Wilhelm Walloth Im Schatten des Todes Roman     Sueviaverlag Jugenheim a. d. Bergstraße 1909     1. »Wie dem nun auch sei, Tatsache ist, du hast die Dame besucht. Ich verbiete dir hiermit den Umgang mit dieser – Emma Dorn,« sagte der Gymnasialdirektor Adolf Körn zu seinem 19jährigen Sohn Karl in seinem strengsten Schultyrannenton. »Ich weiß zwar, du wirst doch hingehen, – aber ich verbiete dir den Umgang mit der Schriftstellerin Emma Dorn.« Wie ein tragischer Schauspieler deklamierte er in seiner grandiosen Manier, der kleine zierliche Mann, und schritt im Zimmer einher, genau wie er es in der Schulstube tat, wenn ein »großer Fall« seine Beredsamkeit weckte. Er spielte vornehm mit der linken Hand an seiner goldnen auf weißer Weste ruhenden Uhrkette, während die Rechte nachlässig-graziös seinen Worten tiefere Wucht zu geben bemüht war. Man sah ihm an, wie er in seiner eignen professoralen Würde schwamm, wie er seine eigne 2 Größe kostete. Sein Anzug war ganz modern. Er ging jedes Jahr auf vier Wochen nach Paris, angeblich, um seine Aussprache zu verbessern. Seine Feinde sagten: er verbessere diese Sprachtalente dort oft in sehr »besserungsbedürftigen« Lokalen. Jedenfalls kleidete er sich sehr elegant: helle Hose, weiße Weste, schwarzer Rock. Sein ganzes Wesen machte den Eindruck des Jugendlichen, er suchte Schillerschen Idealismus zu vereinigen mit französischer Verve! Seine Züge waren immer noch hübsch, und ein lebhaftes schwarzes Auge deutete auf Temperament. Karl saß mit trotzig aufeinandergepreßten Lippen, düsteren Blicken und gerunzelter Stirn vor dem Vater und lauschte mismutig auf dessen litterarisch-moralische Abhandlung, die ein wahres Wunderwerk war in jener Kunst: mit möglichst viel hochtrabenden Redensarten, möglichst wenig zu sagen. Immer kehrten die Lieblingsphrasen des Direktors wieder: wie dem nun auch sei – Tatsache ist die – es ist nicht in Abrede zu stellen u. s. w. Es machte den Eindruck, als ob der kleine, zierliche Mann um so mehr durch die Wucht seiner Beredsamkeit imponieren wollte, je weniger er durch sein Äußeres imponieren konnte. »Aber warum soll ich denn Fräulein Emma Dorn nicht besuchen?« fragte Karl, dessen 20jährige Gesichtszüge schon einen gewissen unjugendlichen, professoralen Ausdruck trugen. »Sie ist eine bekannte Schriftstellerin, – ich lerne viel bei ihr, sie kann mich guten Verlegern empfehlen . . .«. »Eben das will man nicht!« deklamierte der 3 Direktor. Das Wörtchen ›man‹ wendete er so häufig an, daß er in der Schule den Spitznamen der ›man‹ erhalten hatte. »Man weiß, was junge Leute dort lernen; sie ist eines jener emanzipierten Frauenzimmer, die sittenverderbend wirken . . .« »Ich muß das doch in Abrede stellen,« fuhr Karl auf. »Fräulein Dorn hat nie meine Sitten verdorben.« »Sie könnte es aber. Wie dem nun auch sei, – sie schreibt für das hiesige Vorstadtblatt Theaterkritiken, das Blatt ist sozialistisch angehaucht! Sie schwelgt in diesem schändlichen Naturalismus; man haßt das Ideale in der Kunst . . .« »Das ist nicht wahr,« platzte der Sohn heraus. »Sie hat überhaupt kein bestimmtes litterarisches Programm; für sie gibt es nur gute und schlechte Kunstwerke.« »Wie dem nun auch sei, – es paßt mir nicht, daß du zu ihr gehst. Man spricht in der ganzen Vorstadt zu viel von der Dame . . . . von ihrem Lebenswandel: man soll rauchen, man soll sogar schon Männerkleider getragen haben! man lebt da mit einer Freundin zusammen, man soll auch dem Trunk ergeben sein.« »Unsinn! Vorstadtgeklatsch! Das Fräulein Luise, das bei ihr wohnt, ist Klavierlehrerin; sehr anständig, sehr gebildet, – wenn auch arm. Hier . . . hier . . . ist übrigens das Bild der beiden Damen,« setzte Karl mit jugendlichem Verteidigungseifer hinzu, eine Kabinetsphotographie aus der inneren Rocktasche hastig hervorsuchend. »Ist der Ausdruck eines 4 dieser Köpfe etwa unmoralisch? satanisch? lasterhaft?« »Was?« rief der Direktor streng, »man besitzt sogar die Photographie der Damen?« »Ja,« verteidigte der Jüngling mit naivem Übereifer seine Heldinnen, »man besitzt die Photographie . . .« Dies ›man‹, das dem Sohn unwillkürlich entschlüpft war, trug ihm zunächst einen misbilligenden väterlichen Blick ein. Doch griff der gestrenge Pädagog nichts desto weniger neugierig nach dem Bild. Die beiden Köpfe überraschten ihn. Emmas Gesicht trug jenen dämonischen Ausdruck einer gewissen ›wilden‹ Schönheit, der an südfranzösische Leidenschaftlichkeit und Geist erinnerte; Luisens Gesicht drückte deutsche Gemütstiefe aus; eine sanfte, beinahe krankhafte Schwärmerei flehte aus diesen sinnenden Augen den Beschauer um Nachsicht an. Der staatlich geprüfte Erzieher behielt indes seine Beobachtungen und Gefühle, die jene Bilder in ihm erweckten, bei sich. Er legt die Photographie stillschweigend auf seinen Schreibpult, was soviel sagen wollte, als: sie ist einstweilen konfisziert. »Da hat mir,« sagte er, »mein verehrter Kollege, dein Lehrer, Dr. Simmer, den neuesten Roman dieser Emma Dorn gebracht . . . wie heißt er gleich?« er suchte unter den auf dem Pult liegenden Papieren. »Finstre Dämonen,« half Karl seinem Gedächtnis nach. »Ja,« fuhr Körn fort, »Finstre Dämonen. Das soll ein höchst unmoralisches Buch sein. Mit einem 5 Weib, das solche Bücher schreibt, verkehrst du nicht.« »Hast du denn das Buch gelesen?« erlaubte sich Karl zu fragen und erhielt zur Antwort: »Noch nicht.« »Du wirsts aber lesen?« »Man wird es lesen und davon wird meine weitere Entscheidung abhängen. Dr. Simmer war entrüstet.« »Ach,« fuhr Karl auf, »der ist über alles gleich entrüstet, was nicht in seinen Kram paßt.« »Von deinem Lehrer sprichst du nicht per: › der ‹!« tadelte der Direktor. »Indes, drücke dich auch sonst gewählter aus; ›Kram paßt‹! das ist kein Ausdruck. Das beiläufig. Kurz, wie dem nun auch sei, – man spricht in unsrer Vorstadt von den seltsamen Manieren der Dame. Ich weiß ja, daß du heimlich schriftstellerst, – du hast ja bereits in der Zeitschrift »Freiland« allerlei veröffentlicht, was mir gar nicht übel gefallen hat. Ich lege dir, so lange du deine Arbeiten in der Klasse zur Zufriedenheit deiner Lehrer ablieferst, nichts in den Weg. Meinetwegen mach Verse. Aber der Umgang mit dieser Dame . . .« Er wollte weiterreden, als das Dienstmädchen auf einem versilberten Teller die Morgenpost brachte. Es war auch ein Brief für Karl dabei, den der Direktor schweigend seinem Sohn überreichte. Der Sohn wollte sich auf sein Zimmer begeben. »Lies ihn hier,« herrschte der Vater. »Hier?« »Ja. Lies ihn mir vor.« »Verzeih, Papa, das . . .« »Ich wills! Ich habe das Recht als dein Erzieher, zu wissen, mit wem du Briefe wechselst.« »Du hast noch nie verlangt, daß ich dir Briefe vorlege.« »So verlange ichs jetzt.« »Ich bin aber doch alt genug . . .« »Du bist noch nicht 21 Jahre. Also – bitte – lies!« Karl erbrach hastig den Brief, las und entfärbte sich. Seinem Vater war das Zittern nicht entgangen, das den Körper seines Sohnes überschauerte. Mistrauisch beobachtete er über den Rand der Zeitung hinwegblickend, das Gebahren seines Kindes. »Was hast du?« fragte er. »Nichts . . .« »Ich merke doch, daß du bleich wirst und zitterst.« Karl sah verstört durchs Fenster auf den S . . . platz hinunter. »Nun,« mahnte der Direktor ironisch, »ich darf mich doch, – besonders, wenn sie einen solchen Eindruck hervorruft! – nach der Korrespondenz meines Filius erkundigen?« »Ach, eine litterarische Streitsache!« lehnte dieser, mit sich kämpfend, ab und wollte gehen. »Du bleibst! ich will Genaueres wissen . . .« »Ich – ich,« stammelte Karl betreten, »hab für das Blatt »Die litterarische Wacht« Kritiken geschrieben.« »Das weiß man.« »Nun, da hab ich die Gedichte eines hiesigen Schriftstellers – Alfred Märzler – etwas stark vermöbelt.« »Drücke dich doch gewählter aus! Vermöbelt? 7 was ist das für ein Ausdruck?« »Der Kraftausdruck für herunterreißen.« »Du hast also die Gedichte scharf kritisiert?« »Ja, unter dem Pseudonym Paolo Reddi.« »Hattest du ein Recht hierzu?« »Die Gedichte dieses Märzler sind miserabel.« »Nun? und? was schreibt man dir?« Karl bekam einen hochroten Kopf. »Laß mich sehen!« befahl der Vater. Karl zögerte. »Er . . . der Märzler hat sich an die Redaktion der »Litterarischen Wacht« gewendet und will wissen, wer unter diesem Paolo Reddi verborgen ist.« »Weshalb?« »Er . . .« stammelte Karl. Dann rief er ganz laut: »Er will mich verklagen.« Der Direktor schnellte vom Sitz empor. »Dich . . . ver . . . klagen?« Dann riß er dem Sohn die Papiere aus der Hand. Der Redakteur teilte dem jungen Kritiker mit, er glaube kaum, daß dem erzürnten Dichter seine richtige Adresse dauernd verborgen werden könne. Der Brief Märzlers lag bei. Darin hieß es: Die Kritik meiner Herbstblätter ist in einem derartig rohen Ton abgefaßt, daß ich die Sache meinem Rechtsanwalt übergeben habe und Sie sich auf eine Beleidigungsanklage gefaßt machen müssen. Dr. Georg Simmer. »Dr. Simmer?« rief der Direktor, dem das Blut in die Stirn schoß, »Dr. Simmer? dein Religionslehrer?« 8 »Ich wußt nicht,« verteidigte sich der Jüngling hastig, »daß unter diesem Märzler – Dr. Simmer verborgen ist.« »Du hast also,« schrie Körn wütend, »die Gedichte deines Lehrers angegriffen! Und zwar jedenfalls in einer Weise angegriffen, die eine Beleidigungsklage rechtfertigt?« »Konnt ich wissen,« rief, am ganzen Körper zitternd, der junge Mann, »daß mein Religionslehrer so schlechte Verse in die Welt setzt?« Der Direktor schritt wie ein gefangner Löwe im Zimmer einher, pustend, schnaubend, wobei er aber stets die äußere Eleganz wahrte und immer nachlässig mit der goldnen Uhrkette spielte. »Schöne Geschichte, das!« polterte er grimmig vor sich hin. »Wahrlich, nette Verwicklung! Dr. Simmer weiß noch gar nicht, daß sein eigner Schüler, mein Filius! ihn beleidigt . . . öffentlich an den Pranger gestellt . . .! Wahrhaftig, du baust vortrefflich an deinem Lebensglück. Was soll aus dir mal werden? Ein Journalist? Ein Federlump? Ein verhungerter Dachstubenpoet? Denn das sag ich dir: Ich mische mich nicht in diese Sache . . . mit keinem Wort! Du hast dir die Suppe eingebrockt; tunke nur sie selbst aus! Fällt mir nicht ein, für dich die Kastanien aus dem Feuer zu holen! schon aus Prinzip nicht! Der Sohn des Direktors muß noch weit strenger und parteiloser behandelt werden, als ein anderer Schüler. Von mir erfährt Dr. Simmer gar nichts. Er soll dich nur verklagen. Dann aber . . . fliegst du sofort aus der Schule, 9 sofort! Ha ha! ein halbes Jahr vor Maturitas – aus dem Gymnasium; – sehr gut! Dann schmier an einer Zeitung – Leitartikel! Dr. Simmer wird und soll dich verklagen. Ich bitte ihn sogar darum; ja, ich bitte ihn darum, hörst du? Denke nur nicht, ich lege mich als Direktor ins Mittel. O nein! keineswegs! Und jetzt . . . hole mir die Kritik. Hast du sie noch?« »Ja . . .« »Also, bring sie . . .« Karl verließ mit sehr niedergeschlagenem Ausdruck auf dem vorzeitig gealterten, wenn auch zarten Gesicht, das Studierzimmer und begab sich auf sein kleines, nach dem Hof hinaus gelegenes Zimmerchen. Dort saß er einige Zeit an dem beim Fenster stehenden Tisch, der mit Büchern und Heften bedeckt war und starrte mit seinem neuropathischen Blick hinaus auf den kleinen Hausgarten, dessen Bäume bereits, vom Herbstwind geschüttelt, ihre Blätter verloren. Durch den gelbroten Blättervorhang herüber glänzten die breiten Fenster der Erhardtschen Druckerei. Hinter den Scheiben hantierten die Setzer vor den Setzkästen, grünlich verschwommen schimmerten Gesichter, Arme, Hände durch das Glas. Links an der äußeren Hauswand puffte und paffte ein Dampfrohr; ewig hing dort eine weiße Dampfwolke wie ein großer Wattbündel, den der Wind beständig in Fetzen um die Hausecke riß. Karl versenkte sich in den Anblick der sonderbar gestalteten Dampfschleier . . . . . Unbestimmte, nicht zu Ende gedachte Gedanken rief der Anblick dieser immer vom Wind zersausten Wolke 10 in ihm wach . . . Doch, das kann jeder denken, sagte er sich, das ist nichts für dein Tagebuch. – Jeder Schulmeister wird diese Rauchwolke mit dem Menschenleben vergleichen . . . sogar Dr. Georg Simmer . . . Ja so! ich soll ja die »Literarische Wacht« suchen! . . . Welches Mißgeschick! sann er weiter; ich zerreiße die Geistesprodukte meines Lehrers! Warum schreibt er solchen Blödsinn? Er kramte unter den Heften und zog schließlich eine gelb eingebundne Broschüre hervor. Nebenan lag auch sein geliebtes Tagebuch. Doch war jetzt keine Zeit mehr, darin zu blättern. Die Schulstunden riefen. Rasch packte er seine Bücher zusammen, im Innersten fest entschlossen, dem Gebot des Vaters zu trotzen und gleich nach Schulschluß Fräulein Emma Dorn aufzusuchen. »Du wirst zwar doch hingehen, ich verbiete dirs aber!« Daß aber der Vater Ernst machen würde mit seiner Drohung, ihn aus der Schule zu weisen, wenn eine Anklage erfolgte, daß wußte er. Der Vater zeigte ihm ja stets nur den Pädagogen, nie den Vater! Nun ging er nach dem Wohnzimmer – als er so mit den Büchern unterm Arm erhobenen Haupts über den Flur schritt, sah er aus wie ein Professor en miniature . Geistiger Hochmut, der jedoch durch Schwärmerei veredelt wurde, sprach aus diesen jugendlichen Greisenzügen. Eigentümlicher Weise bildete sich bei ihm unterm Kinn hervor ein leichter Bartflaum, der seinem Gesicht nun erst recht den Charakter des Frühreifen verlieh. Der Direktor hatte indessen in sehr übler Laune 11 sich zum Ausgehen zurecht gemacht. Diese schlechte Laune verstärkte sich, als er seine Frau Katharina im rotgeblümten Hauskleid am Schreibtisch sitzen sah. »Der Kaffee,« sagte er, »war heute wieder miserabel.« »Sag das dem Dienstmädchen,« gab die starkknochige Frau ohne aufzusehen zurück, »und stör mich nicht.« »In aller Frühe schon vorm Pult!« schimpfte er weiter. »Natürlich, da muß die Haushaltung zu Grund gehen. Wie oft hab ich dir schon gesagt, daß bei deinen Götheforschungen absolut nichts herauskommt.« »Das kannst du noch so oft sagen, als du willst.« »Das ist krankhaft bei dir. Dr. Müller sagt das auch. Du hast ja gar nicht die nötige Vorbildung, um solche Forschungen zu treiben.« Die Frau Direktor fuhr mit wutverzerrtem Gesicht empor. »Natürlich,« versetzte sie giftig, »nur die Herren Gelehrten dürfen sich wissenschaftlich beschäftigen. Alle anderen Menschen sind Dummköpfe.« »Das behaupt ich nicht,« gab er immer gereizter zurück. »Ich kenne aber doch deinen Bildungsgang und weiß, daß du absolut unfähig bist, wissenschaftliche Forschungen anzustellen. Deine Schreibereien verschlingen viel Geld, alle Augenblicke mußt du bald nach Wetzlar, bald nach Weimar reisen, mußt bald die Kirchenschwelle photographieren, über die Göthe mal geschritten, bald jene wurmstichige Bettlage besichtigen, in der er mal eine Nacht geschlafen 12 haben soll. Und was bringt das alles für einen Nutzen? Du stellst im besten Fall ein paar gänzlich unwichtige Kleinigkeiten fest, die zum Verständnis der Götheschen Geistesgröße ganz ohne Belang sind.« »Das ist nicht wahr!« verteidigte sie ihren allerdings ans Pathologische grenzenden Forschungseifer. »Es handelt sich um eine sehr wichtige Frage. Ich bin dem echten, wahren Mädchen auf der Spur, das Göthe beim »Gretchen« zum Modell gedient hat.« »Das weiß man ja längst,« wendete er resigniert ein. »Nichts weiß man,« rief sie mit glühenden Wangen. »Alle tappen im Finstern, – ich allein bin dem echten Modell auf der Spur gekommen. Ich sag dir: es gibt eine Umwälzung, eine völlige Umgestaltung in der Beurteilung Göthes . . .« Er seufzte verzweiflungsvoll auf. »Meinetwegen,« jammerte er. »Mit Karl ists auch nicht mehr auszuhalten. Da hat er seinen eignen Lehrer, den Dr. Simmer, öffentlich angegriffen, diesen eiteln, ehrgeizigen Theologen.« Sie erkundigte sich. Er teilte ihr den Sachverhalt mit und schloß: »Ich rühr keinen Finger in der Sache. Er mag ihn verklagen! Dann fliegt er aus der Schule, – seine Schriftstellern verbiet ich ihm! – und dir die deinige auch. Ist das eine Haushaltung? Wann bekomm ich mal was Vernünftiges zu essen? Und nie zur rechten Zeit! Und dabei sparst du am unrechten Ort: das Brot wird schimmlig, die Butter ranzig, die Wurst wird aufgehoben bis kein Hund sie mehr frißt. Und was ist denn das?« setzte er zornig hinzu, sich nach der linken Stubenecke wendend, in der zwei dicke in Zeitungspapier gehüllte Pakete standen. Er riß die Zeitungshülle hinweg, – harmlose Regenschirme blickten ihm entgegen und seine Frau beeilte sich, ihn mit siegesgewisser Miene aufzuklären: »Ja, Regenschirme, die ich sehr billig bei Tietz gekauft . . .« »Ja,« schrie Körn wütend, »wie viel sind denn das? Eins, zwei, drei, vier . . . zwei Dutzend? vierundzwanzig Regenschirme?!« Mit größter Seelenruhe und großem Stolz auf ihre ökonomischen Talente setzte ihm Katharina auseinander, daß dies ein sehr vorteilhafter Gelegenheitskauf sei. Die Regenschirme werden immer teurer; in M . . . regne es stets . . . der Herbst sei im Anzug . . . nun sei die Familie gleich fürs ganze Leben mit Regenschirmen versorgt. »Vierundzwanzig Regenschirme?!« tobte der Direktor, bleich vor Wut . . . . »Bist du verrückt? So wirfst du das Geld zum Fenster hinaus? 24 Regenschirme! Das soll Dr. Müller hören, – ob das noch vernünftig ist! 24 Regenschirme auf einmal!« Katharina schrieb ruhig weiter. Ihr Gatte stürzte ins Schlafzimmer, riß seinen Ueberzieher vom Nagel und kam, den Cylinder auf dem Kopf (er ging stets im Cylinder), elegant wie ein Pariser Stutzer, wieder ins Wohnzimmer. Die gute Gelegenheit, seine Eloquenz leuchten zu lassen, ließ er sich nicht entgehen, immer wieder fiel er über die 24 Regenschirme her. »Jetzt hör mal endlich auf,« unterbrach Katharina seinen klassischen Redestrom. »Schau durchs Fenster, – es regnet. Nimm dir nur gleich einen 14 neuen von den 24 Schirmen, dein alter ist fadenscheinig.« Den Direktor brachte diese Ruhe vollends auf. »Laß dein Geschreibsel!« schrie er. »Marsch in die Küche! Man will was Ordentliches zu essen – wenn heute das Mittagessen wieder erst um 2 Uhr fertig ist, eß ich im Wirtshaus.« »Mein Gott,« verteidigte sich die Götheforscherin, »lebst du denn um zu essen? Wenn der Mensch nur was im Magen hat . . .« »Ich will was Ordentliches im Magen haben oder gar nichts!« tobte der große Pädagoge. »Dann lieber gar nichts. Du bist zu materiell, du bist kein Geistmensch . . .« »Lieber will ich einer von deinen 24 Regenschirmen sein als dies Leben länger aushalten!« »Du hast es so lange ausgehalten, bist alt dabei geworden und gesund geblieben.« »Wie dem nun auch sei, – Tatsache ist: man will Ordnung in seinem Haushalt! Neulich hast du ebenso einen pathologischen Streich verübt –: zwei Dutzend Gummischuhe angeschafft. Vor drei Monaten warens tausend Zündholzpakete. Wo soll das hinaus?« »Und,« rief Frau Katharina, »da sagt der Mann, ich verstehe nichts von Haushaltung! Er weiß gar nicht, welche Perle er an mir besitzt?« »O, du kostbare Perle!« höhnte der Direktor, sich vor seiner Frau mit burlesker Grazie verbeugend, »wenn du mir nur nie gestohlen wirst! Ich verdanke dir ja so herrliche Stunden! Du wirst auch 15 noch einmal eine berühmte Frau werden und meinen Namen verewigen.« »Jedenfalls,« versetzte sie kühl, »hast du mehr Aussicht durch mich berühmt zu werden, als ich durch dich! Was hab ich, als ich Braut war, für Hoffnungen auf dich gesetzt. In der ganzen Vorstadt A . . . . hießest du nur das Wunderkind; dein Vater, der Schulrat, glaubte, du würdest ein wahrer Himmelstürmer . . . . Weißt du noch, wie du mir dein Drama »Die Hohenstaufen« überreichtest? Du selbst warst am entzücktesten davon. Du rühmtest den Adel der Sprache! Die Kritik nannte es: ein echtes Oberlehrer-Drama, ohne Handlung, ohne Charakteristik, mit schwulstigen Phrasen aufgedonnert. Ich glaubte damals als Siebzehnjährige einen großen Poeten in dir zu lieben; aber aus dem großen Poeten ward nur ein kleiner Schultyrann.« »Und nun glaubst du,« verteidigte er sich, innerlich kochend, »du müßtest meine litterarische Ehre retten? Wenn ich auch kein großer Poet geworden bin,– man ist ein Pädagoge geworden, den die Regierung hochschätzt . . .« »Ein großer Pädagog,« höhnte sie, »der seine eigenen Kinder nicht zu erziehen versteht.« »Wenn sie der Mutter nachschlagen,« gab er ihren Hieb zurück, »kann sie der Teufel erziehen. Deine Kinder sinds leider, in jeder Beziehung.« »Ich bin stolz auf solche Kinder,« widersprach sie. »Weißt du, was unser Karl gestern in sein Tagebuch geschrieben hat?« »Nun?« 16 »Eine geniale Bemerkung!« »Will ich gar nicht wissen!« »Die Schullehrer,« sagte sie scharf, »sind es meistens deshalb geworden, weil sie Etwas zu sagen haben, was für die Erwachsnen zu dumm, für die Kinder zu gescheidt ist.« Der Direktor mußte unwillkürlich lächeln. Dieser Ausdruck seines Sohnes versöhnte ihn wieder ein wenig mit dessen Eigenart. Er war ja im Grund stolz auf die Talente dieses Kindes, – aber er wollte sich ums Himmels willen nicht merken lassen, daß er seinen Karl liebte, ja bewunderte. Er zeigte ihm stets die strenge Magistermiene, die ihm der Sohn mit einer noch kälteren Maske erwiderte. »Karl,« sagte er streng, »könnte auch was Besseres in sein Tagebuch schreiben. Unsinn! Was will man damit sagen? Der unreife Schlingel soll erst was lernen. Er ist gerade so abnorm wie du.« »Diese Abnormität,« erwiderte sie, »laß ich auf mir sitzen. Bei Karl hat sie sich in Genialität verwandelt. Du wirst noch staunend zu deinem Sohn emporblicken.« »Wo bleibt er denn nur mit seiner verwünschten Kritik?« rief er. In diesem Augenblick trat Karl, zum Gang ins Gymnasium gerüstet, ins Zimmer und überreichte dem Vater das gelbe Heft. Der Direktor überflog die Kritik. »Sehr bissig!« sagte er dann entsetzt. »Sie strotzt von beleidigenden Ausdrücken – dieser Zionswächter – dieser David, der nach seiner Bathseba schmachtet – frömmelndes Gekrähe eines 17 brünstig aufgeblähten Hahns – möcht ihm die Tugendmaske vom Heuchlergesicht reißen . . . Wie kommst du auf solche Wendungen?!« »Die Gedichte Märzlers,« entschuldigte sich Karl, »sind ›geistlicher‹ Art . . .« »Was berechtigt dich Wendungen zu gebrauchen wie die: er schielt durch seine fromme Maske mit dem linken Auge nach einem Orden, mit dem rechten nach Beförderung und legt sich dabei mit hochmütiger Geberde die Falten seines Priestertalars zurecht . . . er kann sich beruhigen, sein Streben wird höheren Orts belohnt werden . . .« »Ich habe dir hier sein Werk mitgebracht,« sagte Karl. »Lies die Sachen durch, ob ich nicht recht habe.« Körn nahm das Bändchen in Empfang. »Aus dieser Kritik,« tadelte der Vater, »spricht übrigens ein ganz anarchistischer Geist . . .« »Ich bin auch Anarchist in gewissem Sinne,« versetzte der Sohn trotzig. »Unsinn!« fuhr ihn der Direktor an. »Du bist gar nichts. Du hast in der Schule zu arbeiten, weiter nichts. – Und hier . . . hast du dir auch Ausfälle gegen Militär, Staat und Kirche erlaubt?! Karl, Karl, du bist ein Verlorener! Ich werde meine Hände von dir ziehen. Diese Anklage kommt mir gerade recht, ich sage mich von dir los! . . . Da siehst du nun deine Kinder!« Die letzte Phrase galt seiner Frau. »Wenn du nur nicht immer von meinen Kindern sprechen wolltest!« fuhr sie auf. »Als wenn du ganz unbeteiligt gewesen wärst! Was Karl anlangt, so 18 laß ihn doch austoben. Welcher Jüngling war nicht mal eine Zeit lang Anarchist? Das kommt nur vom Zwang des Gymnasiums, von der väterlichen Strenge.« »Bei mir, liebe Mama,« wendete Karl ein, »entspringt der Anarchismus aus tieferen Quellen. Meine Überzeugung lautet: nur die Gesetzlosigkeit ist das oberste Gesetz, weil der Mensch sich selbst ein Gesetz . . .« »Ach, lieber Karl,« beruhigte ihn die Mutter, »du hast zu viel Nietzsche gelesen.« Sofort griff der Direktor dies Wort auf. »Das ists,« donnerte er. »Dieser gottverfluchte Nietzsche verwirrt den jungen Leuten die Köpfe. Dieser wahnsinnige Halbphilosoph, den man polizeilich verbieten sollte, macht die unreife Welt wahnsinnig. Du liest mir keine Zeile mehr von diesem Umwerter aller Werte! Es bleibt dabei: wenn Dr. Simmer auf einer Anklage besteht, fliegst du aus dem Gymnasium. Dann kannst du sehen, wohin du mit deinem Anarchismus kommst . . . Und jetzt fängt der auch noch an!« schimpfte er, mit bösem Blick nach der Salontüre, aus der soeben Klavierspiel ertönte. »Ich bin der reinste Irrenhauswärter. Eduard ist gerade so verrückt wie ihr beide; aus dem wird auch nichts. Meint, er sei ein musikalisches Genie! Sein Genie steckt nur in seinen langen Haaren. Das sind nun deine Kinder!« fuhr er wieder seine Frau an, die wiederum nicht verfehlte, ihm dies »deine« vorzuwerfen. Er fuhr fort: »Ich bezahle nur noch ein halbes Jahr seine Studien. Warum brach er mitten in der Juristerei ab, der Phantast! Und du, Karl, wirst gefälligst alle Hebel in Bewegung setzen, daß 19 keine Anklage kommt. Ich kümmere mich gar nicht um die Sache!« Mit diesen Worten eilte er aus dem Zimmer. Nun trat Eduard herein. Der Bruder Karls war ein langaufgeschossener Mensch mit blonden Schmachtlocken, die ihm über die Schultern herabhingen. Er trug stets ein bleiches ›fürnehmes‹ Dulderantlitz zur Schau und hatte wegen seines pathetisch idealen Benehmens im Vorstadtviertel den Spitznamen »Der Gott« erhalten. Die ganze Nachbarschaft war außer sich darüber, daß er am Klavier stundenlang ewig dieselben Stellen wiederholte. Unter allen seinen Briefen stand: Eduard Körn, Sänger, Schriftsteller und Komponist. Er schrieb nämlich auch zuweilen Kritiken. Nun schüttelte er sein löwenmähniges Künstlerhaupt und fragte mit einem Pathos, als wolle er im fünften Akt der Tragödie aufs Schaffot wandeln: »Was hat er wieder, er, der den großen Richard Wagner nicht versteht?« »Kinder,« wendete sich die starkknochige Mutter an ihre beiden Sprößlinge, »laßt ihn! er versteht uns nicht, diese pedantische Schulmeisterseele. Wartet die Stunde ab, in der die Welt uns anerkennend zu Füßen liegt, dann erst wird er sich bekehren und einsehen, – was er heute schon sehen sollte . . .« Ja, ja, dachte sie weiter, dann sind es meine Kinder, die er mir immer vorwirft . . . Eduard blickte mit majestätischem Augenaufschlag zur Decke. »Meine sechs Vertonungen von Nietzsches Liedern sind beendet,« sagte er. »Du hast mir versprochen, 20 Mama, daß ich sie auf deine Kosten herausgeben darf?« »Gern, gern, mein Sohn,« sagte sie achtungsvoll. »Meinen letzten Heller wende ich daran, dir zum verdienten Erfolg zu verhelfen.« »Die Lieder sind mir gelungen,« fuhr der ›Gott‹, sich selbst anbetend, fort. »Zwar dem Papa gefallen sie nicht; doch das ist gerade die beste Kritik, – der Arme steht noch bei Mozart . . .« Er hatte die letzten Worte mit unnachahmlich mitleidiger Verachtung ausgesprochen. Die Frau Direktor setzte hinzu: »Er hat sich mit seinem besten Freund überworfen, weil der Beethoven über Mozart stellte . . .« »Und dabei weiß ich,« warf Karl ärgerlich dazwischen, »daß er im Grund viele Stellen aus dem Lohengrin, sobald ich sie spiele, sehr gern hört. Es ist der reinste Widerspruchsgeist von ihm.« »Ja, Kinder,« bestätigte die Mutter, »er besitzt einen gewissen germanischen Starrsinn und – Neid! Bismarck sagt einmal, der Neid sei das deutsche Nationallaster! Der Vater, der in der Jugend »Das Wunderkind« hieß, ärgert sich im Stillen darüber, daß er kein Wundermann, sondern ein ziemlich gewöhnlicher Sterblicher geworden. Nun läßt er seinen schulmeisterlichen Zorn an jedem aus, der mehr Talent hat als er.« »Das ist richtig,« fiel Karl ein. »An allem nörgelt er herum. Sein Haß auf Fräulein Emma Dorn ist auch – Neid!« »Ganz gewiß!« rief Frau Katharina. »Kann man 21 denn mit ihm irgend ein Kunstwerk, eine Theatervorstellung sehen, eine Musik hören, ohne daß er darüber schimpft? Nur seine alten Griechen sind unfehlbar. Dabei kämpft er in der Politik für Freiheit, – im eignen Haus ist er Tyrann. Kinder, ihr wißt nicht, was ich mit dem Mann schon ausgestanden hab. Unsre Ehe . . .! nun ich will vor euch nicht klagen, – ihr sehts ja leider selbst.« Karl trat zu der beinahe in Tränen Ausbrechenden hin und sagte mit naivem Schmerzausbruch: »Du glaubst gar nicht, Mama, wie mirs das Leben verbittert, daß ihr gar nicht miteinander auskommt.« Katharina umarmte ihn. »Mein armes Kind,« schluchzte sie, »ich kenne dein tiefes Gemüt, das hast du von mir. Gott! du hast ja recht. Es muß da eine Änderung geben, so kanns nicht weitergehen. Ich bin ja nicht schuld an diesen ewigen Zerwürfnissen!« »Erlaub, Mama,« ließ Karl zaghaft einfließen; »ich meine . . . verzeih . . .« Sie sah ihn erstaunt an und fragte: »Wie?« »Ich meine,« fuhr er leise fort, »es könnt mancher Zwist vermieden werden, wenn . . . . du ihm ein wenig entgegenkämst . . . in der Haushaltung . . .?« Ihre Miene verdüsterte sich. »Ja, was ist denn?« fragte sie; »entbehrt er denn etwas? entbehrst du etwas? Bin ich nicht sparsam? praktisch? pünktlich?« »Nun ja, nun ja,« beeilte sich der Sohn die Beleidigte zu besänftigen. »Du bist ja eine so geistig hochstehende Frau, – deine Götheforschungen werden dich gewiß einst noch berühmt machen . . .« 22 Ihre Züge verklärten sich. »Er tadelt meine Anschaffungen,« rechtfertigte sie sich. »Sie kommen aber dem Haushalt zugut; wir sind jetzt auf dreißig Jahre mit Regenschirmen versorgt, auf zwölf Jahre mit Gummischuhen, auf zehn Jahre mit Zündhölzchen. O, ich bin ein ökonomisches Genie . . . etwa nicht?« Die beiden Söhne sagten weder ja noch nein. Der Schriftsteller, Sänger und Komponist schüttelte seine blonden Schmachtlocken und zog sich mit fürnehmer Leidensmiene an den Flügel zurück, auf dem er »neue« Akkorde suchte, der geniale Gymnasiast, der vor dem Maturitätsexamen stand, folgte seinem Vater ins Gymnasium und die Frau Direktor begrub ihre rötlich angehauchte Habichtsnase in die Hefte ihrer Götheforschungen, während das unbeaufsichtigte Dienstmädchen in der Küche nach Gutdünken schaltete, d. h. einen ungenießbaren ›Fraß‹ zusammenpantschte.   2. Der Direktor benutzte, wie immer, die elektrische Trambahn, wußte aber zwischen sich und den übrigen Fahrgästen durch sein würdevolles Benehmen eine solch hohe geistige Scheidewand zu errichten, daß keiner es wagte ihn anzureden. Er konnte es nie vergessen, daß er einst ›Das Wunderkind‹ gewesen war. Traf er einen Bekannten, so überschüttete er ihn mit einem Schwall wohlgesetzter Redensarten, in der Meinung, daß der Hörer die Quantität für die Qualität nehmend, ihn für einen eminent geistreichen Kopf halten müsse. Gewaltsam schlug er sich 23 jetzt die Erinnerung an sein trauriges Familienleben aus dem Sinn und grübelte, während ihn das Rasseln des Wagens umdröhnte, darüber nach, welches Aufsatzthema er seinen Primanern stellen sollte, – ein Thema, das er dann später selbst bearbeiten könnte, denn in seiner Prima waren gute Köpfe, deren Gedanken ihm schon manche Anregung gegeben hatten. Doch ehe er etwas gefunden, geriet seine professorale Größe dadurch sehr ins Gedränge, daß sich dicht vor ihn hin ein außerordentlich dickes Gemüseweib aufpflanzte, in deren hoch vor ihm aufgebauschter Kleiderwölbung sein Gesicht fast verschwand. Aufstehen konnte er nicht. Nur gut, daß ihn kein Schüler in seiner üblen Lage sah, die er endlich mit philosophischer Resignation ertrug. Dann beschäftigten ihn einige Erziehungsprobleme. Sein Sohn hatte ihm vorgestern bei Tisch gesagt: »Da preist man uns ewig die alten Griechen! wenn wir uns aber mal deren Leben ernstlich zum Vorbild nehmen würden, wollt ich sehen, wie wir aus dem Gymnasium flögen!« Wie konnte man die Sitten der Alten in eine höhere Verbindung bringen mit dem Leben unserer Zeit? Halt . . . das war ja ein famoses Aufsatzthema! Doch hatte er keine Zeit, diesen Gedanken weiter zu verfolgen. Die Trambahn hielt; mit elegantem Sprung stieg er aus – er war stolz auf seine jugendliche Rüstigkeit – und trat durch das eiserne Gittertor in den großen Hof, in dem der Sandsteinprachtbau der Geisteskaserne (wie sein Karl das Gymnasium nannte) sich hinter grünen Bäumen 24 erhob. Jetzt gelangte er durch den breiten Korridor in sein hübsches Direktorzimmer. Hier fühlte er sich als Herrscher, hier störte ihn keine kleinliche Familienrücksicht, hier erlosch die keifende Stimme Katharinas, der Fisch war in seinem Element. ›Hier bin ich Mensch, hier darf ichs sein!‹ Nachdem er in seiner elegant-würdevollen Weise Hut und Mantel abgelegt, trat er in das anstoßende Lehrerzimmer, in dem bereits die meisten Lehrer sich versammelt hatten. Alle grüßten den vom Kultusminister hoch geschätzten Pädagogen sehr achtungsvoll; einige mit kriechender, süßlicher Liebenswürdigkeit, andere wußten sogleich allerlei Schmeicheleien über sein Aussehen geschickt anzubringen. Besonders der sehr stämmig gebaute protestantische Theologe Dr. Georg Simmer, heimlicher »Märzler«, ein ungemein korrekter Streber, verstand es, dem Direktor mit wahrhaft christlicher Selbstverleugnung den Hof zu machen, was den sonst doch scharfsichtigen Vorgesetzten indes durchaus nicht etwa abstieß. Wie der Kater, wenn er gestreichelt wird, behaglich schnurrt, nahm der Direktor die oft sehr plumpen Lobeserhebungen mit dankbarem Grinsen in Empfang. Dem Theologen gegenüber fühlte er sich nun in einiger Verlegenheit. Da er merkte, daß der Herr bis jetzt noch nicht wußte, wer ihn in so beleidigender Weise angegriffen, schwieg er über diese Sache. Dr. Simmer besaß absolut kein Talent, die Schüler an sich zu fesseln; im Gegenteil, es ging eine herzlose Kälte von seinen grünlich 25 schielenden Augen auf die Zöglinge über. Seine Strafen waren hart; von christlicher Nächstenliebe war im Wesen dieses Zionswächters nichts zu bemerken. Seinen Religionsunterricht hätte man einen seelenlosen Geschichtsunterricht nennen können. Man erkannte an den ungeschlachten Bewegungen seiner plumpen Glieder den Metzgersohn vom Land. Seine starren, maskenhaft bleichen Gesichtszüge flößten den feinfühligeren Knaben Grauen ein, weckten die Spottlust der derberen. Gar nicht leiden konnte diesen süßlich-schwerfälligen Mann Gottes der Physiker Külper. Auch am Unterricht hatte der dicke, kleine Mathematiker gar keine Freude; er hätte sich am liebsten ganz in seine Höhle, die Wissenschaft, zurückgezogen. Er sah ungefähr aus wie ein italienischer Baß-Buffo, hatte auch ähnliche groteske Manieren und humoristische Aussprüche. Seine Schüler lernten nicht viel bei ihm. Mit den Talentvollen stand er in behaglich-heiterem Verhältnis, die Faulen ließ er ruhig gewähren und nannte sie mit burlesker Verachtung: seinen Sumpf. Er ging den anderen Herren ängstlich aus dem Weg, sogar mit dem Direktor verkehrte er nur, wenn es unumgänglich nötig war. Prächtig anzusehen war der dicke Herr, wenn ihn, den ausgesprochenen Freigeist, eine feierliche Gelegenheit, etwa das Abendmahl bei der Konfirmation, in seinen engen Frack und in die Kirche trieb. Die älteren Schüler merkten ihm dann seinen inneren Ärger über die Ceremonie an, den er vergeblich unter einer gottergebenen Miene zu verbergen suchte. 26 Dann war hier der Kantor Mangsilber, der Singlehren. Er war Vorstand eines Gesangvereins, für den er mehrere Oratorien im alten Mendelsohn-Styl komponiert hatte. Er trug eine Perrücke, die ihm bei Musikaufführungen, wenn er leidenschaftlich den Taktstock schwang, auf die linke Gesichtshälfte herunterrutschte, haßte alle moderne Musik und hielt sich für ein verkanntes Genie. In seinen Manieren ahmte er den Sebastian Bach nach, gab sich schlicht, derb, strenggläubig. Endlich war noch der Lehrer Dr. Pennig da, ein ungemein dünner, langer Herr, mit einem verrunzelten, trocknen, faltenreichen Magistergesicht und begabt mit einer so scharfen Fistelstimme, daß seine Schüler behaupteten, man könne sich mit ihr rasieren. Seine Schüler nannten ihn nur den »Mehr oder weniger«, weil diese Phrase in allen seinen Sätzen ewig wiederkehrte. Seine Stunden wären für seine Zöglinge sehr langweilig gewesen, wenn er es nicht verstanden hätte, durch unfreiwillige Komik sie ein wenig anziehender zu gestalten. Dies waren die Herren Lehrer, die nun, spärlich und leise plaudernd, in unlustiger Morgenstimmung umeinanderstanden, bis es Zeit war, den Unterricht zu beginnen und ein Wink des Direktors sie auf die versammelte Jugend losließ, einen jeden in seine Klasse. Lebhafter ging es zu, als in der ersten Unterrichtspause die Lehrer wieder in ihrem Zimmer beisammen waren. Der Theologe hatte ein Zeitungsblatt aus der 27 Tasche gezogen und las daraus die Kritik über die jüngste Aufführung des Hamlet im Hoftheater vor. »Ist das nicht köstlich?« bemerkte er dazu. »Dieser Blaustrumpf Emma Dorn orakelt da über die tiefsinnigste Dichtung und setzt dabei die Komma ganz falsch!« »Ja,« gab ihm der Direktor recht, »dieses Frauenzimmer verderbt den Geschmack. Wie kann ein nicht akademisch gebildeter Mensch überhaupt über Hamlet schreiben! Sie hat ja gar nicht die gesamte Hamletlitteratur durchstudiert; das wäre doch das Wichtigste. Statt die berühmten Autoritäten anzuführen, wagt sie es, eigene Gedanken zum Besten zu geben; bedenken Sie, meine Herren, eigene Ideen über einen Gegenstand, den unsre Wissenschaft völlig erschöpft hat.« »Gewiß, Herr Direktor,« bestätigte der Theologe, »Sie haben vollkommen recht! Und dieser abscheuliche, geistreichelnde Feuilletonstyl! Das soll Grazie sein, – man merkt aber, daß ihr Geist weder durch Latein, noch durch Griechisch die gehörige Dressur erhalten hat.« Schon vor einigen Minuten war lebhaft und frisch der ganz modern empfindende Dr. Wilhelm Köhler eingetreten. Er las alles Neue, stand mit seinen Ansichten ganz auf naturwissenschaftlichem Boden und war ziemlich unbeliebt bei seinen Kollegen. Da er aber ein ansehnliches Vermögen besaß, wagte man nicht ihn direkt anzugreifen; er hätte ja sonst, ohne sich lange zu besinnen, seinen Abschied genommen. Der lebhafte junge Mann, der die letzten 28 Worte des Theologen gehört hatte, wagte es, den »Blaustrumpf« sogleich mit Ostentation in Schutz zu nehmen. »Eine ganz neue Idee!« sagte er begeistert. »Sie packt das Problem von einer ganz neuen Seite. Sie hat vielleicht recht –: Hamlet gehört in die ›Psychopathia sexualis‹.« Nun entwickelte er den Ideengang ihres Artikels mit so viel Feuer, daß er dadurch allgemeines Kopfschütteln erregte. Das war ja eine ganz naturalistische Weltanschauung; er sprach sogar dem Menschen den freien Willen ab! und vor acht Tagen hatte doch der Herr Kultusminister in einer langen Rede (während eines psychologischen Kongresses) betont, daß er erwarte, die Herren Professoren würden die Freiheit des Willens nicht antasten. »Dieses Frauenzimmer,« brach der Direktor das eisige Schweigen, »soll soeben einen höchst unmoralischen Roman veröffentlicht haben. »Finstre Dämonen«. Ich werde den Roman lesen. Verhält es sich wirklich so, – dann sollte man das Buch dem Staatsanwalt überantworten.« »Das werde ich auch tun,« versetzte der Theologe streng. »Ich gebe Ihnen vollkommen recht,« beglückwünschte ihn Körn zu seiner Initiative; wir haben die Pflicht, nicht nur den guten Geschmack, auch die guten Sitten zu retten.« Dr. Wilhelm Köhlers offene Züge verfinsterten sich, er strich sich nervös über seinen schwarzen Spitzbart und meinte: »Ich möchte nicht den 29 Angeber spielen. Übrigens ist das Buch nicht so schlimm . . .« Der Direktor brach diesen ihm peinlichen Gegenstand ab und fragte einige der Herren nach den Leistungen seines Sohnes. Man lobte, ja bewunderte ihn allgemein. Dr. Köhler war der Einzige, der dem Vater die Wahrheit ins Gesicht zu sagen wagte. »Ihr Sohn, Herr Direktor,« meinte er, »ist vielleicht ein Genie, – aber ein krankhaftes. Ein Treibhausgewächs. Er weiß jetzt schon mehr als wir alle hier von Philosophie und andern Fächern. Sein Buch über Nietzsche strotzt von wunderlichen Gedanken, die er in eine seltsame, farbenschimmernde Sprache kleidet. Geben Sie acht, Herr Direktor, aus solchen frühreifen Talenten wird meistens nichts. Oft gehen sie im Leben bald völlig zu Grund.« Alle waren erstaunt über den Freimut des jungen Philologen. Der Direktor drückte ihm indessen die Hand. »Sie sind vielleicht tiefer in das Seelenleben meines Kindes eingedrungen, als ich. Meinen Sie nicht, ich müsse recht streng gegen ihn sein?« Dr. Köhler zuckte die Achseln. »Bei einem so ungewöhnlichen Fall versagt jede pädagogische Regel. Ich wage da wirklich nicht eine Meinung zu äußern.« »Nun,« fuhr der Direktor fort, »ich versuchs zunächst mit Strenge.« »Bei der Reizbarkeit seines Gemüts könnte Strenge unter Umständen gefährlich werden,« warf Dr. Köhler hin. »Vielleicht wäre echte Milde, Weichheit und Liebe eher am Platz.« 30 »Dadurch,« meinte der Vater, »wird seine Großmannsucht, sein geistiger Hochmut noch gesteigert.« »Allerdings, diese Gefahr liegt nahe.« »Ich muß ihm andeuten, daß er noch garnichts ist. Ich werde ihm sogar das poetische Produzieren verbieten.« Die Herren gaben ihn vollkommen recht. Später als das allgemeine Gespräch sich in Sonderunterhaltungen aufgelöst hatte, zog der Direktor, nach einigem Besinnen, den Dr. Simmer in eine Fensternische. »Lieber Herr Doctor,« begann er, bald blaß, bald rot werdend, »ich habe ein paar Worte . . . . ich muß . . . muß Ihnen eine Aufklärung geben . . .« »Eine Aufklärung?« sagte der Theologe, während über seine kalten Züge ein süßliches Lächeln glitt, mit dem er, in Folge eines Augenfehlers, nach einer ganz anderen Richtung zu sehen schien. »Ja,« stammelte der Direktor; »es wird mir schwer von dieser Sache zu reden . . .« »Das sehe ich Ihnen an.« »Nun . . . wie dem nun auch sei . . . Tatsache ist: Sie haben einen Band geistliche Lyrik herausgegeben?« »Wie? Woher wissen Sie . . .« »Leugnen Sie?« scherzte der Direktor. »Ich bin auf der Tat ertappt!« lachte der Theologe. »Nun . . . wie dem nun auch sei . . . man gratuliert Ihnen zu Ihrer poetischen Ader.« »Ja,« gestand der Mann Gottes, mit mildem Lächeln und stillem Augenaufschlag, »ich habe meine 31 Seele zuweilen in frommen Liedern zu Gott erhoben. Ich denke man sieht nun höheren Orts, was ich als Bildner der Jugend zu leisten vermag. Denn wohl nie hat ein Sänger so leidenschaftlich den modernen Unglauben, den Geist des Umsturzes angeklagt.« »Sehr löblich,« stammelte der Direktor. »Man wird höheren Orts gewiß mit hoher Achtung auf Sie blicken und eine solche Lehrkraft zu schätzen wissen. Indes . . . die Kritik! die böse Kritik!« »Sie erinnern mich mit Recht an die Kritik,« fiel ihm Dr. Simmer entrüstet ins Wort. »Der gemeine Ton der Kritik in Deutschland verdient unsre tiefste Verachtung. Auch mich hat man in den Kot gezogen, auch mein hohes Streben hat man als Speichelleckerei oder Liebedienerei oder Heuchelei lächerlich zu machen gesucht.« »Ich weiß,« entfuhrs dem beklommnen Körn. »Sie wissen?« »Leider . . .« »Sie haben jenen schändlichen Angriff in der ›Litterarischen Wacht‹ gelesen?« »Leider!« »Ich habe auch bereits Strafantrag gestellt.« »Schon?« »Meinen Sie, ich könne solche pöbelhafte Beleidigungen auf mir sitzen lassen?« »Nein, nein! es ist nicht in Abrede zu stellen, – der Artikel strotzt von Roheiten.« »Man brandmarkt mich geradezu als trottelhaften Heuchler! Ist solch ein Ton erhört?« 32 »Sie sind völlig im Recht,« stotterte der Direktor, dessen Kopf blutrot anlief, »völlig! Verklagen Sie den Menschen. Kennen Sie den Kritiker?« »Nein; er nennt sich Paolo Reddi – oder Reddig . . .« »Es tut mir leid, es sagen zu müssen . . . ich bin unglücklich, tief unglücklich . . . bedauern Sie mich . . . es ist mein ungeratner Karl.« Dr. Simmer prallte zurück. »Wie? Paolo Reddig ist . . . Ihr Sohn?« »Ich bin tief betrübt, dies eingestehen zu müssen und ich bitte Sie – Strafantrag zu stellen. Er soll diesen Denkzettel davontragen. Man hat mit ihm darüber gesprochen. Sie tun mir geradezu einen Gefallen, wenn Sie ihn verklagen.« Dr. Simmer kämpfte heftig mit sich selbst. Seine an sich schon harte Miene nahm einen fanatisch-starren Ausdruck an. »Ich bin allerdings,« stammelte er betreten, »so tief in meiner Ehre verletzt . . ., daß ich in der Tat . . . nicht weiß . . .« Der Direktor schüttelte dem Gekränkten die Hand. »Bleiben Sie bei Ihrer Klage,« sagte er, gewissermaßen den zweiten Brutus spielend, »mein ungeratner Sohn soll seine unverschämte Anmaßung büßen! Ich habe im gesagt: »Du mußt aus der Schule; noch vorm Examen. Also – bleiben Sie bei Ihrer Klage.« Er drückte dem Beleidigten noch einmal die Hand und eilte davon, nach seiner Klasse. Die Glocke hatte bereits das Zeichen zum Wiederbeginn des Unterrichts gegeben. 33 »Ich werde mir die Sache überlegen, Herr Direktor!« rief ihm der Theologe nach. »Überlegen Sie nichts!« gab Körn zurück, »handeln Sie, Herr Doktor.« Während dieser Gespräche im Lehrerzimmer, hatte Karl Körn im großen Schulhof gestanden und träumerisch den immer gelber sich färbenden Wipfel der Linde betrachtet, die sich als traurige Einsiedlerin mitten in der kahlen Sandwüste dieses Hofs erhob. Dem sensibeln Menschen hauchten die Schauer des nahenden Herbstes durch die Seele. Er stand gerade in jenem Alter, in dem der Sinn für die Lyrik – Uhland, Lenau, Mörike – dem jugendlichen Deutschen zur Religion wird, in dem Alter, in dem ein fallendes Blatt uns Tränen entlockt, der feuchte, kühle Herbstwind uns erzählt von den Gräbern der Lieben, deren dürre Kränze er des letzten Blätterschmucks beraubt. »Tote, ihr auch müßt entbehren, Was euch Liebe möcht gewähren!« hatte er selbst gesungen. Karl war eine eigenartige Natur. Er war als Kind von äußerst zarter ätherischer Gestalt, bleich, mit Träumeraugen, nervös zuckend. Schon von frühester Jugend an lebte in ihm ein heftiger Drang, Gott zu ergründen. Kein Mensch wußte, daß er sich, wenn er als Zwölfjähriger einsam durch die Waldungen wandelte, die Probleme, die der Religionslehrer in der Stunde aufgeworfen, auf seine Art zurecht zu legen suchte. Zunächst grübelte er darüber nach, ob Gott wohl in der Welt sitze oder 34 sie von außen lenke, und kam zu dem Resultat, daß die Welt gewissermaßen Gottes Kleid sei. Kein Mensch ahnte seine jugendlichen Kämpfe. Nur seine alte, jetzt verstorbene Großmutter hatte eine dunkle Ahnung von des Knaben tiefem Gemüt. Er erinnerte sich, daß sie ihn einst, als etwa Zehnjährigen an ihr Krankenbett hatte rufen lassen. Er wäre gern mit den Kameraden draußen herumgetollt, doch der armen Kranken zu lieb, hielt er es im halbdunkeln Zimmer aus. Sie wollte nichts, als ihn betrachten, seine Hand halten, wenn er neben dem Bett auf dem Stuhl saß. Ihn griff diese weihevolle Bewunderung einer schwer Leidenden heftig an, ohne daß er sich zu erklären vermochte warum? Sie sprach so sanft und innig zu ihm: »Sieh Karlchen, du bist nicht wie andre Menschen, du bist ein Ausnahmegeschöpf, du wirst im Leben sehr unglücklich werden. Dein Gemüt, dein Geist ist zu fein für diese rohe Welt. Liebe nur immer die Natur, versenk dich in ihre Geheimnisse, sie spricht zu dir, sie gibt dir Trost und Mut. Du hast zu viel Phantasie, du wirst ewig ein großes Kind bleiben. Die Menschen werden dich nicht verstehen, dich gar hassen; aber laß dichs nicht kümmern und geh ruhig deinen Weg weiter. Weißt du noch, wie du als fünfjähriges Kind gern durch alle Zimmer gestürzt bist und riefst: ich kann fliegen, ich kann fliegen? Du fühltest damals schon an dem inneren Aufstreben deiner Seele, daß dein Reich nicht von dieser Welt war!« Dann starb die alte Großmutter, das einzige Wesen, das er geliebt und hinter dessen 35 Leichenwagen er in Schmerz aufgelöst einherwandelte, während der Schnee vom grauen Himmel in leichten Flöckchen wirbelte. Später grübelte er weiter nach über das Wesen Gottes. Auf seinem jetzigen Standpunkt sagte er sich: Gott ist die Leidenschaft! Er erblickte Gott stets in den Empfindungen, die ihn augenblicklich durchströmten . . . Das waren schon seit Monaten jugendliche Herzensangelegenheiten! Er liebte Emma Dorn mit der ganzen Kraft seiner bald zwanzigjährigen Seele und diese Leidenschaft verwob er nun mit der Naturbetrachtung. Die Natur trat ihm, infolge seines leidenschaftlichen Begehrens, menschlich näher. Sie redete deutlicher zu ihm als früher; er erblickte das Gesicht Gottes durch ihre schöne Maske, er ahnte durch ihr prächtiges Kostüm die Körperformen des Ewigen. So versank er auch jetzt in jenes behagliche Herbstfrösteln, das die Phantasie so lebhaft anregt. Da war nun die alte Linde, die er vom Schulfenster aus schon seit acht Jahren beobachtet. Er kannte sie, wenn im Hochsommer der Mittagsonnenbrand ihre vergoldeten Zweige ermattet niederzudrücken schien; er hatte mit ihr gelitten, wenn der Herbstwind ihr das Blätterkleid stahl, und sie bewundert, wenn der Winter sie zu einem phantastischen Silberkrystall umzuwandeln suchte. Im Augenblick empfand er das intensive Goldgelb mehrerer Blätter, das sich so prachtvoll abhob vom zarten Blau des Himmels. Wahrlich, sagte er zu sich, die gelbe Farbe darf ich künftig nicht mehr verachten; welch feine Nüancen: braungelb, blaugelb, grüngelb, 36 rotgelb, – herrlich, wie dazu das tiefe Blau des Hintergrunds stimmt. Während er diese Betrachtungen anstellte, umtoste ihn das Spiel von einigen hundert Knaben und Jünglingen. Der Schulhof glich, da es geregnet hatte, einem zerstampften Morast. Lautes Lachen, Geschrei ringsum, umeinanderwirbelnde Gesichter, ein buntes Gewoge von Kleidern und Köpfen. Vorm schwarzen Gittertor rollten die blauen Trambahnwagen vorbei. Dort draußen hastete die böse, geldgierige Welt nach Erfolg; hier sollte die noch unverdorbne Jugend mit Idealen genährt werden. Wie wenige aber von diesen Jünglingen, die hier am Busen der Wissenschaften sogen, mochten sich in das schmutzige Weltgetriebe noch ein paar Ideale hinüber retten? Die meisten, dachte er, werden öde Vergnügungsmenschen oder Streber. Nun kam Konrad Stern auf ihn zu mit seinem Lieblingsgruß: Gut'n Tag! Diverse Schnäpse!« Das war eine seiner stehenden Redensarten, die er alle Halbjahr wechselte. »Du,« erzählte der kleine, dicke Konrad, der Sohn eines Subalternbeamten, »hör nur, was gestern in der Obersekunda passiert ist. Kommt der Dr. Simmer ins Klassenzimmer, hatte offenbar wieder sein ewiges Nervenkopfweh, . . . nu – kommt also rein und ruft in die lärmende Klass: ›Ich bitt euch, seid doch ein wenig stiller!‹ Dann deutet er auf seinen Kopf und fährt fort: ›Ihr wißt ja, wo mirs fehlt . . .‹ Ist das nicht köstlich!? Diverse Schnäpse!« Karl lachte: »Ihr wißt ja, wo mirs fehlt? Nu 37 gut, das wirs endlich wissen; wir werdens nicht vergessen. Es fehlt ihm übrigens noch wo anders,« setzte er boshaft hinzu und deutete aufs Herz: »Hier! – Weißt du, was mir passiert ist?« sagte er dann ernsthaft. »Was denn?« »Ich hab, ohne es zu wissen, den Dr. Simmer in der ›Litterarischen Wacht‹ angegriffen und – beleidigt.« »Was?« schrie Konrad, »wieso?« Karl erzählte seinem Intimus die Sache ausführlicher. Konrad fand den Spaß köstlich, rief gleich ein paar Kameraden herbei, erzählte laut den Vorfall und bewirkte dadurch, daß sich die Kunde von dem bevorstehenden Prozeß bald im ganzen Schulhof unter den älteren Schülern verbreitete. »Mir ist die Sache nicht so spaßhaft,« sagte Karl mit melancholischem Lächeln, »was fang ich an, wenn mich mein Vater aus der Schul wirft?« Der bleiche, dicke Konrad sah seinem Freund begeistert in das jugendliche Professorengesicht und erwiderte mit tragischem Pathos: »Diverse Schnäpse! – wir gründen eine Zeitschrift.« »So?« lachte der Sohn des Direktors mit überlegenem Sarkasmus; »und wo das Geld hernehmen?« »Dumm, daß das Geld so ne einfältige Rolle in der Welt spielt,« meinte Stern finster. »Wir können unmöglich solang warten,« versetzte Karl, »bis der sozialistische Zukunftsstaat das Geld abschafft.« 38 »Wer weiß,« fiel ihm Konrad erregt ins Wort, »s kann jeden Augenblick n Krach gebend »Ach Unsinn!« »Sprich nicht so wegwerfend! Es gährt im Volk! Noch ein paar neue Steuern oder so was dergleichen – und wir haben die Revolution.« »Ich seh dich schon mit der roten Mütze und »Diversen Schnäpsen« auf der Barrikade stehen,« spottete Körn. »Nein! so schnell geht das nicht und mit Gewalt erreicht man dauernde Erfolge im Staatsleben auch nicht. So was kommt langsam; auf geistigem Gebiet.« »Ich bin für Blut und Feuer!« schrie der Dicke. Karl schmunzelte, als Konrad fortfuhr seine bluttriefende zukünftige Heldenschaft auszumalen. »Diesem Philisterpack kann man nur durch Mord und Brand imponieren! Diverse Schnäpse! Sollst sehen, wie sich da unsre Schultyrannen verkriechen. Wir sollten schon im Kleinen anfangen –: einfach n paar Schulmeister durchprügeln; oder sie auf Spaziergängen ins Wasser schmeißen; oder wenn so ein Unbeliebter in die Klasse tritt, ihm sämtliche Bücher an den Kopf bombardieren.« Ein vorüberstürmender, von anderen verfolgter Tertianer hatte dem heftig gestikulierenden Revolutionär aufs linke Hühnerauge getreten, so daß er nun vor Schmerz, »Diverse Schnäpse!« schreiend, auf dem rechten Fuß herumtanzte, aber doch nicht wagte, den sehr kräftigen Tertianer, der ihn herausfordernd auslachte, anzugreifen. »Siehst du?« spöttelte Karl. »So gehts euch 39 Anarchisten; die andern sind euch doch noch zu mächtig. Ich bin ja auch für Freiheit, ja Gesetzlosigkeit,« setzte er weise hinzu; »aber da muß erst das Menschengeschlecht dazu herangebildet werden! Vielleicht trag ich einmal dazu bei,« meinte er ernsthaft, fuhr dann aber wieder resigniert fort: »Nein, wenn mich mein Alter aus der Schul wirft, muß ich Journalist werden.« »Und ich werd Schauspieler!« rief Konrad. »Ach du!« spottete Körn; »mit deiner Nase – Schauspieler?« »Die Nase ist doch in der Mimik nicht die Hauptsache!« »Und deiner blechernen Stimme? Deiner fetten Kurzatmigkeit? Eher könnt ich auf die Bühne.« Jetzt kam der kleine Benjamin Rosental, der Sohn des reichen Bankiers, der von Karls bevorstehendem Schicksal gehört, klopfte ihm mit Gönnermiene auf die Schulter und sagte: »Wenn du kommst in Not, lieber Karl, komm nur zu mir.« Karl bat ihn sogleich um drei Mark; da war Benjamin sehr betreten; er wollte ihm zwar das Geld geben, verlangte aber 10 Pfennig Zinsen. »Du Wucherer!« schalt ihn Körn. »Dir werd ich je wieder an deinen Aufsätzen helfen!« »Wart nur,« drohte Benjamin, »ich werd deinem Alten sagen, daß du beim Buchhändler Kolb 500 Mark Schulden hast.« Die schrille Schulglocke machte dem bedenklich werdenden Gespräch ein Ende. Der Tumult im Schulhof ließ sofort nach, in den Gängen des großen 40 Hauses rauschten dumpfe Schritte, bis dieses Rauschen in den ehrwürdigen Hallen immer leiser in geheimnisvollem Gemurmel erstarb. Hie und da schmetterte noch eine Türe zu, – dann folgte auf die vorhergehende laute Heiterkeit ein tiefer durch die düstern Räume schwebender Ernst. Die Säle hatten sich mit erwartungsvollen Jünglingsgesichtern gefüllt. Manches junge Herz begann im Gefühl der versäumten Lernpflichten ängstlich zu klopfen. Die Herren Lehrer traten mit vorbildlich würdevollen Gesichtern in ihre Klassen, – der staatliche Riesentrichter der Weisheit tat abermals seinen Mund auf. Dem Lehrplan gemäß kam jetzt die Religionsstunde. Dr. Simmers Gesicht trug heute einen noch kälteren Ausdruck als je zuvor. Seine Stimme klang schärfer, von christlicher Nächstenliebe war noch weniger an ihm zu merken als früher. Karl fühlte sich äußerst unbehaglich. Er bemerkte, daß ihn der Theologe mit kalter Verachtung behandelte. Einige Sticheleien über die modernen Freigeister, »die das Denken für ein Schwitzen des Gehirns halten«, mußte er direkt auf sich beziehen. Auch eine Bemerkung über Bürschchen, die noch nicht trocken hinter den Ohren sind und doch schon das große Wort führen wollen, konnte er auf sich deuten. Seine Kameraden merkten natürlich, wohin der ergrimmte Poet zielte und zischelten lebhaft untereinander. Schließlich versuchte der Theologe die Erdbebenkatastrophe von San Franzisko mit der Väterlichkeit Gottes in Einklang zu bringen. Einige Schüler, die er aufrief, widersprachen ihm. Er suchte 41 die Einwände zu widerlegen, was ihm nicht leicht fiel, denn die meisten Schüler hatten bereits einige Philosophen – Schopenhauer, Hartmann, Nietzsche – gelesen, andere Schüler hatten eine völlig materialistische Weltanschauung. Am Schluß eiferte der eifrige Mann Gottes gegen die Grundsätze der Sozialisten und stellte die Knechtseligkeit als die höchste Tugend auf. Karl wußte nun, daß sein Vater dem Theologen mitgeteilt hatte, wer unter dem Pseudonym Paolo Reddi die Kritiken in der ›Litterarischen Wacht‹ schrieb. »Du, gib acht!« sagte in der nächsten Pause Konrad zu ihm. »Die Sach wird schlimm; s ist ein schlechtes Zeichen, daß dich Simmer nicht jetzt in der Pause vornimmt.« Karl zuckte die Achseln. Er hatte allerdings erwartet, daß ihn der Beleidigte zur Rede stellen werde. »Er bleibt unversöhnlich,« sagte er. »Er wird mich verklagen, ich bleib aber bei meinem Urteil. Keine Silbe nehm ich zurück, jetzt erst recht nicht!« »Ganz recht so,« belobte ihn Konrad. Auch seine übrigen Kameraden bestärkten ihn in seinem Widerstand. Nun folgte eine Mathematikstunde. Karl hatte, so begabt er war, für Mathematik absolut kein Talent. Der dicke, kleine Herr Külper ging aber von der Ansicht aus, daß derjenige ein Esel sei, der seine Lehrsätze nicht begriff. Vom Wort Lichtenbergs, daß man ein großer Mathematiker und dabei ein sehr beschränkter Kopf sein könne, wußte er als 42 Litteraturfeind nichts. Er behandelte daher alle die Schüler, die in der Mathematik nichts leisteten, mit tiefster Verachtung und schimpfte hochmütig auf alle anderen Lehrfächer, besonders die ästhetischen. »Wos?« rief er oft in seinem derben Dialekt. »Da lerne die Kerls Lieder auswendig: ›Saß ein Knabe an dem Bach‹. Unsinn! en Backstein holtet n hin und frogts: Was hat der für Dimensionen? – do derbei lernens mehr!« Seine Lieblingsredensart, wenn ein Schüler an der Tafel Fehler machte, war ein mit tiefstem Bierpathos herausgebrummtes: »Es ist das nächts!« Die Mathematikstunden waren Karls Verzweiflung; er atmete stets auf, wenn er nicht an die Tafel mußte; das Glockenzeichen am Schluß der Stunde klang ihm wie die Erlösung dem Verdammten. Dann gab es Griechisch bei dem sehr zart besaiteten, herzleidenden Dr. Wilhelm Köhler. Diese Stunde war für Karl auch gerade kein Genuß. Karl meinte, es sei viel belehrender die Klassiker gleich vollständig in guten Übersetzungen zu lesen, als sich Jahre lang mit ein paar Zeilen aus dem Homer oder Sophokles herumzuplagen, wodurch die Schönheiten zu Langweiligkeiten, die Gedanken zu Regeln, die anschaulichen Bilder zu abgedroschenen Begriffen erniedrigt wurden. Dr. Köhler sagte ihm: »Das ist auch meine Meinung, aber nicht die des Oberschulrats. Ich kann das nicht ändern, ich muß mein vorgeschriebnes Pensum durcharbeiten.« Derselbe Lehrer gab auch Deutsche Litteraturgeschichte. Hier durfte er seine Prinzipien schon 43 eher zur Geltung bringen. Er würzte seinen Unterricht mit interessanten naturphilosophischen Andeutungen, die freilich nicht nach dem Geschmack des Theologen waren, durch die aber die jungen Leute Lehren der Weisheit und Tugend fürs ganze Leben in sich aufspeicherten. Dr. Köhler war ein großer Bienenzüchter. Jedes Jahr machte er sich den Spaß, einen großen Topf, voll der neuen süßen Honigernte, mit in die Prima zu bringen. Dann mußte sich jeder Schüler auf seine Rechnung eine Semmel kaufen und der Lehrer bestrich auf dem Katheder höchst eigenhändig jede Semmel mit seinem köstlichen, selbstgezogenen Honig. Durch solche an patriarchalische Zeiten erinnernde Züge wußte der seltsame Freigeist seine Zöglinge an sein Herz zu fesseln. Den Schluß des Morgenunterrichts machte die französische Stunde beim Direktor. Körn wußte seinen Unterricht ganz interessant zu gestalten, nur spielte er zu sehr den Tyrannen und suchte zu sehr den Ehrgeiz seiner Schüler aufzustacheln. Seinen Sohn behandelte er weit strenger als die anderen Schüler. Heute war er ganz besonders schlechter Laune. Sein vernichtendes »Man hat wieder einmal nichts gelernt!« ertönte in allen Tonarten, vom tiefsten majestätischen Baß bis zum grimmigscharfen Diskant. Der frühreife Karl schrieb am Schluß der Stunde in sein Tagebuch: »Es ist ein Unglück, daß so selten ein Erzieher es aus Lust und Liebe geworden ist. Meist treibt diese Herren die Aussicht auf 44 Staatsversorgung in ihr Amt; im Stillen bleibt ihnen dann ein ewiger Groll im Herzen zurück, den sie an ihren Schülern auslassen. Wie wenig ›geborne Erzieher‹ haben wir doch!« Kaum verkündete die Glocke den Schluß des Morgenunterrichts, so eilte Karl sofort in die R . . . . straße, wo die Schriftstellerin Emma Dorn in einem isoliert stehenden Gartenhinterhäuschen wohnte. Er wußte, daß er immer noch früh genug zum Mittagessen kommen werde, wenn er um ein Uhr zu Hause sei. Neben ihm her schritt sein Intimus Konrad Stern. Karl machte seinem gepreßten Herzen durch weidliches Schimpfen auf das ganze Schulwesen Luft. Die Schulmappe krampfhaft an die Hüfte pressend, sprudelte er in seiner hysterischen Gereiztheit in seinem oft barocken Styl heraus: »Jetzt sieh dir nur mal das moderne Leben auf der Straße an! Dies Röhrensystem von Kleidern, das die verkümmerten, entarteten Gestalten noch gänzlich wie Leichen in Tuchsärge einpreßt. Und wo findest du heutzutag noch eine reine Haut? Tabak und Bier haben Wimmerl und Pickel in die Gesichter gesät. Wo findest du heute die freien, heiteren Sitten der Griechen? Eine ewige Angst: ›stoß ich nicht an? benehm ich mich auch anständig?‹ quält die Gemüter unserer Ehrenmänner. Aus dieser Angst wird dann Prüderie, Heuchelei! Damals: das Leben von der Kunst durchdrungen, selbst ein Kunstwerk. Heute: die Kunst von den Pfaffen als Sittenverderberin gebrandmarkt, verachtet! Wahrhaftig, ein gescheidter Mensch kann gar nichts Besseres tun, 45 als solch einem Leben schleunigst entfliehen; wies bekanntlich Lessings Sohn schlauerweise getan hat.« »Ich hab mich kürzlich mit theosophischen Schriften bekannt gemacht,« versetzte Konrad. »Die solltest du auch lesen. Ich sag dir, das gibt eine ganze Umwälzung im Gehirn. Die Theosophie hat auf alle Fragen eine Antwort.« »Aber was für eine!« unterbrach ihn Karl. »Ich sag dir weiter nichts, als sieh dir die Bücher an!« »Da müßt ich zuvor den spiritistischen Unsinn studieren?« »Tus! Du hältst dann vielleicht doch nicht alles für Unsinn . . .« Karl sann vor sich hin. »Im allgemeinen hab ich eine starke Hinneigung zum Mysticismus,« sagte er. »Deshalb sollt ich gerad dem Spiritismus aus dem Weg gehen. Er wird mich noch nervöser machen. Ich hab als Kind hysterische Zustände gehabt, so daß ich fast ein Medium geworden bin.« »Desto besser!« bemerkte Konrad. »Hier sind wir an meiner Wohnung; wart n Augenblick! ich spring nauf und bring dir das Buch.« Er eilte davon. Karl rief ihm nach: »Du willst mich in die Hexenküche führen? Meine Seele auf dein Gewissen!« Er wartete aber, bis Konrad herunterkam und ihm das theosophische Buch brachte.   3. Bald hatte Karl die Wohnung der Schriftstellerin erreicht. Das kleine Gartenhäuschen lag, rings umgeben von hohen Häuserwänden, mitten in Büschen 46 und Bäumen. Erst gings durch die öde, finstre Torhalle des Vorderhauses, dann tat sich das Paradies des Gärtchens vor den schwärmerischen Blicken des jungen Mannes auf. Fräulein Dorn hauste hier allein mit ihrer Freundin Luise, wie eine verzauberte Prinzessin. Nun stand er vor der äußeren, vergitterten Glastüre; rings grüngelbrote Büsche, dahinter nüchterne Häuserwände, an denen sich nur teilweise wilder Wein emporrankte. Auch das Gartenhäuschen war von wildem Weinlaub umwoben, das bereits in allen Farben zu schimmern anfing. Das Schlafzimmerfenster stand offen; er konnte gerade das eine Bettkissen sehen und wenn er sich auf die Zehen stellte, auch noch ein Stück des Waschtischs. Ihn überlief ein eigenes behagliches Frösteln; die Nähe zweier schönen Damen wirkte auf sein jugendliches Herz. Alles, das leise Wispern hinter der Türe, das Schlürfen, das weiche Kleiderrauschen, deutete auf die graziöse Bewegung süßer Körper, auf die sanften, hohen Stimmen aus lieblichen Lippen. Als er an der Vorplatztüre die Klingel in Bewegung setze, hörte er bereits das behagliche Brummen des Petroleumöfchens, auf dem die Damen ihr sehr einfaches Mittagessen kochten. Gleich darauf erschien Luise Ebhardt, die Klavierlehrerin. »Sie?« lächelte die kleine, zarte Gestalt, die ein wenig auf dem linken Bein hinkte, was ihr etwas rührend Hilfsbedürftiges gab. Mitten im Satz brach sie ab, um schleunigst in die Küche zu trippeln, da sich der Petroleumherd allerlei Extravaganzen erlaubte. 47 »Sie sehen ja ganz verstört aus?« rief sie aus der Küche mit jener weichen Stimme einer ewig Leidenden, ewig Entsagenden. »Bin ich auch!« brummte der Jüngling und eilte gleich in das freundlich ausgestattete Zimmer, in dem ein gedecktes Tischchen zum Mahle einlud. Karl dachte: man merkt doch gleich, daß hier weibliche Hände schalten, denen männlicher Zerstörungstrieb nicht wieder die mühsam aufbauende Arbeit verwirren darf. Die ganze müde Poesie verschämter Dürftigkeit, die ihre Leiden der Welt gegenüber sogar für Freuden auszugeben sucht, ruhte über diesem aus besseren Zeiten stammenden Hausrat, der nur mit Mühe den alten Glanz aufrecht zu erhalten suchte. Emma stammte aus einem alten Adelsgeschlecht; sie ließ ihr ›von‹ weg vor ihrem Namen, aber über dem ausgesessenen Sopha hing noch das in Gyps gegossene Wappen. Oft spottete sie über den Raubritterhelm über dem verschnörkelten Schild! Weit da hinten irgendwo in Pommern sollte sogar noch die Ruine ihres uralten Stammschlosses ragen. Überall hier Einfachheit, aber mit Geschmack; künstliche Blumen, schöne Farben, Bilder. Aus dem Nebenzimmer leuchtete ein purpurner Bettvorhang verheißungsvoll herüber. Peter, der fette, grauschwarze Kater sprang ihm sofort entgegen und ließ sich streicheln. Er war der Sohn des Hauses, das Kind der beiden Damen, das auf alle Weise verwöhnt und verhätschelt ward. Nachts schlief das wundervoll gezeichnete Tier stets bei Emma im Bett, drückte sich in ihren Arm hinein 48 und schnurrte dankbar. Ein großer Teil der Unterhaltung zwischen den Fräulein drehte sich um das Wohl und Weh Peters. Wenn er nicht zur rechten Zeit abends zum Fressen kam, füllte tiefe Besorgnis die zarten Gemüter, ob der Tapfre nicht etwa in ehrenvollem Streit um eine liebreizende Kätzin sein edles Leben eingebüßt habe. Kam er dann zerzaust und zerkratzt, so ward er mit Zärtlichkeit überhäuft, eingesalbt und verbunden wie ein echter Ritter. Um dieser ewigen Besorgnis ein Ende zu machen, gingen die Damen mit dem Gedanken um, sich an einen Tierarzt zu wenden. Emma behauptete, Peter gebe Antwort auf Fragen, sei überhaupt ein Genie. Karl nahm das Tier auf den Arm und strich ihm über das sammetweiche Fall. Nun trat Emma aus dem Arbeitszimmer ihrem Besuch entgegen. Sie war etwas phantastisch gekleidet. Ein langes, weißes Gewand, oben weit ausgeschnitten, so daß Hals und Schultern herausleuchteten, umhüllte ihren stattlichen Gliederbau; weite Bauschärmel ließen ihre vollen, schönen Arme bis an den Ellbogen erblicken. Nicht immer traf Karl die moderne »Sappho« (wie sie sich selbst oft scherzweise nannte) in solchem Glanz; zuweilen widmete sie sich, während auf ihrem Schreibtisch ihre Romanmanuskripte trauerten, dem prosaischen Geschäft des Strümpfestopfens. Das war dann eine geisterfrischende Abwechslung, eine gesunde Erholung. Manchmal schwang sie auch das glühende Bügeleisen; noch öfter den Pinsel, denn sie wollte ursprünglich Malerin werden. Heute jedoch hatte 49 sie eben erst die noch von heiliger Begeisterung und dem Blute der Gelehrten tropfende Feder hingelegt. Ihre Augen hatten noch einen ganz verlorenen Ausdruck, sie fuhr sich mehrmals mit dem Handrücken an die gedankenträchtige Stirn; dann begrüßte sie den Besucher mit einem freundlichen mütterlich-schwesterlichen Lächeln, das aber doch eine Spur von Koketterie in sich barg. Ihr rechter Mittelfinger trug noch einen pikanten Tintenfleck, den sie jetzt mit dem Taschentuch abzureiben versuchte, wobei sie sagte: »Ich bin wieder wie Macbeth gekleidet in die Farbe meines Handwerks! O diese mechanische Beschäftigung des Kritzelns! Wenn das nur nicht wär! – Die Schultern tun mir wieder weh, der Schreibkrampf bildet sich immer deutlicher aus.« »Sie sollten eine Schreibmaschine anschaffen?« meinte Karl. »Ja, wenn so was kein Geld kostete, Sie kleiner Mann.« Wenn sie besonders guter Laune war, redete sie ihn stets ›kleiner Mann‹ an. Karl hatte Emma dadurch kennen gelernt, daß ihm vor einem Jahr ihr Roman »Gold!« in die Hände gefallen war. dieser von eigentümlicher Anschauungskraft zeugende, sehr freigeistig geschriebene Roman hatte die Phantasie des jungen Schwärmers derart erhitzt, daß er der Dichterin sofort einen begeisterten Brief schrieb. Sie lud darauf hin den Enthusiasten, den sie für einen älteren Gelehrten hielt, ein, sie zu besuchen. Wie überrascht war sie, einen 50 neunzehnjährigen Gymnasiasten zu ihren Bewunderern zu zählen. Da sie aber gleich merkte, daß dieser Jüngling ein ungewöhnliches Talent und eminente kritische Schärfe besaß, brach sie den Verkehr nicht ab, im Gegenteil, sie suchte ihn zu fördern, suchte Karl Körn zu ihrem Schüler zu machen. Sehr rasch war der Schüler ihr geistig über den Kopf gewachsen, sodaß sich ihrer schwesterlichen Zuneigung noch eine tiefe Achtung vor dem ›göttlichen Funken‹ beimischte, der in diesem schmächtigen Menschenleib wohnte. Emma hatte sich in früheren Jahren der Malerei gewidmet, wozu sie ein recht hübsches Talent besaß. Nebenher hatte sie kleine Skizzen für Zeitungen verfaßt. Ihr erster großer Roman brachte ihr dann ein so anständiges Honorar, daß sie die nichts eintragende bildende Kunst aufgab, um sich ganz der Schriftstellerei zuzuwenden, die ihr wenigstens soviel einbrachte, daß sie gerade so leidlich leben konnte. Der Liebe und Ehe gegenüber verhielt sie sich durchaus ablehnend, obwohl ihr in ihren Romanen die Liebesscenen recht gut gelangen. Karl stand noch immer betreten mitten im Zimmer. »Setzen Sie sich doch,« rief sie, ihr prächtiges schwarzes Lockengewirr ordnend; »was bringen Sie denn, kleiner Mann?« »Ich bringe nichts,« sagte er sich setzend, »eher will ich was holen.« »Hier ist nicht viel zu holen.« »O doch! . . . Trost!« »Das soviel Sie wollen! Wo fehlts denn?« 51 »Ich will Sie aber nicht im Essen stören,« entschuldigte er sich verlegen, als Luise mit der Suppe kam. »O, gar nicht,« sagte Emma. »Wir fangen ruhig an, sehen Sie! Wir leben fast vegetarisch, – bei diesen hohen Fleischpreisen. Wollen Sie n wenig mitessen? Sehr gutes Sauerkraut?« Karl war schon an dem Fräulein aufgefallen, daß sie zuweilen ohne jeden Grund nicht ganz bei der Wahrheit blieb; er hatte doch schon oft Fleischspeisen auf ihrem Tisch stehen sehen! Luise widersprach auch sofort. Emma errötete lachend: »Mein Gott, ich bin Dichterin! ihr dürft meine Aussprüche nicht so genau nehmen.« »Ja,« versicherte Luise, »du hast oft einen sonderbaren Hang . . .« »Hysterisch!« lachte Emma. »Gestern,« fuhr Luise fort, »hat sie mir eine lange Geschichte von einem Herrn erzählt, der uns oft besucht. Denken Sie, heute hat sich herausgestellt, daß die Geschichte erfunden war.« Die Dichterin lachte noch reizender. »Ja,« meinte sie, »in mir steckt ein seltsamer Drang Andere zu mystifizieren, ihnen einen Bären aufzubinden.« »Und endlich,« nahm ihr die Andere das Wort aus dem Mund, »hat sie mir weis machen wollen, sie habe dieses alte Bild, das oben hängt, gemalt. Es stammt doch aus dem siebzehnten Jahrhundert.« »Nun, laß jetzt meine Unarten ruhen,« lächelte die Freundin;»man muß mich nehmen wie ich bin. Talente haben immer einen kleinen Charakterdefekt. 52 »Biete dem Herrn Karl rasch einen Teller voll Kraut an, das wird ihm lieber sein, als deine Herabsetzung deiner Freundin.« »Auf mich wartet das Essen zu Hause,« entschuldigte sich der Schüler. »Ach so . . . nun . . . um vom Sauerkraut auf die Dichtkunst zu kommen, – was halten Sie von der neuesten Lyrik, Sie kleiner Mann?« Karl ereiferte sich sofort. »Garnichts. Mir kommts immer vor als dichten diese Herren nicht aus innerstem Herzensdrang, sondern – nach der Litteraturgeschichtsordnung!« »Wie? Was heißt das?« »Ja . . . die Leuten sagen sich, so oder so ist früher gedichtet worden; jetzt muß etwas Neues kommen. Gut, machen wir was Neues! Und dann strengen sie ihre Gehirnklöße an und geben dem armen abgequälten Pegasus die rostigen Sporen, bis er sich aus Verzweiflung überschlägt oder nach hinten und vornen ausschlägt, sodaß der Dichter zum philisterhaften Sonntagsreiter wird, den die Buben ob seines Hopsasa auslachen.« Emma lachte. Er fuhr zitternd vor Eifer fort: »Kurz – ich merke dieser ganzen modernen Lyrik den überhitzten Gehirnkrampf ihrer Verfasser an, unter dessen Hochdruck ihre Lieder entnebelten.« »Entnebelten ist gut!« ließ Emma einfließen, während er fortfuhr: »Das sind nur scheinbar freie Seelenergüsse; im Grund sinds Litteraturprofessorenmachwerke.« »Sie gehen streng ins Gericht,« versetzte Emma, 53 die bereits mit Luise tüchtig dem Essen zugesprochen hatte. »Sie scheinen heute mehr als sonst erregt.« »Wohl wahr!« seufzte Karl und drückte seine Büchermappe auf den Knieen herum. »Schütten Sie Ihr Herz aus,« ermutigte sie ihn und legte ihrer Freundin einen Löffel voll Kraut vor. »Hats zu Haus wieder was gegeben?« Emma kannte die häuslichen Verhältnisse ihres Gastes. Er schwieg. Dann hob er den jugendlichen Professorenkopf und richtete seinen nervenleidenden Blick in Emmas gesundleuchtendes Auge. »Sie kennen doch die scharfe Kritik, die ich den Gedichten eines ›Eduard Märzler‹ in der Litterarischen Wacht angedeihen ließ?« »Gewiß,« bestätigte sie lächelnd. »Sehr schneidig, sogar grob. Aber wahr!« »Nun . . .« brummte der Jüngling finster vor sich hin, »der Dichter ist mein Lehrer . . . Dr. Georg Simmer.« Emma ließ die Gabel ins Kraut fallen und schlug mit einer burlesk-frommen Miene die Augen zur Decke auf. »Ihr Lehrer . . .?« lachte sie. »Der Dr. Simmer? Sieht ihm ähnlich! dieser reaktionäre Zionswächter. – Ja, geschieht ihm recht! Aber woher wissen Sie . . .?« »Vom Redakteur der Litterarischen Wacht.« »Ach so? Das ist ja hochkomisch!« »Ja – die Sache hat aber auch eine sehr ernste Seite.« »Wieso?« 54 »Der Dichter . . . will mich verklagen.« Wiederum ließ Emma die Gabel fallen, während Luise mitten im Kauen inne hielt und die sanften Augen erschrocken erst auf Emma, dann auf Karl richtete. »Sie . . . verklagen?« stammelte Emma. »Der Lehrer – den Schüler?« »Ja – und mein Papa will mich, sobald mir eine Anklageschrift zugeschickt wird, aus der Schule schmeißen.« »Das wäre ja schrecklich!« lispelte die Klavierlehrerin. Emma sagte anfangs garnichts. Sie kaute ruhig weiter, ward nur ein wenig bleicher und hüstelte leise vor sich hin. »Kann mirs denken,« sagte sie endlich, »daß Ihr Vater Ihnen nicht helfen mag. Er will den Brutus spielen, – muß es beinahe. Und der starre Theologe . . . ich kenne ihn besser als Sie wissen! Dieser ehrsüchtige Streber! hm! Der konnte Sie ja nie leiden.« »Nein,« bestätigte der Jüngling, »nie! Er verzeiht mir meine atheistische Weltanschauung nicht; meine politischen Ansichten sind ihm ein Greuel, und daß ich mir als Neunzehnjähriger erlaube zu dichten, das hält er für eine Frechheit. Nun gar so eine Kritik! Ich bin in einer schlimmen Lage. Was soll ich anfangen, wenn ich aus der Schule fliege?« »Wir wollen sehen, was sich tun läßt . . .,« beruhigte ihn Emma, während Luise ihm einen mitleidigen Blick zuwarf. »Ich will Ihnen was sagen . . . 55 so peinlich mir das ist . . . ich werde dem Doctor Simmer schreiben, er möge doch die Anklage zurücknehmen. Oder . . . wenn das nicht hilft . . . ich mach ihm einen Besuch.« Karl war aufgesprungen. »Wenn Sie das für mich tun wollten, Fräulein Dorn!« stammelte er exaltirt. »Man soll doch im Leben so viel als möglich Nutzen stiften?« lächelte sie. »Bleiben Sie nur ruhig sitzen; ich werd doch ein solches Talent nicht verkommen lassen? Aber so beruhigen Sie sich doch! Sie wissen ja, wie sehr ich Ihre Arbeiten schätze, – daß ich noch Hohes von Ihnen erwarte. Sie müssen Ihr Examen machen; denn ohne Titel oder Stellung erreicht man heutzutag nicht viel. Aber ich bitt Sie! was haben Sie denn? ich glaub gar, Sie fangen an zu weinen? Lieber Karl . . . das ist krankhaft; das müssen Sie sich abgewöhnen. Wie wollen Sie denn mit Ihren überzarten Nerven durch das rauhe Leben kommen? Sie brechen ja zusammen! Mensch, so flennen Sie doch nicht gleich bei jeder Gelegenheit! Man fürchtet sich ja ordentlich vor Ihrer Sensibilität.« Karl suchte sich zu beherrschen, konnte aber nicht verhindern, daß seine Gemütsaufregung entschieden einen pathologischen Eindruck hervorrief. Die weichherzige Luise tadelte die Freundin, daß sie des jungen Mannes Herzensweichheit stets so schroff zurecht wies und wendete sich sanft zu dem mühsam nach Fassung Ringenden. »Laß doch, Emma, den Herrn Körn sich ausweinen. Wenn das 56 krankhaft ist, so machst dus mit deinem Tadel auch nicht besser. Du sagst doch selbst, Karl sei ein Genie? Genies sind ja stets so exaltirt, das weißt du doch; das kommt von der großen Phantasie, der intensiven geistigen Lebensdurchdringung . . .« Emma lachte. »Sehen Sie, Karl, Luise hat schon viel von Ihnen gelernt. Geistige Lebensdurchdringung! Das Wort stammt aus Ihrem Wortarsenal. Nu – ich kanns im allgemeinen nicht leiden, wenn Männer so leicht in Tränen zerfließen; aber sie hat recht: Genies sind keine Männer. – Jedes große Kunsttalent hat mehr vom Weib als vom Mann; es gebiert ja auch! Also tun Sie Ihren Gefühlen keinen Zwang an!« »Sie spotten mit Recht über mich,« sagte Karl, seine Tränen trocknend. »Aber bedenken Sie: man bringt mir zu Hause wenig Herzlichkeit entgegen. Mein Vater zeigt mir stets nur den Pädagogen; meine Mutter versteht mich nicht recht; sie hat überhaupt so große Eigenheiten . . . kurz, an ihr habe ich keinen richtigen Anhalt. Sie jedoch haben schon so viel für mich getan und nun . . . retten Sie mir vielleicht gar . . . das Leben . . .« »Das Leben?« lächelte sie ungläubig. »Meinen Sie,« fuhr er fort, »ich hätts ausgehalten aus der Schule gejagt, vor Gericht gestellt, bestraft zu werden?« »Wenn mein Schritt erfolglos bleibt, kann das Alles noch kommen,« wendete sie ein. »Er bleibt nicht erfolglos,« meinte er. »Wer kann Ihnen widerstehen?« 57 Sie lachte. »Meinen Sie? Nun warten wirs ab. Aber reden Sie mir nicht von so dummen Sachen, wie: Sie wollten die Welt verlassen. Sie sind der Welt erst noch große Dienste schuldig, eh Sie sie verlassen dürfen.« »O,« fiel er ihr ins Wort, »ich zweifle eben mehr als je an meinem Talent.« »So?« wies sie ihn zurecht, »und Ihr letztes Gedicht in der ›Litterarischen Wacht‹? Das zeugt von einer Zunahme Ihres Talents.« Sie stand auf, schritt ins Nebenzimmer und kam mit einem gelben Heft in der Hand wieder zurück. »O, bitte,« rief er, »nicht etwa vorlesen! Ich kann meine Seelenergüsse nicht anhören.« »Sie wunderlicher Kauz! na, Luise, dann lies es für dich. Nur hüten Sie sich, daß Sie in Ihrer Prosa Ihren Styl nicht gar zu bilderreich gestalten, das macht oft den Eindruck des Illuminierten oder Überladenen.« »Ja,« gab er zu, »das merk ich selbst; ich möchte halt neue Empfindungen, neue Anschauungen bringen; da greif ich wohl oft fehl?« »Sie verfallen dann in denselben Fehler, den Sie an den Modernen tadeln . . .« Er gab ihr recht. Die beiden Fräulein hatten indes abgespeist. Luise trug die Schüsseln hinaus, um sie zu spülen, denn sie besorgte die Haushaltungsgeschäfte fast allein. Karl hatte sich erhoben. »Ich wollt Ihnen noch was mitteilen, . . .« begann er zögernd. »Nun?« 58 »Meinem Papa ward von Dr. Simmer Ihr letzter Roman überbracht.« »So? und liest ihn Ihr Papa?« »Jedenfalls. Dr. Simmer hat ihn gelesen.« »Aha! hat ihm natürlich nicht gefallen?« »Ist natürlich sittlich entrüstet.« »Ja; er gehört ja auch zu den Sittlichkeitsfanatikern.« »Er soll ihn ein geradezu verruchtes Buch genannt haben.« Emma lachte: »Mein armes Werk, wie hat man dich falsch verstanden! Verrucht! Aber nur weiter, was sagt er noch, der strenge Prediger in der Wüste?« »Sie wollten da die neue Moral der Immoralisten der Menschheit preisen und die abscheulichen Sitten des alten Heidentums wieder einführen.« »Das freut mich,« frohlockte Emma, »das freut mich ungemein, daß sich die Philister und Pharisäer die Nase an meinem Buch wund stoßen. Jetzt erkenne ich erst, wie hoch sittlich mein Werk ist.« »Wenn diese zerstoßenen Nasen,« lächelte Karl, »sich nur nicht in der Apotheke des Staatsanwalts ein Pflaster aufkleben lassen!« »Wie? Sie meinen, – Dr. Simmer wolle mein Werk denunzieren?« Karl zuckte höhnisch-verächtlich die Schultern. »Sie wissen doch,« sagte er, »diese Wächter von Thron und Altar führen zwar stets das Wort von der christlichen Nächstenliebe im Mund, – in der Hand schwingen sie aber oft das Richtschwert und die Brandfackel.« 59 »Allerdings – was ist diesen heiligen Furien die Kunst! Ich bin auf alles gefaßt.« Dann setzte sie gereizt hinzu: »Nun will ich Ihnen aber doch von Ihrem Dr. Simmer einiges erzählen . . .« Luise, die gerade eingetreten war, legte sich ins Mittel. »Aber Emma,« bat sie leise. »Na, schaden könnts ihm nicht,« stieß sie trotzig heraus, »wenn er doch einen richtigen Begriff bekäme von diesen Moralpredigern.« »Das wird uns Schülern nichts Neues sein!« meinte Karl trocken. »Wir erzählen uns von einigen unserer Staatspädagogen manche erbaulichen Dinge.« »Nun,« fuhr Emma errötend fort, »dann kann ich Ihnen auch sagen, daß mir einer Ihrer Lehrer früher sehr eifrig nachgestellt hat.« »So? wer denn?« »Nicht Ihr Vater! weiter sag ich nichts! Ich würde ja von diesen menschlichen Schwächen gar kein Aufhebens machen, wenn die Herren auch Nachsicht mit den Schwächen Anderer hätten. Ihre Lehrer verfolgen meine litterarische Tätigkeit schon seit Jahren. Die Herren glauben, wer nicht vom Staatsstempel wissenschaftlich geaicht wurde, dürfe keine Feder führen. Sie wissen, daß man schon Artikel gegen mich losgelassen hat im Tageblatt. Einer hat mir sogar einmal auf der Straße ein Schimpfwort nachgerufen . . . Ich zöge ja am liebsten ganz von hier weg, aber ich kann von der Schriftstellerei allein nicht leben, ich muß Stunden geben, 60 Theaterkritiken schreiben, ein wenig malen, – so bleibt mir nichts anderes übrig als hier auszuharren. Nur werd ich in eine andere Vorstadt ziehen, weit weg von den Wohnungen dieser Herren.« Sie sah trotzig und traurig zugleich durchs Fenster. Karl trat einen Schritt näher an sie heran, mit der linken Hand die Ecken seiner Schulhefte nervös umbiegend. »Sie haben recht, wenn Sie diese Herren Lehrer nicht leiden können,« platzte er naiv heraus. »Mein Vater ist auch nicht besser als die anderen, heut morgen hat er erst über Sie geschimpft.« Verlegen brach er ab, als sie ihm ungehalten den Kopf mit den sich verdüsternden Zügen zuwendete. Mit hochrotem Gesicht brachte er dann noch hervor: »Mein Papa gilt im Staatsdienst als großer Pädagog, – er kann aber seine eignen Kinder nicht erziehen. Mich behandelt er ganz verkehrt, auch meinen Bruder versteht er nicht und was spielen sich oft für Szenen bei uns zwischen meiner Mutter und ihm ab! Er hat, vielleicht ohne es zu wollen, statt Liebe, Haß in mein Herz gesät.« »Ach gehen Sie,« unterbrach ihn Emma. »Haß! Sie können doch ihren leiblichen Vater nicht hassen!« »Leider ists so,« fuhr er, finster vor sich niederschauend, fort. »Und es ist seltsam, – je näher zwei Menschen miteinander verwandt sind, desto intensiver treten alle Haßgefühle zwischen ihnen auf. Man fühlt die ›Bande des Bluts‹ als eine furchtbare Fessel; man möchte auseinander, wie 61 zwei sich völlig Fremde, wie zwei Galeerensträflinge, und wird durch das unselige Verhängnis der Verwandtschaft gewaltsam wieder aneinander geschmiedet.« Emma, die solche Ausbrüche für Übertreibungen jugendlicher Überspanntheit hielt, sagte lächelnd: »Ach, das meinen Sie gar nicht so schlimm; im Hohlspiegel Ihrer Phantasie verzerrt sich gleich jede Empfindung.« »Meinen Sie?« höhnte er leise. »Nun, dann will ich Ihnen nur noch mitteilen, daß mir mein lieber Papa – verboten hat, Sie zu besuchen!« Sie zuckte zusammen. »So . . .?« lispelte sie;»aus welchen Gründen?« »Aus ganz unsinnigen!« beschwichtigte er ihren aufsteigenden Zorn. »Sprechen wir nicht weiter davon.« »Hat er etwa an meinem Lebenswandel etwas auszusetzen?« fuhr sie immer entrüsteter fort. »Glaubt er, ich verderbe seinen Sohn? Doch warum sich erregen! ich bin es ja längst gewohnt, falsch beurteilt zu werden.« »Das ist das Schicksal aller Talente,« tröstete er sie. »Ich komme selbstverständlich doch zu Ihnen; nun erst recht.« Emma sah, erregt atmend, mit starren Augen durchs Fenster auf die bunten Farben des herbstlich leuchtenden Hausgartens. Luise trat zu der Niedergedrückten hin, schlang zärtlich ihren Arm um ihre Schulter und flüsterte: »Liebe Emma! ist das meine welt- und menschenverachtende Sappho?« 62 »Luise,« entschuldigte sie ihre Melancholie, »ich setze mich gewiß leicht über alle Angriffe weg, das weißt du. – Aber das geht doch zu weit. Wie leicht kann es kommen, daß man auch deinen Klavierschülern und Schülerinnen unser Haus verbietet . . . Von was sollen wir dann leben? Der Direktor Körn ist eine sehr einflußreiche Persönlichkeit; nach seinem Urteil richten sich die besten Familien der Vorstadt und Stadt. Er kann uns einfach matt setzen, uns das Brot entziehen!« Luise verstummte erschrocken. »Es ist deshalb besser,« wendete sich Emma mit einiger Schärfe an Karl, »Sie besuchen uns nicht mehr.« Karl zuckte zusammen, als habe ihn ein Schlag auf die Stirn getroffen. »Das ist doch Ihr Ernst nicht, Fräulein?« stammelte er erbleichend, die Schulter vor Qual hin und her bewegend. »Doch! vollkommener Ernst. Wenn Sie mich achten,« fuhr sie fort, »wenn Sie mir echte Freundschaft entgegenbringen, wollen Sie nicht meinen und meiner Luise Untergang. Auch in Ihrem eignen Intresse liegts, daß Sie Ihre Besuche einstellen.« Karl rang zusammenschauernd nach Fassung. »Aber – Fräulein,« brachte er mühsam heraus, »wissen Sie denn, was Sie mir da antun? Sie rauben mir die Lebenslust, die Sonne! Sie werfen mich in einen dunklen Kerker! O warum hab ich Ihnen überhaupt was vom Verbot meines Vaters gesagt!« 63 »Das ist nun geschehen,« lächelte Emma bitter. »Und Sie müssen sich als braver Sohn danach richten.« »Nein, nie!« rief er. »Ich komme nach wie vor. Und wenn Sie mich hinauswerfen, – ich . . .« Seine Stimme versagte. Beide Fräulein empfanden mit Beschämung, daß der Verzweiflungsausbruch des sensibeln Jünglings aus tiefstem, zerrissenem Herzen drang. »Er hat ja hinzugesetzt,« stotterte er, mit den Tränen kämpfend, »ich verbiete dirs, aber du wirst doch hingehen.« »Was hat er?« fragte Emma erstaunt. »Ja, ich beschwörs! so hat er gesagt.« Er wiederholte die Phrase. »Merkwürdig!« flüsterte Luise. »Seltsam, höchst seltsam,« sagte Emma sinnend. »Also,« flehte er, »nicht wahr? ich darf kommen? Sie verbieten mir nicht Ihr Haus?« Emma schwieg. Luise blickte fragend auf die Freundin. »Sagen Sie: Ja!« bat er leise. »Oder – Sie werden es bereuen.« »Bereuen? was heißt das?« »Ich sage Ihnen: Sie bereuen es.« »Wenn Sie in einem solchen Ton reden, – möcht ich Sie erst recht bitten, Ihre Besuche einzustellen.« »Fräulein Emma!« Luise hatte Mitleid mit dem Leidenschaftlichen. »Herr Körn,« sagte sie, »kann ja seltner kommen. Du würdest auch manche Anregung verlieren, wenn 64 er gar nicht mehr käme. So streng hat das sein Vater auch wol gar nicht gemeint; das beweist ja sein Nachsatz. Also – verbieten wir dem Herrn Karl nicht völlig unsre Wohnung.« Emma schwieg immer noch, vor sich hinstarrend. Luise drang noch einmal in sie. »Ich lehne jede Verantwortung ab,« lächelte endlich Emma. »Wenn Sie hier um Ihr Seelenheil und Ihre Tugend kommen, – meine Schuld ists nicht.« Alle lachten. »Ich laß es darauf ankommen,« sagte Karl freudig erregt. »Ich danke Ihnen. Ich werde von Ihrer Erlaubnis keinen zu häufigen Gebrauch machen; nur hie und da, auf einen Sprung. Ich hätts ja sonst nicht ausgehalten. Ich hab mich so daran gewöhnt, Ihnen all mein Wol und Weh mitzuteilen, – sonst hab ich ja niemand, der mich versteht.« »Nun denn,« versetzte Emma mit resigniertem Lächeln, »ich überlaß es Ihnen. Ich lade Sie nicht ein, ich werfe Sie nicht hinaus.« Sie reichte ihm die Hand; doch nicht mehr so herzlich wie sonst. Es lag eine müde, kühle Gleichgiltigkeit über ihrem ganzen Wesen. Karl empfand das schmerzlich und bereute heftig seine vorschnelle Mitteilung des väterlichen Verbots. Schon seit einiger Zeit tönte sehr mangelhaftes Klavierspiel aus dem anstoßenden Zimmer, und unterbrach zuweilen das Gespräch der Beiden in widerwärtiger Weise. »Zum Teufel,« rief Karl ganz laut, »welcher Stümper hackt denn da so polizeiwidrig auf dem 65 Ohrenfolterkasten herum?« Während Emma, ein Gelächter unterdrückend, sich an ihren Schreibpult begab, eilte Karl bis an die Türe des Nebenzimmers. Zu seiner großen Überraschung sah er da ein reizendes junges Mädchen von etwa siebzehn Jahren am Klavier sitzen. Das hübsche Kind hatte seine brüsken Worte gehört, es errötete stark, nahm die Hände von den Tasten und wendete ihm, mittelst eines burschikosen Schwungs auf dem Drehstuhl, ihr kleines, blasses Gesichtchen zu. »O . . . Sie, Fräulein Natalie?« rief Karl, den im Anfang das grelle Sonnenlicht geblendet hatte. Es war die Tochter des Rechtsanwalts Meyer, der im dritten Stock über Körns wohnte. Der Primaner, der ihr fast täglich auf der Treppe begegnete, pflegte sie wenig zu beachten. Natalie wendete ihm jetzt ihren reizenden, kleinen Kopf mit den hilfeflehenden Augen zu. Sie war ganz weiß gekleidet; ihr Kopf hob sich eigenartig vom Goldgrund des sonnigleuchtenden Fensters ab. Zum erstenmal merkte er, daß dies Geschöpfchen eigentlich sehr nett war. Ein Rokokogesichtchen. Das feine Näschen, die zarten Wangen, die naiven Lippen glänzten in köstlicher Unschuld aus schwarzen, die halben Wangen bedeckenden Haarwulsten heraus, als wäre das Gesichtchen soeben mit besonderer Sorgfalt in der königlichen Porzelanfabrik hergestellt worden. Diese schwarze, düstre Umrahmung, die nur einen kleinen Teil des Gesichtchens sehen ließ, war äußerst effektvoll und doch ganz unbeabsichtigt. Die Verhüllung gab dem Antlitz eine 66 gewisse süße, jungfräuliche Mütterlichkeit, man glaubte unwillkürlich, man müsse eine Puppe auf dem Schoß der Kleinen finden, man faßte sofort ein behagliches Vertrauen zu der Seele, die aus diesen kindlich-ernsten Augen lächelte. »Ach ja,« sagte die Reizende weinerlich, »nicht wahr, schrecklich! Mama wills absolut haben, ich soll Klavierspielen, hab doch gar kein Talent dazu, wahrhaftig nicht! gelt? schrecklich! Sie fühlen das auch?« Karl lachte laut. »Ich glaube, das würde selbst ein Kamerun-Neger fühlen,« meinte er. Sofort führte das süße Mütterlein das Schnupftuch an die Augen und lispelte wieder ihr »Schrecklich!« »Nu, zu weinen brauchen Sie deshalb nicht!« lachte Karl; »S ist ja bis jetzt noch kein Verbrechen, die Ohren seiner Mitmenschen zu martern . . .« »Ja, wissen Sie,« lächelte sie unter Tränen, »meistens spiel ich auch gar nicht; Fräulein Luise macht mirs leicht, – ich spring meistens im Garten herum, und nur zuweilen, wenns gar nicht anders geht, klimpere ich ein wenig da auf den Tasten.« »Nun, die Tasten bedaure ich gar nicht,« sagte er galant, »daß sie sich von so zierlichen Fingern müssen berühren lassen.« »Ach Sie!« machte sie ärgerlich, mit reizender Schulterbewegung. Dann stand sie auf, als jetzt Luise eintrat. »So,« sagte die Lehrerin freundlich, »für heut genug . . .« 67 Dann wendete sie sich an Karl: »Fräulein Natalie hat heut ausnahmsweis ihre Stunde früher gelegt; da mußte sie sich mit dem Sauerkraut in meine Aufmerksamkeit teilen! Na, der Schaden ist nicht groß; sie hätte auch im andern Fall nicht mehr gelernt. Nicht wahr, Herr Karl, Sie wohnen ja auch im Haus des Herrn Rechtsanwalts, nicht?« »Ja.« »Würden Sie nicht mal mit der Frau Rechtsanwalt sprechen, daß das Klavierspielen ihrer Natalie gar keinen Zweck hat?« »Nu ja, das will ich schon ausrichten.« »Dagegen hat das kleine Wesen ein recht hübsches Maltalent,« fuhr Luise fort. »Die Eltern sollten sie zu Emma in die Lehre schicken.« Emma trat herzu und bestätigte das. Sie zeigte ein Blatt, auf dem Nata (wie sie in der Familie gerufen wurde) sich ganz hübsch verewigt hatte. Indessen hatte sich die Kleine angezogen. Karl erbot sich, sie zu begleiten; sie nahm an. So wanderte er bald mit seinen Schulbüchern unterm Arm neben ihr her. Er hatte eigentlich immer von dem Mädchen den Eindruck großer Verschlossenheit erhalten. Wenn er ihr auf der Haustreppe begegnet war, hatte sie stets so verträumt vor sich niedergeschaut; war ihm immer so eilig entwischt wie ein verscheuchtes Rebhuhn. Dabei hatte sie manchmal ein eignes Lächeln, das ihn an das Lachen ihrer Mutter erinnerte; sie zog, gerade wie die Frau Rechtsanwalt, die Lippen so wunderlich schief zur Seite und blickte ihn von 68 unten nach oben schelmisch-treuherzig-trotzig dabei an. Diesmal behielt sie auch lange ihre träumerische Verschlossenheit bei. Sie nahm sogar einen leisen Trotz an, eine gewisse pikante Abwehr, eine jungfräuliche Kühle. Karl empfand ihre Nähe mit einem süßen Unbehagen, als umwehe ihn die noch herbe, kühle Frühlingsluft eines Märzmorgens. Mit Mühe brachte er aus ihr heraus, daß sie eben gerade ›unbändig‹ für ihre englische Lehrerin schwärmte. Dann kamen sie auf den Roman zu reden, den sie gerade las. Er fragte danach; es war Scheffels Ekkehard. Er lobte das Buch. So waren sie auf einmal in die Litteratur geraten. Ihn überraschte dabei ihr richtiges, aber meist ablehnendes Urteil. Sie habe, erzählte sie ihm dann, auch Gedichte von ihm in der ›Litterarischen Wacht‹ gelesen. »So?« sagte er lächelnd, »von mir? Haben sie Ihnen gefallen?« In ihrer träumerisch-verschlossenen Weise sagte sie sehr ehrlich: »Nicht alle . . .« »Das freut mich!« »Wie?« »Daß Sie so offen das heraussagen, freut mich. Ich kann nämlich Lob gar nicht vertragen.« »Ei was?« »Nein. Ich bin zu mißtrauisch, halte auch zu wenig vom Urteil meiner Nächsten.« »Es wird ja auch,« meinte sie, »gar zu viel gedichtet. Zu was die vielen schönen Verse?« »Ganz meine Meinung!« lachte er. »Wir haben genug davon. Alle Gefühle sind durchgefühlt, die 69 Welt will Taten. Wissen Sie, Fräulein, was ich tun möchte?« »Nun?« »All dies Dichten und Malen und Musizieren hat im Grund nur dann einen Sinn, wenn es die Welt veredelt. Das ist die eigentliche Mission der Kunst auf Erden. Sie erreicht dies auch; aber sehr, sehr langsam. Deshalb möcht ich dem Fortschritt Flügel geben.« »Wie wollen Sie das anfangen?« fragte sie gespannt. \>Ich möchte eine neue Religion gründen!« sagte er. Sie sah ihm mit strahlenden Augen ins Gesicht. »Ach!« rief sie, plötzlich ein ganz anderes Wesen annehmend, »da begegnen wir uns; das war ja auch schon längst mein Ideal.« »Was?« versetzte er mit überraschtem Blick. »Sie haben auch so wunderlich verrückte Einfälle?« Sie lachte: »Noch viel verrücktere! Sie kennen mich gar nicht; ich bin ganz anders als ich scheine! Sehen Sie, mir genügt unsre Religion auch nicht. Ich finde nicht, daß sie die Menschen gesünder, edler macht; im Gegenteil! Das Christentum ist vielleicht daran schuld, daß heutzutage so viel Nervöse, Entartete herumlaufen.« »Ganz meine Ansicht,« stimmte er freudig ein. »Das Mittelalter mit seiner Askese, seinen Folterkammern, seinem Hexenwesen, Ketzerverbrennung, Judenverfolgung, hat die Menschheit geistig und körperlich ruiniert. Es ist ewig zu beklagen, daß sich unsere Kultur nicht auf dem Griechentum weiter 70 entwickelt hat, sondern auf dem mit rohem Germanentum durchtränkten Judentum. Unsere Gymnasien wollen diesen Fehler verbessern; sie sind aber nur die matte Sehnsucht eines kranken Geschlechts nach Freiheit und Schönheit. Sehen Sie, meine Religion soll nun nicht auf Dogmen aufgebaut werden; ich würde ein Gefühl zum Gott ernennen; erraten Sie?« Sie sah ihn groß an und sagte: »Die Liebe!« »Nein,« fuhr er fort, »die Schönheit.« »Stellen Sie die Schönheit so hoch?« »Sie müssen wissen, was ich darunter verstehe. In der Natur liegt ein entschiedener Drang, das Schöne darzustellen. Wir sehen das am niedersten Gras, an der Zeichnung und Farbengebung der Schmetterlinge, der Käfer, bis es im menschlichen Körper, schließlich im Geist, siegreich seine Fahne aufpflanzt. Der schöne Geist ist der unmittelbare Ausfluß aus der großen Geistessonne. Das wahrhaft Schöne ist auch das wahrhaft Gute. Ein vollkommen schöner Mensch empfindet seine Schönheit gleichsam als innere Melodie; er kann daher nichts Böses tun; diese innere Melodie ruft ihm immer zu, daß er ein Abdruck Gottes ist.« »Aber,« ließ sie schüchtern einfließen, »es kann doch nicht Jeder schön sein?« »Es könnte Jeder schön sein,« sagte er. »Ursprünglich war jedes Wesen schön. Erst durch einen Abfall von der Natur wurden wir häßlich und damit sündhaft. Meine Religion will die Menschen wieder schön machen, auf daß sie gut werden.« 71 Er hatte sich ganz in Begeisterung hineingeredet. Als Beide das Wohnhaus erreicht hatten, blieb Natalie am Thor einen Augenblick stehen. »Eine neue Religion?« sagte sie schwärmerisch, »ja! arbeiten Sie nur auf dies Ziel los. Wie gern möcht ich Ihnen dabei helfen!« »Das können Sie,« meinte er. »Im Stillen können Sie meine erste Anhängerin sein.« Sie nickte lächelnd. »Ich werde Ihnen Anhängerinnen werben,« fuhr sie heiter fort. »Wer weiß, vielleicht kommt doch einmal eine Zeit, in der ich an Ihrer Seite wirken kann . . .« Sie schritten durch die stets windige Thorhalle in den Hof, die Treppe empor. Die Frau Rechtsanwalt wartete schon auf ihre Tochter. Als sie das Mädchen in Begleitung Karls die Stiege heraufkommen sah, zog sie sich wieder von der Glastüre zurück. Sie lächelte. – Als Karl gegangen war, schritt Emma mit erregten Schritten im Zimmer auf und ab. Dann eilte sie in die kleine Küche, wo Luise eben die Teller in warmem Wasser abspülte. »Hör mal, Freundchen,« sagte sie aufgebracht, \>dagegen reagier ich, das laß ich mir nicht so ohne weiteres gefallen.« Luise stellte gerade einen nassen Teller auf das Spülbrett. »Was?« fragte sie, »das Verbot?« »Ja,« gab Emma zurück, »das ist eine Impertinenz. Dieser Schulmeister kennt mich ja gar nicht, hat seine Weisheit aus einfältigem Stadtklatsch gezogen. Es ist die alte Geschichte, – die Leute trauen stets 72 ihrem eigenen Urteil weniger, als dem anderer Leute.« »Freilich,« sagte Luise, eine Schüssel abtrocknend, »und wie du selbst einmal schriebst: Der Spürsinn der Dummen in Bezug auf die Schwächen ihrer Mitmenschen, grenzt ans Geniale.« »Nun also,« fuhr Emma vor Erregung zitternd fort, »ich werde alle Hebel in Bewegung setzen, diesen Schultyrannen persönlich kennen zu lernen . . .« »Das wird nicht schwer sein,« meinte die Freundin. »Desto besser. Und dann . . . werd ich mich rächen.« »Rächen?« Luise hielt im Abtrocknen der Schüssel inne und sah ungläubig in das erglühende Gesicht der Freundin. »Ja . . .« »Ist das nur eine von deinen berühmten Mystifikationen?« fragte Luise lächelnd. »Nein, es ist mein völliger Ernst.« »Also – so rachsüchtig ist meine Sappho? ja, wie willst du dich denn rächen?« »Das weiß ich noch nicht. – Aber ich werds!« Luise stellte die Schüssel hin und umarmte lachend die Freundin. »Ach, Sapphochen,« scherzte sie, »große Dichterin, du bist reizend, wenn du so in Wut gerätst!« Emma entzog sich ihr schmollend. »Nein, mir ists ernst,« wies sie die Andere zurecht. »In welchem Ruf mag ich hier stehen!« »Also rächen willst du dich?« wiederholte Luise. »Ich werde seine Schwächen auskundschaften, werde ihn auf irgend eine Art blamieren!« 73 »Ich sehe dich schon in der Rolle der pathetischen Rächerin,« frohlockte die sanftere Luise, »so etwa als Elektra! Übrigens, du hast dem armen Karl den Kopf gründlich verdreht, – hast du das nicht bemerkt?« »Kinderei,« meinte die Schriftstellerin. »Na na,« lächelte die Klavierlehrerin, »ob das nur so ne Kinderei ist? Der Mensch scheint mir von intensiven Leidenschaften durchwühlt zu werden.« »Nun,« gab ihr die Freundin sinnend recht, »ich werde kaltes Wasser ins Feuer gießen. Aber meine Rache an seinem Vater geb ich nicht auf. Fühlst du dich denn nicht mit mir beleidigt?« Die Klavierlehrerin ward ernst. »Du,« fuhr die Dichterin fort, »mußt noch mehr auf deinen Ruf sehen als ich. Denk doch, wenn du Stunden verlörst!« Sie konnte aus zwei Gründen nicht weiter reden; Peter, der Kater, war ihr vom Küchenschrank aus auf die Schulter gesprungen und draußen an der Glastüre schellte die neue vierzehnjährige Klavierschülerin. Luise streifte die Ärmel über ihre zarten Arme, um zu öffnen, Emma ging, mit dem Kater auf dem Rücken, an ihren Schreibpult. Dort sann sie längere Zeit, immer den Kater auf dem Rücken, vor sich hin. Die Gefühle, die sich im Busen ihres jungen ›Kollegen‹ zu regen begannen, behagten ihr gar nicht. Luise hatte recht. Sie mußte hier einen tüchtigen Dämpfer auf die hochschwingenden Saiten drücken. Jetzt setzte sich Luise mit der ›höheren Tochter‹ 74 vors Klavier; Emma sah von ihrem Stuhl aus gerade das krampfhaft-starr auf die Noten geheftete Kindergesicht. Welch öde, nüchterne Nachmittagstimmung! Die Dichterin fand nicht den richtigen Schwung, um an ihrem neuen Roman weiter zu schaffen. Und doch! in dieser Öde lag auch etwas. Die Nüchternheit enthält auch ihre grau-melancholische Poesie; in diesem schlaffen Unvermögen, diesem Gefühl müder Gleichgiltigkeit gegen die Schläge des Schicksals, lag eine süße, wollusttrunkne Todessehnsucht. Draußen vorm Fenster weinte Blatt auf Blatt von den schwermutgebückten Sträuchern auf die feuchte Erde; das Weinlaub am Spalier nahm eine hektische Fieberröte an. Dort im Nebenzimmer hackte die Hand der Vierzehnjährigen stümperhaft eine Etüde herunter. Wie unvollkommen doch das Leben ist, dachte Emma seufzend; überall nur Halbes, nur Bruchstücke. Wird es auf fernen Sternen einst besser werden? Sie sah gerade zwischen den hohen, finsteren Häuserwänden ein kleines Stückchen blauen Himmels. Die sterbensmüde Herbstsonne lächelte wehmütig herunter in das verkümmerte Hausgärtchen, das zwischen den Wänden des philisterhaften Geschäftshauses schlummerte, wie die Leiche eines Kinds im Sarge. Und sie sollte ja arbeiten, schreiben fürs tägliche Brot. Auf! spanne deine Gehirnfibern an, arme Seele, suche nach Bildern, ermattete Phantasie! Wie unglücklich sie sich heute fühlte! . . . was den 75 Lesern ein Fest sein sollte, – ihr ward es zur qualvollen Arbeit. Es war ihr ganz recht, daß es jetzt draußen schellte und sie ein Kollege, Friedrich Schnätz, besuchte. Das brachte sie in bessere Stimmung. Schnätz schrieb Schauerromane fürs Volk, schreckliches Zeug, für das er aber im Monat drei- bis vierhundert Mark bekam. Er sah heruntergekommen aus, etwa wie ein Advokatenschreiber, hatte dachstubenmäßige Manieren, war mehr Geschäftsmann als Künstler und schimpfte neidisch auf alle Emporkömmlinge der Poesie. Er hatte sich eine eigne Theorie zurechtgelegt: er schreibe für den ›normalen‹ Geschmack, die Kunstdichter für den perversen. Alle höhere Kunst sei abnorm. Später kam noch ein pensionierter Amtsrichter, Meißel, der sich auch der Poesie ergeben. Er trug als Lebensaufgabe ein vorsintflutliches Epos mit sich herum, in dem er die Planeten, Fixsterne und Milchstraßen nur so aus der Tasche zog, als könne man sie sich sofort warm aufs Butterbrot streichen oder als Zigarren unter der Nase verdampfen. Emma braute einen starken Kaffee, ließ Kuchen holen und machte auf reizende Weise die Wirtin. Besonders der arme Schauerromanfabrikant sprach dem Kuchen so stark zu, als habe er seit drei Tagen nichts mehr in den Magen bekommen. Der Kaffee machte ihn immer reizbarer, immer verbissner und schließlich entdeckte er, daß nur Sudermann ein wenig Talent besaß, weil er eine ›brillante‹ Technik hatte . . . Sonst war die ganze moderne 76 Litteratur für ihn nicht mehr wert, »als dieser Kaffeesatz«!   4. Als Karl am anderen Tag um 12 Uhr aus der Schule kam, begegnete ihm sein Freund Otto Grüner, der bereits 25 Jahre alte Kunstmaler. Otto war ein langaufgeschossener Mensch mit dünnen roten Haaren auf dem Schädel. Sein Gesicht war so stark von Sommersprossen besteckt, daß es beinahe, statt weiß, goldgelb aussah. Um seine Häßlichkeit zu vollenden, hatte ihn die Natur noch mit einem im Nacken rot aufgeschwollenen, von kleinen Geschwüren bedeckten Hals begabt; aber sie war dabei doch so gnädig gewesen, ihm den Vorzug der Kröte zu verleihen –: sehr schöne, intelligent und herzlich blickende Augen, aus denen Talent und Herzensgüte strahlten, fesselten so sehr, daß der Beschauer die übrigen Gesichtsfehler kaum bemerkte. Dazu kam ein eigentümliches, harlekinhaftes Betragen, das er sich als Künstler auf der Akademie angeeignet hatte. Mit Hilfe seiner an Galgenhumor streifenden Lebensauffassung brachte er es fertig, sich über die meisten Unannehmlichkeiten seiner Künstlerlaufbahn geschickt hinweg zu setzen. Schon die Art, wie er den jüngeren Freund begrüßte, war charakteristisch für ihn, den leichtlebigen Phantasiemenschen. »Endlich wieder mal?« rief er mit burlesker 77 Verdrehung des Oberkörpers. »Endlich mal im Leben ein Wiedersehen? also noch nicht gestorben? Na – leb leider auch noch! bin tief erschüttert.« Er fuhr sich mit dem Zeigefinger erst ins eine, dann ins andere Auge, als schnicke er eine unsichtbare Träne auf das Straßenpflaster. Karl ging auf den Scherz, der vielleicht einen anderen beleidigt hätte, ebenso humorvoll pathetisch ein. »Man sieht dich ja gar nicht mehr,« schluchzte er mit komischer Rührung; »hatt solche Sehnsucht nach deinem rotangelaufenen Hals und den prächtigen roten Haaren!« »An mir ist alles rot,« scherzte Otto. »Der reinste Sozi.« »Hat sich denn immer noch keine Wand über deinen »Sokrates vor den Richtern« erbarmt?« fragte der Freund. »Trauert das Gemälde noch in deinem Atelier?« »Immer noch!« seufzte der Künstler. »Sokrates ist immer noch nicht verurteilt, – d. h. ich hab ihn längst verurteilt. Das Bild entspricht nicht mehr meiner neuesten Richtung. Hab jetzt eine ganz neue Technik gefunden. Endlich hab ich meine mir eigne Handschrift entdeckt.« Das Letzte sagte er in ernsterem Ton; das war nun echte Herzenssache. »So? Das ist jetzt bereits das vierte bis fünfte Mal, daß du deine ›Handschrift‹ wechselst. Erst hast du à la Feuerbach gemalt, dann à la Böcklin, – jetzt wahrscheinlich à la Lenbach?« »Spott so lang du willst, aber zuerst sieh selbst. Marsch! Da sind wir schon an meinem Atelier, – 78 komm auf n Sprung rauf, wirst vor Begeisterung auf n Rücken fallen. Solche Farbenakkorde hat noch kein irdisches Aug erblickt, – das ist aus der vierten Dimension!« »So!« spottete Karl, während er dem ulkenden und dennoch ernstlich auf sein Urteil gespannten Kameraden in die große Mietskaserne folgte; »gibst du dich auch mit der Modekrankeit, dem Spiritismus ab?« »Und wie! Ich hab kürzlich ein Medium bei mir gehabt. Ich sag dir: es gibt ein Jenseits!« »Die Medien, die ihr Maler bei euch habt, kennt man; sind eure Modelle.« »Nebenher ists auch Modell; das tut ihren übernatürlichen Fähigkeiten keinen Eintrag.« »Und ihren natürlichen auch nicht?« »Du kannst dich halt noch nicht ins Metaphysische emporschwingen!« »Nu ja,« meinte Karl, »Konrad Stern hat mir gestern auch so ein theosophisches Werk geliehen. Ich bin zwar noch nicht überzeugt, kann aber nicht leugnen, daß das Buch einen großen Eindruck auf mich gemacht hat. Vielleicht ist das die Religion der Zukunft!« »Ich meine, du willst selbst eine neue Religion gründen?« spottete der Künstler. »Das geht nicht so rasch,« lachte Karl, »ich muß erst alle Systeme durchproben, um das Beste von allem zu behalten.« »Ja, ja,« rief Grüner. »Du hast alle acht Tage eine neue Weltanschauung entdeckt.« 79 »Wie du – eine neue Maltechnik.« »Genau so! Wenn du endlich einmal dein System fest begründet hast, sag mirs; ich werde sofort dein begeisterter Apostel.« »Ich war schon als kleines Kind ein Philosoph,« bemerkte Karl. »Ich versteckte zuweilen kleine Steinchen im Sand und fragte mich: sind die eigentlich jetzt noch in der Welt? Es sieht sie ja kein Mensch; folglich sind sie auch nicht da; der erste Menschenblick, der auf sie fällt, gebiert sie wieder ganz neu. Was sagst du zu solch kindlichen Einfällen?« »Du bist vielleicht ein Genie?« spottete Otto. »Alle Kinder sind Genies,« lachte der Andere. »Unser größtes Unglück ist, daß wir aufwachsen. Nur das Unreife ist schön, neu, interessant.« Beide waren die schachtartig, vom Glasdach her trüb beleuchtete, unendlich hohe Treppe hinaufgeklommen. Auf jedem Treppenabsatz mündeten vier Türen. Ganz oben unterm Dach lag das kleine Atelier. Sie traten ein. Das schiefaufstrebende, breite Fenster ließ nur den grauen Herbsthimmel und etliche Schornsteine erblicken; auf einem dieser Kamine kletterte oben wie eine Katze der schwarze Feger, um seine Kugel herunter zu lassen. »Teufel, das gäb n Bild!« rief Otto. »Schau, wie der da naufturnt, – was?« »Sind aber keine Farben drin,« meinte Karl trocken. »Allerdings, nur schwarz und grau. – Na, so 80 sieh her! was ist das?« Er drehte eine große Leinwand gegen das Licht. Karl stand vor einem wohl zwei Meter langen Gemälde. Ein schlafendes Weib in orientalischem Kostüm; hinter der fieberhaft in Träume Versunkenen schwebte ein blutender, gräßlicher Kopf, der sie mit starren Totenaugen fixierte. »Nicht schwer zu erraten!« sagte Karl. »Salome, der Johannes als Gespenst erscheint.« »Nu – und wie ists?« »Gar nicht übel!« kritisierte Karl. »Hast große Fortschritte gemacht; wirklich! Die ganze Malweise ist eigen. Dieser sonderbar gespenstisch-verschwommne Nebelton! Du warst wohl selbst n bischen benebelt, als du das schufst?« »Du kannst natürlich nie unterlassen, deinem Lob einen hinkenden Pferdefuß folgen zu lassen.« Karl lachte. »Nein, aufrichtig, – s ist das Beste was du bisher gemacht. Wenn du so weiter fortfährst, kommst du gelinde in die Art des Gabriel Max hinein.« »Schon wieder!« lehnte sich Otto auf. »Du willst mir die ganze Freud verderben.« Karl lachte stärker. »Etwas Eigenes ist entschieden darin, – nämlich das: man merkt dem Bild an, daß du keinen rechten Sinn für das Schauerliche halt. Du hast dir das Gruseliche nur angequält.« Otto fühlte, daß der scharfsinnige Freund nicht ganz unrecht hatte. »Meinst du?« sagte er kleinlaut. »Kannst recht 81 haben, Alter; mir liegt das Lebensheitere besser. Unsinn, daß man immer gleich die Mode mitmachen will! So gehts vielen Talenten; sie suchen stets nach Erfolg und versäumen darüber etwas Eignes zu leisten. Jetzt fällts mir wie Schuppen von den Augen! ich seh jetzt, daß ich geglaubt hab, originell zu sein – und daß ich einfach nur der Mode nachlaufe . . .« »Was seh ich denn da?« rief nun Karl, der an ein Bild gestoßen war, das am Fußboden stand. Das Bild war umgefallen, er hob es auf, – es stellte das reizende Köpfchen Nataliens dar. »Ja,« sagte Otto; »soll eine Überraschung werden für die Familie.« »Siehst du,« lobte Karl, »da bist du entschieden in besserem Fahrwasser. Da liegt deine Stärke, – im Portrait!« »Meinst du?« »Ganz gewiß! Du hast das Kindlichmütterliche des Gesichtchens prächtig getroffen. Es ruht so was Liebes, Gutmütiges über diesen runden, von der Natur gleichsam genial skizzierten Zügen. Auch den scheuen Blick der Kleinen hast du herausgefühlt.« »Ach, das ist nichts!« unterbrach ihn Otto unzufrieden, nahm ihm das Bildchen ab und warf es in eine Ecke. Karl wollte weiter loben. »Nein,« fiel ihm Otto ins Wort. »Ich muß das Zeug ganz anders anpacken. Muß überhaupt ein anderes Leben beginnen . . . . Das blödsinnige 82 Wirtshausleben versimpelt den Geist. Da gießt man des Abends so viel Bier in sich hinein, daß man am Morgen keine Stimmung findet. Und die unflätigen Unterhaltungen, – diese öden Gespräche und Kellnerinnenabenteuer, – wie kann da ein Talent aus so nem Sumpf aufwachsen! Ich werd jetzt Abends zu Haus bleiben, was Gescheidts lesen, nicht mehr mit dem boshaften Kritiker Weinerl saufen und lumpen. Dem Kerl ward ja ohnehin nachgewiesen, daß er sich hat bestechen lassen! Wie kann ich auf die Art was leisten! Vor allen Dingen . . .« Er brach plötzlich verstimmt ab. »Nu – was hast du?« fragte Körn. »Es geht nicht mehr anders,« brummte der Künstler vor sich hin, »ich muß mein kleines Kapital zurückziehen!« Karl erinnerte sich, daß der Rechtsanwalt Wilhelm Meyer, der im Haus des Direktors Körn, gerade über ihm, im dritten Stockwerk wohnte, Ottos Vormund gewesen war. »Wie?« fragte der Oberprimaner, »du bist doch längst volljährig? Hast du dein Geld nicht vom Vormund zurückerhalten?« »Das ists eben,« klagte Grüner, »was mich schon seit Jahren verstimmt . . .« »Wie so? Was braucht dich da zu verstimmen?« »Ja – das ist so ne eigne Geschicht. Als ich volljährig geworden, ließ ich mein kleines Kapital – zwanzigtausend Mark – meinem Vormund zur Verwaltung. Man riet mir sogar von der Obervormundschaft dazu, ich sei zu weltunerfahren, zu unpraktisch, ich könne das Geld völlig einbüßen, 83 wenn ichs ungeschickt anlege. Na gut! ich ließ es also beim Vormund. Für diese kleine Mühewaltung bezieht Herr Meyer aber ein übergroßes Honorar.« »Wie viel denn?« fragte Karl. »Dreihundert Mark.« »Was? dreihundert Mark? Das ist freilich viel . . .« »Natürlich, viel zu viel,« fuhr Otto fort. »Früher, als der Anwalt noch mein eigentlicher Vormund war, da ließ ich mir ja so ne Summe noch gefallen, – aber jetzt? Diese dreihundert Mark kann ich mir auch selbst verdienen. Übrigens möcht ich mir für das Kapital ein kleines Häuschen kaufen, vor der Stadt, recht idyllisch gelegen, mit einem netten, großen Atelier.« »Sehr vernünftig,« lobte Karl. »Ja,« fuhr Otto erregt fort, wobei er wieder in seinen drollig-ernsten Ton verfiel, »dann könnt ich erst was leisten, ha? Denk dir, so n kleines, in Büschen verstecktes Nestchen, – n kleines Weibchen drin, he? die mir die Haushaltung besorgt und zugleich als Modell dient? Ist das nicht paradiesisch?« »Ja, warum zögerst du noch ins Paradies zu treten?« fragte der Freund. »Die irdischen Paradiese erschließt man nur mit Geld!« versetzte Otto lachend. »Nu – du hasts ja!« Der Künstler schnitt eine burlesk tragische Grimasse. »Habs eben nicht, Freundchen!« schrie er. »Was? brauchsts nur vom Anwalt zu holen.« »Ja – wenn das so einfach wäre!« 84 »Was ist denn da so Kompliziertes dabei, du unpraktischster aller Rafaels?« »Verstehst du halt nicht! Sind ganz verwickelte Verhältnisse.« »Was? Der Meyer wird doch das Geld nicht etwa veruntreut haben?« »Um Gotteswillen! so was denk ich nicht!« »Nu – also?« »Ja, siehst du . . . was mich davon abhält, mein Geld zurückzufordern, ist . . . übergroßes Zartgefühl, oder sagen wir: Dummheit? Ich weiß nicht . . . es wird mir entsetzlich schwer.« »Ja warum denn?« »Ich weiß nämlich, daß Anwalt Meyer die dreihundert Mark jährlich sehr gut brauchen kann.« »Die könnte schließlich Jeder brauchen,« meinte Karl trocken. »Ja, aber er hat mir schon so Andeutungen gemacht . . . Seine Tochter Natalie kostet ihm viel; seine Frau war lange krank. Seine Praxis geht schlecht, er interessiert sich mehr für Münzenkunde als für seine Prozesse. Möglich, daß er auch seiner Münzenleidenschaft zu große Geldopfer gebracht hat. Kurz, es scheint mir fast, als ob . . .« »Als ob das Geld knapp wär in der Familie Meyer?« schloß Karl den Satz. »So ists!« grinste Otto, sich über den roten Hals fahrend. »Hast du ihm denn schon einmal angedeutet, du möchtest dein Geld zurückhaben?« »Schon zweimal.« 85 »Nun? und er?« »Ich merkte deutlich, daß ihn die Sache sehr fatal berührte. Du kennst ja seine joviale Art . . .« »Freilich; er hat also in seiner jovialen Art . . .?« »Ausflüchte vorgebracht. Wie ich mir einfallen lassen könne, der ich von Geldsachen nichts verstehe, auf einmal mein Vermögen zu verwalten! Ein Haus zu kaufen sei ganz verkehrt; da habe ich Steuer zu zahlen; so ein Haus koste jährlich Reparaturen; man wohne da furchtbar teuer, u. s. w. u. s. w.« Karl schwieg einen Augenblick. »S ist jedenfalls auffallend,« meinte er, »daß der Anwalt Meyer nicht bei deinem ersten, leisesten Versuch, das Geld zurückzuziehen, dir gleich entgegenkam und daß er es so krampfhaft festzuhalten sucht.« »Du kennst doch die Familie als Hausgenosse!« forschte der Künstler. »Wie leben die Leute denn? Merkst du etwas von besonderer Verschwendung?« »Ich habe nichts derartiges bemerkt,« versicherte der Gymnasiast. »Übrigens, du kennst ja die Familie selbst. Du unterhälst dich ja alle drei Tage oft stundenlang mit der kleinen Frau Rechtsanwalt?« Otto ward verlegen und schüttelte sich in seiner Hanswurstenart. »Das ists eben,« kreischte er. »Ich war halt gar zu vertraut mit der Familie. Die junge Frau Rechtsanwalt hat mirs eine Zeit lang n bischen – na ja – angetan. Du weißt: sie ist nicht nur reizend von Gestalt und Gesicht, – sie hat auch ein so fesselndes Benehmen, so was . . .« 86 »So was Ruscheliches?« fiel ihm Karl ins Wort, »so was wie Rauschgold?« »Ja ja,« nahm Otto seinen Satz wieder auf; »das läßt sich gar nicht beschreiben, so was Urgemütliches. Man fühlt sich so urbehaglich in ihrer Nähe. Ich war gewiß nicht verliebt in sie, aber ihre Unterhaltung verbreitete eine merkwürdig wohlige Stimmung über meine Nerven.« »Aha, und deshalb,« bemerkte Karl verständnisvoll lächelnd, »wird dirs jetzt fast unmöglich, der Familie das Geld zu entziehen?« »Fast unmöglich! Ja!« bestätigte der Künstler. »Ich komme mir vor wie n Räuber, als wollt ich die Leute ins Unglück stürzen.« »Nu, hör mal! ins Unglück stürzen? Der Rechtsanwalt wird hoffentlich noch über andere Hilfsquellen zu verfügen haben.« Der Maler zuckte komisch-gequält die Achseln. »Ich komme aus der ganzen Geschicht nicht raus,« seufzte er. Der Oberprimaner murmelte: »Hm! Das sieht beinah so aus . . .« Er stockte. »Nun?« half ihn der Maler weiter. »Ich will lieber schweigen. Was geht mich die Sach an? hab selber genug durchzufressen.« »Ich weiß, was du sagen willst,« murmelte der Künstler. »Man hat im ganzen Haus darüber gesprochen,« flüsterte Karl. »Von was?« »Von . . . nu, daß du immer soviel bei der kleinen 87 Frau sitzest, und der Mann – euch soviel allein lasse.« Der Künstler erbleichte ein wenig. »Wirklich?« stotterte er betreten lächelnd. »Ja,« fuhr der Schüler fort. »Du brauchst dir aber deshalb nicht etwa einzubilden, die Frau Mayer sei verliebt in dich.« »Das hab ich mir auch nie eingebildet.« »So? Nun, desto besser. Ich weiß nämlich genau, daß das nicht der Fall ist.« »Wie so?« »Na,« fuhr der Gymnasiast mit sarkastischer Miene fort, »weil sie zuweilen mit mir über dich gesprochen hat.« »Wie? Sie hat über mich gesprochen?« »Ja – und in nicht gerade sehr bewunderndem Tonfall.« »In . . . nicht sehr . . .?« stotterte der Maler. »Durchaus nicht. Sie meinte, du lebest ziemlich leichtsinnig . . . liederlich . . . mit deinen Modellen. Sie glaubte: mit deinem Talent seis auch nicht weit her. Natürlich versteht sie davon nichts.« »Natürlich,« warf der Künstler enttäuscht, zwischen Humor und Ärger schwankend, hin. »Auch deine körperlichen Vorzüge schien sie wenig zu bewundern.« »So so?« fragte der Maler. »Spottet sie auch über meinen roten Hals?« »Ja und du wechslest die Wäsche zu selten, du seiest immer ganz verschwitzt, seist überhaupt echt künstlerisch unreinlich.« 88 Otto lachte laut auf. »So? Das hat sie mir freilich nie ins Gesicht gesagt!« kreischte er, sich vor Lachen schüttelnd. »Wegen der dreihundert Mark!« bedeutete ernsthaft Karl. »Ich hab mir wahrhaftig eingebildet,« schrie der Maler, »sie hätte ein tieferes Interesse an meinem Seelenleben!« »An deinen dreihundert Mark!« dozirte professoral der Andere. »Ich glaubte, sie halte was von meinen Bildern.« »Von deinen dreihundert Mark!« »Und sie ertrug doch den Geruch meiner durchgeschwitzten Hemden stets mit solcher Liebenswürdigkeit!« »Wegen der dreihundert Mark!« »Meine Liederlichkeit schien ihr so interessant!« »Deine dreihundert Mark hüllten auch die größten Liederlichkeiten in einen Tugendmantel.« »Hat sie dir auch erzählt, daß wir uns oft sehr intim über die Liebe unterhielten?« »Ja. Sie war entrüstet über die Unverschämtheit, mit der du solch heikle Themata besprachst.« »Entrüstet? entrüstet?« »Sie hörte deinen philosophischen Erklärungen jedenfalls nur zu, weil deine dreihundert Mark ihr ein süßes Pflaster aufs wunde Ohr drückten.« »Jetzt geht mir endlich ein Licht auf!« brummte der Maler verdrießlich. »Aha! merkst du, weshalb sich der Mann stets in seine Studierstube vergrub, sobald du kamst?« 89 »Ich – Esel!« »Und du bist noch ein größerer Esel, wenn du jetzt nicht ernstlich Schritte tust, dein Geld sofort zurückzuerhalten!« Der Künstler rieb sich die Hände. »Hast recht, Alterchen! Mir sehr lieb, daß du mir die Augen geöffnet, mich in die richtige Stimmung versetzt hast; jetzt hab ich den Mut. Aber hast du mir auch nichts vorgeflunkert? ist die kleine Frau Rechtsanwalt wirklich so wenig von meiner Unterhaltung erbaut gewesen?« »Mir kanns gleich sein, wie du darüber denkst!« lachte Karl. »Ich hab ja nichts davon. Mich amüsierts höchstens, zu beobachten, wie nun deine gekränkte Eitelkeit nach grimmiger Rache sucht.« Der Künstler griff nach seinem Überzieher. »Je nun!« verteidigte er sich. »Künstler sind sehr menschliche Menschen. Übrigens will ich mich nicht rächen! will nur das was mir gehört. Mich amüsierts, zu hören, wie unsere guten Freunde hinter unserem Rücken von uns denken und reden. Ich hätt auf die echte Freundschaft dieser Frau geschworen! sie schien mich wirklich hoch zu schätzen, für mein Talent zu schwärmen . . .« Karl dozirte: »Machs wie ich; werd Menschenfeind und Pessimist. Dann hast du erst den wahren Genuß vom Leben. Als Menschenfeind erwartest du stets nur das Schlimmste von den Menschen. Triffst du dann ausnahmsweise mal eine bessere Regung an, so freuts dich doppelt; wie wenn du unter Eis und Schnee ein Veilchen entdeckst.« 90 Beide verließen das Atelier. Auf der Straße unterhielten sie sich von anderen Gegenständen, bis der Maler wieder das Gespräch auf das frühere Thema lenkte. »Ich hätt allen Grund ein Pessimist zu werden. Als Waise, wie ichs vom ersten Lebensjahr an war, lernt man die Menschen so recht in ihren Schwächen kennen. Meine Schulzeit war scheußlich. Meine Lehrer hielten mich für unbegabt, ja dumm, weil ich, in Folge meines plastischen Anschauungsvermögens, mich in ihrer dürren Begriffswelt nicht zurecht finden konnte und mich sämtliche Lehrfächer aufs erbärmlichste langweilten.« Karl meinte: »Gewöhnlich werden ja die talentvollsten Schüler aus der Schule hinausgeworfen!« Otto gab ihm recht und fuhr fort: »Leider war ich noch nicht mal so talentvoll! Es ist ein Jammer, wie wir moderne Menschen erzogen werden. Die ewige Aufregung in der Schule um mitzukommen hat meine Nerven ruiniert. Wie viel Nervenkraft müssen wir nur später verschwenden, um die falschen Vorstellungen, die uns der Religionsunterricht in den Geist geprägt, wieder loszuwerden. Ich war ein Jahr lang tatsächlich gemütskrank; erst Schopenhauer hat meinen Geist gerettet.« »Mir ging es in diesem Punkt ähnlich,« unterbrach Karl lebhaft. »Schopenhauer war auch mein Erlöser. Ich erinnere mich noch, wie ich zufällig die erste Zeile von ihm las, – das brachte sofort eine kolossale Umwälzung in mir hervor. Jetzt bin ich freilich schon über diesen Philosophen hinaus.« »Ich ja auch,« fuhr Otto fort. »Aber hör weiter! 91 Mein bischen Vermögen haben Diejenigen dezimiert, die gerade dazu angestellt waren, es dem Waisenkind zu erhalten. Mein erster Vormund hat sich Unterschlagungen zu schulden kommen lassen. Die Pfarrerfamilie, in der ich erzogen wurde, wollte natürlich einen Profit aus mir ziehen. Die Nahrung war daher ungenügend. Es lebten nämlich drei Söhne auf der Universität; die Studenten kosteten was! Dann kam ich in eine andere, eine Künstlerfamilie. Die Leute brauchten auch Geld, da die Bilder des Mannes nicht abgingen. Man überredete mich ganz weltunerfahrenen Menschen, ich möchte doch meinem ›zweiten Vater‹ dreitausend Mark vorstrecken. Ich tats natürlich . . . und hab das Geld nie wiedergesehen. Nun so gings weiter. Mein kleines Kapital ist meine einzige Stütze im Leben.« »Und die wackelt bedenklich!« meinte Karl. »Du siehst natürlich wieder zu schwarz,« tadelte ihn der Maler. »Nein, nein, ich bin trotz all meinen trüben Erfahrungen kein solcher Pessimist. S wird noch alles gut. – Nur nicht verzweifeln, Otto!« ermahnte er sich in seiner burlesken Laune; »nur nicht den Glauben an die Menschheit verlieren. Und die schöne, reiche Welt! sieh doch nur mal die Beethovenstraße hinab! Dies fröhliche Menschengewühl, dies Lachen, dies Streben nach Glück! Ist nicht das Streben nach Glück auch schon Glück? Dieser milde Herbstsonnenglanz, der sich sogar herabläßt in jedes Hundehalsband Goldlichter zu drücken und der die Wangen des Bettlers ebenso zärtlich küßt wie den Federhut der reichen Dame.« 92 »Geh mir doch!« wies ihn der frühreife Schüler zurecht. »Den Sonnenschein können die Leute nicht essen und all ihre Geschäftigkeit gilt ja einzig und allein dem Magen. Was du Fröhlichkeit auf den Gesichtern nennst, halt ich für Maske. Schon aus Geschäftsklugheit zeigt Keiner gern dem Mitbruder seine Trauer auf der Straße, denn den Meisten ist es ein geheimes Fest zu entdecken, daß der liebe Nächste auch sein Teil Kummer hat. Die Meisten wollen lieber beneidet, als bemitleidet werden. Im Mitleid stecken immer fünfzig Prozent Bosheit.« »Geh, hör auf!« ermahnte ihn der lebenslustige Künstler. »Wo kämen wir hin, wenn wir den Schatten des Daseins nicht auch kleine Lichtpünktchen abgewännen!« »Was wir brauchen«, versetzte Karl, »das wäre . . . Ja, wie soll ich sagen? Die Menschheit ist bis jetzt weiter nichts als ein krankhafter Hautausschlag der Erde; das müßte anders werden! Eine neue Religion müßte die Menschheit gesund, lebenskräftig machen.« »Ja,« lachte Otto, »wenn du so was fertig brächtest!« »Ich werds ganz sicher mal versuchen. Was wir brauchen, wäre . . . die Vereinigung der altgriechischen Sinnenfreudigkeit mit moderner Stimmungsfeinheit. Im Altertum haben die Geistesmenschen geherrscht, – heute herrscht der Philister. Im unserem ganzen Staatsleben gibt die ewig dumme Menge den Ausschlag, nicht wie es sein sollte, die Aristokratie des Geistes und der Kunst. Wie einfältig, der plumpen, rohen Masse die entscheidende Stimme zu geben?« 93 »Lassen wir das gut sein,« unterbrach ihn Otto, »hier sind wir schon.« Sie waren an dem großen Haus des Direktors angekommen, dessen dunkle Tordurchfahrt Beide aufnahm. Der kleine Hof, vom Hausgarten durch ein Gitter getrennt, führte rechts ins Treppenhaus, das einfach aber nett mit Stuckarbeiten verziert war. Der Sohn des Direktors nahm Abschied von dem Künstler, der noch ein Stockwerk höher hinauf mußte. Als der Maler dann vor der mit weißen Vorhängen verhüllten Glastür stand, konnte er doch seine Scheu nicht überwinden. Hinter der Glastür huschte verschwommen die Gestalt des Dienstmädchens vorbei, darauf die Gestalt der reizenden Frau Rechtsanwalt. Es war doch eine unpassende Zeit den Leuten jetzt ins Mittagessen hereinzufallen, ihnen den Appetit zu verderben. Dem Musenjüngling schlug das Herz sehr unbehaglich in der Brust. Er war zu gutmütig, um der hübschen Frau ihre scharfe Kritik seines Aeußeren übel zu nehmen; er hatte Mitleid mit der kleinen Kokette. Wer wußte denn, ob nicht die dreihundert Mark die er der Familie überließ, dem reizenden Frauchen jährlich eine kleine Badereise ermöglichten? Nein verliebt war er nicht in sie, durchaus nicht, aber er hatte sich so gern mit seiner »Vormundin« unterhalten. Vielleicht hatte sie auch jene spitzigen Bemerkungen über ihn nur deshalb gemacht, um nicht in den Verdacht zu kommen, – sie liebe ihn! Ganz gewiß! So wars! So traf er das Richtige! Er braucht ihr also nicht zu zürnen. Nein! jetzt das Geld zurückzufordern, war ihm 94 unmöglich! Er schlich sich wieder die Treppe hinab. Heut gegen abend ist auch noch Zeit, rief er sich zu. So machte er denn einen Spaziergang, studierte die Natur, um sie dann später in ein Kunstwerk zu bannen.   5. Gegen Abend saß der Rechtsanwalt Wilhelm Meyer in seinem breiten Lehnsessel direkt vorm Fenster, das den Ausblick bot auf den kleinen Garten des Körnschen Hauses. Er sah von seiner Münzensammlung, deren Kästen vor ihm am Fenster standen, mit trüber Miene empor. Die römischen Kaiserköpfe auf den Kupfer- oder Silbermünzen fesselten ihn nicht länger. Es kam ihm allmälich vor, als grinsten ihn die toten Metallgesichter höhnisch an. Sein rundes, dickes Gesicht legte sich in sorgenvolle Falten, seine sonst so joviale, von lustigen ›Krähenfüßchen‹ umzirkten Augen blickten melancholisch hinüber auf die gelb und gelber sich färbenden Bäume des Hausgartens. Es ging schon auf sechs Uhr. Die Dampfröhre an der linken Seite der großen Druckerei verpustete allgemach, immer langsamer kamen die sterbenden Töne, pft! pft! – jetzt stand das Herz der Maschine still. Die Setzer, deren Blusen blau verschwommen durch die breiten Glasscheiben schimmerten, verschwanden allmälich; öd stierten die finstern Scheiben über die Mauer des Gärtchens. 95 Dem Anwalt kam das Gebäude jetzt in der Abenddämmerung vor wie ein grinsender Totenschädel mit seinen hohlen, leeren Augenhöhlen. Am großen Wohnhaus blinkten in den Fenstern fröhlich rotgoldene Lichtpünktchen auf. Er sah die Küchenmädchen hinter den Abgußsteinen stehen oder sich rasch bewegen. In den engen Hof rollte jetzt, von zwei hemdärmeligen Metzgerburschen geschoben, der gelbe Metzgerkarren, aus dessen Segeltuchüberwurf die weißen Schweinsbeine heraushingen. Die stämmigen Bursche luden die Schweinshälften auf die mächtigen Schultern und trugen sie nach der Wurstküche. Jetzt kamen sie aus dem Anbau wieder zurück, sie schäkerten mit den Dienstmädchen, neckten sich, balgten sich. Wie peinlich den Anwalt heute dieses lockere Treiben berührte. Aus jeder Lachsalve, die gedämpft durchs geschlossene Fenster herüberwehte, klang ihm ein Vorwurf ins Herz. Die Dampfröhre hatte, als sie vorhin noch ihre Wolken ausstieß, ihm voll Verachtung zugepustet: »pfui! pfui! pfui!« Als der Pfiff der Maschine den Schluß der Arbeitszeit verkündet hatte, wars dem Gemütskranken gewesen, als pfeife die ehrliche Welt ihn aus, stoße ihn aus, den Schurken! sein ganzes Leben war eine ausgepfiffene Komödie! Jeder Laut erschreckte ihn. Wenn draußen auf dem Hausgang seine Frau oder das Dienstmädchen vorüber eilte, erbebte er; wenn ein Blatt vom Tisch fiel, sah er erschrocken um, nach der Türe; wenn draußen die Klingel ertönte, erbleichte er. 96 Waren es Schutzleute? Unsinn! so weit wars ja nicht. Otto Grüner wußte ja noch garnichts davon! wie konnte er also die Gerichte in Bewegung setzen? Aber dem von Gewissensbissen Zerquälten schien zuweilen das Unmögliche das Wahrscheinlichste. Nun stand der wohlbeleibte kleine Mann auf. Nervös hüstelnd ging er einmal schwerfällig durchs Zimmer; die fetten Hände fingerten zu beiden Seiten seines grauen Schlafrocks nervös hin und her. Neben dem eisernen Ofen stand der stählerne Geldschrank. Er drückte auf die Feder, die gepanzerte Tür sprang auf. Mechanisch griff er nach der Stelle, wo früher ein stattliches Paket Staatspapiere geruht hatte, – nichts! nichts mehr war davon zu sehen! Aber statt der knisternden Papiere – griff die zitternde Hand ein kleines, glänzendes Metallinstrument. Die Pfandbriefe hatten sich in eine seltsame Kostbarkeit verwandelt, in den Schlüssel, um aus diesem Drang des Irdischen zu entstehen, – in einen kleinen, netten Revolver. Der bleiche Mann betrachtete das zierlich gearbeitete Werkzeug. Er malte sich aus wie das sein mußte, wenn man das Ding an die Schläfe setzte . . . Er tat es. Jetzt bedurfte es nur eines harmlosen Fingerdrucks und – die irdische Gerechtigkeit konnte ihm nichts mehr anhaben. Er hörte nicht mehr die Flüche des Beraubten, die Vorwürfe seiner Frau! Ruhe, süße Ruhe umdämmerte dann sein brennendes Hirn. Oder nicht? Begann von da ab . . . vielleicht . . . ein neues Drangsal? Gerade als er, wie zur Probe, den Revolver an die Schläfe drückte ward still die Tür geöffnet. Nata 97 trat in ihrer sinnenden, ein wenig verdrossenen Weise herein und sah gerade noch zu ihrer größten Bestürzung, wie ihr Vater die blinkende Waffe in den Kassenschrank warf. Eine andere Tochter hätte wohl gefragt: »Wie? du hast einen Revolver?« Natalie aber tat dies nicht. Sie schritt mit weit aufgerissenen Augen auf ihren Vater zu, der eigentümlich vor sich hinlächelte, gleichsam beschämt. »Noch ne alte Leidenschaft aus meiner Studentenzeit,« sagte er in möglichst jovialem Ton. »Für schöne Waffen hab ich ne verfluchte Schwäche, hätt eigentlich Offizier oder Förster werden sollen. Juristerei hat mir nie Freud gemacht. – Nu, Kind, und du?« sprang er hastig auf ein anderes Thema über. »Und du?« Er wußte nicht, was er hinzusetzen sollte. Sie hatte sich zärtlich an den Vater geschmiegt und blickte ihm mit ihren großen schönen Kinderaugen geheimnisvoll fragend ins bleiche Gesicht. Sie hatte schon seit Wochen mit dem mystischen Ahnungsvermögen einer reinen Kindesseele gefühlt, daß im Innern des Vaters eine Veränderung vorgegangen war. Deshalb blickte sie ihn auch jetzt so dringend um Antwort heischend an. Ihm war, als bliebe ihr nichts in ihm verborgen. Er konnte ihren tiefeindringenden Blick nicht vertragen, er wendete sich ab, setzte sich auf seinen Strohsessel und bedeckte die feucht werdenden Augen mit der Hand. »Meine Augen werden immer schlechter,« klagte er. 98 »Nicht wahr, lieber Papa,« flüsterte sie, »du hast in letzter Zeit viel Unangenehmes erlebt?« »Das bleibt keinem Geschäftsmann erspart, liebes Kind,« sagte er. »Ja,« fuhr sie mit zitternder Stimme fort, »ich hab auch schon daran gedacht, mich selbständig durch die Welt zu bringen.« »Wie kommst du auf den Gedanken!« tadelte er. »Das hast du nicht nötig.« »Aber trotzdem!« versetzte sie; »es ist besser so! Ich trete aus der Schule und will etwas verdienen. Ich hab schon etwas!« »Wie? Was hast du?« »Ich hab mit dem Vorstand des Maschinenschreibbureaus Eigner gesprochen; dort kann ich in drei Tagen eintreten.« »Aber hör mal!« entfuhrs ihm; »so selbständig handelst du? ohne etwas zu sagen?« Sie umschlang zärtlich seine Schultern. »Ja,« sagte sie mit ruhiger Bestimmtheit. »Ich war gewiß stets eine gehorsame Tochter und wenn ich so still hinter eurem Rücken Schritte getan habe, um mir mein Brod selbst zu verdienen, hat das seine besonderen Gründe. Du kannst das nur loben, lieber Papa. Du weißt, ich bin in allen schriftlichen Arbeiten tüchtig; ich hab mich in der Stenographie und Maschinenschrift ausgebildet. Ich bekomme dafür in dem Büro täglich eine Mark und achtzig Pfennig. Übrigens hab ich noch einen Plan, – davon erfahrt ihr aber bis jetzt nichts!« Sie lachte leise vor sich hin. 99 »Du bist ein Teufelsmädel!« sagte der Vater gerührt, und küßte sie. »Du erlaubsts also?« »Frag die Mama.« »Hab ich schon!« »Nun – und?« »Die lobt meinen Entschluß.« »Dann hab auch ich nichts dagegen.« Sie umarmte mit ungewohnter Heftigkeit den Papa und eilte dann hinaus, um die Mutter zu benachrichtigen. Nun lauschte der Anwalt auf die Stimmen der beiden Wesen, die ihn allein noch an dies verhaßte Leben fesselten. Ja, die Stimme seines koketten Weibchens hielt ihn fest am Irdischen. Wer weiß . . . .? Sie liebte ihn; vielleicht, wenn sie Alles wußte . . . wenn sie wußte, daß er ihr zu lieb zum Verbrecher geworden . . . vielleicht verzieh sie ihm dann! Und er brauchte ja nichts weiter, nur ihre Verzeihung. Was sonst die Welt von ihm denken werde, das war ihm gleichgiltig, wenn nur sie, sein kleines Vögelchen, sein Püppchen einsah, daß er aus Liebe gefehlt, daß er ihr das Leben so gern verschönert hätte, daß er den ersten verhängnisvollen Griff in das Eigentum seines Mündels getan, um ihr, nach ihrer schweren Krankheit, das Leben zu retten durch einen Winteraufenthalt an der Riviera. Und Otto? O Gott! Der mußte ja Mitleid mit ihm haben. Er bewunderte ja auch seine Emilie; er mußte doch einsehen, daß man einem solchen 100 Kind jedes, auch das teuerste Spielzeug kauft, daß man ihm jedes Opfer bringt, daß man an der Seite eines solchen Engels das Leben genießen muß, daß man ein solch entzückendes Wesen nicht sterben lassen darf. Und Nata? Wie würde sie es vertragen, wenn sie ihren Vater als Betrüger gebrandmarkt sähe? Nein! so weit durfte es nie kommen! Wenn Otto Strafantrag stellen sollte, – dann fort aus dieser Welt! Dann wollte er nie mehr in jene vier Augen sehen, selbst wenn sie ihn verstanden und ihm seinen Fehltritt verzeihen würden. Dann wars ihm wieder, als müsse er dem kalten, harten Stahl des Schranks noch ein paar Papiere erpressen können! . . . Der Kassenschrank kam ihm jetzt so unbarmherzig vor; er war im grausamen Einverständnis mit der Börse. Alles, alles hatte sie verschlungen; jede Spekulation war fehl geschlagen, durch die er den Verlust wieder zu decken gesucht, . . . bis nichts mehr da war. An einem Tag hatte er in Serbischen Papieren zehntausend Mark verloren. Wenn er nur wenigstens dem Maler seine Idee ein Haus zu kaufen ausreden könnte! Die Zinsen des Kapitals waren ja noch aufzutreiben, und vielleicht in einem oder zwei Jahren kam er wieder durch einen Glücksfall zu Geld. Vielleicht hatte Otto bis dahin Glück mit einem Gemälde? Dann fragte der leichtsinnige Künstler wohl gar nicht mehr nach dem kleinen Kapital. Der bleiche Anwalt hatte den metallenen Schrank 101 wieder geschlossen. Es klopfte an die Zimmertüre. »Willy, darf ich hinein?« »Gewiß, lieber Goldfisch!« Seine Emilie huschte ins Zimmer. Ihre weichen, an feine, zerbrechliche Conditorwaren erinnernden Glieder schwammen in einem weißen, weiten, von Spitzenwolken umwogten Hauskleid. »Venus, wie sie dem duftenden Schaum entsteigt!« lächelte der um fast zwanzig Jahre ältere Gatte. Über ihr elfenbeinzartes Gesichtchen, über die rosigen Lippen, flog ein herzliches Lächeln. Ein berückender girrender Zärtlichkeitslaut entquoll ihren feinen Lippen. Dann schmiegte sie sich an ihn: »Immer hast du eine Schmeichelei bereit!« hauchte dieser niedliche Mund. O Gott! Daß eine so bezaubernde junge Rosenelfe ihn den alten häßlichen Bären liebte! War es denn denkbar? Sein jovialer Humor hatte sie ihm erobert; sie gehörte zu den Frauen, die das gesetzte Alter der leichtfüßigen Jugend vorziehen. »Wir brauchen wieder Kohlen, Männchen,« sagte sie, »gleich dreißig Zentner; und Wein, auch Wein!« »Soll angeschafft werden. Hier hast du mal einstweilen fünfzig Mark.« Wie reizend ihre weiche Nasenspitze beim Sprechen sich bewegte, welch süßes Schmachten in der Art lag, mit der sie sich jetzt auf seine Schultern stützte. Und wieder der behaglich-girrende Zärtlichkeitslaut. »Ah, hast du eine neue Münze?« fragte sie dann, indem sie sehr schlau ein großes Interesse für die 102 alten, grünspanüberzogenen Kupferstücke heuchelte, die ihr eigentlich ein Greuel waren. »Ja – hier! eine seltene, goldene, aus Byzanz!« erklärte er. »Schau, die scharfe Prägung . . . wie frisch aus der Münze . . . Ist tausend Jahr alt!« »Sehr schön,« lobte sie zerstreut und blickte dabei nach dem Hausgarten. »Mein Gott! hör nur, wie Eduard da unten wieder das Klavier malträtiert! Da spielt er jetzt schon seit einer Stunde die Stelle aus der Cismoll-Sonate; immer dieselbe Stelle! Das ist zum Rasendwerden.« »Ja,« erwiderte der Anwalt, »ich begreif den Direktor nicht. Wie kann er den Sohn Musiker werden lassen! Und ich glaub, – da zanken sie schon wieder?« Man hörte die donnernde Kommandostimme des Direktors von unten durch den Fußboden dumpf heraufgrollen; jetzt wurde eine Türe dröhnend ins Schloß geworfen, dann verlor sich das Stimmengewirr in der Ferne. »Schrecklich!« flüsterte Emilie. »Ist das ein Eheleben! so gebildete Leute und können sich garnicht vertragen. Wie schön haben wirs doch dagegen, Willy, he? Bei uns fällt doch kein böses Wort.« Wieder jener rührende Zärtlichkeitshauch. Über des Anwalts gutes, bleiches, dickes Gesicht flog ein gequälter ängstlicher Zug. Er dachte an die Zukunft, an die Katastrophe, die wie ein fernes Gewitter am Horizont seines Lebens schwarz herauf dämmerte. 103 »O da leben wir freilich anders!« sagte er. »So bleibt es auch hoffentlich zwischen uns, wie?« »Warum sollts anders werden?« lächelte sie. «Sind wir nicht glücklich? Ist Nata nicht ein prächtiges Kind? denk dir, sie will ihr Brot selbständig verdienen.« »Sie hat mirs eben gesagt,« bemerkte er kleinlaut. »Ich halte den Gedanken für sehr vernünftig,« setzte sie hinzu; »man kann ja im Leben nie wissen, was an einen herankommt. Wenn sie auf eigenen Füßen stehen kann, desto besser! Besser als wenn sie sich auf den Mannfang begeben müßte. Heutzutage gehen die Männer nicht mehr so eifrig in die Netze.« Ihr Gatte seufzte auf. Sie fuhr schäkernd fort: »O, was macht mein Männchen auf einmal für ne trübe Miene? Bildest du dir wirklich ein, ich könnt mal zum keifenden Weib werden? ha! ha!« Sie hatte ein eigenes behaglich-inniges Lachen, bei dem ihr ganzes kleines Körperchen, wie von einem süßen Krampf des Wohlbefindens geschüttelt, mitlachte. Ihr Gesichtchen zerschmolz dabei ordentlich in Wonne. O, dachte der berückte Gatte, wenn sich nur dies herzerquickende Lachen nie verwandelt in Weinen! Von einem plötzlichen inneren Drang fortgerissen, fragte er leise: »Emilchen?« »Wie?« »Wirst du mich auch immer lieb haben?« »Lieb haben? Wie kommst du Närrchen auf so dumme Fragen?« 104 »Nun, ich mein . . . Weißt du im Leben treten oft schwere Prüfungen an einen heran. Denk dir . . . ich . . . ich würd von einer schweren Krankheit heimgesucht . . . Nein! das mein ich nicht,« korrigierte er sich, als sich ihre Miene ängstlich trübte, »es würd irgend etwas . . . etwas Dunkles zwischen uns treten?« Er brachte es nicht über sich, das Wort, das ihm auf den Lippen schwebte, auszusprechen; sie begriff ihn daher auch nicht. »Etwas Dunkles zwischen uns treten?« fragte sie. »Ja, irgend ein Unheil,« fuhr er fort. »Denk dir, ich würde erwerbsunfähig . . .« »Wie kannst du nur so dumm daher reden, Willy,« tadelte sie, ihn am Ohrläppchen zupfend. »Ich denk, eine richtige Frau soll ihren Mann nie verlassen?« Der Anwalt seufzte. »Was bist du nur so sonderbar,« fuhr sie fort, sich an ihn schmiegend, »so hab ich dich nie gesehen. Du mußt dich mal ausspannen, eine Reise machen. Wart mal, ich will das Licht aufdrehen. Dein Gemüt braucht Licht.« Gleich darauf übergoß der elektrische Kronleuchter ihr pikantes, elfenbeingelbliches Gesichtchen mit der dichten schwarzen, tief in die Stirne herein wuchtenden Haarkrone. Er wagte nicht, sie weiter auf die Probe zu stellen; nur an seinem gedrückten Benehmen ließ er sie erraten, daß Unheimliches in ihm vorging. Doch legte die Harmlose die Verstimmung ganz falsch aus. 105 »Ich glaub du bist unzufrieden mit mir?« begann sie zögernd. »Mit dir? wie so?« »Nun . . . ich habs neulich bemerkt. Es gefällt dir nicht, daß ich mich mit Otto so viel unterhalte.« »O, im Gegenteil!« »Mein Gott, er kommt auch gar so oft. Und ich kann ihn doch nicht hinauswerfen? Ich kann ihn auch gut leiden; er bringt mir manche Kenntnisse in der Malerei bei . . . Obwohl mir viele seiner Eigenheiten unausstehlich sind, ja! einfach unausstehlich! Er ist stets so schlumpig angezogen, oft gar nicht richtig gekämmt; er wechselt die Unterkleider so selten, führt oft so gar frivole Atelier- und Modellgespräche. Aber, du weißt, ich muß da gute Miene zum bösen Spiel machen.« »Unterhalt dich nur recht gut mit ihm,« unterbrach sie ihr Mann. »Dagegen hab ich garnichts. Aber sobald er darauf zu reden kommt, er wolle sein Geld zurücknehmen, wende deine ganze Beredsamkeit auf . . .« »Daß ers dir zur Verwaltung läßt?« fragte sie. »Ja, weißt du, gerade die Sache ist mir etwas peinlich. Er fing vorgestern schon wieder leise davon an.« »So? wieder?« »Er läßt sich nicht davon abbringen. Er will sich ein Häuschen kaufen in . . .« »Das darf er eben nicht.« Er hatte diese Worte so bestimmt herausgeschleudert, daß sie ihn ganz verwundert ansah. 106 »Ja – du kannst ihm das doch schließlich nicht verbieten?« meinte sie. Der Anwalt geriet in nervöse Erregung. »Wenn du ihm gut zuredest, unterläßt ers.« »Diesmal hab ich keinen Einfluß auf ihn.« »Gib dir Müh! Er ist so bestimmbar. Mach ihn auf alle Unannehmlichkeiten eines Hausbesitzers aufmerksam; sag ihm, es sei doch viel beruhigender, wenn das Geld im eisernen Kasten liegt. Er ist wahrhaftig nicht zum Hausbesitzer geschaffen.« »Hab ich ihm schon vorgestellt. Tu ich aber nicht wieder! denn er gerät da jedesmal in einen gereizten Ton. Schließlich, was kann uns an den dreihundert Mark jährlich gelegen sein? Wenn er wieder kommt, gibst du ihm einfach das Geld zurück.« Der Anwalt schritt, nervös hüstelnd, mit den Fingern am Schlafrock nestelnd, im Zimmer hin und her. »Bedenk doch, Kind,« stotterte er, »was das bedeutet. Dreihundert Mark sind schon was! Es wär mir ein schrecklicher Schlag, wenn er das Kapital zurückverlangt. Ich sag dir, . . . das vertrag ich nicht . . .« Sie blickte den Aufgeregten etwas bestürzt an und fragte: »Wie? das erträgst du nicht?« Er fühlte, daß er sich vergessen hatte und suchte einzulenken. »Nun ja!« rief er ganz aufgebracht. »Es kommt mir vor, als . . . als . . . traue er mir nicht . . . Es wirft ein schlechtes Licht auf meine Praxis. Du willst doch jedes Jahr deine kleine Reise machen, 107 gelt? Unsre Tochter kostet viel . . . Kurz es wär ein Schlag für uns, . . . ein sehr unangenehmer Schlag.« »Wir müssen halt ein wenig einfacher leben?« meinte sie kleinlaut. »Bringst du das fertig?« rief er ärgerlich. »Willst du etwas entbehren? Mir kanns recht sein; ich bin bedürfnislos; aber du?« Sie sah schuldbewußt zu Boden. »Aber,« meinte sie betreten, »wenn du dir nur ein bischen mehr Mühe gäbst, in der Praxis . . .« »Ach, Emilie,« unterbrach er sie zornig, »du weißt, daß die Klienten sich nicht herbei kommandieren lassen. Ich bin ohnehin kein guter Verteidiger; ich bin Anwalt geworden, weil mein seliger Papa Advokat war. Eigentlich hab ich immer mehr Lust zur Naturwissenschaft oder zur Altertumswissenschaft in mir gefühlt; die Juristerei ist mir . . . beinah verhaßt. Ja! verhaßt! Ich bin kein Redner! Nu, jetzt ists mal so, – jetzt muß ich mich damit abfinden. Aber sorg du nur dafür, daß Otto sein Kapital in meiner Verwaltung läßt. Da ist schon viel gewonnen . . .« »Ja,« sagte sie leise, »wie soll ich das anfangen?« »Wie du das anfangen sollst?« stieß er gereizt heraus. »Red doch nicht so dumm daher! du hast Einfluß auf ihn; du brauchst nur recht liebenswürdig mit ihm zu reden. Man kann ihn ja um den Finger wickeln! Unter Umständen kannst du auch ein paar Tränen vergießen.« Sie sah ihn an. »Tränen vergießen?« 108 wiederholte sie unwillig. »Nein, zu solchen Mitteln greif ich denn doch nicht, – nie! Wie käm ich dazu?! Wenn er sein Geld durchaus will, soll ers holen!« »Aber man kann doch bitten!« »Betteln?!« rief sie. »Freundschaftlich bitten ist nicht betteln.« »Wenn ich ihm was vorweinen soll?« »Überleg dirs Kind. Du tusts ja mir zu lieb, deiner Tochter zu lieb. Ihr Weiber habt doch so mannigfache Hilfsquellen, das Herz eurer Anbeter zu rühren, – ohne dabei natürlich gewisse Grenzen zu verletzen. Ein klein wenig Schlauheit, weibliche Gefallsucht, vermischt mit der Wirkung auf das Mitleid, die Rührseligkeit . . . Mein Gott! du hast mir gegenüber diese Mittel ja auch schon angewendet, und ich konnt dir ja auch keine Bitte abschlagen.« Sie mußte lachen. »Das ist was ganz anderes!« rief sie errötend. »Gegen den eigenen Mann hat die Frau das Recht alle Verführungs-, Überredungs- und Rührungskünste spielen zu lassen. Aber wie könnt ich Achtung vor dir haben, wenn du . . .« sie stockte. »Du hast mich falsch verstanden!« entschuldigte er sich. »Selbstverständlich würd ichs dir sehr übel nehmen, wenn du zu weit gingst, – auch nur einen kleinen Schritt . . .« Sie mußte wieder lächeln über die großväterliche Art, in der er diese Mahnung erteilte. Sie schmiegte sich an ihn und liebkoste ihn von einem innigen Mitleid hingerissen. Sobald er diesen 109 jovial-philisterhaften Ton anschlug, glaubte sie im Gatten zugleich den Vater zu lieben. »Nun,« sagte sie herzlich, »ich will schon mein Möglichstes tun. Wenn er aber darauf besteht, sein Kapital an sich zu ziehen, mußt dus ihm halt in Gottes Namen geben.« »Was bleibt mir dann anders übrig?« seufzte er verstört. »Wir kommen auch ohne die dreihundert Mark aus!« fuhr sie in ihrer herzlich-geschwätzigen Weise fort, ihm die Wange streichelnd. »Und siehst du, ich gönne eigentlich dem armen Otto sein Häuschen mit dem Atelier. Der elternlose Mensch dauert mich so. Wie ist er als Kind überall herumgestoßen worden, von einer Familie in die andere. Die Nahrung war da oft recht mangelhaft. Seine Erziehung wurde auch vernachlässigt. Hätt er Eltern gehabt, die hätten ihn dazu angehalten, was Ordentliches zu lernen. Er mag ja ein hübsches Talent haben, – aber wie schwer ists als Künstler sich durchzubringen! Sein kleines Kapitälchen ist eigentlich der einzige Notretter für den überdies noch kränklichen Menschen . . .« Dem Anwalt begann bei diesen gutgemeinten Worten zu schwindeln, so daß seine Frau es merkte und den Wankenden bestürzt fragte: »Was hast du denn?« »Ach – nichts!« seufzte er. »Ich leide seit einiger Zeit zuweilen an Schwindelanfällen.« »Du mußt was dagegen tun,« sagte sie besorgt. »Morgen frag ich den Dr. Müller, sobald er zu Körns kommt. Jetzt geh ein wenig herüber,« setzte 110 sie freundlich hinzu, »Kommerzienrat Weihals ist drüben. Hörst du? er spielt.« Man vernahm aus der Ferne mittelmäßiges Klavierspiel. »Ich komme gleich – doch noch Eins!« »Was?« »Hat denn Otto Grüner niemals eine leise Neigung für unsere Nata durchblicken lassen?« »Das hast du schon einmal gefragt. Gott! mir wäre das ja auch ganz lieb. Otto ist ein guter Mensch. Aber, wahrhaftig, – leider – ich glaub, Nata hat eher eine Abneigung gegen ihn.« »Bearbeite sie ein wenig,« wendete er ein, »eine Mutter vermag so viel über das Herz ihrer Tochter.« »Nun – ich will mir Mühe geben.« »Es wäre die beste Lösung!« stieß er heraus, setzte aber gleich hinzu, »wollt sagen: dann blieb das Vermögen wo es ist.« »Wir wollen sehen!« versetzte sie. »Geh nur n bischen herüber.« »Ich komme gleich,« sagte der Anwalt mit belegter, rauher Stimme. »Übrigens,« setzte er nach einer Pause hinzu: »wie steht es denn mit dem Kommerzienrat Weihals?« »Wieso?« »Ich meine . . . es kam mir manchmal so vor, als ob . . . Ja als ob er sich für unsere Nata interessierte.« »Um Gotteswillen, Willy, was fällt dir ein!« »Warum? Weihals ist doch ein gutmütiger, ehrenhafter Mensch?« »Vielleicht, obwohl wir darüber gerade keine 111 bestimmten Beweise haben. Aber daß unserer Nata der Kommerzienrat gefallen könnte, das glaubst du doch selbst nicht?« »Warum nicht? Seh ich nicht ein!« »Ach, Willy, sprich kein solches Zeug!« »Auch in diesem Falle kann die Mutter auf das Herz der Tochter einwirken.« »Das werd ich tun! Du weißt doch, daß ich den ungebildeten Weihals nie leiden konnte. Meine Nata würde mir leid tun, wenn . . . Nein ich würde ihr sogar ganz entschieden abraten.« »Aber er spricht doch so gern mit ihr?« »Um Gotteswillen, hör nur auf mit solchen Einfällen! verkaufen wollen wir unser Kind doch nicht?« Sie verließ das Zimmer. Der Anwalt betrachtete noch einmal seine geliebten Münzen, – von denen er sich trennen wollte, für immer. Die Sammlung war 5–600 Mark wert. Das reichte doch für ein paar Monate, um an Otto Zinsen zu zahlen. Seine Frau hatte recht. Das kleine Kapital war der einzige Notanker des kränklichen Menschen und er hatte ihm diesen Notanker aus dem Grund gerissen. Eine tiefe Schwermut überschlich auf einmal die Seele des Anwalts, tiefes Grauen vor seinem Ich, das er so gern anders gestaltet hätte und das doch einmal so blieb wie es war. Und der Betrogene tat ihm unendlich leid. Er sah im Geist das bleiche Gesicht, die starr auf ihn gerichteten Augen des jungen Malers, dem er zuflüstern mußte: »Du hast nichts mehr! Du bist ein Bettler!« Meyer murmelte jetzt mit aschfahlen 112 Lippen diese Worte vor sich hin: »Du . . . hast . . . nichts . . . mehr.« Noch niemals hatte ihn ein so herzzerfleischendes Mitleid mit seinem Opfer gequält, wie jetzt, – er sank wankend in seinen breiten Strohsessel, stützte den Kopf auf den Arm und weinte. Jetzt schallte vom Hausflur herüber das silberhelle Lachen Emiliens. Nein, sagte er sich, wenn du die Wahl hättest, du würdest wieder so handeln! Dies Lachen hat dich bezaubert. Was ist dir Otto Grüner? Um dir dies Lachen zu erhalten, hättest du ein noch viel größeres Verbrechen auf dich laden können. Als nun lustiges Klavierspiel in sein Ohr schallte, lenkten sich seine Gedanken auf den millionenreichen Rudolf Weihals, dem er einst als Anwalt aus einer peinlichen ›Weibergeschichte‹ herausgeholfen. Der hätte so leicht helfen können! was waren dem mehrfachen Millionär die 20,000 Mark? Das war noch ein Rettungsanker! Vielleicht . . . wenn er ihn um das Geld bat? Den Versuch wollte er auf jeden Fall wagen; er konnte ihm ja die Summen verzinsen! Sofort erhob sich Meyer, vertauschte den mausgrauen Hausrock mit einem schwarzen Gehrock und eilte in den Salon. Er hatte seine jovialste Miene aufgesetzt, ein burschikoses Lächeln umspielte seine behaglichen Lippen; die Art wie er den langjährigen Hausfreund empfing, hatte etwas herzgewinnend Weltmännisches. Er war jetzt wieder der alte Burschenschafter, der seine alte Schmißnarbe, die 113 ihm den Mund scheinbar verlängerte, mit Stolz zur Schau trug. Kein Mensch hätte seinen freundlichen Augen die Sorgen angesehen, die in seiner Brust schliefen. Rund und frisch leuchteten seine Wangen und das sauber ausrasierte Kinn aus dem Bart, über der schwarzen Deckkrawatte. Ja, er hatte seine Sorgen auch wirklich vergessen! er verstand es meisterhaft das Leben von der besten Seite zu fassen. Weihals, ein leidenschaftlicher Musiknarr, hatte zu Ehren der jetzt genesenen Frau Rechtsanwalt einen Genesungsmarsch komponiert. Er nannte es nämlich komponieren, wenn er seinem talentvollen Musiklehrer eine schiefe Melodie vorklimperte, die dieser dann aufschreiben und bearbeiten mußte. Auf diese Weise hatte der gänzlich Ungebildete schon ein Ballet komponiert, das auch am königlichen Hoftheater – natürlich nur durch Vermittlung einflußreicher Personen – aufgeführt worden war. Er malte auch ein wenig, – Otto Grüner half ihm dabei. Von Gestalt sah der Kommerzienrat noch um vieles »verfressener« aus als der dicke, kleine Anwalt. Er war eine wahre Riesengestalt mit plumpen, bartlosen, materiellen Zügen. Sein Stiernacken war in zwei fettwulstige Abteilungen geteilt. In seiner Kleidung war er sehr nachlässig. Oft erregte er das stille Lachen seiner Gäste dadurch, daß Knöpfe, die geschlossen sein sollten, an seinem Anzug offen standen. Außer dem Essen hatte er nur noch Sinn für die »Liebe«, Musik und Geld. Richard Wagner und 114 »Papiercher« – um diese beiden Pole drehte sich sein Gespräch. Im Übrigen konnte man ihn fast einen Trottel nennen, den eine brutale Sinnlichkeit von Weib zu Weib trieb. Gegen das männliche Geschlecht war er oft im höchsten Grad beleidigend, pochte auf sein Geld und teilte im Wirtshaus häufig Hiebe aus, die ihm dann Beleidigungsprozesse eintrugen. Einmal konnte ihn sein treuer Meyer nicht mehr vor einer kleinen Gefängnisstrafe retten, als er im angetrunkenen Zustand eine abscheuliche Wirtshausszene verursacht hatte; der Richter nahm an, daß für einen so reichen Mann eine Geldstrafe keine Strafe sei. Und doch war der Millionär im Grunde, wenn man ihn zu behandeln wußte, ein gutmütiger, ja hilfsbereiter Kerl; nur seine Erziehung war vernachlässigt; seine ererbten Millionen hatten ihn verdorben. In letzter Zeit widmete er sich auch dem Automobilsport, um sich gegen herannahende Herzverfettung und Gicht etwas Bewegung zu machen. Jetzt sah er mit wohlwollendem Phlegma auf den kleinen Anwalt, dessen Schmeicheleien und Kriechereien er sich mit bäuerisch vornehm-nachlässigem Schmunzeln gefallen ließ. »Aber Ihr Genesungsmarsch ist reizend, Herr Kommerzienrat! Sie haben sich selbst übertroffen! wie soll ich Ihnen danken?« Emilie verfiel bei diesen Worten wieder in ihren eigentümlichen herzlichen Lachschüttelkrampf, der ihr so reizend stand. Nun hätte der fette Millionenbauer leicht ein paar liebenswürdige Schmeicheleien der Schönheit huldigend zu 115 Füßen legen können; er brachte aber, da er über keinen Funken Esprit verfügte, nur inhaltslose Phrasen heraus. »Ach, Frau Rechtsanwalt,« stotterte er in seinem rohen Dialekt, vor Wonne grinsend, »Sie machen mich ja glücklich durch so ä Lob. Wirklich? gefällt Ihne das bische Klavier-Getrommel?« »Entzückend!« schmeichelte sie, über die Notenblätter streichend. »Ja, ja,« flocht der Anwalt zuvorkommend ein; »da sieht mans wieder. Die Muse ist ein verwöhntes Frauenzimmerchen! Die Muse macht sichs stets da am liebsten behaglich, wo Muße und Gold zu finden ist.« Der fette Kommerzienrat strahlte. Er fing seinen ganz gemeinen Regimentsmarsch auf dem Klavier von Neuem an und rieb dabei seinen breiten Rücken wie ein gestreichelter Kater an der Stuhllehne. »Mein Gott, Frau Rechtsanwalt,« sagte er dabei, in der ölig-pomadigen Klangfarbe seines Dialektes, »Sie brauchen mer net zu danken – Ihr reizend Lache is mer ja schon Danks genug.« Das Dienstmädchen trat ein und stellte ein Teeservice auf den runden Tisch. Der Kommerzienrat redete das frische Mädchen an und sie gab unbeholfen Antwort. Dabei gebrauchte sie, um ja keinen Verstoß gegen die Etikette zu machen, unaufhörlich den Titel ›Herr Kommerzienrat‹. – ›Der Herr Kommerzienrat entschuldigen!‹ ›Der Herr Kommerzienrat wünschen?‹ Kurz, sie begann und schloß jeden Satz mit dem Kommerzienrat und flocht ihn 116 auch noch mitten hinein, so daß es selbst dem Kommerzienrat zuviel ward und er etwas betreten sagte: »Bitte, nur hie und da einmal!« Dieses: Bitte, nur hie und da einmal! ward bald in der Familie zum Sprichwort. Und abermals, als das Mädchen draußen war, erklang der Genesungsmarsch. Herr und Frau Meyer taten, als ob sie immer neu von der trivialen Melodie bezaubert seien. Die gypserne Niobe aber blickte mit Jammermiene vom weißen Porzellanofen herab auf die vom elektrischen Kronleuchter angestrahlten roten Sammetmöbel des eleganten Salons; die arme antike Dame schien über das entsetzliche Klavierspiel in Tränen ausbrechen zu wollen. An der Wand hingen ein par leidlich gute Ölgemälde, die Otto Grüner der Familie gestiftet. »Ach,« brach der eitle Komponist sein affektiertes Spiel ab, »sehn Se, wenns kein Musik gäbe däht, möcht ich gar net auf der Welt sein. Gelte Se, Frau Rechtsanwalt, so gehts Ihne aach?« »Ach ja,« seufzte die Angeredete gutmütig, die wußte, daß Weihals obige Phrase seinem Klavierlehrer nachplapperte. »Nichtwahr . . . Richard Wagner?« »Ach ja! Der göttliche Richard!« flötete rein verklärt der gänzlich ungebildete Weihals, »hören Se nur – so ä Melodieche kann doch kei Annerer mache? he?« Er spielte natürlich den holden Abendstern! Seine selten bleichen Hängewangen zitterten während seines Spiels wie Gallerte; eine 117 widerlich-süßliche Sentimentalität, der man das Erheuchelte ansah, glänzte dabei in seinen gierigen Schweinsäuglein. Nun klopfte es an die Türe, Karl Körn und Otto Grüner traten zusammen ins Zimmer. Der Anwalt erschrak, suchte aber seine Gemütsbewegung unter ausgelassener Jovialität zu verbergen. Der Kommerzienrat erhob sich und trippelte auf die beiden Freunde in seiner sonderbar glitschenden Weise zu, die ihm den Spitznamen »Der Eiertänzer« eingetragen hatte. Von Emilie wurden die Beiden mit jener weichen, innigen Herzlichkeit empfangen, die nur zum kleineren Teil durch ihre Zuckersüßigkeit an die Höflichkeitsmache der Weltdame erinnerte. Es lag auch entschieden echte Liebenswürdigkeit in diesem schmelzenden Entgegenkommen. Nun erschien auch Natalie, die sogleich von Otto und Karl begrüßt wurde. Sie hatte indes heute wieder mal ihre herbtrotzige Laune und nahm die ihr zu Füßen gelegten Huldigungen mit kühler Verdrossenheit in Empfang. Karl flüsterte Otto ins Ohr: »Wunderliches Ding! stolz und eingebildet – auf was nur?« Otto gab leise zurück: »Jungfräulicher Seelenadel!« Beide lachten. Natalie sprach fast kein Wort, obwohl sich auch der Kommerzienrat um sie bemühte. Sie behandelte ihn jedoch fast mit noch größerer Zurückhaltung als die übrigen Personen, so daß ihre Mutter ihr mehrmals Winke geben mußte, sie solle doch liebenswürdiger sein. Dann raffte sie sich einmal ein wenig aus ihrer Versunkenheit auf, um gleich desto 118 8tiefer hinein zu versinken. Endlich fragte sie den Gymnasiasten leise: »Wie steht es denn mit Ihrer neuen Religion?« Der Angeredete fing sofort Feuer, da er merkte, daß sich das Mädchen tatsächlich ernstlich für diese Frage interessierte. »Ich bin wieder zu einer anderen Weltanschauung übergegangen,« begann er leise. »Ich behaupte, Gott ist die Weltphantasie.« »Ach,« warf sie begeistert dazwischen, »ich verstehe wie Sie das meinen.« »Da Gott« fuhr er fort, »zugleich das Vollbringen besitzt, kann er seine Phantasien sofort in Gestalten verwandeln. Die Phantasie des Künstlers ist nur ein schwächlicher Ableger der Gottesphantasie. Gott stellt sich Bilder vor – und sie sind! Wir sind die Traumbilder Gottes. Nach diesem Leben werden wir umgestaltet.« »Und die Tugenden und Laster?« fragte sie gespannt. »Sind auch nur die Träume von Traumbildern.« »O!« flüsterte sie mit glühenden Blicken, »wenn ich reich wäre, ich würde Ihnen behülflich sein, Ihre neue Religion in Wirklichkeit umzusetzen.« »Das wäre herrlich!« meinte er, »wir würden eine Gemeinde ›Die Gottsucher‹ gründen. Eine neue Menschheit sollte daraus hervorgehen!« Indessen wurde der Tee eingeschenkt. Man nahm Platz um den runden Tisch, dessen Tassen, Gläser, Bestecke, wie Eiskrystalle im Glanz der elektrischen Lampen funkelten. Karl geriet jedesmal, sobald er den Kommerzienrat anblickte, in seine mephistophelische Laune. 119 Otto lauschte schmunzelnd auf Karls versteckte Sarkasmen, besann sich dabei krampfhaft, wie er dem Anwalt heute die Vermögensangelegenheit beibringen wollte und rührte, durch diesen komplizierten Seelenzustand ganz in Anspruch genommen, nervös erregt in seiner Teetasse beständig herum. Mechanisch nahm er die Zuckerdose und warf in seiner Nervenaufregung ganz allmählich soviel Zuckerstückchen in die Tasse, daß bald ein weißer Zuckerberg aus der bräunlichen Flüssigkeit emporragte. Erschrocken trank er die Tasse aus, goß dann aber gleich wieder neuen Tee zu, damit man den Zuckerberg nicht bemerken sollte, der nur sehr langsam zerschmolz. Ebenfalls in Folge seiner innerlichen Benommenheit aß er fortwährend ein belegtes Brötchen nach dem andern, so daß ihm sein Freund leise Vorhaltungen machte. Der Maler erwiderte in seiner burlesken Art: bei ihm äußere sich Gemütskampf nicht wie bei andern Menschen durch Appetitlosigkeit, sondern durch eine unüberwindliche Freßgier. Später bat Weihals den sehr musikalischen Karl, er möge doch eine schöne Stelle aus dem Tristan spielen. Karl setzte sich willig ans Klavier und spielte eine sentimentale Arie aus Gounods Faust. Der Kommerzienrat ging in die Falle und bewunderte die Tristanmusik. Als ihn der Oberprimaner aufklärte, meinte er: »No, no, – das is auch ä schön Musik, der Faust! Aber aus dem anneren Faust von Göthee mach ich mer nix; das is langweilig Zeug.« 120 Karl lachte. »Sie sind wenigstens ehrlich,« meinte er. »Merkwürdig, daß Sies bei solcher Ehrlichkeit doch zum Millionär gebracht haben.« »Na, wisse Se,« lachte Weihals stolz, »daran bin ich am wenigsten schuld. Mein Vater war ä einfacher Bauer; mir hatte daheim in der Pfalz – net hier! – unser kleines Gut. Dann gings so: Die klein Gemeind hat einen großen Bauplatz belasse, sie wollt awer net die Steuer von sechzig Mark drauf zahle; da hat mei guter Vater den Bauplatz für n Trumpel an sich gebracht. Nachher ging die Bahn mitte durch den Platz! Was sage Se zu so me Geschäftche? So hat er noch mehr gemacht.« »Aha«, sagte Karl, »da haben Sie natürlich ein glänzendes Geschäft gemacht. Aber auf welche Art haben Sie denn Ihren Titel ›Kommerzienrat‹ erhalten?« »Wie?« fragte Weihals fast empört, »wisse Se das net?« »Nein.« Natalie errötete, da sie wußte, daß Karl den Sachverhalt genau kannte und nur aus Bosheit ihn noch einmal aus dem Mund des Kommerzienrats hören wollte. Ihr gefiel dieses Aufziehen des Millionärs nicht. Emilie legte sich, um satirische Ausfälle Karls zu verhindern, ins Mittel. »Der Herr Kommerzienrat« sagte sie ehrfurchtsvoll, »ist ein verdienstvoller Mann. Er hat einen großen Bauplatz für ein Waisenhaus der Stadt geschenkt.« »Und dann« setzte Weihals hinzu, »hab ich ja auch 121 noch das Glockenspiel fürs Waisenhaus gestiftet.« »Sehr verdienstvoll!« bemerkte Karl. »Sie haben dabei jedenfalls Ihren Namen gleich an die große Glocke gehängt?« Man lachte. »Ja,« fuhr Karl fort, »heut ists anders als zu Christi Zeit; heut habens die Reichen leicht ins Himmelreich zu kommen. Aber noch verdienstvoller wärs, wenn Sie das Glockenspiel auch selbst zum Spielen brächten! Denken Sie sich, wie Sie vor den Glocken sitzen und: Wie groß ist des Allmächtigen Güte! herunterklimpern.« »Hi, hi,« ging Weihals auf diesen Scherz ein. »Sie sin halt ä groß Talent, Herr Körn, ich hab gehört, daß Sie auch gern so schöne Poesiegedichter mache duhn. Nu wisse Se was? ich wer mal eins von Ihre Poesiegedichter komponieren.« »O eine große Ehr für mich!« versicherte Karl; »wenn das arme Poesiegedicht die Musik nur aushält.« »Dann laß ichs singe,« fuhr der Kommerzienrat fort. »Die Hofopernsängerin Melder singt mers in me Conzert, kost michs was es will. Na, wisse Se, Herr Körn, ich duh die Kunst überhaupts gern unnerstütze. Soll mer auch net auf ä Reis für Sie nach Idallie ankomme.« »Wie? Sie wollen mich nach Italien schicken?« fragte Karl freudig erregt. »Warum net?« begann Weihals wieder, der sehr gerne versprach , was er nie zu halten gedachte. »Mache Se nur erst Ihr Examen. So ä 122 Reis nach Idallien soll ja für die Herren Bücherschreiber sehr bildend sei?« »Gewiß,« fiel ihm hier Emilie lächelnd ins Wort; »denken Sie nur an Göthe!« »So?« meinte der Kommerzienrat, »war der auch in Idallie?« »Und wie!« bestätigte Karl. »Aber waren Sie, ein so reicher Mann, noch nicht dort?« »Freilich war ich dort,« bemerkte Weihals mit verdrießlichem Gesicht, »awwer, wisse Se, auf mich hat dös Idallie gar net bildend gewirkt. Ich hab nur Ärger davon gehabt.« »Wie so? Ärger?« »Ja – gehn Se mer wegg mit dem Idallie! Was hab ich von de alte Bilder? mich bilde die garnet. Lauter Heilige, hie und da ä Venus, awer was haw ich von nor gemalte , wenn se aach noch so schee sind? he? Mich interessiern nur die lewendige.« »Sie hätten sich halt dort auch eine lebendige Venus anschaffen müssen,« meinte Otto. »Gehn Se mer wegg! bei der Hitz vergeht eim die Lieb, wisse Se. Am Dag bringt eim die Hitz um, un in der Nacht im Bett steche eim die Eskimos.« »Eskimos?« fragte Karl lachend. »Sie meinen wohl Moskitos!« erkundigte sich Otto. Alle unterdrückten ein Gelächter. Die Frau Rechtsanwalt mußte rasch aufstehen, um ihren Lachkrampf zu verbergen. Otto ließ einen vernehmlichen ›Quitscher‹ durch die aufeinandergepreßten Lippen entwischen und rührte eifriger 123 als zuvor in seiner Teetasse. Nur Natalie blieb ernsthaft. Sie bedauerte den armen reichen Mann, der sich so viele hohe Genüsse hätte verschaffen können. »Ja, Gott weiß, wie däs Deifelszeig heißt,« entschuldigte sich der reiche Mann. »Awer . . . s ist Zeit . . . ich muß ins Theater!« setzte er etwas verlegen hinzu. »Sie müssen ?« fragte Karl. »Ja – wie will ma dann sei Zeit rum bringe? Ich weiß so wie so net, wie ich den Dag rum bringe soll; s is ä wahres Elend; ma kann doch auch net den ganze Dag komponieren?« »Sie sollten etwas lesen.« »Ach, gehn Se mer wegg mit dene Romane. Alles verstunke un verloge Zeig; s Theater geht noch am erste an; – da sieht ma doch ä paar hübsche Weibsleut, kann a bische Musik höre un dazwische durch auch ämal ä Nickerche duh. Ja, ja, –wenn die Lieb net wär un die Musik, mächt ich net lewe.« Er war entschieden über das unterdrückte Lachen ein wenig verstimmt. Sein bleiches, kaltes Gesicht schwoll vor Grimm ordentlich noch dicker auf, als es schon war. Karl nannte es immer ›das richtige Ohrfeigengesicht‹. So breite fette Hängewangen, die ordentlich die Hand elektrisch anziehen und anreizen, sich im Schlag von der magnetischen Spannung zu befreien. So gemeinsinnliche Nero-Lippen, die man mit dem Stiefelabsatz noch breiter treten möchte. Überhaupt ganz der richtige Nero-Typus: die 124 plump-massige Gestalt, die tiefliegenden grausamen Augen, die wollüstig wulstige Stirn mit dem schwammigen Stiernacken. »So,« sagte er, seinen Überzieher anziehend, »Jeder kann net gebüldet sei; ich brauchs auch net.« Frau Emilie tröstete ihn: »Die Herzensbildung ist die Hauptsache.« »Da hawe Se recht,« meinte er gutmütig;»s Herz is die Hauptsach am Mensch, un das sitzt bei mir am richtige Fleck.« Der Anwalt brachte es fertig, den Kommerzienrat noch, ehe er sich verabschiedete, in sein Studierzimmer zu locken, unter dem Vorwand ihm eine seiner seltensten Münzen zu zeigen. Kaum hatte er ihn im Zimmer, so sagte er, seine Erregung beherrschend: »Herr Kommerzienrat, ich muß Ihnen gestehen, daß die Ratschläge, die Sie mir betreffs Bodenspekulationen gegeben, durchaus verkehrt waren.« »Wie so?« fragte Weihals gelangweilt und verstimmt. »Ja – sie rieten mir Griechen zu kaufen, – diese sanken. Sie rieten mir Spanier zu kaufen, –sie sanken. Ebenso, ja noch schlimmer, gings mit den Portugiesen . . .« »Ja – da steckt mer net drin! Ich bin net allwissend, hab auch verlore durch die verdammte Portugiese. Die ganze Stadt hat verloren! ma könnt die ganze Stadt pflastern mit Portugiese. Die Bank hat sich blamiert.« »Ich dacht, so ein reicher Mann wie Sie verstehe 125 was vom Börsengeschäft. Ihr bester Freund ist der Bankdirektor Fuchs, der gab Ihnen doch sonst die besten Ratschläge?« »Fuchs hat auch an die verdammte Portugiese verloren.« »Ja, das ist mir aber sehr unangenehm.« »Na – den Bankdirektor brauche Se net zu bedauern.« »Nein – für mich ist das sehr schmerzlich – ich hab fast all mein Hab und Gut eingebüßt!« »Ich auch, ich auch!« log Weihals, der schon ahnte, daß Meyer auf einen kleinen Pumpversuch hinaussteuerte. »Ach Sie! ein Millionär!« meinte der Anwalt bitter lächelnd. »Hab aber net das geringste flüssige Geld,« log der geizige Millionär darauf los. »Ach, wer Ihnen das glaubt,« lachte der Anwalt. »Bei mir ist das was anderes. Ich muß Ihnen gestehen, ich . . . bin direkt in Geldverlegenheit . . .« »Ich auch, ich auch!« »Ach – das glaubt Ihnen kein Mensch!« »Ob Sie mir das glauben oder net, – so ists! Ich werd sehr überschätzt!« »O, o,« seufzte der Anwalt leise, »ich hatte darauf gehofft, keine Fehlbitte zu tun . . .« »Ach so? Tut mir unendlich leid. Vielleicht im nächsten Jahr eher . . . s geht werklich net, so leid mers tut. Was brauchte Se denn?« »Hm – zwanzigtausend Mark.« Weihals fuhr zurück. 126 »Puhu . . . ein Vermögen!« Der Anwalt sah mit solcher Jammermiene unter sich, daß Weihals mit dem Scharfsinn, den die boshaften Dummen oft gerade in Geldangelegenheiten entfalten, erriet, daß hier ein peinliches Geheimnis in der Seele des Gequälten schlummerte. Das war ihm übrigens gerade recht. ›Es ist etwas im Unglück unserer Freunde, was uns nicht unangenehm ist.‹ Dies Wort hatte für den rohen Weihals tiefere Bedeutung. Er konnte kaum ein leises Schmunzeln auf seinem bleichen, dicken Nerogesicht unterdrücken. Er wußte, daß der Anwalt der Vormund Ottos gewesen war, daß er noch dessen kleines Vermögen verwaltete; er wußte auch, daß dies Vermögen gerade ebensoviel betrug. Nun sah er dem finster zu Boden starrenden Anwalt prüfend ins Gesicht . . . Ein böser Gedanke blitzte dem selbstsüchtigen Genußmenschen durchs Hirn. An der Wand, überm Sopha hing das von Ottos Hand gemalte Bild Emiliens. Dies reizende Gesichtchen mit seinen frischen Farben hatte es dem Weibersüchtling schon längst angetan. Zwanzigtausend Mark? eine große Summe, selbst für einen mehrfachen Millionär . . . Aber für das? für die Liebe einer solchen lebendigen Venus? Wer wußte . . .! Wie reizend, wenn er sie zur ständigen Geliebten hätte haben können! Wer läßt sich heutzutage nicht kaufen? Die größten Ehrenmänner beugen sich ja schmeichelnd vorm Geldschrank. Religion, Kunst, Wissenschaft, – pah! alle laufen der goldspendenden Fortuna nach. Für Gold kann der 127 Reiche ja alles haben . . . Emilie schien so kokett, so frei in ihren Ansichten über die Liebe, so ganz modern . . . »Na,« platzte der Millionär heraus, »ich will mirs mal überlegen. Muß mal Abrechnung halten . . . Ich glaub zwar net, daß ichs mache kann . . . aber ich täts so gern, . . . für Sie . . . für Ihre liebe Frau . . .« »Um Gotteswillen!« seufzte der Anwalt. »Meine Frau darf davon nichts wissen!« »Warum net?« fragte Weihals. »Ich meine gerade . . .« »Nein – um Gotteswillen nicht! sie darf keine Ahnung haben.« »Ach so. No wie Sie wollen. Ich glaub doch, ich kanns net. Nein! Zwanzigtausend, däs ist zu viel. No – tut mir leid. Lebe Se wohl! . . . Wir sprechen vielleicht noch änmal darüber.« Er verabschiedete sich hastig und bestieg unten sein bereitstehendes Automobil, das der Anwalt bis in sein Arbeitszimmer heraus schnaufen hörte. – Natalie hatte nach dem Weggang des Millionenbauers Karl Vorwürfe gemacht, daß er diesen so gehänselt habe. »Die Dummheit ist heilig,« sagte sie, »man soll nie über sie spotten. Sie ist die geheimnisvollste Gabe Gottes.« Karl blickte das Mädchen ganz verwundert an. »Sie werden ja zur wahren Pythia,« sagte er bestürzt. »Wieso?« 128 »Weil in Ihrem Ausspruch weit mehr steckt als Sie ahnen. Haben Sie oft so geniale Momente?« Natalie platzte heraus vor Lachen: »Ach Sie wollen über mich spotten?« »Nein,« rief Karl, ganz begeistert. »Ihr Ausspruch entzückt mich deshalb so sehr, weil ich selbst schon beobachtet habe, daß in der echten, rechten Dummheit etwas Mystisches enthalten ist. Die Dummheit steht viel tiefer und inniger mit dem Allgeist telephonisch in Verbindung, als die Gescheitheit. Sie berührt sich daher mit dem Genie. Ja! Genie und Dummheit sind ganz nahe verwandt.« »Deshalb,« sagte Natalie, »ist auch der weibliche Intellekt dem männlichen im Ahnen des Übernatürlichen weit überlegen. Das wußten die alte Germanen. Wir stehen den Geheimnissen der Natur näher, als der Mann.« »Fräulein Natalie,« versetzte Karl, »wir müssen uns manchmal miteinander unterhalten. Ich entdecke ungeahnte Talente an Ihnen. Was aber diesen Weihals anbelangt, so fürchte ich seine Rachsucht.« »O nein,« meinte Nata, »boshaft ist er nicht.« Beide waren aufgestanden und hatten sich ans Klavier zurückgezogen. Karl begann zu spielen. Sie lauschte. »Ist es wahr,« fragte er, »daß Sie sich durch Maschinenschriftarbeiten selbständig machen?« Sie bejahte errötend. Er lobte sie. Otto hatte indeß der Frau Rechtsanwalt in seiner 129 humoristischen Weise allerlei Künstlerabenteuer erzählt, wobei er stets tüchtig übertrieb und aufschnitt. Er bediente sich dabei eines hanswurstartig-possirlichen Dialekts, sagte z. B. ›mirkwürdig‹ ›unglooblich,‹ – kurz verdrehte die Worte zu wahren Ungeheuern. Er brachte es aber an diesem Abend, obwohl ihn Karl leise dazu animirte, nicht übers Herz, sein Anliegen vorzubringen. Als dann der Anwalt in gedrückter Stimmung wieder ins Zimmer trat, wußte er sehr geschickt das Gespräch von diesem wunden Punkt abzulenken, sodaß Otto nicht zum Ziel kam. Endlich mußten beide Freunde sich verabschieden. Auf der Treppe tadelte Karl den Kameraden heftig. »Du bekommst nie dein Geld, du wirst ewig unmündig bleiben.« »Morgen geh ich bestimmt hier her!« versetzte Otto in komischer Verzweiflung. »Direkt moorgen! moorgen!« »Was? Mohrchen?« »Ich bin n Schlappsack, n Esel, n Rindvieh, n gutmütiges Kameel mit nem roten Hals un ner Weisheitsglatz. Weißt – ich bin zu gut for so ne bösi Welt! Aber mit unfehlbarer Sicherheit –: moorgen schieß ich ins Zentrum!« Er drehte und wand sich in seiner burlesken Weise die Treppe hinab und stürmte davon. Karl fühlte durch seinen barocken Humor einen tiefen Schmerz zittern; er erriet, was dem sonst Energischen hier die Waffe raubte, – – Emiliens Liebreiz! 130   6. Als Karl heute um halb ein Uhr nach Haus kam, hatte es wieder einen dramatischen ehelich-pädagogischen Auftritt gegeben. Der Vater raste durch die Zimmer, weil das Essen noch nicht fertig war. Die Frau Direktor hatte sich wieder mal mehr in ihre Götheforschungen als in ihre Kochtöpfe versenkt. Dazu kam noch, daß Herr Kantor Mangsilber, der Dirigent der Liedertafel, den Herrn Direktor inständigst gebeten hatte, er möge doch seiner besseren Ehehälfte einen möglichst deutlichen Wink geben, damit sie ihm mit ihrem rasirmesserscharfen Diskant nicht bei Aufführung der »Schöpfung« alle andern Stimmen durchschneide! Die Frau Direktor war über diese Zurückweisung ihres nach ihrer Meinung herrlichen Diskant außer sich. »Was?« schrie sie, »ohne mich kann ja die ganze Schöpfung garnicht aufgeführt werden!« Alles Zureden half nichts, der Direktor geriet in Wut. »Meinst du, ich lasse mich durch dich blamieren? Dein Diskant dringt ja durch die übrigen Stimmen wie Vitriol. Du bleibst! du singst unter keinen Umständen mit.« »Dieser Mangsilber,« gab sie zurück, »leidet an Kapellmeistergrößenwahn. Man hat meine Stimme immer gelobt.« » Du leidest an Größenwahn! Man hat dir nicht die Wahrheit gesagt; aus deinem Mund geht ja keine richtige Note.« »Und aus deinem kein wahres Wort.« 131 »Katharina . . . ich vergesse, daß du mein Weib bist! – Das Essen ist auch wieder nicht zur Zeit fertig; ich soll um 2 Uhr in der Schule sein! Das ist jeden Tag so! Du machst mir das Leben zur Hölle!« »Machst du mirs etwa zum Paradies?« erwiderte sie mit jener süffisanten Ruhe, die den Gereizten erst recht aufbringt. »Das Essen ist für dich gut genug.« »Wenn es nur endlich käme!« »Es wird gleich kommen.« »Ich will Ordnung in meinem Haushalt! und du singst nicht im Konzert.« »Ich singe.« »Das wird man sehen!« So weit ging die Sache noch leidlich. Man beruhigte sich auf beiden Seiten. Als aber die Suppe endlich aufgetragen ward und der Direktor mit Würde den silbernen Schöpflöffel in die gelbe Masse tauchte, ereignete sich etwas in den Annalen des Haushaltes noch nicht Dagewesenes. Was zog er heraus? Anfangs glaubten alle, es sei ein etwas zu groß geratener Kloß; bei näherer Besichtigung des Klumpens stellte sich heraus, das es eine Vorhangquaste war, die auf rätselhafte Weise in der Fleischbrühe mitgekocht worden war. Das schlug dem Faß den Boden aus. Erst sank der Direktor vernichtet auf seinen Stuhl. Dann sprang er zitternd vor Wut auf sie zu und zerrte sie heftig am Arm. Eduard, der seine Schmachtlocken zurückstreifend, 132 gerade die gekochte Quaste näher untersuchte, wollte der schreienden Mutter zu Hilfe eilen. »Laß die Mutter los!« rief er dem über sein Eheunglück aufs tiefste empörten, halb sinnlosen Mann zu. Dieser – ganz seinen pädagogischen Grundsätzen zuwider – versetzte seinem ältesten Sohn eine jener Ohrfeigen erster Ordnung, womit er sonst nur bei den ganz kleinen, verkommenen Kaulquabben der Schule Sitte und Zucht zu stützen für notwendig hielt. Dem Sohn flogen die blonden Schmachtlocken ums Gesicht. Er – der Gott! – geohrfeigt? Entrüstet schüttelte er seine Künstlerlöwenmähne, fing den eben zum zweiten Schlag ausholenden Arm des Vaters auf und schrie: »Ich bin nicht mehr dein Schüler!« »Aber leider mein Sohn!« Der Pädagog geriet durch diesen Widerstand in vollkommene Wut. Er packte den Sohn, der ihm ja auch sonst soviel Ärger bereitete, am Hals. Der Gewürgte schrie: »Er bringt mich um!« und fuchtelte windmühlenartig mit den Armen in der Luft herum, die langen Klavierfinger krallenhaft auseinandergespreitzt. Es entstand ein regelrechtes Geräufe, das auch noch nicht aufhörte, als Karl eintrat und starr vor Entsetzen die Kampfszene betrachtete. Der Direktor, der seinem gepreßten Herzen einmal Luft machen wollte, würgte seinem allmählich den Widerstand aufgebenden Eduard so bedenklich, daß Katharina schreiend ihren Karl anflehte, auf die Polizei zu eilen; der Vater bringe den Sohn um! 133 Karl warf seine Schulbücher in eine Ecke. Statt auf die Polizei zu laufen, suchte er die umklammernde Hand des Vaters von der Kehle Eduards zu reißen, der schon ganz blaurot im Gesicht nach Luft schnappte. Endlich ließ die direktorale Riesenschlange von ihrer Beute. Eduard sank halb ohnmächtig auf einen Stuhl. Die gelbe Mähne hing ihm wie ein Vorhang übers niedergebeugte Gesicht herab, so daß ihm einige Strähnen in die halboffenen, nach Luft schnappenden Lippen gerieten. »Ist so was bei gebildeten Menschen erhört?« rief Karl. »Sind wir Neger? Räuber?« Der ganz bleichgewordene Vater sah mit blutunterlaufenen, tränenden Augen keuchend um sich, als wache er aus einem furchtbaren Traum auf. »Wenn man mich so zur Verzweiflung treibt!« stöhnte er. »Entsetzlich! Was für eine Ehe! O! o! es ist nicht mehr zum aushalten! man geht zu Grund!!« Dann wankte er auf sein Studierzimmer, wo er ganz erschöpft, in krampfhaftes Weinen ausbrechend, auf das Sopha sank. In diesem Zustand traf ihn sein Hausarzt, Medizinalrat Dr. Martin Müller, dem er, da dieser in alle Familiengeheimnisse eingeweiht war, mit Tränen in den Augen den ganzen Sachverhalt auseinandersetzte. »Lieber Doktor,« seufzte er, »mein deutsches Pflichtgefühl hat mir mein Lebensglück zerstört, mich zu Grund gerichtet! Ich hätte das Mädchen allerdings nicht heiraten sollen! Jetzt hat man eine 134 halb geisteskranke Frau . . . mit geistig entarteten Kindern . . .« »Was hab ich dir damals schon abgeredet, bester Freund!« sagte mitleidig der Studiengenosse. »Weißt du noch? als sie nach dem Fall auf dem Eis auf einmal von einer solchen Schreibwut befallen ward.« »Ich sehs zu spät ein!« seufzte der Direktor. »Du hast dein ganzes wissenschaftliches Rüstzeug gegen meine dumme Verliebtheit ins Feld geführt.« »Wer aber Verliebten predigt . . .! Weißt du noch, wie wir uns beinahe entzweit hätten? Ich war damals Student und hab den Fall schon ziemlich richtig beurteilt. Jetzt als erfahrener Arzt würd ich ihn noch mit ganz andern wissenschaftlichen Gründen stützen. Na, da läßt sich jetzt weiter nichts mehr machen.« Der festgebaute lebhafte kleine Doktor mit dem hübschen, vom vielen Marschieren geröteten Gesicht, hatte sich gesetzt und nachdenklich den Elfenbeinknopf seines Stockes an die Unterlippe gedrückt, bis diese ganz breit über die Oberlippe hervorragte. »Läßt sich da wirklich nichts machen?« seufzte Körn. »Ich glaube, man geht zu Grund! Man hält das nicht aus!« setzte er pathetisch hinzu. Der Arzt mußte ein Lächeln unterdrücken über die Art wie sich hier echter Schmerz mischte mit hohler Schulmeisterphrase. Körn, der als früheres Wunderkind stets geistig bedeutend erscheinen wollte, fing nun in wohlgesetzter Rede, in geschraubten Wendungen an, sich selbst zu bedauern. »Ich will dir was sagen, Bester,« beruhigte ihn 135 der etwas derbe Medizinalrat, dessen Vater Dorfpfarrer gewesen war. »Das kann freilich so nicht weiter gehen, – das sieht Jeder. Deine Frau wird auch nicht anders. Du hast es ja auf meinen Rat schon mit allerlei Erziehungskünsten versucht, ich weiß! Hat alles nichts genützt; sie ist von ihren Wahnideen nicht abzubringen.« Körn bestätigte das mit stummem Kopfnicken. »Bleibt also nur Eins, um dich zu retten,« fuhr der Arzt besorgt fort. »Du meinst . . .?« »Ja . . . habs schon oft gesagt. Deine Frau muß in eine Anstalt.« »Für immer?« »Wenn notwendig – für immer!« Über Körns Züge zuckte ein kaum merkbarer Zug der Erleichterung; in seinen schwarzen lebhaften Augen blitzte ein freudiger Hoffnungsstrahl auf, er fuhr sich mit der wohlgepflegten Hand von der goldenen Uhrkette nervös nach dem braunen Backenbart. »Das ist auch das einzige Mittel,« fuhr Dr. Müller fort, »um deine Kinder dem unheilvollen Einfluß der Mutter zu entziehen. Dein hochbegabter Karl leidet bereits unter der Nervosität der Mutter. Auch die Nervenleiden haben eine gewisse ansteckende Macht . . .« Körn beugte sinnend den Kopf. »Ja, kannst du es denn auf dein Gewissen nehmen?« begann er leise. »Ist sie tatsächlich geistig so abnorm, daß ihr 136 Leiden die Unterbringung in einer Anstalt entschieden rechtfertigt?« Der Medizinalrat besann sich. »Ja darüber,« sagte er achselzuckend, »kann man freilich verschiedener Meinung sein. Eigentlich geisteskrank ist sie nicht; sie gehört zu der großen Klasse der psychopathisch Minderwertigen.« »Bedenke auch,« mahnte der Direktor, »was die Welt sagen würde, wenn . . . Du verstehst. Meine Stellung als Beamter . . . Es darf doch um Gotteswillen nicht so aussehen, als ob ich sie los sein wollte.« »Ich verstehe. Darüber kannst du dich beruhigen. Wir überreden die arme Frau, sie möge nur für vier bis sechs Wochen zur Erholung ihrer angegriffenen Nerven in eine Anstalt gehen. Dann überlassen wir das Übrige dem dortigen Direktor.« »Das wird das Beste sein,« meinte Körn. »Es wird aber schwere Kämpfe kosten, bis wirs soweit gebracht haben! sie ist sehr mißtrauisch. Die Kinder werden sich auch dagegen sträuben. Den Kampf mit den Kindern fürchte ich sogar am meisten. Die ergreifen stets Partei gegen mich und für die Mutter. Sie halten mich für einen Tyrannen, die Mutter ist ihnen das arme Opferlamm meiner Grausamkeit! Und dann . . . o Gott! Die böte Welt! Die verruchten Mäuler meiner Feinde, denen selbst das Unglück nicht heilig ist.« »Der Welt gegenüber,« versetzte der Arzt, »kann ich diesen Schritt schon rechtfertigen. Deinen Kindern mußt du die Sache ernsthaft vorstellen, daß es ja 137 nur zum Wohl der Mutter geschieht, daß du selbst krank wirst . . . kurz es wird schon gehen.« Der Direktor seufzte aus tiefster Seele auf, immer mit einem Anflug von Pose. Das Wunderkind mußte sich doch im Schmerz größer zeigen als die gewöhnlichen Sterblichen. »Mut, Mut, Alterchen!« tröstete ihn der frühere Studiengenosse. »Ich bin ein Opfer meines Pflichtgefühls!« stöhnte Körn pathetisch. »Ich tue es nur meiner Kinder wegen! Die arme Frau!« setzte er leise hinzu, »Die arme Frau!« »Nun – warten wir noch ein paar Tage,« entschied der Medizinalrat. »Vielleicht gewinnen wir noch einen recht drastischen Beweis, der uns den Schritt zur unabweislichen Pflicht macht. – Wir haben ja Beweise genug, aber je mehr desto besser!« Körn begleitete den Arzt mit der stillen, erhabenen Unglücksmiene des bedeutenden Mannes an die Türe. Als er gegangen war, hellte sich indes diese Miene sogleich wieder auf. Er gestand sich selbst nicht ein, wie glücklich er sich fühlen würde, wenn er von dieser ehelichen Kette befreit werden könnte. Sein gesellschaftlicher Drill, seine Gewissenhaftigkeit als Beamter waren so stark, daß er sich mit bestem Erfolg innerlich vorlügen konnte, es sei ihm unendlich leid, wenn er von der Mutter seiner Kinder, der Geliebten seiner Jugend, für immer scheiden müßte. Über die angenehme Seite dieser Trennung glitten seine Gedanken scheu hinweg. 138 Seinen Schülern zu imponieren, ihnen ein Vorbild der Männlichkeit zu sein, war ihm so zur zweiten Natur geworden, daß er, auch wenn er für sich allein war, die Rolle des bedeutenden Geistes weiter spielte. Zuerst schritt er mit gesenktem Haupt, die Hände auf dem Rücken, durchs Zimmer. Dann räusperte er sich vornehm und blickte die Möbel vernichtend an, als könnten sie unter Umständen sich unterstehen, an seiner Charaktergröße zu zweifeln. Besonders den eisernen Ofen durchbohrte er mit einem grimmigen Blick. Dann rückte er mit verächtlicher Geberde den Sessel zurecht; er ließ sich gewissermaßen herab, den Sitz mit der Berührung seines Körpers zu beehren. Wieder ein gedankentiefes Vorsichhinstarren, genau wie er vor der Klasse ins Weite starrte, wenn ihm im Augenblick der Gedankenfaden gerissen war und er den Verlornen mit einem langgezogenen äh – – äh – wieder aufsuchte. Die Federhalter lagen noch nicht ganz wie sichs gehörte; der eine ragte um einen Millimeter vor dem andern heraus. Dies mußte erst in Ordnung gebracht werden. Auch die Aufsatzhefte waren nicht systematisch übereinandergelegt. Wo war die rote Tinte? hier! Ja, aber der Kork war nicht feinsäuberlich neben das Fläschchen gelegt. Nun setzte er sich wieder mit vornehmem Räuspern an den Pult, um die Aufsatzhefte durchzukorrigieren. Die Aussicht auf Erlösung von dieser fürchterlichen Ehefessel schmeichelte sich in seine trocknen grammatikalischen Regeln und präzeptoralen 139 Vorstellungen hinein. Die roten Tintenstriche lachten ihn ordentlich an. Jeden Augenblick ertappte er sich auf einer herrlichen Phantasie; wie er eine Erholungsreise nach Paris machte; wie er eine junge Haushälterin zu sich nahm, – doch zu jung durfte sie nicht sein; aber jedenfalls brauchte er um seine Hauswirtschaft in Ordnung zu halten, eine weibliche Person. Er fühlte sich wieder ganz jung und pfiff sogar einmal, während er einen kräftigen blutroten Strich durch eine kindische Phrase eines Aufsatzes machte, lustig vor sich hin. Doch verurteilte er diesen Freudenausbruch selbst, als eine eines großen Charakters unwürdige Handlung. Er hatte auch Hunger, da er vorhin nichts gegessen. Sollte er sich herablassen, das im Zorn Verschmähte jetzt nachträglich . . .? Er zauderte. Doch nein! es war charaktervoller zu verzichten, die Rolle des Ehemärtyrers festzuhalten. Mit stolzer Entsagung vertiefte er sich wieder in die Aufsatzhefte. »Hm! nicht übel!« murmelte er gnädig im Lesen, – da hatte er unversehens die Finger mit der roten Tinte befleckt. Bei einer ungeschickten Bewegung, um die Hände zu reinigen, kippte das kleine Tintenfaß um, – ein Purpurfluß ergoß sich über ein Heft, und tropfte am Pult hinab auf den Fußboden. Der Direktor stand auf und klingelte ärgerlich dem Dienstmädchen. Karl, der gerade an der offenen Tür vorbeischritt, blieb stehen. Ein seltsamer Schauer zuckte durch sein Herz! die rote Lache am Fußboden . . .! Er starrte 140 mit einem sonderbaren grausigen Behagen die purpurnen Tropfen, die an der Platte des Pults hingen, an. Es war ihm, als sei das keine Tinte, – – Blut! Von Entsetzen gepackt eilte er hinweg zur Mutter, die sich gerade wieder an ihren Schreibtisch gesetzt hatte. »Könnt ihr euch denn gar nicht besser vertragen, Mama?« sagte er mit tränenerstickter Stimme. »Es ist doch gräßlich! die ganze Nachbarschaft hält sich darüber auf.« Katharina tauchte mit pompöser Gebärde die Feder in das große Tintenfaß. »Ja, du tust ja grad, als ob ich daran schuld sei?« sagte sie in dem singenden Tonfall ihres heimischen Dialekts. »Solltest du nicht auch manchmal ein wenig die Schuld tragen?« »Mein Gott ist denn das ein so großes Verbrechen, wenn mal das Essen nicht ganz hoftafelmäßig ausfällt? Ich halt das nicht aus, lieber Karl! Dies ewige Streiten ruinirt meine Kräfte. Ich bin wirklich schon mit dem Gedanken umgegangen, ob es nicht für uns Alle besser wäre, wenn wir, dein Vater und ich, – uns trennten.« »Das wäre vielleicht eine Lösung der Frage,« meinte Karl sinnend. »Ja,« fuhr sie exaltiert fort. »Ich glaub, ich könnte dies Opfer meinem großen Werk über Göthe bringen, denn die ewigen Zänkereien bringen mich in meiner Arbeit zurück. Ich könnte längst den ersten Band meines Werkes vollendet haben. Er hat auch nicht 141 das geringste Verständnis für die Wichtigkeit meiner Forschungen, sonst würde er so kleine Unbequemlichkeiten gern in Kauf nehmen. Ich bin nahe daran meine Aufgabe zu lösen, die Welt steht vor einer großen Überraschung.« »Das hast du schon vor zwei Jahren gesagt.« »Diesmal sag ichs zum letztenmal. Ich weiß nun bestimmt, daß Fausts Gretchen nicht das Gretchen ist, das die Gelehrten für das Gretchen hielten, sondern daß das Gretchen . . .« Sie verwickelte sich dermaßen, daß sie ihren Satz selbst nicht mehr verstand. »Nun ja,« unterbrach sie der Sohn verlegen. »Es ist schon gut; ich weiß was du sagen willst.« »Nein, du weißt es nicht!« fuhr sie eigensinnig fort. »Kein Mensch versteht mich! Hör mir nur noch einen Augenblick zu, dann geht dir vielleicht ein Licht auf über die sonderbaren Verhältnisse, denen ich auf die Spur gekommen bin.« »Ich hab leider keine Zeit, Mama,« entschuldigte er sich, »ich muß in die Schule.« Er ging. Wiederholt schon waren ihm Zweifel an diesen Götheforschungen seiner Mutter aufgestiegen. Er gestand sich diese Bedenken aber selbst nicht ein; der Vater sollte unrecht, die Mutter recht haben. – Als Karl um vier Uhr aus der Schule kam, schlief jener silberbleiche, kühl absterbende Sonnenschein über den fernen Waldhügeln der duftblauen Landschaft, der dem Spätherbst einen eignen Reiz süßer Melancholie verleiht. Er brachte es nicht übers Herz gleich nach Haus in die engen Stuben zu den 142 peinlichen Zuständen der Familie zurückzukehren. Sein bedrücktes Gemüt verlangte nach Ausspannung, nach Freiheit. Seine reiche Phantasie bevölkerte ihm nun Wald und Flur. Sogleich suchte er einen kleinen Teich auf, der eine Stunde von der Stadt entfernt mitten in Wiesen lag. Da war sein Lieblingsplatz. In der Ferne blauten Wälder, in der Nähe säuselte träumerisch das Schilfrohr. Hier an der großen Linde, die sich über den im Wind schauernden Spiegel des Weihers beugte, gab er sich seinen Träumen hin. Aus diesem säuselnden Röhricht stieg vor seiner Phantasie eine Wassernixe empor . . . Emma! Sie schwamm zu ihm heran . . . metallisch glänzte ihr Schuppenleib unterm Wasser, . . . sie stützte naiv lächelnd ihre feuchten Arme auf seine Kniee und blickte ihm mit treuherzig großen Augen ins Gesicht. Er küßte ihre feuchten Haare; sie sollte ihm verraten, welche Fragen ihm im Examen vorgelegt werden. Aber mitten in das tiefe Behagen, das ihm derartige Phantasieen erregten, stahl sich ihm eine lästige Empfindung, die ihm anfangs nicht recht klar war. Allmählich merkte er, daß er seltsamer Weise den Eindruck nicht mehr los werden konnte, den jener purpurne Tintenstrom am Pult seines Vaters in seinem Geist zurückgelassen. Überall, wo er hinblickte, schien ihm ein roter Flecken zu schweben. Besonders wenn er die Augen schloß, hatte er deutlich das Gefühl, als ob von den Blättern der Büsche rote Tropfen in den Teich sickerten. Dabei brachte er diesen purpurnen Tropfenfall in eine 143 geheimnisvolle, unheimliche Verbindung mit dem Vater, mit dem Groll, ja Haß, den er gegen ihn hegte. Immer wieder sah er die roten Fingerspitzen des Vaters vor sich . . . und ertappte sich dabei auf einer wunderlichen Vorstellung, die er gar nicht weiter verfolgen mochte. Ganz entsetzt über sich selbst, sprang er aus dem Gras, in dem er gelegen, empor. Du bist doch ein so mitleidiger Mensch, rief er sich zu, wie können dir so grausame, blutdürstige Phantasien ins Hirn kommen? Es war zu lästig. Er mußte die Einsamkeit fliehen, Menschen aufsuchen, wieder in die Stadt zurückkehren. Rasch eilte er, die Schulmappe unterm Arm, durch die in prächtigen Farben schimmernde Herbstlandschaft und diese absterbende Natur, die sich vor ihrem Ende noch einmal in ihre prächtigsten Krönungsgewänder hüllte, diese goldgrünen Wälder, diese roten Hecken, die sanfte Luft, erweckten eine süße Auflösungssehnsucht in ihm. Er meinte, es müßte zu den großartigsten Wollüsten gehören, am Busen der Natur zu verbluten, zugehüllt zu werden von langsam herabweinenden Blättern. Dann verlor er sich wieder ganz in seinem Innern, das ihm vorkam, wie eine große Taucherglocke, die langsam tiefer und tiefer in grünlichschwarze Meerestiefe sinkt, – zuweilen blinkt ein purpurner Korallenbaum auf, zuweilen zuckt ein goldner Fisch durch die smaragdne Finsternis, geheimnisschwüle Stimmen locken in immer tiefere liefen . . .! Dort unten brüten Scheusale . . . Salamander und Drachen! Er sah jetzt nichts mehr von all der 144 Blätterpracht. Vom Schießhaus herüber knallten in kurzen Zwischenräumen Schüsse, er hörte sie kaum, so sehr war er damit beschäftigt, seine widerlichen Phantasien los zu werden. Kaum hatte er die erste Straße der Stadt erreicht, so redete er einen vorübereilenden Dienstmann an, nur um wieder eine menschliche Stimme zu hören, nur um für einen Augenblick sich selbst und den dunkeln Drängen, die ihn zu Abgründen locken wollten, zu entfliehen. Er fragte den Mann nach dem Weg, den er genau kannte. Seine Hoffnung, durch angenehme Eindrücke Zerstreuung zu finden, sollte indes getäuscht werden. Kaum hatte er die sehr einsame Rh . . . straße erreicht, so lief ihm ein etwa achtjähriger Junge in den Weg, der, die eine Hand mit der andern festumklammernd, leise vor sich hinstöhnend, wie ein Blinder oder halb Bewußtloser dahintaumelte. Karl, der erstaunt den Kleinen genauer ins Auge faßte, bemerkte, daß von der umklammerten Hand Blut herabtropfte. Er hielt den Stöhnenden auf und fragte ihn, was denn das zu bedeuten habe? Der Junge ächzte und wollte ohne zu antworten weiter rennen. Karl packte ihn an der Schulter und gewahrte, als er ihm leise die eine Hand von der andern loslöste, daß sich der Ärmste, wie er denn auch weinend bestätigte, die ganze innere Handfläche mittelst einer Glasflaschenscherbe in die er gefallen war, grausam zerschnitten hatte. Der Junge war vor Schrecken und Schmerz ganz sinnlos und wäre, wenn ihn Karl losgelassen, mit seiner 145 gräßlichen Wunde einfach weitergelaufen. Das ließ nun der junge Mann nicht zu. Er faßte ihn am Arm und brachte ihn zu einem nicht weit entfernt wohnenden Bader. Hier machte Karl die für seinen jugendlichen Idealismus sehr niederschlagende Beobachtung, daß sich der Bader anfangs entschieden weigerte die Wunde zu verbinden. Der menschenfreundliche Gymnasiast konnte sich erst dies Zögern gar nicht erklären; es war doch Menschenpflicht dem Verwundeten so rasch als möglich zu helfen! Bald merkte er, daß der schlaue Geschäftsmann den Fall ausnutzen wollte, daß er, bevor er Geld sah, keinen Finger rühren wollte. Angewidert von dieser Herzlosigkeit, legte Karl eine Mark, sein letztes Geld, für das er sich ein Reklambändchen hatte kaufen wollen, auf den Tisch. Dieser Anblick brachte denn auch das Christentum des approbirten Baders wieder in Fluß. Er ließ aus einem Apparat Wasser über die Wunde des nun kläglich Winselnden, von einem Bein angstvoll aufs andere Hüpfenden fließen. Karl redete dem Leidenden freundlich zu und suchte ihn zu beruhigen. Er befand sich dabei in einer merkwürdigen Gemütsverfassung. Die blutende Wunde flößte ihm Schauder ein, er wollte die Blicke von ihr und dem jämmerlich Ächzenden abwenden. Aber stets zog ihn die zerschnittene Hand und die Leidensmiene des Verwundeten wie mit magnetischer Gewalt wieder an, . . . beinahe mischte sich ihm in sein Mitleid ein prickelndes, quälendes, zu Tränen reizendes Lustgefühl. Dann fragte er sich: wenn du nun diese Wunde verursacht hättest? Es kam 146 ihm vor, als hätte er es wirklich getan! Nun tauchte auch wieder die purpurne Hand seines Vaters in seiner Phantasie auf. Wenn die Tinte auch Blut gewesen wäre? und du  . . . auch dies Vaterblut vergossen hättest? Ein Schrei des Jungen riß ihn aus diesen mit traumartiger Gewalt seinen Geist umklammernden Vorstellungen. Den eignen Vater . . . verwunden? Wie ist das möglich! Wie kann dir nur so ein Gedanke ins Hirn kommen! Er eilte rasch aus dem Laden auf die Straße. Ein Automobil pustete an ihm vorüber; heiteres Leben, Gelächter rings um. Oder war das nur Larve? Heuchelte die Straße nur Heiterkeit? War nicht jeder der Vorübereilenden tief im Herzen totunglücklich und trug nur eine lächelnde Miene zur Schau? Gewiß so wars. Der Gegensatz zwischen arm und reich, glücklich und unglücklich ist nur Schein; im Grunde sind wir alle gleich elend. Aber doch! Was in dir versteckt arbeitet, das fühlen deine Mitmenschen nicht! Du bist also doch elender als alle übrigen. Alle können ihren Vater lieben, – nur du nicht! Er kam in ganz zerschlagenem Zustand zu Hause an. Jetzt wars ihm zum erstenmal klar geworden, was eigentlich in ihm gährte. Was Andern vielleicht ein Lächeln abgenötigt hätte, – die Schrullen und schulmeisterlichen Angewohnheiten seines Vaters, – die haßte er; sie waren ihm zum Ekel. Sobald eine Geste seines Erzeugers in seiner Phantasie auftauchte, mußte er sie schleunigst mit aller Gewalt aus seiner Vorstellung verbannen, denn 147 wenn ihm dies nicht gelang, überlief ihn das Zittern des Widerwillens. Die Stimme des Vaters, die jetzt durch zwei Türen zu ihm herüberscholl, grub sich mit so widerlicher Schärfe in sein Ohr, daß sie einen ohnmachtartigen Zustand in ihm hervorbrachte. Als er die Schritte des Vaters an seiner Tür vorübergehen hörte, stand er auf; sein Herz klopfte zum Zerspringen. Jetzt ward die Türe ein wenig geöffnet, – der elegant frisierte Kopf seines Vaters mit dem wohlgepflegten Backenbart zeigte sich in der Spalte. »Hast du heute viel zu arbeiten?« fragte der Direktor, würdevoll an seiner goldenen Uhrkette spielend. »Nein.« »Lies mir nicht zu viel im Nietzsche, hörst du? Sonst nehm ich dir die Bücher ab.« Die Türe schloß sich. Dem Sohn überfiel ein Schwindel, er mußte sich aufs Bett werfen und weinen. Warum kann ich ihn nicht lieben! stöhnte der Unglückliche. Warum kann ich ihn nicht lieben? O . . . o . . . ich kann meinen Vater nicht lieben! entsetzlich! Wie gern möcht ich ihn lieben! aber in mir ist alles hohl . . . leer . . .! Schon das Gefühl, ihm das Leben zu verdanken, ist mir grauenhaft. Er hat ja gewiß auch gute Eigenschaften! Und er zerbrach sich den Kopf, um gute Eigenschaften an ihm zu entdecken. Es gelang ihm auch: sein Pflichtgefühl, seine Gelehrsamkeit, sein Patriotismus . . . Aber immer wieder verzerrte sich 148 das Bild, immer wieder stand ein phrasendreschender, eingebildeter Egoist vor seiner Seele, ein dünkelhafter Stutzer, der im beschämenden Gefühl, nicht das teilten zu können, was er von sich selbst einst erwartet hatte, nun ein verbitterter, hartherziger Großsprecher geworden war. Karl blickte mit trüben, leidenden Augen durchs Fenster auf den kleinen Hausgarten, auf die allmählich in den Schatten der Dämmerung versinkende Druckerei. »Pff – Pff – Pff« machte das Dampfrohr. Der weiße Wattballen des Dampfs ward heute nicht so rasch wie sonst vom Wind zerrissen, er verschwebte langsamer im feuchtgrauen Abendduft. Die Setzer hantierten emsig hinter den großen grünlichen Glasscheiben. Wie glücklich sind diese einfachen Leute! dachte Karl, als nun das elektrische Licht aufblitzte und die blauen Blusen deutlicher hinter den Glasscheiben hervortreten ließ. Sie scherzen zwischen ihrer Arbeit, sie machen sich die Arbeit zum Genuß; oder ist das auch nur Larve? Nun ward an die Tür geklopft. Sein Freund, der fette, pausbackige Konrad trat ein, mit seinem stereotypen Gruß: »Diverse Schnäpse.« »Um Gotteswillen!« fuhr ihn Karl an, »gewöhn dir doch die dumme Redensart ab. Im vorigen Jahre hattest du stets die Phrase: Das schwächt bedeutend!« Konrad Stern meinte lachend: »Ich kann nicht anders. Das ist krankhaft bei mir. So ne Redensart hilft über Vieles hinweg; sie ist wie ein saftiger Fluch, doch harmloser.« 149 »Nu denn meinetwegen!« gab Körn zurück. »Übrigens . . . gut, daß du kommst. Du sollst mich auf bessere Gedanken bringen.« »Wieso?« fragte der aufgeschwemmte Konrad, »was hast du für Gedanken?« »Gott! in der Abenddämmerung fällt einem allerlei böses Zeug ein!« »Wie stehts denn mit der Anklage?« fragte der Freund. »Weiß noch gar nichts! Hab ich dir gesagt, daß Fräulein Dorn den Dr. Simmer besuchen will?« »Nein.« »Nun, sie tuts also. Mein Vater tut nichts. Dem ists vielleicht recht, wenn ich hinausfliege.« Nach einer Pause sagte Konrad: »Sonderbar, daß wir modernen Söhne uns so schlecht mit unsern Vätern vertragen!« »Ja,« meinte Karl, »fast in jeder Familie gibts Konflikte zwischen Vater und Sohn. Es ist förmlich eine Zeitkrankheit!« Er starrte düster durchs Fenster. Beinahe hätte er dem gutmütigen Kameraden einen tieferen Blick in sein gequältes Inneres gewährt; er hielt es aber doch für besser zu schweigen. Nach einiger Zeit fragte Konrad: »Hast du jetzt das theosophische Werk gelesen?« »Ja; sehr schön! Nur schade, daß sich das alles noch nicht wissenschaftlich beweisen läßt. Bis jetzt ists nicht viel mehr, als schöne Phantasie, allerdings hats n bischen mehr Beweiskraft als die Kirchenreligion, aber nicht viel. Nu, vielleicht in 150 hundert Jahren . . . Gib acht, setz dich dahin. Ich will dir meine neuesten Tagebuch-Aufzeichnungen vorlesen.« »Nur zu!« sagte Konrad, und ließ sich auf einen Stuhl nieder, während Karl, auf dem Bettrand sitzend, ein großes blaues Heft aus der Tischschublade zog. Da es bereits stark dunkelte, zündete er sein kleines Studierlämpchen an und begann zu lesen. – Ach, ich fürchte, wir wissen eigentlich ganz genau, was wir sind, woher wir kommen, wohin wir gehen; wir habens nur vergessen. In der Kunst dämmert uns zuweilen eine Erinnerung. »Das ist Theosophie!« unterbrach ihn Konrad erfreut. »Hab ich selbst nicht mal gemerkt,« sagte Karl. »Aber hast recht! Es geht uns wahrhaftig mit den Weltanschauungen, wie mit den Stylformen in der Architektur; wir erfinden keine neue mehr, wir spielen nur mit den alten. Ich bin übrigens das Suchen nach einer Weltanschauung gründlich müd.« »Ich auch; bald sing ich: Ich hab mein Sach auf nichts gestellt.« »Hätt ich deinen Humor!« »Hab ihn!« sagte Konrad, »und laß die Philosophie! Nichts als Widersprüche! Da kommt man zu keinem Ziel. Halten wir uns an die Kunst! Lies weiter! Diverse Schnäpse.« »Deine verruchte Redensart!« »Lies weiter.« Karl las: 151 – Niemand ist zu fürchten, – nur der, dem das Leben keinen Wert hat. – Es ist oft schlauer, nicht schlau zu sein! – Gottes Ich ist im Universum aufgelöst und konzentriert sich wieder im Menschen. – Ein bereuter Fehler ist mehr wert, als eine protzige Tugend. – Die ganz reichen Leute und die ganz armen haben Gott am nötigsten. – Den Übergang vom Tod zum Leben – Geburt – sollten wir mehr fürchten, als den Übergang vom Leben zum Tod. Dieser befreit uns; jener setzt uns, ohne Richterspruch und Verteidigung, gefangen. – Unser Körper ist vielleicht die von Stümperhand verfertigte Kopie der Seele. – Nur wer reich ist, kann nobel sein. Aber um reich zu werden, muß man möglichst unnobel sein. – Der Richter spricht: Ich erlaube dir zu verhungern, aber nicht zu stehlen. – Der größte Luxus, den man sich auf Erden gestatten kann, ist – der Humor! – Manche vornehmen Herren machen aus der Religion einen Sport, aus dem Sport eine Religion. – Wie elend sind wir, daß sogar unsere freudigste Erregung eine Krankheit ist; das Lachen – ein Krampf! Als Karl etwa eine halbe Stunde hindurch dem Kameraden vorgelesen hatte, fühlte er, wie es ihm innerlich leichter wurde. Der schreckliche Druck war von ihm genommen; ja als Konrad gegangen 152 war, empfand er auf einmal den Drang, ein paar freundliche Worte mit dem Vater zu wechseln, gleichsam, als könne er dadurch seine abscheulichen Gedanken wieder gut machen. Er suchte den Vater auf, der gerade wieder vor seinem Schreibtisch saß und Aufsatzhefte korrigierte. Der Schuldirektor war ganz erstaunt über die plötzliche Zärtlichkeitsanwandlung seines Sohns, der sich erbot, ihm wenn es nötig sei, einen Ausgang zu besorgen. Er sah von seinen Heften mistrauisch empor auf den vor ihm Stehenden. »Du scheinst dein früheres Benehmen gegen mich zu bereuen?« sagte er. Dies Wort goß kaltes Wasser auf die Liebesanwandlung des Sohnes. »Bereuen?« stammelte er, »mußt du gleich wieder von Bereuen reden? Kannst du Vergangenes nicht auch einmal vergangen sein lassen? Warum immer wieder an alte Fehler erinnern? wo ich so gern . . .« Es lag ihm ein herzliches Wort auf den Lippen; er unterdrückte es, da ihn ein Blick daran erinnerte, daß er wieder einmal vor seinem Erzieher, nicht vor seinem Erzeuger stand. »Man kann nicht oft genug« fuhr dieser fort, »an seine Fehler erinnert werden. Das sind unsere besten Freunde, die das tun. Du hast gute Eigenschaften, aber leider merkt man mehr von deinem übeln. Man denke doch an den Geist des Widerspruchs, der sich stets im Benehmen, in der Unterhaltung offenbarte! Ewig widerspricht man mir!« »Es tut mir leid, wenn ich zu schroff war,« 153 versetzte der Sohn mit Tränen in den Augen, und erwartete nun endlich ein weiches, entgegenkommendes Wort. »So tut dir das endlich leid?« fuhr der Schulmann fort, der auch jetzt wieder die innigen Gefühle für sein Kind hinter präzeptoraler Barschheit zu verbergen wußte. »Wenn es nur nicht zu spät ist!« »Zu spät? wieso?« »Ich kann nicht mehr so gegen dich sein, wie früher. Ich kann es nicht in Abrede stellen: ich bin ein Anderer geworden. Ich kann dir nicht mehr als Freund entgegenkommen, bis Dr. Simmer versöhnt ist.« Diese geschraubten Redewendungen ernüchterten den Sohn dermaßen, daß er sich mit seinen Tränen recht lächerlich vorkam. Wie gern hätte er heute dem Vater sein ganzes Herz ausgeschüttet, ihn zum Mitwisser seiner Qualen gemacht . . .! Und nun diese direktorale Würde! »Fräulein Emma Dorn hat sich erboten für mich bei Dr. Simmer ein gutes Wort einzulegen,« erwiderte er kühl. »Was?« stotterte der Direktor und blickte betreten unter sich. »Diese Dame will . . . Hm, nun, – das kann sie. Ich lege ihr nichts in den Weg. Im Gegenteil. Wenn Dr. Simmer sie empfängt . . .? Er ist aber nicht gut auf sie zu sprechen . . . Ich selbst kann jedenfalls in der Sache nichts tun.« »Das sehe ich ein. Ich wollte dich deshalb nur bitten . . .« »Was?« 154 »Mir jene Kritik zu verzeihen,« stotterte Karl errötend. Körn sah ihn befremdet an. »Dr. Simmer muß sie dir erst verzeihen,« sagte er schroff. »Die Sache ist mir furchtbar peinlich; du hast mich da in eine böse Lage gebracht. Dr. Simmer – ich kann dir das nicht so auseinandersetzen – Dr. Simmer hat einflußreiche Personen hinter sich; er kann mir schaden. Es kam mir zu Ohren, daß er sich bei wichtigen, ja ausschlaggebenden Persönlichkeiten über meine Erziehungsmethode höchst misbilligend geäußert, – auch über unser ganzes Familienleben. Er kann mich in der ganzen Vorstadt, beim Oberschulrat, ja noch höher hinauf in einen bösen Ruf bringen. Daran bist du schuld!« Karl sah bleich werdend unter sich. »Ich will alles tun,« sagte er, »um die Sache in Güte beizulegen.« Der Direktor nickte mit finsterem Gesichtsausdruck. Karl verließ ihn. Auf seinem Zimmerchen angekommen, sagte er sich: Der Vater denkt nur an sich, an seine Stellung, seinen Ruf. Ich bin ihm sehr gleichgültig, er liebt mich nicht! Allerdings stahl sich in diese Betrachtung das Gefühl: der Vater könne vielleicht seine Liebe nicht auf die richtige Art an den Tag legen, er gehöre vielleicht zu jenen schroffen Naturen, die ihre weichen Empfindungen unter einer rauhen Außenseite verbergen. Aber Karls Seele war so menschenfeindlich-empfindlich beschaffen, daß sie diese bessere Auslegung des väterlichen Benehmens 155 mit Gewalt ablehnte. Der Vater sollte ein Egoist sein; so schrieb es ihm sein leicht verletztes Inneres vor. Er fraß sich jetzt mit einer wahren Wollust in seinen Haß hinein; er fühlte sich erhaben, wenn er sich in den finsteren Trauermantel dieses Unglücks, dieses Verkanntseins hüllen konnte.   7. Am folgenden Tage trafen sich: das Ehepaar Meyer mit Natalie, Weihals, das Ehepaar Körn nebst Karl im Atelier Otto Grüners. Nicht zufällig. Grüner hatte die Gesellschaft geladen, da sein Bild »Salomes Tanz vor Herodes« vollendet auf der Staffelei prangte, hell beglänzt von der durchs breite Fenster lächelnden Herbstsonne. Die Frau Rechtsanwalt entfaltete hier ihre ganze bezaubernde Liebenswürdigkeit; wie eine die Künste beschützende Fürstin sprach sie dem etwas verzagten Künstler Mut zu. Weihals suchte in der großen Mappe nach Bildern, die seinem Geschmack behagten, war aber sonst klug genug den Mund zu halten. Höchstens, daß er an dem Salome-Bild die Nebensachen bewunderte. »Ach Herr Grüner, wie hawe Se doch de rote Sammet so gut getroffe! ma könnt ja ordentlich mit de Fingerspitze drüber fahre!« Oder ein andermal: »Der Marmor sieht aus wie werklicher Marmor! gar net wie gemalt, gar net!« Der Schuldirektor hielt es natürlich für seine 156 Pflicht, der Gesellschaft zu beweisen, auf welch hoher Stufe sein künstlerisches Beurteilungsvermögen stand. Er schritt, seine Gattin am Arm, an den Wänden entlang, betrachtete die dort hängenden Skizzen und ergoß darüber seinen gelehrten Phrasenschwall. Beständig wiederholte er seine Lieblingsredensart: »Siehst du, liebes Kind,« (vor der Welt war seine Gattin stets sein »liebes Kind«) »das ist die größte Kunst, mit den kleinsten Mitteln die höchste Wirkung hervorzubringen . . .« Dabei schielte er jedoch immer ängstlich nach Otto hinüber, der im Stillen über die ewig wiederholten Ausdrücke: Farbenwerte, Nuancen, helldunkel u. s. w. lächeln mußte. Doch zog sich der gelehrte Herr so geschickt aus der Sache, daß man ihm nicht gerade einen direkten Unsinn nachweisen konnte. Nata verhielt sich wie immer still, wie von einem leisen jungfräulich-kühlen Trotz umflort, der indes gerade dadurch, daß er abstoßen wollte, anzog. Karl hatte seit dem letzten Gespräch Interesse für sie und suchte sie zum Sprechen zu bringen. Sie behandelte ihn diesmal sehr kühl. Die Gesellschaft löste sich in mehrere Gruppen auf in dem großen Raum. Meyer war mit seiner Frau allmählich in den Erker gelangt, in dem ein niedlicher Rohrtisch nebst Stühlen zum Ruhen einlud, Der Maler bot Cigaretten an, man ließ sich nieder. Nun holte der Künstler das Bild Nataliens aus einem Winkel hervor und wies es den erstaunten Eltern vor. Er hatte es aus dem Gedächtnis gemalt. Der Anwalt baute hierauf sofort die Hoffnung: 157 Grüner liebe seine Tochter, und dieser Gedanke machte ihn heiter. Hier, im Angesicht seiner Werke, brachte es nun Otto, den Karl beständig durch leise Winke ermutigte, endlich über sich, den Anwalt daran zu erinnern, daß er sich ein kleines Haus kaufen wollte. »Sind Sie denn endgültig entschlossen?« fragte der Anwalt, seine Unruhe bekämpfend. »Es ist das einzige Mittel,« versetzte Otto, »um mir Ruhe und Arbeitskraft zu verschaffen.« Frau Meyer mischte sich auch ins Gespräch. »Herr Grüner hat ganz recht!« meinte sie wohlwollend. »Aber liebe Emilie,« fiel ihr der Anwalt ärgerlich in die Rede, »du hast früher anders gesprochen.« »Ja, aber es wär unrecht, seh ich jetzt ein, dem Herrn Grüner abzuraten. Er braucht für seine Nerven Stille, er braucht ein großes Atelier, in dem er auch große Gemälde ausstellen kann.« »Das kann er auch, wenn er ein Atelier mietet!« versetzte der Anwalt mit einem so verzweifelten Zittern der Stimme, daß ihn Emilie vorwurfsvoll ansah. »Erlauben Sie, Herr Meyer,« bemerkte Otto, »der Künstler braucht Stimmung. – In einem gemieteten Atelier finde ich nie die intensive Stimmung wie im eigenen, behaglich eingerichteten.« »Ganz richtig!« lächelte Emilie freundlich. »Die Hausfrau braucht auch eine hübsche Küche, wenn sie mit ›Stimmung‹ kochen soll.« Meyer warf seiner Frau einen zürnenden Blick zu und wandte sich dann an Grüner: »Aber bedenken Sie doch, was Sie mit so nem Haus für 158 ne Last auf sich laden! Die Reparaturen, die Steuern, die Mieter!« »Ja,« meinte Otto, »das wird sich schon finden. Ich hab mir sagen lassen, ein Haus sei eine ganz gute Kapitalanlage, bei den geringen Zinsen, die man heut zu Tag bekommt, – höchstens drei und ein halbes Prozent. Ein Haus kann sich doch zu vier bis fünf Prozent verzinsen.« »Ha! ha!« lachte der Anwalt gezwungen, »Herr Grüner wird Geschäftsmann!« »Heutzutag muß man ein wenig Börsenjobber sein,« versetzte Otto ernst; »auch als Künstler.« »Ganz recht,« lobte ihn Emilie. »Das freut mich an unserm früheren Mündel. Er wird endlich praktisch; er ist nicht mehr Hans der Träumer, nicht mehr das phantastische Kind; er wird ein Mann.« »Ich begreife dich nicht, Emilie!« erwiderte der Anwalt mit unsicherer Stimme. »Du . . . du hast früher selbst gemeint, unser lieber Herr Otto müsse bei seiner geringen Weltkenntnis sehr vorsichtig sein. Sonst verliert er was er hat.« »Jetzt seh ich aber,« versetzte sie freudig, »daß er uns nicht mehr braucht. Er kommt durchs Leben. Kaufen Sie sich nur das Häuschen, Herr Grüner.« Nun ließ sich aus dem Hintergrund des Ateliers die Stimme des Kommerzienrats vernehmen, der gerade in Aktstudien blätterte, dabei aber aufmerksam dem Gespräch gefolgt war. »Ganz recht, Herr Grüner! lasse Se sich nur net irr mache. Ä Haus verzinst sich noch ganz gut; besser als die lumpige Staatspapiercher. Kann Ihne 159 ä Haus doch auch net verlore gehn, is keine Kursschwankunge unnerworfe! ganz praktisch!« Dem Anwalt stieg das Blut zum Kopf. Er schwieg, ganz in sich versunken. »Also,« begann Otto von Neuem, »wann kann ich das Kapital flüssig machen?« »Was?« fuhr der Anwalt aus seinen Träumen. »Ja so, ja, flüssig machen? Jederzeit! jederzeit! Haben Sie denn schon ein Haus?« »Ja,« versetzte der Künstler, »für zehntausend Mark; das Übrige leg ich in Möbeln an. Ich möcht die Möbel jetzt schon kaufen, – brauchte also in diesen Tagen viertausend Mark.« »Jederzeit, jederzeit!« versicherte der Anwalt, vor dessen Augen sich sämtliche Bilder des Ateliers zu verzerren und im Kreise zu drehen begannen. »Kommen Sie nur . . .« »Gut, ich komme also . . . na sagen wir . . . übermorgen?« »Gut, übermorgen!« Meyer mußte sich einen Augenblick setzen. Die Beine versagten ihm den Dienst, kalter Schweiß trat ihm auf die Stirn, doch wußte er seinen Seelenzustand unter einer jovialen Miene zu verbergen. Nur Weihals, der ihn die ganze Zeit über beobachtet hatte, war nun seiner Sache beinahe sicher. »Wie wärs,« lud Otto seinen früheren Vormund ein, »Sie würden sich das Haus mal ansehen?« Meyer lehnte ab, er habe dringende Geschäfte, aber wenn seine Frau nebst Tochter mit ihm das Haus besehen wollten, habe er nichts dagegen. 160 Emilie war einverstanden. Der Kommerzienrat bat um die Erlaubnis die Gesellschaft in seinem Automobil hinfahren zu dürfen; man nahm den Vorschlag gern an, bestieg das prächtige Auto und fuhr darauf los. Weihals lenkte mit Stolz selbst. Den beiden Damen ward es etwas angstvoll zu Mut bei dieser Geschwindigkeit; das Rasseln und leise Rütteln erschreckte sie. Weihals hatte Nata neben sich sitzen und erwies ihr viel Aufmerksamkeit. »Wenn man nur bessere Räder erfinden könnte!« erklärte er ihr. »Diese Gummiräder nutzen sich gar zu rasch ab und sind enorm teuer. Überhaupt ist so eine Automaschine ein gar zu kompliziertes Ding.« Einmal machte dann auch der Kraftwagen Miene, ohne ersichtlichen Grund stehen bleiben zu wollen, dann schoß er jedoch wieder gehorsam vorwärts. Bald hatte man das kleine Haus erreicht, es lag außerhalb der Stadt, ganz einsam mitten in einem Garten. Als man nun durch die leeren Zimmer schritt, wußte der Kommerzienrat dem Gespräch, halb ernst, halb scherzhaft, eine solche Wendung zu geben, daß er der Frau Meyer andeuten konnte: wenn sie einmal in eine schwierige Lebenslage käme, solle sie sich nur an ihn wenden. »Sie würden mir helfen?« lachte sie verschmitzt. »So viel ichs vermag!« »O, Sie sind bekannt . . . als . . . nicht grade sehr freigebig,« scherzte sie boshaft. »Kommt darauf an!« meinte Weihals wichtig. 161 »Hoffentlich brauch ich Ihre Herzengüte nie auf die Probe zu stellen!« spottete Emilie arglos. Dann redete man wieder von der neuen Hauseinrichtung. Der Maler schwärmte von dem idyllischen Leben, das er hier zu führen, von den künftigen Kunstwerken, die er hier auszuführen gedachte und die gutmütige Emilie, die für die Kunst wenigstens großes Interesse hegte, gönnte ihm von Herzen seine Begeisterung für diesen stillen Erdenwinkel, dies kleine Gärtchen, diese niedlichen mit Linoleum belegten Zimmer. Alle ihre Hausfrauentugenden regten sich, sie begann gemeinsam mit ihm vom künftigen Leben in dieser stillen Häuslichkeit zu schwärmen. Im Stillen hegte sie die Hoffnung, daß Otto – sich ein gewisses Weibchen mitten in diese häusliche Herrlichkeit setzen werde und spielte jetzt auch stark auf diesen ihren Lieblingswunsch an. Otto stutzte. Ein Licht ging ihm auf, als der Blick der hübschen Frau so verklärt auf ihrer Tochter ruhte, gleichsam als wollte sie den Künstler einladen, doch hier sein Glück beim Schopf zu fassen. Nata merkte davon nichts, oder vielmehr, sie tat als ob sie nichts davon merkte. Ihr war der Künstler sehr unsympathisch; schon sein Äußeres stieß sie ab. Otto selbst hatte gegen die niedliche Kleine mit dem reizenden Porzellanpuppengesichtchen nichts einzuwenden, aber er empfand auch keine sonderliche Neigung für sie. Beim Nachhausegehen fragte ihre Mutter sie: ob ihr Otto gefalle? Sie sagte die Wahrheit: gar nicht. Die Frau Rechtsanwalt war darüber betrübt und 162 gab sich Mühe ihrer Tochter die Vorzüge Ottos ins richtige Licht zu setzen, – ohne jedoch Erfolg zu haben. Natalie merkte kaum auf und grübelte beständig darüber nach, warum sich der Papa in der letzten Zeit garnicht mehr so natürlich frisch zeigte wie sonst. Sie hing sehr an ihm, es stimmte sie melancholisch, daß er auf einmal sich so verändert hatte. Als Emilie nach Hause zurückgekehrt war, entstand zwischen ihr und dem Gatten zum erstenmal ein heftiger Streit. Er warf ihr mit einer ihr unbegreiflichen nervösen Erregtheit vor, daß sie noch selbst dazu beigetragen, den Maler in seinem Vorsatz zu bestärken. Zum erstenmal verstand sie ihren Gatten nicht. Sie hatte ihn stets für einen Ehrenmann gehalten; aber diese sonderbare, beinahe krankhafte Aufregung, die ihn befiel, sobald von der Rückgabe dieses Geldes die Rede war, gab ihr doch zu denken. Sie blieb verstimmt und der Anwalt bemerkte bald mit tiefem Schmerz, daß seine Frau nur noch dann redete, wenn es unbedingt nötig war, daß sie oft wie in schmerzliche Träume verloren vor sich hinstarrte, daß sie ihn manchmal mit so erstaunten Augen prüfte, als wisse sie garnicht mehr, wer er sei. Ihr Vater war ein hoher Staatsbeamter gewesen, der streng seine Pflicht erfüllend, die rechte Hand des vorigen Landesfürsten gewesen war. Von diesem hatte sie den Sinn für Ehrbarkeit geerbt. Wie mußte sie es aufnehmen, wenn ihr Mann, zu dem sie stets empor gesehen, entlarvt vor ihr stand? 163 Der Anwalt lag fast den ganzen nächstfolgenden Tag, wie von einer schweren Krankheit befallen, auf seinem Sopha. Er schloß die Augen, konnte aber nicht schlafen. Sein Herz klopfte zum Zerspringen und wollte gar nicht mehr zur Ruhe kommen. Er zermarterte sein Gehirn über Vergangenes und noch mehr über Zukünftiges. Er wußte nicht mehr, was gräßlicher war, seine Tat oder die Folgen seiner Tat. Wenn er die Augen einmal öffnete und sein Blick durchs Fenster auf das puffende Dampfrohr fiel, entstand in seiner Phantasie das Bild eines eben abgefeuerten Revolvers. Wie ekelhaft das Weltbild in sein Auge grinste: diese Tätigkeit, dieses Hasten und Drängen, diese Farben und Formen, wie traurig! Daß er sie doch nie mehr zu sehen brauchte! Und war nicht schließlich sie, die er geliebt, schuld an seinem Elend? Wars nicht ihr zu lieb, daß er gesündigt? Fast stieg nun ein Gefühl von Groll, ja Widerwillen gegen die Geliebte in ihm auf; ihr Schritt auf dem Hausflur erweckte ihm ein nervöses Zittern, ihre Stimme krampfte ihm die Kehle zusammen. Wenn sie ihn verstieß, – das fühlte er – dann würde er die Schußwaffe, die er schon einmal auf sich gerichtet, auf sie richten. Aber noch war es nicht so weit, noch war ja Hoffnung vorhanden, daß Otto die ganze Sache totschwieg, verzieh. Ein schlimmes Zeichen war es freilich, daß Emilie ihn gar nicht um die Ursache seines Leidens fragte. Das ließ darauf schließen, daß sie den tiefern Sitz dieses Leidens ahnte! 164 Natalie wußte gar nicht, was sie aus dem allem machen sollte. Sie fühlte, daß ihre Eltern nicht mehr in so innigem Einvernehmen lebten wie früher und litt schwer darunter. Sie beobachtete scharf und fühlte jetzt dunkel heraus, um was es sich etwa handelte. Sie fühlte, daß nicht Krankheit den Vater so niederbeugte und empfand eine Art von Scheu vor ihm. Heute morgen hatte er sie rufen lassen in sein Arbeitszimmer. Sie war mit ängstlicher Miene eingetreten. Er drehte sich von seinem Strohsessel halb zu ihr hin, sah sie an mit ganz verstörten Augen und öffnete die Lippen, brachte aber anfangs kein Wort heraus. »Ich weiß nicht mehr, was ich von dir wollte, Kind,« stammelte er dann mühsam. »Mir ist eben oft gar nicht wohl. Geh nur wieder!« Sie wendete sich nach der Türe. Da hörte sie, wie er leise vor sich hinflüsterte: »Armes Kind!« Sie wendete stürmisch um und brach gewaltsam in Tränen aus. Sogleich hing sie an seinen Hals. »Was ist dir, Papa, was ist dir?« »Es wird noch alles gut werden,« gab er leise schluchzend zurück. »Denk nie schlecht von deinem Vater! Ja, alles, alles wird noch gut.« Sie wagte nicht weiter zu fragen, denn nun ward seine Miene wieder streng, kalt. Er hieß sie gehen. Sie fühlte, daß sie ihn nicht mehr so innig lieben konnte, wie in früheren Zeiten. Sie wagte aber nicht mit der Mutter darüber zu sprechen, da diese ja eben so tief wie sie selbst unter dem seltsamen Benehmen des Vaters litt. 165 Dem jungen Herrn Körn wich sie mehr als früher aus, obgleich es sie stärker denn je zu ihm hinzog. Sie hatte das Gefühl, als müsse sie vor den Eltern gleichsam um Schutz bei ihm nachsuchen. Einmal traf er mit ihr auf dem Karlsplatz in dem Trambahnkiosk zusammen. Er überraschte sie, wie sie gerade ihr Taschentuch an die Augen führte, um ihre nicht mehr zurückzuhaltenden Tränen zu trocknen. Sie blickte mit verweinten, geröteten Augen auf die heranbrausenden blauen Wagen, auf die vielen schwarzen Regenschirme, auf die von schräg niederprasselnden Strichregen gleichsam ausgestrichenen Häusermassen und Bäume des großen Platzes. Wie gerne hätte sie mit Karl ein paar Worte gesprochen; doch er ging grüßend vorüber. Sie hatte offenbar keinen tieferen Eindruck auf sein Herz gemacht, und der Kummer dieser unerwiderten Liebe nagte nun auch noch an ihr. Schon seit einigen Tagen war es ihr vorgekommen, als ob sich Weihals ihr in verliebter Weise nähern wollte. Diese Annährung steigerte ebenfalls ihre Leiden, denn sie hatte entdeckt, daß der Vater die stille Werbung des Kommerzienrats mit großer Freude begünstigte. So war die Ärmste von allen Seiten gleichsam eingeschlossen von einem See von Plagen.   8. Der tapfere Kater Peter war leidend! Alle kühnen Liebesabenteuer hatten ihren Reiz für ihn 166 verloren; die schönste, anmutsvollste Kätzin weckte keine Sehnsucht mehr in seinem Busen; sein feuriges Auge, das so zärtlich liebäugeln, so grimmig in der Eifersucht Blitze schleudern konnte, war halb erloschen. Teilnahmlos lag er in Fieberträumen versunken auf seinem Kissen, das man ihm auf den alten Großvatersessel sorgsam bereitet. Der Unglückliche hatte eine nicht mehr ganz frische Wursthaut verschluckt und fühlte sich darauf entschieden unwohl, Luise und Emma standen sorgenvoll an seinem Krankenlager. Er ward von den beiden Mädchen sorgsamer gepflegt als mancher Mensch; jedes Symptom seines Leidens ward mit tränenden Augen beobachtet und lange besprochen; man holte schließlich sogar den Tierarzt. Der äußerte sich bedenklich und verschrieb ein Mittel. Doch kostete es viel Mühe, bis sich der hohe Patient dazu herabließ, einen Löffel voll Medizin zu nehmen. Luise mußte ihm den Kopf halten und den Rachen öffnen, Emma paßte dann den richtigen Moment ab und suchte ihm gewaltsam die Arznei zwischen die Zähne zu gießen. Über diese unwürdige Prozedur war der edle Dulder höchst ungehalten. Er sträubte sich mit allen vier Beinen und wollte die heilsame Notwendigkeit dieser Einflößungen absolut nicht begreifen. Als er aber endlich doch die Arznei glücklich im Leib hatte, geruhte er bald sich besser zu fühlen. Die Eßlust kehrte zurück, zur Freude der Damen, die ihm sein Lieblingsgericht, rohes Pferdefleisch, schabten; auch begann er wieder mit den Nachbarkätzinnen vom 167 Schlafzimmerfenster herab zu liebäugeln, was ja bei Tier und Mensch stets ein sicheres Zeichen der Genesung sein soll. Die Kur riß ein ordentliches Loch in die magere Kasse der beiden Freundinnen. Sie mußten sich für einige Tage des Fleisches enthalten, aber dafür war die Freude um so größer, als der schöngefleckte Raufbold wieder hinaus begehrte ins Freie, als die Jagd, der Kampf, die Minne wieder neue Reize für ihn hatten. Luise gab Unterricht am Pianino. Dabei ließ sie die Augen vom Notenblatt stets durch das halbgeöffnete Fenster schweifen, denn draußen im kleinen Hausgarten mischten bald jämmerliche, bald zärtliche Katzensehnsuchtslaute sich in die Sonate, die von den Stümperhänden der kleinen Schülerin heruntergehackt wurde. Oft stürzte Luise, für ihren Liebling besorgt, mitten im Spiel hinaus, um den edeln Kämpfer aus den Klauen mehrerer Nebenbuhler zu befreien. Schließlich trug sie den Fauchenden auf dem Arm herein, schloß Tür und Fenster und verbot dem Söhnchen ernstlich sich in neue Kämpfe zu begeben. Emma saß heute am Fenster des Wohnzimmers und malte nach einer kleinen Photographie ein großes Bild. Sie verdiente sich durch ihr bescheidenes Maltalent zuweilen auf diese Art nebenher ein paar Mark. Der Zufall hatte es gewollt, daß die kleine Photographie, die sie vergrößern sollte, den Direktor Körn darstellte. Einige Schüler wollten beim Abgang aus dem Gymnasium ihrem geschätzten 168 Lehrer dadurch eine Freude bereiten, daß sie das lebensgroße Brustbild des Direktors für den Lehrsaal der Oberprima stifteten. Der Photograph hatte den Schülern geraten sich an Fräulein Emma Dorn zu wenden, die diese Arbeit gewiß zur Zufriedenheit der Auftraggeber vollenden werde. So war es gekommen, daß Emma die Züge ihres Feindes liebevoll mit Farben betupfen mußte. Beim Anblick dieser Züge, die die Vorstellung eines eingebildeten Schultyrannen in ihr erweckten, fiel ihr das Verbot wieder ein, das er dem Sohn gegenüber ausgesprochen. Wie kam dieser Mann dazu, sie für eine Person zu halten, die seinem Sohn verderblich werden könnte? Ein wahrer Ingrimm stieg in ihr auf, der so heftig ward, daß sie kaum weiter malen konnte. Ihr leidenschaftliches Herz suchte nach einer Tat, begehrte nach Rache. Ja, sie wollte sich rächen, aber wie? auf welche Art? Sie konnte ihn doch nicht öffentlich beohrfeigen! mit der Hundspeitsche angreifen! Sie arbeitete sich in eine solche Wut hinein, daß sie aufstand und erregt durchs Zimmer schritt. Es war eine Eigentümlichkeit ihres Charakters, daß sie auf Beleidigungen niemals gleich reagierte; immer erst nach einigen Tagen stellte sich, in Folge der Reflexion über den Fall, die Entrüstung ein. Vor allen Dingen wollte sie den Direktor persönlich kennen lernen; denn die feinste Rache, die sie an dem dünkelhaften Menschen nehmen konnte, war – ihm zu gefallen, ihn womöglich zu ihren Füßen schmachten zu sehen. Freilich war 169 dies ein Wagestück. Ob so ein eingetrockneter deutscher Magister überhaupt sich weiblichen Verführungskünsten zugänglich zeigte? Nun, Körn schien nicht gerade zu den Philistern zu gehören. Er sollte ein sehr flotter Bruder Studio gewesen sein und jetzt noch alljährlich in Paris sein Leben genießen. Vielleicht war seine Sittenstrenge nur Maske? Sie kleidete sich an, um den Dr. Simmer aufzusuchen. Das tat sie nicht nur, um den armen Karl zu retten, auch um durch diese Tat den Direktor günstig für sich zu stimmen und einen Grund zu haben, ihm demnächst einen Besuch abzustatten. Jetzt verließ sie das Haus und eilte rasch durch die Straßen, ganz in ihre Rachepläne versunken. Bald hatte sie das Haus des Theologen erreicht. Ein großer, düsterer Hof nahm sie auf. Ringsum Magazine, Werkstätten, Fässer. Ein ohrenbetäubendes Hämmern beleidigte aus einer Schlosserei dringend ihr Ohr. Sie erkundigte sich bei einem Schlossergesellen, ob hier Dr. Simmer wohne?»Drei Stiegen hoch, im Vorderhaus!« war die Antwort. Sie grüßte freundlich und stieg die Treppen hinauf! Endlich stand sie vor der Glastür. Ein Dienstmädchen öffnete und fragte nach dem Namen des Besuchs. Emma murmelte absichtlich ein ganz unverständliches Wort, das etwa Horn oder Korn oder so ähnlich lautete, vor sich hin. Das Mädchen, das anstandshalber nicht zweimal fragen wollte, führte sie in den Salon. Das war ein puritanisch einfach ausgestattetes Gemach, durch 170 dessen Türe Säuglingsgeschrei herüberhallte. Während das Gewinsel sich steigerte, öffnete sich die Tür. Ein abgehärmter Frauenkopf erschien in der Spalte, fuhr aber gleich wieder zurück. Dann hörte sie eine herrische Männerstimme hinter der Tür, einen kleinen Wortwechsel, ein leises unterdrücktes Weinen. Gleich darauf kam ein bartloser Mann, dessen Gesicht man ansah, daß es von einem eben durchgekämpften Ärger sich mühsam zur grinsenden Liebenswürdigkeit durchrang, eine vierschrötige, plumpe Gestalt mit kalten, strengen, fuchsartig schlauen Zügen, die durch schielende Blicke noch widerwärtiger gemacht wurden. Der Theologe konnte den reichen Metzgersohn vom Dorf nicht verleugnen; seine Manieren waren gravitätisch-tölpelhaft, heuchlerisch-freundlich. »Mit was kann ich dienen?« begrüßte der Lehrer seinen Gast und lud ihn zum Sitzen ein. Emma war schlau genug, zur Einleitung sogleich die geistlichen Gedichte des Herrn, die sie übrigens gar nicht gelesen hatte, zu loben. »Ich wollte Ihnen zunächst meinen tiefgefühlten Dank für den Genuß dieser ›Palmblätter‹ aussprechen . . .« Er korrigierte leise: »Herbstblätter« und fuhr mit vor Wonne ordentlich zerfließender Miene fort: »Es tut dem Herzen so wohl eine mitfühlende Seele zu finden! Sie machen mir in der Tat durch Ihre Anerkennung eine unendliche Freude . . . Der Sinn für glaubensstarke Lyrik ist heutzutage fast erloschen! Desto herrlicher erhebt es die Seele, wenn sie eine Seele findet, die sich in dem Herrn 171 mit ihr vereint.« Sein Schielauge warf einen grüngelben Blitz zur Decke. Unwillkürlich war er dem schönen Fräulein ein wenig näher gerückt, hatte seine Hand ausgestreckt und die ihm entgegenkommende Hand der ihn stark anziehenden Schönen ergriffen. Nun legte er mit pastoraler Würde auch seine Linke auf die weibliche Hand, so daß er sie ganz zudeckte, als wollte er sie sorgsam vor jedem sündhaften Anhauch der Welt bewahren. Emma lenkte einen anbetenden Blick in seine Augen, der ihm außerordentlich wohl zu tun schien. Nun flüsterte er sanft, mit verbindlichem Lächeln: »Aber verzeihen Sie . . . ich habe ganz Ihren werten Namen überhört. Darf ich fragen, mit wem ich . . .?« So war sie doch gezwungen ihren Namen zu nennen. Kaum war er ihren Lippen entflohen, so bemerkte sie ein entschiedenes Nachlassen des entzückten Lächelns auf dem schlauen Fuchsantlitz. Die spitze, scharfe Nase schien Unrat zu wittern, die pfiffigen dünnen Lippen preßten sich feindselig boshaft aufeinander, die kalten Schielaugen warfen einen grüngelben Blick auf das Mädchen. Dies Auge kam ihr jetzt mit seiner gallertartigen Pupille vor wie der ekle Auswurf eines Lungenkranken. Ihre Hand ließ er sofort los. Doch konnte er nach einer solch herzlichen Einleitung unmöglich plötzlich einen schroffen Ton anschlagen, auch war die Sünderin wirklich zu anmutig. »Ach so . . . so . . .« stotterte er, unruhig auf dem Stuhl rückend und sich in seinem Zimmer 172 umschauend, als würden dessen keusche Wände entweiht, durch die Gegenwart einer Lasterhaften. »Ja,« sagte sie errötend, »verzeihen Sie dem Weltkind, wenn es im Vertrauen auf die Frömmigkeit, die aus Ihren Versen leuchtet, Trost und Hilfe in Anspruch nimmt.« Sogleich als er an seine Verse erinnert wurde und an sein geistliches Amt, hellte sich die Miene des Gottesmannes wieder auf. »Sie sprachen von Hilfe?« sondirte er vorsichtig. »Geistlichen Trost verweigere ich gewiß keiner Seele; darf ich nicht verweigern.« »Darf ich frei reden?« fragte sie bescheiden ängstlich. Er lehnte sich würdevoll zurück und erwiderte mit salbungsvoller Milde: »Reden Sie, bitte.« »Hilfe – ja,« entgegnete sie eifrig. »Hilfe begehre ich, aber nicht für mich. Ich kenne einen jungen Menschen, dessen Lebensglück auf dem Spiele steht . . .« »Wie?« »Ja, und Sie könnten ihn retten.« »Ich . . . einen jungen Menschen . . . retten?« »Ja. Ich will Ihnen seinen Namen nennen, dann wissen Sie alles. Karl Körn.« Der Theologe zuckte empor. »Wie? Sie kennen diesen jungen Mann?« fragte er mit einer Betonung, in der ein leiser Verdacht lag. Sie war hierauf gefaßt. »Ich kenne ihn,« fuhr sie offen und klar fort, den vorwurfsvoll prüfenden Blick des Lehrers mit Ruhe und Würde aushaltend. 173 »Ich interessiere mich lebhaft für seine Arbeiten. Er hat sich vor längerer Zeit an mich gewendet, da ihn einer meiner schriftstellerischen Versuche – ich darf wohl sagen: begeisterte. Ich versprach ihm, ihn zu fördern. Ich weiß wohl, daß sein Vater nicht gerne sieht, daß er mit mir umgeht.« »In der Tat . . .« ließ Dr. Simmer einfließen. »Ja,« fuhr sie gleichgültig fort, »ich habe auch dem jungen Herrn angedeutet, es sei mir lieber, wenn er mich nicht mehr besuche. Ich hoffe, er stellt den Verkehr ein. Doch das nebenher. Um nun auf den Zweck meines Besuchs zu kommen . . .« »Ich ahne diesen Zweck!« unterbrach er sie gereizt. »Aber . . . ich fürchte . . .« »Ich weiß,« fuhr sie fort, »er hat Sie in jugendlicher Hitze schwer beleidigt. Ich misbillige diese Kritik sehr. Sie hat auch schwere Folgen gehabt für den Verfasser; sein Vater will ihn nicht zum Examen zulassen.« »Sein Vater,« tadelte der Theolog heftig, »sollte gar nicht erlauben, daß er jetzt schon unter die Schriftsteller geht; ein Schüler hat nur für die Schule zu arbeiten.« »Ganz einverstanden!« gab ihm Emma recht, um ihn nicht noch mehr zu reizen. »Die Kritik über Ihre Lyrik ist noch so unreif . . .« »Das sagen Sie auch?« rief er. »Das sagt Jeder, der meine Gedichte kennt! Unreif? o – schmählich, verrucht ist diese Kritik! Er ist ein Gottesleugner! wo soll das hin? Er wird im Zuchthaus endigen! Eine solche Pestbeule darf nicht ansteckend um sich 174 greifen, sie muß so rasch als möglich aus dem gesunden Organismus geschnitten werden! Der Herr Direktor ist derselben Meinung; er hat mir selbst den Rat erteilt Strafantrag zu stellen.« »Eben deshalb,« fiel ihm Emma ins Wort, »sollten Sie christliche Großmut und Nächstenliebe walten lassen. Sie sollen nicht nur siebenmal dem Irrenden verzeihen, sondern siebenmal siebzigmal.« Der Theologe sah finster vor sich hin. »Ich verzeihe ihm,« sagte er dann; »selbstverständlich verzeihe ich ihm – als Christ. Aber bedenken Sie die Folgen, die ansteckende Kraft der Sünde für Andere! Und seine eigene Reue und Besserung!« »Sie wollen sagen: nur Strafe bessert?« erwiderte sie. »Bei diesem Charakter irren Sie sich, Herr Doktor. Diesen Menschen bessert nur großmütiges Verzeihen, Liebe! Strafe würde ihn nur verbittern.« »Da mögen Sie vielleicht recht haben,« gab der Lehrer zu. Emma bemerkte, das der Gestrenge schon versöhnlich gestimmt war und nutzte dieses zu ihrem Vorteil aus. »Wenn Sie ihm verzeihen, würde er auch vielleicht seinen Gott wiederfinden.« »Seinen Gott?« fragte der Theologe, »wie meinen Sie das?« »Nun ja!« fuhr sie errötend fort. »Das Verzeihen ist eine göttliche Tugend; auf den Menschen, dem ein großes Unrecht verziehen wird, fällt ein Strahl der Gottesliebe.« Dann setzte sie mit seiner Betonung und gut gespielter innerer Bewegung hinzu: »Er würde gleichsam in Ihnen, seinem großmütigen 175 Lehrer, die göttliche Milde und Gnade verkörpert finden.« Der Theologe machte lächelnd eine abwehrende Handbewegung. »Nun,« sagte er behaglich schmunzelnd von dieser Schmeichelei schon halb besiegt, »Sie verstehen es in der Tat, den Sünder wie der beste Anwalt in Schutz zu nehmen. Merkwürdig, was ein hübsches Weib alles durchsetzen kann! Ich hatte mir vorgenommen, diesmal unerbittlich zu bleiben; aber Sie, Sie schlaue Schlange,« er drohte ihr schalkhaft mit dem Finger, »Sie schmelzen die Rinde von meinem Herzen. Ich will Ihnen etwas sagen, Fräulein Dorn: wenn der junge Mensch zu mir her kommt und aufrichtige Reue an den Tag legt, mich ernstlich um Verzeihung bittet, natürlich auch öffentlich in der Litterarischen Wacht seine harten Ausdrücke zurücknimmt, – dann will ich ihm nicht nur verzeihen, sondern sogar auch seinen Vater bitten, ihn zum Examen zuzulassen. »Das ist nicht mehr als recht und billig,« sagte Emma aufatmend, »das können Sie verlangen. Herr Doktor, ich danke Ihnen einstweilen im Namen meines Schützlings.« Sie erhob sich. »Was würde auch sonst aus ihm werden,« bemerkte er noch, »wenn er jetzt aus dem Gymnasium gestoßen würde? – Ein Litterat!« setzte er verächtlich hinzu. »Hoffentlich bringt ers, wenn er im Gymnasium bleibt, – zum Professor!« Sie hatte das letzte Wort mit derselben Verachtung herausgestoßen. 176 Er errötete leicht. Dann reichte er ihr die Hand. »Ich muß gestehen,« sagte er höflich, »ich hegte allerlei Vorurteile gegen Sie. Schriftstellernde Damen werden ja so leicht von der Klatschsucht verfolgt. Ich freue mich indes, Ihre Bekanntschaft gemacht zu haben. Sie widerlegen von selbst alle bösen Gerüchte.« »So geht es immer im Leben!« versetzte sie mit liebenswürdigem Lächeln. »Wir horchen zu viel auf die schablonenhaften Meinungen der Welt. Die Theologen sind ja auch meist nicht halb so fanatisch und beschränkt, als sie in den Augen der Liberalen erscheinen.« Er empfand den leisen Stich, nickte mit etwas verdutztem Lächeln und entließ sie. Trotz ihres Erfolges ging sie mit schwerem Herzen, denn sie zweifelte, daß der eigensinnige Karl den Theologen persönlich um Verzeihung bitten werde. Dr. Simmer aber setzte sich an seinen Pult und schrieb einen langen Brief, in dem er die Staatsanwaltschaft aufforderte, den Roman: »Finstere Dämonen« von Emma Dorn als ein höchst unmoralisches Werk in Beschlag zu nehmen. Das war seine Rache. Seinem Beleidiger mußte er aus christlicher Nächstenliebe verzeihen; wenn er aber den Denunzianten spielte, war das schließlich doch auch ein Gott wohlgefälliges Werk und der Staatsanwalt durfte ja seinen Namen nicht nennen. Er nahm sich übrigens vor, den ihm von seiner Studienzeit her persönlich bekannten öffentlichen Ankläger zu besuchen und ihn zu bitten, doch ja dafür zu sorgen, 177 daß sein Name dabei nicht ins Spiel komme. Auch dem Direktor gegenüber wollte er jetzt ein anderes Gesicht aufsetzen; er wollte den Roman des Fräuleins sogar loben und ihn für harmlos erklären. Das mußte den Verdacht des Denunziantentums gewiß von ihm ablenken.   9. Direktor Körn saß gegen fünf Uhr in seinem Arbeitszimmer und las den Roman ›Finstere Dämonen‹. Das Werk ergriff ihn. Er hatte eine solche Darstellungskraft überhaupt keinem Frauenzimmer zugetraut. Er las schon zwei Stunden hindurch. Aber mit echt deutscher Nörgelsucht strebte er den starken Eindruck, den das Buch in seiner Seele hervorgebracht, zu zerstören. Er wäre ja kein deutscher Schulmeister gewesen, wenn er sich innerlich eingestanden hätte: Das ist echte Poesie! Als sein Sohn Karl eintrat, hielt er diesem sogleich einen ästhetisch kritischen Vortrag über das Werk, in dem er allerlei kleine Stylunebenheiten zu großen Fehlern aufzubauschen, überhaupt die ganze Handlung als unmöglich hinzustellen suchte. Karl widersprach, da er deutlich merkte, daß dem Vater das Werk stark imponiert hatte, mit Heftigkeit. Der Direktor führte allerlei ästhetische Gesetze ins Feld, – Karl verlachte diese alten Regeln. Der Direktor tadelte immer erboster, verrannte sich immer mehr in unhaltbare Theorien und Angriffe. Karls Haß fing von Neuem an zu 178 gähren. Er sah wieder einmal nicht den Vater vor sich, sondern den pedantischen Silbenklauber, den verbissenen Schultyrannen, der darüber empört war, daß ein nicht akademisch gebildetes Geschöpf eine gewandte Feder zu führen, Geist und Phantasie zu zeigen wagte; der es nicht einsehen wollte, daß ein einziger Geistesblitz aus eigenem Hirn, tausend aus anderer Leute Gehirn übernommene aufwog. Der Vater glaubte: weil er mit den Gedanken eines Aristoteles, eines Göthe, Schiller, Kant hausieren ging, sei er selbst ein Göthe oder Kant. Diese eigentlich dummdreiste Anmaßung empörte den Sohn deshalb noch mehr, weil sie sich jetzt auf ein Werk seiner verehrten Emma Dorn erstreckte. Karl hörte ihn eine Weile schweigend an. Dann fragte er plötzlich: »War Bismarck ein Menschenkenner oder nicht?« »Einer der größten!« gestand Körn verblüfft zu. »Nun Bismarck behauptet, das deutsche Nationallaster sei der Neid!« Mit diesen Worten verließ er das Zimmer, auf diesen kräftigen Abgang innerlich stolz. Körn errötete. Er mußte sich gestehen, daß er dem Roman unrecht getan, daß er ihn absichtlich herunterzureißen gesucht hatte. Er ließ den Sohn durch das Dienstmädchen wieder hereinrufen und begann hoheitsvoll: »Vor allen Dingen ist dein Betragen höchst unschicklich. Man ist durchaus nicht neidisch, wie du auf so schroffe Weise andeuten zu wollen schienst. Man gesteht gerne zu, daß das Werk große Vorzüge hat und 179 von vielem Talente zeugt. So – und jetzt geh und beurteile mich nicht nach deinen Einbildungen.« Karl ging, ohne zu entgegnen. Der Direktor war mit sich selbst und mit seiner Verteidigung höchst unzufrieden und ärgerte sich über die ganze Welt. Daß der Roman so vorzüglich war, machte ihm einen dicken Strich durch die Rechnung. Das Buch war auch garnicht so unmoralisch, als er erwartet hatte. Es kamen nur ein paar derbe Ausdrücke vor, die aber durch den ganzen Zusammenhang gerechtfertigt wurden. Er wollte weiter lesen, draußen klingelte es. Das Dienstmädchen meldete: »Fräulein Emma Dorn.« Der Direktor fuhr fast von seinem Sitz in die Höhe. »Wie? hast du recht gehört?« fragte er betreten. Das Mädchen gab eine Karte ab, die der Direktor überflog. Mittlerweile war Katharina aus dem offenen Nebenzimmer eingetreten und sagte: »Ists wirklich Fräulein Emma Dorn?« »Sie ists; hier liest man es.« »Wahrscheinlich handelt sichs um Karl,« meinte die Frau. »Laß mich dann rufen; ich möchte das Fräulein auch gerne kennen lernen, – schon weil sie so viel für unser Kind getan hat. Schließlich bekommst du auch vielleicht eine andere Meinung von ihr.« »Eine andere? ob bessere?« versetzte Körn pedantisch. »Aber es mag sein. Man lasse bitten!« wendete er sich zum dienstbaren Geist. Die Frau Direktor verschwand, der Direktor räusperte sich in 180 seiner präzeptoralen, gravitätischen Weise, legte seine Züge in würdevolle Staatsbeamtenfalten und überlegte, ob er dieser Würde einen freundlichen oder feindlichen Beigeschmack geben sollte. Die Tür ging auf. Er erhob sich. Unwillkürlich verrieten die soeben noch so strengen Mienen eine gewisse Neugier, als die üppige Gestalt vor seinen Blicken auftauchte, – die prickelnde Neugier der Jugend, die mit schaudernder Wonne die Geheimnisse des Lasters zu erforschen bestrebt ist. Sie mußte trotz ihrer Befangenheit lächeln; dann stieg, als sie in seiner Miene erriet, was in ihm vorging, ein entschiedener Ärger in ihr auf, den sie natürlich unter der Maske der Liebenswürdigkeit verbarg. Doch bald entdeckte sie, als ihre eigenartige Schönheit auf ihn zu wirken begann, eine gewisse Scheu, wenn nicht gar Angst in seinen Zügen. Das versöhnte sie. Er verbeugte sich und stammelte: »Bitte, nehmen Sie Platz.« Diese leidenschaftlichen Augen, von denen er so geheimnisvoll angeblitzt wurde, erfüllten ihn wirklich mit einem wonnigen Grausen. Ihre Kleidung war geschmackvoll phantastisch. Sie trug eine blaue, oben weit ausgeschnittene Seidenbluse, die einen herrlichen Hals offen ließ. Die Ärmel waren sehr kurz, sodaß, vom Ellbogen an, die schön gerundeten Arme sichtbar waren. Dieser Arm mit dem zierlich-weichen Gelenk bewegte sich mit graziöser Nervosität. Ihre Hand, die klein aber fest erschien, spielte oft reizend mit der Halskette, oder 181 begleitete ihre Worte mit ausdrucksvoll-anmutigen Gebärden. »Was steht zu Diensten?« fragte er etwas verwirrt und sich mit der Hand über den schön gepflegten Backenbart streichend, genau so wie er es in der Schule tat, wenn er im Augenblick nicht weiter wußte. »Ich komme,« sagte sie lächelnd, »Sie um eine Freundlichkeit zu bitten, die Sie eigentlich sich selbst erweisen würden.« »Mir selbst?« gab er zurück, diesmal wirklich so außer Fassung, daß er seine imponirende Beredsamkeit gar nicht finden konnte. »Ja. Sie vermuten wohl, um was es sich handelt.« »Wie? . . . wirklich nicht . . .« »Sie wollen Ihren Herrn Sohn aus dem Gymnasium werfen, wenn jene Anklage erhoben wird?« »Ach, jetzt verstehe ich. Aber ich bitte Sie! das ist doch eine Angelegenheit . . . die . . .« »Die mich eigentlich nichts angeht, – wollen Sie sagen? Eine Familienangelegenheit! Ich fühle selbst, daß ich mich hier in Ihr Familienleben dränge. Vielleicht ist das taktlos? Nun, verurteilen Sie mich, – aber, bitte, erst wenn Sie mich gehört haben. Also, ich hege großes Interesse für das Talent Ihres Sohnes. Sie haben ihm zwar verboten mich zu besuchen, aber . . . leider wurde dadurch sein Vertrauen zu mir nicht erschüttert. Ich habe mir nun vorgenommen, einerlei was die Welt hiervon denkt, – dies Vertrauen zu rechtfertigen. Ich halte das für meine Pflicht.« 182 »Ihre Pflicht?« »Ja, deshalb weil ich Ihrem Sohn nützen zu können glaube. Ich werde ihm auch dann zu nützen suchen, wenn er mir völlig aus den Augen geschwunden ist, d. h. wenn er Ihr Gebot, das ich verstehe und sogar billige, buchstäblich erfüllt. Es ist mir sogar sehr lieb, wenn er es erfüllt. Trotzdem . . . kurz, hören Sie mich nur an. Meine Teilnahme für Ihren Sohn hat mich zu dem beleidigten Dichter geführt.« »Wie? Sie hätten . . .?« stammelte Körn überrascht. »Seien Sie mir nicht böse deshalb!« bat sie mit einem so kokett schalkhaft flehenden Augenaufschlag, daß ihm vor der Stirn ein süßer Schwindel vorbeizog. »Es geschah aus gutem Herzen. Ich konnte es nicht mit ansehen, daß ein hochbegabter Mensch, einer Albernheit wegen um sein Vorwärtskommen in der Welt gebracht worden sollte.« »Ich muß gestehen,« brachte der Direktor heraus, »Sie haben da sehr eigenmächtig gehandelt. Es muß doch auf den Herrn Dr. Simmer einen seltsamen Eindruck machen, wenn . . .« »Ach was!« schnitt sie ihm in humoristisch-ärgerlichem Ton das Wort ab. »Wenn ich, die ich fast die Mutter Ihres Sohnes sein könnte, ein gutes Wort für ihn einlege? Ich möchte wissen, wer das sonderbar findet! Gibt es denn in der Welt nur niedrige, kleinliche Interessen?« »Nun ja; nun ja,« lenkte Körn ein. »Wie dem nun auch sei . . . Ich für mein Teil glaube Ihnen 183 gern, daß Sie aus edelster Teilnahme für mein Kind gehandelt haben; ich muß auch gestehen, ich kann es nicht in Abrede ziehen, daß . . . daß Ihr Schritt . . . vielmehr, daß Sie diesen Schritt besser tun konnten, als sonst irgend jemand. Ich selbst konnte doch als Vorgesetzter des Beleidigten . . . Sie verstehen? Gerechtigkeit ist mir das oberste Gesetz! Es ist mir daher beinahe willkommen, daß Sie . . . den Mut . . . Nun – Tatsache ist die . . . Sie haben mir da einen Stein vom Herzen genommen! gewiß . . . gewiß; ich danke Ihnen! Aber . . . was war denn das Resultat dieser kühnen Unternehmung?« »Ich darf sagen,« fuhr sie innerlich über seine geschraubten Schulmeisterredensarten lächelnd fort, »das Resultat war so günstig wie nur möglich. Ihr Sohn soll den beleidigten Dichter besuchen und um Verzeihung bitten, dann wird die Klage nicht erhoben!« Körn atmete erleichtert auf. So war der Sohn gedemütigt und alle Gefahr für den Vater, ohne daß er sich etwas zu vergeben brauchte, abgewendet. In diesem Augenblick erinnerte der Direktor sie auffallend an ihren Kater Peter; ganz ein veredelter, stolzer Katerkopf, dachte sie. »Sie haben da Wunder gewirkt!« sagte er mit der gewinnenden Freundlichkeit, die ihm, wenn er wollte, zu Gebot stand. »Nochmals meinen herzlichsten Dank. Ich sehe übrigens aus Ihrem ganzen Verhalten, daß ich mich in Ihnen geirrt habe. 184 Mein Gott! man hinterbrachte mir allerlei törichte Gerüchte über Sie . . .« Er errötete. »Ich weiß,« unterbrach sie den Verlegenen. »Ein alleinstehendes Fräulein, besonders wenn es dichtet, – da sind die Klatschmäuler gern in Bewegung. Das war ja auch ein Grund, warum ich mich Ihnen persönlich vorstellen wollte . . . damit Sie sehen, mit wem Ihr Sohn verkehrte.« »Ich hatte es schon gesehen!« rief er. »Aus Ihrem neuesten Roman, – sehen Sie, hier liegt er. Einer Seele, die solch ein Werk schaffen kann, darf man nichts Unlauteres zutrauen. Hier zerschellt jede Verdächtigung. Wirklich, eine außergewöhnliche Leistung!« »Und die unmoralischen Wendungen . . . stoßen Sie nicht ab?« »Die gehören hinein. Alle großen Dichter vermeiden die Zimperlichkeit und nennen das Kind beim rechten Namen. Für Kinder ist ja so etwas nicht geschrieben; ein reifer Mensch wird keinen Anstoß daran nehmen. Ich gratuliere Ihnen zu dem Werk.« »Ich danke Ihnen!« sagte sie; »für Ihr Urteil, wie für das Schwinden Ihres Vorurteils.« Der Direktor drückte auf die Glocke. »Wir wollen sofort dem Sünder den Erfolg Ihres Besuchs bei dem Beleidigten mitteilen,« sagte er. Das Dienstmädchen trat ein und bekam den Auftrag Karl hierher zu rufen. Emma hatte bemerkt, daß sie einen starken Eindruck in der Seele des Schulmanns zurückgelassen. 185 Seine Bewunderung ihres Romans berührte sie nicht tiefer; sie traute dem Gelehrten kein feineres ästhetisches Verständnis zu; aber, daß er offenbar das Weib, das schöne Weib, in ihr bewunderte, das freute sie, das reizte sie alle Künste der Gefallsucht spielen zu lassen, um ihn noch mehr in Verwirrung zu bringen. Welche Macht ist doch das Weib in der modernen Gesellschaft! dachte sie; wenn auch meist eine sehr dumme, schädliche Macht. Sie ist die stille Nebenregierung im Staat; sie ist der glühende Moloch, dem die Jugend ihre Ideale opfert, das Mannesalter Gesundheit, Geld und Gut, das Greisenalter die letzte Kraft. »Sie halten also etwas von dem Talent meines Sohnes?« unterbrach jetzt Körn das Schweigen. »Wenn er sich so weiter entwickelt,« versetzte Emma, »wenn er nicht etwa stehen bleibt, – wie das bei solchen Genies leider oft der Fall ist, erwarte ich das Höchste von ihm.« »Ja« meinte der Vater, »ich habe kürzlich seine Novelle in der Litterarischen Wacht gelesen. Wirklich sehr gut! Wenn nur sein Charakter fügsamer wäre! Ich glaube, er liebt mich nicht!« setzte er sinnend hinzu. Emma ward von diesem Gefühlsausbruch bewegt. »Dasselbe behauptet er – von Ihnen!« sagte sie. »Was? Unsinn!« brummte Körn. »Was bildet sich der Mensch ein! ich werd mein Kind nicht lieben?« »Vielleicht zeigen Sie ihm Ihre Liebe nicht; oder nicht auf die richtige Weise? Solche Talente wollen auf besonders seine Weise behandelt sein.« 186 »Da haben Sie recht«, gestand Körn zu. »Solche überempfindliche Naturen,« fuhr sie fort, »ziehen sich gleich trotzig in sich selbst zurück, wenn man sie im Geringsten rauh anfaßt.« »Ja, aber das muß doch auch manchmal geschehen!« warf er ein. »Wenn Tadel notwendig ist.« »Es kommt darauf an: wie getadelt wird,« sagte sie mit ganz leisem Vorwurf, aus dem Körn erkannte, daß sich sein Sohn bei Emma beschwert hatte. »Ja, es ist wahr,« gestand er ein, »wir verstehen uns schwer, ich und Karl. Ich bin ein Feind jeder Art von Sentimentalität; mein Sohn ist nun aber einmal, wie es scheint, – eine Schmachtlappennatur und verlangt, daß man ihn wie ein Frauenzimmer behandelt.« »In seinem Alter, Herr Direktor!« entschuldigte sie. »Jeder deutsche Jüngling macht eine Wertherperiode durch. Versetzen Sie sich in seine Lage! Die alten religiösen Vorstellungen hat er über Bord geworfen; nun sucht er nach einer neuen Weltanschauung, findet keine die ihm genügt und verfällt deshalb einem schwärmerischen Weltschmerz, einer unbestimmten Sehnsucht. Infolge seiner – ich darf wohl sagen: genialen Veranlagung wird nun diese Schwärmerei, diese Sehnsucht nach dem Unendlichen, die selbst die Nüchternen einmal ergreift, bei ihm ins Ungemessene gesteigert. Sein überzartes, ja krampfhaft sensibles Nervensystem hält diesen Kampf kaum aus; es erbebt wie die Saiten einer morschen Harfe im Sturm, es verlangt nach einem 187 liebevollen, weichen Entgegenkommen . . . Findet ers nicht, dann steh ich nicht dafür, daß die überspannten Saiten nicht reißen . . .« »Sollte hier nicht viel mehr Strenge am Platz sein?« wendet der Pädagoge ein. »Festigkeit, die allein auch ihn fest machen kann?« .,Um Gotteswillen nicht!« versetzte sie. »Durch Strenge machen Sie ihn immer trotziger, höhnischer, kälter; stürzen ihn in Verzweiflung, wohl gar . . . in Verbrechen!« »Verbrechen!« stieß Körn ärgerlich heraus. »Wie kommen Sie darauf!« Sie schwieg einen Augenblick. »Wissen Sie nicht,« begann sie dann, »daß Genie, Wahnsinn und Verbrechen – miteinander verwandt sind?« Er schüttelte misbilligend den Kopf. Dann sagte er: »Schließlich muß doch er sich in diese Welt fügen! nicht umgekehrt. Sein Eigensinn müßte gebrochen werden, seine Gefühlsseligkeit durch strenge Zucht ein Rückgrat erhalten.« »Daß er sich ohne Weiteres in die Welt füge sollten Sie doch nicht verlangen,« meinte Emma. »Dazu ist er viel zu bedeutend. Eine solche Herrschernatur will sich die Geister unterwerfen und es gelingt ihm ja auch, sich überall Respekt, ja Furcht zu verschaffen. Er meint es deshalb doch gut mit den Unterworfenen; er sucht sie zu sich hinanzuziehen. Sie sehen das ja an seinem Freund Konrad Stern und an Andern, die er beherrscht und für deren geistiges Leben er Opfer bringt. Er hat diesem Konrad schon mindestens für fünfzig Mark 188 Bücher geschenkt. Seinen Eigensinn brechen Sie nie durch Strenge, weil er eine notwendige Bedingung seiner Veranlagung ist. Jeder hat die Fehler seiner Tugenden. Seine übermäßige Gefühlsseligkeit wird sich im Treiben der Welt schon von selbst verlieren; rauben können Sie ihm sie nicht. Durch Strenge wird er sich nur noch mehr in sich selbst zurückziehen, wird Sie für hartherzig halten und – einen entschiedenen Haß gegen Sie hegen!« Körn sann vor sich hin. Er mußte sich gestehen, daß ihm, weil er seine Frau nicht mehr liebte, auch deren Kinder gleichgültiger geworden waren. Die Kinder intriguirten ja auch gegen ihn, standen stets im Streit auf Seiten der Mutter. »Ich danke Ihnen,« sagte er jetzt. »Ich glaube, Sie haben in Manchem recht; ich habe ihn vielleicht bisher falsch behandelt.« »Ich habe stets die Beobachtung gemacht,« bemerkte sie, die Worte Karls verwendend, »daß sich gerade die Menschen, die durch Bande des Bluts direkt auf einander angewiesen sind, am allerwenigsten verstehen. Wir können einen Gegenstand, der uns zu nahe vorm Auge steht, nicht so gut erkennen, wie einen, der weiter von uns weggerückt ist.« Er gab ihr recht und sie fuhr fort: »Auch scheint es in der Natur der Liebe zu liegen, daß sie, wenn sie Liebe bleiben soll, ihr Objekt frei wählen muß; sobald sie aus Pflicht in Tätigkeit zu treten gezwungen werden soll, – verwandelt sie sich in Haß.« Körn hatte gerade noch Zeit sie mit einem ganz 189 bestürzten Blick zu prüfen, als Karl eintrat. Meint sie mein Verhältnis zu meiner Frau? fragte er sich, wendete sich aber sofort dem Sohn zu und sagte, in einem zwischen schulmeisterlicher Strenge und väterlicher Milde schwankenden Ton: »Komm näher.« Emma erkannte sofort an diesem Ton, daß Körn niemals völlig den Schulmeister im Verkehr mit dem Sohn ablegen konnte und daß daher hauptsächlich das Familienzerwürfnis stammte. Karl war beim Anblick Emmas zurückgeprallt. Dann faßte er sich und trat errötend näher, wobei auf seinen sonst so professoral-ältlichen Zügen eine kindliche Freude leuchtete. Als er sie nun begrüßte, war dies junge Greisenantlitz wirklich hübsch und frisch, gestand sich Emma. »Fräulein Dorn«, fuhr der Direktor, wieder in seinem Lehrerton fort, »hat für dich gehandelt. Sie hat bei Herrn Dr. Simmer persönlich ein gutes Wort für dich eingelegt, das du eigentlich nicht verdienst. Aber, wie dem nun auch sei, – man ist dem Fräulein zu großem Dank verpflichtet.« Der Vater beobachtete dabei scharf das Benehmen seines Sohns, konnte aber nichts entdecken, was ihm das Verhältnis der Beiden hätte verdächtig erscheinen lassen. Karl war nach seinem Erröten allerdings bleich geworden, aus seinem Blick sprach aber vollkommene Unbefangenheit, in seinem Verhalten zeigte sich sogar die süße Jugendtölpelei des Unerfahrenen. Emma begrüßte ihn mütterlich-gönnerhaft; ihr gutmütiges Lächeln flößte dem Schulmann, zu seinem 190 eignen Erstaunen ein merkwürdig inniges Gefühl ins eingetrocknete Herz, es blitzte ihm wie ein neues Verständnis für weibliche Reize durch die Seele. Es kam ihm vor, als sei diese Jahre hindurch sein Busen eine staubige Apothekerschublade gewesen, in deren muffigem Dunkel die Liebesgefühle wie vertrocknete Kräuter geschlummert; jetzt war unterm Einfluß eines warmen Taues, eines erquickenden Sonnenstrahls, in den vergilbten Blättern, den abstrakten Begriffen, wieder ein geheimes konkretes Leben erwacht. Über sich selbst ärgerlich, setzte er nun seinem Sohn auseinander, daß der Beleidigte persönliche Abbitte verlange. Zu seiner Überraschung schwieg Karl. Nun legte sich Emma ins Mittel. »Ich kann mir denken,« sagte sie, »daß es Ihnen widerstrebt einen Mann um Verzeihung zu bitten, dessen Weltanschauung und Kunstansicht nicht die Ihrige ist . . .« »Sehr widerstrebt mir das!« fiel ihr der junge Mann ins Wort. »Dann bedenken Sie,« fuhr sie fort, »daß Sie, wenn Sie auch sachlich vielleicht im Recht waren, doch zu scharfe Ausdrücke gebraucht haben. Man kann alles sagen, was man auf dem Herzen hat; nur darf man nicht in jugendlichem Überschwang sich hinreißen lassen, einen anders Denkenden, oder einen mittelmäßigen Poeten gleich für einen Verbrecher zu halten, der öffentlich gebrandmarkt werden müßte . . .« »Hörst du, was Fräulein Dorn sagt?« rief der Direktor. 191 »Ich halte nun aber den Herrn Dr. Simmer für einen Heuchler!« platzte Karl naiv heraus. Der Direktor gab zwar im Stillen seinem Sohn nicht unrecht, sagte aber: »Heuchler! Woher weißt du das? Meinst du, deine Menschenkenntnis sei unfehlbar? Und wenn er es wäre, – was geht das dich an? Er ist es aber nicht. Er ist streng religiös.« »Überdies,« gab Emma begütigend zu bedenken, »ist er Ihr Lehrer.« »Sonderbare Logik!« flüsterte Karl lächelnd. »Gar keine sonderbare Logik!« tadelte Körn. »Du bist ein undankbarer Mensch. Herr Dr. Simmer hat dir Manches beigebracht; du hast ihm viel geistige Anregung und Belehrung zu verdanken . . .« »Er hat mir beigebracht, daß 2×2=5 sei,« rief Karl erregt, »Dinge, die ich erst mit großer Anstrengung und furchtbaren Seelenkämpfen wieder aus dem gesunden Geistesorganismus ausstoßen mußte.« »Ach,« fiel ihm der Vater streng ins Wort. »laß diese Philosophie! – Dr. Simmer hat seine Pflicht getan und du hast Wichtiges bei ihm gelernt. Das ist nicht in Abrede zu ziehen und ich verlange von dir, daß du ihn um Verzeihung bittest.« Emma warf ihm einen herzlich bittenden Blick zu. »Gut!« sagte der Angefahrene barsch. »Ich tus!« Emma erhob sich. »Recht so, Herr Karl!« wendete sie sich herzlich an ihren jungen Freund. »Wir müssen Alle von unsern Idealen und Grundsätzen 192 im Leben die Hälfte aufgeben. Sonst kommen wir nicht durch.« »Ich habe so ein Vorgefühl davon!« lächelte Karl schmerzlich ironisch. »Was soll der junge Bergsteiger tun, wenn sogar sein Führer, um zum Gipfel zu kommen, auf allen Vieren kriecht?« Emma unterdrückte ein Lächeln. Sie fand diesen satirischen Vergleich wieder mal prächtig und sah im Geist den Direktor mühsam die Gletscherwand des Staatsdienstes hinaufkriechen. Dem Direktor gefiel die Andeutung weniger . . . denn er hatte allerdings viel Idealismus und Mannesstolz opfern müssen, um diesen bescheidenen Berggipfel einer Direktorstelle zu erreichen. »Ich nehme mein Verbot zurück,« sagte er zu Karl. »Du darfst Fräulein Dorn besuchen. Es wird mir übrigens auch eine Freude sein, das Fräulein öfter bei mir zu sehen.« »In der Tat?« lächelte sie. »Ja, gewiß,« bestätigte er. »Warten Sie . . . Karl, ruf die Mama! Meine Frau wird Sie auch gerne kennen lernen.« »Sehr angenehm,« beteuerte Emma, indes Karl ging. Gleich darauf trat die Frau Direktor im rotgeblümten wollnen Hauskleid ein, entfaltete ihre ganze Liebenswürdigkeit und dankte dem Fräulein dafür, daß sie sich ihres im Leben so unpraktischen Sohnes so herzlich angenommen. »Das tut man ja gern,« versicherte Emma;»für einen solch talentvollen Menschen!« 193 »Mein Gott,« sagte Katharina mit einem gelinden Seitenhieb, »mein Kind findet so wenig tieferes Verständnis zu Hause; da muß es wohl auswärts eine Aussprache suchen.« »Das wird schon besser werden,« wendete das Fräulein ein. »Glauben Sie?« warf Katharina hin. »Ach! mein Mann kommt vor lauter Erziehung anderer Kinder nicht zur Erziehung der eignen . . .« »Das ist wie in den Pfarrhäusern,« stimmte er lachend ein. »Die Kinder der Pfarrer und Lehrer misraten besonders oft. Es ist wahr, die Schule verschlingt dermaßen mein Interesse, daß ich mich leider gar wenig dem Hause widmen kann. Ich bin erst Beamter, dann Vater; ich will mir nicht nachsagen lassen, ich bevorzuge meine Kinder.« »Du bist halt gar zu pflichtgetreu!« meinte seine Frau mit leiser Ironie und dankte dann noch einmal dem Fräulein, indem sie ihr das Versprechen abnahm, baldigst ihren Besuch zu wiederholen. Emma versprach dies und verabschiedete sich dann. Körn hatte, während sie zur Türe hinausgingen, die beiden Frauengestalten unwillkürlich verglichen, – hier Emma, ein wandelndes Paradies. – dort seine Frau, die Wüste Sahara. Er suchte diesen Eindruck eifrig in sich zu bekämpfen, oder wenigstens abzuschwächen, – er war ja ein so gewissenhafter Ehrenmann. Auch als Männchen suchte er ein pflichttreuer Mustermensch zu bleiben. Doch merkte er, daß es weit leichter ist in rein geschäftlichen, rein materiellen oder geistigen Fragen die abstrakte 194 Vernunft, den kategorischen Imperativ walten zu lassen, als in Herzensangelegenheiten. Wo das Reich der Phantasie, des Gefühls anfing, da hörte die stramme sittliche Selbstzucht auf. Hier gab es keine sichtbaren Vorgesetzten, keine sichtbaren Regeln oder Ministerialerlasse, – hier herrschten unbegrenzte Möglichkeiten, hier konnte ihm keine Regierung hineinreden. Als Katharina wieder zurückkam und versicherte, Fräulein Dorn habe ihr einen sehr angenehmen Eindruck hinterlassen, nickte er stumm. »Sie ist in der Tat liebenswürdig,« sagte er; »auch sehr begabt und, wie es scheint, tugendhaft.« »Du hast dir ein ganz falsches Bild von ihr gemacht,« tadelte sie. »Das geht dir oft so mit deinen spießbürgerlichen Vorurteilen.« »Man hat sich allerdings in ihr getäuscht,« gab er zu. »Es ist nicht in Abrede zu stellen, sie besitzt gute Eigenschaften.« »Und ist so hübsch!« setzte sie lauernd hinzu. Er antwortete hierauf nicht, sondern trommelte mit der Feder auf dem Pult herum, was ihr auffiel. »Findest du das nicht?« fragte sie, den Kopf zu ihm hinwendend. »Was?« fragte er, als ob er es überhört hätte. »Tu doch nicht so!« sagte sie. »Du hast mich verstanden.« »Wieso? Was denn?« »Ach – ich habe doch gemerkt, daß du kein Aug von ihr ließest.« »Aber Katharina!« 195 »Du hast sie doch ganz begeistert angestarrt. Leugnest du?« »Begeistert starren ist überhaupt nie meine Sache.« »Nun dann – lüstern.« »Pfui! ich verbitte mir das! hörst du?« »Daß sie hübsch, sehr hübsch ist,« fragte sie, »hättest du nicht bemerkt?« »O . . . ja,« zögerte er mit der Antwort. »Recht nett.« »Nett, nett!« tadelte sie. »Das ist doch kein Ausdruck! Ich finde sie entzückend. Diese flammenden Augen, diese edelgeschwungene Stirn . . .« Er machte: »Hm – ja!« Dabei grauste ihm vor der knochigen Gestalt seiner Katharina dermaßen, daß ihn geradezu eine körperliche Schwäche anwandelte. Sie trug heute wieder jenen Rosenknospenkranz von Wimmerln um den eingefallenen Mund, der ihm schon seit langer Zeit so widerwärtig an ihr war. Ihre Schillernase leuchtete auch ziemlich rötlich, ihre Haare wurden bedenklich dünn. Doch über diese Äußerlichkeiten würde er ja schließlich weggesehen haben, wenn nur ihre Seele nicht völlig die frühere jugendliche Anmut eingebüßt hätte. Nur andern Menschen gegenüber tauchte noch etwas von ihrer früheren Liebenswürdigkeit auf; ihn behandelte sie fast nur noch als Feind. Und merklich tat es einen Ruck in seiner Seele –: die Worte Dr. Müllers zuckten durch sein Gedächtnis! . . . Wenn man seine Frau in eine Anstalt bringen könnte? Eine weite blühende Aussicht öffnete sich vor seinen trunkenen Blicken. »Ich glaube wahrhaftig,« sagte er, »du fügst zu 196 deinen übrigen recht peinlichen Eigentümlichkeiten noch die entsetzliche Schrulle einer unbegründeten Eifersucht?« Sie schwieg einen Augenblick. Dann wendete sie ihm ihr unschönes aber ehrliches Gesicht zu und lächelte. »Nein, Eifersucht kenne ich nicht. Du hast jede Freiheit in diesem Punkt, . . . Narrenfreiheit. Ich weiß, daß ich dich nicht mehr fesseln kann, hab auch garnicht das Bedürfnis danach; darüber bin ich hinaus. Zwei im Ehegefängnis eingeschlossene Unglückliche denken nur noch an die Freiheit. Nimm sie! zerstreue dich! ich hab ja dann vielleicht vor deinen Schrullen und Launen Ruh und kann meinen Götheforschungen ungestört obliegen.« »Immer wieder diese Forschungen,« murmelte er. »Wie? Was?« höhnte sie bissig. »Ja, du wärst freilich froh, wenn du nur so einen gewandten Styl schriebst wie ich. Die Gelehrsamkeit allein macht den Gelehrten nicht; man muß sie auch in eine schöne Form bringen können.« »Ach was verstehst du davon!« »Natürlich! Davon versteht nur der akademisch Gebildete etwas. Nun gut. Schweigen wir darüber. Ich wollte nur sagen: in Dingen der Liebe bin ich völlig modern, d. h. vorurteilsfrei; weit mehr als du! Du möchtest ja auch frei sein in diesem Punkt, dich hemmt aber – der Schulmeister; dir lähmen allerlei anerzogene, alberne Ehr- und Rechtsbegriffe die gesunde Logik. Ich kenne dich hierin besser als du selbst.« 197 »Nun,« wendete er betreten ein, »es muß doch auch da gewisse Sittengesetze geben . . .« »Die man ja im Stillen selbst für unsinnig hält!« fiel sie ein, »und nur deshalb anerkennt, weil man sich durch die allgemeine zur Macht erhobene Dummheit dazu gezwungen sieht.« »Du bist wirklich unberechenbar,« sagte er ernst. »In vielen Dingen so streng, so tadelsüchtig; in andern wieder . . . mehr als tolerant! Soll das noch gesund sein? Daß du eine Untreue mir so leicht verzeihen würdest, – ich rede nur so, denn du kennst ja meine festen Grundsätze! – das könnte man füglich als Moral-Irrsinn bezeichnen. Es scheinen mir wirklich in deinem Kopf alle sittlichen Begriffe verwirrt.« »Die moderne Zeit,« sagte sie überlegen, »kennt keine Moralbegriffe mehr. Sie fragt nur, was ist nützlich, was ist schädlich. Eine Handlung, die weder Nutzen noch Schaden stiftet, ist erlaubt.« »Und,« fragte er, aber merkwürdig mild, ohne jede Spur von Entrüstung, »wenn mir außer meinem Weib ein anderes gefällt, das bringt keinen Schaden?« »Wenn dein Weib nichts dagegen einzuwenden hat?« gab sie zurück. »Das gäbe schöne Verhältnisse!« bemerkte er ironisch. »Nein – ich denke, ich mache keinen Gebrauch von deiner liebenswürdigen Erlaubnis.« »Wie du willst!« Sie wandte sich, zu gehen. »Ich wandle auf dem Pfad der Ehrbarkeit ruhig weiter, wie bisher!« rief er mit verdächtigem Pathos hinter ihr her. »Ich begreife dich nicht, begreife 198 mich selbst nicht, daß ich deine perversen Auseinandersetzungen so ruhig mit anhöre.« »Vielleicht weil sie dir im Stillen gefallen?« lächelte sie, unter der Tür. »Jetzt ists aber genug!« sagte er entschieden, indes immer noch ohne eigentliche Heftigkeit. Sie verließ lachend das Zimmer. Dies Lachen wollte ihm beinahe heimtückisch erscheinen. In Wahrheit war ihm die Wendung, die das Gespräch genommen, aus verschiedenen Gründen nicht unangenehm. Die Freiheit, die ihm seine Frau zu lassen versprach, reizte ihn. Er konnte ihr nicht schroff widersprechen, er mußte sich gestehen, daß diese Art ihrer geistigen Minderwertigkeit ihm sehr willkommen war und daß er in Versuchung geraten werde, von ihrer Erlaubnis Gebrauch zu machen. Wenn sie nur nicht geheime böse Absicht dabei hatte!? –   10. Es waren etwa acht Tage vergangen. Für den heutigen Abend hatte der Direktor einige Lehrer des Gymnasiums eingeladen. An solchen Abenden war Körn ein entzückender Gesellschafter, dem man den Schulmeister nur wenig anmerkte. Es ward auch musizirt, – doch war die moderne Musik streng verpönt. Obwohl Körn im Stillen z. B. das Lohengrinvorspiel und viele Stellen aus 199 Tristan, Parsifal u. s. w. sehr gern hörte, durften diese Töne nie vor seinem Ohr angeschlagen werden. Nur wenn er sie zufällig hören mußte, etwa beim Vorübergehen an einer auf der Straße spielenden Militärkapelle, lauschte er ihnen . . . mit einem Genuß, den er sich freilich selbst wieder durch Kritik zu zerstören suchte. Die Herren Lehrer umschmeichelten wie gewöhnlich ihren Direktor; die Frau Direktor gab sich alle Mühe, ihre Haushaltungstalente glänzen zu lassen. Sie tat das um so mehr, weil sie wußte, daß ihr Gatte sich überall über ihre Unordnung beschwerte. Nun wollte sie der Gesellschaft zeigen, daß ihr Mann ihr Unrecht tue, daß sie eine musterhafte Hausfrau sei. Der Direktor, der so ungemein gern sein großes Rednertalent glänzen ließ, war mit seinen Herrn Lehrern in eine hitzige politische Debatte geraten. Natürlich war er mehr konservativ als liberal, während der freimütige Dr. Köhler fast in blutiger Morgenröte vor ihm erglänzte. Köhler besaß ein scharfes Mundwerk und genirte sich nicht, seinem Vorgesetzten wacker die Zähne zu zeigen, ja ihm zuweilen Eins drauf zu geben, was diesem oft das Blut zum Kopf trieb. Die andern Herrn lauschten mit gruslichem Behagen den heftigen Angriffen und gönnten im Stillen ihrem konservativen Vorgesetzten die Hiebe, die er dankend quittieren mußte; obwohl sie natürlich taten, als ob sie die scharfen Ausfälle Köhlers misbilligten. Als Köhler seinen Trumpf ausspielte und rief: »Konservativ sein, heißt 200 im letzten Grund: barbarisch sein!« ertönte ein andauerndes »Oho« aus den weinschlürfenden Lippen der Erzieher. »Ich bitte Sie, Herr Doktor!« ächzte der fromme Dr. Simmer, im Stillen vor Wonne fast platzend, »wie können Sie unsern hochverehrten geistreichen Herrn Direktor barbarisch nennen?« »Wie?« fragte Köhler, »hab ich unsern Herrn Direktor barbarisch genannt? Ich habe einen allgemeinen Satz aufgestellt, – weiter nichts. Wären wir immer konservativ geblieben, so lägen wir immer noch mit den alten Germanen auf den Bärenhäuten.« »Da wären wir,« versetzte Körn, »besser daran als jetzt in unseren verzärtelnden Wohnungen. Nein, meine Herren, das Neue ist selten das Gute. Das Alte ist wenigstens erprobt. Natürlich verwerfe ich nicht alles Neue. Nur muß der Fortschritt nicht mit blinder Hast drauflosstürmen; der Fortschreitende soll sich gewissermaßen bei jedem Schritt zweimal um sich selbst herumdrehen.« »Oder so oft, bis ihm vor lauter Drehen schwindelig wird,« spottete Köhler. »Oho! vom Schwindel wird gerade der Fortschritt befallen!« witzelte Körn. Dieser fade Scherz ward mit einem allgemeinen begeisterten »Bravo!« gefeiert. Die Lehrer wollten mit ihrem übertriebenen Beifall dartun, daß sie die Debatte für beendet und ihren Meister für den Sieger hielten. Dr. Köhler schwieg verstimmt. Der fette Külper hatte indessen eine halbe Taubenpastete aufgegessen und eine 201 solche Menge Sherry hinter die Krawatte gegossen, daß ihn eine kaum zu unterdrückende Lustigkeit befiel. Er rief beständig: »Es lebe unser Herr Direktor! Aber auch unser verehrter Köhler soll nicht sterben. Zwar gänzlich unbrauchbar für die Welt, – aber ideal! aber ideal! Sehr ideal!« »Aber,« krähte der dürre Pennig mit seiner hohen Fistelstimme, »so benimm dich doch anständig, du hast ja nen Kapitalsrausch.« »Ach was!« wies ihn Külper zurück, der mit ihm zusammen studiert hatte. »Und die alten Germanen sie tranken noch Eins! Nimm mirs nicht übel, Pennig, du bist auch einer von den Moralfexen, mit denen die moderne Zeit endlich aufräumt. Veraltet, gänzlich rückständig, gänzlich unbrauchbar für die Welt. Aber ideal! Gebs zu: ideal! Aber das Ideale hat kein Wert mehr für uns!« Die Musikvorträge Eduards brachten dann das Gespräch auf Richard Wagner und die moderne Musik. Auch hier brach Köhler eine Lanze für den Fortschritt. Eduard spielte, um zu zeigen, daß doch Wagner auch Melodien erfinden konnte, Stellen aus Lohengrin, die Körn mit dem größten Misbehagen mit anhören mußte, obwohl er eine gewisse Ergriffenheit nicht unterdrücken konnte. »S ist doch auch was Nobles in der Musik,« meinte der gerührte Külper kleinlaut. »Ah pah,« lehnte Körn ab, »es geht nichts über Mozart. Fühlen Sie denn nicht heraus, meine Herren, wie die Melodien Wagners so schwerflüssig sind?« 202 »Wie geschmolzenes Gold,« wagte Köhler einzuwenden. »Gold, Gold!« stieß Körn ärgerlich heraus. »Eduard spiel mal gleich was von Mozart, da werden die Herren fühlen, was ich meine.« Eduard erfüllte den Wunsch seines Vaters und spielte ernste Stellen aus Don Juan. Natürlich geberdeten sich die Erzieher bei dieser Musik ganz überschwenglich glücklich. Auf den weinseeligen Külper hatten indessen die Töne des Konzerts einschläfernd gewirkt. Als Eduard aufhörte zu spielen, erscholl aus der rechten Zimmerecke auffälliges Schnarchen. Der hagere Dr. Pennig stieß seinem Freund vergebens den dürren Ellbogen in die fette Hüfte . . . er röchelte ruhig weiter. Allgemeines Gelächter. »Lassen wir ihn gut verdaun,« scherzte der Direktor. »Er macht wenigstens, wenn auch nicht der Kunst Ihres Sohnes, doch der Kochkunst Ihrer Frau Gemahlin alle Ehre,« schmeichelte in der höchsten Stimmlage Pennig. »Ach, die Kochkunst meiner Frau . . .« seufzte Körn, unterdrückte aber den satirischen Einfall, als Katharina ihn mit einem wütenden Seitenblick streifte. Körn wurde indes auch mitten im Lärm der heiteren Gesellschaft den Eindruck von Emmas Liebreiz nicht los. Jeder Ton auf dem Klavier zauberte ihm ihr Bild wieder vor Augen. Das kleine Fest verlief sehr heiter. Eduard mußte singen, Karl deklamieren. Die Herren Lehrer tranken unpädagogische Mengen von Alkohol und 203 wußten sich vortrefflich in ihre herrliche Studentenzeit zurückzuversetzen. * Während aus dem zweiten Stock Klavierspiel, Gelächter, das dumpfe Gemurmel eines von vielen Menschen geführten Gesprächs, durch den Fußboden des dritten Stockwerks heraufscholl, saß Rechtsanwalt Meyer in seinem Arbeitszimmer, über seine Münzen gebeugt, die aus den Kästen ihm entgegenglänzten. Er hatte einen alten Rock an und rauchte, was er stets tat, sehr stark. Das ganze Zimmer war in einen fast undurchdringlichen Zigarrendampf gehüllt, dessen Nebel die elektrische Lampe kaum durchdringen konnte. Nebenan, im kleinen Zimmerchen das ans Schlafzimmer stieß, saß Nata. Sie hatte sich eine amerikanische Schreibmaschine angeschafft und machte Abschriften für Geschäftsleute und Schriftsteller. In stillen Momenten hörte man das einförmige Klappern der Maschine bis hier herüber. Auf dem Büro arbeitete sie nicht mehr, sie verdiente zu Hause mehr. Drüben im Wohnzimmer plauderte schon seit einer Stunde Otto mit Emilie. In jedem Augenblick konnte er an die Tür klopfen, – das Verhängnis war nahe. Die Schläfen pochten dem Anwalt wie im Fieber, er stützte den Kopf auf den Arm und starrte vor sich hin. Ein Gefühl, als müsse er in einem wüsten Halbschlaf versinken, kam über ihn. Die glänzenden Münzen flimmerten ihm vor den verschleierten Augen wie ferne, ferne Sterne. Er begann tatsächlich vor Erregung zu phantasieren. Die alten Cäsarenköpfe 204 auf den Goldstücken kicherten ihm zu: »Hi hi! Du Hallunke! Ei, Kerl, du bist ja noch weit schlechter als wir! Hi hi hi! wir haben doch nur im Großen gestohlen, du – im Kleinen! pfui Teufel!« Unten bei Direktor Körns begann eben Eduard die Cis-moll-Sonate, deren ergreifende Akkorde durch die Zimmerdecke drangen. Plötzlich fuhr der Anwalt empor, – es hatte an der Tür geklopft. »Herein!« Otto trat ein; seine Verlegenheit verbarg sich hinter seinen burlesken Manieren. »So, Herr Rechtsanwalt! ich muß jetzt bald gehen!« rief er mit humoristisch sein sollendem Tonfall der Stimme. »Jetzt möcht ich nur unsere geschäftliche Angelegenheit rasch ordnen. Haben Sie Zeit?« »Aha . . . geschäftlich . . .« stotterte Meyer ganz aschfahl im Gesicht und hob seinen dicken Oberkörper schwerfällig vom Strohstuhl auf. »Ge . . . schäft . . . natürlich . . . Sie meinen doch . . . das . . . das Geld? ja! wie?« »Natürlich!« suchte Otto zu scherzen; »s Wichtigste im Leben!« »Ja, ja . . . leider,« stammelte der Anwalt. »Haben recht . . . was? . . . schönes Wetter heut . . . was?« »Was meinen Sie?« fragte Otto verwundert. »Schönes Wetter?« schrie der Anwalt ganz laut, da ihm vor Erregung die Stimme umschlug. »O ja! n wenig frisch!« sagte der Künstler durch das seltsame Gebahren des Anwalts eingeschüchtert. »Bitte . . . nehmen Sie . . . nehmen Sie!« rief Meyer. »Ja, so nehmen Sie doch . . .!« 205 »Was soll ich nehmen?« »Platz! frisch ja! . . . n wenig frisch . . . hab ich auch beobachtet! Hier im Zimmer ists auch . . . n wenig frisch . . . oder kommt mirs nur so vor? Wollen Sie n Gläschen Schnaps? Mich friert kannibalisch! Sie auch?« »Nein – nein,« stammelte Otto immer verwirrter. »Aber was haben Sie denn, Sie sind ja . . . Sie sehen aus . . . Sie zittern!« Der Anwalt schlotterte an allen Gliedern und sah aus wie ein schwer Betrunkner. Das Geständnis, das er jetzt ablegen sollte, verwirrte ihm dermaßen die Sinne, daß er gerade das Gegenteil von dem tat, was er hätte tun sollen. Statt mit demütiger Stimme zu flehen, nahm er einen scheinbar hochmütigen lauten Ton an; er schrie, um seine Angst zu maskieren. »Sie wollen Ihr Geld?« schrie er wie ein Verrückter. »Ihr Geld?« »Allerdings,« flüsterte Otto, dem ein entfernter Verdacht aufzudämmern begann, während vom Fußboden herauf rauschendes Klavierspiel seine Stimme begleitete. »So? so?« lachte Meyer gellend auf, wie ein Wahnsinniger. »Ihr Geld wollen Sie? Ja, lieber Herr! . . . s ist nichts mehr da! einfach nichts mehr da! gar nichts, absolut nichts!« Otto starrte den von einem leisen Krampf befallenen Anwalt verständnislos an . . . der Anwalt starrte ihn an . . . so blickten sich beide wie zwei Narren im Narrenhaus in die irren starren Augen. 206 »Nichts . . . mehr da?« lallte Otto fragend. »Nichts mehr da!« lallte der Anwalt. Lebhaftes Händeklatschen belohnte jetzt unten das plötzlich abbrechende Spiel Eduard Körns. »Sie scherzen wohl!« brachte endlich Otto heraus, mit einem Lächeln auf den verzerrten Lippen. Der Anwalt bewegte sich nicht. Von unten schallte jetzt lebhafteres Stimmengewirr herauf. Im Nebenzimmer klapperte die Maschine, – jetzt hielt sie plötzlich inne. Der Anwalt empfand das mitten in seiner Verzweiflung. »Sie lauscht,« dachte er; »das arme Kind!« Dann erhob sich Otto so rasch, daß der Stuhl nach hinten hin umfiel. »Herr Rechtsanwalt!« keuchte er drohend, »ich hoffe . . . Sie scherzen?« Meyer hatte sich ebenfalls erhoben und riß sich konvulsivisch den Hemdkragen vom Hals, als brauche er Luft, um nicht zu ersticken. »Scherzen!« stotterte er ächzend. »Ja, – wärs das! Herr Otto, ich . . . ich bin ein Schurke! sagen Sie mirs nur ins Gesicht! Sie waren immer ein so guter Mensch . . . ich weiß! Und ich! ach Gott!« Er brach in krampfhaftes Schluchzen aus. »Wenn Sie einen Begriff hätten von meinen Verhältnissen! Sie hätten Mitleid! Sie täten mir nichts . . . meiner lieben Frau wegen, meiner Tochter wegen . . . Sie hören sie ja auf der Maschine klappern . . . Sehen Sie, ich bin eine pathologische Natur! s ist mir ja entsetzlich, Ihnen das gestehen zu müssen!« Er war auf sein ausgesessenes hartes Sopha gesunken und hatte schluchzend 207 das dicke, hochgerötete Gesicht bedeckt. »Entsetzlich! Sehen Sie, meine Frau – Sie wissens ja – war so krank, nach der Lungenentzündung. Sie mußte nach Italien; ein Jahr lang. Ich begann an der Börse zu spielen, . . . ich wollt reich werden, rasch, rasch, im Handumdrehen reich. Wer will das heute nicht?« Er stockte. Otto wankte, hielt sich kaum aufrecht. Wars denn möglich?! War das nur eine Theaterszene? Ein wüster Traum? »Herr Rechtsanwalt!« hauchte er einer Ohnmacht nahe. »Sie reden da so unsinniges Zeug durcheinander. Bitte wollen Sie mir mal klaren Wein einschenken? und vernünftig reden? Also – mit einem Wort?« »S ist nichts mehr da!« flüsterte Meyer tonlos. »Nichts . . . mehr da?« wiederholte Otto mechanisch. »Nichts mehr da? Das . . . heißt also: ich bin ein Bettler? und Sie . . . sind ein Schurke?« Der Anwalt zuckte empor, als habe man ihm eine Ohrfeige versetzt. Nebenan klapperte die Schreibmaschine ruhig weiter. »Wenn Sie wüßten,« stöhnte er, » wie ich dazu gekommen bin, – Sie hätten Erbarmen . . . wenigstens mit meiner armen, armen Frau . . . meiner herzensguten Tochter! Um dieser beiden Unglücklichen willen . . . gehen Sie nicht mit uns ins Gericht! Haben Sie noch ein paar Wochen Geduld, – vielleicht finden sich Mittel das Verlorene zurückzugewinnen. Ich flehe Sie an . . . ich flehe Sie an . . .« Er hatte in theatralischer Weise die Arme 208 erhoben und machte Miene, sich vom Sopha herab dem Künstler zu Füßen zu werfen. Otto, der nicht bemerkt hatte, daß leise die Türe geöffnet worden war, daß die Frau Rechtsanwalt, die schon seit einigen Minuten gelauscht, nun eingetreten war, hatte seine Besinnung wieder gewonnen. »Ich weiß noch nicht, was ich tu,« knirschte er zwischen den Zähnen, »ich weiß noch nicht . . . Ich . . . ich will wenigstens wieder unter ehrliche Menschen . . .« Wie er sich empört umdrehte, stieß er auf Emilie, aus deren geisterbleichem Gesicht, aus deren unnatürlich großgewordenen Augen ihm ein irrer Schmerz entgegen leuchtete. »Herr Grüner,« stöhnte sie, »ich bitte Sie . . . ich bitte Sie . . .« Weiter kam sie nicht. In seiner Entrüstung schrie er sie an: »Und Sie? haben Sie auch von der Sache gewußt?« »Ich?!« keuchte sie, die beiden Hände auf der Brust faltend. »Sie werden doch von mir nicht glauben . . . o Gott!« »Meine Frau weiß nichts!« erwiderte der Anwalt. »Ich allein . . . ich allein . . .« »Ich bin ein Bettler!« schrie Otto außer sich, »ein Bettler! wissen Sie, was das für mich heißt?« »Herr Grüner!« schluchzte sie auf, »ich flehe: unternehmen Sie nicht gleich Feindseliges. Machen Sie noch keine Anzeige! Ich verspreche Ihnen: Sie sollen Ihr Geld erhalten! Sie werden Ihr Eigentum bei Heller und Pfennig erhalten! Hören Sie? ich schwörs!« 209 »Ja – wie denn?« seufzte Grüner, den ein Blick in die geisterhaften Augen der Frau von seiner Wut heilte. »Das ist meine Sache!« hauchte sie. »Gedulden Sie sich noch zwei bis drei Tage. Dann können Sie immer noch tun, was Ihnen beliebt.« Otto atmete gepreßt, als breche er unter einer ungeheuren Last zusammen. »Ich . . . warte,« ächzte er. »Ihnen zu lieb. Nur . . . Ihnen zu lieb . . . Drei Tage.« »Ich danke Ihnen,« flüsterte sie. Otto rannte zur Tür hinaus wie ein Träumender. Auf der Treppe besann er sich. Sollte er Karl aufsuchen? Eine Aussprache konnte ihn ein wenig zerstreuen, die zermalmende Last einen Augenblick ihm von den Schultern nehmen. Er klingelte im zweiten Stock. Das Dienstmädchen ließ ihn ein. Er mußte in Karls Zimmer einen Augenblick warten. Vom Hausflur herüber klang Klavierspiel. Dann brach das Spiel kokett ab. Gelächter dröhnte lauter durch den Flur, sobald eine Tür geöffnet wurde, dann klangen, sobald sich die Tür schloß, die Stimmen wieder gedämpft. Otto brütete dumpf vor sich hin. Endlich wurde die Türe lebhaft aufgerissen. Karls neuropathischer Blick war heute lebhafter durch den Wein. Ein Backenbärtchen, das sich um sein Kinn allmählich entwickelte, gab ihm ein immer männlicheres, professoraleres Aussehen. »Du? So spät?« rief er ein wenig weinselig. »Recht so! mußt ein Glas Wein mittrinken; wir 210 haben heut Gäste. Denk dir, ich kriech zu Kreuz! ich bitt den schlechten Poeten um Verzeihung, daß mir seine Verse solche geistigen Leibschmerzen verursacht! Dieses Fräulein Dorn . . .! ich sag dir, ein Engel! ein wahrer Engel. Und mein Vater ist entzückt von ihr, – auch meine Mutter. Aber was hast du?« Otto war aufgestanden und taumelte zur Tür, um sich zu entfernen. »Mensch . . . was ist dir?« rief Karl, lief ihm nach und packte ihn am Arm. »So bleib! sag doch wenigstens: Lebwohl!« »Laß mich!« murmelte Otto. »Ich weiß garnicht, wie ich hier her komm. Laß mich! muß fort!« »Wohin denn?« »Ja . . . wohin?« »Nu ja, wohin denn? Gehst nach Haus?« »Nach Haus? Ich hab kein zu Haus mehr!« »Otto, faselst du?« »Ja, ja! Laß mich.« Er riß sich los. »Jetzt,« sagte Karl, der anfing Angst zu bekommen, »jetzt will ich aber ernstlich wissen, was das ist. Komm herein! setz dich, und tu den Mund auf!« Er hatte den matt Widerstrebenden ins Zimmer zurückgezogen. »So!« sagte er und stieß den Wankenden auf einen Stuhl. »Jetzt bleibst du da sitzen. Was ist los? bist du krank? oder was ist?! Wo bleibt denn dein alter Humor?« Otto griff sich an den Kopf. »Ja, ich glaub, ich werd verrückt,« murmelte er gepreßt. »Ich bin . . . Entsetzlich . . . nicht wahr?« 211 »Was denn?« »Ich bin ein Bettler!« flüsterte er. Dann flossen endlich seine Tränen; er weinte auf eine Art, die Karl beinahe humoristisch zu nehmen versucht war, so etwa wie ein Zirkusklown, der vom dummen August eine Ohrfeige erhalten hat. Karl mußte wirklich an sich halten, um nicht zu lachen. »Ein Bettler?« fragte er. »Aha! errat ich? Der Rechtsanwalt? gelt?« Otto nickte und wiederholte in einem fort die Phrase Meyers im selben Tonfall: »s ist nichts mehr da . . . nichts mehr da . . .« Zwischen Lachen und Mitleid schwankend, fragte Karl: »Unterschlagen?! Mensch! dein ganzes Vermögen?« »Alles fort! ein Bettler steht vor dir. Es ist nichts mehr da . . . nichts mehr da.« Karl schritt einmal, erregt vor sich hin hüstelnd, durchs Zimmer. Er war in einer sonderbaren Stimmung, er mußte tatsächlich eine gewisse Heiterkeit in sich niederkämpfen. »Das hätt ich nicht erwartet!« murmelte er unaufhörlich vor sich hin. »Nein! Das hätt ich nicht erwartet! Also . . .« Dann platzte er in einem Lachkrampf heraus, dem er aber, sich selbst innerlich tadelnd, hastig eine ernste Tonfärbung zu geben suchte, so daß er einem Hustenanfall glich. »Also so stehen die Sachen?« pustete er. »Für so n Schuft hätt ich ihn doch nicht gehalten. Schau, schau! Die Menschen sind ja noch viel viel gemeiner als wir Pessimisten uns träumen lassen! 212 Unterschlagen? ha! ha! ha!« Er lachte wieder bitter auf. »Sehr gut! Und wir wollten zusammen ziehen? Ja! jetzt macht das Schicksal nen dicken Kohlenstrich durch die reizende Zeichnung. Verlaß sich Einer auf nen Glücksfall. Na also mir nicht allein, – anderen Leuten gehts auch schlecht? Und du? was willst du jetzt anfangen? Du nervöser Mensch? Du Unglücksgeschöpf?« »Ins Wasser springen,« murmelte Otto, auf eine so possirliche Art, daß Karl krampfhaft sein Lachen unterdrücken mußte. »Da hast du immer noch Zeit,« meinte er;»s Wasser lauft dir nicht fort, – s ganze Weltmeer steht dir zur Verfügung. Warts erst ab! Freilich . . . bei deinen Nerven! wo du nichts verdienst! Na! warts erst ab! ersäuf Katzen und junge Hunde!« Sein Blick streifte den mit kläglicher Miene Dasitzenden. Sein inneres Lachen verwandelte sich jetzt endlich in ernste Teilnahme. Er ging auf ihn zu, legte dem Bekümmerten die Hand auf die Schulter und fragte mit bewegter Stimme: »Ist denn auch wirklich gar nichts mehr da? Kein roter Heller mehr?« »Sie macht mir Versprechungen,« seufzte der Künstler, »die sie aber wohl nicht halten kann.« »Versprechungen? Wer? Die Frau Rechtsanwalt?« »Ja! Sie will mir das Geld irgendwoher verschaffen . . . ich weiß nicht . . . So hab ich sie wenigstens verstanden.« »Ach so! nu dann warts ab. Vielleicht haben sie Verwandte, die ihnen aus dem Schlammassel 213 helfen. Mach nur nicht gleich eine Anzeige beim Gericht! Was hast du davon?« Otto schüttelte den Kopf. »Überhaupt,« sagte er, »sprich auch du nicht von der Sache; s ist nur wegen der armen Frau und der Tochter. Die sind ja ganz unschuldig.« »Ja,« meinte Karl, »für die tut mirs auch leid. Von mir erfährt keine Seele etwas; ich schweige. Das Übrige ist deine Sache.« Otto war aufgestanden. Karl reichte ihm die Hand und sagte treuherzig: »Verlier den Mut nicht, und . . . was mein ist, ist auch dein. Nur ist halt sehr wenig mein.« »Danke,« stammelte der Künstler. »Für die erste Zeit reichts noch. Ich hab ein paar Illustrationen für ne Zeitschrift verkauft; aus der Villa wird nun freilich nichts.« »Kann man nicht wissen!« meinte Karl, ergriffen vom Schmerz des Freunds. »Vielleicht bringen sie doch noch was zusammen. Ich kann nur wiederholen: warts ab. Und dann kannst du – als letztes Mittel – immer noch die Gerichte zu Hilfe rufen.« Der Künstler nickte traurig. Ohne Gruß, ohne ein Wort weiter, taumelte er dann aus dem Zimmer. Auf dem Hausflur empfing ihn schmetternder Gesang, rollendes Klavierspiel, das aus dem Salon der Familie herüberschallte. Die Töne schnitten ihm weh durchs Herz. Karl begleitete ihn bis vor die Glastüre. »Nimms nicht so tragisch!« versuchte er noch zu trösten. »Du bist ja doch Theosoph. Es hat so kommen 214 müssen und ist für deine Seelenentwicklung vielleicht notwendig.« »Das sag ich mir auch,« versicherte Otto gedrückt; »Leiden sollen ja bessern.« »Nur schlimm,« meinte Karl, »daß solche philosophischen Reflexionen – wie gewisse Heilmittel – im Augenblick da uns der Schicksalsschlag betroffen, wenig nützen; erst wenn der Schlag vorüber, trösten sie die kranken Seelen. Die Tröstungen der Religion wirken, da sie anschaulicher sind, rascher. Übrigens ists sehr die Frage, ob Leiden – bessern? Mich verschlechtern Leiden; sie verbittern mich. Ich gestehe: sie sollten es nicht! Aber mein Charakter ist nun einmal so, und der liebe Gott« setzte er lächelnd hinzu, »sollte darauf ein wenig Rücksicht nehmen.« Otto seufzte. »Leiden lähmen die Tatkraft; ohne Tatkraft keine Selbsterziehung! Der liebe Gott hat die Welt solange schon versucht durch Züchtigung zu bessern und sie durch Schmerzen zur Liebe zu zwingen, – er hat wenig Erfolg damit gehabt. Er sollte es mal versuchen, seinen Geschöpfen recht viel Glück zu bescheren; vielleicht erreichte er dadurch mehr?« »Wir müssen halt denken, wie jener persische Dichter: Ist einer Welt Besitz für dich gewonnen, sei nicht in Freud darüber! – es ist nichts. Ist einer Welt Besitz für dich zerronnen. sei nicht in Leid darüber! – es ist nichts. Vorüber gehn die Schmerzen wie die Wonnen; geh an der Welt vorüber! – es ist nichts.« 215 Karl hatte diese Worte mit solch innigem Ausdruck gesprochen, daß ihm der Künstler erschüttert und wirklich ein wenig getröstet, die Hand reichte. Dann eilte er die Treppe hinab. Karl konnte nicht mehr zu den Gästen in den Salon zurück kehren. Er dachte nicht an sich, nur an das Schicksal des armen Künstlers. Seine jugendliche Gefühlsweichheit überwältigte ihn. Er warf sich aufs Bett und Tränen rannen aus seinen schwimmenden Augen in seinen jugendlichen Kinnbart hinab, den sein Freund Konrad spottend: einen unausgereiften Matrosenbart nannte. Seine Mutter schoß in ihrer aufgeregten Weise, den Sohn suchend, ins Zimmer, prallte aber, als sie ihn von einem hysterischen Weinkrampf befallen auf dem Bette liegen sah, erschrocken zurück. Dann kam sie näher und umarmte den Schluchzenden. »Ja, was hast du denn, armes Kind?« rief sie, mit ihm weinend, »komm doch herüber, die Gäste fragen nach dir. Warum weinst du?« »Nicht um meinetwillen,« stammelte er, seine Tränen mühsam verschluckend. »Um wen?« rief sie besorgt. »Ich, deine Mutter darf das doch wohl wissen? Komm sag mirs, – sag mir Alles, was dich drückt.« »Wenn du mir versprichst, daß Niemand weiter davon erfährt?« »Keine Seele! Ich schwörs, keine Seele!« Dann erzählte er ihr den Vorfall. Sie schlug die Hände überm Kopf zusammen. 216 »Nicht möglich!« rief sie. »Wankt denn heutzutage jede Stütze? Dieser Rechtsanwalt, – den ich für ein Ehrenmann gehalten? Da sieht mans wieder! Das sind die morschen Stützen unserer Gesellschaft. Immer nur rasch reich werden! ideale Güter gibts nicht mehr. Immer nur materiell weiter kommen in der Welt, auch wenn der Nebenmensch dabei zu Grund geht, von unseren Ellbogenstößen. Meyer war immer so ein Lebemann! Und wie schrecklich, daß gerade ein Mann des Gesetzes solche Bübereien verübt! Auf wen kann sich ein ehrlicher Mensch noch verlassen?« Karl sah diesen Fall wieder von einer andern Seite. »Wie uns doch absichtlich jede schöne Hoffnung im Leben zerstört wird!« rief er. »Es ist wirklich gerade, als sollte uns mit Gewalt die Freude am Leben vergällt, als sollte der böse Lebenstrieb in uns ausgerottet werden. Wie schön hätte dieser talentvolle Künstler zum Nutzen der Welt nun große Werke schaffen können, in seiner behaglichen Villa! Jetzt muß er, nur um leben zu können, Kinderbücher mit schlechten Illustrationen versehen. Und wie doch ein Mensch des anderen Wolf – nicht nur ist, sondern geradezu sein muß! Wenn mans genau überlegt, kann man vielleicht die Handlungsweise dieses Rechtsanwalts entschuldigen. Er mußte vielleicht so handeln; die äußeren Umstände und die eigenen Triebfedern seiner pathologischen Natur zwangen ihn zu seinem Verbrechen.« »Ach geh, sag so was nicht!« rief sie in ihrer 217 pathetisch-theatralischen Weise. »Du sprichst dem Menschen den freien Willen ab! Das läuft wieder darauf hinaus, daß es keine Sünde und keine Tugend gibt!« »Dein Meister Göthe«, versetzte er, »würde ebenso urteilen. Ich kann mich so sehr in die Seelen Anderer versetzen und aus ihrer Notwendigkeit herausempfinden, daß es weder Gut noch Bös für mich gibt. Das ganze Weltall kommt mir vor wie ein ungeheures Uhrwerk: ein Zahnrad schlägt seine Zähne grausam in die Zähne des anderen, damit das Ganze weiter zum Ziel getrieben wird. Wenn wir nur wüßten, wo die Feder sitzt, um sie zur Verantwortung zu ziehen!« Sie hörte nicht mehr auf seine Worte. Die Pflichten der Hausfrau drängten und Karl hatte allmählich im Lauf des Gesprächs seinen seelischen Gleichmut so weit wiedergefunden, daß er der Mutter hinüber zu den Gästen folgen konnte. * Während sich dies im zweiten Stock des Hauses zutrug, lag im dritten Stockwerk der Rechtsanwalt Meyer wie ein schwer Kranker, bleich, verstört, schwer atmend, auf dem Sopha seines Arbeitszimmers. Emilie schritt geisterbleich auf ihn zu und lispelte tonlos, mit einem furchtbar anklagenden Blick: »Also – ein Betrüger?« Der Anwalt, der diesen Blick nicht ertragen konnte, erhob sich ein wenig in den Kissen. »Betrüger?« entfuhrs ihm mit heiserer Stimme, »Ja! 218 aber durch wen? Wer war die geheime Ursache meiner Unterschlagung?« »Wie? Was willst du damit sagen?« bebte es von ihren blauen Lippen. »Ich will dir nicht weh tun, Emilie,« fuhr er mit zitternder Stimme fort, »ich will auch meine Schuld nicht verringern, – du weißt wie ich dich liebe, du weißt, daß ich dir keine Bitte abschlagen kann; du weißt, wie viel du jährlich verbraucht hast. – Dann kam deine Krankheit, dein langer Aufenthalt an der Riviera. Meine Praxis trug mir soviel nicht ein, – ich bin kein glänzender Anwalt, mein Beruf ekelt mich an! Da – kam der Spielteufel über mich. Ich gewann, – verlor, – verlor alles!« »Aber warum hast du mir das nicht gesagt?« unterbrach sie ihn entsetzt, »warum hast du mich schalten und walten lassen? Ein Wort und ich hätte mich eingeschränkt!« »Emilie!« flehte er mit zartem Vorwurf in der brechenden Stimme, »wie oft hab ich dir angedeutet: wir müssen sparen! es geht so nicht weiter! – Du hast meinen Wink nicht verstanden, ihn nicht ernst genommen.« »Weil ich glaubte, du scherzest! Du hast die Gewohnheit, das Alles in einem so jovialen Ton zu sagen! Wärst du doch rauh und energisch aufgetreten!« »Das konnt ich nicht. Ich wollte meinem lieben Kind das Spielzeug nicht zerbrechen. Ich war 219 schwach, Emilie, schwach, aus Liebe. Kannst du mich deshalb verdammen?« Er sah ihr mit einem so bittenden Blick in die Augen, daß sie nur zwischen Mitleid und Entrüstung schwankend, die Arme ringend, ausrufen konnte: »Willy, Willy! was hast du getan!« »Was ich freilich nicht hätte tun sollen!« stammelte er stöhnend. »Ich hab auch schon . . . sieh her!« Er erhob sich mühsam, riß die eiserne Schranktüre auf und zeigte ihr den Revolver. Sie stieß einen unartikulierten Ton des Entsetzens aus, als er die Waffe ergriff und an die linke Schläfe setzte. »Glaubst du auf diese Art deine Schuld zu sühnen?« rief sie vorwurfsvoll, ihm den Revolver aus der Hand entwindend, »denk an bessere Mittel!« Er ließ sich gutwillig die Waffe abnehmen, denn es war ihm nicht recht ernst mit seinen Selbstmordgedanken. Sie indes hatte das leise Theatralische dieses ganzen Spiels mit der Schußwaffe nicht bemerkt. »Sei ein Mann!« fuhr sie fort. »Ertrag das Unglück, das du über dich und deine Familie gebracht, entflieh ihm nicht! Sonst trägt es nicht zu deiner Besserung bei, im Gegenteil, dann ist deine Seele völlig verloren. Ich will dir keine Vorwürfe darüber machen, – du bist gescheit und gewissenhaft genug, um dich selbst anklagen zu können. Auch klag ich mich selbst an. Ich habe blind in den Tag hineingelebt wie ein verzogenes Kind, ich war die geheime Triebfeder deiner bösen Tat. Mir tut nur der arme Otto so leid. Was 220 soll er, der Unpraktische, der Künstler, beginnen? Von seiner Kunst kann er nicht leben . . .« »Mein Gott!« stöhnte Meyer, »Otto gehört ja fast wie zu unserer Familie, deshalb schlug mir auch das Gewissen nicht so heftig, als ich mit seinem Geld spielte. Es war mir als ob ich mit dem Geld meines erwachsenen Sohnes arbeitete. Er ist ein guter, so guter Mensch, er wird nicht gleich den Staatsanwalt in Bewegung setzen. Zeit gewonnen, alles gewonnen.« Sie näherte sich dem Sopha, brachte es aber nicht über sich, die Hand ihres Mannes zu berühren. »Ich bin ja mitschuldig,« meinte sie. »Ich hab dich, ohne es zu wollen, so weit getrieben; wir müssen Beide diese Schuld sühnen. Beide! Vor allen Dingen muß Otto sein Geld erhalten. Dein Name darf nicht entehrt werden!« Er sah schüchtern wie ein abgestraftes Kind zu ihr empor, die scheinbar ihre Fassung wieder erlangt hatte und mit maskenhaft starrem Gesichtsausdruck vor sich niedersann. »Was willst du tun?« fragte er leise, scheu. Sie fuhr wie aus bösen Träumen empor. »Laß mich das letzte Mittel versuchen!« murmelte sie; »ich hoffe – auf Weihals.« »Du meinst, der Kommerzienrat . . . werde . . ?« »Ich glaube, er wird mir helfen.« »Mir hat er meine Bitte abgeschlagen!« »Wie? Du hast ihn gebeten?« »Ja.« »Und er hat abgelehnt?« 221 »Ja.« »Seltsam! Mir hat . . .« sie brach ab. Sie wollte von seinen Andeutungen sprechen, aber sie schwieg. Dann murmelte sie verzweiflungsvoll vor sich hin: »So mach ich den Versuch; er wird meinen Tränen nicht widerstehen.« »Es wäre das letzte Rettungsmittel!« hauchte er. »Ich versuchs. Ich halte ihn für gutmütig.« Meyer zuckte die Achseln, als halte er nicht viel von Weihals Edelmut. Emilie brachte es nicht über sich, dem Niedergeschmetterten Beweise ihrer Teilnahme, ihrer immer noch nicht ganz erstorbenen Liebe zu geben. Achten konnte sie ihn nicht mehr; es blieb nur noch in ihrem Herzen für ihn das eheliche Pflichtgefühl, eine gewisse Gewohnheitsneigung, Zusammengehörigkeitsgefühl und Mitleid. Aber der gute Name der Familie mußte gerettet werden, das stand ihr fest. Natalie durfte nie erfahren, was sich zugetragen; nicht der leiseste Hauch eines ehelichen Zerwürfnisses durfte den glatten Spiegel ihrer unschuldigen Seele streifen. Emilie forderte deshalb ihren Mann auch mit beinahe strengem Ton auf, herüber zu kommen zum Nachtessen und dem Kind eine Miene zu zeigen, die ja auf keine inneren Kämpfe schließen ließ. Er gehorchte ihr stillschweigend, beinahe demütig. Sie beobachtete ihn während der Mahlzeit beständig und gab auch auf ihren eigenen Gesichtsausdruck, ihre Stimme, ihre Gebärden acht, damit sie nicht von innerem Kummer erzählen sollten. Sobald ihr Gatte während des Essens einmal traurig vor sich 222 hinstarrte, rüttelte sie ihn sofort durch irgend eine heitere Bemerkung wieder aus seiner Melancholie, oder wenn ihr selbst die Tränen allzu heiß in die Augen steigen wollten, erhob sie sich rasch und tat als ob sie dem Dienstmädchen einen Befehl zu erteilen hätte. Trotzdem, bei aller Vorsicht, konnte sie es doch nicht verhindern, daß der scharf beobachtenden Nata das Benehmen der Eltern auffiel. Sie mißte den Klang der Herzlichkeit in den Stimmen, das Ungezwungene im Benehmen der ihr so vertrauten Personen. Das Kind gab nur kleinlaut Antwort und blickte mit scheuverstohlener Besorgnis auf das Elternpaar. Natas Bestreben ging von diesem Augenblick an dahin, herauszubringen, welches Unheil wie auf düsteren Eulenflügeln durch das Haus schwebte. Nicht aus Neugier forschte sie, nur um helfend eingreifen zu können. Daß sie auf eine Frage keine Antwort erhalten würde, ahnte sie. Deshalb wollte das kleine resolute Persönchen, mochte daraus entstehen was wollte, sich gleich an den Urheber des Familienzwists wenden. Für diesen Urheber mußte sie Otto Grüner halten. Sie ahnte auch, daß es sich um Geldangelegenheiten handelte. Jede Andere hätte die folgenden Nächte in einem Zustand fieberhafter Schlaflosigkeit verbracht. Die sonst so kindliche, wenn es aber sein mußte, äußerst willensstarke Nata jedoch sagte sich: die Nacht zu durchwachen, hat keinen Zweck, macht dich nur unfähig die Leiden des Tags zu ertragen; also, nun befehl ich dir: schlafe! Sie schlief. 223 Am anderen Morgen sah sie ihrer Mutter an, daß diese nicht geschlafen hatte; auch ihr Vater sah übernächtig, schlaff aus. Gleich nach dem Frühstück traf sie ihre Mutter allein im Schlafzimmer. Sie blieb einen Augenblick an der Tür stehen und sah ihr zu, wie sie sich anzog. »Wo gehst du so früh hin, Mama?« fragte sie mit künstlich heiterem Ton. »Einen wichtigen Gang,« sagte die Mutter. »Gewiß zum Kommerzienrat?« entfuhrs ihr. Die Mutter wendete erschrocken den Kopf. »Wie kommst du darauf?« Nata nahm eine möglichst gleichgültige Miene an und murmelte: »Ich dacht nur so.« »Nein, nein,« flüsterte ihre Mutter. Das Mädchen ging. Sie schlüpfte auf ihr Zimmerchen, machte sich zum Ausgehen fertig und eilte aus dem Haus, direkt nach Ottos Atelier. Der war gerade aufgestanden und saß dumpfbrütend vor seiner Salome, als es leise an die Tür klopfte. »Herein!« Als die Tochter seines früheren Vormunds errötend eintrat, schrak er empor. Der Stiefel, den er gerade in Händen hatte, plumpste in die große Waschschüssel, die vor ihm auf dem Fußboden halb unterm Bettrand stand. Noch im Halbschlaf sprang er auf, und trat dabei auf den Rand der riesigen Schüssel; ein Stück des Porzellans brach heraus, eine große Überschwemmung ergoß sich bis zu den Lackstiefelchen des Mädchens. 224 »Hallo,« rief der Künstler, »das kommt von meiner Kaltwasserkur. Fürchten Sie sich nicht, – turnen Sie nur hier herüber, da am Stuhl vorbei; da ists noch trocken. Ich hab ganz in Gedanken herein gerufen, . . . bin leider noch gar nicht angezogen.« »O, das macht nichts,« stammelte sie verlegen. »Papa kam auch schon . . .« sie stockte errötend;»Papa ist darin wie Sie. Da hängt übrigens Ihr Arbeitsanzug, – soll ich Ihnen den herübergeben?« »Ja, – werfen Sie ihn mir nur herüber, . . . so . . . halt! nicht in die Wasserlach! Da! gerade hinein.« »O weh – jetzt haben Sie nichts anzuziehen?« »Doch noch Einiges. Warten Sie, – da im Schrank.« »Wir sind ja beinahe wie Bruder und Schwester,« sprudelte sie hervor, »sonst hätt ich den Gang zu Ihnen nicht gewagt.« »Freilich, freilich.« »Vielleicht können Sie sich auch denken, weshalb ich komme?« »Wirklich nicht. Nur einen Augenblick . . . so, ich zieh mich hinter der offenen Schranktür rasch an. Bin gleich fertig. Reden Sie nur, ich hör alles, wenn ich Sie auch nicht seh.« »Gewiß ahnen Sie, weshalb ich komme. Sagen Sie mir offen heraus: warum haben Sie meine Eltern in so außergewöhnlicher Aufregung verlassen? Was hat sich zugetragen zwischen Ihnen und meinem Papa?« 225 Er hielt mitten im Anziehen ein, streckte den roten Kopf hinter der Schranktür hervor und starrte sie mit seinen sonst so drolligen Augen an. »Deshalb kommen Sie her?« sagte er, trotz des Ernstes der Situation wieder in seine burlesken Körperverdrehungen verfallend. »Ja!« gestand sie leise. »So, so, so?« murmelte er in komischem Schmerz. »Tut mir leid! sag so was nicht . . . geht absolut nicht! Erfahren es vielleicht mal ohne mich, armes Kind.« Er trat, seine Hosenträger um die Schultern werfend, hinterm Schrank hervor, reichte dem entsetzt blickenden Mädchen die Hand und stieß in mitleidig burlesken Ton heraus: »Nun deshalb keine Feindschaft nicht! was können Sie dafür? hab Sie immer gut leiden können.« Plötzlich, als er ihr ins Gesicht sah, das sich nun krampfhaft zum Weinen zusammenzog, erwachte ein häßlicher Verdacht in ihm. Er ließ ihre Hand los und starrte sie düster von der Seite an. »Sind Sie wirklich aus eignem Antrieb zu mir gekommen?« fragte er mistrauisch. »Wie? ja!« stammelte sie. »Hat nicht Ihr Papa Sie zu mir geschickt?« »Was fragen Sie so wunderlich?« Er sah ihr zweifelnd in das unschuldige bleiche Gesichtchen, mit dem runden Stumpfnäschen und dem mütterlichen jetzt bekümmerten Kinderausdruck. »Nu, nu,« stieß er barsch heraus. »Kann sein! wills glauben. Trotzdem, besser is besser, – machen Sie, daß Sie wieder naus kommen. Bitte, gehen Sie.« 226 Sie sah ihn verständnislos an. Da geriet er förmlich in Zorn. »Bitte!« rief er, riß die Tür mit komischer Würde auf und machte eine zum Hinausgehen einladende Handbewegung. Das begriff sie. Sie nickte, sah ihn ganz verzweifelt an und eilte hastig zur Tür hinaus, die Treppe hinunter. Dieser Hinauswurf bestärkte sie in der Annahme, daß es sich um eine wichtige Geldangelegenheit handelte, daß die Ehre dabei auf den Spiele stand. Ganz zerschlagen kam sie unten im Hausflur an. Otto hatte ihr einen entsetzlichen Eindruck hinterlassen; sie konnte den Eindruck noch gar nicht fassen. Er litt unsäglich und wollte sich seinen Jammer nicht anmerken lassen. Und sein plötzliches Mistrauen? Warum nur? Wie lautete seine Frage: »Hat Sie Ihr Papa geschickt?« Was sollte das bedeuten? Sie war stehen geblieben im zugigen Haustor. Was wollte er damit sagen? Als sie ein paar Schritte weiterging, stieß sie fast auf Karl, der eben mit seiner Büchermappe um die Ecke bog. »Wie?« rief er, »Sie hier? Ich wollte Otto auf n Augenblick besuchen. Steck mitten im Examen! morgen beginnt der schwierigste Teil. Aber wie kommen Sie hier her?« Als er nun ihr verweintes Gesicht erblickte, ging er anstatt zu Otto mit ihr die Straße hinauf. Er glaubte, sie wisse jetzt, in welches Unglück Otto Grüner durch ihren Vater gestürzt worden war. Sein Taktgefühl schrieb ihm vor, der Tochter des 227 Betrügers anzudeuten, daß er den Fehltritt des Vaters nicht werde dem Kind entgelten lassen. Er schloß sich aus diesem Grund ihr an und wollte ihr, sobald sich die Gelegenheit bot, ein paar Worte des Trosts zusprechen. Einige Zeit sagten sie nichts. Der Himmel drohte mit Regen, es fielen schon einige Tropfen. »Haben Sie auch heut Nacht den Herbststurm gehört?« fing er an. »Nicht wahr, dies Brausen! als ging die Welt unter! Sehen Sie, mich regt das Wetter oft zu dem Gedanken an, daß der Mensch eigentlich von der Erde nur geduldet wird. Ist es nicht, als ob Stürme, Sintfluten, Erdbeben, Gewitter, Vulkanausbrüche dem Menschen täglich predigen: erbärmlicher Wurm, du glaubst, ein liebender Vater hätte dir auf mir, deiner Mutter, eine feste, sichere Wohnstätte bereitet? Lächerlicher Eigendünkel! Meine Mutterbrust bebt, – und du fliegst davon! Ich liebe dich durchaus nicht, hasse dich auch nicht, – du bist mir höchst gleichgültig.« Natalie murmelte ein paar Worte. Dann schwiegen sie wieder beide. Nach einiger Zeit fragte er: »Sie waren bei Otto?« Sie nickte. »Ja, ja,« murmelte er; »schlimme Sache!« Jetzt merkte sie, daß auch Karl davon wußte und suchte nun mit der Schlauheit der Verzweiflung herauszubringen, was ihr allein noch verborgen war. »Ja, ja,« flüsterte sie, »schrecklich, schrecklich.« 228 »Haben Sie ihn gesprochen?« fuhr der junge Mann fort. »Ja.« »Wie fanden Sie ihn?« »Ja, – wie man in solchen Umständen halt sein kann.« »Tief niedergeschlagen?« »Sehr, sehr unglücklich.« »Das kann man sich wohl vorstellen,« sagte Karl arglos; »wenn man so leidend ist und verliert sein ganzes Vermögen.« Nun hatte sies herausgebracht. Nur noch ein Hoffnungsschimmer leuchtete ihr; sie wußte, daß man auch durch eine schlechte Kapitalanlage, durch sinkende Papiere, sein Vermögen einbüßen kann. Vielleicht war also ihr Vater nur ein ungeschickter Geschäftsmann gewesen, kein unehrlicher! Ihre ganze Kraft zusammenraffend, sagte sie: »Ach Gott, Sie wissen ja . . . die Staatspapiere fallen oft plötzlich. Ich weiß nicht, warum? sie haben aber oft diese schlechte Angewohnheit. Mein Papa hatte, glaub ich, zu viel in . . . in Chinesen angelegt? oder . . . ich weiß nicht . . .« Nun stieg in Karls Seele, als er diese, wie er glaubte, beschönigende Verteidigung des Verbrechens vernahm, ein heftiger Ärger, vermischt mit Mitgefühl für Otto auf. »Nein, Fräulein,« stieß er mit bitterem Vorwurf, sich vergessend, heraus, »so wars nicht; mein armer kranker Freund ist völlig ruiniert . . .« »Wie?« fragte sie entsetzt, »ist gar nichts mehr da?« Er blieb stehen. Der jähe Ton ihrer Stimme fiel ihr auf. Er sah sie an, – ihr Blick! Ihm begann zu grausen. Nun wankte sie und griff sich mit der kleinen Hand krampfig nach der Herzgegend. »Was ist Ihnen?« rief er und stützte sie rasch mit dem rechten Arm. »Ja – wissen Sie denn nichts?« Sie fiel halb bewußtlos an seine Brust. Mit Mühe zog er sie, um die Aufmerksamkeit der Vorübergehenden nicht auf sie zu lenken, in die nächste Torhalle. Von da führten drei Stufen in eine kleine Weinkneipe »Zur Odinshütte«. Er stieß mit der linken Hand die Türe auf, während er mit dem rechten Arm die halb Ohnmächtige umfaßt hielt. Die Kellnerin, die ihn bemerkt hatte, half nach. Bald saß er mit dem Mädchen an einem der Tische des düsteren Lokals. Sofort ließ er zwei Gläser Wein kommen. Dann entschuldigte er sich. »Verzeihen Sie mir,« sagte er, seine Tränen unterdrückend. »Ich vergaß ganz, wen ich neben mir hatte, . . . mit wem ich sprach. Ich dachte im Augenblick nur an Otto; mir geht es oft so, daß ich nicht objektiv genug empfinde. Jetzt da es mal so weit ist, können wir ja ganz offen reden. Ich betrachte die menschlichen Fehler als Naturwissenschaftler. An sich ist nichts gut oder bös; jeder Mensch muß so handeln wie er handelt. Ich werfe gewiß keinen Stein auf Ihren Vater. Jedenfalls bedauere ich Sie im höchsten Grad.« Er hatte die Empfindung, daß er die richtigen Worte nicht gefunden habe. Alles was er vorbrachte kam ihm so kalt vor. Er konnte seine 230 innere Ergriffenheit nur durch Blicke kund geben, durch ein inneres Vibrieren der Stimme, das von verhaltenen Tränen erzählte. Sie weinte leise vor sich hin. Endlich sagte sie: »Meine Eltern, davon bin ich überzeugt, werden gewiß alles tun, um diesen Verlust zu ersetzen . . . mehr kann ich jetzt nicht sagen. Ich verteidige nicht, ich klage nicht an. – Kommen Sie! wir wollen gehen, es ist mir wieder besser . . .« Sie hatte kaum am Glas genippt. Die Kellnerin zog neugierig die Brauen in die Höhe, als Karl zahlte. Am Pianino saß ein langhaariger Kerl und schmetterte wild in die Tasten. Natalie erhob sich. »Trinken Sie doch noch,« bat Karl. »Sie kommen dann rascher zu Kraft, das Gehen wird Ihnen sauer.« »O garnicht,« erwiderte sie und nahm noch einen Schluck von dem Rotwein. Nun polterten lachend neue Gäste, zwei Stutzer, in das Zimmer. Das Mädchen überlief ein Schauer, als die frech-heiteren Töne ihr Ohr trafen. Sie setzte das Glas hastig wieder von den Lippen. »Kommen Sie, kommen Sie,« bat sie dringend den Jüngling, der sie finster betrachtete. Beide verließen das Lokal. »Wenn ich Ihnen irgendwie nützlich sein könnte?« sagte Karl, als er sich von ihr trennen mußte, »aber . . . ich wüßte nicht, wie?« »Nein, nein . . . danke.« »Ich habe höchstens Worte des Trostes zur Verfügung, die in solchen Fällen aber nicht viel 231 bedeuten. Verlieren Sie den Mut nicht! es geht alles vorüber. Wenn wir uns nur selbst haben, kann uns die Welt nichts rauben.« Sie sah wie betäubt ins Weite. Er reichte ihr traurig die Hand. »Was wird nun aus unserer neuen Religion werden?« lächelte er trüb. »Wir sind ihr vielleicht näher als wir ahnen,« sagte sie resigniert. Er sah sie verwundert an, mochte jedoch nicht fragen. Dann verließ er sie. Was wollte sie mit ihren letzten Worten sagen? Lange zerbrach er sich den Kopf. Da fiel ihm ein, daß Weihals sich neulich so viel Mühe um sie gegeben; spielte sie vielleicht hierauf an?   11. Emma Dorn saß am Pult und schlürfte behaglich ihren Morgenkaffee, der ihr unentbehrlich war, um ihr Gehirn vom Druck des Schlafs zu befreien. Ohne Kaffee konnte sie kaum ein paar Zeilen ausarbeiten, so sehr hatte sie ihre Nerven an das erregende Gift gewöhnt. Sie aß zum Kaffee nur einen einzigen Friedrichsdorfer Zwieback, um ja den Magen nicht zu überlasten, was die feine Gehirntätigkeit beeinträchtigt hätte. Neben ihrer Tasse saß Peter und langte zuweilen mit der Pfote nach dem Zwieback. Peter wollte fein und respektvoll behandelt werden. Als sie ihn streichelte, merkte sie, daß das ehrgeizige Tier ordentlich stolz wurde 232 auf ihre Liebkosung. Dann verließ er den Pult und legte sich so breit-bequem auf ihren Schoß, daß die zarte Rücksicht auf den Verwöhnten sie einige Unbequemlichkeit beim Schreiben kostete. Draußen auf dem Vorplatz erschallte ein lebhafteres Wortgefecht. Die beiden Freundinnen lagen nämlich stets mit dem alten einsamen Fräulein Stricker im Kampf, das in der Mansarde über ihnen hauste. Diese ältliche pensionierte Elementarlehrerin war mit allerlei lästigen Angewohnheiten behaftet; so litt sie an der Manie die Hausflurfenster aufzureißen, weil es nach der Küche rieche; auch hatte sie die Eigenheit, ihre Zimmerchen gerade zu der Zeit einer gründlichen Reinigung mit Schrupper und Besen zu unterziehen, wenn andere Menschen sich zu Bette legen und schlafen wollen. Emma lauschte dem Wortstreit. »Aber Fräulein,« schrie die Stricker, »das erste Gesetz der Gesundheitspflege lautet: Luft, Luft und Licht! Wie kann der Körper gedeihen, wenn alle Gangfenster hermetisch verschlossen sind?« »Aber ich bitte Sie, Fräulein,« gab Luise sanft zurück, »meine Freundin kann den Durchzug nicht vertragen; wir haben so beständig Gliederreißen, und daß es nach unserer Küche rieche, ja du lieber Himmel! das läßt sich nicht ändern. Ihre Küche, besonders wenn Sie Zucker brennen, riecht auch nicht nach Ambra.« So wogte der Wortstreit noch einige Zeit. Emma griff lächelnd zur Feder. Sie mußte rasch ein Kapitel ihres neuen Romans umarbeiten. 233 Auf einmal hörte sie, daß sich in den weiblichen Diskant des Wortstreits eine männliche Baßstimme mischte. Sie legte die Feder erstaunt hin. Gleich darauf eilte Luise schreckensbleich ins Zimmer, hinter ihr drein schimmerten Uniformknöpfe. Der Kater nahm sofort ängstlich Reißaus, vors halboffene Fenster hinaus. »Emma . . . um Gotteswillen!« stotterte die zitternde Luise, »sieh doch her!« »Was ist denn los?« »Eine Haussuchung!« »Bei mir? Weshalb?« Sie bekämpfte mühsam ihren Schreck und erhob sich. Ein Wachtmeister mit zwei Schutzleuten trat ihr grüßend entgegen. »Sie wünschen?« »Fräulein Emma Dorn,« klärte sie der dicke, schnaufende Wachtmeister auf, »mir ham den Auftrag Ihren Schreibpult zu durchsuchen. Hier is die Vollmacht.« Er überreichte ihr ein Schriftstück. »Den Pult zu durchsuchen?« versetzte sie erregt. »Zu welchem Zweck?« »Mir missen s Manuskript von ihrem Roman ›Finstere Dämonen‹ suchen.« »Ach – so?« »Ja un de Brief von Verleger un n Vertragg.« »Ja weshalb denn?« »Ihr Romann is vom Staatsanwalt beschlagnammt worrn.« Die arme Luise mußte sich, einer Ohnmacht nahe, setzen. »Tun Sie Ihre Pflicht!« sagte Emma, nachdem 234 sie das amtliche Schriftstück überflogen. »Der Gewalt muß ich weichen.« Gerade als die Schutzleute über die Schubladen des Pults herfielen, trat Karl, die Schulmappe unterm Arm, ins Zimmer. Die sanfte Luise teilte dem Erstaunten weinend mit, um was es sich handelte. Emma bezwang herrisch ihre trübe Stimmung. »Laß die Leute nur suchen; das ist ihre Pflicht,« sagte sie ernst. »Ich mache mir gar nichts aus der Sache. Sogar ein Prozeß wäre mir gerade recht; ist ja die beste Reklame.« Karl trat mit verstörtem Gesichtsausdruck näher. »Da steckt natürlich der Dr. Simmer dahinter!« sagte er mit vor Zorn funkelnden Augen. »Vielleicht ist auch mein Papa mit schuldig.« »Nein,« wies ihn Emma zurecht. »Ihr Papa hat mein Werk gelobt und in Schutz genommen. Dem frommen Dr. Simmer trau ich das aber zu.« Nun hörte man die Stimme des Schubladen durchwühlenden Wachtmeisters: »Nur was zu unserm Auftragg gheert wird mitgenommen, versteht r? alles sonst geht uns nix an, verstehtr?« »Ich glaub auch,« sagte Karl leise, »daß mein Vater Sie nicht denunziert hat. Es ist wahr, er schwärmt geradezu für Ihr Buch. Gestern las er uns daraus vor und sprach den ganzen Abend davon; ich habe ihn noch nie so begeistert gesehen. Was er früher wohl getadelt hätte, gewisse Derbheiten, – lobte er; er sah Schönheiten, wo er sonst Fehler gesehen, so daß ich annehmen muß: sein Urteil ist durch Ihre Liebenswürdigkeit 235 bestochen; Ihre Schönheit hält den schützenden Schild vor Ihren Geist.« Er lächelte bei diesen Worten ein wenig sarkastisch; ein leiser Klang von Eifersucht zitterte durch seine Stimme. »Meinen Sie?« sagte Emma. »Nun, wenn ich ihm gefalle, – desto besser.« »Desto besser?« fragte er erstaunt. Ihm waren diese Worte aus Zerstreutheit entfahren. »Nun ja,« warf sie hin. »Warum soll ich ihm nicht gefallen? Das schadet mir doch nicht und Ihnen auch nicht?« Karl sah ihr prüfend ins Auge. Ihr fiel sein düsterer verzehrender Blick unangenehm auf; sie spürte seine Eifersucht und nahm sich vor, ihm so bald als möglich klaren Wein einzuschenken, denn bei seinem phantastischen Naturell konnte aus diesem Gefühls-Ei ein Ungeheuer schlüpfen. Neben dem Pult auf einem Stuhl saß Peter; er hatte sich wieder herein gewagt und verfolgte aufmerksam mit sittenstrenger Miene die Bewegungen des amtierenden Wachtmeisters, der sorgfältig Blatt auf Blatt, Heft auf Heft häufte. Emma machte sich nun das Vergnügen, dem Wachtmeister, gleichsam um ihm seine Aufgabe zu erleichtern, ganz unwichtige Papiere – Rechnungen, Waschzettel, Einladungskarten – vorzuhalten und ihn jedesmal mit ernsthafter Miene zu fragen: »Hat dies Dokument vielleicht Wert für Sie?« Der dicke, schweißtriefende Mann des Gesetzes, dem seine Aufgabe ohnedies keine Freude bereitete, überflog 236 dann jedesmal das vorgehaltene Blatt und stammelte zerstreut: »Nein . . .« Dies grausame Spiel setzte sie zur Freude Karls so lange fort, bis der Wachtmeister endlich den Vertrag, die Briefe und das Manuskript entdeckt und triumphirend an sich genommen hatte. Er wischte sich den Schweiß von der niederen Stirn, ließ sie ein Protokoll unterschreiben und entfernte sich dann höflich grüßend mit seinen Begleitern. Auch für Karl war es höchste Zeit; er mußte gehen. Kaum waren die beiden Fräulein allein, so schluchzte Luise: »Das hast du nun von deiner Schriftstellerei! Ärger, Verdruß, Prozesse!« \>Die Dichtkunst ist ein Moloch!« versetzte Emma. »Wen sie einmal erfaßt hat, den verzehrt sie. Sieh, ich kann nicht anders schreiben als das Herz mir gebietet und wenn ich zehn Prozesse bekäme. Was ich empfinde, muß aus mir heraus.« »Aber wie wird man jetzt über dich herfallen, hier in der Vorstadt? Du wirst deine Schülerinnen verlieren, ich die meinen!« »So steh ich halt allein im Leben!« seufzte Emma. »Ich würde dir sogar raten, liebes Kind, zieh dich bei Zeiten von mir, der verworfenen Person, zurück, damit man nicht mit Fingern auf dich deutet.« Luise mußte in ihrem Schmerz lächeln. »Was sagst du?« rief sie vorwurfsvoll. »Ich soll dich jetzt verlassen, wo du mich am nötigsten brauchst?« »Wenn ich dir aber schade? Eine so sittenlose, giftumsichspritzende Kröte!« »Geh, sei still! Dein Schicksal ist das meine! 237 Wenn du zu Grund gehst, will ich auch nicht länger leben!« Emma umarmte die Schluchzende. »Gute Seele,« sagte sie ergriffen, »so müssen wir halt sehen, wie wir uns zusammen durchs Leben schlagen . . . Ich habe noch Hoffnung. Es werden sich ja einzelne überprüde Personen von uns zurückziehen, doch nicht alle; beruhige dich!«   12. Am andern Tag stand es in allen Zeitungen, daß Emma Dorns Roman ›Finstere Dämonen‹ beschlagnahmt worden sei. Daraufhin wurden die Buchhandlungen förmlich gestürmt. In den Leihbibliotheken ward der Roman stundenweise ausgeliehen. Beim Verleger konnten nur etwa vierzig Exemplare eingezogen werden, die übrigen waren bereits in der Welt zerstreut. Im Lehrerzimmer des Gymnasiums verursachte dieses Ereignis eine lebhafte Debatte. Dr. Köhler nahm das Buch in Schutz. Es sei durchaus nicht unmoralisch, sondern ehrlich. Der Dichter habe so gut wie der Naturforscher das Recht, über jeden Gegenstand, über alles Menschliche, seine Meinung zu äußern; Untersuchungen, Beobachtungen anzustellen: es komme nur darauf an, wie er seinen Stoff darstelle. Man dürfe auch nicht einzelne Stellen herausgreifen, sondern müsse sie im ganzen Zusammenhang mit dem Kunstwerk prüfen. 238 Der Theologe Dr. Simmer hütete sich sein Denunziantentum zuzugeben, obwohl man ihm ein Geständnis nahelegte, ja es ihm fast ins Gesicht sagte, daß er den Staatsanwalt in Bewegung gesetzt. Doch bestritt er die Ansichten Köhlers; es gebe gewisse Dinge, die ewig von der dichterischen Darstellung ausgeschlossen seien. Köhler erlaubte sich allerlei Seitenhiebe auf pfäffische Heimtücke und philisterhafte Heuchelei, so daß ihm Dr. Simmer gereizt sagte: »Wir wissen es ja Alle, – Sie haben keine Religion!« »Ich hab nicht den kalten Aberglauben, den Sie Religion nennen!« versetzte ihm Köhler zornig. »Ich habe ›keine Religion‹ – aus Religion!« Der Direktor legte sich nun ins Mittel. Zur allgemeinen Verwunderung nahm auch er das Buch in Schutz; natürlich auf eine sehr vorsichtige diplomatische Weise, so daß seine Verteidigung die Gefühle des mutmaßlichen Angebers unmöglich verletzen konnte. Später zog der Direktor den Dr. Simmer in eine Fensternische und teilte ihm mit, daß Emma Dorn ihn besucht habe und daß sein Sohn Karl ihn, den Dr. Simmer, feierlich um Verzeihung bitten werde. Dr. Simmer erklärte sich bereit die Entschuldigung des Beleidigers in Empfang zu nehmen; nicht aus Ehrbegier, um seinen Gegner zu demütigen, – das liege ihm gänzlich fern! – nur, um ihn zur Reue zu bewegen, um seinen Charakter zu sittlicher Läuterung empor zu führen. Dann flüsterte ihm der Direktor lächend zu: 239 »Gestehen Sie, – Sie haben die Finstern Dämonen denunzirt?« »Aber ich bitte Sie, Herr Direktor!« gab er, seine grünen Schielaugen verdrehend, zurück, »was denken Sie denn von mir! ich tadle wohl, aber ich vernichte nicht.« Nun ging der Direktor diplomatisch zu Werk. »Sagen Sie mirs nur ganz offen!« heuchelte er. »Ich bin ja auch wesentlich auf Ihrer Seite; ich verdamme ja das Buch wie Sie, nur darf man das nicht so öffentlich sagen. Wenn Sie die Behörde aufmerksam gemacht haben. so haben Sie ein gutes Werk getan; ich würde diese hochmoralische Handlungsweise in einem Bericht an die Schulbehörde lobend erwähnen . . .« Dr. Simmers Augen begannen nun bei dieser Aussicht zu strahlen, – er ging in die Falle. »Ja, Ihrem Scharfsinn bleibt doch nichts verborgen! so will ichs nur gestehen: ich hab es allerdings für meine Pflicht gehalten, dieses schändliche Machwerk dem Staatsanwalt vorzulegen!« Der Direktor drückte ihm zwar mit vielsagendem verständnisinnigem Lächeln die Hand, als billige er seine Tat; im Stillen aber dachte er: »vor dem Menschen muß man sich in Acht nehmen! ich werds ihm geben in meinem Bericht an die Oberschulbehörde!« Denn das Schicksal der Dichterin ging ihm sehr nahe. Er malte sich ihren verzweifelten Gemütszustand aus und merkte, daß gerade das Unglück, das nun über dies herrliche Weib hereingebrochen war, sie seinem Herzen noch näher 240 brachte. Er begann den Verursacher dieses Schicksalsschlags, den Dr. Simmer, zu hassen. Körns Schüler ahnten in der nächsten Stunde nicht, warum er diesmal so zerstreut unterrichtete, warum er manchmal mitten im Vortrag abbrach, vor sich hinstierte und dann mit seinem langgezogenen äh – – äh – den Faden seiner Auseinandersetzungen wieder anknüpfte. Nur Karl hatte eine dunkle Ahnung vom Gemütszustand seines Erzeugers. Er fühlte instinktiv, daß es Teilnahme an dem Schicksal Emmas war, was den sonst so kräftigen Blick des von Gesundheit strotzenden Mannes oft verdunkelte. Mit dem Scharfsinn der Eifersucht hatte er entdeckt, daß im Herzen des Vaters für Emma ein Gefühl erwacht war, das über das gewöhnliche Wohlwollen hinausging. Er erkannte es auch daran, daß der sonst in der Familie ziemlich schweigsame Mann, häufig von Emma zu reden begann. So wieder heute beim Mittagessen. Ganz unvermittelt brachte der Direktor das Gespräch auf die ›Finstern Dämonen‹, die er nun zu Ende gelesen. Karl suchte absichtlich Einiges an dem Buch zu tadeln. Der Vater widersprach heftig. Er geriet beinahe in eine nervöse Erregung, die er aber geschickt zu unterdrücken verstand. Gerade diese künstliche Unterdrückung seiner Aufregung wurde dem Sohn verdächtig; gerade durch die erzwungene äußere Ruhe verriet der Direktor seine innere Unruhe. Karl lenkte dann, um weitere Nachforschungen 241 anzustellen, das Gespräch auf die Ehe. Er meinte: die Ehe sei nur Übergangsstadium; der Mensch einer weiter vorgeschrittenen Zeit werde die Einzelhaft der Ehe mit einer allgemeinen Liebesfreiheit vertauschen. Hier widersprach ihm seltsamerweise der sonst so konservativ urteilende Vater nicht. Sogar als sich Karl zu der Behauptung verstieg: »Geistig bedeutende Naturen werden sich nie fürs ganze Leben mit einem einzigen Gegenstand ihrer Liebe begnügen,« tadelte der sonst so Strenge diese Äußerung nicht. Karl führte dann seine Gedanken noch weiter aus: »Je reicher der Geist oder das Gemüt eines Menschen ist, desto mehr muß ihn die Enträtselung anderer Geister oder Gemüter reizen. Nur der Philister, der geistig Arme, fühlt diesen phantasieanlockenden Enträtselungsdrang nicht . Ihn reizen keine unentdeckten Länder der Leidenschaft. Was kümmert den ängstlichen Kleingeist der Nordpol der Liebe, den nur der kühne Abenteurer der Sinne im Luftschiff der Poesie zu erreichen hofft?« Diesmal machte der Direktor, leicht errötend, doch Einwendungen. Er murmelte etwas von sittlichem Kompaß, den jeder brave Bürger in sich tragen müsse. Überhaupt habe Karl in solchen Fragen keine Erfahrung, hier könne nur das Alter mitsprechen. Doch gab er dieses Urteil nicht mehr mit der früheren Entschiedenheit und Sicherheit ab; man merkte ihm an, daß er einen inneren Kampf zu verbergen hatte. »Das Alter! immer sitzt das Alter am Ruder 242 und schreibt der Jugend Gesetze vor!« wendete Karl ein. »Laßt einmal die Jugend regieren! sie gibt euch statt Erfahrung – neue Ideen!« »Nun,« bemerkte der Direktor lächelnd, »ich habe nichts gegen die Jugend.« Katharina erkannte ihren Mann gar nicht mehr wieder. Er redete ihr nichts mehr drein, wenn sie ihren Götheforschungen oblag und ließ sich sogar versalzene Suppen und völlig misratene Speisen widerspruchlos gefallen. Karl ging nach dem Essen auf ein halbes Stündchen ins Freie mit seinem Freund Konrad, dem er heute sein Herz ausschüttete. »Siehst du,« sagte der junge Körn, »ich bin doch mehr eine analytisch-grüblerische Eule, als ein rein poetischer Schmetterling. Ich merke das daraus, daß ich mir so deutlich, fast kühl, möcht ich sagen, bewußt bin: du liebst zum erstenmal! Das kann ein reiner Poet nicht; der zerlegt seine Gefühle nicht, der liebt reflexionslos. Ich werde den angebornen Präzeptor nicht los! Es wird mir mal gehen wie dem Nietzsche, von dem ich sage: Als Dichter philosophiert er zu viel, als Philosoph dichtet er zu viel!« Auf eine Bemerkung Konrads erwiderte er: »Einerlei ob meine Leidenschaft zum Ziele gelangt, oder ob sie wie ein Wüstenglutsturm an der Felsenküste der Resignation erstirbt, – sie ist da, sie ist sich selbst Zweck. Ich liebe die Liebe! ich liebe was Leiden schafft, ich liebe die Selbstzerfleischung der Sinnenglut, – aber ich hasse die Friedhofsruhe der Weisheit. Die Weisheit ziert nur die Götter; 243 uns Menschen macht nur die Torheit liebenswürdig . . . Ich liebe in Emma nicht dies eine Weib, sondern das Weib! Ich liebe in ihr die Schönheit, die Schaffenskraft der Natur und ich möchte, wie es die Alten getan hätten, ihr Tempel bauen oder mit ihr mich in den glühenden Erzmoloch stürzen. Ganz wörtlich!« »Der glühende Erzmoloch ist heutzutage die Ehe«, bemerkte Konrad trocken. »Die Ehe?« rief Karl. »Nenn doch dies entsetzliche Wort nicht! Die Ehe ist freilich das Grab der Liebe. Weh dem der zuerst die Ehe erfunden hat! mög er von ewigen Eheketten gefesselt am Felsen der Philisterhaftigkeit hängen, und der Geier der Langweile soll ihm die Leber fressen! – Vielleicht bin ich noch zu jung, um in Emma ein besonderes Einzelwesen lieben zu können? Mir ist sie noch der Inbegriff aller Schönheit, der Extrakt der Weiblichkeit. Deshalb ist meine Leidenschaft auch so weltumspannend! Wie eine revolutionstrunkene Riesenmelodie möchte sie die ganze Menschheit zur Freiheit, zur Aufklärung fortreißen. Blut und Feuer ist in dieser Liebe! Ich bin ein Anarchist der Liebe!« Dann ward er wieder sentimental. »Siehst du, der finstere Wald, der die Wiese so in sich versunken umarmt, erweckt mir traurige Gedanken. Ich sage mir: einst kommt ein Tag, da wird das Weltgetriebe weiter hasten, wie jetzt; doch ohne dich! Der Sturm wird rauschen, – durch die Straßen rollen die Wagen . . . . doch du hörst es 244 nicht; die Menschen eilen ihren Geschäften nach . . . du siehst es nicht; in den Theatern klatscht man pikanten Witzen Beifall . . . dich kann kein Scherz mehr reizen, denn dein Gesicht hält der nie lachende Tod in Bann. Jetzt dünkst du dir so wichtig; hat dein Herz aufgehört zu schlagen, – bist du unwichtiger als ein lebendiger Sperling. Du hast dein Hirn, in dem sich Sonnen und Milchstraßen spiegelten, für den Mittelpunkt der Welt gehalten; ist einst sein Spiegel zertrümmert, – wird ein Wurm aus deinem Schädel seine Wohnung machen, er ist weniger wert, als die Laterne im Fahrrad eines Gecken.«   13. Etwa eine halbe Stunde vor der Stadt hatte sich der reiche Weihals eine schloßartige Villa bauen lassen. Ein prächtiger vom kühlen Herbst jetzt goldrot angekränkelter Park umwogte die Zinnen, die graublauen Schieferdächer, die Erker, Türme und Türmchen des Herrensitzes, wie ein alter, kostbar gestickter Purpurkönigsmantel. Er langweilte sich, der Herr Kommerzienrat. Umsonst trieb er allerlei Sport, umsonst ging er ins Theater, in Konzerte, umsonst schaffte er sich ein Automobil an, – es nützte alles nichts. Der äußere Reichtum konnte ihm die innere Armut nicht unfühlbar machen. Im Gegenteil, sie war wie ein Bettlergewand, das unter einem lose hängenden Prunktalar verborgen steckt und bald an den Knieen, 245 bald an den Ellbogen nur um so auffälliger herausplatzt. Seine magere Seele war sich oft selbst zur Last in ihrer fetten Hülle. Er durfte nach Vorschrift des Arztes nur sehr frugal frühstücken, da sonst die Gicht im Anzug war. Wenn er dann morgens, ärgerlich darüber, daß sein schwacher Magen ihm nur eine dünne Wassersuppe erlaubte, mit einem müdverdrossenen Zug um die herabhängenden Mundwinkel und die bleichen, schwabbeligen Hängewangen, von seinen Hunden begleitet, in seinen Wirtschaftsräumen umherschlenderte, fand er im Ausschimpfen der Dienstboten einigen Trost. Zu tadeln gab es immer, denn in manchen Dingen war er sehr genau; überall in Küche, Stall und Keller, war zu viel verbraucht worden. Hinter seinem Rücken machten sich dann die Dienstboten über ihn lustig. Angst hatte man nicht, denn bei all seinem tadelsüchtigen Wesen besaß er doch wieder einen gewissen gutmütigen Zug. Sobald ein Ausgescholtener sich aufs Bitten verlegte, verzieh er ihm; und wenn er gar Tränen sah, schenkte er sogar Geld her. Diese Schwäche nutzten die raffinirten weiblichen und männlichen Diener weidlich aus. Er suchte seinem Despotismus mit einer gewissen absichtlichen Koketterie diese patriarchalische Rührseligkeit umzuwerfen, weil er gemerkt hatte, daß das Volk den am meisten verehrt, der im Zorn zuerst prügelt und dann großmütig die Börse zieht. So ward in der Villa immer viel geschimpft, geschlagen und geflennt und mit Silberklang getröstet. 246 Nach diesem Rundgang verbrachte er seine Zeit in seinem behaglich eingerichteten Studierzimmer mit der Verwaltung seines Vermögens. Hier standen auch Bücher in schönen Schränken – zum Anschauen. Gelesen wurden sie nie. Oft aber setzte er sich ans Klavier und suchte mit seinen fetten, ringblitzenden Fingern allerlei seltsame Akkorde, in die er sich genießend versenkte. Später kam dann sein Klavierlehrer Hinrichs, mit dem er auf Du stand, da er ihn schon vom zwölften Lebensjahr an als Lehrer gehabt hatte. Sie komponirten eben gerade eine Operette, d. h. Weihals hatte eine Skizze gemacht, die dann der vorzügliche Kontrapunktist so stark ›bearbeitete‹, daß kein Stein auf dem andern blieb. Bei dieser Korrektur ward gelacht, gescherzt, gehänselt. Weihals liebte es, seinen Lehrer in die Waden zu kneifen und an den Knieen zu kitzeln; während dieser Albernheiten mußte der geplagte Musikus, beständig um Ruhe bittend, Walzermelodien erfinden und verrenkte Akkorde einrichten. Aber seltsam, dieser ungebildete, eigentlich dumme Weihals fand oft wirklich nette Melodien, die sogar eine gewisse Poesie atmeten, so daß Hinrichs oft zu ihm spottend sagte: »Ich hab an dir erst kennen gelernt, was die Musik für eine traurige Kunst ist; da Trottel wie du was darin leisten können, hab ich bereits ganz den Geschmack an ihr verloren.« Hinrichs durfte sich als langjähriger Hausfreund, Erzieher und unentbehrlicher Ratgeber, solche Bemerkungen erlauben. 247 Heute gegen fünf Uhr saß Weihals in seinem von behaglicher Wärme durchfluteten Wintergarten unter Palmen. In diesem künstlichen Orient hatte er sich ein reizendes Plätzchen bereiten lassen. Ringsum schwoll zartes Grün, breite Blumendolden schwammen in dem milchig-weichen Licht, das vom Glasdach heruntersickerte; seine Gräser beschämten alle Gebilde der Menschenhand, goldne Bälle blickten aus dunkelgrüner Laubnacht. Vor dem rotsammtenen Divan prunkte ein in türkischem Geschmack gebautes, vergoldetes, niedriges Tischchen, auf dessen bunt eingelegter Platte eine ausgetrunkene silberne Kaffeetasse im Sonnenstrahl blitzte. Eine Wasserpfeife wölbte ihren Glasbauch am Fußboden und schickte eine braunrote Schlange bis zum Munde des Hausherrn, der ihrer gelben Bernsteinspitze duftend-kühle Zauberdämpfe entsog. In einen knisternd-seidenen Schlafrock gehüllt, den roten Fez auf dem früher lockigen, jetzt dünnbehaarten Schädel, las er die Zeitung. Das letzte Gold des Herbstabends sickerte durch die grünlichen Glastafeln des Dachs, tropfte wie ein flüssiges Feuer von Palmblatt zu Palmblatt und durchschimmerte violett die blauen Wirbelwölkchen, die der Bernsteinspitze der Pfeife entstiegen. Allmählich ward es düsterer; der Kommerzienrat erhob sich und ließ die von einer Säule herabschwebende, orientalisch-bunte Laterne aufblitzen. Gleich darauf knisterte der Kies des Fußbodens, seine schon ältliche Wirtschafterin tauchte hinter den Palmenwedeln auf und meldete: eine 248 junge Dame wünsche den Herrn Kommerzienrat in einer dringenden Angelegenheit zu sprechen. Er fragte, wie die Dame ungefähr aussehe? Sie sei sehr dicht verschleiert, erklärte die Dienerin. »Laß sie eintreten,« entschied er sich, nach einigem Besinnen. Sie ging. Weihals tat noch ein paar erregte Züge, ließ den violetten Qualm aus den Lippen gleiten und legte die gelbe Bernsteinspitze samt der rotbraunen Wasserschlange bei Seite. Er lauschte mit vorgebeugtem Haupt, den Arm auf den Divan gestützt. Sollten sich seine Vermutungen so rasch bestätigen? Sein Herz begann heftiger zu schlagen, über seine bleichen Hängewangen flog eine leichte Röte. Horch! Jetzt knisterte ein ängstlicher Schritt auf dem Kies; jetzt blieb der Fuß zögernd stehen. Der Kommerzienrat erhob sich und bog die aussichtversperrenden Blätter zurück. »Was seh ich?« rief er mit etwas theatralischer Freude. »Sie? Frau Rechtsanwalt? Trete Sie doch näher.« Frau Meyer, wie immer in elegantem, diesmal ganz schwarzem Kleid, das ihre gelblich-weiße Gesichtsfarbe pikant hob, kam in kleinen, unsicheren Schritten auf ihn zu und stammelte ein paar Begrüßungsworte. »Ein seltener Besuch!« rief er und bot ihr einen roten Gartenstuhl. Sie hatte ihren Schleier zurückgeschlagen. Das verstörte Gesicht der Frau mit den geisterhaften verweinten Augen, ihr blendend vom dunkeln Gewand sich abhebender Hals, flößte seiner naiv-derben Leidenschaft neue Nahrung ein. 249 »Was ist Ihne?« sagte er, als sie sich zitternd niederließ und vergebens ihre innere Erregung zu dämpfen suchte. »Ich seh Ihne an, daß Ihne was Unangenehmes passiert ist?« »Ja,« flüsterte sie, die nun ihre Tränen nicht länger zurückhalten konnte, »ich komme zu Ihnen, dem treuesten Freund unsrer Familie, wenn ich Sie so nennen darf . . .« Er hatte sich ihr gegenüber gesetzt. »Gewiß!« entgegnete er und griff nach ihrer kleinen auf der Sessellehne ruhenden vom Handschuh befreiten Hand; »so dürfe Sie mich getrost nenne.« Ein süßer Schauer überrieselte ihn, als er die weiche Hand, die leise wie ein sterbendes Täubchen zuckte, streicheln durfte. »Nur heraus,« fuhr er mit teilnehmender Stimme fort. »Sie hawe was Schweres auf m Herze? gelt?« »Allerdings, Herr Kommerzienrat,« flüsterte sie, indem sie mit dem feinen Taschentuch nervös über Augen und Mund fuhr. »Über mich ist Schweres hereingebrochen. Ich hab mich in der Person getäuscht, der ich mein Lebensglück anvertraut hatte. Die Stütze ist gebrochen . . . die Stütze . . .« sie konnte vor heftigem Schluchzen nicht weiter reden. »Ich errat,« sagte er leise, »Sie meine unter der Stütze – Ihren Mann?« »Ja,« klagte sie leise, »ich hab mich schwer, schwer in ihm getäuscht . . . Das heißt . . . ich will nicht alle Schuld auf ihn werfen,« lenkte sie ein, als sie bemerkte, daß im Auge des Zuhörenden ein aufmerksam freudiger Blitz aufzuckte, »auch 250 ich bin zu tadeln, – ich war, ohne es zu wissen, die geheime Ursache . . .« »O, doch wohl net!« suchte er zu trösten. »Sie doch wohl net. Aber bitte, erkläre Sie sich deutlicher. Was hat er – ihr Mann – denn verübt?« Sie besann sich einen Augenblick. »Erlassen Sie mir alle nähere Erklärung,« fuhr sie dann mit schmerzerstickter Stimme fort. »Sie brauchen ja die näheren Umstände nicht zu wissen. Sie brauchen nur zu wissen, daß ich tief, tief unglücklich bin . . .« »Das seh ich, das seh ich,« stotterte er, wirklich von einem ihm sonst fremden Mitleid leise bewegt. »Ja,« wiederholte sie gebrochen, »tief unglücklich . . . Und wissen Sie noch, Herr Kommerzienrat, wie Sie mir angedeutet haben, daß ich mich an Sie wenden dürfe, wenn ich je in eine schwierige Lebenslage käme?« »Un ob ich mich erinner!« bestätigte er. »Freilich erinner ich mich! Sie wisse ja doch, was ich immer für n Anteil an Ihne genomme hab, Frau Rechtsanwalt. Es fragt sich nur, um was es sich handelt, un ob ich auch wirklich in der Lag bin . . . zu helfe.« »Das sind Sie!« flehte sie leise. »Das sind Sie. Es fragt sich nur, ob Ihr Anteil an meinem Schicksal so groß ist, daß er auch ein Opfer nicht scheut.« »Gern, gern bring ich ein Opfer,« sagte er. »Auf das Opfer bringe is ma ja angewiese in der Freundschaft . . .« Er rückte ihr näher. »So darf ich offen heraussagen,« fragte sie, »um was ich Sie anflehen muß?« 251 Er nickte und sah ihr, immer inniger ihre Hand drückend, ins Gesicht. »Nun denn,« fuhr sie fort, »ich brauch sofort . . . eine größere Geldsumme . . .« »Gern! Wieviel etwa?« »Zwanzigtausend Mark.« Der Kommerzienrat ließ ein langes, erstauntes »Ui« durch die Zähne gleiten. »Zwanzigtausend Mark?« sagte er, »das is ä Wort! Zwanzig Tausend . . . hm! hm! Das läßt sich höre. Des is ja ä Kapitälche, wahrhaftig, ä Kapital!« Sie schwieg und sah ihm gespannt in die Augen. »Net wahr?« fragte er dann leise, »eigentlich brauche net Sie . . . Ihr Mann braucht das Geld?« »Sie erraten!« »Hab mers glei gedacht, hab mers glei gedacht. No ja! Wisse Se, liebe Frau, . . . liebe Sie denn Ihrn Mann so sehr, . . . ich mein . . . verdient er Ihre Lieb denn so sehr, daß . . . daß . . .« »Er ist und bleibt mein Mann!« schnitt sie ihm den Satz ab. »Mag er getan haben was er will.« »No ja! ich mein halt nur . . .« »Das wär doch eine schlechte Frau, die ihren Mann im Unglück verließe.« »No worum? Wenn er selbst an dem Unglück schuld is? Nehme Se mirs net übel, aber ich errat, um was es sich handelt. Er is Ihrer net wert, er hat offenbar was getan, was es net rechtfertigt, daß Sie so n Schritt für ihn tun.« »Sie vergessen,« wendete sie ein, »daß auch meine Ehre, mein Name, auf dem Spiel steht.« 252 »No worum? Das seh ich net ein . . . « »Herr Kommerzienrat, ich muß doch wohl selbst am besten wissen, welches Opfer ich meinem Mann bringen darf und kann . . .« »Sie verstehe mich net, Frau Rechtsanwalt«, flüsterte er erregt, »ich mein . . ., es gibt doch Männer, die Ihrer Lieb würdiger sind, als . . . als . . .« Sie sah ihn einen Augenblick befremdet an. Dann hauchte sie mit tränenerstickter Stimme, ihn absichtlich misverstehend: »Ich weiß, daß meine Bitte unverschämt ist. Ich weiß, daß nur die Verzweiflung sie einigermaßen entschuldigt . . . Die Not, die Schande, raubt mir die Besinnung, und Sie – sind doch ein so guter Mensch! nicht wahr?« »Ja, freilich bin ich däs,« sagte er etwas beschämt. »Ja gewiß, ich bin ä seelenguter Mensch, däs war ich immer und hoffs auch zu bleiwe mei Lewe lang. Aber, bedenke Se, – zwanzigtausend Mark, die schüttelt mer net so, mir nix dir nix, aus dem Ärmel; däs is ä Wort! un wisse Se, ich werd sehr überschätzt, – mei Reichtum is gar net so groß.« »Ja, wenn Sie mir die Summe nicht geben können,« fuhr sie resignirt fort, »bin ich Ihnen deshalb gewiß nicht bös. Betrachten Sie meine Bitte als nicht ausgesprochen. Es war ja nur ein Versuch, ein letzter Rettungsanker. So mag denn in Gottes Namen der Himmel über uns zusammen brechen!« »Sie tun mer leid!« klagte der fette 253 Kommerzienrat. »Weiß Gott, Sie tun mer leid. Awer was kann ich tun? Zwanzigtausend Mark? Ohne jede Sicherheit? die schmeißt mer net so naus. No! no! no! Ich will ja gern sehn, was ich für Sie tun kann. – Warte Se mal!« überlegte er mit schlau-zärtlicher Miene. »Hm, ja, man bringt ja gern ä Opfer, – wenn mer aach ä Opfer gebracht kriegt . . . un wenn Sie, so ä reizende, kleine Frau, mir vielleicht ä bische entgege komme wollte . . .« Jetzt mußte sie das schlau-verschämte Lächeln, das um seine dicken Lippen sich schlängelte, verstehen. Sie wollte auffahren und sich entrüstet entfernen. Doch die Not macht demütig. Auch schärfte ihr die Verzweiflung den weiblichen Scharfsinn, durch den sie instinktiv erriet, daß dieser ungebildete Mensch gar nicht so schlecht und roh war, als es den Anschein hatte; daß sich unter seiner unbeholfnen Außenseite, unter seiner derben Genußsucht, eine gewisse urwüchsige Gutmütigkeit barg. So überwand sie ihren Widerwillen und blieb. »Herr Kommerzienrat,« flüsterte sie, »das hätt ich nicht gedacht, daß Sie zu den Reichen gehören, die das Elend der Armen ausnutzen wollen. « Sie hatte richtig gerechnet; er erschrak. »O! o!« entschuldigte er sich. »Verstehe Se mich nur net falsch . . .« »Wie soll ich mir Ihre Andeutung anders auslegen?« fuhr sie mit tränenerstickter Stimme fort. »Das ist entsetzlich von Ihnen, abscheulich; so handelt kein – Gebildeter!« 254 Nach einer Pause flüsterte er in größter Verwirrung, die seinem Nero-Antlitz einen ans Komische streifenden Ausdruck verlieh, vor sich hin: »Verzeihe Se mir. Sehe Se, ich hab immer Unglück gehabt in der Lieb! Sie habens ja längst gemerkt, daß ich ä große Leidenschaft für Sie im Herze getrage hab . . .« Dies Wort faßte sie rasch auf. Sie sah ihm mit innigem Vorwurf in die Augen: »Eine große Leidenschaft? Und Sie meinen, jetzt wär die Gelegenheit gekommen, dieser Leidenschaft Ausdruck zu geben? Hören Sie, – jetzt? wo ich in Not bin?« Sie sah ihm vorwurfsvoll in die Augen, die er niederschlug. Dann fuhr sie fort: »Lieber Herr Kommerzienrat, ich hab Sie für edler gehalten; ich hab geglaubt, jetzt würde Ihnen gerade Ihre Leidenschaft ein solches Mitleid mit meiner Hilflosigkeit, meinem Jammer einflößen, daß Sie mit keinem unlauteren Wunsch mir zu nahen wagten, daß nur die edlere, bessere Seite ihres Charakters zu Worte käme, nicht die gemeine. Sollte ich mich so sehr in Ihnen getäuscht haben? O nein! Rauben Sie mir nicht den Glauben an das Bessere, Idealere in Ihnen. Sie lieben mich? Echte Liebe bringt Opfer . . . auch wenn sie dafür keine Gegenopfer empfängt. Wenn ich es gewußt hätte, daß Sie eine Neigung für mich empfinden, wäre ich lieber gar nicht her gekommen. Jetzt da ich einmal da bin, sag ich: wenn Sie wirklich eine zärtliche Neigung für mich empfunden haben, o! so wandeln Sie diese 255 Neigung um in eine hohe, reine, – und ich will Sie anbeten!« Er blickte beschämt zu Boden. »Wirklich?« stammelte er halb besiegt. »Sie könnten den garstige Weihals ä wenig gern habe?« Seine Augen befeuchteten sich. »Nicht bloß ein wenig,« sagte sie, ihm offen und klar ins Auge blickend. »Einen Menschen, der seine unedeln irdischen Regungen überwindet, den muß man – vergöttern! Und ich weiß, Herr Kommerzienrat, Sie tragen unter der Asche des Egoismus einen edeln Funken. Sie haben nur eine rauhe Außenseite; ich kenne Sie besser, als Sie sich selbst kennen. Ihr Herz ist edler Wallungen fähig.« Er kämpfte mit seiner Genußsucht, mit seinem Geiz, aber nicht mehr lang; der Anblick der vom Jammer Gezeichneten wurde ihm immer unerträglicher. Er kam sich selbst niedrig, grausam vor, wenn er daran dachte, dies Elend ausnutzen zu wollen. Wo war jetzt ihr eigenartig-herzliches Lachen, ihr süßes ruscheliches Wesen hingekommen? Sie hatte sich in ihrem Elend in eine ganz andere Person verwandelt und diese tiefe Umänderung, die das Seelenleid in einem Charakter hervorrufen kann, wirkte mit geheimnisvollem Grauen auf das Gemüt des rohen Naturmenschen, – es war ihm als rühre sein Geist ahnungsvoll an das Übernatürliche. Sie hatte mit der Beredsamkeit der Verzweiflung das von unberechenbaren Leidenschaften beherrschte Herz dieses von der Kultur beleckten Halbbarbaren getroffen. Vielleicht lebte auch der Eitle in der 256 Hoffnung, durch diese Tat der Großmut später doch noch mehr als die platonische Gunst der schönen Frau erwerben zu können, – kurz er erhob sich und sagte mit bewegter Stimme: »Sie solle das Geld habe.« Emilie stieß einen unartikulirten Ton der Freude aus, ergriff in ihrer exaltirten Weise die Hand ihres Wohltäters und drückte sie an die Lippen. »Herr Kommerzienrat!« stammelte sie, indes ihr heiße Tränen über die Wangen perlten, »das vergeß ich Ihnen nicht! Sie geben mir das Leben, die Ehre wieder! Und der arme Otto! wie freuts mich für ihn! Nun wird mein Mann fleißig weiterarbeiten, wir werden uns einschränken, – es wird Alles wieder gut! Wir sind gerettet durch Sie! den Edeln! Otto kann sich seiner Kunst widmen – durch Sie . . .« Heftiges Schluchzen machte es ihr unmöglich weiter zu reden. Auch Weihals konnte vor Erschütterung nicht sprechen. Das waren für ihn ganz neue, ungewohnte Emotionen; er hatte sich noch nie so glücklich gefühlt. Was waren ihm zwanzigtausend Mark bei einem Jahreseinkommen von hunderttausend? Da er bei seiner Sparsamkeit höchstens fünfzigtausend jährlich verbrauchte, konnte er die Summe mit Leichtigkeit aus überflüssigen Zinsen zahlen. »Warte Sie n Augenblick!« flüsterte er, ließ noch einmal einen gönnerhaften Blick über die Glückliche gleiten und ließ die Frau allein. Wie warm es hier im Wintergarten war! eine 257 tropisch schwere Luft bedrückte den Atem, betäubend dufteten die exotischen Blumenkelche, die aus dem smaragdnen Schatten mit mystischem Lächeln hervorleuchteten. Sie wartete mit geschlossenen Augen, wie in dumpfen Halbschlaf versunken. Immer schwüler bedrückte sie dieser künstliche Wald; ihr war, als sei sie verzaubert, als könne sie nie den Ausweg finden aus diesen verschlungenen Zweigen. Das Bild ihres Mannes tauchte in ihrer Phantasie auf, wie er zu Hause wartete, mit Angst und Schrecken wartete. Bald komm ich! lispelte sie. – Aber steht nicht dieser ungebildete rohe Weihals eigentlich geistig höher als Willy? Hat er nicht den größten aller Siege errungen? Für wen tat sie diesen erniedrigenden Schritt? Doch er war ihr Gatte; so zu handeln, war ihre Pflicht. Die Büsche rauschten auf . . . sie schrak empor . . . Weihals stand vor ihr, zum Ausgehen gerüstet. Und fünf Minuten später saß er mit ihr im Automobil auf dem Weg zu seinem Bankier. * In der Freude ihres Herzens eilte sie sofort in Ottos Wohnung, die näher lag als ihre eigne. Sie stürzte wie im Traum die vier halbdunklen Stiegen hinauf, die von oben durch ein riesiges Glasdach ein trübes Licht erhielten. Endlich stand sie atemlos vor der Türe, auf der ihr die Karte mit der Aufschrift: »Otto Grüner Kunstmaler« entgegenleuchtete. Zitternd vor Erregung, malte sie sich 258 die Freude des armen Künstlers aus. Jetzt polterte es, nachdem sie die Klingel in Bewegung gesetzt, im Innern der Mansardwohnung. Als Otto, den Pinsel in der Hand, mit verstörter Miene erschien, schrie sie fast auf, taumelte hinein ins Atelier und ließ ihren Freudentränen den Lauf. »Frau Rechtsanwalt?« rief er, »was ist Ihnen?« »Was hab ich hier?« schluchzte sie, das Banknotenpaket hochhaltend, »was hab ich hier? Raten Sie, raten Sie!« Über seine melancholischen Gesichtszüge huschte ein Freudenblitz. »Ja!« fuhr sie fort, mit sonderbarem nervösem Lachen, »ja, Ihr Vermögen! Sie können jetzt das Häuschen kaufen, – es ist alles da. Zwanzigtausend Mark! Wir sind gerettet! es war meinem Mann möglich, das Geld zu beschaffen.« »Ihrem Mann?« fragte er. »Ja,« log sie, »durch reiche Verwandte. Nehmen Sie, nehmen Sie! Nun wird alles wieder gut.« Sie legte das Paket auf den Tisch, riß das Papier auf und zählte ihm mit bebenden Händen die Summe vor. Er stellte ihr sofort eine Quittung aus. »Aber liebe Frau Rechtsanwalt,« suchte er die sonderbar Erregte zu beruhigen, »kommen Sie doch zu sich! das Glück macht Sie ja ganz krank; das greift Sie ja mehr an, als vorher das Unglück.« »So ists auch, so ists auch!« gab sie ihm recht, den fieberhaft erregten Blick beständig gen Himmel richtend. »Der Umschlag kommt so plötzlich; mir 259 ist als wär ich eben in einem Bergwerk, vom schlagenden Wetter überrascht, verschüttet worden. Nacht, schreckliche Nacht rings um. Plötzlich gräbt man mich heraus . . . Licht! heiterer Tag! – das halt ich nicht aus, das verwirrt mir die Sinne.« * Ihr Gatte hatte indes, um seine innere Unruhe zu dämpfen, die halbe Stadt durcheilt. An allen Läden blieb er stehen, ohne die betrachteten Gegenstände richtig ins Auge zu fassen. Manchmal wußte er gar nicht mehr, in welchen Straßen er sich befand. Er mußte mehrmals die Vorübergehenden fragen, um sich zu orientiren. Dabei hatte er einen sonderbaren Drang, allen Personen mit denen er ein paar Worte wechselte zu erzählen, in welcher Lage er sich befand. Nun saß er seit zwei Stunden wieder zu Haus in seinem Strohsessel vor seinen Münzen und stierte in fieberhafter Erwartung auf den weißen Wattballen des Dampfs, der mit seinem gewohnten Pft! Pft! um die Ecke der Druckerei zischte. Wird sie mich retten? wird sie mich nicht retten? Ihm war als versinke er langsam im Meer; nur noch verschwommen zitterte die Welt durch die alles verschlingenden dunkelgrünen Wogen; jetzt . . . ein Tau . . . es kam näher! War es ein festes, sicheres Tau? oder ein bloßes Phantom? eine Einbildung? Draußen ward geläutet. Sie wars, sie kam zurück. Er sprang auf . . . er konnte kaum seine 260 Atemzüge bändigen, er mußte sich an der Tischplatte halten. Die Tür flog auf, – welch sonderbares Lächeln ihre schönen Züge entstellte! »Nun?« Sie blickte ihm sonderbar kalt in die Augen. Keine Spur mehr von der früheren Zärtlichkeit, nur noch Höflichkeit, vermischt mit einem leisen Anflug von Geringschätzung. Sie legte Ottos Quittung vor ihn hin. »Diesmal habe ich dich gerettet, jetzt arbeite fleißig und ehrlich«, sagte sie sehr ruhig. Er atmete wie von einem ungeheuren Druck erlöst auf. Das war ein furchtbarer Traum gewesen! – nie wieder so träumen! . . . Und ihr hatte er seine Erlösung zu verdanken! Tiefbeschämt stand er vor ihr, keines Wortes mächtig. Nur seine Finger zuckten. Endlich flüsterte er: »Ich bin es nicht wert, Emilie. Wie soll ich dir danken?« Er wollte auf sie zueilen. Sie trat zurück. »Laß das, bitte,« sagte sie kalt; »wir sind nicht mehr wie früher. Mein Lebensglück ist zerstört, ich kann nicht mehr zu dir emporsehen. Du sagst: ich sei auch schuld! So wollen wir zusammen büßen, so lange wir zusammen durchs Leben wandeln müssen; denn auslöschen läßt sich dieser Fleck nie mehr.« Man hörte jetzt, wie die Glastüre aufgeschlossen ward. Nata kam von ihrem Ausgang zurück und ging sogleich in ihr Zimmerchen. Dem Anwalt traten die Tränen in die Augen. Als ihn seine Frau weinen 261 sah, schlich sich wieder etwas von der alten Liebe in ihr Herz zurück. »Es ist jetzt vorbei,« sagte sie leise vor sich hin, »suchen wirs zu vergessen. Das war ein entsetzlicher Gang für mich! ja, ja, ein entsetzlicher Gang.« »Aber,« fragte er zögernd, »wie hat sich denn der Kommerzienrat benommen? gab er das Geld sofort?« Nun wich sie gequält aus. »Ich mußte lange, lange bitten und kämpfen. Meine Nerven sind noch völlig erschöpft.« Er sah die traurig vor sich Hinbrütende ängstlich an. »Kämpfen?« flüsterte er. »Du Arme, ich weiß, wie schwer dir das Bitten wird, wie dich Geldangelegenheiten stets anekeln.« Sie nickte düster vor sich hin. »Gut, daß es vorüber ist,« murmelte sie und strich sich wie von einem geheimen Schauer überrieselt über die Stirn. »Hat denn Weihals gar keine Sicherheit verlangt?« fragte er, sie scharf beobachtend. Sie schüttelte mit trüber Miene den Kopf. »Sonderbar,« murmelte der Rechtsanwalt, dem auch das dumpfe, in sich gekehrte Benehmen seiner Frau zu denken gab. »Warum sonderbar?« gab sie verletzt zurück. »Ists so weit gekommen, daß man christliche Nächstenliebe sonderbar finden muß?« »Nein, nein! er ist nur bekannt als Geizhals. Hat er wirklich gar keine Sicherheit verlangt? gar keinen Schuldschein ausstellen lassen?« Sie blickte ihn erstaunt an. »Daran dacht ich nicht.« 262 »Ich betrachte das Geld doch nur als geliehen, selbstverständlich; nicht als geschenkt. Hat er keine Zinsen verlangt?« »Nein!« »Das begreif ich nicht! – bei seinem Charakter.« »Bei seinem Charakter?« versetzte sie gekränkt. »Du kennst ihn nicht. Ich wünsche noch manchem Mann einen ähnlichen Charakter.« »Nun . . . ich meine nur . . . Er ist doch so geizig. Und mir schlug er rundweg das Geld ab.« »Dir! Du hast nicht gebeten wie ich. Du bist kein Weib.« Er blickte sie starr an. »Allerdings!« flüsterte er, ein leises ironisch-bitteres Lächeln auf den Lippen. Sie zuckte zusammen und fuhr fort: »Wir Weiber können doch ganz anders bitten als ihr Männer. Uns schänden Tränen und Fußfälle nicht, aber euch.« »Tränen? Fußfälle?« murmelte er schmerzlich. »O Gott! Das alles um meinetwillen! Emilie, wie hast du dich erniedrigen müssen – um meinetwillen. Jetzt seh ich erst, was ich getan hab, jetzt fallen erst die Folgen meiner Tat schwer auf mich zurück.« »Laß es gut sein,« bat sie. »Denk über Geschehenes nicht nach, richte den Blick auf die Zukunft.« »Tränen? Fußfälle?« flüsterte er zitternd. Dann bedeckte er die Augen mit der Hand. »Was hast du?« fragte sie besorgt. 263 »Nichts!« Er zog die Hand wieder vom Gesicht. Ihr kam es vor, als ob ein finsterer mißtrauischer Blick sie streife. Ein furchtbarer Verdacht blitzte durch ihr armes Hirn, – der Verdacht, daß ihr Gatte Verdacht hegen könne! Und wie sollte sie ihm dann das Gegenteil beweisen? Er schwieg, sie schwieg. Langsam verließ sie sein Zimmer. Sie konnte ihm nicht mitteilen, – jetzt noch nicht! – daß Weihals ihr seine Leidenschaft eingestanden hatte. Im Busen des Rechtsanwalts hatten die Worte »Tränen und Fußfälle« eine wahre Verwüstung angerichtet. Er kannte das Leben, hatte es selbst genossen, war im Grunde, schon als Jurist, eine mistrauische Natur; und nun war durch seinen Fehltritt sein Gemüt in eine solch krankhafte Erregung versetzt worden, daß er überall Schlechtigkeit, Unsauberkeit witterte. Er kannte auch Weihals. Er glaubte nicht daran, daß dieser geizige Wüstling aus reiner Herzensgüte zwanzigtausend Mark hergeschenkt habe.   14. Die Frau Direktor hatte heut morgen aus christlicher Nächstenliebe die Pflichten des ein wenig leidenden Dienstmädchens übernommen. Sie war frühzeitig aufgestanden, hatte Feuer im Herd entzündet und wollte höchst eigenhändig den Kaffee kochen. Dies Kunststück mißlang ihr gleich von Anfang an. Der Herd zog nicht . . . entsetzt mußte 264 sie die qualmende Esse verlassen und sich wieder in die Schlafstube zurückziehen. »Ich weiß nicht, was das ist!« klagte sie dann dem noch im Bett liegenden, tief in die Kissen vergrabenen Direktor. »Der Herd raucht heut ganz entsetzlich.« Der Schultyrann reckte schnüffelnd die spitze immer Strafbares witternde Herrschernase aus dem weißen Federkissengrab und sog in langen, feierlichen Zügen die Atmosphäre ein; er fühlte seine Nasenschleimhaut sehr unangenehm berührt. »Mir scheint das auch so!« erklärte er mit pedantischer Würde. »Pfui Teufel, man erstickt ja, das ist kein Geruch mehr, das muß man bereits als Gestank bezeichnen.« Bald drangen dichte Rauchwolken bis ins Heiligtum des ehelichen Schlafgemachs. »Katharina, was hast du angerichtet?« rief sehr ärgerlich der Präzeptor. »Das wird ja immer stärker . . .« »Unbegreiflich!« flötete die verlegene Götheforscherin. »Das Feuer brannte doch ganz schön und nun – dieser Rauch!« »Immer toller, immer toller!« pustete der Homererklärer. »Man sollte denken, hier würde Troja zum zweitenmal verbrannt.« Der ordnungsliebende Direktor sprang, einen Brand befürchtend, geängstigt im Hemd aus dem Bett, eilte mit unbehosten Beinen in die qualmende Küche und fiel, nachdem er den furchtbar rauchenden Familienaltar besichtigt, vor Entrüstung beinahe 265 auf den Rücken. Seine teure Gattin, die vom bösen Gewissen getrieben ihm nachgeschlichen war, erbleichte. Er riß eine breite Tür des Herds auf, – ein Wutschrei! – sie hatte in naiver Unkenntnis der örtlichen Verhältnisse das Feuer in den Bratofen anstatt in das vom Ofensetzer mit weiser Vorsicht dazu bestimmte Feuerloch angelegt. »Du bist doch eine Haupt- und Staatsschlampe!« schrie der wohl mit Recht empörte Rektor. »Nicht einmal Feuer kannst du an der richtigen Stelle anzünden! Ich will jeden meiner Sextaner herrufen, – er wird dir zeigen, wo das Ofenloch ist.« »So beruhige dich doch!« eiferte sie. »In deinem Kopf sitzt das Feuer auch nicht an der richtigen Stelle,« tobte der hosenlose Schulmann und riß die brennenden Holzscheite aus der qualmenden Öffnung, in der sonst Kuchen friedlich ihrer Reife entgegen zu backen pflegten. »So was kann doch vorkommen,« bemerkte sie eigensinnig, »wenn man wie ich, die ganze Nacht darüber nachgegrübelt hat, ob Göthe am fünfzehnten August oder am sechzehnten . . .« »Göthe wird noch im Jenseits beklagen, daß sein Geist dir in die Hände gefallen ist! Entsetzlich! Hab ich eine Häuslichkeit! Die Handlung macht dich reif für eine Heilanstalt.« »Du hättest halt eine Dienstmagd heiraten sollen, anstatt eine gebildete Frau!« belehrte sie ihn. »Ich habe an andere Dinge zu denken. Geistreiche Menschen sind oft zerstreut. Dir natürlich passiert so was nicht; in deinem Kopfe bewegen 266 sich lauter abgelagerte alte, eingetrichterte Begriffe. Du warst ein Musterknabe, ein Musterschüler, ein Musterstudent, bist ein musterhafter Staatsbürger und wirst einmal im Himmel mit der Etikette versehen werden: Muster ohne Wert! während wir geniale Naturen uns mühsam durchs Leben kämpfen müssen, überall Anstoß erregen, dafür aber nach dem Tod ins Pantheon der Weltgeschichte wandern.« Er hatte hierauf nur ein höhnisches Lachen. »Wenn du doch, statt an deine Statue in Pantheon zu denken, jetzt den Kaffee machen wolltest!« ereiferte sich der Direktor. Das tat sie nun auch, aber wie! Zuerst goß sie das vorhandene Wasser in die leere Maschine, so daß natürlich auch das reine Wasser unten abfloß. Als sie endlich ihren Irrtum bemerkte, war es schon so spät, daß der arme Mann wütend erklärte, er werde heute im Kaffeehaus frühstücken. So stürzte er davon. Um acht Uhr bestieg er den Katheder. Er war garnicht bei der Sache, – aber wehe dem Schüler, der heute auch nicht ganz bei der Sache war. »Ich möchte wissen, wo Sie heute Ihre Gedanken haben!« höhnte der Direktor in seinem pathetischsten Entrüstungsanfall. »Ich will Ihnen Ihre Zerstreutheit austreiben!« »Äh, äh, man hat wieder einmal nichts gelernt! man setze sich!« So gings in einem fort. Beim Mittagessen hatte der Direktor den zweiten Ärger des Tags. Die Suppe war versalzen, das 267 Fleisch verbrannt. Karl würzte das Essen mit verachtungsvollen Ausfällen gegen das Denunziantentum und stichelte ziemlich deutlich auf seinen Vater, da er noch nicht ganz sicher war, ob dieser nicht im Verein mit Dr. Simmer Emma Dorns Buch dem Staatsanwalt angezeigt hatte. Der Direktor blieb aber diesen bald leisen bald schroffen Anspielungen gegenüber ganz gleichgültig, ja er ergriff sogar die Partei seines Sohns und tadelte scharf jede unehrliche Kampfweise. Trotzdem ließ dessen verbittertes Gemüt nicht ab von seinem Verdacht. Nach dem Essen fand Karl einen Brief auf seinem Zimmer, den ihm die Mutter heimlich hingelegt, damit ihn der Vater nicht öffnen sollte. Karl las und eilte sehr erfreut gleich hinüber in das Studierzimmer seines Vaters, der sich eben ein wenig zum Mittagsschläfchen niedergelegt hatte. Jetzt gilts! dachte Karl; jetzt will ich beobachten. »Was ist los?« fragte der Direktor, der eben die Augen geschlossen hatte. »Ich dachte, es interessiere dich,« keuchte der Primaner, vor Erregung zitternd, »sonst hätt ich gewartet.« »Was denn?« Karl sah ihm scharf in die Augen. »Eben schreibt mir Fräulein Dorn, daß ihr Roman . . .« er zögerte einen Moment, der Vater erbleichte leicht, ». . . freigegeben ist.« Der Direktor schnellte in die Höhe. »Ah, freigegeben?« rief er, indes ein heller Freudenblitz 268 sein braunes Auge durchzuckte. »Das ist schön, das hab ich erwartet. Das war man ihr schuldig! Sehr gut!« Er war ganz außer sich vor Glück, bemerkte es aber sogleich selbst und dämpfte klüglich seinen Wonnerausch, indem er mit gekünstelter Gleichgültigkeit hinzusetzte: »Nun ja; man gönnt ihr diese Rechtfertigung. Zeig einmal her! ist das ihr Brief? Laß mich lesen.« Karl überreichte das Schreiben. »Hm . . . alles richtig, – man wird ihr ein paar Zeilen schreiben. Wart, du kannst meinen Glückwunsch selbst hintragen, vor der Schule.« Er der sonst in grimmigen Zorn geraten konnte, wenn man ihm seinen wohlverdienten Mittagsschlaf störte, dachte gar nicht mehr ans Schlafen, sprang auf, eilte erregt an seinen Pult und schrieb. Durch Karls Herz schnitt ein tiefes Weh. Er hatte sich in seiner verbitterten jugendlichen Phantasie bereits den Vater als schwarzen Angeber ausgemalt, den er also mit Grund hätte verachten dürfen. Damit wars nun nichts und es war ihm schließlich doch auch wieder angenehm, daß er ihn achten durfte. Wenn nur . . . Ja, wenn er sich nur nicht gar zu lebhaft für die schöne Emma interessiert hätte! Ob sie sich dann auch für ihn interessierte? Das war jetzt die Frage, die sein junges Gemüt folterte. Der Vater hatte sein Schreiben beendet, steckte es in den Umschlag und überreichte es scherzend dem Sohn. »Schau, wie sich die Zeiten ändern. 269 Ich sende dich nun selbst zu ihr, deren Umgang ich dir verbieten wollte.« »Willst du den Brief ihr nicht lieber selbst überbringen?« prüfte der junge Mann das Herz seines Erzeugers. Der Direktor stutzte und strich sich nachdenklich über den wohlgepflegten braunen Backenbart. »Du hast recht,« sagte er zögernd. »Ich könnte . . . ich hätte ja die beste . . . hm! Nein! das geht doch wohl nicht. Man kennt das Fräulein noch nicht genug, und du weißt ja, in welchem Ruf . . . das heißt . . . was man über sie klatscht. Und meine Herren Kollegen, wenn die von meinem Besuch erführen . . . Nein, später vielleicht einmal, wenn . . . nun ja . . . später.« Er überreichte dem Sohn den Brief und warf ihm, gewissermaßen als Lohn für seinen Vorschlag, einen wohlwollenden Blick zu. Ja, er nickte sogar als Zeichen seiner Anerkennung, und sein rehbraunes Auge, das einzige Geniale, was von dem Wunderkind übriggeblieben war, flammte bedeutsam auf. Karl verließ wie vor den Kopf geschlagen das Zimmer. Der Vater hatte sich herabgelassen, den Sohn zum Vertrauten seiner Seele zu wählen! Glaubte er, daß er ihn besser verstehen werde, als irgend ein andrer Mensch? Das tat dem Sohn innerlich wohl; und doch – konnte er dies Vertrauen rechtfertigen . . . in diesem Fall? Der Direktor hielt heute keinen Mittagschlaf. Er saß noch lange an seinem Pult und träumte. 270 Bist du denn wieder zum Jüngling geworden? fragte er sich lächelnd, fängst wieder an zu dichten? Hat dich dies Frauenzimmer verhext? Dich, der doch längst zum Philister erstarrt sein sollte! in dem aber doch wies scheint noch der Romantiker, der flotte Bruder Studio schlummert? Das macht wohl der geistige Umgang mit den leichtfertigen alten Griechen? Er war in einer so behaglichen Stimmung, daß er seine professorale Würde vergessend, über sich selbst lächeln mußte. Jetzt hörte er vor der Türe die schwerfälligen Schritte seiner Katharina . . . Da passierte ihm etwas Seltsames: ein Krampf zog ihm nach dem Herzen, immer unerträglicher, je näher ihre Schritte der Türe kamen, und als sie die Tür öffnete, befiel ihn eine solche Schwäche, daß er in den Sessel zurücksank. Er mußte die Augen schließen . . . und doch kämpfte er gegen diesen elenden Zustand an, indem er sich zurechtwies: sie kann ja nichts für ihr Aussehen, für ihre Verschrobenheit, sie meints ja ganz gut mit dir, in ihrer Weise! Die Frau fragte ihn etwas Gleichgültiges. Als er keine Antwort gab, bemerkte sie seine Verstörtheit. Sie glaubte, er sei unwohl, fragte und wollte besorgt sein Leiden lindern. Er lehnte ab. Sie ließ nicht nach. »Ich bitte dich, laß mich allein.« »Aber Adolf, wenn du doch krank bist?« »Nein! geh nur.« Sie verließ kopfschüttelnd das Zimmer und 271 schickte heimlich das Dienstmädchen nach dem Dr. Müller. Allmälich befreite sich der Direktor von diesem seltsamen Ekelgefühl, aber noch lange Zeit lag eine gewissen Schwäche, ein Druck über seinen Nerven, den er sich nicht zu erklären wußte. Gerade als er das Haus verließ, um in die Schule zu gehen, begegnete ihm Dr. Müller. »Na?« rief der joviale alte Lebemann, »wo fehlts denn?« »Wos fehlt?« scherzte Körn. »Hab ich dich etwa rufen lassen?« Dr. Müller klärte ihn auf. Dieser Zug seiner Frau rührte ihn; sie mußte ihn also doch gern haben. Er erzählte nun dem alten Freund den wunderlichen Vorfall. »Ich kenne mich selbst nicht mehr,« seufzte er. »Meine Abneigung gegen diese Frau nimmt fast einen krankhaften Charakter an. Sie tut mir ja leid, denn sie hat ein gutes Herz, trotz all ihrer Schrullen. Aber ich kann nicht mehr mit ihr zusammenleben! ich glaube, ich gehe körperlich und geistig zu Grund.« Der Arzt schüttelte bedenklich den Kopf. »Es geht dir halt wie den Andern auch,« scherzte der alte Weiberfeind. »Wer ist denn glücklich verheiratet? Nur die Dummköpfe halten es in der Ehe aus. Das Christentum hat dem Weib zu viel Rechte eingeräumt. Das Weib bleibt ewig ein – ich möchte sagen, ein ungeniales Genie, ein unkindliches Kind. Und ist es nicht entsetzlich, 272 daß ein solches Mittelding zwischen Kind und Knabe in unserer Gesellschaft, in Theater, Litteratur, Kunst und Universitätsleben den Ton angibt; daß ein geistig wie moralisch so minderwertiges Geschöpf, das eigentlich nur dazu da ist, um für die niederen leiblichen Bedürfnisse des Mannes zu sorgen, oft die gescheitesten Männer beherrscht? von Tronen herab sich in Politik und Gesetzgebung mischt? Professoren ernennt, Offiziere befördert? Büchern den litterarischen Erfolg verschafft? Den Männern eine dumme, gefährliche Prüderie aufzwingt? Die Herrschaft der Geistlichkeit aufrechterhält?« Körn lachte: »Hast recht, Alter, da waren meine alten Griechen vernünftiger. Damals hieß es noch nicht: suchet die Frau!« »Freilich!« tobte der alte Junggeselle mit komischem Ärger. »Deshalb sind uns die Griechen auch ewig unerreichbare Vorbilder. Mit dem Wort: suchet die Frau! stellt sich die Menschheit das Zeugnis aus, daß im Grunde die Dummheit die Welt regiert.« »Sie verdients auch nicht besser,« lachte Körn. »Ja,« meinte Dr. Müller mit grimmigem Hohn, »deshalb haß ich auch so diesen Göthe, der den modernen Weiberkultus so ins Riesige gesteigert hat, mit seinen Romanen und seiner ewigen Weiblichkeit. Ich kann solche Tröpfe nicht begreifen, die sich von einem halbreifen Geschöpf bis zum Selbstmord treiben lassen. Willst du genau erfahren, welch elender Narr der Mann ist, so frage nur bei edeln Frauen an . . .« 273 »Nun, nun,« begütigte der Direktor, »es gibt aber doch unter diesem Geschlecht auch wirklich edle Charaktere, hervorragende Geister . . .« »Ach was,« eiferte der Arzt. »Was leisten diese bedeutenden Geister? Sie setzen höchstens die Goldwaren der geistigen Großkapitalisten in gangbares Kleingeld um; eigne, neue Gedanken haben sie nie! Kurzum, bester Freund, ich komme wie jener Kato wieder auf meinen ewigen Ausspruch zurück: Deine Frau muß in eine Anstalt! Nur so wird ihr und dir geholfen.« Körn seufzte, fast wär ihm dabei sein Bücherpaket unter seiner einklemmenden Schulter heraus in eine Pfütze gefallen. Dr. Müller erwischte noch die griechische Grammatik, die lateinische aber sauste wirklich auf die Pflastersteine. Körn hob sie wieder auf und säuberte sie; dann seufzte er noch einmal schmerzlicher. »Ich kann mich noch nicht hierzu entschließen,« sagte er. »Da müßte erst irgend ein Ereignis eintreten, das klar erweist, daß man sie nicht mehr unter normalen Menschen darf umhergehen lassen.« »Nun ja! aber bis dahin kommts so weit, daß du nicht mehr unter normalen Menschen umhergehen kannst!« polterte der Arzt und eilte kurz grüßend davon. Körn sah ihm zum drittenmal seufzend nach, packte seine Bücher fester unterm Arm und wandelte nachdenklich dem Gymnasium entgegen, das bereits seine mahnende Glockenstimme von fern her erschallen ließ. 274   15. Karl hatte bei Dr. Simmer Abbitte geleistet und sich dadurch zwar einigermaßen bei ihm in Gunst gesetzt, aber alles gleich wieder dadurch verdorben, daß er ein medizinisches Werk von Professor Forel in der Klasse umherlieh. Dem Theologen war dies Werk in die Hände gefallen, als es in der Pause der junge Stern an den Sohn des Direktors zurückgeben wollte. »Solche Schriften lesen Sie?« fragte Dr. Simmer entrüstet. Von da ab hielt ihn der Theologe für einen Verlornen. Dr. Simmer benutzte die Gelegenheit, einen langen Vortrag zu halten über diese modernen Freigeister, die ihren Gott verloren haben. Der Direktor konnte nicht umhin, dem Theologen sein Bedauern darüber auszusprechen, daß Emma Dorns Roman wieder von der Staatsanwaltschaft freigegeben worden war. Aber aus diesem Bedauern las der gewitzte Mann Gottes eine deutliche Genugtuung heraus. »Es scheint mir fast, Herr Direktor,« bemerkte er spitzig, »Sie freuen sich darüber, daß dieser verwerfliche moderne Freigeist, den Journalisten und Gottesleugner der Wissenschaft großziehen, diesmal der Staatsgewalt das Richterschwert zerbrochen hat?« »Nu, nu, bester Herr Doktor,« besänftigte Körn den Zorn seines Kollegen, »gestehen Sie nur ein, daß man immerhin der Kunst einige Freiheiten einräumen muß. Wo kämen wir hin, wenn man Ihre Grundsätze auf die Litteratur anwenden 275 wollte! Da könnte man den halben Göthe und den ganzen Shakespeare einstampfen.« Dr. Köhler gab dem Direktor recht; überhaupt waren auf einmal sämtliche Anschauungen der Herren zu Gunsten Fräulein Dorns umgekrempelt, ein Beweis dafür, wie wenig selbständig sogar die Gebildeten urteilen. Wäre das Buch von den Richtern verurteilt worden, so hätten dieselben Herren es gerade so eifrig verdammt, als sie es jetzt in Schutz nahmen. Karl notierte in sein Tagebuch: »Die öffentliche Meinung ist weiter nichts, als die frech zum Gesetz erhobene allgemeine Dummheit, die nun straflos öffentliches Ärgernis erregen darf.« Als der Direktor am folgenden Abend nach Hause kam, hörte er, noch ehe er die Wohnungstüre geöffnet, ein seltsames Rauschen – die ganze Treppe war feucht. Sobald er die Tür aufgestoßen, stürzte ihm, zu seinem Schrecken, ein breiter Wasserstrom entgegen, der ihm die Stiefel völlig durchnäßte. »Um aller Götter willen,« jammerte der würdige Schulmann, »was ist da passirt? Gewiß die Wasserleitung geplatzt!« Die Treppe glich einem Wasserfall. Als er glücklich den Hausflur durchschwommen, fand er seine Gemahlin in aller Seelenruhe am Pult, über ihren Götheforschungen brütend. »Was ist das, was ist das?« brüllte er, »merkst du denn nicht, daß du ertrinkst? Wo hast du deine Sinne?« 276 Jetzt erst fuhr ihr niedergebeugter Kopf aus den Papieren, sie kam zu sich, bemerkte die allgemeine Nässe und schrie: »Ach Gott, mein Bad!« Mit fliegenden Röcken stürzte sie durch die alle Zimmer überschwemmenden Fluten ins kleine halbdunkle Badezimmer, aus dessen Türe schon von weitem ein sintflutartiges Plätschern und Rauschen das Ohr entsetzte. Die Tür flog auf – da zeigte sich das Unheil. Der Badeofen war längst erkaltet, der offene Wasserkrahn aber spendete unaufhörlich sein Naß, so daß die Badewanne von allen Seiten überströmte und unendliche Bäche rauschend in alle Räume ergoß. Seit einer Stunde. Die gelehrte Frau hatte sich ein Bad herrichten wollen und hatte im Übereifer ihrer Forschungen vergessen, daß sie den Wasserkrahnen des Ofens geöffnet. Jetzt erst drehte sie, einer Ohnmacht nahe, den Krahnen zu und sank auf einen Stuhl. »Was hab ich getan!« jammerte sie, den Schaden überblickend. »Alle Teppiche sind hin, alle Fußböden.« Der Direktor geriet in eine solche Wut, daß er wie ein Wahnsinniger umherstürzte und nahe daran war seiner Katharina ein paar Tertianer-Ohrfeigen zu verabreichen. »Das geht so nicht länger!« tobte der geschlagene Mann, »das muß ein Ende nehmen! Die Katastrophe naht. Das bricht dem Faß den Boden aus!« Als endlich das Dienstmädchen von seinen Ausgängen nach Hause kam, schickte er sie zum Dr. Müller. 277 Inzwischen lud er seine ebenfalls heimgekehrten beiden Söhne auf sein Studierzimmer und stellte ihnen mit bewegter Stimme und tiefer Ergriffenheit vor, daß ihre gute Mutter offenbar schon seit Jahren von einer geistigen Erkrankung befallen sei. Der Hausarzt habe ihn schon lange darauf aufmerksam gemacht. Hier müsse eingegriffen werden, sonst sei die Krankheit nicht mehr einzudämmen. Eduard schwieg von schmerzlichen Empfindungen erschüttert. Karl, der allerdings fühlte, daß der Vater nicht ganz Unrecht habe, widersprach, schon aus Abneigung gegen den Vater. Jedenfalls, meinte er, sei die Krankheit der Mutter, wenn überhaupt eine solche vorliege, was er bestreite, so gelinder, harmloser Art, daß es nicht gerechtfertigt sei, die Bedauernswerte deshalb in eine Anstalt zu verbringen. Der Vater stellte ihm vor, das sei leider notwendig; der Arzt wünsche es auch. Karl ward heftiger. Die Mutter sei zerstreut und exzentrisch, behauptete er, wie alle geistig Hervorragenden, aber nicht krank; er werde es nie zugeben, daß man die arme Frau in eine Anstalt sperre. Sofort erhob er sich. »Wo willst du hin?« fragte der Direktor, dessen Kopf hochrot geworden war. »Selbstverständlich,« sagte Karl mit künstlich angenommener Ruhe, »wird die Mama sofort erfahren wo sie hin soll.« »Du wirst schweigen!« eiferte der bestürzte Direktor. »Sie darf es nicht erfahren.« »Wie? Sie muß es doch erfahren.« 278 »Ja, ja, aber . . . nicht auf diese Art.« »Ja wie etwa denn?« »Durch den Arzt.« »Ah so! ihr wollt sie gewiß in eine Falle locken?« Der Direktor geriet in die größte Bestürzung, da unten vorm Haus eine Droschke vorfuhr. Dieser Droschke entstieg Dr. Müller. Körn stürzte schreckensbleich die Treppe herab auf ihn zu. »Der ganze Plan ist vereitelt!« rief er außer sich dem Hausfreund zu. Beide hatten ausgemacht, daß Katharina zu einer Spazierfahrt eingeladen werden sollte, – die Fahrt sollte nach Neu-Wald-Ruh gehen, einer Privat-Nervenheilanstalt in der Nähe der Hauptstadt. Als beide in sehr gedrückter Stimmung die Treppe herauf kamen, hörten sie schon vor der Glastür die kreischende Stimme Katharinens, der Karl mitgeteilt, was ihr drohe. »Das ist entsetzlich,« flüsterte Dr. Müller, »daß wir hier nicht einschreiten können! Es gibt halt gewisse geistige Abnormitäten, die wir noch nicht geradezu Krankheit nennen dürfen, die aber doch eine ärztliche Behandlung verdienten. Deine Frau befindet sich in solch einen Zwischenstadium.« Kaum waren sie eingetreten, so kam ihnen die Frau Direktor mit eisiger Ruhe entgegen, denn sie hütete sich ihre Wut merken zu lassen, die der Arzt ja leicht sofort als Krankheitssymptom hätte deuten können. »Ich gehe nicht!« sagte sie mit höhnischem 279 Lachen. »Ich verlange, daß noch zwei Psychiater zugezogen werden.« Nun trat Karl auf den Doktor zu und zwar mit einer solch verhaltenen Wut im Auge, daß der Arzt es für geraten fand sich hinter den Direktor zurückzuziehen. »Sie wissen recht gut,« keuchte der Tieferschütterte, »daß Seltsamkeit, Schrullenhaftigkeit, Zerstreutheit, noch lange keine Geisteskrankheit ist. Meine Mama hat recht, daß sie sich weigert. Ihr Zweck ist: sie ein für allemal aus dem Kreis ihrer Familie zu reißen. Papa will sie los sein.« »Aber Karl!« legte sich der Direktor mit entrüsteter Miene ins Mittel. »Wie kommst du auf einen so abscheulichen Gedanken? Deine Mutter soll nur für einige Zeit . . .« »Die sich zur Ewigkeit ausdehnt!« fiel ihm der Sohn wütend ins Wort. »Daraus wird aber nichts. Ich werd mich in die Öffentlichkeit flüchten; es soll ein Artikel darüber in die Zeitung . . .« Karl geriet in einen solchen Zustand der Aufregung, daß es der Direktor für angezeigt hielt, einzulenken. »So beruhige dich doch,« sagte er zu dem jetzt in einen Weinkrampf Ausbrechenden. »Sie soll dann in Gottes Namen hier bleiben . . . obgleich es ihren Zustand verschlimmert!« Der Arzt zuckte die Achseln. »Tun Sie, was Sie für gut halten!« stieß er ärgerlich heraus. »Der Arzt hat in solchen Fällen einen schweren Stand. 280 Bis einmal eine Katastrophe ausbricht! Dann glaubt man ihm erst . . .« Karl richtete sich auf dem Stuhl empor. »Die ganze Medizin,« rief er empört, »krankt daran, daß sie überall da, wo nur Eigenheiten oder feine Charakterunterschiede vorliegen, gleich Krankheiten sieht. Wo kämen wir denn hin, wenn alle Menschen geistig völlig gleich uniformiert wären?« »Nein, Herr Karl,« eiferte der Arzt, »Sie irren. Der Mensch ist bereits schon krank, wenn er in Zorn gerät. Ein ganz gesunder Mensch bleibt stets sanft.« »Dann verschonen Sie mich mit dieser Art von Menschheit!« rief der Jüngling. »Eine solche Menschheit wird nie etwas Großes leisten in Künsten und Wissenschaften; sie ist höchstens gut genug, um etwa auf einer Insel im stillen Ozean traumverloren hinzuvegetieren und sich von andern Völkern alles gefallen zu lassen. Ich frage also zum letztenmal: soll meine Mutter von hier weg in eine Anstalt?« Die feste Entschlossenheit seines Sohnes imponirte dem Direktor. Er erwiderte nichts, gab aber dem Arzt einen Wink, worauf sich beide zurückzogen. Frau Körn fiel ihrem Karl weinend um den Hals und dankte ihm. »Du hast mich gerettet, mein Kind!« schluchzte sie. »Ich werde dir dein energisches Benehmen nie vergessen.« »Jetzt gib dir aber auch Mühe, zu leben wie andere Menschen,« ermahnte sie Karl; »sonst werde ich dich nicht zum zweitenmal retten. Du 281 mußt gestehen, deine Handlungen sehen manchmal höchst bedenklich aus.« »Ach das weiß ich ja, das weiß ich ja!« klagte sie. »Ich bin halt ein Ausnahmegeschöpf! . . .« Den reizbaren Jüngling hatte dieser Vorfall dermaßen angegriffen, daß er sich einige Tage krank fühlte. Er war so matt, daß er kaum gehen konnte, suchte aber seinen Zustand ängstlich vor dem Vater zu verbergen. Natürlich hatte nach diesem Auftritt sein Haß gegen seinen Erzeuger noch bedeutend an Tiefe zugenommen. Wenn auch alle seine übrigen Gründe vielleicht auf Einbildung beruhten, jetzt hatte er einen wirklichen greifbaren Grund, der noch obendrein kein egoistischer war, der sich mit dem Mantel des Edelmuts drapieren konnte. Der Sohn verteidigte ja seine Mutter! . . .   16. Etwa nach drei Tagen besuchte Karl seine Freundin Emma. Diese unterhielt sich eben gerade mit Luise über das Mystische im Tiergeist. Sie behauptete: Der Kater Peter lege entschieden stets eine größere Zärtlichkeit an den Tag, sobald ihr ein Unglück drohe. Das Tier ahne nahendes Unheil voraus. Karl ging auf diesen Gedanken ein. Im Tier, im Kind und in den Dummen, meinte er, sei überhaupt stets etwas Mystisches verborgen. Dann erzählte er den Vorfall, der sein Familienleben beunruhigt hatte. 282 Emma suchte ihm seinen unkindlichen Haß auszureden. Vielleicht habe der Arzt doch recht, vielleicht bereite sich im Geist seiner Mutter langsam ein tieferes Leiden vor. Was sie von den Seltsamkeit der arme Frau gehört, sei denn doch wirklich Besorgnis erregend. Karl bestritt das heftig: Der Vater wolle die Mutter nur los sein. Überhaupt die Ehe! wie sich die moderne hochgebildete Gesellschaft nur ein solch mittelalterliches Institut aufzwingen lasse. Sie lachte. Sie sei ja auch eigentlich Ehefeindin; die Unglücklichen, die nun aber mal in die Pfaffenfalle hineingeraten seien, solle man nicht schmähen, sondern bedauern, ihnen eher heraushelfen. »Da haben Sie recht,« meinte er. »Mein Vater sollte sich von der Mutter trennen, das wäre die einzig richtige Lösung der Frage.« Während dieser Unterredung entdeckte sie zum erstenmal unzweifelhaft im Benehmen des jungen Mannes etwas ihr sehr Peinliches, eine leise, naive Liebesannäherung. Sie hatte ihm vorgeschlagen, sie wolle mit seinem Vater über ihn und die Mutter reden; da ergriff er sonderbar erregt ihre Hand und warf ihr einen glühenden Blick zu, der sie sofort mit Kälte übergoß. Sehr enttäuscht ja erschrocken zog er, als er ihr kühles Benehmen bemerkte, seine Hand zurück und blickte erbleichend unter sich, mit sich selbst höchst unzufrieden. »Wärs nicht doch besser,« sagte sie, »Sie befolgten das Gebot Ihres Vaters?« »Welches Gebot?« 283 »Mich nicht zu besuchen.« »Aber er hats ja zurückgenommen.« »Nun ja. Aber offenbar ungern.« »Wenn Sie mir Ihre Wohnung verbieten,« stammelte er schmerzlich bewegt, »denn allerdings . . . muß ich . . .« Nun tat er ihr wieder leid. Sie flüsterte weich: »Na gut, – so kommen Sie denn.« Ihr Mitleid demütigte ihn. Er nahm sich vor, nicht mehr zu kommen, doch zerriß dieser Vorsatz sein Herz. Das ganze Zimmer drehte sich mit ihm, er glaubte er müsse die Wände hinausdrücken. »Geistig sehr hochstehende Menschen,« begann sie nun zu philosophieren, »sollten nie von Leidenschaften verzehrt werden, sie sollten immer frei über den Stürmen des Lebens schweben.« »Ich meine, im Gegenteil,« versetzte er. »Geistig hochstehende Menschen sollten alle Stürme des Lebens im Busen durchkämpfen.« »Ich verliere sofort das Interesse an einer Person,« sagte sie bedeutsam, »wenn sie von ihrer Höhe in die Niederungen der Leidenschaft sinkt. Der Adler ist nur schön, wenn er über den Bergen schwebt; im Sumpfe watend wird er lächerlich.« Er wiegte leise den Kopf, als wolle er andeuten: ich verstehe! Ein pressender Krampf hielt ihm die Kinnbacken umspannt; er durfte keine Miene verziehen, sonst wären seine Tränen aus den Augen geflossen. – Zur selben Zeit saß Otto Grüner neben Luise am Klavier auf dem kleinen Drehstuhl. Sie gab ihm 284 Unterricht. Im Schweiß seines Angesichts hatte er schon eine Viertelstunde mit krampfgekrümmten Fingern darauflosgehackt, zuweilen, wenn die Lauschende tadelte, mit der linken Hand nervös sein blondes Schnurrbärtchen streichend. Seine Finger waren sehr weich, die Nägel waren so weit zurückgeschnitten, daß jeder Finger, gleich einem Froschfinger, in einem runden Ballen endigte. Haare hatte der junge Mann nicht mehr viel auf dem Kopf, sein Hals bis an den Nacken hinab schimmerte röter als je und goldgelb glänzten im Gesicht die unzähligen Sommersprossen. Nun hielt der hagere Herr, der seine Jugend schon etwas allzu stark genossen hatte, seufzend im Spiel inne. »Ich gebs auf!« sagte er in seiner harlekinhaften Weise. »Warum denn?« »Ich hab n Gehör wien Maulwurf.« »Das Gehör läßt sich heranbilden.« »Ah was, ich hab ja eigentlich auch nur Unterricht genommen, – um nichts zu lernen.« Sie lachte. »Ja! um Sie spielen zu hören! Also . . . spielen Sie mir was, so was recht . . . Ideales, Sentimentales.« Er quetschte wie in burlesker Sehnsucht ersterbend die Augen zusammen und gab mit possirlichem Gesichtsausdruck schmachtende Seufzer von sich. Sie mußte laut auflachen. Er verstärkte das grunzende Sehnsuchtsgestöhn. Dann rückte er bei 285 Seit und ließ die immer noch Lachende auf den Drehstuhl. »Gehn Se, spielen Se mir – n Wagner.« »Daß unmusikalische Leute so gern Wagner hören!« »Wagner hat expreß für uns geschrieben. In seiner Kunst ist Etwas, das auch den Laien packt, etwas Nervöses.« Sie setzte sich. Ihre durchsichtigen Finger leuchteten weiß. Wie die Finger einer eben vom Kreuz abgenommenen Märtyrerin! dachte Otto. Er glaubte die edelgeformte Hand noch in der Mitte bluten, die durchgeistigten Fingerspitzen schmerzhaft zucken zu sehen. Ihr großes, blaues Auge hing flehend an dem überm Klavier aus dem Goldrahmen herabweinenden Christuskopf; die rührend dünnen, schmerzdurchseelten Linien ihres Gesichts hoben sich zart vom allmählich dunkler werdenden Hintergrund des Zimmers ab. Das dünne, zarte Kinn, die wie in verhaltenem Kummer unter die Oberlippe zurückgezogene Unterlippe gemahnte ihn an jene Engelsgestalten der Prärafaelitischen Kunst, und das farblosgraue, enganschließende Kleid mit dem langen, feierlichen Faltenwurf verstärkte diesen Eindruck. Sie spielte nicht Wagner. In dieser Musik lag ihr eben zu viel Theater. Eine Sonate von Beethoven entquoll ihren Fingern. Otto war ganz Andacht und diese echte Kunstbegeisterung, die aus den geistvoll herzlichen Augen strahlte, goß über den häßlichen Kopf eine höhere geistige 286 Schönheit. Neben ihm saß der Kater Peter. Er streichelte das zarte, schwarzweißgestreifte Fell des Tiers. Durch die feierlichen Töne angeregt wars ihm als schlössen sich vor ihm die Türen der Vergangenheit und der Zukunft auf; es offenbarten sich ihm tiefe Geheimnisse. Er sah die Präexistenz und Futuralexistenz des Katers vor sich, wie er einst als böser Dämon im Weltall gehaust, und nun durch dieses Erdenleben sich auf sein nächstes Erdenleben in dem er Mensch sein sollte vorbereiten wolle. Es ging schon gegen Abend. Die Flügeltüre, die in den herbstlich geröteten Hausgarten führte, stand offen. Über die Schwelle trug raschelnd der kühle Herbstwind einige gelbe Blätter, kleinwinzige welke Gerippe, die tanzten im Zimmer ihren Totentanz. Das brechende Sonnenauge warf einen ersterbenden Strahl über die Dächer und vergoldete nocheinmal mit trübviolettem Purpur die einfachen Möbel des beinahe ärmlichen Zimmers. Und draußen in dem gelbgrünroten Gemisch der welkenden Büsche blinkte die große goldne Gartenglaskugel auf, deren spiegelnde Wölbung einen seltsamen phantastisch-chinesischen Eindruck auf den Maler machte. Auf einmal legte er seine Hand auf die in den Tasten wühlenden Finger des Mädchens. Sie sah ihn verwundert, aber gutmütig lächelnd an, er sie mit dem schmachtend gen Himmel gerichteten Blick des losen Schalks. »Spielen Sie nicht mehr!« bat er mit einer possirlich-schwärmerischen Klangfarbe in der Stimme. 287 »Warum?« »Weil ich Sie liebe!« Sie lachte laut auf. »Wunderliche Logik!« »Ihre Töne tun meiner Liebe weh.« »Weh?« »Weil sie ja doch nicht erwidert wird.« »Dann spiel ich erst recht.« Sie schmetterte einen gemeinen Schmachtlappen von Walzer herunter: »Tut das auch Ihrer Liebe weh?« »Nein, das wiegt sie sanft ein.« »Wie können Sie erwarten, daß ich Ihre Liebe erwidern soll,« lachte sie, »wenn Sie einen so gemeinen musikalischen Geschmack haben?« »Sie lieben mich deshalb nicht, Luischen, weil ich nen roten Hals, rote Haare und ne Glatz habe.« »Im Gegenteil, ich schwärme für rote Hälse; schade, daß Ihre Nase nicht auch was vom Hals abgekriegt hat, dann kennte meine Bewunderung kein Grenzen.« »Ich werd mich erschießen, wenn Sie so spotten!« »Ich will Ihnen gleich Ihren Trauermarsch vorspielen.« Er hatte schon oft am Schluß der Stunde ein solches Scherzgeplänkel mit ihr aufgeführt, auf das sie stets gern eingegangen war. Diesmal kam es ihr aber doch vor, als berge sich tiefere Bedeutung hinter seinem frivolen Ton. Emma hatte vom Nebenzimmer aus von diesem Gespräch, während ihrer Unterhaltung mit Karl, 288 etwas aufgefangen. Als Otto und Karl die Wohnung verlassen hatten, kam ein fünfzehnjähriges Mädchen, das von sechs bis sieben Uhr Unterricht nahm. Luise hörte nur sehr zerstreut auf das Spiel; ihre Gedanken weilten bei Otto, der ihr aufeinmal heute gar nicht so übel vorkam. Emma hingegen fand das Spiel des Mädchens doch gar zu wunderlich. Sie stand leise vom Pult auf, schlich auf den Zehen ins Zimmer und entdeckte beim sanften Schimmer der Klavierlampe, daß die kleine Schülerin ganz gemütlich die Noten des verkehrt auf dem Notenhalter stehenden Blattes herunterspielte. Sie brach in ein lautes Gelächter aus; Luise fuhr aus ihren Träumen, entdeckte nun auch die Ursache der grotesken Töne und ward sehr verlegen. Nach einer Stunde ging auch das Mädchen und bald saßen die beiden Freundinnen schweigsam sich gegenüber am Teetisch, zuweilen rauschte leise die Wasserleitung, sonst herrschte tiefe Stille in dem von der Straße entfernt liegenden Gartenhäuschen. Nur selten ein dumpfes fernes Wagenrollen. Die Hängelampe warf ihren friedlichen Goldschimmer über das noch aus besseren Zeiten stammende Teegerät. Emma fing an, eine lange Geschichte von Otto Grüner zu erzählen. Luise unterbrach sie: »Was? das hätte Otto getan? ein Modell unglücklich gemacht? Das muß ich ihm doch sagen! Woher weißt du denn das?« Emma behauptete, sie wisse es von Karl. 289 »Spielt dir auch wirklich hier deine Phantasie keinen Streich?« »Aber wirklich nicht!« »Nun gut, wir werden sehen! Wenn Otto so schlecht ist, darf er uns nicht mehr ins Haus.« Emma errötete; sagte aber weiter nichts. Der Kater, der auf den Tisch herauf springen durfte, schnappte nach zugeworfenen Schinkenstückchen, turnte mit raubtierhafter Gewandtheit zwischen den Tassen hindurch und wirbelte beim Kratzen seines schönen Fells ein Wolke unzähliger weißschwarz gesprenkelter Härchen auf alle Geschirre. »Man kann bei uns nichts zum Mund führen, ohne Katzenhaare zwischen die Lippen zu bekommen,« eiferte Emma und versetzte dem Sünder einen Klaps. Luise nahm ihn in Schutz. Dennoch wollte der in seiner Manneswürde gekränkte Peter ins Freie, was er so deutlich zu verstehen gab, daß Emma behauptete: es fehle nicht mehr viel, so werde der Kater sprechen; er sage z. B. schon ganz deutlich: Mama! Aber Luise war indes sittlich entrüstet über die nachtwandlerische Abenteuersucht ihres Lieblings. Sie verbot ihm seine Schwärmerei und hielt die Tür geschlossen, obgleich das Tier in den zärtlichsten Tönen um ein wenig Freiheit bat. Emma lächelte. »Er will uns verlassen!« sagte sie leise. »Erst geht er, dann gehst du, dann bin ich ganz allein.« Luise sah verwundert auf die Freundin. »Warum soll ich gehen?« fragte sie. 290 »Nu, Otto Grüner?« »Was hältst du inne? was ist mit dem?« »Stell dich doch nicht so!« Luise lachte: »Versteh ich dich? Dummes Kind! an so was denkt der nicht.« »Und du?« »Noch weniger! Ich hab dir ja versprochen, daß ich dich nicht verlasse.« Emma umarmte die Freundin. »Ist das dein Ernst?« »Wir bleiben bei einander!« Ein ohrenzerreißendes Katzengeschrei unterbrach hier die Unterredung der Freundinnen. Luise stürzte sofort aus dem Zimmer, um ihren Liebling, der doch durch ein offenstehendes Fenster entwischt war, aus den Klauen einiger feindlichen Nachbarkater zu retten. Im Gärtchen hatte sich ein lebhafter Kampf entsponnen und zwar um eine bereits hoch im Matronenalter stehende Kätzin des anstoßenden Hofs. Diese betagte Kätzin Murrle verstand es nämlich durch geschickte Konservierung ihrer schwindenden Reize, besonders durch eifriges Lecken ihres schwarzgrauen Fells, dann aber auch durch ein bis zum Raffinement ausgebildetes System der Koketterie die ganze Katerwelt der Umgegend in die heftigste Liebesraserei zu versetzen. Sie war aber von Geschmack sehr heikel, sie schenkte ihre Gunst nur dem weißen Kater des Bäckers. Alle übrigen Liebesanträge wies sie entrüstet ab, ja sogar die prächtigen Jünglingsreize eines Angorakaters (er gehörte einem Katzenmaler) verachtete 291 sie dermaßen, daß der Besitzer eine tiefe Melancholie an seinem schönen Modell wahrgenommen haben wollte. Peter war soeben mit dem bevorzugten Liebhaber der Kätzin Murrle ins Geräufe gekommen. Sobald aber Luise im Garten erschien, stoben die sechs Kater scheu auseinander. Später gegen acht Uhr bekamen die Freundinnen noch den Besuch von einigen Mitgliedern des Pegasusklubs; darunter war wieder der verbissene Schauerromanfabrikant Schnätz, der kürzlich ein bluttriefendes Drama in der Art von Trilby am Stadttheater angebracht hatte. »Wisse Se,« erzählte er in seinem Pfälzer Dialekt, »wie mer das gelunge is?« »Nun?« fragte Emma. »Es ist doch bekanntlich fast unmöglich, ein Drama an irgend eine Bühne zu bringen!« »Freilich!« gab Schnätz zu, und stocherte sich in die Zähne, wobei er das Mißgeschick hatte, etwas von Speiseresten bombenwurfartig über den Tisch hinüberzuschleudern, sodaß die Gegenübersitzenden in Gefahr gerieten. Schnätz machte sich aber nichts daraus und fuhr fort: »Freilich! ich bin auf n schlaue Gedanke gekomme. Wisse Se was? ich hab den Direktor zum Mitarbeiter gewonne, hihihi!« »Den Direktor?« fragte man neugierig. »Er bekommt die Hälfte sämtlicher Einnahmen,« fuhr er bluttriefende Volksschriftsteller, der nur für den normalen Geschmack dichtete, fort. »Die Hälfte, – ohne daß er auch nur eine Zeil an dem Werk geschrieben hat.« 292 Man lachte. »Es ist entsetzlich,« meinte Emma, »was sich ein Schriftsteller gefallen lassen muß.« Der pensionierte Amtsrichter Meißel wollte absolut sein Weltanschauungsepos vorlesen, ein Unheil, das nur dadurch von der Gesellschaft abzuhalten war, daß sich der junge Komponist Hinrichs ans Klavier setzte und sein neuestes Lied zum Besten gab. Dies Lied machte nun der Gesellschaft auch gerade kein sonderliches Vergnügen, da es gänzlich melodielos war und nur aus seltsam verrenkten Harmonien und entsetzlichen Disharmonien bestand, es hielt aber doch die größere Gefahr, die Verlesung des Fixsternepos von den Häuptern der Gäste fern. Hinrichs suchte schon seit Jahren nach einem Operntext; keiner paßte ihm, so daß die verschiedenen Poeten behaupteten, der Komponist mäkle nur an den Texten herum, um seine Unfähigkeit nicht offenbaren zu müssen. Der Kritiker Ellmeister war auch da. Diesem war kürzlich die Frau durchgebrannt, weshalb er sich in ganz besonders aufgeräumter Stimmung befand. Er gehörte der niedersten Boheme an, soff wie ein Loch, wovon seine rote Nase Zeugnis ablegte, und stürzte sich von einem Liebesabenteuer ins andere, wovon andere Symptome erzählten. Mehr im Hintergrund des Zimmers hielt sich Herr Holler auf. Ihm war vor einiger Zeit in einem Stadttheater ein Drama ausgezischt worden, 293 was einen solch niederschmetternden Eindruck auf seine Psyche hervorgebracht hatte, daß er kaum ein Wort redete, mit düstrer Miene vor sich hinstarrte und den schönen Weltschmerzler spielte. Er behauptete natürlich: nicht sein Stück, sondern das Publikum sei durchgefallen. Seine Kollegen, die sich im Stillen sehr über seine Niederlage freuten, bedauerten in tiefgefühlten Worten sein Misgeschick. Emma durchschaute die Heuchelei, den Neid, die Genuß-, Gold- und Ehrsucht dieser Aristokraten des Geistes schon seit langer Zeit, weshalb sie sich auch vorgenommen hatte, aus dem Pegasusverein auszutreten. Sie hatte schon oft ihrer Freundin gegenüber die Bemerkung gemacht: es sei merkwürdig, daß die Kunst selten den Charakter ihrer Jünger veredle! Sie erklärte diese bedauernswerte Tatsache daraus, daß sich heutzutage leider mit der Kunst Geld verdienen lasse; das sei in früheren Zeiten immerhin besser gewesen. * Emma selbst war nur allzusehr in der Lage, die verderbliche Wirkung des Geldes auf die Kunst zu verstehen. Seit einiger Zeit stand sie in Beziehungen zu einem Kunsthändler, in dessen Auftrage sie alte holländische Gemälde kopierte. In solchen Arbeiten besaß sie vermöge ihres weiblichen Anschmiegungs- und Nachahmungstalents eine große Geschicklichkeit. Der wohlbeleibte Kunsthändler war entzückt von der Treue ihrer Kopien und hatte ihr versteckter Weise den Antrag gemacht, sie solle für ihn auf altes zurechtgemachtes Holz mehrere 294 dergleichen alte Landschaften im niederländischen Styl malen; er würde diese Werke gut honorieren. Emma wußte, daß derartige Altertümer dann oft als echt nach Amerika verkauft wurden. Um dem Kunsthändler zu beweisen, daß sie dieser Aufgabe gewachsen sei, hatte sie wirklich ein solches kleines Bild gemalt. Der Händler besah es und war ganz begeistert. Das sei ja der reinste Niederländer, nicht zu unterscheiden von einem echten. Sie lachte. »Ich will nicht, daß Sie das Bild für echt verkaufen!« sagte sie. »Ich setze hier meinen Namen in die rechte Ecke, so weiß Jeder, daß dies ein modernes Werk ist.« Kaum hatte sie ihren Namen hingemalt, so riß ihr der Geschäftsmann die künstlich alt gemachte Holztafel aus der Hand, warf ihr 200 Mark auf den Tisch und stürmte davon. »Mir ists gleich, was er mit dem Ding anfängt,« sagte sie zu Luise. »Ich hab meine Schuldigkeit getan, du kannsts beschwören, daß ich meinen Namen in die Ecke gemalt habe. Wenn er ihn etwa wieder wegkratzt, bin ich unschuldig daran!« »Aber du solltest doch so etwas nie mehr tun,« meinte die Freundin. »Tu ich auch nicht mehr!« sagte sie. »Mir ist auch jetzt nicht wohl bei der Sache; der Händler soll mir nie mehr ins Haus.« Nichts desto weniger hatte sie nach wenigen Tagen hinterm Rücken Luisens wieder einen kleinen unechten Niederländer fertig gemacht. Diesmal ließ sie 295 ihren Namen weg, setzte aber auch keinen andern dafür hin. Es war einfach das Bild eines unbekannten alten Meisters. Der Kunsthändler sah die Arbeit, zahlte reichlich und verschwand. Sie täuschte sich durchaus nicht über den Sachverhalt, denn sie wußte gewiß, daß ein Amerikaner eins dieser Bilder um eine große Summe erworben hatte. Durch diesen Erfolg entstand nun in Emmas Seele ein unwiderstehlicher Drang, noch mehr solcher unechten Altertümer zu malen. Sie besuchte die verschiedenen Gemäldegallerien der Stadt, lernte von den alten Meistern und entwarf wenigstens im Geist allerlei Bilder. Es war nicht blos Gewinnsucht; es hatte für sie einen außerordentlichen Reiz, sich in die altertümliche Empfindungs- und Malweise zu versetzen. Sie fühlte sich dabei der Zeit entrückt, wunderbare Stimmungen beschlichen sie. Doch waren es nicht immer Triumphe, was sie durch ihren Schwindeltrieb erlebte; auch Niederlagen fehlten nicht, die sie aber sehr leicht nahm. So bei der Klatschgeschichte über Otto Grüner. Als sich nach ein paar Tagen Luise bei Otto erkundigte, ob er jemals mit seinem Modell Leontine intimeren Verkehr gehabt und das Mädchen ins Unglück gestürzt habe, erklärte der Künstler, er kenne gar kein Modell dieses Namens. Emma ward darüber zur Rede gestellt; Otto war entrüstet und sprach von Ehrabschneiderei, Verklagen, Verleumden! Da gab dann Emma lachend zu, sie habe die ganze Geschichte erfunden, um sie in ihrem 296 neuesten Roman zu verwerten; sie habe nur einmal prüfen wollen, welche Wirkung sie beim Erzählen dadurch erreichen könne. Es sei ihr sehr interessant gewesen, die Entrüstung Ottos zu studieren. Der Künstler verbat sich indes solche Vivisektionen. Karl, der zu diesem Auftritt kam, nahm Emma lebhaft in Schutz: sie sei ein Opfer ihrer Phantasie, es liege etwas Großes in der Art, wie sie mit den Menschen gleichsam experimentiere; man müsse einem solchen Talent dergleichen Geniestreiche verzeihen. Otto dachte nicht so: er nannte Emma eine hysterische Lügnerin. Karl warf ihm vor, wenn er so denke, sei er kein Künstler. Der echte Künstler habe eine Lust am Aufschneiden und Mystifizieren. Beide kamen hart hintereinander und trennten sich im Zorn.   17. Es brütete heute ein grauer müder Regenhimmel über der Stadt, dessen öde Nachmittagsnüchternheit dennoch eine gewisse eigenartige poetische Stimmung in uns hervorruft, die melancholische Stimmung der Lebenslangweile, des Alltagselends. Der Zufall – oder Schicksalsfügung – hatte es gewollt, daß an diesem Regenmittag, als Emma Dorn auf der Plattform des elektrischen Trambahnwagens stand, mit ängstlicher Hast Herr Direktor Körn, um sich vorm Regen zu schützen, auf denselben Wagen sprang. Wie das oft zu geschehen 297 pflegt, bemerkte er das Fräulein erst, nachdem er sich, um seinen Büchern unterm Arm mehr Luft zu verschaffen, in dem Menschenknäul ein wenig herumgedreht hatte. Er grüßte ganz bestürzt; sie grüßte ebenfalls nicht ohne Beklommenheit. »Entsetzliches Gedräng!« bemerkte er geistreich, was sie durch eine ähnliche Bemerkung errötend bestätigte. Er suchte nach einem schönen mythologischen Vergleich, in Folge seiner mißlichen Lage oder seiner gelinden Verlegenheit wollte ihm indes kein poetisches Bild einfallen und er mußte es nach einiger Zeit aufgeben, vor dem Fräulein als geistreicher Gelehrter zu glänzen. Neben ihr stand halb verquetscht ein kleines Kind, das beständig schrie und mit den Beinen strampelte. Neben ihm hing eingeklemmt ein angetrunkener zwischen Schlafen und Wachen kämpfender älterer Arbeiter, dessen rotangelaufener Kopf sich allmählich immer tiefer herabsenkte, um auf der Schulter des ehrwürdigen Schulmonarchen eine Stütze zu suchen. Der Direktor deutete dem mit Mühe das Lachen unterdrückenden Fräulein durch resignirte himmelwärts flehende Dulderblicke an, wie unsäglich widerwärtig ihm das allzunahe Antlitz des Betrunkenen sei. Nun begann der Wagen heftig zu schwanken, so daß es unter den zusammengepreßten Fahrgästen eine kleine Verschiebung gab. Auf einmal war Emma mit Gewalt gegen seinen Körper hingepreßt, so daß er sich sehr verlegen entschuldigen mußte, ihr Unbequemlichkeiten zu verursachen. Mit sehr verdrießlicher Miene schalt er auf 298 die drangvoll fürchterliche Enge, die ihm doch eigentlich recht willkommen war; denn das passirte dem früheren großen Weiberverehrer nicht alle Tage, daß ein so reizendes Weibernäschen ihm aus allernächster Nähe ins Gesicht atmete. Ihr Atem berauschte ihn, – seine Nase war höchstens drei Zentimeter von ihren rosigen Lippen entfernt. Es zog ihn magnetisch zu ihr hin, als seien ihre Lippen ein Rosenabgrund in den er sich unbedingt stürzen müsse und es erwachte in seiner Schulmeisterseele die alte Studentenromantik, der Traum der seeligen Burschenzeit mit ihrem Idealismus, ihrem verwogenen Ulk. Ein neuer Ruck des Wagens, dann ein Schaukeln und ehe er sichs versah, hatte er dem schönen Fräulein auf die große Zehe getreten, was sie durch ein erschrockenes Au dankend quittirte. Er entschuldigte sich entsetzt, sie lächelte höflich: »Hat nichts zu sagen!« während sie die schmerzende Zehe am andern Fuß reibend, dachte: hat der Herr etwa einen Pferdehuf im Stiefel verborgen? Nun hielt der Wagen. Ein Fahrgast der aussteigen mußte, quetschte sich gewaltsam durch die andern, wodurch der beneidenswerte Direktor so dicht an Emma hingedrückt wurde, daß ihm ein wonniger Schauer über den Rücken rieselte. »Es ist gerade wie in einem zu engen Ballsaal«, flüsterte er, dem Hören und Sehen verging. »O ja!« stöhnte sie. »Hier kann Niemand mehr herauf!« beschwerte sich der Schulmann, als nun eine enorm dicke 299 Bierbrauersgattin die Plattform besteigen wollte. »Ah! das geht doch nicht . . . Jetzt ist mir auch noch mein Billet davongeflogen! – Schaffner, muß ich noch einmal zahlen?« setzte der gewissenhafte Pedant hinzu. Als der Wagen wieder in Bewegung kam, wachte der betrunkene Maurer auf, preßte stöhnend beide Hände auf den Mund und bestrebte sich das Geländer der Plattform zu erreichen. Der ahnungsvolle Direktor bemerkte an den verzerrten Gesichtszügen des Menschen, daß ein Unheil im Anzug war. Angstbeklommen wollte er dem Bekaterten ausweichen, – es ging nicht! und ehe der vom Schaukeln des Wagens völlig seekrank Gewordene noch den Rand des Wagens erreichen konnte, – explodierte die Bombe! Mit einem aus tiefster Seele aufsteigenden Ach- und Wehlaut entlud sich der ganze Mageninhalt des Betrunkenen in den Rockärmel des armen Schulbeherrschers. Allgemeines Schimpfen, Fluchen, Jammern! die Taschentücher flogen. So war dem Direktor seine bierfröhliche Studentenzeit noch deutlicher vor Augen geführt. Man leistete dem schwer Besudelten die erste Hilfe, doch sah man bald, daß durch Betupfen mit Taschentüchern der Schaden nicht gut zu machen sei; denn da der Direktor gerade den Arm gesenkt hatte, war ihm der Erguß bis an den Ellbogen durch Manschette, Oberhemd und wollenes Unterhemd gedrungen. »Was soll ich beginnen?« klagte der 300 Verunreinigte. »Ich kann doch in diesem Zustand nicht vor meine Klasse treten!« Der Wagen hielt. »Wissen Sie was, Herr Direktor?« erklärte ihm die mitleidige Emma. »Ich wohne gleich hier; kommen Sie mit, ich wasche Ihnen die Stelle aus, sonst ist Ihnen der ganze Überzieher ruiniert.« »Ach, das wär eine Rettung!« rief der besudelte Schulmeister erfreut. »Nur um Gotteswillen diese ekelhafte grüngelbe Feuchtigkeit vom Leib! mir wird ohnmächtig, ich falle fast um! Nach Hause kann ich nicht mehr, dazu reicht die Zeit nicht, – so bin ich Ihnen für Ihren Vorschlag sehr dankbar!« Bald hatten die Beiden die ganz in der Nähe liegende Wohnung erreicht. Es war etwas über halb zwei Uhr, so daß noch Zeit war, um den Schaden mit Ruhe und Vorsicht auszubessern. Als sie den dunkeln Torweg durchschritten, klopfte dem an solche Abenteuer längst nicht mehr gewöhnten Direktor das Herz. Doch im Gefühl, daß kein billig Denkender es ihm verübeln konnte, diese freundliche Einladung angenommen zu haben, schritt er dem hold errötenden Mädchen nach, bis sie am Gartenhaus Halt machte, die Glastür aufschloß und ihn ins Innere einließ. Luise war nicht zu Hause. Emma führte ihren Gast in ihr Schlafzimmer. Beinahe fand der ordnungsliebende Mann in dem sauberen Raum nichts zu tadeln; nur Eines fiel ihm auf: aus der Türe des Kleiderschrankes lugte das eingeklemmte Ende eines blauen Kleides. Seltsam! diese gelinde 301 »Schlamperei,« die er bei seiner Frau streng getadelt hätte, erfüllte ihn hier mit ahnungsvollem Entzücken; er hätte das blaue Kleidende küssen mögen. Es blieb dem Pädagogen nichts anders übrig, er mußte den Rock ausziehen, so daß er jetzt in Hemdärmeln vor ihr stand. »Wehe, wenn sie losgelassen!« deklamierte er. »Auch das Hemd ist angefeuchtet; der Kerl hat ein miserables Bier getrunken.« Gleich war sie mit der Waschschüssel bei der Hand und wusch zunächst den Hemdärmel gründlich aus. Sie tat das mit einer solch dezenten Grazie, daß der gute Magister völlig faszinirt sich nicht zu rühren wagte und auf einmal in die Worte ausbrach: »Aber Fräulein, was haben Sie für eine klassisch geformte Hand!« Worauf sie versetzte: »Ach, wenn das was die Hand schreibt, doch auch klassisch wäre!« »Nun,« meinte er galant, »das kann es noch werden.« Jetzt erwachte in ihr der Drang sich möglichst tief in die Gunst des Gestrengen einzuschmeicheln. »Ach Herr Direktor,« seufzte sie, »meine Schreiberei könnte nur dann einen höheren Aufschwung erhalten, wenn . . . ja wenn . . . ein Mann wie Sie sich ein wenig ihrer annehmen wollte.« »Was verstehen Sie, liebes Kind, unter annehmen?« fragte er mit fast zärtlichem Tonfall der Stimme. 302 »Ich möchte . . . Ihre Schülerin werden,« gestand sie zaghaft. »Meine Schülerin?« lächelte er. »Sehr schmeichelhaft für mich. Wirklich, ungemein schmeichelhaft! Doch – was soll ich Ihnen denn beibringen?« »Ja, sehen Sie,« erwiderte sie; »ich bin eben daran einen Roman aus dem griechischen Altertum zu schreiben; einen »Sokrates«. Ich studiere zu diesem Zweck eben eine Menge Bücher über griechische Kulturgeschichte; auch die ganze griechische Lyrik kenne ich aus guten Übersetzungen. Aber natürlich fehlt mir als nicht klassisch gebildetem Geschöpf noch gar viel, um in den griechischen Geist tiefer einzudringen.« »Ah,« sagte er ganz berauscht von der Art, wie sie beim Abwaschen des Hemds, zuweilen ihm mit dem Schwamm aus Versehen auch über den Arm strich. »Da meinen Sie . . . ich begreife . . . ich soll Ihnen mit meinen Kenntnissen . . . ach das wäre ja eine sehr lohnende Aufgabe, gewiß! Ich würde Ihre Arbeit gern fördern!« Nun fing er gleich an, in echt professoraler Gelehrsamkeit sich über die griechische Litteratur zu verbreiten. Obgleich ihm dabei Verhältnisse wichtig waren, die Emma gar nicht besonders interessierten, die ganz außerhalb des Rahmens ihres Romans lagen, freute sie sich doch an der echten Begeisterung des Mannes für das Schöne, Hohe und Gute dieser großen Zeit. Er begann zu schwärmen, er ward ganz jugendlich, als er von Alkibiades, Aspasia, Perikles, zu erzählen anfing. 303 »Es waren doch schönere Zeiten als wir sie jetzt haben!« meinte sie. »Der Mensch konnte sich mehr seiner Natur nach entwickeln. Selbst der Sklave lebte freier, als jeder durch Polizeiparagraphen eingeengte moderne Staatsbürger.« »Da haben Sie recht!« meinte er mit feuchten Augen. »Wir sollten danach streben, daß diese schönen Zeiten wieder erwachten! Sehen Sie, man darf es ja nicht laut sagen, – aber unsere ganz auf der christlichen Entsagungslehre aufgebaute Moral taugt gar nichts. Die erzieht nur Heuchler! Katzen, die lüstern um den heißen Brei herumstreichen.« »Das ist auch meine Meinung!« bekannte sie. Er fuhr fort: »Jetzt ist es ja so weit gekommen, daß man die Enthüllung des schönen Körpers an sich schon für sündhaft hält und der Jugend die Betrachtung derartiger Bilder in den Schaufenstern verbietet! Weil es verführe! Da sollte man lieber so rasch als möglich auch den Delikatessenhändlern verbieten, ihre appetiterregenden Leckerbissen den hungrigen Sozialisten in den Schaufenstern zu zeigen. Das verführt doch weit gesellschaftsgefährlicher!« »Mein Gott, Herr Direktor,« lachte Emma, »ich habe Sie für einen Philister gehalten, bemerke aber mit Freuden, daß Sie ja von freisinnigen Ansichten nur so strotzen!« Sie hatte ihm ganz begeistert ihre Hand hingehalten, die er ergriff. »Nein, nein, Fräulein!« verteidigte er sich, »ich bin kein Philister! ich möchte die Welt gern 304 erlösen von Sittenzwang und Formelwesen, wie unser edler Platen sagt. Aber leider kann ich als Einzelner, noch dazu in einem solchen Beruf, nur ein sehr geringes Scherflein beitragen zur Erlösung des Menschengeschlechts von der mittelalterlichen Dunkelkammer, in der die staaterhaltenden Gesetzes-Bilder bekanntlich heute bei rotem Licht entwickelt werden.« »Bei rotem Licht ist gut,« lachte sie. »Also,« setzte er lächelnd hinzu, »besuchen Sie mich bald und lesen Sie mir Ihre neue Arbeit vor. Ich werde Ihnen gern dabei helfen, wo ich kann.« Er hatte galant ihre kleine Hand an die Lippen geführt. Er gefiel ihr in seinem jugendlichen Enthusiasmus außerordentlich, als er ihr ganz traumverloren in die Augen blickte. »Mein sehnlichster Wunsch wäre eine Reise nach Griechenland!« sagte sie. »Sobald ich einmal ein größeres Honorar erhalte, reise ich nach Athen.« »Sie Glückliche!« seufzte er. »Aber ich will Ihnen was sagen: als ich hier studierte, brachte mir mein Studiengenosse, der Athener Hafzidakis, das Neugriechische bei . . .« »Wie? Sie können Neugriechisch?« »Ja. Ich habe ein besonderes Sprachtalent; ich lernte in einem halben Jahr gewandt neugriechisch sprechen. Wenn Sie wollen, geb ich Ihnen Unterricht.« »Und wie gern!« frohlockte sie, »zwar . . . lerne ich fremde Sprachen nicht leicht . . .« »Das gibt sich!« meinte er. Sie rief: »Ja, ich bin so begeistert für dies 305 herrliche Land, daß ich hoffe: die fremden Laute fliegen mir nur so ins Gedächtnis!« »Aber nun muß ich in die Schule,« sagte er, sich von ihrem Anblick losreißend. »Noch zehn Minuten bis Zwei.« Sie lachte: »Wie? so wollen Sie fort? Ohne Rock?« Er sah sich verwundert um. »Ja so! wo war ich denn!« scherzte er, ihr mit dem Finger drohend. »Bei allen Göttern, ich weilte bei Circe! Zeigen Sie her, ist der Ärmel jetzt trocken?« Sie holte den Rock aus der Küche, wo er in der Nähe des noch warmen Herdes gehangen. »So ziemlich,« sagte sie, das Futter befühlend. »Sollt ich nicht lieber nach Hause fahren und mich umkleiden?« überlegte er sinnend. »Nicht nötig!« meinte sie. »Nicht? Nun ja . . . geben Sie den Rock. – So! nun bin ich wieder der Schulmeister. Nun schlag ich wieder die Helden des Homer tot! Ach Fräulein! – ›das Beste was du wissen kannst, darfst du den Jungen doch nicht sagen!‹ Ja, sehen Sie, wenn wir so alles was wir auf dem Herzen haben, der Jugend beibringen dürften! ah, da wärs eine Lust Bildner der Jugend zu sein, aber . . . so? brrr!« Er schüttelte sich lachend. Sie lächelte melancholisch: »Ihr Amt wird Ihnen zuweilen schwer?« Er sagte bedeutungsvoll: »Haben Sie nicht schon weit mehr gebildete Männer kennen gelernt, die einen wahren Haß gegen ihre Schulerziehung 306 und ihre Lehrer im Herzen tragen, als solche die mit Hochachtung oder gar Liebe von ihren Lehrern reden?« »Sie haben recht!« bestätigte sie; »es ist erstaunlich wie gerade bei den Höherbegabten eine Abneigung herrscht gegen alles was Schulmeister heißt.« »Nun,« meinte er, »das muß doch seine Gründe haben?!« Dabei hatte Emma freilich ein wenig die Empfindung, als ob er, um ihr zu gefallen, seine freisinnigen Ansichten über das Erziehungswesen mit übertriebener Stärke hervorkehre. Reden, dachte sie im Stillen, ist leichter als Handeln. Doch diese seine leise Koketterie mit modernen Grundsätzen schmeichelte ihr; er gefiel ihr sehr gut in seiner lebhaften Erregung, die ihm die Wangen rötete und das schon an sich lebhafte Auge noch heller aufblitzen ließ. Es ward ihm nicht leicht, sich von ihr zu verabschieden. Das ganze bescheidene Zimmerchen hielt ihn fest; das rebenumrankte Fenster, der Waschtisch mit dem Becken, das einfache Bett mit den rot durch den Überzug leuchtenden Kissen. Es überdrang ihn eine Art Faust-Gretchen-Stimmung. Er trat dann in das helle Arbeitszimmer des Fräuleins. »Ah, das ist der Pult,« sagte er lächelnd, einen einfachen schon von des Lebens Stürmen mitgenommenen Schreibtisch betrachtend, »auf dem Ihre unsterblichen Werke entstehen?« Wie anheimelnd ihm diese dürftigen Möbel, diese verblaßten Überzüge und Kissen vorkamen. 307 Ihm war, als sei er schon oft hiergewesen. Ein poetischer Duft zitterte über diesen Photographien bekannter moderner Schriftsteller, die mit welken Lorbeerblättern von ihrer pietätvollen Hand umrahmt, auf einem Büchergestell prangten. Wie nett sich das silberglänzende Teegerät ausnahm, aus dessen Tassen eine gelbe Zitrone glänzte! An den Wänden sah er einige gute Landschaften, von befreundeter Künstlerhand gestiftet; ein eleganter alter Rauchtisch für Herrenbesuche prunkte in der Nähe des ausgesessenen Sofas, kurz, den Direktor mutete es wie aus uralten und doch ewig jungen Märchen-Chroniken an. »Und hier,« sagte er gerührt, »besuchen Sie die Musen? hier küßt Apoll seine Sappho? In dieser friedlichen Stille, umgeben von diesen alten Möbeln in dem rebenumsponnenen Gartenhäuschen, – hier würde, glaub ich, auch mein vertrocknetes Schulmeistergehirn wieder poetische Blüten treiben. Sie leben so überaus einfach dahin, – Sie sind dennoch zu beneiden.« »O, zu beneiden?« klagte sie. »Nein.« Ihn überschlich eine stärkere Rührung. Weiterfragen mochte er nicht. Es mußte wohl oft große Ebbe in der Kasse der beiden Mädchen herrschen. Diese Armut erhöhte ihm nur den Reiz dieses Dichteridylls. Endlich riß er sich los und ging. Eine Viertelstunde früher hätte er seinen Sohn Karl mit finsterem Gesicht um die Hausecke stürmen sehen können. Karl hatte Emma, ehe er zur Schule ging, besuchen wollen. Gerade als er an der Haustüre die Hand zum Läuten erhob, fiel sein Blick durch das Fenster des Schlafzimmers. Wie angewurzelt, blieb er stehen, – sein Vater? Ohne Rock? in Hemdärmeln bei Emma Dorn? Unmöglich! Du träumst! Er schloß die Augen, öffnete sie wieder langsam . . . Nein! das war Wirklichkeit. Durch die dunkeln Scheiben schimmerten verschwommen die Gestalten der Beiden . . . Er stürmte davon! Jetzt hatte seine Seele auf einmal was sie brauchte; eine wuchtige, verzehrende Leidenschaft . . . Seine Neigung zu Emma ward durch seine grimmige Eifersucht aus dem Unbestimmten in Gewißheit verwandelt, die leichte Lyrik seiner Liebesgefühle ward zum wuchtigen, handlungsreichen Drama. Dann wachte er wieder, als er durch die trambahndurchdröhnte Straße eilte, aus seinem Taumel auf. Machst du dir nicht selbst etwas vor? Woraus schließest du daß er sie liebt? oder sie ihn? Suchst du nicht förmlich in blinder Selbstzerstörungswut nach einem Grund, Beide hassen zu dürfen? Gleich nach Schulschluß eilte er zu Emma. Er deutete ihr an, daß er sie habe vor der Schule besuchen wollen; es sei ihm jedoch vorgekommen, als ob ein fremder Herr bei ihr gewesen sei. »Der fremde Herr war Ihr Vater,« sagte sie heiter. Er stellte sich erstaunt. »Mein Vater?« »Ja!« – und nun erzählte sie ihm, ein wenig errötend, den ganzen Vorfall. Auch fügte sie hinzu: »Ihr Herr Vater hat mir versprochen, mir an meinem Roman aus der altgriechischen Geschichte zu helfen.« 309 »So?« sagte er trocken. Sie beobachtete ihn. Keine Miene in seinem jugendlichen Greisenantlitz verriet, was in seiner Seele vorging. Eher nahmen seine Züge noch einen professoraleren Ausdruck an. »Dann werden Sie uns wohl oft besuchen?« fragte er mit erzwungener Gleichmütigkeit. »Gewiß!« sagte sie, froh darüber, daß er die Sache so leicht nahm. »Ich komme morgen abend zu Ihnen.« Er nickte mit finster-stolzer Miene. Ihr gefiel dieser knabenhafte Trotz; sie dachte: er überwindet seine Neigung für mich rasch. Indessen irrte sie sich. Er brütete über den seltsamen Zufall nach, der den Vater in die Wohnung Emmas geführt. »Mein Vater,« sagte er jetzt, »hätte eigentlich auch gerade so gut nach Hause gehen und seine Kleider wechseln können,« meinte er. »Es war keine Zeit mehr!« versetzte sie. Er zuckte die Achseln und lächelte bitter. »Keine Zeit! Nun, der Direktor braucht nicht vor halb drei Uhr zu kommen.« Beide schwiegen. Dann sagte er, um den peinlichen Eindruck seines Mistrauens zu verwischen: »Nun ja . . . ich freue mich, daß Sie so gut mit ihm stehen.« »Ihr Vater kann sehr liebenswürdig sein!« versetzte sie. »Er hat mir sehr gut gefallen und ich hoffe, meine nähere Bekanntschaft mit ihm bringt Ihnen Segen. Ich werde ihm die Augen öffnen über Sie. Sie werden ihn lieben lernen.« 310 Er nickte. Er nahm sich vor, die Beiden zu beobachten und sich seine Eifersucht unter keinen Umständen anmerken zu lassen. Er wollte Beide in völlige Sicherheit wiegen, um sie dann desto effektvoller entlarven zu können. Dieser Plan hatte etwas Theatralisches, was seiner jugendlichen Phantasie ungemein wohltat, ihn vor sich selbst interessant machte, ja sogar die Schmerzen der Eifersucht und der unerwiderten Liebe ihm versüßte. Gerade als er sich verabschieden wollte, schellte es an der Vorplatztüre. Luise öffnete. Es war wieder einmal Nata, diesmal aber nur um die Klavierstunde abzusagen. Das arme Mädchen hatte einen herben, strengen Ausdruck um den sonst so kindlichen Mund. Karl schloß sich ihr wieder an, als sie ging. Er bezeugte sich sehr ritterlich gegen sie, suchte sie aufzuheitern, und legte ihr in jeder Weise seine hohe Achtung vor ihrem Unglück und der Art wie sie es trug an den Tag. Sie klagte, daß ihr das Schreiben auf der Maschine Kopfschmerzen verursache. Heute mußte sie auf einem großen Schreibebüro arbeiten. Aus allen Zimmern der Wohnung rasselten und klapperten die Maschinen. Ein Schriftsteller, den sie bei Emma schon einmal gesehen, Herr Schnätz, kam und diktierte ihr ein Drama. Da hieß es aufpassen! Diese stundenlange Anspannung der Nerven wurde ihr zur Höllenqual; aber sie wollte aushalten, sie wollte ihr Brod selbst verdienen, nicht dem Vater zur Last fallen, der 311 selbst mit dem Leben schwer zu ringen hatte und halbe Tage lang auf seiner Kanzlei saß, ohne daß sich ein Klient meldete.   18. Wenn jetzt Kommerzienrat Weihals zu Meyers kam, war er nicht mehr derselbe wie früher. Selbst die naive Nata hatte das Gefühl, als ob der reiche Mann oft eine gewisse gönnerhafte Unverschämtheit und Befehlshaberei an den Tag lege. Er tadelte mehr als je, war oft verdrossen, fast brutal, und Meyer ließ sich dies abscheuliche Benehmen gefallen. Der Rechtsanwalt war stets sehr niedergeschlagen; er beobachtete oft seine Frau mit ganz seltsamen Blicken und sie wußte auch wohl, welcher Verdacht im Herzen ihres Mannes aus dem unverschämten Benehmen des Kommerzienrats immer neue Nahrung sog. Es kam dem Rechtsanwalt vor, als ob Emilie den Mann nicht mehr mit der pikanten Delikatesse wie früher zurückweise, ja keinen Widerstand mehr entgegensetze. Wirklich aber gab sie sich redlich Mühe; ja schließlich bat sie den Kommerzienrat, ihre Wohnung nicht mehr zu betreten. Doch der Rechtsanwalt hatte sich in seine eifersüchtigen Vorstellungen so tief hineingearbeitet, daß er nun erst recht an ein Einverständnis der Beiden glaubte. Sie wollen keinen Verdacht erregen! meinte er; sie wollen sich nur außerhalb des Hauses treffen! 312 Eines Abends kam der Kommerzienrat trotz des Verbots. Emilie saß am Klavier. Weihals stand hinter ihr. Er hatte heute wieder einmal eine sentimentale Anwandlung, die häufig bei ihm mit brutalem Protzentum abwechselte. Ein kühler Herbstregen besäte die Fenster wie mit Tränen, eine trübselige Dämmerstimmung brütete über den Möbeln, als fühlten sie die Misstimmung in der Familie trauernd nach. Auch die weiße Niobe auf dem gelben Porzellanofen sandte verzweifelte Blicke nach der unschön bemalten Zimmerdecke empor. Emilie empfand die Abhängigkeit von Weihals schmerzlicher denn je; am liebsten hätte sie ihn aus dem Zimmer gewiesen. In seinem Benehmen zitterte wieder eine unheimliche Annäherungssucht, die ihr ganz widerwärtig vorkam. Sie hatte sich einmal erlaubt, schroffer gegen ihn zu sein, da hatte er ihr Undankbarkeit vorgeworfen: jetzt habe er seine Schuldigkeit getan, jetzt könne er gehen!? »Sie wollen mich doch nicht unglücklich machen!« sagte sie einen Akkord anschlagend; »deshalb bitt ich Sie, kommen Sie nicht mehr. Mein Mann hegt Verdacht, – er traut Ihnen so viel Edelmut nicht zu.« »Aber Frau Rechtsanwalt,« flehte er, »s ist mer zum Lebensbedürfnis geworde Sie zu sehen.« Er beugte sich mit Tränen in den Augen zu der Sitzenden nieder, ergriff ihre auf den Tasten ruhende Hand und drückte einen Kuß darauf. In diesem Augenblick öffnete sich die Türe und 313 Willy, der draußen schon gelauscht, trat ein. Weihals fuhr in die Höhe. Der Anwalt tat, seinen Grimm verschluckend, als habe er nichts bemerkt. Er brachte das Gespräch auf gleichgültige Dinge . . . Musik . . . das schlechte Wetter. Weihals merkte, daß der Anwalt verstimmt war und entfernte sich bald. Kaum war er gegangen, so fuhr der Anwalt wütend seine Frau an: »Nun? leugnest du jetzt noch, daß der Kommerzienrat ein Äquivalent erhalten für die zwanzigtausend Mark?« Sie erhob sich vom Klavier. »Ich meine, wir hätten genug Elend,« sagte sie scheinbar ruhig und schloß den Deckel des Flügels, daß es laut in den Seiten nachdröhnte; »du hättest nicht nötig, dich mit so einem lächerlichen Verdacht herumzuquälen.« Ihre Miene war schmerzlich verzogen, wie Niobes, zu der sie jetzt die Blicke empor sandte. »Du weichst mir aus!« versetzte er. »Das ist verdächtig. Du antwortest nicht auf meine Frage.« »Steh ich etwa vorm Untersuchungsrichter?« »Diese Antwort ist nun auch wieder merkwürdig.« »Komm nur doch nicht ewig mit dem alten Unsinn! das wird nachgerade unerträglich beleidigend. Ich kann nicht mehr sagen als ich gesagt hab und werd jetzt überhaupt keine Antwort mehr geben.« Er schritt gequält, mit seinen dicken Fingern an den Hüften spielend, auf und ab. Es war düstrer geworden, Niobe war nur noch als ein weißes Gespenst sichtbar. 314 »Du hast mich zwar gerettet,« murmelte er, »aber . . . hättest du mich untergehen lassen, – es wäre mir tausendmal lieber, . . . als das!« »Dein Mistrauen ist empörend! Doch kann ich mirs erklären. Wer selbst nicht reinen Herzens ist, kann es auch Anderen nicht zutrauen! Dein Vergehen zwingt dich förmlich dazu, überall Vergehen zu wittern.« »Hätt ich doch das Geld nicht angenommen!« seufzte der Anwalt, »ich bin nun weit unglücklicher als vorher! Ich kann beim besten Willen nicht an deine Unschuld glauben! – und wenn du mirs beschwörst, daß er dich nicht berührte! Ich möcht dich lieber tot sehen als von diesem ekelhaften Weihals angetastet . . .« Sie begann zu weinen. Eine tiefe Abspannung kam über sie, diese ewigen Anklagen ermatteten ihre Seele. Das düstre Zimmer kam ihr vor wie eine Folterkammer. »Wie soll ich dir beweisen . . .?« schluchzte sie. »Du glaubst mir nicht, ich kann reden, so viel ich will. – Frag ihn doch selbst!« »Ihn fragen?« lachte er höhnisch. »Du bist sehr naiv. Er wird mir wohl die Wahrheit sagen?« Sie merkte jetzt erst, daß sie in ihrer Nervenabspannung eine Dummheit gesagt und ärgerte sich darüber. »Tu was du willst!« stöhnte sie. »Mir ist alles eins.« »Aber,« entgegnete er »so gesteh wenigstens zu, daß er dir Anerbietungen gemacht. Nicht wahr? das hat er?« 315 »Ich glaube,« sagte sie, »es wär dir wahrhaftig eine Erleichterung, wenn ich löge und sagte: ja! das hat er!« »Aha!« frohlockte er höhnisch. »Das hat er? Du gibst zu, daß er zudringlich geworden ist? daß er Wünsche angedeutet hat?« Sie schwieg. Er fragte noch einmal: »Gibst du das zu?« »Wenn dich das beruhigt,« sagte sie ganz kalt, »ja!« »Ja!« fuhr er auf. »So laß mich mehr hören! – Was hat er gesagt? Er hat also gesagt: Du sollst seine Geliebte werden? Gelt? Das hat er? Oder so ähnlich?« Sie schwieg. Er drang in sie, er faßte sie am Arm und zerrte sie wütend. Sie, empört über seine Behandlung, schrie: »Ja, ja, ja! das hat er und wenn du mich noch weiterquälst, so verlaß ich dich und werde seine Geliebte.« »Ah,« rief er, »das hat er also? O der Schurke! Das hat er? Er soll mir noch einmal ins Haus kommen! Ich erwürg den Schuft! Das hat er? Jedenfalls hat er dich auch geküßt? Gelt?« »Nein.« »Das glaub ich nicht! wer A sagt, muß auch B sagen und so wird das ganze Abece herunterdeklamiert.« Jetzt hielt sies nicht länger aus. »Ich hab mehr als meine Pflicht getan, und du verbitterst mir das Leben?! Wenn du mich nicht endlich in Ruhe läßt, lauf ich dir heut noch davon!« Sie schrie es wie wahnsinnig, so daß er es für geraten fand, einzulenken. 316 »Nun ja! nun ja!« suchte er sie zu besänftigen. »Lassen wirs gut sein.« Doch wiederholten sich solche Szenen jetzt häufiger. »Du verdienst meine Aufopferung gar nicht!« sagte sie ihm manchmal. »Du bist weit roher als Weihals.« Der Anwalt suchte sich zwar zu beherrschen, konnte es aber doch nicht verhindern, daß seine krankhafte Eifersucht bei jeder Gelegenheit wieder zum Vorschein kam. Emilie ward durch dieses Mistrauen, diese ewige Nörgelei ganz schwermütig. Ja es kamen Augenblicke, wo sie sich selbst einbildete: Weihals habe sie erniedrigt. Schon der Umstand, daß sie nicht mehr zu ihrem Mann emporsehen konnte, wäre hinreichend gewesen, ihr Gemüt zu verdüstern. Sein unwürdiger Verdacht untergrub nun völlig ihre Nervenkraft. Wie es oft zu geschehen pflegt, so auch hier, die Folgen der Gemütserregungen stellten sich erst später ein. Im Anfang hielt sie der Kampf ums Dasein gewaltsam aufrecht, jetzt da verhältnismäßige Ruhe eingetreten war, brach sie zusammen. Eine tiefe Todessehnsucht beschlich sie. Als der Anwalt ihren Gemütszustand erkannt hatte, lenkte er ein und gab seiner Eifersucht nicht mehr die schroffen Formen wie früher, aber es war zu spät. Emilie sprach fast kein Wort mehr, aß fast nichts mehr, versank täglich tiefer in einen düsteren Traumzustand. Karl besuchte sie oft. Er saß dann am Klavier, während sie am Fenster nähte. Ihm war diese 317 Schwermut der reizenden Frau äußerst sympathisch; sie weckte geheime Saiten in ihm. Er suchte den Samen des Pessimismus in ihr verdüstertes Herz zu streuen, was ihm auch gut gelang. Zuweilen kam dann Natalie herüber. Auf dem Schreibebüro hatte sie es nicht ausgehalten. Sie mußte dort ohne Unterbrechung von Morgens acht bis zwölf und zwei bis sieben Uhr »tippen«, was ihr schließlich heftige Rückenschmerzen zuzog. Besonders nervös machte sie das Diktieren. Nun hatte sie zu Hause Arbeiten übernommen. Ihr Vater hatte seine Münzsammlung für sechshundert Mark verkauft und für diesen Erlös der Tochter eine Schreibmaschine angeschafft. Nun waren oft Reparaturen nötig; sonst verdiente sie ganz hübsch damit. Karl hatte sich bereits eine Novelle von ihr abschreiben lassen, dann eine kleines Lustspiel, das er an die Bühnen versenden wollte. Natalie merkte von dem neuen zwischen ihrem Vater und ihrer Mutter ausgebrochenen Konflikt nur wenig. Daß ihre Mutter schwermütig geworden war, konnte sie nach dem Vorgefallenen leicht begreifen. Karl mußte die stille Art, mit der das Mädchen die Mutter aufzuheitern suchte, bewundern. Die Mutter war oft so überreizt, daß sie das Tageslicht nicht vertrug und daß sie ihr eigenes Kind nicht mehr um sich sehen konnte. Den Vater behandelte das Mädchen auch eigenartig. Sie tat als hätte sie von seinem Fehltritt keine Ahnung. Wenn er nun oft (was sonst nie geschehen war) mit einem Rausch aus dem 318 Wirtshaus nach Hause kam, paßte sie ihn ab und öffnete ihm die Glastüre, so daß er sich vor ihr schämen mußte. Vorwürfe machte sie ihm nicht, sie deutete nur durch einen traurigen Gesichtsausdruck leise an, wie niedergeschlagen sie über sein Verhalten war. Am Abend ließ er sich meist Wein holen. Dann begann er, um zu vergessen, mehr als er vertragen konnte zu trinken. Sie redete ihm sanft zu, wenn er noch eine weitere Flasche begehrte, keine mehr zu trinken, sich zu Bett zu legen. Manchmal nahm sie ihm auch heimlich, während er redselig von seinen Münzen erzählte, die Flasche weg. Dann glaubte er im halben Rausch, er habe sie bereits geleert und ging zu Bett. Es tat ihr sehr leid, daß der Vater seine Münzen so schmerzlich vermißte. Von diesen erzählte er, besonders im Wirtshaus im angetrunknen Zustand, oft lange Geschichten, vergoß sogar zuweilen Tränen, wenn ihm ihr Verlust stärker zu Herzen ging. Dann sprang er plötzlich von diesem Thema ab und beklagte die Untreue des Geldes und des Weibs im Allgemeinen. Manchmal drängte es ihn dämonisch den Wirtshausgästen seine Veruntreuung und die Wiedererlangung des Geldes zu berichten. Mit stammelnder Zunge klagte er sich selbst an: »Was bin ich für ein schlechter Kerl! o meine Herrn, Sie wissen garnicht, mit wenn Sie verkehren. Ins Zuchthaus gehört son Kerl! Aber der Kommerzienrat . . . Respekt! edler Charakter!« Als er später selbst merkte, daß im Wein allzuviel Wahrheit 319 steckte, ging er nicht mehr ins Wirtshaus, trank aber dafür desto mehr heimlich auf seinem Zimmer.   19. Endlich hatte Karl sein Maturitätsexamen mit Nummer 1 bestanden. Den Vater freute des Sohnes Fleiß und Glück ungemein, doch ließ er sichs nicht merken. Er reichte ihm zu Hause nur die Hand und sagte: »Das ist besser abgelaufen als ich dachte! Was willst du studieren?« Karl entschied sich für alte Philologie. Nun lagen noch herrliche Ferien vor ihm, die er recht durch Spaziergänge in Wald Flur und am Fluß hin ausnützen wollte. Nebenher schrieb er an einem Lustspiel. Heute besuchte Emma gegen Abend den Direktor Körn; sie brachte ihm ihr Romanmanuskript. Er empfing sie sehr zuvorkommend, mit einer gewissen altväterischen Galanterie. Er hatte soeben einen Stoß Aufsatzhefte durchgesehen und war nun froh diese trockne Beschäftigung mit einer unterhaltenderen vertauschen zu können. Sie las ihm sogleich das erste Kapital des noch unvollendeten »Sokrates« vor. Und er war sehr befriedigt. Außer einigen Irrtümern über den griechischen Götterkultus und einige Stylungleichmäßigkeiten hatte er nichts zu tadeln. Dann zeigte er ihr in einem kulturhistorischen Werk bildliche Darstellungen aus der griechischen Mythologie und hielt dabei einen ziemlich gelehrten 320 Vortrag über die Entstehung einiger Sagen. Nur gehörte diese Auseinandersetzung gar nicht hier her. Er kam vom Hundertsten ins Tausendste und endigte schließlich bei den Ausgrabungen Schliemanns in Troja. Seine Gattin schrieb im Nebenzimmer an ihrem Göthebuch, Eduard spielte im Salon auf dem Flügel. Emma machte den Direktor darauf aufmerksam, daß er vom Thema abschweife, was er damit beantwortete, daß er nun zur griechischen Skulptur überging. Dabei bemerkte sie mit Befremden, daß er das eigentlich Künstlerische der Werke ganz außer Acht ließ, vielleicht auch kaum verstand, daß es ihm hauptsächlich nur darauf ankam, die vorhandenen Kunstwerke in Perioden einzuteilen und festzustellen, unter welchen politischen Verhältnissen sie etwa entstanden sein konnten. Kurzum, das was man aus Büchern lernen kann, hatte er genau inne; das was angeboren sein muß, das künstlerische Empfinden, kam wenig zu Wort. Nun hatte sich auch Karl eingefunden und sie begrüßte ihn als Studenten. »Hoffentlich,« meinte sein Vater, »wird er auch wirklich studieren. Man macht nämlich oft die Erfahrung, daß begabte Schüler seines Schlags das Gymnasium glänzend absolvieren, dann aber als Studenten verbummeln.« »Fürchten sie das bei Karl?« fragte Emma. »Ja!« sagte der Direktor mit einem Seitenblick auf sein Kind. »Er haßt jedes trockne Studium; was ihm nicht gleichsam von selbst anfliegt, 321 begreift er nicht. Dazu seine phantastischen ästhetischen Anwandlungen . . . Kurz ich fürchte Schlimmes.« Karl ging auf dies Thema nicht ein. Er wolle vom Vortrag des Vaters profitieren, erklärte er; dabei lächelte er eigen, verhielt sich aber sonst sehr zurückhaltend. Als er gelegentlich andeutete: Hier, in anatomischen Fragen, scheine ihm der Vater doch über Gegenstände zu urteilen, von denen er nur sehr undeutliche Vorstellung habe, gab der Direktor es großmütig zu. »Ja, sehen Sie, das ist eben der Mangel in unserer modernen Erziehung, den ich auch empfinde! Was nützt uns alles Wissen, wenn wir nicht schauen, künstlerisch schauen können! Unser Auge kennt die Schönheit des nackten Körpers zu wenig, man sollte der Jugend schon ein feines Formgefühl beibringen.« In dieser Beziehung konnte ihn sogar Fräulein Dorn, die lange Jahre gezeichnet und gemalt hatte, über manches belehren, was er auch dankbar anerkannte. Sein Einblick in die griechische Poesie war indessen tiefer, als der in die bildende Kunst. Doch schwärmte er besonders für die spärlichen Reste der antiken Malerei. Ganz begeistert erzählte er von den Köpfen mehrerer Männer und Frauen, die man auf Holz gemalt in Grabstätten gefunden hatte. »Solche Bildwerke,« meinte er, »wären gewiß noch viele zu finden, wenn nur ein zweiter Schliemann käme und tüchtig nachgraben ließe.« »Legen Sie soviel Wert auf diese Bilder?« fragte sie von einem seltsamen Ideengang durchblitzt. 322 »Gewiß,« belehrte er. »In diesen Gemälden sehen wir sozusagen den alten Griechen durchs Auge in die Seele hinein, während wir in den Steinbildwerken eigentlich immer nur – das Fleisch sehen!« »Nun ja,« gab sie zu, »die Malerei gibt Stimmung, Charakter, Seele, besser wieder, als der kalte Stein.« »Die Alten stehen,« sagte er, »in diesen Farben wieder lebendig vor uns, fast wie in ihrer Poesie.« »Wissen Sie was, Herr Direktor,« lächelte sie, »wenn ich diesen Roman gut verkaufe, mache ich eine Reise nach Griechenland und durchforsche die alten Grabstätten und Trödelbuden des Orients. Wer weiß, – vielleicht entdecke ich ein antikes Gemälde.« Er lachte. »So unmöglich ist das gar nicht. So gut ein Schliemann alten Schmuck fand, könnte man auch noch ein altes Gemälde finden. Vielleicht hat schon mancher türkische Hirt oder osmanische Reiter sein Feuer mit einer kostbaren, von Apelles bemalten Holztafel angezündet . . . « »Gut, gut,« scherzte Emma. »Helfen Sie mir nur, daß mein Roman recht schön wird, ich reise für das Honorar nach Athen und bringe Ihnen ein Gemälde von Apelles eigener Hand mit . . .« Er schloß vor Entzücken die Augen. Dann las er ihr Stellen aus Theokrits Gedichten vor. Wenn er auch zuviel Wert auf das äußerlich Formelle legte, immerhin war ihr manche Bemerkung des Gelehrten wichtig. Besonders ergriff sie das düstre, von unheimlicher Eifersucht durchglühte Lied 323 der verlassenen Simaitha, das er mit gutem Ausdruck vortrug. »Wie naiv ist das!« sagte sie bewegt, »und doch wie groß! wie weich, wie zart und zugleich wie wuchtig und mächtig. Ich wüßte ihm nichts Modernes an die Seite zu setzen. Nicht einmal Göthe!« »Sie haben recht,« sagte er, hocherfreut darüber, daß er ihr Innerstes getroffen. »Nur Göthe hat einen blassen Abglanz dieser griechischen Sonne in seiner Kunst, aber auch ihm fehlt die wuchtige Größe. Man merkt dieser griechischen Poesie an, daß sie von Menschen ausging, deren Brust nicht von staatlichen und gesellschaftlichen Zwangsjacken halb zerquetscht war. Sie kümmerten sich nicht so ängstlich wie wir um die Meinung oder Nachrede ihrer Mitmenschen; jede Leidenschaft durfte, kaum geboren, gleich mündig werden und leben. Der Mensch konnte noch bis ins Individuellste hinein originell sein. Ihr einziger Zügel war dabei das freie Gefühl für das Schöne! Natürlich, wo das Gefühl für das Schöne mangelhaft entwickelt ist, wie bei unserem modernen Geschlecht, da muß die staatliche Zuchtrute die Sitten tyrannisieren, der gesellschaftliche Drill vorschreiben was recht ist.« »Ein schlechter Ersatz,« meinte sie, »für das freie Empfinden maßvoller Schönheit!« »Freilich,« wendete hier Karl ein, dem das vorgelesene Gedicht alle Gluten der Eifersucht mächtig angeschürt hatte. »Ich wenigstens möchte lieber an einer schönen Leidenschaft zu Grund gehen, als in solchem Spießbürgerdasein zu hohen Ehren kommen . . .« 324 »Du übertreibst gleich wieder jugendlich,« tadelte der Direktor. »Aber ein bischen Wahrheit steckt allerdings in deinen Worten.« »Was ist schuld daran,« fuhr Karl fort, »daß wir statt Leidenschaft nur noch Leiden, statt Liebe nur noch Verliebtheit haben, daß Jeder von uns den Staat – anstatt ihn zu lieben – nur als eine feindselige Macht empfindet, daß die Schönheit aus dem Leben geflohen und die Kunst ein armseliger Broderwerb geworden ist, – was ist daran schuld? Nur ein falsch verstandenes Christentum!« Der Direktor vermied es als Staatsbeamter auf diese heikle Frage einzugehen. »Um wieder auf unser Gedicht zurückzukommen,« sagte er, »auf welch naiv-raffinirte Weise weiß Theokrit durch den abwechselnden Refrain die Phantasie des Hörers in ein mystisches Gebiet zu rücken!« »Ja,« fuhr Emma fort, »man schaudert vor der unterdrückten Glut dieser verzehrenden Leidenschaft! und dann, – den Schluß! den bewundere ich besonders. Nach dieser leidenschaftlichen Beschwörung besteht die letzte Steigerung gerade in einer Abschwächung. Der Dichter fühlt: höher kann er nicht mehr steigen! Deshalb schließt er mit einer wunderbaren das Gemüt beruhigenden Naturbetrachtung; sie sagt dem Mond und den Sternen: Lebt wohl! – ›der schweigsamen Nacht am Wagen gesellte Begleiter‹.« Dann las er noch den Klagegesang der Aphrodite an der Leiche des Adonis. Als er an die Stelle kam: 325 . . . Bleib o Adonis! Bleib unselger Adonis, damit ich dich letztlich berühre, Daß ich dich fester umschmieg und die Lippe verschmilzt mit der Lippe! – waren ihm Tränen in die Augen getreten. Den trockenen Schulmann so begeistert zu sehen, erfüllte sie mit einer ernsthaften, tiefen Zuneigung, – sie ließ sich hinreißen und drückte ihm die Hand; sie dankte ihm tief ergriffen. Das sei freilich das Höchste, was man in der Lyrik leisten könne. Da sei Lyrik, Epik und Drama aufs Innigste verbunden, alle Sinne werden in Bewegung gesetzt, um dadurch einen hohen geistigen Eindruck zu erreichen. Karl hatte diese Gefühlsausbrüche mit wechselndem Mißbehagen beobachtet. Nun versetzte er gereizt: »Was für ein Widerspruch! Man sucht uns griechische Schönheitsideale einzuprägen und steckt uns in das moderne Röhrensystem von Kleidern, wir lernen und lesen von Leidenschaften; dürfen aber diesen Gefühlen im Leben fast bei Todesstrafe nie nachgeben. Auf diese Art erzieht man Affen und Heuchler! Vielleicht wärs barmherziger, man verschlösse uns alle Poesie und erzöge uns nur mit dem Katechismus, dann wären wir wenigstens von einer glücklichen Einseitigkeit durchdrungen, die an das süße Hinträumen auf der Wiese ruhender Wiederkäuer erinnert.« Der Direktor hatte diese Worte so aufgefaßt, als wäre der Sohn darüber erfreut, daß sein Vater Spuren so jugendlicher Phantasieüberschwenglichkeit 326 an den Tag legte. »Nun,« meinte er lächelnd zu Emma hinübergebeugt, »wenn Ihr Roman nur einen Abglanz dieser Poesie erhält, dann bin ich schon zufrieden. Nehmen Sie die Gedichte Theokrits mit nach Hause und lesen Sie eifrig darin. – Ich bin übrigens begierig, wie Sie die Handlung weiterführen.« »Das sag ich Ihnen nicht,« lächelte sie;»Sie sollen in Spannung bleiben.« »Gut!« sagte er. »Seien wir gespannt.« Karl verhielt sich still beobachtend. Im Nebenzimmer fiel ein Buch zur Erde. Sofort verzog sich des Direktors eben noch so heitere Miene zu einer finsteren Maske. Karl fühlte, daß der jetzt unliebsam an seine Frau erinnerte Mann bei Emma eine Stütze, eine Erleichterung suchte. Er konnte sich ganz in die Lage seines Vaters setzen, als dieser jetzt mit zitternder Stimme sagte: »Ja, liebes Fräulein, besuchen Sie mich recht oft. Sehen Sie, die Unterhaltung mit Ihnen lenkt mich ab von so vielem Peinlichen . . . Ich fühle, daß ich Sie nicht leicht mehr entbehren könnte. Obwohl ich Sie noch nicht lange kenne, sind Sie mir ein Bedürfnis geworden; ich meine, ich müßte Ihnen meine geheimsten Herzensfalten enthüllen . . . Ich weiß, Sie verstehen mich.« Sie nickte, gerührt von der traurigen Miene, mit der er sie ansah. Karl fühlte, daß der Vater mit diesen Worten vor dem Sohn leise seine Zuneigung für Emma rechtfertigen wollte und er geriet dadurch in eine seltsame Gemütsverfassung: er bemitleidete den Vater, aber auch die Mutter . . . 327 »Aber Papa,« begann er, »wieviel Peinliches könnte sich in Angenehmes verwandeln . . .« »So?« meinte Körn zwischen Ernst und Scherz schwankend. »So verwandle nur vor allen Dingen dich selbst ein wenig.« »Nein,« fuhr Karl errötend fort, zu Emma gewandt. »Ich spiele hier auf unsere Mutter an. Sie ist eine geistig hochstehende Frau und hat daher wenig Sinn für Haushaltung; das ist eigentlich das Einzige was man ihr vorwerfen kann.« »Das Einzige?« lächelte Körn trüb. ». . . Was ist denn das für ein Geruch?« unterbrach er sich ärgerlich, die Nasenflügel bewegend. »Ja,« sagte Emma, »ich rieche auch etwas . . . Brenzliches . . .« Der Direktor erhob sich und öffnete die Tür zum anstoßenden Zimmer. Ein dicker Qualm schlug ihm entgegen. Man sah durch diese trübe Rußwolke hindurch die Flamme der Lampe wie einen dunkelroten Punkt leuchten. Es gab zwar auch Gas im Hause, doch ward es in der Familie wenig benutzt, da das grelle Licht den Augen wehe tat. »Um Gotteswillen was ist da los?« hustete der Schulbeherrscher, einem Erstickungsanfall nahe und riß die Fenster auf, während Emma die Lampe herabschraubte. »Meine Forschungen!« klagte Katharina, als der Luftzug in ihre Zettel fuhr. »Es fliegt mir ja alles davon!« »Desto besser!« tobte der empörte Schultyrann. »Meine Studienblätter sind mir wichtiger als das 328 bischen Rauch!« rief sie aus, eilte von Fenster zu Fenster, um sie wieder zu schließen. Er riß die Fenster von neuem auf, sie schlug sie wieder zu. Emma hatte Mühe ein Gelächter zu unterdrücken. »Da sehen Sie nun, was ich für einen Haushalt habe!« klagte der schwergeprüfte Mann und zog sich zornig in sein Studirzimmer zurück, während Fräulein Dorn sich mit diplomatischer Schlauheit nach den Forschungen der Frau Direktor erkundigte und durch die liebenswürdige Art, mit der sie auf alle ihre Schrullen einging, oder sie sogar zu verteidigen wußte, sich im Flug das Herz der gelehrten Dame eroberte. Später saß die ganze Familie am Teetisch, der diesmal tadellos mit kalten Speisen besetzt und sehr nett hergerichtet war. Die Frau Direktor wollte wieder einmal zeigen, daß sie auch eine tüchtige Hausfrau sein konnte. Da Konrad Stern seinen Freund besucht hatte, wurde er auch eingeladen. Mit seiner schnodderigen Redensart: »Diverse Schnäpse!« hatte er sich eingeführt, er murmelte sie auch während des Essens oft vor sich hin, so daß der Direktor einmal fragte: was er gesagt habe? Karl lachte, der fette Jüngling geriet in Verlegenheit und Karl klärte dann den Vater auf: sein Freund habe sich diese dumme Redensart so sehr angewöhnt, daß er sie bei jeder Gelegenheit von sich geben müsse. »Das sind,« sagte Emma, »solche ganz leise krankhafte Nervenstimmungen oder Zwangsideen. Manche Menschen müssen z. B. beständig ihre Westenknöpfe 329 zählen. Andere fühlen den Drang plötzlich zu schreien oder um einen gewissen Stein auf der Straße dreimal herumzugehen.« Karl dachte an seinen krankhaften Haß und sagte: »Die Grenzlinie zwischen Gesundheit des Geistes und Krankheit läßt sich überhaupt nicht ziehen. So wenig als es einen ganz gesunden Körper gibt, so wenig gibt es einen völlig normalen Geist. Ich möchte fast sagen, ein bischen Verrücktheit macht die Menschheit erst interessant. Ein vollkommen normaler Mensch wäre eine entsetzlich langweilige Maschine, ein Automat! Dazu möchten uns aber die Irrenärzte gern machen. Jede Leidenschaft ist dort eine Art Wahnsinn! Was wäre aber,« setzte er mit einem Blick auf Emma hinzu, »das Leben ohne Leidenschaft? Wenn es künftige Geschlechter einmal dahinbringen ganz normal zu sein, dann lebwohl Kunst und Poesie! Dann singt nur noch die platte Nüchternheit.« Man stimmte ihm im allgemeinen bei. Dem Direktor ward dies Gespräch lästig. Er tat als stimmte er mit den Ansichten seines Sohnes überein, sprang aber auf ein anderes Thema ab. Die Poesie gehe der Menschheit immer mehr verloren, erklärte er. Er sei deshalb auch ein Gegner der Friedensbestrebungen. Gerade im Gräßlichen des Krieges liege eine hohe Poesie. Überhaupt lege man zuviel Gewicht auf das Einzelwesen. Dem widersprach nun Karl. »Im Lauge der Jahrtausende,« meinte er, »werden die äußeren Kämpfe der Menschen immer mehr in innere verwandelt; 330 die Poesie, die du, Papa, suchst, wird immer mehr eine innere werden, eine Darstellung der Leidenschaften. Homer schildert nur körperliche Kämpfe, Betätigungen der Muskelkraft; Shakespeare stellt fast nur Seelenkämpfe dar, wie auch der moderne Roman. Krieg muß auf Erden nur noch so lange fortgesetzt werden, bis es keine barbarischen Volksstämme mehr gibt.« »Und keine Verbrecher mehr gibt!« wendete Emma ein, »denn die Justiz ist auch ein Krieg und die Verbrecher sind die Barbaren, die Wilden, die mitten unter uns Civilisirten unsre Kulturarbeit bedrohen.« Karl schrak zusammen. War er denn nicht auch solch ein »Wilder«, der mitten in dieser Familie seine zerstörenden Pläne spann? Dieser Gedanke zernagte seinen Geist, während sein Bruder Eduard am Klavier saß und Beethoven spielte. Je inniger die erhabenen Töne seine Seele umarmten, desto deutlicher empfand er seinen Haß, seine Eifersucht, als etwas Unnatürliches; es war ihm, als hätte sich über seine sonst reine Haut ein ekler Ausschlag gezogen. Sobald aber die Töne verstummten, trat dieses Gefühl in ihm zurück; dann fand er seine Eifersucht wieder selbstverständlich. Emma, die ihn beobachtet hatte, sagte mit Bezug auf sich selbst: »Ist es nicht merkwürdig, daß wir einen Fehler klar für einen Fehler erkennen können, und ihn doch nicht abzulegen vermögen? Ich leugne deshalb auch die Macht der Erziehung.« »Ganz recht,« bemerkte Karl, »die Erziehung 331 vermag weiter nichts, als unsere schwachen Stellen zu verdecken. Ändern können wir in uns nichts.« »Ja!« setzte Emma hinzu, »das hab ich zu meinem Ärger schon an mir selbst erfahren.« Der Direktor war anderer Meinung. Man könne doch Fehler ablegen. »Nun ja,« versetzte Karl, »die Erziehung ist wie der Arzt, der die äußeren Symptome der Krankheit eine wenig ersticken kann; die angeborne Krankheit bricht aber zu gelegener Zeit wieder durch!« Emma sah sinnend vor sich hin; sie dachte an ihren Mystifikationsdrang, Karl dachte an seinen Haß, der Direktor an seine aufkeimende Leidenschaft und Katharina an ihre Absonderlichkeiten. Karl unterbrach die eingetretene Stille: »Da es so schwer ist Andre zu erkennen und noch viel schwerer sich selbst zu erkennen, müssen wir immer ein großes Verzeihen bereit haben. Wie langweilig wäre das Leben, wenn wir uns nichts mehr zu verzeihen hätten!« »Ja, ja!« flüsterte Emma vor sich hin; »auch der Tugendhafteste rühme sich nicht seiner Tugend.« Der Direktor widersprach: »Es gibt denn doch in sich gefestigte Charaktere.« »Die gerade deshalb am leichtesten zu Fall kommen,« meinte Karl, »weil sie bei ihrem sittlichen Dünkel das leise Heranschleichen der Gefahr garnicht bemerken.« – Emma verließ die Gesellschaft gegen halb elf Uhr. Konrad ging auf Karls Zimmer, um seinen Mantel anzuziehen. 332 »Ich kann begreifen, daß du in sie verliebt bist!« sagte der fette Student. »Sie ist ja reizend. Aber gib acht, – dein Vater hat ein Auge auf sie!« Karl erschrak. »Was? das hast du bemerkt?« »Das muß doch ein Blinder sehen. Er guckt sie ja beständig an, beobachtet jede ihrer Bewegungen . . .« Karl sann verdrossen vor sich hin. »Überhaupt,« fuhr der asthmatische Konrad fort, »wo soll das hinaus? Sie ist doch zu alt für dich. Da wüßt ich dir schon was Besseres, – ganz in deiner Nähe.« »Was?« »Die reizende Natalie Meyer.« »Ach die.« »Ist das nicht ein köstliches Madl?« »O ja,« lächelte Karl drollig; »wems gfallt!« »Übrigens will ich dir was sagen: du liebst die Emma Dorn auch gar nicht.« »Wie?!« »Nein! Du steigerst dich nur künstlich mit deiner enormen Phantasie in diesen Seelenjammer hinein. Vielleicht grade deshalb, weil dein Vater sie verehrt.« Karl lächelte trüb. »Da magst du wohl recht haben,« sagte er. »Ich könnts vielleicht noch unterdrücken; aber ich will nicht, weil mirs so in diesem Schmerz behaglich ist. Wenn ich mir ihn weg denke, ekelt mich die Farce des Daseins so kraß an, daß ich dem Selbstmord nahe komme. So ist also dieses Seelenleid noch das kleinere von zwei Übeln.« »Pah,« schnaufte der fette bleiche Konrad, »was 333 ist eigentlich an der Liebe auch des schönsten Mädels gelegen? Diverse Schnäpse sind besser!« »Das seh ich ein, Bester!« gab ihm der Freund recht. »Hast du dich nur selbst, so brauchst du Niemand zu deinem Glück; hast du dich nicht selbst, bist du dir selbst eine Null, so muß dich erst die Neigung eines Andern zur Zahl erheben.« »Diverse Schnäpse!« murmelte der Dicke dazwischen. »Ich habe aber noch anderen Kummer,« fuhr Karl fort. »Doch darüber ein andres mal.« Konrad drückte dem Freund die Hand und verließ das Haus. Karl saß allein in seinem Zimmerchen vor der kleinen Studirlampe. Drüben die Druckerei lag in tiefer Finsternis. Die sonst so hellen Fenster stierten schwarz wie leere Augenhöhlen herüber. Dumpf rollte zuweilen eine Droschke auf der fernen Straße vorbei. Der viele Tee, den er getrunken, ließ ihn nicht schlafen. Seine Schläfen brannten. Schon seit acht Tagen arbeitete eine Idee in ihm, ein Gedanke, den er noch nicht recht in Worte, in eine Form kleiden konnte. Jetzt kam es plötzlich über ihn, wie aus innerer Erleuchtung. Er ergriff die Feder und schrieb in sein Tagebuch: Wann wirst dem Treiben du entronnen sein? Wann wird auch dir die Parze lächelnd sagen: Es ist genug? – O! nur kein langes Leben, Ihr Götter, häuft auf den Unglücklichen! Denn dieses Leben ist die fürchterliche, Schlau ausgedachte Strafe eures Scharfsinns, Der mit dem Opfer grause Spiele treibt! Man straft auf Erden den der Tiere quält. 334 Gibt es im Himmel denn kein Strafgericht Für den der Menschen quält? Kann nie das Schicksal Vors Tribunal gezogen werden? Kann nie dem Menschen Antwort werden auf Die Frage: Sprich, warum denn muß ich sein? Warum mich reißen aus dem dunkeln Schoß Des holden Nichts das mich umschlungen hielt? Warum in diese giftgen Sonnenpfeile Den Unglückselgen stellen? Hab ich denn Vor der Geburt gesündigt, daß mich nun So jammervolle Strafe trifft? Ha! oder . . . Habt ihr gesündigt, fürchterliche Götter? Und wollt nun gleich den Narrenkaisern Roms Ersticken des Gewissens heißen Aufschrei Im Qualgeröchel blutger Gladiatoren? Ist euch die Erde nur ein heitrer Circus, Wo eure Löwen mit den Schächern ringen? Schaut ihr vergnügt aus Wolkenbaldachinen Dem Kampfspiel zu und lacht des roten Blutes, Der aufgerissnen Wunden? klatschet Beifall, Wenn euch des Sterbenden Gezuck ergötzt? Sind euch die Menschen lächerliches Spielwerk? Und schafft ihr sie nur um sie zu zerstören? O! hütet euch! seht die geballten Fäuste Der Sterbenden zu euch im Fluch erhoben! Es könnte einst ein Tag erscheinen, der Euch bange macht! Es könnte einst gewaltig Ein fürchterliches weltdurchtönendes »Genug!« in euren Himmel von der Erde Heraufgedonnert kommen! Müd der Qual Wird dann die ganze Menschheit tun, was sonst 335 Nur Einzelne mit kühnem Griff gewagt. Dann schüttelt eure Häupter und bestaunet Das Riesenfest: den Selbstmord einer Welt! Er mußte während des Schreibens heftig weinen. Noch einmal überlas er sein Gedicht. Dann tauchte der Traum in ihm empor, den er heute Nacht gehabt . . . Er hatte sich selbst an einem großen Holzkreuz hängen sehen. Wunderlich! Was soll das bedeuten? Ist das symbolisch aufzufassen? So grübelte er und dabei prickelte es ihm noch durch die Handflächen, bis in die Herzgegend hinab. Da störte ihn ein Geräusch. Er blickte sich um, – seine Mutter hatte das Gesicht über ihn gebeugt und das Gedicht gelesen. »Aber Karl,« sagte sie sanft, mit Tränen in den Augen, »wie kannst du so was Trauriges schreiben? Du in deiner Jugend solltest das Leben schön finden!« »Ich sehe nicht ein,« gab er zurück, »wo ich einen Anlaß dazu hätte das Leben schön zu finden.« Sie drückte seinen Kopf an ihre Brust und begann leise zu weinen. »Nicht wahr,« schluchzte sie, »unsre häuslichen Verhältnisse? o Gott ja! Ich denk aber, nun wird alles, alles besser.« »Nun? besser? durch wen?« »Durch Fräulein Dorn.« »Besser? Ich denk: im Gegenteil!« »Nein!« sagte sie, »der Papa ist durch Fräulein Dorn ein anderer Mensch geworden. Er ist auch gegen mich verträglicher. Du hättest nur sehen sollen, 336 mit welcher Ritterlichkeit er sie die Treppe hinunter führte. Ich mußte lächeln.« »Lächeln? Arme Mama!« Sie sah ihn verblüfft an. »Du meinst, er hege eine Neigung für das Mädchen? Sieh, Karl, das wäre vielleicht die beste Lösung der Frage!« Er blickte erschrocken. »Wieso?« »Warum nicht?« sagte sie ruhig sinnend mit einem Anflug von Bitterkeit. »Er wird mir vielleicht sogar selbst den Vorschlag machen: wir wollen uns trennen!« »Glaubst du, daß er auf eine Scheidung eingeht?« fragte er beklommen. Plötzlich flammte ihr Auge wie im Zorn groß auf; dann füllte sichs mit Tränen. »Das ist nun mein Dank!« flüsterte sie erbittert. »Doch nur Geduld! Laß dir nichts anmerken, Karl! auch ich werde mich verstellen und tun, als sei ich mit Allem einverstanden. Er soll in eine Falle gehen.« Sie hatte die letzten Worte mit einer solch dämonischen Entrüstung hervorgepreßt, daß der Sohn sie tief erschüttert anstarrte. Der Haß seiner Mutter war ja noch gründlicher als der seine! Dabei ihre Unberechenbarkeit: vorher noch ganz einverstanden mit ihres Gatten Neigung; nun plötzlich empört! Er verstand die Mutter wohl, er bemitleidete sie und empfand in ihrer Nähe eine unsagbare Angst. Nun ward sie wieder sanft und ruhig. Sie erhob sich und umarmte den Sohn. »Wir ziehen dann zusammen,« sagte sie. »Ich brauche dann nicht ewig Angst zu haben, daß er mich für geisteskrank erklärt. Ich kann mich in aller Stille meiner 337 Wissenschaft widmen. O, wir führen dann jedenfalls ein glücklicheres Leben als jetzt!« Sie ging und ließ den Sohn im Zimmer in einer sehr gedrückten Stimmung zurück. Im Anfang kam es ihm vor, als stürze das ganze Haus auf ihn nieder; eine Ehescheidung schien ihm ein großes Unglück. Dann beruhigte er sich ein wenig. Vielleicht war ihr Leben so am Besten; die Mutter hatte recht. Er trat ans Fenster und blickte in die Nacht auf den stillen Hausgarten hinaus. Er dachte an den Vater. Warum ist dirs unmöglich ihn zu lieben? fragte er sich. Schon die Gestalt seines Vaters, seine etwas vordringenden Augen, die hinter den Brillengläsern wie Lockspitzel hervorfunkelten, seine beinahe stutzerhaft jugendliche Kleidung, das beständige Spielen der linken Hand an der goldenen Uhrkette, das alles war ihm deshalb so widerwärtig, weil es ihn zu sehr an seine eigene Gestalt, sein eigenes Gehaben erinnerte. Er erkannte seine eigenen Schwächen hier wie in einem Hohlspiegel verzerrt wieder, so daß seine überfeine Selbstkritik in Selbstverachtung überging. Wie steht es, fragte er sich in bang bewegter Seele, mit deinem Suchen nach dem Absoluten? Ist Gott nicht bloß die Liebe? – auch der Haß? Der Gott des alten und neuen Testaments ist freilich auch ein Gott des Zornes und des Hasses! Lebt dieser Gott auch in dir? Ein Grauen vor sich selbst schüttelte ihn, während sich seine Phantasie die Weltseele als ein Ungeheuer 338 vorzustellen suchte, das sich selbst quält und sein Geschaffenes haßt – und angstvoll nach Erlösung strebt. Wer sollte es erlösen? Das Geschöpf den Schöpfer? Und deshalb – sollen wir sittlich leben? Ein Ekel vor allen Körperlichen im Menschendasein überdrang ihn. Wie widerwärtig das war, daß wir aus dem Fleisch eines anderen Wesens stammen, daß wir nicht Geisteswesen für uns selbst sein können, sondern die niederen Spuren unserer Entstehungsgeschichte mitschleppen müssen. Tiefe Stille herrschte im Haus. Jetzt surrte noch einmal oben bei Meyers die Wasserleitung. Plötzlich schoß dem jungen Studenten ein sonderbarer Einfall durchs Hirn. Vielleicht gäbs eine Kur gegen deinen Haß? Sieh ihn im Schlaf daliegen! Dann wird gewiß deine Eifersucht einem tiefen Mitleid Platz machen. Er zog die Stiefel aus und schlich sich auf den dunkeln Vorplatz. Jetzt stand er an der Schlafzimmertür . . . Jetzt drückte er leise mit klopfendem Herzen die Klinke nieder, die Tür ging auf. Er war selbst gespannt auf den Eindruck, den dies Bild auf seine Phantasie machen werde. Da standen die beiden Betten dicht nebeneinander. Der Mond schielte durch den Vorhang am Fenster mit seiner überwachten Leidensmiene und warf sein träumerisch blaues Glanzgeheimnis über die maskenhaften Gesichter der Schlafenden. Der Direktor schnarchte ein wenig. Seine Nase ragte aus dem Schatten spitz in die Höhe. Er schien selbst im Schlaf seine schulmeisterliche Würde noch retten zu wollen; seine Mundwinkel waren streng nach abwärts 339 gespannt; es war, als wenn er eben mit entrüstetem Pathos sagen wollte: »Man setze sich! man hat wieder einmal nichts gelernt!« Die Mutter atmete ruhig; sie seufzte einmal traurig, ihre Hand zuckte über die Bettdecke; vielleicht träumte sie, sie schreibe an ihrem Göthebuch. Durch Karls müdes Hirn strömten allerlei träumerische Gedanken. Haben die Theosophen recht, die hinter unserem Fleischkörper noch einen Geistkörper wittern? Warum merken wir dann aber im Schlaf nichts davon? Nun dämmerten Jugenderinnerungen in seiner Seele auf. Weißt du noch, rief es in ihm, wie dich dein Vater mitnahm in den Wald? dich auf die Naturschönheiten so liebevoll aufmerksam machte? war das keine Liebe? Das war weiter nichts als der Stolz einen Sohn zu haben! belog sich sein Haß. So lange du noch seine Puppe, sein Spielzeug warst, – ja! da liebte er dich. Sobald du aber anfingst selbständig zu denken, da warst du ihm unbequem, da solltest du genau so denken und fühlen wie er! Langsam drehte er sich um und verließ das mondscheinhelle Schlafzimmer.   20. Es war etwa eine Woche vergangen. Rascher als Karl erwartet hatte, erfolgte zwischen Herrn und Frau Körn eine entscheidende Aussprache. »Du mußt selbst gestehen, Katharina,« sagte der 340 Direktor eines Abends, als er sich am Ofen die Finger wärmte, »daß wir uns gegenseitig nur unglücklich machen.« »Glücklich jedenfalls nicht!« meinte sie ironisch. »Und wir haben beide noch ein Recht auf Glück.« »Ich habe mit dem Leben abgeschlossen,« versetzte sie, »ich erwarte nichts mehr.« »Warum?« fragte er beklommen. »Dein Verstand, deine Bildung berechtigen dich noch Anforderungen an das Leben zu stellen.« »Wie meinst du das?« »Würdest du dich nicht glücklicher fühlen, wenn . . . nun, wie sag ich gleich? wenn du dich ganz deinen Forschungen hingeben könntest?« »Gewissermaßen . . . allein? ohne dich?« fragte sie. »Ohne, daß dir irgendwer drein zu reden hätte.« »O ja! Du kommst mir entgegen. Trennen wir uns!« Er zuckte freudig zusammen, ergriff die Ofenzange und wühlte in den glühenden Kohlen herum. »Trennen?« fragte er leise. »Sind wir nicht schon längst innerlich getrennt?« »Nun, – tun wirs jetzt auch äußerlich!« versetzte sie, ihre Gemütsbewegung verbergend. »Wie du willst . . . Wenn du meinst?« stotterte er von ihr abgewendet. Die Glimmerglasblättchen des Amerikanerofens beleuchteten eben sein bleichgewordenes Gesicht mit purpurner Glut. Sie beobachtete seine Züge, denen er einen gelinden, resignierten Schmerz aufzuzwingen suchte. »Ich habs ja schon lange gewußt,« sagte sie mit tiefer Stimme, »daß du Emma Dorn liebst.« 341 Er erhob sich und wendete sich ihr zu. »Ein Wort von dir, Katharina,« entgegnete er mit tiefem Ehrenmannsbrustton, »und ich denke nicht mehr an sie.« »Geh!« lächelte sie melancholisch. »Verstell dich doch nicht so.« »Auf Ehrenwort!« »Verpfände deine Ehre wo du willst; nur nicht in Sachen der Liebe. Übrigens, ich glaube dir ja, daß du, wenn ichs verlange, die Symptome deiner Liebesleidenschaft unterdrücken würdest. Was hätt ich davon? Von einer Tugend, dem heißen Blute künstlich abgerungen?« »Katharina! ich bin kein Jüngling mehr!« hauchte er sanft. »Nein,« versetzte sie. »Aber du gehörst zu jenen Männern, bei denen ein zweiter Tumult im Blute vielleicht stärker tobt als der erste.« »O, o,« wendete er sanft ein, »du irrst.« »Du hast im fünfzigsten Jahr dein Herz entdeckt,« fuhr sie fort. »Mich hast du nur aus Pflichtgefühl geheiratet . . . Wende nichts ein! ich weiß es! Jetzt hast du endlich den Prometheusfunken gefunden, der dich starre Thonstatue zum lebendigen Menschen umwandelt. Nun, ich stehe diesem Gotteswunder machtlos gegenüber, ich will dich nicht wieder zu leblosem Thon zurückgemodelt sehen, – ich trete zurück.« Er war auf sie zu geeilt. »Katharina!« kam es dankbar über seine Lippen, – doch fiel er deshalb nicht aus der Rolle des schmerzbewegten Ehemannes. 342 Sie wehrte mit der Hand seinem Näherkommen ironisch ab. »Triumphiere nicht zu früh,« sagte sie mit einem Anflug leiser Verachtung. »Ich trete zurück, ja; wir trennen uns. Aber scheiden laß ich mich nicht.« Er sah sie betreten an. Dann senkte er ergeben den Kopf. »Nein,« fuhr sie bitter lächelnd fort; »diese kleine Rache mußt du mir schon lassen. Es ist ja wohl schon eine Erleichterung für dich, die Irrenhauskandidatin nicht mehr in deiner Nähe zu haben?« Er seufzte. »Man fügt sich ganz deinem Wunsche!« sagte er mit präzeptoraler Würde. »Und hofft im Stillen, ich würde später doch noch in die Scheidung willigen?« fragte sie spöttisch. »Es ist nicht in Abrede zu ziehen, daß man auch daran denken könnte. Doch sei dem wie ihm wolle, – man fügt sich in die Umstände.« »Man ist zufrieden mit dem Sperling in der Hand?« setzte sie ironisch hinzu. »Wenn man den Storch auf den Dach nicht haben kann.« Er seufzte melancholisch lächelnd. Sie wendete sich ihrem Schreibpult zu und er entfernte sich. Er war zufrieden; denn er empfand es wirklich als große Erleichterung, die ewigen häuslichen Unbequemlichkeiten und Fehden los zu sein. Katharina zog schon am andern Tag aus dem Haus; er nahm in ganz freundlicher Weise von ihr Abschied. Bevor sie hinabging, sagte sie: »Unsere Ehe hat der Schöpfer nur deshalb veranlaßt, um der Welt 343 talentvolle Kinder zu schenken. Auf uns, die Eltern, nahm er gar keine Rücksicht.« »Du bist eine Philosophin!« schmeichelte er ihr. »Keine Halbverrückte mehr?« lächelte sie vorwurfsvoll. Körn fuhr sich über die Augen. Katharinas Augen blieben trocken, aber sie hatten den eigentümlich starren Ausdruck niedergekämpften Herzeleids. »Ich tauge überhaupt nicht zur Ehe«, sagte er, während er sie die Treppe herab an den Wagen führte. »Ich bin eine Gelehrtennatur; ich sollte immer für mich allein hausen.« »Ich ebenfalls«, entgegnete sie und stieg in die Droschke. Karl und Eduard begleiteten die Mutter in ihre neue Wohnung. Körn aber rief dem abfahrenden mit Schachteln und Koffern beladenen Wagen nach: »Im übrigen bleiben wir Freunde?« Ihre Antwort ward vom Gerassel der Räder verschlungen. Als der Direktor in seine einsamen Zimmer zurückkehrte, befand er sich in einer seltsamen Stimmung. Sein Herz war freudig bewegt, er war frei!! frei von einer entsetzlichen Fessel. Doch schlich sich ihm in diese Freude das quälende Gefühl, ein Unrecht begangen zu haben. Erst als er sich in seine Schulhefte vertieft hatte, verschwanden diese leichten Gewissensbisse. Seine Wohnung kam ihm indessen auf einmal außerordentlich öde vor. Einmal passirte es ihm sogar, daß er, während er in seinen Heften herumwühlte, nach Katharina rief. 344 Er errötete, als ihm nun erst wieder ins Bewußtsein trat, daß sie ja nicht mehr hier weilte. Manchmal glaubte er, er müsse ihre pathetische Stimme hören. In der Nacht träumte er von ihr: Sämtliche Wohnräume stellten die Sintflut dar; Katharina fuhr auf einem Besenstil mitten durch das Wasser, das mit unendlichem Rauschen aus der Badewanne stürzte; kleine Meerungeheuer umschwammen sie schäckernd. Entsetzlich, entsetzlich! dachte er im Traum; ich bin ein geschlagener Mann, ich muß diese Fessel bis ins Grab mit mir schleppen! Da spritzte ihm die Keifende Wasser ins Gesicht – er erwachte. O Gott! seufzte er; kann ich denn nie von ihr los kommen? Er lauschte, ob er nicht ihr altgewohntes Schnarchen vernehme, ob sie nicht, wie sonst, sich im Bette hin und herwerfe? Nichts dergleichen. Alles blieb still. Er schielte aufs andere Bett hinüber . . . Wie?! er sah im Mondlicht, daß es ja gar nicht aufgedeckt war. Jetzt erst durchzuckte ihn ein Freudeblitz! Du bist ja befreit! Sie kommt ja nicht wieder! Dann schlief er wonnetrunken von neuem ein. Solche Zustände hatte er noch oft. Wenn er von der Schule nach Hause kam, begleitete ihn das peinliche Gefühl: jetzt wartet sie wieder auf mich! Dann mußte er über diese Zerstreutheit lächeln. Erst nach ungefähr einer Woche besuchte er zwischen Licht und Dunkel Emma Dorn. Sie war allein, Luise war ausgegangen. Er saß neben ihr auf dem Sopha. 345 »Ich hätts nicht länger ausgehalten in dieser Ehe!« sagte er. »Ihnen darf ich ja alles anvertrauen! Ich bin ein anderer Mensch geworden, das Leben hat wieder Reiz für mich. Ich sehe in die Zukunft wie ein Jüngling im wunderschönen Monat Mai!« »In welche Zukunft?« fragte sie beklommen. »Was erwarten Sie noch vom Leben?« »Noch viel!« entgegnete er. »Ich hoffe, daß meine Frau doch in eine Scheidung willigt. Dann . . .« »Dann?« flüsterte sie den schönen Kopf niederbeugend und mit der Hand nervös an der Sophaquaste spielend. »Dann . . .« fuhr er mit weicher Stimme fort, »steht es mir ja frei eine neue Ehe einzugehen.« »Ach so!« nickte sie sehr betreten. Nach einer längeren Pause, in der man nur die alte Wanduhr ticken hörte, faßte er ihre mit der Quaste spielende weiße Hand. »Emma!« Das klang gar nicht schulmeisterlich. Doch entbehrte die Art mit der er sie jetzt langsam aber sicher an seine Brust zog, entschieden nicht einer gewissen pedantischen Würde. Auch sein Kuß trug einen keinen Widerspruch duldenden Charakter schulmeisterlicher Herrscherlaune. Überhaupt waren seine Zärtlichkeiten gemessen, ehrenmannhaft ernst. Man sah seiner Verliebtheit an, oder sollte ihr wenigstens ansehen, daß sie aus beamtenhaft sittlicher Grundlage aufwuchs. Hier erlebte man keinen äußerlichen Sturm der Leidenschaft, keine flatterhafte Sinnengier. Der 346 Lavastrom seiner Sinne floß mit christlich-germanischer Würde, mit präzeptoraler Erhabenheit dahin. Doch hatte Emma den Eindruck, als ob hinter dieser imposanten Strenge eine stille, gut versteckte Lüsternheit lauschte. Was sie selbst anlangte, so mußte sie sich gestehen, daß sie den in vieler Hinsicht so naiven Mann, wenn er auch bereits fünfzig Jahre alt war, aufrichtig liebte. Sie liebte an ihm auch den etwas ans Komische streifenden Zug zum Steif-Würdevollen, das er dann wieder in einer weltmännischen Grazie ungeschickt zu verbergen suchte. Die Art seiner Zärtlichkeitsbeweise nötigte ihr oft jenes heimliche Lächeln ab, das gescheidte Frauen für die Schwächen geliebter Männer in Bereitschaft haben. Es erregte ihre Eitelkeit seiner schulmeisterlichen Würde kleine Niederlagen beizubringen. Peter, der Kater, saß auf dem Sofarand und schaute mit Verwunderung zu, wie seine Herrin die Küsse eines Herrn erwiderte. Hätte er reden können, so hätte er vielleicht mit seinem Lächeln des Mephistopheles Worte wiederholt: »Hab ich doch meine Freude dran!« Dann kratzte er sich sein graues Fell, daß die Haare stoben, eilte rasch davon ins Freie und schien zu denken: tout comme chez nous! * Katharina wohnte seit ihrem Abgange aus dem Haus des Direktors bei ihrem fast achtzigjährigen Vater, einige Straßen weiter nach der Stadt zu. Sie fühlte sich in mancher Hinsicht wohler als früher, 347 da sie sich nun ungestört ihren Liebhabereien hingeben konnte. Monatlich erhielt sie von ihrem ehelichen Versorger hundertundfünfzig Mark; im übrigen verspürte sie kein Heimweh nach ihrem Gatten, wie er es doch ab und zu nach ihr empfunden hatte. Sie fühlte sich gekränkt, beleidigt; ja sie sann, da sie einer sehr impulsive, auf ihre Fähigkeiten stolze Natur war, im Stillen auf Rache. Sie hatte ihm, wie sie glaubte, so gar viel zu verzeihen; er verstand sie nicht, er war ein Egoist, ein eingebildeter Schulmeister. Sie gehörte zu jenen Naturen, bei denen, wenn ihr geistiger Hochmut einmal verletzt wird, sich nicht gleich, sondern erst allmählich, ein Haß entwickelt, der gerade, weil er langsam wächst, mit der Zeit zu einem Riesen sich auswächst. Alle die Demütigungen, die sie sich hatte von ihrem Adolf gefallen lassen müssen, zerlegte sie sich nun in ihre Bestandteile, sezierte jede Stimmung, analysierte jedes böse Wort, jeden Blick, jede Geste. So ward er ihr jetzt erst recht verhaßt und sie suchte auch ihre Söhne, die vorläufig noch bei dem Vater wohnten, mit diesem Haß anzustecken. Als Karl sie zum erstenmal nach der Trennung besuchte, konnte er nur mit Mühe seine Tränen zurückhalten. Auch sie war tiefbewegt, umarmte ihr Kind und brach schließlich in erleichternde Tränen aus. Die Mutter allein, einsam, gleichsam verstoßen! Der Gedanke erweckte im Gemüt Karls alle schlafenden Dämonen der Erbitterung. »Besser als im Irrenhaus!« sagte sie, als der 348 Sohn sie fragte: ob sie denn dies Leben ertrage? »Und dahin hätten mich die Beiden gewiß noch gebracht!« Karl meinte zwar, das wäre nicht möglich gewesen; wenn sie aber nichts entbehre, wenn sie sich in dieser Einsamkeit wohl fühle, müsse er die Trennung als ein Glück für sie betrachten. »Ja, ich halte die Trennung von ihm für ein Glück,« versetzte sie. »Und doch ist in mir der Mensch, die Schriftstellerin, vor allem das Weib, die Mutter, so tief beleidigt, daß ich unbedingt noch auf Erden die Bestrafung dieses Egoisten erwarte. Ich bin ja sonst nicht rachsüchtig, – in diesem Falle kann ich nicht anders. Es muß eine Vergeltung auf Erden geben! ich muß ihn demütigen!« »Nicht rächen, Mama!« wendete Karl beklommen ein. »Rache ist immer gemein.« »Nein«, fuhr sie erregt fort, »Strafe ist notwendig! Gott selbst rächt die Übeltat; aber durch wen? Durch seine Menschen. Seien wir seine Werkzeuge. Daß er die Andre schöner findet als mich, – ach! das nehme ich ihm gar nicht übel! deshalb streb ich nicht nach Rache. Es liegen ganz andere tiefere Gründe vor. Aber siehst du, – wir wollen ihn gerade durch die Andre strafen. Das ist der wunde Punkt an ihm, seine Achillesferse. Hier packen wir ihn. Ich flehe dich an, liebes Kind, beobachte ihn, gib mir Nachricht, ob er, wie oft er mit Emma zusammenkommt; wo er mit ihr zusammenkommt. Wir sind nur getrennt, – ich willige nie in eine Scheidung . Kann ich ihm nur den geringsten 349 Fehltritt nachweisen, so stell ich Strafantrag wegen Ehebruchs.« »Ich begreife deinen Gemütszustand, liebe Mama«, sagte Karl ablehnend und dennoch von dieser bösartigen Rachsucht wider Willen angesteckt. »Aber es widerstrebt mir als Kind, den eigenen Vater auszuspionieren. Überlaß ihn seinem Schicksal.« Katharina wendete sich mismutig ihren Götheschriften zu. Karls Mund hatte übrigens anders gesprochen, als sein Herz. Freilich hielt er die Rache für gemein, aber trotzdem erwachte in seiner Brust das leise Streben nach Rache. Freilich mochte er als Kind den Vater nicht denunziren; aber hätte sich die Gelegenheit geboten, – er hätte vielleicht, wenn auch nach innerem Kampf, sie benutzt. Er belog sich selbst und die Mutter; wußte auch, daß er dies tat, und war sehr unglücklich darüber. Seine geheime Triebfeder war ganz dieselbe wie die seiner Mutter, – die Eifersucht! Nur, daß jede dieser beiden Eifersüchte einen anderen Weg ging. Hier begegneten sich Beide, doch wußte es nur der Sohn. Als Karl bemerkte, daß seine Mutter nicht ganz mit ihm zufrieden war, daß sie erwartet hatte, er werde viel schneidiger als Verteidiger der Mutter auftreten, trat ihm noch deutlicher als vorher das Häßliche des Hasses, das Niedrige der Rache, das Suchtartige der Eifersucht ins Bewußtsein. Er fühlte, daß er seine Mutter nicht mehr recht achten konnte. Es trat im Gespräch eine Pause ein. Sie war verlegen, er niedergedrückt. 350 »Nun«, sagte er endlich verstimmt, »ich will sehen, was sich tun läßt.« »Es ist ja nicht schön von mir,« versetzte sie, »das Kind gegen den Vater zu hetzen, – verzeih mir! Trotzdem hätt ich von dir erwartet, daß du wärmer meine Partei ergreifst!« »Ich fühle ja, daß man dir zu nahe getreten ist,« räumte er ein. »Laß mir nur Zeit. Er hat ja auch mich nie verstanden! Ich unternehme gewiß nichts gegen ihn, aber . . . genug!! Leb wohl, Mama!« Er umarmte sie, die wiederum in Tränen ausbrach und verließ dann sehr niedergeschlagen das Zimmer. Als er durch die dämmernden Straßen wandelte, dachte er über den menschlichen Charakter nach. Es ist doch wahrhaft entsetzlich, sagte er zu sich, daß selbst die Besten Schwächen und Fehler haben, daß Keiner ein durchaus edles Vorbild bietet. »Das Dichten und Trachten des menschlichen Herzens ist böse von Jugend auf.« Am traurigsten ists, wenn das Kind im Charakter seiner Eltern Fehler entdeckt. Es wäre endlich an der Zeit, daß wir eine Religion fänden, die die Menschen tatsächlich bessert! Das Christentum hat darin nichts geleistet, es verschleiert nur die Sünden und verzeiht sie. Wir brauchen eine Weltanschauung, die die Moral aus einer völlig natürlichen, ja naturwissenschaftlichen Grundlage aufbaut. Wir müssen das Dichten und Trachten des menschlichen Herzens von Jugend auf – von Jugend auf! so tief beeinflussen, daß es sich 351 in den Kindern so nicht mehr weiter erben kann! Der Christ strebt tugendhaft zu handeln, weil es ihm Gott so vorschreibt; der wahre Gottsucher müßte unabhängig von einem äußeren Befehl, tugendhaft handeln, aus innerer Überzeugung. Wir müßten mathematisch beweisen können, daß schlecht zu handeln – dumm ist, gut zu handeln – klug. Noch ehe er seine Grundsätze völlig zu Ende gedacht hatte, merkte er, daß seine Füße dem Zug seines Herzens gefolgt waren, – er befand sich in der Nähe von Emmas Wohnung. In Karls Gewohnheit lag es, zuweilen das kleine Gartenhäuschen – nicht zu besuchen, sondern – nur sehnsüchtig zu umschleichen, den Kopf zu recken, einen Blick durchs Fenster zu werfen und dann, den Garten wieder zu verlassen, ohne die Geliebte gesprochen zu haben. Als er das heute tat, erblickte er sie am großen Fenster, das auf die Vorhalle hinausführte. Sie malte. Verschwommen durch die Glasscheiben schimmernd leuchteten ihm zwei Köpfe entgegen, – antike Köpfe mit langen Hälsen, übergroßen Augen. Die Künstlerin bemerkte ihren stillen Beobachter nicht, der ihr, in das dichte vergilbte Weinlaub geduckt, wohl zehn Minuten lang zusah. Er wußte, daß sie zuweilen Kopien für Kunsthandlungen anfertigte und zerbrach sich deshalb nicht weiter den Kopf, aus welchem Grunde sie gerade altgriechische Charakterköpfe malte. Neben ihrem Stuhle lag ein einfarbiges Original, – mehr konnte er nicht sehen. Wahrscheinlich, 352 dachte er, will sie sich durch diese Kopie für ihren altgriechischen Roman Sokrates begeistern! sie ist wirklich ein kleiner weiblicher Michel Angelo; sie könnte in der Malerei beinah gerade so Gutes leisten wie in der Dichtkunst. Allerdings zum wahrhaft Großen und Vorzüglichen, das fühlte er, reichte ihr Talent in beiden Künsten nicht aus; es blieb achtbares Mittelgut. Nun ward es dunkler. Die Malerin erhob sich, um ihre Farben einzupacken, Karl schlich sich auf einem kleinen Umweg vom Fenster hinweg, zur Vorhalle hinaus. Seine Sehnsucht war stärker als je in ihm erwacht. In der folgenden Nacht konnte Karl nicht schlafen. Unruhig wälzte er sich im Bett. Er wußte, daß sein Vater im Pult Emma Dorns Romanmanuskript liegen hatte, um es durchzukorrigieren. Diese Blätter ließen ihm keine Ruhe mehr. Es wahr ihm als konzentriere sich Emmas ganze Seele in diesem Werk; der Drang erwachte in ihm, das Manuskript zu sehen, zu befühlen, zu lesen, an die Lippen zu drücken. Er erhob sich und schlich sich scheu, wie ein Dieb, aus dem Zimmer. Er begriff sich selbst nicht, es schien ihm, als ob er in einem somnambulen Zustand gegen seinen Willen handle. Heute abend war Emma beim Vater gewesen. Karl hatte mit ihr am Tisch gesessen und hatte sehen müssen, wie ihr seines geistreiches Lächeln, wie der einschmeichelnde Zauberklang ihrer Stimme dem Vater galt! Ihn beachtete sie nur wenig, höchstens, daß sie ihm zuweilen einen mütterlich-gönnerhaften Blick zuwarf. Aus 353 diesem Blick las der Jüngling eine leise Gefallsucht, einen leisen Triumph. Es war ihm vorgekommen, als ob in ihrem Aug ein süßes Bedauern, ein schmerzliches Mitleid aufdämmerte, durch das sie aber seine Liebesglut eher hätte verstärken, als abschwächen wollen. Und dieses kokette Mitleid, das er aus ihrem Auge las, flößte ihm beinahe ein wenig Haß ein. Er war ganz erstaunt über dies Gemisch von Liebe und Haß in seinem Busen und hätte es nicht für möglich gehalten, daß diese sich widerstreitenden Empfindungen sich doch so innig durchdringen können, wenn er es jetzt nicht in der eigenen Seele erlebt hätte. Nun stand er mit klopfendem Herzen, notdürftig bekleidet, vor der Zimmertüre. Sollte er öffnen? Leise hob er die zitternde Hand, leise drückte er die Türklinke nieder. Die Türe ging geräuschlos auf, er befand sich im Arbeitszimmer des Vaters. Aus den durchsichtigen Glimmerglasblättchen des amerikanischen Ofens lugte ein wenig rote Glut und warf einen behaglichen Purpurstreifen weit über den bunten Teppich bis an den großen Schreibpult. Karl tastete sich bis an den Pult und zog langsam die unterste linke Schublade heraus. Er wußte: dort lag das Manuskript. Gleich erkannte er den blauen Umschlag. Er ergriff das Heft und trat ans Fenster, um die Aufschrift beim Schimmer des Mondlichts zu entziffern. Was willst du eigentlich? fragte er sich. Ein Kunstwerk zerstören? Bist du ein Vandale? Nein, das brachte er nicht übers Herz, obgleich sich in 354 seine Liebe zu ihr das bittere Gefühl der Zurücksetzung mischte, das herzzernagende Gefühl, als ob sie ihn im Stillen – belächele, ihn für einen grünen Jungen halte. Er drückte das Heft an die Lippen, er benetzte es mit seinen Tränen, er wollte die Blätter mitnehmen, um sie unter sein Kopfkissen zu legen. Dann faßte ihn wieder eine grimmige Wut. Er schleuderte das Heft zu Boden, hob es wieder auf und wollte es in die glühenden Kohlen des Ofens schleudern. Plötzlich hörte er ein Geräusch wie von Schritten im Nebenzimmer. Er blieb stehen. Ja! – dort näherten sich knarrende Schritte der Türe. Nun schlüpfte er rasch hinter die breite gelbe Gardine des Fensters. Jetzt ward die Tür etwa zwei Finger breit geöffnet . . . . rötlichgelber Lampenschimmer quoll ins Arbeitszimmer. Von seinem Versteck aus erkannte er seinen Vater, der im grünen Schlafrock aus dem Schlafzimmer kam. War das nur ein Traum? Des Vaters Lippen umschwebte ein zärtliches Lächeln, dasselbe jugendlich-galante Lächeln, das ihm schon während des ganzen Abends am Teetisch die schulmeisterliche Würde geraubt hatte. Karl hatte da mit Erstaunen bemerkt, daß sein Papa genau dieselben Menschlichkeiten unter seiner präzeptoralen Maske verbarg, wie die Andern; sein Erzeuger war durch diese »Schwächen« – so wars der Jüngling zu nennen gelehrt worden und so nannte ers – noch einige Zoll in seiner Achtung gesunken, denn seiner naiven Anschauung nach mußte ein gereifter Mann der 355 Wissenschaft über solche Anwandlungen erhaben sein. Jetzt kam der Direktor, die kleine Nachtlampe in der Hand, näher. Er schritt an ihm vorbei, nach dem Salon zu. Was hatte er dort zu tun? Warum lächelte er so geheimnisvoll? Karl schlüpfte hinter der Gardine heraus, dem Vater nach in das Eßzimmer. Dort blieb er an der Türe des Salons lauschend stehen. Horch – eine leise weibliche Stimme! Die Stimme Emmas? Karl hatte doch geglaubt, sie sei etwa um zehn Uhr gegangen! Allerdings erinnerte er sich, daß der Vater davon gesprochen; es regne in Strömen, sie solle noch warten. Also hatte sie offenbar dem Rat des Vaters gefolgt, hatte sich überreden lassen die Nacht hier zuzubringen auf dem Divan des Salons! Karl bebte am ganzen Körper, als er jetzt zu hören glaubte, daß der Vater die Lampe auf den Tisch stellte. Horch! Zärtliches Geflüster?! Karl sah und hörte nichts mehr; ihm war als sänke er in dunkelgrünen Wellen unter, er rang nach Atem, er taumelte gegen den Türpfosten. Mitten in diesem sinnverwirrenden Rausch tauchten plötzlich rote Flecken in seinem Geist auf, – die roten Tintenflecken, die er einst . . . wie Blut . . . hatte von des Vaters Pult fließen sehen. Er taumelte auf, eilte ans Fenster. Dort vom Garten des Regierungsgebäudes, das über der Straße lag, grillte jetzt häßliches Katzengejammer herüber, ein klägliches Gewimmer! . . . dann wieder tiefe nächtliche Stille . . . .. Aber was war das? auch hier an der 356 Fensterscheibe rannen diese widerlichen roten Tropfen herunter? Er suchte sich vorzulügen, es seien Tintenflecken; seine Phantasie aber sah – Blut! Er bebte, schlüpfte wieder ins Dunkel des Zimmers zurück. Wieder dies jammervolle Katzengestöhne! oder war es Säuglingsgewimmer? Er hatte keine Ahnung, wie lange er schon hier war; nun schlug eine Uhr mit ruhigem, edlem Ton, – er wollte zählen . . . er verwirrte sich. Du solltest wieder zu Bett gehen, dachte er; ging aber nicht, sondern malte sich in überhitzter Phantasie aus, wie sein Vater gegen Emma zärtlich war. Ein wilder Krampf zog sein ganzes Inneres jäh zusammen. Jetzt kam der Direktor wieder, sorgsam alle Türen verschließend, die Lampe in der Hand, zurück. Karl hätte sich verbergen können, aber er tat es nicht, ein dämonischer Trotz hielt ihn mitten im Zimmer fest. »Du bist ein Übermensch!« raunte ihm eine Stimme zu; »bäume dich auf gegen dein Schicksal!« Der Direktor schlurfte näher, diesmal ein noch innigeres Lächeln um die Lippen. Wie kleinlich kam er dem Sohn jetzt vor; das war ja ein Heuchler, der öffentlich Tugend predigte . . .! Sein alter Haß gährte mit erneuter Gewalt aus. Er blieb stehen, – sein Vater stieß fast auf ihn. »Du?« stotterte er. »Was sucht man hier? warum ist man nicht im Bett?« »Ja, warum ist man nicht im Bett?« gab der Sohn höhnisch zurück. Diese Antwort entfachte des Vaters helle 357 Entrüstung. Er stellte die Lampe auf den Pult. Nun entdeckte er auch in der Hand des Sohnes das Romanmanuskript. »Wie kommst du dazu?!« fragte er. »Gib das Heft her!« Er griff danach, – der Sohn schleuderte das Heft weit von sich zu Boden. »Infamer Junge!« knirschte Körn und versetzte dem Sohn eine schallende Ohrfeige. Dieser Schlag wirkte wie eine Erlösung. Mit einem Ächzen, als wälze sich ein Alp von seiner Brust, packte er den Vater am Hals und schleuderte den Überraschten mit aller Gewalt gegen den eisernen Ofen. Ein metallner Krach! – dann Stille! Karl wachte aus dem entsetzlichen Traum, der ihn bisher geknebelt, auf. Der schwere Ofen war durch den Anprall des Körpers zur Seite gewichen . . . Dort an der rechten Ecke des Ofens hatte ein Mensch gehangen, der jetzt langsam herunterrutschte ins Zimmer. Der Ofen zischte, – es roch nach verbrannten Haaren. Ein Schüttelfrost überfiel den Jüngling. Er starrte den Körper an, der mit dem Kopf auf der Ofenkante, im Zimmer lag. Der rotgesäumte Schlafrock war unter ihm ausgebreitet. Karl ergriff die Lampe und taumelte auf den regungslosen Körper zu. Ja! er erkannte das bartumrahmte Gesicht . . . es war jetzt sehr bleich . . . die Augen waren geschlossen, der Mund, dem ein leises Stöhnen entquoll, geöffnet. Hatte er das getan? Nein! Das hatte eine fremde Person in ihm verrichtet . . . . er war manchmal ein Anderer . . . . Horch! jetzt schrillte wieder das häßliche 358 Katzengeschrei von der Straße herüber. Nun blickte er sich um. Der Direktor hatte die Türen des Salons und Eßzimmers geschlossen . . . es schien Niemand von dem Fall gehört zu haben. Was sollte er tun? Leute wecken? Das konnte Verdacht erregen. Sich wieder ins Bett legen und den Verwundeten seinem Schicksal überlassen? Das brachte er nicht übers Herz. Nun ward ihm allmählich auch immer klarer, daß er das getan hatte, kein Anderer! und mit diesem Bewußtsein wichen alle früheren Wahnvorstellungen aus seiner Seele, – die schauderhafte elende, nackte Wirklichkeit grinste ihm ins Auge. Er eilte an die Zimmertür seines Bruders. »Eduard mach auf!« Er hörte nicht; Karl klopfte; das Bett krachte. »Ja, was ist denn?« gab endlich eine schläfrige Stimme zurück. »Steh auf . . . ich glaub, es ist ein Unglück passirt.« »Ach wo! Unsinn.« »Kein Unsinn! Steh auf! ich hab einen dumpfen Fall gehört.« »Ach, – du träumst.« »Nein, komm doch! hilf mir doch!« Endlich öffnete Eduard die Tür und lallte schlaftrunken: »Laß mich doch in Ruh! Es werden Mäus gewesen sein.« »Unsinn! Mäus!« rief Karl. »Ich glaub, den Vater hat n Schlaganfall getroffen; komm mit mir ins Studirzimmer.« »Schlaganfall?« lallte Eduard, schlüpfte aber doch in die Hosen, wobei er in seiner Schlaftrunkenheit 359 fast das Nachttischchen umstieß und folgte dem Bruder. »Du bist ein Phantast!« ächzte er mit weinerlicher Stimme. »Einen im besten Schlaf zu stören! Siehst Gespenster.« Die lange gelbe Löwenmähne hing ihm phantastisch ins blödblickende Gesicht, als er dem Bruder voraneilte. Trotz seiner ungeheuren Erregung überkam Karl ein krankhafter Reiz zum Lachen, als er die hagere Gestalt Eduards vor sich her taumeln sah. »Nu was hast du denn?« fragte der Musiker, sich entrüstet umwendend. »Deine Haare,« lachte Karl, »die Hosenträger . . . deine Augen . . .« Er krümmte sich vor Lachen, aber das Lachen tat ihm weh, seelisch und körperlich; es war eigentlich mehr ein unnatürliches Weinen, der höchste Ausdruck eines übermenschlichen Schmerzausbruchs. Dies ahnte Eduard nicht, fühlte sich beleidigt und packte den krampfhaft Lachenden zornig an den Schultern. »Willst du eine Maulschelle?« fragte der entrüstete ›Gott‹. »Ja, ja, gib mir eine!« lachte Karl, »damit ich zu mir komme.« Dann setzte er auf einmal, seinen Freund Konrad nachäffend hinzu: »Diverse Schnäpse!« »Mensch! bist du verrückt?« schrie Eduard, eilte schwankend weiter, stieß die Tür zum Studirzimmer auf und rief: »Mensch, wenn du mich umsonst geweckt hast, gibts Prügel.« Karl stand am ganzen Leib bebend hinter ihm und fragte: »Was siehst du?« Dann kam wieder 360 der lächerliche Drang über ihn, die Phrase: »Diverse Schnäpse!« vor sich hin zu flüstern. »Was ich seh? was ich seh?« keuchte Eduard schläfrig. »Nichts seh ich. Du hast wieder mal phantasiert. Unsinn! – nichts regt sich. – So schweig doch! was hast du nur immer mit deinen »Diversen Schnäpsen«! Ich hätt wirklich gute Lust, dir eine runterzuhauen. Einn aus dem besten Schlaf zu wecken . . . wo ich heut soviel komponirt hab, daß mir der Schädel brummt.« »Eh du mir eine runterhaust,« murmelte Karl»sieh da hin!« »Da?! was ist da?« »Am Ofen!« »Halt n Ofen!« »Diverse Schnäpse!« »Jetzt sei mal endlich still . . . Donnerwetter!« Der letzte Ausruf galt seiner Verwunderung darüber, daß der matte Strahl der Lampe ganz am hintersten Ende des Zimmers eine ihm rätselhafte Masse am Boden erleuchtet hatte. Er trat näher und blieb dann entsetzt stehen. »Wa . . . was ist . . .« stammelte er. »Der Papa . . .?« »Wer?« fragte Karl, der nur dadurch seine Sinne mühsam zusammenhalten konnte, daß er sich beständig an seines Freundes ulkige Gewohnheitsphrase klammerte. »Um Gotteswillen!« schrie jetzt Eduard auf, »es ist so! er ist wohl ausgeglitten! er hat ja den ganzen Ofen mitgerissen!« »Entsetzlich!« stöhnte der Andere. 361 »Geh auf die Bodenkammer!« rief Eduard. »Ruf das Dienstmädchen . . . Oder nein . . . erst wollen wir ihn ins Bett tragen oder warte . . . ruf lieber doch das Mädchen.« Karl schoß zur Tür hinaus und weckte das neben den Speicherräumen schlafende Mädchen. Dann zog er sich hastig an, um den Dr. Müller herauszuschellen. Indessen hatte Eduard mit Hilfe des Dienstmädchens den Vater zu Bett gebracht. Sie hatten ihm kalte Umschläge gemacht. Mitten in ihrer Arbeit störten sie Schritte; Emma war durch das Laufen und das beständige Brausen der Wasserleitung aufgeschreckt worden. »Wie? Sie hier?« rief der erstaunte Komponist, Schriftsteller und Sänger, als er Fräulein Dorn wie eine weiße Geistererscheinung aus dem Salon in der Küche auftauchen sah. \>Was ist denn passirt?« fragte sie, die Anrede des Verwunderten ganz überhörend. »Kommen Sie nur,« sagte er ernst, der gerade den Wasserhahn zu drehte und das nasse Tuch auswand; »gut daß Sie da sind, wir können jetzt weibliche Hilfe brauchen. »Aber was ist denn?« stieß sie entsetzt heraus. Er sah ihr mit einer tragischen Miene in das erbleichende Gesicht: »Papa ist gestürzt.« Sie griff wankend nach dem Türpfosten. »Gestürzt?« entfuhrs ihr. »Wie dann? wo dann?« Eduard eilte mit dem tröpfelnden Tuch ins Schlafzimmer; sie folgte bebend. 362 Ein halbunterdrückter Schrei entrang sich ihren Lippen, als sie das geliebte Haupt totenbleich auf dem Kissen erblickte. Die Nachtlampe goß ihren trübroten Schimmer über diese starren Züge, während schon das erste Frührot durch die Ritzen der Fensterläden schielte. Eine dunkle Ahnung, daß sie dies Unheil mitverschuldet, umkrampfte ihr Herz. Ganz aufgelöst im Schmerz näherte sie sich dem Bett. Er schlug langsam die Lider auf; aus diesem Blick glomm ein tiefer Seelenschmerz. Sie beugte sich, ihre ganze Fassung zusammenraffend, über das bleiche Gesicht des Direktors. Er war völlig zu sich gekommen, fühlte sich aber noch sehr matt. Die hellen Tränen rannen ihm über die Wangen, als er Emmas Gesicht so nahe über dem seinen erblickte. Ihre geisterhaft weit aufgerissenen Augen suchten liebevoll fragend nach Trost, nach Hoffnung in seinen müden traurigen Blicken. »Aber was ist dir denn zugestoßen?« fragte sie, ihm zärtlich über die Wangen streichend. »Nichts«, flüsterte er; »ein kleiner Unfall.« Im Anfang, als wieder die Welt vor seinen Blicken aufzudämmern und er sein eigenes Ich wieder zu ahnen begann, hatte er den ganzen Vorfall völlig vergessen. Erst allmählich erinnerte er sich an den Wortwechsel mit Karl – und empfand nun ein tiefes Grauen vor dem eigenen Kind, gemischt mit Reue. Er hatte ihn doch vielleicht nicht richtig behandelt, sagte er sich. 363 »Du bist ausgeglitten?« fragte sie ängstlich. »Ja«, lispelte er. »Man sorge dafür, daß Karl nicht in meine Nähe kommt. Man will ihn nie mehr sehen! nie mehr!« Sie blickte ihm mit erschrockenem Gesichtsausdruck ins Auge. »Karl – wie so?« stammelte sie. »Genug,« fuhr er fort. »Ich kann nicht viel reden, mir wird übel.« Er mußte sich erbrechen, dann verfiel er einen traumhaften Betäubungszustand. Als der Arzt kam, ließ er sofort aus der nächsten Brauerei Eis holen, das dem Kranken auf den Kopf gelegt ward. Dann hieß er alle Personen aus dem Zimmer gehen, setzte sich neben das Bett, drückte den Elfenbeinknopf seines Stockes gegen die Lippen und beobachtete angestrengt den Schlummernden. Darauf erhob er sich, ging ins andere Zimmer und verschrieb Brom-Ammonium. Emma fragte ihn, was er von dem Fall denke. Gefahr sei wohl nicht vorhanden, meinte der Arzt, doch einige Tage werde er liegen müssen. Mittlerweile war es Tag geworden und Karl eilte in die Wohnung seiner Mutter, um sie wahrheitstreu zu benachrichtigen. Die Mutter, die schon in aller Frühe an ihren Götheforschungen saß, nahm den Bericht mit tiefem Ernst hin. »Also das Frauenzimmer war bei ihm?« forschte sie mit rollenden Augen. Karl erzählte dann kleinlaut, daß er sich nicht länger habe halten können, die Entrüstung habe ihn zu weit getrieben! Die Mutter war allerdings 364 bestürzt, aber sie faßte die Tat als Ritterdienst des Sohnes auf. »Sogar vor Gericht«, meinte sie, »würde es dir zur Entschuldigung dienen, daß du für die Zurücksetzung, die Entehrung der Mutter Rache genommen hast. Das kann wohl kein guter Sohn mit ansehen, ohne sich zu vergessen. Ich werde eine Klage wegen Ehebruchs einreichen.« Der Sohn bereute der Mutter alles gestanden zu haben; so weit, bis zu einem Prozeß sollte es nicht kommen! Aber es war zu spät. »Ich bitte dich, Mama,« flehte er, »unterlaß das! Er ist genug bestraft . . . dadurch, daß er nun den Haß des eigenen Sohns erkannt hat.« »Nun gut,« beruhigte sie ihn. »Ich werde abwarten. Ich werde beobachten, ob er nach seiner Genesung noch weiterhin mit diesem Frauenzimmer verkehrt. Für sein bisheriges Treiben ist er freilich hart gestraft. Neue Schuld wird neue Sühne heischen.« »Wird er nicht Strafantrag gegen mich stellen?« fragte der Sohn. »Wie kann er das?« versetzte die Mutter. »Du müßtest dann den Mund auftun . . . Und dann hätte auch ich kein Erbarmen.« »Ja, du hast recht!« unterbrach er sie; »das wird er sich selbst sagen. Und . . . willst du ihn nicht besuchen?« Katharina kämpfte mit sich selbst. Sie zog sich an, um zu ihm zu gehen, setzte sich auf einen Stuhl und überlegte, ob sie nicht doch bleiben sollte. Dann zog sie sich wieder aus. 365 »Nein!« sagte sie. »Wenn er am Sterben läge oder gar keine Hilfe hätte . . . So aber ist ja sie bei ihm, – ich gehe nicht. Er kann mich ja rufen lassen, wenn er mich braucht . . . wenn er Sehnsucht nach mir hat,« setzte sie mit schmerzlich-ironischem Lächeln hinzu. Karl mußte ihr beistimmen. Schließlich suchte die Mutter wieder in ihrem altbewährten Heilmittel, in Tränen, Erleichterung. Karl wußte nicht: galten die Tränen dem Vater? oder beweinte sie ihr eigenes Schicksal? Er verließ sie, um wieder die Wohnung des Vaters aufzusuchen. Eine peinliche Unruhe trieb ihn beständig hin und her. Er mußte immer irgend etwas tun und wußte doch nicht was. Jede Beschäftigung ward ihm gleich zum Eckel. Auch die Nahrung eckelte ihn an, er konnte keinen Bissen hinunter bringen. Dabei fror er unaufhörlich. Die Glieder zitterten ihm vor innerem Frost, die Zähne schlugen ihm aufeinander, er befand sich im Zustand eines heftig Fiebernden. Eduard war erstaunt darüber, daß sein Bruder gar nicht einmal darnach verlangte den Vater zu sehen. Er forderte ihn dazu auf, aber Karl betrat das Zimmer des Kranken nicht. Als Emma ihm mitteilte, daß sein Vater eine sonderbare Äußerung getan, merkte der junge Mann, daß seine Neigung zu dem Mädchen mit einem Schlag verflogen war, ja einem tiefen Widerwillen Platz gemacht hatte. »Er will Sie nicht sehen!« sagte sie bekümmert. 366 »So?« gab er gequält zurück. »Was hat er denn gegen mich?« »Ich weiß nicht!« Sie wendete ihm betreten den Rücken zu . . . sie ahnte, was er von ihr dachte – oder wußte, und fühlte sich auch sehr schuldig. Karl war wirklich versucht, ihr empört zuzurufen: »Du bist ja schuld an dem ganzen Vorfall!« Doch zog er vor zu schweigen. Wie gern wäre er in das Schlafzimmer gegangen und hätte sich dem Mißhandelten zu Füßen geworfen, ihn um Verzeihung angefleht! Emmas Mahnung hielt ihn zurück. Vorsichtig prüfend erkundigte er sich nach dem Ereignis, auf welche Art eigentlich der Vater gestürzt sei? Er merkte bald an den Antworten, die er erhielt, daß sein Vater bis jetzt verschwiegen hatte, wer freventlich Hand an ihn gelegt. Ob er auch fürderhin schwieg? Jedenfalls konnte er dem Mißhandelten nie mehr ins Gesicht sehen, er konnte nicht mehr unter einem Dach mit ihm wohnen. Er hatte Furchtbares verübt. Auch wenn der Vater bald wieder hergestellt war, – er fühlte, daß kein rechtlich denkender Mensch ihm jemals verzeihen könne. Für eine solche Tat gab es kein Verzeihen und niemals konnte er sie wieder gut machen. So tief vorher sein Haß in ihm gewühlt, so intensiv fraß sich nun das Schuld- und Reuegefühl in sein Herz ein. Es fiel ihm wie Schuppen von den Augen –: er hatte bisher in einem entsetzlichen Wahn gelebt; der Vater meinte es doch gut mit ihm! Seine Eifersucht war ja kindische Einbildung, 367 seine Liebe zu Emma blöde Jugendeselei . . . Und wegen solch kindisch-phantastischer Wahngebilde hatte er sich hinreißen lassen, das was jedem normalen Menschen das Heiligste ist, die Vaterliebe, mit Haß zu vergelten! Er konnte jetzt sein Tun gar nicht mehr begreifen! Er konnte nicht einmal mehr daran denken, ohne einen solchen Schauder ja Eckel vor sich selbst zu empfinden, daß ein heftiger Selbstvernichtungstrieb in ihm erwachte. Wie von einem dunkeln Erlösungsdrang beseelt, ging er in sein Schlafzimmerchen und entnahm der Schublade des Nachtkästchens seinen alten Revolver. Draußen vorm Fenster pustete die Dampfröhre der Druckerei . . . es kam ihm vor, als sei das ein Riesenrevolver, der einen großen Rauchbüschel ausstieß. »Vorm Tod noch machst du poetische Vergleiche!« sagte er zu sich. »Was wird dein Gehirn träumen, wenn die Kugel es zerreißt? O! diese letzten Halluzinationen?!« Er mußte lächeln . . . vielleicht träumte er von einer reichbesetzten Tafel? oder von schönen Mädchen, die ihm goldene Becher reichten? Ja, er hätte so gern noch zum Ende die glühendsten Freuden des Lebens ans Herz gedrückt! So jung sterben . . . ohne Etwas geleistet zu haben! Ob wohl sein Vater ihm selbst den Revolver in die Hand drücken würde? Jetzt brach die Sonne ein wenig durch den Novemberhimmel. Hinaus, hinaus! In der freien Natur stirbt sichs leichter als hier im engen Zimmer. Man soll deine Leiche nicht finden! 368 Mit solcher Hölle im Busen verließ er gegen Mittag ohne Mantel das Haus. Gerade als er dann im Vorplatz angekommen war, bemerkte er Frau Rechtsanwalt Meyer. Sie war elegant zum Ausgehen gekleidet. Offenbar mit sich selbst kämpfend, stand sie unschlüssig an der Haustüre. Ihr Gesicht hatte einen gequälten Zug, wie bei einem Schlafenden, der von bösen Träumen gepeinigt wird. Manchmal murmelte sie erregt Unverständliches vor sich hin. Karl dachte: sie wird wieder eine Auseinandersetzung mit ihrem Willy gehabt haben, vielleicht will sie jetzt ihre Drohung ausführen? ihm davonlaufen? Er grüßte. Sie bemerkte es gar nicht. Sie sah ihn ganz befremdet an und murmelte etwas vor sich hin wie in einem nachtwandlerischen Zustand. Jetzt schoß sie plötzlich, als verfolge man sie, zur Türe hinaus. Er folgte ihr und war nun doch, als er ins Freie trat, ärgerlich darüber, daß er keinen Mantel angezogen hatte. Er sah aus wie ein besserer Handwerksbursche in seinen etwas zu eng gewordenen Kleidern. Vom grauen Himmel herab fing es leise zu schneien an; vereinzelte, verlorene Flöckchen wehten herab, als hätten sie Angst die Erde zu berühren; ein scharfer Wind fegte durch die Straßen, so daß alle Schirme schief gehalten werden mußten und oftmals Hüte über die Schienen der Trambahn rollten. Mit dem Ahnungsvermögen des Unglücks sagte er sich: Diese Frau, die in sich versunken da vor 369 dir herwandelt, hegt denselben Vernichtungsdrang in sich, wie du! . . . ihr geht auf derselben Bahn! Er wußte ja auch, daß sie schon seit einiger Zeit schwer unter dem Mistrauen ihres Gatten litt. Sie hatte ihm erst vor drei Tagen, als eine tiefe Schwermut sie ergriffen, gesagt, sie halte dies Leben nimmer aus. Dazu kam noch, daß auch Karl sie für schuldig hielt, da er dem Charakter des Kommerzienrats keine Großmut zutraute. Am Ende geht sie zum Kommerzienrat? dachte er; sie hat sich elegant herausgeputzt, das tut man doch nicht, wenn man ins bessere Jenseits spazieren geht? Aber ihr Weg führte nicht auf den Weg des reichen Musiknarren, sie eilte auf die Landstraße, die nach Mosach führte; dort ergoß sich ein Nebenfluß der Isar durch die öden Fluren. Jetzt flog ihm der schwarze Filzhut vom Kopf, Karl lief ihm nach . . . dadurch kam er ganz in die Nähe der hübschen Frau. Als sie die letzten Häuser der Stadt erreicht, holte er sie ein. Er ging neben ihr her, sie befand sich jedoch in einem so merkwürdigen Zustand stumpfer Teilnahmlosigkeit, daß sie ihn gar nicht beachtete. Es war, als sei sie ganz allein auf der Welt; mit so inniger Heftigkeit strebte sie nach ihrem letzten Ziel, daß sie gar keine Zeit fand, irgend Etwas zu beachten. Beide sprachen kein Wort, Beide fühlten, auch ohne weiter Notiz von einander zu nehmen, daß sie zusammen gehörten. Endlich brach er das Schweigen. »Wie sonderbar das anmutet! hier dieser Wirtsgarten. Statt froher Biertrinker lacht der schneidende 370 Nordwind über die vor Nässe schwarzen Tische und Bänke. Dort steht über der Tür des Bretterverschlags: »Herrenbad«; da: »Damenbad«. Hu! das schwarze Wasser da unten . . . wie das wirbelt! Wollten Sie jetzt ein Bad nehmen?« Er lachte bitter. Diese Anrede brachte die Frau zu sich. Sie blieb stehen und starrte in die dunkle Flut, die unheimlich unter der Brücke hinrauschte, um hinter den Planken der Badeanstalt brausend zu verschwinden. »Was will ich denn? was will ich denn?« murmelte sie verstört, ihren grauen Mantel fester um die Hüften drückend. »Ja, wahrscheinlich dasselbe was ich auch will!« sagte er mit wildem Galgenhumor. »Das Leben ist Ihnen n bischen zu schwer geworden, gelt? wollens abschütteln? Geht mir auch so! Schütteln wir gemeinsam.« Sie sah ihn, wie aus einem entsetzlichen Traum erwachend, an. »Ach, Sie sinds?« stammelte sie, ihn jetzt erkennend. »Warum folgen Sie mir?« »Nun, ich kann mir denken, was Ihnen fehlt,« fuhr er mit unheimlicher Aufgeräumtheit fort. »Das ewige Mistrauen Ihres Manns . . . nicht wahr? Das hat Ihnen die Sinne verrückt und so verschiedenes Andere.« Sie nickte und lispelte wieder: »Ja, was will ich denn? was will ich denn?« Er drückte sich den schwarzen Filzhut über die Stirn. »Nun,« fuhr er fort, »Sie haben mir ja vor einigen Tagen Andeutungen gemacht . . . Ich weiß 371 genau, was in Ihnen vorgeht . . . auch von Otto . . . Was in mir vorgeht? nu! das ist ja gleich! das brauchen Sie nicht zu wissen. Genug, ich hab einen Fluch auf mich geladen . . . ich kann nach so was nicht mehr weiter die Welt verunzieren. Geht wirklich nicht; sie speit mich aus. Aber sagen Sie doch: wie wollen denn Sie die Reise machen? ins Jenseits hinüber aus der Welt des Scheins.« Er hatte mit dem eigentümlich gleichgiltigen, müden Humor der Verzweiflung gesprochen. Sie blickte mit stumpfem Weh im Aug, frierend, in sich zusammenschaudernd, in die graue Weite. Der eisige Wind pfiff über die unendliche kahle Wiesenfläche und trug den schrillen Aufschrei eines fern heranrollenden Bahnzugs herüber. Man sah am Horizont die weiße Dampfwolke der Lokomotive wie einen Ballon hinschweben. »Sie wollten gewiß ins Wasser springen?« fragte er mit selbstpeinigendem Sarkasmus die verstört ins Weite starrende Frau. »Tun Sie das nur nicht! das ist höchst ungemütlich bei der Temperatur. Nein! Da gibts ein viel einfacheres Mittel . . .« »Einfacheres Mittel?« lallte sie geistesabwesend. »Freilich, ein schnelleres!« fuhr er fort, »die moderne Technik hat weit raschere Mittel die Seele vom Leib zu trennen, als das Wasser. Überhaupt spaziert man rascher und bequemer aus der Welt, als in die Welt. – Sehen Sie?« Er griff in die Tasche und holte den matt blinkenden Revolver heraus. Kaum hatte sie das Instrument erblickt, dessen schwarze Mündung ihr 372 drohte, so malte sich auf ihren Zügen ein solcher Ausdruck des Schreckens, daß er schmerzlich auflachen mußte. Er steckte die Waffe wieder ein. »Mir scheint, s ist Ihnen doch nicht sehr ernst mit dem Sterben; was?« stieß er zitternd heraus. »Ich . . . weiß nicht,« stammelte sie. »Ich kanns nicht.« »Na,« sagte er, »sehen Sie dort die Kreuze über die langweilige Mauer herüber winken? Suchen wir die Ruhestätte der Abgeschiedenen auf. Vielleicht lernen Sie aus dem Anblick der Toten die Welt verachten! Oder das Leben wieder lieben? Je nachdem! Hören Sie? . . . dort wehen eben die Akkorde eines Posaunenchorals über die Mauer. Die Musici blasen schläfrig; wahrscheinlich sinds elende Dilettanten; oder werden sie jämmerlich für ihre Künste bezahlt. Hören Sie! . . . Jetzt weht uns der Wind die abgerissene Stimme des Pfarrers herüber. Was wird er sagen? »Er war Gatte und war ein guter Gatte . . . er war Vater und war ein guter Vater . . . er war Sohn, Schwager, Bruder, Onkel, Tante . . . alles sehr gut!« Kommen Sie! – Die Predigt könnte mir zwar den letzten Rest von Lebensmut aus dem Leibe treiben, – doch Ihnen gibt sie vielleicht neue Kraft? was?« Sie schritten den Feldweg entlang, der langen, grauen Mauer des Mosacher Kirchhofes zu. Die Posaunenakkorde waren verstummt; traumverloren, wie aus den Hallen der Ewigkeit wehten die abgerissenen Phrasen der Predigt herüber, ihr hohles Pathos mischte sich kalt und dumpf mit den Stößen 373 der kalten Winde. Jetzt ein salbungsvolles Amen! Dann wieder ein paar unreine Posaunenakkorde. Jetzt hatten sie den Kirchhof erreicht und traten in die neue Leichenhalle ein. Der breite architektonisch reich geschmückte Sandsteingang ward von der einen Seite durch große Glasscheiben ähnlich wie bei Aquarien erhellt. Hinter diesen riesigen Glasscheiben lagen die Toten in ihren Särgen, mit duftenden Blumen den Symbolen des Lebens geschmückt, von oben beleuchtet, als seien es seltene Sehenswürdigkeiten. »Sehen Sie,« dozierte Karl in seinem ihm eigenen professoralen Ton, »hier haben Sie das Wachsfigurenkabinett des Tods. Ist das ein schauerlicher Anblick? Im Gegenteil! Man möchte sich gleich auch so hinlegen! Da ein Alter; er scheint – Anwaltsschreiber gewesen zu sein. Jetzt schreibt er keine Protokolle mehr ab. Dort ein Jüngling; auch ein Bruder Studio, der jetzt den Würmern einen Salamander reibt. Da eine brave Hausfrau; im Jenseits kann sie wohl die Erfahrungen der Küche und des Putzlumpens nicht mehr verwerten? Dort eine Jungfrau; hoffentlich kann sie die aufgespeicherten Zinsen ihrer Jugend jetzt ruhig genießen. – Wie lieblich der Anblick der Kinder! die haben mal den Kopf zur Türe in die Kinderstube des Lebens hereingesteckt und sich schlauer Weise gleich wieder davongemacht; das Spielzeug war ihnen nicht nett genug.« Emiliens Todesfurcht war in der Tat geschwunden. Der friedliche Anblick dieser im tiefsten Schlummer 374 versunkenen Gesichter wirkte geradezu ansteckend auf ihr Gemüt. »Unwillkürlich«, fuhr Karl fort, »suchen wir hinter diesen starren Masken der Toten noch das Leben. Wir glauben, wir müßten aus diesen gebrochenen Augen das große Rätsel enträtselt leuchten sehen und wie wenig doch bieten sie uns! Auch das Seziermesser des Arztes sucht vergebens hier nach den Quellen des Daseins; die fließen im Übersinnlichen . . .« »Wie wird der letzte Augenblick sein?« murmelte sie. »O vielleicht gar nicht so übel!« belehrte er sie. »Der Lebenstraum wird sich da wohl phantastischer weiterspinnen, wir sehen uns vielleicht in einen prachtvollen Zaubergarten versetzt . . . überall Pfauen, schillernde, farbenbrennende Pfauen . . . denken Sie, wie herrlich! hinter glühenden Rosen auch noch edelsteinfunkelnde Pfauen? Dann tuts einen Ruck! sehen Sie, so einen inneren Knacks, – Nacht ists!« Beide verließen die Leichenhalle und wandelten träumerisch stumm die lange graue Kirchhofmauer hinab. Es dunkelte schon. Die weite Wiesenfläche, über die der scharfe Wind klagend strich, verlor sich im unheimlich Ungewissen; nur am fernen Horizont dämmerte noch ein rötlich-grauer Streifen, von dessen mattem Silberglanz ferne Baumwipfel, Fabrikschornsteine und Häuserdächer sich finster abhoben. Von der Landstraße ächzten schläfrig die Achsen mehrerer Lastfuhrwerke herüber. An der Ecke der Mauer blieb Karl stehen. Er 375 hatte schon seit zehn Minuten eine Gestalt beobachtet, die quer über die Wiese eilte. »Sehen Sie dort!\< sagte er leise . . . »Wer kommt da?« Nun richtete auch Emilie ihre Augen auf die schwarze näher kommende Gestalt; es war ein Weib. Sie lief mehr als sie ging. Beide standen einige Zeit beobachtend, denn sie hatten den Eindruck, als ob die Person auf sie zu eilen, sie suchen, ihnen Zeichen geben wollte. Nun murmelte Karl: »Natalie!« Emilie schrak zusammen, . . . Ja, es war ihr Kind! Sie erkannte sie jetzt am Gang, an einer Geberde der winkenden Hand; die Gesichtszüge konnte sie noch nicht enträtseln. Beide blieben unwillkürlich stehen. Sie hätten ja auch fliehen, ihr düstres Vorhaben rasch ausführen können. Aber sie schämten sich diesem blühenden, näherkommenden Leben gegenüber; es kam ihnen wie ein schweres Unrecht vor, im Angesicht dieser vertrauungsvoll Anmutigen etwas Häßliches zu tun. Sie warteten, bis das Mädchen immer näher herangeeilt war. Jetzt konnte man schon ihre hastigen Atemzüge hören, jetzt dämmerten die zarten Formen ihres mütterlich-kindlichen Gesichtchens aus dem Grau-Grün der Dämmerung auf. »Mama, Mama!« rief sie. Bald darauf stand das Mädchen nach Atem ringend vor den Beiden und suchte mit so verzweiflungsvollen Blicken in ihren Zügen zu lesen, daß sowohl er als sie, von einer Art Schamgefühl ergriffen, nicht wußten, was sie tun oder sagen sollten. 376 »Aber Mama!« stammelte das Kind, dem die Tränen in die Augen drangen, »so spät? Wohin gehst du denn? Ich bin dir von Ferne nachgegangen, ich habe so Angst gehabt . . . um deinetwillen . . . Dann hab ich dich aus den Augen verloren . . . und . . . hier in dieser Einsamkeit? was tust du denn hier?« Sie streifte mit einem vorwurfsvollen Blick aus ihren schwarzen Augen erst Karl, dann die Mutter. Emilie empfand, daß ihr Kind sie völlig durchschaut und alles erraten hatte. Dies Bewußtsein brachte einen gewaltsamen Umschwung in ihr hervor. Sie schloß des Kind heftig in die Arme, drückte es an die Brust und schluchzte laut auf: »Fort, fort von hier!« »Mama? Mama?« fragte das Mädchen mit rührendem Vorwurf in der Stimme. »Ach, du ahnsts ja nicht,« fuhr die Mutter fort, »ich kann dir nicht alles sagen, was mich so weit getrieben . . . Aber nun ists vorbei! Dein Anblick läßt mich ja das Schlimmste wieder ertragen. Ja, ich will dulden, – dir zu lieb! Ich will dir nie mehr so einen Schmerz antun. Wie schön von dir, daß du mir nachgeeilt bist! Du hast mich vor einem großen Unrecht bewahrt, das dank ich dir ewig. – Ja, ja, sein Schicksal soll der Mensch tragen.« Der Anblick der beiden weinenden Frauen, wie sie sich in Zärtlichkeiten erschöpften, löste auch in Karls Brust den starren Krampf der Selbstsucht! Ja, rief er sich zu, Selbstsucht wars, die dich aus der Welt trieb, denn dadurch, daß du deinem Gewissen entfliehen willst, machst du dein Unrecht, deine vielen 377 bisher begangenen Fehler nicht gut. Nicht feige davonschleichen sollst du, sondern nun erst recht kämpfen! Alle deine Fähigkeiten mußt du ins Spiel setzen, um vor dir selbst wieder gerechtfertigt dazustehen!« Besonders der Anblick dieses reizenden, unschuldigen Mädchens wars, was ihm wieder die Lust ins Herz flößte, dem Leben von neuem die Stirne zu bieten. Wer weiß! vielleicht wird doch noch was aus dir? vielleicht erringst du doch noch die Siegespalme! Mit Erstaunen fühlte er, wie merkwürdig ein edles Menschenantlitz auf den Menschen wirken kann. Schönheit ist doch das höchste Geheimnis, dachte er; in der Schönheit wirken metaphysische Kräfte. Vielleicht begeistert sie uns deshalb so tief, weil wir ahnen, daß wir so vor unsrer Geburt waren, so nach dem Tod wieder werden? Sie ist ein Wink aus dem Jenseits, ein Abglanz aus einer höheren Welt; sie streift das Irdische von unsern Blicken und deutet auf eine Welt des Übersinnlichen. Als nun Natalie die Arme von der Mutter löste und mit weit aufgerissenen Augen auf ihn zu schritt, konnte er sich nicht länger beherrschen. Ihr fragender Blick las zu tief in seiner Seele, seine Augen brannten von Tränen und er flüsterte: »Sie haben uns Beiden das Leben wieder gegeben!« Sie zuckte zusammen. »Also doch?« murmelte sie; »auch Ihnen?!« »Ja. Wir standen dicht am Grab; aber Ihre Erscheinung hat mich belehrt. Ich sehe jetzt ein, daß die Theosophen recht haben, wenn sie den 378 Selbstmord in mißlichen Lebenslagen als Torheit verwerfen. Das erlöst nicht, das verstrickt nur tiefer in Schuld.« »Von der Mama ahnte ich schon lange, daß sie mit so schrecklichen Gedanken umgeht,« lispelte sie traurig. »Aber Sie? wie kommen Sie auf einen so gräßlichen Gedanken?« »Davon . . . vielleicht ein andermal!« erwiderte er düster. »Wollen wir gehen? nach Haus zurück?« Schweigsam wandelten die drei Menschen neben einander her, über die dunkle Ebene, auf die nun dichter, immer dichter, ein geheimnisvoller weicher Schneeschleier nieder sank. Der Sturm hatte sich gelegt. Fern herüber brauste der Straßenlärm der großen Stadt, deren Tausende von Lichtern den Horizont mit einer silberbleichen Glorie umsäumten« Als die drei sich auf der Treppe des ersten Stockwerks trennten, blickte Natalie dem jungen Mann ernst in die Augen. »Haben Sie denn Ihre Lebensaufgabe ganz vergessen?« sagte sie leise. Er lächelte wehmütig. »Sie haben recht! Lassen Sie mir nur Zeit. Durch Nacht zum Licht. Nur wer die Tiefen kennen gelernt, darf auf den Höhen wandeln.« Sie reichte ihm die kleine, kindliche Hand. Dann folgte sie ihrer voraneilenden Mutter treppaufwärts nach. Karl stand noch eine Zeit lang in tiefen Gedanken. Er fühlte, daß eine große Veränderung in ihm vorgegangen war: eine alte Liebe war in ihm erloschen, und eine neue, edlere, tiefere, hob leise 379 erwachend ihr Haupt. Mit Bewunderung sah er in Natalie das was ihm selbst nur allzusehr fehlte: sie hatte die Mutter gerettet, er beinahe den Vater ins Verderben gestürzt. Der Blick auf diese Gestalt verlieh ihm den Wunsch und die Kraft sich zu demütigen, vom Vater Verzeihung zu erflehen; nichts als Verzeihung! und dann hinzugehen, um zu arbeiten. Ohne die Beihilfe des Vaters, auf den er alles Recht verloren, und ohne die Mutter in Anspruch zu nehmen, von der er ohnehin nichts erwarten konnte, – ohne die Hilfe irgend eines Menschen wollte er allein sich seinen Platz in der Welt erobern. Das soll deine Strafe sein! rief es in ihm; so büße deine Schuld! das ist die einzig richtige Sühne; sie allein hat Wert und löscht alles Schwarze aus deinem Schuldbuch aus. Zuerst aber Demütigung und Abbitte vor dem schwer Beleidigten. Sollte ers tun? gleich jetzt? Er kämpfte heftig mit sich selbst: ein tiefes Bedürfnis nach Verzeihung, nach Frieden, trieb ihn mächtig zum Vater, – einerlei wie der ihn empfangen würde; und doch fing auch sein Stolz an zu leiden, sich zu bäumen. Er zitterte am ganzen Leib, sein Gesicht war sehr bleich und zuckte krampfig, als er nun in die Wohnung eintrat und auf die Tür des Vaters zuging. Der gekrümmte Finger bebte ihm: er konnte die Tür nicht berühren, sie schien ihm glühend zu sein und hinter ihr lauerte die Hölle. Die Ohren rauschten ihm wie im leichten Fieber, eine peinliche Traumseligkeit, die ihm allerlei verworrene Bilder schuf, umflorte sein Bewußtsein; 380 Bilder längst entschwundener Jugendtage, die sich aber garnicht recht auffassen ließen, so zart, silberglänzend, nebelbleich, flossen ihre trunkenen Farben ineinander. Horch! jetzt hüstelte es hinter der Tür, die so teilnahmlos hart, kalt, ihn anstarrte. Er dachte, die Tür müsse sich in Nebel verwandeln und dann in Nichts zerfließen, um ihn einzulassen. Sie blieb aber eigensinnig hartes undurchdringliches Holz. Wie eckelhaft ihm der weiße Ölfarbenanstrich vorkam! Wieder raschelte es hinter der weißen harten Wand. In diesem rauschartigen Traumzustand öffnete er, ohne zu klopfen, erschrak über das Öffnen, und wollte die Tür wieder schließen. Da rief es: Herein!. Er öffnete zaghaft, wäre aber am liebsten gleich wieder umgekehrt, denn sobald sein Vater ihn erblickte, sank er mit entsetzter Geberde, als wollte er fliehen, in die Kissen des Sessels zurück. Karl ließ seinen schwarzen Hut fallen vor Grausen. Er stand gebückt mit einer demütig schmerzvollen Miene da, während der alte Körn ihn mit krassen Augen anstarrte. »Was will man von mir?!« tönte es dem Sohne kalt, angstvoll entgegen. Und seltsam! in seine Zerknirschung und in das Mitleid, das ihn jetzt angesichts des Leidenden beschlich, mischte sich dem Sohn ein Gefühl von Stolz, als er im Blick seines Opfers neben der Angst einen Zug von Achtung entdeckte, von jener Achtung, die wir – immerhin noch sehr atavistisch 381 fühlenden Menschen vor körperlicher Überlegenheit, vor rascher Gewalttat, empfinden. Es erfüllte den Jugendstarken mit einer traurigen Art von Triumph, daß hier ein Mensch vor seiner Faust gezittert hatte. So konnte er, als der Vater nocheinmal angst- und respektvoll seine Frage wiederholte, nicht mit der soeben noch tiefgefühlten Reue erwidern; der Klang seiner Stimme verriet einen gewissen Trotz als er nun hervorstieß: »Nichts; Abschied nehmen . . .« Erst als der Vater verwirrt vor sich hinmurmelte: »So? Abschied nehmen? Wohin?« – verflog dies Gefühl von Triumph sehr rasch und machte wieder qualvollen Empfindungen Platz. »Ich wollte dir eigentlich meinen Anblick ersparen . . .« Der Direktor nickte finster. »Dabei hätte man bleiben sollen!« »Ich geh auch gleich wieder . . . Nur mein Gewissen wollt ich erleichtern.« Um des Vaters finstre Lippen kräuselte es sich wie leiser verächtlicher Hohn, als er jetzt vor sich hinflüsterte: »Gewissen? Hat man doch noch so etwas in sich?« Dann blickte er lang, in düstere Träume versunken, zum Fenster hinaus, auf die puffende Dampfröhre. Karl, der noch demütig an der Tür stand, schritt weiter ins Zimmer hinein und lispelte bewegt: »Vater!« Da wendete der Direktor den Kopf und lehnte den Gefühlsausbruch seines Kindes mit den Worten ab: »Man glaube nicht durch solche Komödie Geld von mir erschwindeln zu können!« 382 Karl blieb erschrocken stehen. »Geld?« rief er, \>ich brauche kein Geld. Deshalb bin ich doch nicht gekommen!« »Man will ja fort? Man muß doch leben? Wovon?« »Das laß meine Sorge sein!« rief Karl mit aufsteigendem Ärger. »Überhaupt . . . ich verstehe dich nicht! Ich komme her, um . . . mein Unrecht . . . zu bereuen, und du . . . redest von Geld?!« Der Vater ließ sich nicht beirren. »Wieviel wirst du monatlich brauchen?« fragte er streng. »Garnichts werd ich brauchen! Ich habs doch gesagt! Keinen Heller nehm ich von dir!« Der Alte hörte das nicht ungern. »Nun gut. Dann sieh, wie du durchkommst. Ich bin selbst in keiner glänzenden Lage . . . Der abgesonderte Haushalt meiner Frau . . .« »Dazu die Bedürfnisse der Neuen . . .« ergänzte höhnisch der Sohn. »Man halte seinen unverschämten Mund!« donnerte der Direktor, besann sich aber sofort erschrocken, daß man diesen Menschen nicht reizen dürfe. Ärger und Angst verbarg er unter einem mürrischen Ton. »Zudem weiß ich noch nicht, . . . wenn gewisse Dinge offenkundig werden, . . . ob ichs vermeiden kann, mich pensionieren zu lassen . . .« »Das wäre das Vernünftigste«, murmelte Karl. Das Vernünftigste?! Wenn er, der große Pädagog, den selbst der Minister ehrte, sein Amt aufgab?! Der Direktor setzte sich im Sessel empor. »Wie lautete das?« zischte er empört durch die Zähne. 383 In Karl arbeitete es; sein Reuegefühl war völlig geschwunden und hatte dem Haß wieder Platz gemacht. »Hier steht ein Probestück deiner Erziehungskunst! bist du stolz darauf? Schuldig bin ich, maßlos schuldig! Aber bin ichs allein?« »Hast du, als Kind, mir meine Schuld vorzuhalten?« »Aber ich darf doch Gerechtigkeit verlangen!« »Gerechtigkeit? Verblendeter! Gerechtigkeit verlangt man? wo man die Hand gelegt hat an seinen Vater?!« »Ja, aber warum hat man das getan?« »Seis hierum oder darum! Für so etwas gibts keine Entschuldigung. Wer die Hand aufhebt gegen seinen Vater, auf dem ruht des Himmels gerechter Fluch!« »Ach so? des Himmels? an den du selbst nicht mehr glaubst.« »Was erlaubt sich der Mensch?!« ,.Oder doch? War das auch im Einklang mit dem Himmel . . . in jener Nacht . . .? Man hatte wohl Dispens aus Rom?« Da richtete sich der Vater, bleich, mit rollenden Augen, in voller Höhe im Sessel empor; sein Schuldbewußtsein vergrößerte nur seine Wut; fast war ihm, als könne er durch erkünstelte Entrüstung die Schuld vertilgen. »Elender!« schrie der kranke Mann und hob die matte Hand wie zum Fluch. »Mir aus den Augen, Verfluchter!« Und mitten in seiner halb unechten Wut empfand der verwöhnte Freund der Griechen mit Beschämung die Banalität seines 384 Kulissengeschreis. Aber er konnte es nicht ändern. Doch fuhr er nochmals mit beiden Händen in die Luft: »Dein Ende mit Schrecken ist nah!« Und ein Schrecken fuhr in der Tat dem Jüngling ins Gebein, als er so den erschöpften Vater in der Haltung eines Gekreuzigten vor sich sah. Schon wieder das?! Sein Traum von neulich fiel ihm wieder ein! »Das kann schon sein!« stammelte er zitternd mit gebrochener Stimme. Dann schrie er wieder im Trotz: »Und du? du hast zum Ende den Anfang gemacht! Warum? Warum?!« Und schleunigst stürzte er aus dem Zimmer ins Freie. Er hatte noch gesehen, wie der Vater zurücksank, hörte das Stöhnen des Beleidigten noch hinter der Tür. Ein kalter Schauer durchrieselte ihn, ein heftiger Krampf umkrallte ihm schmerzhaft die Kinnbacken und schnürte ihm die Kehle zu. Das also war der Erfolg seiner guten Absichten! Wer führt mich denn durch dieses Leben? fragte er sich entsetzt. Ein Gott? oder – ein Teufel? Ich dachte es so gut zu machen! Wer hat es böse gemacht? Ich liebe ihn doch, trotz alledem! und er nicht auch mich? Warum nur kann ich mit dem Mann nicht ruhig verhandeln? Warum, selbst wenn ich die kindlichsten Vorsätze hege, mengt stets die Leidenschaft, der innere Widerspruch sich ein? Unter solchem Hadern mit seinem Geschick hatte sein hastiger Gang ihn hinausgeführt in den Nymphenburger Park. Wie kläglich ihn die frierenden nackten Statuen anblickten, so mitleiderregend. Auf der 385 kalten Schwärze des Kanalwassers spiegelte sich ein weißer Schwan; überall keine Farben mehr in der Natur; graue, trübe Ode. Müde an Leib und Geist sank er auf eine Bank. Von den nahen schon tief beschneiten weißen Alpen her blies ein eisiger Wind und zauste ihm Haar und Röckchen. Und vorgebeugt, halb liegend auf der Bank, schrieb er zitternd vor innerer Glut und äußerem Frost in sein Taschenbuch die folgenden Verse, mit denen er gleichsam einen Strich unter sein bisheriges Leben machte, unter die öde trübe Jugendzeit im Vaterhaus. Du alte Erde, kannst du es noch tragen, Das ungemessne alte Menschenweh? Brichst du noch nicht, vom eignen Gram und Ekel Verzehrt, in dich zusammen? Denn sieh an, Wie schmachbeladen, blutbesudelt, traurig, Dein Kleid (gewoben aus den morschen Leibern Vergangner Völker) deine Schultern schmückt. Du alte Mutter, die an eignen Kindern Den Hunger stillt, wie kannst den reinen Blick Der Sonne und des Mondes du ertragen, Die strafend auf dein überschminktes Antlitz Herunterschauen? Stirbst du nicht vor Scham? Bist du so sehr vom Laster schon durchfressen, Daß du dich schmückst mit deinen Eiterbeulen, Als wie mit Ordenssternen? Oder hoffst Du noch auf Heilung deiner bösen Krankheit? Des Himmels Regen wäscht dich nicht mehr rein! Denn deine Gräber füllt er nimmer aus, Die dich durchlöchern, wie Geschwür und Beulen; 386 Die blut'gen Stellen, wo der Mord den Fuß Hinsetzte, löscht er nimmermehr hinweg; Die Stellen, wo sich Völker, Heere würgten, Sie bleiben, dir ein ewig Schandmal, stehn. Voll Abscheu weisen drauf die reinen Sterne Und möchten sich des Abends von dir wenden, So zittern sie vor Schreck am schwarzen Himmel. Dein Winterschnee umheuchelt dich umsonst Mit Unschuldsfarbe, – Heuchelei kriecht weiter, Untreue bricht noch stets die heil'gen Schwüre, Und Freundschaft, Liebe, bleibt ein hohler Name. Auf deinem Rücken geht der Edle einsam Noch immer! Stets muß noch die Tugend Um die Erlaubniß betteln, rein zu bleiben, Verdienst muß noch vor Schurkerei erzittern, Noch tragen hohle Köpfe Ehrenbinden, Und große Häupter sieht man ohne Kranz, Mit Kot beworfen, sich zur Erde beugen Und demutsvoll die Toren darum bitten, Auch ihnen doch ein Plätzchen da zu gönnen, Wo s freilich besser wäre nie zu sein. * Lang saß er noch versunken und starrte trüb in das schwarze Gewässer; bis endlich die Hoffnung wieder ihr Haupt erhob, der unverwüstliche Menschentrieb. Wo s besser wäre nie zu sein? Aber sind wir nicht? und müssen sein? Müssen wir auch immer elend sein?! Noch sah er ihn nicht vor sich, den Weg zum Heil; aber der Wille ihn zu suchen wuchs in ihm empor und der starke Glaube: ich werd ihn finden und zu neuen Ufern der Menschheit ein Führer sein!