Rudolf Lindau Liquidiert I Die Freundschaft, welche Wilson und Irwing verband, hatte einen guten, triftigen Grund: – die beiden hatten sich gegenseitig das Leben gerettet. Dies war folgendermaßen zugegangen. Im Jahre 1860 waren die Changmaos, die »langhaarigen« chinesischen Rebellen, unter Führung ihres »himmlischen Königs« Taï-ping-wang, des »Herrschers der allgemeinen Glückseligkeit«, von der Südprovinz Kwangsi bis hoch nach Norden vorgedrungen. Sie hatten Nanking, die alte Hauptstadt, Hang-tschau, »das Paradies auf Erden«, Su-tschau, die zweitreichste und größte Stadt Chinas, erobert und zerstört, und sie bedrohten Peking. – Hang-tschau war, nachdem die Changmaos dort ein furchtbares Blutbad angerichtet, von den Kaiserlichen wieder genommen worden; aber Su-tschau, die Hauptstadt der Seidenprovinz Kiang-su, war in den Händen der Rebellen geblieben. Die europäischen und amerikanischen Kaufleute, die sich seit 1844 in der Hafenstadt Schanghai niedergelassen hatten, und die von dort aus einen ergiebigen Handel mit den Chinesen betrieben, waren in großen Ängsten. Für ihr Leben und ihren Reichtum fürchteten sie nicht. Es waren ihrer zwar nur wenige Hundert, aber sie hatten sich in der »fremden Niederlassung« verbarrikadiert, sie waren gut bewaffnet, sie konnten auf die Unterstützung einiger englischer und französischer Kanonenboote rechnen, die in Wusung vor Anker lagen, und sie verachteten die Chinesen, als Soldaten, so gründlich, daß ihnen eine Armee, wo sie einer gegen zehn zu kämpfen gehabt haben würden, keine Furcht eingeflößt hätte. Dazu kam, daß verschiedene »Taïpingkönige«, wie sie selbst sich nannten, – Rebellen-Häuptlinge, wie man sie in Schanghai bezeichnete, jede Gelegenheit wahrgenommen hatten, um freundliche Beziehungen mit den Fremden herzustellen. Diese durften deshalb annehmen, daß, für den Fall die Changmaos bis nach Schanghai kommen sollten, Leben und Eigentum der Europäer und Amerikaner dennoch nicht gefährdet sein würden. – Was die Kaufleute verdroß, war, daß sich die Rebellenarmeen nach der Einnahme von Su-tschau und Sung-kiang zwischen Schanghai und die Seidendistrikte geschoben hatten, und daß die chinesischen Seidenverkäufer, die gleichzeitig die Hauptkäufer von indischem Opium und englischen Manufakturen waren, sich nun nicht mehr nach Schanghai wagten, aus Furcht, unterwegs ausgeplündert oder ermordet zu werden. Der Handel, der viele von den Fremden bereits reich gemacht hatte und sämtliche Neuangekommene in wenigen Jahren reich machen sollte, drohte vollständig in Stocken zu geraten. Diese Befürchtungen waren jedoch nur von kurzer Dauer. Unter den Einwohnern von Schanghai fanden sich bald einige verwegene Abenteurer, die es gegen gute Bezahlung übernahmen, die unterbrochene Verbindung zwischen der Hafenstadt und den Seidendistrikten wieder herzustellen. Sie wußten sich von dem »Himmlischen Könige« Geleitschreiben und Pässe zu verschaffen, und mit diesen Papieren und ihrem waghalsigen Mute zogen sie vereinzelt oder in Gruppen von dreien oder vieren, in kleinen Booten, hunderte von Meilen weit in das Innere, um dort Opium und Waffen gegen Seide einzutauschen. Es war eine kurze Zeit, wo das Glück dem Verwegenen lächelte und ihn in wenigen Wochen zum reichen Manne machte. In der Kegelbahn des englischen Klubs von Schanghai waren an einem heißen Juliabend des Jahres 1860 einige zwanzig junge Männer versammelt. Sie hatten die leichten, weißen leinenen Jacken ausgezogen und die Halstücher abgelegt, und sie schlenderten, sich träge fächelnd, in dem großen luftigen Saale langsam umher. Einige von ihnen hatten sich an einer Partie Kegel beteiligt; die andern sahen den Spielern zu oder unterhielten sich miteinander. Ein jeder von ihnen hatte irgendwo, auf einem der Tische oder Sessel, ein Glas eiskaltes Sodawasser mit Brandy stehen. »Nun, Wilson ist also von seinem Ausfluge zurück?« fragte, sich an seinen nächsten Nachbar wendend, ein großer, hagerer, blasser Mann. »Man sagt mir, er habe sechzig Ballen Tsatlee Tsatlee, Name einer Seidensorte, die in China in den Handel kommt. mitgebracht. Wissen Sie etwas Näheres?« »Sechzig Ballen?« erwiderte der Angeredete verdrießlich, »das muß ich erst sehen, um es zu glauben. Dividieren Sie durch zwei, und Sie kommen der Wahrheit wahrscheinlich näher. Ich weiß von nichts. Dort steht übrigens Wilson. Fragen Sie ihn doch selber! Er kann Ihnen am besten sagen, was er mitgebracht hat.« Der hagere Mann, der »lange Neville«, wie man ihn in Schanghai nannte, wandte seine schwachen Augen der Richtung zu, nach der sein Nachbar gedeutet hatte und näherte sich der Gruppe der Spieler. Er musterte diese aufmerksam, einen nach dem andern, bis er unter ihnen den gesuchten Richard Wilson entdeckte. »Nun, Dick,« sagte er, ihm vertraulich auf die breite Schulter klopfend, »aus dem Innern zurück? Gute Geschäfte gemacht?« Richard Wilson, ein kleiner, untersetzter Mann von zwanzig Jahren, mit kurzgeschorenen, dichten blonden Haaren wandte sich rasch um. Er hatte ein Gesicht, in dem der Ausdruck verwegener, sorgloser Entschlossenheit alles andere beherrschte: eine breite, offene Stirn, helle, blitzende, schnelle Augen, einen großen, geraden, festgeschlossenen Mund und ein breites Kinn. »Wie Sie sehen, Neville! Hier sind wir wieder!« Es war eine Stimme voller Frische und Lebensmut. »Nun, und wie ist es Ihnen ergangen?« fragte Neville weiter. »Gut natürlich! Wie soll es mir sonst gehen?« und er lachte laut auf und zeigte zwei Reihen weißer, starker Zähne. »Haben Sie Seide mitgebracht?« »Jawohl!« »Ist dort, wo Sie gefunden haben, noch mehr zu holen?« »Haufen, Neville, Haufen!« »Nun aber wo denn, alter Freund?« »Ja wo? Da liegt der Hase im Pfeffer. – Da hinten, links, immer grad' aus, bis nach Su-tschau; dann rechts und bis zum Tai-woe – und da ›irgendwo‹!« – Er zeigte mit der Hand ins Blaue hinein und lachte dabei wieder laut und herzlich. – »Suchen Sie, Neville, suchen Sie, wie ich es getan, und wenn Sie ebensoviel Glück wie ich haben, so werden Sie vielleicht finden.« »Wilson!« rief einer der Kegelspieler. » Adsum !« und mit einem Satze hatte er sich von Neville entfernt und die schwere Kegelkugel ergriffen, die gleich darauf die Bahn hinunterflog. »Diese Menschen sind wirklich bewunderungswert,« sagte Wilson eine Minute darauf, sich an einen der Mitspieler wendend. »Da habe ich mich vierzehn Tage lang im Innern umhergetrieben, bin einem halben Dutzend Sonnenstichen entgangen, habe jede Nacht bis vier Uhr morgens Wache gestanden, von Reis und Fisch gelebt wie ein heidnischer Chinese, lauwarmes Soda und Brandy trinken müssen und endlich mit Mühe und Not ein paar Ballen Seide gefunden, die ich mit Lebensgefahr nach Schanghai gebracht habe – und nun erwarten die Menschen, daß ich ihnen meine sauer erworbene Erfahrung für nichts und wieder nichts zur Verfügung stellen soll.« Der junge Mann, dem Wilson diese Bemerkungen mit halblauter Stimme machte, war von großer, kräftiger Statur, er hatte schlichtes, blondes Haar und ein ehrliches, ruhiges Gesicht. Er hörte aufmerksam zu, zog die Schultern lächelnd in die Höhe, aber antwortete nicht und fuhr fort, sich um die Kegelpartie zu bekümmern, an der er beteiligt war. Nachdem diese beendet, brachte er seinen Anzug in Ordnung, setzte sich einen großen leichten Filzhelm auf, wie ihn die Europäer in China zum Schutz gegen die Sonnenstrahlen als Kopfbedeckung tragen, und blieb dann, an einem Pfeiler des Schuppens gelehnt, mit übergeschlagenen Armen nachdenklich stehen. Wilson unterbrach ihn in seinen Träumereien. »Gehen Sie nach Hause, Irwing?« fragte er ihn. »In diesem Falle begleite ich Sie.« Irwing, anstatt zu antworten, begnügte sich damit, sich zu Wilson zu gesellen. Nachdem die beiden einige Minuten lang in der Straße schweigend nebeneinander hergegangen waren, fing Wilson die Unterredung von neuem an. »Nun, was treiben Sie jetzt?« fragte er. »Nichts!« antwortete der andere lakonisch. »Das ist verdammt wenig. Haben Sie Aussicht, etwas Besseres zu finden?« »Nein.« Wieder eine Pause, während der Irwing wohl fühlen mußte, daß er seinen freundlichen Genossen etwas gar zu kurz abgefertigt hatte. Er nahm deshalb das unterbrochene Gespräch wieder auf. »Ich war in England falsch unterrichtet worden«, sagte er. »Man hatte mir dort erzählt, daß ich als Zivilingenieur reichliche und gute Beschäftigung in Schanghai finden werde. Nun treibe ich mich hier aber schon drei Monate ›suchend‹ umher, langweile mich, verzehre meine kleine Barschaft und stehe heute noch genau auf demselben Fleck, auf dem ich mich am Tage meiner Ankunft befand. Ich habe mich beinahe entschlossen, den ersten Dampfer, der nach Nagasacki oder Yokohama geht, zu nehmen, um mein Glück in Japan zu versuchen.« »Augenblicklich sind hier bessere Aussichten für einen Mann wie Sie als irgendwo anders.« »Ich sehe sie nicht.« »Ich gehe in vier oder fünf Tagen wieder in das Innere. Begleiten Sie mich, und ich will Ihnen Aussichten zeigen, daß Ihnen die Augen übergehen sollen. Hunderttausende sind jetzt aus dem Innern zu holen, junger Mann! Hunderttausende!« »Was Sie jüngst erfahren und gelernt haben, ist Ihr Eigentum. Ich mag es Ihnen nicht fortnehmen.« »Unsinn, Mann! Sie glauben doch nicht etwa, daß die Bemerkungen, die ich vorhin über den langen Neville machte, auf Sie gemünzt waren? Ein Hasenherz wie der wird in der Tat niemals erfahren, was ich heute weiß; aber ein Mann wie Sie kann in acht Tagen gerade ebenso klug sein wie ich. – Hören Sie mich an. Ich bin, wie Sie wohl wissen, für Sands' Rechnung in das Innere gezogen. Ich habe ganz gute Geschäfte gemacht; aber ich selbst habe dabei nicht viel verdient. Sands stecken die großen Gewinste ein, und mir bleibt nur eine erbärmliche Kommission. Dafür mag ich die Geschichte nicht ein zweites Mal durchmachen. Ich habe es James Sands offen gesagt, und er sieht ein, daß ich recht habe; aber er will das Geschäft nicht auf gemeinschaftliche Rechnung mit mir machen: dazu, meinte er, wäre ihm das Risiko zu groß; er müßte auf bedeutenden Gewinn hoffen dürfen, um sich veranlaßt zu fühlen, ein Kapital aufs Spiel zu setzen. Er hat nicht unrecht, – und ich habe recht – und wir haben uns in Freundschaft voneinander getrennt. Ich will nun also eine neue Expedition für eigene Rechnung unternehmen; – aber nicht allein. Die Sache kann nur gut durchgeführt werden, wenn man zu zweien geht. Als ich Sie nun heute abend in der Kegelbahn sah, ist mir der Gedanke gekommen, Ihnen vorzuschlagen, mit mir zu gehen. Wollen Sie nicht kommen, so suche ich mir einen anderen; – aber Sie sind mir der Liebste. – Wollen Sie kommen?« »Unter diesen Umständen, ja!« »Sehr wohl! Das ist dann eine abgemachte Sache.« Wilson streckte die kräftige harte Rechte aus, in die Irwing einschlug. Nach einer kurzen Pause fuhr Wilson fort: »Ich brauche Ihnen nicht zu sagen, daß die Sache geheim gehalten werden muß.« »Versteht sich.« »Und daß wir keine Zeit zu verlieren haben, wenn wir nicht wollen, daß uns andere zuvorkommen und uns die Sahne von der Milch fortnehmen.« »Einverstanden.« »Nun denn, mein Plan ist fix und fertig. Ich habe zweitausend Dollars bares Geld, die ich mitnehme. Wieviel können Sie dazuschießen?« »Achthundert Dollars.« »Hm, mit zweitausendachthundert Dollars können wir keine großen Sprünge machen; aber gleichviel. – Sodann handelt es sich darum, eine kleine Konsignation zu erhalten; und da habe ich an Julius Weber, Ihren Wirt, gedacht. Ich kenne ihn seit langer Zeit. Er hat nicht viel; aber er riskiert das wenige gern, wenn er sieht, daß ehrlich gespielt wird. – Glauben Sie, daß er schon zu Bett gegangen ist?« »Nein; er wartet gewöhnlich, bis ich nach Hause komme.« »Nun, dann will ich mit Ihnen hineingehen und wir können die Sache zu dreien weiter besprechen.« Wilson und Irwing waren vor einem kleinen zweistöckigen Hause angelangt, dessen Türen und Fenster weit offen standen, und in das sie hineintraten, ohne von jemand gesehen zu werden. »Wer ist da?« rief eine helle Stimme von der Veranda. »Ich bin es, Irwing; und ich habe Ihnen noch Besuch mitgebracht.« »Kommen Sie auf die Veranda; es ist kühler hier als im Zimmer.« Irwing und Wilson folgten der Stimme, die einem kleinen, behäbigen Mann angehörte, der im Nachtanzuge – das heißt in weiten seidenen Hosen, sogenannte Pudjamas, und in einer leichten chinesischen Jacke, die nackten Füße in Strohpantoffeln – auf zwei großen Sesseln aus Bambus, lang ausgestreckt lag und eine Zigarre rauchte. Er hatte ein Gesicht wie Milch und Blut und große, lachende blaue Augen, die hinter einer Goldbrille verschmitzt und wohlwollend zugleich in die Welt hinausblickten. »Das ist recht, Wilson, daß Sie mich besuchen. Entschuldigen Sie, wenn ich liegen bleibe. Es ist gar zu heiß. Machen Sie es sich bequem. – Boy! Sämtliche chinesischen Diener werden Boy gerufen. Cheroots, Brandy und Soda für die Herren!« Die Neuangekommenen folgten, ohne sich nötigen zu lassen, der Einladung ihres Wirtes, schoben sich ein jeder zwei Sessel zurecht, um sich gehörig ausstrecken zu können, und ließen sich sodann nieder. Der Diener brachte gleich darauf die von Weber bestellten Zigarren und Getränke. Nachdem Wilson einen tüchtigen Schluck Brandy und Soda genommen und sich eine frische Zigarre angesteckt hatte, setzte er Weber ohne irgendwelche Umschweife den Zweck seines späten Besuches auseinander. Er erzählte ihm, er sei im Innern gewesen, er wisse, wo dort Seide billig zu finden, und Opium, Waffen und Pulver teuer zu verkaufen seien, er habe sich mit Irwing verständigt, um eine neue Expedition für gemeinschaftliche Rechnung mit diesem zu unternehmen, und er frage nun an, ob Weber sich bei dem Geschäfte durch eine Konsignation beteiligen wolle. Julius Weber, der, freundlich lächelnd, aufmerksam zugehört hatte, richtete sich jetzt aus seiner liegenden Stellung in die Höhe, nahm die Goldbrille ab, reinigte die Gläser sorgfältig mit einem Zipfel seiner seidenen Jacke, setzte die Brille bedächtig wieder auf, atmete tief, spitzte den Mund, rieb sich das Kinn, sah Irwing und Wilson einige Sekunden lang fest und fragend an, bog sich dann wieder langsam in seine alte Stellung zurück und antwortete endlich: »Das gefällt mir!« Darauf leerte er das halbvolle Glas, das neben ihm stand, und ging auf die näheren Einzelheiten des Geschäfts ein. Nachdem er in Erfahrung gebracht hatte, daß Wilson und Irwing zusammen 2800 Dollars in das beabsichtigte Geschäft stecken wollten, erbot er sich nach einigem Hin- und Herreden mit Wilson, dem gemeinschaftlichen Unternehmen für 4000 Dollars Opium, Waffen und Munition zum Kostenpreise, nach Zuschlag von zehn Prozent Profit, auf Kredit zu verkaufen, und beanspruchte dagegen mit einem Drittel am Gewinn oder Verlust des Unternehmens beteiligt zu werden. Er vertiefte sich sodann noch mit Wilson in eine lange geschäftliche Unterhaltung über die Qualität und den Preis des Opiums, der Waffen, des Pulvers und der Patronen, die er herbeizuschaffen übernahm, und nachdem dies zu beiderseitiger Befriedigung erledigt worden war, stellte er zuletzt sein eigenes großes »Hausboot« den beiden Freunden zur Verfügung. »Sie werden darin so gut aufgehoben sein wie in Ihren Zimmern in Schanghai«, sagte er. »Ich habe das Boot erst vor drei Monaten ganz neu instand setzen lassen. Sie haben dort zwei gute Betten, bequeme Sessel, einen Weinkeller, den ich füllen werde, und eine Eiskiste, die Ihnen fünf Tage aushalten kann, wenn Sie nicht zu verschwenderisch zu Werke gehen. Mein Lauder (Steuermann) ist der beste Bootsmann in Schanghai, und wenn ich ihm sage, um was es sich handelt, und ihm eine gute Belohnung verspreche, so wird er sich noch fünf andere Ruderer aussuchen, die nichts zu wünschen übrig lassen werden.« Weber übernahm es, das Boot in der nächstfolgenden Nacht laden zu lassen. Wilson sagte, er habe nur noch Abrechnung mit Sands zu machen und einige persönliche Angelegenheiten in Ordnung zu bringen und werde übermorgen zur Abreise fertig sein. Irwing, der bis jetzt kein Wort gesprochen hatte, erwiderte auf eine von Weber an ihn gerichtete Frage, daß er jeden Augenblick zum Aufbruch bereit sei – und die drei Freunde trennten sich spät in der Nacht, nachdem die Abreise von Schanghai auf den 1. August, das heißt den zweitfolgenden Tag, abends zehn Uhr, festgesetzt worden war. II Das Boot, das Weber den beiden Abenteurern zur Verfügung gestellt hatte, war am 1. August von Schanghai abgefahren. Wilson und Irwing hatten sich gegen Mitternacht in die Kajüte zurückgezogen und schliefen dort. Die beiden chinesischen Diener, die sie begleiteten, ruhten ebenfalls. Die Bootsleute allein wachten, ihre Arbeit mit kurzen, halblauten Rufen und dem tiefen, eigentümlichen Stöhnen und Ächzen begleitend, mit dem chinesische Lastträger und Schiffer jede anstrengende Arbeit zu verrichten pflegen. – Es war stille, tiefe Nacht geworden. Die leise plätschernde Flut, von vier schweren, breiten und langen Rudern in Kadenz geschlagen, trug das kleine Fahrzeug rasch vorwärts. Das Geräusch der großen Stadt war längst verstummt. Der volle Mond war aufgegangen. Sein Licht lag wie ein silberner Nebelschleier auf der weiten Ebene, die der Kanal durchschneidet, und spiegelte sich in den wellenlosen schwarzen Wassern. Von Zeit zu Zeit glitt das Boot an einer großen dunklen Junke vorüber, die vor Anker lag, oder begegnete einem andern Fahrzeuge. Dann bellten die wachsamen, wolfsähnlichen Hunde, welche die chinesischen Schiffer mit sich führen, und die den Fremden auf große Entfernung wittern, und die Leute der beiden Boote wechselten einige Worte miteinander. Das verhallte aber bald, und dann versank wieder alles in den tiefen Frieden der Nacht. Der Tag dämmerte bereits, als Wilson und Irwing, die sich angekleidet auf ihre Betten geworfen hatten, durch lautes Schreien aus dem Schlafe geweckt wurden. – Man muß in China gewesen sein, um zu wissen, welchen Lärm ein Wortstreit machen kann. – Wilson und Irwing waren daran gewöhnt und wurden dadurch nicht beunruhigt. Sie verließen die Kajüte und begaben sich langsam auf das Verdeck, um zu sehen, was den Lärm verursachte. Das Boot lag vor einer Brücke, die durch eiserne Ketten und einen schweren hölzernen Balken versperrt war. Der Brückenwärter, von einem Dutzend schreiender und gestikulierender Gehilfen umgeben, weigerte sich, diese Hindernisse fortzunehmen. Wilson, der einige Worte chinesisch sprach, und sich das, was er nicht verstand, durch seinen Boy verdolmetschen ließ, brachte nach wenigen Minuten in Erfahrung, daß die Brücke auf Befehl des Stadtobersten von Sonnenuntergang bis Sonnenaufgang gesperrt sei. Er ließ sich darauf an das Ufer fahren, sprang ans Land, und nachdem er drei oder vier Chinesen, die ihm im Wege standen, wenn auch nicht gerade unhöflich, so doch mit großer Bestimmtheit beiseite geschoben hatte, begrüßte er den Brückenmeister, zeigte ihm einige chinesische Papiere, durch die er sich als ein in Schanghai ansässiger europäischer Kaufmann zu erkennen gab, und schloß seine kurze Rede, indem er dem Mann einen Dollar in die Hand drückte. Der Balken wurde darauf unter erneuertem lautem, aber diesmal nicht mehr feindseligem Schreien fortgezogen, und das Boot passierte die Brücke. – Es befand sich nun in einem ansehnlichen Dorfe, dessen Hauptstraße der Kanal bildete. Aber es war noch sehr früh, und nur hie und da erblickten Wilson und Irwing, die auf dem Verdeck geblieben waren, den Kopf eines Neugierigen oder Ängstlichen, den das Hundegebell und das Schreien der Brückenwächter aus dem Schlafe gestört hatte. Als das Boot das lange Dorf hinter sich gelassen hatte, sahen die Reisenden zur Rechten und zur Linken eine weite, vollständig flache, grüne Ebene, aus der nur hie und da einige niedrige, mit Bäumen bepflanzte Hügel – chinesische Gräber – hervorragten. Alles war ruhig und still. Die Sonne war aufgegangen und beleuchtete das fruchtbare Land, auf dem es grünte und blühte und alles zur Arbeit und Ernte einlud. Aber kein Feldarbeiter, kein menschliches Wesen war zu erblicken. Alles war öde und tot; nur einige große Raubvögel zogen trägen Flügelschlages durch die graue Morgenluft. – Wilson und Irwing hatten den schmalen friedlichen Landstrich erreicht, der das Lager der Rebellen von dem der Kaiserlichen trennte. Von letzteren hatten sie noch nichts bemerkt, es sei denn, daß der Brückenwärter und seine schreienden Gefährten Soldaten des kaiserlichen Heeres gewesen waren. – Die Leiche einer Frau, die mit aufwärts gekehrtem Gesichte still auf dem Kanale lag und dem vorwärts getriebenen Boote langsam entgegen zu schwimmen schien, zeigte, daß man sich den Aufständischen näherte. Nach einer Stunde einförmiger Fahrt gelangte das Boot an eine der hohen, aus einem Bogen bestehenden Brücken, wie man sie zu Tausenden auf den chinesischen Kanälen antrifft. Wilson und Irwing stiegen dort aus, um sich zu orientieren, und gewahrten, als sie auf der Brücke standen, ein Rebellenlager in unmittelbarer Nähe. Die Wachen, deren äußerste Vorposten sich der Brücke bis auf hundert Schritte näherten, schienen zunächst unentschlossen, was sie zu tun hätten, und bedeuteten sodann durch Zeichen, daß das Boot anhalten solle. Unsere Freunde setzten sich darauf nieder und warteten geduldig. Sie sahen, wie einer der Soldaten dem Lager zulief und nach kurzer Zeit mit einer Gruppe von fünf anderen Soldaten zurückkam. Sie gingen diesen entgegen und trafen bald mit der zerlumpten und gefährlich aussehenden Gesellschaft zusammen. »Die Leute haben wahrscheinlich nichts Böses im Sinn«, sagte Wilson. »Ich habe ähnliches Gesindel auf meiner letzten Reise überall angetroffen. Aber es ist doch immer besser, vorsichtig zu sein. Verlieren Sie sie nicht aus den Augen, gestatten Sie ihnen nicht, hinter Sie zu treten, und halten Sie Ihren Revolver in der Tasche bereit. Zeigen dürfen Sie ihn nicht, denn die Kerle sind dermaßen erpicht auf einen guten ›Colt‹, daß sie, um einen solchen zu bekommen, ihre eigenen Brüder abschlachten würden.« Unter den neuangekommenen Chinesen befand sich ein Rebellenoffizier, der an Wilson, nachdem er ihn höflich begrüßt hatte, einige Fragen richtete. Aber der Angeredete antwortete darauf nicht und begnügte sich damit, einen von dem Oberbefehlshaber in Su-tschau unterschriebenen und besiegelten Paß vorzuzeigen, und dem Rebellenoffizier zu verstehen zu geben, daß er nicht gesonnen sei, sich auf lange Unterhandlungen einzulassen, und bäte, sein Boot, das in friedlicher und freundlicher Absicht nach Su-tschau gehe, ungehindert weiterfahren zu lassen. – Wilson hatte eine ihm eigentümliche Art und Weise zu sprechen. Trotz seines schlechten Chinesisch merkten die Changmoas wohl, daß er nicht einzuschüchtern sei und nicht gestatten werde, daß man ihn unnütz aufhalte. Der Offizier, der zu Anfang etwas prahlerisch aufgetreten war, änderte den Ton und bat nur, man möge ihm Zeit gönnen, in das Lager zurückzukehren und dem Kommandanten Bericht zu erstatten. Damit war Wilson einverstanden, empfahl jedoch dem Boten größte Eile an und kehrte, nachdem dieser sich wieder entfernt hatte, mit Irwing nach seinem Beobachtungsposten auf der hohen Brücke zurück. Nach kurzer Zeit erschien derselbe Offizier wieder. Er sagte, der General wünsche die geehrten fremden Reisenden zu sehen, und bat um die Erlaubnis, das Boot besteigen zu dürfen, um es selbst bis nach der am Kanale gelegenen Wohnung des Generals zu begleiten. Das Lager bestand aus einem Dutzend erbärmlicher, halb zerstörter Häuser und aus dreißig bis vierzig Zelten; es schien ungefähr tausend Mann zu fassen. Vor dem Hause und jedem Zelte wehten kleine, an langen Bambusstangen befestigte Flaggen. Die meisten waren viereckig: weiß mit einem schwarzen Viereck in der Mitte; andere waren dreieckig und buntfarbig oder mit chinesischen Buchstaben bemalt. Der ganze Kanal vor dem Lager war mit verdeckten Booten angefüllt, von denen ein jedes, außer den Ruderern, acht bis zwölf Mann tragen zu können schien. Die Wohnung des Generals befand sich in der Mitte des Lagers. Der Rebellenoffizier ließ dort Halt machen und ersuchte Wilson und Irwing, auszusteigen und ihm zu folgen. Sobald die Fremden Fuß ans Land gesetzt hatten, waren sie von einer Schar Neugieriger umringt. Es waren meist zerlumpte, kräftige Gestalten, mit schmutzigen, wenig Vertrauen einflößenden Gesichtern. Sie unterschieden sich von anderen Chinesen hauptsächlich durch ihre Kopftracht. Zwar hatten sie den Zopf nicht abgeschnitten, aber das Haupthaar um den Zopf, das die anderen Chinesen rasieren, war ungeschoren und wohl einen Fuß lang. Der Zopf war um den Kopf gewickelt und am Ende desselben ein großes blutrotes Tuch eingeflochten, welches das ganze Haupt wie mit einem Turban bedeckte. Der General, ein Mann in den Dreißig, groß und hager, hatte kleine, glänzende, schwarze, schiefe Augen, die nicht gerade wohlwollend auf den Eintretenden ruhten. Aber Wilson ließ sich dadurch keineswegs außer Fassung bringen, zeigte seinen Paß vor und erklärte ziemlich unwillig, daß er hoffe, die unnützen Verzögerungen würden nun ein Ende haben und man werde ihm gestatten weiterzuziehen. Der General antwortete nur wenig, beeilte sich jedoch, eine Art Visa auf den Paß zu setzen und den Fremden mitzuteilen, daß sie wahrscheinlich noch vor Abend eine größere Militärstation erreichen würden, deren Befehlshaber die Verantwortlichkeit übernehme, sie weitergehen zu lassen oder zurückzuschicken. Damit wurden sie entlassen und konnten ihre Reise fortsetzen. »Wie kommt es,« sagte Irwing, als die beiden wieder im Boote saßen, »daß die Leute, die sich doch gewiß einbilden, daß es bei uns etwas zu plündern gibt, uns nicht anfallen? Ehrlich sehen sie gerade nicht aus, und Furcht können wir zwei ihnen doch nicht einflößen.« »Nun, etwas Furcht haben sie doch«, meinte Wilson; »man hat ihnen Wunderdinge von uns erzählt, und sie betrachten uns ein wenig wie ambulierende feuerspeiende Berge, denen man sich nicht ohne Gefahr nahen darf. Die Hauptsache ist aber, daß sie wirklich strengen Befehl haben, Fremde unbehelligt zu lassen, und daß sie wissen, wie schnell es mit dem Kopfabschlagen geht, wenn sie ungehorsam sein sollten. Der verrückte Taï-ping-wang bildet sich ein, wir könnten mit der Zeit seine Verbündeten werden und ihm in seinem Kampfe gegen den Kaiser in Peking beistehen. Solange dieser harmlose Wahn uns zugute kommt, mag er ihn behalten!« Während des ganzen Tages zogen Wilson und Irwing ruhig weiter. Ein günstiger Wind hatte sich erhoben und gestattete den Bootsleuten, das viereckige Segel aufzuziehen und die anstrengende Arbeit des Ruderns auf einige Zeit zu unterbrechen. Sie legten sich darauf, nachdem sie eine leichte Mahlzeit eingenommen hatten, zur Ruhe und schliefen bald ein. Das Boot glitt vollständig geräuschlos durch den verödeten Kanal. Nach allen Seiten hin erstreckte sich unübersehbar weit das tote Land. Viele Dörfer wurden durchfahren, aber sie standen alle leer. Die Augustsonne brannte glühend heiß, die Unterhaltung zwischen Wilson und Irwing, die seit langer Zeit träge geworden war, ermattete mehr und mehr, und endlich schliefen die beiden jungen Leute ebenfalls ein. – Als sie erwachten, lag das Boot unbeweglich still. Der Wind hatte sich gelegt, das Segel war heruntergelassen worden, und sämtliche Bootsleute, der Steuermann mit inbegriffen, schliefen fest. Wilson weckte sie und befahl ihnen weiterzurudern, und bald glitt das Boot wieder schnell durch die wellenlose, fast strömungslose Flut. »Wir können nicht mehr sehr weit vom großen Lager sein,« bemerkte Wilson, »und es liegt mir daran, es in vollem Tageslichte zu erreichen und vor der Nacht zu verlassen. Ich habe bei meiner letzten Reise den dortigen Befehlshaber kennen gelernt. Er hat mich mit allerhand Freundschaftsversicherungen überhäuft, aber besser ist es doch, wir bringen die Nacht nicht in seiner unmittelbaren Nähe zu. In ein paar Stunden müssen wir Halt machen, um die Leute frisch zu erhalten. Es ist kein Spaß, bei vierzig Grad Hitze das schwere Boot vorwärts zu treiben. – Weber hatte recht, seinen Lauder zu loben. Er ist ein tüchtiger Schiffer und hat sich eine gute Equipage ausgesucht.« Nachdem die Bootsleute noch eine Stunde lang ununterbrochen kräftig gerudert hatten, kam das zweite Rebellenlager in Sicht. Es befand sich in einer am Kanal gelegenen, ziemlich großen Stadt, die von altertümlichen, verwitterten Wällen umgeben war. Auf denselben flatterten Hunderte von buntfarbigen Fahnen und Fähnchen. Sobald man das Fahrzeug, das eine englische Flagge am Maste trug, von der Stadt aus erblickt hatte, stieß ein Kahn vom Ufer und kam ihm entgegen. In diesem Kahn befand sich, außer den Ruderern, ein Offizier, in dem Wilson einen Bekannten begrüßte, und der diesen auf das freundlichste bewillkommte. Dieser Offizier war ein ungemein beweglicher kleiner Mann, der in großer Hast allerhand Fragen an Wilson richtete und gar nicht zu bemerken schien, daß sie unbeantwortet blieben. Er hatte übrigens ein so freundliches, hübsches Gesicht, und sein seidenes Kleid und seine seidene Kappe waren so reinlich und gaben ihm ein so anständiges Aussehen, daß Wilson, dessen Geduld in der Regel nicht lange vorhielt, sich seine Schwätzereien eine Zeitlang ruhig lächelnd gefallen ließ. Dann machte er ihm jedoch durch seinen Boy, der herbeigerufen war, um Dolmetscherdienste zu versehen, klar, daß er keine Zeit zu verlieren habe und bald weiter reisen müsse. Da gab es nun vieles Hin- und Herreden: – der General wünschte die fremden Freunde zu sehen, er hatte Silber, er hatte Seide, er wollte Waffen kaufen. Weshalb beständen die Fremden darauf, weiter zu gehen? Gastfreundliche Aufnahme sollte ihnen bereitet werden. – Aber Wilson beharrte bei seinem Willen und bewog den kleinen Offizier schließlich nachzugeben, indem er ihm einen Revolver schenkte und versprach, ihm auf der Rückreise, in vier bis sechs Tagen, eine Büchse zu hinterlassen. Auf der Hinreise, sagte er, dürfe er sich seiner Waffen nicht entäußern, da er sie möglicherweise gegen schlechtes Gesindel zu gebrauchen haben könne. Der Offizier nickte darauf bedeutsam mit dem kleinen, klugen Kopf und sagte, es gäbe in der Tat viel schlechte Menschen auf der Welt. Zum Schluß überreichte er Wilson einen Paß und empfahl ihm an, diesen nur vorzuzeigen, nicht abzugeben, da er ihm auch auf der Rückreise wieder dienlich sein könnte. Die äußersten Vorposten des Lagers, setzte er hinzu, würden die englischen Freunde am See finden, den sie bei gutem Rudern in anderthalb bis zwei Stunden erreichen könnten. »Bis zum See müssen wir in der Tat vor Einbruch der Dunkelheit noch kommen« – meinte Wilson, nachdem das Boot die Mauern der großen Stadt, auf denen Hunderte neugieriger Chinesen die Fremden begafften, hinter sich gelassen hatte. – »Hier im engen Kanale zu übernachten, wo wir vom Ufer aus überfallen werden könnten, wäre nicht ratsam. In der Mitte des Sees dagegen können wir wie in Abrahams Schoße ruhen. Es ist heller Mondschein, und so leicht wird sich kein Boot auf Schußweite an uns heranwagen. – Mut, Lauder! Heiho! Vorwärts: In einer Stunde könnt ihr alle schlafen gehen. Und doppelten Lohn für den Tag, wenn wir vor einer Stunde am See sind!« Die hageren, sehnigen Bootsleute, nackt bis zum Gürtel, die gelbe ölige Haut mit Schweiß bedeckt, legten sich mit erneuter Kraft auf die schweren Ruder. Ihr kurzes Schreien und Stöhnen: »haihiha . . . haihiha!« ertönte in immer schnellerem Tempo. Das Boot schien über den Kanal zu fliegen. »Wenn es einmal zum Ausreißen kommen sollte,« sagte Wilson, zufrieden lächelnd, »so haben wir wenigstens gute Beine zum Fortlaufen. Die Kerle rudern wirklich ausgezeichnet.« Nach einer Weile ermatteten die Bootsleute von der übermäßigen Anstrengung. Das Tempo wurde wieder langsamer, das einförmige Rudern ertönte nur noch wie ein schweres Röcheln. Aber in unmittelbarer Nähe erblickte man den See. Am Eingange desselben, den Weg versperrend, lagen zwei große beflaggte Boote, von denen ein jedes eine Mannschaft von zwanzig Soldaten enthielt. Wilson zeigte den Paß vor, den ihm der kleine Offizier gegeben hatte, der Befehlshaber der Kriegsboote nickte ihm darauf vertraulich zu, und unsere Freunde fuhren weiter. Der See hatte einen Durchmesser von anderthalb bis zwei englischen Meilen. Das Boot wurde langsam und gelassen bis in die Mitte desselben gefahren; dann ließ der Lauder die Ruder einziehen, warf einen kleinen Anker aus, und eine Minute darauf saß er, inmitten seiner Leute, rauchend und schwatzend auf dem Vordeck, während einer der Schiffer sich damit beschäftigte, die Abendmahlzeit, aus Reis, getrocknetem Fisch und Tee bestehend, zuzubereiten. Nicht weit vom Boote schwamm ein Zug wilder Enten. »Ich habe Lust, etwas für unser Abendbrot zu schießen«, sagte Irwing, auf die Vögel deutend. »Dann müssen Sie es mit der Büchse versuchen,« antwortete Wilson, »denn ein Gewehr und Schrot habe ich nicht mitgenommen.« Irwing stieg in die Kajüte hinunter und erschien bald wieder mit einer Büchse bewaffnet. Er legte an, zielte eine kurze Weile und feuerte. Die Enten erhoben sich mit lautem Flügelschlag und zogen dem Ufer zu. Eine von ihnen blieb zuckend auf dem Wasser liegen. »Bravo!« rief Wilson. »Das war ein guter Schuß!« Irwing lächelte und antwortete: »Büchsen- und Pistolenschießen ist stets eine Liebhaberei von mir gewesen.« Einer der Bootsleute lag bereits im Wasser und schwamm schnell und leicht der Stelle zu, wo der tote Vogel lag. Nach wenigen Minuten hatte er ihn an Bord geworfen. Es war nun wieder Abend geworden. Rings umher herrschte feierliche Stille. An den Ufern des Sees erkannte man im Lichte des verschwindenden Tages zahlreiche Ortschaften, hie und da erhob sich eine hohe Pagode oder das mächtige schwere Dach eines Tempels; aber nirgends rauchte eine Feuerstelle, nirgends erblickte man einen Menschen. Alles schien wie ausgestorben. Fern am Horizont schimmerte ein dunkelrotes, unheimliches Licht, in dem es von Zeit zu Zeit schwefelgelb aufleuchtete. »Da wird wieder gesengt und gemordet«, bemerkte Wilson. – »Es ist kein Kinderspiel, diese Rebellion. Unser Konsul in Schanghai, der während der letzten Jahre ziemlich genau Buch und Rechnung über die Verwüstungen geführt hat, schätzt die Verluste an Menschenleben bis jetzt auf sieben Millionen. Wie er das beweisen will, weiß ich nicht; aber nach dem, was ich selbst gesehen habe, und was Sie wohl auch noch sehen werden, scheint mir die Zahl gar nicht so unwahrscheinlich. Unter einer Bevölkerung von dreihundert Millionen gibt es viel zu morden. – Die Einnahme von Hang-tschau allein soll vierzigtausend Menschen das Leben gekostet haben. Su-tschau werden Sie selbst sehen. Vor einem Jahr lebten dort zwei Millionen Leute. Heute besteht die ganze Bevölkerung aus einigen fünfzigtausend verhungernder Bettler und Banditen; die anderen Einwohner sind entflohen, ermordet oder haben sich selbst umgebracht. Selbstmord ist hier zu Land eine nationale Einrichtung. So leicht verzweifelt der Chinese nicht. Er ist sogar recht zähe und hält schlechte Behandlung länger aus als der Europäer. Aber wenn es gar zu schlimm wird, oder wenn sich panischer Schrecken seiner bemächtigt, so erscheint ihm Selbstmord als das einfachste Mittel, aller Unruhe und allen Qualen ein gründliches Ende zu machen. Dann erhängt oder vergiftet oder ertränkt er sich. Erschießen und Halsabschneiden ist weniger beliebt. In Hang-tschau sind die Menschen beim Nahen der Changmaos zu Tausenden in das Meer gelaufen und haben sich ertränkt. – Jeder hat so seinen Geschmack. Der meine wäre es, glaube ich, nicht, mir das Leben zu nehmen.« Irwing hatte während des ganzen Tages keine hundert Worte gesprochen und antwortete auch jetzt wieder nicht. Aber Wilson konnte sich doch recht gut mit ihm unterhalten. Irwing war ein aufmerksamer und verständiger Zuhörer, sobald jemand ernsthaft mit ihm sprach. Nur er selbst konnte nicht viel Worte machen. Er war etwas schwerfällig und außerordentlich wortkarg. Er besaß nicht eine Spur von schlagfertigem Witz. Jeder schwatzhafte Narr hätte ihn in einem Wortstreite mit Leichtigkeit überwältigen können. Aber er war ein vorzüglicher Ingenieur und löste jede Aufgabe, die ihm gestellt war, so schwierig sie auch sein mochte, so gut wie einer. Nur mußte man ihm Zeit geben und mußte ihn ganz allein lassen. Dann saß er, mit den Händen in den dichten blonden Haaren, die Ellenbogen aufgestützt, die tiefen Augen unverwandt auf einen Fleck gerichtet, still nachsinnend da, bis es plötzlich in dem ernsten Gesichte hell aufleuchtete und er mit einer freudigen, schnellen Bewegung aufstand. Dann hatte er gefunden, was er suchte, und dann blieb es ihm für alle Zeiten. Auch sein Herz wurde nur durch lang anhaltende Eindrücke wirklich berührt. Ungerechtigkeit und Grausamkeit konnten ihn wohl sofort bis zum Jähzorn aufreizen, und der Anblick fremden Elends machte ihn weich bis zur tiefsten Rührung; aber dies waren rasch vorübergehende Eindrücke, die sein kindliches Herz empfing. Liebe, Freundschaft, Haß, Verachtung konnten dort nur langsam Wurzel schlagen. Das heitere, gesunde, frische Temperament Wilsons zog Irwing an. Seine Gesellschaft war ihm immer angenehm gewesen. Den Vorschlag, mit ihm in das Innere zu gehen, hatte er gern angenommen. Daß er sich dabei irgendeiner Gefahr aussetzte, war ihm nicht in den Sinn gekommen. Er hatte noch nie eine Gefahr gekannt; und er fürchtete sich nicht. Seine Furchtlosigkeit hatte nichts mit dem modernen Mute gemein, der in den meisten Fällen aus Gehorsam vor den Gesetzen der Ehre und Pflicht entspringt. Sie war angeborener, ungebeugter Trotz, wie die Alten ihn besser kannten als wir, wie man ihn heute bei den Irländern und den nordischen Völkerschaften noch am häufigsten, aber auch dort nur selten findet. Wilson war ebenso verwegen und furchtlos wie Irwing, und es war ein seltener Zufall, der die beiden jungen Männer zusammengeführt hatte. Aber die Welt ist klein, und merkwürdige Begegnungen gibt es darin kaum, und es ist deshalb auch nicht zu verwundern, daß Wilson und Irwing sich getroffen hatten. Die beiden saßen an jenem Abend noch lange auf dem Verdecke des Bootes. Die Schiffsleute und die Boys schliefen fest. Der See lag still, wie tot da. Aber aus weiter Ferne kamen, über das Wasser daher, schwache, langgezogene, unheimliche Laute, wie Klagen und herzzerreißendes Jammern. Irwing schauderte zusammen. – »Hörten Sie das?« fragte er. »Was war das?« »Die Rebellen haben vielleicht noch einige unglückliche Landbewohner gefunden, die sich zu früh in ihre Wohnungen zurück gewagt haben, und treiben nun ihr gewöhnliches Handwerk: sie morden.« Der rote Feuerschein am Himmel war erloschen. »Es ist besser, wir gehen zu Bett«, sagte Wilson nach einer langen Pause. »Morgen abend sind wir in schlechter Gesellschaft und werden nicht so ruhig dasitzen können wie heute.« III Wilson und Irwing langten am Abend des zweiten Tages, nachdem sie Schanghai verlassen hatten, wohlbehalten in Su-tschau an. Dieser letzte Teil der Reise war freilich höchst beschwerlich und unangenehm gewesen. Das Land, durch das der Weg führte, war überall auf das schrecklichste verwüstet. Geplünderte und niedergebrannte Ortschaften bildeten gewissermaßen die Ufer des Kanals. Verwesende Leichname, die man häufig und zahlreich vorfand, verbreiteten einen pestilenzialischen Geruch. Friedliche Landbewohner waren nirgends zu erblicken, und die einzigen menschlichen Wesen, denen die Reisenden begegneten, waren Soldaten der Rebellenarmee, die in Anzug und Gebärde den schlimmsten Banditen glichen. Die Schiffsleute und die Boys wurden ängstlich; sie baten, man möge doch nach Schanghai zurückkehren. Wilson beruhigte sie nur mit großer Mühe; ja zuletzt mußte er drohen, er werde sie den Changmaos ausliefern, wenn sie nicht den in Schanghai versprochenen Gehorsam leisteten. – Das Boot wurde nicht selten zum Anhalten gezwungen. Die Papiere, die Wilson vorzeigen konnte, und das hochmütige, energische Wesen, mit dem er den Rebellen überall entgegentrat, hatten jedoch zur Folge, daß die Weiterreise nach kleinen Verzögerungen immer wieder gestattet wurde. Wilson hatte während der Fahrt erzählt, daß er vor vierzehn Tagen in Su-tschau die Bekanntschaft mit einem wohlhabenden chinesischen Kaufmann erneuert habe, der früher nach Schanghai zu kommen pflegte, dem es wahrscheinlich durch Bestechungen gelungen sei, das Wohlwollen einiger Rebellenhäuptlinge zu gewinnen, und der diesen und sich selbst nun erhebliche Dienste leiste, indem er, wenn auch vorläufig noch mit beschränkten Mitteln, den Versuch mache, einen Handelsverkehr mit Schanghai, auf den die umsichtigen Rebellen ebenfalls großen Wert legten, herzustellen. An diesen Kaufmann, namens Assing, dessen Wohnung in Su-tschau Wilson kannte, waren das Opium, die Waffen und die Munition, die er mit sich führte, so gut wie verkauft. Auch durfte er erwarten, bei ihm einige vierzig bis sechzig Ballen Seide zu finden. »Das Geschäft wird sich natürlich nicht so leicht abwickeln, als wenn wir in Schanghai in unserem Hause säßen,« setzte Wilson hinzu, »denn Freund Assing, der ein ganz durchtriebener Halunke zu sein scheint, wenn er auch nicht gerade ein Spitzbube ist, weiß sehr wohl, daß er keine Konkurrenz zu fürchten hat, und wird zunächst auf unsere Bedingungen nicht eingehen wollen; aber schließlich muß er mir doch nachgeben. Er hat den Rebellen versprochen, ihnen Waffen zu verschaffen, und er weiß, daß er erst dann auf neue und bedeutende Zufuhren aus Schanghai rechnen kann, wenn sich dort die Nachricht verbreitet hat, daß man im Rebellenlager nicht geradezu mit Halsabschneidern verkehren muß.« Su-tschau, seit dem Fall von Nanking die Hauptstadt der Provinz Kiangsu, die nahe an vierzig Millionen Einwohner zählt, galt noch zu Anfang des Jahres 1860 als eine der reichsten und schönsten Städte von ganz China. Man wagte es, sie mit London und Paris zu vergleichen; und im Munde der Chinesen gab es ein altes, geflügeltes Wort, das man in Schanghai oftmals hören konnte: »Oben ist der Himmel; aber auf der Erde Su und Hang« (Su-tschau und Hang-tschau). Im Frühjahr 1860, nachdem HoKwei-tsing, der Generalgouverneur der Provinz Kiangsu, von den Aufständischen, denen er sich mit einer starken Armee entgegengestellt hatte, geschlagen worden war, füllte sich Su-tschau mit flüchtigen kaiserlichen Soldaten. Sü, der Gouverneur, ließ darauf die großen und reichen Vorstädte niederreißen, in der Hoffnung, daß es ihm gelingen werde, Su-tschau selbst, das mit hohen, festen Mauern umgeben war, gegen das drohende Anstürmen der Changmaos zu schützen. Aber die flüchtigen Soldaten, die keine Disziplin mehr kannten, und die sich durch Plündern in den Vorstädten bereichert hatten, verweigerten den Gehorsam, noch ehe die Rebellen in Sicht kamen. Sü erhängte sich darauf an einem Baum im Hofe seines Palastes, nachdem er seine Frauen und Kinder in ein Haus eingesperrt und dort verbrannt hatte. Er wagte nicht zu entfliehen, aus Furcht vor dem Zorne seines kaiserlichen Herrn; und er wollte nicht, daß er oder ein Mitglied seiner Familie lebend in die Hände der Changmaos fiele. Nach seinem Tode, im Monat Mai, suchten die meisten Bürger von Su-tschau ihr Heil in der Flucht. Ein Teil der Unglücklichen gelangte bis nach Schanghai; Tausende und aber Tausende starben auf der Reise, brachten sich selbst um das Leben oder wurden von den Changmaos und von Räuberbanden, die sich schnell gebildet hatten, ausgeplündert und niedergemetzelt. Su-tschau selbst fiel am 9. Juni ohne Schwertstreich in die Hände der Aufständischen. Die geflüchteten Einwohner hatten an tragbarer, wertvoller Habe mit sich genommen, was sie nur irgend retten konnten; aber viel kostbare Möbel, Waren und Gerätschaften hatten sie zurücklassen müssen. Alles dies wurde von den Rebellenhorden geraubt oder mutwillig zerstört. Die engen langen Straßen, in denen vor wenigen Wochen noch reiches, gesundes Leben geherrscht hatte, waren nun verödet: zerschlagene Möbel, aufgerissene, besudelte Ballen und Kisten Waren aller Art versperrten den Weg an vielen Stellen, die Türen und Fenster der Häuser waren eingeschlagen, alles Verschlossene war dort gewaltsam erbrochen worden, und inmitten der furchtbaren Verwüstungen verwesten Tausende von Leichen, zeigten sich starke Rudel wolfsähnlicher verwilderter Hunde und vegetierten einige blödsinnige, halbverhungerte Greise und Greisinnen. Die Changmaos, nachdem sie im Innern der Stadt das Werk der Zerstörung vollendet, hatten sich auf die, an den äußeren Kanälen gelegenen, größeren Straßen zurückgezogen, die sie im Interesse der eigenen Sicherheit von Leichen gesäubert hatten. In einem dieser Kanäle der Vorstadt, in der Nähe der kolossalen, neunstöckigen Pagode Pok-tsu, eine der berühmtesten Bauten von Su-tschau und von ganz China, befahl Wilson, vor einem massiven Gebäude Halt zu machen. Das Haus hatte eine niedrige, schmale, mit dickem Eisenblech beschlagene Tür, die vier bis fünf Fuß über dem Spiegel des Kanals gelegen war. Eine steinerne Landungstreppe von wenigen Stufen führte zu der Tür. An der Treppe lag ein kleiner Kahn, in dem ein Bootsmann lang ausgestreckt schlief. In den Kanälen von Su-tschau, die, wie in Venedig, die Stadt nach allen Richtungen hin durchschneiden, findet man ebensoviel kleinere und größere Fahrzeuge, wie man in den belebten Straßen einer europäischen Hauptstadt Equipagen und Wagen antrifft. Das in Schanghai nach einem chinesischen Modell gebaute Boot, auf dem sich Wilson und Irwing befanden, und das von chinesischen Schiffsleuten gerudert wurde, war, ohne Aufmerksamkeit zu erregen, nach seinem Bestimmungsorte gelangt. Wilson hatte die englische Flagge, die bis dicht vor Su-tschau oben auf dem Maste geweht hatte, herunterziehen lassen und war mit Irwing in die Kajüte getreten, um den Blicken der Vorüberfahrenden zu entgehen. Sobald das Boot aber an der Treppe angelegt hatte, begab er sich in das Haus, aus dem er nach wenigen Minuten mit einem freundlich lächelnden, anständig gekleideten Chinesen zurückkam. Dies war Assing. Wilson stellte ihm seinen Reisegefährten vor, nötigte ihn zum Sitzen und machte es sich dann selbst auf einem der langen Sophas bequem, die während der Nacht als Bettstellen dienten. Der Neuangekommene sprach die in Schanghai zwischen Europäern und Chinesen gebräuchliche Umgangssprache, das sogenannte Pidgin-Englisch, mit großer Geläufigkeit, so daß die Unterhaltung zwischen ihm und Wilson ohne jede Schwierigkeit geführt werden konnte. Nachdem die gewöhnlichen Begrüßungsformeln ausgewechselt, Wilson einige Nachrichten aus Schanghai, und der chinesische Kaufmann die letzten Neuigkeiten aus dem Rebellenlager erzählt hatte, kam Assing endlich auf den eigentlichen Gegenstand seines Besuches, indem er fragte, was Wilson an Waren mit sich führe. »Ein paar gute Büchsen und Revolver und ein paar Kisten Opium und Munition,« war die Antwort. Der chinesische Kaufmann fragte darauf, ob er Proben dieser Sachen sehen könne, und nachdem ihm diese gezeigt waren und er sie mit der Miene eines Kenners in Augenschein genommen hatte, erkundigte er sich mit einem etwas verlegenen Lächeln nach den Preisen, welche man dafür verlange. Die Antwort, die er auf diese Frage erhielt, setzte selbst den gelassenen Irwing in Erstaunen. Wilson, der lang ausgestreckt dalag, die Hände hinter dem Kopfe gekreuzt, eine brennende Zigarre im Munde und die Augen durch den Schirm seines vorgeschobenen großen Helmes halbverdeckt, nannte mit großer Ruhe vier- und fünffach höhere Preise als die in Schanghai in dem Augenblicke üblichen. Assing sprang, als ob er entsetzt wäre, in die Höhe und näherte sich dem Ausgange. Wilson rührte sich nicht. Der Chinese besann sich auch bald wieder eines andern, blieb in der Mitte der Kajüte stehen und sagte mit einem Tone zärtlichen und komischen Vorwurfes, Herr Wilson beliebe wohl zu scherzen. Dieser entgegnete kein Wort. Assing zog darauf einen noch nicht sehr alten Preiskurant von Schanghai aus der Tasche und versuchte, auf die dort gedruckten Zahlen sich stützend, seinem Geschäftsfreunde zu beweisen, daß die von ihm gestellten Anforderungen geradzu unvernünftige wären. Wilson ließ den Mann eine ganze Weile ungestört sprechen. Dann setzte er die Beine auf den Boden, schob den Helm in den Nacken zurück, stützte die Hände auf die Knie, und den Chinesen mit seinen klaren, scharfen Augen fest ansehend, sagte er – ziemlich gelassen, aber dennoch in unverhohlen schlechter Laune: »Glauben Sie etwa, Freund Assing, daß ich die Reise von Schanghai bis zu diesem verdammten Raubneste zu meinem oder zu Ihrem Vergnügen unternommen habe? – Nicht einen Cent lasse ich mir von den von mir geforderten Preisen abhandeln; und wenn Sie ihn nicht annehmen, so kehre ich heute nacht noch nach Schanghai zurück. Dort warten Schiffsladungen von Waren für Sie und Ihre Rebellenfreunde; aber Sie wissen wohl, daß nicht eine Unze Opium, nicht ein Pfund Pulver den Weg nach Su-tschau finden wird, wenn ich berichte, daß hier kein Geschäft zu machen ist. Also halten Sie mich und sich nicht unnütz auf, und sagen Sie ohne weiteres ›Ja‹ oder ›Nein‹ zu meinem Vorschlage. Sie verdienen ja doch noch genug bei dem Geschäft und übernehmen dabei nicht die halbe Gefahr, die ich gelaufen habe.« Die chinesischen Kaufleute sind äußerst gewandt und zeigen in ihren Unterhandlungen mit Fremden eine Sicherheit und Schnelligkeit des Entschlusses, die man, so lange man sie nicht kennt, gar nicht bei ihnen vermutet. Assing wollte sich nicht gleich für vollständig geschlagen erklären. Er handelte und bat noch lange, man möge ihm doch einige, wenn auch geringe Zugeständnisse machen. Wilson blieb unerschütterlich. Nach einer halben Stunde endlich, nachdem der Chinese die Liste sämtlicher zu verkaufenden Waren noch einmal aufmerksam mit traurigem Kopfschütteln und Seufzen geprüft hatte, flog plötzlich, ganz unerwartet, ein freundliches, verschmitztes Lächeln über seine Züge und er sagte: »Sehr wohl, das Geschäft ist gemacht; – aber Sie sind ein sehr harter Mann, Herr Wilson.« Darauf er hob sich dieser und sagte gelassen: »Alles ist in Ordnung« – und beide, Wilson und Assing, klappten sodann dreimal in die Hände als Zeichen, daß der Vertrag mündlich abgeschlossen sei. Wenige Minuten später folgten die beiden Engländer der Einladung des Kaufmanns, der sie bat, eine Tasse Tee bei ihm einzunehmen. Ehe jedoch die drei das Boot verließen, wurden einige handfeste Kulis, Diener Assings, gerufen, um das Fahrzeug während der Abwesenheit der Besitzer gegen etwaige Angriffe vereinzelter Banditen zu schützen. In dem kleinen Stübchen des chinesischen Kaufmanns wurden nun alle Einzelheiten zur vollständigen Regelung des soeben abgeschlossenen Geschäftes besprochen. Assing wünschte die Ladung noch während der Nacht in Empfang zu nehmen und in seinem Godown (Magazin) unterzubringen. Er war erfreut zu hören, daß die Ankunft der Fremden kein Aufsehen erregt hatte. Das Geld für die Waffen versprach er im Laufe des nächsten Tages in vollwichtigen mexikanischen Silberdollars oder in Sycee-Shoes (Silberbarren) auszuzahlen. Wilson war mit diesen Vorschlägen einverstanden und zögerte nicht einen Augenblick, dem Kaufmann die Waren zu überlassen, ehe er das Geld dafür empfangen habe. Er kannte den Mann von Schanghai her, er wußte, daß er dort bedeutende Geschäfte machte, und er würde nicht angestanden haben, ihm noch größeres Vertrauen, als im gegenwärtigen Augenblick beansprucht wurde, zu schenken. Im allgemeinen ist der Verkehr mit den Chinesen außerordentlich sicher. Wirkliche Betrügereien kommen nur selten vor. Die in China ansässigen fremden Kaufleute wissen dies: sie gewähren den einheimischen Kaufleuten großen Kredit und haben bis jetzt nur selten Gelegenheit gehabt, es zu bereuen. Der Chinese ist, mit nur wenigen Ausnahmen, sehr habgierig. Dies erklärt den großen Wert, den er auf Pünktlichkeit in Geldsachen legt, und die peinliche Genauigkeit, mit der er seinen Verpflichtungen in dieser Beziehung nachzukommen sucht. Auf der anderen Seite erträgt er Geldverluste, ja vollständigen Ruin, mit bewunderungswerter Gelassenheit. Er ist sehr besorgt um seinen kaufmännischen Ruf und imstande, bedeutende Opfer zu bringen, um in den Augen seiner Geschäftsfreunde einen ehrenwerten Namen aufrecht zu erhalten. Wilson wußte dies alles, und der Vorschlag Assings fand deshalb bereitwilliges Entgegenkommen bei ihm. – Die Ablieferung der Waffen und des Opiums ging während der Nacht ruhig vonstatten. Am nächsten Morgen teilte Wilson seinem Genossen mit, daß er sich nun, nachdem der erste Teil des Geschäftes in befriedigender Weise erledigt sei, um den zweiten Teil, nämlich um den Einkauf von Seide, bekümmern werde. Er sah voraus, daß dies auf etwas größere Schwierigkeiten stoßen würde, da Seide für die Chinesen selbst einen so hohen Wert hat, daß gar nicht daran zu denken war, beim Einkauf der Seide ebenso günstige Bedingungen zu erzielen, wie beim Verkauf der Waffen und des Opiums erreicht worden waren. Doch hoffte er mit Sicherheit, ein gutes Geschäft machen zu können, da Assing bei den unruhigen Zeiten, in denen man lebte, das leicht zu verbergende Silber jeder, wenn auch noch so kostbaren Ware vorziehen würde. Der Chinese, wahrscheinlich um glauben zu machen, daß ihm am Verkauf der Seide wenig gelegen sei und daß er das mit Wilson gemachte Geschäft als vollständig abgeschlossen betrachte, ließ noch im Laufe des Vormittags das in großen Säcken verpackte, gewissermaßen verborgene Silber, nachdem es in seinem Hause bei verschlossenen Türen und Fenstern als vollgültig und richtig befunden worden war, in die Kajüte des Schanghaibootes bringen. Dort wurde es an einem möglichst geheimen Ort untergebracht. Nach dem Frühstück, das der Chinese mit seinen englischen Freunden eingenommen hatte, kamen Wilson und Assing jedoch ganz natürlich auf das Seidengeschäft zu sprechen und einigten sich schließlich dahin, daß man den Nachmittag benutzen wolle, um fünfzig Ballen Seide, die sich in einem feuerfesten Godown, in geringer Entfernung von der Stadt, befänden, in Augenschein zu nehmen. Wilson, um während der Fahrt auf den belebten Kanälen keine Aufmerksamkeit zu erregen, zog sich ein langes chinesisches Kleid an, wie es von den einheimischen Kaufleuten getragen wird, und verbarg sein helles Haar, so gut er es konnte, unter einer kleinen Kappe, über die er zum Schutze gegen die Sonnenstrahlen einen großen, breitränderigen Strohhut setzte. Er machte sich sodann mit Assing auf den Weg, nachdem er Irwing anempfohlen hatte, auf dem Boote Wache zu halten und es unter keiner Bedingung von einem fremden Chinesen betreten zu lassen. Ein Diener Assings, der ebenfalls das sogenannte Pidgin-Englisch sprach, blieb bei Irwing, um ihm bei etwaigen mündlichen Auseinandersetzungen mit anderen Chinesen behilflich zu sein. Wilson riet seinem Freund an, einige geladene Revolver und »Henry-Rifles« bereit zu halten, und begab sich sodann, über das Schicksal des Zurückbleibenden und des Geldes, das dieser bewachte, vollständig beruhigt, mit Assing und drei Rebellenoffizieren, die sich zu ihnen gesellt und wahrscheinlich Anteil an dem Geschäfte hatten, nach dem Packhaus, in dem die zu verkaufende Seide verwahrt war. Die Wacht, die Irwing während dieses langen Sommernachmittags zu halten hatte, war nicht leicht. Trotz aller angewandten Vorsicht hatten doch einige Neugierige die Anwesenheit der Fremden bemerkt, und wenige Stunden, nachdem Wilson fortgegangen war, kamen mehrere kleine Kähne herangeschwommen, die mit zerlumptem, bewaffnetem Gesindel gefüllt waren. Sie näherten sich dem Boot auf kurze Entfernung und begannen eine schreiende Unterhaltung mit dem Lauder und mit Assings Diener. Dieser kam bald darauf in die Kajüte, um stammelnd zu berichten, daß die Leute an Bord des Bootes zu kommen wünschten, um den Fremdling selbst und die sich in der Kajüte befindlichen ausländischen Möbel in Augenschein nehmen zu können. Irwing antwortete einfach: »Sie dürfen nicht kommen«, – und als das Schreien fortdauerte und immer lauter wurde, steckte er sich zwei Revolver in die Tasche, nahm einen starken Rohrstock, dessen Griff eine schwere Bleikugel bildete, in die Hand, stellte eine geladene Büchse im Innern der Kajüte an die Tür und ließ von dem Boy einen Sessel auf das Verdeck tragen. Nachdem er diese Vorbereitungen mit großer Ruhe getroffen und sich durch einen Blick aus dem Kajütenfenster überzeugt hatte, daß sein Boot dicht an der Mauer von Assings Hause lag, so daß also nur von einer Seite ein Angriff möglich war, trat er langsam zur Türe hinaus und stieg auf das niedrige, kleine, durch das Dach der Kajüte gebildete Verdeck. Das Schreien verstummte einen Augenblick, als die Chinesen den großen, blonden Mann erblickten, der sich, nachdem er sie längere Zeit gemustert, auf dem für ihn bereitgestellten Stuhle niederließ. Nach wenigen Minuten jedoch fing der Lärm von neuem an. Einige zwanzig Kähne, von denen ein jeder drei bis fünf Mann trug, hatten sich nun bereits versammelt. Sie sperrten die Durchfahrt in dem Kanale beinahe vollständig, und es war vorauszusehen, daß das Gedränge und Geschrei mehr und mehr zunehmen werde. Aber alles dies kümmerte Irwing nicht. Er saß auf dem Verdeck und bewachte den ihm von Wilson anvertrauten Schatz wie ein guter treuer Hofhund, der nur seine Pflicht kennt, und der die scharfen Zähne zeigt und knurrt, wenn sich Diebe nahen, unbekümmert, ob ihrer zwei oder zwanzig ihn bedrohen. Eine ganze Stunde lang begnügten sich die Chinesen einfach damit zu schreien. Keiner von ihnen hatte den Mut, sich zuerst auf das von dem fremden Manne verteidigte Boot zu wagen. Mehrere von ihnen trugen schlechte Gewehre auf den Schultern; aber der Europäer hatte ihnen noch nichts getan, es war ihnen von ihren Vorgesetzten befohlen, die »rothaarigen Freunde« aus Schanghai mit Achtung zu behandeln; und obgleich Disziplin im Rebellenheere wohl nicht einmal dem Namen nach gekannt war, so wußten die Soldaten doch, daß für gewisse Missetaten Enthauptung die sichere und schnelle Strafe zu sein pflegte. Diejenigen, welche nun Irwing begafften und anschrien, waren nicht ganz sicher, ob ein Angriff auf den »Barbaren« nicht vielleicht eine jener verpönten Taten sein könnte. Plötzlich änderte sich das Bild, und das Geschrei verstummte. Ein staatliches, von sechs Ruderern vorwärts getriebenes Boot, auf dem mehrere dreieckige gelb und schwarze Flaggen wehten, kam rasch dahergeschwommen. Die kleinen Kähne wichen scheu nach allen Richtungen hin aus. Das Boot machte Irwing gegenüber in einer Entfernung von wenigen Schritten halt, und einer der Leute, die sich am Bord desselben befanden, rief unserem Freunde etwas zu. Assings Diener, der sich ängstlich in der Kajüte versteckt gehalten hatte, und dessen Aufmerksamkeit durch das plötzliche Verstummen des Lärms erregt worden war, erschien darauf auf dem Verdeck und beantwortete unter höflichen Verbeugungen die von dem Neuangekommenen an ihn gerichteten Fragen. Nach einigem Hin- und Herreden und nachdem der fremde Chinese zweimal in die Kajüte seines Bootes gestiegen war, um seinem dort wartenden Herrn Bericht von dem was vorging abzustatten, verdolmetschte Assings Diener Irwing endlich, der Herr in dem Boote sei ein hoher Taïpingoffizier, der um Erlaubnis bitte, dem »fremden Freunde« einen Besuch machen zu dürfen. Dies war Irwing bereit zu gestatten, unter der Bedingung jedoch, daß der Offizier allein käme. »Mit einem dieser Kerle werde ich unter allen Umständen fertig werden,« dachte er sich, »und möglicherweise macht der Besuch dem Spektakel ein Ende, der mir unangenehm zu werden anfängt.« Der Taïpingoffizier, ein junger, reichgekleideter Mann, der nun auf dem Verdeck seines Fahrzeuges erschien, war bereit auf Irwings Vorschlag einzugehen, und sein Boot wurde deshalb dicht an das andere herangezogen. Der junge Engländer ging ihm entgegen und bot ihm sogar die Hand, um ihm beim Einsteigen in sein Boot behilflich zu sein; als aber zwei andere Chinesen aus der Begleitung des Offiziers ihrem Herrn folgen wollten und bereits den Fuß auf Irwings Verdeck gesetzt hatten, sprang dieser ihnen, sobald er ihrer ansichtig wurde, mit einem Satze entgegen und versetzte einem jeden einen so heftigen Stoß, daß sie zurücktaumelten, das Gleichgewicht verloren, und der eine in das Wasser, der andere in das chinesische Boot fiel. Nun entstand plötzlich wieder großes Geschrei: der Taïpingoffizier wurde grünlich blaß; aber Irwing, als sei nichts Außergewöhnliches geschehen, näherte sich ihm und nötigte ihn freundlich, in die Kajüte zu treten. Der Changmaos zögerte eine Sekunde; dann hob er den Arm und gebot mit lauter, zorniger Stimme Ruhe. Als diese hergestellt war, folgte er Irwing. Assings Diener war ebenfalls in die Kajüte getreten, und mit seiner Hilfe führten nun der Changmaos und Irwing eine längere, freundliche Unterhaltung. Als der Offizier sich zurückziehen wollte, überreichte Irwing ihm einen Revolver, den der Chinese mit freudestrahlendem Gesichte annahm. Er eilte in sein Boot, kam sofort wieder zurück und gab Irwing mit den lebhaftesten Freundschaftsbezeugungen eine ziemlich große, aus Jadstein kunstreich geschnittene Büchse. Dann entfernte er sich, wiederholt und höflich grüßend. Seine Schiffsleute riefen dem Gesindel, das sich noch immer nicht verzogen hatte, aber in ehrerbietiger Entfernung geblieben war, einige drohende Worte zu, und das große Fahrzeug ruderte sodann schnell weiter. Eine Viertelstunde blieb alles ruhig; dann begann der Lärm von neuem: erst schüchtern, dann lauter und lauter. Auch näherten sich die Kähne wieder. Irwing, der seit dem Besuche des Offiziers in der Kajüte geblieben war, nahm darauf seinen alten Sitz auf dem Verdeck wieder ein. Plötzlich, ehe er es sich versah, hatten zwei der Kähne eine schnelle Bewegung gemacht, an der Spitze und am Steuer seines Bootes angelegt, und fünf Kerle, in zerlumpten und schmutzigen Kleidern mit roter Schärpe und rotem Turban, waren an Bord des Bootes gesprungen. Irwing hob den Revolver und feuerte zweimal. Zwei der Banditen, die vom Steuer her auf ihn zurannten, fielen getroffen nieder. Er wandte sich darauf nach links und sprang den von der Spitze her Eindringenden entgegen. Der schwere Stock, den er in die rechte Hand genommen hatte, hob und senkte sich drei, viermal; – dann ertönte Heulen und Winseln, und die drei Chinesen lagen sich krümmend auf dem Verdeck. Irwing ergriff den ersten, der zu seinen Füßen gefallen war, hob ihn in die Höhe und schleuderte ihn mit großer Gewalt in das Wasser. Nun wurde das Geheul und Geschrei ganz furchtbar, auch knallten Gewehre, und Irwing hörte einige Kugeln in die Mauer hinter sich einschlagen. Er sprang sofort wieder auf das Verdeck, die verwundeten Chinesen vorläufig ihrem Schicksal überlassend, da sämtliche Kähne, jetzt, wie auf ein gegebenes Signal, schnell auf ihn zugerudert wurden. Er feuerte, mit tödlichem Ziele, noch rasch hintereinander vier Schüsse ab, und hatte soeben den zweiten Revolver gehoben, um den Kampf fortzusetzen, als ihn lautes Hurrarufen den Kanal hinauf blicken ließ. – Assings großes Boot, in rascher Fahrt vorwärts getrieben, näherte sich, und an der Spitze stand Wilson. Er hatte den chinesischen Rock, der ihn in seinen Bewegungen hätte hindern können, abgeworfen und sich des Hutes und der Kappe entledigt. Sein blondes Haar, sein weißes Gesicht, seine hellen Augen strahlten zwischen den braunen Fratzen, die das Boot umdrängten. Er hielt eine lange, schwere mit einem eisernen Haken versehene Stange in der Hand, wie sich die Schiffer deren beim Landen bedienen und hieb damit unbarmherzig auf jeden ein, an dem sein schnelles Fahrzeug vorbeiglitt und den er erreichen konnte. Auf dem Hinterdeck erkannte Irwing die drei Offiziere, die vor einigen Stunden mit Wilson und Assing ausgezogen waren. Sie gestikulierten lebhaft und schrien ebenso laut wie das Gesindel, welches sie umringte. »Gerade zur rechten Zeit, wie es scheint!« rief Wilson, indem er auf das Verdeck neben Irwing sprang. »Ja, die Leute wurden in der Tat unbequem,« antwortete dieser. »Aber sieh' da!« fügte er lächelnd hinzu, »sie sind wie weggeblasen!« Der Kanal war in der Tat plötzlich leer geworden, und von dem schreienden, raub- und mordsüchtigen Pack, das noch vor wenigen Minuten das ganze Fahrwasser versperrt hatte, war nichts mehr zu hören und zu sehen. Sämtliche Kähne hatten sich, sobald sie in dem ankommenden Boote höhere Offiziere erkannt, in die nächstgelegenen Seitenkanäle geflüchtet, um der Verfolgung und Bestrafung für den von ihnen geplanten Angriff auf das englische Boot zu entgehen. Assing gesellte sich nun ebenfalls zu seinen Gästen und bemühte sich, die Unannehmlichkeiten, denen Irwing ausgesetzt gewesen war, zu entschuldigen. Er sagte, sie könnten nur einem unglücklichen Zufall oder Mißverständnis zuzuschreiben sein, denn sämtliche Changmaos erblickten Freunde und Verbündete in den Fremden; jedenfalls würde er Sorge tragen, daß in Zukunft nichts derartiges vorfallen könnte: das Boot solle eine Wache haben, die es vor jedem Angriff schützen werde. Irwing meinte, die Sache wäre abgetan und es verlohne sich nicht der Mühe, weiter darüber zu sprechen. Darauf sah er sich nach den verwundeten Chinesen um, die er während des Kampfes unberücksichtigt gelassen hatte. Nur einer von ihnen war schwer, keiner tödlich verwundet. Sie blickten ihn mit seitwärts, von unten her auf ihn gerichteten Blicken flehend an wie Hunde, die gepeitscht werden sollen, und baten, man möge ihnen gestatten sich zu entfernen: sie hätten niemals böse Absichten gehabt, sie seien nur aus Neugierde an Bord gekommen, und der fremde Herr möge sie nicht zu streng für ihr Vergehen bestrafen, indem er sie an die Offiziere ausliefere. Irwing zuckte die Achseln und sagte, sie möchten sich seinetwegen zum Teufel scheren. Nach einigen Minuten hatten sie das Boot verlassen und entfernten sich in einem Kahne, den sie, als er gerade am Boot vorüberfahren wollte, angerufen hatten. Als die beiden Freunde eine halbe Stunde später wieder ruhig und ungestört in der Kajüte saßen, erzählte Wilson, nachdem Irwing mit zwanzig Worten die Geschichte seiner Wacht erledigt hatte, daß das Geschäft mit Assing in befriedigender Weise beendigt sei, und daß sie morgen früh um vier Uhr Su-tschau verlassen würden, um die Seide an dem Orte, wo sie in Sicherheit lagere, in Empfang zu nehmen. »Ich kalkuliere,« schloß Wilson seinen Bericht, »daß wir an den fünfzig Ballen, die ich gekauft habe, sechs bis acht Schilling verdienen: das macht fünfundzwanzig Prozent. Alles in allem werden wir also für unsere Reise recht gut bezahlt werden. Aber das Beste kommt möglicherweise noch. Der eine Offizier, den Sie soeben gesehen haben, der magere große Mann, hat mir, während Assing ihn nicht beobachtete, mitgeteilt, daß er in einem andern Packhause, an einem kleinen Seitenkanale gelegen und das er mir von Assings Godown aus gezeigt hat, einen Vorrat von dreißig Ballen habe, den er mir für einen Spottpreis ablassen wolle. Der Mann hat die Seide, wenn er sie überhaupt besitzt, worüber ich noch einige Zweifel hege, jedenfalls gestohlen. Das tut mir des ehrlichen Eigentümers wegen leid; aber daran können wir nun einmal nichts ändern, und jedenfalls ist es besser, daß uns die Geschichte zugute kommt als einem andern, der später den Weg hieher finden wird. Der Changmaos hat mir das größte Geheimnis anempfohlen, und ich habe mit ihm folgendes verabredet: Nachdem wir morgen früh Assings Seide in Empfang genommen haben, fahren wir ein paar Meilen weiter bis zu einem alleinstehenden, verwüsteten Tempel, dessen Lage der Mann mir genau beschrieben hat. Dort warten wir bis zur Dunkelheit, und dann begeben wir uns nach dem Godown zurück, wo die dreißig Ballen lagern sollen. Sind sie wirklich dort, so werden wir sie schon für das Geld und die paar Waffen, die wir noch haben, bekommen; hat mir der Mann etwas vorgelogen, worauf ich vollständig gefaßt bin, so ist das auch kein großes Unglück. Wir haben dann einen Tag verloren, den wir während der Nacht, wenigstens teilweise, wieder einholen können.« Spät am Abend, nachdem der größte Teil des Silbers aus dem Boote wieder in Assings Hände gewandert war, als Gegenzahlung für die Seide, die am nächsten Morgen in Empfang genommen werden sollte, folgten unsere beiden Freunde der Einladung ihres Wirtes, mit diesem einen längeren Spaziergang durch die verwüstete Stadt zu machen. Der Anblick des unbeschreiblichen Elendes, das ihnen überall unverhüllt und schrecklich entgegentrat, ekelte sie jedoch dermaßen an, daß sie sich bereits nach einer Stunde wieder nach ihrem Boote zurückbegaben. Sie schlossen sich dort in der Kajüte ein, überließen dem Lauder und den Boys auf dem Verdeck Wache zu halten und schliefen ruhig, bis Assing sie um vier Uhr morgens weckte. Als der Tag eben heraufdämmerte, verließen sie Su-tschau, um halb sechs Uhr langten sie an dem Seidenmagazin an, und um acht Uhr bereits, nachdem die fünfzig Ballen so gut wie möglich in der Kajüte und teilweise auf dem Hinterdeck untergebracht waren, wurde die Rückreise nach Schanghai angetreten. Assing nahm auf das freundlichste Abschied von ihnen und bat sie, je eher je lieber nach Su-tschau zurückzukehren. Den langen Tag verbrachten Wilson und Irwing ungestört in dem Tempel, der an einem Seitenkanal gelegen war, und den Wilson, nach den Andeutungen des Rebellenoffiziers leicht gefunden hatte. Gegen neun Uhr abends ruderten sie dem Gebäude zu, in dem, nach der vorher getroffenen Verabredung, dreißig Ballen Seide in Empfang genommen werden sollten. Wilson und Irwing hatten, um auf alle Fälle vorbereitet zu sein, einen kleinen Feldzugsplan verabredet. Darnach sollte das Boot dem Packhause gegenüber, in der Mitte des Kanals, halten und sich dem Ufer erst dann nähern, wenn einer von ihnen dem Lauder dies bedeuten würde; ferner sollte Irwing, mit dem schweren Stock und zwei Revolvern bewaffnet, sich stets in der Nähe der Tür des Godown aufhalten, bis man ganz sicher geworden sei, daß man keinen hinterlistigen Anfall gegen sie geplant habe. Wilson selbst wollte sich, anscheinend unbefangen, im Magazine bewegen, aber er werde immer auf seiner Hut sein und sich nicht überraschen lassen. »Sobald einer von uns etwas sieht, was verdächtig erscheint,« schloß Wilson seine Rede, »so übernimmt er für den Augenblick das Kommando, und der andere gehorcht ihm dann blindlings. Zu längeren Auseinandersetzungen ist möglicherweise keine Zeit. Weder Sie noch ich werden so leicht den Kopf verlieren, und wenn Sie mir also irgend etwas zurufen, so tue ich ohne Bedenken, was Sie von mir verlangen. Dasselbe darf ich wohl von Ihnen erwarten für den Fall ich der erste sein sollte, der Unrat merkt.« Irwing antwortete darauf sein gewöhnliches: »Das ist ganz in Ordnung.« Es war eine dunkle, gewitterschwüle Nacht. Der Himmel hatte sich mit dichtem schwarzen Gewölk überzogen, und nirgends war ein Stern zu erblicken. Wilson und der Lauder hatten sich jedoch am Tage bereits so gut orientiert, daß sie ohne Mühe das gesuchte Gebäude fanden. Es war, wie die meisten chinesischen massiven Godowns, ein viereckiges Haus mit kleinen hochgelegenen Fenstern, die durch eiserne Fensterladen feuerfest verschlossen werden konnten. Die Tür war nur wenige Fuß breit und gerade hoch genug, um einem Mann, der einen Ballen Seide auf dem Kopfe getragen hätte, Durchgang zu gewähren. Wilson und Irwing, ersterer eine Laterne in der Hand, die ihm gestattete, einen Umkreis von zehn bis zwanzig Schritt zu übersehen, näherten sich dem Hause vorsichtig. Draußen war kein lebendes Wesen zu erblicken; aber aus der halbgeöffneten Tür fiel ein schwacher Lichtschein. Wilson stieß diese Tür mit dem Fuße auf, hob die Laterne in die Höhe und musterte das Innere eines großen, viereckigen halbdunklen Raums. In der Mitte desselben stand ein kleiner Tisch, an dem auf zwei hohen Stühlen der Offizier, dessen Bekanntschaft Wilson am vorhergehenden Tage gemacht hatte, und ein anderer Chinese, beide aus kurzen Messingpfeifen rauchend, ruhig dasaßen. Auf dem Tische brannte eine gewöhnliche chinesische Öllampe. Das Licht, das sie verbreitete, war jedoch zu schwach, um Wilson zu gestatten, sich genau davon Rechenschaft abzulegen, was sich in den in Halbdunkel gehüllten Ecken des Saales befinden möge. Undeutlich erkannte er an der der Eingangstür gegenüber gelegenen Mauer einen großen, mit dickem Packpapier verhängten Haufen, der einige zehn Fuß lang und fünf bis sechs Fuß hoch sein mochte. Der Taïpingoffizier erhob sich, sobald er die Eintretenden erkannte, und kam ihnen freundlich lächelnd und grüßend entgegen. Er wollte sie nötigen, auf den Stühlen Platz zu nehmen, die er und sein Freund verlassen hatten; aber Wilson verweigerte höflich, dies anzunehmen, indem er vorgab, er habe große Eile und wünsche die Seide sofort zu sehen, um womöglich das ihm vorgeschlagene Geschäft abschließen zu können. Irwing war, der getroffenen Verabredung gemäß, in der unmittelbaren Nähe der Tür stehen geblieben. Der Offizier bat ihn, er möchte sich doch nähern; aber Irwing tat, als ob er nicht verstände, und verharrte unbeweglich auf seinem Posten. Nach mehreren vergeblichen Versuchen, ihn von dort zu entfernen, und nachdem Wilson bereits einige unverkennbare Zeichen von Ungeduld gegeben hatte und endlich äußerte, er würde fortgehen, wenn man nun nicht gleich anfinge geschäftlich zu verhandeln, gab der Offizier, mit sichtbarem Widerstreben jedoch, nach und sagte mit der Hand auf den verdeckten Haufen deutend, dort läge die Seide, und der fremde Herr könne sie sogleich in Augenschein nehmen. Aber kaum hatte Wilson einige Schritte gemacht, als der Offizier plötzlich einen Schrei ausstieß, und in demselben Augenblick auf Wilson zusprang, um ihn von hinten zu packen. – In einer Sekunde vollständiger Verwirrung bemerkte Irwing, wie das Papier, das die Seide verdecken sollte, schnell heruntergerissen wurde und mehrere bewaffnete Kerle auf seinen Freund losstürzten. Dieser aber war mit einem großen Satze wieder an dem Tisch, und Irwing sah nur noch, wie er dies Möbel samt der darauf befindlichen Lampe umstieß. Das Licht erlosch im Nu, und es wurde pechfinster in dem großen Raume. »An die Tür draußen, und schlag' jeden nieder, der herauskommt!« so rief Wilson. Irwing war mit einem Schritt im Freien und blieb an der Mauer, unmittelbar neben der Tür, den schweren Stock in der Rechten, schlagbereit, unbeweglich stehen und lauschte . . . und wartete. In dem dunklen Raume wurde auf Leben und Tod gekämpft. Irwing hörte unruhiges Hin- und Herlaufen, dumpfes Schlagen, lautes Schreien; dann wieder Ächzen und Röcheln; – aber Wilson war verstummt. Irwing horchte . . . lauschte, als ob sein Leben von jedem Tone, den er hörte, abhinge . . . Wilsons Stimme ließ sich nicht wieder vernehmen. – Plötzlich erschien eine dunkle Gestalt in der Tür. Gleich darauf lag sie, von Irwings wuchtigem Schlag niedergeschmettert, röchelnd am Boden. Zwei andere Chinesen ereilte in wenigen Minuten, im Augenblick, wo sie aus dem Hause entfliehen wollten, dasselbe Schicksal. Ein vierter der Bande, der mit einem großen Satz durch die Tür ins Freie sprang, entkam. Darauf trat eine längere Pause ein und dann wurde es totenstill. »Ich bin's,« hörte Irwing endlich flüstern, und Wilson stand neben ihm. »Können Sie Licht anzünden?« – Seine Stimme klang heiser und fremd. »Ja.« Wilson machte die Tür des Godown zu und lehnte sich mit dem Rücken dagegen. Er atmete laut und schwer. Als Irwing ein Schwefelholz angezündet hatte, sah er während einiger Sekunden, daß Wilsons Gesicht und Hände und sein weißer Anzug mit Blut besudelt waren. Er hielt ein langes amerikanisches Messer, ein sogenanntes »Bowieknife« in der Hand. Mehr konnte Irwing nicht erkennen: das Lichtchen ging schnell aus, und es wurde wieder dunkel. »Sind Sie schwer verwundet?« fragte er besorgt. »Nein, ich glaube nicht. Aber wir müssen eine Laterne finden. Stecken Sie noch ein Schwefelholz an und leuchten Sie in den Saal hinein.« Wilson öffnete die Tür, und der andere tat wie ihm geheißen. Dicht am Eingange lag Wilsons Laterne. Irwing hob sie auf. Die Tür wurde wieder von außen zugemacht und die Laterne angesteckt. »Können wir wegen dieser Halunken ruhig sein?« fragte Wilson, auf die drei Körper deutend, die Irwing niedergeschlagen hatte. »Ich denke ja,« war die Antwort, »aber wir können uns leicht vollständige Sicherheit verschaffen.« – Der eine der Elenden war, wie sich nun ergab, tot. Irwing hatte ihn mit der schweren Bleikugel auf den Kopf getroffen und ihm den Schädel zerschmettert. Die beiden anderen lebten noch; aber ihre totbleichen, ängstlichen Gesichter ließen sie als augenblicklich ungefährlich erscheinen. »Nun, Sie haben ja recht hübsch gearbeitet,« meinte Wilson. »Ich bin neugierig zu sehen, was ich eigentlich angerichtet habe. Halten Sie Ihren Revolver bereit und feuern Sie auf alles, was sich bewegt.« Er öffnete die Tür und blickte mit hochgehobener Laterne in dem Saal umher. Dort sah es wüst aus. – Zwei Chinesen lagen, aus gräßlichen Wunden blutend, anscheinend leblos am Boden. In einer Ecke kauerten zwei andere, die schwarzen glänzenden Augen furchtbar geöffnet und auf die Fremden gerichtet. Wilson näherte sich ihnen vorsichtig, in der linken Hand die Laterne, in der rechten einen Revolver tragend. Einer der beiden Leute bedeckte sich das Gesicht mit den weiten Ärmeln seines Rockes, des Todes gewärtig; der andere warf sich auf die Knie und berührte den Boden mit der Stirn. Der Mann, der sich das Gesicht verhüllte, war der Offizier. Wilson erkannte ihn und wandte sich an Irwing. »Das ist der Spitzbube, der die ganze Geschichte angerichtet hat,« sagte er. »Ist es der Mühe wert, ihn totzuschießen?« »Nein!« antwortete Irwing. Wilson ließ den Arm, in dem er den Revolver hielt, und den er in die Höhe gehoben hatte, wieder sinken und ging weiter. Unter dem Papiere versteckt fand er einen dritten Chinesen, der aus einer tiefen Wunde am Halse blutete. Er richtete einen flehenden, furchtsamen, jämmerlichen Blick auf Wilson und warf sich zu seinen Füßen nieder. – Dieser ließ ihn liegen und vollendete die Besichtigung des Saales, in dem er aber niemand weiter fand. Irwing bemerkte, daß sein Genosse hinkte und langsam und schwerfällig ging. Er forderte ihn auf, an Bord des Bootes zurückzukehren und sich verbinden zu lassen; aber Wilson meinte, man müsse die Leute zunächst für einige Zeit ungefährlich machen. Er rief darauf den Lauder, der nach wenigen Minuten mit einer Laterne erschien, und ließ durch diesen die zwei verwundeten Chinesen, die vor der Tür lagen, in das Haus tragen. Der Lauder tat wie ihm befohlen, ohne Erstaunen oder Schrecken zu zeigen. Er sagte nur: »Heija!« und kicherte, als ob er etwas höchst Spaßhaftes gesehen hätte. Darauf wurde die schwere Tür des Hauses mit einigen großen Steinen, die man in der Nähe fand verrammelt, und dann bestiegen Wilson, Irwing und der Lauder das am Ufer wartende Boot. »Mit wieviel Leuten haben wir eigentlich zu tun gehabt?« fragte Wilson. »Mit neun!« Wilson zählte im Kopfe nach. »Ich finde nur acht,« sagte er. »Einer ist entflohen,« erklärte Irwing – und er erzählte, daß ein Chinese mit einem großen Satz aus der Tür gesprungen und gleich darauf in der Dunkelheit verschwunden sei. »Desto besser für die Verwundeten dort im Hause,« meinte Wilson, »denn der Entflohene wird morgen früh jedenfalls wiederkommen, um nachzusehen, was aus seinen Diebesbrüdern geworden ist; aber auch ein Grund mehr, daß wir uns hier nicht zu lange aufhalten. – Vorwärts, Lauder! Was die Leute nur arbeiten können! Es ist hier nicht geheuer, und wir müssen vor allen Dingen den großen Kanal wieder erreichen.« Die Bootsleute legten sich mit Macht auf die schweren Ruder; sie wußten, daß sie im Fall einer Überrumpelung dieselbe Gefahr liefen wie ihre europäischen Herren. Nach dreiviertel Stunden anstrengender, ununterbrochener Arbeit hatte das Fahrzeug den großen Kanal wieder erreicht. Dort fühlten sich unsere Freunde in Sicherheit, und die Reise konnte nun wieder ruhiger fortgesetzt werden. Wilson hatte das Verdeck bis dahin nicht verlassen wollen; jetzt endlich gab er den wiederholten Aufforderungen Irwings nach und stieg in die Kajüte hinab, um sich umzukleiden und seine Wunden untersuchen zu lassen. Sie erwiesen sich, dem äußern Anschein nach, als nicht gefährlich. Es waren zwei leichte Schnittwunden im linken Arm, ein ziemlich tiefer Stich im Oberschenkel, endlich eine kleine, häßlich aussehende Verletzung an der rechten Hand. Irwing wusch diese Wunden sorgfältig mit Essig und Wasser aus und verband sie dann, so gut er es konnte. Während dieser Beschäftigung erzählte Wilson die Geschichte des Kampfes im Dunklen. »Ich sah das Papier sich bewegen,« begann er »und wußte sofort, daß wir in einen Hinterhalt gefallen waren. Es kam mir vor, als ob einige zwanzig der braunen Teufel aus der Wand hervorsprangen, und das machte mich ängstlich. Hätte ich gewußt, daß wir es nur mit einer kleinen Anzahl zu tun hatten, so hätten wir einen hübscheren Kampf bei Laternen- und Lampenbeleuchtung haben können; aber ich fand nicht Zeit, lange zu zählen, und da lag mir vor allem daran, im Dunklen zu sein. Ich stieß deshalb den Tisch um, auf dem das Licht stand, und rief Ihnen zu, draußen vor der Tür Wache zu halten. Nun hatte ich schönes Spiel, denn ich wußte ja, daß ich nur Feinde treffen konnte. – Die ersten drei oder vier Schläge, die ich mit meinem Stocke tat, fielen in das Gedränge, und ich vermute, daß ich damit einen der Kerle niederschlug, die wir am Boden liegend fanden; aber dann traf ich nur noch leeren Raum vor mir. Es war stockfinster. Man konnte die Hand vor den Augen nicht sehen. Ein schwacher Schimmer zeigte, wo die Tür war. Ich ging, mit dem Stocke die Luft fegend, leise, vorsichtig umher, bis ich wieder auf einen Körper stieß. Darnach packte ich. Es war ein ganz handfester Bursche, und er gab mir zu schaffen. Er versetzte mir, so glaube ich, die beiden Schnitte. Endlich konnte ich seinen rechten Arm fassen, und ein glücklicher Zufall wollte, daß ich im Dunkeln den Griff des langen Messers fand, das er in der Hand hielt. Es ist ein ›Bowieknife‹, wie ich jetzt sehe, und es ist das erste, das ich von dieser Größe je besessen habe; ich habe es mir ehrlich erkämpft und will es behalten. Ich rang mit dem Chinesen darum, und der Hund biß mich dabei in die rechte Hand; zuletzt gelang es mir jedoch, es ihm zu entreißen: da gab ich ihm denn einen herzhaften Stoß – wohin weiß ich nicht – und er fiel nieder. Gleich darauf stolperte ich über etwas, das am Boden zu kriechen schien. Ich schlug mit dem Stock darnach und traf auch und hörte einen gellen Schrei; aber in demselben Augenblick fühlte ich, daß ich ins Bein gestochen war. Unwillkürlich wich ich einen Schritt zurück, und als ich darauf wieder vorwärts ging, fand ich nichts mehr. Dann schlich ich an der Mauer entlang bis ich die Tür fand – und den Rest wissen Sie.« Irwing sollte auf Wilsons Anfrage ebenfalls erzählen, welchen Teil er am Kampfe genommen hatte. Dies war sein Bericht darüber: »Ich stand an der Tür, wie Sie mir gesagt hatten. Drei Leute kamen, einer nach dem andern, heraus: die schlug ich nieder. Ein vierter, wie ich Ihnen bereits gesagt habe, entkam. Die Sache war außerordentlich einfach.« »Das verhindert nicht,« bemerkte Wilson, »daß Sie sich während der letzten vierundzwanzig Stunden ein nicht unbedeutendes Quantum Blut auf das Gewissen geladen haben: gestern fünf, heute drei – total acht. Es sind nur Chinesen, aber es sind doch Menschen. Haben Sie keine Gewissensbisse, Mann?« »Ich habe niemand zuerst angegriffen; ich habe mich nur verteidigt,« antwortete Irwing ernsthaft. Wilson blickte ihn verwundert an. »Ich sehe, daß man mit Ihnen nicht scherzen darf,« sagte er nach einer kurzen Pause. »Sie können doch nicht etwa annehmen, daß ich Ihnen vorwerfe, was Sie getan haben?« Darauf erwiderte der andere nichts, und Wilson ließ das Gespräch ebenfalls fallen. Am nächsten Morgen um zehn Uhr erreichte das Boot den See, auf dem unsere Freunde während der Reise nach Su-tschau eine Nacht verbracht hatten. Dort wurde bis sechs Uhr abends geruht und dann die Fahrt nach Schanghai fortgesetzt. Um acht Uhr trafen Wilson und Irwing wieder mit dem kleinen freundlichen Offizier zusammen, der ihnen den Paß gegeben hatte, und dem sie nun die versprochene Büchse schenkten. Vierundzwanzig Stunden später endlich, ohne daß sich etwas Bemerkenswertes ereignet hatte, legte das Boot an einer Landungstreppe des Hafens von Schanghai an. Wilson stieg in einen Tragstuhl, da ihm das verwundete Bein heftige Schmerzen verursachte, und Irwing begab sich zu Weber, um diesem einen kurzen Bericht über die Reise nach Su-tschau und die dort gemachten Geschäfte zu erstatten. Während der Nacht wurde hierauf die Ladung des Bootes gelöscht, und am darauf folgenden Tage aßen Weber und Irwing bei Wilson zu Tisch. Weber, freundlicher als je hinter seiner goldenen Brille lächelnd, rechnete seinen Genossen vor, daß das Geschäft nach einem ersten Überschlag einem jeden von ihnen sechs- bis siebentausend Dollars eingetragen habe. »Das können wir in der nächsten Woche noch einmal besorgen,« meinte Wilson, und die beiden anderen erklärten sich damit ganz einverstanden. Aber am andern Tage lag Wilson in heftigem Fieber. Irwing pflegte ihn und blieb, da das Fieber nicht nachließ, während der Nacht bei ihm. Am nächsten Tage ließ er sodann, auf ausdrückliches Bitten des Kranken, seinen Koffer von Weber holen, um während einiger Tage bei Wilson zu wohnen. Die Krankheit zog sich mehr und mehr in die Länge. Irwing war gern bereit, während derselben Wilsons Geschäfte zu verwalten. Er zeigte dabei Umsicht und Tüchtigkeit, und da er nicht vor Verantwortlichkeit zurückschreckte, sondern dreist nach eigenem Gutdünken zu handeln wagte, so ersparte er Wilson manche Arbeit und manche Geschäftssorge. – Als dieser sich endlich nach drei Wochen zum ersten Male vom Krankenlager erhoben hatte und abgemagert und bleich in seinem Arbeitszimmer saß und sich von seinem Stellvertreter erzählen ließ, was dieser während seiner Abwesenheit für ihn getan, erfuhr er mit Verwunderung und Befriedigung, daß sein wortkarger Freund das laufende Geschäft gerade ebenso gut besorgt hatte, wie er selbst es hätte tun können. »Wie gefällt Ihnen Ihr Zimmer in meinem Hause?« fragte er. »Gut.« »Und wie behagt Ihnen die Arbeit, die Sie während meiner Krankheit verrichtet haben?« »Gut.« »Nun, dann will ich Ihnen einen Vorschlag machen: Bleiben Sie im Hause und bleiben Sie bei der Arbeit. Werden Sie mein Geschäftsteilhaber.« »Gern«, antwortete Irwing. IV Das Glück fuhr fort, Wilson und Irwing zu begünstigen. Nachdem sie fünf Jahre lang zusammen in demselben Geschäfte gearbeitet hatten, galten sie in Schanghai für wohlhabende Leute und waren es auch. Sie hatten sich vollständig aneinander gewöhnt und lebten zusammen wie zwei Brüder, die zugleich Freunde sind. Des Morgens in aller Frühe traf man sie auf dem Rennplatz. Sie ritten gut und scheuten weder Mühe noch Geld, um sich die schnellsten Ponies zu verschaffen. Wilson, der klein und leicht war, galt für den besten Hindernis-Reiter in Schanghai; der schwere Irwing konnte in den Rennen nicht reiten, aber er hatte sich ein starkes Pferd aus Sidney kommen lassen, und er war stets an Wilsons Seite, wenn dieser für die Rennen trainierte. Beide waren oft gestürzt, denn sie gingen keinem Hindernis aus dem Wege und verachteten jeden, der nicht reiten konnte »wie die Krähe fliegt«; aber sie waren immer ohne schwere Verletzung davon gekommen. Den Tag über saßen sie zusammen in derselben kleinen Schreibstube, währenddem ihr einziger Gehilfe, ein tüchtiger Buchhalter, im Nebenzimmer arbeitete. Es gab nicht immer etwas zu tun, und die jungen Leute hatten viel Zeit zum Sprechen. Dann machte Wilson goldene Pläne für die Zukunft, und Irwing, mit einem zufriedenen Lächeln auf dem stillen Gesichte, hörte aufmerksam zu und billigte oder gestattete sich einen Änderungsvorschlag, der dann von seinem Genossen stets in ernste Erwägung gezogen wurde. – Eine Stunde vor dem Essen sah man sie auf kleinen Booten auf dem Whampoaflusse. Sie waren bei den Regatten wie bei den Pferderennen gleich gut bekannt und gern gesehen. Auf der Rennbahn trug Wilson die Palmen davon; bei den Regatten war der schwere, starke Irwing stets einer der Sieger. – Am Abend aßen sie zusammen in ihrem Hause oder bei gemeinschaftlichen Bekannten. Niemand würde daran gedacht haben, den einen ohne den andern einzuladen. Sie waren unzertrennlich. Man nannte Wilson: »Irwings Schatten« und Irwing: »Wilsons«. – Nach dem Essen endlich fand man sie in der Kegelbahn. Dort allein standen sie sich als Gegner gegenüber, denn beide spielten so gut, daß die Seite, auf der sie zusammen waren, stets gewinnen mußte. – Von der Kegelbahn schlenderten sie nach Hause, saßen noch eine Stunde lang im Nachtanzuge, das heißt in »Pudjamas und Slippers« auf der Veranda, und dann zog sich jeder in sein Zimmer zurück. – Für Damengesellschaft hatte keiner von ihnen großen Geschmack. Wilson erzählte von einer Kusine, die er vor Jahren, als er Europa verließ, in England gesehen hatte, und die nach seiner Beschreibung himmelhoch über allen Schönheiten stand, die Schanghai aufweisen konnte. »Das Mädchen muß jetzt zwei- oder dreiundzwanzig Jahre alt sein,« sagte er, »und ich bekomme jedesmal, wenn die Post nach Europa schließt, die größte Lust, den Dampfer zu nehmen und nach England zu gehen, um sie mir zu holen. Zwei Sachen nur verhindern mich, dies zu tun: primo weiß ich nicht, ob May sich noch nicht verheiratet hat, denn ich habe nun seit sechs Jahren nie wieder etwas von ihr gehört; und secundo bin ich mir nicht recht klar darüber, ob sie, für den Fall sie noch frei wäre, meinen Antrag annehmen würde oder nicht. Diese Zweifel allein halten mich zurück: denn nach England gehen, nur um einen Korb nach Schanghai zurückzubringen, scheint mir ein mäßiges Vergnügen.« Irwing meinte, sein Freund solle doch an irgendeinen Verwandten schreiben und sich erkundigen, was aus seiner hübschen Kusine geworden sei; aber dann antwortete Wilson, so wichtig sei die Sache nicht, und er wolle sie sich erst noch einmal ordentlich überlegen. Irwing schloß daraus, daß die Liebe für May seinen lebenslustigen Genossen nicht geradezu verzehren müsse, und dieser entgegnete darauf mit freundlichem Lachen: »Das Herz soll es mir nicht brechen, wenn meine Kusine mich nicht haben will oder schon einen andern genommen hat. Es gibt der Mädel viele auf der Welt!« Mit der Zeit wurde Wilsons Lachen weniger laut und frisch, und Irwing, früher ein Bild männlicher Kraft und Gesundheit, fing an, blaß und hohläugig auszusehen. Das Klima von Schanghai, das keines Europäers Freund ist, begann die jungen, starken Naturen anzugreifen. Wilson und Irwing bekamen, ohne daß sie sich Rechenschaft davon ablegten, das im fernen Osten so häufige »Europaweh«. Gegen Ende des Monats Januar 1865, als die Freunde eines Abends allein waren und ein jeder von ihnen eine Abschrift der »Bilanz von Wilson \& Irwing für das Jahr 1864« in der Hand hielt, die der Buchhalter soeben fertig gemacht hatte, sagte Wilson nach einigem Nachdenken: »Wir sind nun wohlhabende Leute, und ich schlage vor, wir erklären uns mit dem, was wir haben, vorläufig zufrieden. China ist am Ende doch kein ordentliches Land für unsereinen. Es ist ganz gut, in Schanghai Geld zu verdienen; aber leben kann man hier eigentlich nicht. Was meinen Sie dazu, wenn wir liquidierten? Dann gehen wir nach England, kaufen uns ein hübsches Gut, verheiraten uns – wenn nicht alle hübschen Mädchen bis dahin unter die Haube gekommen sind –, halten uns ein paar gute Jagdpferde und vergnügen uns so lange, bis wir der Sache müde geworden sind. Das dauert wohl einige Jahre, und bis dahin finden wir schon etwas anderes zu tun.« Irwing war damit einverstanden, und Wilson legte sofort einen Plan vor, um den gefaßten Vorsatz zur Ausführung zu bringen. Bis zum Monat März wollten beide noch zusammen in Schanghai arbeiten, dann sollte einer von ihnen einen sechswöchentlichen Urlaub nehmen und nach Tschi-fu im Norden oder nach Yokohama in Japan gehen, um einen »Klimawechsel« zu haben und sich zu erholen. Nach seiner Rückkehr sollte sodann der andere eine ähnliche Vergnügungsreise machen. Darüber würde es Juni oder Juli werden, und bis dahin würde die Liquidation so weit vorgeschritten sein, daß die letzte Abwicklung des Geschäftes leicht irgendeinem guten Bekannten, Julius Weber vielleicht, übertragen werden könnte. »Dann nehmen wir den Pacific-Mail-Steamer,« schloß Wilson, »sehen uns Kalifornien an, reiten mit dem ›Ponies-Expreß‹ nach den Oststaaten, schiffen uns in New York ein und kommen gerade zur Jagdzeit nach England.« Auch diese Vorschläge stießen bei Irwing auf keinen Widerspruch. »Sie sind ein ordentlicher Mensch«, sagte Wilson; »mit Ihnen läßt sich doch ein vernünftiges Wort reden. – Ich glaube, wir haben uns nie gezankt«, fuhr er nach einer kurzen Pause fort. »Nein, wir haben uns nie gezankt«, bestätigte Irwing; – und nach einer Weile setzte er langsam und nachdenklich hinzu: »Wissen Sie wohl, daß es sich eigentlich recht glücklich für mich traf, daß Sie mit mir zusammen in Su-tschau waren.« »Wieso?« »Nun,« fuhr Irwing bedächtig fort, »wenn Sie mir nicht vor Assings Hause und später im Kanale zur Seite gestanden hätten, so wäre es mir vielleicht doch recht schlecht ergangen. Allein wäre ich mit den Changmaos niemals fertig geworden . . . und wenn ich mir die Sache ordentlich überlege, so haben Sie mir damals das Leben gerettet.« Wilson lachte laut auf. »Langsam aber sicher!« rief er. »Das haben Sie heute entdeckt? Und weiter nichts? Mann! Wenn Sie nicht, wie ein Terrier vor einem Rattenloch, an der Godowntüre gestanden hätten und jeden Piraten, der herauskriechen wollte, ins Genick gepackt und halb oder ganz totgeschüttelt hätten, – was wäre aus mir geworden? Gespießt und gebraten hätten mich die Spitzbuben! – In dem Augenblicke, als Sie mir im Boote die Wunden verbanden, wußte ich, daß ich Ihnen mein Leben schuldete; . . . . und, Gott sei Dank! ich habe es nicht vergessen und ich hoffe, ich werde es nie vergessen.« Er wurde plötzlich ernst, stand auf und näherte sich Irwing. »Wenn wir Abrechnung halten wollten,« sagte er, »so wären wir vielleicht quitt; aber ich denke, wir fahren unser Leben lang fort, für gemeinschaftliche Rechnung zu arbeiten und trennen uns nicht wieder.« »Das hoffe ich auch«, bestätigte Irwing mit feierlichem Ernste. Darauf reichte Wilson seinem Freunde die Hand, die dieser so kräftig drückte, daß Wilson, der gewiß nicht verweichlicht war, zusammenzuckte. Das Wilsonsche Programm wurde getreulich ausgeführt. Alles ging zunächst nach Wunsch. Zu Anfang des Monats März reiste Irwing, der angegriffener erschien als sein Geschäftsgenosse, nach Japan, um sich dort durch sechs Wochen lange Ferien auf die letzten und angreifenden Arbeiten der Liquidation vorzubereiten. Er stieg in Yokohama in dem Hause eines Geschäftsfreundes, des Herrn Thomas Young, ab. Jede Post aus Schanghai brachte ihm ausführliche Briefe. Sie enthielten nur wenig Geschäftliches, sprachen aber desto ausführlicher von den nahe bevorstehenden Rennen, auf die Wilson sich mit jugendlichem Eifer vorbereitete und freute. »Sie müssen jedenfalls zum 20. April wieder hier sein,« schrieb er in einem Briefe, »denn die Freude, die Sie diesmal an unserem Stall haben sollen, wird Ihnen gewiß ebenso wohl tun wie die japanische Luft. ›Mammon‹ und ›Excentric‹ sind zwei Ponies, wie sie die Sonne noch gar nicht beschienen hat. Da haben Sie einen guten Griff getan, als Sie die beiden Tiere unter den fünfzig neuen Ponies herausfanden. Ich bin ganz sicher, daß sie alles, wofür sie rennen, gewinnen werden, und Sie sehen aus einliegender Rennkarte, daß ich sie, wo nur irgendmöglich, eingetragen habe. – Für den ›Great-Welter‹ hat man diesmal das Gewicht um drei Pfund erhöht; wenn Sie also etwas trainieren wollen, so können Sie dies Rennen ganz gut reiten. Mir bleiben fünf andere übrig, darunter das große Hindernisrennen und ein Hürdelrennen. Das genügt mir, ist sogar etwas zu viel für mich, denn ich bin nicht recht stark. Ich mache Ihnen also kein Zugeständnis, sondern handle im gemeinschaftlichen Interesse, wenn ich Ihnen vorschlage, daß Sie Mammon im ›Great-Welter‹ reiten. Ich habe ein kleines Vermögen auf die Pferde gewettet; aber ich bin durchaus nicht besorgt. Sie sollen sehen, wir gewinnen alles › hands down ‹ und schlagen unsere Stallunkosten für die nächsten drei Jahre heraus.« Irwing antwortete auf diesen Brief folgendes: »Ich werde mit der Costa-Rica, die zur Abreise nach Schanghai via Hiogo und Nangasaki zum 10. April angezeigt ist, von hier fortgehen und denke also, da wir uns nur einen Tag unterwegs aufhalten, spätestens am 18. in Schanghai zu sein. Den ›Great-Welter‹ werde ich reiten, obgleich ich nicht in sonderlicher Kondition bin. Der Aufenthalt hier hat mir übrigens wohl getan. Ich habe in Youngs Hause die Bekanntschaft einer amerikanischen Familie gemacht. Der Vater hat einen Anteil in Ralston \& Co. und will einen Monat in Schanghai bleiben. Sie werden ihn und seine Frau und Tochter also auch kennen lernen. Sie reisen nämlich ebenfalls mit der Costa-Rica.« Am 18. April, des Morgens in aller Frühe, legte sich das amerikanische Postschiff von Japan in Schanghai vor Anker. Das Dampfboot war wie gewöhnlich bereits zwei Stunden vor seiner Ankunft von Wusung aus signalisiert worden, und Wilson hatte Zeit gehabt, sich anzuziehen und sich mit dem Hausboot an Bord des Fahrzeuges zu begeben, um dort seinen Freund in Empfang zu nehmen. Er schüttelte diesem herzhaft die Hand, und seine ersten Worte waren: »Nun, Japan hat Ihnen wirklich wohlgetan! Sie sehen wieder so frisch und gesund aus wie vor fünf Jahren.« Wilson im Gegenteil erschien Irwing abgemagert und elend. Als er sich darüber äußerte, antwortete jener: »Ich habe etwas zu stark trainiert; aber ich befinde mich ganz wohl. Ich gehe gleich nach den Rennen nach Tschi-fu und komme von dort in sechs Wochen mit ebenso roten Backen zurück, wie Sie aus Japan mitgebracht haben.« Ehe die beiden das Dampfschiff verließen, nahm Irwing von einem Herrn und zwei Damen, die dicht an der Landungstreppe standen, flüchtig Abschied. Sein Begleiter warf einen gleichgültigen und schnellen Blick auf die Gruppe, der jedoch genügte, um ihm zu zeigen, daß eine der drei Personen ein hübsches, blondes junges Mädchen sei. »Das sind wohl Ihre neuen amerikanischen Freunde?« fragte er, als er mit Irwing im Hausboote Platz genommen hatte. »Ja.« »Und wie heißen sie?« »Herr und Frau Thorn und Fräulein Mary Thorn. Ich werde sie Ihnen heute oder morgen vorstellen.« »Nein,« antwortete Wilson, »heute und morgen haben wir keine Zeit. Übermorgen ist der große Tag, und bis dahin werde ich wenig aus dem Stall und vom Rennplatze kommen. Nach dem Rennen bin ich Ihr Mann; oder vielleicht können Sie mich am 20. auf der Tribüne vorstellen . . . Halt! da fällt mir noch etwas ein!« setzte er nach einer kurzen Pause hinzu. »Weber, der sich als Sekretär unseres Ausschusses unendliche Mühe gegeben hat, damit alles schön und ordentlich verlaufe, teilte mir gestern abend jammernd mit, daß er noch keine junge Dame für den Damenpreis gefunden habe. Schanghai ist nicht reich an unverheirateten hübschen Mädchen. Ihre Mary Thorn kommt wie gerufen. Ich werde ihr den kleinen Julius noch heute zusenden, und sie soll den Damenpreis überreichen. Da ich ihn zu gewinnen hoffe, so kann ich bei der Gelegenheit gleich als ruhmgekrönter Sieger vorgestellt werden.« Irwing war damit einverstanden. Den Rest des Tages verbrachte er mit Wilson, wie dieser gesagt hatte, in Gesellschaft von Jockeis und Pferden. Aber am Abend, kurz vor dem Essen, zog er sich mit großer Sorgfalt an und ging zu Ralston, um dort der Familie Thorn einen Besuch zu machen. Mary hatte Herrn Weber bereits gesehen und war sehr aufgeregt in dem Gedanken, daß sie übermorgen vor der ganzen Gesellschaft von Schanghai als Überreicherin des »Damenpreises« eine hervorragende Rolle zu spielen haben werde. Weber hatte ihr gesagt, sie müsse den Preis, mit einigen »passenden Worten« begleitet, übergeben, und sie war nun sehr verlegen, wie sie ihre kleine Rede halten sollte. Irwing beruhigte sie, indem er versicherte, sie könne sich damit begnügen zu sagen: »Die Damen von Schanghai überreichen Ihnen durch mich den Damenpreis, den Sie so wohl verdient haben.« »Ich habe bei ähnlichen Gelegenheiten niemals längere Reden gehört,« setzte er hinzu, »und Sie brauchen sich keine Mühe zu geben, mehr zu tun, als Ihre Vorgängerinnen getan haben. Übrigens ist es wahrscheinlich, daß Wilson den Preis gewinnen wird, und wenn Sie es wünschen, werde ich ihm sagen, daß er, sobald er Sie stocken sieht, zu sprechen anfängt. Er ist nie verlegen und wird schon verhindern, daß Sie es werden.« Mary nahm das Anerbieten dankend an, und Irwing verabschiedete sich, nachdem er mit Frau Thorn, die der Unterredung beiwohnte, verabredet hatte, daß er sie übermorgen auf der Tribüne antreffen und ihnen in seiner Eigenschaft als Mitglied des Vorstands die Honneurs des Rennplatzes machen werde. – »Ich reite nur in einem Rennen mit«, schloß er, »und stehe während der ganzen übrigen Zeit zu Ihrer Verfügung. Wilson ist bei dieser Gelegenheit der eigentliche Vertreter unserer gemeinschaftlichen Interessen. Er reitet fünfmal – und Sie werden sehen, wie er reitet.« Der von ganz Schanghai mit Ungeduld erwartete Tag – denn die Rennen waren ein großes Ereignis für die durch Festlichkeiten wenig verwöhnten Bewohner der fremden Niederlassung – verlief wie die meisten Renntage zu verlaufen pflegen. Die Tribünen waren mit geputzten Leuten gefüllt. Die Jockeis und die Mitglieder des Vorstandes sahen ernst und wichtig aus, als ob das Wohl der Welt von ihrem Gebaren abhinge. Die Leute, die zum Wetten das richtige Pferd erwählt und infolgedessen gewonnen hatten, lachten, sprachen laut und waren vergnügt. Die Verlierenden klagten über den Staub und die Hitze. Das Publikum endlich, das gekommen war, um ein hübsches Schauspiel mit anzusehen, klatschte und rief jedem Sieger Beifall zu, ohne sich um die Verlierenden zu kümmern. Wilson war der Held des Tages. Er hatte bereits zwei Rennen gewonnen und galoppierte nun wieder auf einem kleinen, breiten, mutigen Excentric, der das Aussehen eines Kürassierpferdes hatte, dem die Beine einen Fuß lang abgeschnitten wären, in ruhigem Galopp an der Tribüne vorüber, um seinen Platz unter den Bewerbern für den Damenpreis einzunehmen. Weber und Irwing standen auf der Tribüne neben Mary Thorn und nannten dieser die Namen der Ponies und ihrer Reiter. »Wenn Sie Handschuhe gewinnen wollen,« sagte Weber, sich an das junge Mädchen wendend, »so müssen Sie auf Excentric wetten. Sehen Sie nur das schöne Tier. Es könnte mit Leichtigkeit vierzehn ›Stones‹ tragen, und Sie sollen einmal sehen, wie es mit Wilsons zehn ›Stones‹ fliegen wird! – Und was für ein Jockei ist nicht Wilson! Immer ruhig, immer kaltblütig. Er sitzt auf dem Pferde leicht wie eine Feder und doch so fest, als wäre er mit ihm zusammengewachsen!« Irwing lächelte wohlgefällig, das Lob seines Freundes zu hören. Die Pferde jagten gut zusammen vor der Tribüne vorüber, nahmen beinahe gleichzeitig den breiten Graben, der dort, als eines der Haupthindernisse, zur Befriedigung der Schaulust der Zuschauer angebracht war, verschwanden hinter den Bäumen, kamen, noch immer ziemlich gut zusammen, wieder zum Vorschein und bildeten bald darauf eine Linie, die länger und länger wurde und an deren Spitze die mit Gläsern Bewaffneten Wilson auf Excentric erkannten. »Natürlich muß Wilson gewinnen«, sagte Weber – und er gewann auch, ohne daß ihm der Sieg einen Augenblick streitig gemacht worden wäre. Aber Mary Thorn war dessen ungeachtet sehr unruhig, und als Wilson ihr vom Präsidenten des Rennklubs vorgestellt wurde, um den Damenpreis aus ihren Händen zu empfangen, war sie blutrot und stotterte und stammelte und konnte kaum die wenigen Worte hervorbringen, die Irwing ihr vor zwei Tagen vorgesagt hatte. Dieser schien von der Befangenheit des jungen Mädchens ebenso zu leiden wie sie selbst; aber Wilson war, wie sein Freund vorausgesagt hatte, durchaus nicht verlegen. Die Anstrengung des Rennens hatte seine Wangen leicht gerötet, und seine klaren blauen Augen blitzten noch heller und verwegener als gewöhnlich. Er war in seinem gutgemachten Jockeianzuge, der das Ebenmaß seiner kleinen, kräftigen Gestalt auf das vorteilhafteste zeigte, eine in ihrer Art beinahe vollkommene Erscheinung. Sobald er die Verlegenheit des jungen Mädchens bemerkte, unterbrach er sie, indem er in scherzhaft übertriebener Weise seinen Dank für den Preis, der ihm von so »schönen Händen« überreicht wurde, aussprach. Dann machte er eine tiefe Verbeugung, winkte Irwing zu, ihm zu folgen, und entfernte sich schnell wieder, so daß die Aufmerksamkeit der ganzen Tribüne, die während dieses Auftritts auf Mary Thorn und Richard Wilson gerichtet gewesen war, nun wieder auf andere Gegenstände abgelenkt wurde. In einem der nächsten Rennen zeichnete sich Irwing aus, indem er auf Mammon den ›Great-Welter‹ gewann. Während dieser Zeit stand Wilson, der sich von Weber Herrn und Frau Thorn hatte vorstellen lassen, hinter Mary, und diese mußte nun aus dem Munde Wilsons dasselbe Lob über Irwing hören, das dieser und Weber kurz vorher dem Sieger des Damenpreises gespendet hatten. Gut reiten zu können ist unter allen Umständen eine beneidenswerte Eigenschaft und wird von den meisten Menschen als eine solche anerkannt; aber auf dem Rennplatze, unter Pferdeliebhabern, inmitten der Aufregung und des Enthusiasmus, den ein jedes Rennen zu erzeugen pflegt, wird ein kühner Reiter gewissermaßen ein Held, der kaum genügend bewundert werden kann. – Mary fühlte sich stolz, von Wilson und Irwing ausgezeichnet zu werden, und auch der alte Herr Thorn, der auf Webers Zuraten einige Dollars auf Mammon und Excentric gewettet und gewonnen hatte, teilte etwas von der Begeisterung seiner Tochter für die Helden des Tages. Er flüsterte seinem Geschäftsgenossen Ralston einige Worte zu, und nachdem dieser dazu rasch und freundlich genickt hatte, lud er Wilson und Irwing ein, am Abend des nächsten Tages an Ralstons gastfreundlichem Tische mit ihm zu speisen. Die jungen Leute nahmen die Einladung, die ganz und gar mit den Sitten und Gebräuchen von Schanghai im Einklang stand, gern an. Der Tag endete mit einem vollständigen Triumphe für Wilson, der auch das letzte Rennen noch gewann und darauf, in einen langen Überrock gehüllt, von Irwing nach Hause gefahren wurde. Das Essen in Ralstons Hause verlief in angenehmster Weise. Wilson, als das ältere Mitglied des Geschäfts, hatte, den in Schanghai streng beobachteten Gesetzen der Etikette gemäß, den Ehrenplatz zwischen Frau Thorn zu seiner Linken und Fräulein Mary zu seiner Rechten. Irwing saß auf der andern Seite der Dame des Hauses, zu weit von Mary entfernt, um sich mit dieser unterhalten zu können. Aber Frau Thorn war keine Fremde für ihn. Er hatte während seines fünfwöchentlichen Aufenthaltes in Yokohama, im Hause von Thomas Young, beinahe täglich mit ihr gegessen, und es wurde ihm nicht schwer, sich auch jetzt wieder mit ihr zu unterhalten. Wilson und Mary auf der andern Seite waren in unterbrochenem und eifrigem Gespräche. Nach dem Essen wurde Musik gemacht. Mary spielte ganz hübsch Klavier und ließ sich nicht nötigen, sich hören zu lassen. Wilson saß ihr wie verzaubert gegenüber und verlor sie nicht eine Sekunde aus den Augen. Irwing war in einer Ecke des großen Zimmers mit Herrn Thorn in den Berechnungen einer Schachpartie vertieft. Weber, der ebenfalls eingeladen worden war, und dessen Augen alles sahen, was um ihn her vorging, beobachtete Irwing mit Erstaunen. Er hatte ihn niemals Fremden gegenüber so aufmerksam gesehen. Schon die Gesprächigkeit, die er bei Tisch Frau Thorn gegenüber gezeigt hatte, war ihm aufgefallen. Daß er jetzt mit dem alten Herrn Thorn Schach spielte, war noch bemerkenswerter. »Zukünftiger Schwiegerpapa, zukünftige Schwiegermama!« sagte Weber lächelnd vor sich hin. »Irwing ist ein Intrigant. Er will Vater und Mutter erobern, ehe er sich um die Tochter bewirbt. Ein hübsches Mädchen! Sie kann sich rühmen, wenn sie Irwing ihre Hand reicht, einen Mann zu bekommen, wie es keinen bessern gibt.« Dann wandte er die Augen nach der andern Gruppe und beobachtete Mary und Wilson. – »Hm,« fuhr er in seinem Selbstgespräch fort, »der andere scheint mir auch verliebt; aber das ist Strohfeuer!« Als die beiden Freunde am späten Abend jenes Tages auf der Veranda saßen, um vor dem Schlafengehen das letzte Glas Sodawasser zu trinken und den letzten Cheroot zu rauchen, unterbrach Wilson eine längere Pause plötzlich, indem er sagte: »Irwing, ich habe große Lust mich zu verheiraten.« »Das fällt Ihnen alle vierzehn Tage ein. – Warten Sie, bis Sie Ihre May wiedergefunden haben.« »Nein, ich denke nicht an May. Ich will mich hier verheiraten.« Die Veranda war dunkel. Man hatte die Lampen im Zimmer gelassen, um von den Moskitos nicht belästigt zu werden. Wilson konnte Irwings Gesicht nicht sehen, das plötzlich bleich geworden war. Nach einer kurzen Pause fuhr er fort: »Was meinen Sie dazu, Irwing?« »Wozu?« entgegnete dieser halblaut. Wilson war an die kurzen Antworten seines Freundes gewöhnt. Seine Einsilbigkeit hatte nichts Auffallendes. »Wozu?« wiederholte er. »Nun zu meiner Idee natürlich! Dazu, daß ich mich verheirate!« »Mit wem wollen Sie sich verheiraten?« fragte Irwing mit tonloser Stimme. »Mit wem?« rief Wilson, seinem Gefährten durch diese Wiederholung gleichsam einen Vorwurf machend. »Sie haben zu gut gegessen, alter Freund! Sie sind schwerfällig, sonst würden Sie nicht eine solche Frage an mich richten. – Mit wem kann ein vernünftiger Mensch sich heuzutage verheiraten wollen? – Mit Mary Thorn natürlich! – Gibt es ein Mädchen auf der Welt, das den Vergleich mit ihr aushalten könnte? – Diese wunderbaren blauen Augen! Und diese Wimpern! Ich hatte, als ich mit ihr sprach, fortwährend die größte Lust um Erlaubnis zu bitten, sie messen zu dürfen. Sie sind dreiviertel Zoll lang, darauf wette ich! – Und dann die blonden Haare und die kleinen Zähne! Von den Händen und den Füßen, von der ganzen Figur gar nicht zu sprechen! Alles ist vollkommen schön. Und wie spielt sie! Sie ist eine vollkommene Künstlerin! – Und ihre Unterhaltung erst! Wir waren schon bei den Früchten angelangt, und ich hätte geschworen, wir säßen noch keine fünf Minuten bei Tische. In meinem ganzen Leben habe ich nicht so angenehme Stunden verbracht wie heute. – Mit wem, alter Irwing, kann sich ein vernünftiger Mensch verheiraten wollen? – Mit Mary Thorn natürlich, mit Mary Thorn und mit keiner andern! Ich habe mir die Sache reiflich überlegt. Ich kann ohne sie nicht glücklich sein, und ich heirate sie – oder es gibt ein Unglück!« »Reiflich überlegt« – wiederholte Irwing leise und bitter – »wann denn?« »Wann denn? – Sie sind heute unausstehlich! Den ganzen Abend, bei Tische, nach Tische, während des Zuhausegehens, jetzt! Ich habe in meinem Leben noch nichts halb so lang und halb so gründlich überlegt, und niemand hat mir jemals vorgeworfen, daß ich kopflos zu handeln pflege. – Ja, mit Ihnen ist es etwas anderes. Sie gehen langsamer zu Werk als ich. Wie viel gute Gelegenheiten mögen Sie nicht schon ungenützt haben vorübergehen lassen! . . . Mann, Freund, Bruder! Wenn ich an Ihrer Stelle in Yokohama gewesen wäre und sechs Wochen mit Mary Thorn unter einem Dache gewohnt hätte! – Wir wären jetzt schon ein-, zwei-, dreimal aufgeboten und hätten vor dem Altare gestanden, und ich hätte Ihnen die neue Madame Wilson vorgestellt, anstatt daß Sie mich mit Fräulein Mary Thorn bekannt gemacht haben.« Irwing antwortete nicht. Wie eine furchtbare Last lag es ihm auf dem Herzen. Er konnte kaum atmen. Er wagte nicht aufzustehen, aus Furcht sich zu verraten. Er wischte sich die Schweißtropfen ab, die ihm auf der Stirn perlten und trank hastig einen Schluck Sodawasser; dann beugte er sich wieder zurück und blieb still und unbeweglich im Dunklen liegen. »Nun erzählen Sie mir einmal,« fuhr Wilson gelassen fort, »was Sie von der Familie Thorn wissen. Haben Sie irgend etwas bemerkt, was Ihnen nicht ganz in Ordnung schiene? – Sind Vater und Mutter ordentliche Leute? Und haben Sie etwas gesehen, woraus Sie den Schluß ziehen können, daß Mary Thorn nicht so vollkommen liebenswürdig ist, wie sie heute erscheint? – Sprechen Sie, Mann! Können Sie ein Wort sagen, um mich in meinem Vorsatze schwankend zu machen?« »Nein!« brachte Irwing mit großer Mühe hervor. »Das ist also eine abgemachte Sache. Dann handelt es sich nur noch darum, meinen Antrag so vorzubringen, daß er nicht zurückgewiesen wird. Und dazu, alter Freund, müssen Sie mir behilflich sein. Ich rechne darauf, daß Sie mit Herrn und Frau Thorn in einer Weise sprechen, die die Leute im voraus für mich einnimmt. Sie müssen schon einmal, mir zu Gefallen, ein kleines Opfer bringen und aus Ihrer Schweigsamkeit hinaustreten. Ich verlange nicht mehr von Ihnen, als daß Sie das Gute von mir sagen, was Sie von mir denken und wissen. Sie können sogar auch das Schlechte hinzufügen. Es ist nicht viel, das weiß ich. Bringen Sie also den Leuten im Laufe des Gesprächs meine Biographie bei: Ich bin siebenundzwanzig Jahre alt. Mein Vater ist ein geachteter, guter Jurist in London, meine Mutter ist tot, Brüder habe ich nicht, und meine Schwester ist an einen wohlhabenden, angesehenen Kaufmann in der City verheiratet. Über meinen Charakter kann jedermann in Schanghai, Ralston an der Spitze, Auskunft geben. Was meine Vermögensverhältnisse anbetrifft, so habe ich gar nichts dagegen, wenn Sie dem Vater Thorn eine Abschrift unserer letzten Bilanz zur Verfügung stellen. Er wird daraus sehen, daß ich in der Lage bin, seine Tochter anständig zu ernähren. – Sind Sie imstande, ihm dies alles klar und deutlich zu machen?« »Ich will es versuchen.« »Haben Sie sich erkältet? Sie sprechen ganz heiser.« »Nein.« »Zur größern Sicherheit werde ich Ihnen übrigens einen Gehilfen geben. Ich will Weber anweisen, in dem von mir gewünschten Sinne zu sprechen. Er ist ein guter Mensch, er hält etwas auf uns und hat den Mund auf dem rechten Flecke. Ich werde morgen früh zu ihm gehen und die Sache in Ordnung bringen. Jetzt schläft er vermutlich schon, sonst würde ich ihn gleich aufsuchen. – Aber das ist noch nicht alles. Ich verlange noch etwas von Ihnen . . . Mit den Eltern kann Weber zur Not schon fertig werden; aber die Tochter, Irwing, die Tochter, die müssen Sie übernehmen. – Was werden Sie der von mir erzählen? Glauben Sie sich geschickt genug, um mich in ihren Augen als einen Menschen darzustellen, dem sie sich mit Sicherheit anvertrauen kann? – Schade, daß die Rollen nicht umgetauscht sind! Wenn ich für Sie zu werben hätte, dann sollten Sie einmal sehen, wie ich einen Freund loben kann. Einen solchen Menschen wie Irwing gibt es gar nicht mehr auf der Welt, würde ich sagen: treu wie Gold, weich wie ein Kind, mutig und stark wie ein Löwe, der erste Ingenieur des neunzehnten Jahrhunderts, dem es vorbehalten bleibt, den Tunnel oder die Brücke zwischen England und Frankreich herzustellen oder die Sahara zu einem Mittelmeer zu machen. – Ja ja, Sie sollten Ihre Freude an mir haben, Irwing! Nicht wahr, das wissen Sie und zweifeln nicht daran?« »Ja, das weiß ich.« »Nun, ich zweifle auch nicht an Ihnen und rechne auf Sie.« Wilson war aufgestanden und hatte sich dem großen Sessel genähert, auf dem Irwing noch immer unbeweglich lag. »Schlagen Sie ein, alter Freund«, sagte er und streckte Irwing die Rechte entgegen. Dieser reichte ihm die Hand. »Ihre Hand ist eiskalt. Fehlt Ihnen etwas?« Irwing antwortete nicht. Er versuchte sich aufzurichten; aber er fiel auf den Sitz zurück. Wilson war so weit entfernt, an irgend etwas Außergewöhnliches in dem Zustande seines Freundes zu denken, daß ihm diese Bewegungen kaum auffielen. Er wiederholte seine Frage, ob Irwing etwas fehle, und erst als er auch diesmal ohne Antwort blieb, beugte er sich hinunter, um das Gesicht seines Freundes zu sehen. Er erkannte im Halbdunkel, daß Irwings Augen geschlossen waren, und er hörte ihn schwer und beklommen atmen. Nun ging er schnell in das Zimmer, um Licht zu holen. Beim Schein der Lampe, die er herbeigetragen hatte, sah er Irwing aschgrau, mit geschlossenen Augen, die weißen Lippen fest zusammengekniffen, einer Leiche ähnlich daliegen. Er lief in sein Zimmer und kam mit einer Flasche Eau de Cologne zurück. Gleichzeitig rief er den Boy und sandte ihn zum Doktor mit dem Auftrag, dieser möge sofort kommen. »Irwing hat sich gestern zu sehr angestrengt«, dachte er. »Es war sehr heiß. Er war in schlechter Kondition, und ich hätte ihn nicht reiten lassen sollen. Ich selbst war gestern abend matt zum Umfallen.« Lange ehe der Arzt erschien, nach wenigen Minuten bereits, kam Irwing wieder zu sich. »Was fehlt Ihnen?« fragte Wilson teilnehmend. »Ich bin etwas angegriffen . . . Die Hitze . . .« »Jawohl, das ist es! Es war gestern zu heiß, und Sie hatten nicht trainiert. Das dachte ich mir gleich. Wir sind sechs Jahre älter geworden, seitdem wir uns kennen, und sechs Jahre in Schanghai, das ist kein Spaß. Kommen Sie, stehen Sie auf! Stützen Sie sich fest auf mich, ich will Sie in Ihr Zimmer begleiten. Ich habe für alle Fälle Doktor Jenkins rufen lassen, der Ihnen, nach meiner Meinung, etwas Beruhigendes verschreiben muß. Wenn Sie die Nacht über ordentlich schlafen, so sind Sie morgen früh wieder frisch und gesund. Kommen Sie! Ein bißchen Courage, alter Mann!« Er hob den schweren Irwing halb in die Höhe, nötigte ihn, sich fest auf seine Schulter zu stützen, und begleitete ihn in das Schlafzimmer. Irwing hatte auf der Veranda im Nachtanzuge gesessen und warf sich, wie er war, auf sein Bett. Dort drehte er den Kopf gegen die Wand und sagte ungeduldig, man möge ihn allein lassen, dann würde er wohl einschlafen. Wilson entfernte sich auf den Zehenspitzen; aber er blieb draußen im Gange, wo er alles hören konnte, was in Irwings Zimmer vorging, stehen und wartete, bis der Doktor kam. Als er mit diesem, eine halbe Stunde später, an das Bett trat, schien Irwing eingeschlafen zu sein. Er hatte seine Lage nicht verändert und atmete schwer. Der Doktor nahm ein Licht, und näherte sich ihm. Er ergriff die Hand des Leidenden, um den Puls zu fühlen, dann drehte er ihm den Kopf halb herum, um das Gesicht sehen zu können. Irwing öffnete die Augen und sah den Arzt fest und ruhig an. Auf die Frage, was ihm fehle, antwortete er leise, er habe sich plötzlich, ohne daß er irgendeinen Grund dafür angeben könne, unwohl gefühlt: er schiebe es auf die Hitze von gestern. Dies war auch die Meinung des Doktors, und er verordnete demgemäß verschiedene Heilmittel, die Wilson sofort aus der Apotheke holen ließ, und die Irwing geduldig einnahm. Dann wiederholte er, diesmal sanft und freundlich, die Bitte, man möchte ihn allein lassen. Wilsons Vorschlag, bei ihm zu wachen, wies er zurück. Das einzige, was er auf Zureden seines Freundes endlich gestatten wollte, war, daß einer der Boys vor der Tür schlafe, um, für den Fall er sich wieder unwohler fühlen sollte, Wilson oder den Doktor rufen lassen zu können. Wilson stand in der Nacht zweimal auf und schlich sich auf den Fußspitzen in Irwings Zimmer. Die Tür war nur angelehnt, und er konnte sich dem Bette nähern, ohne das geringste Geräusch zu machen. – Irwing lag, mit beiden Händen vor dem Gesichte, noch immer in derselben Stellung, der Mauer zugekehrt. Er träumte wohl, und er schien einen bösen Traum zu haben, denn er stöhnte und ächzte, und Wilson glaubte die Worte: »Mein Gott, mein Gott, was soll ich tun?« die sich immer wiederholten, zu verstehen. Er fragte sich, ob er den Schlafenden nicht wecken sollte, um ihn von dem Alp zu befreien, der ihn quälte. – Aber der Kranke wurde etwas ruhiger, und Wilson schlich darauf ungehört, wie er gekommen war, wieder aus dem Zimmer. Am nächsten Morgen stand Irwing zur gewöhnlichen frühen Stunde auf. Er war noch blaß, aber er ging seinen Geschäften ruhig, in alter Weise nach. Wilson wollte ihn daran verhindern. »Tun Sie mir den Gefallen und bleiben Sie heute ruhig auf der Veranda oder in Ihrem Zimmer«, sagte er. »Es ist nichts für Sie zu tun. Ich kann alles besorgen.« Aber Irwing antwortete verdrießlich: »Ich bitte bekümmern Sie sich nicht um meinen Zustand. Es macht mich ungeduldig. Ich bin nicht krank. Lassen Sie mich nur ganz ruhig!« Er hatte in sechs Jahren niemals so wenig freundlich mit seinem Genossen gesprochen; aber dieser sah darin nichts als ein Anzeichen der Krankheit und fügte sich den Wünschen seines Freundes, ohne weiter ein Wort zu sagen. Er ging jedoch gerades Weges zum Doktor und hatte mit diesem eine lange Unterredung über den Zustand des Kranken. Der Arzt meinte, die Sache habe nichts zu bedeuten und werde in wenigen Tagen beseitigt sein. Irwing habe wahrscheinlich Kopfschmerzen und sei infolgedessen übler Laune, das Beste, was man für ihn tun könne, wäre, ihn nicht zu ärgern, nicht ungeduldig zu machen und ihm seinen Willen zu tun. Vor Tische machte Wilson den Thorns einen Besuch und erzählte diesen von dem Unwohlsein Irwings. Er sprach während der halben Stunde, wo er bei ihnen saß, von nichts anderem. Alle: der Vater, die Mutter, die Tochter schienen den regsten Anteil an dem Zustande seines Freundes zu nehmen, und Herr Thorn sagte, daß er noch im Laufe des Abends kommen werde, um sich nach dem Befinden des Kranken zu erkundigen. Während der Mahlzeit berichtete Wilson darauf von seinem Besuche und teilte gleichzeitig mit, daß Herr Thorn sein Kommen angezeigt habe. Irwing wurde darüber wieder ungeduldig und murmelte zwischen den Zähnen, er sei nicht zum Sprechen aufgelegt und sähe am liebsten keine fremden Gesichter. Wilson benutzte dies, um ihm freundschaftlichst Vorwürfe zu machen, daß er so menschenscheu sei und selbst Leute, die es aufrichtig gut mit ihm meinten, mit abschreckender Zurückhaltung behandle. »Wenn Sie gehört hätten,« fügte er hinzu, »mit welcher Teilnahme man sich nach Ihnen erkundigte, so würden Sie, schon aus Dankbarkeit, bereit sein, dem alten Thorn ein freundliches Gesicht zu zeigen. Mary wurde ordentlich blaß, als ich erzählte, was Ihnen gestern zugestoßen sei.« Irwing hob den Kopf nicht in die Höhe und schien aufmerksam mit dem beschäftigt, was vor ihm auf dem Teller lag. Am Abend machte Herr Thorn den angezeigten Besuch und überbrachte dem Kranken die herzlichsten Grüße von seiner Frau und Tochter. Irwing antwortete, Wilson habe die Sache schlimmer gemacht, als sie sei: er fühle sich schon wieder wohl, nur sei er noch etwas matt; aber er denke, morgen ausgehen zu können. Als Herr Thorn wieder gegangen war, sagte Wilson: »Nehmen Sie es mir nicht übel, wenn ich mir meine eigenen Angelegenheiten nicht aus dem Kopfe schlagen kann. Die Liebe macht egoistisch. Das wissen Sie noch nicht, junger Mann, aber das werden Sie seinerzeit erfahren, wenn Sie Ihre Mary gefunden haben wie ich nun die meine. – Bitte, versäumen Sie nicht, wenn Sie die Thorns morgen sehen, meine Sache einzufädeln. Thorn will nur vier Wochen hier bleiben, und ich habe nicht viel Zeit zu verlieren. Aber wenn ich Jahre vor mir hätte, so würde ich es deshalb nicht weniger eilig haben. – Also nicht wahr? Das ist abgemacht! Wenn Sie morgen wohl genug sind, um überhaupt auszugehen, so machen Sie auch den Thorns einen Besuch und sprechen in der verabredeten Weise.« »Ja ja ja!« antwortete Irwing ungeduldig. Dann erhob er sich, ging auf die Veranda und warf sich in der dunkelsten Ecke auf einen langen Stuhl, wo er einzuschlafen schien. Wilson ging mißmutig im Zimmer auf und ab. Er war auf Irwing böse. Es kam ihm vor, als sei dieser seit vierundzwanzig Stunden ein ganz anderer, ein unliebenswürdiger Mensch geworden, und er wußte nicht, worauf er diese Veränderung zurückführen sollte. Schließlich warf er sich seinen Unmut über Irwing als eine Ungerechtigkeit gegen diesen vor: »Der arme Mann ist krank,« sagte er sich, »das ist alles. Er leidet vielleicht mehr, als er mir oder dem Doktor bekennen will.« Darauf ging er hinaus auf die Veranda und stellte sich neben Irwings Stuhl und sagte zutraulich: »Nun, alter Mann, wie geht es? Wollen Sie eine Tasse Tee oder ein Glas Soda trinken? Was kann ich für Sie tun?« Irwing hatte mit der linken Hand das Gesicht bedeckt und sagte leise: »Danke, lieber Wilson, ich gebrauche nur Ruhe.« Es kam Wilson vor, als klinge die Stimme wie die eines Mannes, der geweint hat. Es war ihm, als ob er einen Stich in die Brust empfangen hätte. – Woran litt Irwing? Was mochte ihm nur fehlen? V Vierzehn Tage waren wieder vergangen, ohne daß eine Änderung zum Bessern in Irwings Gesundheitszustand eingetreten wäre. Zwar klagte er über nichts und ging seinen Geschäften in üblicher Weise nach; aber er ließ sich weder auf dem Rennplatze noch in der Kegelbahn sehen, und er saß des Abends stundenlang im Dunkeln auf der Veranda und rauchte. Er hatte Wilson gebeten, ihm den Gefallen zu tun – er hatte das Wort scharf betont – ihm nicht Gesellschaft leisten zu wollen. »Ich habe etwas Kopfschmerzen,« sagte er, »und es stört mich, mich beobachtet zu fühlen. Es gibt Leute, die sich gern pflegen lassen. Ich bin keiner von ihnen. Bitte, lassen Sie mich allein!« Wilson ging wie ein unruhiger Geist in Schanghai umher. Er erzählte jedermann, mit dem er zusammentraf, daß Irwing ihm große Sorge mache, und es verging kein Tag, ohne daß er eine lange Unterhaltung mit Doktor Jenkins gehabt hätte. Dieser war mit der Zeit auch unruhig geworden. – Leute, die längere Zeit in Schanghai gelebt haben, werden durch jedes Unwohlsein rasch und schwer angegriffen. Der Arzt hatte deshalb schließlich vorgeschlagen, der Kranke solle wieder in ein nördliches Klima gehen. Irwing war damit einverstanden und bereitete sich darauf vor, in wenigen Tagen nach Yokohama zurückzukehren. Wilsons Bewerbung um Mary Thorn war inzwischen nicht mit der erwarteten Lebhaftigkeit weitergeführt worden; doch war sie auch nicht ganz eingeschlafen. Er besuchte das junge Mädchen fast täglich, aber er sprach mit ihr von nichts anderem als von Irwings Gesundheitszustande. »Sehen Sie, Fräulein Mary,« sagte er, »Irwing ist der beste Mensch auf Gottes weiter Welt: treu wie Gold, weich wie ein Kind, mutig wie ein Löwe, und dabei von einer geistigen Überlegenheit, von der sich niemand, der ihn nicht so genau kennt wie ich, auch nur entfernt eine Idee machen kann. Ich halte ihn für einen der besten lebenden Ingenieure und bin fest überzeugt, daß er noch Großes vollbringen und sich einen berühmten Namen machen wird.« Ja, Wilson verstand es in der Tat, einen abwesenden Freund zu loben, und dieser hätte mit ihm zufrieden sein müssen, wenn er ihn gehört hätte. Mary Thorn lauschte solchen Worten mit nie ermattender Aufmerksamkeit und wurde nicht müde, dieselben Sachen, wenn Wilson sie auch zum zehnten Male wiederholte, wieder anzuhören. Sie war stets für Wilson zu sprechen, sie verabredete mit ihm Zusammenkünfte in Ralstons Salon und ließ ihn niemals auch nur eine Sekunde warten. Die beiden jungen Leute sahen sich täglich, unterhielten sich jedesmal lange und eifrig mit einander und wurden dem Anscheine nach immer vertrauter; – aber sie sprachen niemals von etwas anderem als von dem abwesenden Francis Irwing. Herr und Frau Thorn ließen ihre Tochter gewähren. Irwing hatte sein Versprechen nicht vergessen. Er hatte, trotz seines Unwohlseins, verschiedene Unterredungen mit Marys Eltern gehabt und war bei dieser Gelegenheit bemüht gewesen, in lobendster Weise von Wilson zu sprechen. Julius Weber hatte dasselbe getan, Ralston endlich, Thorns Geschäftsgenosse, den dieser um Rat gefragt hatte, war ohne Zögern bereit gewesen, alles Gute zu bestätigen, was Weber und Irwing bereits von Wilson gesagt hatten: Wilson erschien demnach als ein junger, wohlhabender Mann, der sich in jeder Beziehung des besten Rufes erfreute, und dem ein Vater seine Tochter ruhig anvertrauen konnte. – Mary war neunzehn Jahr alt; wenn sie Wilson liebte, so war es Herrn Thorn ganz recht, den jungen Mann, dessen Persönlichkeit ihm gefiel, als Schwiegersohn zu begrüßen. Weder er noch seine Frau wollten der Bewerbung im Wege stehen. Herr Thorn war deshalb immer gern bereit, Mary und Wilson ungestört miteinander sprechen zu lassen, und er war darauf vorbereitet, daß dieser sich innerhalb weniger Tage unumwunden erklären werde. Die Sache war etwas unerwartet gekommen und schien schnell zu gehen; aber das war in Herrn Thorns Augen kein Grund, sie zu verwerfen. Irwing hatte jedoch das Versprechen, das er seinem Freunde gegeben hatte, bis jetzt nur teilweise gelöst. In Marys Gegenwart hatte er Wilsons Namen noch nicht ausgesprochen. Das junge Mädchen konnte nicht begreifen, weshalb Herr Irwing, der in Yokohama so wenig wie möglich von ihrer Seite gewichen war, sie seit ihrer Ankunft in Schanghai mied. Auf dem Rennplatze, sie erinnerte sich dessen wohl, hatte er zum letzten Male freundlich und zutraulich mit ihr gesprochen. Sie hatte ihn seitdem häufig wiedergesehen; aber er hatte sich damit begnügt, »Guten Tag« und »Guten Abend« zu sagen, und war dann wieder von ihr gegangen, um sich mit ihrem Vater und ihrer Mutter, mit Herrn Ralston oder einem andern Mitgliede der Gesellschaft zu beschäftigen. Seine Besuche waren gewöhnlich kurz gewesen, und nicht ein einziges Mal hatten ihre Augen die seinigen finden können. Er blickte, wenn er in ihrer Gegenwart war, auf ein Buch, oder aus dem Fenster, oder in das Gesicht derjenigen Person, mit der er gerade sprach. Aber auf ihrem Gesichte hatten die guten, ehrlichen Augen, die sie so häufig bis in den Traum verfolgten, nicht wieder geruht. – Hatte sie irgend etwas getan, wodurch sie Herrn Irwing verletzt hatte? – Sie konnte die Ungewißheit darüber nicht länger ertragen. Sie wollte wissen, was die plötzliche Umwandlung in seinem Wesen ihr gegenüber hervorgerufen hatte. »Das nächste Mal, wenn ich ihn sehe,« sagte sie sich, »frage ich ihn. Das kann nicht schlecht sein. Ich habe ein Recht, wissen zu wollen, weshalb er so unfreundlich ist.« Wilson hatte den Thorns mitgeteilt, daß Irwing auf Anraten des Doktor Jenkins nach Yokohama zurückzukehren beabsichtige und mit dem ersten Dampfboote wieder dorthin abreisen werde. Die ›Costa-Rica‹ sollte den Hafen am nächsten Morgen verlassen. Mary Thorn konnte mit Sicherheit auf Irwings Besuch rechnen. Sie hatte eine kleine, harmlose Strategie erdacht, um ihre Mutter zu entfernen und um zu den in Schanghai gebräuchlichen Besuchsstunden allein zu sein. Während sie ungeduldig wartete, machte Irwing seinem ehemaligen Wirte und Freunde Julius Weber einen kurzen Abschiedsbesuch. Die beiden saßen in Webers Arbeitszimmer: dieser auf einem hohen Schreibstuhl, Irwing neben ihm auf einem kleinen Bambussessel. Der Sessel war sehr niedrig, und Irwing war schwerfällig hineingefallen. Jetzt hielt er sich dort unbeweglich, den Oberkörper etwas nach vorn gebeugt, die langen Beine dicht an den Sitz herangezogen und die Hände still und steif auf den Knien ruhend. Weber blickte von dem hohen Schemel auf ihn hinab und war durch den Anblick, den Irwings Gestalt bot, schmerzlich betroffen. Der junge Mann, den er so lebensmutig gekannt hatte, erschien schwach, von sonderbarer Hilf- und Ratlosigkeit. Weber musterte die langen, abgemagerten blutlosen Hände, die alle Kraft verloren zu haben schienen. Dann, als sich seine Augen auf den Kopf seines Besuchers richteten, bemerkte er, daß der einst so kräftige Nacken die eigentümliche Magerkeit angenommen hatte, die in heißen Ländern ein sicheres Zeichen großer Entkräftung ist. Die wohlgeformten Ohren schienen weiter als früher vom Kopfe abzustehen und waren wie die Hände blutleer, das schlichte blonde Haar lag spröde und glanzlos an den durchsichtigen Schläfen. Die ganze Erscheinung war die eines Mannes, der sich soeben von einer schweren Krankheit erhoben hat. Irwing hatte Weber erzählt, daß er morgen wieder nach Yokohama zu gehen beabsichtige. Er hatte auch schon einmal Adieu gesagt und sich halb in die Höhe gerichtet, als ob er fortgehen wolle; aber er war dann wieder auf den Stuhl zurückgesunken, und seit einer Minute saß er nun da ohne zu sprechen und anscheinend in tiefes Nachdenken versunken. Es kam Weber vor, als ob Irwing noch irgend etwas auf dem Herzen habe, was er ihm mitzuteilen wünsche. Als dieser beharrlich schwieg, wollte er ihn ermutigen und sagte in teilnehmendem Tone: »Wir sind alte Freunde, Irwing, und Sie wissen, daß Sie sich auf mich verlassen können. Wenn ich in Ihrer Abwesenheit hier etwas für Sie tun kann, was Sie aus irgendeinem Grunde einem andern nicht anvertrauen wollen, so verfügen Sie über mich.« »Ja«, antwortete Irwing und dann stockte er wieder. Nach einer kurzen Weile fuhr er jedoch fort: »Wenn ich nicht nach Schanghai zurückkehren sollte, so will ich Ihnen hiermit gleich für längere Zeit Lebewohl sagen.« Er sprach zögernd und verlegen. Weber sah ihn betroffen an. »Sie wollen nicht wieder nach Schanghai kommen?« fragte er. »Ich weiß es noch nicht bestimmt; aber es ist doch möglich und für den Fall wollte ich nicht fortgehen, ohne es Ihnen gesagt zu haben. Sie haben mich zuerst freundlich aufgenommen, als ich vor sechs Jahren hier ankam, und haben mir seitdem stets zur Seite gestanden. Ich bin Ihnen dafür dankbar . . . Adieu, lieber Weber!« Er erhob sich nun, aber er ging noch nicht fort, sondern blieb unschlüssig am Pulte stehen. »Noch eins, Weber«, fuhr er fort. »Ich bitte Sie, erzählen Sie Wilson nicht, daß ich auf längere Zeit Abschied genommen habe. Es würde ihn besorgt machen . . . Und dann noch eins« – er nahm ein Papiermesser, das auf dem Pulte lag, drehte es langsam hin und her und betrachtete es aufmerksam – »noch eins: Wenn Wilson in meiner Abwesenheit etwas Unangenehmes zustoßen sollte, so stehen Sie ihm zur Seite. Er ist nicht so stark, wie er aussieht, Schanghai hat ihn mehr angegriffen, als er selbst weiß, und er würde, wenn es ihm schlecht ginge, der Stütze bedürfen.« »Was soll ihm denn zustoßen?« fragte Weber mit einiger Unruhe. – »Droht ihm ein Unglück?« »Nicht, daß ich wüßte. Aber es könnte ihm doch etwas Unangenehmes vorkommen, und in dem Falle möchte ich sicher sein, daß Sie ihm in meiner Abwesenheit zur Seite stehen.« »Irwing,« sagte Weber sehr ernst, »alles dies ist nicht in Ordnung. Sie verheimlichen mir etwas. Sprechen Sie doch frei heraus!« »Nein, ich bin nur etwas ermattet und niedergeschlagen, und da sehe ich vielleicht schwarz.« »Da haben Sie unrecht, lieber Irwing«, erwiderte Weber wieder mehr beruhigt. »Verbittern Sie sich Ihr Leben nicht! Freuen Sie sich desselben. Es ist zu kurz, als daß man schwarzen Gedanken nachhängen sollte.« »Zu kurz, zu kurz!« wiederholte Irwing bitter, »es scheint mir, daß es lang genug ist . . . Nun ich will Sie aber nicht länger aufhalten . . . Adieu, Weber! Ich verlasse mich auf Sie, daß Sie Wilson nicht unnütz beunruhigen . . . und sollte ihm in meiner Abwesenheit irgend etwas zustoßen, so rechne ich auf Sie.« Er entfernte sich endlich und ließ seinen Freund nachdenklich über das, was er gesagt und wie er es gesagt hatte, zurück. Von Webers Wohnung begab sich Irwing langsamen Schrittes nach dem Hause Ralstons. Er konnte Schanghai nicht verlassen, ohne von der Familie Thorn Abschied genommen zu haben, und er wollte sein Versprechen lösen und mit Mary über Wilson sprechen. Er hatte diese Unterredung bis zum letzten Augenblick aufgeschoben. Nun, am Vorabend seiner Abreise, mußte sie stattfinden. Der Diener, der in der Vorhalle von Ralstons Hause wartete, um Besuche anzumelden, antwortete Irwing, daß Frau Thorn, nach der er zuerst gefragt hatte, ausgegangen sei; Fräulein Mary aber befinde sich im Empfangszimmer. – Irwing trat darauf zögernd in das große Gemach. Es war, wie die meisten Wohnräume in Schanghai, hoch und luftig. Drei große Glastüren öffneten, dem Eingang gegenüber, nach dem Garten hin und gaben Zutritt zu einer breiten, verdeckten Veranda, die nach Norden hin lag, und auf der sich die Bewohner des Hauses während der heißen Jahreszeit vorzugsweise aufzuhalten pflegten. Auf diesem Balkon standen mehrere kleine Tische und große bequeme Rohrsessel. Eine breite, wenig Stufen hohe Treppe führte von dort in den gut unterhaltenen Garten. Die größten und schönsten Bäume erhoben sich in unmittelbarer Nähe der Veranda; ihre dicht beblätterten Zweige dämpften dort das grelle Licht des Tages zu einem ruhigen, angenehmen Halbdunkel herab. Mary hatte Irwing kommen hören und zeigte sich nun in einer der Glastüren, um den Eintretenden zu bitten, ihr auf die Veranda zu folgen. Dort ließ sich Irwing neben dem jungen Mädchen auf einen Sessel nieder. Er saß wieder gerade und steif, wie er bei Weber dagesessen hatte. In der Rechten hielt er seinen Hut, die Linke lag unbeweglich auf dem einen Knie. Mary hatte die Ellenbogen auf einen kleinen Tisch gestützt, der zwischen ihr und Irwing stand, und das Kinn auf beide Hände gelegt. Sie betrachtete Irwing aufmerksam und traurig. Während der ganzen Unterredung, die nun stattfand, waren ihre Augen unverwandt, ängstlich forschend auf Irwing gerichtet. Dieser blickte zu Boden oder sah in den Garten hinaus. »Ich komme, um Ihnen Lebewohl zu sagen«, fing er an. »Ich kehre morgen mit der ›Costa-Rica‹ nach Yokohama zurück.« »Nun, hoffentlich macht Japan Sie bald wieder gesund«, erwiderte Mary. »Ich wünsche es von ganzem Herzen. Ich bedauere aufrichtig, Sie leidend zu sehen.« Irwing antwortete nicht. »Herr Irwing«, fuhr Mary fort. »Ich muß eine Frage an Sie richten. Seien Sie mir deshalb nicht böse! . . . Weshalb sind Sie seit unserem Hiersein so ganz anders gegen mich, als Sie in Yokohama waren? Habe ich etwas getan, wodurch ich Sie verletzt habe?« Eine kurze Sekunde sah er sie an, und sein Blick war voll unendlicher, trostloser Traurigkeit. – »Herr Irwing,« fuhr Mary flehend fort, »sagen Sie mir, was habe ich getan, daß Sie mir zürnen?« »Ich zürne Ihnen nicht«, antwortete er ganz leise. »Weshalb sprechen Sie nie mehr mit mir? Weshalb vermeiden Sie mich? Was habe ich getan? Bin ich anders, als ich in Yokohama war?« »Nein.« »Nun weshalb sind Sie so ganz anders?« »Ich bin nicht recht wohl. Verzeihen Sie mir!« »Wollen Sie mir Ihre Hand geben? Wollen Sie mir sagen, daß wir noch gute Freunde sind wie früher?« Sie wußte nicht, woher sie den Mut nahm, so zu sprechen; aber sie fühlte, daß sie ein Recht hatte, es zu tun. Sie litt unverschuldet; sie wollte und durfte ein Mißverständnis aufklären, das sie unglücklich machte. Sie streckte ihre kleine weiße Hand Irwing entgegen. Dieser legte seine Rechte zögernd in die ihrige. »Herr Irwing, sind wir noch gute Freunde?« »Ja, Fräulein Mary.« Er zog seine Hand langsam wieder zurück. Sie hätte in Tränen ausbrechen mögen. Sie bewahrte nur mit größter Mühe ihre Fassung. Aber doch konnte sie ihm nicht zürnen. Er sah so leidend aus, so elend, daß sie alles auf der Welt gegeben hätte, um ihn zu trösten. Irwing hatte sich fest vorgenommen, sich des Auftrages, den Wilson ihm gegeben hatte, zu entledigen. Er suchte nach Worten, um dies zu tun. Er war in großer, peinlicher Verlegenheit. Eine neue Frage, die Mary an ihn richtete, gestattete ihm endlich, von seinem Freunde zu sprechen. »Sie werden Herrn Wilson ohne Zweifel regelmäßig schreiben?« sagte sie. »Auf diese Weise werden wir dann wohl auch Nachrichten von Ihnen empfangen?« Irwing beantwortete diese Frage nicht. Er sagte nur: »Wilson ist mein Freund.« – Er stockte und wiederholte langsam und abwesend: »Wilson ist mein Freund . . . mein einziger Freund . . .« »Er gefällt mir sehr gut«, entgegnete Mary. »Er hat etwas so Offenes, Biederes in seinem ganzen Wesen, das sofort Vertrauen und Zuneigung einflößt . . . Er hat Sie sehr lieb. Sie glauben gar nicht, wie er um Sie besorgt ist. Sie sollten ihn nur hören, wenn er von Ihnen spricht. Er stellt Sie höher als alles andere auf der Welt.« »Er ist der beste Mensch, den ich kenne.« »Er sagt dasselbe von Ihnen.« »Haben Sie Wilson lieb?« Die Frage kam so sonderbar heraus, sie schien so gänzlich unbegründet, Irwing sah dabei mit einer so eigentümlichen Starrheit im Blick in die Zweige der Bäume, daß Mary mehr verwundert als verletzt entgegnete: »Weshalb richten Sie diese Frage an mich?« Irwings Antwort kam in demselben teilnahmlosen Tone, von demselben teilnahmlosen Blicke begleitet: »Weil ich weiß, daß Wilson Sie liebt.« Mary schrak zusammen. Irwing schien nichts zu sehen. Er blickte noch immer in das dunkle Laub, den Kopf halb abgewandt von Mary. – Plötzlich regte sich in der Brust des jungen Mädchens ein wilder Gedanke, der ihr das Blut in die Wangen trieb, aber dem sie Ausdruck geben mußte. »Was würden Sie sagen, wenn ich ihn wieder liebte?« fragte sie leise, zitternd. Irwing schien zu ersticken. Er atmete beklommen, er schaukelte sich unruhig auf dem Sitze hin und her, er legte ein Bein über das andere und wechselte diese Stellung verschiedene Male, seine trockene Zunge wollte die trockenen Lippen netzen, er strich mit der Hand über die schweißbedeckte bleiche Stirn. – Seine Stimme klang rauh und heiser, als er endlich Worte fand: »Sie würden einen edlen Menschen lieben . . . Sie würden ihn glücklich machen . . . Sie würden glücklich sein.« Mary erhob sich schnell und stand mit blitzenden Augen vor ihm. »Das sagen Sie mir« – fragte sie mit tiefer, fremder Stimme, mit langem Ausdruck auf das Wort »Sie«. »Ja« – dies kaum hörbar von Irwing. Sie erbleichte. – »Hören Sie mich, Herr Irwing!« fuhr sie mit derselben fremden Stimme fort. – »Hören Sie mich? Wenn Sie mir anraten, Herrn Wilson meine Hand zu geben . . . aber nur wenn Sie es mir anraten . . . auf Ihre Verantwortlichkeit hin . . . hören Sie –« sie konnte kaum sprechen, sie atmete schnell und laut – »auf Ihre Verantwortlichkeit hin werde ich ihm meine Hand geben, wenn er darum anhält . . .« Sie stockte. Er saß stumm. »Nun so antworten Sie! Antworten Sie, Herr Irwing!« – Sie sprach lauter, sie stand ihm beinahe drohend gegenüber, ihre flammenden Augen unverwandt auf sein Gesicht gerichtet. »Soll ich ihm ›Ja‹ sagen? . . . . Ja oder nein?« »Ja«, brachte er hervor. »Nun dann, leben Sie wohl, Herr Irwing.« Sie wandte sich, als wollte sie gehen. Er versuchte, sich zu erheben; seine Kräfte verließen ihn: er fiel auf den Sessel zurück, aber er machte eine verzweifelte Anstrengung und stand endlich aufgerichtet an dem kleinen Tisch, auf den er sich mit einer Hand stützte. – Mary war in der Glastür stehen geblieben und hatte sich nach ihm umgewandt. – Die Sonnenstrahlen, die durch das Laub der Bäume fielen, machten ihr Haar goldig erglänzen, die hohe, schlanke Gestalt, in ein helles Gewand gehüllt, mit dem dunklen Zimmer als Hintergrund, von der Tür wie in einen großen Rahmen gefaßt, erschien wie in einem Bilde. Sie blickte auf Irwing und sah in der ganzen Erscheinung des Unglücklichen den Ausdruck unbeschreiblichen Leidens. Tiefes, schönes, weibliches Mitleiden füllte ihre ganze Brust. Hatte sie ihn bei Namen gerufen? – Er wußte es nicht. Er hatte es wie in einem Traume gehört, und wie im Traume näherte er sich der lichten Erscheinung, von den wunderbaren Augen, die sehnsüchtig, liebevoll, trostverheißend auf ihm ruhten, unwiderstehlich angezogen. Er ergriff ihre Hand, die sie ihm willig überließ und sagte: »O Mary, Mary, ich darf Sie nie, . . . niemals wiedersehen!« Seine Rechte ruhte zwischen ihren beiden Händen. Sie fühlte, wie er sie sanft zurückzog. »Nimmer, . . . nimmermehr«, wiederholte er. Er sah sie lange an; dann wandte er sich langsam ab. – Die Sinne vergingen ihr fast. – Was hatte dies alles zu bedeuten? Er näherte sich gesenkten Hauptes der Treppe, sie sah ihm mit weitgeöffneten Augen starr, sprachlos nach. – Er stieg die wenigen Stufen hinunter und trat, ohne sich umgesehen zu haben, unter den Schatten der Bäume. – Was? Keinen Blick mehr von ihm? Er ging, ohne sich noch einmal nach ihr umgewandt zu haben? Er wollte sie nie – niemals wiedersehen? . . . Sie hörte seinen schweren, gemessenen Schritt auf dem knirschenden Kies der Allee, sie vernahm, wie die Gartentür schwingend in ihren Angeln ächzte; dann wurde es still – totenstill. Er war gegangen . . . für immer! Sie taumelte zurück und sank, einer Ohnmacht nahe, in einen Sessel. Vor der Tür von Ralstons Hause begegnete Irwing seinem Freunde Weber. »Noch einmal glückliche Reise und auf Wiedersehn!« begrüßte ihn dieser. »Sie kommen wohl von den Thorns? Ich will ihnen soeben einen Besuch machen.« Irwing antwortete nur mit einem stummen Nicken. »Ich wette,« sagte Weber vor sich hin, nachdem Irwing weiter gegangen war, »Irwing ist in Mary Thorn verliebt, und Wilson hat sie ihm fortgenommen.« Er zuckte die Achseln, als wollte er sagen: »Ich kann es nicht verhindern, und ich kann auch nicht helfen.« Weber, ein wohlbekannter Freund des Hauses, wurde von dem Diener ohne weiteres in das Empfangszimmer geführt, das Mary noch nicht verlassen hatte. Sie erhob sich schnell und mit heftigem Herzklopfen, als sie die Tür öffnen hörte; sobald sie jedoch den neuen Besucher erkannt hatte, legte sich ihre Aufregung wieder. Es konnte Weber nicht entgehen, daß etwas Außergewöhnliches mit Mary Thorn vorgefallen sein müsse. Sie sah blaß und verstört aus und besaß kaum Fassung genug, um die gewöhnlichen Begrüßungsformeln, mit denen er sie anredete, zu beantworten. Er vermutete, daß die augenscheinliche Verwirrung des jungen Mädchens mit dem Abschiede von Irwing zusammenhänge; aber er wußte nicht, wozu es nützen könnte, sich darüber Aufklärung zu verschaffen, und da er weder neugierig noch aufdringlich war, so bemühte er sich, unbefangen zu erscheinen, als ob er nichts Außergewöhnliches in dem Wesen Marys bemerkte. Er blieb nur kurze Zeit und empfahl sich dann wieder, ohne von etwas anderem als vom Wetter, vom Klima von Schanghai und ähnlichen Dingen gesprochen zu haben. »Das ist eine kuriose Geschichte«, grübelte er vor sich hin, als er wieder in der Straße war: »Irwing liebt die kleine Thorn; und wenn ich mich nicht sehr irre, so liebt sie ihn. Das verhindert nicht, daß Wilson sie mit Irwings Zustimmung heiraten will . . . Es geht komisch zu in dieser komischen Welt!« Wilson war im Godown beschäftigt, als Irwing wieder nach Hause kam, und dieser konnte unbemerkt auf sein Zimmer gehen, wo er den Boy mit dem Einpacken seiner Sachen beschäftigt fand. »Befiehlt der Herr, seine Flinte miteinzupacken?« fragte der Diener. Irwing nickte mit dem Kopf. »Befiehlt der Herr, Winterzeug mitzunehmen?« »Ja.« Der Boy schleppte einen zweiten großen Koffer aus Kampferholz herbei, schloß ihn auf, blieb, mit dem Kopf auf einer Seite, eine Weile lang bedenklich stehen, wandte sodann einen fragenden Blick auf Irwing, als erwarte er von diesem irgendwelche Anweisungen, und schloß endlich den Koffer still wieder zu. »Befiehlt der Herr, daß ich mit nach Yokohama gehe?« »Nein.« Assung, der Boy, schlich darauf geräuschlos aus dem Zimmer und erzählte dem Comprador Name, den man in China dem in europäischen Häusern angestellten chinesischen Geschäftsführer gibt. , den er in der Hausflur antraf, der Herr gehe auf lange Zeit und weit fort, denn er nehme all sein Winterzeug mit und lasse ihn, Assung, in Schanghai zurück. Der Comprador meinte, Herr Irwing werde in wenigen Wochen wieder nach Schanghai zurückkehren, aber Assung erwiderte: »Ich weiß besser« – und der Comprador, der nicht zu einer Unterhaltung aufgelegt war, und der sich im Grunde wenig um die ganze Geschichte kümmerte, schloß die Unterhaltung lakonisch mit dem üblichen: ›› Can see, can sabee ‹‹ – »Wenn man es gesehen hat, so wird man es wissen.« – Jedoch hielt er es als wohlerzogener, höflicher Comprador eines geachteten Handlungshauses für seine Pflicht, für den nächsten Morgen eine Kiste mit ›› fire crackers ‹‹ – chinesischem Feuerwerk – zu bestellen, damit Herr Irwing das Haus und den Hafen unter gebührenden Ehrenbezeugungen verlassen könne. Irwing blieb in seinem Zimmer, bis es anfing zu dämmern; dann zog er sich wie gewöhnlich zum Essen an, und da der »Gong« gerade zur Tafel rief, begab er sich in den Speisesaal, wo Wilson bereits auf ihn wartete. Die Mahlzeit ging still und traurig vorüber. Wilson war nicht nur um die Gesundheit seines Freundes besorgt; er war auch verstimmt: ja, er war gewissermaßen böse auf Irwing. Er fühlte, daß dieser ihm gegenüber nicht mehr der Alte war, daß sich etwas Fremdes, Störendes, er konnte sich nicht erklären was, zwischen ihn und seinen Genossen geschoben hatte. – Daß Irwing sich unwohl fühlen mußte, war augenscheinlich. Wilson wollte es ihm nicht verdenken; aber was er weder begreifen, noch entschuldigen konnte, war die scheue Traurigkeit seines Freundes. – Weshalb klagte er nicht? Weshalb sagte er nicht in klaren Worten, wo ihn der Schuh drückte? – »Wenn ich krank wäre,« meinte Wilson, »nun so würde ich mich zu Bette legen und würde mich von Irwing pflegen lassen. Es ist unrecht von ihm, mich wie einen Fremden zu behandeln.« Im Laufe des Abends erzählte Irwing seinem Freunde, daß er von Fräulein Thorn Abschied genommen habe. »Haben Sie ein Wort für mich sagen können?« fragte Wilson, ohne jedoch den Eifer zu zeigen, den er früher an den Tag gelegt hatte. »Ja. Ich habe ihr gesagt, daß sie sich Ihnen anvertrauen könnte, daß Sie sie glücklich machen würden.« »Sie sind ein wahrer Freund! . . . Und wie hat sie Ihre Bemerkungen aufgenommen? – Seien Sie nicht böse, alter Mann, daß ich Sie mit diesen Fragen quäle.« »Ich bin Ihnen nicht böse.« »Nun, wie hat sie Ihre Bemerkungen aufgenommen?« »Ich verstehe nichts von Frauen. Wir sprachen nicht lange. Ich konnte nicht viel sagen; aber ich habe nur Gutes von Ihnen gesagt . . . Ich gebe Ihnen die Versicherung, Wilson, ich habe mein Bestes getan, um Ihnen zu nützen . . . Ich konnte nicht mehr tun, als ich getan habe.« »Wer zweifelt daran? Weshalb geben Sie mir eine feierliche Versicherung? Sie sind mein Freund. Tun Sie mir nur den Gefallen und werden Sie schnell wieder gesund. Alles übrige wird sich finden.« Am nächsten Tage, um sieben Uhr morgens, dampfte die ›Costa-Rica‹ aus dem Hafen. Wilson, der Irwing an Bord begleitet hatte und sich nun wieder seiner Wohnung näherte, fühlte sich niedergeschlagen wie nie zuvor. Irwing hatte ganz eigentümlich von ihm Abschied genommen. Er hatte mehrere Male wiederholt: »Bewahren Sie mir ein freundliches Andenken, Wilson,« und seine Augen waren feucht gewesen, als er ihm an der Landungstreppe die Hand gedrückt hatte. – Als er vor wenigen Wochen zum ersten Male nach Yokohama gegangen war, hatte er nicht in so feierlicher Weise Lebewohl gesagt. Damals rief er: »Auf Wiedersehen in sechs Wochen! Passen Sie auf Mammon und Excentric auf!« – und stand freundlich lächelnd und winkend auf dem Verdecke, bis er Wilson aus den Augen verloren hatte. Heute sprach er gar nicht von Wiedersehn. Er ging, als meine er nie wiederzukommen. – Was fehlte ihm? – Doktor Jenkins vermochte keine Auskunft zu geben. Wilson konnte sich die Sache nicht erklären. »Ich werde bis zur Rückkehr der ›Costa-Rica‹ keine ruhige Minute haben«, sagte er sich. »Wolle Gott, daß der erste Brief Irwings mir gute Nachrichten bringt!« VI »Die ›Costa-Rica‹ mit der Post von Yokohama, Yeddo, Kobe, Osaka und Nangasaki ist um ein Uhr nachmittags angekommen. Briefe werden zwischen drei bis fünf Uhr verteilt werden.« Wilson hatte diesen Zettel, der am amerikanischen Konsulate von Schanghai angeschlagen war, zehnmal und öfter gelesen und wartete nun in seinem Schreibzimmer mit großer Ungeduld auf den Diener, der ihm die Briefe aus Japan bringen sollte. Die drei Wochen, die seit Irwings Abreise dahingegangen, waren elende Tage für Wilson gewesen. Er hatte fortwährend an seinen abwesenden Freund denken müssen, und seine Beunruhigung über dessen Schicksal war täglich größer geworden. Schanghai ist nicht der Ort, wo man sich ungestraft aufregen darf. – Europäer und Amerikaner, die frisch angekommen sind und noch einen ungeschmälerten Vorrat nördlicher Energie und Widerstandsfähigkeit besitzen, können sich zur Not den Luxus einer großen Gemütserregung gestatten, gerade wie es ihnen auch noch erlaubt ist, während der Mittagshitze im Sommer auszugehen; aber ältere Bewohner der ungesunden, feuchten, heißen Stadt müssen Sorge tragen, sich weder geistig noch körperlich zu sehr anzustrengen. – Ein Europäer akklimatisiert sich in China niemals. Er wird im Gegenteil mit jedem Jahre weniger geeignet, den bösen Einflüssen des ihm unfreundlichen Himmels zu widerstehen. Die Sonne wird ihm ein Feind, dem er nicht mehr zu trotzen wagt und nicht mehr ungestraft trotzen darf. Er spricht nicht von der »lachenden«, sondern von der »brennenden, stechenden« Sonne, und wenn er gezwungen wird, sich ihren Strahlen auszusetzen, so sucht er sich durch luftige Hüte, durch Schirme, durch helle Tücher im Nacken, durch gefärbte Gläser vor den Augen dagegen zu schützen. Ungeachtet aller Vorsichtsmaßregeln erschlafft seine Kraft mehr und mehr, und nach wenigen Jahren wird selbst der ursprünglich kräftige, kerngesunde Mann gezwungen, nach seiner Heimat zurückzukehren und sich durch einen längern Aufenthalt dort wieder zu stärken und zu erfrischen. Versäumt er dies, so siecht er dahin und wird vor der Zeit schwach und gebrechlich, um schließlich als ein Opfer des ihm feindlichen Klimas zu fallen. Wilson war im Jahre 1866 ein ganz anderer, viel schwächerer Mann als zur Zeit, wo er mit Irwing zusammen die Reise nach Su-tschau unternommen hatte. Er zählte nun siebenundzwanzig Jahre. Er war von Natur durchaus nicht dazu angelegt, vorsichtig und ängstlich zu sein; aber er hatte sich, wie alle seine Bekannten und Genossen, nach und nach daran gewöhnt, ein ruhiges, wohlgeordnetes Leben zu führen. Er ging zu regelmäßigen Stunden zu Bette, er stand früh auf, und es wäre ihm niemals eingefallen, im Monat Juli oder August zwischen zehn und drei Uhr ohne Sonnenschirm auszugehen. Diese und ähnliche kleine Vorsichtsmaßregeln störten ihn weiter nicht, aber sie waren doch seiner ganzen Natur zuwider: er ärgerte sich darüber, und ein Hauptgrund, weshalb er sich von China fort und nach England zurücksehnte, war, daß er sich dort nicht mehr um seine Gesundheit zu bekümmern haben würde. Die Unruhe, die er während der letzten drei Wochen empfunden, hatte ihn empfindlich angegriffen. Er war ungeduldig, aufgeregt, schlechter Laune, und seine Bekannten klagten, daß das Zusammenleben mit ihm mit jedem Tage schwieriger würde. Sie waren einstimmig der Meinung, daß es hohe Zeit für ihn sei, Schanghai zu verlassen und nach Europa zu gehen, um sich dort einmal wieder ordentlich aufzufrischen und zu erholen. Wilson konnte von dem Fenster seines Zimmers aus den »Post-Boy« kommen sehen. Er ging ihm entgegen, nahm ihm im Hausflur die Briefe aus der Hand und ließ sie schnell durch seine Finger gleiten, bis er auf einem Umschlag die große, deutliche Handschrift Irwings erkannt hatte. Diesen öffnete er noch im Gehen; dann warf er sich in einen Sessel und las folgenden Brief: Yokohama, den 18. Mai 1866. »Mein lieber Wilson! Wir haben eine stürmische Überfahrt gehabt, namentlich zwischen Simoda und Yokohama. Die ›Costa-Rica‹ hat sich während des schlechten Wetters sehr gut benommen. Die kleine Reise hat mir wohlgetan, und Sie können über meinen Gesundheitszustand beruhigt sein. Aber ich sehe noch immer etwas angegriffen aus, und ich muß hier von jedermann, den ich kenne und dem ich begegne, dieselbe Frage hören: ›Was fehlt Ihnen?‹ – Da mich das langweilt und da ich von einer größern Seereise vollständige Herstellung hoffe, so habe ich mich entschlossen, mit der ›Amerika‹, die morgen von hier segelt, nach Kalifornien zu gehen. – Es liegt viel Wasser und Land zwischen Schanghai und San Franzisko, und es kann so manches vorkommen, bis wir wieder zusammentreffen. – Lieber Wilson, bewahren Sie mir ein gutes Andenken! Beunruhigen Sie sich nicht, wenn Sie während einiger Monate nichts von mir hören! Ich beabsichtige, mich in den Prärien umherzutreiben, und werde nicht leicht Gelegenheit finden, Ihnen zu schreiben. Briefe erbitte ich mir unter der Adresse der ›Bank von Kalifornien‹ in San Franzisko. – Der Ordnung halber teile ich Ihnen noch mit, daß ich mir von Young 10 000 Dollars habe geben lassen, die meinem Privatkonto zu belasten sind. Grüßen Sie Julius Weber von mir. Der Ihrige                         Francis Irwing.« Wilson las diesen Brief mit wachsender Beunruhigung mehrere Male durch. Beinahe alles darin war ihm unverständlich. Der Brief enthielt nicht ein Wort von den nächsten gemeinschaftlichen Zukunftsplänen. Der bevorstehenden Auflösung des Hauses Wilson \& Irwing war darin gar nicht Erwähnung getan. – Was bedeutete diese plötzliche Reise nach Kalifornien, ohne daß ein Wort von der Rückkehr nach Schanghai gesagt war? Was wollte Irwing mit den zehntausend Dollars anfangen? Sie bildeten im Verhältnis zu seinem Guthaben im Hause keine große Summe; aber was konnte er mit einem solchen Kapital auf einer Vergnügungsreise anfangen wollen? Weshalb diese Bemerkung über das große Stück Erde zwischen San Franzisko und Schanghai? Die Leute in China betrachten die Kalifornier als ihre Nachbarn, und unter gewöhnlichen Verhältnissen würde Irwing gar nicht daran gedacht haben, von der Entfernung, die ihn nun von Wilson trennte, zu sprechen. »Ich kann das nicht verstehen«, sagte sich Wilson ein über das andere Mal. – »Entweder Irwing hat den Verstand verloren, oder ich bin nicht recht bei Sinnen.« – Er öffnete die anderen Briefe in der Hoffnung, dort noch Aufklärung zu finden; aber das einzige Schreiben, in dem Irwings überhaupt Erwähnung getan wurde, war ein Geschäftsbrief von Young, der unter anderem die Stelle enthielt: »Wir hatten das Vergnügen, Ihren geehrten Herrn Irwing bei uns zu sehen, der gestern mit der ›Amerika‹ die Überfahrt nach San Franzisko angetreten hat. – Belieben Sie, uns laut einliegender Quittung für 10 000 Dollars zu erkennen, die derselbe für Rechnung Ihres geehrten Hauses bei uns entnommen hat.« Wilson setzte seinen Hut auf und lief zu Weber, der in der Nachbarschaft wohnte. Dieser bereitete sich gerade darauf vor, einen kleinen Spazierritt zu machen, aber trat sofort wieder mit Wilson in sein Haus zurück, als dieser ihm sagte, er habe mit ihm über Irwing zu sprechen. Sobald Weber sich gesetzt hatte, zog Wilson Irwings Brief aus der Tasche und gab ihn seinem Freunde zum Lesen. Weber studierte das Schriftstück aufmerksam durch, ohne eine Miene zu verziehen, legte es sodann auf den Tisch und blickte seinen Gast fragend an. »Mir ist die ganze Sache unverständlich«, sagte Wilson. »Können Sie mir erklären, was dieser Brief zu bedeuten hat?« Weber nahm den Brief wieder auf und las ihn noch einmal durch. Dann sah er Wilson fest an und sagte ruhig: »Irwing ist fortgegangen, um nicht wieder zu kommen.« »Aber warum?« rief Wilson heftig. »Warum? . . . Ja warum? . . . Soll ich Ihnen aufrichtig sagen, was ich denke?« »Natürlich, so sprechen Sie doch!« Weber schien in Verlegenheit zu sein und besann sich eine kurze Weile. »Nun, so sprechen Sie doch«, drängte Wilson. »Es ist eine heikle Geschichte; aber Sie sollen sie wissen . . . Ich glaube, Irwing liebt Fräulein Thorn.« Neben Wilson stand ein kleiner japanischer Tisch. – Wilson sprang mit einem zornigen Fluch in die Höhe und schlug mit der Faust so heftig auf das leichte Möbel, daß die dünne Tischplatte zersprang und die scharfen Splitter davon ihm die Hand zerschnitten. »Weber, weshalb haben Sie mir das nicht früher gesagt?« »Wie konnte ich es Ihnen sagen?« beschwichtigte dieser. »Wie konnte ich es überhaupt wissen? Die Sache ist mir selbst erst nach und nach klar geworden . . . Sie kommen zu mir und erzählen mir, Sie beabsichtigen, sich um die Hand von Fräulein Thorn zu bewerben. Gut! Sie ersuchen mich, bei Herrn und Frau Thorn ein Wort für Sie einzulegen, und sagen mir gleichzeitig, daß Irwing dasselbe tun werde. – Kann ich da vermuten, daß Sie der Nebenbuhler Ihres Freundes seien?« Wilson hatte ein weißes Tuch aus der Tasche gezogen und verband sich damit die blutende Hand. Er hatte sich wieder gesetzt und war auch anscheinend wieder ruhig geworden; aber Weber bemerkte, daß seine Lippen zuckten, und daß er blaß war. »Sehr wohl«, sagte er mit erzwungener Gelassenheit. »Bis jetzt ist alles in Ordnung; aber was später?« »Ja, was später! . . . Später bemerkte ich, daß Irwing, der frisch und gesund aus Yokohama zurückgekehrt war, der sich während des ganzen Renntages ausschließlich mit Fräulein Mary beschäftigt hatte, der ganz gegen seine Gewohnheit Herrn und Frau Thorn gegenüber den zuvorkommenden Wirt macht, – später bemerke ich, daß Irwing plötzlich, ohne irgendwelchen erkennbaren Grund krank und trübsinnig wird. Ich beobachte ihn, denn er ist mein Freund, und ich interessiere mich für ihn. Er spricht den Namen Thorn in meiner Gegenwart nicht mehr aus, er nähert sich Fräulein Mary nicht ein einziges Mal wieder, ihre Eltern haben, dem Anschein nach, jeden Wert für ihn verloren, er wird täglich trübsinniger, geheimnisvoller . . . und auf einmal verschwindet er. – Es ist möglich, daß ich mich irre, aber ich kann mir sein rätselhaftes Benehmen nur dadurch erklären, daß ich mir sage: Irwing hat Ihnen bei Ihrer Bewerbung um Fräulein Thorns Hand nicht im Wege stehen wollen, und das ist der Grund, weshalb er fortgegangen ist.« Wilson war noch immer mit seiner blutenden Hand beschäftigt. »Alles dies sind Vermutungen,« sagte er, ohne die Augen in die Höhe zu heben, »ich glaube selbst, daß Sie recht haben; aber denken Sie einmal nach, Weber, ob Sie nicht ein Mittel wissen, um uns darüber Gewißheit zu verschaffen.« »Wozu würde das nützen?« »Nun, es würde dazu nützen,« antwortete Wilson mit vollständiger Ruhe, »daß, sobald ich meiner Sache sicher wäre, ich Irwing sofort nach hier zurückberufen würde.« »Wollen Sie Ihrer Bewerbung um Fräulein Thorn entsagen?« Wilson zuckte mit den Achseln und blickte Weber mit einem Lächeln an, das trauriger als Tränen war. »Sie kennen mich nicht«, sagte er sanft. »Mary Thorn hat mir wohl gefallen, und ich glaube, ich würde recht glücklich gewesen sein, wenn sie mir ihre Hand gereicht hätte; aber was hat das zu bedeuten, wenn es sich um Irwing handelt?« Wilson sprach so ernst, es wurde ihm so schwer, seine Rührung zu verbergen, daß dem heiteren, leichtherzigen Weber die Augen feucht wurden. Er rieb sich nachdenklich das Kinn und sagte nach einer längern Pause: »Ich glaube, Mary Thorn ist die einzige Person, die Ihnen mehr Auskunft als ich geben kann. Ich besuchte sie, als Irwing soeben Abschied von ihr genommen hatte, und fand sie in einer eigentümlichen Gemütsverfassung. Sie erschien mir niedergeschlagen und war außerstande, eine gewöhnliche Unterhaltung mit mir zu führen. Ich sagte mir damals schon: Irwing liebt Mary Thorn, und sie liebt ihn, und Wilson will sie mit Irwings Zustimmung heiraten. – Ich wunderte mich über die ganze Geschichte.« »O Weber, Weber, warum haben Sie mir damals nicht gesagt, was sie wußten?« »Ich wußte ja nichts, Wilson; ich hatte nur Vermutungen. Setzen Sie sich an meine Stelle: was konnte ich tun?« »Es nützt nichts, über einen geschehenen Schaden zu klagen.« Wilson war aufgestanden, als er dies sagte. »Ich will sofort zu Fräulein Thorn gehen«, fuhr er fort. »Tun Sie mir den Gefallen und bleiben Sie zu Hause, damit ich Sie nach meiner Unterredung gleich wieder sprechen kann. Es handelt sich darum, einen schnellen Entschluß zu fassen. Mir ist der Kopf ganz wirr von dem, was ich erfahren habe. Ihr guter Rat kann nützlich sein. Da steht Ihr Pferd noch. Gestatten Sie mir, es zu nehmen. Ihr Stalljunge kann nebenher laufen, dann bin ich rascher hin und zurück.« Weber war damit einverstanden, und Wilson begab sich in schnellem Trabe nach Ralstons Wohnung. – Frau Thorn und ihre Tochter waren soeben von einer Spazierfahrt zurückgekehrt und wollten sich gerade auf ihr Zimmer begeben, um sich zum Essen anzukleiden, als Wilson angemeldet wurde. Er begrüßte die beiden Damen und sagte, noch ehe diese ein Wort gesprochen hatten: »Wollen Sie mir gestatten, gnädige Frau, daß ich mich fünf Minuten lang allein mit Fräulein Mary unterhalte. Ich habe ihr eine Mitteilung über meinen Freund Irwing zu machen.« Herr und Frau Thorn hatten während der letzten Tage mehrere Unterredungen über das Verhältnis zwischen Wilson und ihrer Tochter gehabt. Das junge Mädchen hatte seit der Abreise Irwings unter verschiedenen Vorwänden ein zurückgezogenes Leben geführt, und die täglichen Zusammenkünfte, die sie früher mit Herrn Wilson gehabt hatte, waren abgebrochen worden. Wilson hatte sich auch seltener als während der ersten vierzehn Tage seines Bekanntwerdens mit der Familie Thorn in Ralstons Hause gezeigt. Er hatte über Kopfschmerzen geklagt, er war verstimmt gewesen, und seine Bewerbung um Marys Hand schien in Stocken geraten zu sein. Die Eltern hatten dieser Änderung in dem Verhältnis zwischen den jungen Leuten keine große Wichtigkeit beigelegt. Wilson war ihnen als zukünftiger Schwiegersohn ganz willkommen gewesen; aber auf der andern Seite beunruhigte sie sein Zurücktreten nicht. Mary war noch sehr jung. Sie war reich und schön. Die Eltern waren um einen Bewerber um sie nicht verlegen und sagten sich untereinander, daß sie in New York zehn junge Männer für einen finden könnten, die glücklich sein würden, an Wilsons Stelle zu treten. Sie waren jetzt am Vorabend ihrer Rückreise nach Amerika. Am vorhergehenden Tage noch hatte Herr Thorn seiner Frau beiläufig gesagt, daß er neugierig wäre zu sehen, ob Wilson sie abreisen lassen werde, ohne seine Absichten in bezug auf Mary erklärt zu haben. Frau Thorn hatte darauf mit den Achseln gezuckt und geantwortet, man könne das ruhig abwarten, man würde ja in wenigen Tagen wissen, woran man sich zu halten habe. – Wilsons Gesuch, mit ihrer Tochter allein sprechen zu dürfen, überraschte sie deshalb nicht. Sie vermutete, daß der junge Mann im letzten Augenblicke den Mut gefunden habe, einen Heiratsantrag zu machen, und daß er sich nun der Zustimmung der Tochter versichern wollte, ehe er mit den Eltern spräche. Die schroffe Weise, in der Wilson gebeten hatte, mit Mary allein sein zu dürfen, war ihr etwas sonderbar vorgekommen; aber sie sah darin weiter nichts als einen Mangel städtischer Sitten. Daß Wilson den Namen Irwings genannt hatte, betrachtete sie als eine harmlose Ausflucht. Sie nickte freundlich mit dem Kopf und sagte, Herr Wilson möge ihre Tochter nicht zu lange aufhalten, da man sich bei Herrn Ralston sehr pünktlich um halb acht Uhr zu Tische setze und Mary sich noch umzukleiden habe. – Damit ließ sie ihre Tochter mit deren vermeintlichem Werber allein. Mary hatte der Nennung des Namens Irwing eine ganz andere Bedeutung beigelegt als ihre Mutter. Sie wußte, daß die Post aus Japan vor einigen Stunden angekommen war, sie erinnerte sich, daß sie Irwing bei ihrem letzten Zusammensein gebeten hatte, ihr durch Wilson Nachricht von seinem Gesundheitszustande zu geben, und sie erwartete nun, daß dieser sich eines Auftrages seines abwesenden Freundes für sie entledigen wollte. Das Herz klopfte ihr bei dem Gedanken. »Fräulein Mary,« begann Wilson, sobald sie sich beide gesetzt hatten, »entschuldigen Sie mich, wenn ich eine ungebührliche Frage an Sie zu richten wage. Es geschieht im Interesse meines Freundes und in dem Ihrigen.« Sie blickte ihn fragend an. »Glauben Sie,« fuhr Wilson fort, gerade auf das Ziel lossteuernd, »glauben Sie, Fräulein Thorn, daß mein Freund Irwing Sie liebt?« Sie fuhr erschreckt zusammen. »Wie kommen Sie dazu,« brachte sie endlich hervor, »eine solche Frage an mich zu richten?« »Fräulein Thorn, ich spreche in großen Ängsten. Nichts liegt mir ferner als indiskret sein zu wollen. Aber es handelt sich um das Wohl, es handelt sich viel leicht um das Leben meines Freundes. – Glauben Sie, daß er Sie liebt?« Das junge Mädchen wußte in der Tat nicht, was sie antworten sollte. Sie hatte ein mutiges Herz, aber es war ihr unmöglich, auf diese unerwartete Anrede sofort eine Antwort zu finden. War sie sich doch selbst darüber im unklaren, ob Irwing sie liebe, und war sie doch seit drei Wochen elender, als sie sich je gefühlt hatte, einfach weil es ihr unmöglich war, sich darüber Gewißheit zu verschaffen. »Das weiß ich wirklich nicht, Herr Wilson«, antwortete sie ausweichend. »Denken Sie nach, Fräulein Thorn«, drängte Wilson. »Ist Ihnen nichts in Irwings Wesen aufgefallen, woraus Sie seine Liebe für Sie folgern könnten?« »Das weiß ich wirklich nicht«, wiederholte sie mit peinlicher Verlegenheit. Wilson sah sie mit einem Blick an, der ihr durch die Seele ging. »Ich will Ihnen mitteilen, was ich weiß,« sagte er darauf, »vielleicht wollen Sie mir dann antworten.« – Und er erzählte in ruhiger Weise, als spräche er von einem andern, daß er sich, gleich nachdem er sie kennengelernt, in sie verliebt habe, und daß Irwing von ihm aufgefordert worden sei, seine Bewerbung um ihre Hand zu unterstützen. Viele kleine Einzelheiten fielen ihm während des Erzählens ein, und er erwähnte derselben alle: wie Irwings Stimme plötzlich heiser geworden sei, als er ihn gebeten habe, für ihn zu werben, – wie er ihn gleich darauf halb ohnmächtig auf sein Zimmer geführt habe, – daß seine Krankheit von dem Augenblick herrühre, wo diese Unterredung stattgefunden habe, – endlich auch, daß Irwing ihm feierlich die Versicherung gegeben habe, was ihm damals so unnütz erschienen wäre, er habe alles getan, was in seinen Kräften stehe, um Fräulein Mary für ihn, Wilson, günstig zu stimmen. Im Laufe des Erzählens verlor Wilson die Fassung, mit der er zuerst gesprochen hatte. Er wurde immer aufgeregter. Die Meinung, daß Weber richtig gesehen, befestigte sich in ihm in dem Maße, wie er selbst immer mehr Beweise in seinem Gedächtnis fand, daß er seinem Freunde ein furchtbares Opfer auferlegt habe. – »Ich blinder, blinder Tor!« sagte er endlich, als er geendet hatte, »daß ich dies alles nicht gesehen habe! . . . Ich weiß es jetzt bestimmt, Irwing liebte Sie! – Und nun frage ich noch einmal, Fräulein Thorn, um seines Glücks willen sagen Sie mir: wußten Sie dies? . . . Und dann sagen Sie mir noch eins: – ich habe kein Recht, Sie danach zu fragen, aber Sie müssen mich entschuldigen – dann frage ich Sie noch eins: Würden Sie den Antrag meines Freundes annehmen?« Auf diese letzte Frage konnte und wollte Mary nicht antworten. Diese Frage hatte Irwing allein das Recht, an sie zu richten. Aber Wilsons ernste Erzählung von den Leiden seines Freundes, der Schmerz, den er in diesem Augenblick augenscheinlich selbst erduldete, seine Aufregung – alles dies wirkte ansteckend auf das junge Mädchen. Sie war tief ergriffen, und es fiel ihr nicht ein, die Frage Wilsons zum dritten Male zurückzuweisen. Nein, sie sagte ernst und ruhig, was sie wußte, und was ihr während Wilsons Erzählung eingefallen war. – Ja, sie hatte eine Zeitlang geglaubt, daß Irwing sie liebe; aber dann war eine plötzliche Umwandlung gekommen, und als er von ihr Abschied genommen, hatte er gesagt, er dürfe sie niemals wiedersehen. Er hatte, als er so sprach, sehr elend ausgesehen. Wilson hegte keinen Zweifel mehr: »Ich habe mich schwer an Irwing vergangen, ich habe ihm großes Leid zugefügt,« sagte er, »Gott ist mein Zeuge, es ist ohne mein Wissen geschehen. Ich will sehen, ob ich die Sache wieder gut machen kann.« Er erhob sich schnell und entfernte sich, ohne Abschied zu nehmen, und wenige Sekunden darauf sah Mary über der niedrigen Gartenmauer, wie er sich auf einem rasch trabenden Pferd entfernte. An jenem Abend gab Wilson mehrere hundert Dollars für telegraphische Depeschen aus. Er hatte mit dem ruhigen Weber genau ausgerechnet, wann Irwing frühestens in Kalifornien eintreffen könne. Eine außergewöhnlich günstige Fahrt von Yokohama bis San Franzisko mußte achtzehn Tage dauern, die gewöhnliche Fahrzeit war zweiundzwanzig bis vierundzwanzig Tage. Irwing hatte Japan am 19. Mai verlassen. Vor dem 7. Juni konnte er unmöglich in San Franzisko sein; wahrscheinlich war es, daß er am 12. oder 13. dort eintreffen werde. – Aber nun schrieb man erst den 29. Mai. Ein Telegramm nach San Franzisko über Kiachta, St. Petersburg, London und New York konnte, wenn man nicht außergewöhnliche Umstände gegen sich hatte, bis zum 6. Juni in San Franzisko sein. – Wilson sandte eine ausführliche Depesche an die zuverlässigen Agenten seines Hauses in London und ersuchte diese, sofort an die »Bank von Kalifornien« in San Franzisko zu telegraphieren, daß Herr Irwing, Inhaber des Hauses Wilson \& Irwing in Schanghai, mit dem »Pacific Mail Steamer Amerika« in der ersten Hälfte des Monats Juni in Kalifornien eintreffen werde, und daß man ihn, ehe er das Schiff verlasse, aufsuchen müsse, um ihm mitzuteilen, er sollte San Franzisko unter keiner Bedingung vor Ankunft der nächsten Post aus Japan verlassen, die ihm wichtige, unerwartete, angenehme Nachrichten aus Schanghai überbringen werde. Wilson wurde etwas ruhiger, nachdem dies Telegramm abgesandt worden war. Die Hand, die er beim Zerschlagen der Tischplatte verwundet hatte, fing an heftig zu schmerzen. Er ging zu Doktor Jenkins, um sich verbinden zu lassen. Nach diesem Besuch begab er sich todmüde nach seiner Wohnung und legte sich, ohne etwas gegessen zu haben, zu Bette. Während der nächsten Tage war er unfähig zu arbeiten. Seine kräftige Konstitution hielt ihn noch immer aufrecht und erlaubte ihm, nach wie vor zu den gewöhnlichen Stunden in seinem Schreibzimmer zu sitzen und in den Klub zu gehen; aber er war zerstreut und einsilbig, und sein frisches Lachen, das man früher so häufig gehört hatte, war verstummt. Weber war der einzige, mit dem er sich gern und häufig unterhielt. Der Gegenstand ihrer Unterredungen war immer derselbe: Irwing. Weber versuchte, Wilson zu beruhigen und aufzuheitern, und manchmal gelang ihm dies auch. Dann machte Wilson neue Pläne für die Zukunft. »Irwing heiratet Mary Thorn«, sagte er, »und ich werde mich mit einer beliebigen Kusine May begnügen. – Offen gestanden ist mir die Lust zum Heiraten etwas vergangen: aber Irwing könnte sich am Ende einbilden, wenn ich ledig bliebe, daß ich ihm ein großes Opfer gebracht habe. Diesen unangenehmen Gedanken will ich ihm ersparen, und darum werde ich mich, sobald ich in England bin, nach einem Ersatz für Mary Thorn umsehen. Sind wir beide, Irwing und ich, einmal verheiratet, so dürfen wir alles Ernstes wieder daran denken, unsere alten Pläne zur Ausführung zu bringen. Wer weiß, vielleicht wird am Ende noch alles gut.« Er sprach nicht so vertrauensvoll, wie es früher seine Art war, wenn er Luftschlösser zu bauen pflegte, und Weber wurde ganz nachdenklich und fragte sich, ob nicht Wilson, indem er der jungen Amerikanerin entsagte, ein größeres Opfer bringe, als er ihn glauben machen wollte. Die Abreise der Familie Thorn war nun festgesetzt. Sie wollte Schanghai am 6. Juni verlassen, um am 18. desselben Monats von Yokohama nach San Franzisko weiterzugehen. Herr und Frau Thorn hatten nicht in Erfahrung bringen können, was der Gegenstand der letzten Unterredung zwischen Wilson und ihrer Tochter gewesen war. Diese hatte auf die Anfrage ihrer Mutter mit großer Ruhe geantwortet, Herr Wilson habe sich mit ihr über Herrn Irwing unterhalten, und als Frau Thorn ihre Verwunderung ausgedrückt hatte, daß Wilson zu dem Zweck eine gewissermaßen geheime Unterredung nachgesucht habe, war ihr von der Tochter die Antwort geworden: »Es ist wirklich nicht der Mühe wert, so viel von der Sache zu sprechen.« – Fräulein Thorn war eine sehr selbständige junge Dame: ihre Mutter hatte sie dazu erzogen und durfte sie deswegen nicht tadeln. Diese war eine praktische Frau, die grundsätzlich jede Unruhe und Sorge soviel wie möglich von sich wies. Der Aufenthalt in Schanghai war eine kurze Episode in ihrem Leben, die mit der Abreise vollständig abgeschlossen wurde. Herr Wilson, sobald er nicht ein Bewerber um die Hand ihrer Tochter war, wurde ihr vollständig gleichgültig, und wenn Mary es vorzog, sie nicht in ihr Vertrauen zu nehmen, so wollte sie sich nicht hineindrängen. Sie ließ die Sache auf sich beruhen und sah Wilson noch mehrere Male kommen und gehen, ohne zu versuchen, von ihm Aufklärung zu erlangen. Am 5. Juni waren Wilson und Weber von Ralston zu einem Abschiedsessen eingeladen, das zu Ehren der Familie Thorn gegeben wurde. Wilson saß auch diesmal wieder neben Fräulein Thorn; aber seine Unterhaltung mit dem jungen Mädchen war nicht so lebhaft wie an dem ersten Tage ihres Bekanntwerdens. Doch bemerkte Weber, der ihm gegenüber saß, daß er sich, unbekümmert um seine Nachbarin zur Rechten, lange und ernst mit Fräulein Thorn unterhielt. Der Gegenstand dieses Gesprächs konnte kein anderer sein als der abwesende Irwing. Wilson erzählte dem jungen Mädchen, daß sie seinen Freund jedenfalls noch in San Franzisko vorfinden werden, daß sie seine Wohnung auf der »Bank von Kalifornien« in Erfahrung bringen könne, und daß er sie bäte, einen Brief für ihn, der von größter Wichtigkeit sei, mitzunehmen und ihm diesen eigenhändig zu übergeben. Mary sagte dazu bereitwillig »Ja«, und Wilson zog darauf einen Brief aus der Tasche, den er ihr überreichte, und den sie neben sich auf den Tisch legte. Ralston, Thorn und Weber hatten alle drei gesehen, was vorfiel, und da die Handlung ganz offen, ohne jede Geheimtuerei vor sich gegangen war, so fragte Herr Thorn seine Tochter laut über den Tisch, für wen der Brief sei? Wilson antwortete an Stelle der Angeredeten, es sei ein wichtiger Brief für seinen Geschäftsgenossen Irwing, den er Fräulein Thorn gebeten habe, diesem eigenhändig zu übergeben. »Sie scheinen großes Vertrauen zur Pünktlichkeit meiner Tochter zu haben,« sagte Herr Thorn lächelnd, »und Sie werden darin nicht getäuscht werden. Der Brief soll am Tage unserer Ankunft abgegeben werden. Sollte Mary ihn vergessen, so werde ich daran denken. Ich freue mich sehr darauf, Herrn Irwing wieder zu sehen, und ich hoffe, ihn in guter Gesundheit zu finden.« Damit war dieser Zwischenfall, dem Anscheine nach, erledigt. Ehe Wilson sich jedoch empfahl, trat er noch einmal zu Fräulein Thorn heran und sagte feierlich: »Ich verlasse mich darauf, Fräulein Mary, daß der Brief an Irwing sofort besorgt wird. Sein Lebensglück hängt davon ab.« Sie blickte zur Erde und antwortete errötend: »Sie können sich darauf verlassen.« Der Brief, den Wilson nur mit Mühe und unter großen Schmerzen geschrieben hatte – denn die Wunde an seiner rechten Hand war noch nicht geheilt, und Doktor Jenkins hatte ihm sogar streng verboten zu schreiben, lautete wie folgt: Schanghai, den 5. Juni 1866. »Mein lieber Irwing! Dieser Brief wird Ihnen durch Fräulein Thorn überbracht werden, die gerade einen Monat nach Ihnen in San Franzisko eintreffen wird. Ich rechne mit Sicherheit darauf, daß Sie mein Telegramm erhalten haben, daß Sie in San Franzisko geblieben sind, und daß Fräulein Thorn Sie also ohne Mühe auffinden wird. Ich kann nicht mehr schreiben, als notwendig ist, denn ich habe eine unbedeutende, aber schmerzhafte Wunde an der Hand und muß, was ich zu sagen habe, in möglichst wenigen Worten sagen. Weshalb, Irwing, haben Sie nicht Vertrauen zu mir gehabt? Sie hätten mir und Ihnen viel elende Tage ersparen können, wenn Sie mir gesagt hätten, was Sie in Schanghai krank gemacht hat. – Sie lieben Fräulein Thorn. Ich weiß es jetzt, und ich mache mir Vorwürfe, es nicht früher gesehen zu haben. Ich begreife Ihre Handlungsweise sehr wohl und finde darin einen neuen Beweis Ihrer guten Freundschaft für mich. Aber ich muß tadeln, daß Sie mich falsch beurteilt haben. – Wie konnten Sie sich einbilden, daß meine Zuneigung zu Fräulein Thorn eine so tiefe wäre, als daß ich derselben Ihr Glück hätte aufopfern wollen? – Fräulein Thorn gefiel mir am ersten Tage sehr gut und gefällt mir auch heute noch. Ich hatte mir, nach reiflicher Überlegung wie ich sagte, das heißt zwei Stunden nachdem ich sie kennen gelernt hatte, vorgenommen, sie zu heiraten. Ich glaube, die Wahl war keine schlechte; aber es fällt mir nicht schwer, Ihnen nun zu sagen, daß ich eine andere treffen will. May hat mir vor sechs Jahren geradesogut gefallen, wie mir Mary vor sechs Wochen gefiel, und – hundert gegen eins – finde ich in sechs Monaten, nämlich sobald ich in England bin, ein anderes Mädchen, das mir gerade ebenso lieb ist wie May oder Mary. Ich habe mich um diese nicht mehr beworben von dem Augenblicke an, wo ich erfahren habe, daß ich Ihr Rival sein würde. Das Feld ist nun also wieder frei, und ich hoffe, Sie werden den großen Preis dort gewinnen. Ich wünsche es von ganzem Herzen. Ich bitte Sie, mir sofort nach Empfang dieses Briefes zu telegraphieren und mir in Ihrer Depesche zu sagen, wie es um Ihre Gesundheit steht, und wann Sie nach Schanghai zurückzukehren gedenken. Ich schlage folgendes vor: Sie werden diesen Brief gegen Mitte Juli empfangen. Bringen Sie Ihre Angelegenheit mit Mary sofort in Ordnung, und kommen Sie mit dem Augustdampfer nach China zurück. Die Liquidation der Firma ist so weit vorgeschritten, daß Sie mit dem Septemberboote schon wieder nach Amerika zurückkehren können. Dann verheiraten Sie sich im November, und zu Weihnachten stelle ich Sie und Ihre junge Frau meinem Vater und meiner Schwester vor. Sie sehen, ich berücksichtige, daß Sie in Amerika sind, wo, wie man mir sagt, auch Herzensangelegenheiten in geschäftsmäßiger Weise erledigt werden. Also ich gratuliere zur Verlobung, ich wünsche Ihnen glückliche Reise nach Schanghai und ich sage Ihnen: ›Auf Wiedersehen hier im September!‹ Treu der Ihrige                           Richard Wilson.« VII Der Monat Juni ist in Schanghai gewöhnlich sehr warm. Im Jahre 1866 war die Hitze ausnahmsweise stark. Wilson, dessen Gesundheitszustand bereits seit längerer Zeit eine Klimaveränderung verlangte, und den die letzten Ereignisse angegriffen hatten, war durch das Wetter sehr ermattet. Er konnte, nachdem die Familie Thorn Schanghai verlassen hatte, nicht mehr dazu gebracht werden auszugehen, und er war gewöhnlich allein, da er Besuche, mit Ausnahme der von Jenkins und Weber, zurückwies. Am 9. Juni wurde ihm vom Telegraphenamt in Schanghai mitgeteilt, daß die Drahtverbindung zwischen Kiachta und St. Petersburg eine kurze Unterbrechung erlitten habe, und daß seine Depesche nach London mit einer Verzögerung ankommen werde. Dies konnte nicht als ein außergewöhnliches Ereignis bezeichnet werden und war von Weber seinerzeit in Erwägung gezogen worden. Dessenungeachtet wurde Wilson durch die Nachricht peinlich überrascht und zeigte darüber große Besorgnis. Weber versuchte, ihn zu beschwichtigen. Er bewies ihm, daß es sich schlimmstenfalls nur um einen kurzen Aufschub handle, daß Irwing, dessen ganze Stellung in Schanghai wurzele, nicht plötzlich verschwinden könne, daß die »Bank von Kalifornien« ihn sicherlich und in jedem Fall auffinden werde, und daß Wilsons Besorgnis geradezu »kindisch, eines vernünftigen Mannes kaum würdig« sei. Wilson wurde über diese und ähnliche Reden keineswegs ungehalten; aber er ließ sich auch auf keinen Wortwechsel ein und antwortete nur mürrisch und eigensinnig: »Das verstehen Sie nicht.« – Sein Gesundheitszustand wurde dadurch verschlechtert, daß die Wunde an seiner Hand immer noch nicht zuheilen wollte. Doktor Jenkins vermutete, daß er den nicht seltenen Fall einer sogenannten Lackvergiftung durch japanischen Firnis vor sich habe, und behandelte den Kranken demgemäß. Die Heilmittel schlugen jedoch nicht besonders an. Wilson war gezwungen, untätig zu sein. Er konnte weder schreiben noch reiten, noch kegeln, er langweilte sich und wurde darüber immer mißmutiger und reizbarer. Am 21. Juni kam eine Depesche aus London an, welche meldete, daß das Telegramm aus Schanghai am 15. nach San Franzisko weiter befördert worden sei. Vier Tage später endlich, am 25., empfing Wilson das mit großer Ungeduld erwartete Telegramm der »Bank von Kalifornien«. Es besagte, daß Herr Irwing, zwei Tage vor Ankunft der Depesche aus London, mit der »Amerika« wohlbehalten angekommen sei und dem Direktor der Bank einen Besuch gemacht habe, um ihm zu sagen, er werde in zwei oder drei Monaten nach San Franzisko zurückkehren, Briefe, die für ihn einträfen, möge man aufheben. Er sei im nächsten Tage nach Sakramento weitergereist, ohne eine Adresse zu hinterlassen. Nachforschungen, die man auf telegraphischem Wege in dieser Stadt angestellt hätte, seien ohne Erfolg geblieben. Wilson las das Telegramm mit anscheinender Ruhe von Anfang bis zu Ende durch. Dann blieb er lange Zeit, starr vor sich hinblickend, unbeweglich sitzen. Darauf erhob er sich und ging, leise pfeifend, mehrere Male im Zimmer auf und ab. Er war sehr blaß, seine Augen leuchteten. – Endlich rief er den Boy und ließ sich ankleiden. Es kostete große Mühe und verursachte ihm heftige Schmerzen; aber er schien es nicht zu beachten. Er beschied den Stallknecht zu sich und befahl ihm, Excentric zu satteln. Der Chinese sah seinen Herrn mit Verwunderung an. Es war zwei Uhr nachmittags, Schanghai war in eine glühende Atmosphäre eingehüllt. Excentric wurde seit vier Wochen täglich spazieren geführt. Niemand außer dem kleinen, federleichten Stalljungen, der ihm das Futter gab, hatte es gewagt, das bösartige, wilde Tier zu besteigen; daß Herr Wilson, der augenscheinlich krank und schwach war und seine rechte Hand nicht gebrauchen konnte, es reiten wollte, schien dem Manne unvernünftig. Er glaubte schlecht gehört zu haben und ließ sich den Befehl wiederholen. Selbst dann protestierte er noch, indem er demütig sagte: »Excentric ist seit vier Wochen nicht geritten worden . . . Es ist sehr heiß.« – Wilson stampfte zornig mit dem Fuße und sagte, man solle das Pferd sofort vorführen. – Nach wenigen Minuten stand es gesattelt im Hofe. Wilson trug den rechten Arm in einer Schlinge und mußte, um in den Sattel zu kommen, auf einen Stuhl treten, da ihm die eine Hand jeden Dienst versagte und das unruhige Pferd sich nicht langsam besteigen lassen wollte. Der Stallknecht hielt dem Tiere mit seiner Jacke die Augen zu, während der junge Bursche, der besondere Freund des Pony, ihm den Hals streichelte. Es gelang auf diese Weise endlich, es etwas zu beruhigen; aber sobald es Wilson im Sattel fühlte, machte es einen so wilden Satz, daß es den Stallknecht, der die Zügel hielt, beinah umwarf und mehrere Schritte mit sich fortschleifte. Dann blieb es heftig zitternd, laut schnaufend, die Beine ausgespreizt, stehen. Der Stallknecht sagte noch einmal in flehendem Tone: »Herr, reiten Sie nicht!« Wilson rief ungeduldig: »Gib ihm den Kopf frei!« – und ritt sodann, ruhiger als es die Umstehenden erwartet hatten, zur Hoftür hinaus. Die europäische Niederlassung in Schanghai ist nicht groß, und man gelangt daraus schnell in das flache, freie Land. Sobald Wilson dort angekommen war, drückte er dem Pferde die Hacken in die Weichen und jagte in wütendem Karriere mit ihm fort. Excentric ging durch, und Wilson machte nicht den leisesten Versuch, ihn aufzuhalten. Er hielt die linke Hand niedrig, so daß sie den Sattelknopf beinahe berührte, und stand hoch in den Bügeln über dem Sattel, als gelte es, in einem Wettrennen zu reiten. Das Pferd flog über Hecken und Gräben, seinen wütenden Lauf in schnurgrader Richtung fortsetzend. Wilson atmete tief und regelmäßig. Eine eigentümliche Ruhe, ja ein Ausdruck von Befriedigung lag auf seinen abgemagerten Zügen. Die guten chinesischen Ponies sind sehr kräftig und ausdauernd. Excentric fühlte das leichte Gewicht, das er auf dem breiten Rücken trug, kaum, und erst als er Schanghai weit hinter sich gelassen hatte, ermattete er und verfiel aus der ungestümen Gangart in regelmäßigen langgestreckte Galopp. Wilson fühlte, daß er das Pferd wieder in der Hand habe und versetzte es allmählich in ein langsameres Tempo und endlich in Schritt. Die Sonne brannte unbarmherzig. Alles, was atmete, hatte sich vor ihren Strahlen verborgen. Die Felder waren leer. Excentric, mit Schaum und Schweiß bedeckt, ging, den trotzigen Kopf gesenkt, träge und ermattet in der Richtung nach Schanghai zurück. Es war nahe an sechs Uhr, als Wilson dort wieder einzog. Im Ma-lu, der Hauptstraße der chinesischen Neustadt, begegnete er dem Doktor Jenkins, der, in weißem Anzug, einen großen Sonnenschirm in der Hand, bedächtig aus einem Hause trat und soeben in seinen Wagen steigen wollte. Er blieb wie versteinert stehen, als er Wilson erblickte. Dieser hatte sein Pony angehalten. »Sind Sie von Sinnen?« rief Jenkins. »Wo kommen Sie her?« »Ich habe einen kleinen Ritt gemacht.« »Einen Ritt bei diesem Wetter . . . bei Ihrem Zustande? – Sie sehen erschrecklich aus! Dies ist wirklich zu arg! Man sollte meinen, Sie seien gestern hier angekommen, wenn man sieht, wie Sie sich benehmen.« »Ich konnte es zu Hause nicht aushalten. Ich mußte mir etwas Bewegung machen. Ich hoffe, es hat mir gut getan.« »Ich wünsche es. – Ich bin in zehn Minuten bei Ihnen.« Wilson lächelte und nickte und ritt weiter. Es war ein ganz eigenes Lächeln, wie man es bei Sterbenden manchmal sehen kann: unendlich sanft, traurig, hoffnungslos. Wilsons chinesische Dienerschaft wartete ungeduldig auf die Rückkehr »des Herrn«. Der Stallknecht hatte eine lange Unterhaltung mit dem Comprador und dem Boy gehabt und hatte diesen auseinandergesetzt, wie unvernünftig der Ritt auf Excentric sei. Bei dem Pferde hätte man mehr als genug für zwei gesunde Hände zu tun, meinte er, und er fürchte Unglück. Ein zufriedenes Lächeln flog über sein flaches, gelbes Gesicht, als er Wilson unversehrt zurückkommen sah. »Zu sehr heiß«, sagte er nur. »Der Herr wird sich ermüdet haben.« Dieser antwortete nicht und trat in das Haus. Aber kaum hatte er zwei Schritte getan, als er plötzlich erbleichte, taumelte und umfiel. Der Boy, der ihm auf den Hacken folgte, fing ihn in seinen Armen aus. Er rief einen andern Diener zu Hilfe, und die zwei trugen den anscheinend leblosen Körper auf ein Ruhebett. Wenige Minuten darauf erschien Doktor Jenkins. Wilson war gefährlich krank. Jenkins verließ ihn nur auf wenige Stunden; in seiner Abwesenheit wachte Weber bei ihm. Wilson war besinnungslos und lag mit halbgeöffneten Augen, die nichts mehr sahen, kurz und schwer atmend da. Bei jedem Atemzuge machte er eine schwingende, regelmäßige Bewegung mit dem Kopfe von einer Schulter zur andern. Es war entsetzlich, ihn in diesem Zustande zu sehen. Am Abend, um zehn Uhr, trat Jenkins einen Augenblick in den Klub. Er war sofort von allen Anwesenden umringt, die Nachricht von Dick Wilson haben wollten. »Ich sehe keine Rettung«, sagte Jenkins. – Dann, nach einer kurzen Pause, schlug er mit der Hand heftig auf den Tisch und setzte finster hinzu: »Heute früh war der Mensch noch kerngesund, und es fehlte ihm nichts, als was uns allen fehlt: eine ordentliche Dosis frischer, reiner Luft. – Lunge, Leber, Herz – alles war gesund bei ihm. Er war etwas angegriffen wie jeder, der sieben Sommer hintereinander in diesem heißen Neste verlebt hat; aber eine Reise nach Europa hätte ihn in kurzer Frist wieder hergestellt. Er hatte noch für fünfzig Jahre Leben in sich.« »Was hat ihn krank gemacht?« »Ein Sonnenstich. – Und ist das zu verwundern? Wir hatten heute über dreißig Grad im Schatten, und er ist dabei im freien Felde wie ein Wahnsinniger umhergeritten. Sein Stallknecht sagt mir, er sei über drei Stunden unterwegs gewesen, und Excentric habe ausgesehen, als ob er lange und schnell querfeldein galoppiert worden wäre. – Wilson mußte nicht recht bei Sinnen sein.« Doktor Jenkins begab sich vom Klub wieder zu seinem Patienten. Der Zustand desselben hatte sich nicht verändert. Er atmete laut und schwer, und der Kopf bewegte sich noch immer regelmäßig, ohne Unterbrechung, wie ein in Schwingung versetztes Pendel. Gegen Mitternacht wurde das Atmen kürzer und leiser. Weber und Jenkins standen mit gefalteten Händen am Bette des Sterbenden. Leiser und leiser kam und ging der Atem – jetzt war er nur noch ein kaum vernehmbares Röcheln. – Dann lag der Kopf plötzlich unbeweglich auf dem vom Todesschweiß genäßten Kissen . . . Das Atmen hatte aufgehört. »Tot«, flüsterte Jenkins. Weber bedeckte sich das Gesicht mit der Hand und weinte.   Wilson hatte ein Testament gemacht, das auf dem englischen Konsulate hinterlegt worden war, und zwar vor einigen Monaten bereits, als er den Plan gefaßt hatte, mit Irwing nach Europa zurückzukehren. Er ernannte darin Irwing – in dessen Abwesenheit Weber – zu seinen Testamentsvollstreckern und vertraute diesen die Liquidation seines Geschäftes an für den Fall, daß sie zur Zeit seines Todes noch nicht beendet sein sollte. Sein Vermögen an barem Gelde vermachte er seinem Vater, Weber hinterließ er seine Taschenuhr und einen wertvollen Ring, den dieser ihm vor Jahren zur Erinnerung an die Fahrt nach Su-tschau geschenkt hatte. Alles andere, was ihm gehört hatte: einige Schmucksachen, Silberzeug, Bücher, Waffen, Sättel, Pferde usw., sein halber Anteil endlich an dem Mobiliar des von ihm und Irwing gemeinschaftlich bewohnten Hauses, sollten seinem »guten Freunde Francis Irwing« zufallen. In Wilsons Schreibpult fand Weber einen versiegelten Umschlag mit der Aufschrift: »Nachschrift zu meinem Testamente«. Er enthielt auf einem kleinen Bogen Papier, unter dem Datum vom 6. Juni, dem Tage der Abreise von Mary Thorn, folgende kurze Bestimmung: »Aus dem Anteile meines Vermächtnisses an meinen Vater behalte ich eine Summe von fünfhundert Pfund vor. Ich bestimme sie zum Ankauf eines Armbandes, das ich Fräulein Mary Thorn zum Andenken an ihren Aufenthalt in Schanghai anzunehmen bitte.« Darunter stand ein »Postskriptum«, zwei Tage später datiert: »Ferner zweihundert Pfund aus demselben Teile meiner Hinterlassenschaft zum Ankauf eines Ringes für meine liebe Kusine May Foster.« Weber schüttelte nachdenklich den Kopf, als er dies las. Mit der nächsten amerikanischen Post schrieb er, nachdem er bereits unmittelbar nach Wilsons Tode nach San Franzisko telegraphiert hatte, folgenden Brief an Irwing, den er an die »Bank von Kalifornien« richtete. Schanghai, den 7. Juli 1866. »Lieber Irwing! Ich bestätige mein Telegramm vom 26. vorigen Monats, in dem ich Ihnen den Tod unseres armen Freundes Wilson meldete. Ich schreibe Ihnen heute, um Ihnen ausführliche Mitteilungen über den Trauerfall zu geben. Wilson war, wie Sie selbst bemerkt haben werden, seit einiger Zeit angegriffen. Jenkins, der ihn seit Jahren kannte, und der ihn wie seinen eigenen Bruder gepflegt hat, sagte mir schon vor mehreren Monaten, Wilson müsse Schanghai endlich einmal verlassen. Er mißbilligte entschieden, daß dieser für die letzten Rennen trainierte, und ich hörte, wie er ihm den Rat gab, ähnliche gefährliche Spielereien jüngeren und frischeren Leuten zu überlassen und nicht zu vergessen, daß man nach siebenjährigem Aufenthalt in Schanghai ein ›alter Resident‹ sei. Wilson antwortete damals, es sei dies das letzte Mal, daß er chinesische Ponies reite, da er vor dem Herbstrennen Schanghai verlassen haben werde, und Jenkins möge ihm dies Vergnügen nicht durch übertriebene Vorsicht verderben. Das Trainieren griff ihn, wie der Doktor es vorhergesehen hatte, sehr an. Nach den Rennen schien er sich zu erholen; aber bald kam ein Rückschlag. Ihr Unwohlsein beunruhigte ihn in hohem Maße, und er wurde dadurch in einer Weise aufgeregt, die nur durch seinen bereits geschwächten Gesundheitszustand erklärt werden kann. Jenkins sagt mir, er habe ihm förmlich das Haus eingelaufen, und obgleich er zwanzig Male gehört habe, daß Ihr Zustand kein bedenklicher sei, so habe er doch mit ängstlicher Besorgnis bei jedem Besuche die Frage wiederholt, was Ihnen fehle? Bald nach Ihrer Abreise glaubte er die Entdeckung zu machen, daß Sie Fräulein Thorn lieben. Er war darüber sehr unglücklich: nicht etwa seinetwegen, sondern weil er annahm, daß seine Bewerbung um die Hand des jungen Mädchens Sie krank gemacht und aus Schanghai vertrieben habe. – Ich darf, ohne indiskret zu sein, von der Angelegenheit sprechen, da Wilson mir alles anvertraute, was ihm in dieser Beziehung das Herz bekümmerte. Es wird Sie deshalb auch nicht in Erstaunen setzen, wenn ich Ihnen mitteile, daß ich seinen letzten Brief an Sie, dem Inhalt nach, kenne. Ich weiß, daß Wilson zu Ihren Gunsten auf Fräulein Thorn verzichtet hat. Ob er dies Opfer mit Leichtigkeit brachte, vermag ich nicht zu sagen. Er hatte ein starkes Herz und konnte wohl verbergen, was er geheim halten wollte. Aber ich kann Sie versichern, daß er ohne Zögern, unbedingt entsagte, sobald er die Überzeugung gewonnen hatte, daß er, gegen seinen Willen, Ihr Nebenbuhler gewesen war. Von diesem Augenblick an schien er nur noch einen Wunsch zu haben, den, Sie bald wiederzusehen. Seine Sorge um Sie verließ ihn nie. Die Aufregung nagte an ihm, er wurde krankhaft gereizt. – Sein Zustand verschlimmerte sich noch infolge eines körperlichen Leidens. Er hatte sich eine Verletzung an der rechten Hand zugezogen, die sehr schmerzhaft war, und die ihn verhinderte zu arbeiten oder sich in anderer Weise zu zerstreuen. Als er erfuhr, daß sein Telegramm an Sie verspätet befördert worden sei, war er ganz außer sich. Es gelang mir nicht, ihn zu beruhigen, obgleich ich mir große Mühe gab, um dies zu erreichen. Das letzte Telegramm aus Kalifornien endlich, das ihm anzeigte, daß Sie San Franzisko verlassen hätten, ohne Ihre Adresse aufzugeben, scheint ihn vollständig verwirrt zu haben. Ich selbst habe ihn seit Ankunft des Telegramms nicht mehr bei Besinnung gesehen und kann nur Vermutungen aussprechen. – Der Boy, der ihm die Depesche gebracht hatte, erzählte mir, Wilson habe ihn bald darauf gerufen, um sich beim Anziehen helfen zu lassen. Dann habe er, zwischen zwei und drei Uhr nachmittags, bei zweiunddreißig Grad Hitze, Excentric satteln lassen und sei erst nach vier Stunden von seinem Ritt zurückgekehrt. Beim Absteigen wäre er ihm schwerfällig vorgekommen; aber er habe dies darauf geschoben, daß sein Herr sich der rechten Hand nicht bedienen konnte. Kaum sei Wilson in das Haus getreten, so sei er umgefallen. Mehr weiß niemand zu erzählen. Wilson hat kein Wort mehr gesprochen. Er ist nicht wieder zur Besinnung gekommen. Es wird Sie beruhigen zu erfahren, daß sein Tod, der für seine Freunde so traurig ist, für ihn schmerzlos war. – Wir haben ihn am 28. morgens um sechs Uhr beerdigt. Die ganze fremde Gemeinde ist seinem Sarge gefolgt. Einliegend überreiche ich Ihnen eine Abschrift des Testaments. Ich habe den Wünschen unseres Freundes gemäß die Vollstreckung desselben vorläufig übernommen; aber ich vermute, daß Sie sich die Ehre nicht nehmen lassen wollen, die letzten Bestimmungen des Verstorbenen auszuführen, und ich erwarte Sie deshalb mit dem nächsten Boote von San Franzisko. Stets der Ihrige                 Julius Weber.« Sechs Wochen nach Abgang des Briefes erhielt Weber ein Telegramm aus Kalifornien: »Ich werde Anfang Oktober mit der ›Japan‹ in Schanghai eintreffen – Irwing.« Irwing hatte bei seiner Abreise von China im Monat Mai elend und traurig ausgesehen, und Weber bemerkte keine Veränderung an ihm, als er am bestimmten Tage in Schanghai eintraf. Er erzählte Weber, daß er gegen Anfang August von einem Ausfluge in den Prärien und in der Sierra Nevada nach San Franzisko zurückgekehrt sei und dort Wilsons Telegramm und letzten Brief, sowie Webers telegraphische und schriftliche Mitteilungen vom Tode seines Freundes gleichzeitig vorgefunden habe. – Kein Wort der Klage kam über seine Lippen. Aber als er mit Weber in das kleine Arbeitszimmer trat, in dem Wilson ihm an demselben Pulte sechs Jahre lang gegenüber gesessen hatte, da warf er einen Blick hilfloser Verzweiflung um sich, und dann bedeckte er das Gesicht mit den Händen und beugte den Kopf nieder auf den verlassenen Tisch und weinte laut. Er blieb einen Monat in Schanghai, ohne außer Weber und Jenkins irgend jemand zu sehen. Von diesen ließ er sich nach dem Kirchhof an das Grab seines Freundes führen, und dorthin kehrte er während seiner Anwesenheit in Schanghai täglich zurück. Den Namen Mary Thorn sprach er nicht ein einziges Mal aus. Auch Weber erwähnte ihrer in Irwings Gegenwart nicht. Er hatte, ohne mit diesem Rücksprache zu nehmen; das testamentarisch vermachte Armband durch Wilsons Vater in London kaufen und an Fräulein Thorn abschicken lassen, und es war ihm mitgeteilt worden, daß »die junge Dame ein passendes Dank- und Beileidsschreiben« an den Vater gerichtet habe. Weber betrachtete damit die Sache für erledigt. Die hübsche Amerikanerin war ihm unsympathisch geworden. Zu Anfang des Monats November kehrte Irwing nach Kalifornien zurück. Er hatte alles Geschäftliche gut und beinahe vollständig geordnet, und Weber übernahm gern, das wenige, was noch zu tun blieb, zu besorgen. Die meisten der ihm von seinem verstorbenen Freunde hinterlassenen Sachen ließ Irwing sorgfältig verpackt nach England an den alten Herrn Wilson schicken, mit dem er seit Jahren in Briefwechsel stand, und den er bat, diese Reliquien für ihn aufzuheben. Wilsons Jagdflinte und Büchse, dessen Revolver, das in Su-tschau eroberte große Messer und einen soliden Sattel, den Wilson zum Trainieren zu benutzen pflegte – diese Gegenstände und einige kleine Schmucksachen nahm Irwing mit sich nach Amerika. Mehrere Jahre vergingen, ohne daß man in Schanghai von ihm hörte. Weber hatte inzwischen sein Geschäft in China aufgegeben und war nach Hamburg, seiner Heimat, zurückgekehrt, um dort sein wohlerworbenes Vermögen in Ruhe zu genießen. Er hatte in London Wilsons Vater und Schwester besucht, aber auch diese waren seit 1866 ohne Nachricht von Irwing. Die geliebtesten Toten werden mit der Zeit vergessen, und den Abwesenden geht es in dieser Beziehung wie den Toten. Im Jahre 1870 tauchte der Gedanke an den verstorbenen Wilson und den verschollenen Irwing nur noch selten in Webers Geiste auf. – In China dagegen, wo man weniger Zerstreuung hat als in Europa und deshalb auch alten Freuden und Freunden ein treueres Andenken bewahrt, sprach man im englischen Klub und besonders im »Renn-Klub« noch häufig von den alten Helden der Rennbahn. – Arthur Mitchell, der frühere Buchhalter von Wilson \& Irwing, fand deshalb auch einen aufmerksamen Zuhörerkreis, als er im Frühjahr 1871, am Tage seiner Rückkehr von England, wo er einen sechsmonatigen Urlaub verbracht hatte, im »Bar-Room« des Klubs gesprächsweise erwähnte: »Habe ich schon gesagt, daß ich Irwing in Kalifornien gesehen habe?« »Nein. – Wo sahen Sie ihn? – Was treibt er? – Was hat er Ihnen gesagt?« Mitchell, von allen Seiten mit Fragen bestürmt, stellte sich mit dem Rücken gegen die »Bar« und berichtete wie folgt über sein Zusammentreffen mit Irwing: »Ich bin, wie Sie sich erinnern, via San Franzisko nach Hause gegangen. Ich wollte den Pacific Rail-Road kennen lernen und wollte den alten Leuten zu Hause erzählen können, daß ich die Reise um die Welt gemacht habe. Ich hatte einen Kreditbrief auf die ›Bank von Kalifornien‹ und lernte, als ich mich dort vorstellte, in dem jüngern Direktor einen gefälligen Menschen kennen. Als ich ihm sagte, daß ich früher für Wilson \& Irwing häufig mit ihm korrespondiert hätte, antwortete er mir, es habe ihm leid getan, daß das junge Haus, das so schnell vorwärts gegangen, nach wenigen Jahren bereits wieder verschwunden sei. Ich erzählte ihm, wie Wilson gestorben ist, und fragte, ob er niemals wieder etwas von Irwing gehört habe. – Er antwortete mir, Irwing habe ein kleines Guthaben auf der Bank und käme in langen Zwischenräumen, vielleicht alle Jahre einmal, unerwartet nach San Franzisko, um Geld zu hinterlegen oder zu entnehmen. Er sei ein kräftiger Mann, dem man es ansehe, daß er viel in der freien Luft lebe, denn er sei so braun wie ein Indianer. Er sei äußerst zurückhaltend, und er, der Direktor, habe keine Ahnung davon, wo und wie er eigentlich lebe. ›Viel Fragen ist nicht unsere Sache,‹ meinte er, ›denn wir haben unter unseren Kunden so manchen, der nicht gern von seiner Vergangenheit oder von seinen Geschäften spricht. Es ist deshalb eine allgemeine Regel bei uns, daß wir uns um Leute, die keinen Kredit beanspruchen, nicht mehr bekümmern, als ihnen dies angenehm zu sein scheint. – Wären Sie vierzehn Tage früher gekommen, so hätten Sie Ihren alten Prinzipal hier angetroffen, denn es sind gerade zwei Wochen her, daß er hier am Pulte neben mir stand und eine Quittung für ein paar hundert Dollars unterschrieb, die er entnommen hatte. Der Portier im Occidental-Hotel, wo er abgestiegen war, sagte mir, er habe ein Billet für ihn nach Ogden gelöst. Es wäre also wohl möglich, daß Sie ihn "irgendwo" auf dem Central-Road anträfen.‹ Es ist ein weiter Weg zwischen San Franzisko und dem Salzsee, und ich hatte wenig Hoffnung meinen Chef wiederzusehen. Der Zufall begünstigte mich. In einem kleinen Orte, inmitten der Humboldtwüste, wo wohl niemals irgend jemand daran gedacht hat, sich zu seinem Vergnügen aufzuhalten, sollte gefrühstückt werden. – Als wir uns in der unmittelbaren Nähe der Station befanden und der Zug bereits langsam fuhr, drängten sich alle Reisenden auf die Plattform der Wagen, um so schnell wie möglich zum Büfett gelangen zu können. – Es ist nämlich mit dem Restaurationswesen in der Mitte von Amerika noch nicht sonderlich gut bestellt, und vorsichtige Reisende, die Hunger haben, richten sich immer so ein, daß sie mit unter den ersten einen Stuhl und ein Gericht bekommen. – Ich befand mich im letzten Wagen, dicht an der Treppe, und wartete darauf, ohne Gefahr abspringen zu können. Da sah ich im langsamen Vorbeifahren, rechts vom Gleis, dem Bahnhofsgebäude schräg gegenüber, eine Gruppe, aus einem Mann, einem Pferd, einem Maulesel und zwei großen schottischen Windhunden bestehend. Das Pferd war gesattelt, der Maulesel mit einem Zelte, mit Decken, Schaufeln, einer Art und ähnlichen Gerätschaften bepackt. Ich sah das alles über meine Schulter, ohne sonderlich aufzupassen. – Der Mann, der ein weites, rotes Flanellhemd trug, drehte dem Zuge den Rücken zu und war damit beschäftigt, etwas am Sattel seines Pferdes festzuschnallen. Die Hunde, ein Paar schöne starke Tiere, lagen links und rechts, die Nasen zwischen den Vorderbeinen, neben ihm. Als ich zwei Minuten später beim Frühstück saß, kamen meine Gedanken unwillkürlich wieder auf den Mann zurück, den ich draußen gesehen hatte. Es war in der Erscheinung etwas mir Bekanntes, das mich an alte Zeiten erinnerte; aber ich konnte mir nicht klar machen, was dies sei. – Ich hatte nicht viel Muße zum Grübeln und aß unverdrossen weiter, als plötzlich zum Einsteigen gerufen wurde. – Wenn dies einmal geschehen ist, so hat man in Amerika nicht viel Zeit zu verlieren, denn der Zug geht gewöhnlich gleich darauf fort, ohne sich darum zu kümmern, ob seine Reisenden wieder eingestiegen sind oder nicht. Ich bezahlte also schnell und sprang in meinen Wagen – und in demselben Augenblick setzte sich der Zug auch schon in Bewegung. Zwanzig Schritte von mir stand der Mann mit seinen Packtieren und Hunden. Er war mit seiner Arbeit fertig und hatte sich dem Zuge zugewandt, um ihn abfahren zu sehen. Die Sonne schien ihm hell ins Gesicht, und ich erkannte Irwing. Ich rief ihn so laut ich konnte, und er wußte sofort wer ich war. – Er winkte mit der Hand und rief zurück: ›Gruß an die Freunde in Schanghai!‹ Und plötzlich, ehe ich mich dessen versah, war er auf sein Pferd gesprungen und galoppierte neben uns her. Eine lange Unterredung konnten wir nicht haben, denn er ritt ein schweres Tier, das mehr zum Lasttragen als zum Wettrennen mit einer Lokomotive gebaut war; – aber zwei oder drei Minuten hielt er es mit uns aus. Da fragte er nach Weber und Jenkins und Ralston und nach zwei oder drei anderen, und auch nach seinem alten Comprador und Boy, ohne mir viel Zeit zu geben, mich nach ihm zu erkundigen. ›Wie geht es Ihnen?‹ rief ich ihm endlich zu. – ›Gut!‹ antwortete er; aber nun war er schon einige fünfzig Schritte hinter dem Zuge. Da richtete er sich in den Steigbügeln in die Höhe und setzte beide Hände an den Mund und rief aus voller Brust, so daß alle Leute im Zuge die Köpfe aus den Fenstern steckten: ›Gruß an die Freunde in Schanghai! Gruß an den Rennklub-Vorstand!‹ – Darauf hielt er sein Pferd an und blieb unbeweglich stehen, bis er mir aus den Augen verschwand. Er sah gut aus auf dem hohen schwarzen Pferde, mit einer Büchse auf dem Rücken und einem Revolver und einem großen Messer im Gürtel. Er sah nicht aus wie einer, der sich vor Indianern oder Goldgräbern zu fürchten hat. Die beiden langhaarigen Windhunde, die mitgelaufen waren, und die das Wettrennen noch lange Zeit ausgehalten haben würden, standen zur Rechten und Linken des Pferdes. Es war eine hübsche Gruppe, und wenn ich ein Maler wäre, so hätte ich sie gezeichnet: die flache, baumlose öde Ebene, und in der Mitte der einsame, bewaffnete Reitersmann mit seinen zwei Hunden.« Man sprach an jenem Abend und am folgenden Tage noch viel in Schanghai von dem Zusammentreten zwischen Mitchell und Irwing. – Strachan, Webers Nachfolger in dem Ehrenamt eines Sekretärs des »Renn-Klub«, ein enthusiastischer Verehrer der Reitertalente des verstorbenen Wilson und seines verschollenen Freundes, war der Meinung, daß irgend etwas geschehen müsse, um »dem verehrten ehemaligen Mitgliede des Klubs einen Dank für den übersandten Gruß und einen Gegengruß zu übermitteln«. Es wurde daher in der nächsten öffentlichen Sitzung des Vorstandes vorgeschlagen und einstimmig angenommen, daß »der ehrenwerte Sekretär, Herr James Strachan, ermächtigt sei, aus den Mitteln des Renn-Klubs eine Summe von einhundertundfünfzig Dollars zu verwenden, um in den vorzüglichsten amerikanischen und englischen Blättern einen Gruß der Gemeinde von Schanghai an das abwesende Mitglied des Renn-Klubs, Herrn Francis Irwing zu veröffentlichen.« Diese Anzeige erschien unter andern im »New York Herald« und in der »Times«, und dort las sie auch Julius Weber, der dabei an seinen alten Freund zurückdachte, und Frau Henri Benson, geborene Mary Thorn. Sie hatte ein volles Jahr auf Irwing gewartet. Sie hätte fünfzig Jahre warten können, ohne daß er sich ihr je wieder genaht hätte. Er wollte sein Glück nicht dem Tode seines Freundes verdanken. Mary konnte das nicht wissen und würde es nicht verstanden haben, wenn man es ihr gesagt hätte. – Sie wurde des Wartens müde und fing an, wie ihre Standes- und Altersgenossinnen dies taten, sich von der eleganten New-Yorker Herrenwelt den Hof machen zu lassen. Sie galt für die »Belle« der großen Stadt, und sie fand, daß »Flirtation« ein höchst angenehmer Zeitvertreib ist. Es fehlte nicht an Bewerbern um ihre Hand. Einmal hieß es, sie werde den reichen Merival heiraten, dann den noch reichern Burton, schließlich verlobte sie sich mit dem allerreichsten Benson. Dieser, ein hochschulteriger, engbrüstiger junger Mann, mit langen, dünnen Beinen, die er, wenn er sich setzte, in seltsamer Weise kreuzte, so daß es aussah, als schlinge er damit einen Knoten, – hatte ein vornehmes schmales, knochiges Gesicht, mit einer großen Adlernase, fein wie ein Messerrücken, schwarze stechende Augen, schmale blutlose Lippen und ein langes, spitzes Kinn. Er konnte seine Braut im Zentralpark mit zwei Vollbluttrabern spazieren fahren, welche die englische Meile in drei Minuten zurücklegten, und die zehntausend Dollars gekostet hatten. Er beschenkte sie mit den kostbarsten Spitzen, mit Perlen und Diamanten, um die eine Königin sie hätte beneiden können. Sie war sehr schön an ihrem Hochzeitstage, sehr stolz auf die Bewunderung, die sie erregte und vollständig zufrieden. Man findet Witwen berühmter großer Männer, die nach dem Tode des geliebten Gatten, sofort nach Ablauf der gesetzlichen Frist, irgendeinen beliebigen Gecken geheiratet haben und mit diesem in glücklicher Ehe leben. – Irwing war kein großer berühmter Mann gewesen, und Mary Thorn hatte ihm niemals angehört. Es ist kein Wunder, daß sie ihn nicht zu lange betrauerte. – Auf ihren Reisen nach London und Paris, wo sie sechs Monate des Jahres zubrachte, hatte sie die größten Erfolge. Prinzen von königlichem Geblüt und aus der Finanzwelt, ja auch Prinzen der Kunst und Wissenschaft umringten sie und brachten ihr ihre Huldigungen dar. Sie empfing Sonette auf ihre »wunderbaren, blauen Augen«, ihr »goldenes Loreleihaar«, ihren »rosigen Mund«. Man verglich sie mit der Sonne, dem Mond, den Sternen, mit verschiedenen Blumen und mehreren Göttinnen. – Wie konnte da das Andenken an den schlichten Irwing bestehen, der ihr nie ein zärtliches Wort gesagt hatte? Und doch dachte sie noch manchmal an ihn, und dieser Gedanke machte ihre Augen träumerisch und noch schöner blicken und verlieh ihrem Antlitz einen noch größern Reiz. Sie wußte es und verscheuchte das verschönernde Bild nicht und lächelte wehmütig und geheimnisvoll, wenn einer ihrer Anbeter teilnehmend fragte, weshalb sie so traurig sei? Das Armband, das Wilson ihr vermacht hatte, verließ sie nie. Sie trug es mit jedem Schmuck, und man wußte, daß ihre bezaubernde Schwermut damit in irgendeiner Verbindung stehe: denn ihr Narr von Mann hatte mit wichtiger Miene angedeutet, daß sich an diesen Schmuck eine höchst tragische Geschichte knüpfe. Er war stolz auf den Roman im Leben seiner Frau, und es hätte ihn nicht verdrossen, wenn ein halbes Dutzend Wilson und Irwing ihretwegen Glück und Leben eingebüßt hätten. Das machte sie noch interessanter und ihn noch stolzer, sie zu besitzen. Eines Abends, als Frau Henri Benson in Paris in der großen Oper in ihrer Loge saß, und viele Blicke auf ihre strahlende Erscheinung gerichtet waren, während sie, nachlässig zurückgelehnt, das Haus mit halbgeschlossenen müden Augen musterte, trat das Bild des Erstgeliebten unerwartet und lebhaft vor ihre Seele. – Sie sah, wie im Traume, die hohe, männliche Gestalt, das stille, ernste Gesicht mit den ruhigen Augen . . . Und plötzlich ging er in leiblicher Gestalt an ihr vorüber. Der Vorhang war während eines Zwischenaktes gefallen, und die Zuschauer in den Sperrsitzen verließen langsam den Saal, um im Foyer die übliche Promenade zu machen . . . Und da, ihr gerade gegenüber, ging Irwing! Sie erkannte ihn auf der Stelle. Er war wenig verändert, noch beinahe ebenso wie sie ihn in Yokohama vor seiner Krankheit gesehen hatte. Nur war er von der Sonne stark gebräunt und erschien ihr, im Vergleich zu den zierlichen Stutzern, in deren Mitte er sich befand, noch herrlicher und stolzer. Er bewegte sich zwischen den Sitzen, langsam seitwärts gehend, der Tür zu, das hellbeleuchtete Gesicht voll der Loge zugewandt, in der sie sich befand. – Sie beugte sich weit über die Brüstung, sie flüsterte seinen Namen, sie hätte ihn rufen wollen. Ihre Nachbarn rechts und links warfen verwunderte Blicke auf sie. Sie kümmerte sich um nichts. Sie sah nur ihn. Noch einen Schritt – und er war aus der Tür verschwunden. Sie erhob sich schnell und nahm den Arm eines der Herren, die mit ihr in der Loge saßen, und eilte in das Foyer. Sie suchte dort überall, sie wartete noch lange, als der nächste Akt bereits angefangen hatte, und sie setzte ihren Begleiter, einen wirklichen Herzog, in maßloses Erstaunen, indem sie auf eine höfliche Bemerkung, die er ihr machte, kurz angebunden antwortete: »Lassen Sie mich jetzt in Ruhe!« Sie kehrte endlich in ihre Loge zurück und musterte von dort aus einen jeden Sitz im Parkett. – Ein einziger Platz, gerade in der Reihe, wo Irwing ihr erschienen war, blieb leer. Es mußte wohl der seine gewesen sein, denn all ihr Suchen und Spähen blieb erfolglos. Sie sah ihn nicht wieder, und sie hat ihn auch seitdem nie wieder gesehen. – Er ist verschollen. Die Welt ist klein, und es hält schwer, sich darin aus dem Wege zu gehen. Irwing und Mary sind jung und werden sich wohl noch einmal begegnen. Aber was kann das nützen? – Sie sind bis zum Grabe voneinander geschieden. – Beider Leben ist ein anderes geworden, als sie gewünscht hatten. Sie mögen glauben, daß dies ihr Unglück sei. – Aber ist es ein Unglück? Ist nicht vielleicht am Ende doch alles am besten gerade so, wie es schließlich gekommen ist? – » Can see, can sabee « sagen die Philosophen in Schanghai. – Das, was nie geschehen ist, kann nicht beurteilt werden – und den Verlust eines Gutes, das man nie besessen hat, soll man nicht beklagen.