das wird Sie zerstreuen ...« Sie hatte stockend und schluchzend, halb in ihre blaue Schürze hineingesprochen, wobei sie ihre schimmernd überfließenden Augen immer flehend auf ihn richtete, und ihre Stimme, die sie zur Festigkeit zwingen wollte, war schon halb von den Thränen erstickt; und zuletzt trat sie ihm näher und erfaßte seine Hand, um ihn schnell zu ihrem alles vermögenden Vater zu bringen ... Der Allerweltkünstler brachte es auch wirklich fertig, einen Menschen zu trösten, ohne eigentlich um sein Leid zu wissen. Er sah Hans kummervoll, und da sein Kind in ihn drang, ihm schnell etwas vorzuspielen, so begann er gleich von der Sonate zu reden und stürzte sich in dem sauberen Wohnstübchen, das mit all seinen Geräten und Instrumenten doch wie eine halbe Werkstatt aussah, ans Klavier. O das war eine Sehenswürdigkeit! Er hatte es von einem Trödler um einige Thaler erstanden, denn es hielt sich kaum mehr auf den Füßen; der Resonnanzboden war gesprungen, die Hälfte der Saiten und Hämmer entzwei, und auch von den Tasten fehlten mehrere. Aber er hatte den Schaden kunstvoll geheilt, und wenn auch die ergänzten Tasten nur von Holz waren und das Pedal nicht ordentlich parieren wollte, so klang es doch leidlich und drang dem sorgenvollen Komponisten erhebend in die Seele. Und im Eifer riß Hans die vielgeflickte Geige von der Wand, und unter seinem Bogenstrich erbebten die Saiten und hauchten glockenrein ihre Klänge aus, die aus seiner Brust zu quellen schienen. Abseits im Winkel aber stand Lene und wischte sich mit der Schürze wieder die hellen Thränen weg und wußte es selbst nicht, ob die wundervolle Weise oder ein fremdes Leid ihr so gewaltig ans Herz griff. Nach einer unruhigen Nacht stand Hans ziemlich spät auf und zog sich zum Ausgehen an. Sein Entschluß war gefaßt. Die Geliebte hatte man ihm genommen; die Kunst sollte ihm niemand rauben ... Er schwang sich auf die Pferdebahn, die eben nach den Linden fuhr. Es that ihm wohl, hoch über dem Troß der Menschen, im frischen Morgenwind und ganz seinen Gedanken überlassen, durch den frühlingsgrünen Tiergarten zu fahren. Wie liebte er diese hohen, schattigen Hallen, wo er so oft im Wandeln die Welt vergessen und halb überwunden hatte! Am Brandenburger Thore verließ er den Wagen und schlug sich seitwärts in das Straßengewirr, bis er unfern der Dorotheenstädtischen Kirche das gewaltige Steingebäude der Niederdeutschen Bank vor sich aufsteigen sah. Nur zu gut kannte er das Haus, wo er drei kostbare Jahre seines Lebens – verloren, wie er meinte. Gar oft hatte er es verwünscht, wenn es ihn jeden Tag aus seinen musikalischen Frühstunden rief und bis zum Abend festhielt! Da war die Thoreinfahrt, die breite steinerne Treppe, die weiten Korridore, rings von hohen Fenstern eingeschlossen, der viereckige Hof mit seinen maurischen Anwandlungen, der Säulenhalle und dem Springbrunnen. Und jetzt an den Kassenboten vorbei, die mit ihren Geldsäcken auf der Schulter kamen und gingen, und durch den endlosen Korridor zur Linken, wo die Schritte auf den Steinfließen widerhallten. Thüre rechts – dort befehligte der verunglückte Kandidat der Theologie Hubacher die Korrespondenz und quängelte die Kommis, wenn sie seine Schreibweise mit den immer wiederkehrenden Wendungen in besseres Deutsch umzugießen oder die englischen und französischen Briefe nicht nach den durch Hubacher verbesserten Regeln von Ollendorff und Rothschild aufzubauen wagten! Auch Hans hatte erfahren, was es heißt, dem galligen Lohnschreiber zu widerstehen, obgleich er durch seine Verwandtschaft mit dem gefürchteten Direktor eigentlich vor den ärgsten Quälereien gesichert war. Mit den Klagen über all die zahllosen Nadelstiche des selbstgefälligen Ignoranten wollte er aber seinen stets in Anspruch genommenen Onkel niemals behelligen. Da war es doch besser Thüre links, wo er in dem mit Draht vergitterten Kassenzimmer im ersten halben Jahre neben den Lehrlingen amtierte, die Geldsendungen nachrechnete, die erhaltenen Briefe überschrieb, die abgehenden kopierte und faltete und andere verwandte Hauptaktionen vollführte. Hier war man doch im Hinblick auf seinen Onkel rücksichtvoll gegen ihn und drückte gern ein Auge zu, wenn er zu spät kam oder zu früh ging. Der erste Kassenbote pflegte ihm sogar im Laufschritte das Frühstück zu holen, in der sicheren Erwartung, durch seine gewiß allmächtige Fürsprache eine Zulage zu erhalten. Am liebenswürdigsten aber war der Vorgänger des rothaarigen Kassiers, denn er beehrte ihn mit seinem Vertrauen und übergab ihm bei vorübergehender Abwesenheit die Aufsicht. Freilich, dem Vertrauen seiner Vorgesetzten hatte der Mann weniger Ehre gemacht, denn er ging mit Hinterlassung eines großen Defizits nach Amerika durch, wurde zurückgeholt und saß nun seit Jahren im Zuchthaus. Hans wollte an die Mittelthüre klopfen, doch sie wurde im gleichen Augenblick aufgerissen, und der Kassenbote stand mit seinen sämtlichen Militärmedaillen auf der Brust vor ihm, die schwarze Wechselmappe in der Hand, bereit zu einem Ausgang. Er erkannte auch den jungen Herrn sofort und freute sich offenbar, ihn wiederzusehen. »Der Herr Onkel ist drin,« sagte er mit vertraulichem Augenzwinkern. »Schön, daß Sie kommen! Die Gelegenheit ist günstig.« Natürlich dachte der gute Alte an seine Zulage. Und weit riß er vor ihm die Thür auf, durch die Hans in den großen, stillen Saal der Buchhalter trat. Auch dort fühlte er sich lebhaft angeheimelt, denn der weißköpfige Bureauchef Wirz hatte ihn hier ein Jahr lang in die Geheimnisse der doppelten Buchführung eingeweiht. In dieser stillen Schreibstube, wo ein dicker grüner Teppich die Schritte dämpfte, wurde er in seiner Arbeit von niemand gehetzt, und oft weilte er halbstundenlang draußen im kühlen Korridor, um mit seinem Kollegen, dem buckligen Schwarzbach, einem leidenschaftlichen Musikschwärmer, über Opern und Konzerte zu plaudern. Armer Schwarzbach! Auch er war noch hier in Diensten Merkurs – Pegasus im Joche! Und er sah auch recht unglücklich aus, als er jetzt mit schüchternem, hochachtungsvollem Gruße dem ehemaligen Kollegen entgegen kam. Seine Wangen waren eingefallen, seine Brust hohl, und nur sein Höcker schien sich wohl zu befinden. »Der Herr Direktor sind auf seinem Zimmer,« flüsterte er demütig und wie um Entschuldigung bittend, daß er nicht »auf höchstseinem Zimmer« sagte. Mit einer linkischen Handbewegung lud er Hans ein, ins Vorgemach zu treten, doch – war es Absicht oder Mißverständnis? – Hans ergriff seine kalte, feuchte Hand und schüttelte sie freundschaftlich. Herr Schwarzbach wußte sich über diese Ehre gar nicht zu fassen, duckte sich aber gleich wieder, denn eben warf Herr Hubacher aus dem Nebenzimmer einen giftigen Blick durch die Glaswand auf ihn. Der Ex-Theologe hatte zwar in der Buchhalterei nicht das mindeste zu befehlen, aber that es dem Bureauchef zum Trotz und gestattete sich sogar immer wieder, bei dem geringsten Rechenfehler sämtliche doppelten Buchhalter niederzudonnern. Doch diesmal war Herr Schwarzbach dem frech erweiterten Machtbereiche des Schrecklichen entrückt, denn schon betrat er mit Hans das Vorzimmer des Direktors. »Wie geht es Ihnen, Herr Schwarzbach?« fragte Hans teilnehmend, indem er den Enteilenden am glänzenden Schreibärmel festhielt. »Dank für gütige Nachfrage,« war die erstaunte Antwort, denn Schwarzbach war hier nur an geschäftliche Unterhaltung gewöhnt. »Ich habe mich gewissermaßen verbessert.« »Die Prokura erhalten?« »Nein, so weit bin ich noch nicht, aber Privatsekretär des Herrn Generalkonsul. Er will nur noch mit nur im Bureau zu thun haben. Natürlich werde ich deshalb viel beneidet und angefeindet.« »Sie verdienen diese Vertrauensstellung, Herr Schwarzbach. Ihre Gewissenhaftigkeit, Ihr Fleiß und Ihre Kenntnisse ...« »Nein, denen dank' ich es nicht,« warf er verschämt ein. »Vielmehr meinem Naturfehler ...« »Ah, Ihrer – hohen Schulter?« fragte Hans und hielt mit Mühe sein Lächeln zurück. »Ja ich weiß, der Onkel hat von Paris den Aberglauben mitgebracht, daß solche – Naturspiele Glück bringen.« »Mir kann es recht sein,« gab der Kommis zurück. »In meiner neuen Stellung habe ich mehr Freiheit, z.B. auch zeitiger Feierabend. Auf diese Weise kann ich an Wochentagen die Konzerte besuchen. Ach, Herr Lenz, die Eroica! ... die Neunte! ...« Seine Schwärmerei wurde durch ein Geräusper im Nebenzimmer unterbrochen. Er duckte sich schnell, so daß sein Buckel unter den schwarzen Locken verschwand und verzog sich demütigst hinter eine Portiere. Bald kam er wieder zurück mit der Meldung, der Herr Direktor lasse seinen Neffen bitten, und Hans trat ein. Sein Onkel saß am Fenster auf einem Sopha und blies bedächtig den Rauch seiner Upman durch Mund und Nase. Wer ihn für unthätig gehalten hätte, würde sich irren. Lenz war nie fleißiger, als wenn er rauchte und nichts that. Er kombinierte. Schwarzbach verschwand geräuschlos, indem er einige Handlungsbücher mitnahm, die offen auf dem Tisch lagen. Der Direktor hatte gewisse Konti sich vorlegen lassen, aber nur flüchtig geprüft. Er gab sich nicht mit Kleinigkeiten ab. Erst bot er seinem Neffen eine Zigarre an und zog ihn dann zu sich auf das Sopha. »Ich weiß, was Dich herführt, Hans,« begann er mit selbstgefälligem Lächeln, denn sein scharfsinniges Gehirn hatte gewiß auch hier das Rechte getroffen. »Du willst zu Lothars Verlobung gratulieren, die Du von dritter Seite in Erfahrung gebracht haben wirst. Ja, der Junge muß sich endlich rangieren, und da kalkulierte ich, daß niemand dies besser zu bewirken vermochte, als eine energische, kluge Frau. Adelheid von Berkow ist zwar nicht gerade das, was wir Kaufleute eine Partie nennen, aber sie hat andere Vorzüge. Vor allem den alten welfischen Adel. Die Unterschrift ihres Vaters ist mir bei einer geplanten Transaktion von Wert, und auch in unserem Verwaltungsrate möchte ich ihn haben. So will ich ihn denn durch verwandtschaftliche Bande an mich fesseln. Baron von Berkow wird auf einem zumal für Hannover berechneten Prospekt Wunder wirken.« Er sagte dies alles im gemütlichsten Tone, ganz offen und heiter, ohne das geringste Bewußtsein seines grenzenlosen Egoismus. Er brauchte den Vater, darum kaufte er sich die Tochter. Punktum. Das Menschenherz war für ihn ein Papier, das an seiner Börse keinen Wert hatte und nicht kotiert wurde. Was ging es ihn an, ob er Liebende trennte und eine unglückliche Ehe stiftete! Wenn nur seine Kombinationen nicht gestört wurden, so war er zufrieden. »Lieber Onkel,« nahm Hans das Wort, »Du hast für Lothars Glück oder was Du dafür hältst gesorgt. Die Güte, die Du mir stets bewiesen, ermutigt mich zu der Bitte, auch ein bischen für meine Zukunft zu sorgen.« »Was Du für sein Glück hältst,« widerholte der Konsul gedehnt und legte sein Diplomatengesicht in grämliche Falten. »Dein Zweifel macht mich stutzig. Ich gestehe, daß ich allerdings die Sache von dieser Seite, der sentimentalen, nicht ins Auge gefaßt habe, denn sie lag mir ferner. Ja glaubst Du etwa, daß Adelheid meinen Jungen nicht glücklich machen werde?« »O,« erwiderte Hans mit Wärme, »sie ist das beste Mädchen unter der Sonne. Gut, klug, Salondame und Hausfrau, sie vereinigt alle Tugenden.« »Umso besser also für Lothar.« »Ja, für ihn! Aber sie! wird sie das Glück finden?« Der Direktor that einen Zug aus seiner Zigarre, worauf er gedankenvoll die weiße Asche betrachtete und langsam den Rauch darauf blies, so daß sie jetzt rot aufglühte. Verdammter Junge, schien er zu denken, der da mit sentimentalen Erwägungen meine schönsten Kombinationen stört! »Du meinst,« sagte er aufblickend, »daß Lothar ein unverbesserlich leichtsinniger Patron ist? Das stimmt vielleicht. Aber er hat ein gutes Herz ...« »Gewiß,« warf Hans dazwischen. »Und Charakter, viel Charakter.« Er stutzte einen Augenblick, als erwartete er abermals eine Zustimmung. Da Hans indessen schwieg, fuhr er bekräftigend fort: »Er hat meinen Charakter, nur mehr Herz als ich. Das weiche Herz seiner Mutter. Das ist im Geschäft manchmal lästig, einen Leutnant geniert es weniger. Ich werde ihm ins Gewissen reden und dann ... Nun, ich bin doch immer da, um nach dem Rechten zu sehen. Er ist willig, lenksam, er liebt mich, vergöttert mich sogar. Ein Wink meines Fingers, und er ist wieder im richtigen Geleise. Also keine thörichten Bedenken, zu denen Dich gewiß Dein freundschaftliches Interesse an Deiner schönen Nachbarin verleitete, Hans. O, Du brauchst nicht zu erröten! Ich sah sie neulich als begeisterte Belauscherin Deines Konzerts. Ihr seid Euch gut, denke ich. Du wirst also Deine neue Kousine umso willkommener heißen.« Er strich mit der Zigarre unter seiner Nase hin, um ihren aufsteigenden Rauch einzuatmen, dann erhob er sich und ging einigemal im Zimmer auf und ab. »Übrigens ist es mir lieb, daß ich Dich sehe, Hans,« fuhr er fort. »Ich habe eine erfreuliche Mitteilung für Dich. Es ist endlich gelungen, den störrigen Verwaltungsrat willfährig zu machen und auch andere Kapitalisten für die väterliche Spinnerei zu interessieren. Das Gutachten einer Autorität wie Kommerzienrat Heller hat Wunder gethan. Ich werde schon nächster Tage die Sache ratifizieren lassen, so daß die Gelder zur Amelioration und zum Betrieb flüssig gemacht werden können.« »Dafür weiß ich Dir umso mehr Dank,« nahm Hans das Wort, »als meine fernere Mitarbeit im Geschäft dann überflüssig wird und ich an die Erfüllung meines Herzenswunsches denken kann. Wenn es Dir gelingt, mit den Gläubigern meines Vaters ein so günstiges Arrangement zu treffen, so brauche ich meine kleinen Ersparnisse nicht mehr zu opfern, so wie ich es angeboten hatte. Mir ist also die Möglichkeit gegeben, aus eigenen Mitteln meine künstlerische Ausbildung zu bestreiten.« »Musikant!« rief der Direktor verächtlich. »Musiker,« erwiderte Hans ruhig. »Meine Begabung, mein ganzes Wesen drängt mich dahin. Für die Geschäfte bin ich nicht hart und fest genug. Ich verlange nichts anderes von Dir, als Dein Ja, keinen Pfennig Geld. Ich will eine musikalische Hochschule in Berlin oder Leipzig besuchen und werde mich schon selbst erhalten, durch meine Ersparnisse, meine Kompositionen, durch Stundengeben ...« »Niemals! Mein Neffe Stundengeben! Das würde ich nie zulassen! Lieber brächte ich Deiner Marotte Opfer. Aber nein, es ist unmöglich! Komm zur Besinnung, Hans, es darf nicht sein. Dein Vater würde sich im Grab umdrehen.« Bei der Nennung seines Vaters zuckte Hans zusammen ... »Armer Papa! ja, es ist wahr, sein Wunsch war, daß sein Geschäft auf mich übergehen sollte, und mit eiserner Hand hat er mir meine musikalischen Liebhabereien verwehrt. Aber nun die Firma doch erlischt ...« »Du irrst, Hans! Das Haus Johannes Lenz \& Komp. steht noch, soll wieder blühen, und ich betrachte es als ein heiliges Vermächtnis, die Ehre meines Bruders zu reinigen. Ich denke, sein Sohn muß mir dabei zur Seite stehen. Er schuldet es jenem teuren Schatten. Du sollst die Ehre und den guten Namen Deines Vaters, seine Firma retten, Du mußt es!« Er hatte die beiden Hände des jungen Mannes ergriffen und sah durch Brille und Klemmer ihm scharf in die treuen, braunen Augen, die ihn fest anstrahlten. Bis in sein Herz hinab konnte er blicken und fand kein Falsch darin, aber ein starkes Ehrgefühl und eine opferwillige Liebe übers Grab hinaus. Und wie konnte es auch anders sein? Die frühverstorbene Mutter war ein duldender Engel in Frauengestalt, und der schroffe, aber rastlose und rechtliche Vater hatte ihn im Gebote der Pflicht erzogen. Und heilig wie die Ehre seines Namens galt diesem Kaufmannssohne die Firma. Die Lebensarbeit seines Vaters steckte darin und der Schweiß Tausender von Mitarbeitern. Und wie tapfer hatte der Gute gekämpft Tag und Nacht, Jahrzehnte lang, immer in Sorgen um Weib und Kind und seinen ehrlichen Namen und war dann zusammengebrochen auf der Wahlstatt, müde, aber nicht besiegt, gebrochen, aber nicht hoffnungslos, denn noch lebte ja sein Sohn, der über alle Fährlichkeiten hinweg das Werk weiter führen und die Firma retten würde. Ja, der Onkel hatte Recht. Seines Vaters Ehre war auch die seinige, und die Firma durfte nicht untergehen, um keinen Preis, und wenn es sein Lebensglück kosten sollte. Dann wollte er hinausstürmen auf das einsame Grab dort draußen zwischen Eisenbahndamm und Haide und dem teuren Todten durch die gelben Schollen zurufen: Vivat Johannes Lenz \& Komp.! Schlaf ruhig, Vater, Dein Name steht rein und makellos da! – – Ein dumpfer Lärm störte ihn plötzlich in seinem Sinnen. In den Nebenzimmern wurde es lebendig. Thüren und Pultdeckel klappten. Laute Stimmen und Schritte verhallten auf den Korridoren. In dem emsigen Bienenkörbe schien alles in wilder Auflösung und Flucht. »Mittagpause,« sagte der Direktor ruhig und griff nach Hut und Überzieher, denn für ihn, der nach der Uhr lebte, endete die Kontorthätigkeit auf den Glockenschlag. Hans wußte also, was das sagen sollte. Er erhob sich von seinem Platz und kämpfte seine mächtige Erregung nieder. »Komm, speise mit mir bei Hiller. Wir besprechen das Weitere dort. Du wirst aber einsehen, daß es keinen anderen Weg für Dich gibt, als den ich Dir vorgezeichnet.« Bald darauf entfernten sie sich durch die verödeten Zimmer, nur von dem die Aufsicht habenden Kassenboten bemerkt, der ihnen lange nachsah. »Famos! brummte er, »nanu kann der Herr Neffe ganz ungestört von meiner Zulage mit ihm reden!« VI. Hans hatte sich unter das Joch gebeugt. Um ihm den Verzicht auf seine Muse zu erleichtern, schlug ihm der Oheim eine Geschäftsreise nach England vor, wo er die neuen Maschinen bestellen und sich in den dortigen Spinnereien umsehen sollte. Umso lieber erklärte er sich bereit, als er auf solche Weise der demnächstigen Hochzeitfeier von Lothar und Adelheid fernbleiben konnte. In der letzten Stunde erhielt er in dem alten Heller, in dessen Haus er ein- oder zweimal verkehrt hatte, einen Reisegefährten. Der Kommerzienrat schwärmte für England, das er von Burtscheid aus alljährlich besucht hatte. In den fabrikenreichen Städten fühlte er sich wohl, die mit Steinkohlendunst geschwängerte Luft atmete er gierig ein, das geschäftige Leben imponierte und gefiel ihm, wie ihm denn auch die Engländer als praktische Idealmenschen galten. Auf dieser Reise lernten sich Heller und Hans achten und lieben. Der einfache, ehrliche und doch nach Höherem strebende Sinn des jungen Mannes berührte den Alten angenehm, und bald schloß er ihn gleich einem Sohn in sein Herz. An Heller aber liebte Hans die rheinländische Heiterkeit und Tüchtigkeit, die frische Naivetät und rührende Anspruchlosigkeit. Wie immer, wenn er ohne seine Frau reiste, fuhr er dritter Klasse, wobei er mit seinen Nachbarn, meist einfachen Männern aus dem Volke, bald ein Gespräch begann, um sie über ihre Meinungen und Verhältnisse auszufragen und ihnen mit gutem Rat an die Hand zu gehen. In Paris und London kehrte er in seinen altgewohnten Absteigequartieren ein, kleinen billigen Hotels zweiten Ranges, in denen es ihnen Wohl wurde. Die Bahnhofrestaurationen mit ihren theuren und hastigen Massenabfütterungen mied er wie die Pest und hielt sich lieber an seinen Mundvorrat, den er gerne mit seinem Reisegefährten teilte. »Ein Glück, daß es meine Frau nicht sieht,« Pflegte er dann zu sagen. »Sie liebt die großen Wirtstafeln, die reisenden Engländer und befrackten Kellner, die ich verabscheue. Nun, jeder nach seinem Geschmack.« Hans hatte sich mit Leib und Seele seinem kaufmännischen Berufe wieder hingegeben. Die Künstlerlocken waren der Scheere zum Opfer gefallen, seine Kompositionen ins Feuer gewandert, seine Geige hatte er Fabian geschenkt, der sie wie ein Heiligtum bewahrte, und summte ihm einmal eine Melodie durch den Kopf, so verbannte er sie mit einer Art fanatischen Eifers. Den geschäftlichen Gesprächen seines Reisegefährten lieh er stets ein aufmerksames Ohr, und Heller war oft über seine scharfsinnigen Bemerkungen und praktischen Einfälle erstaunt. Nur Eins gefiel ihm nicht, daß Hans gar keinen Geschmack an politischer Kannegießerei fand und in den Zeitungen nur die Depeschen und Handelsberichte las. Heller aber war ein großer Politikus. Er rühmte sich, in seinem Leben noch nie ein Buch zu Ende gelesen zu haben. Seit Jahrzehnten nahm er überhaupt keines mehr in die Hand. Wozu auch? Die Zeitungen enthielten ja alles Wissenswerte, versicherte er. Nebenbei war er ein roter Demokrat. Das Königtum hielt er für allzu kostspielig, die Hofschranzen haßte er. Alles für das Volk und durch das Volk, war seine Losung. Freilich hatte auch sein Freisinn Grenzen. Er forderte eine Autorität, achtete das Gesetz, das Pflichtgefühl ersetzte ihm die Religion, weshalb er auch nie zur Kirche ging und die Pfaffen, zumal die katholischen, nicht leiden mochte. Seinen Arbeitern war er ein guter Vater gewesen, zutraulich und freundlich, stets für ihr Wohl besorgt, aber unerbittlich streng, wo er auf Faulheit, bösen Willen und Liederlichkeit stieß. Er gab seinem Gefährten manche gute Lehren, wie sie zu behandeln seien. In Paris hielten sich die Reisenden nur zwei Tage auf. Heller liebte die vergnügungssüchtige, prunkvolle Stadt nicht, so sehr er auch die Franzosen, die er als Kaufleute kleinlich und ohne Wagemut fand, als das politisch interessante Volk aller Revolutionen bewunderte. Erst jenseit des Kanals nach windstiller Überfahrt fühlte er sich wieder wie zu Hause. Er vergaß, daß der Gefährte London genau kannte, und führte ihn eifrig mitten in das Gewühl der Citystraßen, wo sie sich stoßen und den Atem versetzen ließen, und wie vergnügt lachte er dann, wenn Hans zwischen all den Menschen, Omnibussen, Cabs und Rollwagen sich kaum mehr zu retten wußte! In Liverpool führte er ihn an den Hafen, zeigte ihm die Docks und die endlosen Lagerhäuser für die Baumwolle, und in Manchester, Leeds und Rochdale geleitete er ihn in die großen Spinnereien, Webereien und Maschinenwerkstätten, in deren geschäftigem Treiben er noch einmal jung zu werden schien. Er kannte sie alle, die riesigen Fabriken mit ihren himmelragenden Schloten und schnaubenden Maschinen, aber immer wieder brach er vor ihnen in das Erstaunen eines Menschen aus, der solche Wunder zum erstenmale sieht. »Wirklich! Unglaublich!« rief er einmal übers andere. »Ja, das ist die Arbeit, die heilige Arbeit! Hier gefällt es mir doch tausendmal besser als in der Schwindelbude Ihres Onkels, die er Börse nennt.« Den unangenehmen Eindruck, den damals die Berliner Börse auf ihn gemacht, hatte er noch nicht überwunden. Aber der lebhafte Anteil an dem ebenfalls unablässig, wenn auch nicht mit den Händen arbeitenden Generalkonsul hielt noch lange vor und war stark genug, ihn enger mit ihm zu verbinden. Obgleich er es abgelehnt hatte, auch nur den kleinsten Teil seines Vermögens auf der Börse zu wagen, so war es doch nicht schwer gewesen, ihn für des Bruders verkrachte Spinnerei so zu interessieren, daß er diese Reise auf seine eigenen Kosten unternommen hatte, um mit Hans die neuen Maschinen zu bestellen. Ja, als er diesen mit jedem Tage lieber gewann, da befreundete er sich immer mehr mit dem Gedanken, für den Fall, daß die Verwaltungsräte der Niederdeutschen Bank doch noch knickrig werden sollten, auch mit einem Kapital einzuspringen. So prüfte und wählte er denn die neuen Selfaktors und Laminoirs mit einem Eifer, als wären sie für sein eigenes Geschäft bestimmt. »Mein lieber Sohn!« so nannte er Hans jetzt gewohnheitmäßig und ohne sich dabei etwas besonderes zu denken, und erst als er wieder zu Hause war und seine heiratfähige Tochter sah, da entstand unwillkürlich der Gedanke: für die wäre eigentlich Hans Lenz der passende Mann, und dann wäre »mein lieber Sohn« wirklich mein Sohn! Doch seine hochtrabende Frau, so freundlich sie auch den Reisegenossen ihres Gatten in ihrem Haus empfing, hatte sich einen vornehmeren Eidam geträumt. Ja, wenn er von Lenz hieße, wie sein Vetter! Hatte sie darum jahrzehntelang danach gestrebt, ihrem Gatten den Kommerzienratstitel zu verschaffen, damit ihre einzige Tochter eine simple »Frau Lenz« werden sollte? Und sie wies den Gedanken mit Entrüstung von sich. Weniger entschlossen schien Wicky selbst, denn Hans war ihr ganz angenehm, obgleich sie ihm den ihr von Adelheid entführten Gardeleutnant ebenfalls vorgezogen hätte. Auch sie träumte von einer glänzenderen Heirat, aber schließlich hätte sie sich dem väterlichen Wunsche gerne gefügt. Reich war sie ja von Hause, und ihre Mama war doch auch nicht mehr als eine Fabrikbesitzersgattin. Die Hauptsache ist, eine Stellung in der Gesellschaft, Luxus und Wohlleben zu haben, dachte sie, und das fand sie alles auch als Frau Lenz. War also von dieser Seite kein starker Widerstand zu besiegen, so blieb immer noch der harte Sinn von Frau Viktoria zu brechen, und Heller beschloß, bald nach seiner Heimkehr einen wahren Staatsstreich zu machen. Eines Mittags überraschte er seine Frau beim Dessert mit der Nachricht, daß er die Spinnerei Johannes Lenz \& Komp. käuflich erworben habe. Frau Viktoria ließ vor Schrecken beinah die Tasse fallen. Ob er denn von Sinnen sei? Ob er nicht schon sein ehrlich Teil Lebensarbeit geleistet? Ob er ein großes blühendes Geschäft aufgegeben, um in seinen alten Tagen noch die Lasten dieser bankrotten Fabrik auf sich zu laden? Er aber lächelte schlau vor sich hin und ließ den altbewährten Strom ihrer Beredsamkeit ruhig über sich ergehen, und erst als die Wasser sich zu verlaufen schienen, küßte er die Widerstrebende auf die noch durch die Puderschicht glühenden Wangen. »Beruhige Dich, Mutter,« sagte er dann. »Es ist ja gar nicht für mich. Ich habe die Spinnerei für meinen lieben Sohn gekauft.« »Grundgütiger Gott,« jammerte sie händeringend. »Du redest irr, Heller. Unser armer lieber Alex ist schon lange Staub und Asche.« »Ich habe aber einen anderen Sohn.« Sie sah ihn noch angstvoller an. »Heller, um Himmelswillen! Welche Geständnisse!« »Ja, ich habe einen anderen Sohn, den wir lieben werden, wie unseren ersten und einzigen: einen Schwiegersohn.« »Ah, Du kommst wieder auf Deine Idee mit dem jungen Lenz zurück? O hätte ich Dich nur nicht mit ihm reisen lassen! Er hat Dich umgarnt und verzaubert.« »Er ist ein braver junger Mann,« gab Heller zurück, »und er hat keine Ahnung von meinem Kauf und meinen sonstigen Absichten. Nicht einmal sein Onkel weiß, daß und warum ich mich für die Spinnerei so sehr interessiere.« »Ein junger Mensch ohne Namen und Titel! Der Sohn eines bankrotten Spinners!« jammerte Frau Viktoria von neuem und schlug wieder die Hände zusammen. »O, wir werden den jungen Mann poussieren! Die Ehre seines Namens wird gerettet, die Firma Johannes Lenz \& Komp. besteht, verjüngt und gekräftigt, und daß sie blühen wird, dafür laß mich sorgen. Es ist eine alt eingesessene, geachtete Berliner Familie. Und einen Titel für Deine Tochter – wenn der Firlefanz denn doch nötig ist – verschafft ihm der einflußreiche Onkel Direktor und Generalkonsul.« Zwar fuhr die Frau in ihren Klagen und Vorwürfen fort, aber sie klangen doch um eine Tonart sanfter. Zumal die Aussicht auf den einflußreichen, bei Hof eingeführten, adeligen Onkel übte eine beruhigende Wirkung aus. Er war in ihren Augen ein interessanter, bedeutender, dämonischer Mann, namentlich wenn sie ihn mit ihrem spießbürgerlichen Gatten verglich. Um ihr die Verwandtschaft noch verlockender erscheinen zu lassen, ließ Heller die Möglichkeit durchschimmern, daß der stolze Konsul vielleicht gar nicht einwilligen würde, denn er wolle mit dem Neffen gewiß ebenso hoch hinaus, wie mit dem Sohne. Eine hochadelige Heirat oder eine Dame aus der hohen Finanz, man könne nicht wissen ... Dadurch brachte er die sich rasch Entflammende glücklich so weit, daß sie zuletzt den Seufzer ausstieß: »Ach, wenn der Konsul nur nicht dagegen ist!« ... Der alte Herr hatte alle Ursache, mit diesem schönen Erfolge zufrieden zu sein, aber da er das Eisen gern heiß schmiedete, so begab er sich gleich zur Niederdeutschen Bank, um mit dem Direktor über sein kühnes Vorhaben zu sprechen. Leider wurde er nicht vorgelassen, denn der Verwaltungsrat tagte gerade, und während Heller im Vorzimmer mit anderen Besuchern wartete, fand in der That die sehr kurze Sitzung statt, die ohne Zweifel des Alten höchste Verwunderung hervorgerufen hatte. Sie saßen an einem langen grünen Tische, die würdigen alten Herren mit Glatzen und Brillen, freundliche, bequeme Greise, zum Teil ihre Orden im Knopfloch, Kommerzienräte, Älteste der Berliner Kaufmannschaft, alles selbstzufriedene, reiche, saturierte Finanzmänner, ohne Gefühl für die Verantwortlichkeit ihres Ehrenamtes und nur von dem Bestreben beseelt, die Sitzung bald aufzuheben und nach Hause zu gehen. Ein jüngst erwähltes Mitglied, der Freiherr von Berkow, Rittergutsbesitzer und Major a. D., war zum erstenmale anwesend, und obgleich oder weil er nicht das Mindeste von der Sache verstand, folgte er den Verhandlungen nur umso aufmerksamer. Es war ein ernster alter Haudegen, ziemlich kahl, aber schlank und geschmeidig in seiner äußeren Erscheinung; das Gesicht lebhaft gerötet. Seine Tochter Adelheid hatte nur den hohen Wuchs von ihm. Der Bankpräsident, ein apoplektischer dicker Börsianer, leitet die Verhandlungen, so gut es ging. Man nahm das nicht so genau. Der treue Schwarzbach schleppte die großen Geschäftsbücher hin und her. Konti wurden aufgeschlagen, Posten zusammengezählt, Alles nur zum Schein und ohne Ernst, und daneben wurde geplaudert und gelacht. Stille wurde es erst, als der Direktor von Lenz sich von seinem Platz erhob, den Rechenschaftsbericht verlas und einige Bemerkungen daran knüpfte, während eine große rote Juchtenledermappe von Hand zu Hand ging. Einer gab sie dem anderen, und die Köpfe neigten sich und flüsterten ... »Was ist das?« – »Das Portefeuille des Herrn Generalkonsul.« – »Aha, das Portefeuille!« ... Und von den lauernden Blicken des Redners verfolgt, machte die Mappe ihre Runde um den Tisch. Keiner wagte es, sie zu öffnen oder auch nur längere Zeit in Händen zu behalten. Nur der Baron, der mit den Gebräuchen des Hauses unbekannt, hatte in seiner Lernbegier gute Lust, einen Blick hineinzuwerfen. Lenz stockte in seinen Ausführungen und warf ihm einen vernichtenden Blick zu. Eine nette Acquisition, der neue Verwaltungsrat! dachte er, und doch hatte er gerade in ihm einen bequemen Jasager, ein willenloses Werkzeug, schon aus verwandtschaftlichen Gründen, erwartet. Aber noch immer wog der Baron das Portefeuille unschlüssig in der Rechten. »Verdammt leicht!« murmelte er in seinen weißen Schnurrbart und warf einen Blick um sich. Er sah nichts als über seine Kühnheit und Neugier entrüstete Gesichter. Will der Neuling gewissenhafter, mißtrauischer, klüger sein, als wir? schienen sie zu fragen. Und schleunig zog er die Hand, die schon das Schloß aufdrücken wollte, zurück und gab das Portefeuille, das ihm jetzt in den Fingern brannte, seinem Nachbarn zur Linken. »Wie? – was?« – »Ah, das Portefeuille!« – »Das Portefeuille des Herrn Generalkonsul!« Einige Minuten später war alles genehmigt, was die Direktion gethan hatte und thun wollte, das Budget ohne Debatte angenommen, und der Vorsitzende hob mit mühsam unterdrücktem Gähnen die Sitzung auf. Ein Rücken von Stühlen. Händedrucke, Kratzfüße ... »Die Generalversammlung wird nicht so glatt abgehen.« äußerte der Konsul mit besorgter Miene zu dem jüngsten Verwaltungsrate. »Störrige, nie zufriedene Elemente wühlen und hetzen. Da ist ein gewisser Moritz, der bekannte Baissier – der Mensch hat mir sogar neulich auf der Börse eine Szene gemacht ... Er will heller sein, als die anderen ... und dabei ist er dumm ... dumm wie ... dumm wie ein Aktionär.« Der Witz des Generalkonsuls wurde sehr belacht, und unter diesem freundlichen Eindrucke ging die Versammlung auseinander. Mit langsamen Schritten, hustend, sich räuspernd, verschwanden die Herren durch die Thür, an der sie sich noch lange komplimentierten. »Herr Kommerzienrat Heller ist auch im Vorzimmer,« meldete Schwarzbach, indem er die letzten Handlungsbücher forttrug. »Führen Sie ihn hierher. Ich mag sonst niemand sehen, denn ich bin abgespannt. Sagen Sie den anderen Herren, ich sei verhindert, sie zu empfangen.« Er übergab das Portefeuille dem Buckligen, und ihre Blicke trafen sich, wie die zweier Auguren. Ja, sie wußten beide, daß die Mappe leer und alles nur Komödie war, aber die Welt will und muß ja betrogen sein! Er warf sich auf das rote Plüschsopha und schloß einige Minuten die Augen, bis ein leichtes Scharren unter der Thür ihn aufschnellen machte. »Entschuldigen Sie, daß ich Sie warten ließ,« sagte er zum eintretenden Heller. »Aber was fällt mir da ein? Sie suchen eine Thätigkeit? Nun, ich weiß eine für Sie. Ich werde Sie zum Verwaltungsrat der Niederdeutschen Bank wählen lassen.« »Nein,« rief der Alte lachend, »ich danke für die große Ehre. Davon versteh' ich nichts. Aber ich weiß eine mir liebere Thätigkeit. Ich kaufe die Spinnerei Ihres Bruders.« »Das ist allerdings eine Neuigkeit, die den Verwaltungsrat vorhin in eine angenehme Aufregung versetzt hätte,« bemerkte der Konsul mit gut gespielter Ruhe, und im Sofa wieder zurückgelehnt und die angezündete Zigarre feinschmeckerisch unter der Nase, sprach er seine Verwunderung darüber aus, daß Heller als gemachter Mann und ohne mehr ein Jüngling zu sein, die Lasten eines so schwierigen Unternehmens wie die Charlottenburger Fabrik auf sich laden wolle. »Das ist für mich das einzig mögliche Leben,« war die Antwort. »Die Geschäfte verjüngen mich und erhalten mich gesund. Glauben Sie mir, dieser Berliner Müßiggang hatte mich noch ins Grab gebracht. Vom Sofa zum Ofen und wieder zurück, das halte ich auf die Dauer nicht aus. Übrigens weiß ich, was ich meinen Jahren schuldig bin. Ich gedenke nicht die Leitung zu übernehmen, sondern bloß einen Teil der Oberaufsicht. Ich will das Ganze in Gang sehen, und dann mag Ihr Neffe weiter spinnen, als arbeitete er noch für sich und seinen Vater. Ich stehe im Hintergrunde und sehe ihm zu; freue mich, wenn es geht, und springe ihm bei, wenn es nötig ist.« »Hans mag sich gratulieren!« rief Lenz lächelnd. »Ich dachte mir, Sie hätten Ihre eigenen Leute, Ihre Protektionskinder. Der Junge weiß wirklich nicht, wie er zu seinem Glücke kommt, aber er ist kein Undankbarer.« »Nein,« bekräftigte Heller, »ich habe ihn auf unserer Reise lieb gewonnen, lieb wie einen Sohn. Hätte er nicht einen so fürsorglichen Oheim, weiß Gott, ich adoptierte ihn!« Er schwieg einen Augenblick vor innerer Bewegung, indessen Lenz, über seine Zigarre gebeugt, ihn von der Seite beobachtete. Auch er blieb stumm, denn er wollte ihm Zeit lassen, sich für den Kernpunkt zu sammeln. Schon von weitem hatte er ja bemerkt, wie der Alte auf sein Ziel lossteuerte. Jetzt legte dieser plötzlich mit einem raschen Entschlusse seine nur halb niedergebrannte Zigarre auf den Aschbecher und sagte fest: »Herr Generalkonsul, wozu bedarf es der Umschweife unter Geschäftsfreunden ...« »Sagen Sie unter Freunden!« Heller drückte gerührt die hingehaltene weiße, wenn auch große Hand und machte für sich die Bemerkung, daß sie ihn dabei kratzte. Kein Wunder, bei diesen langen, wohlgepflegten Nägeln! Er achtete aber nicht weiter darauf und fuhr fort: »Ihre Freundschaft ehrt und beglückt mich, und sie gibt mir den Mut, Ihnen meinen geheimsten Gedanken zu enthüllen. Sehen Sie, ich hatte einen Sohn, meinen lieben Alexander. Mein Herz hing an dem Jungen. Er sollte mein Erbe, mein Nachfolger im Geschäfte werden. Er ist gestorben, und der liebe Gott hat mir keinen Knaben mehr geschenkt. Ich gestehe, als mir später meine Wicky geboren wurde, war ich im ersten Augenblicke nicht sehr erfreut, denn ich erwartete einen Knaben, aber ich dankte dem Himmel dennoch und dachte: Versagt er mir einen Jungen, so hab' ich doch ein Mädel, und durch sie gewinne ich einen Sohn. Wie ein Junge ausfällt, ob gut oder schlecht, weiß man nicht, und auch den ungeratenen muß man hinnehmen. Einen Schwiegersohn aber kann ich mir auswählen nach meinem Geschmack, so gut ich ihn nur wünsche, und seine Kinder sind auch doppelt meine Kinder.« Er stockte und wischte sich die kleinen, grauen Augen mit dem Zipfel seines großen seidenen Foulards. »Herr Generalkonsul,« fuhr er fort, »nun glaube ich einen passenden Schwiegersohn gefunden zu haben. Ihren Neffen Hans, den ich schon jetzt meinen lieben Sohn zu nennen pflege. Er ist brav, fleißig, intelligent. Die Sorge für eine eigene Familie wird ihn zu einem ganzen Geschäftsmann machen. Heiratet er meine Viktoria, so bringt sie ihm als Mitgift eine Million zu und das neuerstandene Haus Johannes Lenz \& Komp. Nun, was ist Ihre Meinung?« Ein freudiger Schein flog über das Gesicht des Direktors, aber er legte es schnell in diplomatische Falten und sagte bedächtig: »Glauben Sie mir, daß ich die Ehre, mit Ihnen, Herr Kommerzienrat, auch verwandtschaftlich verbunden zu sein, wohl zu würdigen weiß. Für meinen Hans ist es gleichfalls ein wahres Glück. Ich gestehe freilich, daß mir Ihr ... Antrag, wenn ich so sagen darf, recht unerwartet kommt, so daß ich noch ganz betroffen und benommen bin. Nun, ehrlich und aufrichtig, er stört meine anderweitigen Kombinationen, denn ich hatte mit meinem Neffen meine Pläne, wie das ein guter Onkel immer haben soll. Indessen, die Sache läßt sich hören, und ich werde der letzte sein, Ihre Pläne und die der Vorsehung zu durchkreuzen.« Heller hatte mehr Herzlichkeit erwartet, und war froh, als der Bankier nach einer kurzen Pause fortfuhr. »Es wäre nicht das erstemal, daß meine Absichten mit dem Jungen vom Schicksal geändert würden. Er hatte nämlich eine heimliche Liebe. So wenig Wert ich auf dergleichen lege, so war ich schon bereit, das Pärchen glücklich zu machen, als mir mein Sohn wie ein echter Brausewind das Konzept verrückte. Er liebte dieselbe junge Dame und schwor mir, daß er eher sich töten, als verzichten würde. Was blieb mir anderes übrig, als den Sohn zu retten und den Neffen zu opfern? So wurde Lothar der Gatte von Adelheid von Berkow.« »Ah,« unterbrach ihn Heller fröhlich, »darum also war der Bursche auf der englischen Reise so still und ernst! Er laborierte an einer unglücklichen Liebe!« »Die er jetzt völlig überwunden,« versicherte Lenz. »Er hat sich kopfüber in sein Geschäft gestürzt, und eine stramme kaufmännische Thätigkeit ist von jeher der beste Balsam für solche Leiden gewesen. O der Junge hat Charakter! Sogar die Musik hat er auf einen Wink von mir an den Nagel gehängt.« »Was ich auch mit Vergnügen bemerkte,« bekräftigte Heller. »Den Geschäftsmann zerstreuen solche Allotria. Ein Kaufmann soll kein anderes Steckenpferd haben, als sein Geschäft, Du lieber Gott, das macht uns schon genug zu schaffen, ist aber dankbar und lohnend ...« »Wenn es uns auch zuweilen abwirft,« scherzte der Konsul, und der andere stimmte von Herzen in sein Gelächter ein. Dann erhob sich der Bankgewaltige, und gab damit das Zeichen, daß die Audienz zu Ende war. Heller, immer bescheiden und rücksichtvoll, erhob sich und griff nach seinem Hute. »So weit sind wir also einverstanden, Herr Kommerzienrat. Der Junge mag nun selbst sehen, ob und wie er sein Glück begreift. Ich denke, wir lassen den Dingen ihren Lauf. Aber zünden Sie sich noch eine Zigarre für den Heimweg an.« Heller lehnte dankend den abermaligen Eingriff in das Kistchen ab. Er hatte ja noch seinen Stummel da liegen. Und ob Lenz ihn auch versicherte, daß der wieder angebrannte Rest abscheulich schmecke, so drang er doch nicht damit durch. Wie eine Lokomotive paffend, empfahl sich der Alte mit den höflichsten Grüßen, und noch auf der Straße machte er sich ernste Vorwürfe, den vielbeschäftigten Mann zu lange aufgehalten zu haben. VII. Keine Ahnung hatte Hans von der ihm gestellten Falle. Er dachte sich den alten Heller als uninteressierten Freund und Ratgeber und seinen Onkel oder vielmehr die Niederdeutsche Bank als Neubegründer der väterlichen Firma. In dieser Voraussetzung hatte er sich bereit erklärt, für mäßigen Gehalt und Anteil am Reingewinne die Leitung der Spinnerei zu übernehmen. So ging er mit Eifer und Zuversicht an die Ehrenrettung seines Hauses, wobei ihm sein englischer Reisegefährte, auf dessen Wink die besten Maschinen angeschafft worden waren, mit seinem Rate beizustehen versprach. Ein gewiegter alter Spinnmeister, den Heller persönlich kannte, war aus der Schweiz verschrieben, und auf seine Bitte hatte Burtscheid mehrere gute Arbeiter abgetreten. Die meisten früheren Angestellten von Vater Lenz waren in alle Winde zerstreut, doch vernahm noch mancher den Ruf des Sohnes und kam mit Freuden herbei, um auch unter diesem zu arbeiten. Fabian blieb Cylindermacher und seine Lene Spindelhülsendreherin. und die drei Hausknechte, Janko, Zobel und Lux, fanden sich mit einigen Spinnern und Hasplerinnen auch wieder ein. Eine ganze Familie, bestehend aus dem Vater, der Selfaktorspinner war, der Mutter, die am Banc-à-Broches Verwendung fand, zwei Töchtern, die Hasplerinnen waren, und einem halbwüchsigen Burschen, den man als Ansetzerjungen brauchen konnte, wurde gern eingestellt, denn sie waren von einer Abfallspinnerei am Salzufer als ordentliche Arbeiter empfohlen. Sie hatten in der letzten Zeit in keiner Fabrik gearbeitet, sondern da und dort, wo man gerade fleißige Hände brauchte, und darum trugen die am Thore wachthabenden Hausknechte Bedenken, sie in den Hof einzulassen. Als erster drängte sich der Kleinste von ihnen ein und zwar ein vorlauter Bursche mit schwarzen Haaren und Augen und weißen Zähnen, die sich, wenn er lachte, blendend von seinem fahlen Großstädtergesicht abhoben. Er hatte sein Sonntagskleid an und bemühte sich vergeblich, mit den Händen und seiner Mütze die augenscheinlich ganz neuen Risse darin zu verdecken. »Der Bengel hat sich mit den Straßenjungens gekeilt,« erklärte seine noch sehr energische Mutter wie zur Entschuldigung. »Überhaupt 'ne nette Nummer! Ein Prachtkerl, was? Ja, der wird sich schon durch das Leben fressen und wenn die Klöße haushoch auf der Straße liegen. Und sieht man so 'ne gedrängte Übersicht von so 'nem Musterexemplar, so hat man 'ne helle Freude dran und kann gar nicht begreifen, daß mir die Galle nicht schon gänzlich ins Blut getreten ist.« Das nahm der kleine Held offenbar für ein Lob, und er warf der gerade im Hofe stehenden Lene einen herausfordernden Blick zu, der sie fast einschüchterte. »Fürchte Dich nicht,« rief er mit Gönnermiene, »ich thue kleinen Puten nichts.« Das beruhigte sie sehr, und als seine Eltern und Schwestern ins Kontor traten, blieb er draußen und begann mit ihr ein Gespräch. »Wie heißt Du?« »Lene Fabian. Und Du?« »Hugo Mila. Was arbeitest Du?« »Ich mache Röhrchen.« »Man bloß!« rief er geringschätzig und warf sich in die Brust. »Ich bin Ansetzer.« Das schien nun ihr wieder nicht zu imponieren, was er mit Verwunderung bemerkte. »O aber nächstes Jahr bin ich so groß, wie ein Spinner sein soll. Stark genug wäre ich schon jetzt dazu, meint Vater. Hast Du keine Eltern?« »Ei ja, Vater ist Cylindermacher.« Jetzt war der Stolz auf ihrer Seite, aber er dachte an die komischen Angströhren der feinen Herren und lachte ... »Aha, Hutmacher, was wir Berliner Kopfschuster nennen!« Sie klärte ihn über sein Mißverständnis auf. »Das ist putzig, daß wir in derselben Fabrik schuften,« sagte er. Sie kannte diesen Ausdruck für »arbeiten« und lächelte verständnisinnig. »Und weißt Du hier Bescheid?« »Ja,« gab sie zurück, »wir arbeiteten schon vor dem Stillstand in der Fabrik und haben jetzt die Aufsicht.« »Wo ist Deine Maschine?« »Mein Tisch? Neben Vatern in der Schlosserei.« »Denn besuch' ich Dich, und wir erzählen uns eins, aber daß Dein Oller dabei ist, ist eklig,« sagte er. »Wo wohnst Du?« »Drüben im Fischerhaus.« Er sah errötend an ihr vorbei, als ihr Blick ihn zufällig traf. »Was ist das?« Er wies auf die Rollbahn, deren Wagen oben unter einem Vordach stand. »Der Aufzug.« »Da wollen wir auf- und runterfahren zusammen.« »Jetzt aber nicht, denn die Maschine, die den Wagen zieht, steht ja.« »Runter kann man immer,« sagte er pfiffig. »Dazu brauchen wir keinen Dampf.« Ohne ihre Antwort zu erwarten, zog er sie am Arme den schmalen Stufenweg hinauf, der neben der Schienenbahn empor führte. Sie folgte ihm mit halbem Widerstreben, und bald waren sie oben. Artig hieß er sie zuerst Platz nehmen. »Ich sehe schon, wie man das macht,« sagte er, hakte den Wagen los und hatte gerade noch Zeit, hinter sie auf das rollende Gefährt zu springen. Auch ihre Augen leuchteten jetzt in kindlicher Freude, als sie langsam am abschnurrenden Seil bergab fuhren. »Schneller!« rief er ungeduldig, »du alte Schneckenpost!« Und mitten im Laufe stieß er mit dem hinten niederbaumelnden Beine vom Boden ab. Dabei verlor er das Gleichgewicht und stürzte in der Höhe des ersten Stockwerkes von der Bahn, während der erleichterte Wagen schnell weiter glitt und krachend an den Prellbock unten aufstieß. Mit blutüberströmtem Gesicht erhob er sich und hinkte herbei, um zuerst nach seiner Fahrtgenossin zu sehen. »Ich bin mit dem Schreck davon gekommen,« sagte sie, noch blasser als sonst und dem Weinen nahe. »Ich auch,« versicherte der unverbesserliche Prahlhans mit bittersüßem Lächeln. »Eine Schramme mehr, was thuts? Das ist männlich.« Sie sah mit Sorge auf das fließende Blut, nahm ihr blaues Tuch vom Halse und wollte ihm die Stirnwunde verbinden. »Unsinn!« rief er. »Ich bin kein altes Weib.« »Du verblutest ja sonst.« »Ach geh' man, wenn es genug geblutet hat, hört's eben wieder auf.« Sie hielt ihn aber fest und knüpfte dem Widerstrebenden das Tuch um den Kopf. »Mit so'n Turban geh' ich nicht herum,« erklärte er hartnäckig. »Ich müßte mich ja vor den Jungens schämen.« Und er riß das Tuch ab und gab es ihr wieder. »Schönen Dank, aber lieber verbluten, als so 'ne Memme sein.« Er sah, daß sie ihm schmollte. »Ruhig, Göre, ich wollte Dich ja nicht beleidigen. Ich weiß, daß Du es gut meinst und danke Dir auch schön dafür.« Er gab ihr die Hand und verließ mit seinen scheltenden Eltern und Schwestern etwas kleinlaut den Hof. Der Einzug der Arbeiter dauerte mehrere Tage. Männer, Weiber und Kinder, einzeln und in ganzen Familien, im Sonntagsrock oder Arbeitkittel kamen sie durch das Thor und baten um Anstellung. Nord und Süd, West und Ost war vertreten, namentlich Sachsen und die Rheinlande. Auch ein junger Tiroler, die grüne Joppe auf die Schultern gelegt, mit bunt gefütterter Weste und die Schweinsblase mit dem Kautabak hinten im Gürtel eingeklemmt, betrat mit einem gellenden Juchzer den Hof und stellte sich den wachthabenden Hausknechten als der neue Kardenschleifer vor. »Wie heißen Sie?« fragte der mißtrauische Zobel, der immer zudringliches Pack argwöhnte, das, einmal im Hofe, nicht wieder loszukriegen sei. »Ich heiß' Joseph – Peppi.« »Stimmt nicht,« brummte Janko mit einem Blick auf die Liste. »Der neue Kardenschleifer muß Pinzger heißen.« »Pinzger schreib' ich mich.« »Das kann jeder sagen,« fiel Lux ein. »Eben behaupteten Sie noch, daß Sie Peppi heißen.« »Ja, Joseph heiß' ich, aber ich schreib' mich Pinzger.« Die strammen Thürhüter verloren die Geduld und sahen sich verzweifelt an, »Sie sind wohl brustkrank im Kopfe?« sagte Janko unwirsch. »Wissen Sie was, schreiben Sie man den verehrten Namen hier auf, damit ich ihn dem Herrn Chef bringen kann.« »Ich kann nicht schreiben.« »Mensch,« donnerte Zobel, wie ein richtiger preußischer Unteroffizier, »wie wollen Sie sich denn Pinzger schreiben, wenn Sie nicht schreiben können!« Zum Glücke kam gerade Hans des Weges und machte dem Streite ein Ende, indem er den Kardenschleifer, der von dem handfesten Kleeblatte schon aus dem Hofe gedrängt war, wieder hereinließ und ins Kontor schickte. »Und ich heiß' doch Joseph und schreib' mich doch Pinzger, auch wenn ich nicht schreiben kann,« rief er triumphierend den Hausknechten zu, denen dieser spitzfindige Unterschied des tiroler Sprachgebrauches noch immer unverständlich war. »Den müssen wir zivilisieren,« bemerkte Zobel zu Lux. Er haßte überhaupt all das fremde Gesindel und hätte gerne nur Berliner angestellt. Aber Hans machte ihm begreiflich, daß die Stadt im Baumwollspinnfache wenig geschulte Arbeitkräfte liefere, und ersuchte die Thürhüter, etwas minder schneidige Wache zu halten. Dieser Ermahnung hatte es folgenden Tages der neue Buchhalter, Konrad Hitschold von Bern, ein langer, hagerer Vierziger, gewiß viel mehr als seiner anständigen Kleidung und der gelehrt aussehenden Brille zu danken, wenn er sogleich zum Chef gewiesen wurde, der gerade das neue Kontor im Erdgeschosse des Lagergebäudes links vom Thore mit Hilfe Fabians und des Lehrjungen Max einrichtete. Hitschold wurde willkommen geheißen, zog ohne weiteres seinen Rock aus und legte mit Hand an. Uebrigens war er mit dem neuen Spinnmeister aus der Schweiz hergereist und kündigte sein baldiges Erscheinen an. Indes verging die Zeit, und niemand meldete sich. Es war Hitschold unbegreiflich, wo sich sein Freund und Landsmann so lange verspäten konnte. Endlich gegen Abend stellte sich am Thor ein sonderbarer Geselle vor. Ein angehender Fünfziger, untersetzt und stämmig, mit Habichtnase, trug er kurze braune Beinkleider, die von einem vorstehenden roten Turngurt mit weißem Kreuze gehalten wurden, und einen vorsündflutlichen Radmantel. Seine rosige Gesichtsfarbe und Stimmung deuteten an, daß er von einer kleinen Wein- oder Bierprobe kam. Übrigens faßte er seine Leute merkwürdig scharf ins Auge und befleißigte sich einer Haltung, die er heut' Unter den Linden den Leutnants abgesehen haben mochte. »Sie wünschen?« fragte der biedere alte Janko am Eingange, indem er das Thor nicht aus der Hand ließ, wobei er von Zobel und Lux kräftig unterstützt wurde. Der Schweizer brach über dies Verhör in lautes Lachen aus. »Das ist Bock!« rief er und fixierte die Cerberusse ganz durchbohrend, aber die Erwägung, daß sie mit ihrer Strenge nur der Vorschrift gemäß handelten, stimmte ihn plötzlich gnädig, »Ich bin der Herr Hinnenlotz, der neue Spinnmeister.« Den Thürhütern kam die Sache nicht geheuer vor. Der Alte sah nach einem Spaßvogel aus, der sich mit ihnen einen Scherz machen wollte. Aber wie sie sich noch zögernd mit einem Blicke befragten, ob sie ihn einlassen sollten, waren sie schon von Herrn Hinnen-Lotz mit einem donnernden: »Sakerment nochmal!« beiseite gedrängt. Zufällig erschien just der Kommerzienrat, der mit den englischen Mechanikern drüben einen Spinnstuhl montierte, und erkannte den Eindringling auf den ersten Blick. Er begrüßte ihn freundlich und stellte ihn Hans vor, der auf den Lärm aus dem Kontor geeilt war. »Denkt Euch nur,« sagte Herr Hinnen, der, wenn er gemütlich oder zornig war, die Leute immer per Ihr ansprach, »die Schubiake da wollten mich nicht einlassen! Das ist dem Herrn Hinnen-Lotz beim Eid noch nie passiert.« Heller entschuldigte die Pförtner, die unter des Spinnmeisters wütenden Blicken wie begossene Pudel dastanden, aber der Eidgenosse war schwer zu beruhigen und brummte noch lange sein entrüstetes: »mich, den Herrn Hinnen-Lotz!« Nachdem sich Hans mit der ungewohnten und naturwüchsigen Erscheinung vertrauter gemacht hatte, gab sich die weitere Bekanntschaft übrigens von selbst. »Seht da,« sagte der Alpensohn, indem er ein abgegriffenes Notizbüchlein aus dem faltenreichen Mantel zog, »der Herr Hinnen-Lotz ist kein studierter Spinner, aber er hat sie allesamt im Sack. Hier habe ich meine Berechnungen schwarz auf weiß, und ich mische Euch mit dem schlechtesten Zeug einen Faden, der Bock ist.« In lächelnder Bewunderung hörte ihn Heller an, und lebhaft bestrebt, den ungünstigen ersten Eindruck bei Hans zu verwischen, fügte er verbindlich hinzu: »Ich kenne Sie schon lange, und weil ich Sie schätze, habe ich Sie auch empfohlen. In der ganzen Schweiz sind Sie als guter Spinner bekannt, und die Fabrikherren dort pflegen zu sagen: Nach dem Herrgott kommt gleich der Hinnen.« Der Spinnmeister brach in ein unbändiges Gelächter aus und klopfte Heller vertraulich auf die Schulter: »Und ich werde Eurer Empfehlung beim Eid Ehre machen. Sonst bin ich eigentlich nicht gern gekommen. Es ist zu weit weg von meinen Bergen.« »Schweizers Heimweh!« sagte Heller zu Hans. »Er ist ein Gemütsmensch!« »Und der Wein hier ist gar nicht süffig,« fuhr Hinnen-Lotz nach einer Pause fort. »Ich bin einen guten Tropfen gewöhnt. Hier kennen sie aber weder Hallauer noch Affenthaler.« »Aber einen Affen kann man sich auch bei uns kaufen,« witzelte Heller und lachte am meisten über seinen Scherz. »Höchstens einen Spitz,« entgegnete Hinnen mit verächtlichem Naserümpfen. »Auch die Sprache ist mir zuwider. Hier redet schon das kleinste Kind Schriftdeutsch. Bei mir haperts, aber ich werde mich verständlich machen!« Man blieb im Ungewissen, ob diese kühne Behauptung etwas Drohendes haben sollte, doch der Biedermann entdeckte jetzt den hemdärmeligen Hitschold durch das offene Kontorfenster, wo er eben sein Pult ins günstige Licht rückte. »Aha, da ist ja mein Schreiber!« rief er aus. »Meine Herren, den empfehl' ich Euch. Ein fleißiger und braver Mensch und ein famoser Buchhalter. Nur eins hab' ich ihm noch nicht austreiben können. Er hat eine Leidenschaft für Rosse. Vor jedem Droschkengaule bleibt er stehen, gelt, Chueri?« Konrad Hitschold lächelte seinem Freunde verlegen zu, ließ sich aber sonst in seiner Arbeit nicht stören, so daß dieser auf ein ersprießlicheres Thema überging. »Und wie ist's denn hier mit den Weibervölkern?« fragte er Heller augenzwinkernd, »Ich bin nämlich Wittling und fürchte die Weiber nicht. Ich war' sogar imstand, meinem Jakob eine Stiefmutter zu geben.« »Nach der Statistik gibt es in Berlin mehr Einwohner weiblichen als männlichen Geschlechtes,« erklärte der Kommerzienrat zur größten Genugthuung des Schweizers. »Sie haben hier jedenfalls eine reiche Auswahl.« »Und Gesangvereine gibt's auch?« forschte Hinnen weiter. »Ich bin zweiter Baß und singe halt gern.« »Auch dafür ist gesorgt,« tröstete ihn Hans, worauf Hinnen der Zusammenhang der Kehle mit dem Magen einfiel. »Es ist mir blöd',« erklärte er mit kläglicher Miene. »Von Morgen an steh' ich den Herren den ganzen Tag zu Diensten.« Dann holte er sich »seinen Schreiber« aus dem Kontor, und beide ließen sich von Lux ins nächste Wirtshaus führen. »Ein Urmensch und dabei ein Genie in seinem Fache!« rief Heller aus, als er mit Hans allein war. »Sie glauben nicht, wie mich der Umgang mit einem solchen unverbildeten Naturkind erfrischt. Ja, das ist das Volk, dem auch ich angehöre, denn meine Eltern waren Proletarier, und in meiner Jugend lief ich immer barfuß herum.« In diesem Augenblicke kam der Generalkonsul vorgefahren, worauf Heller sich bald, wie auf Verabredung, empfahl. »Hans,« sagte der Bankier zu seinem Neffen, indem er seinen Arm ergriff und langsam im Hofe mit ihm auf und ab ging, »ist Dir nicht aufgefallen, daß der Kommerzienrat sich merkwürdig für Dich ins Zeug legt?« »Ich erkenne es dankbar an.« entgegnete Hans. »Kein Vater könnte für seinen leiblichen Sohn mehr thun, als er für einen Fremden, wie ich ihm bin. Oft wird es mir zuviel, und ich bin genötigt, seinem Eifer einen Dämpfer aufzusetzen. Sprach er doch heute allen Ernstes davon, die Firma Lenz \& Komp. zu erweitern und neben der Spinnerei eine Weberei zu errichten.« Der Generalkonsul horchte bei dieser Nachricht auf. »Laß ihn gewähren,« sagte er nach einer Weile. »Wer weiß, er mag seine Pläne haben, in denen Du eine wichtige Person bist.« »Ich verstehe nicht...« »Er hat eine Tochter und vielleicht denkt er, Du wärest der rechte Mann für sie.« Hans machte eine ablehnende Gebärde. »Nun, was hättest Du an Viktoria Heller auszusetzen? Sie ist jung, hübsch, klug, einziges Kind eines vielfachen Millionärs. Diesen Goldfisch ließe ich mir an Deiner Stelle unter keinen Umständen vor der Nase wegfangen.« »Ich mag nicht heiraten.« »Das sagt man immer, aber hält es selten. Weshalb solltest Du ein alter Junggeselle werden?« »Weil mein einziger Gedanke ist, die Ehre der Firma herzustellen.« »Dazu erweist sich eine gute Partie nützlicher, als alle Arbeit und Kopfzerbrechen. Such' einen besseren Grund. Hans.« »Nun denn, weil ich Fräulein Viktoria nicht liebe, nicht lieben kann, nie lieben werde.« »Weil Du noch an einer unglücklichen Neigung laborierst? Junge, sei gescheidt. Keine Frau ist wert, daß man sein Leben für sie zu Grunde richte. Adelheid von Berkow ist für Dich verloren. Du wirst sie verschmerzen, glaube mir, so wie sie Dich verschmerzt hat. Gerade um Deine erste Liebe zu vergessen, solltest Du heiraten. Das ist probat. Unglückliche Liebende verlieben sich am leichtesten wieder. Nenne mich nicht frivol. Aus mir spricht die Erfahrung, und sogar die Dichter bestätigen es. Nur der noch um Rosalie jammernde Romeo konnte sich über Hals und Kopf in Julia vernarren. Aber ich will Dich nicht drängen. Überlege es Dir in aller Ruhe. Ich werde unterdessen das Terrain für Dich sondieren. O fahre nicht auf! Es verpflichtet zu nichts. Ich möchte nur verhüten, daß Du Dir einen Korb holst. Aber daran ist ja nicht zu denken. Heller wenigstens ist dem Heiratplane gewogen. Er hat mir im Vertrauen mitgeteilt, daß er Dich schon wie einen Sohn liebt, und daß diese Verbindung seit Eurer englischen Reise sein liebster Wunsch sei.« Hans kam aus seinem Erstaunen über all' diese Mitteilungen gar nicht heraus, und seine Aufregung wuchs. Wider Willen sank Heller in seiner Wertschätzung. »O diese Kaufleute!« rief er. »Selbst die Besten thun das Gute nur aus Berechnung. Aber was sagt die zu allererst Beteiligte? Wie stellt sich Fräulein Viktoria zu diesem ... Geschäft?« »Die spielt dabei gar keine Rolle. Sie ist eine Kaufmannstochter und als solche von Jugend auf gewöhnt, zuerst nach geschäftlichen Interessen zu fragen, überdies folgsam und ohne romantische Schrullen. Sie wird ihren Eltern gehorchen, in deren Wunsch diese Verbindung liegt.« »Aber ihr Herz?« »Das entdeckt sie vielleicht später. Sie ist mit ihrer Million Mitgift eine gute Partie, das genügt.« »Schrecklich!« Der Konsul zündete sich eine Cigarre an, und sie spazierten weiter. »Vernunftehen sind die besten auf der Welt, junger Schwärmer. Der gesunde Menschenverstand schließt sie ab, und die Freundschaft hält länger vor, als das Strohfeuer der Liebe. Glaubst Du, den alten Heller habe die Liebe mit seiner Viktoria vereinigt? Sie hatte etwas Vermögen, und das konnte er für seine Spinnerei gut brauchen. Und führe ich mit meiner Frau nicht eine sehr glückliche Ehe auf Grund gegenseitiger Achtung?« Er schwieg und ließ Hans alle Zeit, das eheliche Glück dieser Ehe sich auszumalen. Der Konsul immer in Geschäften, nie zu Hause; seine um mehrere Jahre ältere Frau stets allein, und speisten sie einmal zusammen, so ließ er sich von ihr den Kurszettel beim Dessert vorlesen. Für ihn mochte dies Glück sein, aber gewiß nicht für die leidende, furchtbar sentimentale Frau. Hans schauderte bei der Aussicht auf ein solches Eheglück. »Mein Vater hat die Mama aus Liebe geheiratet,« warf er ein. »Er wird es oft genug bereut haben.« »Sie waren sehr glücklich.« »Auf ihre Weise. Hätte Dein Vater eine Partie gemacht, so wäre es der Firma besser ergangen, und seinem Sohne bliebe sein Ideal unbenommen, irgend ein armes Mädchen aus Liebe und meinetwegen die Muse der Musik in Person zu heiraten.« Er brach dieses Gespräch ab, das seinen Neffen aufzuregen schien, obgleich er gute Lust empfand, ihn auch an die Krankheit seiner Mutter zu erinnern, die ihr schwaches Herz dem Sohne vererbte, der infolgedessen militäruntauglich befunden wurde. Statt dessen erzählte er, daß Lothar und Adelheid gestern Abend von der Hochzeitreise zurückgekehrt seien und ihr elegantes Nest am Tiergarten bezogen hätten. »Noch eins, mein Junge,« schloß er. »Fahre doch nächsten Sonntag mit uns zum Rennen nach Westend. Ich weiß, Du hast keine Freude an dergleichen, aber thu' es mir zuliebe. Hellers kommen auch mit hinaus. Meine Kinder vielleicht ebenfalls. Nachher feiern wir bei Dressel die Geschäftseröffnung der Firma Johannes Lenz \& Komp. Da darfst Du natürlich nicht fehlen.« Hans versprach zu kommen, und sein Gesicht hatte dabei einen ruhigen, fast heiteren Ausdruck, wie der Onkel durch seine vier Augengläser mit Vergnügen, aber nicht ohne Verwunderung konstatierte. Er erriet in seinem kombinierenden Gehirne, welcher Erwägung er diese rasche Zusage verdankte. Ohne Zweifel wollte Hans Adelheid wiedersehen und sich von ihrem Glück überzeugen. War sie mit der Vergangenheit versöhnt und in ihrer jungen Ehe zufrieden, so konnte er ohne Bedenken auch an sein Glück denken. »Ich komme, Onkel,« sagte Hans nochmals, als sie sich trennten. Der Generalkonsul sah sich endlich von ihm verstanden und lächelte. VIII. Hans lud seine drei Hauptangestellten zum Besuche der Rennbahn in Charlottenburg ein, und um die Mittagsstunde hielt im Fabrikhof ein Kremser, der außer ihm noch den Spinnmeister Hinnen-Lotz, den Buchhalter und Kassierer Hitschold und den Cylindermacher Fabian, sämtlich im besten Sonntagsstaate, nach Westend entführte. Sie gehörten zwar zu den zuerst und viel zu früh Angekommenen, aber das hatte den Vorteil, daß sie die endlose Menschenkolonne auf der Berliner Chaussee heranziehen sahen. Besonders die Auffahrt der Wagen bot einen schönen Anblick. Vornehme Landauer, bescheidene Droschken und übervolle Kremser rollten die Allee heran, und zumal der pferdeliebende Hitschold konnte sich über die unzähligen Vierfüßer gar nicht beruhigen. Welch' wunderbare Paßpferde, Vollblüter, Zuckergespanne, Harttraber, sogar die Pferdebahn zeigte die Blüte des Pferdegeschlechts! Und dann die Viererzüger der Mail-Coaches mit Kavallerieoffizieren und sportfreundlichen Damen besetzt, und die englischen Cabs und russischen Troiken! »Famose Rosse!« rief er in einem fort, »schöner nützt nichts!« Sein Freund Hinnen-Lotz nahm die Sache viel kühler und lächelte nur über so viel Begeisterung. Er sah sich lieber bei Zeiten nach dem Buffett um, und als er schon von weitem eine Batterie Weinflaschen in Reservestellung entdeckte, war er beruhigt. So konnte er wenigstens in dieser glühenden Sandwüste nicht verdursten. Nur der Allerweltkünstler Fabian schien sich zu langweilen. Er fühlte sich fremd unter den feinen und sonntäglich geputzten Menschen und sehnte sich zurück nach seinen Instrumenten und Maschinen. Er trennte sich bald von seinen Begleitern, um unbemerkt nach Hause zu gehen. Hans begnügte sich damit, seine Angestellten auf den ersten Platz zu führen und dann ihrem Schicksale zu überlassen. Er schloß sich seinem Onkel an, der im eigenen Landauer mit seiner Frau hergefahren war. Tante Lenz, eine blasse, kränkliche alte Dame, die der heißen Sommersonne ungeachtet sich fröstelnd in ihren Umhang hüllte, entstieg mühsam dem Wagen und war froh, einen stillen Logenplatz rechts vom Kaiserpavillon zu finden. »Ist Lothar nicht da?« forschte sie. »Noch nicht, Mama!« entgegnete ihr Gatte. »Der frischgebackene Ehemann wird vielleicht lieber im Tête-à-Tête bei seiner jungen Frau zu Hause bleiben.« »Ja,« sagte sie beruhigt und drückte Hans freudestrahlend die Hand, »sie leben wie die Turteltäubchen – wie die Turteltäubchen!« Indessen war es rings um die Tribünen lebendig geworden. Dichte Scharen von Herren und Damen drängten sich auf dem Platze zwischen dem zierlichen Holzbau des Totalisators und der Wagestube. Hier sah man die gesamte internationale Sportwelt, Inhaber von Rennpferden, Clubmen von der Schadowstraße, eine ganze Wolke von schwarzen, roten, blauen Offizieren, den Säbel schleppend, schnarrend, lachend, im Lederfutterale den Feldstecher um die Schulter. Die beiden Schweizer traten näher und warfen neugierige Blicke durch das Fenster. Aber welche Enttäuschung! Nicht die Pferde wurden hier gewogen, sondern nur die Jockeys. Mit ihrem Sattelzeug saßen sie im Korbstuhl, der von den Gewichten emporgezogen wurde, und jedesmal wenn ein Reiter abgewogen war, erschien seine Nummer draußen an der Tafel. Hitschold hätte sich das gern in der Nähe besehen, aber ein schwarzröckiger Beamter machte ihm höflich die Mitteilung, daß der Eintritt nur Vereinsmitgliedern gestattet sei. So schlich er beschämt hinaus, wo ihn das breite Lachen des schadenfrohen Spinnmeisters empfing. Und immer drückender und lärmender wurde das Gewühl. Man sah Pferdehändler mit kupferroten Wangen und dicken Uhrketten, Berliner Dandies nach Pariser und Londoner Muster, staunende Provinzler. Auch die edle Weiblichkeit und ihr Gegenteil. Offizierfrauen und bürgerliche Damen, Künstlerinnen und Schönheiten, die zu Sportkreisen in irgend einem diskreten Zusammenhange standen, und fast alle waren sie nur gekommen, um der Spiellust zu fröhnen. Eifriges Geldklimpern ertönte aus einer lebhaften Gruppe älterer Frauen. Sie hatten die Stalljungen ausgefragt und einen Tip gekauft, aber diese Rennpropheten kamen ihnen noch immer nicht sicher genug vor. Endlich einigten sie sich auf ein Pferd und schossen unter Feilschen und Zanken markweise ihre Krone zusammen; nun galt es noch einen gutmütigen Kommissionär aufzutreiben, der für sie an dem ihnen verbotenen Totalisator setzte. Nur die Rennrieke spielte nicht. Diese verspätete Jungfrau, die hinter ihrem blauen Schleier verdächtig blühende Wangen und eine stattliche Nase verbarg und ein großes Bernsteinhalsband zur Schau trug, besuchte jedes Rennen nur der Pferde und ihrer Reiter wegen und verachtete das Spiel. Vor dem Buffett hörte man viel Englisch. Es waren Pferdebesitzer, Jockeys a. D. und Buchmacher, die sich in schauderhaftem Berlinisch mit deutschen Kollegen über die Chancen der Pferde ereiferten. »Hornpipe gewinnt das Rennen, wie er will, oder ich heiße Matz.« – »Unsinn, Aba macht es. Paree meinen Kopf!« – »Aba? Ah bas! Der ist gleich ausgepumpt. Ich lasse mich hängen, wenn er gewinnt!« – »Wer nicht auf Kuratel setzt, muß unter Kuratel gestellt werden,« witzelte ein sich herandrängender Roßtäuscher, der lange Gollnow, und allgemeines Gelächter folgte. Da erscholl eine Glocke. Am Totalisator verdoppelte sich das Gedränge. Die Kronen und Doppelkronen rollten, die Banknoten flogen und die farbigen Tickets wurden als Quittung aus dem Schalter gereicht. Auch Hinnen-Lotz und sein Schreiber standen vor der Kasse und machten noch kurz vor Thorschluß ihren Einsatz, der Spinnmeister auf »Morgenrot«, weil der Name so hoffnungsvoll klang, sein sachverständiger Freund auf »Kuratel«, den er vorhin beim Probegalopp beobachtet hatte. Die Jockeys ritten in die Bahn, und die Tribünen füllten sich. Im Sonnenbrande lag die Rennbahn ausgebreitet, eine Hochebene, von gelbbraunen Lehmhügeln gebildet, nur da und dort mit kränklichem Grün bewachsen. Ein Hufschlag und der nackte Sand trat zu Tage. Zwischen den Gattern und Flaggen zogen sich, aus der Ferne kaum erkennbar, die sauber geharkten und mit allerlei Erhöhungen und Schluchten, Gräben und Hecken versehenen Bahnlinien dahin, dann weitab gen Norden ein jäher Absturz, und dahinter lag die Spree gebettet mit ihren Schleusen und Brücken, Bagger- und Lastschiffen, Dampfern und Seglern. Die Haide verwuchs scheinbar mit dem Himmel, und nur von den Tribünen aus sah man etwas Wald, die zwei hohen roten Schlote von Plötzensee, links die Türme von Spandau und rechts die Kuppeln und Spitzen von Berlin, alles in einem Schleier von Dunst und Sonnenschein. Gerade gegenüber, jedoch jenseit zweier Bahnspuren, stand der Musikpavillon, aus dem von Zeit zu Zeit lustige Marsch- und Tanzweisen ertönten, die den Aufmarsch am Start und den Sieger begrüßten. Aber so weit war der Kiosk entfernt, daß man die Musik nur vernahm, wenn ein günstiger Wind die Klänge herüberwehte. Jetzt blies es stark aus entgegengesetzter Richtung, und da war es lustig zu sehen, wie der uniformierte Kapellmeister eifrig den Takt schlug zu einer Musik, von der man nicht das mindeste zu hören bekam. Der Start begann. Nur eine Person vielleicht von all den vielen Tausenden hatte kein Auge für das weite sonnige Feld, auf dem die Pferde mit ihren bunten Reitern dahin schossen. Sie suchte ihren Sohn, und mitten aus der Menge hatte sie ihn erkannt. »Lothar ist hier,« rief die Frau Generalkonsul ihrem Gatten zu, der ruhig und doch gespannt, wie ein echter Spieler, den Pferden mit dem durch Brille und Zwicker geschärften Blicke folgte. »Du irrst, Mama, er hätte sich bei uns gemeldet.« »Nein, nein – dort! Warum kommt er nicht? Das hat etwas zu bedeuten.« Sie zeigte mit ihrem schwarzen Spitzenfächer geradeaus in das Gewühl, wo in der That der blaue Dragonerleutnant neben seiner Frau und seinem Schwiegervater stand, umringt von Offizieren in Uniform und Zivil. Aber weder er noch Adelheid waren der Mittelpunkt dieses Kreises, sondern zwei exzentrisch in kühn gepuffte rote Foulardroben gekleidete Damen, in deren einer der Generalkonsul Miß Leona erkannte. Mit ihrer fuchsigen Mähne, die sich in wilden Ringeln über ihren Nacken ergoß, machte sie wirklich ihrem Namen alle Ehre, während die Reitgerte, womit sie die Luft peitschte, fast eher an eine Löwenbändigerin als an die graziöse Schulreiterin gemahnte. Hans eilte im Auftrage seiner Tante in ihre Nähe, um seinen Vetter zu rufen, aber er kam in eine durch das Rennen so gespannte Situation, daß er nicht stören wollte. »Hundert Doppelkronen auf Kuratel, meine Herren,« rief Miß Leona, ihren Krimstecher absetzend, »wer hält die Wette?« »Ich,« sagte Lothar. » Well ,« antwortete sie und schüttelte seine Hand. »Frau Baronin, Ihr Gatte hat hundert Doppelkronen verloren. Noch nicht, sagen Sie Herr Rittmeister? Wetten, daß? Sie kneifen? Ja, ich kenne Sie. Meine getreuste Opposition, aber wenn man Sie beim Worte nehmen will, sind Sie nicht zu haben. Ah, was hab' ich gesagt? Kuratel nimmt sich Zeit. Er schont seine fitness ». Aber die Ersten werden die Letzten sein. Hier ist's umgekehrt. Ich kenne diesen blauen Jockey vom Derby und Grand Prix , aber er reitet immer und überall so. Erst bedächtig, eine miserable pace und läßt sich ruhig verwünschen und auspfeifen bis hart vors Ziel, dann aber, wenn die anderen schon ausgepumpt sind, fliegt er wie aus der Pistole geschossen an ihnen vorüber und als Erster durch.« » Impossibel !« rief ein kleiner hagerer Kerl in karikiert modernem Anzug, das Schnurrbärtchen gewichst, das Glas im Auge. »Selbst impossibel !« höhnte Leona. »Smith ist nichts impossibel .« »So wetten Sie doch, Mister Burslem,« ermunterte der Rittmeister. »Mit einem Kollegen nie!« rief die Schulreiterin, » au grand jamais ! Treten Sie für ihn ein, Herr Rittmeister, wenn Sie Ihrer Sache so gewiß sind. Sehen Sie jetzt, wie weit der old fellow zurück ist? Ein heißer Favorit, und welche Papierform! Herrlich, mais c'est raide ! Na, wetten, daß?« »Fünfzig Kronen?« »Nie unter hundert!« sagte die Schlange mit einem geringschätzigen Schmollen. »Ich halte die Wette,« warf ein baumhoher Rittmeister von den Gardekürassieren ein. » All right, mon prince ,« erwiderte sie. »Fürst Saßnitz for ever !« Jetzt schwieg die Gesellschaft, denn alle lugten atemlos mit Stechern und Lorgnetten aus, und diese Pause benützte Hans, um sich Lothar zu nähern. Doch dieser hatte ihn bereits gesehen. »Kousin,« sagte er halblaut, »führe doch nachher meine Frau zu meinen Eltern hinüber. Ich mag mich nicht zeigen, sonst gibt es Krach mit Mama. Ich reite unterdes für Graf Kölla.« Die Unterhaltung ringsum wurde wieder lauter, diesmal gab aber die wie ein Zirkuspferd mit Seidenbändern behangene Mutter der Miß, die neben dem Baron Berkow stand, den Ton an, denn ihr bangte für die Wetten ihrer Tochter. Kuratel verlor immer mehr Terrain, und Adelheids Vater ermangelte nicht, die Zirkusmutter mit seinen Bemerkungen noch ängstlicher zu machen. »Ich behaupte, das Pferd ist gut, aber der Jockey taugt nichts,« rief er. »Jockey und Favorit sind herrlich,« schrie Miß Leona, siegesgewisser als je. »Ich bitte Sie: Kuratel von Mohamed aus der Etelka!« » Ma fille, t'es fichu !« sagte die Mutter mit einem nervösen Zucken ihrer Mundwinkel, das ihre Aufregung verriet. Doch damit reizte sie nur die Keckheit der Schulreiterin. »Ich wette noch immer und mehr als je,« rief sie. »Mit aller Welt! Kuratel for ever !« Jetzt hatte Adelheid, die von einigen Kameraden ihres Gatten umringt war, Hans bemerkt. Sie machte schnell ihren Vater auf ihn aufmerksam und schüttelte ihm herzlich die Hand. »Willkommen in der Heimat!« sagte er. »Wo ist Ihr Onkel?« »Dort auf der Tribüne. Kommen Sie, meine Tante erwartet Sie.« Ohne sich nach ihrem Gemahl umzusehen und in völliger Gleichgültigkeit für das Rennen nahm sie seinen Arm, und bald standen sie vor dem Generalkonsul, dessen Gemahlin die junge Schwiegertochter umarmte. »Wo ist Lothar?« fragte sie. »Er reitet.« »Er reitet?« wiederholte der Konsul, während seine Frau einer Ohnmacht nahe war. »Graf Kölla ist plötzlich erkrankt,« erklärte Adelheid. »Nun reitet Lothar an seiner statt Alastor.« »Und das gibst Du zu, Adel?« rief die alte Dame erstaunt. »Was kann ich thun? Lothar will. Lassen wir ihm seinen Willen.« Ihre Unterhaltung wurde von der rings wachsenden Aufregung erstickt. Die Pferde schossen dem Ziele näher. Das Publikum schrie, jubelte, fluchte. Sportausdrücke flogen umher. Sogar die Gewohnheitspieler zitterten nervös, jeder ihrer Muskeln schien gespannt. Auch Lenz hatte seinen Sohn vergessen und schaute, über die Barriere gebeugt, mit seinen doppelten Gläsern auf die einherjagenden Pferde. Jetzt waren sie kurz vor dem Ziel. Die Jockeys schrieen und arbeiteten mit Händen und Füßen, mit Sporen und Gerte. Die Pulse der Spieler hämmerten fast hörbar, und stille, ganz stille wurde es plötzlich ringsum. Aba, bisher an der Spitze, verlor Terrain und warf sich unter den Hieben des Jockeys nach links und nach rechts. Die anderen überholten ihn. Ein wüstes Geschrei erhob sich. »Kuratel! Kuratel! Hip hip hip hurrah!« – »Schindmähre!« antworteten wütende Stimmen, aber alles Toben half nichts. Der blaue Jockey, ganz eins mit seinem edlen Pferde, hatte bisher seine Kraft gezügelt und geleitet; jetzt aber war es ein blindes Drauflosschießen mit rudernden Armen, wilden Gertenschlägen, heiserem Aufschreien. Da raste er als erster durchs Ziel ... Dann verließen die abgetriebenen Pferde und Reiter die Bahn, Applaus und Fanfaren begrüßten den Sieger. Eine laute Gruppe von Turfkennern und Sonntagsreitern fand sich auf dem Sattelplatze zusammen und schimpfte auf einen bekannten Börsianer, den ewigen Baissier Moritz, der den Jockey beschuldigte, Aba zurückgehalten zu haben. »Nein, nein, alles war ehrlich!« behauptete Gollnow, der Roßtäuscher. »Was Ehrlichkeit!« rief der kleine Börsianer hohnvoll, »seit ich weiß, daß die Jockeys immer reicher und die Stallbesitzer immer ärmer werden, wette ich grundsätzlich nicht mehr. Der Teufel hole die Rennbahn und den Wettring! Tierquälerei und Hazardspiel mit Mogelei – weiter nischt!« Und bei diesen Worten warf der unverbesserliche Krakehler heimlich seine Wettkarten weg. Unterdessen wurden dem gewiegten Pferdekenner Hitschold am Totalisator für seine Krone 1823 Mark ausgezahlt. Er traute seinen Augen kaum und wollte das Geld durchaus nicht annehmen, doch Hinnen raffte es für ihn ohne weiteres zusammen und steuerte ihn durch die Menge glücklich zum Buffett. Vor den Tribünen tauchte jetzt der Kommerzienrat auf, der eben angekommen war. Er drängte sich mit seinen beiden Damen am Arm herbei, um den Generalkonsul und die Seinen zu begrüßen. Sie kannten die Frau Direktorin schon, aber Adelheid mußte sich vorstellen lassen. Die zwei jungen Damen standen in anscheinend eifrigem Gespräch neben einander, und Lenz warf mitten in seiner Unterhaltung mit Heller und Frau vergleichende Blicke auf sie. Vor der mit auffallender Eleganz gekleideten Wicky trat die einfachere Adelheid zurück, und auch neben ihrer aristokratisch regelmäßigen Schönheit konnte sich die Fabrikantentochter trotz ihrer kleineren Figur und des impertinenten Stumpfnäschens wohl sehen lassen. »Denken Sie nur, mein Lothar reitet!« rief Frau Lenz, die sich noch immer nicht beruhigen konnte, und ihr Gatte gab sich alle Mühe, ihr die Ungefährlichkeit der Sache einzureden. Doch umsonst, die alte Dame, die zu klagen liebte, sprach von ihren schrecklichen Träumen in vergangener Nacht und sah ihren Liebling schon mit zerschmettertem Kopf auf dem Rasen liegen. Auch dem sich langweilenden Heller schien der Ritt eine unglaubliche Tollkühnheit, aber da er von dergleichen nichts verstand, so hielt er mit seinem Urteil zurück und erlaubte sich nur den bescheidenen Ausruf: »Ich dachte dafür sind die Jockeys!« »Fürstenwalder Jagdrennen,« las Frau Viktoria ziemlich laut von ihrem Programm, um die naive Bemerkung ihres Gatten zu übertönen, »für vierjährige und ältere Pferde im Besitze von aktiven Offizieren der deutschen Armee und von solchen zu reiten. Ach, ich schwärme für das Herrenreiten. Es ist mir beim besten Willen unmöglich, mich für diese aufgeputzten Affen, die Jockeys, zu erwärmen. Es sind Leute vom Fach, Stalljungen, die mich nicht interessieren. Aber beim Herrenreiten ist es ganz etwas anderes. Ich bewundere die Geschicklichkeit dieser Reiter und ihren Wagemut umso mehr, als sie bloß Dilettanten, Amateurs sind, und es gar nicht nötig haben. Man wettet dabei auf den Reiter, nicht auf das Pferd.« Wicky stimmte ihrer Mutter rückhaltlos bei und versicherte Adelheid einmal übers andere, wie sehr sie ihren Gatten bewundere. »Ich beneide Sie um den Besitz eines solchen gentleman-rider « beteuerte sie und kam sich sehr weltstädtisch vor. »Natürlich wetten wir alle auf sein Pferd.« Hans wollte noch schnell mit den Aufträgen der Damen zum Totalisator, doch Wicky und ihre Mutter, die jede ein Goldstück wagten, baten ihn, sie mitzunehmen, um den »Geschäftsgang« kennen zu lernen. Nebenbei hofften sie beide, Lothar doch noch zu sprechen oder wenigstens in seine Gesellschaft von Offizieren eingeführt zu werden. Um ihrer Sache gewisser zu sein, baten sie Adelheid, sich ihnen anzuschließen. Und damit ergriff Frau Viktoria ihren Arm, während Wicky Hans unterfaßte. »Wer sind denn dort jene zwei roten Damen, mit denen Ihr Herr Papa spricht?« »Miß Leona, die berühmte Schulreiterin, und ihre Mutter,« gab Adelheid zur Antwort. »Ach, eine Schulreiterin, wie interessant! Bitte, stellen Sie uns vor.« Es geschah, und die beiden Damen aus der Rheinprovinz maßen die imposante Schönheit und ihre mütterliche Karikatur mit großen Augen. Die Miß kümmerte sich wenig um sie, denn mit Damen konnte man ja nicht wetten. Umso eifriger wandte sie sich an die Offiziere. Bloß den alten Baron von Berkow verschonte sie, denn sie kannte ihn als geizig. »Es ist selbstverständlich, meine Herren, daß Sie auf Alastor wetten?« rief sie aus. »Gewiß,« war die allseitige Antwort. »Wir auch!« warf Frau Viktoria mit Wichtigkeit ein. »Was der Tausend, Sie auch?« fragte Leona nicht ohne Ironie. »Ja, gehen Sie, Herr Lenz, ehe die Kasse geschlossen wird.« Ein habgieriger Zug zeigte sich in dem geschminkten Gesichte der Zirkusdame. »Voyons, Sie werden doch nicht am Totalisator spielen?« rief sie entrüstet. »Eine Institution, die so ungalant ist, die Damen auszuschließen, sollen wir nicht unterstützen.« »Da haben Sie eigentlich Recht.« »Also helfen wir uns selbst und richten wir einen Privattotalisator ein, indem wir unter einander auf Laufen oder Zahlen wetten.« Wicky und ihre Mutter fanden das sehr sinnreich, trotzdem ihnen die Sache nicht klar war. Die Miß schien es zu merken, und erklärte sich deutlicher. »Sie wollten eben am Totalisator auf Alastor setzen, Madame. Wieviel war's doch?« »Zusammen vierzig Mark.« » Bon , ich wette eben so viel, daß Alastor verliert. Halten Sie die Wette, ja?« Frau Viktoria errötete bis unter ihren weißen Spitzenhut und wußte eigentlich nicht warum. Vielleicht über die ungewohnte Situation. Aber Miß Leona half ihr darüber weg und hielt ihr die Rechte hin, die sich wie eine Krallentatze um ihre Hand schloß, sobald sie einschlug. »Das ist der wahre Totalisator,« sagte sie lächelnd, drehte ihr den Rücken zu und wettete mit den übrigen. Nur Adelheid weigerte sich, für oder gegen Alastor zu spielen, was die alte Zirkusmutter, die abergläubisch war, sehr lebhaft billigte. Unterdessen suchte Hitschold vergeblich, den Spinnmeister den Freuden des Buffetts zu entführen. Er hatte dem deutschen Schaumwein Geschmack abgewonnen und trank ihn wie Wasser, denn er war an schwerere Tropfen gewöhnt. Er ließ sich denn auch nicht eher von der Stelle bringen, als bis drei Flaschen leer waren, und so kamen sie zu spät, um noch mit Kennerblick die Pferde prüfen und wetten zu können. Fluchend stand Hinnen-Lotz vor dem geschlossenen Totalisator. In diesem Augenblicke senkte sich drüben die Fahne, und der wilde Ritt begann. Es war ein weiter, beschwerlicher Weg zwischen den roten und weißen Wendeflaggen, die Sandhügel auf und ab, an 4500 Meter. Und mit welcher tückischen Kunst war die Bahn durch Hindernisse und Hürden gesperrt und noch schwieriger gemacht! Vierzehn Sprünge über Wassergräben, Koppelricks, lebende Hecken, Hürden, Wälle und Steinmauern mußten zurückgelegt werden, indes die Reiter in rasendem Galopp die Hügel empor- und niederhasteten, die Zügel nicht zu locker, um das Pferd zu führen, und nicht zu straff, um der Schnelligkeit keinen Eintrag zu thun. Und so ging es im gestreckten Lauf über die gelbe Haide. Jetzt blitzte der Rudel Pferde einen Sandhügel hinauf, glitt in eine Bodenfalte, daß nur die Mützen und Pferdeköpfe zu sehen waren, verschwand gänzlich und flog querfeldein, um in einem weiten Bogen wieder in der Ferne zu erscheinen. Den Krimstecher vor der Brille, verfolgte der Generalkonsul die am Horizonte verschwindenden und auftauchenden Reiter. »Lothar macht's,« sagte er zu seiner Frau. »Er sucht in der findigen Ausnützung des Terrains seinen Meister und hat die Führung. Aber jetzt kommt der irische Wall. Gut gesprungen! Da stiegt der rote Husar in den Wassergraben. Das spritzt nur so.« »Um Gotteswillen!« schrie seine Frau. »Und Lothar?« »Ist längst über alle Berge.« Am Horizonte flatterte die Weiße Rotfahne auf, die den Arzt herbeirief, und man sah, wie die Beamten zur Unglücksstätte eilten, um dem Reiter Beistand zu leisten und das davonstürmende ledige Pferd einzusaugen. »Da kommen sie wieder,« sagte der Konsul ruhig. Und wirklich sah man jetzt die kühne Haß in geringer Entfernung vorübersausen, allen voran Lothar. Die Zuschauer in den Logen waren in der Erregung von ihren Sitzen aufgeschnellt, und auf dem Rasen eilte alles an die Barriere und sprang auf die Sessel, um besser zu sehen. »Ist es jetzt zu Ende?« fragte die Frau Generalkonsul ihren Gatten. »Noch nicht, Mama,« antwortete er, ohne den Stecher von den Augen zu ziehen. »Sie haben erst die Hälfte der Bahn. Da schau, wie sie den Hügel stürmen. Hopp! Hopp! Schon wieder eine Hürde! Und nun sind sie wieder bloße Punkte am Horizont.« Die Aufregung der Zuschauer wuchs, je näher die Reiter dem Ziele kamen. Jetzt rasten sie wieder in einer scharfen Wendung von Osten daher, immer größer wurden die Pferde, immer deutlicher die Farben der Reiter. Spielend setzten sie über eine lebende Hecke mit Ricks, doch mehr als einer war erschöpft, und der Ulan fiel beim Sprung fast vornüber, sammelte sich aber schnell, indessen Lothar ihm weit voran flog. Nun entstand ein Kampf. Mit Armen und Füßen trieben die Reiter an, die Gerten zischten über die dampfenden Schultern, Geschrei, Hopp! Da noch eine letzte Hürde und das Verhängnis! Alastor nahm den Sprung zu kurz, blieb mit einem Hinterbein hängen, riß die Wand von dürren Sträuchern zu Boden und fiel. Sein Reiter flog in den hoch aufstäubenden Sand, während die anderen an ihm vorüberstürmten. Ein Schrei des Entsetzens durchhallte die schwüle, staubige Luft. Er kam nicht von Adelheid, wie Hans bemerkte, sondern von seiner Tante, die ohnmächtig in ihren Stuhl sank. Während ihre Angehörigen sich um sie bemühten, schossen die dampfenden Rosse über das Ziel hinaus, und alles rannte von den Tribünen hinab, um den Grafen Hocke II. vom Regiment Gardes du Corps als Sieger zu begrüßen. Die Mehrzahl der Zuschauer war über den Ausgang des Rennens entrüstet, denn man hatte fast allgemein auf Lothars Pferd gewettet. Die zerrissenen Tickets flogen in die Luft, und kräftige Verwünschungen wurden laut, aber als jetzt der Sieger bleich, schweißbedeckt und atemlos auf seinem dampfenden Pferd hereinritt, da mischte sich in den Tusch der Kapelle ein brausendes: Hoch! für das der Reiter mit einem matten Lächeln dankte. Jetzt erst kümmerte man sich um die Verunglückten. »Beide sind gut gefallen,« ging es von Mund zu Mund, »aber Alastor ist hin.« In der That war Lothar längst wieder leidlich auf den Füßen und ging, auf sein Pech fluchend, den teilnehmenden Freunden entgegen. Auch die Seinigen drängten sich heran. Ohne sich um ihn zu kümmern, jubelten Miß Leona und ihre Mutter noch immer über ihre gewonnenen Wetten und strichen die Gewinne lachend ein. Nur Alastor lag mit gebrochener Vorderfessel hilflos am Boden, und seine Augen schienen nach Rettung zu suchen. Ganz vorn im Kreise der Umstehenden war Hitschold voll herzlichen Kummers um das edle Tier, das nur der Tod von seinen Leiden befreien konnte. Doch da blieb keine Zeit zu empfindsamen Betrachtungen. Auf dem Turf ist man auf solche Unfälle vorbereitet. Schweigsam erschien ein Angestellter des Vereins für Hindernisrennen, seine Doppelflinte in der Hand. Er legte sie an die Wange und begann das gefallene Roß zu umkreisen, um einen guten Zielpunkt zu finden. Der arme Alastor ahnte nichts Gutes und wich mit dem Kopfe den blinkenden Läufen des Gewehres aus. Seine großen schönen Augen richteten sich, wie um Hilfe flehend, noch einmal auf seinen Stallknecht, der in der Nähe stand. Da krachte der Schuß. Das zu Tode getroffene Tier bäumte sich noch einmal auf, schlug mit Hufen und Schweif den Boden und lag starr ausgestreckt da. »O, die Schinder!« rief Hitschold entrüstet. »Das gute Roß! schöner nützt nichts!« Obgleich die Familien Lenz und Heller nicht Zeugen dieses traurigen Schauspiels waren und auch Lothar nur mit dem Schrecken davongekommen, so war ihnen doch die Lust, länger zu bleiben, gründlich vergangen. Es gelang sogar, den Leutnant, der trotzdem noch bleiben wollte, zum Mitgehen zu veranlassen, und so fuhren sie alle in einem riesigen offenen Klubwagen, den Lothar lenkte, in die Stadt zum gemeinsamen Mahl. Die Stimmung heiterte sich bald wieder auf, bloß die Frau Generalkonsul war noch immer mehr tot als lebendig. Sie schloß die Augen und schlug sie nur noch von Zeit zu Zeit auf, um nach ihrem Lothar zu sehen. Gott sei Dank, da thronte er ja auf dem Bock, gesund und munter, und warf Wicky ein Scherzwort zu, ein Tausendsassa, für den alle Weiber schwärmen mußten und der eigentlich viel zu früh geheiratet hatte. Aber dann sah sie wieder seinen entsetzlichen Sturz und schaudernd betete sie: Lieber Gott, lasse mich nur vor ihm sterben! »Kousine,« sagte Hans in einem unbewachten Augenblicke leise zu Adelheid, »sind Sie glücklich?« »Ja,« erwiderte sie mit fester Stimme. »Sie wissen, daß man auch mich vermählen will?« »Dann wünsche ich Ihnen von ganzem Herzen alles Glück.« Er sah sie scharf an, um in ihrer Seele zu lesen. Sie wich seinem Blicke nicht aus. So ruhig und fast heiter schien sie! Gewiß, das war das Glück, das auch sie ihm wünschte. Wohlan, so wollte auch er seinem Jugendtraum ein Ende machen. Er küßte ihr die Hand und wandte sich zu Viktoria Heller, die ihm schon den ganzen Nachmittag ermunternd zugelächelt hatte. Sie wußte ja, was im Werke war. Auch sie mißfiel ihm nicht, namentlich jetzt, wo er nicht mehr an die andere denken durfte. Gewiß ein munteres, oberflächliches Weltkind, sagte er sich, aber leicht zu leiten und nach Wunsch zu erziehen! ... Die Kommerzienrätin beobachtete verstohlen das Pärchen, wobei sie nicht aufhörte, eifrig auf die alte Dame einzureden, die noch immer jammerte, ihr Lothar habe sich gewiß einen inneren Schaden zugefügt. Lenz und Heller sprachen von Geschäften. Als sie Unter den Linden ausstiegen und das Restaurant betraten, war Hans mit Wicky schon im Reinen. Er sagte seinem Onkel leis ein Wörtchen, der es an Heller weiter gab, und die beiden Alten schüttelten sich lächelnd die Hände. Bald saßen sie alle um den gedeckten Tisch. Beim Dessert klopfte der Kommerzienrat an sein Glas und proklamierte die Verlobung seiner Tochter mit Hans Lenz, und jubelnd ließ man auch die Firma Johannes Lenz \& Komp. leben. IX. Es war ein feierlicher Augenblick, als in der Morgendämmerung die Dampfpfeife das Zeichen gab, daß die Firma Johannes Lenz \& Komp. wieder am Leben sei und ihr Tagewerk beginne. Der dumpfe Ton ging Hans, der am Thor neben dem Spinnmeister und Hitschold dem Einzüge der Arbeiter beiwohnte, durch die Seele. »Blüh' und gedeihe!« sagte er leise vor sich hin, und sein Auge umspannte die hohe Front der Fabrik. Es war ihm, als hörte er aus dem brausenden Signal die Stimme seines Vaters, die ihn aufmunterte, frisch und wohlgemut ans Werk zu gehen. Hoffnungsfreudig sah er die Arbeiter einziehen, und doch schnürte ihm bei ihrem Anblick eine tiefe Traurigkeit die Kehle zu. Alle, ob jung oder alt, hatten sie die blasse Gesichtsfarbe der Fabrikarbeiter. Die Männer waren wohl stark und nervig, aber sahen abgezehrt und schlecht genährt aus; bei mehreren hatte sich in der schlechten Fabrikluft und bei der anstrengenden Arbeit der Schwindsuchtkeim entwickelt, und hüstelnd gingen sie vorüber. Fast noch kläglicher sahen die Frauen aus mit ihren hohlen Augen und der eingefallenen Brust. Sogar junge Mädchen hatten die frische Gesichtsfarbe und freie Haltung verloren. Die Kinder waren zumeist verkümmerte Jammergestalten mit umränderten Augen und bleichsüchtigen Wangen, und wie viele hatte Hans trotz ihrer Thränen abgewiesen, indem er sich auf das Gesetz berief. »Ich will Euch ein guter Herr sein und für Euch sorgen,« gelobt er sich in dieser feierlichen Stunde. Mit dem schweren, schleppenden Tritte von Menschen, die Lasten heben oder, immer auf den Füßen, die Arbeit einer Maschine leiten und vervollständigen, gingen sie alle vorbei, in der Hand das Blechgefäß mit dem Kaffee und im Munde die Pfeife, die sie mit einem stummen Bedauern in einen eigens dafür bestimmten Kasten am Thor aufhingen, denn das Rauchen in den Räumen der Spinnerei war strenge verboten. Da kamen die Saalaufseher, die im Gefühl ihrer Würde dem Prinzipal mit einem Glückwunsche fast kollegialisch die Hand schüttelten, die Spinner und Mechaniker, die sich mit höflichem Lüften ihrer Mütze vorüberdrückten, die Arbeiterinnen, von denen die jungen schüchtern erröthend, die alten mit lautem »'n Mo'jen!« dem Herrn zunickten. Nur die Ansetzerburschen und Schlosserlehrlinge suchten in der Scheu ihrer Flegeljahre womöglich unbemerkt vorbeizuhuschen, während sogar der mürrische Schlosser-Nante, der im Rufe eines großen Sozialdemokraten stand, einen freundlichen Gruß brummte. Der lustige Kardenschleifer aber machte vor Hans einen Luftsprung und schrie langhinhallend: »Juhu!« »Gottes Segen!« rief Fabian dem Chef zu, als er mit seiner Lene zur Arbeit ging. »Wird sich schon machen,« gab Herr Hinnen-Lotz zurück, der zur Feier des Tages eine neue Troddelmütze aufgesetzt. »Nur jeder Mann auf seinem Posten, sonst ist es schon gefehlt.« Dann nahm er seinen Schreiber am Ärmel und zog ihn mit in die Spinnerei. Und jeder Mann war auf seinem Posten, als plötzlich die Maschinen zu brausen und die Treibriemen zu schwirren begannen, daß das ganze Gebäude zitterte. Die Hausknechte Zobel und Janko rollten die schweren Baumwollballen aus dem Magazin über den Hof, schoben sie mit Hilfe ihrer kurzen eisernen Haken auf den Aufzug, und Lux, der am oberen Ende stand, drückte auf den Hebel der Transmission, worauf der Holzwagen leicht und sicher auf der Rollbahn in den ersten Stock emporgezogen wurde. Von dort in den Vorraum des Battage waren nur zwei Handgriffe nötig, um die Ballen zur Stelle zu schaffen. Hinnen-Lotz, sein geheimnisvolles Taschenbuch in der Hand, verglich unter vielen unnötigen Schimpfreden die Zeichen der Ballen mit der Faktur und ordnete dann die Öffnung an. Die Eisenreifen wurden zerschnitten, daß sie klirrend zu Boden sprangen, und bald quoll aus der aufgetrennten Hülle in Flocken und Knäueln die Wolle heraus, nur dort, wo die Verpackung beschädigt war, grau und schmutzig und je weiter dem hartgepreßten Inneren zu, um so milchiger und weißer. Der Spinnmeister tauchte den ganzen Arm in die weiche, warme Masse, prüfte zupfend den Stapel, fluchte über den vielen Staub und die schwarzen Samenkörnchen und rief ärgerlich: »Hundware!« Indessen der gewaltige Oberbefehlshaber der Arbeiterarmee, der sich gar zu gerne »Direktor« nennen hörte, die ägyptische, amerikanische und ostindische Baumwolle prüfte, die Mischung für das Gespinnst berechnete und dann die Spinnstühle unter Beihilfe des Mechanikers regulierte, hatte sich in seinem Bureau der pferdekundige Hitschold am Stehpult postirt und versah die neuen Bücher, die auf der ersten Seite das übliche »Mit Gott!« trugen, mit schönen Rundschrifttiteln: Liegenschafts-Konto – Baumwoll-Konto – Kapital-Konto – Garn-Konto – Betriebs-Konto ... Er schritt auch wohl ungeduldig zum feuerfesten »Arnheim«, wie um nachzusehen, ob er sich in der Zwischenzeit nicht von selbst gefüllt habe. Nur wenn er von draußen ein Wiehern oder Trappeln vernahm, sprang er eilig ans Fenster, oft mitten aus der längsten und schwierigsten Addition heraus, denn für die Pferde hatte er immer Zeit. Leider wurde ihm diese willkommene Unterbrechung selten zu Theil, denn die Charlottenburger Chaussee und Brücke mit ihrem Hin und Her von Pferden und Wagen war von hier aus unsichtbar, so daß ihm nur die wenigen Rollfuhrwerke und die Pferdebahn blieben, die am Thor vorüberklingelte, das blanke Koupee des nachbarlichen Freiherrn Von Berlow mit seinem alten Schimmel und die schweren Mietgäule der Spinnerei, wenn sie Baumwolle vom Güterbahnhof holten oder Garnladungen fortschafften. Schon nach einigen Wochen war er imstande, sämtliche Pferde der Nachbarschaft mit ihren Kutschern an dem Getrappel oder Peitschenknallen zu erkennen, was ihn freilich niemals davon abhielt, ans Fenster zu eilen und dem entschwindenden Fahrzeug einen prüfenden und fast wehmütigen Blick über seine Brille hinweg nachzusenden. Sonst fehlte es ihm wahrlich nicht an Beschäftigung. Er setzte die Liste der Arbeiter auf, trug die Spinnberichte der Saalaufseher für die sonnabendliche Löhnung ein, verwaltete die Krankenkasse und Sparbücher, und bis zum Überdruß oft kam Herr Hinnen-Lotz in die Schreibstube, um ihn und den Lehrburschen mit geschäftlichen und anderen Fragen zu behelligen. Seine üble Gewohnheit, die neue Mütze auch hier auf dem Kopfe zu behalten und niemand zu grüßen, gewöhnte ihm Hans bald ab, indem er sich einfach solche Unhöflichkeit verbat. »Aber Herr Lenz, wozu die Umstände?« wandte der Spinnmeister mit erstauntem Lächeln ein, »der Konrad Hitschold ist ja nur mein Schreiber.« »Das ist mir neu. Herr Hinnen,« lautete die Antwort. »Ihr Reich geht über die Arbeitsäle nicht hinaus, und unser Buchhalter und Kassierer ist Ihnen vollkommen gleichgestellt. Er steht nur unter meinem Kommando, wie Sie übrigens auch.« Der Spinnmeister war wie vom Donner gerührt. Kam er denn nicht gleich nach dem Herrgott? Nein, so viel Entschiedenheit hätte er wirklich von dem jungen Herrn nicht erwartet. Er ließ sich von nun an seltener im Kontor sehen. Dafür wählte er die mechanische Werkstatt in seinen freien Augenblicken zum Tummelplatz seiner sich langweilenden Laune. Da war wenigstens die Luft besser, als in den nach Maschinen- und Brennöl riechenden und von Baumwollstaub durchwirbelten Spinnsälen. Hier konnte er dem unheimlich schweigsamen Schlosser-Nante zusehen, der einen alten Banc-a-broches zu reparieren versuchte und so flink am Amboß, Schraubstock und Blasebalg hantierte, oder dem Cylindermacher, dem immer freundlichen Chemnitzer Fabian. Sein frommes und poetisches Gemüt war dem praktischen Schweizer zwar nicht entfernt wahlverwandt, da er jedoch die meist recht groben Stachelreden und Witze des Spinnmeisters gutmütig belächelte, auch wenn sie ihn selbst zur Zielscheibe nahmen, so vertrugen sich beide ganz gut mit einander. Gerne sah Hinnen dem fingerfertigen Manne zu, wie er die Stahlwalzen der Laminierstühle mit festgeklebten Streifen von Ledex oder geriffeltem roten Plüsch bekleidete, so daß der Baumwollfaden ohne harten Druck dennoch gepreßt wurde. Es war eine stille, friedliche, beschauliche Ecke in der geräuschvollen Spinnerei, wo man sogar das Ticktack der Schwarzwälderuhr vernahm und die kleine Lene geräuschlos ihre Hülsen drehte, und der Eidgenosse ließ hier seine Nerven ausruhen, wenn er überhaupt deren besaß. Die Bilder, womit der sinnige Fabian seine Wände beklebt, kannte Hinnen-Lotz bald auswendig, und sie verfolgten ihn schon bis in seinen Schlaf. Der »Klopfstock« und namentlich der Schiller fesselten ihn, aber warum trug der Mann nur so unbequem lange Haare? ... Auch der Kleistertopf, der nach frischgekochtem Leim duftete, zog ihn magisch an, und nie versäumte er daran zu riechen, wobei er immer behauptete, die »Pappe« sei sauer geworden, schmecke nach Scheidewasser und klebe nicht mehr. »Die Mappe ist famos,« bekräftigte Fabian auf gut berlinisch, und ob es richtiger »Mappe« oder »Pappe« hieß, das war der tägliche Zankapfel zwischen den Beiden. Übrigens weilte der Spinnmeister auch in der eigentlichen Spinnerei. Am liebsten im Haspelsaal, wo einige niedliche Berliner Blondköpfe ihr Garn mit flinken Händen aufhaspelten, und bei den Vorspinnmaschinen, die nur von Arbeiterinnen bedient wurden, war er gleichfalls wie zu Hause und gerne gesehen. Die Weiber, besonders die freche rote Lise, lachten über seine plumpen Witze, und er war auch wirklich ein gar gemütlicher Patron. Den Männern und Kindern gegenüber gab er sich minder liebenswürdig, sondern kurz und streng. Besonders die Ansetzerburschen zitterten vor ihm. Wehe dem Kleinen, der sich unbeobachtet glaubte und mit Kameraden am Fenster plauderte, er wurde von dem scharfen grauen Auge, das so gerne durch die Gucklöcher der Saalthüren zu spähen pflegte, gewiß gesehen. Dann setzte es Ohrfeigen für die Jungen, Geldstrafen für den Spinner und Vorwürfe für den Saalaufseher. Auch unten im Hofraume bei den Hausknechten gefiel es dem Spinnmeister. Das harmonische Zusammenarbeiten der drei Herkulesse hätte aber auch ein härteres Gemüt angesprochen. Besonders wenn es galt, die Ballen und Kisten auf- oder abzuladen, leistete das Kleeblatt in Takt und Schick das denkbar Beste. Eine wahre Akrobatenleistung. Zobel kletterte auf den Wagen, und Janko und Lux schoben den Ballen die Leiter hinauf oder hinunter, je nachdem, aber immer mit Eleganz. Sie hatten schon unter dem Vater Lenz so präzis zusammengearbeitet, daß es eine Lust war, und freuten sich jetzt, nach glücklich überwundenem Stillstand wieder zum gemeinsamen Tagewerk vereinigt zu sein. Dabei waren es gar keine Dutzendmenschen, sondern jeder war ein Original, an dem der Spinnmeister seinen Zeitvertreib und seine Freude haben konnte. Janko, ein schlauer, »polit'scher« Patron, war seines Zeichens Maurer und schwärmte noch jetzt von der schönen Handwerksburschenzeit, die ihn durch halb Europa führte. Er hatte etwas künstlerischen Sinn, der sich allerdings bloß in der symmetrischen Aufstellung der Baumwollballen und peinlichen Ordnung des Hofes bethätigte. Aber wenn er mit Pinsel und Farbtopf die Garnballen und Kisten mit der Fabrikmarke JL \& K zeichnen durfte, tauschte er mit keinem Raphael. Der eigentliche Kraftmensch des Hofes war der langbärtige Berliner Koloß Zobel, der so stolz seine steife Soldatenmütze trug und Sonntags sein eisernes Kreuz. Ein gedienter Mann, hatte er alle drei Kriege mitgemacht, in Frankreich sogar seine Korporalschaft geführt, und war unerschöpflich, wenn er von seinen blutigen Erlebnissen erzählte. Nur Lux, den sie als ehemaligen Schneider hänselten, war still und wortkarg, hatte aber Wissensdrang und las viel. Er war der Gelehrte des Hofes. Stundenlang hätte Hinnen-Lotz bei den drei Gewaltigen sitzen können; leider hatte er unten nichts zu suchen, und Herr Hans that immer so unangenehm verwundert, wenn er ihn dort traf. Zu seinem Ärger war der Chef aber fast überall zugleich und nichts entging ihm. Eben kletterte er noch im Magazin zwischen Baumwollballen und Bobinenkisten herum, und schon einen Augenblick später stand er neben der ihre Hülsen drehenden Lene; glaubte ihn jedoch Hinnen-Loh bei den Mechanikern gelassen zu haben, so brütete er längst wieder neben Hitschold über den Büchern. Es war, als ob er die Rutschbahn durch alle Stockwerke für seinen Privatgebrauch verlängert hatte und nun unsichtbar mit Dampfkraft auf- und niederführe, um in alle Fenster zu steigen, durch alle Thüren zu gucken, an allen Mauern zu lauschen. Täglich zur bestimmten Zeit ließ sich auch der Kommerzienrat in der Fabrik sehen, und jedesmal hatte er seine Freude an dem Eifer Aller. Sein Kommen verkündigte stets das Gehumpel einer Droschke zweiter Klasse; dann stürzte Lux heran, und ohne erst einen Blick durch das Gitterfensterchen im Thore zu werfen, riß er vor dem »Herrn Papa« den Thorflügel weit auf, indeß der Kutscher wieder leer zurückfuhr. »Der Herr Papa!« So nannte man den trefflichen Alten in der ganzen Fabrik, denn die Verlobung seiner Tochter mit dem »jungen Herrn« war sofort bekannt geworden. Und beliebt war der gute Fabrikherr! Alle grüßten ihn strahlend, denn für Jeden hatte er ein freundlich aufmunterndes Wort, und willig folgten sie seinen Winken. An einem schönen Tage der ersten Arbeitwochen erhielt die Spinnerei den Besuch ihrer zukünftigen Herrin. Er war längst angekündigt, aber stets wieder verschoben worden, weil den Damen immer eine Verhinderung in die Quere kam. Jetzt ließ er sich nicht mehr vertagen, denn Mutter und Tochter reisten für einige Wochen nach Helgoland. Gleich nach ihrer Heimkehr sollte die Hochzeit stattfinden. So fuhr denn eines Abends die Familie Heller im neuen Landauer vor, den der Kommerzienrat nebst zwei Isabellen zu diesem feierlichen Anlaß hatte anschaffen müssen. Zobel öffnete das Thor und salutierte militärisch, und der herbeigeeilte Hans hob seine Zukünftige aus dem Wagen. Die Damen in hellen Toiletten mit knallroten Sonnenschirmen sahen sich den Hof und die unsauberen Hausknechte durch die Lorgnette an, worauf unter Hans' und Hellers Führung der Gang durch die Spinnerei angetreten wurde. An der Thüre zum ersten Saale prallten sie aber schon zurück. »Welche Luft, lieber Schwiegersohn!« rief Frau Viktoria naserümpfend. »Könnte man nicht die Fenster öffnen?« »Sie sind schon offen,« erwiderte Hans, »aber der Ölgeruch haftet dem Boden, den Wänden, den Maschinen an und läßt sich nicht austreiben.« »Schrecklich!« rief sie. »Und dann die Ausdünstung von all den Menschen in Negligé. Die meisten tragen ja weder Schuhe noch Strümpfe!« »Entschuldige, Mutter,« warf Heller etwas ärgerlich ein, »aber in einer Fabrik kann es nicht nach Kölnisch Wasser riechen.« Nun waren sie neben dem eisernen Wolf, vor dem ein Arbeiter den Inhalt der Baumwollballen zusammenraffte und seitwärts in eine klaffende runde Öffnung warf. Heller erinnerte sich, wie still damals bei seinem ersten Besuche dieses Ungetüm dagestanden, und jetzt stöhnte, stampfte und wirbelte es in seinem Bauche, wo die Verdauung der Baumwolle blitzschnell vor sich ging. Die Damen hielten sich die Ohren zu, und Hans lächelte. »Das ist der Opener,« erklärte er seiner Braut. »Seine Schläger fassen die Baumwolle und schleudern sie so gewaltsam hin und her, daß aller Staub herausgeklopft und nach dem Thurm ins Freie gejagt wird. Zwölfhundert Umdrehungen in der Minute.« Doch die Damen verstanden ihn offenbar nicht, denn sie hielten sich noch immer die Ohren zu, weshalb er nur pantomimisch auf den entgegengesetzten Kanal zeigte, wo die gereinigte Baumwolle locker und blank ausgespieen wurde. Allein Mutter und Tochter flüchteten sich abseit zwischen die riesenhaften Flockmaschinen, auf die sie kaum einen flüchtigen Blick warfen. »Der Schläger macht in der Minute fünfzehnhundert Umdrehungen,« erklärte Heller, »und die Baumwolle kommt mehrmals unter die Preßwalzen, Siebtrommeln und Schlagvorrichtungen. Da seht, wie aus der Baumwolle schon eine regelmäßige Watte geworden ist.« Die Damen näherten sich vorsichtig der Dupliermaschine, und Heller schlug mit der flachen Hand auf die langsam sich abrollende Wolle, die einem grauen Tuche zu vergleichen war. Dann gingen sie weiter. »Achtung auf das Triebrad!« rief Hans, um die Damenkleider vor der schnurrenden Transmission zu bewahren, die schleifenförmig vom Boden bis zur Decke ging. »Was von diesem Rad erfaßt wird, reißt der Treibriemen nach oben.« »Und muß man dann sterben?« fragte Wicky ihren Bräutigam und schmiegte sich ängstlich an ihn. Das etwas geziert Kindliche stand ihr sehr gut. »Zum mindesten wird man ein Krüppel.« »Entsetzlich!« riefen die Damen wie aus einem Munde, rafften ihre bauschenden Röcke zusammen und drückten sich scheu vorüber. Sie hatten kein Auge, keinen Sinn für die Grüße dieser Umgebung: wie die Dampfmaschine ihre riesigen Kräfte durch den ganzen Raum ausströmte, Dutzende von schweren Maschinen und Hunderte von Menschen in Atem und Bewegung hielt; wie die scheinbare Unordnung planvoll und zweckmäßig war und der Betrieb exakt ineinander griff, und wie die hereinfallende Sonne die kreisenden Räder und diese armen Menschen und sogar all den Schmutz vergoldete. Erst als die Damen draußen waren, atmeten sie auf. Lachend eilte der alte Heller ihnen voran und die Treppen so schnell empor, daß die Gesellschaft kaum zu folgen vermochte. Er öffnete die abgegriffene, ölige Thür, und nun standen sie in der Karderie, deren große, breite Maschinen in langsamer, stiller Thätigkeit waren. Die sie bedienenden Männer, die das Abnehmen und Wenden der Wolle besorgten, standen auf erhöhtem Podium, um durch den aufgeschlagenen Deckel den Gang des Kratzwerkes beaufsichtigen zu können. Aber Heller selbst zog fast beschämt die Zuschauerinnen fort und entschuldigte sich für die alten, aber sonst noch tüchtigen Maschinen. »Da seht Euch lieber die englischen Walzenkarden an,« rief er stolz, als sie an den blitzblanken Maschinen vorübergehen wollten. Namentlich Wicky sah nun mit Verwunderung, wie gleichmäßig sich die Walzen und Wender, die Wolle kratzend und zupfend, über der großen Trommelwelle drehten, wie die Planeten um die Sonne, und Hans schleppte einen neuen Kardenbogen herbei, an dem er das System von hakenartigen Drähten zeigte, welche, nach rechts bewegt, die Wolle so lange kämmen und kratzen, bis diese sich gereinigt und gelockert in ein äußerst zartes Vließ verwandelte. »Hier ist die Baumwolle ein Band geworden,« sagte Heller, und zeigte auf den Trichter einer anderen Maschine, aus dem ein weißes Band spiralförmig in ein langes, schmales Blechrohr niederfiel. »Reizend!« riefen Mutter und Tochter, aber als ihr Gatte und Vater ihnen noch an den Nebenmaschinen zeigen wollte, wie dies Band auf den Laminierstühlen gestreckt wurde, um den Fasern eine vollständig gleiche Lage zu geben, und wie die Maschine von selber stillstand, sobald ein Band riß, da war ihr Interesse schon wieder verflogen. Wicky sprach an dem Arm ihres Bräutigams von den Stadtneuigkeiten, und ihre Mutter gähnte verstohlen. Nicht einmal vor den neuen Mulemaschinen wollten sie länger verweilen. Zwar setzte Heller ihnen auseinander, wie auf dem doppeltgebauten Stuhl das Garn von den Spulen und hundertzwanzig Spindeln 3600 bis 4500 mal in der Minute gedreht und dann gewickelt wird, als er sich indes nach seinen Zuhörerinnen umwandte, sah er mit großem Ärger, daß nur Frau Mila, die Mutter des kleinen Hugo, lächelnd neben ihm stand. »Ein unausstehlicher Lärm!« rief draußen zu ihrer Entschuldigung Frau Viktoria. »Man versteht ja sein eigenes Wort nicht.« Besser gefiel es ihr bei den Hasplerinnen, wo keine Maschinen, keine Ölflecken, keine barfüßigen Männer mit bloßer Brust, sondern nur Frauen und Mädchen waren, die neugierig nach der »Millionenbraut« guckten, und in Fabians stillem Winkel. »Was machen Sie da?« fragte Wicky die sie von der Seite betrachtende Lene, die über ihren Tisch gebeugt saß. »Röhrchen.« »Aha!« machten die Damen. Sie waren zwar so klug wie zuvor, aber es war ihnen langweilig, sich über eine gleichgültige Sache belehren zu lassen. »Ich dächte, wir schenkten uns das übrige,« erklärte Frau Kommerzienrat, als sie nach Luft ringend in den Treppenflur hinaustrat. Darob große Entrüstung ihres Gatten. Gerade die Selfaktorsäle seien das Interessanteste. »Damit wir uns unnötig schmutzig machen?« versetzte sie. »Nein, ich danke schön, wir haben genug Fabrikstaub geatmet.« Auch Wicky war dieser Meinung. Sie hing sich schnell an Hans' Arm, und so gingen sie über den Hof. »Aber Eines sei Euch nicht geschenkt!« sagte Heller. »Ich muß Euch notwendig meine Hexenküche zeigen.« Und mit gemütlichem Lächeln drängte er sich zwischen die Damen, faßte eine jede von ihnen am Arm und zog sie zum Kesselhaus. »Sie ist eben erst fertig geworden, und Ihr könnt sie gleich einweihen.« Hans folgte, denn er war begierig zu erfahren, was der Schwiegerpapa in den letzten Tagen mit Maurer und Schlosser so Geheimnisvolles geschaffen hatte, daß selbst ihm der Eintritt verwehrt worden war. Sie kamen in das Maschinenhaus, wo Heizer und Maschinist den gewaltig dampfenden Kessel umstanden und, vom roten Scheine der Esse überflammt, immer neue Kohlen in die Glut warfen. Scheu drückten sich die feinen Damen an den rußigen Gesellen und von Öl und Wasser triefenden Maschinen vorbei, die sämtlich neu und verstärkt waren, um auch die elektrische Beleuchtung zu liefern, und folgten dem Papa in einen frisch ausgemauerten kahlen Nebenraum, dessen Wände von Feuchtigkeit glänzten. Aus der Mitte des zementierten Bodens spritzte plötzlich auf einen Druck plätschernd ein heißer Springbrunnen empor, dessen brodelnder Dampf bald den engen Raum mit einer feuchten Wolke erfüllte. »Abscheulich!« rief Frau Viktoria, indem sie ihr Kleid zusammenraffte und laut kreischend entfloh, gefolgt von der ihr Beispiel nachahmenden Tochter und den beiden lachenden Herren. Draußen in der frischen Luft schnappte sie auf, aber sie war über den Scherz ihres Mannes außer sich, denn der feine Wasserstaub hatte ihr und Wicky die frisch gebrannten Stirnhaare durchtränkt, so daß sie in steifen Strähnen auf die Augen hingen, was nicht geringen Verdruß bereitete. »Nein, das war kein Scherz,« versicherte Heller, »sondern etwas sehr Ernstes, Wichtiges, das größte Geschäftsgeheimnis der Firma Johannes Lenz A Komp. Hier wird das Garn feucht und schwer gemacht, bevor man es verpackt. Es ist weniger des unbedeutenden Gewichtes wegen, das man dabei gewinnt, als weil das angefeuchtete Garn schöner aussieht und sich besser hält. Ihr werdet von Betrug reden, aber ich kann mich damit entschuldigen, daß es in allen Spinnereien geschieht.« Die Damen achteten kaum auf seine Erklärung, sondern strichen sich die feuchten Bänder und Rüschen glatt und eilten ins Freie. Nur Hans schüttelte sinnend den Kopf. Der brave, rechtliche Schwiegerpapa lobte also diesen zweifelhaften Geschäftskniff, der durch den Hinweis auf die allgemeine Übung wahrlich nicht besser wurde. Aber was war denn das ganze Kaufmannsgewerbe anderes als die Kunst, den Käufer zu übervorteilen? Ein Ekel vor seinem Lebensberuf erfaßte ihn. O wie viel schöner und reiner war doch die Kunst! »Einmal und nicht wieder!« sagte Frau Viktoria. »Mit diesem Gelübde schloß ich meinen ersten und einzigen Fabrikbesuch in Burtscheid. Ich meine, Wicky, Du wirst ihn hier erneuern.« »Gewiß, Mama,« sagte das Fräulein und öffnete ihren roten Schirm vor der Sonne. »Mir wurde in diesem Lärm ganz schlimm. Und dann das Wirbeln von Baumwollfasern in der Luft! Sie setzen sich einem in die Lunge. Da ersticke ich schon wieder!« Vater und Mutter beeilten sich, ihrem krampfhaft hustenden Töchterchen den Rücken zu klopfen. Gottlob, der Anfall ging vorüber. »Armer Hans!« sagte Wicky, mit einem zärtlichen Blick, als sie sich erholt hatte. »In solcher Luft leben zu müssen!« »Man gewöhnt es sich.« »Es wäre mein Tod!« rief sie tragisch. Sie waren aus dem Kesselhause getreten und um die ganze Spinnerei gekommen. Nun standen sie unvermerkt auf einer seltsamen Wiese, deren Gräser, Blumen und Büsche weiß waren. Wicky bemerkte dieses Naturwunder mitten in ihrem Geplauder und blieb vor Erstaunen stehen. »Der Staubturm,« sagte Hans und zeigte auf ein altes windschiefes Gartenhäuschen mit geschlossenen Läden, aus dem es wie feiner Schnee flog. Und der weiße Staub und alle die Fasern und Flocken, die der Wolf fortgewirbelt, fielen hier mitten in die blühende und grünende Welt und bedeckten alles Leben mit ihrem weißen Gespinnst. Und während Wicky hustend forthüpfte, dachte Hans unwillkürlich, daß dieser Staub auch seine Natur ersticken werde. Jetzt standen sie vor dem Wohnhause, das die Damen zu besichtigen wünschten. Es war von seinem Vater zwar nur einstöckig, aber größer gebaut worden, als für seine und seines Sohnes Bedürfnisse nötig war. Er wollte Hans jung verheiratet sehen, damit an die Stelle der alten, bequemen Haushälterin eine jugendfrische Frau einziehen sollte. Die Einrichtung war einfach, jedoch wohnlich und bequem, und sein eigenes Zimmer hatte Hans zu einem Sanktuarium gemacht, in das die Prosa und der Lärm und Schmutz der Fabrik nie eindringen sollten. An den Wänden sah man die vorzugsweise musikalische Bücherei und in einer Nische hinter dem Schreibtische das Bild seiner Mutter und die Gipsbüste Beethovens. Die beiden Damen fanden die Räume beschränkt und die Einrichtung altmodisch und verblaßt, was Hans ein wenig kränkte. Vor dem Bildnisse seines Vaters im Salon rümpfte Frau Viktoria die Nase, denn sie wurde nicht gern an den bankbrüchigen Verwandten erinnert. Überhaupt machte ihnen das ganze Haus einen zu junggesellenhaften Eindruck. Erst als sie in das Eßzimmer traten und einen blumengeschmückten Tisch sahen, auf den Frau Fabian bereits Kaffee und Kuchen gestellt hatte, heiterten sich ihre Mienen auf. Leider fand der Kaffee keine Gnade vor ihrem verwöhnten Geschmack. Sie erklärten einstimmig, er rieche nach Öl. Frau Fabian, die eigens eine frische Spitzenhaube angezogen, ärgerte sich sehr darüber. »Um Vergebung, das ist Viersträhniger,« sagte sie, »und kein sächsischer Blümchenkaffee, der vor Schwäche nicht allein aus der Kanne laufen kann.« »Wir haben noch die Fabrikluft in der Kehle,« erklärte Wicky begütigend. Sie erhoben sich von den Stühlen und traten ans Fenster. Eine freudlose Aussicht, eine trostlose Gegend! Der Fabrikhof mit seinen Holz- und Kohlenhaufen, Frau Fabians Gärtchen mit ein paar Blumen und etwas Suppengrün, und dahinter die gelbe Sandfläche der Jungfernheide. Noch war es Sommer, aber alles gemahnte an den Herbst, die nebelige Luft, das dampfende Wasser, der frische Wind, der die graue Rauchsäule des Fabrikschlotes zerriß. Drüben mitten zwischen den öden Bauplätzen der Sandwüste hatte man ein kleines Kartoffelfeld angelegt, ohne Zaun und offen für Wind und Diebe, und tiefgebeugte Männer und Frauen gruben die schmutzigen Knollen aus der harten, gelben Scholle; langsam rückten sie vor, und noch langsamer füllten sich die Säcke hinter ihnen. Am anderen Ende wurde der Acker umgepflügt und wieder besät, und schon erhoben sich bräunliche Spitzen aus dem sauber mit der Egge gekämmten Boden. Abseits stocherte ein altes Mütterchen auf einem Schuttlager nach Papier, Blech, Holz und sonstigen verwendbaren Schätzen, und drei laut krächzende Raben sahen ihr flügelschlagend von einem geborstenen Baumstamme zu ... Wicky fühlte etwas von der Schwermut dieser Landschaft in ihr Herz ziehen und wandte sich gelangweilt ab, doch ihre Mutter hatte dort unter der versinkenden Sonne zwischen den grünen Erlen ein freundliches Haus entdeckt und zeigte es ihr. »Wem gehört jene reizende Villa? »Baron von Berkow,« antwortete Hans seiner Braut. »Dem Vater Deiner neuen Kousine?« fragte sie ihn mit einem eigentümlich forschenden Blick. »Richtig, sie war ja Deine Nachbarin, erzählte sie mir auf der Rennbahn.« Hans schwieg verlegen. Sie aber blieb träumerisch am Fenster stehen, während ihre Mutter sich in ihren Umhang hüllte, denn die Abende waren kühl und die Fahrt im Wagen lang. »Die Wohnung ist zu klein und primitiv, Herr Schwiegersohn,« so faßte sie ihr Urteil zusammen. »Für den Anfang mag es ja genügen. Eine Hütte und ein Herz. Aber später, nach den Flitterwochen, müssen Sie bauen lassen, damit alles standesgemäß sei, oder eine Stadtwohnung nehmen.« »Ach, dort drüben in der Villa wär' es freilich schöner!« seufzte Wicky. Mit einem Seufzer endete dieser erste Besuch. X. War Adelheid von Lenz glücklich? Sie hatte es Hans versichert, und in der That schien sie zufrieden und munter. Sie begleitete ihren Gemahl auf die Wettrennen, in den Zirkus, ins Theater. Immer war sie in seiner Gesellschaft zu sehen, an seiner Seite hoch zu Rosse wie im Viererzug. Und dabei zeigte sie unabänderlich jenes stille, verklärte Gesicht, das nicht allein von Herzensgute, sondern auch von Glück und Zufriedenheit sprach. Nur Hans schüttelte den Kopf, wenn er sie so heiter sah. Diese Fröhlichkeit gefiel ihm nicht. Sie war krampfhaft, gemacht, gegen ihre Natur. Gerade so heiter war sie einst im Schloßpark ihm zur Seite dahingegangen, als ihr das Herz geblutet ... Liebte sie ihren Gatten? Jedenfalls gab sie sich redlich Mühe. Sie schmiegte sich seinem Geschmack, seinen Launen, seinen Lebensansichten elastisch an, so schwer es ihr auch wurde, denn ihr unerbittlicher Scharfblick hatte sogleich seine Nichtigkeit durchschaut. Seine und die seiner Umgebung. Du lieber Gott, welch' eine Umgebung! Gewiß, ihr Vater war auch Offizier gewesen, aber er hatte doch geistige Interessen, Weltklugheit, Lebenserfahrung, Diese da aber wußten nur von ihren Pferden, Hunden und Mätressen, vom Dienst und höchstens vom Theater zu reden. Doch da war sie nun einmal und mußte in dieser Öde weiter leben und sich darin behaglich fühlen. Am Ende hatte auch diese blühende Männerjugend ihre guten Seiten und war ritterlich und tapfer. Aber sie mußte sich diese Vorzüge unablässig wiederholen, wenn die Gesellschaft sie nicht bis zum Ekel anwidern sollte. Und so erging es ihr auch mit der ehelichen Gemeinschaft. Lothar war ja gutmütig, heiter, liebenswürdig Nur seinen Zerstreuungen durfte man nichts in den Weg legen, denn er langweilte sich immer furchtbar, sobald er allein war. Das hatte er gewiß von seiner Mutter, der ewig Einsamen. Die Zeit wurde ihm indessen auch bei seiner Frau lang. Ganz im Anfange ging es noch. Da war sie ihm neu und interessant. Nach all den feilen Weibern, die er gekannt und besessen, den Zirkuskünstlerinnen, Komödiantinnen, Ladenmädchen und manchmal auch Kellnerinnen und Schlimmeren nun endlich eine echt weibliche Erscheinung mit etwas Kindlichem, Frischem, gleichsam Neuem. Ja, sie war ihm neu, ganz neu. Die Jungfrau, ein Wesen voll halber Wünsche und unverstandener Träume, voll von Unerfahrenheit und komischer Naseweisheit, von guten Vorsätzen und glühenden und doch zarten Gefühlen, voller Begier nach etwas Unbekanntem und voller Sehnsucht nach ganzer, ungeheuerlicher, lächerlicher Liebe – das reizte ihn doch sehr. Die Hochzeitreise mit ihrem Trubel bei Tag und ihrem stillen nächtlichen Glück, das war etwas für seinen verwöhnten Geschmack. Dergleichen hat man doch nicht für sein Geld. Diese Flitterwochen dauerten ein wenig lange, jedenfalls länger als der Reiz der Neuheit für ihn. Saß er nun so im Koupee erster Klasse ihr stundenlang gegenüber – na, das war ja ganz nett, aber was soll man sich noch sagen? Am Ende kennt man sich doch aus. Man holt also gegenseitig die Lektüre aus dem Handkoffer. Er etwas Zola, den er nur halb versteht, aber sehr schneidig findet; sie einen Band von Turgenjew, der sie nur noch trauriger, sehnsuchtvoller, unbefriedigter stimmt. Und dann das abscheuliche Rollen, Tuten, Pfeifen, Schreien, man liest nur mit halber Aufmerksamkeit, und die angestrengten Augen schließen sich unwillkürlich. Und man schläft ein Stündchen oder ein halbes, unruhig, dumpf, unter Alpdrücken und Träumen; bis der rüttelnde Waggon einen unsanft mit einem Rippenstoße weckt. »Ach! wo sind wir? Noch drei Stunden! Scheußlich! Versuchen wir's mit einer Zigarre ... »Der Rauch geniert Dich doch nicht, liebes Kind?« Und so verraucht und verträumt man noch ein Stündchen. Gott sei Dank, ein großer Bahnhof in Sicht! Fünfzehn Minuten Aufenthalt! Bierstation! »Ich werde Dir durch den Kellner einen Kaffee schicken und ihn gleich bezahlen.« – Hm, das Bier ist abscheulich. Ein Skandal! Aber die Kellnerin ist hübsch, und so gleicht es sich aus. Es geht doch nichts über Reisehumor, der immer einen Trost findet! »Wirklich ein strammer Besen war's. Ein paar Augen, sage ich Dir, Adel! Aber nicht eifersüchtig werden, Kind! Was die hat, hast Du alles auch, nur viel schöner!« Und mit der Gewißheit, eine kolossale Artigkeit gesagt zu haben und schon jetzt ein Musterehemann zu sein, schläft er wieder ein. Sie aber träumt mit wachem Blick. Und diesem fremden, ewig fremden Manne da hat sie ihre Unschuld, ihre Jugend, ihre Schönheit gegeben, und er hat alles wie etwas Selbstverständliches einkassiert! Natürlich, auch er hat ihr ja etwas geopfert und sogar sehr viel, etwas Unendliches in seinen und jedes Junggesellen Augen: seine Unabhängigkeit, seine Freiheit. Nun ist er gebunden, wie sie auch, fest und unverbrüchlich, gleich Galeerensträflingen, auf Lebenszeit! O er ist ein gebildeter, liebenswürdiger Mensch, ein Goldherz, wie seine Mutter versichert, und er wird sein Möglichstes thun, sie glücklich zu machen. Aber wie wenig wird er vermögen! Er wird zärtlich sein, wann sein Herz ihn treibt, voller Galanterie, indessen sie wirkliche Liebe will, denn sie schreit nach Liebe! Nein, die wird er ihr niemals geben können, denn die besitzt er selber nicht. Und so folgen sich Tage auf Tage, Wochen, Monate, Jahre und Jahrzehnte, die Jugend schwindet, das Alter kommt, ein ganzes Leben ohne Liebe zieht an ihren Augen schattenhaft vorüber. Und die junge Frau weint leise in ihr Spitzentuch, recht leise, damit der Schläfer nicht geweckt wird. Er könnte ja aufwachen, sich langweilen, tändeln, plaudern oder gar zärtlich sein ... Schrecklich, schrecklich! Nicht immer ist Frau Adelheid von Lenz so ernst gestimmt. Sie ist im Grund ein sehr verständiges Weib und weiß sich ins Leben zu finden. Auch in eine unglückliche Ehe und dauerte sie ihr Leben lang. Wie vernünftig hatte sie sich damals in den Gedanken geschickt, daß sie nicht für den armen Herrn Nachbar bestimmt sei, wie mutig hatte sie auf ihn verzichtet, wie ruhig einen anderen geheiratet, so wie es ihr lieber Papa wollte! Und jetzt hatte sie ihn fast vergessen, um sich in ihr Los zu fügen, und sie wollte ihm aus dem Wege gehen, denn wozu sich noch dumme Gedanken machen? Es hilft ja doch nichts. Die Flitterwochen im eigenen Heim boten immerhin eine angenehme Überraschung. Zuerst das Daheim selbst, ein hübsches, trauliches Nest in der Stülerstraße am Saume des Tiergartens. Papa Berkow hatte ihnen das hübsche, zweistöckige Häuschen geschenkt, das in einem weitabgelegenen stillen Waldwinkel zu liegen schien und nur nach rückwärts mit seinem großen Garten an die Mietpaläste der Westvorstadt stieß. Zur Linken eine Station der Stadtbahn, rechts ab im Wagen die Stadt in einigen Minuten zu erreichen, gar nicht weit entfernt von den großen Theatern und Zirkussen. Ach, diese wohlthuende Stille nach dem Treiben der Hochzeitreise! Lothar selbst konnte sich dem Zauber nicht entziehen und blieb herzlich gerne mit seinem Weib allein, so ganz allein mitten im Waldesrauschen und Vogelgesang. Die reine Idylle, an die man noch gerne zurück dachte, als sie vorüber war, denn ewig konnte sie doch nicht dauern. Man hatte Verpflichtungen, durfte sich nicht abschließen, sich nicht lächerlich machen. Die Weltstadt rief sie. So gingen sie also beide in die Gesellschaft. Es war für Adelheid wie der Eintritt in ein neues Leben, für ihn wie der Besuch in einem lieben Stammlokal. Visiten, Konzerte, Theater, Bälle, Turfplatz, immer zusammen! Und beim ersten Wettrennen ritt der schneidige Herrenreiter schon mit. Aber er führte auch ein Leben ohne sie. Kasino, Klub, Spielabende, und wenn man etwa eine alte Freundin traf, so konnte man sich doch unmöglich als schüchterner Ehekrüppel lächerlich machen. Aber sonst immer zusammen. Und beneidet wurde der junge Ehemann von aller Welt! Das freute ihn, denn es schmeichelte ihm, und seine Eitelkeit war stärker als seine Liebe. Aber auch ein bildschönes Paar! Wenn er so neben ihr durch den Tiergarten ritt, sie schwarz und blond, er blau und braun, eine Augenweide war's, ihnen nachzusehen. Sie war wirklich eine Vollblut-Sportlady mit Kühnheit und Schneid. Ihr Gemahl war von ihrem Glücke fest überzeugt. Warum sollte sie auch nicht zufrieden sein? Hatte sie doch alles, was ein Weltkind sich wünschen konnte. Einen jungen, hübschen Mann, eine Stellung in der Gesellschaft, Reichtum und Glanz, eine elegante Häuslichkeit, Bewunderer und Verehrer die schwere Menge. Jawohl, und der Ehemann wußte, daß das ganze Regiment für sie schwärmte, und freute sich darüber, und als er neulich bei einem Liebesmahl, wo ein Kamerad an- und ein anderer weggegessen wurde, in der Weinlaune die Äußerung that: »Auf Ehre, meine Frau ist ein famoser Kerl« – da fand er allseitige Zustimmung, wenn sie sich schon weniger schneidig äußerte, sondern mehr galante Formen annahm, wie es sich für feudal schwärmende Verehrer schicke. Im ganzen »Re'ment« galt es für ausgemacht, daß es kein glücklicheres Paar gab. Ja, von Lenz, der Hauptkerl, hatte wieder einmal den Vogel abgeschossen! Hatte man je ein so schönes, zärtliches, tugendhaftes Weib gesehen? Und sie versteht ihren Mann so gut! Und teilt seine Interessen und Liebhabereien alle! »Gestern bei Renz gesehen. Schwungvoll, Kriegskamerad. Er hat in der Pause hinter der Manege Miß Leona Avancen gemacht. Jede Frau wäre eifersüchtig geworden. Sie nicht. Hat nicht gemuckt. Lächelte sogar. Heiße ich Schwung, Kamerad.« Ach, wozu sollte sie ihre Eifersucht zeigen? Sie war ja gar nicht eifersüchtig. Sie wußte, daß er ihr untreu war, aber sie schwieg. »Er wird wieder kommen!« Sie war das Bleibende in der Erscheinungen Flucht, wie er selbst neulich in einer literarischen Anwandlung lächelnd sagte. Oder hätte sie Gleiches mit Gleichem vergelten sollen? An Gelegenheiten fehlte es ihr wahrlich nicht, und mehr als ein Kamerad ihres Mannes, der den treuen Freund heuchelte, hatte sich ihr zu nähern versucht. Hatte sich nicht der lockere Fürst Saßnitz neulich bei Tisch erfrecht, mit seinem Fuß den ihrigen zu berühren? Sie zog ihn gleich zurück. Nach einer Weile begann er das alte Spiel. »Durchlaucht, das ist mein Fuß!« – »Äh, Verzeihung, Gnädigste.« – Die unerwartete, laute Zurechtweisung half wenigstens, denn der Fürst besaß bei aller Leichtfertigkeit doch Lebensart. Andere waren zudringlicher, aber auch da wußte sie sich zu helfen. Einmal spielte sie mit dem Rittmeister von dem Busche vierhändig, aber als er ihre Hand zweimal hintereinander streifte, brach sie das Spiel plötzlich ab und schützte einen Krampf vor, um nicht einen Skandal hervorzurufen. Und neben den Leutnant von Bennewitz, der eine so lose Zunge hatte, setzte sie sich bei Tisch grundsätzlich nicht mehr, und speisten sie wo, so bat sie sich immer einen anderen Tischnachbar aus. Das brachte den schmucken Offizier natürlich in den Ruf eines Schwerenöthers, aber sie hatte doch Ruhe vor ihm. Andere suchten sie mit feurigen oder schmachtenden Blicken in Verlegenheit zu bringen. Sie guckte einfach weg und sah sie nicht mehr an. Oder sollte sie sich bei ihrem Gatten beschweren? Damit er den frechen Patron zur Rede stelle? Das gäbe unnützes Geklatsch, Aufregungen, vielleicht gar ein Duell. Wozu so viel Aufhebens? Sie wußte sich schon selber zu schützen. Sie achtete sich auch zu sehr, um bloß zum Schein, und um ihren Mann zu reizen, ein kokettes Spiel zu dulden oder gar zu erwidern. Mit Abscheu wies sie dahin zielende Ratschläge weltkluger Frauen zurück. Wenn Lothar nicht von selbst wußte, was er an ihr besaß, die Eifersucht brauchte ihm dann wahrlich die Augen nicht zu öffnen! Er wird wieder kommen! – Und wenn er kam, fand er immer ein heiteres Gemüt, einen hellen Frauenverstand, Wärme, Gemütlichkeit. Und darum war ihm stets wieder wohl, wenn er zu seiner trefflichen Hausfrau zurückkehrte, und namentlich wenn er Vergleiche anstellte. Aber bessern und witzigen ließ er sich dadurch nicht, und so trug sie ihr Kreuz still und gelassen und beklagte sich weder bei ihrem Papa, der andere Sorgen hatte, noch gar bei seiner Mutter, die ja doch alles entschuldigen und beschönigen würde. Und weil es Lothar so urgemütlich bei seinem verständnisvollen, hübschen, tugendhaften Weibchen fand und so gern öffentlich mit ihr Staat machte, wurde er eines schönen Morgens sehr unglücklich, als sie sich weigerte, mit ihm auszureiten. Sollte sie dennoch eifersüchtig sein und wissen, daß er seinen Frühritt nach dem Stern bloß deshalb machte, weil er sicher war, Miß Leona zu begegnen, die ihr Lieblingspferd ritt? »Eifersüchtig?« lächelte sie. »Für so thöricht hältst Du mich!« »Also warum nicht?« Sie neigte sich errötend zu seinem Ohr und machte ihm ein Geständnis, das jeden Ehemann beglückt hätte, so wie es sie mit süßen Schauern erfüllte. Er wurde gleichfalls rot wie ein Schulknabe. Sprachlos stand er da, und tausend Gedanken gingen ihm durch den Kopf. Sie erwartete, daß er sie sanft in seine Arme ziehen, ihr Mut zusprechen, ihr danken würde ... Aber er schwieg. Er sah schon im Geist ein kleines, rundes, rosiges Ding vor sich, das immer schreit und seiner jungen schönen Mutter tausend Unannehmlichkeiten und Schmerzen bereitet, ihre Laune reizt, ihre Schönheit untergräbt, das Zusammenleben stört. Was wird nun aus ihren Ausfahrten, ihren Spazierritten, ihrem seltenen, aber immer gemütlichen tête-à-tête ? Sie wird nicht mehr neben ihm die Zügel führen, nicht mehr seine Eitelkeit reizen. Vielleicht nie wieder! Und eine dumpfe Wut bemächtigte sich seiner bei diesem Gedanken. Er hätte alle Welt ohrfeigen mögen, sich zu allererst. Sie sah noch immer liebevoll und errötend, fast hilfeflehend nach ihm. Er stampfte mit dem Fuße auf und rief ärgerlich: »Wie die richtigen Spießbürger!« Sie aber, als sie allein blieb, sank nicht mit Thränen und Seufzern auf ihr Bett. Sie trat ans Fenster und sah ihm nach, wie er auf seinem Braunen in den Tiergarten hineinritt, und wie der Säbel blinkte und seine hellblaue Uniform leuchtete, und wie leicht und doch so fest er im Sattel saß. Und sie flüsterte mutig: »Ich will ihn lieben, unserem Kinde zuliebe.« XI. Das sogenannte Fischerhaus war vor etwa zwanzig Jahren, als Johannes Lenz die Liegenschaften seiner Spinnerei arrondierte, samt dem kleinen Gemüsegärtchen um ein Stockwerk erhöht und in ein Lagerhaus verwandelt worden. Nur ganz vorübergehend, da er in einem Augenblicke der Geldklemme sein bisheriges Wohnhaus, die Villa, durch Vermittlung seines Bruders an den Baron von Berkow verkaufte, bezog er die Zimmer zu ebener Erde so lange, bis das neue Wohnhaus gebaut war. Erst kurz vor seinem Tode hatte er das Fischerhaus für Arbeiterwohnungen eingerichtet. Als die Spinnerei wieder in Betrieb kam, füllte sich auch dieses Gebäude bis unter das Dach mit Bewohnern. Zu ebener Erde, wo der selige Herr gewohnt, richteten sich linker Hand der Spinnmeister und »sein Schreiber«, zur Rechten ihre Wirtschafterin Frau Fabian und Familie ein, von einander nur durch den mit Hausrat versperrten Flur getrennt. In den oberen Stockwerken wohnten die Saalaufseher und einige Spinnerfamilien, auch ein paar unverheiratete Arbeiter in Schlafstelle; aber weder der Schlosser-Nante, noch sein neuester Freund, der Tiroler Pinzger, hatten es lange in dem Bienenkorb ausgehalten, wo der schnüffelnde Hinnen-Lotz seine lästige Aufsicht weiter führte. Sie waren bald ausgezogen und freuten sich jenseit der einengenden Fabrikmauer ihrer Freiheit, besonders an jedem Sonntag und oft genug am blauen Montag. Es war ein breites, vom Steinkohlenrauch der nahen Esse geschwärztes Haus mit grauen Läden und einer dunklen Treppe. Die ordentliche Frau Fabian, die gewissermaßen Herbergsmutter und Portierfrau spielte, kämpfte vergeblich mit Seife und Besen gegen den Schmutz und die wachsende Verwahrlosung. Die treppauf und nieder klappernden Holzschuhe nutzten die hölzernen Stufen ab, schmutzige Hände beschmierten die Thüren, Fenster und Wände, und dann welche Luft! Du lieber Gott, was war da zu thun? Wer von der Arbeit kam, konnte nicht geschniegelt aussehen und nach Patschuli riechen, und die Ölflecken und den Ruß nahm man von drüben mit, ohne es zu merken. Und wer wollte nun gar Arbeiterkinder an Ordnung und Sauberkeit gewöhnen! Sie durften nicht im Hof und Garten spielen, so trieben sie sich also in ihren freien Stunden auf der Straße oder im Haus herum, auf den Treppen, im engen Flur, auf dem Boden, überall, und wenn Frau Fabian sie noch so oft mit dem Besen in der Hand davonjagte. Die meisten Angestellten wohnten außerhalb der Fabrik, in der Charlottenburger oder Moabiter Umgegend, ja bis hinaus zum Wedding und in den ländlichen Vororten, so daß sie die Arbeiterzüge der Stadtbahn benutzen mußten. Etwas näher, doch immer noch eine gute halbe Stunde von der Arbeit entfernt, hauste der Spinner Mila mit den Seinen, am Spreekanal stromaufwärts an der Schleuse, fast näher Spandau als dem Weichbilde der Hauptstadt. Es war ein neues, fünf Stock hohes Doppelhaus, das einsam in der Sandwüste zwischen der Jungfernheide und dem Charlottenburger Rennplatze stand und nur von Bahnbeamten und Arbeitern bewohnt war. Hundert Menschen und mehr lebten darin, Milas hatten eine Dachwohnung gemietet. In der Vorderstube schlief das Ehepaar, nur durch eine spanische Wand vom zweiten Bette der beiden Schwestern geschieden. Hugo lag nachts in der Küche auf seinem Strohsack, den er jeden Morgen vom Boden aufhob und in die Ecke trug. Den Frühstückskaffee tranken sie zu Hause, während das gleichzeitig gekochte Mittagbrod, meist Hafergrütze, Speck und Kartoffeln in Blechkannen in die Fabrik genommen, dort aufgewärmt und in der einstündigen Pause mit einem großen Stücke Kommißbrod verzehrt wurde, sei es in den Arbeitsälen selbst oder auf dem Hof, meist zusammen mit anderen Genossen, deren entfernte Wohnung ihnen ebenfalls das Nachhausegehen unmöglich machte. Es waren gute Leute, obwohl der alte Mila einen schwachen Charakter hatte und zum Leichtsinn neigte, aber die stramme, energische Mutter, deren Mundstück nicht einmal das gefürchtete böse Maul der roten Lise, der Hasplerin, gewachsen war, hielt mit schlagfertiger Hand und Zunge auf Ordnung. Trotzdem die Familie eigentlich nur nachts und Sonntags zusammen lebte und die elterliche Aufsicht infolgedessen mangelhaft war, blieben Marie und Lore brave Mädchen und von der Sittenlosigkeit unberührt, die in jeder von beiden Geschlechtern besuchten Fabrik zu herrschen pflegt. Die hübschen harmlosen Dinger konnten zwar einen derben Scherz wohl vertragen, aber die Grenze des Erlaubten ließen sie nie überschreiten. Sogar der allgewaltige Spinnmeister, der bekanntlich die Weiber »nicht fürchtete«, mußte mit den zungenfertigen Hasplerinnen den Kürzeren ziehen. Nach langem unbestimmten Schäkern hatte er die Gewissensfrage, ob er mehr der kleinen, lustigen Lore, Hugo's Zwillingsschwester, oder der schon etwas altjüngferlichen Marie zugethan sei, als ein neuer und verbesserter Paris dahin entschieden, daß er beide zugleich liebte. Indessen war es eine ziemlich undankbare und langwierige Freierschaft, denn die zwei Haspelmädchen waren spröde und erklärten ihm rund heraus, daß sie für vorübergehende Liebschaften nicht eingenommen seien. Auch legte eine jede von ihnen auf einen gemeinsamen Gang ins Standesamt ein besonderes Gewicht, – eine merkwürdige Vorliebe, die Hinnen weder begreifen noch teilen konnte. »Aber so seid doch vernünftig, Kinde,« antwortete er pfiffig. »Der Standesbeamte ist ein so trockener, langweiliger Patron, daß ich Eure Leidenschaft für ihn gar nicht verstehe. Da hält der Herr einfach ein Buch zum Unterschreiben hin und spricht: »Wollt Ihr einand', So gebt Euch die Hand Im Namen des Gesetzes. So, jetzt het's es.« Die verschmitzten Mädchen lachten zu dem Scherz, und der ganze Haspelsaal stimmte ein, so daß man die sausenden Räder eine geraume Weile gar nicht mehr vernahm, aber sie meinten, der Herr Pastor, der doch auch ein Wort mitzureden habe, werde mit seiner Traurede nachher schon Feierlichkeit in die Sache bringen, wenn es sein müsse. Doch von diesem Gottesmanne wollte der Spinnmeister, der ein arger Freigeist war, erst recht nichts hören. »Ich weiß schon,« sagte er endlich, als er sich in die Enge getrieben sah, »ich weiß, worauf Ihr lauert, schöne Jungfern. Ihr wollt halt dem Herrn Hinnen-Lotz seine Freiheit nehmen, aber mit selbigem ist es nichts. Nach einer zehnjährigen Ehe unter dem scharfen Kommando der Frau Regel Hinnen née Lotz selig bin ich sehr gern ein paar Jährchen Wittling. Ich warte also lieber noch ein wenig, bevor ich meinem Jakob wieder eine Stiefmutter gebe.« So brav und ordentlich die beiden Schwestern, so wild und ungezogen war ihr Bruder. Ein richtiges Berliner Proletarierkind. Da die Eltern und Geschwister stets in Fabriken arbeiteten, so war er mehr auf der Straße als im Hause aufgewachsen. Früh morgens eilte der Kleine auf klappernden Holzpantinen die immer zahllosen Stufen der elterlichen Wohnungen hinab, um in der Milchhalle und »Destille«, beim »Kaufmann« und Bäcker »einzuholen«, wobei er sich oft in Anleihen versuchen mußte. Dann gingen die Eltern und Schwestern in die Fabrik, indes er nach dem verhaßten roten Riesenhause der unentgeltlichen Gemeindeschule trabte. Seine einzige Erholung bot die Straße. Besonders an schulfreien schönen Tagen war es eine Wonne, zwischen den langen hohen Häuserzeilen »Himmel und Hölle« oder mit Murmeln und Reifen zu spielen, in den Rinnsteinen die Füße zu baden und selbstgeschnitzte Schiffchen von Stapel zu lassen, die Mädchen zu necken und über Betrunkene zu ulken, einen Spitzbuben zu verfolgen und kleine Aristokraten zu verhauen, den Zwist Erwachsener mit anzuhören, den Schutzmann zu überlisten, große »Schlachten« zu schlagen ... Die Straße war sein Jugendparadies, und wenn er jetzt in der dumpfen und lärmenden Fabrik daran zurückdachte, so wurde ihm ganz weh ums Herz, obwohl er sonst nicht sentimental war. Im Gegenteil. »Junge, sei helle!« Diese Mahnung hatte ihm sein Vater täglich wiederholt, und nach Kräften war er dem Winke gefolgt, um schlau, rücksichtlos, egoistisch zu werden, und Bescheidenheit, Zartgefühl, jeden kindlichen Glauben als hinderlichen Ballast über Bord zu werfen. Dennoch war in dieser verdorbenen Seele nicht alles schlecht. Er war nicht allein gewandt und gerieben, sondern auch fleißig und genügsam, und mitten aus seinem kecken Witz erklang oft ein wärmerer Ton, der nicht nur Leidenschaft, sondern auch Gemüt und vielleicht gar Sinn für Höheres verriet. Und nun war er nach jahrelangem Herumziehen durch alle Arbeiterviertel der großen Stadt mit den Seinigen nach Charlottenburg gekommen! Ein wütender Zorn war in ihm aufgewallt, als er schon von weitem die fensterreiche Breitseite der Spinnerei sah. Was sollte er mit seiner überschäumenden Jugend in diesem Gefängniß! Er ballte die Faust, als er durch das Thor schritt, aber durfte nicht einmal wünschen, keine Anstellung zu finden, denn wovon sollte die Familie leben? Und sie fanden Arbeit und er noch mehr: eine gleichalterige Kameradin mit einem zarten, bleichen Gesichtchen und großen, träumenden Augen, eine gutmütige, freundliche Gespielin. Eigentlich Schade, daß sie die lästigen Weiberröcke trug, die sie am Rennen, Klettern und Raufen hinderten. Gleichviel, er wollte doch mit ihr spielen und schlimme Streiche verüben und durchgeprügelt werden. Ja, schön gedacht, aber es kam anders. Wie schwer war es schon gewesen, die Widerstrebende zur gemeinsamen Rutschpartie auf der Rollbahn zu bewegen, und als es dann übel auslief, wie »pimplig« benahm sie sich da, ihrer Weiberröcke ganz würdig! Indessen verlor er die Geduld nicht. Sie ging auf manche seiner Launen ein, und er milderte seinen Übermut ihr zulieb. So waren sie gute Kameraden. Täglich in der Mittagpause, wenn sie mit ihrem Vater ins Fischerhaus ging, am Feierabend im Sommer und Sonntags drängte er sich in ihre Nähe und erwies ihr tausend kleine Aufmerksamkeiten. Sie schlichen sich in den Schloßpark und fischten im Kanal, und den Fang teilte er zwischen seiner und ihrer Familie. An schönen Sonntagnachmittagen spazierten sie oft mit Vater Fabian in die Jungfernheide und bis zur Havel. Manchmal hieß er sie das kleine Boot besteigen, das der Spinnerei gehörte, und da war es eine Freude, wie gewandt er das einzige Ruder zu handhaben verstand. Sogar den Kanal aufwärts fuhr er mit einer gewissen Schnelligkeit. Im Anfange sah Frau Fabian diese Fahrten mit dem wilden Ansetzerburschen nicht gerne, denn ihr bangte vor einem Unglück, aber das Mädchen fand so viel Vergnügen daran und auch Hugo redete ihr so überzeugend alle Furcht aus, daß die Eltern es schweigend litten. Lene lernte sogar von ihm das Boot lenken, und bald regierte sie es fast so gut wie er selbst. Dann konnten die Leute, welche über die Holzbrücke gingen, den Kahn sehen, auf dessen Bank der schwarze Arbeiterbursche saß, während das Mädchen stehend mit dem Ruder die trüben Wellen teilte und zwischen den schweren Holz- und Kohlenschiffen dahin fuhr. Das letztere erforderte ein besonderes Geschick, denn oft folgten sich die Elb- und Spreekähne so dicht, daß kaum eine enge Wasserstraße für das schmale Boot frei blieb. »Was würde bei einem Zusammenstoße geschehen, Hugo?« fragte sie einmal auf einer solchen Fahrt. »Ein seitlicher Anprall schadet nicht viel,« erklärte er wichtig. »Das Boot wird einfach etwas unsanft fortgeschoben und kippt bloß, wenn die betreffende Seite belastet wird. Aber wer wird so dämlich sein! Gefährlicher ist ein Zusammenstoß mit dem Bug eines Schiffes.« »Was wird dann?« »Das leichte Boot geht aus dem Leim und sinkt mit Mann und Maus.« In der Fabrik sahen sie sich selten. Wohl arbeiteten sie auf demselben Stockwerk, aber nicht im gleichen Saal. Er war bei den Selfaktors, und sie drüben in der mechanischen Wertstatt neben ihrem Vater. Nicht einmal in der Frühstücks- und Vesperpause sollte er zu ihr, denn der Spinnmeister hatte den Kindern das Herumlaufen strenge verboten. Das war überhaupt nicht sein Freund. Und doch war der Kleine ein ganz guter Arbeiter. Wie flink wußte er die zerrissenen Garnfäden mit einem bloßen Fingerdrehen wieder zu knüpfen und unter dem auf- und zuklappenden Spinnstuhl in einem einzigen Satz mit dem kurzen Besen entlang zu fegen! Ein Fehltritt, und er würde von der sich schließenden Maschine zermalmt. Aber das Herumstehen, Schwatzen und Spielen lag eben in seiner Jugend und brauchte nicht so unerbittlich mit Geldstrafen und Schlägen geahndet zu werden. Besonders zornig wurde der Spinnmeister, als er entdeckte, daß der Junge neuerdings immer öfter in die Schlosserei verschwand. Was hatte er dort zu suchen? Hinnen-Lotz ging ihm einmal nach und überraschte ihn, wie er neben Lene Fabian stand und Süßholz raspelte. »Was machst Du da?« »Man bloß nach der Uhr sehen.« Natürlich ein Vorwand, aber auch der war strafbar. Also schnell eine Maulschelle. Und wie Fabian das gestatten könne. Von morgen ab habe Lene oben im Haspelsaale zu arbeiten. Dabei blieb es auch. »Der nimmt noch ein böses Ende, das gibt Euch der Herr Hinnen-Lotz schriftlich,« sagte er zu den Eltern, als ob es sich um ein Kapitalverbrechen handelte. Der Umgang mit dem guten Mädchen besserte wohl, änderte aber des Burschen Natur nicht, die oft nach langer Zurückhaltung nur um so stärker zum Ausbruch kam. Zu seinen vielen Fehlern gehörte auch die Rachsucht. Er vergaß niemals eine Kränkung, trug sie dem Beleidiger lange nach, und wenn er endlich seinem Hasse freien Lauf lassen konnte, war er von einer Bosheit und Grausamkeit, die kein Zureden der Freundin ändern konnte. Seit der Spinnmeister Lenen aus seiner Nähe verbannt, hatte er ihm Rache geschworen, die er einstweilen in gelegentlichem Schabernack befriedigte. Er warf aus sicherem Verstecke mit Brodkugeln, Schmutz und Steinen nach ihm, und als er eines Abends neben Janko's Farbtopfe stand und Hinnen-Lotz gerade vorbeiging, ergriff er schnell den Pinsel und spritzte über die schöne Troddelmütze einen schwarzen Sprühregen. Zu seinem Glücke bemerkte der Schweizer den Schaden nicht gleich, aber als Hugo ein andermal wirklich etwas Schändliches beging, ereilte ihn seine gerechte Strafe. Er war nämlich auch naschhaft, unehrlich und geldgierig. Da ihm die Eltern jeden Nickel Lohn abnahmen und er doch Taschengeld haben wollte, so hatte er sich einen abscheulichen Betrug ausgedacht, den er am nächsten Zahltag ausführte. Kassierer Hitschold stand an diesem wichtigen Sonnabend Abend immer groß da. Während auf sein Glockenzeichen die Arbeit eingestellt und Fabrikräume und Maschinen durch die Arbeiter gereinigt wurden, rückte der lange Eidgenosse mit Hilfe des Lehrburschen einen Tisch an die Schranke, die einen engen Gang vor dem strenge verbotenen Buchhalterraum bildete. Auf diesem Tisch breitete er die das Geld enthaltenden papiernen Lohnbeutel, worauf Tage, Stunden, Akkordarbeit, Überstunden, Kranken- und Strafgelder aufgedruckt waren, genau nach dem Saal und der Reihenfolge. Waren diese Vorbereitungen erledigt, so begann der Vorbeimarsch der Arbeiter saalweise unter Anführung jedes Aufsehers, erst die Schlosserei, dann das Vorwerk, die Karderie, die Spinnsäle und zuletzt die Hasplerinnen, die Hausknechte und der Nachtwächter. Dann nahm Hitschold ein Geldpäckchen nach dem anderen feierlich vom Tische, las mit lauter Stimme den darauf geschriebenen Namen, und der oder die Gerufene trat vor und nahm aus seiner Hand den Lohn entgegen, einige mit lautem Dank, andere stumm und trotzig, als wäre es nur eine verdammte Pflicht und Schuldigkeit. Der Kassierer aber fühlte sich fast als Besitzer der Fabrik, und um keinen Preis hätte er je dies Ehrenamt versäumt oder abgetreten. Nicht einmal der Lehrling durfte ihm dabei helfen, und als einmal der Spaßvogel Hinnen-Lotz ihn zum Scherze vom Tisch verdrängte und einen Arbeiter aufrief, da war der Kassierer so schwer beleidigt, daß er ihm die alte Freundschaft aufsagte. Sonst hatte er nichts dagegen, wenn der Spinnmeister als stummer Zeuge und fast als sein Adjutant anwesend war, denn seine Gegenwart verlieh dem wichtigen Akt und ihm selbst einen Nimbus, der seinem Herzen wohl that. Das war dann die Revanche »seines« Schreibers. Aber auch in anderer Beziehung war ihm Hinnen's Anwesenheit erwünscht: der Disziplin wegen, die der gefürchtete Mann mit einem Runzeln seiner Braue aufrecht erhielt. Denn hier und da wurden Einsprüche und Forderungen erhoben, die sofort gutgeheißen oder zurückgewiesen werden konnten. Bald hatte dieser oder jener eine versprochene Prämie in der Löhnung vermißt, bald waren die Stückarbeit oder die Überstunden unrichtig angeschrieben, bald sollte gar ein Rechenfehler vorliegen, natürlich zu Ungunsten des Arbeiters, denn zu Benachteiligungen der Fabrik schwieg man still. Da war es dann Hinnen, der Ordnung schaffte und ungeberdige Schreier zur Ruhe wies. Diesmal aber, als die Spinnsäle ausbezahlt waren, kam der kleine Hugo Mila, die Mütze in der Hand, zurück, und indem er den geöffneten Lohnbeutel und das erhaltene Geld vorwies, sagte er zu dem Kassier: »Das stimmt nicht. Es fehlen an dem Gelde zwei Mark.« »Unmöglich!« erwiderte Hitschold ärgerlich, denn er hielt sich für unfehlbar. »Die Geldbeträge sind doppelt nachgezählt und stimmen mit dem Kassabuch überein.« Gleichzeitig brauste auch Hinnen auf, als er den verhaßten Ansetzer erkannte. »Schon wieder der Leckersbub!« rief er. »Wart, Du schwarzer Zigeuner!« Hugo sah ihm frech ins Gesicht und wiederholte trotzig: »Es fehlen an dem Gelde zwei Mark. Ich will meinen Lohn haben.« Hitschold hatte mittlerweile das Geld aus seiner Hand genommen und nachgezählt. Es fehlten in der That zwei Mark. »Unterseckeln wir ihn, Hitschold,« sagte Hinnen-Lotz, und befahl dem Jungen: »Taschen raus!« Hugo verstand das Kommando und kehrte das Futter seiner Hosen- und Rocktaschen um, doch nur ein Sackmesser, ein Kreisel und eine Brotrinde fielen zu Boden. Fast triumphierend sah er die beiden Schweizer an. Doch Hinnen kannte alle Kniffe der Arbeiter, und darum lächelte er auch unheimlich und befahl kurz: »Die Schuhe aus, Du Gallöri!« Jetzt erbleichte Hans, und im nämlichen Augenblicke legte sich Hinnen's Hand schwer auf seinen Rockkragen und hielt ihn fest, während Hitschold und der Lehrling dem Widerstrebenden die Holzschuhe von den nackten Füßen rissen. »Da sind sie!« jubelte der Kassierer und holte das Zweimarkstück aus dem Versteck, und des Spinnmeisters Faust fiel auf Hugo's Wange nieder, daß der Kleine bis an die Wand flog. Sein Mißgeschick wollte, daß gerade die Hasplerinnen in die Stube traten, und so waren Marie und Lore Mila und leider auch Lene Fabian Zeuginnen seiner Schande und der Züchtigung. Und die beiden Schwestern stürzten sich auf den ungeratenen Bruder und schlugen ihn mit ihren breitgearbeiteten Händen. Nur Lene schwieg, aber ein verachtender Blick traf ihn, und schmerzlicher fühlte er ihn, als alle Schläge und Schelte. In den nächsten Tagen ging der kleine Bösewicht, der nur aus Rücksicht auf seine fleißige Familie nicht sofort entlassen wurde, der strengen Freundin wohlweislich aus dem Wege, denn er wußte, welche Moralpredigt ihn erwartete. Doch schon nach einigen Tagen konnte sie ihr Strafgericht nachholen. Hans hatte seinem Schwiegervater geklagt, daß bei jeder Leerung der Senkgruben große Mengen fortgeschleuderter Garne gefunden würden, und daß es weder ihm noch dem Spinnmeister bisher gelungen sei, die Thäter zu ermitteln. Heller war außer sich darüber, und als die Mittagsglocke schlug, stellte er sich in den Hof und versammelte die Arbeiter um sich. »Kinder,« sagte er, »das ist grober Vertrauensmißbrauch und schlimm wie Diebstahl. Seid Ihr brave und ehrliche Arbeiter, so müßt Ihr zu stolz sein, um auf so hinterlistige Weise Euren Brodherrn zu schädigen. Ich will nicht wissen, wer das schwere Unrecht begangen, denn ich mag keine Angeberei. Die Thäter sollen das mit ihrem eigenen Gewissen ausmachen. Ich war auch ein Arbeiter wie Ihr, und bin noch heute stolz darauf, aber ich schäme mich Eurer, wenn solche Buben unter Euch sind. Denn der ist ein feiger Bube, der seinem Arbeitgeber Schaden zufügt. So und jetzt – Mahlzeit!« Einige schienen Lust zu haben, einen Verdacht oder eine Anklage auszusprechen, aber Heller saß bereits wieder in seiner Droschke, und den Arbeitern blieb nichts übrig, als ins Innerste getroffen den Fabrikhof zu verlassen. Draußen hörte man noch ihre aufgeregten Stimmen und laute Verwünschungen gegen die unehrlichen Genossen. »Hugo!« rief Lene Fabian, und bei ihrer Stimme erschrak der Junge, der eben scheu an ihr vorbei und aus dem Hofe schleichen wollte. Errötend stand er vor der Gemiedenen und blickte schuldbewußt zu Boden. »Du thust gut daran, mir auszuweichen,« sagte sie ruhig. »Mit einem Diebe will ich nichts zu schaffen haben. Ich wollte Dir man bloß sagen, daß ich auch weiß, wer das Garn verschleudert. Du und kein anderer!« Sie sah ihn mit ihren großen Augen scharf an, und er wagte es nicht zu leugnen. »Ich weiß auch, warum Du es thust,« fuhr sie nach einer Weile fort, und ihm war, als lese sie in seiner Seele. »Du willst den Spinnmeister ärgern, aber Du bist ein Dämelack. Der hat ja keinen Schaden davon und lacht sich eins. Aber unseren guten Herrn betrügst Du wieder. Und was hat er Dir gethan? Nur Gutes, denn Dir und den Deinigen gibt er Arbeit. Hab' ich nicht Recht?« Er nickte, und eine große Thräne rollte seine Wange herunter. »Es thut Dir also leid?« Er nickte abermals. »Und Du willst es nicht wieder thun?« »Nee,« sagte er mit erstickender Stimme, »aber Du sollst mir wieder gut sein, Lene.« »Erst bessere Dich, und dann wollen wir sehen.« Sie drehte ihm den Rücken zu und trippelte mit ihrem leichten, elastischen Kinderschritt über den Hof dem Fischerhause zu. Ihm war, als sollte er ihr nachspringen und sich vor ihr niederwerfen. Von diesem Tag an wurde kein Gramm verschleudertes Garn mehr gefunden. XII. Generalkonsul von Lenz wollte auch in der Großmut keinem anderen nachstehen. Wenn Kommerzienrat Heller seinem Eidam die väterliche Fabrik wiedergab, so hatte er sich ein anderes Hochzeitangebinde für seinen Bruderssohn ausgedacht. Dem Baron von Berkow war nach der Verheiratung seiner Tochter der Besitz seiner Villa zur Last geworden, so daß er sie verkaufen wollte, um mit seinen Kindern zusammen zu wohnen. Er teilte dem Generalkonsul diesen Wunsch mit und fand in ihm gleich einen Käufer. In aller Stille, damit weder Hans noch die Familie Heller davon erfahren sollten, zog er aus, und schon folgenden Tages fanden sich Bauhandwerker und Tapezierer ein, um den Neuvermählten ein geschmackvoll gemütliches Heim zu bereiten. Seit Adelheids Verlobung hatte Hans die Villa gemieden. Sie sollte für ihn ein unnahbares Heiligtum sein, wo seine erste Liebe begraben lag. Traf er, was selten geschah, den alten Freiherrn zufällig auf der Straße, so wich er ihm mit einem höflichen Gruß aus, und seinen Einladungen zum Besuche leistete er keine Folge. Und da er seit dem Wettrennen weder mit Lothar noch Adelheid zusammengekommen, so fügte es sich, daß er erst durch Lene Fabian vom Auszuge des Freiherrn Kenntnis erhielt. Er sah das Mädchen nur noch in der Fabrik, denn die Konzerte mit ihrem Vater, deren verzückte Zuhörerin sie gewesen, waren ja längst eingestellt. Ging Hans durch den Saal, so dankte er kopfnickend für ihren errötenden Gruß. Sie hatte die Empfindung, als schämte er sich ihrer Mitwissenschaft seiner unglücklichen Liebe. Nur am Tage nach des Freiherrn Umzuge warf sie ihm einen langen Seitenblick zu, als er an ihrem Tische vorüberging. Er verstand, daß sie ihm etwas sagen wollte, und blieb stehen. »Immer fleißig, Lene?« »Nicht immer,« antwortete sie halblaut, daß die Hasplerinnen es nicht hören sollten. »Gestern hab' ich zum Beispiel viel Zeit am Fenster versäumt.« »Da schau mal! Du verdientest also eine Geldstrafe?« »Aber feste. Herr Hans!« »Und was gab es denn so interessantes am Fenster?« »Der Herr Baron drüben ist ausgezogen. Die Villa soll neu eingerichtet werden.« »Für wen?« konnte er sich nicht enthalten zu forschen. »Ich weiß nicht,« lautete die Antwort. »Gestern war Ihr Herr Onkel mit einem Baumeister drüben, und heute sind die Handwerker eingerückt. Vielleicht soll Ihr Vetter mit seiner Frau einziehen.« Das mochte es wohl sein. Gewiß sollten Lothar und seine leidende Frau den Herbst über in der väterlichen Villa wohnen, die fast einen Landaufenthalt ersetzte. Das wäre ihm ja eine peinliche Nachbarschaft! Ganz verstört ging er weiter und lauschte an einem offenen Fenster auf das Klopfen und Hämmern, das vom Park herüberschallte. Nach Frau Viktorias und ihrer Tochter Rückkehr aus dem Nordseebade wurden die Vorbereitungen zur Hochzeit rasch zum Abschlusse gebracht. Im Hause an der Hohenzollernstraße fanden tägliche Konferenzen mit Schneiderinnen und Weißnäherinnen statt, und Heller war froh, wenn er aus all dem Trubel in die Fabrik flüchten konnte. Das Brautkleid kam aus Paris und war aus schwerster weißer Seide in Silber gestickt, die Taille aus weißem Samt, die Drapirung in Crêpe de Chine mit Myrthen. Die Ausstattung wurde zur Besichtigung ausgestellt, und man lud alle Bekannten und Verwandten ein. Bewunderung erregte zumal die auf langen Tafeln aufgeschichtete schneeige Tisch- und Bettwäsche, halbdutzendweise mit blauen Seidenbändern zusammengebunden, die feinen Weißstickereien und die meist mit echten Valenciennes besetzte Leibwäsche aus cremefarbiger Seide und Battist. O die glückliche Braut! Der Generalkonsul aber hatte sich das Arrangement des Hochzeitmahles selbst vorbehalten. Erst hieß es im Englischen Haus oder im Hotel Kaiserhof würde es stattfinden; dem wurde aber später widersprochen. Offenbar plante man eine Überraschung, und nur wenige waren im Geheimnis. So kam der große Tag heran. Das Standesamt war wie eine lästige Förmlichkeit schon vorher erledigt worden, hatte aber natürlich eigene Toiletten erfordert. Die kirchliche Trauung am folgenden Tage bildete den Glanzpunkt. Wicky sah ganz verführerisch aus. Die Brautjungfern, alle in weißer Seide und mit weißen Rosen, Kamelien und Tuberosenbouquets in der Hand, hatte man sich aus Burtscheid verschrieben, denn es fehlte Wicky noch an Berliner Freundinnen. Die Auffahrt vor der Kirche, der Aufzug aus der Sakristei, das Ja und der Ringwechsel vor dem Altar – das alles geschah ohne jeden leicht übel zu deutenden Verstoß, als wäre eine sorgfältige Probe vorausgegangen. Sogar der Septemberhimmel hatte sich fast sommerlich herausgeschmückt. Im fröhlichsten Sonnenscheine setzten sich die Wagen vor der Kirche in Bewegung, aber zum Erstaunen aller nicht Eingeweihten fuhren sie nach Charlottenburg hinaus. »Wohin fahren wir, Hans?« fragte die Braut, ganz vergraben in ihrem weißen Schleier. »Doch nicht etwa in die abscheuliche Fabrik?« »Ich weiß es selbst nicht. Der Onkel sprach von einer Überraschung.« Da fuhr der Wagen schon am Fabrikthor vorüber und mit einer jähen Wendung in das weit offene Portal von Berkows Villa. Das Haus war an der Schauseite reich bekränzt, die Arbeiter standen Spalier, und der Generalkonsul, der noch vor dem Ende der Feier aus der Kirche vorangeeilt war, empfing sie selbst im blumengeschmückten Flur. »Gott segne Euren Eingang!« sagte er nicht ohne Salbung. Weißgekleidete Fabrikkinder unter Lenens Anführung streuten Rosen auf den Teppich, und mächtig bewegt führte Hans seine Braut in die Räume, in denen einst Adelheid gewohnt. Er hatte einmal gehofft, an ihrer Hand hier einzutreten. Es hat nicht sollen sein ... Doch nicht lange blieben sie allein. Wagen um Wagen fuhr vor. Die Hochzeitgäste rückten an, und alle Traurigkeit wich aus Hans' Seele, als Adelheid auf ihn und seine Braut zutrat, sie auf die Wange küßte und ihm die Hand reichte. »Seien Sie glücklich, wo ich glücklich war.« Keine Trauer lag in ihren Worten, und so war auch er ruhig und versöhnt mit seinem Schicksal, wie die theure Jugendgeliebte. Vor dem Hause wohnte Hitschold natürlich der Auffahrt der Wagen bei, die ihm als der Höhepunkt des Festes erschien. Schon die elegante Brautkutsche mit ihren Gummirädern imponierte ihm mächtig, innen mit weißem Atlas ausgeschlagen, mit silbernen Täubchen über den Laternen und mitten auf dem Rücken der schön geschirrten zwei Pferde. Ein Blick traf auch die in lange, hellbraune Livree gesteckten Kutscher mit ihren Gamaschen und Silbertressen, wohlgenährt, glattrasiert, gewichtig. Auch die Beiwagen verdienten sein Lob, seine Fuhrwerke, blankes Geschirr und gutes Gespann. »Schöner nützt nichts!« sagte er, als das letzte Gefährt vorüber war, zu Lene Fabian, die mit ihrem Vater seltsam bewegt neben ihm stand. Dann begab er sich mit allen Arbeitern und Arbeiterinnen ins Wohnhaus hinüber, wo eine lange Tafel die sämtlichen Angestellten vereinigte. Er führte mit Würde den Vorsitz, und fleißig wurde auf das Wohl des Hochzeitpaares getrunken. Das elektrisch erleuchtete Speisezimmer, das mit dem Kesselhause der Fabrik in Verbindung stand, nahm indessen die Brautgäste auf, die sich an der hufeisenförmigen Tafel niederließen. Das bunte altsächsische Tischgedeck, ein Geschenk des Generalkonsuls, der massive silberne Aufsatz, von herrlichen Blumen erfüllt, die fröhlichen, zufriedenen Mienen, die köstliche Letzung – es war ein glänzendes Freudenfest. Außer den Anverwandten der Familien Lenz und Heller sah man Geschäftsfreunde vom Rhein und von Berlin, die Prokuristen der Niederdeutschen Bank, Verwaltungsräte, einige Ältesten der Kaufmannschaft – alles ernste, gesetzte Männer. Lothars Uniform war für das Auge ein Labsal. Die Kaufmannsgattinnen behäbig, fröhlich, in Seide und Diamantenpracht, und ihre zum Teil sehr lieblichen Töchter in zartem Weiß und Rosa. Und am Ende der Tafel strahlte der Vertreter der Spinnerei, Herr Hinnen-Lotz, mehr Direktor als je. Er sprach und aß viel, und erst beim Champagner kam eine verdächtige Schweigsamkeit über ihn, die seinen Durst allerdings wenig zu hindern schien. Und als die Toaste zu steigen begannen, da klopfte auch er an sein Glas, erhob sich, zog ein Taschentuch aus seinem alten Frack, schneuzte sich mit Überzeugung und begann mit seiner tiefen, wohlklingenden Baßstimme: »Liebe Anwesende!« Man sah sich etwas erstaunt an, schwieg aber und hörte sogar auf, mit Gabeln und Messern zu klappern. »Ich bin kein Redner« – »Oho!« und Gelächter unterbrach ihn – »und darum sage ich mit Martin Luther: Tritt fest auf, thu's Maul auf, hör' bald auf ... Aber nur das sage ich Ihnen, weil ich es halt sagen muß und will. Unser hochverehrter Chef Herr Lenz, der Hochzeiter – wir wissen ja alle, was er uns ist! Ein Ehrenmann, beim Eid! Damit habe ich alles gesagt und kann über ihn schweigen, denn ich und meine Arbeiter gehen für ihn durchs Feuer, wenn's sein muß. Ja gewiß ist's wahr, durchs Feuer! Seine Frau aber – wir sehen sie ja vor uns und auch ihren Herrn Papa, den lieben, guten Herrn Kommerzienrat Heller, – o was ist das doch für ein lieber Mann und ein famoser Spinner, besser nützt nichts, wie mein Schreiber sagen würde! Aber von ihm will ich ja nicht reden, sondern von seiner Tochter, der heutigen Braut oder vielmehr der jungen Frau Lenz. Ja, das ist das rechte Wort! Kurz und bündig! Lenz, das heißt übersetzt: Frühling, und wie der Frühling in Menschengestalt sitzt sie da unter uns, daß es einem ganz schwül zu Mute wird. Er heißt Lenz, und sie ist der leibhaftige Lenz! Und darum kann man unserem Chef oder auch Prinzipal nur gratuliren zu seiner guten Wahl, und ich bin sonst kein Prophet, aber diesmal sage ich es kühn voraus: der wird glücklich!« Lautes Gelächter unterbrach ihn wieder. »O sie auch!« rief er schnell. »Denn sie ist eine Perle auf tiefem Meeresgrund, und sie verdient gefaßt und als schönster Schmuck abgenutzt zu werden. Die junge Frau Lenz lebe hoch! hoch! hoch!« Schweißtriefend, mit rotem Kopf und glänzenden Augen hatte er dreimal sein Sektglas geschwungen und die lachenden und kichernden Gäste waren gutmütig genug, dem wohlmeinenden Redner beizustimmen. Hochrufe und Gläserklingen übertönten den Spott, womit namentlich die jungen Leute freigebig waren. Nur das Hochzeitpaar und der alte Heller bewahrten ihren Ernst, jenes aus Artigkeit, dieser aus Überzeugung. Er ging auf den Redner zu und klingelte mit dem Glas an dem seinigen. »Herr Hinnen-Lotz,« sagte er mit Thränen in den Augen, »das war gut gesagt und hat mir wohl gethan.« Und zu dem Generalkonsul gewandt, bemerkte er: »Noch selten hat mich eine Tischrede so angesprochen. Alles treffend, schlicht und wahr, und doch auch etwas Schwung und Phantasie. Ein Naturmensch!« Dann küßte er seine Tochter zwischen ihren Schleiern und dem Myrten- und Orangekranz auf die Stirn und setzte sich lächelnd wieder an seinen Platz. Als die Gesellschaft immer lustiger wurde und den Reden die Vorträge folgten, da sah man die gedrungene Gestalt des Spinnmeisters sich wieder vom Platz erheben, und ohne weiteres kündigte er ein komisches Lied an, das er auf einer seiner sonntäglichen Bierreisen aufgeschnappt haben mochte. Er räusperte sich also wieder und begann ohne Klavierbegleitung mit des Basses Grundgewalt zu singen: »Mädchen, die Piano spielen, Sich als große Damen fühlen, Die bei dem Spazierengehn Stets nach jedem Herrchen sehn; Denen einzig man zum Lobe Sagt, daß dreimal schon zur Probe Täglich sie die Schneid'rin rief: Die sind Brief!« Und indem der Sänger mit einer unsagbar wegwerfenden Handbewegung: »Die sind Brief!« wiederholte, sahen sich die meisten Gäste und zumal die Damen erstaunt an. »Wie ungalant!« meinte Adelheid, die doch wahrlich nicht zu diesen Frauen gehörte. »Der Mensch fällt mir auf die Nerven!« schnaubte Frau Viktoria in ihrem roten Samtkleid, und nur ihr Gatte, der wieder einmal den Naturmenschen bewunderte, rief laut: »Köstlich! Mir aus der Seele!« Doch Herr Hinnen-Lotz ließ sich durch keine Kritik stören, und über sein vom Wein erhitztes Gesicht flog es wie Verklärung, als er weiter sang: »Aber Jene, die beglückt sind, Wenn die Strümpfe gut gestrickt sind, Stramm in Küche und in Keller, Ehren hoch auch einen Heller ...« Wie ein gewiegter Koupletsänger hob er die Pointe heraus, und der atemlos horchende Brautvater fing die Anspielung auf seinen Namen auf und rief mit herzlichem Lachen: »Bravo!« so daß auch Hinnen-Lotz ihm freundlich zunickte, um nach dieser verlängerten Kunstpause fortzufahren: »Die getreu sind ihrem Gatten Nie getechtelmechtelt hatten ...« »Pfui!« rief Frau Viktoria mit ihrer ganzen sittlichen Entrüstung, doch diesmal ließ sich der Sänger nicht stören: »Denen Häuslichkeit gefällt, Die sind Geld, Ja, die sind Geld!« »Bravo!« rief Heller noch einmal, aber der Sänger war mit seinen unbequemen Alltagswahrheiten überlästig geworden und niemand achtete mehr auf seinen Singsang. Er begann zwar tapfer den zweiten Vers, allein die Unterhaltung wurde immer lauter gefühlt, so daß seine Stimme zuletzt übertönt war. Vergeblich rief der Kommerzienrat, sein einziger Zuhörer, ihm: »Lauter!« und den Gästen: »Scht!« zu, beide Aufforderungen halfen nichts, und der Lärm verschlang alles. Zum Überflusse fing ein unsichtbares Orchester zu pauken und trompeten an, wahrscheinlich auf einen Wink des Generalkonsuls, der den unangenehmen Sänger zum Schweigen bringen wollte. Unzufrieden, beschämt, mit purpurnem Kopf, setzte sich Herr Hinnen-Lotz wieder auf seinen Platz zwischen zwei Sektflaschen nieder und verließ ihn auch dann nicht mehr, als das junge Paar fast unbemerkt aus der Gesellschaft verschwand und die jugendlicheren Gäste und allen voran der schneidige Dragonerleutnant von Lenz sich zwischen die geöffneten Flügelthüren drängten, um im Nebensaal ein Tänzchen zu wagen. Während Wicky mit Hilfe ihrer Mutter den Brautstaat mit einem bequemen grauen Reisekleide vertauschte, fanden Adelheid und Hans noch Gelegenheit, im Vorzimmer einige Worte zu wechseln. »Von meinem Freudentage sprechen Sie!« sagte er ernst. »Mich erfaßt ein Schauer, wenn ich an mein verfehltes Leben denke, an das ich nun auch noch ein fremdes Geschick kette.« Sie glaubte ihn zu verstehen und wollte ihn aufrichten. »Vielleicht, daß Sie nach Jahren doch noch zur Musik übergehen können,« sagte sie schüchtern. »Nein, nein, damit ist es vorbei. Meine Finger werden steif, und die tausend klingenden Gedanken versiegen. Es ist vielleicht besser so, als ein verfehltes Künstlerdasein. Ich hoffe nur noch das Eine, daß die Liebe mir die drückende Last meines Berufes erleichtern wird. Die Liebe zu meiner Frau, zu meinen Kindern ... zu meinen großen Kindern, meinen Arbeitern, den Armen und Elenden, den wirtschaftlich Schwachen, den Unmündigen und Enterbten.« Er reichte ihr zum Abschiede die Hand, und zwei große, traurige Augen folgten dem Wagen, der das junge Paar aus dem Jubelsturm ihres neuen Heims entführte. XIII. Während Hans Lenz noch auf der Hochzeitreise weilte, wurde sein Oheim gestürzt. Die gefürchtete Generalversammlung verlief infolge der peruanischen Operation und dank dem wühlenden Skandalmacher Moritz so stürmisch, daß der Verwaltungsrat gesprengt und der Direktor genötigt wurde, seine Entlassung zu nehmen. Die Opposition trug auch dafür Sorge, daß die leichtfertige Art, wie der Verwaltungsrat die Aufsicht führte und »das Portefeuille des Herrn Generalkonsul« uneröffnet kreisen ließ, allgemein bekannt wurde. Man munkelte obendrein von anderen Unregelmäßigkeiten, und daß der Direktor in seinen Börsenspekulationen die Grenze zwischen seinem Privatvermögen und den Geldern der Bank nicht scharf genug gezogen habe. Selbstverständlich glaubte der alte Heller kein Wort von all' diesem Geschwätz und schimpfte auf die kurzsichtigen neuen Verwaltungsräte und undankbaren Aktionäre. War doch die Niederdeutsche Bank die eigenste Schöpfung ihres Direktors. Nur seinem weitausschauenden Geiste konnte der großartige Gedanke einer Kreditanstalt entspringen, die ihre Operationen über das ganze niedersächsische Gebiet von Dünkirchen bis Riga ohne Rücksicht auf die politischen Grenzen erstrecken und den norddeutschen und niederrheinischen Handel und Verkehr mächtig fördern sollte. Der Sitz war in Berlin, und selbständige Filialen in Amsterdam, Riga und Brüssel sollten die sprachverwandten Holländer, Flamänder, Balten und Friesen mit dem deutschen Geldmarkt immer fester verbinden. Schon rechnete Lenz darauf, daß diese Kapitalmacht nach dem Beispiele des Deutschen Zollvereins einer staatlichen Einigung aller Länder plattdeutscher Zunge von der russischen und dänischen Sprachgrenze bis zum Ärmelmeer vorarbeiten könnte. Und nun war es zu Ende mit seinem schönen Traum! Heller wollte es gar nicht fassen, wie man dieses Finanzgenie ziehen lassen konnte, dessen Leitung die Blüte des Instituts doch ganz allein zu danken war. In seinem Zorne zog er sofort seine Depots zurück und erklärte sie in dem neuen Bankgeschäft hinterlegen zu wollen, das der Generalkonsul mit Hilfe befreundeter Geldmänner zu gründen gedachte. So unbegrenztes Vertrauen rührte die gestürzte Größe sehr, und darum war es kein Wunder, daß ihre Verbindung immer freundschaftlicher wurde. Heller blickte mit wachsender Bewunderung auf den ausgezeichneten Kaufmann, der täglich einen genialen Einfall hatte und auch im Unglücke groß war, und Lenz wußte, daß er sich auf den reichen Kommerzienrat unter allen Umständen verlassen konnte. Und da der Alte von früh bis spät in der Spinnerei zu treffen war, so fuhr Lenz jetzt fast täglich auf ein Stündchen bei ihm vor, um ihm sein Herz auszuschütten, von seinen Plänen und Kombinationen zu plaudern und von all' den verlockenden Anerbieten, womit man ihn überschüttete, vertrauliche Mitteilung zu machen. Für ihn lag das Geld wirklich auf der Straße. Bleichröder und Hansemann waren bei ihm gewesen, um sich bei der neuen Bank zu beteiligen. Rothschild in Frankfurt hatte für eine schwierige Operation seine Mitwirkung erbeten, die Reichsbank hatte ihr Auge auf ihn geworfen, und bereits war im Vertrauen die Anfrage ergangen, ob er gegebenen Falls für den immer allgemeiner geforderten Posten eines Reichsfinanzministers zu haben wäre. Und bei jeder neuen Aussicht riß Heller seine treuen, grauen Augen auf, als vermöchten seine Wimpern kaum mehr die Größe des Freundes zu fassen, und aus seinem lächelnden Munde kam es staunend: »Wirklich? Unglaublich!« »Nun aber, lieber Freund,« sagte der künftige Minister, der vor solcher Naivetät mühsam seinen Ernst bewahrte, »nun bin ich es satt, für Fremde und Undankbare zu arbeiten. Was meinen Sie zu dem Einfall, die Firma Johannes Lenz \& Komp. zu erweitern und der Spinnerei noch eine Weberei anzugliedern?« Ein Kanonenschuß hätte den Alten nicht gewaltiger erschüttern können. Eine Weberei? Das war ja längst sein geheimster Gedanke! Verstand denn der geniale Mann auch in seiner Seele zu lesen? »Gewiß,« antwortete er ganz Feuer und Flamme, »die Vorteile liegen auf der Hand. Man könnte bei schlechten Garnpreisen das Eigengespinnst selber verarbeiten und günstige Konjunkturen abwarten ... aber es wäre ein großes Geschäft, das wohl überlegt werden müßte.« »Ich habe es reiflich erwogen,« versicherte Lenz. »Hans ist freilich kein Weber und hat mit der Spinnerei übergenug zu thun ...« »Ich wüßte einen guten Webermeister, der unter mir gearbeitet hat, einen fleißigen, verläßlichen Mann ... Wir könnten ihn herkommen lassen und sein Gutachten verlangen.« »Wozu Fremde heranziehen? In meinen Augen gibt es keine größere Autorität als Sie. Wenn Sie Vertrauen zu dem Geschäft haben, bringe ich das Kapital spielend zusammen ... Ich mache Ihnen einen Vorschlag. Wir drei, Sie, Hans und ich, rekonstruieren die erweiterte Firma Johannes Lenz \& Komp. Hans führt die Spinnerei weiter, Sie übernehmen die Weberei, ich habe die kaufmännische Leitung des Ganzen.« »Das wäre herrlich!« rief der leichtentzündliche Heller, aber seine verwitterten Züge nahmen bald den Ausdruck schmerzlichen Verzichts an. »Nur Schade, ich bin ein alter Mann ...« »Sagen Sie, ein Jüngling an Thatkraft und Schwung,« fiel ihm Lenz ins Wort. »Sie beschämen mit ihrer Rüstigkeit und Ihrem nimmermüden Eifer nicht allein mich, sondern auch Hans. Wahrlich, ein kerngesunder Mann wie Sie, ein Arbeiter mit Leib und Seele, setzt sich nicht zur Ruhe, er kann es nicht. Rasten Sie, so rosten Sie ...« »Das hab' ich immer gesagt,« jubelte Heller. »Ja, die Arbeit ist die Kraft meines Lebens und die Ruhe für mich der Tod. Ich habe bemerkt, daß ich ein ganz Anderer, Jüngerer, fast ganz Junger geworden bin, seit ich eine Thätigkeit gefunden. Meine Säfte stocken nicht mehr, das Blut kreist schneller, mein Gehirn ist frei, ich schlafe besser des Nachts, ich kann wieder essen. Und das alles macht die Arbeit.« Für heute ließen sie den Plan ruhen, aber als sie sich nächstesmal sahen, kam der Kommerzienrat zuerst darauf zurück. Er hatte sich das Geschäft überlegt und glaubte ihm schon aus Rücksicht auf seinen Schwiegersohn nähertreten zu sollen. Umso eher, als der zukünftige Kompagnon ausdrücklich erklärt hatte, für die nöthigen Gelder selbst aufzukommen. Als Hans von der Hochzeitreise zurückkehrte, fand er ein völlig verändertes Bild. Der Bankdirektor hatte sich selbst zum Fabrikdirektor ernannt. Die Weberei war beschlossene Sache. Hinter der Spinnerei, gegen die Spree zu, wurde schon das Terrain abgemessen. Einige Wochen später sollten die Fundamentarbeiten beginnen, während des Sommers wollte man den Bau vollenden, und für den Herbst waren die Webstühle samt einem Monteur aus England bestellt. Noch vor Weihnachten nächsten Jahres hoffte man die Arbeit aufzunehmen. Und am Thor empfing seinen Neffen jetzt der Onkel, der von den Arbeitern demütig gegrüßt wurde, und führte ihn wie einen Fremden durch die ganze Fabrik. Es war kein Zweifel, Johannes Lenz \& Komp. hatte einen neuen Chef erhalten. Der Generalkonsul hatte seine Tätigkeit auch auf die Spinnerei erstreckt. Er sorgte für die Beschaffung der Baumwolle, und die Gelder und Wechsel der Agenten, Webereien und Garnhandlungen gingen an ihn. In seiner Privatwohnung in der Voßstraße richtete er sich ein Kontor mit Sprechzimmer ein. Im eigentlichen Bureau besorgte sein Faktotum Schwarzbach, den er der Niederdeutschen Bank entführt hatte, die Bücher und Konsulatgeschäfte. Auf den Tischen und Stühlen lagen Baumwollmuster in blauen Papierrollen und Garnproben in Strängen und auf Spulen, und im Vorzimmer gingen die Agenten der Baumwollfirmen aus und ein. Lenz hatte sich mit einer Gewandtheit, die ihm überall eigen war, schnell in die fremde Branche eingearbeitet. Er studierte die Marktberichte aus Liverpool, Hamburg Triest, Brüssel, machte Berechnungen und kombinierte so unablässig, daß er bald den Agenten selbst als eine Autorität galt. Sogar Greizer, der weißhaarige Baumwollagent, der zwanzig Jahre in Liverpool etabliert war, beugte sich vor dem Scharfblicke seines neuen Kunden. Oft kam es zwischen beiden zu komischen Auftritten, wenn sie über die Aussichten der Ernte und die zukünftige Preisbewegung sprachen. »Nach dem Berichte des Ackerbaubureaus in Washington,« bemerkte der Konsul, »wird der Durchschnittertrag der Baumwolle auf 187 Pfund per Acre geschätzt. Es hängt jedoch viel vom Wetter während der Monate November und Dezember ab, auch in Bezug auf die Sicherung des Ertrages, da die Qualität durch starken Regen verschlechtert werden kann. Wenn nun die Ernte im vergangenen Jahre 6,93 Millionen Ballen betrug, so darf man nicht vergessen, daß sich seither die Anbauflächen vergrößert haben. Auch liefern die bis jetzt nach Europa gelangten Verschiffungen ein um neun bis zehn Prozent geringeres Spinnergebniß ...« »Und ich sage Ihnen, Herr Generalkonsul,« fiel der cholerische Agent ein, »die Ernte ist miserabel. Also Hausse auf der ganzen Linie. Jeden Ballen, der über die letztjährige Ernte herüberkommt, ess' ich selber auf.« Heller, der gerade anwesend war, fand den Einfall sehr komisch und lachte herzlich. Nur Lenz bewahrte seinen Ernst, atmete den Duft seiner Zigarre ein und sagte mit Zuversicht: »Gute Mahlzeit!« Und als dann statt der erwarteten Mißernte richtig eine schöne Mittelernte herauskam, hütete sich Greizer wohl, die vielen tausend Ballen, die über seine Schätzung nach Europa kamen, oder auch nur einen davon zu verspeisen. »Es ist doch sonderbar,« bemerkte Heller, »daß Greizer noch immer gleich dürr ist. Baumwolle scheint keine nahrhafte Kost.« Zu den ziemlich regelmäßigen Besuchern im Kontor gehörte auch Lothar, und er kam gleichfalls meist in geschäftlicher Absicht ... Durch den Rücktritt seines Vaters von der Leitung der Niederdeutschen hatte er nicht das geringste verloren. Dem gewesenen Direktor blieben ja Titel und Ansehen eines Generalkonsuls, sein Kredit war unerschüttert, und die Zulagen flossen daher ebenso regelmäßig und reichlich wie bisher. In dem alten Baron hatte sich dem Leutnant sogar eine zweite Quelle eröffnet, welche, als der Schwiegervater auch mit in die Stülerstraße zog, noch besonders bequem auszuschöpfen war. Lothar wußte mit seiner angeborenen Liebenswürdigkeit den Schwiegerpapa so zu umschmeicheln, daß keine seiner zahlreichen Anzapfungen ohne Erfolg blieb. Bald gab es ein neues Pferd anzuschaffen, bald seinen Kameraden ein Liebesmahl zu geben, bald eine Spielschuld innerhalb vierundzwanzig Stunden zu decken – der Freiherr erwies sich fast immer bei Kasse und gnädiger Laune. Ja, der geldbedürftige Leutnant hatte schon etliche Male eine wirkliche oder vorgespiegelte Schuld zweimal bezahlen lassen, indem er nacheinander beide Papa um dieselbe Sache und denselben Betrag ansprach. Das sollte ihm übel bekommen, denn als seine zwei Väter sich eines Tages trafen und über ihre Kinder sprachen, da trat diese sonderbare Thatsache von selbst ans Licht. »Erlauben Sie, Herr Baron, ich habe meinem Sohne den Silberfuchs gekauft.« »Sie irren sich, ich gab ihm das Geld dafür.« »Nein, ich.« »Sie also auch?« Gruppe der erstaunten Nährvater! Als es bald darauf zum zweitenmale vorkam, daß die beiden Papa sich um die Ehre streiten durften, den Herrn Gardeleutnant von einem Manichäer befreit zu haben, da nahmen sie ihn ins Kreuzverhör, und er gestand nach einigen Ausflüchten lachend ein, daß er sich allerdings die nämliche Schuld von ihnen zweimal hatte bezahlen lassen. »Lieber Papa,« sagte er gutmütig zu dem Urheber seiner Tage und wandte sich hierauf dem Schwiegervater zu, »und Sie gleichfalls lieber Herr Papa, wenn Sie beide doch nur eine Ahnung von dem sträflichen Luxus bei unserem Korps hätten! Ich könnte ein dickes Buch darüber schreiben, aber da ich meinem Ingrimm auf solche Weise nicht Luft machen darf, so muß ich wohl oder übel mit den Wölfen heulen.« »Im Übrigen,« bemerkte der Generalkonsul, »scheint Dir Dein Ingrimm ganz gut zu bekommen.« »Ja, ich danke, Papa.« Immerhin beschlossen die Väter, sich in der Zukunft weniger leicht rühren zu lassen und womöglich, falls die Schuld nicht gar zu schnell gedeckt werden müsse, sich gegenseitig vorher zu verständigen. Damit war Lothar freilich die Möglichkeit einer Anleihe nach zwei Seiten hin genommen, aber schließlich war es ja nur eine Formsache. Mit etwas Phantasie erfand er jederzeit hier wie dort eine glaubwürdige »Verlegenheit«, ganz abgesehen davon, daß es nur selten eines solchen Aufgebotes der Einbildungskraft bedurfte, denn er brauchte und verthat wirklich ein Heidengeld. Papa Generalkonsul, auch wenn er den Erzürnten spielte, lachte im Grunde seines Herzens darüber, denn die Ehre, einen Sohn in einem der feudalsten Regimenter zu haben, konnte er sich schon etwas kosten lassen. Das hebt den Kredit, sagte er sich. Gleichwohl war es ihm unangenehm, daß Lothar auch seinen Schwiegervater ausbeutete. Warum? Das erriet der Leutnant erst bei einem Besuch im neuen Kontor. »Ich begreife Dich wirklich nicht. Papa,« sagte er, indem er einen Griff in die Upman-Kiste that; »mein Schwiegervater kann sich füglich den Luxus erlauben, meine Schulden zu bezahlen, ohne darum bankrott zu werden. Ich erwartete im Gegentheil ein Lob für mein Zartgefühl. Indem ich ihn anpumpe, schone ich Dich, und das kann Dir, nachdem Du der Niederdeutschen den Laufpaß gegeben, nur angenehm sein.« »Ich habe Dir keine Veranlassung geboten,« entgegnete der Generalkonsul empfindlich, »an meinem Kredite zu zweifeln. Meine veränderte Stellung als Geschäftsmann läßt diesen unangetastet, und meine Börse bleibt Dir nach wie vor auf das Liberalste offen. Gerade deshalb aber leide ich es nicht, daß Du den Schwiegervater heimsuchst, während Du es doch bei mir bequemer haben kannst.« Lothar horchte auf. Es kam ihm komisch vor, daß Papa sich um die Ehre stritt, ihm die Schulden zu bezahlen. »Sei nicht zornig,« sagte er einschmeichelnd. »Ich wußte ja nicht, daß Du darin so großartig denkst. Ich will es mir merken. Aber versprich mir, mich auch dann nicht zu schelten, wenn es Dir etwas viel werden sollte.« »Ich will ein Auge zudrücken,« war die Antwort. »Deine Zulage soll erhöht werden. Ich stelle nur die Bedingung, daß Du den Baron nicht wieder um Geld angehst. Mein Stolz leidet darunter.« Lothar gab sein feierliches Versprechen, denn schließlich konnte es ihm gleichgültig sein, wer ihm das Geld vorschoß, wenn er es nur hatte. Aber die Begründung dieser Großmut mit seinem Stolze war verdächtig. Dahinter steckte etwas. Irgend eine Kombination natürlich. Und nach einigem Nachdenken glaubte er die richtige Spur gefunden zu haben. Er erinnerte sich, daß Papa ihm dazumal als Grund, warum er seine Heirat mit Adelheid wünschte, eine hannoversche Geldoperation angegeben hatte, die Freiherr von Berkow durch den Glanz seines Namens erleichtern sollte. Dieses Geschäft war durch seinen Rücktritt von der Direktion verhindert worden. Aber er konnte noch andere Pläne haben, um deretwillen es ihm wünschenswert war, daß auch sein Sohn bei dem Freiherrn in günstigem Licht erscheine. Kurz, Papa wollte das Huhn zur passenden Stunde selber rupfen. Diese Gedanken gingen ihm durch den Kopf, während er seinen Vater, der vorhin im Zorn seine Zigarre weggeworfen, eine neue anzünden sah. Er that dies langsam, methodisch, mit Verstand, indem er zum voraus in dem künftigen Genusse schwelgte und die ersten Züge schweigend einatmete, wie ein Feinschmecker einen guten Wein zuerst mit der Nase prüft. Dann lehnte er sich behaglich in das Sopha zurück, und Lothar wußte, daß Papa jetzt von ihm etwas Heiteres oder Pikantes erwartete, das zu der guten Zigarre paßte. »Ich hoffe,« sagte er, »Du hast doch mit dieser Miß Leona gebrochen?« »Ich kann nicht los von ihr,« entgegnete der Offizier kläglich. »Aber Deine Frau?« »Adelheid verliert nichts dabei. Siehst Du, Papa, diese Zirkusprinzessin ist einfach zwanzigstes Jahrhundert, und das reizt mich.« »Weibliche Zukunftsmusik, meinst Du?« »Ja, solche Frauen lieben nicht, sondern lassen sich lieben, sie sind nicht verliebt, sondern nur geliebt. Früher war man der Ansicht, daß die Liebe durch Gegenliebe bedingt sei. Falsch! Die Liebe ist zur Liebelei geworden, zum flirt . Das ist nämlich eine Art Uebereinkunft zwischen einer Frau und ihrem Verehrer, ein Zustand der Seele und der Nerven, ein schöner und nicht ganz ungefährlicher Weg von der Tugend zum Fehltritt, natürlich mit den gehörigen Stationen, ein Bummelzug der Liebe, der immer sehr spät und oft gar nicht ankommt. Als Fahrgäste kann man keine temperamentvollen Weiber brauchen, sondern nur das kühle, besonnene, verstandesklare weibliche Geschlecht des zwanzigsten Jahrhunderts, das schon jetzt in immer mehr Exemplaren auftaucht, und von denen Miß Leona ein Beispiel ist.« Der Konsul schüttelte den Kopf und schwieg. Das war ihm Alles unverständlich, denn die Frauen hatten in seinem Leben gar keine Rolle gespielt. Er betrachtete sie als ein nothwendiges Uebel, das ein guter Kaufmann in seinen Kombinationen nur wegen der Mitgift oder ihrer Verbindungen zu verwenden und aus seinem weiteren Leben möglichst fernzuhalten hat. Eine Sklavin, ein guter Kamerad, wie seine Frau, mehr verlangte er vom Weibe nicht. Das fehlte noch, daß man in seinen Geschäften durch ein so raffiniertes, eisiges, quälerisches Geschöpf gestört würde! Ein Glück, daß er im zwanzigsten Jahrhundert nicht mehr auf der Welt zu sein brauchte! »Und nun sage mir noch, Papa,« unterbrach Lothar seine Gedanken, »hast Du etwas Geld für mich?« »Wieviel?« »Gejeut gestern Abend ... Pech gehabt ...« »Wieviel?« wiederholte der Konsul. »Zehntausend.« »Junge!« Aber schließlich bekam er die Anweisung doch, deren Betrag er sich in zehn braunen Noten sofort auf der Reichsbank holen lassen konnte. » A propos , wie geht es Adelheid?« »Den Umständen angemessen.« »Arme kleine Frau!« ... Und Vater und Sohn trennten sich mit einem schlechten Witz. XIV. Mit einem Widerwillen gegen ihren Gatten war Wicky von der Hochzeitreise zurückgekehrt. War das eine Fahrt! Sie wollten nach London und zu den schottischen Seen, aber in Paris blieben sie stecken, weil die junge Frau plötzlich erkrankte. Ihre Nerven waren von der Reise angegriffen, ihr Magen wie zugeschnürt, Schlaf und Appetit verschwunden, ihr Geist auf Augenblicke verwirrt. Oft brach sie plötzlich am Fenster zusammen, wenn sie einen Blick auf die wimmelnden Straßen warf, schlief mit offenen Augen ein und phantasierte. Dabei sah sie fahl und leichenhaft aus und magerte ab. Die ganze Welt war ihr gleichgültig und zum Ekel. Der Arzt sprach von wahrscheinlicher Mutterschaft, aber als ihr wieder besser wurde, lachte sie ihn und ihren Gatten aus. »O nur keine Kinder!« rief sie aus. »Alles, nur keine Kinder!« Als sie heimgekehrt waren, wurde sie in diesem Gedanken von ihrer Mutter bestärkt. Das fehlte noch, sich schon das erste Jahr der Ehe verderben zu lassen! Ja, sie selbst war so thöricht gewesen und hatte es bitter genug bereut. Aber Wicky sollte eine Salondame, eine Weltstädterin sein, keine Hausglucke. Und so nahm sie nicht die geringste Rücksicht auf ihr Leiden, ging viel aus, auch wenn sie sich vor Schmerzen kaum halten konnte, machte weite Spazierfahrten, sogar Reitstunden nahm sie. Und wirklich verschwanden nach und nach alle die lästigen Zufälle, sie wurde wieder halbwegs gesund, und nur ein unausrottbarer Ekel vor der unzarten männlichen Begehrlichkeit blieb ihr zurück. Jetzt wollte sie das Leben genießen und alles auskosten. Daß ihr Gemahl ein so eifriger Geschäftsmann, war ihr anfangs verdrießlich, denn sie hatte sich einen Gatten viel unterhaltender vorgestellt. Sie war fast den ganzen Tag auf sich selbst angewiesen. Schon am frühesten Morgen, sobald die abscheuliche Dampfpfeife sie weckte, ging Hans in die Fabrik hinüber; um eins erschien er zum Mittagessen, und vor zwei verschwand er aufs neue, um erst nach sieben Uhr, oft noch viel später, Feierabend zu machen. Ging oder schickte sie im Laufe des Tages einmal hinüber, so war er fast unzugänglich. Man konnte dann, gestützt auf die Weisungen derjenigen, die ihn zuletzt gesehen haben wollten, die ganze Fabrik umsonst nach ihm absuchen. Der boshafte Spinnmeister war der Ansicht, der junge Herr weiche seiner Frau oder deren Abgesandten mit Absicht aus, denn er kenne ihre Wünsche, – Thatsache war, daß sie nach solchen Erfahrungen anfing, sich gleich an die richtige Quelle zu wenden: an den Kassierer Hitschold, der natürlich der Gnädigen nach Möglichkeit entsprach. Zu ihrer größeren Bequemlichkeit ließ sie die Villa mit der Fabrik telephonisch verbinden. Das war von nun an ein fortwährendes Klingeln, Fragen und Befehlen von drüben, so daß der gute Hitschold nur immer vom Pult zum Fernsprecher zu eilen hatte, um Rede und Antwort zu stehen. Hans verbat sich zwar diese Behelligung seiner Angestellten, allein Wicky war nicht zu bekehren. Sie erklärte es für ihr gutes Recht als Fabrikherrin, jederzeit über »ihre« Leute zu verfügen. »Mama hat es in Burtscheid gerade so gemacht,« versicherte sie, und der alte Heller konnte es allerdings bestätigen. Als dann die Jahreswende mit ihren Festen nahte, dachte Wicky unablässig daran, wie sie ihr Haus der Geselligkeit öffnen konnte. Sie hatte einmal in irgend einem Buche gelesen, daß eine Dame von Welt auch ihren »Salon« haben müsse, und so wollte auch sie ihren Salon haben. Ihre Mutter, die leider wegen Hellers Alter und Philisterhaftigkeit auf größere Gesellschaften in ihrem Heim verzichten mußte, unterstützte sie dabei, denn wenn ihre Tochter einen Salon besaß, so hatte sie doch den Mitgenuß. Sie setzten also Hans auseinander, daß er es seiner gesellschaftlichen Stellung, seinem Kredit und seiner jungen Frau schuldig sei, ein großes Haus zu führen. Er wollte zwar die Notwendigkeit nicht recht einsehen, aber als man ihm versprach, daß er dadurch in seinen Geschäften nicht gestört werden sollte, ließ er sie gewähren. »Ganz wie mein Alter!« rief Frau Viktoria schäumend. »O diese Kaufleute!« Die Villa war groß und elegant genug, um den passenden Rahmen für Gastereien abzugeben. Der Schauplatz verursachte also keine besonderen Umstände, was Hans nicht wenig freute. Schwieriger war schon die Beschaffung der Mitwirkenden in diesem Schaustück. Hellers hatten mit Ausnahme eines alten Vetters, der eine Kaffeebrennerei im Osten der Stadt besaß, gar keine Verwandten in Berlin, und diesen einen verleugneten die Damen lieber, obwohl er reich und angesehen war, denn ihm und seinem Gewerbe klebte in ihren Augen etwas Kleinbürgerliches an. Bei ihren gelegentlichen Damenbekanntschaften aus Theater und Konzerten, von der Hochzeit- und Badereise that aber sorgfältige Auswahl not, denn bei näherer Bekanntschaft und Erkundigung erwies sich manche neue Salon-Acquisition als eine zweifelhafte Bereicherung. Aber für den Anfang wollten sie eine Auge zudrücken; später ließ sich leicht eine strengere Auswahl treffen. Mit umso größerem Eifer stürzten sie sich auf den Lenzschen Kreis. Leider erwiesen sich der Generalkonsul und sein Sohn vorderhand als unzugänglich, ihrer leidenden Frauen wegen. Aber dieser alten, hochangesehenen Berliner Kaufmannsfamilie fehlte es nicht an weitverzweigten, vornehmen Verbindungen. Da waren zwei Brüder des Konsuls, reiche Rentiers, zum Ältestenkollegium der Kaufmannschaft gehörig und mit starker Familie gesegnet, doch etwas zurückhaltend im Verkehr. Dann die Verwaltungsräte und höheren Beamten der Niederdeutschen Bank, zum Teil Freunde von Hans. Es gelang auch Wicky, hier ergiebigen Anschluß zu finden, nur mit dem alten Berkow, an dem ihr des Namens halber viel gelegen war, konnte sie keine Fühlung gewinnen. Hoffentlich wurde es nach Adelheids Niederkunft in dieser Beziehung besser. Einen vollständigen Mißerfolg hatte ihr Versuch, mit den Hofkreisen und ihrer Gesellschaft in Verbindung zu kommen. Zwar trat sie mit ihrer Mutter dem Vaterländischen Frauenverein, dem Roten Kreuz, den, Frauengroschenverein u.s.w. bei, wo Ministers- und Generalsfrauen mit einfachen Bürgerlichen und eleganten Börsianerdamen zusammentrafen. Sie überboten die anderen in der Höhe ihrer Liebesgaben für die Vereine und an Geschenken für die Bazare, und liebenswürdig wurde alles entgegengenommen, aber war die Not gelindert und die gemeinsame Arbeit gethan, so gingen die Gruppen auseinander und wieder in ihre Gesellschaftsphäre zurück. So war Wicky also wieder auf ihre leidigen Kaufmannskreise beschränkt. Im neuen Jahre begannen die großen Gesellschaften in der Villa. Dem alten Heller wurde dadurch der Besuch bei seiner Tochter bald verleidet. Vor der Hochzeit hatte er ihr versprechen müssen, sie mit Mama allwöchentlich Abends »auf ein Butterbrot»« zu besuchen. Aber seit einiger Zeit begegnete es ihm öfter, daß er seine Tochter nicht zu Hause traf und mit Hans' Gesellschaft vorlieb nehmen mußte, die er täglich im Geschäft haben konnte. Es blieb ihm also nichts anderes übrig, als sein Erscheinen in Zukunft mindestens zwei Tage vorher anzumelden, wodurch der Besuch schon etwas Förmliches erhielt. Mochte er noch so dringend bitten, keine Umstände zu machen, mit einem »Butterbrod« wollte sie die Eltern nicht abfertigen. Es gab also »noch was hinterher«, und zu diesem größeren Speisezettel wurde auch gleich eine »Gesellschaft« eingeladen, – Leute, gegen die man irgend welche Verpflichtungen hatte, sowie für den unvermeidlichen Skat den dritten und vierten Mann. Während sich Mama Heller mit Vergnügen in die veränderte Sachlage schickte, sah sich ihr Gatte, der nur mit seinen Kindern gemütlich bei einer Tasse Thee plaudern wollte, schmerzlich in seinen Erwartungen getäuscht. So fand er sich eines kalten Winterabends mit seiner Frau laut Anmeldung Punkt acht Uhr in der Villa ein. Feierlicher Empfang im glanzvoll erleuchteten Entree durch das Dienstmädchen, das im besonderen Wichs prangte. Während Frau Viktoria noch vor dem venezianischen Spiegel im Entree ihr Haar ordnete, wollte ihr Gemahl ohne Umstände in das Wohnzimmer hasten, um seiner Wicky einen Kuß auf beide Wangen zu geben ... »Bitte, hier!« sagte die Zofe mit vielverheißendem Lächeln und öffnete die Thüre zum Salon. Die Tochter in glanzvollem weißen Gesellschaftanzug und mit all ihren Brillanten geschmückt empfing ihn. »Du hast wohl große Gesellschaft heute?« fragte er und sah ängstlich auf seinen Rock nieder. »Und ich komme in meinem Straßenkostüm!« »Ach nein, Papa, wir sind ganz en petit comité .« » En petit comité ?« wiederholte er und ahnte Unheil. »Nur wenige Bekannte,« fuhr Wicky fort und sagte einige Namen herunter. Direktor Münzer mit Frau vom Börsenverein, Disponent Rösicke von der Niederdeutschen mit Töchtern, der junge Heilbut, von Pasemanns, – »Gott, immer die ewigen Geschäftsleute!« fügte sie seufzend hinzu, nicht einmal durch das »von« des beliebten Fabrikbesitzers getröstet. »Und Mehlmeyer!« »Meine bête noire !« rief Heller schmerzvoll, »ein schnodderiger Börsianer, der mir mit seinem ewigen Absprechen und seinen Bosheiten ein Greuel ist und allen Appetit nimmt.« »Beherrsche Dich,« versetzte seine Frau, ganz Oberlehrerstochter. »Das gesellschaftliche Leben ist nun einmal auf gegenseitige Rücksichten gegründet. Ich bin nur froh,« fügte sie mit einem Blick auf ihre Toilette bei, »daß ich mein neues Seidenkleid, das ich Dir zeigen wollte, zufällig anhabe.« »Prächtig!« rief Wicky, »Du wirst damit Ehre einlegen. Die Leblanc, meine neue Gesellschafterin, wird Dich gleich ein wenig frisiren.« Und während die vergnügungssüchtige Kommerzienrätin ins Boudoir ihrer Tochter eilte, um sich den Frisirmantel umzuwerfen, machte Heller seinem Kinde Vorwürfe. Er hatte wirklich gute Lust heimzugehen. Wicky, dem an diesem Gast offenbar nicht viel gelegen war, schwieg sich aus, aber Hans, der eben aus der Fabrik herüberkam, ließ es nicht zu. »Trösten Sie sich mit mir, Papa,« sagte er beschwichtigend. »Auch mir ist diese Gesellschaft, von der ich ebenso wenig eine Ahnung hatte, recht fatal, aber was soll man thun? Wicky will eine Zerstreuung. Sie klagt ohnehin und nicht ganz mit Unrecht, daß sie nichts vom Leben habe. So machen wir denn also gute Miene zum bösen Spiel.« Er nahm den Schwiegerpapa auf sein Zimmer mit, wo sie beide ihre Toilette vervollständigten. Hans zog einen schwarzen Salonrock an und gab seinem Schwiegervater eine weiße Halsbinde. Dann ordneten sie ihr Haar und parfümierten sich. »Wicky behauptet sonst, wir riechen nach Maschinenöl.« »Und für welche Zeit lauten Eure Einladungen?« fragte Papa Heller, als sie wieder im Salon waren. »Auf acht Uhr!« entgegnete die Tochter. »Gott sei Dank, mein Magen hielte es nicht länger aus!« rief der Alte und warf einen Blick nach der Pariser Pendule, dann einen erstaunteren zweiten auf seine goldene Taschenuhr. »Es ist ja schon halb Neun.« »O vor halb Zehn wird schwerlich jemand kommen,« bemerkte Wicky. »Es wäre höchst unfein, wenn sie pünktlich um acht Uhr erschienen. »Schrecklich!« seufzte Heller und ließ sich von seinem Schwiegersohn in die Küche führen, wo er sich einige belegte Brödchen geben ließ, indessen Frau Viktoria und Tochter vor dem großen Spiegel ihre Verbeugungen und lächelnden Mienen einstudierten. Das Außerordentliche geschah aber doch, denn nachdem sich Vater, Mutter, Tochter und Schwiegersohn mit Warten nervös gemacht, erschien bald nach neun Uhr schon der erste Gast, der ganz besonders freundlich empfangen wurde. Es war der Disponent Rösicke mit Frau und arg heiratsfähigen Töchtern, protzenhaft aufgeblasen und ungebildet, aber als Anhänger des Generalkonsuls hier gerne gelitten. Sie fühlten sich höchst unglücklich, weil sie die Ersten waren, denn Hellers gehörten zur Familie und zählten nicht. Leider ließen die nächsten Ankömmlinge noch fast ein halbe Stunde auf sich warten, und diese peinliche Erwartung war kaum geeignet, die Stimmung zu erheitern und eine angenehme Unterhaltung in Fluß zu bringen. In seiner Verzweiflung zog Herr Rösicke den Abendkurszettel aus der Tasche und debattierte darüber lang und heftig mit Heller und Hans, die wenig von der Sache verstanden. Endlich erschienen die Gäste, aber die Erstgekommenen ärgerten sich, daß sie so lange hatten warten müssen, und die Letzterschienenen fühlten sich durch die nicht mißzuverstehenden Blicke gekränkt, womit sie für ihre Rücksichtlosigkeit gestraft werden sollten. »Das kann ja ein recht angenehmer Abend werden!« flüsterte Heller seinem Schwiegersohne zu. Die Flügelthüren gingen auf, und paarweise strömte man endlich in das elektrisch erleuchtete Speisezimmer. Hier war alles in stimmungsvoller Renaissance, solid, ernst, anheimelnd. Stillleben an den Wänden weckten und reizten den Appetit. Der silberne Aufsatz, das bunte alte Meißener Porzellan und viele Blumen erfreuten das Auge. Dazu die vortreffliche Küche eines Hoftraiteurs, der auch die zwei weißbehandschuhten Livreediener geliefert. So wurde alles vergnügter. Doch die Hausfrau hatte eine besondere Überraschung für ihre Gäste, und gleich nach dem Zwischengerichte, als eben der »Bratenbarde« Mehlmeyer sich zum Toast vorzubereiten begann, sagte sie zu ihrem linken Nachbarn, Herrn Fabrikbesitzer von Pasemann, laut genug, um vom ganzen Tische gehört zu werden: »Nun kommt etwas Exotisches, Herr Baron – etwas, das Sie gewiß noch nie gegessen haben.« Allgemeine Sensation und durcheinander schwirrende Stimmen: »Ah! – Etwa indische Vogelnester? – Antilopenfilets? – Rhinuzerosschinken?« »Zu anspruchsvoll, meine Herrschaften!« rief Wicky lachend und warf dabei kokett ihr hübsches Köpfchen zurück. »Nichts von alledem, aber doch etwas sehr Seltenes.« Große Spannung, die sich beim Eintritt der Lohndiener noch steigerte. Eine ovale Silberplatte wurde auf den Tisch gestellt, und man sah sechs malerisch gespickte braune Hühnerleichen, die ihre Köpfe und gekrümmten Schnäbel unter die Flügel bogen. Ein allgemeines »Ah!« empfing das seltene Gericht, und alsbald ging wieder das Raten los: »Schnepfen! – Haselhühner! – Wachteln! – Wilde Tauben! – Exotische Krammetsvögel!« rief man wirr durcheinander. »Nein, meine Herrschaften,« sagte Wicky triumphierend, »es sind Steppenhühner!« »Steppenhühner!« wiederholte die Tafelrunde im Tone respektvollen Erstaunens. Und dann machten sich alle mit Messern und Gabeln über den seltenen Leckerbissen her. Eine Weile hörte man nur das Knacken der Knochen und Aufstoßen der Messer auf den Tellern, dann ein Schmatzen, Einschenken, Räuspern. Man hielt im Essen ein, trank einen Schluck Kabinetswein, spielte mit dem zweiten Bissen, bevor man ihn zum Munde führte, legte ihn wieder hin und wechselte verstohlene Blicke mit den Nachbarn. Plötzlich fiel das erlösende Wort: »Pfui Teufel!« Der fürchterliche Mehlmeyer hatte den Mut gehabt, es auszusprechen, was alle dachten. Wicky warf ihm einen zürnenden Blick zu, aber es half nichts mehr. Schon stimmte ihr Papa in das entrüstete Pfui ein, und ihr Mann erklärte zur allgemeinen Genugthuung, das zähe, blaugraue Fleisch sei weder zu schneiden noch zu beißen. Schließlich stimmten auch Frau Viktoria und die übrigen Damen ein. Und nun regnete es billige Witze. Man nannte das Gericht tatarisch, kalmückisch, das echte russische Juchten, gar nicht so weit her, ein ganz unkultiviertes Federvieh, für das die gute Sauce und die schönen Semmel- und Kartoffelkroutons viel zu schade seien. Wicky mußte sich in ihre Niederlage finden, und als der Bratenbarde sich erhob und in ebenso launigen als wohlwollenden Wendungen den Durchfall der Steppenhühner feierte, welche glorreich bestimmt waren, Lachs, Pute und Rehbraten, diese unabänderlichen Berliner Gerichte, zu verdrängen, da lachte auch die Hausfrau herzlich mit. Dann klangen die Gläser zusammen, und das »aparte« Gericht verschwand von der Tafel, um einer Apfelsinentorte Platz zu machen. Noch halb hungrig erhob sich Heller von seinem Sitz. Er gab gerne zu, daß der Zettel mit Raffinement entworfen war, daß die Speisen aus einem vornehmen Kochgeschäft kamen, aber sie waren fabrikmäßig, ohne Liebe hergestellt und hinterließen nur einen Reiz, keine Befriedigung. Und nun gar die entsetzlichen Steppenhühner! ... »O mein häusliches Rindfleisch!« sagte er leise zu Hans, der ihm verständnisinnig die Hand schüttelte. XV. Ein frischer Frühlingswind fegte den Spreekanal entlang über die Akazien und Weidenbäume am Ufer, und bis zu den dicht gedrängten Föhren der Jungfernheide trug er die vollen Klänge eines vielstimmigen Männergesangs, der vor den geschlossenen Thüren und Fensterläden der Villa erbrauste. Und die dunkelgrünen Waldgesellen schüttelten ob der ungewohnten Morgenstörung raschelnd die stacheligen Wipfel, denn sie waren an ein anderes Frühkonzert gewöhnt, an Lerchentriller und Storchgeklapper, an das Krächzen der Raben und Unkenrufe und Froschgequak. Also wozu der civilisierte Lärm? ... Auch die hübsche junge Frau, die in der Villa noch in ihrem breiten Himmelbette ruhte, war in unwirscher Stimmung. Einen so aus dem schönsten Schlummer zu wecken, nachdem man ohnehin so wenig geschlafen, denn die gestrige Gesellschaft, ihr »Salon«, hatte lange gedauert, weil man sich am morgigen Sonntag ja nach Herzenslust ausschlafen konnte. Und nun dieser laute Weckruf von rauhen Stimmen, als wären sie noch von Baumwollstaub bedeckt oder schon von eklem Branntwein gereizt! O sie kannte die Sänger, die den Geburtstag ihres Gatten feierten, gar wohl, denn am Morgen nach ihrer Heimkehr von der Hochzeitreise hatten sie auch losgelegt, und schon damals würde sie ihnen am liebsten sofortiges Schweigen geboten haben, wenn nicht ihr Mann sie abgehalten hätte, der seine Arbeiter zu beleidigen fürchtete. Lächerlich, dies dickfellige, wüste Volk, dem es nur um ein Geldgeschenk und Freibier zu thun ist! Aber einen dankbaren Hörer hatten die Sänger, die da im besten Sonntagsanzug versammelt waren, heute doch. Hans vernahm die ersten Töne noch in seine Träume hinein, erst leise ringend, dann anschwellend und voll dahin brausend wie Freiheitgesang, die wohlbekannte Weise, die er aus seinem süß schmerzlichen Empfinden gewoben und so oft im Herzensdrang aus den Saiten seiner Geige gelockt, wenn er verzagen wollte. Eine Thräne und noch eine rollten ihm über die Wangen, als es nun, von den vollen, starken Menschenstimmen gesungen, wie eine fröhliche Verheißung an sein Ohr schlug. Ja, er mußte dem guten Fabian Recht geben, daß die ungestüme Melodie aus seiner Sonate gehoben werden und ein neues Leben als Lied führen könnte. Noch wankend im Halbschlafe, tastete er sich in seinen Schlafrock und ans Fenster des Nebenzimmers und stieß den Laden auf. Ein kalter, würziger Hauch drang zugleich mit dem Lied herein, und er erkannte sie alle vom Sängerbunde der Fabrik, den lustigen Tiroler, der den Tenor schmetterte, als gelte es einen Juchzer auf heimatlicher Alm, den Saalaufseher Kindermann, die Spinner Patow und Mila mit seinem Hugo, den Hausknecht Lux, den würdigen zweiten Baß Herrn Hinnen-Lotz, der es in seiner leidenschaftlichen Sangeslust gar nicht verschmähte, in Reih und Glied mit seinen Arbeitern zu stehen. Er sah den taktschlagenden Fabian, der das Lied ohne Zweifel vierstimmig gesetzt hatte, und vernahm nun auch die untergelegten Worte, gar gutgemeinte Verse, angemessen und brav und doch mit einem Schillerschen Schwung, ganz gewiß ebenfalls von dem Allerweltkünstler gedichtet. Horch! horch! »Wer da Beil und Hammer schwingt, Wer am Spinnstuhl schaffen kann, Wer dem Boden Erz entringt, Stimm' den Preis der Arbeit an! Menschenkraft Wunder schafft! Höhlt die Erde, bannt die Fluten, Weicht nicht vor dem Ozean, Macht Natur, das ganze Weltall, Raum und Zeit sich unterthan!« Und als der Gesang schwieg, sah Hans durch seine Thränen das Schimmern eines hellen Gewandes. Unbeweglich, wie verklärt stand sie unten abseits, die liebe Kleine, in dem blassen, welken Gesichtchen einen rätselhaft weltverlorenen Zug. Aber ein lauter Aufschrei störte ihn aus seinem Sinnen. Er stürzte ins Nebenzimmer. Seine Frau lag in Krämpfen. »Schicke die Männer fort! O dieses Gebrüll! Entsetzlich!« Es blieb ihm nichts übrig, als den Sängern, die eben zum zweiten Lied ausholten, einige Worte des Dankes herunterzurufen und sich das Ständchen für später zu bestellen: »Meine Frau ist leidend ... heute Mittag die Fortsetzung im Fabrikhof, wenn ich bitten darf ... Dank, vielen Dank!« Leise und rücksichtvoll entfernten sie sich, die meisten mit einem mitleidigen Bedauern für die kranke junge Frau. Nur Herr Hinnen-Lotz, der an die hysterischen Launen seiner Seligen dachte, ballte die Faust. Gerade jetzt war er so gut bei Stimme! Hatte er erst seinen Frühschoppen genehmigt und sich einige Glimmstengel gegönnt, so klang sein »tiefes Doch« erfahrungsgemäß wie ein gesprungener Kochtopf. Gleichwohl nahmen die Sänger um die Mittagstunde mit ungeschwächtem Eifer ihr unterbrochenes Ständchen wieder auf, und Hans, der ihnen aufmerksam zuhörte, erbat sich zuletzt sein Lied noch einmal. »Was Sie nicht alles können, Fabian!« sagte er nachher zum Kapellmeister. »Wie wirksam haben Sie das komponiert und in Worte gefaßt!« »Ich lasse bloß Ihnen nachsingen,« unterbrach ihn der Arbeiter bescheiden. »Die Worte aber kamen von selbst, die liegen schon in den Tönen, ich holte sie nur heraus.« »Und famos marschieren kann man danach,« meinte der Spinnmeister. »Das packt einen wie die Marseillaise.« Ein heiteres Mahl vereinigte gegen Abend sämtliche Arbeiter und Arbeiterinnen bei Weißbier und Bayrisch unter dem Vordache des Baumwollmagazins. Herr Hinnen-Lotz hatte den Vorsitz übernommen, und Hans als Gastgeber saß zu seiner Rechten. War es nun das gestrenge Präsidium oder die Anwesenheit des allverehrten Chefs, bei aller ungezwungenen Fröhlichkeit herrschte ein guter Ton, daß man sich kaum unter ungebildeten Arbeitern vermutet hätte. Reden zur Feier des Geburtstagskindes und sämtlicher Vorgesetzten stiegen der Reihe nach, Chorgesänge und Einzelvorträge wurden zum Besten gegeben, und als zuletzt ein invalider Leierkastenmann aufspielte, da drehten sich die wackeren Spinner mit den hübschen Hasplerinnen im Reigen, und sogar die behäbige Frau Mila tanzte am Arm ihres Alten mit Hugo und seiner Lene um die Wette. Nur Kassierer Hitschold blieb ernst und schweigsam. »Er hat ein Anliegen,« erklärte der Spinnmeister dem verwunderten Chef, der alle fröhlich sehen wollte. »Es ist wegen der Fuhre.« Hans' Miene verdüsterte sich, denn das war ein wunder Punkt in der Spinnerei und machte ihm viel Sorgen. Während sonst alles seinen geregelten Gang hatte und die schweren Garn- und Baumwollladungen ein Beweis für die Blüte des Geschäftes waren, lag das Fuhrwesen im Argen. Man hatte mit einem Charlottenburger Rollkutscher einen Vertrag abgeschlossen, doch für die Wagen, welche die Garnladungen zur Stadt bringen und auf dem Rückwege Baumwolle aufladen sollten, stellte sich die Bespannung immer unpünktlich ein, oft zu spät, oft gar nicht. Auch die Kutscher kamen hier und da betrunken zurück, und einer hatte sogar auf dem Heimwege einen Probeballen verloren, der nur mit dem ganzen Aufgebote der Polizei wieder herbeizuschaffen war. Das konnte so nicht länger fortgehen. »Heraus mit der Sprache, Herr Hitschold,« ermunterte Hans den Kassierer, der sich ein Herz faßte und stotternd begann: »Da Sie einen neuen Rollkutscher suchen, so möchte ich Ihnen den Vorschlag machen, das Fuhrwesen, das die Fabrik ja doch nicht selbst übernehmen will, an mich zu vergeben.« Hans sah den unverbesserlichen Pferdefreund groß an und lachte. »Seit wann haben Sie denn einen Marstall, Herr Hitschold?« »Ich würde je nach Bedarf zwei bis vier oder mehr Pferde anschaffen. Ein heller, trockener, warmer Stall in der Nahe wäre schon gefunden. Schöner nützt nichts.« »Wie? Dafür haben Sie bereits gesorgt?« »Und auch zwei Fuhrleute, garantiert ordentliche Burschen, sind jeden Augenblick bereit, in meinen Dienst zu treten.« »Das ist ja recht schön, aber wo bleibt dann die Buchhalterei?« »Die soll gewiß nicht darunter leiden,« versicherte Hitschold. Hans überlegte eine Weile und fand sich bereit, es probeweise mit ihm zu versuchen. Den Schweizer erfaßte darob ein wahrer Freudentaumel. Endlich der einzige Wunsch seines Lebens erfüllt; er sollte Rosse haben! Zur Feier dieses bedeutsamen Ereignisses wagte er sogar mit der dicken Frau Fabian einen etwas kühnen und ungehobelten Hopser und war jetzt unter den Fröhlichen fast der Fröhlichste. Schon am anderen Morgen mietete er auf einem Zimmerplatze gegenüber dem Fabrikthor einen Stall, vier Mecklenburger Zugpferde wurden gekauft und auch ein Fuhrmann und ein Stalljunge in Dienst genommen. Und wirklich litten Soll und Haben, Hauptbuch und Kasse unter der Zersplitterung seiner Thätigkeit nicht, und Ab- und Zufuhr wurden mit gleicher Pünktlichkeit besorgt, wie die Handlungsbücher. Doch fehlte es ihm nicht an Verdruß, und besonders beim Pferdehandel mußte er auf seiner Hut sein, denn die Berliner Roßtäuscher waren durchtriebene Schelme, die auch seinem scharfen Kennerauge viel zu schaffen gaben. Manches Pferd, das beim Ankaufe tadellos schien, erwies sich im Gebrauche fehlerhaft oder für den anstrengenden Dienst nicht stark genug. Am liebsten kaufte oder verkaufte er auf dem Charlottenburger oder Weißenseer Pferdemarkt, doch konnte man da leicht übers Ohr gehauen werden. Es wimmelte von sogenannten Wanderpferden, jenen billigen Stammgästen aller Viehmärkte, die von Roßtäuschern überall im Lande zusammengeschachert werden und immer wieder umgetauscht und verkauft von Hand zu Hand gehen: Kehlkopf- und Lungenpfeifern, Dummkollerigen, Strangschlägern und ähnlichen tugendhaften Gäulen, die weiter keine andere Aufgabe haben, als die Käufer zu betrügen. Auch mit den »Russen«, den schwarzen galizischen Doppelponies mit langen Schweifen und Mähnen, war es ein gefährlich Ding, und sie bereicherten Hitscholds »Pferdeverstand« mit trüben Erfahrungen. Vor Pferdeprozessen und ihren zahllosen Quängeleien, widersprüchevollen tierärztlichen Gutachten und verduftenden Händlern, die sich meist als bloße Kompagnons, d. h. mittellose Handlanger entpuppten, bekam er bald eine unüberwindliche Abneigung. Einmal ließ er einen zu wenig zugfesten Ardenner dem Auktionator zuführen, aber der steckte mit seinem Publikum von Pferdehändlern unter einer Decke, um einen möglichst niederen Kaufpreis zu erzielen. Als ein höheres Gebot gethan wurde, fuhr der Mann des Hammers den Bieter an: er müsse angeben, ob er Mark oder Pfennige meine, was versäumt worden sei. Unmittelbar nach dieser Erklärung wurde dem Vorbieter der Zuschlag erteilt. Natürlich wäre eine solche Unregelmäßigkeit in Hitscholds Gegenwart nicht vorgekommen; aber er hatte bloß seinen Kutscher schicken können, und den hatten die Lumpen vor der Auktion beredet, mit ihnen eine Weiße zu trinken. Als er dann ins Auktionslokal zurückkehrte, hörte er zu seinem Schrecken, daß das Pferd bereits um einen Schandpreis losgeschlagen war. Hinterher veranstaltete der Auktionator im Kreise der »Krapusche«, der Spießgesellen, eine zweite Versteigerung, wobei das Pferd eine wesentlich höhere Kaufsumme erzielte. Der Käufer aber verteilte den Überschuß unter die Kollegen, und jeder erhielt zwanzig Mark. Natürlich wurde Hitschold klagbar, aber wenn es auch zu Tage trat, daß er einem Ringe von Pferdetäuschern zum Opfer gefallen, so mußte der Auktionator doch wegen mangelnder Beweise freigesprochen werden. So hatte der Buchhalter zum Schaden noch den Spott. »Herr Hitschold,« sagte Hans eines Tages zu ihm, »der Schimmel ist zu schwach und alt für unsere schweren Fuhren. Sie müssen ihm einen Nachfolger geben.« »Ich habe schon daran gedacht,« erwiderte der Fuhrherr, den es verdroß, wenn man ihm in seine Angelegenheiten hineinsprach, die er besser verstand, »Heute wird mein Matz abgeholt, denn er ist schon verkauft, und morgen kommt sein Ersatz, welchen ich bei Guggenheimer bestellte, der ein famoser Pferdemakler ist. Es soll diesmal ein Rappe sein, denn viele sagen, sie seien stärker und ausdauernder als die Schimmel.« In der That holte gegen Abend ein Stallknecht den alten Matz ab, dem Hitschold noch einmal freundlich den Hals streichelte, denn er trennte sich ungern von seinen Pferden. Schon am folgenden Morgen kutschierte der kleine Guggenheimer mit buntem Halstuch und langen Stiefeln seinen kohlschwarzen Rappen in den Hof. Es wurde gerade zu Mittag geläutet, und so konnte die ganze Spinnerei das schöne Tier bewundern. Hitschold aber kaufte nicht die Katze im Sack, sondern unterzog das Pferd einer gründlichen Musterung. Er betastete es von allen Seiten und sah ihm ins Maul. »Hat der Klepper aber 'mal blitzblanke Zähne!« rief Hinnen-Lotz, der neben dem Käufer stand. »Und diese tiefschwarzen Wimpern! Und der weiße Schaum an den Nüstern!« »Ebend ein ganz junger Däne,« versicherte der Pferdehändler und schnalzte fröhlich mit der Peitsche. »Er hatte bisher keine rechte Pflege. Bei Ihnen wird er erst ein Pferd.« Der Däne war wirklich stark und solide gebaut, trug den Kopf hoch und machte Sprünge, – kurz ein feuriger Kerl. Nach einer kleinen Probefahrt, die mit Peitsche und Geschrei fast nur zu gut gelang, so wild gemacht war das Pferd, sprang Guggenheimer vom Bock, klopfte sich die Hosen und führte Hitschold vertraulich abseits, als schämte er sich, den Spottpreis laut werden zu lassen. Endlich wurde der Handschlag gegeben, das Geld schmunzelnd eingestrichen und mit dem biederen Segenswunsche, daß ihm Gott viel Glück mit dem Pferde schenken möge, verschwand der Händler. Der Schweizer aber ergriff das Kapitalpferd am Zügel und führte es mit Vaterstolz über die Straße in den Stall, wo er ihm gleich das beste Futter in die Krippe schüttete. Die Hände reibend über den günstigen Kauf, ging er mit Hinnen zum Mittagessen und dann an sein Pult zurück, und sobald es Feierabend schlug, eilte er wieder in den Stall, um nach seinem Rappen zu sehen. »Die alte Kracke von Pferd!« sagte der Pferdejunge. »Sein Feuer hat nachgelassen, wie die Wärme einer Milchsuppe, wenn sie aufs Eis gestellt wird.« »Überanstrengung,« entgegnete der Buchhalter. »Laß es ordentlich ausschlafen, und morgen hat's wieder den Teufel im Leib.« Aber als Hitschold noch vor dem Morgenpiff aus dem Bette sprang, um geschwind im Stalle nach dem Rechten zu sehen, kamen ihm der Fuhrmann und der Junge ganz betrübt entgegen: »Der Rappe ist nun fast so zahm wie der Schimmel.« Hitschold eilte zu ihm und fand ihn wirklich noch träg am Boden liegen. Er gab ihm einen Tritt, und nun sprang er allerdings stracks auf die Beine, schüttelte sich und wedelte zutraulich mit dem Schweife, »Schämst Dich nicht, Siebenschläfer?« schalt er ihn aus. »Wart' nur, wir werden Dich munter machen. In die Schwemme mit ihm!« Der Bursche band das Pferd los, schwang sich auf den glänzenden Rücken, der wie von Ebenholz war, und mit Faustschlag und Fersentritt ging es lustig zur Spree hinunter. Hitschold aber eilte ärgerlich ins Kontor hinüber, wo er mit Schreibtafel und Kreide den gewohnten Kassensturz vornahm. Aber kaum war er damit fertig, so lockte ihn ein bekanntes Getrappel ans Fenster. »Hätt' ich ihn nicht verkauft, ich würde darauf wetten, daß es der arme Matz ist,« sagte er aufhorchend zum Lehrling, der die Kopiermaschine ölte. Aber nein, da ritt ja der Stallbursche auf einem Pferd in den Hof, das gewiß der alte Schimmel nicht war. Doch auch nicht der neue Rappe! Hitschold steckte die Feder hinters Ohr und rief zum Fenster hinaus dem Burschen zu: »Wen bringst Du da?« »Den Rappen!« »Unsinn!« »Gerade aus der Schwemme!« Kaum traute der Buchhalter seinen Augen, denn am Bauche des Pferdes zeigten sich lange weiße Streifen, und auch die drei Hausknechte, die das Wunder mit ansahen, waren sehr erstaunt darüber. »Jetzt fällt der Kienruß ab. womit es der Spitzbube gefärbt hat,« bemerkte Hitschold ärgerlich. »Diese Pferdehändler wissen rein nicht mehr, was sie alles erfinden sollen!« Und weit zum Fenster hinaus gelehnt, rief er dem Jungen zu: »Noch einmal ins Bad und dann wiederkommen!« Nun ging er aber nicht mehr vom Fenster weg, so gespannt war er auf das gewaschene Pferd, und als es endlich noch triefend aus dem Wasser kam, bedeckten die weißen Streifen schon den halben Körper. »Herr Buchhalter,« rief Janko, »jetzt sehe ich ein, daß es gar kein Pferd ist.« »Was denn?« »Ein Zebra!« Die Hausknechte brachen in ein dröhnendes Gelächter aus, in das Hitschold wider Willen einstimmte. »Noch einmal in die Schwemme!« rief er mit Galgenhumor, und das Zebra wurde zum drittenmal abgeführt. Nun aber warf der Aufgeregte seine Feder hin und stürmte selbst in den Hof hinaus, um den Rappen, wer weiß in welchem Zustand, zu begrüßen. Und bald darauf trappelte es wieder in den Thorweg, und weiß und blank wie die schaumentstiegene Venus kam das Pferd aus dem Wasser. »Gott soll mich bewahren,« fugte Zobel, »das ist ja Ihr alter Schimmel!« »Das werden wir gleich sehen!« gab Hitschold zur Antwort und rief mit seiner zärtlichsten Stimme: »Matz!« und richtig, das Pferd wandte seinem alten Herrn den Kopf zu, und sie umarmten sich. Ein Gelächter erscholl, wie es hier noch nie gehört worden war, und nicht nur aus dem Hofe von den Hausknechten und dem Stalljungen kam es her, sondern von allen Seiten. Vom Fabrikgebäude, an dessen Fenstern die der Maschine entsprungenen Arbeiter Kopf an Kopf standen, vom Haspelsaale, wo die Mädchen und Frauen kicherten und schrien vor Freude, vom Kontor, wo der Lehrling sich über das Mißgeschick seines Bureauchefs den Bauch hielt, von der Rollbahn, an deren Ende hoch oben das rote Gesicht von Hinnen-Lotz erschien, der den armen Landsmann höhnisch maß, aus einer Droschke heraus, worin der Kommerzienrat eben vorfuhr, und durch den offenen Thorweg, wo die Leute auf der Straße stille standen, und sie alle schüttelten sich vor Lachen über das Zebra, aus dem zuletzt ein alter Schimmel geworden. Und das Gelächter prasselte auf in breiten Rachenlauten und hohen Fisteltönen und pflanzte sich fort von Saal zu Saal und alle Stockwerke des Riesengebäudes empor und mischte sich in das Stampfen der Maschinen, das Schwirren der Spulen und Riemen und das Fauchen des Dampfes, und einen Augenblick schien es, als wäre die Fröhlichkeit in das freudlose Haus der Arbeit eingezogen und wollte mit ihrem lustigen Schellengeklingel den Lärm der Maschinen und die Mühe des schweren Tagewerks für immer vertreiben. Aber mit Eins verschwanden alle die fröhlichen Gesichter von Fenstern und Thüren, und ernst und traurig stand wieder das große Arbeithaus da, nur noch durchbraust von dampfbeflügelten Rädern und Spindeln und bewohnt von im Schweiß ihres Angesichtes sich abmühenden armen Menschen. Auch Hitschold wurde wieder an seine Pflicht gemahnt, und während die Hausknechte sich mit Berserkerwut auf einen Baumwollenballen stürzten, als wäre es ihr persönlicher Feind, und ihn mit ihren Eisenhaken über den Hof zerrten und schoben, wandte sich Hitschold zum letzten Mal an sein wiedergefundenes Pferd. »Marsch in den Stall, mein alter Schimmel!« sagte er und gab ihm einen Klaps mit der Hand, scherzhaft und freundlich, wie man einem guten Gesellen den Abschied gibt. Und siehe da! es wieherte fröhlich, als ob es seine Einladung zu einem kleinen Haferfrühstück verstanden hätte, und trabte vergnügt und ohne nach dem Wege fragen zu müssen, über die Straße und in den Stall an die Krippe des alten verkauften Schimmels. »O die Gauner!« rief Hitschold, indem er wieder an sein Pult zurückkehrte. »Sie haben mit Glanzfarbe aus dem Schimmel einen Rappen fabriziert, ihm den Schweif gestutzt, die Zähne sauber gefeilt, die Augenwimpern gefärbt, mit Quecksilber im Futter seinen Speichelfluß befördert und ihn mit einer Flasche Wein jung und feurig gemacht. Nächstens machen sie noch aus einem Pferd gar einen Menschen!« Man lachte in Moabit und Charlottenburg noch lange über das Zebra des Herrn Hitschold. XVI. Der erste Winter des jungen Lenz'schen Ehestandes ging in froher Geselligkeit vorüber. Theeabende und Bälle in und außer dem Hause folgten sich, so daß Wicky schon recht unglücklich war, wenn sie einmal abends allein mit ihrem Gatten in ihren vier Mauern bleiben mußte. Als dann die Einladungen gegen den Frühling zu immer spärlicher wurden, litt es sie gar nicht mehr zu Hause. Sie hatte ja längst eingesehen, daß mit Hans, dem verknöcherten Geschäftsmanne, der so widerwillig ihren »Gesellschaften« beiwohnte, nichts anzufangen war. Also ließ sie ihn in seiner Spinnerei versauern und richtete sich ihr Leben nach ihrem Geschmack ein. Sehr spät stand sie auf, dann kam der Friseur, hierauf Toilette, gemeinsames Mittagmahl. Gewöhnlich erklärte sie aber noch vor dem Kaffee, daß sie einen wichtigen Gang in die Stadt habe. Bei dem Worte »wichtig« pflegte Hans zu lächeln, denn es drehte sich natürlich um Putz und Tand, aber er ließ die ewig Ruhelose gewähren. Die Dame des Hauses kommandierte indes ihr: Anspannen lassen! oder falls sie es eilig hatte und »ungeniert« sein wollte, hüpfte sie in die drüben auf der Chaussee vorübergleitende Pferdebahn, und fort in die Stadt! Dort hatte sie meist in irgend einem Laden ein Zusammentreffen mit ihrer Mutter, die von ihrem Gatten ja auch viel allein gelassen wurde, und so trösteten sich die beiden »Strohwitwen«, wie sie sich scherzhaft nannten, indem sie alle Verkaufs- und zumal Modeläden heimsuchten, viel Unnötiges erhandelten und die üblichen Stationen in der Damenkonditorei von Buchholz machten, wo es sich bei Chokolade, Eis und Baisers so gemütlich mit anderen Damen klatschen ließ. Des Abends besuchten sie zusammen ein Konzert oder Theater. Papa Heller kannte seine Frau überhaupt kaum mehr, so sehr hatte sie in Berlin ihr Wesen verändert. Im stillen, kleinen Burtscheid einst in ihrer Wohnung so glücklich, lebte sie jetzt nur noch auf, wenn sie außerhalb ihrer Häuslichkeit war. Der Lärm der Großstadt hatte erst wie betäubend auf sie gewirkt, aber sie gewöhnte sich schnell daran, und bald war ihr das Wogen und Treiben auf den Straßen und in den Läden so notwendig, wie die Luft. Mit ihrem Weltstadtfieber hatte sie ihre Tochter angesteckt, und sie beide empfanden es nunmehr fast als eine Beleidigung, wenn man sie an ihre Herkunft aus der Provinz erinnerte. Sie wollten echte Berlinerinnen sein und thaten ihr Möglichstes, um es zu scheinen. Man sah sie in allen ersten Theatervorstellungen, in sensationellen Konzerten, auf Bilderausstellungen, immer hochelegant gekleidet, aber die Alte zu jugendlich und die Junge zu auffallend, und beide stark geschminkt, obwohl es Wicky gar nicht nötig hatte. Sie machten auch noch eine andere Mode mit. Mama Hellers Haare waren stark ergraut, sie puderte sie aber ganz schneeweiß, um einer vornehmen Douairière des Faubourg Saint Germain ähnlich zu sehen. Wicky ihrerseits färbte sich ihr kastanienbraunes Haar blond, dem Einspruch ihres Gatten zum Trotz, aber es war jenes unwahrscheinliche Strohgelb, das man auf den ersten Blick als falsch erkennt. Bald wurden die beiden Damen vom »Ganz-Berlin« wohlbekannte Erscheinungen. Wer ihren Namen nicht wußte, hielt gewiß die Junge für eine Lebedame, trotz ihres im übrigen zurückhaltenden Auftretens; die aufgedonnerte Alte galt als gelegenheitmachende Anstandsdame, und da sie trotz ihrer weißen Haare wenig Respekt einflößte, so war es natürlich, daß galante Abenteurer sich herandrängten und sie belästigten. Alsdann kam freilich die Provinz zum Vorschein. Frau Kommerzienrat glühte vor Zorn und Aufregung, und ihre Tochter hatte jedesmal Lust, ob so beleidigender Verkennung in Thränen auszubrechen. Einmal nach einem Konzert in der Singakademie wurden sie auf der Straße von einigen jungen Leuten angesprochen, als sie sich hilflos nach ihrem Wagen umsahen, der sich verspätet hatte. Da erfaßte sie vor dieser dreisten Zudringlichkeit eine solche Angst, daß sie ohne weiteres und im rasenden Laufe zum nächsten Droschkenplatz über die Straße sprangen, vom Gelächter ihrer Verfolger begleitet. Doch sie sollten nicht lange lachen. Ein Dragonerleutnant, der gerade durch das Kastanienwäldchen kam und die Szene mitangesehen, vertrat den Helden mutig den Weg und stellte den ersten besten zur Rede. »Es ist eine Schande, anständige Damen so zu belästigen!« fuhr er auf. »Wir belästigten die Damen nicht,« gab ein junger Stutzer zur Antwort. »Wir boten ihnen unseren Schutz an.« »Dessen bedarf die Frau Kommerzienrätin nicht,« sagte Lothar von Lenz, »am allerwenigsten den Schutz von Rowdies.« Hochgehobene Stöcke, Schirme, Fäuste, doch Vorübergehende trennten die Streitenden. Lothar beruhigte sich indessen noch nicht und forderte den herankommenden Schutzmann auf, den lautesten Krakehler, der offenbar etwas angetrunken war, festzunehmen. Am folgenden Abend kam der Vorfall in die Zeitungen, und aus den Initialen »Premierleutnant v. L. von den Gardedragonern« errieten Frau Viktoria und Tochter ihren Beschützer und Retter. »Du mußt Dich bei ihm bedanken,« sagte Wicky zu ihrem Gatten. »Um die Sache an die große Glocke zu hängen?« rief er aus. »Vielleicht hat Euch Lothar nicht erkannt. Das beste ist, wir rühren uns nicht, und so wird niemand erfahren, daß Ihr die Heldinnen des häßlichen Abenteuers seid.« Dabei blieb er, und Wicky klagte ihrer Mutter, wie unritterlich er sich benommen. »Was soll ich erst von Heller sagen!« rief Frau Viktoria wutschnaubend. »Er lachte mich einfach aus und meinte, es sei uns Recht geschehen, warum brachten wir uns leichtsinnig in solche Gefahr. Ich frage aber, warum begleiten uns denn die Herren Ehemänner nicht? Weil sie immer im Geschäft stecken. Sie tragen an allem die Schuld. O Wicky, ich verzeihe es mir nie, daß ich Dich einem Kaufmann zur Frau gegeben! Als wäre ich nicht schon gestraft genug mit meinem alten Fabrikler! Wahrlich, die Polizei sollte den Kaufleuten das Heiraten verbieten, denn sie machen ihre Frauen bloß unglücklich!« »Ja, galant sind die Herren vom Kontor nicht!« bestätigte Wicky ganz schwermütig. »Aber er, wie anders benahm er sich!« fuhr die Alte begeistert fort. »Ein echter Offizier!« Und in ihrem Entzücken sprach sie das z so weich und schmelzend aus, daß es wie ein hingesäuseltes s klang. Aber mit einem plötzlichen Entschlüsse wandte sie sich ihrer Tochter zu. »Kind, wir müssen uns bei ihm bedanken! Nützen wir die gute Gelegenheit, uns ihm zu nähern. Ich habe immer bedauert, daß wir mit Berkows so gut wie keinen Verkehr haben, und doch zählte ich bei Deiner Verheiratung fest darauf. Ich glaube, Lothars Frau ist schuld daran, diese hochnäsige Person! Aber ihr Mann ist ein entzückender Mensch. Nicht weniger interessant als sein Vater, der Konsul, und dabei jung und schneidig. Halten wir uns 'ran, Kind!« Sie zogen ihre neuesten und elegantesten Kleider an und fuhren nach der Stülerstraße. Leider war nur der alte Freiherr zu sprechen, der gerade seine Rosen im Treibhause begoß und die Damen freundlich empfing. »Meine Tochter kann leider keine Besuche annehmen,« sagte er, als sie ihm ihr Anliegen mitgeteilt, »und mein Schwiegersohn ist ausgegangen. So viel ich weiß, hatte er die Absicht, sich nach dem Befinden der Damen zu erkundigen. Wahrscheinlich ist er bei Ihnen vorgefahren, während ich die Ehre habe, Sie hier zu sehen.« Die Damen waren untröstlich über dieses Verfehlen und brachen eilig auf, um den ihnen zugedachten Besuch womöglich zu Hause noch abzufangen. Der Baron folgte ihnen bis zum Gartenthor und wurde nicht müde zu versichern, daß sein Sohn nur seine Pflicht gethan. »Nein, nein,« protestierte Frau Viktoria, »er hat unsertwegen seine Uniform riskiert. Er ist ein echter Ritter ohne Furcht und Tadel, und wir müssen ihm persönlich danken.« Sie stiegen in ihren Wagen, und der Freiherr kehrte kopfschüttelnd zu seinen Rosen zurück. Aber noch jemand schüttelte den Kopf. Es war Adelheid, die im blauseidenen Morgenkleid hinter ihrem Fenster stand und den beiden auffallenden Modedamen nachsah. Wahrlich, jetzt wunderte sie sich nicht mehr über das Abenteuer im Kastanienwäldchen, von dem ihr Lothar erzählt hatte. »Armer Hans!« seufzte sie. – – Unterdessen war ihr Gatte wirklich umsonst nach Charlottenburg gefahren. Am folgenden Tag erneuerte er seinen Besuch und war diesmal glücklicher. Wicky hatte ihn schon den halben Tag sehnsüchtig erwartet. Um ihn diesmal ja nicht zu verfehlen, hatte sie keinen Fuß aus dem Hause gesetzt. Als ihr endlich der Herr Leutnant gemeldet wurde, stieß sie einen Seufzer der Erleichterung aus und warf noch schnell einen Blick in den Spiegel. Sie konnte zufrieden sein. In ihrer Rosa-Matinee sah sie wirklich verführerisch aus. Er mußte das ebenfalls finden, gleichwohl warf er auf ihre Toilette einen verwunderten Blick. Ihn so im Deshabillé zu empfangen! Und am hellichten Tage! Das mußte er ihr abgewöhnen. Sie schien seinen Blick zu verstehen und war als kluge Evastochter um eine Entschuldigung nicht verlegen. Sie sei noch leidend, ohne Zweifel eine Folge der Erregung; ihr Arzt sei über ihr blasses Aussehen erschrocken und habe ihr größte Schonung empfohlen. Gut pariert, dachte er, aber sie vergißt dabei, daß sie rot aufgelegt hat. Muß ich ihr abgewöhnen. Nummer zwei! Er erkundigte sich auch nach der Frau Kommerzienrätin. »Ebenfalls leidend? Bedaure ich sehr und wünsche gute Besserung.« Er wußte, daß sie log, denn er hatte die Alte heute zu Buchholz tänzeln sehen. Also nicht aufrichtig. Nummer drei! Dann sprach sie aus Artigkeit von der anderen Abwesenden, seiner Frau, die stets das Zimmer hüten müsse. »Herr Leutnant, Sie sind ungefähr in derselben Lage wie ich,« sagte sie mit munter erhobenem Stumpfnäschen. »Strohwitwer fast, wie ich beinahe Strohwitwe. Denn auch mein Mann kann mich nie begleiten. Immer steckt er im Geschäft.« »Ja, Papa erzählte mir von seinem Eifer,« gab er zurück. »Sogar seine liebe Musik hat der Kousin an den Nagel gehängt.« »Gott sei Dank!« rief sie aus. »Es hatte ja doch keinen Zweck. Mein Papa pflegt zu sagen: Ein guter Kaufmann soll nur Kaufmann sein.« »Da mag er von seinem Standpunkte Recht haben, aber für eine junge, hübsche Frau ist diese Einseitigkeit unangenehm.« Er küßte galant ihre Hand, was sie sich mit einem schämigen Gethue gern gefallen ließ. Nummer vier, dachte er. »Und auf solche Weise,« fuhr er fort, »kommt natürlich die niedliche Kousine in allerhand unangenehme Lagen.« Ein Wort gab das andere, und man kam vom hundertsten ins tausendste. Konzerte, Bälle, Premieren, sensationelle Reichstagssitzungen u.s.w. »Morgen ist ein Wohlthätigkeitbazar beim Reichskanzler,« sagte er. »Sie werden natürlich dort sein?« »Selbstverständlich.« »Ach wie gerne möcht' ich hin, um den großen Mann in der Nähe zu sehen, doch Hans ist natürlich nicht zu haben. Geh' ich aber allein, so kann mir wieder etwas Unangenehmes begegnen. Wie jammerschade!« Das war deutlich, allzu deutlich. Nummer fünf! Er konnte nach diesem groben Winke nicht anders, als der Kousine seine Begleitung anzubieten, die ohne weiteres mit tausend Freuden angenommen wurde. »Meine Mama wird strahlen!« jubelte sie. Jetzt erst dachte er an diese leidige Zugabe und lächelte bittersüß. Auch die Alte mußte er ihr abgewöhnen. Nummer sechs! Nachdem sie Zeit und Ort des Zusammentreffens verabredet, empfahl er sich, indem er den Kneifer ins Auge klemmte und ihre kleine, runde, weiße Hand küßte. Sie ist liebenswürdig, sagte er sich auf dem Heimwege, viel zu liebenswürdig! Nummer ...? Doch nein, das werde ich ihr lieber nicht abgewöhnen! Zweiter Teil. XVII. Lieber Jakob! Teile Dir auf Deinen lieben Brief vom 12. cr. mit, daß es nicht für wünschenswert halte, wenn Du Deinen Posten in Dorten aufgibst und hieher zu Deinem lieben Vater kommst, denn Berlin ist wohl eine große und schöne Stadt, aber sehr theuer und. gar nichts für Euch junges Volk, denn allhier sind viel zu viel Zerstreuungen und Lustbarkeiten, als Musik, Bier, (kein Wein!), Weibervölker etc. und desnahen sind schon viele gute Arbeiter schlecht geworden, was bei Dir nicht der Fall sein darf. Bleib' also, wo Du bist und sei brav. Dies wünscht Dein geliebter Vater Hinnen-Lotz , Direktor der Spinnerei Johannes Lenz \& Komp. Nachschrift. Mir geht es in meiner Stellung soso lala. Viel Ärger und Verdruß. Es muß gut sein, bis es besser kommt. Salut ! Dieses nicht allzu ermunternde Schreiben, das dem trefflichen Spinnmeister oder Direktor, wie er ohne alle Berechtigung zeichnete, eine schwere Stunde und viele Schweißtropfen kostete, hatte den deutlichen Zweck, seinen zwanzigjährigen Sohn, der in einer Züricher Spinnerei Saalaufseher war, um jeden Preis von Berlin fernzuhalten. Darum heuchelte er eine gewisse Unzufriedenheit mit seiner gegenwärtigen Stellung, in der er sich im Grunde ganz behaglich fühlte, und malte die Gefahren der Weltstadt und deren Nachteile in abschreckenden Farben, die aber gegen seine Absicht für einen lebenslustigen Jüngling nicht ohne Reiz waren. Es hatte allerdings seine Richtigkeit, daß der Einfluß der großen Stadt auf die von außen zugezogenen Arbeiter nicht günstig war und daß mancher von ihnen an Leib und Seele hier verlotterte und verkam. So weit hatte das biedere Vaterherz also ganz recht, wenn es für den einzigen Sohn die Verführungen der Weltstadt und das böse Beispiel schlechter Kameraden fürchtete. Dachte er daran, wie die besten Arbeiter sich unter seinen Augen verschlimmert hatten, so empfand er allerdings viel Ärger und Verdruß. Wie losgelassene Füllen hatten sich die Zugezogenen in die Freuden der Weltstadt gestürzt. Da wurde erst der altväterisch solide Sonntagsstaat gegen einen modischer geschnittenen aus irgend einem Schwindelgeschäfte vertauscht, ein Spazierstock mit hübschem Knopf war unerläßlich, die alte Pfeife wurde für eine neue verschachert, und dann kamen die feineren Zigarren an die Reihe. Daß bald auch eine »Braut« angeschafft wurde, verstand sich bei den Ledigen von selbst, und manche bisher glückliche Arbeiterfrau vergoß heiße Thränen über die neuen Passionen ihres Mannes. Es wurden die Singspielhallen und Rauchtheater besucht, ein Sonntagsausflug, bei dem oft ein ganzer Wochenlohn draufging, war fast die Regel, und die Kneipe entfremdete manchen der Arbeit und Häuslichkeit. Auch die zungengewandte Frau Mila, die so wacker an ihrem Banc-à-Broches arbeitete, erlebte diesen Kummer an ihrem Manne. Einst der beste Spinner der Fabrik, war er in die Gesellschaft des Tiroler Kardenschleifers und des Schlosser-Nante geraten, und diese sauberen Brüder schleppten ihn mit in ihre Kneipen und Vergnügungslokale. Zwar paßte Frau Mila scharf auf, aber immer konnte sie nicht hinter ihm her sein. Auch hatte sie angefangen, ihm an jedem Zahltagabend schon an der Kontorthüre den Lohn abzunehmen, aber nun machte er einfach Schulden, die zuletzt doch von ihr bezahlt werden mußten. Ein Wunder, daß sich in dem wachsenden Unfrieden ihrer Familie die Kinder noch wacker hielten. Die ältere Tochter Marie widerstand den Werbungen des Spinnmeisters und lockerer Kameraden mit mütterlich spitzer Zunge und schlagfertiger Hand, nur die hübsche Lore war etwas leichtsinnig geworden und schien dem Schlosser-Nante gewogen. Dagegen hatte sich der wilde Taugenichts Hugo unter dem günstigen Einflusse des alten Fabian und seiner Tochter gut entwickelt. Ein wahrer Bildungshunger hatte ihn ergriffen, dem der Cylindermacher Vorschub leistete, indem er ihm gute Bücher lieh und in seiner Gegenwart oft aus der Bibel, aus Schiller's Gedichten und der Messiade seines teuren Klopstock vorlas. Auch ein guter Arbeiter war er jetzt. Er hatte über Winter einen Selfaktorstuhl bekommen, den er nach wohl abgelaufener Probezeit auch behalten durfte. Von früh bis spät stand er nun an seinem Spinnstuhle, von einem kleinen Ansetzer unterstützt, und seinen Ehrgeiz legte er darein, das größte Quantum Garn zu liefern. Er stand in einem fast persönlichen Verhältnisse zu seiner Maschine, die ihm sein Brot gab, und die er darum liebte, mit Sorgfalt behandelte und immer selbst reinigte. Es war ihm selbst eine Freude, wie fleißig und glatt der Spindelwagen auf seinen Schienen sich vom Gestell entfernte und ihm wieder zustrebte. Und wie flink drehten sich die fast unabsehbaren Spindeln, daß es nur so schnurrte! Elfhundert Fäden wurden im Gehen gestreckt, im Stehen gedreht und im Zurückfahren aufgewickelt. Erst beschleunigte, dann verzögerte er die Geschwindigkeit, und mit einem Blicke beherrschte er die straffgespannten und vibrirenden weißen Fäden – riß einer, so verknüpfte er ihn, vornübergelehnt, mit langgestrecktem Arm, und das sah dann aus, als ob er mit der Hand über die Saiten einer riesenhaften Harfe striche. Aber dies Auf und Nieder, das Flimmern der endlosen Fäden, das Zittern des Bodens, der Anprall des zuklappenden Wagens, das Schnurren der Spindeln und Fauchen der sich drehenden Räder, Scheiben und Wellen war doch auf die Dauer von einer einschläfernden Eintönigkeit. Und dabei mußte er wohl auf seiner Hut sein und keinen Augenblick die Geistesgegenwart verlieren, denn nicht nur auf das Gespinnst hatte er zu achten, sondern auch auf die Maschine, und daß er nicht etwa selbst in den Bereich des Triebwerkes kam. Lautlos, wie eine lauernde Schlange, glitt die Schleife des schwarzen Transmissionsriemens von oben nach unten, von der rollenden Scheibe zur Welle empor. Wehe ihm, wenn er auf den ölgetränkten, glitschrigen Dielen einen Fehltritt machte oder mit dem Arbeitkittel oder der Hand in's sausende Rad oder an den Treibriemen geriet! Im Nu würde er nach oben gerissen, mit gebrochenen Gliedern um die Welle geworfen und zur Erde geschleudert! Selten, aber noch oft genug ereigneten sich solche Unglücksfälle in der Spinnerei. Hatte er doch mit eigenen Augen gesehen, wie ein Ansetzerjunge einmal von einem eisernen Kammrad erfaßt und erwürgt worden war. Der aus hundert Wunden blutende Körper schreckte ihn noch oft in seinen Träumen. Auch Lene Fabian hatte ihre Lage verbessert. Durch Hugos Schuld in den Haspelsaal verbannt, hatte sie die Trennung von dem sie sorgsam behütenden Vater, mit dem sie stets das Frühstück- und Vesperbrot teilte und oft mitten in der Arbeit ein freundliches Wort wechselte, gar schmerzlich empfunden. Die Neckereien der Hasplerinnen über ihre Röhrchen veranlaßte sie, den Spinnmeister, als er einmal neben ihr mit Marie Mila schäkerte und daher guter Laune war, um einen Haspel zu bitten. Sie sei groß und stark genug, um wechselweise mit der Linken und Rechten den ziemlich schweren Hebel zu drehen und die Maschine kunstgerecht in Schwung zu erhalten. Schließlich konnte sie auch den höheren Verdienst wohl gebrauchen. Was die Mutter für die Besorgung der Junggesellenwirtschaften von ihm und Hitschold bekam, die jetzt ins leere Wohnhaus hinübergezogen, war unbedeutend genug, und auch von dem schönen Lohne des Vaters ließen sich keine Schwenzelpfennige auf die hohe Kante legen, denn seine Kunstwerke und Erfindungen brachten oft kaum die Kosten ein. Hinnen-Lotz gewährte ihre Bitte, und so vertauschte sie den Röhrchentisch mit dem Haspel. Sie war glücklich und stimmte gern in den Gesang ein, womit ihre Genossinnen oft die Arbeit begleiteten. Das war ihr lieber, als die losen und wüsten Reden besonders der roten Lise zu hören, die mit allen Männern anbandelte und es darauf anlegte, das zarte Kind zum Erröten zu bringen. Nun konnte Hugo nicht mehr wie ehedem, als sie noch auf dem nämlichen Stockwerk arbeiteten, zu ihr sich stehlen, und das war ihr eigentlich lieb. Aber sie sah und sprach ihn noch oft genug. Auf dem Gange zur Fabrik, in der Mittagpause und stets am Feierabend und Sonntags. Er liebte sie und war von einer rührenden Anhänglichkeit. Trotz seines schönen Verdienstes gewährten ihm die Eltern nur ein kleines Taschengeld, und daraus kaufte er ihr allerlei Tand. Mit Pfefferkuchen fing er an, dann folgten Blumen, bunte Schleifen und Putz. Nebenbei war er ihr Ritter, der sie vor den Zudringlichkeiten der Kameraden und dem bösen Gerede ihrer Genossinnen beschützte. Sie lehnte freilich diese Fürsorge ab, und wenn man sie seine »Braut« nannte, wurde sie zornig, indes ihre Mutter wohlgefällig nickte, denn sie liebte den klugen, fleißigen Burschen, der bei seinen Herren wohl angeschrieben war und nach dem Militärdienst ganz gut schon eine Familie würde erhalten können. Je mehr aber Lene versicherte, daß sie Hugo nicht liebe und niemals seine Frau werden wolle, desto mehr ereiferte sich die künftige Schwiegermutter. Auf wen sie denn noch »laure«, und ob sie etwa glaube, daß ein Märchenprinz ein armes Fabrikmädchen heiraten werde. Eine alte Jungfer sei schlimm, ewig werde sie doch nicht Arbeiterin bleiben wollen, und sie möge sich an so manchem schlecht gewordenen Haspelmädchen ein warnendes Exempel nehmen. Sie solle also gescheidt sein und den braven Jungen mit ihrem Stolze nicht unglücklich machen. In solchem Zweifel fand Lene glücklicherweise an ihrem Vater einen Rückhalt. »Laß die Kleine in Ruhe,« pflegte er zu sagen, wenn man ihn mitten in seinem Dichten und Erfinden mit solchen Heiratplänen störte, »Sie ist klug und weiß, was sie will, noch viel besser als ich!« »Kunststück, Du Projektenmacher!« Lene wurde in ihrem Widerstande zumal von Hugos Mutter unterstützt. Nach seiner Verheiratung verlor ja die Familie ihren besten Ernährer, denn mit den eigenen Hausstandsorgen nahm die Unterstützung der Eltern von selbst ein Ende. Deshalb stiftete sie ihre Töchter auf, die kleine Fabian in ihrer Sprödigkeit zu bestärken, und so geschickt fingen die drei es mit Hetzereien an, daß die heftigen Auftritte zwischen dem Pärchen stets häufiger wurden und der arme Bursche sich gar nicht mehr zu helfen wußte. Sie solle ihm doch frei heraus erklären, was sie gegen ihn habe? Ob er nicht immer gut und artig zu ihr sei, und worin er sich noch bessern müsse, um ihr zu gefallen, oder ob sie einen Anderen liebe ... »Nein, keinen Anderen,« entgegnete sie, wie aus einem Traum erwachend. »Aber ich heirate nicht, niemals. Ich bleibe bei Vatern.« »Vater ist alt,« stellte ihr Hugo vor. »Er wird lange vor Dir sterben und Deine Mutter auch. Und wenn Du dann allein bist, wer wird für Dich sorgen?« »Ich.« sagte sie stolz. »Ich werde arbeiten.« Um ihn abzuschrecken, fing sie an, ihn schlecht zu behandeln. Sie wurde schnippisch, wich ihm aus, bewilligte ihm ein Stelldichein und ließ ihn vergeblich warten. Er argwöhnte einen Nebenbuhler und spionirte sie aus. Sie verbat sich das ernsthaft, machte ihm Vorwürfe, verhöhnte ihn, begünstigte scheinbar andere, schlug nach ihm. »Ich halte es nicht mehr aus,« rief er einmal in Verzweiflung. »Wenn Du noch länger mit allen Kameraden schön thust, Lene, so ...« »Du willst mir drohen?« unterbrach sie ihn. »Mit welchem Rechte? Da könnte jeder kommen und mich zwingen wollen, ihn zu lieben. So was haben wir nicht gekocht. Wenn ich liebe, thue ich es, weil es mir gefällt. Ich lasse mir nicht kommandieren. Am wenigsten von Dir.« »Dann sterb' ich lieber, Lene!« »So stirb!« Das böse Wort war heraus. Zwar bereute sie es gleich darauf, aber es war zu spät. Hugo war bereits in Verzweiflung davon gerannt. Der dumme Junge, dachte sie. Er wird niemals Wort halten. Er ist ein echtes Berliner Großmaul. Ich kann ihm doch nicht sagen, wen ich liebe. Er würde mich auslachen. Und in meinem Heiligsten lass' ich mich nicht verspotten ... In der That schien er sich eines Besseren zu besinnen. Er lebte munter fort und war immer hinter ihr her, wie der reine Spitzel. Das war ihr lästig. Sie mußte sich ihm ganz verächtlich machen, um ihn abzuschütteln. Seit einiger Zeit verfolgte sie namentlich der lustige Tiroler. Nach Feierabend einmal, als sie über den Hof ging, drängte er sich wieder an sie heran, und da litt sie es ohne allzu großes Widerstreben, daß er ihr einen Kuß gab. Hugo sah es, schleuderte seinen Rock hin und warf sich auf den Schleifer, der unter diesem jähen Angriffe zusammenbrach und auf das Pflaster fiel, sich aber schnell wieder faßte und den über ihm Knienden immer fester packte. Er schüttelte ihn und erhob sich mit verzweifelten Stößen, sie rangen mit einander, und plötzlich stolperte Hugo und stürzte zu Boden, wo er von den breiten Fäusten des Alpensohnes festgehalten wurde. »Da seht mal den Lapp!« höhnte er. »Was gehen Dich meine Liebschaften an? Willst Du sie mir etwa verbieten? Oder der Lene? Und wenn ihr mein Busseln gefällt, was geht's Dich an?« Die herbeieilenden Arbeiter trennten die Streiter, und übel zugerichtet, mit blutendem Kopf und zerrissenem Hemd erhob sich Hugo vom Boden. Er war unterlegen, aber nicht ruhmlos, und man konnte von jetzt an vor ihm Respekt haben. Nur Lene wollte nichts mehr von dem Raufbold wissen und überschüttete ihn mit Vorwürfen. »Der Schleifer hat Recht,« eiferte sie. »Kümmere Dich um Deine Angelegenheiten, ja? Weißt Du denn etwa, ob ich den Schleifer nicht gern habe? O,« fuhr sie in grausamer Laune fort, »er ist ein lustiger Kerl, der einem Mädchen schon gefallen kann, nicht so 'ne Schlafmütze wie Du!« In diesem Augenblicke traten die Hasplerinnen aus der Fabrikthür und sahen, wie übel Hugo von den Fäusten des Tirolers und den Vorwürfen Lenens mitgespielt war. Marie und Lore schlugen vor Schrecken die Hände überm Kopfe zusammen, und auch ihre Mutter kam keifend herbei. Bald hatten sich, während Hugo zum Brunnen eilte, die Weiber zusammengerottet, um die Urheberin des Streites zur Rede zu stellen. Allen voran die rote Lise, die der zimperlichen Gans ohnehin nicht grün war. »Da ist ja die Kröte, die mir meinen Sohn halb tot schlagen läßt,« schrie Frau Mila, die schon um seine Arbeitfähigkeit bangte. »So viel Blut um so 'ne Puppe!« fügte Marie verächtlich hinzu. Auch sie vergaß jetzt, daß sie nicht nachgelassen hatte, ihre Sprödigkeit zu loben und zu bestärken. »Haut ihr!« fielen die rote Lise und die anderen Weiber ein, und die ganze Bande stürzte sich auf das bebende Mädchen. Einen Augenblick sah man nur erhobene Hände und Fäuste, die auf den Schwarzkopf niederfielen, aber der Tiroler, der unterdessen seinen Anzug geordnet, schoß wie ein Pfeil heran und schützte sie mit seinem Leibe, so daß nun alle Hiebe ihn trafen. Doch er schlug wie ein Löwe um sich, und bald gelang es ihm und den herbeieilenden Hausknechten, die rasenden Weiber in die Flucht zu schlagen, daß die bunten Schürzen und Kopftücher nur so flogen. »Da haben wir's ja,« höhnte Frau Mila. »Der Schleifer ist ihr Schatz. Das hättest Du meinem Hugo offen sagen sollen, und er hätte so'n Kindelein nicht mehr bei Wege angesehen.« Und unter Lachen und Heulen stoben die Weiber zum Thor hinaus, das Lux wütend hinter ihnen verschloß. Nun kamen auch Hans und Hinnen-Lotz herzu und waren außer sich über den wüsten Auftritt. So gut es ging, beruhigten sie die halbtote Lene, die sich am Arm ihres trostlosen Vaters festhielt. »Der Hugo ist ein Narr, sich um ein Frauenzimmer zu raufen,« meinte der Spinnmeister, der allerdings die Weibervölker nicht fürchtete. »Jedenfalls erzwingt man auf solche Weise keine Gegenliebe,« sagte Hans, und ein Blick des armen Mädchens dankte ihm für das freundliche Wort. Dann wankte sie an der Hand ihres Vaters schluchzend über den Hof und nach Hause. Unterdessen näherte sich der Tiroler, der die Amazonenschlacht so siegreich bestanden, dem noch immer am Brunnen kauernden Hugo und war ihm behilflich, das rinnende Blut zu stillen. »Und das alles um ein Dirndl!« rief er aus. »Du bist aber auch gleich wie ein losgelassener Löwe und verstehst keinen Spaß nicht. Na, ich werde mir's merken und Dich nicht mehr reizen, Du rabiater Kerl! Es ist ja zu dämlich! Männer wie wir! Na, jetzt ist es ja wieder gut – und nun kommst Du gleich mit mir in die Destille. Dort ist es besser als bei dem Kapitalistenfritzen, dem Fabian, der alle Sonntage zur Kirche schleicht. Wir trinken auf unsere Blutbrüderschaft, wie die schwarzen Reichsbürger von Kamerun. Aber kein Blut sondern 'ne Weiße mit Morgenrot. Juhu!« Und er zog den Widerstrebenden mit. XVIII. Lothar von Lenz machte sich alsbald an die Aufgabe, seiner Cousine die verschiedenen »Nummern« abzugewöhnen und sie in eine tadellose Weltdame und Großstädterin zu verwandeln. Zu dieser Metamorphose brachte sie den besten Willen und ein außergewöhnliches Verständnis mit. Zuerst gewöhnte er ihr die Schminke und Haarfarbe, die ausgeschnittenen Schuhe und bunten Seidenstrümpfe ab und zeigte ihr den diskreten und doch wirksamen Gebrauch des Reispuders. Auch in ihrem Behaben tadelte er manches Kleinstädtische; bald war sie ihm zu keck, bald zu zimperlich; sie mußte die richtige Mitte finden, um nicht kokett und doch verführerisch zu erscheinen. Er prägte ihr die wichtigsten Regeln ein, nach denen eine Salonunterhaltung anzuregen und zu lenken war, und wie bei Tisch oder auf Bällen die Dame des Hauses sich nach vornehmer Etikette zu benehmen hatte. Mit Entsetzen wohnte er einer Abendgesellschaft, einem »Salon« in ihrer Villa bei und verdarb ihr durch seinen Spott gründlich den Geschmack daran, wofür ihm Hans aufrichtigen Dank wußte. »Nur keinen » salon d'argent !« rief Lothar aus. »Die Geldprotzen sind fürchterlich im gesellschaftlichen Verkehr. Ich werde immer an jene Karikatur eines ähnlichen Jourfix erinnert, wo der neuste Kurszettel von der Börse in den Salon platzt, und die Herren plötzlich ihre Damen stehen lassen und sich um die interessante Lektüre drängen. Bei Ihnen ist es freilich noch nicht so weit gekommen, aber Hand aufs Herz! redeten etwa die Herren untereinander nicht immer vom Geschäft und die Damen von ihren Toiletten, so daß man hinüber und herüber nur – Zahlen hörte? Und plauderten sie einmal zusammen von Theater und gar von Sport, so klang es immer nach Laurahütte und Kreditaktien. Ihr Salon war fast wie eine Filiale der Börse. Den Kurszettel sah man nicht, aber er lag in der Luft.« »Soll ich also keine Gesellschaften mehr geben?« »Lieber keine als solche,« war die Antwort. »Suchen Sie sich einen anderen Kreis als diese Säulenheiligen von der Börse und höheren Tütendreher. Und wenn Sie als ein Kind dieses Milieu sich davon nicht freimachen können, so geben Sie der Gesellschaft eine andere Mischung. Diese Kouponschneider sind nur erträglich als Surrogat. Ich werde mir gestatten, Ihren Bekanntenkreis zu verbessern. Sie müssen mehr Adel haben, guten Adel, einige Hofchargen, etwas Berühmtheiten, ein wenig Litteratur und viel Kunst. Auch ein Reichstagsabgeordneter ist unerläßlich, und wäre es auch ein bloßer Schlußantragsteller. Ich werde überdies einige Kameraden bei Ihnen einführen. Die jungen Damen werden es Ihnen danken. Die Alten fast noch mehr.« In der That war Lothar sofort nach dieser Richtung hin thätig, und die nächsten Gesellschaften in der Charlottenburger Villa fielen feiner und unterhaltender aus. Die bunten Uniformen der Offiziere brachten Farbe in das schwarzweiße Einerlei der befrackten Herren; der alte Baron Berkow war erschienen und mit ihm etwas hannoverscher Adel aus den Herren- und Abgeordnetenhäusern, dazu Regierungs- und Geheimräte mit ihren Damen, einige Professoren, ein Komponist und mehrere Virtuosen, zwei Mitglieder der Hofoper und ein Afrikareisender, und in diesem Gewirr verschwanden die früheren kaufmännischen Besucher des Salons fast gänzlich. Man unterhielt sich gut, speiste, musizierte, tanzte dem entsprechend, und Wicky und ihre Mutter strahlten. Leider bereitete der Frühling dieser frohen Geselligkeit ein baldiges Ende. Die Salontoiletten machten den Straßenkleidern Platz, und auch hier setzte Lothar manche Reform durch. Eines Tages nahm er ihren neuen Dolman kritisch vor und lachte über die unpassende Tischdeckenfarbe, den überladenen Aufputz, den abenteuerlichen Schnitt, aber sie kreuzte eigensinnig die Arme und schloß jeden Tadel mit dem Refrain: »Neuste Pariser Mode!« Er ließ den Klemmer aus dem Auge fallen und sagte mit einem gewissen Eifer: »Es mag ja ein Pariser Modell sein, aber es ist für die Ausfuhr gemacht. Wenn Sie doch wüßten, wie sehr die Schneider an der Seine und die kleinen Pariserinnen über solche Waare lachen, womit sich die naiven Ausländerinnen schmücken, im guten Glauben, einem französischen Modepüppchen gleich zu werden! Ich sage Ihnen, kein respektables Geschäft dort würde es wagen, eine solche Vogelscheuche ins Schaufenster zu hängen und sich dadurch bloßzustellen. Für den Export werden meist nur lästige »Restbestände« neu aufgeputzt und unbrauchbare Modelle ausgesucht. Was kümmert es den Pariser Konfektionär, ob sein Modell in Berlin oder Wien schön ist! Es ist nicht mit seiner Firma gezeichnet und kann also den Ruf seines Geschäftes nicht gefährden. Jawohl, Pariser Modell, Pariser Mode, aber nicht für Paris, sondern für die Provinz, das Ausland, den Erbfeind!« Sie sah ihn eine Weile mit glänzenden Augen an. Er imponierte ihr wirklich, dieser helle Berliner! Aber du lieber Gott, in welchem Damenverkehr mochte er diese Sachkenntnis erworben haben! Jetzt fürchtete sie ihn beinahe. Aber er gefiel ihr trotzdem ... Während sie den Dolman ärgerlich in einen Winkel warf, denn sie mochte ihn gar nicht mehr sehen, kam Hans zum Mittagessen aus der Fabrik, staubig, ermüdet, mit den Gedanken noch ganz im Geschäft. Unwillkürlich schweifte der Blick seiner Frau von dem schmucken Reiteroffizier zu dem Fabrikmenschen und wieder zurück. Ihr Mann küßte sie auf die Stirn und drückte dem Kousin die Hand. Er sah ihn ganz gerne bei Wicky, die ja immer allein war und sich langweilte, und in seinem geraden, unbefangenen Sinn erwachte nie der Gedanke, daß dieser fast tägliche Verkehr in den Augen der Welt bedenklich erscheinen könnte. »Wie geht es Deiner Frau?« ... Natürlich, das war immer seine erste Frage! O wie sie diese eingebildete Aristokratin haßte, die ihres Gatten Herz und des anderen Hand besaß, ihr also doppelt im Wege stand! Wenn sie sich an ihr rächen konnte, welche Wonne! Aber heimlich, mit tödlichen Nadelstichen, ohne sich bloßzustellen, denn sie war furchtsam und feige. »Sie darf bald wieder aufstehen. Dann feiern wir Taufe.« »Und was macht mein Pathchen?« »Brüllend.« Das war seine burschikose Verdeutschung von »brillant«, aber es sollte eigentlich kein Witz sein, denn seit er vor einer Woche zur Welt gekommen, Vertrieb der kleine Schreihals ihn tagtäglich von Hause – wenigstens redete er sich's ein – und störte den Schlaf seiner Nächte, die ohnehin so kurz waren. Er erhob sich von seinem Platz und schnallte den klirrenden Säbel um, und auch sie war mißgestimmt. Sollte sie gar eifersüchtig und neidisch auf die Mutterfreuden der Nebenbuhlerin sein? Aber nein, nur keine Kinder! Auch in diesem Gefühle wußte sie sich eins mit Lothar. Wie in allem. Und Hans liebte die Kinder natürlich und wünschte sich welche. Der Spießbürger! Ach, warum hatte das Schicksal diese zwei Ehen so unharmonisch gemischt! ... Während Hans im Nebenzimmer Tischtoilette machte, griff Lothar nach Mütze und Handschuhen. An der Thüre kam sie nochmals auf das Gespräch von vorhin zurück. »Lieber Kousin, bin nur ich so dumm oder fällt auch Ihre Frau manchmal herein?« »Adelheid nie,« gab er zurück. »Ihr Geschmack ist zu fein und solide. Sie kauft weniger nach der Mode, als nach dem Spiegel, nicht was modisch ist, sondern was ihr steht. Zum Glücke gestattet ja die Mode von heute jeder Frau, sich eine Toilette selbst zu komponieren, die ihrem Wuchs, ihrem Teint, ihren Neigungen entspricht. Jede Tonfarbe, jeder Schnitt, jedes Modell ist recht, wenn es nur gut läßt. Kümmern Sie sich doch um Gotteswillen nicht um die sogenannte Mode, denn das ist bloß die Kunst, andere Frauen zu seinem eigenen Vorteil zu kleiden.« »Und wenn mir der feine und solide Geschmack noch fehlt?« »Dann wenden Sie sich an einen wirklichen Künstler, er sei nun ein Maler oder ein Schneider oder irgend ein Mann von Geschmack.« »Ich soll mich an einen Schneider wenden?« rief sie aus in provinzialer Entrüstung, die ihm als ein gefährlicher Rückfall erschien. »Wenn Sie wieder eine Toilette brauchen, so sagen Sie es mir,« entgegnete er lachend. »Ich führe Sie zu Monsieur Cellarius oder Sellariüs, denn der Mann ist Franzose. Einfach ein Bekleidungsgenie, Kousinchen.« »Gehen wir gleich heute nach Tisch. Sie holen mich ab.« Sie legte den Finger auf ihren Mund, denn eben kam Hans zurück, diesmal statt in der Arbeitjoppe im schwarzen Rock, wohl gekämmt und parfürmiert, so wie sie es haben wollte. »Du bleibst nicht bei uns zu Tisch?« fragte er den Leutnant. »Nein, Hans. Frauendienst!« »Grüße mir Adelheid und die Kleine!« Und bald rasselte der Säbel über den Flur und die Treppe hinab. Das gemeinsame Mahl ging vorüber wie immer, ohne Mißton, aber nicht in voller Harmonie. Er war artig, doch zerstreut, von Geschäftsorgen und etwas Kopfschmerz geplagt, den er sich stets im Battage holte. Sie nervös, kurz, oft ironisch, doch so liebenswürdig wie stets, wenn sie etwas von ihm wollte. Und diesmal wollte sie ein Kleid von Monsieur Cellarius. Indessen war sie zu schlau, um schon bei Tische davon zu sprechen; hier galt es, bloß die gute Stimmung vorzubereiten. Erst nachher war es an der Zeit, wenn er sich zum kurzen Mittagschläfchen auf den Divan legte, erschöpft von der sechsstündigen Arbeit. Dann gewährte er alles, nur um seine Ruhe zu haben. Jetzt stand er auf ... »Mahlzeit!« – »Mahlzeit!« Und nach dem Handkusse verschwand er hinter der türkischen Portiere und warf sich lang über den dunkelrot gemusterten Kurdistan. Doch sie eilte mit dem gelbseidenen Schlummerpuff hinter ihm her und schob ihn auf die als Kopfkissen dienende Kameltasche unter seinen Nacken. Er dankte mit winkender Hand für ihre Fürsorge und schloß die Augen schmerzvoll. Doch so war es nicht gemeint. »Hans,« sagte sie grausam, »gib mir Geld. Ich habe rein gar nichts anzuziehen.« »Mein liebes Kind,« antwortete er ernst, »Du lebst über unseren Stand. Vergiß nicht, daß Du die Frau eines Fabrikanten bist, der Verpflichtungen und Schulden hat und diese erst einlösen muß, bevor wir an den Luxus denken können.« »Aber ich bin die Tochter eines Millionärs,« entgegnete sie und warf ihr Stumpfnäschen empor. »Und wenn ich viel brauche, sagt die Mama, so verwende ich doch nur die Zinsen meiner Mitgift, meiner Million.« »Immer Deine Million, die Du mir vorwirfst!« unterbrach er sie ärgerlich. »Sie steckt in der Spinnerei, und die Zinsen brauchst Du für Deine Toiletten und Festlichkeiten und noch doppelt so viel. Aber so kann es jedenfalls nicht länger fortgehen. Ich werde Dir ein Budget bestimmen, das Du nicht überschreiten darfst.« »Dann mache ich Schulden!« »Die ich nicht bezahle!« »Wenn die Lieferanten mit der Rechnung kommen, mußt Du zahlen, sonst schadest Du unserem Kredit. Ich leide keine Bevormundung!« »Es muß sein,« sagte er bestimmt, aber seine sanfte Stimme nahm wieder einen wärmeren Ton an. »Nur noch einige Jahre der Einschränkung, und wir holen alles Versäumte ein und denken an uns.« »Das kenn' ich,« schmollte sie. »Mama behauptet, in Burtscheid war es auch so. Stets wie am Vorabend des Falliments. Nur immer sparen und sich einschränken! Und unterdessen vergeht die Jugend und die Genußfreudigkeit, und wenn man alt und blasiert ist, schwimmt man in Millionen, für die man keine Verwendung mehr hat. Aber nein, nein,« schrie sie auf, »so lang ich jung bin, will ich genießen und leben, hörst Du? leben, leben!« Sie hatte seine Schulter gefaßt und schüttelte ihn in krampfhafter Wut; ihre Augen blitzten ihn ganz gefährlich an, und die Stirnlocken sträubten sich. Er sprang vom Divan auf und schloß die Sinnlose in seine Arme. »Wicky, schone Deine Nerven,« rief er aus. »Du sollst ja leben, herrlich und in Freuden, und damit Du es kannst, will ich gerne Tag und Nacht für Dich arbeiten, und wenn ich zu Grunde gehe. Aber ich beschwöre Dich, nimm Rücksicht auf unsere Verhältnisse, sonst erwartet uns der sichere Ruin.« Doch sie wollte nichts hören, und mit der Drohung alles ihrem Papa zu sagen, der sie gewiß gern unterstützen werde, riß sie sich aus seiner Umarmung los und verschwand ins Nebenzimmer ... Sie wird sich beruhigen, dachte er und wischte sich den kalten Schweiß von der Stirn. Dann warf er sich wieder auf den Divan, aber der Auftritt zitterte in seinen Nerven nach, so daß der Schlaf ihn floh. Gedankenvoll wand er sich auf seinem Lager. Seit wann war seine Frau eigentlich so aufgeregt? Ach, hatte er sie denn je anders gekannt? Höchstens während der Brautschaft und in den ersten Tagen ihrer Ehe. Hysterisch nannte sie der Hausarzt, der von einer künftigen Mutterschaft Heilung versprach. Dann hatte es ja gute Wege ... Mit einem Seufzer legte er sich auf das andere Ohr, aber was war das? Hallte da nicht die Fabrikglocke durchs offene Fenster herein? Fort an die Arbeit, Sklave, und tröste Dich mit Deinen Arbeitern, die nicht so gut gegessen haben und nicht so weich lagen und größere Not leiden als du! Und bleicher und abgespannter als zuvor eilte er in die Fabrik, ohne ein gutes Wort von ihr, die sich in wildem Trotz eingeschlossen hatte. Eine Stunde später trat sie zum Ausgehen angekleidet aus ihrem Zimmer. Sie hatte ein einfaches graues Promenadenkleid an, das ihr vortrefflich stand, und als Lothar erschien, fand er nur ihren weißen Gesichtschleier mit den goldenen Tupfen zum tadeln, denn ihr Teint sei weiß genug und bedürfe eines solchen Blenders nicht. Um dem Schneider zu imponieren, ließ sie den Daumont anspannen, den Heller samt den Isabellen seiner Tochter geschenkt hatte. »Hoffentlich ist Monsieur Cellarius kein Pferdekenner,« meinte Lothar mit einem ungnädigen Blick auf die braven Gäule, doch versöhnte ihn einigermaßen das hellbraune Geschirr nach neuster englischer Mode. So fuhren sie an der summenden Fabrik vorüber in die Stadt, die im goldigen Sonnenlichte gebadet und voll Leben war. »Ist Miß Leona auch eine Kundin dieses Schneiders?« fragte Wicky. »Nein,« war die kurze Antwort, denn er konnte es nicht leiden, wenn sie ihm von der Kunstreiterin sprach. »Warum nicht?« »Sie ist zu geizig.« »Und doch eine kokette Frau?« »Nein, bloß eine Rechenmaschine.« »Und dennoch Ihre Geliebte?« »Sie ist gar kein Weib.« »Nanu?« rief sie ungläubig. Ihm aber lag daran, ihr jeden Verdacht zu nehmen. »Sie ist nur Börsenspielerin,« begann er ernsthaft, aber, wie ihr schien, nicht ohne eine gewisse Bitterkeit. »Aus ihrem Munde kommt kein geistreiches Wort, kein Liebesseufzer. Man hört sie nur reden von Prämien, Obligationen, Hausse, Provision und Zahlen, nichts als Zahlen. Ihre einzige Lektüre ist der Kurszettel. Von ihren Anbetern empfängt sie am liebsten Berichte über die Kursnotierungen. Sie schreibt keine Liebesbriefe, sondern nur Börsenaufträge. Ihre Schrift ist schwungvoll, kaufmännisch, und die zierlichen Zahlen reiht sie tadellos untereinander und verrechnet sich nie. In ihrer Wohnung brennt Tag und Nacht eine Lampe. Spieleraberglaube! An dem Tage, wo das Licht verlöscht, wird die Börse ihr Verlust bringen, darum hütet sie es, wie die klugen Jungfrauen ihr Lämpchen. Sie hat noch nie verloren. Wenigstens haben diejenigen, die für sie spielen, es ihr niemals eingestanden. Sie liebt nur das Geld, nur das Spiel, und wenn sie sich verliebt stellt, so will sie bloß hinter die Geheimnisse der Börsianer kommen. Sie hat kein Herz, kein Gefühl, keine Leidenschaft. Sie empfängt den Liebhaber mit dem Seufzer: »Ach, mein Engel, wie hab' ich heute gelitten! Man sagt mir, daß wir à la hausse sind.« Sie lachte so herzlich, daß sie sich ganz unbekümmert um die Vorübergehenden in die Polster zurückschlug. Offenbar machte ihr auch Lothars entrüstete Miene Spaß, nur sein Zorn schien ihr bedenklich, denn er sprach von enttäuschter Liebe und Hoffnung. »Aber sie hat doch viele Verehrer,« wandte sie ein. »Die Anwesenden sind natürlich ausgenommen«. Und wieder ihr herzliches Lachen, das nun plötzlich einem verlegen suchenden Ausdruck im Gesichte wich, als ob es ihr Mühe machte, ihren gewagten Einfall in die passenden Worte zu kleiden, denn sie wollte verständlich und doch nicht deutlich sein. »Aber die Männer ... warum lassen sie sich das gefallen?« »Und das fragen Sie mich!« rief er in komischer Verzweiflung. »Ich werde es die Dame selbst fragen,« sagte sie mit Entschiedenheit. »Sie müssen mich näher mit ihr bekannt machen.« »Sie will die Ferien auf Helgoland verleben,« erwiderte er. »Also werden Sie dort auch ohne meine Vermittelung mit ihr zusammen kommen.« »Herrlich!« Er wollte etwas erwidern, doch da hielten sie gerade in der Markgrafenstraße vor dem Hause des Damenschneiders. Und der niedliche Monsieur Cellarius war die Höflichkeit selbst, und sie bestellte eine wundervolle Robe Paul Bourget, wie sie die Marquise von Vanloo lanciert hatte, ein wahres Gedicht von Seide, Mousseline und Spitzen, voller Bänder, Rüschen, Puffen und Maschen und in allen Farben des Pfauenrades, wobei das Kleidergenie nicht ermangelte, sie auf die Feinheiten seiner Schöpfung hinzuweisen, die Harmonie des Schnitts, die Grazie des Details, die Poesie des Kolorits, die Einfachheit und Kraft des individuellen Stils .... Wicky kam eigentlich erst wieder zur Besinnung, als sie mit dem Kleid auch die Rechnung dafür erhielt. XIX. Seit die Spinnerei am Moabiter Spreeufer wieder in Betrieb war, hatten auch die umliegenden Wirtshäuser gute Zeiten. Da blühte namentlich die Destillation des ehemaligen Bierfahrers Zeiseler, über deren Eingang die witzige Inschrift zu lesen war: Zur Durststillstation. Das dumpfe Loch in einem niedrigen, graugestrichenen Lehmhäuschen hart am Kanal erschien den Arbeitern, die da in der Mittagpause oder nach Feierabend oder Sonntags ihr Stehbier tranken oder ihre Partie spielten, wie ein Paradies. Zur Linken war das Büffett mit den ausgestellten Frühstücksleckerbissen, den betäubend duftenden Harzer und Emmenthaler Käsen, dem ausgetrockneten Pökelfleisch und Schinken, den von Fliegen umschwärmten sauren, Brat- und Rollmops-Häringen, daneben das Glücksrad zum Ausspielen der Getränke. Hinter dieser verlockenden Auslage amtierte die Familie Zeiseler, der gutmütige dicke Wirt, seine magere, giftige Frau, die meistens betrunken war, und ihre gemeinsame Tochter, ein freches fünfundzwanzigjähriges Ding, das sich, wenn die Gäste ausblieben, mit ihrer roten Trikottaille und weißen Schürze unter die Thüre stellte, um die Vorübergehenden hereinzulocken. Dies geschah namentlich an Sonnabend Abenden, wenn die Arbeiter mit dem Lohn in der Tasche nach Hause wollten. Dann wurde mancher von der blonden Grete angerufen, in ein Gespräch verwickelt und im Scherze zum Schanktische geschleppt, wo man ihn nicht eher frei ließ, als bis der letzte Pfennig durchgebracht war. Die Hinausbeförderung des Betrunkenen übernahm gewöhnlich der alte Zeiseler, doch boten ihm seine Damen dabei meist eine hilfreiche Hand. Besonders die Tochter hatte in der Kunst des Hutantreibens eine gewisse Fertigkeit erlangt. Auch Herr Hinnen-Lotz gehörte zu den Stammgästen. Er wurde mit besonderer Ehrerbietung bedient, wie es seiner Stellung zukam. Für ihn war ein eigener Platz im Hinterstübchen reserviert, und Jungfer Grete spendete ihm ihr süßestes Lächeln. Natürlich hieß er immer »Herr Direktor.« Er war der einzige Kunde, der nicht ausgebeutet wurde, denn das Ehepaar fürchtete ihn zum Feinde zu bekommen, und als solcher konnte er leicht seinen Arbeitern das Lokal verbieten und ihr Geschäft zu Grunde richten. Er wurde daher wie ein Schoßhund gehätschelt und befand sich so gut dabei, daß er sein Abendbrot regelmäßig hier einnahm. Er kam meist in der Gesellschaft seines Schreibers Hitschold, der als »Herr Kassier« ebenfalls hochangesehen war, schäkerte mit Grete, die er natürlich in ihn verliebt glaubte, und spielte mit seinem Landsmann zahllose Kartenpartien, die sie »Jaß« nannten, und wobei sie nur ihr Schweizerdeutsch sprachen. Zeiseler's ergiebigste Stammgäste waren jedoch der Schlosser-Nante und besonders der fidele Pinzger, der stets mit einem »Juhu!« in die Kneipe trat, daß die Schnapsgläser und Fenster zitterten. Sie hatten beide ein schönes Einkommen, nicht für Weib und Kind zu sorgen und dachten auch nie ans Sparen. Vornehmlich auf den Tiroler, der leichtsinniger war, lauerte Grete am Zahltagabend. Er aß hier zu Mittag und Abend, freilich nur im allgemeinen Zimmer, aber da er sich seit kurzem in einer Hinterstube als Schlafbursche eingemietet, so konnte er sich als zum Hause gehörig betrachten und auch das Extrastübchen betreten. Er that dies sogar in Anwesenheit seines Meisters, was anfangs dem aristokratisch angehauchten Republikaner sehr wider den Strich ging. Doch war dieser nicht ohne Schuld an solcher Frechheit, denn in froher Weinlaune hatte er einmal den Kardenschleifer aufgefordert, mit ihm zu »jassen.« Dem Tiroler war das Spiel in der Schweiz bekannt geworden, und er verstand es so gut, daß er dem Herrn Direktor sogleich alle Partien abgewann. Nun durfte sich der Spinnmeister doch von seinem Arbeiter unmöglich besiegen lassen! Er spielte also in der Hoffnung auf die ersehnte Revanche wieder und wieder mit dem Untergebenen, der zu habsüchtig war, um ihm auch einmal einen Gewinn zu gönnen. Hinnen verlor immerfort, und nach jeder Partie haßte er den trefflichen Spieler noch mehr. Eines Sonntag Abends, da er allein an seinem Stammtische saß – Hitschold war natürlich wieder im Zirkus – winkte er den Tiroler heran, der am Büffett mit dem Schlosser-Nante Schnaps trank. »Schleifer,« rief er ihn an, »ich hab' eine Idee.« Er legte den Accent auf das I und sprach das zweite e aus. »Ein feines Schweizerspiel, Könnt Ihr panduren?« »Na ob!« antwortete der Tiroler, der gern berlinerte, und bald wurde der Tisch von ihren Fäusten bearbeitet, nur daß sie diesmal statt »Iaß« dabei: »Pandur!« schrien. Aber Hinnen verlor eine Partie um die andere, wurde sackgrob und nahm endlich zu kleinen Glückskorrekturen die Zuflucht, gegen die der scharf aufpassende Pinzger sich entschieden verwahrte. »Aber Herr Direktor, das ist gegen das Spiel!« »Wa – was? Ich werde doch bei Euch nicht panduren lehren müssen?« »Man muß erst lernen, bevor man kann lehren,« verbesserte der andere, den dieser Schnitzer des Eidgenossen jedesmal erheiterte. »Ihr braucht mir weder das Schriftdeutsch noch das Kartenspielen zu ... lernen. So'n ungebildeter Mensch, der weder Lesen noch Schreiben kann!« Während die beiden nach diesem Wortwechsel gemütlich weiter spielten, that am Büffett der Schlosser-Nante, der nie eine Karte berührte, mit der Wirtstochter schön. Doch obwohl er ein stattlicher Mann mit langem blonden Barte war, wollte sie nichts von ihm wissen. »Ein Kunde, der an allen Straßenecken eine Braut hat!« rief sie aus. »Der fehlte mir gerade noch! Und Ihre neuste kenne ich auch schon. Sie denken wohl, ich habe Sie gestern Abend nicht zusammen am Kanal spazieren sehen? So 'ne Etepetete wie die kleine Mila, aber sie ist auch nicht besser wie unsereins.« Der Riese hieß sie schweigen, denn da kam gerade der alte Mila mit seiner Tochter herein, und so gut verstand sie das Geschäft, daß sie dem eben verlästerten Mädchen mit katzenfreundlicher Artigkeit entgegenstürmte und sie in jedem Satze zehnmal »Fräulein« titulierte. Die Ankömmlinge setzten sich an einen Tisch, zunächst dem von anderen Arbeitern der Spinnerei umstandenen Büffett, und der Schlosser-Nante nahm neben ihr Platz. Daß Mila gekommen war, wunderte ihn nicht, wohl aber daß es ihm gelungen, die Kleine mitzubringen. »Sie wollte erst nicht,« erklärte der Spinner, dessen dicke Nase seit einiger Zeit eine rote Färbung angenommen hatte, »aber Mutter ist mit der Großen in die Stadt. Ich habe Loren rumgekriegt, denn hier ist es doch feiner, als zu Hause Trübsal blasen. Hab' ich nicht Recht?« Das hübsche Mädchen nickte fröhlich und zeigte dabei ihre blanken Zähne. »Und wo ist Hugo?« »Der dumme Junge schleicht natürlich wieder um das Haus der kleinen Fabian,« antwortete Lore dem Schlosser. »Sie kann sich von ihrem Fieber nicht erholen und mag ihn gar nicht wieder sehen. Der Cylindermacher läßt ihn auch nicht ins Haus, aber seine Frau gibt ihm Nachrichten von ihr.« »Passen Sie auf, die werden doch noch ein Paar, und das sage ich!« Lore wollte sich über des Schlossers Prophezeiung krank lachen. So'n dummer Junge und heiraten! Erst müsse er drei Jahre in die Kommißhosen. Und auch das Balg habe noch Zeit. Übrigens würden sie jetzt schon auseinander kommen, denn so bald Lene wieder gesund sei, gehe sie zu Frau Lenz in die Villa als Mädchen für alles, und da werde sie wohl noch hochnäsiger werden und bald die Arbeiter verachten. Unterdessen war die Weißbierkufe auf den Tisch gekommen, und Lore mußte den Anstich haben. Mit beiden Händen führte sie das gewaltige Glas an den roten, schwellenden Mund, aber das säuerliche, gärende Getränk schmeckte ihr nicht, und sie nippte kaum am Rande. Die beiden Männer lachten die Zaghafte aus, allein noch ehe der Vater ihr das Glas abnahm, um ihr zu zeigen, wie man die Weiße trinken müsse, hatte der Schlosser es ihm schon vor der Nase weggeschnappt, und genau auf die Stelle, die ihre Lippen berührt, drückte er nun seinen großen, bärtigen Mund ... »Pros't, Fräulein Lore!« Kaum blieb etwas für den Spinner zurück, so lange und tief war der Schluck. Aber da brachte ja die aufmerksame Frau Zeiseler schon die zweite Kufe für die Gesellschaft. »Und ein kleines Juchtelfuchtel dazu, ich bezahle!« rief er der schönen Grete zu, die etwas beleidigt that, weil er sie nicht zum Mittrinken aufforderte. Der Pfeffermünzschnaps gefiel Lore auch schon besser. Sie hatte ihr kleines rundes Spitzglas vor sich stehen, und jeden Augenblick schlürfte sie daran. »Was wir lieben!« sagte Nante und stieß mit ihr an. Sie lachte, daß ihre glühenden Wangen noch purpurner aussahen, und ihr Vater wunderte sich, wie der als stolz und kopfhängerisch verschriene Schlosser so gemütlich sein konnte. Lore schien dasselbe zu denken. »Ist es wahr, daß Sie ein Sozialdemokrate sind?« fragte sie und sah ihn mit ihren klaren blauen Augen ganz unbefangen an. »Warum, schöne Haspelmaid?« »Weil ich die Sozialschen nicht leiden kann.« »Schade,« sagte er lächelnd. »Gerade für unsere Damens thut die Partei sehr viel. Bälle, Konzerte, Maskenscherze, Sommerfeste ... Bei uns unterhält man sich sehr gut.« »Vater sagt, die Sozialschen seien alles schlechte Arbeiter.« »Das heißt ... das heißt ...« lallte Mila, dem der Alkohol schon in den Kopf gestiegen war. »Ich habe das früher gesagt ... früher einmal ... von wegen ...« Auf das Stichwort von den Sozialdemokraten näherten sich die anderen, die ihr Stehbier tranken, dem Tischchen, um gelegentlich an der Unterhaltung teilzunehmen. Es waren der kleine Kindermann, ein in ehelichem Mißgeschick verbitterter Saalaufseher, die Spinner Pätow und Kaselowski, gute Arbeiter, aber unruhige Köpfe, Frau Pätow von der oberen Karderie und die rote Lise vom Haspelsaal, die seit einiger Zeit mit Kaselowski zusammenlebte. Zuletzt erschien auch noch Hugo Mila, der recht abgehärmt aussah, Vater und Schwester kurz grüßte und sich trotz der Neckereien der anderen mit seinem Glase Bayrisch still in eine Ecke setzte. Der Schlosser wollte zwar vor Lore nur in günstigem Licht erscheinen und sich nicht zur Sozialdemokratie bekennen, aber unversehens kam er ins Disputieren hinein, die Eitelkeit, als heller Kopf zu glänzen, wirkte auch mit, und so machte sich Nante im Eifer des Gefechts vielleicht schlimmer als er eigentlich war. In seinem Kopfe lagen die sozialdemokratischen Ideen ungesichtet und unverdaut durcheinander. Sein Charakter war eine Mischung von Berechnung, Schlauheit und Gutmütigkeit. Ein gewisser ritterlicher Zug in seinem Wesen vertrug sich doch wieder mit gemeinen Ränken und rohen Hetzereien. Er machte sich kein Gewissen daraus, einen Freund zu hintergehen, und zu vernichten, sobald es das Parteiinteresse oder auch nur sein eigener Vorteil verlangte. Möglichst mit den Worten seines Lieblingsredners Doktor Flemminger, des sozialdemokratischen Reichstagsabgeordneten, entwarf er das Wunderbild des sozialen Staates. Allgemeine Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit. Keine Armee, kein Kapital, keine Pfaffen, keine Ehe mehr. Vor Allem aber keine Steuern. Essen und Trinken liefert der Staat, und keiner kriegt mehr als der andere. »Wenn ich nu aber größeren Dorscht habe?« fragte Pätow bedenklich. Seinen Einwurf hatte der Schlosser offenbar nicht erwartet, denn eine Pause entstand. »Na, in einem solchen Falle werden Dir die anderen bei der allgemeinen Brüderlichkeit, die dann herrscht, von ihrem Bier abgeben.« »Und wenn sie nicht wollen?« fragte Hugo von seinem Platz aus. Alle sahen sich nach ihm um. »Dann können sie gezwungen werden,« antwortete Nante dem unbequemen Frager, doch Hugo ließ ihn noch nicht frei. »Gezwungen? Von wem? Im Zukunftstaate gibt es ja keine Polizei.« »Allerdings nicht,« antwortete der Schlosser gedehnt. »Doch der moralische Zwang hilft besser, als alle brutale Gewalt, sagt der Doktor Flemminger. Wer noch Bier hat, muß es mit den anderen teilen von wegen der Brüderlichkeit.« Lore Mila stimmte ihm bei und fand es eigentlich zu nett in der Destille, viel gemütlicher als zu Hause. Die drolligen Gespräche, die süße »Luft«; nur die andere Luft zum Atmen könnte besser sein. Die Kameraden dampften zu viel mit ihren Pfeifen und Zigarren, gerade wie der Vater zu viel trank. Herrjeh, hatte er schon einen Kopf! Und sie nahm ihm die Weiße, die er eben wieder zum Munde führen wollte, aus den Händen. »Kinder,« rief plötzlich die rote Lise, für die Kaselowski noch einen Nordhäuser kommen ließ, »und was wird denn im Zukunftstaate mit die alten Mädchen?« »Für die wird gesorgt,« antwortete Nante mit Zuversicht, allein die Hasplerin gab sich noch nicht zufrieden. »Na, das gehört sich auch so,« sagte sie. »Unsere niederen Löhne müssen auch gehoben werden. Und warum sollten die Frauen nicht in den Reichstag wählbar sein? Und in die Gewerbeschiedsgerichte gehören wir auch, denn punkto Putz und Wäsche können Männer ja gar nicht entscheiden. Überhaupt ist die Frau noch vielfach die Sklavin des Mannes, während wir dem sogenannten starken Geschlecht mindestens ebenbürtig sind. Oder eigentlich über.« Rauhe Männerstimmen protestierten, und Nante lachte herzlich. »Ja, lacht nur,« rief Lise, »zuletzt muß das Weib doch alles beherrschen. Ich sehe schon alle Männer am Waschfasse stehen!« »Im sozialdemokratischen Zukunftstaat,« nahm der Schlosser das Wort, als der Sturm sich gelegt hatte, »übernimmt und verteilt der Staat alle Arbeit. Auch die Frau muß wie der Mann einen bürgerlichen Beruf haben und ist nicht dazu da, bloß häusliche Arbeiten zu verrichten, zu kochen, die Kinder zu erziehen. Die fortschreitende wirtschaftliche Entwickelung wird dahin führen, daß die bürgerliche Küche mit ihrer Hausmannskost vollständig aufhören wird.« Er redet wirklich sehr gut, dachte Lore, aber Frau Pätow mußte ihm widersprechen. »Na, wenn wir dem Mann nicht einmal im Hause das Essen bereiten sollen, können wir uns ja begraben lassen,« sagte sie. »Hat der Mann den ganzen Tag geschuftet, dann muß er in der Familie doch wenigstens seine Präpelei kriegen. Das Gesetz soll lieber dafür sorgen, daß der Mann so viel verdient, damit wir Frauen nicht auch in die Fabrik gehen und dem Manne Konkurrenz machen. Die Frau gehört ins Haus und hat nu 'mal den Beruf, Gattin und Mutter zu sein.« Allgemeine Zustimmung der Damen, nur die rote Lise protestierte. »Wie war denn das mit dem Essen!« fragte Zeiseler, der sein Büffett im Stiche ließ und näher trat. »Zu Hause darf nicht mehr gekocht werden, wo aber denn?« »Das Restaurationswesen wird sich derartig ausbilden, daß das Kochen im Hause vollständig aufhört,« orakelte Nante. »Der einzelnen Frau stehen auch gar nicht die Kochkunstmittel in dem Maße zur Verfügung, wie dem Restaurateur.« »Sehr richtig!« rief Zeiseler und dachte gewiß an seinen Zichorienkaffee. Aber Frau Pätow war wieder nicht einverstanden. »Das Essen zu Haus ist viel besser,« sagte sie hartnäckig. »Und womit sollen wir uns denn beschäftigen?« »Vorläufig,« erwiderte der Schlosser, »müssen sich die Frauen der sozialdemokratischen Bewegung anschließen, in erster Linie unsere Kameradinnen von der Fabrik. Aber auch die Frauen, die sich ausschließlich mit dem Hauswesen befassen, während ihr Mann den der Familie nötigen Verdienst erwirbt, müssen die Anschauungen verfechten, die der Mann in seinem Arbeitverhältnis und im öffentlichen Leben vertritt. Sie hilft ihm bei der sozialdemokratischen Agitation und deckt ihn mit ihrem Leibe vor der Polizei. Dann werden die Frauen auch die politische Gleichberechtigung erlangen.« »Aber wir können doch nicht Soldat werden,« warf Lore schüchtern ein. »Im Zukunftstaate gibt es keine Kriege mehr, mein Kind,« belehrte sie der allwissende Verehrer. »Die Armee wird abgeschafft.« »Das wäre ein Unglück für uns Arbeiter,« warf plötzlich Hugo ein, der wie die meisten seiner jungen Kameraden den Zeitpunkt gar nicht erwarten konnte, wo er dem einförmigen Fabrikleben entfliehen und Königs Rock anziehen durfte. »Entläßt man die Hunderttausende junger frischer Arbeitskräfte aus den Kasernen, so werden zu viel Hände für die Industrie frei, die Löhne sinken, und wir müssen allesamt verhungern.« Der Schlosser, der zu Lorens Freude auf alles eine passende Antwort hatte, brachte einige Redensarten von der Verstaatlichung der Industrie dagegen vor, allein Hugo widerlegte ihn, und die anderen gaben ihm recht. Wo hatte der Junge nur seine Weisheit her? fragten sie sich alle. Zwar wußte Nante, daß Fabian ihm etwas Bildung beigebracht, auch daß er seit einiger Zeit mit Pinzger in ihre Versammlungen ging und eifrig die Parteiblätter las, aber für so helle hatte er ihn doch nicht gehalten. Den konnte man als Hetzer und Schürer gebrauchen. Er wollte ihn der Parteileitung empfehlen. Am Stammtische verlor Hinnen-Lotz unterdessen eine Partie nach der anderen, und sein Ingrimm wuchs umsomehr, als er gerade eine unangenehme Entdeckung machte. Grete war hereingetreten und hatte sich hinter seinen Stuhl gestellt, worauf sie dem Tiroler verstohlene Zeichen gab, wie er das ganz deutlich im Spiegel gegenüber bemerken konnte. Erst bei längerer Beobachtung wurde ihm klar, daß sie ihm Handküsse zuwarf und in der Zeichensprache ein Stelldichein gab, also gewissermaßen hinterrücks dem Herrn Hinnen-Lotz pantomimisch Hörner aufsetzte. Die Wut über diese Wahrnehmung trieb ihm alles Blut in den Kopf, und er hatte einen Augenblick Lust, sich ohne weiteres auf seinen Nebenbuhler zu stürzen. Aber nein, die Weibervölker waren es nicht wert, daß Herr Hinnen-Lotz um eine von ihnen mit einem gemeinen Arbeiter sich prügelte und wahrscheinlich noch obendrein tüchtige Schläge holte, denn der Tiroler war viel jünger und gewiß auch handfester. Er beherrschte sich also noch zur rechten Zeit und hatte einen schlauen Einfall. Er stellte sich, als hätte er Gretens Zeichen falsch verstanden und legte sie nicht als Liebessprache aus, sondern als hinterlistige Mogelei. Damit schlug er gleich zwei Fliegen mit einem Schlag. Er blamierte den Arbeiter als Falschspieler, dem es nur auf unrechten Wegen gelungen war, ihm, dem berühmten Jasser und Pandurer, das Geld abzugewinnen, und zugleich that er ihm nicht die Ehre an, ihn als seinen glücklicheren Nebenbuhler in der Liebe, worin er doch unwiderstehlich war, anzuerkennen. Er wartete also ruhig die nächsten Kußhände im Spiegel ab, und als Grete wirklich ihre geschwollenen roten Finger wieder zum Munde führte, drehte er sich rasch um und warf mit großer Leidenschaftlichkeit die Karten auf den Tisch. »Ich mache nicht mehr mit!« schrie er so laut, daß es alle hören konnten, und sprang von seinem Stuhl auf. »Jetzt weiß man ja, wie der Schleifer dem Herrn Hinnen-Lotz alles abgewinnt. Die Jungfer telegraphiert ihm hinter meinem Rücken die Karten. Falschspieler! Gaunervolk, jawohl! Meine Zeche könnt Ihr aus dem Geld bezahlen, das Ihr mir abgeluxt habt, und seid noch froh, wenn ich Euch nicht ins Zuchthaus bringe. Betrüger!« Rief's, stülpte seinen Filz auf und verschwand zornschnaubend durch die Vorderstube ins Freie, ohne den Wirt und seine Gäste eines Blickes zu würdigen. In tiefer Bestürzung sah ihm die ganze Familie nach. Was war denn vorgefallen? Und Grete erhielt Schelte, weil sie den Herrn Direktor beleidigt habe. I wo, Beleidigung! Pinzger erzählte lachend Hinnens Mißverständnis. »Aber nur keine Sorge!« tröstete er die niedergeschlagene Wirtin. »Er kommt schon wieder. Und wenn nicht, so kommen wir Arbeiter, und wir sind Tausende, und er ist nur einer!« »So recht,« fiel der Schlosser-Nante ein. »Endlich wird die Hinterstube für die Genossen frei. Der Schweizer war mir immer im Wege hier. Spitzeln mag er drüben in der Fabrik. Hier sind wir lieber unter uns.« Doch Frau Zeiseler schlug die Hände überm Kopfe zusammen ... »Er schreibt uns auf die schwarze Liste und verbietet allen Arbeitern unser Lokal.« »Unsinn!« erwiderte der Schlosser, »was wir außerhalb der Spinnerei thun, geht ihm nichts an, und vorschreiben lassen wir uns schon lange nicht, wo wir ein paar Glas schmettern und uns amüsieren sollen.« Kopfschüttelnd und niedergeschlagen stellte sich Familie Zeiseler hinter den Tisch, und da kam schon wieder eine neue Aufregung. Mutter Mila holte ihren Mann, und sie hatte ein so gutes Mundstück, daß es jedesmal Krakehl gab. Ihre große, dicke Figur drückte sich eben durch die Glasthür, und mit zornrotem Gesichte schritt sie auf ihren Mann zu. »Also da sitzest Du wieder!« rief sie und verschränkte ihre Arme über der Brust. »Sobald man der Thüre den Rücken dreht! Und sogar unser unschuldiges Kind und den Jungen nimmst Du jetzt mit! Schämst Du Dich nicht, alter Sünder, vor Deiner eigenen Brut?« Der Schlosser-Nante, Pinzger und Familie Zeiseler fingen schon an zu kichern, aber die zornige Frau setzte sich in Positur und begann ihre gewohnte Rede: »Na, wenn das die Herren der Schöpfung sein sollen, denn kann sich die ganze Welt begraben lassen, und ich rathe 'ner jeden deutschen Jungfrau, sich so'n Kerl zweimal gehörig anzukieken, ehe sie sich mit ihm aufs Standesamt begibt. Aber natürlich! wir sind bloß dazu da, die Knöpfe anzunähen oder wenn mal das Schemisettenband abgerissen ist, sonst aber können wir Rauch schnappen und Hungerpfoten saugen, während die Männer alles in der Destille vertrinken! So 'ne Mannsperson ist aber doch keine Spirituslampe nicht! Wenn mein Mann so'n halben Tag in der infamichten Budike hier gesessen hat, so braucht man ihm bloß 'n Docht in die Gurgel zu ziehen, und man hat das schönste Dreierlicht! Ich getrau' mir zu glauben, daß so'n Individebum doch auch mal in seine vier Pfähle gehört, zu seiner Gattin und seinen nach Brot schreienden Jöhren – und Brot thut weh, wenn es nicht da ist! Wenn Eine ihrem Mann am Sonntag Morgen die schönsten Pellkartoffeln mit brauner Mehlstippe vorsetzt und dabei allerlei Versprechungen einheimst von wegen Besserung und denn immer »Mutterchen« hier und »Mutterchen« da, und man ist so ganz glücklich, daß der Himmel voll Geigen hängt, und am Abend sitzt der Gemahl schon wieder in der Budike wie angegossen und hat sogar sein armes Wurm von Tochter und seinen Jungen bei sich, da soll mich doch Einer grüßen, wenn man da nicht aus alle Fassons geht!« Sie schnappte nach Luft, wahrend alle lachten, daß die Wände und Gläser zitterten, und auch Mila kicherte aus seinem Weindunst heraus, aber seine Frau verstand keinen Spaß und rüttelte ihn so lange mit beiden Händen, bis er sich vom Stuhl erhob. »Na, Genosse, Du scheinst ja derbe verheiratet zu sein,« sagte der Schlosser und hielt der Wütenden ein Gläschen »Nordlicht« hin, aber sie schlug es ihm aus der Hand, daß es klirrend zu Boden fiel. »Platz da, Ihr Saufbrüder, oder ich werde Euch Moritzen kennen lernen!« schrie sie, und mit der Rechten schob sie ihren schwankenden Mann vor sich her, indes ihre Linke die weinende Tochter nachzog. Hugo folgte beschämt. Die Kneipgesellschaft sah ihnen lachend nach, wie sie langsam über die schlecht beleuchtete Straße gingen und dann plötzlich beiseite sprangen. Ein herrschaftlicher Wagen bog eben von der Brücke herüber und bespritzte sie mit Koth. Frau Mila ließ schnell die Hand von ihres Mannes Rockkragen und nickte einen Gruß, und der in der frischen Luft leidlich ernüchterte Spinner zog seine Mütze vor seiner Prinzipalin, die mit ihrem Kousin aus der Oper kam. »Guten Abend,« rief Lore kleinlaut, denn sie schämte sich über ihren Aufzug. Die Gäste in der Destille sahen durch die Glasthüre diese Begegnung und die Kratzfüße, und der Schlosser-Nante ballte die Faust. »Und wir müssen zu Fuß gehen und erst noch dafür danken, daß sie uns nicht überfahren!« knirschte er zwischen den Zähnen, »aber das soll alles bald anders werden, und dann gehören die feinen Damen uns!« »Ach was!« sagte die rote Lise ärgerlich, weil Kaselowski dem Schlosser zustimmte. »Diese zarten, kranken Dinger können ja keinen Puff vertragen. Für die Proletarier sind wir!« »Ich schließe mich der Vorrednerin an,« scherzte der Tiroler und gab ihr einen schallenden Kuß. Sie wischte sich die Wange mit ihrer Schürze, und alle lachten, nur Kaselowski schien eifersüchtig und wollte nichts mehr von Kommunismus und freier Liebe hören. XX. An einem heißen Sommertage wurde in der Stülerstraße getauft. Lange hatten Mutter und Kind zwischen Tod und Leben geschwebt. Nun hatte sich auch Adelheid so weit erholt, daß sie dem heiligen Akte beiwohnen und ihren Sitz an der Tafel einnehmen konnte. Nach dem Dessert fand sie Gelegenheit, mit Hans, dem einen der drei Pathen, unbeobachtet einige Worte zu tauschen. »Kousin, wie ertragen Sie Ihr Los?« fragte sie ihn, und innige Teilnahme sprach aus ihren Worten. »Mutig,« gab er zur Antwort. »Ein vollständiges Glück gibt es ja doch nicht. So habe ich mir angewöhnt, immer recht viel vom Glücke zu fordern, aber ohne Hoffnung, denn ich weiß, daß das Leben uns kaum die Hälfte unserer Wünsche erfüllt. Ist es auch nur einem kleinsten Teile von meinen vielen Wünschen gnädig, so bin ich zufrieden und mache ein gutes Geschäft dabei.« »Geschäft!« entgegnete sie vorwurfsvoll. »Sie können nicht glauben, wie schlecht das häßliche Wort in Ihrem Munde klingt!« »Gewohnheitsache! Mir ist das Wort nicht mehr so schlimm. Sie freilich haben mich stets nur als Träumer und Wolkenschieber gekannt. Aber ich versichere Sie, daß es damit vorbei ist und endgültig vorbei. Ich habe mich zum Realismus der Zahlen bekehrt und denke schon ganz in Ziffern. Fragen Sie nur Ihren Schwiegerpapa, ob ich nicht von früh bis spät und mit Leib und Seele Spinner und Kaufmann bin. Jawohl, meine Gnädige, eine Säule der Firma! ... Nein, ohne Scherz,« versicherte er, da sie traurig den Kopf schüttelte. »Mir geht es schon wie dem Müller, der krank wird, wenn er das gewohnte Klappern nicht vernimmt. Das Brausen der Maschinen gehört zu meinem Leben. Stehen sie still, so fehlt mir etwas. O, keine Musik reicht an das Stöhnen der Motoren, das Zischen des Dampfes, das Schwirren und Pfeifen der Spindeln und Spulen, und knarrt ein schlecht geöltes Rad, so zanke ich zwar mit dem Arbeiter, aber ich möchte ihn segnen, denn dann fallen mir immer die besten Melodien ein.« »Verraten!« rief sie aus, und über ihr blasses, abgezehrtes Gesicht flog ein Schimmer von Freude. »Sie gestehen unwillkürlich ein, daß Sie noch in Tönen denken.« »Zuweilen ertappe ich mich dabei,« antwortete er, »aber das hat keine Folgen. Es sind Kielfurchen im Wasser, die keine Spur zurücklassen.« »Daran thun Sie Unrecht. Erdrückt von der eintönigen Langeweile eines aufgezwungenen Berufes, sollten Sie Vergessenheit, Trost und Stärkung in Ihrer Kunst suchen. Wer weiß, vielleicht später einmal« ... »Nein, nein, ich habe eine scheue, mimosenhafte Natur, doch einen starken Willen,« unterbrach er sie. »Ich ging ja in eine harte Schule, die mich in Enttäuschungen und Bitternissen geübt hat. So werde ich auch für die Folge darauf verzichten, jemals meine Schwingen zu entfalten, und tröste mich gern. Es muß doch ein Leben nach dem Tode geben, denn wie viel Fähigkeiten hat Gott in unsere Seele gelegt, die hier nicht zur Entfaltung kommen. Gewiß überdauert dies Klingen und Singen in ihr den Tod, und findet sie einst in einem besseren Leben einen anderen Körper und günstigere Verhältnisse, so kann, was jetzt in mir schlummert, einst noch ans Licht dringen und macht die Welt heller, schöner, glücklicher.« Er sprach die Wahrheit und war wirklich ein Musterkaufmann geworden, aber auch noch mehr: ein wahrer Arbeitervater. Deshalb schmerzte ihn die Wahrnehmung, daß die große Stadt keinen guten Einfluß auf seine Angestellten ausübte. Hinnen hatte nicht ermangelt, ihm seine Beobachtungen und Erfahrungen mitzutheilen, und diese täglichen Jeremiaden waren beinahe trostloser, als die Briefe an seinen Sohn Jakob, besonders nach seinem Abenteuer in der Durststillstation, wo er manches von den sozialdemokratischen Reden des Schlosser-Nante belauscht hatte. Aber wenn er auch zu schwarz sah, so mußte Hans doch eingestehen, daß der Fleiß, die Moral, das Pflichtbewußtsein gesunken waren. Und in seinem ehrlichen, wahrheitdurstigen Sinne schlug er an seine Brust und fragte sich, ob nicht auch die Unternehmer ihr Teil Schuld daran trugen. Alles Übel schien ihm daher zu rühren, daß man die Arbeiter nicht wie Gleichberechtigte behandelte. Sogar der patriarchalische Heller verleugnete den alten Selbstherrscher nie. Er verlangte die stumme Unterwürfigkeit, die im alten Familienverbande der Notwendigkeit entsprach, daß im Haushalte nur einer befehlen kann. Der Tyrann Hinnen-Lotz, trotzdem oder weil er sich aus dem Arbeiterstand emporgearbeitet, regierte unnachsichtig, sackgrob und von oben herunter, als wollte er sich für seine mißhandelte Jugend rächen. Es war die Logik der Unteroffiziere: weil sie einst als Rekruten geschunden worden, müssen sie ihre Rekruten nun auch schinden. Hans aber wollte eine Behandlung, wie sie mündigen, selbständigen Menschen mit gleichen politischen Rechten und einer gewissen Schulbildung gebührte. Auch der geringste Ansetzer mußte in politischer, religiöser und sozialer Beziehung als selbständige Person geachtet und geschätzt werden. So wollte er die stumpfsinnigen, äußerlich verkümmerten und innerlich freudlosen Arbeiter in fleißige und glückliche Menschen verwandeln, die für die Würde, Ehre der Arbeit und das Glück in ihr zeugten. Um im Kleinen ein Stück Sozialpolitik zu lösen begann er mit allerlei Reformen, die ein freundliches Einvernehmen zwischen beiden Teilen sichern konnten. Er ließ die bisherige Fabrikordnung, die bloß von den Rechten des Arbeitgebers und den Pflichten der Untergebenen handelte und sogar gesetzwidrige Bestimmungen enthielt, durch eine Verordnung ersetzen, welche Rechte und Pflichten beider Teile gleichmäßig abwog. Die unverhältnismäßig hohen und vielen Geldstrafen wurden ebenso abgeschafft, wie alle Bestimmungen, welche Angebereien begünstigten und die ohne Verschulden veranlaßte Entlassung kurzer Hand gestatteten. Von nun an fand der Arbeiter an den Saalthüren die Vorschriften über Anfang und Ende der regelmäßigen Tagesarbeit verzeichnet, über die Pausen, über Zeit und Art der Abrechnung und Lohnzahlung, über die Kündigungsfristen, über die Gründe der Entlassung oder des Austritts aus der Arbeit ohne Aufkündigung, über die Art, Höhe, Festsetzung und Verwendung der bestehenden Disziplinarstrafen, wobei Strafbestimmungen, die das Ehrgefühl der Arbeiter verletzen konnten, streng verboten waren. In der That erwies sich die Neuerung als ganz vortrefflich, und viele kleine Gegensätze zwischen Arbeitgeber und Arbeitnehmer wurden dadurch gemildert oder im Keim erstickt. Aber dies war nur der erste Schritt auf der eingeschlagenen Bahn. Er suchte durch alle möglichen Wohlfahrteinrichtungen, Prämien, Gratifikationen einen Stamm seßhafter, zuverlässiger, fleißiger und mit dem Vorteile der Fabrik verwachsener Arbeiter heranzuziehen und ihre materielle Lage zu verbessern. Zugleich sorgte er für die billige Beschaffung von durch keine Zwischenhändler verteuerten Lebensmitteln, indem er einen Konsumverein gründete, für den er die nötigen Lagerräume hergab, die Kasse führte und Vorschüsse leistete. Endlich wollte er auch seinen Arbeitern Gelegenheit geben, ihre kleinsten Ersparnisse nutzbringend anzulegen, indem er eine Sparkasse mit einem höheren als dem üblichen Zinsfuße plante. Gewiß würde der Onkel nicht abgeneigt sein, die Gelder seiner Arbeiter entgegenzunehmen und nutzbringend zu verwalten. Mit einem Feuereifer, der ihn alles Übrige vergessen ließ, entwarf er Prospekte und Satzungen, beriet sich mit seinen Arbeitern, studierte ihre Verhältnisse, prüfte ihre Forderungen. Aber mit leeren Taschen treibt man keine Sozialpolitik. Schon hatte er seine Privatmittel allzu sehr in Mitleidenschaft gezogen, das Übrige sollte die Firma thun. So mußte er an Schwiegervater und Onkel herantreten und ihnen begreiflich machen, daß die Firma den größten Vorteil von einer friedlichen Regelung ihrer Arbeiterverhältnisse habe. Dem wahrhaft menschlichen Wohlwollen von oben würde von unten Dankbarkeit und Treue zu Teil werden. Der alte Heller hörte lächelnd zu, denn er kannte die Begehrlichkeit der Arbeiter. Allein er wollte die schöne Begeisterung seines Schwiegersohnes nicht stören. Er war jung und tapfer, vielleicht würde es ihm gelingen. Aber seinen Onkel, das geistige Haupt der Firma, müsse er notwendig befragen. Indessen war das nicht so leicht. Schon zweimal war Hans nach der Voßstraße gegangen, ohne den von Agenten überlaufenen Konsul in Ruhe sprechen zu können. Jetzt bei seinem dritten Besuche, den er durch den Fernsprecher angemeldet, fiel er schon im Flur seiner Tante in die Hände, die bleich und hüstelnd auf einen Stock gestützt an der Thür ihres Mannes lauschte, durch die man wieder die lauten Stimmen der Agenten vernahm. »Mit einem Fuß im Grabe,« antwortete sie auf seine Frage nach ihrem Befinden. »Aber mich tötet weniger körperliches Leiden, als der Gram. O die undankbare, schlechte Welt! Meinen guten Mann zu stürzen, der die Seele der Niederdeutschen Bank war! Und wie sie ihn verlästern und verfolgen, den Großen, Herrlichen! Sogar zum gewissenlosen Spekulanten wollten sie ihn stempeln, zum Defraudanten! Wenn sie könnten, sie brächten ihn ins Zuchthaus, sie vergifteten ihn! Aber ich bin da, ich horche, ich passe auf, daß sie ihm nichts anthun. Hörst Du wieder das Lachen? ... Alles Verstellung! Keiner will ihm wohl, keiner ist sein Freund. Das nimmt mir alle Lebensfreude. O, wenn ich meinen Lothar nicht hätte!« ... Im Tiefsten erschüttert, beruhigte Hans die alte Dame, so gut er es vermochte, aber sie sah ihn kopfschüttelnd an. »Schwöre mir, Hans,« sagte sie mit geisterhaftem Ausdruck im fahlen Gesicht, »schwöre mir, daß Du ihn schützen willst, wenn ich nicht mehr da bin.« »Ich verspreche es Dir, Tante,« sagte er und wollte ihr die Grillen ausreden, aber sie beugte sich schon wieder angstvoll zur Thür und kümmerte sich nicht mehr um ihn. Im Vorzimmer bei Schwarzbach setzte er sich auf einen Stuhl, um zu warten, bis der Onkel allein sein würde. Der Krüppel schwärmte wieder von Beethoven, doch Hans war dazu nicht aufgelegt und erbat sich, um Ruhe zu haben, ein gewisses Konossement aus dem Brieffach. Der Buchhalter, der über die Neunte zwar manches auf dem Herzen hatte, schnellte von seinem Sitzbock und überreichte das Gewünschte. »Sie haben sich vergriffen, Herr Schwarzbach,« sagte Hans mit einem Blick auf das Papier. »Das ist nicht der richtige Frachtbrief ... indessen Firma und Zeichen stimmen. Wir erhielten aber nur fünfzig Ballen, statt der hier verrechneten fünfhundert.« Der Kommis strich verlegen die schwarzen Locken aus der Stirn. »Allerdings, Herr Lenz,« stammelte er. »Herr Generalkonsul kauften die Schiffsladung auf Spekulation. Die Spinnerei erhielt wirklich nur ihren Bedarf davon. Die übrigen Ballen sind längst wieder verkauft.« »Mit großem Verluste wohl?« Schwarzbach schwieg eine Weile. »Herr Lenz, darüber darf ich keine Mitteilung machen. Der Herr Generalkonsul wird Ihnen schon selbst Rede stehen. Recht sehr möchte ich Sie aber bitten, von dem Frachtbriefe nichts zu erwähnen.« »Seien Sie ganz ruhig, Herr Schwarzbach. Ich werde Ihnen keine Unannehmlichkeiten verursachen. Nur noch eine Frage. Das ist wohl nicht die erste Spekulation meines Onkels?« Dem Kommis stand der kalte Schweiß auf der Stirne. Das Geschäftsgeheimnis war ihm eine heilige Sache. »Der Herr Generalkonsul sind stark engagirt,« antwortete er ausweichend. Das war Hans genug. Nein, den Händen eines Spekulanten durfte er den sauer erworbenen Sparpfennig seiner Arbeiter nicht anvertrauen. Lieber ließ er den ganzen Plan fallen. Er schützte eine Abhaltung vor, die ihn länger zu warten verhindere, und ohne den Onkel gesehen zu haben, mit dem er in dieser Stimmung lieber nicht zusammentreffen wollte, empfahl er sich. Er fuhr mit der Pferdebahn in die Fabrik zurück und suchte seinen Schwiegervater. In der Weberei traf er ihn, hoch auf einem Gerüste, wo er schon den Raum für die Webstühle maß. »Aber, Papa, was thun Sie da oben? Fürchten Sie sich denn gar nicht vor dem Schwindel?« »Nein. Ich bin schwindelfrei.« »Ach, könnte das jeder von sich sagen!« Der Alte stutzte, klappte seinen gelben Zollstab zusammen und sah ihn fragend an. »Ich meine, daß auch mein Onkel schwindelfrei sein möchte,« und nun erzählte Hans dem Heruntersteigenden seine Entdeckung, die den Alten ganz verstörte. »Teufel! Teufel!« rief er aus. »In Baumwolle spekuliert man sich schnell an den Bettelstab. Aber freilich, er! Gewiß spekuliert er mit Geschick.« »Wenn er das Glück gegen sich hat, verliert er wie der erste beste Dummkopf,« gab Hans zurück. »Ganze Schiffsladungen kauft er, so tollkühn ist er. Weh ihm, weh uns allen, wenn er verliert!« »Ganze Schiffsladungen? Tollkühn? Und wenn er verliert?« wiederholte Heller mechanisch, und vor seinen Augen öffnete sich ein Abgrund. »Aber er wird gewinnen! Er muß gewinnen!« rief er hartnäckig, daß er über den leidenschaftlichen Klang seiner Stimme selbst erschrak. »Ich habe kein Vertrauen zu einem Spieler,« sagte Hans. »Bitte, Papa, reden Sie mit ihm. Machen Sie ihm doch Vorstellungen, sonst zieht er uns alle ins Verderben.« Heller versprach, den Konsul bei der nächsten Gelegenheit zur Rede zu stellen, doch verzögerte es sich, da Lenz seit einiger Zeit selten in die Fabrik kam. Endlich ließ der Alte sich bei ihm anmelden. Erst sprach er von allem Möglichen, von Baumwollernte und Spekulation, wie um ihn von selbst auf das Thema zu bringen. Es war jedoch alles vergeblich. Der Konsul wich ihm aus, bis der Alte am Ende die Geduld verlor und keine weiteren Umschweife machte. »Ich hörte von Geschäftsfreunden,« begann er, »daß Sie nur noch selten auf die Börse kommen. Das freut mich, denn es ist doch ein gewagtes Spiel mit diesen Papieren, die heute was wert sind und morgen getrost mit den Lumpen eingestampft werden können. Freilich an der Produktenbörse kann man sein Vermögen ebenso gut verlieren. Aber man hat doch wenigstens etwas in Händen. Zum Beispiel unsere schönen Baumwollballen, nicht wahr?« Lenz nickte und roch an seiner Upman. Ohne Zweifel war er gespannt, wo der Alte hinaus wollte. »Man sagte mir in der Stadt, auch Sie seien in Baumwolle stark engagiert.« »Das ist richtig,« entgegnete der Konsul. »Die Einkäufe für Johannes Lenz \& Komp. haben mich mit dem Markt in Berührung gebracht, und da nützte ich einige günstige Konjunkturen.« »Also gewonnen?« forschte Heller eifrig. »Ganz namhafte Posten.« »Gott sei Dank!« Lenz sah den erleichtert Aufatmenden fragend an und erhob sich vom Sopha. »Herr Schwarzbach,« rief er ins Nebenzimmer, »bringen Sie einmal mein Separatkonto.« Er hatte das Wort scharf betont, aber Heller schien es nicht zu beachten. Bald beugten sich beide über das aufgeschlagene Buch. Lenz hatte den Zwicker vor die Brille gespannt und zählte die einzelnen Posten, bei deren schwindelnd hohen Beträgen es dem Alten vor den Augen grün und gelb wurde, mit erstaunlicher Geschwindigkeit im Kopfe zusammen. Da hatte er schon den Saldo von Soll und Haben bis auf den Pfennig gezogen. »Reingewinn per Ultimo,« sagte er und wies mit dem goldenen Bleistift auf die ausgeschriebene Zahl. »495+090 Mark 25 Pfennig!« rief der Alte. »Fast eine halbe Million!« »Jawohl.« erwiderte Lenz kalt. »Die Villa für Hans ist herausgeschlagen, und die halbe Weberei wäre damit bezahlt.« »Ein schöner Gewinn!« schmunzelte Heller, noch ganz geblendet. »Aber auch ein hohes Spiel.« »Ich gestehe, daß ich manche ruhelose Nacht hatte. Aber schließlich war ich doch meiner Hausse sicher. Der gestrige Tag, mein Hochzeittag, hat mir Glück gebracht.« »Und wenn Sie verloren hätten?« ... »Ich mußte gewinnen,« sagte der Spekulant mit dem ganzen Starrsinn des Fatalisten, der an seinen Stern glaubt. »Aber wenn ... aber wenn!« wiederholte der Alte. »Ich setze ja nur den Fall! Die ganze Firma Johannes Lenz \& Komp. wäre in die Luft geflogen.« »Sie irren, Herr Kommerzienrat. Nur ich, Lothar von Lenz. Das ist mein Separatkonto, für das die Firma Johannes Lenz \& Komp. nicht aufzukommen braucht.« Der Alte schnitt ein langes Gesicht, und Lenz versetzte schnell: »Es sei denn, daß Sie sich an meinen Spekulationen beteiligen wollten?« Im Herzen des alten Kaufmanns wogte ein Kampf widerstrebender Gefühle. Der solide Arbeiter in ihm stritt mit dem habsüchtigen Kapitalisten. »O von mir ist nicht die Rede,« sagte er schnell. »Aber die Firma Johannes Lenz \& Komp. würde dieser Saldo gewaltig fördern. Ich glaube, Ihr Neffe, der etwas beunruhigt war und, offen gesagt, mich herschickte, wäre über eine solche Beteiligung entzückt.« Der Konsul ging eine Weile mit großen Schritten auf und ab. Rasch erwog er in seinem kombinierenden Gehirne die Vorteile einer solchen Teilhaberschaft. Zwar opferte er jetzt die Freiheit seiner Dispositionen und einen ansehnlichen Gewinn, aber sein Kredit auf der Börse wurde verstärkt durch den Heller'schen und dessen stets flüssige Baarmittel, und wenn die Zeit der Fehlspekulationen käme, wäre ihm dieser starke Rückhalt willkommen. »Gut,« sagte er dann. »Halbpart also. Johannes Lenz \& Komp. mag an meinem Glücke teilnehmen.« Er öffnete die Thür und rief den Kommis, der katzbuckelnd mit hängenden Locken hereintrat: »Herr Schwarzbach, tragen Sie mein Separatkonto auf Konto Johannes Lenz \& Komp. über. Die Firma beteiligt sich.« XXI. Hinter der Manege des Zirkus strömten in der Pause die Zuschauer zusammen, und die vier güldenen Riesenkronen des Amphitheaters warfen von der gewaltigen Kuppel ihr Flammenmeer auf leere Bänke und Sitze herab. Hinter der Brüstung des Kaiserpavillons, die mit dem von Genien getragenen Wappenschilde der Hohenzollern geschmückt war, zogen sich die hohen Herrschaften in den blendend erleuchteten Vorraum zurück. Auf der Musiktribüne waren die lustigen, schmetternden Märsche und Tänze verstummt, und die verlassenen Pauken, Posaunen und Klarinetten lehnten an den Pulten. Während die Reitbahn von den Dienern geharkt wurde, kreiste das Publikum in langsamem und oft stockendem Zuge durch die Stallungen, deren warme Luft der scharfe Pferdegeruch erfüllte. Aus ihrer Loge stiegen auch Lothar von Lenz und Wicky hernieder. Sie waren seit einiger Zeit unzertrennliche Zirkushabitués und mit dem Schauspiel vor und hinter der Manege gleich vertraut. Kaum eine Vorstellung dieses Winters hatten sie versäumt. Es war dem Dragonerleutnant gelungen, seiner nach weltstädtischen Sensationen lüsternen Begleiterin eine aufrichtige Turf- und Sportleidenschaft einzuflößen. Da Adelheid noch immer leidend war, fuhr er stets in ihrer Gesellschaft auf die Rennbahnen. Heller's Isabellen waren durch vier Harttraber ersetzt, Norfolker Zucht mit feingewölbten Rippen, muskulösem Vorarm und schönem, feueraugigem Kopf. Im Nu hatte Lothar seiner Kousine das Kutschieren beigebracht, und es war ihm eine Freude, wie stramm sie auf dem Bock die Zügel in den Händen hielt, nur dann und wann mit der Peitsche schmitzend, wie kunstgerecht sie die vier Tiere versammelte, den vorderen das Mundstück antrieb, den Stangenpferden die Leine gab. Kurz ein trefflicher four in hand -Kutscher. Ihre geschmackvoll einfache Eleganz erregte auch nicht mehr das Aufsehen aller Bummler, ihr Haar zeigte wieder sein natürliches Kastanienbraun, ihre Brillantohrringe waren für die Straße kleiner gewählt, sie trat mit mehr Zurückhaltung und größerer Sicherheit auf. Die Provinz hatte der Weltstadt Platz gemacht ... Darüber ging freilich ihre Gesundheit ganz zu Grunde. Ihre zarte Natur brach unter der Last der aufregenden Weltstadtfreuden und gesellschaftlichen Verpflichtungen zusammen. Vergeblich hatte sie ihr Gatte beschworen, sich dem wahnsinnigen Taumel zu entziehen, der sie aus einer Gesellschaft in die andere, von Bällen zu Soireen, von Konzerten in Theatervorstellungen hetzte, und auch die Warnungen ihres Arztes fruchteten nichts. Sie litt an Schlaflosigkeit, Zufällen, Schwindel, ihr ganzes Nervensystem war zerrüttet. Das Seebad hatte kaum eine Besserung gebracht, denn statt sich zu schonen und auszuruhen, setzte sie dort das gewohnte Leben fort. Dabei verfiel sie augenscheinlich, ein welker, kranker, vorzeitig alternder Zug erschien in ihrem Gesicht. Sie mußte wieder zur Schminke greifen, um wenigstens den Schein der verlorenen Jugendfrische und Gesundheit zu retten. Sogar dem flotten Dragoneroffizier wurde diese übertriebene Vergnügungssucht oft zur Last. Gewiß, er liebte ja ihre heitere Gesellschaft und zeigte sich gerne mit der eleganten jungen Kousine, der man so gar nichts Schlimmes nachsagen konnte, denn sie war ihrem ungeliebten Gatten ohne jeden Zweifel immer treu ... Ach ja, eigentlich ein komisches Mißgeschick, daß er da zwischen zwei so ganz und gar nicht weiblichen Weibern hin und her pendelte, wie ein platonischer Seladon, denn Wicky gab der Börsenamazone Leona an Tugendboldigkeit nichts nach. Nicht die geringste Unvorsichtigkeit, keine intimere Gunst, kein wärmerer Herzenston, – zwanzigstes Jahrhundert! Zum Glücke für ihn konnte er sich bei anderen erholen. Und war seine Adelheid nicht ein Engel, immer gleich an Sanftmut und Milde? Nur das Kindergeschrei vertrieb ihn von Hause. Zum Beispiel diesen Abend wieder. Ein Gang hinter den Koulissen des Zirkus war fast interessanter, als das Schauspiel der Arena. Man traf im Stallgang ein merkwürdig gemischtes Publikum. Neben den Kavalieren in Uniform und Civil sah man zweifelhafte Gestalten mit gelbkarrierten Beinkleidern, blauen Halstüchern und roten Gesichtern, die sich auf Billet- und Pferdehandel gleich gut verstanden, und von denen niemand wußte, was sie eigentlich waren. Dazwischen Stallknechte mit ihren bunten Requisiten für die nächste Pièce und einige Künstler in ihrem Kostüm. Vornehme Damen kämpften um den Preis der Toiletten und Extravaganz mit leichtlebigen Fräulein. Kaum unterschied man noch die anständigen Frauen von den anderen und die Edelleute von den Seilspringern. Und da defilierten sie nun hinter der Elite des Pferdegeschlechts. Man sah feurige Trakehner, seidenglänzende Araber mit hundetreuen, menschenklugen Augen, schmal und edel gebautes Vollblut, die sechzehn arabischen Schimmelhengste, die sich vor ihrem Herrn und Meister auf die Hinterbeine stellen, die prächtigen Rappen zu den olympischen Spielen, Bim Baschi den Schaukler und Sophus das Springpferd, den alten bösen Treppenläufer Mahomed, der vor zehn Jahren seinem Dresseur die Hand durchgebissen, in einem besonderen Verschlage die leicht gefesselten galizischen Ponies Hans und Gretel, die in der Pantomime den Jubel der Kinderwelt erregen. Dann die Pferde der Miß Leona für die hohe Schule, die zwei Freiheitschimmel und das russische Dreigespann der im Schulritt nebeneinander gehenden Rappen. Aber Lothar und Wicky hielten sich nicht lang in den menschenüberfluteten Stallungen auf, doch bemerkten sie noch im Vorübergehen, wie vor dem Box des zuletzt gerittenen Pferdes ein Mann vor ihnen höflich zur Seite trat und tief grüßte. »War das nicht unser Buchhalter?« fragte Wicky. »Ja, der wird noch ganz zum Narren mit seiner Pferdemanie,« erwiderte Lothar. Und er hatte Recht, denn wer den langen Schweizer jeden Sonntag in den Ställen so herumrasen und das geringste Vorkommnis mit Kenneraugen beobachten sah, mußte ihn mindestens für einen Sonderling halten. Kaum war seine »Frau Prinzipalin« vorüber, so stand er wieder ganz tiefsinnig vor dem in Schweiß gebadeten Wallach, dem eben das Maul und die Nüstern gewaschen wurden. Er kannte sie alle, die herrlichen Tiere, und hatte immer die Taschen voll Zucker, den er die Woche hindurch von seinem Frühstück abgespart hatte. Wenn er an ihren Boxes vorüberging, drehten sie die Köpfe nach ihm um, und auch die Stalljungen kannten den komischen Herrn und ließen ihn gewähren, denn er that den Tieren nichts zu leide und warf jedesmal ein gutes »Trinkgeld für die Kutscher« in die Sammelbüchse. Nun sah er gespannt durch seine Brille zu, wie acht Burschen vom Stallpersonal den Körper des Renners mit sogenannten Schweißeisen rieben, daß die Schaumflocken nach allen Seiten herabrieselten. Dem Pferde machte die Massage Vergnügen, und es drehte sich wiehernd nach Hitschold um, der ein Stück Zucker aus seiner Tasche nahm. Indes standen Lothar und Wicky vor der eisernen Treppe, die zur Garderobe der Artisten emporführte. Eine ältere Dame in schwarzem Seidenkleide, die Gattin des Zirkusdirektors, hieß sie einen Augenblick warten, da Miß Leona gleich erscheinen müsse. In der That wurden sie bald von der Schulreiterin begrüßt. Sie war bereits im Staat für ihre »Arbeit«: um die schlanke Figur das Amazonenkleid, auf dem hochblonden Haare den frischgebügelten Cylinder, eine weiße und rote Schicht über dem ganzen Gesichte, Schleppe und Gerte in der Linken. » Good bye !« rief sie schon von weitem, schüttelte ihrer Helgoländer Freundin die Rechte und bot Lothar den kleinen Finger ihrer in gelben Stulpenglacés steckenden Hand. »Mehr kriegen Sie nicht, Sie Ungeheuer.« Der Reiteroffizier wollte sich über diese Mißgunst beschweren, doch da stürmte eine Alte aus der Garderobe und legte Leona den Otterpelzkragen auf die Schultern. » Malheureuse ,« keuchte sie, » tu veux donc t'enrhumer, hein ?« Wicky sah die in Rot und Blau gekleidete Dame gar nicht erstaunt an, denn sie war von ihr auf Helgoland zugleich mit Leona bemuttert worden und kannte ihre Eigenheiten. Ihr Mann hieß Frank oder Franke und war Leibkutscher eines entthronten deutschen Fürsten und später Stallknecht im Pariser Hippodrom, wo er die Parforcereiterin auf nacktem Pferde Leonie Delucheux von Mont de Marsan an der spanischen Grenze kennen lernte und heiratete. Als sie zu alt und ungeschickt für die Zirkusarbeit wurde, traten ihre mittlerweile herangewachsenen Töchter für sie ein, von denen Lorenzita später einen Pariser Sportman heiratete. Mit ihr, der jungen Leona, die Schulreiterin wurde, und den drei Söhnen, die Gymnastiker und Clowns und jetzt in England waren, bereiste die Alte nach dem Tod ihres Gatten jahrelang die Welt. Von ihrem Vater, der sich für einen Engländer ausgab, hatte Miß Leona ihr virtuos geradebrechtes Deutsch und Englisch, von ihrer Mutter einige spanische Brocken und ihr südlich angekränkeltes Französisch, sowie ihre Geldgier und Leidenschaft für das Spiel. »Sie scheinen auf meinen Kousin sehr böse zu sein,« sagte Wicky, »daß Sie ihm sogar die shake-hand verweigern?« »Natürlich, er ist ein Ungeheuer!« eiferte Miß Leona. » Oui, oni, un monstre !« übersetzte die Alte unnötigerweise und ballte mit giftigem Blicke ihre Faust nach dem Leutnant. »Was hat denn der Ärmste gethan?« » M'en parlez-pas !« eiferte Miß Leona. »Er mag ja leidlich sein, aber sein Vater taugt nichts. Ja, Monsieur le Consul ! Fauler Kopp, wie man in Berlin sagt. Während ich in Wien war, sind alle Papiere, die ich nach seiner Angabe kaufte, gefallen à faire peur . Fünfzigtausend Mark verspielt – ein Skandal!« »Ereifern Sie sich nicht,« sagte Lothar etwas verlegen. »Ich verstehe zwar nichts vom Börsenspiel, und Papa ist längst nicht mehr Bankdirektor. Aber wenn Sie Verluste hatten, werde ich mit ihm reden ...« »Reden ... reden!« unterbrach ihn die Alte ärgerlich. » ça ne suffit pas. Caramba, oui, vous êtes un monstre !« Wütend eilte sie fort. Säbel und Sporen klirrten. Ein General und einige Reiteroffiziere nahten, von Lothar stramm salutiert. Im Nu war die angebetete Künstlerin umringt. »Wohl eine Kollegin?« fragte der General Miß Leona, indem er Wicky freundlich anblinzelte, Lothar beeilte sich, sie vorzustellen. »Kousine!« rief der General erstaunt und unterdrückte ein Lächeln. »Verzeihung, gnädige Frau. Hatte, glaub' ich, schon auf der Rennbahn den Vorzug ...« Die Sache stimmte, und so begrüßte man sich wie Bekannte. Aber Wicky empfand, daß sie neben ihrer Freundin zurücktreten mußte. Waren die Herren liebenswürdig und galant gegen sie, so widmeten sie der Schulreiterin eine wahre Verehrung. Und doch war ihre Unterhaltung, wenigstens wenn sie mit Herren sprach, nichts weniger als geistreich oder amüsant, und ihr Kauderwelsch, das sie sich angewöhnt hatte, trotzdem sie ein ganz gutes Deutsch sprechen konnte, fiel einem schließlich auf die Nerven. Erst lachte man darüber, dann ärgerte es einen. Oder war es das sittsam ernste Kostüm der Schulreiterin, was die Herren reizte? Wohl kaum, denn sie war überschlank, und in der äußeren Erscheinung stand sie der jüngeren Wicky nach. Oder die Künstlerglorie? Der Reiz ihres lebensgefährlichen Berufs? Das mußte es sein, dachte sie und beneidete die Reiterin um diesen schönen, reinen Triumph, an dem das Weib keinen Anteil hatte. Nur mit halbem Ohr hörte sie auf die lebhaft geführte Unterhaltung. Sie sprachen bloß von Pferden, dazwischen ein banales Kompliment für die Künstlerin, aber glühende Blicke schienen ihr eng anliegendes Kleid zu durchbohren. Also war es wieder nichts mit der abstrakten Anbetung. Und doch hatte die Klatschsucht nicht den geringsten Anhalt für böses Gerede. Dies Weib war ihr ein Rätsel. »Die Herren entschuldigen,« sagte Miß Leona plötzlich. »Meine Nummer kommt zuerst.« Und zu Wicky gewandt: »Kommen Sie mit in meine Garderobe? Messieurs , die Direktorin hält scharfe Hauspolizei. Vielleicht erwarten Sie uns im Stallgang.« Sprachs, wandte sich ohne weiteres und entführte Wicky. Der arme Lothar! So schlecht behandelte sie ihn, und doch dauerte ihre stadtbekannte Liaison schon drei Jahre. Auch seine Verheiratung schien nichts daran geändert zu haben. Obwohl er damals im Wagen versichert hatte, daß er Leona nicht liebe, konnte sie diese Anhänglichkeit nicht begreifen und war manchmal beinah eifersüchtig auf diese Reiterin gewordene Sphinx. Sie stiegen die eiserne Treppe empor. Linker Hand sah man den schmalen Gang, zu dessen beiden Seiten sich zellenartig die Ankleidezimmer der Herrengarderobe befanden. Ein Geruch von Schminke, Öl, verbrannten Haaren und Leder erfüllte den Raum, vermischt mit dem beißenden, warmen Pferdegeruch, der hier alles durchdrang. Miß Leona wies auf das Atelier des Haarkünstlers, von wo man das Schwirren einer Schere vernahm. Der Meister verfügt über achthundert Perücken und ganz unwahrscheinliche Quantitäten von Bartwolle, versicherte sie und ging nach links in die Requisitenkammer und Sattlerei, wo einige Arbeiter bereit standen, jeden im Laufe der Vorstellung sich ergebenden Schaden zu verbessern. Dort war auch eine Sammlung von Peitschen und Sätteln ausgestellt, Reitgerten mit zum Teil kostbaren Knöpfen, Wagen-, Hetz- und Hundepeitschen, Kardätschen und Knuten, daneben Paradesättel mit echt silbernen und vergoldeten Zieraten, gestickte Beduinenschabracken, brokatene Panneaux und andere wertvolle Prunkstücke. Von einem offenen Fenster aus sah man in den Stallgang hinab, der in elektrischem Feuer strahlte, und am Fuße der Treppe stand noch immer der General mit Lothar und den anderen Offizieren in lautem Gespräch. »Die Herren sind unter sich,« flüsterte Miß Leona, »da ist's immer am interessantesten.« Und sie zog Wicky ans Fenster, um zu lauschen. Die Offiziere schienen Lothar zu hänseln, er wehrte lachend, vielleicht durch die Gegenwart des Generals bewogen, irgend eine Zumutung ab. »Nein, auf Ehre,« rief er jetzt, »weder Miß Leona noch die Kousine. Beide sind gleich kühl und streng, aber das Spiel mit ihnen gefällt mir. Es muß früher oder später, so oder so enden. Vorläufig verwende ich sie als Pacemacher.« Schallendes Gelächter folgte dem Witz. Auch der General stimmte ein, aber die Sache war ihm wohl ein wenig zu toll, denn er machte seinen Rücken steif, drehte sich auf den Hacken und ging weiter. Die sporenklirrenden Schritte verhallten, und die Uniformen verschwanden in der Menge, die das rasselnde Klingelzeichen in die Arena zurückrief. »Geht nun der »Pacemacher« auf Sie oder auf mich oder auf uns beide?« fragte Miß Leona und stampfte ärgerlich mit dem Fuß auf. »Sie verstehen doch, was er mit dem Sportausdruck sagen wollte? Oft gibt der Besitzer einem Favorit ein Pferd bei, das dem voraussichtlichen Sieger vorangehen, ihn reizen und dann rechtzeitig zurückbleiben muß, während der Favorit durchs Ziel geht.« »Empörender Vergleich!« rief Wicky. »Das soll mir der petit monsieur bezahlen!« drohte die Schulreiterin. »Mein Trost ist nur, daß ich mir nichts vorzuwerfen habe. Er ist mein Bankier, voilà tout . Und ich garantiere ihm, daß ich weder als Favorit noch als Pacemacher tauge. Aber das fordert Rache. Bah, die beste Strafe ist, daß sein galanter Pferdevergleich nur eine unverschämte Renommage bleibt und niemals Wahrheit wird. Schwören wir es uns!« Sie schüttelte der Freundin die Hand und zornig gingen sie weiter. Jetzt waren sie im Reiche der Artisten und Balletteusen. Man hörte Plaudern, Lachen, Singen, ab und zu huschte ein aufgebauschtes Gazeröckchen vorüber. Aus einer Zelle eilte eine Ankleiderin herbei und öffnete vor Miß Leona eine Thür. Sie traten in einen kleinen, mit Rosatapete bekleideten Raum. Am Fenster stand der Toilettentisch mit dem Krystallspiegel in Form eines Hufeisens, den Schminkbüchsen und zwei brennenden Kerzen, daneben eine spanische Wand, mit bunten Plakaten beklebt, und ein Garderobeständer. Riesenhafte Pantoffeln, offenbar nicht der Miß gehörig, und Wäschestücke lagen am Boden. Weder sie noch ihre Mutter, die sich hinter dem Wandschirme zu schaffen machte, entschuldigten sich für die Unordnung. Sie waren in ihrem ewigen Wanderleben so sehr daran gewöhnt, daß es ihnen wie etwas Selbstverständliches und Notwendiges vorkam. Sonst kein Schmuck, keine Blume, nicht einmal ein Bild an der Wand, nur alte Kurszettel trieben sich auf dem Sopha und den paar Stühlen herum. »Sie scheinen hier alles Ewig-Weibliche zu vermissen,« sagte sie, indem sie die Gedanken ihrer Besucherin erriet. » Oh je suis si peu femme ! So viele Verehrer und Bewunderer, aber nicht einen Geliebten. Ich bin zu stolz dazu, viel zu frei und stark. Weder Favorite noch Favorit!« Sie lachte, aber verstummte plötzlich, denn Wicky wechselte jäh die Farbe und sank vor dem Toilettentisch auf einen Stuhl. War es der Ärger von vorhin oder der starke Geruch der Schönheitmittel und Parfüms? Mama Frank sprang schnell hinter ihrem Wandschirm hervor und hielt der Ohnmächtigen ein Fläschchen unter die Nase. Fast augenblicklich wurde ihr besser. »Ihre Nerven sind entzwei,« sagte Miß Leona. » Pauv' petite femme ! Thun Sie doch wie ich und helfen Sie sich so ...« Sie zeigte auf eine kleine Spritze, die zwischen den Tiegeln und Fläschchen lag. Wicky sah sie fragend an. »Das ist la force de ma vie , – meine Morphiumspritze. En usez-vous pas ? Eine Weltdame mit all ihren Aufregungen ist ohne diese kleinen Stiche einfach unmöglich. Und wo sollen wir vom Zirkus die Kraft zu unserer Arbeit hernehmen? Das reibt uns auf. Also hier heißt es: Tod den Nerven! Versuchen Sie nur.« Sie ergriff das kleine Ding von Silber und Glas und stieß die Spitze der nur halb Widerstrebenden über dem langen Handschuh in den Arm. Wicky empfand kaum den Schmerz eines Nadelstiches, aber ihr wurde sehr ängstlich dabei. » Petite sotte !« spottete Leona. »Sie werden die Wirkung sehen und bald nicht mehr ohne das leben können. Ich gebe Ihnen die Adresse meines Lieferanten. Ihre Nerven brauchen die kleine Stärkung und Betäubung. Wir sind hier alle morphiomanes und dabei frisch, gelenkig, stark, glücklich. Jawohl, toujours le bonheur et sans les hommes .« Sie lachte, und ein Echo antwortete ihr hinter dem Wandschirm, wo Mama Frank über einer zu starken Injektion halb eingenickt war, aber in ihrer wohligen Betäubung doch alles hörte und verstand. Wicky schauderte, indes die Reiterin wieder nach ihrer Reitpeitsche griff und glättend über die Glacés an ihrer Hand strich. »Sehen Sie hier die einzige Liebe, die einzige Leidenschaft meines Lebens,« sagte sie und wies mit der Gerte auf die Kurszettel am Boden. »Ohne das Spiel ist mein Dasein nichts. Die Männer sind höchstens mein Zeitvertreib. Ich will mich von ihnen nicht lieben, nehmen, beherrschen lassen. Ich will keine Liebende sein, nicht einmal eine Geliebte. Ich will mein eigenes Leben leben. Siegen die Männer durch Stärke und brutale Gewalt, so siegen wir durch List, Entschlossenheit in der Wahl der Waffen, durch zähen, kräftigen Willen. Die Frauen von früher wollten auch herrschen, aber durch den Mann, der deshalb groß sein mußte. Wir herrschen gegen und über den Mann, der darum klein sein und klein bleiben muß. Die Frau, die einem Mann auch nur die geringste Gunst gewährt, ist verloren. Gott sei Dank, ich habe mich vom Fleisch emanzipiert und herrsche über die Männer, die sich alle als schuldige Egoisten fühlen. Und so bin ich eine erbarmungslose Rächerin unseres durch Jahrhunderte mißhandelten Geschlechts!« Sie hieb dabei mit ihrer Gerte einen sausenden Streich durch die Luft, als stände das ganze Männergeschlecht mit entblößtem Rücken vor ihr, und kreischte ihren Zirkusschrei: Hoplah! Die Unterhaltung wurde durch einen kleinen, häßlichen Clown gestört, der mit weißangestrichenem Gesicht, dicken Augenbrauen und bis zu den Ohren reichenden Purpurlippen hereintrat. Seine Beine waren so krumm, daß der Pudel, der ihm folgte, sie als Reifen hätte betrachten können, und sein Gang war breit, als wollte er jeden Augenblick einen Trampolinsprung ausführen. »Mein Kollege Burslem,« sagte die Schulreiterin, wahrend er sich grinsend verbeugte und seinen hochstehenden roten Zopf mit der Hand nach vorne stieß, so daß er noch eine Weile hin und her pendelte. »Aber Sie kennen ihn ja schon von der Rennbahn.« Gewiß kannte sie den häßlichen Spaßmacher, der zugleich Parterrespringer, Jongleur, Balletttänzer, Kautschukmann, Dresseur und Groteskreiter war. Nebenbei ein vielseitiger Musiker, Er war Gymnastiker auf und mit der Geige, konzertierte mit Schlittengeläuten, Weingläsern und Holzstücken und spielte unter den erschwerendsten equilibristischen Umständen auf der Mandoline und Ziehharmonika. Nichts Menschenmögliches war ihm fremd. » Come on, Leona ,« kreischte das Scheusal, schon ganz im Charakter seiner Rolle, » 't is ready «. Er bot ihr mit grotesker Verbeugung seinen Arm und führte sie ohne weiteres hinaus, und Wicky konnte ihm die Unhöflichkeit nicht übelnehmen, denn er schnitt dabei eine so urkomische Grimasse, daß sie auflachen mußte. » O cet homme! « rief die aus ihren Träumen aufgeschreckte Mutter tragisch, und sah dem sonderbaren Pärchen mit geballter Faust nach. Wie eine Erlösung hatte Wicky das Bekenntnis ihrer Freundin geklungen, und jetzt? Sollte auch die männerfeindliche Leona in diesem Hansnarren ihren Meister gefunden haben? Gedankenvoll schloß sie sich den beiden an, gefolgt von der Alten, die den Schulterkragen ihrer Tochter überm Arme trug. In seinem Box stand Leona's Fuchshengst schon aufgezäumt und gesattelt, und die Stallmänner führten das edle Tier in den Vorraum der Manege, wo die Schulreiterin mit ihrem Clown vertraulich plauderte und lachte. Die Musik drang in brausenden Tonwellen durch die Gardine, und der feurige Renner spitzte die Ohren und schlug ungeduldig mit dem langen Schweif. Der Clown hob die Reiterin wie eine Feder in den Sattel, und ihre lange Schleppe wallte ihr gleich einem Trauermantel nach. Jetzt war das Tier kaum mehr zu bändigen. Der Schaum trat zwischen der silbernen Kandare in weißen Flocken hervor, die Nüstern sprühten, die schlanken, glänzenden Beine bewegten sich schon im Trab des spanischen Tritts, ein »Hoplah!« und mit mächtigem Sprunge stürmte das Pferd in die Arena. Die elegante Gestalt der Reiterin bog sich bei jedem Satze zurück, mit den Spitzen der Hand warf sie lächelnd Kußhände, und wie ein wüster Satyr mit krummen Beinen und hinkendem Gange, das Gesicht zur gräulichen Fratze verzerrt, trottete der Clown mit der Schaar Stalldiener hinter ihr her. Ein Jubelsturm durchbrauste das Haus, und schmetternd fielen die Trompeten ein. »Gehen wir in die Manege oder erwarten wir sie hier nach ihrem Triumph?« fragte Lothar. »Mir ist nicht wohl.« gab Wicky zurück, »ich will nach Hause.« »Das wird vorübergehen,« sagte er, denn er entschlüpfte nur ungern Leonas Zauberkreise. »Vielleicht genügt ein Gang in die frische Luft ...« »Ich will es!« antwortete sie und stampfte mit dem Fuß auf. Er sah sie groß an. Diese Bewegung kannte er. Die mußte sie Leona abgeguckt haben. Das fehlte gerade noch, daß auch dieses Püppchen da die Manieren der Amazone annahm! Mißmutig gab er ihr den Arm und führte sie hinaus. XXII. Lieber Jakob! Kann auf Deinen lieben Brief vom 28. bassato nur wiederholen, was Dir in meinem letzten Schreiben mitgeteilt habe. Wünsche desnahen nicht, daß Du Deine gute Stellung mit einer unsicheren vertauschest, weil hier wirklich alles drunter und drüber geht. Du schreibst mir zwar, daß Du Dich an Bier statt Wein schon gewöhnen würdest, die Musik ebenfalls gern hast und die Weibervölker nicht fürchtest und auch ganz gewiß ein guter Arbeiter bleiben würdest. Das ist alles schön und gut, Jakob, aber die Sozialdemokraten!!! Würde mich im Grab umdrehen – hoffentlich noch lange nicht! – wenn Du denen Tagedieben und Revolutzern ins Garn fielest und am End' ausgewiesen und über die Grenze abgeschoben würdest, wie ein Vagabund, denn die Polizei kann hier alles und macht kurzen Prozeß. Item, komm also auf keinen Fall zu Deinem lieben Vater Hinnen-Lotz, Direktor der Spinnerei Johannes Lenz \& Komp. Da seine letzten Jeremiaden auf den hoffnungsvollen Jüngling eher verlockend als abschreckend gewirkt hatten, so wollte der wackere Schweizer diesmal die Sozialdemokraten und das Sozialistengesetz als Popanz verwenden. Er hatte ja Beweise, daß seine meisten Arbeiter nicht nur liederlich, sondern auch offene oder heimliche Anhänger der Sozialdemokratie geworden waren. Er verfehlte nicht, jeden neuen Fall von Ungehorsam und Faulheit in der Fabrik der heillosen Irrlehre und ihren Propheten zuzuschreiben, überall sah und witterte er Nihilisten und Anarchisten, und er machte täglich seinen Chefs Vorstellungen, sie möchten endlich ein Exempel konstatieren und die Verdächtigen und Unzufriedenen, allen voran Pinzger und den Schlosser-Nante, entlassen. Besonders Heller nahm die Sache ziemlich kühl, denn es war ihm gleichgültig, was seine Arbeiter glaubten, wenn sie nur im Geschäft ihre Pflicht thaten. Ebensowenig ließ sich Hans von dem ängstlichen Spinnmeister bange machen. Trotz aller Prahlereien bei Zeiseler und unerachtet der Verhetzungen des Schlossers hielt er den Zusammenhang seiner Arbeiter mit der »Partei« nicht für erwiesen. Und sollten auch wirklich einzelne verirrte Schafe in seiner Herde sein, so wollte er doch nur seine Güte und Fürsorge verdoppeln und durch Wohlfahrteinrichtungen der Sozialdemokratie in seiner Fabrik den Boden entziehen. Seine Bestrebungen brachten ihm auch Segen ein, denn manche Arbeiter zeigten sich dankbar durch ordentliches Wesen, Fleiß und eine große Anhänglichkeit an seine Person. Was hatte er aber auch nicht alles für sie gethan! Jede festliche Gelegenheit nahm er wahr, um die Krankenkasse durch ein ansehnliches Geldgeschenk zu bereichern, auch sonst machte er ihren Unterstützungsvereinen oft genug anonyme Zuwendungen, Auf solche Weise opferte er nach Bestreitung seiner allerdings kostspieligen Haushaltung seinen Gewinnanteil zum Besten seiner Arbeiter. Den ringsum wohnenden Krämern und Wirten zum Trotze gedieh sein Konsumverein, mit dem er eine Kantine verbunden hatte, wo um ein Billiges kalter Imbiß und Braunbier verkauft wurde, und auch eine Theestube mit Lesezimmer richtete er ein, um die Arbeiter dem verderblichen Besuche der Destillationen zu entwöhnen. Schon hatte er den Grund zu einer guten kleinen Volksbibliothek gelegt und freute sich, daß namentlich Fabian, Hugo, die Aufseher und Hasplerinnen an Sonntagen gerne nach der gesunden geistigen Kost verlangten. So erfüllte er um des Vaterlandes willen, dem er mit seinem Blute nicht dienen durfte, eine erzieherische und soziale Aufgabe. Aber die sozialistischen Einflüsse wuchsen trotz alledem. In der Fabrik wurde über politische und wirtschaftliche Fragen wenig gesprochen, doch war ein stummer Einfluß unbekannter Hintermänner zu erkennen. In ausschlaggebenden Fragen folgte man freilich nicht immer der ausgegebenen Losung, sondern der Rücksicht auf das persönliche Wohl und Weh, und um diese Gegenströmung erstarken zu lassen, regte Hans die Bildung eines Arbeiterausschusses an, um mit ihm sich regelmäßig über das beiderseitige Verhältnis auszusprechen. Viel war ja von den Arbeitgebern gesündigt worden, indem sie es unter ihrer Würde hielten, mit ihren Arbeitern zu verkehren und zu verhandeln; Hans aber glaubte, daß wir heute nur die Wahl haben zwischen der kommenden sozialen Revolution, die unsere ganze wirtschaftliche Kultur begräbt, oder dem Mitreden der Arbeiterausschüsse. Lieber also im Frieden solche bilden, um so leichter würde man sich dann in den Tagen des Kampfes verständigen. Heller war gegen die Arbeiterausschüsse, weil sie das persönliche Verhältnis zu den Arbeitern zerstören, als stetes Kampfelement wirken, das Maulheldentum begünstigen und die Disziplin lockern. In ruhigen Zeiten würden Werkmeister und Aufseher gewählt, gegen die man oft die einzelnen Arbeiter schützen müsse, in unruhigen Zeiten aber Hetzer, die von außen sich beeinflussen ließen. Höchstens zur Interessenberatung, nicht aber zur Strafjustiz seien solche Ausschüsse tauglich, weil die Arbeiter nicht gegen Kameraden vorgehen wollen. So organisiere man bloß eine Opposition, die über Lohn- und Arbeitvertrag mitreden und demagogisch verhetze. Die großen Unternehmen müßten überhaupt militärisch, statt parlamentarisch organisiert sein. Indessen sei es in Berlin vielleicht anders als am Rhein. Hans möge den Versuch wagen. Obgleich die sozialdemokratischen Anhänger dagegen eiferten, so gelang doch die Bildung eines Arbeiterausschusses, der die besten Elemente vereinigte. Den Vorsitz führte der wackere Fabian, und seiner freundlich vermittelnden Weise gelang es, alle Gegensätze auszugleichen und ein ersprießliches Zusammenarbeiten zu ermöglichen. Mit dieser Vertreterschaft unterhandelte Hans in Zukunft. Ihr legte er seine Pläne vor, und durch sie erhielt er Nachricht von den Meinungen seiner Arbeiter. Hinnen war sehr erstaunt, daß Hellers Prophezeiungen sich nicht erfüllten, aber er sah es gleichfalls voraus, wohin der Herr mit seiner Milde kommen würde. Item, er wolle auf seinem Beobachterposten ausharren und unablässig Warnsignale aufstecken. Vorläufig legte er eine schwarze Liste an, worauf der Schlosser-Nante und Pinzger an der Spitze standen, dann kamen Kindermann und Patow, der Spinner Mila, den er für einen unschädlichen Trunkenbold hielt, war mit einem Kreuz aufgeschrieben, und sogar dem Namen: Hugo Mila folgte ein gestrichenes Fragezeichen. Der jüngste und beste Spinner war wirklich auf Abwege geraten. Aus Liebesgram hatte er sich der lockeren Gesellschaft des Tirolers angeschlossen und war gleich seinem Vater in der Durststillstation Stammgast geworden, wenn er auch mehr kannegießerte als trank. Seine Mutter hatte nun immer häufiger die Freude, Vater und Sohn zusammen aus der Destille zu holen und ihre wortreiche Strafpredigt zu verschwenden. Aber war sie nicht mit schuld an Hugos Verkommenheit? Hatte sie doch mit ihren Töchtern die kleine Fabian, die sein bester Halt war, in ihrer Sprödigkeit bestärkt und den Bruch durch ihr rohes Auftreten bei seinem Streite mit Pinzger unheilbar gemacht. Und weil ein Unglück nie allein kommt, so verlor sie nun auch noch ihre Jüngste. Schon seit geraumer Zeit munkelte man in der Fabrik, daß Lore mit dem Schlosser-Nante gehe. Oft schlich sie von ihrem Haspel weg in die mechanische Werkstatt, und der schnüffelnde Spinnmeister hatte das Pärchen schon in allen Winkeln zusammen überrascht. Natürlich war er über diese »Untreue« sehr ungehalten, denn nicht nur seine Liebe, auch seine Eigenliebe litt darunter: wie konnte man nur einen andern dem Herrn Hinnen-Lotz vorziehen?! Aber es war nun einmal so, und all seine Strafen und Bußen und der Eltern Schelte und Schläge halfen nichts mehr. Machte Nante am Montag blau, so verschwand Lore lange vor Feierabend aus der Fabrik, gewiß um mit dem »Bräutigam« zusammenzutreffen, und wenn sie dann gegen Morgen nach Tabakrauch und Alkohol riechend nach Hause kam, so brachte sie der Mutter eine Menge Lügen vor. Eines Nachts kam sie überhaupt nicht wieder, und die folgenden Tage auch nicht. Die Polizei suchte sie vergeblich, und wenn man den Schlosser-Nante nach ihrem Verbleib fragte, zuckte er die Schultern, und sogar dann noch, als Frau Mila es ihm auf den Kopf zusagte, daß er um ihre Tochter wisse. »Na ja, Mutter Mila'n,« antwortete der wüste Geselle, um endlich Ruhe vor ihr zu haben, »die Lore ist gar nicht ins Wasser gegangen, durchaus und durchum nicht, sondern lebt einen feinen Tag. Die lacht uns alle zusammen aus, daß wir uns hier in dem Arbeithaus noch abrackern mögen. Das Mädchen ist eben mit Spreewasser getauft, und wir Berliner haben das nu mal an uns, daß wir uns die Butter nicht von der Stulle nehmen lassen, wenn sie mit Schmalz beschmiert ist.« Mehr als allgemeine Redensarten waren nicht aus ihm herauszubringen, auch Hugos Versuche scheiterten. Wie ein Blitzschlag hatte diesen das Verschwinden seiner Lieblingsschwester getroffen. Er wurde schwermütig und grübelte immer finster vor sich hin. Tausend Gedanken schwirrten ihm durch den Kopf. Er wollte sie suchen, ihr ins Gewissen reden, sie mit Gewalt nach Hause führen ... Mit keinem Menschen sprach er mehr ein Wort, düster und freudlos verrichtete er seine Arbeit, und nach Feierabend und Sonntags verschwand er, niemand wußte wohin, und kam selten vor Tagesanbruch nach Hause, oft erst zum Arbeitbeginn. Wo trieb er sich herum? Der Schlosser behauptete, der Junge gehe ihm nach und spioniere ihn aus, aber er sei schlauer und lasse sich nicht in die Karten sehen. Frau Mila aber wurde ganz bange und meinte, Hugo schnappe gewiß noch über. Da konnte nur eine helfen und ihren Sohn wieder auf gute Wege bringen: Lene, und in ihrer Angst setzte sie sich mit Frau Fabian in Verbindung, die ja auch ihren Hugo gern hatte. Die brave Sächsin war ebenfalls der Ansicht, nur ihr Kind werde ihn aufrichten und bessern, und wenn auch ohne Liebe, rein nur aus Mitleid und Kameradschaft ihre Rolle als Rettungsengel durchführen. Sie riet ihr, den Pfingstmontag durch ein kleines Mahl zu feiern und die Kleine einzuladen. Am nächsten Sonntage zog Frau Mila richtig eine weiße Schürze an und machte sich auf den Weg in die Villa. Leider traf sie es nicht gut, denn der freundliche Herr Hans war schon drüben im Kontor, und ein lautes Geschrei erfüllte das Haus. Der Kutscher, der vor dem Stalle den Landauer wusch, deutete an, die Gnädige sei wieder ganz »lititi«, und da werde das gequälte arme Wurm schwer abkommen können, aber er wolle es durch die Köchin bestellen lassen. »Die Kleine hat 'n schlechten Posten,« sagte er. »Schon von Anfang an waren die Dienstboten alle gegen sie und wollten sie fortgraulen, weil ein Fabrikmädchen nicht anständig sei. Du liebe Zeit! Besonders die Gesellschafterin, die Französin, die Leblanc, triezte sie bis aufs Blut. Noch mehr die Gnädige – die reine Hölle! Jetzt schenkt sie ihr seidene Kleider und Schmuck, was sie gar nicht tragen kann, und dann wirft sie ihr wieder alles Geschirr an den Kopf. Solche Beulen hat sie schon! Nanu bildet sich die Gnädige gar noch ein, daß sie es mit ihrem Mann hält. Lächerlich! Und ihre schönen schwarzen Augen sind ihr auch ein Greuel. Sie möchte sie ihr ausstechen.« »Das Aas!« rief Frau Mila mit geballter Faust, und als nach langem Warten endlich Lene mit verweinten Augen im Flur erschien, fahl und abgemagert; aber propper und doch hübsch zum Anbeißen, da gestand sie der Kleinen ihr Unrecht ein, bat sie um Verzeihung und schüttete ihr Mutterherz aus. Ihre Erklärung war etwas zu lang für Lenens Urlaub, und so konnte diese nach kurzem Sträuben nur ihre Geneigtheit kundgeben und die Einladung für den Pfingstmontag annehmen, denn schon dröhnte das Geschrei der Gnädigen wieder durch das Haus. »Kind, sei nicht dämlich.« sagte Frau Mila und ließ ihre Hand gar nicht mehr los, »und raus aus der Bude, oder es ist noch Dein Tod.« »Nein, nein,« entgegnete sie und suchte vergeblich sich freizumachen. »Ich muß bleiben, ich muß!« »Seh ich nicht ein, Mädchen. Na, denn beschwere dich mindestens beim Herrn.« »Geht nicht. Ich habe Mitleid mit beiden. Sie ist krank und kann nicht dafür, und er hat schon so den Kopf voll.« Und sie riß sich los und verschwand, aber der »hellen« Frau Mila fiel es gleich auf, daß die Kleine ihr dabei gar nicht in die Augen sah. Die wird doch nicht wirklich in den Herrn verliebt sein? dachte sie beim Nachhausegehen, denn was würde dann erst aus ihrem Hugo! Die Pfingsttage kamen. Frau Mila hatte aus Hackfleisch einen falschen Hasen bereitet, Hugos Leibgericht, und Fabians steuerten das Bier und den Kuchen bei. Zum Dessert trank man die Flasche Schaumwein, die Herr Hans dem Mädchen mitgegeben. Ganz allmählich taute da der arme Hugo auf, und selig sah er die Kleine an und schwor ihr hoch und teuer, sich nicht mehr um Lore zu grämen und wieder ein braver Mensch zu werden. Hierauf wurde ein gemeinsamer Spaziergang beschlossen, an dem nur Fabian und der alte Mila nicht teilnehmen wollten. Letzterer, weil er angeblich schläfrig war, aber er verlangte gewiß nur in die Durststillstation, und darum blieb auch seine Frau, die seine Absicht durchschaute, zur Bewachung zurück. Marie, Lene und ihre Mutter stellten sich unter Hugos Führung, aber wohin sollte die Fahrt gehen? Lene schlug einen Spaziergang in den Grunewald vor, denn sie sehnte sich nach der Natur und dem Frühling; Marie wollte Eisenbahn fahren, Frau Fabian in die Hasenheide, von der sie schon so viel Wunder gehört, und Hugo verlangte auch nach leichter Zerstreuung. So wurde also Lene überstimmt. Das Ziel war die Hasenheide, aber mit dem Umweg über die Linden, damit Marie ihre Eisenbahn haben konnte. Und die Karawane setzte sich in Bewegung. Voran Hugo und Lene, die ein hellblaues Kleid und einen Strohhut trug, Geschenke ihrer Gnädigen, und hinterher folgten die fast ärmlich gekleidete, stark altjüngferliche Marie mit Frau Fabian, die ihr braungefärbtes Hochzeitskleid angezogen hatte und auf dem Kopfe eine stattliche Riesenhaube balancierte. Am Stadtbahnhof erstürmten sie einen überfüllten Wagen, und Marie Mila glühte vor Freude, als der Zug ins Rollen kam, nur schade, daß das Vergnügen gar so kurz war! Schon hieß es aussteigen, und bald standen sie mitten im Stoßen und Hasten der von Menschen wimmelnden Friedrichstraße, wo alles im pfingstgrünen Schmucke prangte. Wagen und Pferde zeigten den schimmernden Birkenzweig, die Fußgänger hatten Hüte und Knopfloch mit Maienlaub oder Blumen versehen, sogar vom kahlen Gerüste der Neubauten nickte das junge Grün. Und auch Hugo kaufte drei Maiblumensträuße, die sich seine »Damens« gleich vorsteckten, und noch ein duftiges Veilchensträußchen extra für Lene. ... Nur an ihr Fabrikleben gewöhnt, kamen sich die drei Weiber wie neugeboren, wie verwandelt vor, und mit hilflosen Augen blickten sie sich um. Zum Glücke für sie wußte Hugo Bescheid, und so eroberten sie springend und schreiend eine Droschke zweiter Klasse, und Hugo erkletterte den Bock, damit die Damen bequemer sitzen konnten. Nach einer endlosen Fahrt in dem Humpelkasten kamen sie auf eine lange staubige Landstraße mit Gastgärten, Mietkasernen, Bretter- und Leinwandbuden, Kiefernwäldchen und kleinen Sandflächen. Sie stiegen aus und schwammen langsam mit der Menschenflut vorwärts. Alle Gartenwirtschaften und Kneipen waren überfüllt mit Arbeitern, kleinen Beamten, Handwerkern, Soldaten, und fast sah man mehr Weiber als Männer. Und nun ging es im Gedräng an den lustig knatternden Schießständen, den vom Leierkasten durchbrausten Karussellen, den rauchenden Wurst- und Waffelküchen und den bemalten Leinwandbuden und ihrer Janitscharenmusik vorüber, daß ihnen Hören und Sehen verging. Und mitten durch all das Treiben der Volksmenge, das Schlachtgeheul der Wilden, das Brüllen der Bestien, das Geknall der Kraftmesserschläge, das Klingeln der Pferdebahn, das Geschrei der Ausrufer und Kinder, das Trompeten, Pfeifen und Brausen zog wie eine ernste Todesmahnung ein schwarzer Leichenwagen mit seinem hochaufgebahrten gelben Sarg, mit Kränzen, Trauerflor und verweinten Leidtragenden. Sie besuchten das größte Panorama der Welt und das erste europäische Flohtheater, sahen sich eine Menagerie und eine Riesendame und die abgerichteten Affen und Papageien, die Löwen und Elefanten an, ließen sich photographieren, wahrsagen und wiegen, elektrisieren und die Lungen- und Faustkraft prüfen, und die Glücksräder bescherten ihnen Blumentöpfe, Vasen, Papierlaternen und Pfefferkuchen. Im »Bagno« gruselten sie sich vor den französischen Galerensträflingen, der schwarze Wüstenkönig Hungorillo fraß in ihrer Gegenwart lebendige Kaninchen, und Esmeralda, die wahnsinnige »Blume des Westens«, erkannte mit gellendem Schrei ihr geliebtes Kind. Drinnen und draußen fielen die Witze der immer ironischen Zuschauer hageldicht auf die Ausrufer und Erklärer nieder, und mehr als einer von diesen mußte vor dem wortbehenden Berliner Witz das Feld räumen. Dann traten sie in einen Gastgarten, der vielversprechend die neue Welt hieß, und Frau Fabian verschwand mit ihrem Körbchen, worin sie eine Tüte Kaffee, Zucker und Kuchen hatte, in die Kaffeeküche, um ihren Mokka brauen zu lassen. Unterdessen hörten Hugo und die beiden Mädchen der Militärkapelle zu und sahen sich auch die anderen Herrlichkeiten an, den Irrgarten, das Puppentheater, die Singspielhalle, die schwedische Rutschbahn und fuhren auf der neuen deutschen Reichsschaukel und sogar in einem Karussellwagen, Hugo auf einem Leoparden stolz voran als Spitzreiter. Auch auf dem Tanzboden im »Ball Schampeter« drehten sich Lene mit Hugo und Marie mit dem Erstenbesten im furchtbaren Gedränge, wobei sie ihren Tänzern ihr Taschentuch boten, damit die schwitzende Hand nicht ihr Kleid an der Taille beschmutzte. Dann aber holten sie die Mutter Fabian mit ihrem weißen Kaffeegeschirr im Triumph aus der Küche, und weil alle Tische und Bänke besetzt waren, nahmen sie drin im Konzertsaale Platz und ließen sich die Vesper herrlich schmecken. Langsam brach der Abend herein, und das Plaudern, Lachen und all die tosende Freude wollte noch kein Ende nehmen. Aber Frau Fabian sah die leeren Tassen, Seidel und Streuselkuchenteller, wickelte den endlosen Strumpf um die Stricknadeln und mahnte zum Aufbruch. Sie hatte genug von dem Lärm und »diesem Volk«, wie sie geringschätzig sagte, und wollte gern auf die venezianische Nacht und den Brand Roms mit allem Feuerwerke verzichten. Sie sehnte sich zwar noch nicht nach Haus, aber nach gebildeter Gesellschaft. Hugo schlug also vor, in die Lindengegend zurückzufahren, und sie brachen auf. Am Eingange stieß der lustige Kardenschleifer zu ihnen, natürlich pikfein im Wichs, mit kleinem Hut und Federstutz, Zigarre und Spazierstöckchen. Er war mit der roten Liese hergekommen, aber sie warf allen Männern Blicke zu, so daß er sie abschüttelte. »Ich habe sie versetzt,« erzählte er. »Ich sagte ihr, sie soll mit der Luftbahn fahren, ich sei schwindlich, sie möge nur allein rutschen. Das war aber bloß Falle. Und als sie mir im Rutschen Kußhände zuwarf, bin ich ihr ausgerückt. O, die wird hier nicht verloren gehen! Die läßt sich von jedem finden.« Er hatte kaum gesprochen, als ein Getöse in der Luft ihre Köpfe und Blicke nach oben lenkte, und richtig! da schossen hoch über dem Teich und dem Springbrunnen zwei menschenüberfüllte Wagen an ihren Seilen vorüber, und in einem davon saß die rote Liese in ihrem grasgrünen Kleid und winkte ihnen mit dem Sonnenschirme zu. »Nu aber raus!« mahnte der Schleifer, als das drohende Luftbild verschwunden war. Die Gesellschaft lachte über die versetzte Braut, und der Tiroler reichte Marie Mila den Arm und übernahm die Führung. Und er verstand sich darauf, denn er war auf der Hasenheide wie zu Hause. Im Vorübergehen zeigte er ihnen den schwarzen Turnvater Jahn auf seiner Steinpyramide, und weiter ging es bis zum Rollkrug, wo sie den eben abfahrenden Pferdebahnwagen bestiegen. Bald standen sie wieder im Gewühle der Friedrichstadt, doch war es schon dunkel geworden. Die elektrischen Lichter flammten auf, wie von Geisterhänden entzündet, und da trieb man mit dem Menschenstrom in die Passage und ins Panoptikum hinein. »Genossinnen, heute geht's aus meiner Tasche!« sagte Pinzger und drängte sie an der Kasse vorbei. Und staunend begafften sie die Wachspuppen und sahen der Sängergesellschaft zu, die in bunten Fähnchen die Geige kratzte, das Tambourin schlug und die Guitarre kniff und dazu sang und tanzte. Hier gefiel es der musikalischen Lene sehr, aber Marie erklärte, sie bekomme von dem Lärmen Kopfschmerz, und sie habe schon genug an dem Getöse in der Spinnerei. Frau Fabian jedoch ärgerte sich, daß sie von allem dem Singen und Schnattern kein Sterbenswort verstand, wie scharf sie auch aufhorchte. Ja, wollte man sie denn zum besten halten? »Das ist italienisch,« erklärte ihr Lene. »Und verstehst Du es etwa?« »Fast glaub' ich's.« Das fand ihre Mutter sehr überspannt, und alles Überspannte war ihr in den Tod verhaßt, und so trank man in dem Gewühle schnell sein Bier aus und ging. Aber schon ein Haus weiter in der Friedrichstraße drängte sie der Schleifer in ein hell erleuchtetes Thor. Dies da sei das rechte Panoptikum, versicherte er, und da hatte er auch schon die ganze Gesellschaft mit sich die Treppe hinaufgezogen. Drinnen war aber wieder dieselbe Geschichte. Wachspuppen, Bilder, Waffen, nur daß statt der italienischen Volkssänger zwanzig Wiener Damen in roten Seidenblousen musizierten. Und man setzte sich wieder zum Bier und sah den alten und jungen Geigenspielerinnen zu, wie sie an einemfort fiedelten und mit den Herren kokettierten. Der spaßige Tiroler wußte einen Vers darauf und summte vor sich hin: »Die die von die Damenkapell', Die die mit die großen Tschinell'n, Die die geht im Kopf mir herum, Macht mir im Herzen bum bum!« Die Gäste an den Nebentischen, die es gehört, stimmten ein, und Pinzger ließ noch mehr Bier kommen und noch mehr, und als die Seidel leer waren, ging es schon auf zehn Uhr, und man brach ganz erschrocken über diese Entdeckung auf. Wohin jetzt? ... Nein, in einer Gesellschaft, deren Anführer der fidele Schleifer war, stellte man diese Frage gewiß nicht, denn der war nie in Verlegenheit. Und trotz der protestierenden Frau Fabian, die nach Hause zu ihrem einsamen Alten verlangte, schleppte er die ganze Gesellschaft in menschenwimmelnde Bierpaläste, wo in allen Stockwerken getrunken wurde, in Singspielhallen mit aufgedonnerten Kellnerinnen und Sängerinnen, roten Ampeln und bunten Gardinen und zuletzt noch hinüber in ein von Patschuli durchduftetes Nachtkaffee, wo ein baumhoher Portier mit langem schwarzen Bart drohend an der Thür Wache hielt und geschminkte und in Seide und Samt gehüllte Damen mit feinen Herren um die kleinen Marmortische saßen, Kaffee tranken und Zigarretten rauchten. Aber was war das? Da sprang ja plötzlich Hugo von seinem Stuhl auf und eilte zu einem der nächsten Tische. Kennt er denn die Dame im roten Plüschkleid und Federhut? Muß wohl sein, denn er spricht ja mit ihr ... »Herrjeh, die Lore!« Marie hatte ihre Schwester trotz des tollen Aufzuges erkannt, und ehe noch Pinzger es verhindern konnte, war auch sie aufgesprungen. Aber schon hatte Hugo seine sich weigernde Schwester am Arm gefaßt ... ein Herr sprang dazwischen und noch einer ... ein Langer mit einem großen blonden Bart ... »Der Schlosser-Nante!« rief Frau Fabian. Ein kurzes Ringen, Geschrei, Hin- und Herlaufen ... »Meine Schwester!« schrie Hugo und schlug blind um sich. »Ich will meine Schwester!« Man rief nach der Polizei, aber schon hatte sich der große Thürhüter und Wächter der Moral eingefunden und beförderte die ganze störende Gesellschaft mit Hurra an die Luft ... Draußen, in dem Auflaufe von Menschen stand nun wirklich die Polizei, und da half alles Widerstreben nichts. Die Ruhestörer wurden auf die nächste Revierwache geführt, wo man ihre Namen aufschrieb. Hugo sollte sich noch besonders wegen Hausfriedensbruch vor Gericht verantworten. Das war eine traurige Heimfahrt und ein wüstes Ende des schönen Pfingstfestes! Die Maiblumensträuße waren geknickt oder entrissen, die Blumentöpfe und Vasen zerschlagen und alle Freude dahin. Und ihr Verheimlichen half nichts. Am folgenden Morgen wußte die ganze Fabrik von dem Abenteuer, und daß man den Schlosser-Nante mit Lore Mila, die in Samt und Seide ging, in einem Nachtkaffee der Friedrichstraße gesehen habe. Also Dirne und Zuhälter! Frau Mila verging fast vor Scham und klagte Hans in beredten Worten ihr Leid. Als er ihr aber den Vorwurf nicht ersparte, daß sie das Mädchen strenger hätte beaufsichtigen sollen, da lachte sie höhnisch: »Beaufsichtigen! Sie haben ja so recht! Gewiß, ich hätte sie beaufsichtigen können, denn wir waren ja immer zusammen, nicht wahr? Wir schliefen in demselben Zimmer, sie nahm ihr Abendbrot mit uns ein und arbeitete in der gleichen Fabrike. Und doch sah ich sie so selten! Wir arbeiteten ja nicht im nämlichen Saal, drei Stockwerke trennten mich von ihr, und ohne Erlaubnis durfte ich nicht hinauf und sie nicht zu mir. Nur zur Mittagpause kamen wir in der Kantine oder im Hofe mit den anderen Genossen flüchtig zusammen und schluckten unsere Suppe herunter. Am Feierabend stürmten wir nach Hause und schleppten uns den weiten Weg lang und die vielen Treppen rauf. »Na, Kinder, da wären wir ja alle! – Was gibt es zu präpeln? – Ich habe Hunger! – Ich auch, Mutterchen.« Wir denn nun eins, zwei, drei essen unser aufgeschobenes Mittagbrot. Aber nicht bloß Hunger haben wir, müde sind wir auch zum Umfallen. Zehn Minuten später rührt man das Stroh in der Matratze auf, wirft sich drüber und schläft ein. Am Morgen steht man noch ganz duselig vom Boden auf und sputet sich, um keine Ordnungstrafe zu kriegen, und so läuft man im Sturmschritt zur Arbeit. Und das Tagewerk fängt an und die Maschinen lärmen. Man kann nicht plaudern, und sogar das Denken vergeht einem. Man bloß arbeiten, elf Stunden auf derselben Stelle, jeden Tag dasselbe, von früh bis spät die gleichen Bewegungen, haspeln, zupfen, ansetzen und scharf zusehen, damit es nicht stockt und der Faden nicht reißt. Wie kann ich da auf meine Kinder aufpassen, lieber Herr? Die Verführung von der Straße setzt sich in der Fabrike fort. Und da wundern Sie sich noch, wenn so 'n armes Wurm mit jungem, heißem Blute strauchelt! Beaufsichtigen! Ja hat sich was! Erst lassen Sie uns für 'n momentanen Augenblick Zeit, und denn reden Sie!« Hans schwieg betroffen. Wahrlich, die arme Frau hatte recht, und ihre Klage wurde zur Anklage und traf auch ihn. Die Not hatte diese armen Weiber aus der Familie verjagt. Sie waren nur noch Arbeiter und opferten so ihre Gesundheit, ihre Kraft, ihren Frohsinn und mit ihrem Recht auch ihre Pflicht. Und es wurde ihm zur Gewißheit, daß die Maschine, die das Handwerk vernichtet und aus den freien, selbständigen Arbeitern abhängige Lohnsklaven macht, kein Segen ist. Dieser Dämon mit den langen, schwarzen, ruhelosen Armen übt seinen Druck auf Leib und Seele des Arbeiters aus, preßt ihn, zerquetscht ihn, – ein Drache, der mit seinen eisernen Kiefern und dem unersättlichen Schlunde das arme Volk und Tugend und Glück verschlingt und die Klagen der hilflosen Opfer mit seinem Stampfen und Brausen übertönt. Nie mehr konnte Hans an dem keuchenden Wolf vorüber, ohne daß es ihm wie der Notschrei der verschlungenen Geschlechter klang, und er dachte an die Sage vom ehernen Stier des Phalaris, aus dessen glühendem Inneren der Todesruf der brennenden Opfer ertönte. XXIII. Immer offener trat die sozialdemokratische Wühlerei hervor. Der Schlosser-Nante, Pinzger, Kindermann, Pätow waren ihre rührigsten Verbreiter, und sogar die rote Liese diente der Propaganda und suchte unter den Weibern den Geist der Unzufriedenheit und des Ungehorsams zu schüren. Auch an die drei Hausknechte hatten sich die Werber herangedrängt, aber immer ohne Erfolg, und als der Schleifer sie in einer Mittagpause aufforderte, die nächste Versammlung, der Handelsgehülfen zu besuchen, da blieben sie dem Verführer die Antwort nicht schuldig. Janko drohte ihm mit den eisernen Fäusten, der kriegserfahrene Zobel pfiff in stolzer Verachtung »Lieb Vaterland, kannst ruhig sein«, der gelehrte Lux aber, der einem gemütlichen Disput niemals abgeneigt war, fragte in aller Seelenruhe mit einem Griff in die Dose: »Was sollen wir bei den Handlungsgehülfen?« »Na, die sind doch auch Arbeiter.« »Wir aber nicht, sondern Hausknechte.« »Das stimmt«, erwiderte der Tiroler und war gleich mit seiner aufgeschnappten Weisheit bei der Hand. »Aber wenn erst das ganze Proletariat zur Sozialdemokratie schwört, dann kann unser aller Sieg nicht mehr zweifelhaft sein.« »Es ist die Möglichkeit,« gab der Riese gelassen zurück, doch ein schlauer Zug belebte sein Gesicht, und das verkündete den ihn bewundernden Kollegen einen feinen Einfall. »Übrigens, will die Sozialdemokratie denn nicht alle Geschäfte beseitigen?« »Freilich, nur der Staat soll noch Arbeitgeber sein.« »So? Na, wenn es keinen Kaufmann mehr gibt, denn braucht man auch keine Handlungsgehülfen und Hausknechte mehr.« Der Tiroler, der ja nur das Sprachrohr anderer war, kraute sich statt der Antwort in den Haaren, und um seine Ratlosigkeit zu verbergen, machte er mit einem »Juhu!« einen Luftsprung. Aber es klang nicht mehr echt. »Statt sozialschen Unsinn zu quasseln,« fuhr Zobel fort, »kommt lieber ins Portierhäuschen. Ich erzähle Euch dann, wie meine Korporalschaft bei Sedang den Kaiser Napoleon eingesponnen hat.« Und bald saßen und lagen die ruhenden Arbeiter im Kreis um ihn, der, seine steife Militärmütze auf dem Kopfe, mit der ganzen Breite, Komik und Natürlichkeit sein Erlebnis vortrug. Die Jungen, die erst noch dienen mußten, hingen nicht minder gespannt an seinem Munde, als die Alten, die nun auch ihre Manöver- und Kriegsgeschichten zum besten gaben. Ja, sie liebten trotz der Verhetzungen das deutsche Volksheer, waren noch stolz auf ihre Uniform und ihr Regiment und sehnten sich bei aller Familiennot nach der Einberufung und den Übungen und der ganzen schönen, freien, heiteren, sorgenlosen Soldatenzeit! Auch bei Hugo Mila hatte die »Partei« kein Glück mehr. Wie oft hatte er gehört und gelesen, daß die Unschuld der Proletariertöchter von den Besitzenden geraubt werde, seit aber ein Arbeiter seine Schwester unglücklich gemacht, wollte er nichts mehr von der ganzen Irrlehre wissen. Die Begegnung mit Lore hatte ihn furchtbar aufgeregt, ihr schamloser Aufputz nicht minder als ihre Weigerung, ihm nach Hause zu folgen, und wenn er auch beklagte, daß ihm sein leidenschaftliches Gemüt dabei übel mitgespielt, so freute er sich doch über das Zusammentreffen. Jetzt wußte er ja, wo er die Ehrvergessene treffen konnte! O es würde ihm schon auch gelingen, sie auf den rechten Weg zurückzuführen! Hans hatte die Zimmer Fabians, der mit seiner Frau ins Wohnhaus zu Hinnen und Hitschold zog, Milas angewiesen, um ihnen die weiten Wege zu ersparen und ein besseres Zusammenleben der Familie zu ermöglichen. Sie zogen ein und freuten sich über das neue Heim, nur Hugo mochte sich darin unbehaglich fühlen, denn er verschwand regelmäßig wieder nach Feierabend, und als die Mutter ihn darüber zur Rede stellte, antwortete er ruhig: »Du kannst Dir ja wohl denken, wohin ich gehe!« Der sonst redefertigen Mutter fehlten plötzlich die Worte, als sie an die Schande ihrer Familie erinnert wurde: »Aber nur keine Haue wieder!« mahnte sie. »Keine Sorge, Mutter. Wir Milas müssen mit Güte gewonnen werden, sonst werden wir wie der Satan.« Im Kaffee sah er aber Loren nicht wieder. Ohne Zweifel hatte es ihr der Schlosser verboten, damit sie nicht wieder mit dem Bruder zusammentreffe. Erst nach mehreren Tagen fand er sie nachts auf der Friedrichstraße, wie sie mit rauschender Schleppe auf und ab ging. Gewiß wartete sie auf den Schlosser. Sie erschrak, als Hugo vor ihr stand. »Ich thue Dir nichts, Schwester,« sagte er. »Verzeih nur bloß den dummen Auftritt von neulich. Du weißt ja, daß wir alle in der Familie hitziges Blut haben!« Sie warf ihr kleines Näschen hoch und that sehr beleidigt. »Die Sache kann noch eklig werden,« bemerkte sie. »Mich so zu blamieren! Die Schöffen werden Dich am Schlaffittchen kriegen, und Du mußt brummen.« Er zuckte die Schultern, obwohl es ihm im Grunde gar nicht gleichgültig war. »Herr Lenz wird dem Kaffeebesitzer eine Entschädigung bieten, damit er keine Klage anstrengt. Aber was soll aus Dir werden, Lore?« »Mische Dich nicht in ungelegte Eier, ja? Ich bin alt genug, um mir selbst zu helfen. Jeder nach seinem Schaköng! sagt Nante.« »Du bist in schlechten Händen,« entgegnete er dringender. »Der Schlosser ...« »Ich kann nu mal nicht los von ihm,« unterbrach sie ihn heftig. »Was soll ich auch bei meiner geehrten Familie? Alleweile klauen in der Fabrike? Prügel von Vatern, der immer betrunken ist und thatsächlich wird? Oder soll ich mir von Muttern dumm kommen lassen, daß mir der Kopf brummt? Das kann ich für'n Tod nicht mehr vertragen. Ich muß mich pflegen, und will frei sein. Ich bin auch so nervös und gereizt und möchte den ganzen Tag immer schlafen. Nein, nein, das kommt nicht vom Nachtkaffee. Also, was soll ich zu Hause? Vielleicht wenn ich wieder gesund bin. Vielleicht! Aber das verstehst Du nicht.« »Nee, das versteh' ich nicht,« gab er zurück. »Ich sehe nur, daß Du nicht mehr anständig sein willst. Aber was hast Du denn von Deinem feinen Leben? Lieber ehrlich arbeiten, als hier müßig gehen und verachtet werden!« »Mein Traum ist es auch gerade nicht,« antwortete sie. »Aber das Unglück ist nu mal da. Ich muß das ausbaden. Vielleicht heiratet mich Ferdinand noch. Aber da kommt er. Geh, er darf Dich nicht mit mir sehen, sonst krieg' ich Senge.« Hugo tauchte schnell in dem Menschenstrom unter. Aus einiger Entfernung sah er den Schlosser mit hoher Mütze und Spazierstock, wie er heftig auf Loren einsprach. Wie zur Beschwichtigung steckte sie ihm ein Päckchen Zigarren zu, und beide gingen sie nebeneinander die lichtüberflutete Straße weiter. Schon am folgenden Tage brach Hugo die Gelegenheit vom Zaun, um den Schlosser zur Rede zu stellen und ihm ins Gewissen zu reden. Des schlechten Wetters halber ging Nante nicht zum Mittagessen in die Durststillstation, sondern trank in der Kantine zu Wurst, Eiern und Brot eine Flasche Bier. »Schlosser,« sagte er kurz entschlossen zu ihm, als er sich zum Mittagschläfchen auf eine Bank legen wollte, »warum heiratest Du Loren nicht?« Der Angesprochene hielt im Kauen und Trinken ein und warf einen erstaunten Seitenblick auf ihn. »Das Mädchen ist sonst brav,« fuhr er fort. »Und sie liebt Dich, obwohl Du an ihrem Unglück schuld bist. Sei ein Ehrenmann und mache sie wieder ehrlich.« Der Schlosser wischte sich mit der schwarzen Hand die Feilspäne aus dem blonden Bart. Er war schon im Begriffe, den lästigen Mahner mit einem Schimpfwort heimzuschicken, aber der herzliche Ton in seiner Stimme rührte ihn ein wenig. Er wollte gutmütig sein und fragte gedehnt: »Heiraten?« »Ja. es ist Deine Pflicht.« »Das geht nicht.« »Warum nicht?« »Ich bin schon verheiratet.« Hugo zuckte zusammen. Er hätte den Lump am liebsten erwürgt. Doch die heiße Blutwelle legte sich wieder ... »So lasse Dich scheiden.« »Geht auch nicht.« »Warum nicht?« »Ich bin kathol'sch.« Hugo sah ihm scharf ins Gesicht, ob er im Ernste sprach oder heimlich über den gelungenen Witz lachte. Doch Nante blieb ernst und fuhr wieder im Essen fort, »Wir Kathol'schen,« erklärte er nach einer kleinen Weile, »wir dürfen uns nämlich nicht scheiden lassen.« »Dann werde evangelisch. Das kommt alle Tage vor. Du wirst mir doch nicht etwa weiß machen, daß Du an Deiner Religion hängst? Ein heller Kopf wie Du, ein Sozialdemokrate! Das glaubt nicht an Gott und Teufel.« Der Schlosser lachte wohlgefällig auf. »Da magst Du gewissermaßen recht haben.« »Also warum läßt Du Dich nicht scheiden?« wiederholte Hugo gereizt. »Meine Alte dauert mich.« »Du lebst seit Jahren als Junggeselle. Wir kennen Dich nicht anders.« »Und meine sechs unmündigen Kinder, Hugo!« Jetzt lag der Spott klar am Tage, »Und das siebente unterwegs.« »Schlosser!« schrie Hugo. »Nu ja,« sagte Nante lachend, »hat Deine Schwester es Dir nicht gesagt? Also was soll ich mit zwei Frauen und sieben Kinder? Das sind zwei Frauen und sieben Kinder zu viel für einen ehrsamen Handwerker. Aber das wird ja alles geändert werden. Haben wir erst den sozialistischen Staat, dann nimmt er uns die Jöhren ab und läßt uns die freie Liebe. Gedulde Dich so lange, alter Sohn.« Lustig grinsend stand er vom Holzstuhl auf und trollte sich langsam in die Werkstatt, denn eben läutete die Glocke vom Dache. Mit geballter Faust sah Hugo ihm nach und folgte ihm hinüber in die Fabrik. Bald stand er wieder vor seinem Spinnstuhle, der in verzweifelnder Regelmäßigkeit ab und zu lief. Ihm schwirrte es vor den Augen. Kaum achtete er mehr auf die Arbeit. Fäden rissen und schnurrten sich auf. Der Ansetzer plauderte mit einem kleinen Mädchen in einem Winkel. Er sah von allem gar nichts. Aber Herr Hinnen-Lotz desto mehr. Der Ansetzer flog, durch eine Maulschelle beschleunigt, an seinen Posten, und Hugo bekam eine Geldstrafe. Dies war seit langem die erste. Sie hätte ihn früher gewurmt. Was lag ihm jetzt daran! Er hatte alle Arbeitlust und Lebensfreude verloren. Was sollte er auch noch auf der Welt? Immer nur freudlos rackern und schuften. Immer dastehen vor den drehenden, flimmernden, surrenden, klappernden Rädchen und Spindeln, die abreißenden Fäden wieder anknüpfen, keine Muskelarbeit, keine Denkarbeit, im Gegenteil absoluter Stillstand der Gedanken, da ja jeder Gedanke die Aufmerksamkeit zerstreuen würde, kein Anblick eines selbstgeschaffenen Werkes, sondern nur ein schmerzender, wirr und dumm gewordener Kopf und vom Stehen ermüdete Beine! Unter Maschinen selbst eine Maschine! Und sein Leben außerhalb dieser Arbeitkaserne? Auch nichts als Kummer und Elend! Kein Heim, kein Familienleben, ein Trunkenbold als Vater! O, Lene war ja wieder ganz nett zu ihm, aber seine Frau wollte sie doch nicht werden. Und nun verlor er auch noch seine Zwillingsschwester, seinen Liebling von Jugend auf! Und in welcher Not und Schande! Was hatte denn das Leben noch für einen Reiz? Besser sterben, aber welchen Zweck hat der Tod? Er grübelte stundenlang vor seiner summenden Maschine, und hatte es endlich weg. Es war ein teuflischer Plan, den er da vor seinen Faden und mit ihnen spann. »Herr Obermeister,« sagte er einige Tage später, »an meinem Stuhl ist was kaput. Ich muß abstellen.« »Gewiß hat der vermaledeite Ansetzerbub so lang mit der Schraube gespielt, bis sie zum Teufel ist,« wetterte Hinnen-Lotz und holte selbst den Mechaniker aus der Werkstatt, denn der beste Stuhl in der Fabrik durfte nicht lange feiern. Und der Schlosser-Nante erschien mit seinem Werkzeugkasten unterm Arm, sah nach dem Schaden und machte sich wortlos an die Arbeit. Hugo schaute ihm mit verschränkten Armen zu. Es ging gegen Abend. Vom dunkelnden Himmel fiel ein breiter heller Streif in den Spinnsaal. Es war noch zu früh für die elektrische Beleuchtung, deren Motoren eben erst in Gang gesetzt waren, aber noch hell genug für gröbere Arbeit. Nur der Schlosser, der unter die Maschine gekrochen war, mußte seine qualmige Petroleumlampe anzünden, um etwas zu sehen, Hugo nahm sie ihm aus den Händen und leuchtete. Der Ansetzerjunge war längst wieder zu seiner Freundin beiseite geschlichen. Es fehlte wirklich nur eine Kleinigkeit, wie der Spinnmeister richtig erkannt hatte. Keine Viertelstunde, meinte der Schlosser, und der Spinnstuhl war wieder in voller Thätigkeit und Hugo mit ihm ... Nie wieder! dachte der. Nante hämmerte und drehte eine Weile. Einmal nahm er eine flache Schnapsflasche hinterm Lederschurz hervor, that einen Schluck und bot sie Hugo an. »Nicht um die Welt!« rief er angeekelt, weniger von dem Nordhäuser als dem Trinkbruder. Der lachte heiser und hämmerte wieder, und bald saß die letzte Schraube fest. Jetzt mußte man sehen, ob die Maschine auch im Gange richtig spielte. »Schlosser, was ist mit meiner Schwester?« unterbrach Hugo ihn plötzlich. Nante sah ihn groß an. »Weiß ich nicht; aber puste lieber die Laterne aus.« Hugo blies das Licht aus und stellte die Laterne hin. Ein stinkender Qualm verbreitete sich. »Du wirst sie also nicht heiraten?« Der Schlosser hielt sich die Nase zu ... »Pfui Teufel, Schwein!« Hugo hatte seine Handbewegung nicht gesehen und vielleicht des Schlossers Worte mißverstanden. »Wer? Ich ein Schwein? Oder meine Schwester?« Und mit geschwungenen Fäusten packte er den Schlosser gerade im Augenblicke, da er am Hebel drückte und die Treibriemen und Räder und der Spinnstuhl mit den tausend zitternden Fäden ins Rollen gerieten. Und im blassen Abendlichte sah man die ringenden schwarzen Männer neben der brausenden Maschine. Mit übermenschlicher Gewalt drängte Hugo den Schlosser dem Treibriemen zu und suchte dessen Kopf zwischen die Räder des Schwungrades zu drücken. Vergeblich, der herkulische Mann ahnte die Absicht und strebte mit Händen und Füßen darnach, von der Transmission wegzukommen. Aber keine Möglichkeit! Der verzweifelte Bursche packte ihn zu fest, und es blieb dem Schlosser nichts anderes übrig, als auf den Boden zu fallen, nur um nicht in die Räder zu geraten. Jetzt lag er da, und Hugo kauerte auf ihm und zog und zerrte ihn. Die Maschine war zugeklappt, und beide mußten sie jetzt über sich hinweggehen lassen, und während die tausend weißen Faden friedlich ihre Arbeit verrichteten, wanden sich zwei Menschen unter ihnen im schrecklichen Ringkampf am Boden. Jetzt hatte der Schlosser die Oberhand und packte den Gegner. Aber plötzlich dachte er an die Gefahr des zuklappenden Fahrstuhls und wollte gutmütig ein Unglück vermeiden. »Ducke Dich, die Maschine!« Doch dieser Edelmut entfesselte nur Hugos Wut. Also nicht in den Treibriemen, sondern im Spinnstuhl zerquetscht, dachte er, und während er sich selbst bückte, hielt er mit der Kraft der Verzweiflung den Kopf des Schlossers hoch empor. Nun war der Fahrstuhl am Ziel und mußte zurückklappen und den Todfeind zerschmettern. Krampfhaft stieß er seinen Kopf hoch – jetzt mußte es kommen ... der Tod ... die Rache! ... Doch die Maschine stockte plötzlich. Der Ansetzer hatte die beiden Ringer bemerkt und den Stuhl mit einem Griff am Hebel abgestellt. Klaffend blieb er offen, und in furchtbarem Knäuel, stoßend, schlagend, alle Fäden zerreißend, wälzten sich die Ringer hervor, erhoben sich, wankten, stürzten, kugelten übereinander und ließen doch nicht voneinander. Und während einer der Spinner, erst jetzt aufmerksam geworden, herbeieilte, um die Streiter zu trennen, ertönte ein fürchterlicher Schrei, und man sah im Zwielicht, wie der lautlos fortschnurrende Treibriemen eine menschliche Gestalt an den Kleidern nach oben riß, dort mit dem Schädel an die Decke stieß, um die Welle schwang und in weitem Bogen in den nächsten Selfaktorstuhl zu Boden schleuderte. Wohl hielt der noch daran arbeitende Spinner Pätow seine Maschine aus Leibeskräften zurück, doch konnte er nicht verhindern, daß der Körper Hugos zwischen den zusammenklappenden Spinnstuhl geriet. Mit zerfetzten Kleidern, blutüberströmt, ohnmächtig wurde er hervorgezogen und sofort in Hellers Droschke auf die Sanitätswache und von da in die Charité geschafft. Fünf Minuten nach dem Unglücksfalle blitzten in allen Sälen die elektrischen Lichter auf, und die Spindeln schnurrten und die Spinnstühle klappten wieder auf und zu, als ob nicht eben ein blühendes Menschenleben vielleicht für immer geknickt worden wäre. Die Blutstecken waren mit Putzfäden und Sägespähnen abgewischt, die Kleiderfetzen auf den Schutt geworfen, und die mordende Maschine, wieder frisch geölt und gereinigt, harrte ihres nächsten Opfers. In stumpfer Gleichgültigkeit verrichteten Aufseher, Spinner und Ansetzer ihr anstrengendes Tagewerk weiter, und nur oben im Haspelsaale, wo weichere Frauenherzen schlugen, war für heute der frohe Gesang verstummt. XXIV. Die Untersuchung ergab keine völlige Klarheit über die Entstehung des Unglücks, nur soviel wurde festgestellt, daß es kein Unfall durch die Schuld der Arbeitgeber, sondern die Folge eines Raufhandels war. Der Schlosser-Nante, der sofort entlassen wurde, blieb dabei, daß er von dem jungen Spinner hinterrücks angegriffen worden sei, und daß es dessen deutliche Absicht gewesen, ihn in das Triebwerk oder zwischen die Maschine zu stoßen. Er habe zwar bald die Oberhand gewonnen, aber in ihrem verzweifelten Ringen seien sie in die Nähe des Treibriemens geraten, der Hugo jäh erfaßte und emporriß. Vermutlich habe sein Gegner, als er die Unmöglichkeit erkannt, ihn zu verderben, selbst den Tod gesucht. Die Aussagen der Zeugen waren ohne Belang, denn zu spät hatten sie in dem Maschinenlärm und Abenddämmer den Streit bemerkt, doch sei ihnen Hugos wahnsinniges Drängen nach dem Triebwerke zu aufgefallen. Dies bestätigte auch der Ansetzer, der noch rechtzeitig den Fahrstuhl zurückgehalten, natürlich alles sozialdemokratische Zeugenbeeinflussung, um den bewährten »Genossen« zu retten, wie Hinnen-Lotz meinte. Zu seiner Genugthuung wurde aber der Schlosser trotz alledem in Untersuchungshaft genommen. Unterdessen lag Hugo besinnungslos im Krankenhause. Vier Rippen waren gebrochen, schwere innere Verletzungen konstatiert, beide Beine mußten amputiert werden. Als er nach wochenlangem Schweben zwischen Tod und Leben sich so weit erholt hatte, um vernehmungsfähig zu sein, belastete er den Schlosser, der ihn »Schwein« geschimpft und mit Absicht in die Maschine gebracht habe. Als Lene, die ihn jeden Sonntag mit seiner Schwester Marie besuchte, ihm ins Gewissen redete, blieb er noch immer bei seiner Aussage. »Schade, daß ich nicht umgekommen bin,« klagte er. »Jetzt kriegen sie den Schlosser bloß wegen Körperverletzung an, statt ihn lebenslänglich ins Zuchthaus zu bringen. Aber auch diese paar Jahre Sitzung werden ihm zu denken geben. Lore wird dann gewiß wieder nach Hause kommen.« Der Unfall hatte einen tiefen Eindruck auf Hans gemacht. Er fragte nicht lange nach dem Gerede und ob das Unglück Absicht oder Ungeschick gewesen. Die Thatsache, daß einer seiner Arbeiter von einer Maschine erfaßt und verstümmelt worden, erinnerte ihn an seine Pflicht. Zwar hatte noch der alte Kaiser den Entwurf einer Alters- und Unfallversicherung bestimmt, um die Invaliden der Arbeit sicherzustellen, aber Jahre konnten noch hingehen, bis das Gesetz in Kraft treten würde. Darum wollte er nun in seinem kleinen Bereich ein ähnliches Institut ins Leben rufen, um seine Arbeiter zu schützen. Er sann Tag und Nacht darüber nach und legte schon die Grundbedingungen fest: Gleichstellung der Krankheiten mit den Unfällen, Gewährung des vollen Arbeitslohnes, wenn der Unfall durch die Schuld des Unternehmers geschah, und Eintritt der Unfallversicherung am vierten Tage nach dem Unglück. Die freiwillige Versicherungskasse sollte sich zur Hälfte aus den erhöhten Beiträgen der Arbeitgeber zur Krankenkasse, zur Hälfte aus den Lohnabzügen, Strafgeldern und Eintrittsgeldern der Arbeiter ergänzen. Unterstützt wurden hieraus nicht nur die Arbeitunfähigen, sondern auch ihre Familien, außer wenn eine Krankheit die Folge eines Raufhandels oder der Trunkenheit war. Schon für die nächsten Tage berief er den Arbeiterausschuß und legte ihm seinen Plan vor. Ach, es war nicht mehr die alte Vertretung! Durch Krankheit, Tod oder Verzug hatte der Ausschuß nacheinander mehrere Mitglieder verloren, und in die Lücken drängten sich die Strohmänner der Partei. Umsonst bemühten sich Hans und Hinnen-Lotz, die guten Mitglieder zu halten. Unter dem Einflusse Pinzgers und seiner Genossen kamen sie ins Wanken, wurden mundtot gemacht oder schieden aus. Mehr als einmal wollte Fabian auf den Vorsitz verzichten, nur Hans' Bitten veranlaßten ihn zum Ausharren. So wurde das Verhältnis zwischen Arbeitgebern und Arbeitern immer gespannter. Der Ausschuß bemängelte jede Neuerung und nahm selbst Verbesserungen mißtrauisch auf. Die Geschenke und Stiftungen seien »verfluchte Pflicht und Schuldigkeit« oder »elende Almosen«, ganz kleine Gegenleistungen für ihre Arbeit, der Konsumverein liefere schlechte Ware, die Theestube wurde als Altweiberkaffee verspottet und die Kantine als teuer verschrien, die Bibliothek müsse die sozialdemokratischen Hauptwerke anschaffen, die Einsicht in die Sparbeträge der Arbeiterkasse werde wohl demnächst zur Herabsetzung der Löhne benutzt werden u.s.w. Als nun Hans seinen neuesten Plan vorlegte, meldete sich Pinzger schnell zum Wort und setzte in einer konfusen Rede auseinander, daß der Vorschlag zwar ein Entgegenkommen der Unternehmer bekunde, aber Doktor Flemminger habe noch in der letzten Parteisitzung dringend empfohlen, gegen jede Neuerung der Industriellen auf der Hut zu sein. Bevor man sich also über den Vorschlag ausspreche, müsse man notwendig bei der Partei anfragen ... Zornesröte färbte Hans' Antlitz. »Welche Partei?« fragte er. »Wohl die Arbeiterpartei?« »Ja, die sozialdemokratische.« »Sie irren, Pinzger, wenn Sie alle Arbeiter dieser Partei zuweisen. Für Ihre Person mag das gelten, aber noch gibt es Hunderttausende deutscher Arbeiter, die keine Sozialdemokraten sind.« »So ist es.« bestätigte Fabian. »Wir sind Arbeiter kurzweg.« »Ich bestreite das,« rief der Tiroler. »Jedenfalls ist in der Spinnerei alles sozialdemokratisch, sogar die Maschinen.« Pätow und Kindermann stimmten bei, die andern schwiegen, denn sie waren unsicher und ängstlich gemacht. Sie fürchteten sich vor der »Partei«. So hatte also Pinzger seinen Zweck erreicht und die Verhandlungen erschwert! Hans war nervös geworden, Hinnen gereizt und ausfallend, und Fabian verschob mit Recht alles weitere auf die nächste Tagung. »Jetzt wäre es aber doch höchste Zeit, dem Tiroler zu künden,« bemerkte der Spinnmeister nach der Sitzung, und als Hans es auch diesmal ablehnte, fuhr er fort: »Die Sozialdemokraten bei uns werden ja immer frecher. Unsere Mauern schmieren sie rot an und schreiben ihre Wahlen darauf. Gestern haben sie dem Fabian sogar über den Schiller und Klopfstock die Bilder der hingerichteten Anarchisten von Chicago geklebt. Morgen ist wieder Radauversammlung in Moabit, und der Schleifer wird das große Wort führen. Unsere Leute sind besonders eingeladen, und ich fürchte, die Sozialdemokraten haben es just auf die Spinnerei abgesehen. Da wird gewiß zum Strike (Herr Hinnen sagte »Stricke«) gehetzt. Ja, lachet nur, Herr! Wir werden noch Gottes Wunder erleben! Und nicht besser wird es, als bis die Maschinen so vollkommen werden, daß wir gar keine Arbeiter mehr brauchen. Die Maschinen sind ja viel flinker, exakter, verläßlicher, billiger und ausdauernder. Also Automaten her, und hinaus mit den Menschen!« »Das läßt sich hören,« sagte Hans gedankenvoll, »Der Mensch wird von dem Zwange befreit, als Maschine zu wirken. Aber ihn von der Arbeit erlösen – da sei Gott vor!« Herr Hinnen-Lotz stutzte einen Augenblick und machte dann in heiligem Eifer den Vorschlag, von jedem Arbeiter die schriftliche Verpflichtung zu fordern, daß er sich jeglicher Ausstandsbewegung enthalte und weder sozialdemokratische oder überhaupt solche Versammlungen, die den Interessen der Fabrik zuwiderlaufen, veranlasse oder besuche, bei Vermeidung sofortiger Entlassung. Aber Hans lehnte auch diese Maßregel ab, denn es widerstrebte seinem Gerechtigkeitgefühl, Ideen mit Polizeimaßregeln zu bekämpfen. Zumal jetzt, wo Staat und Gesellschaft alles daransetzen, die Verirrungen auf dem Wege der Vernunft und durch Abstellung berechtigter Beschwerden zu heilen, sei die Öffentlichkeit der einzige Weg hierzu, und darum wolle er nicht in das Arsenal der Polizeipraxis greifen. Ihn drückten aber auch noch andere Geschäftssorgen. Unter seiner Leitung war die Firma Johannes Lenz \& Komp. zwar zu hoher Blüte gelangt. Auf Monate hinaus lagen Aufträge vor, und die Spinnerei mußte oft zur Nachtarbeit schreiten, um die Lieferungsfristen einhalten zu können. Die Maschinen brausten, die Spindeln surrten, große Rollwagen brachten das Gespinst hochaufgetürmt in die Lagerhäuser und Güterbahnhöfe, und so war fast Tag und Nacht ein rastloses Leben. Aber allerlei Übelstände in der kaufmännischen Oberleitung waren vorhanden. Der Konsul, der die Beschaffung des Rohmaterials und den Verkehr mit dem Garnmarkt an sich gezogen, infolgedessen er über die Annahme der meist telegraphisch einlaufenden Garnbestellungen entschied, verschleuderte im Laufe des Sommers das Gespinst zu Preisen, die kaum die Herstellungskosten deckten. Hans machte ihm Vorstellungen, aber der Onkel sprach geheimnisvoll von drohenden Konjunkturen, bevorstehender Baisse, Überfüllung des Garnmarktes, unsicherer politischer Lage und meinte, man müsse unter solchen Umständen froh sein, recht schnell und glatt gegen bar zu verkaufen. Die Menge werde es bringen. Eine zufällige Bemerkung des Spinnmeisters, warum neuerdings das schöne trockene Baumwolllager im Fabrikhofe so wenig benutzt werde, lenkte die Aufmerksamkeit von Hans auf einen anderen Übelstand. In der That kam der allwöchentliche Bedarf an Baumwolle nur noch in kleinen, fast täglichen Mengen herein, so daß das Lagerhaus, das früher von Ballen strotzte, meistens halb leer stand. Man lebte in der Spinnerei von der Hand in den Mund. So lange dadurch die Arbeit nicht gestört wurde, hatte es wenig auf sich, aber bei dieser schmal bemessenen Zufuhr konnte etwa infolge unvorhergesehener Verkehrstörung die Baumwolle leicht eines Tages ausgehen und der Betrieb eingestellt werden müssen, was schon um der zahlreichen Bestellungen willen von großem Nachteile sein würde, ganz abgesehen von den Rücksichten auf die Arbeiter und den Kredit. Sollte etwa, dachte Hans, die Firma auf dem Baumwollmarkte so schlecht angeschrieben sein, daß die Agenten für größere Posten überhaupt nicht mehr zu haben waren und immer nur kleinere »Gelegenheitpartien« anboten, um ihren Häusern ein allzu großes Risiko zu ersparen? Kaum wagte er es, seinen Verdacht abzuwehren, etwa mit dem schwachen Troste, daß der Onkel, wenn auch durch seinen Austritt aus der Niederdeutschen Bank geschädigt, schon durch seine kluge Vereinigung mit dem stadtkundigen Millionär Heller seinen Privatkredit wieder gehoben habe. Und wenn er unsicher stand, so konnte der Schwiegervater ihn und seine Spekulationen und die Firma Lenz leicht über Wasser halten. Übrigens war auch der Kommerzienrat nicht ganz zufrieden. Die Weberei konnte noch immer nicht in Betrieb gesetzt werden, weil die englischen Maschinenfabriken mit der Lieferung der Webstühle im Rückstande waren. Allwöchentlich beklagte sich der ungeduldige Heller bei dem Generalkonsul, aber dieser war immer mit guten Gründen bei der Hand. Wichtige Erfindungen und Entdeckungen seien in England gemacht worden, die den Webstühlen noch zu gute kommen sollten, der englische Kurs stehe gegenwärtig ungünstig, so daß eine spätere Regulierung große Vorteile brächte u.s.w. Bald darauf erhielt jedoch Hans die richtige Erklärung für all diese sonderbaren Vorkommnisse. Er traf eines Tages Schwarzbach, seinen ehemaligen Kollegen von der Niederdeutschen Bank auf der Straße an, und da er ihn seit längerer Zeit nicht mehr im Kontor seines Onkels getroffen hatte, ohne daß dieser vielleicht nur zufällige Umstand ihm aufgefallen wäre, so fragte er ihn, wie es im Geschäft ginge. Der Buchhalter sah ihn groß an, wobei sein Höcker sich ebenfalls zu dehnen und zu recken schien. »Bei der Niederdeutschen?« »Welche Frage! Bei uns, meine ich, also in der Firma Johannes Lenz \& Komp. oder meinetwegen v. Lenz Separatkonto.« »Das weiß ich nicht.« »So überdiskret?« fragte Hans lächelnd. »Nun, ich will Sie auch gar nicht zu einem Vertrauensmißbrauch verleiten, trotzdem ich als Mitinhaber der Firma das unbestreitbare Recht hätte, von Ihnen jederzeit Aufklärung zu fordern.« »Sie irren, Herr Lenz, ich bin nicht mehr im Kontor des Herrn Generalkonsuls, sondern längst wieder bei der Niederdeutschen Bank angestellt.« »Also ausgetreten?« »Nein, ausgetreten worden,« witzelte der Buchhalter. »Sollten Sie wahrhaftig nicht wissen, daß der Herr Generalkonsul mich Knall und Fall entlassen hat, als wäre ich ein Defraudant?« »Kein Wort wußte ich davon,« versicherte Hans. »Nun, mein Onkel hatte auch gar nicht nötig, mir davon Mitteilung zu machen, denn Sie gehörten zu seinem Privatkontor, zum Separatkonto und dem Generalkonsulat, indessen ...« »Und wollen Sie den Grund meiner Entlassung wissen?« unterbrach ihn der Kleine eifrig. »Wenn Sie sich an ihn wenden, wird er Ihnen gewiß was vormunkeln von Unpünktlichkeit, vielleicht gar von Unredlichkeit. Sind aber alles faule Fische.« »Ich kenne Sie schon lange, Herr Schwarzbach,« sagte Hans mit Wärme, »und ich weiß, daß Sie einer Unredlichkeit nicht fähig wären.« »Herzlichen Dank für diese kollegialische gute Meinung. Ich bin aber gerade zu ehrlich, und sehen Sie, das paßt dem Herrn Onkel nicht.« »Erklären Sie sich deutlicher.« Nun begann der Buchhalter ein langes Klageregister aufzuziehen. Gewiß, der Herr Konsul sei ein gutmütiger Mann, auch großmütig, aber er achte keinen Menschen und benutze und mißbrauche sie alle. Der richtige Spekulant. Dabei keine Arbeitkraft im eigentlichen Sinne. Der geringste Brief mache ihm Mühe. Ganze Vor- und Nachmittage verliere er mit dem Lesen von Zeitungen und Kursblättern und dem Empfange schwatzhafter Agenten, die ihn umscheicheln und ausbeuten, komme aber der Feierabend für ordentliche Kaufleute, so fange bei ihm die Arbeit an. Dann heiße es bis in die Nacht Briefe schreiben, Rechnungen ausziehen und mit leerem Magen auf seinem Posten stehen. Das habe den Kommis zuletzt mißmutig gemacht, und im Zorn habe er sein Herz erleichtert. Ein Wort habe das andere gegeben, wobei er allerdings die schuldige Achtung verletzte und ihm zuletzt sein Sündenkapitel herunterlas. Dies habe den Chef so verletzt, daß er ihn sofort ausbezahlt und unter dem cynischen Vorwand: sein Buckel bringe ihm ohnehin kein Glück mehr, entlassen habe. »Aber was konnten Sie ihm denn für große Sünden vorwerfen?« fragte Hans. »Der Onkel mag ein Spekulant sein, ist aber ein Ehrenmann.« »Ein Ehrenmann, der seinen alten treuen Angestellten, den er bis aufs Mark ausgenützt hat, entläßt?« rief der Buchhalter aufgebracht. »Und ist das ehrlich, wie er gegen die Spinnerei handelt? Ganze Schiffsladungen Baumwolle hat er aufgekauft, aber für Ihre Fabrik bringt er kaum ein paar elende Bällchen zusammen, und auch die sind oft von befreundeten Firmen zur Aushülfe geborgt. Und wissen Sie, warum die Webstühle nicht kommen? Weil die Herren Engländer mißtrauisch geworden sind und nur noch gegen bar liefern. Da aber das Geld bei ihm knapp geworden, so muß der Herr Schwiegerpapa warten.« »Nun, mein Onkel würde da gewiß Rat wissen und sich einfach an den Kommerzienrat wenden.« Herr Schwarzbach lachte laut auf. »O, den hat er für dringendere Dinge nötig, auch ist dessen Kredit wahrlich schon nach Kräften ausgenutzt.« Und da Hans ihn groß ansah, brach er los: »Aber wissen Sie denn nicht, daß das ganze Vermögen des Kommerzienrats dem Konsul in die Finger geraten ist? Die Million der Mitgift und alle anderen! Erst lockte er sein Geld als Depot und zur sicheren Anlage in einheimischen Papieren heraus, aber das Börsenspiel und der Ankauf der Villa verschlangen das meiste. Die Fabrik, die Maschinen, die Grundstücke, Ihre Villa, alles ist mit Hypotheken bedeckt. Von den Garnagenten hat er sich sogenannte Gefälligkeitsaccepte geben lassen, um Wechselreiterei zu treiben. Für diesen Liebesdienst ziehen sie ihm wieder die Haut über die Ohren und verkaufen Ihr schönes Garn zu Schleuderpreisen. Und er gibt es um jeden Betrag her, wenn er dafür nur bare Anschaffung in die Hand bekommt. Ja, sogar das Geld für die Zahltage mußte ich mir oft in letzter Zeit bei seinen Freunden und Bekannten und allerlei Wucherjuden zusammenbetteln.« Hans flimmerte es vor den Augen, und er mußte sich an einer Mauer halten. »So schlimm wird es nicht sein,« stammelte er, nur um etwas zu sagen. »Aber ich werde den Onkel zur Rede stellen.« »Thun Sie's, jedoch wird er Ihnen auch reinen Wein einschenken?« »Ich kann jederzeit einen Status verlangen.« »Das bestreite ich nicht, aber er wird Sie hinhalten und Ihnen bis zum letzten Augenblicke blauen Dunst vormachen. Und dann hat er ja eine so gute Entschuldigung! Ihr Schwiegervater war mit seinen Spekulationen einverstanden und Teilnehmer daran.« »Kein Wort weiß er davon.« »Daß alles verspielt ist, nein, aber daß er spielte, ja. Er setzte eben voraus, daß solch ein genialer Kaufmann nie verlieren könne. Und nun hat er den Schaden mitzutragen. Aber ich muß in mein Bureau. Herr Hubacher wird ohnehin Gift und Galle speien. Ach wenn die Konzerte nicht wären! ... Na, falls Sie meiner bedürfen, stehe ich zu Diensten, wie immer, Herr Lenz. Meine Hochachtung!« Und damit verschwand er mit fliegenden Locken. Es dauerte eine Weile, bis Hans sich gefaßt und gesammelt hatte. Was sollte er nun beginnen? O, sein Weg war ihm vorgezeichnet! In mächtiger innerer Aufregung eilte er in der Sonnenglut nach der Voßstraße zu seinem Onkel. Der Konsul saß auf seinem Sofa in halbliegender Stellung und stützte den Kopf in die Hand. Als er draußen Hans' Stimme hörte, sprang er auf und öffnete ihm die Thüre. »Gut, daß Du kommst,« rief er ihm entgegen, »ich habe mit Dir zu reden.« »Auch ich mit Dir, Onkel.« Der Spekulant stutzte einen Augenblick bei dem ernsten Klange dieser Stimme, und als er in das blasse Gesicht sah, fühlte er ein menschliches Rühren, und er schüttelte dem Kummervollen die Hand. Er glaubte erraten zu haben, was ihn bedrückte, und so kam er ihm zuvor. »Es schwirren allerlei Gerüchte in der Stadt. Hast Du auch schon davon gehört, Hans?« »Ja. Eben deshalb komme ich.« »Wie steht es also in Wirklichkeit?« »Das wollte ich Dich fragen.« »Komische Antwort,« sagte der Generalkonsul lächelnd, »aber die Ehemänner sind überall dieselben.« »Ich begreife nicht, wie Du mich als Ehemann mit Deiner Geschäftsleitung in Verbindung setzen kannst,« entgegnete Hans. »Wir bekommen keine Baumwolle mehr, die Webstühle liefert man uns nicht, das schwer erarbeitete Vermögen meines Schwiegervaters ist verspielt, die Fabrik und Villa überschuldet, und wir stehen vor dem Bankrott.« Das schien dem Konsul überraschend zu kommen, und er wandte sich ab. Hans glaubte an seine tiefe innere Bewegung, und eine weichere Stimmung breitete sich über sein Herz. »Onkel,« sagte er innig, »ich bin nicht da, um Dir Vorwürfe zu machen und Dich in Deinem Unglücke zu schmähen, denn ich weiß, was ich alles Dir danke. Du warst mir wie ein zweiter Vater, hast immer mein Bestes gewollt und mir die Möglichkeit gewährt, die Ehre meines Vaters zu retten, und auch ihm, dem teuren Toten, warst Du ein treuer, liebender Bruder, aber dies alles muß ich mir vor die Seele rufen, wenn ich die Kraft finden soll, ruhig und freundlich mit Dir zu reden ... Onkel,« sagte er dringender, »jetzt ist keine Zeit zu Vorwürfen. Ich frage nicht, wie Du Hellers anvertraute Gelder wagen, wie Du alles, unser ganzes Glück und Vermögen auf eine Karte setzen konntest, ich bitte Dich nur, rette was noch zu retten ist ... ich will Dir helfen, Tag und Nacht arbeiten ... wir wollen den Kopf nicht verlieren ... und vor allem dem armen Alten nichts gesagt ... er würde diesen Schlag vielleicht nicht überleben.« Während dieser leidenschaftlichen Rede des jungen Mannes hatte Lenz seine volle Geistesgegenwart und Willenskraft wiedergewonnen. Langsam zündete er seine ausgegangene Upman an und atmete ihren Duft ein. »Es ist wahr, Hans,« sagte er mit einem treuherzigen Klang in seiner Stimme. »Ich habe schwer gekämpft. Die gesteigerte Produktion erforderte neue Absatzgebiete. Zu diesem Zweck habe ich Agenturen in der Provinz errichtet, um die Zwischenhändler zu umgehen und mit den Webern in unmittelbaren Verkehr zu treten. Schon beherrscht ja unser Charlottenburger Gespinst einzelne Plätze vollständig, verdrängt die englischen Garne und erschwert den großen sächsischen und rheinischen Fabriken den Berliner Wettbewerb. Freilich hat dieser direkte Verkehr auch seine Nachteile. Während der Händler für seine schlechteren Preise sofort Kasse oder Wechsel gab, verlangen die Weber auf fünf bis sechs Monat offene Rechnung. Und doch ist dabei die Fabrik konkurrenzfähig geblieben, ohne einen Bankkredit in Anspruch zu nehmen. Die Börse hat uns geholfen. Freilich nicht immer. In letzter Zeit hatte ich Pech, und so sind augenblicklich unsere Mittel etwas festgelegt. Indessen wenn man mir Zeit läßt, mich in meinen Kombinationen nicht stört ...« »Schweige mir von Deinen Kombinationen!« brauste Hans auf, »sie bringen uns an den Bettelstab. Ich beschwöre Dich, gib das tolle Spiel auf. Nur die Arbeit rettet uns.« »Das ist zu spät,« sagte er bestimmt. »Nur ein Coup rettet uns noch. Aber ich werde mich herausrappeln. Glänzend, sag' ich Dir. Ich plane etwas. Wenn es gelingt ...« »Und wenn es nicht gelingt, sind wir verloren. Aber sind wir's denn nicht schon jetzt?« »Kleingläubiger,« rief er, »glaube doch an mich, wie alle Welt!« »Gerne wollt' ich es, aber ich habe kein Vertrauen mehr.« »Dann störe mich wenigstens nicht. Das ist alles, was ich verlange. Ich weiß, es muß gelingen. Die Konjunktur ist günstig. Ich habe sichere Depeschen aus Amerika. Mehr sage ich nicht. Ich darf keinen Vertrauten haben, sonst geht es schief.« Mit großen Schritten ging er im Zimmer auf und ab, doch Hans vertrat ihm plötzlich den Weg. »Nein, nein, Onkel, ich kann Dich nicht ins Verderben rennen lassen, mit Deinem, mit unser aller Glück und Ehre! Noch einmal beschwöre ich Dich ...« »Es ist zu spät,« sagte er und wehrte den Dränger ab. »Ich wage noch diesen letzten Zug, der uns retten muß.« »Ich bitte Dich ...« »Laß mich,« unterbrach er ihn heftig, »ich sage Dir's noch einmal.« »Nein, sonst gestehe ich alles meinem Schwiegervater!« »Schweig, Unglücklicher,« rief er aus, »und kümmere Dich um Deine Angelegenheiten ...« »Onkel!« schrie Hans auf und faßte seine Hand. »Wahrlich. Du hast Besseres zu thun, als mir die Ohren vollzujammern,« sagte der Konsul und riß sich los. »Jeder kehre vor seiner Thür. Auch Du. Namentlich Du. Als Ehemann, wie ich vorhin schon sagte. Wenn Du Dich mehr um Deine Frau und weniger um meine Geschäfte kümmertest, wäre uns beiden geholfen.« Hans griff sich an die Stirn, eine Bewegung, die sein Onkel über die Zigarre weg nicht ohne inneres Vergnügen beobachtete. »Was willst Du damit sagen?« »Was ich Dir schon vorher sagen wollte, Hans, als Du mich mit Deinen Vorwürfen unterbrachest. Die ganze Stadt spricht schon davon, und das schadet nicht nur dem Ehemanne. auch der Firma, unserm Kredit! Du natürlich hast keine Ahnung von dem peinlichen Aufsehen, das es erregt, wenn man in allen Theatern, Konzerten, Zirkusvorstellungen immer Deine Frau in Gesellschaft meines Sohnes sieht. Ich habe Lothar schon ernste Vorstellungen gemacht. Er schwor mir, die Sache sei viel harmloser als sie aussehe, und versprach mir, sich zu bessern. Thue auch Du als Gatte das Deinige und lies Deiner Frau den Text. Und wenn gerade Deine Schwiegermama dabei ist, so kann sie einen Teil Deiner Vorwürfe abbekommen. Die verdrehte Schraube würde es verdienen, denn von ihr hat Wicky die kopflose Vergnügungssucht, und ihr magst Du es auch zuschreiben, wenn Du wenigstens vor der Welt in der immer lächerlichen Rolle eines betrogenen Ehemannes dastehst.« Hans wirbelte der Kopf. Was sagte er da? Wer war betrogen? Er als Gatte. Er verbarg sein Gesicht in den Händen, und der Onkel fühlte etwas wie Mitleid, denn er legte ihm die Hand auf die Schulter und sagte in herzlichem Tone zu ihm: »Fasse Dich, Hans. Noch scheint es ja nicht schlimm zu stehen.« – Aber über seine Züge wetterleuchtete eine heimliche Schadenfreude: Und dieser arme Sünder wollte mein Richter sein! In diesem Augenblicke krachte ein dumpfer Schlag. Beide sprangen auf, und vor der aufgerissenen Thüre lag die Frau Generalkonsul langhingestreckt. Sie hatte ohne Zweifel wieder gehorcht, und der Schreck über die heftige Auseinandersetzung hatte sie niedergeworfen. Onkel und Neffe riefen nach der Dienerschaft und richteten den gebrochenen Oberkörper auf, von dem der fahle, greise Kopf kraftlos herunterhing, aber die Augen waren weit aufgerissen und starrten mit furchtbarem Ausdruck auf Hans, der ihren Vorwurf verstand. Also auf solche Weise hielt er seinen Schwur! Statt zu ihrem guten Manne zu halten, nur Schelte, Drohungen, als wäre nicht für alle der sichere Ruin ohne ihn, den Großen, Herrlichen ... o die undankbare, schlechte Welt! »Es geht zu Ende,« murmelte Lenz, als sie die Leblose auf das Sofa betteten und Hans nach dem Arzt eilte. »Mit ihr verläßt mich mein Glück!« XXV. Ein dreifacher Schlag hatte Hans getroffen. Der Arzt konstatierte bei seiner Tante eine rechtsseitige Lähmung, aber so konnte sie noch jahrelang dahinsiechen. Tief erschüttert begab er sich auf den Heimweg, und im einsamen Gange durch den Tiergarten stieg die ganze Größe seines Unglücks vor ihm auf. Doch wer weiß, vielleicht rappelte sich der geniale Kaufmann wirklich wieder heraus. Sie glaubten ja alle an ihn, seine arme Frau, der alte Heller, und er war wirklich so erfinderisch in seinen Kombinationen, so energisch und umsichtig in seinen Anordnungen, und wo jeder andere verzagte, bewahrte er den Gleichmut des unerschütterlichen Optimisten. Warten wir's ab, tröstete sich Hans, und jammern wir nicht über eine Sache, die zu ändern nicht in meiner Kraft steht. Wenn der Onkel im Schmerz um seine Lebensgefährtin nur den Kopf oben behielt und seine geschäftlichen Fähigkeiten nicht einbüßte! ... Immerhin wurde Hans das Eine zur Gewißheit, so ging es nicht länger. Der Konsul paßte nicht in das solide und für seine hochfliegenden Pläne zu kleine Geschäft. Es mußten sich früher oder später und noch ehe es zu spät war, die Mittel und Wege einer freundschaftlichen Trennung finden. Und nun sein eigenes häusliches Unglück! War es wirklich so schlimm? Der Onkel hatte ein Gerücht wiedergegeben, das vielleicht nur leer und haltlos war. Lothar war leichtsinnig, aber nicht so schlecht, um seinen Vetter zu hintergehen – nein, solcher Gemeinheit war er nicht fähig. Und Wicky? Ja, wie war sie eigentlich? Er wußte es selbst nicht recht, so wenig hatten sie sich in den zwei Jahren ihrer Ehe kennen gelernt! Jetzt erinnerte er sich einiger häuslicher Scenen, verschiedener Aussprüche und Handlungen von ihr, und aus diesem Mosaik begann er ihren Charakter zusammenzusetzen. Leichtfertig? Gewiß. Frivol, ohne sittlichen Halt und eigentliches Ehrgefühl. Vor allem vergnügungssüchtig im höchsten Grad. Er hatte sie oft nicht nur auf Notlügen, sondern auch auf raffinierten Unwahrheiten und Schwindeleien ertappt. Sie hatte nichts von dem braven, schlichten Sinn ihres Vaters, und die Fehler ihrer Mutter besaß sie alle und in gesteigertem Maße. Aber hatte er denn je einen Versuch zu ihrer Besserung gemacht? Nein, und das war seine tragische Schuld, wenn es nun zur Katastrophe kommen sollte. Warum hatte er als Gatte sich nicht bemüht, das gute väterliche Erbteil zu pflegen und das schlechte mütterliche zu bekämpfen? Warum hatte er sie überhaupt nicht zu erziehen, sich anzupassen versucht? Vielleicht wäre es nicht schwer gewesen, ihr einen Halt zu geben, und ihren Charakter zu festigen. Statt dessen hatte er sich scheu von ihr zurückgezogen, als seine ersten Annäherungsversuche fehlschlugen, und sie ganz dem Einfluß ihrer Mutter und dann ihres Vetters überlassen. War er nicht schon in die Ehe mit einer gewissen Kälte getreten, während sie vielleicht alle guten Vorsätze mitbrachte, ihm eine liebende und treue Frau zu sein und ganz in ihm aufzugehen? Gewiß auch er hatte gefehlt. Er hatte eine richtige kaufmännische Heirat geschlossen, die Konvenienz hatte sie zusammengeführt, die geschäftlichen Interessen. Und seine Ehe war auf einer Lüge aufgebaut. Er hatte eine Andere geliebt, und er liebte sie noch ... Bei diesem Geständnisse krampfte sich sein Herz zusammen. Wenn ihr Gatte sich mit Wicky vergaß, dann war Adelheid gerade so unglücklich, als er selbst, und dieser Gedanke war ihm unsäglich qualvoll. Gebe Gott, daß die Gute, Edle, des höchsten Glückes Würdige von dem Fehltritt ihres Gatten nichts erfahren möge! Sie liebte ihn ja trotz seiner Fehler, das wußte er, und wie glücklich war sie, ihm in ihrer Tochter ein neues Band geschenkt zu haben, das ihn fester an sie knüpfen sollte. Noch war sie leidend und fände gewiß nicht die Kraft, das Furchtbare zu ertragen. O wenn er nur um sie sein könnte! Wie sorgsam würde er jeden Verdacht zerstreuen, jedes böse Gerücht von ihr fernzuhalten suchen! Der weite Gang hatte ihm die Ruhe und den Mut, auch das Schwerste zu ertragen, wiedergegeben. Nun betrat er das holperige Steinpflaster der Spree und sah schon jenseit der keuchenden Dampfkräne und Schlepper den Schlot und die fensterreiche Breitseite der Fabrik ragen. Laut hallte sein Schritt auf der Brücke wieder, dann bog er links ab und ging den Treidelweg am Ufer entlang und auf die Villa zu. Mit welchen anderen Gefühlen war er doch hier an Adelheids Seite geschritten, und auch die kleine Terasse am Ufer konnte er nicht ohne Rührung betreten. Alles war ihm durch das Andenken an sie geheiligt. In düsteres Sinnen verloren ging er auf dem Kieswege weiter, doch ein Rascheln schreckte ihn auf. Lene stand vor ihm. Seit ihrem Nervenfieber war sie hoch aufgeschossen und in seinem Hause zur lieblichen Jungfrau erblüht. Sie saß auf einer Bank, und ein Zipfel ihrer blendend weißen Schürze entfiel eben ihrer Hand. Kein Zweifel, sie hatte geweint, denn ihre Augen waren rot und die etwas voller gewordenen Wangen schimmerten feucht. Sie sprang von ihrem Sitz empor. »Erschrick nicht, Lene,« sagte er freundlich. »Doch wie kommst Du hierher? Ist im Hause drinnen nichts zu thun? Meine Frau wird Dich schelten, oder bedarf sie Deiner nicht?« »Nein.« »Du weinst ja ... Hat sie Dich wieder geschlagen?« »Fortgeschickt,« stammelte sie. »Wie fast alle Tage,« seufzte er. »Hast Du denn etwas Unrechtes gethan? etwas zerbrochen? Aber was frage ich, Deine geschickten Fingerchen zerbrechen nie etwas. Also was war es?« »Nichts.« »Wieder ohne Ursache? Eine plötzliche Heftigkeit, die sie ergreift, ohne Grund und Zweck. Ich kenne das. Wir müssen Geduld mit ihr haben. Sie ist krank.« Er faßte ihr Kinn mit zwei Fingern und hob das gesenkte Köpfchen empor. Nun mußte sie ihn ansehen, aber sie vermochte es nicht, und von Glut überflammt verbarg sie ihr Gesicht. »Hast Du einen Wunsch. Lene?« Sie nickte. »Bitte, nehmen Sie mich wieder in die Fabrik.« »Daß die bösen Weiber vom Haspelsaal Dich wieder schlagen?« »Ich will Röhrchen machen.« »Der Verdienst ist klein. Deine Mutter wird zanken.« »Mag sie! Bin ich nur wieder bei Vatern.« »Dein Wille geschehe. Aber es thut mir leid, wenn ich Dein freundliches Gesicht in meinem Hause nicht mehr sehe.« »Ach wie gern blieb' ich bei Ihnen! Ich kann aber nicht. Ihre Frau sagt, ich spioniere sie aus, und das ist doch nicht wahr. Darum schlägt sie nach mir, auch wenn ich mir gar nichts zu Schulden kommen ließ. Nachher freilich beschenkt sie mich, doch ich mag die schönen Sachen nicht. Lieber bleibe ich arm und brav.« »Du hast recht, Lene,« sagte er, »wir wollen unsere Menschenwürde bewahren.« »Ich mag ja nicht klagen,« fuhr sie weinend fort. »Aber habe ich Sie je mit einem unrechten Blicke gestreift, bin ich Ihnen etwa nachgelaufen, habe ich mich wirklich an Sie weggeworfen?« »Das behauptet meine Frau?« rief er entrüstet, doch sie hörte ihn nicht. »Ausgewichen bin ich Ihnen, wo ich nur konnte, als wären Sie mein Feind, und wenn Sie mich zufällig trafen, lief ich fort, als wäre es eine Sünde. Und so hielt ich es auch mit dem andern, der mir gar nichts ist, das kann ich mit gutem Gewissen beschwören.« »Ah, mit dem Herrn Leutnant?« »Gewiß, und als er mich vorhin küssen wollte, da hab' ich's ihm gegeben. Seine Backe war noch rot, als die Gnädige kam. Und ich sagte es ihr wieder, und sie lachte zwar vor dem Leutnant darüber, aber als er fort war, wollte sie mir die Augen auskratzen, die ihr Unglück bringen, wie sie sagt, und hetzte mich mit ihrem großen Hund aus dem Hause. Sie will mich nicht wieder sehen.« »Nehmen wir sie beim Wort, Lene. Packe schnell Deine Sachen und geh zum Vater.« Ihre Augen glänzten vor Freude. »O, mein Bündel ist bald beisammen, denn nicht eines ihrer Geschenke nehme ich mit. Das bringt kein Glück.« Er wollte ihr noch etwas sagen, doch schon schimmerte ihre fliegende Schürze zwischen den Bäumen dahin. So eilig hatte sie es, wieder »zu Vatern« zu kommen ... Er folgte ihr langsam, und gerade als er an der Veranda vorbei um die Ecke der Villa kam, da stand seine Frau vor ihm, den Sonnenschirm aufgespannt, im bequemen blauseidenen Hauskleid und ohne Hut. Er erschrak über ihr schlechtes Aussehen, den gläsernen Blick ihrer Augen, die verzerrten Züge. »Ich langweile mich im Hause drinnen,« sagte sie. »Die Leblanc foltert mich mit ihrem Geschwätz, der Papagei macht mich krank, Lothar habe ich fortgeschickt. Kommst Du mit?« »Ja. ich habe Dir etwas zu sagen.« Mit jener Unsicherheit des bösen Gewissens warf sie einen forschenden Blick auf ihn. Dann hakte sie ihren Arm in den seinen und schmiegte sich im Gehen an ihn. »Ich habe eben mit dem armen Mädchen, der Lene Fabian, gesprochen,« begann er. »Du hast sie abscheulich behandelt.« »Ich kann sie nicht leiden.« »Ist sie faul, ungehorsam, unhöflich?« »Nein, aber ich mag sie nicht. Mit ihren großen, fragenden Augen verfolgt sie mich bis in den Schlaf hinein. Sie macht mich krank. Hat sie mich etwa bei Dir verklatscht?« »Kein Wort,« entgegnete er. »Übrigens will ich hoffen, daß sie nichts Böses von Dir zu klatschen fände. Sie wird von morgen an wieder in die Fabrik gehen.« »Um so besser, wenn ich sie nicht mehr sehe. Ich werde sie zum Abschied beschenken.« »Nicht nötig, sie dankt für Deine Geschenke.« »Also auch noch stolz ist das Bettelpack?« »Sie ist eine Arbeiterin,« sagte er streng, »unsere Arbeiterin. Um so schlimmer für uns, wenn sie betteln müßte.« Der Ton in seiner Stimme mißfiel ihr. »Reden wir von etwas anderem.« Sie blieb stehen, und er steckte unwillkürlich die Hände in die Hosentasche. Er wußte, daß jetzt ein Angriff auf seine Börse kommen würde, doch sie hatte plötzlich einen Einfall, um ihn gut zu stimmen. Sie zeigte, auf einen dunklen Rosenbusch. »Du liebst die Blumen im Knopfloch nicht, aber ich hole Dir doch eine.« Sie eilte zum buntschimmernden Beet und brach eine voll aufgeblühte Rose vom Strauch. Doch er wehrte sie schweigend ab, und da sie dringender wurde, nahm er ihr mit sanfter Gewalt die Blume aus der Hand. »Stecke sie Dir selber vor.« Sie weigerte sich, und unter ihren widerstrebenden Händen entblätterte sich die Rose. »O weh!« rief sie zürnend, »das hast Du von Deiner Unfolgsamkeit. Nun soll sie keiner von uns haben.« Und indem sie die duftende Blume zerpflückte, schmollte sie: »Lothar wehrt sich nie, wenn ich ihn schmücke.« »War er heute lange hier?« fragte er. »Ja,« gab sie kurz entschlossen zurück, und er war sichtlich erfreut über ihre arglose Offenheit. »Ich finde, daß mein schneidiger Kousin etwas oft kommt.« »Du wirst uns doch nicht etwa verargen, daß er mich in meiner Einsamkeit unterhält?« »Ich nicht, aber die Welt vielleicht.« »Was gehen uns die Klatschschwestern an?« rief sie aus, »Lothar ist für uns kein Fremder. Nichts ist natürlicher, als daß er häufig im Hause seines Kousins verkehrt.« »Er trifft Dich aber auch außerhalb,« entgegnete er, »und vielleicht zu oft. Man sagt, daß keine Premiere, kein Konzert, keine Zirkusvorstellung ohne Eure gemeinsame Anwesenheit stattfindet.« »Das ist zu viel behauptet,« rief sie mit Entrüstung. »Aber gesetzt der Fall, es wäre wirklich so, würdest Du es mir verdenken, daß ich nicht mehr ohne Begleitung gehen mag, denn Du! ...« Und wieder das kindliche Schmollen von vorhin. »Hans, Hans!« rief sie mit einem plötzlichen Einfall und brach in ein lautes Gelächter aus. »Sieh mich an und bleibe ernst und gestehe mir: Du bist eifersüchtig!« »Nein.« »Wirklich nicht? »Nein.« »Man könnte es fast glauben. Doch dieser Geschmacklosigkeit halte ich Dich nicht für fähig. Eifersüchtig, wenn man sich so besitzt wie wir, fürs Leben, fürs ganze lange Leben! Und Kousin und Kousine! Das siehst Du doch ein: in solchen Dingen heißt es: Honny soit qui mal y pense. Nimmt die böse Welt Anstoß daran, so mag sie's thun. Das stört große Geister nicht.« Und dabei warf sie auch den Stil und die grünen Blätter der Rose fort. »Es stört aber doch manche, die größere Geister sind als Du und Lothar und meinetwegen ich. Zum Beispiel den Onkel.« »Wirklich?« sagte sie und etwas vom immerwährenden Erstaunen ihres Vaters zitterte in dem Ausruf. »Den Generalkonsul geniert es auch? O ich werde ihn herumkriegen!« »Das bezweifle ich,« entgegnete er ruhig. »Er ist nicht wenig aufgebracht darüber, daß sein Sohn zu solchen Klatschreden Ursache gibt. Er meint, das werfe einen Schatten auf den Ehemann und die Firma. Ja, unser Kredit könne darunter leiden.« »Was hat der Geschäftskredit mit unserem Privatleben zu thun?« fragte sie mit stockendem Atem. »Sehr viel. Lothar ist ein Verschwender und braucht mehr, als sein Vater bezahlen kann. Wenn Du Dich aber auch noch zu Extravaganzen verleiten läßt und in seinen regellosen Kreisen verkehrst, so wird man stutzig und entzieht uns das Vertrauen, dessen jeder Kaufmann bedarf.« »Das alte Lied: ich bin eine Verschwenderin.« »Thatsache ist, daß Du schrecklich viel brauchst.« »Nicht über meinen Stand,« gab sie heftig zurück. »Ich lebe übrigens gar nicht von der Firma, das fehlte noch, sondern von Mitgift und Nadelgeld, von meiner Million. Und Papa gibt uns noch eine Zulage, die mir meinen Luxus vollauf gestattet.« »Er liebt sein einziges Kind so abgöttisch,« bemerkte Hans, »daß ihm seine Nachgiebigkeit und Schwäche zu verzeihen ist. Seine Großmut drückt mich schon genug ...« »Aber Du läßt sie Dir gerne gefallen, denn sie gibt Dir die Möglichkeit, über das, was Du Dein Budget nennst, anderweitig zu verfügen. Man weiß ja wie. Nur für Deine Arbeiter sorgst Du noch, die Dir wenig Dank wissen ...« »Auf der Welt soll man niemals auf Dank rechnen. Ich will bloß ihr Glück, denn sie haben ein Anrecht darauf, es sind Menschen wie wir, und sie arbeiten und leben für uns. Ich muß für ihr leibliches und geistiges Wohl sorgen, sonst liegt auf ihrer Arbeit kein Segen, und sie gehen zu Grunde mit uns.« Er verstummte und der flammende Glanz in seinem Auge erlosch. Sie sah, daß sie an sein Bestes und Heiligstes gerührt und brach schnell ab. »Magst Du sehen, wie weit Du damit kommst. Ich störe Deine Kreise nicht und lasse Dich grübeln, arbeiten, Wohlthaten üben auf Deine Weise. Aber ich erwarte, daß Du auch mich gewähren läßt.« »Nein, das kann ich nicht,« sagte er fest. »Vergleiche Deine tollen Launen nicht mit meinem ernsten Streben, das nur Gutes stiftet. Deine unbesonnene, verschwenderische Aufführung schadet Dir und uns Allen. Sie untergräbt Deine Gesundheit, Deinen Ruf, unseren Kredit, unsere Ehre. Dieses Leben zerrüttet Dich. Dein Arzt schüttelt den Kopf. Du bist schwer krank, komm doch endlich zur Besinnung.« Er hatte ihre Hände erfaßt und strahlte sie mit seinen treuen, tiefen Augen an. »Wicky,« fuhr er fort, »ich weiß ja, daß Du mich nicht liebst, aber liebe doch Dich selbst und schone Dich.« »Liebst Du mich etwa?« fragte sie vorwurfsvoll. »Nein, aber Du hast mich geheiratet. In unseren Kreisen genügt das zur guten Ehe. Gegenseitige Duldung und Kinder, die einst unsere Erben sind und das Geschäft übernehmen können. Ja, damit ist es nun freilich nichts, und das ist Dein stiller Gram und Vorwurf. Aber ich lache Dich aus, Du Egoist.« »Wicky,« sagte er ernst, »ich will nichts weiter von Dir, als daß Du eine brave Frau bleibst. Also gib Dein verderbliches Leben auf. Dein Verkehr mit Lothar hat aufzuhören, denn er ist schon zum öffentlichen Skandal geworden. Ich sage nicht, daß Du eine schuldige Frau bist, wie alle Welt wohl behauptet, aber eine leichtsinnige Frau. Auch der Onkel wird seinem Sohne den ärgerlichen Umgang mit Dir verbieten, und er wird gehorchen, denn er ist von seinem Vater abhängig ...« »Wie ich von Dir, willst Du sagen?« unterbrach sie ihn höhnisch. »Wir wollen es gewärtigen, ob er sich wie ein Schulknabe behandeln läßt. Ich glaube nicht. Sicher ist, daß ich wenigstens mir nichts befehlen lasse, weder von Dir noch von Deinem Onkel.« Damit drehte sie ihm den Rücken und wollte ins Haus eilen, doch er hielt sie zurück. Sie standen jetzt auf einem erhöhten Punkte des Parkes, einem kleinen künstlichen Hügel, auf dem ein Gartenhaus gebaut war, dessen Laub im goldigen Abendscheine zitterte. Von hier aus erblickte man die ganze stattliche Front der Spinnerei. »Wicky,« sagte er und zeigte auf den stolzen Bau, »siehst Du, dort drüben arbeiten tausend Menschen an unserem Glück, unserem Reichtum, unserer Ehre. Auch ich lasse es mir sauer werden und bin stets mit am Werk, und noch in der Nacht arbeitet mein Geist weiter. Ich kenne Besseres und Höheres, aber ich habe mich in mein Los gefunden und freue mich jetzt, daß auch dieses Leben einen schönen Zweck hat. Es gilt den Namen meines Vaters, die Firma, und ich arbeite ja auch für Dich, mein Weib. Daß Du so fremd und gleichgültig neben mir stehst, ich ertrage es gern, denn Du bist nicht erzogen und gestimmt für ein stilles, häusliches Glück. Ich weiß, daß ich Dich darin nicht ändern kann, aber wenigstens das eine verlange ich von Dir, sei stets Deiner und meiner Ehre eingedenk, der Ehre unseres Hauses.« Ein böses Zucken ging über ihr Gesicht, als wollte sie irgend einen Schmerz niederzwingen, und dann lachte sie krampfhaft auf. »Man könnte glauben, daß Du zu einer Verworfenen sprächst,« sagte sie und kreuzte trotzig die Arme über der Brust. »O ich weiß sehr gut, was ich mir schuldig bin. Ich werde mich nie vergessen, aber vergessen will ich auch nicht, daß ich jung bin, und Dir und der Firma zu liebe mein Leben nicht vertrauern kann. Ja, ich will leben, und hier neben diesem großen, traurigen Arbeithause kann ich es nicht. Mich stört der Lärm von drüben, ich muß ihm entfliehen um jeden Preis. Ich hasse dieses Geschäft, diese Arbeiter, diese Firma, diesen Kredit, all die großen Begriffe, die Dir Ehrfurcht einflößen. Auch mein Vater hat diesem Götzen alles geopfert, seine Ruhe, sein Leben, das Glück seiner Frau. Soll ich wie meine Mutter im Schatten einer Fabrik verkümmern, um erst im Alter mit weißem Haar etwas Lebenslust nachzuholen? Nein, nein, wenn Dir in diesem Schatten wohl wird, der Dein Leben durchfröstelt und sich eisig auf Deine Seele legt, dann lass' ich Dich allein. Ich kann Dir nicht folgen. Ich brauche Sonnenschein, Leben, Glück!« Sie hatte in schrecklicher Erregung gesprochen, mit blitzenden Augen und fliegendem Atem, und um so stärker war jetzt der Rückschlag. Ein Zittern ging über ihren ganzen Körper und schüttelte sie. Hans fing die Wankende in seinen Armen auf. Da flammte es plötzlich in den Abenddämmer hinein. Die hundert Fenster der Spinnerei erglühten mit einem Mal im elektrischen Licht. Jetzt hatte das ernste Gebäude nichts Ödes, Trauriges mehr. Es glich einem zauberhaften Palast, von goldenem Schein durchleuchtet, wie von Mondenglanz, und selbst das ferne Brausen der Maschinen klang wie Musik. »Wicky, da sieh das Haus des Elends und der Arbeit!« flüsterte er ihr mit freudigem Stolz ins Ohr. Doch sie hörte ihn nicht und lallte nur unverständliche Laute, und als der Anfall vorüber war, stieß sie ihn fort und eilte ins Haus. Er aber stand noch lange gedankenvoll im Dämmer. Ach, wie beneidete er nun den letzten Arbeiter da drüben! Was halfen ihm sein größerer Besitz, seine höhere Bildung, sein geistiges Schaffen, wenn er dadurch die Schmerzen des Gemütes nur um so tiefer empfand? XXVI. »Mein Kollege Burslem feiert nach der Vorstellung seinen Geburtstag,« hatte Miß Leona in einer Pause hinter der Manege zu Wicky und Lothar gesagt. »Er hat seine nächsten Freunde ins nahe »Artistenheim« eingeladen und Sie noch besonders. Also ein ganz kleines Komitee, denn meine englischen und amerikanischen Kollegen sind fast alle Temperenzler. Sie dürfen sich nicht entziehen.« Wicky hatte Müdigkeit vorgeschützt, denn fünf Abende nacheinander war sie schon in dieser Woche in Gesellschaft gewesen und stets nach Mitternacht nach Hause gekommen, aber im Grunde bedauerte sie lebhaft, auf ein so eigenartiges Fest verzichten zu müssen. Viel entschiedener lehnte Lothar ab, der in Uniform war. Doch nun mußte gerade ein fürchterliches Schneetreiben hereinbrechen! Die ganze Stadt begraben. Die Pferdebahnen stockten, kein Wagen weit und breit. Ratlos standen Kousin und Kousine in dem am Eingange sich stauenden Menschenstrom, der sich gleichfalls nicht in das Unwetter hinauswagte, und sie hofften auf ein Nachlassen des Sturmes, einen plötzlichen Umschlag, ein Wunder. Als dieses nicht eintraf und der Schnee immer dichter durch das breite Portal hereinwirbelte, gingen sie in die Garderobe; vielleicht konnte Miß Leona ihnen einen Wagen abtreten. »Gefangen!« rief sie ihnen aber lustig entgegen, »es ist kein Entkommen mehr! Sie müssen mit!« Und die ganze Künstlergesellschaft, Schulreiter, Dresseur, Panneauspringerin, Clown, Kanonenmensch, umringte die beiden, und auch dem Leutnant ließ man keine Zeit mehr zum Besinnen und zog ihn mit Hei donc! und Hoplah! den vorauseilenden Damen nach. Draußen empfing sie heulend der Sturm und schlug ihnen die großen weißen Flocken ins Gesicht. Das verscheuchte die letzten Bedenken, und nun beschleunigten sie ihre Schritte zum nahen Asyl und rannten förmlich durch die schlecht erhellte Sackgasse der Spree zu, an deren Uferecke ein grell erleuchtetes Erdgeschoß mit dem rötlichen Schimmer, der durch die Purpurgardinen drang, schon von weitem zur Einkehr einlud. Fröstelnd strömte die Schar durch die niedere Glasthür in das qualmige Lokal. Mit lautem Gruße wurden die Ankömmlinge von Wirt, Gästen und Aufwärtern begrüßt. Es war wie eine große Familie, die freudig heimkehrende Angehörige empfängt. »Der Salon ist den Herrschaften reserviert,« sagte der behäbige Wirt, der tadellos befrackt und frisiert war, und Burslem ließ es sich nicht nehmen, ihn sofort als seinen ehemaligen Kollegen Lampère vorzustellen. Er war in der That eine hervorragende »Kraft« gewesen, ein Gymnastiker, der fingerdicke Eisenketten durch bloßes Anschwellenlassen der Armmuskeln sprengen konnte, aber er hatte das Unglück, zu stürzen und »sich weh zu thun«, wie der Kunstausdruck für doppelten Beinbruch lautet. Das Bein wurde schlecht geheilt, eine Schwäche blieb zurück, und er war genötigt, die Künstlerlaufbahn aufzugeben. So machte er sich denn als Restaurateur um das leibliche Wohl seiner Kameraden verdient, und sein Artistenheim blühte, denn sie ließen ihn nicht im Stiche. Mancher ehemalige Kollege wurde auch durch geschäftliche Rücksichten hergeführt, denn Lampert, wie er eigentlich hieß, war nebenbei Agent für den großen Troß der Artisten, und oft wurde beim schäumenden Krug ein Vertrag entworfen, der am anderen Morgen oben im »Bureau« zum bindenden Abschluß gelangte. Der vielseitige Mann, dessen muskulöse Arme noch den gewesenen Herkules verrieten, ging seinen Gästen voran und führte sie aus der nach dem Buffett und seinen Toddies und Whiskeys duftenden Trinkstube durch ein hell erleuchtetes Zimmer, wo allerlei Gäste an einem länglichen Tische tranken, rauchten und Karten spielten. Lothar fiel im Vorübergehen die Hast auf, womit der Wirt an der Spielergesellschaft vorbeisegelte, aber saß dort nicht der lange Gollnow, der Buchmacher von Charlottenburg und Hoppegarten, hinter einem vollen Weinglase, die unzertrennlichen Karten in der Hand? Es war noch ein Wunder, daß der Spieler im Eifer nach den Eintretenden aufsah und dabei den flotten Gardeleutnant erkannte, dem er als Roßkamm mehr als ein Pferd gekauft und verkauft und einmal einen wichtigen Dienst geleistet, als er sich eines bösen Wucherers mit Anstand entledigen wollte, denn Gollnow machte mitunter auch Geldgeschäfte und lieh auf Wechsel und Pfänder. »Meine Hochachtung, Herr Baron!« rief er über den Tisch. »Das letzte Mal in Hoppegarten haben Sie es abgelehnt, sich an einem kleinen Jeuchen zu beteiligen, und ich konnte es Ihnen nicht verdenken, denn die Tempelritter waren lauter kleine Leute und Spießer. Aber heute lass' ich mir keinen Korb geben, da Sie nun schon in der Höhle des Löwen sind. Alles feine Partner diesmal, Herr Baron! Darf ich die Herren bekannt machen? Herr Gerichtsassessor von Gehricke – Herr Zigarrenfabrikant Mechelke – Herr Kaufmann und Reserveleutnant Sendig ...« Aber Lothar mußte »seiner Dame« wegen ablehnen und verschwand in den kleinen Salon, dessen Wände mit schönen englischen Pferdebildern und Jagdstücken behängt waren. Die Gesellschaft nahm um den runden Tisch Platz. Auch ohne Trikots und Gazekleidchen, Mehl und Schminke erkannte man die Artisten wieder. Die Farbe hatte ihren Teint verdorben, ihre Schnurrbärte waren gepicht und wie Hufschmiere glänzend, und auch die Gelenkigkeit ihrer Gliedmaßen hatten sie nicht im Zirkus gelassen. Ihre Verbeugungen waren hastig; unwillkürlich dachte Lothar bei den Damen an den mit beiden Händen gespendeten Kuß der ganzen Welt, und bei den Clowns vermißte er unwillkürlich die Nachhilfe der Hand am Hinterkopfe, wenn sie ihm zunickten. Das war ein geschmeidiges Wiegen in den Hüften, ein übertriebenes Schlenkern der Arme, ein Trippeln und Hüpfen, als würde gleich der saut périlleux oder der Saltomortale nach hintenüber folgen, wobei die glühenden Augen und der Mund mit den schimmernden Zähnen ohne Gage mitspielten. Und dann die falsche, unangebrachte Eleganz, der Geschmack grell, übertrieben, alles Talmi! Die Damen wie Kundinnen vom Trödelmarkt, und die Herren in großkarierten Röcken, mit Cylinder oder Melonenhut, mit ausgetretenen Halblackstiefeln und brandroten Kravatten, riesigen Nadeln mit falschen Steinen, und an jedem Finger einen Ring. Und erst ihre Unterhaltung! Alle Dialekte Europas schwirrten durcheinander mit einer Geläufigkeit, als handelte es sich um ein schwieriges Sprechkunststück, und jeder Grammatik und sämtlicher Ausspracheregeln wurde gespottet. Das Englische näherte sich dem pigeon-english , die Sprache Dantes erklang in mundfaulen neapolitanischen oder lispelnden venezianer Lauten, und das Französische war reichlich mit belgischen » savez-vous ?« und dem Singsang der Provence durchsetzt. Sogar die unverleugbaren Deutschen hatten sich diese Zirkusreden so angewöhnt, daß sie ihre Muttersprache nur noch virtuos radebrechen konnten, gewiß weniger um vor ihren Kameraden, dem Direktor und dem Publikum als Original-Engländer zu gelten, als aus Gewohnheit und unbewußtem Nachahmungstrieb. Nur Wicky schien von der Komik ihrer Gesellschaft nichts zu merken, oder wenigstens empfand sie es nicht so stark wie Lothar, der sich einiger spöttelnder Bemerkungen nicht enthalten konnte. Sie unterhielt sich auch viel besser als er, denn ihre Freundin Miß Leona und deren groteske Mutter saßen neben ihr und waren ungemein zuvorkommend, und die Herren überboten sich in Galanterien. Erst wurde das Nachtessen bestellt, und so einig war man auch in Geschmacksachen, daß beschlossen wurde, jede Sonderbestellung sollte verpönt sein und ein gemeinsames Gericht an ihre Stelle treten. Es dauerte auch nicht lange, und die beschurzten Küper, die hier als Kellner dienten, brachten eine Riesenschüssel voll Rehbraten herein, dazu Polenta, Kartoffeln und die üblichen »Hindernisse«. Dann klapperten die Messer und Gabeln, mit denen nicht im geringsten jongliert wurde, und sogar der ungeschlachte Kanonenmensch wußte gar zierlich damit umzugehen. Das wilde Durcheinander des Gespräches ruhte indes nicht einen Augenblick, und besonders als die Schleusen des Champagners in die Luft flogen, vernahm man vor lauter Schreien, Singen und Lärmen sein eigenes Wort nicht mehr. Die Zielscheibe und Quelle der allgemeinen Heiterkeit war Leonas Mutter, deren gelber Teint wie von Fett glänzte, während lange goldene Ohrgehänge bei jeder ungestümen Bewegung ihres Kopfes nach allen Richtungen schlugen. Sie wurde mit Recht als das Ideal einer mère d'écuyère gefeiert, und sie war unermüdlich, um der Gesellschaft ihre Tugenden und die ihrer Töchter anzupreisen. Jetzt gab sie eine verführerische Schilderung ihrer Glanzzeit zum besten, die etwa zwanzig Jahre zurückliegen mochte, als sie noch einen wandernden Zirkus leitete. » O mes enfants, quelle vie !« jubelte sie in der Erinnerung an jene goldene Zeit, und ihr zärtliches Mutterauge ruhte auf ihrer Tochter. »Viel Rubel, viel Anbeter, viel Freiheit! Vive la liberté ! Und jeden Abend zog die Familie mit ihrer tente – wie sagt man, Leona?« »Ihrer Tante,« übersetzte Lothar mit Humor. »Nix Tante,« eiferte sie. »Ein Stock und eine Leinwand, und darunter arbeiteten, aßen und schliefen wir.« »Ein Zelt,« rief Miß Leona. » C'est ça, Zelt! « wiederholte die Alte mit einem glühenden Dankesblick. »Und ein Zelt für uns, die Pferde, die caniches und die Clowns! Natürlich nur im Sommer. Im Winter hatten wir unsere maringotte , den Wagen für Wohnung und Gepäck.« Aber dieses Glück schien ihrem Ehrgeize doch nicht zu genügen, denn auf allgemeines Befragen gestand sie, daß die Familie auf die Nachricht, in Paris werde eine Weltausstellung abgehalten, das heilige Rußland, das sie damals bereiste, verließ. Leona war zu jener Zeit noch ganz klein und Reiterin auf dem »Nudelbrett«, dem Panneau. »Ich versammelte meine Truppe,« erzählte die Alte eifrig weiter, »und hielt folgenden discours: Enfants, il y a un coup à faire à Paris, j'y vais avec Lorenzita ... Vous autres, allez planter la tente en Norvége !« »Brava! Brava!« rief die Gesellschaft mit lautem Händeklatschen. » Et après ?« fragte Mister Burslem. »Acht Tage später debütierte meine ältere Tochter im Cirque , aber mit éclat ! Eines schönen Abends sah man im Stallgang einen jeune homme du monde , der sich damit amüsiert, die billets de mille auf allen tapis verts laufen zu lassen.« »Ah, ein Spieler also?« » Oui, mais un pré-ince !« verbesserte sie den Übersetzer, indem sie mit einem unnachahmlichen provenzalischen Accent den prince der Gesellschaft gleichsam zu kosten gab. » Oui, ma Lorenzita lui avait donné l'oeil ! Er zeigte sich alle Abende bei Franconi, war galant, généreux, empressé auprès de la belle écuyère en vogue . Es gab sogar un soir eine scène zwischen ihm und einer dame qui se croyait des droits sur lui . Nichts half, ni supplications, ni coups d´éventail . Der Sportman hatte eben auf den Augen den bandeau d´amour , und wenn man hat dreißig Jahr macht er für einige Tage blind, und wenn man hat vierzig, kann er nicht mehr abgenommen werden.« Die Gesellschaft spendete dem hübschen Vergleich Beifall; sie warf dafür Kußhände nach allen Seiten, leerte ihr Sektglas auf das Wohl des Geburtstagskindes und fuhr fort: »Seine guten Freunde waren natürlich erstaunt, daß er nie mehr bei den courses und so zerstreut à la table du Bac , und sie fingen an, mich zu pläsantieren, aber ich antwortete: Messieurs, ma fille est honnête ! Sie acceptiert les hommages und die perles fines, c´est l´usage ; der pré-ince schenkte uns gestern une rivière de 20\ 000 balles , vorgestern une équipage , und er installiert uns morgen in ein premier meublé à neuf . Aber ich bin da, ich bin immer da und wache über die Ehre der famille !« Eine neue Beifallsalve begrüßte die Worte der tapferen Mutter, und man bestürmte sie um das Ende der Geschichte. » N-i-ni, c´est fini ,« antwortete sie stolz, »denn die Lösung können Sie sich figurieren. Sie kann nicht anders sein, als es will die Ehre der famille . Das Engagement von Lorenzita ging zu Ende, sie machte ihre adieux den camerades , und am folgenden Tage reisten sie, ich und er nach London. Die Hochzeit war zwei Tage spater auf dem consulat de France .« Die ganze Gesellschaft lachte, aber die Señora machte eine sehr beleidigte Miene. » Mon Dieu , das ist ein Trick, et ça se nomme en affaires savoir jouer le grand jeu . Und was ist denn weiter? Wir Prinzessinnen vom Zirkus sind den wirklichen pré-inces ebenbürtig.« Sie warf ihre Behauptung wie eine Herausforderung mit zurückgeworfenem Kopf und flammenden Augen hin und beruhigte sich erst, als das Geburtstagskind die Ansicht aussprach, daß die Reifenspringerin noch viel zu gut für den Spieler war. »Die Frage ist nur,« warf Wicky schüchtern ein, »ob es Ihre verheiratete Tochter übers Herz bringt, dem Zirkusleben dauernd zu entsagen.« » Attendons ,« antwortete die Alte philosophisch und zuckte die Schultern. »Jetzt habe ich le grand jeux aufgegeben und mache mon petit jeu in der Lotterie und à la bourse . Von Hausse und Baisse versteh' ich aber gar nix. Ma fille joue pour moi !« Mit diesen Worten wollte die zärtliche Mutter ihre Leona umarmen, aber diese schüttelte sie ab, daß die Gläser klirrten. » Fiche-moi la paix, maman ,« sagte sie, nahm aber gleich den abgebrochenen Faden ihrer Mutter auf. »Übrigens hat sie recht, das kleine Spiel um Geld ist besser als das große um Herzen. Aber Sie kennen ja meine Ideen über diesen Punkt, meine Herren und Damen.« Da erhob sich der Clown mit einem sehr ernsthaften Gesichte, klopfte an sein Glas, und sein englischer Toast auf die Damen wurden zu einem begeisterten Hymnus auf das Zirkusleben. Wohl nannte er es in trüben Stunden ein Hundeleben voller Narrenspossen, um den Pöbel für seine paar Groschen zu unterhalten, wobei man noch obendrein sein Leben und seine Gesundheit riskiere, aber es sei doch die reinste, bestbezahlte, schönste Kunst. Jeder von ihnen sei ein Meister, denn der Stümper breche sich den Hals. Und wenn sie auch bloße Nummern des Programms seien und der Direktor für sie die Lorbeeren einheimse, so könnten sie doch auf die Kritik pfeifen, denn sie verständen meistens kein Deutsch, und ihr zollhoch gedruckter Name auf den Plakaten und ihr internationaler Ruhm sei ihnen lieber. Auch habe sich der Artistenstand eine soziale Stellung geschaffen, sei organisiert und geachtet, mit Genossenschaften und eigener Presse, und jeder von ihnen habe sein Konto beim Bankier. Durch physische Kraft hätten sie sich die beneidenswerte Stellung von Künstlern errungen, und die Manege werde bald die Bühne entthronen. Ihre Manifestationen der Kraft, Gewandtheit und Formenschönheit seien ein unwillkürlicher Protest gegen die Degeneration der entnervten Kulturvölker. Und wie musterhaft ehrbar sei ihr Leben, denn sie müßten mäßig und immer im Training bleiben, um ihre Frische und Spannkraft zu bewahren! Und doch gehe nichts über die Liebe im Zirkus. Der ritterliche Geist in ihrer Arbeit, dies lächelnde Schweben zwischen Tod und Leben, die kriegerische rauschende Musik, der Todesmut, die Verhöhnung der Gefahr, der Beifallsjubel atemlos schauender Menschen, der Flug über die Barrieren und das erschöpfte Niedersinken im Triumph – und dann eine liebende Hand zu finden, die den Sturm besänftigt, zwei Lippen mit belebendem Kuß, ein Liebesblick, ein süßes Wort ... Laute Hochrufe, Bravo, Cheers erhoben sich, als er geendet. Man trank die Gläser aus und in einer verschwiegenen Ecke, doch von Wicky nicht unbemerkt, fanden sich zwei Lippenpaare. Der Clown hatte die stolze Schulreiterin besiegt. Unter solchen Gesprächen wurde eine Champagnerflasche um die andere geleert, und nicht nur mit diesem »faden Zeug«, wie Leonas Mutter es nannte, begnügte man sich. Cognac und Chartreuse gingen herum, und der Kanonenmensch hielt sich mit Lothar an den schweren Porter, den sie mit Sillery mischten. Aber schließlich wurden die Hitze und der Tabakrauch lästig. Man öffnete die auf den Hof gehenden Fenster, trotz der Einsprache des Wirtes, und Lothar, der etwas benebelt war, verschwand ins Nebenzimmer. Dann hob man die Tafel auf und wagte ein Tänzchen, wozu einer der Herren auf dem Pianino aufspielte, doch wurde es Wicky zu arg, denn Burslem und die Stehendreiterin fingen an zu kankanieren. Sie verlangte nach Hans, um so mehr als eine namenlose Müdigkeit sie befiel. Aber wo war ihr Kousin? Der Clown verwies sie ins Spielzimmer, wo sie wirklich Lothar auf dem Platze des Assessors traf, der nach anfänglich großem Glücke seinen Gewinn und obendrein seine ganze Barschaft verspielt zu haben erklärte. Sobald der Leutnant für ihn eingesprungen, waren schon aus Achtung vor seiner Uniform die Einsätze auf zwanzig Mark erhöht worden. Und Lothar gewann ganz ansehnliche Beträge, was er, abergläubisch wie alle Spieler, einem »Fetisch« zuschrieb, den er in der Person des hinter ihm stehenden Assessors erkannt zu haben glaubte. Leider verlor er ihn bald, denn nachdem der Zuschauer ein eben benutztes Spiel Karten, das von Gollnow durch ein neues ersetzt wurde, unbemerkt an sich genommen, verschwand er aus dem Zimmer, worauf wirklich das Glück von Lothar zu weichen schien. Wickys Unbehagen stieg, als der Kousin gar nicht zu bereden war, sie nach Hause zu begleiten, sondern seine Verluste wieder einzuholen suchte, wobei er immer tiefer in die Klemme geriet. Ganz erschöpft und mit zerrissenen Nerven sank sie auf einen Stuhl, und Leonas und der übrigen Unterhaltung versank ihr in einem dumpfen Brausen. Die ganze Artistengesellschaft hatte sich um den Spielertisch versammelt und verfolgte mit steigender Spannung die Partie, wobei Miß Leona mit ihren Kollegen auf Lothars Gewinn oder Verlust zu wetten anfing. Mitternacht war längst vorbei. Die Gäste vom Buffett hatten sich entfernt, nur im Spielzimmer ging es noch hoch her. Der Wirt hatte die Holzläden gegen die Straße schließen lassen, aber sei es nun, daß ein verräterischer Lichtschein oder der Lärm der Gäste auf die Straße gedrungen war, plötzlich hörte man ein lautes Pochen, und im selben Augenblicke kamen eilige Schritte von rückwärts aus der Küche her. »Nur ruhig Blut und warm angezogen,« sagte Gollnow, der die Bank hielt. »Es wird der Nachtwächter sein. Ich zahl' ihm eine Weiße, und er beruhigt sich.« Aber da stürmte der Wirt herein. »Ruhe, meine Herrschaften!« sagte er halblaut. »Es ist die Polizei.« Die Damen erblaßten unter ihrer Schminke, und Wicky fiel vor Schrecken in Ohnmacht. Während Lothar und Leona ihr beisprangen, lief ein Küper herein. »Die Polizei! Der Spieler wegen! Der Assessor war ein Vigilant.« »Soll ich den Jas ausdrehen?« fragte Gollnow, der an solche Auftritte gewöhnt war und keinen Augenblick die Geistesgegenwart verlor. Die Damen protestierten heftig, aber er sprang gleichwohl auf den Tisch und drehte den Hahn ... Die augenblickliche Finsternis rief eine Verwirrung hervor, die Gollnow und seine zwei Spießgesellen dazu benutzten um das Geld und die Karten aufzuraffen und schnell nach dem hinteren Ausgange zu verschwinden. Die Damen schrieen und lagen in Krämpfen, die Herren rannten durcheinander und stießen sich an. Zum Glück war der Salon nebenan noch beleuchtet, so daß durch die geöffnete Thür ein Schein auch in das Spielzimmer drang. Und zu all der Aufregung das laute Pochen von außen. Lothar dachte trotz seiner vom Wein und Spiel umnebelten Sinne an seine bloßgestellte Uniform und rannte ins Nebenzimmer, wo er nach Mantel und Degen griff. Dann öffnete er einen Fensterladen und schwang sich hinaus in die dunkle, von eisigen Flocken durchwirbelte Nacht. Doch das Haus war umstellt. Zwei Behelmte vertraten ihm den Weg, und in seiner sinnlosen Erregung zog er den Säbel und schlug sich unter wilden Schimpfreden durch. Im Schneesturm verschwand er. Drinnen wimmerten und schrieen die Damen noch immer. Der Clown und der Kanonenmensch hatten Wachshölzer angezündet und beruhigten die Gesellschaft umsonst mit der Versicherung, daß keine Gefahr sei, und daß die Razzia bloß den Hazardspielern gelte. Endlich brachte man brennende Lichter. Das Klopfen hörte auf. Von der Küche her vernahm man laute Stimmen und Schritte. Und gleich darauf drangen die Schutzleute in das Zimmer. »Niemand rühre sich!« rief der Polizeileutnant und lüftete seinen blauen Mantel. »Wirt, stecken Sie das Gas an, damit man sich die Gesellschaft besser besehen kann.« Der Herkules gehorchte, und im aufblitzenden Lichte sah man den Clown, den Athleten und die übrigen Zirkuskünstler eingeschüchtert und schlotternd in ihren Mänteln und Pelzen und am Sofa hingestreckt die Damen: Wicky ohnmächtig, Leona in Krämpfen, ihre Mutter die Hände ringend, nur die »ungesattelte« Reiterin hatte sich halbwegs gefaßt und warf dem hübschen Polizeileutnant einen flehenden Blick zu. »Guten Abend, meine Damen!« sagte er lächelnd und strich seinen blonden Schnurrbart. »Fürchten Sie sich nicht. Es geschieht Ihnen nichts. Unser Besuch gilt der andern Gesellschaft da.« Zwei Schutzleute brachten die Spieler herein, die ihnen auf der Flucht gerade in die Hände gelaufen waren. »Na, Herr Gollnow,« fuhr der Leutnant fort, »wo Sie mit Mechelke und Sendig beisammen sind, da weiß man gleich, daß getempelt wurde. Die Karten her.« »Wir haben keine!« entgegnete der Buchmacher frech. »Sind schon da!« rief ein Schutzmann aus der Küche, wo ein Küper das ihm von Gollnow zugesteckte Spiel eben ins Herdfeuer schleudern wollte. »Na, wir können auch damit dienen,« sagte der Polizeileutnant und nahm die Karten, welche ihm der angebliche Assessor gab, auf den Gollnow einen wütenden Blick warf. »Alles gezinkt!« rief er aus und prüfte die Karten mit tastenden Fingern. »Mit Ausnahme des As mit Nadelstichen versehen, jede Karte nach ihrem Wert. Der Bube hat ein Dreieck, die Dame ein Quadrat, der König drei Punkte ... Das genügt!« Dann drückte er sein Glas ins Auge und begann die Gesellschaft zu mustern. Es war ein ehemaliger flotter Gardeleutnant, der aus seiner schöneren Vergangenheit noch gewisse weltmännische Manieren herübergerettet hatte. Mit seiner Schneidigkeit und gutmütigen Noblesse hatte er schon nennenswerte Erfolge erzielt, die ihm eine baldige Beförderung ins Polizeipräsidium sicherten. Das Berliner Leben kannte er gründlich, verkehrte auch noch in der Gesellschaft, und die Künstler und Künstlerinnen waren ihm nicht nur dem Namen nach vertraut. Als er daher Umschau hielt, war es ihm sehr angenehm, fast lauter gute Bekannte zu sehen. »Na, meine Herrschaften,« schnarrte er mit Humor, »wie geraten denn Sie in diese Spielhölle? Ah, unsere kühne Florentine Diaz!« Er salutierte die Panneaureiterin, die sich schon längst von ihrem Schreck erholt hatte. »Mister Burslem, hoffentlich nicht gespielt, was? Unser Kanonenbezwinger Obadia – wohl auch bloß Zuschauer? Miß Leona, meine Hochachtung! Sogar mit der gnädigen Frau Mama! Angenehm!« Während Miß Leona ihr schönstes Lächeln spendete, machte ihre Mutter, die früher viel in Militärkreisen verkehrt, einen kurzen, strammen Knix, wobei sie mit beiden Händen die Schöße ihres Kleides faßte: » Mon lieutenant, j´ai l´honneur !« Sie fand den kleinen Blonden entzückend und sagte es auch ihrer Tochter ins Ohr. Doch der hatte sich längst zum Assessor abgewandt. »Sie sprachen von Leutnant von Lenz ... wo ist er?« »Durchs Fenster ausgerückt,« meldete ein Schutzmann, die Hand am Helm. »Er beschimpfte uns und schlug mich mit dem Säbel über den Helm.« »Auch das noch!« sagte der Polizeileutnant mit aufrichtigem Bedauern. »Er wird die Folgen zu tragen haben.« Ein fester Schritt kam näher. Es war Lothar, den das Schneetreiben völlig ernüchtert hatte, »Leutnant von Lenz ...« meldete er sich. »Ich komme meiner Dame wegen, die ich in der unverzeihlichen Aufregung vergaß.« Jetzt erst bemerkte der Kleine die reglos auf dem Sofa liegende Wicky, die von Miß Leona und ihrer Mutter verdeckt wurde. »Na, wer sind denn Sie, schöne Dame?« Keine Antwort, aber die Leichenblässe auf ihrem Gesicht erschreckte den Eleganten. »Heda, ein Schluck Rotspon!« rief er dem Wirte zu. Ein Küper brachte schnell ein Glas Bordeaux aus dem Salon, und Leona gab der an allen Gliedern bebenden Freundin zu trinken. Lächelnd konstatierte der Polizeileutnant, daß sie ihre schönen Augen öffnete, doch nur um sie einen Augenblick später unter nervösem Schreien und Umsichschlagen zu verdrehen. Zum Glücke ging der Anfall vorüber, sie sank auf das Sofa zurück und schlief ein, doch blieben ihre Züge aschfahl und entgeistert. »Wer ist die Dame?« fragte der Polizeileutnant. »Eine Dame der Gesellschaft,« entgegnete Lothar zögernd. »Sie kam in meiner Begleitung, um den Geburtstag dieses Herrn mitzufeiern.« »Und ihr Name?« wiederholte der Elegante, und der Wachtmeister öffnete sein großes Notizbuch. »Ich muß im Interesse der Dame darauf bestehen, denn sonst muß sie mit auf die Wache.« »Meine Kousine, Frau Fabrikbesitzerin Lenz in Charlottenburg.« »Ich danke. Auch die Personalität der übrigen Herrschaften muß festgestellt werden. Wir brauchen Ihre Zeugenaussage. Bitte also um Namen und Wohnung. Ich mag Sie bei diesem Unwetter nicht zur Wache bemühen. Sie, Herr Leutnant, sowie der Wirt, werden sich vor den zuständigen Gerichten zu verantworten haben. Gollnow, Mechelke und Sendig, sämtlich wegen gewerbmäßigen Glückspiels mehrfach vorbestraft, sind meine Gefangenen!« XXVII. Am anderen Morgen erfuhr Hans zunächst nicht, daß seine Frau nicht nach Hause gekommen war. Als ihn die Dampfpfeife weckte, kleidete er sich in seinem Junggesellenstübchen, das er seit ihrer Krankheit bewohnte, rasch an und war noch beim Einzuge der Arbeiter anwesend. Aber als er um acht Uhr zum Frühstück hinüber wollte, hörte er ein schweres Knarren im Hof, und da stieg auch schon der Schwiegerpapa aus seiner Droschke und warf einen forschenden Blick auf ihn. »Was gibt es so früh, Papa?« Der Alte machte wieder sein naiv erstaunendes Gesicht. Also hatte Hans seine Frau noch gar nicht vermißt! ... »Weibergeschichten,« antwortete er, »dumme Weibergeschichten! Wicky hat bei uns übernachtet.« Das war nicht das erstemal, denn wenn sie spät aus einer Gesellschaft kam, verzichtete sie oft auf die weite Fahrt, um in der näheren Hohenzollernstraße abzusteigen. Das war noch viel begreiflicher gestern in dem Unwetter. Aber Hellers ernstes Gesicht machte ihn doch besorgt, weil er irgend einen dummen Streich befürchtete. Der Kommerzienrat teilte ihm mit, daß Lothar und Wicky in letzter Nacht mit ihren Freunden vom Zirkus von einer Falschspielerbande ausgebeutet und von der Polizei überrascht worden seien. »Wicky war halbtot vor Schreck, und der Kousin führte sie gleich zu uns, weil sie Dich nicht ängstigen wollten,« erzählte der Alte weiter mit ziemlich unsicherer Stimme, die sich doch den Anschein der Seelenruhe geben wollte. »Für beide wird die Sache peinlich werden. Sie müssen als Zeugen vor den Richter.« »Ich gönne ihr die derbe Lektion,« unterbrach ihn Hans zornig. »Nachsicht und Vergebung, lieber Sohn,« mahnte der Alte. »Sie hat die Exaltation ihrer Mutter und ist obendrein krank, das ist schon Strafe genug. Übrigens ist es mit der Zeugenschaft nicht so schlimm. Sie wird in der Voruntersuchung erklären, daß sie das Gedächtnis über jene Nacht vollständig verloren hat. So entfällt ihre Aussage als belanglos, und der Richter wird von ihrer Vernehmung absehen.« »Wenn nicht ein Verteidiger der Falschspieler darauf besteht, daß ihr Zeugnis auch gehört werde,« warf Hans ein. »Dann wird sie vor dem Termin krank und höchstens protokollarisch vernommen,« meinte der immer optimistische Heller. »Die Schande bleibt,« war die Antwort, »denn ihr Name wird genannt werden.« »Ich werde mit dem Vorsitzenden reden, und er soll auch den Zeitungsberichterstattern Diskretion empfehlen. Leider hat für Lothar die Sache die traurigsten Folgen. Er wird auf die Festung geschickt und muß jedenfalls quittieren.« Eine Viertelstunde später humpelte die Droschke mit den beiden Herren wieder in die Stadt zurück, doch war der Arzt gerade bei Wicky, und Hans konnte nicht zu seiner Frau. »Nicht einmal den Herrn Leutnant will sie sehen,« versicherte Frau Viktoria, die sich mit ausgebreiteten Armen vor der Kammerthür aufpflanzte. »Krämpfe bekommt das arme Kind, wenn von ihm die Rede ist, er erinnert sie an die ensetzliche Szene, und daß nur er an ihrem Unglücke schuld sei.« »Umso besser,« sagte Hans, und ein Blick Hellers stimmte ihm zu. Dabei erfuhr er, daß Lothar die Nacht bei seinem Onkel zugebracht habe und daß beide schon in der Frühe vorgefahren waren, um sich nach Wicky zu erkundigen, obgleich die Frau Generalkonsul schwer erkrankt sei. Und Frau Viktoria war über diese Aufmerksamkeit ebenso gerührt als geschmeichelt, denn mitten in ihrem Schmerze war sie eben die eitle, schwache Mutter geblieben. »Der arme Kousin wollte zu Ihnen nach Charlottenburg hinaus,« fuhr sie fort, und ihr vor Eifer glühendes Gesicht schien einen Schimmer auf ihre weiße Spitzenhaube zu werfen. »Er wagt es gar nicht, seine Frau zu sehen, denn er fürchtet weniger die Vorwürfe, als schädliche Folgen für ihre seit der Niederkunft noch immer schwankende Gesundheit. Er wollte darum Sie bitten, die Ärmste mit Schonung vorzubereiten, und nun haben sich Ihre Wagen gewiß gekreuzt.« »Ich übernehme das Amt,« sagte Hans mit raschem Entschlusse und empfahl seine Frau der Obhut ihrer Eltern, um nach der Stülerstraße zu eilen, doch da kam gerade der Arzt von Wicky's Krankenbette. Es war ein würdiger alter Herr, und die grämlichen Falten auf seinem glattrasierten Gesichte verkündeten wenig Erfreuliches. »Ruhe, Schonung, Vermeidung jeder Aufregung und jedes Geräusches, sonst ist das Schwerste zu befürchten. Ich wünsche, daß Patientin hier im Haus ihrer Eltern bleibe, wo sie meiner ärztlichen Behandlung weniger entrückt ist. Eine zweite barmherzige Schwester wird mit den nötigen Medikamenten kommen. Niemand ist vorzulassen, auch nicht die nächsten Verwandten. Hoffentlich überwinden wir die Krise.« Und den Gatten am Arme fassend, ließ er sich von ihm bis zu seinem unten harrenden Wagen das Geleite geben. »Wissen Sie nicht, daß Ihre Frau morphiumsüchtig ist?« »Wie? Ich habe nicht das Geringste bemerkt.« »Die bekannte Verschlagenheit und Schlauheit der Morphiomanen,« fuhr der Arzt fort. »Sie hat ihre Nerven modern gemacht, das heißt durch die Aufregungen des gesellschaftlichen Lebens abgespannt und ruiniert, und als sie es nicht mehr aushielt, mag irgend eine gute Freundin ihr den Gebrauch der Injektion empfohlen haben. Wenn wir es ihr nicht abgewöhnen, muß sie in eine Nervenheilanstalt.« Damit stieg er in sein Kupee und ließ den niedergeschmetterten Ehemann allein zurück. Und in dieser Stimmung sollte er zu Adelheid und selbst trostlos ihr Trost spenden? ... Zögernd bog er um die Straßenecke, ging dem Tiergartensaum entlang und stand, er wußte selbst nicht wie, plötzlich vor ihrem Hause, das er zum ersten- und einzigenmale bei der Taufe ihres Kindes betreten, so scheu war er stets jeder Erinnerung an seinen Jugendtraum ausgewichen. Und wie freundlich und friedlich lag es da im Schatten des Tiergartens, die Fenster blank und mit weißen Spitzenvorhängen, ein schmuckes Heim des Friedens und Glückes! Und doch waren die bösen Geister eingezogen, um der Guten, Einzigen die Ruhe zu nehmen, und er selbst, der Friedlose, kam jetzt als Verkünder des Unglücks. Nein, auch zum Trost und milden Verschleiern des Unabänderlichen. Die Thür sprang auf, und mit schleppendem Schritt und klopfendem Herzen betrat er den mit goldschimmerndem Mosaik geschmückten Flur. Und da kam es schon von oben wie mit Engelstimmen, voll und rein wie Glockenton, und dazwischen kicherte ein hohes, feines Stimmchen, lallend, halb singend, wie nach Worten suchend oder in einer himmlischen Sprache, die wir armen Sünder nicht mehr verstehen. Und das Kind lachte und die Mutter lachte, und es klang wie ein Wettgesang der Unschuld und des lieblichsten Glückes ... Er aber, der Unheilsbote, blieb unwillkürlich stehen und drückte sich scheu gleich einem Verbrecher hinter die Falten einer türkischen Portiere, die das bunte Treppenfenster umrahmte. Seinen Schritt hatte der Kokosläufer verschlungen, niemand hatte sein Kommen bemerkt, und nun beobachtete er mit zagendem Herzen die wundervolle Gruppe von Mutter und Kind, sie schlank und zart, hochaufgerichtet im hellblauseidenen Morgenrock, und das blasse, feine Gesicht umrahmt vom blonden Haar und weißen Häubchen, und in ihrem Arm in weiße Tücher und Spitzen gehüllt ein rundes, rotes Ding, zappelnd und, lustig, voller Grübchen in Kinn und Wangen – ein Bild des Mutterglückes und vollen weiblichen Segens. Und er erinnerte sich, sie schon vor Jahren so gesehen zu haben, damals auf dem Obstkahn, das fremde Kind im Arm, jungfräulich vorahnend, lieblich und liebevoll. Er dachte aber auch an jene andere in seinem Leben, die Unfruchtbare, Unselige, die dieses höchste Glück von sich wies und ihr Glück und seines zerstörte ... Das Nahen einer dicken, kurzgeschürzten Amme mit bunten Bändern am weißen Kopfputze zerstörte das Bild. Sie nahm vom Arme der Mutter das Kind, das nun kräftig zu schreien und weinen begann, und wiegte es und sang und lachte. Und die besorgte Mutter eilte hinter den beiden her, und alle drei verschwanden in einem Nebenzimmer. Jetzt erst trat Hans aus seinem Versteck hervor und erstieg noch die wenigen Stufen. Ein blumengeschmückter Vorraum empfing ihn, und durch die wieder aufgehende Thüre fiel jetzt ein heller Lichtstreif auf ihn und ihre zurückkehrende Gestalt. »Hans!« rief sie aus, und in diesem Herzensschrei lag mehr als nur Überraschung. Sie schien es auch gleich zu bereuen, denn obwohl sie dem Freunde die entgegengestreckte Hand nicht entzog, so öffnete sie doch hastig eine Thür und sagte förmlich: »Bitte einzutreten.« Er kam in einen weiten und doch behaglichen Raum mit Renaissancemöbeln, orientalischen Teppichen und bunten Glasmalereien an den Fenstern, welche die Eisblumen und den grauen Winternebel verdeckten. Am Boden lag Kinderspielzeug, eine Puppe und ein Wagen, die sie im Vorübergehen bei Seite schob. »Um Entschuldigung,« sagte sie freundlich, »daß ich Sie in den Salon führe, der heut auch ein wenig Kinderstube ist, aber wir haben Reinemachen, groß Reinemachen ...« »Und da läßt sich die gute Hausfrau nicht gerne stören?« »Von Ihnen immer,« erwiderte sie und zog ihn neben sich aufs Sopha nieder, aber plötzlich huschte ein Schatten über ihr liebes Gesicht. »Ist es nicht traurig, daß ich mich nicht so ganz unseres Wiedersehens freuen kann? ... Sie haben mich gemieden, Sie mußten es, auch meiner Ruhe wegen, und ich danke Ihnen dafür ... Aber nun sage ich mir, es muß etwas Wichtiges sein, was Sie herführt, vielleicht etwas Trauriges, Schweres. Hans, ich beschwöre Sie, was ist es?« Er sah verlegen vor sich hin, wie sie so leidenschaftlich in ihn drang, und schwieg. »Ihre ernste Miene spricht von etwas Ernstem. Man hat Sie hergeschickt, mich vorzubereiten, weil man weiß, daß nur Sie allein ...« Sie erkannte an seinem niedergeschlagenen Blick, daß sie richtig geraten, und fuhr gefaßt in ruhigerem Tone fort: »Hans, Sie können mir alles sagen, denn Sie finden nicht die glückverwöhnte Frau, die Sie vielleicht erwarteten. Gewiß, ich habe ein Glück, ein großes, unendliches, das größte und reinste, das ein Weib haben kann. Ich bin Mutter. Und mein Kind ist schön, gut, lieb, mein Herzblut gäbe ich dafür. Ich habe es schwer erkauft, aber wenn ich mein Kind in Armen halte, vergesse ich meine Leiden, mein Frauenlos, und ich danke Gott, daß er mir soviel genommen und das alles gelassen hat.« Eine Thräne blinkte in ihrem Auge und rollte über die bleiche Wange, die sie nicht Lügen strafte. Ja, wieviel Schmerz und Wonne hatte sie empfunden! Um dies kleine, hilflose Wesen wäre sie fast gestorben, und noch heut hatte sie nicht wieder ihre volle Gesundheit erlangt. Aber was lag ihr daran, wenn nur auf das holde Kind all ihre Lebenskraft übergegangen war! Freilich, Lothar durfte von solchen Wünschen nichts hören, denn ihm lag mehr an der Mutter als an dem Kind. Er hätte überhaupt einen Knaben vorgezogen, einen strammen Gardisten und geborenen Leutnant, mit dem man schon in einigen Jahren ausreiten konnte. Das neue Gefühl, Vater zu sein, war ihm so fremd! Kaum als Spielzeug war dieses zimperliche Ding zu gebrauchen, das die Mutter wie ihren Augapfel hütete und sogar selber nährte. Und sie verschmerzte alles in dieser süßen Nähe. Sie wurde wieder jung und frisch, ein Kind mit dem Kinde. Wie gerne ließ sie sich von den dicken Rosahändchen ins Gesicht patschen, von den runden Ärmchen umfangen, in deren Adern man das Blut fließen sah, von diesen frischen Erdbeerlippen mit ihrem würzigen Hauch umfächeln! Dann die ersten unbeholfenen Gehversuche, das fatale Sprechen, erst ein Stammeln und Lallen ... Um Gotteswillen, wenn sie stumm wäre! Aber nein, da sagte sie schon Pa-pa – Papa zu jedem Mann – und Ma-ma zu jeder Frau, und nach einem komischen Gestolper über jede neue Silbe ging es immer besser, und wenn der Papa und die Amme nichts davon verstanden, die Mutter erriet alles. Und mit welcher Seligkeit saß sie an ihrer Wiege und behütete den engen Traum der Kindheit! Keinen Mietling duldete sie nachts um sie, und sie verbannte sich mit in das Kinderzimmer, sobald Lothar die Kleine nicht in ihrem Schlafraume litt. Erst protestierte er gegen diese Selbstverbannung, bald jedoch hatte er sich daran gewöhnt und fand sich sehr gut dabei. So merkte sie es wenigstens nicht, wenn er etwas spät nach Hause kam. Oft sehr spät und bald immer später! Und sie seufzte schwer. »Ich bin auf alles gefaßt und mutig,« sagte sie, aus ihren Gedanken erwachend. »Nun, was ist mit Lothar?« Sie hatte gleich den wunden Punkt berührt, denn sie wußte ja, daß alles Unglück ihr nur von ihm kam. »So schlimm ist es nicht,« sagte er mit zusammengeschnürter Kehle. »Eine Unbesonnenheit ... in heiterer Gesellschaft ... und da widersetzte er sich der Polizei ...« »Er ist festgenommen? Ich will zu ihm!« rief sie und sprang von ihrem Sitz in die Höhe. »Sie haben ihn sofort freigelassen,« antwortete er, »er ist Offizier.« »Er kommt natürlich vor Gericht?« »Militärgericht ...« »Sie werden ihn auf die Festung schicken ... Er muß quittieren, ganz gewiß, seine Laufbahn bei der Armee ist vernichtet.« Sie barg ihr Gesicht in den Händen und stand nun leise schluchzend am Fenster. Eine Weile vernahm man nichts, als das Ticken der Uhr, einen vorüberrollenden Wagen, das heitere Kindeslallen aus dem Nebenzimmer. »Und welche Gesellschaft war es?« fragte sie in gramvollem Selbstbescheiden. »Wohl nicht die beste?« »Nein,« sagte er, denn jede Lüge ward ihm vor ihr zur Unmöglichkeit. »Keine Kameraden?« »Nein.« »Damen? Miß Leona?« Er nickte. »Dacht' ich's doch!« »O auch andere Zirkuskünstler. Man feierte den Geburtstag eines Clowns. Das Unwetter zwang zur Annahme der Einladung. Es wurde gespielt, die Polizei überraschte sie ...« »Falschspieler!« schrie sie auf. »Falschspieler und meine Frau!« Ihre Thränen stockten. Rasch eilte sie auf ihn zu und drückte ihm beide Hände: »Also Leidensgefährten! Aber so mußte es ja kommen!« Und vor ihren Blicken tauchten die bunten Bilder ihres Lebens auf, der grausam zerstörte Jugendtraum, ihre Konvenienzehe, seine kaufmännische Heirat von Geschäftswegen. O auch sie war ja den Interessen geopfert worden! Ihr Schwiegerpapa brauchte ihres Vaters adelige Unterschrift, der Papa konnte die Villa verkaufen, der Verwaltungsrat, ihre gemeinsamen Geschäfte ... so griff alles hübsch in einander, und sie durchschaute den ganzen Zusammenhang. »Nein, darauf konnte kein Segen sein!« sprach sie dumpf vor sich hin. Da ertönte aus dem Nebenzimmer abermals das holde Kinderstimmchen, daß es ihnen beiden wie eine göttliche Verheißung klang. Nein, das war voller himmlischer Segen, keine Sünde lastete darauf, das war die Entsündigung, die Vergebung. Und sie verstanden sich im Schweigen, und obwohl sie wußten, daß ihr verlorenes Glück nicht wiederkam, so dämmerte es doch sonnig in ihnen wie Hoffnung nach allem Leid. »Ich bin fest, Hans,« sagte sie und erhob sich. »Ruhig sehe ich allem Kommenden entgegen, mag es Schmerz und Tod bringen. Ich danke Ihnen für Ihre Freundschaft.« Sie hatte kaum gesprochen, als die Thür aufging und bleich und übernächtig Lothar hereintrat. »Verzeihung, wenn ich störe.« sagte er ironisch, warf seine blaue Mütze auf einen Stuhl und schnallte den Säbel ab. »Nun, Adelheid, ich sehe an Deinem ernsten Gesicht, daß Du schon alles weißt. Also hat Dich Hans vorbereitet. Dank Dir, edler Tröster!« Und damit schüttelte er ihm die Hand und wollte Adelheid's Stirne küssen, doch sie trat einen Schritt zurück. »Ach so!« rief er lächelnd. »Nu ja, aber bloß keine Vorwürfe, Kinder. Die mach' ich mir schon allein und mindestens ebenso gut, als Ihr und mein Papa. Donnerwetter, war das ein Zusammenbruch! Geradezu zerschmetternd. Aber ich verzweifle noch nicht. Papa wird wieder gut werden, und wenn ich nicht mehr Offizier sein kann, so werde ich Kaufmann. Dann nimmt mich die Firma Johannes Lenz \& Komp. auf.« Er warf sich lang auf den Divan. Adelheid blickte Hans an, als erwartete sie von ihm die Antwort, und so hielt er damit nicht zurück, wie schmerzlich es ihm auch war. »Nein, Lothar, die Firma hat keinen Platz für Dich. Du denkst, der Kaufmannsstand sei gut genug, um die Ausgestoßenen des Offizierkorps aufzunehmen. Das ist ein Irrtum. Wir sehen ebenso sehr auf Kenntnisse und Fleiß, als auf Ehrenhaftigkeit. Das mangelt Dir alles. Solange ich der Firma Johannes Lenz \& Komp. angehöre, wirst Du in dieselbe nicht eintreten.« Er küßte Adelheid wie zur Verzeihung die Hand, nickte dem einschlummernden Kousin einen Gruß zu und ging. Adelheid eilte zu ihrem Kinde. XXVIII. Herr Hinnen-Lotz wurde am frühen Morgen, als er noch von den Beschwerden einer sonntäglichen Bierreise ausschlief, durch einen unerwarteten Besuch aufgeschreckt, der zugleich mit dem ersten Sonnenblick in sein Zimmer drang. Ein untersetzter, vierschrötiger Jüngling, der von der Nachtfahrt stark angegriffen schien, setzte sein Handköfferchen nachdrücklich auf den Boden, näherte sich auf knarrenden Stiefeln dem Bette des »Direktors« und sagte zu dem jählings Erwachenden: »Vater, da bin ich!« War es noch Verschlafenheit oder traute er seinen Augen nicht, aber Herr Hinnen rieb sich seine Sehorgane und starrte den sonst wohlbekannten Burschen an, der unverkennbar seines Erzeugers Züge hatte, die pfiffigen grauen Augen, die Habichtnase, die ungeheuer gesunden roten Wangen. »Du bist's, Jakob?« rief er erstaunt. »Hast denn meinen Brief nicht bekommen?« »Wohl, wohl, Vater, aber da bin ich nun einmal.« Das war einleuchtend genug, und der Spinnmeister verschloß sich dieser Thatsache so wenig, daß er aus dem Bette sprang und dem Jungen die Hand schüttelte: » Willkommen, willkommen!« Zwar bereute er gleich hinterher, daß sein gutes Vaterherz wieder einmal mit seinem Verstande durchgegangen war und wollte den strengen Ton der Autorität anschlagen, doch da fiel ihm noch rechtzeitig die heisere Stimme seines Sohnes auf. »Hast Dich verkältet, Schaggi,« sagte er zärtlich. »Wo ist meine Bajadere?« Er suchte für seinen Sohn keine fürsorgliche Houri, wie sie sich der Muselman in seinem Himmel denkt, auch nicht seine Wirtschafterin, die gute Frau Fabian, die wahrlich diese türkische Bezeichnung nicht verdiente, sondern ein ziemlich prosaisches Bekleidungsstück, das bei Erkältungen stets Wunder an ihm verrichtet hatte. Er kramte in seiner Kommode und zog endlich im Triumph eine gestrickte rote Schärpe hervor, die er dem Sohne wie eine Boa Konstriktor um den Hals wand. Dann klopfte er mit eisernen Fäusten an die Seitenthür und rief laut: »Konrad! Konrad! Der Schaggi ist da!« Es schien ihm selbstverständlich, daß sein Schreiber und Zimmernachbar an seinem plötzlichen Familienglücke teilnehmen mußte, und bald erschien Hitschold, der just mit einem Umweg über seinen Stall nach der Fabrik wollte. Er war gestern Nacht spät aus dem Zirkus gekommen, aber sah frisch und gesund aus, offenbar durch den Anblick der schönen Rosse so weit gestärkt, daß der Eindruck eine ganze öde Arbeitwoche vorhalten konnte. Da es erst halb sechs Uhr war, so hatte der liebe Vater alle Zeit, nicht nur seinen Anzug zu vervollständigen, sondern auch in aller Ruhe seine Verrichtungen mit Schwamm und Seife durch zahlreiche Zwischenrufe und Betrachtungen zu unterbrechen. Der Buchhalter eilte indessen zu Frau Fabian und bestellte eine vermehrte Auflage des Frühstücks, das die dicke Alte alsbald auftrug. Hierauf setzten sich die drei Eidgenossen um drei große Tassen Milchkaffee, die sie bis an den Rand mit Brodbrocken füllten, und löffelnd und kauend berieten sie, was der Jakob Hinnen in Berlin eigentlich anfangen sollte. Allerdings hatte der Bursche den väterlichen Brief über die sozialdemokratische Gefahr erhalten, aber die Ermahnung, auf seinem Posten auszuharren, kam doch zu spät, denn seine Stellung war ihm schon lange verleidet. Er wollte und mußte zu seinem Erzeuger nach Berlin, denn er hatte es sich in seinen dicken Kopf gesetzt. Und nun war er also da, und alle Vorwürfe hatten keinen praktischen Zweck mehr. Es fragte sich nur noch, welcher Posten in der Fabrik für ihn bestimmt werden konnte. Die Aufseherstellen und Spinnstühle waren besetzt, und auch sonst fehlte kein Mann. »Halt, ich hab's!« rief plötzlich der zärtliche Vater. »Ich rede mit dem Chef, er muß ihn als Kardenschleifer nehmen.« »Dafür haben wir den Pinzger,« warf Hitschold ein. »Der zählt nicht mehr,« erwiderte Hinnen, »der fliegt.« Und nun entrollte er sein Sündenregister. Ein schlechter Arbeiter und Blaumacher, Mädchenverführer, Volksredner und Anarchist. Zwar schreiben konnte er noch nicht, aber dafür hatte er das Reden gelernt. Wie oft hatte Hinnen schon die Entlassung dieses Arbeiters angeregt, aber der gutmütige Herr Hans zögerte, da er niemand gern brodlos machte und weil überdies kein Ersatzmann vorhanden war. »Jetzt aber haben wir einen!« rief er freudig und klopfte seinem Sohn auf die Schultern. »Den Jakob!« Lächelnd trat er ans Fenster, um einen Blick in den dort hängenden Handspiegel zu werfen, als sein Blick mit einem Mal abgezogen wurde und seine Miene sich verfinsterte. Denn nun sah er vor dem Haus einen Trupp Arbeiter daherkommen. »Die wollen gewiß blau machen, die Hallunken,« rief er, als schon die schweren Schritte die Treppe heraufkamen und eine energische Hand, die nicht an sanftes Tippen gewöhnt war, an die Thüre pochte. Als er sie aufriß, stand er einer Arbeiterdeputation gegenüber, an deren Spitze der Tiroler Miene machte, mit einer gewissen Feierlichkeit das Wort zu ergreifen. » Was wollt Ihr, Ihr Sakermenter?« fragte Hinnen, der nichts Gutes ahnte. »Herr Spinnmeister,« sagte Pinzger, der es heute nicht nötig fand, seinem Todfeinde mit dem schmeichelnden »Herr Direktor« angenehm zu sein, und begann mit erregter Stimme: »Wir kommen im Auftrag unserer vereinigten Genossen, um Ihnen die Mitteilung zu machen, daß wir mit heutigem Tage die Arbeit niederlegen werden.« »Wa–was?« riefen Hinnen und Hitschold wie aus einem Munde. »Daß wir die Arbeit niederlegen,« wiederholte der Sprecher und wechselte einen listigen Blick mit seinen Kameraden, die nicht recht wußten, welche Haltung sie sich geben sollten, und ihre Hüte und Mützen in den Händen drehten. »Wenn aber unsere Forderungen bewilligt werden, so sind wir gern bereit, die Arbeit fortzusetzen, beziehungsweise wieder aufzunehmen.« »So!« rief Hinnen spöttisch. »Gar zu gütig!« Einige Arbeiter konnten nicht umhin, den Humor ihres Vorgesetzten mit breitem Lachen zu beantworten, aber Pinzger ermahnte sie mit einem Blick an den Ernst der Lage. Zu gleicher Zeit kam es wie ein leiser Donner daher, ein Sausen, Schüttern und Rollen. Die Arbeit hatte drüben in der Spinnerei angefangen, der Dampf zischte, die Räder und Spulen drehten sich, die Treibriemen schwirrten. Und seltsam stand das begonnene Tagewerk im Widerspruche mit diesen feiernden Arbeitern da und ihren Forderungen. Aber sie wußten es alle, daß ein Wink der Deputation genügte, um die ganze bienenartige Thätigkeit augenblicklich zum Stocken und die Maschinen zum Stehen zu bringen. Schon hatte die Aufregung auch drüben um sich gegriffen, und an allen Fenstern tauchten spähende Köpfe auf, die mit Ungeduld auf das Ergebnis der Unterhandlung zu warten schienen. Indessen zog der Kardenschleifer ein großes Papier aus der Rocktasche, entfaltete es langsam und übergab es dem Spinner Pätow: »Lies Du, Genosse!« »Aha,« sagte der Spinnmeister lachend, »hättet Ihr in Berlin lieber schreiben als sozialdemokratisch gelehrt.« »Gelernt!« verbesserte der Tiroler. Hinnen warf ihm einen giftigen Blick zu, und Pätow las: »Wir vereinigten Arbeiter und Arbeiterinnen der Spinnerei Johannes Lenz \& Komp. fordern eine Lohnerhöhung um 29 Procent und eine Arbeitverkürzung auf zehn Stunden täglich und zwar ...« Nun war Herr Hinnen am Ende mit seiner Ruhe, wie mit seinem Humor. »Hinaus mit Euch!« schrie er sie an, ganz krebsrot vor Zorn und drängte sie der Thüre zu. Pinzger verlor bei diesem gewaltsamen Rückzug seine feierliche Haltung keinen Augenblick, nahm dem Genossen das Papier aus der Hand und schob es auf den nächsten Tisch, gerade zwischen die Kaffeetassen von Hitschold und Jakob. »Dann lege ich unser Ultimatum auf dem Tisch des Hauses nieder,« sagte er ruhig. »Lesen sie es selbst, Herr Spinnmeister.« »Ihr werdet's mich jedenfalls nicht – lernen,« antwortete der unverbesserliche Hinnen und schlenderte ihm das Papier zu, das von Pätow aufgefangen wurde. »Arbeiter,« rief der schon bis zur Thüre gedrängte Tiroler, »Ihr seht, wie die Unternehmer mit ihren Schergen unsere gerechten Forderungen mit Hohn zurückweisen. Wir protestieren gegen diese Diktatur des Kapitals und werden dem Plenum davon gebührende Anzeige machen. Und nun zu Herrn Lenz. Es lebe der Zehnstundentag!« Krachend warf Herr Hinnen-Lotz die Thür hinter ihnen zu, und während die Schritte herunter polterten und jenseit des Fabrikhofes verhallten, zog er sich rasch an, um dem Arbeiterausschusse beim Chef zuvor zu kommen. Unterdessen gaben Pinzger und Genossen, noch ganz verwirrt von dem ungnädigen Empfang, ihren drüben harrenden Kameraden ein Zeichen, und wie auf ein Zauberwort verstummte der Lärm der Arbeit. Die Treibräder machten noch eine langsame Umdrehung, ehe sie vollends stille standen, die Fenster wurden leer, und nur aus dem Schlot wehte noch immer die dunkle Rauchwolke wie eine Trauerflagge hoch in der winterlichen Luft. »Du siehst,« sagte der Spinnmeister zu seinem Sohne, »daß es dumm von Dir war, gegen meinen Willen nach Berlin zu kommen. Nun gibt's hier Strike (Herr Hinnen sagte noch immer »Stricke«), und Du liegst halt auf dem Pflaster. Ich laufe jetzt zu Herrn Lenz hinüber und kann ihnen hoffentlich noch einen guten Empfang bereiten, denen Tagedieben!« Er hieß seinen Sohn sich auf sein Bett legen und von den Reisestrapazen ausruhen. Den Buchhalter schickte er ins Kontor, um nötigenfalls die Kasse zu verteidigen. Dann stürmte er den nächsten Weg in die Villa hinüber, doch Hans, den der Lehrjunge Max durch den Fernsprecher verständigt, kam ihm schon auf dem halben Weg entgegen. Die Deputation hatte die etwas längere Fahrstraße zur Villa gewählt, denn Pinzger fand das würdiger, als durch das Hinterpförtchen einzuschleichen. Vielleicht erinnerte er sich auch, daß dieser bequemere Weg an der Durststillstation vorüberführte. Und so hatte er den Fabrikherrn richtig verfehlt. »Guten Morgen,« rief Hans den ihre Mützen lüftenden Arbeitern zu, die in lebhaft sprechenden Haufen unter dem grauen Himmel im Hofe versammelt waren, und ohne sich um des Spinnmeisters Ärger über so viel Freundlichkeit zu kümmern, fragte er sie ruhig: »Sie weigern sich also, die Arbeit aufzunehmen?« Sie sahen sich alle verlegen an. Jeder erwartete vom anderen, er würde das Wort ergreifen, und so blieben sie ihm die Antwort schuldig. Erst nach einer Weile wurde ihm das Ja einiger Beherzter zum Bescheid. »So machen Sie mich mit Ihren Beschwerden und Forderungen bekannt,« fuhr Hans fort. »Ich höre, Sie wollen mehr Lohn!« ... »Und weniger Arbeit,« rief der alte Mila, indem er seine Pfeife anzündete. »Wirklich,« antwortete Hans lächelnd, aber er bereute gleich seinen Spott, denn so war keine Einigung zu erreichen. »Nun, bei gegenseitigem Vertrauen und Entgegenkommen dürfte eine Verständigung nicht unmöglich sein,« fuhr er fort. »Ich gehöre wahrlich nicht zu jenen, die den berechtigten Wünschen ihrer Arbeiter mit Mißtrauen und Abneigung begegnen. Höre ich oft die Klagen unserer Konkurrenten über die Forderungen ihrer Leute, so werde ich an die Geschichte der Aufhebung der Negersklaverei erinnert. Damals hat man dieselben Gründe zur Überredung der Sklavenhalter verwandt und darüber gespottet und gezetert, aber ihre Richtigkeit wird heute von den Nachkommen dieser unbelehrbaren Sklavenhalter eingestanden. Bei uns jedoch handelt es sich um die Befreiung von Untergebenen gleicher Zunge, gleichen Stammes und gleichen Rechtes. Leider habe ich hier nur eine beratende, keine entscheidende Stimme und muß im Einverständnis mit meinem Onkel und meinem Schwiegervater handeln. Sie haben jedoch in mir einen guten Anwalt, der Ihre Wünsche nach Möglichkeit empfehlen wird. Also Vertrauen für Vertrauen!« Ein beifälliges Murmeln aus der Menge schlug an sein Ohr, und er sah, wie einige Weiber zustimmend nickten. »Freilich ist es Unrecht, Ihren Forderungen auf solche Weise Nachdruck zu verschaffen,« fuhr er fort. »Sie hätten mir Ihr Anliegen vorgestern am Zahltag oder in einer Ausschußsitzung vorbringen können. Das hätte sich besser geschickt, als uns zu überrumpeln und geradezu widerrechtlich zu handeln. Aber Sie waren wohl übel beraten. Glauben Sie mir, der Strike ist eine gefährliche Waffe, die den Arbeiter selbst bedroht. Die Unternehmer sind zuletzt doch die stärkeren. Die meisten gefährden ihr wirtschaftliches Dasein nicht, wenn sie ihre Fabriken Wochen, ja einige Monate lang schließen. Die Arbeiter können aber nicht so lange ohne Löhne leben, selbst wenn sie von in- und ausländischen Genossen Unterstützung erhalten. Die Einfuhr steigt, neu erfundene Maschinen vermindern die Nachfrage nach Arbeitern, beschäftigungslose gewerbliche Arbeiter und fremder Zuzug füllen die Lücken aus. Die Strikenden laufen zuletzt Gefahr, ihre Arbeitstellen für immer zu verlieren und müssen nachgeben. So wird es auch Ihnen gehen, und der Winter ist noch nicht vorüber und vergrößert die Not. Überlegen Sie also nochmals den gefährlichen Schritt und gehen Sie jetzt an Ihre Arbeit.« Die Rede hatte mächtig gewirkt. Manche stimmten offenbar ihrem guten Herrn zu, besonders die Weiber, aber sie standen alle unter einem unsichtbaren Zwang. Nun fielen auch einige große Schneeflocken vom leicht bewölkten Himmel, wie um Hans zu unterstützen. Dennoch blieben die Arbeiter unschlüssig auf dem Platze stehen. »Frisch an die Arbeit,« wiederholte der Spinnmeister und wies ihnen den Weg. »Das Versäumte muß nachgeholt werden.« Aber niemand rührte sich, und auch die Weiber blieben stumm. »Fabian,« sagte Hans zum Cylindermacher, der neben Lene zunächst vor ihm stand, »gehen Sie den anderen mit gutem Beispiele voran.« »Ei, wie gern würd' ich es, Herr Lenz,« antwortete der Alte mit Thränen in den Augen, »aber ich kann leider nicht wie ich will. Ich wußte nichts von dem Ausstand und billige ihn nicht. Aber was kann ich Einzelner thun, wo sie alle gegen mich sind?« Schritte und Stimmen von jenseit der Fabrikmauer hallten herüber. Die Deputation kam zurück, allen voran Pinzger, die Mütze schief auf dem Kopfe und nicht mehr ganz sicher auf den Füßen. Aber er übersah doch mit einem Blick die bedrohliche Lage. »Genossen, bleibt fest!« rief er. »Einer für alle und alle für einen, wie unser großer Meister Lassalle gesagt hat. Und hier, Herr Lenz, sind unsere Forderungen schwarz auf weiß. Der gewählte Strikevorstand tagt drüben bei Zeiseler. Wir sind bereit, mit der Fabrikleitung zu unterhandeln. Es lebe die Sozialdemokratie!« »Es ist gut,« entgegnete Hans, nahm das Papier aus seinen Händen und wandte sich von dem wüsten Gesellen ab, der den Fuselgeruch der Durststillstation um sich verbreitete. »Wir werden Ihre Forderungen prüfen. Bleiben Sie unterdessen hier versammelt, damit die Arbeit günstigenfalls noch diesen Morgen wieder aufgenommen werden kann.« Und mit Hinnen und Hitschold ging er ins Kontor. »Der Strikevorstand ist bei Zeiseler zu finden,« rief Pinzger ihnen nach. »Er allein hat die Befugnis, in Unterhandlungen einzutreten. Nicht wahr, Genossen?« Es war unklug von ihm, diese Machtfrage aufzuwerfen, denn gar manche empfanden geringe Lust, sich eine solche Vormundschaft gefallen zu lassen. Da und dort murrte man auch schon, und Fabian erhob seine Stimme zu einer Verwahrung: »Wir werden alle mitentscheiden!« »Nein, dafür ist der Vorstand da,« gab Pinzger heftig zurück. »Er wird die Anträge entgegennehmen und untersuchen, ob sie wert sind, dem Plenum mitgeteilt zu werden.« Zustimmende und ablehnende Ausrufe wurden laut. Auch die Weiber schrieen dagegen, namentlich die Frauen der Ausschußmitglieder, denn sie sahen endlose Sitzungen in der Destille voraus. Bloß die rote Liese unterstützte den Vorstand mit ihrem wütenden Geschrei. Schließlich, als das Toben immer lauter wurde und sogar drohende Fäuste sich gegen einander erhoben, schwang sich der Tiroler auf einen Baumwollballen und sprach mit weithin schallender Stimme: »Genossen! Arbeiter! Kameradinnen! Laßt Euch von den Lauen, Zahmen und Halben unter Euch nicht entzweien, denn nur die Einigkeit macht stark. Vertrauensvoll habt Ihr die Vertretung in unsere Hände gelegt, und ich schwöre Euch, Ihr sollt mit uns zufrieden sein, denn wir sind nicht nur mit Euren Wünschen, Ansprüchen und Bedürfnissen genau vertraut, sondern auch mit den Absichten der Parteileitung und ihren höheren allgemeinen Zwecken. Hinter Euch stehen die Arbeiter der ganzen Welt und ihr Geld und ihre Macht. Lieber greifen wir zum Dynamit, als daß wir nachgeben. Es lebe die internationale Sozialdemokratie! Hoch die Anarchie!« Nur im Rausche konnte der lustige Schleifer solche Drohungen und Rufe ausstoßen. Zwar versuchten seine schlaueren Anhänger, ihn mit ihren Stimmen zu übertönen, aber die Vorsichtigen und die Weiber mit Ausnahme der roten Lise erhoben laut Einsprache. »Ich protestiere im Namen aller guten Arbeiter!« rief Fabian im höchsten Zorn. Ein Tumult entstand. Die drei Hausknechte, die gegen etwaige Ausschreitungen fest und treu auf der Wacht standen, vertraten die Fabrikthüre und den Weg zum Kesselhaus, und Hitschold eilte ängstlich aus dem Kontor herbei. Da humpelte eine Droschke zweiter Klasse in den Hof. Der telephonisch herbeigerufene Kommerzienrat Heller stieg aus und wurde mit Hochrufen und Pfiffen begrüßt. »Kinder, große Kinder, undankbare Kinder, was muß ich von Euch hören!« rief er aus. »Ich war auch ein Arbeiter, aber es ist mir niemals eingefallen, meine Forderungen durch einen Kontraktbruch zu erzwingen. Und jede Arbeiteinstellung ist ein Kontraktbruch. Schämt Euch, an Euren Arbeitgebern so zu handeln! Haben wir es um Euch verdient? Waren wir nicht immer für Euer Wohl besorgt? Habt Ihr die geringste Klage gegen uns zu führen? Sagt es, wenn Ihr Euch beschweren müßt, und Ihr sollt Gerechtigkeit finden. Aber Ihr wollt ja mehr Lohn? Viel mehr Lohn! Gut, man wird Eure Forderung prüfen und untersuchen, ob wir Euch zu Willen sein können. Ihr wollt weniger arbeiten? Auch das soll besprochen werden. Ich glaube aber, weniger arbeiten wollen, als Gesundheit und Kraft gestatten, ist Faulheit. Vergeßt auch nicht, daß jede Lohnerhöhung und jede Arbeiteinschränkung uns und Euch schwächt. Wir werden gegen die Konkurrenz nicht mehr aufkommen, müssen den Betrieb einschränken und infolge dessen Arbeiter entlassen, und das ist also wieder Euer Schaden. Ihr glaubt Eure Lage zu verbessern und verschlimmert sie nur.« Die Worte des beliebten Greises hätten einen großen Eindruck gemacht, wenn nicht Pinzger und die anderen Rädelsführer dafür gesorgt haben würden, durch Lärm und spottende Einwürfe entgegen zu wirken. Sie plauderten laut miteinander, lachten und trampelten mit den Füßen, so daß Heller's Stimme nur noch von den Näherstehenden gehört wurde. Schließlich verlor er die Geduld und rannte zornig ins Kontor, während, von Pinzger und seinen Getreuen angestimmt, die Arbeitermarseillaise hinter ihm her schallte: »Nicht zählen wir den Feind, Nicht die Gefahren all, Der kühnen Bahn nur folgen wir, Die uns geführt Lassalle!« Drinnen saß Hans mit Spinnmeister und Buchhalter um einen Tisch und prüfte die Forderungen. Hinnen war für schroffste Ablehnung, während Hitschold der Meinung war, daß die Arbeiter es nicht auf das Äußerste ankommen und wohl mit sich reden lassen würden. Als der alte Heller erschien, untersuchte auch er, wie weit man entsprechen dürfe. Die verlangte Lohnerhöhung könnte man den Spinnern zugestehen, nicht aber den übrigen Arbeitern. Auch die Frauen und Kinder verdienten eine zehnprocentige Zulage. Die Arbeitzeit aber könnte nur auf zehneinhalb Stunden ohne die Pausen verkürzt werden. Der Generalkonsul, der anfänglich für Abweisung aller Forderungen war, gab durch den Fernsprecher seine Zustimmung. Inzwischen war es dem Ausschusse gelungen, die im Hofe versammelten Arbeiter einzuschüchtern und zum Nachhausegehen zu bereden. Als ihnen daher Hinnen-Lotz mit kochender Wut im Herzen das Entgegenkommen ihrer Brodherren mitteilen wollte, fand er nur noch die Hausknechte, die das Thor schärfer als je bewachten. So blieb dem Spinnmeister nichts anderes übrig, als seinen Arbeitern nachzulaufen und die verhaßte Durststillstation wieder zu betreten! Ohne den Budiker und seine Stehgäste auch nur eines Blickes zu würdigen, ging er am schnapsduftenden Buffett vorüber und ebenfalls ohne Gruß ins Hinterzimmer, aus dem ihm der Geruch von Speisen und Getränken, Tabakrauch und laute Männerstimmen entgegenschlugen. Da saßen die Edlen richtig beim Trunk und Kartenspiel, und auf seinem einstigen Ehrenplatze präsidierte jetzt der Tiroler, der die neben ihm stehende Grete um die Taille faßte. »Aha, der Spinnmeister!« rief er dem Eintretenden zu. »Eine Partie Faß oder Pandur gefällig?« Hinnen-Lotz nahm sich zusammen und wandte sich an Pätow, der neben Pinzger saß und noch am wenigsten betrunken schien. »Da habt Ihr's schriftlich, wie weit die Herren Euch entgegenkommen wollen,« »Her damit!« brüllte Pinzger und griff nach dem Papier. »Ich bin der Vorsitzende.« »Ihr könnt ja doch nicht lesen. Schleifer!« Mit geballter Faust wollte sich Pinzger auf den Spinnmeister stürzen, doch die Kameraden traten dazwischen und zogen ihn wieder auf den Sitz nieder. »Ich erwarte Eure Antwort draußen,« sagte Hinnen. »Hier ist mir die Luft zu schlecht.« »Kapitalistenfritze! Arbeiterfeind! Bismarck!« rief ihm Pinzger nach. Schon wenige Minuten später kam Päitow aus der Destillation: der Strikevorstand müsse auf seinen Forderungen beharren und lehne den Gegenvorschlag ab. »Das ist Bock!« antwortete der Spinnmeister, dem ein Stein vom Herzen fiel, und eilte in die Fabrik zurück. Den fragenden Mienen der Hausknechte, die auf den Bescheid begierig waren, antwortete er fast lustig: »Stricke! Stricke!« »O, dieser Tiroler!« drohte Janko mit geballter Riesenfaust. »Nur Geduld,« gab der Schweizer zurück, »den werde ich noch tüpfen!« Heller und Hans empfingen mit Betrübnis die schlimme Nachricht, denn gerade jetzt, wo die Bestellungen drängten, war der Ausstand ein schwerer Schlag. Doch sie hatten das Bewußtsein, die äußerste Grenze des Entgegenkommens schon überschritten zu haben. »Ich werde den aufgezwungenen Streit durchkämpfen, und wenn ich noch eine Million in die Fabrik stecken müßte,« rief Heller mit jugendlicher Tapferkeit aus. »Wir wollen doch sehen, wer es länger aushält, sie oder meine Million!« Hans ging ein Stich durchs Herz, als er den Verblendeten so ahnungslos zuversichtlich fand. XXIX. Schon mehrere Wochen dauerte der Ausstand, und noch war kein Ende abzusehen. Angesichts der Nachgiebigkeit der Arbeitgeber, die bereits den Zehnstundentag bewilligt hatten, wurden vom Strikeausschuß immer neue Forderungen erhoben und der Lohnkampf mit Absicht verlängert. Eine große Niedergeschlagenheit, durch seinen häuslichen Kummer vertieft, hatte sich Hans bemächtigt, der den stolzen Bau seiner sozialen Reform kläglich zusammenbrechen sah. Doch aller Ärger und Gram vermochte seine Herzensgüte nicht in Galle zu verwandeln, und darum ließ er auch die Insassen des Fischerhauses ruhig in ihren Wohnungen. Zu arbeiten brauchten sie nicht, die Strikekasse, die Pinzger immer bei sich trug, war dank der Unterstützung der Genossen von Fern und Nah fürs erste leidlich gefüllt, Holz und Kohlen für Küche und Ofen stahl man im Fabrikhof, und so lebte es sich ganz angenehm im süßen Nichtsthun, dem man ein hübsches sozialpolitisches Mäntelchen umhängen konnte. »Herr Lenz,« sagte der sich furchtbar langweilende Spinnmeister, der auch seinen Jakob nicht gerne so lang unthätig sah, »wenn die Tagediebe nicht exmittiert werden, so zweifelt der Ausschuß noch immer an unserem Ernst und verbreitet das Märchen, daß wir bald zu Kreuz kriechen müssen. Also raus mit der Bagage!« Hans sträubte sich vor dieser grausamen Maßregel, weil er trotz allem auf baldigen Frieden hoffte und zum Wiederbeginne seine Arbeiter gleich bei der Hand haben wollte, aber nun drangen Heller und der Konsul ebenfalls in ihn und bestätigten die Schädlichkeit dieser übel angebrachten Milde. So mußte er also die armen Leute wirklich ausweisen! ... In einem langen Zuge, Frau Mila mit Mann und Tochter an der Spitze, verließen sie bei Eis und Schnee den Fabrikhof, der mit seinen Gebäuden und Lagerplätzen bald wieder so öde wie damals stand. Indes war nicht alles Leben erloschen. Täglich wurde die Dampfmaschine geheizt und der ganze Betrieb in Gang gesetzt, um das Rosten der Maschinen zu verhindern. Hitschold hatte schweren Herzens seine Pferde verkauft und brütete nach wie vor mit Hans über den Büchern. Hinnen und Sohn widmeten sich der Kaninchenzucht, wofür ihnen Fabian aus einer alten Bobinenkiste einen Stall gezimmert hatte. Janko machte sich wie in seinen jungen Jahren mit Mauerpinsel und Mörtelmulde auf, um Spinnsäle und Treppenhaus frisch zu weißen. Zobel flickte auf leisen Sohlen das schadhafte Fabrikdach. Lux hütete das Thor, denn er war nur Portier, aber was für einer! ... Auch die Familie Fabian ging nicht müßig. Außer ihrem eigenen Hausstande besorgte die Frau noch immer des Spinnmeisters Junggesellenwirtschaft, die einen so unerwünschten Zuwachs erhalten. Fabian aber hatte seinen Photographenapparat hervorgeholt, nahm mit Lene alle Teile der Fabrik und die Villa auf und versuchte sich aus Freundschaft oder gegen billige Bezahlung auch in Bildnissen. In diesen Tagen kehrte Hugo Mila aus dem Krankenhause zurück. Es war ein Sonntagmorgen, als Lene in ihrem Zimmerchen ein lautes Pochen auf der Treppe vernahm. Wer kommt da in Holzpantinen am Sonntag? fragte sie sich. Und da klopfte es schon an ihre Thür, und fahl und abgezehrt, ein Bild des Jammers, stand der Krüppel vor ihr. »Hugo! Um Gotteswillen!« schrie sie auf und wollte unwillkürlich ihn stützen. »Laß mich,« sagte er mit mattem Lächeln, »sonst fall' ich lang hin.« Mühsam humpelte er auf seinen Krücken zum nächsten Stuhle. Kein trauriges Wort kam über seine Lippen, aber sein Antlitz war für sie schon Vorwurf genug, »Du siehst, nun ist bei mir alles wieder im Trab, Lene. Freilich, militärtauglich bin ich nicht mehr, und gerade auf die Kommißhosen habe ich mich so mächtig gefreut.« »Hugo, Hugo,« rief sie aus, »warum hast Du das gethan?« »Warum? Na, Dir darf ichs jetzt sagen, denn vor Gericht werde ich anders reden. Um den Schlosser-Nante reinzulegen! Ich habe den Streit gesucht und ihn unter die Maschine gedrückt, damit sie ihn zerschmettern soll wie eine Laus. Aber der Kerl war stärker, und als ich sah, daß ich ihn nicht unterkriegen konnte, da bin ich mit Absicht ins Rad gefallen. Ich hatte gehofft, zu sterben und ihn lebenslänglich ins Zuchthaus zu bringen. Nu liege ich bei der Geschichte ins Essen, aber ich belaste ihn im Kriminal so, daß er mir schon ein paar Jahre brummen soll.« »Welche Sünde, Hugo!« rief sie unter Thränen. »Nicht halb so groß wie seine. Er hat das Ärgste verdient, der Hund. Und daß ich ein Krüppel wurde, ist mir egal! Wenn ich nur meine Rache habe.« »Und Deine Schwester?« »Die wird ohne ihn nicht fertig, trotzdem er ihr bloß alles Geld wegnimmt und noch obendrein Prügel gibt. Sitzt er aber im Kahn, so wird sie schon wieder nach Hause kommen und ordentlich werden.« »Ich bin nur froh,« sagte sie, »daß ich an Deinem Unglück nicht schuld bin, wie sie alle in der Fabrik sagten, um mir wehe zu thun.« »Nein,« tröstete er sie. »schuld bist Du nicht, aber mir lag nichts mehr am Leben ohne Deine Liebe, und so wollte ich es wegwerfen. Einen Tod kann der Mensch ja bloß sterben. Wer weiß, wenn Du anders gewesen wärst zu mir, ob ichs gethan hätte.« Sie erblaßte und starrte mit ihren großen Augen gramvoll vor sich hin. »Na, jetzt ist es ja erst recht aus zwischen uns. Ich bin kaum noch zum einarmigen Leierkasten gut genug und im Gesicht auch nicht schöner geworden.« Sie blickte auf und bemerkte erst jetzt die Schrammen und Narben in dem aufsprossenden Bart. »Verzeih mir, Lene, daß ich nicht gestorben bin.« »Nein, nein, Du armer Mensch!« rief sie unter neuen Thränen. »Herr Hans hat mir versprochen, daß er für Dich sorgen wird. Ist der Ausstand vorbei, so nimmt er Dich wieder in Arbeit.« »Zum Spinner bin ich verdorben,« entgegnete er. »Ich kann doch nicht mit den Krücken hinter dem Fahrstuhl hin und her humpeln, nicht wahr? Was anderes aber hab' ich nicht gelernt und kann ich auch nicht. Daran ist die Maschine schuld, die Arbeitteilung, die uns jede andere Handfertigkeit verwehrt und uns dumm und ungeschickt macht. Jeder Bauer braucht mehr Grütze, als unsereins.« »Weißt Du was, Hugo,« unterbrach sie sein verbittertes Sinnen, »ich will mit Vatern reden. Vielleicht bildet er Dich zum Cylindermacher aus.« »Ja,« gab er zurück, »das wäre ein sitzender Beruf, wie so'n Invalide ihn braucht.« Er schwieg und sah sie lang und innig mit seinen hundetreuen Augen an, welche das Siechtum tief eingefurcht und schwarz umrändert hatte ... Von nun an waren sie täglich zusammen. Der alte Fabian weihte ihn in die Geheimnisse der Cylindermacherei ein, und gelegentlich photographierten und retouchierten sie mit einander. Nur die Fahrten auf der Spree hatte man aufgeben müssen, denn er konnte nicht mehr ins Schiff steigen. War er mit ihr ausgesöhnt, so hatte sie aber für sich selbst keine Verzeihung. Wie eine lebendige Anklage erschien er ihr, und sie verachtete und haßte sich. Aber sollte sie ihr Herz bezwingen und ihm Liebe heucheln? Ach, sie sehnte sich weg aus der Welt, wie sehr sie auch ihre Eltern liebte, vor allem ihren geschickten und doch so unbeholfenen Vater. Aber ihr war, als dürfte sie nicht fort, als hätte sie noch eine große Aufgabe, eine heilige Pflicht, die sie vor ihrem Tod erfüllen sollte oder mit ihrem Tode. Da Hinnen-Lotz, der bisherige Vermittler zwischen Arbeitgebern und Arbeitern, zu schroff war und die Unterhandlungen nur erschwerte, so gebrauchte Hans zu diesem schwierigen Amte jetzt gerne den geschmeidigeren Hugo, der ihm auch alsbald bessere Nachrichten brachte. Die aus dem Fischerhaus Ausgewiesenen, vor allen seine energische Mutter, suchten täglich den Ausschuß heim, um ihm ihre Not zu schildern und die Wiederaufnahme der Arbeit zu fordern. Die verheirateten Frauen waren jetzt ohne Ausnahme für die Beendigung des Lohnkampfes, wurden jedoch durch ihre arbeitscheuen Männer abgehalten, denen die erzwungene Unthätigkeit zur Gewohnheit geworden. In ihrer Destille merkten sie ja wenig von der wachsenden Not zu Hause. Eines Abends erschien Frau Mila im Fabrikhofe. Sie sah abgemagert aus, die Entbehrung der altgewohnten Arbeit hatte sie schwermütig gemacht, und ein Keuchhusten förderte den jahrelang eingeatmeten Wollstaub zu Tage. Sie verlangte den Chef zu sprechen und klagte ihm in ihrer derben, wortreichen Art ihre Not. Der Mann immer betrunken, Hugo arbeitunfähig, Lore verkommen, Marie krank, kein Geld, keine Feuerung, all ihr Hausrat versetzt oder verkauft. Hans hörte sie an, sah sich vorsichtig um und zog sie in das Lager des Konsumvereins, wo er ihre Schürze mit Würsten, Speck, Mehl, Reis füllte. Leider wurde er von Hinnen-Lotz beobachtet, der im Hof hinter seiner Kaninchenkiste kauerte. »Das sind mir schöne Geschichten!« rief er und schwang drohend einen Karnickel. »Der Herr unterstützt seine strickenden Arbeiter und verlängert also ihren Widerstand! Mit Verlaub, das heiß' ich ein Sozialdemokrat!« Hans zuckte die Schultern über den Philister. Als ob man ein Parteimann sein müßte, um mit den Armen und Niedrigen zu fühlen! Hatte nicht auch der junge Kaiser, ein echter Geusenkönig wie jeder Hohenzollern, den westfälischen Bergarbeitern seine Teilnahme bezeugt? Nur die sozialdemokratische Ordnung hielt den Ausstand noch aufrecht und beinah tägliche Vorträge und Zusammenkünfte belebten den Trotz und die Hoffnung. Hinnen sann auf ein Mittel, um dem. verderblichen Einflusse dieser Versammlungen zu wehren. Ihm schwebten Rednerschulen vor, wo man das öffentliche Sprechen, sowie die Gewöhnung an Zwischenrufe und Tumulte und das witzige und schlagfertige Debattieren lernen könnte, um die Wirkung der Hetzreden zu beeinträchtigen. Leider fanden sich unter den Gutgesinnten nur wenige geeignete Kräfte, Er selber stand mit dem verwünschten Schriftdeutsch noch immer auf Kriegsfuß und wollte sich nicht gern öffentlich mit »lernen« und »lehren« blamieren. Sein Jakob besaß zwar auch Anlagen zum zweiten Baß, aber kam zu leicht ins grobe Fluchen und Lärmen hinein. Fabian war zu schüchtern, und Hitschold hatte nur für die Rosse Sinn. Die drei Hausknechte konnten zwar im Notfall unschätzbare Dienste mit ihren Fäusten leisten, doch war höchstens der gesprächige Landwehrmann Zobel wegen seines volkstümlichen Witzes zu gebrauchen. Der beste war noch Hugo, der die Zungenfertigkeit seiner Mutter geerbt hatte, die auch eine schätzbare Kraft war. Sonst fehlte es den Weibern an parlamentarischer Zucht, und die wortbehendeste unter ihnen, die rote Lise, war eine wütende Sozialdemokratin. »Nächsten Sonntag,« meldete Hugo eines Morgens dem Spinnmeister, »ist in Zeiselers neuem Saale Versammlung. Die Weiber wollen nichts mehr vom Feiern wissen, und fast alle Hasplerinnen drohen damit, die Arbeit wieder aufzunehmen. Um das zu hintertreiben und die Frauenzimmer einzuschüchtern, hat die Partei nun diese Versammlung ausgeschrieben.« Hinnen-Lotz beschloß, mit seinen Getreuen dort zu erscheinen, um die Weiber und ihren versöhnlichen Standpunkt zu verteidigen und die Versammlung durch Zwischenrufe und Schabernack zu stören. Leider wurde seine Kampflust durch den Chef gemäßigt, der von jedem störenden Lärmen abriet. Der Gegner müsse durch vernünftige Gegengründe bekehrt werden, und er selbst sei bereit, der Versammlung beizuwohnen und sich nach dem Vortrag an der Diskussion zu beteiligen. So wurde also eine gemeinsame Teilnahme beschlossen, und als der große Abend kam, zog das Häufchen Gutgesinnter in die an allen Anschlagsäulen verkündigte Arbeiterversammlung. Zeiseler, der aus Wut über des Spinnmeisters Ungnade und die Konkurrenz der Kantine, der Theestube und des Konsumvereins ein Mitanstifter des Ausstandes gewesen, war längst dem sozialdemokratischen Gastwirtvereine beigetreten. Bei ihm war jetzt die Zahlstelle von freien Hilfskassen, lagen die Parteiblätter auf und gingen verbotene Flugschriften von Hand zu Hand. Er hatte in seinem Hof einen scheunenartigen Bau errichtet, dessen Saal er zu Versammlungen und an Vereine abendweise vermietete. Auch eine Charlottenburger Liebhabertheatergesellschaft benutzte ihn gelegentlich, zu welchem Zweck am Ende der Schmalwand eine kleine Bühne aufgeschlagen war. Auch heute sah man das Proszenium, die Koulissen gehörten indeß zu einem Salon, während der Hintergrund eine frischgemalte Waldlandschaft zeigte, von deren grünen Bäumen und blauen Bergen sich die zwei roh gezimmerten Tische von Tannenholz und einige Wiener Strohsessel an der Rampe abhoben. Eine gußeiserne Gaskrone erhellte den Saal so unzulänglich, daß auf dem Tische rechts, wo die Glocke des Einberufers stand, und auf dem zur Linken, für die überwachende Polizei bestimmt, noch je zwei flackernde Unschlittkerzen die Beleuchtung verstärken mußten. Hans und seine Getreuen wurden von den schon zahlreichen Arbeitern beim Eintritte mehr oder minder freundlich begrüßt ... »Da kommen unsere Ausbeuter!« rief der Tiroler. »Aber kommt nur! Wir fürchten Euch nicht. Hier könnt Ihr was lernen!« Besonders Hinnen-Lotz wurde mit freundlichen Zurufen beehrt ... »Arbeiterschinder!« hallte es ihm von allen Seiten zu. »Spitzel! Kapitalistenfritze! Bismarck!« Der Spinnmeister bekam zwar darob einen dunkler gefärbten Kopf als gewöhnlich, nahm jedoch die Sache mit Humor auf. Lächelnd blickte er um sich, und salutierte militärisch; weil aber zu viel Bekannte anwesend waren, so spendete er einen Kollektivgruß, indem er seinen Hut lustig im Kreise schwang: »Guten Abend, miteinand'!« Den Arbeitern gefiel die Keckheit, und ihr anfangs höhnisches Lachen klang um einen Ton sanfter und gemütlicher. »Doch ein verfluchter Kerl, der Schweizer,« sagte der schon stark angeheiterte alte Mila zu dem neben ihm an der Rampe sitzenden Kaselowsky und zündete sich eine neue Zigarre an, während die Ankömmlinge ganz vorn am nächsten Tische Plätze fanden, die Fabian, Jakob und Hugo für sie belegt hatten. Da saß der Chef mitten unter seinen Arbeitern und an einem Tische mit Hinnen, Jakob, Fabian, Lene, und auch Hugo setzte sich zu ihnen und stellte seine Krücken hinter sich. Jetzt musterte Hans die Anwesenden. Es waren nicht nur Angestellte aus seiner Spinnerei, sondern der Mehrheit nach fremde Arbeiter, die sich wie auf eine Verabredung lange vor Beginn eingefunden hatten, um den unsicheren Kantonisten den Platz wegzunehmen. Einige von ihnen trugen trotz des Sonntags ihre blauen Blusen oder Kittel voller Schutt und Maschinenölflecken zur Schau, und der immer mißtrauische Hinnen schwor darauf, daß es gar keine Arbeiter seien. Jedenfalls kannten sich fast alle untereinander, denn Grüße und Zurufe flogen von Tisch zu Tisch. Da waren schwächliche, brillentragende Zwerge in halb bürgerlicher Tracht mit lichtblonden Haaren und träumerischen Augen, und neben diesen unpraktischen Schwärmern, denen fremdes Leid näher ging als die eigene Not, sah man Männer von grobknochigem Körperbau und eckiger Schädelbildung, ganz ehrenwerte Arbeiter, die sich in politische und soziale Hirngespinnste verrannt hatten, wilde Gesellen mit entschlossenem Gesichtsausdruck und verbittertem Zug um den Mund, rücksichtlose Anarchisten, die lachend in den Tod gingen, anrüchige Bursche, verschmitzt und in alle Kniffe eingeweiht, um die Überwachungsbehörden zu hintergehen, und unter Umständen ebenso eifrig als Lockspitzel der Polizei. Zwischen all diesen Männern verschwanden fast die Weiber, so zahlreich sie auch erschienen waren und unermüdlich plauderten. Dicht vor dem Podium hatte sich der ganze Haspelsaal niedergelassen. Frau Mila strickte an einem Strumpf, aber auch ihr Mundstück ruhte nicht, womit sie ihre Genossinnen zu energischer Opposition gegen die Partei aneiferte. Ihre Tochter Marie, die in der Fabrik die Bleichsucht bekommen und im Ausstande sich etwas erholt hatte, saß verschüchtert und gelangweilt vor ihrem Glas Echten, andere kokettierten mit den Männern an den nächsten Tischen. Sie waren überhaupt viel umworben, die strikemüden Damen, und freuten sich dessen; aus mancher Weißbierkufe wurde ihnen zugetrunken, und der Tiroler hatte bereits mit dem Aufgebote seiner ganzen Liebenswürdigkeit versucht, sie »herumzukriegen« und von ihrem sträflichen Vorhaben abzubringen. Er wurde aber von Frau Mila, die strenges Regiment führte, mit Hohn abgewiesen. Die anderen Weiber, die mit der Partei gingen, hatten sich um die rote Lise geschart; es war ein gar kleines Häufchen, alles Unverheiratete und nicht eine Hübsche unter ihnen. Sie wurden auch viel weniger umschwärmt, schon weil man ihrer sicher war. Der Tabakqualm lag wie ein Nebelmeer in der heißen Luft, und das Gedränge wurde größer. Da und dort im Saal und an den Thüren tauchten die blanken Helme der Schutzleute auf, und Hans wunderte sich nicht wenig über dieses bewaffnete Aufgebot gegen eine friedliche Versammlung. Einer dieser Thürhüter erklärte den Saal, worin schon Hunderte mit Stehplätzen verlieb nehmen mußten, für gefüllt, worauf gegen den Ansturm neuer Ankömmlinge, die durchaus noch hinein wollten, die Thüren zugestoßen wurden. Plötzlich erhob sich eine laute Stimme vom Podium her. Es war der überwachende Leutnant, ein großer, behäbiger Mann, der den Hasplerinnen gut gefiel, und in seinen Mantel gehüllt trat er bis an die Rampe vor. »Der Mittelgang muß frei bleiben!« rief er in die Menge hinab und wies wie ein Feldherr gebieterisch auf die zu räumenden Punkte. Sofort erhob man sich in der Saalmitte von den Plätzen. Tische und Stühle wurden gerückt. Ein Bierglas fiel in dem Sturm und Drang zu Boden und goß seinen Inhalt auf die Jacke der roten Lise, die kreischend und schimpfend zur Seite sprang. Die Männer lachten, die Weiber kicherten, zuletzt war die Gasse in vorgeschriebener Breite gebildet, und die eng aneinander gerückten Tische besetzten sich wieder. Gleich darauf ertönte eine laute Glocke, und man sah auf der Bühne den Einberufer, Saalaufseher Kindermann. Er nahm sich mit seinem glänzenden Gummikragen und der schwarzen Halsbinde sehr ehrwürdig aus, trotzdem er seinen Bratenrock nicht zu schließen vermochte. Überhaupt drückte ihn das ungewohnte Kleidungsstück unter den Armen und am Hals, und das machte ihn noch linkischer, als gewöhnlich. »Ich bitte um Vorschläge zur Bureauwahl!« rief er mit schwacher Stimme und neigte seinen dichtbehaarten Kopf gegen die Zuschauer, um die Stimmen besser zu hören. Aus der Menge wurden nun verschiedene Namen gerufen, aber da plagte den Spinnmeister der Teufel, und getreu seinem Vorsatze, die Versammlung möglichst zu stören, dröhnte sein zweiter Baß in den Tumult hinein: »Erster Vorsitzender: Genosse Kindermann, zweiter: Genosse Pätow. Schriftführer: Genosse Pinzger, der bekanntlich nicht schreiben kann!« Ein lautes Gelächter, besonders von der Seite der Haspeldamen, folgte dem Scherz, aber der Tiroler nahm ihn sehr übel auf. »Und ich,« schrie er, »schlage vor, gewisse berufsmäßige Radaumacher lieber schon jetzt, als erst später an die Luft zu setzen. Übrigens gehört der Vorredner gar nicht in eine Deutsche Arbeiterversammlung. Erstens ist er kein Reichsbürger ...« »Ihr etwa?« höhnte Hinnen zurück. »Wir sind ja alle Internationale!« »Und zweitens ist er kein Arbeiter!« »Ich antworte darauf, daß der Herr Hinnen-Lotz allerdings nicht zu den sogenannten Proleten gehört, die sich für Arbeiter ausgeben, bloß weil sie nicht arbeiten wollen!« »Stier von Uri!«– »Pinzgauer!« ... Der Streit artete in Beschimpfungen aus. Heftig schwang der Einberufer die Glocke, und endlich verstummte alles Gelächter und sogar Jakobs froh angestimmtes Spottlied: Die Pinzgauer wollten wallfahrten gehn ... »Die Versammlung,« rief Kindermann, »hat in der Mehrheit dem ersten Vorschlage zugestimmt, und ich ersuche die Genossen Pätow und Kaselowski am Tische des Hauses Platz zu nehmen. Das Wort hat der Referent Reichstagsabgeordneter Dr. Flemminger.« Während das »Bureau« sich dem Polizeileutnant vorstellte, begrüßten laute Hochrufe den Redner, der mit schnellen Schritten die Bühne betrat und zuerst einen Blick auf seine Taschenuhr warf. Die Weiber murmelten wohlgefällig, denn seine Erscheinung gefiel ihnen: ein stattlicher, breitschulteriger Mann mit Brille und wallendem Demokratenbart, schwarz wie sein zugeknöpfter Rock, der kein Endchen weißer Wäsche sehen ließ, und ohne Trauring, also ein interessanter Junggeselle. Er sprach mit dem starken Organ und den heftigen Gebärden des Volksredners und übte mit seinen Gemeinplätzen einen offenbaren Zauber auf seine Zuhörer aus, die ihn von Zeit zu Zeit mit einem »Bravo!« unterbrachen, was er stets dazu benutzte, um nach seiner Uhr zu sehen. Er sprach über die Ausstände in Belgien, schilderte das Elend und die Not zumal der dortigen Arbeiterinnen und donnerte gegen die verstockte und entmenschte Bourgeoisie – in Belgien. Und niemals fiel er aufreizend und hetzend aus der Rolle oder wies allzu deutlich auf unsere Zustände im Reich hin; er machte aber die Sache so bequem, daß jeder den Nachsatz: »ganz wie bei uns« von selbst hinzufügen und die gehörigen Schlüsse daraus ziehen konnte. Seine Rede war auch gerade kurz genug, um die Aufmerksamkeit nicht zu ermatten. Mitten in einem Satze zog er seine Uhr und schloß plötzlich, worauf er unter allgemeinem Beifall seinen Platz verließ. Er hatte große Eile, denn er mußte heut Abend denselben Vortrag noch in zwei Brudervereinen wiederholen ... Die allgemeine Diskussion war eröffnet, und da wurde es lebhafter und lauter. Verschiedene Redner traten auf, und besonders Pinzger benutzte die Gelegenheit, um die – belgischen Genossinnen zum Ausharren im Lohnkampf aufzumuntern und seiner Sympathie zu versichern. Erst die rote Lise fiel in ihrer Einfalt aus der Rolle und rief mit ihrer heiseren, aber doch laut schmetternden Stimme: »Mitschwestern, wir wollen streiten und striken! Selbst ist die Frau! Wir haben die ganze Nation hinter uns!« Man lachte sie aus, worauf sie mit Frau Mila in wildes Zanken geriet, so daß man ihr das Wort entzog. Erst als Hans sich zum Worte meldete, trat etwas Ruhe ein. »Hoch, Genosse Lenz!« rief Pinzger ironisch, der jetzt hinter seiner Weißen neben Frau Mila saß. »Kapitalisten raus!« donnerte es plötzlich vom Ende des Saales. Der Tiroler erhob sich, um nach dem Schreier zu sehen. »Prosit, Schlosser-Nante!« rief er über die Köpfe weg und trank ihm aus seiner Kufe zu. Alle sahen sich um, und im Nu verbreitete sich das Gerücht, der Schlosser sei aus der Untersuchungshaft entlassen, und seine Sache stehe so gut, daß er gewiß freigesprochen werde. Hugo schlug wütend mit der Hand auf den Tisch, daß die Gläser wankten. Die Glocke des Vorsitzenden ertönte. »Herr Fabrikbesitzer Lenz hat das Wort!« Unter dem Beifall seiner Anhänger sprang Hans auf seinen Stuhl und von dort auf allgemeines Verlangen auf die Bühne, um besser gehört zu werden. Der Leutnant betrachtete neugierig diese feine, bewegliche Gestalt mit dem bleichen Gesicht und Christusbart. So, schien er zu denken, das ist also der sonderbare Heilige, der seine ausständigen Arbeiter durch Überredung und Güte ködern will! Dann warf er einen gelangweilten Blick auf die Menge und ihre ihm wohlbekannten Berufslärmer und spitzte langsam seinen Bleistift. Und dem Glockengeläut und Tumult entstieg sieghaft der herzwarme Vollklang von Hans' Stimme. »Arbeiter, der Vortragende hat in brennenden Farben ein Bild des sozialen Elends der belgischen Brüder und Schwestern entworfen, aber die Nutzanwendung auf deutsche Verhältnisse, die er verschwieg, ich will sie geben. Dort ein in pfäffischer Mißwirtschaft aufgewachsenes, ungebildetes Volk und eine schwache, selbstische Regierung, die wider Willen den besten Beweis liefert, daß der Ultramontanismus unfähig ist, die soziale Gefahr zu bannen. Bei uns aber ist ein tüchtiger, aufgeklärter Arbeiterstand, der zwar auch seine Schattenseiten aufzuweisen hat, aber sich bewußt ist, daß er im friedlichen Meinungsaustausch und an der Wahlurne mehr erreicht, als im Umsturze des Bestehenden, und eine Regierung, die zu allererst und mit heiligem Eifer die Lösung der sozialen Frage in die Hand genommen hat.« »Sozialistengesetz!« schrie der Schlosser-Nante, und seine Anhänger brachen in schallendes Gelächter aus, doch Hans nahm sofort den hingeworfenen Handschuh auf. »Ich bin ein Feind aller Ausnahme- und Polizeigesetze!« rief er aus. »Es liegt im Interesse einer friedlichen Entwicklung der Dinge, ein Gesetz aufzuheben, das jede freie Meinungsäußerung einer Partei unterdrückt und deutsche Bürger von Haus und Hof, von Frau und Kind trennt und rechtlos macht. Wer von der Polizei verhindert wird, seine Meinung zu äußern, wird mit Naturgewalt in die Geheimniskrämerei hineingetrieben, und da er das Unschuldigste öffentlich nicht thun kann, so treibt er im geheimen das Schuldigste. Ein Gesetz aber, das auf die Willkür der Polizei gegründet ist und dessen Kampfmittel vor der Gerechtigkeit nicht bestehen, kann unmöglich aufkommen gegen ewige Ideen und den heiligen Drang, das Los der Armen zu verbessern.« In Begeisterung waren diese Worte seinem Herzen entströmt und mit seinem schwärmerisch erhobenen Blick und dem vom braunen Haar und Bart umrahmten zarten Gesichte, glich er jetzt einem jener gotterleuchteten Schwärmer und Weltverbesserer, die der Menschheit mit einem neuen Evangelium vorangehen. Und doch enthielten seine Worte wenig überschwängliches, aber gerade weil hier der gesunde Menschenverstand des Kaufmanns und Arbeiterfreundes freimütig und tapfer sich aussprach, war die Wirkung seiner allgemein nachempfundenen Worte so gewaltig. Die Schürer und Hetzer waren erstaunt, daß derjenige, den sie als ihren Widersacher bekämpfen wollten, so mutige Worte zu ihrem Schutz und gegen ihre Verfolger fand, und daß er ungescheut öffentlich sagte, was sie nur scheu dachten und höchstens in ihren geheimen Konventikeln einander zuflüsterten. Seine Anhänger und die Frauen aber, die zur Wiederaufnahme der Arbeit bereit waren, freuten sich doppelt über die Gerechtigkeit, die Wahrheitliebe und den Mut ihres Chefs und stimmten jubelnd und vertrauensvoll in das herausfordernde Triumphgeschrei all der Führenden und Geführten, der Unzufriedenen von Beruf und aus Hunger ein. Nur die Sicherheitsbeamten blieben stumm. Der dicke Wachtmeister, der an der Thür stand, warf den in gemessenen Abständen ihn umgebenden Kameraden einen bedeutungsvollen Blick zu. Kein Zweifel, jetzt würde die längst erwartete Auflösung kommen, und dann alle Mann auf Posten! Aber er täuschte sich. Der Leutnant, seiner Weisung eingedenk, den einflußreichen Fabrikherrn kräftig zu unterstützen, begnügte sich mit einigen Kurzschriftaufzeichnungen in sein Protokoll und einem halblauten Mahnwort zur Mäßigung, das in all dem Lärmen nur von Hans, dem es galt, verstanden wurde. Er verbeugte sich kurz und fuhr, als der Lärm sich gelegt, in seiner Rede fort: »Arbeiter, es gab eine Zeit, wo ich den Quell aller Not in der Maschine erblickte, die aus freien Handwerkern Hörige des Fabrikanten gemacht. Aber nun sehe ich ein, daß ich im Unrechte war. Die Maschine mit ihrer alle menschliche Kraft besiegenden Leistungsfähigkeit ist kein Feind, weil sie Menschenhände und Menschenarbeit überflüssig macht und dadurch vielen das Brot entzieht. Die Maschine ist eine Wohlthäterin, die Freundin des sozialen Gedankens, die stärkste Mitkämpferin für die Ideale der Gleichheit und Brüderlichkeit. Sie regelt das ganze Dasein des Arbeiters mit festen Verpflichtungen, stellt ihn auf den Tageslohn und gibt ihm seine bestimmte Tagesarbeit, so daß er sich nicht von ihr losreißen kann. Sie hat den vierten Stand organisiert und die soziale Bewegung geschaffen. Sie vereinigt und einigt die Arbeiter und macht sie stark und zu einer Macht. Aber der Mensch wächst mit seinen höheren Zwecken, und das gilt nicht bloß für den Gebildeten, sondern auch beim Arbeiter. Der größte unserer Fehler war, daß wir in engherziger Ängstlichkeit glaubten, den Arbeitern das vorenthalten zu sollen, worauf sie nach dem Zuge der geschichtlichen Entwickelung ein naturgesetzliches Recht haben, nämlich eine Organisation als Stand, als Klasse; daß wir sie zwingen, sich mit Gewalt etwas zu erkämpfen, was zu verweigern wir nicht das Recht und auf die Dauer auch nicht die Macht haben; daß wir uns einer elementaren Bewegung widersetzen und glauben, Naturgewalten durch Gesetze fesseln zu können. Dadurch allein wird es erklärt, daß Hunderttausende dem Gesetze den Gehorsam aufkündigen und nachdem einmal seine Autorität gebrochen ist, zu einer ernsten Gefahr für Staat und Ordnung werden. Aber so geht es nicht weiter. Dem berechtigten Streben der Arbeiter nach wirtschaftlicher Besserstellung muß der Staat mit ganzer Kraft gerecht zu werden suchen, damit die gewaltigen Errungenschaften unserer Zeit zum Heil und nicht zum Unsegen werden. Doch die Stunde der Erlösung ist nicht mehr fern. Dann, Arbeiter, gilt es den schwersten Sieg, den über Euch selbst, denn wenn Ihr übermütig werdet und Euch zu Gewaltthaten hinreißen lasset, dann werdet Ihr niedergeworfen auf ein Menschenalter hinaus. Also Maß in den Forderungen, Vertrauen zur Regierung, freundschaftlicher Anschluß an die Arbeitgeber!« Ein Murren im Saale beantwortete diese Wendung, womit der schon wieder bedenklich gewordene Polizeileutnant offenbar ganz einverstanden war, denn er legte seinen Bleistift hin und kreuzte seine fetten Hände behaglich über seinem Bauch, indessen die Aufregung und die lärmenden Zurufe überhand nahmen. »Wo die Arbeitgeber nach Möglichkeit entgegenkommen,« fuhr Hans unbeirrt fort, »ist es ein Verbrechen, den Kontraktbruch des Ausstandes aufrecht zu erhalten und Not und Elend über alle zu bringen, denn jeder Strike ist ein Unglück, für Arbeiter und Arbeitgeber. Der Arbeiter hat unbestreitbar das Recht, Forderungen der Unternehmer abzulehnen und eigene Forderungen aufzustellen und durchzusetzen, aber andere darf er nicht vergewaltigen und von der Arbeit abhalten. Wer das thut, handelt als Feind gegen seine Klasse und schädigt deren Sache; er verletzt jedes politische, moralische und soziale Recht!« Ein wütendes Geheul antwortete aus allen Ecken des Saales: »Pfui! Schluß! Runter! Blech!« aber viele applaudierten, und besonders die Frauen jubelten. Als die Sozialdemokraten sahen, wie der Beifall immer mächtiger und die Anhängerschaft von Hans immer größer wurde, beschlossen sie die Versammlung zu sprengen. Pinzger that mitten in den Lärm hinein einen gellenden Juchzer, der alles übertönte, und als man aufhorchte und lachte, rief er laut: »Ich stelle den Antrag, die Versammlung zu vertagen, denn der Saal faßt zu wenig Personen und der Wille der Partei kommt nicht zum Ausdruck!« Er wurde verhöhnt, und das Toben begann wieder. »Ihr habt doch auf Euer Banner geschrieben: Freier Meinungenaustausch!« rief Janko mit seiner Donnerstimme. »Betragt Euch doch sozialdemokratisch!« Nun lachten wieder die Leute von der Partei, »Oho!« und »Sehr richtig!« wurde geschrien, und Hinnen Vater und Sohn, die aus dem johlenden Lachen gar nicht herauskamen, folgten mit ironischem: »Aha!« »Wir wollen Arbeit!« rief Frau Mika. »Wir haben den Strike nicht gewollt. Man hat uns nicht gefragt. Wir nehmen die Arbeit wieder auf!« Die Frauen klatschten und trampelten. Dazwischen klingelte die Präsidentenglocke unaufhörlich und beschwor den Sturm doch nicht. Man sprang auf Stühle und Tische, um Beifall und Widerspruch wirksamer zu machen. Die Zwischenrufe mehrten sich, Flüche, Drohungen wurden ausgestoßen, und schon erhob sich der Polizeileutnant und griff nach seinem Helm, um die Versammlung auf Grund des Sozialistenparagraphen neun für aufgelöst zu erklären. Da drängte sich plötzlich der Schlosser-Nante durch den Mittelweg der Tribüne zu und sprang auf den Tisch, an dem Hinnen-Lotz und sein Anhang saßen. Sein Rock war ihm aufgegangen, und man sah nun seine von einem blauen Hemde bedeckte mächtige Brust. »Genossen,« schrie er, daß der Orkan sich auf einen Augenblick legte, »hört nicht auf unsere Ausbeuter! Sie haben kein Herz für die Arbeiter. Derselbe Herr, der eben von Menschenliebe und Versöhnung spricht, er hat mich wegen meiner sozialistischen Überzeugung brotlos gemacht. Er ist ein falscher Freund der Arbeiter. Und wollt Ihr sehen, was seine Maschine, deren Lob er singt, aus uns macht? Da schaut her!« Mit wuchtigen Armen faßte er den still auf seinem Stuhle kauernden Hugo, und hob ihn hoch über die Köpfe weg, um ihn der Menge zu zeigen. Aber dem Krüppel war es noch gelungen, eine seiner Krücken zu erhaschen, und statt sich ruhig zur Schau ausstellen zu lassen, ließ er sie rücksichtlos auf den Kopf des Schlossers niederfallen. »Er lügt! er lügt!« schrie er wild. »Er hat mich zum Krüppel und meine Schwester zur Dirne gemacht! Der Hund! Schlagt ihn tot den Hund!« Die Arme, die ihn emporhielten, sanken, um das Gesicht vor den Stockschlägen zu schützen. Er schwankte eine Weile hilflos in der Luft und wäre ohne Zweifel auf den Tisch und zu Boden gestürzt, wenn die Riesenfäuste des herbeieilenden Janko ihn nicht aufgefangen hätten. Aber als ihm der Krüppel entging, fand der rasende Schlosser seinen anderen Todfeind. Er schwang sich auf die Bühne, wo neben dem Leutnant das ganze Bureau ratlos im Sturme stand, und zog Hans mit einem nervigen Griff vom Podium und mitten ins Getümmel des Saales hinein. »Raus mit ihm!« schrie der Sinnlose und zerrte Hans an den Boden, bevor er ihn emporhob, doch Lene vertrat ihm den Weg, noch ehe die anderen Sozialisten sich auf das Opfer gestürzt. »Memme! Memme!« schrie sie und warf sich zwischen die Kämpfenden. »Ihr wollt Arbeiter sein? Feiglinge seid Ihr!« Der Schlosser wollte sie zur Seite schieben. »Platz, dummes Ding! Der da gehört mir!« Sie wankte nicht und streckte alle zehn Fingernägel wie Krallen gegen sein Gesicht. »Wag's man! Wag's man!« schrie sie. »Mädchenverführer! Kein Arbeitgeber ist so feig und schlecht wie Du!« Vor ihren Händen weniger als ihrem übermenschlichen Flammenblick wich er zurück und wurde durch eine Schar herandrängender Schutzleute von Hans und Lenen getrennt. In dem Aufruhr stand er mit einem Male vor dem Spinnmeister. »Aha, der Herr Hinnen-Lotz!« rief er frohlockend, und ehe dieser sich besinnen konnte, hatte der riesige Schlosser ihn schon gepackt und hoch über alle Köpfe hinweg gehoben. Hundert Fäuste griffen nach ihm und trugen ihn puffend und schlagend weiter, im Nu war er an der Thür und draußen, und sein Jakob flog ihm nach. Ein wildes Hohngelächter hallte hinter ihnen her. Der Polizeileutnant rückte unterdessen ruhig an seinem Säbelgurt und knöpfte seine weißen Handschuhe, als ginge ihn der Lärm nicht das geringste an. Das Bureau sprach eifrig auf ihn ein und warf ihm vor, die Versammlung aufgelöst, statt nur auf zehn Minuten vertagt zu haben. »Die schöne Versammlung! Und ohne Resolution und Sammlung für die Strikekasse! Die Kosten ganz umsonst!« Der Leutnant ließ Pätow und Kindermann ruhig jammern und zuckte geringschätzig die Schultern. »Beschweren Sie sich!« Aber die gereizte Stimmung wuchs wie ein Sturm, und bald umgaben ihn drohende Gestalten. Man sah in all dem Rauch und Staub geschwungene Fäuste und erregte Gesichter. In das Geschrei der Weiber mischten sich Hochrufe auf die Sozialdemokratie. Der Leutnant trat an die Rampe und gestikulierte den eindringenden Schutzleuten zu, die sich mit widerspänstigen Schreiern balgten und da und dort einen aus der Menge herausrissen und abführten. Er selbst verhaftete einen Schreier, der die Anarchie leben ließ, und brachte ihn auf der Bühne in Sicherheit. Doch die Menge drang unter Anführung des Schlossers auf die Beamten ein: »Geben Sie den Mann frei! Pfui! Bluthunde! Garibaldi!« Von allen Seiten umdrängt, zog der Leutnant seinen Degen und bahnte sich einen Weg, indes der Arrestant der Obhut des Wachtmeisters entschlüpfte. Überall tauchten jetzt die Pickelhauben auf, und ob auch der Lärm in das Gebrüll der Arbeitermarseillaise überging, das Geschrei der Weiber, das Schimpfen Zeiselers und seiner um die Zeche bangenden Kellner fortdauerten, der Saal entleerte sich langsam. Doch draußen unter dem dunklen Himmel begann die Hatz. Schutzleute und Gendarmen zu Pferd und zu Fuß säuberten den Fahrweg und suchten die widerspänstigen Massen zu zerteilen und zurückzudrängen. Als des Polizeiinspektors Aufforderung zum Auseinandergehen nicht gleich befolgt wurde, sprengten die Reiter mit niedersausenden Klingen in die Menge. Steine flogen, ein wilder Kampf begann. Der Schlosser-Nante forderte laut zum Aufruhr auf und gab als alter Kavallerist die Belehrung, die Berittenen nur von links anzugreifen, weil sie nicht über den Pferdekopf weg hauen können. Dann hörte Hans Hochrufe, tosendes Gebrüll, Befehle der Polizisten, markerschütterndes Hilfegeschrei, dazwischen Pferdegetrappel, Säbelklirren, ein Sturmlaufen von Flüchtenden und Verfolgenden ... Und mit einemmale verlor sich das Wutgeschrei in einem aufbrausenden Gesang, und die Nacht erdröhnte von dem gewaltigen Chor. Es war nicht die Arbeitermarseillaise, aber Hans erkannte es wieder, sein Freiheitlied, trotzdem der sanfte Text Fabians gefälscht und verzerrt war zum Sturmliede des Aufruhrs, zum Lobgesange der Zerstörung, zu Tigergebrüll und Hyänengeheul ... »Wer da Beil und Hammer schwingt, Wer am Spinnstuhl schaffen kann, Wer dem Boden Erz entringt, Schließt sich rotem Banner an! Männerkraft Wunder schafft, Reißt auch unsre Sklavenketten, Zwingt zu teilen Arm und Reich, Macht dem morschen Staat ein Ende, Alle Menschen frei und gleich!« Und wo die Arbeiter sich trotzig gegen die Reiter zusammenscharten, prasselte es auf, das Freiheitlied eines Ringenden, das zum Zorn- und Kampfliede der Enterbten geworden, und brausend tönte es aus dem Wut- und Schmerzgeheul durch die tiefschwarze, sternlose Nacht: »Macht dem morschen Staat ein Ende, Alle Menschen frei und gleich!« XXX. In dieser Zeit seines tiefsten häuslichen und geschäftlichen Kummers sah Hans plötzlich die Morgenröte einer neuen Zeit. Das soziale Kaisertum kündigte sich an. Nacheinander wurde die Welt von einer Reihe bedeutsamer Ereignisse erregt: Die Ernennung eines neuen Ministers für Handel und Gewerbe, die Veröffentlichung des Gesetzentwurfes über die gewerblichen Schiedsgerichte und Einigungsämter, endlich die sozialpolitischen Erlasse des jugendlichen Kaisers, der mit seiner Machtfülle die losgelassenen Leidenschaften der Massen bändigen und die Arbeiter mit dem Thron eng verknüpfen wollte, indem er eine internationale Sozialreform anregte. Was Hans im Kleinen gewollt, das übernahm jetzt im Großen der Kaiser, das Reich. Das wahrhaft liberale Bürgertum und die Regierung vereinigten sich mit den Arbeitnehmern zum gemeinsamen Werk und harmonischen Ausgleich der Gegensätze und feierten einen Triumph über die rohen Ausschreitungen der Begehrlichen wie über die blinde Ichsucht der Besitzenden. Heller schüttelte freilich dazu seinen weißen Kopf und begriff sehr wohl, daß auch der gewaltige Reichskanzler die Verantwortung für ein Unternehmen nicht tragen wollte, das sich so weit im Nebel verschwindende Grenzen steckte. Und als zu Hans' tiefstem Schmerze der treue Pilot das Staatsschiff verließ und die internationale Arbeiterschutzkonferenz, von den meisten Staaten Europas beschickt und von allen als eine That des Völkerfriedens gefeiert, ein bloßer Austausch von Gedanken blieb, eine lediglich persönliche Verständigung der Delegirten über den Frauen- und Kinderschutz in den Fabriken, da atmete der alte Spinner erleichtert auf, denn ihm bangte davor, daß die Bewegung der Massen die Industrie zu ungeheuren Opfern heranziehen und zum Stillstande bringen und die lange Kulturarbeit zerstören könnte. Auch in der Charlottenburger Spinnerei spürte man die gewaltige Wirkung der angebahnten Sozialreform. Die stürmische Arbeiterversammlung bei Zeiseler hatte zunächst die Folge, daß fast alle Weiber von den Spinn- und Haspelsälen sich bereit erklärten, die Arbeit mit der gewährten Lohnerhöhung wieder aufzunehmen. Also ein entschiedener Erfolg, wenn auch mehr von moralischem als praktischem Werte. Die noch ungehaspelten Garnvorräte waren bald aufgearbeitet, so daß man beim Stillstande der Spinnstühle schon nach wenigen Tagen die Frauen wieder nach Hause schicken mußte. Zum Glücke gelang es endlich, einige Spinner aus Österreich neu einzustellen, und ein Drittel der Fabrik in Betrieb zu setzen. Da die Polizei nun schärfere Saiten aufzog, so vermochten die Strikenden nicht, die Zugezogenen gewaltsam von der Arbeit abzuhalten. Im Vorstande gab es stürmische Auftritte, und man warf sich gegenseitig vor, in den Strike gehetzt zu haben. Auch die Unterstützungsgelder flossen spärlicher. Hinnen-Lotz triumphierte. Kein Zweifel, die Ausständigen pfiffen auf dem letzten Loch und ihre bedingungslose Wiederaufnahme der Arbeit stand bevor. Statt dessen brannte am nächsten Sonntag Abend die Fabrik nieder. Als der Nachtwächter mit der Kontroluhr in der umgehängten Ledertasche den ersten Gang durch die Fabrikgebäude Schlag neun antrat, wurde er durch einen auffallenden Brandgeruch erschreckt, der aus dem Battage zu kommen schien. Ohne einen Augenblick die Geistesgegenwart zu verlieren, eilte er ins Treppenhaus, hing sich den amerikanischen Löschapparat auf den Rücken und spritzte dessen ganzen Inhalt in den rauchenden Saal. Die Ladung, die sich jüngst noch bei einem Versuche Fabians vorzüglich bewährt hatte, verpuffte jedoch ohne nachhaltige Wirkung, und immer mehr griff die Glut um sich. Nun eilte der Wächter zum Feuermelder und allarmierte die Bewohner der Hofgebäude. Hitschold und Jakob waren in den Zirkus, und nur Hans, der Spinnmeister, Fabian und die Hausknechte eilten herbei. Sie stürzten sich alle mit Todesverachtung in das brennende Gebäude, und ihren Anstrengungen gelang es zwar, größere Garn- und Baumwollvorräte zu retten, aber die Fabrikspritze erwies sich schon als ohnmächtig, und als die Feuerwehr mit brennenden Fackeln durch das Thor rasselte, waren die oberen Stockwerke ein einziges Feuermeer. Der mit Öl getränkte Boden brannte gleich mürbem Zunder, und das noch auf den Maschinen liegende Garn und die Baumwolle flogen wie leuchtende Feuerwerkskörper durch die Luft und verbreiteten die Glut in alle Teile der Spinnerei. Die Feuerwehr erkannte bald, daß die Fabrik selbst nicht mehr zu retten sei, und war nur noch darauf bedacht, das Feuer einzuschränken und die Nebengebäude, vor allem die Weberei und die Wohnhäuser zu sichern. Das entfesselte Element wütete die ganze Nacht, und die aufgehende Wintersonne beleuchtete ein grauenvolles Bild der Zerstörung. Von der Spinnerei standen kaum mehr die Grundmauern aufrecht, und in einen rauchenden Schutthaufen war das Dach, die ganze innere Einrichtung und alle Maschinen verwandelt. War Hans schon durch den Ausbruch und die lange Dauer der Arbeiteinstellung tief betrübt, so traf ihn dieser neue Schlag noch schmerzlicher. Seinem braven Herzen machte es alle Ehre, daß er nicht sogleich an die Folgen des Ereignisses für sich und die Firma dachte, sondern zuerst in den Ausruf ausbrach: »Was wird nun aus meinen Arbeitern!« Vergessen war ihre Undankbarkeit, ihr Kontraktbruch, ihre trotzigen Forderungen – er sah nur ihre Not vor Augen. Auch der alte Heller war außer sich. Nur der Generalkonsul bewahrte einen wunderbaren Gleichmut. Lästig seien jetzt nur die Scherereien mit der Polizei und besonders mit den Assekuranzgesellschaften, die bald genug mit ihren Inventaren und Schätzungen im Hof erschienen und von jedem verbrannten Gegenstand den Nachweis in den Büchern verlangten, da das Kontor unversehrt geblieben war. »Das Unglück ist für uns ein wahrer godsend ,« sagte der Generalkonsul vertraulich zu Hans. »Offen gesagt, ich war schon länger in einer so peinlichen Lage, daß mir schon der Ausstand willkommen war. Was Dir und Heller damals ein Unglück schien, erkannte ich als ein Glück. Die Garnpreise sind so niedrig, daß die Spinnereien nur mit Verlust arbeiten. Lieber also den Betrieb einstellen, wenn es auf diese für uns ehrenvolle Weise geschehen kann. Es war mir auch nur erwünscht, daß ich keine Baumwolllieferung mehr zu bezahlen habe. Nun aber liegt die Sache klipp und klar. Hat schon der Ausstand mir einen trefflichen Grund geliefert, um unsere Verbindlichkeiten zu stunden, so thut es die neue Katastrophe noch viel besser. Wir treffen ein Übereinkommen mit unseren Gläubigern und kassieren unterdessen die Ausstände unserer Schuldner und die ungemein hohen Prämien der Feuerversicherung ein.« Hans fand diese Aussichten viel weniger rosig. Es schien in der That Schoßkinder des Glückes zu geben, die niemals untergingen. Freilich durfte man dabei kein großes Feingefühl besitzen ... Aber noch am nämlichen Tage traf den Spieler das Unglück mit voller Wucht. Ein Herzschlag raffte ihm die Gattin hin. Da sie seit jenem ersten Anfalle das Bett nicht mehr verlassen, so kam ihr Tod nicht unerwartet. Lothar beweinte die zärtliche Mutter aufrichtig und vergaß sie schnell, sein Vater aber blieb anscheinend kalt und fast gleichgültig, doch mitten in seinen Kombinationen erwachte der Gedanke an sie immer häufiger, und oft überraschte er sich jetzt dabei, daß er sich zärtlich der Todten, eines gemeinsamen Erlebnisses, eines Ausspruchs von ihr erinnerte. Wie oft hatte er über ihre geschäftliche Unkenntnis gelacht, ihre Ängstlichkeit und Klagesucht verspottet, jetzt erschien ihm alles in einem rührenden, wehmütigen Lichte. Wohl ironisierte er sich nach leichter Berliner Art selbst und meinte, es wäre das bloße Bedauern einer verlorenen Gewohnheit, aber der Schmerz saß tiefer und lähmte seine Energie. Er verlor den Appetit und Schlaf, magerte ab, nicht einmal die Upman schmeckte ihm mehr, und er gab das Rauchen ganz auf. Er hatte die Lebende nie geliebt, aber nun liebte er die Todte. Unterdessen forschte die Polizei nach der Entstehung und Ursache des Brandes und vernahm nach einander die Eigentümer und Angestellten der Fabrik. Ganz bestimmt sprach der Spinnmeister von einer offenbaren Brandstiftung. Vielleicht sollte sie die Antwort der Umstürzler auf den kaiserlichen Erlaß sein, denn lieber wollten sie ja auf jede soziale Reform verzichten, als solche wie ein Geschenk aus der Hand ihres Todfeindes, des heutigen Staates, entgegennehmen. Die Strikelustigen. meinte er auch, sahen durch die teilweise Wiederaufnahme der Arbeit ihre Absichten vereitelt, und so mochte in der ruchlosen Seele eines Verhetzten der Gedanke geweckt worden sein, den Sieg der Unternehmer zu verhindern, die abtrünnigen Genossen um ihr Brod zu bringen und die Bourgeoisie zu erschrecken. Diese Begründung schien der Polizei glaubhaft, und so wurden nun auch die Arbeiter ins Verhör genommen. Ein wichtiger Fund brachte ein neues Licht. Im Brandschutte fand sich ein halbzertrümmertes Kästchen mit einem Uhrwerk. Der Polizeikommissar erklärte es sofort für eine sogenannte Thomasuhr, und der anwesende Fabian erkannte sie als sein Eigentum, das ihm vor unbestimmter Zeit aus seinem Hausrate entwendet worden sein mußte. Er gab nach einem Blick in das Werk das sachverständige Urteil ab, daß die Uhr bis zu ihrer Explosion etwa zehn Stunden im Gange war, was einen wichtigen Anhaltpunkt bieten konnte. »Welche Besuche empfingen Sie in den letzten Tagen?« fragte ihn der Beamte. »Ich photographierte im Fabrikhofe mit meiner Tochter Lene,« war die Antwort, »aber nur der Kardenschleifer kam zur Aufnahme seines Bildes.« Wie auf ein Stichwort trat nun Herr Hinnen-Lotz vor ... »Pinzger und sonst keiner ist der Brandstifter. Wir können es alle bezeugen, daß er beim Ausbruch der Stricke mit Dynamit drohte und die Anarchie hochleben ließ.« Eine Stunde später wurde der noch immer lustige Tiroler in Zeiselers Durststillstation festgenommen. Fast zu gleicher Zeit stürmte die lange, hagere Gestalt des Barons von Berkow in den Fabrikhof. Er war in höchster Aufregung und erkundigte sich schon am Thore bei den Hausknechten danach, ob das Baumwolllager auch abgebrannt sei. »Um so besser,« rief er aus, als die Frage verneint wurde, und dem verwunderten Hans zeigte er einen roten Frachtbrief, wie sie in den Seehafen als Anmeldung eingelaufener Waaren an den Eigentümer versandt werden. »Ist diese Baumwolle wirklich nicht verbrannt?« fragte er atemlos. Hans sah nach der Firma des Absenders und dem Zeichen der Ballen. »Nein,« antwortete er, »sie konnte nicht verbrennen, weil sie längst zu Garn versponnen und verkauft ist.« Der Freiherr sah sich nach einem Stuhl um. Es war keiner im Hof. Den Angstschweiß auf der Stirne. ließ er sich also auf eine leere Kiste nieder, die Janko noch kurz vor dem Brande mit seinem JL\&K ganz ohne Schablone aus freier Hand bemalt hatte. In stockender Rede erzählte er, daß der Konsul ihn vor einigen Wochen um 20+000 Mark gebeten habe, wofür er eine gleichwertige Partie Baumwolle verpfändete, indem er ihm eben diesen Lagerschein als Quittung und Sicherheit übergab. Hans erbleichte, denn statt des originalen Konossements war es nur ein wertloses Duplikat desselben. Während nun der Baron die ihm verpfändete Baumwolle in Hamburg auf Lager glaubte, war sie vom Konsul herbeordert, versponnen und zu Geld gemacht worden. Und diesen schnöden Vertrauensmißbrauch, diesen frechen Betrug mußte Hans um der Ehre seines Hauses willen vertuschen! »Seien Sie ohne Sorge, Herr Baron, das Geld ist Ihnen gutgeschrieben und kann jeden Augenblick an unserer Kasse behoben werden. Wenn Sie gestatten, sende ich es Ihnen morgen früh gegen dieses Konossement zu.« Unter tausend Danksagungen entfernte sich Adelheids Vater, und Hans überlegte mit bangen Sorgen, wie er seine Verpflichtung erfüllen könnte. Es hatte keinen Zweck, bloß zu leeren Vorwürfen den Konsul aufzusuchen, denn Deckung hatte er ja doch keine. Auch seinen Schwiegervater wollte er nicht ins Geheimnis ziehen und ihm das Verbrechen seines Onkels verbergen. Aber da erinnerte er sich, daß er Wicky in der ersten Zeit seiner Ehe auf langes Drängen eine prachtvolle Brillantengarnitur geschenkt. Er mußte sie wieder haben, der Juwelier gab gern zwanzig Tausender dafür. Wicky hatte sich von ihrer Krankheit viel schneller erholt, als es ihr Arzt erwartet hatte, immerhin bedurften ihre Nerven noch größter Schonung. Sie hatte sich den Genuß des Morphiums abgewöhnt und in einer guten Stunde die Spritze selbst in ihres Gatten Hand gelegt. Aber als die Langeweile ihres Boudoirs sie wieder umgab, kamen die bösen alten Gedanken wieder. Zwar blieb ihr Gatte infolge der Arbeiteinstellung jetzt wieder öfter zu Hause, allein es war ihr unmöglich, an seinen Bestrebungen teilzunehmen, seine Sorgen mitzufühlen, die Kämpfe seines Lebens mitzukämpfen. Wie anders plauderte es sich mit Lothar, dessen Geschmack und Liebhabereien sie so wohl verstand und teilte! Nach und nach verzieh sie in Gedanken dem unbesonnenen Kavalier, der sie damals in die fatale Lage gebracht, und dies um so mehr, als das Gericht sich mit der kommissarischen Vernehmung einer Zeugin, die sich an gar nichts mehr erinnerte, gerne begnügte. Und so kam es, daß der aus ihrer Nähe verbannte Leutnant ihr wieder in besserem Licht erschien, und daß sie eines Tages ihren Gatten bat, wenn er sie wieder gesund sehen wolle, doch den zerstreuenden Gesellschafter zu Tisch einzuladen. Das Innerste empörte sich ihm dagegen, aber sie bat so inständig, sie schien so verändert, so lebensdurstig, daß er sich nicht als Barbar zeigen mochte. Im schweren Lebenskampfe, den sie nicht zu bestehen hatte, war seine Energie abgestumpft und erlahmt, und so hypnotisierte ihr ungebrochener Wille den Gatten wie den Geliebten. Lothar erschien also wieder in der Villa. Das Unglück hatte ihn gebeugt. Der Abschied von der Armee wurde ihm schwer. War er ein guter Offizier gewesen? Ja und nein. Ihm fehlte der kriegswissenschaftliche Drang, der Adel der Gesinnung, der ideale Begriff seines Berufes von Ehre und Pflicht. Die Ritterlichkeit, die Tapferkeit, den Patriotismus besaß er vollauf. Auch in ihm lebte der Gedanke, daß Deutschland nun Eins geworden und Eins bleiben müsse, und jeden Augenblick war er bereit, sich von einer Granate in Stücke reißen zu lassen und mit dem Ruf: »Es lebe der Kaiser!« sein Leben auszuhauchen. Ach, damit war es nun vorbei! Das Opfer seines Lebens erschien dem Vaterlande zu schlecht, es verschmähte seine Kraft, seine Jugend, sein Schwert, und vor ihm lag eine vernichtete Laufbahn, ein verfehltes Leben. Was sollte er nun beginnen? Sein halb ruinierter Vater hatte sich am Sterbebette der Mutter mit ihm versöhnt, aber konnte ihm nicht mehr helfen. Beide sahen sie ein, daß er ins Geschäft nicht taugte und sich nimmermehr an das eintönige Kontorleben, an eine anhaltende strenge Thätigkeit gewöhnen könnte. Blieb nur noch die Selbstverbannung in irgend eine Kolonie. Dort im heißen Afrika brauchte das Vaterland noch deutsche Schwerter. Hatte er seine Festungsstrafe abgesessen, so war es wohl das Beste, unterm Äquator einem vergifteten Pfeil oder schlimmstenfalls einem hitzigen Fieber zum Opfer zu fallen ... Hans war also nicht erstaunt, den armen Burschen auch heute bei seiner Frau zu finden. Die Blumen in der gläsernen Veranda standen herrlich in Blüte, während draußen noch immer die kahlen Äste und Zweige sich in den grauen Himmel des Nachwinters streckten. Aber warm und freundlich war es in der eleganten Ecke, wo der Leutnant auf dem Schaukelstuhle saß und Wicky auf der Causeuse ausgestreckt war. Er war heute wieder einmal gedankenvoll und schwermütig, und sie begründete es neckend damit, daß ihn ohne Zweifel der allerneueste Skandal so sehr niedergeschlagen habe: die Gewißheit, daß Miß Leona vor ihren Börsengläubigern nach Amerika durchgebrannt war und ihren Geliebten, Mister Burslem, mitgenommen hatte. Ach, was fragte er noch nach der heuchlerischen Zirkusreiterin! Nach all den gefälligen Weibern, die er gekannt, nach seiner Verheiratung mit der herben Jungfräulichkeit Adelheids, die ihn anfänglich so sehr gereizt, mußte wohl Wickys kalte und doch pikante Schönheit ihn fesseln, aber nicht diese geistlose Rechenmaschine mit ihrer versteckten, abscheulichen Liebe zu dem krummbeinigen Satyr. Wicky war das echte moderne Weib, wie er es sich dachte, ein Nervenbündel ohne Blut, ein Kunstprodukt, ein Luxusgegenstand, ein reizendes Nichts. Sie wollte das Leben auskosten und war doch zu blasiert, krank und schwach dazu. Sie wollte den Männern die Köpfe verdrehen, angebetet werden wie ein Fetisch und war doch leer und lieblos, ohne Leidenschaften und nur voll widerstrebender Gelüste und Instinkte. Die Weltstadt hatte ihre Liebesfähigkeit zerstört. Er durchschaute sie und wußte, daß der Gedanke, ein Gegenstand der Lust zu sein, ihr unerträglich war, auch wenn sie dadurch die Herrin des Mannes wurde. In dieser Fabrikantentochter lebte noch etwas von dem trotzigen Stolze des Proletariergeschlechtes, dem sie entstammte. Die dunstige Fabriksphäre, worin schon ihr Großvater verkümmert war und ihr Vater sich mühsam zu einem menschenwürdigen Dasein emporgerungen, hatte ihr Blut verdünnt und verdorben. Mit Hochmut, Ekel und Verachtung sah sie auf die Arbeiter ihres Gatten herab, und doch gehörte sie im Grunde mehr zu ihnen, als sie dachte. Sie war plebejisch in ihrem Denken und Fühlen. Hans war zu erregt, um in den nichtigen Plauderton zu verfallen, hinter dem Lothar und Wicky ihren ewigen Kampf vor sich und der Welt verbargen, und ohne lange Umschweife bat er seine Frau, ihm das Geschmeide zu zeigen. Sie schien etwas verwundert und ließ es durch die rundliche kleine Französin mit den greisenhaften Zügen und der kinderblonden Perücke holen. Beide Männer bewunderten die Weiße und das Feuer der großen Edelsteine, doch Hans sagte ernst und bestimmt: »Wicky, Du mußt Dich von dem Schmucke trennen. Wir brauchen dringend Geld, viel Geld, es ist eine Ehrenschuld, die Ehre unseres Hauses steht auf dem Spiele.« »Schon wieder die verwünschte Firma!« rief sie bitter, warf das Geschmeide ins Kästchen zurück und hielt schützend die Hände darüber. »Meine Million habe ich Dir gegeben und verschmerzt. Eine Närrin wäre ich, Dir auch dies noch zu opfern« ... »Sei verständig, habe ein Herz!« bat er dringender. »Sobald wir wieder bei Kasse sind, erhältst Du schönere Brillanten! Du rettest uns vor der Schande. Du mußt es thun, hörst Du?« Er schrie es mit Thränen in der Stimme und hatte schon die Hand nach dem Kästchen ausgestreckt, aber sie schob es schnell unter ihr Kopfkissen. »Wicky, rette uns vor dem Zuchthaus!« Jetzt lachte sie nicht mehr, denn seit sie selbst mit der Polizei zu thun hatte, verstand sie keinen Spaß damit. »Retten? Dich etwa?« »Nein?« »Wen denn?« »Jemand von unserer Familie.« »Wer ist's?« »Ich kann es nicht sagen.« Sie sah den furchtbaren Ernst in seinen sanften Zügen, die der Kummer verzerrte. Nein, er log nicht. Es war etwas Schweres. Wem galt es wohl? Ach, gewiß war wieder die verwünschte Spinnerei an allem schuld. Sie hatte schon oft von betrügerischem Bankrott, von Wechselfälschungen, Unterschlagungen gehört. Gewiß ein Angestellter von drüben, aber nein, er sollte ja zur Familie gehören! Ach, dieser Arbeitervater da betrachtete ja alle bis zum Ansetzerjungen herunter als seine Familie. Lächerlich! »Wicky, es ist für eine uns nahestehende Person, ich wiederhole es!« Ihre Selbstsucht kämpfte noch mit ihrer Blasiertheit, und diese unterlag schon halb. »O meine Nerven!« jammerte sie, aber es half nichts, denn Hans bestand darauf. »Lothar soll entscheiden!« rief sie, herzlich froh, einen Ausweg gefunden zu haben. »Nicht wahr, ich thu' es nicht? Wenn Sie mir den Schmuck absprechen, Kousin, mag ich sie gar nicht mehr sehen.« Der Leutnant hatte als stummer und beinahe unbeteiligter Zuschauer diesem Auftritte beigewohnt, und es war ihm unangenehm, mit hineingezogen zu werden. Auch ihn hatten die Ereignisse der letzten Wochen abgestumpft. Er war kaum mehr fähig, über sich selbst einen Entschluß zu fassen, und da sollte er nun plötzlich den weisen Salomo spielen! ... »Ich danke für das Richteramt,« sagte er, »ich bin schon Angeklagter genug.« »Lothar,« beschwor ihn Hans, der die Möglichkeit eines günstigen Einflusses schwinden sah, »ich bitte Dich, entscheide. Ich wiederhole, es handelt sich um ein Glied unserer Familie, das eine uns alle entehrende Handlung begangen.« Holla! Das war ihm doch bedenklich, aber sein Leichtsinn gewann die Oberhand. »Lasse mich mit meiner Familie in Ruhe,« sagte er mürrisch. »Sie kann mir auch nicht helfen.« Wicky lachte triumphierend und legte beide Arme unter ihren Kopf und auf die Schatulle. »Wicky, Lothar!« beschwor er sie wieder. »So rettet mich doch! Man hat einen Betrug verübt, worauf Zuchthaus steht, eine Fälschung, um eine drückende Schuld zu bezahlen. Es ist entdeckt worden. Ich gab mein Wort, es muß bezahlt werden.« Doch Lothar spielte gleichgültig mit einer Quaste des Lehnstuhls, und Wicky umschloß das Kästchen fester, und da setzte er dumpf und mit gesenktem Blick, als schämte er sich seiner frommen Lüge, hinzu: »Der Betrüger bin ich!« Das war unerwartet. Seine Frau schrie auf, denn so nahe glaubte sie die Schande, das Verbrechen nicht. »Schlimm!« bemerkte Lothar kalt. »Aber wer ist der Geschädigte?« »Dein Schwiegervater!« »Bah, der klagt nicht. Die Sache bleibt also in der Familie!« Wicky atmete erleichtert auf, aber Hans, als er mit Grauen sah, daß auch diese Selbstanklage ihn nicht rettete, platzte endlich heraus mit dem Geständnis: »Nein, es ist nicht wahr. Ich wollte einen anderen schonen, wenn ich auch selbst in Euren Augen sank. Ich habe Euch getäuscht. Es ist ganz anders. Der Betrüger bin nicht ich ... Lothar, rette Deinen Vater vor dem Zuchthaus!« Jetzt sprang Lothar auf. »Hat er's angezündet?« fragte er mit aufgerissenen Augen. Hans war sprachlos. Also dessen hielt der eigene Sohn ihn fähig! »Nein,« gab er zurück, »ein niederträchtiger Kniff, eine abscheuliche Vorspiegelung. Laßt mich nicht mehr sagen, ich beschwöre Euch!« Lothar ließ sich vernichtet auf seinen Stuhl fallen und starrte vor sich hin. »Wicky, thue, wie es Dir beliebt.« Sie aber warf einen mitleidigen und zugleich bewundernden Blick auf ihren Gemahl, der auf einmal wie ein erhabener Märtyrer groß und herrlich vor ihr stand. Dann gab sie ihm die Schatulle, und während er mit seinem kostbaren Schatz entfloh, warf sie sich auf ihr Lager und weinte bitterlich. XXXI. Langsam wurde der Brandschutthaufen und Scherbenberg der Spinnerei abgetragen. Es war noch unentschieden, ob die Fabrik wieder aufgebaut würde, wie der Generalkonsul wünschte, der die Umwandlung der Firma in eine Aktiengesellschaft vorschlug. Heller, dem für die neu eingerichtete Weberei ein hoher Preis geboten wurde, war dem Verkaufe nicht abgeneigt, und Hans stimmte gleichfalls für die Parzellierung der ganzen Liegenschaft zu Bauplätzen. In schöner ländlicher Gegend dachte er sich die aus ihrer Asche auferstandene Fabrik, seine Arbeiter halb seßhafte Bauern, am Gewinne mitbeteiligt und dem schlimmen Einflüsse der Weltstadt entrückt. Dort würde jedem Angestellten ein Häuschen mit Feld und Garten zugeteilt, dessen Kaufpreis durch größere oder geringere Lohnabzüge im Laufe der Jahre erlegt werden könnte. Alsdann brauchte man weder sich selbst noch den Arbeitern Opfer oder Einbußen aufzuerlegen, weil die Landwirtschaft der Arbeitkraft vorzugsweise im Sommer bedarf, der toten Zeit für jede Spinnerei. Auch dem Kommerzienrate schienen die Vorteile einer solchen Verlegung auf das platte Land einleuchtend genug: die größere Ständigkeit und wachsende Tüchtigkeit der Arbeiter, die geringere Löhnung als Folge des billigeren Lebensunterhaltes, ein leichteres Überstehen von Geschäftskrisen, die Möglichkeit zu baulichen Erweiterungen ... Bis das Schicksal der Spinnerei entschieden war, verblieben die Hauptangestellten auf ihren Posten. Hitschold hatte noch mit Bilanzen und Inventaren zu thun, Hinnen widmete sich ferner der Kaninchenzucht, Fabian photographierte, Jakob stellte tagelang den friedlichen Fischen der Spree nach. In diesen Stunden der Beschaulichkeit trat der Alpensohn auch Lene näher, die noch ab und zu in ihrem Kahne fuhr, und sein jugendliches Herz schlug höher. Um öfter in ihrer Nähe zu sein, ließ er sich von ihrem Vater in allen möglichen Stellungen und Anzügen mit oder ohne Angelrute photographieren. »Beim Eid ein schönes Bürschlein, der Schaggi!« rief sein Vater bewundernd, wenn er wieder ein Bild seines Stammhalters zum Geschenk erhielt. Aber dieser Liebesfrühling sollte bald ein Ende nehmen, denn Lene hatte sich auf Wunsch ihrer Mutter als Kindermädchen in die Stadt verdingt und trat nächstens ihre Stelle an. Der brave Fabian aber, der sich während des Ausstandes seinen Brotherren gegenüber in einer schmerzlichen Zwangslage befunden, weil er als strikender Arbeiter gar keinen Anspruch auf die freie Wohnung erheben mochte, fühlte sich jetzt nach dem Brande noch mehr als zudringlicher Schmarotzer. »Ich Faulenzer kann bei Ihnen ja gar nicht wohnen bleiben,« sagte er zu Hans, der sein Gewissen zu beruhigen suchte. »Wenn Sie denn doch keine Bezahlung annehmen, so will ich mich Ihnen auf andere Art nützlich erweisen. Dürfte ich vielleicht die außerordentliche Ehre haben, Sie und Ihre Frau Gemahlin abkonterfeien zu dürfen? Mit einem Photographen, der ein gehöriges Atelier besitzt, darf ich Dilettant mich allerdings nicht vergleichen, aber ich werde mein Möglichstes thun, um so hochgeschätzte Kundschaft zu befriedigen.« Hans hatte andere Sorgen, doch um den braven Mann nicht zu beleidigen, erklärte er sich bereit, auf einen Sprung herüber zu kommen, um wenigstens seine Einrichtung zu besichtigen. In der That erschien er denn auch am Tage vor Lenens Abreise gegen Mittag im Fischerhaus und fand Vater und Tochter noch in voller Thätigkeit. Ein recht eigenartiges Atelier! ... Hinter dem Hause war es auf einer verwitterten Kegelbahn improvisiert. Wo ehemals die Kegel standen, befand sich der Podest für den Aufzunehmenden, ringsum mit Leinengardinen versehen, die je nach dem Sonnenstande gezogen werden konnten. Ein Stuhl, ein Tischchen, ein selbstgemalter landschaftlicher Hintergrund mit Tannenwäldern und Schneebergen, der die Kunst des Löwenmalers in ihrer Blüte sehen ließ, bildeten die ganze Einrichtung. Auch die Gerätschaften seines neuen Handwerkes waren meist, wie er sich ausdrückte, »im Hause gemacht«. So der sinnreich konstruierte Rückenhalter aus Holz und vor allem das Stativ mit dem Apparat. Bloß die Linsen, Platten und Chemikalien hatte er kaufen müssen. »Früher,« sagte er zu Hans, der sich erstaunt umsah, »da lachte ich immer über die Künstleransprüche unserer Photographen. Ohne Sammtrock thut es ja keiner, und sie nennen Maler und Bildhauer ihre Brüder. Aber nun seh' ich ein, daß sie ihr Wams ehrlich verdienen. Frau Sonne ist launisch und boshaft. Sie will nicht immer, spielt Verstecken, verbrennt oder verschleiert die schönsten Platten, macht riesige Hände und lange Nasen. Man muß ihr mit Geduld und List beizukommen suchen, ihre Fehler verbessern, sie zur willigen Freundin und Helferin machen.« »In Ihrer Lene haben Sie wohl eine gelehrige Schülerin?« fragte Hans, während das Mädchen über und über errötete. »Ei ja, sie ist geschickt,« bestätigte Fabian, »und hat ein Auge mehr als ich. Ihre dünnen Finger eignen sich auch besser, als meine großen, rauhen Arbeiterpratzen. Ich überlasse ihr gerne das Entwickeln und Fixiren der Platten und habe immer meine Freude, wie sauber sie das macht.« »Aber es macht nicht sauber,« unterbrach sie ihn scherzend und verbarg unter der Schürze ihre braunen Fingerspitzen mit einem Anfluge von Koketterie. »Man mag sie noch so lange waschen, man kriegt die Pyrogallussäure nicht mehr weg. Na, heute beschmutze ich mich ja zum letztenmal!« Hans schien ihren Seufzer zu überhören und rollte eines der eben abgezogenen Bildnisse auf. »Ach, da ist Pinzger, unser Arbeiterführer! Ganz sein edles Profil, das geistsprühende Auge, der beredte Mund des Volkstribuns!« »Ja,« antwortete Fabian, »zur Aufnahme hatte er Zeit, doch zum Abholen nicht mehr. Ihn schlugen die Häscher in Bande. Wie steht es eigentlich um seine Sache?« »Schlimm genug. Die Polizei läßt ihn nicht mehr los, denn es ist sicher, daß er an jenem Sonntag im Fabrikhofe war und sich bei Ihnen photographieren ließ.« »Das habe ich dem Untersuchungsrichter bestätigt,« erzählte Fabian. »Der lockere Zeisig war noch vom Frühschoppen angeheitert und konnte nicht still halten. Sechs teure Platten hat er mir verpfuscht. Nach der endlich gelungenen Aufnahme packte ich den Apparat auf die Schulter und ging mit ihm in den Hof hinüber, um einmal die Spinnerei im Mittagslicht aufzunehmen. Ach, ich ahnte nicht, daß es ihr letzter Tag war! Ich sehe den Tiroler noch, wie er mit der Strikekasse klimpernd von mir ging, dem alten Janko eine Liebeszigarre schenkte und mit einem Juchzer durch das Thor verschwand.« »Und wie lange fehlt Ihnen das Uhrwerk schon?« »Das weiß ich nicht. Ich hatte die Spielerei seit Jahren aufgegeben und schon vergessen. Meine Frau erinnert sich nur, daß sie die Uhr zum letztenmal in der Hand hielt, als Ihr Herr Onkel den Herrn Kommerzienrat in die Fabrik führte. Zwei Jahre mögen es bald her sein. Nicht wahr, Lene?« Das Mädchen nickte, aber ihr unsteter Blick fiel Hans auf. »Du warst also dabei,« fragte er sie, »als die Herren sich das Uhrwerk besahen?« »Ja.« »Was sagten sie?« »Ich weiß es nicht mehr.« »Besinne Dich, Kind,« warf Fabian ein. »Du hast mir gesagt, daß der Herr Papa sich gar nicht dafür interessierte, aber der Herr Onkel umso mehr. Er nahm das Werk in die Hand, und bevor Du es wieder auf das Spind stelltest, mußtest Du es ihm erklären und sogar aufziehen.« »Es kann sein,« sagte sie tonlos und wagte gar nicht aufzublicken. »Dem Untersuchungsrichter hast Du es bezeugt,« eiferte Fabian, »und das war recht. In einem solchen Fall ist es eine Sünde, wenn man nicht alles sagt, was man weiß, weil schon ein unbedeutender Umstand Licht bringen kann.« Hans fiel unwillkürlich Lothars Ausruf ein: »Hat's Papa angezündet?« und er verstummte in schweren Gedanken. »Sehen Sie, Herr Lenz,« sagte Fabian nach einer Weile, »das Photographieren ist jetzt meine ganze Freude. Wenn aber die Fabrik wieder aufgebaut ist, wird auf Ihren ersten Ruf auch Ihr Cylindermacher sich wieder einstellen.« Hans drückte dem braven Arbeiter die Hand. »Wer weiß, ob es dazu kommen wird. Wir haben bessere Zeiten miteinander verlebt, Fabian. Gedenken Sie noch unserer Musikabende?« »Ach die waren schön! Und Ihre Sonate!« »Vorbei, vorbei!« seufzte Hans. »Wer hindert uns, sie wieder aufzunehmen, Herr?« warf der Alte ein, und sein einziges Auge glühte für zwei. »Wohl haben Sie es abgeschworen, um Ihr Geschäft nicht zu vernachlässigen, aber nun alles hier stockt, versäumen Sie nichts. Herr Hans,« bat er herzlich, »machen Sie mir, machen Sie uns allen die Freude, und musizieren wir wieder an einem dieser Abende. Ihre Geige liegt oben. Mein altes Klavier ist auch noch am Leben.« »Ach bitte, bitte!« drängte Lene, und die Sehnsucht zitterte in ihren Worten. »Die Stimmung ist fort, Ihr guten Menschen.« »Wir zaubern sie wieder her,« rief der Alte mit Zuversicht. Hans lächelte unschlüssig, und in seinem sanften, offenen Gesichte spiegelte sich der innere Kampf. »Nun vielleicht,« sagte er, »vielleicht heut Abend zu Lenens Abschied. Meine Frau will in die Stadt fahren zu ihren Eltern. Ist sie fort, komm' ich bestimmt.« Ein langsamer Schritt ließ sich hören, und an der Gartenthür erschien die hohe Gestalt des Generalkonsuls, mühsam auf einen Stock gestützt. Hans erkannte ihn kaum wieder. Das feine Diplomatengesicht war aschgrau und eingefallen, und die Augen hatten etwas Starres und Geisterhaftes. »Es geht mir schlecht,« antwortete er auf die teilnehmende Frage seines Neffen. »Ein Gichtanfall ... mit Fieber ... dazu die Aufregungen der letzten Zeit ...« Er ergriff seinen Arm, und sie gingen langsam im Hof auf und nieder. »Stelle Dir vor ... aber nein, es ist zu dumm! Irgend ein Feind von mir, und ich habe deren so viele – natürlich lauter Leute, denen ich Gutes gethan ... also man hat die Versicherungsgesellschaften und die Polizei aufgehetzt. Kurz, ich bin vernommen worden ... ins Kreuzverhör, wie ein Verbrecher! Und was wollten meine Inquisitoren nicht alles wissen! Zum Beispiel, was ich an einem bestimmten Tage vor zwei Jahren trieb. Excusez du peu. « »Vor zwei Jahren?« »Ja, die Herren hatten herausgetiftelt, daß ich an jenem Tage zum erstenmale die Spinnerei mit Deinem Schwiegervater besuchte. Da soll ich bei unserem Cylindermacher Fabian eingetreten sein und das verwünschte Uhrwerk bewundert haben, das auf der Brandstätte gefunden wurde. Möglich, ich weiß nichts mehr davon. Es ist zu lange her. Denn daß ich meinen Kopf für anderes als solche Lappalien brauche, das begreift nur ein Polizeibeamter nicht. Diesen Herren, die in jedem Menschen einen Verbrecher wittern, ist es sehr verdächtig, daß jenes Uhrwerk seit meinem damaligen Besuche verschwunden sein soll, um erst in den Trümmern der Spinnerei aufgefunden zu werden. Als ließe sich das nicht einfach damit erklären, daß Fabian es in seine Werkstatt mitgenommen und dort irgendwo liegen gelassen hat, bis es nach dem Brande wieder zum Vorscheine kam.« »Gewiß, Onkel, das ist wohl denkbar,« bekräftigte Hans. »Sogar meinen Hochnotpeinlichen leuchtete es halbwegs ein, und sie ließen daher diese Räubergeschichte fallen. Aber nun eine andere Frage! »Wo waren Sie am vorletzten Sonntag, zehn Stunden bevor der Brand ausbrach, also Punkt elf Uhr Vormittags?« Damit setzte mir der Untersuchungsrichter eine neue Pistole auf die Brust. Ich war bei dieser unerwarteten Frage etwas erschrocken. »Besinnen Sie sich wohl!« rief mein freundlicher Gönner mit einer unheimlichen Betonung. Ich antwortete: An jenem Sonntag Vormittag fuhr ich nach Charlottenburg hinaus, um meinen Sohn zu sprechen, den ich bei seiner Kousine vermutete. Ich verfehlte ihn aber, denn er war mit meiner Nichte und ihrem Gatten in die Stadt gefahren.« Hans nickte bestätigend, denn sie hatten wirklich alle drei einen Kunstsalon besucht. »»Und sind Sie gleich wieder in die Stadt zurück?« fragte der Neugierige. – Erst etwa eine halbe Stunde später, gab ich zur Antwort, denn ich ruhte mich auf einer Bank im Garten etwas aus. Noch vor zwölf Uhr nahm ich die Pferdebahn und fuhr nach Hause.« »Das stimmt nicht ganz,« bemerkte Hans. »Wir waren schon um elf wieder zu Hause. Aber gleichviel ... beruhigten sich die Herren damit?« »Ja, nachdem ich noch ausdrücklich bezeugt, daß ich die Fabrik an jenem Sonntage nicht betreten. Aber angegriffen hat mich der schlechte Scherz doch.« Im langsamen Auf und Nieder waren sie wieder zur Kegelbahn gekommen, wo Fabian noch immer mit Lene in seinem Atelier beschäftigt war. Der Konsul sah den Stuhl neben ihm und nahm erschöpft darauf Platz. »Mein Onkel hat von Ihren photographischen Künsten gehört, Fabian,« sagte Hans. »Zeigen Sie uns doch Ihre letzte Aufnahme der Fabrik.« Der Alte brachte die kleine Glasplatte und hielt sie gegen die Mittagssonne, so daß sich die zarten Linien des Negativs scharf ausprägten, und die beiden Herren besahen sich das Bild und lobten die saubere Arbeit. »Da sehen Sie, die Uhr über der Thüre zeigt auf Elf.« »Hier oben am Fenster des Battage geht gerade eine menschliche Gestalt vorüber,« sagte Hans. »Haben Sie keine Lupe, Fabian?« »Wahrscheinlich Lux, der seine Runde macht,« meinte der Photograph und gab ihm ein großes rundes Glas. »Nein, der ist es nicht,« erwiderte Hans nach kurzer Prüfung. »Ein Herr mit Cylinderhut vielmehr. Sehen Sie selbst, Fabian.« Er reichte Bild und Lupe dem Alten, der die Platte aufmerksam besah. »Ei ja, weiß Gott, ein Herr!« rief er aus. »Aber undeutlich, denn es ist ein Augenblicksbild. Und der Cylinder war grau oder weiß, denn im Negativ erscheint er schwarz ... Herr Generalkonsul, waren Sie vielleicht an jenem Sonntagvormittag in der Spinnerei?« »Welche Idee!« »Ich meine nur des Hutes wegen,« fuhr Fabian fort und warf einen Blick auf des Konsuls schwarzumflorten grauen Cylinder. »Und der Fremde ist ebenfalls in Trauer ... Was hatte ein Fremder in der Fabrik zu thun? Wenn das der Brandstifter wäre! Aber die Thorhüter mußten ihn passieren lassen ... Nicht doch, er konnte sich auf dem Privatwege von der Villa und von rückwärts durch die Schlosserei einschleichen! O ich muß der Sache auf die Spur kommen!« »Thun Sie das, lieber Fabian,« sagte der Konsul trocken, und Hans, dessen Arm er ergriffen, fühlte das Zittern seines ganzen Körpers. »Aber freilich, wie kann ich dem Burschen beikommen?« rief Fabian nach einigem Sinnen verzweifelt. »Das Bild ist zu klein und auch im Abdrucke zu undeutlich.« »Wäre keine Vergrößerung möglich?« fragte Hans, der das entgeisterte Gesicht seines Onkels nicht aus den Augen verlor. »Ei ja, eine fünfzehnfache sogar,« bestätigte Fabian. »Aber man bedarf dazu eines Vergrößerungsapparates. Ich besitze keinen, denn ich scheute die Ausgabe. Aber halt! ich weiß einen Ausweg! Ich bringe das Negativ einem beliebigen Photographen zum Vergrößern. Das kostet einige Mark, und so werden wir uns wenigstens den Herrn in der Nähe besehen können.« »Geben Sie her, Fabian, ich will es für Sie besorgen,« sagte Hans schnell, und der Konsul, einer Ohnmacht nahe, klammerte sich an seinen Stuhl und sah mit starrem Blicke, wie die kleine Scheibe in der Brusttasche seines Neffen verschwand. Dann erhoben sie sich und gingen schweigend der Spree zu, die ihre trüben Wellen pfeilschnell dahin rollte. »Onkel,« sagte Hans, plötzlich stehen bleibend, »die Sonne bringt es an den Tag!« Der Konsul erwachte wie aus einem schweren Traum, und röchelnde Laute kamen aus seiner Brust. »Gib mir die Platte, Hans!« flehte er. Ohne ein Wort nahm der Neffe die schwarze Scheibe, zerbrach sie in seinen Fingern und schleuderte die Scherben in den Strom, der hoch aufspritzte. Hierauf zog er ein rotes Papier aus der Tasche, entfaltete es langsam, zerriß es und warf die Schnitzel dem Glase nach in die Wellen. Der Onkel hatte das falsche Konossement erkannt, und er verbarg reuevoll sein Gesicht und weinte herzlich. Dann gingen sie stumm nebeneinander in den Hof zurück und trennten sich. Noch lange sah Hans dem Wagen nach, der ihn für immer entführte, den gebrochenen, toten Mann! ... Und noch drei Augen folgten ihnen. »Ob er wohl kommen wird, heut Abend?« fragte Lene ihren Vater. »Nur wenn seine Frau es nicht hören kann! antwortete er bitter und packte seinen Apparat zusammen. »O das Scheusal! Den besten und edelsten Menschen so unglücklich zu machen! Ich könnte sie umbringen.« Sie erkannte ihren Vater kaum wieder. Der sanfte, fromme Alte bebte vor Wut und ballte die Faust mit einem schrecklichen Fluch ... Dann kehrten sie ins Haus zurück, denn die Mutter hatte zu Tische gerufen, und noch oft wiederholte Lene an diesem Tag ihre Frage, ob er wohl kommen werde. Aber die Nacht brach herein, und sie warteten vergeblich. Fabian setzte sich nach dem Abendbrote traurig an sein Klavier und phantasierte. So ganz versunken war er in seine tönenden Gedanken, daß er es nicht hörte, wie sein Kind nebenan das Fenster öffnete und hinauslehnte, als ob die kalte, dunkle Nacht einem friedlosen Herzen Trost und Versöhnung geben könnte. Der Himmel draußen wurde immer klarer und heller, und man wußte nicht, woher all der Glanz kam. Jetzt blitzte da und dort ein Stern auf, doch ihr Flimmern konnte unmöglich diese Glut hervorrufen. Da stieg mit einemmale der Mond über den schwarzen Wipfeln der Jungfernheide auf und übergoß mit seinem Scheine die Nebel, die in langen Streifen wie ein wogender See sich langsam über der Sandebene und dem Kanal ausbreiteten, bis Luft und Erde allüberall in flüssigem Golde schwammen. Und still und berückend sah der bleiche Freund von oben hernieder, wie ganz voll Heiligenschein, und ihr war, als riefe er sie, und fest und mutig, ohne sich noch einmal nach ihrem Vater umzusehen, ging sie in all dem Glanz und Wohlklang hinaus in die Nacht ... Aber kam da nicht jemand? Ein dumpfes Pochen auf dem Kies schlug an ihr Ohr. Ach, sie wußte, wer das war! Jeden Abend kam er ja und setzte sich still neben seine Krücken und blickte sie traurig an. O nur jetzt ihn nicht sehen, den armen Krüppel! War sie nicht schon elend genug? Fort! Fort! Und schneller eilte sie dem aufschimmernden Flusse zu, und ihr war, als hörte sie hinter sich Hugo's Stimme: »Lene! Lene!« Ach, dieser furchtbare Klang, der sie durchschauerte! Nun schritt sie auf dem ausgetreteten Wege dahin und stand am Ufer, ohne zu wissen, wie und warum sie sich hier befand. Der Kahn war angekettet und schaukelte heftig im hochgehenden Strome. Der letzte warme Regen hatte alles Eis mit fortgeschwemmt, und der Fluß freute sich seiner Freiheit und schlug mit den Wellen ungestüm an die Ufer. Sie sprang in den Nachen und blickte groß um sich. Wie konnte es doch in dem goldenen Glanze ringsum soviel Elend, Unglück und Verbrechen geben! O die schlechte Welt, und wieviel Leid war ihr darinnen zu Teil geworden! Liebend und ungeliebt, begehrt von anderen, die sie nicht liebte und unglücklich machte, eine öde Vergangenheit in der Fabrik, nur in der Nähe ihres Vaters erträglich, eine dunkle Zukunft ohne ihn, als dienende Magd bei fremden Leuten ... Und aus der Ferne sollte sie nun sehen, wie jener Herrliche, von allen betrogen und verlassen, zu Grunde ging, wie das Verbrechen ihn streifte und ihn hinunterriß? O mit einem Wort hätte sie den Elenden entlarven können, der sie alle brotlos machte, denn sie hatte ihn ja von ihrer Kammer aus belauscht, wie er an jenem Morgen den Flur betrat und das Kästchen vom Spinde nahm und in der Fabrik verschwand, wieder nach einer Weile erschien, gleich einem Gespenst im Sonnenschein, und von den Baumschatten der Villa verschlungen wurde. Aber sollte und konnte sie sprechen, ohne den Einzigen namenlos zu betrüben? ... So schwieg sie also, auch wenn ein anderer darunter litt. O diese Welt, diese Welt! Nur fort, hinaus, gleichviel wohin! ... Ein Rascheln erschreckte sie, daß sie mit einem leisen Schrei zusammenfuhr. Von drüben unter den Bäumen im Kies kam es her ... Stimmen näherten sich ... eine Männerstimme ... ein hoher Sopran ... Lene wußte, wer es war, denn die hatte sie oft zusammen gesehen, hier im Park und drüben in der Villa. O wie haßte sie die Ehrvergessenen, die den edelsten Mann, das beste Weib so unglücklich machten! ... »Und so was lebt noch!« murmelte sie. »Vater hat Recht. Auch ich könnte sie mit Wonne umbringen. Es wäre eine gute That an zwei guten Menschen!« ... Doch still, nun kamen die Stimmen näher! Jedes Wort konnte man hören ... »Kousinchen, nur keine Illusionen mehr. Es ist alles aus. Also lieber weit weg nach Afrika oder nach Amerika. Dort gründe ich mir eine neue Existenz.« Er verstummte, und eine Weile vernahm man nichts als ihre knarrenden Schritte auf dem harten Kies ... »Was sollte mich auch hier noch zurückhalten?« fuhr' er fort. »Etwa Papa, bei dem ich in Ungnade gefallen bin und der es selbst nicht mehr lange treibt? Oder meine Frau, die nicht zu mir paßt? Oder gar Du, Kousine? ...« Abermals schwieg er, und die Pause wurde länger ... »Oft glaubte ich, Du liebtest mich auch, aber es war Täuschung. Du bist Weltstädterin geworden ganz und gar, ein herzloses Wesen, eine richtige Salondame, ein Weib nach der neuen Art, das keine Liebe und keine Pflichten kennt. Du willst nur glänzen, herrschen, Dich unterhalten, weder Mutter noch Geliebte sein. Aber Du hast die goldene Regel mißachtet: Meide auch den bösen Schein. Jetzt bist Du in Deinem eigenen Netze gefangen, und viel schlimmer daran, als wenn Du einer Leidenschaft und der Liebe zum Opfer gefallen wärest ...« Sie sagte noch immer nichts, und das reizte ihn wohl, denn der Ton seiner Stimme wurde schärfer, dringender ... »Es thut mir leid, wenn Du das noch nicht einsiehst. Du bist in der Gesellschaft unmöglich. Der Skandal hat sich Deiner bemächtigt, und ich wette meinen Kopf, daß Du nächstesmal von fünfzig Einladungen dreißig Absagen erhältst. Was sich noch bei Dir zeigen wird, sind Junggesellen, die keine Skrupeln zu haben brauchen, Musiker und Litteraten; die immer gerne schmarotzen, Herren ohne ihre Damen, und vor allem die Klatschgeschwister, die Dich beobachten. Sie wollen sehen, wie Du Dich benehmen wirst, schuldbewußt oder unbefangen, wie ein Opfer oder als harthäutiges Reptil, fröhlich oder niedergeschlagen, und ob diese Heiterkeit echt oder gemacht ist, und wie Du sie spielst, ob schülerhaft oder als Meisterin.« Jetzt unterbrach sie ihn. »Nur keine Sorge,« rief sie aus. »Ich werde meinem Lehrmeister Ehre machen und vorzüglich heucheln, denn die Ironie, die Du mich gelehrt hast, hebt mich über alles hinweg. Ihre Entrüstung und ihr Haß wird niemals bis zur Höhe meiner Verachtung reichen.« »Gut,« antwortete er, »also die Gesellschaft fürchtest Du nicht, Kousine, aber wie steht es mit Deiner Familie?« Ein silberhelles Lachen ertönte. »Die alten Eltern vergöttern mich. Dein Vater hat mir nichts zu befehlen. Und Hans?« ... Sie mußte eine Geberde an die Stelle ihrer Worte gesetzt haben, denn jetzt fiel der andere ein. »Täusche Dich nicht, Kousinchen. Was er will, setzt er durch, denn er hat einen eisernen Willen. Wird ihm der Skandal zu arg, läßt er sich von Dir scheiden. Ganz kaltblütig, sag' ich Dir, und wenn er zum Bettler werden sollte.« »Dann habe ich meine Freiheit wieder,« antwortete sie. »Muß ich durchaus eine Ehesklavin sein, so fehlt es mir an Freiern gewiß nicht.« »Ja, so lange Du reich bist. Aber damit ist es vorbei. Mein Vater hat alles verspielt, sein Vermögen und seine Ehre, Deines Mannes Fabrik und die Millionen Deines Vaters. Du bist arm!« Jetzt entstand eine Pause, und sogar die Schritte verstummten. Lene sah zur Rampe empor und erblickte beide. Sie waren aus den Bäumen herausgetreten und standen nun im vollen Mondlicht oben. Ihre zarte Gestalt, auf dem Kopf ein Spitzentuch, war gehüllt in einen weißen Mantel mit hellgelbem Pelzbesatz und lehnte sich einen Augenblick wie im Taumel an den schimmernden Stamm einer Linde. »Wicky,« sagte er dringender, indem er auf ihre Ergriffenheit zählte, »wirf den ganzen Plunder von Dir, der nichts mehr wert ist. Fort aus diesem Sodom, für das Dein Geist zu blasiert, Dein Körper zu schwach ist. Deine zerrütteten Nerven halten Dich nicht länger aufrecht, das entsetzliche Gift, das Du zum Leben brauchst, bringt Dir den sicheren Tod. Komm mit mir in die freie Natur – nach Amerika! Ein neuer Adam und ein neues Leben! ...« Sie schüttelte heftig den Kopf ... »Ich könnte der anderen dort begegnen, die Du auch geliebt hast. Weder Favorite, noch Favorit, sagte sie, aber ich, ich halte meinen Schwur!« »Wicky, laß diese Possen und folge mir. Räumen wir den andern beiden das Feld ... Hans und Adelheid ... Sie werden uns aus der Ferne dafür segnen. Das bringt Glück!« »Nein,« sagte sie scharf. »Also ließest Du mich gelassen scheiden, und doch hielt ich immer treu zu Dir?« »Und trägst an meiner Schande die Schuld!« unterbrach sie ihn vorwurfsvoll. »O Du hast redlich mitgeholfen, mich krank und arm zu machen!« »Gewiß, es war ein tolles Leben, mein Kind, aber eine schöne Kameradschaft. Und gerade darum kannst Du mich nicht allein ziehen lassen. Du bist auf mich angewiesen. Wir gehören zusammen.« »Nein, nein!« schrie sie. »Wicky, ich beschwöre Dich!« rief er leidenschaftlich und schloß sie in die Arme. »Nein, nein, nein!« schrie sie wieder, aber ihr fehlte die Kraft, sich ihm zu entwinden. In diesem Augenblicke tauchte Lene das Ruder klatschend ins Wasser, und bei dem Geräusche fuhr das Paar auseinander. »Ei ei, die kleine Fischerin!« sagte Lothar lachend, und von einem plötzlichen Gedanken erfaßt, fragte er: »Kousine, fahren wir nach dem Schloßpark? Die Kleine rudert uns hinüber.« Sie starrte das Mädchen wie geistesabwesend an, und im Mondlicht funkelten ihre Augensterne grünlich, wie die Pupillen einer Katze. Leise murmelte sie etwas und wandte sich ab, indem sie ihr Gesicht mit den Händen bedeckte. »Nun, Kousine?« fragte er mit einem festen Klang in der Stimme. »Die Augen ... die Augen!« ... hauchte sie schaudernd vor sich hin, doch er faßte die Widerstrebende um den schlanken Leib und trug sie in den Kahn. Nun kauerte sie fröstelnd im Pelzmantel neben ihm auf der Ruderbank und starrte unverwandt Lenen an. »Vorwärts, Kleine!« ... Die Kette fällt klirrend ins Schiff. Fast willenlos greift Lene nach dem Ruder und stößt vom Lande. Die Wellen umfangen rauschend das Schiff und tragen es fort. Der Mond tanzt in tausend blitzenden Lichtern um sie und übergießt die drei Menschen, den Kahn und die Flut mit seinem goldenen Scheine. Keines spricht ein Wort. Hand in Hand sitzen sie da, unter dem traumverlorenen Blicke der Kleinen. Ein paar Ruderstöße noch, und sie sind am Hafen des Parks ... Da dringt voll und weich ein schmelzender Klang durch die Luft, und noch einer, eine ganze Flut von Tönen, und so sehnend und schwermutvoll, wie eine klagende Stimme des Mondenscheins. »Zu traurig!« sagt er. »Irgend ein armer Geiger.« Die Kleine weiß es besser, und bei diesen Tönen sieht sie den guten, blassen Menschen wieder und jenes edle blonde Weib, sie beide von diesen hier getrennt, betrogen, elend gemacht, und der Haß steigt kochend in ihr auf ... Sind die da fort, sind jene glücklich! blitzt es ihr durch den Kopf. »Die Augen ... die Augen!« winselt die junge Frau mit unverwandtem Blicke. »Du steuerst vorbei, Kleine!« ruft Lothar. Sie antwortet nicht und läßt das Ruder fahren, das vom Strome fortgerissen wird, und ihm nach das Schiff und die Menschen darin. Und nun fliegt es pfeilschnell dahin, kehrt sich im Lauf und neigt sich zur Seite, daß sie erschrocken nach der anderen sich lehnen ... und dreht sich wieder ... Dort ein schwarzes Ungeheuer im Wasser mit gelber Flamme am Mast ... und am Buge des Obstkahnes zerschellt das kleine Fahrzeug mit einem dumpfen Krach ... Ein einziger Schrei aus drei erstickenden Kehlen. Die junge Frau klammert sich im Sinken an ihn, der einen Augenblick noch schwimmend die eisige Strömung theilt, dann umschlingen sie seine beiden Arme fester, und die Wellen, die schon die todesmutige Kleine fortgetragen, reißen auch sie im klingenden Mondlicht dahin. XXXII. Jahre sind über die alte Erde dahin gegangen, und abermals entfärben sich Feld und Wald. Wo noch vor wenigen Wochen die goldenen Kornfelder wogten, blickt die Herbstzeitlose aus dem erschöpften Boden und mahnt an den Winterschlaf. Ein frischer Wind streicht über das Land und verweht den Rauch aus dem hochragenden roten Schlot, um dessen Fuß sich in weiter Ausdehnung die fensterlosen einstöckigen Häuser zusammen drängen, die ihr Licht von den abgeschrägten Glasdächern erhalten. Am Thore der Umfassungsmauer steht in Goldbuchstaben: Johannes Lenz \& Komp., und der wohlbekannte Hüter mit der Militärmütze ist auf diese zahllosen Häuschen stolzer, als ehedem auf das fünf Stockwerke hohe Gebäude an der Spree, das in ein paar Stunden ein Raub der Flammen werden konnte. Es ist Sonntag, und die Arbeit ruht in den weiten, luftigen Sälen, doch ab und zu spricht auf dem Wege zur Kirche ein gut gekleideter Arbeiter mit Frau und Kind den Pförtner an. Dann hört man fröhliches Plaudern und helles Lachen. Ja, es lebt sich besser hier draußen auf dem platten Lande, als früher drüben in der großen Stadt. Sie haben ihr gutes Auskommen und jeder ein eigenes Häuschen und Feld. Im Sommer, wenn die Fabrikarbeit knapp ist, bestellen sie ihre Äcker, und im Winter, Frühling und Herbst stehen sie gerne wieder vor den rasselnden Spinnstühlen. Keiner verkommt mehr in der Branntweinschenke, sie leben in ihrer Familie am eigenen Herd, und weil sie Grundeigentümer sind und am Gewinne teilhaben, so verlachen sie die Lehren des Sozialismus. Die gleiche Zufriedenheit waltet auch drüben im Herrenhause. Zu ebener Erde wohnt Heller mit seiner Frau. Beide sind alt und hinfällig geworden, denn viel Schweres ist über sie gekommen. Der Tod ihres Kindes hat sie tiefer geschmerzt, als der Verlust ihrer Millionen. Aber als sie dann das Charlottenburger Grundstück samt Villa und Weberei um einen so überraschend hohen Preis verkaufen konnten, da verzichteten sie gern auf die strittige Entschädigung der Feuergesellschaften und bauten mit Hilfe der rheinischen Freunde und Berliner Verwandten hier draußen die Fabrik wieder auf. Keinen Augenblick verzagte der Alte, und ob auch täglich sein Schwiegersohn ihn ermahnt, sein Alter zu bedenken, er ist doch immer der Erste in der Fabrik und der Letzte beim Feierabend. Und der Segen, der auf jeder ehrlichen Arbeit liegt, mildert ihre Trauer und gibt ihnen Kraft und Stärke. Durch die braunen Locken von Hans schimmern vorzeitige Silberfäden, die Zeugen vergangenen Leides. Nur dann und wann an schonen Sommerabenden greift er zu seiner Geige, und sie haucht in schmelzenden Tönen aus, was in ihm an Sehnsucht und Hoffnung noch unter der Asche glüht. Dann begleitet ihn wohl der alte Fabian auf seinem »Instrument« wie dazumal, aber seine Lene lauscht nicht mehr verträumt im Halbdunkel ... Auch an diesem Herbstabend klingt es und singt es wieder im Herrenhause, denn Hans feiert seinen Geburtstag, und Hellers haben lieben Besuch. Baron von Berkow ist mit seiner Tochter und Enkelin von Berlin gekommen. Noch trägt Frau Adelheid ihr Schwarz für den Gatten und ihren Schwiegervater, der (ganz leise wird es gesagt) freiwillig aus dem Leben schied, aber die weißen Spitzen auf ihrem Haar und die Rosen an ihrer Brust erhellen schon freundlich die Trauer um ihre Toten. Lauschend sehen sie jetzt den Musikanten zu. Auf dem Tische brennen die Lichter des Geburtstagskuchens, den Frau Fabian wieder wie früher für ihren Herrn gebacken, und daneben sitzen der Kommerzienrat, der noch weißer geworden, seine Frau, jetzt eine gichtbrüchige Greisin, und bei ihrem noch strammen Vater Frau Adelheid, ihre Hand auf dem blonden Gelock ihres Töchterchens. Und wie die Sonate mit ihrem Freiheitliede verklingt, geht die Thür auf, und Herr Hinnen-Lotz und sein Schreiber Hitschold, beide unverändert die Alten, treten herein und bringen dem Herrn den Glückwunsch des gesamten Personals, In wohlpräparierter Rede feiert der biedere Schweizer die zum zweitenmale wiedergeborene Firma Johannes Lenz \& Komp., ihre hohe Blüte und ihrer Arbeiter Glück und Zufriedenheit. Der Pestluft städtischer Proletarierkreise entrückt, seien sie durch ihre ländliche Heimstätte zu guten Arbeitern, wackeren Staatsbürgern und zu Menschen geworden. Dies hätte freilich erst nach Ausscheidung aller unlauteren Elemente ermöglicht werden können, aber da die Polizei seinen Todfeind, den Kardenschleifer Pinzger, zwar aus Mangel an Beweisen aus der Untersuchungshaft entlassen, jedoch auf Grund des Sozialistengesetzes in seine Heimat abgeschoben habe, so sei damit die »ansteckende Eiterbeule der sozialistischen Irrlehre auf einmal geplatzt.« Im weiteren verwickelt sich der geschätzte Redner jedoch rettungslos in seine Periode, so daß er rasch abbricht und mit einem Hoch auf das Geburtstagskind schließt. Dann sitzt man noch lange bei Wein und Kuchen beisammen, und im Plaudern verrät der Spinnmeister, daß er im Begriffe stehe, seinem Jakob, dem jetzigen Aufseher in der Karderie, eine zweite Mutter zu geben. »Und wer ist die Glückliche?« heißt es von allen Seiten. »Halt keine kaufmännische Heirat,« gibt er zur Antwort, »sondern eine alte Liebe. Die Marie Mila aus dem Haspelsaal.« Alle wünschen zu der guten Wahl Glück. »Aber was sagt Ihr Sohn dazu?« fragt Heller. »O der Bub ist selber Bräutigam,« erwidert Herr Hinnen-Lotz. »Er hat sich schon lang in die Schwester meiner Braut vergafft, die Hasplerin Lore, die Zwillingsschwester unseres zweiten Cylindermachers ... Ich weiß wohl, die Wahl ist bedenklich. Aber das Kind ist durch eine harte Schule gegangen, eine gute Arbeiterin geworden und von allem Leichtsinne geheilt. Schon ihre gestrengen Eltern sorgten dafür. Ihr Kleines wird Jakob adoptieren, denn der Schlosser-Nante ist ja in Amerika gestorben. Item, es wird schon gehen, auch ist der Schaggi ja ganz wie sein Alter: er fürchtet die Weiber nicht ... Ist das aber nicht herzig, daß hier Vater und Sohn Schwäger werden? Jetzt fehlt nur noch der Dritte im Bund als Ehemann, der Hitschold, aber vor dem sind die Mädchen viel sicherer als die Rosse.« Alle lachen, nur der Buchhalter nicht, denn er hat etwas auf dem Herzen, und sein Freund quält ihn so lange, bis er damit herausrückt. »Weil doch gerade von Rossen die Rede ist,« sagt Hitschold schüchtern, »so möcht' ich bitten, das Fuhrwesen der Fabrik mir wieder zu übergeben.« »Was,« ruft Heller lachend, »infolge des Ausstandes mußten Sie Ihren Marstall auflösen, und nach diesem Verluste wollen Sie abermals? ...« »Alte Liebe rostet nicht,« entgegnet der Buchhalter. »Und Rosse werde ich für unsere Rollgüter beschaffen, oh! ...« »Wir wissens schon,« unterbricht ihn Heller, »schöner nützt nichts!« »Aber nur kein Zebra mehr!« fügt Herr Hinnen boshaft wie immer bei. »Kinder,« fährt der Kommerzienrat fort, »da wir so gemütlich beisammen sitzen, fällt mir etwas ein. Herr Spinnmeister, als Sie uns damals das Lied von Brief und Geld sangen, da sind Sie uns den zweiten Vers schuldig geblieben.« »Wenn Sie ihn hören wollen, ich bin immer bei Stimme,« sagt der Schweizer, räuspert sich, wirft den Kopf zurück und hebt mit des zweiten Basses Grundgewalt zu singen an: »Kouponschneider, Spekulanten, Hausse- und Baissefabrikanten, Die, was fremder Schweiß erspart, Schnell verthun nach Spielerart, Die nicht ehrlich Handwerk schätzen, All's auf eine Karte setzen Und so wenig produktiv – Die sind Brief, ja, die sind Brief.« Der alte Heller nickt freundlich zustimmend und wiederholt gedankenvoll den Refrain: »Ja, die sind Brief!« Doch das rote Gesicht des Eidgenossen überfliegt es wie Verklärung, und den Blick fest auf den verehrten Greis gerichtet, singt er weiter: »Doch die ringen, wirken, streben Und dem Armen gerne geben, Die nicht fremdes Gut begehren, Jede Hand voll Schwielen ehren, Die im Unglück nicht verzagen, Nicht um Millionen klagen Und die Eitelkeit der Welt, – Die sind Geld! Ja, die sind Geld!« Der Sänger verstummt und setzt sich unter dem Beifall der kleinen Gesellschaft. Heller aber wischt sich gerührt die kleinen grauen Augen. »Ja, ja, die Arbeit,« sagt er ernst, »es geht nichts darüber. Nur auf ihr liegt der Segen Gottes. Mein letzter Feierabend bricht an, aber ich bin glücklich in dem Gedanken, mein Tagewerk ehrlich gethan zu haben.« Frau Viktoria, die mild und demütig geworden, drückt ihrem Alten mit einem freundlichen Blicke die Hand, und erst jetzt bemerkt man, daß schon vor dem Liede Frau Adelheid leise aufgestanden und mit ihrem Kind auf den Altan hinausgetreten und daß nach einer Weile Hans ihnen gefolgt war. Jetzt stehen sie draußen im Abendrot und blicken still und bewegt in die herbstliche Welt. »Adelheid,« sagt er leise und ergreift ihre Hand, »wir haben zusammen viel Ungemach erlebt. Wollen wir einander helfen, unser halbes Glück zu tragen?« »Damit ein ganzes daraus werde!« entgegnet sie sinnend. »Ja, die Blätter fallen, und der Winter steht vor der Thür, aber wir werden beisammen sein und nicht mehr fröstelnd im Leben stehen. Wie schnell und freudlos ist uns der Sommer entschwunden, – der Spätherbst ist da, aber ist es denn zu spät, wenn man sich liebt?« Er drückt einen Kuß auf ihre Hand, und sie neigt ihr stilles, frommes Gesicht, dem der Schmerz die blühende Schönheit genommen, aber dafür die madonnenhafte Milde verliehen, ihrem lieblich aufblühenden Kinde zu, dem sie wieder einen Vater gibt. »O ich Kleingläubiger!« ruft er aus. »Hat nicht der Herbst die schönsten Früchte, freundliche Sonnenblicke ohne brennende Glut, wundervoll abgeklärte Stimmungen, duftverhüllte Fernen? Wir sehen nicht den Schnee auf unserm Scheitel, nicht die Furchen auf unseren Zügen; wir sehen uns mit den Augen der Erinnerung und überwinden mit unserem warmen Herzen den Frost. Und haben wir hier bei uns nicht den Frühling?« »Und eine heilige Pflicht,« sagt sie und küßt die Kleine. Herr Hinnen-Lotz hat indessen verstohlen nach dem Paar geblinzelt. Er sieht es Hand in Hand draußen stehen und den blonden Liebling zwischen ihnen. Nun weiß der Schlaue, daß nicht nur er und sein Jakob glückliche Verlobte sind, und daß noch ehe die Lichter am Christbaum verglühen, eine neue Herrin in dieses Haus einziehen wird, um den süßen Jugendtraum nach einer bangen Frist an der Seite des Geliebten zu Ende zu träumen.