Alexander Moszkowski Von Genies und Kamelen Ansprache des Verfassers:   »Lies!«   Berlin, im Lenz dieses Jahres                                         Alexander Moszkowski Inhalt I. Teil: Meine Zeitlupe         Als ich Detektiv wurde Ein stürmischer Fahrgast Am Strick in der Luft Natürlich, der Einjährige Wie ich ihn anlernte Abenteuer im Bremer Ratskeller Die Symphonie auf dem Gorner Grat II. Teil: Horribilicribrifax Die effektvolle Jungfrau Das Gastmahl des Apicius oder: Die Freude im Rahmen Mein dressierter Regenwurm Wie ich die Kilometer fraß Eine Pfeife Opium Ich und mein Beruf Neu-Abdera III. Teil: Kuriositäten-Kabinett Die vertauschten Köpfe Lust im Eise Die geschüttelte Muse Meine Jubelouvertüren Quer durch das A.B.C. Einsteins Streckenwärter Die Krone der Meisterwerke Die verschlafenen Aktualitäten IV. Teil: Von der Welt und andern Nebensächlichkeiten Meskal oder der Multimilliardär Der Garten Gallettis Sexualforschung Werther und Lotte von heute Der Einbruch bei Schlemihls Ein unbeliebter Mitarbeiter V. Teil: Leider, leider! Beichtende Kavaliere Wie eine Revue entsteht Ich als Schwerverbrecher Linse, G.m.b.H. Was dem Mann im Kasten passierte Unterhaltung mit dem gesunden Menschenverstand Der interessante Einbruch Aus dem Märchenbuch der Tante Physika VI. Teil: Lockerer Kram Zwischen Kunst und Geschäft Ein Abendbrot mit Hindernissen Die fürchterliche Melodie Das Zahnbürstl Endlich engagiert Eine schaurige Nacht Der halbierte Storch Desperanto The Monstre-Sketch Ein amerikanisches Duell I. Teil Meine Zeitlupe Als ich Detektiv wurde In einer Ecke des Raucherabteils hatte ich es mir vor Jahren bequem gemacht. Als alleiniger Insasse des Coupés schmökerte ich stundenlang in einem Bande von Sherlock Holmes, und geriet immer tiefer in den Ideenkreis des findigen Verfassers. Jeder Mensch, so dachte ich, sollte doch imstande sein, seine Wahrnehmungen soweit zu stärken und kombinatorisch zu steigern, daß er aus der Menge kleinster Indizien wichtige Ergebnisse zu gewinnen vermag, vielleicht ist das Genie eines Detektivs garnicht so merkwürdig, als unser aller Gleichgültigkeit den eigenen Beobachtungen gegenüber. Ich nahm mir vor, künftig besser aufzupassen, die Nebenmenschen schärfer unter die geistige Lupe zu nehmen, da müßte sich oft Interessantes, Unerwartetes ergeben. Freilich im Gewühl der Straße, in der Berührung mit den Vielzuvielen läßt sich das nicht bewerkstelligen. Aber hier, im Bahnabteil zum Beispiel, wäre ein guter Experimentalboden; da könnte man einen unbekannten Mitreisenden, ohne daß er es merkt, längere Zeit studieren und aus den anscheinend nebensächlichen Aeußerungen seiner Persönlichkeit Rückschlüsse ziehen auf seinen Beruf, Charakter, auf die Besonderheiten seiner Existenz. Ich saß aber, wie gesagt, ganz allein im Abteil und hatte zunächst keine Gelegenheit, meine detektorischen Absichten zu verwirklichen. Nach etlichen Stationen änderte sich das Milieu. Zwei Herren stiegen ein und ließen sich mir gegenüber, am entgegengesetzten Fenster, auf der Polsterbank nieder. Sie nahmen von mir nicht die geringste Notiz, und das schien mir für meine Absicht recht zweckdienlich. Da hatte ich zwei Beobachtungsobjekte, an denen ich meinen Vorsatz erproben konnte. Hier hieß es also: In Symptomen denken! Daß die beiden zusammen gehörten, war ersichtlich. Dies ergab sich schon daraus, daß der eine dem kontrollierenden Schaffner zwei Fahrkarten vorwies. Sie neigten nicht zu besonderer Gesprächigkeit, begannen indes doch nach etlichen Kilometern eine Unterhaltung in kurzen, durch erhebliche Pausen getrennten Sätzen. Sie sprachen leise und vertraulich, so daß nur hin und wieder ein zusammenhangloses Wort mir vernehmlich wurde. Um so besser für mein Vorhaben. Ich wollte nicht direkt erfahren, sondern ahnen, kombinieren und erraten. Der eine war schlank, blond, glatt rasiert, trug schwarzgeränderte Harold-Cloyd-Brille, sein Nachbar hatte eine behäbige Figur, wohlwollenden Gesichtsausdruck, sein bräunlicher, etwas schütterer und leise angegrauter, Bart verlieh seinem Antlitz eine gewisse Würde. Geschäftsfreunde? Berufskollegen? – das war nicht anzunehmen, Männer, die zwischen sich das Land gemeinsamen Fachs spüren, pflegen in der Unterhaltung bald auf einen Punkt zu geraten, wo sich die Interessen zuspitzen, und das merkt man an der erhöhten Akzentuierung der Stimmen. Hier aber verlief alles im sottovoce , die kurzen Gesprächsstücke waren kaum mehr als ein verlängertes Schweigen; die Voraussetzung einer Vergnügungsreise kam schon gar nicht in Betracht, und ich schloß daraus, daß ihr spärliches Geflüster von einem Geheimnis beherrscht wurde. Soweit hatte mich das Verfahren der Induktion schon gebracht. Ich betrachtete den schlanken Blonden genauer, heftete mir vors geistige Auge eine besonders kräftige Lupe, und vertiefte mich in die Figur seiner Kopfbildung. Ich verfuhr dabei optisch-geometrisch nach der gültigen Methode von Camper, indem ich nach Augenmaß die Gesichtslinien zog: eine im Profil vom Ohr zum Oberkiefer, und von da die zweite Linie nach der Stirn. Der Winkel beider Linien beträgt beim normalen Europäer etwa achtzig Grad, allein bei meinem Gegenüber am Coupéfenster konnte ich visuell knapp fünfundsiebzig feststellen, höchst verdächtig! Eine stark zurückfliehende Stirn findet man in der Regel nur bei niederen Rassen, oder unter Kaukasiern bei den Degenerierten. Gerade in jüngster Zeit hatte ich Schriften von Lombroso, Liszt und Ferri studiert, und es war mir in Erinnerung geblieben, daß der kleine Gesichtswinkel sehr oft als Merkmal des Verbrechertyps auftritt. Aber mit dieser Vermutung kam ich hier nicht durch. Denn wenn der Blonde ein Verbrecher war, so hätte auch sein Begleiter, der behäbige Braune, mit dem er auf dem Fuß der Vertraulichkeit stand, der nämlichen Kategorie angehören müssen, und das war vollständig ausgeschlossen. Nein, das Verdachtsmoment blieb durchaus auf den Blonden beschränkt, aber bei diesem um so sicherer, als er auch das charakteristische Zeichen der hervortretenden Backenknochen besaß. Nur daß sich nunmehr der Verdacht auf eine andere Spur lenkte. Denn jene Abweichungen vom Normaltyp treten ja nicht nur beim Verbrecher auf, sondern auch bei Personen mit ererbtem oder erworbenem Irrsinn. Es ist der Geist – unter Umständen der Geistesdefekt –, der sich den Körper formt. Das wußte ich nun wieder aus den Werken von Griesinger, Krafft-Ebing und anderer Psychiater, die mir in diesem schwierigen Fall zur Erleuchtung dienten. Es geht doch nichts über eine gediegene Bildung, wenn man verborgene Zusammenhänge erforschen will! Jetzt also stand ich auf der gesuchten Fährte; noch ein bißchen wacklig, noch nicht völlig überzeugt, denn die konkludenten Wahrnehmungen genügten mir nicht zum Beweis. Aber ich hatte doch den Ansatz zu einer Wahrscheinlichkeit. Der schlanke Blonde konnte sehr wohl ein Irrsinniger sein, und hieraus ergab sich ungezwungen die Begriffsbestimmung seines Nachbars, den man ohne weiteres als Arzt auffassen durfte. Erstens sah der Braune ungefähr so aus wie ein Medikus, und zweitens erklärte diese Annahme auch das leise, konfidentielle Verhalten der beiden. Ich hätte gern gewußt, wohin sie reisten, denn das konnte meiner Vermutung vielleicht eine Stütze gewähren. Möglich war es ja, daß hier ein Gesundheitspfleger seinen irren Patienten in eine Heilanstalt brachte. Aber ihr Reiseziel blieb vorläufig im Dunkeln. Inzwischen befestigte sich meine Diagnose durch ein merkwürdiges Strahlenspiel in den Augen des Blonden. Das konnte ich durch seine Augengläser hindurch ganz genau verfolgen. Der Herr war absolut nicht imstande, seinen Blick auf einen bestimmten Gegenstand auch nur drei Sekunden lang zu konzentrieren: das war ein beständiges Irrlichterrieren in diffusem Hin und Her, von der Coupétür zu meinen Fußspitzen, zum Griff der Notbremse, zum Hebel der Heizung, zur Hand seines Begleiters, direktionslos, unstet flackernd, und mir schien es dabei, als ob sich seine Pupillen abwechselnd erweiterten oder verengten, ohne optische Ursache. Auch das Benehmen des Individuums bot des Auffälligen genug. Jetzt öffnete er ein Etui, entnahm daraus eine Zigarre von ersichtlich köstlicher Herkunft, entzündete sie und warf sie nach zwei aromatischen Zügen aus dem Fenster. Jetzt zog er ein Zeitungsblatt aus der Rocktasche und hielt es verkehrt vors Auge, lauter Anzeichen einer Gestörtheit, von der es zunächst unentschieden bleiben mußte, ob sie als dementia praecox oder als paranoia juvenilis zu definieren war. Mehrfach betrat er den Wagenkorridor, um zur Handwaschung die Toilette aufzusuchen. Regelmäßig folgte ihm auf dem Fuße der andere, dem offenkundig daran gelegen war, ihn nicht einen Moment aus der Kontrolle zu lassen. Immer enger liefen die Radien meiner Vermutung zusammen, ein Zweifel erschien kaum noch statthaft. Jetzt meldete sich der Schaffner, um die beiden auf ihr Reiseziel aufmerksam zu machen: »Die Herren wollten doch nach Pirna? Nächste Station – in fünf Minuten!« Dieser Zuruf mußte die Entscheidung des Problems bringen. Pirna? Was hat der Mitteleuropäer dort zu suchen? Für Ausflüge in die sächsische Schweiz war die Jahreszeit und das Wetter nicht im mindesten geeignet. Schnell nahm ich meinen Baedeker zur Hand und überflog das Wissenswerte in dem roten Allerweltsbuch: Pirna – schöne katholische Kirche – Bismarckdenkmal – Progymnasium – Fabriken für emaillierte Blechgeschirre – nein, diese Sehenswürdigkeiten kamen als Reisemagnete nicht in Betracht. Über eine Zeile weiter las ich: dabei Bergschloß Sonnenstein mit Landesirrenanstalt. Also wie genial hatte ich meine Vermutungen vom weiten Umkreis her bis zum unausweichlichen Zentrum zusammenfließen lassen! Das war ein detektorischer Triumph. Kaum hielt ich es noch für nötig, weiter nachzuspüren und nur aus einem begreiflichen Mitteilungsbedürfnis heraus wandte ich mich nachträglich an den Schaffner, den ich durch einen gewichtigen metallischen Händedruck zum Gespräch stimmte. »Bitte, können Sie mir vielleicht zufällig sagen, wer die beiden Herren waren, die in Pirna ausgestiegen sind?« »Das könnte ich schon, aber ich darf nicht. Ich weiß es nämlich vom Zugführer, dem die Herrschaften behördlich gemeldet worden sind, und so was ist Dienstsache mit Amtsverschwiegenheit.« Ich erneuerte den metallischen Händedruck und ergänzte: »Eigentlich weiß ich ja schon, wonach ich frage. Ich war nämlich durch gewisse Beobachtungen zu dem Schluß gekommen, daß der blonde Herr mit der Brille ein Geisteskranker ist, der von dem andern zur Anstalt Sonnenstein gebracht wird.« »Donnerwetter!« rief der Schaffner. »Sie sind mir aber ein Schlauer. Und so ziemlich stimmt's ja auch. Also, weil Sie's schon wissen: Jawohl es war ein Krankentransport. Bloß ein kleiner Irrtum ist Ihnen dabei passiert: nämlich der Blonde mit der Brille, das ist ein Anstaltsdoktor : und der andere, der Untersetzte mit dem braunen Bart, bei dem ist im Schädel eine Schraube locker!« Ein stürmischer Fahrgast Ich bin nicht sehr gut zu Fuß und würde heute als Mitbewerber im Stafettenlauf geringe Aussichten haben: aber zu Wagen bin ich ausgezeichnet, und als Insasse eines D -Zuges halte ich die größten Geschwindigkeiten aus. So auch diesmal, als ich das besondere Glück hatte, ein leeres Abteil zweiter Klasse zu erwischen. Ich kam vom Riesengebirge, wo ich in einem schöngelegenen Hotelrestaurant Wintersport mit gebackenen Schneehühnern getrieben hatte, und rollte nun wohlgemut der Heimat entgegen. Ich machte es mir in der Ecke bequem, lauschte auf das Geräusch der ratternden Räder, übersetzte mir diesen Takt in den Rhythmus des Schmiedemotivs aus »Siegfried«, fühlte mich davon sanft geschaukelt und dachte sogar ans Einschlafen. Jedenfalls waren die Präludien des Schlummermotivs schon im besten Gange, allein bei der Fortsetzung dieser Tätigkeit ergab sich eine Störung. Denn auf irgendeinem Haltepunkt bekam ich Nachtbesuch. Wie ich blinzelnd wahrnahm, war es ein langer, glattrasierter, bebrillter Herr, der einen gelblichgrünen Koffer ins Gepäcknetz verstaute und sich mir gegenüber niederließ. »Guten Abend!« sagte er. Ich nahm diese Anrede stillschweigend zur Kenntnis. »Guten Abend habe ich Ihnen geboten«, wiederholte der Eindringling nachdrücklicher. »Also meinetwegen«, erwiderte ich, »oder noch besser: Gute Nacht und wohlzuschlafen. Sie werden vermutlich ebenso müde sein wie ich.« »Darin täuschen Sie sich«, versetzte der andere. »Ich bin so wenig müde, daß ich nichts sehnlicher wünsche, als mich die ganze Nacht mit Ihnen angeregt zu unterhalten. Gestatten Sie, mich vorzustellen: Servatius Schlüpfer: Sie werden von mir gehört haben.« »Bedaure, kann mich nicht besinnen.« »Tut auch nichts zur Sache. Die Hauptsache ist, daß wir uns über die Gestaltung dieses Jahres verständigen. Sie wissen, das ist ein Jubeljahr.« »Mein Herr, es ist halb zwei Uhr nachts!« »Also die schönste Zeit zu einer gründlichen Erörterung. Was mich betrifft, so habe ich mein Programm schon ziemlich fertig ...« »Ich nicht, mein Herr.« »Um so mehr muß es Sie interessieren, die Ziele eines scharfdenkenden Zeitgenossen kennen zu lernen. Ich habe das alles schon mit dem berühmten Propagandisten Bombastus Utopikus durchgesprochen, und um mit der vollen Wahrheit herauszurücken: die aufsehenerregenden Flugschriften dieses Utopikus sind von mir.« »Das will ich Ihnen glauben, unter einer Bedingung: setzen Sie sich in die andere Ecke und lassen Sie mich in Frieden.« »Ihr Antrag ist abgelehnt, und ich fahre fort, Sie über das Thema aufzuklären. Also, wie gesagt: ein Jubeljahr, und unsere Aufgabe wird es sein, mitzujubeln. Die Veranlassung dazu liegt klar am Tage: wir treten nunmehr in den Völkerbund ein, und diese Genfer Körperschaft wird mit allem Eifer bemüht sein, unsere innigsten Wünsche zu erfüllen.« »Ich habe nur den einen Wunsch, schlafen zu können.« »In dieser Hinsicht bin ich anspruchsvoller. Der Völkerbund soll uns wieder zur Stellung einer bedeutenden Kolonialmacht verhelfen, und nach meinen Informationen haben wir alle Aussicht, das durchzusetzen. Es brauchen ja nicht ausgerechnet unsere alten Kolonien zu sein, es gibt ja noch andere. Um mit dem einfachsten anzufangen, verlange ich acht Millionen Quadratkilometer von Marokko.« »Sie sind ein Ignorant: ganz Marokko ist noch nicht den zehnten Teil so groß. »Nach Ihrer Meinung, aber nicht nach meiner! Wenn ich sage: Marokko, so meine ich natürlich: inklusive Tibet und Mongolei. Kennen Sie die Reisewerke von Sven Hedin und Ossendowski? Nein? Also da dürfen Sie gar nicht streiten. Tibet und Mongolei sind die Länder der Zukunft, und wenn wir diese durch Spruch des Völkerbundes bekommen, dann haben wir wirklich was zum Jubeln.« »Wünschen Sie vielleicht auch Mesopotamien?« »Selbstverständlich, so wahr ich Servatius Schlüpfer heiße. Oder haben Sie mich für einen Leisetreter gehalten?« »Ganz gewiß nicht, danach zu schließen, wie Sie dauernd auf meinen Schuhen herumtreten. Ziehen Sie gefälligst Ihre Piedestale ein bißchen zurück.« »Nichts ziehe ich zurück, weder meine Beine, noch meine kolonialen Ansprüche. Ich will auch einen Korridor!« »Draußen, mein Herr: der Korridor dieses D -Zug-Wagens steht zu Ihrer Verfügung.« »Das könnte Ihnen so passen, Sie Mann ohne ernste Ziele beim Beginn eines Heiljahres! Was ich unbedingt haben muß, ist ein Korridor nach dem Ural und nördlich weiter nach Spitzbergen und dem Nordpolgebiet. Wenn erst Amundsen und Fritjof Nansen in Preußen naturalisiert sind, werden wir das schon in Genf durchdrücken, haben Sie das begriffen?« »Schreien Sie nicht so, Sie Mensch mit den Laubenkolonien im Eise! Und außerdem, Sie qualmen da eine Stinkadores, die mir die ganze Lausitz verpestet!« »Bleiben wir beim Jubelthema! ...« »Bleiben Sie mir vom Halse, Herr! Scheren Sie sich in einen anderen Wagen. Sie belästigen mich!« »Wollen Sie mich beleidigen?« »Mit Wonne, wenn ich Sie dadurch loswerden kann.« »Sie werden mir Genugtuung geben, und zwar auf der Stelle!« – Dabei griff der nächtliche Unhold in seine Manteltasche: »Hier sind zwei Pistolen, wählen Sie eine! und auf zehn Schritt Abstand!« Mir war alles recht, ja ich brannte darauf, dem verdammten Schwätzer eins auf den Pelz zu feuerwerkern. Die Sache vereinfachte sich dadurch, daß der Zug plötzlich auf offener strecke hielt. Wir stiegen aus, faßten Posto auf dem Fahrdamm, – auf genaue Innehaltung der Duellregeln kam es ja in so besonderem Fall nicht an, – zwei Kugelblitze durchzuckten die Finsternis, – ich sah Schlüpfern wanken, – mit dem Ausruf: »Ceylon muß an Braunschweig fallen!« schlug er auf die Schwellen des Nebengeleises. Ich schleuderte die Pistole fort, kletterte in den Wagen zurück, warf mich in die Ecke zurück und konstatierte mit Befriedigung, daß man mit schlechtem Gewissen sehr gut einschlafen kann; allein bald geriet ich in einen dämmernden Zustand des Halbwachseins, und jetzt erst überkam es mich mit allen Schrecken. Allgütiger Himmel! Was war das eigentlich gewesen? Eine Vision? Ein Alpdruck? – Sicherlich doch! Ich hatte keinem was zuleide getan, keinen Hilflosen auf den Schwellen liegen lassen. Mir wurde leichter. War ja überhaupt auf der ganzen Fahrt ganz allein gewesen, da war niemand unterwegs eingestiegen – – – Aber nein! Da oben im Gepäcknetz lag ja der gelblich-grüne Koffer!! und wie es mich angrinste, dieses Gepäckstück! Wie es mir die Anklage ins Gesicht schleuderte! Kein Zweifel, der Koffer gehörte zu einem Menschen, den ich nach einem fatalen Wortwechsel erschossen hatte! Ich wankte auf den Korridor. Und da, – am Fenster stand der Herr, schlank, glatt, bebrillt und starrte mich an. »Herr Schlüpfer! Sind Sie es wirklich?« »Professor Doktor Servatius Schlüpfer; freut mich, daß Sie sich meinen Namen gemerkt haben, obschon Sie nahe am Einschlafen waren, als ich mir erlaubte, mich vorzustellen.« »Ja, wie kommen Sie denn hier auf den Durchgang? Wir hatten doch ein böses Abenteuer miteinander?« »Wir ein Abenteuer? Nicht daß ich wüßte. Ich bin bloß herausgegangen, weil ich es, offen gestanden, in Ihrer Nähe nicht aushalten konnte. Leiden Sie öfter an solchen Anfällen?« »Ich? Anfälle? Wie verstehen Sie das?« »Ja, Sie phantasierten dauernd von Marokko und Mongolei und Quadratkilometern, und dabei brüllten Sie und strampelten Sie, und was das Aergste war, Sie hielten eine kohlende Zigarre im Mundwinkel, die das ganze Coupé verstänkerte, – da zog ich es doch vor, das Feld zu räumen.« »Ich begreife noch immer nicht. Sie waren es doch, Herr Schlüpfer, der mit ganz verschrobenen Zukunftsplänen anfing –« »Nichts läge mir ferner. Ich bin Geschichtsprofessor und kümmere mich prinzipiell nur um das klassische Altertum, niemals um die Zukunft ...« »Wir hatten also gar keinen Wortwechsel?« »Soweit es mich betrifft, nur einen Platzwechsel. Uebrigens werden wir sogleich in Berlin einfahren, gestatten Sie, daß ich mir meinen Koffer hole.« »Und Sie haben auch keinen Zorn gegen mich? Nein? O, wie gütig! Sollte ich je in die Lage kommen, mich Ihnen gefällig zu erweisen ...« »Diese Lage ist bereits gegeben. Sie treffen eben Anstalten, um sich eine neue von Ihren Zigarren anzustecken – – wenn Sie vielleicht damit warten wollten, bis wir den Zug verlassen haben ...??« Ich warf den Glimmstengel durchs Fenster, ergriff die Hand des Mannes in freudiger Erregung und, von aller Gewissensangst befreit, wünschte ich ihm ein gesegnetes Jubeljahr. Am Strick in der Luft Mehrere meiner Kollegen haben Luftfahrten unternommen in Zeppelin-Kojen und Aeroplanen und sie wissen darüber anschaulich zu berichten. Mir ziemt es dabei, stumm anzuhören, da in meinen eigenen Erfahrungen dergleichen nicht vorkommt. Aber ich habe mir einmal einen Flug geleistet, der doch noch Besonderheiten abseits der richtigen Wolkentouristik darbot, obschon das Instrument, das mich hinaufspedierte, keineswegs zur Masse der Edelmechanismen gehörte. Es war ein Fesselballon: und so ein Gestell trägt keinen dädalischen, keinen ikarischen Charakter. Es ist ein Flugzeug, dem die irdische Gefangenschaft in Gestalt eines strammen Seiles anklebt. Das wird von ihm getragen, wie der Galeerensträfling, der ja auch in einem Fluidum hinausfährt, seine Kette mitschleppt. Und wenn man davon erzählt, so weckt man in der Regel ein mitleidiges Lächeln bei den Hörern. Darin steht zu lesen: Na ja, Höhenflug mit Angstmeierei! Immer hübsch am Gängelband geblieben! Kurzum: Lorbeeren sind damit nicht zu holen. Trotzdem mußte ich mir doch erst einen moralischen Ruck geben, bevor ich das Vehikel bestieg. Es war auf dem Marsfelde in Paris, als eben die Reste der vorletzten Weltausstellung abgeräumt wurden. Dort hatte man zwei Möglichkeiten des raschen Emporkommens, und ich schwankte zwischen zwei Maschinen: dort drüben stand la Grande Roue , das Riesenrad in doppelter Höhe der Berliner Siegessäule, ein vertikal gestelltes Karussel mit baumelnden Hängeschiffchen, in denen man, wenn der Mechanismus nicht bockte, eine Totalumdrehung in zwanzig Minuten erleben konnte. Mir war das zu niedrig, und ich kokettierte mit dem andern Apparat, dem Ballon captif , der doch weit extravagantere Dinge versprach: Sechshundert Meter hoch und ansehlichen Aufenthalt im Wolkenbereich. Er war mit einer kleinen Maschinenbaracke verkuppelt, aus der es verheißungsvoll rasselte und trommelte: dort befand sich nämlich die Drehwalze, die den Fesselstrick losließ und nach erledigtem Flug wieder aufwickelte. Der riesige Ballonkörper sandte weithin den Atem von Leuchtgas, einen Duft, der mir lockender erschien als irgendwelches Blütenparfüm, kurzum, ich verspürte Lust, und da die Sache nicht sonderlich teuer war, so meldete ich mich zur Mitfahrt. » Entrez, s'il vous plaît! « Nein, nur nicht so hitzig. Ich habe Zeit. Erst möchte ich doch noch einen Probeflug anderer Passagiere abwarten, und wenn die heil zurückkommen, dann, wie gesagt, bin ich entschlossen, mein kostbares Leben Ihrem Strick anzuvertrauen. Man befand sich damals eigentlich erst in den Anfängen der modernen Flugtechnik. Der Lenkballon war noch Traum patentlustiger Ingenieure und der Begriff des gaslosen Flugzeuges existierte nur als Utopie im Widerspruch zur strengen Wissenschaft. Hatten doch kurz zuvor Siemens und Helmholtz mathematisch »bewiesen«, daß ein Luftzeug schwerer als die Luft nur als Gedankenkonstruktion, nicht aber in Wirklichkeit möglich wäre, und dieser Beweis herrschte mit dogmatischer Wucht. Je mehr Freiballons die Luft bevölkerten, desto deutlicher war zu erkennen, daß der Typus selbst sich vom Modell der Montgolfière und Charlière nur wenig entfernt hatte. Ja in gewissem Betracht ließe sich behaupten, daß die Flugidee der Vorzeit weiter reichte, als die der Nachfahren vor etwa einem Menschenalter. Denn kaum hatten die Montgolfiers und Genossen ihre ersten Proben aufsteigen lassen, gegen Ende des vorvorigen Jahrhunderts, als die weisen Prognostiker der Welt ansagten, das wahre Wesen und die Zukunft aller Fliegertechnik läge in kriegerischer Zerstörung. Aber erst einer hochentwickelten Spätzeit war es vorbehalten, dieses Kulturideal zu verwirklichen, und die wirkliche »Eroberung der Luft« konnte erst platzgreifen, als man im Aether auch die ethischen Standpunkte erobert hatte. Jedenfalls konnte damals, als ich auf dem Marsfelde meine Aszension plante, alle Fliegerei noch als ein harmloser Spaß gelten. Mir war die Gefahrlosigkeit erwiesen, da ich meine Vormänner unbeschädigt landen sah: sie waren bei Windstille lotrecht aufgestiegen, kerzengerade niedergekommen, und um von dem Strick im Diminutiv zu sprechen: es ging alles wie am »Schnürchen«. Wir waren unser vier Personen im Korbe, als wir aufwärts schwebten, langsam, aber pompös, von der Illusion befangen, als stünden wir still, wahrend ringsum die Erde mit allen Baulichkeiten versänke: der amtlich bestallte, in Goldtressen imponierende Kondukteur, ein Elsässer Techniker, ein Wiener Lebejüngling und meine Wenigkeit, die sich bald als Vielzuvielheit vorkam; denn der Kondukteur hatte eine fatale Methode, von dreihundert Metern aufwärts die Aussicht zu erklären, gegen die sich zuerst nicht das Mindeste einwenden ließ: Paris wie auf einer Landkarte, in rapid verkleinerten Dimensionen übersichtlich zusammenschrumpfend. Allein der Kondukteur suchte sich zu unserer Orientierung fast durchweg solche Punkte heraus, deren Erwähnung unser vogelperspektivisches Hochgefühl sehr merklich beeinträchtigte. »Dies dort drüben, Messieurs, ist die Kathedrale von Saint-Denis, wo die französischen Könige begraben liegen. Dort wiederum erblicken Sie das Pantheon, wo Rousseau und Voltaire begraben liegen. Nordöstlich streckt sich der Stadtteil Montmartre mit dem Friedhof, auf dem Heinrich Heine (er sprach Henri Hène), begraben liegt. Was so golden glänzt, ist die Kuppel des Invalidendoms, wo Napoleon le Grand begraben liegt. Beachten Sie den weißen Punkt ganz nach Osten: das neue Krematorium auf dem Père Lachaise, wo Molière und Lafontaine begraben liegen. Auch Beaumarchais, Chopin und Bellini liegen dort begraben. Dies dort? Die Kirche Saint-Germain des Prés, wo Abailard und Heloise bis zum Jahre 1817 begraben lagen. Jetzt liegen sie gleichfalls auf dem Père Lachaise begraben.« Ich war bloß neugierig, wo wir selber begraben liegen werden, wenn unserm Ballon etwas zustößt. Dem Wiener vergingen alle Aussichtsgelüste. Er malte sich die Folgen eines Sturzes aus und kleidete diese Malerei in die grammatisch nicht ganz einwandfreie, sachlich aber ganz korrekte Form: » Tenez-vous cela pour dangereux ?!« Er empfing von dem Ingenieur höchst alarmierende Auskünfte: er selbst habe lange in einer Dynamitfabrik gearbeitet, mehrere Explosionen mitgemacht und sei gegen Todesschauer ziemlich abgebrüht. Aber im allgemeinen wäre doch solch ein Flug, wie der unsrige, eine Angelegenheit für ganz hartnäckige Selbstmörder. Jedenfalls ergäbe die Statistik geradezu fürchterliche Resultate. Mir begannen trotz der Engnis im Korbe die Knie in weitausgreifender Amplitude zu schlottern, und ich gierte nach Beruhigung: Aber wir werden ja an einem Seil festgehalten, was soll uns denn da passieren? Diese Laienansicht fand sofort schärfste Abfertigung: Das ist genau so, als ob Sie sich auf dem Rücken eines wilden Pferdes sicherer fühlten, wenn man Ihnen den Fuß mit einem Strick an den Steigbügel gefesselt hätte. Nichts potenziert die Gefahr so unheimlich, wie die Bindung. Ein Freiballon steht unbedingt vertikal, und keine Luftströmung wird den Insassen subjektiv fühlbar. Aber wenn uns hier ein Sturmstoß faßt, so legt er uns schief auf die Seite und drückt uns eventuell so vehement herab, daß eine Katastrophe erfolgen muß. Die Worte des Technikers wurden augenblicklich atmosphärisch bekräftigt. Eine plötzliche Brise von Westen preßte uns in einer niederträchtigen Kurve nach Osten, wir hatten jetzt die Spitze des Eiffelturms genau unter uns und konnten uns der Ahnung hingeben, an dieser Turmspitze aufgespießt zu werden, was zweifellos ein sehr origineller Tod gewesen wäre. Allein der Wind setzte das Kurvenspiel fort und beschrieb mit uns in der Luft Kreisbögen von, gelinde ausgerechnet, achtzehnhundert Fuß Radius. Der Kondukteur tröstete: Es ist ja leicht möglich, daß das Seil reißt, aber wir sind mit allem Erforderlichen versehen, um die Tour als Freifahrt fortsetzen zu können. Und dann werden wir schon irgendwo landen, vorausgesetzt, daß der Wind nicht umschlägt und uns in den Atlantischen Ozean wirft, was dann allerdings nicht als Erfreulichkeit aufzufassen wäre. Der Techniker ergänzte: Wenn der Strick standhält, dann wird es noch schlimmer. Der gefirnißte Ballontaft hat nämlich, wie alle Nichtleiter, die Tendenz, bei jeder Reibung Elektrizität zu entwickeln. In unserem Fall sind alle Bedingungen gegeben: Das Netzwerk wird durch den Wind an die Hülle prall angedrückt, das widerstrebende Seil verschärft die Spannung, sehr leicht entladen sich elektrische Funken, die hineinschlagen, und dann steht der Ballon natürlich sofort in hellen Flammen. Erst in voriger Woche sei in Lille ein Ballon captif auf diese Weise verunglückt und ähnliches hätte sich fast gleichzeitig bei Straßburg, bei Chalons und bei Toulouse ereignet. Uebrigens wären die Fahrgäste von Lille nicht zerschmettert worden, sondern infolge der fallschirmartigen Wirkung der Ballonfetzen als ziemlich wohlerhaltene und nur teilweise geröstete Leichen unten angekommen. Diese erquickliche Konversation verlängerte sich durch den Umstand, daß die Seiltrommel in der Tiefe nicht funktionierte. Wir hätten schon lange zurückgewickelt sein müssen, allein da haperte etwas an der Maschinerie auf dem Erdboden. Der Kondukteur tröstete abermals: Nächsten Morgen würde die Konstruktion ganz bestimmt in Ordnung gebracht werden, und selbst im Moment könne die Sache nicht gar so arg auslaufen, da das Luftschiff bei einer solventen Compagnie d'assurance zum vollen Werte versichert sei. Zum Glück besann sich die Maschine nach einer weiteren halben Stunde, das Seil wurde angezogen, wir schnurrten zurück, und mit dem Faustischen Jubelruf »die Erde hat mich wieder!« durfte ich das Festland wieder betreten. Im Bureau der Fluggesellschaft wurde mir ein auf den Namen gefertigtes » Diplome de courage « ausgehändigt. Bis zum heutigen Tage bewahre ich dieses Dokument, das mir Kunde gibt von der außerordentlichen Tapferkeit, mit der ich damals nach überstandenem Schrecken aus dem Korb geklettert bin. Ich glaube, es ließen sich da Parallelen ziehen mit Mucius Scävola und mit Leonidas, die sich ja in kritischen Momenten auch ganz beherzt benommen haben. Natürlich, der Einjährige Bei der Verkündung des Waffenstillstandes im deutsch-französischen Kriege von 1870/71 versammelte ein preußischer Feldwebel seine Leute zu der denkwürdigen Ansprache: »Jetzt ist der Feldzug zu Ende und die Kriegsbummelei hört auf. Jetzt beginnt wieder der richtige, stramme Waffendienst.« Und diesen, gepfefferten Friedensdienst mit allen Schärfen eines raffinierten Drills habe ich bald darauf ausgiebig kennen gelernt; als »Einjähriger« im Kaiser-Franz-Regiment, als Privilegierter, der auf Grund seines amtlich bescheinigten Bildungsgrades vor den Dreijährigen einen gewaltigen Zeitvorteil und dazu die Aussicht auf rasche Beförderung voraus hatte. An diesem Privilegium war verfassungsmäßig nicht zu rütteln. Wir sogenannten Einjährig-Freiwilligen bildeten im Kommiß eine Oberschicht, und eben deswegen ließen die Vorgesetzten spüren, daß ihnen die ganze Einrichtung nicht paßte. Wo es der Anlaß nur irgend ermöglichte, wurden wir Vertreter der »Intellektuaille« als die Sündenböcke angeprangert. Und da verging keine Stunde ohne solchen Anlaß. Alles, was im Dienst nicht ganz exakt klappte, was die zornige Laune des jeweils Befehlenden herausforderte, wurde auf unser Konto gesetzt, auf unsere vielbelasteten Buckel abgeschoben. Die stehende Redensart lautete: »Natürlich, der Einjährige!« Das sollte bedeuten: Im Vergleich mit euch ist alles andere Mustertruppe; wenn hier etwas mißlingt, in Richtung, in Griffen, in irgendwelchem Exerzitium, so ist nur die Anwesenheit dieser Bildungsprotzen daran schuld; der Einjährige verdirbt selbstverständlich das ganze Militär. Und dieses Dogma stand ebenso fest, wie das Privilegium selbst. Und auf keinen meiner Kameraden prasselte jenes ironische Donnerwort so häufig herab als auf mich. Die Summe dieser Erlebnisse verdichtete sich in mir zu der Empfindung, daß gerade ich mit meiner höchst unpassenden Bildung den Krebsschaden des gesamten Heerwesens darstellte. Wie bekannt, gipfelte damals alle soldatische Vorzüglichkeit im »Parademarsch« – ein prachtvoller Anblick, wenn er in schnurgerader Ausrichtung gelang, eine Katastrophe, wenn die Linie ins Wanken geriet. Er war das eigentliche Staatsexamen, die höchste Erprobung, das untrügliche Experimentum crucis für die Leistungsfähigkeit der Truppe. Tief ins Bewußtsein bohrte sich zumal der kritische Augenblick, da man mit seiner blankgeputzten Reihe am Feldherrnhügel der hohen Offiziere vorbeiparadierte, die mit Adleraugen die Front bis auf den Zentimeter genau taxierten. Und ach, wie habe ich Unglückswurm diese strahlende Front ruiniert! Just im entscheidenden Moment packte mich ein Nieskrampf, meine persönliche Explosion pflanzte sich mit Lichtgeschwindigkeit fort, ich war der Unhold, der die pompöse Fassade zur scheußlichen Kurve verkrümmte. Der empörte Hauptmann wetterte los: »Natürlich, der Einjährige! Zwanzig Jahre hat er zum Niesen Zeit gehabt, muß er mir ausgerechnet in dieser Sekunde mit seiner infamen Platznase den Parademarsch verderben!« Es sollte noch ärger kommen. Ich defilierte in der Rolle als schließender Unteroffizier in abgetrennter Reihe hinter der Zugfront, allen Blicken besonders exponiert. Ich trug in bitterer Winterkälte nach Vorschrift weiße Handschuhe, die zwar meine Körperlichkeit blendend idealisierten, aber die Gelenkigkeit meiner ohnedies halberstarrten Greifflossen auf Null herabdrückten. Nun gab es unter allen Dienstverbrechen kein grausigeres als die Lockerung der Waffe bei rechts angefaßtem Gewehr. Und richtig, es stand in den Sternen geschrieben, daß mir wiederum im heiligen Augenblick die Flinte von der Brustseite abrutschte. Mit der freien linken Hand versuchte ich danach zu greifen – an sich schon ein verfemtes Manöver –, allein die brutale Schwerkraft war stärker als mein Wille, kurzum, mein Gewehr ratterte fallend mit Gekrach den hochmögenden berittenen Herrschaften direkt vor die Füße. Virgil nennt als Symptom des höchsten Entsetzens: » vox faucibus haesit « (die Stimme blieb im Schlunde stecken) und diese perplexe Sprachlosigkeit stellte sich auch bei den Halbgöttern ein, die diesen verpfuschten Parademarsch abnahmen. Aber hinter mir her vernahm ich doch bald genug das Furiengeheul: »Natürlich, der Einjährige!« Dem Orestes mögen die Rufe der Rachegeister sanfter in den Ohren geklungen haben! Ich gehörte zu den ersten, die zur Erprobung des damals neuen Mausergewehrs an den Scheibenstand kommandiert wurden. Dieses Instrument äußerte anfangs einen äußerst heftigen Rückschlag, und man mußte sich gewaltig zusammennehmen, um nicht beim Abfeuern glatt hintenüber zu purzeln. Allein ich trotzte dem akuten Kolbenstoß – der unter Umständen das Schlüsselbein entzweibrechen konnte –, ich zielte mit Wilhelm-Tell-Augen und leistete in erster Probe bei fünf Schüssen auf 120 Meter Scheibendistanz fünf Zentraltreffer. Sofort wurde mir ein ungeschriebenes Militärgesetz erläutert, wonach der Soldat bei solch seltenem Ergebnis gehalten wäre, das ganze Peloton mit einem Faß Bier freizuhalten. Wir verfügten uns also in nächster dienstfreier Stunde in eine gemütliche Kantine, die der gesamten Rotte zum Verhängnis werden sollte. Wir vertilgten nämlich zu dem Biergelage etliche frische Schweinswürste, und dieses äußerlich und im Geschmack sehr leckere Gericht barg einen perfiden Kern – du ahnst es, Leser: Trichinen! Die ganze Kumpanei erkrankte, und das Lazarett erhielt eine starke Belegschaft, durch deren Muskeln nach mikroskopischem Befund unzählbare Horden jener Spiralwürmer tobten. Im ganzen Regiment war das Wort »Trichinose« zum Alarmsignal geworden, und obschon wir durchweg schließlich gesundeten, gab es doch allenthalben verängstigte Gesichter und peinliche Erörterungen. Wie und wo mochte bloß der fatale Vorgang entstanden sein? Hierüber gaben die Indizien deutliche Auskunft: bei einem Biergelage, das der bewußte glückliche Schütze mit den Freiwilligenschnüren zur Feier seiner fünf Treffer veranstaltet hatte. Eine moralische Schuld ließ sich freilich nicht konstruieren, aber der kausale Zusammenhang wies doch unzweideutig auf mich, als den eigentlichen Urheber der Verseuchung. Es fanden sich Stimmen, die mich direkt als Trichinenvater bezeichneten – »Natürlich, der Einjährige!« * Und des Sonnengottes Gluten versengten das Feld mit unerhörten Kalorien. Wir absolvierten eine Felddienstübung im freien Gelände nahe bei Berlin, und ich war durch die Hitze geradezu wie betäubt. Abgesehen davon, hatte ich während der Uebung meiner Feldflasche kräftig zugesprochen, und diese enthielt – sehr reglementwidrig – eine ziemlich hochgradige Alkoholmischung. Und aus diesem Zusammenprall von Temperatur und Schnaps entwickelten sich Zustände, die nach den Regeln militärischer Erfahrung als beispiellos gelten müssen. Erstlich verlief ich mich während des Manövers derart, daß ich in eine ganz fremde Soldatenschaft hineingeriet und mit einer Truppe heimkehrte, zu der ich nach Dienstverhältnis und Uniform gar nicht gehörte. Und es muß ergänzt werden, daß so ein verirrtes Schaf in fremder Herde eine Rolle spielt, die zwar dem Betrachter sehr burlesk, dem Darsteller indes recht erbärmlich vorkommt. Ferner war mir infolge der diabolischen Glut der schwarze Lack vom Tornisterriemen auf den Waffenrock geflossen und hatte sich dort in breiter Fläche dermaßen verklebt, daß ich als Gesamterscheinung nur noch einen lackierten Klumpen vorstellte. Welch eine Toilette mußte ich an mir vollziehen lassen! Gewand und Tornister hafteten wie genagelt aufeinander und waren nur durch Faustgewalt und Messerschnitte zu trennen: Modell für einen Bilderbogen von Busch! Hier entstand die Frage, warum Tausende von schwarzberiemten Füsilieren heil durch die Sonne marschierten, während nur dieser einzige, dieses Monstrum, von den Strahlen des Tagesgestirns so nichtswürdig verdreckt wurde? Der nie um Antwort verlegene Chor der Vorgesetzten gab Bescheid: »Natürlich, der Einjährige?« Der Kerl mußte nicht nur eine Extrauniform, sondern auch eine Extraschmelzhitze für sich haben? * Es war eine Zeit, in der auf den Kasernenhöfen viel geflucht und geschimpft wurde, im Ernst und im Scherz, aber beständig mit Uebertreibungen, zu denen sich die Helden der Ilias nimmer aufgeschwungen hätten. Wie armselig erscheint Homers Vokabular gegen die kraftvolle Fülle dieser kasernendeutschen Umgangssprache! Man darf getrost behaupten, daß sämtliche zoologischen Gärten Europas froh gewesen wären, hätten sie nur zum hundertsten Teil so viele Dromedare, Büffel, Rhinozerosse und Paviane besessen, als in unserem Bataillon während eines Vormittags titularweise wimmelten. Man nahm es dabei naturkundlich nicht ganz genau. Mein Nachbar im Gliede bekam zu hören: »wissen Sie, was Sie sind? Ein Heupferd, und zum richtigen Kamel fehlt Ihnen bloß noch der Rüssel!« Dabei spielte auch die klassische Redewendung » pars pro toto « eine Rolle, indem zahlreiche Kommißbrüder als Affenschwänze und Hammelschnauzen angesprochen wurden. Man erlebte dazu Kreuzungsformen, die in »Brehms Tierleben« vergebens gesucht werden, wie zum Beispiel: Ochsenferkel, Tapirschaf, Mandrillschwein und Bullengimpel. Bei diesen Ernennungen bestand indes ein merklicher Unterschied insofern, als wir Freiwilligen nur selten in die Klasse der zoologischen Merkwürdigkeiten befördert wurden. Die Wortführer konnten davon um so eher absehen, als sie den Ausdruck ihrer Gefühle ein- für allemal in die höhnende Formel konzentriert hatten: »Natürlich, der Einjährige!« * Unser Dienstterrain erwies sich überhaupt als ein sehr ergiebiges Feld für Kasernenblüten. Viele sententiöse Drolligkeiten, die sich später in Druck und Volkserzählung fortpflanzten, sind Franzerischen Ursprungs, und ich selbst habe eine ganze Anzahl dieser jokosen Gewächse, deren Aufsprießen ich im Dienste erlebte, als erster in die Öffentlichkeit hinausgetragen. Der Fahneneid – so lautete eine Erläuterung in der Instruktion – ist eine heilige Sache; wer ihn bricht, wird schwer bestraft, ganz abgesehen davon, daß er sich auch noch im Jenseits den größten Unannehmlichkeiten aussetzt! – Die tägliche Löhnung beträgt zwölf Pfennig, und haben besonders die älteren Soldaten darüber zu wachen, daß die jüngeren Kameraden damit nicht in Verschwendung ausarten. – Heute abend findet auf Brigadebefehl eine Mondfinsternis statt, wovon die Truppen bei klarem Himmel Augenschein zu nehmen haben. Die Mondfinsternis beginnt pünktlich um ½10 Uhr, ausgenommen für diejenigen Mannschaften, welche um diese Zeit in geschlossenen Räumen Wachtdienst verrichten. – Das militärische Turnen hat den Hauptzweck, den Soldaten am Reck zu einem brauchbaren Menschen zu erziehen, und ihn im Leben auf die schwierigsten Klimmzüge vorzubereiten. Bei Ansetzung des Dienstes soll laut Kabinettsorder auf die israelitischen Soldaten insoweit Rücksicht genommen werden, falls sie durch Immatrikulation oder andere jüdische Feiertage eine glaubhafte Abhaltung nachweisen. – Der Soldat soll sein Gewehr lieben wie seine Braut, was sich auch auf die Rekruten bezieht, die noch kein Verhältnis haben. – Es ist dem Soldaten strengstens verboten, sein Kommißbrot zu verkaufen, oder sonst Handel damit zu treiben, bevor er es selbst aufgegessen hat. – Sollte ein Dissident versehentlich in die Garnisonkirche kommandiert werden, so steht es ihm frei, aus der Kirche auszutreten , aber nicht während des Chorgesangs. – Begegnet der Soldat auf der Straße einem königlichen Prinzen, so muß er Front machen, ebenso vor einer Hofequipage, sobald anzunehmen, daß der nämliche Prinz sich im Innern der Kutsche befindet. Wird der Soldat von einem Vorgesetzten mit einem Auftrag fortgeschickt, so darf er diesen Auftrag nicht weitergeben, sondern er hat an den befohlenen Punkt eigenhändig zu marschieren. – Morgen nachmittags um 3 Uhr werden auf dem Kasernenhof Zielübungen vorgenommen, auch von den bereits am Vormittag nach der Scheibe geschossenen Mannschaften. – Das militärische Wort »Ponton« kommt aus dem Französischen, wogegen der »Ballon« von gefirnißtem Taft herkommt. Und über all diesen Edikten schwebte als Hauptformel die pompöse Definition: Der Soldat ist nicht nur das dazu gehörige Lederzeug, sondern auch die Liebe zum angestammten Herrscherhause, verbunden mit den nötigen Griffen! Wie ich ihn anlernte Das war in jenen Tagen, als ich noch selbst das kritische Richtschwert schwang und Virtuosen wie Komponisten unterm Strich zu Blutwurst verarbeitete. Eben hatte ich wieder so ein Massaker verübt, mit der Grausamkeit eines Rifkabylen, und ich stand im Begriff, mich zu neuen Greueln durch eine Zigarre zu stärken. Aber das war ein übles Kraut, und ich warf den kohlenden Glimmstengel in den Aschenkasten; denn er hatte noch weniger Zug als die Oper, deren letzten Akt ich nunmehr lynchen wollte. Himmel, was war das heutige Blutbad für eine Strapaze! Ich sann darüber nach, wieviel Sorgen und Beschwerden auf meinem Beruf lasteten, und widmete meinen Neid allen Mitmenschen, die ein freundliches Geschick vor den hirnzerreißenden Qualen des Rezensententums bewahrt. Wie wahr, o Meister Berlioz, sagst du in deinen Grotesken: Elende Kritiker! Für sie hat der Winter kein Feuer, der Sommer kein Eis! Immer frieren, immer brennen. Immer hören, immer leiden! Immer den Eiertanz aufführen, zitternd, eins zu zerbrechen ... und nicht einmal ihre müde Feder an den Weiden des Flusses zu Babylon aufhängen und sich am Ufer niedersetzen zu können, um nach Muße zu weinen! ... An diese Jereminade mußte ich denken, und mit dem Goetheschen Donnerwort: »Schlagt ihn tot, den Hund, er ist ein Rezensent!« schlug ich mit der Faust auf den Tisch, daß eine Fontäne, so schwarz wie meine Galle, aus dem Tintenfaß auf das Manuskript niederspritzte. Gleichzeitig trat ein Herr, der nach Ausweis seiner Visitenkarte auf den Namen Zyprian hörte, mit der Frage, ob er störe, in mein Zimmer. Er sah aus wie ein Künstler, der eine bedeutende Zukunft hinter sich hat. Und er befleißigte sich eines Lächelns, das an Demokrit erinnert hätte, wenn es nicht so blöde gewesen wäre. »Machen Sie's kurz!« sagte ich. »Spielen Sie Violine oder Klavier oder besitzen Sie am Ende die Verruchtheit, zu singen? ganz zu schweigen von der diabolischen Möglichkeit, daß Sie, Gott behüte, gar komponieren! Sie wollen natürlich als Konzertgeber auftreten und wünschen mich hierzu als literarischen Spießgesellen; ich möchte die Gefälligkeit haben, Ihnen eine Reklame zu schreiben? Ihr gemeines Vorhaben soll unter einer Bedingung verwirklicht werden, wenn Sie sofort mit Überlichtgeschwindigkeit das Weite suchen, werde ich Ihnen eine Notiz in die Zeitung bringen.« »Danke verbindlichst«, erwiderte Zyprian. »Sie befinden sich indes im Irrtum. Ich bin vorderhand noch gar nichts, beabsichtige vielmehr erst etwas zu werden, vorläufig besitze ich von musikalischen Dingen kaum eine Ahnung und ich habe deshalb eine Stelle als Musikkritiker angenommen.« »Bei welcher Zeitung?« »Der Name des Blattes steht noch nicht fest. Uebermorgen wird erst die Probenummer herauskommen, und wenn dann in einer Woche die Zeitung immer noch erscheint, dann soll definitiv festgesetzt werden, wie sie heißt. Allein ich persönlich bin, wie gesagt, bereits durch Vertrag verpflichtet. Der Verleger sagte mir, wenn ich prinzipiell nur über solche Stoffe schriebe, von denen ich nichts verstände, dann könnte mir der Stoff niemals ausgehen. Deshalb habe ich mich zunächst für das tonkünstlerische Referat entschieden. Inzwischen sind mir aber doch einige leise Bedenken bezüglich meines Amtes angeflogen, und ich wollte Sie deswegen bitten, mir in Ihrer Eigenschaft als Fachmann etliche praktische Winke für meine künftige Tätigkeit zu erteilen.« »Sind Sie des Konversationslexikons mächtig?« »So ziemlich. Das heißt, bis zum Buchstaben G inklusive, weiter reicht mein Brockhaus nicht, da ich beim Buchhändler mit der Ratenzahlung im Rückstand geblieben bin.« »Wenn Sie das Lexikon bis G besitzen, so genügt das fürs erste mehr als reichlich. Sobald in Ihrer Praxis von Auber, Bach, Beethoven, Brahms, Chopin und Gluck die Rede ist, können Sie da gar nicht in Verlegenheit kommen. Musikaufführungen, in denen Werke von Mozart, Mahler, Reger, Schönberg oder Strawinsky gespielt werden, dürfen Sie dann freilich nicht besuchen. Haben Sie ein gutes Gehör?« »O ja. Ich wache vom leisesten Geräusch aus dem Schlaf auf.« »Dann sind Sie geborgen. Setzen Sie sich im Konzert und im Opernhaus allemal so, daß Sie die Unterhaltungen anderer Fachkollegen behorchen können. Aber schärfen Sie Ihre Aufmerksamkeit, denn kleine akustische Irrtümer rächen sich oft bedenklich. Wenn jene kritischen Nachbarn zum Beispiel von der dreigestrichenen Oktave reden und Sie verstehen dreiunddreißig gestrichene Oktaven, so würde der Leser, falls Sie das druckten, an Ihrer Sachkenntnis irre werden. Oder wenn Sie statt Koloratur »Cholerakur« verstehen und schreiben, so könnte dies möglicherweise beim Chefredakteur Ihre Autorität untergraben.« »Wie danke ich Ihnen für Ihre schätzbaren Weisungen! Durch deren Befolgung darf ich in der Tat hoffen, ein vielgelesener und beliebter Rezensent zu werden. Nur weiter mit Ihren Winken, ich bin ganz Ohr!« »Also passen Sie auf, Herr Zyprian. Es kommt vor, daß ein und dasselbe Stück im Konzert doppelt auftritt. Hans v. Bülow hat sogar die ganze »Neunte« an einem Abend zweimal gemacht und bei sowas melden Sie nicht etwa, der Dirigent beabsichtigte, die Zweite Symphonie von Beethoven in einem Konzert neunmal zu spielen. Noch weniger dürften Sie solche vermeintliche Absicht tadelnd glossieren.« »Aber der Tadel bleibt doch wohl beim Referieren die Hauptsache: oder meinen Sie, daß ein Rezensent auch loben darf?« »Nur bedingungsweise. Wo Sie etwa schwanken sollten, geben Sie getrost dem Tadel den Vorzug. Richard Wagner hat die gesamte Musik als Liebe definiert, und in diesem Sinne bleibt es gültig, daß man sich als Journalist zwar verloben kann, aber niemals vertadeln. Das Publikum will amüsiert sein, und es ist einleuchtend, daß man mit Leichtigkeit einen pikanten Tadel zuwege bringt, wogegen gepfeffert zu loben ein Kunststück ist, das Sie sich als Anfänger nicht zutrauen sollten. Seien Sie indes recht behutsam in der Dosierung des Tadels. Sie dürfen unbedenklich jeden Künstler einen Epigonen nennen, einen Stümper, Sie dürfen leise andeuten, daß dieser Stümper eine unverkennbare Anlage zur Geistesschwäche bekundet und sich nur graduell von einem Trottel unterscheidet. Die Zensur »nicht ohne Talentlosigkeit« wird selten übelgenommen. Dagegen riskieren Sie Unannehmlichkeiten, wenn Sie namhafte Virtuosen und Tonsetzer mit Ausdrücken wie Ochse, Aujust, Rhinozeros, Dämelsack oder Schautenkönig belegen.« »Das sind goldene Worte! Doch auch die sanftere Form des Tadelns könnte mir Feindschaften verursachen. Manche Fachmusiker sollen so eitel sein, daß sie selbst Beiworte wie Pfuscher, Nichtskönner und Tölpel nicht gern akzeptieren. Wie ist da zu helfen?« »Sehr einfach. Das Publikum will Tadel lesen, also schreibe man den Tadel, daß die Späne fliegen. Damit ist indes nicht gesagt, daß gerade die aktuell zu behandelnde Person getadelt werden muß. Im Gegenteil. Setzen wir den Fall, die Dame so und so, nennen wir sie unpersönlich Meyer, gibt ein Konzert. Dann sagen Sie ihr einige schmeichelhafte Zeilen und ziehen die Parallele zwischen der Dame Meyer und der Dame Schultze, die vor Jahren in demselben Lokal die nämlichen Stücke vorgetragen hat. Jetzt haben Sie freies Feld und können die vormalige Konzertgeberin Schultze in Grund und Boden verschimpfieren. So hat der Leser sein Vergnügen und die Virtuosin von gestern ein noch größeres.« »Das mag schon richtig sein. Aber die andere, die ich so fürchterlich verreiße, wird mir spinnefeind.« »Kaum anzunehmen, die liest ja Ihre Kritik gar nicht. Höchstens könnte die andere im Laufe der Zeit einmal wiederkehren und abermals konzertieren. Nun dafür haben Sie ja jetzt das Rezept in der Tasche: Sie werden nunmehr der Schultzen etliche wohlwollende Zeilen spenden und dafür die Meyern bis auf die Knochen blamieren. Auf diese Weise üben Sie ausgleichende Gerechtigkeit und verschaffen sich lauter Freunde in der Künstlerwelt, obschon Ihre Artikel von Tadel strotzen.« »Ja, so will ich's machen; diese Methode schützt mich ja nach allen Seiten.« »Vorausgesetzt, daß sie sich nicht anderweitig kompromittieren. Vermeiden sie speziell lange Analysen bei vorzeitlichen Kirchenmusiken, denn da lauern die Fallstricke auf Schritt und Tritt. Ich nehme zwar an, daß Sie imstande sind, den alten Palestrina von Neu-Palästina zu unterscheiden. Trotzdem könnten Sie straucheln, wenn Sie etwa diesen uralten Meister bis in die Zeit des Cheops oder Rhamses zurückverlegen. Und dann noch eins: für unerfahrene Kritiker liegt eine wesentliche Gefahr darin, daß sie dazu neigen, Aufführungen zu besprechen, die gar nicht stattgefunden haben. Die sichere Kenntnis davon, ob das betreffende Musikereignis nicht etwa verschoben oder ganz ausgefallen ist, gehört zu den wertvollsten Eigenschaften des Referenten.« »Oh, davor ist mir nicht bange. Bevor ich zu schreiben anfange, kann ich ja jedesmal den äußeren Tatbestand durch eine Vertrauensperson feststellen, die sich in den Saal begibt und mir alles Erforderliche mitteilt. Mein Hausportier zum Beispiel, der mir allerlei Botengänge verrichtet, ist bis auf kleine Unregelmäßigkeiten ein ganz zuverlässiger Mensch. Er geht für mich durchs Feuer, weil ich der einzige im Hause bin, der ihn noch nicht bei der Polizei angezeigt hat. Sollte ich also gelegentlich ein Konzert schwänzen, so schicke ich diesen Mann in den Saal, und er wird mir berichten, ob sich dort alles nach Programm abgewickelt hat.« »Sehr verständig. Und um ganz praktisch zu verfahren, brauchen Sie diese Methode nur noch um einen Grad auszubauen: lassen Sie doch Ihren Portier gleich die ganze Kritik aufschreiben! dann sind Sie von allem Mühsal entlastet, und es steht sogar zu hoffen, daß die Rezension gediegener geraten wird, als wenn Sie sich persönlich darum anstrengen.« Ich habe nur noch nachzutragen, daß das zuvor erwähnte Blatt nicht über die erste Probenummer hinausgekommen ist. Sehr bedauerlich. Denn diese Nummer enthielt einen vorzüglichen Artikel, den Herr Zyprian mit rührender Treue aus Band II des Großen Brockhaus abgeschrieben hatte. Abenteuer im Bremer Ratskeller Phantasie wie beim alten Hauff? Oder Wirklichkeit? – Vielleicht beides. Jedenfalls kommen hier Dinge vor, Preise und Zahlen, die auf Wahrheit beruhen, und für die ich jede Garantie übernehme. * Es war zehn Minuten vor Mitternacht am ersten September, als ich dort Einlaß begehrte. Der letzte Gast hatte den Keller verlassen, und der Ratsküfer machte Schwierigkeiten: »Wir sind kurz vor der Gespensterstunde, und es ist nicht recht geheuer da unten; wollen Sie trotzdem....?« »Ja ich will, unbedingt und absolut. Schließen Sie auf!« Er führte mich durch hallende Gänge und über zahllose Stufen in einen düster erleuchteten Raum: »Die Weinkarte brauche ich Ihnen wohl nicht erst vorzulegen; Sie wissen wohl Bescheid?« »Allerdings; es ist ja heut ein besonderes Datum.« »Und Sie sind der einzige Mensch, der sich das gemerkt hat, das Dreihundertjahr-Jubiläum unseres weltberühmten Fasses, genannt ,Rose'. Wir besitzen darüber eine uralte Verordnung unseres löblichen Bremer Senats: Sollte sich in dieser Geisternacht ein einsamer Gast anfinden, der zu trinken begehrt, dann soll er gratis bewirtet werden. Und er darf sich aus dem ganzen Ratskeller einen beliebigen Schoppen aussuchen.« »Vortrefflich, Küfer! Ich wünsche also eine Flasche aus dem herrlichen Apostelfaß Johannes!« »Ihr seid sehr anspruchsvoll, Herr! Der Apostel darf sonst niemals angezapft werden. Aber Ihr seid ja eine Ausnahme und besitzet den Freibrief. Ich habe zu gehorchen.« Er schlürfte davon und brachte das verlangte. »Seit wann lagert dieser Wein im Bremer Keller?« fragte ich. »Er ist ein Rüdesheimer vom Jahre 1670. Das Stück zu acht Ohm hat damals 300 Taler Gold gekostet.« »Danke. Jetzt nehme ich ein Blatt Papier und will einmal ausrechnen, wieviel dieser Wein heute wert ist.« »Das wird ein schwieriges Exempel; im Weinhandel rechnet man zehn Prozent auf Zinseszins . . .« »Diese Unterlage genügt mir. In drei Minuten wird das Resultat auf dem Papier stehen.« Und da stand es: Heute, am 1. September von 1925, beträgt der Preis dieses Rüdesheimers pro Flasche: 24 683 750 000 Mark! pro Glas: 3 085 469 000 Mark! pro Tropfen: 3 085 469 Mark!!! »Glatte Sache, wenn wir annehmen, daß ein Ohm 180 Flaschen, die Flasche 8 Gläser und das Glas 1000 Tropfen hergibt. Und jetzt entfernt Euch, Küfer. Ich will mir diesen Trank solo solissimo in traumschwelgerischer Einsamkeit bezähmen!« * Das erste Glas! Ein Feuerstrom, der die Nebenbetrachtung heraufzaubert: Mehr als drei Milliarden gieße ich hier mit einem Zuge hinter die Krawatte. Mit diesem Betrage hätte man den größten Teil der Deutschen Reichsanleihen schon recht anständig aufwerten können. Für mich war das ein Schluck: prost Rest! Wie steh ich da? Das zweite Glas! Ueberlegen wir doch einmal: Ein Reichstagsabgeordneter bekommt 20 Mark tägliche Diäten, macht fürs ganze Parlament rund drei Millionen im Jahr. Also habe ich hier ungefähr 1000 komplette Reichstage mit einem Hieb heruntergepichelt. Das soll mir erst einer nachmachen! Das dritte Glas! Bilder aus vergangener Fahrtenlust steigen in mir auf. Für 20 Mark kann man sich heute sehr bequem eine Reise um die ganze Welt leisten. Also? Wie oft hätte ich für diesen Schluck rund um den Bauch des irdischen Globus reisen können? Reichlich 200 000 mal! Und wenn einer so'ne Masse Weltreisen tat, so kann er was erzählen! Vivant sequentes! Beim letzten Glase lasse ich eine winzige Neige zurück, ein einziges Tröpfchen, aus künstlerischem Motiv; und denke dabei an die berühmte »Attische Göttin«, die jetzt vom Reiche, von Preußen und der Stadt Berlin zum Kaufpreis von einer Million erworben werden soll, von mir aus! Da wirtschafte ich doch ganz anders mit den Moneten! Jetzt pfeife ich extra den letzten Lippentriller, und mit diesem einzigen Tropfen träufle ich mir drei marmorne Attische Göttinnen auf die Zunge. Das nenne ich Groß-Zügigkeit. Abgesehen davon habe ich bei meinem stillen Trinkfest die Weinsteuer gespart, das macht 20 Prozent vom Wert, gleich 4 Milliarden, 827 Millionen und 750 000 Mark, auf den Pfennig genau. Ich werde mich um die Zahlung dieser Summe nicht weiter bemühen, soll der Fiskus mir nachlaufen! Also war das ein Genuß? Scheint so. Und da komme mir noch ein Abstinenter und erzähle mir von antialkoholischen Freuden! Den Kerl lache ich klaftertief unters Bremer Pflaster, wo er Grundwasser saufen soll. Ich habe mich für zahllose Milliarden amüsiert, und mein Kostenpunkt war alles in allem Null. Herr Reichskanzler was sagen Sie zu der Preissenkung?! Die Symphonie auf dem Gorner Grat Ich hatte am Abend vorher Veronal genommen, und das wirkte noch bis zum Nachmittag, wo mich eine lethargische Müdigkeit auf dem Sofa festhielt. Aber da bekam ich Besuch. Es war nämlich mein Geburtstag, und mein Freund, der ausgezeichnete Techniker Konrad Sturm, erschien bei mir, um zu gratulieren und ein Präsent in Gestalt eines hübschen Kästchens abzuladen. Schön' Dank, lieber Konrad, sagte ich, stell's nur da auf den Schreibtisch und sei nicht böse, wenn ich dich nicht ausführlicher bewillkommne, ich bin nämlich so furchtbar müde und wollte gern noch ein bißchen nicken. Aber der Techniker wollte mir doch sein Geschenk erläutern und begann einen Vortrag, von dem mir nur verschwommene Laute ins Bewußtsein drangen. Im Dusel vernahm ich seine Erklärung: das Kästchen, seine neueste Konstruktion, von der ich das erste Exemplar haben sollte; ein Apparat mit dem Titel »Dionys-Radio«, in mythologischem Anklang an das Ohr des Dionys von Syrakus, an jene sagenhafte Grotte, in der man die verborgensten Geräusche der Außenwelt hören konnte. Ich vernahm noch etwas von Antennen, von Vakuum-Röhren, und von einem neuen System Sturmscher Erfindung, das er »Infinitesimal-Röllchen« nannte. Das Radiokästchen sollte außerordentliches leisten, nicht nur als Schallempfänger, sondern auch als Sender nach beliebig zu bestimmenden Orten, und alles das mit den allereinfachsten Handgriffen. Damit empfahl sich mein Freund und überließ mich meinen Träumen. Allein nach etlichen Minuten kam mir doch mein Benehmen allzu schlafmützig vor. Ich versuchte mich wachzurütteln, um das reizende Wunder in Gebrauch zu nehmen. Und das schien mir auch zu gelingen. Ich war also wie gesagt in der Lage, den Apparat auf beliebige Distanzen einzustellen, und hatte es außerdem in der Gewalt, die Richtung zu bestimmen. Kurzum, ich konnte mir im ganzen Umkreis aller örtlichen Gegebenheiten den Punkt auswählen, mit dem ich empfangend und sendend klanglich zu korrespondieren wünschte, immer vorausgesetzt, daß sich in der Nähe dieses Punktes jemand befand, der mit einem brauchbaren Radioinstrument versehen, auf meinen Ruf und auf meine Intentionen einzugehen willens war. Da kam es also auf ein Probierverfahren an. In vielen Fällen konnte es mißglücken, aber das machte ja nichts, denn die Möglichkeiten an sich waren ja unbegrenzt, und selbst bei einem bescheidenen Prozentsatz an Treffern durfte ich auf eine stattliche Anzahl von Anschlüssen zählen. Es würden sich schon genug interessante Stationen finden, die auf meine Absicht reagierten. Also machen wir den Anfang! Mir war zumute wie einem, der von einer vagen Reiselust besessen ist, ohne recht zu wissen, wohin. Es gibt da eine ganz praktische Methode, deren ich mich selbst ehedem in ähnlicher Lage mit Erfolg bedient habe: man nimmt ein Kursbuch oder einen geographischen Handatlas und sticht von außen mit einer starken Nadel hinein. Alsdann klappt man den Land nach Zufall auf und ermittelt auf der betreffenden Seite den gestochenen Punkt. Dieser ist dann das Reiseziel, und in den meisten Fällen stellt es sich heraus, daß man wohl daran tat, sich auf den Wink des Schicksals zu verlassen. Man findet an dem Stichpunkt meistens gute Unterkunft, passable Gesellschaft und erschwingliche Preise. Nur ein einziges Mal hatte ich Ursache, diese Methode zu bedauern, als mir nämlich die Stechnadel als mein Wanderziel Monte-Carlo bezeichnet hatte. Denn ich ritt mich dort an der Roulette auf einer Unglücksnummer fest und fand mich nach wenigen Tagen im Zustand trostloser Auspowerung. Da sich aber das Verfahren von diesem Ausnahmefall abgesehen gut bewährt hatte, so übte ich es jetzt von neuem. Und sogleich erkannte ich, daß mich die Nadel auf aussichtsreiche Fährte leitete: der Stichpunkt der aufgeklappten Seite lag in der Schweiz, im Kanton Wallis, an der Gorner Visp; –: es war Zermatt. Da hatte ich einen prächtigen Fingerzeig des Fatums. Mit dem Radio das Zermatter Gelände abzuhorchen, das konnte sich schon verlohnen. Wundervolle Erinnerungen stiegen in mir auf aus meinen touristischen Jugend- und Mannesjahren. Dort hatte ich ja selbst einstmals berauschende Aufstiege unternommen bis hinauf aufs Matterjoch und sogar aufs Walliser Breithorn, wo ich in dem Bewußtsein schwelgen durfte, vier Meter höher zu stehen als Jungfrau-Spitze. Und über die Gletscher war ich in auserlesener Gesellschaft gewandert, mit dem hochberühmten englischen Naturforscher John Tyndall, den mir ein merkwürdiger Zufall als touristischen Genossen angegliedert hatte. Diese Erinnerung ward mir im Moment besonders bedeutsam. Wir hatten nämlich im Gespräch auf der Riffel-Alp auch akustische Phänomene berührt, für die Tyndall ein feinhöriges Ohr und das profundeste wissenschaftliche Verständnis besaß. Ja, der Zufall gab mir noch einen auffälligen Hinweis, denn der Name des Forschers ist für mich mit einem Werke Tyndalls verknüpft, das von der Strahlung handelt und auch wirklich den Titel führt »On radiation«. Das galt mir als Omen in der Stunde, da ich selbst im Begriff stand, eine Radiation auf der Strecke Berlin-Riffelalp auszuprobieren. Jetzt war alles in der Apparatur genau hergerichtet, nach Wellenlänge, Distanz und nach Richtung. Kleine Fehler in der Einstellung waren immerhin noch nicht ausgeschlossen. Aber die würden sich schon bei der wiederholten Erprobung und bei aufmerksamer Handhabung der Drehknöpfe mit der Zeit von selbst korrigieren, wenn nur die von meinem Freund Konrad Sturm hergestellte Dionys-Maschine exakt funktionierte, woran ich gar nicht zweifelte. Schließlich konnte sich doch der Zufall, der so oft als störender Wegelagerer auftritt, auch einmal als Helfer bewähren. Der Anlaß war doch wichtig genug. In den ersten Minuten hörte ich nicht das geringste, und meine Anrufe verhallten im Leeren. Da plötzlich meldete sich eine Stimme: »Halloh! ist dort jemand?« – »Wie Sie sehr richtig vermuten. Hier ist allerdings jemand, der das äußerste Interesse hat, eine Unterhaltung mit Zermatt zu effektuieren.« Ich nannte meinen Namen, entwickelte in aller Kürze meine Absicht und fügte hinzu: »Verständigen wir uns über die Vorbedingung. Mit welchem Erdenfleck stehe ich augenblicklich in akustischer Fühlung? Ist dort Zermatt?« »Das stimmt so ziemlich. Genauer: Zwischen dieser Ortschaft und dem Riffelhaus. Ich spreche hier aus einem Wagen der Seilbahn, mit der ich soeben zum Gorner Grat emporfahre. Pardon, ich habe mich ja noch gar nicht vorgestellt: Quintus Oktavieff, Ingenieur aus Saratow.« »Ich dachte mir gleich, daß Sie Russe wären; Sie sprechen korrektes Deutsch, allein der sarmatische Akzent schlägt doch durch. Also Ingenieur sind Sie, sehr sympathisches Fach: ich danke einem meiner Freunde von der nämlichen Zunft den Radio-Apparat, der mir das Vergnügen dieser Unterhaltung verschafft. Und was beabsichtigen Sie auf der Höhe des Gorner Grats?« »Ich will dort Musik hören und Musik produzieren.« »Da habe ich wohl soeben falsch gehört. Ich verstand: Ingenieur.« »Und Tonkünstler außerdem. Bei uns in Rußland ist man niemals Musiker schlechtweg, man ist im Hauptfach immer noch etwas anderes. Die großen Männer, deren Unterricht ich genossen habe, sind die bedeutendsten Belege hierfür: bei Rimsky-Korsakow habe ich Festungsbau und Kontrapunkt studiert, bei Borodin angewandte Naturwissenschaft und Instrumentation, bei Balakirew Mathematik und Pianoforte.« – »Sehr vielseitig. Da komponieren Sie also auch sozusagen?« – »Leidenschaftlich, besonders auf Reisen. Ich habe beobachtet, daß der Eisenbahnrhythmus die musikalische Fantasie enorm beflügelt und daß besonders der spezifische Rhythmus der Bergbahnen eine geradezu themenbildende Kraft besitzt. Deswegen habe ich gerade auf diese Steilbahn abonniert und darf es befriedigt aussprechen: mir sind hier wirklich schöne und charakteristische Themen eingefallen.« – »Können Sie mir davon einige vorsingen?« – »Natürlich: oder noch deutlicher: vorspielen. Gedulden Sie sich nur einige Minuten. Oben auf dem Kulm habe ich ein hübsches Logierzimmer und darin einen Stutzflügel. War gar nicht so einfach, den hinaufzuschaffen, ich habe deswegen bis nach Montreux telephonieren müssen. Ich werde zwischen meinem Klavier und Ihnen den radiophonischen Kontakt herstellen, und dann können Sie ja direkt urteilen. Wenn Sie auf diesem Gebiete bewandert sind, werden Sie nebenbei auch wahrnehmen, daß es mir gelungen ist, die elementaren Naturstimmen der Hochgebirgswelt kompositorisch einzufangen.« »Ich glaube Sie zu verstehen, Herr Oktavieff. Sie meinen jene Bergtöne, von denen die Poesie Victor Hugos eine die Sehnsucht so mächtig erregende Vorahnung gibt.« – »Sie sind im Bilde. Es handelt sich allerdings um jene Hochsphärenklänge, die der Dichter in seinem Werk » Ce qu'on entend sur la Montagne « angedeutet hat, mit dem Programm: Die Welt, gehüllt in diese Sinfonie, Schwamm wie in Luft so in der Harmonie. Franz Liszt hat dies schon in seiner ersten sinfonischen Dichtung bearbeitet, aber ungenügend; weil er im Tiefland komponierte und nicht unmittelbar auf der eisigen Höhe. Ich dagegen! Von meinem Fenster auf dem Gorner Grat sehe ich den schrägen Theodul-Gletscher, und wenn dort der Föhn über den feinpulvrigen Schnee fegt, so nehme ich hellhörig wahr, wie die Natur selbst ihre Mysterien komponiert.« – »Sehr schön gesagt, Herr Oktavieff, aber nicht ganz originell hinsichtlich der möglichen Auswirkung. Unser Großmeister Richard Strauß hat diese klangliche Gletschererscheinung in seiner »Alpen-Sinfonie« bereits unübertrefflich gestaltet.« – »Sie werden anders taxieren, wenn Sie erst mein Tonstück per Radio erfassen. Was Sie unübertrefflich nennen, ist für mich nur eine Vorstufe zu meinem Non plus ultra . Und woran liegt das? weil Ihr Richard Strauß doch als absoluter Musiker einseitig organisiert ist, ohne die Mannigfaltigkeit des Russen. Der Komponist, wie ich ihn verstehe, muß imstande sein, die heterogensten Elemente zu verbinden, Sonaten und Algebra, Orchestersuiten und Elektrizität, dreistimmige Fugen und vierdimensionale Differentialgleichungen, Streichquartette und Dynamomaschinen, Symphonie und Polarisation. Beherrscht er alle diese Disziplinen, so wird er auch zu weit universaleren Programmen gelangen, als es der Gilde bis jetzt möglich gewesen ist ...« – »Ich muß Ihnen gestehen, werter Herr, daß mich das nicht recht überzeugt. Ich sehe vielmehr eine Zeit voraus, in der man die Musik ganz rein destillieren und sich von dem Phantom der Programme gänzlich lossagen wird.« – »Neu-Berliner Aesthetik! die genau so falsch orientiert ist, wie alle früheren Schönheitslehren, mögen sie auf den Namen Gefühls- oder Formalästhetik getauft sein. Ich will Ihnen sagen, worauf es ankommt: Eine völlig neue Musiksubstanz muß erfunden werden, die imstande sein wird, das Unerhörte zu verkünden. Solange wir uns noch mit den Resten irgendwelcher Altvätermusik herumschleppen, bleiben alle Erörterungen über tonkünstlerische Schönheit Totgeburten. Ja, ich gehe noch weiter: im Umkreis der früheren und heutigen Klangmöglichkeiten sind alle Aesthetiker Idioten!« In mir stieg Empörung auf, und ich war nahe daran, die ganze Radioverbindung abzubrechen. Allein ich bezwang mich, da mir doch der Russe ein Konzert vom Gorner Grat in Aussicht gestellt hatte, eine Darbietung, auf die ich begreiflicherweise neugierig war. Ich entgegnete daher mit erzwungener Ruhe: – »Sie drückten das eben etwas schroff aus: ›Idioten‹! Ich glaube kaum, daß Ihnen solch vernichtendes Verdikt zusteht.« – »Ich kann mich ja auch etwas milder ausdrücken: Ich nehme dazu ein Wort aus unserem Literatenjargon: was die Lehrmeister der Aesthetik vortragen, ist » fumy «.« – »Das soll vermutlich soviel bedeuten als »Quatsch«. – »So ungefähr. Alles schöngeistige Gerede fällt unter diesen Begriff, denn es will logisch operieren mit Tonfolgen, das heißt mit Dingen, die an sich absolut unlogisch sind.« – »Sie übersehen, daß sämtliche große Tonsetzer seit Palestrina bis auf Busoni sich an diesem Gerede beteiligt haben. Ich greife nur einen heraus, den unsterblichen Gluck. Meinen Sie, daß sich auch der über die logischen Fähigkeiten der Musik getäuscht hat?« – »Gluck? der ganz besonders. Er steckte im dicksten Aberglauben und Fetischismus, wenn er dafür eintrat, daß seine Musik auf seine Texte ausdrucksgerecht paßte.« – »Welche Blasphemie!« – »Ihnen erscheint es blasphemisch, weil Sie sich niemals die Mühe gegeben haben, die einzelnen Stellen auf ihre logische Nichtigkeit zu prüfen. Ich will Ihnen dazu Beispiele bringen. Hören Sie mal zu, was ist das?« Er begann eine Melodie zu pfeifen, und ich erkannte durchs Radio ganz genau, was er meinte: »Jawohl, das ist aus Glucks Orpheus, und zwar dessen Arie ›Ach, ich habe sie verloren‹.« – »Mir sind die französischen Worte geläufiger: » J'ai perdu mon Euridice, Rien n'égale mon malheur  ...« Das hat Tausende von Menschen zu Tränen gerührt, unter ihnen Jean Jaques Rousseau, und ist trotzdem der pure Blödsinn, wie leicht zu erweisen. Ich verkehre den Text in sein diametrales Gegenteil: » J'ai trouvé mon Euridice, Rien n'égale mon bonheur!« und nun bitte, singen Sie sich dies nach genau der nämlichen Melodie von Gluck und sagen Sie aufrichtig: paßt sie nicht ebensogut? Paßt sie nicht vielleicht noch viel besser auf den konträren Text? Und ob Gluck, ob Händel, ob Beethoven, es bleibt immer dieselbe Vermischung von Mißverstand und Betrug. Die Musik zum Messias ist fromm, damit will der Aesthetiker doch wohl sagen, die Frömmigkeit steckt in den Noten. O, diese Borniertheit! Händel hat nämlich die allerfrömmsten Noten ganz einfach aus seinen früher komponierten höchst weltlichen, ja sinnlich erotischen Stücken Ton für Ton herübergenommen, abgeschrieben, und während sie zuerst die Ekstasen der Verliebtheit ausdrückten, wurden sie nachher weltentrückt und andächtig, ohne daß sich auch nur ein Notenkopf verschoben hätte. Beethovens Sonate opus 81 ist seinerzeit von allen deutschen Empfindern und Deutern als ein Liebesgedicht in Es-Dur erklärt worden; man ließ sich durch die Ueberschrift » Les adieux, l'absence, le retour « irreführen und zerbrach sich bloß den Kopf darüber, ob das Tonwerk von verheirateten oder nur von verlobten Liebesleuten handelte. Noch der neunmalweise Theoretiker Marx fand in der Komposition den haarscharfen Beweis dafür, daß dies Klangwerk Momente aus dem zwiegeschlechtlichen Liebesleben darstellte, und das Publikum war begeistert, als der spürnäsige Musikschwärmer Lenz im Schluß der Sonate die Lieblichkeit aufschnüffelte: »die Liebenden öffnen ihre Arme wie Zugvögel ihre Flügel«. Was diese ästhetisierenden Weisheitsgimpel nicht gewußt haben, ist die einfache Tatsache, daß der Tonmeister weltenweit davon entfernt war, irgendwelches weibliches Wesen in seiner Sonate zu illustrieren. Vielmehr bezogen sich les adieux und le retour nach Beethovens eigener Niederschrift auf die Abreise und die Ankunft »Sr. Kaiserlichen Hoheit des Erzherzogs Rudolf im Mai 1809 und Januar 1810.« Nicht viel anders ist es bei Richard Wagner. Man kann die Anfangstakte des Tristanvorspiels mit Innehaltung der musikalischen Logik in einer Banalphrase von Flotow fortsetzen, und ein unverbildeter Südländer würde Text und Musik ganz kongruent finden, wenn man ihm die Parsifalstelle »durch Mitleid wissend der reine Tor« nach der Carmen-Melodie »Auf, in den Kampf, Torero« vortrüge. Genug davon! Die Seilbahn stoppt soeben, ich befinde mich in Nähe meines Instrumentes auf dem Gorner Grat und werde Ihnen in wenigen Sekunden aus meinen neuesten Werken vorspielen.« – »Ich bin aufs äußerste gespannt, möchte aber doch, ehe Sie beginnen, noch eine Auskunft erbitten: arbeiten Sie schon mit der neu zu erfindenden Musikmaterie?« – »Selbstverständlich, und ich füge hinzu, daß man höher als 3000 Meter über dem Meeresspiegel komponieren muß, um sie zu gewinnen. Ich meine die Tonsubstanz jenseits der Logik, die sich von selbst den kläglichen irdischen Interpretationen entrückt. Oder noch präziser: das klingende Etwas, das sich in seiner immensen Entfernung von allem hergebrachten einem Transzendenzpunkte nähert, wo sich eine ganz neue Logik jenseits der intelligibeln Welt auftut.« – »Aber Sie sprachen doch zuvor von Themen; verstehen Sie darunter sinfonische?« – »Das sind belanglose Wortklaubereien. Was ich Ihnen bieten werde, ist gleichzeitig Sinfonie, Oper, Kammermusik, Sphärenkantate in Projektion aufs Klavier. Und wenn Sie absolut ein Programm beanspruchen, so will ich Ihrer verjährten Tradition aus reiner Gefälligkeit entgegenkommen. Sagen wir also meinetwegen, das begriffliche Thema wäre der Universalheros, eine klingende Synthese aller Titanen von Prometheus bis auf Faust.« Ich lauschte angestrengt. Und wirklich, auf dem fernen Klavier in Walliser Wolkenhöhe begann es zu musizieren. Aber, zum Teufel, was war denn da eigentlich? Kam mir da eine Offenbarung entgegen, Mystisches, Ueberweltliches? Ich traute meinen Ohren nicht! Das war ja der ordinärste Operettenschund, in schmalzigen, knallerballernden, kankanierenden und jazzbandigen Rhythmen, in Schlagerfetzen, die noch dazu aus Offenbach, Suppé, Audran, Millöcker und Lehar zusammengestohlen waren! O, der Kerl hatte ein gutes Gedächtnis, verstand sich auf Kombinatorik und stibitzte nicht ohne Talentlosigkeit. Aber das ganze Sammelsurium, obendrein mit blöde paukender Technik vorgetragen, wirkte hundsgemein und berechtigte schon in den ersten Takten zu den scheußlichsten Hoffnungen. Nein, da wollte ich das Ende nicht erst abwarten nach so fürchterlicher Ueberraschung. Ich riß die Schallklappe vom Kopfe, warf mich wütend herum, – – – jetzt war es mir, als stürzte ich aus dreitausend Metern Höhe in einen unvorstellbaren Orkus, – ich fiel, fiel – von meinem Kanapee herunter auf die harte Diele – – – und erwachte durch den kräftigen Aufprall. Alles geträumt? Nein, doch wohl nicht alles. Aus dem Tohuwabohu wirrer Vorstellungen hob sich eine Wirklichkeit: mein Freund, der Ingenieur Konrad Sturm, hatte mich tatsächlich besucht, um mir ein Geburtstagsgeschenk zu stiften. Da stand ja das Kästchen noch auf dem Tische, das war Beweis genug. Aber das war kein Dionys-Radio, sondern, wie ich sogleich beim Aufklappen feststellte, ein Kästchen mit einer Einlage sehr guter Zigaretten. Es enthielt keine neuerfundenen Infinitesimalröhrchen, sondern ganz einfach Tabakröhrchen. Uebrigens auch eine ganz hübsche Erfindung! II. Teil Horribilicribrifax Die effektvolle Jungfrau »Eigentlich müssen wir jetzt zur Probe,« sagte Herr Hecht, Direktor des Thespis-Theaters, »die Probe ist auf zehn Uhr angesetzt, und wir halten in dieser Hinsicht auf strenge Pünktlichkeit, es fehlen nur noch zehn Minuten.« Sein Sozius, Direktor Krämer, ergänzte: »Die Probe dieses neuen Stückes hat eine besondere Wichtigkeit für uns; wir haben nämlich beschlossen, daß diese Novität einen sensationellen Erfolg erzielen und dreihundert Aufführungen erleben wird.« »Da komme ich wohl sehr ungelegen?« bemerkte ich schüchtern. »Sozusagen ja,« bestätigte Direktor Hecht. »Aber da Sie nun einmal hier sind, wollen wir Sie nicht ohne weiteres fortschicken, was bringen Sie eigentlich?« »Ich wollte Ihnen, vielleicht für nächstes Jahr, ein neues Stück einreichen, und womöglich selbst vorlesen; aber da Sie so wenig Zeit übrig haben ....« »Was das betrifft« unterbrach Direktor Hecht, »so ließe sich darüber hinweg kommen; in zehn Minuten läßt sich viel erledigen. Also, was ist das für ein Stück?« Ich markierte Fassung, und begann: »Mein Drama heißt: »Die Jungfrau von Orleans.« Im Mittelpunkt steht jene heldenhafte Jungfrau, halb historische Figur, halb legendäre Erscheinung, die in göttlicher Begeisterung Frankreich errettet, indem sie sich an die Spitze der französischen Streitmacht stellt und über die Engländer einen phänomenalen Sieg erkämpft.« Die beiden Direktoren des Thespis-Theaters tauschten Blicke. Kramer nahm das Wort: »Wenn die Engländer gehörig was auf die Mütze kriegen, das würde sich auf unserer Bühne ganz gut ausnehmen.« Hecht pflichtete bei: »Erstens das! Einen guten Aktschluß gibt es zum mindesten, wenn so ein englischer Dreadnought in die Luft fliegt. Dann aber interessiert mich auch Ihre Jungfrau selbst. Ist ja offenbar eine sehr forsche Person, und mit solchen Frauenrechtlerinnen haben wir schon früher Bombenerfolge gehabt. Mir kommt da eine sehr gute Idee: wir lassen den ersten Akt in London spielen und verbinden die Sache mit der Unterzeichnung des Vertrages von Locarno. »Erlauben Sie, meine Herren, das ist unmöglich!« opponierte ich. »Das Stück beginnt vielmehr in einer ländlichen Gegend. Thibaud d'Arc, ein reicher Landmann besitzt drei Töchter: Margot, Louison und Johanna, die von drei jungen Schäfern zur Ehe begehrt werden. Bitte zuzuhören: Thibaud: Ja, liebe Nachbarn! Heute sind wir noch Franzosen, freie Bürger noch und Herren des alten Bodens, den die Vater pflügten ....« Beide Direktoren sprangen in die Luft. »Um Gottes willen!« rief Hecht, »Sie haben ja da ein dickes Paket in der Hand!« »Selbstverständlich ist es dick!« entgegnete ich, »wie wollen Sie denn so ein großes historisches Drama kennen lernen, wenn ich's Ihnen nicht vorlese?!« »Gänzlich ausgeschlossen!« erklärte Hecht; »erstens halten wir überhaupt nichts von Manuskripten, und zweitens haben wir Ihnen ja bereits gesagt, daß wir das Stück annehmen, weil es uns gefällt. Die Hauptsache ist, daß wir uns über die Einzelheiten verständigen. Also, wo soll die ganze Geschichte spielen?« Ich erläuterte: »Nach dem Vorspiel in ländlicher Gegend erblickt man das Hoflager des Königs Karl des Siebenten von Frankreich.« »Wissen Sie,« sagte Direktor Kramer, »auf Könige sind wir im Thespis-Theater nicht eingerichtet. Das gibt Schwierigkeiten mit der Zensur. Aber Ihre Jungfrau von Orleans, die kann so bleiben. Die besetzen wir Ihnen vorzüglich, was meinen Sie, Hecht? Alma Drillhaase?« Hecht überlegte: »Alma Drillhaase würde die Jungfrau schon schaffen. Aber die kann ja keine Couplets singen. Das kann die Cläre Sengebusch. Selbstverständlich, Cläre Sengebusch! Ich sage Ihnen, lieber Herr, die macht das zum Schreien! Die legt Ihnen eine Jungfrau hin, da wälzen Sie sich!« »Aber die Johanna d'Arc ist eine tragische Figur!« »Wieso Johanna?« »So heißt die Jungfrau!« »Na, darüber wollen wir uns nicht zanken. So heißt sie einstweilen in Ihrem Manuskript, – tun Sie schon das dicke Paket fort, das stört uns hier bloß, wenn wir den Plan zu Ihrem Stück entwerfen. Sie sind eben ein Anfänger und wissen nicht, wie sowas gedeichselt wird. Vor allem müssen wir die Berliner Note hineinkriegen. Aus Ihrem König machen wir einen Grafen ....« »Und zwar den Grafen Zeppelin,« ergänzte Krämer. »Das ginge,« fuhr Hecht fort. »Sehen Sie, so baut sich allmählig die Szene wirksam auf: der Flugplatz von Johannistal, Soldaten, Volk, Somalineger aus dem Rummelplatz, und nun erscheint plötzlich die Jungfrau von Orleans, um den neuen Kriegsplan gegen England mit Luftbomben loszuschmettern, – da haben Sie einen Effekt der gar nicht umzubringen ist.« Kramer machte ein nachdenkliches Gesicht: »Ich sehe bei alledem noch gar nicht, wo da ein Tisch mit Kaffeegeschirr umfällt und wo ein Kronleuchter herunterpurzelt.« »Meine Herren Direktoren,« wagte ich einzuwenden, wir entfernen uns ersichtlich mehr und mehr vom Thema. In meinem Stück handelt es sich um ein Weltenschicksal.« »Und Sie können hundertmal Schicksale mimen,« polterte Kramer, »wenn dabei nicht ein Tisch umfällt, und ein Kronleuchter herabpurzelt, so pfeifen Ihnen die Leute was auf ihre Novität.« »Abgesehen davon,« sagte Hecht, »fehlt in ihrem Stück die Exposition. Unter einer Exposition verstehen wir Fachleute eine merkwürdige Wette oder eine urkomische Testamentsklausel: womöglich beides zusammen. Aber das läßt sich ja noch nachholen. So eine verrückte Wette mit Erbschaft bringe ich Ihnen noch in der letzten Probe hinein. Was übrigens den umfallenden Tisch betrifft, so könnte der sehr gut in der Universitätsaula stehen, denn im dritten Akt wird selbstverständlich Ihre Jungfrau von Orleans zum Ehrendoktor der philosophischen Fakultät gemacht. Da haben Sie die Aktualität mit Studenten und Kommersliedern, wie Sie sich's gar nicht besser wünschen können.« »Aber meine Johanna stirbt doch auf dem Schlachtfeld!« »Ihre, aber nicht unsere. Sie sind überhaupt ganz konfus. Eben erzählten Sie uns doch, daß die Jungfrau von Orleans mit einem halbstarren Militärballon die Engländer vermöbelt! Und da reden Sie sich ein, daß Cläre Sengebusch Ihnen einen Schlachtentod vormimen wird? Da sind Sie auf dem Holzwege.« »Bei Holzweg fällt mir der Wackeltopf ein,« bedeutete Kramer. »Den hatten wir ganz vergessen.« »Ich nicht!« betonte Hecht. »Solch wichtige Requisiten wie Wackeltöpfe, Rutschbahnen und Wahnsinnsräder sind mir von Anfang an gegenwärtig, sobald ich ein Stück verfasse, das man uns eingereicht hat. Also unmittelbar, nachdem die Jungfrau ihr Doktorcouplet gesungen hat, das heißt nach dem fünften Dakapovers, begibt sich die ganze Gesellschaft nach dem Lunapark, wo die Hochzeit stattfindet.« »Keine Ueberstürzung, Hecht! erst nach dem Freibad, dann nach dem Lunapark, – einmal wenigstens muss doch die Jungfrau im Bademantel vorkommen, bevor sie heiratet.« In mir begann es zu kochen: »Meine Herren, eine heiratende Jungfrau ist ein Blödsinn!« Und aus der Tiefe meines historischen Bewußtseins fügte ich hinzu: »Das wahre Wesen dieser Jungfrau besteht ja eben darin, daß sie ....« »Sie halten uns unnütz auf,« entschied Hecht; »wir wissen wohl besser als Sie, worin das wahre Wesen unserer Cläre Sengebusch besteht. Also sie heiratet zum Schluß, – milde ausgedrückt, und zwar einen Aviatiker; ich wüßte sonst nicht, wozu ich zur heutigen Probe das Modell einer Flugmaschine bestellt habe. Gehen wir, meine Herren!« Wir begaben uns direkt aus dem Theaterbureau auf die Bühne, wo bereits alles in vollem Gange war. Der Regisseur meldete sich: »Herr Direktor, es klappt alles vorzüglich!« »Freut mich,« sagte Hecht; »da können wir gleich das neue Stück probieren. Dieser Herr hier ist der Verfasser, ein großes Talent, dessen Novität Furore machen wird.« »Aber Herr Direktor!« rief ich in höchstem Erstaunen; »was geht denn hier vor? es sind doch noch gar keine Rollen ausgeschrieben!« »Brauchen wir nicht, wenn nur das Stück selbst in den Umrissen vorhanden ist. Silentium, meine Damen und Herren! wir proben das neue Stück »Die Jungfrau von Orleans« und beginnen mit dem letzten Akt. Theatermeister, schieben Sie mal das Dings da aus der Kulisse, mitten auf die Bühne. Fräulein Sengebusch, Sie spielen die Titelrolle, die liegt Ihnen doch, nicht wahr? Also, bitte, steigen Sie mal hier in den Wackeltopf!« Das Gastmahl des Apicius oder: Die Freude im Rahmen Mein Freund, der Maler Guido Stürmer, ist in seiner Weise ein Genie. Er hat sich mit Einsicht und Ausdauer in das tiefste Wesen des Lebensgenusses versenkt, und sein Streben geht dahin, in seinen Bildwerken das getreue Abbild menschlich-göttlicher Freude zu liefern. Ihm ist es gegenwärtig, daß es überhaupt keinen edleren, wonnevolleren Kult geben könne, als ein mit aller Kunst präpariertes Gastmahl, was übrigens schon der große Aristoteles gepredigt hat. Und deshalb hat sich der genannte Künstler vorgenommen, zur Krönung seines Schaffens ein Gemälde zu erfinden, das uns die Freude aller Freuden, ein Gastmahl aller Gastmähler darstellen sollte. Als er mir seine Absicht vortrug, bemerkte ich: »Dein Plan, Guido, gefällt mir, und wie ich dich kenne, wirst du ihn in großem Stil durchführen. Du wirst zeigen, daß das Essen und Trinken nicht eine gemeine Notdurft ist, sondern ein Weiheopfer und eim Kulturblüte. Aber du solltest dich dabei nicht ausschließlich der ungebundenen Phantasie überlassen, sondern an einen wirklichen, historisch beglaubigten Vorgang anschließen. Wie wäre es mit einem Gastmahl des Lucullus?« »Daran hatte ich auch schon gedacht,« entgegnete der Maler, »aber ich bin davon wieder abgekommen. Ich kam nämlich unlängst bei einem Berliner Restaurant vorbei, das die Aufschrift trug »Zum Lucullus«; und weißt du, womit der Wirt, um die Gelüste der Passanten anzustacheln, seine Schaufenster-Auslage garniert hatte? Mit lauter Rollmöpsen! Dieser Anblick hat mir den ganzen Begriff Lucullus verleidet und verekelt. Ich muß für den Gastgeber auf meinem Bilde eine Persönlichkeit haben, die noch in keiner Weise verpöbelt und ins Triviale verzerrt worden ist. Und ich habe sie gefunden: ich male »Das Gastmahl des Apicius«.« »Ganz vortrefflich, Guido! In diesem Thema wirst du dich genießerisch ausleben können. Mir ist die Gestalt deines Helden nicht unbekannt. Gerade weil Apicius im Volksmunde noch nicht profaniert wurde, bewahrt er den Ruhm einer einzigartigen Erscheinung. Aber du wirst deinem Werk eine Erläuterung beigeben müssen, worin du dem Publikum erklärst, daß Apicius außer allem Vergleich steht; daß er, ein Zeitgenosse des Seneca, als Professor der Kochkunst und Inhaber gewaltiger Reichtümer Unerhörtes geleistet hat; daß er für seine, den Freunden offene Küche hundert Millionen Sesterzien, nach heutigem Gelde zwanzig Millionen Goldmark vorausgabte ...« »Und nicht zu vergessen, daß er der Freudenorgie seines Daseins einen tragischen, poetischen Abschluß zu geben verstand. Als er zum Leben nur noch zehn Millionen übrigbehielt, tötete er sich durch Gift. Darin liegt die künstlerische Idee, daß ein Genußkünstler den Vorhang fallen lassen muß, wenn das Drama seines Uebermenschentums abgeschlossen ist.« Also mein Freund malte darauf los in seinem riesigen Atelier, worin das »Gastmahl« eine ganze Längswand im Ausmaß der Kaulbachschen Fresken beanspruchte. Und je weiter seine Arbeit fortschritt, desto üppiger entfaltete sich der Speiseluxus auf der Tafel, um die sich das Konvivium des römischen Gastgebers und seiner Kumpane in Dutzenden von schwelgerischen Figuren gruppierte. In der Mitte war Apicius selbst zu erblicken, noch nicht fertig ausgemalt, ihm zunächst ein Patrizier und eine Kurtisane, deren Decolleté bis an die Grenzen der Ausziehbarkeit reichte. Sie hatte Rosen im Haar, und auf diese Blüten beschränkte sich im wesentlichen das Gesellschaftskostüm dieser tafelnden Dame. Allein es bestand doch ein Bedenken. Zwei Mitglieder der Jury erschienen im Atelier und erklärten, daß ein Bild von so enormen Dimensionen in der gegenwärtigen Kunstausstellung unmöglich Aufnahme finden könnte. Man müßte ihm im Hauptsaal eine ganze Wand einräumen, und das vertrüge sich nicht mit den bereits getroffenen Dispositionen, müßte auch manche andere Künstler kränken, deren Ausstellungsbilder durch das immense Format dieses Gastmahls einfach erdrückt würden. Am Ende der peinlichen Konferenz ergab sich für Guido Stürmer die Nötigung, sein Bild zu verkleinern , ungefähr auf ein Drittel der ursprünglichen Größe. Natürlich durfte die ganze Anlage nicht etwa ins Diminutiv verjüngt werden. Die Großzügigkeit wäre zum Teufel gegangen, wenn hier eine Miniaturmalerei Platz gegriffen hätte. Nur was zuviel war, das mußte eben fort. In der Leinwand wütete die Schere. Eine Menge von Seitenfiguren wurde abgetrennt zugunsten der Mittelgruppe, die ja schließlich das Wichtigste war. Auch die Schlemmertafel mußte sich eine erhebliche Verkürzung gefallen lassen, und es gehörte schon eine starke Phantasie dazu, um sich vorzustellen, daß Apicius für die hier noch vorliegenden Braten, Fische, Pasteten und Konfekte Millionen ausgegeben haben sollte. Hin und wieder huschten Schatten über das Antlitz meines Freundes, und er äußerte mir gegenüber: weißt du, Alex, ich hätte vielleicht doch nicht nachgeben dürfen; das eigentlich Erhabene, Königliche, Dionysische von der Tafel ist herunter, in ihrer gegenwärtigen Gestalt erinnert sie schon mehr an eine bessere Volksküche! In der nächsten Woche meldete sich in der Werkstatt ein sehr kenntnisreicher Herr, Doktor Kornik, der einflußreiche und gefürchtete Kunstkritiker der »Weltschau«. Der beaugenscheinigte mit unheimlicher Eindringlichkeit und fällte alsdann das Gutachten: Ich fürchte, Verehrter, Sie werden mit diesem Werk nicht den Erfolg erleben, den Sie erträumen. Gegen die Prachttafel an sich hätte ich ja nichts einzuwenden, aber mit den drei prassenden Menschen begeben Sie sich in eine Konkurrenz, der Sie nicht gewachsen sind. Sie fordern den Vergleich mit Peter Paul Rubens heraus, und daran müssen Sie scheitern. Also fort mit den menschlichen Figuren, die zudem den eigentlichen Sinn Ihres Gemäldes verfälschen; denn was sind sie im Grunde? Fresser! während Sie doch die Lebensfreude als ein Abstraktum verherrlichen wollten. Stürmer versuchte sich zu wehren, allein der Doktor Kornik ließ noch so viele und so wichtige Argumente aufmarschieren, daß dem Maler nichts übrigblieb, als die Unterwerfung unter den Willen des Aesthetikers. Sonach verschwand die menschliche Gruppe, und auf der Leinwand präsentierte sich nunmehr die mit Speisewerk beladene Tafel des Apicius, vom persönlichen Ballast befreit, als ein üppiges Stilleben. Allein jetzt wurde die Einheitlichkeit der Wirkung durch das Mißverhältnis der Proportionen getrübt. Die Tafel erschien viel zu lang, da doch die Rechtfertigung ihrer Länge, die Zahl der schmausenden Gäste, vollständig fehlte. Das erörterte in einem lichtvollen Vortrag ein weiterer Besucher, der Kunstschriftsteller der »Universal-Zeitung«, Professor Sauerbrey, dessen Stimme um so merklicher ins Gewicht fiel, als er in der Ausstellungs-Jury ein Wörtchen mitzureden hatte. Ohne sein zustimmendes Votum kam ein Bild überhaupt nicht in den Ausstellungspalast. Der Professor Sauerbrey holte seine Lehrmodelle von den berühmten Stilleben der Niederländer, Deutschen und Franzosen und zeigte sich besonders eingeschworen auf Adam Kunz, Preyer und Philippe Rousseau. Diese Meister hätten so etwas ganz anders aufgefaßt, viel prägnanter, gedrängter, während hier auf der Apicius-Tafel das Ueberflüssige vorherrschte. Das wäre Masse, aber nicht Qualität. Der Professor erklärte die Fülle der aufgetischten Lachse, Forellen, Hasen, Fasanen, Perlhühner inklusive der gekochten Paradiesvögel und Nachtigallenzungen für sinnloses Kuddelmuddel, für ein total unkünstlerisches Chaos, und verlangte durchaus Konzentration auf ein kulinarisches Hauptmotiv. Das war ja auch vorhanden, genau im Zentrum der Tafel: ein gedämpfter Wildschweinskopf, der eine Zitrone in der Schnauze hielt. Der Zitrone besonders spendete er eifrigstes Lob mit einem ganzen Katalog von Superlativen, welch eine Frucht! so naturecht und dabei doch ins Idealistische stilisiert. Pomona selbst, die Göttin der klassischen Botanik, hätte ihre Freude daran gehabt, und in allen Galerien der Welt gäbe es kaum einen Niederländer, der solch ein Meisterwerk von einer Zitrone hätte schaffen können! Freilich, da war ein Haken. Denn der Wildschweinskopf als Träger dieser Zitrone stimmte den Professor zu kritischen Sprüchen, die um so mißfälliger ausfielen, je länger er ihn betrachtete. Er fingerte mit der Hand an den Konturen herum und bewies dabei haarklein, daß der Eberkopf gründlich verzeichnet wäre, ganz abgesehen vom Kolorit, das seiner nachdrücklichen Prüfung nicht im geringsten standhielt. Guido, schon stark verschüchtert, wollte sich anheischig machen, diesen Teil seiner Schöpfung durch Umarbeiten zu verbessern. Allein das Diktat des professoralen Kunstrichters entschied unweigerlich: Nichts da! Alles fort, alles mit Einschluß des Wildschweins! Nur die Zitrone bleibt, und die genügt auch, denn sie ist für sich eine künstlerische Offenbarung! Und in dieser gedrängten Form gelangte »das Gastmahl des Apicius« auf die Ausstellung. Der Rahmen umspannte eine Fläche von ein elftel Quadratmeter. Immerhin hätte die einsame Frucht als Symbol der Lebensfreude Effekt gemacht, wäre nicht ein bedauerlicher Mißgriff passiert. Denn die Hängekommission nagelte das Ueberbleibsel des schlemmenden Apicius so hoch, dicht unter der Saaldecke, daß vom Standpunkt der Beschauer kaum ein gelber Farbentupf, aber nicht die Spur einer saftigen Zitrone zu sehen war. Mein Freund beklagte sich beim Vorstand in Tönen tiefster Entrüstung. Und er wäre beinahe um seine ganze vergnügliche Lebensauffassung gekommen, wenn ihm die Jury nicht den ermunternden Bescheid erteilt hätte: Ihr Fruchtstück mit dem Titel »Das Gastmahl des Apicius« ist ein so vorzügliches Werk, daß es gar nicht hoch genug angeschlagen werden kann! Mein dressierter Regenwurm Um einen Regenwurm zu erziehen, muß man zuerst einen haben, und das ist nicht so einfach, wie es aussieht. Es kommt zwar vor, daß man auf dem Berliner Asphalt einen Aal findet, aber das rührt daher, daß ihn eine Köchin zuvor aus dem Einholekorb verloren hat. Wogegen es sich nur selten ereignet, daß eine Magd auf der Straße Regenwürmer entgleiten läßt. Ueberhaupt führt es zu Irrungen, wenn man Aal mit Regenwurm verwechselt. Längere Zeit versuchte ich es vergebens in verschiedenen Läden und in einem großen Kaufhaus, wo mir eine sehr anmutige, aus Chemnitz stammende Verkäuferin erklärte: »Nee. Rägenwermer führen wer nich, meenen Se nich am Ende Pulswärmer?« Aber ich bestand auf meinem Regenwurm, und da die junge Dame neugierig war, so erklärte ich ihr den Sachverhalt: »Sie müssen nämlich wissen, mein Fräulein, daß es sich hier um etwas wissenschaftliches handelt. Die neueste Naturforschung hat durch Versuche festgestellt, daß der Regenwurm eine höchst intelligente Kreatur ist, und nun will ich diese Versuche erweitern und vervollständigen.« Ich hielt mich dabei ganz streng an die Wahrheit. Der amerikanische Gelehrte Yerkes hat nämlich soeben tatsächlich die Dressurfähigkeit des Regenwurms ermittelt. Man stelle sich vor: ein Regenwurm wird in ein Erdlabyrinth gesetzt, dessen eine Rinne durch einen elektrischen Faden abgesperrt ist. Hat der Wurm erst ein paarmal den elektrischen Schlag verspürt, so vermeidet er es prinzipiell, durch diese Rinne zu kriechen. Er besitzt also Erinnerung, Ortsgedächtnis und Ueberlegung, genau wie ein Mensch, der einmal in der Ritterstraße verhauen worden ist, und dann lieber den Umweg über die Oranienstraße macht, um nicht wieder in derselben Straße verhauen zu werden. Hier sind die Anfänge einer Dressur gegeben, und es lag mir daran, auf diesem Wege weiterzuforschen. Aber da ich in Berlin kein solches Tier erwischen konnte, fuhr ich nach Swinemünde, und zwar auf den Rat eines guten Freundes, der sich entsann, dort welche gesehen zu haben. Sein Hinweis war ganz richtig, denn die Regenwürmer wissen, daß sie dort zum Angeln gebraucht werden, und deshalb kommen sie dort vor. Der Wurm, den ich erhandelte, war zwar sehr teuer, wie ja in der Zeit des Preisabbaues erklärlich, aber er machte einen vortrefflichen Eindruck und versprach bei liebevoller Erziehung die besten Resultate. Das erste, was ich mit ihm vornahm, war die Namenstaufe. Ich nannte ihn Max, und merkte bald, daß er damit einverstanden war. Alsdann ging ich zu Experimenten über, und zwar zuerst zu akustischen; weil die Musik bekanntlich für jede Dressur einen ethischen Wert besitzt. Es ist ein weitverbreitetes Vorurteil, anzunehmen, daß sich niedere Tiere aus Tönen nichts machen. Ich überzeugte mich bald vom Gegenteil, als ich Max auf ein Resonanzkästchen setzte und mit einem Mikrophon in Verbindung brachte. Schon am dritten Tage reagierte er deutlich auf die Klänge. Allerdings, mit Klavier durfte ich ihm nicht kommen, und er verriet Zeichen von Ungeduld, gleichviel, ob ich Salonmusik oder Sonaten anschlug; ja, der Wurm krümmte sich sogar, sobald Pedal getreten wurde. Dagegen wurde er bei Geigenmusik freudig aufmerksam. Dann erhob er zuerst den Vorderkörper zum Anzeichen, daß er Männchen machen wollte. Und einige Stunden später hatte ich ihn so weit, daß er seine ganze Wurmfigur in der Form eines Violinschlüssels vor mich hinlegte. Ich beabsichtigte natürlich, ihm das Tanzen beizubringen. Aber das scheiterte zunächst daran, daß Max wie alle Regenwürmer keine richtigen Füße besaß, sondern nur verkümmerte Ansätze zu Beinen, sogenannte Parapodien. Er schien sich zunächst deswegen bei mir entschuldigen zu wollen. Plötzlich aber gab er sich einen Ruck und versuchte seiner Naturanlage zum Trotz mit seinen Bein-Surrogaten Tanzbewegungen zu exekutieren. Offen gesagt, er tanzte schlecht, aber die Gerechtigkeit fordert, anzuerkennen, daß er immer noch besser tanzte, als ich geigte. Ich glaube sogar, daß seine Evolutionen, wenn sie erst weiteren Kreisen bekannt werden, als Wurm-Trott in Mode kommen könnten. Die Einschaltung des Mikrophons hatte einen besonderen Zweck. Seitdem Darwin entdeckt hat, daß es singende Fische gibt, trage ich mich mit dem Dogma, daß auch die Stummheit der Würmer nur eine Fabel sein müsse. Jetzt fand ich zu meiner Freude diese Ansicht bestätigt. Max entwickelte sich zum lautgebenden Geschöpf. Zuerst brachte er es freilich nur zu einem heiseren Bellen. Bald aber geriet der Regenwurm mit vernehmlichen Singetönen in die diatonische Skala, und zwar immer um mehrere Halbtöne zu tief; aber das passiert ja den besten Operntenoristen. Für die weitere Dressur erwies sich die Eigenschaft vorteilhaft, daß man dem Regenwurm, wie bekannt, verschiedene Körperringe abtrennen kann, ohne ihn zu töten oder auch nur zu erbittern. Mein Max zeigte sich so gelehrig, daß er seine losgelösten Segmente nicht nur auf Anruf (durch Signalpfeife) apportierte, sondern sogar wie ein Zirkuskünstler durch seine eigenen Ringe sprang. Dies gelingt ihm besonders gut, wenn er kurz zuvor zur Anfeuerung einige Tropfen Pfefferminzlikör genossen hat. Ich stehe jetzt im Begriff, auf dem Rummelplatz eine Bude zu mieten, um die Dressurwunder Maxens einem größeren Publikum vorzuführen. Wenn er dabei bloß nicht vom Lampenfieber befallen wird! Wie ich die Kilometer fraß Als noch tiefer Friede über Europa lag, erfolgte der Ausruf: Nanu! Eine Welt von Erlebnissen kann in diesem Ausruf liegen. In vorliegendem Falle begleitete er aber nur ein freudiges Wiedersehen. Beim Durchschreiten des D-Zuges Berlin-Basel bemerkte ich im Speisewagen meinen alten Universitätsfreund Krause, der mir seit langer Zeit aus dem Horizont gerückt war. Ich wußte nur, daß er sich vor einem Jahrzehnt als Dozent der Kulturgeschichte in Halle habilitiert hatte und durch seine erfreulichen Kapitalzinsen alles ausglich, was ihm an Kollegiengeldern fehlte. Ich rief also: »Nanu, Richard!« »Was tausend, du bist's, Alex! Na setze dich her. Ferienreise? Ich auch, wohin soll's gehen?« »Nach der Schweiz natürlich. Und du?« »Dito. Da können wir ja ein Stückchen zusammenreisen.« »Warum bloß ein Stückchen? Machen wir doch die ganze Reise zusammen. Zu zweien verbilligt sich alles ganz enorm, wir könnten zum Beispiel in den Gasthöfen ein Zimmer zusammen nehmen, – schnarchst du?« »Nicht im geringsten, – das heißt, manchmal glaube ich, schnarche ich doch ein wenig, oder vielmehr – ganz enorm, selbstredend nur im Schlaf; ich sage das nur, um dich zu warnen. Und vor allen Dingen: wie denkst du dir überhaupt deine Schweizerreise, was beabsichtigst du?« »Ich beabsichtige, ungeheuer viel zu sehen. Möglichst die ganze Schweiz.« »Sieh mal, Alex, da hätten wir schon einen Differenzpunkt. Denn was mich betrifft, so hege ich den Vorsatz, möglichst wenig zu sehen; was ich dadurch zu erreichen hoffe, daß ich mich an irgendeinen wunderschönen Punkt festschraube.« »Na, dazwischen wird sich schon eine mittlere Linie finden lassen. Ich lasse eine Kleinigkeit nach, und du gibst einen Posten zu. Es wäre doch wirklich sehr nett, wenn wir zusammen bleiben könnten. Abgemacht? Also ja. Prosit Richard! Auf unsere vergnügte Tour. Sage mal, nimmst du ein Generalabonnement?« »Ach keine Spur; wozu denn?« »Zur Verbilligung natürlich. Ich nehme so eins. Als moderner Mensch halte ich mich geradezu für verpflichtet, in der Schweiz mit einem Generalabonnement zu reisen. Man zahlt vierzig Franken – ein Spottpreis was? – und hat dafür das Recht, auf sämtlichen Eisenbahnen und Dampfschiffen der Eidgenossenschaft herum zu sausen wie man Lust hat.« »Und wie lange gilt denn so ein Generalabonnement?« »Fünfzehn Tage! Eine Ewigkeit! Bei mir paßt das nun ganz besonders, denn ich habe genau fünfzehn Tage Urlaub von meiner Zeitung.« »In dieser Zeit willst du die ganze Schweiz abklappern?« »Na so ungefähr. Wie sagt der Philosoph? Das Ziel ist nichts und alles die Bewegung. Die Welt im Fluge, als Panorama, das ist und bleibt doch das höchste der Gefühle. Uebrigens nimm das nur nicht wörtlich, wenn ich dabei ein paar Kalkalpen im Schweizer Jura auslasse, so macht mir das auch nichts. Also nur keine Angst.« Ich kann nicht sagen, daß meine Suada einen durchschlagenden Erfolg zu verzeichnen hatte. Mein Freund, der Privatdozent, blieb dabei, jede Strecke einzeln zu bezahlen. An der gewaltigen Ersparnis, die ich so eindringlich betonte, läge ihm nichts. Aber er gab wenigstens insoweit nach, als er mir zusagte, etliche Tage bei mir auszuharren und erst später an einem Ruhepunkt vor Anker zu gehen. Drei Monate Ferien hatte dieser Bummler von einem Kulturforscher, und wenn er selbst noch länger fortblieb, so merkten es seine Universitäts-Hörer in Halle um so weniger, als er gar keine hatte. »Daß der Mensch reist,« – so nahm ich den Faden wieder auf – »ist ja ganz in der Ordnung. Aber die meisten verlieren allen Ueberblick über die Oekonomie, sobald sie sich auf die Vergnügungsfahrt begeben. Der allgemeine Denkfehler lautet: »Was kommt's denn darauf an?« Doch es kommt darauf an und da das Wetterhorn und der Thunersee genau so aussehen, gleichviel ob ich mir deren Anblick für tausend Franken oder für zweihundert Franken erkaufe, so schlage ich mich eben auf die billige Seite. Ist es denn durchaus nötig, daß die Schweiz das ganze Geld von der Welt bekommt?« »Du übertreibst, Alex!« »Es ist berechnet worden, daß der internationale Fremdenstrom jährlich fünfhundert Millionen Franken nach der Schweiz trägt. Und das bleibt alles dort, denn der Schweizer reist nicht ins Ausland, importiert wenig Ware und gibt also nichts zurück. In hundert Jahren ergibt dies fünfzig Milliarden, und in aber hundert Jahren wird die ganze Welt zugunsten dieses einen Alpenlandes ausgepowert werden. Das halte ich mir vor Augen und betrachte es als einen Grund mehr, mit einem Generalabonnement zu reisen. Ich zahle der Schweiz 40 Franken, und wenn ich mir Mühe gebe, verfahre ich das Fünffache darauf. Mit anderen Worten: die Schweiz, die sich an der ganzen Welt bereichert, wird mir tributär. Das scheint mir national-ökonomisch höchst empfehlenswert. Ja die Hauptsache: das Generalabonnement enthält eine Klausel, um derentwillen allein es sich lohnt, darauf einzugehen. Paß mal auf: An der letzten Station, am letzten Tage der Benutzung, erhält der Reisende fünf Franken in bar darauf zurück. Stelle dir vor, was das für ein Vergnügen ist: man geht an den Schalter, schiebt einen wertlos gewordenen Wisch hin und empfängt Geld.« »Eine merkwürdige Einrichtung, wie mag die bloß entstanden sein?« »Sie hängt irgendwie mit der Kontrolle zusammen. Gleichviel, sie besteht und bewährt sich für die Bahnen auch insofern, als zahllose Touristen in der Hast der Abreise vergessen, diese Liebesgabe einzufordern. Mir kann das natürlich nicht passieren! Ich kriege meine fünf Franken wieder! Da wett' ich meinen Kopf gegen eine Pfeffernuß, oder genauer präzisiert: Tausend gegen eins !« »Gut,« sagte mein Freund. »ich halte fünf Mark dagegen. Und wo wollen wir eigentlich zunächst hinfahren?« »Ueberall wo's schön ist und wo es die meisten Kilometer gibt, landschaftliche Herrlichkeiten mit Meilen multipliziert gibt ein wunderbares Produkt. Und das multipliziert noch einmal mit zwei, denn in Gegenwart des Freundes genießt man ja alles doppelt.« In Basel kamen wir um neun Uhr an. »Wenn es nach mir ginge,« meinte der andere, »so bliebe ich vorläufig mal einen Tag hier.« »Weißt du, Richard,« brauste ich auf, »diese Ueberbequemlichkeit ist beispiellos! Du bist kaum einen halben Tag unterwegs und willst dich schon auf die Bärenhaut strecken. Es muß doch alles eine Grenze haben!« »Basel ist ja Grenze,« entgegnete er trocken. »Aber nicht für uns: wir wollen doch in die Schweiz!« »Basel ist ja Schweiz,« ergänzte er ebenso phlegmatisch. »Allerdings politisch, aber nicht landschaftlich. Mensch, was willst du in Basel? Willst du hier Böcklin oder Nietzsche studieren? Das kannst du in Halle viel besser. Es ist hier positiv nicht das geringste zu sehen. Also verfüge dich einen Moment in den Wartesaal, ich löse schnell ein Generalabonnement und dann weiter!« Richard gab nach, und ich stürzte an den Schalter, wo mir der Beamte alsbald das Abonnement verabfolgte. Ein kleines grasgrünes Dokument zum Zusammenklappen. »Also nicht wahr, das hat fünfzehn Tage Gültigkeit?« »Jawohl; das heißt den Tag der Lösung mit einbegriffen. Und da es schon spät am Abend ist, so bleiben Ihnen noch vierzehn Tage; eine unaufgezogene Photographie und etwas Gummiarabikum haben Sie wohl bei sich?« »Photographie? Von was?« »Von Ihnen selbst, mein Herr. Die müssen Sie in das Abonnement einkleben, sehen Sie hier. Sonst hat das Abonnement keine Gültigkeit.« »Ja, wo soll ich denn eine Photographie von mir herbekommen? Ich hab' nicht einmal in Berlin eine. Ich lass' mich überhaupt nie photographieren.« »Das tut mir leid,« erklärte der Beamte. »Zurücknehmen kann ich das Abonnement nicht mehr, denn es ist auf Ihre Person ausgestellt und mit dem Tagesstempel versehen.« »Du, Richard,« sagte ich, als ich in durchaus nicht triumphatorischer Gangart in den Wartesaal zurückkehrte, »wir werden doch einen Tag in Basel bleiben müssen. Ich muß mich photographieren lassen, wegen des Generalabonnements.« »So, so,« entgegnete der andere: »ich hatte mich schon ganz darauf eingerichtet weiterzudampfen.« »Na, du siehst doch, das ist unmöglich. Ich habe morgen beim Photographen zu tun. Uebrigens ist Basel eine höchst interessante Stadt: du findest hier einige Böcklins, wie du sie in der ganzen Welt nicht wieder zu sehen kriegst. Und dann die Nietzsche-Erinnerungen! Freilich, mein Generalabonnement wird dann bloß noch dreizehn Tage umfassen ...« »Und dreizehn ist eine krumme Zahl!« »Macht nichts. Zunächst wollen wir uns einmal in einem Hotel einquartieren.« – Ich hätte natürlich ein recht billiges bevorzugt. Aber für den Moment hatte mein Kumpan Oberwasser, und so gerieten wir in das allerteuerste. Meine Nacht war nicht angenehm. Zwei Tage verloren, ehe es noch angefangen hatte! Welche Strecken hätte ich in diesen achtundvierzig Stunden schon abrasen können, ohne einen Centime draufzuzahlen. Na, ich würde es schon einholen, das nahm ich mir felsenfest vor. Kurz und klein mußte die ganze Schweiz gefahren werden in den übrigbleibenden dreizehn Tagen. Zum Donnerwetter auch, wenn man ein Generalabonnement in der Tasche hat! Der nächste Vormittag sah mich bei einem Photographen gegenüber unserm Prunkhotel. Der Besitzer des Ateliers, ein ernster Herr mit künstlerischen Allüren, behauptete, wenn das Bild etwas wahrhaft Vollendetes werden sollte, so müßte ich mich in Lebensgröße und wenn möglich zu Pferde photographieren lassen. Es bedurfte längerer Auseinandersetzungen, um ihm begreiflich zu machen, daß für mich nur das Visitenkartformat in Frage käme: ein Faktum, das seine Begeisterung für meine Person merklich dämpfte. Aber schließlich verstand er sich auch zu der Miniaturleistung und setzte seinen Apparat in Tätigkeit, zu meiner maßlosen Quälerei, wie ich hinzufügen muß, denn Photographieren und Zahnziehen waren für mich allzeit benachbarte Begriffe. »Uebermorgen können Sie die Bilder haben,« eröffnete er mir nach vollbrachter Exekution. Mir stieg das Blut zu Kopfe. »Erstens will ich nicht die Bilder, sondern ein Bild; und zweitens, wenn Sie noch einmal sagen: übermorgen, so passiert ein Unglück. Bis heute nachmittag verlange ich das Bild!« Meine Ausbrüche stießen auf kaltes Achselzucken. Und das Ende vom Liede war, daß ich unter Verzicht auf das Porträt zwölf Franken für die Aufnahme zu zahlen hatte. Halb besinnungslos stürzte ich davon, um irgendwo in der Stadt einen Momentphotographen aufzutreiben, schattenhaft wogten mir hunderte von Kilometern durchs Bewußtsein, die schönen Kilometer, die ich alle opfern mußte, um ein Bild zum Einkleben ins bezahlte Generalabonnement zu erlangen. Endlich hatte ich einen erwischt, draußen in der Vorstadt, einen Augenblickskünstler, der in einer knappen Stunde mit mir fertig wurde und mir auch etwas Gummi zur Verfügung stellte, eine Leistung, die ich hocherfreut mit drei Franken honorierte. Kleben und kleben lassen! Jetzt konnte das Generalabonnement in Tätigkeit treten! Aber wieder war es Abend geworden, als wir in Luzern eintrafen, und mein Freund war um keinen Preis der Welt zu bewegen, die Nacht auf rollenden Rädern zu verbringen. »Richard,« rief ich, »jetzt sind beinahe drei Tage meines Abonnements heruntergerissen, für lumpige neunzig Kilometer! Richard, ich komme nicht auf die Kosten! Wenn du mich jetzt wieder in Luzern festhältst – das ist eine Barbarei!« »Eine größere Barbarei wäre es, durch Luzern einfach durchzureisen, wie durch ein x-beliebiges Posemuckel.« »Du sollst ja meinetwegen dein Luzern haben. Aber fahre mit mir wenigstens die Nacht hindurch über den Gotthard hin und retour!« »Mach' das alleine. Ich bleibe hier im Hotel und will dich erwarten.« Es war nichts auszurichten. Und da ich schließlich auf das Zusammenbleiben Wert legte, so blieb mir nichts übrig, als vor der unergründlichen Laune meines Freundes zu kapitulieren. Drei volle Tage hat mich dieser Abschaum aller Naturfreunde in Luzern festgehalten. Drei volle Tage! »Sieh nur den Adel dieser Bergformen!« rief er wiederholt mit einem Anflug von Begeisterung; »und wie sich das verglühende Sonnenlicht darauf malt!« »Du hast gut reden, Richard, dich kostet das verglühende Sonnenlicht nicht einen Heller Reisespesen; aber ich habe im Rock ein Generalabonnement, das bei diesem Sonnenphänomen immer weniger wird und sich zusehends verkrümelt!« Ganz wider Erwarten erhob sich Richard am vierten Luzerner Tage schon um sechs Uhr und präludierte beim Frühstück: »Hättest du Lust, Alex, mit mir auf den Rigi zu fahren?« Statt aller Antwort packte ich ihn am Aermel und schleppte ihn davon. Und wir kauten noch an unserem Honigbrot, als wir uns schon auf dem buntbewimpelten Steamer befanden, der in nächster Nähe des Hotels zur Abfahrt nach Vitznau bereit lag. Es war ein Sonntagsdampfer mit Musik, und eine fröhliche Gesellschaft, vorwiegend Kinder aus Schweizer Schulen, lärmte auf dem Verdeck umher. Aber als ich fünf Minuten nach Abfahrt meinen grünen Schein vorwies, winkte der Kontrolleur ab: dieses sei ein Extradampfer, nicht fahrplanmäßig, und mein Abonnement habe hier keine Gültigkeit. Der ganze Vierwaldstätter See war mir verdorben. Ich verkroch mich in die Kajüte, hing meinem Schmerz nach, zählte meine schwindende Barschaft und kam erst wieder zum Vorschein, als die Rigibahn zum Aufstieg winkte. Dieses höchst vortreffliche Verkehrsmittel überwindet den Berg mit fünfundzwanzig Prozent Steigung, eröffnet eine Reihe der entzückendsten Gesichtspunkte, verzinst sich auch sehr gut, und besitzt nur den einen Fehler, daß es das Generalabonnement nicht im mindesten anerkennt. Die Order hieß: nachzahlen, und ich brauche wohl kaum zu begründen, daß man mit Wut im Herzen keine Aussicht zu genießen vermag, selbst wenn sie im Baedeker mit zwei Sternen ausgezeichnet ist; vollends wenn der Kulm im dicken Nebel steckt. Man erfuhr aber auf telephonischem Wege, daß der Pilatus ausnahmsweise ganz wolkenfrei wäre, und Richard, der plötzlich von der Zwangsvorstellung nach Rundsicht beherrscht schien, drängte zu sofortigem Aufbruch. Wir fuhren also nach Alpnach. Auf dem Schiff ereignete sich nunmehr eine große Merkwürdigkeit: mein Abonnement galt! Allerdings stutzte der Kontrolleur zuerst beim Betrachten der Photographie. Das wäre ich gar nicht! Und er hatte damit nicht so unrecht. Das Bild war wirklich sehr unähnlich. Verpatzte Schatten heuchelten einen Backenbart, während meine Wangen in Wirklichkeit den Höhepunkt der Rasierkultur darstellen. Natürlich, so ein Momentphotograph in Basel! Aber nachdem der Kontrolleur einen Franken Trinkgeld empfangen hatte, entdeckte er doch einen Schimmer von Aehnlichkeit und ließ mich passieren. Ein leises Vertrauen zur Schweizer Menschheit begann wieder bei mir einzukehren. Aber in Alpnach war es schon wieder damit vorbei. Nachzahlen auf der Pilatusbahn; hinauf und herunter. – »Richard, pump' mir mal hundert Franken!« Ueberall, wo es steil wurde, verwandelte sich mein grünes Dokument in einen wertlosen Fetzen. Und wo ist es in der Schweiz nicht steil? In ein nettes Land war ich da geraten, ich mit meinem Vorsatz der billigen Fahrt. »Weißt du, Richard, wenn jetzt nicht bald eine ebene Strecke kommt, auf der ich ohne Aufgeld ein paar Kilometer schlucken kann, dann steige ich aus und gehe zu Fuß.« »Aber, Menschenskind,« versetzte der andere, »du hast mir doch selbst statistisch bewiesen, daß jeder Fremde hier fünfhundert Franken ins Land trägt. Warum willst du gerade eine Ausnahme machen?« Und er behielt recht. Als wir über den Brünig wollten, stellte es sich heraus, daß der Zug nur die erste Wagenklasse führte. Es ist eben eine sehr vornehme Linie. Und wenn ich mich dieser Vornehmheit nicht angepaßt hätte, so lag ich als Plebejer draußen. Zur Ueberwindung dieser Kalamität gab es nur ein Mittel: Nachzahlen! Dieses Leitmotiv blieb auch während der nächsten Tage in voller Rüstigkeit bestehen, Mürrenbahn, Wengernalpbahn, Jungfraubahn taten insgesamt so, als ob sie von der Existenz eines Generalabonnements noch nie gehört hätten. Ich war einfach der ungültigste Mensch auf Erden. Rechts, links im Vorderprospekt Matten, Firnfelder, Gletscher, Felszacken, die mir alle Aussicht auf meine freien Kilometer versperrten, Wildbäche und Wasserfälle, die mir das Verdikt entgegendonnerten: Du bist ungültig! Und immer nur vorwärts, um noch einen Bruchteil der ökonomischen Rechnung zu retten, denn das Generalabonnement hatte nur noch sechs Tage Währungsfrist. Auf der Station Eismeer gab es ein Intermezzo. An der elektrischen Drahtleitung war irgend etwas defekt geworden, und die Fahrgäste wurden darauf vorbereitet, daß die Talfahrt nicht sogleich vonstatten gehen würde. Das könnte vielleicht bis morgen dauern. Jedenfalls hätte man sich auf längeren Aufenthalt einzurichten. Wieder einen Tag verlieren? Nein, mein Geduldsfaden ist auch defekt! Richard, fassen wir uns ein Herz und klettern wir über das Eisgebirge, übers Mönchsjoch hinunter ins Rhonetal. Dort gibt es endlich eine Horizontalbahn mit Gültigkeit. Seien wir Männer! »Ja, lieber Freund, in der Not stecken lassen will ich dich nicht. Klettern wir also. Führer wird's wohl hier geben.« »Natürlich; da stehen ja welche. Freilich, der Führertarif ist hoch. Richard, pump' mir mal hundert Franken!« War das eine Bergtour! An die werde ich zeitlebens denken. Alle Abenteuer der Güßfeld, Whymper und Studer schienen sich auf dieser Eiskletterei zu vereinigen, von allen Seiten streckte der weiße Tod seine Fänge nach mir. Und dazu die Vorwürfe von meinem bequemen Freunde, die erst leise einsetzten, um allmählich an Heftigkeit zuzunehmen und schließlich in ein elementares Gebrüll auszuarten. Als wir im Rhonetal anlangten, war der Krach fertig. Richard legte sich sofort in ein Hotelbett und befahl dem Hausknecht, ihn frühestens am Dienstag der nächstfolgenden Woche zu wecken. Ich war meinem Schicksal allein überlassen; aber doch auch gewissermaßen frei. Gerade stürmte ein Bahnzug westwärts in die Haltestelle zu Brieg. Also hinein. Ah! – jetzt sollte endlich mein famoses Dokument auf einer langen Strecke seine Dienste leisten. Zeit war's. Ich war aber auch bombenfest entschlossen, in Tausenden von Kilometern alles nachzuholen, Tag und Nacht, ohne die mindeste Schonung des rollenden Materials. Allein abermals bestritt der Kontrolleur die Wunderkraft des grünen Scheines ganz nachdrücklich. Dieses sei nämlich ein Luxuszug der Simplonbahn, der mir folgendes auferlege: erstens den Zuschlag zur ersten Klasse, zweitens den Zuschlag zum Luxus, und drittens noch einen Zuschlag zum Zuschlag, weil ich es verabsäumt habe, den Zuschlag im Stationsgebäude zu lösen. Und wo war Richard, der mir wieder hätte hundert Franken pumpen können? Außerdem gab es zwischen dem Kontrolleur, dem Zugführer und noch einem geheimnisvollen Herrn lange Konferenzen, die sich ersichtlich um meine Person drehten. Und als wir in Montreux hielten, gesellte sich zu jenen noch ein Polizeibeamter, der mich kurzweg für verhaftet erklärte. Ich wäre ein Bankdefraudant aus Frankfurt, dessen Signalement mit meiner Photographie vollkommen übereinstimme. Besonders der Backenbart sei nach dem steckbrieflichen Bilde nicht zu verkennen. Meine entrüsteten Reklamationen verhallten wirkungslos. Die gegenwärtige Bartlosigkeit beweise nur, daß ich mir den bekannten Gaunerkniff des Abrasierens dienstbar gemacht habe. Nicht die Person, sondern ausschließlich die Photographie im Generalabonnement sei maßgebend. Ich berief mich auf meinen Freund Richard, den Dozenten einer deutschen Universität, der sofort meine Identität feststellen würde, der sollte unverzüglich telegraphisch zitiert werden. Eitle Hoffnung! Der Dozent lag bleischwer im Bett zu Brieg, unerreichbar für jedes Telegramm, da er im Hotel gedroht hatte, jeden zu erschießen, der ihn vor Dienstag nächster Woche wecken würde. Und so verlor mein Generalabonnement den Rest seiner Gültigkeit im Untersuchungsgefängnis zu Montreux. Im Baedeker wird man diese Sehenswürdigkeit vergeblich suchen. Sie ist auch in landschaftlicher Hinsicht vollkommen reizlos. Endlich erschien mein Freund auf der Bildfläche, um mich aus den Klauen meiner Häscher zu befreien. Ich jammerte meinen Schmerz an seinem Busen aus. »Und das Schrecklichste ist.« fügte ich stöhnend hinzu, »daß ich jetzt für die Strecke von hier nach Basel noch einmal bezahlen muß!« »Du bekommst wenigstens die bewußten fünf Franken am Schalter, du weißt doch, bei Zurücklieferung des Scheines.« »Nein, die bekomme ich auch nicht mehr. Fünf Minuten zu spät, die fünfzehn Tage sind um.« »Dann hast du also fünftausend Mark an mich verloren. Deine Wette ging tausend gegen eins, und ich hielt fünf Mark dagegen.« »Ja ja, Richard, das stimmt, du kriegst das von mir, wenn du's erlebst, aber vorläufig pump' mir mal hundert Franken!« Eine Pfeife Opium Wie ich zu der Rauchpille gekommen bin? Nebensache. Genug, sie war vorhanden, und ich darf sogar verraten, daß Opium sich heut leichter erhandeln läßt als gewisse sagenhaft gewordene Sorten von Zigarettentabak. Eine malerische Stellung auf dem Kanapee war schnell gewonnen, und die Dampfgase aus dem glimmenden Kügelchen konnten ihre Wirkung beginnen. Zunächst gilt es einen Irrtum zu berichtigen. Alle bisherigen Opium-Praktiker beginnen ihre Berichte mit der Darstellung huschender, violetter Flecken, deren Getanze vor dem benebelten Auge eine überaus wonnige Halluzination bereiten soll. Keine Spur davon. Meine Halluzination äußerte sich ganz anders. Statt der violetten Tupfen – aus denen ich mir übrigens nicht viel gemacht hätte – erschien mir ein Mensch. Ich erkannte ihn sogleich nach dem Bilde und sprang auf, um ihn zu begrüßen, denn es handelte sich allerdings um einen außergewöhnlichen Besuch. »Nehmen Sie Platz, Herr von Leibniz , und erklären Sie mir vor allen Dingen, was mir die Ehre verschafft...« – »Wir wollen uns nicht mit Redensarten aufhalten,« versetzte er, »sondern ohne Verzug zur Hauptsache kommen. Ich habe Grund zu der Vermutung, daß Sie mit meinem System heute nicht mehr übereinstimmen.« »Wenn Sie Ihre Lehre von der »besten aller Welten« meinen, so wage ich Ihrer Vermutung nicht zu widersprechen. Und Sie werden gegenwärtig wenig Erdenbürger antreffen, die sich in der Betrachtung der Welt Ihrem schrankenlosen Optimismus anschließen.« – »In der Tat,« entgegnete Leibniz, »dann sind Sie äußerst anspruchsvoll. Möglich auch, daß Sie die letzten Weltentwicklungen versäumt oder verschlafen haben.« »Welche Entwicklungen meinen Sie?« – »Die geologischen, klimatischen, politischen, kurz, alle zusammen.« »Ich bitte Sie, Magister, reden Sie von Ihrer, von unserer Welt, nicht von irgendeiner in Wolkenkuckucksheim. Kennen Sie überhaupt die tatsächlichen Verhältnisse?« – »Ich schon, Sie noch nicht, wie es scheint. Also begleiten Sie mich ins Freie, daß ich Ihnen die wirkliche Welt zeige und erläutere.« »Unmöglich, bei diesem Hundewetter!« – »Es stimmt schon, wie ich dachte. Sie haben die kosmologischen Veränderungen vollkommen verschlafen. Dann können Sie freilich nicht wissen, daß die Welt seit geraumer Zeit in dauerndem lachenden Wonnemond existiert.« Er nahm mich bei der Hand, und wir schritten dahin. Direkt durch die Stubenwände und Mauern, die sich öffneten wie flatternde Vorhänge. Eine Ideallandschaft umfing mich, in hellem Frühling mit berauschendem Blütenzauber. Eine in Böcklinsche Farben getauchte Landschafts-Utopie, die ich auf Erden vielleicht in die reizenden Gefilde Polynesiens, aber nimmermehr in unseren grämlichen Norden verlegt hätte. »Nun, wie finden Sie diese Welt?« »Sehr erfreulich.« bekannte ich, »aber total verhext; hier liegt unbedingt ein Sinnentrug vor.« – »Keineswegs. – Nur eine Weltrevolution, von der Sie bisher noch keine Notiz genommen haben. Eine Verlagerung der Erdachse, die ich bereits prophetisch voraussah, als ich die Welt zur besten unter allen denkbaren ausrief. Beachten Sie wohl: so sieht es jetzt in Mitteleuropa aus. Und das ist erst der Anfang. Dort bemerken Sie ein bewegtes Treiben,– wofür halten Sie das?« »Es scheint ein Volksfest zu sein.« – »Ganz recht, nur nicht ein gelegentliches, sondern ein permanentes. Es ist immer Volksfest. Und die Leute feiern es mit gutem Grund ohne Aufhören.« »Bei der Teuerung? Bei unseren Existenzschwierigkeiten?« – »Sie reden sozusagen von antediluvianischen Dingen, von Erscheinungen, die der Weltgeist vormals ins Werk gesetzt hatte, um die Welt für die Freude reif zu machen, heutzutage führen Begriffe wie Not und Elend nur noch ein geschichtliches Erinnerungsdasein, wie vordem Götzendienst und Hexenprozeß, und man muß in die Tiefe der Schriftwerke hinabsteigen, um sie zu finden. Dieses Volksfest z. B. feiert den Gedenktag der jetzt gültigen Steuerordnung ...« »Mit wieviel Prozent vom Einkommen?« – »Oh, der Prozentsatz ist nicht gering, nur so zu verstehen, daß die Bevölkerung empfängt, und daß der Staat gibt.« »Heil dem Finanzminister, der das ersann! Er muß eine sehr leistungsfähige Banknotenpresse besitzen.« – »Er hat etwas Besseres zur Verfügung, nämlich das blanke Gold. Die Finanznot der Welt konnte nur in Zeiten bestehen, da die Technik noch nicht imstande war, die vorhandenen Schätze verkehrsfähig zu machen, wie Ihnen bekannt, befindet sich im Meereswasser Gold, wenn auch sehr verdünnt, so doch in solcher Gesamtmasse, daß man damit, finanztechnisch genommen, die ganze Erde in ein Paradies verwandeln kann. Bis in die Neuzeit hinein schwammen nach guter Berechnung 5000 Billionen Mark ungemünzt im Schoße der Wasserfluten. Die Sache lag ähnlich wie bei den Sonnenstrahlen, deren Wärme ungenützt in die Räume strömte. Half uns hier die Natur direkt, so bot sie uns dort in der verbesserten Elektrolyse das Mittel, um uns auf ewig von jeder Geldnot zu befreien. Der Staat besitzt natürlich das Monopol der Metallgewinnung, und seine Steuerämter haben lediglich den Zweck, einen Teil der Ueberschüsse pünktlich zum Quartal an die Bevölkerung zu verteilen.« »Ganz gleichmäßig?« – »Doch nicht. Das würde in Monotonie ausarten, die bei einer sonst so farbigen Lebensgestaltung vermieden werden muß. Es besteht also auch hier sozusagen eine milde Art von Pflicht und Zwang unter Steuereid, dergestalt, daß man nicht seine Einkünfte. sondern seine Ansprüche und Bedürfnisse erklärt.« »Da mag ein schöner Andrang herrschen! Kommen Sie, Leibniz, wir wollen uns mit anstellen: da drüben, dort ist doch gewiß die Steuerpolonäse.« – »Sie sind im Irrtum, was Sie sehen, ist der Eingang zu einem der zahllosen Vergnügungsparks. Es sind die ins Ideale erhobenen Vogelwiesen und Rummelplätze der Vorzeit.« »Kann mir schon denken: viel Amüsement und alles gratis.« – »Das wäre wiederum zweckwidrig und unsozial. Die Leute wollen wissen, daß sie Geld ausgeben, und diesem Wunsch muß Rechnung getragen werden. Ein guter Platz zur Neunten Sinfonie kostet eine Mark.« »Wie kommt denn die Neunte auf den Rummel?« – »Auf dem Wege der gesteigerten Volksbildung. Selbst zum Karussel und zur Dampfschaukel will man heute keine Kirmesmusik, sondern Parsifal oder dergleichen hören.« »Hat denn jedermann Zeit, sich so vielen Zerstreuungen hinzugeben?« »Selbstverständlich. Die Mechanisierung der Welt ist so weit gediehen, daß alle Maschinen sich selbst bedienen. Dies bildet die Basis für die Genußfreudigkeit, und eine verbesserte Hygiene gestattet den Menschen, mit ihren Nerven durch endlose Genüsse durchzuhalten.« »Ich möchte beinahe vermuten, daß diese beneidenswerte Welt sich ohne Krankheiten behilft.« – »Getroffen. Seitdem die Natur sich auf ihre klimatischen Pflichten besann, finden die Aerzte wenig zu tun, und soweit Mediziner noch existieren, haben sie umgelernt, wenn sich hin und wieder noch ein leichter Fall von Grippe oder Asthma zeigt, so verordnet man dagegen milde Zigarren. Denn es hat sich herausgestellt, daß verschiedene Körperübel der Vorzeit ihre Wurzel darin hatten, daß den Menschen zu wenig Nikotin zugeführt wurde. Damals spedierte man auch die Leute nach dem Süden, eine Maßregel, die hinfällig wurde, nachdem sich die südliche Natur zu uns bemühte.« »Und wie steht es überhaupt mit dem Reisen?« – »Das könnten Sie sich selbst beantworten. Reisen heißt, dem Hier entfliehen, um dem Dort zuzustreben. Wenn aber das Hier schon alle Herrlichkeiten bietet, wie könnte das Dort noch verlocken? Tatsächlich hat sich der Reisedrang der Vorzeit, der nur ein Zeichen inneren Unfriedens war, so weit vermindert, daß die Regierung heut jedem Fahrgast einen besonderen Salonwagen zur Verfügung stellt. Auch der Güterverkehr hält sich in engen Grenzen, denn wir haben ja fast alles, was wir an Stoffen brauchen, überreich in nächster Nähe.« »Glückliche Welt, die unter solchen Bedingungen wirtschaftet, wenn ich an die Zeit zurückdenke, da wir noch rationiert wurden ...« – »Halt. Das Rationieren an sich ist kein Unglück, es fragte sich nur, was zur Verteilung gelangt. Lesen Sie hier.« Wir standen vor einem Plakat, das am Stamm einer Kokospalme befestigt war. Es enthielt das Verzeichnis der Dinge, die man sich in laufender Woche auf Abschnitt A abholen durfte: zwei Kilo Kaviar, ein halb Schock Ananas, zehn Meter Brokat, eine seidene Hängematte, zwanzig Kiebitzeier, eine Terrine Hummerscheren, vier Meter Federboas, eine Kiste Rivieraparfüm, fünf Tüten Karnevalkonfetti, eine Loge zum Theater der Fünfmalhunderttausend und zwei paar Tanzschuhe auf den Kopf der Bevölkerung. Eben tobte ein fröhlicher Demonstrationszug an uns vorbei mit der Chormelodie und den Textworten der Ode an die Freude. Ich wurde mit hineingewirbelt in den bacchantischen Jubel, in mir hämmerte es: »Die beste der Welten!« Ich faßte nach einem Thyrsusstab, um ihm zu Häupten ekstatisch zu schwingen, griff fehl, stolperte über den Stab, stürzte und – – und lag neben meinem Kanapee, die zerbrochene Opiumpfeife in der Hand. Mit benebeltem Schädel raffte ich mich auf. Von draußen klatschte ans Fenster, was eben in unserem Klima an unsagbarem Gemisch von Niederschlag prasseln kann. Aufgeschreckt aus arkadischem Idyll, ließ ich die Blicke auf den Arbeitstisch wandern. Da lag noch aufgeschlagen eine in höchstem Optimismus schwelgende Abhandlung von Leibniz, daneben zur Ergänzung die frischen Abendzeitungen mit den neuesten Verdrießlichkeiten aus aller Welt. O, tönet fort, ihr süßen Zeitungslieder, die Träne quillt, die Erde hat mich wieder! Ich und mein Beruf Es handelt sich hier um ein amtliches Formular: und ich darf wohl annehmen, daß jedermann mit diesen Papieren so ungefähr Bescheid weiß. Sie gehören zu den regelmäßigen Gästen, die den Zeitgenossen mit der Frühpost ins Haus und auf den Schreibtisch flattern. Sie symbolisieren in schönster Weise den Begriff »die Hülle und die Fülle«: hat man die Hülle des papiernen Umschlags abgestreift, so strömt eine Fülle von Fragen heraus, die allesamt das liebevolle Interesse des Staates für den Empfänger, – lies: Steuerzahler – ausführlich bekunden. Und bei weiterem Studium des anmutigen Formulars fühlt man sich wie von Röntgenstrahlen durchleuchtet. Die geheimsten Fasern der eigenen Wesenheit werden offenbar, und aus dem Unterbewußtsein steigt die Mahnung auf: Beantworte! Beichte! Fülle die Rubriken aus! Das werden feierliche Momente. Und selbst wenn der Mensch gar keine Anlagen besitzt, hier gewinnt er den Trost, in Bälde eine gut »veranlagte« Person zu werden. Freilich gerät man bei der Formularbeichte auch an allerlei Hemmungen. Man sehnt sich nach einem präzisen Ausdruck und kann ihn nicht finden. Da steht zum Beispiel als Ausfluß behördlicher Neugier die Frage: » Beruf? « hier stocke ich schon, wer hilft mir weiter fort? Es ist nicht aus der Welt zu schaffen, daß ich in meinem Leben viele Tausende von Versen geschrieben habe, und daß diese reimspielerische Unsumme einen wesentlichen Bestandteil meiner Tätigkeit ausmacht. Ich habe sogar fünf Minuten vor Empfang der amtlichen Fragen eine jambische Romanze über das Thema »Opferfreude und Steuersegen« fertiggestellt, eine sehr schwungvolle Poesie, bei deren Niederschrift mich der Gedanke beherrschte: das ist dein Beruf! Also hätte ich die Fragerubrik mit dem prägnanten Bescheid auszufüllen: »Beruf – Dichter.« Wenn mir diese Auskunft bloß nicht Weitläufigkeiten und Rückfragen zuzieht! Mich beschleicht eine leise Ahnung, daß die Angabe »Dichter!« bei den Autoritäten der Steuer nicht sonderlich beliebt sei. Für parnassische Anklänge fehlt vermutlich in den Finanzämtern die empfängliche Resonanz. Man könnte mir per Reskript zu verstehen geben, das Dichten wäre eine Angewohnheit, eine Leidenschaft, eine Besessenheit, ein Laster, aber kein Beruf im bürgerlichen Sinne. Soll ich lieber vermelden: Redakteur, Schriftleiter, Pressemensch? Diese Notiz ließe man mir vielleicht durchgehen, allein ich selbst könnte mich dabei nicht beruhigen. Hier heißt es doch, den vollen Tatbestand erkennen, und sich nicht in Umschreibungen verlieren, die der Wahrheit nur nahekommen, ohne sie zu erschöpfen. Eine literarische Empfindung schiebt sich in den Vordergrund: ich habe doch einen ganzen Posten philosophischer Schriften veröffentlicht, die ich in meinem Register nicht missen möchte. Also darf ich sie auch bei diesem Anlaß nicht verschweigen. Da wäre ich endlich bei einer zweckdienlichen, allgemeinen Begriffsbestimmung. – Feder eingetaucht und hingeschrieben: »Beruf – Philosoph «. Aber nunmehr entsteht eine neue Fatalität, denn der unermüdliche Fragebogen will wissen, ob ich den Beruf selbständig ausübe. Eine höchst verzwickte Frage, die noch zudem verschiedene andere umschließt: sind Gehilfen vorhanden, Mitarbeiter? wie viele? von welcher Beschaffenheit? Das werde ich pflichtgemäß genau erklären und erläutern. Zuerst: den Philosophen möchte ich sehen, der ganz ohne Gehilfen auskommt! Was mich betrifft, so brauche ich bei meinen Arbeiten eine ganze Menge, zum Beispiel den Spinoza, der mir andauernd ausgezeichnete Dienste leistet. Schön, da steht mein Gehilfe Spinoza, und dicht daneben vervollständige ich die Liste mit Buddha, Konfutse, Plato, Cartesius, Kant, Schopenhauer, Nietzsche... Himmel! wie soll ich denn da die ganze Fakultät aufs Papier kriegen? Eine dürftige Zeile läßt mir der Fragebogen zur Beantwortung offen, und ich bin erst am Anfang meiner Aufzählung der dienenden Geister, die mir den Beruf ermöglichen! Nicht einmal für den Demokrit und den Aristoteles reicht das Blatt, meine Ausfüllung wird sonach unvollständig, und wie ein Felsen wälzt es sich auf mein Gewissen, das die Verantwortung tragen soll. Denn das Formular beruft sich ausdrücklich auf das beste Gewissen und stellt mir für Unvollständigkeit eine ganze Horde von Strafparagraphen vor das erschauernde Gemüt. Und was wird die nächste Zeile bringen, die mich mit dem Vorzeichen Id anstarrt? Da haben wir die Bescherung: »Wo wird der Beruf ausgeübt?« Aber, meine verehrten Herren, da möchte ich doch gegenfragen: »wo nicht? « – Wenn einer seinen philosophischen Beruf bekennt, so gibt er damit zu verstehen, daß er nie und nirgends davon loskommt, und daß jeder Fleck Erde, den er berührt, sein Arbeitsbureau ist. Es gibt auf diesem Gebiet keine Seßhaftigkeit, keine feste Stelle, an die man sich binden darf, und in der Götzendämmerung können Sie es lesen, daß nur die »ergangenen« Gedanken, nicht die ersessenen, einen Wert haben. Schriebe ich also in die Frageliste, daß ich den Beruf am Schreibtisch ausübe, so wäre das zum mindesten sträflich lückenhaft. Denn wenn ich selbst zufällig nicht wandere, sondern mich zur Nutze ausstrecke, so hört das Grübeln auch in der Horizontallage nicht auf. Da wäre mithin besonders zu vermerken: wo ich meinen Beruf ausübe? – »unter anderm auch im Bett «. Wieder ein Stückchen weiter: »Unter welcher Firma wird der Beruf ausgeübt?« Aber, meine Finanzherren, sagen Sie mir doch, bitte, unter welcher Firma beispielsweise Rabindranath Tagore philosophiert? Nicht, als ob ich mich im entferntesten mit dem indischen Kollegen vergleichen wollte, aber hier kommt es ja nicht auf die Bedeutung an, sondern lediglich auf das Fach, und ich habe im ganzen Leben noch keine Philosophie mit handelsrechtlich eingetragener Firma kennen gelernt. Aber ich will mich trotzdem bemühen, Ihren Wünschen zu entsprechen und werde mir demnächst über meine Manuskripte ein Firmenschild annageln lassen, vielleicht mit der Inschrift: »Problem und Kompagnie, Telegramm-Adresse Probleko«. Noch bin ich nicht fertig, denn hinterher kommt noch eine neugierige Linie mit einer verfänglichen Frage: ob am Ende Nebenbeschäftigung vorhanden mit außerberuflichen Einnahmen. Da wird man also sein Gedächtnis gehörig aufzumuntern haben und die Schlundsonde tief in das Organ der Erinnerung versenken müssen. Richtig! Ich habe im Laufe des Kalenderjahres einmal an einer Spieltafel gestanden und dabei auf den ersten Coup fünf Reichsmark gewonnen, Hört, hört: gewinnbringende Beschäftigung! Daß ich diesen Verdienst sofort wieder der Bank in den Rachen warf und obendrein noch das Zehnfache verlor, kommt nicht in Betracht, denn der Fragebogen interessiert sich grundsätzlich nur für die Einnahmen, nie für die Ausgaben. Aber aus diesem Spielbankerlebnis habe ich eine gelehrte Abhandlung über Wahrscheinlichkeitsrechnung gemacht, mithin waren die vorbemeldeten fünf Emm nicht außerberuflich, sondern kommen auf das Konto Beruf. Ferner habe ich einmal auf das Inserat eines Drogistengeschäfts ein Preisrätsel gelöst und dafür einen Karton mit parfümierter Seife im Barwert von einer Mark 25 empfangen. Gut, daß mir das noch zum Zweck der Deklaration beizeiten eingefallen ist. Ich wiege mich noch immer in der Hoffnung, daß meine Ausfüllung des Vordrucks an maßgebender Stelle, wenigstens in einigen Zeilen, helles Entzücken erregen wird. Denn es wäre mir selbstverständlich nicht angenehm, wenn die vorgesetzten Mächte mein Schriftstück etwa als minderwertig erachten sollten, und wenn sie demzufolge beschlössen, mir zur Strafe künftig überhaupt keinen Fragebogen mehr zu überreichen. Aber in diesem Falle wüßte ich allerdings auf jene zuvor noch offene Frage die zutreffende, wenn auch negative Antwort: nämlich daß ich zum Listenfüller auch nicht den allermindesten Beruf besitze! Neu-Abdera Daß in den Ratskammern unserer Stadt etwas radikal Verkehrtes auskriecht, das kommt bekanntlich sehr selten vor, dann aber um so häufiger. Zur Charakterisierung solcher Abseitigkeiten hält die Mehrzahl meiner Brüder von der Pressezunft ein immer wirksames Schlagwort bereit: ›Abdera! Abderiten!‹ Sobald eine derartige schnurrige Maßregel bekannt wird, wette ich in die Luft hinein: Morgen wird in den Journalen und Zeitschriften das bewußte Schlagwort an zehn Stellen zu lesen sein, und ich gewinne die Wette regelmäßig. So auch neulich, als sich der sogenannte ›Gasskandal‹ entwickelte. Der beruht nämlich auf einer Verfügung mit ›rückwirkender Kraft‹. Man schraubt die Tarife für Kochgas, und zwar nicht bloß hinauf, sondern auch rückwärts: der längst verbrauchte Kubikmeter Gas der Vorzeit wird auf den Preis der Zukunft gesteigert. Das könnte auch andere Aemter zur Nacheiferung anspornen. Zum Beispiel: Mir wird nachgewiesen, daß ich vor langen Jahren mit sehr geringem Fahrgeld in die bayrischen Alpen gereist bin. Jetzt meldet sich das Prinzip der Rückwirkung, revidiert mein billiges Vorleben und verlangt von mir die Nachzahlung der ganzen Fahrstrecke zum Kilometertarif von übermorgen. Dieses krebsgängige Prinzip hat übrigens seine geschichtlichen Vorläufer und ist schon von unserem Kopisch in seiner famosen Krebsromanze besungen worden: »Und alles kehrt im Erdenschoß zurück zu Adams Erdenkloß, die Henne wird zum Küchlein, das Küchlein kriecht ins Ei, das schlägt der große Krebs dann mit dem Schwanz entzwei.« Aber meine Genossen von der Presse dichten keine Romanzen, sondern sie setzen sich mit dem großen Verwaltungskrebs in derber Prosa auseinander; sie rufen Abdera, nennen unser Berlin eine Abderitenstadt und liefern zu diesem Thema sinnige Variationen, indem sie auch die Schildbürger und Schöppenstedter zum Vergleich heranziehen. Hier trete ich mit einem Widerspruch auf, denn ich finde diese Vergleiche und Anspielungen sehr ungerecht. Schließlich beruht doch unsere ganze Kenntnis der vormaligen törichten Städte auf Ueberlieferung, und wenn schon das Programm »Rückwärts« aktuell wird, gut, so revidiere ich die Tradition auch rückwärts. Ich besitze hierfür mein eigenes, aus Chroniken geschöpftes Material und hierauf gestützt beweise ich, daß es sich nur um flunkernde Legenden handelt, die endlich einmal eingesargt werden müssen. Tatsächlich waren Abdera und Schilda die grundgescheitesten Städte von der Welt. Also zuerst die Schildbürger! Die bauten ein Rathaus ohne Fenster und wollten sich über die Finsternis durch Sonnenlicht hinweghelfen, das sie zuvor in Säcken, Wannen und Kesseln eingefangen hatten. Gott, wie blöde! sagen die Neunmalweisen. Aber habt ihr denn noch niemals von Luminiszenz, Phosphoreszenz, Fluoreszenz gehört, mit deren Hilfe es allerdings gelingen kann, Sonnenstrahlen in Gefäßen aufzuspeichern für späteres Erleuchten? Die Schildaleute waren eben als Naturforscher ihrer Zeit weit voraus, heißt es doch in der Chronik wörtlich, daß sie bestrahlte Erde zur Illuminierung ihres Rathauses verwandten, hier haben wir den deutlichen Hinweis auf das Radium, auf uranhaltige Erdsubstanzen, auf Alpha-, Beta- und Gammastrahlen, von denen diese Werkmeister schon Jahrhunderte vor Becquerel und Curie Kenntnis hatten. Sie selbst waren »luminös« wie die radioaktiven Stoffe, deren sie sich bedienten. Und wenn sie am Stadthaus die Fenster sparten, so geschah es nur zur Verfestigung der Mauern, die sich um so solider bewährten, je weniger sie durch Sichtluken unterbrochen wurden. Der zweite Streich: die Schildbürger hatten eine kostbare Glocke, um sie vor beutelustigen Feinden zu sichern, in den See versenkt; und sie wollten eine Methode ersinnen, um den genauen Ort der Versenkung wiederzuerkennen, wenn der Feind abgezogen wäre. Der Schultheiß entschied: wir machen an dem bewußten Punkte einen Kerbschnitt in das Schiff, das die Glocke trug, und an diesem Zeichen werden wir die bewußte Stelle im See jederzeit wieder auffinden. Ist das trottlich oder genial? Ich halte es für einen Ausfluß der höchsten Physik in Verbindung mit einem Triumph der Feinmechanik. Denn auf den Idealfall bezogen, taucht ein Schiff an verschiedenen Punkten eines Gewässers verschieden tief, und ein Kerbschnitt am Wasserspiegel bietet allerdings eine ganz eindeutige, zuverlässige Orientierung. Die Tauchtiefe ist nämlich vom Schwerepotential abhängig, das von der Verteilung der Landmassen, vom Relief des Seegrundes und von der Abplattung der Erde abhängt, wechselt mithin von Punkt zu Punkt. Freilich erfordert dieses scharfsinnige Verfahren die allerextremste Präzision bei Anbringung der Schnittmarke: allein es liegt kein Grund vor. diese Technik bei Leuten zu bezweifeln, deren überragende Fähigkeiten wir bereits an anderen Proben erkannt haben. An den Kernpunkt der Angelegenheit gelangen wir indes erst, wenn wir die Originalchronik von Schildburghausen aufschlagen, die sich, von 1597 datiert, in der Staatsbibliothek zu Berlin befindet. Wir erfahren daraus, daß die Stadtbewohner aus ganz sinnvollen politischen Motiven zu dem Beschluß gelangt waren, sich dumm zu stellen und mit den Proben eines erklügelten Aberwitzes die ganze Welt zu foppen. Sie ersannen abenteuerliche Handlungen, die viel zu intelligent waren, um von der stupiden Außenwelt begriffen zu werden; und sie nahmen den Verdacht der Borniertheit gern in den Kauf, weil sie ganz genau wußten, daß die wirklichen Narren im Publikum saßen, ausgelacht von den schlauen Komödianten auf der schildbürgerlichen Possenbühne. Kurzum, sie benahmen sich so vernünftig wie ihre thrazischen Vorbilder von Abdera, denen Lucian, Galenus, Juvenal und Wieland die Albernheit bescheinigt haben. Wer sich meinen Studien und Ueberlegungen anschließen will, gelangt auf geradem Wege zu dem Ergebnis, daß es im ganzen Altertum keine so erleuchtete Stadt gegeben hat wie Abdera. In den Adern der Bevölkerung floß jonisch-tejisches Blut, und hierdurch war sie stammesverwandt den großen jonischen Figuren Allkäos, Anakreon, Apelles, Sappho, Aspasia: Abdera selbst entkeimten Anaxarch, der hervorragende Geschichtsschreiber Hekatäus, der große Protagoras, der Urbegründer der philosophischen Relativitätstheorie, und das Weltwunder Demokrit. Die elementarste Logik bäumt sich schon auf bei der Vorstellung, alle diese Genies wären einem Boden entsprossen, der sonst nichts hervorbrachte als Blödiane. Die Abderiten waren ein Kunstvolk ersten Ranges, sie besaßen das prächtigste Nationaltheater, die erste Bühne, die dem barbarischen Gebrauch entgegen ihre Iphigenien und Andromachen als von wirklichen Frauen gespielt herausstellte. Und von welchen Frauen! In allen abderitischen Darstellungen wimmelt es von Prachtfiguren, deren göttliche Schönheit gepriesen wird. Und wiederum wird die Logik – sagen wir: die Biologik – auf den Kopf gestellt, wenn man annimmt, so viele Venusgestalten hätten in einem »Schöpsenlande« (so spricht Juvenal) entstehen können. Aber die Kunst der Abderiten war verpfuscht, so versichern die Gewährsmänner, die hinzufügen: Ihr Gesang verfolgte nicht die einfache Tonlinie, sondern erging sich in lächerlichen Schnörkeln, wie Trillern, Koloraturen und Nachtigallkadenzen. Ein Fehlurteil schlimmster Sorte, denn solche Verzierungen sind gerade die Merkzeichen einer Kunst, zu deren Entfaltung alle anderen Länder erst nach vielen Jahrhunderten gelangten. Das Paradestück der systemisierten Legende ist der abderitische ›Prozeß um des Esels Schatten‹. Für jeden Leser, der nur um Spannbreite vom Vorurteil los kann, der instruktivste, in allen Beweisreden scharfsinnigste Prozeß, der je geführt wurde. Man vergleiche sie nur mit den schulpaukerischen Plädoyers Ciceros, um den Abstand zwischen eloquenter Meisterschaft und Stümperei zu ermessen. Nein! sagen die Lästerer, in diesem Schattenprozeß wurde nicht gerecht, sondern nur mit übertriebener Spitzfindigkeit verhandelt. Also, muß man nach Juvenal ergänzen: die Abderiten waren ›spitzfindige Schöpse‹. Und mit diesem unmöglichen Begriff hat sich die Welt angefreundet, bloß damit Abdera um jeden Preis die Stadt der Idioten bliebe! Freilich, Prozesse wie die von Athen wurden in Abdera nicht geführt. Zu den Schandstücken gegen Sokrates, Aristides, Protagoras, Aristoteles, Diagoras findet sich hier kein Seitenstück. Die alten und die neuen Lukiane mögen erklären, daß die Abderiten zu dumm waren, um derlei Abscheulichkeiten zu tätigen. Wir aber könnten nun wohl unter die alte Rechnung den Schlußstrich ziehen und das Fazit hinschreiben: es hat keinen Sinn mehr, einem modernen Gemeinwesen, wenn sich blamable Dinge ereignen, Abderitismus oder Schildbürgerei vorzurücken. In Berlin tagte bis in diese Tage eine Finanzkommission mit dem offiziellen Auftrag, zu untersuchen, weshalb wohl der Dollar im April vor etlichen Jahren von 20 000 auf 30 000 geklettert wäre, vielleicht tagt oder nächtigt diese Kommission mit stattlichem Beamtenapparat noch heute. Auch aus diesem Anlaß ist der Spottruf »Abdera!« laut geworden. Sehr zu Unrecht. Die Abderiten waren wie alle Thraker weinbegeisterte Leute und vermieden es bei ihren bacchischen Freuden prinzipiell, sich um unerforschliche Probleme den Kopf zu zerbrechen. Ihnen galt die Gegenwart mehr als alle Revision der Vergangenheit. Eine Rückwärtskommission und überhaupt alle unsere Rückwärtsereien wären im klassischen Abdera einfach unmöglich gewesen! III. Teil Kuriositäten-Kabinett Die vertauschten Köpfe Diesmal kann sich der selige Ben Akiba definitiv begraben lassen: denn was hier erzählt werden soll, ist wirklich noch nicht dagewesen und besteht in seiner schwindelerregenden Unglaublichkeit als ein Unikum. Trotzdem muß daran festgehalten werden, daß alles mit ganz natürlichen Dingen zugeht: Vor einigen Monaten waren vom Schwurgericht zwei Todesurteile ergangen; das eine gegen den Lustmörder Max Purrnickel, der bei Klein-Zibbe an der Zobbe eine Magd vergewaltigt und erstochen hatte. Das andere gegen die Giftmischerin Witwe Selma Sabberloh in Nieder-Mochbern. Zwischen beiden Kriminalfällen bestand nicht der geringste Zusammenhang. Die zwei Verurteilten hatten einander niemals gesehen, sie sollten indes an ein und demselben Tage dem Scharfrichter überliefert werden. Wenige Tage vor der Hinrichtung lief bei der Vollzugsbehörde folgendes Schreiben ein: »Der unterfertigte Forscher bittet hierdurch, ihm die Körper der beiden Delinquenten zu einem Experiment zu überlassen. Wie bekannt ist es meinen Kollegen, den Wiener Professoren Przibram und Walter Fink gelungen, an Heuschrecken und Wasserkäfern Köpfe zu transplantieren und nach der Vertauschung auf den Rümpfen zur Verheilung zu bringen. Es besteht nicht der mindeste Zweifel, daß sich solche Kopfvertauschung auch bei Menschen ausführen läßt; freilich nicht im Laboratorium, weil das unvermeidliche Abschneiden der Köpfe den Forscher mit dem Strafgesetz in schwersten Konflikt bringen würde. Hier aber fällt dies Bedenken fort, denn es handelt sich um zwei Individuen, die ohnehin dem Beil verfallen sind und die ich mir für meinen Versuch erbitte, nachdem der Strafjustiz Genüge geschehen ist. Diese Eingabe hat also keinen andern Zweck, als den Fortschritt der Wissenschaft, die hier geradezu am entscheidenden Wendepunkt ihrer Entwickelung steht. Ergebenst Professor Dyslicenus, Naturforscher.« Nun läßt sich eine deutsche Behörde alles eher nachsagen als ein mangelndes Verständnis für wissenschaftliche Ziele. Sonach ergab sich bei Prüfung dieses Gesuches kein Widerstand. Damit gelangen wir bereits zum zweiten Akt der kriminalistischen Sensation: der Professor nahm die diversen Ueberbleibsel der Gerichteten in Empfang, vertauschte die Köpfe, vernähte sie auf den Rümpfen und brachte alles hübsch zur Verheilung. Mit dem Ergebnis, daß nunmehr zwei lebendige Personen vorhanden waren: der Max Purrnickel mit dem Kopfe der Selma Sabberloh, und die schlimme Witwe mit dem Haupte des Lustmörders Purrnickel. Wer aber an diesem Resultat Anstoß nahm, das war der Staatsanwalt, der sofort ein neues Verfahren anbahnte und zwar mit einer Begründung, die Hand und Fuß hatte: »Der Wahrspruch des Schwurgerichts,« so motivierte er »ist durch den Eingriff des Professors völlig illusorisch geworden. Die Ent hauptung hat nur dann einen juristischen Sinn, wenn sie sich nicht, wie hier geschehen, zu einer Be hauptung auswächst. Die beiden Verbrecher müssen sonach noch einmal hingerichtet werden, natürlich unter Ausschluß jeder professoralen Störung.« Hiergegen opponierten nun wiederum die Verteidiger nach dem unerschütterlichen Rechtsgrundsatz: »ne bis in idem«. Kein Mensch dürfe mehr als einmal hingerichtet werden, und wenn er nachher munter fortlebe, so wäre das seine Privatsache, um die sich der Staatsanwalt den Teufel zu kümmern habe. So stand Ansicht gegen Ansicht, und in dem Konflikt der Meinungen gelangte die Sache bis ans Reichsgericht. Hier wurde der Vortrag des Forschers Dyslicenus maßgebend, den man als den berufensten Sachverständigen aufrief. »Gegen wen,« fragte er, »soll hier überhaupt verhandelt werden? Gegen den Lustmörder Purrnickel? Gegen die Giftmischerin Sabberloh? Diese Individuen sind von der Welt verschwunden, und wenn auch hier auf der Bank zwei Personen sitzen, die fragmentarisch an sie erinnern, so behaupte ich mit gutem Grund: sie existieren gar nicht! Denn das Kennzeichen des Individuums ist der Kopf, nur in seinem Kopf steckt sein Ich, sein Selbst, seine Verantwortung. Dieser Mensch dort mit dem Rumpf des Purrnickel soll eine Frauensperson vergewaltigt haben? Aber er hat ja selbst ein Frauenbewußtsein, hat die Magd nie begehrt, niemals auch nur gesehen. Ebensowenig kommt er als Giftmischer und nun gar als Giftmischerin in Betracht, denn zur Verübung dieses Verbrechens gehören Hände, und diese Hände, die an der anderen Person hängen, stehen unter dem Impulse eines Kopfes, der von jener Giftmischerin nicht die leiseste Ahnung besitzt. Und schließlich, hoher Gerichtshof, selbst wenn man sich über diese sonnenklaren Argumente hinwegsetzen wollte, wäre es doch der Gipfel barbarischen Widersinns, dem Manne nachträglich einen Weiberkopf und dem Weibe einen Mannskopf abschlagen zu wollen.« Es blieb tatsächlich nichts übrig, als das erneute Gerichtsverfahren durch eine Sentenz zu beenden, die dem Gutachten des Professors entsprach. Die Verhandlung mußte abgebrochen und eingestellt werden, weil überhaupt kein Individuum vorhanden war, gegen das vernünftigerweise verhandelt werden konnte. Allein, ganz folgenlos sollte die verzwickte Angelegenheit doch nicht verlaufen. Die beiden Subjekte mit den transplantierten Köpfen fühlten sich durch die Gemeinsamkeit ihres Schicksals zueinander hingezogen und sie beschlossen, ihre Affinität durch eine Heirat zu bekräftigen; da sie ja schon sowieso – anatomisch genommen – eng genug zusammenhingen. Die Sexualforscher freilich sehen da neue Mißstände voraus; und eine gewisse Schwierigkeit wird sich ganz bestimmt herausstellen, wenn die zukünftigen Kinder dieser Ehe nicht wissen werden, zu wem sie Papa und zu wem sie Mama zu sagen haben. Lust im Eise Gewisse Anzeichen der organischen Welt weisen darauf hin, daß es sich im Eise ganz behaglich leben läßt, Ich denke dabei wesentlich an ein liebes Insekt, den Gletscherfloh ( Desoria glacialis ), der sich zeitlebens, unabhängig von der Jahreszeit mit allem Eifer dem Wintersport hingibt. Er macht, wie ich selbst mit der Lupe in der Hand beobachtet habe, in den feinen Gletscherspalten die verwegensten Sprünge, und er beweist dabei in rapider Vermehrung, wie trefflich ihm diese Leibesübung bekommt. Nicht einmal das Kaninchen oder der Karpfen kann es an Fortpflanzungsstärke mit ihm aufnehmen, er hält in dieser Hinsicht den Weltrekord, er erzeugt ein Gewimmel, das die glitzernden Eiswohnungen streckenweise ganz dunkel färbt. Aus dem Wintersport schöpft er seine Kraft, und ihm ist dieser Sport nur in seiner Erfreulichkeit ohne störende Begleiterscheinung bekannt. Er bricht sich kein Bein, verstaucht sich keinen Knöchel und erkältet sich nie. Aber es ist mir sehr zweifelhaft, ob seine Lebensweise auch für den Menschen vorbildlich werden könnte. Ich bin in dieser Hinsicht sehr ketzerisch gestimmt, und um es rund herauszusagen: ich halte dafür, daß der Wintersport ein Reservat der Gletscherflöhe bleiben müßte; und diese Verstocktheit hat meinen Freunden und Kollegen schon sehr viel Sorge verursacht. Mir fehlt das Organ für die menschlich betätigte Eisliebhaberei, ja ich besitze einen Nerv, der hierauf mit direkt feindlichem Protest gegenschwingt. Alles Winterliche ist für mich ein Verhängnis, mit dem man sich stoisch abzufinden hat, ohne es sich epikuräisch in eine Lust umzuschmeicheln. Mir erscheint es ethisch bedenklich, den Winter, den grimmigsten Feind der Menschheit, als gut Freund zu behandeln, mit ihm zu liebäugeln und aus seiner Hand Freuden entgegenzunehmen, die nichts anderes sein können, als maskierte Bosheiten. Mit Schauder gedenken wir alle der verflossenen geologischen Eiszeiten, und ach wie nahe ist uns die nächste! Noch ein paar lumpige Jahrtausende, und eine neue Eiszeit kommt über uns, um uns recht nachdrücklich beizubringen, wie es der Winter im letzten Grunde mit uns meint. Und inzwischen kokettieren wir mit ihm, reden ihm und uns ein, er wäre doch eigentlich eine recht fidele Angelegenheit. Meine wintersportelnden Freunde halten mich für rückständig, sie beklagen meinen Defekt und beeifern sich seit Jahren, um mir die eis- und schneewidrigen Mucken auszutreiben. Ganz natürlich. Der Mensch will auf den Nebenmenschen einwirken, da ihm die Bewußtseinsharmonie anderer Geschöpfe fremd ist. Für die Gletscherflöhe in Menschengestalt bin ich ein degenerierter Nebenfloh, dem die richtige Glacialempfindung erst eingetrichtert werden muß. Und eines Tages fand ich meinen Widerstand überwältigt. In der Kraftprobe des Einzelnen gegen viele konnte ich nicht durchhalten. Meine Freunde beschlossen in kompakter Phalanx, daß ich meinem eigenen Winterglück nicht länger in den Weg treten dürfe. Also wurde ich in einem frostklirrenden Januar ins klassische Sportgelände spediert. Man ließ mir die Wahl zwischen Schweiz, Tirol und Oberbayern. Aber daß ich nur nicht heimkehrte, ohne die Schüssel der Winterfreuden bis auf die Grundsuppe ausgelöffelt zu haben! Ich wollte zuerst ins Engadin, entschied mich aber schließlich aus finanztechnischen Gründen fürs Gotthardgebiet, weil die Preise in Graubünden nach höherer Algebra, die im Kanton Uri nur nach mittlerer berechnet werden. Unterwegs überlegte ich zaghaft: Und wie, wenn ich dort nun gerade in ein wütendes Schneetreiben hineingerate, das mir prasselnd ins Gesicht schlägt? Ausgeschlossen! hatten mir die Berliner Fexe versichert: man erlebt immer nur den ewig blauen Himmel in beglückender Sonnenwärme über der unendlichen Schneedecke. Und wann fällt eigentlich dieser unendliche Schnee? Das geht den Touristen gar nichts an; die weise Natur hat das so eingerichtet, daß man ihn immer schon fertig vorfindet, ohne jemals durch ein Flockengewirbel belästigt zu werden. – Na, wir werden ja sehen! In Göschenen machte ich halt. Ich hatte das Glück, an der abendlichen Wirtstafel eine Autorität vorzufinden, einen schwedischen Sportmeister, der mir aus dem reichen Schatz seiner Erfahrungen schätzbare Winke einflößte. »Sie als Neuling müssen sich zuerst in die Landschaft einleben, bevor Sie es mit dem Radeln und Skilaufen riskieren. Also beginnen Sie morgen früh mit einer Fußwanderung nach Andermatt – süperber Weg übrigens – dort nehmen Sie einen Pferdeschlitten, kehren nach Göschenen zurück, und dann werde ich Ihnen die Anfangsgründe des eigentlichen Sports beibringen,« Das Hotel befand sich in einem Zwischenstadium. Es besaß mächtige Kachelöfen, wollte aber gerade zur Zentralheizung übergehen; mit der Folge, daß momentan überhaupt nicht geheizt wurde. Die Schlafnacht im Zimmer war mithin sehr geeignet, um mich abhärtend zu akklimatisieren. Nach dem Gefühl zu urteilen befand sich im Bett eine Temperatur von sieben Grad im Schatten, natürlich unter Null. So ungefähr hatte ich mir ein erstes Uebernachten auf Spitzbergen oder in Labrador vorgestellt. Aber der Frühstückskaffee war wärmer, und mit dieser letzten Oelung versehen, machte ich mich auf die Wanderschaft. Die Sache mit dem ewigblauen Himmel stimmte nicht ganz. Es irisierte ein bißchen ins Gelblichgraue hinüber, und es wimmelte etwas in der Luft. Flocken? Ach, wie wohl wäre mir gewesen, wenn es auf gut winterlich in Flocken gestöbert hätte. Aber das waren Eisnadeln, Milliarden mikroskopischer Dolche, atomkleine Splitter von Rasierklingen, die sich mir ins Gesicht bohrten. Ich biß die Zähne zusammen und dachte mit hygienischem Aufschwung: Gott, muß das gesund sein, wenn man da lebendig herauskommt! Auch mit dem Schneeparkett war etwas nicht in Ordnung. Es zeigte eisige Struktur, bestand aus zusammengebackenen Klümpchen, die das Kunststück zuwege brachten, zugleich sehr holprig zu sein und sehr glitschig zu wirken. Es war mir zweifelhaft, ob ich auch nur die nächste Dorfecke erreichen würde. Aber die Technik überwindet alles. Der Schwede, der meine Verlegenheit bemerkt hatte, kam mir nach und behändigte mir leihweise einen derben Knotenstock mit scharfer Stahlzwinge. Den sollte ich nur immer Schritt für Schritt in das graupliche Gefüge einstoßen, dann würde es schon gehen. Und es ging wirklich. Ich humpelte die nächsten hundert Meter über Erwarten gut. Für den normalen Wanderer ist die Strecke von Göschenen bis Andermatt ein Spaziergang von wenig über eine Stunde. Ich brauchte dazu etwas mehr, nämlich von 9 Uhr früh bis abends 8 Uhr. Streckenweise bewegte ich mich horizontal, je nachdem ich beim Ausrutschen auf den Rücken oder auf den Bauch fiel. Und in diesen Tagen kam mir die berühmte Landschaft nicht sonderlich reizvoll vor. Desto liebenswürdiger erschien mir im Rückblick Göschenen, denn dort hatte ich wenigstens mein Gepäck, während ich hier ohne Nachthemd und Zahnbürste dasaß. Aber man bekommt in Andermatt alles zu kaufen, namentlich auch Vaseline und Borsalbe für den Gesichtsteint, der bei mir infolge der luftigen Eisnadeln an den geschundenen Raubritter erinnerte. Der Wintersport war übrigens wie der Augenschein lehrte, im Urserental nicht recht im Gange. Ich erkundigte mich nach den Matadoren vom Bobsleigh, Ski und Skeleton, ob denn die ausgeblieben wären. Nein, so hieß es, sie befinden sich hier im Ort, sind indes zurzeit nicht sichtbar. Man nannte mir die Namen: den gefeierten Sportlöwen Douglas aus Oxford, den unerreichten Telemarkspringer Hendriksen aus Christiania, den fabelhaften Rennwolfvirtuosen Pfyffi aus Zürich und noch viele andere. Ja, die exzellierten hier schon seit Wochen, nur hätte ich es insofern etwas ungünstig abgepaßt, als die Herren gerade heute mit komplizierten Rippenbrüchen in Gips lägen. Nunmehr nahm ich mir, der erhaltenen Weisung getreu, einen Pferdeschlitten, um durch die Felsenschlucht der Schöllenen und über die Teufelsbrücke, hoch über der kristallisch glitzernden Reuß, zwischen starrenden Felshängen und unermeßlichen Abgründen nach Göschenen zurückzukehren, wo der instruktionslüsterne Schwede mich erwartete. Schon schmeichelte ich mir mit dem freudigen Stolz, mein erstes Programm gelöst zu haben, als ein Verhängnis mich ereilte. Denn halbenwegs an einer scharfen Biegung kam mir ein Lastschlitten entgegen, der Baumstämme geladen hatte, so lang wie die Zedern vom Libanon. Die Katastrophe stand vor mir. Undenkbar, an einander vorbeizukommen, und ebenso unmöglich, auf dem abenteuerlichen Schmalsteg zwischen Felsmauer und Schlucht, gleichsam in der leeren Luft umzuwenden. Nach menschlichem Ermessen mußte dieser Zustand fortbestehen bis zum Ende der Weltgeschichte. Falls nicht etwa die Regierung von Uri die beiden Schlitten mit Dynamit auseinandersprengte. Hübscher Ausblick auf Marteln an der Felswand für die Fahrer, besonders zum Andenken an mich, der hierher gekommen war, um sich am Wintersport zu delektieren. Wie ich aus dieser vermaledeiten Situation herauskam? Ignorabimus. Genug, daß ich einige Tage später an meine heimatlichen Kollegen eine ganz frohlaunige Ansichtskarte zu senden vermochte. Sie war von der italienischen Riviera datiert und enthielt die Mitteilung, daß ich in San Remo endlich ein sehr praktisches Standquartier entdeckt hätte, bei 32 Wärmegraden, also unter klimatischen Bedingungen, bei denen das Gefrorene nur in Form von Vanille- und Mokkaeis gedeiht. Und in einem Pflanzenparadies den Frühsommer im Januar zu erleben, das wäre doch ein ganz lohnender Wintersport. Seitdem gelte ich bei den Kollegen als hoffnungslos verpfuscht. Sie bearbeiten mich nicht mehr, sie haben nur noch ein sanftes Bedauern übrig für meine unheilbare Perversität. Die geschüttelte Muse Die Vorzeit behalf sich mit neun Musen, Jean Paul entdeckte die zehnte, und seit knapp einem halben Jahrhundert haben wir die elfte, die aber von ihren Schwestern auf dem Helikon nur widerwillig geduldet wird. Zur Rechtfertigung ihrer Existenz kann sie nur das eine geltend machen, daß sie humoristisch wirkt: aber sie trägt keine Schönheitsmerkmale, neigt stark zur Perversion, und man könnte die Frage aufwerfen, ob sie nicht besser in einer Kaltwasserheilanstalt unterzubringen wäre, als in dem apollinischen Haine des Musenberges. Genau genommen lebt sie von ihrem wichtigtuenden Irrsinn, von der Entblößung ihres pathologischen Zustandes der sich in einem beständigen Geschüttel kundgibt. Sobald sie zu deklamieren anfängt, geht ein Zucken durch ihren Leib. ihr Sprachwerkzeug, der Reim, beteiligt sich an der Schüttelbewegung. und sie rechnet darauf, daß sich auch ihre Hörer schütteln werden. Das hat sie nun allerdings bis zu einem gewissen Grade erreicht, ja noch mehr: sie hat die klinischen Symptome des Schüttelns auf eine ganze Dichtergeneration übertragen und eine wildschweifende Horde verseuchter Reimschmiede gezüchtet: Poeten und Poetaster, die in unbesiegbarer Hypnose auf eine einzige Sprachmöglichkeit starren, die wachend und träumend alle erdenklichen Wortgebilde verbiegen, verquirlen, durcheinanderwirbeln, um nur wieder einen neuen Schüttelreim zu entdecken, der mit gewolltem oder unvermutetem Blödsinn Aufsehen erregen könnte. Ich kann mich noch ziemlich genau auf die Anfänge der Epidemie besinnen, um so deutlicher, als ich ihr selbst verfallen war und in beständigen Rückfällen zahlreiche geschüttelte Gräßlichkeiten verübte. Einige der nachstehend erwähnten kommen auf mein eignes Konto, sind Zeugen meiner Reimkrämpfe, die mich ergriffen, als die Ansteckungszeichen der Schüttelmuse sich noch im Primärstadium befanden. Ein gewissenhafter Sprachforscher könnte vielleicht den Beginn historisch erheblich zurückdatieren, bis zu Rückert, der in seinen orientalisierenden Gedichten schon recht nahe an die eigentlichen Schüttelreime unserer Epoche heranstreift. Allein beflügelte Schwungkraft gewannen sie doch erst, als sie vor etlichen Jahrzehnten aus anonymen Ecken hervorbrachen und mit knotigem Witz ihren Anspruch auf Volkstümlichkeit anmeldeten. Ohne bestimmbare Herkunft, autorlos, schwirrte ein Epigramm durch die Berliner Gassen, ein Hohnspruch auf die hervorragenden Politiker August Bebel und Eugen Richter: Herrn Eugen Richters Säbelbeine Sind bald so krumm wie Bebel seine. Eine höchst inkorrekte Sprachleistung im Berliner Ulkjargon der man besonders einen groben Verstoß gegen die anatomische Wahrheit vorrücken muß: denn beide Parteiführer stützten sich auf optisch einwandfreie Beine, wenn sie auch vielleicht nicht das Ideal der Gradlinigkeit nach Vorbild des Apollo vom Belvedere verkörperten. Zu den ersten Proben, die sich volkstümlich durchsetzten, gehörte eine zweizeilige Hymne auf die Gemütsverfassung einer Frau, die ihren Sohn an der Waterkant zur Fahrt nach exotischen Gebieten entläßt: Sie gibt ihm ihren Mutterkuß Weil er jetzt auf den Kutter muß. In neuzeitlicher Nachbarschaft finden wir eine Probe lehrhafter Poesie, die an sich nicht unweise Lebensregel: O Mensch, gieß' nie die Hummersoße Auf deine neue Summerhose! Wir haben hier eine leise Willkür im Vokal und Konsonant zu rügen, müssen indes zugeben, daß die Schüttelmuse in diesen Versen eine bemerkenswerte didaktische Höhe erreicht: alldieweil Hummermayonaise auf alten Wintersachen sich tatsächlich erfreulicher ausnimmt, als auf neuen Sommerbeinkleidern. An einigen Schüttelreimen der Folgezeit ist die Autorschaft hängen geblieben, so an dem alpenhaften Denkspruch: Das Jodeln übt der Steiermärker , Im Jüdeln ist der Meyer stärker; Dieses phonographische Erinnerungsbild ist von Oskar Blumenthal aufgenommen und galt seinerzeit als klassisches Reimspiel; es hat sich auch vermöge seiner eindringlichen Antithese länger behauptet als manches Lustspielfinale des nämlichen Dichters, das einstmals im Lessing-Theater als Schlager auftrat. Es bedeutete einen technischen Fortschritt, als die Schüttelreime doppelt erklangen, in einer kombinatorischen Häufung, wie sie nur der abenteuernde Zufall zustande bringt. Und ich bekenne, daß ich noch heute die Spuren des Staunens empfinde, das mich zur Zeit ihres Entstehens ergriff: Daß er die Schmerzen aus der Wade banne , Bestieg er flugs die heiße Badewanne . Doch konnte er die Schmerzen bannen weder , Noch auch nur lindern durch die Wannenbäder Im Punkte der Reimakrobatik noch verblüffender erschien mir der Ausruf jenes Vorarbeiters am Hafen, der seine pfuschenden Gehilfen mit dem entrüsteten Vierzeiler rüffelt: Ist es nicht ein krasser Wahn , Oder streicht das Lumpenpack Diesen neuen Wasserkrahn Mit dem alten Pumpenlack ! Aber den Gipfel der Schüttelosis erblickte ich in der geradezu unheimlichen Verschnörkelung: Weil die beiden Moppel dort Gar so gräßlich zwiegesungen , Hat durch einen Doppelmord Man zum Schweigen sie gezwungen . Immerhin gab es auch einfachere Gebilde, die sich mit erheuchelter Anspruchslosigkeit vorstellten und trotzdem durch Idee und Tonfall knallige Effekte leisteten. Zum Troste der Hausmütter, denen die Untugenden der Kleinen Sorge verursachen, meldete sich der lautlich falsche, aber als Lebensdokument sicherlich richtige Hinweis: Es war selbst Anton Rubinstein Als Knabe nicht ganz stubinrein . Als der Komponist der »Salome« in seinen Frühwerken den Ausübenden unerhörte Schwierigkeiten zumutete, hörte man in den Konzertsälen die geschüttelte Kritik: In der neuen Sonate von Richard Strauß Kriegt selbst nicht Joachim die Strichart raus , und stellenweise schien es, als ob die gedachte Muse ungeachtet ihrer Modernität uns die Pflege alter Meisterwerke besonders ans Herz legen wollte: wie zart sind doch die Mozart-Sachen Kein Mensch kann heut sie so zart machen ! Aber sie hielt sich nicht allzulange bei der Kunstbetrachtung auf, glitt vielmehr auf das gesellschaftliche Parkett und warf epische Lichter auf besondere Vorgänge, die sich an der Tafel begüterter Häuser abspielten. Hier gab es Episoden, die sonst des Sängers Höflichkeit verschwieg, die aber der Schüttler mit schonungsloser Indiskretion allen Ohren preisgab: Stern hat 'nen Witz beim Schmaus gerissen , Da hat ihn Heymann rausgeschmissen . Wie klobig muß dieser Witz gewesen sein, daß der Schmausgeber Heymann sich veranlaßt sah, die elementarsten Regeln des gesellschaftlichen Taktes über Bord zu werfen. Sollte vielleicht Herr Stern selber bei jener Gelegenheit einen bedenklichen Schüttelreim losgelassen haben, etwa von der Kategorie: Jetzt geh' ich in den Birkenwald , Denn meine Pillen wirken bald – ? oder zitierte er die Ansprache des Balltänzers, dem seine Dame allzuschwer in den Armen lag: Du tanzt ja heut' wie Blei, Thereschen , Hast Du am Fuß ein Eiterbläschen ? Das würde das Verfahren jenes Gastgebers, wenn auch nicht vollkommen entschuldigen, so doch für sehr empfindliche Beurteiler einigermaßen begreiflich machen. Daneben wird auch der Sensitivste dem Schüttelreimer die Rechtswohltat zubilligen, die jedem Aphorismus zusteht, wenn er sich mit rein menschlichen Dingen beschäftigt: also mit Erscheinungen der Menschwerdung, die jeder Arzt als tatsächliche beglaubigt. In dieser Hinsicht möchte ich das Wort des berühmten Pianisten Arthur Schnabel als geradezu epochal bezeichnen: Am Anbeginn war Schnabel nur Das Ende einer Nabelschnur . und ich glaube, dieser Scherz verdient auch den Beifall der gestrengen Fachwissenschaftler, die über physiologische Themen keine andere als toternste Behandlung zulassen. Sollte etwa ein solcher Professor opponieren, so würde auf ihn der Schüttelspruch passen: Die allergrößten Fachgelehrten , Sind meist sehr schlechte Lachgefährten . Und wie in diesem Falle zeigt der Schüttelreim vielfach eine Vorliebe für das Philosophische, Allgemeingültige, Abstrakte. Keine Phase des Dasein entgeht ihm, er ist stets willig, sich in die wesentlichen Begebnisse des Erdenbürgers mit Bemerkungen hineinzuschütteln, die zwischen Tiefsinn und Paranoia die goldene Mitte halten. Sobald der Mensch den irdischen Schauplatz betritt, erklingt ihm das drohende Parzenlied: Gewöhnlich ist der Taufakt , Des Jammerdaseins Auftakt . Später spezialisiert sich der Reim auf Ernährungsfragen und warnt den Unbelehrten vor Ueberschätzung der kulinarischen Genüsse: Von jedem Schund e bissel , Das nennt sich bunte Schüssel . Ja, er empfiehlt sogar das trockene Brot, unter der Voraussetzung, daß nur das nackte Leben ungefährdet bleibt: Ist der Schnellzug in Gefahr – zieh sofort die Notbremse ; Reicht man dir im Diningcar – eine Schüssel Brot: nemm se ! Und wenn der Erdenwaller im Verlauf weiterer Askese beim Buddhismus landen sollte, so flüstert er ihm die vier Silben zu: Du bist Buddhist ! die mein Kollege Gustav Hochstetter als den kürzesten jemals erdenkbaren Schüttelreim erfunden hat. Unter den Schriftstellern und Dichtern hat neben Blumenthal auch Ludwig Fulda für die schrullige Keimkunst ergiebige Quellen erschlossen. Alls er einmal mit gelegentlichen Widersachern abzurechnen hatte, schleuderte er ihnen den Kernruf entgegen: Man unterschätze Fulda nicht , weil man mit keiner Null da ficht ! Aber die ausdauerndsten Schüttelmeister wohnen doch im Gehege der Frau Musika. Unter diesen hat sich der ausgezeichnete Tonkünstler Siegfried Ochs, der Leiter unseres philharmonischen Chors, einen besonderen Lorbeer verdient. Ich besitze von ihm zwei sehr ausführliche Episteln, in denen er mich Zeile für Zeile zum Objekt seiner schüttelnden Freundschaft macht. Leider kann ich daraus keine Probe geben, denn er stellt mich darin auf ein Piedestal, auf das ich hier ganz gewiß nicht hingehöre. Ich müßte sogar befürchten, mit der Zitierung solcher Studie in eine Apotheose des Schüttelreims zu verfallen, den ich doch im Prinzip für eine abklingende Episode halte. Wohl allen Versdrechslern, daß die Tage dieser Gehirnquälerei gezählt sind! Ich glaube, daß mehr als hundert brauchbare effektvolle Exemplare der Schüttelgattung in der ganzen deutschen Literatur nicht Platz finden, und daß man spätestens am Ende dieser Hundertschaft die Schüttelmuse zur ewigen Ruhe betten wird. Ich habe sie hier vorwiegend anonym sprechen lassen, halte es indes für möglich, daß sich zu vereinzelten Stücken lebende mir unbekannte Autoren melden könnten. Eine nachträgliche Nennung verspreche ich ihnen nicht. Sollten sie aber ihre Urheberschaft dokumentarisch nachweisen, so will ich bei der griechischen Regierung beantragen, ihnen in einer abgelegenen Schlucht am Parnaß Denkmäler mit schüttelgereimten Inschriften zu setzen. Meine Jubelouvertüren Ich verstehe darunter gewisse bis in Glims Zeiten zurückreichende Vorspiele meiner späteren Schriftstellerei. Die betrafen Geschäftsjubiläen, Silvesterfeste, Verlobungen. Polterabende, Hochzeiten und sonstige freudige Anlässe, bei denen sich die Stimmungshöhe in Toasten, Tafelliedern und ausgewachsenen dramatischen Festspielen jubilierend kundgab. Der Drang nach versifiziertem Jubel hat im Laufe der Jahrzehnte auf Berliner Boden erheblich nachgelassen: man behilft sich heute mit sachlichen Ansprachen, versteigt sich nicht mehr zum stürmischen Ausdruck, und die Mitglieder der Dichtergilde werden nur höchst selten bei solchen Gelegenheiten mobilisiert. Aber damals galt ihre Mitwirkung als unerläßlich, und ich besonders erfreute mich in weiten wohlhabenden Kreisen einer Vorzugsstellung, die durch Jahre fast zur Stärke eines Monopols gedieh. Besonders bei Liebesbündnissen wurde meine Mitwirkung als naturgewollt betrachtet, eine Hochzeit ohne meinen poetischen Tamtam erschien als inkomplett, und man hätte sich eher ohne Standesbeamten beholfen, als ohne mich. Obschon mein literarisches Gepäck mich noch nicht sonderlich drückte, besaß ich einen wohlgegründeten Ruf in den Gesellschaftsschichten, wo Hymen seine Feste feiert, das Gedeck von zwanzig Mark aufwärts. In Betracht kam vornehmlich die Zeit kurz nach den Verlobungen, als noch kein Gedanke an Scheidung das junge Glück trübte, das von mir in gesteigerter Prosa und in Versen verherrlicht wurde. Mit sicherem, bei einem so jungen Autor doppelt bemerkenswertem Takt wußte ich in meinen Festspielen jedesmal die beste der Welten darzustellen, mit einem von der Höhe der Mitgift völlig unabhängigen Ueberschwang der Liebe, in deren Darstellung das jedesmalige Brautpaar staunend erkannte, wie gern es sich eigentlich hatte. Humoristische Lichter vergoldeten diese Bühnenspiele, es wimmelte darin von dankbaren Rollen für alle erdenklichen Vettern und Cousinen der Neuvermählten, und der Erfolg war jedesmal ein durchschlagender, vorausgesetzt, daß es auch wirklich zur Aufführung meiner Jubelouvertüren kam. Da ereigneten sich allerdings bisweilen Ausnahmen, so beispielsweise, als der Bräutigam am Tage der Hochzeit mit seiner Mätresse verduftete, weil an der bedungenen Morgengabe bare zehntausend Mark fehlten. Mit außerordentlicher Routine verwertete ich den Trick, berühmte Liebespaare in meine Festmanuskripte einzuflechten. Da zog ich Parallelen mit Romeo und Julia, Luna und Endymion, Abälard und Heloise, Vergleiche, die durchaus nicht als übertrieben empfunden wurden, wenngleich es sich ereignete, daß die Braut Pockennarben und der Geliebte eine Hasenscharte besaß. Wenn ich mich in der Folgezeit mit meinen Allegorien noch höher hinauf wagte, so verdanke ich dies der liebenswürdigen Anregung einiger Auftraggeber, die mich für ein Kapitalfest allerersten Ranges in Anspruch nahmen. Die Besuche solcher Abgesandten waren mir geläufig; denn wenn schon mein Pegasus vor den Brautwagen gespannt werden sollte, so waren mir doch gewisse Informationen vonnöten, Einzelheiten aus der Lebensgeschichte der zu bedichtenden Persönlichkeiten, kurz die Unterlagen, auf denen ich meine festspielenden Monumente errichten konnte. Und in diesem Betracht haperte es oft recht bedenklich, die positiven Daten flossen so spärlich, daß schon eine tüchtige Technik dazu gehörte, um in die Dinge eine dramatische Weihe hineinzubringen. Einmal bestand die gesamte Information darin, daß das junge Paar sich in Beatenberg kennengelernt habe, daß der Verlobte stark rauche, nebenbei an der Börse tätig sei und daß in meinem Festspiel ein Thor mit dem prachtvollen Endreim ›Arbitrage – Mariage‹ vorkommen müsse. Diesmal aber brachten die Auftraggeber – der Bruder Max und die Schwester Mieze aus der Familie der Verlobten – bedeutendere Fundamente mit; ja Bruder Max entwickelte bereits einen fertigen Plan, den ich nur dithyrambisch zu vervollkommnen hatte, um mir die dichterischen Lorbeern des Festabends zu sichern. Er erklärte mir nämlich mit dem Brustton, den nur eine geniale Idee einzugeben vermag: wir bringen den ganzen Olymp auf die Bühne!« »Weshalb wollen Sie denn dem Feste einen so gebirgigen Charakter verleihen?« fragte ich. »Wegen der Götter; ich habe einen Cousin, der sich als Jupiter großartig ausnehmen wird. Er dient jetzt gerade sein Jahr bei den Kürassieren ab.« »Wer dient? Jupiter?« »Nun ja, mein Cousin. Ich selbst könnte den Merkur spielen und meine Schwester die drei Grazien. Mieze schlug verschämt die Augen nieder. »Es ist mir keinen Augenblick zweifelhaft,« erwiderte ich ambrosisch angeregt, »daß sich aus Ihrer werten Familie eine ausreichende Anzahl von Göttern und Göttinnen rekrutieren ließe. Allein weshalb gleich zu einer so gewaltsamen Aushebung schreiten? Diese Hochzeit spielt sich, so viel ich weiß, auf den realen, geschäftlichen Boden Berliner Wirklichkeit ab, es würde sich sonach empfehlen, das Festspiel in eine minder mythologische Region zu verlegen.« Allein der erfinderische Auftraggeber blieb bei seiner Idee. »Verlassen Sie sich darauf – nur Olymp! Ich stelle mir die Sache so vor: Jupiter hält mit Juno, Neptun, Mieze und mir ein Festmahl ab. Dabei beklagt er sich darüber, daß seit dem trojanischen Krieg auf der Erde nichts hübsches passiert sei. Plötzlich berichtet Amor, daß er inzwischen eine brillante Verlobung gestiftet hat. Dann kommen Jupiter, Juno, Neptun, Mieze und ich von her Bühne herunter, steigen vom Olymp in den Saal vom Hotel Kaiserhof und mischen sich unter die Hochzeitsgäste, während die Musik einen Tusch bläst.« Allein nach Verlauf weniger Tage – ich hatte eben angefangen, mir aus homerischer Lektüre Stimmung zu saugen – erschien der Bräutigamvater an meinem Schreibtisch, um gegen den Plan Einspruch zu erheben: »Ausgerechnet Olymp! Ist mein Sohn der griechische Kronprinz? Er ist Sensal, außerdem Generalkonsul von Trinidad und er besitzt eine Gemäldegalerie. Das ist die Hauptsache. Also von seinen Kunstwerken suchen wir uns die schönsten aus, stellen sie als lebende Bilder, und Sie dichten die Verse dazu. Da haben wir den garantierten Effekt!« Das komplizierte die Sache höchst schwierig. Denn jene Gemälde illustrierten vorwiegend die Nachtseiten des menschlichen Daseins, und ich erklärte es für unmöglich, zu einem Gemälde, das die Hinrichtung der Maria Stuart vorstellte, sinnige Anspielungen auf die bevorstehende Hochzeit zu finden. Allein hier trat unvermutet ein sehr talentvoller Neffe in die Erscheinung, der neue Ausblicke eröffnete durch die Verkündung, der Bräutigam habe ein Semester in Bonn studiert und würde sich enorm freuen, als Begleitmusik zu den lebenden Bildern flotte Burschenlieder zu hören. Damit näherte sich das Problem seiner Lösung; jenes Gemälde wurde probeweise lebend gestellt, und Mieze sang dazu die vielleicht sachlich nicht ganz passende, aber jedenfalls festlich beschwingte Coupletstrophe: Hier die Stuart, Gottogott, jup heidi. jup heida – Legt ihr Köpfchen aufs Schaffot – jup heidi, heida; Und der Henker schwapp und klapp Haut ihr gleich die Rübe ab. Jup heidi, juvivallera, jup heidi, heida! Während wir im Kaiserhof daran gingen, das zweite Bild ›Die Zerstörung Pompejis‹« hochzeitlich zu aktivieren, hörte ich aus einem Nebenraum eine ganz andere Musik und dazu das hartnäckige Kommando: Eins, zwei, drei! Eins, zwei, drei! Die Brautmutter war so freundlich, mir die Bedeutung dieser Geräusche klar zu machen: »Das ist unser Tanzmeister Gualitsch, der übt mit den Kindern das Ballett ein.« »Welches Ballett?« »Na das aus Ihrem Hochzeitsfestspiel; es wird sich wunderbar machen; denken Sie nur, vierundzwanzig Kinder in Rokoko! Und nun erfuhr ich die Einzelheiten des über meinen Kopf hinweg getroffenen Arrangements: die Bühne sollte so tief gebaut werden, daß im Hintergrund die Bilder gestellt werden konnten, während vorn der Tanz stattfand. Das war zwar nicht ganz stileinheitlich, wurde aber dadurch ausgeglichen, daß sich unabhängig von Bild, Couplet und Tanz noch ein Schauspiel einschob, worin die beiderseitigen Familienmitglieder grausam-satirisch verulkt wurden. Wiederum war es der begabte Neffe, der für dieses, ohne mein Wissen hinzugewachsene szenische Intermezzo verantwortlich hätte zeichnen müssen. Merkwürdigerweise blieb der Ruhm der ganzen Arbeit trotzdem an mir kleben. Der wirkliche Autor war nicht imstande, seinen unbekannten Namen gegen das Gerede der Menschen durchzusetzen, und als nach zehn Proben der Termin der Aufführung herannahte, galt es bei allen Eingeweihten als bombenfest, daß kein anderer als ich die ganze Hochzeitskomödie verfaßt habe. Ueber die Aufführung, der ich persönlich aus guten Gründen nicht beiwohnte, wurden mir später aus sicherer Quelle sehr günstige Berichte übermittelt. Für den Schluß des Festschwankes hatte man eine besonders wirksame, für meinen Geschmack allerdings sehr gewagte realistische Pointe aufgespart: die Brautmutter, portraitähnlich dargestellt, erschien nämlich auf der szenischen Bildfläche, machte sich als Schwiegermutter so unbeliebt wie nur möglich und wurde schließlich zum endlosen Jubel des gesamten Hochzeitsparketts zum Lokal hinausgeworfen. Nach Jahren begann mein festpoetischer Nimbus zu erbleichen. Es hatte sich nämlich herumgesprochen, daß die von mir erlustigten Hochzeiten eine fatale Neigung aufzeigten, sehr bald in Scheidungsprozesse auszuarten. Ja, man hielt schon pränumerando meine bloße Mitwirkung für ein Signal dafür, daß sich die betreffenden Liebespaare eigentlich nicht ausstehen könnten. Tatsächlich muß ich bekennen, daß sich in meiner späteren Statistik recht üble Ziffern befinden. Auf ein Dutzend meiner Festspiele entfielen durchschnittlich sieben krachende Katastrophen und mindestens drei Partien, die schon vor der Generalprobe meiner Glanzwerke zurückgingen. In einem Falle wurde mir sogar ein Abstandshonorar angeboten, direkt vom Bräutigam, der stark verschuldet war und die rettende Mitgift nicht durch ein Festspiel von mir der Vernichtung preisgegeben sehen wollte. Quer durch das A.B.C. Das ist ein sehr lohnender Marsch, besonders für Wandervögel, die unterwegs etwas lernen wollen. Ich verstehe hier unter ABC jene unentbehrlichen, nach dem Alphabet angelegten Handbücher, die sonst auch unter dem Titel des Berliner Telephon- und Adreßbuches bekannt sind, und die ich als die Fibeln für die Erwachsenen bezeichnen möchte. Greift nur hinein in dieses ABC , und wo ihr's packt, da ist es interessant. Wenn man zum Beispiel darin abzählt, wieviel Schulze es gibt, so lassen sich daraus wesentliche Rückschlüsse auf alle kommunalen Organisationen ableiten; denn die gesamte Namenssippe der Schulzen beruht auf der Grundform »Schultheiß«, und so läßt sich quellenmäßig ermitteln, wieviele Gemeindevorstände ursprünglich in unseren Gauen existiert haben müssen. Aber weit darüber hinaus ist dieses Wanderstudium auch geeignet, die innigen Beziehungen zwischen Namen und Beruf überhaupt aufzudecken, und in jedem Buchstaben der großen Fibeln finden wir massenhafte Beweise dafür, daß es ein Namensschicksal gibt, das dem Namensträger seinen Lebensweg vorzeichnet. Ich persönlich ging ursprünglich nicht vom Buchstudium aus, sondern von der lebendigen Erfahrung auf Markt und Gasse. In der Berliner Mauerstraße geriet ich einst an ein Pfandleihe, und auf dem Firmenschild las ich den Namen des Geschäftsinhabers: H. Pumpe . Das gab mir zu denken. Sollte hier wirklich nur ein Spiel des Zufalls obgewaltet haben, oder zeigte sich hier ein Schicksalswink höherer Ordnung? Damals gab es noch nicht jene verwickelten psychologischen Prüfungen, die darauf hinzielen, die Berufseignung des Menschen experimentell zu ermitteln. Man verließ sich mit weit größerer Sicherheit auf den angeborenen Namen: und es war mir keinen Augenblick zweifelhaft, daß Herr Pumpe, als er diesem Orakel gehorchte, sich zu einem ganz vorzüglichen Pfandleiher entwickelt hat. Diese Beobachtung war, wie gesagt, der erste Anstoß zu meinen späteren systematischen Streifereien im geordneten Adressen-A+B+C, die mir so reiche Ausbeute an Erkenntnissen eintragen sollten. Da stöberte ich zuerst einmal im Buchstaben C – und hierbei ließ ich mich allerdings lediglich vom Zufall führen –, mein Blick blieb magisch gebannt an dem Berliner Mitbürger Cucumus haften, und da ich furchtbar viel Lateinisch verstehe, so saß ich sofort auf der richtigen Fährte. Cucumis heißt nämlich im klassischen Römer-Jargon soviel als Gurke; und in der Tat, die Prognose deckte sich überraschend mit der Wirklichkeit; dieser Herr Cucumus war positiv Gurkenhändler, und man darf annehmen, daß er seinen Beruf verfehlt hätte, wenn er etwas anderes geworden wäre. Die A+B+C-Bücher, die mir in den vorbereitenden Stufen meiner Studien als Stütze dienten, gehören vorwiegend zu den älteren Jahrgängen. Und ich gedenke weiterhin zu ihnen zurückzukehren, obschon auch die neuesten Exemplare jeder sinngemäßen Probe standhalten. Da brauche ich bloß das Telephonbuch aufzuschlagen, datiert von 1926. Nehmen wir meinetwegen den Buchstaben F, da ist es geradezu unmöglich, an dem Namen » Feuer « vorbeizulesen. Das amtliche Verzeichnis liefert hierzu die Erläuterung, erstens: Ludwig Feuer, Inhaber Franz Feuer: – Zündwaren en gros ; zweitens Richard Feuer: – Gasglühlicht. Ist das feurig genug? Aber darin steckt noch eine besondere Pointe. Denn dieses Glühlicht ist bekanntlich eine Erfindung des Chemikers Auer, und dessen Name umschließt für sich das wundervollste Namensorakel: denn in der hebräischen Urschrift der Bibel steht auf der dritten Zeile des ersten Kapitels: »Jehi Aur« – zu deutsch: »Es werde Licht!«, woraus zu folgern: Das erste Licht, das über der Welt flammte, war Auer-Licht, und ein Chemiker, der so hieß, war schon durch seinen Namen prädestiniert, solches Glühlicht in die Welt zu setzen. Ich höre den Einwand, ich hätte wohl durch mühseliges Umhersuchen im Fernsprechverzeichnis gerade diese vereinzelten Proben gefunden. Allein, das wäre eine grundlose Verdächtigung. Anderer Buchstabe gefällig? Schön, nehmen wir B; und aus dem reichhaltigen Register zitiere ich: Brettschneider, Ernst, Dampfsäge- und Hobelwerke. Das stimmt doch so ziemlich! Zwischen neuen und älteren ABC-Büchern krame ich ein bißchen in meinen Erinnerungen. Eine Opernvorstellung taucht vor mir auf mit einem brillanten Tenoristen, der alles an Tönen herausholte, was nur eine feinkultivierte Sangeskehle herzugeben vermag. Und wie hieß dieser Sänger? Natürlich »Feinhals«! In meiner näheren Umgebung musizierte ein junger Geiger, der auf dem Instrument entsetzlich kratzte und sich später in obskuren Konzertlokalen ein ganz hübsches Geld zusammengekratzt hat. wie hieß er? Kratz! Aus meiner Studentenzeit ist mir ein prachtvoller Hüne gegenwärtig, der Waffenheros der Couleurverbindung »Vandalia«. Er schlug die beste Klinge der Universität und hieß auch wirklich Achilles, nicht etwa mit Spitznamen, sondern nach standesamtlicher Urkunde. In meine Jugendzeit fallen die Produktionen zweier großer Zirkusse, die sich nach ihren Direktoren benamsten: Zirkus Carré und Zirkus Hinné. Dieser Herr Carré hatte wahrscheinlich die Quadratur des Kreises gesucht und war infolge seines quadratischen Namens auf den Kreis, den Zirkus, verfallen. Anderseits bedeutet hinnire im Lateinischen: »Wiehern«, und wenn einer schon Hinné heißt, so wird er unweigerlich auf einen Beruf gedrängt, in dem wiehernde Gäule die Hauptrolle spielen. Als ich auf engerem Gebiet Umschau hielt, fand ich im Kürschner-A+B+C, anders gesagt: im Literaturkalender nicht weniger als zehn Kollegen von der Feder, die allesamt auf den zutreffenden Namen »Schreiber« hören. Auch hier kommt das lateinische zu Hilfe: aus dem Schreiber, Scriba , hat sich der Komödiendichter Scribe entwickelt, der zwar schon lange tot, aber doch noch viel lebendiger ist, als manche moderne Lustspielautoren, die den fruchtbaren Scribe abgeskribelt haben. Auch die musikalische Komposition kommt in diesem Zusammenhang zu ihrem Recht, wenn auch mit einem Unterton von kritischer Ironie: Unter den Operettenkomponisten glänzte vormals einer, dem das Orakel den Beruf vorausgesagt hatte. Er wirkte auch in Berlin, hatte im Felde der musikalischen Komik ansehnliche Erfolge und hieß: »Krempelsetzer«. Unter seinen Nachfolgern in Apoll sollen sich etliche befinden, die gleichfalls theatralische Krempel in Noten setzen, bloß nicht so wirksam wie er. Literarisch genommen sind derartige Wortbeziehungen ziemlich stark in Mißkredit geraten. Noch Nestroy durfte in seinem »Lumpazivagabundus« den Schneider: Zwirn, den Tischler: Leim und den Schuster: Knieriem nennen, und er hätte sich auf Shakespeare berufen können, der sich mit seinem Scharfrichter »Grauslich« und seinen Gerichtsdienern »Klaue« und »Schlinge« jener Beziehung in aller Freiheit bedient hat. Aber riskiere es heut ein Roman-, ein Dramenschreiber, seine Figuren so zu taufen, etwa einen Bankdirektor »Pinkepinke« oder einen Polizisten »Haltefest« zu benamsen. Das Publikum würde solchem Autor schön heimleuchten. Weil sich die meisten Menschen niemals auf die Wirklichkeit besinnen, die ihnen auf Ladenschildern, Adreßkalendern Telephonbüchern und ABC-Registern die Verwandtschaft von Namen und Lebensstellung dauernd vor Augen hält. Welche Beredsamkeit strahlt hier aus allen Rubriken! In Paris grüßte mich vor Jahren eine Firma »Ledderhose«; ich sehe sie noch vor mir, nahe der Madeleine, der Inhaber war Engländer, aber er kam meinem Sprachgefühl entgegen, denn Ledderhose arbeitete ganz korrekt in Herrenkonfektion. Sein Gegenstück befand sich um dieselbe Zeit im Berliner Adreßbuch, wo er sich mit sanft anlautendem H mit dem Namen »Hoberock« als Atelier für solide und elegante Herrengarderobe empfahl. Aus dem nämlichen Bande nenne ich außer Zusammenhang einen Parfümeur »Roseno«, einen Wurstfabrikanten »Würst«, einen Papierhändler »Papier«, zwei Lichtfabrikanten »Blender« und »Lucks« (von lux lucis, das Licht), und als Vertreter der Holzbranche die Herren Buchholz, Keilholz, Rotholz und Kienast. Zahllos waren die onomatopoetischen Herrschaften in der Gilde der Gastwirte, wo »Hunger«, »Koch«, »Kochmann«, vielfach und mit Variationen auftraten; ferner bei den nachgeborenen Kollegen des Meisters Hans Sachs, die auf den Anruf »Schuster« hörten und sich zur entsprechenden Zunft bekannten, während einer von ihnen das Substantielle seines Gewerbes betonte, indem er sich »Ledertheil« nannte. Seltsamerweise überwogen im Geschäftszweig der Geflügelzucht die Raubvögel mit den Familiennamen »Adler« und »Habicht«, während ich in dieser Rubrik die zahmeren Sorten nicht aufzuspüren vermochte. Gewiß steckt meine Berufsstatistik noch in den ersten Anfängen, und es erscheint dringend erforderlich, sie nach den späteren und neuesten A+B+C-Büchern zu vervollständigen. Hoffentlich findet sich ein Forscher, der mich als Buchbesitzer und besonders auch als Zeit-Besitzer bedeutend übertrifft. Ihm bleibe es vorbehalten, zu dem Wort des Plautus » Nomen est omen « tausendfache ungeahnte Beweise aufzustöbern! Einsteins Streckenwärter Kleine Parodie großer Geistestat. An die Eisenbahnfahrt werd' ich denken! Ich kam von Dresden, wollte nach Berlin und hatte mir's im Abteil bequem gemacht. Und während ich meine Butterbemme kaute, fing ich an zu lesen, in Zeitungen und Heften, was man eben so damals las: Einstein, Einstein, Einstein! Relativitätserklärer, und kein Ende! Jeder fängt bekanntlich mit einem fahrenden Bahnzug an, mit Beobachtern innen und außen, die da Strecken, Lichtwege, Zeiten messen, beobachten, beurteilen, in Widerspruch geraten, bis plötzlich die Relativitätstheorie einsetzt und den eiligen Durchschnittsleser mit der Wohltat eines Mühlrades überrascht, das ihm wuchtig rotierend im Schädel herumgeht. Lektüre ermüdet und macht schlaftrunken. Aber Schlaftrinken löscht noch nicht den Durst, und den verspürte ich, als der Zug gerade irgendwo hielt. Ob's hier wohl ein Glas Bier gibt? – Ich sprang auf, stürzte hinaus auf den Perron und rief: »Kellner, ein Seidel!« – Aber da war kein Kellner, kein Seidel, nicht einmal eine Station. Bloß ein Wärterhäuschen und ein Mann davor, mit einer Uhr in der Hand. »Entschuldigen Sie,« – sagte ich ... »Stören Sie mich nicht,« versetzte der Bahnwärter. »Sie sehen doch, daß ich beobachte!« Ich blickte um mich, – mein Zug war weg. »Um Gottes willen! wo ist denn der Personenzug hin, mit dem ich eben von Dresden gekommen bin?« »Hier fahren keine Bummelzüge, hier verkehren bloß Blitzlichtzüge; wird gleich wieder einer kommen. Eben ist er von Paris abgefahren, und in fünf Minuten muß er hier durch. Na, Sie wissen doch, der Einstein-Zug.« »Ach, da winken Sie doch dem Einsteigezug mit der Fahne, daß er hier hält, ich muß doch nach Berlin!« »Der wird grad' Ihretwegen halten, haben Sie 'ne Ahnung! So ein Zug von zehn Kilometern Länge, der bloß zu wissenschaftlichen Zwecken fährt!« »Was sagen Sie da? Ein Bahnzug von zehn Kilometern Länge? Ja, wieviel Lokomotiven sind denn da vorgespannt?« »Nicht eine einzige. Der fährt bloß so. Und wie fährt er! Knapp saust er durch Köln durch, ist er schon in Stendal!« »Ja, da muß doch den Tausenden von Reisenden das Hören und Sehen vergehen!« »Wieso Tausenden? Weil der Zug zehn Kilometer lang ist? Das geht das Publikum gar nichts an. Publikum ist uns schnuppe. Hier wird nur physikalisch gefahren. Bloß zwei Reisende sitzen drin, der Fahrgast A. und der Fahrgast B., der eine ganz vorn, der andere ganz hinten, und die experimentieren in einemfort.« »Ist denn nicht wenigstens ein Speisewagen in Ihrem Einstein-Zug?« »Der würde furchtbar stören, begreifen Sie doch! Der ganze Zug besteht nur aus Kilometern und zwei Reisenden. Der hintere gibt dem vorderen ein Lichtsignal, der vordere wirft das Signal zurück, – der hintere antwortet...« »Ist das wörtlich zu verstehen: »Der Hintere antwortet?« »Nicht wörtlich, aber optisch. Sie messen doch die Zeit für die Lichtwege im Zuge, sozusagen subjektiv.« »Hören Sie mal, Streckenwärter, Sie reden irre. Wenn die beiden Fahrgäste ganz vorn und ganz hinten sich Lichtsignale zuwerfen, da sind doch viele Hunderte von Waggons dazwischen, da können sie doch nicht die Bohne von einander zu sehen kriegen?!« »Menschenskind, sind Sie begriffsstutzig. Sie passen überhaupt nicht in den wissenschaftlichen Bahnverkehr. Der ganze Zug ist doch selbstverständlich durchsichtig!« »Total aus Glas? Und so einen gläsernen Zug lassen Sie hier ganz frei 'rumfahren? Da kann doch das größte Unglück passieren?« »Bis jetzt ist noch nischt vorgekommen. Die zwei Fahrgäste befinden sich frisch und wohlauf, wie der Fisch im Vakuum, und konstatieren jahrelang mit größter Genugtuung, daß der Lichtstrahl im Zuge für Hin und Her genau dieselbe Zeit gebraucht.« »Wenn ich bloß wüßte, was Sie als Streckenwärter dabei zu tun haben!« »Da hört doch alles auf! Ich bin doch die Hauptsache! Die beiden Fahrgäste konstatieren ihren Zimt, und ich konstatiere das Gegenteil! Weil die Sache vom Gleis aus janz andere Zicken macht, wie vom bewegten System aus beurteilt! Det is, der Deibel soll mir holen, een sogenannter kontradiktorischer Widerspruch, und dadruff beruht doch die janze moderne Physik! Die im Zuge sagen so, – ich sage so, – und mit 'n Wuppdich springt Ihnen das Relativitätsprinzip in die Visasche!« »Ich dachte mir bloß immer, ein Streckenwärter auf einer Staatseisenbahn hätte anderes zu tun als physikalische Widersprüche festzustellen; Sie sollten doch eigentlich auf Ihre Barriere aufpassen und die Weichen richtig stellen.« »Könnt mir so passen! Det sind überwundene Standpünkter aus der absolutistischen Epoche. Ick bin 'n relativierter Streckenwärter, ick bediene keene Schranke und Weiche, ick messe bloß noch Lichttempo bis auf eine dreißigtausendstel Sekunde exakt. Hier is mein Chronometer, dadrauf kann ich das ablesen. So 'ne Uhr kost't sechs Milliarden Mark zum Vorkriegskurse. Und damit stelle ich fest: zwei Ereignisse, die für mich gleichzeitig sind, brauchen für die Fahrgäste, die vorbeiflitzen, noch lange nicht gleichzeitig zu sein.« »Wie verstehen Sie das?« »Na, zum Beispiel, wenn ick Ihnen jetzt uffs Hühnerauge trete und Sie schreien Au, dann is mein Tritt und Ihr Au für uns gleichzeitig. Worum? Woso? Standpunktssache. Von einem andern System aus beurteilt, trete ick Ihnen jetzt de janze Zehe ab, und Sie schreien erst fünfhundert Jahr später. Jewöhnen Se sich nu mal endlich ans Relativieren: die Tante wackelt mit 'm Kopp; richtig; und genau so richtig is: der Kopp wackelt mit der Tante. Sie plinkern mit de Augen; einseitige Auffassung: die Augen plinkern ooch mit Ihnen. Nu genug. Ich muß aufpassen und den Lichtstrahl messen, – da kommt schon der Zehn-Kilometer-Zug.« Da ergriff mich ein Taumel. Ich stürzte hinüber, wollte aufs Trittbrett springen, um vielleicht noch mitzukommen. Aber der Zug war wirklich nur für die zwei Signalreisenden eingerichtet, und mir erging es beim Ausgleiten und Abrutschen katastrophal. 2688 Bahnräder zermalmten mich in neun Quatrillionen Atome. Eben wollte ich »Hilfe!« brüllen, als mich ein Schaffner aufrüttelte: »Sie, Herr, jetzt müssen Sie aber wirklich aussteigen, wir stehen ja schon drei Minuten auf 'm Anhalter Bahnhof!« Großer, göttlicher Einstein! Dein Relativitätszug mag ja weit instruktiver sein, aber mit einem gewöhnlichen D-Zug riskiert man doch relativ bedeutend weniger! Die Krone der Meisterwerke Nenne mir, Muse, das Werk und tränke mich mit Begeisterung, auf daß ich würdig seine Schönheiten herausstelle, wie es sich zu seinem Jubiläum gebührt. Feiern wir doch in ihm ein Fest der Literatur, das durch eine Jubelausgabe gekennzeichnet wird. Vor mir liegen die Gedenkblätter, die an seine Geburtsstunde vor nunmehr fünfundsiebzig Jahren erinnern. Wie, Muse, du willst Einwendungen erheben? Du meinst, drei Vierteljahrhunderte reichen noch nicht aus zur Probe auf die Unsterblichkeit? Ja freilich, die klassischen Meisterwerke der Literatur können sich einer höheren Betagtheit rühmen. Die Homerische Ilias zum Beispiel, die Dramen des Sophokles haben ihren Bewährungsnachweis durch die Jahrtausende erbracht. Ja, Muse, nach dem Kalender mag das schon stimmen, nicht aber in Anbetracht des inneren künstlerischen Wertes. In dieser Hinsicht steht das Werk, das ich preisen will, höher auf dem Parnaß. Verständigen wir uns über die Grundlage: ich rede von der Jubiläumsausgabe des Deutschen »Reichskursbuches«. Und ich werde dir beweisen, daß dieses eigentlich recht internationale Werk von keinem andern an Gediegenheit und poetischem Gehalt übertroffen wird. Prüfen wir also nach den Aristotelischen Gesichtspunkten, die, wie dir bekannt, für jedes erhabene Kunstwerk drei Einheiten voraussetzen: zuerst die Einheit des Ortes. Da könnte nun allerdings ein oberflächlicher Beurteiler erklären, daß in diesem Reichskursbuch von Einheitlichkeit der Lokalität nicht viel zu spüren ist. Im Gegenteil prahle es als universales Eisenbahn- und Schiffsregister geradezu mit einer Vielfalt des szenischen Aufbaues. Zugestanden! Auf unzähligen Fahrplänen wechselt es den Schauplatz der rastlos dahinstürmenden Begebnisse mit so radikaler Konsequenz, daß kein bewohnter Ort der Erde, alphabetisch von Aachen bis Zwolle, darin ausgelassen wird. Aber gerade darin liegt der Triumph des Einheitsprinzips: das Kursbuch atomisiert die Welt, um alle geographischen Atome zur höheren Einheit zusammenzufassen. Sämtliche Schauspiele der Weltliteratur können mit ihren Schauplätzen in einem einzigen Exemplar dieses Wunderwerkes untergebracht werden. Niemand wird im Aeschylos, im Shakespeare, im Schiller, im Bernard Shaw eine Landschaft nachweisen können, die hier fehlt, und um all diese Landschaften schlingt sich die Girlande des Verkehrs, der Reise, der Fahrtenlust. Und man braucht sich keineswegs auf die Dramen zu beschränken, alle klassischen Epen finden in diesem Werk ihre touristische Spiegelung, das Ganze wird zu einer restlos erschöpfenden Odyssee, sein Feld ist die Welt! Noch glänzender strahlen seine Vorzüge, wenn man die anderen Kunstbedingungen des Aristoteles als Maßstäbe anlegt: die Einheit der Zeit und der Handlung. In einem einzigen Sonnentage überwiegend mitteleuropäischer Normalzeit rollt sich die ganze, ungeheure Handlung ab, zu deren Bewältigung Millionen von Pferdekräften auf Schienen und Wasserwegen aufgeboten werden. Das imponierende Werk so vieler völkerverbindenden Blitzzüge, das zarte Idyll beschaulicher Bummelzüge, alles erscheint eingebettet in die 24 Stunden eines Tages, dessen Nachtzeit durch Unterstreichung der Minutenziffern sanft abgeschattet wird. Und durch das verwickelte Getriebe der weltumspannenden Begebenheit schreitet aufrecht und machtvoll ein einziger Held, der die Einheit der Handlung verkörpert: dieser Heros des Buches, zugleich der Zeit und der Menschheit, ist der Kilometer, wie schwächlich, wie zufällig nehmen sich, an ihm gemessen, alle Figuren aus, alle Personen, die uns die sonstige Kunst als wichtig und interessant aufreden will, was bedeuten Achill, Borgia, Napoleon gegen diesen Helden, der auf dem ganzen Planeten das Maß des Geschehens liefert? Seht ihn euch an auf den Tabellen, wie er sich an einer Stelle zu Null-Komma-Null verjüngt, um in überraschendem Krescendo bis zu dreistelliger Gewalt anzuschwellen und wie ein Titan durch die Kolumnen zu brausen! Welch ärmliche Rolle spielt sogar ein Faust gegen den dramatischen Kilometer! Um die lumpige Strecke von Wittenberg nach Leipzig zu bewältigen, braucht er die Hilfe eines Teufels, die Umständlichkeit eines mit Feuerluft geheizten Zaubermantels, und um den Hexensabbat auf dem Brocken dicht nebenan zu erreichen, muß er sich zuvor der Hölle verkaufen. Damit vergleiche man die Strecken, die der Kilometer vor unseren Augen abwickelt, quer durch Europa und Asien, wie angeborne Selbstverständlichkeiten, wie Emanationen seiner selbst, ohne aufgedunsenen Effekt und zeiteinheitlich bis auf die Minute! Nein, dagegen kommt keine Figur klassischer Herkunft auf, da sie allesamt in Raum und Zeit nur stümperhaft andeuten, was der Kilometer auf allen Zeiten in vollendeter Meisterschaft verwirklicht. Und wie erst löst dieses Buch alle Probleme der Psychologie, der soziologischen Zusammenhänge, der Charakterzeichnung in weitestem Ausmaß! Um es mit einem Wort zu sagen: das Kursbuch tritt durchweg als der Herold der Wahrheit auf, deren Kennzeichen die Einfachheit ist – simplex sigillum veri! Auf die bekannten Kunstgriffe der Dichter, die mit heißem Bemühen charakterisieren und nuancieren wollen und mit allem Wortgedeutel doch niemals die Deutlichkeit erreichen, läßt sich das Kursbuch gar nicht ein. Statt sich in Knifflichkeiten zu verlieren, arbeitet es mit der Methode mathematischer Genauigkeit, welche den Charakter der Sache evident bis zur Sonnenklarheit herausstellt: Eine feine, kaum merkliche Doppellinie, ein fetter, ein punktierter Strich verraten uns ohne Winkelzüge Vornehmheit und Plebejertum, aristokratische, bürgerliche und proletarische Veranlagung sämtlicher Züge. Kein einziger Charakter ist da falsch gesehen, schief aufgefaßt oder mit unzureichenden Mitteln erläutert. Der dünne Doppelstrich führt uns wie mit einem Zauberschlag die üppige, elegant gepolsterte, mit Spiegeln verzierte erste Wagenklasse auf die Szene, zugleich das Abbild der verwöhnten Welt, die alle Steigerungen der Tarife und die teuersten Paßvisa bequem erschwingt. Der Lebenskünstler auf Rädern erscheint hier, eilfertig, genußsüchtig, nicht gewohnt, sich bei Kleinigkeiten aufzuhalten. Und mit der nämlichen Stilmeisterschaft malt uns der Autor durch eine einzige beredte Seitenlinie den schlendernden Vagabunden, den Bummler, der an keinem Dorfkrug vorbei kann, ohne mit 15 Minuten Aufenthalt zu rasten, eine beschauliche Natur, in der die Charaktere dritter bis vierter Klasse vorherrschen. Hier bemerkst du eine sinnige Hieroglyphe, die den träumerischen Reiz des Schlafcoupés ahnen läßt, dort ein fast mikroskopisches Runenzeichen, das vom Speisewagen erzählt und aus dem es magisch nach Omelette mit Tomaten und Bratensauce duftet. Wie prägnante Leitmotive treten diese Signale auf, nur daß kein Wagnersches Leitmotiv so treffsicher die Stimmung erfaßt, wie die winzigen typographischen Zeichen im Kursbuch. In der Behandlung der Landschaft erhebt sich das Werk zu ehrfurchtgebietender Höhe. Freilich muß man sich erst tief hineinlesen, ehe man spürt, wie sich hier zahllose künstlerische Feinheiten zur großen Dominante einer wahrhaften Malerei zusammenschließen. Beim ersten Blick könnte es scheinen, als ob der Autor die Landschaften allzu objektiv behandelt und in der Gründlichkeit der Beschreibung keinen Unterschied macht, gleichgültig, ob er uns eine Fahrt über den Gardasee, durch die Pußta, über den Semmering oder durch das ostpreußische Flachland schildert. O wie billig sind da die Notbehelfe, mit denen sich die zünftigen Poeten durch die ganze Stufenleiter von grauer Melancholie bis zur lodernden Begeisterung tragen lassen! Der echte Künstler steht auf höherer Warte: mit der Hülle generalstäblerischer Gleichgültigkeit verkleidet er seine verhaltenen Emotionen, unter der sichtbaren Schwelle seiner Skizzen klingt es, zwischen den Zeilen der Fahrpläne brodelt die Stimmung, und sein leisester Anruf genügt, um vor dem inneren Auge des Lesers eine Reihe kosmischer Bilder aufleuchten zu lassen. Wessen Phantasie wäre träge genug, um sich nicht zu beflügeln, wer könnte ungerührt bleiben bei der Botschaft: »Ab Interlaken 9 Uhr 35 Minuten – in Lauterbrunnen 10 Uhr 2 Minuten – Wengernalp 11 Uhr 17 Minuten – Eigergletscher 1 Uhr 25 Minuten – Jungfraustation Eismeer 2 Uhr 7 Minuten«? Wo fänden sich in aller Literatur drei Zeilen, deren sachliche Form soviel entzückende Verheißung umschlösse? Wie weitschweifig muß Lord Byron zu Werke gehen, um uns von der Wengernalp unter Anrufung der Alpenfee in die Geheimnisse der Gletscherwelt blicken zu lassen, und wie wenig erreicht er auf allen verkünstelten Umwegen! Hier im Kursbuch wird der Leser direkt angerufen, aus der Tiefe seines Bewußtseins erheben sich augenblicklich die Phantome des gepackten Koffers, des gelösten Fahrbilletts, er braucht nur zu wollen, und am nächsten Tage um 2 Uhr 7 Minuten steht er auf einem Punkte, der sogar dem Dichter der Wengernalp trotz aller Evokationen verschlossen blieb. Gewiß, man kann im Reichskursbuch auch an die Kehrseite der Freude geraten, an Stationen mit den Namen: »Einöd, Höllsteig, Elend, Sorge, Herbesleben, Caputh und Großwanzleben.« Aber ebenso leicht läßt sich darin eine besonnte Strecke kombinieren mit allen Seelenschwüngen rosiger Laune, mit Verliebtheit, süßem Getändel und fröhlichen Eheresultaten, entsprechend den Haltepunkten: »Liebenwerda, Frauenhain, Hof, Galantha, Herzfeld, Hochzeit (Ortschaft in Brandenburg), Küßnacht, Bubenheim, Elterlein.« Stelle das Problem wie du willst, und du wirst Erfüllung finden in diesem einzigen Makrokosmos aller erdenklichen Zustände und Begebenheiten. Und nun erzähle mir einer, daß er irgendwo im Schrifttum ein bedeutenderes Werk wüßte, als dieses Hohelied des Weltverkehrs, dessen Jubelausgabe wir erwarten! Horaz redet verzückt von einem Buch, in dem man unablässig bei Tag und Nacht blättern müsse: » nocturna versate manu versate diurna !« Wie würde er erst geschwärmt haben, wenn er dieses Juwel der Literatur gekannt hätte! Die verschlafenen Aktualitäten Am Bette saßen zwei Kliniker, denen die Familie die Behandlung des eigentümlichen Falles übergeben hatte; sie waren nunmehr im Austausch ihrer Ansichten über das Phänomen begriffen. »Ich muß gestehen,« sagte der Medizinalrat Professor Zumpe, »daß mir ein so hartnäckiger Fall von Schlafsucht in Berlin noch nicht vorgekommen ist. Dieser Herr Piepvogel schläft nunmehr schon in den vierten Monat hinein, und ist überhaupt nicht zu erwecken. Ich nehme an, daß er sich irgendwo Veronal verschafft und davon eine übermäßige Dosis geschluckt hat, vielleicht zehn Tabletten auf einmal. Das braucht nicht unbedingt tödlich zu wirken, allein ganz unbedenklich ist die Sache doch auch nicht.« Doktor Schwanthaler ergänzte: »Mich erinnert dieses Krankheitsbild an die afrikanische Schlafkrankheit, die ich selbst vor Jahren im Süden beobachtet habe. Dort entsteht das Leiden, wie Ihnen wohl bekannt, durch den Stich der Tse-Tse-Fliege, und es wäre wohl möglich, daß so eine Tse-Tse sich vom oberen Kongo an die Spree verirrt hat, um hier Herrn Piepvogel zu stechen. Sollte sich diese Vermutung bestätigen, so würde ich die Einspritzung von Atoxyl vorschlagen.« »Warten wir damit noch eine Woche,« erklärte der Professor, »ich bevorzuge stets den natürlichen Heilungsprozeß ohne künstliche Eingriffe. Ich denke dabei besonders an jenen Irländer, von dem uns die Medizinalgeschichte erzählt. Der Mann schlief vierzig Monate ohne Pause und befand sich nachher beim Erwachen ganz wohl. Freilich hatte er sein ganzes vergangenen Leben total vergessen, er benahm sich wie ein Säugling und rief nach der Amme, die ihm die Milchbrust reichen sollte.« »O, was das betrifft,« meinte der Doktor, »so hat es noch weit erstaunlichere Fälle gegeben; so zum Beispiel den alten Griechen Epimenides von der Insel Kreta, der als Jüngling in einer Höhle einschlummerte und nach 57jährigem Schlaf als Greis erwachte. Diesen Fall hat ja sogar Goethe dramatisch bearbeitet. – Und die Goethesche Dichtung hat außerdem zu einem allerliebsten Scherz Veranlassung gegeben; denn als sie hier bei uns aufgeführt wurde, – genau vor hundert Jahren –, tauften die Berliner den Titel um und nannten den Epimenides ulkig genug: » I, wie meenen Sie des? « »Jedenfalls wollen wir uns an das Beispiel halten als an ein gutes Omen, da jener alte Grieche trotz seiner Schlaf-Episode das fabelhafte Alter von 299 Jahren erreicht haben soll.« Damit war die klinische Beratung zu Ende, die Aerzte empfahlen sich mit allerlei Trostworten, und die Familie Piepvogel übernahm es sogleich, das Konsilium fortzusetzen. Die Führer des Gesprächs waren nunmehr die Gattin Emma, der Sohn, Studiosus Kunz, und die Tochter Hulda Piepvogel. »Eben hat sich Papa ein bißchen bewegt,« sagte Hulda; »ihr sollt mal sehen, es wird noch alles gut, und er kommt bald wieder zu Bewußtsein.« »Wahrhaftig, ich glaube, die Hulda hat recht; guckt nur, er regt sich wirklich – er dreht sich sogar auf die andere Seite.« So bemerkte Frau Emma. »Herrgott, habt ihr nicht gehört? Jetzt fängt Vater sogar zu schnarchen an!« »Das ist ganz gewiß ein sehr gutes Zeichen,« bekräftigte die Gattin; »wer schnarchen kann, der kann auch aufwachen – Kinder, welches Glück! Und was wir ihm alles zu erzählen haben werden!« Der Studio nahm das Wort: »Ja, wir werden überhaupt gar nicht wissen, wo anfangen und wo aufhören. Seit Vater einschlief, hat sich die Welt sozusagen radikal verändert! Er weiß ja nicht das mindeste von den wichtigen Ereignissen der letzten Wochen und Monate. Na, da werd' ich schön vor ihm auspacken mit den Aktualitäten!« »Kunz, du wirst gefälligst warten, bis deine Mutter mit Vatern gesprochen hat. Das ist mein gutes Recht. Ich zuerst werde ihn aufklären über alles, was inzwischen vorgegangen ist. Denkt doch bloß, Kinder, Vater hat doch sogar den Verkehrsturm verschlafen und die bunten Signallichter auf dem Potsdamer Platz! Er wird sich doch wie neugeboren vorkommen, wenn ich ihm das lang und breit auseinandersetze. Vater weiß ja noch nicht einmal, daß wir jetzt in einer Verkehrsstraße erster Ordnung wohnen! Na, der wird Augen machen; bloß ich bitt' mir aus, daß ihr mir nicht mit Gerede dazwischen fahrt, denn das Vergnügen will ich ganz allein auskosten.« »Mutter, ich würde es für geeigneter halten, wenn du ihm lieber beizeiten eine Haferschleimsuppe zurecht machst, weil er Hunger haben wird, wenn er aufwacht.« »Aber, Junge, willst du uns denn die ganze Herrlichkeit mit aller Gewalt verderben? Du selber hast doch davon angefangen, daß du ihm die großen Neuigkeiten erzählen möchtest. Wenn Vater so lange gefastet hat, wird er doch noch zehn Minuten mit'm Essen warten können: die Aufklärung geht doch vor! Herrjeh, Papa kennt ja noch nicht einmal unser Radio, was wir uns vorigen Monat angeschafft haben!« »Is ja wahr!« rief Hulda; »also das Radio muß das allererste sein. Ach, wenn doch Papa jetzt gleich aufwachen täte, da käme er gerade zurecht zum ganzen »Tannhäuser«! Ich werd' mal gleich den Lautsprecher auf'n Tisch stellen, oder was meint ihr, sollen wir ihm lieber den Kopfhörer umlegen?« »Ganz egal, wenn er nur recht schnell das neue Wunder erlebt.« »Mama, das ist mir nicht recht geheuer; gewiß, Papa wird verblüfft sein über diese Aktualität, aber du weißt doch, er mag Richard Wagnern nicht. Warten wir da schon lieber, bis ein gefälliges Potpourri oder ein Pistonsolo aus dem Radio kommt.« »Kunz, du bringst uns um. Wir haben hier alles in der Hand, um Vatern beim Erwachen mit den großartigsten Ueberraschungen zu beglücken, eine neue Welt soll sich vor ihm auftun, und du drehst die Sache auf Haferschleim und Jahrmarktsmusik!« »Ja, wenn wir's nicht geschickt anfangen, dann blamieren wir uns einfach vor Papa, und der ganze Effekt geht uns verloren;« und bittend ergänzte Tochter Hulda: »Laßt mich zuerst zu ihm reden! Ich kann ihm soviel Schönes und Neues erzählen, was ihn wirklich erquicken muß. Wißt ihr noch, voriges Jahr versprach mir Vater, daß ich in diesem Winter zum erstenmal den Presseball mitmachen dürfte. Und nun bin ich doch wirklich dort gewesen, und habe meine neues grünseidenes Ausgeschnittenes angehabt, und habe so Wundervolles erlebt, und habe auf dem Pressefest Alfred Holzbock gesehen ....« »Und das nennst du Neues, Hulda?« warf Kunz ein; »da hat doch Vater noch ganz andere Aktualitäten verschlafen, ich will mal sagen den Opernball, der seit zwölf Jahren zum erstenmal aus den Trümmern der Vorzeit zum Dasein aufgestiegen ist. Und den Opernball habe ich doch mitgemacht, also werde ich doch wohl mit der Berichterstattung anfangen dürfen?« In diesem Augenblick lieferte der alte Piepvogel eine Kadenz von Schnarchtönen, die an die stärksten Konzerte vorsintflutlicher Höhlenbären erinnerte. Und im Anschluß hieran schlug er die Augen auf, friedlich, ausgeschlafen, lächelnd. Er richtete sich im Bette auf, äugte umher, strich sich mit dem Handrücken über die Wimpern und sagte: »Ich war mal eben ein bißchen eingedrusselt!« »Eben mal ein bißchen!« rief Emma, »Aber, Männe, du drusselst ja bald vierthalb Monat in einer Tour! Und du hast ja gar keine Ahnung, was inzwischen alles passiert ist, lass' dir bloß erzählen...« – »Weiß schon! So was seh' ich alles auf den ersten Blick: Kunz trägt jetzt eine Hornbrille, Hulda hat 'nen frischen Pickel auf der Nase, und du, Emma, hast dich in der Zwischenzeit endlich einmal rasieren lassen. Und jetzt gebt mir mal 'n Löffel Suppe, wie ich das so gewöhnt bin kurz vor dem Einnicken, dann schert euch aus dem Zimmer und laßt mich endlich mal ausschlafen!« IV. Teil Von der Welt und andern Nebensächlichkeiten Meskal oder der Multimilliardär Es wurde dämmerig im Gemach meines Freundes Konrad Sturm. Schon drei Stunden hatten wir uns unterhalten, ich wesentlich rezeptiv, er mit der ganzen Schwungkraft des modernen Naturforschers, der von Problem zu Problem eilt und weitausgreifend alle Hindernisse überrennt. Bloß Physiker und Chemiker ist ja keiner. Erfinder sind sie alle, und sie erblicken die Grenze der Möglichkeit nicht mehr bei irgendwelcher natürlichen Schranke, sondern höchstens in einem verlorenen Patentprozeß. Vorläufig freilich kontrastierte die Weite seines Horizontes noch merklich mit der Enge seines bürgerlichen Lebens. Ich bin niemals bei Edison oder Marconi gewesen, nehme aber an, daß sie eleganter wohnen als Konrad Sturm. Kaum, daß die Anfänge einer Behaglichkeit in seinem Studierzimmer erkennbar waren; und die zwei Klubsessel, in denen wir es uns bequem machen durften, paßten eigentlich ebenso wenig in das Interieur, wie die Apparatgestelle und Retorten im Hintergrund der Stube. Ein auffallend hübsches Mädchen servierte den Tee. Ei, ei, sagte ich bloß, als sie wieder draußen war. – Da ist gar nichts zu eieien, meinte Konrad. Es ist meine Wirtschafterin, und sie macht ihre Sache ausgezeichnet. Den kleinen Luxus einer hübschen Bedienung nehme ich als Abschlagszahlung des Schicksals auf die größeren Glücksgüter, die es mir noch schuldet. Uebrigens, wie schmeckt dir denn meine Zigarette? Ehrlich gesagt, Konrad, sie schmeckt ein bißchen scharf; ich bin an leichtere Sorten gewöhnt. – Aber das Kraut ist gut, glaub' mir nur. Die Schärfe rührt von einer Substanz her, mit der ich den Tabak imprägniert habe. Ein Parfüm? – Ja und nein, Aroma ist wohl dabei; aber die Hauptsache ist das Meskal . Weißt nicht, was das ist? So eine Art Haschisch : nur weit gediegener, intensiver, ich möchte sagen, feingeistiger. Also Haschisch in der dritten Potenz. Es beflügelt gleicherweise die Phantasie wie den Intellekt, öffnet Traumregionen, die sich an eine ferne Wirklichkeit anlehnen. Das Meskal stammt von den malaischen Inseln und ist bei uns gar nicht zu haben. Ja, du hast es doch aber? – Auf synthetischem Wege hergestellt. Ein indischer Naturforscher hat das Alkaloid, das dem Meskal zugrunde liegt, analysiert und seine Analyse in der »Ostasiatischen Revue« veröffentlicht. Danach habe ich das Ding gedeichselt. Ich selbst habe in meinem ganzen Leben keine Meskalpflanze in der Hand gehabt, nicht einmal gesehen. Aber in der Retorte kann man ja heutzutage Fernbotanik treiben. Also, was wir hier rauchen, ist das Narkotikum Meskal, der Tabak dient nur als Vorwand sozusagen. Weißt du, Konrad, ich möchte wirklich zu meiner eigenen Sorte übergehen. Es ist doch eine riskante Sache mit diesen narkotischen Gewächsen; ich sehe schon violette Kreise in der Luft herumfliegen. Oder vielmehr, ich fliege zwischen den violetten Kreisen. Gib mir noch so eine Meskal! Uebrigens, deine Wirtschafterin gefällt mir ausgezeichnet. Seit wann bist du mit dieser lieblichen Jungfrau verheiratet? – Lieber Freund, zum Heiraten gehört Geld, sehr viel Geld, immenses Geld! Du hast keines! das macht nichts. Ich leihe dir gern eine Million bis übermorgen; noch mehr, alles, was ich im Portemonnaie bei mir habe. – Danke sehr. Aber ich brauche deine Hilfe nicht. Ueber solche Bagatellen bin ich längst hinaus. Alles, was ich brauche, werde ich mir allein verschaffen. Um Himmels willen, wieviel brauchst du denn? – Ungezählte Milliarden! Ja, da staunst du! Weil du nicht ahnst, daß sie greifbar nahe liegen. Natürlich wird man dabei etappenweise verfahren. Erst muß man das Handwerkszeug haben, und das allein beansprucht sechs bis sieben Millionen Mark. So viel habe ich nicht bei mir, Konrad, nimm's mir nicht übel. Da ergibt sich also schon eine Schwierigkeit. Ich hörte so etwas wie Handwerkszeug; was verstehst du darunter? – Ein nach besonderen Prinzipien konstruiertes und zu ganz besonderen Zwecken ausgerüstetes Turbinenschiff. Doch davon später. Zunächst handelt es sich darum, die Mittel zu gewinnen, um dieses geheimnisvolle Schiff zu erbauen und in Tätigkeit zu setzen. Vielleicht findet sich eine Bank, die dir das Geld vorstreckt? Sie ist schon gefunden: die Bank von Monte Carlo. Ach, auf die Sprünge willst du kommen! Systemspielerei? Dabei ist noch keiner reich geworden. Die Roulettekugel geht doch ihren eigenen Lauf. – Falls sie nicht physikalisch beeinflußt wird. Aber Menschenskind, das ist doch eine Unmöglichkeit! Nur in der Oper gibt es Wunder der Freikugeln, aber nicht im Spielsaal. – Ich werde es dorthin verpflanzen und zwar durch das Prinzip der Fernlenkung . Es dürfte dir bekannt sein, daß man schon seit einigen Monaten so weit ist, ein Boot, ein Flugzeug aus der Distanz zuverlässig zu dirigieren. Ich bin weiter: ich lenke die Kugel aus der Entfernung . Ja, wie denn? Da fehlen mir Zwischenglieder. Das Boot, das Flugzeug, ist doch besonders dafür konstruiert, durch Schrauben, die sich auf drahtlose Ströme von bestimmter Wellenlänge einstellen. Ihr Mechanismus wartet gleichsam auf den Anruf, den du ihr aus der Antenne entgegensendest. Aber eine Roulettekugel ist ein homogenes Stück Elfenbein, nicht mechanisiert, nicht vorgebildet, auf deine Willensbotschaft zu reagieren. – So sollte es scheinen, wenn man sich nämlich auf den Boden der alten Grobmechanik stellt. Im Lichte der allerneuesten Feinmechanik sieht die Sache anders aus. So eine Elfenbeinkugel gehorcht den Gesetzen der Schwerkraft und der Elastizität, sie zeichnet im Wurf eine ideale Parabel, sie besitzt Vorratskammern zur Aufspeicherung von Kalorien, sie unternimmt von außen beeinflußt, diamagnetische Bewegungen. Und der Grund? Sie ist eben nicht homogen, sondern ihre Atome differenzieren sich in zahllosen Mechanismen, die zwar nicht in der Form, wohl aber in den Funktionen unseren Propellern ähnlich ... Und nun blicke mal auf mich: für was hältst du das, was ich hier ganz unauffällig in der Westentasche trage? Für eine Taschenuhr natürlich! Und dafür soll man's auch halten. Aber es ist der Fernlenkapparat, mit dem ich jeder rotierenden Kugel den Weg vorschreibe. Ein unmerklicher Druck meines linken Mittelfingers trifft den Punkt, auf den es ankommt. Dieser Punkt korrespondiert mit der beabsichtigten Roulettennummer, oder doch wenigstens mit einem schmalen Sektor, dem sie angehört. Das Prinzip zu finden und es auf so engen Raum zu bannen, das war meine mechanisch-technische Tat. Auf die elektrischen Wellen, die von dieser höchst diskreten Pseudouhr ausgehen, ist unbedingter Verlaß. Und nun begreifst du wohl, daß ich nicht lange zu operieren nötig haben werde, um mir das Notwendigste zusammenzuspielen. Konrad, Konrad, ich sehe dich auf Abwegen. Was du mir da vorträgst, mag sehr genial sein, aber sehr reell ist es nicht. Was du beabsichtigst, nennt man: corriger la fortune. – Ich nenne es anders. Was liegt im Grunde vor? Die Bank steht mit dem Spieler in einem Vertragsverhältnis. Voraussetzung dieses Vertrages ist: dein Wille, Spieler, ist einflußlos, unsere Maschine arbeitet so exakt, daß in ihr nichts zum Ausdruck kommen kann, als der blanke Zufall. Trete ich nun mit dem unsichtbaren Fernlenkapparat auf, so zwinge ich den Zufall unter meinen Willen. Die Bank leugnet solche Möglichkeit, und solange sie dabei verharrt, das heißt, so lange sie nicht zugibt, mit unvollkommener Maschine zu arbeiten, bleibt sie zahlungspflichtig. Weil sie deinen physikalischen Kunstgriff nicht durchschaut. Wenn es nichts Schlimmeres ist, liegt doch ungerechtfertigte Bereicherung vor. – Dein Gewissen ist sehr zart besaitet. Aber meinetwegen, ich will dem Rechnung tragen. Ich werde der Bank später, wenn ich das Handwerkszeug nicht mehr brauche, den ganzen Betrag zurückerstatten. Erst haben! – Ich glaube, du mißtraust meiner Erfindung noch immer; überzeuge dich also selbst. Er öffnete eine breite Flügeltür, und wir schritten in das völlig dunkle Nebengemach. Eine Sekunde darauf entflammten die Kronen und ergossen ihr Lichtmeer auf einen der Prachtsäle des Kasinos in Monte Carlo. Ich muß dir gestehen, sagte ich, mein Gedächtnis wird undicht. Daß wir uns hier im Brennpunkt der Cote d'Azur befinden, sehe ich ja klar, aber ich kann mich absolut nicht besinnen, mit welchem Zuge wir hierher gefahren sind. Nimm an, erwiderte er, mit dem letzten Zuge aus meiner Meskalzigarette. Nachher im Atrium rauchen wir weiter, hier im Saal ist es verboten. Konrad Sturm setzte ausschließlich die mittleren Nummern, die die reichste Maximallast vertragen, also 9 Louis en plein, 18 Louis à cheval, bis zu 6000 Francs auf den Seiten des Tableaus. Nicht jeder Coup glückte, da der Mechanismus nicht die Nummer exakt, sondern stets eine kleine Gruppe umspannte. Allein die Wirkung war doch sensationell; und das Phänomen der gesprengten Bank, das sich nur auf die Barvorräte der einzelnen Tische bezieht, vollzog sich oft genug. Keine Miene verzog der glückliche Pointeur, und nur die leise Fingerbewegung, deren Sinn ich allein begriff, schien seine Nervosität zu verraten. Häufig wechselte er das Operationsfeld von Tisch zu Tisch, stets verfolgt von einer gaffenden Völkerwanderung, die das unerhörte Wunder bestaunte. Immer wieder wurden die drehenden Croupiers auf Befehl der Chefs de partie erneuert, allein heute war die Wahrscheinlichkeit selbst auf den Kopf gestellt, die gleitende und hüpfende Kugel zeigte den unwiderstehlichen Drang, den höchstvergoldeten Nummern nachzulaufen und mit Verleugnung jeder Statistik nur den einen zu begünstigen. Nach einigen Stunden traten mehrere Vorstandsmitglieder im Hintergrund des Saales zu einer Beratung zusammen. Es lag die Gefahr nahe, daß die Tresors sich verbluten könnten. Aber keine Möglichkeit einer Abhilfe wurde gefunden, denn ein Zweifel an der Korrektheit der Maschinen durfte nicht aufkommen. Man stand einfach vor einem Rätsel in Menschengestalt. Das war ein Spieler, der über die Sekunde hinweg das Resultat der nächstfolgenden zu erraten wußte! Endlich räumte »ce terrible Allemand« das Feld. Wieviel hast du gewonnen? fragte ich ihn im Vorsaal, mit einer frischen Meskal im Munde. – Genau so viel, wie mein Handwerkszeug kostet, du weißt doch, mein Ozeandampfer. Willst du ihn sehen? So komm. Der Hafen von Villefranche ist ja nur wenige Kilometer entfernt, und das Auto wartet. Du faselst Konrad. Eben erst hast du das Geld beisammen, und nun redest du schon von einem fertigen Schiff? – Dein Bewußtsein äußert sich tatsächlich etwas kontraktiv. Du häufst auf eine Stunde die Tatsachen vieler Monate. Besinne dich, Alex! Genau vor einem Jahre waren wir in Monte Carlo. Ja, sind wir denn nicht noch immer im Kasino? Nein, du hast recht, dieser Raum sieht anders aus, das scheint ein Schiffssalon zu sein. – Wie du sehr treffend konstatierst. Noch genauer gesprochen: es ist der Salon meines Turbinendampfers »Elektra,« der genau so funktioniert, wie ich es vorausgesagt hatte. Und wo willst du eigentlich hinreisen? – Das ist für meine Zwecke total gleichgültig. Das Ziel ist nichts, und alles die Bewegung. Dieses Schiff schafft mir Reichtümer, gegen die alle Schätze eines Krösus verschwinden, und zwar automatisch, einzig und allein dadurch, daß es fährt. Erkläre mir, Graf Oerindur! – Die Sache ist so simpel, daß man sich nur über eines wundern darf: nämlich über den Stumpfsinn der Erfindergilde, die mir hierin den Vortritt und die Priorität überläßt. Schon vor vielen Jahren hat William Ramsay nachgewiesen: jedes Meerwasser enthält Gold . Ist mir bekannt. Ich habe sogar die Ziffern in Erinnerung: auf 30 Millionen Kilogramm Wasser kommt ein Kilogramm des Edelmetalls. Diese feine Verteilung konvergiert ersichtlich nach dem Nullpunkt. Man könnte ebensogut sagen: das Meerwasser enthält kein Gold . – Für den, der nicht multipliziert. Aber die großen Becken vom Kap Horn bis zum Nordkap, von Singapore bis Alaska machen solche Multiplikation zu einem Vergnügen. Ein einziger Kubikkilometer Wasser liefert nämlich schon 30 000 Kilogramm Gold im Werte von 84 Millionen Mark, woraus erhellt, daß der Okeanos überhaupt das eigentliche Grüne Gewölbe der Erde darstellt; seine Schätze gehen in die Billionen. Wie bescheiden bin ich also, da ich es nur auf eine Reihe von Milliarden abgesehen habe! Gewiß, Konrad, wer die Milliarde nicht ehrt, ist die Billion nicht wert; aber wie willst du denn dem Meer die Beute abjagen? – Auf dem Wege der Elektrolyse. Was du da stampfen hörst, hat einen doppelten Ursprung: die eigentliche Schiffsturbine und einen mächtigen Dynamo. Eine der beiden Schrauben aus Stahlbronze bildet die Kathode , die sich beständig vergoldet, indem sie aus ungeheurer Furche das Metall an ihre Oberfläche saugt. Bei zwei Meter Radius und 21 Knoten Geschwindigkeit durchpflügt sie in jeder Stunde 200 000 Meter Wasser. Selbst wenn ich mit einem sehr beträchtlichen Verlustkoeffizienten rechne und nur den zehnten Teil der elektrolytischen Leistung als wirklichen Nutzeffekt ansetze, erreiche ich in jedem Tage über 40 Millionen und pro Jahr gegen 15 Milliarden reinen Goldgewinn. Menschenskind, wirst du da Steuern zahlen! Gewinnbringende Beschäftigung und Vermögenszuwachs! – Damit werde ich mich abfinden. Jedenfalls ist meine Schraube der Steuerschraube überlegen. Sieh hier! – damit führte er mich an den Punkt, wo sich seine Schatzkammer füllte. Er erläuterte mir ein System baggerartig gegliederter Stahlschärfen, die das Metall stetig vom Propeller abschabten, aufgriffen und zutage förderten. Das war eine wahre Fontäne von Goldsplittern, die dort heraussprudelte, unversieglich, blendend und traumhaft bei aller Gegenständlichkeit. – Wir sind hier an der Quelle der einzigen Großmacht! erklärte Konrad Sturm, dessen Gestalt sich straffte und dessen Stimme plötzlich einen imponierenden Klang gewann; jener Großmacht, die, unabhängig von Allianzen und Ententen, frei von dem Zufallsspiel militärischer und diplomatischer Kräfte sich stets und unbedingt durchsetzt. So und nicht anders betrachte ich mein Werk. Mit anderen Worten: es gibt nunmehr für dich keinen Wunsch, den du dir nicht erfüllen kannst. – Fragt sich bloß, welche Wünsche ich mir konstruieren werde. Damit kommen wir zum Hauptpunkt. Zunächst ist es evident, daß die powern Existenzen außer mir, die sich heute Multimillionäre nennen, allesamt keine Ahnung vom Gelde haben, ich meine vom Verhältnis des Kapitals zur möglichen Arbeit, die es leisten kann. Ihr Gehirn wird durchgängig durch zwei Denkfehler verwölkt. Erstens glauben sie an die Gültigkeit der bürgerlichen Arithmetik, wenn einer hundert Millionen besitzt, so hält er sich für zehnfach reicher als den zehnfachen Millionär. Das ist ein Unsinn. Denn der subjektive Wert steigert sich nicht einfach arithmetisch, sondern logarithmisch . Der Exponent allein gibt das Wertmaß. Das will sagen: der hundertfache Millionär ist nur doppelt so reich als der zehnfache, denn hundert ist die zweite Potenz von zehn. Woraus wiederum folgt, daß die heute existierenden Krösusse ungemein überschätzt werden, da mit ihrem Vermögen, sobald es auf diese logarithmische Skala gespannt wird, eigentlich nicht viel los ist. Erst wenn man hoch in die Milliarden hineinsteigt, gewinnt die Sache den Anstrich wirklicher Ueberlegenheit, sozusagen etwas Vierdimensionales, Transzendentes. Mithin bin ich nicht nur der reichste, sondern exakt genommen der einzige , dem das Prädikat »reich« im strengeren Sinne zukommt. Der zweite Denkfehler betrifft das Ausgeben. So töricht freilich ist ja keiner, daß er nicht merken sollte, wie schwierig es ist, den Genuß zu steigern oder auch nur in annähernder Balance mit der anschwellenden Finanzkurve zu halten. Kein Rothschild kann hundert Paläste bewohnen, in zweihundert Automobilen spazieren fahren oder dreihundert Beefsteaks zu einer Mahlzeit verzehren. Alles, was du von dem Gepränge amerikanischer Silberkönige und Oelmagnaten hörst, betrifft im Grunde nur snobistische Akte der Verzweiflung über dieses Mißverhältnis, und ihr Denkfehler besteht eben darin, daß sie trotz alledem wähnen, mit den Extravaganzen des Luxus die richtige Proportion zwischen Geld und Genuß erzwingen zu können. Zugegeben, Konrad. Aber wenn schon die Gould und Vanderbilt an diesem Denkfehler scheitern, wie willst du dann erst über die Klippe hinwegkommen? – Mit der Gewalt der Tatsachen. Mit der Macht, die ich in Händen habe, insofern die höchsten Entscheidungen, die überhaupt im Menschenbereich getroffen werden können, sich seit geraumer Zeit auf Finanzfragen zuspitzen. Zwischen meiner Geldmacht und der eines Astor oder Rockefeller besteht nicht ein Unterschied des Grades , sondern des Wesens . Und so wie sich bei elektrischer Hochspannung Erscheinungen zeigen, die dem Schwachstrom fremd bleiben, wie die Milliardenvibrierung des Aethers Farbphänomene erzeugt, die sich vom Klang der Kleinschwingung grundsätzlich unterscheiden, so soll auch die Hochspannung meines Goldes etwas qualitativ Neues leisten; nämlich nicht die Befriedigung landläufiger Wünsche, sondern die Behauptung meines ganz besonderen Willens, und der wird sich nicht mit Kleinigkeiten abgeben. Sieh mal, die Herrschaften Nobel, Carnegie, Rockefeller waren auch nicht kleinlich, als sie Wissenschaften und Künste dotierten. – Was auf diesem Gebiet vorliegt, ist der Anfang des Anfangs. Sie haben Intelligenzen geholfen, die keine Hilfe brauchten, Forschern die Leiter gehalten, die schon oben waren. Anständige Trinkgelder, um sich im Hotel der Menschheit einen guten Abgang zu verschaffen. Aber Hotelgäste sind sie zeitlebens geblieben, mit der Sucht, hohe Zechen zu machen, und froh, wenn's recht teuer war. Bis auf eine einzige Ausnahme allenfalls, weißt du, beiläufig, wer vor mir der Reichste war? – ja, dazu muß man Geschichte studieren und nicht bloß das goldene Buch der Millionäre: Wallenstein war's. Er besaß, historisch beglaubigt, ein Einkommen von fünf Millionen Talern, in einer Zeit, da das Geld mindestens die zehnfache Kaufkraft des heutigen hatte. Und er allein hat es auch richtig angewandt, im Sinne der Macht; die große Armee, die er kommandierte, war seine Armee, von ihm bar bezahlt. Hätte er im entscheidenden Augenblick nicht gezaudert, keine diplomatischen Fehler begangen, so fiel ihm die Souveränität zu; auf dem mit seinem eigenen Gold gepflasterten Wege wäre er zu einem Königsthron marschiert. Das nenne ich eine lohnende Geldausgabe! Um des Himmels willen, Konrad, du willst dir doch nicht am Ende eine Armee kaufen? – Nein, das wäre mir viel zu umständlich, meine Schecks werden genügen. Aber Großes werde ich wollen. Stelle dir etwa einen Eingriff in die Verfassung vor, und zwar unter folgender Formel: Ich, der Multimilliardär, baue euch eine neue Handelsflotte, verschaffe euch das Uebergewicht zur See, kanalisiere euch die deutsche Rheinmündung, tilge sämtliche Reichsschulden und übernehme alle Kosten der Arbeiterversicherung sowie der inneren Kolonisation; Bedingung und Gegenleistung: die von mir gewünschte Verfassung. Das Ministerium möchte ich sehen, das mir da mit Obstruktion käme! Es zerflöge vor meiner Offerte wie Spreu im Sturme. Oder blicke nach dem Balkan, nach dem Orient, wo alle Gestaltung schließlich die Form des Rechenexempels annimmt. Glaubst du nicht, daß ich dort neue geographische Linien ziehen könnte, wie sie mir gut erscheinen, sobald ich in Debet und Kredit dieser Völker mit meinen Argumenten dazwischenfahre? Das Schwert des Brennus ist ein Kinderspiel dagegen, wenn ich meine Milliarden in die Wagschale werfe. Und wenn ich Lust verspürte, ein Souverän zu werden – so viel wie ein Fürstentum da unten kostet, schaffen meine Propeller vom Frühstück bis zum Abendbrot. Da hast du meine Armee! Die Sekunden, von denen mir jede einzelne 20 Doppelkronen liefert, sind meine Soldaten: meine ausgemünzten Goldrollen, von denen jede im Laufe eines Jahres länger wird als ein Erdquadrant, sind meine Bataillone. Und hier vor dir steht ihr Kommandeur, der große Ordner zukünftiger Dinge, der wahre Uebermensch des zwanzigsten Jahrhunderts! Es wird auf die Probe ankommen. Und dann muß ich dir bekennen: ich persönlich stelle den Menschen höher als den Uebermenschen. Auf deinen Gipfeln der Macht herrscht ein eisiges Klima, in dem die Pflanze des individuellen Glücks nicht recht gedeiht. Schon Goethe sagt ... – Glücklich allein ist die Seele, die liebt. Dieser Gemeinplatz war ja wohl unvermeidlich. Aber ich verspreche dir, auch dafür soll gesorgt werden, denn Goethe sagt auch: Am Golde hängt doch alles: die Liebe vor allen Dingen; gleich schenken, das ist brav, da wird er reussieren! Ich gedenke auf diesem Gebiet sogar einen besonderen Luxus zu entfalten. Es wird wohl wieder etwas Gigantisches dabei herauskommen: König Salomo mit Don Juan multipliziert: dreißigtausend Maitressen! – Die könnt' ich haben, wenn ich wollte, und wenn ich dumm genug wäre, es zu wollen. Hier tritt nämlich für den Einsichtigen eine umgekehrte Proportionalität hervor, und der äußerste Luxus mündet im Singularis. Schau, schau! ein ganz menschlicher Zug; ich glaube, dir spukt noch immer die hübsche Wirtschafterin im Kopf, die wir in Berlin verließen. * Als ob sie auf das Stichwort gewartet hätte, trat sie herein, einfach gekleidet wie damals, in den Händen ein Präsentierbrett mit Erfrischungen. Konrad verschlang das Fräulein mit den Blicken. Als sie serviert hatte, hielt er sie fest: – Bleiben Sie, Hedwig, ich habe ernsthaft mit Ihnen zu reden. Dieser Herr ist mein Freund, und wir brauchen uns nicht zu genieren. Um es kurz zu sagen: ich will Sie erheben, so hoch, wie noch nie ein Mädchen gestanden hat. wie eine Königin sollen Sie thronen in einem Paradies, das ich um Sie zu schaffen bereit bin. Glänzender als jede Königin! Alle Pracht einer Kleopatra und Semiramis soll verblassen; auf den Saum Ihrer Schleppe will ich den Kohinoor, den Orlow und alle Juwelen heften, die bis heute in den Zepterspitzen der Herrscher funkelten... Wofür, Herr Sturm? – Das ist eine rhetorische Frage, die sich von selbst beantwortet, halten wir uns nicht bei Selbstverständlichkeiten auf. Mit dem hundertsten Teil dessen, was ich Ihnen biete, könnte ich eine Herzogin haben! Mich nicht, Herr Sturm. – Was soll das heißen, mich nicht! Bin ich Ihnen als Geliebter zu schlecht, ich, der herrlichste von allen? Oder wollen Sie mir mit der Armeleutemoral imponieren? Machen Sie sich nicht lächerlich, Hedwig. Hier wandeln wir auf nie dagewesenen Hochregionen, Sie und ich, ein neuer ethischer Horizont wölbt sich um uns. Hier ist nichts kostbar als die Zeit. Also schnell, – küssen Sie mich! Nein, Herr Sturm. – Und ich sage Ihnen: Sie werden! Ich habe den Zufall bezwungen und das Meer, ich kann auch diesen läppischen Widerstand brechen. Noch bleibt mir ein Trumpf in der Hand. Also hören Sie, angebetete Gans, ich werde Sie heiraten! Ich bin verlobt, Herr Sturm, seit einem Jahre, mit einem kleinen Postbeamten; im August ist unsere Hochzeit.– – Du bist mir unbegreiflich, Konrad, sagte ich, als wir wieder allein waren. Du stehst da wie ein Verunglückter und hast eigentlich nicht den mindesten Grund zu dieser Pose. Dieses Mädchen war eben noch eine Caprice für dich, willst du mir einreden, daß daraus in zehn Minuten eine Leidenschaft geworden ist, ein Lebensschicksal? – Allerdings. Nicht mit Rücksicht auf die Person; denn es gibt Dutzende, die schöner sind und begehrenswerter und billiger. Nein, das ist es nicht. Aber das Unpersönliche daran treibt mich zum Wahnsinn. Daß ich mit der Weltmacht in Händen an einem kleinen Fräulein scheitere und an einem Briefträger. Daß ich, der Krösissimus, beim ersten Kaufgelüste abprallte vor einem unerschwinglichen Nichts. Das ist es. Meine Rechnung war falsch, ich habe verspielt. Machen wir ein Ende! Das wird schnell gehen bei den fünftausend Volt Spannung in meinem Dynamo. Ich vermochte ihn nicht zu halten. Er entwand sich mir und stürmte in den Maschinenraum. Noch einmal versuchte ich ihn loszureißen aus dem Gewirr der Drähte, das uns beide umstrickte. Und sogleich spürte ich eine Erschütterung, als ob mir im Hirn eine Dynamitpatrone explodiert wäre.– – – Da saß ich im Klubsessel mit einem Kopfschmerz, der mich an die bedeutendsten Kater meiner Jugend erinnerte. Vor mir die Aschenreste der Meskal zigaretten, gegenüber mein Freund mit einer Kompresse auf dem Schädel. Was man so doch zusammenträumt! sagte ich. Wo waren wir doch? Ja, richtig, in Monte Carlo und auf einem Goldschiff, und du hattest eine blödsinnige Masse Mammon. – Stimmt, stimmt, so ähnlich war auch meine Halluzination. Ich konnte machen, was ich wollte. Nehmen wir diese Duplizität der Träume als ein gutes Vorzeichen für meine Zukunft. Nein, Konrad, du konntest durchaus nicht machen, was du wolltest. Gleich die erste Probe schlug fehl. – Kann mich nicht besinnen, Alex. Wie war das doch? Ja, du verliebtest dich in deine niedliche Hausdame und holtest dir einen Korb nach allen Dimensionen. Ich habe selten einen Menschen so abblitzen gesehen. – Na, was das betrifft, so kannst du dich beruhigen. Das stimmt nicht ganz mit der Wirklichkeit. Sie ist nämlich seit einem Jahre mein Verhältnis ! Der Garten Gallettis Den Vater der Kathederblüte – kennt man ihn noch? Vereinzelte Frageproben bei jüngeren Kollegen ergaben mir, daß er sich bereits der Grenze der Verschollenheit nähert. Allein man sollte doch sein Andenken wieder auffrischen, die Erinnerung an den unvergleichlichen Schulmeister, der wie kein anderer seiner Fachgenossen die Welt mit ausgiebigem Lachstoff versorgt hat. Eigentlich war dieser Galletti Historiker und nach der Quersumme seines Wissens gemessen ein ganz beträchtlicher. Hat er doch neben vielen andern Wälzern eine Weltgeschichte in 27 Bänden gestapelt. Aber sein vormaliger Ruhm erwuchs auf anderem Fundament. Als Gymnasialprofessor in Gotha überstrahlte er sämtliche Magister, die nur ein Schattendasein führten gegen Galletti, die Leuchte der Zerstreutheit. Länger als ein Jahrhundert sind seine Strahlengarben sichtbar geblieben, und noch vor etwa sechzig Jahren wurden sie in einem Hohlspiegel vereinigt. Mit anderem Sprachbild ausgedrückt: es gab eine Sammlung »Gallettiana«, geformt aus Redeblüten, die im Garten dieses Klassenpaukers gewachsen waren. In einem Punkte war die Taxe der Zeitgenossen verfehlt. Denn mit der Zerstreutheit allein erzielt man nicht Gallettische Wirkungen. Das zerstreute Gefasel ist ein Mangel an Konzentration, mithin etwas Negatives. Unser Mann verfügte aber zudem auch über einen höchst positiven Faktor, über ein wirkliches Ingenium. Er war ein Genie der Findigkeit, bezogen auf Dinge, die sich sonst überhaupt nicht finden lassen. Er verkoppelte Tatsachen und Begriffe, die kein Mensch außer ihm paarweis zusammengetrieben hätte, und er bewerkstelligte dies mit einer unfehlbaren, geradewegs auf überraschende Pointe losstürmenden Technik. * Ich werde nicht in die Versuchung fallen, aus jener verschollenen Sammlung zu zitieren; schon aus dem einfachen Grunde, weil ich sie niemals in Händen hatte. Nichtsdestoweniger möchte ich hier einige Gallettiana ausbreiten, ohne die Wortwörtlichkeit nach dem Original zu verbürgen. Ich verfüge da über gewisse Quellen mündlicher Ueberlieferung, die mir auch dort noch rieseln, wo der unmittelbare Kontakt mit dem alten Katheder von Gotha versagt. Und auf die Gefahr hin, einige bekannte Exemplare zu nennen, sollen auch unbekannte Erwähnung finden, darunter etliche, die vielleicht nicht urkundlich von ihm sind, aber ganz bestimmt von ihm sein könnten. * Mit diesem Vorbehalt sei mein Herbarium Gallettischer Kathederblüten eröffnet: Auftakt noch vor Beginn des Unterrichts: »Schreckliche Unsitten herrschen hier! wenn der Lehrer in die Klasse tritt und glitscht dabei über Apfelsinenschalen, so ist das eine Gemeinheit!« »Ich sehe mich genötigt, eine neue Bankordnung einzuführen. Die vorderen Schüler müssen sich so setzen, daß ich die hinteren sehen kann.« »Und Sie, Jeschke, gehören überhaupt nicht unter anständige Menschen., Kommen Sie zu mir aufs Katheder!« Hierauf wendet sich der Professor zum Lektionsplan und erörtert eine Reihe wissenschaftlicher Einzelheiten: Zu den Meisterwerken des griechischen Rhetors Demosthenes gehört seine wunderbare Rede vom Kranze. Diese Rede beginnt bekanntlich mit den unsterblichen Worten: »Welcher Lümmel schmeißt denn da wieder mit Papierkugeln?« Die drei Nachfolger Karls des Großen kamen darin überein, keinen zu bevorzugen, und so wurde das Reich durch den Vertrag von Verdun in drei gleiche Hälften geteilt. Damals hing das Schicksal des Landes an einem dünnen Haar, und dieses dünne Haar hieß Karl der Dicke. Der Feldherr Tilly war so tapfer, daß er auf zwanzig Schlachtfeldern zu siegen oder zu sterben wußte. Von Sophokles sind viele Tragödien gänzlich verloren gegangen, darunter befinden sich leider einige Dichtungen, die ich für Oberprima als unersetzlich bezeichnen muß. Man hat viel darüber gestritten, ob die altägyptische Sphinx ursprünglich ein Weib oder ein Mann gewesen sei. Die Wahrheit liegt hier vermutlich wie so oft in der Mitte. Ihre letzten Aufsätze. Nowack, wimmeln wieder von Schnitzern. Wenn Sie nicht einmal konvex und konkret unterscheiden können, so ist das genau so, als wenn Sie einen Alligator mit einem Irrigator verwechseln. Das Sternbild des großen Bären ähnelt einem Wagen, wenn Sie durch die Hinterräder des Bären eine gerade Linie ziehen, so stoßen Sie mit der Nase auf den Polarstern. Zur Zeit des Plinius stellte man sich das Echo als eine nackte Nymphe vor, die in den Felsen nistet und den Knall einer Pistole mehrfach wiederholt. Narcissus sah im Quell sein Spiegelbild und verliebte sich dermaßen in sich selbst, daß er sich in die gleichnamige Blume verwandelte. Wenn man einem Walfisch mit einem langen Messer den Bauch aufschneidet, so nährt er sich von ganz kleinen Heringen. Daß James Watt als Knabe aus Anlaß eines siedenden Teekochers die Dampfmaschine erfand, ist wohl nur eine Fabel. Ich persönlich halte es für unwahrscheinlich. daß Watt in seinem Teekessel eine Lokomotive entdeckt hat. Der erste, der an einem zappelnden Frosch den Galvanismus feststellte, war der mit Recht so genannte Galvani. Den erwähnten Umständen hatte es die historische Jungfrau von Orleans zu verdanken, daß sie als Hexe verbrannt wurde. Bei Schiller befindet sie sich bekanntlich in anderen Umständen. Als ich dies Drama mit Ihnen durchging, waren ja die meisten ziemlich aufmerksam, bloß der Sengebusch hat natürlich wieder bei der Antigone geschlafen. Die Folgen werden sich zu Ostern zeigen! Wenn man Natron mit einer Säure verbindet, so entwickelt sich das Gas Kohlensäure, was Ihnen allen gewiß auch schon aufgestoßen ist. Der Löwe hat ein so starkes Gebrüll, daß er es in der Wüste auf Meilenweite hört. Bei ausgesprochenen Bösewichtern hält sich die Bluttemperatur gewöhnlich unter Normal. Ihre Hand fühlt sich kalt an, wie die einer Schlange. Ich komme heut der jüngeren Schüler wegen noch einmal auf Richard Löwenherz zurück, da nur die älteren unter Ihnen die Kreuzzüge mitgemacht haben. Einen auf die Spitze getriebenen Igel nennen wir in der Zoologie ein Stachelschwein. Das folgende interessante Experiment kann jedermann leicht ausführen: Man drückt eine Henne auf den Boden und zieht ihr mit Kreide einen Strich über den Schnabel; alsdann ist sie nicht imstande, sich zu erheben und davonzufliegen. Dieselbe Erscheinung zeigt sich, wenn man statt der Henne einen kleinen Hund nimmt. Jener berühmte Mönch hieß eigentlich Konstantin Ancklitzen. Da ihm aber das Schießpulver fälschlich in die Schuhe geschoben wurde, so nannte man ihn später kurzweg Bertold Schwarz. Die Geißelbrüder, die auch als Flagellanten ihr Unwesen trieben, waren eine Epidemie, die sich von den Anfängen des Mittelalters bis in die Ausläufer der Karpathen erstreckte. Dieses Florentiner Patrizierhaus entartete sichtlich von Generation zu Generation, und schließlich begann die Kinderlosigkeit in der Familie erblich zu werden. Die Faultiere leben im tropischen Südamerika und zeichnen sich dadurch aus, daß sie sich von jeder Tätigkeit mit Fleiß fernhalten. Wenn die alten Spartaner zum männermordenden Kampf auszogen, so kräuselten und salbten sie sich vorher die Locken, nicht so, wie das Schwein dort, der Schlumpsky, der unfrisiert zur Klassenstunde kommt! Johann Hus erlitt zu Konstanz die Qualen der Verbrennung, und zwar im Hochsommer von 1415, als es ohnedies in Konstanz schon unerträglich heiß war. Steppenrosse, die einen Löwen wittern, drängen sich zusammen, und zwar so eng, daß in dem Gedränge zwischen den Pferden kein Apfel zur Erde kann. Das Türkische und das Baskische sind die schwersten Sprachen von ganz Europa. Besonders das Baskische ist so schwierig, daß es nicht einmal von den Türken verstanden wird. Als die Pest in Florenz wütete, erlagen ihr auch sämtliche Aerzte der Stadt. Erst als der letzte Arzt dahingerafft war, verschwand die Seuche. Gewisse Leute besitzen Hühneraugen, die bei Witterungsumschlag genau so schmerzhaft empfindlich sind, wie richtige Ouecksilberbarometer. Demosthenes war ein Muster an Tugend und Keuschheit. Als sich ihm die schöne Lais um den Preis von Zehntausend Drachmen für eine Nacht anbot, verschmähte er sie, woran wir uns ein Beispiel nehmen wollen. Wenn im römischen Altertum zwei Auguren einander auf der Straße begegneten, so lächelten sie sprichwörtlich. Das Lateinische in den Schulen abzuschaffen, wäre geradezu ein Verbrechen; denn trieben wir hier kein Latein, so würden alle Abiturienten in der Cicero-Prüfung durchfallen. Buridans Esel verhungerte bekanntlich zwischen zwei Heubündeln. Dieses schreckliche Schicksal war dem bedauernswerten Esel auch nicht an der Wiege gesungen worden. Ein mathematischer Punkt ist ein Winkel, dem man beide Schenkel ausgerissen hat. Durch das stärkste Fernrohr erscheint der Planet Mars so groß, wie mein Kopf auf zehn Meter Entfernung. Aber selbst wenn es auf dem Mars von Menschen wimmelte, könnte man sie nicht wahrnehmen, da Sie ja auf zehn Meter auch nicht sehen können, was auf meinem Kopf wimmelt. Im fünfzehnten Jahrhundert war Italien der Sitz der europäischen Kultur, weshalb auch Kolumbus in Genua geboren wurde. Von Schiller besitzen wir zwei Schädel. Einer davon ist wahrscheinlich unecht, da Schiller überhaupt nur ein Alter von 46 Jahren erreicht hat. Das Schachspiel verdankt seine Entstehung einem persischen Gelehrten, welcher so lange nachdachte, bis er ein Brett vor dem Kopfe hatte. Die Elektrizität legt in einer Sekunde mehr als 100 000 Kilometer zurück, was sich übrigens leicht aus der Geschwindigkeit des Blitzes erklärt. Ueberaus entzückend ist in der antiken Skulptur die Stellung der drei nackten Grazien. Ich werde Ihnen das einmal vormachen! Eine wichtige Literatururkunde bietet das Werk von Sebastian Brandt »das Narrenschiff«, auf das ich in der nächsten Stunde kommen werde. Auf der Netzhaut des menschlichen Auges bilden sich alle Gegenstände verkehrt ab. Da entsteht nun die Frage: wieso erblicken Sie mich aufrecht, da ich Ihnen doch eigentlich total verdreht erscheinen müßte? Immer wieder erinnere ich die Klasse, daß der Abortschlüssel sorgfältig verwahrt werden muß. Und mit diesem Schlüssel wollen wir für heute schließen! Sexualforschung Der berühmte Professor Sixtus Schmoll stand gerade im Begriff, den tiefsten Geheimnissen der Schöpfung auf die Spur zu kommen. Und so landete er bei der Sexualforschung mit der abgrundtiefen Frage: Kann man die lebendige Natur geschlechtlich umkomponieren? Kann man Männchen in Weibchen verwandeln, Weibchen in Männchen? Und in seinem Laboratorium fand er die experimentelle Antwort: Man kann! Und zwar durch Ueberpflanzung gewisser Keimdrüsen. Die Natur will so, der Gelehrte will anders, und selbstverständlich siegt der Gelehrte. Denn er allein kennt den Zweck der Drüsen: die sind überhaupt nur dazu vorhanden, um herausgenommen und überkapselt zu werden: Er braucht Chemie, braucht Chirurgie, Und aus dem »Er« wird eine »Sie«. Die Methode verlangt, daß man mit dem Tierversuch beginnt, also begann Professor Sixtus Schmoll als strenger Methodiker mit einem Hahn; wesentlich deshalb, weil die hervorragend maskuline Veranlagung dieses Hahns nicht dem geringsten Zweifel unterlag. Man kann ja nicht gerade behaupten, daß die Operation dem Versuchsobjekt ein besonderes Vergnügen verursachte Allein darauf kam es in diesem Zusammenhang um so weniger an, als der Professor die Vorsicht übte, direkt zu operieren, ohne das gefiederte Individuum zuvor um seine Zustimmung zu befragen. Der Erfolg entsprach den Erwartungen. Schon nach wenigen Stunden mutierte der vormals prachtvolle Mannestenor aus der Kikeriki-Lage zu einem feminin glucksenden Sopran, und nach einigen Tagen offenbarte sich das volle Ergebnis des sexualen Eingriffs. Der Hahn begann sich Mutter zu fühlen und eine enorme Fruchtbarkeit zu entwickeln. Er legte das ganze Laboratorium voller Eier, um nur recht deutlich zu bekunden, daß er den alten Adam recht gründlich ausgezogen habe, um mit seinem ganzen Wesen in eine neue Genusregel zu schlüpfen. Damit war eine gesicherte physiologische Grundlage gewonnen, und der Professor durfte daran denken, das Experiment auf die höhere Sphäre der menschlichen Gemeinschaft auszudehnen. Zunächst freilich erhob sich eine Schwierigkeit. Denn unter den ihm befreundeten Dozenten der Universität fand sich kein einziger, der die Rolle des Versuchskaninchens übernehmen wollte. Sie alle beriefen sich auf ihre standesamtliche Matrikel und befürchteten polizeiliche Scherereien, wenn sie plötzlich ins Lager des Ewig-Weiblichen hinüberschwenkten, zumal sie sich in die Listen der jüngsten Volkszählung mit dem eigenhändigen Vermerk »männlich« unverrückbar festgelegt hatten. Vergebens stellte Professor Schmoll ihnen die Vorteile der sexuellen Umwandlung vor; besonders den Erwerb unermeßlicher politischer Frauenrechte, die Aussicht, von zeitgenössischen Lyrikern angesungen zu werden und dabei obendrein die teuren Rasierkosten zu sparen. Er holte sich einen Korb nach dem andern und stand vor der Gefahr, seine weiteren Forschungen mit allem Zubehör an Skalpellen, Nähfäden, desinfizierenden Spritzen und sexuell betonten Drüsen an den Nagel hängen zu müssen. Zum Glück sprang sein eigener Assistent in die Bresche. Dr. Aloys Knarre war von der Engherzigkeit der anderen empört und erbot sich freiwillig zum Versuch. »Herr Professor,« sagte er, »wenn Sie mich verweiblichen wollen, ich halte still, so wahr ich ein Mann bin. Dreißig Jahr bin ich maskulin gewesen, das genügt. Abwechslung muß sein!« Also schritt der Professor ans Werk, mit allen Kautelen des Faches, und die Transplantation gelang schmerzlos und fieberfrei. Dr. Aloys Knarre feminisierte zusehends und hätte sich mit zureichendem Grunde den Rufnamen Aloysia zulegen können. Alle Tugenden, die von der biblischen Rahel, von der homerischen Nausikaa bis zu den Rautendeleins der Neuzeit gepriesen werden, entwickelten sich an ihm körperlich und seelisch in so scharfem Tempo, daß der Damenschneider mit der Lieferung der notwendigen Gewänder der rapiden Umwandlung kaum zu folgen vermochte. Mit züchtigen, verschämten Wangen sah er die Jungfrau vor sich stehen, nämlich der Forscher Schmoll seinen Assistenten. Und besonders von » ihren « Augen ging ein Zauber aus, wie weiland von denen Kleopatras, als sie Cäsars Sinne verwirrten. Der Erzähler gerät hier in Verlegenheit, denn genau genommen müßte er ja sagen: von » seinen « Augen. Wie denn überhaupt die persönlichen Fürworte arg ins Gedränge geraten in einer transformatorischen Geschichte, bei der die landläufigen Geschlechtsunterschiede Sinn und Bedeutung verlieren. Danach fragte aber Professor Schmoll nicht im geringsten. Nachdem sein Herz erst einmal den großen Knax wegbekommen hatte, war ihm erstlich die Grammatik egal geworden, zweitens und ganz besonders seine ihm vor dreiundzwanzig Jahren angetraute Gattin Rosaura, die ihm jetzt, mit Dr. Knarre verglichen, höchst unsympathisch, sozusagen unweiblich vorkam. Denn Rosaura trug auf der Lippe ein Mittelding von Flaum und Kratzbürste, besaß ein Sprechorgan wie ein pensionierter Major und zeigte überhaupt von Natur aus sogenannte Sexualphänomene. Der Gewissenskonflikt in Professor Schmolls Psyche endete damit, daß er sein überjähriges Gespons zum Hause hinauswarf, und sich mit seinem Assistenten zum Standesamt verfügte, in der Absicht, mit »ihm,« beziehungsweise mit »ihr,« den neuen Bund zu besiegeln. Vom rein physiologischen Standpunkt war hiergegen nichts einzuwenden. Aber ein Standesbeamter ist kein Physiologe, sondern ein Mensch, der an Verordnung und Urkunde festklebt, und der sehr viel von Ausweispapieren versteht, dagegen gar nichts von Drüsen. Kurzum, die Geschichte ist noch gar nicht abgeschlossen. Denn bevor der feminisierte Dr. Knarre wirklich dem Professor Schmoll vermählt werden kann, muß erst noch etwas anderes entschieden werden; nämlich die Frage der Sexualforschung: »» Ist das strafbar? «« Werther und Lotte von heute Ein Roman von Goethe und mir. Bester Freund! Sollte es möglich sein, daß dieser erste Brief, den ich Dir aus meinem Landaufenthalt schreibe, der Anfang eines Liebesromans wird? Noch weiß ich es nicht, allein ich muß Dir doch erzählen, daß ich eben auf einer geselligen Wagenpartie das entzückendste, schönste, liebenswürdigste, sonnigste Frauenzimmer kennen gelernt habe, das mir jemals vors Gesicht und unter die Feder gekommen ist. Sie heißt Charlotte, ist die Tochter eines Beamten, allein für mich war sie sogleich Lottchen, und ich spürte: hier ist mein Schicksal. Im Geist sah ich schon eine Zeitungsanzeige: Als Verlobte empfehlen sich Lotte und Werther – doch wozu den Ereignissen vorauseilen? Bleiben wir bei der Gegenwart, bei meinem Eintritt in ihr Wohnhaus, wo ich sie kennen lernte. Ein reizendes Schauspiel! In dem Vorsaal wimmelten sechs Kinder von elf bis zu drei Jahren, – sie, Lotte, hielt ein schwarzes Brot und schnitt den Kleinen rings herum die Vesperschnitten, ein Bild, das jeder illustrierten Zeitschrift zur höchsten Auflage gereichen müßte. Dann sagte sie: Nun eßt euch satt, Kinder, und bekleckert euch nicht beim Kaffee, ich muß jetzt in die Versammlung! – Ach Mamsell Lottchen, beschwor ich, könnten Sie nicht noch ein wenig bleiben und noch einmal Brot schneiden? – Nein, mein Herr, entgegnete sie, die Pflicht ruft. Sie müssen nämlich wissen, daß ich für den hiesigen Landkreis als Kandidatin aufgestellt worden bin; die Wahl ist sehr aufgeregt und schwierig, aber wir werden das Ding schon deichseln! Damit sprang sie hinaus. O wie sie das Wort »deichseln« mit ihren himmlischen Lippen flötete, es klang wie Sphärenmusik, und in meinem Herzen knaxte das Echo. Nächstens mehr. * Darf ich Dir gestehen, daß ich mich glücklich fühle? Nicht als ob ich mir schmeicheln dürfte, Lottchen liebe mich, allein sie freut sich doch bei meinem Erscheinen. Als ich heut eintrat, tanzte sie allein im Zimmer umher mit all der beweglichen Grazie, die ihr eigen, dann breitete sie die Arme in die Luft und rief: Hurra, ich habe mein Mandat! ich werde mitarbeiten an allen Verfassungsartikeln und die Gegner niederstimmen, daß es nur so pufft! Ich ergriff ihre Hand, um ihr zu gratulieren, und sagte: Ach Mamsell Lotte, es ist ja sehr erfreulich, daß Sie eine so bedeutende Aufgabe übernommen haben, allein Kopf und Herz gehen doch verschiedene Wege; wollen Sie nicht auch mir ein klein wenig Hoffnung gönnen? Aber gewiß doch, bester Werther, erwiderte sie: hoffen Sie auf die gerechtesten Steuern nach dem Prinzip der Belastung auf die stärksten Schultern, ich werde in dieser Hinsicht mit ganz bestimmten Vorschlägen herausrücken, da sollen Sie was erleben in meiner Jungfernrede! Von dem stürmischen Beifall links werden die Wände wackeln! Wie ich mich bei diesem Gespräche in den dunkeln Augen meiner Angebeteten weidete! Wie die lebendigen Lippen und die frischen munteren Wangen meine ganze Seele berauschten! Wie im Taumel ging ich hinaus, und zur Besinnung gelangte ich erst nach geraumer Weile, da mir die Magd ein Briefchen von ihr überbrachte. Aber als ich es öffnen wollte, versagte mir die Kraft ... Stelle Dir vor, ein Briefchen von ihr! einen Seelenerguß meiner Göttlichen! Würde ich es aushalten, ihn in mich aufzunehmen, würde mich der Tumult der Sinne nicht überwältigen? Ich bedeckte den Umschlag mit tausend Küssen, und heiße Zähren troffen auf die Anschrift. Endlich ermannte ich mich, löste die Hülle und überflog das Billet. Es enthielt die Gedanken der lieblichen Jungfrau über die Sozialisierung der Kali-, Erz- und Kohlenbetriebe. Und wie fein sie den Unterschied abzutönen wußte zwischen all den Mineralien ihrer Zuneigung. Der Brief schloß mit der Bitte u.A.w.g. Aber was soll ich antworten, ich rettungslos Verliebter, in dessen Adern keine Kalilauge, sondern das stürmische Blut einer aufgeregten Jugend pulsiert? * Ich darf es Dir nicht länger verhehlen, mein Freund, daß die Verzweiflung sich meiner Seele bemächtigt. Meine Eifersucht kennt keine Grenzen. Ich bin eifersüchtig auf Kali, Mangan und Braunkohle, eifersüchtig auf die Gesetzentwürfe, denen Lottchen sich widmet, auf die Parteigruppe, der sie angehört, auf die Drucksachen, die sie von den Staatsämtern empfängt. Ich habe beschlossen, sie nicht mehr wiederzusehen. Ich fühle, es ist aus. O wie bin ich elend! Zwei Pistolen liegen auf dem Tischchen neben meinem Bett. Mir liegt die Pflicht ob, Dir mitzuteilen, daß ich mich gestern erschossen habe. Vorläufig nur zur Probe, denn die Pistole, deren ich mich bediente, war ungeladen. Aber man muß doch die Bewegung einüben. Mamsell Lotte muß von meinem Vorhaben Wind bekommen haben, denn sie ließ mir sagen, sie würde bestimmt zu meiner Beerdigung erscheinen, wenn sie nicht gerade zu einer wichtigen Ausschußsitzung müßte, in welchem Fall ich sie gewiß gütigst entschuldigen würde. Wie zart, mir auf diese Art anzudeuten, daß ich ihr nicht ganz gleichgültig bin. Bester Freund, ich werde leben! Vor wenigen Minuten las ich in der Zeitung, daß die Wahlprüfungskommission das Mandat meiner Lotte für ungültig erklärt hat. Welch frohe Aussicht! Gesegnet seien die noch rechtzeitig entdeckten Wahlmogeleien, die das entzückende Mädchen meinen Hoffnungen zurückgeben. Noch heut will ich zu ihr in meinem neugewendeten Frack, mit einem Blumenstrauß von unwiderstehlichem Umfang. Sie soll meinen Antrag einstimmig annehmen! Uebrigens wirst du mir einräumen, daß ich mich ziemlich getreu an das klassische Vorbild gehalten habe. Denn Goethe war ja bekanntlich auch in Lotte verliebt, hat ihretwegen bekanntlich auch viel ausgestanden und hat sich bekanntlich auch nicht erschossen! Dein Werther. Der Einbruch bei Schlemihls Diese Geschichte spielt in der ohnehin traurigen Zeit vor zehn Jahren. Mein Freund, der Herr Schlemihl, war zwar gegen Einbruch versichert, ist aber trotzdem wie so manche in jenen Tagen das Opfer handfester Diebe geworden. Und so wie hier wiedergegeben, hat er mir den Vorfall selbst erzählt: Kaum hatte ich die fatale Geschichte entdeckt, als ich beim Bezirkskommissar vorsprach, um die Anzeige zu erstatten. Ein vorheriger telephonischer Anruf war mir mißglückt, ich hatte keine Verbindung bekommen, so daß ich mich persönlich auf den Weg machen mußte. Der Kommissar hatte ein Aktenbündel vor sich, blätterte darin und war schlechter Laune. Als ich meinen Namen nannte, meinte er trocken: So, das sind Sie! Ich habe hier zufällig, – wirklich rein zufällig Ihre Personalakten auf dem Tisch, – doch das tut ja nichts zur Sache. Also was wünschen Sie? – Bei mir ist gestern abend eingebrochen worden. Die Diebe haben eine Menge Gegenstände mitgenommen, einen Silberkasten, meinen Pelz, ein Grammophon und noch allerlei. Sehr bedauerlich! meinte der Kommissar; und weshalb haben Sie das nicht schon gestern abend gemeldet? – Ich bin erst sehr spät nach Haus gekommen, erst gegen drei Uhr morgens; und die telephonische Nachtverbindung hat nicht funktioniert. Nun hoffentlich funktionieren Ihre mündlichen Angaben besser. Haben Sie das Verzeichnis der Einbrecher mitgebracht? – Wie meinen Sie das? Gott, sind Sie begriffsstutzig! Ich wünsche von Ihnen zu wissen, wieviel Diebe es waren, wie die Verbrecher heißen und wo sie wohnen. – Aber, Herr Kommissar, das sollen Sie doch herausbekommen. Ich? Sie verkennen die Sachlage. Meine Aufgabe ist es, die Spitzbuben dingfest zu machen auf Grund genügender Daten, die zur Ergreifung führen können. Diese Daten zu beschaffen, war Ihre Angelegenheit. Schließlich, mein Herr, ist doch wohl bei Ihnen eingebrochen worden, und nicht bei mir ! Wissen Sie denn wenigstens um wieviel Uhr der Einbruch stattfand? – Ich vermute, so zwischen zehn und elf. Und wann hatten Sie das Haus verlassen? – Kurz nach halb zehn. Haben Sie vielleicht um diese Zeit auf den Treppen verdächtige Gestalten bemerkt? – Nein, keinen Menschen. Wäre jemand da gewesen, so wäre er mir bestimmt aufgefallen, denn das Stiegenhaus war hell erleuchtet. Und wo sind Sie dann hingegangen? – In eine kleine Gesellschaft zu Bekannten. Wieviel Personen waren dort anwesend? – Das tut doch nichts zur Sache. Es gehört sehr wesentlich zur Sache, es ist mir sogar höchst wichtig. Und ich ermahne Sie, streng bei der Wahrheit zu bleiben, denn es handelt sich hier um ein Protokoll. Also wieviel Personen? – Ich denke, so ungefähr sechzig. Und das nennen Sie eine kleine Gesellschaft? – Ach, es wurde ein bißchen Musik gemacht. Bloß Musik? Ist nicht vielleicht auch getanzt worden? – Freilich, getanzt wurde auch, aber ganz unbedeutend. Also weniger, als bei Ihnen selber getanzt wird, wenn Sie in Ihrer Behausung Gesellschaft haben? – Bedeutend weniger, – – nein, mehr – – ach was red' ich denn da, bei mir in meiner Behausung wird überhaupt niemals getanzt. Sie erklärten doch, bei dem Einbruch wäre Ihnen auch ein Grammophon entwendet worden. Da liegt doch wohl die Vermutung nahe, daß Sie derartige Vergnügungen auch in Ihrer Wohnung pflegen? – Ich versichere Ihnen, Herr Kommissar ... Versichern Sie nicht ins Blaue hinein, sondern denken Sie daran, daß Sie hier quasi unter Eid aussagen! – Aber Herr Kommissar, ich bin doch bloß hergekommen, um einen Einbruch anzuzeigen! Um so verwerflicher sind Ihre Abschweifungen. Bleiben wir beim Thema. Wo stand das Grammophon? – Auf dem Tisch. Was befand sich noch auf dem Tische? – Einige Bronzesachen und ein großer kupferner Aschbecher, die gleichfalls gestohlen wurden. Und wo befand sich der entwendete Pelz? – Im Korridor natürlich. Das ist durchaus nicht natürlich, warum trugen Sie ihn denn nicht bei Ihrem Ausgang? – Ach, mir war so schon riesig warm; mein Dienstmädchen hatte die Stuben überheizt ... Seit wann dient die bei Ihnen? – Seit acht oder neun Tagen. Und ist noch nicht polizeilich gemeldet, wie ich aus diesen Akten ersehe. Also um zum Schluß zu kommen, hm, hm! Ja! ich kann Ihnen nicht verhehlen, die Sache steht nicht gerade besonders gut für Sie. – Sie meinen, es wird schwer sein, die Einbrecher zu ermitteln? Sie schweifen schon wieder ab, mein Herr, beachten Sie, bitte: die Einbrecher habe ich nicht, mithin kann ich nicht gegen sie vorgehen; aber Sie habe ich, – das ist der Unterschied. Erwiesen ist zunächst durch Ihr eigenes Zugeständnis, daß Sie als Hauseigentümer in Ihrem Treppenhaus die Beleuchtung verschwenderisch bis in die Nacht hinein brennen lassen. Kennen Sie die Verordnung? wenn nicht, so schützt Sie auch die Nichtkenntnis nicht vor Strafe. Erwiesen ist ferner, daß Sie Silber-, Bronze- und Kupfersachen in Verwahrung hatten, als leichte Beute für Diebe, während es längst Ihre Pflicht gewesen wäre, diese Objekte der Reichsmetallstelle abzuliefern. Außerordentlich belastend ist demnächst für Sie der gestohlene Pelz. Auf dem Umwege über diesen Pelz ermittelten wir bekanntlich, daß in Ihren Zimmern eine höchst verwerfliche Verschwendung mit Heizmaterial getrieben wird, wofür Sie also noch ganz anders zu bestrafen sind, als durch einen immerhin ersetzbaren Pelzverlust. Daß Sie Ihr Dienstmädchen nicht melden, wie vorgeschrieben, na, das ließe sich am Ende mit einer mäßigen Polizeistrafe erledigen; aber als äußerst erschwerender Umstand tritt zu dem allen Ihre geradezu lasterhafte Sucht, in so ernster Zeit rauschende Lustfeste mitzumachen, ja sogar zu veranstalten. Wir werden da zu untersuchen haben, erstens, ob bei Ihnen eine flagrante Verletzung des Tanzverbots vorliegt, und zweitens, ob Sie sich nicht darüber hinaus durch Ihre Bacchanalien des groben Unfugs schuldig gemacht haben. So viel für heute. Das weitere wird sich finden. – Woraus zu ersehen, daß es keineswegs zu den Annehmlichkeiten gehört, wenn man das Opfer eines Einbruchs wird, und besonders, wenn man dabei das besondere Pech hat, ein Schlemihl zu sein. Ein unbeliebter Mitarbeiter Damals gehörte es zu den beliebtesten Unterhaltungen: wer wohl reicher wäre, Mendelssohn oder Bleichröder? Krösus wurde nicht zum Vergleich herangezogen, denn der war schon lange verschollen und hatte außerdem niemals in Berlin gelebt. Und nur die ganz Eingeweihten gingen noch über Mendelssohn und Bleichröder hinaus, indem sie den Dr. Bethel Strousberg in der Wilhemstraße als den allerreichsten nannten. Aber es gab einen Zeitgenossen, der sich doch noch reicher vorkam als diese Herrschaften alle zusammengenommen. Und das war ich : sintemalen mir ein prominenter Verleger in der Maienblüte meiner jugendlichen Unerfahrenheit eine Stellung an seiner Zeitung angeboten hatte, mit einem Anfangsgehalte von 300 Mark für den Monat. Ehe er noch ausgeredet hatte, war in mir die waghalsige Multiplikation von 300 mit 12 zur Tatsache geworden. 3600 Mark im Jahr und die sofort auftauchende Frage »Was kost' Berlin?« lösten bei mir ein stürmisches Jawort aus. Uebrigens war meine Berechnung gar nicht so übertrieben phantastisch, denn ich habe mich mit diesen Moneten länger über Wasser gehalten, als Strousberg mit seinen Finanzen, die bald darauf in einer welthistorischen Pleite verkrachten. Am nächsten Tage nach dem Angebot besuchte ich den Verleger, Herrn Riegel , in seinem Allerheiligsten. »Eigentlich,« so gestand ich ihm, »habe ich doch ein klein bißchen Angst. Ich habe gestern ein paar Nummern Ihrer » Estrade « durchgesehen, und ich muß Ihnen bekennen, so einen Leitartikel brächte ich gar nicht fertig.« »An den politischen Hauptteil sollen Sie auch vorläufig nicht heran. Sie sollen vielmehr zunächst in der lokalen Rubrik beschäftigt werden, später im Feuilleton. Sie werden alltäglich im Bureau eine Menge kleiner Notizen finden, die uns die Reporter zutragen, auch wohl Zeitungsausschnitte mit wichtiger Substanz, aber nicht genügend redigiert. Davon suchen Sie sich aus, was Ihnen gutdünkt, arbeiten Sie die Notizen ein wenig durch, feilen Sie, schleifen Sie Facetten an, setzen Sie Pointen auf, das ist alles, was ich für den Anfang beanspruche. Und nun kommen Sie hinüber, ich werde Sie den Autoritäten meines Stabes vorstellen.« So ungefähr war dem Schüler zumute, als er mit zagem Finger an die Pforte des Magus Faust pochte. Meine Knie schlotterten respektvoll, als ich dem Altmeister der lokalen Herrschaften, dem Herrn Oberredakteur Bernhardi, zur weiteren Ausbildung überwiesen wurde. Allein schon nach einer halben Stunde begann diese Umwelt mich anzuheimeln. Die Eingesessenen kamen mir so nett entgegen, wie man es bei ihren überragenden Stellungen und ihren vollreifen Persönlichkeiten nur irgend verlangen konnte. »Klimberger kommt heute nicht,« sagte der zweite Redakteur Dr. Krietschmann; »er hat vor fünf Tagen Premiere im Schauspielhaus gehabt und schreibt seitdem bei sich zu Hause an seiner Vorkritik.« Ich gab der Hoffnung Ausdruck, daß ich Herrn Klimberger wohl noch persönlich kennen lernen würde. »Fürs erste kaum!« meinte der Schriftleiter Kobisch, der in einem imposanten Schanzwerk von Zeitungen vergraben zur Seite hockte. »Wenn Klimberger im Theater gewesen ist, dann bleibt er gewöhnlich vierzehn Tage unsichtbar. Außerdem haben wir momentan Nordwind und er kann nur bei Westwind stilisieren. Er arbeitet ein bißchen langsam, aber gediegen, sage ich Ihnen.« Bernhardi ergänzte: »Bloß, daß er mit seinen Prognosen etwas schwerfällig ist. Sobald er einen langanhaltenden Erfolg prophezeit, kriegt der Leser seine Kritik erst zu Gesicht, wenn das Stück längst vom Spielplan abgesetzt ist. Uebrigens – der reine Lessing!« »Ha, ha, ha! Lessing!« dröhnte von der Ecke her der profunde Bierbaß des Redakteurs Sauerbrey, der eben dabei war, einer brennenden Kaffeemaschine ihren Quellsaft abzugewinnen. »Ich bitte mir Ruhe aus!« rief Dr. Stenzelburg vom Sofa her; »bei dem Gebrüll soll einer schlafen können!« Um mir nicht die gleiche Rüge zuziehen, senkte ich meine Stimme auf Halbmast und fragte so diskret als möglich: »Ich bitte um Verzeihung, meine Herren, war der vorzügliche Artikel gestern über Talma und Garrik von Herrn Klimberger?« »Keine Idee,« entgegnete Kobisch, »den habe ich gebracht: so was find man nicht alle Tage! Den famosen Aufsatz über Talma und Garrik habe ich in der »Augsburger Allgemeinen Zeitung« gefunden.« »Sie meinen das Quellenmaterial?« »Nee, den ganzen Artikel!« »Ach so,« sagte ich etwas enttäuscht, »er ist gar nicht von Ihnen?« »Da hätte ich wohl ville zu tun, wenn ich auch noch Artikel schreiben wollte. Ich lese hier täglich fünfundvierzig Zeitungen, das soll mir erst mal ein Kollege nachmachen. Warten Sie mal eenen Augenblick, ich habe eben wieder was gefunden: hier in der »Züricher Morgenpost« steht ein sehr interessanter Aufsatz über Winterkuren im Engadin, den wollen wir morgen veröffentlichen.« »Kann ich mich vielleicht dabei nützlich machen?« »Nee, das Ausschneiden besorgt der Kollege Sauerbrey da drüben. Sie, Sauerbrey, schneiden Sie mal den Artikel hier aus der »Züricher« zurecht!« »Sie werden gefälligst warten, bis ich meinen Kaffee fertig redigiert habe,« scholl des Angerufenen Stimme herüber, »ich werd' wohl gerade bei der zweiten Tasse aufhören, um mir für Ihren Engadiner Zimt Hühneraugen an die Finger zu schneiden! Schaffen Sie sich doch meinetwegen eine Dampfschere an mit Treibriemen, aber lassen Sie mich zufrieden, wenn ich beim Vesperbrot bin!« »Sie müssen nämlich wissen, unser verehrter Sauerbrey ist ein bißchen bequem geworden,« erläuterte Bernhardi vertraulich, »er war früher einer der besten Schneider, die wir jemals in der »Estrade« gehabt haben. Sein Bild ist sogar in der »Illustrierten Welt« unter »Meister der Schere« erschienen. Aber, wie wir technisch zu sagen pflegen: er hat sich ausgeschnitten. Und insofern betrachte ich es als einen sehr glücklichen Gedanken unseres Verlegers, daß er jüngere, unverbrauchte Kräfte zur Unterstützung heranzieht. Ich werde Sie später persönlich darin unterweisen. Vorderhand können Sie mir zuschauen, wie ich die morgige Nummer disponiere.« »Sind Sie schon mit Ihren Artikeln fertig?« warf ich ein. »Jawohl, da liegen sie alle. Da kann sich der Laie kaum einen Begriff machen, was für Arbeit dazu gehört, um soviel Dutzend Zeitungsausschnitte zusammen zu bekommen. Die müssen jetzt sämtlich nach einem genialen Prinzip auf leere Blätter geklebt werden. Eine saure Arbeit, besonders wenn der Redaktionsdiener nicht für ordentlichen Kleister sorgt. Mit dem Pamps da soll einer ein Weltblatt machen!« Er klingelte dem Diener: »Päpke, was ist das nur wieder für eine Wirtschaft! Gießen Sie wenigstens eine Kanne Wasser auf den Kleister, mit der Substanz hier kann man Ziegelsteine mauern, aber kein hauptstädtisches Blatt redigieren!« Während der Bureaudiener den Befehl vollstreckte, ergänzte Bernhardi: »Sie sehen, das ist nicht so einfach, man hat so seine Verdrießlichkeiten mit der Literatur. Sie selbst werden es bald genug spüren: sogar mit dem vorzüglichsten Kleister läßt sich noch keine gute Zeitung bauen; auf den Pinsel kommt es an! In dieser Hinsicht bin ich hier maßgebend und Herr Riegel weiß wohl, daß er in mir eine unersetzliche Kraft besitzt! Immerhin wird es mir manchmal etwas zu viel und es ist mir ganz willkommen, wenn ich in Ihnen eine Hilfe gewinne. Meine Losung ist Kleben und kleben lassen!« Bei dieser Sentenz schlug er mich frohlaunig auf die Schulter und leistete sich eine herzhaft dröhnende Lachsalve. Grund genug für Stenzelburg, um sich wieder aus der Tiefe des Sofas zu melden: »Also es ist hier radikal unmöglich, ein Auge zuzumachen. Lachen Sie doch draußen auf dem Korridor und nehmen Sie endlich Rücksicht auf die Redaktion!« Nach einer kleinen Pause machte ich mich dem Wunsche des Verlegers entsprechend über einen Packen Notizen her, um sie stilistisch ein wenig aufzuputzen, und bat hierzu um Schreibpapier, Feder und Tinte. »Was wollen Sie denn damit?« »Schreiben. Dazu hat mich doch Herr Riegel verpflichtet.« »Das sind nun wieder so überspannte Reformideen! Unser lieber Riegel scheint auch in moderne Uebergeschnappheit zu verfallen. Sauerbrey, haben Sie Tinte?« »Was soll ich haben?« »Tinte!« »Zur Jause Tinte? Ich bin froh, daß ich meinen Kaffee habe.« Auch bei Kobisch weckte diese Zumutung alle Symptome gerechter Entrüstung. Man wäre doch hier in einem Journalistenbetrieb und nicht in einer Gemeindeschule. Und Päpke, der Redaktionsdiener, machte dazu ein Gesicht, als hätte ich von ihm unterschwefligsaure Mangantinktur verlangt. Da war vorläufig nichts zu machen. Aber am nächsten Tage erschien ich mit meinem eigenen Material bewaffnet. Ließ mich am Tische des Chefredakteurs nieder, entkorkte eine Flasche tiefschwarze Kaisertinte, hantierte mit Feder, Papier und Löschblatt und begann ein Manuskript zu entwerfen. Wenn ich es unternommen hätte, in diesem Raum ein Feuerwerk abzubrennen, so würde ich damit kein größeres Aufsehen erregt haben. Bernhardi mit hochgeschwungenem Kleisterpinsel starrte fassungslos, sein Nachbar wies mit gespreizter Schere auf das Phänomen, Kobisch schneuzte sich, um seine Erschütterung niederzukämpfen, in die »Kölnische Zeitung«, und Stenzelburg, der sich ermuntert hatte, fiel vor Schreck vom Sofa. Ich aber war entschlossen, allen Demonstrationen zu trotzen und stippte meinen Kiel fleißig in die Tinte. Als ich nach einem Absatz von zwölf Zeilen zum erstenmal aufblickte, war das Zimmer leer. Die Herren Kollegen hatten das Feld geräumt. Neben mir stand der Verleger in höchsteigener Majestät. »Entschuldigen Sie nur, Herr Riegel, daß ich nicht schon gestern angefangen habe, aber es war keine Tinte vorhanden, und deshalb ...« »Hören Sie, junger Herr, ich bin doch in der Hauptsache wieder schwankend geworden. Betrachten Sie meine Eröffnung nicht etwa als eine Kündigung wegen Unfähigkeit – bewahre! Aber schließlich, es gibt doch in einer großen Zeitung eine Tradition, und ich als Verleger bin als erster berufen, die Homogenität des Arbeitskörpers zu wahren. Im Journalistenbetrieb ist nichts verhängnisvoller als die Durchbrechung erprobter Prinzipien, und sobald mir meine bewährten Mitarbeiter streiken, steht die »Estrade« vor einer Katastrophe.« – Er schob mir diskret ein ansehnliches Kuvert zu: »Sie sollen natürlich ausreichend befriedigt werden, mit einem vollen Monatsgehalt, und damit wollen wir Schluß machen. Ja, und wenn Sie mir noch einen besonderen Gefallen erweisen wollen, entfernen Sie hier alles, was die Kollegen zu gerechtem Protest reizen muß: Nehmen Sie bloß um Gottes willen Ihre Tinte mit!!« Draußen war ich; zwar höchst opulent entlohnt, aber immerhin doch sozusagen hinausgeschmissen. Ich verfügte mich direkt in ein Luxusrestaurant, und mit einer Flasche guten Pommery schwemmte ich mir die Empfindung hinweg, daß ich mich mit meinem ersten Anlauf zur Journalistik so fürchterlich unbeliebt gemacht hatte. V. Teil Leider, leider! Beichtende Kavaliere Diese Geschichte hat einen diskreten Hintergrund und beansprucht auch vom Erzähler ein hohes Maß von Diskretion. Ich selbst habe sie nur durch groben Vertrauensbruch erfahren und sollte mich jedem Unbefugten gegenüber zur größten Vorsicht verpflichten. Das habe ich auch getan, indem ich meinem Gewährsmann gelobte: »Verlassen Sie sich darauf, daß ich genau so verschwiegen sein werde wie Sie. Darüber gehe ich sogar noch hinaus: ich werde die Herrschaften, von denen ich rede, nur mit Vornamen bezeichnen.« Das spielte also bei der Baronin Magda, einer jungen, exzentrischen Witwe von ziemlich freier Lebensauffassung, die eben einen kleinen, exquisiten Herrenkreis zum Fünfuhrtee bei sich sah. Lauter Verehrer und mehr oder minder aussichtsreiche Anwärter auf ihre Gunst. Man sprach davon, ob es einer unabhängigen Dame gestattet wäre, mit einem Herrn allein zu reisen. Und nachdem diese Vorfrage bejahend entschieden war, sollte Frau Magda denjenigen bezeichnen, den sie für ihre bevorstehende Sommerreise als Begleiter und Cavaliere servente annehmen würde. Die Dame erklärte: »Mit diesem Vorzug werde ich denjenigen beglücken, der sich jetzt am besten aus der Affäre ziehen wird. Es handelt sich um ein Gesellschaftsspiel, dessen Anweisung ich in einem Roman von Dostojewski gefunden habe, und das er als » Petitjeu « empfiehlt. Als Preis und Gewinnst habe ich mich ja bereits selbst ausgesetzt, und ich übernehme auch das Amt der Jury, die den Sieger bezeichnen wird. Einverstanden?« »Natürlich! Mit tausend Freuden! Aber wie wird denn das eigentlich gespielt??« »Passen Sie auf, meine Herren. Jeder von Ihnen wird jetzt mit kurzen Worten eine Geschichte erzählen, eine wahre Begebenheit aus seinem eigenen Leben. Und jetzt kommt der erste Haken: ganz aufrichtig, ohne jede Verschleierung und Retouche; so wahrhaftig, wie der Mensch sonst nur redet, wenn er sich mit sich selbst unterhält.« »Frau Magda, Sie sagten, das ist der erste Haken. Da gibt es also noch einen zweiten, wie lautet der?« »Ja, jetzt kommt die eigentliche Aufgabe, und die ist wirklich etwas schwierig. Jeder Herr muß auf Ehr' und Gewissen diejenige Tat melden, die ihm selbst als die verwerflichste erscheint. Nur ein Heuchler redet sich vor, daß er niemals eine Gemeinheit begeht. Aber der Kern unseres Gesellschaftsspiels ist ja gerade die Aufrichtigkeit. Also ungeschminkt und ungelogen. Heraus mit den Geständnissen! Ein Schuft, wer von sich keine Schufterei zu erzählen weiß. Und selbstverständlich: es bleibt alles in diesen vier Wänden. Das gilt natürlich für sämtliche Teilnehmer ehrenwörtlich. Wollen Sie anfangen, Herr Heinzkunz?« »Wird mir wohl nichts übrig bleiben. Denn wenn ich auch kein Ausbund an Tugend bin, Feigheit möchte ich mir nicht vorwerfen lassen: wenigstens nicht augenblicklich. Vielmehr gestehe ich tapfer, daß ich einmal feige gewesen bin, sogar erst vor einigen Monaten. Da steuerte ich mein Auto in Thüringen und hatte das Pech, einen Handwerksburschen umzufahren. Getötet habe ich ihn nicht, aber zweifellos erheblich beschädigt. Der Kerl schrie hinter mir her, ich aber wollte keine Scherereien haben, verdoppelte die Geschwindigkeit und entkam in der Dämmerung. Nachträglich hab' ich mich freilich meines Verhaltens geschämt, und heut erscheint es mir unbegreiflich. Aber ich sollte doch eben die schlechteste Tat meines Lebens erzählen, und da mir eine so hohe Belohnung winkt, heiligt der Zweck das Mittel. Ich glaube auch kaum, daß mich einer der anderen Erzähler an Aufrichtigkeit übertreffen wird.« »Lassen wir es darauf ankommen!« meinte der Nächste. »Ich habe bei meiner letzten Steuererklärung ein ziemlich starkes Ding gedreht. Und um ganz streng bei der Wahrheit zu bleiben, so war die Ziffer 20 050. Soviel Gulden hatte ich nämlich bei einer holländischen Lieferung eingenommen, und diese Gulden hab' ich in meiner Deklaration als Mark eingestellt. Ein bißchen frech, allerdings. Und ich entsinne mich auch wirklich nicht, jemals im ganzen Leben, etwas Aehnliches verübt zu haben.« »Das schlimmste, dessen ich mich aus meiner Praxis erinnern kann, war folgendes:« – so berichtete Doktor Klausheinrich. »Ich hatte unter dem Mikroskop einen neuen Bazillus entdeckt, und da kam der Experimentierteufel über mich, ich wollte absolut wissen, wie das Zeug wirkt. Und deshalb habe ich einem Patienten, den ich zu ganz anderen Zwecken narkotisierte, eine Dosis davon unter die Haut gespritzt. Resultat: eine Art von Flecktyphus. Na, der Mann kam noch so knapp mit dem Leben davon, aber eine Infamie von mir war's trotzdem.« So ging es weiter, mit Innehaltung des Programms. Wenn das Gewissen erst gesprächig wird, weiß es allerlei zu erzählen, und die Beichte jedes Vordermannes beflügelt das Geständnis der Nachfolger. Es kam alles in allem ein hübsches Bukett von Uebeltaten zustande, und die Aufrichtigkeit, die sich sonst so dürftig belohnte, feierte Triumphe. Sind wir nun durch? Nein, einer fehlt noch, der kleine Assessor Eitelkuno. Der war doch eben noch im Zimmer? Scheint sich gedrückt zu haben, das zarte Herrchen mit dem schwachen Charakter. Aber nach zwei Minuten erschien er schon wieder auf der Bildfläche. Er hatte sich bloß mal ein bißchen auf dem Flur aufgehalten. »Sie sind uns noch Ihre Erzählung schuldig! Nur keine Bedenklichkeit vorgeschützt! Heraus mit der Beichte!« »Sofort, gnädige Frau. Bin schon im Bilde. Also die größte Gemeinheit meines Lebens soll ich melden? Da brauche ich nicht lange in der Vergangenheit zu suchen, sie ist nagelneu. Untat frisch vom Faß.« »Erklären Sie sich deutlicher. Herr Assessor. Was haben Sie denn begangen?« »Ganz einfach: ich habe soeben telephonisch die Staatanwaltschaft angerufen und die Herren unseres reizenden Petitjeu mit Nennung von Namen, Adresse und Delikt einzeln angezeigt. Sie werden sämtlich wahrscheinlich schon morgen die Vorladung erhalten, und unseren Strafkammern steht lohnende Arbeit bevor.« So eine Gemeinheit! Wie eine Revue entsteht Die Not bringt einen zu seltsamen Schlafgesellen, und der Zufall zu seltsamen Theaterdirektoren. Ich werde nicht ausführlich erörtern, wieso ich an die beiden Bühnenmonarchen geriet, die ich hier als die Herren Wallreuter und Pfaffnutzky vorstelle. Genug, ich war von ihnen zur Audienz in ihrer Staatskanzlei bestellt, und sie erwarteten von mir artistische Erleuchtung. Sie verfügten über viele Vorbedingungen für einen glänzenden Theaterbetrieb; ihr frisch erbauter Musentempel zwischen Kurfürstendamm und Motzstraße war tipptopp, ihr Personal konnte sich sehen lassen, im Punkt der Unternehmungslust nahmen sie es mit Thespis und Reinhardt auf, in den Finanzen herrschte großzügige Wirtschaft, kurz, es war alles vorhanden bis auf eine Kleinigkeit: sie hatten kein Stück. und sie waren durch eifriges Nachdenken zu der Ueberzeugung gelangt, daß zu einer Einweihungspremiere schließlich auch ein Theaterstück gehörte. Genau gesagt: es war Herr Wallreuter als der Intelligentere der Firma, der diese Ansicht vertrat, während Herr Pfaffnutzky noch andere Wege offen sah. »Die Zeit der Theaterstücke«, so äußerte er, »ist eigentlich vorbei. Man läßt tanzen, das genügt, wir verfügen über hundertsechzig Mädchenbeine...« »Sie wollen sagen: über achtzig Tänzerinnen,« warf ich laienhaft ein. »Auch diese Division durch zwei ist veraltet. Man zählt nach Beinen und nicht nach Personen.« »Immerhin,« ergänzte Wallreuter, »kann es nicht schaden, wenn auf der Bühne, vom Tanz abgesehen, irgend etwas vorgeht. Und dies ist ja auch der Grund, weswegen wir den Herrn herbestellt haben, wir wissen, daß Sie früher an der Bühne tätig waren, und vermuten, daß Sie uns einige brauchbare Ratschläge erteilen könnten.« »Darüber wird sich reden lassen,« sagte ich. »Und wenn es den Herren recht ist, so will ich Ihnen einen Plan entwickeln, den ich mir schon unterwegs überlegt habe. Ich meine die Umrisse eines Szenariums, das die Mitwirkung Ihrer erfreulichen hundertsechzig Beine nicht ausschließt und dabei doch eine spannende Handlung bietet.« Paffnutzky zuckte schmerzhaft zusammen: »Wenn ich schon höre »Handlung«! So was wird ja heute kaum noch in den Kammerspielen geduldet!« Aber der andere ermutigte mich: »Bitte, entwickeln Sie nur. Sie scheinen ja ein Thema auf der Pfanne zu haben, und vielleicht läßt sich wirklich auf unserm Theater mit einer Handlung irgendetwas anfangen.« »Also passen Sie auf. Ich verlege den Beginn des Stückes nach Brasilien ...« »Hört, hört! das fängt gut an, so wahr ich Wallreuter heiße. Exotisches, das mögen die Leute. Ich sehe die Sache schon vor mir: einen farbenstrotzenden Urwald mit einem grandiosen Affenballett! Also weiter!« »Nur Geduld. Die Ballette kommen erst später. Zunächst brauche ich doch einen dramatischen Auftakt. Da zeige ich einen vermögenden Pflanzer, nennen wir ihn Cesare Tinto, einen verknöcherten Geizhals, der sich aus seiner Tabaksplantage den Besitz von einer Million Goldfranken herausgewirtschaftet hat. Bei diesem Mann erscheint der Notar Leon, um ihm eine testamentarische Urkunde auszuhändigen. Deren Urheber ist ein längst vergessener Vetter des Pflanzers, der ihn vor dreißig Jahren, vom Hunger gepeinigt, vergeblich um eine Beihilfe anflehte. Seitdem hat sich dieser Vetter aus eigener Kraft emporgearbeitet, er ist wohlhabend, er ist sogar ein Krösus geworden. Und nun hat er in einer rachsüchtigen Laune folgendes testiert: Sein hartherziger Vetter Cesare Tinto soll aus der Erbmasse ein hohes Legat empfangen, bare zwanzig Millionen, unter einer Bedingung: dieser Reichtum soll ihm gehören, wenn er es fertig bringt, sein gesamtes bisheriges Vermögen, also seine Million binnen fünfzig Tagen restlos auszugeben, zu vergeuden. Der Sinn der Klausel leuchtet ein: die Habgier wird ihn aufstacheln, jene Klausel zu erfüllen: allein der Geiz wird es ihm verwehren, sich zuvor zum Bettler zu machen, ehe ihm die große Erbschaft zufällt. Er muß seine innere Geiznatur vergewaltigen, die ihm die mutwillige Ausgabe auch nur eines Centimes verbietet, und so wird er als Verschwender wider Willen bis zur Lösung der Aufgabe durch fünfzig Tage Höllenqualen ausstehen ...« »Ich bin bloß neugierig,« meinte Direktor Paffnutzky gelangweilt, »wann nun bei Ihnen endlich einmal getanzt wird.« »Episodisch gleich im ersten Akt. Da gerät der knickrige Pflanzer in eine Ballgesellschaft zu Rio de Janeiro, woselbst die Quelle brasilianischen Reichtums in einem bunten Ballett symbolisiert wird. Ich verlange hier vierzig Tänzerinnen, deren Kostüme nach den Reklamefiguren der berühmten Zigarren- und Zigarettenfirmen stilisiert sind. Wie bei Richard Strauß aus dem »Schlagobers« der weibliche Schwarm daherschwebt, so soll sich hier gleichsam aus dem duftigen Rauch der Zigaretten eine holde Mädchenwolke entwickeln.« »Machen wir!« rief der Direktor. »Dafür interessieren sich auch die Firmen, die Manoli, Astoria, Garbaty und wie sie alle heißen. Und das ist auch etwas für unsere Tiller-Girls !« »Die werden nicht ausreichen,« meinte Direktor Wallreuter, »wir werden hier die Tiller-Girls mit den Lawrenc-Girls kombinieren.« »Und wir erfinden hierzu eine Verschmelzung von Jimmy-Step mit Bostonfox. Gott sei Dank, daß nun Leben in die Bude kommt, daß die faule Erbschaft verschwindet und die Beine Ereignis werden.« »Nein, die Erbschaft verschwindet durchaus nicht, sie fängt ja erst an. Mitten in das Ballfest platzt die Revolution mit der Entthronung des Kaisers Pedro von Brasilien, der Geizhals Tinto wird als vermeintlicher Monarchist in den Umsturz verwickelt und zwangsweise nach Europa abtransportiert. Und hierin ruht der dramatische Kern des Ganzen. Denn er soll doch laut Testament seine gesamte Habe ausgeben und eben dieses wird ihm vereitelt. Es entspinnt sich eine Kette brillant gedeichselter Abenteuer, mit jedem Tage wird er weiter von seinem Geldtresor abgedrängt, er kann an sein Vermögen, dessen rasche Verschwendung ihm obliegt, gar nicht heran. Szene für Szene sehen wir ihn verzweifelt gegen sein Schicksal kämpfen; hier wird er durch elementare Naturereignisse aufgehalten, dort durch eine Quarantäne, alle Dämonen scheinen verschworen, um ihm die Rückkehr, den Zugang zu seinem Tresor zu versperren. Endlich, nach zahllosen aufregenden Abenteuern auf dem Ozean, in Lüften, in den Gletschern der Walliser Alpen ...« »Halt, halt,« rief Wallreuter dazwischen, »hier werden Sie doch wohl gütigst ein Eisballett einlegen!« »Mit mindestens fünf Dutzend Schneeköniginnen, bitt' ich mir aus,« ergänzte Paffnutzky: »hier lassen wir die Kanada-Girls aufmarschieren ...« »Und die Halifax-Girls ; wird sich pompös machen zwischen den Gletschern: allerdings, die Halifax-Girls haben wir ja gar nicht, die gastieren gegenwärtig in London, aber es soll mir nicht darauf ankommen, sie von dort fortzuengagieren.« »Was soll das heißen, Sie werden engagieren? Geben Sie das Geld oder ich ? Na also, nur immer reinliche Verhältnisse, Kollege Wallreuter. Sobald der Herr fertig erzählt hat, werde ich persönlich nach London telegraphieren. Bitte fortzufahren!« »Ich überspringe acht amüsante Zwischenbilder und eile zum Schluß. Der Mann erzwingt wirklich die Heimkehr genau einen Tag vor dem im Testament fixierten Termin, und es gelingt ihm auch tatsächlich, sein Geld zu verschleudern. Er gelangt nämlich nach Rio gerade zu einem republikanischen Fest mit Korso und Feerie, er rüstet hierfür eine fabelhaft strahlende Gruppe aus menschgewordenen Edelsteinen, Gold- und Silberfäden, tropischen Schmetterlingen, Kolibris und Paradiesvögeln, die sich auf einer luxuriösen Treppe unter Begleitung von fontaines lumineuses in einer fabelhaften Farandole bewegen ...« »Farandole kann bleiben: aber nicht zu vergessen: Bostonstep, Stepboston, Stepjimmy, Jazzjimmy, Javajazz und Jazzstepfoxtrott. Das allein garantiert dreißig volle Häuser ...« »Ganz meine Meinung, vorausgesetzt, daß wir unsere vorhandenen hundertsechzig Beine noch sinngemäß durch die Truppen der Bristol-, Kokain- und Piccadilly-Girls vervollständigen. Was wird denn übrigens noch aus Ihrer Zwanzig-Millionen-Erbschaft?« »Das ist eben der Clou des Stückes. Der Geizhals bekommt sie nicht. Denn in letzter Sekunde erhält er von der Stadt Rio für die prächtige Ausrüstung seiner Festgruppe einen Geldpreis, er besitzt mithin trotz aller Verschwendung noch Vermögen, die Testamentsklausel ist nicht erfüllt. Und hieraus entwickelt sich im allerletzten Finale noch ein unerhört überraschender Schlußtrick, nämlich so ...« »Ach, Sie wollen uns schon wieder dramatisch öden, davon haben wir nun gerade genug. Kurz gesagt, wir werden Ihr Stück aufführen, und zwar mit radikalem Ausschluß der Handlung. Da haben wir eine Revue, wie wir sie brauchen, amüsant, berauschend und ohne störende Begebenheiten.« Und in dieser Form soll die Sache demnächst steigen. In maßgeblichen Theaterkreisen schwört man bereits Stein und Bein auf den Erfolg, besonders Bein. Eine Hauptsache wäre noch nachzutragen, nämlich daß das besagte Stück bereits vor vielen Jahren aufgeführt worden ist, inklusive aller Handlung. Es war damals nach meinem Entwurf von mir und einem Kollegen ausgearbeitet worden und machte am alten Viktoriatheater monatelang volle Häuser. Freilich, die Ballette galten zu jener Zeit nur als Episoden, sie hatten sich noch nicht zu beherrschender Selbständigkeit ausgewachsen, und da der Typus »Revue« mit den alleinseligmachenden »Girls« noch nicht existierte, so ließ sich das Publikum auch die sozusagen dramatischen Begebenheiten gefallen: als Nachklänge der spannenden Szenenbilder, wie sie einst Jules Verne auf die Bühne gestellt hatte. Im Gehege der Paffnutzkys ist man heute weiter. Aller Erfindungsballast ist glücklich über Bord geworfen, frei im Aether herrschen die Mädchenbeine, und nach ihrer Anzahl läßt sich der Erfolg im voraus arithmetisch berechnen. Ebenso läßt sich danach feststellen, daß unser vormaliges Publikum in den alten Ausstattungstheatern total verblödet war. Jene Menschen verlangten noch Szenen, in denen irgendetwas vorging, die Autoren entsprachen diesem Wunsche mit entgegenkommendem Stumpfsinn, und zwischen Parkett und Bühne war die Trottelosis ziemlich gleichmäßig verteilt. Ich als Schwerverbrecher Eigentlich hätte ich es mir selbst sagen müssen, daß ich in meinem etwas verstrolchten Aufzuge als bescheidener Ferienbummler da nicht recht hineinpaßte. Allein von der prachtvollen Front des Alpenhotels am smaragdgrünen See ging ein magnetisches Fluidum aus, und ich unterlag der Verlockung, mich den Reizen des »Grand Hotel Charmant« anzuvertrauen. Trat ein und wandte mich an den Portier mit dem Ersuchen, mir ein ganz einfaches Zimmer anzuweisen. Mir schwebte dabei eine Preislage von 3 Francs vor, das konnte ich noch erschwingen; und das Bewußtsein, einmal in einem so herrlich gelegenen, luxuriösen Gasthof zu wohnen, war sogar 3 Francs und 50 Centimes wert. Da ergab sich zunächst ein Instanzenzug. Denn der Mann, an den ich geraten war, bekannte sich nur zur Stellung eines Unterportiers. Dieser überlieferte mich dem Vizeportier, und so gelangte ich im Zuge der Verhandlungen an den Oberportier, an den Haupt-Concierge, und schließlich an den Maître d'Hôtel, der mich in ein respektgebietendes Bureau leitete. Hier thronten drei vornehme Beamte, die eigentlichen Minister der gasthöflichen Angelegenheiten, und sie gaben mir zu verstehen, daß der Eröffnung der Audienz nichts im Wege stünde. – »Wollen Sie die Freundlichkeit haben, mein Herr, uns Ihre Empfehlungen vorzulegen!« »Wieso Empfehlungen?« – »Wir nehmen in der Regel nur solche Gäste auf, die persönlich durch direkte Referenzen an uns adressiert sind. Wir wollen indes im vorliegenden Fall eine Ausnahme machen. Beabsichtigen Sie, die ganze Saison hierzubleiben, oder nur einige Wochen?« – »Ach nur auf ein paar Tage, drei allerhöchstens.« – »Sie verkennen den Charakter dieses Hauses. Sie befinden sich hier nicht in einer Unterkunftshütte oder in einer Herberge für Wandervögel. Zwei Wochen wären das mindeste. Unter dieser Voraussetzung wollen wir Ihr großes Gepäck von der Station der Drahtseilbahn herbefördern lassen.« – »Ich habe nur diese Handtasche und bin zu Fuß heraufgekommen.« Der Fall schien ebenso neu als schwierig, und die drei gestrengen Herren wußten offenbar nicht, was sie mit mir anfangen sollten. Noch war es Zeit für mich, durch einen raschen Verzicht die Situation zu klären. Mit einer kurzen Kehrtwendung wäre ich frei gewesen und brauchte kein weiteres Examen über mich ergehen zu lassen. Allein ich unterlag bereits jener nervösen Lähmung, die als »Hotelosis« die Aufmerksamkeit der Pathologen verdient. Die Symptome dieser Hotelosis treten nur in Gastpalästen allerersten Ranges auf, hervorgerufen durch den Druck imponierender Gewalten, die den Passanten dämonisch ergreifen. Ich wollte erklären, daß ich mich in der Adresse geirrt hätte, und dies Bekenntnis blieb mir im Halse stecken. Ich wollte fort, und ich blieb, um erst auf einem Zimmer, das ich unter schleierhaften Bedingungen bezogen hatte, zum dämmernden Bewußtsein meiner Lage zu gelangen. Ein Wandanschlag verkündete: Preis des Zimmers pro Woche 50 Francs. Service, Beleuchtung, Heizung extra. Bei Abreise sind die Zimmer bis 11 Uhr vormittags zu räumen, da sonst die Miete noch für die folgende Woche berechnet wird. Werden die Mahlzeiten nicht im Hotel eingenommen, so erhöht sich der Zimmerpreis um 30 Prozent. Diner und Souper ohne Wein 2 Francs Aufschlag. Während der Nachtstunden sowie nachmittags von 2 bis 4 Uhr darf in den Zimmern weder gesungen noch laut gesprochen werden. Türen und Fenster sind leise zu schließen. Das Rauchen in den Korridoren wie überhaupt in sämtlichen Gasträumen mit Ausnahme des Fumoirs ist untersagt. Im übrigen sind die geehrten Herrschaften gehalten, die im Vestibül angeschlagene Hausordnung unweigerlich zu befolgen. So viel Zeilen, so viel Drohungen! Das Ganze las sich wie ein Anhang zum Strafgesetzbuch. Hatte ich in jenen Jahren auf langen Bergwanderungen über Matten, Fels und Gletscher die Freiheit nach allen Dimensionen durchgekostet, so fühlte ich mich jetzt unter dem Zwange einer drakonischen Verfassung, die meinen Willen und mein Portemonnaie gleichmäßig belastete. Hier wurde offenbar mit höherer Algebra gearbeitet. Bis zu welcher Höhe würde wohl mein Defizit gedeihen? Die Kopfrechnung reicht hierfür nicht aus, also machen wir einen schriftlichen Ueberschlag. Das zum Stubeninventar gehörende Tintenfaß besitzt eine besondere, sicherlich in mehreren Kulturstaaten patentierte Konstruktion, die es ihm ermöglicht, sofort umzufallen und die reizende Tischdecke radikal zu verschmieren. Ein derartiges Ereignis war voraussichtlich in den Hausgesetzen als ein Kapitalverbrechen mit wenigstens 100 Francs Buße verzeichnet. Und dazu scheint die Sonne noch so impertinent, hohnlachend und verräterisch auf die frischen Tinteflecken! Ich versuchte deshalb, den in schweren Stoffwolken gewellten Fenstervorhang herunterzulassen. »Der Versuch ist strafbar,« heißt eine oft wiederkehrende Zeile im Kriminalregister; und die Richtigkeit dieser Floskel trat auch hier evident zutage, indem sich die ganze Rollmaschinerie am Fenster beim ersten Versuch aus dem Gestänge löste und mit betäubendem Geräusch herabpolterte. Und mit solchen herostratischen Freveln wagte ich hier in der ersten Minute zu debütieren, ich, der Tourist ohne Gepäck, von dem das Hotel fortgesetzte Proben der Demut und Bescheidenheit erwartete! Es erschien mir geraten, mit einem Akt der Selbstanzeige hervorzutreten und mich offen zu meinem Vandalentum zu bekennen, um mir dadurch wenigstens die Möglichkeit mildernder Umstände offen zu halten. Ich klingelte also. Das heißt: ich wollte klingeln. Aber aus Versehen erwischte ich statt des läutenden Druckknopfes das kleine an der Wand befindliche Knipsinstrument, das die elektrische Beleuchtung reguliert. Im Nu erstrahlen sechs Glühbirnen im Zimmer. Da dieses Phänomen durchaus nicht in meiner Absicht liegt, so schraube ich wieder zurück, ohne den gewünschten Effekt zu erzielen. Ich bearbeite nunmehr den Knipser nach allen Richtungen, zehnmal zurück, zwanzigmal vorwärts, allein die fatale Glüherscheinung blieb in bösartiger Beharrlichkeit bestehen. Endlich entdeckte ich den Druckknopf, der die Bedienung ruft; alsbald erschien an der Schwelle ein eleganter Kellner in der Haltung eines Grandseigneurs von Geblüt. »Ach bitte, ich habe aus Versehen das elektrische Licht angezündet, Sie können das wohl wieder ausmachen.« Der Kellner begann an der Wand zu operieren, stutzte und erklärte mit amtlicher Betonung: »Hier ist etwas kaputtgemacht, das muß ich melden.« Die Meldung hatte das Auftreten eines neuen Offizianten zur Folge, der anscheinend mit den Vollmachten eines Untersuchungsrichters ausgestattet war. Der übersah das Feld meiner Tätigkeit und äußerte mit den Akzenten eines Staatsanwalts: »Sie haben die Gardine herabgerissen, mein Herr! Wir werden wegen des Tapeziers einen Eilboten nach der nächsten Ortschaft expedieren. Was die elektrische Leitung betrifft, die Sie überdreht haben, so liegt die Sache leider nicht so einfach: der Elektrotechniker wohnt in der Stadt, er ist zurzeit unabkömmlich und kann vor Ablauf der Woche nicht hier sein. Bis dahin wird das Licht auf Ihre Kosten brennen müssen. Eine neue Tischdecke wird unverzüglich auf Ihr Zimmer befördert werden. Diese hier, die Sie ruiniert haben, kommt auf Ihre Nota.« »Wird das sehr teuer sein?« fragte ich kleinlaut. »Teuer ist ein relativer Begriff. Unsere Gäste gehören in der Regel zur Oberschicht der europäischen Gesellschaft und pflegen im allgemeinen hier nichts teuer zu finden. Freilich, wenn man mit einem Ränzchen über die Berge zieht, sollte man nicht den Ehrgeiz haben, im »Grand Hotel Charmant« zu wohnen!« Mit dieser von Weltweisheit triefenden Sentenz empfahl er sich. Ich faßte den Gedanken an Flucht. Mochte man mich auch für einen Vagabunden halten, – nur hinaus! Ich öffnete die Tür – niemand auf dem Korridor. Aber als ich bis in die Nähe des Treppenabsatzes gelangt war, hörte ich Tritte. Mir war es, als riefen mir Geisterstimmen die Verdammungsworte: »Hotelpreller! Gauner!« entgegen. Ein Schwindelanfall kam über mich, ich verlor den Halt, stürzte etliche Stufen hinab, fiel auf einen Menschen, der ein riesiges Tablett balancierte, riß ihn in die Tiefe, während ringsum Teller und Flaschen aufkrachend zersplitterten. In einer Sekunde erfaßte die menschliche Lawine noch eine dritte Person, und so zum Klumpen verknäult, wälzten wir uns talwärts bis zum Ende des Treppenabsatzes. Das ganze Haus geriet in Aufruhr. Man schrie, sprang bei, richtete die Niedergebrochenen auf. Nein, es war nicht ans Leben gegangen, wir konnten uns ohne Gliederbruch erheben. Aus der hinabgedonnerten Gruppe löste sich das dritte Mitglied der Lawine mit dem höchst rätselhaften Anruf: – » Mein Herr, ich danke Ihnen! « Ich starrte fassungslos. Meine Blicke glitten von der Verwüstung, die ich angerichtet hatte, zu dem Menschen mit der merkwürdigen Orakelstimme, der sogleich fortfuhr: »Ich bin der Besitzer dieses Hotels, und es drängt mich, Ihnen zu sagen, daß ich Sie als meinen Wohltäter betrachte. Lassen Sie sich erzählen: Vor zwei Monaten etwa verlor ich infolge eines plötzlichen Schrecks die Sprache. Alle Anstrengungen der Aerzte sind bis heute fruchtlos geblieben. Ein Professor aus Zürich hat von Anfang an behauptet, daß nur ein neuer Schreck mich kurieren könnte, und nun ist es wirklich so gekommen. Sie, mein Herr, hatten den vorzüglichen Einfall, hier die Marmortreppe hinunterzukugeln und mich in Ihren Sturz zu verwickeln, mitten in dieser dröhnenden Katastrophe entrang sich ein Schrei meiner Kehle, die Stimmbänder wurden locker, und wie Sie hören, die Sprache ist wieder da. Ich hoffe, Sie werden mir das Vergnügen machen, mir zu sagen, womit ich mich erkenntlich zeigen kann.« Durch den Kopf zog mir das Register meiner Hotelfrevel, für die mir solche Botschaft Freispruch verhieß. Ich erbat daher freien Abzug aus dem Luxushaus, in dem ich kein Bett berührt und keinen Bissen gegessen hatte. »Gewiß,« erklärte der Chef, »ich werde Ihnen entgegenkommen, soweit es sich nach den Geschäftsprinzipien meines Etablissements ermöglichen läßt. Sie haben im Bureau lediglich Zimmer nebst Pension für einen einzigen Tag zu begleichen, und was den Materialschaden anlangt, so soll Ihnen alles in allem nur die Kleinigkeit von 10 Francs auf Nota gesetzt werden!« Linse, G.m.b.H. Photographische Novelette Erstes Kapitel Ella war sehr glücklich verheiratet und fühlte sich namenlos unglücklich. Sie liebte ihren Mann, wurde von ihm ziemlich oft wieder geliebt – und dennoch! In diesem »dennoch« steckte der verzehrende Verdacht der Untreue, die Vermutung, daß ihr Gatte, der liebenswürdige, chevalereske Ingenieur Eduard Springfuß aus seiner Junggesellenzeit allerhand polygame Neigungen in die Ehe hinüber genommen haben könnte. Aber es ging ihr wie der Reformschülerin, der der Professor im Examen den pythagoreischen Lehrsatz vorlegte: sie konnte ihm nichts beweisen! Oftmals schon hatte sie eine verdächtige Fährte aufgenommen, ohne auf eine greifbare Spur zu stoßen; das weibliche corpus delicti wollte sich nicht auffinden lassen. Und so verschmachtete sie weiter, umgeben von allen Aufmerksamkeiten Eduards, in den Qualen der Eifersucht. Eines Tages aber faßte sie einen Plan, den ich bei aller Hochachtung vor den sonstigen Qualitäten Ellas nicht anders als einen satanischen bezeichnen kann. Sie schützte eine Reise zu ihrer leidenden Mutter nach Teplitz vor und begab sich zunächst zu ihrer verheirateten Schwester, die wie sie selbst in Berlin wohnte. »Höre, Sophie, du mußt mir einen großen Dienst erweisen. Ich fahre in drei Tagen zu Mama ins Sanatorium, und während meiner Abwesenheit sollst du Eduard beobachten lassen.« »Aber Schwester, was fällt dir ein?« »Ich versichere dir, es ist nötig. Ich werde den Gedanken nicht los, daß Eduard mich hintergeht. Also setze dich mit einem guten Detektiv in Verbindung, gleichviel, was das kostet ...« »Wenn du so etwas für geeignet hältst, so tue es doch selbst.« »Ich persönlich? Nein, das geht nicht. Ich mag mich nicht so herausstellen; ich schäme mich.« »Natürlich. Weil das Mittel zu dem du greifst, kein sehr nobles ist. Und da soll ich ...?« »Ja, Sophie, du mußt mir das übernehmen. Und wenn der Detektiv wirklich etwas herausgebracht hat, ich meine etwas Schlimmes, so soll er die Beweise sofort dem Justizrat Fernbach übergeben. Der versteht sich am besten auf Scheidungsangelegenheiten.« »Um Gottes willen, du willst dich scheiden lassen?« »Unbedingt! Nicht einen Augenblick lebe ich mit diesem Scheusal mehr zusammen. Ich weiß, was du sagen willst: Eduard ist nett, reizend, er verwöhnt mich, – alles zugestanden; aber wenn er mich betrügt, ist er ein Scheusal, und dann trenne ich mich vom Bande, wie die Kronjuristen sagen.« Zweites Kapitel. Schwester Sophie nahm den Auftrag an und erkundigte sich sofort nach einem leistungsfähigen Detektiv-Bureau. Man empfahl ihr die Firma Linse, G.m.b.H., als besonders geschickt und zuverlässig. Die Mandantin hatte das Glück, mit dem Chef der Firma, dem ehemaligen Kriminalkommissar Linse, persönlich verhandeln zu können, und dieser versprach ihr, gegen angemessenes Honorar binnen kurzem soviel Beweise aus dem Kapitel »in flagranti« zu beschaffen, daß man davon fünf Ehebruch-Romane und sechs Stücke fürs Residenztheater machen könnte. »Ist Ihr Herr Schwager heute Nachmittag zu Hause?« fragte er. »Nein, er hat Nachmittag immer in einer Maschinenfabrik zu tun.« »Sehr gut. Wieviel Dienstmädchen sind dort im Hause?« »Sie haben augenblicklich nur eins.« »Wie sieht die aus?« »Ganz hübsch.« »Freut mich im Interesse der Sache. Also sorgen Sie dafür, daß Ihre Frau Schwester heute Nachmittag ebenfalls ausgeht. Ich werde mich mal mit dem interessanten Dienstbolzen in Verbindung setzen.« Um 5 Uhr klingelte Linse an Springfuß' Wohnung: »Sind die Herrschaften zugegen?« »Bedaure, sind beide ausgegangen.« »Könnte ich vielleicht die Wohnung besichtigen?« »Die Wohnung? Man hat mir gar nicht gesagt, daß die zu vermieten ist.« »Das wissen Sie nicht? Sie steht ja in den Zeitungen annonciert. Ich habe auch bereits mit dem Hauswirt gesprochen.« »Ja, dann freilich. Bitte treten Sie ein.« Im Salon sah sich der Herr Linse prüfend um. Dann sagte er plötzlich: »Wie heißen Sie, schönes Fräulein?« »Ich?« – erwiderte die Hausfee«. »Ich heiße bloß Minna.« »Also hören Sie, liebe Minna, ich will Ihnen die Wahrheit sagen. Ich komme nicht wegen der Wohnung, sondern aus anderen Gründen. Ich bin nämlich von der Polizei!« »O Gott! Wer hat denn hier was verbrochen?« »Nur keine Angst! Niemand hat was verbrochen. Hier nehmen Sie – zwanzig Mark für den Schreck; und, verstehen Sie wohl, – reinen Mund. Das müssen Sie mir versprechen.« »Jawohl, Herr Geheimer,« stotterte Minna, nicht ganz unempfänglich für die Reize der Banknote, aber doch stark verschüchtert. »Es handelt sich nämlich um eine Untersuchung, welche die Polizei vornimmt, um die Sittlichkeit in den Berliner Häusern zu ermitteln. Wir machen da eine Statistik nach Prozenten, weiter nichts.« »Ach du lieber Himmel, wie wird es mir da ergehen,« jammerte das Mädchen. »Ihnen passiert nicht das Geringste; auf meinen Diensteid! Das heißt, wenn Sie mir behilflich sind, Ihre Herrschaft zu beobachten. Und wenn Sie sich dabei geschickt anstellen, bekommen Sie von mir noch weitere dreißig Mark.« »Ja, was soll ich denn dabei machen? Von der gnädigen Frau kann ich Ihnen garnichts erzählen; die ist so sittlich!« »Und der Herr?« »Ach der! Aber irgend was Gewisses könnte ich auch nicht sagen, ich weiß nur, daß man im Hause so allerlei munkelt.« »Nun, auf Gemunkeltes wollen wir uns nicht einlassen. Passen Sie auf. Uebermorgen früh verreist Frau Springfuß. Sollte sich in der Zeit ihrer Abwesenheit hier irgend etwas Besonderes ereignen, etwas, das auf Damenbesuch schließen läßt, so stellen Sie diesen kleinen Apparat hier vorher dort in die dunkle Ecke«; – er hatte sofort einen günstigen Platz ausbaldowert, wo sich das Maschinchen unauffällig zwischen allerhand Nippes verbergen ließ. »Bevor Sie das Zimmer verlassen, drücken Sie auf diesen Knopf an der Seite, der ein Uhrwerk in Gang setzt, und das Weitere besorgt der Apparat selbst.« »Es ist doch nicht am Ende eine Höllenmaschine?« »Nichts weniger als dieses. Dieses Kästchen nimmt nur selbsttätig eine Reihe von Augenblicksbildern auf, das ist alles. Und dann noch eins: sobald die Geschichte erledigt ist, bringen Sie mir selbst den Apparat. Sie finden mich täglich abends 8 Uhr an der Hochbahnstation Hallesches Tor. Wie gesagt, dreißig Mark extra.« Damit empfahl sich Herr Linse, und Minna war froh, den unheimlichen Besuch verschwinden zu sehen. Viertes Kapitel Der Justizrat Fernbach plädierte auf Ehescheidung. Er führte vor Gericht aus, daß hier einer der klarsten Fälle nach § 565 des Bürgerlichen Gesetzbuches vorläge und zugleich einer der krassesten, der in den Annalen gewissenloser Ehemänner zu finden wäre. »Kaum hat die liebende Gattin, um ihre kranke Mutter zu besuchen, das Haus auf kurze Zeit verlassen, als der liederliche Strohwitwer die Heimstätte, in der noch der Odem der Trauten wehte, zum Schauplatz widerlicher Orgien macht, hier auf dem Tische liegen die Beweise seiner Zügellosigkeiten, erbracht von dem objektivsten und zuverlässigsten aller Beobachter, vom Photographen! In diesen Stellungen ist Herr Springfuß überrascht worden. Es hieße die Wucht dieses Beweismaterials abschwächen, wenn ich hier noch irgend etwas weiteres hinzufügen wollte.« Die Photographien wurden vom Gerichtshof betrachtet. »Unerhört!« sagte der Vorsitzende, während ein Gerichtsassessor zu seinem Nachbar bemerkte: »Diese Detektivs mit ihren raffinierten Apparaten sind wirklich gefährliche Burschen. Sie knipsen einem das Gewissen aus dem Leibe heraus, man kann da gar nicht vorsichtig genug sein!« Der Anwalt des Herrn Springfuß, Dr. Straßer, nahm das Wort: »Es fällt mir natürlich nicht ein, die Glaubwürdigkeit dieser Dokumente zu bestreiten ...« »Na also!« warf Justizrat Fernbach ein; »da ist die Sache ja erledigt!« »Nur möchte ich doch gerichtsseitig festgestellt wissen, wer eigentlich die Dirne ist, die wir auf diesen Photographien im tête à tête mit meinem Klienten vereinigt sehen.« Justizrat Fernbach opponierte: »Es wird den Gerichtshof nur wenig interessieren, zu ermitteln, wie ein solches Frauenzimmer heißt, respektive wo es wohnt.« Trotzdem wurde aus gewissen juristischen Gründen beschlossen, in eine Beweisaufnahme über das Personal einzutreten. Man vertagte die Sitzung auf zwei Stunden und zitierte inzwischen die betrogene Gattin. »Es tut mir leid« sagte der Vorsitzende, »Sie mit dieser Frage behelligen zu müssen. Mit Abscheu und Widerwillen wird sich Ihr treues Frauenauge von solchen Photographien wegwenden, aber trotzdem bitte ich: betrachten Sie sie aufmerksam. Kennen Sie vielleicht zufällig diese – hm! hm? – Frauensperson?« Frau Ella nahm das erste Bild zur Hand. Ein Ausruf des Schreckens entquoll ihrer Kehle: »Aber das bin ich ja!« bei dem zweiten, dritten – – –: »Aber das bin ich ja! Wie komme ich denn auf diese Photographien?!« Bei aller Sensation, die der Fall erregte, fühlte der Gerichtshof sich nicht kompetent, ihr diese elementare Frage zu beantworten. Man legte ihr vielmehr nahe, die Scheidungsklage schleunigst zurückzuziehen, wodurch der Fall mit einem Minimum von Kosten zu erledigen wäre. Unten am Portal wartete der Gatte: »Hast du nun genug von dieser Lektion?« »Ja, erkläre mir doch, Eduard ...« »Die Sache ist nämlich die,« erläuterte er, während wir mit dieser Erläuterung nunmehr in das dritte Kapitel gelangen, das wir dem Leser vor Beginn des vierten Kapitels unterschlagen hatten. Also Eduard erklärte: »Die Sache ist nämlich die: deine Geschichte mit dem Detektiv Linse hatte ich bald herausgebracht. Das verstörte Wesen Minnas war mir aufgefallen, ich nahm sie ins Gebet, sie fing an zu weinen, und erleichterte sich, durch ein kleines Geldgeschenk von mir sittlich gehoben, in einem umfassenden Geständnis. Das war am Vorabend deiner Abreise. Ich nahm ihr den famosen Apparat ab, – übrigens vorzügliche Konstruktion, System Velolux, D.R.P. Nr. 980 025, und stellte ihn so auf, daß er unser niedliches Abschieds-Souper vor deiner Fahrt nach Teplitz getreu abknipsen konnte ...« »Also deshalb warst du damals so zärtlich, du hinterlistiger Mensch du?« »Nicht zärtlicher als sonst. Drei Tage später mußte Minna den Apparat Herrn Linse zurücktragen und ihm versichern, daß er am Abend zuvor, als gerade Besuch bei mir war, automatisch gearbeitet habe. Na – das weitere weißt du ja.« – »Sorge nur dafür,« meinte Elle kleinlaut,« daß die Bilder nicht etwa vor unberufene Augen kommen, oder gar in eine illustrierte Zeitung, dann will ich für diesmal noch ein Auge zudrücken. Aber ein Lump und Betrüger bist du doch, liebster Eduard, – du hast mich sogar mit meinem eigenen Detektiv betrogen!« Was dem Mann im Kasten passierte Man kann auf sehr verschiedene Arten in den Kasten kommen, steckt man aber erst drin, dann ist es ungemütlich. Denn schwedische Gardinen vor dem Fenster, eine Zellenpritsche und ein Gefängniswärter mit rasselndem Schlüsselbund sind nicht nach jedermanns Geschmack. Aber mit diesen Strafkästen hat unser Kasten gar nichts zu schaffen. Und sein Insasse ist nicht etwa nach § soundso verknaxt, sondern er selbst hat sich den Aufenthalt im Kasten ausgesucht, um darin die wichtigste Entdeckung des Jahrhunderts zu machen. Mit einem Wort, er ist der sogenannte » Physiker im Kasten ,« von dem heutzutage alle Welt spricht, weil bekanntlich die berühmte Relativitäts-Theorie von ihm herstammt. In Hunderten von Schriften kommt dieser »Physiker im Kasten« vor, der sich mutterseelenallein »irgendwo im Weltenraum« befindet. Sein Mobiliar ist sehr spärlich: es besteht eigentlich nur in einem Stein, den er abwechselnd in die Hand nimmt und fallen läßt. Denn der Stein hat die Marotte, zu Boden zu plumpsen, wenn man ihn aus den Fingern läßt, und über diese Marotte zerbricht sich der Physiker so lange den Kopf, bis aus seinem Grübeln eine ganz neue Astronomie herauskommt. Es war also ein großes Glück für uns, daß Einstein den Physiker im Kasten erschaffen hat, sonst wären wir alle heute noch so unwissend wie nebbich Kopernikus. So weit ist die Sache noch gar nicht komisch, das kommt erst noch. Einstweilen wollen wir daran festhalten, daß jener Mann im Kasten wichtiger ist, als Chamberlain, Stresemann, Mussolini, Tschitscherin und Westarp zusammengenommen. Denn diese Leute besorgen doch nur bescheidene irdische Angelegenheit, während der Physiker im Kasten uns darüber aufklärt, was eigentlich im ganzen Universum los ist. Da passierte es aber neulich, daß in Berlin etliche Beamte vom Wohnungsamt zu einer bedeutenden Sitzung zusammentraten. Es war nämlich amtlich ermittelt worden, daß da irgendwo ein Individuum in einem Kasten wohnte, und daß dies der einzige Mensch war, der noch keine Wohnungsscherereien auszustehen hatte. Das mußte folglich nachgeholt werden. Über die Größe des Kastens war Zuverlässiges nicht festzustellen. Man legte daher taxweise den Kubikraum einer Fünfzimmerwohnung zugrunde und hielt es für gerechtfertigt, dem alleinhausenden Physiker noch einen Zwangsmieter auf den Pelz zu setzen. Das war rasch gefunden. Er hieß Knusemack, war Akrobat, Varietékünstler und Boxmeister a.D. Augenblicklich beschäftigungslos, pennte er zwischen Humboldthain und Jungfernheide bei Mutter Jrün und war froh, als man ihm den Quartierzettel bei dem zwar anonymen, aber weltberühmten Naturforscher im Kasten aushändigte. Wie er zu ihm gelangte, das ist für unsere Geschichte gänzlich belanglos. Genug, er fand ihn und klopfte an. Draußen bleiben! rief der Physiker; Unbefugten ist der Eintritt nicht gestattet! Ich bin aber befugt, erklärte Knusemack und schob seinen Logiszettel durch einen Spalt. Na, da kann man nix machen! sagte der Physiker. Ich habe zwar Newton und Galilei überwunden, aber gegen das Wohnungsamt bin ich machtlos. Eine Sekunde später befand sich Knusemack im Kasten: Recht gemütlich haben Sie's hier, meinte er, bloß bei Ihre Zentralheizung scheint was kaputt zu sein. Ich merk' das am Knieschlottern und Zähnebibbern. – Ja, lieber Herr Zwangsmieter, das ist Welttemperatur, 273 Grad unter Null: aber wenn's Ihnen hier zu kühl wird, können Sie ja 'n bißchen austreten, bis zur Sonnenatmosphäre drüben links, da ist geheizt. Könnt Ihnen so passen! entgegnete Knusemack; ich verlange 'n geheiztes Lokal hier in loco, also brechen Se gefälligst 'n paar Bretter aus Ihrem verdammten Kasten und machen se 'n anständiges Feuer in de Bude! Das führte zu einem Wortwechsel, der in Tätlichkeiten ausartete. Unter irdischen Verhältnissen hätte Knusemack natürlich seinen Herbergsvater glatt niedergeboxt, allein hier herrschte ja das Relativitätsprinzip und damit die Umkehrung aller Phänomene. Mit anderen Worten: das Kräftepotential war hier so verteilt, daß der Physiker seinen Standpunkt behauptete und der andere in einer parabolisch gekrümmten Wurflinie hinausflog. Da hing der Zwangsmieter im freien Weltenäther, jeder Schwerewirkung entrückt, und er wäre an diesem kosmischen Punkt verblieben – wenn nicht die vom Kasten ausgehende Gravitation ihm eine Beschleunigung erteilt hätte. Diese, in Verbindung mit seiner beim Hinausschmiß erlangten Anfangsgeschwindigkeit bewirkten einen für den Laien ganz fabelhaften Effekt: Der Zwangsmieter wurde zu einem Planeten – oder Mond – des Kastens! Er rotierte um ihn wie ein Trabant um sein Gestirn, und er wird so um die ihm gesetzlich angewiesene Wohnung kreisen bis in alle Ewigkeit. Der Physiker im Kasten aber kehrte zu seiner altgewohnten Beschäftigung mit dem plumpsenden Stein zurück und murmelte in seliger Verzückung die liebliche Formel: x minus v , dividiert durch die Quadratwurzel aus eins minus v  Quadrat durch c  Quadrat, wobei c die Lichtgeschwindigkeit und v die Geschwindigkeit des Zwangsmieters Knusemack bedeutet. Unterhaltung mit dem gesunden Menschenverstand War es Vision? Allegorie? Lebewesen? Das möge sich jeder ausmalen, wie's ihm beliebt. Genug, er saß mir gegenüber, ich konnte mit ihm Rede und Gegenrede wechseln. Er machte einen äußerst robusten Eindruck, schien indes merklich verstimmt. »Worüber klagst du eigentlich?« fragte ich ihn. »Nicht über meine Gesundheit, selbstverständlich,« entgegnete er. »Die ist seit Jahrtausenden eisenfest und kann überhaupt niemals erschüttert werden. Aber ich habe Aerger. Mir ist ein Feind aufgetreten, der mich bedrängt und mir die Alleinherrschaft bestreitet. Die neueste Wissenschaft hat mir Krieg angesagt! Man sollte es nicht für möglich halten, und doch ist es so: diese Wissenschaft stellt Lehrsätze auf, verkündet angebliche Wahrheiten, die mir gerade ins Gesicht schlagen. Ich, der gesunde Menschenverstand, werde rebellisch und versetze mich in Boxerpositur. Aber meine gesunden Faustschläge treffen ins Leere, und ich verliere zusehends an Terrain. »Damit wirst du dich eben abfinden müssen. Du hältst es noch, wie Schiller sagt, mit dem ewig Gestrigen, während der Sieg dem Unbegriffenen von Morgen zufällt. Radikal umlernen! heißt die Parole. In der Wissenschaft setzt sich nicht das einfach Glaubhafte durch, sondern das Unwahrscheinliche.« »Aber von mir soll man nicht verlangen, daß ich das mitmache. Ich lasse mich nicht vergewaltigen, besonders nicht von der Relativitätstheorie. Ist es erhört? Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft sollen »relative« Begriffe sein, Früher und Später vertauschbar? Weißt du, was das bedeutet? Laß dir's auf meine Art erklären: du ißt zum Frühstück ein Ei: morgen gehst du auf den Markt und kaufst das Huhn, welches dir das Ei legen wird, das du heute ausgelöffelt hast. Oder du schießt 'nen Hasen; mit einer Flinte, die den Hasen tötet, ehe sie losgeht, die losgeht, ehe sie geladen wird, und die du laden kannst, bevor noch der Büchsenmacher existierte, der diese Flinte gemacht hat. Da hast du die Relativität der Zeit! Rede mir doch nicht von Unwahrscheinlichkeit in Dingen, wo ich, der gesunde Menschenverstand, die blanke Unmöglichkeit erkenne!« »Und wie hast du dich verhalten, mein lieber Menschenverstand, als andere Lehren, Entdeckungen und Erfindungen, sich durchzusetzen begannen? Als zum Beispiel die Wissenschaft unsere flächenhaft aussehende Erde für eine Kugel erklärte? Blättre in den Chroniken, und du wirst die Rolle finden, die du andauernd gespielt hast. Deine gesunde Denkweise verwarf die Möglichkeit der Antipoden: sie verwarf das Kreisen der Erde im Universum: sie überlieferte den Galilei der Inquisition und spedierte seine Gesinnungsbrüder auf die Scheiterhaufen; sie erklärte die Erfinder des Dampfschiffs, des Telegraphenkabels, der Steilbahn für Tollhäusler. Sagen wir es rundweg heraus: du hast dich durch die Jahrhunderte unausgesetzt blamiert!« »Der Ausdruck muß als viel zu schroff abgelehnt werden. Ich gebe zu, daß ich mich wiederholt geirrt habe, weil ich eben menschlich bin und der Irrtum zum Wesen der Menschheit gehört ...« »Aber du pochst nach wie vor auf deine unverbrüchliche Gesundheit, und du gelangst niemals zu der einen Haupt- und Grundwahrheit, daß du nämlich nicht in einem einzigen Falle eine wirkliche Erkenntnis der Dinge zu erreichen imstande bist.« »Oho! Die Philosophie, die Logik und die Mathematik sind doch mein Werk!« »Vielmehr das Werk bevorzugter Geister, die sich, wie Kant, meist sehr abfällig über den »gesunden Menschenverstand« geäußert haben. Ehedem ist gesagt worden: ›Die Mathematik ist die Wissenschaft von dem, was sich von selbst versteht‹. Das Wort hat sich gründlich überlebt. Heute sind wir nahe daran, etwas ganz anderes zu erklären: die gesamte Wissenschaft ist die Kenntnis von dem, was sich nicht von selbst versteht; die Kenntnis von dem, was gegen die Selbstverständlichkeiten des gesunden Menschenverstandes erkämpft werden mußte.« »Ja, zum Teufel, wieso beglaubigt und rühmt man denn seit Urzeit meine Gesundheit?« »Wer rühmt und beglaubigt? Die Welt? Hast du je den Sinn der Weltgeistrede begriffen? Nein, mein Lieber, du selbst und nur du hast dir dein Gesundheitsattest ausgestellt, es trägt kein anderes Siegel außer dem deinigen. Und daß solch selbstgefertigtes Zeugnis ohne Kontrolle anderer Denk-Instanz wertlos ist, um das einzusehen, genügt ja wohl ein Fünkchen gesunden Menschenverstandes!« Der interessante Einbruch Als ich bei meinem Freunde, dem Dichter Karlhans Zwickel eintrat, stand er gerade im Begriff, sich mit Leuchtgas zu vergiften. Nur zwei glücklichen Fügungen verdankt es die Mitwelt, daß er am Leben geblieben ist. Denn erstlich hatte er alle Fenster offen gelassen, und zweitens war gerade Gassperrstunde, als er das selbstmörderische Attentat verwirklichen wollte. Zugeben mußte man: er hatte Grund zur Verzweiflung. Denn er hatte das Dichten einer großen Ausstattungspantomime für das Alhambratheater übernommen, und ihm fiel absolut nichts ein. Und er hätte den längst aufgefressenen Vorschuß zurückzahlen müssen, wenn ihm nicht noch in letzter Stunde die Erfindung einer packenden Pantomime glückte. »Ich hätte wohl einen interessanten Stoff für Sie,« bemerkte ich, »großhistorisch, sensationell und dabei sehr zeitgemäß. Er handelt von dem merkwürdigsten Einbruch, den die Welt je erlebt hat. Die Geschichte hat dabei den Vorzug, erweislich wahr zu sein, denn sie steht im Herodot.« »Ich bin gerettet!« stammelte der Dichter: Einbruch ist aktuell, und dazu antike Kostüme, das gibt eine Mischung von romantischer Vorzeit und Gegenwart, wie ich sie gerade brauche! Heraus mit der Geschichte!« »Also hören Sie zu: Die Sache spielt am Palast des altegyptischen Königs Rhampsinit. Der ließ sich eine Schatzkammer bauen für seine Kleinoden und Schmuckstücke im Werte von zahllosen Millionen. Der Baumeister aber erdachte sich eine List, indem er einen Quaderstein der Kammer in künstlichster Weise beweglich machte. Kurz vor seinem Tode vertraute er seinen beiden Söhnen das Geheimnis, mit der Wirkung, daß beide jede Nacht durch den beweglichen Quaderstein von der Straße her eindrangen und die Juwelen zentnerweise davonschleppten. Da ließ Rhampsinit, um dem rätselhaften Einbrechern auf die Spur zu kommen, Fußschlingen um die Truhen legen, und der eine fing sich in der Schlinge. Der andere Bruder, rasch entschlossen, schnitt jenem den Kopf ab und entfloh mit dem Haupte des in der Schlinge verstrickten. So fand man des Diebes Leiche, dessen Persönlichkeit festzustellen unmöglich war, da eben der Kopf fehlte.« »Die Geschichte ist tatsächlich sensationell,« unterbrach der Dichter Zwickel, »nur fehlt ihr das Ewigweibliche; es müßte noch eine interessante Frauensperson darin vorkommen.« »Die ist tatsächlich vorhanden in Gestalt der Tochter des Rhampsinit. Die egyptische Prinzessin heiratet nämlich zum Schluß den Einbrecher, nach einer Unmenge der fabelhaftesten Abenteuer, auf die ich mich im Moment nicht besinnen kann. Aber ich habe ja die Quelle zu Hause und kann dir in den nächsten Tagen telephonisch die Geschichte genau ergänzen.« Dabei verblieb es, und nachdem ich die klassische Urschrift befragt hatte, läutete ich beim Dichter an. Daß ich am Telephon beständig falsche Verbindung erhalte, ist zwar selbstverständlich, allein in diesem besonderen Falle doch erwähnenswert. Das Telephonat bewegte sich in folgenden Formen: Ich: Also ich wollte Ihnen doch über den bewußten Einbruch berichten, – hören Sie? Der Andere: Gewiß, ich höre mit großer Aufmerksamkeit. Ich: Zunächst muß ich die Tatsache richtig stellen. Nach meinen Ermittelungen ist nämlich der Mauerstein an der Juwelenkammer nicht drehbar; aber man kann ihn von außen herausnehmen. Der Andere: Das scheint sehr wichtig. Ich: Der Effekt ist auf alle Fälle derselbe. Es wird fortgesetzt gestohlen und geplündert, und die Beute an Kleinodien wird enorm. Das ist für den Anfang das Wesentliche. Der Andere: Für den Anfang? Ich: Ja natürlich, wir gelangen damit an den zweiten Punkt, an die grauenvolle Episode mit dem langen Messer. Der Andere: Also schwerer Einbruch in realer Konkurrenz mit vorbedachtem Mord. Ich: So kann man es auch nennen. Die Hauptsache bleibt, daß die Tat verschleiert wird, und zwar durch die Abtrennung des Kopfes vom Rumpfe. Der Andere: Ist das unbedingt nötig? Ich : Selbstverständlich. Denn andernfalls wird doch die Persönlichkeit des Täters sofort festgestellt, und alles ist rettungslos verlo – – – Krr – tack, tack! Die Verbindung war unterbrochen. Na, er wird sich schon wieder melden, dachte ich, hängte ab und wandte mich zu anderen Beschäftigungen. * Nach wenigen Stunden, genauer gesagt am Abend des gestrigen Tages, überbrachte mir die Rohrpost eine Einladung der Staatsanwaltschaft: »Zu Ihrer persönlichen Vernehmung haben Sie morgen Vormittag 10 Uhr im Zimmer Nr. 3407 des Kriminalgerichts zu erscheinen. Sie sind ermittelt als der Gesprächsführer eines Telephonates, worin Sie einem unbekannten Dritten über einen geplanten resp. perfekten Einbruch wichtige und anscheinend wahrheitsgetreue Mitteilungen machten, persönlicher Ausweis sowie Beweisstücke, welche mit dem Verbrechen in Verbindung stehen, sind zur Vernehmung mitzubringen.« Ich werde natürlich hingehen und freue mich auf die interessante Verhandlung, fest entschlossen, alle Geheimnisse dieser Räubergeschichte rücksichtslos preiszugeben. Aus dem Märchenbuch der Tante Physika Da war einmal ein Meerschweinchen von ungewöhnlicher Intelligenz und bemerkenswertem Bildungsdrang. Und da es immer mehr zu lernen begehrte, begab es sich zur Universität, um dort mit zuzuhören, wenn die Dozenten Naturwissenschaft vortrugen. So ein Professor erblickte das Meerschweinchen in einer Ecke des Hörsals, ergriff es kurzerhand, und da er gerade pneumatische Experimente veranstaltete, steckte er es in die Glasglocke seiner Luftpumpe. Er wollte nämlich den Studenten beweisen, daß ein Tier bei Entzug von Atmungsluft ersticken müßte, womit er nicht Unrecht hatte. Nun setzte er die Maschine in Bewegung, und beim zwölften Kolbenstoß, als die Luft schon beinahe fortgepumpt war, sprach das Meerschweinchen halbtot vor sich hin: »Das ist zwar ein bißchen ungemütlich, aber in pneumatischer Hinsicht lernt man dabei doch eine ganze Menge!« * In einer Bibliothek hauste eine Bücherlaus, die man in der Sprache der Zoologen Atropos pulsatoria nennt. Sie hatte sich in einem Band von Humboldts »Kosmos« heimisch gemacht, und im Laufe vieler Monate von der ersten bis zur letzten Druckseite hindurchgefressen. Am Schluß ihrer Wanderung äußerte sie: »Das war inhaltlich ganz vorzüglich, aber wieviel Zeit und Anstrengung muß man doch aufbieten, ehe man sich durch ein so schweres naturwissenschaftliches Werk durcharbeitet!« * Was eine Wünschelrute ist, das ist euch Kindern wohl bekannt, aber nun sollt ihr auch erfahren, wie die Zauberkraft in die Wünschelrute hineingekommen ist. Da war nämlich in grauer Vorzeit ein Gnom, ein Erdmännchen, das hatte sich in eine wunderschöne Waldfee verliebt und wollte sie gerne heiraten. Die Fee lachte ihn zuerst aus, gab aber schließlich seinem Drängen nach unter der schwierigen Bedingung: Schaffe mir den schönsten Gold- und Silberschmuck, dann will ich dich erhören. Nun sind die Gnome bekanntlich die trefflichsten Erzfinder und Metallschmiede, und so währte es nicht lange, da brachte der kleine Wicht die verlangte Gabe. Er konnte sie aber nicht sogleich überreichen, denn die hübsche Waldfee saß in einem Haselstrauch und war in den Zweigen fest eingeschlafen. Um sie aufzuwecken, zerrte der Gnom an dem Strauch so lange, bis die Fee das Wippen spürte, die Aeuglein aufschlug und den kostbaren Schatz zu ihren Füßen bemerkte. Und seitdem wippt jeder Haselzweig, wenn man aufmerksam werden soll, daß sich unterhalb wertvolles Metall befindet. * Ein Huhn fand auf dem Geflügelhof einen fortgeworfenen Handspiegel und begann an diesem die Gesetze der Optik zu studieren. Guck' nur, Gockel, sprach die Glucke zu ihrem Gatten, schau nur, wie merkwürdig! Hier hinter diesem Glase ist genau so eine Henne wie ich, wenn ich scharre und picke, scharrt's und pickt's auch im Spiegel, kurzum, das Spiegelhuhn macht mir alles ganz genau nach. Das ist nur bedingt richtig, erläuterte der kluge Hahn, denn wenn du zum Beispiel Eier legst, dann legt das andere Huhn deswegen noch lange keine Spiegeleier . * Als Galvani mit Assistenz seiner Ehehälfte seine berühmten Froschexperimente begann, begab es sich, daß zwei abgehäutete Frösche, die nebeneinander am Draht hingen, noch nicht vollkommen tot waren, was sie nicht verhinderte, zu zucken und zu hüpfen, als der Professor den galvanischen Strom durch den Draht laufen ließ. Wie findest du das? fragte der tanzende Frosch Brekekex seinen Nachbar, den nahezu verstorbenen Frosch Koax. So weit ganz erträglich, meinte Koax, aber mir fehlt doch die richtige Tanzlust, ein bißchen Musik hätte Herr Galvani schon noch dazugeben können! * Wenn ihr glaubt, Kinder, der Magnetberg , nahe bei der Insel Thule im Nordmeer, sei eine bloße Fabel, so befindet ihr euch im Irrtum. Der Berg existiert wirklich, und das hat der dänische Kapitän Rasmussen persönlich erfahren. Als er nämlich in seine Nähe kam, zog der ungeheure Magnet alle Nägel, Schrauben und sonstige Eisenteile aus seinem Schiff, alles Eiserne flog dem Berg entgegen, und das Fahrzeug war eben dabei, entzweizubrechen, als der Kapitän es unternahm, die verzweifelt lamentierende Mannschaft zu beruhigen: »Deswegen brauchen wir noch nicht den Kopf zu verlieren, uns kann doch gar nichts geschehen, wir sind ja bei Lloyds in London zum vollen Werte versichert!« * Die gefeierte Dichterin Sappho litt an einem Bandwurm, der genau so groß war, wie ihr Genie. Und je mehr sich die Bestie verlängerte, je stärker er sie bedrängte, um so eifriger schrieb sie, um ihr Unbehagen niederzukämpfen, an ihren gefühlvollen Gedichten. Dabei wandelte sie auf und ab, in steter Deklamation ihrer liebeglühenden Strophen. Das hörte der Bandwurm im Innern, und er lieferte hierzu eine Kritik, die immerhin ein gewisses Verständnis für organische Zusammenhänge verriet. Er sagte nämlich: diese Sappho besitzt wirklich ein sehr reiches Innenleben! * Ueber den Kunstsinn niederer Tiere ist schon viel geschrieben worden, ihr müßt es euch indes einprägen, daß in dieser Hinsicht die Kellerasseln an der Spitze stehen. Da war eine Unzahl von Asseln, die sich in der Kellerecke mit der Einstudierung einer hübschen Revue vergnügten. Ein Skolopender, der schon weiter umhergekommen war, erzählte dabei seiner Kollegenschaft, daß die Menschen schon sehr froh wären, wenn sie in einer Revue zweihundert Girlbeine zu sehen bekämen. Wie bescheiden doch diese Geschöpfe sind! ergänzte eine längliche Assel, die sich als Tausendfüßlerin sehen lassen konnte: ich allein kann schon mehr Beine zeigen, als bei den Menschen ein ganzes Corps de Ballet! * Ein deutscher Gelehrter, der sich vorwiegend mit tierphysikalischen Untersuchungen beschäftigte, wollte die, Molekularstruktur der Bauchringe ergründen. Er hantierte dabei mit einem lebenden Regenwurm, entschloß sich indes aus ethischen Gründen, ihn erst einmal totzumachen. Er nahm daher den Regenwurm und tat ihn in eine mit neunzigprozentigen Alkohol gefüllte Spiritusflasche. Nach drei Zuckungen war der Wurm tot, aber bei der zweiten hatte er noch soviel Besinnung, um zu monologisieren: So eine Gemeinheit! In Amerika hätte mir das nicht passieren können, denn in den Vereinigten Staaten ist der Alkohol glücklicherweise verboten! * Ein Knabe unterhielt sich mit seiner Katze über Physik, denn Papa hatte ihm kurz zuvor einen Experimentierkasten geschenkt. Paß mal auf, Katze, sagte er, jetzt sollst du etwas Elektrisches kennenlernen. Ich nehme hier eine Stange Schellack, haue dich mit der Stange aufs Fell, und sofort werden Funken umherfliegen; ich setze mir dazu eine Brille auf, damit mir die Funken nicht ins Auge springen. Davor brauchst du keine Bange zu haben, meinte das Tierchen: wenn du mich prügelst, werden dir keine Funken ins Gesicht springen, sondern bloß – die Katze! * Zwei junge Kakadus, Polly und Lora, saßen auf der Stange und unterhielten sich über die Lebensmittelpreise. Lora, meinte: Die Regierung hat doch versprochen, für schleunige Senkung der Preise zu sorgen, aber ob man die Verbilligung auch bald erleben wird? – Da sagte Polly: Wie sollen wir denn so was erleben, ein Kakadu wird doch nach Brehm höchstens hundertundzwanzig Jahre alt! * Unter den Glühwürmern, auch Leuchtkäfer oder Feuerfliege genannt, befand sich ein Exemplar, das sich durch Gewissenhaftigkeit vor seinen Artgenossen besonders ausgezeichnete. Als es von den jüngsten Verfügungen Kunde erhielt, schraubte es sofort den einen von seinen zwei glühenden Bauchringen ab und entfernte ihn vorschriftsmäßig aus seinem Beleuchtungskörper; und so gereichte es ihm zur Beruhigung, daß es fortan höchstens eine 32kerzige Leuchtkraft verbrauchte, wie es im Interesse der Lichtersparnis gewünscht wird. * Die Brillenschlange trägt auf ihrem Vorderteile bekanntlich eine Zeichnung, die aussieht wie ein Nasenklemmer. Ein solches Individuum faßt den Plan, sich zu vervollkommnen und zu einer höheren Art emporzuläutern. Da schlängelte sie sich an einen Gummibaum und rieb sich daran, so daß der Gummi den größten Teil der Zeichnung fortradierte. Damit hatte sie ihre Absicht erreicht, denn aus der Brillenschlange war nunmehr eine Monokelschlange geworden. * Ein Murmeltier in den Hochalpen litt an Schlaflosigkeit, und zwar so stark, daß ihm selbst Veronal und Chloralhydrat nicht mehr zu helfen vermochten. Da fand es einen Goldschnittband mit neuen lyrischen Gedichten, die ein Alpenwanderer am Wege vergessen hatte. Es setzte sich damit an die Felsenwand am Gletscher, blickte ein paar Minuten hinein, und seitdem schläft das Murmeltier wie ein Murmeltier. * Ein sogenannter Einsiedlerkrebs hatte nach altbewährtem Usus seiner Sippe eine Schnecke aus ihrer Schale herausgefressen und sich selbst in diesem Gehäuse wohnlich eingerichtet. Ein vorübersegelnder Dorsch fand dies ein bißchen grausam und egoistisch. Der Einsiedlerkrebs aber wies die Vorwürfe zurück und sagte: »Dummer Dorsch, du weißt ja gar nicht, wie das juridisch zusammenhängt. Ich hatte nämlich eine Hypothek zu fünf Prozent auf das Schneckenhaus, und da die Zinsen ausblieben, was blieb mir übrig, als das Haus zur Subhastation zu bringen? Als Meistbieter gelangte ich ganz regulär in den Besitz des Hauses und wohne nun darin mit Fug und Recht nach § 1163 ff. des bürgerlichen Gesetzbuches.« * Ein Süßwasserpolyp, Hydra viridis , geriet in die Hände eines Forschers, der eine Reihe von Vivisektionen an ihm ausführte. Jedes abgeschnittene Gliedchen wuchs nach, ergänzte sich wieder zu einem vollständigen, lebenden Polypen, und so ging es ins Hundertfache. Da meinte das kleine, vervielfältigte Geschöpf: »Das lasse ich mir gefallen; an dieser Aufwertung hundert zu eins sollte sich der preußische Finanzminister ein Beispiel nehmen!« VI. Teil Lockerer Kram Zwischen Kunst und Geschäft Man kennt die stolze Antwort Liszts auf die Frage, ob er bei seinem letzten Auftreten in Budapest gute Geschäfte gemacht habe: »Nein, Fürstin, ich habe gar keine Geschäfte gemacht, nur Musik.« Aber so schön das Wort auch klingt, es stimmt nicht ganz, denn so großzügig Liszt auch mit seinen Erträgnissen verfuhr, gleichgültig waren sie ihm nicht, er hatte schon seine Leute an der Hand, die ihm das Geschäft ganz tüchtig besorgten. Die Kunstgeschichte nimmt von diesen Handlangern gar keine Notiz, obschon sie ihnen verpflichtet ist. Wir besitzen treffliche Handbücher über alle Kategorien von Menschen: über Eroberer, Entdecker, Krösusse, Organisatoren auf industriellen Gebieten; aber kein Heldenbuch singt von den großen Impresarios, von den kühnen Wegbereitern der Kunst, ohne die in manchen Ländern die bedeutsamsten Veranstaltungen gar nicht möglich wären. Nur gelegentlich erinnert man sich der Unternehmungen eines Ullmann, Strakosch, Pollini, Mapleson, Ledner, Hermann Wolff, und ich selbst wäre mit der Liste schon zu Ende, wenn mir nicht eben noch der hervorragendste aller Manager einfiele, der mir einen untilgbaren Eindruck hinterließ, als ich ihn vor vielen Jahren kennen lernte. Das war in einem Frühjahr zu Rom, wo wir deutschen Pilger in Scharen die Straße belebten, massenhaft gute Heimatsbekannte trafen und mit der Grußhand von der Hutkrempe gar nicht loskamen. Im Vorbau des Café Aragno am Korso mußten wir fünf Tische aneinanderrücken, um in freundlicher Fühlung zu bleiben mit unserem lieben Chordirektor Siegfried Ochs, mit unserem ausgezeichneten Meister Heinrich Grünfeld und den vielen, die sich ihnen kunstbummelnd ankristallisiert hatten. An einem Nebentisch, abgetrennt, saß ein großer schlanker Herr, ganz in Zeitungen vergraben. Manchmal blickte er auf und ließ das Auge schweifen: das war der Feldherrnblick eines Pompejus! Und dazwischen machte er auf geräumigen Blättern Notizen, die ahnen ließen, es ginge um Weltbegebenheiten. Ich erfuhr in unserer Aragnogesellschaft: Das ist der größte, unternehmungslustigste, wagemutigste Manager aller Zeiten; der Ueberimpresario; seine künstlerischen Wagnisse reichen von Patagonien bis Kamtschatka; mit einem Wort: das ist Lukas Cranach. So nannte er sich vorzugsweise, aber nicht ausschließlich. Von Haus aus hieß er Louis Krojanker, aber auf seinen Visitenkarten und Reklamebogen kamen mehrfache Variationen vor. Den französischen Instituten gegenüber firmierte er als »Cranache« und in italienischen Bezirken neigte sein Name zu der Form »Luca Cranachio«. Ich schlängelte mich an ihn heran, stellte mich vor und bat um ein Interview: Er gewährte leutselig. »Weilen Sie schon lange hier?« »Hier – ja wo sind wir eigentlich momentan? Richtig in Rom! Man hält das im Fluge des Reisens manchmal schwer auseinander. Also ich bin vormittag angekommen, von Moskau her, und gedenke mit dem Nachtexpreß weiterzufahren, nach Kapstadt.« »Ein kurzer Aufenthalt. Sie werden da nicht viel besichtigen können.« »Aus Ihnen spricht der beschäftigungslose Tourist, der am Baedeker klebt. Unsereiner hat unterwegs zu tun und nicht zu besichtigen. Ich kann mir doch hier nicht zum hundertstenmal den Orpheus von Benvenuto Cellini ansehen ...« »Den Orpheus?« »Oder den Theseus, was dasselbe ist.« »Sie meinen gewiß den Perseus. Der ist allerdings von Cellini, er steht jedoch in Florenz und war nie in Rom.« »Aber ich bin vorige Woche in Florenz gewesen, damit entfällt also Ihr Einwand.« »Ich vermute, Herr Impresario, Sie wollen die wenigen Stunden hier anwenden, um wichtige Engagements abzuschließen.« »Richtig gedacht. Und Sie können sich vorstellen, die Auswahl ist schwer, da sich doch die meisten Stars längst in meinem Engagement befinden.« »Sie wollen gewiß den berühmten Tenoristen Tamagno verpflichten.« »Sie sind naiv. Tamagno gehört mir seit drei Jahren. Ich lasse ihn heute abend mit der Patti in Valparaiso singen.« »Im dortigen Stadttheater?« »In so einem Kasten? Das wäre ein Geschäft! Nein, in dem großen Opernhause, das ich bekanntlich in Valparaiso gebaut habe; natürlich mit einigen Geldleuten im Rücken. Morgan, Vanderbilt, der ältere Astor, der Herzog von Northumberland sind meine stillen Kommanditäre. Ich arbeite mit einem Orchester von zweihundert Mann, sechs Dirigenten und einer ganzen Armee von Personal und Verwaltungsbeamten. Aber das rentiert sich großartig, und wenn Tamagno seinen Romeo von Bellini hinlegt, mache ich vierzig ausverkaufte Häuser.« »Verzeihung, ich wähnte, Tamagno wäre Tenor, und Bellinis »Romeo« ist doch für eine weibliche Altstimme geschrieben.« »Bekannt ist nur, daß Tamagno alles kann. Darauf beruht ja der ungeheure Erfolg, den ich mit ihm in Peru erzielte.« »In Peru? Sie sagten doch eben in Chile?« »Ich habe das Wort Chile gar nicht in den Mund genommen.« »Doch, doch, besinnen Sie sich nur, Sie sagten in Valparaiso.« »Da habe ich mich versprochen: ich meinte natürlich Buenos Aires.« »Das wäre also weder Chile noch Peru, sondern Argentinien.« »Kurzum, da drüben im Westen, der Ortsname tut ja nichts zur Sache.« Mir ging es durch den Kopf: sollte der Herr nicht ein bißchen zur Masse der Phantasten gehören? Großzügig angelegt, zweifellos, aber doch dazu geneigt, gewisse exzentrische Bilder seiner Busineß-Phantasie für Realitäten zu nehmen. Im nächsten Augenblick korrigierte ich meinen Zweifel. Worauf sollte sich Weitblick und Wagemut gründen, wenn nicht auf einen Ueberschwang der Anschauung? Die paar sachlichen Schnitzer waren nicht schwer zu nehmen und gehörten vielleicht zum Beruf. Ein Impresario ist kein Professor, und Bildungslücken sind ja schließlich geistige Poren, durch die der Intellekt atmet. »Ich muß Ihnen sagen,« ergänzte er, »die ganze Sängersippe interessiert mich nicht so sehr wie die Werke, die ich inszeniere. Da sind wir beim Kernpunkt der Leidenschaft, in der ich ganz und gar aufgehe. Fragen Sie Verdi, er wird Ihnen bestätigen, was ich in dieser Hinsicht leiste. Zuletzt habe ich ihn beim »Falstaff« inspiriert. Bei der ersten Probe in der Scala mußte ich neben ihm in der Loge sitzen, und während Mascheroni die Ouvertüre dirigierte, hielt ich ihm Vortrag über die mise en scène des Werkes, dessen Partitur ich auswendig kannte.« »Während der Ouvertüre? Das ist ein Kunststück: der »Falstaff« von Verdi hat ja gar keine Ouvertüre.« »Sie lassen mich niemals ausreden! Tatsächlich war ein Vorspiel vorhanden, vierzehn Minuten lang nach der Uhr, und erst auf mein Zureden hat Verdi in jener Probe die Ouvertüre fortgestrichen. Er war bei all seiner Genialität in praktischen Dingen ein Kind und bedurfte der Anleitung, wie die Komponisten überhaupt. Alles muß man ihnen geben, den Stoff, den Plan, die Idee. Momentan inszeniere ich eine Oper, deren Text und Musik im wesentlichen von mir allein herrühren.« »Sind Sie damit schon fertig?« »Noch nicht ganz. Aber ich habe den Titel, und der Titel ist die Garantie des Bombenerfolges. Sie wird heißen » Artilleria Rusticana « und jetzt lanciere ich die Sache in Vornotizen durch die Presse. Die römischen Redakteure habe ich schon gestern bearbeitet.« »Ich denke, Sie sind erst heute früh hier angekommen?« »Vorgestern. Nebenbei handelt es sich noch um eine andere Transaktion. Ich verhandle nämlich durch Ricordi über den Erwerb der sieben Paganini-Geigen.« »Schöne historische Erinnerung. Das sind doch die sieben wunderbaren Instrumente, die Paganini an Lipinski, Vieuxtemps, Sivori, Ole Bull, Wieniawski usw. testamentarisch vermacht hat ...« »Sie sind im Bilde. Und nun stellen Sie sich vor: ich vereinige diese mirakulöse Erbschaft durch Kauf in meinem Besitz. Ich engagiere Sarasate und noch sechs solche und lasse auf einer europäischen Tournee mit diesem Siebengestirn das Septett von Beethoven spielen.« »Das wird schwer halten. Beethovens Septett beansprucht Cello, Kontrabaß, Klarinette, Fagott und Horn.« »Immer die alte Pedanterie! Als ob man diese Stimmen nicht einfach für Violinen transponieren könnte! Wirklich, lieber Herr, Sie hätten nicht das Zeug zum Impresario. Sie würden sich auch nicht entschließen, »Carmen« mit richtigen Stierkämpfern aufzuführen.« »Und Sie beabsichtigen das?« »Demnächst. Deshalb reise ich doch jetzt nach Spanien!« »Sie sagten nach Kapstadt.« »Ganz recht, über Sevilla. Dort engagiere ich den weltberühmten Torero Espaduentes, studiere ihm den Escamillo ein, und dann gibt es endlich einmal eine stilgerechte Darstellung von »Carmen« mit andalusischen Stieren. Ich gedenke hierzu die Arena in Verona zu mieten.« Wie ich weiterhin erfuhr, hat dieser Ultramanager den Kreis seiner Unternehmungen später noch erheblich ausgedehnt. Man sprach damals viel von der Wiederkehr des Halleyschen Kometen, und den wollte er zu internationaler Schau in Entreprise nehmen. Auch die totale Sonnenfinsternis in Brasilien fiel in den Bereich seiner Pläne. Und schließlich wollte er eine große Chorsymphonie ausrüsten, gesungen in einem Geschwader von Luftschiffen über der südlichen Arktis. Bei dieser Gelegenheit sollte dann auch der Südpol definitiv entdeckt werden. Meines Wissens sind nicht alle Projekte des Mannes zur Reife gediehen. Aber meine Wertschätzung seines großartigen Ideenfluges wird hiervon nicht berührt. Bestehen bleibt das Wort des Properz: in magnis voluisse sat est, es genügt, Großes gewollt zu haben, und ein Impresario solchen Stils darf nirgends anderswo beheimatet sein als in Wolkenkuckucksheim. Ein Abendbrot mit Hindernissen Und dann Maronentorte mit süßem Kompott! – Na, weißt du Schatz, das ist alles mögliche in diesen Zeiten; ich möchte beinahe sagen: übertrieben. Es erinnert beinahe an den seligen Lukullus. Wie war schon der Anfang? Gefüllte ... – Ja richtig: Gefüllte Eierkuchen mit Tomatensoße. Und dann Gänsebraten – – ach nein, Gänse sind ja nicht mehr aktuell: Putenbraten! Natürlich: Putenbraten! – Also eine richtige dreisätzige Symphonie. Unsere Dienstmädchen werden glauben, wir hätten das große Los gewonnen. Ach wo, Alfred: sie wissen doch, daß wir deinen Geburtstag feiern, und noch dazu deinen fünfzigsten. Dabei kann man sich schon ein bißchen anstrengen. – Und das schönste ist, daß wir beide allein diese Feierlichkeiten aufessen werden. Es kommt doch niemand weiter? Kein Mensch, sagte Frau Georgi . Das heißt: Unsere Freundin, die Vogelsang , möchte ich eigentlich noch ganz schnell dazu laden. Die ist doch jetzt Strohwitwe ... – Ach ja, ihr Mann hat ja geschäftlich in Warschau zu tun: und die Vogelsang ist wirklich eine nette Person. Da habe ich wirklich gar nichts dagegen. Also telephonier ihr gleich! Die Gattin ließ sich verbinden. Hier Georgi! Hören Sie, Frau Vogelsang, möchten Sie nicht heut' abend ein bißchen zu uns kommen? Es ist nämlich Geburtstag meines Mannes, und wir haben Putenbraten ... – Putenbraten? Ach, entzückend. Da komme ich furchtbar gern,– – das heißt, – das geht ja gar nicht! Es kommt ja selbst jemand zu mir! Wer denn? – Frau Siebert , meine Jugendfreundin; Sie kennen sie doch? Nein, bedaure: also das ist wirklich sehr schade, wir hatten uns schon so auf Sie gefreut! Können Sie denn das mit der Frau Siebert nicht auf einen andern Tag verlegen? – Unmöglich, liebe Frau Georgi! Das einzige wäre, – ich wüßte einen Ausweg – Nun? – Würden Sie mir erlauben, Frau Siebert mitzubringen ? Sie ist so nett, ich versichere Ihnen! Und da Sie doch eine Pute haben, die reicht doch! Aber wir kennen Ihre Freundin doch gar nicht! – Ein Grund mehr! Ich kenne – außer Ihnen natürlich – keinen Menschen, dessen Bekanntschaft so verlohnt. Ich garantiere Ihnen, Sie werden es ganz bestimmt nicht bereuen! Also meinetwegen. – Tausend Dank. Ich wußte ja, Sie können nicht Nein sagen. Es wird gewiß himmlisch werden. Wir kommen mit größten Freuden. Grüßen Sie Ihren Alfred! – – – Hier Frau Siebert ! Hier Frau Georgi ! – Sie hatten die große Liebenswürdigkeit, uns für heute abend unbekannterweise zu einem Putenbraten einzuladen. Meine Freundin, Frau Jenny Vogelsang, telephonierte mir eben, – wie war doch Ihre werte Adresse? Doktor Georgi, Uhlandstraße 17a, zweiter Stock, rechts. – Wielandstraße? Nein. Uhlandstraße. – Danke sehr. Wir hatten zuerst geschwankt, ob wir auch annehmen durften. Dann aber sagte mein Mann: Bei einer Herrschaft, die in heutiger Zeit solche Gastfreiheit übt, wäre es nicht nur unhöflich, sondern geradezu sündhaft, auszuschlagen. Wir rechnen natürlich auf spätere Gegenseitigkeit. Um wieviel Uhr wünschen Sie? Acht Uhr, pünktlich. – Danke sehr. Nur noch eine Frage, die unbescheiden klingen könnte, wenn sie nicht notgedrungen wäre: Wir erwarten nämlich heut nachmittag Logierbesuch, zwei Kusinen aus Leipzig, vom Konservatorium. Wir wußten es nicht vorher, die Mädchen haben sich eben telegraphisch angesagt. Dann freilich wird es Ihnen wohl unmöglich sein. ... – Falls Sie nicht das Maß Ihrer Güte vollmachen wollten und uns erlauben, die beiden jungen, höchst talentvollen Damen mitzubringen . Offen gestanden, gnädige Frau ... – Sie sind wirklich zu liebenswürdig! Und wir werden dafür sorgen, daß Ihr wertes Haus uns nicht vergebens offen gestanden haben soll. Also wir kommen gern und freuen uns sehr. – – Eigentlich war das ein harter Schlag für Frau Georgi; ursprünglich hatte sie sich auf zwei, höchstens drei Personen eingerichtet, und nun war auf dem Wege des Kettenhandels etwas ganz anderes daraus geworden: Der Uebergang von der Privatwirtschaft zur Massenspeisung. Die gute Frau, die nicht Nein sagen konnte, fing im Geiste an, ihre duftige Pute durch sieben zu dividieren: eine Gleichung, die sich um so schwieriger gestaltete, als sich »vier Unbekannte« darin befanden. Aber damit war die Angelegenheit noch nicht beendet. Das niemals rastende Telephon arbeitete vielmehr unverdrossen weiter. Die aus Leipzig frisch angelangten Cousinen wollten es sich nicht nehmen lassen, nun auch ihrerseits der edlen Gastgeberin etwas zu bieten, nämlich einen Kunstgenuß in Gestalt des Rheintöchter-Terzetts. Das ließ sich um so eher ermöglichen, als sie auf der Fahrt nach Berlin die Bekanntschaft einer dritten Sängerin, von der Oper, gemacht hatten, der wiederum ein ausgezeichneter Klavierbegleiter zur Verfügung stand. Und wo ein Wille ist, da ist auch ein telephonischer Weg. Kurzum, Frau Georgi wurde verständigt, daß die Gäste den Geburtstagsschmaus durch einen ganz auserlesenen Ohrenschmaus vervollständigen würden; womit der Putendivisor von sieben auf neun emporschnellte. Ziemlich kleinlaut eröffnete die liebende Gattin den Sachverhalt ihrem Gemahl. Und dieser ließ nicht den geringsten Zweifel darüber aufkommen, daß er sich den Abend anders vorgestellt hatte: nämlich intimer, minder geräuschvoll und drittens auch nahrhafter. Alsdann traf er im Beisein der bedienenden Hausfee folgende Verfügung: Hören Sie, Alma! wir bekommen zu unserem bescheidenen Kriegsabendbrot Besuch, und Sie werden für sieben Personen decken. Die eine davon, Frau Vogelsang, kennen Sie, die anderen sind fremdes Gesindel, sozusagen Selbstlader, sechs Stück, darunter drei Rheintöchter, die furchtbaren Appetit auf Eierkuchen, Pute und Maronentorte entwickeln werden. Aber, meinte die Alma, wenn sieben Herrschaften kommen, dann muß ich doch für neun decken! – Ach so, Sie zählen uns mit! ergänzte Herr Georgi; das ist nicht nötig. Setzen Sie nur den Leuten vor was das Zeug hält, und sie möchten sich's bis elf recht gemütlich machen. Und falls etwa die unbekannten Gäste nach uns fragen sollten, so sagen Sie, es täte uns sehr leid, aber wir beide, meine Frau und ich, wir wären plötzlich zu Kempinski abberufen worden! Die fürchterliche Melodie Ich hege selten teuflische Pläne, aber diesmal hatte ich einen, und der wurde denn auch nach allen Regeln der Kunst durchgeführt. Kaum hatte ich im Kurort das Zimmer gemietet, als nebenan ein Hotelgast zu komponieren begann. Er bediente sich eines Klaviers und traktierte darauf in allen Tonlagen und Verrenkungen eine einzige Melodie. Aber was für eine! Ich stellte fest: das war Tobias Flöhz, der bedeutende Kakophoniker, – man kann auch auf Deutsch sagen »Uebelklingler« – welcher der Welt schon lange eine neue Oper mit einem einzigen, durchgehenden Dauer-Motiv angekündigt hatte. Jetzt hörte ich es in seiner ganzen Schreckensseligkeit zehn Stunden lang. Da faßte ich meinen Plan: ich notierte mir diesen Auswurf einer Melodie auf Notenpapier, kündigte das Zimmer, und begab mich in die nahegelegene Stadt, um das weitere vorzubereiten. Hier trieb ich einen steinalten Drehorgelspieler auf, den ich mittels eines stattlichen Trinkgeldes für meine Zwecke einstudierte. Er war bei der Stadtjugend unter dem Namen »Torkel-Gottlieb« bekannt. Und in dessen Leierkasten ließ ich von der besten Instrumentenfabrik am Platze eine neue Walze einsetzen: eine Walze, notengetreu nach der Melodie, die ich mir aufgeschrieben hatte. Das ließ sich mit aufgelöteten Metallstiften sehr einfach bewerkstelligen, und die Mechaniker jener Fabrik leisteten mir das Verlangte in zwei Tagen. Alsdann kehrte ich in den Kurort zurück und hielt Umschau. Richtig, dort auf einer Promenadenbank saß Tobias Flöhz, der berühmte Komponist, in tiefes Sinnen versunken. Ich setzte mich neben ihn, fest entschlossen, ein Gespräch mit ihm einzuleiten, vorerst nahm er von meiner Anwesenheit nicht die geringste Notiz. Das Kurorchester spielte Isoldes Liebestod aus Wagners »Tristan«. Ich klatschte Beifall und erzielte damit einen strafenden Blick aus den klugen Augen meines Nachbars. »Bitte um Entschuldigung,« sagte ich, »wenn mein Applaus Ihr Mißfallen erregt haben sollte, über diese erhabenen Klänge wirken auf mich immer überwältigend.« »Es gibt viele solche Leute,« entgegnete der andere. »Die Welt ist eben rückständig und hängt immer noch an den überlebten wagnerischen Schmarren!« Ich gab mir einen Ruck: »Mein Herr! so dürfen Sie nicht sprechen! Wagner ist unübertroffen, und von allen lebenden Meistern reicht höchstens ein einziger an seine Größe heran: – Tobias Flöhz.« Damit hatte ich ihn. Er lächelte mit bescheidener Arroganz, lüftete den Hut und gab sich zu erkennen: »Erfreulich, daß Sie diesen Namen nannten, – das bin ich selbst.« Und nun begann er mir sein Zukunftswerk auseinanderzusetzen: die neue, fabelhafte, von einer einzigen Melodie getragene Oper. Er nannte sie »das Motiv der Unerhörtheit«. Die Welt würde musikalisch neugeboren werden, eben durch diese einzige, urgewaltige Melodie, die in wenigen Monaten wie eine Offenbarung auf die Menschheit einzustürmen bestimmt sei. Wir hatten uns erhoben und schritten aus der Promenade durch den Park auf die Dorfstraße. Er merkte nicht, daß ich bei diesem Spaziergang die Führung hatte, denn er sprach immerfort nur von seiner erlösenden Oper, von seiner bis heute unerhörten Melodie. Vor der Ausspannung der Ortschaft stand mein Torkel-Gottlieb mit seinem Dreh-Werke und leierte. Zuerst: »Kommt ein Vogel geflogen«, dann »Ach du lieber Augustin« und schließlich – Entsetzen und Bestürzung malten sich auf dem Gesicht des Komponisten. »Was ist Ihnen denn?« fragte ich teilnahmsvoll; angststöhnend brach es hervor: »– – Meine Melodie! auf dem Leierkasten!!« »Aber das ist ja gar nicht möglich! Was der arme Mann da werkelt, ist ja uralt! Und ich selbst besinne mich aus meiner Kindheit, da hat mir meine Amme schon diese Weise vorgesungen, und sie war mir schon damals zuwider.« Um das Maß vollzumachen, befragten wir den Torkel-Gottlieb und erhielten die Auskunft: er habe seinen Leierkasten von seinem Großvater selig geerbt, der Kasten schleppe mindestens schon seine hundert Jahre mit sich herum. Das genügte, um die Katastrophe zu vervollständigen. Herr Flöhz verschwand von der Bildfläche, mit ihm seine Oper. Wie ich neuerdings erfahre, hat er sogar das Komponieren überhaupt an den Nagel gehängt. Die Nachwelt hat alle Ursache, sein Andenken deswegen dankbarst zu feiern. Das Zahnbürstl Schon lange hatten wir uns ein kleines Grundstück gewünscht, so etwas Agrarisches, um von den Nöten des Inflations-Marktes unabhängig zu werden. Wir hatten zwar keinen Schimmer einer Idee, wo es liegen könnte und ob es für uns erschwinglich sein könnte, aber wir benamsten es einstweilen »Unser Rittergütchen«, und unsere Phantasie erntete auf ihm bereits Obst und Gemüse. Da bekam ich eines Tages wirklich eine Offerte: Kleines Gärtchen, ein bißchen Ackerland, eine Holzhütte mit zwei Zimmerchen, nördlich Berlin, sofort zu besichtigen und evtl. bar zu kaufen, – das war also der gegebene Fall. Ich steckte für alle Fälle einen Packen Banknoten ein und verfügte mich zur Stadtbahn. Auf dem Wege dahin kam ich an einem Laden vorbei mit ziemlich eleganter Auslage. Hübsche Toilettengegenstände in verlockender Aufmachung. Und dabei fiel mir ein: du brauchst ja ein neues Zahnbürstl. Die Inhaberin des Geschäftes war eine pompöse brünette Erscheinung, die mich vom ersten Augenblick an suggestiv beeindruckte. »Soll es etwas Besonderes sein?« fragte sie mit berückendem Mezzosopran. »Ja gewiß,« entgegnete ich; »das Bürstchen soll sich besonders zum Zähneputzen eignen.« »Dann kann ich Ihnen etwas ganz Exquisites vorlegen.« – Das Objekt kam zum Vorschein und empfahl sich selbst durch Nettigkeit und Gediegenheit. In mir stand es fest: Nicht ohne dieses verläßt du das Lokal. »Sie müssen nämlich wissen, mein Herr, wir fabrizieren selbst. Als gelernte Technikerin und Fachmännin in Zoologie kann ich Ihnen versichern: diese Bürste ist ein Nonplusultra. Beachten Sie einmal diese Borsten.« »Scheinen Schweinsborsten zu sein,« sagte ich. »Da sie soweit Kenner sind, mein Herr, werden Sie auch begreifen, daß zwischen Schwein und Schwein ein Unterschied besteht. Was die europäischen an Borsten liefern, ist gegen diese Qualität gehalten, Schund. Diese Borsten stammen nämlich von dem Tunga-Schwein, welches ausschließlich auf Celebes lebt. Wir haben unsere Agenten in allen exotischen Gebieten und vier von ihnen residieren auf unsere Kosten in Celebes, lediglich, um uns mit Prima-Schweinshaaren zu versorgen.« »Eine Zwischenfrage, verehrtes Fräulein: wieviel kostet wohl dieses Bürstl?« »Darauf wollte ich Sie eben vorbereiten. Ein Tungaschwein, welches sich von Kartoffeln, Rüben und Eicheln nährt, liefert wohl brauchbare Borsten, aber keine allerbesten. Unsere Versuche haben ergeben, daß die vorzüglichsten Borsten nur auf solchen Schweinen gedeihen, die mit jungen Bananen aufgefüttert werden. Und zwar mit Bananen aus Java. Wir besitzen dort zu diesem Zweck eine eigene Plantage. Und diese Anlage hat uns nicht gereut. Die Borstenzucht, von der Sie hier eine Probe vor Augen haben, beweist die Richtigkeit unserer Maßregeln.« »Sie wollten mir doch den Preis des Bürstels sagen ...« »Wir sind gleich so weit. Bisweilen findet sich trotz aller Vorsorge eine gelbliche Borste darunter, die den Totaleindruck stören würde. Das erkennt man aber erst, wenn das Kunstwerk fix und fertig ist. Wir sind oft gezwungen, Dutzende von Bürsten zu verwerfen, ehe wir eine einzige als gänzlich tadellos in unser Lager aufnehmen. Diese hier ist eine solche. Selbst mit dem Mikroskop werden Sie kein gelbes Pünktchen an irgendeiner Borste wahrnehmen. Ich vermute nunmehr, daß Sie nicht mehr erstaunt sein werden, wenn ich Ihnen den Preis nenne.« Sie nannte ihn. Er war zum Radschlagen. Da ich aber nicht radschlagen kann, so kaufte ich. Dabei bekam ich noch fünfzig Mark und einen glühenden Blick retour. Meine Frau hatte am Fenster meine Heimkehr bemerkt, sie lief mir entgegen und rief: »So schnell? Du hast dir's wohl anders überlegt?« »Getroffen,« sagte ich. »Statt »Unseres Rittergutes« bringe ich hier ein ff-Zahnbürstl für mich, im Kostenpunkt ist es ungefähr dasselbe.« »Und mir hast du gar nichts mitgebracht? Du bist ein Egoist!« Sie hatte vollkommen recht und erlebte die Genugtuung, daß mein Egoismus bestraft wurde. Als ich am nächsten Morgen das Instrument in Tätigkeit setzte, hatte ich den ganzen Mund voller Celebes-Borsten, und das Zahnbürstl hatte nicht eine einzige. Endlich engagiert Der junge Arzt Dr. Radebeul fuhr aus verzweifeltem Brüten empor. »Eva!« sagte er zu seiner Eheliebsten, »wir müssen doch endlich einmal ein Mädchen bekommen!« Die Gattin traf für die Dauer einer Sekunde Anstalten zum Erröten, aber sogleich war sie im Bilde. Ja, wirklich, ein Mädchen! ein Mädchen für alles! Es war wirklich die höchste Zeit. Das ging nun schon seit Wochen in diesem gesindelosen Zustand. »Kein Hüsung« ist schlimm, aber ein Hüsung ohne jede Diensthilfe, das ist auf die Dauer gar nicht auszuhalten. Und nicht einmal eine Aushilfefrau war aufzutreiben. Die Inhaberinnen der Vermietungsbureaus hatten sich schon mit dem ewigen Achselzucken sämtliche Achseln ausgerenkt. Nichts zu kriegen, lasset die Hoffnung draußen. Frau Eva, die Doktorsgattin, mußte standeswidrig selber kochen, und der Gatte half ein bißchen beim Aufräumen in der Wohnung. Das hatte einen Zustand! Wenn er sein Bett machte, hingen die Kissen herum wie die Segel des Fliegenden Holländers, und wenn er seine Bücherei abstaubte, freute sich der Staub, weil er unter seinem Wedel dick und fett wurde. Eva begab sich nun zum dreißigstenmal auf Suche, auf Entdeckungsexpedition, diesmal ins Vermietungsbureau von Frau Kiekebusch, bis ans andere Ende der Berliner Welt. Bei der herrschte eine komplizierte Methode: die mädchensuchenden Damen bekamen Zettel mit Nummern und Datum. Diese Zettel waren die Zeichen für eine unendliche Polonaise. Trugen sie das Datum vom Februar, dann konnte man etwa im April darauf gefaßt sein, aufgerufen zu werden. Und wenn man schon dran war, dann öffnete sich erst das ganze Verhängnis. 84 Damen drängten sich um den Vorrang, eines der sechs disponiblen Mädchen zu erwischen. Hier war der Siegeswille bei der Minderheit. Die paar Mädchen diktierten einfach die Bedingungen. Das Diktat hätte man ja angenommen, aber auch das half nichts. Denn immer stand schon eine finanzkräftige Ausländerin daneben, die bot das dreifache des Verlangten. Es ging bis zu Preisen, bei denen vormals ein Geheimer Regierungsrat vor Freude irrsinnig geworden wäre. Da konnte eine Berliner Hausfrau nicht mitbieten. Auch Frau Eva kam über die Präliminarien nicht hinaus, allerdings, es war ihr geglückt, mit einem Dienstmädchen in spe persönlich verhandeln zu dürfen. Die hieß Etelka, stammte aus der tiefsten Tschechoslowakei, verstand sich aber auf Germanisch und kannte die Berliner Verhältnisse. »Haben Sie Papiere, Ausweise, Zeugnisse?« »Hab' ich gehabt, sind sich gewesen bei Bruder meiniges in Ukraine, ist sich alles verbrannt, aber Bruder ist gerettet.« »Sehr erfreulich! also Sie waren doch überhaupt schon in Stellung?« »Bin ich gewesen in Stellung, weiß ich aber nicht mehr, ob war in Breslau oder in Lodz, kann auch sein gewesen in Kiew.« »Verstehen Sie denn irgend etwas vom Hausdienst?« »Prawda! Versteh ich jeden ganzen Sonntag und fünfmal nachmittag in der Woche Ausgeh. Und wenn Kinder in Familie, versteh' ich, daß Kinder müssen in Pension, weil mir sonstig zuviel Arbeit.« »Haben Sie wenigstens eine Ahnung von der Küche, können Sie aushilfsweise mitkochen?« »Doskonala, könn' mir prüfen.« »Also sagen Sie beispielsweise, wie bereiten Sie eine Majonnaise?« »Kann ich serr gutt; nemm ich fünf hartgesottene Eier, laß ich weich kochen, stampf in Mörser mit Salz, Mehl und Würfelgrieß, dann fahr ich zu Borchardt und kauf ein Flasch Majonnaise. Und Lohn will ich, weil ich bin serr bescheiden, 200 Mark per Monat und Vorauszahlung von Weihnacht in Juli.« Schon war sie weg; beschlagnahmt von einer Dame aus Buffalo, die dazwischengerufen hatte, sie gäbe gern 300, wenn nur die Perle augenblicklich mitkäme. * »Also wieder nichts? Auch diese Expedition im Zeichen der unverrichteten Dinge?« »Ganz im Gegenteil! Es kommt nämlich ganz anders.« Zwei Stunden später kam Frau Eva nach Haus und flog ihrem Ottmar vor Glück strahlend in die Arme. »Also hast du endlich etwas gefunden?« »Jawohl, gefunden.« »Fest engagiert?« »Ganz fest.« »Erzähle, Eva, wie ist das zugegangen?« »Sehr einfach. Ich habe mich vermietet! Als besseres Mädchen für alles, als Stütze, sozusagen: Hausdame. Glänzende Lohnbedingung. Großartiges Haus in der Alsenstraße. Steinreiche Leute aus Missouri. Denke dir nur, wie wir uns verbessern! Keine Hausplackerei mehr, kein Gelaufe um Dienstmädchen!« »Na, und ich?« »Schon alles ausgemacht. Du darfst mich besuchen, wann du willst und wirst dort mitverpflegt. Die Leute akzeptieren ja jede Bedingung.« »Und unser eheliches Heim?« »Wir werden es nicht vermissen. Uebrigens, Nachturlaub hab' ich auch!« Eine schaurige Nacht Winter im Riesengebirge – wundervolle Sache! Bloß man kann dabei böse in die Bredullje kommen – erzählte mir Freund Melchior, der es am eigenen Leibe durchgemacht hatte: »Also ich kam bei sinkender Dunkelheit von Schreiberhau her totmüde nach der Schneegrubenbaude, wo nur noch ein einziges kleines Uebernachtungszimmer mit zwei sogenannten Betten unbelegt war. Gleichzeitig mit mir erschien von der böhmischen Seite her ein anderer Bergpilger, und man wies uns natürlich den Raum zu gemeinsamer Benützung an. Daß er Wondraschek hieß, störte mich wenig, von mir aus hätte er noch viel tschechischer heißen können, wenn er sich nur über Nacht erträglich benahm. Woran ich eigentlich nicht zweifelte, denn der Mensch machte einen leidlich manierlichen Eindruck. Wir zogen auf der schmalen Holzdiele einen Kreidestrich zur Abgrenzung der Raumkompetenzen, wir warfen uns unausgekleidet auf unsere Lagerstätte, und der Mond sandte uns flimmernde Nachtgrüße durch das kleine Fenster. Aber ich konnte nicht einschlafen, denn der andere schnarchte, und zwar mit einer Vehemenz, die an das weltberühmte Dampfsägewerk von Rockefeller in Nebraska erinnerte. Ich rief ihm zu: »Herr, mäßigen Sie Ihre Evokationen! Sie schnarchen wie ein ganzes Regiment auf Kriegsfuß! Nehmen Sie Rücksicht auf Ihren Zimmergenossen!« Als das nichts half, sprang ich auf und rüttelte ihn wach, indem ich meinen Flehruf wiederholte. Damit war aber Wondraschek nicht einverstanden. Er meinte, auf seiner Seite des Kreidestriches könnte er schnarchende Auspuffe loslassen, so laut ihm beliebte, und ich sollte ihm sonst was! »Flegel!« rief ich, nunmehr entschlossen, die Zimmergemeinschaft mit dem Unhold aufzugeben und die Nacht lieber auf dem Hausflur zu verbringen. Aber einen Denkzettel wollte ich dem Räuber meiner Ruhe doch hinterlassen; ergriff den Waschkrug und goß ihm den Inhalt über sein infames Schnarchorgan. Dann öffnete ich die Tür und schritt hinaus. Wondraschek kam mir nachgestürzt. Es entwickelte sich ein Handgemenge, das sich über Flur und Treppe verlängerte bis über die Baude hinaus. Ringend und puffend gerieten wir an den Rand der Schneegruben, die sich nahebei in entsetzlichen Felsstürzen vertiefen. Auf dem schmalen Zwischengrat, den man den »Sattel« nennt, kämpften wir weiter. Da kam ein herkulischer Impuls über mich: ich umklafterte den Kerl mit beiden Armen, hob ihn hoch und schleuderte ihn mit mächtigem Schwung in den Abgrund des eisigen Gebirgstrichters. Hörte ihn dumpf aufschlagen in der Tiefe der Schlucht, mit dem befreienden Gefühl: der Bube wäre erledigt! Aber schon nach wenigen Sekunden packte mich die Reue. Mir war es, als hörte ich die Furienstimmen aus der Orestie: Mörder! Mörder! Und besinnungslos begann ich zu rennen, planlos, richtungslos, nur hinweg von dem Tatort meines Frevels. Ich durchstürmte die abenteuerlichsten Strecken in einem Tempo, die in keiner Sportchronik vorkommen. Dort der Reifträger? Hinauf! Dort das Hohe Rad und die Sturmhaube? Hinüber! – Plötzlich war ich wieder in der Schneegrubenbaude. Schleiche hinauf ins Zimmer. Hatte mich etwa nur eine Halluzination genarrt? Nein, es ist grausige Wirklichkeit: keine Spur von dem anderen Menschen; der lag zerschmettert im Abgrund! Laut aufstöhnend werfe ich mich aufs Bett, grabe den Kopf verzweifelt ins Kissen und verfalle in Betäubung. Als ich mich wieder aufraffe, graut der Morgen herein. Auf der Treppe treffe ich den Baudenwirt: »Hören Sie, Herr Wirt, Sie müssen sogleich nach Schreiberhau zur Polizei telephonieren; ich stelle mich zur Selbstanzeige: ich habe in dieser Nacht meinen Zimmergenossen, den Herrn Wondraschek ermordet!« – »Scheinen gut zum Spaß aufgelegt, Herr! Der Wondraschek sitzt unten in der Wirtschaft beim Kaffee. Hat die ganze Nacht da in der Schwemme zugebracht, weil er's oben im Schlafzimmer vor Ihrem fürchterlichen Geschnarch nicht aushalten konnt'. Die Zimmerbezahlung kommt nun natürlich ganz allein auf Ihre Nota!« Der halbierte Storch Es würde sich verlohnen, einmal die Geschichte der Froschplagen im Zusammenhang zu schreiben. Historisches Material ist genug vorhanden, und aus alten Berichten ergibt sich, daß der Frosch keineswegs als eine harmlose Kreatur zu gelten hat. Der Knabe, der seinen Laubfrosch auf der Leiter im Glase vergnüglich beobachtet, der Genießer, der den Frosch von der Seite der gebackenen Schenkel auffaßt, sind nicht die kompetenten Beurteiler. Der Frosch wird vielmehr in seiner ganzen Bedeutung erst dann gewürdigt, wenn man ihn als Massenfaktor betrachtet, als Vermehrungskünstler, als Vertreter eines höchst bedenklichen Majoritätsprinzips. Als solcher trat er schon in den ägyptischen Plagen auf: ... »und die Frösche kamen herauf und bedeckten das ganze Land Mizrajim«. Noch unheimlicher hausten sie zu Demokrits Zeiten in der Thrazischen Landschaft; es steht geschrieben, daß die Frösche damals größeres Unheil heraufbrachten, als alle Ungeheuer, Räuber und Tyrannen jemals in ganz Griechenland anrichteten. Aber auch in Mitteleuropa ganz in unserer Nähe hat es eine Froschplage gegeben, und da ich der einzige bin, der sie studierte, will ich davon erzählen. Es ist eine abenteuerliche Geschichte, die, um ganz bei der Wahrheit zu bleiben, ihren Abschluß erst von der Zukunft erwartet. Schauplatz: eine mit Seen, Teichen und Tümpeln reichlich gesegnete Landschaft im Kreise Ladenberg-Schöppenstedt. Dort also trat eine Froschplage auf und die betroffenen Städtchen und Dörferchen wandten sich hilfesuchend an den weisen Magistrat der Kreishauptstadt. Deren Obmann, Dr. Bürokratius, ernannte sofort eine Froschvertilgungsbehörde und diese stellte den logisch wie zoologisch ganz einleuchtenden Grundsatz auf: Storch contra Frosch! Sie bezog das größte Gebäude des Ortes, richtete sich in zahllosen Schreibstuben ein und berief als Oberstorchkommission eine Anzahl von Sachverständigen. Schon nach wenigen Wochen war durch Mitwirkung einer Tierhandlung à la Hagenbeck ein großer Storchkomplex bereit gestellt; und es entstand nunmehr die Frage: Wie sind diese Störche auf die bedrängte Landschaft zu verteilen? Derartige Fragen pflegen ein Statut zur Folge zu haben, ein Bündel von Paragraphen, an denen nicht mehr zu rütteln ist, wenn sie einmal in den Akten der Behörden verankert sind. Hier lautete der grundlegende Paragraph 11 in dem Faszikel mit der Aufschrift Schema F: »Jede Ortschaft des Kreises hat ihre genaue Einwohnerzahl zu ermitteln und für jede 200 Köpfe ihrer Bevölkerung einen Storch von der Oberstorchkommission zu verlangen.« Prompt und ohne Stockung wurde die Ordre befolgt. Die rationierten Störche langten an ihren Bestimmungsorten an, so und soviel pro Gemeinde, sie entwickelten einen fabelhaften Appetit, und die Frösche der beteiligten Distrikte hatten alle Ursache, ihr trauervolles Requiem zu quaken. Nur bei einer Ortschaft, der kleinsten von allen, haperte es. Das Dörfchen Klein-Niedermupkewitz nämlich ermittelte eine Bevölkerungszahl von genau 100 Seelen. Und der Dezernent entschied ganz folgerichtig: Dieser Flecken hat einen halben Storch zu beanspruchen. Man konnte da rechnen und dividieren so viel man wollte, das Resultat blieb unabänderlich: Null Komma fünf, gleich ein halber Storch. Sogleich erhoben sich neue Probleme: Wie sollte der Storch geteilt werden? der Länge oder der Quere nach? Welche Hälfte sollte man dem Flecken überweisen? und was geschah mit der anderen Hälfte? Ein sittlich nicht ganz gefestigter Storch-Assessor schlug vor, dieser Gemeinde einen ganzen Storch zu spendieren, da ein halber schwerlich in der Lage sein würde, das verlangte Froschvertilgungsgeschäft zu bewältigen. Aber dagegen opponierte der Obmann aufs heftigste: es hieße an den Grundfesten des Kreisorganismus rütteln, wenn man vom klaren Wortlaut proklamierter Gesetze auch nur um Haaresbreite abwiche. Schließlich entschied Dr. Bürokratius: Der Gemeinde Klein-Niedermupkewitz wird hierdurch aufgegeben, ihren Bevölkerungsstand zu verdoppeln. Sobald sie die vorschriftsmäßige Zahl von 200 Köpfen erreicht haben wird, erhält sie einen kompletten Storch. Von Statuts wegen. Da die Ortschaft über einen gesunden und kräftigen Menschenschlag verfügt, so wird sie – das darf man annehmen – die gestellte Aufgabe etwa bis zur Mitte des Jahrhunderts erfüllen können. Freilich wird sich die Zahl der Frösche bis dahin auf rund 17 Billionen erhöht haben; und zu deren Vertilgung werden dann mindestens drei Milliarden Störche erforderlich sein. Desperanto Die neue, verbesserte Weltsprache Zur Empfehlung. Ein Kursus von wenigen Lektionen genügt, um dem Lernbegierigen die volle Herrschaften über alle Feinheiten der neuen Universalsprache zu verschaffen. Sie ist leichter als irgendeine andere, schon deshalb, weil so etwas wie eine Grammatik in ihr überhaupt nicht vorkommt. Ihr Vokabelschatz zeichnet sich durch vollendete Durchsichtigkeit aus, indem sie sozusagen alle Begriffe automatisch und organisch in Wortklänge verwandelt, die schon beim ersten Anhören jedem Menschen auf der Welt einleuchten. Mit gutem Gewissen dürfen wir sonach die Behauptung vertreten, daß dieses Ueber-Esperanto – übrigens unsere eigene Erfindung, D.R.P. Nr. 777 777½ – in wenigen Monaten sämtliche anderen Kultursprachen, inklusive Augen-, Fächer-, Briefmarken-, Räuber- und Affensprache, verdrängen wird. Erste Lektion: Pappo: Vater, Papa. – Unmittelbario: kurz. – Avanto: vor.– Krepirio: Tod.– Letzowilligo: Testament. – Schwarzikasto: der Sarg. – Pinkopanko: das Vermögen. – Stipulira : anordnen. – Sollariu : sollen. – Deposuta : hineinlegen. – Deszendentu : der Sohn. – Zuwidrigo : unangenehm – Antiko, antikoko. antikokoko : alt, älter, der älteste. – Trovo : finden; hattitrovo : er fand. – Exviakul : der Ausweg. – Futuro : er wird. – Akzeptoschecku : der Wechsel. – Sperrokula : die Sicht.– Vi : wie. – Blankokuranti : bar Geld. Beispiel: Un pappo unmittelbario avanti Krepirio hatti stipuliro, sollariu deposuto into schwarzikasto insgesamto pinkopanko. Deszendenti fu selbia klausulon enormatil zuwidrio. Antikokoko deszendetu hattitravo exviakul: futuro deposita akzeptschecku into schwarzikasto a sperrokula vi blankokuranti pinkopanko. Verdeutscht: Ein Vater hatte kurz vor seinem Hinscheiden letztwillig angeordnet, man solle ihm sein ganzes Vermögen in den Sarg legen. Den Erben war diese Testamentsbestimmung sehr unangenehm. Da fand der älteste Sohn einen Ausweg: wir werden dem Papa in den Sarg einen Wechsel auf Sicht legen, ist doch so gut wie bar Geld! Zweite Lektion: Der Mensch: individuban . – versetzen: appliciru . – Markt: commerssiplaza . – Der andere: anodrio . – Von rückwärts: podextru . – Furchtbar: kolossaluli . – Bemerken: percipitu . – Irren: errorlala . – Entschuldigen: pardonesco . – Meinen: opiniatru . – Reiben: frottirlu . – Der Angreifer: attakapersonavu . – Der Schlag: klaeppipaetschikon . – Die Partei: partita . – Greifen: gripschon . Einmischen: mixtuplan . Und so weiter. Beispiel : Individuban appliciruvat anodrio u commerssiplaza podextru kolossaluli klaeppipaetschikon. Percipitu errolala, hattidicto: pardonesco, opiniatru istano Jekoloj. Individuban klaeppipaetschikato frottirlu podixa, hattidicto: nu, venischonta Jekeloj braucolevu si kolossaluli klaeppipaetsckikon? Sopra attakapersonavu ripostavolon: no gripschon partita, no mixtuplan affaeromas y Jekeloj! Verdeutscht : Auf dem Marktplatz versetzte jemand einer andern Person von rückwärts einen fürchterlichen Schlag. Er bemerkte indes, daß er sich in der Persönlichkeit geirrt hatte, und entschuldigte sich: »Nehmt's mir nicht übel, ich hab gemeint es ist Jekel.« Der Angegriffene rieb sich den betreffenden Körperteil und äußerte: »Nu, wenn's schon Jekel wäre, brauchtet Ihr den auch nicht so furchtbar zu hauen!« – Worauf der erstere entgegnete: »Ergreift bloß nicht Partei, mischt Euch nicht in die Angelegenheiten von Jekeln!« (Weitere Lektionen vorbehalten.) The Monstre-Sketch Alle Rechte der Aufführung, Uebersetzung, Verfilmung Vertonung, Verquatschung und Verhohnepiepelung vorbehalten Szenarium: Die Bühne zeigt in voller Ausdehnung das Innere eines Schädels. Es ist der Schädel des Sketch-Fabrikanten, der sich verpflichtet hat, dem Varieté eine Sensation zu liefern. Das Gehirn ist herausgenommen. Links und rechts Türen zu den Gehörgängen. vorn ein Sofa. Behagliche Einrichtung. Auf dem Sofa liegt der Direktor eines Vergnügungsetablissements von St. Pauli, Hamburg. Ein Telegraphenbote radelt auf seinem dreieckigen Einrad herein und bringt eine Depesche: Die ganze Truppe wird eingeladen, in Berlin zu gastieren. Der Direktor beruft das Personal. Die Künstler kommen auf Kugeln und Kürbissen herbeigerollt. Sofort fertig machen, mit dem nächsten Zuge fahren wir nach Berlin. Der D-Zug ist schon so stark besetzt, daß nur die Tiroler Sänger usw. in den Kupees Platz finden. Die Uebrigen helfen sich anders, die Truppe Gaukolini benützt die Telegraphenleitungen am Bahndamm als gespannte Drahtseile mit und ohne Balanzierstange. Auf den Schlußpuffern des letzten Waggons hat sich das Aequilibristentrio Humsti-Bumsti angesiedelt und übt unterwegs seine Künste. Im Speisewagen debütieren die Faggesens mit amüsanten Tellerzerbrechungen. In Wittenberge wird der Zug durch Maschinendefekt aufgehalten. Die Dompteuse Miß Mizzi Schnutepyx steigt ab, um dem Dampfroß Mores beizubringen. Sie zeigt ihm am Beispiel ihres Lieblingselefanten Jumbo I, wie es sich zu benehmen habe. Die Lokomotive lernt zwar das Männerchen-Machen, verweigert aber die weite Schlepparbeit. Der berühmte Muskelmensch Kolter-Koltrazzi spannt sich vor den Schnellzug und zieht ihn bis über Nauen. Hier erfolgt eine Explosion, die das ganze Personal zersprengt und in einzelne Gruppen aufgelöst nach der Reichshauptstadt schleudert. Die ersten, die sich wieder zusammenfinden, sind die Mitglieder des Affentheaters Paviansky. Sie veranstalten auf dem Alexanderplatz eine Vorstellung des eigens für sie inszenierten »Reigen« von Schnitzler. Aus dem Polizeipräsidium stürzt der Zensor, um diesen Unfug zu verbieten, mit dem Erfolge, daß die Vorstellung dreihundertmal wiederholt wird. Auf der Treppe vor dem Reichstag produzieren sich inzwischen the three Koalitioner 8 in ihrer Leistung. genannt, »Fractions-act of the world,« und die Passanten finden, daß die Stellung des Obermanns auffallend an die Position unserer Volksparteiler erinnert. Berechtigtes Aufsehen erregt der Löwe Ibrahim, der in der Singakademie auftaucht, gerade als ein neuer Dirigent am Taktpult stümpert. Der Löwe frißt den Dirigenten auf, pflanzt sich vors Orchester und dirigiert die Symphonie erfolgreich zu Ende. Das Schlußbild zeigt wieder das Innere des Schädels. Der Varieté-Direktor ist auf Grund des Sketche in eine Aktiengesellschaft, limited, verwandelt worden und notiert 1127. Sechs Möbelträger bringen das Gehirn herbei und setzen es wieder an Ort und Stelle. Bengalische Apotheose mit Gesang: Als Sänger ist der Clown erschienen, Das Publikum fällt ein im Nu: »In manchem Schauspiel unserer großen Bühnen Geht's doch noch viel meschuggener zu!« Ein amerikanisches Duell ... An diesem Tage befanden sich nur drei Personen im grünen Salon des Clubs: die beiden Lebemänner Knocks und Brox, dazu ihr gemeinsamer Freund, der Chemiker Dr. Spiegelberg. Zwischen den erstgenannten kam es zu einem Wortwechsel wegen einer Tänzerin, die vermutlich beiden ewige Treue gelobt, aber nicht ganz wörtlich gehalten hatte. Eine delikate Angelegenheit, die sich im Hin und Her des Wortstreites bösartig zuspitzte. Beleidigungen flogen durch die Luft, die nur mit Blut abgewaschen werden konnten: und das Ende war der fürchterliche Beschluß: Ein Amerikanisches Duell sollte entscheiden, welcher der beiden Herren fürder durchs Leben wandeln durfte. So ein Duell soll eigentlich ohne Zeugen erledigt werden. Man kam indeß überein, von diesem Brauch abzuweichen. Der Chemiker Dr. Spiegelberg wurde ersucht, als Unparteiischer zu walten und darauf zu achten, daß das sonstige Zeremoniell dieser unheimlichen Handlung genau eingehalten wurde. – Kellner! Bringen Sie mal zwei Stück Zucker! Da entstand die erste Schwierigkeit. Der Kellner erklärte, es gäbe nur Streuzucker im Hause, also eine Substanz, die bekanntlich zu einem amerikanischen Duell ganz und gar ungeeignet ist. Der Unparteiische wußte Rat: »Ich wohne ja hier schräg gegenüber und habe das Erforderliche zu Hause, wenn die Herren nur zwei Minuten warten wollen, so bringe ich, was Sie brauchen.« Bald war das Material zur Stelle. Der Unparteiische hatte sogar einen Revolver mitgebracht, damit der dramatische Abschluß der Szene unverzüglich erfolgen konnte. Knocks und Brox nahmen einander gegenüber Platz, jeder mit einem Stück Würfelzucker vor sich auf der Tischplatte, und warteten auf die Fliege, die da kommen sollte. Das Todeslos wurde einfach und praktisch dadurch bestimmt, daß derjenige sich zu erschießen hatte, auf dessen Zuckerstück sich zuerst eine Fliege setzen würde. Aber es kam keine Fliege. Eine halbe Stunde starrten die Herren vor sich hin, vergebens, Knocks wurde ungeduldig: »Ein nettes Lokal, in dem nicht einmal eine Fliege verkehrt! Spiegelberg, reißen Sie doch die Fenster auf, vielleicht kommt von draußen eine.« Da schwirrte etwas durch die Luft, und im nächsten Moment setzte sich eine geflügelte Kreatur auf Knocksens Zuckerstück. »Sie sind geliefert!« erklärte der andere. »Dort liegt der Revolver, also los!« Der Unparteiische intervenierte: »Ich konstatiere, das ist gar keine Fliege , sondern eine Wespe .« »Ach, das ist total gleichgültig,« meinte Brox. »Es kommt doch auf den Sinn an, ein Insekt ist wie das andere!« »Keineswegs!« betonte Spiegelberg. »Der Duellvertrag muß wörtlich vollzogen werden. Gemogelt wir hier nicht.« Die Wespe war fort, wieder verging eine Viertelstunde banger Erwartung, da gings plötzlich »Sss, Sss« – eine richtige Fliege huschte durch die Zimmeratmosphäre. Sie umflog das Zuckerstück des Herrn Brox, zog ihre Kreise enger und enger, jetzt berührte sie es deutlich mit den Beinchen, nur eine Sekunde lang, – dann surrte sie weiter, verschwand durchs Fenster und ward nicht mehr gesehn. »Also bitte, Brox, erschießen Sie sich gefälligst! Die Fliege war bei Ihnen.« »Aber sie hat nicht richtig gesessen, sie hat nicht genascht, sie ist nur vorbeigeflogen.« »Unparteiischer, äußern Sie sich: hat sie gesessen?« Der Chemiker erklärte: »Ich entscheide abermals nach dem Wortlaut: Ja, sie hat allerdings gesessen, wenn auch nur kurze Zeit. Aber Brox braucht sich trotzdem nicht zu erschießen. Die Bedingung war: Zuckerstück – es ist aber gar kein Zucker. Es ist Gips .« Diese Feststellung verfehlte nicht, die Leidenschaften merklich zu dämpfen. Das amerikanische Duell wurde abgebrochen und alle Wahrscheinlichkeit spricht dafür, daß es in einer flotten Kartenpartie der drei Beteiligten seine unblutige Fortsetzung fand.