Prof. Eduard Hildebrandt's Reise um die Erde. Nach seinen Tagebüchern und mündlichen Berichten erzählt von Ernst Kossak.     Berlin, 1867. Verlag von Otto Janke.     Inhalts-Verzeichniß. Erster Band. I.   Von Berlin nach Alexandria. Gepäckproblem. Neptun. Corfu. Der erste Seeräuber der Reise. Alles seekrank. Amina und der erste Bassist. Hotel de l'Europe. II. Die Nachtwächter in Aegypten. Keine Straßenbeleuchtung. Zu Esel. Mangel an Kleingeld. Fliegen und Augenkrankheiten. Gefärbte Pferde. Said Pascha. Auf der Eisenbahn nach Kairo. III. Ueber den Nil. Ein orientalischer Dandy. Mr. Abdallah. Das Urtheil des Kadi. Dr. Reil's Heilanstalt. Bier-Müller in Alt-Kairo. Nach Suez durch die Wüste. Die Ueberlandpost. Der Dampfer Jeddo. IV. An Bord geritten. Der englische Behemoth. Gala-Punka's. Die Scheuer-Operation. Tiffin. Launen des rothen Meeres. Ein Hund als Gesellschafter. Die Insel Djubal. Die Kaffeestadt Mokka. Perim. Im Hafen von Aden. Ein Mann ohne Stuhl. Die Ratten als Briefträger. Vor Bombay. V. Royal-Hotel. Vögel und Eidechsen in den Zimmern. Das Domestikenwesen in Indien. Malabar Hill. Elephanta. Die Goldwanze. Parsi's. Unter Büßern. Taschenspieler. VI. Der Dampfer China. Nach Ceylon. Der Commandeur von Java. Cap Comorin. Steife Brise. Point de Galle. Geröstete Schlangen. Consul Sonnenkalb. Der Juwelenhandel auf Ceylon. VII. Die Schwierigkeiten der Arbeit. Nach Colombo. Pferdezucht. Rothe Zähne. Die ersten Elephanten. Ein Buddhatempel. Das Neger-Portrait. VIII. Von Colombo nach Candy. Der Mensch und der Kaffee. Eheschließung unter den Singhalesen. Der Zahn Buddha's. Ameisen im Mantelsack. Souper mit Prügel-Dessert. IX. Eine Viertel-Rupie für eine Boa. Das Ende eines Balles. Der Dampfer Bengal. Nach Madras. Nur eine Waschschüssel. Am Weihnachtsabende. X. Auf der Rhede von Madras. Die Brandung der Küste. Affen auf allen Dächern. Der Meerbusen von Bengalen. Die Indigo-Wittwe. Ein russischer Pensionär als Master Champansky. Die Mündung des Hugly. Ankunft in Calcutta. XI. Mein Neujahrs-Gratulant. Die Stadt der Paläste. Die schwarze Stadt. Gottlieb. Der Tausendfuß. Nach dem botanischen Garten. Der indische Elegant und sein Friseur. Der Ganges, das Grab der Gläubigen. XII. Die Bestattung der Todten. Aasgeyer statt Nachtigallen. Tragbare Tempel. Prussia und Persia. Nach Benares. Station Jumalpora. Exercierübungen der Seapoy's. Indische Backhähndl. Durch Patna. Ankunft bei Nacht. XIII. Die Stadt der Brahminen. Ein Blick nach dem Himalaya. Die Sternwarte. Privattempel. Die Nachkommen des großen Hanuman. Heilige Stiere. Die Fahrt nach Allahabad. Ein Verstoß gegen die Landesreligion. Glücklich entwischt. XIV. Cawnpore. Der Aufstand von 1857. Indische Julitage. Nena Sahib. Lucknow. Die Theilung der Arbeit unter den Dienern. Das Dorf der todten Menschen. Agra. Ein Besuch des Taschmahal. Sekundra mit Akbar's Grabmal. XV. Die letzten Tage in Benares und Calcutta. Im goldenen Tempel. Der Hochzeitszug des Fürsten. Die Jugend des Handelsstandes. Des Gouverneurs Maskenball. Auf der India nach Rangoon. Briefstation Tschittagong. XVI. Mr. Julius Schulze aus Akyab. Nothwehr gegen Hunde. Austern an Mangrovenzweigen. Ein Empfehlungsbrief von Lord John Russell. An der Küste von Pegu. Im Garten der Feen. Consul Niebuhr und sein Bär. Sie fängt Tiger. XVII. Straßenarbeiter. Theatervorstellung. Die Baltic. Maulmen. Ein persischer Israelit und sein Gouverneur. Rabbiner. Alles koscher. Schornsteinbrand. Insel Penang. Der 18. Februar, der chinesische Neujahrstag. Siesta neben der Tigerbucht. Eine Flasche Champagner mit Musik. XVIII. Singapore. Zusammentreffen mit einem Tiger. Sir Stamford Raffles. Der Rajah von Johore. Gesundheitsstation. Der Dampfer Chow Phya. Flüchtige Mörder an Bord. Der Teifun. XIX. Vor der Mündung des Menam. Stadt Packnam. Der Gouverneur mit einigen zwanzig Kindern. Bangkok, Asiens Venedig. Ein weißer Elephant im rothen Felde. Mrs. Leßler. Sir Robert Schomburgk. Sr. königl. Hoheit Prinz Georg Washington. Der preußische Kunstmaler. Kuchen und Rabe. In einem chinesischen Spielhause. Der galante Croupier. Bei Hofe. XX. Im Thronsaal zu Bangkok. Prinzen oder Straßenjungen. Sr. Maj. Toast. König Mongkut's Facsimile. Dr. Bastian. Das Dschunglefieber. Einladung zum zweiten Könige von Siam. Die Schlacht bei Roßbach und Genovefa. Ein preußisches Zündnadelgewehr. Brandy trinken wir doch. XXI. Die What-Pagode. In den Königl. Elephantenställen. Wasserpartie nach Pratlat. Sommertracht der Weißen und Schuhzeug. Im Hause des siamesischen Kapellmeisters. Der Orestes und seine Cockroaches. Full dress. Der Anfang des Hundejahres. Neujahrs-Galadiner. Spalier der Garden. An drei Tafeln. Mongkut's Ballettänzerinnen. XXII. Bienen und wilde Hunde. Eine schlaflose Nacht. Viscount Canning. Capitän Benary. Der nordamerikanische Missionär und der Gottesdienst in seinem Hause. Eine Gesellschaft Schiffbrüchiger. Drontheim: auch eine Sommerfrische. Die Frau des Capitäns. XXIII. Stillleben in den chinesischen Gewässern. Meine Freundin die Katze. Die Kartoffel- und Bananeninsel. Condore. Alte See. Der Tod der Mrs. Abbé. Wallfische in Sicht. Zwei Schwalben. Ueberfluß an Diamanten. Nie ohne Ringe. Hainan, die Ratten- und Pirateninsel. Hongkong und Stadt Victoria. China. Zweiter Band. I. Hongkong. Wäscher und Schneider. Die Victoriastadt. Als Freßgevatter. 1100 Pfd. Sterling Briefporto. Nach Kanton. Bocca Tigris. Whampoa. Blumenschiffe. Die innere Stadt. Die Pagode der fünf Genien. Kinderleichen. II. Die Tempel auf Honam und die heiligen Schweine. Die Schicksalsstäbchen. Die Tempel der Fruchtbarkeit und der Schrecken. Das Bettelsystem zu Kanton. Die Straße ein Sterbebett. Der reiche Potingua. Medicinische Reklame. III. Die Aufnahme einer Straße in Kanton. Ein Feuerwachtthurm. Ein Mandarin mit blauem Knopf. Tschau Tschau. Haifischflossen und Hachée von Raupen. IV. Ein Fachgenosse und sein Atelier. Im Gefängniß und vor Gericht. Der gesetzliche Hungertod. Zwei Theaterabende. Der Kaiser als » deus ex machina « der chinesischen Komödie. Nach Makao. Ein Wildpark von Ratten. V. Die Praya granda. Der Tempel eine Theebude. Mein achtzigjähriger Enkel. Ein Nachmittag im Theater. Schreihälse. In der Spielhausstraße. VI. Extrafahrten zwischen Kanton und Macao. Der erste Kunstfreund. Camoëns ohne Nase. Die Maler Ye Chung und Wo Hang. Ein Theekoster. Zur Ehre des Hauses. VII. Fliegende Ameisen. Meuterei und Blattern. Die Piratenstraße. Zopftoilette und Zopfspiel. Die Barbiere und ihre Kosmetik. Verkrüppelte Füße. Der Fächer. Verfehlte Sprach- und Schreibstudien. Das Drachenfest. Todesgedanken und Unruhen. VIII. Eine Ladung Leichen. Der erste Teifun. Gehängte Piraten. Festfeierlichkeiten der Ankunft. Eine Riesenspinne. Immer leidender. Mein Testament. Weggetrunken. Die Gazelle kommt. Die Reisdiebe. Nach Amoy. IX. Consultationen an Bord. Hundertfünfzig Ananas für einen Dollar. Die Opferdschunke. Polussia Mandalin. Wie schwitzen Sie? Woosung und Shanghai. Der Tapferste der Tapfern. Deserteure. X. Nach Japan. Flucht vor dem Teifun. Schönes Wetter und dreißig mit dem Tauende. Der Vulkan Fusi Yama. Eine neue Höflichkeitsbezeugung. Ein Damenbad auf offener Straße. Grillen und Schreifliegen. Japanische Häuslichkeit. XI. Papierne Sommerhäuser. Erdbeben. Der Nachtwächter und seine Trommel. Brillenschlangen. Nationales Mißtrauen. Ein Bonze als Liebesagent. Die Ehe als Finanzquelle. Die Theehäuser und das Herrenhaus. Unleidliche Bevormundung. Kaufleute. Lohgerber und Scharfrichter. Die Frauen Japans. Musme. Die Feuerwehr auf der Leiter. XII. Erdbeben und Erbrechen. Der preußische und holländische General-Consul. Ein Dieb verbrannt. Der Itzebu und die Vestalinnen Yokuhama's. Fußbäder im Speisehause. Das Papier in der Toilette. Ein Badhaus. Nach Yeddo. XIII. Bei Simodske. Die Burg des Taikun. Der unzugängliche Mikado. Der Rath der Dreizehn. Japan und Venedig. Schwarz lackirte Häuser. Der Tempel der Empfängniß. Ringer. Ein unbestrafter Brandstifter. Pillenpraxis. 20,000 Pfund Sterling. Eine Selbsthinrichtung. Nach Kamakura. XIV. Fusi Yama-Pilger. Wallfahrtstempel. Scharfe Freudenschüsse. Dampfer-Carroussel. Soirée im Herrenhause. Die Kneter. Prinz Oranien-Festball. Nach Nagasaki. Der Flußdampfer auf hoher See. Blaue Raketen und sechs Stunden Arrest. Mr. Lewes. XV. Die Insel Desima. Nagasaki. Consul Kniffler. Der Fisch- und Blumenmarkt. Ein Colorist und seine Söhne. Demimonde von Nagasaki. Riesenspinnen. Nach Shanghai. XVI. Gesundheitszustand, Leben und Sterben in Shanghai. Tugenddenkmale. Bezopfte Missionaire. Gastereien. Fidibus und Lunte. Dankbezeugung für ein Diner. An Bord des Argus. Nach Tientsin. XVII. Der Argus und sein Karavanenthee. Ein falscher Zopf. Mittel gegen Flöhe. Hungersnoth und Leck. Die letzte Ente an Bord. Eine Seeräuber-Dschunke. Die Lebensgeschichte eines deutschen Matrosen. Am Strande von Chifou. XVIII. Kriegsrath. Im Boot an's Land. Gerettet. Weih-hei-Weih. Ein Bürgermeister-Mandarin. Holzeinkauf in Liu Cung. Chinesische Dorfbewohner und ihre Sitten. Chifou. Hühner mit Entenfüßen. Fische mit Hundeköpfen. Drachen. XIX. Vor der Barre des Peiho. Fort vom Argus. Taku. Bom-Bom-Pidjen. Alles aus Schlamm. Nach Tientsin. Der Kaiserkanal und seine schwimmenden Dörfer. Karrenfahrt. Opiumraucher in der Halbwegskneipe. Glaube, bete und zahle! Chinesischer Pferdewechsel. In Stücke geprügelt. Kurz vor Peking. XX. Durch die Vorstadt Sandnest und die östliche Bequemlichkeit in die Stadt Peking. Palast Jang kung fu. Sir Frederic Bruce. Herr Bismarck. Die verbotene Stadt. Thisbe. Die Tempel des Himmels und der Erde. Eiserne Cash. Fliegende Spielhöllen. Praxis zu Pferde. XXI. Die gepanzerte Kehrseite. Himmels-, Drachen- und Tigergarde. Ein neunjähriger Kaiser. Prinz Kung. Der Adel im himmlischen Reiche. Der Staatsanzeiger von Peking. Der Sprachmeister, mein Mentor. Dejeuner in der Pajode. Eine schwarz-roth-goldene Leiche. Diebe mit falschen Zöpfen. Schlauberger. Die Koch- und Speisestraße. XXII. Schlaf-Bons. Die Bettlerkaste. Sir Frederics Passepartout. Musikalische Kleinhändler. Vor Hunger gestorben. Eine Gebetmühle. Pfeifende Tauben. Ein Hochzeitszug. Yuan-ming-Yuan. Buddha unter Bonzen und Schweinen. Pekings Kranzler. Nicht alt genug. Dr. Lockhart und mein hohler Zahn. XXIII. Aquarelle für Zahn. Schlauberger's Diener. Abgelohnt. Mistreß Reynolds. Kutscherwechsel. Tartarus, Inferno und Ausspannung. Segelkarren. Ein umgefahrenes Haus. Mongolische Miethsklepper. Nach Chialin. Die Stinkpots bei Taku. XXIV. Ein Tag auf der Schlammbank. Die Swartow. Der Rhabarber-Reisende. Ein Laboratorium der Natur. Keine Spielkarten. Kein Schreibpapier. Concert von Rheinländern. Capitän und Matrose. Die Ningpo-Pagode. Das Nachtmahl der Bonzen. XXV. Opiumraucher. Die Wochenstube auf der Straße. Die Cabinets d'aisance von Shanghai. Die Leber auf der Wagschaale. Dr. Meyer und sein Todter. Foh-Kien. Der Kaper Alabama. Unter englischer Flagge. Miß B. australische Sängerin. Feuer! Fat-Jack. Eingepöckelte Chinesen. Teller oder Krone. Die Bai von Fuchow. Dritter Band. I. Foo Chow Foo am Min. Der Fischfang mit dem Kormoran. Die Hundertbogen-Brücke. Stutzergräber und ein Diner auf dem Kirchhofe. Anlagen zur Anthropophagie. Die Neunkegel-Insel. Hongkong. Weihnachten in den Tropen. Malespina. II. Alles Oel. Die Tabaksinsel Luzon. Spanisches Prügelsystem. Manila. Ehrenwache oder Spitzel. Folgen des Erdbebens. Baierischer Dialekt. Die Vorstadt Binondo. Provisorische Kapellen und Kirchen. Die Cigarrenfabrikation, ein Regierungsmonopol. Spanische Courtoisie. III. Sylvesterabend und Weihnachtsmarkt. Der Habaneiro. Nach den Lagunen. Bettelmönche als Millionäre. Consul Herrmann. Das Hemde auf Manila. Tropische Regengüsse. Hahnenkämpfe. Die Platanen von St. Anna. Spanisches Prügelsystem. Der Vetter der Dolores. Ein Campo santo. IV. Der Familienvater auf der Geisterwacht. Ein Sandfloh. Zu Darwins Theorie. Chinesische Wechsler. Kein weltliches Buch. Der Vice-Gouverneur und die Animosa. Neue Auflage der Seekrankheit. Hofedienst. Mistreß Horsekeeper. Rückreisepläne. Die Pallas. Victoria aller Orten. Chi-chang-hong, mein College. Leisibilder. Noch einmal nach Kanton. V. Der Gaetstein. Schilfpaletots. Vicekönig Yeh. Der Richtplatz von Kanton. Gepfählt. Die rothseidene Schnur. Geohrfeigt. Die Sü-Straße. Ein Rattenschlächter. Dejeuner auf einem Blumenschiff. Die Kegelpartie in Kanton. Auf Deck des Kin Shan. Piraterie und Raubmord. Der Giftbäcker. VI. Pallas und Sirius. Piraten-Versuch. Spionerie vor der Abfahrt. Er kehrt bei Tage zurück. Seekranke Kanarienvögel. Der Schiffsschreiber als Vertrauter. Die Dame in Roth. Ein chinesischer Particulier. Die Duenna und ihre siebenzehn Pensionärinnen. Capitän Dr. Hartmann. Die Sturmleiter. Californische Dauerbutter. VII. Ueberladen. Das Bett mein Schreibepult. Die Eiersucher. Der Matrose als Arzt. Die Kur des Kochs. Ein Leben im spitzen Winkel. Der chinesische Neujahrstag. Instrumental- und Vocalmusik. Nasen- und Magenregister. Die Pallas-Suppe und ihr Fettauge. Haifischjagd. Stillleben auf hoher See. Wasserdiebe und Feuerwerker. VIII. Gegenwind, die Freude der Mannschaft. Was für ein Haus? Satt vom Hören und Sehen. Ein Duell auf comprimirte Gemüse. Preußen letzter Klasse auf Formosa. Menschenfraß, eine berechtigte Eigenthümlichkeit. Die beiden Botel-Inseln. Der Gefahr entgangen. Sechszehn Jahre auf einem Korallen-Riff. Noch einmal Pepita. IX. Das chinesische Mittel gegen Migräne. Schlaf nach Belieben. Mangelhafte Karten. Der Bonito. Graupen-Kaffee. Ein Tag der Wasserhosen. Das Verdeck ein Trockenplatz. Etwas Paradies. Selbstbekenntnisse einer schönen Seele. Die Crinoline auf dem stillen Ocean. Das Tagebuch zwischen Himmel und Ocean. Der Klipper Julian. X. Bischofsklippen und Borodino-Inseln. Eine Extraration. Der Steuermann als Wickelfrau. Heftpflaster gegen Schwämmchen. Unser Münzkabinet. Hungerkur. Die Chinesen und der Bandwurm. Reiskäfer-Jagd. Am Freitag abgefahren. Marine-Pennalismus. Er schleift sein Messer. Mond- und Hemdenwechsel. Albatros mit Reis. Endlich im offenen Wasser. XI. Die Dank-Matinée. Kein Bube. Ein neuer Odysseus. Das Rettungsfest und das Opfer Pepita's. Ihr Nekrolog. Schwarze Suppe. Der Schlafvirtuose. Land vor der Back. Mövenfang. Das Kind: 10 Sgr. Zweimal der 30. März. Yamswurzeln statt Brot. Verliebte Wallfische. Ein Compromiß. Nach sechs Wochen das erste Schiff. Der Lootse. Vor San Francisco. XII. Rencontre. Sa ne ke tau. Das Ende des Opiumschmuggels. Zöllner mit weißen Glacéhandschuhen. Der Seeweg der Verlorenen. Hotel Ruß. Neun Thaler für eine Droschkenfahrt. Dead letters. Land- und Seebeine. Die Bauart von Zisco. Die goldene Pforte. Grünhorn. Der Polizeistern. Die Minenbörse. Wilder Kroll. Spuckgeschichten. XIII. Die sociale Frage. Von der Kanzel zum Hackmesser. Eiserne Häuser. Knüppeldämme. Die Droschkentour drei Thaler. Im Lotter-Viertel. Nur bei Nacht. Criminalistische Charakterköpfe. Milchsuppe mit Austern. Milch statt Wein. Fixen und Smart. Am Waschfaß. Yankee-Höflichkeit. Die Lagerbier-Mamsellen von San Francisco. XIV. »Pallas« auf der Todtenliste. Minenstiefel und Strümpfe. Die Frühlingshose von Papier. Californischer Humbug. Meisterwerke der Malerei in Kneipen. Doctors' Shop. New-Yorker Preise. Keine Haare mehr! Hotel Ruß, ein Zellengefängniß. Ein phrenologischer Arzt. Die italienische Oper und Ernani in San Francisco. Statt Bouquets: Dollars. Tell's Geschoß. Die Gitterloge der Loretten. Goldgräber im ersten Range. XV. Geschäftsportionen. Militärische Titel. Lauter Sand. Fahrende Photographen. Californischer Caviar. Das Musikantenkind. Feuerwehr und Turner. Die Localposse in San Francisco. Unsere schwarzen Brüder. Spielhöllen mit Fallthüren. Die Quecksilberminen von St. Jose. Mission Dolores. Tippins und Parker. XVI. Die Tafel der Diener. Der Dampfer »Constitution«. Hirsch, der Achtzehnender. Cliffhouse. Ueber die Barre. Musterung des Schiffes. Meine Schlafburschen. Unser Marktplatz. Ein rothgedruckter Epilog. Menschen und Nummern. Kanonenkugel und Czako. Zwei Kugeln im Leibe. Ein bedenkliches Versehen. Die Höschen des Flügels. Guadeloupe. Ein Schweizerpaar. XVII. Gentleman und Nigger. Herr Meyer aus dem Innern von Posen. Von Panama den Rhein hinauf nach Schrimm. Der Sohn des Compagnons. Ein Pudel verlaufen. Liqueur- und Kartenkästen. Falscher Feuerlärm und Löschmanöver. Das warnende Placat. Eismarken. Herr Rosenthal aus Baltimore. Eine neue Secte. Cap St. Lucas. Der Barbier als Vorschneider bei Tisch. Privateier. Spanisches Fächerspiel. Die Bucht von Acapulco. Noch einmal unter Palmen. XVIII. Der Geburtstag der »Constitution«. Ein Schiffsball. Neue Toilette für Tänzerinnen. Das Priemchen des Admirals. Complot zwischen Küche und Keller. Bratensauce als Haaröl. Das Liebespaar und Herr Birkenzweig. Die Fraction Meyer Rosenthal. Fliegende Füchse. In der Bay von Panama. Ohne Hut. Hotel Aspinwall. Vier Mann in einem Zimmer. Vormittagsschlaf der Mosquito's. XIX. Rundschau in Panama. Für die Schüler Darwins. Azteken an Ort und Stelle. Dächer von Austernschaalen. Das Panamafieber. Der kleine Rothschild. Meine Taucher. Dörfer im Urwalde. Leuchtkäfer als Haarschmuck. Halb Skelett. Klempner Fischer. Der spanische Gesandte. Seine Flucht auf einer Draisine. Ueber die Landenge nach Aspinwall. XX. Steamer Solent. Meerkatzenbraten. Die Reisesaison in den Antillen. Chilenische Damen. Der Hotelwirth aus Panama als Tourist. Rothbart und Rothkopf. Barmherzige Schwestern. Die Nimrods. Schauspieler und Stierfechter. Eine Matadorin. Auf der Höhe von Jamaica. Stadt Kingston. Der Odeur der Neger. Vergnügtsein der Matrosen. Noch vierzig mehr. Das Seescheusal. Vor Hayti. Nach St. Thomas. XXI. Der schwarze Prinz. Afrikanische Grazie. Mad. Klimpermann. Mr. Meichel. Im Grog ertrunken. Mr. Abraham. Ein Meteor. Die Küste von Portorico. Der Sarg. Keine Milch. Im Hafen von St. Thomas. Der Dampfer »Seine«. Von St. Thomas nach Reinerz. Der verliebte Peruaner. Mein Schlafkamerad und sein Schwimmgürtel. Ein Kuppelpelz. Deutsche Stewards. XXII. Auf der Höhe von Cayenne. Südliches Kreuz und Polarstern. Die Grog-Bell. Tinktur gegen Pockennarben. Nächtliche Redner und Zänker. Das Hazardspiel Monte. Im Quartier latin. Tauschhandel in Texas. Sechszig Schildkröten als Deckpassagiere. Die Wiederkehr des Zwielichts. Unter Seejungfern. Immer zugeknöpft. Ein falscher Leck. Abschied von den fliegenden Fischen. XXIII. In der Nähe der Azoren. Die Wiederkehr des Schnupfens. Der Gründer der Tanzkapelle. Der erste Ball. Reisegefährten auf offener See. Hinter Schornsteinen und Kesseln. Landsend. Jack und Bill. Der Leuchtthurm von Eddistone. Die Insel Wight. Im Hafen von Southampton. Die Folgen der Sabbathfeier. XXIV. Von Southampton nach London. Radley's Hotel. Garibaldi-Cultus. Im polytechnischen Institut. Nach Dover. Ein verstockter Greis. Bei Nacht über den Canal. Im Taschen-Dampfer. Die Mauthbeamten in Ostende. Nach Köln. Der erste Gensd'arm und das erste Viergroschenstück. Nach Berlin.     Erster Band. I. Von Berlin nach Alexandria. Gepäckproblem. Neptun. Corfu. Der erste Seeräuber der Reise. Alles seekrank. Amina und der erste Bassist. Hotel de l'Europe. In der künstlerischen Thätigkeit des Landschaftsmalers wird Jeder den sehnlichsten Wunsch meines Lebens begründet finden, den Erdball zu umschiffen und die Phänomene, welche das Meer, die Luft und das Festland unter den verschiedenartigsten Himmelsstrichen hervorbringen, aus eigener Anschauung kennen zu lernen. Seit einer Reihe von Jahren hatte ich mich auf die Ausführung meines Planes vorbereitet und mit der betreffenden Fachliteratur bekannt gemacht. Die Mehrzahl meiner Mußestunden war dem Studium der englischen Reiseschriften gewidmet gewesen. Auch in praktischer Beziehung konnte ich kein Neuling heißen; meine bisherigen Reisen schienen mir in propädeutischer Hinsicht ausreichend zu sein, das große Unternehmen zu wagen. In den Jahren 1844–1845 hatte ich Süd- und Nordamerika, 1847–49 Madeira, die canarischen Inseln, Spanien und Portugal bereist; in Italien, Aegypten, Syrien, der Türkei und Griechenland war ich 1851–52 gewesen, im Jahre 1856 hatte ich endlich eine Reise nach dem 2 Nord-Cap unternommen. Obgleich mit den einander widersprechendsten Klimaten vertraut, und bisher unberührt von ihren nachtheiligen Einwirkungen, konnte ich mich doch gewisser unheimlichen Gefühle nicht erwehren, wenn ich meiner Erlebnisse im Orient und der Schilderungen der indischen Reisenden gedachte. In solchen Augenblicken ist man besonders geneigt, seine nächsten Angehörigen zu Rathe zu ziehen, und ich verdanke es wesentlich der Zusprache meines in Stettin lebenden Bruders Julius, wenn ich mich rascher zur Abreise entschloß, als ich ungeachtet aller getroffenen Vorbereitungen ursprünglich Willens gewesen war. Jenes Agens, dessen man zum Reisen eben so nothwendig bedarf, wie zur Kriegführung: das Geld, befand sich in allen jenen Formen und Transscriptionen, welche der heutige hochausgebildete Weltverkehr bedingt, in meinen Händen, mit den für Ausübung meines Berufs erforderlichen Materialien hatte ich mich längst reichlich versehen, über meinen Gesundheitszustand brauchte ich mich nicht zu beunruhigen, und hinsichtlich der Entbehrungen und Strapazen war ich auf das Aergste vorbereitet. Am 11. September 1862, Abends 6½ Uhr, begleitete mich mein Bruder zur Anhaltischen Eisenbahn, eine Umarmung, noch ein Händedruck, und ich befand mich unterwegs. Es liegt immer etwas Komisches darin, wenn ein Weltumsegler als seine erste Station Dresden bezeichnet, als Bewohner des Binnenlandes und nach Anlage meines Reiseplanes war es jedoch unmöglich, Elbflorenz zu umgehen und Nachts um 12 Uhr kam ich im Hotel Bellevue an. Heute würde ich um zwei Stunden zeitiger eintreffen; vor drei Jahren glaubte ich rasch genug befördert zu sein. 3 Am Vormittag des nächsten Tages verabschiedete ich mich von Raphaels Sixtinischer Madonna und Rembrandts bekanntem Ganymed, den ich nach dem unfreiwilligen Erguß, den ihm der Schreck über den gewaltthätigen Adler auspreßt, den ersten Luftschiffer nennen möchte, und fuhr um 12 Uhr Mittags nach Prag ab. Zwar habe ich mir schon bei der Anordnung meines Gepäcks vorgenommen, den Männern der Wissenschaft nicht in das Handwerk zu pfuschen, und mich in meiner zwanglosen Reisebeschreibung lediglich auf das künstlerische und culturhistorische Gebiet zu beschränken, allein es ist mir unmöglich, gewissen Gelegenheiten auszuweichen, die mich eben auffordern, das Gutachten der Gelehrten einzuholen, doch begnüge ich mich, in gerechter Erwartung einer Erklärung von competenter Seite, die nackte Thatsache mitzutheilen. Hatte das Gewicht meines Gepäcks auf dem Berliner Bahnhofe 160 Pfund betragen, so stieg es von Dresden bis Prag auf 170 Pfund, und von hier aus bis Wien sogar im Verhältniß der Hebung des Terrains auf 175 Pfund. Viele Reisende wollen dieselbe Beobachtung gemacht haben, während wieder andere eine Verminderung der Schwere ihrer Koffer in Süd- und Südwestdeutschland wahrgenommen zu haben behaupten. Jedenfalls liegt hier ein Problem vor, das ich im Interesse aller, an Ueberfracht leidenden Touristen den Naturforschern sämmtlicher Gepäckexpeditionen empfehle. Da ich mich sehr wohl fühlte, und das Wetter nichts zu wünschen übrig ließ, verweilte ich nicht in Wien, sondern fuhr gleich mit dem Nachtzuge nach Graz weiter. Ueber unsere Hotel-Abfütterung an diesem schön gelegenen Orte 4 vermag ich nicht viel Gutes mitzutheilen, doch lernte ich hier eine löbliche Einrichtung kennen, die mich schon auf den Orient und seine berüchtigten Plagen vorbereitete. Neben jedem Teller und Besteck lag ein Fliegenwedel, dessen der Couvertinhaber unstreitig zur Abwehr des zudringlichen Ungeziefers nothwendiger bedurfte, als jener occidentalen Geräthschaften zur Verkleinerung der wenigen aufgetragenen Speisen. Wahrscheinlich hatte der Hotelbesitzer den Küchenzettel in weisem Vorbedacht geschmälert, seinen Gästen nicht die Freuden der Fliegenjagd zu verkümmern. Ich darf nicht verschweigen, daß das Gewicht meines Gepäcks bei der abendlichen Abfahrt von Graz wieder auf 150 Pfund sank! Die Nachtreise nach Triest war in Gesellschaft einiger liebenswürdigen Wiener Damen zweiter Klasse (Wagenklasse) äußerst angenehm, und am 15. September, Morgens acht Uhr, stiegen wir bei unvergleichlichem Wetter in dem prachtvoll am Meere gelegenen Triester Hotel de la Ville ab, wo ich von einem lieben Freunde und seiner Familie empfangen wurde. Gleich beim ersten Anlauf zu einer so weitschichtigen Reise über meine Triester Ausflüge und Skizzen mich ausführlicher zu verbreiten, halte ich für unangemessen. Lectüre von Poste restante-Briefen aus der Heimath, Studium des Himmels, der während einer halben Woche alle Nüancen zwischen dem reinsten Ultramarin und der unsaubersten Maculatur durchlief und eine Aquarelle des Schlosses Miramare; darin bestand die Quintessenz meines Aufenthaltes in Triest. Schon am 18. September war bei einem Himmel, den der Soldat und Landschafter »Commißhimmel« nennt, 5 stürmisches Wetter gewesen; am 19. September blies bei kaltem Regen eine widerwärtige Bora; auch am 20. September machte ein fliegender Sturm die Abfahrt noch so bedenklich, daß die Lloyd-Compagnie um 8 Uhr Morgens den heutigen Abgang ihres nach Alexandria fälligen Dampfers Neptun zweifelhaft ließ. Meine Ungeduld trieb mich jedoch schon um 9 Uhr an Bord. Ich zahlte das Reisegeld erster Klasse von 16 Pf. Sterling; von Stunde an besserte sich das Wetter, und um halb 11 Uhr stachen wir in Gegenwart einer großen Zuschauermenge in See. Die Zahl der Passagiere des Neptun betrug vorläufig nur sechs und dreißig, und bestand aus Italienern, Franzosen, einem Engländer mit seiner schönen Tochter und einigen Indiern. Dann war eine Missionsgesellschaft aus Basel mit einer schwarzen Kindsmagd, wie das dazugehörige Männchen und Weibchen sich gut schwäbisch auszudrücken beliebten, vorhanden, im Ganzen zehn Köpfe stark. Drei der Damen waren auf photographischem Wege Braut geworden und eilten nach Indien und Malabar in die Arme ihrer künftigen Gatten, eines Schullehrers, Leinewebers und Geistlichen. Fern am Horizonte tauchten mehrere Gewitter empor, die See ging ungewöhnlich hoch, aber der Dampfer, ein »tüchtiges Seeboot«, nach Angabe des Steuermannes, drängte gewaltig durch den wüsten Wogenschwall, die Verpflegung an Bord genügte und die Reisegesellschaft blieb für den ersten Tag von der Seekrankheit verschont. Gleich vielversprechend begann nach einer leidlich ruhigen Nacht der zweite Tag, die Sonne brach schon frühe durch das wirre Wolkengespinnst, der Wind war günstig und der 6 Capitän befahl, die Segel aufzuziehen. Wir fuhren zwischen vielen kleinen reizenden Inseln hindurch, an der Küste von Dalmatien entlang, aber die See ging höher, immer höher, das Schiff rollte gewaltig und die Mehrzahl der Passagiere streckte das Gewehr. Ich mußte alle meine Selbstbeherrschung aufbieten, um nicht bei dem Anblick der schrecklichen Kämpfe der schwarzen Kindsmagd ihrem unglücklichen Beispiele zu folgen. Nach leidlich überstandener zweiter Nacht waren wir am Morgen des 22. September in Sicht von Corfu ; die Küste von Montenegro blieb in einer Entfernung von drei Seemeilen zur Linken liegen. Um sieben Uhr erlebten wir ein Beispiel der grenzenlosen Unbedachtsamkeit und Nachlässigkeit der Seeleute in den griechischen Gewässern. Hart am Neptun segelte eine griechische Brigg mit dichtgerefftem Marssegel vorüber, an Bord derselben, selbst am Steuerrade, war jedoch keine lebende Seele zu bemerken. Ich nahm mein scharfes Fernrohr zu Hilfe, ohne ein menschliches Wesen zu entdecken. Wahrscheinlich lag die gesammte Mannschaft, Capitän und Steuermann in den Hängematten, und überließ die Brigg unbekümmert ihrem Schicksal. Vor Corfu kreuzte eine englische Fregatte, und um ein Uhr gingen wir bei strahlendem Himmel und tiefblauer See vor Anker; es traten wichtige Veränderungen unter den Passagieren ein. Zu unserem gerechten Leidwesen verließen der Engländer und sein reizendes Töchterlein das Schiff, dafür nahmen wir zwei Schlachtochsen und eine italienische Sängertruppe, außerdem Steinkohlen, Südfrüchte, Fische, zwei Juden aus Jerusalem, Granatäpfel, Schwefelhölzer, Melonen, Türken, Feigen, mehrere kleine Kinder, 7 schwarze Seife und Milch an Bord. Die Zahl der Passagiere reichte jetzt über fünfzig hinaus. Durch den unerwarteten Zuwachs kam nächstdem regeres Leben unter die Reisegefährten. In erster Reihe bemühte sich die Primadonna der Gesellschaft, leidenschaftliche Empfindungen in den Herzen der männlichen Reisenden zu erwecken, doch gelang es ihr nicht, den an und für sich keinesweges tadelnswerthen Zweck zu erreichen. Ihre Intentionen wurden nicht allein durch vorgerücktes Lebensalter, sondern auch durch mehrere braune und blaue Flecke im Gesicht, die sie sich durch einen Fall auf der Schiffstreppe zugezogen hatte, schwer beeinträchtigt. Unsere abergläubischen Matrosen machten inzwischen ihre Glossen über zwei Franziskanermönche, die noch zuletzt von Corfu an Bord gekommen waren. Nach ihrer Meinung durften wir von jetzt an nicht mehr auf erträgliches Wetter hoffen; die Anwesenheit der Geistlichen machte alle frohen Erwartungen zu Schanden. Nichtsdestoweniger brachten uns die armen Mönche am 23. September einen unvergleichlich schönen Sonnenaufgang nebst einer frischen Brise, und schon gegen Mittag segelten wir ganz nahe an Navarin und dem Gebiet der berühmten Seeschlacht vorüber. Der Humor an Bord war so vortrefflich und für höhere seemännische Belustigungen so empfänglich, daß unser italienischer Capitän zum Vergnügen eines hohen Adels und verehrungswürdigen Publikums etwas draufgehen zu lassen beschloß. Schon seit geraumer Zeit war ein griechischer Pirat, ein kleiner Schoner, bemerkt worden, der den Neptun, wie eine Mücke das Gewebe der Kreuzspinne, umgaukelte, aber sich stets in angemessener Entfernung hielt. Der Capitän gedachte, dem 8 lüsternen, aber vorsichtigen Seeräuber eine kleine Lection zu ertheilen. Er befahl, mit voller Dampfkraft auf ihn loszusteuern, als beabsichtige er, ihn in den Grund zu bohren. Um ihn von der Redlichkeit unseres Willens zu überzeugen, wurden außerdem von Zeit zu Zeit blinde Kanonenschüsse auf ihn abgefeuert; es war ein jämmerliches Schauspiel. Der Pirat riß aus, wie eine, vom Revierjäger und seinen Hunden im Forste aufgetriebene wilddiebende Katze, aber der Neptun, ein eben so schnelles, wie starkes Schiff, war ihm unablässig auf den Fersen. Die geängstigte Mannschaft, die ihr böses Gewissen wohl von der Gerechtigkeit unseres argen Verfahrens überzeugen mochte, rannte auf dem Verdeck in Verzweiflung hin und her; durch mein Fernrohr erkannte ich ihre verzerrten Gesichter. Immer mehr näherte sich ihnen der mächtige Neptun. Noch fünfzig oder hundert Fuß weiter und die schmutzige Nußschaale mußte unter seinem Kiel verschwinden. Da im entscheidenden Momente ließ der Capitän eine Schwenkung machen, der Schoner glitt auf dem Rücken einer Woge an unserem Bug vorüber; die ganze Mannschaft lag mit gefalteten Händen auf den Knieen, oder bat mit Gebehrden um Gnade. Einige Kerle mit besonders confiscirten Gesichtern hatten zur Erhöhung des Eindrucks Mönchskutten angelegt, die weiß Gott durch welches Verbrechen in ihre Hände gelangt waren. Bald darauf salutirten wir das nach Constantinopel bestimmte Dampfschiff »Erzherzogin Caroline« und um vier Uhr Nachmittags begegneten wir einem anderen, aus Aegypten kommenden Dampfer. Der Meeresgott schien unsere, an den griechischen Piraten verübte Thierquälerei übel vermerkt zu haben, denn der Wind wurde contrair, 9 und in schweren Wogen wälzte sich die See über Bord. Von den Passagieren stand keiner mehr auf den eigenen Beinen; auch ich, so wenig ich zur Seekrankheit disponirt bin, fühlte mich nicht wohl. Unerträglicher Kopfschmerz, Schwindel, Flimmern vor den Augen und Uebelkeit verkündeten mir, daß der Moment der Tributzahlung an den Pathen des Schiffes gekommen sei. Kleinlaut kroch ich um 7 Uhr in's Bette; es war darin nicht auszuhalten. Eine Stunde später stand ich auf und suchte in der Kajüte eine Tasse Thee einzunehmen. Aber schon auf der Schwelle verging mir sofort aller Appetit. Thee-Service, Teller, Flaschen, Stühle und Passagiere flogen und rollten auf dem Fußboden in einer aus unbeschreiblichen Ingredienzien gemischten Tunke umher; ich floh voller Abscheu und verhüllte mein Haupt in die Tücher der Bettstatt. Die ganze Nacht hindurch rang ich mit der Seekrankheit. Wenn die Anfälle mir etwas Ruhe gönnten, wurde ich durch die Jammerlaute der Reisegefährten wieder aufgeschreckt. Aus allen Regionen des Dampfers wurden klägliche Hülferufe an Götter, Götzen und Heilige adressirt. Das Juden- und Christenthum, einige Muselmänner und ein paar Brahmanen wandten sich um Hülfe flehend an ihre unsichtbaren Patrone. Der Sonnenaufgang des 24. September brachte uns Erlösung von unseren Leiden. Der Wind legt sich, das Wehgeheul der Gläubigen und Ungläubigen verstummt und ich fühle mich wieder ganz wohl. Dank der normalen Beschaffenheit meines Magens frühstücke ich mit vortrefflichem Appetit, die übrigen Passagiere kommen jedoch nur nach und nach zum Vorschein. Die italienische 10 Operngesellschaft zeigt sich erst in den späteren Nachmittagsstunden auf dem Verdeck, denn die See ging den ganzen Tag über hoch genug, es war für keinen Neuling rathsam, mit leerem Magen, in das wilde Getümmel der Wasser zu blicken. Schon auf meiner ersten Seereise hatte mich die Wahrheit der Bemerkung des alten Kant überzeugt, der auf seiner Fahrt über das frische Haff die Beobachtung gemacht haben wollte, daß die Seekrankheit den Menschen hauptsächlich durch eine Irritation der Sehnerven überkomme. Ob zwischen Fischhausen und Pillau, oder auf der Höhe von Candia, die Sache bleibt sich gleich; das Betragen und Gebehrdenspiel der Primadonna assoluta hätten den Ausspruch des großen Philosophen unfehlbar bestätigt. Am Arme des ersten Bassisten näherte sie sich langsam dem Vordermaste, gleich Amina in der Sonnambula, blickt sie starr vor sich hin, da rollt eine mächtige See heran, der Dampfer hebt sich, das Bugspriet richtet sich wie ein Mast empor: die Primadonna erblaßt und umklammert angstvoll und krampfhaft den armen Bassisten. Um die Herrlichkeit seines grünen, reich mit Schnüren verzierten Rockes, der einst einem polnischen Flüchtling gehört haben mochte, ist es für immer gethan, und selbst der Regen, der, eine Seltenheit in diesen Gegenden, eben beginnt, wird seine Sauberkeit nicht wiederherstellen. Am 25. September, Abends fünf Uhr, waren wir in Sicht von Alexandria, aber es war offenbar zu spät, in den Hafen zu laufen, und wir mußten uns darin finden, noch zwölf Stunden Angesichts des Festlandes umherzukreuzen und von der wilden See hin- und hergeworfen zu werden. Endlich am 26. September, früh Morgens 11 7 Uhr, kam ein ägyptischer Lootse an Bord und eine Stunde später stiegen wir in Alexandria an's Land. Ich enthalte mich der Beschreibung des bekanntem Wirrwarrs bei der Ausschiffung unter dem unverschämten Andrange des orientalischen Gesindels und bemerke nur, zum Besten der Vergnügungsreisenden, daß ich für die Fahrt nach dem Hotel de l'Europe incl. meines Gepäcks, dem Kutscher, einem Neger, einen Thaler zahlen mußte, ebenso daß die Tour von fünf Minuten an bis zu einer Stunde, mit vier englischen Schillingen, einem Thaler zehn Silbergroschen, berechnet wird. Ich stattete auf dem preußischen Consulat einen Besuch ab, wurde mit großer Zuvorkommenheit empfangen, und fand bei meiner Rückkehr im Hotel ein ausgezeichnetes Dejeuner aufgetischt, bestehend aus trefflichen Seefischen, Hammelrippen, Tauben und frischen Südfrüchten, Melonen, Feigen und Datteln. Der französische Rothwein war trinkbar und brauchte bei der Temperatur des Ortes nicht erst künstlich erwärmt zu werden, allem Anschein nach ließ sich im Lande der Pharaonen noch immer so leidlich leben, wie ich es schon im Jahre 1852 gefunden hatte. Dem dienstthuenden Schwarzen gebot ich, einen zweiten Lehnstuhl heranzurollen und streckte beide Füße darauf aus, schnell war ein Tschibuk in Brand gesteckt und eine heiße Tasse Kaffee eingeschenkt – von Berlin bis Alexandria – der erste Schritt war gethan! 12 II. Die Nachtwächter in Aegypten. Keine Straßenbeleuchtung. Zu Esel. Mangel an Kleingeld. Fliegen und Augenkrankheiten. Gefärbte Pferde. Said Pascha. Auf der Eisenbahn nach Kairo. Elf Jahre reichen hin, selbst den stärksten Eindruck aus dem Gedächtniß zu verwischen und den Geist wieder für Ueberraschungen empfänglich zu machen. Die Erinnerungen an meinen früheren Aufenthalt in Alexandria waren vollständig erloschen, als ich mich Abends zu Bett legte, und schon fünf Minuten später die Stimme des nächsten Nachtwächters mich wieder aufschreckte. Plötzlich stand das Schreckbild meiner ersten Nacht in der ägyptischen Seestadt vor meinem inneren Auge. Der jähe Uebergang von dem vollen Tageslicht durch ein wundersames Farbenspiel in die tiefste Finsterniß mag bezaubernde Reize für den Naturfreund und Maler besitzen; unter diesem Breitengrade ist für eine schleunige Rückkehr der Phantasie aus dem Märchenlande in das Reich der Wirklichkeit gesorgt. Bis zu einer geordneten Straßenbeleuchtung hat man es unter dem hiesigen Gouvernement noch nicht gebracht. Außer einigen Oel- oder 13 Petroleumflammen, die auf dem Platze der Hotels und Consulate brennen und höchstens hinreichen, die ägyptische Finsterniß sichtbar oder – greifbar zu machen, ist keine Spur von stabiler Beleuchtung vorhanden. Wer nach Sonnenuntergang ausgehen will, muß sich mit einer brennenden Laterne versehen, wenn er nicht arretirt und ins Gefängniß geschleppt werden soll. Der Regel nach geht freilich Jedermann um neun Uhr zu Bett, und nur durch die äußerste Noth läßt man sich zwingen, nach dieser Stunde das Haus zu verlassen. Nun beginnen die Leiden des müden Europäers. Die Amtsthätigkeit der Nachtwächter hebt an. Diese besteht darin, daß der Beamte mit lauter Stimme den Ruf » ia uachet «, ausstößt, den der College im benachbarten Revier, sobald er ihn vernimmt, zu wiederholen verpflichtet ist. Der Zweck der orientalischen Behörde scheint zu sein, durch dieses Verfahren die kostspielige höhere Charge der Nachtwachtmeister zu ersparen, denen bekanntlich in unseren Polarregionen die Superrevision der untergeordneten Mannschaften zusteht. Durch den ägyptischen Brüllsang werden bei der urwüchsigen Kraft der südlichen Männerstimmen alle Nachtwächter Alexandrias gleichzeitig alarmirt, und der besorgte Einwohner kann, da der Ruf vorschriftsmäßig alle halbe Stunden wiederholt wird, gewiß sein, daß das Auge des Gesetzes ohne Unterbrechung seine Sicherheit überwacht. Ein großer Uebelstand besteht nur in der damit verbundenen Ermunterung sämmtlicher heimathlosen Hunde, die nach der Sitte der Orientalen Tag und Nacht auf der Straße geduldet werden. Sie betrachten den amtlichen Ruf der Nachtwächter als eine Herausforderung ihrer Wachsamkeit und beeilen sich, pünktlich und kraftvoll zu 14 antworten. Da sie, einmal zu diesen vocalen Kundgebungen angeregt, nach der Weise ihres mittheilsamen Geschlechtes fünfzehn bis zwanzig Minuten fortblaffen, und halbstündlich von den nächtlichen Herolden immer von Neuem ermuntert werden, läßt sich leicht berechnen, wie viel Minuten in jeder Nacht dem sensiblen Reisenden zum Schlummer übrig bleiben. Nachgerade fällt diese vierbeinige Bevölkerung aber selbst den Behörden zur Last. An der Table d'hote, wo wir Europäer einander unser Leid klagten, wurde erzählt, daß jährlich zweimal Vergiftungsversuche in umfassendem Maßstabe angestellt würden, um die Zahl der Hunde in gewissen Schranken zu halten. Nach einer martervollen Nacht machte ich mich am nächsten Morgen auf den Weg, um durch die Straßen der Stadt zu spazieren, und einige flüchtige Skizzen zu Papier zu bringen. Ich bediente mich deshalb nicht des gewöhnlichen Communicationsmittels, eines Esels, sollte indessen sehr bald meine ketzerische Selbstständigkeit büßen. Ein seiner Physiognomie nach äußerst fanatischer Muselmann schleuderte mir einige hundert Schritte von meinem Hotel einen großen Stein so heftig gegen das linke Schienbein, daß ich vor Schmerzen nicht weiter zu gehen vermochte, sondern sogleich meine Zuflucht zu einem Eseljungen nehmen mußte. Dabei hatte sich der Eiferer bei seiner Gewaltthat so arglos gestellt, daß es mir schwer geworden wäre, ihm die Absichtlichkeit des Wurfes darzuthun. Ich steckte die Beleidigung stillschweigend ein, und bestieg einen der kleinen Esel, der mir bei seiner Gewandtheit und Energie denn auch die besten Dienste leistete. Mein Eseljunge zählte einer mäßigen Schätzung nach zwischen 65 bis 70 Jahre, 15 was ihn nicht abhielt, sich »Junge« nennen zu lassen, und stundenlang in scharfem Trabe unter fortwährendem aufmunterndem Geschrei für den Esel hinter mir her zu laufen. Der alte Junge besaß einige Sprachkenntnisse. Er warf mit deutschen, französischen, englischen und italienischen Brocken um sich, und ließ es bei dem Zusammentreffen mit seinen Collegen und ihren Thieren in den halbunterirdischen Straßen der alten Stadttheile nicht an freundschaftlichen Ermahnungen und Winken fehlen. »Wende dich rechts, mein Geliebter! – wende dich links, mein Geliebter!« hieß es fortwährend, doch war es schwer, darüber ins Reine zu kommen, ob die zärtliche Anrede an den nahenden Esel oder seinen Führer gerichtet sei. Ich habe mich stets der Willkür meines Thieres überlassen und dabei wohlbefunden. Die hier verweilenden Engländer beobachten das entgegengesetzte Princip. Das Erste auf ihren Ausflügen durch die Stadt ist, einen Kantschu aus Nilpferdhaut zu kaufen und damit bei der geringsten Veranlassung oder Meinungsdifferenz auf den Eseljungen und sein Thier rücksichtslos einzuhauen. Die Existenz in dem Hotel de l'Europe ist erträglich, wenn man nicht europäischen Comfort beansprucht. Ein mehrjähriger Aufenthalt im Orient hat mich gelehrt, daß jenseits des mittelländischen Meeres das Schloß keines Schrankes, keiner Kommode mehr schließt, und der einzige zuverlässige Behälter des Reisenden in seinem Koffer besteht. Man wird daher besondere Sorgfalt auf einen präcisen und dauerhaften Verschluß zu richten haben. Ueber das Betragen des Wirthes und der Kellner zu klagen, liegen keine Ursachen vor. Letztere sind der Regel nach 16 Malteser und gemeinhin gutartig und diensteifrig, wenn ich auch Niemandem rathen möchte, ihre Ehrlichkeit auf eine allzu harte Probe zu stellen. Um 6 Uhr Morgens stehe ich täglich auf und trinke eine Schale Kaffee mit Ziegen-, Esel- oder Büffelmilch, die ich immer gleich ausgezeichnet finde, die Semmeln sind unserem Gebäck ziemlich ähnlich. Die Stunden von 6 bis 8 benutze ich regelmäßig zu einem Morgenausfluge, mit dem ich Studien und Zeichnen nach der Natur zu verbinden pflege. Von 8 bis 5 Uhr verbietet die Hitze jeden Ausgang, ja jede ernstlichere Beschäftigung. Das Gabelfrühstück findet um 12, das Mittagsessen um 7 Uhr statt. Von delicaten Seefischen herrscht eine große Auswahl, mit den weichlichen Südfrüchten wird sich dagegen nicht jeder nordische Gaumen befreunden. Die Datteln sind jetzt reif und jeder Baum trägt etwa einen Centner Früchte, deren Werth man auf zwei Pfd. Sterling berechnet. Von dem Ertrage der Dattelpalmen erhebt die Regierung eine nicht unbeträchtliche Abgabe. Der städtische Verkehr und Verzehr außerhalb der Hotels wird unglaublich durch den Mangel an kleiner Münze erschwert. Aegyptisches Geld bekommt man fast niemals zu Gesichte, im Umlaufe befinden sich englische Gold- und Silbermünzen, französische Frankenstücke, russisches, türkisches und österreichisches Silbergeld. Die Viertelgulden (5 Sgr.) sind eine Lieblingsmünze der alexandrinischen Handels- und Gewerbsleute und cursiren in großer Anzahl. Sehr schlecht fährt der Fremde bei jedem Wechsel eines Gold- oder größeren Silberstückes; der Eintausch von Scheidemünze ist stets mit ansehnlicher Einbuße verbunden. 17 In Wirthshäusern ist die Bedienung oft Tage lang nicht im Stande, kleines Geld herauszugeben. Dann werden Erfrischungen ohne Weiteres creditirt. Was die Privatbeschäftigung des Reisenden betrifft, so wird er, mag er sich gebehrden, wie er wolle, zu entomologischen Studien gezwungen. Nur unter den Belästigungen der Flöhe haben wir augenblicklich nicht zu leiden. Ihre Saison fällt in die kühlere Jahreszeit. Auch ein anderes, minder brünettes, und in seinen Evolutionen weniger flüchtiges und graziöses Insect ist, nach der Praxis der Eingeborenen zu urtheilen, äußerst empfindlich gegen die Mittagshitze. Das sicherste Mittel zur Entlausung der Burnus besteht darin, sie auf dem Boden in der Sonne auszubreiten. Nach einigen Stunden dieser trockenen Bleiche und Darre soll die Bevölkerung bis auf das letzte Individuum ausgestorben sein. Gegen die Fliegen giebt es kein Schutz- oder Vertilgungsmittel. Die Eingeborenen sind von Kindesbeinen an gegen ihre Quälereien abgehärtet. Ich habe Haufen von kleinen Kindern dicht bei einander sitzen gesehen, deren Augen von einem Kranze von Fliegen umgeben waren, ohne daß sie auch nur einen Finger zur Abwehr des Ungeziefers bewegt hätten. Eine gewisse Linderung mag ihnen der Harnisch von Schmutz gewähren, dessen Anhäufung auf den Gesichtern der Kleinen die Mütter grundsätzlich begünstigen. Bei der Furcht [vor] dem bösen Blick ist es eine Schutzwehr für das Kind, durch Unsauberkeit entstellt zu sein und die genauere Prüfung verdächtiger Fremder abzuschrecken. Die Verbreitung der Augenkrankheiten mag nicht allein mit dieser systematischen Unreinlichkeit der niederen 18 Volksklassen, sondern auch mit der Freizügigkeit der Fliegen zusammenhängen. Bei der Stumpfheit der Menschen wird das Ungeziefer den Ansteckungsstoff oft genug von einem Auge zum andern tragen. Die Menge der hiesigen Blinden, deren Procentsatz im Verhältniß zur Einwohnerzahl Alexandrias ich gar nicht anzugeben wage, mahnt den Reisenden zur äußersten Vorsicht und Sauberkeit. Auf den Rath meines hiesiges Arztes setzte ich nach jedem Ritt ins Freie ein kleines, mit frischem Wasser gefülltes Liqueurglas auf jedes Auge, und entfernte es nicht eher, bis ich wesentliche Erfrischung fühlte. Mit der Sonne verschwindet auch die Fliege, und nun beginnt die Alleinherrschaft der Mosquitos. Zwar legt man sich nie, ohne ein Mosquitonetz um seine Bettstatt zu hängen, nieder, allein es ist fast unmöglich, den inneren Raum von dem teuflischen Geflügel so weit zu reinigen, daß man nicht jämmerlich zerstochen, oder doch im Schlafe gestört wird. In den ersten Tagen glichen meine Hände und das Gesicht dem Abdruck eines Stickmusters. Außer einem Spazierritt nach der Pompejussäule, von der ich schon vor elf Jahren eine Aquarelle angefertigt, machte ich in Gesellschaft meines Arztes einen Ausflug nach dem etwa eine kleine Meile von Alexandria entfernten Seebadeorte der wohlhabenden Einwohner. Diese Sommerfrische trägt den bescheidenen Namen Ramleh (Sand), ist aber ein wenig lustiger und kühler als die große Stadt. Vor dem Staube, in dem man bei dem Mangel jeder Pflasterung in Alexandria fast zu Grunde geht, ist man in Ramleh bei der Festigkeit und Schwere des Seesandes sicher; trotz der unsäglichen Monotonie der Gegend. Sand, 19 blauer Himmel und offene See, ist Ramleh, mit Alexandria verglichen, ein angenehmer Aufenthalt. Den deutschen und englischen Schiffscapitänen verdanken wir auf unseren abendlichen Eselritten viel Vergnügen. Die launigen Herren, welche sich gemeinhin schon in etwas angeheitertem Zustande befinden, pflegen mit ihren Promenaden die Manipulation des Loggens zu verbinden. Sie sitzen rückwärts auf den Eseln und werfen das an einer geknoteten Schnur befestigte dreieckige Brettchen in den Sand, um aus der Zahl der Knoten zu ermitteln, wie viel englische Meilen sie in einer Stunde zurücklegen. Gewöhnlich ist ein Matrose mit einem Wurfanker in ihrer Begleitung, der nach Ankunft in der Kneipe ausgeworfen wird, und zur Befestigung der Esel dient. Die Toilette der Capitäne ist auf diesen Vergnügungsfahrten stets »landfein«, der technische Ausdruck für den Zustand eines gereinigten und geschmückten Seemannes nach Entfernung der Theerjacke und des Nordwesters. Größere Feierlichkeit wird bei den Spazierfahrten der Honoratioren von Alexandria beobachtet. Es gehört zum feinen Ton, Schnellläufer den Equipagen vorausrennen zu lassen. Die armen Menschen, gewöhnlich Neger, scheinen zu ihrem traurigen Beruf förmlich trainirt zu werden. Sie sind bis auf die Knochen abgemagert, und ihre Beine so abgezehrt, daß ich nie begriffen habe, wie sie im Stande seien, den Oberkörper zu tragen, und obenein weite Wegstrecken mit pfeilschnellen arabischen Gespannen zu wetteifern. Ungleich mehr als durch diese klapperdürren Schnellläufer gewinnt das Ansehen der herrschaftlichen Equipagen durch den hiesigen Gebrauch, die Mähnen und Schweife 20 der Pferde zu färben, ja nicht selten Letztere selber anzumalen. Schimmel sind in großer Anzahl vorhanden, und man pflegt ihre Mähnen und Schweife gewöhnlich roth zu färben, auch werden sie wohl durch braune oder schwarze Flecken in Schecken verwandelt. Die leuchtende Atmosphäre und der von Reflexen strahlende Erdboden fordert den Menschen zu einer Vermehrung der Farben, ja zu einer Berichtigung der Natur heraus. Volkssitten und Gewohnheiten lernt man am besten auf einem Spaziergange nach dem Binnenhafen und den benachbarten Straßen kennen, nur darf man nicht mit der in großen Städten des civilisirten Europas zulässigen Sorglosigkeit flaniren. Am ersten Tage wurde ich im Binnenhafen von dem Gewühl der beladenen Kameele und Esel beinahe überrannt. Die Araber besinnen sich nicht, bei ihrer leichten und geschmeidigen Tracht, wenn sie in die Enge getrieben werden, unter dem Bauche der langsam einherschreitenden Kameele durchzukriechen. In der Nähe dieses großen Centrums des Menschenverkehrs und Waarenumsatzes hat sich die Prostitution von Alexandria angesiedelt. Nichts verwehrt dem Vorübergehenden den Einblick in die Erdgeschosse; hier gilt der Grundsatz der antiken Welt: naturalia non sunt turpia . Die Mehrzahl der Priesterinnen besteht aus Töchtern des Landes, ägyptischen Frauen und Negerinnen, doch ist kein Mangel an Weibern kaukasischer Race. Eine polizeiliche Ueberwachung findet nicht statt. Für europäische Augen sind Scenerie und Staffage äußerst widerwärtig. Es ist eine Erholung, in das Hotel zurückzukehren und im Schooße einer liebenswürdigen Familie sich ihrer gemüthlichen 21 Unterhaltung zu erfreuen. Mein Tischnachbar ist der von Java zurückgekehrte General-Commandant der dortigen Truppen. Er wird durch einen Landsmann von seinem Posten abgelöst und begiebt sich mit seiner Gemahlin und acht Kindern, deren Jüngstes noch getragen werden muß, in die Heimath. Die hier anwesenden deutschen Landsleute und diese Familie repräsentiren für mich Bildung und Gesittung. Mit den Söhnen Englands, die auf dem Wege nach Indien schon alle unangenehmen Seiten ihrer Nationalität hervorkehren, vermag ich nicht mich zu befreunden. In dieser Hinsicht stehe ich übrigens nicht allein; die gesammte Tischgesellschaft theilt meine Antipathie. Allgemeine Mißbilligung erfährt das Betragen der jungen Englishmen. Bei Tage durch die Hitze in die Zimmer gebannt, gehen sie nach Einbruch der Dunkelheit auf Verübung muthwilliger Streiche aus. Ihr Hauptvergnügen besteht darin, den armen Einwohnern, die durch irgend ein Geschäft gezwungen sind, nach Sonnenuntergang auszugehen, aufzulauern, plötzlich hervorzuspringen und ihnen durch einen Fußtritt die Laterne auszulöschen und zu zertrümmern. Das Ende vom Liede ist regelmäßig, daß die armen Gesellen von der Patrouille aufgegriffen, nach der Wache geschleppt und gezüchtigt werden. Ein älterer Engländer, der sich durch seine Schweigsamkeit ausgezeichnet hat, war plötzlich vom Tisch verschwunden. Da die Ueberlandpost von Bombay, auf welche wir sämmtlich warteten, noch nicht in Suez angekommen war, und kein vernünftiger Grund, sich zu entfernen, vorlag, fürchteten wir Anfangs, ihm sei ein Unglück zugestoßen, bis wir im Hotel erfuhren, er sei nach Marseille zurückgereist, wo er einen neuen, in London 22 gekauften Regenschirm habe stehen gelassen. Die Wahrheit dieser Angabe kann ich allerdings nicht verbürgen. Eine Abwechselung in unsere einförmige Lebensweise bringt die Ankunft des Vicekönigs Said Pascha. Er kehrt von Constantinopel zurück und wird mit Illumination und Feuerwerk empfangen. Anderweitige Symptome von Loyalität und patriotischem Enthusiasmus habe ich nicht wahrgenommen. Ein gewisser Gleichmuth, der mit religiösen Ueberzeugungen im Zusammenhange stehen mag, ist der Bevölkerung eigenthümlich. So ersehe ich z. B. nur aus meinem Kalender, nicht aus irgend welcher Abweichung von den Gebräuchen des gewöhnlichen Lebens, wenn der Freitag, der Sabbath der Moslemin herangerückt ist. Alle Geschäfte nehmen ihren Fortgang, von Sonntagsfeier ist keine Spur vorhanden. In der Ausübung seines Privatgottesdienstes entwickelt der Muselmann dagegen eine unverkennbare Ostentation. Die vorgeschriebenen Gebete des Tages sucht er, wenn es irgend möglich ist, an einer Stelle zu verrichten, wo er der allgemeinen Aufmerksamkeit nicht entgehen kann. Er betet am liebsten auf Anhöhen, Dächern oder in der Nähe der Brunnen. Befindet er sich um die Stunde des Gebets auf einem Bahnhofe, so läßt er sich nicht die Mühe verdrießen, das Verdeck eines Waggons zu erklettern, und dort, nach Mekka gewandt, zu beten, in Suez habe ich einen Strenggläubigen sogar auf einem Stoß von Heringsfässern, Theekisten und ledernen Koffern seine Andacht verrichten gesehen. Der Termin zur Abreise war unterdessen mit Rücksicht auf den Abgang des Dampfers von Suez nach Bombay herangerückt, am 8. October stand ich um sechs Uhr 23 Morgens auf, packte meinen Koffer, bezahlte die Hotelrechnung mit zehn Pfd. Sterling und fuhr um elf Uhr auf der Eisenbahn nach Kairo ab, wo ich um fünf Uhr Nachmittags anlangte und im Pyramiden-Hotel abstieg. Das Billet erster Klasse hatte incl. der Trinkgelder und des Gepäcks fünfzehn Thaler gekostet. 24 III. Ueber den Nil. Ein orientalischer Dandy. Mr. Abdallah. Das Urtheil des Kadi. Dr. Reil's Heilanstalt. Bier-Müller in Alt-Kairo. Nach Suez durch die Wüste. Die Ueberlandpost. Der Dampfer Jeddo. Das Tempo der etwa sechsstündigen Eisenbahnfahrt war sehr gemäßigt gewesen, doch hatte ein Landschafter keine Ursache, darüber unzufrieden zu sein. Die Nilüberschwemmung war auf dem höchsten Stande angelangt, und die Aussicht aus den Waggonfenstern auf viele Hundert kleiner und großer Dörfer, die auf Erderhöhungen, wie Inseln in einem unübersehbaren Landsee lagen, gewährte ein überaus reizendes Schauspiel. Den Nil selber passirte unser Zug zweimal auf großartigen und, wie es schien, sehr soliden Brücken. Ueber meine Reisegesellschaft habe ich nur wenig zu berichten. Mein vis-à-vis im Coupé war ein reicher junger Zierbengel aus Kairo. Unsere beiderseitigen Sprachkenntnisse gestatteten keine Unterhaltung, denn der elegante Reisende vermochte auf keine der landläufigen Phrasen zu antworten, die ich in französischer und englischer Sprache vorbrachte; ich beschränkte mich daher auf das Studium des orientalisch stylisirten Dandythums, das der Sohn von 25 Kairo schon in einer förmlichen Carricatur repräsentirte. Seine aus den feinsten Stoffen angefertigte Garderobe war über und über mit Gold gestickt. Als die Stunde des Mittaggebetes heranrückte, zog er einen kostbaren Smyrna-Teppich, den er eigends zu diesem Zweck mitgebracht haben mochte, aus einer Leinwandhülle hervor, breitete ihn auf dem Sitze aus, und verrichtete, nach Mekka gewandt, das vom Propheten vorgeschriebene Gebet. Seine Andacht kann dabei nicht sehr tief gewesen sein, denn er musterte mich während dieses religiösen Actes fortwährend mit Seitenblicken und schien mit meiner ernsthaften und aufmerksamen Haltung vollkommen zufriedengestellt. Das Pyramiden-Hotel in Kairo liegt, wie schon sein Titel andeutet, unsäglich schön, und die deutschen Wirthsleute empfingen mich sehr liebenswürdig, allein es litt mich nicht im Hause. Eine halbe Stunde nach meiner Ankunft machte ich in Begleitung des Herrn R., eines liebenswürdigen Landsmannes, der mich im Hotel erwartet, einen Spazierritt und erneuerte meine Bekanntschaft mit der alten Wunderstadt. Am anderen Morgen engagirte ich einen Dragoman, der sich nur wenig besser, wie ich auf die arabische Sprache, auf die englische verstand, und nahm die verschiedenen Sehenswürdigkeiten, darunter zunächst die Citadelle, in Augenschein. Bei dieser Gelegenheit, wie bei einem Eselritt nach Schubra überzeugte ich mich, daß Mr. Abdallah, der Dragoman, seinen Verpflichtungen nicht sonderlich gewachsen war, daß die Hauptschwierigkeit für ihn wesentlich darin bestand, sich mir in englischer Mundart verständlich zu machen. Daß ich mich im Oriente befände, sollte mir schon in der zweiten Nacht meines Aufenthalts 26 in Kairo nachdrücklich eingeschärft werden. Ermüdet von dem Ritt nach Schubra und mehrstündigen angestrengten Arbeiten, war ich Abends kaum eingeschlafen, als mich ein heilloser Lärm vor den Thüren des Hotels wieder vom Lager aufschreckte. Ein junger Grieche von guter Familie wurde schwer verwundet hineingetragen und der Sorge der Wirthsleute empfohlen; in einem Streite mit Landsleuten hatte er einen Stich in den Unterleib erhalten. Da Kairo bereits eine Hauptstation auf der Route der unternehmenderen Touristen bildet, und in zahlreichen Reisebeschreibungen die gründlichsten Anweisungen, seine architektonischen, landschaftlichen und socialen Merkwürdigkeiten kennen zu lernen, enthalten sind, übergehe ich meine Partien in der Stadt und ihrer Umgegend mit Stillschweigen. Die künstlerische Ausbeute derselben habe ich in meinen Aquarellen aufbewahrt, aber oft genug bedauert, mich nicht der Gesellschaft eines talentvollen Genremalers zu erfreuen, der die unterhaltenden Scenen aus dem Leben des Tages fixirte. Am 13. October war der Vicekönig Said Pascha von Alexandria angekommen, und die Bevölkerung von Kairo hatte seine Rückkehr von Constantinopel durch eine großartige Illumination gefeiert, die bei ihrer Feuergefährlichkeit die Haare jedes Europäers sträuben machte; wir kamen indessen ohne Feuersbrunst davon. Nur die nackten Rücken einiger Neger, die sich allzu unvorsichtig unter die brennenden Schwärmer gemischt hatten, wurden jämmerlich versengt, und dennoch vermochten sie nicht ihrer Neugier Einhalt zu gebieten. Der nächste Tag ist mir durch eine großartige Prügelei und ihre richterliche Entscheidung unvergeßlich. 27 Zwei Araber waren über einander hergefallen und schlugen fürchterlich darauf los. Wenn ich meinen Dragoman Abdallah richtig verstanden habe, so betrug das Streitobject noch nicht einen halben Silbergroschen. Der Kampf war nahe daran, in Mord und Todtschlag auszuarten, als die Polizei sich in's Mittel legte. Die beiden Streiter wurden in Begleitung eines Zeugen vor den Kadi geführt. Ich konnte der Versuchung nicht widerstehen, der Escorte, doch leider nicht der gerichtlichen Verhandlung – zu folgen. Die Entscheidung des alten Rechtsgelehrten ist mir noch heute unerklärlich, denn er verurtheilte nicht nur die beiden Kampfhähne, sondern auch den Zeugen zur Bastonnade, die sogleich, ein musterhaftes Beispiel schneller Gerechtigkeitspflege, in seiner Gegenwart mit dünnen Bambusstäben vollstreckt wurde. Mein Vertrauen zur orientalischen Rechtspflege hat durch die Abprügelung des nichts ahnenden Zeugen nicht gewonnen. Als später ein bekannter preußischer Abgeordneter in der Kammer dem Justizminister in den Bart warf: er für sein Theil wolle sich im Orient lieber an den nächsten Kadi wenden, als an den preußischen Consul, fiel mir der alte Grimmbart von Kairo ein, und ich glaubte als Antwort auf diese starke Behauptung das Jammergeschrei des Zeugen zu hören. Nach eingezogenen Erkundigungen erfuhr ich, daß derartige Fälle nicht vereinzelt dastehen; man glaubt durch eine gleichmäßig vertheilte körperliche Züchtigung allen in einen Auflauf Verwickelten einen heilsamen Schrecken einzuflößen. Das Gerichtsverfahren ist übrigens öffentlich. An demselben Tage langte von Alexandria die Nachricht an, daß es gelungen sei, die Mörder eines reichen Kaufmanns, der getödtet, in Stücken 28 geschnitten und in einen Brunnen geworfen war, in den Personen eines preußischen Schlächtergesellen und zweier Malteser zu ermitteln. Was aus den Verbrechern geworden ist, weiß ich nicht anzugeben, doch scheint auch die Criminaljustiz hier von anderen Grundanschauungen auszugehen, als in unserer nordischen Heimath. Sechs Wochen vor meiner Ankunft hatte ein Grieche aus Rache einen seiner Landsleute erschossen. Eingezogen und vor Gericht gestellt, suchte er sich damit zu entschuldigen, daß er die That nur aus Versehen vollbracht und sich in der Person des Getödteten geirrt habe; seine Absicht sei ursprünglich gewesen, einen Andern zu erschießen. Dieser Aussage entsprechend, kam der Mörder mit einer gelinden Strafe davon. Meine Abreise rückte heran, und ich beeilte mich, geleitet von unserem preußischen Consul, einen Besuch in Dr. Reil's Heilanstalt für Brustleidende in der Abasy am Rande der Wüste abzustatten. Nach dem Aussehen der Patienten und ihrer frohen Zuversicht muß der genannte Arzt in der gesunden Luft der angrenzenden Wüste außerordentliche Heilresultate erlangen. Auch das gesunde Individuum fühlt, wie in dieser trefflichen Atmosphäre der Athmungsprozeß leichter vor sich geht. Dr. Reil's Anstalt war stark besucht und zeigte durchaus nicht das Aussehen eines Krankenhauses für tödtliche Leiden, sondern die ansprechende Physiognomie eines klimatischen Kurortes. Unsere Zeit war beschränkt, und wir mußten uns mit einer flüchtigen Umschau begnügen, doch berührte uns die bequeme Einrichtung des Hauses und der gesellschaftliche Ton desselben äußerst wohlthuend. 29 Am Morgen des 17. October wurde ich beim Kaffee durch die Nachricht überrascht, Kairo sei um 5 Uhr Morgens durch zwei bedeutende Erdstöße aufgeschreckt worden; ich habe sie unglücklicherweise verschlafen und bedaure, die damit verbundene Empfindung nicht beschreiben zu können. Den Nachmittag desselben Tages brachte ich mit deutschen Landsleuten, die überwiegend schwer leidend hierher gekommen waren, aber sich so erholt hatten, daß sie ungehindert ihren Berufsgeschäften nachgehen konnten, auf der Esbekieh zu, dem Rendezvousplatz von Kairo. Der Fremde theilt die Esbekieh (der Accent liegt auf dem letzten Diphthongen), wie den Markusplatz in Venedig, mit den Bettlern, Gauklern, Kranken und Musikanten der Stadt, und sucht seine Unterhaltung in dem Gemisch komischer und tragischer Scenen, wie sie das zwanglose Leben der Orientalen herbeiführt. Ich habe mich niemals in Aegypten zum Ankauf eines Kantschus entschließen können, aber ich will nicht leugnen, daß ein derartiges Instrument, auch wenn man nie davon Gebrauch macht, zu den segensreichsten Demonstrationsmitteln im Verkehr mit den niederen Klassen der Eingeborenen gehört. Da meine Gesellschafter mit diesen Nothwendigkeiten des orientalischen bürgerlichen Lebens zum Theil versehen waren, wurden wir von den zahllosen Vagabonden nicht ungebührlich behelligt, doch bleibt der Mangel an kleiner Münze in einem Lande, wo man unaufhörlich um »Backschisch« angesprochen wird, und das armselige, wirklich hilfsbedürftige Gesindel, ohne Anwendung von Gewaltmaßregeln, nur durch eine geringe Gabe loswerden kann, immer drückend. Nicht selten habe ich, um die verkommenen Leute nicht mit leeren Händen gehen 30 zu lassen, zehnmal mehr gegeben, als billig und bei der weiten Ausdehnung meiner Reise verständig war. Aber man begegnet hier Leidenden, die uns die entsetzlichen Beschreibungen der örtlichen Ausschlagskrankheiten in den Büchern des alten Testaments vergegenwärtigen, und den Fremden, der in den civilisirten Ländern Europas dergleichen nur in den Spiritusgläsern der anatomischen Museen zu Gesichte bekommt, mit dem tiefsten Mitleid erfüllen. Und doch gewöhnt man sich an den Anblick; zuletzt rauchte ich meinen Tschibuck und genoß die kalte Limonade, ohne Ekel zu empfinden. Auf der Esbekieh erfuhr ich aus den Mittheilungen der Gäste in den Kaffeehäusern, daß die Bevölkerung von Kairo, trotz der Illumination und der Feuerwerke von einer der letzten Finanzspeculationen des Vicekönigs nicht eben erbaut war. Se. königl. Hoheit hatte für mehrere hunderttausend Thaler Säbel und Gewehre in Europa angekauft und importirt, diese aber sogleich zu dreifach höheren Preisen in den Städten des Landes verkauft. Die Besitzer sollten sich der Waffen nicht lange freuen. Bald darauf wurden Säbel und Gewehre, unter der Erneuerung einer polizeilichen Verfügung, daß Niemand Mord-Instrumente bei sich tragen dürfe, ohne Entschädigung der Käufer wieder eingezogen, und der Vicekönig hatte eines der einträglichsten Geschäfte gemacht. Unsere Nachmittage und Abende bringen wir, wenn keine Partien unternommen werden, wie wir denn neulich einen Ausflug zum »Biermüller« nach Alt-Kairo veranstaltet hatten, gewöhnlich auf der Esbekieh zu. Immer giebt es etwas Anziehendes zu sehen. Auch ein prächtiger 31 Hochzeitszug marschirte neulich in allem Glanz und Schmuck des Orients vorbei. Das Alter der Braut wurde auf 11 Jahre, das des Bräutigams auf 15 Jahre angegeben. In dem Zuge befanden sich gleichzeitig einige kleine Knaben, an denen die Operation der Beschneidung bei dieser feierlichen Gelegenheit verrichtet werden sollte. Kaum hatten wir den Festpomp aus den Augen verloren, als ein Treiber an der Seite seines mit Zuckerrohr beladenen Kameeles vorüberschritt. Wir sollten ein lehrreiches Beispiel arabischer Industrie kennen lernen. Ein kleiner Knabe haschte nach einigen aus dem riesigen Bündel zu Boden hängenden Rohren, klammerte sich fest daran und kauerte sich an die Erde. Das Kameel schritt weiter und der Kleine behielt die erbeuteten Rohre in den Händen zurück. Der Treiber hatte nichts gemerkt. Sogleich zog der Dieb ein Messer, schnitt die Rohre in Stücken, breitete darunter einen schmutzigen grünen Lappen auf der Straße aus, und begann ein kleines kaufmännisches Geschäft. Die zerlumpten Kinder aus der Nachbarschaft versammelten sich vor der improvisirten Delicatessenhandlung, und bald waren die Debatten über den Werth der Waare und den geforderten Preis im Gange. So gewissenhaft ich meine Zeit benutzte, die Tage meines Aufenthalts in Kairo waren doch gezählt. Schon am 17. October waren an 150 Engländer von Alexandria eingetroffen, die mit dem nächsten abgehenden Dampfer nach Indien zu fahren gedachten, ich hatte also geringe Aussicht, einen guten Platz an Bord zu erhalten, da die englischen Capitäne ohnehin ihre Landsleute stets 32 bevorzugen. Am 21. October glaubte ich nicht länger warten zu dürfen. Kairo und Suez sind jetzt durch eine Eisenbahn verbunden, ich begab mich daher um sieben Uhr Morgens, wie in jeder europäischen Stadt nach dem Bahnhofe, bezahlte mein Billet, incl. der Ueberfracht mit zwei Pfund Sterling, und nach einer halben Stunde setzte sich der Zug mit mehr Lebhaftigkeit, als auf der Strecke zwischen Alexandria und Kairo in Bewegung. Der Reisende fühlte die Bedeutung einer drei Welttheile verbindenden Straße und der Ueberlandpost heraus. Trotzdem saß ich, wie zwischen Löbau und Zittau, allein in einem Coupé. Der Zug sauste durch die Wüste; in der tiefen Einsamkeit war mir zuweilen zu Muthe, als würde ich von dem Genius der Lampe oder des Ringes in Tausend und eine Nacht, durch die Wolken in ferne Lande geschleppt. Ein starker Wind wehte, und der Zug wurde häufig von hohen und dichten Staubsäulen umwirbelt. Legte sich der Wind, so zeigten sich zu beiden Seiten des Waggons in der Ferne Luftspiegelungen (Mirage). Den ganzen Vormittag sah ich bald rechts, bald links: Seen und Flüsse, Wälder und Gebirge schienen sich in ihnen abzuspiegeln, Palmen und Pyramiden ihre Gipfel in die Fluthen zu neigen. Alles war eine Illusion, wie die Hoffnung im menschlichen Leben. Endlich versprach ein tiefblauer Streif am Horizont mehr Wahrhaftigkeit und irdischen Bestand. So irre ich an dem Trug der Dünste und meinen Sehnerven geworden war, ich behielt ihn fest im Auge, und wirklich löste er sich nicht in die gewöhnlichen Luftspiegelfechtereien auf; der tiefblaue Streif war – das rothe Meer, das Grab Pharaos. 33 Nach der schwermüthigen Fahrt war der Empfang in dem herrlich gelegenen Suez-Hotel höchst behaglich. Bei hohem Wasser rollen die Wogen des rothen Meeres bis an die Fundamente des Hauses; bei der nicht übermäßigen Zahl der Gäste hatte ich ein Zimmer mit der Aussicht auf die See erhalten. Der Besitzer des Hotels ist der Vicekönig, doch hat es die englische Compagnie unter äußerst vortheilhaften Bedingungen gepachtet. Sie bezahlt eine Jahres-Miethe von 150 Pfd. Sterling, dagegen hat der Vermiether, da in ganz Suez kein Tropfen süßen Wassers vorhanden ist, contractlich die Verpflichtung übernommen, den Bedarf des Hotels täglich mit dreißig Schläuchen Nilwassers von Kairo herüberzuschaffen. Die Transportkosten betragen nun aber jährlich nicht weniger, als 200 Pfd. Sterling, und der Vicekönig hat, die Unterhaltungskosten gar nicht veranschlagt, bei seinem Hotelunternehmen jährlich 50 Pfd. St. Schaden. Da der Dampfer von Marseille mit dem Ueberlandpost-Felleisen noch immer nicht in Alexandria telegraphirt war, hatte ich bis zur Ankunft der englischen Passagiere noch mehrere Tage Zeit, die ich denn auch treulich zu Naturstudien verwandte. Wenn ich mir nach einem achttägigen Aufenthalte einen Schluß erlauben darf, so ist Suez einer der gesundesten Orte der Welt. Nur vor der unmittelbaren Einwirkung der Sonnenstrahlen hat man den Kopf und die Hautoberfläche zu schützen. Die Tagesgluth wird durch die Nähe des Meeres gemildert, nach Sonnenuntergang aber entwickelt sich bei vollkommener Trockenheit der Luft eine angenehme Kühle in derselben, hinsichtlich deren ich Suez keinen anderen Ort an die Seite zu setzen weiß. 34 Vor Sonnenaufgang fällt starker Thau, den Tag über weht in dieser Jahreszeit eine starke Brise aus Nordost. Mit den Fliegen muß ich hier leider auf einem noch gespannteren Fuße leben, wie in Alexandria und Kairo. Sie bringen mich bei meiner Arbeit fast zur Verzweiflung; ihre Hartnäckigkeit kann einen thätigen Menschen wahnsinnig machen. Sie kriechen in Nasenlöcher und Ohren, sie setzen sich mitten in die Augen, und hat man sie verscheucht, so hinterbleibt ein Aetzen und Brennen, als ob sie gleich bösartigeren Insecten einen giftigen Saft ausschwitzen. Die Aquarell-Farben fressen sie mir unter den Händen, vom Papier, von der Pinselspitze weg. Oft habe ich bei dem Wohlgefallen gütiger Kunstfreunde über diese Blätter an die Qualen denken müssen, die ich bei ihrem Entwurf erlitten. Rette ich mich in die Wüste, so habe ich während der Promenade leidlich Ruhe, nehme ich unter dem Sonnenschirme aber von Neuem Platz und packe meine Geräthschaften aus, so fallen die kleinen Unholde wieder über mich her. Sie haben mich auf meinem Rücken begleitet, und unterwegs ihren Appetit geschärft. Einem Dragoman bin ich zwar in Suez entgangen, allein nicht einem Führer oder Lohnlakayen. Auf Schritt und Tritt verfolgt mich ein Muselsohn, der seiner Ausdauer nach eine verwandelte Fliege sein muß. Er spricht noch undeutlicher englisch, als Abdallah in Kairo, hat sich aber vorgenommen, mir die Sehenswürdigkeiten von Suez zu zeigen. Sie bestehen in einem paar mageren türkischen Pferden, einem schmutzigen Bazar, u. dgl. m., was die Natur bietet: das Meer, den Strand mit seinen riesigen Muscheln, die Farben des Himmels, brauche ich mir nicht von dem kundigen Eingeborenen 35 erläutern zu lassen. Seinen Bemühungen entsprechend ist indessen sein Tagelohn auch nur mäßig, echt deutsch. Reiche ich ihm nach vollendeter Arbeit ein paar Piaster (à 2 Sgr.), so spricht er dafür nicht seinen Dank aus, er ruft nur » all right «, verschwindet und erscheint am andern Morgen, als ob nichts vorgefallen wäre. Suche ich am Feierabend Unterhaltung in der hiesigen Gesellschaft, so fehlt es keineswegs an Abwechselung. Von den in Suez anwesenden Dandys wird eine englische Huldin vielfach umworben. In Lyon ansässig, in den glücklichen Jahren einer » belle femme «, nach dem französischen Lexikon, reich begütert, hatte sie schon seit mehreren Monaten eine große Vergnügungstour nach Afrika und Asien unternommen, und befand sich jetzt auf dem Rückwege. Die Reise war übrigens nicht unergiebig gewesen, denn Kaiser Napoleon durfte hoffen, nach der Rückkehr der Schönen einen neuen Unterthan, vielleicht gar das Beste, was Arabien Frankreich liefern kann, einen neuen Soldaten, zu erhalten. Wie immer entwickelt das männliche England minder herzerfreuende Eigenschaften. Nur an Fatalismus glaubende Muselmänner werden folgende Unbill eines angetrunkenen Matrosen ertragen. Der rohe Bursche hatte auf dem Markt in einem griechischen Schlächterladen ein Stück Speck gekauft und hielt es nun den versammelten Muselmännern muthwillig unter die Nase. Einem jungen Menschen stieß er sogar das schmutzige Fett des für ihn verbotenen Thieres gewaltsam in den Mund. Und doch kam er ohne Mißhandlungen oder auch nur ohne eine Tracht Schläge davon. Da unterdessen 101 Passagiere der Ueberlandpost 36 telegraphisch gemeldet worden waren, eilte ich, mein Billet auf dem kolossalen Dampfer Jeddo zu lösen und bezahlte dafür bis Bombay 75 Pfd. Sterling. Um 2 Uhr desselben Tages kamen 65 Franzosen beiderlei Geschlechts in unser Hotel, um Abends 5 Uhr wieder an Bord des französischen Dampfers l'Imperatrice zu gehen, der sie nach Ceylon und China bringen sollte. Um 4 Uhr überfluthete der von der Insel Mauritius kommende Dampfer uns von Neuem mit einem Schub Franzosen, die mit dem nächsten Nachtzuge gleich über Kairo nach Alexandria wollten, um dort in den Dampfer zu steigen und sich auf den Weg nach Paris zu machen. Ein schlichter deutscher Reisender kann auf dieser Weltstraße, in dem wilden Getümmel der hastigen Geschäftsleute, Seemänner und Soldaten, die auf Land und Leute auch nicht den flüchtigsten Blick werfen, den Kopf verlieren. Ich war gutes Muthes, das Billet war bezahlt und steckte in meiner Brieftasche, und als am 27. October plötzlich alle für Bombay angekündigten Passagire mit dem Bahnzuge von Kairo eintrafen und nur etwa 30 von ihnen im Suez-Hotel Aufnahme fanden, die Uebrigen aber noch spät Abends an Bord des Jeddo gehen mußten, legte ich mich noch einmal am Festlande ruhig aufs Ohr und schlief den Schlaf des Gerechten. Alle Anzeichen der Indienfahrt waren gut; der Bahnzug hatte mir einen Brief meines Bruders Julius mitgebracht. 37 IV. An Bord geritten. Der englische Behemoth. Gala-Punka's. Die Scheuer-Operation. Tiffin. Launen des rothen Meeres. Ein Hund als Gesellschafter. Die Insel Djubal. Die Kaffeestadt Mokka. Perim. Im Hafen von Aden. Ein Mann ohne Stuhl. Die Ratten als Briefträger. Vor Bombay. Das Wetter war am Morgen des 28. October nicht einladend. Die Zeit der Ebbe hatte begonnen, es stürmte, und der Dampfer Jeddo lag weit draußen im rothen Meere. Da in Suez, wie in allen Häfen Indiens, Chinas und Japans, keine Landungs- oder Einschiffungsplätze vorhanden sind, blieb mir nichts anderes übrig, als ein arabisches Boot zu miethen und zur festgesetzten Zeit nach dem Dampfer hinauszufahren. Meine sechs Schiffer hatten in Betracht des stürmischen Wetters etwa drei Thaler für die zweistündige Fahrt gefordert, waren aber Willens, den Preis noch mehr zu steigern, als wir uns dem Strande näherten. Die nackten Kerle packten meine Koffer auf, ich selbst bestieg den Rücken eines siebenten schwarzen Dienstmannes, der durchdringend nach Pillaw, Schweiß und Knoblauch duftete; so machten wir uns auf den Weg durch den Moorgrund, der den Strand von Suez charakterisirt. 38 Wir waren noch nicht weit gewandert, als mein Saumthier mit mir zu verhandeln begann, wie viel ich zulegen müsse, wenn er mich bei dem rauhen Wetter trocken und wohlbehalten in das Boot bringen solle; wir einigten uns über eine Zulage von 15 Sgr. Das ungeschickte Geschöpf entledigte sich meiner jedoch so unbehilflich, indem er mich vom Rücken in das Boot zu streifen suchte, daß ich bis an den Leib in's Wasser plumpte, und gezwungen war, mich während der Ueberfahrt umzukleiden. Als warnendes Beispiel für die Seeleute von Suez strafte ich ihn durch Abzug von 33⅓pCt. der verabredeten Zulage. Noch war es nicht leicht, an Bord des Dampfers zu kommen, neben dem unsere Nußschaale von Boot, wie ein Kork neben einem riesigen Felsen, hin- und hertanzte. Endlich hatte die Mannschaft mich und mein Gepäck an Bord gehißt, und ich traf meine ersten Einrichtungen in der Kabine, die mir nach dem herrschenden Princip, die Engländer in allen Punkten zu bevorzugen, in der unmittelbaren Nachbarschaft der Maschine angewiesen worden war. Am ersten Tage vermochte ich nicht, eine Musterung der Reisegesellschaft zu halten, denn sie erschien bei Tische sehr wenig vollzählig. Die Seekrankheit hatte sich bei der hohen See, trotzdem das mächtige Schiff immer noch einen leidlich gelassenen Gang einhielt, der Mehrzahl der Passagiere schon sehr fühlbar gemacht. Ihre schönere Hälfte schien spurlos verschwunden, an den Patienten männlichen Geschlechts konnte man umfassende Studien anstellen. Ein abschreckendes Schauspiel gewährt ein alter Engländer. Er wälzt sich auf Deck, wie der Leviathan oder Behemoth der heiligen Schrift, und scheucht durch die Ströme, die 39 seinem Rachen hervorbrechen, alle Welt weit von sich. Ein jüngerer Gentleman erscheint festen Fußes unter den von dem grimmen Uebel noch nicht überfallenen Indienfahrern, plötzlich erblaßt er, greift in der Luft wild um sich, bricht sich, im eigentlichen Sinne des Wortes Bahn, ohne die Toilette seiner Nachbaren zu beachten und neigt kraftlos sein schweres Haupt über die Balustrade. Als das praktikabelste Schutzmittel habe ich für mein Theil noch immer die äußerste Ruhe gefunden. Man strecke sich der Länge nach auf dem Rücken aus und gebe auf keine Frage Antwort. Unter Umständen kann ich auch einen Grogg »ohne Wasser und Zucker« anempfehlen. Nach einigen Tagen hat die Krankheit ihre Wuth erschöpft, selbst die schönen Engländerinnen, doppelt reizend durch ihre poetische Blässe, kommen zum Vorschein und behaupten, gar keinen Anfall gehabt zu haben. Sie versichern, nur von der Erschütterung des Dampfers incommodirt worden zu sein. Die Tischgesellschaft ist jetzt ziemlich vollständig, aber mit jedem Tage verschlechtert sich unsere Verpflegung. Am 28. October war die Tafel noch reich mit Blumen geschmückt, und an der Decke hingen prachtvolle Punka's (Windfächer), die von indischen Bedienten in Bewegung gesetzt wurden, alle Getränke, Wein, Bier und Wasser, waren auf Eis gekühlt, vier Tage später hatte man die Gala-Punka's durch abgebrauchte kleine Wedel ersetzt, die Blumen waren verschwunden und von Eisgefäßen keine Spur mehr vorhanden. An Bord dieser Dampfer herrscht ein systematisch ausgebildetes Uebervortheilungssystem. Die im Billet zugesicherte Verpflegung wird, sobald man dem Lande den Rücken gekehrt, bis auf ein Minimum beschränkt. 40 Wenigstens sucht die Direction der Verpflegung die Qualität nach Möglichkeit zu verschlechtern. Klagt man über die Beschaffenheit der Nahrungsmittel und Getränke, so erhält man gewöhnlich zur Antwort: »Das ist nicht meine Sache! damit habe ich nichts zu thun!« Geht man endlich, in Verzweiflung, stets die competente Behörde zu verfehlen, dem Capitän zu Leibe, so entgegnet dieser, die Stirn mit Gußstahl gepanzert: »Wollen Sie sich beschweren, thun Sie es. Schreiben Sie nach London. Ich trage keine Schuld; die Sachen sind mir in diesem Zustande geliefert worden.« Des Wohlwollens des Steward (Kajütenwärter) habe ich mich durch die Vorausbezahlung eines tüchtigen Trinkgeldes versichert. Dieser Vorsichtsmaßregel verdanke ich, daß der erkenntliche Mensch mich gleich in der ersten Nacht aufrüttelte und beschwor, meine Kabine zu verlassen, wenn ich nicht ein Kind des Todes sein wolle. Ermattet von den Anstrengungen des Tages, war ich in einen lethargischen Schlaf verfallen; meine röchelnden Athemzüge hatten den vorübergehenden Steward auf meinen Zustand aufmerksam gemacht. Durch die Hitze der Kabine fast besinnungslos, schwindelig und schweißtriefend, schleppte er mich auf das Verdeck und breitete dort meine Matratze aus, auf der ich die Nacht unter freiem Himmel zubrachte. Nach energischen Protesten gelang es mir, am anderen Morgen eine besser gelegene Kabine zu erhalten. Es war die der Aufwärterin der mitreisenden Damen. Aus Galanterie hatte der Capitän dem hübschen Mädchen eine der geräumigsten und bequemsten Schlafstellen angewiesen. Die Schöne verschlechterte sich übrigens nicht; Dank der Protection des Capitäns und der Officiere durfte sie ihr Nachtlager in der Cajüte aufschlagen, 41 wo es ihr kaum an Schutz und Gesellschaft gefehlt haben wird. Meine Lage hat sich durch diese Umquartierung wesentlich verbessert. Nicht allein der Backofenhitze der Maschine von 500 Pferdekraft bin ich entronnen, auch das Getöse der Scheuer-Operation behelligt mich in meiner gegenwärtigen Kabine nicht so entsetzlich wie früher. Dieser Prozeß beginnt um 4 Uhr Morgens und dauert bis 8 Uhr. Da sich etwa fünfzig Mann daran betheiligen, pflegen zwei Stunden des erquicklichsten Morgenschlafes gewöhnlich verloren zu gehen. Pünktlich um sechs Uhr erscheint nämlich der Steward, weckt einen Jeden und bietet ihm eine Tasse Thee oder Kaffee. Man thut wohl, darauf ohne Zögern einzugehen. Bei der militärischen Pünktlichkeit der Bedienung ist es unmöglich, später auch nur einen Tropfen zu erhalten. Um neun Uhr folgt das eigentliche Frühstück. Es besteht aus Fisch- und Fleischspeisen, Rothwein, Ale oder Thee und wird durch das »Tiffin«, ein ebenso solides zweites Frühstück, unterstützt, bei dem Bisquit, Toaste (Butterschnitte), Käse, Sherry, Portwein und Brandy geliefert werden. Andere Weine darf der Reisende unter keiner Bedingung fordern. Ein alter Herr, dem die schweren spanischen Weine von Seiten des Arztes verboten waren, mochte bitten, so viel er wollte, das ersehnte Glas Medoc wurde ihm verweigert. Endlich schob er seine Tochter vor. Da die Damen an Bord alle möglichen Vorrechte genießen, brauchte diese nur den Wunsch nach einem Trunk Rothwein auszusprechen, als sie ihn auch schon befriedigt sah. In Gegenwart des renitenten Steward reichte sie das Glas 42 ihrem Vater, und der Steward – sollte man es glauben – lachte höchst behaglich. Um 4 Uhr versammeln wir uns zum Diner, dessen Schmackhaftigkeit von Tag zu Tag abnimmt. Eine Universalsauce aus Butter, Wasser, Mehl, Senf, Pfeffer und Salz, die jedes Fisch- oder Fleischgericht begleitet, flößt mir wahres Entsetzen ein. Um ihr zu entgehen, sättige ich mich mit halbrohem Fleisch und etwas Brot. Die Theestunde ist um sieben Uhr Abends, den Kehraus aber bildet um neun Uhr ein Transport von Brandy und heißem oder kaltem Wasser. Das aus beiden Flüssigkeiten gemischte Getränk ist bei den Engländern hoch angesehen; sie haben ihm den treffenden Namen »Schlafmütze« ertheilt, und nehmen reichliche Dosen zu sich. Ein Hauptmann auf Halbsold hat den Steward seiner Reisegruppe durch eine baare Entschädigung gewonnen, ihn allabendlich, nachdem er seine Ration zu sich genommen, nach »Hause«, d. h. in seine Kabine zu bringen und, wenn es nothwendig sein sollte, auch auszukleiden. Um zehn Uhr werden ohne Erbarmen die Lichter in der Cajüte ausgelöscht. Wer nicht im Dunkeln sitzen bleiben oder auf Deck spazieren will, muß zu Bette gehn. Erlaubt es die Witterung, so pflegt in den Stunden von acht bis halb zehn Uhr auf dem Quarterdeck Concert und Ball stattzufinden. Das Orchester besteht aus drei Indiern, die sich auf zwei Geigen und einer Flöte ergehen. Sie spielen Walzer, Polkas, Galoppaden und Contretänze, und genügen vollkommen den mäßigen künstlerischen Ansprüchen der Reisegesellschaft. Die Indier sind nicht ohne musikalisches Talent und zeichnen sich in dieser Beziehung 43 vortheilhaft vor allen Völkern des Orients aus. Die Tanzkunst der Passagiere ist nicht hoch ausgebildet, und die Mehrzahl derselben sucht sich bei der drückenden Temperatur sogar dem Frohndienste zu entziehen; desto unermüdlicher sind die Damen. Ungeachtet ihrer sonstigen Nervenschwäche schrecken sie nicht davor zurück, bis zur äußersten Erschöpfung zu walzen. Im Ganzen befinden sich 130 Passagiere an Bord, also nicht so viele, als ich nach dem anfänglichen Andrange in Suez erwartet hatte. Sie gehören fast sämmtlich der englischen Nation an, und nur sechs Deutsche, vier Griechen, ein Franzose und ein Holländer bilden eine Ausnahme. Die Zahl der englischen Frauen und Kinder beträgt fünfzig. Die Schiffsmannschaft ist 197 Köpfe stark und aus den verschiedensten Völkern, Negern, Malaien, Hindostanern, Aegyptern und einigen Engländern zusammengesetzt. Die Capitäne der Dampfer rekrutiren am liebsten unter den asiatischen Nationen, denn die Matrosen verrichten die schwerste Arbeit für einen geringen Sold, bei höchst spärlicher Kost, ohne unter den Einwirkungen des Klimas zu leiden. Ihre Nahrung besteht fast nur aus Reis, den sie ihren religiösen Vorschriften gemäß an einem eigenen Heerde der Schiffsküche zubereiten. Die Speisen der Passagiere gelten ihnen für unrein, und die Ueberreste der Dejeuners und Diners werden daher, weil Niemand von der Mannschaft sie berührt, in's Meer geworfen, wo sie denn stets den Schiffen folgenden Haifischen zur Beute fallen. Außer den Vorräthen, Gepäckstücken und Briefschaften führen wir vierhundert kleine Kisten Silber in Barren an Bord. Ihr Werth beträgt 300,000 Pfd. Sterling. Sie sind dazu 44 bestimmt, in Bombay ostindische Baumwolle einzukaufen. Mit Wasser sind wir nicht versehen; der tägliche Bedarf wird aus Seewasser durch Destillation erzeugt, ein Verfahren, das eben nur auf Dampfschiffen beobachtet werden kann. So lange wir das klare und wohlschmeckende Product mit Eis zu kühlen vermochten, habe ich nie besseres Wasser getrunken, als der Eisvorrath aber ausgegangen war, und wir kein Mittel hatten, das uns noch halb kochend in die Kabinen gelieferte Getränk anzufrischen, mußten wir gewöhnlich die nächtliche Verminderung der Temperatur abwarten, um unsern Durst zu stillen. Durchschnittlich sinkt das Thermometer nicht unter 100 Grad Fahrenheit (30 Grad Réaumur), doch steigt es im vollen Sonnenschein noch weit höher. Ein junger Steward, ein geborener Engländer, der mit besonderem Eifer seiner Pflicht oblag, und sich der Sonne unbedachtsam aussetzte, wurde einige Tage nach unserer Abfahrt von Suez plötzlich wahnsinnig. Die Zwangsjacke mußte ihm angelegt werden. Es gelang nicht, ihn in diesem ungünstigen Klima wieder herzustellen, und er wurde später von Bombay nach England zurückgeschickt. Die Fahrt auf dem rothen Meere wird uns durch die Launen des Wetters verbittert; nach der Versicherung des Capitäns wäre ein so jäher Wechsel von Sturm und Windstille, wildbewegtem Wasser und spiegelglatter See in diesem Breitegrade eine Seltenheit. Die felsigen kahlen Ufer erblicken wir bald rechts, bald links am Horizonte. Bei der außerordentlichen Helligkeit der Atmosphäre erscheinen die wüsten Bergklippen häufig in einem rosenfarbenen Schimmer, um Sonnenuntergang entfaltet sich aber am westlichen Horizont eine märchenhafte Farbenpracht, die jeder Nachbildung 45 durch den Pinsel spottet. Nur wenige Minuten dauert das Schauspiel, dann wird es von der sich aus Osten hastig heranwälzenden Nacht verschlungen. Um diese Stunde pflegen sich Passagiere und Mannschaften vollzählig ans Deck zu versammeln und entblößten Hauptes der feierlichen Scene beizuwohnen. Alle Religionen weichen in solchen Augenblicken dem Cultus der ewigen Natur. Die Schifffahrt auf dem rothen Meere wird durch viele kleine Inseln und Klippen erschwert; die P.\&O. Compagnie (d. h. Peninsular \& Oriental Steam Navigation Company ) sucht jedoch alles Mögliche zu thun, um Unglücksfällen vorzubeugen. Sie errichtet auf den gefährlichsten Felsriffen eiserne Leuchtthürme, deren jetzt schon drei bestehen. Zum Schutz des Eisens gegen Rost und größerer Deutlichkeit halber sind dieselben mit zinnoberrother Oelfarbe angestrichen. Der Aufenthalt in diesen metallenen Klausen, die im fortwährenden Sonnenbrande der tropischen Zone eine Glühhitze annehmen, wird von den Seeleuten als entsetzlich geschildert. Nur das elendeste Volk entschließt sich zu diesen Wächterposten. Jeder Thurm wird von zwei Männern bewohnt, die jedoch, statt durch gemeinsames Elend zum Nachdenken gestimmt und versöhnt zu werden, in stetem Unfrieden leben sollen. Ihre Gesichter sind nach Angabe der Schiffer, die sie allmonatlich mit Proviant versehen, immer durch Beulen und blaue Flecken entstellt. Vor wenigen Monaten war einer der Wächter in dem dritten Leuchtthurme gestorben, und der Ueberlebende wagte, aus Furcht, einer Mordthat beschuldigt zu werden, den todten Körper nicht in das Meer zu werfen. Er lebte auf dem beschränkten Raum neben der verwesenden Leiche drei 46 Wochen lang, bis ihn endlich seine Proviantmeister von den schrecklichen Ueberbleibseln befreiten. Seitdem ist die Zahl der Wächter jedes Leuchtthurms auf drei vermehrt worden. Ein wunderlicher Engländer hat sogar ein Capital ausgesetzt, aus dessen Zinsen der Mannschaft als erheiternder Gesellschafter ein Hund geliefert werden soll. Ein ähnlicher Schreckensaufenthalt ist die 24 Stunden von Suez entfernte wüste Insel Djubal, die Telegraphenstation. Sie wird nur von zwei Familien bewohnt, denen die Seefahrer ebenfalls eine ewige Uneinigkeit und Kriegführung nachsagen, als ob Zwistigkeiten nach dem Verlust aller übrigen Zerstreuungen des Geistes und Gemüthes, die letzte Erholung des Menschen blieben. Am letzten October erreichte die Hitze einen unerträglich hohen Grad; am kühlsten Orte der Kajüte zeigte das Thermometer auf 110 Grad Fahrenheit , mehr als die Blutwärme! Der angesammelte elektrische Stoff machte sich indessen nicht in einem Gewitter Luft, es blieb bei einem unaufhörlichen Wetterleuchten, welches den ganzen Horizont in ein blaues Flammenmeer verwandelte. Erst am Morgen des ersten November, als wir uns auf der Höhe von Mekka befanden, entluden sich die schwarzgrauen Wolkenballen in Regengüssen, Blitz und Donner, dann fegte ein Südost den Himmel rein, und der Capitän ertheilte den Befehl, die Vormarssegel beizusetzen. Da diese jedoch sofort zerrissen, ließ er es bei zwei Besansegeln bewenden. Der Wettersturz hatte bedauerliche Folgen. Viele Passagiere klagten über Uebelbefinden, und Nachmittags 6 Uhr starb ein kleines Mädchen, das sich mit der Mutter zu ihrem Vater nach Bombay begeben wollte. Das zarte Wesen hatte, gleich 47 einer Blume, unter dem Druck der verzehrenden Hitze sein Haupt immer tiefer geneigt. Schon um 9 Morgens stand die kleine Leiche in einem einfachen hölzernen Sarge mit der Inschrift: »Agnes Neal, fünf Jahre alt« auf dem Vorderdeck. Um 10 Uhr wurden die Schiffsglocken geläutet; die Leidtragenden versammelten sich. Die Verzweiflung der jungen Mutter wird mir unvergeßlich bleiben, als der mit einer Kanonenkugel beschwerte Sarg in den Fluthen verschwand. Noch ein Jammerschrei, und der nächste Windstoß hatte den feuchten Grabhügel für immer verweht. Die Leichenrede hatte einer der fünf an Bord befindlichen englischen Geistlichen gehalten, aber ich darf nicht verschweigen, daß es selbst bei dieser traurigen Veranlassung nicht an Zänkereien, wem der Vorrang gezieme, unter den ehrwürdigen Herren fehlte, und sie noch mehrere Tage hindurch untereinander maulten. Ein Orkan sollte dem theologischen Skandal ein Ende machen, alle Cajütenfenster und sonstigen Oeffnungen mußten verschlossen werden, und die See ging haushoch über Bord; die Verwirrung unter Deck war bei der erstickenden Hitze fürchterlich. In einer Bucht erblickten wir einen großen Kriegsdampfer, der dort vor dem Unwetter Zuflucht gesucht hatte. Wir salutirten trotz der unsäglichen Wirrsale, endlich legte sich der Wind und es begann von Neuem zu regnen. Von der Hitze zur Verzweiflung gebracht, hatten wir uns aller Kleider entledigt und gedachten ein Regenbad zu nehmen, allein die Tropfen verursachten bei ihrer Wärme eine peinliche Empfindung auf der Haut, und wir flüchteten sämmtlich wieder unter Deck. Nach den Berechnungen des Capitäns befinden wir uns auf der Höhe der Kaffeestadt Mokka . 48 Eine Aquarelle, die ich vom Dampfer aus von der Kaffeestadt Mokka anzufertigen suchte, mußte unvollendet bleiben und befindet sich in diesem fragmentarischen Zustande noch heute unter meinen Sammlungen. Die amphitheatralische Lage des Ortes übte auf mich eine unwiderstehliche Anziehungskraft aus, allein bei der Temperatur des Tages wurde jede künstlerische Thätigkeit unmöglich. Ich mußte meine Thätigkeit unterbrechen, da ich einer Ohnmacht nahe war und mich nicht länger auf dem Sessel im Gleichgewicht zu erhalten vermochte. Je mehr wir uns der Straße Bab el Mandeb nähern, desto höher scheint die Hitze zu steigen. Alle Anstrengungen unserer sechs hindostanischen Jungen und einiger alten Bengalen, uns wenigstens bei Tisch den Kauprozeß durch Fächerschwenkungen zu erleichtern, sind vergebens; unaufhörlich rinnt der Schweiß von unseren Stirnen. Nur die Schlechtigkeit der Mahlzeit stimmt zu der Hitze, zudem ist seit der Schmelzung des Eises von einem kühlen Trunk nicht mehr die Rede. Selbst Porter und Ale werden bei Tafel mehr als lauwarm umhergereicht, ein Getränk, um jeden Durstigen zur Verzweiflung zu bringen. Unter den Passagieren wird der Mangel an Eis bezweifelt; man glaubt allgemein, die Company bediene sich nur dieses Vorwandes, um uns den Genuß des Bieres möglichst zu verleiden. Eine besondere Plage bei dieser höllischen Temperatur ist ein Hautausschlag, der von den Deutschen an Bord »rother Hund«, » Prickley heat « genannt wird. Er beginnt mit einer, den ganzen Körper bedeckenden Röthe, die sich nach und nach in winzige Bläschen verwandelt. Ein unerträgliches Jucken begleitet diese Hitzblattern, und der 49 Schmerz, der durch anhaltendes Kratzen entsteht, ist fast erträglicher, als der vorhergehende leidige Hautreiz. Zuletzt sieht der geplagte Reisende wie ein gekochter Hummer aus. Der Kopf wird von dem Uebel nicht verschont, und man glaubt Abends denselben auf ein mit Nadeln gespicktes Kissen zu legen. Der Ausbruch dieser Krankheit gilt sonst für ein gutes Zeichen, man will nämlich bemerkt haben, daß die von ihr verschonten Individuen an Durchlauf und verschiedenartigen Fiebern leiden. Die Gentlemen, gefoltert von dem Leiden, entblöden sich daher nicht, einiger Erfrischungen wegen, schon mit Tagesanbruch in einem Costüm, das an Adams Tracht auf den Bildern der Alten erinnert, auf dem Verdeck zu lustwandeln. Damen dürfen sich der Schiffsetikette nach, um diese frühe Stunde nicht blicken lassen. Vor der Frühstückszeit behaupten die Männer unbedingt den Vorrang; später wendet sich das Blatt. Sie haben sich in jeder Hinsicht den Damen unterzuordnen, diesen gehören nicht nur die besten Sitze, sondern auch die schmackhaftesten und genießbarsten Bissen bei Tisch, und der Capitän wie die Schiffsoffiziere thun alles mögliche, die ohnehin schon von den Engländern vorgezogenen Wesen noch mehr zu verwöhnen, ja man vertreibt uns von unseren Plätzen auf Deck, wenn es einem Inselfräulein gefällt, sich dort niederzulassen. Der einzige Dank für unsere Langmüthigkeit pflegt gelegentlich in einem schmachtenden Blick zu bestehen. Um ein Uhr Nachts am 4. November passirten wir den Leuchtthurm der Insel Perim, dieses Zankapfels der Diplomatie, den England ungeachtet aller Widersprüche, von Aden aus mit einer Abtheilung Soldaten, die 50 allmonatlich abgelöst werden, besetzt hält, und dampften in den indischen Ocean hinaus. Wir Alle sind froh, das rothe Meer hinter uns zu wissen, und der Capitän betheuert, noch nie während seiner zahlreichen Fahrten auf dem rothen Meere gleich schlechtes Wetter gehabt zu haben. Die Fahrt von Suez bis Perim hat statt fünf Tage deren sieben gedauert. Die Küste von Perim bis Aden, die man stets in Sicht behält, besteht theils aus hohen kahlen Bergen, theils aus blendend hellem flachen Strande mit dahinter liegenden Dünen; das Gebirge weicht dann in den Hintergrund zurück. Um halb drei Uhr gingen wir, sehr nahe an der Küste, im Hafen von Aden vor Anker. Da der Capitän der Erneuerung des Kohlenvorrathes und der Verproviantirung halber zwölf Stunden zu verweilen gedachte, erhielten wir Urlaub bis zum Einbruch der Dunkelheit, und ich begab mich in Begleitung zweier Herren, mit denen ich seit der Abfahrt von Suez näher bekannt war, ans Land. Die Küste sah trostlos aus, das kahle Gestein spie im Sonnenbrande uns Feuer entgegen, und wir zogen es vor, unsere wenigen Freistunden in dem etwa fünf Meilen entfernten Aden zuzubringen. Die Stadt wird vom Hafen aus nicht gesehen, und die Engländer haben am Abhange des Gebirges unter großen Kosten und Mühseligkeiten eine Fahrstraße dorthin gesprengt. Alles war übrigens sonst so gut organisirt, wie an einer Eisenbahnstation, die nach einem beliebten Badeorte führt. Schnell hatten wir einen munteren Einspänner gemiethet und darauf leidlich bequem Platz gefunden; der arabische Kutscher lief die ganze Wegstrecke neben her. Ihm gesellten sich, um ein kleines Salair zu verdienen, drei 51 Negerknaben, die unter grotesken Geberden mit vergnügten Gesichtern und strohgelb gefärbten Wollköpfen neben dem kleinen Wagen hersprangen und uns mit Palmenblättern Luft zuwehten. In Aden angelangt, hielten wir fast verschmachtet vor einer Schenke und forderten Limonade. Ueber die nähere Zusammensetzung derselben vermag ich keine Auskunft zu ertheilen, doch würde eine europäische Sanitätsbehörde unter jeder Bedingung sich näher nach dem Recept erkundigt haben. Das kühlende Getränk brachte auf uns alle drei sofort jene Wirkung hervor, welche wir unter dem heimischen Breitengrade durch den gleichzeitigen unbesonnenen Genuß von Weißbier, sauren Gurken und Pfefferkuchen zu erzielen pflegen. Wir wurden durch die unererwartete Kraftäußerung des Fluidums so beunruhigt, daß wir nach dem erreichbarsten Gegengift, einer heißen Schale Mokkakaffee trachteten und dem Kutscher den Auftrag ertheilten, uns nach dem arabischen Viertel der alten Stadt, in ein Kaffeehaus zu fahren. Hassan besaß nur eine geringe Dosis Menschenkenntniß, denn schon unser gegenwärtiger Zustand hätte ihn lehren müssen, daß es uns mehr um die Waare des Etablissements zu thun war, nach dem wir begehrten, als nach der Bedienung desselben. Ich kann zu Hassans Entschuldigung nur anführen, daß er, wenn nicht durch persönlichen Geschmack, so doch durch den früherer Touristen, zu seinem Irrthum veranlaßt sein mag. Wir hatten uns kaum in dem besagten Kaffeehause niedergelassen und noch nicht Zeit gehabt, ein Schälchen des balsamischen Getränkes zu schlürfen, als eine Schaar schwarzer und brauner Frauenzimmer uns umringte und gleichfalls auf den Divans Platz nahm. Sie waren sämmtlich schön 52 zu nennen und mit allerlei Kleinodien aus Bernstein, Gold und Silber reich geschmückt, aber in Sachen der Toilette so haushälterisch ausgestattet, als gedächten sie so eben einem Maler »Modell« zu stehen. Zugleich schienen sie die Abneigung der heutigen Römerinnen vor Parfüms zu theilen, denn sie hatten sich nicht des geringsten künstlichen Hilfsmittels bedient, um den unangenehmen Einwirkungen natürlicher Ausdünstungen vorzubeugen, die in diesem Klima unter ihrer Race sich äußerst lebhaft entwickeln. Wir geriethen unter den zähnefletschenden und kichernden Negerinnen oder Araberinnen in nicht geringe Verlegenheit. Es war nicht rathsam, ihre kaum mißzuverstehenden Anerbietungen und Liebkosungen grob oder gar gewaltsam abzuwehren; das Stadtviertel war abgelegen, und kein Hahn hätte nach uns gekräht, wäre die Sippschaft uns ernstlich zu Leibe gegangen. Auf meinen Rath machten wir daher gute Miene zum bösen Spiele, eine Menge von Kaffeetassen wurde herbeigebracht und wir suchten die Aufmerksamkeit der Huldinnen von uns durch das kräftige Getränk abzuleiten. Der Kaffee bewährte seine Allmacht auch hier, die Töchter Arabiens und Nubiens ließen von uns ab und begannen unter einander ein Gespräch, das einem europäischen Kaffeeklatsch zur Ehre gereicht hätte. Nur eine gräuliche Alte war schwer abzuwehren, es blieb zuletzt nichts übrig, als sie durch einigen Kraftaufwand zu entfernen, dem wir als Entschädigung ein kleines Geldgeschenk hinzufügten. Unterdessen hatten die jüngeren Damen uns für unsere Bewirthung durch eine »Fantasie« schadlos zu halten gesucht, welche von männlichen Eingeborenen mit gräulicher Musik begleitet wurde. Die Ausschreitungen des modernen Ballets 53 in den großen Städten Europas haben mich oft in Erstaunen versetzt und unwillig gemacht; ich nehme feierlich alle Ausdrücke des Tadels zurück, seitdem ich die Wendungen und Stellungen der Ballerinen der Stadt Aden gesehen habe. Endlich ließ man uns frei, wir bezahlten in Betracht unseres starken Kaffeeverbrauchs eine ziemlich hohe Zeche und machten uns wieder nach dem Hafen auf den Weg. Unbekümmert um die entsetzliche Hitze, liefen Pferd, Kutscher und Fächerknaben mit unverminderter Geschwindigkeit. Mit Ausnahme der in dem Kaffeesalon zugebrachten halben Stunde hatten wir von Mittag an nicht eine Hand breit Schatten genossen, am Wege, an den Felswänden, nirgends war ein Grashalm, ein Tropfen Wasser zu entdecken, alle lebenden Wesen schienen diesen schauerlichen Ort zu fliehen, denn die Pferde und Esel, denen wir begegneten, bewegten sich in Galopp vorwärts; in Aden galoppirten selbst Ochsen und Kameele. Mit unerträglichen Kopfschmerzen behaftet, kamen wir an Bord, und die einzige Ausbeute der Excursion war die Skizze eines aus Rohr geflochtenen Hauses, das täuschende Aehnlichkeit mit einem Vogelkäfig hatte und die Milde des Klimas bezeugte. Der Hauptartikel Aden's sind Straußfedern; mit ihnen wurden wir von den Industriellen noch bis an Bord verfolgt. Da im Laufe des Nachmittags Kohlen und Proviant an Bord geschafft worden waren, konnten schon am 5. November halb zwei Uhr Morgens die Anker gelichtet werden. Die Tropennacht war herrlich, als wir in See stachen, und das köstliche Wetter hielt auch am andern Morgen an. Eine Brise aus Osten kräuselte nur leicht die glatte Meeresfläche, die fliegenden Fische schwangen sich 54 mit sichtlicher Lust in die frische Morgenluft empor. Nicht selten erhoben sie sich, und zwar immer gegen den Wind, bis zur Höhe des Verdecks. Leider gelang es uns nicht, eines Exemplares habhaft zu werden, da keines der Thierchen seinen Flug quer über den Dampfer richtete. Man darf nur auf einen Fang hoffen, wenn die langen Flossen trocken werden, worauf der Fisch zu Boden fällt. Kein Geschöpf des Meeres wird übrigens so leidenschaftlich verfolgt, als diese zierliche unschuldige Creatur. Im Wasser stellen ihm die Raubfische, in der Luft die Seevögel, auf den Schiffen die Menschen nach, und doch begegnet man ihm bei gutem Wetter in zahllosen Schwärmen. Der Gesundheitszustand unserer Reisegesellschaft ist seit der Abfahrt von Aden nicht der beste. Die Damen sind sehr zu beklagen, da die einzige Stewardesse des Dampfers gleichfalls krank darniederliegt; auch mehrere der Herren, welche gestern in Aden ans Land gegangen sind, befinden sich übel. Sie schieben die Schuld auf die Sonnenstrahlen, denen sie sich ohne weitere Vorschriftsmaßregeln ausgesetzt haben, doch bin ich besorgt, daß sie bei dem Besuch der Kaffeehäuser in Aden nicht unsere Behutsamkeit beobachtet haben. Da die Sonne unvergleichlich schön unterging, ließ die Gesellschaft sich von den Patienten nicht abhalten, einen Ball zu arrangiren und bis gegen zehn Uhr zu tanzen. Nach und nach lernt man die Reisegefährten näher kennen. Eine Anzahl junger Pärchen befindet sich unter uns, die ihre Hochzeitsreise bis nach Indien ausdehnen. Das arme Volk flößt mir tiefes Mitleid ein, denn seit dem 6. November, 7 Uhr Morgens, ist das Wetter wieder abscheulich, sämmtliche Kajütenfenster sind geschlossen, 55 die See wälzt wahre Berge von Wasser über das Vorderdeck und aus allen Cabinen erschallen Laute moralischer Verzweiflung und physischen Elends. Auch die lebhafteste Phantasie wird sich schwerlich die Wirkung auf das Nervensystem eines Zuhörers, dessen Cabine inmitten eines gemischten Chores von fünfzig bis sechszig activen Seekranken liegt, auszumalen vermögen. Die Rumflasche kommt nicht mehr von meiner Seite. Der Koch benutzt die Misère unverzüglich; bei hoher See ist das Essen unter aller Kritik. Nur die Universalsauce wird tendenziös mit Cayennepfeffer gewürzt. Einer unserer Genossen ist durch die hohe See in große Verlegenheit gerathen. Nach dem Reglement der Company-Dampfer hat jeder Passagier einen Stuhl an Bord mitzubringen, da keine lehnsweise verabreicht werden. Der arme Schelm ist nun mit seinem etwas gebrechlichen Schemel in seekrankem Zustande gegen die Kajütenwand geworfen, und dieser in tausend Granatstücke zertrümmert worden. Ich kann das Elend nicht mit ansehen und helfe dem Schächer mit einem dreibeinigen Malerstuhl aus. Da drei Punkte immer in eine Ebene fallen, hat er bei der tobenden See einen leidlich festen Standpunkt gewonnen. Gegen Abend beruhigt sich der Ocean und es wird gleich wieder getanzt. An solchen Tagen entwickelt unser Capitän seine ganze Größe. Er erneuert mehrmals seine Toilette und huldigt den Damen auf eine Weise, deren nur ein Englishman fähig ist. Je länger unsere Reise dauert, desto mehr nimmt der Dampfer die Physiognomie einer kleiner Stadt an; in Buxtehude und Krähwinkel wird nicht ärger geklatscht. Ich werde durch Zwischenträger in alle angezettelten Liebeshändel eingeweiht, 56 aber meine Beschäftigung, die ich nur bei ungünstigem Wetter unterbreche, gewährt mir einigen Schutz. Man verschont mich mit Anerbietungen, den Vorlesungen der Romane von Paul de Kock beizuwohnen, ich werde nicht zu Schach und Triktrak aufgefordert, zur Mitgliedschaft des Sängerchors bin ich nicht musikalisch genug, nur wenn Herr Hesse, ein musikkundiger Süddeutscher, Abends die Zither kneipt, ist es unmöglich, ihm auszuweichen und nicht zu applaudiren. Am 7. November Morgens begegneten wir einem von Bombay kommenden Dampfer, der nach Suez ging, um Lady Elgin, die Gemahlin des General-Gouverneurs von Indien, zu holen. Mittags fiel das Barometer beträchtlich, doch veränderte sich das Wetter nicht in entsprechendem Sinne, der Vollmond stieg Abends 7 Uhr, eine goldene Scheibe ohne Hof, aus dem Meere auf, und es folgte eine köstliche Nacht. Die Musikfreunde verstärkten ihr Repertoir, und den Salonliedern wurde heute der Nationalgesang: God save the queen hinzugefügt, den alle Engländer mit entblößten Häuptern anhörten. Am Morgen entstand in der Cajüte ein haarsträubender Lärm. Ein Engländer hatte über Nacht eine Menge in den letzten Tagen von Seewasser durchnäßter Briefe zum Trocknen auf dem Tische ausgebreitet, aber keinen wiedergefunden. Es wurde eine Untersuchung angestellt, der Capitän nahm die Dienerschaft ins Verhör; Niemand wollte von den Briefen wissen. Nachdem man den Tag über die Cajüte sorgfältig durchsucht, entdeckte man endlich unter den Planken des Fußbodens einen Spalt und hinter demselben ein tiefes Loch, in dem die Briefe steckten. Nach den darauf 57 befindlichen Spuren hatten die Ratten sie in den Versteck geschleppt, um später ihr frevles Spiel mit ihnen zu treiben. Zugleich hatten sie ein seidenes Taschentuch und einen langen Plaidriemen in den Spalt hinabgezogen. Unser Dampfer, der mehrere Monate hindurch nicht von den unter Wasser anhaftenden Schalthieren gereinigt worden ist, verlangsamt seinen Gang täglich mehr, und das Tempo der Fahrt scheint sechs großen Seevögeln so sehr zu behagen, daß sie seit der Abfahrt von Aden uns schlechterdings nicht verlassen und muthmaßlich die Nacht im Takelwerk zubringen. Die Feuchtigkeit der Atmosphäre in diesen Gegenden ist erstaunlich; Gegenstände aus blankem Metall müssen täglich geputzt werden, wenn sie nicht rasch verrosten sollen. Für die Reinlichkeit und Sauberkeit des Schiffes wird glücklicherweise ausreichend gesorgt. Die verschiedenen Völkerstämme der Mannschaft verrichten die einzelnen Functionen. Schiffszimmerleute sind die Chinesen, sie kalfatern die Böte und flicken das Schiff. Die Neger heizen und versehen die Maschine. Sie scheinen sich in der unmittelbaren Nähe des ächzenden Ungeheuers, das mit fünfhundert Pferdekraft die Schraube dreht, am wohlsten zu fühlen, und flüchten, wenn sie auf dem Verdeck im glühenden Sonnenschein etwas frische Luft geschöpft haben, immer wieder fröstelnd in den Kesselraum hinab. Die Mehrzahl der Matrosen stammt aus Hindostan und die Malaien werden mit dem Anstreichen des Schiffes beschäftigt. Die Augenkrankheiten der Zone verfolgen uns übrigens auch auf den Ocean. Zwei Passagiere leiden an Augenentzündungen und sind genöthigt, der damit verbundenen Lichtscheu (Heliophobie) halber, Tag und Nacht unter Deck 58 in der dumpfen Luft und erstickenden Hitze zu sitzen. Einige haben sich durch ihre Nachtlager unter freiem Himmel rheumatische Uebel zugezogen, andere leiden am Fieber; ich bin, Dank meiner vorsichtigen Lebensweise, von allen diesen Leiden verschont geblieben. Meine Hauptplage bleibt außer der Temperatur der Lärm der Maschine, aber ich will ihn lieber in meiner Cabine ertragen, ehe ich auf Deck flüchte und meine Gesundheit ruinire. Am 9. November kamen wir bei einem köstlichen Wetter gar nicht aus Schwärmen fliegender Fische heraus. Sie wurden von sechs Fuß langen Delphinen heißhungrig verfolgt und erhoben sich immer massenweise in die Luft; die Gourmands unter den Passagieren sollten nicht befriedigt werden. Auch heute gerieth kein fliegender Fisch an Bord, und wir mußten auf einen Leckerbissen verzichten, den ich auf meinen früheren Reisen schätzen gelernt hatte. Um halb neun Uhr Morgens desselben Tages entstand ein unbescheiblicher Tumult in allen Theilen des Schiffes, denn die Maschine versagte den Dienst. Der Capitän und die Offiziere werden mit Fragen bestürmt, aber keiner von ihnen giebt Antwort, aus dem Maschinenraum erschallen endlose Flüche und wüste Hammerschläge, bei vollkommener Windstille sitzen wir unter unserem Leinwanddache auf dem Verdeck und starren schweigend in die Ferne, während sich über uns ein Regen von schwarzen Flocken verbreitet, die aus den beiden schmutzigen Heizapparaten aufsteigen. Nach zwei bangen Stunden gerieth die Maschine wieder in Gang und die Offiziere ertheilten uns endlich Auskunft. Die Schraube leidet an Altersschwäche und soll in Bombay einer gründlichen vierwöchentlichen Reparatur 59 unterworfen werden. Da es Sonntag war, nahm der Capitän um 11 Uhr eine Parade der Mannschaft ab, die rein gewaschen und in ihren besten Kleidern an ihm vorüberzog. Bei dieser Gelegenheit entdeckte ich auch die Existenz einer wohlorganisirten Feuerwehr, wünsche jedoch, daß uns erspart bleiben möge, von ihrer Hülfe Gebrauch zu machen. Eine Stunde nach beendeter Parade verweigerte die Maschine abermals ihre Dienste, und erst gegen drei Uhr war der Schaden so weit reparirt, daß wir sieben Knoten in der Stunde weiter zu kriechen im Stande waren. Den Nachmittag und Abend über gewährte uns ein großer Haifisch Trost und Zerstreuung. Wir erquickten ihn mit den Ueberresten unseres Mittagessens, und er nahm keinen Anstoß, eine Gabel, die aus Versehen in einem Hammelknochen steckend über Bord geworfen war, mit zu verschlingen. Vom 10. November an gehen die Matrosen daran, das Schiff aufzuputzen. Wir nähern uns Bombay und wollen möglichst schmuck im Hafen erscheinen. Von Zeit zu Zeit begegnen wir Barkschiffen, die sechszig Hammel mit schwarzen Köpfen, welche wir in Aden an Bord nahmen, sind beinahe verspeißt, der Capitän liegt an einer Cholerine darnieder, die Maschine stößt verdächtige Seufzer aus; die Sehnsucht nach dem Festlande regt sich in uns Allen. Die Schiffsmannschaft benutzt ihrerseits die letzten Augenblicke unseres Zusammenseins, denn täglich vermehren sich die Anschlagzettel in Betreff »verlorener Sachen«, aber niemals werden sie wieder gefunden. Am 13. November, 5 Uhr Morgens, stießen wir endlich auf das erste Leuchtschiff vor der Bay und feuerten drei Kanonenschüsse 60 ab. Als wir Bombay näher kamen, ließen die Offiziere zahlreiche Leuchtkugeln steigen, und es war noch nicht sechs Uhr, als der Anker fiel und mit der Erscheinung der Steuerbeamten und dienstbeflissenen Eingeborenen alle Greuel der Ausschiffung begannen. 61 V. Royal-Hotel. Vögel und Eidechsen in den Zimmern. Das Domestikenwesen in Indien. Malabar Hill. Elephanta. Die Goldwanze. Parsi's. Unter Büßern. Taschenspieler. Den Händen der Zöllner glücklich entronnen, fand ich ein Unterkommen im Royal-Hotel und wurde gleich beim Eintritt in dasselbe durch die Menge der Dienerschaft überrascht, wenn ich diesen, an schwarze Fracks und weiße Halsbinden mahnenden Ausdruck auf eine Heerde fast nackter Bursche anwenden darf, die in allen Etagen des Hauses umherlungerten, ohne dem Ankömmling den geringsten Dienst zu erweisen. Die meisten Hotels in Bombay werden von Hindostanern gehalten, aber die Wirthe sind der englischen Sprache leidlich kundig, und es gelang mir sehr bald, mich mit dem Hausherrn zu verständigen. Auf meinen Wunsch wurde ich im dritten Stockwerk einquartiert. Die Zimmer desselben haben keine Decke, sondern unmittelbar über ihnen erhebt sich das Dach, das auf den einige Fuß aus den Wänden emporragenden Balken ruht und so der frischen Luft freien Zutritt gestattet. Der Bewohner dieses Geschosses leidet weniger von der Hitze des Klimas, als in den unteren geschlossenen Räumen, allein er muß sich daran 62 gewöhnen, sein Gemach mit den Vögeln zu theilen, die von allen Seiten unter dem Dache durchfliegen, und nach einigen Tagen entdeckte ich sogar in einer Ecke des Gebälks ein Nest mit jungen zwitschernden Vögeln. Der unaufhörlich hin- und herlaufenden Ratten und Mäuse erwähne ich nicht mehr; sie gehören überall im Orient zu den Hausgenossen. Die Bauart des Hotels und der meisten Häuser der Eingeborenen ist dem Klima entsprechend überaus leicht. Sämmtliche Stockwerke sind ringsum von Veranden umgeben; Glasscheiben giebt es nicht; die Fenster werden höchstens mit dünnen Läden oder Jalousien geschlossen. Die innere Eintheilung wird nicht durch die gebräuchlichen Wände aus Stein oder Brettern gebildet, sondern nur durch hölzerne, mit grober Leinwand überzogene Rahmen; aus ähnliche Art sind die Thüren eingerichtet. In einem solchen Hause giebt es keine vertraulichen Gespräche, aber auch in Betreff der Sicherung des Privateigenthums sind keine Vorsichtsmaßregeln getroffen. Ein Schrank oder eine Kommode ist nirgends zu finden, nur »mein Koffer ist meine Festung.« Gleich stiefmütterlich werden wir hinsichtlich der Bedienung behandelt. Da die im Hause zu unbegreiflichen Zwecken umherlungernden Kerle für den Gast keinen Finger krümmen, mußte ich mir schon am zweiten Tage einen »Boy« miethen, um nicht die Reinigung des Zimmers, der Kleidung und Stiefel selber zu besorgen. Aber es wäre rathsam, ich sorgte noch für einen Gehilfen, denn mein Boy spart seine Arbeitskraft, wo er irgend kann. Seinem Aussehen nach ist er kein übler Gesell, namentlich thut seine Farbe, die der eines Pürée aus preußischen Erbsen gleicht, meinem Malerauge wohl. Das Weiße im 63 Auge contrastirt in der beginnenden Dunkelheit prächtig mit dem düsteren Fell. Da die Landessitte und Temperatur eine Livree verbieten, ich auch bei der Kürze meines Aufenthalts die Kosten scheuen würde, denke ich nicht daran, seine Landestracht, die in einem spärlichen Schurz oder einer Badehose besteht, durch eine Zuthat zu bereichern. Es genügt, um ihn von seinen gleichfarbigen Berufsgenossen zu unterscheiden, die Farbe dieser Hose zu merken. Da er nur ein Exemplar besitzt, bin ich vor allen Verwechselungen sicher. Zu einem größeren Aufwande mußte ich mich in Betreff meiner eigenen Garderobe entschließen. Schon bei meiner Ankunft war ich auf dem Flur des Hotels von einem Chor indischer Schneider überfallen worden, die auf mich losschnatterten, ohne daß es mir gelang, ein Wort zu verstehen. Nachdem ich den der englischen Sprache Kundigsten ermittelt, belehrte mich der junge Nadelheld, daß ich bei der Hitze in drei Tagen sterben müsse, wenn ich meine warmen Tuchkleider nicht mit leichteren, von ihm angefertigten Stücken vertauschte. Der Vorschlag ließ sich hören, und ich einigte mich mit ihm über zwei Anzüge aus halbwollenen und baumwollenen leichten Stoffen für 10 Pfd. St., bei der Wohlfeilheit der Materials ein unerhörter Preis. Obgleich er mir binnen drei Tagen mein Ende prophezeit hatte, wenn ich mich nicht der europäischen Kleider entledigt, ließ mich der indische Schelm doch volle acht Tage warten, ehe er das fertige Zeug ablieferte. Die Kost und das Getränk im Royal-Hotel waren nicht zu tadeln, nur die auf dem Eßtisch umherlaufenden Eidechsen befremdeten mich anfangs. Erst die Unbefangenheit der Tischgenossen versöhnte mich mit den harmlosen Thierchen, 64 die pfeilschnell von Teller zu Teller schossen und nach Bröckchen schnappten. Bei dem Schutz, den alle lebendigen Geschöpfe nach den Vorschriften der indischen Religion genießen, that Niemand ihnen etwas zu Leide. Zudem sind die Eidechsen, als Vertilger lästiger Insecten, in allen Häusern gern geduldet. Eben so wenig wird gegen die Raubvögel, diese Beamten der orientalischen Sanitätspolizei, eingeschritten. Man braucht nur einige Bissen zum Fenster hinaus zu werfen, um mehrere kleine Geier von den Dächern stürzen und die Beute noch in der Luft mit den Krallen auffangen zu sehen. Bombay ist eine Stadt von mehr als 600,000 Einwohnern, und besteht aus einem alten Stadttheile, den die Europäer befestigt haben und bewohnen, und dem Viertel der Eingeborenen. Der zwischen Beiden gelegene Raum wird durch eine eigenthümliche Zeltenstadt ausgefüllt, in der man lustig und – billig wohnt, da der Miethspreis eines solchen Zeltes überaus niedrig ist. Nur durch die zahlreiche Bedienung wird das Leben auch hier vertheuert. Ein Gentleman braucht bei der in Indien herrschenden Arbeitsscheu und Unbehilflichkeit der dienenden Klasse wenigstens acht Diener, deren Jeder monatlich außer Essen und Wohnung vier bis fünf Rupien (an drei Thaler) erhält. Die Theilung der Arbeit hat unter diesem Gesindel den höchsten Grad erreicht. Es fehlt nicht viel, daß zwei Diener sich dergestalt in die Reinigung der Fußbekleidung theilen, daß einer den rechten, der andere den linken Stiefel putzt. Zur Entschuldigung ihrer Trägheit läßt sich allein die entsetzliche Hitze anführen, aus der ich mir auch die allgemeine Trunksucht der hier wohnenden Engländer 65 erkläre. Sie beginnen ihren Durst mit Eis oder Sodawasser zu stillen, das flaschenweise für eine Viertel-Rupie (5 Sgr.) verkauft wird, aber bei der unaufhörlichen Transspiration tritt rasch eine Erschlaffung ein; der erschöpfte Körper bedarf einer Anregung. Der Durstige greift zu Brandy und Wasser, zu Porter und Ale, zu Champagner, aber er mag diese Lebensweise nun nicht mehr aufgeben und verfällt unrettbar dem Laster des Trunkes. Das Delirium tremens ist unter den Engländern in Bombay ein häufig vorkommendes Leiden. Zustände, wie sie mir hier vorgekommen, habe ich nicht vorher, nicht nachher gesehen. Mein Stubennachbar war ein leidlich junger englischer Hauptmann, der nur noch betrunken als – zurechnungsfähig betrachtet werden konnte. Wenn er Morgens erwachte, vermochte er nur zu lallen, aber kein Glied zu bewegen. Sein Boy wußte schon, wie er sich zu verhalten habe; er richtete den Kopf des Hauptmanns in die Höhe und flößte ihm ein Nößel, halb Brandy, halb kaltes Wasser ein. Allmählich kam der Trinker zu sich und verlangte nach einer Flasche Porter oder Ale, aber es bedurfte noch einer reichlichen Quantität Sherry oder Champagner, um ihn erst so weit zu stärken, sich vom Lager zu erheben und die Uniform anzuziehen. Erst jetzt stand er grade, ging festen Fußes einher und sprach vernünftig. Wiederholt hatte ich ihn gefragt, ob er nicht Schritte gethan, seine Heimkehr nach England zu ermöglichen; der Militairarzt hatte seinen Gesundheitszustand noch nicht für so dringend erachtet. »Er sieht mich immer nur, wenn ich mir Kraft 66 zugetrunken habe!« sagte der Unglückliche, als ich ihm mein tiefes Bedauern aussprach. »So statten Sie ihm doch nüchtern einen Besuch ab!« rief ich. »Dann vermag ich nicht zu gehen, noch zu reden!« antwortete er und streckte sich auf der Schilfmatte aus. Es ging gegen Mittag und die Wirkung der genossenen Ration ließ nach. Meistens ist auch von der Uebersiedelung nach England keine Heilung mehr zu erwarten. Die meisten Kranken sterben bald nach ihrer Heimkehr, die kühle nervenstärkende Atmosphäre des Vaterlands stellt ihre Kräfte nicht wieder her. Einen nicht weniger entsetzlichen Anblick gewähren die zahlreichen Leberkranken mit ihren verblaßten Gesichtern. »Er hat keinen Quadratzoll gesunde Leber im Leibe!« ist eine stehende Redensart der hiesigen Englishmen. Meinerseits beobachte ich zur Erhaltung der Gesundheit die äußerste Vorsicht; nur in Augenblicken der höchsten Erschöpfung genieße ich einen Schoppen Champagner, der bei der steuerfreien Einfuhr eine Kleinigkeit mehr kostet, als in Deutschland. Geh. Rath Frerichs hatte mir in Berlin diesen Rath ertheilt, und ich befinde mich wohl bei der mäßigen Anwendung des angenehmen Medicaments. Es ist leider unvermeidlich, immer wieder auf die Hitze und die Mittel, die durch sie verursachten Qualen zu lindern, zurückzukommen. Für die jungen Comptoiristen zu Bombay ist der englische Sabbath ein Tag der Erlösung. In den europäischen Handelsstädten beleben sie in auffallend modischen Toiletten die Promenaden und Vergnügungslokale, hier ziehen sie sich in ihre Wohnungen zurück, entledigen sich der Kleider und Wäsche, wickeln, gleich den 67 Hindus, ein Handtuch als Schurz um die Hüfte und strecken sich auf ihrem Lager aus. Im Innern des Landes pflegen die Engländer zur Nachtzeit, nur mit einem nassen Hemde bekleidet, am Ufer des nächsten Flusses zu lustwandeln. Meine Arbeiten werden durch die herrschende Temperatur von 32–33 Grad Réaumur eben so sehr erschwert, wie durch die Zudringlichkeit der indischen Janhagels. Der Neugierigen kann ich mich kaum erwehren, und es blieb mir zuletzt nichts Anderes übrig, als meine Zuflucht zu einem Fiaker zu nehmen und auf dem Vordersitz desselben unter einem Schirm zu arbeiten, während der Kutscher vorn bei den Pferden steht. Aber auch so bleiben mir die körperlichen Anstrengungen nicht erspart. Die elenden Mähren sträuben sich, den Wagen auch die kleinste Anhöhe hinaufzuziehen und ich muß jeden Hügel im Sonnenbrande hinansteigen, wenn ich die Aufnahme einer interessanten Vedute nicht unterlassen will. So aus der Höhe von Malabar Hill, wo man die Bay von Bombay und die gesammte Stadt überblickt. Die luftige Lage veranlaßt die reichen Einwohner Bombays, sich hier anzusiedeln, und in der That wohnt man oben angenehmer, als in der Nachbarschaft des Meeresstrandes. Nach mehreren Besuchen auf Malabar Hill gelang es mir endlich, eine größere Aquarelle von Bombay zu vollenden. Am 14. November machte ich in Begleitung zweier deutschen Landsleute einen Ausflug nach der benachbarten Insel Elephanta, um den dortigen, aus Fels gehauenen Tempel zu besichtigen. Diese Vergnügungsfahrt wurde uns indessen mehrfach verleidet. Wohl ein starkes Drittel der auf der Rhede vor Anker liegenden Kriegsdampfer und 68 Kauffahrer hatte die Flagge nur bis zur halben Höhe des Mastes aufgezogen, ein Zeichen, daß man am Bord Todesfälle zu beklagen habe. In Wirklichkeit ließ der Gesundheitszustand, sowohl in der Stadt, wie an Bord der Schiffe, viel zu wünschen übrig; die meisten Opfer forderte die Cholera. Den Besuch des Tempels verkümmerte uns die kauderwälsche Erklärung unseres Cicerone, eines englischen Unteroffiziers a. D. Der alte Krieger war so betrunken, und sprach so undeutlich, daß wir keine Silbe verstanden und ihn aus Rücksicht gegen seine hohen Jahre ersuchten, zu schweigen und am Fuße des nächsten Altars Platz zu nehmen. Ich benutzte seinen breiten Rücken, um flüchtig eine Skizze des Innern zu Papier zu bringen. In der Umgebung des Tempels trieb einer der Landsleute, Herr H., einige Exemplare der Goldwanze auf. Das Thierchen gleicht einem goldenen Hemdenknopfe auf einer kleinen silbernen Platte, der Glanz erblaßt aber unmittelbar nach dem Tode des kleinen Geschöpfes. Eine fernere Unannehmlichkeit dieser Wasserparthieen ist die Nothwendigkeit, viermal (bei der zweimaligen Abfahrt und Ankunft) vom Strand aus durch den Moor des Ufers auf einem Eingeborenen bis an das Boot oder an das Land zu reiten. Jede dieser Touren wird zur Erpressung eines höheren Trinkgeldes ausgebeutet, gewiß ist die Ausdünstung dieser zweibeinigen Lastthiere aber noch widerwärtiger. Sie erinnert an den Geruch einer stark mit Raubthieren bevölkerten Menagerie. Wenn ich mich nach der von 9 Uhr Morgens bis 4 Uhr dauernden Siesta ins Freie wage, erregen die 69 religiösen Ceremonien der Landesangehörigen täglich von Neuem meine Aufmerksamkeit. Wie an unseren Landstraßen den Kapellen und Heiligenbildern, werden hier zu Lande gewissen rothbemalten Steinen Ehrenbezeugungen erwiesen. Auch verkrüppelte Baumstämme werden bunt gefärbt und dann angebetet. Ansprechender für das ästhetische Gefühl sind die Andachtsübungen der Parsis, der Bekenner der Lehre Zoroasters. Oft sah ich sie in den Abendstunden am Rande des Wassers auf einem sauberen Teppich sitzen und Blumen, mit weißen und rothen Stoffen umwickelt, unter ehrfurchtsvollen Geberden in die Tiefe werfen. Einen schauerlichen Gegensatz zu diesem anmuthigen und mit der persönlichen Würde des stattlichen Volksstammes im Einklange stehenden Ceremoniel bildet die Bestattungsweise der Parsis. Die fest in weißen Stoff gehüllten Leichen werden in feierlichem Aufzuge von den Glaubensgenossen zur Stadt hinausgetragen. Der »Tower of Silence« ist ihr Begräbnißplatz. Er besteht in einem dreißig bis vierzig Fuß hohen Thurme ohne Dach. Oben sind drei Kreise durch niedere Mauern gegen einander abgegrenzt und in kleinere Fächer getheilt. Der größte Kreis nimmt die Leichen der Männer, der mittlere die der Frauen, der kleinste die der Kinder auf; die flüssigen Ausscheidungen der todten Körper rinnen in ein im Centrum befindliches trichterförmiges Loch. Schon aus weiter Ferne erkennt man den »Tower of Silence« der Parsis an dem Gewimmel der Geyer, die unter wüstem Geschrei sich um die Beute zanken und einander die Fetzen Menschenfleisch 70 aus den Schnäbeln und Krallen reißen. Dies ist die Methode der Parsis, zur Grabesruhe einzugehen. Die kleinen, im Innern der Stadt und in der Umgegend zum Theil sehr versteckt gelegenen Tempel der Hindus sind für Europäer schwer zugänglich; nur in dem großen Tempel-Complexus, oben in Malabar Point, wurde mir der Zutritt nicht verwehrt. Ich durfte mich ungehindert unter den heiligen Ochsen und zahmen Krähen bewegen, die kleinen Kapellen der Gottheiten betreten und die Gestalten der Asceten – von den generalisirenden Engländern schlechtweg »Fakirs« genannt – unbehelligt in Augenschein nehmen. Vielleicht wäre ich weniger dreist vorgedrungen, hätte ich gewußt, daß in diesen Räumen der Entsagung wiederholt Raubanfälle und Mordthaten vorgekommen sind. Gemeinhin sind die Büßer mit einem Anstrich von angefeuchteter Asche überzogen. Der Erste, den ich sah, hatte sich zwar nicht der fürchterlichen Buße »der fünf Feuer« unterworfen, aber er saß doch im Sonnenschein vor einem großen Feuer und starrte gedankenvoll vor sich hin. Seine rechte Hand ruhte auf dem Knie, bei genauerer Betrachtung gewahrte ich, daß er den Daumen gegen die Handfläche gestemmt hatte und der Nagel tief in das Fleisch gewachsen war. Weiterhin fand ich einen anderen Büßer, er kauerte vor dem Eingange eines kleinen Tempels und hielt den linken Arm aufgerichtet gen Himmel, aber dieser Arm war längst abgestorben und so vertrocknet, daß man die Haut, wie den Bast eines dürren Baumzweiges, hätte herunterreißen können. Die Sitte bringt es mit sich, diesen verkümmerten Büßern Almosen oder Nahrungsmittel zu reichen. 71 Da ich mich daran gewöhnt habe, im Fiaker zu arbeiten, geht kein Tag ohne Ausbeute vorüber. Ich zahle für den Cab täglich vier Rupien (2 Thlr. 20 Sgr.), wofür er mir den ganzen Tag über zur Verfügung steht, doch kostet auch die Einzelfahrt dieselbe Summe. Allerdings ist der amtliche Fiakertarif viel geringer, allein wer will hier den Ueberschreitungen steuern? Mit den Kutschern ist, da keiner englisch spricht, und sie überdies schwer von Begriffen sind, kaum fertig zu werden. Die Kleidung der Bevölkerung besteht nur aus einem farbigen, mehr oder minder kostbaren Schurz, der unterhalb des Nabels bis auf das Knie herabhängt, Frauen und Mädchen bedecken noch die Brust mit einem schmalen Zeugstreifen, der Oberleib bleibt bei beiden Geschlechtern entblößt. Kinder unter zehn Jahren gehen nackt. Arme und Beine sind beim schönen Geschlecht mit Ringen aus den verschiedensten Metallen und Pretiosen bedeckt. Die Reichen glänzen von Gold und Diamanten, die Armen begnügen sich mit Eisen und geschliffenem Glase. Auf Zerstreuungen der Civilisation muß der Europäer verzichten; Theater und Conzerte sind nicht vorhanden, doch ergötzen mich nicht selten die indischen Taschenspieler. Ihr Hauptstück besteht darin, daß sie kleine Buben große Früchte, Messer oder Dolche scheinbar verschlucken lassen, und diese Gegenstände alsdann unter grotesken Handtirungen aus der entgegengesetzten Oeffnung des Körpers hervorholen. Ich leugne nicht, an manchem Abende bittere Langeweile empfunden zu haben. Für den 28. November war der Dampfer für Ceylon fällig, ich bezog 72 von Herrn Banquier Gildemeister, einem liebenswürdigen Geschäftsmanne, der sich jetzt nach Bremen zurückgezogen hat, 100 Pfd. St., auf dem Postamt waren zwei lang ersehnte Briefe von Mutter und Schwester aus der Heimath angelangt. Es fesselte mich nichts mehr an Bombay. 73 VI. Der Dampfer China. Nach Ceylon. Der Commandeur von Java. Cap Comorin. Steife Brise. Point de Galle. Geröstete Schlangen. Consul Sonnenkalb. Der Juwelenhandel auf Ceylon. Schon am Abend des 29. November hatte ich mich in Begleitung einiger deutschen Herren an Bord des Dampfers » China « begeben, obgleich die Abfahrt erst am nächsten Tage stattfinden sollte, mein Billet also erst vom 30. November an Gültigkeit erlangte. Demgemäß wurde ich mit scheelen Blicken empfangen. Man ließ mich zwar an Bord, als ich aber für meine Begleiter, die sofort nach Bombay zurückkehren wollten, bei der Schwüle des Abends um einige Erfrischungen bat, wurden mir diese, wiewohl ich die Versicherung, sie extra bezahlen zu wollen, vorausschickte, rund abgeschlagen. Was mich selbst betraf, durfte ich später an dem Abendessen der Offiziere theilnehmen. Am 30. November, um 9 Uhr Morgens, wurden die Anker gelichtet. Das Schiff ist ein colossaler Dreidecker von 500 Pferdekraft und einer der größten Indienfahrer, doch will auch auf diesem Dampfer die Maschine nicht unbedingt gehorsamen. Die Schraube ist erneuert und 74 fortwährend erschallen Hammerschläge aus dem Bauche des Schiffes. Wir legen daher nur vier Knoten in der Stunde zurück. Da wir die Küste entlang nach Süden fahren, behalten wir das hohe Gebirgsland im Osten fortwährend in Sicht; bei tiefer Windstille und Sonnengluth gleicht die spiegelglatte See einer unübersehbaren Fläche von geschmolzenem Blei. Da sich nur 20 Passagiere an Bord befinden, herrscht hinsichtlich des Raumes ein großer Comfort an Bord, denn Jeder hatte eine eigene Cajüte erhalten. Was die Unterhaltung anlangte, war die Auswahl gering; ich hielt mich an einen holländischen Notar, den ich im Juli vor meiner Abreise in Köln hatte kennen lernen. Er begab sich nach Java. Auch der neue General-Commandeur von Java, der mit seiner Tochter und ihrer Erzieherin eben dorthin reiste, war ein feiner und liebenswürdiger Cavalier; die übrigen Passagiere sind langweilige Engländer. Die Mannschaft der » China « besteht aus 200 Matrosen, meistens Negern, untermischt mit einigen Chinesen, den Leibmatrosen des Capitäns, doch haben wir außerdem noch 200 Mann an Bord, die als Besatzung eines anderen Schiffes für Madras bestimmt sind. Der Capitän und die Offiziere trauen dem Frieden nicht sonderlich. Um einer ausbrechenden Meuterei vorzubeugen, sind die Cajüten des Capitäns und der Offiziere mit einer Menge Büchsen und Revolvern angefüllt, deren wir uns im schlimmsten Falle zu unserem Schutz bedienen sollen, eine angenehme Aussicht für Kaufleute, Juristen, Landschaftsmaler, alte Staatsbeamte und junge Mädchen. Die weiße Minorität befindet sich der schwarzen Majorität gegenüber daher in einer höchst 75 unbehaglichen Situation, ich habe schon mehrere Köpfe aufgefunden, die dem Mohren Fiesco's Ehre machen würden. Man lernt alle Tage etwas Neues; ich habe nie geahnt, daß sich in der schwarzen Farbe noch so viele Töne unterscheiden ließen. Unter der Mannschaft für den Dampfer zu Madras befindet sich sogar eine tropische Galgenphysiognomie mit einem Stich in die Penséefarbe. Nach meinen Malerstudien unter dieser barbarischen Horde bildet der Anblick der eleganten Holländer, wenn sie, mit weißen Glacéehandschuhen angethan, auf Deck lustwandeln, für mich eine ästhetische Erholung. Den göttlichen Segen der Civilisation begreift man erst in einer solchen andersgehäuteten Gesellschaft. Bei der Abfahrt hatte ich geglaubt, die Handvoll europäischer Passagiere werde leidlich verpflegt werden, allein es geht in diesem Punkte auf der »China« nicht besser zu, als auf der »Jeddo.« Bedienung und Kost sind gleich schlecht. Das Elend beginnt schon früh Morgens. Zwischen 6 und 7 Uhr erscheint der Steward mit zwei gefüllten Tassen Kaffee und Thee in Händen vor dem Bette eines Jeden. Beide Getränke sehen einander zum Verwechseln ähnlich. Nachdem der Steward nun gefragt, ob man Kaffee oder Thee verlange und Bescheid erhalten, neigt er seinen unsauberen Rüssel über die beiden Tassen und sucht durch den Geruchssinn das in jeder befindliche Getränk zu ermitteln; mir verging schon am ersten Tage der Appetit nach beiden Aufgüssen. Mit Badeapparaten \&c. ist die »China« reichlich versehen, doch begnügen wir uns mit dem Nießbrauch einer Feuerspritze. Vor dem Lever unserer beiden Damen versammeln sich die Herren Passagiere, nur 76 mit Schwimmhosen decorirt, auf Deck, stellen sich in Reihe und Glied auf und werden nun einige Minuten hindurch mit dem leidlich frischen Seewasser besprengt. Dieses Bad ist der höchste Genuß des Tages. Unser Capitän macht es sich bequemer. Für ihn wird täglich neben seiner auf dem Verdeck befindlichen Cajüte eine ordentliche, mit allen Bequemlichkeiten ausgestattete Badezelle errichtet. Nichtsdestoweniger wird durch diese sorgfältige Leibespflege seiner Schlafsucht nicht gesteuert, er liegt gemeinhin auf der Bärenhaut, wir bekommen ihn höchstens bei der Mittagstafel und in den späteren Abendstunden zu Gesichte; das Commando befindet sich in den Händen der Offiziere. Beunruhigte uns nicht das unaufhörliche Gehämmer im Maschinenraum, wir könnten uns der landschaftlichen Prospecte in östlicher Richtung mehr erfreuen. Fast immer bleibt das Land in Sicht. An der Küste von Goa vermochten wir selbst die Hütten der Eingeborenen und einzelne Cocospalmenstämme zu unterscheiden. Fliegende Fische und eine Menge sogenannter Meerschweine tummelten sich fortwährend vor unserem Schiffe, die Sonnenuntergänge waren von unvergleichlicher Schönheit, in den Nächten haben wir mehrmals Regen und Wetterleuchten gehabt. An Bord versiegt nach und nach alle Unterhaltung, der Seapoy, der uns in den ersten Tagen, wenn wir rauchen wollten, in voller Uniform Feuer brachte, hat seinen zweifarbigen Rock ausgezogen und ist von seinen unsaubern Landsleuten nicht mehr zu unterscheiden, sonntäglicher Gottesdienst wird bei dem Mangel eines Geistlichen und der Faulheit des Capitäns nicht gehalten; der Büchervorrath ist, wie auf der Jeddo, zu gemeinen Inhalts, als daß sich ein anständiger 77 Mann mit Lectüre beschäftigen sollte, ich suche in den Wolken, den bunten Tinten des Morgen- und Abendhimmels zu lesen, und lerne mancherlei aus den Gesprächen mit den holländischen Herren. Ich lasse dahingestellt, in wie weit man in unserer deutschen Heimath die mir mitgetheilten Mittel gegen die Ratten probat findet. Auf die Anwendung der kleinen, nur fünf Fuß langen, dem Menschen nicht gefährlichen javanischen Schlangen, deren sich viele Indienfahrer bedienen, da sie leicht den Ratten in ihre Löcher folgen und die Insassen hervorholen können, werden meine deutschen Landsleute verzichten müssen; es fragt sich, ob folgendes Mittel in praxi Stich hält. Drei gefangene Ratten werden in einen Käfig gethan und zum Hungertode verurtheilt. Zuerst fallen die beiden Stärksten über die Schwächere her und fristen mit ihrem Leichnam ihr Leben, dann beginnt der entscheidende Kampf. Die Ueberlebende wird mit dem Leichnam ihrer Gefährtin so lange in Haft behalten, bis sie ihn verzehrt hat; vierundzwanzig Stunden später setzt man sie in Freiheit. Das Thier soll jetzt wie jene Tiger, welche den Geschmack des Menschenfleisches kennen gelernt haben, auf alle andere Nahrung als Rattenfleisch verzichten, seinen Verwandten unaufhörlich nachstellen und so ihre Zahl sehr beträchtlich vermindern. Vielleicht gelingt es unseren nordischen Kammerjägern, die Wahrheit dieser Behauptung zu ermitteln. Wir nähern uns dem südlichen Ausläufer des asiatischen Festlandes, dem Cap Comorin, und der Ocean scheint immer dunkelblauer zu werden. Mehr als der Anblick der längs der Küste segelnden indischen Kanoes erheiterte uns eine im fernen Osten aufsteigende Dampfwolke. Nach 78 anderthalb Stunden ermittelte der Capitän mit dem Fernrohre, daß der Rauch aus dem Schornstein des von China kommenden Postdampfers aufstieg. Den Menschen überkommt in dieser unsäglichen Einsamkeit des Oceans ein Gefühl der Erhabenheit seines Geschlechts, wenn er sich der durch Geist und Wissenschaft vermittelten Verbindung aller Welttheile und Völker bewußt wird. Unsere bis dahin ruhige Fahrt wurde, als wir Abends sechs Uhr Cap Comorin passirten, auf eine bedenkliche Weise gestört. Die plötzliche Erscheinung des Capitäns machte uns alle stutzig. Nach seiner groben seemännischen Tracht, seinen mit großer Bestimmtheit ertheilten Anordnungen, stand ein Sturm bevor. Die Mannschaft ward alarmirt, alles, was nicht niet- und nagelfest war, vom Deck entfernt, schnell wurden die Masten gekürzt, auch die kleinsten Fetzen Leinwand eingeschnürt, die Sonnenzelte fortgestaut und alle Fenster und Klappen geschlossen; die Vorsichtsmaßregeln waren noch nicht beendet, als der Sturm unsere »China« in ihrer Balltoilette überraschte. Die Stimme, mit der die Aufforderung zum Tanze vorgetragen wurde, wird mir unvergeßlich bleiben. Es war der Klang der Posaune des jüngsten Gerichtes, er kam aus unermeßlicher Ferne, näherte sich rasch und zog mit einer so entsetzlichen Wucht über den Dampfer hin, daß Deck und Masten zu beben schienen, zugleich rollte ein Bergrücken von Wasser heran. Aber unser Dreidecker war ein rüstiges Schiff, tief ächzend tauchte es aus dem wüsten Wasserschwall, vorsichtig hatte ich mich zwischen zwei ausgespannte Taue gedrängt. Meines Bleibens auf Deck war nicht länger; ich floh in meine Cajüte. Hier war indessen wenig Trost zu holen. Durch eine 79 unverzeihliche Nachlässigkeit des Wärters war das runde Fenster aus zolldickem Glase nicht fest zugeschraubt worden, als ich mich auf meiner Matratze ausstreckte, schlug plötzlich eine Welle durch die Oeffnung und ließ keinen trockenen Faden an meinem Lager. Glücklicher Weise verdankte ich der Menschenfreundlichkeit des holländischen Juristen ein Unterkommen für die Nacht. An Schlaf war nicht zu denken, bei dem entsetzlichen Lärm war selbst ein Gespräch in der Cajüte unmöglich. Mit dem Getrampel von achthundert Füßen über unseren Köpfen, dem Gerassel hin- und hergeschleuderter Ketten oder Taue, mischten sich die Flüche der englischen Offiziere, das thierische Geheul und die Kehllaute der schwarzen Mannschaft, das klägliche Brüllen und Blöken der Ochsen, Kühe und Schafe, die in der Nähe unserer Cajüte stationirt waren. Morgens sechs Uhr am 3. December verbesserte sich das Wetter. Freilich hatte sich der Ocean noch nicht beruhigt, der wie ein Holzspahn hin- und hergeworfene Dampfer neigte sich bald nach rechts, bald nach links in einem Winkel von 45 Graden, aber der Sturm tobte nicht mehr mit gleicher Wuth. Da wir sehr hoch über Wasser liegen und die Wellen nicht über die hohen Schiffswände hinausreichen, ich auch in der Nacht von der Seekrankheit nicht behelligt worden bin, gelingt es mir, meine übliche Morgencigarre auf Deck zu rauchen. Die »China« hatte den Sturm vortrefflich überstanden. Die Schraubendampfer sind stets schmäler, als die Raddampfer, und vermögen daher gemeinhin der bewegten See nicht gleichen Widerstand entgegen zu setzen, allein unser Schiff hatte sich als festes Bauwerk vollkommen bewährt. Gegen Mittag verwandelte sich der heftige Wind in 80 eine fächelnde kühle Brise, alle Segel werden beigesetzt, und der Capitän benutzt die günstige Gelegenheit, sogleich – zu Bette zu gehen. Um drei Uhr Nachmittags erblicken wir Ceylon, aber tief in Wetterwolken gehüllt, zugleich nähert sich uns ein großes amerikanisches Klipperschiff und telegraphirt mit Flaggen, wir möchten seine Annäherung in Point de Galle, dem Haupthafen von Ceylon, annonciren. Da der Wind sich wieder heftiger erhob und es zu regnen begann, zogen wir die meisten Segel ein; in Begleitung eines riesigen Haifisches, der sein Boot umkreuzte, kam gegen halb sechs Uhr Abends ein singhalesischer Lootse an Bord, es war jedoch zu spät, bei der furchtbaren Brandung, welche die Küste von Ceylon umgiebt, den Dampfer in den Hafen zu bringen, und wir warfen auf der Rhede Anker. Die letzten Momente vor Sonnenuntergang benutzte ich noch dazu, um die wunderlichen Böte der Eingeborenen, mit ihren seltsamen Auslegern zur Erhaltung des Gleichgewichts in der Brandung, zu Papier zu bringen. Das Geschlecht der Bootsleute war nicht zu unterscheiden, denn die Tracht der Männer und Frauen stimmt hier fast ganz überein. Am 4. December Morgens acht Uhr ließ ich mich für den Ehrensold von vier Rupien nach dem Festlande übersetzen und stieg in Culemans Hotel ab. Einer der sehnlichsten Wünsche meines Lebens war erfüllt; ich befand mich auf der Wunderinsel Ceylon . Die kleine Stadt Point de Galle zerfällt, wie alle ansehnlicheren Ortschaften des Orients, in die Stadt der Eroberer oder Einwanderer, und der Eingeborenen, doch sind auch in letzterer zahlreiche Häuser der Weißen erbaut. Die schmalen Straßen sind sauber gehalten. In der Bauart 81 der Häuser geht man nur darauf aus, Schatten und frische Luft zu berücksichtigen. Sie sind ein Stockwerk hoch, die Fußböden mit Steinen gepflastert, die Fenster nur mit Persiennen oder Jalousien versehen und die Wände der Zimmer, dicht über den feinen Matten, mit denen die Steine bedeckt sind, hie und da mit Löchern versehen. Schon Nachmittags sollte ich von der Tendenz derselben belehrt werden. Als ich nämlich nach einem kurzen Spaziergange in der Stadt, den der bedeckte Himmel gestattete, in mein Zimmer zurückkehrte, wurde ich durch ein höchst merkwürdiges Schauspiel auf die Schwelle gebannt. Ueber den Fußboden, die Tische und mein Bette zerstreuten sich Heerschaaren durch das Oeffnen der Thür eingeschüchterter Geschöpfe, welche die Utensilien des Fremdlings näher besichtigt haben mochten. Bei meinem Erscheinen rissen sie aus und flohen in die Löcher, welche der Baumeister mit gutem Vorbedacht für sie offen gelassen hatte. Es war ein belustigendes Schauspiel, überall zuckende Eidechsenschwänzchen hervorgucken zu sehen, doch war nebenbei kein Mangel an größeren, minder unschädlichen Insecten. Mehrere riesige Scorpione ereilte ich auf dem Rückzuge; als ich einen leichten Paletot von der Wand nahm, überraschte ich eine Spinne von der Größe einer Kinderfaust mit entsprechend langen haarigen Beinen. Bei meiner unzureichenden Uebung in der Spinnenjagd gelang es mir nicht, ihrer habhaft zu werden, doch ließ sie mir bei der Verfolgung zwei Beine als Jagdbeute. Die unsägliche Fülle und Fruchtbarkeit der Vegetation erstreckt sich hier auch auf das Thierreich. Die Einwohner halten zum Vergnügen fast vor allen Häusern kleine schwarze Affen, und das 82 Lieblingsspielzeug der beinahe schwarzen, aber wohlgebildeten Kinder sind winzige Papageien, die ihnen auf Schultern und Armen sitzen. Der Menschenschlag auf Ceylon ist überhaupt hübscher und von angenehmeren Manieren, als ich ihn bisher im Orient getroffen. An der Mittagstafel des Hotels habe ich heute ein neues Gericht kennen gelernt: gesottene und geröstete Schlangen. Sie wurden in der Suppe gekocht und gebraten servirt; ihr Wohlgeschmack ließ sich nicht leugnen. Anfangs hielt ich die kleinen Stücke für Aal, bis mich die größere Härte des Fleisches eines Besseren belehrte. Unsere Tischgesellschaft bestand wie in Bombay aus höchst cordialen Eidechsen. Nicht eben so friedlich sind die schwarzen Ameisen, von denen das ganze Hotel wimmelt. Wenn ich meinen Malkasten öffne, sind alle Tafeln und Näpfe von den Bestien bedeckt. Zum Glück gehören sie nicht zu der verheerenden Species ihrer Familie, aber es ist dennoch unmöglich, sich ihrer zu erwehren. Die Stunden, in denen es thunlich ist, im Freien zu arbeiten, suche ich nach Kräften auszubeuten, doch habe ich zuweilen mit unerwarteten Hindernissen zu kämpfen. Als ich einige Tage nach meiner Ankunft mich auf dem Festungswalle des Forts eingerichtet hatte und daran ging, den Leuchtthurm und die Aussicht auf das Meer zu skizziren, näherte sich mir ein englischer Unteroffizier an der Spitze von zwei Gemeinen mit gefällten Bayonnetten und verbot mir mit der angenehmen Manier seiner Landsleute, von diesem Punkte aus eine Ansicht aufzunehmen. Nur der Herr Major könne die Erlaubniß ertheilen. Der Uebermacht weichend, schloß ich meine Mappe und streckte mich, in der Voraussetzung: meine fernere Anwesenheit werde nicht beanstandet werden, 83 im Grase aus. Die Sonne neigte sich und jenes Farbenspiel begann, das den Fremden immer wieder für alle seine Leiden entschädigt, die das Klima über ihn verhängt. Die feuchte Atmosphäre von Ceylon bedingt zudem die seltsamsten Beleuchtungseffecte, die man, in nüchterneren Zonen auf die Leinwand übertragen, für eine Münchhauseniade des Pinsels halten würde. Sprachlos starrte ich in dieses Flammenmeer am westlichen Horizont, in sein rasches Verglimmen durch die gesammte Farbenscala, die Dunkelheit brach herein, als ich plötzlich auf meinem ganzen Körper, Kopf und Händen, ein lästiges Krabbeln und Zwicken fühlte. Entsetzt sprang ich vom Boden auf. Ueber und über war ich von kleinen Eidechsen, Kriechthieren und Leuchtkäfern bedeckt, die in meiner Versunkenheit mich ohne Weiteres bestiegen hatten. Nachdem ich die Zudringlichen abgeschüttelt, eilte ich nach Hause und war so glücklich, in meinem Zimmer einigen Divisionen Wanderameisen zu begegnen, die ihren Einmarsch durch das offene Fenster gehalten hatten. Glücklicher Weise ging die Etappenstraße nicht quer durch mein Bett, und ich hatte ungeachtet des in Bächen vom Himmel strömenden Regens eine ziemlich ruhige Nacht. Da ich den Umgang mit den Engländern grundsätzlich meide, bin ich auf den einzigen hier anwesenden Deutschen, Herrn Consul Sonnenkalb, einen grundgutmüthigen Hamburger, angewiesen. Der theuere Landsmann hat sich zwischen den Wendekreisen einen prächtigen Bauch angeschafft und den Appetit seiner Vaterstadt ungeschwächt erhalten. Er giebt mir allerlei nützliche Fingerzeige und warnt mich täglich vor der Fingerfertigkeit der Singhalesen. Der Wirth im Hotel räth gleichfalls, vor der Dienerschaft 84 auf der Hut zu sein und ihm alle werthvollen Gegenstände und Baarschaften in Verwahrung zu geben; ich habe jedoch die Bewohner der Insel nicht so diebisch gefunden, als man angegeben hatte. Nur mit blanken Kleinigkeiten und Nippessachen darf man die großen Kinder nicht in Versuchung führen. Eine weit gefährlichere Sorte, als diese kleinen Hausdiebe, sind die Perlen- und Juwelenhändler auf Ceylon. Sie sondern ihre Vorräthe nicht nach dem Werth und der Echtheit der einzelnen Objecte. Unechte und echte Perlen oder Diamanten werden durcheinander gerüttelt präsentirt. Fordert man den Verkäufer auf, ein echtes Stück zu einem bestimmten Preise vorlegen zu wollen, wie es die Sitte reeller Fabrikanten und Kaufleute mit sich bringt, so verneigt er sich mit tiefer Demuth und spricht: »Triff selber Deine Wahl, o mein Herr! Dir gehört Alles, was ich besitze!« Man thut wohl, mit dem höflichen Juweliere äußerst behutsam umzugehen, sonst wird man blutig über das Ohr gehauen. Gleich bei der ersten Begegnung verzichtete ich auf alle Ankäufe, so gern ich ein Andenken von der Insel nach Europa mitgebracht hätte. Eben mit der Auswahl unter kleinen Brillanten beschäftigt, trat ein Engländer zu mir und forderte goldene Ringe. Der Händler zeigte ihm verschiedene, und der Engländer fand großes Wohlgefallen an einem gar zierlich in Gold gefaßten Katzenaugensteine, aber der Ring sollte die Summe von – 200 Dollars kosten. Der Gentleman schien zu überlegen, der geschmeidige Händler ließ das Kleinod im gedämpften Tageslichte leuchten. Jetzt war der Engländer mit sich einig geworden, er empfing den Ring, betrachtete ihn noch 85 einmal und sagte dann, die Augenbrauen in die Höhe ziehend: » Vier Dollars? « Was wird man sagen, ohne weiteres Sträuben ward der Handel abgeschlossen. Der Engländer war später sogar besorgt, selbst zu diesem niedrigen Preise von dem singhalesischen Fälscher übervortheilt zu sein. Ich für meinen Theil hatte alle Lust verloren, kostbare Andenken für Europa einzukaufen. 86 VII. Die Schwierigkeiten der Arbeit. Nach Colombo. Pferdezucht. Rothe Zähne. Die ersten Elephanten. Ein Buddhatempel. Das Neger-Portrait. Meine regelmäßigen Malerstudien haben mir in Point de Galle schon einen Namen gemacht. Man betrachtet mich, wie die Japanesen in Berlin, als einen Gegenstand der Unterhaltung für die müssige Bevölkerung. Sobald das Wetter in den Morgenstunden sich aufzuheitern verspricht, besetzt der Janhagel der Stadt den Platz unter meinem Balcon und stiert unablässig zu meinen Fenstern oder vielmehr Gittern empor, denn Glasscheiben gehören hier zu den größten Seltenheiten. Mache ich mich auf den Weg, folgt mir der ganze Haufen und stellt sich hinter meinem Malerstuhl, Sonnen- oder Regenschirm auf. Nichtsdestoweniger zweifle ich an dem Kunstsinn meiner Zuschauer; ich habe sie vielmehr im Verdacht, nur durch meinen soliden europäischen Parapluie gefesselt zu werden. Bei dem ununterbrochenen Regenwetter der Insel Ceylon ist ein dauerhafter Regenschirm auf ihr dieselbe Nothwendigkeit, wie in gewissen Thälern unserer europäischen Hochgebirge. Nun sind aber die in China angefertigten papiernen Schutzdächer, 87 die man überall für einen Sixpence feilbietet, so gebrechlich und unzuverlässig, daß mein Parapluie sehr wohl den Neid der Eingeborenen erregen kann. Ueber die Zudringlichkeit der Singhalesen darf ich aber nicht klagen; sie sind im Ganzen ein bescheidener und gesitteter Menschenschlag. Jeder sieht sich vor, mich in meinen Arbeiten zu stören. Bei der außerordentlichen Reichhaltigkeit des malerischen Stoffes würde ich weit mehr schaffen, wenn das Regenwetter mich nicht fortwährend hinderte. Die unbeschreibliche Feuchtigkeit des Dunstkreises dieser Insel, über welche der Ocean zuerst seine grauen Wolken wälzt, ehe sie sich über die Küsten Asiens zerstreuen, ist nicht nur die Urheberin dieser, auf Erden einzig dastehenden üppigen Vegetation und wunderbaren Farbengebung, sondern auch einer Menge von Hindernissen, mit denen gerade der eifrige Landschafter zu kämpfen hat. Ich weiß mich mancher Tage zu erinnern, wo, ungeachtet der äußersten Sorgfalt, das Papier unter meinen Händen auseinandergegangen, die Farben in einander verwaschen sind, und nichts andres übrig blieb, als wieder unter Dach und Fach zu flüchten. An dergleichen Unglückstagen war ich nicht selten nur auf die Gesellschaft der Mäuse und Fledermäuse in meinem Zimmer angewiesen, wenn ich meine Mußestunden nicht mit Betelkauen ausfüllen wollte. Selbst heute noch, im Schoße der Civilisation, glaube ich die Spuren der Nässe in den verwischten Bleistiftzügen meines Tagebuchs wiederzuerkennen. Ein derartiges Klima wirkt natürlich auf die Billigkeit der edelsten Südfrüchte sehr vortheilhaft ein. Für zwei frisch vom Baume gepflückte Kokosnüsse, deren erfrischende Milch ich Morgens genieße, bezahle ich im Hotel nur den heimischen 88 Normalpreis für alle Kleinigkeiten, 2½ Sgr. Auf dem Markte kosten sie kaum die Hälfte, und der Verkäufer giebt noch einige Bananen oder eine Ananas zu. Der Anblick eines mit diesen Kostbarkeiten des Pflanzenreiches geschmückten Frühstückstisches ist höchst malerisch, und ich bedauerte oft, so manchen meiner begabten Berufsgenossen nicht an meiner Seite zu haben. So reich aber die künstlerische Ausbeute in der Umgegend von Point de Galle war, glaubte ich doch, meine Abreise längs der Westküste bis nach Colombo und in das Innere Ceylons nach Candy nicht länger aufschieben zu dürfen. Ich begab mich daher auf das Postamt, bezahlte das Billet für eine nur elfstündige Postfahrt mit 2 Pfd. Sterl. 5 Shill. und packte meine Koffer. Am 8. December, dem Tage vor meiner Abfahrt, wurde ich noch durch ein großes indisches Fest überrascht, das um 10 Uhr Abends begann und die ganze Nacht hindurch dauerte. Die Bevölkerung von Point de Galle feierte das Gedächtniß eines buddhaistischen Heiligen und führte zu seiner Verherrlichung drei große, mit Teppichen und brennenden Lampen verzierte, auf Rädern befestigte Schiffe in der Stadt umher. Das fromme Volk machte mit betäubender Musik und Geschrei einen rasenden Lärm, doch kam auch vieles sonst Merkwürdige zum Vorschein. Als eine Sehenswürdigkeit wurde mir u. a. eine zehnjährige Mutter gezeigt, die ein dreimonatliches Kind am Busen trug. Dergleichen Beispiele der Frühreife sind selbst in diesen fruchtbaren Gegenden selten. Unter den Zuschauerinnen des indischen Festes erregte ferner auf dem Balkon unseres Hotels eine schöne Touristin Aufsehen, die zu jenen genialen Wittwen gehörte, welche sich in den großen Städten Indiens und Chinas, oder an Bord 89 der Postdampfer aufhalten und bald diesem, bald jenem reichen Gentleman Gesellschaft leisten. Die Hitze des Klimas hatte dem herrlichen Teint der emancipirten Schönen, einer Engländerin, keinen Schaden gethan, nur eine zarte Milchstraße von Sommersprossen hob ihre strahlenden blauen Augen noch mehr hervor. Ein Goliath von englischem Capitän stand eben im Begriff, astronomische Beobachtungen zu beginnen. Im Hotel konnte ich nur so viel erfahren, daß die von Kopf bis zu Fuß schwarzgekleidete Dame die Wittwe eines Offiziers sei, der in einem der letzten Treffen gefallen. Die Abfahrt nach Colombo war auf 4 Uhr Morgens festgesetzt, allein es wurde sechs Uhr, ehe alles in Ordnung war. Der Postwagen bestand in einer Art nach allen Windrichtungen hin offenen Omnibuskutsche, zudem war ich der einzige Reisende. Die Post steht zwar in dem englischen Kronlande Ceylon unter dem Gouvernement, doch läßt die Aehnlichkeit mit den postalischen Einrichtungen Großbritanniens viel zu wünschen übrig. Der Weg zwischen Point de Galle und Colombo ist nur 72 englische Meilen lang, die Pferde werden etwa zehnmal gewechselt, man könnte mithin rasch genug weiter kommen, wenn nicht die Widerspenstigkeit der Pferde oder die Ungeschicklichkeit der Singhalesen in ihrer Behandlung gar zu vielen Aufenthalt verursachte. Die Pferde gedeihen auf Ceylon sehr schlecht, und die zum Postdienst erforderlichen Exemplare müssen vom indischen Festlande importirt werden, aber eben so mangelhaft scheinen die Singhalesen von Natur als Pferdewärter, Kutscher und Reiter organisirt zu sein. Sie überbieten in dieser Hinsicht noch die Franzosen und Italiener. 90 Schon die Art, wie die Pferde aus den Ställen und Pferchen vor den Wagen geführt werden, widerspricht dem gesunden Menschenverstande. Als ob sie reißende Thiere wären, sind sie am Maule geknebelt; nicht nur mit Peitschen und Stöcken, sondern auch mit Kneifzangen und scharfen Klammern werden sie vorwärts getrieben. Den Prozeß des Anschirrens lassen sich die Pferde gefallen, sowie das Gespann aber anziehen soll, wird den Zumuthungen der beiden Kutscher das äußerste Widerstreben entgegengesetzt. Der Rosselenker auf dem Bock hat nämlich noch einen Substituten, einen Courier, der an der Seite des Wagens hängt und fortwährend den Zustand des Weges und – die Ohren der Pferde scharf ins Auge faßt. Gelegentlich springt er vom Wagen, eilt dem Gespanne voraus und entfernt jedes Hinderniß, das nachtheilig auf den Humor der Gäule einwirken könnte. Wir sind indessen noch nicht unterweges; die Hauptschwierigkeit auf jeder Station besteht darin, die Pferde überhaupt in Gang zu bringen. Sie werden von den beiden Rossebändigern an den Mähnen und den Ohren gerissen, man schlingt Stricke um ihre Vorderbeine und zerrt sie daran vorwärts, schlägt mit Prügeln aus den härtesten Hölzern auf sie los; erst die ultima ratio des lebendigen Feuers pflegt auf sie überzeugend einzuwirken. Unter dem Bauche der beiden Deichselpferde wird ein kleines Strohfeuer angemacht, und sogleich setzt sich die Cavalcade in Bewegung, das abschreckende Beispiel beunruhigt auch die übrigen Klepper, und wenn sich nicht unvorhergesehene Fälle ereignen, wird der Omnibus mit seinem menschlichen Inhalt in ununterbrochenem scharfen Trab und kurzem Galopp bis 91 zur nächsten Station geschafft, wo mit dem neuen Vorspann auch die abscheuliche Thierquälerei von vorn beginnt. Der leidlich im Stande gehaltene Weg ist von entzückender Schönheit. Er führt, hart am Gestade des Oceans, durch die malerischen Ausläufer eines Waldes von Kokos-, Fächer- und Arekapalmen, Brotbäumen, Banianen und Bananen, Ananas und Mango; die Straße ist auf beiden Seiten mit Häusern und Hütten bebaut und sehr belebt. Auch der Strand wimmelt von Fischerböten, nur Frauen sieht der Reisende selten. Sie werden von ihren eifersüchtigen Männern unter Schloß und Riegel gehalten, ich durfte es daher für ein Glück verheißendes Zeichen erachten, als eine junge Schöne mich holdselig anlächelte und mir ihre weißen – nein, rothen Zähne zeigte. Mann und Weib, Alt und Jung kauen Betel, ein Gemisch von Kalk und Arekanuß, nebst etwas Gewürz, und das Innere des Mundes, Zähne und Speichel, werden durch den fortwährenden Gebrauch dieses seltsamen Anregungsmittels allmälig blutroth. So viele alte und kranke Leute am Wege auch zum Vorschein kommen, von Bettlern werde ich den ganzen Tag über nicht belästigt. Das Elend und die Jahre des Lebens mögen auch den Singhalesen zu Boden drücken, für seinen Lebensunterhalt zu sorgen, erspart ihm die verschwenderische Natur dieser Zone. Ein Bissen gekochter Reis findet sich überall für ihn, und mehr bedarf er bei seiner Mäßigkeit nicht. Mit einem halben Acker Landes ist der Singhalese nach heimischen Begriffen ein reicher Mann. Um 4 Uhr Nachmittags erreichten wir Colombo und stiegen im Hotel Royal ab, nachdem wir an einem ungeheuren Banianenbaume, dem göttliche Verehrung bewiesen 92 wird, vorüber gekommen waren. Auf der letzten Wegstrecke war ein Unwetter losgebrochen, und es stürmte entsetzlich. Die Schiffe auf der Rhede schwebten in großer Gefahr. Da der Regen und Sturmwind sich bald legte, ließen sich die Capitäne jedoch nicht abhalten, am Lande zu bleiben und dem Sherry und Champagner zuzusprechen. Ich selbst machte vor Einbruch der Dunkelheit noch einen Rundgang um die Stadt, eine alte portugiesische Festung. Die Stadt der Singhalesen mit ihren schmutzigen Bazaren liegt, wie überall im Orient, außerhalb der Befestigungen, unter den Kanonen derselben. Bettler, die mich den Tag über verschont, fand ich bei meiner Rückkehr von der Promenade in genügender Anzahl vor dem Hotel. Der Aufenthalt in meinen vier Pfählen verspricht wenig Annehmlichkeiten. Das Bette und der Tisch stehen mit ihren Füßen in Wassernäpfen, eine neue Vorsichtsmaßregel gegen die Ameisen, die mir denn auch in Geschwadern entgegen kommen. Es bleibt mir nichts Anderes übrig, als auf meinem Bette Platz zu nehmen und meine Beinkleider gegen den ersten Angriff unten mit Bindfaden fest zu umwickeln. Der Empfang glich dem zu Point de Galle. Alle jene Bestien, welche bei meinem Eintritt die Honneurs gemacht, haben sich zwar schleunig zurückgezogen, aber aus allen Fugen und Ecken lugen unheimliche Schwänze hervor und Glieder, aus denen ein armer Laie in den Naturwissenschaften nicht klug werden kann. Unten im Gastzimmer ist der Aufenthalt nicht anlockender. Die stark angetrunkenen Schiffscapitäne schicken an meinen Tisch ihre indischen Boys mit gefüllten Champagnergläsern, und ich vermag mich nach allerlei Ausflüchten dieser Zudringlichkeit erst zu erwehren, als ich eine Dysenterie 93 vorschütze. Inzwischen entwickelte sich ein Streit, und einer der Capitäne fordert einen anwesenden englischen Offizier auf Pistolen – Morgen frühe – 15 Schritt Barriere! Dennoch hatte ich keine Ursache, mich darüber zu beunruhigen, denn schon am nächsten Morgen, als ich nach einer Excursion vor die Thore von Colombo, wo ich eine Ansicht des Ortes aufnahm, in das Hotel zurückkehrte, fand ich die beiden Kampfhähne wieder friedlich hinter einer Batterie von Porterflaschen beisammen. Meine Hoffnung, die ersten Elephanten auf Ceylon zu sehen, ist bis jetzt getäuscht worden. In der Umgegend von Colombo sind gezähmte Elephanten zwar vorhanden und man bedient sich ihrer zu landwirthschaftlichem Dienste, allein die Thiere müssen ihre Arbeiten zur Nachtzeit verrichten. Als Grund wird die Scheu der Pferde vor den Elephanten angegeben, auch von ihrer Seite soll die Antipathie eine nicht geringe sein. Auf meine Bitten wurde mir versprochen, an einem der nächsten Tage mir vier Elephanten, das Eigenthum eines wohlhabenden Grundbesitzers in der Nachbarschaft, vorzustellen. Am 11. Dezember unternahm ich einen Ausflug nach dem etwa acht englische Meilen von Colombo entfernten Buddhatempel. Der Weg war beispiellos schlecht, und der Wagen versank alle zehn Minuten bis an die Achse in den Sumpf, der, genauer betrachtet, den Grund und Boden des Kokoswaldes bildete. Mein Auge wurde während dieser mißlichen Expedition durch die ideale Schönheit der Gruppen von Kokospalmen und die zu Millionen auf den Wasserspiegeln schwimmenden Lotosblumen getröstet. In dem Buddhatempel selber fand ich einen 94 ganz leidlich englisch sprechenden Aufseher, der mir das große liegende Abbild des Buddha und die sonstigen Einrichtungen seines Cultus erläuterte. Ungeachtet die Insel Ceylon in den Augen der Bekenner des Buddhaismus eine Heiligkeit genießt, wie etwa Palästina und Jerusalem mit ihren Stätten in den Augen gläubiger Christen, wurde ich doch von den Tempelaufsehern, den Priestern und Andächtigen mit großer Toleranz behandelt. Von einer Unterbrechung des Gottesdienstes durch meine Erscheinung konnte eigentlich auch nicht die Rede sein. Die Anbetung des großen Religionsstifters, der unser Leben nicht als ein Gut, sondern als das größte Uebel bezeichnete, dem ein Nichtsein für alle Zeiten vorzuziehen sei, bestand einfach in Spenden frischer Blumen und brennender Lampen. Da den heiligen Ochsen der Zutritt in den Tempel nicht verwehrt wird, machen sie sich gleich nach jedem Opfer ans Werk und fressen die geweihten Blumen auf. In Bombay sah ich sie sogar auf den Märkten von ihren kirchlichen Vorrechten Gebrauch machen und die Vorräthe der Gemüsehändler angreifen, diese wußten ihnen jedoch durch energische Rippenstöße, unbemerkt von den Fanatikern, den Appetit zu vertreiben. Da es fortwährend regnete, versuchte ich unter meinem Schirm eine Skizze des Tempels zu entwerfen und erregte dadurch die äußerste Theilnahme der Umstehenden, deren Zahl nach und nach wohl bis auf tausend gestiegen sein mochte. Die Nächsten ließen mir nicht eher Ruhe, als bis ich einen heiligen Banianenbaum, der hinter mir stand, in meine Aquarelle aufnahm, wofür ich durch ein gleichfalls heiliges Concert belohnt wurde, das zwei kleine 95 schwarze Bengel, vielleicht die Virtuosen des Tempels, auf einer Trommel und Pauke anstimmten. Gewiß bildete der Klang der Münzen, die ich als Trinkgeld zahlen mußte, den einzigen Wohllaut des ganzen Concertes. Nachdem ich auf dem Rückwege eine berühmte Schiffbrücke zum zweiten Male passirt und dafür 15 Sgr. Zoll erlegt, fuhr mich mein Kutscher auf einem wenn möglich noch schlechteren Wege nach Colombo zurück. Da in der Umgebung des Tempels keine »Ausspannung« zu treffen gewesen war, ich mich daher mit einfachen Erfrischungen versehen, wollte ich diese mit meinem Kutscher theilen. Der Mensch lehnte jedoch mein freundliches Anerbieten mit Geberden des Abscheues ab. Eine Rupie dagegen nahm er ohne Weiteres an, um sich selber etwas Eßbares zu kaufen. Und bei diesen starren Kastenvorurtheilen glauben die Missionäre, die Indier für die Lehrsätze des christlichen Glaubens, Liebe und Brüderlichkeit gewinnen zu können. Als ich in Point de Galle mit meinem bewunderten Regenschirm nur an das Blechgefäß eines Wasserträgers streifte, schüttete der Fanatiker den Inhalt, ohne sich zu besinnen, aus, und begann die Oberfläche des Messingkruges eifrig zu poliren. Doch suchte mein strenggläubiger Kutscher sich später bei der Ankunft in Colombo für die empfangene Rupie erkenntlich zu erweisen. Er führte mich in eine etwas abgelegene Stadtgegend und suchte meine Bekanntschaft mit einigen Damen zu vermitteln, die dort auf die Ankunft wohlhabender Europäer zu warten schienen. Unter ihnen fiel mir eine Schöne auf, die durch ihre Nase, d. h. die Mittelwand und die beiden Seitenflügel, nicht weniger als drei goldene, mit 96 Edelsteinen besetzte Ringe gezogen hatte. Auch die nackten, schön geformten Arme und Beine waren mit schweren goldenen Kleinodien überhäuft. Gern hätte ich die prächtige Gruppe flüchtig zu Papier gebracht, aber unter meinem ganzen Vorrath befand sich nicht mehr ein trockenes Blatt! Gleich darauf begegnete ich einem portugiesischen Hochzeitszuge. Die Portugiesen, die ehemaligen Herren der Insel, sind im Laufe von drei Jahrhunderten fast der dunkelhäutigen Bevölkerung gleich geworden und von dieser schwer zu unterscheiden, berufen sich aber noch immer stolz auf ihre europäische Abstammung. Unter jeder Bedingung ist die Familienähnlichkeit mit Selika stärker, als mit Vasco de Gama. Als ich im Hotel anlangte, fand ich die gesammte Dienerschaft im höchstem Unwillen gegen mich vor. In meiner Stubenthür hatte nämlich ein wirklich schließender Stubenschlüssel gesteckt, und ich vor meiner Spazierfahrt von demselben Gebrauch gemacht; dadurch war die tugendsame Dienerschaft schwer gekränkt worden. »Hier stiehlt Niemand, hier ist noch niemals gestohlen worden!« mußte ich von allen Seiten in kaum verständlichem Englisch hören. Erst durch ein kleines Gastgeschenk gelang es mir, die ehrlichen Leute zu besänftigen. Am andern Morgen machte ich den Versuch, einen der Miethsgäule als Reitpferd zu benutzen, doch zeigte sich die Bestie nicht bereitwilliger gegen mich, als ihre Gefährten. Wenn mir der als Treiber fungirende sanfte Hindu mit der Ebenholzkeule, deren er sich als Reitgerte bediente, nicht alle Knochen im Leibe zerschlug, habe ich mich bei der gütigen Vorsehung besonders zu 97 bedanken. Es war mein erster und letzter Ritt auf Ceylon. Ich kam auf demselben nicht zum Ziele, erst am 12. December gelang es mir, einige in Freiheit dressirte Elephanten eine Viertelmeile von Colombo zu sehen. Doch verhielten sich die Kolosse, die eben ihr Nachtwerk vollendet hatten, so unruhig, daß ich auf die flüchtigste Skizze verzichten mußte. Nur an das Dunkel gewöhnt, flößte ihnen jede fremdartige Gestalt Entsetzen ein. Unter den Eingeborenen mache ich manche interessante Bekanntschaft, zuerst muß ich ihnen aber, wie man wohl denken kann, ihre Lust ausreden, sich von mir malen zu lassen. Von unserem preußischen Vaterlande ihnen einen Begriff zu verschaffen, ist durchaus unmöglich. Der Klügste der Herren fragte, ob die Engländer uns Preußen auch so hohe Steuern auferlegten, wie den Singhalesen? Das originellste Motiv, gemalt zu werden, führte mein Dolmetscher an, es glich dem unserer Bettler: »er habe eine Frau und acht Kinder!« Wenn mich aber auch nicht meine beschränkte Zeit daran gehindert hätte, zuweilen ein flüchtiges Conterfei eines dunkelhäutigen Individuums anzufertigen: ich hatte schon in Brasilien durch meine unbesonnene Bereitwilligkeit, zu porträtiren, sehr üble Erfahrungen gemacht. Auf vieles Bitten hatte ich einen komischen Schwarzen gemalt, und zwar mit so dunkelen Tinten, wie ihn die Natur decorirt, aber was geschah? Der tolle Kerl, der einen Hut und Stiefel trug, zählte sich deshalb zu den Weißen und glaubte steif und fest, daß er auch in meinen Augen weiß erschiene, ich ihm aber durch das schwarze Porträt eine tödtliche Beleidigung habe anthun 98 wollen. Es blieb mir damals nichts übrig, als vor dem ergrimmten Landsmann Othello's Reißaus zu nehmen. Jetzt war ich hinlänglich gewitzigt, um nicht wieder in eine ähnliche Falle zu gehen, und hielt mir alle kunstliebenden Gönner mit schwarzem Fell weit vom Leibe. 99 VIII. Von Colombo nach Candy. Der Mensch und der Kaffee. Eheschließung unter den Singhalesen. Der Zahn Buddha's. Ameisen im Mantelsack. Souper mit Prügel-Dessert. Die landschaftliche Umgebung von Colombo ist jetzt, so weit es die regnerische Witterung der Insel gestattet, möglichst ausgebeutet, und ich muß mich beeilen, einen Ausflug in das Innere Ceylons zu veranstalten. Am 13. December lange vor Tagesanbruch erhob ich mich von meinem Schmerzenlager, packte meine Koffer, bezahlte die hohe Rechnung im Hotel, und machte mich um sechs Uhr auf den Weg nach Candy . Der Wagen war für vier Personen eingerichtet, aber von drei Engländerinnen besetzt, deren jede einen ungezogenen Jungen mit sich führte. Ich hoffe, diese Angabe wird zur Bezeichnung der Situation genügen. Nachdem die Morgennebel sich verzogen hatten und der Himmel erträglich klar geworden war, suchte ich von meinem beschränkten Sitz aus Einzelheiten der Gegend, wenn auch nur mit Bleistift, in meinem Notizbuch zu skizziren, doch ward ich vielfach durch die Fußtritte meiner drei jungen Reisegefährten gehindert. Der Weg von Colombo nach Candy ist von seltener Schönheit. Zwar führt er überall 100 zwischen Sümpfen hindurch, allein malerische Gebirgspartien beleben den Hintergrund, und die Flora und Fauna der Gegend wirken unablässig anregend auf die Einbildungskraft. Gruppen kolossaler alter Bäume mit einem abenteuerlichen Behang von Schlingpflanzen wechseln mit tiefen Abgründen und Wasserfällen, die zwischen bemoosten Felsspalten durchdrängen, hier gaukeln Schmetterlinge von wunderbarer Schönheit und Größe um seltsam geformte Blüthen, dort tauchen aus dem Waldesdunkel zwei Elephanten auf, die unter der Führung von Eingeborenen an der Verbesserung des Weges arbeiten. Gegen Mittag gelangten wir, indem das Terrain sich allmälig hob, in die Kaffeeregion. Der Weg führte fortwährend durch Reisfelder und Kaffeeplantagen, doch will ich gleich hier bemerken, daß man daraus nicht auf die Vortrefflichkeit des hier credenzten Kaffees schließen möge. So ausgezeichnet die edle Bohne auf Ceylon gedeiht; ich erinnere mich nicht, irgendwo auf meinen Reisen schlechteren Kaffee getrunken zu haben. Anderthalb Stunden vor unserer Ankunft in Candy wurden wir, etwa um 4 Uhr Nachmittags, von einem furchtbaren Regenschauer überrascht. Ich bin in allen Zonen und Höhen über der Meeresfläche eingeweicht worden, doch behauptet der Dunstkreis von Ceylon den Vorrang. Wir saßen in unserem an den Seiten offenen nur durch einige an den Fenstern baumelnde Leinewandfetzen geschützten Wagen, wie in einem Badebassin; das Wasser stürzte in einem Gießbach über den Tritt hinaus. Die kleinen englischen Knaben hielten sich bewunderungswürdig; sie entwickelten wahrhaft amphibische Seiten. Der Kleinste, der vielleicht auf der Insel geboren sein mochte, geberdete sich in dem 101 Sturzbade, wie ein Frosch nach wochenlanger Trockenheit, wenn der Himmel endlich seine Schleusen zieht, und doch hatte es schon beinahe zwei Monate hindurch täglich geregnet. Im Hotel zu Candy wurde ich von der dicken Wirthin in ihrem sauberen, sehr elegant möblirten Boudoir freundlich genug empfangen, aber wie erschrak ich, als ich das mir angewiesene Gemach betrat. Es stand, gleich dem eben verlassenen Postwagen, unter Wasser, und ich muß sofort einen der vor dem Hotel umherlungernden Boys engagiren, um den Raum nothdürftig zu entwässern, und die Nacht in erträglicher Trockenheit zuzubringen. Mir gehen jetzt die Reize der tropischen Regenzeit auf, und ich fange an, den »Eingeborenen« bei Boz zu beneiden, der in einer immerwährenden Regenzeit, aber nur von Stiefelknechten lebte, die sein Herr, der englische Major, nach ihm schleuderte. Einer Beleuchtung meines Zimmers am ersten Abende nach meiner Ankunft bedurfte ich nicht, denn die Leuchtkäfer hatten sich durch die offenen Fenster in ungewöhnlicher Anzahl eingefunden, doch war diese an sich nicht unangenehme Gesellschaft mit anderweitigen Elementen versetzt, die mir immer den äußersten Widerwillen eingeflößt haben. Sobald ich den Boden eines außereuropäischen Continents betrete, mache ich mir zum Gesetze, sowohl Abends jeden Winkel des Bettes, wie Morgens jede Falte der an den Nagel gehängten Kleider zu untersuchen. Den unbekannten Stubengenossen ist in den Hotels zwischen den Wendekreisen niemals zu trauen. Meine Recherchen waren nicht unfruchtbar. Das Zimmer glich im Ganzen weniger einem menschlichen Aufenthalte, als einem Schweinestalle, das Bett wimmelte daher von Schwaben oder Kakerlaken (Cockroaches), 102 dem wiederwärtigsten Ungeziefer, das mich schon an Bord der indischen Dampfer zur Verzweiflung gebracht hatte. Gleich unter dem Kopfkissen fand ich mehrere Paare dieser abscheulichen Geschöpfe, die unähnlich den Singhalesen, im Zustande der Monogamie zu leben scheinen. Da der Saft der Cockroaches, wenn man sie tödtet, einen unleidlichen Gestank verbreitet, ist es kaum möglich, sich ihrer zu entledigen. In äußerster Niedergeschlagenheit flüchtete ich in das Gesellschaftszimmer des Erdgeschosses, aber hier war noch weniger Trost zu finden. An der Tafel saßen drei Kaffeeplantagen-Besitzer, Engländer von Geburt, doch drehte sich die Unterhaltung nur um das klimatische Fieber, mit dem meine Tischnachbarn behaftet waren, und die dagegen anzuwendenden Mittel. Am Morgen des 14. December hatte der Regen aufgehört, doch waren die Berghöhen in der Umgegend Candys von dichten Wolkenballen belastet. Trotzdem begab ich mich, gegen die Nässe durch Gummischuhe geschützt, auf die Studienjagd, machte auf dieser indessen die unangenehme Bekanntschaft des Landblutegels. Diese Unholde stecken wie Schieferstifte in der feuchten Erde, kriechen den Menschen an und beißen, um zu seinem Blute zu gelangen, durch Strümpfe und Kleider. Ich ließ mich durch einen empfindlichen Biß, dem eine heftige Blutung folgte, nicht abhalten, meinen Weg nach dem berühmten Buddhatempel von Candy fortzusetzen und das Innere desselben in näheren Augenschein zu nehmen. An Cicerone's war kein Mangel, doch waren die Müssiggänger bei ihrer mangelhaften Kenntniß der englischen Sprache nicht zu brauchen. Ihr Vocabelvorrath bestand nur in zehn bis zwölf nichtssagenden Phrasen, 103 und auf die verschiedenartigsten Fragen erfolgte stets nur die Antwort: » Yes Sir! yes Sir! « Dennoch gehört die Mehrzahl dieser Subjecte zu dem Stande der Beamten, Polizei und Soldaten. Die meiste Bewunderung erregt auch in Candy mein solider Berliner Regenschirm. Stände mir ein zweites Exemplar zur Verfügung, ich würde den vortheilhaftesten Tausch mit Kleinodien des Tempels machen können, denn selbst die Priester müssen sich mit elenden chinesischen Papierschirmen, oder den Blättern der Fächerpalme begnügen. Nächst meinem Regenschirm mache ich selbst bei dem schönen Geschlecht von Candy Glück. Die jungen Damen, wenn sie die üblichen Blumenspenden zu den Gräbern ihrer Ahnen tragen, wo ich mich meiner Studien halber gern aufhalte, werfen mir so freundliche Blicke zu, daß ich fast in Versuchung geführt werde, mittelst der Geberdensprache eine nähere Unterhaltung anzuknüpfen. Eine derselben, eine hohe schlanke Gestalt, war trotz der lichtbraunen Gesichtsfarbe von großer Schönheit der Züge. Ihre nackten Arme und Füße – sie hätten jedem Bildhauer zum Modell dienen können – waren mit schweren goldenen Spangen geschmückt und in jedem Ohr trug sie vier Ringe mit Rubinen und Brillanten. Dennoch wage ich nicht, sie von allen Speculationen auf meine Börse freizusprechen, ohne ihr jedoch dergleichen geheime Absichten moralisch zur Last zu legen. In diese Naturmenschen ist ein Zug von Gemeinheit verwebt, eine Habsucht, die unter allen Umständen befriedigt werden muß. Darin stimmt der Indier mit dem Italiener vollkommen überein. Nach Ausbezahlung des bedungenen Lohnes verzichten sie nie auf ein Trinkgeld. Je bereitwilliger man es ihnen verabreicht, desto 104 begehrlicher setzen sie ihre Betteleien fort, legt man eine Kleinigkeit zu, so mag man die Hoffnung aufgeben, sie sobald loszuwerden; sie heften sich wie Kletten an die Fersen. Zwischen einem Hindu in Bombay oder Calcutta und einem Facchino in Neapel ist in dieser Hinsicht kein Unterschied. Meinen Humor will ich nicht loben; die unaufhörliche Unterbrechung meiner Arbeiten im Freien durch die Regengüsse verdirbt mir jeden frohen Augenblick. Blickt freilich die Sonne durch das Wolkengewebe, schaart sich um meinen Malerdreifuß ein Haufe von braunen Maulaffen, so fehlt es nicht an Stoff zur heitersten Unterhaltung. Häufig habe ich mir beim Besuch der Begräbnißstätten Mühe gegeben, in den Gesichtern der Betenden eine Spur innerer gemüthlicher Vorgänge zu entdecken. Vergebens, es war in ihnen eben so wenig Unzufriedenheit und Kummer über die »Sansara«, die Welt des diesseitigen Leidens, wie Hoffnung auf den jenseitigen ewigen Frieden der »Nirwana« zu bemerken; nur meine irdischen Rupien versetzten die frommen Singhalesen sofort in die beste Laune. Es ist begreiflich, daß die europäischen Missionäre mit ihren, allen Anschauungen dieses Volks widersprechenden Lehren und Sittengesetzen unglaublich wenig ausrichten. Ehebündnisse werden z. B. überaus leicht geschlossen. Hat ein Singhalese gewählt, so richtet er an das Weib seines Herzens nur die Frage: »Willst Du den Reis für mich kochen?« Giebt sie eine bejahende Antwort, so ist die Ehe geschlossen, denn die wirthschaftlichen Geschäfte eines Weibes (des Wortes »Hausfrau« kann man sich nicht wohl bedienen), gehen über diese einfache Verpflichtung nicht hinaus. Die junge Gattin ist jedoch durch ihre Zusage nicht im Sinne eines 105 Jawortes nach dem Civilgesetzbuche gebunden. Erkundigt sich ein anderer brauner Gentleman nach ihrer Bereitwilligkeit, für ihn den Reis zu kochen, und hat ihr Geschmack gegen seine Persönlichkeit nichts einzuwenden, so übernimmt sie dasselbe Geschäft nebst allen ferneren Consequenzen auch für ihn, ohne daß der eheliche Friede dadurch beeinträchtigt würde. Nur einmal war ich Zeuge eines Zwistes. Er war in Folge einer kränkenden Frage entstanden, die ein Weib an ihre Freundin gerichtet. Diese lautete: »Für solch' einen Kerl kochst Du den Reis?!« und ist die schwerste Beleidigung, die einem weiblichen Geschöpf auf Ceylon angethan werden kann. Schon bei meiner Ankunft in Point de Galle habe ich angeführt, daß die Insel Ceylon die Centralstelle des Buddhaismus ist; in Candy befand ich mich im Allerheiligsten derselben. Dicht an den hier befindlichen berühmtesten Tempel Buddhas grenzt der alte Palast der Könige von Candy, doch sind von ihm nur einige Ruinen übrig geblieben: der Tempel dagegen ist wohlerhalten. Er besteht aus einem zweistöckigen, aus gemischten Baumaterialien aufgeführten Gebäude, das in einem erhöhten Hofe liegt und von Colonnaden umgeben wird. An irgend welche Regelmäßigkeit des Styles ist nicht zu denken, und die statuarischen Verzierungen bestehen aus riesigen Elephantenzähnen, hunde-drachen-löwenartigen Gebilden und einigen Bildwerken Buddhas. Der Gegenstand der höchsten Verehrung ist eine Reliquie, ein Zahn Buddhas, der in einem kleinen Hinterzimmer des thurmartigen Seitengebäudes aufbewahrt werden soll. Ich besichtige grundsätzlich niemals religiöse 106 Kostbarbarkeiten und Alterthümer, wenn ein hohes Honorar dafür gefordert wird, zudem verlangte der mir sonst wohlgesinnte Buddhapriester, seinem Range nach eine Art Diakonus, für die Besichtigung der Reliquie die für einen malerischen Reisenden unerschwingliche Summe von zwei Pfund Sterling. Auf den Genuß mußte daher verzichtet werden, doch erfuhr ich von einem der englischen Kaffeeplantagenbesitzer, der den angeblichen, in einer goldenen Lotosblume aufbewahrten Zahn Buddhas gesehen zu haben behauptete, daß er nichts weiter sei, als ein großer, mit Gold gefüllter Schweinezahn . Relata refero : mag mein Gewährsmann für seine Angabe aufkommen. Ich habe kein Interesse daran, die Reliquie zu verdächtigen. In einiger Entfernung von Candy sollen in den Waldungen zerstreut noch mehrere sehenswerthe kleinere Tempel liegen, allein mehr die Unwegsamkeit der Pfade in der Regenzeit, als die Furcht vor den Eingeborenen, hält mich ab, ihnen einen Besuch abzustatten; ich überschreite ungern die Umgegend des Ortes. Einige hundert Schritte von den letzten Häusern beginnt sogleich eine Wildniß, in der man sich leicht verirren kann. Die Herren Ornithologen wollen mir hier eine Bemerkung gestatten. In vielen Reisebeschreibungen aus den Tropen wird behauptet, daß der liebliche Vogelgesang der gemäßigten Zone in ihnen verstumme, und die Stimmen der hiesigen gefiederten Waldbewohner nur rauh und widerwärtig klängen. Ich habe dagegen an mehreren Tagen in den Morgenstunden unweit Candy den Gesang eines Vogels gehört, dessen Stimme unserer Nachtigall an Kraft und Annehmlichkeit nicht nachstand, doch gelang es mir nicht, seiner ansichtig 107 zu werden, oder seinen Namen von Engländern und Eingeborenen zu erfahren. Am letzten Tage meiner Anwesenheit in Candy hatte ich des unaufhörlich vom Himmel fluthenden Regens halber das Hotel gar nicht verlassen. Ein Engländer mit einem ungewöhnlich schmutzigen Hemde benutzte diesen glücklichen Umstand, mich, ohne mir der Sitte nach durch einen Dritten vorgestellt zu sein, anzureden und alsbald um ein Darlehen von 60 bis 80 Pfund Sterling zu bitten. Der Petent beabsichtigte nach Hause zu reisen und vorher seine Schulden zu bezahlen, die Physiognomie des Mannes strafte seine Worte Lügen; ich hätte ihm, auch wenn mir eine so hohe Summe zur freien Verfügung gestanden, einen abschlägigen Bescheid ertheilt. Um ferneren Quälereien zu entgehen, zog ich mich in mein Zimmer zurück und ordnete meine Sachen für die bevorstehende Rückreise nach Point de Galle. Als ich meinen Mantelsack ergriff und ihn öffnete, quoll mir eine runde schwarzbraune Masse von der Größe eines Kopfes daraus entgegen, ein Anblick, der mir sogleich ein Uebelbefinden verursachte, das erst einem heftigen Erbrechen wich. Die Masse bestand in einem Ameisenschwarm, der vor der Nässe des Zimmers in dem Mantelsack Schutz gesucht hatte. Die letzte Nacht in Candy in einem feuchten Bette und der Gesellschaft von Kakerlaken will ich nicht beschreiben, ebenso wenig die Rückfahrt von Colombo auf dem Kutscherbock. Nur den Preis der Fuhre werde ich zur Ermunterung der thüringischen Fuhrleute nicht verschweigen; er betrug zwei Pfund Sterling für eine kaum zwölfstündige Fahrt. Im Hotel Royal angekommen, verfiel ich zum ersten 108 Male auf meiner Reise in einen Zustand von moralischer Schwäche. Die Hitze und Nässe der Tage in Candy hatte meine sonstige Spannkraft so vermindert, daß Todesgedanken in mir aufstiegen. Ich glaubte nicht mehr bis Point de Galle zu kommen, wo ich im Falle einer Krankheit doch immer auf die Pflege des guten Consul Sonnenkalb zählen konnte, die Sehnsucht nach den Meinigen, nach der Heimath erwachte in mir; ich befand mich wirklich sehr übel. Die Hoffnung, am nächsten Tage den Weg nach Point de Galle im Wagen zurückzulegen, gewährte mir einigen Trost, ich genoß eine heiße Suppe, trank eine halbe Flasche Champagner, eine Schale Kaffee und fuhr in einer verdeckten Equipage eine Stunde lang in der frischen Seeluft am Strande spazieren. Dieses diätetische Verfahren bewährte sich. Wohlthätig angeregt von der grandiosen Scenerie der Brandung, welche die ganze Insel in ihren Fluthen begraben zu wollen schien, kam ich nach Hause und brachte die Erlebnisse der letzten Tage vollständig in meinem Tagebuche zu Papier. Unterdessen schnarchte mein Boy auf der platten Diele vor der Thür, und selbst die Tändeleien der Eidechsen und Cockroaches um seine Zehen, Finger und Ohren vermochten ihn nicht zu ermuntern. Das abscheuliche Wetter des 18. December hielt die ganze Nacht hindurch an und bereitete mehreren Schiffen den Untergang; auch eine prächtige nordamerikanische Bark, »Neu-Schottland«, die wir auf hoher See vor Bombay getroffen, scheiterte an dem Strande von Colombo. Ich hörte die Nothschüsse des Schiffes im Nachtdunkel, aber als der Tag graute, trieb der tobende Wogenschwall schon Bretter, Fässer, Masten, Ballen, Segel und Flaggen ans Land; 109 die Mannschaft war längst ums Leben gekommen. Die Post wartete nicht auf ihre Passagiere und ich fuhr, ohne mich länger aufzuhalten und Erkundigungen einzuziehen, nach Point de Galle. Hier herrschte reges Leben, der französische Dampfer mit den Japanesen war angekommen, das Hotel wimmelte von Seeoffizieren und ich erneuerte meine Bekanntschaft mit mehreren derselben, die ich in Stettin kennen gelernt. Doch sollte auch dieser vielversprechende Abend nicht friedlich enden. Nach Tisch entspann sich nämlich zwischen Engländern und Franzosen eine Prügelei, vor der ich mich auf den Rath des erfahrenen Wirthes, sogleich in meine Gemächer zurückzog. Am liebsten hätte ich mich bei meiner Ermüdung nach der anstrengenden Tagesfahrt zu Bette gelegt, allein das leicht gebaute Haus erbebte unter dem rasenden Tumult im Erdgeschoß, und erst, nachdem mehrere Stunden später die Polizei herbeigekommen war, die Blessirten aus dem Gefecht auf die Wache gebracht und zum Schutz der bis dahin mit Prügeln Verschonten eine Abtheilung im Hause zurückgelassen hatte, wagte ich Neuling auf einem solchen Knotenpunkte des Weltverkehrs, mich der Kleider und Stiefel zu entledigen. 110 IX. Eine Viertel-Rupie für eine Boa. Das Ende eines Balles. Der Dampfer Bengal. Nach Madras. Nur eine Waschschüssel. Am Weihnachtsabende. Am Morgen nach dem furchtbaren Handgemenge im Hotel stattete ich meinem Freunde, Consul Sonnenkalb, einen Besuch ab, fand ihn jedoch in sehr übler Laune. Das gräuliche Wetter der letzten Tage hatte die überall grassirenden Ameisen an das Haus gefesselt, und sie waren in ihrer Muße über die Bibliothek des Consuls gerathen, um sie nicht eher wieder zu verlassen, als bis sie etwa fünfhundert Bände bis zur Unlesbarkeit zerstört hatten. Die Verheerungen in den Büchern waren bei der Kleinheit der Insecten ganz unbegreiflich, aber gegen die Thatsache ließ sich nicht streiten; die auserlesene Sammlung, der einzige Hort europäischer Bildung im Orte, war für immer ruinirt. Einmal unterweges machte ich auch auf dem französischen Dampfer eine Visite und stellte mich meinem alten Gönner, dem japanischen Geh. Rathe Simodski vor. Wir tauschten unsere Karten aus, und der freundliche Büreaukrat lud mich ein, in Jeddo bei ihm vorzusprechen. Den übrigen Theil des Tages füllte ich mit Ordnung meiner Maler-Utensilien 111 und sonstigen Habseligkeiten, wie mit Promenaden in Point de Galle aus. Was ich in den letzten zehn Tagen meines Aufenthalts in Ceylon gesehen, wird mir stets unvergeßlich bleiben. Die Vegetation der Insel übertrifft selbst den Pflanzenreichthum und die Ueppigkeit des Baumschlages in Brasilien, die Anmuth der Terrainformation läßt sich mit nichts Anderem vergleichen. Die Gebirge erhalten durch die Farbenpracht der exotischen Gewächse eine ganz eigenthümliche Physiognomie. Einzelne beschränkte Details lassen sich herausgreifen und auf dem Papiere fixiren; die erhabene Totalität der Landschaft, wenn sie in glücklichen Augenblicken im vollen Sonnenlichte strahlt, ist nicht darstellbar. Jetzt sind alle Strapatzen der Reise vergessen, und nur der Vollständigkeit wegen verzeichne ich nachträglich die räthselhaften riesigen Beefsteaks, die auf den Zwischenstationen servirt wurden, aber in ihrem rohen Zustande nirgends genießbar waren. Ich habe mein Leben mit Reis und Schlangensuppe gefristet. Auf meinen Spaziergängen bekomme ich hie und da auch kleinere Buddhatempel zu Gesichte, sie unterscheiden sich jedoch nicht weiter von einander. Dem Format nach haben sie eine frappante Aehnlichkeit mit unseren Käseglocken. Der 19. December schien eine Wetterveränderung zum Besseren bringen zu wollen, lichtes Himmelblau brach zeitweilig durch die schwarzen Regenwolken, und Nachmittags hatte ich das Glück, unbehelligt von Sturm und Unwetter, zwei Stunden auf einem Felsen an der Meeresküste zuzubringen und bei vollem Sonnenschein in die Tiefe hinabblicken zu können, wo in dem unvergleichlich klaren Wasser die Wunderwelt der Korallen, der silbern und golden 112 schimmernden oder vielfarbigen Fische, Quallen und Schalthiere ein seltenes Schauspiel gewährte. Am 20. December hatte sich der Himmel endlich ganz erheitert, eine starke Brise wehte aus Südost; es war möglich, den ganzen Tag hindurch im Freien zu bleiben. Ich zögerte daher nicht, sogleich eine Studien-Expedition zu Wagen in einer Richtung zu unternehmen, in der ich bei dem reinen Dunstkreise den bisher unsichtbaren Adamspick betrachten und aufnehmen konnte. Die liebliche Temperatur des Tages mochte den Schlangen nicht weniger zusagen, als den Singhalesen, denn wenn diese den heitern Vormittag benutzten, in Voraussicht der baldigen Wiederkehr des Landregens, den üblichen Anstrich ihrer Haut mit Cocosöl zu erneuern, sah ich jene aufgerollt an allen leidlich trockenen Stellen am Wege liegen und im warmen Sonnenscheine schwelgen. Mit gleicher Lebhaftigkeit tummelten sich die Eidechsen jedes Formates umher, und es war ein höchst possierlicher Anblick, ein etwa sechs Fuß langes Exemplar vor einem drei Käse hohen schwarzbraunen Bübchen in Todesangst Reißaus nehmen zu sehen. Bei der milden Wärme ging mir die Arbeit leichter denn je von der Hand, es gelang mir, im Laufe des Tages drei Skizzen anzufertigen, trotzdem ich verurtheilt war, mit leerem Magen zu arbeiten. Alles, was sich unterwegs auftreiben ließ, bestand in einer Flasche Porter, für welche ich einen Thaler (anderthalb Rupien) erlegen mußte. Wäre ich der Beauftragte eines Menageriebesitzers oder zoologischen Gartens gewesen, ich hätte auf dem Rückwege ein gutes Geschäft machen können. Wir fuhren an fünf Leuten vorbei, die eine wenigstens zwanzig Schuh lange Boa an einen derben Bambusstab gebunden auf den Schultern trugen 113 und mir zum Kauf anboten. So weit ich mich mit ihnen zu verständigen vermochte, hatten sie das Ungeheuer beim Fischfange überrascht und sich seiner in dem günstigen Momente bemächtigt, als es beschäftigt war, den dicken Fischkopf hinabzuwürgen. Der Schwanz steckte noch aus dem Halse hervor, da dieser aber dicht am Kopfe fest an den Bambusstamm geschnürt war, vermochte die Boa weder den lästigen Fisch zu verschlucken, noch überhaupt Widerstand zu leisten. Die Singhalesen schienen ihre Jagdbeute gern los sein zu wollen und unterboten sich bis zu einer Viertelrupie (5 Sgr.), was sollte ich indessen mit einer lebendigen Boa anfangen? ich reichte ihnen den geforderten Betrag als Geschenk und fuhr mit tiefem Bedauern weiter, den Vorständen der neuen zoologischen Gärten zu Breslau, Dresden und Wien nicht eine Freude machen zu können. Noch einem anderen glücklichen Jäger begegneten wir vor Point de Galle, einem Franzosen. Was würde einer unserer einheimischen Sonntagsjäger sagen, wenn es ihm beschieden wäre, mit zwölf hübschen Vögeln, vier kleinen Schlangen, zwei vier Fuß langen Eidechsen und drei Ratten mit Fettschwänzen zur sehnsüchtig harrenden Gattin nach Hause zurückzukehren. Der wohlige Tag sollte im Hotel unheimlich genug schließen. Die anwesenden Fremden, darunter ein deutscher Missionär, der nach Hongkong geht, hatten nach Sonnenuntergang bei brillanter Beleuchtung und einem aus zwei Geigen, einem Glockenspiel und Tamtam bestehenden Orchester einen Ball veranstaltet. Dergleichen gesellige Festlichkeiten geben überall Veranlassung zu Zwistigkeiten unter heißblütigen Cavalieren. In nördlicheren Himmelsstrichen pflegt man dieselben am nächsten 114 Morgen mit dem Degen oder der Pistole auszugleichen, hier, wo man nicht bestimmt darauf zählen kann, einander zehn oder zwölf Stunden später zu begegnen, hält man die Form der sofortigen Prügelei für zweckentsprechender. Außerdem bietet diese den Vortheil allgemeiner Betheiligung. Schon der erste Kampf hatte mich gelehrt, daß nichts als Beulen und Löcher im Kopfe zu gewinnen seien, ich trat daher beim Knall des ersten Backenstreichs gleich den Rückzug an, zog mich in meine Gemächer zurück und lauschte der Entwickelung des Treffens am offenen Fenster. Ich bin geneigt, es seiner Ausdehnung nach eine »Völkerprügelei« zu nennen. Diesmal kam die Polizei, ein Haufe schäbiger dunkelbrauner Gensd'armen, zwar rascher von der Wache herbei, allein auch heute enthielt sie sich jeder Intervention und beobachtete nur eine abwartende Stellung, trotzdem aus den Fenstern des Erdgeschosses mit den Rufen: »Don Sylvio! Don Pedro! Don Rosario!!« ihre Hilfe flehentlich begehrt wurde. Als ich mich am Morgen nach den Inhabern dieser pathetischen Namen erkundigte, bezeichnete mir der Wirth die betreffenden Kameraden als Nachkommen alter portugiesischer Kaufmanns- und Adelsfamilien, die, durch lokale Verschwägerung schon halb verwildert, an den Titeln und Ehren der Vorfahren doch immer noch festhalten. Sobald die allgemeine Erschöpfung den Kampf endete, wurde die Thür des Hotels mit einem Detachement besetzt und das Schlachtfeld gesäubert. Wer noch mit Redensarten oder Thätlichkeiten Widerstand leistete, wurde nach der Wache geschleppt, doch hatte er weiter keine Unannehmlichkeit davon. Als ich nach Tagesanbruch das Personal des Hotels zu Gesichte bekam, bedauerte ich, mich 115 der Landschafts- und nicht der Schlachtenmalerei gewidmer zu haben. Unser heirathslustiger Wirth, der nur in Ermangelung eines disponiblen weißen Frauenzimmers auf den Ehestand verzichten muß, war heute durchaus unfähig, als Freiwerber aufzutreten, sein Gesicht glich einer formlosen schwärzlichen Teigmasse, aus deren Tiefe zwei kleine Aeuglein hervorblitzten. Der Vicewirth oder Oberkellner kam gar nicht zum Vorschein; er hatte in Folge einer Gehirnerschütterung sein Bewußtsein noch nicht vollständig wiedererlangt. So sehr mich die Herrlichkeit der Natur an Ceylon fesselte; das Betragen der Europäer verleidete mir den Aufenthalt. War ich doch, um nur ein ferneres Beispiel bestialischer Grausamkeit anzuführen, am Tage vorher Augenzeuge gewesen, wie ein Engländer zwei nackte singhalesische Kinderchen, die ihn um seinen ausgerauchten Cigarrenstummel ansprachen, freundlich heranwinkte, und dann mit seiner Nilpferdpeitsche unbarmherzig zusammenhieb! Der für Madras und Calcutta bestimmte Dampfer Bengal war am 21. December auf der Rhede angekommen, meinem Aufenthalt in Point de Galle mithin ein Ziel gesteckt, ich versiegelte die Briefschaften an meine Familie in Europa, löste für sechsundzwanzig Pfd. Sterling das Fahrbillet und frühstückte in einem benachbarten Hotel mit einem jungen feingebildeten Engländer, den ich unlängst kennen gelernt. Um acht Uhr stach der französische Steamer mit den Japanesen nach Singapore in See. Noch blieben mir einige Stunden Zeit, und ich gedachte eine kurze Studienfahrt zu unternehmen, um keine Minute unbenutzt verstreichen zu lassen, doch tausend Schritte von 116 Point de Galle warf der ungeschickte Kutscher, außer Stande, der heimtückischen Pferde Herr zu werden, den Wagen, die Bagage und mich selber in einen kleinen Fluß, und es blieb mir nichts Anderes übrig, als umzukehren und meine gesammte Garderobe auf die Leine in die Sonne zu hängen. Die in Bombay angefertigte Sommertracht hat in wenigen Wochen viel von ihrer ursprünglichen Herrlichkeit verloren. Die Röcke und Beinkleider sind in Folge der ununterbrochenen Trockenprozesse so eingelaufen, daß ich sehr bald darin nicht mehr werde – auslaufen können. Die Farben und Muster sind total verschossen, und ich muß daran denken, mich baldigst neu und wenn möglich dauerhafter zu equipiren. Die indischen Schneider in Bombay stehen an Leichtfertigkeit der Stoffe und Handarbeit nicht hinter den renommirtesten Garderobegeschäften Europas zurück. Der Abschied vom Wirthe und den Dienstboten des Hotels war höchst rührend. Niemals hatte ich sie nach dem Vorbilde der Engländer gehudelt oder gar gemißhandelt, sondern Alles still hingenommen, obgleich ich bei meiner Gutmüthigkeit am nachlässigsten bedient wurde und mit den schlechtesten Bissen fürlieb nehmen mußte. Am Tage des Scheidens erntete ich den Lohn meiner himmlischen Geduld; die dankbaren Leute wollten sich von dem » good master « gar nicht trennen. Eben so lieb hatten mich die Vogel- und Affenhändler gewonnen. Sie verfolgten mich mit den zierlichen kleinen Geschöpfen, die ihnen auf den Schultern und Köpfen saßen, bis an den Strand und boten mir die niedlichsten bunten Papageien für einen Sixpence an. Wenige Thaler hätten hingereicht, eine ganze Volière der schönsten gezähmten Vögelchen und 117 einen Schiebkarren voll Affen zu erwerben. Nur ein schottischer Taugenichts, wenn ich mich nicht in seinem Dialekte getäuscht habe, verdüsterte die Abschiedsscene. Er hatte in betrunkenem Zustande schon mehrere Tage in dem Hotel zugebracht, und wollte meinen Abgang benutzen, um sich gleichfalls, jedoch ohne Berichtigung der Zeche, zu entfernen. Man hielt ihn zurück, bei seiner gänzlichen Zahlungsunfähigkeit begnügte man sich indessen, ihn schwungvoll zur Thür hinauszuwerfen und seinem ferneren Schicksale zu überlassen. Am 22. December, um 10 Uhr Morgens, war ich an Bord des Bengal . Das Schiff ist mit Passagieren nach Madras und Calcutta überfüllt, der Aufenthalt mithin schon jetzt nicht angenehm. Die Rhede von Point de Galle gehört nicht zu den sichersten; es weht gewaltig. Die See geht Berge hoch, und ich wäre froh, hätte der Bengal erst die Meereshöhe erreicht. Auch der Capitän ist nicht ganz ohne Besorgnisse, wenigstens verzögert sich unsere auf zwei Uhr angesetzte Abfahrt. Bei einem derartigen Seegange muß man sich schon glücklich preisen, unbeschädigt an Bord gelangt zu sein. Zudem hatte ich acht Gepäckstücke zu überwachen. Endlich war alles der Ordnung gemäß untergebracht, und ich ließ mich, gelassen auf dem Verdeck sitzend, von den bis zur Abfahrt an Bord verweilenden indischen Gauklern unterhalten. Die Anker werden gelichtet, ein unglücklicher Singhalese, der ein Paar Fässer fast zu spät abliefert, erhält von den englischen Matrosen fürchterliche Hiebe mit einem Tauende, er verschwindet nach schleuniger Empfangnahme der Waare in seinem Boote, der nächste 118 Wellenberg wirft ihn ein paar hundert Fuß weit zurück und der Bengal setzt sich in Bewegung. Bei dem Angriff auf die entsetzliche Brandung erzittert der riesige Dampfer, wie der furchtsamste der Passagiere, doch ist die Zone des Schreckens rasch durchschnitten und die Gefahr liegt hinter uns. Die Gesellschaft beginnt sich einzurichten, so weit ihr dies bei einem halben Schock der ungezogensten Rangen jedes Formats und der entsprechenden Anzahl schnippischer Kindermädchen und Ammen gelingt. Die besten Plätze unter dem Sonnenzelt waren schon in der ersten Stunde von dieser anmaßenden Völkerschaft mit Beschlag belegt worden. Eben so reichlich sind wir mit ledigen Frauenzimmern in reiferen Jahren versehen, die ihr Heil in Madras oder Calcutta versuchen. Eine kleine Blondine mit schönen Locken, aber scharf zugespitzter Nase, scheint auf mich fahnden zu wollen. Ich trete daher sogleich von meinem Sitze aus einen Rückzug auf die andere Seite des Dampfers an und decke mich mit meinem Sessel. Die Miß schleudert einen Blick äußerster Verachtung hinterdrein. Nichts ist gefährlicher, als eine Liebschaft an Bord, der Zeugen sind zu viele, und in den meisten Fällen wird nur auf eine Geldentschädigung wegen nicht gehaltenen Eheversprechens speculirt, die der trügerische Korydon vor dem nächsten Gerichtshofe am Festlande zu zahlen hat. Wir steuern nach Südosten um die Südküste von Ceylon. Die Sonne sinkt, der Himmel lichtet sich und in einer goldigen Glorie erscheint noch einmal der Gipfel des 7000 Fuß hohen Adamspick. Unter allen Passagieren bin ich der Einzige, welcher dem seltenen Schauspiele Aufmerksamkeit schenkt. Ich will den praktischen Engländern 119 ihre Gleichgültigkeit gegen Naturreize nicht verargen; an Bord des »Bengal« ist zu Vielerlei vorhanden, ihre Aufmerksamkeit zu zerstreuen. Sehr stark sind die Flitterwöchner und Wöchnerinnen vertreten. Ein junges Ehepaar zog selbst meine bewundernden Blicke von der schwindenden Küste Ceylons ab. Er war kaum sechszig Jahre alt, sie mochte eben ihren achtzehnten Geburtstag gefeiert haben. Der graue Schäfer saß zu ihren Füßen, auf eine Sammtfußbank hingegossen und bereitete Fruchtschnitte auf einer silbernen Schaale. Während sie dieselbe verzehrte, ergriff der Alte einen Fächer und wehte dem Weibe seines Herzens Kühlung zu. Die jugendliche Schöne wurde aber durch die unablässigen Ritterdienste des Seniors nicht verhindert, mit ihren schönen blauen Augen siegreich umherzublicken und die in Schußweite befindliche Mannschaft zu unterjochen. Beachtenswerth ist auch der Geschmack unseres Capitän's für Blase-Instrumente. Die Arbeiten der Mannschaft, z. B. das Aufwinden der Anker, werden mit Begleitung von Hörnern, Trompeten und Querpfeifen verrichtet, zu Tisch wird nicht, wie auf anderen Schiffen, geläutet, sondern geblasen. Der »Bengal« ist offenbar ein musikalisches Schiff. Gewiß zieren künstlerische Neigungen selbst Schraubendampfer von fünfhundert Pferdekraft, es wäre uns Allen jedoch lieber, wenn der Bengal weniger Musiker, sondern mehr Schnellläufer wäre, an seiner Maschine ist wieder etwas faul; schon am ersten Tage mußte dreimal angehalten werden. Dessenungeachtet kommen wir doch langsam vorwärts, und nähern uns, nachdem wir abermals eine furchtbare Brandung durchschnitten, der Nordküste von Ceylon. 120 So viel sich mit bewaffnetem Auge ermitteln läßt, besteht das Terrain aus einem weiten Sumpflande, auf dem sich eine Menge kleiner pyramidenartiger Berge erhebt. Gleich darauf schließt sich die Nebelkappe der Insel, aus dunklem Gewölk sinkt ein dichtes Regengitter hinab; ich schiebe mein Fernrohr zusammen und beschränke mich auf die Beobachtung des Seewassers vor dem Bug des Dampfers, den zahllose hundertarmige gelbe Geschöpfe der Tiefe umgeben. Die steigende Hitze zwingt mich bald, Schutz unter dem Sonnen- oder Regenzelt zu suchen. Die schöne junge Frau ist ganz hinfällig geworden; der greise Gatte muß zu ihrer Unterstützung seine letzten Kräfte aufbieten. In ihrem holden Schwächezustande läßt sie die Eau de Cologne -Flasche aus der Hand fallen, sie zerbricht, aber der Alte verbeißt seinen Aerger über den unersetzlichen Verlust und schwingt mit wahrer Erbitterung den Fächer, um das Leben der Theuren zu fristen. Mehrere jüngere Gentleman scheinen die größte Lust zu haben, dem Eheinvaliden zu Hülfe zu kommen; die leidende Blondine ermuntert sie durch schmachtende Blicke. Ueber die Verpflegung läßt sich nichts Neues und Gutes sagen, nur mein Amt als Vorschneider erlaubt mir, bisweilen einen genießbaren Bissen zu erwischen. Es ist nämlich Sitte, daß die Tischgesellschaft sich in kleinere Fractionen theilt und einem der Herren die genannte Function überträgt. Da diese mir zugefallen war, und die Vorschneider aller Jahrhunderte stets darauf achteten, das beste Stück für sich bei Seite zu bringen, glaubte auch ich keine Ausnahme von der Regel machen zu dürfen und traf bei jeder Bratensection die zweckmäßigste Wahl für den eigenen 121 Gaumen und Magen. Anatomische Studien, die ich in meinen Jünglingsjahren gemacht, kamen mir dabei ausnehmend zu Statten. Nur zum Thee, nicht zum Kaffee, wird Milch geliefert, und keine Macht der Erde reicht hin, diesen ungereimten Paragraphen des Reglements umzustoßen. Ueber die Butter an Bord beobachte ich grundsätzlich unverbrüchliches Schweigen: die letzte ist in Triest über meine Lippen gekommen. Meine Häuslichkeit, insofern sie durch die Cabine repräsentirt wird, kann ich nicht sonderlich rühmen. Das fünfzehn bis zwanzig Kubikfuß große Loch muß ich mit zwei Schlafburschen, einem Schiffscapitän a. D. und einem Kaffeeplantagenbesitzer aus Ceylon theilen. Nach dem tiefsinnigen Wesen des letzteren und seinen häufigen Fragen nach der Nähe von Madras zu urtheilen, hat er, um einen treffenden Ausdruck der subalternen Criminalpolizei zu gebrauchen, daheim etwas »ausgefressen« und fühlt das sittliche Bedürfniß einer Ortsveränderung; an der Verrücktheit des Capitäns ist nicht zu zweifeln. Mit einer jungen Dame in London verlobt, hatte diese ihm plötzlich, als der Termin der Verheirathung nahte, abgeschrieben, aber zugleich eine Nichte vorgeschlagen, die an ihre Stelle zu treten geneigt sei. Nach Empfang der Photographie erklärte sich der Capitän damit einverstanden und äußerte einen ungewöhnlichen Enthusiasmus für die Vicebraut, die ihn in Calcutta erwarten wollte. Dennoch schien der Wechsel seiner Verlobten nicht ohne nachtheiligen Einfluß auf seine, ohnehin durch Klima und vieljährige innere Anwendung von Spirituosis geschwächten Geisteskräfte vorübergegangen zu sein. Das Portrait der zweiten Geliebten trug er fortwährend bei sich und hielt 122 Selbstgespräche darüber. Wo er mich erblickte, zog er es hervor und nöthigte mich zur Besichtigung, indem er die stattliche Leibesfülle der jungen Schönen nachdrücklich hervorhob. Nebenbei litt der hoffnungsvolle Bräutigam an einer hartnäckigen Dysenterie, die ihn in jeder Nacht zwang, sich acht- bis zehnmal von seinem Lager zu erheben. Ich hatte ihn daher veranlaßt, mir die obere Bettstatt der Cabine einzuräumen, und bin, einiger leidigen Vorkommnisse halber, seiner Bereitwilligkeit, meinen Wunsch zu erfüllen, noch heute dankbar eingedenk. Anderweitige Verlegenheiten entstanden für mich aus dem geringen Hange meiner beiden Cabinengenossen zur Reinlichkeit. Trotz der vielgerühmten englischen Sauberkeit war uns dreien nur eine Waschschüssel angewiesen, der Wunsch lag mithin nahe, dieselbe von Jedem, der sie gerade zuletzt benutzt, gereinigt zu sehen. Die handgreiflichsten Andeutungen scheiterten indessen an der Hartnäckigkeit der beiden Englishmen; zuletzt sah ich mich genöthigt, meine Zuflucht zur Intrigue zu nehmen, entsprach sie auch nicht der Feinheit des französischen Lustspiels, und hätte der jüngere Dumas gerechtes Bedenken getragen, sie in einem seiner Dramen zu benutzen. Ich nahm den Schiffscapitän bei Seite und fragte im Vertrauen, was er von der Erziehung des Kaffeeplantagenbesitzers halte, dem es niemals einfalle, die Waschschüssel auszugießen? Um den Nachdruck zu verstärken, legte ich ihm jenen Ehrentitel bei, der später bei der Einstudirung einer Zukunftsoper auf das Publikum angewandt, viel von sich reden gemacht hat. Nachmittags behandelte ich den Kaffeeplantagenbesitzer in gleicher pädagogischer Weise. Das Mittel schlug an, seitdem wurde von Beiden die 123 Waschschüssel gleich nach dem jedesmaligen Reinigungsprozeß gesäubert. Um aber beide Cabinengenossen daran zu verhindern, sich meiner Seife und des mir gehörigen Handtuches zu bedienen, blieb mir nichts übrig, als Beide zu verschließen. Am 24. December, dem Weihnachtsabende, wurde das Wetter so schlecht, wie ich es nicht für möglich gehalten hatte. Die rabenschwarzen Wolkenballen sanken bis auf die Raaen herab, die See glich einer kochenden Braupfanne, alle Fenster mußten geschlossen, die Cajüten künstlich erleuchtet werden; die Luft verschlechterte sich daher in einer Weise, daß ich glaubte, zu Grunde zu gehen. Und dabei haben sich mehr als fünfhundert Menschen in dem engen Raume einzurichten. Endlich war die furchtbare Weihnachtsnacht überstanden. Der erste Schimmer des Festtages blinkte durch die Wolkenconvolute, wie der Schein der ewigen Lampe aus dem Gewölbe eines Grabmales; jetzt läuteten die Glocken in der Heimath den ersten Feiertag ein und der Frühgottesdienst begann! Hier ging das hohe Fest ohne religiösen Act vorüber, nur die Cajüte war mit grünen Reisern aus einer Pflanzensammlung geschmückt, die ein Passagier von Australien über Ceylon nach Madras einführte. Die einzige Unterhaltung bestand in einer Wasserhose, die in der Nähe des Dampfers, ohne uns Schaden zuzufügen, vorüberzog. Wir näherten uns dem Strande von Madras, der Lauf des Bengal wurde verlangsamt und fortwährend das Senkblei ausgeworfen; bei der trüben Luft mußte die äußerste Vorsicht beobachtet werden. 124 X. Auf der Rhede von Madras. Die Brandung der Küste. Affen auf allen Dächern. Der Meerbusen von Bengalen. Die Indigo-Wittwe. Ein russischer Pensionär als Master Champansky. Die Mündung des Hugly. Ankunft in Calcutta. Bei der Annäherung des Festlandes bemächtigt sich aller Seefahrer eine leicht erklärliche Aufregung. Mein Cabinengenosse, der verliebte Capitän, hat an der Schiffswand einen Taschenspiegel befestigt, und arbeitet den Tag über an der Renovirung seines Gesichts. Er hat die Linie passirt oder das vierzigste Jahr zurückgelegt; es giebt mithin schon mancherlei auszubessern. Sobald er seine Zähne (mit einer meiner ausrangirten Zahnbürsten) geputzt hat, glättet er seine widerspänstigen Haare, und schließt mit einer Operation, die darin besteht, daß mehrere starre rothe Borsten, die aus einer Warze aus seiner Nase emporschießen, der Reihe nach mit einer Pincette ausgezogen werden. Ich vermag nicht zu errathen, ob die Seufzer, welche er dabei ausstößt, ihm durch seine Sehnsucht nach der Ersatzbraut, oder die mit dem Ausrupfen verbundenen Schmerzen ausgepreßt werden. Die auffallende, mit den Nationalsitten ganz in Widerspruch stehende Annäherung eines anderen 125 gleichfalls nach Calcutta reisenden Seeoffiziers war mir anfangs räthselhaft, als er an mich aber die Frage richtete, ob ich auch Portraits male, hatte ich ihn verstanden. Durch meine verneinende Antwort war mir mit ihm ein Freund verloren gegangen. Fortan sprach er nicht mehr mit mir. Die Anfertigung seines Conterfei's wäre aber selbst für einen kundigen Portraitmaler überaus schwierig gewesen, denn die Brandynase war von einer Röthe und anomalen Form, daß der Künstler durch ihre naturgetreue Nachbildung sich am menschlichen Geschlechte zu versündigen fürchten mußte. Der unheimliche Kaffee-Plantagenbesitzer wird mit jedem Tag in sich gekehrter und packt seine Effecten; es mag ihm daran gelegen sein, zu Madras so rasch als thulich im Innern des Landes zu verschwinden. So sieht ein Mann aus, der etwas auf der Zeche hat, ein interessantes Object für psychologisches Studium, aber nur nicht als Schlafbursche und Stubengenosse. Unsere Fahrt verlangsamt sich mit jeder Stunde, der Nebel wird immer dichter, und auf der obersten Raa des Vordermastes müssen zwei Matrosen nach der Annäherung des Landes ausschauen. Das gräuliche Wetter hat drei Tage hindurch jede Beobachtung der Sonne verhindert, der Capitän und die Offiziere können nicht mit Bestimmtheit angeben, wo der Bengal sich befindet. Schiffstrümmer, denen wir von Zeit zu Zeit begegnen, dienen nicht zu unserer Ermunterung; in den Frühstunden des 26. December schwimmt eine zerbrochene Schaluppe vorüber. Um 9 Uhr ist endlich Land in Sicht und anderthalb Stunden später werfen wir dicht vor Madras Anker. Die Ankunft eines Dampfers ist für die Städte des 126 Orients ein gleich wichtiges Ereigniß, wie für unsere kleinstädtischen Stationen die Vorüberfahrt und Rast des Courierzuges. Der Bengal bleibt nur bis 5 Uhr Nachmittags auf der Rhede von Madras, das wissen die Eingeborenen und suchen daher die wenigen Stunden des Aufenthaltes der Passagiere nach Kräften auszubeuten. Der Dampfer ist von einem Getümmel von Böten umgeben, deren Ruderer und Steuermänner mit thierischen Stimmen nach dem Verdeck hinausbrüllen. So karg uns die Zeit des Urlaubs zugemessen war, wollte ich doch einen Blick in die Stadt werfen, und sah mich nach einem Boote zur Ueberfahrt um. Die Beschaffenheit der Küste und die dadurch bedingte furchtbare Brandung, nach Angabe der Seeleute die gefährlichste Asiens, macht eigenthümliche Einrichtungen nothwendig. Die Boote haben kein Gerippe, sondern bestehen nur aus zusammengenähten leichten und geschmeidigen Planken ohne hölzerne oder eiserne Nägel; dennoch sind sie im Stande, bis 30 Mann aufzunehmen. Die unaufhörlichen Schwankungen des Dampfers und des unförmlichen Bootes, das fortwährend gegen die Schiffswand prallt, ohne bei der Nachgiebigkeit des Materials Schaden zu leiden, gebieten einen kühnen Entschluß. Ein Sprung, und der Passagier befindet sich im Boote, nur sitzt er bis an die Ellenbogen im Seewasser. Unter heillosem Geschrei oder Gesang sucht die Mannschaft den Strand zu erreichen; hinten auf der höchsten Stelle steht der braune Steuermann, nur mit einer alten rothen Soldatenjacke, dem Zeichen seiner Würde, bekleidet. Von einer näheren Schilderung der Reize dieser Fahrt muß ich abstehen, doch habe ich auf ihr eine Vorstellung von der 127 Existenz der Krickente und ähnlicher rühriger Schwimmvögel gewonnen; nur über die eigentliche Landung zu schweigen, wäre unbillig. Das Finale der Brandung bilden dicht am Strande drei riesige Wogen, die aus unbekannten Gründen sich immer wieder erneuern. Die erste ging erbarmungslos über unsere Köpfe weg, die zweite warf das Boot um, die dritte endlich rollte uns Alle, Bootsmannschaft, Passagiere und Gepäck in den weißen Seesand hinauf. Ueber diesen Beförderungsprozeß kann ich mir heute keine Rechenschaft ablegen, da ich in einem Zustande vollständiger Betäubung ans Festland gelangte, ich erwähne nur der Vollständigkeit wegen das Factum. Hätte ich die Kosten der Ueberfahrt: vierzehn Schillinge (4 Thlr. 20 Sgr.) gespart, es wäre kein Unglück gewesen. An Madras ist nicht viel zu sehen. Eine Menge Opiumspeicher drücken der schlechtgebauten Stadt ein Brandmal auf, daneben stehen elende Matrosenkneipen und an kleinen englischen Kirchen ist kein Mangel. Befremdend war für mich der Anblick zahlloser Affen, die, auf den Dächern der Häuser ansässig, in die offenen Fenster stiegen und ungehindert das Inventarium des Innern untersuchten. Die schönsten öffentlichen Gebäude stehen an der Bai, doch befand sich nichts Erquickliches für ein Malerauge darunter. An einem Ausfluge in das Viertel der Engländer verhinderte mich die entsetzliche Hitze und die Nässe meiner Kleidungsstücke. In Betracht der nahen Rückkehr an Bord, hielt ich es nicht einmal der Mühe für werth, Rock und Leibwäsche zu trocknen, ich ließ mich in dem Gastzimmer des nächsten Hotels nieder und erquickte mich mit dem guten Wasser, womit Madras reichlich versehen sein soll. Durch das Fenster blickte ich auf 128 die Rhede, wo einige zwanzig Schiffe vor Anker lagen. Fünf derselben waren bei dem letzten Orcan entmastet worden. Mein Tischnachbar, ein englischer Seecapitän, schilderte mir Madras als einen der ungünstigsten Orte für Schifffahrt und Handel. In den Monaten October, November und December sei kein nach europäischer Bauart construirtes Boot im Stande, die Brandung zu passiren. Nach meinen eben gemachten Erfahrungen hatte ich keinen Grund, die Angaben des Capitäns zu bezweifeln. Er behauptete, zuweilen Wochen lang auf der Rhede von Madras vor Anker gelegen zu haben, ohne andere Verbindung mit der Stadt, als durch eine merkwürdige Sorte von Lazzaroni zu Wasser. Die Unmöglichkeit für den Einzelnen, in dem Ungestüm der tobenden Gewässer ein Boot zu lenken, und die Einträglichkeit des Erwerbes für kühne Schiffer, welche sich dazu hergeben, die Correspondenz zwischen Madras und den Postdampfern zu unterhalten, hat die Eingeborenen erfinderisch gemacht. Aus drei fest zusammengebundenen Ballen zimmern sie ein etwa zwölf Fuß langes Floß, auf dem der Schiffer mit einem Ruder in der Hand reitet. An den Handhaben aus biegsamem Geflecht hält er sich fest, wenn die Brandung das Unterste zu Oberst kehrt. Gegen die Sonne und das Sturzwasser wird sein Kopf durch einen spitzen Strohhut geschützt; die Briefe steckt er in eine um seinen Leib gebundene wasserdichte Strohtasche. So trotzen diese Seedienstmänner Wind und Wetter, ohne zu Schaden zu kommen, wiewohl die Gewässer von Madras von Hayfischen überfüllt sein sollen. Die Wasser- und Champagnerflaschen waren geleert, 129 der Capitän zog das Chronometer aus der Tasche und sagte: »Wenn Sie rechtzeitig an Bord kommen wollen, wird es Zeit sein, abzufahren!« Wirklich hatte die Mannschaft des Bootes schon auf mich gewartet. Vier übelriechende baumstarke Gesellen packten mich bei den Armen und Beinen, trugen mich wie einen Koffer ins Boot, die drei Sturzwellen gingen wie bei der Ankunft über uns weg, und in einer halben Stunde hatten wir die Schiffstreppe des Bengal erreicht. Um unberufene Eindringlinge fernzuhalten, standen an beiden Seiten derselben zwei Matrosen, die mit Nilpferdkantschuhen auf jedes nicht zum Dampfer gehörige Individuum losschlugen, aber, wie ich später vernahm, sich gelegentlicher Personalverwechselungen schuldig machten. Fünf Uhr Morgens am 27. December stachen wir wieder in See und steuerten in nordnordöstlicher Richtung in den bengalischen Meerbusen. Die zahllosen Möven und Seeadler, die uns anfangs begleitet hatten, kehrten bald auf die Rhede von Madras zurück und eine Stunde später setzte unser Dampfer seinen Weg in ungestörter Einsamkeit fort. Die alte Ordnung der Dinge und das unleidliche Benehmen der Damen kehrt wieder. Vormittags protestiren sie, wo sie einem rauchenden Herrn begegnen, gegen das abscheuliche Laster. Arrangiren wir aber Nachmittags auf unserem Rauchplatze, wohin kein weibliches Wesen gehört, Gesellschaftsspiele, so finden sie sich vollzählig ein und erheben nicht die geringste Einwendung gegen Cigarre und Pfeife. Aus Verzweiflung über die langweilige Gesellschaft legte ich mich zeitig zu Bett, nachdem ich vorher ein paar Neger unserer Schiffsmannschaft skizzirt, die nur aus 130 einem Oberkörper und sehr langen Armen bestanden, die Beine glichen an Kürze denen des Orangutangs. Am 28. December verbesserte sich das Wetter, die Sonne durchbrach die Wolken und die Passagiere beider Geschlechter versammelten sich unter dem Sonnenzelt. Ihr Aussehen ist in Folge der anhaltenden feuchten Hitze und der verdorbenen Luft der Cabinen, in welchen die Mehrzahl den ganzen Tag zubringt, äußerst verkommen, doch gewährt es meinem menschenfreundlichen Herzen einigen Trost, daß wir alle noch reputirlicher aussehen, als das Geflügel, welches auf unseren Tisch kommt und eines natürlichen Todes an Leberkrankheiten verblichen scheint. Die verdächtige Größe dieser Organe hält unsere Damen jedoch nicht ab, sich ihrer ohne Ausnahme zu bemächtigen. Die unangenehme Seefahrt verschlechtert selbst die Sitten. Mir fiel heute auf, daß mehrere Gentlemen zwar in elegantester Toilette und mit weißen Halsbinden, aber doch in Pantoffeln bei Tisch erschienen, und sich nicht entblödeten, in Anwesenheit der feinsten Damen laut und zudem falsch – zu pfeifen. Dieselben Gentlemen erheben sich erst von ihren Sesseln, wenn sie bis zum höchsten Pegelstande mit Madeira, Port, Brandy, Porter oder Ale angefüllt sind und kaum noch das Gleichgewicht behaupten können. Mein Schlafbursche hat mich in der letzten Nacht zweimal geweckt und mir die Photographie seiner Braut gezeigt. Er kam wiederholt auf ihr Embonpoint zurück, und versprach sich davon »Dauerhaftigkeit für die Tropen«. Nur ein abermaliger Ausbruch der Dysenterie verkürzte diese naturwissenschaftliche Abhandlung. Ein junges Ehepaar aus Hamburg, das sich an Bord befinden soll, habe ich noch 131 nicht zu entdecken vermocht. Hier affectirt Jedermann: Engländer von Geburt zu sein. Man kann nicht den ganzen Tag über in die Tiefe des Oceans und gen Himmel blicken, ich widme mich in der Verzweiflung der Langenweile dem Studium der vierfüßigen Reisegefährten. An Bord befinden sich nämlich ein aus dem himmlischen Reiche gebürtiger Köter und eine aus Bengalen stammende Katze. Ihre Unverträglichkeit zwingt den Steward, sie fortwährend getrennt zu halten, und jedem einen besonderen freien Tag zu gestatten. Heute am 29. December ist er zum Sitzen verurtheilt und in schlechter bissiger Laune; gestern saß Miesmies. Freigelassen begiebt er sich sogleich zum Koch und bettelt wedelnd um kalte Küche; sie befleißigt sich an ihren freien Tagen der Rattenjagd. Ueber meinen zoologischen Beobachtungen ist mir entgangen, daß der Capitän sich wieder mit meinem Handtuch abgetrocknet hat. Ich bitte den Steward um ein reines Exemplar und beschließe, es von jetzt an stets in der Rocktasche bei mir zu tragen. Allmälig lerne ich auch die an Bord befindliche Gesellschaft genauer kennen. Wir nähern uns Bengalen, dem Indigolande, und die Väter und Gatten der an Bord befindlichen Damen machen hauptsächlich in diesem einträglichen Artikel. An der Spitze steht eine heirathslustige steinreiche Indigo-Wittwe; ein bis auf das Skelett zusammengetrockneter Vater führt zwei blonde Indigo-Töchter nach Calcutta auf die Heirath. Schätzte ich die Freiheit nicht höher, als Reichthümer, ich könnte mein Glück machen, allein in diesem Klima habe ich auch den letzten Rest von Heirathslust eingebüßt. Unter den wenigen Deckpassagieren 132 ist es mir gelungen, eine höchst anziehende Bekanntschaft zu machen. So viel ich bei der Schwierigkeit, uns unter einander zu verständigen, herausbekommen habe, ist der alte Herr ein pensionirter russischer Hauptmann und hat sich eine Zeit lang in Sibirien dem Zobelfange gewidmet. Gewissensregungen ließen ihm dort keine Ruhe, er machte sich vor einem Jahre auf den Weg und pilgerte von Sibirien zu Fuß nach Jerusalem. Dort hat er am heiligen Grabe gebetet und zwar die Unruhe seiner armen Seele, aber nicht seine Reiselust verloren. Nachdem er fast meine bisherige Route zurückgelegt, beabsichtigt er, zu Fuß in seine russische Heimath zurückzukehren. Der originelle Tourist führt einen kleinen tragbaren Kochofen mit sich, dessen Schornstein nach dem Winde gedreht werden kann, und bereitet seine Speisen eigenhändig, wobei er gewöhnlich des Rauches wegen mit seinen Reisegefährten in Streit geräth. Er ist mit gesalzenem und gedörrtem Fleisch und Fischen versehen, die er in einem Blechnapfe mit Reis und Knoblauch gar kocht. Derselbe Napf wird gleich darauf, ohne vorher gereinigt zu sein, zur Anwendung einer grogartigen Flüssigkeit benutzt, die der Hauptmann »Champansky« nennt. Die englischen Passagiere haben auch ihn deshalb »Master Champansky« getauft. An großbritannischen Seitenstücken zu dem ehemaligen Zobeljäger fehlt es nicht an Bord des Bengal. Der Wäschevorrath eines jungen Weltumseglers besteht notorisch nur aus zwei bunten wollenen Hemden und zwei Bündeln weißer papierener Halskragen. Der Himmel erheitert sich, bei einer sanften Nordwestbrise ist die Temperatur nicht wärmer, als an einem 133 schönen Junitage in Deutschland, und nach langen Leiden erwacht wieder unsere Lebenslust. Mein Cabinengefährte geht mit der Photographie der Braut auf Deck umher und zeigt sie Jedermann, sämmtliche Albums werden ausgepackt, die Koffer der Damen hervorgeholt und die Galakleider besichtigt, der Capitän zieht schließlich das für seine Braut bestimmte goldene Armband hervor und berichtet zur Schilderung seiner lebhaften Neigung, daß er 26 Pfd. Sterling dafür bezahlt habe. In Erwartung des nahen Landes geht der Capitän des Bengal überaus bedachtsam zu Werke. Die Company hat im letzten Jahre drei ihrer besten Dampfer verloren, und allen Befehlshabern sind deshalb die äußersten Vorsichtsmaßregeln eingeschärft. Die ganze Nacht hindurch ist »gelothet« worden. Endlich am 30. December, 8 Uhr Morgens, bekommen wir die hier stationirte Brigg in Sicht, die jedem anlangenden Schiffe einen Lootsen zusendet. Der Jubel nimmt kein Ende, der Lootse erscheint mit weißen Glacéhandschuhen geschmückt, im schwarzen Frack auf Deck des Bengal und empfängt die Glückwünsche unserer Damen. Der Befehlshaber der Brigg mochte zwar den nüchternsten der unter seinem Commando befindlichen Lootsen ausgesucht haben, doch schien mir der Mann nicht ganz fest in seinen Schuhen zu stehen. Da er indessen mit sicherer Hand das Steuer ergreift, unterdrücke ich alle Besorgnisse und begebe mich auf das Vorderdeck, um die auftauchende Küste Bengalens und der Gangesmündungen zu beobachten. Das Delta des heiligen Stromes besteht bis zu einer Tiefe von drei- bis vierhundert Fuß aus angeschwemmter 134 schwarzer Dammerde, das Festland taucht daher nur nach und nach aus den Meereswogen auf, und gleicht Anfangs noch einem zähen Schlamme, der sich erst später verdichtet und mit einer, halb aus Seetang, halb aus grünen Pflanzen bestehenden Vegetation bedeckt. Um zehn Uhr haben wir den westlichen Arm des Ganges, den Hugly erreicht, und fahren stromaufwärts, ohne gleichzeitig die Ufer an beiden Seiten erblicken zu können. Mit jeder Minute entwickelt sich mehr Leben, wir kommen zunächst an einem Feuerschiff vorüber, große und kleine Dampfer schwimmen uns entgegen, der Spiegel des Hugly wimmelt von Fischerböten, die alle großen Beutestücke im Hintertheile der Böte aushängen und dadurch ungemein zur Belebung des Flußbildes beitragen, zur Rechten macht ein roth und weiß bemalter Leuchtthurm einen prachtvollen Farbeneffect, die Insel, auf der er errichtet ist, trägt den einladenden Namen der »Tigerinsel«, doch soll selbige auch eben so reichlich mit Alligatoren versehen sein. Tausend Schritte weiter sehe ich mich mit einiger Bangigkeit nach dem Lootsen um; der Bengal rauscht an einem gesunkenen Dreimaster vorbei, nur noch die Spitzen der Masten ragen aus der Strömung des Hugly hervor. Die schönen Reisegefährtinnen kümmern sich nicht um die Landschaft und die Marine, die Toilette für die Ankunft in Calcutta wird ausgesucht, und für die Herren ist unter dem Sonnenzelte kaum noch ein Plätzchen aufzutreiben. Das elende Diner wird heute nicht mehr sonderlich bekrittelt, auf den fabelhaften Sonnenuntergang, dessen Gluth mich für meine Vorräthe an »Cadmium« 135 besorgt macht, zumal das »Neapelgelb« nicht ausreicht, achtet ja nur ein Landschafter von Profession. Obgleich es erst 5¼ Uhr Nachmittags ist, werfen wir doch die Anker und die Eingeborenen erklettern die Seitenwände des Bengal, um uns die Früchte des Landes und Strohhüte anzubieten. Langsam treibt ein Leichnam vorüber, er schwimmt auf dem Rücken, und Brust und Unterleib des braunen Körpers, die aus dem Wasser um einige Zoll hervorragen, sind von der Sonne Indiens weiß gebleicht. Auf der Brust des Todten sitzt ein großer Asgeier und läßt sich seine Abendmahlzeit schmecken. Das ist die hiesige wohlfeile Methode, die Verstorbenen zu bestatten. Erst am Nachmittag des 31. Decembers sollten wir Calcutta selber erreichen, nachdem wir die letzte Nacht im sogenannten Diamantenhafen zugebracht. Von der Mündung des Hugly bis zu dem Gartenrevier Calcuttas sind nur 14 deutsche Meilen, aber das Tempo der Fahrt muß der häufigen Begegnung mit stromabwärts segelnden und dampfenden Schiffen halber verzögert werden. Die Schönheit der Vegetation an den fruchtbaren Ufern entschädigt den Touristen für den Aufenthalt. Die Gipfel der Talipot-, Cocos- und Dattelpalmen schwanken überall im Winde. Die Zollbeamten haben sich schon seit gestern an Bord eingefunden und unsere Gepäckstücke durchgeschnüffelt. Schwerlich wird man an den Grenzen Rußlands unmanierlicher behandelt. Mittags war die Toilette der Damen vollendet, der Verschluß der Koffer fällt ihren unglücklichen Männern und Vätern zur Last, und jede Schöne, gleichviel ob jung oder alt, will die erste 136 am Lande sein. Ich zählte über sechszig zusammen, dazu eine unbegrenzte Anzahl ungezogener, lärmender Kinder, und eine förmlich aus Koffern errichtete Citadelle. Es bleibt uns Männern nichts übrig, als den Damen den Vortritt zu lassen; ich ziehe mich weislich nach dem Steuerrade zurück und fülle die Zeit mit einer Skizze der Umgegend aus. 137 XI. Mein Neujahrs-Gratulant. Die Stadt der Paläste. Die schwarze Stadt. Gottlieb. Der Tausendfuß. Nach dem botanischen Garten. Der indische Elegant und sein Friseur. Der Ganges, das Grab der Gläubigen. Nach beendeter Ausschiffung war mein erstes Geschäft, in der Stadt umher zu fahren und ein Quartier zu suchen. Es vergingen zwei Stunden, ehe ich ein Unterkommen gefunden hatte. Vor den Thüren der drei anständig und nach europäischem Brauch eingerichteten Hotels wurde ich abgewiesen, sie waren größtentheils mit reichen Bengalen angefüllt, welche, in kleineren Städten ansässig, nach Calcutta gekommen waren, um an den Freuden der Saison theilzunehmen. Ich mußte zuletzt froh sein, von einem englischen Subalternbeamten aufgenommen zu werden, der seine ganze Wohnung in ein Boardinghouse umgewandelt hatte, und sich mit seiner Gattin, einer Portugiesin, wie die Wirthe in unseren Bädern und Sommerfrischen, in einem elenden Kämmerchen neben meinem Zimmer behalf. Ich bin im Erdgeschoß einquartirt, aber als Verschluß der Fenster sind keine Rahmen mit Glasscheiben, sondern nur Jalousien vorhanden, und, wenn ich diese nicht schließe, ist 138 der auf der Straße umherlungernde Pöbel im Stande, alles zu beobachten, was ich im Zimmer vornehme. Meine Feier des Sylvesterabends 1862 bestand in einer genauen Revision meiner Effecten, welche durch die Excursionen auf Ceylon und die Feuchtigkeit des Inselklimas unglaublich gelitten hatten. Die europäischen Lederkoffer befanden sich namentlich in einem trostlosen Zustande. Nach einer unruhigen Nacht, in der ich viel an meine ferne Familie dachte, setzte ich mich am 1. Januar vor die Thür und empfing die Gratulationen einer blauen Dohle. Das arme Geschöpf mochte mit Nahrungssorgen zu kämpfen haben, es schlug hilfeflehend mit den Flügeln und krähte mich jammervoll an; ich besaß nichts, weder zu seiner, noch meiner Erquickung. Erst mußte ein Diener gemiethet werden, der mir den Thee nebst Zubehör aus der Küche auf mein Zimmer brachte, denn von den Hausgenossen hielt sich keiner für verpflichtet, den neuen Miether zu berücksichtigen. Mit Hilfe der schwarzbraunen Frau Wirthin, die trotz ihres Portugiesenthums stark in das Eingeborene hinüberspielte, gelang es mir sehr bald, einen Boy zu engagiren. Die würdige Dame empfahl mir den jungen Mann angelegentlich, rieth indessen gleichzeitig, ihm auf die Finger zu sehen und keinen Koffer unverschlossen stehen zu lassen. Der erste Vormittag wurde mit der Besichtigung des englischen Stadttheils ausgefüllt, der, getrennt von der Stadt der Eingeborenen, unterhalb derselben am linken Ufer des Hugly liegt. Gemeinhin wird das specifisch englische Calcutta »die Stadt der Paläste« genannt, und in der That verdient der reiche Ort diesen prahlerischen Titel. 139 Der sogenannte Gartendistrict besteht aus einer Menge einzeln gelegener Villen, die von Blumen und Parkanlagen umgeben sind, deren einzelne den Raum kleiner Landstädte einnehmen. Oberhalb des Gartendistricts befindet sich die Esplanade mit dem Fort William, dem Palaste des Gouverneurs, der Stadthalle und einem Parke. Hier pflegt die Gentry Calcuttas in den kühleren Stunden des Tages frische Luft zu schöpfen. Cavaliere und schöne Damen tummeln ihre englischen Rennpferde und arabischen Hengste, der Nabob, in kostbare Shawls gehüllt, wiegt sich in einem von Gold strahlenden Londoner Phaeton, alle Touristen erscheinen vor dem Diner auf der Promenade; wir befinden uns auf dem Corso von Calcutta. Von der Esplanade und dem Hauptlandungsplatz aus erstreckt sich eine stattliche Strandstraße mit dem Zollhause und der Münze. Der majestätische Hugly ist mit einem Mastenwald englischer und amerikanischer Indienfahrer bedeckt, jeder Quadratzoll des Terrains verkündet die Capitale einer Nation von Eroberern und Großhändlern. Für die Bewässerung der Stadt ist durch künstliche Bassins gesorgt, deren es mehr als tausend geben soll. Zum Sprengen der Straßen bedient man sich jedoch des Hugly-Wassers, das eine Dampfmaschine aus dem Strome pumpt. Hinsichtlich des architektonischen Styles verdienen der Palast des Gouverneurs und die Stadthalle hervorgehoben zu werden; die Mehrzahl der Paläste oder Villen ist mit mehr Reichthum als Geschmack ausgeführt. Das Ganze gewährt ein grandioses Bild, das sich mit jeder Weltstadt Europas zu messen vermag. Je weiter nach Norden, desto zahlreicher werden die orientalischen Nüancen, bis endlich in »der schwarzen 140 Stadt« der indische Typus vollkommen überwiegt. Es wimmelt in allen Straßen von Kleinwaarenhändlern. Man hausirt mit englischen Kupferstichen und kölnischem Wasser, Rasir- und Federmessern, unechten Gold- und Silberwaaren, Uhrketten von Pferdehaaren, Dintenfässern und Würsten. Kehrt ein englischer Offizier oder Handlungsbeflissener nach Europa zurück, so verkauft er sein ganzes Mobiliar zu jedem Preise, es wird zerstückelt, die Trödler durchziehen nun mit Kommoden, Stühlen, Waschtischen u. dgl. m. auf dem Kopfe die Stadt, und jeder neue Ankömmling sucht auf dem Wege des Einzelkaufes sein Mobiliar zusammenzusetzen. Dem Zweck der Reise entsprechend sind meine Wanderungen meistens in die schwarze Stadt gerichtet. Sie bildet einen schneidenden Gegensatz zu dem englischen Hauptviertel. Die Paläste der indischen Großen, die einst hier residirten, sind seit der Schlacht bei Passy, in der (am 23. Juni 1757) Lord Clive der Herrschaft des Saubahdars von Bengalen, Suradsch u Dauleh, ein Ende machte und den Grund zum britischen Indien legte, in Trümmer gesunken, und in den Ruinen haben die armen Eingeborenen ihre Bambushütten errichtet. Einige derselben habe ich zu skizziren versucht, aber die Mehrzahl spottet jedes Griffels und Pinsels. Die Schweineställe norddeutscher Dörfer sind, mit ihnen verglichen, comfortable Aufenthalte. Ein Freund in Europa, dem ich später die flüchtige Skizze einer dieser Hütten schenkte, hielt sie für das Fragment einer zusammengeschossenen Barrikade. Der architektonische Kehricht ist mit Hunderten von kleinen Hindutempeln und Moscheen durchsetzt. Am Nachmittag des 1. Januar 141 machte ich in Gesellschaft eines Amerikaners, meines Hausgenossen, einen Ausflug nach Howrah, in der Nähe von Calcutta. Es fand dort zum Besten der Armen ein Fest statt, an dem sich auch mehrere Nabobs in ihrem prächtigen Nationalcostüm als Zuschauer betheiligten. Die Herren verstehen es, mit ihren Shawls sich malerisch zu drapiren. Die Vergnügungen bestanden in englischen Gesellschaftsspielen, elender Musik und schlechten kleinen Theatern. Der Unternehmer eines derselben machte auf eigenthümliche Weise Reclame für sein Institut. Vor dem Eingange war ein Mann aufgestellt, der durch den Ton einer Schnarre Zuschauer anlocken sollte. Die Größe dieses verführerischen Tonwerkzeuges machte jedoch eine eigenthümliche Maschinerie zu seiner Bewegung nothwendig. Sie bestand in einer Drehorgel, deren Kurbel die Schnarre in fortwährendem Umschwunge erhielt. Wenn der Inhalt des Stückes dem Tone des einladenden Instrumentes entsprach, kann ich die Zuschauer nur beklagen. Halb erstickt von dem dichten Staube, kehrten wir in unseren Palankins nach Calcutta zurück. Der Fremdenandrang scheint noch immer zuzunehmen, denn der Gouverneur beabsichtigt, demnächst einen großen Maskenball zu geben, und dergleichen Vergnügungen sind hier zu selten, um unbeachtet zu bleiben. Am 2. Januar unternahm ich einen Ausflug in das chinesische Viertel der schwarzen Stadt und freute mich an der rastlosen Thätigkeit der Bevölkerung. Sie beschäftigt sich überwiegend mit der Anfertigung von Schuhen und zeichnet sich auch durch ihre verhältnißmäßige Reinlichkeit vor den gemeinen Hindus aus. Es ist unmöglich, längere Zeit in Indien zu verweilen und nicht immer wieder auf 142 die Faulheit der Eingeborenen zurückzukommen. Ein europäischer Handwerker thut in einem Tage mehr, als zwölf Hindus in eben so viel Monaten. Glücklich ist der Mensch, der so viel zusammengebracht hat, um sagen zu können: » I do nothing. « Mein Boy dient mir bei meinen täglichen Menschenstudien als Modell. Er sucht mich auf alle mögliche Weise auszubeuten und betrachtet meinen Geldbeutel als die Basis seines künftigen Capitalbesitzes, doch vermisse ich bei seinen Finanzoperationen jene Pfiffigkeit, welche alle Ethnographen den Hindus zuschreiben. Da ich nicht dem verwerflichen Beispiel meines Nachbars, des Amerikaners, folgen kann, der rücksichtslos auf den Balcon und über diesen weg auf die Straße und Köpfe spuckt, hatte ich dem Boy den Auftrag ertheilt, einen Spucknapf zu kaufen und diesen mit drei Rupien (2 Thlr.) bezahlen müssen. Das gelungene Geschäft mochte »Gottlieb« – diesen christlichen Vornamen habe ich meinem Heiden beigelegt – ermuthigt haben; er bat sich heute viertehalb Rupien (2 Thaler 10 Silbergroschen) aus, um – Wichse zu kaufen. Auf die Gefahr hin, für einen Barbaren gehalten zu werden, bekenne ich offen, einen Augenblick hindurch in Versuchung geschwebt zu haben, Gottlieb selber, und zwar unentgeltlich, durchzuwichsen. Die entsetzliche Magerkeit des Menschen, die er mit allen seinen Landsleuten der untersten Kasten theilt, hielt mich zunächst davon ab. Da ich meine Briefschaften zur Post bringen mußte, übernahm ich persönlich den Ankauf der Wichse und ließ einen Fiaker holen. Die Tour nach dem Postgebäude, welches der stupide Kutscher erst nach halbstündigem Umherirren auffand, mußte incl. des Dolmetschers mit drei Rupien 143 honorirt werden, während ich für die Francatur meines Briefes nach Stettin nur 12½ Sgr. zu zahlen hatte! Das öffentliche Fuhrwerk Calcuttas ist im Allgemeinen jämmerlich und die Bespannung nicht viel bereitwilliger, als auf Ceylon. Die klimatischen Verhältnisse des östlichen Asiens scheinen auf die Entwickelung der Moralität bei Menschen und Thieren nachtheilig einzuwirken, eine Frage, die der Untersuchung der Physiologen und Psychologen anempfohlen sein mag. Die Pferde, der Regel nach Schimmel, werden auch hier roth bemalt, außer den Mähnen und Schwänzen färbt man den Leib mit großen runden Flecken und verbirgt dadurch die anderthalb Zoll hoch hervorstehenden Rippen der Klepper. Bei der absoluten Unmöglichkeit, in einem Hotel ersten Ranges unterzukommen, habe ich meine Wohnung für die ganze Zeit meines Aufenthaltes gemiethet, wenngleich ich jeglicher Bequemlichkeit entbehre. Mitten im Zimmer steht ein schmales, aus Holz geschnitztes Bett mit einer aus Kokosfasern gestopften steinharten Matratze und eben solchem Kopfkissen, die Moskitogardine ist zerrissen, das sonstige Mobilar besteht aus einem gebrechlichen Tisch, der nie abgewaschen, sondern nur mit Oel abgerieben wird, und zwei elenden Stühlen. Von Schränken, Kommoden, Haken zum Aufhängen der Kleider, Gardinen und Teppichen ist nicht die Rede. In Bezug auf die natürlichen Bedürfnisse bin ich so comfortabel eingerichtet, wie die Gefangenen der Stadtvoigtei und des Moabiter Zellengefängnisses, doch fühle ich mich insofern glücklich, als ich mehrmals am Tage von dem leidigen Inhalt des Gefäßes befreit werde. Da mein Gottlieb sich für entehrt halten würde, wollte ich ihm ein so 144 unheiliges Geschäft zumuthen, ist ein Angehöriger der niedrigsten Kaste damit beauftragt. Er hat bei der Ausübung seines Berufes aber darauf zu achten, vor den Thüren und in den Gängen des Hauses nicht mit dem Mitgliede einer höheren Kaste in Berührung zu kommen und führt daher die Existenz eines wehrlosen Thieres des Waldes, das bei dem geringsten Laute zusammenschreckt. Mir flößt das schattenhafte scheue Gebilde unsägliches Mitleid ein, wo ich seiner habhaft werde, reiche ich ihm ein gutes Trinkgeld. Dafür ist er nun nach seiner Weise erkenntlich. Alle Viertelstunden springt er kaum hörbar durch das stets offene Fenster in das Zimmer und stellt eine flüchtige Untersuchung an, ob er seinen amtlichen Verpflichtungen nachzukommen habe. Als ich mir neulich einen Scherz erlaubte und bei seiner Erscheinung laut in die Hände klatschte, sprang er entsetzt, wie ein angeschossener Hirsch in die Höhe, und zum Fenster hinaus. Ich habe den armen Menschen nie wieder in Schrecken gejagt. Desto frecher ist Gottlieb. Am Nachmittage des 7. Januar hatte er sich bis spät Abends nicht sehen lassen, als ich ihn nach der Ursache seines Ausbleibens fragte, gab er an, sein Vater sei gestorben. Nun war der Alte am Tage vorher frisch und gesund in unserem Hause gewesen und der plötzliche Todesfall schien unwahrscheinlich. Nach eingezogenen Erkundigungen erfuhr ich von der Wirthin, daß jeder ältere Verwandte von den Hindus »Vater« genannt werde, und es selbst häufig vorkomme, daß von bejahrteren Eingeborenen jüngere Geschwister als »Söhne« adoptirt würden. Nur ein »Vetter« Gottlieb's hatte in Folge der Dysenterie, des Landesübels, das Zeitliche gesegnet. Noch darf nicht 145 unerwähnt bleiben, daß Lichter in unserem Boardinghouse nicht geliefert werden. Nur Abends bringt Gottlieb eine qualmende Oellampe ohne Cylinder und Schirm als Nachtlicht in das Zimmer. Sie macht jedoch den wunderschönen Nachtschmetterlingen mehr Vergnügen als mir, da ich Abends aus Furcht vor Feuersgefahr lange nicht einzuschlafen vermag. Erst die Choralgesänge meiner frommen Wirthsleute in der angrenzenden Kammer beschwichtigen meine aufgeregten Lebensgeister. Die Einwohner der Stadt begeben sich in Ermangelung aller Unterhaltungen für die späteren Abendstunden zeitig zur Ruhe, doch geht es auf den Straßen lärmend genug zu. Sobald die Menschen sich entfernt haben, kommen die Schakale in die Stadt und machen den Raubvögeln den Fraß streitig; der Lärm der kämpfenden Bestien war oft haarsträubend. Zur Charakteristik unserer Verpflegung wird genügen, das Alter unseres Koches anzugeben. Der junge Vatel hat das vierzehnte Lebensjahr zurückgelegt und beabsichtigt, sich im nächsten Monate zu vermählen. Es muß eine Heirath aus Liebe sein, denn der Jüngling versalzt alle Gerichte. Nur eines Zebuhöckers, den unsere Wirthin eigenhändig gebraten, erinnere ich mich mit Vergnügen. Obgleich in allen Zimmern des Hauses an dem verschiedenartigsten Ungeziefer kein Mangel ist, kommen bösartige Insecten doch nur selten vor. Als der Wirth einen großen Tausendfuß entdeckt und todtgeschlagen hatte, wurde die ganze Hausgenossenschaft zusammengerufen, um das giftige Thier zu betrachten. Meine Hauptbeschäftigung besteht in der Betrachtung der Sehenswürdigkeiten Calcuttas und in Studienpromenaden; die Lage und Unbequemlichkeit 146 meines Zimmers verhindern fast alle häuslichen Arbeiten. An die zeichnenden Künste denkt man hier so wenig, daß ich ein verlorener Mann wäre, hätte ich mich nicht in der Heimath reichlich mit allen Maler-Utensilien versehen. In Calcutta ist nicht eine brauchbare Bleifeder, nicht ein Blatt Zeichenpapier aufzutreiben. Am 4. Januar habe ich einen Besuch im botanischen Garten abgestattet. Der Weg führt durch malerische Dörfer mit kleinen Tempeln, deren einer wie der andere aussieht; die Umgebung Calcuttas bietet sonst landschaftlich nur geringe Reize. Die unermeßliche Fläche gleicht auch hinsichtlich der monotonen Farbe einem Billard. Als wir über den Hugly gesetzt hatten, auf dem uns nicht weniger als vierzehn Leichname begegneten, deren einer mit dem Kopfe gegen das Boot stieß, und in den botanischen Garten gelangten, glaubte ich, auf einen anderen Planeten versetzt zu sein. Ein Banianenbaum ( ficus Indica ) war wohl das merkwürdigste Product der Vegetation, das ich jemals gesehen zu haben mich erinnere. Der Originalstamm konnte ungefähr 150 Fuß hoch sein, in einer Höhe von 70 bis 80 Fuß hatten sich gewaltige Aeste abgezweigt, von denen sich Ableger zu Boden senkten, die, wieder Wurzel fassend, zu baumartiger Dicke gediehen waren und der ganzen Ast- und Laubwelt als Stützen dienten, da der Hauptstamm, vom Blitze getroffen, ausgehöhlt war, und nicht mehr hinreichende Haltbarkeit besitzen mochte. Ringsum hingen seltsame Schlinggewächse als Drapirung herab; ich glaubte, mich in einem Zaubergarten aus Tausend und eine Nacht zu befinden. Wären die einäugigen Derwische oder die Fee Peribanu aus dem Gewirre der Zweige hervorgetreten, sie hätten mich nicht 147 weiter in Erstaunen versetzt. Noch erinnere ich mich einer seltsamen Palmengruppe mit schwarzen Dornen und einiger gewaltigen Tekbäume, des besten Schiffsbauholzes, das in Ostindien wächst. Dem botanischen Garten gegenüber liegt der Palast des letzten Königs von Oude . Er lebt von der ihm von den Engländern bewilligten Apanage, und hat ihnen nothgedrungen alle seine ehemaligen Hoheitsrechte abgetreten. Eine Wolke von Melancholie lagerte auf der Stirn des jugendlichen Prinzen, der eben einen Spazierritt unternehmen wollte, als ich mich der Pforte seines Palastes näherte. Am Tage darauf besichtigte ich das Museum, und bedauerte die mangelhafte Aufstellung und sonstige Vernachlässigung der ausgezeichneten Exemplare von ausgestopften Säugethieren. Man fühlt schmerzlich heraus, daß die Wissenschaft in dieser Stadt noch nicht Sitz und Stimme erworben hat. Eine Sammlung antiker indischer Götzenbilder, darunter menschliche Figuren mit Elephanten- und Krokodillenköpfen, und wieder Elephanten und Krokodille mit Menschenhäuptern, waren noch am besten aufgestellt und rein gehalten. In den Straßen Calcuttas überstürzten sich Handel und Wandel; die Opium-Auctionen hatten für dieses Jahr (5. Januar) begonnen, und Birmanen, Perser und Chinesen waren von allen Seiten zum Ankaufe des narkotischen Giftes herbeigeeilt. Die Ufer des Ganges bis Benares hinauf sind mit Mohn-Pflanzungen bedeckt, aber das Opium ist, gleich dem Taback in Oesterreich und Frankreich, ein Monopol der Regierung, und jeder Landbauer muß ihr seinen Ernteertrag zu einem bestimmten Preise überlassen. Gegen Abend nach dem Abschluß der Geschäfte spielen die 148 Engländer auf der Esplanade ihr beliebtes Cricket und gießen dabei unglaubliche Mengen Brandy hinab. Der Fremde thut wohl, dem Gedränge fern zu bleiben, wenn er sich nicht verschiedenen Unannehmlichkeiten aussetzen will. Meine Neugierde, das Spiel näher kennen zu lernen, wurde durch mehrere mörderische Rippenstöße und einen Ball bestraft, der mir an den Kopf flog. Um Entschuldigung wird nie gebeten. Ungleich höflicher sind die Civil-Subalternbeamten, die niedrigeren Chargen des Militärs und die Seapoys. Sie grüßen und machen die üblichen Honneurs, wo ich Einem von ihnen begegne. Meinem Schnurr- und Backenbarte nach halten sie mich vermuthlich für einen Offizier im Civilrock. Um noch der sonstigen Vergnügungen Calcuttas zu gedenken, habe ich der Wettrennen, so wie der Hunde- und Affenausstellungen Erwähnung zu thun. Besonders geschätzt sind bissige Hunde. Ein in diesem Punkte höchst anrüchiger Köter erhielt den ersten Preis, den er seiner sonstigen Eigenschaften wegen offenbar nicht verdiente. Der Wetteifer in Equipagen und Bespannung, Toilette und Livreen ist das Hauptvergnügen der Geldaristokratie der indischen Hauptstadt. Juweliere, Gold und Silberarbeiter machen daher enorme Geschäfte. Alle Luxusgewerbe steigern demgemäß ihre Preise. Der englische Friseur, bei dem ich meine Haare schneiden ließ, nahm mir dafür drei Rupien ab. Als ich mir eine bescheidene Einwendung erlaubte, erwiderte der maulfertige Haarkräusler sehr treffend: »Glauben Sie etwa, ich sei nach Calcutta gekommen, um die Luft zu genießen?« Ich schwieg und zog die Börse. Wer sich nicht leicht vom Gelde trennt oder nicht reichlich damit versehen ist, thut 149 wohl, Calcutta zu meiden. Um auch mit besseren Kreisen der Eingeborenen in nähere Berührung zu kommen, besuchte ich außerdem täglich irgend einen indischen Friseur und ließ für eine Kleinigkeit meine Haare ordnen. Diese Ateliers wurden mir jedoch verdächtig, als ich entdeckte, daß die indischen Gentleman sich nur einfanden, nicht um frisirt, sondern um von Ansiedlern befreit zu werden, welche in unserer gemäßigten Zone gemeinhin die Köpfe der Erwachsenen nicht behelligen. Der europäische Dandy läßt sein Haar brennen, der indische Elegant läßt sich zur Erfrischung lausen. Auf diesen Spaziergängen zeichne ich, wo ich ein malerisches Object antreffe, doch ist die Ausbeute im Ganzen nur gering. Mir liegt weniger an Architektur, als an landschaftlicher Natur, und mit dieser ist Calcutta im Vergleich mit anderen Städten Asiens stiefmütterlich bedacht. Ungeachtet mehrerer Empfehlungsbriefe, bleibt mir die hiesige Gesellschaft verschlossen, die Chefs mehrerer Häuser, in deren Comptoirs ich die Schreiben abgab, erklärten sich bereit, mir alle möglichen Dienste zu leisten; eine Cigarre, ein Glas Wasser hat keiner von ihnen mir angeboten. So ging es mir mit dem Consul Mr. Kilburn, so mit einem Großhändler in Opium und Indigo. Nachdem ich den mit stattlichen Monumenten aus Marmor und Sandstein bedeckten Kirchhöfen der Engländer einen Besuch abgestattet hatte und durch die Jugend der meisten Verstorbenen in Schrecken und Betrübniß versetzt worden war, entschloß ich mich endlich, die Begräbnißstätten der Hindus aufzusuchen. Man verstehe mich nicht falsch. Es handelt sich nicht um Gottesäcker im jüdischen, christlichen 150 und muhamedanischen Sinne; die Bekenner des Brahmanismus kennen nur Vorbereitungsstätten der Bestattung. Der Ganges ist nach ihrer Vorstellung eine unmittelbare Emanation Brahmas, also nebst allen Nebenflüssen des Deltas, ein heiliger Strom. Wer in seinen Fluthen stirbt, ist über alle ferneren Wiedergeburten erhaben und kehrt in den Schoß der Gottheit zurück. Arme Leute tragen ihre unheilbaren Kranken und siechen Alten daher an die Ufer des Hugly und setzen sie so nahe an den Rand des Wassers, daß die nächste lebhafte Welle sie hinabspülen muß. So lange die Sonne hoch steht, verweilen sie bei ihnen und zerstreuen sie durch Gespräche, bricht die Dunkelheit herein, so füllen sie Mund, Nase und Hände der Sterbenden mit dem Schlamme des Ganges, schieben sie sanft in das Wasser und entfernen sich ohne weiteren Abschied. Eine Menge geflügeltes Raubzeug hat schon lange auf die gute Beute gewartet und folgt jetzt krächzend dem stromab schwimmenden Körper, um darauf zu stoßen, sobald er den letzten Athemzug ausgehaucht hat. Die wohlhabenderen und reicheren Inder, zumal die Angehörigen der höheren Kasten, der Brahmanen und Krieger, sollten bei der Bestattung ihrer Familienmitglieder mit mehr Ceremonien zu Werke gehen, wie man mir gesagt hatte, und ich war begierig, Augenzeuge derselben zu sein, doch weigerte sich Jeder, mich dorthin zu begleiten. Gottlieb, als ich ihm diesen Gang zumuthete, kündigte mir förmlich den Gehorsam auf, und wies mit Gebehrden des Abscheus das Goldstück zurück, das ich ihm als Extravergütigung anbot. Es blieb mir nichts übrig, als den mißlichen Weg allein anzutreten. Verirren konnte ich mich nicht, ein alter 151 Portugiese, mein Begleiter auf den meisten abendlichen Spaziergängen, hatte mir den Rath ertheilt, nur der Nase und dem Brandgeruch nachzugehen. In den Nachmittagsstunden des 8. Januar trat ich meine Wanderung gen Norden der schwarzen Stadt an. 152 XII. Die Bestattung der Todten. Aasgeyer statt Nachtigallen. Tragbare Tempel. Prussia und Persia. Nach Benares. Station Jumalpora. Exercierübungen der Seapoy's. Indische Backhähndl. Durch Patna. Ankunft bei Nacht. Meine Pilgerfahrt wurde durch das herrlichste Wetter begünstigt, etwa nach einer Stunde war ich am Ziele angelangt; ein Irrthum war nicht möglich. Der unheimliche Geruch sengenden Fleisches, der aufsteigende Rauch, die hohe Mauer, alles stimmte überein; ich befand mich an dem ersten der sogenannten Begräbnißplätze. Niemand verwehrte mir den Eintritt, und ungehindert durfte ich alles in Augenschein nehmen. Wie gesagt, es umgiebt eine ziemlich hohe Mauer jeden dieser Plätze und entzieht die dortigen Vorgänge dem Auge der Vorübergehenden. Sie sind immer hart am Ufer des Hugly gelegen und eine steinerne Treppe führt von der Wasserseite aus in den Strom. Ich war darauf vorbereitet, nichts den Friedhöfen anderer Religionen Aehnliches zu finden, dennoch befremdete mich der unheimliche Anblick über alle Maßen. Auf unseren Gottesäckern erschallen aus blühenden Gebüschen die Stimmen der Singvögel, die, durch die Scheu vor den Todten vor 153 Frevlerhänden geschützt, ein friedliches Leben führen, duftende Linden beschatten wohlgepflegte Grabhügel und überall begegnet der nachdenkliche Wanderer erhebenden Symbolen tiefer Sehnsucht nach einem anderen, den Idealen unseres Geistes entsprechender geordneten Dasein; hier fand ich nichts als eine wüste Brandstätte. Auf der Mauer saßen, statt Nachtigallen und Grasmücken, riesige Aasgeier, die schönsten Exemplare, die mir je zu Gesichte gekommen, und warteten philosophisch gelassen, bis die Reihe an sie käme, sich an der Bestattung der verstorbenen Hindus zu betheiligen. Eben wurden acht Todte verbrannt. Nach dem Umfange des Scheiterhaufens zu urtheilen, hatte man dazu nicht mehr Holz angehäuft, als eben zur Verkohlung der Leichen hinreichte. Der aus alten Balken und Brettern errichtete Holzstoß mochte drittehalb Fuß hoch und sieben Fuß lang sein; an der Abschätzung der Breite wurde ich durch die Anwesenheit der Leidtragenden verhindert. Die Todten lagen sämmtlich auf dem Bauche, und mehrere Leichencommissarien, wenn man mir diesen Ausdruck nachsehen will, waren beschäftigt, mit langen eisenbeschlagenen Stangen in der Gluth umherzustochern und das Holz, so wie die menschlichen Ueberreste, im regelmäßigen Brande zu erhalten. Mehrere, schwärzlich calcinirte Stücke wurden bei Seite geschoben, um später mit der feineren Asche der verbrannten Körper vereinigt in den Hugly geschüttet zu werden. Die Hinterbliebenen saßen, in einem Kreise zusammengekauert, um den Scheiterhaufen, kauten Betel, oder rauchten aus Wasserpfeifen und plauderten. Im Vergleich mit der gewöhnlichen, überaus ernsthaften Haltung der Hindus, schienen sie sich sämmtlich in einer aufgeweckteren 154 Stimmung zu befinden, und durch die guten Aussichten ihrer verstorbenen Angehörigen, durch das beobachtete Verfahren Brahma für immer assimilirt zu werden, zu lebhafterer Unterhaltung angeregt zu werden. Jenseits des Scheiterhaufens führten zwei Leidtragende eine barbarische Musik auf, doch verhinderte mich der dichte braungelbe Qualm, die Instrumente zu erkennen. Nicht alle vorhandenen Leichen wurden mit gleicher Sorgfalt zur Bestattung vorbereitet. Man begnügte sich, mehrere an lange Stangen zu binden und langsam ins Wasser zu schieben. Die auf der Mauer sitzenden Aasgeier mochten übersättigt sein, sie rührten sich nicht, aber die bis dahin in einiger Entfernung auf Bäumen an der Landstraße lauernden Adler, Falken und Krähen machten sich gleich auf und begleiteten unter gräulichem Lärm den stromab schwimmenden Leichnam, bis die stärksten von ihnen sich seiner bemächtigt hatten. Eine Mittelklasse bestand in den Leichen, deren Gesichter nur bis zur Unkenntlichkeit am Feuer entstellt worden. Mehrere lagen schon, zur Bestattung zugerichtet, mit verunstalteten Gesichtern da, mit der Leiche eines Hinduknäbchens war man eben beschäftigt. Der Tod hatte die Züge des schönen Kindes kaum verändert, sie glichen denen eines Schlafenden. Als der schwarzbraune Kerl das feine Gesichtchen in die Lohe schob, wandte ich mich voll Abscheu zur Seite. Meine Gefühle waren der widerlichen Scene nicht gewachsen; ich verließ den Platz. Auf der angrenzenden Stätte zählte ich zwanzig Todte auf einem Scheiterhaufen, doch waren die Umrisse nur noch nothdürftig zu unterscheiden. Eine geringere Anzahl lag mit verbrannten Gesichtern hart am Wasser. Ein Körper 155 war ausnahmsweise mit einer dicken Matte bedeckt, und eine freche Krähe bemühte sich, ungeachtet der anwesenden Menschenmenge, die Matte hinabzuziehen. Der entsetzliche Geruch, wie die vereinte Hitze der indischen Sonne und der Scheiterhaufen vertrieben mich auch von hier, doch kam ich nicht davon, ohne an einen der Leichenwächter ein Trinkgeld gezahlt zu haben. Ich war froh, mich so billig mit den Herren abzufinden; ihre Gesichter versprachen mir nicht viel Gutes. Nachdem ich zur Stärkung meiner gefolterten Geruchswerkzeuge eine Cigarre angezündet, begab ich mich auf den Rückweg. Seit drittehalb Stunden war ich keinem europäischen Gesichte mehr begegnet. Die schwarzbraune Bevölkerung that mir zwar nichts zu Leide, aber Alles starrte mir finster und feindlich ins Gesicht. Selbst die herrenlosen Hunde, die auch hier, wie in allen Städten des Orients, in zahlloser Menge auf den Straßen umherlungerten, äußerten unumwunden ihre nationale Antipathie gegen mein weißes Gesicht. Zu feige, um einen Angriff zu wagen, der bei der Nilpferdpeitsche in meiner Rechten bedenkliche Folgen für sie hätte haben können, bildeten sie einen weiten Kreis um mich, der mir allerdings näher hinten auf den Fersen folgte, aber desto weiter vor mir zurückwich und meine Promenade mit einem aus Drohungen und Besorgnissen gemischten Geheul begleitete, zu dem ich bisweilen durch einen Peitschenhieb den Tact angab. Erst in etwas wohlhabenderen Straßen zogen sie sich tactvoll zurück. Mir begegneten heute unter anderen zwei kleine tragbare Hindutempel, die unter der Obhut ziemlich beleibter Priester durch die Straßen transportirt und immer für 156 einige Zeit an geräumigeren Orten aufgestellt wurden. Die darin sitzenden Götzen hatten, ich weiß nicht, ob zur Bezeichnung ihrer Bereitwilligkeit zu geben, oder – zu empfangen, stets vier Arme und Hände. In Betreff der begleitenden Priester mußte ich das letztere annehmen. Der Vorsteher dieses fliegenden Cultus streckte unaufhörlich die Hände aus und entwickelte zugleich einen ungeheuerlichen Appetit. Die Gläubigen belohnten ihn nach Verrichtung ihres Gebets meistens mit einigen Händen voll gekochtem Reis, den der fromme Mann ohne Verzug zu sich nahm. Vor den kleinen Tempeln standen Näpfchen mit weißer und rother Farbe, auch waren winzige Spiegel an der Vorderwand befestigt. Die Betenden tauchten schließlich die Pinsel in die Farben und erneuten damit die Abzeichen ihrer Kaste, die jeder Indier in das Gesicht zu malen pflegt. Ferner bemerkte ich, daß sie regelmäßig aus Schalen mit Wasser, in denen gelbe Blumenkelche schwammen, ganz kleine grüne Blättchen auffischten und in den Mund steckten. Weiterhin gerieth ich in Versuchung, mir einen Affen zu kaufen. Das zierliche Thierchen, dessen intelligentes Gesicht und feine Händchen etwas Menschenähnliches zeigten, wurde mir für eine Rupie angeboten. Ich wies es mit Bedauern zurück, denn es wäre unzweifelhaft auf meiner ferneren Reise zu Grunde gegangen, oder hätte mich doch in die größte Verlegenheit gesetzt. Der Termin meiner Abreise nach Benares rückt heran; doch hat es seine eigenthümlichen Schwierigkeiten, die Zeit des Abganges der Eisenbahnzüge zu erfahren. Irgend ein gedruckter Reiseanzeiger ist nicht aufzutreiben, und unter den Personen, die ich gefragt habe, vermag Niemand mir 157 genügende Auskunft zu ertheilen. Es wird nichts Anderes übrig bleiben, als nach dem Bahnhofe zu fahren und dort Erkundigungen einzuziehen. Bei der weiten Entfernung desselben von der fashionablen Stadtgegend Calcuttas kann die Expedition wenigstens vier Thaler kosten. Inzwischen packte ich meine Habseligkeiten und übergab sie bis zu meiner Rückkehr an Mr. Whitehall, einen der Gentlemen, an die man mich empfohlen. Bei meinem Banquier, wo ich der Vorsicht wegen einen Reservefonds von 50 Pfd. Sterling erhob, traf ich mit einem reichen Nabob zusammen, dessen geographische Schnitzer mich höchlich ergötzten. Er sprach ziemlich fertig Englisch, wir brachten also eine erträgliche Unterhaltung zu Stande. Seine geographischen Kenntnisse gingen indeß nicht über »Persien« hinaus. Als ich ihm auf seine Frage, woher ich stamme, antwortete: aus » Prussia, « antwortete er: » o yes, Y know Persia! « Ich nannte Berlin, dann » Russia « als Grenzland, die Antwort lautete immer nur: » Prussia? Russia? yes Persia, Y know! « eine Verständigung war nicht möglich, was gen Westen über Indien hinaus ging, galt in seinen Augen stets für einen Gebietstheil von Persien. Der arme, von Goldstickereien starrende, in einen unschätzbaren rothgrauen Shawl gehüllte Mann litt in Folge des langjährigen Betelkauens an einer Krankheit des Zahnfleisches, die mir die fernere Unterhaltung mit ihm verleidete. Ohnehin von Kopfschmerzen gemartert, zog ich mich auf die Straße zurück, um noch einmal gründlich von den Mosquitos geplagt zu werden. Das Blut der Weißen muß ihnen vorzugsweise munden. So oft ich allein oder in Gesellschaft von Europäern ausging, bildeten diese 158 Quälgeister nach Art unserer Mücken eine über und mit uns wandelnde Heersäule, die, unter fortwährenden Angriffen uns umschwärmend, erst vor dem Quartier von uns schied. Heute konnte ich mich schlechterdings ihrer nicht erwehren; sie drangen mir in Nase und Ohren. Ich befand mich in der übelsten Laune, und das Gespräch eines englischen Arztes, der mich eine Strecke weit begleitete, war eben nicht geeignet, meinen Humor zu verbessern. Wie wir auf das Gesprächthema kamen, weiß ich heute nicht mehr, doch setzte mir der gute Mediciner des Breiteren auseinander, daß in Calcutta die zweite europäische Generation nicht mehr fortpflanzungsfähig sei, wenn sie die kritischen Jahre der Entwickelung in dem Klima Indiens und nicht in Europa, respective England, verlebt habe. So weit meine Erfahrungen über den nachtheiligen Einfluß des Klimas auf den menschlichen Körper reichen, habe ich mich vorzüglich über seine leidigen Einwirkungen auf die Gehirnthätigkeit zu beklagen. Die Kopfschmerzen, mit denen ich fortwährend zu kämpfen habe, sind mit einer Zerstreutheit verbunden, die mich zuweilen wahre Thorheiten begehen läßt. In den ersten Tagen meines Aufenthalts in Calcutta brachte Gottlieb die frischgeputzten Stiefel in das Zimmer, während ich meine Haare vor einem kleinen Handspiegel ordnete. Er setzte sie neben den Sessel und entfernte sich. In diesem Augenblicke entstand eine unerklärliche Verwirrung meiner Vorstellungen. Ich verwechselte Stiefel und Spiegel, betrachtete Gesicht und Schnurrbart prüfend in Ersteren, und bemühte mich mit allem Ernste, den Spiegel über den Fuß zu ziehen. Alles das that ich in vollem Bewußtsein seiner Ungereimtheit, aber ohne die moralische Fähigkeit: der Tollheit ein Ende zu machen, und unter einem unsäglichen Wehgefühl, das nur mit dem Uebelbefinden während der Seekrankheit verglichen werden kann. Einige Stunden tiefster Ruhe auf meinem steinharten Lager stellten mich wieder her. Der unverbrüchliche Ernst aller Eingeborenen und Einwanderer muß mit den niederdrückenden Einflüssen des Luftkreises zusammenhängen. Um sechs Uhr Morgens am 10. Jan. weckte ich meinen Diener, berichtete die Rechnung und fuhr nach der Eisenbahn, wo ich um halb acht Uhr anlangte und ein Billet bis Jumalpora löste. Am Abend des nächsten Tages sollten wir in Benares eintreffen. Der Zug bestand wesentlich aus einem Militärtransport, ein Umstand, der nicht zu den Reiseannehmlichkeiten gehört und die Passagiere zwang, sich hinsichtlich der Besetzung der Coupés einzuschränken. Ich war in eine Gesellschaft Engländer gerathen, die sich sehr bald als Sonntagsjäger auswiesen und gleich ihren Collegen auf unseren Eisenbahnen keinen Busch vorbei ließen, ohne eine unglaubliche Jagdgeschichte daran zu knüpfen. Sie badeten auf ihren Jagdausflügen die Hände in dem Blute der bengalischen Tiger und Leoparden, den Schakal hielten sie nicht eines Schusses Pulver für würdig. Von der Erlegung eines Alligators, einer Boa, sprachen sie so beiläufig, wie unsere Jagdliebhaber von einer erlegten Krähe. Als wir in Burdwan hielten, entfernten sich zu meinem größten Vergnügen die heillosen Lügner. Sie beabsichtigten die prächtigen Besitzungen des dort ansässigen reichen Rajah, seinen Palast, den von einem herrlichen Park umgebenen See und die großartigen Menagerien, die Liebhaberei des Rajah, zu besuchen. 160 Die Eisenbahn führt anfangs durch einen Wald von Cocos- und Fächerpalmen, Mangos und Banien, auch an Bambusröhricht ist kein Mangel, später zieht sie sich durch Sumpfgegenden. Wir rollen über weite Flächen, dicht bewachsen mit fünfzehn Fuß hohem Schilf und gleich hohem Rohr mit schönen weißen Blüthen, dann wieder Meilen weit zwischen Reisfeldern und Zuckerrohrpflanzungen. Die Gewässer sind durch Pelikane und sechs Fuß hohe Reiher belebt, ungerechnet der Geschwader kleinerer Sumpfvögel. Es ist ein entzückender Anblick, die bunten kleinen Papageien, wie unsere Sperlinge, auf den Telegraphendräthen sitzen zu sehen. Wenn der Zug über die eiserne Brücke eines morastigen kleinen Flusses hindonnert, blickt zuweilen der mürrische Schädel eines aus dem Schlafe aufgeschreckten Alligators hervor. Die gesammte geflügelte Fauna hat sich allem Anschein nach rasch genug an den Lärm der vorüberrasselnden Züge gewöhnt. So geregelt das Bahnwesen sein mag, hie und da kommen doch befremdliche Erscheinungen vor, welche keine europäische Direction dulden würde. Wir fuhren z. B. an einer eingesunkenen, vor zwei Monaten unter einem Frachtzuge zusammengebrochenen Brücke vorüber. Ein Verlust von Menschenleben ist nicht zu beklagen gewesen, und so hatte man nicht einmal der Mühe für werth gehalten, die Trümmer der zerschmetterten Güterwagen aufzulesen. Ich sah ihrer noch acht bis zehn am Wege liegen. Um vier Uhr Nachmittags kamen wir an eine Militärstation und nahmen Kohlen und Wasser ein. Etwa fünfhundert Mann campiren hier unter Zelten in einem befestigten Lager. Eine kleine Abtheilung von rothröckigen Seapoys mochte zu dieser ungewöhnlichen 161 Stunde zum Nachexerciren verurtheilt sein. Sie standen in der Nähe der Eisenbahn aufmarschirt, und die Commandoworte des Offiziers schallten laut herüber. » Telchun! « ( Attention Achtung!) » Furjunt ram! « ( Present arms! Präsentirt das Gewehr!) » Cholda ram! « ( Shoulder arms! Gewehr auf Schulter!) » Khure ruho! « (Halt!) Ein Nabob in mittleren Jahren, der in Burdwan eingestiegen war, sah zu den Exercirübungen scheel drein, diente mir aber dennoch als Dollmetscher. Die Haltung der Truppe war bei der drückenden Temperatur des Tages straff und elastisch zum Verwundern. Hinter der Eisenbahnstation fuhren wir auf eisernen, scheinbar für die Ewigkeit gebauten Brücken über mehrere große Nebenflüsse des Ganges, die in dieser Jahreszeit ziemlich wasserarm waren. Neben einer der Brücken beobachtete ich eine eigenthümliche Art des Fischfanges. Zwei Indier, mit ziemlich langen Bambusstäben und einem kleinen, an einem Stiel befestigten Netze versehen, standen bewegungslos bis an die Knie im Wasser. Näherte sich ihnen ein Fisch, so tödteten oder betäubten sie ihn durch einen Schlag mit dem Bambusrohr und fischten ihn rasch mit dem Netze auf. Dem in einem Rohrkober aufbewahrten Fange nach, war die Beute ansehnlich genug. Kurz vor Sonnenuntergang hielten wir in einem kleinen Orte Nulhatee. In der Umgebung der Station hatten achtzehn Elephanten ihr heutiges Tagewerk vollendet. Sie wurden ausgespannt, standen vor ihren bunten Wagen und erhielten ihre Abendration. Noch mit rothem goldumsäumten Decken 162 behangen, blickten sie nicht ohne Stolz auf uns abgespannte Eisenbahnpassagiere, und machten allerlei telegraphische Zeichen mit den Rüsseln. So viele mächtige Thiere dieser Gattung, die noch im Besitz ihrer glänzenden Stoßzähne waren, hatte ich bis dahin nicht beisammen gesehen. Mein Coupégenosse besaß für einen Inder eine ganz ungewöhnliche Bildung. Er gestand mir, daß er von Preußen viel gehört, erwähnte der Berliner Universität, und nannte die Hauptstadt eine »Quelle der Gelehrsamkeit«. Habe ich ihn nicht mißverstanden, so lispelte er sogar etwas von »Sanskrit.« Fast den ganzen Tag über hatte uns im fernen Süden und Südwest ein blau schimmernder Gebirgszug begleitet, erst in der beginnenden Dunkelheit entschwand er unseren Blicken. Der Zug hatte sich auf Grund des Militärtransportes um drei Stunden verspätet. Seit zehn Uhr Vormittags hatten wir nichts zu essen bekommen, die indischen Touristen waren sogar durch die Vorschriften ihrer Kaste gezwungen gewesen, auf das dargebotene Getränk zu verzichten; jetzt durften wir Alle uns schadlos halten. Ein aus dem Hühnerstall erschallendes gräßliches Gekreisch erinnerte mich an österreichische Gasthäuser und ihre »Backhähndl«; ich hatte mich nicht geirrt. Noch war keine halbe Stunde verflossen, als der Braten auf dem Tische erschien. Aus den derben Bartstoppeln auf seinem runzeligen Fell und dem massiven Knochengebäude erhellte, daß der Koch einen der ältesten Insassen des Hühnerstalles unserem Heißhunger als Opfer dargebracht hatte! es war ein schändlicher Mord gewesen. Wenige Tage später wäre der gewaltsam erwürgte Hahn auf natürlichem Wege an Altersschwäche zu Brahma heimgegangen. Ich legte Messer und 163 Gabel, auf das Mahl verzichtend, bei Seite, und zog mich in das elende Loch zurück, das man mir als Schlafzimmer angewiesen hatte. Es stand noch ein zweites Bett darin, und wirklich erschien um zwei Uhr ein Engländer und warf sich auf dasselbe, nicht um zu schlafen, sondern um in clairvoyantem Zustande mit Armen und Beinen um sich zu schlagen, Flüche und Jammerlaute auszustoßen. Der Unglückliche, dessen Tigergebiß mir schon bei Tisch aufgefallen war, mochte zu viel von den sterblichen Ueberresten des gemeuchelten Hahnengreises zu sich genommen haben. Um fünf Uhr, noch in tiefer Dunkelheit, machte sich der Zug wieder auf den Weg. Nicht weit hinter Jumalpora beginnt ein Tigerdistrict, und ich brauche wohl nicht ausdrücklich anzuführen, daß meine neben mir sitzenden Reisegefährten sich gegenseitig wieder in Lügen überboten, doch machten bei ihren Erzählungen von geraubten Menschen auch mich die zahlreichen großen Wachtfeuer stutzig, die wir nah und fern im nächtlichen Gefilde bemerkten. Auf den europäischen Nachtzügen hört der schlaftrunkene Passagier höchstens den leisen Klang einer fernen Kirchglocke, den Hahnenruf in einem Bauernhofe, an dem die Wagen vorüberbrausen, hier, als der Zug sich in eine Palmenwaldung vertiefte, erschreckte uns plötzlich ein bestialisches Gebrüll; die Locomotive schien das nächtliche Thierleben durchkreuzt zu haben. Die Hitze des vergangenen Tages und der durch die Erschütterung verursachte Leidenszustand des Nervensystems, der Hunger und die schlaflose Nacht hatten meine Kräfte erschöpft. Alles erschien doppelt vor meinen Augen; ich schloß sie resignirt und lehnte mich schweigend in die Ecke. Um 10 Uhr Vormittags wurde mir etwas wohler, wir 164 kamen durch eine waldige Gebirgsgegend in ein meilenweit mit Reis gepflanztes Flachland ohne einen Baum, aber besäet mit Dörfern, dann fuhren wir über drei gewaltig lange Brücken und breite, aber wasserarme Ströme, endlich gelangten wir in das Rhicinusgebiet. Damit wechselte um vier Uhr Nachmittags ein Opium- und Indigodistrict, in dem die zwei deutsche Meilen lange Stadt Patna am Ganges liegt. Der Ort, in dem sich kein Europäer angesiedelt hat, bewahrt noch den indischen Originaltypus: einige stolze Paläste und Hunderttausende von Lehmhütten, überall Wasser und doch überall Schmutz; die Umgebung besteht aus einem Walde von Fächerpalmen. Die Nacht brach herein; ich verlor vor Ermattung fast die Besinnung. Wir passirten auf einer Brücke einen Nebenfluß des Ganges, der mir dreimal so breit, als der Rhein bei Köln erschien, dann vernahm ich bald in der Nähe, bald in der Ferne Gebrüll und klägliches Geheul – noch eine Stunde – endlich verlangsamte der Zug seine Bewegung und hielt; wir hatten den Ganges und die Station Benares erreicht. Die Stadt lag am andern Ufer und eine mächtige Schiffbrücke führte über den Strom; es war halb ein Uhr Nachts. Wir hatten uns wieder um drei Stunden verspätet. 165 XIII. Die Stadt der Brahminen. Ein Blick nach dem Himalaya. Die Sternwarte. Privattempel. Die Nachkommen des großen Hanuman. Heilige Stiere. Die Fahrt nach Allahabad. Ein Verstoß gegen die Landesreligion. Glücklich entwischt. Da die beiden einzigen Hotels fünf englische Meilen weit von dem Bahnhofe entfernt liegen, war es zwei Uhr Nachts, ehe wir unter Dach und Fach kamen. Wir sahen uns genöthigt, bei der Ueberfüllung des Hotels die enge Kammer des Portiers zu theilen. Mein Reisegefährte, ein englischer Indigo-Plantagenbesitzer, der sich auf einer nahe bei Benares gelegenen Station dem Zuge angeschlossen, hatte Bett und Diener weislich mitgebracht; ich mußte auf der Pritsche neben dem Hindu liegen. Die Nacht verging schnell und nach Tagesanbruch machten wir uns auf den Weg, die heilige Stadt in Augenschein zu nehmen. Mr. Smith, wie ich meinen Gefährten der Kürze wegen nennen will, bildete eine Ausnahme von seinen in Indien ansässigen Landsleuten. Trotz eines zwanzigjährigen Aufenthaltes in Bengalen hatte er die angenehmen Umgangsformen, die er auf seinen Jugendreisen durch Europa sich angeeignet, wohl erhalten und seine Kenntnisse in dieser ländlichen Einsamkeit 166 durch Lectüre vermehrt. Jetzt hatte er sein Schäfchen ins Trockne gebracht und beabsichtigte, nach England zurückzukehren, um sich dort anzukaufen und zu verheirathen. Obgleich nur fünfzehn englische Meilen weit von Benares entfernt, hatte er in zwanzig Jahren die Stadt doch noch nicht gesehen und gedachte jetzt gleichzeitig einige in der Nachbarschaft angesiedelte Freunde zu besuchen und von ihnen Abschied zu nehmen. Er sprach hindostanisch so gut wie englisch, und ich fühle mich ihm für seine liebenswürdige Hülfe dankbar verpflichtet. Wir waren in tiefer Dunkelheit in Benares angekommen, und die Stadtgegend, in der wir uns befanden, war nicht geeignet, uns eine leidliche Vorstellung des weltberühmten Ortes zu gewähren, wir bestiegen daher am Morgen ein in der Nähe gelegenes hohes Minaret, das uns ein vollständiges Panorama von Benares gewährte. Mir fehlen die Worte, den ersten Eindruck zu schildern, den dieses märchenhafte, ungeheuer weit ausgedehnte Gemisch von Plätzen und Gärten, Tempeln und Palästen, Moscheen und Minarets, Marmortreppen und Pavillons, die mit Dorfschaften besäete fruchtbare Umgegend, der mächtige Strom, auf mich hervorbrachte. In Form einer Mondsichel liegt die heilige Stadt am Ufer des Ganges, und so weit das Auge reicht, wird sie von Villen und Gärten umgeben. Schweigend stiegen wir hinab. Unser Standpunkt auf der Spitze des Minarets war bei dem Mangel eines Geländers nicht der angenehmste, zudem war der leichte Thurm baufällig und bebte bei jedem festen Tritt auf die Stufen der Treppe. Ob es möglich ist, wie uns der Wächter des Minarets betheuerte, von seiner Spitze bei klarem Wetter die 167 Himalaya-Kette zu erblicken, lasse ich dahingestellt sein. Der Morgen war schön, doch vermochte ich nicht mehr zu sehen, als einen verschwindenden Nebelstreif. Wir brachten den Tag unserer Ankunft in der Stadt und am Spätnachmittage in einem Boote auf dem Ganges zu. Einer unserer ersten Besuche galt dem astronomischen Observatorium, auf welches Mr. Smith besonders neugierig war. Wir wurden von einem ehrwürdigen Brahminen empfangen und auf das platte Dach eines Thurmes geführt. Von den auf europäischen Sternwarten gebräuchlichen Instrumenten, Fernröhren, Chronometern und Kometensuchern, war nichts zu bemerken, doch geberdete sich der hehre Greis, als habe er alle Geheimnisse des Himmels und der Erde ergründet. Das Bemerkenswertheste war die auf einem Statif errichtete Sonnenuhr, welche die Tageszeit, je nach dem Stande der Sonne, auf beiden Seiten ihrer Scheibe anzeigte. Nächstdem machte uns der Weise mit einem Modell des Erdganzen nach indischen Vorstellungen bekannt. Dasselbe bestand aus drei kreisförmigen Mauern von etwa vier Fuß Höhe, zwischen denen man durchgehen konnte. Der innere Ring bedeutete nach Angabe des Brahminen das Centrum der Erde, den Himalaya, die zweite, jenen umgebende Mauer stellte die Erde selber dar, die dritte Einfassung war ein Symbol des Wassers. Wie man sieht, hat die indische Wissenschaft sich noch nicht den Resultaten europäischer Forschungen bequemt. Als Mr. Smith den Alten befragte, was der erste Zwischenraum bedeute, vor dem der amtliche Cicerone eine bemerkenswerthe Ehrfurcht zu haben schien, wollte er Anfangs nicht mit der Sprache heraus und machte die Miene eines Beamten, der in 168 Betreff des Amtsgeheimnisses in Versuchung geführt wird. Wir kannten das Mittel, allen Indern die Zunge zu lösen, und ich ließ die Rupien, die ich lose in der Tasche trug, melodisch klingen. Hierauf erwiderte der Brahmine, sein Amtseid lege ihm zwar Schweigen auf, allein gegen einen baaren Entgelt werde er kein Bedenken tragen, unsere Wißbegierde zu befriedigen. Ich warf also eine Rupie auf den Fußboden, denn die Gesetze ihrer Kaste verbieten den Brahminen, Geld aus unreinen Händen zu nehmen, und nun gestand der Mann der Wissenschaft, der Raum zwischen Himalaya und Erde bestehe ganz aus Gold, aber es sei ein großes Geheimniß, und er setze voraus, wir würden ihn nicht verrathen. Die Heiterkeit, mit der wir sein Geständniß aufnahmen, und die am Boden liegende Rupie, stimmten den Alten redseliger. Er erklärte uns, daß mit Hülfe der Sonnenuhr auch Diebstähle und Mordthaten herausgebracht werden könnten, und schien für diese Auskunft einen abermaligen Entgelt zu erwarten. Wir indessen glaubten ihn ausreichend belohnt zu haben und verabschiedeten uns von der astronomischen Wissenschaft zu Benares. Ungleich anziehender war die Physiognomie der Straßen, in die wir uns jetzt vertieften. Auf ein schöneres Pflaster habe ich nie meinen Fuß gesetzt, denn die Wege sind mit glatten fliesenartigen Platten bedeckt. Da nach dem Glauben der Inder eine Ansiedelung in Benares und an den Ufern des Ganges ein Gott wohlgefälliges Werk ist, und ein Sterbender von hieraus direct in den Schoß Brahmas gelangt, pflegen die Reichen aus allen Gebieten Indiens in ihren späteren Lebensjahren nach Benares zu ziehen und 169 einen Palast zu bauen. Man wird daher auf die Menge der hier vorhandenen Prachtbauten schließen können. Aber auch minder Begüterte suchen ihre Häuser und Wohnungen dem landesüblichen Geschmack gemäß zu verzieren. Die Fronten sind gemeinhin dunkelroth gefärbt und mit Elephanten, Kameelen, Tigern, Pfauen, Affen, Pelikanen und anderen Vögeln, nicht selten auch mit obscönen Bildern bemalt. Jedes ansehnlichere Haus hat seinen Privattempel, der, ein Mittelding zwischen Pyramide und Obilisk, dicht daneben steht, und nicht nur grün, roth, gelb, schwarz und weiß auf das Bunteste bemalt, sondern auch über und über mit goldenen Verzierungen bedeckt ist. Eben so wenig sind die gediegenen Goldplatten an den Kuppeln der öffentlichen Tempel und Moscheen gespart. Nun denke man sich alle Dächer und Vorsprünge von kreischenden Papageien besetzt, die häufigen Gold- und Silberbazars, die mit schmutzigen Büßern, blinden Bettlern und Kranken bedeckten Straßen, mitten darunter eine hoch auf einem Elephanten sitzende englische Familie, und man wird sich annähernd ein Bild des Innern der Stadt entwerfen können. Einen unvergleichlichen Anblick gewährt Benares vom Ganges aus. Dieses Ensemble von Minarets, Pagoden, grandiosen Marmortreppen und goldstrahlenden Palästen, belebt durch ein unaufhörliches Getümmel dunkelfarbiger Gestalten, habe ich nie ohne Herzklopfen zu betrachten vermocht. Am ersten Tage glaubte ich zu träumen, und nur Abends bei Tisch überzeugte mich die von Pferderennen, Opium, Indigo und Rhicinus handelnde Unterhaltung, daß ich mich wirklich auf dem handgreiflichen Erdboden befinde. So entzückt ich von dem Prospect des Stadtufers war, das 170 ungefähr 50 Fuß über dem Niveau des Ganges bei gewöhnlichem Wasserstande liegt; ich durfte keine Zeit versäumen und machte mich schon am nächsten Tage, dem 13. Januar, daran, die anderweitigen Merkwürdigkeiten von Benares zu besichtigen. Da Mr. Smith durch kaufmännische Geschäfte verhindert war, erbot sich der neunjährige Sohn des Hotelwirthes, den ich übrigens für fünfzehnjährig gehalten hatte, das Muster eines indischen Straßenjungen, zu meiner Begleitung. Wir fuhren in den kühlen Morgenstunden, nachdem wir vor der Thür längere Zeit durch Hindus aufgehalten worden waren, die uns durch die Fechtübungen kleiner schwarzer Kampfvögelchen unterhalten wollten, nach dem am oberen Ende der Stadt gelegenen Affenhause. Die Nachkommen des großen Hanuman genießen bei den Indern zwar nicht göttliche Ehren, doch werden sie mit außerordentlicher Zuvorkommenheit behandelt, und Wehe demjenigen, der es wagte, einem Sprößlinge Hanumans ein Leid zuzufügen. Oberhalb Benares hat man für sie einen rothen Tempel, wenn dieses äffische Familienhaus einen so ehrwürdigen Namen verdient, errichtet, und ihnen als Wohnung angewiesen. Schon alle Häuser und Bäume der Umgebung wimmeln von Affen, das Innere des Tempels ist eine wahre Affenwelt. Es wird gern gesehen, wenn der Fremde den verehrten Thieren einige Artigkeiten erweist. Diese bestehen in dem Ankauf von Futter, das man den Affen eigenhändig vorwirft. Ich erstand daher ein Maß erbsenähnlicher Früchte und schüttete es auf das Pflaster, worauf das verzogene Volk von allen Seiten heranstürmte und das Futter in wenigen Augenblicken bis auf das letzte Körnchen verzehrte. Neben dem Tempel befand 171 sich ein schön gemauerter Teich, das Badebassin der Enkel Hanumans. Man mochte sie an Bäder zu einer bestimmten Tageszeit gewöhnt haben, denn um zwölf Uhr Mittags stürzte sich ein unübersehbarer Schwarm plötzlich in den Teich, schwamm umher, tauchte unter, und verrieth durch Kunststücke, daß eine Minderzahl von Ihnen die Erziehung gebildeter Affen genossen habe. Bei der unmittelbaren Nähe des Ganges kehrten wir zu Wasser zurück. Ich miethete ein Boot und nach wenigen Minuten entfaltete sich von Neuem jenes Panorama, das zu den strahlendsten Lichtblicken meiner Reise gehört. Wieder schwammen wir an Palästen vorbei, an blendend weißen Marmortreppen, auf denen die Gläubigen ihre gebotenen Abwaschungen vollzogen. Nur ein stattlicher, mit drei Kuppeln ausgestatteter Tempel stand nicht im Einklang mit der sonnigen Heiterkeit der Scenerie. Die reißende Strömung des Ganges mochte seine Fundamente unterwaschen haben, und das Bauwerk neigte sich so bedenklich in den Strom, daß man bei dem nächsten Hochwasser seinen Einsturz erwarten konnte. Die beiden Verbrennungsplätze der Stadt ließen sich vom Boot aus, ohne daß man von dem Brandgeruch belästigt wurde; bequem übersehen. Auf dem ersten ward ein mit Blumen geschmückter Leichnam eben auf den Scheiterhaufen gelegt, ein in rothe Seide gewickelter weiblicher Körper lag halb im Wasser auf den untersten Stufen der Marmortreppe, man war beschäftigt, der Leiche die Haare abzurasiren. Weiterhin wusch man Todte und schleppte Wagenladungen von Holz herbei. Auf dem zweiten Platze standen fünf Todte mit ihrem 172 Scheiterhaufen in vollen Flammen, einem derselben fiel der Kopf in die Kohlen. In den engen Straßen von Benares spielen die feisten, mit Blumen geschmückten, heiligen Stiere eine wichtige Rolle; der Fremde, den sie durch den Geruch von dem Eingeborenen unterscheiden, hat Ursache, sich vor ihren Hörnern zu hüten. Sie streifen in allen Stadtgegenden ungehindert umher und fressen das zum Verkauf ausgestellte Obst und Gemüse auf, wenn die Händler sich nicht durch die Enge ihrer Läden vor ihnen sichern. Mit ungleich größerem Vergnügen betrachte ich die schönen Hindufrauen, wenn sie in den Straßen von Benares lustwandeln. Nur die Malerei und bunte Schminke entstellen nicht selten die zarten Gesichtszüge. In Gemeinschaft mit Mr. Smith habe ich Besuche in einigen Privatwohnungen abgestattet und die mit orientalischen Comfort verbundene Pracht bewundert. In allen Zimmern liegen Decken aus Tigerfell; diese Raubthiere müssen in der Umgegend in kaum glaublicher Menge vorhanden sein. Wir kehren immer mit wahrem Widerwillen aus diesen eleganten Häusern in unser Hotel zurück. Die Ausspannungen letzten Ranges, »das rothe Roß« oder »der grüne Ochse« in Posemuckel sind, mit indischen Gasthäusern verglichen, wahre Musterhotels. An »Schlafgeld« in einem wahren Hundeloche bezahlt man für die Nacht, selbst wenn man sein Bette mitbringt, 3 Rupien (1 Thlr. 10 Sgr.) Ein Tiffin oder Diner kostet jedes eben so viel. Verzichtet man darauf oder ist man ausgebeten, so wird für jedes nur ein Thaler berechnet! Ein gütliches Uebereinkommen ist unmöglich, da hinter Calcutta keiner der Hoteldiener mehr englisch spricht, und ich in hindostanischer 173 Sprache mich mit ihnen nur nothdürftig zu verständigen vermag. Ein Fest, das in den nächsten Tagen in Benares gefeiert werden soll, und zu dem die Gläubigen meilenweit herbeiströmen, beschränkt unsere Häuslichkeit noch mehr. Es war rathsam, diesem Wirrwarr aus dem Wege zu gehen und die bevorstehende Festzeit zu einer Reise nach Allahabad, Cawnpore, Lucknow und Agra zu benutzen, deren Besuch mir von heimischen Gelehrten zu künstlerischen Zwecken angelegentlich empfohlen war. Mr. Smith schloß sich mir an, wiewohl er sich unterwegs von mir trennen wollte, um die beabsichtigten Visiten abzustatten. Sein starkes Gepäck setzte mich in Verwunderung; er gab mir sogleich die nöthigen Erläuterungen. »Hier zu Lande,« sagte er, »ist man nur willkommen, wenn man die neuesten Zeitungen und die ältesten Weine, Witzblätter des jüngsten Datums und abgelagerte Cigarren in gehöriger Quantität mitbringt. Ein Diener darf nicht fehlen, noch besser für den Gastfreund, wenn der Reisende auch die Frau mit sich führt. Vergessen Sie nicht, daß wir uns in Asien befinden,« Am 14. Januar, Nachmittags, fuhren wir von Benares ab und kamen in unserer schäbigen Postkutsche an der Arena des Pferderennens vorbei, zu dessen Ruhm ich nichts anzuführen weiß. Um 6 Uhr passirten wir eine große Stadt mit vielen Kuppeln und Pagoden, deren Namen ich in meinem Tagebuche nicht mehr entziffern kann und auf den Karten nicht finde, erst um 8 Uhr Morgens kamen wir in Allahabad an. Statt der versprochenen 10 Stunden waren wir 15 unterwegs gewesen. Wir hatten auf der Reise mancherlei Widerwärtigkeiten erlebt. So mußten 174 wir uns, da die Pferde durchaus nicht den Wagen über die Schiffsbrücke des Ganges ziehen wollten, eines Palankins und mehrerer Kulis bedienen. Der absonderlichen Poststationen erinnere ich mich dagegen mit Vergnügen. Sie befinden sich im Freien unter großen Banianenbäumen, die Klepper und ihre Krippen sind um den Stamm gereiht, die Geschirre hängen an den Zweigen. Mit einbrechender Dunkelheit wird ein großes Feuer angezündet und die ganze Nacht hindurch erhalten, theils die Tiger abzuschrecken, theils die Stationen für die Reisenden zu bezeichnen. Die Wege sind über alles Lob erhaben und von der Gleichmäßigkeit einer Dreschtenne; sie werden von Verbrechern im Stande erhalten. In der trockenen Jahreszeit hat man natürlich vom Staube viel zu leiden. Allahabad ist, wie so viele indische Städte, eine gefallene Größe. Zerstörte Paläste und in Trümmer sinkende Tempel sind die Zeugen alter Herrlichkeit. Das starke Fort zeigt Spuren indischer und englischer Bauart, die Garnison von Allahabad campirt jedoch der Gesundheit wegen unter Zelten. Mr. Smith ist von mir geschieden, und meinen einzigen Umgang bilden, da ich des Wirthes und seiner Frau nicht habhaft werden kann, zwei Affen, die, vor dem Hotel auf den Bäumen wohnend, mich ab und zu durch das Fenster besuchen und Scherze treiben. Wie glücklich wäre ich, dürfte ich mit ihnen das Quartier tauschen und in den Zweigen wohnen. Die eingeborene Bevölkerung Allahabads bietet mir manches Neue an Trachten und Moden. Ich sah einen jungen Mann, der wohl ein Paar Strümpfe, aber keine Hosen trug, einer war mit einem rothen Leibrock, ein anderer nur mit einem alten Hute ohne Boden und Krämpe bekleidet, 175 die kohlschwarzen Bärte der Männer gaben ihnen trotz des lächerlichen Kostüms doch etwas Martialisches. Eine Ausfahrt in die Umgegend mußte ich der unbändigen Pferde halber unterlassen und mich anstatt des Wagens eines Palankins bedienen. Die vier Kulis suchten sich ihre Bürde durch folgenden improvisirten Gesang zu erleichtern: Wir tragen einen guten Herrn, ah! ah! Wir tragen einen reichen Herrn, ah! ah! Er wird uns Trinkgeld geben, ah! ah! Er wird uns zwei Rupien geben, ah! ah! Er wird uns eine Rupie geben, ah! ah! Er wird uns eine halbe Rupie geben ah! ah! So handelten sich die armen splitternackten Kerle immer weiter herunter. Außer einigen malerischen Banianen fand ich in der Umgebung nichts, was der Aufbewahrung werth gewesen wäre. Ein Abenteuer, das ich im Laufe des Tages zu bestehen hatte, schärfte mir für die Folge größere Vorsicht ein. Da die Gesellschaftsreisen der Zukunft sich nach Vollendung des indischen Eisenbahnnetzes unzweifelhaft bis in diese Regionen ausdehnen werden, darf ich zum Besten meiner Nachfolger dasselbe nicht verschweigen. Ich decke die Mittheilung durch den klassischen Satz: naturalia non sunt turpia . So groß Indien ist, hatte ich doch zur Genüge die Schwierigkeiten kennen gelernt, in seinen weiten Gauen allein zu sein. Nun giebt es aber im Leben auch eines Mannes mit eiserner Stirn Momente, wo ihm ein Zustand von Schwäche gebietet, sich den Augen nicht nur seiner theuersten Familienangehörigen, sondern überhaupt aller Mitglieder der menschlichen Gesellschaft zu entziehen. Die officiellen 176 Zufluchtsörter, zu denen der Sterbliche in derartigen Augenblicken der Bedrängniß flüchtet, sind nun aber in diesem Wunderlande in einer Weise vernachlässigt, daß ich stets vorgezogen habe, mich selbst, wo Gefahr im Verzuge war, meiner Bürde im Freien zu entledigen. Die Sitte der Italiener erschien mir nachahmungswerth, doch sind andrerseits die Bewohner Hindostans durchaus nicht einverstanden mit der zarten Schonung, welche die Nachkommen der alten Römer dem bedrängten Nebenmenschen angedeihen lassen. Weit entfernt, seine löblichen Bestrebungen scheinbar nicht zu beachten, und die eigene Promenade fortzusetzen, folgen sie ihm, sobald sie seine Absichten errathen, mit seltener Beharrlichkeit, und verlassen ihn nicht eher, als bis sie die Eigenschaft von gerichtlich brauchbaren Zeugen erlangt haben. Kein Tag verging, an dem ich mir nicht auf diese Weise ein glänzendes Gefolge zu bilden vermochte. Es war unmöglich, wenn ich mich nicht bis in das Revier der Tiger entfernen wollte, eine einsame Stelle zu finden, wo ich nicht von einem Kreise neugieriger Zuschauer umgeben war. In der Umgebung von Allahabad ersah ich nach längerem Zögern einen einsam stehenden verkrüppelten Baum zur Vollendung eines Werkes, das, wie es von der Ausführung so mancher Regierungsmaßregel heißt, ohne empfindlichen Schaden für das Gemeinwohl nicht länger aufgeschoben werden durfte. Ich verließ den Palankin und gebot den Kulis, sich in ein Rhicinus-Gebüsch zurückzuziehen. Kaum hatte ich jedoch die nöthigen Vorkehrungen getroffen und in dem beseligenden Gefühl, endlich allein zu sein, unter dem Baume Platz genommen, als aus dem benachbarten Buschwerk ein langer schwarzer Kerl hervorstürzte und mich mit 177 den fürchterlichsten Schmähungen überhäufte. Zugleich eilten auf den Klang seiner Stimme viele Eingeborene aus der Entfernung herbei. Ich war nahe daran gewesen, ein Verbrechen zu begehen, das der Mißhandlung eines Affen oder einer Kuh nahe kam; der Baum war ein heiliger! Um der Gefahr zu entrinnen, stieg ich schnell in den Palankin und unter den mannigfaltigen Schimpfwörtern der in ihren ehrwürdigsten Empfindungen gekränkten Hindus suchte ich eine Stelle im flachen Felde auf, die mich nicht der Gefahr aussetzte, durch einen Act der Natur eine Profanation zu verüben. 178 XIV. Cawnpore. Der Aufstand von 1857. Indische Julitage. Nena Sahib. Lucknow. Die Theilung der Arbeit unter den Dienern. Das Dorf der todten Menschen. Agra. Ein Besuch des Taschmahal. Sekundra mit Akbar's Grabmal. Die Eisenbahn zwischen Allahabad und Cawnpore ist vollendet, und ich erhob mich am 15. Januar Morgens zeitig von meinem Lager, um die Abfahrt des Zuges nicht zu versäumen. Da ich mich in Betreff meiner Zeiteintheilung und der Fortsetzung meiner Reise nach dem Schiffskalender von Calcutta, d. h. nach dem Abgange der Dampfer richten muß, bin ich zu militärischer Pünktlichkeit gezwungen. Die hiesige Race hat freilich nicht einmal ein Organ, um den europäischen Satz: Zeit ist Geld, zu begreifen. Ich mußte die Dienerschaft des Hauses selber wecken, um nur einige Hülfe zu haben, und trat dann meine Wanderung nach dem Bahnhofe an, auf der mich ein zahmer Hirsch begleitete. Die Schonung, welche der Hindu nach den Vorschriften seiner Religion allen Thieren angedeihen läßt, flößt, wie ich zu bemerken glaube, selbst ursprünglich scheuen Thieren Vertrauen ein. Noch an demselben Vormittag sah ich einen Schakal, der, während der Zug anhielt, ruhig auf dem 179 Bahnkörper stand und furchtlos die Schienen beschnüffelte. Auch die Vögel scheinen ihre Furcht verloren zu haben. Wir kamen an vielen kleinen Bäumen vorbei, an deren Zweigen die geflügelten Baumeister ihre seltsam geformten Nester so unbekümmert aufgehängt hatten, daß jedes Kind im Stande gewesen wäre, sie abzunehmen. Die Spuren der Nachwehen des letzten großen Aufstandes treten hier schon deutlicher hervor. Die Seapoys, denen wir begegnen, sind fast alle mit Schmarren und tiefen Narben bezeichnet, die ihren finstern Gesichtern einen noch drohenderen Ausdruck verleihen. Der unversöhnliche Haß der Eingeborenen mag selbst das englische Geblüt etwas umgänglicher stimmen. Ein Passagier von »Halbkaste«. d. h. der Sohn eines englischen Vaters und einer indischen Mutter, ließ sich herbei, sein Frühstück mit mir zu theilen. Da er sich wieder mit einer Hindostanerin verheirathet hatte, waren seine fünf Kinder, obgleich sonst sehr wohlgebildet, doch fast schwarz. Er brachte sie in eine benachbarte Erziehungsanstalt, ein »Kloster«, wie er sagte. Die Gegend, durch welche wir fahren, ist flach und erhält nur durch Mangobäume und Rhicinusgebüsche einige Abwechselung. Dieses Pflanzenöl findet in Indien eine ungleich ausgedehntere Anwendung, als in Europa. Eine Kruke mit Rhicinusöl gehört zum Inventarium jedes besser eingerichteten Zimmers. Bei der geringsten Unpäßlichkeit nimmt man dazu seine Zuflucht. Es gilt für ein stopfendes und auflösendes Mittel, und man beanstandet nicht, den Salat damit zuzubereiten. Mit Vögeln sind beide Flanken der Bahn reich bevölkert. Die Mehrzahl derselben besteht aus Flamingos und großen grünen Papageien, auch unsere heimischen Störche waren 180 durch etwa 50 Exemplare vertreten. Um halb 12 Uhr Mittags langten wir in Cawnpore an; die Temperatur glich der eines Dampfbades. Im Hochsommer soll man glauben, auf glühenden Kohlen zu gehen. Ich stieg in dem Gouvernements-Bungalow ab, einem von der Regierung etablirten Hotel, deren man überall in den weniger vom Handel berührten Gegenden Indiens findet, kann ihm aber keinen Comfort nachrühmen. Mein Diner, ein Gouvernements-Beafsteak, mußte mit 12 Annas (25 Sgr.) honorirt werden, am andern Morgen forderte man mir sogar eine halbe Rupie für »Stallung«, und drei Viertel Rupie für »Trinkgeld« ab, obgleich ich selber nicht einmal im Stande gewesen war, meinen eigenen Durst zu löschen, denn das Ale war ausgegangen und das Wasser unerträglich warm. Wie groß die Hitze in Cawnpore sein muß, erhellt aus den über jedem Bette angebrachten Fächern (Punkas). Wer hier länger verweilt, miethet einen Boy, um die Punka in Bewegung zu setzen. Dem jungen Manne wird ein quer über einen Wasserzuber gelegtes schmales Brett neben dem Bette als Sitz angewiesen. Entschlummert er, so plumpt er in das Wasser. Empfindlichere oder menschenfreundlichere Reisende miethen daher zwei Boys, die abwechselnd alle zwei Stunden den Fächerposten beziehen. Cawnpore ist jene indische Stadt, in welcher im Jahre 1857 am 15. und 16. Juli durch die Aufständischen jene furchtbaren Gräuel verübt worden sind, welche die Engländer zu einer nicht minder entsetzlichen Rache anreizten. Mehrere hundert englische Frauen und Kinder wurden theils als blutige Leichen, theils lebendig in einen tiefen Brunnen gestürzt, nachdem alle Schandthaten der Bestialität an ihnen 181 verübt worden waren. Die Häuser, in denen man die Unglücklichen niedergemetzelt, sind sämmtlich dem Erdboden gleich gemacht und in Gärten und Kirchhöfe umgewandelt. Um den verhängnißvollen Brunnen errichtet die Regierung ein großartiges Denkmal in gothischem Style. Während meiner Anwesenheit wurde noch eifrig daran gearbeitet. Gegen Abend machte ich einen Spaziergang nach dem entgegengesetzten Theile der Stadt und besah die Gebäude, in denen Nena Sahib , der Hauptanstifter der Metzelei, gehaust hatte. Das Ungeheuer ist der verdienten Strafe noch immer entgangen, nur seinen Neffen und Helfershelfer hatte die Rache einige Monate vor meiner Ankunft ereilt. Er war in Bombay erkannt und ergriffen worden, dann hatte man ihn nach Allahabad geschafft und dort mitten unter der fanatischen Bevölkerung gehängt. Man wird sich aus den Schilderungen Macaulay's in seinem Essay »Lord Clive« erinnern, daß der Tod am Galgen die äußerste Schmach ist, die über einen indischen Edlen verhängt werden kann. Nena Sahib selber hat sich allen Nachforschungen der englischen Polizei zu entziehen gewußt, doch ist mir wiederholt versichert worden, daß er sich in tiefster Verborgenheit, unter dem Schutz der Brahminen, in Benares aufhalte. Am 16. Januar früh Morgens wollte ich einen Abstecher nach dem zehn Stunden in nordwestlicher Richtung entfernten Lucknow machen, mußte jedoch länger als eine Stunde auf die schläfrige Dienerschaft, den Thee und den Wagen warten. Erst um acht Uhr stand das mit zwei Büffeln bespannte Fuhrwerk vor der Thür. Nachdem wir die Schiffbrücke über den Ganges passirt und das malerische 182 Treiben angestaunt, fuhren wir in tiefem Sande landein. Nach einer Stunde wurde umgespannt, das elende Pferd vermochte den leichten Karren kaum weiterzuschleppen. Wir kamen erst an einer ziemlich großen Stadt, dann an einem fast ganz in Trümmer geschossenen Flecken vorbei und fuhren durch eine Sumpfgegend mit mehreren kleinen Seen. In einer Stadt, die wir Mittags passirten, war keines der armseligen Häuser höher, als sieben Fuß. Nachmittags begegnete uns eine kleine Abtheilung Seapoys. Sie versperrten dem Wagen den Weg und machten allerlei Manöver mit ihren Gewehren, so daß ich mich der Besorgniß nicht erwehren konnte, sie wollten mir zu Leibe gehen. Indessen endeten sie damit, das Gewehr zu präsentiren; sie hatten mich muthmaßlich für einen englischen Militair in Civil gehalten. Schon um 4 Uhr kamen wir in Lucknow, der Hauptstadt des ehemaligen Königreiches Oude, an. In dem ungemüthlichen Gouvernements-Bungalow erfuhr ich von dem alten stotternden Inspector, daß noch ein Gasthaus, das Victoria-Hotel, vorhanden sei, dessen Wirth aus Bagdad stamme. Auch hier wurde nicht Englisch gesprochen, doch hörte ich von zwei englischen Damen aus Agra, daß ein junger deutscher Kaufmann in Lucknow lebe, der mir wohl Obdach gewähren werde. Nach einer Stunde hatte ich ihn aufgefunden und wurde als Landsmann mit offenen Armen empfangen. Herr Sondermann, ein liebenswürdiger Hamburger, bot mir sogleich eine Wohnung in seinem Hause an, und man wird sich bei meiner Sehnsucht nach Landsleuten und der theuren Muttersprache denken können, wie gern ich sein freundliches Anerbieten annahm. Sondermanns Haushaltung war nach indischem Maßstabe sehr 183 großartig und comfortabel eingerichtet; ich zählte nicht weniger als zwanzig Diener. Da der junge Mann sich aber nächstens zu verheirathen und gleichzeitig Pferde und Wagen anzuschaffen gedenkt, wird noch ein Dutzend hinzugefügt werden müssen. Hier that ich zuerst einen tieferen Blick in das wirthschaftliche Treiben und die Gebräuche Indiens. Die Theilung der Arbeit ist selbst in der deutschen Büreaukratie und unter den Lakaien in russischen Palästen nicht so weit getrieben, als unter der hiesigen Dienerschaft. Zuerst ist da ein Kellermeister ( Butler , Kansumah ), der die höheren Functionen des Haushalts versieht, Einkäufe macht, Vorräthe überwacht und verwaltet, auch seinen Herrn bei Galavisiten begleitet, aber ihm steht noch ein » Under Butler « zur Seite. Der » Valet « (Kammerdiener) servirt den Kaffee, besorgt das Bad, geht bei der Toilette zur Hand und leistet Dienste bei Promenaden, Land- und Wasserfahrten. Der Koch ( Bawarche ) disponirt, um sich nicht zu überarbeiten, über einen Unterkoch ( Under Cook ). Der » Bearer « (Träger, Chief Hamall ) polirt die Möbel mit Oel und Wachs, arrangirt die Blumenvasen, servirt die Tafel und unterzieht sich verschiedenen ähnlichen Verrichtungen. Er würde jedoch dabei ohne mehrere » Under Hamalls « elendiglich zu Grunde gehen. Häusliche Vedettendienste verrichtet der » Door Keeper « (Thürhüter, Darban ), aber außerdem giebt es noch einen » Private Watchman «, dem die Bewachung des Hauses zur Nachtzeit obliegt. Der » Bihiste « oder Wasserträger besorgt die täglich nöthige Quantität, der » Dhobi « ( Washerman ) wäscht das gröbere Leinenzeug, 184 in einem größeren Haushalte muß es außerdem noch einen Waschmann für Leibwäsche und alle feinen Stoffe geben. Hält man sich Hunde, so darf auch ein Hundewärter und Wäscher nicht fehlen. Selbstverständlich sind Gärtner, Kutscher, Stallbediente, Bootsleute und Palanquinträger. Bei einer ausgezeichneten Gesundheit und fünfundzwanzig Jahren braucht Mr. Sondermann glücklicher Weise keinen »Medicinträger!« Die Kosten eines solchen Haufens von Tagedieben belaufen sich monatlich auf drittehalb hundert Rupien oder fünfundzwanzig Pfund Sterling. Demgemäß müssen natürlich nun auch die Räumlichkeiten des Hauses eingetheilt sein. Ich komme vielleicht noch ausführlicher auf diesen socialen Punkt zurück. Lucknow ist, wie das englische Viertel von Calcutta, eine Stadt indischer Paläste. Der Anblick dieser Größe, dieses Reichthums ist imposant, nur sind die Prachtgebäude Lucknow's in den Kämpfen des Jahres 1857 überaus hart mitgenommen. Kein großes Gebäude, das nicht über und über mit Kugelspuren bedeckt wäre, selbst die prachtvollen Tempel sind zerschossen, doch ist man damit beschäftigt, die zertrümmerten Baulichkeiten wieder herzustellen. Ein ganzer Tag reichte kaum hin, die Herrlichkeiten Lucknow's genauer in Augenschein zu nehmen. An den alten Grabmälern der Könige zählte ich allein achtzig mit gediegenen Goldplatten bedeckte Kuppeln. In einem der Paläste befindet sich eine große silberne Treppe. Nach dem Aufstande haben die Engländer die Bewachung dieser merkwürdigen Kostbarkeiten übernommen; überall begegnet man ihren Wachtposten. Der Anblick einer so unerhörten Pracht, die in ihrer Gestaltung 185 von Allem abwich, was ich bis dahin gesehen, setzte mich ganz in Verwirrung, ich ging unter diesen Monumenten, Palästen, Triumphbögen und Tempeln wie ein Traumwandler umher. Hier konnte ich auch mein Verlangen, Elephanten zu sehen, ohne Schwierigkeiten befriedigen und nach Belieben auf ihnen spazieren reiten. Man sieht ihrer den Tag über fast so viele, wie Pferde in unseren Städten, meistens kohlschwarze Kolosse. Ein guter, wohldressirter Elephant wird in Lucknow nur mit 1000 Rupien bezahlt. Die Ausgabe ist nicht hoch, wenn man bedenkt, daß einzelne dieser Geschöpfe schon seit dem vorigen Jahrhunderte ihren Eigenthümern Dienste leisten. Ich benutze die günstige Gelegenheit, einen Elephanten zu miethen und als Sonntagsreiter einen Abstecher nach dem Affenwalde zu machen. Den Nachkommen Hanuman ist in Lucknow nicht, wie in Benares, ein eigener Tempel errichtet; sie müssen die ihnen gewidmeten Huldigungen im Freien entgegen nehmen, doch werden sie auf öffentliche Kosten gefüttert. Man mag über diesen Cultus denken, wie man wolle, immer wird er gebildeten Personen mehr zusagen, als ein unter den hiesigen Engländern üblicher Sport, zu dem man auch mich aufgefordert hatte. Der Gastgeber ließ von einigen Hindus der untersten Kaste ein Dutzend Schakale in seinen Hof bringen und alle Pforten verschließen. Dann postirte er mit seinen Freunden sich an den Fenstern und schoß nach den unglücklichen Bestien mit Pfeilen. Wenn sie alle getroffen worden sind, ruft man die indischen Eigenthümer, diese reißen ihnen die Pfeile aus dem Leibe und lassen sie laufen. Ein Schakal zu dergleichen Schießübungen steht hier zu Lande immer zur Verfügung. 186 Ich lasse das herrliche Wetter und die Elephanten nicht unbenutzt. Am 20. Januar machte ich einen Ausflug nach dem »Dorfe der todten Menschen«. Ich habe schon berichtet, daß die Hindus ihre schwer erkrankten aufgegebenen Angehörigen an das Ufer des Ganges zu tragen und, nachdem sie ihnen Mund und Nase mit heiligem Schlamm gefüllt, dem Spiel der Wellen zu überlassen pflegen. Nun ereignet es sich zuweilen, daß der Patient durch die Frische des Wassers und die Kühle der Nacht wieder zu sich kommt, oder von einem menschenfreundlichen Europäer, der Spuren des Lebens an dem schwimmenden Körper entdeckt, an's Ufer oder an Bord gezogen, gepflegt und gerettet wird. Für seine ehemaligen Verwandten ist er nichtsdestoweniger aus dem irdischen Leben geschieden. Es bleibt ihm nichts übrig, als einen Zufluchtsort in einem dieser »Dörfer der todten Menschen« zu suchen, die man in einiger Entfernung von allen großen Mittelpunkten indischen Lebens antrifft. Einer näheren Beschreibung dieser Stätten des äußersten Elends enthalte ich mich; man wird sich ausmalen können, auf welche klägliche Weise diese meistens hochbejahrten schwachen Wesen ihr Leben zu fristen suchen. Als ich nach Hause zurückkehrte, überraschte ich mehrere zierliche Eichhörnchen, die in meinem Zimmer ihr Wesen trieben und sich durch meinen Eintritt gar nicht einschüchtern ließen. Eine Einladung zu dem Balle, der Abends zu Ehren eines Generals gegeben werden sollte, lehnte ich, theils aus Besorgnissen vor Auftritten, wie ich sie auf Ceylon erlebt, theils meiner Rückreise nach Cawnpore wegen, höflich ab, setzte mich um 8 Uhr Abends in den Wagen und fuhr davon, reich beladen mit malerischer Ausbeute. Die Nacht 187 war stockfinster, voller Nebel und kalt; die Situation war höchst unbehaglich. Die Umgegend von Lucknow ist durch die Unthaten der Thugs (Würger) berüchtigt, und wenn der englische Galgen auch furchtbar unter ihnen aufgeräumt hat, sollen ihrer doch noch genug vorhanden sein. Mehrmals in der Nacht wurde der Wagen von schwarzen Kerlen angehalten, die heftig in mich hineinsprachen, ohne daß ich ihnen hätte antworten können; etwa um 1 Uhr wurde ich durch ein schrilles Pfeifen erschreckt. Es ist in Cawnpore und Lucknow noch immer nicht recht geheuer. Vierzehn Tage vor meiner Ankunft hatte einer der Diener des Herrn Sondermann rebellirt und gesagt: »Heute bin ich Ihr Diener, in einer Woche können Sie mein Diener sein!« Die Engländer sind auf Alles gefaßt und stehen fortwährend unter Gewehr. Am unbehaglichsten war das unaufhörliche Gebrüll der wilden Thiere auf meiner Nachtfahrt. Einige Tage vorher war der Fuhrmann eines Frachtwagens durch einen Tiger vom Bock gerissen worden, die Gefährten hatten das Unglück erst auf dem nächsten Halteplatze aus den Blutspuren errathen, so lautlos war die Bestie verfahren. Wir kamen glücklich um sieben Uhr Morgens in Cawnpore an, und schon um halb ein Uhr Mittags saß ich wieder im Coupé, um auf der Eisenbahn nach Agra zu fahren. Der Zug bestand aus einer starken Truppenabtheilung, da ein Militair-Stationswechsel stattfand. Das Abschiednehmen, die Umarmungen, die letzten Gläser wollten gar kein Ende erreichen. Am stärksten waren die armen Soldatenweiber im Gedränge. Nur der hundertste Mann (Gemeiner) darf seine Frau aus Europa mitbringen, es 188 ist mithin begreiflich, wenn zuletzt Zweifel über das Eigenthumsrecht entstehen. Die jungen Lieutenants waren selbst unter der indischen Sonne eben so angelegentlich mit der fortwährenden Retouche ihrer Außenseite beschäftigt, wie in der nordischen Zone. Taschenspiegel, Taschenbürsten, Taschenkämme; der militärisch-kosmetische Apparat bleibt immer derselbe. Abends acht Uhr waren wir in Agra; aber noch in den letzten Secunden vor Sonnenuntergang hatten wir uns sorgfältig gestriegelt. Der Zustand der Truppe war in Folge der genossenen Spirituosa ein höchst aufgeregter; ich warf mich in einen Wagen und fuhr unter Regen, Blitz und Donner über die Schiffbrücke des Dschamna (Jumna) nach dem eine Stunde weit von der Station entfernten Bungalow. Das Gewitter hielt die Nacht über an, verstummte der Donner, so hörte man den vom Himmel strömenden Regen und das Geräusch der schweren Tropfen, welche durch das Dach und die Decke des Zimmers drangen, doch war meine Besorgniß: das Gebäude könne einstürzen, unbegründet. Der Tag brach an und ungeachtet des anhaltenden Unwetters fuhr ich, um den Zweck meiner diesmaligen Excursion zu erfüllen, nach dem Taschmahal , einem der herrlichsten Denkmäler Indiens, indeß gelang es mir erst am nächsten klaren Morgen, dem 23. Januar, eine Zeichnung des weltberühmten Gebäudes zu entwerfen. Den Historikern muß überlassen bleiben, alle jene Sagen kritisch zu sichten, mit welchen die Volkspoesie dieses Mausoleum umgeben hat; ich habe mich als Künstler auf die Beschreibung zu beschränken. Das Denkmal stammt aus den Zeiten der mahomedanischen Herrscher und ist etwa 200 Jahre alt. Schah Dschihan hat es zur Erinnerung 189 seiner Gemahlin Nur-Dschihan (Nurjehan) errichtet und ihre Ueberreste darin beigesetzt, selbst der Entwurf des Planes soll von der eigenen Hand des Kaisers herrühren. Aeltere Chronisten nennen einen Italiener als Baumeister und geben die Zahl der Bauhandwerker auf 20,000 an, die zweiundzwanzig Jahre hindurch thätig gewesen sein sollen. Das dunkle Gerücht, der Schöpfer des Wunderwerks sei nach Vollendung desselben hingerichtet worden, um nichts Aehnliches mehr zu vollenden, gehört zu jenen Ausschmückungen, denen wir überall wieder begegnen. Das Grundstück, welches das Taschmahal umschließt, liegt hart am Dschamna und ist von einer rothen Sandsteinmauer umgeben, über die sich an den beiden Ecken der West-Wasserseite zwei Moscheen erheben Auf der Südseite gelangt man durch ein gigantisches Thor mit Metallthürflügeln und Kuppeln in einen wahrhaft paradiesischen Garten, dem ungeachtet seines Blumenflors und der köstlichsten Fruchtbäume, die Menge der Cypressen einen schwermüthigen Anstrich verleiht. Durch eine lange Cypressen-Allee gelangt man zu einer Marmortreppe, auf der man zu der Terrasse emporsteigt, welche die Basis des Mausoleums bildet. Dieser Morgenspaziergang im Schatten des erhabenen Nadelholzes, im Duft der Blumen, der Frische einer durch das sechsunddreißigstündige Gewitter abgekühlten Atmosphäre, mit dem Blick auf das phantastische Bauwerk, wird nie aus meinem Gedächtniß schwinden. Solche seltenen Stunden prägen sich wie Inschriften der Seele ein, und ihr Bild enthüllt sich vielleicht noch einmal im letzten Moment des schwindenden Lebens und erquickt das innere Auge des leidenden Menschen durch einen tröstenden Schimmer. Die 190 Ecken der Terrasse sind durch vier 100 Fuß hohe Minarets bezeichnet; das Mausoleum, ein unregelmäßiges Achteck, liegt in der Mitte und ist von einer 190 Fuß hohen, mit dem goldenen Halbmonde geschmückten Kuppel überragt. Das Baumaterial besteht aus polirtem weißen Marmor, der von Ornamenten aus kostbaren Steinen starrt. Noch reicher ist das Innere bis in die Kuppel hinauf mit Mosaiken verziert. Diese bestehen durchweg aus Halbedelsteinen, Carneol, Achat, Chalcedon, Jaspis, Lapis Lazuli u. a. Einzelne Blumen sind oft aus hundert polirten Steinfragmenten zusammengesetzt. Zwar haben die englischen Truppen Vieles ruinirt und die anscheinend werthvollsten Steine mit Degenspitzen und Bajonnetten herausgebrochen, der englischen Regierung gereicht es aber zur Ehre, daß sie die schadhaften Stellen wieder zu erneuern sucht. Alle diese Mosaiken sind angeblich von den besten römischen Meistern angefertigt und werden auf sechstehalb Millionen Thaler veranschlagt. Die beiden, mit Sprüchen aus dem Koran, Blumen und Arabesken bedeckten Sarkophage sind von einer elfenbeinartig geschnitzten Marmorwand umgeben und stehen grade unter der Hauptkuppel. Nach dem ursprünglichen Plane des Schah Dschihan hatte ihm am andern Ufer des Dschamna ein ähnliches Mausoleum errichtet und durch eine Marmorbrücke mit dem seiner Gemahlin verbunden werden sollen, allein durch seinen Sohn Aureng-Zeb entthront, starb der Schah in Einsamkeit, man setzte seine sterblichen Ueberreste an die Seite der Gattin, der Nachfolger belegte die angewiesenen Summen mit Beschlag und die schon begonnenen Bauten sanken in Trümmer. An dem Ostufer des Dschamna liegt auch der »Garten der 191 Liebe«, ein wahres Elysium voller Weinstöcke, Citronen- und Orangenbäume, Fontainen und Marmorkiosks und daneben das Grabmal des Vaters der Nurmahal. Gern hätte ich meine Ausflüge noch bis nach dem verfallenen Weiler Sekundra und dem dortigen Grabmale des großen Mongolen-Kaisers Akbar ausgedehnt, allein die Zeit drängte, ich durfte mein Budget nicht überschreiten, und so trat ich mit blutendem Herzen in Begleitung eines Brahminen, Schuldirectors zu Agra, die Rückreise nach Benares an. Mein Reisegefährte war nach den Begriffen seiner Heimath ein gebildeter Mann und sprach sehr gut englisch; wir unterhielten uns vielfach über indische und europäische Zustände. Auf meinen Rath, Europa zu besuchen, antwortete er, daß er schon häufig daran gedacht habe, nur der mit einer Reise verbundene Verlust seiner Kaste halte ihn davon ab. Er zog eine Schnur mit zwei Knoten unter dem Shawl hervor und betrachtete sie nachdenklich, dann verbarg er das Abzeichen der Kaste, blickte argwöhnisch um sich und sagte: »Es ist dummes Zeug, aber ich kann es nicht ändern.« Trotz seiner Gelehrsamkeit war meinem Schuldirector der Name Alexander von Humboldt's doch ganz unbekannt. Am 25. Januar, 11 Uhr Vormittags, erreichten wir nach einer überaus anstrengenden Fahrt Benares, wo ich mich noch zwei Tage aufzuhalten und einige Sehenswürdigkeiten zu betrachten gedachte, die bei meiner ersten Anwesenheit des Fremdenandranges halber nicht leicht zugänglich gewesen waren. 192 XV. Die letzten Tage in Benares und Calcutta. Im goldenen Tempel. Der Hochzeitszug des Fürsten. Die Jugend des Handelsstandes. Des Gouverneurs Maskenball. Auf der India nach Rangoon. Briefstation Tschittagong. Die Pilgerschwärme hatten sich während meiner Abwesenheit verlaufen, es gelang mir, rasch ein leidliches Unterkommen zu finden und im Eßsaal des Hotels die Bekanntschaft zweier Franzosen von der Insel Mauritius zu machen, in deren Gesellschaft ich den ganzen Tag zubrachte. Wie in Venedig die Fahrt auf dem Canale grande vom Bahnhofe nach der Piazetta und eine Promenade durch die engen Straßen der Stadt nach dem Rialto dem Ankömmling gleich eine richtige Vorstellung des Ortes gewährt, so in Benares eine Wagenfahrt durch die engen Gassen und die Rückkehr zu Wasser in einem offenen Gangesboote. Ich veranlaßte meine neuen Bekannten, mich nach dem goldenen Tempel zu begleiten, dem größten Heiligthum der Stadt, das mir seiner versteckten Lage halber Anfangs entgangen war. Das alte Bauwerk genießt in den Augen des Hindus ein ähnliches Ansehen, wie in denen der Christen und Muhamedaner die Grabeskirche zu Jerusalem und die 193 Moschee mit dem Grabe des Propheten zu Mekka.. Wer mit den Einzelheiten des indischen Cultus nicht näher vertraut ist, vermag keinen Sinn in den Emblemen des Tempels und den Ceremonien der Gläubigen zu finden, Nachdem wir durch ein reichliches Trinkgeld den Eintritt erlangt, schritten wir zwischen zwei Steingestalten heiliger Stiere in das Innere. Durch die unterhalb der Hauptkuppel befindlichen Fenster brach nur ein trübes Licht, und wir bedurften der äußersten Vorsicht, um nicht über die Arme und Beine der Büßer und Betenden zu stolpern, mit denen weithin der Fußboden bedeckt war. Den Rand eines steinernen, mit Wasser und gelben Blumen angefüllten Bassins vermochten wir vor dem Gedränge nicht zu erreichen. Ich sah nur, daß hinter dem ausgemauerten Weiher einige Stufen in die Tiefe führten, wo sich das Allerheiligste, ein Altar, erhob. Die Platten desselben waren mit Gemälden bedeckt, aber die mangelhafte Beleuchtung und die Entfernung verhinderten mich, Näheres zu unterscheiden. Die Scenerie hatte etwas Beklemmendes, das dumpfe Gemurmel der Betenden, ihre dunkle Hautfarbe, der eigenthümliche indische Geruch – Alles verleidete uns den Tempel; die Gläubigen mochten nach ihren lauernden Seitenblicken mit unserer raschen Entfernung einverstanden sein. Wir holten tief Athem, als wir wieder aus der engen Gasse in die Hauptstraße einbiegen wollten und durch einen Hochzeitszug aufgehalten wurden. Ein reicher indischer Fürst übersandte seiner Erwählten die Brautgeschenke. In Europa wird in solchen Fällen ein Trousseau aufgebaut und bevorzugten Neugierigen der Zutritt gestattet, im Orient sucht der Bräutigam seine Reichthümer, seine Freigiebigkeit, 194 vor der ganzen Stadt zu entfalten. Außer drei reichgeschmückten Elephanten zählte ich hundert und einige, mit Gold- und Silberstoffen behangene prächtige Rosse, begleitet von mehreren hundert festlich gekleideten Eingeborenen, die seidene Stoffe und Shawls, goldene und silberne Geschirre, Süßigkeiten in lackirten Kästchen, Früchte, Gemüse, Schminken und ausgestopfte Figuren, z. B. Engländer mit rothen Haaren, Missionaire mit der Bibel unter dem Arm, hinterdrein trugen. Mehrere Musikbanden begleiteten den Zug mit einem haarsträubenden und herzbrechenden Lärm auf ihren Instrumenten. Die Hochzeitsprocession imponirte mir gewaltig, später erfuhr ich jedoch durch den Wirth des Hotels, daß auch die Schwiegerväter und Schwiegersöhne von Benares dem Schwindel nicht abhold seien, wenn es darauf ankomme, ihren Mitbürgern Sand in die Augen zu streuen. Die Elephanten und drei Viertel der kostspieligen Pferde sollten von Freunden des Hochzeiters nur geborgt sein und nach Einbruch der Dunkelheit aus den Höfen der Eltern der Braut in die Stallungen ihrer Besitzer zurückgeführt werden. Auch die Gefäße aus edlen Metallen gehörten angeblich nicht einem Eigenthümer. Am Vormittag des 26. Januar konnte ich der Versuchung nicht widerstehen, dem Beispiele der hiesigen Engländer zu folgen und einen Elephantenritt durch die Straßen von Benares zu wagen, doch habe ich schon angenehmere Vergnügungstouren gemacht. Gewöhnlich sind die Straßen nicht breiter als 7 bis 8 Fuß und ich kam öfter, als meinen Knöcheln und Kniescheiben lieb war, mit den ersten Stockwerken der Häuser in Berührung. In den Mittagsstunden wohnte ich einer Gerichtssitzung bei. Die zwölf 195 Geschworenen in dem Erbschwindelei-Prozeß bestanden halb aus Engländern, halb aus Eingeborenen. Die Summe, um welche es sich handeln sollte, war so hoch, daß ich Anstand nehme, sie anzugeben. Dann bestieg ich meinen Elephanten abermals, und ritt, ausgeschimpft von den Grünzeug- und Fruchthändlern, aus deren Körben mein Renner im Vorübergehen naschte, nach der Gangesbrücke. Hier erfuhr ich, daß auf dem gestrigen Zuge von Jumalpora nach Benares mehrere indische Passagiere der letzten Klasse unterwegs an der Cholera gestorben seien. Auf meine Frage belehrte man mich, daß die Conducteure in solchen Fällen kurzen Prozeß zu machen und die Leichen aus den Fenstern der Waggons zu werfen pflegten; das Weitere stellte man den Geiern und Schakalen anheim. Von der Brücke ließ ich mich, nachdem ich für geringes Geld eine Fülle der köstlichsten Südfrüchte gekauft, nach einer trockenen Sandbank fahren und schlug dort für einige Stunden mein Atelier auf. Mehrere indische Kinder waren mir gefolgt, als ich ihnen aber von den Früchten mittheilen wollte, wiesen sie die Gabe mit Gebehrden des Abscheus zurück und baten durch kaum mißzuverstehende Pantomimen um – Geld. Eine giftige Schlange, die einige Schritte weiter aus dem Ganges in ein benachbartes Boot kroch, vergällte mir das fernere Arbeiten; ich eilte nach Hause, um meine Effecten zu packen, da ich den nächsten Tag zur Rückreise nach Calcutta bestimmt hatte. Unsere Fahrt ging diesmal nach dem Reglement von Statten. Um 4 Uhr Morgens am 28. Januar verließ der Zug den Bahnhof von Benares, am 29. Januar acht Uhr Morgens kamen wir in Calcutta an. So abgespannt ich 196 war, ich unterzog mich der Mühe, sogleich nach der Post zu gehen, und wurde durch Briefe von Mutter und Bruder aus der Heimath entschädigt. Der Maskenball des Gouverneurs, von dem seit meiner Abwesenheit in Indien die Rede war, hat schon vor acht Tagen stattgefunden; es ist mir daher gelungen, in Mountains Hotel unterzukommen. Mein Gemach, allerdings das letzte freie Zimmer, liegt nach dem dritten schmutzigen Hofe hinaus; der Weg führt durch einen Pferdestall und zwei Wagenremisen. Die Wände bestehen aus Leinwandrahmen und sind genau 5 Fuß 6 Zoll hoch, ein gutgewachsener Musketier könnte mithin aus dem Nebenzimmer all mein Thun und Treiben beobachten. In der Thür steckt ein Schlüssel. Es ist der zweite, der mir in Indien unter die Hände gekommen. Da der Wirth und die Diener mich flehentlich gebeten haben, Thür und Koffer fest zuzuschließen, muß dieses Werkzeug Wichtigkeit besitzen. Ich beschließe daher, für meinen dreitägigen Aufenthalt keinen »Boy« mehr zu miethen, mein Bett selber zu machen und die Stiefel eigenhändig zu putzen. Immerhin habe ich mich insofern verbessert, als ich an der Table d'hote des Hauses Gesellschaft und Unterhaltung finde, doch ist diese nicht eben heiterer Art. Mein Tischnachbar ist ein Schotte, der seit einiger Zeit sich zum zweiten Male in Calcutta befindet. Er hatte zwanzig Jahre als Indigo-Plantagenbesitzer in Indien zugebracht und ein beträchtliches Vermögen erspart, mit dem er in die Heimath zurückkehren und sich dort ankaufen wollte. Alles war geordnet, seine Frau, eine geborene Engländerin, war vor Freuden außer sich, die heimische Insel wiederzusehen und ihren Anverwandten die in Indien geborenen 197 Kinder vorzustellen; da erkrankten letztere, fünf an der Zahl, fast gleichzeitig am Fieber. Die armen Eltern begruben die Hoffnung ihres Alters auf dem Kirchhofe von Calcutta und kehrten kinderlos nach Europa zurück. Das war im vorigen Jahre geschehen. Die Mutter fand im Kreise ihrer Angehörigen wenn nicht Trost, so doch Zerstreuung; der Vater konnte es fern von den Gräbern der geliebten Kinder nicht aushalten. Er hatte die mühselige Reise nicht gescheut, nur um an jedem Morgen und Abend seine Wallfahrt nach dem Denkmale der Verstorbenen zu wiederholen und mit heißen Thränen den Staub des mörderischen Bodens zu benetzen. Ungleich heiterer ist mein vis à vis bei Tische, eine englische Hauptmannsfrau, die, von Benares zurückgekehrt, grundsätzlich keine der dortigen Merkwürdigkeiten besichtigt, sondern nur – einen Offizierball besucht hat, und sich dessen rühmt. Stark vertreten sind bei Tafel die Commis. Die jüngeren Subalternen des Handelsstandes suchen sich durch eine gewählte Tracht, hohes Selbstgefühl und tiefe Verachtung der unter ihnen stehenden Menschheit hervorzuthun; so viel ich bemerkt habe, gehen die Commis von Calcutta noch weiter. Es ist zu einer förmlichen Kastengliederung unter ihnen gekommen. Ein Commis, der ein Monatsgehalt von 500 Rupien (333 Thlr.) bezieht, rechnet sich zu den Brahminen des Comptoirs und würdigt einen Collegen, der nur 400 oder gar 300 Rupien erhält, keines Blickes, keines Wortes. Ebenso verfahren diese, und lassen die im Gehalts-Avancement ihnen nachstehenden Jüngern ihre äußerste Geringschätzung fühlen. Mr. Quindrop, mein Nachbar zur Linken, könnte sich gleich in der nächsten 198 Pagode auf dem Altar als Wischnu niederlassen, so götzenhaft ist sein Anstand. Unerschöpflichen Stoff der Unterhaltung bei Tisch liefert der Maskenball. Die Königin desselben soll eine Lady gewesen sein, die für drei Costüme die Summe von 3000 Pfund Sterling verausgabt hatte. Die erste Sorge jedes Theilnehmers war natürlich gewesen, seine maskirte Individualität nicht für die Nachwelt verloren gehen und sich photographiren zu lassen. Nun hatten aber die Damen von Calcutta den Wunsch, die Portraits ihrer Tänzer auf einer Ausstellung vereinigt zu sehen, es war daher, um etwaige Mängel der ersten Aufnahme zu verbessern, eine zweite Serie angefertigt und wirklich öffentlich ausgestellt worden. Maskeraden tragen unter allen Himmelsstrichen einen verwandten Typus. Die billigsten Masken (für »junge Leute« mit monatlich 200 Rupien und 500 Rupien Schulden) sind hier Hindus und Türken, wer mehr daran zu wenden hatte, war als Van Dyk, Rubens oder Raphael erschienen. Ein junger »Marquis Posa« schien mir höchst verdächtig, noch vor einigen Jahren in den Straßen Warschaus oder Posens Hasenfelle erstanden zu haben. Die Ausstellung erfreute sich eines zahlreichen Besuches. Während der Tischgespräche mache ich eine Beobachtung, die ich nicht länger verschweigen kann und der Untersuchung der Herren Aerzte empfehle. Das zweite oder dritte Individuum, wie auch der Wirth und die bejahrten Domestiken, stottern immer; dasselbe Gebrechen ist mir schon unter den Passagieren der Eisenbahnen aufgefallen. Es verdient wohl untersucht zu werden, inwiefern Klima und örtliche Diätetik auf das grassirende Uebel einwirken. 199 Die Zeit der Abfahrt ist herangerückt, wir schreiben den 30. Januar, und so zufrieden ich mit meiner künstlerischen Ausbeute bin; der Gedanke an eine Nahrungs- und Ortsveränderung thut mir unsäglich wohl. Reis mit Curry, das Hauptnahrungsmittel Indiens, habe ich mir zum Ueberdruß gegessen. Das saucenartige gelbgrüne Gemüse, das zu dem sonst trefflich gekochten, dem italienischen Risotto gleichenden Reis servirt wird, ein Gemenge von beißend würzigen Kräutern, widert mich an, und doch wird es als stärkend für die Verdauung anempfohlen. Ich bin so weit gekommen, mich nach Hammelbraten à la Guttapercha mit Seeluft als Zukost zu sehnen. Zuweilen beneide ich die Kulis, die von einem Silbergroschen (halben Anna) den Tag hindurch ihr Leben fristen und sich über Wohnung und Kleidung nicht Sorge zu machen brauchen, schon weil sie beider nicht bedürfen. Wie viele Bedürfnisse hat das verzogene Kind der Civilisation und wie schwer sind sie zu befriedigen! Für das Billet nach Rangoon zahlte ich 120 Rupien, erhielt von dem Capitän der »India« die Versicherung, sein Dampfer werde die Ankerstelle im Hugly nicht verlassen und kehrte in das Hotel zurück. Noch die letzten Stunden sollten mir durch englische »Scherze« verbittert werden. Unser Boot, in dem ich über den Hugly gesetzt hatte, fuhr in einiger Entfernung an der Dampffähre vorüber, gleichzeitig ruderte an ihr ein Kahn voll nackter Eingeborenen vorbei. Diesen Moment nahm der Maschinenmeister wahr, das Ventil zu öffnen und die armen Nigger in eine Wolke glühenden Dampfes zu hüllen. Das Wehgeheul der Unglücklichen und die wilde Hast, mit der sie 200 über Bord in den Hugly sprangen und untertauchten, schien dem Barbaren unsägliches Vergnügen zu verursachen. Noch war ich nicht ans Land gestiegen, als eine schwarze Kuh, die Milchspenderin der »India«, eingeschifft wurde, das heilige Hornvieh schien indessen nur geringe Lust zur Seereise zu haben; an das Land springen und im Galopp davon jagen, war das Werk eines Augenblicks. Erst nach einer Stunde gelang es den Verfolgern, ihrer wieder habhaft zu werden. Am 1. Februar in der Mittagsstunde stieg ich mit dem neuesten, nur sechs Wochen alten Kladderadatsch und der Hiobspost, daß in der letzten Nacht auf der Eisenbahn nach Benares ein Unglück geschehen sei, in ein Boot, um nach der »India« hinüberzufahren, aber der Capitän hatte nicht Wort gehalten. Die »India« war mehrere Meilen weit stromab gegangen und es währte drei Stunden, ehe meine fünf faulen Ruderer mich an Bord brachten und erst gegen Zahlung von fünftehalb Rupien aussteigen ließen. Meine Uhr zeigte auf vier ein halb, und die Mannschaft mochte auf eine so frühe Ankunft von Passagieren nicht vorbereitet sein; ich überraschte zwei ihrer Mitglieder auf dem Verdeck beim Abwaschen der Teller. Nur zwischen den Wendekreisen, bin ich fest überzeugt, wird auf diese nonchalante Weise Tafelgeschirr gereinigt. Einer der beiden Schmutzfinken tauchte jeden Teller in einen Napf, der mit Dinte angefüllt schien, und trocknete ihn mit einem in der Finsterniß der Hölle gefärbten Lappen oberflächlich ab, seinem Gefährten war die feinere Politur anheimgestellt. Er bediente sich zu derselben eines Haufens schmutziger Leibwäsche, unter der ich die Inexpressibles des Capitäns und 201 mehrere Taschentücher zu unterscheiden glaubte. » Nihil humani a me alienum puto «; eben schwamm ein kolossaler Indienfahrer langsam an uns den Hugly hinab. Auf dem Quarterdeck saß eine englische Familie, die reizenden Töchter wehten in der Freude ihres Herzens, nach Hause zu kommen, mit den Taschentüchern, obgleich sie bei der Fahrt um das Cap der guten Hoffnung vielleicht fünf bis sechs Monate unterwegs zubringen mußten; mich beschlich sterbliche Schwäche. In sechs Wochen konnte ich wieder in Berlin, in dreien aber auch in Singapore sein, das Boot mit den Hammeln, dem Proviant für die Reise, stieß an die Schiffstreppe; ich faßte einen heroischen Entschluß und verbannte alle hypochondrischen Gedanken. Auf die Hammel folgte eine Reihe von Passagieren und in einem dichten Nebel, der bei Sonnenaufgang eine feuerrothe Färbung annahm, lichteten wir die Anker und dampften vorsichtig den Hugly stromab. Die India war, wie bisher alle Schiffe, überfüllt, und die Company hatte sich sogar nicht entblödet, dieselbe Cabinennummer zweimal zu verkaufen. Als ich gestern hinabstieg, um mich auszukleiden, fand ich einen groben Opiumkrämer auf meinem Bette. Er legitimirte sich durch Vorzeigung seiner Nr. 16. Es war auch die meinige, und doch hatte ich sie sechsunddreissig Stunden vor ihm gelöst. Der Capitän entschuldigte die Gaunerei als »Versehen«, aber anderen Passagieren war es nicht besser ergangen. Mehreren Gepäckstücken, die ich außer dem Eindringling in der Cabine vorfand und die sämmtlich »Mr. Julius G. Schulze. Calcutta« signirt waren, verdanke ich meine Nachtruhe. Der Besitzer nahm mich mit deutscher 202 Gemüthlichkeit sogleich als Schlafburschen in seine Cabine und stärkte mich moralisch durch ein Philippika gegen englische Ungebühr. Mr. Schulze war seit sechszehn Jahren in Calcutta ansässig und kannte das orientalisirte England ausreichend. Die Zahl der Passagiere erster Klasse übersteigt nicht zwanzig, die zweite und dritte ist stärker vertreten durch Birmanen, Perser und Türken. Außer einigen Offizieren, deren Rücken durch eiserne Ladestöcke aufgesteift scheint, enthält die erste Klasse fast nur Opium-, Indigo- und Rhicinushändler mit Frauen von »Halbkaste« und halbwilden Kindern. Der gebildetste Mann an Bord ist ein französischer Missionär. Als Pädagoge sucht er auf die ungezogene Jugend bessernd und belehrend einzuwirken, erntet aber dafür keinen Dank. Eine der chocoladenfarbigen Mütter bemerkte höhnisch, da ihr Erstgeborener eine Zurechtweisung erhalten hatte: »Sie lieben wohl keine Kinder?« »Im Gegentheil – nur Ihre nicht!« antwortete der Missionär. Der arme Geistliche machte in seinem Beruf nicht nur mit Minorennen indischen Geblüts üble Erfahrungen. Nach einigen Tagen bekannter mit ihm geworden, erlaubte ich mir die Frage, welche Fortschritte die christliche Kirche mache? Der verständige Geistliche zuckte die Achseln und blickte gen Himmel. »Ich schäme mich beinahe, Ihnen die Wahrheit zu sagen!« lautete die Antwort. »Von Bekehrung und christlicher Ueberzeugung ist nie die Rede gewesen, zur Taufe konnte der gemeine Mann, der Angehörige einer unteren Kaste, immer nur durch Geschenke bewogen werden. Noch im vorigen Jahre kam man mit einem Glase Brandy zum Ziele, jetzt verlangen die Täuflinge eine ganze Flasche.« Zwei Matrosen tragen kleine 203 Messingkreuze an einer Schnur um den Hals und sprechen einige Worte Englisch. Als der Missionär sich an sie wandte und nach ihrem Christenthum erkundigte, gaben sie nur zur Antwort: »Alles essen!« »Da hören Sie selber«, sagte der Priester, »sie haben sich nur taufen lassen, um reichlicher und bequemer zu leben. Sie sind jetzt nicht mehr genöthigt, ihre Speisen selber zuzubereiten und leben von den Abfällen unseres Tisches.« Um ein Uhr passiren wir die Tigerinsel, der Hugly-Lootse verläßt die India und wenige Minuten später rollen uns majestätisch die schönen blauen Wogen des indischen Oceans entgegen. Die Unterhaltung der Passagiere auf dem Quarterdeck dreht sich um den indischen Aufstand, und es ist keiner unter ihnen, der nicht vor seiner Erneuerung zitterte. Nur ein entschlossener Anführer sei nothwendig und ganz Indien stehe unter Waffen, doch würde nichts seltener unter diesem, durch vieljährige Tyrannei erschlafften Volke gefunden, als ein Mann von Willenskraft. Zwei Opiumhändler berichteten über eine ungeheure Summe von Silberstücken, die man in einem Garten zu Lucknow ausgegraben und zwischen der Regierung und den Findern getheilt hatte. Die erste Tagestour ist nur kurz, die India muß Briefschaften in Tschittagong abgeben, und wir werden, da die Mündung tief genug ist, mit Hülfe des Lootsen den breiten Strom, an dem die Stadt liegt, hinauf dampfen. Der Distrikt Tschittagong bildet den südöstlichen Theil Bengalens und ist durch die 41 Meilen lange Kette des Jumadong-Gebirges von Birma getrennt. Reis, Zuckerrohr, Betelnüsse, Taback und Senf sind die Hauptartikel des etwa 140 Quadratmeilen großen Landstriches, dessen Sümpfe 204 und Wälder eine Menge von Elephanten und Rhinoceros bevölkert, doch hat der Handel in den letzten Jahren nachgelassen, denn die klimatischen Verhältnisse der kleinen Stadt sind nicht die günstigsten. Die Zahl der Ansiedler besteht vorläufig nur aus zwei Engländern, die uns ihre jungen und schönen Frauen zu Pferde an das Ufer entgegen geschickt hatten, sie selber lagen am Fieber darnieder. Wir erklettern, Freund Schulze und ich, nachdem wir den Engländerinnen, die erwartet haben mochten, daß die India, welche die Verbindung mit Calcutta erst seit sechs Wochen unterhielt, Beiträge für ihre Toilette an Bord habe, eine verneinende Antwort ertheilt, eine von der malerischen Ruine eines alten portugiesischen Klosters gekrönte, reich bewaldete Anhöhe, und fuhren, da der Tag sich neigte, in der Absicht, am anderen Morgen unseren Besuch zu erneuern, an Bord zurück. Die Zahl der Passagiere des ausgehöhlten Baumstammes, in dem wir an Land gefahren waren, hatte sich unterdessen durch eine kleine Heerde von Pelikanen und Gänsen vermehrt, die zwischen unseren Knieen saßen, auf unseren Füßen umhertrampelten und ihre Schnäbel an den Waden Aller versuchten. Wir sollten den Bootsleuten, welche aus Furcht vor dem Sonnenstich ihre gesammte Garderobe um den Kopf gewickelt trugen und nackt vor uns saßen, das bissige Geflügel durchaus abkaufen. Frühmorgens waren wir noch Zeugen einer originellen wirthschaftlichen Scene. Schon in Brasilien hatte ich gesehen, daß die Wilden aus gekautem Mais, nachdem sie die Masse einer Gährung ausgesetzt, ein berauschendes Getränk bereiten. Zufällig betrafen wir die hiesigen Eingeborenen auf einem ähnlichen Verfahren der Anfertigung 205 des »Chicha« genannten leichten Branntweins. Mehrere Generationen: Greise, Männer, Kinder, Frauen und Mädchen, saßen enge neben einander gekauert, um einen großen Kessel, und kauten mit vielem Vorbedacht und – Speichel Maiskörner, die sie dann mit einer Sicherheit, die von langer Uebung zeugte, über die Köpfe der vornsitzenden Kleinen weg in das Gefäß spuckten. Näheres über das Weitere des Prozesses habe ich nicht ermitteln können. Eine Probe des fertigen Getränkes von den Destillateuren zu erbitten, fühlten wir uns Beide nicht veranlaßt. Mitten unter den Erkundigungen, welche der des Hindostanischen kundige Mr. Schulze einzuziehen suchte, donnerte ein Kanonenschuß über unsere Köpfe. Die India wollte in See stechen. 206 XVI. Mr. Julius Schultze aus Akyab. Nothwehr gegen Hunde. Austern an Mangrovenzweigen. Ein Empfehlungsbrief von Lord John Russell. An der Küste von Pegu. Im Garten der Feen. Consul Niebuhr und sein Bär. Sie fängt Tiger. In Besorgniß, zu spät an Bord zu kommen, wollte ich gleich nach dem Boote eilen, allein Mr. Schultze, der mit den Schiffsgebräuchen vertrauter war, beruhigte und bewog mich, auf dem Rückwege noch einen Abstecher in das nahe Bambusröhricht zu unternehmen. Am Abende vorher hatte mich die Menge der umherschwärmenden riesigen Fledermäuse in Erstaunen versetzt, aber bei dem rasch verglimmenden Tageslichte war es mir unmöglich gewesen, sie genauer zu betrachten. Jetzt führte mich mein Reisegefährte zwischen die Bambusstäbe, wohin sich die Gesellschaft bei Tage zurückgezogen hatte, und machte mich mit ihr bekannt. Die Ungeheuer sind in allen Naturgeschichtsbüchern als Blutsauger (Vampyre) verschrien, in der That aber gehören sie zu den harmlosesten und nützlichsten Geschöpfen und nähren sich lediglich von Insecten, die zwischen den Wendekreisen eine eben so reichliche als nahrhafte Kost bieten. Der Gestalt nach gleichen sie vollkommen unseren Füchsen 207 und messen mit ausgespannten Flügeln ungefähr 5 Fuß. In einer Höhe von zehn bis zwölf Fuß hingen sie, sich mit den Hinterklauen an die schlanken Rohrstämme klammernd, mit den Köpfen nach unten hinab. Viele schliefen, andere kratzten und bissen sich schreiend unter einander. Auf unserer Ueberfahrt nach der India sah ich auch zum ersten Male die nach chinesischem Brauche aus Matten angefertigten Segel der Eingeborenen. Schon am 5. Februar, um 6 Uhr Morgens, befanden wir uns dicht vor Akyab , nachdem wenige Stunden vorher ein strahlendes Meteor unfern des Backbords der India in das Meer gestürzt war. Zahlreiche Kokospalmen und die vulkanische Formation der 1000 Fuß hohen Felsen geben der Küste ein malerisches Ansehen; in dem Hafen liegen sechs nordamerikanische Indienfahrer, um Reis zu laden. Da Mr. Julius Schultze hier ansässig ist und die India verläßt, begleitete ich ihn und nahm das Frühstück in seiner Wohnung, und zwar in Gesellschaft liebenswürdiger Damen ein, dann machte ich mit meiner Mappe unter dem Arm einen Spaziergang in Akyab und seiner nächsten Umgebung. Die kleine Stadt liegt pittoresk am Ufer des gleichnamigen Flusses, ist aber im Ganzen nur aus Bambusrohr und den Blättern der Kokospalme erbaut. Die Häuser stehen auf Pfählen und zwischen diesen leben Schweine, Hühner, Krähen und herrenlose Hunde in paradiesischer Eintracht untereinander. Letztere äußern jedoch keine ähnliche Duldsamkeit gegen Mitglieder der menschlichen Gesellschaft. Die zu jedem kleinen Straßenviertel gehörige Truppe verfolgt den Spaziergänger bis in das angrenzende Hunderevier, wo er von den vierbeinigen Ansiedlern mit Geheul erwartet und mit Zähnefletschen empfangen wird. Sie schienen es auf mich, der ich mit keinem Kantschu versehen war, besonders gemünzt zu haben. Zum Glück war mir ein englischer Passagier der India gefolgt. Dieser, als er mich durch die wüthenden Köter in die Enge getrieben sah, zog seinen Revolver aus der Tasche und feuerte darunter. Der wohlthätige Zweck war erreicht, die Hunde ließen sogleich von mir ab, fielen über den getödteten Gefährten her und verzehrten ihn mit Haut und Haaren. Ich nahm auf meinem Malerstuhl Platz und entwarf eine Skizze des Städtchens, aber es war unsäglich schwer, bei dem Andrange der Neugierigen zur Arbeit zu kommen. Sie trieben die Vertraulichkeit so weit, sich auf meine Schulter zu lehnen, um mir in das Papier zu blicken, die Bleifedern und sonstige Zeichenmaterialien in die Hand zu nehmen und zu betrachten. Da nun auch die Hunde mit ihrem unerwarteten Frühstück fertig waren und sich mir wieder näherten, packte ich meine Utensilien zusammen und folgte einem Leichenbegängniß, das eben vorüberzog. Der Todte lag in einem fabelhaft verzierten, pyramidenartig geformten Wagen, in dessen Drachengestalten lebendige Menschen steckten und die Glieder bewegten, und wurde unter musikalischer Begleitung eines Tamtams und lebhaftem Gebehrdenspiel der Leidtragenden vor die Stadt hinausgefahren, in eine flache Vertiefung auf den Erdboden gelegt und mit einer leichten Sandschicht bedeckt. Einige tausend Schritte weiter lauerte eine Heerde von Schakals, aus deren aufgerichteten Spürnasen ich schloß, daß ihnen der Hauptact der Bestattung des Verewigten vorbehalten blieb. Die Einwohnerschaft von Akyab bekennt sich zum Buddhaismus. Weiterhin am 209 Seeufer gelang es mir, den im Wasser stehenden Mangrovenbäumen mich so weit zu nähern, um die an den unteren Zweigen hängenden Austern bemerken zu können. Auf dem Tiffin des Mr. Schultze waren sie in dieser Gestalt, noch vom Laube bedeckt, servirt worden, und ich freute mich, sie im Naturzustande aufzufinden. Die Qualität der indischen Austern ist sonst ausgezeichnet, auch giebt es eine tellergroße Species, die von den Eingeborenen in Stücke geschnitten und gekocht wird. Auf den Straßen befremdete mich die Menge der Blinden und an der schrecklichen Elephantiasis, einer abnormen Fußgeschwulst, Leidenden. Um drei Uhr erschallte wieder das Kanonensignal und eine Stunde später stachen wir in See. An Passagieren haben wir Zuwachs erhalten, er besteht in zwei buddhaistischen Bonzen. Die geistlichen Herren tragen citronengelbe Gewänder, und geben sich, um den Deckpassagieren, die der Mehrzahl nach aus Birmanen bestehen, zu imponiren, ein tiefsinnig priesterliches Air. Kaum waren sie an Bord erschienen, so drängten sich die braunen Weiber zu ihnen heran und beteten. Diese Function wurde jedoch nicht unentgeltlich verrichtet, die frommen Männer hatten am Gürtel Geldkästchen befestigt und verstanden die dargereichten baaren Dankesspenden, da ihnen ihre Satzungen verbieten, Geld mit bloßen Händen zu berühren, mit kleinen Bambusstäbchen sehr geschickt in sicheren Gewahrsam zu bringen. Den Rest des Tages enthielten sie sich jeglicher Nahrung, denn nach 12 Uhr Mittags dürfen sie nichts mehr genießen. Am nächsten Tage fand ich jedoch sattsam Gelegenheit, mich zu überzeugen, daß sie in den Frühstunden die nöthigen Vorsichtsmaßregeln 210 ergriffen, um nicht Hungertodes zu sterben. Beide Bonzen waren wohlbeleibte und gesunde Männer. Der Sonnenuntergang brachte uns wieder ein entzückendes Farbenspiel von Zinnober- und Rubinroth und die Nacht ein Kampfspiel mit Mosquitos und Cockroaches, in dem ich mich nicht zu den Siegern zählte; den Ueberrest von Morgenschlaf verkümmerte mir die hochgehende See und die mehrstündige Abwaschung des Verdecks. Zu Ehren der ostindischen Company oder des Capitäns der India muß ich hier ein Wort zum Lobe unserer Bibliothek sagen. Statt unzüchtiger französischer Unterhaltungsschriften haben wir vierzig Exemplare der Bibel an Bord, doppelt so viel, als wir bedürfen, denn die kleine India vermag nur zwanzig Passagiere erster Klasse zu beherbergen. Die lesekundigen Passagiere machen jedoch davon keinen Gebrauch. Nicht einmal die elende Unterhaltung treibt sie an, ein Buch in die Hand zu nehmen. Jeder sucht sich, so viel als thunlich, zu isoliren. Nur eine 17jährige Engländerin bildet einen Mittelpunkt der Anziehungskraft. Das unvergleichlich schöne Mädchen, das stets am Arm seiner Mutter erscheint, steht im letzten Stadium der Schwindsucht und gleicht mit dem ätherischen Glanz der blauen Augen, den schmalen Füßchen und den kleinen Händen schon jetzt einem verklärten Geiste. Beide Damen hüllen sich gewöhnlich in dichte Schleier und ziehen sich auf die entlegenste Stelle des Quarterdecks zurück. Aus anderweitigen Gründen hüllen sich die an Bord befindlichen beiden englischen Offiziere in tiefes Schweigen. Daß der Major Niemanden eines Blickes und Wortes würdigt, erscheint durch den hohen Rang des Kriegers gerechtfertigt, daß er aber auch an dem sich ihm zuweilen vorsichtig 211 nähernden Lieutenant nur disciplinarisch schroff betonte, kurze Phrasen richtet, scheint mir ein Zeichen von heroischer Resignation, deren nur Häuptlinge der englischen Nation fähig sind. Der arme Lieutenant hat keinen Untergebenen, an dem er auf ähnliche Weise Revanche nehmen könnte, es sei denn, er wollte sich an den auf dem Verdeck kauernden Birmanen reiben. Diese gehen indessen jedem Europäer aus dem Wege und kauen ihren Reis mit Zuckerrohr in stiller Zufriedenheit. Noch ist eine Obristenfrau vorhanden, die das Sprechen ganz aufgegeben zu haben scheint. Nur einmal, als ich, bei Tisch neben ihr sitzend, sie vor den Lebern der angeblich kranken Hühner warnte, um mich gleich darauf derselben zu bemächtigen, glaube ich ein dumpfes Knurren gehört zu haben. Eben so wenig antwortet sie den anderen Damen. Bei dem Mangel an jeglicher Unterhaltung reichen daher die geringsten Ereignisse zur Ausfüllung eines ganzen Vormittags hin. So hatte der birmanische Barbier beim Rasiren dem Major ein wenig in das Kinn geschnitten, und der Heilgehilfe der »India« mußte gerufen werden. »Was haben Sie für Pflaster?« herrschte der Kriegsgebietiger den Jünger Aesculap an. Dieser zog drei Röllchen weißen, rothen und schwarzen Pflasters hervor und fragte zuvorkommend, von welcher Sorte sein Vorgesetzter befehle? Der große Mann durchbohrte erst die Waare, dann den Pflasterkasten mit Blicken und antwortete höchst majestätisch: »Legen Sie mir das kleidsamste auf.« Am Mittagstisch erschien der Major mit einem schwarzen Streifen über der Blessur. Mein Nachbar, ein Rhicinus-Agent, machte eine sehr treffende Bemerkung. Als ich ihm nämlich auf seine Frage: weshalb ich reise, zur Antwort 212 gab: zu meinem Vergnügen, äußerte er ganz naiv, daß er nicht begreifen könne, wie es ein Vergnügen sei, auf einem solchen Schiffe, mit dieser Gesellschaft, bei einer so nichtsnutzigen Verpflegung und so beträchtlichen Kosten zu reisen. Der gute Mann hatte nicht Unrecht, alles Trinkwasser ist lauwarm, nur das Sodawasser, das wir mit Silber aufwiegen müssen, ist auf Eis gekühlt. Wenn wir uns beim Capitän über die langsame Fahrt beklagen, entschuldigt er sich mit – der Kostspieligkeit der Kohlen. Schon um 12 Uhr Mittags haben wir in der blauen Ferne gezackte Berge, das Vorland von Rangoon gesehen, aber der Tag neigt sich und wir kommen noch immer nicht aus der Stelle. Unter den Passagieren ist heute nicht ein Dutzend Worte gewechselt. Nur der Curiosität wegen hatte ich mich nach Tisch an den unnahbaren Major gemacht und mich bei ihm durch ein Schriftstück von Lord John Russell einzuführen gesucht, es war ein eigenhändiger offener Brief des Lords, in dem er mich allen seinen Landsleuten in fernen Ländern empfahl. Der Major entfaltete den Brief, blickte hinein und lispelte kaum hörbar: » A very nice letter, « dann gab er ihn mir zurück und starrte seelenlos ins Weite. Leichter hätte ich mich mit einem fliegenden Fische oder einem Delphin verständigen können. Gegen 5 Uhr passiren wir die Diamantinsel und lassen links eine andere, über und über mit der herrlichsten Vegetation bewachsene Insel liegen. Ein großes, gegen den Wind kreuzendes Schiff kommt uns entgegen. Es wird bald dunkel, und der von einem Hofe umgebene Vollmond droht mit schlechtem Wetter, am Morgen sind jedoch alle Nebel verschwunden und wir nähern uns mit großer 213 Vorsicht dem Lande. Das Meer sieht in Folge der vielen schmutzigen Flüsse, die hier münden, wie Lehmwasser aus. Die Küste selber vermögen wir bei ihrer Flachheit nicht zu erblicken. Der Steuermann sitzt auf dem Vordermast und späht nach dem Lande; den Berechnungen nach müßten wir schon um 8 Uhr an Ort und Stelle sein. Uns Passagieren wird die Sache verdächtig. Der Capitän und das Schiff machen die Reise zum erstenmale und die Bay von Rangoon steht als Fahrwasser in üblem Ruf. Um 10 Uhr begegnet uns endlich ein in der Bay kreuzender Schooner und sendet einen Lootsen an Bord; der Capitän hatte wirklich zu südlichen Cours genommen. Wir wenden daher und erblicken bald darauf in weiter Ferne einige hohe Rauchsäulen; nach Angabe des Lootsen wird dort aus Muscheln Kalk gebrannt. Fast unvermerkt, so langsam taucht die Küste aus dem Meere auf, fahren wir in die Flußmündung und stromaufwärts. Zwei Dreimaster aus Bremen haben hier geankert und der Kapitän eines derselben kommt an Bord der India, um nach einem Arzte zu fragen. Sein Schiff hat die Reise um das Cap der guten Hoffnung in 96 Tagen, einer unverhältnißmäßig kurzen Zeit zurückgelegt, und er unterdessen fortwährend an der Gicht gelitten. Ich zweifle, daß unser Heilgehilfe dem armen Landsmanne einen annehmbaren Rath ertheilt. Während der Reise hat er nie ein anderes Medicament als das landesübliche Rhicinusöl verordnet. Eine Menge herrlicher Schmetterlinge und weißer Möven mit hellbraunen Flügeln kommt uns entgegen, das erste chinesische Schiff schwimmt vorüber, in der Ferne ragt die Spitze der berühmten goldenen Pagode von Rangoon empor. Wir werfen in der Nachbarschaft mehrerer 214 Hamburger, Bremer und New-Yorker Indienfahrer, sowie dreier chinesischer Dschunken Anker und benachrichtigen die Einwohner von Rangoon durch ein Kanonenschuß von unserer Ankunft. Ich begab mich zu dem hier residirenden preußischen Consul, Herrn Niebuhr , und wurde von ihm freundlich aufgefordert, in seinem Hause zu wohnen; mir ist durch das Anerbieten des liebenswürdigen Mannes ein Stein vom Herzen gewälzt. Rangoon , der besuchteste Hafen von Pegu , liegt ungemein schön, wie auf einen smaragdgrünen Teppich gebettet, an einem breiten, tief fluthenden Flusse, umgeben von mehreren Landseen und malerisch bewaldeten Hügeln. Mein erster Besuch galt am 8. Februar der sogenannten goldenen Pagode. Das wunderliche Bauwerk gleicht von Weitem gesehen einer ungeheuren Tischglocke und steht auf dem höchsten Punkte der Stadt. Seltsamer Weise bildet es nur einen massiven Steinklumpen, dem von außen Verehrung gezollt wird, die darin besteht, daß die Gläubigen auf den Vorsprüngen des Gesteins emporklettern und die runde Façade mit Blattgold bekleben. Außerdem werden Buddha Lichte, Stäbchen, Blumen und kleine Fahnen zum Opfer dargebracht. Die Pagode ist von einer Mauer umgeben, die zugleich ein ganzes Kirchspiel von Glockenhäusern, Götzen, kleineren Pagoden und Wohnungen von Tempeldienern, Bettelmönchen, Glöcknern und bußfertigen alten Weibern umschließt. Der innere Raum ist eine Welt für sich. Die hier befindlichen Glocken dienen einem andern Zwecke, als die im christlichen Gottesdienste üblichen. Wenn sie dort die Gemeinde zusammenrufen und die Vollziehung eines kirchlichen Aktes, der Taufe, Trauung, des Abendmahls oder 215 der Beisetzung einer Leiche ankündigen, bedienen die Birmanen sich ihrer, wie wir unserer Hausglocken, zur Anmeldung ihrer Ankunft. Die hiesigen Glocken haben keine Klöppel, es liegen nur geschnitzte Keulen daneben, mit denen der erbauungsbedürftige Buddhaist das Metall mit Aufwand aller seiner Kräfte bearbeitet, um die Gottheit auf seine Anwesenheit und den Anfang seiner Gebete aufmerksam zu machen. Ich habe schon mehrfach gesagt, wie leicht hier zu Lande Subsistenzmittel erworben werden; es ist daher begreiflich, daß eine Menge frommer Müssiggänger sich in der Umgebung der Pagode ansiedelt und dem Tempeldienste widmet. Das Bauwerk muß unentgeltlich im Stande erhalten werden, und die dienstfertigen Helfer erwerben nichts weiter als Anwartschaft auf himmlischen Lohn. Am meisten ergötzten mich die Tempeldiener generis feminini , gräuliche alte Weiber mit Tabakspfeifen im Munde, die mir stets, um Trinkgeld bettelnd, auf den Fersen folgten. Alle diese Personen sind weiter nicht durch klösterliche Gesetze gebunden; sie können den Dienst nach Belieben verlassen und wieder antreten. Mit den Bonzenklöstern sind auch Schulen verbunden, in denen Lesen und Schreiben gelehrt wird; Mädchen und Frauen sind jedoch grundsätzlich ausgeschlossen. Im ganzen Orient wird das Weib als ein mangelhaft organisirtes Wesen angesehen, das sich der erworbenen Fähigkeiten nur zum Nachtheil der Vorgesetzten bedienen würde. Man erkennt leicht die unter allen Himmelsstrichen gleiche Theorie des feigen absoluten Regimentes. Die Bevölkerung Rangoons besteht der Hälfte nach aus chinesischen Einwanderern, die in großer Wohlhabenheit zu leben scheinen. Ich schließe dies aus dem Tempel, der sich 216 seiner Vollendung näherte, und von den Mitteln und der Kunstgeschicklichkeit der Chinesen eine hohe Meinung erweckte. Das Baumaterial bestand aus Teckholz und musterhaft genau behauenen Steinen. Die verständigen und arbeitsamen Menschen mögen sich hier ungleich glücklicher fühlen, als unter der tyrannischen Herrschaft ihrer Heimath. Die anmuthige Umgebung der Stadt mit ihrem Wechsel von Palm- und Mangobäumen, lieblichen Seen, Hügeln und Gärten lockt mich immer wieder ins Freie hinaus. Am 9. Februar stieß ich oberhalb Rangoons am Fluß auf zwei Elephanten, die mit wahrhaft menschlichem Verstande ein Floß Balken zerlegten und die einzelnen Theile am Ufer, wie nach dem Winkelmaß geordnet, aufschichteten. Ihr Kornak hockte am Wasser und sah ihnen selbstzufrieden zu, indem er eine landesübliche, aus Tabak und Palmensyrup geknetete, mit einem Schilfblatt umhüllte Cigarre rauchte. Weiterhin gerieth ich ohne mein Verschulden, nur in dem Bestreben einige, an Bambusröhren hängende fliegende Füchse näher in Augenschein zu nehmen, in ein Privatbesitzthum, wo ich leicht hätte in große Unannehmlichkeiten verwickelt werden können. Während ich, zwischen den Bambusstämmen hervortretend, durch die Anmuth der Anlagen und ihren Reichthum an Blumen entzückt, dahinschlenderte, kam mir plötzlich eine Gruppe von fünfzehn bis zwanzig der zierlichsten jungen Frauen mit freundlichen Gebehrden entgegen. Orpheus, als er den Widerstand der Eumeniden und Larven besiegt, konnte von den Seligen, unter denen Eurydice verweilte, nicht zuvorkommender empfangen werden. Die Führerin, ein Bronzeabbild der Venus von Medici, streckte mir ein Händchen von klassischer Schönheit, aber orientalischer 217 Lebenswärme entgegen, und ich zauderte nicht, mich desselben zu bemächtigen und meine innige Dankbarkeit für das gastliche Entgegenkommen zu bethätigen, als ich durch eine thierisch rauhe Stimme aus allen meinen Himmeln gestürzt wurde. Aus einem nahen Laubgange eilte der unselige Gatte der Grazien, ein alter bärbeißiger Sauertopf, herbei, indem er sich immer nach zehn Schritten umkehrte und mit der Villa durch telegraphische Zeichen correspondirte. Da er mit Dolch und Säbel, ich dagegen nur mit einem Entoutcas bewaffnet war, auch leicht die im Orient üblichen Verschnittenen als Reserve im Anzuge sein konnten, machte ich mich mit blutendem Herzen, von den bedauerlichen Blicken der Schönen begleitet, rasch aus dem Staube und eilte nach Rangoon zurück, verschwieg aber weislich meinem gütigen Wirthe das Abenteuer. Die Tage, welche ich in den Häusern deutscher Landsleute zubringe, sind die Feste meiner Reise. Herr Consul Niebuhr erschöpft sich in Aufmerksamkeiten, mir den Aufenthalt in seinem Hause angenehm und mich mit den Merkwürdigkeiten Rangoons bekannt zu machen. Die wilde Bestie steht dem Menschen in dieser Zone näher, als in unserem nordischen Klima, Herr Niebuhr erzieht daher auf seinem Hofe einen schwarzen Bären als Hausthier. Der Kleine ist acht Monate alt und noch von allen Unarten seines Geschlechtes frei. Für gewöhnlich angebunden, wird er doch mehrmals am Tage losgelassen und besucht dann seine Herrschaft in ihren Zimmern. In Begleitung eines auffallend großen Pfauhahns erscheint er täglich an unserem Frühstückstisch und empfängt manchen guten Bissen aus den Händen des Consuls. Gewiß trägt die Kost viel zur 218 Erhaltung seiner Sanftmuth bei, er wird mit einem Gemenge von Reis und Thee gefüttert, denen zuweilen Milch und Zucker hinzugefügt wird. Er gebehrdet sich wie ein zahmer Hund, nur ungleich possierlicher, krabbelt unter dem Tisch an unseren Beinen umher, richtet sich an den Stühlen, an der Tischplatte auf, giebt die Pfote und leckt die Hand, doch macht seine körperliche Stärke diese Zärtlichkeiten zuweilen etwas lästig. Ich schweige, aber ich sehe den Zeitpunkt voraus, wo Herr Niebuhr gegen Petz Repressivmaßregeln ergreifen wird. Nach dem Tiffin fuhren wir vor die Stadt hinaus und hielten an einem einfachen Landhause; mein Wirth lächelte geheimnißvoll. Von einem Eingeborenen geführt, traten wir in den Hof und Herr Niebuhr flüsterte diesem einige Worte zu. »Sie werden eine eigenthümliche Amme mit ihren Säuglingen sehen!« sagte er und bat mich, auf einem Rohrschemel Platz zu nehmen. »Zwillinge? oder gar Drillinge?« fragte ich neugierig. »Nur Zwillinge,« erwiderte der Consul und deutete auf ein kräftiges Weib, das aus dem Hause trat und sich uns näherte. »Was für ein schauerliches Naturspiel!« rief ich entsetzt, »die Mutter muß sich versehen haben, die Kinder sind ja gestreift! « Herr Niebuhr lachte laut auf: »Bedienen Sie sich nur ihrer Augengläser!« Die Frau stand jetzt vor uns, und ich sah, daß die Säuglinge zwei kleine Tiger waren, die eifrig saugend an den Brüsten ihrer Amme hingen. Diese betrachtete sie so zärtlich, als ob sie die hoffnungsvollen Ungeheuer unter ihrem Herzen getragen hätte und machte mir die bekannte »Stimme der Natur« dadurch äußerst verdächtig. Die Tigerin-Mutter war vor einigen Wochen von einem Jäger erlegt worden, der kühne 219 Mann hatte sich der beiden Jungen bemächtigt und für sie eine Amme gemiethet, in der Absicht, einen Versuch anzustellen, wie weit man in der Zähmung eines so furchtbaren Raubthieres gelangen könne, wenn man es bald nach der Geburt allen Bedingungen entfremde, die seine Blutgier wecken können. Wir blickten Beide bedenklich drein und schüttelten die Köpfe; die entgegengesetzte Erziehungsmethode Mr. Battys und seiner Nachahmer war mir damals noch nicht bekannt, aber ich zweifelte von vornherein, daß sich die Theorie des Humanismus in der Heranbildung junger Tiger für die Gesellschaft bewähren werde. Leider habe ich über den Ausfall des Versuches nichts weiter erfahren. 220 XVII. Straßenarbeiter. Theatervorstellung. Die Baltic. Maulmen. Ein persischer Israelit und sein Gouverneur. Rabbiner. Alles koscher. Schornsteinbrand. Insel Penang. Der 18. Februar, der chinesische Neujahrstag. Siesta neben der Tigerbucht. Eine Flasche Champagner mit Musik. Als wir nach Hause zurückkehrten, war mir durch Aufziehung der preußischen Flagge von Consul Niebuhr eine Ueberraschung zugedacht worden, die birmanischen Diener hatten jedoch aus Unbekanntschaft mit den heraldischen Thieren, unseren Adler verkehrt aufgezogen. Die letzten Stunden des Tages wurden benutzt, um die Befrachtung eines Indienfahrers mit Reis zu sehen. Rangoon ist ein Hauptemporium für die Versendung dieser Feldfrucht, und es soll kein Tag in dieser Jahreszeit vergehen, an dem nicht 15000 Säcke verschifft werden. Achthundert Arbeiter sind unausgesetzt mit der Verpackung beschäftigt. Die fast unbekleideten Eingeborenen fallen durch ihre prachtvollen Tättowirungen auf. Der Unterkörper ist mit wunderlichen Verzierungen, unter denen wilde Thiere eine wichtige Rolle spielen, in blauer Farbe bedeckt; die Tättowirungen der Brust sind dagegen roth ausgeführt. Der Anblick ist 221 durchaus nicht unangenehm, die Zeichnungen gleichen den Mustern eines feinen gewebten Stoffes. Auffallend ist die leidenschaftliche Vorliebe der Bewohner Rangoons für das Tabakrauchen. Oft genug habe ich kleine Kinder, die noch nicht fest auf ihren Beinen standen, große Cigarren rauchen gesehen. Für den Unterricht der männlichen Jugend scheint dessenungeachtet systematisch gesorgt zu werden. In mehreren Schulen kam ich gerade in die Lese- und Schreibstunden; die Kinder bedienten sich dazu schwarzer Täfelchen und einer Art Kreide. Der Unterricht wurde stets in den Klöstern der Bonzen und von diesen selber ertheilt. Wissenschaftliche Hilfsmittel höherer Qualität habe ich nirgends bemerkt. Eben so reich bevölkert wie mit Priestern ist Rangoon mit Verbrechern. Die Zahl der Insassen des hiesigen Gefängnisses soll über tausend betragen. Am 10. Februar sah ich einen beträchtlichen Trupp dieser Unglücklichen bei der erstickenden Hitze des Tages an der Verbesserung der Landstraße arbeiten. An demselben Tage kamen auch drei chinesische Schiffe in den Hafen. Sie sahen bei gleicher Größe einander zum Verwechseln ähnlich mit ihren geschnitzten und bemalten Teufeln, nebst dem immer wachen, allsehenden Auge vorn am Bug. Wir leben jetzt in der heißen Jahreszeit und das Thermometer in meinem Zimmer deutet auf 32 Grad Réaumur . Als ich bei dieser Temperatur in den Morgenstunden eine Aquarelle der goldenen Pagode anfertigte, machte ich mich darauf gefaßt, in Ohnmacht zu fallen. Dennoch ließ ich mich nicht abhalten, Nachmittags einer Theatervorstellung beizuwohnen, die ein reicher Einwohner zur Feier des Einstechens der Ohrringlöcher seiner Kinder veranstaltet hatte. 222 Die ganze Verwandtschaft mit allen ihren Kleinen war geladen, und der Anblick dieser Versammlung im höchsten Festschmuck konnte wirklich glänzend genannt werden. Der Inhalt des Stückes hatte viele Aehnlichkeit mit unseren verschollenen Ritterschauspielen. Der Held war ein Cavalier, der hoch zu Roß auf die Brautschau auszog, aber unablässig mit einem Teufel zu kämpfen hatte, der ihm die Schöne nicht gönnen wollte. An Episoden war kein Mangel, und ein Priester, ein starker Fechter, ein Mörder u. dgl. m. hatten viel zu thun; in den Zwischenacten stimmte das Orchester eine ganz heillose Musik an. Wir europäische Großstädter beklagen uns gern über die Länge mancher Opernvorstellungen; die hiesigen Kunstfreunde scheinen mehr vertragen zu können. Die Aufführungen dauern nicht selten an zehn Stunden, bis tief in die Nacht hinein. Die Forderungen der ausübenden Künstler stehen nichtsdestoweniger denen europäischer Mimen und Sänger weit nach; die Gesammtkosten der heutigen Vorstellung überstiegen nicht die Summe von 30 Rupien. Nachdem ich das Theater verlassen und einige Stunden in meiner Wohnung zugebracht, kehrte ich zurück und kam noch zu rechter Zeit, um zu sehen, daß der Held, nachdem er sich weidlich mit mehreren Masken umhergeschlagen und, zum großen Jubel der Kleinen, den oppositionellen Teufel erlegt hatte, in den Besitz seiner Theuren gelangte und mit ihr von dannen ritt. Gleich am andern Tage wohnte ich der Vorstellung eines Marionettentheaters bei, die ein reicher Chinese zur Unterhaltung seiner Bekannten veranstaltet hatte. Die geladenen Gäste saßen im Zuschauerraum auf den besten Plätzen, da dieser aber nach drei Seiten hin offen war, hatten sich Tausende 223 eingefunden, die, in weitem Kreise das Theater umgebend, der Vorstellung beiwohnten, ohne den Gesang und die Reden der sauber angefertigten und geschickt geleiteten Puppen durch einen Laut zu unterbrechen. Das Ende konnte ich nicht abwarten, da der Morgen darüber angebrochen sein soll. So gewissenhaft ich die kühleren Frühstunden benutze, habe ich zu meinem großen Bedauern seit meiner Abreise von Ceylon doch noch keine umfangreichere Totalansicht zu Papier zu bringen vermocht. Das Terrain ist meistens formlos, oder doch flach, und nur ausnahmsweise durch Hügel unterbrochen; ich muß mich mit Pagoden begnügen und bin in der Nähe der Spiegelglaspagode schon ein so bekannter Gast, daß sich die kleinen Sperlinge bei der Arbeit auf meinen, mit einem weißen Shawl umwickelten Hut setzen und wohlgemuth zwitschern. Mein gütiger Wirth verschaffte mir heute nach dem Tiffin auch den Genuß, einer eingeborenen Kapelle zuzuhören, welche reiche englische Kaufleute auf ihre Kosten gebildet hatten. Dieselbe war nach der Weise der bekannten russischen Hornmusik eingerichtet, d. h. jedes Orchestermitglied blies nur einen einzigen Ton, mit dem es immer rechtzeitig einzusetzen hatte. Das Repertoir der Bläser ging, nebenbei bemerkt, nicht über Rule Britannia und die Marseillaise hinaus. Am 12. Februar Mittags traf das Dampfschiff ein, welches den Postdienst zwischen Calcutta und Singapore versieht, aber nicht der erwartete neue Steamer »Penang«, sondern die »Baltic«, der älteste und schmutzigste Dampfer der Company, ein Reserveschiff. Wenn ich mich nicht dazu entschließen will, einen Monat bis zur Ankunft des nächsten 224 Dampfers in Rangoon zu verweilen, muß ich mit der »Baltic« fahren, und die Summe von 330 Rupien für eine Strecke erlegen, die ein starkes und schnelles Schiff in drei Tagen durcheilen würde, auf der wir aber zwölf Tage zubringen sollen. Der Fahrpreis von Calcutta beläuft sich demnach auf die Summe von 45 Pfd. Sterling. In der letzten Nacht meines Aufenthaltes in Rangoon genoß ich noch das unvergleichliche Schauspiel eines Brandes der Reisstoppelfelder. Die ganze Umgegend des Ortes glich einem Feuermeer. Ungern entzog ich mich dem Anblick, um meine Effecten einzupacken und warf mich dann ermattet auf mein Lager. Die Ruhe sollte nur von kurzer Dauer sein, der Tag war eben angebrochen, als ich plötzlich von starken Armen ergriffen und aus dem Bette auf die Erde gerollt wurde. Unser Bär hatte den Zugang in mein Zimmer gefunden und sich einen Scherz mit mir erlaubt. Zehn Minuten später erschien der liebenswürdige Wirth, ich nahm von ihm, den neun Vogelnestern, die sich auf der oberen offenen Wand des Zimmers etablirt hatten, Abschied, und begab mich, begleitet von sieben Dienern des Hauses, die mir für das empfangene Trinkgeld ihre Erkenntlichkeit beweisen wollten, und fünf Kulis, den Trägern meines Gepäcks, an Bord der Baltic. Auf einen Abstecher nach Pegu und Tenasserim, wo der König von Pegu in der Mitte von 300 Frauen residirt, mußte ich verzichten. Es war mir nicht beschieden, den würdigen Monarchen, dessen erste Gemahlin seine leibliche Schwester ist, und die zwölf Kinder dieses eigenthümlichen Ehepaares kennen zu lernen. Ein großer Indienfahrer steht eben im Begriff, seine Ladung von 50,000 Säcken Reis im Werthe von 100,000 225 Dollars einzunehmen, ein anderes nordamerikanisches Schiff, so wie eine chinesische Dschunke mit ihren vorweltlichen Mattensegeln, kommen den Strom herauf uns entgegen. Unsere Baltic hat für 70,000 Thaler Opium an Bord und ist außerdem mit Passagieren, darunter mehreren früh und spät heulenden Kindern vollgepfropft. Auf dem Quarterdeck darf nicht geraucht werden, ich sitze also neben einem polnischen, unter der Sonne Indiens schwarz gebrannten Juden, der mir für 30 Pfd. St. Rupien und Annas eingewechselt hat, rauche meine Cigarre und lausche den wenigen deutschen Worten, die mein Geschäftsfreund in seiner Erinnerung aufbewahrt hat. Am 15. Februar sollten wir in den Mittagstunden in Maulmen, einer Station des Dampfers, ankommen. Die Küste zwischen den Mündungen der Flüsse, an denen Rangoon und Maulmen liegen, hat durchschnittlich nicht über 30 Fuß Wassertiefe, unser tiefgehender Dampfer – ich kann aus dem Kajütenfenster den Arm in die Wellen strecken – muß deshalb mit vieler Vorsicht gesteuert werden. Der schwarze Lootse, der um acht Uhr anlangte, um uns in den Hafen zu bringen, mochte ein Anfänger in der Steuermannskunst sein. Fünf Minuten später, nachdem er das Steuer ergriffen, saßen wir auf einer Sandbank fest, die Baltic legte sich auf eine Seite, das Wasser drang durch die Kajütenfenster; zum Glück ging die See nicht hoch. Nach qualvollen Anstrengungen der Schraube kamen wir nach einer guten Stunde von der Sandbank los, ohne daß unser Lootse sich über Auflaufen und Freiwerden besonders gewundert hätte. Bald hatten wir die Mündung des Saluihn erreicht 2260 und dampften langsam stromaufwärts. Maulmen liegt fünf bis sechs englische Meilen von der Küste entfernt in einem welligen Terrain, welches in der Ferne durch eine ziemlich hohe Bergkette begrenzt wird. Auf einem Hügel zur Rechten glänzt das Dach einer Pagode, welche den ganzen Ort beherrscht. Die Ufer des Saluihn sind, so weit das Auge reicht, mit einer üppigen Vegetation bedeckt, deren saftiges Grün bei der Gluth der Mittagsstunde den gereizten Sehnerven unsäglich wohlthut. Kein Passagier wagt an Land zu gehen, auch ich fühle mich nicht veranlaßt, der Einladung eines Mr. Hildebrandt zu folgen, der auf Grund unserer Namensvetterschaft einen Kuli auf die Baltic geschickt hat und mich mit englischer Naivetät zu sich entbietet. Nach gewohnter Weise speisen wir, da die Kajüte für die Zahl der Tischgenossen nicht ausreicht, unter dem Sonnenzelte auf dem Verdeck und zum erstenmale seit unserer Abfahrt von Rangoon folgt die Herrengesellschaft meinem Beispiel und behält bei der Mahlzeit die Hüte auf den Köpfen. Bis dahin hatten meine Gefährten aus Respect vor den Damen, die doch ihrerseits die Hüte und Schleier grundsätzlich niemals ablegen, sich der Gefahr ausgesetzt, mit entblößten Häuptern Opfer des Sonnenstiches zu werden. Ich hatte die uns bei der geringen Dichtigkeit des ausgespannten Segeltuches drohende Gefahr von vornherein erkannt und mich, ohne die Prätensionen der Ladys weiter zu beachten, immer bedeckt; heute fand ich Nachahmer. Nachdem ich die Stunden von zwei bis vier Uhr zur Anfertigung einer Skizze der hübschen Stadt benutzt, fuhr ich an's Ufer und machte einen Spaziergang nach der Hauptpagode und ihrer Umgebung von kleinen gleichgestalteten Kapellen. Die 227 etwa 17,000 Köpfe starke Bevölkerung von Maulmen besteht zur Hälfte aus Chinesen, ein Umstand, der hinsichtlich der Reinlichkeit gemeinhin zum Vortheil der indischen Städte gereicht. Die Nacht wurde mir durch den Blutdurst der Mosquitos verbittert, die an den Mündungen der Flüsse, wie ich bemerkt zu haben glaube, dem Menschen mit besonderer Erbitterung zu Leibe gehen. Erst gegen Morgen verfiel ich in einen unruhigen Schlummer und verträumte die Theestunde. Nach den Gesetzen der Company wird nach 7 Uhr Morgens kein Tropfen mehr verabreicht. Durch die von Maulmen mitgenommenen, beim Tiffin servirten Crevetten suchte ich mich zu entschädigen. Sie waren zwischen 10 und 12 Zoll lang und übertrafen den Hummer weit an Feinheit des Geschmacks. Nach Aufhebung der Tafel macht mich ein nordamerikanischer deutscher Landsmann, der einzige Mensch an Bord der Baltic, mit dem eine Unterhaltung der Mühe verlohnt, auf den neuen Reisegefährten aufmerksam, der sich in Maulmen zu uns gesellt. Er ist ein aus Persien gebürtiger junger Israelit, der Sohn steinreicher Eltern, und macht seine große Tour, denn auch hier glaubt man die Erziehung durch längere Reisen zu vollenden. Der hoffnungsvolle Jüngling ist von einem förmlichen Hofstaat umgeben, an dessen Spitze ein Rabbiner steht, der alle für seinen Zögling bestimmten Speisen koschert und für die Beobachtung der sonstigen religiösen Gebräuche sorgt. Der junge Reisende scheint weniger bestrebt, seine eigenen Erfahrungen zu bereichern, als einen vortheilhaften Eindruck auf die Umgebung zu machen und ihr durch die Entfaltung seiner Reichthümer zu imponiren. Gleich am ersten Tage erschien er in fünf verschiedenen Kostümen an Bord und 228 behing sich, gleich einer koketten Schönen, mit goldenen Kleinodien und Brillanten. Wenn ihm sein Glaube verbietet, mit uns Unreinen aus einer Schüssel zu essen, gestattet ihm sein Rabbi doch in Bezug auf das Getränk größere Freiheit. Das credenzte Ale mundet ihm sichtlich, eben so der steife Grog, der als Nachttrunk in der Cajüte eingenommen wird, und am 17. Februar, als der Enkel Nathans des Weisen ungewöhnlich spät auf Deck sichtbar ward, hielt ich mich zu einer Diagnose auf Katzenjammer berechtigt. Unsere Dampfschnecke legt stündlich nur sieben Knoten zurück, während jeder minder engbrüstige Steamer 12 bis 13 macht, wir haben daher genügende Zeit, uns alle Zufälligkeiten der Reise scharf einzuprägen. Wir nähern uns der Malakastraße und kein Lüftchen regt sich. Auf der Oberfläche des tiefblauen Oceans schwimmen von Zeit zu Zeit Schlangen von 6 bis 7 Fuß Länge, dann tauchen Schwärme fliegender Fische aus der Tiefe auf, dann folgt uns wieder stundenlang ein Hayfisch, eine Schiffsplanke schwimmt vorüber, auf der eine große Ente mit ihren vier Jungen eine Wasserpartie veranstaltet, zuweilen zeigt sich ein schwer beladener Kauffahrer, endlich kommt ein halb entmasteter, von der Mannschaft verlassener Dreimaster in Sicht. Wir betrachten ihn scharf durch unsere Fernröhre, und die Baltic keucht vorüber, froh, nicht sein Schicksal zu theilen. Gegen sechs Uhr Abends nähern wir uns den Inseln, die hier zu Hunderten an der Küste entlang liegen, und der Abendwind trägt den balsamischen Duft der Muskatnüsse zu uns herüber. Je weiter wir gen Süden fahren, desto tiefer sinkt der Polarstern am nördlichen Horizonte, 229 und das schöne Sternbild des südlichen Kreuzes steigt über dem dunklen Spiegel des Oceans empor. Die Mannschaft ist jetzt eifrig bestrebt, den scharf mitgenommenen Teint unserer Baltic durch schwarze und weiße Schminke zu verbessern, wir wollen in Penang und später in Singapore reputirlich auftreten. Darüber wird die Reinigung des Dampfapparates vernachlässigt, und am 18. Februar werden wir früh Morgens durch den Ruf: »Feuer! Feuer!« aus den Kojen geschreckt. Der Schornstein brannte, aber es war keine Gefahr vorhanden. Das Feuer wurde ausgelöscht und die Esse gründlich gereinigt; man mochte seit Monaten nicht daran gedacht haben. In weiter Ferne, unterhalb der bergigen, mit Cocospalmen bewachsenen Küsten erkennen wir mit bewaffnetem Auge die kleinen Kähne der Eingeborenen, aber sie nähern sich uns nicht, um Tauschhandel zu treiben. Für tausend Cocosnüsse giebt man ein ordinäres baumwollenes Taschentuch. Der schöne Abend brachte uns ein wunderbares Meerleuchten, wie ich ein ähnliches nur im Meerbusen von Mexico gesehen. Wir schwammen wie in einem Ocean von geschmolzenem Silber dahin und von tausend leuchtend hin- und herzuckenden Thiergebilden war der Abgrund belebt. Der herrlichen Nacht folgte am 19. Februar ein unvergleichlicher Tag. Von einem frischen Nordwinde getrieben, eilt unser armseliges Schiff rascher an mehreren östlich gelegenen Inseln vorüber und Abends acht Uhr gehen wir auf der Rhede von Penang (Pinang, Prinz Wales-Insel) vor Anker. Die Insel ist vier englische Meilen lang, halb so breit, erhebt sich bis zu 2700 Fuß und wird ihrer malerischen Schönheiten und reichen Erzeugnisse halber das Paradies 230 des Ostens genannt. Die Niederlassung der Engländer datirt aus dem Jahre 1787, und seitdem sind ihnen Malayen, Chinesen, Battas, Bengalen, Siamesen und Barmesen gefolgt. Selten habe ich auf einem Gebiete von so geringem Umfange eine ähnliche Mannigfaltigkeit der Bevölkerung, Bodenbildung und Vegetation gefunden. Köstliche Wiesenflächen, auf denen sich Felstrümmer erheben, wechseln mit romantischen Thälern, aus Felsspalten quillt der ganze Reichthum der Tropen, mit dichtem Laubholz sind Palmen untermischt, neben Cactus und Aloe stehen Blumen und Stauden, wie ich nie gleiche gesehen; das Klima der Insel ist indessen verrufen, so herrlich alle Gewächse und Gewürze auch gedeihen mögen. Die Ansiedler suchen stets das Weite, sobald sie ein Vermögen erworben haben. In einem sauberen, praktisch eingerichteten chinesischen Boote fuhr ich am Morgen des 20. Februar an's Land, die große Anzahl kleiner chinesischer Tempel fiel mir sogleich auf und ließ mich auf eine Majorität von Einwohnern dieser fleißigen Nation schließen. Die große Toleranz der Chinesen gestattete mir, mich mit der brennenden Cigarre im Munde diesen kleinen Tempeln zu nähern und bei der Darbringung der Opfer zugegen zu sein. Diese bestanden in Räucherholz, Opferstäbchen und farbigen Lichtern. Letztere werden angezündet, um die Gottheit durch den Duft der beiden erstgenannten Spenden für die Gebete der Andächtigen günstiger zu stimmen. Später erfuhr ich, daß die Chinesen am 18. Februar unserer Zeitrechnung ihr Neujahrsfest gefeiert hatten und die darauf folgenden vierzehn Tage in Muße unter religiösen Festlichkeiten und weltlichen Vergnügungen zuzubringen pflegten. Die ganze Bevölkerung hatte 231 ihre besten Kleider angelegt, und die Promenade war mit einer Menge phantastisch gebauter, mit Glocken und bunten Laternen geschmückter Wägelchen bedeckt, in denen die Kinder der reichen Einwohner von Kulis spazieren gefahren wurden. Durch eine Abreibung mit weißem Pulver hatte die Gesichtsfarbe der niedlichen Kleinen ein blendendes Weiß angenommen, auf das sie sich unverkennbar viel einbildeten. Ohne Widerstreben reichten uns die kleinen Mädchen, welche das leichte Nationalkostüm reizend kleidete, die feinen Händchen, und gebehrdeten sich überaus freundlich zu den »rothen Teufeln« aus Europa. Die Erwachsenen lustwandelten, ritten spazieren oder saßen vor ihren Häusern und spielten unter lebhaften Schwingungen ihrer wohlgestriegelten Zöpfe ein dem Faro ähnliches Hazardspiel. Um die knapp gemessene Zeit unseres Aufenthaltes in Penang zu benutzen, nahmen wir, mein Freund, der Nordamerikaner, und ich, bei dem nächsten chinesischen Restaurant ein, aus gebratenen Fischen, Hühnern, Eiern mit Speck, Ananas und Bananen bestehendes Frühstück ein und fuhren nach einem Wasserfall, dessen Schönheit man uns gerühmt. Die über einen Felsabhang herabschäumenden Kaskaden waren wohl nur für einen Seefahrer oder Bewohner des Flachlandes sehenswerth, desto entzückender war die Fahrt durch das Thal. Wunderbar schöne Vögel und Schmetterlinge umflatterten unseren Wagen, auf allen Seiten umgab uns ein Blumenflor und die Atmosphäre war mit den lockendsten Wohlgerüchen gesättigt. Ich lagerte mich am Fuße des Wasserfalles im weichen Rasen, mein Gefährte kletterte den Felsen hinan; nach einer halben Stunde kehrten wir zurück und rasteten vor der nächsten Theebude. Die Wirthsleute 232 verhehlten uns nicht ihre Verwunderung, unbeschädigt oder überhaupt davon gekommen zu sein. Nach ihrer Behauptung befand sich in der Nähe des Wasserfalls eine Tigerbucht, deren Bewohner die ganze Umgegend unsicher machten. Wir waren beide froh, die kleine Landpartie beendet zu haben, aber bei der Erinnerung an meine Siesta auf dem Rasen lief mir ein kalter Schauer über den Rücken. Um fünf stach die Baltic wieder in See, wir steuerten auf Malaka zu, und nach dem düsteren Aussehen des Himmels zu urtheilen, hatten wir einen, in dieser Region bei der Nähe felsiger Küsten doppelt gefährlichen Orkan zu erwarten. Gegen zwei Uhr Nachts lichtete sich indeß die Atmosphäre, das erste Mondviertel kam zum Vorschein; wir waren auch dieser Gefahr entronnen. Es war noch nicht acht Uhr Morgens, als wir auf der Rhede von Malaka anlangten. Das höchst malerisch gelegene Städtchen war in 20 Minuten zu erreichen und bald lief unser Boot zwischen Kokosstämmen und spanischem Rohr auf den glitzernden Sand. Der fast in das Meer hineingebaute kleine Ort besteht aus einem europäischen und chinesischen Stadtviertel, doch ist letzteres bei Weitem größer und wohlhabender. In jenem sind den Holländern und Portugiesen die Engländer gefolgt, ohne indessen, wenn der Anschein nicht trügt, sonderlich zu gedeihen. Wie aus Penang waren die Neujahrsfestlichkeiten auch in Malaka in vollem Gange. Höchst behäbig spazierten die Gentlemen des himmlischen Reiches in den schmalen, aber sehr rein gehaltenen Straßen, und als ich mich bei einem derselben nach einer Theebude erkundigte, lud er mich sogleich auf sehr ceremonielle Weise ein, ihm in sein Haus zu folgen. Der gastfreie Mann 233 verstand etwas Englisch. In der reich und comfortabel eingerichteten Wohnung angelangt, nöthigte er mich, Platz zu nehmen und ertheilte die nöthigen Befehle zu meiner Bewirthung, indem ihm die Freude aus den Augen leuchtete, einen europäischen Gast unter seinem Dache zu sehen. Bald brachte ein Diener ein lackirtes Theebrett, auf dem mir kleine Tassen, angefüllt mit den werthvollsten Sorten, präsentirt wurden. Das Gesicht des Gastfreundes strahlte, als er zu bemerken glaubte, daß sein Getränk mir munde. In der That waren der würzige Geruch und Geschmack eines etwas dunkleren Aufgusses überaus fein und belebend. Das Miniaturformat der chinesischen Tassen gestattete mir, deren zwei und zwanzig zu schlürfen, ohne dadurch überreizt zu werden. Zugleich wurde ein Kuchenbrett mit wenigstens einem Dutzend verschiedener kleinen Confitüren und Bretzeln auf den Tisch gesetzt, von denen allen ich zu kosten verpflichtet war. Sich zu weigern, wäre nach den Satzungen des chinesischen Complimentirbuches eine unverzeihliche Unart gewesen. Aber der orientalische Gastfreund war noch immer nicht zufriedengestellt; sein Groom brachte eine Bouteille Sect und zwei Spitzgläser, und der Hausherr öffnete sie mit einer Gewandtheit und Schnelligkeit, um die ihn mancher diesseitige Kellner hätte beneiden können; obenein war das heilsame Getränk kunstgerecht kalt gestellt gewesen. Der Sohn des himmlischen Reiches war in europäischen Gebräuchen wohlbewandert; wir stießen an und fügten, jeder in seiner Muttersprache, einen Glückwunsch hinzu. Noch mehr erstaunte ich, als mein lieber Wirth mit seinem Glase lächelnd die Nagelprobe machte! Wesentlich zu meiner Rührung trug bei, daß ich in dem kredenzten Sect ein 234 vaterländisches Produkt wiedererkannte. Der Brausewein konnte nur auf den Abhängen von Grüneberg gewachsen, nur in seinen Kellern gezeitigt sein. Jedenfalls war diese Champagnerlibation selbst im Hause des Gentlemans ein ungewöhnlicher Act, denn während der Entpfropfung der Flasche hatte sich die aus fünf Malayen bestehende Kapelle des Hauseigenthümers eingefunden und auf mehreren Violinen und einem Tamtam einen Tusch angestimmt. Nächstdem begleitete er mich zu zwei Landsleuten, die mir mit gleicher Bereitwilligkeit ihre Häuser zeigten, führte mich in einen Tempel, dessen Priester uns, und ich hoffe, auch den Göttern zu Ehren, eine Anzahl Schwärmer abbrannte, und schloß mit einer Straße, die durch zwei Reihen Spielhäuser gebildet wurde. Das Wohlgefallen des Chinesen an meiner Person war so groß, daß er Nachmittags, eine Stunde vor der Abfahrt, auf dem Deck der Baltic erschien und nach Ueberreichung eines Korbes voll Orangen und edler Südfrüchte zärtlich von mir Abschied nahm. 235 XVIII. Singapore. Zusammentreffen mit einem Tiger. Sir Stamford Raffles. Der Rajah von Johore. Gesundheitsstation. Der Dampfer Chow Phya. Flüchtige Mörder an Bord. Der Teifun. Unser Capitän hatte den Aufenthalt in Malaka benutzt, den schwindenden Kohlenvorrath durch 2000 Kloben Holz zu verstärken, und wirklich brachte es die flügellahme Baltic in Folge der stärkeren Feuerung Nachts bis auf zehn Knoten in der Stunde, und nach achtzehnstündiger Fahrt langten wir am 23. Februar 7 Uhr Morgens wohlbehalten auf der Rhede von Singapore an. Der Himmel war und blieb den Tag über zart verschleiert, und unbehelligt von dem gewöhnlichen Sonnenbrande durften wir den malerischen Prospect der Rhede und der sanft welligen Ufer genießen. So artig hatte man uns außerdem noch nirgends empfangen. Kaum waren die Anker gefallen, als die Baltic von chinesischen Booten umzingelt wurde, deren Insassen uns ihre Dienste anboten und ihre Waaren anpriesen. Die Mehrzahl der Böte war mit Orangen, Ananas, Cocusnüssen, Mangos, Zuckerrohr, Jackfrüchten und anderen beladen, für die mir keine deutschen Namen zu Gebote stehen; in anderen saßen Vogelhändler und 236 Conchyliensammler. Ein über und über mit rothen, grünen, blauen und weißen Papageien bedecktes, oder mit phantastisch geformten Muscheln vollgepacktes Boot gewährt stets einen fesselnden Anblick. So rasch als möglich suchte ich von dem verräucherten Dampfer ans Land zu kommen. Singapore macht von Weitem den Eindruck einer chinesischen Stadt, da die einzelnen europäischen Häuser und Kirchen nicht wesentlich hervortreten, doch mußte ich meine Ungeduld mäßigen; es war nicht leicht, bei dem lebhaften Verkehr zwischen den auf der Rhede vor Anker liegenden Schiffen, deren Zahl ich etwa auf 100 veranschlage, den Strand zu erreichen. Hier wird auf der See förmlich schwimmender Wochenmarkt gehalten. Die rührigen Chinesen fuhren in ihren Böten von Schiff zu Schiff, von Dschunke zu Dschunke, und stellten tausenderlei Dinge für Küchen- und Wirthschaftsgebrauch zum Verkauf. Endlich hatten wir das Gewirr hinter uns, das Boot landete und acht Kulis trugen, da es für die Fiaker noch zu früh war, im wilden Lauf mein Gepäck in das zwanzig Minuten entfernte Hotel de l'Europe, ein gut eingerichtetes, von einem Franzosen verwaltetes Haus. Die Erfahrung hatte mich gelehrt, daß es rathsam sei, zwischen den Wendekreisen jede erträgliche Temperatur zur Arbeit zu benutzen; nach einem flüchtigen Anstandsbesuche im preußischen Consulat machte ich mich daher gleich ans Werk und fuhr nach dem Telegraphenberg, von dem aus man die Bay, im Vordergrunde die Stadt und nach der Kehrseite das Hinterland des nach der Seeseite sanft abgedachten Terrains überblickt. In den Nachmittagsstunden flanirte ich mit meiner Zeichenmappe unter dem Arm, es blies erfrischend vom Meere aus und 237 die feuchte Seeluft belebte die müden Athmungswerkzeuge und Kopfnerven; es verursachte mir keine Beschwerden, mehrere kleine, architektonisch bemerkenswerthe Skizzen aus dem malayischen und chinesischen Stadtviertel zu Papier zu bringen. Ich war so wenig ermüdet, daß ich nach dem Diner um Sonnenuntergang meine Promenade am Strande etwas weiter ausdehnte und mich etwa vier- bis fünfhundert Schritte über die letzten Hütten der malayischen Fischer hinaus entfernte. Die Sonne war untergegangen und der Mondschein glitzerte traulich auf dem Kamme der leichten Wellen. Wer hätte der Versuchung widerstehen können? ich entledigte mich der Schuhe und Strümpfe, schlenderte in dem kühlen Wasser weiter und sammelte Muscheln, die zu Tausenden von jeder Größe und Form den feuchten Sand bedeckten. Die unheimliche, nervöse Aufregung, die sich bei einer hohen Temperatur schwer überwinden läßt, war von mir gewichen; ich fühlte mich unsäglich beruhigt. Der Himmel mag wissen, wie weit ich noch gewandert wäre, wenn mich nicht ein vom Lande aus bis in die See reichendes Mangrovengebüsch an die Umkehr gemahnt hätte. Ungefähr ein Dutzend Schritte that ich noch, da gebot mir ein unerwarteter Gegenstand plötzlich Einhalt. Halb im Schatten der Mangroven, halb im Mondlicht, stand ein großer Tiger vor mir und machte geschmeidige Bewegungen mit seinem Schwanze. Ungeachtet meines tödtlichen Schreckens bemerkte ich doch, daß das Unthier über und über naß, also eben aus dem Meere gekommen war. Man wird mir nicht zumuthen, meine Empfindungen zu beschreiben, ich weiß nur noch, daß im ersten Augenblicke meine Glieder bleischwer wurden, und mit einem Schlage alle 238 Gräuelgeschichten, die ich jemals von Tigern vernommen, in meiner Erinnerung aufstiegen, daß ich dann aber gleichsam Schwingen erhielt, blitzschnell Kehrt machte, und so schnell mich meine Füße tragen wollten, den menschlichen Wohnungen zueilte. Nur einmal blickte ich scheu zurück; der Tiger war mir nicht gefolgt. Er stand nach wie vor in einer abwartenden Stellung, aber ich sehe noch heute in Gedanken seine weithin leuchtenden Augensterne. Sinn- und athemlos erreichte ich das Hotel und mein Zimmer, und warf mich schwer keuchend auf mein Lager. Nach einer halber Stunde hatte ich mich so weit gesammelt, um in den Eßsaal hinab zu steigen und mein Abenteuer dem Wirthe zu erzählen. Weit entfernt, mich zu bedauern, überhäufte er mich obenein mit wohlgemeinten Vorwürfen. Er hielt mir eine förmliche statistische Vorlesung über die Tiger in Singapore. Kein Individuum, das noch seine fünf Sinne beisammen habe, nehme sich nach Sonnenuntergang eine ähnliche Promenade heraus, ohne Begleitung von Fackelträgern, Tamtamschlägern und einigen Schützen mit geladenen Büchsen. Nur selten vergehe ein Tag, an dem nicht ein Einwohner von Singapore einem Tiger zur Beute falle. Eine so ansehnliche Prämie die Regierung für jedes erlegte Raubthier zahle; es gelinge nicht, ihre Zahl zu vermindern, da sie vom Festlande aus über den schmalen Meerarm schwimmen und sich eben so den angestellten Verfolgungen entziehen. »Wenn Sie noch ein wenig warten wollen, so werden Sie gleich einen Unglücksgefährten kennen lernen!« schloß der redselige Wirth. Es dauerte nicht lange, so traten drei Engländer in das Zimmer, deren Jüngster, ein Knabe von 15 Jahren, auf 239 beiden Wangen durch furchtbare Narben entstellt war. Der Wirth zog mich bei Seite und erzählte mir, daß der junge Mensch am Strande von einem Tiger, der sich an ihm aufgerichtet, angefallen worden sei, aber in der Todesangst ein so entsetzliches Geschrei ausgestoßen habe, daß die erschrockene Bestie ihn losgelassen und wieder in das Dickicht gesprungen sei. Die Spuren der unsanften Berührung werde er, wie ich wohl sähe, in das Grab mitnehmen. Die Krallen des Ungethüms hatten dem armen Knaben das Fleisch von beiden Backen heruntergerissen. Der landesübliche Nachttrunk, dem die Engländer stark zusprachen, machte mich bald mit ihnen bekannt, und unsere Unterhaltung drehte sich bis tief in die Nacht hinein nur um Tiger. Nach den Angaben der Herren zahlt die Regierung für jedes erlegte Thier eine Prämie von 10 Pfd. Sterling, doch finden sich verhältnißmäßig nur wenige Jäger. Gemeinhin sucht man die Tiger in Gruben zu fangen. Eine Tiefe von 20 Fuß ist ausreichend, das Thier vorläufig unschädlich zu machen. Früher wurden unten Spieße aufgerichtet, aber da zuweilen auch Menschen in diese kunstvoll mit Reisig und Schilf bedeckten Gruben stürzten, ging man von dieser Methode ab. Die gefangenen Tiger werden in den Gruben mit Schlingen erwürgt oder durch eine Büchsenkugel erlegt. Meine Leidenschaft für einsame und beschauliche Spaziergänge war durch mein heutiges Abenteuer, die Bekanntschaft mit dem entstellten jungen Engländer und die Erzählungen der Herren sehr vermindert worden; ich gedachte wehmüthig meiner gefahrlosen Herbstpromenaden vor den Thoren 240 Berlins, wo höchstens ein Hase vor dem Fußgänger aufspringt und durch die Stoppeln davonjagt. Mit Ausnahme zweier Spazierfahrten in die Umgegend von Singapore, die der Besichtigung europäischer Landsitze gewidmet waren, beschränkte ich mich fortan auf das Studium des Innern der Stadt. Singapore hat als einer der wichtigsten Knotenpunkte des Weltverkehrs noch eine große Zukunft. Die englische Regierung verdankt die Wahl und Erwerbung dieses wichtigen Punktes, einer kleinen Insel an der Südspitze der Halbinsel von Malaka, dem Scharfblick des Sir Stamford Raffles. Dieser war während jenes Intermezzos, das die Engländer in den zeitweiligen Besitz der Sundainseln brachte, General-Gouverneur auf Java gewesen. Nachdem der Wiener Frieden England zur Räumung der Insel genöthigt, beschloß Sir Stamford, dem damaligen Hauptpunkte des beginnenden Handels mit China und Japan, der Stadt Batavia, einen Concurrenzhafen zu schaffen. Der Besitzer von Singapore, der Raja von Johore, wurde zum Verkauf der kleinen Insel an die Krone Englands veranlaßt, und die durch ihren Ankergrund und die Sicherheit der Rhede berühmte Bay zum Freihafen erklärt, der gar bald ein Handelsasyl für alle Völker des Orients, wie für gewinnlustige Einwanderer aus Europa werden sollte. Der Schifffahrt ist nur eine kleine Abgabe auferlegt, die zur Unterhaltung der Leuchtthürme dient; von allen anderweitigen Zöllen ist sie durchaus befreit. Die eigenthümliche Lage des Hafens und der Stadt bringt sie mit allen Schiffen in Berührung, die, gleichviel ob aus dem Süden oder Westen kommend, in das chinesische Meer gelangen 241 wollen. Singapore ist so gut eine Hauptstation für die Poststeamer zwischen Europa und China, wie für Kauffahrer von Bombay, Madras, Calcutta, Rangoon und Maulmen. Engländer, Franzosen, Russen und Amerikaner haben hier Kriegsfahrzeuge zum Truppentransport stationirt, und kein Schiff wirft in Singapore Anker, ohne sich zu verproviantiren, mit Kohlen und frischem Wasser zu versehen. Zudem gilt der Strand von Singapore auf Grund der frischen Seeluft für eine Gesundheitsstation des östlichen Asiens. Durch diese überaus günstigen Bedingungen hat sich hier ein Völkergemisch gebildet, wie man es schwerlich auf einem anderen Punkte des Erdballs antreffen wird. Die Mehrheit der Ansiedler besteht wieder aus Chinesen, doch gehören sie weniger der handeltreibenden, als der arbeitenden Klasse an. Wenn sie in acht oder zehn Jahren so viel erworben haben, um fernerhin mäßig, aber sorgenfrei leben zu können, kehren sie in ihr Vaterland zurück. Die Liebe zur Heimath ist in dem Chinesen, wie in den Alpenbewohnern unauslöschlich; es wurden mir Fälle erzählt, in denen arme Chinesen an den Folgen des Heimwehs gestorben sind. Einen himmelschreienden Contrast mit diesem fleißigen und intelligenten Menschenstamm, der nach meiner Meinung dereinst noch eine erhabene Mission in der Zukunftspolitik Asiens zu erfüllen haben wird, über welche die Staatsmänner Großbritanniens bei Zeiten nachdenken mögen, bildet die von den Inseln Celebes, Sumatra und Borneo eingewanderte Mannschaft. Die aus Eingeborenen und verwilderten Portugiesen rekrutirte und trefflich dressirte Polizei von Singapore sorgt zwar 242 ausreichend für die Sicherheit der Einheimischen und Fremden, und ich habe persönlich keine Ursache, mich über die erwähnten Herren Insulaner zu beklagen, doch glaubte ich in ihren Augen eine Geschmacksrichtung zu lesen, die mit der europäischen Feinschmeckerei in geradem Widerspruche steht. An einer entlegenen Küste möchte ich mit diesen Gentlemen eben so ungern zusammentreffen, wie mit einem hungrigen Tiger. Ihrem Wuchse nach bilden sie eine wahre Elite der Asiaten. Von den Einwanderern aus Celebes, den Menschenfressern der Frau Ida Pfeiffer, könnte jeder einem Bildhauer als Modell einer Herkules-Statue dienen. Ungeachtet die Vegetation der Umgegend von Singapore, im Vergleich mit Rangoon und den paradiesischen Reizen der Insel Penang, vermöge des dürftigeren Bodens an Magerkeit leidet und die Architektur nichts Alterthümliches aufweist, suche ich doch unablässig kleinere Veduten zu Papier zu bringen, wobei ich mehr von der Hitze, als von den Menschen zu leiden habe. Der hiesige fortwährende Verkehr mit Europäern hat selbst die rohesten Barbaren ein wenig geglättet. Man läßt mich hier ungeschoren auf der Straße arbeiten und ist zufrieden, mir aus einiger Entfernung zuzuschauen. Ein alter Chinese, dessen Häuschen ich malen wollte, holte sogleich einen Stuhl, bedeckte ihn mit einem seidenen Tuche und nöthigte mich durch Zeichen zum Sitzen. Dann rief er sein Großkind, ein dreijähriges gelbes Männchen mit schiefgeschlitzten Aeuglein, und suchte es mit dem Anblick des weißen Teufels vertraut zu machen. Wir waren bald einverstanden, der Kleine blieb ruhig neben mir stehen, reichte 243 mir, so oft ich es verlangte, gehorsam das Händchen, und schaute so aufmerksam und still, wie ich es nur bei chinesischen Kindern beobachtet habe, der Malerei zu. Bei meiner heiligen Scheu vor den Tigern, beschränke ich meine abendlichen Excursionen auf Promenaden am städtischen Ufer. Man sieht stets etwas Neues und wäre es auch nur die arme Mannschaft eines Hamburger Dreimasters, die nach siebenmonatlicher Reise um das Cap der guten Hoffnung endlich hier angelangt ist, und, den Capitän nicht ausgenommen, so schwer am Scorbut leidet, daß sie eine gründliche Kur durchmachen muß, ehe sie ihre Reise nach China fortsetzen darf, oder vereinzelte menschliche Gestalten, die bei ihrer sprechenden Aehnlichkeit mit Orangoutangs der Darwinschen Theorie von der Abstammung des Menschen das Wort zu reden scheinen. In Betreff meiner Reisepläne nach Siam und Bangkok werde ich im Hotel und in den hiesigen europäischen Familien eben nicht ermuntert. Ueberall stellt man mir den Tod durch eine klimatische Krankheit in Aussicht, ich lasse mich indessen nicht entmuthigen. Die trotz der Hitze doch belebende Luft von Singapore hat meine Kräfte gestärkt; ich werde getrost das Wagniß unternehmen. Der Dampfer ist am 26. Februar angelangt und ich habe für die Ueberfahrt nach Bangkok, also für vier bis fünf Reisetage, die unerhörte Summe von 100 spanischen Dollars (600 Francs) bezahlt. Das Schiff selbst verspricht mit Ausnahme seines hochtönenden Namens nicht viel Gutes. Die siamesische Inschrift lautet nämlich » Chow Phya « was dem Worte »Excellenz« gleichkommen möchte, doch sieht der Dampfer wie alles Andere, nur nicht wie das 244 Fahrzeug einer Excellenz aus. Und doch betreibt Se. Maj. der König von Siam selber in Gemeinschaft mit einem chinesischen Rheder das Geschäft! Die letzten Stunden bis zur Abfahrt suche ich noch so gut als möglich zu benutzen. Der Besuch des eine Meile von der Stadt entfernt auf einem Hügel liegenden botanischen Gartens bot bei der Neuheit der Anlage nichts Bemerkenswerthes, das Interessanteste bleibt in diesem Mittelpunkt des östlichen Weltverkehrs immer der Mensch. Auf Sprachkenntnisse läßt sich auch hier ein Fortkommen bauen. Der eingeborene Diener erhält, wenn er einige Worte englisch versteht und spricht, ein monatliches Salair von 15 Dollars (21 Thlr.), den gleichen Ertrag muß man jedoch auch zahlen, wenn man ihn nur für wenige Tage miethet. Singapore wimmelt übrigens von Verbrechern, da England die vorderindischen Uebelthäter hierher zu senden pflegt, doch leidet darunter nicht die Sicherheit der Stadt. Für die Integrität des Inhalt seiner Taschen hat Jeder, wie überall in Asien, selber einzustehen. Noch am letzten Tage begegneten mir zwei chinesische Diebe, die Don Rosario, ein Polizist von portugiesischer Abkunft, nach dem Gefängniß beförderte. Der verständige Beamte hatte die Zöpfe der Langfinger zusammengeknüpft, und führte sie so, wie an einem Zaume, durch die Straßen. Am 27. Februar bestieg ich den schweißtriefenden Rücken eines Malayen, acht seiner Vettern bemächtigten sich meiner Koffer, und so wurde ich sammt Inventarium in ein Boot geschleppt und an Bord der Chow Phya gerudert, die uns mit dem traurigen Summen eines schlecht geheizten Theekessels empfing. 245 Wir sind unser nur drei Passagiere erster Klasse an Bord, ein französischer Gesandtschafts-Secretär, der fortwährend von Verwünschungen der Engländer übersprudelt, eine englische Dame und meine Wenigkeit, doch wird unser kleiner Zirkel durch unzählige Cockroaches und weiße Ameisen verstärkt. Ungleich mehr Leben herrscht auf dem Vorderdeck unter den einheimischen Passagieren dritter Klasse. Sie theilen den Raum mit einem weißen Pony, mehreren Truthähnen, unseren Sonntagsbraten, einer Schaar Hühner und Enten, einem Dutzend wilder Hunde, Ratten und Mäusen, Affen und Papageien. Unter den Touristen befinden sich auch zwei Mörder. Er , ein geborener Amerikaner, hat einen Kaufmann in Birmah umgebracht, sie , eine Irländerin, hat es als Dame bei dem schwachen Versuch, einem schlafenden Brahminen eine Nadel durch das Ohr in das Gehirn zu bohren, bewenden lassen. Beide haben mehrere Jahre in Singapore gesessen und beabsichtigen, da sie einmal dem Strick entronnen sind, in Bangkok ein neues Leben anzufangen. Als einzige Passagiere zweiter Klasse haben sie in holdem seelischen Einverständniß gleich eine wilde Ehe geschlossen, und erscheinen bei Tage und bei Nacht als Inseparables. Mir ist als Schlafstelle auf dem Quarterdeck vom Capitän ein Häuschen angewiesen, das weder verschlossen noch von Innen verriegelt werden kann, ich habe deshalb, da ich eine namhafte Summe Goldes bei mir führe, meinen Revolver frisch geladen und an einer handlich zugänglichen Stelle über meinem Lager angebracht. Seit meiner Anwesenheit in Cawnpore und Lucknow trennte ich mich nicht mehr von diesem Hausgeräth. 246 Nicht weniger Besorgniß erregend als diese Gesellschaft ist die Vertheilung der Kohlen und Frachtstücke auf der Chow Phya. Der Schwerpunkt der Ladung nähert sich dem Steuer, und während das Bugspriet sich gleich einem bäumenden Pferde hoch in die Luft erhebt, sinkt das Hinterdeck zuweilen so tief, daß die Wellen über Bord rollen; ein Uebelstand, der uns doch immer von den umherlaufenden Cockroaches und Ameisen befreit. Nur der Capitän und zwei Steuermänner sind Weiße, die ganze Mannschaft besteht aus Chinesen und Malayen. Die Fahrt zeigt wenig Bemerkenswerthes. Bald nach Lichtung der Anker zog zur Rechten eine stattliche Wasserhose vorüber, später dampften wir an einem kegelartig aus dem Meere auftauchenden Felsen vorbei, der fliegenden Fische zeigten sich Legionen. Am ersten März schifften wir bei dicht bedecktem Himmel zwischen einigen Inseln hindurch, deren Bewohner seit Jahren der Menschenfresserei überführt sind. Die See war ruhig, es fing an stark zu regnen und wir schwebten nicht in Gefahr, auf den Strand zu laufen und an den Bratspieß, oder doch nackt ausgeplündert in einen Käficht gesteckt zu werden, wie es an diesen barbarischen Küsten schon manchem Schiffbrüchigen ergangen sein soll. Die Sonne ging, auf Regen deutend, unter, und auch der Mond durchbrach in der Nacht nur für seltene Momente das dichte Gewölk; um acht Uhr Morgens wurden wir am zweiten März durch den Angstschrei »Feuer an Bord!« aufgeschreckt. Eines der Rettungsboote war durch die aus dem Schornstein fliegenden Kohlen in Brand gesteckt worden. Die malayischen Matrosen stürzten sich 247 sogleich muthig in das hoch auflodernde Feuer, hundert Hände schafften Wasser herbei, und da nach einigen Minuten auch die Dampfspritze ihre Thätigkeit begann, war das Feuer bald gelöscht. Die Gefahr war nicht gering gewesen, denn in der Nähe des brennendes Bootes lag ein ganzer Berg frisch getheerter Taue und Segel, die eben so wenig dorthin gehörten, wie die auf unserem Rauchplatz zum Trocknen aufgehängten Windeln der Vorderdeck-Säuglinge. Unser Leben fristen wir mit dem zähen Fleisch alter Hühner und Enten, die immer eine Stunde vor dem Diner vor unseren Augen ergriffen, geschlachtet und gerupft werden. Der Schmutz auf der Chow Phya hat mir vom ersten Augenblick an den Appetit verleidet, ich würde mich nicht wundern, wenn man uns alte Schuhsohlen als Rostbeaf servirte. Für Liebhaber von Compots habe ich mir ein Gemisch von Ananas, Zwiebeln, Pfeffer, Essig und Rhicinusöl notirt, das bei keiner Mittagsmahlzeit fehlt und in diesen Regionen die Volksthümlichkeit unserer Lazarethpflaumen und rothen Souper-Birnchen der Vereins-Soiréen zu genießen scheint. Das Compositum ist eine Erfindung der Chinesen. Am 3. März hatten wir in der Nähe einer ihrer Stürme wegen berichtigten Inselgruppe einen kleinen Teifun (Wirbelwind) zu überstehen, in dem die Chow Phya sich gar wacker hielt. Unsere Reisegefährtin, eine liebenswürdige Engländerin, dauert mich am meisten bei diesen Mißhelligkeiten. Mrs. Leßler hatte einige Monate auf der Gesundheitsstation Singapore zugebracht und kehrte jetzt mit ihrem bildschönen Töchterchen Lina zu ihrem Gatten nach Bangkok 248 zurück. Die arme Frau ließ das Kind nicht aus den Armen, aber mehr als die kurze Feuersbrunst und der Teifun flößte ihr die Maschine der Chow Phya Besorgniß und Schrecken ein. Sie erzählte mir, daß vor zwei Monaten der Kessel gesprungen und das Schiff mit einem neuen versehen sei, der aber auch bereits einen Schaden davongetragen habe. Die anmuthige Frau drückte ihr ahnungslos lachendes Kind an die Brust, trocknete ihre Thränen und betheuerte, daß sie aus Furcht vor einer Explosion noch in keiner der bisherigen Nächte ein Auge geschlossen habe. 249 XIX. Vor der Mündung des Menam. Stadt Packnam. Der Gouverneur mit einigen zwanzig Kindern. Bangkok, Asiens Venedig. Ein weißer Elephant im rothen Felde. Mrs. Leßler. Sir Robert Schomburgk. Sr. königl. Hoheit Prinz Georg Washington. Der preußische Kunstmaler. Kuchen und Rabe. In einem chinesischen Spielhause. Der galante Croupier. Bei Hofe. In der Nähe des Aequators darf der Reisende um die Stunde des Sonnenunterganges stets auf ein neues malerisches Schauspiel am Horizonte rechnen. Nach dem stürmischen Tage hatten sich Luft und Meer beruhigt, doch lagerten noch ringsum an der Grenze beider förmliche Gebirge von Dünsten. Zu unserer Linken versank die Sonne in einen vielfarbig glühenden Abgrund, zu unserer Rechten hingegen schienen diese Wolkenpyramiden und Obelisken immer höher emporzuwachsen. Als das Alpenglühen auf ihren Gipfeln verblich, und dem letzten Tagesschimmer die tiefe Dunkelheit des Tropenabends folgte, entwickelte sich in ihrem Bereich ein neues Licht. Die ganze Nacht hindurch hielt ein Wetterleuchten an, in dem fortwährend Tageshelle mit undurchdringlicher Finsterniß wechselte; damit war eine wahrhaft niederdrückende Temperatur 250 verbunden. Nach stundenlangen vergeblichen Versuchen, einzuschlummern, setzte ich mich in einem Kostüm, das nur wenig von dem Adams vor dem Sündenfalle abwich, vor die Thür meines Schlafhäuschens und erwartete resignirt den Morgen. Die Sonne ging am 4. März in unbeschreiblicher Schönheit auf, der Himmel blieb, ungeachtet des ununterbrochenen Krähens unserer Hähne klar, eine gegen 7 Uhr aufspringende Brise treibt uns rasch vorwärts, und die Handelsgenossenschaft, der unser Dampfer gehört, Se. Majestät von Siam und ein chinesischer Rheder, sparen ihre grundschlechten Kohlen. Es ist eine lustige Fahrt durch die muthig schäumenden Wogen. Im Osten taucht das Festland empor und die Chow Phya schwimmt zwischen vielen kleinen, saftig grünen Inseln hindurch, an deren Küsten tausende von Böten mit Fischfang beschäftigt sind. Alle Segel werden ausgesetzt, und wir nähern uns rasch der Mündung des Menam. Die Meerestiefe ist hier bei den massenhaften Anschwemmungen des reißenden Stromes sehr gering, die Chow Phya hat einen Tiefgang von 9½ Fuß, und doch gelingt es uns, durch eine Wassertiefe von nur 8½ Fuß über die Barre wegzukommen. Dampfkraft und Wind drängen uns in einer Viertelstunde durch den halbflüssigen Schlamm der Tiefe. Obgleich unser Capitän sich schon von Singapore an mehr der Feier seiner Flitterwochen – er hatte eine junge Frau von Halbkaste als Ehegemahl mitgenommen – als der Leitung seines Dampfers widmete, zwang ihn die überaus geringe Breite des Fahrwassers in der Mündung des Menam doch zu einiger Aufmerksamkeit. Nach seiner Angabe war hier im letzten Kriege eine Menge 251 von Schiffen versenkt worden. Bald kamen wir ungefährdet über den bedenklichen Engpaß hinaus und freuten uns über den mächtig hinfluthenden breiten Strom und seine grünen Ufer. Die Regenzeit ist eben vorüber, die Blätter der Mangroven und Cocospalmen sind von entzückender Frische, und die Affen, die zu Hunderten am Ufer sitzen und uns mit Schmatzen und Schnattern einen Empfang bereiten, genießen offenbar die junge Jahreszeit. Nach kurzer Zeit halten wir bei der kleinen Stadt Packnam . Der Capitän geht an Land, um dem Herrn Gouverneur einige Briefe und Packete persönlich zu übergeben, und ich schließe mich ihm an. Wir wurden von Sr. Excellenz, einem gemüthlichen Fünfziger, überaus freundlich empfangen. Der sehr fette, nur in ein schmutziges, braunes Taschentuch gehüllte Beamte ließ uns auf Stühlen aus Bambusrohr niedersitzen und bewirthete uns mit Strohcigarren. Nach Erledigung der Geschäftsangelegenheiten war die in siamesischer Sprache geführte Unterhaltung, vermöge des illustrirenden lebhaften Gebehrdenspieles, ziemlich leicht zu verstehen. Der Gouverneur stellte uns seine Sprößlinge vor, deren zwanzig ihn umgeben mochten, und entschuldigte die Abwesenden, die gleich zahlreich wären. Ganz genau sei er über den vorhandenen Kindersegen nicht unterrichtet, da ein fortwährender Abgang und Zuwachs in der letzten Altersklasse stattfinde. Die Kosten der Leibwäsche schienen den glücklichen Vater eben so wenig zu belasten, wie die Reinigung der Kleinen ihre Mütter, denn außer einer Schmutzkruste an Knien und Ellenbogen gewahrte ich nichts, was einem Toilettengegenstande ähnlich sah. Auf meine Erkundigung, was es mit einer Anzahl eiserner und bronzener Geschützröhre 252 auf sich habe, die reihenweise am Stromufer, zum Theil sogar im Wasser lagen, bemerkten Se. Excellenz, daß alle Schiffe, die stromauf nach Bangkok wollten, verpflichtet seien, ihre Kanonen hier auszuschiffen und bis zur Abfahrt unter Obhut des Gouverneurs zu lassen; allerdings ein praktisches Mittel zur Sicherung der Residenz Sr. Majestät. Die Cigarren waren ausgeraucht, wir verabschiedeten uns und dampften weiter stromauf. Die Nähe des asiatischen oder indischen Venedig, wie einige Touristen Bangkok genannt haben, machte sich bald bemerkbar. Wir kamen hin und wieder an schwimmenden Krämerläden vorbei und überholten eine Menge kleiner Böte, die mit Hülfe eines großen Palmenblattes, oder einer Matte, gegen die Strömung segelten; andere Bootsführer ruderten, wie die Gondoliere des Canal grande, stehend. Die Ufer waren mit kleinen Fischerwohnungen bedeckt, die auf Pfählen halb im Wasser standen und einen sehr malerischen Anblick gewährten. Die Einwohner saßen an der Seite des Stromes und strickten Netze oder breiteten sie zum Trocknen aus. Um 3 Uhr Nachmittags erreichten wir die Hauptstadt selber und kamen an mehreren Consulatsgebäuden vorbei, die den Flaggengruß der Chow Phya, den flatternden weißen Elephanten im rothen Felde, durch Aufhissung ihrer Nationalflaggen erwiderten. Während der letzten Stunden unserer Fahrt hatte sich ergeben, daß Mrs. Leßler die Frau des Compagnons eines Großhändlers Markwald und Comp. sei, an den ich ein Empfehlungsschreiben abzugeben hatte. Für mein Unterkommen war also gesorgt. Die liebenswürdige Dame bestand darauf, mich ihrem Manne vorzustellen und mir eine Wohnung in ihrem Hause einzuräumen. Sie werde dafür 253 Sorge tragen, mich aus meinem verkommenen Zustand wieder herauszufüttern, und in der That trägt nicht die Pflege in der Familie der gütigen Leute die Schuld, wenn ich Bangkok eben so elend verlassen, wie betreten habe. Die Mehrzahl der Häuser dieser wunderlichen, von etwas über 400,000 Seelen bewohnten Stadt schwimmt auf dem Wasser, und zwar auf Flössen von Bambusstäben. Der Sumpfboden der Stromufer mag die Einwohner dazu genöthigt haben, dann aber auch wohl die drückende Hitze des Klimas, welche durch den Luftzug des Wasserlaufes immer ein wenig gemildert wird. Damit hängt die Schwimmfertigkeit der Ansiedler zusammen. Morgens und Abends liegt halb Bangkok im Wasser, Alt und Jung taucht mit der Gewandtheit und Ausdauer von Schwimmvögeln. Die Mütter unterrichten ihre Kleinen und stillen ihre Säuglinge, indem sie Wasser treten, alles Volk sucht sich in dem kühlen Strome zu erholen. Man begreift, daß unsäglich viele Unglücksfälle vorkommen, denn wenn auch die im Menam zahlreich vorhandenen Krokodile die Nähe der Stadt und das Geräusch der Schwimmenden scheuen, verschlingt die reißende Strömung doch desto mehr Opfer. Menschenleben stehen hier nicht hoch im Preise, und um ein Kind, das spurlos in der Tiefe verschwindet, kümmert sich weiter Niemand. Die mit der Weltanschauung des Buddhaismus verbundene Indolenz dämpft Freude und Leid in der Brust dieser Menschen. Der Todte ist an die Küste der ewigen Ruhe und Schmerzlosigkeit gespült. So weit meine Beobachtungen reichen, sind diese schwimmenden Wohnungen mit vielen Vortheilen verbunden, und gäbe es ein Stadtgericht und Rechtsanwälte in Bangkok, durch Prozesse über 254 nachbarliche Streitigkeiten würden beide nicht auf den grünen Zweig kommen. Man kündigt hier nicht, auch zieht man nicht aus; denn Jeder ist Hauseigenthümer. Wer Ursache hat, mit seiner Nachbarschaft unzufrieden zu sein, bindet sein Floß von den Pfählen los und rudert eine englische Meile stromauf oder stromab weiter, befestigt es in einer andern Umgebung und macht vollkommen neue Bekanntschaften. Nur die einheimische und eingewanderte Aristokratie hat sich auf den erhöhteren und trockenen Stellen des Festlandes angesiedelt. Da ich hier verhältnißmäßig mehr deutsche Landsleute finde, als in den bisherigen Städten, beginnt mein Aufenthalt sehr angenehm. Gleich am ersten Abende lud mich Herr Benary, ein junger Berliner, zu einer Spazierfahrt auf dem Menam ein. Wir ruderten bei dem herrlichsten Mondschein in seiner Schaluppe nach der 300 Fuß hohen What-Pagode, kletterten hinauf und genossen die bei der feenhaften Beleuchtung doppelt merkwürdige Aussicht. Die Umgebung der Pagode war das Staunenswertheste derselben. Eine Menge kleiner Tempel drängte sich an den phantastisch geformten Thurm und schien sich in seinem Schlagschatten überaus wohl zu fühlen. Auch wir Unglücklichen lebten in der linden Abendluft wieder auf und vergaßen die Qualen der heranrückenden Nacht in geschlossenen Räumen. In den frühen Morgenstunden des 6. März beeilte ich mich, dem preußischen und englischen Consul, Sir Robert Schomburgk , meinen Besuch abzustatten. So herzlich der edle Gelehrte, an den ich schon seit Jahren einen warmen Empfehlungsbrief von Alexander von Humboldt in der Tasche trug, mich empfing, die Züge langer bitterer Leiden 255 waren auf seine Stirn und Wangen geprägt. Ohne diese leidigen Spuren wäre er dem Verfasser des Kosmos zum Verwechseln ähnlich gewesen. Aber Sir Robert kämpfte mit dem klimatischen Uebel: der Dysenterie, das einige Jahre später seinem thätigen Leben in dem Maison de Santé zu Schöneberg bei Berlin ein Ende machen sollte. Vielleicht hätte es durch die sorgliche Pflege in dieser Anstalt noch etwas verlängert werden können, aber Sir Robert war erst im letzten Stadium der Krankheit zu bestimmen gewesen, aus dem Hotel du Nord unter den Linden nach Schöneberg überzusiedeln, und seine Aerzte untersagten mir alle ferneren Besuche, da nichts mehr zu thun war, als den Kranken ruhig sterben zu lassen. In Bangkok hatte ich noch hinlängliche Gelegenheit, den Heroismus zu bewundern, den der seltene Mann dem furchtbaren Leiden entgegensetzte. Es gelang mir, durch mein Geplauder den armen Patienten zu erheitern, und ich erfuhr u. a. von ihm, daß der kleine sogenannte »weiße« Elephant, der im Berliner zoologischen Garten den Kindern so viel Vergnügen macht, noch vor Jahr und Tag sein Hausgenosse gewesen und Trepp auf Trepp ab gewandelt sei. Als sein rasches Wachsthum die Bauart des Hauses gefährdete, habe er ihn nach Europa geschickt. Noch saß ich am 7. März beim Frühstück, als ich meinem Berufe einen vornehmen Besuch zu verdanken hatte. Se. königl. Hoheit Prinz Georg Washington, der Sohn des zweiten Königs von Siam, erschien ohne weiteres Ceremoniel in meinem Zimmer, in dem mir eben meine kleine Freundin Lina Gesellschaft leistete. Als bürgerlicher Mann durfte ich nicht erwarten, einen Angehörigen des 256 regierenden Hauses in einer so frühen Stunde schon in Gala bei mir erscheinen zu sehen, doch hatte ich mir selbst von der siamesischen Interimsuniform größere Vorstellungen gemacht. Se. königl. Hoheit trugen nur einen rothseidenen Schutz (Saroon) um die Hüften; ein Hemde, eine Jacke, Schuhe und Kopfbedeckung hatte Prinz Georg für überflüssig erachtet. Es handelte sich um eine Kunstangelegenheit. Sr. Majestät war bekannt geworden, daß ein preußischer »Kunstmaler« in Bangkok angelangt sei, und sie erlaubte sich die Anfrage, ob derselbe lebensgroße Königsporträts in dauerhafter Oelfarbe zum Abwaschen male. Der erste König werde gerade jetzt von Mr. Lewes, einem reisenden englischen Künstler, als Kniestück abconterfeit und sein Bruder, der zweite Herrscher Siams, Se. Majestät Somdeth Phra Paramaindr Mahaisvara Mahaisvaraisa Rangsarga – damit hätte ich mich ein für alle Mal des Namens entledigt – könnten der Versuchung nicht widerstehen, gleichfalls ein Portrait seiner, wenn auch nicht allerhöchsten, so doch höchsten Person zu besitzen. Aus den Redensarten des leidlich englisch sprechenden Prinzen erhellte, daß die gekrönten Brüder in keinem sonderlichen Einvernehmen lebten, und daß die Anfertigung dieses Porträts, das den zweiten König vom Wirbel bis auf die Zeh vorstellen sollte, als ein Act tendenziöser Opposition angesehen werde. Es gelang mir leichter, als ich erwarten konnte, den Prinzen von der Unmöglichkeit zu überzeugen, den Wunsch seines hohen Vaters zu erfüllen. Ich zeigte ihm meinen Aquarellenvorrath, Farben, Pinsel und Papiere, und bald begriff er, daß ich als Landschafter und mit solchem Material nicht befähigt sei, ein lebensgroßes 257 Königsporträt dauerhaft und zu Abwaschungen geeignet, anzufertigen. Wir trennten uns, indem Se. königl. Hoheit mir noch den Rath ertheilte, bei der Hitze das Arbeiten im Freien zu unterlassen, und nur – zu photographiren. Der Prinz selber besaß nach seiner Angabe eine gewisse Fertigkeit in diesem Handwerk, und war von der künstlerischen Bedeutung desselben durchaus überzeugt. Nachdem er eine meiner Cigarren geraucht, trennten wir uns zu beiderseitiger Zufriedenheit, Se. königl. Hoheit zogen mit derselben Präcision, welche unsere jungen Militärs bei der Annäherung eines Stabsoffiziers im Zuhaken des steifen Rockkragens entwickeln, den Schurz dienstmäßig bis zum Nabel hinauf und verschwanden. Der bürstenartige Haarschopf, den der Prinz, wie alle Siamesen, auf dem Vorderkopfe trug, während sonst der ganze Schädel glatt rasirt war, hatte ihm ein höchst komisches Ansehen verliehen; ich brauchte mehrere Tage, um mich an diese Haartracht zu gewöhnen, ohne den Leuten ins Gesicht zu lachen. Das Leßler'sche Ehepaar ergötzte sich bei Tisch ungemein über meine Beschreibung, und wir befanden uns in der besten Laune, als die kleine Lina durch laute Wehklagen uns vom Tisch aufschreckte. Dem lieben Kinde war ein großes Herzeleid widerfahren. Mistreß hatte für unser Dessert eigenhändig einen kleinen Kuchen eingerührt und gebacken, denselben aber, da die weißen Ameisen in Geschwadern darüber herfielen, auf das Geländer der Estrade in die Sonne gesetzt; Lina war im Schatten daneben stehen geblieben, theils aus Freude über die fliehenden Ameisen, theils aus Anhänglichkeit an den Kuchen. Nun hatten aber auch die im Garten horstenden blauschwarzen Raben von dem Kuchen Notiz genommen, 258 und der stärkste Chorführer war herbeigeeilt, um sich des Gebäcks zu bemächtigen und dasselbe zu seinen Gefährten zu tragen. Als wir dem schreienden Kinde zu Hülfe eilten, waren nur noch einige Brocken vorhanden. Der kräftige Vogel hatte den Kuchen hundert Schritte weit außer Schußweite unserer Revolver geschleppt. Nach Tisch statteten wir nordamerikanischen Missionären unseren Besuch ab und wohnten der Abendandacht einiger neu bekehrten Chinesen bei, welche sich auch an dem Vortrage der erlernten Choräle betheiligten. Der würdige Geistliche hatte sich an demselben Tage von einem Landsmanne und Freunde getrennt. Dieser litt an den Folgen eines Sonnenstiches, und es war nichts übrig geblieben, als ihn in die Heimath zurückzusenden. Das Gehirn der Eingeborenen zeigt nicht die gleiche Empfindlichkeit; ich habe sie stundenlang aus meinem Fenster ohne Kopfbedeckung und Sonnenschirm arbeiten gesehen. Unweit des Leßler'schen Hotels liegt ein chinesisches Spielhaus, mit dem unentgeltliche Theatervorstellungen verbunden sind. Die Blancs von Bangkok, Monaco, Baden-Baden und Homburg scheinen aus demselben Holze geschnitzt zu sein. Ich nahm Platz vor der Bühne und suchte dem Gange der Vorstellung zu folgen, die aus einem Ballet bestand. Die Tänzerinnen, fast sämmtlich dürftige Gestalten, bedienen sich sowohl beim Tanze, als auch in der Action, ungleich weniger der Beine, als die europäischen Balletmitglieder. Nur der Oberkörper und die Arme sind unablässig in Bewegung. Die männlichen Tänzer beschränken sich auf komische Rollen. Ein eigenthümlicher Schmuck der Damen besteht in mehrzölligen, glänzend polirten, hinten übergekrümmten Nägeln, die gleich Fingerhüten an allen 259 zehn Fingern befestigt werden und wahrscheinlich dem Gebehrdenspiel gehörigen Nachdruck verschaffen sollen. Die Hauptpersonen des Ballets waren eine Prinzessin und ein Hofnarr. Die Freiheiten, welche sich Letzterer gegen seine Gebieterin herausnahm, waren jedoch der Art, daß die europäische Sittenpolizei die Vorstellung des Ballets noch vor dem Actschluß unterbrochen haben würde. Die Habitués von Bangkok nahmen indessen an den kühnen Griffen des Hanswurstes nicht den geringsten Anstoß, sie schauten dem frivolen Schauspiele mit einer Ehrbarkeit zu, als wären sie bei einer religiösen Feierlichkeit zugegen. Da die Handlung nicht vorrückte und die Acteure über Wiederholungen ihrer Gesten nicht hinauskamen, begab ich mich in das angrenzende Spielhaus, das von einem weit zahlreicheren Publikum gefüllt war. Das Spiel hatte einige Aehnlichkeit mit unserer Roulette, und die Spieler betheiligten sich daran mit derselben Leidenschaft und – demselben Mißgeschick, wie die Pointeurs in unseren Bädern. Um der Bank mein Entree für den Theaterbesuch nicht schuldig zu bleiben, setzte ich eine kleine Silbermünze, die selbstverständlich sogleich verloren ging. Der chinesische Banquier war jedoch nicht Willens, von der Unwissenheit eines Fremden Vortheil zu ziehen, er reichte mir das Geldstück zurück, indem er in leidlichem Englisch hinzufügte: er könne es nicht nehmen, weil ich nach seinem Dafürhalten das Spiel nicht verstehe. Da ich ihn mit gleicher Zuvorkommenheit ersuchte, es als Geschenk von mir anzunehmen, weigerte er sich nicht länger und steckte das runde Silberklümpchen in die Tasche. Am 9. März besuchten wir alle den Gottesdienst, welchen Sir Robert Schomburgk an jedem Sonntage in seinem Hause 260 abhält. Er las außer einigen Gebeten eine kurze Predigt vor, und die anwesenden Europäer folgten seinem Vortrage mit großer Aufmerksamkeit. Ihr leichenhaftes Aussehen fiel mir, nebenbei bemerkt, unangenehm auf. Die Monate März und April werden in Bangkok als die heißesten, und in Betracht der sumpfigen Lage des Ortes, auch als die ungesundesten des Jahres bezeichnet. Am 10. März war ich auf einer frühen Wasserfahrt zufällig Zeuge des hier üblichen Bestattungsverfahrens. Allerdings werden die Gebeine der Verstorbenen auch in Siam verbrannt, allein man schneidet vorher das Fleisch von den Knochen und calcinirt nur letztere im Feuer. Wie in Calcutta und Benares waren die Mauern des Verbrennungsplatzes mit Aasgeiern und allerlei kleineren Raubvögeln bedeckt, die sich der hingeworfenen Fetzen so gierig, wie unsere Hühner der Gerstenkörner, bemächtigten, und den Leichenschlächtern beinahe aus den Händen fraßen. Um drei Uhr Nachmittags begaben wir uns in den Palast des ersten Königs, der in Folge einer Anfrage Sir Roberts uns diese Stunde bestimmt hatte. Schomburgk holte mich in einem eleganten, mit zwölf Ruderern besetzten Boote ab, von dessen Bug eine große englische Flagge wehte. Nach einer halben Stunde hatten wir den oberhalb der schwimmenden Stadt gelegenen Palast erreicht; auf dem Landungsplatze wurden wir von einem höheren alten Diener Sr. Majestät erwartet und unter eine Veranda geführt, wo wir Platz nehmen durften. Zu unserer Erfrischung war eine große Delikatesse der Gegend: kaltes Wasser aufgestellt, doch starrten die Gläser dergestalt von Schmutz, daß Sir Robert seinen Foulard aus der Tasche zog und mich durch 261 eine gelungene große Wäsche bewog, seinem Beispiel zu folgen. Reinlichkeit erhält den Leib, Ziert den Knaben, Mann und Weib! sang ich und hielt das Glas noch einmal gegen den dunkelblauen Himmel, ehe ich das in Eis gekühlte Naß einzuschenken wagte. Wir waren nicht allein. Um uns auf der Veranda, und in dem angrenzenden Saale kauerte auf dem Fußboden eine Menge Neugieriger, die sich nicht von den Knien und Ellenbogen zu erheben wagten. Sir Robert war von der Hitze des Tages erschöpft und litt an einem Uebelbefinden, ich hütete mich daher, ihn mit Fragen zu belästigen, wiewohl ich gern erfahren hätte, ob diese devoten Personen zum Hofgesinde, oder nur zu einer loyalen Fraction gehörten, die sich hier versammelt hatte, um im günstigsten Falle des Anblicks ihres Landesherrn theilhaftig zu werden. Se. Maj. ließen uns nach der Landessitte, die den europäischen Satz: »Pünktlichkeit ist die Höflichkeit der Könige« nicht kennt, ungebührlich lange warten, ich besichtigte daher inzwischen einen, an die Veranda stoßenden, etwas stallartigen Palast, in dem ein weißer Elephant und ein gleichfarbiger Affe aufbewahrt wurden. Nicht nur das Wappenthier der siamesischen Krone, sondern auch der ältere Vetter unseres Geschlechtes, verdankten ihren lichten Teint nur einer Abreibung mit Kreide, von der ich einen Vorrath in pulverisirtem Zustand in einer Ecke des Stalles entdeckte. Ueber diesen vielleicht unschicklichen Nachforschungen, an denen mich aber Niemand hinderte, entging mir nicht, daß unterdessen viele Große des Reiches und kleine fette Prinzen, die zum Hausstande des Königs gehören mochten, über den 262 weiten Hof in den Palast geeilt waren. Zum Theil wurden sie in Palankinen getragen, zum Theil saßen sie zu Pferde, nur die Inhaber geringerer Grade gingen zu Fuß, über dem Haupte eines Jeden trugen aber buntgekleidete Diener einen enorm großen, oft goldgestickten Sonnenschirm. Endlich erschien ein Ceremonienmeister und lud uns ein, ihm zu Sr. Maj. zu folgen. Meine Uhr zeigte auf vier; der Allergnädigste hatte uns eine volle Stunde warten lassen. Ich reichte Sir Robert den Arm und folgte dem diensteifrigen Hofmann. 263 XX. Im Thronsaal zu Bangkok. Prinzen oder Straßenjungen. Sr. Maj. Toast. König Mongkut's Facsimile. Dr. Bastian. Das Dschunglefieber. Einladung zum zweiten Könige von Siam. Die Schlacht bei Roßbach und Genovefa. Ein preußisches Zündnadelgewehr. Brandy trinken wir doch. Se. Maj. kam uns entgegen und geruhte, uns in den Thronsaal zu führen. Als erster König hatte unser hoher Wirth für nöthig erachtet, etwas ausführlicher Toilette zu machen, als sein Neffe Prinz Georg, doch war seine Tracht, dem Klima entsprechend, immer noch bequem genug. Er trug das sogenannte kleinere Kostüm, d. h. ein Jäckchen von violetter Seide, an den Aermeln mit etwas Gold gestickt und einen Schurz (Saroon) aus karmoisinrother Seide, keine eigentlichen Hosen. Ein weißes, mit einem großen Brillanten zugestecktes Halstuch war, wie ein leichter seidener Shawl, lose um den Hals geschlungen, ein Hemde hatte Se. Maj. eben so wenig angelegt, wie alle seine Unterthanen, Grenznachbarn und asiatischen Stammverwandten. Pantoffeln, oder gar Strümpfe, trug der König nicht, unterhalb der Knie waren seine braunen, vollkommen wadenlosen Beine nackt, auch that er sich keinen Zwang an und 264 fuhr während des Empfanges fort, Betel zu kauen. Sein Haupt war mit einer kleinen seidenen Mütze ohne Schirm bedeckt, an deren schottisch gemusterter Einfassung die Decoration des Elephantenordens vierter Klasse haftete. Sie wird hier nach der Art der Nationalkokarde von ihren Inhabern auf der Kopfbedeckung getragen. Nicht recht im Einklange mit dieser Sommertracht stand ein goldener Schleppsäbel, mit dem Se. Maj. umgürtet war und ein, jedes jungen Matadors von der Garde würdiges Gerassel verursachte. Der König ist 59 Jahre alt, sieht aber mehr als zehn Jahre älter aus. Er spricht ziemlich gut englisch, nur sehr undeutlich, besser soll er sich darin schriftlich ausdrücken. Der Thronsaal, der seinem Baustyl und den reichen goldenen Ornamenten und Säulen nach jedem europäischen Königspalaste Ehre machen würde, war mit einem bunten Teppich bedeckt, dessen Muster man jedoch, da der ganze Saal mit knieenden und auf den Ellbogen kauernden Gestalten gefüllt war, kaum erkennen konnte. Nach der Etikette sind selbst die Prinzen von Geblüt, die Minister, die hohen Beamten, Hofmarschälle und Kammerherren verpflichtet, während der Anwesenheit des Staatsoberhauptes in dieser ehrfurchtsvollen Positur zu verharren. Die Wände waren mit lebensgroßen Porträts der Königin von England, des Kaisers der Franzosen, des Königs von Portugal und der Königin Pomare geschmückt. In einer Ecke lehnte die Gestalt eines preußischen Grenadiers in voller Uniform und Waffenschmuck; das Piedestal der Figur war zerbrochen und man hatte sich nicht anders zu helfen gewußt, wollte man den Saal nicht seines eigenthümlichsten Schmuckes 265 berauben. Außerdem stand noch eine gezogene Kanone im Thronsaal, die als » ultima ratio regum « das höchste Ansehen in den Augen des alten Herrschers von Siam zu genießen schien. Wir durften rechts und links von dem Lehnsessel des Königs, der zugleich die Einrichtung einer Draisine hatte, denn nach siamesischen Vorstellungen galt es wahrscheinlich für ein Vorrecht europäischer Fürsten: sich selber fahren zu können, Platz nehmen, und die Unterhaltung begann. Ich glaubte mich aus einem vaterländischen Polizeibüreau, in den Händen eines pflichteifrigen Paßbeamten zu befinden, so wißbegierig erkundigte sich Se. Maj. nach Vor- und Zunamen, Geburtsort, Alter, Wohnort, Geschlecht und besonderen Kennzeichen. Ob und inwiefern er mich verstanden oder mißverstanden, ist mir unklar geblieben. So viel steht fest, über Preußen und die Lage Berlins vermochte ich nicht, ihn in's Klare zu bringen. Er verwechselte fortwährend, wie einer meiner schon erwähnten früheren Reisegefährten, »Prussia« mit »Persia«. Unsere Conversation wurde durch die Anwesenheit der zahlreichen Rangen Se. Maj. wiederholt gestört. Vielleicht wird ein loyales Gemüth diesen unehrerbietigen Ausdruck beanstanden, ich bediene mich jedoch der scharfen Collectivbezeichnung nur, da ich das Geschlecht der anwesenden jungen Abkömmlinge des Königshauses, vermöge der uniformen Tracht der Prinzen und Prinzessinnen, nicht zu unterscheiden vermochte, und mich ihr unhöfisches Benehmen vollkommen zur Wahl eines so unehrerbietigen Wortes berechtigt. Die königl. Jugend genießt, so lange sie nicht das Alter der Reise, d. h. das elfte oder zwölfte Lebensjahr erreicht hat, gewisser kindlicher Prärogative. Sie 266 braucht noch nicht, wie die hohe Aristokratie und der befestigte Grundbesitz Siams, in Anwesenheit des Landesherrn auf Knieen, Ellbogen und Gesichtern liegen zu bleiben, sondern darf sich frei im Thronsaale bewegen. So spielte denn eine erhebliche Anzahl sechs- bis zehnjähriger Kinder, bekleidet mit kostbaren bunten Saroons und reichem Schmuck von Gold, Perlen und Diamanten, rings umher, und ich muß eingestehen, ungeachtet ihres dunkelgelben oder braunen Teints niemals eine gleiche Anzahl schöner Kinder beisammen gesehen zu haben. Wenn ich die geringen männlichen Reize Se. Maj. in Erwägung zog, so wird man mir den stillen Wunsch verzeihen, nur aus physiognomischer Wißbegier in Betreff der Aehnlichkeit, mit den Gemahlinnen des Königs näher bekannt zu werden. Die Sitte des Orients bringt es mit sich, beim Empfange Geschenke zu vertheilen, und selbst der Allergnädigste verschmäht es nicht, irgend eine werthvolle Gabe, und wären es auch nur einige Pfund Sterling, die später mit einem von der königlichen Hand gezogenen Ringe erwidert werden, anzunehmen; man wird sich daher den Unwillen der siamesischen Prinzenschaar ausmalen können, als ich keine Anstalt machte, die vorschriftsmäßigen Bonbons, Nippessachen und Quincaillerien zu vertheilen. Sie näherten sich mir, untersuchten die Taschen meines schwarzen Fracks und zwangen mich endlich, da sie Hand an die Busentasche und die Inexpressibles legten, ja die goldenen Kleinigkeiten von meiner Uhrkette reißen wollten, den Frack zuzuknöpfen. Jetzt ließen sie zwar von mir ab, holten aber aus dem Vorhofe des Palastes kleine Steine heraus, mit denen sie nach Sir Robert Schomburgk und mir mit der angeborenen 267 Wurffertigkeit von Affen ein Bombardement eröffneten. Um die Aufmerksamkeit des Landesvaters, der von den Ausschreitungen seiner Sprößlinge nicht die geringste Notiz nahm, anzuregen, erlaubte ich mir die Frage, wie hoch sich mit Einschluß dieser liebenswürdigen und wohlerzogenen Kleinen die Familie Se. Majestät belaufe? Nach längerem Addiren und Multipliciren antwortete der König, daß die Zahl wohl acht und vierzig betragen könne, doch sei ein Irrthum möglich. Obwohl er hinzufügte, eine gleiche Anzahl sei Todes verblichen, verbarg er doch nicht seine Genugthuung über einen derartigen Kindersegen, und wurde durch meine Frage in die beste Laune versetzt. Er erhob sich, holte eine Flasche Rothwein, schenkte die auf zwei Seitentischen stehenden kleinen Gläser voll und trank auf unsere Gesundheit. Der Toast mußte von Seiten Europa's erwidert werden. Ich bat also um die Erlaubniß dazu, sie wurde huldreich gewährt, doch fühlte Se. Maj. tactvoll heraus, daß die Anwendung einer stark alkoholhaltigen Flüssigkeit jetzt angemessener sei. Auf jenen beiden Seitentischen standen zwei werthvolle, reich ausgestattete Flaschenfutter (Liqueurkasten), Geschenke der Königin von England und des Kaisers der Franzosen, zu denen Se. Majestät jetzt seine Zuflucht nahm. Drei Achtelgläser wurden, da man hier das geistigere Getränk auch aus größeren Gefäßen zu sich nimmt, eigenhändig vom Könige vollgegossen; ich brachte mit nöthiger Ehrerbietung seine Gesundheit aus. Zugleich fügte ich einige Lobsprüche der gezogenen Kanone, des Cognacs und der Grenadierpuppe hinzu; ich hatte die schwache Seite Sr. Majestät getroffen. Der König gab mir einen burschikosen Puff in die rechte 268 Seite, ergriff meine Hand, um sie freundschaftlich zu kneten, und verzog dabei sein altes biederes Gesicht so gewaltsam, daß die rothe Betelsauce über die Lippen rann und auf den Schurz troff. Dann füllte er von Neuem die Gläser, ergriff das Meinige und reichte mir das Seinige, das noch den Abdruck seines saftigen Mundes bewahrt hatte. Mir zuckte blitzartig der Gedanke durch den Kopf, er gehe damit um, mit mir Brüderschaft zu trinken; der König hatte sich jedoch nur in den Gläsern vergriffen. Der Kuß blieb mir nun zwar erspart, Bescheid mußte ich indessen thun. Bei dem Mangel an dankbaren Gegenständen der Unterhaltung, glaubte ich meinen hohen Gönner von dem bei der Hitze des Tages wenig ersprießlichen Cognac-Genuß abzulenken und auf andere Gedanken zu bringen, wenn ich mich nach der Zahl seiner Gemahlinnen erkundigte, allein sein Gesicht verfinsterte sich; er blieb mir die Antwort schuldig. Später erfuhr ich von Sir Robert, daß ich eine Unschicklichkeit begangen hätte. Beide Könige von Siam legen großes Gewicht darauf, den Herrschern Europa's so ähnlich als möglich zu sein, der Hauptunterschied zwischen beiden Welttheilen, die Vielweiberei, ruft ihnen in Gegenwart Fremder daher stets ihre sittliche Inferiorität auf die unangenehmste Weise in das Gedächtniß zurück. Der Unmuth des guten Alten war nicht von langer Dauer, da ich ihn, als Erinnerung an meinen Besuch an seinem Hofe, um sein Bild bat. Sein Gesicht verklärte sich, er befahl, eine Mappe herbeizubringen, und überreichte mir eine colorirte Photographie in der Größe eines Quartblattes, die ihn, in seiner Draisine sitzend, von den beiden Liqueurkästen umgeben, darstellt. In der Linken hält er, wie auch während unserer Audienz, 269 einen Krückstock mit Elfenbeingriff und ein großes Taschentuch von feinstem Leinen. Ich darf indeß nicht verschweigen, daß Se. Maj. sich desselben niemals bedient, sondern es nur für das Attribut jedes hochgestellten, gebildeten Mannes zu halten scheint. Sah er sich zur Reinigung seiner Nase genöthigt, so bediente er sich, wie Holzhauer, Matrosen und Fuhrleute, zwanglos der Vorderfinger der Rechten. Meine Bitte, dem Porträt seine Namensunterschrift hinzuzufügen, gewährte der König mit großer Bereitwilligkeit. Ein mächtiges Tintenfaß aus gediegenem Golde nebst dito Feder wurde herbeigeschafft, und mit etwas zitternder Hand, aber doch mit leserlichen Schriftzügen schrieb Se. Maj. unten auf die Kehrseite des Porträts: SPPM Mongkut MRS was born on 18 october 1804. crowned on 15 May 1851. Jetzt traten wir den Rückzug an, und ein Juwelier, der dem Könige eine mit Brillanten besäete Schatulle zum Verkauf anbot, wurde vorgelassen. Auf dem Deckel befand sich eine auffallend große Perle, die als eine Seltenheit des Orients in Bangkok einen hohen Ruf besaß. Täusche ich mich nicht, so war die Perle etwa von der Größe eines Hühnereis. Nach Sir Robert's Angaben erlauben die Mittel des Königs, sein Gelüsten nach Juwelen und sonstigen Pretiosen zu befriedigen. Der Handel Siams ist in seinen Händen, und Mongkut ist der erste Reis- und Zuckerhändler en gros des Landes. Mein Besuch beim französischen Consul mußte bei der unleidlichen Hitze am nächsten Tage schon um 6 Uhr Morgens abgestattet werden, dann holte Sir Robert 270 Schomburgk mich in seinem Boote ab, und wir fuhren zu Dr. Bastian , dem berühmten Reisenden und Sprachforscher, der jetzt glücklich nach Europa (Bremen) zurückgekehrt ist, fanden ihn aber am Dschunglefieber schwer leidend darniederliegen. Am Ufer beobachteten wir eine Anzahl in Ketten geschmiedeter Verbrecher, darunter mehrere Weiber mit Kindern an der Brust. Nach einer gewitterschwülen Nacht, die ich gequält von Kopfschmerzen und Prickly heat (Rothlauf, rother Hund) halb schlaflos zugebracht, erhob ich mich und warf einen Blick in die Zeitung, an deren Spitze zwei Unglücksfälle standen; die P. N. O. Company hatte zwei Dampfer verloren. Der erste war bei Hongkong verbrannt, der zweite auf dem Wege von Calcutta nach Suez gescheitert. In der leidigen Lectüre wurde ich von Sr. baarfüßigen königl. Hoheit, Prinz Georg Washington, unterbrochen; Sir Robert hatte mich schon am 10. März darauf vorbereitet. Er war in einem mit zwölf wildblickenden Ruderern bemannten Boote angelangt und wurde von einem Steuerbeamten, als Adjutanten, und einigen Dienern begleitet, die einen silbernen Cigarrenkasten, eine brennende Lunte und einen Monstresonnenschirm hinterdrein trugen. Das Haupt des Prinzen war wieder unbedeckt und nur durch den landesüblichen Haarstumpf über der Stirn geschützt. Es blieb mir nichts anderes übrig, als in meinen, dem tropischen Klima Hohn sprechenden schwarzen Frack zu schlüpfen und dem Prinzen zu folgen, denn er war heute mit einer Einladung seines Vaters, des zweiten Königs von Siam, gekommen. Wir hatten eine gute Stunde den Fluß hinauf zu fahren und verkürzten uns die Zeit durch Cigarrenrauchen. Der 271 Unterhaltungsstoff war in den ersten fünf Minuten aufgezehrt. Ich saß neben dem Prinzen auf einem bequemen rothseidenen Kissen und rauchte eine seiner schlechten Cigarren, die halb aus Tabak, halb aus Stroh bestanden, doch war Se. königl. Hoheit nicht unempfänglich für die Reize eines guten Blattes. Eine tadellose Manila, die ich ihm anbot, mundete dem Prinzen sichtlich. Am Ufer wurden wir von mehreren Dienern des königlichen Hauses erwartet. Diese führten einen gesattelten Schimmel ohne Steigbügel herbei, aber vergeblich sah ich mich nach einem Braunen oder Rappen für meine bürgerliche Person um. Der Prinz schwang sich gewandt in den Sattel, ich mußte um 12 Uhr Mittags, bei 30 Grad Reaumur nebenher laufen; nicht einmal ein Sonnenschirm wurde mir von diesen übertünchten Barbaren angeboten. Ohne meinen treuen Begleiter, den Entoutcas, wäre ich einem Sonnenstich verfallen. Eine üble Absicht des Prinzen lag dieser Mißhandlung nicht zum Grunde, nur die Gedankenlosigkeit des erst 24jährigen Sprößlings der asiatischen Despotie. Alle Wanderer, die uns begegneten, sanken in den Staub, nach fünfzehn Minuten landeinwärts hatten wir den Palast des zweiten Königs erreicht. Prinz Georg gab mir einen Stuhl und ging davon, um mich seinem Vater anzumelden. In dem Waffensaal, worin ich mich befand, hingen als Kunstwerke des Griffels zwei Groschen-Lithographien, »die Schlacht bei Roßbach«, und »Genovefa« mit Schmerzenreich und der Hirschkuh. Ich hatte mich kaum flüchtig umgesehen, als ein silbernes Service mit heißer Milch, Zucker und kaltem Wasser gebracht wurde. Man beabsichtigte, mir die höchste Delicatesse 272 vorzusetzen. Bei dem Mangel an nahrhaften Gräsern und der mörderischen Temperatur gehen fast alle Wiederkäuer in Bangkok zu Grunde, und frische Milch gehört zu den größten Seltenheiten. Nur im Haushalt der beiden Könige werden einige Kühe und Ziegen gehalten. Der erste König, ein herzensguter Mann, sendet alltäglich an Mrs. Leßler ein Töpfchen Milch für ihre zweijährige Lina, und auch für mich werden stets einige Löffelchen für den Morgenkaffee erübrigt. Noch etwas ergrimmt über den Wettlauf mit dem Schimmel des Prinzen, versöhnte mich diese zarte Aufmerksamkeit. Ich genoß die Milch der frommen Denkungsart und betrachtete meine Umgebung näher. Eine Menge Volk lag um mich her auf den Knieen und schien nach seinem Gesichtsausdruck komische Bemerkungen über mich zu machen. Mit Männern und Weibern waren auch Kinder gemischt, doch mochten diese mit europäischem Umgange noch nicht recht vertraut sein. Bot ich ihnen die Hand, so rannten sie heulend und zähnefletschend davon; die Erwachsenen waren gesitteter. Einer der auf der Matte Hockenden kroch zu mir heran und nahm aus seinem schmutzigen Maule die brennende Cigarre, um mich damit zu bewirthen. Ich vermochte den gutwilligen, aber Uebelkeit erregenden Kerl schlechterdings nicht los zu werden und machte mich nothgedrungen der abscheulichsten Lüge meines ganzen Lebens schuldig. Durch drastische Gebehrden bedeutete ich ihm, daß ich gar nicht rauche! er begriff mich und kroch heim zu den Seinigen. Der zweite König ließ mich nicht so lange als sein Bruder warten. Noch waren nicht zwanzig Minuten verflossen, als Prinz Georg wieder erschien und mich an seiner 273 schweißigen Hand in die Gemächer seines Vaters führte. An der Treppe, deren Stufen auch hier doppelt so hoch, als bei uns, demnach sehr unbequem in anliegenden Beinkleidern zu ersteigen waren, blieb der Prinz stehen, warf sich auf die Knie und kroch auf allen Vieren zu seinem auf der obersten Stufe stehenden Herrn Vater hinan. Ich schritt ungebeugt neben ihm empor; jetzt erst war mir Revanche für den Schimmel zu Theil geworden. Auch blieb Se. königl. Hoheit auf der Nase liegen, als der König mir freundlich die schwarze Hand entgegenstreckte. Die jüngere Maj. von Siam sprach sehr geläufig Englisch und entschuldigte in wohlgesetzten Worten seine etwas vernachlässigte Toilette; er befinde sich nicht ganz wohl. Die Diener setzten Stühle an den Tisch, Thee und Kaffee wurden servirt, und der König brachte das Gespräch auf das Kriegshandwerk und die Jagd, der er in jüngeren Jahren sehr zugethan gewesen sein mochte. Ich hütete mich, ihn zu unterbrechen und freute mich nicht nur über sein mannigfaches Wissen, sondern auch über Se. Majestät gesunden Menschenverstand, der die frugalen Geistesgaben seines älteren Bruders weit überragte. Ein prachtvolles Jagdgewehr, wenn ich den König richtig verstanden habe: aus der Fabrik von Gehrmann in Berlin, wurde herbeigebracht, und Se. Maj. versicherte mir ferner mit triumphirenden Blicken, daß für sie ein preußisches Zündnadelgewehr unterweges sei. Der König gab hierauf dem Gespräch eine politische Wendung und verbreitete sich mit bittern Worten über die Undankbarkeit des japanesischen Hofes, doch bezweifle ich die Aufrichtigkeit der ausgesprochenen Gesinnungen. Die Völker des Orients halten in ihrer Politik grundsätzlich 274 in letzter Instanz immer zusammen, möglicher Weise glaubte er als feiner Diplomat mir, dem Europäer, eine Verbindlichkeit gesagt zu haben. In seinem Blick lag etwas von Verschmitztheit; ich schwieg weislich. Jetzt wurden Cigarren umhergereicht und in Brand gesteckt. Mir präsentirte ein auf allen Vieren herankriechender Sclave in einem goldenen Kästchen acht Zoll lange Havannah-Cigarren, wie ich sie nie feiner geraucht habe; der König zündete sich nur eine leichte Strohcigarette an. »Wir haben früher große Pfeifen geraucht!« ( we used to smoke big pipe ) sagte er, als er in meinen Zügen einige Verwunderung bemerkte; »aber unsere Gesundheit erlaubt uns das nicht mehr.« Der arme König sah wirklich überaus leidend aus. »Verstehen Sie sich auf den Puls?« fuhr er fort, »die Deutschen sind Alle sehr gelehrte Leute!« Ich machte gute Miene zum bösen Spiel und mich selber einer gelinden Kurpfuscherei schuldig; der gekrönte Patient reichte mir die Hand, ich schnitt das tiefsinnig sachverständige Gesicht eines Medicinmannes. Dem Pulse nach war die Diagnose nicht schwer, nebenbei wurde sie durch meine scharfen Geruchsnerven unterstützt; unzweifelhaft hatte Se. Majestät kurz vorher eine gehörige Dosis Champagner und Whisky, halb und halb, zu sich genommen. That ich Unrecht? ich warnte mit eindringlichen Worten den König vor dem Genuß alkoholhaltiger Getränke und empfahl ihm eine leichte Diät. »Das werden wir nicht thun, Brandy trinken wir doch!« antwortete Se. Maj. mit großer Bestimmtheit. Sah er mein ärztliches Verbot vielleicht gar als eine Beschränkung seiner königlichen Vorrechte an? Die Gesundheit des unglücklichen Fürsten war total ruinirt, und ich habe mich, als im Februar 1866 die 275 Nachricht seines Ablebens nach Europa kam, nur gewundert, daß er sein gebrochenes Dasein noch so lange gefristet. Dem Könige machte es Vergnügen, sich sprechen zu hören; »wir haben in unserer Jugend Englisch gelernt!« wiederholte er als Refrain fast jedes seiner Sätze mit vielem Behagen. Gleich seinem älteren Bruder hielt auch er während der mir gewährten Audienz ein Taschentuch aus rother Baumwolle in der linken Hand, doch ging aus der sonstigen Behandlung seines Geruchsorgans hervor, daß auch er über den Zweck dieses Toilettegegenstandes vollkommen im Unklaren schwebte. Er selbst, wie der am Boden kauernde zweite Hof, schneuzte sich aus freier Hand. Mit den alten abgetragenen Redensarten, »daß wir uns sehr gefreut hätten,« mich kennen gelernt zu haben, wurde ich entlassen. Auf die Anfertigung seines Porträts kam der König nur mit flüchtigen Worten zurück; er mußte sich, wie ich später von Mr. Lewes selber vernahm, entschließen, sein lebensgroßes Bildniß von diesem anfertigen zu lassen. Se. Maj. begleitete mich zur Treppe, Prinz Georg wurde nicht mehr sichtbar, und einige Hofbediente führten mich zum Boote; nach einer Stunde war ich, halb geröstet in meinem Bratenrock, zu Hause. Eine Abkühlung schien mir unbedingt nothwendig, und da ich mit dem französischen Consul eine Abendspazierfahrt verabredet hatte, machten wir nach dem Diner in einem Kostüm, das der Interimsuniform des Prinzen, meines jugendlichen Gönners, nahe kam, einen Ausflug stromab zu einigen chinesischen Dschunken, auf denen ein abendlicher Markt gehalten wurde. Der Capitän einer derselben lud uns zum Thee und suchte uns durch das Spiel einer vagabondirenden Kapelle zu ergötzen; ich 276 für mein Theil fand den Thee besser, als die von dem Orchester vorgetragene symphonische Dichtung und gab meinen ästhetischen Gefühlen durch den Verzehr von sieben oder acht Tassen den erforderlichen kritischen Ausdruck. Der Abend wurde uns durch die eben angelangte Schiffernachricht verbittert. Man meldet von der Rhede, daß sieben Europäer, die vier und zwanzig Tage lang mit Hunger und Durst auf der See in einem offenen Boote gekämpft hatten, dort angekommen seien. Sie waren auf ihrer Fahrt von China nach New-York auf ein Korallenriff gerathen, hatten das sinkende Schiff verlassen und ihr Leben mit etwas Schiffszwieback, Wasser und Eingemachtem fristen müssen. Wir beschlossen den Tag im traulichen Kreise der Familie Leßler auf der nach der Gartenseite hinaus gelegenen Veranda in melancholischen Gesprächen über die nachtheiligen Einwirkungen des Klimas. Die junge Hausfrau, die ihrer Entbindung entgegensieht und deshalb eine Luftkur in Singapore durchgemacht hat, spricht uns Männern noch Muth ein, aber wir lassen sämmtlich, gleich kranken Vögeln, die Flügel hängen. Mein Berliner Hausarzt, Geh. Rath Erbkamm, hat mich nicht umsonst vor einem längeren Aufenthalte in glühender Sumpfluft gewarnt. Die Atmosphäre von Bangkok ist ein corrosives Gift für die Functionen des menschlichen Organismus; ich bin nahe daran, dem Beispiel mehrerer hiesigen jungen Commis aus New-York zu folgen. Sie leben seit einem halben Jahre nur noch von mager gekochtem Reis und Thee. 277 XXI. Die What-Pagode. In den Königl. Elephantenställen. Wasserpartie nach Pratlat. Sommertracht der Weißen und Schuhzeug. Im Hause des siamesischen Kapellmeisters. Der Orestes und seine Cockroaches. Full dress. Der Anfang des Hundejahres. Neujahrs-Galadiner. Spalier der Garden. An drei Tafeln. Mongkut's Ballettänzerinnen. Außer den klimatischen Leiden habe ich den stillen Kummer zu tragen, im Schooße der üppigsten Natur den größten Theil des Tages unthätig zubringen zu müssen. Nur in den Stunden von fünf bis sieben Uhr Morgens ist es möglich, im Freien zu arbeiten, von da an wird man durch die steigende Temperatur genöthigt, so leicht wie möglich gekleidet still im Schatten zu sitzen und zur Kurzweil das untergeordnete Thierleben rings umher zu beobachten. Aber nicht immer erwacht man zeitig genug. Wenn man sich bis zwei Uhr Morgens schlaflos auf dem Lager gewälzt hat, verschläft man meistens die Arbeitsstunde. Die armen Hausthiere können sich ebenso wenig wie wir an das unselige Klima gewöhnen. Die Hühner fallen nicht selten, wie unsere Sperlinge in strenger Winterkälte, plötzlich todt nieder; nicht besser ergeht es den Hammeln, 278 die aus China importirt und mit Reis und Erbsen ernährt werden. Welche unsägliche Mühe es kostet, die Wiederkäuer am Leben zu erhalten, habe ich schon angeführt. Nur die Schweine ertragen die Hitze ohne erhebliche Beschwerde, sind daher auch das hauptsächlichste Schlachtvieh der Hauptstadt und ihrer Umgebungen. Am 14. März stand ich kurz nach vier Uhr Morgens auf und machte mit einigen Bekannten Ausflüge nach den bemerkenswerthesten Tempeln Bangkoks. Die dreihundert Fuß hohe What-Pagode hatte ich schon gleich nach meiner Ankunft gesehen und ihre Ornamentik aus blau und weiß gemustertem groben Porzellan bewundert, jetzt besuchten wir zunächst den berühmten Tempel, in welchem ein unförmliches Abbild des Buddha in einer Länge von 175 englischen Fuß und 50 Fuß Höhe auf einem niedrigen Postament lagert. So viel ich durch die Vergoldung der Statue erkennen konnte, ist dieselbe aus Backsteinen aufgemauert. Andere Tempel sind mit Hunderten vier Fuß hoher vergoldeter Bildsäulen des Gottes gefüllt. Im Ganzen sind alle diese religiösen Gebäude nicht von erheblicher Größe, und die Reisebeschreiber übertreiben wohl, wenn sie die vor manchen Tempeln stehenden Götzenbilder mit den Kolossen Altägyptens vergleichen. Einmal unterweges statteten wir auch den Elephantenställen des Königs einen Besuch ab. Wir fanden einige mit Stoßzähnen bewaffnete Exemplare, die zum Theil mit goldenen Ringen geschmückt waren. Wohlgemerkt sind die Landeskinder verpflichtet, diesen Bewohnern des königl. Marstalles dieselben Huldigungen darzubringen, wie dem Könige. Während unserer Fahrt auf dem Strome sahen wir nicht weniger als vier Böte 279 umstürzen, doch wurde die Mannschaft stets gerettet. Der Hauptgrund derartiger Unglücksfälle liegt offenbar in der Bauart der Böte; der untere, also wesentliche Theil derselben besteht in den meisten Fällen nur aus einem ausgehöhlten Baumstamme. Einige Tage später sah ich auf den königl. Werften zwei dieser Kanoes, die bei einer Länge von 115 und 125 Fuß gleichfalls nur aus einem einzigen Teckstamme angefertigt waren. Am 15. März, einem Sonntage, hatte Herr Markwald aus Berlin mich nebst drei anderen Herren zu einer Wasserpartie geladen. Wir fuhren um sechs Uhr Morgens ab, kürzten eine Krümmung des Stromes durch einen Kanal ab und kamen um acht Uhr in Pratlat an. Der von ungefähr 10,000 Einwohnern bevölkerte kleine Ort ist eine Festung, würde aber einer Belagerung von europäischen Streitkräften schwerlich länger als eine Viertelstunde widerstehen können. Wir statteten sogleich dem Gouverneur einen Besuch ab, trafen ihn jedoch nicht zu Hause. Dafür machten wir den anwesenden Gemahlinnen des hochgestellten Militärs unsere Aufwartung. Es waren ihrer zwölf und jede trug einen Säugling an der Brust, doch stimmte die Carnation der holden Kleinen so wenig überein, wie die der geräucherten Flundern, welche auf den Fischmärkten unserer Seestädte feilgeboten werden. Dem Vernehmen nach ist der Gouverneur von Pratlat sehr stark verheirathet und rekrutirt unaufhörlich unter der weiblichen Bevölkerung des Ortes für seinen Harem. Die Zahl seiner Frauen soll über Hundert betragen. Die, ihren Eltern mit Güte oder Gewalt entführten Mädchen werden in dem Alter von 10 bis 13 Jahren in dem Hause des Gouverneurs zu 280 Tänzerinnen und Orchestermitgliedern ausgebildet, denn der edle Kriegsmann unterhält auch ein eigenes Theater. Nächstdem besuchten wir den Polizei-Präsidenten, welchen wir gleichfalls nicht zu Gesichte bekamen, doch wurden wir von den älteren Ehefrauen, die sämmtlich Betel kauten, sehr zuvorkommend empfangen und mit Cocosmilch bewirthet, die jungen Damen und etwa zwanzig Sprößlinge des Beamten rissen dagegen mit lauten Schimpfreden: »weiße Teufel!« vor uns aus und rannten in den Garten. Wir durften ihnen nicht folgen, da die bejahrteren Hausmütter zugleich die Stelle der Ehrenwächterinnen ihrer Colleginnen bekleiden, und namentlich die europäischen Courmacher fernzuhalten haben. Im Allgemeinen ist es jedoch nicht schwer, sich im nationalen Sinne in Siam zu beweiben. In allen Familien sind die Töchter vom zehnten Jahre an käuflich, und ein Angebot von 100 bis 200 Dollars pflegt in den meisten Fällen zu genügen. Es gehört zur Tagesordnung, die Schönen nach einiger Zeit wieder in das Haus ihrer Eltern zurückzusenden. Um halb ein Uhr Mittags langten wir, mit namenlosen Kopfschmerzen behaftet, wieder in Bangkok an. In meinem Zimmer hatten inzwischen zwei farbenprächtige Chamäleons ein Unterkommen im Schatten gesucht, doch gelang es mir nicht, eines der flinken Geschöpfe zu erhaschen. Abends durchschritten wir das Wäldchen von Mangos, Bambusrohr, Areka- und Cocospalmen, Ananas und Bananen, das unser Haus vom Strome trennt, und hofften etwas frische Luft zu schöpfen; es war ein vergeblicher Versuch. In der stillen, schwülen Atmosphäre glaubte man die Bananen wachsen zu sehen. Wir saßen an der pfeilschnell vorbeischießenden Strömung und 281 transspirirten, wie in einem russischen Dampfbade. Meine europäische Fußbekleidung bereitet mir obenein mancherlei Verlegenheiten. Ich bin außer mit Stiefeln nur mit Lederschuhen versehen, und muß in Bangkok auf die Anwendung der Wichse verzichten. Man trägt hier durchweg leinwandene Schuhe, deren Obertheil täglich mit angefeuchtetem Thon überstrichen wird. Die hier ansässigen Europäer haben auch ihre ganze Toilette danach eingerichtet. Sie tragen weiß baumwollene Jacken und dito Beinkleider, die gleich der Leibwäsche täglich zweimal gewechselt werden. Die Beschaffung eines ausreichenden Vorrathes an frischer Wäsche ist jedoch nur bei der hiesigen Menge der Domestiken möglich. Ein eiliger Reisender muß diesem Comfort entsagen; ich suche mir mit leichtwollenen hellfarbigen Kleidern zu helfen. Nicht selten, wenn ich auf meinem delphischen Dreifuß unter dem Sonnenschirm sitze, der Schweiß von der Stirn auf die Aquarelle rinnt, und Cockroaches oder Ameisen mir die eben aufgetragenen Farben dicht vor dem Pinsel wegfressen, zuweilen selbst das Papierblatt vor Hitze sich zusammenrollt, muß ich an die heimathliche Kritik denken. Die Herren würden gewiß so manche Schwäche derartiger Arbeiten nachsichtiger beurtheilen, wenn sie die unsäglichen Schwierigkeiten der Anfertigung erwägen wollten. Mit den hiesigen Gewohnheiten werde ich nach und nach bekannter. Es wird in Bangkok unglaublich viel gestohlen, aber Niemand, selbst wenn es den Dieb zu ermitteln gelingt, erhält sein Eigenthum zurück. Die Behörde belegt es endgültig mit Beschlag. Auf unserer Partie nach Pratlat fanden wir vor der Thür des Polizei-Präsidiums, das mehr einem Schweinestalle, als einem Staatsgebäude glich, 282 ein weinendes Mädchen, dem seine Ohrringe gestohlen worden waren. Man hatte den Dieb entdeckt und ihm das gestohlene Gut abgenommen, doch konnte sich der Herr Polizei-Präsident nicht entschließen, der Besitzerin dasselbe auszuliefern. Wir suchten sie zu beruhigen, indem wir ihr in dem nächsten Kramladen ein paar neue Ohrringe kauften. Der Dampfer aus Hongkong ist angekommen, und ich habe, um nicht einem Anfall von Fieber oder Dysenterie zu erliegen, sogleich mein Billet gelöst und mit der unglaublichen Summe von 31 Pfd. Sterling 4 Schillinge bezahlt. Aehnliche Prellereien sind in europäischen Gewässern ganz unbekannt. Am Nachmittage des 18. März forderte der französische Consul mich auf, mit ihm den königlich siamesischen Kapellmeister zu besuchen. Wir fanden einen ältlichen Herrn, der sich von seinen Hausgenossen dieselben Ehren, wie die Könige des Landes, erweisen ließ. Die eben anwesenden Mitglieder der Kapelle bestanden aus alten Weibern und jungen Mädchen, das Hauptinstrument war eine Art Harmonika, deren metallene Schaalen – ich zählte neunzehn – mit zwei Klöppeln geschlagen werden und innerhalb eines runden fußhohen Korbes aufgestellt sind, in dessen Mitte der Spieler hockt. In einer ähnlich construirten Harmonika wird das klingende Princip durch geglättete Bambusscheiter gebildet. Die Blaseinstrumente beschränkten sich auf eine mißtönende Rohrpfeife. Der Chef der Kapelle, über dessen Compositionstalent ich mir kein Urtheil anmaßen darf, schien mit der Vervollkommnung der landesüblichen Orchestration angelegentlich beschäftigt zu sein. Er zeigte uns eine von ihm construirte Pauke, in der ich eine große Sardinenbüchse wiederzuerkennen glaubte. 283 Bei dem engen künstlerischen Gesichtskreis, den ihm die siamesische Musik gestattete, ging der Herr Capellmeister sehr bald auf mein Schuhzeug über, und erkundigte sich ausführlich nach den Preisen und der Dauerhaftigkeit. Dann zeigte er uns ein auf dem Nippestisch stehendes Paar Gummischuhe. Die schöne Welt von Bangkok hält dieselben für die eleganteste Fußbekleidung, und auch unser Künstler betrachtete sein Kleinod mit vielem Stolz. Denselben Tag benutzte ich noch zu einer Zeichnung der Flußufer und schwimmenden Stadt vom Verdeck des nordamerikanischen Kauffahrers Orestes aus, allein die unübersehbare Menge der Cockroaches verscheuchte mich. Wenig besser ging es mir am nächsten Morgen, wo ich schon um Sonnenaufgang an Bord des Orestes zurückkehrte, um die angefangene Aquarelle zu vollenden. Ich war genöthigt, die frechen Insecten mit dem Pinsel oder der Bleifeder von dem Blatte abzuwehren. Als das Tiffin aufgetragen wurde, zu dem mich der Capitän eingeladen, fielen sie in Geschwadern über kalte und warme Speisen her, ja es kam mehrmals vor, daß sie sich zwischen Messer und Gabel wagten und Opfer ihrer widerlichen Gier wurden. Sogar dem Capitän schien die Sache zu arg, er legte das Messer aus der Hand und sagte, er habe große Lust, den Orestes anzubohren und für einige Zeit zu versenken, um sich so des unleidlichen Ungeziefers zu entledigen. Der ergrimmte Amerikaner beschuldigte die Cockroaches, ihm Tinte und Papier, Stiefeln und Schuhe, ja die Haare vom Kopfe und die Nägel von den Zehen wegzufressen, es fehlte nicht viel, so hätte er ihrem Appetit einen, an seinem blauen Frack fehlenden Messingknopf zur Last gelegt. Ich pries mich glücklich, 284 meine Aquarelle im Kampf mit den Käfern leidlich vollendet zu haben und floh. Als ich um zehn Uhr Vormittags nach Hause kam, fand ich eine geschriebene Einladung des Königs vor. Sie war von dem Oberbefehlshaber der Truppen, der rechten Hand des Herrschers ausgestellt und lautete auf die Räumlichkeiten im Schloßgarten des Palastes. Ich war zu einem Galadiner befohlen. Unter der Einladung stand » full dress «, also schwarzer Frack, weiße Cravatte und Ordens-Decorationen. Bei dem Gedanken: schwarzer Frack und enges Halsband, bei einer Temperatur von dreißig Graden Reaumur , ward mir dunkel vor den Augen und schwollen die Adern auf meiner Stirn. In Erwägung, daß es den Zweck meiner Reise verfehlen hieße: wollte ich mich dieser Festlichkeit entziehen, beschloß ich der Einladung zu folgen, um Sr. Majestät Mongkut nicht zu erzürnen. Hatte ich doch schon die Betheiligung an einer mehrtägigen Elephantenjagd, die der König sich vorgenommen, mit den höflichsten Worten abgelehnt. Das Galadiner fand zur Feier des Neujahrsfestes statt, das in Siam auf unseren 20. März fällt; ich durfte mich auf solenne Ceremonien vorbereiten. Hier trägt jedes Jahr einen charakteristischen Namen. Das Schweinejahr war verflossen; wir begannen heute das Hundejahr . Dem höfischen Gebrauche nach werden an diesem Tage alle anwesenden europäischen Notabiliäten, nebst den hohen Staatsbeamten und Spitzen der Behörden, eingeladen, bei Tafel zu erscheinen. Nach beendeter Toilette holte mich Sir Robert in seinem Boote ab, wir besahen die nahe am Schloßgarten einstallirten neuen Elephanten des Königs, den chinesisch zoologischen 285 Garten und befanden uns an Ort und Stelle. Allmälig versammelten sich die Großen des Reiches, darunter ein älterer Bruder des Königs, die Räthe der Krone, und jene Staatsmänner, die einige Jahre vorher Europa als Gesandte besucht hatten. Der ganze vornehme Cirkel war hosenlos und ging barfuß. An solchen Galatagen verbindet die Etikette Sr. Maj., die Gäste noch länger als gewöhnlich warten zu lassen. Wir mußten über zwei Stunden hindurch antichambriren. Um sechs Uhr erschien endlich König Mongkut in der Mitte seiner Getreuen. Seine Tracht war, wenn mich mein Gedächtniß nicht täuscht, etwas reicher, als bei der neulichen Audienz, er trug zur Feier des ersten Tages im Hundejahre leichte Strohpantoffeln und hatte sich mit dem goldenen Schleppsäbel fester denn sonst umgürtet. Ein ansehnliches Gefolge begleitete ihn. Trotzdem die Sonne sich schon zum Untergange neigte, wurde über seinem Haupte doch ein unförmlich großer, rothseidener, schwer mit Gold gestickter Parasol gehalten, halb neben, halb vor ihm her schritten zwei Leibgardisten mit Revolverbüchsen, dicht hinter ihm aber rutschten zwei Lakayen mit goldenen Spucknäpfen in den Händen auf den Knieen. Diese Möbel waren unumgänglich nothwendig, da der König fortwährend Betel kaut. Das Format der Spucknäpfe war indessen nicht praktisch, sie glichen dickbäuchigen Vasen mit dünnen Hälsen, in denen man Bouquets aufbewahrt, und es mochte nicht leicht sein, sie auf allen Vieren so geschickt zu transportiren, daß Sr. Maj. sich ihrer jeder Zeit bedienen konnte. Es war deshalb nicht zu bewundern, wenn König Mongkut zuweilen, statt in die Spucknäpfe, in die Gesichter ihrer Träger spuckte. Hinter diesen kroch ein 286 kleiner Trupp Lakayen, der mit Theebüchsen, Kuchentellern, Cigarrenkisten und Feuerzeug beladen war. Die Nachkommenschaft der Krone Siams war heute spärlicher vertreten, der König wurde nur von vierzehn seiner Lieblingskinder umgeben, die zur Feier des Tages reichgekleidet und safrangelb geschminkt waren, aber dessen ungeachtet gleich über meine Taschen herfielen. Es blieb mir Unglücklichem abermals nichts übrig, als den engen Rock zuzuknöpfen, denn ich hatte wieder nicht daran gedacht, mich mit Geschenken für die Kleinen zu versehen. Die Verachtung, mit der mein vermeintlicher Geiz sie erfüllte, ließ sich auf ihren kleinen Gesichtern deutlich lesen. Unter den minorennen Prinzen war keiner, der nicht während der Empfangscour Betel kaute, oder eine große Cigarre rauchte. Der König schritt durch ein Spalier seiner etwa ein halbes Bataillon starken Leibgarde, und eine Musikbande, die von einem Engländer eingeübt worden war, blies ganz erträglich: God save the queen. Sir Robert zeigte mir einen der schwarzen Posaunenvirtuosen, der sich bei den ersten Uebungen auf seinem Instrumente einen Bruch geblasen hatte. Jetzt näherte sich der König unserer kleinen Gruppe und richtete an jeden einige verbindliche, aber unverständliche Worte. Der Bruder des Königs und die eingeborenen Staatsmänner lagen unterdessen im Staube, doch war der Boden weithin mit neuen Matten bedeckt. Die Europäer, welche der König zu hohen Würden erhoben, erwiesen ihm nicht diese demuthsvollen Ehrenbezeugungen. Es waren im Freien drei Tafeln aufgestellt, und mit vielen hundert Lampen und Lichtern begann jetzt eine Illumination aller benachbarten Gebäude, die bei der Windstille 287 des Abends einen seltenen Effect hervorbrachte. Eine der im Ganzen für hundert Personen gedeckten Tafeln war für uns Europäer bestimmt, wir setzten uns zu Tisch, doch nahm der König und sein hohes Gefolge noch nicht Platz. Es ist eine der höchsten Ehrenbezeugungen, wenn Se. Maj. die Gäste zuerst zu bewirthen gebietet. Der Tisch war sauber gedeckt und nach englischer Sitte servirt, zwei mäßig große gebratene Schweine standen mit Kopf und Schwanz auf den Flanken, umgeben von gekochten und gebratenen Hühnern, vielen Assietten voller Cottelettes, Reis mit Curry, und einer unübersehbaren Menge von kleinen Näpfchen voller Süßigkeiten und orientalischen Würzen. Die Zwischenräume waren mit Weinflaschen ausgefüllt; da gab es Ale, Bordeaux, Brandy, Champagner und Sherry im Ueberfluß. Sämmtliche Speisen hatte man aber so stark mit Knoblauch vermischt, daß ein nordischer Gaumen sie fast ungenießbar fand. Die beiden Braten wurden von dem siamesischen General-Feldmarschall zerlegt. Se. Excellenz entwickelten dabei eine seltene Kunstfertigkeit, da sie Jahre lang auf Postdampfern als Koch gedient hatten. Ursprünglich war der General Unteroffizier in der französischen Armee gewesen und hatte dem Ausexerciren der siamesischen Garde die Beförderung zu seinem hohen Posten zu verdanken. Er trug den Stern des Elephantenordens auf der linken Brust, und hantierte mit dem Vorschneidemesser eben so geschickt, wie mit dem Degen und der Muskete. In Zwischenräumen von acht bis zehn Minuten trat der König an unseren Tisch und füllte die Wein- oder Wassergläser mit Cognac, in dem wir ihm auf seine undeutlich gelallten Toaste Bescheid thun mußten. Für das Maß und Format der Gläser 288 besaß Se. Maj. nur ein äußerst geringes Unterscheidungsvermögen, dagegen irrte er sich niemals in den Getränkesorten; er griff stets mit sicheren Händen die Cognacflasche heraus und ließ nie einen Tropfen in seinem Glase übrig. Wie entsetzte ich mich aber, als der Allergnädigste mit seinen großen schweißigen Händen in die Schüsseln griff, aus Reis, Fleisch und Sauce einen Knödel von der Größe eines mäßigen Hühner-Ei's zusammenkleisterte und in den Mund seiner Lieblingsgäste schob. Sir Robert und ich entgingen dieser väterlichen Abfütterung eben so wenig, wie der General-Feldmarschall. Noch heute erscheint der unselige Bissen des Neujahrsfestes zuweilen in meinen Träumen und schwillt mir im Munde zu Riesengröße an. Der Tafel gegenüber war eine Bühne errichtet, auf der die Ballerinen des Königs ihre Pas und Posen aufführten. Sobald wir abgegessen hatten, hieß Se. Maj. uns Cigarren anzünden und geleitete uns in allerhöchster Person auf die Bretter, um die nähere Bekanntschaft der jungen Künstlerinnen zu machen. Außer prächtigen, meistens knapp anliegenden Gewändern, trugen sie obeliskenartige hohe Mützen und mehrzöllige lange rückwärts gekrümmte Nägel aus polirtem Silber. Der König nahm die den Tänzerinnen von mir ertheilten Lobsprüche höchst gnädig auf, schmunzelte wohlgefällig und gab mir, wie bei der ersten Audienz, einen Puff in die Seite. Sir Robert sah nach seiner Uhr und hielt sie ans Ohr; wir hatten dieses Zeichen verabredet, wenn die Zeit unserer Entfernung gekommen sein sollte. Es war neun Abends und noch hatte weder der König, noch einer der siamesischen Staatsbeamten gespeist. Wir baten um unsere Entlassung und Se. Maj. nöthigte uns 289 nicht, länger zu bleiben. Nach mehreren treuherzigen Händedrücken wurden wir verabschiedet und von mehr als hundert schwarzbraunen Kerlen, die brennende Fackeln in den Händen schwangen, durch das Spalier der unter Gewehr stehenden Garde nach dem Ufer geleitet, wo Sir Roberts Boot unser wartete. Alle Tempel und Paläste der Umgegend waren gänzend illuminirt. König Mongkut liebt das Ceremoniell und sucht es auf geistreiche Weise zu nüanciren. So groß die Ehre ist, in seiner Gegenwart allein zu speisen, eine noch größere Auszeichnung ist es, wenn der König sich an dem Tische des Gastes niederläßt und an dem Mahle Theil nimmt. Dies geschieht jedoch nur in Fällen ausgezeichnet guter Laune, und pflegt Se. Maj. alsdann die Verleihung des Elephantenordens vierter Klasse hinzuzufügen. Müde des schwarzen Fracks und der weißen Cravatte, entkleidete ich mich und legte mich um zwölf Uhr zu Bette. Der zur Bewegung der Punka commandirte Kuli hatte mich schon seit einer Stunde erwartet und war so schlaftrunken, daß er gar nicht bemerkte, als ich mich niederlegte. Trotzdem blieb der Fächer in fortwährender Bewegung. Der Cognac, mit dem der Landesherr das Hundejahr begrüßt hatte, that auch an mir seine Wirkung; ich versank augenblicklich in einen tiefen Schlaf, aus dem ich erst gegen sechs Uhr erwachte. Jetzt lag der Punkaschwinger vor meinem Bette auf der Erde und schnarchte. Ich ließ ihn schlafen und lauschte dem Morgengesange der in unserer Nähe wohnenden amerikanischen Missionaire und ihrer chinesischen und siamesischen Schüler. Die armen Geistlichen geben sich alle erdenkliche Mühe mit der Erziehung derselben. Sie lehren die Männer lesen, 290 während die Frauen die siamesischen Weiber im Nähen unterrichten. Die Missionaire selber sind nicht gut dotirt, doch erhält die Familie für jedes neugeborene Kind eine Gehaltszulage von fünfzig Dollars. Wer den Tabak und Brandy vergütigt, durch welche sie zuerst die Neulinge anlocken, vermag ich nicht anzugeben. Oft wird ihre Großmuth mit Undank belohnt, und die Novizen bleiben wieder fort, sobald die Rationen herabgesetzt werden, oder die Branntwein- und Tabaksvorräthe vielleicht gar ausgehen. Daß die Frauen der Missionaire die Weiber im Nähen unterweisen, kann ihnen nicht hoch genug angerechnet werden. Unter fünftausend Töchtern Bangkoks kann höchstens eine nothdürftig die Nadel führen, und alle Herren- und Damenschneider sind aus Madras in Vorderindien eingewandert. 291 XXII. Bienen und wilde Hunde. Eine schlaflose Nacht. Viscount Canning. Capitän Benary. Der nordamerikanische Missionär und der Gottesdienst in seinem Hause. Eine Gesellschaft Schiffbrüchiger. Drontheim: auch eine Sommerfrische. Die Frau des Capitäns. In dem Kampfe mit der hiesigen Thierwelt giebt es keinen Waffenstillstand. Jetzt müssen auch Maßregeln gegen eine Colonie kleiner Bienen ergriffen werden, die sich in einer Ecke der Veranda eingenistet haben und der Wachsfabrikation obliegen. Ich würde gegen diese gewerbfleißigen Asiaten wahrlich nicht gewaltsam eingeschritten sein, wären ihre Stiche nicht gar so empfindlich und gingen sie mir nicht, unähnlich den civilisirten Bienen in unserer lieben Heimath, angriffsweise zu Leibe. Auf meinen Wunsch wurde ein Topf heißes Wasser in das Nest gegossen; die Niederlage war schrecklich, aber nach einigen Stunden kehrten die überlebenden Flüchtlinge zurück, umkrochen die Mordbucht und trugen zu Zweien die Leichen ihrer Angehörigen von dannen. Das Schauspiel hätte mich rühren können, wäre ich nicht von einem so tiefen Ingrimm gegen alle Insekten erfüllt gewesen. In der Nacht vom 24. zum 25. März ertappte ich mich sogar auf der 292 wahnsinnigen Idee, um den Qualen der erstickenden Hitze und Kriechthiere zu entgehen, aus dem Bette zu springen und mir den Schädel an der Wand einzurennen. Niemand im Leßler'schen Hause kam zur Ruhe, selbst die im Freien lebenden Geschöpfe zeigten eine seltsame Aufregung. Der Lärm der wilden Hunde, welche Nachts über das Terrain unumschränkt verfügen, war wirklich haarsträubend. Was sind die Schrecken der Hölle gegen die einer schlaflosen Nacht in Siam! Hat man sich von zehn Uhr an in fieberhaftem Zustande mit offenen Augen auf dem Lager umhergewälzt und versinkt endlich in eine halbe Ohnmacht, so erheben mit dem Glockenschlage 12 Uhr alle Hähne der Nachbarschaft ihre Cochinchina-Stimmen. Dieses aufreibende Concert dauert wenigstens 30 Minuten, worauf der Chor der wilden Hunde beginnt. Bis dahin war er durch die noch wachenden Eingeborenen genöthigt, sich zu mäßigen. Ihr äußerster Unwillen wird stets durch den Nachtwächter, einen Stockchinesen, erregt, der seine Wachsamkeit durch ein weitschallendes officielles Geräusch, das er durch Zusammenklappen zweier Bambusstäbe erzeugt, ankündigt. Jeder Schlag wird von einem Sforzato des Hundechors begleitet. Aus dem zeitweiligen Wehgeheul einzelner Solisten schließe ich, daß der Beamte sich gelegentlich der vierfüßigen Sänger zu erwehren sucht. Tritt eine kurze Kunstpause ein, so vernehme ich in meinem Bette das wehmüthige Gesumm der Insecten, welche sich an der auf dem Tische stehenden Nachtlampe die Flügel verbrannt haben und hilflos auf der Erde umherflattern. Außen auf der Mosquitogardine wandern die Käfer rudelweise umher; die unseligen kleinen Stechfliegen haben schon 293 längst den Zugang gefunden. Von fünf zu fünf Minuten erhebt eine Eidechse, die sich in meinem Schlafzimmer angesiedelt hat, ohne daß es mir bis jetzt gelungen wäre, ihre persönliche Bekanntschaft zu machen, die klägliche Stimme. Drei bis vier Mal ruft sie: »Tacke! Tacke!« und verstummt mit einem leisen Seufzer. Es ist ein unheimlicher Laut, der den Menschen, wie die Mahnung des bösen Gewissens einen Mörder, aus dem Schlafe aufschreckt. Ungleich weniger Anstoß nehme ich an den kleinen Eidechsen, wenn sie über Gesicht, Brust und Hals hinschlüpfen; sie sind wenigstens feucht und kalt. Erhebe ich mich bei Tagesanbruch wankend und kraftlos von meiner Folterbank, so ist der Fußboden mit zahllosen Insektenleichen bedeckt, und aus meinem Malkasten fliehen die Ameisen in dichten Geschwadern. Dazu kam am letzten Morgen die trostlose Nachricht, daß die Schraube des Dampfers Viscount Canning , auf dem ich mein Billet für Hongkong gelöst, sich schadhaft gezeigt habe, und die Ladung wieder an Land geschafft werden müsse, um die Reparatur auszuführen. Nach den Angaben der Seeleute können acht bis zehn Tage vergehen, ehe es gelingt, den Schaden auszubessern. Es ist ein Unglückstag, der Zimmermann eines, vor unserm Hause ankernden englischen Schiffes fiel in das Wasser und kam nicht wieder zum Vorschein. Obgleich eine Anzahl Taucher engagirt wurde, gelang es dennoch nicht, die Leiche aufzufischen. Abends stürzte mein junger Landsmann, Capitän Benary, in den Strom. Zum Glück folgte dem von der Strömung rasch Fortgetriebenen ein Freund in einem kleinen Boote, aber es dauerte eine halbe Stunde, ehe dieser ihn eingeholt 294 hatte und ans Land ziehen konnte. Ohne die Nähe eines Europäers wäre Herr Benary, obgleich ein rüstiger Schwimmer, verloren gewesen. Der Siamese oder Chinese rettet Niemanden; beide hüten sich, dem Verhängniß in den Arm zu fallen. Die mit der Hitze verbundene Trockenheit wird von den europäischen Colonisten zur Anlage oder Ausbesserung der Wege benutzt. Es ist gelungen, landeinwärts hinter dem Leßler'schen Grundstück einen kurzen Reitweg aufzuschütten und festzustampfen, auf dem unsere schöne Hausfrau den neuangeschafften Pony reiten kann, ohne im Sumpf zu versinken. Die Aerzte in Singapore haben ihr diese passive Bewegung in ihrem hoffnungsvollen Zustande dringend empfohlen. Hundert Schritte von unserer Kunststraße versinkt man bis über die Knie in die aufgeweichten Reisfelder. Am 26. März unternahm ich einen Ausflug nach einer mit 500 Passagieren stromauf gesegelten chinesischen Dschunke, ließ mich in dem offenen Flur des gegenüber schwimmenden Hauses nieder und begann eine Aquarelle. Ich hätte voraussehen können, daß meine Arbeit nicht lange ungestört bleiben würde. Bald lag eine Flotte kleinerer und größerer Kähne vor dem Hause, und Kopf drängte sich an Kopf, um meine Arbeit zu beobachten. Schon zitterte ich vor einer Landung und Invasion der Schaulustigen, als von der Dschunke einige muthmaßlich distinguirte Chinesen zu mir herüberkamen und dadurch die Zudringlichen verscheuchten. Die Kunstkenner des himmlischen Reiches schüttelten die Köpfe über meine Zeichnung; offenbar gefiel sie ihnen nicht. Der Aelteste von ihnen schien sehr zu bedauern, sich nicht 295 geläufig englisch ausdrücken zu können, doch errieth ich aus seinem Stammeln und Gesticuliren, daß er nur dringend das Studium der chinesischen Malerei anempfehle, wenn ich Fortschritte zu machen beabsichtige. Mein langer Aufenthalt in China wird mir Gelegenheit geben, auf den Nationalgeschmack und die Vorliebe für brennende Farbentöne zurückzukommen, jetzt nur so viel, daß eine ehrwürdige chinesische Matrone, die sich in der Gesellschaft der Honoratioren befand, mehr Zufriedenheit über die begonnene Skizze äußerte. Nur mein Malkasten war ihr nicht bunt genug. Wiewohl ich die kugelrunde Alte im schweren Verdacht hatte, mir als männlichem Individuum nur zum Munde geredet zu haben, thaten mir ihre kritischen Lobsprüche doch unsäglich wohl. Jeder Künstler bedarf von Zeit zu Zeit einer kleinen Ermunterung. Abends wurde die mehrere Meilen abwärts ans Ufer geschwemmte Leiche des Zimmermanns nach Bangkok gebracht. Am 27. März beobachtete ich ein in diesen Landstrichen seltenes Frühlingsphänomen. Einige kahle Bäume vor meinem Fenster hatten sich über Nacht mit weißen Blüthen bedeckt, die in den nächsten Tagen rasch verwelkten und großen grünen Blättern wichen. Um nebenbei auch einiger Handelsartikel zu erwähnen, bemerke ich, daß Schwefelhölzer, wollene Strümpfe, schwarze Tinte, Bindfaden, Zahnpulver, Chocoladenküchelchen und Schuhwichse zu den kostbarsten Luxusgegenständen Bangkoks gehören und oft gar nicht aufzutreiben sind. Die Reparatur des Dampfers schreitet rascher vor, als zu erwarten stand, in drei bis vier Tagen wird er angeblich die Anker lichten. Meine 296 Sehnsucht fortzukommen, ist unbeschreiblich; sie wird noch durch den Trieb der Selbsterhaltung gesteigert. Bei dem gänzlichen Mangel an Appetit und der fortwährenden Transspiration bin ich bis auf das Gerippe abgemagert und meine Backenknochen starren wie Vorgebirge aus dem Gesichte hervor. Die Beschaffung der Lebens- und Stärkungsmittel muß mit großen Schwierigkeiten verbunden sein. Die letzte wohlschmeckende Tasse Kaffee habe ich in Aegypten getrunken. Wir leben hier in einem Zuckerlande, aber das Fabrikat selber ist ein Gräuel, ein grober Sand, mit kleinen Steinen und todten Käfern vermengt, den wir obenein den Ameisen streitig machen müssen. Aus Verzweiflung habe ich mich zuletzt auf das Studium der Missionäre geworfen, bin aber sehr bald zu der Ueberzeugung gekommen, die ehrenwerthen christlichen Staaten, welche zur Bekehrung dieser Völker ein wahres Heidengeld zum Fenster hinaus werfen, würden besser thun, diese Capitalien zur Linderung des Elendes der Wittwen und Waisen ihrer eigenen Heimath zu verwenden. Es wurde mir schwer, bei dem letzten Gottesdienst unseres nordamerikanischen Missionärs das Lachen zu verbeißen. Die Gemeinde bestand aus einer Nätherin und vier Kulis von siamesischem Geblüt. Der mit weißer Jacke und dito Inexpressibles bekleidete Geistliche schlug bei dem dritten Worte stets mit geballter Faust auf den Tisch, was am meisten zur Erbauung der neuen Christen beizutragen schien. Ein religiöses Hauptagens ist nächstdem der Liedergesang. Sämmtliche fünf Gemeindemitglieder müssen täglich fünfmal zum Singen kommen, und die aus einer 297 Ziehharmonika von der Frau Missionärin vorgetragenen Choralmelodien mit ihren Stimmen begleiten. Das dadurch entstehende Geheul spottet jeder Beschreibung; die Eingeborenen freuen sich indeß darüber. Sie haben einen dunklen Hang zu musikalischen Lebensäußerungen, und betrachten die Missionsstunden als eine Art Gesangconservatorium. Einen gleich wohlthätigen Eindruck auf ihre Gemüther macht wahrscheinlich auch die für sie neue Anordnung des christlichen Sonntags und der damit verbundenen Arbeitslosigkeit. Der Buddhaismus weiß nichts von einem Sabbath, und wenn seine Bekenner sich gleich niemals übermäßig mit Berufsgeschäften plagen, gewährt es doch eine unbeschreibliche Beruhigung, unter sieben Tagen einen zu erhalten, an dem der Himmel selber dem Menschen die Arbeit untersagt. Nachdem ich mich am Tage vorher, unter dem Aufgebot meiner letzten Kräfte, von allen theuren Landsleuten und Gastfreunden verabschiedet, erhob ich mich am 30. März Morgens, fünf Uhr, packte meine Koffer, drückte dem Leßler'schen Ehepaar die Hand, einen letzten Kuß auf die Stirn der kleinen Lina und bestieg den winzigen Dampfer, der mich stromab an Bord des Viscount Canning schaffen sollte. Drei Kreuze schlug ich hinter Bangkok, als auch der spitze Gipfel der Whatpagode in der Ferne verblaute, und doch that mir das Herz weh, wenn ich an die lieben Menschen dachte, die auf diesem sumpfigen Kirchhofe unter einem glühenden Himmelsgewölbe zurückblieben. Unser Miniaturdampfer bot nun seine siebentehalb Pferdekräfte auf, Palmen und Hütten, Menschen und Affen, Wasserschlangen und Fische flogen an uns vorüber, und 298 viertehalb Stunden später lagen wir, von der wildbewegten See hin- und hergeschleudert, neben dem Hauptdampfer. Ohne einen leisen Vermerk in dem Stammbuche des Capitäns des kleinen Flußdampfers darf ich mich jedoch nicht von Siam trennen. Das Fahrzeug stand im Solde des Viscount Canning und die Transportkosten waren in das Fuhrlohn nach Hongkong mit eingerechnet, der gewissenhafte Capitän enthielt sich daher jeder Forderung, nur hatte ich ein bescheidenes Tiffin, das aus einem Schweine-Cotelett, Bananen, Kartoffeln, einem Bissen Brot und Fingerhut voll Brandy bestand, genossen. Dafür mußte ein Pfd. Sterling 4 Schillinge (8 Thlr.) erlegt werden. Bei dem starken Wellenschlage war es nicht leicht, trocken an Bord zu kommen. Der Viscount Canning starrte vor Schmutz, nicht allein von dem schwarzen Staube der eben eingenommenen Kohlen, sondern auch von den verschiedenartigsten Abfällen, die sich seit mehreren Fahrten angehäuft haben mochten. Für uns acht Bangkok-Passagiere ist nur eine verbeulte lecke Waschschüssel aus Blech vorhanden, Stühle und Teller sind in ruinenhaftem Zustande, der Dampfer hat schwer geladen, und selbst das Vorderdeck liegt voller Kohlensäcke; der Zustand an Bord ist paradiesisch, wenn auch nicht malerisch. Vor und zwischen den Kohlenbergen liegen sechs große Hunde: Bulldoggs und Newfoundländer, rings umher lärmen Papageien und Affen, welche den Matrosen gehören, bei jedem Schritte stolpert man über Cocosnüsse und Körbe mit Südfrüchten. Der Aufenthalt an Bord ist nicht einladend, und doch fühle ich mich im Genuß der frischen Brise und des belebenden Meergeruchs überaus glücklich. Nach dem 299 langen Aufenthalt am Ufer eines Stromes, auf dem Ebbe und Fluth alle Abfälle der Wirthschaften einer halben Million Menschen stromauf, stromab treiben, nach diesem schwimmenden Wirrwarr von faulen Baumstämmen, zerbrochenen Rohrstengeln, Grünzeug, todten Fischen, Hunden und Schweinen, Haustrümmern und menschlichen Ueberresten, ruht das erhitzte Auge auf dem tiefblauen Ocean mit wahrer Seligkeit aus. Wir haben außer den erwähnten acht Passagieren neunzehn Schiffbrüchige an Bord, Nordamerikaner, die zum Behuf einer neuen Ausrüstung nach Hongkong zurückkehren wollen. Sie bestehen aus Passagieren und Mannschaften eines Schiffes, das vor etwa sechs Wochen von Hongkong nach New-York abging, aber schon in der dritten Nacht auf ein Korallenriff stieß und einen so gefährlichen Leck davon trug, daß sogleich die Böte ausgesetzt werden mußten. Es blieb kaum soviel Zeit, sich mit dem Nothdürftigsten zu versehen. Die beiden Damen mit ihren drei Kindern und zwei chinesischen Mägden besaßen nichts, als ihre Nachtgarderobe; der Capitän hatte zum Glück den Compaß und die nöthigen Instrumente gerettet. Jedes Boot ward in der Eile mit einem Faß Wasser, Schiffszwieback, etwas Gelée und Käse versehen, dann verließ man das sinkende Schiff. Weder Betten, noch Decken, nur ein kleines Segel und zwei Regenschirme waren vorhanden, und die drei Böte mehr als sechszig geographische Meilen von der Küste von Cochinchina entfernt. Die meisten Ruder hatte man in der Eile verwechselt, sie paßten nicht zu den Böten oder gingen theilweise gleich in der ersten Nacht verloren, dennoch blieben die Böte drei Tage lang nahe 300 beisammen. Ein Sturm, der eben so lange unter fürchterlichen Regengüssen anhielt, trieb sie später auseinander, zudem war das erste, vom Capitän geführte Boot so schwer beladen, daß es nur sechs Zoll über die Wasserfläche emporragte. Schon gab man alle Hoffnung auf, als eine große chinesische Dschunke in Sicht kam. Ihr Capitän hätte sich um die schiffbrüchigen Weißen nicht weiter gekümmert, wäre er nicht durch den Jammer der chinesischen Kindermägde aufmerksam geworden. Er ließ sich erweichen, nahm die Verunglückten auf und brachte sie nach elftägiger Fahrt nach Bangkok. Ihrer dortigen Ankunft habe ich schon Erwähnung gethan. Das zweite Boot erreichte glücklich Singapore, das dritte war im Sturme zu Grunde gegangen. Die meisten Schiffbrüchigen litten an klimatischen oder organischen Krankheiten und hatten die Reise nach New-York nur aus Gesuudheitsrücksichten angetreten. Frauen und Kinder schienen die entsetzlichen Strapatzen gut genug ertragen zu haben, wenngleich sie an Bord der mit fünfhundert Passagieren beladenen Dschunke von Ratten und Mäusen, Flöhen und Läusen fast aufgefressen worden waren. Unsere Abfahrt verzögerte sich, da der Capitän noch immer auf einen contractlich abgemachten Kohlentransport wartete, und wir benutzten die gebotene Muße, um die unseren Dampfer umkreisenden Schlangen und Hayfische zu beobachten. Einen kleinen weißen Walfisch ( Albino ) der sich gleichfalls zu uns hielt, bezeichnete mir der Capitän als eine große Seltenheit. Auf dem Hinterdeck des Viscount Canning bildet sich eine förmliche Marine-Ressource. Wir erhalten bei unserer notorischen Liebenswürdigkeit nicht allein Besuche von den Capitänen 301 der in der Nachbarschaft ankernden Schiffe, sondern auch von den Patienten, welche sich aus der Grabesluft Bangkoks auf die Rhede des Golfs geflüchtet haben. Die von Dschunglefieber und Dysenterie hart mitgenommenen Menschen wohnen auf den Schiffen und siedeln von einem zum andern über, um in der Seeluft neue Kräfte zu schöpfen. Das ist indochinesische Sommerfrische. Ueberhaupt beschäftigen mich die sogenannten klimatischen Kurorte unausgesetzt. Als ich mich in Hammerfest am Nordcap aufhielt, schickte der dortige Arzt ein im letzten Stadium der Schwindsucht stehendes Mädchen nicht nach Nizza, Madeira oder Cairo, sondern nach – Drontheim. Hier glaubt man schon viel gethan zu haben, wenn man Leidende aus Siam nach Singapore versetzt, und doch liegt dieses nur zwei , jenes dreizehn Grade vom Aequator entfernt. Im Allgemeinen mag die Medicin schon einen Kurzweck durch den Gegensatz in der chemischen Mischung des Dunstkreises und seiner, wenn auch noch so geringen Temperatur-Unterschiede anstreben. Die Geduld unseres Capitäns war am 1. April erschöpft. Er ließ an diesem Tage der Vexirspäße die noch ausstehenden 30 Tonnen Kohlen im Stich, die fremden Capitäne leerten ihre Gläser und wünschten uns glückliche Reise; der Viscount Canning stach in See. Kaum hatten wir einige Knoten in sehr gemäßigtem Tempo zurückgelegt, als die Maschine abermals Spuren von Widersetzlichkeit zeigte. Aus dem Munde des Capitäns entlud sich ein Unwetter von Flüchen und Gotteslästerungen auf das Haupt des Oberingenieurs, das Gebastel im Raum beginnt von Neuem und wir Passagiere unterhalten uns 302 vom Springen der Dampfkessel und Auffliegen der Poststeamer. Mehr und mehr überzeuge ich mich, daß auch der Cours des Lebens im Menschen tief unter Pari sinken kann. Von Tage zu Tage wird die Stimmung in mir flauer; ich fange an, den großen Grundgedanken des Buddhaismus zu verstehen. Der von vielseitiger Tyrannis seiner menschlichen Despoten, des Klimas, der feindlichen Thierwelt, der organischen Leiden mißhandelte Indier beginnt damit, der ethischen Berechtigung der Existenz zu mißtrauen; er endet mit der tiefen Sehnsucht nach dem Ende der »Sansara«, dieser Welt der Qualen, und dem Beginn der »Nirwana«, des Sterbens ohne Wiedergeburt. Ich begreife, wie der Geist des Menschen, der niemals idealere Ziele erkennen und anstreben gelernt, zu dieser absoluten Verneinung des Lebens gelangt. Das Uebelbefinden der Maschine war zu unserem Heil nur vorübergehend, die lahme Schraube begann ihre Umdrehungen von Neuem, und wir steuern, die flache sumpfige, von Kanälen gefurchte Küste entlang, gen Süden. Kleine, grün bewaldete Inseln erheben sich bis zu einer Höhe von 700 Fuß und beleben den Prospect, ich entzücke mich an den Spiegelbildern der mit Mattensegeln fahrenden Fischerböte in dem ätherisch klaren Seewasser. Meine Hoffnungen beleben sich wieder, als ich erfahre, daß Viscount Canning nicht versichert ist, der Capitän also, mitbetheiligt an der Ladung, sich zu höchster Vorsicht in der Führung des Schiffes verpflichtet fühlt. Sein Rheder ist der reichste Kaufmann in Bangkok, ein alter Chinese, den man zehn Millionen Pfd. Sterling taxirt. Der würdige Greis hat herausgefunden, daß er der 303 Wahrscheinlichkeitsrechnung nach bei der Menge seiner Schiffe immer noch besser fortkommt, wenn er sie aufs Gerathewohl fahren läßt, als wenn er durch Zahlung hoher Policen an Versicherungsgesellschaften seine Fonds systematisch schwächt, doch soll der sparsame alte Herr in der letzten Zeit einige empfindliche Streiche erhalten haben. Unser Viscount Canning wird mit der Ladung ungefähr auf 400,000 Dollars veranschlagt. Der Capitän ist ein Irländer und besitzt alle tadelnswerthen und liebenswürdigen Eigenschaften seiner Nation. Passagiere und Matrosen sind ihm gleichmäßig zugethan; seine starke Vorliebe für steifen Grog bleibt ganz unbeachtet. Der riesengroße, in seinen Aeußerungen und Manieren häufig rohe Mann zeigt in der Behandlung der Mannschaft eine seltene Herzensgüte. Einer der chinesischen Matrosen ist krank und vom Dienst befreit, als Patienten hat man ihm sogar Zutritt zum Hinterdeck gestattet. Er stolzirt unter uns umher und hat auf die linke Brust ein, mit rothen oder goldenen Buchstaben und mystischen Zeichen decorirtes Senfpflaster gelegt, das, aus einiger Entfernung gesehen, wohl mit einem Ordensbande verwechselt werden kann. Der Capitän wendet ihm manchen guten Bissen zu, und genießt daher die Verehrung eines Heiligen. Noch mehr trägt die fünfundzwanzigjährige Frau des Capitäns, ein resolutes, munteres Weib, zu unserer Erheiterung bei. Obgleich es auch zu ihren kleinen Schwächen gehört, lieber Brandy ohne Wasser, als Kaffee ohne Milch zu trinken, fesselt sie uns doch Alle durch ihr burschikoses Wesen. »Sie ist hinten und vorne«, sagt die Volkssprache von so rührigen Frauen. Mistreß 304 macht die Chinesen und Malayen in ihrer Muttersprache herunter, stellt Redeübungen mit den Papageien an und lehrt die Hunde auf den Hinterbeinen sitzen, gleich darauf greift sie zur Angel, ihrem Lieblingsvergnügen, oder näht losgerissene Knöpfe unserer Oberhemden fest; hat sie den Kopf eines am Sonnenstich leidenden Schiffsjungen mit Seewasser übergossen, so fertigt sie eben so rasch, wie correct, einen Grog als Besänftigungsmittel für den Kummer der Schiffbrüchigen an; sie ist ein unschätzbares Weib. Nur die Beseitigung des Schmutzes in der Kajüte und in den Kojen läßt sie sich als echte Tochter Irlands nicht angelegen sein. Ihre geläufige Zunge gleicht vollends dem Zauberorgan eines Mährchens. Wir schlafen bei dem unerträglichen Geruche des Schiffsinnern Alle auf Deck, und die redselige, geistvolle Frau unterhält von ihrem Bivouak aus die ganze Gesellschaft oft bis tief in die Nacht hinein durch Erzählung von Erlebnissen auf Seereisen und allerlei Schnurren. Darüber vergessen wir ganz und gar die eintönige Beköstigung, die durchweg auf Schweinefleisch basirt. Die Varianten des Küchenzettels auf den verschiedenen Dampfern darf kein gewissenhafter Reisender mit Stillschweigen übergehen. Unsere Verpflegung wird stofflich durch die siamesischen Landesproducte, die Zubereitung anlangend, durch nordamerikanische Geschmacksrichtungen, die bis hierher über den Ocean reichen, bestimmt. Hinter dem Rücken der europäischen Feinschmecker verzeichne ich unsere Suppen von Schweinefleisch mit »Pompken«, einer Species von Klößen, unsere Schweinebraten, unsere Schweinekotelettes, unser Rippspeer mit Syrup, ein Leibgericht der Nordamerikaner. Wir haben noch keine 305 Ahnung von der Existenz der Trichinen und verzehren unsere fetten Mahlzeiten, denn auch alle Hülsenfrüchte werden mit frischem Schweineschmalz zubereitet, mit der Ahnungslosigkeit des Eumäos und seines königlichen Tischgenossen. Unser Capitän hält als geborener Irländer und siamesischer Seemann das Schwein doppelt werth, ohne doch in Sentimentalität zu verfallen. Mit welchem zärtlichen Schmunzeln zerlegte er z. B. eine junge Sau, die er selbst an Kindesstatt auferzogen und gemästet hatte! In unserem Stall befinden sich acht Schweine, die nebst einem Hammel, der als Braten zum ersten Osterfeiertage bestimmt ist, und fünfzig Hühnern, bis Hongkong vorhalten müssen. Das Fleisch der Letzteren ist zu hart für meine Kauwerkzeuge, doch mag ich den braven Capitän und seine Frau nicht durch mäkelnde Bemerkungen betrüben: ich suche mich durch mein angeblich schlechtes Gebiß zu entschuldigen, wenn ich die Schüssel mit den Gebeinen der Märtyrer unberührt weiter reiche. Ein paar geräucherte Schinken und Fische sind in Betracht ihres Hautgouts – mein Nachbar beschuldigte sie euphemistisch: nach dem Kork zu schmecken – nur als historische Alterthümer zu betrachten; das Dessert wird durch chinesische Kuchen vervollständigt, da das mitgenommene Obst bald nach der Abfahrt der Fäulniß wegen in die See geworfen werden mußte. Unfehlbar hat dieses Gebäck, gleich dem Drymadeira, wenn auch nicht die Linie, so doch den Breitegrad zwischen Bangkok und Hongkong mehrmals passirt und sich das Bouquet des Tischkastens angeeignet, in dem es aufbewahrt wird. Die ganze Tischgesellschaft verhehlt 306 nicht ihre Anthipathie gegen diese Leckerei, und die Tafel wird sogleich aufgehoben, wenn der Kuchenteller an ihrem Horizont erscheint. Unsere Diät ist, wie man sieht, einfach und mäßig; ich beschränke mich seit der Abfahrt aus dem Golf von Siam auf gekochten Reis. 307 XXIII. Stillleben in den chinesischen Gewässern. Meine Freundin die Katze. Die Kartoffel- und Bananeninsel. Condore. Alte See. Der Tod der Mrs. Abbé. Wallfische in Sicht. Zwei Schwalben. Ueberfluß an Diamanten. Nie ohne Ringe. Hainan, die Ratten- und Pirateninsel. Hongkong und Stadt Victoria. China. Dank dem gemüthlich humoristischen Ton, den das irische Ehepaar, unter dessen Oberbefehl unser Dampfer steht, aufrecht erhält, wird der Aufenthalt an Bord zu einer Marine-Idylle. Dazu kommt eine unvergleichlich blaue See, neben der selbst die blaue Grotte auf Capri nur als schwächliche Reminiscenz gelten kann, eine Gallerie von Sonnen-Auf- und Untergängen, nebst Mondnächten, die einen kunsteifrigen Landschafter veranlassen könnten, seine Fachutensilien in's Meer zu werfen und hinterdrein zu springen. Wird bei Tage die Hitze zu groß, denn in den Mittagstunden steht die Sonne grade über unserem Scheitel, so sucht uns Mistreß durch irgend eine irische oder Neger-Anekdote zu erquicken. Ihr Vorrath an dergleichen ist unerschöpflich. So sollte einer unserer Matrosen dem anderen die Frage vorgelegt haben, was ihm lieber sei: die Sonne oder der Mond? die Antwort lautete: der Mond, 308 denn er scheine des Nachts, und gebe uns Licht, wann es finster sei, die Sonne dagegen bei Tage, wo es ohnehin schon hell genug sei, und belästige den Menschen nur durch ihre unnöthige Hitze. Das Glück lächelt mir auch zur Abwechselung in anderen Beziehungen. Eine chinesische Katze hat an meiner Person Wohlgefallen gefunden und sich in meiner kleinen Kajüte häuslich eingerichtet. Ich hätte nicht in den humanen Anschauungen des christlichen Staates aufgewachsen sein müssen, wäre mir nicht unverzüglich gewaltsame Exmission mit verschärften Maßregeln hartnäckigster Verfolgung bis in die Tiefen des Schiffsraums oder zu den schwindelnden Höhen des Hauptmastes eingefallen, allein ich bändigte sofort diese höllischen Anwandlungen des Satans, als ich zu bemerken glaubte, daß die Anwesenheit von Miesmies äußerst vortheilhaft auf das Betragen der Cockroaches einwirkte. Zum ersten Male während meines Aufenthaltes im Orient ließen mich diese Scheusale Tag und Nacht ungeschoren, nur wurden anderweitige Vorsichtsmaßregeln bei der Toilette nothwendig. Von Miesmies unablässig verfolgt, zogen sich die versprengten Cockroaches, wenn ich mich spät Abends zur Ruhe legte, in die Aermel und Taschen des Rocks und die Beinkleider zurück, und beide Kleidungsstücke mußten Morgens in Gegenwart meiner aufmerksam lauernden Kajüten-Gefährtin erst gewandt und tüchtig geschüttelt werden, wenn ich mich der widerwärtigen Einquartierung entledigen wollte. Die in Bangkok gekaufte Seife kann ich Unglücksgefährten gleichfalls als Vertilgungsmittel empfehlen. Ihr Genuß wirkt auf die Cockroaches wie Aqua Toffana; ich finde an jedem Morgen auf dem Seifenstück ein Dutzend 309 entseelt liegen. Nach überstandener Deckwäsche und eingenommenem Thee mache ich gewöhnlich unserer Wasserburgfrau, der Schiffskapitänin, meine Aufwartung. Sie pflegt gemeinhin schon dem Angeln obzuliegen, da sie jedoch fast niemals eine Schuppe erwischt, sucht sie ihr Herz durch Mittheilung irgend eines schätzenswerthen Beitrages aus dem Archiv des höheren Blödsinns zu erleichtern. Die junge Dame ist in den Polargegenden eben so gut zu Hause, wie in den Aequatorialregionen. Nach ihrer Angabe hätten in einem der letzten Winter die Grönländer an die Lappländer geschrieben und sich nach der dortigen Kälte erkundigt. Die Lappländer, als eine höfliche Nation, antworteten umgehend, daß sie bei ihren geringen Mitteln nur über kurze Thermometer verfügten, die höchstens bis 30 Grad unter Null zeigten; hätten sie sich längere Thermometer verschaffen können, so wäre es unfehlbar noch viel kälter gewesen. Darauf erwiderte Grönland, daß es dort gar keine Thermometer gäbe, und fröre, wie es dem Himmel beliebe. Sapienti sat ; ich gebe diese nationalen Leckerbissen nur als Probe unserer genügsamen Unterhaltung an Bord. Mit der Erziehung zweier an Bord befindlichen Vögel haben wir viel zu thun. Sie sind von Papageiengröße, dunkelviolett mit rothem Schnabel, gelber Kopfbedeckung und goldgelben Füßen; die Herren Ornithologen werden ihren wissenschaftlichen Namen kennen. Man hat ihre Füße mit silbernen Ringen geschmückt und sucht ihre Sprachkenntnisse zu vermehren, da sie sich bisher nur in siamesischer Mundart auszudrücken vermochten. Husten und Lachen können sie vortrefflich. Mittags tritt gänzliche Windstille ein, dann ziehen wir uns in die schattigsten Winkel zurück. 310 Die Segel hängen schlaff herab, den Bulldoggs und Newfoundländern die Zungen acht bis zehn Zoll lang aus dem Halse; der Capitän läßt Seewasser heraufhissen und die unglücklichen Vierfüßler mehrmals übergießen, um sie einigermaßen zu ermuthigen. Gegen Abend passiren wir die Kartoffelinsel, nachdem wir schon gestern an der Bananeninsel vorbeigekommen waren. Wie beide ihren Namen rechtfertigen, ist nicht recht ersichtlich, da auf beiden weder Bananen noch Kartoffeln wachsen, und nur chinesische Piraten sich ihrer als Absteigequartiere bedienen. Am 4. April sechs Uhr Morgens dampfen wir in der Nähe der Cochinchinaküste an der üppig bewaldeten Insel Condore vorbei. Sie war vor 60 oder 70 Jahren von Engländern bewohnt, bis ihre Ansiedelungen vor etwa 20 Jahren von Seeräubern verheert und die Colonisten getödtet wurden. Nach langer Verödung haben die Franzosen auf ihrer Expedition nach Cochinchina sich in Besitz des verlassenen Terrains gesetzt, doch sollen die Engländer ihnen denselben streitig machen wollen. Durch ihre Lage im Süden der chinesischen See, den Mündungen des Kambodja-Flusses (Maikaung) gegenüber, eignet sich die Insel Condore außerordentlich zu einer Marinestation. Bald darauf überholte unser Viscount Canning ein schwerbeladenes, von London kommendes Vollschiff. Wir wechselten Signale und der englische Capitän ersuchte uns, seine Annäherung vorläufig in Hongkong anzumelden. Zwei Stunden später war der tiefgehende Dreimaster unseren Blicken entschwunden. Nach der in vergangener Nacht erfolgten Umschiffung des Caps Kambodja befinden wir uns endlich in der chinesischen See, und die meilenweit gestreckten, 311 schwerfällig wie Bergketten heranrollenden Wogen verkünden, daß nicht mehr die Küsten einer Bay den Bewegungen des Oceans Fesseln anlegen. Unser Dampfer fliegt mit schaudererregender Geschwindigkeit, wie ein Gummiball über die dunkelblauen Bergrücken. Der Capitän bezeichnet diese riesige Wallung als die Ueberbleibsel eines Teifun und nennt sie »alte See.« Das sehenswürdigste Schauspiel wurde uns in den Mittagsstunden durch eine aus der Kajüte auf dem Quarterdeck anlangende Trauerbotschaft verkümmert. Eine der schiffbrüchigen Damen, Mistreß Abbé, die schon schwer krank an Bord gebracht wurde, ist an der Dysenterie gestorben. Das Gemüth unseres braven Capitäns äußert sich sogleich auf eine rührende Weise. Keine Macht der Erde könnte ihn verhindern, einige Stunden später die Leiche nach Seemanns Brauch in die Tiefen des Oceans zu versenken, doch beschließt er, der Gefühle des Ehegatten der Verstorbenen, eines Arztes in Hongkong, eingedenk, der mit ihr sehr glücklich gelebt, die Ueberreste der geliebten Frau im Widerspruch mit dem Aberglauben der Mannschaft aufzubewahren und nach Hongkong zu bringen. Der Wittwer soll wenigstens den Trost haben, am Grabe seiner Lebensgefährtin zu trauern. Um vier Uhr war von den chinesischen Zimmerleuten ein wasserdichter Kasten aus Teckholz angefertigt, der, mit Spiritus (Gin) gefüllt, die Leiche aufnahm. Um diese vor Entweihung zu schützen, blieb der Kasten auf dem Quarterdeck, aber ich darf zur Ehre der Reisegesellschaft nicht verschweigen, daß Niemand an dieser melancholischen Nachbarschaft Anstoß nimmt. Mistreß Abbé hinterläßt zwei Kinder von sieben und drei Jahren. Die Kleinen haben 312 keine Ahnung von der Schwere ihres Verlustes, das größere Mädchen stolzirt, mit der goldenen Uhr und Kette der Mutter geschmückt, die ihr eine alberne Reisegefährtin angelegt, auf Deck umher, und weiß sich vor Freude über ihre Erbschaft kaum zu mäßigen. Uns Männern gehen die Augen über. Hier, wo das räthselhafte Walten des irdischen Organismus, das meistens den Regungen unseres Geistes und Herzens furchtbare Striche durch die Rechnung macht, schärfer seine Schneide herauskehrt, wirkt der Tod eines Gefährten auch erschütternder auf das Gemüth. Nach Einbruch der Dunkelheit wurde dem üblichen Grog stärker als gewöhnlich zugesprochen; das Capitänspaar leistete Außerordentliches. Die junge Frau behauptete zudem das Wort. Durch Erzählung von Schiffbrüchen, mehrmaligen Verlusten ihres sauer ersparten Vermögens, einer Strandung in der Mündung des Hugly, bei der sie mit dem Kopfe nach Unten, mit den Beinen nach Oben, in das Boot gekommen, suchte sie uns zu erheitern, drei Schritte von unserem Tisch stand die eingesargte Leiche, der Gin, welcher zu ihrer Conservirung dienen sollte, stammte möglicher Weise aus demselben Oxhoft, das den Stoff zu unserem Grog hergab, wir tranken und – lachten. Mistreß Shannon schloß mit einer Geschichte, wie sie und ihr Mann einen schiffbrüchigen Capitän Monate lang durchgefüttert und ihm ein kleines Schiff mit Ladung anvertraut hätten, das ihr abermals erspartes Vermögen enthielt. Nach Bombay bestimmt, verkaufte der Schuft Schiff und Ladung schon in Singapore, und machte sich auf Nimmerwiedersehen davon. Das tapfere Weib hatte auch diesen Streich des Schicksals überstanden, sie ballte hinter dem Ausreißer die Faust und 313 mischte sich mit fester Hand ein neues Glas; ich war nicht mehr im Stande, das nächste abzuwarten. Gleich nach Sonnenaufgang am 5. April fahren wir an dem nach Singapore bestimmten Hongkongdampfer dicht vorbei und machen die pflichtschuldigen Honneurs. Da es zu Wasser nicht besser hergeht, als zu Lande, wundern wir uns nicht weiter, wenn der vornehme englische Dampfer kaum von uns Notiz nimmt und unsern artigen Gruß erst nach 5 Minuten erwidert. Die erlittene Demüthigung wird rasch von uns vergessen, als drei Wallfische von mittlerer Größe uns einholen und sichtlich neugierig gleichen Cours halten. Nach einer Viertelstunde gegenseitiger Beobachtung geben sie mehr Dampf, als unserer Kohlenarmuth zur Verfügung steht, und machen sich spornstreichs davon. Ungeachtet der tiefen Windstille geht die See in einem seltsam ruhigen und gleichmäßigen Zeitmaß immer höher; zuweilen scheint der Dampfer sich auf das Bugspriet stellen und darauf balanciren zu wollen. Alle zwei Minuten arbeitete die Schraube in freier Luft; darüber geht viele Kraft, mit ihr auch Zeit verloren. Unser weißer Elephant im rothen Felde weht demüthig vom halben Maste, weil wir eine Leiche an Bord haben. Hoffentlich hat es dabei sein Bewenden und die Flagge wird nicht ganz herabgelassen, wenn noch ein Todter dazu kommt. Ein anderer Schiffbrüchiger, ein Nordamerikaner von 21 Jahren, leidet im höchsten Grade an der Schwindsucht. Er hatte sich in der Unionsarmee gegen die Südstaaten anwerben lassen, mußte jedoch seiner Krankheit wegen schon nach den ersten Märschen wieder ausscheiden. Später hat man ihn nach angeblich klimatischen Kurorten 314 im nördlichen China und Australien geschickt. Nach dem Urtheilsspruch der europäischen Aerzte in China war schon vor mehreren Monaten sein Leben bis auf eine Neige von vierzehn Tagen ausgezehrt und doch hat er den Schiffbruch überstanden und wankt noch jetzt umher. Sein letzter Wunsch ist, im elterlichen Hause zu Boston zu sterben, wo er vor zwei Jahren einen Bruder von 18 und eine Schwester von 16 Jahren verloren hat. Da er beim Schiffbruch um seine kleine Habe gekommen ist, war er bei dem amerikanischen Consul in Siam zu einem Anlehen genöthigt. Der Landsmann hat ihm 50 Dollars gegen ein Aufgeld von 15 geborgt. Wir erfahren von dem armen Kranken Wunderdinge über die Theuerung in Australien. Bei unserer an das Treiben eines Indianerstammes erinnernden Lebensweise, gelingt es mir, näher mit den Sitten der Chinesinnen bekannt zu werden. Die Haarfrisuren der eleganten Damen Europas kosten ihnen nicht geringe Mühe, und mir sind Fälle bekannt, wo Morgens frisirte Schönen den Tag über bis zum Beginn des Balles steif im Lehnstuhl gesessen haben; was will das gegen die Rücksichten sagen, welche die chinesische Coiffüre ihren Trägerinnen auferlegt. Um ihren mühselig aufzubauenden, kunstvoll zusammengekleisterten Kopfputz mindestens eine Woche lang unbeschädigt zu erhalten, bedienen sich die beiden chinesischen Kindermädchen absichtlich keiner Kopfkissen. Die Erste legt ein acht Zoll hohes Blechkästchen, die Zweite eine leere Cigarrenkiste unter den Kopf; von einem Wechsel der Tagesgarderobe ist nicht die Rede. Der Sarg der Mistreß Abbé ist übrigens der Spielplatz ihrer Kinder geworden. Wir schreiben heute den Ostersonntag, und der Hammel, 315 nach dem uns Mistreß Shannon und ihr Gatte schon seit mehreren Tagen den Mund wässerig gemacht, ist als Braten à la Yorkshire auf den Tisch gekommen. Nach der Ueberfütterung mit siamesischem Schweinefleisch war es ein rührender Moment, als der Rücken und die Keulen auf der Tafel erschienen; der nationalen Schweinebouillon sind wir jedoch auch an diesem hohen Festtage nicht entgangen. Beim Tiffin des 6. April zeigte sich, daß der Hammelbraten auf unsere Seekranken einen wohlthätigen Einfluß ausgeübt habe. Alle fallen heißhungrig über die Trümmer her; unsere Capitänsfrau läßt wieder ihren frischen Humor spielen. Das Ale hatte die Zungen der Damen gelöst und eine derselben vermochte, als das Gespräch auf den »Great Eastern« kam, gar nicht ihrem Erstaunen über die Länge des Fahrzeugs Luft zu machen. Sie behauptete, sich davon keine Vorstellung bilden zu können. »Nichts leichter als das«, rief Mrß. Shannon mit dem ehrbarsten Gesicht, »denken Sie sich nur, ein Kind werde vorn auf dem Schiffe getauft, so machen seine Eltern auf dem Quarterdeck erst Hochzeit; nun ist nichts leichter, als die Berechnung der Länge des Schiffes«. Die Fragestellerin zog ihr Portefeuille und war ohne das allgemeine Gelächter nahe daran, sich an die Arbeit zu machen. In den Osterfeiertagen hat sich ein Vogelpärchen an Bord eingefunden, eine Schwalbenspecies. Beide wollen als blinde Passagiere die Reise nach Hongkong mitmachen, und umkreisen den Tag über das Schiff, Abends verstecken sie sich im Takelwerk. Am 6. April gleich nach Sonnenuntergang wurden wir durch drei kohlschwarze Wolken erschreckt, die, von Nordost langsam heranziehend, unser Schiff 316 verschlingen zu wollen schienen. Der Capitän traf alle Vorbereitungen zum Empfange eines Teifun; wir kamen glücklicher Weise mit dem bloßen Schrecken davon. Eine leichte Brise erhob sich und eine Stunde später funkelten die Gestirne wieder in gewohnter Kkarheit. Der liebliche Wind, der uns rasch vorwärts treibt, hält auch am 7. April an und belebt die Geister der Passagiere aus Bangkok. Es wird heute gelogen, daß sich die Balken des Viscount Canning biegen. Den Stoff geben die Brillantringe her, deren jeder der reichen Herren einen oder mehrere am Finger trägt. Ich erkläre mir diese Manie der Männer, sich mit kostbaren Juwelen zu schmücken, nicht blos aus ihrer Eitelkeit, sondern auch aus der Nothwendigkeit, stets etwas unmittelbar am Leibe zu tragen, was im Fall eines plötzlichen Schiffbruches und Verlustes aller Habe, leicht in baare Münze umgesetzt werden kann, sobald der Besitzer wieder zu civilisirten Menschen kommt. Außerdem sind diese Diamanten fortwährende Anregungsmittel der Unterhaltung. Hätte ich mir die Erzählungen ihrer Besitzer notirt, ich wäre im Stande, über jeden einen dicken Octavband von indischen Mordgeschichten zu liefern. Die grausigen Abenteuer, welche sich an den Berg des Lichts (Kohinoor) knüpfen, sind Kindereien gegen die Geschichten unserer Diamanten. Mit diesen wahrheitsliebenden Engländern verglichen ist Münchhausen ein Stümper. Der schiffbrüchige Capitän, der mit den geretteten Passagieren gleichfalls nach Hongkong zurückkehrt, repräsentirt unter uns den Ritter von der traurigen Gestalt. Er geht mit einem literarischen Meuchelmorde um, und bringt heimlich seine letzten Erlebnisse zu Papier, die in Hongkong gedruckt werden sollen. 317 Verleumdet man ihn nicht, so steht der federfertige Seemann im dringenden Verdacht, den Schiffbruch kunstvoll veranlaßt zu haben. Man weicht ihm soviel wie möglich aus. Die fortwährend hochgehende See hat uns schon mehrere Nächte hindurch verhindert, unser Nachtlager unter freiem Himmel auf Deck aufzuschlagen; es wird uns unsäglich schwer, die dumpfe Luft der Kojen bei geschlossenen Fenstern zu ertragen. Der Gesundheitszustand an Bord verschlechtert sich unverkennbar, keiner ist unter uns, der nicht in höherem oder geringerem Grade an jenem klimatischen Uebel litte, auf das der Tourist in den Tropen immer wieder zurückkommen muß. Mit den Damen unterhalten wir uns so unbefangen über diese entsetzliche Plage, wie über Sommersprossen oder Hitzblattern. Unsere Gemüthsstimmung wird außerdem durch die düstere Physiognomie des Himmels und der Meeresoberfläche noch mehr getrübt. Je mehr wir uns dem Festlande nähern, desto dunstiger wird die Atmosphäre. Konnten wir noch vor Kurzem sowohl den Nordstern, als auch das Kreuz des Südens dicht über dem Horizont in voller Klarheit erblicken, so sind Beide jetzt in dicken Nebeln vergraben. Nachmittags am 7. April fuhren wir zwei Stunden hindurch fortwährend zwischen Schiffstrümmern, Masten, Planken, Segelfetzen, Tonnen und Theekisten, die sämmtlich mit kreischenden und streitenden Seevögeln bedeckt waren; ein niederschlagender, trostloser Anblick. Der Teifun mag in dieser Gegend seine Opfer gefordert haben. Unter diesen trübseligen Umständen lachen wir nicht einmal mehr über Mistreß E., die zweite unserer gescheiterten Damen, und bedauern nur ihren Gemahl, einen 318 Zahnarzt, in dessen Arme sie zurückkehrt. Wie viel Zähne muß der unglückliche Ehekrüppel jährlich den Chinesen plombiren oder ausziehen, um den frevlen Aufwand dieses Weibes zu bestreiten, frage ich mich oft, wenn Mistreß E. in rothseidenen Pantalons, mit einem indischen Shawl drapirt, behangen mit Geschmeiden im Werth für etwa 4000 Dollars (nach der Taxation der Capitänsfrau), in dem Kohlenstaube des Viscount Canning auf Deck lustwandelt. An 10,000 Dollars in Kleidern und goldenen Schmucksachen waren mit dem gescheiterten Schiffe zu Grunde gegangen; sie hat sich deshalb in Bangkok für schweres Geld eine neue Garderobe anfertigen lassen. Mistreß E., eine mittelalterliche Kokette ersten Ranges, benützt den Sarg ihrer verstorbenen Gefährtin mit großer Ostentation als Gebetpult. Immer in einem Augenblick, wenn sämmtliche Herren auf Deck versammelt sind, sinkt sie in die Knie, fletscht ihre falschen Zahnreihen gen Himmel, nimmt ungefähr die pathetische Stellung des Huß in Lessing's Bilde an und ertheilt ihrer kleinen Tochter den Abendsegen. Mistreß Shannon erschöpft sich dagegen in Gefälligkeiten gegen ihre Tischgesellschaft. Der Capitän, ihr Gemahl, hatte unter den Vorräthen noch einige Töpfe voll comprimirter oder, wenn ich Mistreß nicht falsch verstanden habe, »compromittirter« Gemüse, und mehrere hermetisch verschlossene Blechkisten mit Pastetenmasse und einem farcirten Kalbskopf aufgefunden, die das Material zu einem Festmahle liefern sollten. Um den Genuß zu erhöhen, wurden die Behälter dieser vermeintlichen Leckerbissen zwischen dem Tiffin und Diner in Gegenwart alles Volkes eröffnet, ihr Inhalt hatte indessen durch mehrjährige Hitze dergestalt gelitten, daß Pasteten und 319 Kalbskopf den Mumienbestandtheilen glichen, die in unseren ägyptischen Museen aufbewahrt werden. Am 8. April langten wir auf der Höhe der berüchtigten Ratten- und Pirateninsel Hainan an, und kamen am nächsten Morgen mit den ersten chinesischen Fischerdschunken von größerem Kaliber in Berührung. Sie treiben den Fischfang immer paarweise und schleppen, in einer Entfernung von 300 Fuß nebeneinander hinsegelnd, ein riesiges Netz zwischen sich her. Die in großen Quantitäten gefangenen Fische werden sogleich eingesalzen, um später getrocknet oder geräuchert zu werden. Fast in jeder Stunde des Tages begegneten wir diesen betriebsamen Dschunkenpaaren. Leider verbindet die Mannschaft mit dem Fischfange die Piraterie; alle ihre Dschunken sind bewaffnet, und kleinere Fahrzeuge haben gegründete Ursache, vor ihnen auf der Hut zu sein. Die hochgehende See beginnt jetzt, ihre Wirkungen zu äußern. Alle Kinder, Papageien, Affen, Hühner und Hunde leiden an der Seekrankheit; ich höre daher mit großer Befriedigung vom Capitän Shannon, während wir in einiger Entfernung an einer kleineren der Ladroneninseln vorüberfahren, daß wir wahrscheinlich noch heute Abend den Ort unserer Bestimmung erreichen werden. Wirklich tauchte nach einigen Stunden Land in nordwestlicher Richtung aus der dampfenden Ferne auf, um 6 Uhr Abends kamen wir an den Ladronen, einer nackten Felsgruppe, um 7 Uhr an der grünen Insel vorbei und näherten uns um 8 Uhr der Rhede von Hongkong . Tausend Lichter der Stadt Victoria blickten durch Nebel und Sprühregen, ein chinesischer Lootse ruderte an den Viscount Canning und machte allerlei Zeichen mit einer 320 brennenden Fackel. Capitän Shannon nahm seine Dienste jedoch nicht in Anspruch; der tüchtige Seemann glaubte sich auf seine Kenntniß der Bay verlassen zu können. Ich bot der feuchten Witterung Trotz und blieb auf dem Verdeck; meine Ausdauer wurde belohnt. Das Meer begann nach 9 Uhr so feurig zu leuchten, als seien die Götter der Tiefe gesonnen, die Ankunft unseres Dampfers durch eine Illumination zu begrüßen; ich konnte mich kaum von dem Anblick des Abgrundes trennen, der dem gestirnten Himmel des Südens mit seinen Nebelflecken und Fixsternen glich. Der Anker war längst gefallen, sämmtliche Reisegefährten schliefen, als ich, in stiller Zufriedenheit: den sehnlichsten Wunsch meines Lebens erfüllt zu sehen, mich Angesichts der chinesischen Küste auf meinem Lager ausstreckte.   Ende des ersten Bandes.     Zweiter Band. I. Hongkong. Wäscher und Schneider. Die Victoriastadt. Als Freßgevatter. 1100 Pfd. Sterling Briefporto. Nach Kanton. Bocca Tigris. Whampoa. Blumenschiffe. Die innere Stadt. Die Pagode der fünf Genien. Kinderleichen. Die Sehnsucht an's Land zu kommen, trieb mich schon um 5 Uhr Morgens von meinem Lager. Die Maschine des Dampfers war seit einer Stunde geheizt, die Anker wurden gelichtet, und erst einige tausend Schritte näher an der Stadt wieder ausgeworfen. Viele Hunderte von chinesischen Böten, alle mit Weibern »bemannt,« hatten auf diesen Moment gewartet und boten uns in unbeschreiblichen Lauten ihre Dienste an. Die erste an Bord war eine junge kokette Chinesin in eleganter Toilette, die mit der Gewandtheit Blondin's die Schiffswand hinankletterte und uns geschäftliche Offerten machte. Mich begrüßte sie mit den Worten: » Good morning, Sir, me washi you master! « in jenem gräßlichen Kauderwälsch ( pidjen English ), in dem sich die Landeskinder mit den Fremden zu verständigen suchen. Das chinesische Fräulein war eine Wäscherin, und legitimirte sich durch ein Album englischer Zeugnisse, nach denen ihre Sauberkeit nichts zu wünschen übrig ließ. Ihr 2 folgte mit gleicher Gewandtheit ein junger Mann, der sich mit den Worten: » me No. 1 Pieci ( piecer Flicker) London Taylorman! « einführte. Er war ein Bekleidungsakademiker und stellte sich uns zur Ausbesserung alter und Anfertigung neuer Gewänder zur Verfügung. Wir vermochten uns kaum aller Anerbietungen zu erwehren. Um 9 Uhr fuhr ich mit dem Capitän an Land und stattete meinem Banquier, Herrn Wiese , dem Compagnon des Hauses Siemssen, eine Visite ab. Der liebenswürdige Millionär lud mich so zuvorkommend ein, in seinem Hause, oder vielmehr Palaste, zu wohnen, daß eine abschlägige Antwort unmöglich war. Der 10. April wurde überwiegend Reinlichkeitsbestrebungen gewidmet und erst am nächsten Morgen unternahm ich die erste malerische Inspectionstour in der Umgegend der Victoriastadt, wie sie von den Engländern officiell genannt wird. Auf den Rath meiner Hausgenossen werde ich aber jedes ähnliche Wagestück für die Zukunft unterlassen. Mit der öffentlichen Sicherheit der Umgegend soll es überaus schlecht bestellt sein. Jeder chinesische Proletarier vermuthet bei allen wohlgekleideten Europäern eine goldene Uhr, und trägt kein Bedenken, wenn es unbemerkt geschehen kann, sich eines solchen Kleinods zu bemächtigen, selbst wenn er darum einen Mord begehen müßte. Hongkong ist eine Insel angeblich von ungefähr achtzehn bis zwanzig Quadratmeilen Flächeninhalt, und war noch vor fünf und zwanzig Jahren von Fischern und Seeräubern bewohnt. Seit 1841 Besitzthum der Engländer, ist Hongkong die Centralstelle des englischen und europäischen Handels mit China geworden. Die Victoriastadt liegt an 3 dem Abhange des etwa 2000 Fuß hohen Victoriapiks, und die Häuser sind meistentheils in einem gefälligen italienischen Stil gebaut. Zu den ansehnlichsten Bauwerken der Stadt gehören: der Gouvernementspalast, die Post, das Hospital für kranke Seeleute, das Gericht und das Missionshaus, sowie die großen Speicher. Das Klima der Stadt wird leider durch den Gebirgszug in ihrem Rücken verschlechtert, der die Seebrise absperrt und dadurch die Hitze auf eine unleidliche Weise steigert. Von Süden nach Norden streicht durch die Insel Hongkong ein schönes grünes Thal ( the happy valley ), in dem die englischen Sportsmen Armadille, Schlangen und Landschildkröten erbeuten. Als günstiges Omen durfte ich es wohl ansehen, daß am 11. April Nachmittags im Hause meines gütigen Wirthes ein junger Europäer die Weihen der Taufe empfing. Der neue Erdenbürger war in dem benachbarten Macao einem Hamburger Schiffscapitän geboren worden, und Herr Wiese hatte das Lokal zum Tauffeste hergegeben. Obgleich der Täufling erst acht oder neun Tage zählte, war die Wöchnerin, eine kerngesunde Hamburgerin, doch schon bei dem um 6 Uhr stattfindenden Festmahle zugegen und betheiligte sich mit deutscher Ausdauer an den bis Mitternacht währenden Champagnerlibationen. Wenn schon eigends als »Freßgevatter« geladen, hatte ich mich aus Furcht vor einer Indigestion schon um 9 Uhr in meine Gemächer zurückgezogen. Die officiellen Gevattern und Gäste bestanden nur aus Landsleuten. Der Tag wurde außerdem durch die Ankunft eines englischen Schiffes verherrlicht, das, mit Kohlen beladen, die von selbst in Brand gerathen waren, 4 im Hafen von Hongkong durch ein Paar scharfe Kanonenschüsse in den Grund gebohrt werden mußte. Vorläufig wird mein Aufenthalt in Hongkong nur von kurzer Dauer sein. Wer vermöchte bei der Nähe von Kanton der Versuchung eines Abstechers nach der südlichen Hauptstadt China's zu widerstehen? Ich besorgte am 12. April meine Correspondenz mit den Lieben in der fernen Heimath, machte mit einigen Herren eine Promenade nach dem Rennplatze, welcher in dem glücklichen Thale liegt, und fiel, als wir um 7 Uhr Abends nach Hause kamen, gleich wieder in die Schlingen eines gastfreien Landsmannes, der mich zu einem abermaligen Diner preßte. Sein neues Quartier sollte heute eingeweiht werden. Unser munterer Gastgeber zahlt für ein zweistöckiges Haus von fünf Fenstern Front mit einem kleinen, aber reizenden Garten nicht weniger als 12,000 Dollars Jahresmiethe. Der Schluß von solchen Ausgaben auf die Einnahmen ist leicht. Mein Wirth und seine Firma (Siemssen u. Comp.) zahlen u. a. jährlich elfhundert Pfd. Sterling Briefporto. Die Zahl der Domestiken in unserem Hause beläuft sich auf vierzig Köpfe, unter denen sich eine chinesische Wittwe als »Jungfer« der Frau vom Hause befindet. Das ganze Corps steht unter dem Commando eines »Comprador's« (Kellnerpräsidenten), der für das Betragen seiner Untergebenen alle Verantwortlichkeit übernehmen muß. Am 13. April Morgens acht Uhr stachen wir auf dem nordamerikanischen Dampfer Hankow mit militärischer Pünktlichkeit in See. Die Verbindung zwischen Hongkong und Kanton wird von einer Yankee-Gesellschaft unterhalten. Die Fahrt kostet in erster Klasse incl. des Frühstücks nur sieben 5 Dollars, und das schnelle Schiff bringt es bis zu sechszehn Knoten in der Stunde. Die Einrichtung ist wahrhaft fürstlich; das Boudoir einer Prinzessin ist nicht sauberer und einladender, als die Kajüte. Mit dem Frühstück hätte sich ein auf englischen Postdampfern heruntergehungerter Passagier wieder für acht Tage verproviantiren können, so reichlich waren die solidesten Nahrungsmittel vorhanden. Als Würze wurde u. a. wieder Syrup herumgereicht, dessen sich zwei nordamerikanische Passagiere als Zuthat zu den Fischen und Beefsteaks bedienten. Nach Monate langer Entbehrung rührten mich die nach dem Dessert präsentirten Wassernäpfe und Zahnstocher fast zu Thränen. Meine Tischnachbaren, drei englische Opiumhändler, unterhielten sich damit, die neue, am Hofe der Königin Victoria übliche Methode: Fische zu essen, einzuüben. Nach ihrer Behauptung bediene man sich nicht mehr ausschließlich der Gabel, sondern auch – des Löffels. Nicht recht im Einklange mit dem sonstigen Comfort der Hankow steht die große Anzahl scharfgeladener Büchsen, Revolver und Korbsäbel, mit welchen die ganze Langseite der Kajüte decorirt ist. In der Bai von Hongkong und auf dem Perlflusse, an dem Kanton liegt, muß man jedoch stets auf einen Angriff der chinesischen Piraten vorbereitet sein. Unser Steuermann steht, um einen besseren Ueberblick zu haben, in einem Glashause vorn auf dem Schiffe, und setzt von hier aus durch einen Mechanismus das Steuer in Bewegung. Nachdem wir vier Stunden lang zwischen zahllosen kleineren und größeren, aber immer kahlen Inseln durchgefahren waren, erreichten wir um 12 Uhr die Bocca Tigris, d. h. die Mündung des Perlflusses. Hohe schwarze, 6 spärlich mit Moos bedeckte Felsen bilden die Ufer, doch werden diese weiterhin flacher und nehmen einen prosaischeren Charakter an. Um ein Uhr zeigt sich die erste, auf einem Hügel gelegene, siebenstöckige, chinesische Pagode. Das niedere Land verschwindet wieder und das Terrain wird welliger. In der blauen Ferne zeigen sich Berge von 1000 Fuß Höhe; um 2 Uhr erreichen wir die erste Station Whampoa , eine Art Vorstadt von Kanton, durchweg aus Bambusrohr erbaut. Wir halten hier einige Minuten lang, schiffen Passagiere aus und nehmen andere ein, dann setzt sich der Dampfer langsamer von Neuem in Bewegung; die Menge der Dschunken versperrt fast das Fahrwasser, trotz der majestätischen Breite des Flusses. Nahe am Ufer wird eine zweite Pagode sichtbar und um drei Uhr gehen wir nach einer Fahrt von zwanzig deutschen Meilen in sieben Stunden, zwischen Kanton und der Insel Honam vor Anker. Das Gedränge der stets von Weibern geführten Böte war beängstigend. Viele von ihnen hatten ihre kleinen Kinder bei sich, von denen die Jüngeren mit einer Schnur an das Boot gebunden waren, um im Falle eines Sturzes in das Wasser gleich herausgezogen zu werden. Bei meiner Abneigung, Koffer und Aquarellensammlung in diesem wilden Getümmel auf's Spiel zu setzen, blieb mir Zeit genug, das armselige Volk zu beobachten. Ihre Säuglinge tragen die Bootsweiber in einer Bandage, wie die Frauen der Flissaken, auf dem Rücken, Kindern von drei bis vier Jahren wird ein Tönnchen auf den Nacken gebunden, das sie über dem Wasser erhält. Häufig ist dasselbe aber schlecht befestigt oder durch die Balgereien der Kinder verschoben, und das fallende Kleine geräth dann mit dem Kopfe unter das 7 Wasser. Mehreren Kindern waren auch Schweineblasen auf dem Rücken befestigt. Nachdem die Mehrzahl der Passagiere den Dampfer verlassen hatte, miethete ich ein mit vier Weibern bemanntes etwas größeres Boot und ließ mich in mein Quartier rudern. Die älteste der Grazien sprach einige Worte englisch, und verstand, was ich wollte, die drei Uebrigen verhielten sich schweigend und erschienen durch schwere Arbeit und Noth niedergedrückt. Zwei von ihnen trugen Säuglinge auf dem Rücken. Die armen chinesischen Weiber müssen häufig ihre Männer ernähren, die früh und spät auf der Bärenhaut liegen und Opium rauchen. Noch an demselben Abende machte ich dem preußischen Consul, Baron von Carlowitz, eine Visite, und besuchte in seiner Gesellschaft eine Anzahl sogenannter Blumenschiffe (Flowerboots). In Paris führt man den Fremden in die Gärten von Mabille oder Chateau des Fleurs: in Kanton sucht man ihm auf den Blumenschiffen eine Vorstellung von den Sitten der Hauptstadt beizubringen. Man erräth, daß die Loretten und Grisetten Kantons auf diesen Blumenschiffen ihr Wesen treiben, doch kann ich nicht umhin, das Betragen dieser Damen zu rühmen. Es unterschied sich sehr zu ihrem Vortheil von der Zudringlichkeit der emancipirten Schönen, welche die modernen Tanzlocale Berlins bevölkern und sich an die Fersen der einzelnen Fremden heften. Die gebotenen Unterhaltungen waren sehr einfacher Art, die roth geschminkten Damen sangen durch die Nase und begleiteten ihre Melodien auf einem nur einsaitigen Instrumente; wir bewirtheten sie mit Thee oder süßen Leckereien und wechselten einige Worte Pidjen-Englisch. Die 8 chinesischen Stammgäste, meistens ältere Herren, bewegten sich mit gleicher Zurückhaltung; auf keinem der von uns besichtigten Blumenschiffe habe ich etwas Ungehöriges bemerkt. Eben so anständig betrugen sich die in einigen öffentlichen Lokalen versammelten Männer. Sobald wir eintraten, näherten sie sich und suchten uns eine Gefälligkeit zu erweisen, hätte diese auch nur in dem Anerbieten eines trockenen Melonenkernes oder einer Prise Opium bestanden. Der Balkon meines Zimmers im Siemssen'schen Hause, einer Commandite des Hauptgeschäfts, ragt über den Perlfluß hinaus, und das ganze Panorama des Lebens auf dem Wasser, wie der eigentlichen Stadt Kanton mit den White Cloud Bergen, welche den Hintergrund bilden, breitet sich vor meinen Blicken aus. In den Morgenstunden des 14. April beschränkte ich mich, sobald der Nebel sich zertheilt, auf einige Bootdétailstudien, später wurde über den Fluß gesetzt und ein Rundgang durch die Stadt unternommen. Zuerst besichtigte ich die vor mehreren Jahren im Kriege von den Chinesen niedergebrannten Factoreien der Holländer, dann durchkreuzte ich die Südvorstadt und gelangte durch das bei den Seeleuten so beliebte Schweinegäßchen und Südthor in das Weichbild Kantons selber. Mein Begleiter, der Agent des Hauses Siemssen, übersetzte mir die Namen der Straßen; da gab es eine Südstraße, Drachenstraße, Himmelsgasse, geflügelte Drachenstraße, martialische Drachenstraße, goldene Blumenstraße, Apothekerstraße, Schatzstraße, Seidengasse und Goldstraße. Man ließ uns im Ganzen unbehelligt, nur hier und da beehrte man uns, wenn wir den Rücken kehrten, mit dem Schandtitel: »Fanquei« (rothe Teufel). Die Unterschiede zwischen 9 der Physiognomie Kantons und großer europäischer Handelsstädte sind so beträchtlich, und die Eindrücke so eigenthümlich, daß ich fast verzweifle, sie mit der Feder zu fixiren. Die Straßen sind nur schmal und mit Ziegeln oder Fliesen gepflastert; von Kanalisirung habe ich nichts bemerkt. Der besondere Reiz einer Stadt, wie Kanton, in der so viele Reichthümer angehäuft sind, liegt in den Häuserfronten und den Schildern der Läden. Der Chinese liebt bunte Farben in grellster Zusammenstellung und geht bei der Ausschmückung seines Hauses und Geschäftslokales mit Gold und Silber keineswegs sparsam um. Strenge genommen besteht die Außenseite der Häuser nur aus einer Combination von schmalen Schildern, die, etwas abstehend von der grauen Backsteinmauer, in chinesischen Schriftzeichen den Beruf der Bewohner und ihr Waarenverzeichniß ankündigen. Der Anblick ist von unbeschreiblicher Pracht. Alle Läden stehen weit offen, und Niemandem wird es verwehrt, einzutreten, die Waaren zu besichtigen und, ohne etwas zu kaufen, sich wieder zu entfernen. Der höfliche Chinese empfängt und entläßt seinen Gast mit den beiden Worten: »Tschin, Tschin!« Diese sind ein Ausdruck absoluter Höflichkeit und bedeuten alles Gute, das ein Individuum dem andern wünschen kann. »Tschin, Tschin« hat mich durch ganz China begleitet, mich am ersten Tage begrüßt und am letzten verabschiedet. Nicht selten tränkt der gastfreie Kaufmann den Ankömmling mit Thee oder erquickt ihn mit Mandarinen-Orangen, auch erlaubt er, seine Waaren zu berühren. In den größeren und besseren Geschäften sind die Preise fest, den Kleinhändlern mag man getrost den dritten Theil der geforderten Summe bieten und wird ihnen doch nicht 10 Unrecht thun. Viele Schilder tragen die drastische Inschrift: »In meinem Geschäft wird nicht betrogen.« Die betreffenden chinesischen Signaturen prägen sich dem Gedächtniß ein, und ich habe dieselben am häufigsten vor den Läden der Tuchfabrikanten und Seidenwaarenfabrikanten wiedergefunden. Das Gewimmel in den schmalen, aber durchschnittlich überaus reinlich gehaltenen Straßen gleicht dem Treiben der Ameisen. Der betäubende Wirrwarr trieb mich von Zeit zu Zeit immer in einen Laden, wo ich einige Minuten ausruhte. Wo etwas mehr Spielraum ist, z. B. an den Landungsplätzen der Böte, sind meistens Kuchenbuden mit Glücksrädern aufgestellt, in denen die kleinen Leckermäuler ihr Geld verspielen. Fortuna lächelt den jungen Kantonesen nicht freundlicher, als den Pointeurs auf dem Berliner Schützenplatze. Die innere alte Stadt, in die wir durch das erst seit drei Jahren dem Fremden eröffnete Kantonthor gelangten, ist von Festungswerken umgeben. Wir erstiegen ungehindert die Wälle und genossen die herrliche Aussicht auf das Innere Kantons, die große neunstöckige Pagode, die schon 1700 Jahre stehen soll, ihr fünfstöckiges Seitenstück, von wo aus sich eine Totalansicht auf den Fluß, die Stadt und ihr Hinterland eröffnet, und ruhten im obersten Stockwerk der letztgenannten Pagode von unseren mehrstündigen Anstrengungen aus. Hier befand sich fünf Jahre vor meiner Ankunft eine Kaserne der französischen und englischen Truppen. Man erblickt von der Höhe im Hinterlande sieben Hügel, die Todtenäcker der Bewohner von Kanton. Nachdem wir noch einen benachbarten Hügel erklettert, der das bisherige Panorama beträchtlich erweiterte, traten wir den Rückweg 11 an, kamen bei vielen Opferhäusern vorbei, wo Papier und wohlriechende Stäbchen verbrannt wurden, und betraten einige derselben. Ueberall wurden wir höflich aufgenommen. In den gewöhnlich mit einem Gebethause verbundenen Schulen herrschte eine große Ordnung. Die Kinder saßen sittig, ein Jedes vor einem kleinen Pulte, und arbeiteten. Die geräumigen Schulzimmer waren mit vielen Blumen und kleinen Palmen geschmückt. Wenn ich diese sauberen Räume und die elegante Einrichtung mit den Klassen der Bürgerschulen und Gymnasien unseres Vaterlandes verglich, mußte ich der chinesischen Pädagogik den Vorrang einräumen. Wir begaben uns nächstdem zu der schon erwähnten großen Pagode, erhielten indessen nicht die Erlaubniß, sie zu ersteigen. Das alte Bauwerk geht dem gänzlichen Ruin entgegen, der Thurm hat sich auf eine bedenkliche Weise geneigt, aber man scheint gelassen den Einsturz abzuwarten; von Reparaturen war keine Spur zu bemerken. So müde wir uns fühlten, meine fieberhafte Aufregung ließ mich nicht rasten, wir wanderten weiter zu der Pagode der fünf Genien und besichtigten ihre große Glocke, aus der bei der letzten Belagerung der Stadt eine feindliche Kugel ein tüchtiges Stück gerissen hat. Der Tempel liegt auf einem Hügel und umfaßt mehrere ansehnliche Baulichkeiten. Die Wände sind mit vielen allegorischen Reliefs verziert, mit vergoldeten Götzenstatuen decorirt, und roth, die Lieblingsfarbe der Chinesen, angestrichen. Die Dächer bestehen aus grünen glasirten Ziegeln. Die angrenzenden Straßen schienen immer prächtiger und stattlicher zu werden, wir passirten eine Menge von Triumphbögen und kamen an mehreren großen Mandarinenpalästen vorüber, die mit 12 zehn Fuß hohen geharnischten Kriegern und sechszig Fuß langen Drachen bemalt waren. Auch hier verhinderte uns Niemand am Eintritt und an der Besichtigung innerer Räume, Höfe und Gärten. Die Mandarinen selber kamen nicht zum Vorschein, doch waren uns mehrere unterweges theils in Palakinen, theils zu Pferde begegnet. Zwei von ihnen waren mit der Pfauenfeder geschmückt, eine dienstliche Auszeichnung, der bei uns eine der mittleren Klassen des rothen Adlerordens entsprechen möchte, die anderen trugen einen rothen oder blauen Knopf; ich hoffe im Verlauf der Zeit tiefer in das Verständniß dieser büreaukratischen Nüancen zu dringen. Die komisch geformte Kopfbedeckung der würdigen Beamten scheint gleichfalls eine amtliche Bedeutung zu haben. Die eleganten Damen, denen wir in dieser Stadtgegend häufiger begegneten, bedienen sich bei ihren künstlich verkrüppelten kleinen Füßen der Stöcke; sie würden, da sie auf den Zehen gehen, sonst fortwährend in Gefahr schweben, niederzufallen. Ich habe mehrere sehr hübsche, wenn auch bei den lang geschlitzten Augen etwas seltsame Gesichter bemerkt. Den Charakter dieser Damen lehrte mich mein unermüdlich aufmerksamer Begleiter unterscheiden. Man hat nur die Haartracht zu beachten. Unverheirathete Frauen tragen eine Menge kleiner, über die Breite der ganzen Stirn nebeneinander geklebter, zolllanger Zöpfchen; zwei hinten herabhangende lange Zöpfe sollen überdies noch große Heirathslust bedeuten. China ist einmal das Land der Wunderlichkeiten. Was würden z. B. unsere Nachtschwärmer zu den polizeilichen Verfügungen von Kanton sagen? Nach dem Wortlaut des Gesetzes hat ein loyaler 13 Unterthan des himmlischen Reiches Nachts gar nicht das Haus zu verlassen, doch giebt es eine mildere Observanz. Erstens muß er mit gehöriger schriftlicher Legitimation versehen sein, zweitens eine Laterne tragen, auf der sein Name angebracht ist. Es versteht sich von selbst, daß ihn nur die allerdringendste Nothwendigkeit zu einem nächtlichen Ausgange zwingen kann. Den phantastischen lichten Bildern, die an diesem Tage an mir vorübergezogen waren, fehlte es nicht an Schattenseiten. Schon auf der ersten Ueberfahrt waren mir mehrere im Strome schwimmende Kinderleichen nicht entgangen. Später bemerkte ich in einem düstern Winkel der städtischen Fortification einen kleinen Schädel und ein Häuflein Knochen, zuletzt kamen wir an einem in zerrissene Matten gewickelten Päckchen vorüber, aus dem die herrenlosen Hunde ein Füßchen hervorgezerrt hatten. Schon in Hongkong hatte man mich auf diese schauerlichen Symptome der chinesischen Unsittlichkeit vorbereitet, Angesichts der Wirklichkeit verlor ich jedoch beinahe die männliche Fassung. Bei der Uebervölkerung des Landes und der Schwierigkeit, die nöthigen Subsistenzmittel für die Familie herbeizuschaffen, ist der Kindesmord an der Tagesordnung. Gemeinhin fallen ihm die neugeborenen Mädchen zum Opfer; namentlich wenn sie von schwächlichem Körperbau und von unansehnlicher Gesichtsbildung sind. Die unnatürlichen Eltern werfen die Kinder in den Strom, oder setzen sie lebendig aus, eine Beute der Hunde und Schweine. In größeren Städten, die nicht am Wasser gelegen sind, wirft man die Leichen in einen ausgemauerten Behälter, in den von Zeit zu Zeit ungelöschter Kalk geschüttet wird. Unsere Missionäre geben 14 sich zwar alle erdenkliche Mühe, diesen Gräueln zu steuern, allein ihre Anstrengungen verschwinden in der Menge der täglichen Unthaten. Es bleibt ihnen nichts übrig, als neugeborene Mädchen, wenn der Mord derselben zu befürchten steht, den Eltern für eine Kleinigkeit (einen Shilling) abzukaufen und auf eigene Kosten zu erziehen. Bei den überaus geringen Bedürfnissen des Volksstammes sind sie schon im zwölften Lebensjahre im Stande, für sich selber zu sorgen. Der Lohn der Missionäre ist die schwache Hoffnung, durch die christliche Erziehung der geretteten Kinder allmälig auf Weltanschauung und Sitten der Chinesen veredelnd einzuwirken. 15 II. Die Tempel auf Honam und die heiligen Schweine. Die Schicksalsstäbchen. Die Tempel der Fruchtbarkeit und der Schrecken. Das Bettelsystem zu Kanton. Die Straße ein Sterbebett. Der reiche Potingua. Medicinische Reklame. Am 15. April begann ich mit einem Frühmarsch durch die Insel Honam, dem gegenwärtigen Wohnsitz der in Kanton handeltreibenden Europäer. Einige malerisch gelegene Hügel hatten schon von unserem Hause aus meine Aufmerksamkeit erregt, und ich trug kein Bedenken, sie zu erklettern, da ich mich, der in Hongkong erhaltenen Warnungen eingedenk, wohlbewaffnet hatte. Meine Vorsicht war unnöthig gewesen, jene Hügel waren nur mit zahllosen Grabstätten der Chinesen bedeckt, und keine sterbliche Creatur begegnete mir in der frühen Morgenstunde. Nachdem ich von einem hervorragenden Punkte aus die schönste Aussicht über den Strom nach Kanton und östlich nach Whampoa betrachtet hatte, begab ich mich zu dem auf der Insel befindlichen Tempel und seinen zahlreichen Seitengebäuden. Strenge genommen ist es eigentlich falsch, von einem Tempel zu reden, denn die gottesdienstlichen Gebäude bilden, genauer betrachtet, einen beträchtlichen Complexus von Kapellen und 16 Wohnungen der Bonzen. Erstere liegen in kleinen Entfernungen hintereinander und nehmen mit den seitwärts ein Spalier bildenden Wohnungen der Geistlichen den Raum einer kleinen Stadt ein. Vor dem Eingange einer jeden dieser Tempelparzellen sitzen auf niedrigen Postamenten abscheuliche Thierfratzen, bald Löwen, bald Drachen ähnlich, dem Eingange gegenüber steht der Hochaltar Buddha's, die Wände sind theils mit kleineren Statuen dieser Gottheit, theils mit alten Waffen und Marterwerkzeugen, Trommeln und Tamtams, oder ähnlichen Sinnbildern des Krieges und der Macht ausgeschmückt. Vor der Pforte des Haupttempels, der sich hinsichtlich seiner Größe kaum von den anderen unterschied, saß ein Unterbonze mit der Gelassenheit eines Oelgötzen und hielt eine brennende Kerze in der Hand. Die Andächtigen zündeten ihre Lichter oder Opferstäbchen an und schritten in den Tempel, um die grellgefärbten vergoldeten oder versilberten Opferpapiere vor dem Altar zu verbrennen. Die Mehrzahl dieser großen Bogen von denen ich eine Auswahl mitgebracht habe, ist von einem so brennenden Mennigroth tingirt, daß ein europäisches gebildetes Auge kaum die Gluth erträgt. Jeder Bogen, der hier und da mit echtem Schaumgold oder Silber bedeckt ist, zeigt in der Mitte eine Menge feine paralleler Durchschnitte, die einen symbolischen Sinn haben mögen. Die Façaden der Tempel sind mit vielfachen Stuccaturarbeiten und moralischen Sprüchen und Sentenzen aus dem Schicksalsbuche mit Gold, rother, blauer, gelber und schwarzer Farbe geschmückt. Die chinesische Sprache ist, wie die Hieroglyphensignatur des alten Aegyptens, eine Begriffssprache und gestattet mithin eine unglaubliche Knappheit des 17 Ausdrucks. Der Himmel mag wissen, wie viele Schriftsätze auf diesen Wänden eng aneinandergereiht stehen. Das Innere aller Tempel ist mit bunten Lampen, hängenden reich betroddelten Laternen und Porzellanvasen überladen. Auf dem Altar stehen in einem Becher die sogenannten Schicksalsstäbe. Noch war ich über ihre Anwendung in Zweifel, als mein junger Wirth, der mir gefolgt war, in den Tempel trat und auf meine Bitte: den priesterlichen Cicerone um Auskunft zu ersuchen, sogleich den Becher ergriff und von den Schicksalsstäbchen Anwendung machte. Der Bonze, ein toleranter Mann, schien durch die Dreistigkeit des ungläubigen rothen Teufels höchlich belustigt zu werden. Mein Freund schwenkte den Becher leicht in der Luft, so daß einige Stäbchen über den Rand zu Boden fielen; das ihm zunächst Liegende wurde aufgehoben und aufgerollt. Es trug eine Nummer, diese wurde in dem auf dem Altar liegenden Schicksalsbuche aufgesucht und ihm der dabei stehende Spruch mitgetheilt. Ich mußte an das Versestechen in der Bibel und die Betschwestern in unserem Vaterlande mit ihren Stopfnadeln denken. Wir schritten, nachdem der Bonze durch einen Schilling für seine Mühe entschädigt worden, wieder ins Freie und wurden zu einem etwas stallartigen, zoologisch duftenden kleinen Seitentempel zur Rechten geführt, in dem acht heilige Schweine es sich wohl sein ließen. Wir mußten von verborgenen Beobachtern umgeben sein, denn als wir das Gemach der Sauen verließen und lachend einige, den Frommen vielleicht anstößige Bemerkungen machten, flog uns ein Dutzend Steine von allen Seiten um die Köpfe, und wir hatten nichts eiliger zu thun, als uns aus der gefährlichen 18 Nachbarschaft zu entfernen. Unser Führer, der Bonze, der, wie alle seine Amtsbrüder, einen grauen Rock trug und einen rattenkahl geschornen Schädel präsentirte, spannte einen Sonnenschirm über sein unbedecktes Haupt und schritt voran in einen kleinen Garten, der mit den wunderlichsten Zwerggewächsen angefüllt war. Diese Gärtnerei schien die Mußestunden der Klosterbewohner auszufüllen. Meistens waren diese Pflanzen reichbelaubte Myrthensträucher, die in der Form von Elephanten, Hirschen, Hunden, Vögeln und Vasen sauber zurechtgeschnitten waren. In der Nähe befand sich ein mit wunderschönen Goldfischen gefüllter Teich. Der große Newfoundländer meines Wirthes, der uns ohne Weiteres in den Tempel begleitet und alle Buddha's argwöhnisch beschnüffelt hatte, unterließ nicht, in den Teich zu springen und zum höchsten Entsetzen der Fische ein kaltes Bad zu nehmen. Die erschrockenen Thiere gewährten ein prächtiges Schauspiel, als sie aus dem Wasser in die Höhe springend im Schimmer der Sonne über dem Spiegel des kleinen Teiches einen Augenblick hindurch einen goldenen Schild bildeten. Die kleine Waldung uralter Banienbäume, welche die Klosteranlagen begrenzt, war durch den letzten Teifun am 27. Juli des Jahres 1862 stark gelichtet worden. Das Unwetter hatte nach der Angabe der Europäer überhaupt in der Umgegend Kantons und auf dem Perlflusse furchtbar gehaust. Viele Tausend Familien, die kein anderes Obdach hatten, als ihre auf dem Fluß schwimmenden Böte, waren elendiglich zu Grunde gegangen. Die stromab getriebenen Leichen hatten am Tage darauf den Umschwung der Räder des von Hongkong kommenden Dampfers gehemmt. Nachdem wir 19 für unser Geld eine Tasse Thee in der benachbarten Bonzenwohnung getrunken, aber den Ankauf einer Partie Goldfische abgelehnt hatten, mit denen von den Klosterleuten ein sehr einträglicher Handel getrieben wird, trennten wir uns von den frommen Männern in bester Freundschaft. Durchschnittlich habe ich, um zu Ehren des Buddhaismus, dessen Entartungen im himmlischen Reiche auf sich beruhen mögen, die Wahrheit zu gestehen, in den chinesischen Priestern aufgeweckte und gut genährte Männer gefunden. Besonders wohl aussehend und von gefälliger Tournüre fand ich die Bonzen in dem Tempel der Fruchtbarkeit, den ich erst einige Tage später besuchte, aber gleich hier erwähnen will. Die Andächtigen in dieser Oertlichkeit bestanden nur aus jungen hübschen Chinesinnen, auf deren überaus zierliche Händchen ich alle Touristen aufmerksam mache, und schienen mir die erwähnten Bonzen, so viel ich in der kurzen Zeit meiner Anwesenheit zu ergründen vermochte, ernstlich beflissen zu sein, die Bittstellerinnen in ihrem Kummer über den bisher mangelnden Ehesegen zu trösten und bei beharrlichem Besuche ihres Tempels auf eine bessere Zukunft hinzuweisen. Am Morgen des 16. April ließ ich mich stromauf nach dem Macao-Fort rudern. Nur in Begleitung eines chinesischen Kuli, meines Lohnbedienten, der etwa ein Dutzend kaum verständlicher englischer Vocabeln inne hatte, ging ich ohne Jemand um Erlaubniß zu fragen, in die Festung und skizzirte flüchtig Einzelheiten, ohne von der Mannschaft behelligt zu werden. Der Wachtdienst war mit mehr Comfort, als ihn europäische Wachtstuben aufweisen, verbunden. Mehrere Soldaten lagen in ihren Betten und schliefen 20 hinter Mosquitonetzen, andere saßen bei Tisch und verzehrten mit Eßstäbchen ihr Frühstück. Man behandelte mich sehr zuvorkommend. Eben so freundlich gesinnt fand ich die Besatzung des Südthors ( south gate ) von Kanton; ich wurde sogar mit dem landesüblichen Thee erquickt, den ich oft in den elegantesten Gesellschaften des europäischen Continents nicht so fein und wohlschmeckend erhalten habe, als inmitten diesen abenteuerlichen Soldateska. Der Sonnenbrand vertrieb mich jedoch bald von der schattenlosen Stadtmauer, die ich der bessern Umsicht halber erstiegen hatte. Am Abend desselben Tages unternahmen wir Hausgenossen noch eine Excursion nach dem den Europäern neuerdings eingeräumten Stadttheile im Westend von Kanton. Man ist fleißig mit dem Häuserbau beschäftigt, aber der sumpfige Boden macht den Grundbesitzern viel zu schaffen. Nach einer Menge vergeblicher Versuche, Gebäude haltbar herzustellen, hat man sich zu ordentlichen Pfahlrosten entschlossen. Die neue englische Kirche, bei der man diese Vorsicht nicht beobachtet hatte, stürzte nach meiner Abreise sammt ihrem Thurme in Trümmer, nachdem noch eine halbe Stunde vorher darin Gottesdienst gehalten worden war. In Begleitung eines Reisvogels – mit diesem Spottnamen bezeichnen die hiesigen Deutschen die Reiskaufleute – besuchte ich am 17. April die an das Ostthor Kantons grenzende alte Stadtmauer und eine Anzahl Tempel, unter ihnen die Pagode der fünfhundert Genien der Götzen. Das an den Wänden aufgestellte vergoldete und gut erhaltene Bataillon reichte hinsichtlich der Größe des einzelnen 21 Götzenmannes nur um wenige Zoll über das preußische Militärmaß hinaus. Neben den meisten Tempeln befanden sich Gärten voller Zwerggewächse und Fischteiche; im Ertrage beider scheint ein Theil der Einkünfte der Geistlichkeit zu bestehen. Die Gegensätze rücken aber in asiatischen Landen hart neben einander; noch von dem heiteren Eindruck dieser Oertlichkeit erfüllt, wurde ich in der nächsten Straße durch ein melancholisches Schauspiel an die von den Ansichten und Empfindungen europäischer Völker ganz abweichende Weltanschauung der Chinesen gemahnt. Durch den prachtvollen Anblick eines auffallend bunten Ladenschildes gefesselt, stolperte ich über einen am Boden liegenden Gegenstand und wurde nur durch den kühnen Griff meines Reisvogels vor dem Fall bewahrt. Beinahe in der Mitte der Straße lag ein alter Mann, beide Arme kraftlos von sich streckend. Mit einem unsäglich dürftigen und schmutzigen Gewande bekleidet, schien er aus Schwäche niedergesunken und eingeschlafen zu sein. Als ich, so weit es mir der vorüberfluthende Menschenstrom gestattete, ihn näher in Augenschein nehmen und mitleidig etwas bei Seite an die Wand des Kaufmannsladens schieben wollte, entdeckte ich meinen Irrthum. Der bräunlich gelbe Teint, der sich über Gesicht, Stirn und Schädel bis an den schneeweißen Zopf erstreckte, zeigte einen Stich ins Leichenfarbige, die Augen hatten eine seltsame Starrheit angenommen, der zahnlose Mund war halb geöffnet; der Alte lag offenbar im Sterben. Ich prallte entsetzt zurück, aber Niemand von den Vorübergehenden warf auch nur einen Seitenblick auf den Sterbenden, ja mit heitrem Lächeln trat der Ladenbesitzer aus seinem Lokal und lud uns mit freundlichen 22 Handbewegungen ein, die Waarenvorräthe zu besichtigen. Wir traten ein; kauften eine unbedeutende Elfenbeinschnitzerei, und mein Begleiter erzählte mir, wie es oft genug vorkomme, daß hochbejahrte entkräftete Leute, wenn sie die Annährung des Todes fühlten, sich mitten auf die Straße legten und mit heroischer Resignation das Ende ihrer Tage erwarteten. Die sittliche Motivirung dieses Verfahrens blieb der Berichterstatter mir schuldig. Ob die jammervolle Beschränktheit der chinesischen Wohnungen, oder die unwiderstehliche Sehnsucht: Angesichts des freien Himmels die Trümmer des sterblichen Leibes dem Walten der Elemente zurückzuerstatten, die Unglücklichen zu diesem Entschlusse treibt, wage ich nicht zu entscheiden. Die Polizei mag, außer Stande, die Lebensüberdrüssigen daran zu verhindern, doch mit ihrem Verfahren nicht einverstanden sein. Mir wurde später ein eingepferchter Raum in einer etwas freier gelegenen Stadtgegend gezeigt, wo die Sterbelustigen unter amtlicher Billigung ihr Lager wählen dürfen. Die Vorübergehenden können hier durch den Stacketenzaun, wie durch das Gitter der Morgue zu Paris, die Todescandidaten betrachten, und es soll vorkommen, daß Verwandte und Freunde hier alte Angehörige und Bekannte wieder erkennen und sich zuweilen bemühen, sie ihrem verzweifelten Entschlusse abwendig zu machen und am Leben zu erhalten. Wir achten das Dasein dem Golde gleich; in den Augen der Ostasiaten ist es nur ein unedles Metall. Ein anderer Gräuel ist zu Kanton der polizeilich geduldete, ja organisirte Bettel. Die Zahl der von Almosen lebenden Einwohner übersteigt angeblich hunderttausend. Wohl die Hälfte derselben ist blind; dem Vernehmen nach werden 23 sogar viele Kinder armer Leute von ihren Eltern absichtlich geblendet, um durch Betteln zur Erhaltung der Familie beizutragen und den Alten die Arbeit zu ersparen. Unter Anführung eines noch leidlich Sehenden ziehen kleine Trupps durch die Straßen und lassen sich durch das festgehaltene Stockende des vor ihnen gehenden Gefährten leiten. Sie treten in die offenen Läden und Hausflure und klappern oder blasen auf einer schrillen Pfeife so lange, bis der Eigenthümer sie durch eine kleine Gabe zum Abzuge bewegt. Selten erhalten sie mehr als einen Cash, eine durchlöcherte schlechte Kupfermünze, den fünfhundertsten Theil eines Dollars, oft müssen sie selbst die Hälfte, ein Bruchstück herausgeben. Alle diese Bettler stehen unter einem Chef und bilden mehrere Associationen. Ihr Geschäft wird planmäßig betrieben, sie treten am Morgen auf bestimmten Sammelplätzen an und begeben sich von da nach verschiedenen Stadttheilen von Kanton. Die Nacht bringen diese Unglücklichen, falls sie ganz obdachlos sind, in großen scheunenartigen Gebäuden zu. In der kühlen Jahreszeit wird auf die reihenweise ausgestreckten Schläfer eine große Decke herabgelassen, durch deren Schlitze jeder, um nicht zu ersticken, den Kopf zu stecken hat. Am Morgen wird die Decke wieder in die Höhe gezogen und die Hausgenossenschaft vertrieben. Der Anblick dieser Unglücklichen ist häufig erschütternd. Einst begegnete ich einen noch jungen Menschen, in dessen leeren Augenhöhlen zwei blutige Charpiebündel steckten. Er schien erst vor Kurzem geblendet zu sein. Auf die Denkungsart der Chinesen erlaubt ihr kaufmännisches Verfahren Rückschlüsse. Im Kleinhandel ist 24 auch für den Fremden eine Waage unentbehrlich. Erhält der Chinese beim Ankauf einer Waare einen Dollar, so wirft er ihn zuerst auf den dünnen Stein, der auf keinem Ladentische fehlt, dann wird das Geldstück sorgfältig gewogen, zu mehrerer Sicherheit schickt er den Dollar wohl noch zu einigen Nachbarn und bittet um ihr Gutachten. Natürlich nimmt er keinen Anstoß daran, wenn man ihn beim Herausgeben klingender Münze mit gleichem Argwohn behandelt. Ist ein Dollar von ihm als vollgewichtig anerkannt, so prägt er ihm seinen Stempel auf. Das Gepräge des mir vorliegenden Geldstücks ist durch zahllose winzige Stempel nicht nur total zerstört, sondern auch die Platte durch die heftigen Schläge so entstellt, daß in der Mitte eine tiefe Aushöhlung entstanden und der Rand brüchig geworden ist. Die Fragmente zerbrochener Dollars werden als Scheidemünze benutzt, da nur der gemeine Mann plumpe, auf einen Riemen gezogene Kupferstücke bei sich führt. Die Zahl der Leihhäuser ist beträchtlich; in allen Stadtvierteln zeigte man mir großartige Speicher, in denen die versetzten Waaren aufbewahrt werden. Je nach der Jahreszeit trägt der arme Mann bald seine Sommer-, bald seine Wintergarderobe dorthin; der geringe Zinsfuß der Anstalten soll ihm dies Verfahren erleichtern. In den späteren Nachmittagsstunden segelten wir den Perlfluß eine Viertelmeile weit oberhalb Kanton hinauf und besuchten den berühmten Garten eines reichen Chinesen, des Herrn Potingua , einer kaufmännischen Notabilität von Kanton. Das Grundstück dieses Gentlemans ist ein seltsames Sammelsurium von Palästen, Brücken, Fischteichen, Pagoden, Blumenbeeten und Irrgängen, es fehlt sogar 25 nicht an einem Theater und einer Holzschneidewerkstatt nebst Druckerei. In einem geschlossenen Raume wird ein zerbrochener Wagen als Rarität aufbewahrt. Die schmalen Straßen Kantons, wie der Sumpfboden seiner Umgegend, verbieten den Gebrauch des Fuhrwerks; reiche Personen bedienen sich der Palankins und der Reitpferde. Potingua, ein überaus beleibter, von Fett glänzender Handelsherr, sah bei unserer Ankunft eine Menge (nur männlicher) Gäste bei sich, die von hundert bezopften Dienern umgeben waren, und feierte ein Gelage. Wir zogen uns rasch zurück, doch nickte uns der Gastgeber von seinem Sitze aus freundlich zu, als wollte er uns ermuntern, sein reiches Eigenthum gründlich zu betrachten. Wohl eine Stunde bedurften wir, um uns nur flüchtig in den Gärten umzusehen. Die Promenade war zudem mühselig genug, da die schmalen mit Fliesen gepflasterten Fußsteige uns zwischen den bewässerten Reisfeldern oft zum Balanciren nöthigten. Es blieb uns nichts Anderes übrig, als im Gänsemarsch vorzugehen. Die Pfade waren bisweilen nicht viel breiter, als die Schärfe eines Rasirmessers. Die Besichtigung der chinesischen Läden hat für mich unbeschreibliche Reize; ich kann mich an diesen phantastischen Theeservicen, den Schnitzereien aus Ebenholz, den Stühlen, Sophas, Tischen und Bettstellen aus den kostbarsten Hölzern und einer Mosaik von rothen oder weißen Marmorstiften und Platten gar nicht satt sehen. Die Preise, selbst für Kleinigkeiten, sind abschreckend hoch; ich habe durch meine späte Ankunft die beste Zeit zu Einkäufen verfehlt. Kurz vor Neujahr läßt der Chinese am leichtesten mit sich handeln, da er um diese Zeit, wie auch andere Leute ohne 26 Zopf, viel Geld braucht. Einige remarquable Vasen wurden mir im tiefsten Vertrauen von Landsleuten als Manchester- und Birmingham-Fabrikat bezeichnet, das von englischen Speculanten nur nach Kanton geschickt worden war, um durch den chinesischen Stempel die Bürgschaft der Echtheit zu erhalten. Minder anziehend als diese prachtvollen Bazars sind die Wohnungen der Aerzte. Der bei uns wildwachsende Pfuschdoctor hat hier noch nicht Platz gegriffen; die chinesische Medicin führt unumschränkt das große Wort. So viel ich zu ermitteln vermochte, bestehen die Medicamente meistens aus Pillen und Pflastern. Von letzteren wird die sonderbarste Anwendung gemacht. Fällt das lange getragene Pflaster endlich von dem Patienten ab, so bedient sich der Arzt seiner als Reclame. Unsere wilden Mediciner, die Daubitze, Hoffs, Jacobi's, Popps, Lampe's und Dubarry's drucken zu ihrer Empfehlung die Dankbriefe der Genesenen für schweres Geld in den Zeitungen ab; die chinesischen Heilkünstler wissen dergleichen billiger herzustellen. Sie kleben oder nageln die Pflaster an die Fronten ihrer Häuser. Angehende Aerzte, deren Praxis noch in den Kinderschuhen steht, beginnen mit der Hausthür; die Wohnungen renommirter Doctoren sind bis an den ausgeschweiften Giebel, der widerwärtigste Anblick von der Welt, mit Pflastern bedeckt. Billionen Fliegen machen den Aufenthalt in der Nachbarschaft unerträglich. Die gelehrten Herren verstehen auch hier, sich äußerlich ein Ansehen zu geben. Sie tragen große Brillen und bauen ihre Häuser im Stile der Tempel. Auf meinen Spaziergängen, über denen die künstlerischen Arbeiten leider gar arg vernachlässigt werden, lerne ich 27 täglich etwas Neues. Gewiß erinnert sich so Mancher, wie lebhaft ihrer Zeit die Frage der Bedürfnißanstalten erörtert wurde, wie uneinig man noch jetzt in der preußischen Capitale über die Kanalisation oder die systematisch geordnete Abfuhr der Dungstoffe ist. In Kanton hat man längst den Werth derselben eingesehen. Die Besitzerinnen der sogenannten »Cabinets d'Aisance« in Paris lassen sich von ihren Gästen einen Entgelt von fünfzehn Centimes zahlen; in Kanton verhält es sich umgekehrt. Der Inhaber jedes Erleichterungsinstitutes fühlt sich verpflichtet, alle bei ihm vorsprechenden Personen ihren Leistungen gemäß zu honoriren. Für die Lieferung zahlt er, je nach ihrem Aggregatzustande und ihrer Substanzialität, einen bis vier Cash. So geht der Landwirthschaft kaum ein Atom der städtischen Dungstoffe verloren, und die chinesische Gärtnerei zieht daraus die außerordentlichsten Vortheile. Im Großen und Ganzen verdient die Straßenreinigung Kantons das höchste Lob. Die schmalen Straßen werden sehr sauber gehalten, und selbst die Fußpfade vor der Stadt sind mit Granitplatten gepflastert, da man bei dem fetten Erdreich bei anhaltendem Regenwetter gleich knietief in den weichen Boden sinken würde. Ist die Hitze nicht zu erdrückend, so besuche ich auch Werkstätten und Fabriken und bewundere den rastlosen Fleiß und die Geschicklichkeit der Bevölkerung. Schon Kinder von sechs Jahren gehen ihren Eltern zur Hand und verrichten den Tag über unverdrossen irgend eine leichte, aber für das Geschäft unerläßliche Arbeit. In jedem Winkel Kantons, oft in Oertlichkeiten, die nur noch für den Aufenthalt des Ungeziefers geeignet zu sein scheinen, wird gesponnen, 28 gewebt, geschnitzt, gemalt und gefärbt. Der Chinese ist unermüdlich; was Erholung heißt, ist ihm vollkommen unbekannt. Am 17. April wurde schon um 7 Uhr Morgens in Gesellschaft von fünf Landleuten eine Wanderung in die Straßen der Stadt angetreten. Wir besuchten den »Tempel der Schrecken.« Als abmahnendes Beispiel sind in diesem, um der Geschäftsüberhäufung der Criminaljustiz nachdrücklich vorzubeugen, die furchtbarsten Todesstrafen durch Holzfiguren vergegenwärtigt. Ein Delinquent wurde zwischen zwei Brettern zersägt; ein anderer saß in einem mit Wasser gefüllten Kessel, unter dem Feuer brannte. Eine mir vollkommen neue Todesstrafe war das haarsträubende Verfahren, den Verbrecher zu Tode – zu läuten. Eine große Glocke wird über ihn herabgelassen und einen halben Fuß hoch über dem Erdboden schwebend erhalten; nun bearbeiteten die Schergen das Metall so lange mit gewaltigen Hämmern, bis das Opfer, von dem wüsten Lärm innerlich vernichtet, zu Boden sinkt und endlich den Geist aufgiebt. Sind diese Illustrationen zum chinesischen Strafgesetzbuch maßgebend, so werden im himmlischen Reiche Verbrecher auch wilden Thieren vorgeworfen. Bei meinem langen Aufenthalte in China werde ich mich genöthigt sehen, auf das Capitel der Rechtspflege, des Gefängnißreglements und der starken Nervensysteme der Chinesen wiederholt zurückzukommen. 29 III. Die Aufnahme einer Straße in Kanton. Ein Feuerwachtthurm. Ein Mandarin mit blauem Knopf. Tschau Tschau. Haifischflossen und Hachée von Raupen. Nach mehrtägigem Müssiggange mußte endlich daran gedacht werden, die Erndte für meine Aquarellensammlung zu beginnen. Unser Consul, Herr v. Carlowitz, geleitete mich zu einer vorzugsweise pittoresken Straße und verschaffte mir die Erlaubniß, vor einem Hause niedersitzen und malen zu dürfen. Der betreffende Viertelsmandarin würde dieselbe wahrscheinlich verweigert haben, hätte er ihre Folgen voraussehen können. Ueber meine persönliche Lage erlaube ich mir keine Bemerkung weiter; die Straße war nur vier bis fünf Fuß breit und die Hitze überstieg 30 Grad Réaumur . Kaum hatte ich Platz genommen und meine Utensilien ausgepackt, als die Neuigkeit sich wie ein Lauffeuer verbreitete. Die Ladenbesitzer traten vor die Thüren, die jüngeren Familienmitglieder erkletterten die Schilder, alle Fenster und Dächer waren besetzt; der Verkehr stockte und die Straße wurde von Seiten der Behörde für zwei Stunden abgesperrt. Nachdem es mir gelungen war, durch handgreifliche Pantomimen und Rippenstöße unter den 30 Umstehenden eine Gasse zu öffnen, machte ich mich an die Arbeit, aber immer von Neuem drängte die schaulustige Menge heran. Ein kleiner Chinese trieb die Frechheit so weit, sich mit dem Ellenbogen auf meine Schulter zu stützen, um die Malerei zu betrachten. Meinen chinesischen Lohnlakay oder Cicerone hatte ich zwar bei mir, allein auch diesem gelang es nicht, mich vor den Zudringlichen zu schützen. Ich war froh, als ich nach zweistündiger Arbeit die Skizze vollendet und nach einstündigem Rückzuge durch die engen Straßen das Ufer des Flusses und mein Boot erreicht hatte. Der Janhagel war mir in der süßen Hoffnung, der Tuschkasten könne noch einmal geöffnet werden, bis an das Wasser gefolgt. Ich ließ die Bootsleute eine halbe Stunde weiter zu einer malerischen Gruppe von Blumenböten rudern, und gedachte, diese zu Papier zu bringen, doch erregte mein Beginnen auch hier gerechtes Aufsehen. Alle in den Zwingern der Galanterie aufbewahrten Damen wurden sichtbar und schnatterten unter einander über den dreisten Fremdling, ich bedauerte nur, einige der jüngsten nicht zum Sitzen bringen zu können; es befanden sich Schönheiten ersten Ranges d. h. nach chinesischem Geschmack unter ihnen. Als ich ihnen durch zugeworfene Kußfinger meine Huldigung darzubringen suchte, brach der gesammte Chorus der Vestalinnen von Kanton in ein schallendes Gelächter aus. Ich darf nicht vergessen anzuführen, daß der Inhaber des nächsten Blumenbootes einen Diener zu mir herübersandte und mich mit Thee labte. Es war drei Uhr, als mein Werk vollendet war, ich dinirte bei Herrn von Carlowitz, dann mietheten wir ein, von den Damen geräumtes Blumenboot, fuhren den Perlfluß eine Strecke hinauf, gingen dort vor Anker, 31 zündeten die Cigarren an und schlossen den Tag im Genuß der mild fächelnden Abendbrise. Um elf Uhr kehrten wir nach Hause zurück. Am nächsten Morgen unternahm ich die Besteigung eines Feuerwachtthurms, von dessen Höhe ich mir eine treffliche Aussicht versprach, da alle diese Institute stets an einem, ihrem Zweck entsprechenden Punkte erbaut sind, doch war es nicht leicht, hinaufzukommen. Zuerst mußte von einem nahen Gurkenhändler eine hohe Bambusleiter geborgt und das Dach des Hauses erklettert werden. Der mich begleitende Feuerwehrmann hatte außerdem eine kürzere Leiter mitgenommen und leistete mir diensteifrig alle nöthige Hülfe. Noch kletterten wir über mehrere angrenzende Dächer, als sich auch schon Schaaren von Zuschauern versammelt hatten. Die besten Plätze aller Dächer waren besetzt, Jeder wollte wissen, was der rothe Teufel im Schilde führe. Ueber schwankende Leitern auf die Spitze des Thurmes gelangt, wurden meine Erwartungen nicht getäuscht, mit jeder neu erkletterten Leiter gestaltete sich die Aussicht schöner; oben entfaltete sich ein wahres Panorama von Kanton. Der Wachthabende empfing mich, froh, einer unerwarteten Erheiterung theilhaftig zu werden, höchst zuvorkommend, ich richtete mich in seinem Zimmer sehr comfortabel ein und brachte in vollkommener, nach der Belästigung des gestrigen Tages doppelt schätzenswerther Abgeschiedenheit mehrere Bilder zu Stande. Das Hinabsteigen vom Thurme war auffallend schwierig. Ich war mit Mappe und Schirm beladen, die Zuschauer hatten in der gespannten Erwartung, noch müsse sich irgend etwas Unerwartetes zutragen, ihre Plätze nicht verlassen und begrüßten mich schon bei meinem 32 Erscheinen auf der obersten Leiter mit einem wilden Hohngeschrei; mich überfiel eine peinliche Befangenheit. So mag einem Trapezgymnasten, wenn er seine öffentliche Laufbahn beginnt, zu Muthe sein. Abgesehen von einigem Stolpern auf den brüchigen Leitersprossen, kam ich jedoch glücklich hinab und conservirte auf dieser bedenklichen Promenade sogar mein Uhrglas, dessen Einbuße mir am schmerzlichsten gewesen wäre, da ich hier an einen Ersatz nicht denken konnte. Die Zuschauerschaft verabschiedete mich mit einem vocalen Mißtrauensvotum; ihre Erwartungen waren getäuscht worden. Einmal in dem Revier eines Feuerwachtthurms, darf ich nicht verschweigen, daß Feuersbrünste in den chinesischen Städten trotz der engen Bauart und der verfänglichen Beleuchtung von Papierlaternen zu den Seltenheiten gehören. Versicherungsgesellschaften sind im ganzen Reiche unbekannt, und jeder Hausbesitzer, auf dessen Grundstück Feuer auskommt, muß nicht allein eine Geldstrafe zahlen, sondern auch den etwaigen Schaden seiner Nachbaren ersetzen. Der Chinese wird mithin von Kindesbeinen an zur Behutsamkeit im Umgange mit Licht und Feuer erzogen. Wieder auf sicherem Grund und Boden, denn der Wachtthurm, ein lockerer Aufbau von Bambusstäben, war zugleich ein Wackelthurm, schlenderte ich langsam durch die Straßen und freute mich der heutigen Ausbeute und der rasch vollbrachten Arbeit, als sich plötzlich der Himmel verdunkelte und zehn Minuten später ein Platzregen losbrach. Es blieb mir nichts anderes übrig, als auf dem Flur des nächsten Hauses ein Unterkommen zu suchen. Mein Regenschirm war dieser Sündfluth nicht gewachsen. Mein 33 Zufluchtsort war ohne Ladeneinrichtung, also auch ohne lebhafteren Verkehr, doch entging ich nicht der Aufmerksamkeit der Hausgenossen. Emissäre aus den oberen Stockwerken erschienen am unteren Ende der Treppe und statteten dann in der höheren officiellen Region Bericht ab, endlich erschien ein kleiner alter Herr mit unbeschreiblich heitrem Gesichte, und bat mich, ihm in seine Wohnung zu folgen. Man reicht in China einander zum Gruß niemals die Rechte, mein gastlicher Greis faltete nur beide Hände, drückte sie inbrünstig an die eigene Brust, verdrehte salbungsvoll die Augen, flötete »Tschin, Tschin«, und machte mit dem Haupte eine Wendung nach der Treppe. Ich konnte ihn nicht mißverstehen. Als wir in seinen reizend geschmückten Zimmern es uns bequem gemacht und die Pfeifen gestopft hatten, erschien die unvermeidliche Theekanne, und die Unterhaltung begann. Unglücklicherweise stellte sich sogleich heraus, daß mein Wirth im Englischen nicht besser unterrichtet war, als ich im Chinesischen, doch hinderte dieser mißliche Umstand das geschwätzige Männlein keinesweges, seine Plauderei fortzusetzen. Er schwadronirte chinesisch, ich antwortete ihm in deutscher Mundart, und dennoch verständigten wir uns durch Geberden, bejahende oder verneinende Grunzlaute und andere rhetorische Elementar-Hilfsmittel ganz leidlich. Die reiche Ausstattung des Gemaches imponirte mir, ich dachte an die Apartements unserer Banquiers und Geh. Commerzienräthe, und fragte den Alten in wohlgesetztem Deutsch: »Mit wem ich die Ehre hätte . . . .?« Zugleich fügte ich, die Pantomimen heimischer Solotänzer zum Muster nehmend, eine Gebehrde und Stellung hinzu, die ich von den Abenteurern Flick und Flock gelernt, als der Bergkönig mit 34 seinem Gefolge sich ihnen näherte. Mein Wirth schien zu begreifen, er tippte mit dem Zeigefinger auf die Brust, zog die schrägen Augenbrauen in die Höhe, sah mich fragend an und verließ das Zimmer. Nach einigen Secunden kehrte er zurück; er trug in der Rechten einen hohl ausgeschweiften, trichterartigen Hut, dessen Spitze mit einem blauen glänzenden Knopf und einer leichten Troddel-Garnitur verziert war. Vor mir stand demnach ein Würdenträger des himmlischen Reiches, ein Mandarin vom blauen Knopfe. Der gute Alte konnte der Versuchung nicht widerstehen, sich einen Augenblick lang mit dem Rangsymbol zu bedecken, ich machte eine respectvolle Verbeugung, dann brachte er den amtlichen Hut wieder in sicheren Gewahrsam und holte allerlei nationale Curiositäten, hingehaucht zarte Porzellanschalen, Bilderchen, Schnitzereien, Schriftproben u. dgl. m. hervor, um mir die Zeit zu vertreiben. Ich öffnete ein wenig das Fenster, da die hiesigen Scheiben, geschliffene und polirte Muschelschalen, wohl Licht durchlassen, aber keine Aussicht gestatten; der Regenguß hielt an. Der Mandarin errieth meine Absicht, ihm nicht länger beschwerlich zu fallen und mich nothgedrungen auf den Weg zu machen, er schüttelte unwillig das Haupt und prononcirte im »Pidjen Englisch« die ersten europäischen Sylben. »Chow, Chow!« (Tschau, Tschau) rief er mit kreischender Stimme und deutete auf die Nebengemächer, in deren einem ein Tisch servirt wurde. »Tschau Tschau«, heißt »Essen!« er lud mich zum Diner ein. Alle Sprößlinge von Culturstaaten verstehen einander; ich deutete auf meine Garderobe, deren ursprünglich schon abgeschwächter Glanz bei der Uebersteigung der Dächer nicht gewonnen hatte. Der artige Beamte – ich verzichte nur 35 ungern auf die Bezeichnung »Geh. Rath«, so liebevoll anheimelnd war sein Betragen – beruhigte mich durch Gebehrden, aus denen ich zu errathen glaubte, er stelle mir die eigene Garderobe zur Disposition; ich beschloß zu bleiben. Der würdige Mandarin sah einige Gäste bei sich, es war kein großes Diner, keine Universal-Abfütterung, sondern nur eine jener zwanglosen Mahlzeiten, die wir rothen Teufel: »Junggesellenessen« nennen. Bald darauf fanden sich die sechs Gäste ein, lauter alte Standespersonen von dem Range meines lieben Wirthes, nur einer schien einen noch höheren Posten zu bekleiden; in seinem Benehmen, so zuvorkommend es war, lag etwas von Herablassung; er erinnerte mich an unsere alten Aristokraten, die, wenn sie endlich in den Besitz eines Ordenssterns gelangen, sich das Air von Prinzen geben. Zugleich sah ich, daß die Hypothese eines Junggesellendiners falsch war. Sämmtliche Herren trugen schneeweiße Schnurr- und Knebelbärte, ein Beweis, daß sie im heiligen Ehestande lebten oder doch Wittwer waren. Nach dem chinesischen Code civil ist es nämlich den Landesangehörigen erst gestattet, sich den Bart stehen zu lassen, wenn sie sich als »Großväter« legitimiren können. Der Bart ist das Zeichen höchster männlicher Würde, doch wächst er bei diesem Volksstamm nur am Kinn und auf den Oberlippen; Backenbärte sind mir nirgends zu Gesicht gekommen. Der Chinese bringt es nur zu dürftigen Stoppeln. Meine Verlegenheit in dieser Gesellschaft war nicht gering, keiner der Gentlemen verstand Englisch, ich war mit den Landessitten noch nicht vertraut und hatte bisher überwiegend nur mit dem Volk verkehrt; ich schwebte in Gefahr, mich lächerlich zu machen. Dazu kam meine geheime Besorgniß vor den 36 Ingredienzien der Nationalküche. Unterwegs hatte ich nur bei chinesischen Restaurants gespeist, die theilweise schon in die Schule der Franzosen und Engländer gegangen waren; jetzt erinnerte ich mich aller jener schauderhaften Substanzen, von denen ich in Reisebeschreibungen gelesen hatte. Die Carricatur eines Gesandten, dem der chinesische Minister eine scharfgebratene Ratte auf der Gabelspitze anbietet, erschien vor meinem inneren Auge. Die Furcht, durch Unkenntniß der Sprache und Tafelgebräuche lächerlich zu werden, war indessen unnöthig, die Unterhaltung der Gäste beschränkte sich auf lakonische, fast orakelhafte Sätze, und ihre feine Bildung verbot ihnen, etwaige Unschicklichkeiten von meiner Seite zu belächeln oder auch nur zu beachten. Messer und Gabeln waren nicht vorhanden; ich sah mich genöthigt, zu den Eßstäbchen zu greifen und ahmte meine Nachbarn nach, die mit den ungefähr bleistiftlangen, rothgefirnißten und vergoldeten Hölzchen die kleinsten Bissen sicher zum Munde führten. Das »Tschau, Tschau« bestand aus wenigstens 30 bis 35 Gängen, und Gäste wie Lakayen hatten, da Teller und Stäbchen fortwährend gewechselt wurden, mit dem Angebot und der Nutznießung der Speisen alle Hände voll zu thun. Erst später wurde ich mit der chinesischen Küche vertrauter, ich begnüge mich demnach nur mit der Anführung der nationalen Leckerbissen, die mir im Hause eines deutschen Landsmannes, des Herrn Schütze, analysirt wurden, oder die ich selber erkannte. Die diesseitigen Feinschmecker vermag ich in soweit zu beruhigen, als alle jene wunderlichen animalischen und vegetabilischen Substanzen, die der Chinese zu sich nimmt, stets in kleine Stücke zerschnitten 37 auf den Tisch kommen, und dadurch sowohl, wie durch farbige Saucen und vielfache Würzen, ganz unkenntlich werden. Gleich in einem der ersten Gänge erschienen nächtlich schattirte Scheiben von seltsamem barschem Geschmack in einer schwarzen Sauce. Arglos nahm ich mehrere zu mir, doch überfiel mich später ein gründliches Mißbehagen, als Herr Schütze mir betheuerte, es seien hartgekochte Eier gewesen, die, vier bis fünf Jahre lang unter der Erde aufbewahrt, einen der Entwickelung alter Käse ähnlichen Umbildungsprozeß durchgemacht hätten. Die unnatürliche Speise war mir so schlecht bekommen, daß ich für alle Folgezeit darauf verzichtet habe. Ein an Hausenblase erinnerndes Gericht waren indianische Vogelnester. Haifischflossen, eine große Delikatesse, mundeten mir bei ihrer pikanten Zubereitung, doch bin ich noch heute ungewiß, ob diese Schüssel oder die als Salat zubereiteten jungen Bambussprossen, die entsetzliche Indigestion, mit der ich am anderen Morgen zu kämpfen hatte, vollendet haben. Zwei problematische Assietten, denen die Tischgenossen stark zusprachen, ließ ich unberührt vorübergehen; eine Ahnung warnte mich. Nach meiner Beschreibung und Herrn Schütze waren die in einer blauen Sauce schwimmenden Nudeln gesalzene und getrocknete Regenwürmer, und die Bestandtheile eines mit Bouillon servirten Hachées große und kleine Raupen. Der Durst wurde mit leichtem, etwas erwärmtem Weine gestillt; die Chinesen sind keine leidenschaftlichen Zecher, auch reizen die meisten Schüsseln nicht zum Trinken. Eine Menge Süßigkeiten, bildeten das Dessert, dazu gehörte Marzipan, angefertigt aus Zucker, Mandeln und – Schweineschmalz. Sobald der Regen aufhörte, verabschiedete ich mich unter 38 vielen Danksagungen, miethete vor dem nächsten Tuschladen einen Palankin und gelangte trockenen Fußes in mein Boot. Der Magen eines Fisches, von dem ich kurz vor Aufhebung der Tafel auf Empfehlung des Gastgebers genossen, lag mir schwer im Magen; was hätte ich darum gegeben, wäre mir eine Gelegenheit geboten worden, mich gleich den Nobili's in Bangkok, nach dem schweren Diner auf einem Sopha auszustrecken und von den Sclavinnen kneten zu lassen. Ich durfte mich nur an dem Anblick meiner Skizze weiden. Das Südthor ist der liebste Zielpunkt meiner Ausflüge; mit der Besatzung habe ich Freundschaft geschlossen und sogar schon das Talent eines Schülers erweckt. Bei meiner letzten Ankunft brachte mir einer der Soldaten, ein Unteroffizier, eine von ihm angefertigte Skizze der Umgebung, die ungeachtet der chinesischen Perspective Anlagen verrieth. Ich corrigirte, da ich mich mit ihm nicht weiter verständigen konnte, die ärgsten Fehler, und die Veränderungen des intelligenten Gesichtes zeigten, daß der Mensch mich verstanden habe. Vom Südthor aus begab ich mich in das Innere der Stadt, und stattete einem dort wohnenden Fachgenossen einen Besuch ab. 39 IV. Ein Fachgenosse und sein Atelier. Im Gefängniß und vor Gericht. Der gesetzliche Hungertod. Zwei Theaterabende. Der Kaiser als » deus ex machina « der chinesischen Komödie. Nach Makao. Ein Wildpark von Ratten. Wir leben jetzt in der Jahreszeit, wo die Kantonesen ihre Sommerwohnungen beziehen, d. h. auf dem Dache ein Mattenhaus errichten und darin die Nächte zubringen. In vielen Straßen waren die Bewohner der Häuser mit dem Bau dieser Zelte beschäftigt. Es ist das einzige Mittel für eine so arbeitsame Bevölkerung, sich in diesen enggebauten Stadtvierteln und niedrigen Häusern etwas frische Luft zu verschaffen. Nach einigen Nachforschungen fand ich den mir bezeichneten Künstler, eine Notabilität der chinesischen Malerei. Er bewohnte ein zweistöckiges Haus und empfing mich mit großer Würde in einem kleinen Zimmer des ersten Stockwerkes. Ein lang herabhangender grauer Schnurrbart verrieth seine Großvaterwürde, zwei Hauptschüler oder Famuli leisteten ihm Gesellschaft. Ein Schach- und Dominospiel bewies, daß die Künstler gelegentlicher Erholung nicht abhold seien. Nur der Meister malte an einer Staffelei, ähnlich der bei uns gebräuchlichen, die Schüler saßen vor 40 kleinen Tischen und führten ihre Malerei an einem schrägen Brette aus, auf dem die zu illustrirende Fläche von Holz, Leinwand oder Papier ausgebreitet lag. Neben Jedem standen dicke Holzscheiben mit den erforderlichen Farbenmixturen. Der Chef allein bediente sich einer halbmondförmigen Palette; seine Pinsel waren von ungleicher Feinheit. Einige bestanden aus Borsten, andere aus Marderhaar oder feingespaltenem Bambus. Er beschäftigte sich eben mit der Vergrößerung einer kleinen weiblichen Photographie, die durch ein Quadratnetz in Lebensgröße und zwar in Oel übersetzt werden sollte. Die chinesischen Maler sind in dem letzten Decennium mit den Oelfarben bekannt geworden und arbeiten darin noch äußerst schülerhaft. Was der alte Raphael mit dem glühenden Zinnober und Indigo auf seiner Palette im Schilde führte, war mir unerklärlich. Weislich hütete ich mich, mein Handwerk zu verrathen, und gebehrdete mich lediglich als Kunstfreund und Kunde. Der Kopf des Portraits näherte sich der Vollendung, war aber durchaus unähnlich; die Halskrause und der Faltenwurf des Kleides in ihrer sclavischen Nachahmung konnten wohlgerathen heißen. Ich durfte nicht länger zweifeln: die als Ladenschild vor dem Hause stehende lebensgroße Figur des edlen Washington war ein Werk des Meisters; ich erkannte die Würde der Zeichnung, vereint mit Tollkühnheit des Colorits; die Aehnlichkeit des Frauenzimmers, an dem er arbeitete, mit dem Befreier Nordamerikas, bildete sich immer deutlicher heraus. Auf meine Bitte, mir seine Gallerie zu zeigen – der Meister war im Stande, sich in Pidjen Englisch auszudrücken – holten die Gehilfen eine, mit den stereotypen chinesischen Bildchen gefüllte 41 Mappe und breiteten ihre Schätze vor mir aus. Es waren Ansichten der Insel Honam und der dortigen Consulatsgebäude vorhanden, mit der Ausführung der viel zu großen Flaggen hatten die Maler sich die meiste Mühe gegeben. Von Perspective war wie immer keine Spur zu entdecken. Zur Erinnerung wollte ich ein halbes Dutzend dieser auf Quartblätter von Reispapier gemalten flüchtigen Veduten mitnehmen und fragte nach dem Preise. Jetzt wurde der Kunstsenior gesprächig; er forderte für jede dieser Schludereien die unverschämte Summe von acht Dollars. Auf mein skeptisches Kopfschütteln spielte ihm seine künstlerische Reizbarkeit einen Streich. Er hob die Rechte, streckte den mageren Daumen aus und schrie: » Numbel one handsum « ( number one handsome ) »Nummer eins, vortrefflich!« und wiederholte die Worte »« Numbel one im Crescendo mehrmals. Anfangs verstand ich ihn nicht gleich, dann erinnerte ich mich, daß die Chinesen nicht das R auszusprechen vermögen, und begriff, was er sagen wollte: er sei der erste Maler im Lande China. Der Abschluß des Geschäfts wurde vorläufig aufgeschoben; der Meister suchte mich durch einige an den Wänden hängende Proben seines Talents zu Bestellungen zu ermuntern. Außer einem abermaligen Washington, der jedoch mehr in Essig, als in Oel gemalt schien, waren mehrere stark decolletirte Schönheiten vorräthig, Liebesbriefe lesend, mit Spatzen tändelnd oder von bejahrten Chevaliers im Bade belauscht, sämmtlich Copien französischer Lithographien. In einem geheimen Cabinet war für ein kleines Entrée eine chinesische Venus zu sehen. Im zweiten Stockwerk hausten die geringeren Schüler oder Lehrburschen der berühmten Firma. Das 42 ganze Atelier war nicht größer, als ein Hühnerstall, in der Mitte stand ein Kochapparat, auf dem die Theekanne dampfte, einer der unglücklichen Jungen saß auf dem Anderen, keiner war älter als fünfzehn Jahre. Alle arbeiteten, wie der unsterbliche Meister im ersten Stockwerk, an Copien. Die Theilung der Arbeit war vollkommen ausgebildet. Der Erste malte aus den Figurenbildern den Oberleib, der Zweite den Unterleib, der Dritte den Faltenwurf, der Vierte die Schuhe, der Fünfte den Fußboden, der Sechste die Hände u. s. w. Die Farben trocknen schnell auf dem Reispapier, die Arbeit schritt rasch vorwärts; nur die Gesichter fehlten auf allen Blättern. Der Gesichtermaler war an der Dysenterie erkrankt. Ich hielt mich bei der Betrachtung der Kunstwerke nicht lange auf; das Atelier duftete nicht nach Veilchen oder Rosen. Unten im Laden wurden die Fabrikate der Firma feilgeboten. Einem der Jünger lag der Tagverkauf ob, er saß in einem dunklen Winkel und malte nach einer Photographie eben den schwarzen Leibrock der Copie. Kein Augenblick durfte ungenutzt verstreichen. Der Laden war jedoch nicht allein Kunstgeschäft; er diente auch irdisch gemeineren Handelszwecken. Mehrere kleine Geschäftsleute hatten sich als Miether in den spärlichen Raum getheilt. Hart neben dem Bilderhändler verkaufte ein Cigarrenhändler außer Tabak: Castor oil (Rhicinusöl), links saß ein Verkäufer von lebenden Fischen und dicht an der Thür eine Geldwechslerfamilie. Im Heraustreten sah ich erst, daß die Straße nicht zu den saubersten der sonst gar reinlichen Stadt gehörte. Das Geschäftsleben mochte in ihr floriren, aber das Ameisengewimmel der hastigen Menschenmenge war 43 beängstigend. Bald kam ein zu Pferde sitzender Mandarin vorüber, dem Alle in die Läden auswichen, bald ein Arzt mit riesengroßer Brille; am meisten gemieden wurden die Exporteure, Männer, die an einem auf der Schulter balancirenden Bambusstabe zwei gestrichen volle Eimer frische Dungstoffe aus den Thoren schaffen und durch ein lautes Wehgeheul alle Vorübergehenden vor einer unvorsichtigen Annäherung warnen. Ich pries mich glücklich, sobald ich durch eine Seitenstraße, in der mir dreimal der Hut vom Kopfe gerannt worden war, den Tempel der fünf Genien erreicht hatte und erschöpft auf den Stufen des Portals ausruhen konnte. Das Südthor ist erfahrungsmäßig der bequemste Ausgangspunkt für meine Studienrundgänge; ich kehre daher häufig zu meinen militärischen Freunden zurück, und stelle von ihrem Wachtlokal aus meine Untersuchungen der Straßen von Kanton an. Der niemals stockende Menschenstrom läßt mich nur langsam vorwärts gelangen, und selten entgeht ein beachtenswerther Gegenstand meiner Aufmerksamkeit. So erregte vor einem stattlichen, jedoch etwas düster aussehenden Gebäude, ein Haufe von Individuen, die sämmtlich mit Ketten belastet waren, an denen sie obenein etwa fünfzig Pfund schwere Steine hinter sich herschleppten, meine Verwunderung. Das Gebäude war ein Gefängniß, und die Kettenträger seine Bewohner. Im Gegensatz zu dem sonstigen furchtbaren Criminalverfahren der Chinesen, schienen die Sträflinge mit 1eidlicher Milde behandelt zu werden. Da eine Menge von ihnen vor der Hausfront auf der Straße lustwandelte oder auf dem Pflaster der Höfe umherlungerte, ließ sich nicht wohl annehmen, die 44 Spazierstunde der Gefangenen habe begonnen; den Gefangenen mochte im Ganzen größere Freiheit gegönnt werden, als in Europa, wo die Wachtposten sie nicht aus den Augen verlieren dürfen. Von Niemanden aufgehalten, durchschritt ich mehrere Höfe und kam im dritten derselben endlich vor die Thür der Gerichtshalle des Criminalgefängnisses. Sie stand zwar offen, doch waren alle Unberufenen durch eine zwischen den Pfosten ausgespannte schwere eiserne Kette ausgesperrt. Eben mußte eine Verhandlung stattfinden, denn der Saal war mit Menschen gefüllt, und so weit ich sehen konnte. lagen einige Subjecte auf dem Bauche und drückten die Nase auf den Fußboden, muthmaßlich also Angeklagte. Einer der Richter, gleichviel ob Rath oder Hilfsarbeiter, in dessen Gesichtskreis ich gerieth, durchbohrte mich mit so ingrimmigen Blicken, daß ich für gerathen hielt, mich zu entfernen, um so mehr, als meine Anwesenheit den Mob von Kanton anzog, und ein Theil der Zuhörer sich um mich versammelte. Es war nicht schwer, sich die fernere Procedur auszumalen; die lieben Landsleute hatten mir genug davon erzählt, und ich wurde später wiederholt unfreiwilliger Augenzeuge. Die chinesischen Richter plagen sich nicht mit feinen Untersuchungen, ob in einem gegebenen Falle Gefängniß oder Geldstrafe zu verhängen sei. Ist der Angeklagte seines Vergehens schuldig erklärt, so ergreift der Vorsitzende unverzüglich einen vor ihm stehenden Becher voll Schicksalsstäbchen, wirft durch eine rasche Schwenkung eine gewisse Anzahl zu Boden, läßt sie zählen und dem Verurtheilten die entsprechende Summe von Hieben mit einem Bambusrohr verabreichen. Die Prügelstrafe ist in China nicht mit entehrenden Vorstellungen verbunden. Selbst höhere Beamte werden bei geringeren 45 Verschuldungen nicht gleich vor einen Disciplinargerichtshof gestellt, dessen Ausspruch vielleicht ihre ganze künftige Carrière zu Grunde richten würde; der Chef des Departements läßt den straffälligen Staatsdiener auf dem Fußboden ausstrecken, jenen conservativen Körpertheil entblößen, den Eulenspiegel so oft zu höhnischen Ostentationen zu mißbrauchen liebte, und denselben in ausreichender Weise mit Bambus bearbeiten. Ob die Collegen sich vorkommenden Falls diese büreaukratischen Gefälligkeiten untereinander erweisen, oder ob man sich dazu besonderer Subalternen bedient, vermag ich nicht anzugeben. Da jede derartige Tracht Prügel die an anderen Orten landesübliche »Nase« vertritt, wird jedenfalls alljährlich eine Menge unnöthiger Schreiberei erspart. Daß dem ganzen Verfahren nur väterliche Gesinnung zu Grunde liegt, geht aus dem Schlußact der Ceremonie hervor. Der Abgestrafte hat dem Richter für richtigen Empfang seinen Dank auszusprechen. Gemeine Verbrecher werden noch anderweitig bestraft; man spannt sie in einen schweren hölzernen Halskragen (spanische Fiedel), steckt sie in einen engen Käfig, in dem sie weder sitzen noch ausgestreckt liegen können, und hängt sie mit hinten zusammengebundenen Händen und Füßen an einem leichtgezimmerten Gestell auf. In der Vollziehung der Todesstrafen theilt man nicht die Scheu europäischer Gerichtshöfe. Die im Laufe eines Jahres in Kanton vollstreckten Hinrichtungen werden auf mehr als Tausend veranschlagt. Die übliche Form ist die Enthauptung. Der Henker ergreift den Zopf des vor ihm knieenden Delinquenten, zieht den Kopf an seinen Unterschenkel und schneidet ihn mit einem breiten Schwerte vom Rumpf. Auf raffinirtere Todesarten komme ich wahrscheinlich später zurück. 46 Eine derselben ist die Verurtheilung zum Hungertode. Der Verbrecher wird mit einem schweren, tonnenähnlichen Holzgefäß umgeben, aus dem nur sein Kopf hervorragt, und vor eine vielbesuchte Restauration gesetzt. Bei Todesstrafe ist es allen Vorübergehenden verboten, ihn mit Speise und Trank zu erquicken. Durch den Duft der Speisen zur Verzweiflung gebracht, muß der chinesische Tantalus in dieser Lage verschmachten. Für die Abendstunden desselben Tages wurde unter deutschen Landsleuten der Besuch eines Theaters verabredet; eine renommirte umherziehende Schauspielergesellschaft war angekommen. Die hiesigen Vorstellungen beginnen schon um sechs Uhr Abends und dauern nicht selten bis vier Uhr Morgens, wir versäumten daher nicht viel, wenn wir uns erst um acht Uhr auf den Weg machten. An einem Abende werden gewöhnlich zwölf bis fünfzehn kleine Stücke gespielt. Wir hatten eine weite Strecke zurückzulegen. Nach einer halbstündigen Bootsfahrt mußten wir noch eben so lange landein marschiren, und zwar auf nur fußbreiten Pfaden über eine Menge schmaler Steinplatten und Brücken zwischen Reisfeldern. Es war bereits stockfinster, und die vor uns her getragene Papierlaterne gewährte eine äußerst spärliche Beleuchtung. Jeder mußte sich vorsehen, nicht auszugleiten und in den Sumpf zu fallen; eines gleich unangenehmen Theaterganges wußte ich mich bis dahin nicht zu erinnern. Glücklicherweise war ich der Letzte unserer Reihe. Das Theater selbst stand mitten in einem Teiche und war auf Pfählen, unmittelbar über der Wasserfläche erbaut, wahrscheinlich in der Absicht, die Temperatur des Innern zu verbessern und den Zuschauern, wenn Feuer ausbrechen 47 sollte, Gelegenheit zu bieten, ohne Weiteres aus den Fenstern zu springen und sich durch Schwimmen zu retten. Einer Baustelle auf dem culturfähigen Festlande schien man das Kunstinstitut nicht für werth zu halten. Das Material der Wände bestand aus Bambusstäben von verschiedenem Durchmesser, das Dach aus Matten von Palmblättern; ein Hängewerk verlieh ihm größere Sicherheit. Der Zuschauerraum war ungemein groß und konnte, obgleich nur ein Logenrang vorhanden war, doch mehr als 5000 Personen aufnehmen, die sich freilich der Mehrzahl nach in dem das ganze Erdgeschoß umfassenden Parterre und stehend aneinander pressen mußten. Das Eintrittsgeld für den ersten Rang betrug nicht mehr als 12 Silbergroschen nach unserem Gelde; der Stehplatz im Parterre kostete nur einen Silbergroschen, doch war auch im ersten Range für Sitze nur nothdürftig gesorgt. Als wir diese »Nobelgallerie« auf einer Bambusleiter mühselig erklettert hatten, wies man uns statt Fauteuils, niedrige, sieben Zoll breite Fußbänkchen als Sitze an. Das Publicum unseres Ranges war nicht sonderlich zahlreich, desto stärker war das Parterre besetzt. Ich hockte an dem Geländer auf ein Bänkchen nieder, hielt mir weislich die Nase zu und blickte verdutzt in den Zuschauerraum hinab. Bis dicht an die Rampe der Bühne war der weite Raum mit kahlen bezopften Schädeln gefüllt, die an den Inhalt eines Beinhauses erinnerten. Sämmtliche Kunstfreunde hatten schon vor dem Eintritt in's Parterre die Oberkleider abgelegt, denn der Raum reichte nicht hin, im Hause selber es sich bequem zu machen. Die nackte Menschenmasse – die Orientalen tragen keine Hemden! – konnte füglich einem Kirchenmaler als Vorbild für die 48 Auferstehung der Todten am jüngsten Tage dienen. Aus der Tiefe stieg ein mephitischer Qualm empor, der für civilisirte Geruchsorgane nicht hätte empfindlicher sein können, wäre jeder einzelne Zuschauer zugleich Mime und von den Aengsten eines ersten Auftretens bedroht gewesen. Auf den Bambusstäben des complicirten Hängewerkes unter dem Dache ritten Hunderte von Kerlen, die zwischen den Palmblätter-Matten durchgekrochen waren und der Vorstellung gratis beiwohnten. So gefährlich die Positionen dieser zerlumpten Turnliebhaber aussahen, Unglücksfälle schienen nicht vorzukommen; die Zuschauer des Parterres nahmen von den, über ihren Köpfen baumelnden Eindringlingen nicht die geringste Notiz, sondern widmeten ihre ganze Aufmerksamkeit nur der Vorstellung. Eben so wenig bekümmerte sich das Dienstpersonal des Theaters oder die Beamten der Sicherheitspolizei um diese verwegenen Kunstfreunde; der Direktion war unverkennbar Alles an einem überfüllten Hause gelegen. Unser Laternenträger hatte, nebst den übrigen Bedienten, mit uns ohne Entrée den ersten Rang bestiegen und sich unter die Zuschauer gemischt, dann waren sie nach längeren Berathungen wieder hinabgeklettert und an die Kasse gegangen. Wie ich später erfuhr, war es ihnen gelungen, von dem Kassirer eine kleine Provision für unsere Zuführung zu erpressen. Das Publikum ersten Ranges bestand aus Bewohnern Kantons der bemittelteren Klassen. Die Herren waren mit Kochheerden und Theekesseln versehen, sie rauchten Cigarren, tranken Thee, und von Zeit zu Zeit wurde aus den mit Victualien gefüllten Buden vor dem Theater mannigfaltiger Proviant herbeigeschafft. Frauen waren weder im ersten Range noch im Parterre zugegen, 49 auch alle weiblichen Rollen in den Stücken wurden von Jünglingen und Knaben ausgeführt. Nach chinesischem Geschmack war die Bühne glänzend decorirt, doch entsprach nichts davon unseren theatralischen Gebräuchen. Die Hinterwand, eine mit wüsten Fratzen bemalte Gardine, blieb in allen Stücken unverändert, der einzige Scenenwechsel bestand darin, daß die auf dem inmitten des Theaters stehenden Tische liegende Decke umgedreht, die beiden rechts und links aufgestellten Stühle etwas näher oder etwas weiter gerückt wurden. Vor der Hinterwand ist die Kapelle aufgestellt, doch hat ihre Zusammensetzung nichts unseren Orchestern Analoges. Ist das Streichquartett die Basis des europäischen Instrumentale, so sind die hauptsächlichen Tonwerkzeuge der Chinesen: Tamtam, Gong, Schellen und eine große Glocke. Die Kapelle begleitet mit ihnen sowohl den Gesang, wie den Dialog der Acteure; das Stück war mithin ein Mittelding von Melodrama und Liederspiel. Ob der Text sich für eine derartige musikalische Behandlung eignete; das zu entscheiden, muß ich der chinesischen Kritik anheimgeben. Die Hauptperson war ein Mandarin, der vielfach seine Amtsbefugnisse überschritten hatte, und nach dem dumpfen Beifallsmurmeln der Menge im Parterre ein stehender Typus des nationalen Theaters zu sein schien. Er häufte das Maaß seiner Schandthaten durch körperliche Mißhandlung aller Hausgenossen und selbst eines Ankömmlings, den er durch die anzüglichsten Redensarten beleidigte. Jetzt zeigten sich unter unseren denkenden Logennachbaren Spuren sittlicher Entrüstung, aber gleichzeitig Zeichen froher Erwartung einer strengen Abstrafung des Verbrechers. Das Stück war bekannt und 50 beliebt. Sehr bald gab sich der beschimpfte Ankömmling als Kaiser von China zu erkennen, der nach der Sitte des Khalifen Harun Alraschid umherstrich, und Zustände und Persönlichkeiten seines Reiches kennen zu lernen suchte. Was blieb dem gütigen Monarchen übrig, als den Verbrecher mitten durchsägen zu lassen? Die Bitten des Schuldigen sind vergebens, schon werden die Vorkehrungen zur Execution mitten auf dem Theater getroffen, da humpelt die junge Gattin des Mandarins auf ihren verkrüppelten Füßchen links aus der Coulisse auf die Bühne. Der junge Schauspieler bediente sich der üblichen Krückstöcke, und verstand den unbehilflichen Gang der feinen Chinesinnen geschickt nachzuahmen. Natürlich hat die Mandarine gehorcht ; sie weiß Alles, wendet sich mit einer kläglich beweglichen Rede an das Herz des Kaisers und macht wirklich Eindruck auf sein Gemüth. Der Verbrecher wird begnadigt; der Kaiser aber begiebt sich mit der schönen Bittstellerin in das Seitengemach, vermuthlich nur, um ihre Danksagungen für die Rettung des Gemahls entgegenzunehmen. Der zurückgebliebene Ehemann hält diesen Moment für geeignet, in mehreren Couplets seinen angenehmen Gatten-Empfindungen Ausdruck zu verleihen, und mit ihnen unter einem barbarischen Lospauken auf die Instrumente schließt das Stück. Die Theatersprache der Chinesen besteht in einem fortwährenden widerwärtigen Fistuliren, das sich mit einem eben so unnatürlichen Pathos vereint. Dem Stoffe lag, wie ich anfangs glaubte, ein historischer Vorgang zum Grunde, doch überzeugte ich mich in späteren Vorstellungen; daß ein alterthümliches reiches Kostüm, wie es alle Mitwirkenden trugen, überhaupt zur chinesischen Bühnen-Etiquette 51 gehöre. Der Kaiser suchte sich durch auffallendes Gebehrdenspiel vor allen minder einflußreichen Personen auszuzeichnen. Sobald er sich z. B. auf einen Sessel niederließ, setzte er die Beine breit auseinander und stemmte beide Fäuste drohend auf die Oberschenkel. Das nächstfolgende Theaterstück beschäftigte die Section der Springer und Athleten der reisenden Gesellschaft. Der Inhalt des Quasi-Ballets blieb mir unverständlich, doch werde ich wohl nicht weit neben dem Schwarzen der Scheibe vorbeischießen, wenn ich die Vermuthung ausspreche, es habe sich um die Rettung einer, zwischen dem guten und bösen Princip bedenklich schwankenden Seele gehandelt, denn geflügelte Engel und Teufel kämpften unablässig um ihren Besitz. Die Seele gehörte zu den Hauptspringern und Matadoren der Truppe, auf allen Vieren laufend, machte sie einen Satz über Tisch und Bänke, überschlug sich in der Luft zwischen einem Spalier von Schwertern und Lanzen und warf mit unfehlbarer Sicherheit mit haarscharfen Dolchen um sich. Das ganze Publikum sympathisirte mit der Seele. Während dieser Forcetouren schwebten große Flammen queer über die Bühne, ohne daß man den sie bewegenden Apparat zu erkennen vermochte. – Das lärmende Schauspiel hatte uns betäubt, der Knoblauchsgeruch wurde bei der steigenden Hitze immer unerträglicher; wir brachen auf, erstanden vor dem Theater jeder eine brennende Fackel und gelangten so ohne Unglücksfall über die schmalen Pfade und Brückchen bis an das Ufer des Perlflusses und unser Boot. Ich will hier gleich bemerken, daß unsere Gesellschaft bei dem Mangel an anderweitigem Unterhaltungsstoff schon am nächsten Abende das Theater abermals besuchte. Mir lag 52 vornehmlich daran, das seltsame Bild meinem Gedächtniß fest einzuprägen. Ich wußte noch nicht, daß die Theaterliebhaberei in den Städten Chinas eben so zu den Leidenschaften der Einwohner gehört, wie in unserem Welttheile, und daß ich auch künftig nicht der Gelegenheit entbehren würde, mir ähnliche Zerstreuungen zu verschaffen. So viel ich bei meiner Unkenntniß der Sprache begriff, war das Hauptstück des zweiten Abends eine größere Lokalposse mit Gesang, der freilich wieder, wie in ähnlichen Kunstproducten unserer Heimath, an Wohllaut und technischer Geschmeidigkeit viel zu wünschen übrig ließ. Die Hauptpersonen des Sittengemäldes von Kanton waren: ein Nachtwächter, ein Fischhändler, ein Hallunke, Riemchenstecher, Bauernfänger oder sonst etwas, drei junge Mädchen, ein schartiges Messer, ein Mann, dem das Haus durch eine schmutzige Frau verleidet wird, einige Mandarinen, ein Gerichtsbeamter und ein Chor von Gesindel. Die kräftig ausgesprochene moralische Tendenz konnte Niemandem verborgen bleiben. Nicht nur die Katastrophe entsprach den strengen Forderungen des angeborenen Rechtsgefühls; sondern auch in den meisten Einzelscenen suchte jedes gekränkte Individuum durch körperliche Züchtigung seines Gegners die Aufrechthaltung des Rechtszustandes zu fördern. In dem gesammten Don Quixote kommen nicht so viel Prügeleien vor, wie in dieser Posse. Heute nahmen wir uns die Freiheit, auf die Bühne zu gehen und Alles in der Nähe anzusehen, ohne doch etwas Ungewöhnlicheres zu entdecken. Die Zahl der in Kanton, d. h. auf Honam ansässigen Europäer übersteigt nicht vierzig, die der deutschen Handelsfirmen nicht neun. Dazu kommen noch mehrere Missionäre 53 und ein englischer Geistlicher, der mit seiner permanenten weißen Cravatte und einem melodischen Baßorgan, sich zu einem Liebling der Kirchengängerinnen emporgeschwungen hat. Bei dem Sonntags-Gottesdienst spielt ein talentvoller deutscher Kaufmann die Orgel. Eine Untugend der hiesigen Europäer, die ich auf ihre isolirte Stellung und den geringen Wechsel in der Unterhaltung und im Umgange zurückzuführen geneigt bin, besteht in ihrer Vorliebe für Hunde. Ohne die im Hofe campirenden Köter ernährt jeder Haushalt ein halbes Dutzend Schooßhunde, die zudem der Hälfte nach sich lebender Nachkommenschaft erfreuen. Die Uebervölkerung von Flöhen wird man sich auszumalen vermögen. Der 24. April war herangekommen, mit der Ausbeute an Aquarellen durfte ich zufrieden sein, die Hitze stieg, und nach meinem Reisekalender konnte ich die Fahrt nach Makao nicht länger verzögern, so schwer ich mich von Kanton trennte. Die Nähe von Hongkong und Makao, wo ich mich längere Zeit aufzuhalten gedachte, berechtigte mich zu der Hoffnung einer baldigen Wiederkehr. Die Einschiffung an Bord des kleinen nordamerikanischen Raddampfers »Spark,« der die Verbindung zwischen Kanton und Makao unterhielt, bot auf dem glatten Flußspiegel nicht die sonstigen Unbequemlichkeiten und Gefahren. Zu meinem gerechten Kummer war mir nicht vergönnt, die auf dem »Spark« herrschende Musterwirthschaft länger als einen Tag zu genießen. Bis in den engsten und finstersten Winkel wetteiferte der Dampfer an Sauberkeit mit dem Nippestisch einer Dame, Mobiliar und Tischzeug der ersten Kajüte schienen einer fürstlichen Hofhaltung zu entstammen, der junge nordamerikanische Capitän war die Artigkeit selbst und der erste Steuermann 54 wählte offenbar den Befehlshaber zum Vorbilde seines Betragens. Ich war der einzige Passagier erster Kajüte und nahm um zehn Uhr Vormittags mit beiden Herren das Tiffin ein. Acht Gänge: Fische, Braten, Eierspeisen, Wein, Thee, Kaffee und gute Havannah-Cigarren kosteten nur – einen Dollar. Die Tafelmusik bestand in einem betäubenden Gehämmer unten im Maschinenraum, denn im Mechanismus hatte sich wieder der gewöhnliche Schaden gezeigt, doch lichteten wir eine halbe Stunde später von Neuem die Anker. Es ging den mächtigen Strom hinunter; ich suchte so lange als möglich das malerische White Cloud-Gebirge hinter Kanton im Auge zu behalten. Wieder kamen wir nach Whampoa, in die Bambusstadt, wieder durchkreuzten wir ganze Flotten von Dschunken und Fischerbooten, und nochmals erquickte sich mein Auge an dem Prospect auf die großartige neunstöckige Pagode. Die malerischen Träumereien werden nur durch die vor der Glasthür der Kajüte auf- und abwandelnde portugiesische Schildwache unterbrochen. Als ich mich dem der Halbkaste angehörigen Krieger näherte, betheuerte er mit eifrigen Gebehrden: sein Gewehr sei scharf geladen. Wollte er mich beruhigen? Weshalb überhaupt ein Posten vor der Kajüte? Auf dem Verdeck und im Zwischendeck standen ebenfalls Wachen mit geladenem Gewehr; die Ursache blieb mir nicht lange verborgen. Auf dem zweiten Platze befanden sich anderthalb hundert secundäre Passagiere von chinesischem Geblüt, deren Gegenwart militärische Vorsichtsmaaßregeln bedingte. Noch vor einem Jahre war einer dieser kleineren Postdampfer von den Passagieren zweiter Klasse überfallen worden. Die Raubmörder hatten alle 55 Europäer niedergemacht, den Dampfer hart an der Bocca Tigris auf den Strand gesetzt, Alles, was nicht niet- und nagelfest, davongetragen, und das Wrack in Brand gesteckt; nur ein Engländer hatte sich durch Schwimmen gerettet. Eben so wenig lassen sich die Dampfer die größeren Fischerböte nahe kommen, und jede chinesische Handelsdschunke ist auffallend stark bemannt und mit mehreren Kanonen bewaffnet. Heute verhielten sich die chinesischen Passagiere durchaus ruhig, und nach einer ungefähr zehnstündigen Fluß- und Seefahrt trafen wir um sechs Uhr Abends in Makao ein. Der königl. preuß. General-Consul, Herr von Rehfues , erwies mir die Freundlichkeit, mich vom Schiff abzuholen und für mein Unterkommen zu sorgen. Ich wohne ein paar Schritte von seinem Hause in einem alten portugiesischen Palaste, der schon vor Jahren in den Besitz der Firma Siemssen übergegangen ist. Das portugiesische Regiment, das sich noch auf dem Küstenstreifen von Makao behauptet, befindet sich in gänzlichem Verfall, und alle werthvolleren Grundstücke werden nach und nach von betriebsamen Deutschen und Engländern erworben. Der Palast beherbergt nur mich und zwei chinesische Diener, die für meine Bequemlichkeit zu sorgen haben, doch überzeugte ich mich gar bald, daß die Ruine noch anderweitig bewohnt sei. Die Chinesen hatten mein Gepäck in das Schlafzimmer getragen, dessen Bett mitten im Zimmer steht, die Fenster geöffnet, und mich mit dem Gruße »Tschin, Tschin!« verlassen; ich nahm auf einem Lehnstuhl neben dem Fenster Platz, und versank in stilles Nachdenken. Plötzlich wurde ich durch ein lautes Rascheln stutzig gemacht, ich kannte diese Musik; sie konnte nur von Ratten herrühren. 56 Wirklich hatte der einladende Geruch meiner Koffer, deren einer durch eine todte Maus in Kanton verpestet worden war, eine ganze Heerde dieser Nagethiere aus den Spalten der Wände herbeigelockt; ich ließ sie gewähren und unbehelligt die Koffer beschnuppern, doch beschloß ich, meine beiden Bedienten auf die Ergiebigkeit der Rattenjagd aufmerksam zu machen. Schon an Bord des »Spark« hatte ich aus einem Gespräch mit dem Steuermann erfahren, daß die Ratte wirklich zu dem beliebtesten Wildprett der niederen Jagd in China gehöre. Der Bestand der Küstenreviere ist so stark, und der Bedarf unter den niederen Klassen so massenhaft, daß die Rattenzufuhr in der zu Hongkong erscheinenden, regelmäßige Correspondenzen aus Makao bringenden Zeitung, eine stehende Rubrik des Marktberichts bildet. Die lokale Gourmandise unterscheidet, wie die Zoologie, zwischen Land- und Wasserratten; erstere sollen sich durch ihren Wohlgeschmack auszeichnen und werden daher theurer bezahlt. Das Hauswild wird mit einer sauersüßen Brühe oder Senfsauce zubereitet. Die Bedienten waren vor Freuden außer sich, als ich ihnen meine Mittheilung machte und absolute Jagdfreiheit im ganzen Hausbezirk gewährleistete. In dem alten Palast konnte ein geschickter Rattenfänger durch Fleischausbeute und Pelzwerk viel verdienen. 57 V. Die Praya granda. Der Tempel eine Theebude. Mein achtzigjähriger Enkel. Ein Nachmittag im Theater. Schreihälse. In der Spielhausstraße. Am frühen Morgen des 26. April machte ich mich, mit einem Revolver in der Tasche und einem stämmigen Bambusrohr in der Hand, auf den Weg und eine Runde um Makao. Das an der offenen Bai gelegene portugiesische Stadtviertel ruft in mir die Erinnerung an Rio Janeiro und Madeira zurück, so groß die Terrainunterschiede sonst sein mögen. Die gebirgige Bodengegend ist von malerischer Mannigfaltigkeit. Mehrere alterthümliche Forts und auf Höhepunkten gelegene Kirchen blicken finster durch die üppige tropische Vegetation auf den glühend indigoblauen Ocean herab, dessen Vorfluth zu schwellen beginnt, auf der mächtigen Wallung schwimmt ein Hauch kühler Morgenluft, die Brust des gequälten Menschen hebt sich höher, sein Auge füllt sich mit Thränen – nennt es Nervenschwäche, Einwirkung des Klimas, wenn ihr wollt – ich nenne es Religion . Hinter der alten portugiesischen Stadt erstrecken sich weithin die chinesischen Viertel. Der verlockendste 58 Spaziergang für den Touristen ist die »Praya granda«, eine halbmondförmige Straße am Meer, auf der andern Seite von stattlichen palastartigen Häusern eingefaßt. Einige der verwitterten Bauwerke sollen noch aus der Mitte des sechszehnten Jahrhunderts stammen, denn die erste Ansiedelung der Portugiesen datirt aus dem Jahre 1539. So melancholisch der Eindruck ist, den diese, gleich den Palästen am Canal grande zu Venedig zur Hälfte leerstehenden Gebäude hervorrufen, findet sich in der Praya granda gegen Abend doch der Corso von Makao zusammen und die portugiesische Musikbande trompetet bis Sonnenuntergang. Von dem bleiernen Druck der Atmosphären von Bangkok und Kanton befreit, schöpfte ich hier frischen Lebensmuth. Gleich in den ersten Tagen meines Aufenthaltes war ich so glücklich, die Bekanntschaft einer liebenswürdigen portugiesischen Familie hart am Hafen zu machen. Die Damen gestatten mir, so manchen Tag in ihrer Gesellschaft zuzubringen. Dann sitze ich mit der Bleifeder am offenen Fenster und fahnde auf pittoreske Chinesen. Die stärkende Seeluft wirkt nicht allein auf den Humor des schönen Geschlechts, sondern auch der goldenen Jugend des Handelsstandes höchst vortheilhaft ein. Nicht nur Alles, was in animalischer oder vegetabilischer Richtung an Entartung streift, nimmt in den Tropen riesige Dimensionen an, auch in moralischer Hinsicht begeht der Mensch hier leichter Excesse, als in der gemäßigten Region. Von der leidenschaftlichen Verlogenheit der reichen jungen Ansiedler habe ich schon gesprochen; in Makao wurde alles Bisherige überboten. In Gesellschaft zweier Gehilfen großer Firmen lustwandelte ich Abends am Meeresstrande; einer der jungen 59 Herren hatte an Wortwitzen schon Hervorragendes: »Je Dollar (toller), je besser!« geleistet. Jetzt blieb er plötzlich sinnend stehen und sagte: »Wissen Sie, meine Herren, wir verschreiben alljährlich für 1000 Pfd. Sterling Tinte!« Das war dem Collegen zu arg, er packte heftig meine Schulter und rief: »Und wir ersparen durch bloße Weglassung der I-Punkte an 2000 Pfd. Sterling für Tinte!« Der Reisende, gleichviel ob er in dem engeren Bezirk einer Stadt oder in Provinzen und Ländern sein Wesen treibt, immer eine den Menschenbeobachter fesselnde, wenngleich häufig auch ärgernde Gestalt, schießt in dieser Zone wild wuchernd ins Kraut. Hier verirren sich seine ästhetischen Eigenschaften, seine alle andern Urtheile niederdonnernde Redekunst und Unfehlbarkeit bis in das Ungeheuerliche. Wer einen tropischen Handelstouristen belauscht hat, wenn er zur Mandoline sang oder in unbewachten Momenten die Fleduse beseelte, wird mich nicht der Verleumdung hoffnungsvoller Dilettanten bezichtigen. Da ich mich von einer, noch aus Europa stammenden Schwäche nicht freigemacht habe, und mit derartigen musikalischen und rednerischen Vorträgen nicht zu befreunden vermag, ziehe ich in vielen Fällen der Gesellschaft dieser aufstrebenden Millionäre die der Eingebornen vor. Die Unterschiede zwischen den Bekennern der Religionen des Buddha und Confucius, die in den chinesischen Provinzen neben einander bestehen, treten nach meiner Wahrnehmung hier deutlich hervor. Die Anhänger der Lehre des Confucius stehen in Makao nicht im besten Geruch. Aus ihnen rekrutiren sich Schmuggler, Piraten, Opiumraucher, Spieler, Diebe und Gauner. Begehen sie ein 60 Verbrechen, so machen sie sich unverzüglich aus dem Staube und suchen auf den benachbarten kleinen Inseln eine Zuflucht. Die maritime Umgegend von Makao ist die hohe Schule der chinesischen Piraterie. Mehrmals habe ich Gelegenheit gefunden, zu Makao in die Tempel der Confucius-Bekenner zu gelangen und ihr Treiben zu studiren. Unmittelbar neben den Altären wird Thee getrunken und Kuchen dazu gegessen, Tabak geraucht und Domino oder Karten gespielt. Träte der Stifter dieser Religion in einen solchen Tempel, er griffe sicherlich, wie seiner Zeit Christus im Tempel zu Jerusalem, zur Geißel. Die Buddhaisten betragen sich in ihren Bethäusern und Klöstern ungleich sittiger. Am 28. April besuchte ich mit meinem Malerapparat einen alten, merkwürdigen Schiffertempel. Er ist von riesigen morschen Banienbäumen beschattet und zwischen großen Felsblöcken errichtet; neben dem Tempel standen mehrere Gruppen Bambusrohr. Eine Partie derselben war mit sauber ausgeschnittenen Papierstiefeln, Geldkisten und Hüten behängt. Man erklärte sie mir als Opfer oder Weihgeschenke andächtiger Frauen. Von hier aus fuhr ich zu Wasser nach dem etwa eine Stunde entfernten Buddhakloster. Ueber wesentliche Abweichungen von der herkömmlichen Bauart wüßte ich nichts zu berichten, nur eine überdachte Gartenhalle überraschte mich. Mehrere hohe und umfangreiche Bäume reichten mit ihren Stämmen und Wipfeln weit über die offene Decke des Saales hinaus, innerhalb der reich decorirten Wände wurden köstliche Blumen in Fülle gezogen. Im blühenden, betäubend duftenden Rosengebüsch saß zwischen den Baumstämmen ein 61 achtzigjähriger chinesischer Bonze; vor ihm stand die dampfende Theekanne. Er war in sein Gebetbuch vertieft, erhob aber bei meiner Annäherung das Haupt und begrüßte mich auf zuvorkommende Weise. Der würdige Herr, vielleicht einer der einflußreichsten Geistlichen des Klosters, sprach etwas Englisch und schien hoch erfreut, seine Sprachkenntnisse erweitern zu können. Ich mußte mich erst geduldig in sein Rothwälsch hineinhören, ehe es mir gelang, einige Sylben zu verstehen. Die Zunge des Alten war schwer, seine Zähne hatte er sämmtlich verloren. Ueberaus höflich, wie alle gebildeteren Chinesen, beeiferte er sich, mich mit Complimenten zu überhäufen. Da vorgerücktes Alter das höchste Ansehen im himmlischen Reiche genießt, kann ein artiger Chinese dem Anderen nichts Angenehmeres erweisen, als wenn er seine zurückgelegten Jahre rühmt. Der achtzigjährige Greis entblödete sich daher nicht, zu mir zu sagen: »Du bist gewiß schon sehr alt? « Die Höflichkeit gebot auf diese Frage die Antwort: » Nicht halb so alt , wie Du, mein Vater!« Der überhöfliche Bonze ergab sich noch nicht: »Mein theurer lieber Vater!« fuhr er fort, »sprich die Wahrheit, gewiß könntest Du mein Großvater sein!« Nun war nichts mehr zu sagen, ich protestire nicht weiter gegen die mir octroyirte Großvaterschaft, schwieg resignirt und trank mit meinem kopfwackelnden »Enkel« eine Tasse Thee. In einer benachbarten Kapelle, in welche mich ein zwischen Gesang und Gewinsel schwebendes Geräusch menschlicher Stimmen lockte, fand ich vier jüngere Bonzen. Sie saßen an einer Art Tisch vor einem vergoldeten Buddha und lasen, sangen oder grunzten aus aufgeschlagenen Büchern Gebete im Quartett. Der Aelteste von ihnen 62 schlug mit einem Stabe fortwährend auf eine große Glocke, die einen dumpfen Ton von sich gab. Als ich nach Besichtigung des Klostergartens, der einen seltenen Reichthum von Zwerggewächsen enthielt, wieder ins Freie trat, kam mir eine Schaar armer Kinder entgegen, die sich inzwischen Bettelns halber versammelt hatten. Keines von ihnen war ohne irgend ein Gebrechen. Ein Drittel war blind, die Uebrigen waren durch Hasenscharten und Knochenfraß des Nasenbeins entstellt. Die beiden letztgenannten Uebel sind in ganz China verbreitet, und ich bin hie und da in Seitenstraßen mancher großen Städte gerathen, wo man vergeblich die höchsten Preise auf eine unversehrte Nase gesetzt hätte. Ich vertheilte alle kleine Münze, die sich in meinen Taschen fand, an die unglücklichen Kinder, und glaubte jetzt unbehelligt davon zu kommen, aber hinter den Kleinen lauerten die herrenlosen Hunde des Klosterreviers auf mich und stimmten ihr Kriegsgeschrei an. Aus Furcht, von ihnen angefallen zu werden, zog ich den Revolver und spannte den Hahn; es war nicht nöthig an die Bestien einen Schuß zu verschwenden. Kaum hörten sie das Knacken, als sie sich sämmtlich in eine ehrerbietige Ferne zurückzogen; ihre Genossenschaft schien üble Erfahrung mit Feuerwaffen gemacht zu haben. Sie begleiteten mich jedoch mit klagendem Geheul bis zur nächsten Hundestation, wo ich auf ähnliche Weise bewillkommnet und verabschiedet wurde. Mein häusliches Leben gestaltete sich ungleich angenehmer, als ich erwarten durfte. Morgens zwischen fünf und sechs Uhr holt einer meiner beiden chinesischen Diener aus dem Haushalte des General-Consuls eine Tasse Thee und ein Brödchen, dann werden die häuslichen 63 Angelegenheiten besorgt, die Kleider und Zimmer gereinigt; um zehn Uhr begebe ich mich zu Herrn von Rehfues und nehme mit ihm und Herrn von Radowitz das Tiffin ein. Oft verleitet uns die anregende Unterhaltung, länger bei Tische zu sitzen, als unsere Geschäfte erlauben; um fünf Uhr finden wir uns zu einem Spaziergange in der Praya granda ein und kehren um sechs Uhr zum Diner in die Wohnung des Herrn von Rehfues zurück. In Gesellschaft der geistreichen und liebenswürdigen Cavaliere schwinden die Stunden wie Minuten. Sie sind unerschöpflich in charakteristischen Mittheilungen über chinesische Eigenthümlichkeiten und geben mir die wichtigsten Fingerzeige, wie und wo ich meine Beobachtungen anzustellen habe. Zuweilen besuchen wir das hiesige, erst seit einigen Tagen mit dem Beginn der Regenzeit eröffnete Theater. Es unterscheidet sich nicht weiter von dem zu Kanton befindlichen, und ist wie dieses lediglich aus Bambusrohr und Palmblätter-Matten erbaut. Von Nägeln weiß diese Baukunst nichts; alle Bestandtheile werden durch Flechtwerk und Knoten von gespaltenem Rohr verbunden. In einer Höhe von ungefähr 50 Fuß über dem Parterre hingen auch hier wieder in dem Rohrgebälk des Dachstuhls viel Gratiszuschauer, ohne daß Jemand von ihnen Notiz nahm. Die hiesige Gesellschaft liefert für ein Eintrittsgeld von 12 Sgr. im ersten Range, Vorstellungen von sechszehnstündiger Dauer, die schon Vormittags beginnen; ich habe daher die günstige Gelegenheit benutzt, mich schon um zwei Uhr einzufinden und in aller Gemächlichkeit eine Aquarelle der Bühne und des Zuschauerraumes anzufertigen. Meine Arbeit wurde nicht durch die Zudringlichkeit der Neugierigen, sondern allein durch die mich zerstreuenden 64 Vorgänge auf der Bühne unterbrochen. Die Gesellschaft führte ein Spektakelstück auf, das mit prachtvollen Kostümen, gellender Musik und ohrenzerreißendem Fistelgesang ausgestattet war. Die Mannichfaltigkeit der Prügel war sehr groß. Ohrfeigen, Fußtritte, Hiebe mit Bambusstöcken und flacher Klinge wechselten unaufhörlich untereinander. Ein häufig angebrachter Effect, den ich zu Gunsten der Hebung unserer deutschen Schaubühne den Theatern zweiten Ranges nicht verschweigen darf, erschien mir ebenso nachdrücklich, wie sinnreich. Sobald ein Acteur eine Maulschelle erhielt, wurde hinter der Scene ein Kanonenschlag abgebrannt, der Geschlagene stürzte jählings zu Boden, sprang aber sogleich wieder auf und floh hinter die Coulissen. Der Zusammenhang der Handlung blieb mir unverständlich, nur so viel begriff ich aus Peripetie und Katastrophe, daß die Heldin des Stückes eine treulose Gattin war, die im Finale ihre Strafe erlitt. Ihr Gemahl, der Arzt seiner Ehre, gebehrdete sich jedoch dabei nicht so romantisch, wie sein College im spanischen Trauerspiele. Die Schuldige wurde auf den Rücken gelegt und empfing eine Anzahl Hiebe mit der flachen Klinge auf den Bauch. Um die unangenehmen Empfindungen auszugleichen, kehrten sie die Schergen alsdann um und applicirten dieselbe Dosis jenem Theile, der zu ihrem Empfange physisch ungleich berechtigter war. Dabei hatte es indeß noch nicht sein Bewenden. Als die Büttel fertig waren, machte sich ein Scharfrichter über die arme Sünderin her und trennte mit einem breiten Schwerte den (künstlichen) Kopf vom Rumpfe. Ein großer rother Lappen stellte das in Strömen fließende Blut vor, doch ließ sich das Opfer dadurch nicht abhalten, aufzuspringen, einen 65 Burzelbaum zu schießen und blitzgeschwind davon zu laufen. Während der Hinrichtung wurde ein brillantes Feuerwerk abgebrannt. Meine Aquarelle war glücklicherweise fertig, als ich durch einen, auf meinen entblößten Kopf fallenden kleinen Gegenstand heftig erschreckt wurde. Der Pinsel entfiel meiner Hand, ich griff nach dem Scheitel, fühlte aber zugleich, daß der unbekannte Gegenstand über den Hinterkopf in wilder Eile den Rücken entlang das Weite suchte. Mein Nachbar, ein junger Bursche, kreischte laut auf und schleuderte die Fußbank nach dem Thiere. Ein auffallend großer Tausendfuß war von der Decke auf meinen Kopf gefallen; mit zerschmettertem Körper zuckte er noch zu meinen Füßen. Vor der Thür des Theaters fand ich außer anderen Sehenswürdigkeiten einen großen Guckkasten, um den sich eine Menge Kinder drängte. Ich warf nur einen Blick hinein, fuhr aber, empört über die Schamlosigkeit der ausgestellten Bilder, rasch zurück. Diese optische Belustigung gehörte unzweifelhaft zu den erlaubten Unterhaltungen und Bildungs-Elementen der unerwachsenen Jugend. So oft es das zwischen Regengüssen und heiterem Himmel bei drückender Hitze schwankende Wetter gestattet, durchforsche ich die specifisch chinesischen Stadttheile Makao's. Für ein Malerauge sind sie, wenn gleich die schmutzigsten, doch immer die interessantesten. Die Verarmung des Ortes, dem Hongkong längst den Rang abgelaufen hat, scheint auch auf die Erwerbsverhältnisse des chinesischen Proletariats sehr nachtheilig eingewirkt zu haben. Beispiele einer Armuth, wie sie hier vorkommt, sind mir selbst in den elendesten Vierteln Kantons nicht begegnet. Viele Wohnungen, in denen ganze Familien hausen, gleichen aus 66 Koth und Rohrsplittern zusammengeklebten Vogelnestern. Wenige Quadratfuß müssen zum Nachtlager eines Haufens nackter Kinder hinreichen. Ein ganzes Straßengeviert besteht nur aus Hütten, wie sie Steinklopfer an unseren Chausséen zum vorübergehenden Schutz gegen Wind und Regen errichten. Familien, die Tag und Nacht in ihren auf den Strand gezogenen Böten zubringen, sind schon als wohlhabend anzusehen. Wird das Boot so schadhaft, daß der Eigenthümer sich dessen nicht mehr zum Fischfange und Strandraub bedienen kann, so wird es umgekehrt, auf Pfähle gestützt und bildet nun ein Schutzdach für die Familie. Hochbejahrte Leute, wenn ihnen die verfaulten Trümmer über dem Kopfe zusammenstürzen, bleiben darunter liegen und ergeben sich, ohne eine Hand zu rühren, in ihr Schicksal. Ich verlasse diese Stätten des Jammers, von denen ich stets mit Ungeziefer bedeckt nach Hause zurückkehre, meistens in tiefer Niedergeschlagenheit; erst der benachbarte Fisch- und Gemüsemarkt erheitert mich wieder durch die bunte Zusammenstellung der Producte. Bei ihrer gewissenhaften Bodencultur und peinlichen Sorgfalt bringen die chinesischen Gärtner ihr Gemüse zur höchsten Vollkommenheit. Gleiches gilt auch von den Blumen. Die Liebhaberei für zierliche Topfgewächse ist unter allen Ständen und Lebensaltern verbreitet. Der ärmste Mann, welcher nur in einem düstern Winkel sein Geschäft treibt, benutzt den hellsten Punkt, um mit einem Faden ein lackirtes Näpfchen, in dem ein Reis grünt, an die Decke zu hängen; die Augenlust des Reichen besteht in Blumenetagèren und herrlichen Gartenanlagen. Die Fische werden auf dem Markte in fließendem Wasser lebendig erhalten; oft vermag 67 ich mich nicht an ihrer Farbenpracht satt zu sehen. Meine Lieblinge sind die in allen Tönen des Spectrums schillernden kleinen Delphine und eine Art dunkelrosenrother Aale. Der Fischmarkt ist zugleich ein Lieblingsort der Wahrsager. Sie sitzen vor kleinen geschnitzten Tempeln und ziehen daraus gegen eine geringe Geldentschädigung die Nummern, welche man in der Lotterie besetzen soll. Ein chinesisches Leichenbegängniß, das an meiner Wohnung vorüberzog, konnte ich sehr bequem vom Fenster aus betrachten. Von weitem gesehen, glich das Ganze einem theatralischen Aufzuge, erst in der Nähe sah man, daß es sich um den bittern Ernst der Nothwendigkeit handle. Das Modell eines Tempels wurde vorausgetragen, ein Musikchor folgte und ließ die nationalen Schlaginstrumente erschallen; vor dem Sarge schwang man Fahnen und Trophäen. Die Form des Sarges glich der bei uns gebräuchlichen, doch war er mit einer rothseidenen, goldgestickten Decke verhüllt. Vierzehn Kalis trugen ihn an Bambusstangen auf den Schultern. Eine Frau ging nebenher und hatte die Hand auf den Sarg gelegt. Nach meiner Vermuthung war sie Wittwe, wenn gleich kein sonstiges Zeichen der Trauer dafür sprach. Madame widmete dem Verblichenen auch nicht eine Thräne, dafür war eine Schaar von Klageweibern engagirt, die den Sarg umgaben und ein Wehgeheul ausstießen, das im Stande gewesen wäre, einen Scheintodten zu erwecken. Noch heute in der Erinnerung empört über diesen Spektakel, will ich gleich einer Eigenthümlichkeit der chinesischen Kinder erwähnen, die zu dem Widerwärtigsten gehört, was ich in jenem merkwürdigen Lande kennen gelernt habe. 68 Bälger unter zehn Jahren setzen sich plötzlich mitten in eine belebte Straße und erheben aus heiler Haut und voller Brust ein lautes Geschrei. Niemals habe ich bemerkt, daß die Angehörigen, insofern sie sich in der Nähe befanden, oder die Vorübergehenden ihnen Einhalt geboten hätten. Anfangs hielt ich, da die brüllenden Geschöpfe mit Händen und Füßen strampelten, diese vocale Kraftäußerung für einen convulsivischen Anfall; die Kunstpausen der Schreier, in denen sie frech und prüfend um sich blickten, machten mich irre an meiner Diagnose. Nach einer Viertelstunde erhoben sich die Unholde und gingen erfrischt von dannen. Sollte das Verfahren vielleicht gar ein innerliches heilgymnastisches Exercitium zum Ausweiten der Lungen sein? So viel ich mich erinnere, pflegen glückliche Eltern sich über das Geschrei ihrer Baby's durch die Annahme zu trösten, denselben stehe kein anderes Mittel zu Gebote, sich körperliche Bewegung zu machen. Bewahre uns der Himmel vor Einführung dieses Verfahrens in die heimischen orthopädischen Institute und Streckanstalten. An einem ungewöhnlich kühlen Abende begaben wir uns, die Herren von Rehfues, von Radowitz und ich, in die Spielhausstraße. Wir mußten vorher den übelriechenden Fleischmarkt durchkreuzen und die Elfuhrstraße passiren. In dieser Gegend liegt ein Spiellokal neben dem andern. Wir besuchten ihrer mehrere, in der Einrichtung herrschte jedoch, wie in den meisten Geschäftszweigen der chinesischen Industrie, eine solche Monotonie, daß wir uns den Wechsel der Lokalitäten hätten ersparen können. Der Spielsalon bestand aus einem Parterregeschoß und einer oberen Gallerie. Unten nahmen die minder angesehenen Leute, oben die 69 Honoratioren Platz. Der Spieltisch stand in der Mitte des Salons, und zwar so, daß mit leichter Mühe auch von der Gallerie aus pointirt werden konnte. Der Spieler ließ in einem Körbchen an einer Schnur den jedesmaligen Einsatz hinab und verständigte sich durch einen Laut oder Wink mit den Bankhaltern und hilfeleistenden Croupiers. Die in den verschiedenen Räumlichkeiten betriebenen Spiele waren mir größtentheils unverständlich, nur das beliebteste derselben, ein Seitenstück zu dem pair und impair der Roulette, war leicht zu begreifen. In der Mitte des Tisches vor dem Banquier lag ein Haufen glänzend polirter Cash, der niedrigsten Geldmünze des Reiches. Die Einsätze wurden gemacht, der Banquier griff mit beiden Händen in den Metallhaufen und thürmte einen Hügel Cash vor sich auf. Jetzt begann das Spiel. Er nahm zwei Holzstäbchen und schob mit ihnen zwar rasch, aber doch nicht so eilig, daß ein Fehler, oder eine absichtliche Täuschung vorkommen konnte, immer zwei Bronzemünzen bei Seite. Für die Pointeure kam zuletzt Alles darauf an, ob ein oder zwei Stücke übrig blieben. Die Gewinne wurden ausgezahlt, die Verluste eingestrichen, und die Partie begann von Neuem. An die Hast und krallende Habgier der Croupiers in den rheinischen Spielbädern gewöhnt, berührte mich die Ruhe und Gemessenheit der chinesischen Bankbeamten und Spieler sehr angenehm. Die Einsätze waren nirgends hoch, und doch muß das Hazardspiel zu Makao für den Pächter einen erklecklichen Gewinn abwerfen. Nach der Aussage meiner Gesellschaften beläuft sich die jährliche Pachtsumme auf 90,000 Dollars, aber die Zahl der Spielhäuser soll auch mehr als fünfzig betragen. In einigen Lokalen bediente 70 man sich der Karten, und dieses Spiel flößte mir allerdings einiges Mißtrauen ein, sowohl was die Physiognomien der Croupiers, als der Pointeurs anlangt. Die chinesischen Karten sind nicht länger und breiter als der Zeigefinger einer Manneshand; in den Farben und der Signatur ist einige Aehnlichkeit mit den groben deutschen Spielkarten vorhanden, doch giebt es mehrere Sorten von verschiedener Feinheit. Das Spiel schien ziemlich verwickelt zu sein, und die Betheiligten folgten seinen Chancen mit vieler Lebhaftigkeit. In allen diesen Salons stehen Cigarren, Taback und Thee den Gästen unentgeltlich zur Verfügung. Wir spielten weder, noch bedienten wir uns der erwähnten Erfrischungen. Es war ein Uhr Nachts, als wir bei taghellem Mondenschein in Begleitung eines alten portugiesischen Herrn, der einen ansehnlichen Gewinn gemacht haben mochte, und aus Furcht, ausgeplündert zu werden, um Erlaubniß bat, sich uns anschließen zu dürfen, nach Hause zurückkehrten. Meine Diener waren noch munter und vortrefflich gelaunt; der Vollmondschein hatte auf ihre Rattenjagd vortheilhaft eingewirkt. Die erlegten Thiere waren zu Zweien mit den Schwänzen zusammengeknüpft und im Vorzimmer über ein Bambusrohr gehängt. 71 VI. Extrafahrten zwischen Kanton und Macao. Der erste Kunstfreund. Camoëns ohne Nase. Die Maler Ye Chung und Wo Hang. Ein Theekoster. Zur Ehre des Hauses. Für die europäischen Ansiedler in Kanton und Hongkong bildet Macao die nächste Sommerfrische. Die nordamerikanischen Unternehmer arrangiren in der Nacht vom Sonnabend zu Sonntag Extrafahrten, der Dampfer geht um 12 Uhr von Honam (Kanton) ab, nimmt Morgens bei guter Zeit die Passagiere von Hongkong ein und kommt noch früh genug nach Macao, um den in Kanton und Hongkong ausgedörrten Vergnüglingen 10 bis 12 Stunden der Erholung im Genuß der kühlen Brise zu verschaffen. Anderweitige Zerstreuungen sind nicht vorhanden, es sei denn, die Ankömmlinge fühlten sich gedrungen, einen Besuch in den Blumenhäusern, die hier die Blumenböte vertreten, abzustatten. Die Rückfahrt wird in der Nacht angetreten; am Montagmorgen sind alle Kaufherren und Handlungsgehilfen wieder in ihren Comptoirs. Begütertere Chinesen haben nachgerade Geschmack an dergleichen Sonntagspartien gefunden und nehmen keinen Anstand mehr, sich den Europäern anzuschließen. 72 Sicherlich bringt uns der heutige Sonntag (10. Mai) bei der entzückenden Frische der Seeluft einen ansehnlichen Schub herüber. Auf den Kirchenbesuch habe ich verzichtet, da mein Unstern wollte, daß die alten katholischen Gotteshäuser Macao's immer verschlossen waren, so oft ich mich auch um Einlaß bemühte. Sie mögen schon geraume Zeit hindurch nicht mehr zum Gottesdienst benutzt werden, auch ist meine heutige Stimmung nicht von der Art, um für das Heil des unsterblichen Theiles im Menschen Sorge zu tragen. Mein Herz wird zu sehr von irdischen Drangsalen belastet. Um 8 Uhr Morgens erschien mein hiesiger Waschmann, ein schwärzlicher Chinese, und brachte mir meine leinenen und wollenen Hemden in einem Zustande zurück, der eine sofortige Renovirung des gesammten Wäschbestandes bedingte. Ich habe meine Wäsche unter den verschiedensten Himmelsstrichen des Erdballes reinigen lassen, aber in Indien, Siam und China ist mit ihr am erbarmungslosesten umgegangen worden. Die aus Europa mitgenommenen Stücke haben sich noch am besten gehalten, ein nachträglich in Calcutta gekauftes halbes Dutzend wollener Hemden war überhaupt dem asiatischen Waschverfahren nicht gewachsen. Gleich nach dem ersten landesüblichen Reinigungsprozeß waren sie dergestalt eingelaufen, daß ich kaum noch hineinzukriechen vermochte. Die chinesischen Hände haben ihnen den Rest gegeben. Jetzt bestehen sie eigentlich nur noch aus zerfaserten Knopflöchern und abgerissenen Knöpfen. Mit meinem Waschmann darf ich nicht grollen; das Hemde ist im himmlischen Reiche ein unbekannter Gegenstand. Bei der lieblichen Temperatur war die 73 Vormittagspromenade auf der Praya granda ungemein angenehm; ich wurde mehreren Herren vorgestellt, deren Bekanntschaft ich bisher noch nicht gemacht hatte. Unter ihnen befand sich auch ein Publicist, wenngleich in Macao keine Zeitung existirt und die Einwohner ihre literarischen Bedürfnisse durch die zu Hongkong erscheinende Zeitung decken. Besagter Herr, ein reicher Engländer, hatte eine kleine Broschüre über ein mir nicht bekanntes Thema geschrieben und ließ diese in der portugiesischen Druckerei zu Macao veröffentlichen. Schon die Anfertigung des Satzes war jedoch mit großen Schwierigkeiten verbunden, an S und K war ein empfindlicher Mangel vorhanden, und der Verfasser äußerte gegen mich Besorgnisse, diese Buchstaben durch andere, nicht zu unähnliche ersetzen zu müssen. Das Gemüth des gelehrten Mannes war schwer belastet, dennoch drang ich mit meinem Vorschlage: die Broschüre in Hongkong drucken zu lassen, nicht durch. Er ändere täglich und müsse das zu setzende Manuscript fortwährend unter Augen behalten. Nächstdem wurde ich mit dem amerikanischen Viceconsul bekannt, so viel ich weiß, dem einzigen Kunstsammler in Vorder- und Hinter-Indien und China. Ich begleitete ihn in sein prachtvoll gelegenes und eingerichtetes Haus und nahm die dort aufgestellte Gallerie in Augenschein. Sie bestand aus einigen zwanzig schlechten Copien mittelmäßiger Bilder, stümperhaften Bleistift- und Federzeichnungen, und mehreren sechs oder acht Zoll hohen und breiten Oelskizzen, Arbeiten eines englischen Dilettanten, der sich längere Zeit in Macao aufgehalten. Die Augen des Viceconsuls verklärten sich, als wir in diesen Kunsttempel traten, die Prosa des kaufmännischen Daseins blieb 74 weit hinter ihm zurück; hier lebte er in der reineren Sphäre der Kunst. Es blieb mir nichts anderes übrig, als seine Schätze zu loben, und ich hatte die Genugthuung, meine Begeisterung herablassend aufgenommen zu sehen. Der neue Mäcenas erbot sich, mir die Bleistiftstümpereien eine Zeitlang zum Studium zu überlassen, und schien fast ungehalten, als ich versprach, in einer späteren Zeit von seinem gütigen Anerbieten Gebrauch zu machen. Nur mit Mühe entging ich der Einladung zum Diner. Auf die Empfehlung meines kunstsinnigen Gönners besuchte ich noch an demselben Vormittage das Atelier eines chinesischen Malers, dessen Talent mir von dem Viceconsul empfohlen worden war. Ich bereute den etwas weiten Gang um so weniger, als ich eine für mich durchaus neue Beobachtung machte. Jeder Chinese hält den Zopf, obgleich sein Stamm ihn erst seit zwei Jahrhunderten trägt, nicht allein für ein nationales Abzeichen, sondern auch für ein Attribut der Schönheit. Der Künstler, dessen Stärke in Copien alter Kirchenbilder zu bestehen schien, hatte daher für nöthig erachtet, allen von ihm nachgebildeten Aposteln und Heiligen – einen Zopf anzusetzen. Sogar das auf dem Schooß einer Madonna mit geschlitzten Augen sitzende Christkind trug ein niedliches Zöpflein, und der naive Raphael hatte außerdem die heilige Jungfrau durch die verkümmerten Füßchen der Chinesinnen zu verschönern gesucht. Selbstverständlich war in allen diesen Machwerken keine Spur von Kunstsinn zu entdecken, der gewissenhafte Copist hatte selbst den zolldicken Schmutz, der das Original des letzten Bildes bedeckte, treulich nachgeknechtet. Mein asiatischer College theilte sein Verkaufslokal mit fünf Schuhmachern, die still und zufrieden 75 unter den bezopften Heiligen saßen, aus Filz dicke Sohlen schnitten und das Ober- und Hackenleder daran nähten. Die erwähnte literarische Begegnung hatte mich rechtzeitig an den großen portugiesischen Dichter Camoëns erinnert, der in Macao die traurigen Tage seiner Verbannung durch die Schöpfung seiner Lusiade, die epische Verherrlichung der Thaten des Vasco de Gama erheitert hat. Noch zeigt man ein kleines Gebäude mit einer unermeßlichen Aussicht auf den Ocean, die Stätte, wo Camoëns besonders seinen dichterischen Träumen nachgehangen haben soll. Wir wandelten in den späteren Nachmittagstunden durch den verwilderten, aber hochromantischen Garten, der den ehemaligen Wohnsitz des unglücklichen Sängers umgab, schrieben unsere Namen in das an der Pforte ausgelegte Fremdenbuch, da das Grundstück zum Privatbesitz einer portugiesischen Familie gehört, zahlten ein Eintrittsgeld von zwei Schilling für die Person und besichtigten schließlich die in einer Grotte aufgestellte Büste des Dichters. Das Mißgeschick, welches ihn im Leben unausgesetzt verfolgt, hat sich auch auf sein Abbild erstreckt. Es war nicht genug, daß Camoëns bei einer königlichen Pension von fünf und zwanzig Thalern jährlich, sein Leben nur mit Hilfe eines aus Indien mitgebrachten Sclaven zu fristen vermochte, der Nachts für seinen unglücklichen Gebieter bettelte; Jahrhunderte nach Camoëns Ableben hat sich ein Engländer seiner Büste erbarmt, den Knebelbart (ich lasse es dahingestellt sein, ob nicht auch die Nase) abgeschlagen und als Andenken an den Sänger der Lusiade mitgenommen. Am nächsten Tage, während dessen die frische Temperatur anhielt, machten wir eine Land- und Wasserpartie zu den 76 sogenannten klingenden Felsen ( ringing rocks ). Wir setzten über die innere Bai, wanderten vom Strande aus durch ein idyllisches Thal, in dem ein munterer Waldbach mehrere klappernde Reismühlen lustig trieb und kamen endlich in eine öde Landschaft, die weithin mit dunklen Felstrümmern bedeckt war. Es bedurfte längerer Nachforschungen unter dem brüchigen Gestein, ehe unser chinesischer Cicerone die Stellen aufgefunden hatte, welche, heftig mit einem anderen Stein angeschlagen, einen metallisch hellen Klang von sich gaben. Das akustische Phänomen gewährte keinen Ersatz für die anstrengende Expedition. Die chinesischen Bootsmädchen, die nur eine Alte zurückgelassen und uns in das Innere des Landes begleitet hatten, schienen uns die Verstimmung anzumerken. Sie entwickelten alle Künste der Circe, um uns zu trösten, und wir waren schließlich zu handgreiflichen Zurechtweisungen gezwungen, da die Grazien im felsenfesten Vertrauen auf ihre Reize auf eine lästige Weise zudringlich wurden. Während der Rückfahrt hatten wir bei der tiefen Windstille Gelegenheit, den Reichthum dieser spiegelglatten Meerestiefe an Fischen zu beobachten. Sehr viel soll der Eifer dazu beitragen, mit dem die Chinesen den gefräßigen Hayfischen nachstellen, die, keine Kostverächter, Alles verschlingen, was ihnen zu nahe kommt, den elenden Stint so gut, wie den über Bord fallenden kleinen Chinesen mit dem Rettungstönnchen auf dem Rücken. Bei der Kostspieligkeit der Hayfischflossen, als eines der feinsten Leckerbissen, ist der Fang dieser Raubthiere sehr lohnend und trägt viel zur Schonung der Fischzucht bei, obgleich die Hayfische in den Gewässern von Hongkong und Macao noch immer so zahlreich sind, daß alle Landsleute mich 77 dringend warnten, in offener See, sei es am Strande, sei es neben dem Boote, zu baden. Heute kam uns keines der Ungeheuer zu Gesicht, die Bewohner der Tiefe führten nur den gewöhnlichen kleinen Krieg um die Existenz, sie blieben von den Anfechtungen des Meertyrannen verschont, der sie bei seinem Heißhunger maaßweise verschlingt. Die Ermittelung einer passenden Schiffsgelegenheit zur Fortsetzung meiner Reise forderte meine Rückkehr nach Hongkong. Am 13. Mai Mittags 12 Uhr machte ich mich auf den Weg und erreichte nach einer herrlichen, vom Monsoon beflügelten Fahrt schon um 4 Uhr den Ort meiner Bestimmung. Unterwegs hatte ich mich sehr gut unterhalten. So klein der amerikanische Dampfer war, so groß war sein Capitän. Nach den angestellten athletischen Proben schien er persönlich der Maschine seines winzigen Schiffes noch um anderthalb bis zwei Pferdekräfte überlegen zu sein. Ich habe weder vorher noch nachher einen riesigeren Mann gesehen; auf dem Verdeck lag nichts, das er nicht aufzuheben oder doch in Bewegung zu setzen vermochte. Nach den stillen Tagen in Macao überraschte mich das Leben auf der Rhede von Hongkong. Wir sind in einem dichten Walde von Schiffsmasten vor Anker gegangen, und ich selber habe wieder in dem Kreise der liebenswürdigen Familie Wiese (Siemssen und Comp.) gastliche Aufnahme gefunden. Die Neuigkeit des Tages war die eben von Kanton eingetroffene Nachricht: die neuerbaute englische Kirche sei eingestürzt. Freudiger überrascht wurde das Publikum der Abendbörse durch die Ankunft eines dänischen Pinkschiffes, das schon vor 108 Tagen von Java ausgelaufen und auf Grund seines langen Ausbleibens seit vier Wochen in 78 Dänemark als »todt« gemeldet worden war. Nach dem Seemannsausdruck hatte das Schiff durch seine Zeiteinbuße eine Menge Geld »zurückgefahren«. In Gemeinschaft mit Herrn von Radowitz, den gleichfalls Geschäfte nach Hongkong geführt, wurde am 14. Mai bei regnerischem, aber angenehmem Wetter eine große Tour um die Stadt veranstaltet. Das bunte Treiben vor dem stattlichen Tempel am Marktplatz fesselte uns fast eine Stunde, dann wurden einige bedeutende Anhöhen der Umgebung Hongkong's erklettert und die Umrisse der hohen Gebirge des benachbarten Festlandes Cowloon flüchtig zu Papier gebracht. Wir behielten noch Zeit übrig, einen Kunstgenossen in seinem Atelier zu besuchen. Den Meister selber fanden wir nicht nach gewohnter Weise im ersten Stockwerk. Die Räumlichkeit mochte ihm zu dunkel sein; er hatte nur die Eleven darin untergebracht. Die Leistungen der Jungen sowohl wie ihres Principals erhoben sich nicht über den Standpunkt der Anstreicherei. Etwas besser sah es in zwei Ateliers aus, die ich am folgenden Tage heimsuchte. Der Kunstzweig jedes Malers wurde durch große Aushängeschilder angezeigt. Die Kundschaft der beiden Herren beschränkte sich wohl nur auf eingewanderte Kunstfreunde, denn die Inschriften waren im Pidjen Englisch abgefaßt. Herr Ye Chung war »Landschaftsmaler und Porträt« ( Landscap painter and portrait ). Herr Wo Hang »Landschaftsmaler und Schiff« ( Landscap painter and ship from Canton ). Letzterer war sehr stark beschäftigt. Zur Erinnerung an ihre Reise bringen alle Schiffscapitäne gern ein in China verfertigtes Bild ihres Fahrzeuges nach Europa zurück, in 79 dem Laden des Herrn Wo Hang war also eine Anzahl von Seestücken bis auf das Schiffsporträt selber vorbereitet. Ich unterschied zwei Klassen von Hintergründen: eine stille See und ein vom Teifun bewegtes Meer, beide wie durch die Schablone gemalt. Je nach der Bestellung des Kunden wird das Schiff desselben mit ungeheuerlich großer Flagge hineingemalt. Gewöhnlich lassen die Schiffscapitäne beide Sorten anfertigen. Wo Hang war eifrig beschäftigt und behandelte mich, nachdem er sich vergewissert, daß ich keinen Auftrag für ihn hätte, wenn auch höflich, doch etwas geringschätzig. Er lächelte verächtlich, als ich ihn auf die unbehilfliche Art der Chinesen: den Pinsel in der Faust und nicht mit dem Daumen und Zeigefinger zu halten, aufmerksam machte, und belehrte mich, sich pathetisch aufsteifend, daß dies die einzig richtige Methode sei, Gemälde » numbel one « (Nr. 1) zu vollenden. Bei Herrn Ye Chung gerieth ich mitten in eine Sitzung. Ein deutscher Schiffscapitän hatte sich bei ihm malen lassen und das Porträt näherte sich seiner Vollendung. Der würdige Seemann gedachte das Bild seiner Frau zu senden und erkundigte sich, wie ich damit zufrieden sei. Es wäre ein Frevel gewesen, dem Landsmanne zu verschweigen, daß die Aehnlichkeit noch Manches zu wünschen übrig lasse. Wundersamer Weise schien mein Urtheil den Auftraggeber eher zu befriedigen, als zu betrüben. Er setzte mir auseinander, wie es durchaus nicht darauf ankomme, daß seine Frau ihn gleich im ersten Moment wieder erkenne; es läge ihm alles daran, sie zu – überraschen; die Freude sei desto größer, wenn die Aehnlichkeit erst allmälig herausgefunden würde! Die weitere Debatte über diesen neuen künstlerischen 80 Standpunkt und seine Logik schien mir überflüssig. Der gute Landsmann war mit der Malerei Ye Chungs so zufrieden, daß er ihn bewogen hatte, auch die Ehegattin – nach mündlicher Beschreibung zu malen. Mein Freund, Professor Richter in Berlin, braucht vor der Concurrenz nicht zu zittern. In Betreff des männlichen Porträts hatte sich Ye Chung leidlich der europäischen Gesichtsbildung bequemt, wiewohl in der Haltung des Kopfes und Körpers das steifleinene Chinesenthum durchblickte; in dem Conterfei des Ehegesponses war ihm die Nationalphantasie mit dem Pinsel durchgegangen. Madame mußte von Jedermann für eine echte Chinesin gehalten werden. Das Porträt war im Ganzen fertig, nur die Augen fehlten noch. Der Ehegatte konnte sich ihrer Farbe nicht erinnern und zögerte deshalb mit der Anweisung; es gewährte ihm einigen Trost, daß seine Gemahlin über die Farbe seiner Augen nicht besser unterrichtet sein werde. Wir verließen das Atelier zu gleicher Zeit und ich begleitete den Capitän zu einem benachbarten Schuhmacher, der nach einem vorgelegten Muster für ihn ein Paar neue schwarze Lackstiefel angefertigt hatte. Der Kostenpreis betrug achtzehn Dollars. Ob die Arbeit diesem hohen Preise entsprach, wage ich nicht zu entscheiden; der Lack des Leders ließ aber Alles hinter sich, was Europa in dieser Hinsicht zu liefern vermag. Man weiß, wie weit China und Japan uns in der Lackfabrikation überlegen sind, aber erst an Ort und Stelle lernt man die Bedeutung dieses zierlichen Deckstoffes für die Ornamentik kennen. Es ist ein Irrthum, wenn man glaubt, daß der Chinese sich zum häuslichen Gebrauch des Porzellans bedient. Teller und Tassen, Schüsseln und Trinkgefäße werden aus Holz 81 angefertigt und lackirt. Der Lack ist so dauerhaft, daß er sogar unter der Siedehitze nicht leidet. In China wird Alles lackirt. Hat ein Handwerker von einigem Wohlstande es so weit gebracht, in seiner Wohnung, statt des gewöhnlichen Fußbodens von Lehm oder Bambusscheitern, einen Bretterestrich zu erschwingen, das Ideal seines Comforts, so überzieht er ihn sogleich mit dem köstlichen Lack. Die Thüren, die Wände und Decken stehen damit überall im Einklange. Nach längerem Aufenthalte in Kanton, Hongkong und Macao bin ich dahinter gekommen, daß auch der Chinese gewisse immer wiederkehrende Namen im nationalen Namenslexikon zählt. Bei uns heißen sie Schmidt, Lehmann, Müller und Schulze; in China Ahoy und Sing Ping . Ich glaube bemerkt zu haben, daß Beide sich vorzugsweise gern, wenn auch nur nebenbei, mit dem Branntweinverkauf beschäftigen. Oft las ich auf Schildern: Ahoy, Bootmaker and brandy , Sing Ping, Taylor and spirits . Auf unseren Fußtouren machen wir oft die seltsamsten Entdeckungen. So fanden wir einen Berliner, Herrn Ladendorff, als Vorsteher eines Instituts für Besserung elternloser und verwahrloster Kinder. Der Menschenfreund hatte dasselbe schon vor Jahren gestiftet und manche glückliche Erfolge erreicht. Wir warten auf Sr. Maj. Schiff die Gazelle , und unsere Geduld wird stark in Anspruch genommen. Im Leben der großen Handelsherren beruht ein hochwichtiges Moment in der richtigen Ankunft ihrer Schiffe. Gegen Sonnenuntergang findet man daher stets einige von ihnen auf Höhepunkten an der Küste. So erwartete Herr Wiese am 17. Mai ein mit Reis beladenes Schiff aus Bangkok. 82 Falls das Schiff an dem contractlich bestimmten Datum nach Sonnenuntergang ankam, brauchte der chinesische Abnehmer für die Ladung 12,000 Dollars weniger zu entrichten; mein gütiger Wirth hatte daher gerechte Ursache, nach seiner Dschunke scharf auszuschauen. Wir stiegen schon um 5 Uhr Nachmittags, mit Fernröhren bewaffnet, die Höhe hinan und musterten eifrig den Horizont, aber die Sonne sank, die Dunkelheit brach herein und das Schiff blieb aus. Erst zwischen neun und zehn Uhr verkündete es durch Leuchtfeuer seine Annäherung: 12,000 Dollars waren eingebüßt. Herr Wiese ertrug den Verlust mit so guter Manier, wie nach der Erzählung des Ritters Hans von Schweinichen der Millionär Fugger in Augsburg den Verlust eines Schiffes aus venetianischem Glase, das, zum Tafelaufsatz bestimmt, beim Hereintragen von einem ungeschickten Diener zu Boden geworfen wurde. Das Wetter ist, da der Passatwind (Monsoon) gegenwärtig seine Richtung (von Nordost nach Südwest) wechselt, sehr stürmisch; in Macao ist nach den letzten Meldungen der Sturmwind sogar schon in einen förmlichen Teifun ausgeartet. Die Hitze nimmt zu und die Ankunft des ersten, nach einer Seefahrt von fünf Monaten aus New-York anlangenden Eisschiffes wird von der europäischen Bevölkerung mit Entzücken begrüßt. Es wurden für die laufende Saison noch zwei andere erwartet, allein später erfuhr ich, daß Beide von dem südstaatlichen Kaper Alabama mit Beschlag belegt und in den Grund gebohrt worden seien. Die Flagge des Schiffes wehte vom halben Mast herab. Der Capitän war vor drei Tagen von einem der Matrosen erstochen worden. Auf Befehl des Steuermanns hatte die 83 Mannschaft den Mörder in Eisen gelegt, der Leichnam des Capitäns war zur Erhärtung des Thatbestandes in der Cajüte eingeschlossen geblieben; man wird sich den Zustand der Leiche ausmalen können. Der Mörder wurde der Gerechtigkeit übergeben, allein die Engländer hielten sich nicht für competent; sie beschlossen, den Verbrecher mit dem nächstanlangenden Schiffe wohlverwahrt in seine Heimath zurückzuschicken und den Nordamerikanern das Criminalverfahren anheimzustellen. Die Vorkehrungen, welche gegen die demnächst zu erwartenden Teifune getroffen werden, sind geeignet, dem Unbefangenen Besorgnisse einzuflößen. Die Unterschiede in den beiderseitigen Weltanschauungen treten deutlich hervor. Die Europäer machen Alles niet- und nagelfest, die Flaggenstangen auf den Consulatsgebäuden werden abgenommen, die Dachlucken hermetisch verschlossen, und die Läden aller leerstehenden Zimmer fest zugemacht; die Chinesen eilen in ihren Tempel, verbrennen Opferpapier, werfen Feuerwerk in die See und besuchen die Gräber ihrer Vorfahren! Die Eigenthümer großer Gebäude sorgen dafür, dem gefürchteten Wirbelwinde so wenig Widerstand wie möglich entgegenzusetzen. Die Chinesen halten in solchen Fällen für wirksamer, einige bemalte Talglichte mit vielen Verbeugungen vor dem Götzen anzuzünden, ein Bündel brennender Opferstäbchen ( Joss sticks ) in ein Sandgefäß zu stecken, und eine Portion Reis und Schweinebraten nebst dazu gehöriger Visitenkarte auf die Grabstätten der Ahnen zu legen. Sind sie bei Kasse, so werden noch einige Dutzend Schwärmer vor dem Tempel abgebrannt. Meine Handelskenntnisse werden nebenbei bereichert; von 84 diesen unaufhörlichen Unterhaltungen über Opium, Seide und Thee bleibt doch immer etwas sitzen. Die Bildung meiner Zunge für die Unterscheidung der Sorten des Nationalgetränks macht Fortschritte, doch bin ich noch weit von der Ergründung der letzten Geheimnisse entfernt. Von welchem Gewicht für das Geschäft die Feinheit der Zunge ist, erhellt daraus, daß ein Theekoster erster Qualität ein Jahrgehalt von 1000 Pfd. Sterling nebst freier Wohnung und Station erhält. In dieser Geldwelt, unter diesen Großhändlern, die nach Anhäufung von vielen Millionen, die ihnen den Genuß aller geistigen Güter der civilisirten Heimath sichern würden, doch in dem bösartigen Klima aushalten, um, wie sie sagen, nun noch einige Jahre lediglich »für die Ehre des Hauses« zu arbeiten, überfällt mich nicht selten ein unphilosophischer und unkünstlerischer Kleinmuth. Bei derartigen Gemüthszuständen flüchte ich in die Gesellschaft der Frauen; den Hauch der Poesie wissen sie in ihrem Gespräch länger zu erhalten, als die Männer. Ich bin schon zufrieden, den Posten eines Vorlesers bekleiden zu können, und so dem Thee und Opium zu entgehen. 85 VII. Fliegende Ameisen. Meuterei und Blattern. Die Piratenstraße. Zopftoilette und Zopfspiel. Die Barbiere und ihre Kosmetik. Verkrüppelte Füße. Der Fächer. Verfehlte Sprach- und Schreibstudien. Das Drachenfest. Todesgedanken und Unruhen. In der Annahme des längeren Ausbleibens der Gazelle mache ich mich auf einen mehrwöchentlichen Aufenthalt in Hongkong gefaßt und treffe danach meine Vorkehrungen. Die Arbeit im Freien wird nur zu meinem gerechten Kummer durch das Klima des unglücklich gelegenen Ortes erschwert. Die Seebrise ist durch die Bergwand im Rücken der Stadt abgesperrt, und die Hitze mahnt mich oft genug an die Temperatur von Calcutta und Bangkok. Meine Achtung vor den asiatischen Insecten steigt mit jedem Tage; die Vielseitigkeit dieses Geschlechtes, höher organisirten Wesen Leiden zu bereiten, ist unerschöpflich. In meiner Häuslichkeit habe ich bei der Ordnung und Reinlichkeit einer annähernd europäisch organisirten Wirthschaft über das Ungeziefer keine Klagen zu führen, denn selbst die Cockroaches zeigen sich nur einzeln, als Versprengte; die letzten regnerischen Tage haben uns eine neue Plage gebracht. Die Ameisen befinden sich in ihrem Umwandlungsprozeß, und 86 durch alle Fenster dringen dichte Wolken der jetzt geflügelten Insecten. Zwar plagen sie uns nicht mit Stacheln, aber auch ihre unbewaffnete Zudringlichkeit ist unerträglich. Sie bestehen hartnäckig auf ihrem Niederlassungsrecht im menschlichen Gesicht und sind, da sie sich in ihren gegenwärtigen geselligen Neigungen immer paarweise ansiedeln, schlechterdings nicht zu vertreiben. Es bleibt zuletzt nichts übrig, als sich durch ein Selbstmaulschellirungs-Verfahren ihrer zu entledigen. Die Unsicherheit der hiesigen Zustände wird mir täglich zu Gemüthe geführt; ungeachtet der englischen Gerichtshöfe fühlt man das Walten des Faustrechts heraus. So kamen am 19. Mai allein zwei Prozesse wegen Meuterei auf Schiffen europäischer Rheder vor. Auf dem ersten hatten die Matrosen und der Steuermann dem Capitain mit Gift nachgestellt, auf dem zweiten war der Steuermann von der chinesischen Mannschaft in's Wasser geworfen worden. Fälle von See- und Straßenraub stehen in Hongkong auf der Tagesordnung. Um dergleichen Verbrechen möglichst zu verhindern, ist den Chinesen verboten, sich in dem europäischen Stadtviertel nach acht Uhr Abends und vor Sonnenaufgang in den Straßen sehen zu lassen. Nur mit gut beleumundeten Personen wird eine Ausnahme gemacht, doch sind auch sie verpflichtet, ihre Legitimation bei sich zu tragen. Fast kein Schiff kommt in unseren Hafen, das nicht irgend eine Unannehmlichkeit an Bord mitbrächte. Am 25. Mai traf der »Prinz Regent« aus Stettin ein. Der Steuermann und ein Matrose hatten sich auf der Ueberfahrt mit dem Capitän veruneinigt und ihm die Arbeit gekündigt. 87 Sie treten alsdann in die Kategorie der Passagiere, büßen ihren Gehalt ein und haben später die genossene Verpflegung aus eigener Tasche zu bezahlen; liegt keine Meuterei vor, so sind sie weiter nicht straffällig. Ein Hamburger Dreimaster brachte am nächsten Tage die Pockenepidemie mit und wurde daher sogleich im Quarantainehafen abgesperrt. An statistischen Berechnungen fehlt es, aber nach den von Blatternarben zerrissenen Gesichtern, die mir in den chinesischen Städten begegnet sind, muß die Krankheit im himmlischen Reiche furchtbar grassiren. Unsere Besorgnisse steigen, da das eben von Singapore anlangende Dampfschiff die Nachricht bringt, der nächste französische Postdampfer habe eine Menge Pockenkranker an Bord. Der am 25. Mai gefeierte Geburtstag der Königin Victoria konnte in diesen Calamitäten als eine erfreuliche Episode angesehen werden. Abends fünf Uhr fand eine Parade statt, auf der eben so eifrig kanonirt, wie musicirt wurde. Von den beiden Musikbanden blies die der Seapoys noch am besten, während das Gebläse der Engländer unter aller Kritik war. In den Musikcorps der Truppen in Indien und China habe ich als Directoren noch überall Deutsche wiedererkannt. Mein Lieblingsausflug in Hongkong ist ungeachtet aller Warnungen nach der Piratenstraße gerichtet. Sie verdankt diesen wenig einladenden Namen einigen Mordthaten und vielen Raubanfällen, die sich ihre Bevölkerung hat zu Schulden kommen lassen. Die Piratenstraße zieht sich die Höhe hinab und mündet hart am Meeresstrande, so daß man von hier aus einen ziemlich vollständigen Ueberblick genießt. Ich pflege mir daher bei der Reichhaltigkeit des malerischen Materials hier unter meinem Malerschirm regelmäßig ein 88 fliegendes Atelier einzurichten, und habe keine Ursache, mich über die Chinesen zu beklagen. So oft ich unter ihnen gearbeitet habe, niemals ist mir etwas Unangenehmes begegnet. Zuweilen rückte ich sogar weiter in die Straße hinauf und gerieth dann unmittelbar in das wirthschaftliche Treiben der Einwohner, ohne von ihnen behelligt zu werden. Für höfliches Betragen ist der Chinese überaus empfänglich; ich befleißigte mich daher immer der größten Zuvorkommenheit und habe reichliche Früchte geerntet. Oft war ich Augenzeuge ihrer Toilette. Die Appretur der Zöpfe hat mich häufig Stunden lang beschäftigt. So viel ich zu ermitteln vermochte, datirt die Sitte, diesen eigenthümlichen Kopfschmuck zu tragen, erst aus der zweiten Hälfte des siebenzehnten Jahrhunderts; heute ist der Zopf das unentbehrliche Abzeichen jedes unbescholtenen Chinesen. Schon von den zartesten Kinderjahren an wird der auf dem Wirbel wachsende Haarschopf sorgfältig gepflegt, während man den ganzen übrigen Kopf spiegelglatt rasirt. Unter der guten Cultur gedeiht der angehende Zopf prächtig und reicht in den Jünglingsjahren bis in die Kniekehlen, ja zuweilen bis auf die Waden. Der Chinese mag noch so arm sein, seinen Zopf wird er niemals vernachlässigen. Reichen seine Mittel nicht zur glänzenden Ausschmückung hin, so sucht er wenigstens durch Verlängerung und Vergrößerung seines Umfangs des Zopfes Ansehen zu erhöhen. Er flicht auf der Straße gefundene Tauenden, Bindfäden und Strohseile hinein, und weiß ihm trotz dieser elenden Zuthaten ein leidliches Exterieur zu geben. Der Dandy widmet einen weit beträchtlicheren Theil seines Lebens der Pflege des Zopfes, als seine 89 europäischen Gesinnungsgenossen der Cultur des Haupthaares, des Backen- und Schnurrbarts. Das radikale Umflechten des Zopfes zum Behufe seiner Galagarnitur kann einen ganzen Vormittag beanspruchen; es ist weit leichter, eine Damenfrisur zum Balle in Ordnung zu bringen. Der Zopf spielt denn auch eine sehr wichtige Rolle in den Manieren eines jungen Weltmannes. Der diesseitige Elegant tändelt und kokettirt mit seinem Spazierstöckchen, seinem Nasenkneifer, er zeigt seine schöne Hand, indem er sich an der Cravatte, dem Halskragen etwas zu schaffen macht; der Chinese von Ton bedient sich zur Ausübung dieser gefallsüchtigen Künste nur des Zopfes. Bald trägt er ihn wie einen Schleppsäbel unter dem linken Arm, bald wie eine Reitgerte in der Rechten, er läßt ihn in der Luft wirbeln und weiß damit fliegende Käfer und Schmetterlinge zu treffen. Hunde und Katzen werden kurzweg mit dem Zopfe gezüchtigt, und dann wieder in der gesellschaftlichen Unterhaltung die zierlichsten Spiele mit demselben getrieben. Für eine empfindsame Schöne mag es schwer sein, dieser Koketterie Widerstand zu leisten. Wäre unseren Stutzern die verführerische Gewalt des Zopfspieles bekannt; sie würden sich unfehlbar dieses chinesische Leibmöbel aneignen. Ein junger Mann von Phantasie könnte bei unserer Kleidertracht überdies noch die Frackschöße zu Hülfe nehmen, z. B. auf Bällen in Cotillontouren die eigenthümlichsten Combinationen zu Stande bringen und ähnliche malerische Effecte, wie Künstler im antiken Costüm durch sein berechnete Drapirung erzielen. Gelegenheit zum Studium der höheren Zopftoilette wird mir in der Piratenstraße zwar nicht geboten, desto 90 häufiger bin ich Augenzeuge der üblichen Kopfrasur. Gewisse Gewerbe drücken ihren Angehörigen unter den verschiedensten Himmelsstrichen doch dasselbe Gepräge auf. Die deutschen und chinesischen Schuster gleichen einander hinsichtlich ihrer philosophischen Beschaulichkeit, und die Schneider beider Nationen entwickeln gern dieselbe cavaliermäßige Leichtigkeit des Benehmens und der Rede, auch der hiesige Barbier ist seinen europäischen Berufsgenossen nicht unähnlich. Die weite chinesische Hose, die in Ermangelung der Tragebänder nur mit einem Gürtel um den Leib befestigt wird, der lange Ueberwurf oder Kaftan und die zolldicken Filzsohlen der Fußbekleidung verhindern ihn allerdings an dem flüchtigen sprungweisen Fortschritt, der den deutschen Bartkünstler kennzeichnet, dennoch sticht er durch größere Beweglichkeit von seinen Landsleuten ab. Der chinesische Barbier schreitet rasch durch die Straßen und balancirt kokett seinen Apparat, Messer und Scheerbeutel, an den beiden Enden eines Bambusstäbchens auf der Schulter. Er darf nicht zögern, wenn er alle seine Kunden bedienen und den eigenen Lebensunterhalt gewinnen will. Sein Rasirmesser hat nur geringe Aehnlichkeit mit den unsrigen; es besteht aus einer dreieckigen Metallplatte, die sich handlich an einem hölzernen kurzen Griffe bewegt. Wie an einem Beile verdünnt sich die Schärfe nur allmälig, und bei der Dicke des Eisenstücks hält man es gar nicht für möglich, mit der verhältnißmäßig plumpen Schneide die kurzen Haarstoppeln abzusäbeln, und doch kommt der Barbier in kurzer Zeit zum Ziele. Ein Messer, das ich später in Peking einem alten Bartkratzer gleich nach vollbrachter Operation abgekauft, ist, obgleich total verrostet, noch heute so scharf, daß ich damit einen Streifen Postpapier in der 91 Luft zu schneiden vermag. Der Kunde läßt sich auf einem Bänkchen nieder, sein Schädel wird eingeseift und in fünf Minuten ist rings um die Kopfbasis bis an die Augenbrauen jede Haarspur vertilgt. Der Verschönerungsprozeß ist indessen damit noch nicht beendet. Mit der Glättung und Politur der Schädelwölbung wird die Reinigung der Sinneswerkzeuge verbunden. Der Barbier zieht anderweitige Instrumente hervor und säubert Ohren, Augen und Nase. Er geht ganz erbarmungslos zu Werke, in den Ohren stochert er mit einem mit Wiederhaken versehenen Spatel umher, die Augen und Nase werden mit einem oben gerundeten Blechstreifen ausgekratzt. Das Honorar für das gesammte Verfahren beträgt nach unserem Gelde 3 Pfennige. Gewiß hängen die in China so oft vorkommenden Augenleiden mit diesem abscheulichen kosmetischen Verfahren zusammen. Die Kunden äußern nichtsdestoweniger damit ihre Zufriedenheit; das Nervensystem der Chinesen ist straffer besaitet, als das unsrige. Nach der Versicherung europäischer Aerzte haben sie auch bei den schmerzhaftesten Operationen noch nie von einem ihrer hiesigen Patienten einen Seufzer gehört; selbst die Kinder besitzen so viel Selbstüberwindung, ihren Schmerz zu verbeißen. Bei meinen Malerstudien gewahre ich so Manches, was für gewöhnlich den Blicken der Fremden entzogen wird. Ich rechne dahin die kleinen Krüppelfüße der Chinesinnen, die sie höchst ungern ohne die übliche Bandage zeigen. Als ich in der Nachbarschaft einer Familie, die eben ihr Frühstück: Fische, Reis, dicke Milch und Gemüse, aus einem Dutzend winziger Schüsseln einnahm, meinen Schirm aufgespannt hatte und eifrig zu arbeiten anhub, bemerkte ich plötzlich, 92 daß die Hausmutter ihre Füße aus dem engen Futteral zog, das ich kaum einen Schuh zu nennen wage, und eine kleine Wunde bepflasterte. Der verunstaltete Fuß glich einem Huf. Der Landessitte nach werden beide Füße der kleinen Mädchen im dritten oder vierten Lebensjahre mit Bandagen und Bambusscheitern förmlich geschient, bis sie diese Zwerggestalt annehmen. Es ist mir unbegreiflich, weshalb man selbst in den unteren Ständen, die doch ihr Leben lang auf ausdauernde Arbeit angewiesen sind, die Töchter auf eine Weise verstümmelt, die ihnen Bewegung und Beschäftigung über alle Maßen erschwert. Wie oft habe ich die Frauen der Gärtner an ihren Stöcken umherhumpeln oder schneckenartig auf den Knieen zwischen den Beeten hinkriechen und Unkraut ausjäten gesehen. Unter den Tartaren hat die Unsitte nicht um sich gegriffen, die Füße ihrer Frauen sind wohlgebildet und ihre Gangart ist so elastisch, wie die einer Pariserin. Aller Mühsal ungeachtet sind die Chinesinnen stolz auf diese Fußstümpfe. In der poetischen Landessprache heißt das verstümmelte Glied Küm-leen d. h. goldene Wasserlilie. Haben sich die Einwohner der Piratenstraße bei meinen häufigen Besuchen an meine Anwesenheit gewöhnt, oder finde ich Gnade vor den Augen der Damen; beide Geschlechter bedienen sich des Fächers, den der Chinese immer zur Hand hat, in der zwanglosesten Weise. Wir pflegen nur die Gesichter mit Hilfe dieses Instrumentes zu kühlen, hier zu Lande sucht man auch anderen Körpertheilen, die der Anstand dem öffentlichen Anblick zu entziehen gebietet, frische Lust zuzufächeln. Herren und Damen raffen zuweilen hastig ihre langen Gewänder empor, und erquicken sämmtliche 93 Extremitäten durch ein lindes Fächerspiel, das, wie ich nicht leugnen will, hinsichtlich seiner verführerischen Anmuth mit dem der schönen Italienerinnen keinen Vergleich aushält. Zuweilen arbeite ich auf dem Verdeck der Schiffe. So begab ich mich in den letzten Tagen des Mai an Bord eines englischen Dreimasters, der auf hoher See unlängst ein Abenteuer mit Piraten zu bestehen hatte. Es war ihnen gelungen, sich nach Einbruch der Dunkelheit so lautlos zu nähern, daß die Mannschaft von ihren vier Kanonen keinen Gebrauch mehr machen konnte, sondern froh sein mußte, sich gegen die von allen Seiten das Verdeck ersteigenden Seeräuber ihrer Haut zu wehren. An der Kajüte entspann sich ein Handgemenge, in dem der Capitän und sechs Matrosen um's Leben kamen; von den Chinesen wurden fünfundzwanzig erstochen oder erschossen. Sobald die Piraten 2000 Dollars und mehrere Opiumkisten bei Seite gebracht hatten, suchten sie eilig das Weite und verschwanden im Dunkel der Nacht, wiewohl man mit Kanonen hinterdrein feuerte. Die Ordnung an Bord kann ich nicht rühmen. Ueber mir im Mastkorbe wurde gearbeitet, und hätten die beiden Spieren, welche von oben herabstürzten, statt der Hutkrämpe meinen Schädel getroffen; ich hätte den Landsleuten vielleicht Gelegenheit zu einem feierlichen Leichenbegängniß gegeben. Auf einem anderen englischen Schiffe wohnte ich der Verladung einer kostbaren Theesendung bei. Die erste grüne Theeernte ist jetzt vorüber und man stellt den Versuch an, die neuen Sorten zum ersten Male mit einem Dampfer nach Europa zu schicken. Früher bediente man 94 sich dazu schnell segelnder Klipper; der Schraubendampfer faßt tausend Schiffstonnen, und die Fracht für jede Tonne beträgt zwölf Pfd. Sterling. Dennoch hofft der Speculant, indem er allen Concurrenten auf dem Londoner Markt mit seinen Thee's den Rang abläuft, einen erklecklichen Gewinn in die Tasche zu stecken. Laut Zeitungsberichten war die Gazelle am 2. März in Rio Janeiro angelangt, ich werde mich also wohl noch mehrere Wochen gedulden müssen. In den Mittagstunden steht die Sonne gegenwärtig direct über unseren Scheiteln, und selbst im tiefsten Schatten findet man keinen Schutz vor der glühenden Hitze. Mit meiner in Bangkok wankend gewordenen Gesundheit geht es rasch bergab. Alle Eßlust ist verloren gegangen, ich sitze halbe Tage lang im Winkel und starre gedankenlos vor mich hin, ein eiserner Gürtel umspannt meine Stirn, und in den Ohren brüllt es wie Geheul eines Orkanes. Zur Arbeit reichen meine Kräfte kaum noch hin, selbst meine abendlichen Bleistift-Notizen werden mir zur Last. Die einzige Erquickung gewährt mir die jetzt herangereifte Mangofrucht. Ich hatte sie während meines bisherigen Aufenthaltes in Indien und Siam noch nicht kennen gelernt. Die Erstlinge dieses Jahres sind für das Haus Siemssen von Manila herübergeschickt worden. In meinem Elende suche ich mich durch schüchterne Anfänge im Sprachstudium zu zerstreuen. Nur Bodenstedt war so glücklich, in Mirza Schaffy einen eben so gelehrten, wie talentvoll veranlagten Lehrer zu finden; ich muß mich mit einem verrunzelten Factotum begnügen, das sich im Pidjen Englisch nothdürftig mit mir verständigen kann. Was der Sonnenbrand noch nicht 95 angerichtet hat, das vollenden die chinesischen Vocabeln. Um sich diese Sprache einzuprägen, muß man mit ihrer Erlernung schon in den Jahren Hänschens und nicht erst in dem reifen Alter der Hanse beginnen. Mein Professore spricht die Wortsignaturen mit Gutturaltönen, Zisch- und Sprudellauten aus, ich suche durch peinliches Nachmalen der Kritzeleien meinem Gedächtniß diese Zeichen einzuverleiben, vergebens, sie bleiben nicht haften, ich bin weder im Stande, sie richtig nachzusprechen, noch aus der Erinnerung correct nachzuschreiben. Rede und Schrift sind in diesem Lande eine Wissenschaft, von der Jeder nach seinen Umgangskreisen und Hülfsmitteln einen bestimmten Theil erlernt, daher die unaufhörlichen Prüfungen der Beamten, welche selbst die unserer Gerichtsassessoren weit hinter sich lassen. Der Kuli vermag mit einigen hundert Worten seine ganze Gedanken- und Gefühlswelt auszudrücken. Der gebildete Mann reicht mündlich und schriftlich mit ungefähr 1000 Worten und Zeichen. Das höchste Ziel alles chinesischen Strebens ist der Besitz der Gelehrtensprache, aber nur den begabtesten Chinesen gelingt es, sich dieselbe vor zurückgelegtem fünfzigsten Lebensjahre anzueignen. Die besten Jahre des Daseins verstreichen über dieser unermeßlichen Gedächtnißarbeit, bei der alle productiven Fähigkeiten des Geistes brach liegen. Auch daraus erklärt sich die conservative Beharrlichkeit der Chinesen, die froh ist, von Generation zu Generation die literarischen Errungenschaften der Vergangenheit fortzupflanzen, aber vor jeder Neuerung und Vermehrung zurückschreckt. Am 6. Juni kam ein Frachtdampfer der Firma Jardins u. Comp., des reichsten Hauses in Hongkong, von 96 Calcutta an, und brachte die erfreuliche Nachricht, die sehnlich erwartete Gazelle liege im Hafen von Singapore vor Anker. Der Dampfer hat für zwei Millionen Dollars Opium an Bord. Nur an Ort und Stelle kann man sich von der Großartigkeit des hiesigen Geschäfts eine richtige Vorstellung machen. Das Haus meines gütigen Wirthes hat jährlich 80,000 Dollars Unkosten, ehe es einen Cent verdient. Der jüngste Handlungsdiener im Comptoir, der nur zu Reinschriften der Briefe benutzt werden kann, bezieht immer noch 500 Dollars bei freier Station. Die jährlichen Unkosten des Hauses Jardins sollen sich gar auf eine halbe Million Dollars belaufen. Gedanken und Gespräche drehen sich ausschließlich um Geld und Waare. Niemand entgeht seinem Schicksal; am 12. Juni bin ich dem Doctor in die Hände gefallen. Ich verschlucke täglich eine Dosis Pillen und spüle sie mit Kamillenthee hinab. Meine Schwäche hat so zugenommen, daß ich mich nur noch mit äußerster Mühe von einem Stuhl zum andern schleppe. Draußen ist der Himmel seit einem Monat fast immer mit einem schwärzlichen Wolkenvorhang verhüllt, und der Regen stürzt bei erstickender Hitze in Strömen herab. Meine einzige Erholung besteht nur noch darin, so oft das Wetter sich etwas erheitert, am offenen Fenster zu sitzen und auf das Amphitheater von Hügeln zu blicken, die sich zwischen dem Siemssenschen Hause und dem Pik erheben. Ueber einen dieser Hügel läuft die Straße und der bunte Menschenverkehr geräth nicht einen Augenblick in's Stocken; die majestätisch langsam vorüberreitenden Madarinen sind die Glanzpunkte dieser Aufzüge. 97 Zu meinem höchsten Leidwesen beginnt am 18. Juni das Drachenfest , eine der höchsten socialen und religiösen Feierlichkeiten der Nation. Ich hatte eine Einladung erhalten, nach Kanton zu kommen, und die Festtage dort zu verleben, aber bei meinem traurigen Gesundheitszustande mußte ich auf die Herrlichkeiten der großen Stadt verzichten. Die Tendenz des Drachenfestes ist die Versöhnung des Drachens, von dem nach den Vorstellungen des Volkes die Fruchtbarkeit der Felder, namentlich aber die Ergiebigkeit des Fischfanges abhängt. Zu Wasser sucht man den unsichtbaren Unhold durch sogenannte Drachenböte zu versöhnen, die, prächtig decorirt und oft mit einem halben Hundert Ruderer bemannt, längs der Küste auf und ab fahren und unter einer ohrenzerreißenden Musik Feuerwerk abbrennen. Durch die Straßen der Stadt wird in der Weise, wie die Elephanten und Kameele in unseren Opern, die Hülle eines aus Baumwolle, Pappe, Papier u. dergl. m. zusammengestoppelten Drachen auf den Köpfen der Kulis geschleppt. Unter Zetergesang und Schlägen des Tamtams schreitet die Bevölkerung voran oder folgt dem Gebilde. Das Fest währt mehrere Tage, doch verbietet mir mein körperliches Leiden, mich daran zu betheiligen; ich lerne jetzt die Freuden der Dysenterie kennen. Es ist mir kaum mehr möglich, mich durch das Zimmer zu schleppen. Die Anstrengung auch der leichtesten Lectüre vermag ich nicht zu ertragen; ich vegetire in meinem Lehnstuhl am Fenster, aber nicht immer wirkt die Aussicht erheiternd auf mein Gemüth. Die Sterblichkeit unter den armen Volksklassen ist groß und die vorbeikommenden Leichenzüge mahnen mich an das eigene Ende. Mit zitternden Händen warf 98 ich die Skizze des Leichenbegängnisses eines Proletariers auf das Papier. Der Sarg war roth angestrichen und mit einem Fetzen von gleicher Farbe bedeckt. Wie der Degen auf den Ueberresten eines Soldaten, lag obenauf – eine große Schaufel. Vier Kulis trugen die Bahre, zwei Musikmacher schritten voran und spielten auf einer Pfeife und Pauke; einige Straßenkinder liefen hinterdrein. Bei Begräbnissen bemittelter Leute sind alle Leidtragenden von Kopf bis zu Fuß in weiße Gewänder vermummt, die Leiche wird von Priestern und Klageweibern begleitet, die ihre Gesichter mit großen weißen Tüchern verhüllen, Opfergaben, aus gekochtem Reis und Schweinebraten bestehend, werden nachgetragen. Auf dem Kirchhofe wird regelmäßig eine Salve von Schwärmern abgebrannt. Die Neuigkeiten, die durchschnittlich nur in Schiffernachrichten bestehen, sind gleichfalls nicht dazu angethan, das Herz eines Kranken zu erleichtern. Mein junger Reporter bringt aus dem Comptoir nur Hiobsposten zu mir herauf. Allein am 23. Juni waren zwei Schiffe auf der Rhede vor Anker gegangen, die mit schweren Unfällen zu kämpfen gehabt hatten. Der Engländer war auf ein Korallenriff gelaufen, aber mit einem Leck davongekommen, nachdem die Passagiere schon die Böte bestiegen, dem Dänen waren Piraten zu Leibe gegangen, und lediglich seiner Ueberlegenheit an Geschütz hatte er die Rettung der Mannschaft und Ladung zu verdanken gehabt. Jetzt werden wir sogar in Hongkong von Unruhen bedroht. Unter der chinesischen Bevölkerung hat sich nämlich das Gerücht verbreitet, die nordamerikanischen Freistaaten seien mit Rußland ein Bündniß gegen England eingegangen, die Kaufleute verweigern daher die Zahlung der Rechnungen 99 und die Kulis die Arbeit, die bedrohten Engländer werfen zum Schutz der Viktoriastadt Schanzen auf; ich versorge mich für alle Fälle mit einem Säbel, versehe meinen Revolver mit frischer Ladung und singe mit halber Stimme dazu das Motiv aus Johann von Paris: » Welche Lust gewährt das Reisen! « 100 VIII. Eine Ladung Leichen. Der erste Teifun. Gehängte Piraten. Festfeierlichkeiten der Ankunft. Eine Riesenspinne. Immer leidender. Mein Testament. Weggetrunken. Die Gazelle kommt. Die Reisdiebe. Nach Amoy. Die Aufregung wurde rascher beschwichtigt, als ich für möglich gehalten, die Entschlossenheit der Europäer: Widerstand zu leisten, hatte das Meiste dazu beigetragen. Der Chinese ist feig und wagt nur in ungeheurer Uebermacht, wenn er des Sieges gewiß sein kann, einen Angriff. Am 25. Juni konnten wir beim Frühstück einander wieder mit vollkommener Gemüthsruhe die in China übliche, auch von uns adoptirte Frage stellen: »Wie schmeckt Ihnen der Reis?« Die Antwort pflegt von beiden Seiten nicht günstig zu lauten; Jedermann klagt über Mangel an Eßlust, Schlaflosigkeit und alle sonstigen, damit zusammenhängenden Leiden. Kommt man Abends im englischen oder deutschen Club oder in den Familien zusammen, so heißt es zuerst: »wer ist heute gestorben?« »wen haben wir morgen zu begraben?« dann werden die Briefschaften erbrochen und die Nachrichten aus dem einschlagenden Departement mitgetheilt. So eben ward aus Bangkok der Tod 101 des französischen Consuls gemeldet; er war den Folgen der Dysenterie erlegen. Im Hafen stirbt die Mannschaft mancher Schiffe sammt Capitän und Steuermann. Der Kirchhof in Hongkok sieht aus, als ob er schon seit einem Säculum im Gebrauch wäre, und doch datirt seine Anlage erst achtzehn Jahre zurück. Auch die Mehrzahl der Todten ist nur wenig älter, als ihre Ruhestätte. Wer hat, dem wird gegeben! sagt das Sprichwort; so ist denn gegen Sonnenuntergang von St. Francisco in Californien ein Dreimaster mit einer Ladung chinesischer Leichen von Auswanderern eingetroffen. Der Eingeborene des himmlischen Reiches besitzt eine überschwängliche Vaterlandsliebe und erhält sie in seinem Busen, selbst wenn das Elend ihn aus der Heimath in die Ferne treibt. Ereilt ihn der Tod im Auslande, so ist von seiner Seite testamentarisch dafür gesorgt, die Ueberreste nach China zu schaffen. Die Genossenschaft der Landsleute kommt dafür auf. Durch ein einfaches Verfahren weiß man die Körper vor Verwesung zu schützen, sie werden in luftdichten Särgen fest verschlossen und in Höhlen so lange aufbewahrt, bis sich eine hinlängliche Anzahl angesammelt hat, um aus den Vermächtnissen die Gesammtkosten der Ueberschiffung zu bestreiten. Der Californier hatte 800 Särge geladen, die von Hongkong nach den verschiedenen Provinzen Chinas versandt werden sollen. Der 26. Juni brachte uns endlich den lange erwarteten Teifun. Es war vier Uhr Nachmittags, als der Himmel plötzlich sich trübte. Sein gesättigtes Blau, das nach anhaltenden Regengüssen von ungewöhnlicher Intensität war, schien wie eine klare Flüssigkeit, in welche der Chemiker ein 102 Reagens träufelt, zu gerinnen; die edle Farbe, die süßeste Labung jeder empfindenden Seele, begann zu opalisiren. Der wechselnde Schimmer erlosch, aus den Höhen und Tiefen brach ein fremdartiges Dunkel herein. Noch herrschte vollkommene Windstille, aber wie von unerklärlichen Aengsten ergriffen, erhob sich der Ocean in fieberhaften Wallungen. Beklommen aufathmend, schwoll die weite Fläche zu einer bebenden Wölbung und sank dann ohnmächtig zurück. Der Horizont war ringsum durch einen fast schwarzgrünen Vorhang verdunkelt. Ich griff nach meinem Krückstock und wankte hinaus. Der Ausbruch des Unwetters ließ noch auf sich warten, aber am Hafen und in den Straßen herrschte schon ein grausenerregender Tumult. Die Schornsteine aller Dampfer rauchten, denn es wurde geheizt, um schlimmsten Falles sich durch die Maschinenkraft zu retten. Die Kauffahrer warfen alle ihre Anker aus, nahmen die Raaen ein und verkürzten die Masten. Aus der chinesischen Stadt drang das Jammergeschrei der Bevölkerung zu uns herüber. Ganz verwirrt starrte ich in die dunkle Ferne der Wasser, die wie auf Rollen geschoben, langsam heranzurücken schienen, als mit einem Donner, wie von Hundert zugleich abgefeuerten Batterien, ich einen Luftstoß erhielt, der mich gegen die Mauer und zu Boden warf. Es war der erste Athemzug des Teifun. Ich wage keine Beschreibung, so deutlich ich den furchtbaren, zugleich löwenartig ächzenden Laut noch heute höre. Meine Schwäche gestattete mir kaum, nach Hause zurückzukehren. Mehrmals stieß mich der Orkan zu Boden; er gab sich immer in einem unwiderstehlichen Anprall kund, der über See und Festland wegfegte, als sollte alle denkende, 103 athmende und vegetirende Creatur von der Oberfläche des Planeten vertilgt und in das Nichts geweht werden. Vor der unbändigen Gewalt des Teifun zerstäubten die obersten Schichten des Oceans; ein dichtes Schneegestöber von Wasserflocken verbreitete sich über Hafen und Stadt. Erst um acht Uhr Abends verstummte der Orkan. Dank der beobachteten Vorsicht waren die Schäden und Verluste im Hafen und auf der Rhede geringer, als man erwartet; desto größere Verheerungen hatte das Naturereigniß unter den Chinesen angerichtet. Eine Menge der stets überdachten Familienböte, die nicht rechtzeitig auf den Strand gezogen worden waren, hatte gleich der erste Anprall umgestoßen und in die Tiefe versenkt, oder durch die haushohen Wogen zerschmettert. Und dennoch konnte selbst die drohende Gefahr die verblendeten Chinesen nicht davon abbringen, statt Hand an ihre Rettung zu legen, dem Drachen der Tiefe zu ihrer Rettung Opfer darzubringen. Der Besitzer eines kleines Bootes (Sampoon), welches sammt den darin Sitzenden der nächste Wellensturz zu begraben drohte, brannte mit bebenden Händen noch einen Schwärmer ab, um dann unter dem heranrollenden Wasserberge mit den Seinigen zu verschwinden. Dem Aufruhr der Elemente folgte eine ruhige Nacht, die Atmosphäre hatte sich abgekühlt; ich versank in einen todtenähnlichen Schlaf und erwachte so heiter, als es bei dem gebrochenen Zustande meiner Gesundheit möglich war. Ich hätte mich freuen können, wäre mir die frohe Aufwallung nicht sogleich wieder durch ein aus der Entfernung herüberschallendes wüstes Geschrei verkümmert worden. Es kam von den, vor meinen Fenstern liegenden Hügeln her, ich griff also zum 104 Fernglase und öffnete die Läden. Auf einer weithin sichtbaren Höhe hatte man einen Galgen errichtet und war eben dabei, sechs Delinquenten daran aufzuknüpfen. Frauen und Kinder derselben standen umher und gaben ihren Gatten und Vätern mit Klagegeschrei das Geleit ins Jenseits. Wie ich beim Tiffin von Herrn Wiese erfuhr, war die Todesstrafe an überwiesenen Piraten vollstreckt worden. In der nächsten Woche sollten ihrer sechszehn Andere an die Reihe kommen. Mein gütiger Wirth sah mir die physische und moralische Erschütterung an, er veranstaltete eine Wasserpartie nach dem Festlande Cowloon und überredete mich, wiewohl ich fast zusammenbrach, einen Spaziergang im Hauche der Brise am Strande zu versuchen. Es war gut, daß wir den Ausflug nicht um 24 Stunden verzögert, denn am 29. Juni zog abermals ein Teifun herauf. Doch gelang es ihm diesmal nicht gleich gut, die Stadt zu überraschen; Hongkong hatte sich besser vorgesehen, auch die Chinesen waren einsichtig genug gewesen, ihre Böte hinreichend weit auf den Strand zu schleppen. Das Unwetter zog fast um dieselbe Stunde aus der Ferne heran, und endete gleichfalls nach vierstündiger Dauer. Höchst auffallend war am nächsten Tage die Abnahme der Hitze; das Thermometer sank bis auf 20 Grad Reaumur , eine Temperatur, die uns vor Kälte schauern machte und die wärmsten Kleidungsstücke anzulegen zwang. Ein Vollschiff, das in den Frühstunden angekommen war, hatte unter dem Teifun des gestrigen Tages nicht im Mindesten gelitten und seinen Umkreis nicht berührt. Das Glück lächelte mir; ich begegnete der glücklichen Mannschaft, die eben ausgezahlt worden war, vor einem Branntweinsladen 105 und ward so Augenzeuge der Anwendung, welche die Herren Matrosen von ihren mehrmonatlichen Ersparnissen machten. Der Seemann muß den Tag seiner Ankunft durch eine Libation begrüßen, und er wählt dazu ein Getränk so unvermischt und hochgradig, als er es unter diesem betrügerischen Breitegrade erhalten kann. Der chinesische Schankwirth ist darauf vorbereitet, er kredenzt seinen Gästen so gut, angeblich reinen Spiritus, wie Grog »halb und halb.« Weniger hat er sich darauf eingerichtet, aus ganzen Dollarstücken, wie sie die Matrosen immer mitbringen, Kleingeld herauszugeben. Einmal fehlt es an geringeren Münzsorten, dann erscheint es ihm auch wünschenswerth, die Kundschaft festzuhalten. Der Trinker zahlt seinen klingenden Dollar und erhält für den nicht verzehrten Ueberschuß eine Anzahl Schnaps- oder Grogmarken. Man wird leicht errathen, daß bei der jedesmaligen Verrechnung immer neue baare Dollars aus der Tasche der Durstigen gelockt werden und die Matrosen fortwährend an den Fässern und Kannen derselben Wirthe hängen bleiben. Ist der Durst der Seefahrer vorläufig gelöscht, so regt sich ihre Schaulust. Eine Fußpromenade wäre bei den Nachwirkungen der genossenen Getränke nicht anzuempfehlen, Wagen stehen nicht zur Verfügung, die Beförderung durch einen Palankin entspricht ihrer Langsamkeit halber nicht dem seemännischen Geschmack, zudem sind alle Seefahrer von Beruf die leidenschaftlichsten Reiter; die Pferdevermiether stehen mithin stundenlang in Reserve und bringen jetzt ihre Klepper herbei. Eine Pferdeschau zu Hongkong müßte die Mitglieder jedes Vereines gegen Thierquälerei zur Verzweiflung bringen. Die besseren, 106 etwas reputirlicher aussehenden Thiere werden zum Gebrauch der Offiziere aufbewahrt, der Ausschuß ist für die Matrosen bestimmt. Gewöhnlich bringt der chinesische Stallmeister gleich eine Bambusleiter zum Aufsteigen mit. Ist der Reiter bei guter Laune, so bedient er sich ihrer ohne Widerspruch, im entgegengesetzten Falle boxt er den Stallmeister in den Sand, springt allein in den Sattel und fällt auf der anderen Seite zu Boden. Die Reitübungen der Herren bereiten mir großes Vergnügen, ich verfolgte sie von meinem Fenster aus mit dem Fernglase und stelle sie weit über die künstlichen Scherze der Circus-Clowns, obgleich es nicht immer ohne Beschädigungen von Mann und Roß abgeht. Im Uebrigen gleicht der gezwungene Aufenthalt an einem solchen Orte dem Lager auf einer Folterbank. Das Thermometer zeigt sehr bald wieder den herkömmlich hohen Stand, und selbst der herabfallende Regen scheint im ersten Moment die Haut zu verbrühen. Ich lese, um doch meiner Einbildungskraft eine Abkühlung zu verschaffen, Beschreibungen von Polarexpeditionen und Gletscherfahrten; eine schöne Landmännin, Mad. H., mit der ich zuweilen zusammenkomme, hat mir dieses Mittel anempfohlen. Sie selber liest, um ihren gesunkenen Appetit zu schärfen, ein französisches Kochbuch, und behauptet, erhebliche Besserung zu spüren. Für anderweitige gelegentliche Zerstreuung sorgt der Zufall. Das Ungeziefer entwickelt in der heißen Jahreszeit eine außerordentliche Regsamkeit. Die mir neue Species fingerlanger Käfer, eine äußerst menschenfreundliche Insectensorte, macht Morgens und Abends Vorsichtsmaßregeln nothwendig. Bettstatt und Kleider müssen immer erst sorgfältig durchsucht und ausgeschüttelt werden. 107 Neulich machte ich die persönliche Bekanntschaft einer handgroßen Spinne. Das liebenswürdige Geschöpf saß auf der Fensterleiste und schien in Betrachtungen über die Probleme des Spinnendaseins versunken; ich hielt es für angemessen, sie durch sanfte Berührung mit einem Halme zu ermuntern, aber o Wunder, die Kleine theilte nicht die bekannte Nervosität ihrer Stammverwandten. Statt krampfhaft zusammenzufahren und spornstreichs davon zu rennen, machte sie nur einen trotzigen Ruck und stemmte sich, wie ein bissiger Hund, fest auf die haarigen Hinterbeine, als sei sie gewillt, Widerstand zu leisten. Verargt man es einem müssigen Kranken, wenn er ein Opferstäbchen hervorlangte, es anzündete und der drohenden Feindin näherte? Sie wartete indeß die Berührung mit dem glimmenden Stäbchen nicht ab, schon der brenzlichte Geruch mochte sie zur Abrüstung bewegen. Rasch machte sie Kehrt und lief auf die Veranda hinaus. Am 5. Juli genoß ich die unbeschreibliche Freude, ein Schreiben der Meinigen vom 15. Mai aus Stettin zu erhalten. Der Brief war nach Shanghai adressirt, auf der Post aber, wo ich mich so oft nach Briefen erkundigt und meinem Namen nach bekannt war, angehalten und mir zugestellt worden. Wäre er nach dem Norden gegangen, so hätte ich ihn erst vierzehn Tage später erhalten. Die Ankunft des Schreibens traf mit der meines Doctors zusammen. Nach seiner Diagnose entwickelt sich in mir das locale Leberleiden und seine Rathschläge beschränken sich auf eine radikale Ortsveränderung. Wie unsere Berliner Doctoren in dergleichen Fällen Meran, Montreux oder Nizza, empfiehlt er mir Südaustralien; Singapore sei nicht mehr 108 ausreichend für eine Verbesserung meines leiblichen Zustandes. Um meine Reiselust anzuregen, suchte er mich sogleich zu einem kleinen Spaziergange zu bewegen, und ich hielt es für meine Schuldigkeit, ihm Gehorsam zu leisten. Nach einigen hundert Schritten schwanden jedoch meine Kräfte, ich schleppte mich wieder nach Hause, kroch, denn »steigen« kann ich es nicht nennen, die zu meinen Zimmern führenden zwei Treppen hinauf, legte mich zu Bett und brachte eine entsetzliche Nacht zu. Mein Kopf schien bersten zu wollen, und von Zeit zu Zeit wurde die Folge meiner Gedanken unterbrochen. Am Morgen des 7. Juli ging es etwas besser, ich benutzte daher den günstigen Augenblick, meine Aquarellen zu ordnen, einzupacken und zu versiegeln. Nach einer kurzen Siesta erhob ich mich von Neuem und brachte meinen letzten Willen zu Papier. Ich hatte von meinem gütigen Gönner und Freunde, Herrn Wiese, die Vollstreckung desselben erbeten und eine Anweisung zum Ankauf von sechs Fuß Erde auf dem Kirchhofe zu Hongkong hinzugefügt. Noch war ich mit der Abfassung des kläglichen Schriftstückes beschäftigt, als aus dem Comptoir die Nachricht anlangte, die Feindseligkeiten zwischen der englischen Flotte und den Japanesen hätten begonnen. Die Hiobspost, welche alle etwaigen weiteren Reisepläne zu vereiteln drohte, machte auf mich keinen Eindruck mehr. Die deutschen Freunde wollten meine Niedergeschlagenheit nicht gelten lassen, sie zwangen mich zu einem Ausfluge nach Pokefoloon, auf der anderen Seite der Insel, ich wurde in einen Palankin gepackt und einige hundert Fuß hoch über der Küste für mehrere Stunden an einer Stelle ausgesetzt, wo erfahrungsmäßig ein frischer 109 Luftzug wehte. Die Aufrichtung eines Landhauses, das hier auf Kosten eines japanischen Großen zusammengesetzt wurde, zerstreute mich einigermaßen. Die Bauhölzer nebst allem Zubehör waren fertig zugehauen von Japan herübergeschafft worden, und die Arbeit der Handwerker war so weit vorgerückt, daß die Villa in den nächsten Wochen bezogen werden konnte. Als wollte mir das Glück wieder lächeln, traf am nächsten Morgen ein Brief aus Macao ein, in dem der preußische General-Consul auf meine früher abgesandte Zuschrift antwortete: »ich möge mich nur noch wenige Tage bis zur Ankunft der Gazelle gedulden, die Corvette befinde sich längst auf hoher See und sei beordert, nach kurzem Aufenthalt in Hongkong nach Japan aufzubrechen.« Gegen Abend ließ ich mich bewegen, wenn auch nur als Zuschauer, nicht als Mitkämpfer, einem Diner beizuwohnen, das Herr Wiese als Rheder sieben Schiffs-Capitänen gab, die mit eben so vielen Schiffen in den nächsten Tagen nach Europa in See stechen sollten. Statt einer ausführlichen Beschreibung des lucullischen Abschiedsmahles vermerke ich nur den technischen Geschäftsausdruck für jede derartige Ceremonie. Die Capitäne werden »weggetrunken«, sagt man in Hongkong. Die Unterhaltung bei Tisch drehte sich nur um Schiffbrüche und hitzige Getränke. Beachtenswerth war noch eine andere technische Formel. Kein Capitän sagte: ich führe Porter, Ale u. dgl. m. an Bord, sondern: ich fahre Cognac, Claret, Arrak u. s. w. Während der Mahlzeit wurde von einem chinesischen Hundebändiger ein hübscher, aus Manila gebürtiger Köter in den Speisesaal gebracht und zum Verkauf ausgeboten. Der Besitzer forderte den unverschämten Preis von 15 Dollars, 110 ließ ihn aber für den dritten Theil meinem Tischnachbar, da ich ihn versicherte, für eine so hohe Summe bei den schlechten Zeiten selber bellen und beißen zu wollen. Die schnöde Bemerkung wurde von der Gesellschaft als ein Symptom wiederkehrender Lebenslust aufgefaßt, man füllte die Humpen mit Champagner und Brandy, brachte stürmisch meine Gesundheit aus, und das vierbeinige Manila stimmte, entsetzt über die Löwenstimmen der Seefahrer, mit ein. Das Galadiner endete um Mitternacht; ich hatte mich drei Stunden früher in meine Apartements zurückgezogen. Am 10. Juli war die ersehnte Gazelle in Sicht, am Nachmittage warf sie Anker. Der Termin meiner Erlösung aus dieser Bratpfanne rückt heran. Herr Baron von Bothwell , der Capitän der Corvette, ein höchst angenehmer Mann und Erbe eines historischen Namens, dinirte mit uns; am 11. Juli machte ich ihm und seinen Offizieren um 11 Uhr Vormittags meine Aufwartung. Die damit verbundenen Anstrengungen wurden mir aber unsäglich schwer, die Corvette ankert etwas hoch auf der Rhede, die Sonne brannte gleich einem weißglühenden Eisen, meine gesunkenen Kräfte reichten kaum aus, die Schiffstreppe zu erklettern; ich war froh, ohne Sonnenstich davon gekommen zu sein. Sogleich entspann sich zwischen unserer großen Firma und dem Offiziercorps der Gazelle ein artiger Verkehr, Visiten wurden abgestattet, und schon am 12. Juli um fünf Uhr gab Herr Wiese dem Capitän in Gesellschaft von fünf Seeoffizieren und vier Cadetten ein solennes Diner, das sich bis 11 Uhr ausdehnte. Wahrscheinlich fühlten sich die chinesischen Räuber 111 durch den Lärm ermuntert, man fand wenigstens am anderen Morgen den Reisspeicher des Hauses erbrochen, den dort stationirten Wächter geknebelt und, mit einem Haufen Reissäcke bedeckt, dem Tode nahe; seinen Mund hatten die Schurken mit Baumwolle verstopft. Sie sollten sich ihrer Beute nicht freuen, noch am Vormittage gelang es durch Angebereien, die Schuldigen zu ermitteln und in Haft zu bringen. Einer fürchterlichen Tracht Prügel dürfen sie sich mindestens getrösten. Der Ankunft des Herrn General-Consuls von Macao sehen wir mit jeder Stunde entgegen, ich bitte für alle möglichen Fälle Herrn Wiese, meine Aquarellen – ich habe es beinahe bis zu anderthalb Hundert gebracht, – unter seiner Obhut zu behalten, und ersuche ihn im Scherze, nach meinem Ableben die Trauerzeit nach chinesischer Sitte durchzumachen, d. h. das Zopfende mit rothem, blauem, grauem und weißem Bande, je nach der Dauer der Trauer zu durchflechten. Wirklich trafen die Herren von Rehfues und Radowitz am 14. Juli ein und gingen ohne Weiteres an Bord der Gazelle. Ich athme auf, obgleich aus dem projectirten Seitenausfluge nach Formosa neueren Bestimmungen zu Folge nichts wird. Zur ersten Station ist Amoy bestimmt. Die Herren Diplomaten waren in unserem Hause noch zu Gast, aber schon am 14. Juli früh vier Uhr wurde ich aus dem Schlafe geschreckt, Herr von Bothwell hatte ein Boot von der Rhede geschickt, mich abzuholen. Ueber Hals und Kopf packte ich meine Effecten in die Koffer, eine Menge chinesischer Quincaillerien, die bestimmt waren, im Hause zurückzubleiben, in eine Holzkiste, und fuhr athemlos von der Hast der Arbeit an Bord. Die Abreise verzögerte sich 112 jedoch, ich kehrte in Gesellschaft der Herren nochmals ans Land zurück, wohnte dem Abschiedsthee des Herrn Wiese bei, und erst am 15. Juli, um 9 Uhr Morgens, wurden die Anker gelichtet. Ein chinesischer Lootse steuerte uns glücklich durch die bedenkliche nördliche Passage Leimoon. An das Leben auf einem Kriegsschiffe muß der Civilreisende sich erst gewöhnen. Der eigentliche Zweck aller Räumlichkeiten besteht darin, so rasch als thunlich zum Gefecht klar gemacht werden zu können; das Nachtlager kann daher nur in einer Hängematte bestehen. Herr von Rehfues und Baron Bothwell campiren in der Hauptkajüte, Herr von Radowitz und ich in der Vorkajüte. Meine Hängematte schwankt über einem eisernen schweren Geschütz, wenn ich nicht irre, einem Vierundsechszigpfünder, die Stückpforte steht offen, und der Nachtwind treibt sein loses Spiel mit meinen Haaren, doch murre ich nicht gegen die Vorsehung. Ich preise mich schon glücklich, wenn es mir gelungen ist, den Steuerbord meiner Hängematte erstiegen zu haben, ohne über den Backbord hinauszufallen. Um 4 Uhr Morgens wird Reveille geschlagen, d. h. getrommelt und gepfiffen. Die ernsten Musikkenner rümpfen unfehlbar die Nasen, wenn ich bekenne, daß mir der regelmäßige preußische Trommelschlag wohlthut und die kleinen Pickelflöten so lieblich klingen, wie die Meyerbeerschen Flöten im schlesischen Feldlager. Meinem armen Gehör ist in Bangkok, Kanton und Macao zu viel zugemuthet worden. Ich verstehe den alten Zelter, wenn er, Spontinis »Alcidor« entflohen, vor dem Opernhause vom Zapfenstreich empfangen, freudig ausruft: »endlich Musik! « und doch habe ich ungleich Härteres erduldet. 113 Die Mannschaft der Gazelle beläuft sich, ohne uns drei Passagiere, auf 380 Köpfe: Offiziere, Doctoren, Cadetten, Soldaten und Matrosen. Von Dampf und günstigem Winde getrieben, hatten wir am ersten Tage eine gute Fahrt gemacht, am Abend entspann sich eine große Regsamkeit an Bord. Der Himmel war dicht umwölkt, das Wetterglas gesunken, ein Feuerregen von Blitzen fiel am Horizont, wir machten uns weislich auf einen Umschlag der Witterung gefaßt. Nach einer halben Stunde war das stattliche Schiff Sr. Maj. sturmtüchtig, und ich ging mit vollkommener Gemüthsruhe zu Bette. Die Besorgnisse waren unnöthig gewesen. Nachdem das bedrohliche Wetterleuchten bis gegen Morgen angehalten, erheiterte sich der Himmel und drehte sich der Wind nach Norden. Die Schraube der Corvette legte sich energisch ins Mittel, und mit ihrer Hülfe brachten wir es zu acht Knoten in der Stunde. Ich mache einen Rundgang auf dem schönen Schiffe und freue mich über die militärische Präcision der Manöver, die Sauberkeit des Verdecks und der Mannschaften. Die Dimensionen der Gazelle sind nicht unbedeutend, die Höhe des Mittelmastes, vom Kiel bis zur Flaggenspitze gerechnet, beträgt 192 Fuß. Sie führt 28 Geschütze an Bord, darunter mehrere von einem Kaliber, dem auch ein stärkerer Gegner weichen möchte. Die Herren Offiziere halten es mit der Strenge des Dienstes immer noch vereinbar, den Soldaten und Matrosen vierfüßige Stubenkameraden zu gönnen. Auf dem Vorderdeck fand ich noch einige 40 Affen, die größtentheils in Brasilien das Licht der Welt erblickt hatten. Anfangs war ihre Zahl weit höher gewesen, allein die lange Ueberfahrt hatte die Reihen der Südamerikaner 114 stark gelichtet, und noch jetzt mußte mancher wackere Landsmann sich von dem theuren Reisegefährten trennen, den er bis in die Heimath zu bringen gedachte. Seit Hongkong hatten wir unausgesetzt hohes Land in Sicht, ließen die Insel Formosa zur Linken liegen und denken noch heute, 16. Juli, Amoy zu erreichen. Am Abend kam ein chinesischer Lootse von sehr intelligentem Aussehen an Bord. Der junge Mann sprach für einen Eingebornen verhältnißmäßig gut englisch und bediente sich dieser Sprachfertigkeit, um seine unverschämte Forderung von 80 Dollars den »rothborstigen Barbaren« plausibel zu machen. Da er bald in dem Capitän einen ihm gewachsenen Gegner erkannte, ließ er mit sich handeln und machte sich anheischig, die Gazelle für 50 Dollars in den Hafen und später aus demselben zu lootsen. Um 9 Uhr lagen wir vor Anker, aber schon um 3 Uhr ging der Heidenlärm auf Deck wieder los. Die Maschine wurde geheizt, und die Gazelle legte sich im Binnenhafen vor Anker. Der hier domicilirende preußische Viceconsul kam aus der etwa noch eine halbe Stunde entfernten Stadt herüber, frühstückte am Bord, lud uns zu Tische ein und wurde mit einem Salut von fünf Schüssen verabschiedet. Unsere Ankunft ist ein Ereigniß; der ganze Gewerbestand von Amoy hat sich auf die Beine gemacht, um uns seine Dienste anzubieten, die neugierige Noblesse des Ortes einen Wassercorso nach der Gazelle arrangirt. In diesem Hafen soll noch nie ein so großes Kriegsschiff vor Anker gegangen sein. 115 IX. Consultationen an Bord. Hundertfünfzig Ananas für einen Dollar. Die Opferdschunke. Polussia Mandalin. Wie schwitzen Sie? Woosung und Shanghai. Der Tapferste der Tapfern. Deserteure. Die europäischen Seefahrer im Hafen zu Amoy leiden unter den Einflüssen der Hitze nicht weniger, als ihre Gefährten zu Hongkong. An Bord der Gazelle befinden sich zwei Aerzte, und Beide werden von Kranken der in der Nachbarschaft ankernden Fahrzeuge bestürmt und um Rath gebeten. Unser Stabsarzt zuckt mitleidig die Achseln, wenn ich den vielgeplagten Mann mit meinen Klagen behellige, und vertröstet mich auf die wohlthätigen Einwirkungen der Seeluft und eines milderen, d. h. kühleren Klima's, dem wir uns nähern. Die Mannschaft der Gazelle befindet sich, ungeachtet ihrer Schwelgereien in Südfrüchten auf der Rhede von Singapore, ganz vortrefflich. Ihr Ananasverzehr wird in dem Wirthschaftsbuch binnen vier Wochen auf 18,000 Stück berechnet, aber selbst ein haushälterischer Capitän kann seinen Matrosen diesen körperlich zuträglichen Genuß erlauben, da für 100 bis 150 Ananas je nach der Größe nur ein Dollar bezahlt wird. 116 Um 3 Uhr wurde an's Land gefahren und der Arzt gebot mir, an der Partie theilzunehmen. Wir hatten immer noch beinahe eine Stunde zu rudern, ehe wir zu der hübschen, mit einem lustigen Balkon versehenen Villa des preußischen Consuls gelangten. Die jungen Herren Seeoffiziere bestiegen die Hügel der Umgebung, wir Aelteren blieben zurück und labten uns an dem von halbnackten Chinesen kredenzten Sodawasser. Die Aussicht auf einen chinesischen Strand und das rege Treiben der Bootsbewohner gewährt immer Unterhaltung. Unweit des preußischen Consulats lag eine sogenannte Opfer- (Joss) Dschunke vor Anker. Sie war auf Kosten eines reichen Chinesen aus dem kostbarsten Material angefertigt und zur Aufnahme von Opfergaben bestimmt. Jeder durfte seinem Gotte eine Gabe darbringen, auch die geringste Kleinigkeit, eine Handvoll Reis, ein Bissen Fleisch oder Fisch war zulässig, daneben lagen schwere Seiden- und Goldstoffe. Ist das Fahrzeug bis an den Rand mit Weihegeschenken gefüllt, so läßt der fromme Spender es auf die hohe See hinausrudern, und dort, ohne Mannschaft, Steuer und Ruder, ein Spiel der Wogen und Winde, weitertreiben. Eine Sühne menschlicher Vergehen, gehört es den unsichtbaren Mächten der Höhe und Tiefe. Vor einigen Jahren war ein englisches Schiff so glücklich, eine dieser Opferdschunken aufzufischen, und unversehrt nach England zu bringen, wo sie für Geld gezeigt wurde. Um 7 Uhr wurde das Diner servirt, bei dem ich mich nur als Zuschauer betheiligte. Nach Tisch hatte der aufmerksame Wirth für eine den Offizieren neue Unterhaltung gesorgt. Unten vor der Veranda war ein Theater aufgebaut, auf dessen Bühne ungefähr dreißig Mimen eine bis 117 zehn Uhr Abends dauernde Vorstellung gaben. Zuerst kam eine mit haarsträubendem Pathos im alten Mandarinen-Dialekt vorgetragene Tragödie, die gewiß für jeden sinologischen Feinschmecker ein literarischer Leckerbissen gewesen wäre, an uns rothborstigen Barbaren aber spurlos vorüberging. Die Darsteller arbeiteten sich mit ihrer Declamation im Fistelton so selbstvergessen ab, daß ihnen der Schweiß in Gießbächen über die Gesichter rann und die Schminke tief durchfurchte. Dann folgte eine gymnastisch athletische Vorstellung, die uns bei der Bequemlichkeit unseres Zuschauerraumes höchlich ergötzte. Auch diesmal überzeugte ich mich abermals, daß die Chinesen, wie der Tanz an sich nicht zu ihren geselligen Vergnügungen gehört, von Tanzkunst und Ballet nicht die geringste Vorstellung haben. Einer der Athleten hatte seinen Kopf in den unteren Falten des Oberkleides verborgen, einen nachgemachten Kopf zwischen den Beinen befestigt, und ging eine Viertelstunde hindurch auf den Händen, während er mit den Füßen alle jene Bewegungen ausführte, welche wir mit den Händen verrichten, u. A. mit Eßstäbchen Speisen in den Mund der aufgesetzten Larve schob. In Europa hatte ich noch nichts Aehnliches gesehen. In einer gleich eigenthümlichen Art von Gymnastik zeichnete sich ein Anderer aus. Er schwang sich auf eine horizontal befestigte Bambusstange, befestigte seinen Kopf daran und ließ sich nun herab, indem er, daran hängend, eine Menge grotesker und dem Gesetze der Schwere scheinbar hohnsprechender Evolutionen ausführte. Das Finale bestand in der herkömmlichen Schlägerei mit Säbeln, Lanzen, Prügeln und Zöpfen nebst einem Feuerwerk. Ueber die Musik lege ich mir Schweigen auf. Die Vorstellung war zu Ende, 118 die Künstler hatten sich mit tiefen Verbeugungen entfernt, aber unter den Zuschauern war der Geschmack an Feuerwerk angeregt worden. Wie durch Zauberei stieg Thee, Champagner und eine dampfende Punschbowle aus dem Boden des Balkons in die Höhe, und von dem Geländer aus wurde eine Menge Leuchtkugeln, Feuerräder und Schwärmer abgebrannt. Es war halb zwölf Uhr vorbei, als wir zurück ruderten, aber des Feuerwerks sollte heute kein Ende werden. Als wollte der Himmel unser kindliches Funkenspiel beschämen, schossen einige der großartigsten Sternschnuppen durch das tiefe Dunkel der Nacht. Am nächsten Morgen des 18. Juli wurde wieder in See gestochen. Ich bedauerte, durch meine körperliche Schwäche verhindert gewesen zu sein, mich näher über Amoy zu unterrichten. So viel ich von der Wohnung des Consuls aus zu übersehen vermochte, ähnelt die alte Stadt auch in ihrer Bodenbildung Macao. Häuser und Tempel sind zwischen Felsen erbaut, die Zahl der Einwohner wird auf 200,000 angegeben. Ihr Typus unterscheidet sich wesentlich von dem der Bevölkerung Kantons. Die Hautfarbe ist dunkler und die hiesige Kopfbedeckung dem Turban der Muselmänner ähnlich. Da wir mit Gegenwind zu kämpfen haben, ist die Maschine geheizt und wir dampfen langsam vorwärts. Wir befinden uns in der Nähe der Insel Formosa und kommen Nachmittags dicht bei der kahlen, nur von Piraten bewohnten Ochseninsel vorüber. Die Ortsangehörigen versammeln sich auf Kuppen am Ufer, sind aber weit entfernt von einem Conat auf unser Schiff. So viel ich durch den Tubus sehen kann, flößt ihnen die Gazelle unsäglichen Respect ein. Die preußische Flagge 119 hat sich in den chinesischen Gewässern trotz ihrer kurzen Anwesenheit schon Achtung verschafft. Das solide, stramme und doch wohlwollende Wesen der Offiziere und Mannschaften gefällt den Ostasiaten. Als der Lootse von Amoy aus dem Hafen in das offene Fahrwasser hinausgesteuert hatte und sich verabschiedete, widmete er dem General-Consul Herrn von Rehfues seine ganze besondere Huldigung. Er titulirte ihn dabei » Polussia Mandalin pidjen mau numbel one « (preußischer Mandarin Geschäftsmann Nr. 1); man wird sich erinnern, daß kein Chinese das R auszusprechen vermag. Am 19. Juli, Morgens acht Uhr, erblicken wir die nördliche Spitze von Formosa, wir steuern absichtlich so weit gen Osten, um den südlichen Passat zu gewinnen; doch gelingt es uns nicht, es herrscht auf der ganzen Route fortwährende Windstille. Das Wetter ist wunderschön, in der kühlsten Stunde, Morgens halb vier Uhr, zeigte das Thermometer sogar nur auf 25 Grad Réaumur . Nach dem Kalender schreiben wir Sonntag und um 10 Uhr tritt Baron von Bothwell unter die in Paradeuniform aufmarschirten Soldaten und Matrosen und hält fürchterlich Musterung. Darauf folgt der Gottesdienst in der Batterie. Bei der anhaltenden Windstille ist die schwebende Hitze unerträglich. Ich bin jetzt in jenem Stadium der Hautentwickelung angelangt, das mir schon in Calcutta viel Stoff zum Nachdenken bot, wenn einer den Anderen gleich beim ersten Zusammentreffen fragte: »Wie schwitzen Sie?« Alle Poren meiner Haut scheinen verstopft zu sein, sie ist glühend aber trocken, ein innerer Brand verzehrt meine 120 Eingeweide, und doch habe ich längst allen Reizmitteln und nährenden Speisen entsagt. Neun Wochen hindurch habe ich kein Fleisch mehr genossen, ich friste mein Leben mit Reiskörnern, Brocken Zwieback, Grütze, Thee und Sodawasser. Die Güte meiner militairischen Landsleute kann ich nicht genug rühmen. Vor der Thür der Vorkajüte wandelt Tag und Nacht ein Soldat mit gezogenem Seitengewehr auf und ab. Brauche ich Hilfe und klingle, so steht er, wie der Geist des Ringes oder der Lampe, vor meiner Hängematte und betrachtet mich erwartungsvoll. Sein Name ist mir unbekannt, ich nenne ihn: Posten! Der Vortrefflichkeit dieser Einrichtung wird Jeder gerechten Beifall zollen, aber der Ort meiner Lagerstätte bringt denn doch auch einige Uebelstände mit sich. Ueber meinem Kopfe hängen, außer dem Barometer und Thermometer, noch einige andere »Meter«, die der Seemann zur Wohlfahrt des Schiffes und seiner Besatzung nicht aus dem Auge verlieren darf. So geschieht es, daß Tag und Nacht alle halbe Stunde ein wachthabender Seecadet in meiner Kajüte erscheint, die Instrumente scharf beobachtet, die Grade notirt und später in dem dienstlichen Register verzeichnet. Da er sich nach Einbruch der Dunkelheit dabei einer Laterne bedient, kann er seine Beobachtung nicht anstellen, ohne dabei dicht an meinem Gesicht vorbeizufahren und mich regelmäßig aufzuwecken. Unser Capitän studirt fleißig Bücher und Karten; unser großer Meteorologe Dove gilt mit seinem tiefsinnigen Calcül der Luftströmungen für den guten Genius der Seefahrer. Kein Tag vergeht, an dem seiner nicht in Ehren gedacht wird. Der militärische Dienst ist unerbittlich und am Tage macht kein Vorgesetzter 121 der leiblichen Bequemlichkeit seiner Untergebenen Concessionen; nach Einbruch der Dunkelheit wird Nachsicht geübt. Wir entledigen uns alsdann bis auf ein unentbehrliches Kleidungsstück der gesammten Garderobe, lustwandeln oder sitzen auf dem Verdeck und rauchen Taback. Eine Badewanne befindet sich an Bord, ich nehme täglich ein mir vom Stabsarzte verordnetes halbstündiges Bad zur Pflege meiner verkümmernden Haut. Sie ist nicht einmal mehr im Stande, die landesüblichen, regulären Hitzblattern zu Stande zu bringen. Um einige Abwechselung in meine Mahlzeiten zu bringen, darf ich von jetzt an einige Tropfen Citronensäure in meine Graupen träufeln. Am 21. Juli waren wir dem Festlande sehr nahe, das Fahrwasser ist gefährlich und der Capitän geht mit höchster Gewissenhaftigkeit zu Werke. Er blieb die ganze Nacht hindurch auf dem Verdeck, und ließ nach Mitternacht vier Raketen und Leuchtkugeln steigen, doch währte es bis Tagesanbruch, ehe ein englischer Lootse an Bord kam und die Gazelle in die Mündung des größten Flusses Chinas, des Yangtsekiang steuerte. Die Entfernung vom Festlande war größer gewesen, als wir sie abgeschätzt hatten. Die zwölfte Stunde rückte heran, ehe uns das Feuerschiff zu Gesichte kam, und meine Uhr zeigte auf Zwei, als wir zu Woosung (Wusung), dem Vorhafen von Shanghai , den Anker fallen ließen. Der General-Consul und Herr von Radowitz traten in einem gemietheten chinesischen Fahrzeuge sogleich die Reise nach Shanghai an, wohin sie durch dringende Geschäfte gerufen werden; der Verfall meiner Kräfte verbot mir, mich ihnen anzuschließen. Ich tröste mich mit der Hoffnung, in dem Klima Japans zu genesen, einige 122 Monate später hierher zurückzukehren und dann das Versäumte nachzuholen. Die Herren haben bis Shanghai noch drei Stunden stromauf zu fahren. Der Yangtsekiang, der blaue Fluß oder Kiang, wie er schlechtweg genannt wird, ist hier mindestens anderthalb deutsche Meilen breit, und wechseln Ebbe und Fluth wie auf dem Ocean selber. Das unermeßliche Gewässer gleicht einer lehmigen Jauche und schwemmt eine unberechenbare Menge fester Bestandtheile in die See; die Natur strebt überall nach Abplattung, Nivellirung der Berggipfel und Füllung der Abgründe. So weit das bewaffnete Auge reicht, sind beide Ufer flach, wie in den Niederlanden. Man erkennt nur Reisfelder und niedriges Gebüsch. In meinen unfreiwilligen Mußestunden sitze ich traurig auf dem Verdeck und blicke dem von Westen heranströmenden wilden Wasserschwall entgegen; es ist möglich, von hier aus in einem Tage bis Nanking zu gelangen, aber die Expedition wäre selbst bei vollkommenem Wohlbefinden nicht rathsam. Die Rebellen (Taipings) haben sich der Stadt Nanking bemächtigt, und Niemand kann veranschlagen, in wie weit die bisherigen diplomatischen Vereinbarungen des officiellen China's und der europäischen Seestaaten auch von ihnen anerkannt werden. Von der Schönheit Nanking's habe ich während meiner Anwesenheit in China viel vernommen, der Stolz der Chinesen, der Porzellanthurm Thu , ist freilich von den Rebellen zerstört und dem Erdboden gleich gemacht worden. Nach älteren Berichten, denen ich hier folge, stammte der Porzellanthurm nicht, wie so manche ähnliche Denkmäler, aus den Zeiten der Einführung des Buddhaismus in China (etwa um Christi Geburt) her, sondern gehörte zu den Bauwerken der jüngeren 123 Jahrhunderte. Der Kaiser Tsching-tsu-wen-ti aus der Ming-Dynastie wird als sein Erbauer genannt. Die Errichtung fällt in die Jahre 1403 bis 1425. Seiner religiösen Idee nach war der Porzellanthurm ein Tempel des Dankes und der höchsten Erkenntlichkeit. Nach v. Klödens trefflichem Handbuch der Erdkunde, der sich hier auf Pauthier stützt, stand der Porzellanthurm auf einem Ziegelunterbau, der mit einer Marmor-Balustrade umgeben war. Der als Tempel dienende untere Saal hatte hundert Fuß Tiefe, empfing aber sein Licht nur durch drei kolossale Thore. Der Thurm hatte neun Etagen und eine Höhe von 253 Fuß. Der Durchmesser des Bauwerks verjüngte sich mit zunehmender Höhe. Der Thurm war außen mit vielfarbigem glasirtem Porzellan bekleidet, das im Laufe der Jahrhunderte durch Regen und den zerstörenden Einfluß der atmosphärischen Chemikalien viel von seiner anfänglichen Herrlichkeit verloren hatte. Auf der achten Etage erhob sich ein mächtiger Mast als Gipfel des Ganzen, Eisenbande umschlangen ihn; auf der Spitze lag eine gewaltige vergoldete Kugel. Noch heute sprechen die Chinesen von ihrem Heiligthum, wie unsere Schriftgelehrten von den Wundern des alten Aegyptens. Der Kaiser hat seine Residenz von Nanking nach Peking verlegt, aber die ehemalige Hauptstadt bewahrt standhaft den Ruf der Intelligenz und Gelehrsamkeit. Ihre Arbeiter sind die geschicktesten, die Sprache und ihr Accent sind hier besonders rein; Nanking ist das Athen der Chinesen. Der Ort scheint sich überdies durch seine Billigkeit und sonstige angenehme Lebensweise auszuzeichnen. Ich schließe dies aus dem Umstande, daß sich zu Nanking, wie zu Görlitz in Schlesien die preußischen Pensionäre der Armee, die zur Disposition 124 gestellten Mandarine niederlassen, und bei dem Reichthum der Bibliotheken ihre Muße durch wissenschaftliche Studien erheitern. Die Doctoren Nanking's werden als die besten des himmlischen Reichs gerühmt. Ich las mit schwerem Herzen die Beschreibung der Herrlichkeiten und gewährte meiner Phantasie volle Freiheit, sie mit den riesenmäßigen Grabbildsäulen und Thiergestalten zu bevölkern, die noch heute in der Umgegend der Stadt gefunden werden sollen. Unsere Tafelrunde wird immer kleiner, denn auch Capitän von Bothwell verläßt uns, um in Shanghai eine Summe von 60,000 Dollars einzukassiren. Doch kommt Mancherlei an Bord vor, das einem hilflosen Patienten einige Zerstreuung verschafft. Ein Matrose fiel über Bord, ward aber durch Anwendung der Rettungsboje und eines Bootes auffallend rasch wieder in's Trockene gebracht. Am 24. Juli war erst Musterung, dann folgte ein großes Seemanöver. Der Mannschaft wurde eine Lection im Entern ertheilt, die Gelehrigkeit und Geschicklichkeit unserer Landsleute war bewundernswerth; die militärischen Uebungen schlossen mit der Fiction eines ausbrechenden Feuers. Es wurde Sturm geläutet, denn in der mir angewiesenen Vorkajüte sollte es brennen. Bei den geringen Schwierigkeiten: die Feuersbrunst zu löschen, ging das Manöver rasch vorüber, und die Mannschaft ließ sich im Bewußtsein befriedigten Pflichtgefühls Abends den vertheilten Grog ausgezeichnet schmecken. Wüthet auch am Lande die Cholera auf das Entsetzlichste und treiben stündlich Leichen vorbei, die man weit im Inlande, außer Stande, alle Todten zu begraben, in den Strom geworfen haben mag, so haben wir an Bord der Gazelle doch keine Todten zu beklagen, so viel der 125 Gesundheitszustand der Mannschaft sonst zu wünschen übrig lassen mag. Und doch ist bis jetzt keiner am Lande gewesen. Wir ankern in Mitte eines förmlichen Geschwaders von Schiffen der Amerikaner, Engländer, Hamburger und Dänen, unter denen fast ein täglicher Wechsel stattfindet, und das Verdeck der Gazelle hat sich in den Sprechsaal einer Klinik verwandelt, so haben sich die Besuche der Leidenden vermehrt. Die Thätigkeit unserer beiden Doctoren ist wahrhaft übermenschlich, nie ward ärztlicher Rath bereitwilliger und ohne weniger Eigennutz ertheilt. Unter den aus Europa und Amerika gebürtigen Patienten befand sich auch ein chinesischer Soldat, der indessen die Hilfe unserer Aeskulape nicht gegen ein klimatisches Uebel, sondern nur gegen eine Krankheit in Anspruch nahm, die auch diesseitigen Militärärzten viel zu schaffen macht. Bekleidete er eine höhere Charge, oder hatte er sich in einem Gefechte hervorgethan, auf der Rückseite seines Gewandes prangten außer der Nummer seiner Abtheilung einige Charaktere, welche »der Tapferste der Tapferen« bedeuteten. Später erfuhr ich, daß dergleichen Rockinschriften die Stelle unserer Orden und Medaillen vertreten. Weshalb dergleichen Auszeichnungen, wie z. B. das furchtbare Motto »der Allesmordende« aber gerade auf dem Revers der Heroen angebracht werden, wo der dadurch in's Bockshorn zu jagende Gegner sie erst erblickt, wenn »der Blutdürstige« Reißaus nimmt, habe ich nicht ermitteln können. Am 29. Juli ist Herr von Bothwell von Shanghai zurückgekehrt, und drei Schritte von meiner Hängematte sind seitdem in sechs Kisten die bewußten 60,000 Dollars, also 100,000 Thaler in Silber, aufgestellt und der 126 Wachsamkeit eines allstündlich abgelösten Postens, meines Vertrauten, anheimgestellt. An demselben Tage wurden auch einige Exercitien an den beiden auf Deck stehenden gekupferten Kanonenbooten unternommen. Jedes derselben vermag hundert Mann und ein Geschütz schwersten Kalibers zu tragen. Der Termin unserer Abfahrt ist immer noch unbekannt und hängt von der Rückkehr der Herren von Rehfues und Radowitz ab. Die Langeweile scheint auf unsere Matrosen demoralisirend einzuwirken, fünf derselben haben den schönen Abend benutzt, zu desertiren, nachdem jeder einen der in offenem Gestell aufgespeicherten Revolver zu sich gesteckt. In der darauf folgenden Nacht entwischte noch ein Sechster, ein waghalsiger Geselle. Da die Revolver sogleich eingeschlossen worden waren, hatte er sich mit keiner Waffe versehen können und war in der Hoffnung, ein benachbartes Schiff durch Schwimmen erreichen zu können, einfach über Bord gesprungen, nachdem er die beiden Enden eines zerbrochenen Ruders unter den Achseln festgebunden. Der Unbesonnene hatte nicht an Ebbe und Fluth gedacht, die Zeit der ersteren war da, und der unwiderstehliche Wasserdrang des Yangtsekiang trieb ihn unaufhaltsam in den Ocean hinaus. Er war schon zwei Stunden umhergeschwommen, als sein Jammergeschrei einen heranlavirenden Amerikaner aufmerksam machte, der ihn denn auch glücklich auffischte. Vormittags zeigte der ehrliebende Amerikaner uns durch einige Signale den unvermutheten Fischzug an. Capitän von Bothwell entsandte ein Boot, und der Deserteur, so wie einer seiner gestrigen Vorgänger, liegt gegenwärtig in Eisen. Die Antecedentien des Flüchtlings sprechen nicht für ihn. Schon vor acht Monaten, in Rio Janeiro, 127 hat er versucht, zu entwischen, und sich bei seiner Verhaftung dadurch der weiteren Strafe entzogen, daß er mehrere Wochen lang sinnlos betrunken gewesen zu sein behauptete. So lange ein Kriegsschiff vor Anker liegt, befinden sich derartige Verbrecher in festem Gewahrsam, auf hoher See werden sie wieder in Freiheit gesetzt und verrichten ihren Dienst. Erst in der Heimath übergiebt man sie dem Kriegsgericht; unser muthwilliger Fahrtenschwimmer darf einer Festungsstrafe von zwei bis drei Jahren gewiß sein. In Folge dieser Fluchtversuche ist die Ordre, das Schiff nicht zu verlassen, noch verschärft; die Offiziere fürchten die Einschleppung der Cholera, an der, wenn schon nicht in Woosung, aber doch in Shanghai, täglich 800 bis 900 Eingeborene sterben. Am 30. Juli Abends trafen endlich die Herren von der Gesandtschaft ein. Prinz Wittgenstein , der sich bis dahin in Shanghai aufgehalten, hatte sich zu ihnen gesellt und gedachte, die Reise nach Japan mit uns fortzusetzen. Ich ließ mich von den Herren zu einem Ausfluge nach dem Städtchen Woosung bereden, das an der Mündung des gleichnamigen Nebenflusses des Yangtsekiang liegt, vermochte aber nichts Sehenswürdiges zu entdecken. Bemerkenswerth war nur die Menge der Dschunken, die theils, wie unsere Boardinge, die neuen Thee's an Bord der fremden Schiffe führten, theils das importirte Opium landein und stromauf verschifften. Mir wurde u. A. eine Polizei- und Criminalgerichts-Dschunke gezeigt, die eben von einer Inspectionsfahrt in der Mündung des Kiang, und zwischen Woosung und Shanghai, zurückgekehrt war. Das grell angemalte Fahrzeug sah keinesweges einladend aus. An seiner Spitze stand ein Galgen, ein auf zwei 128 Pfeilen ruhender Querbalken, den man vor Kurzem seiner Früchte entledigt haben mochte. Noch hingen an zwei Haken die Stricke und seitwärts lehnte eine Bambusleiter. Die Strompolizei macht mit Piraten kurzen Prozeß. Unter dem Galgen saßen mehrere Beamte und wehten sich mit Fächern Kühlung zu. Die mit einer Luntenflinte bewehrte, auf und ab wandelnde Schildwache hatte den Fächer hinten in den Nacken gesteckt, wo er wie der Stiel einer Pfanne hervorragte. 129 X. Nach Japan. Flucht vor dem Teifun. Schönes Wetter und dreißig mit dem Tauende. Der Vulkan Fusi Yama. Eine neue Höflichkeitsbezeugung. Ein Damenbad auf offener Straße. Grillen und Schreifliegen. Japanische Häuslichkeit. Früh acht Uhr am 31. Juli werden die Anker gelichtet und wir stechen nach Yeddo in Japan in See. Der anschwellenden Fluth entgegen, fahren wir stromabwärts unsäglich langsam; doch hatten sich um vier Uhr Nachmittags die wilden Wasser wieder verlaufen und der Capitain trug Bedenken, bei dem niedrigen Wasserstande und dem Tiefgange der Gazelle die Barre des Yangtsekiang zu passiren; die Anker wurden daher nochmals ausgeworfen. Es ist heute Freitag, und in allen Winkeln des Schiffes stecken die Matrosen die Köpfe zusammen und tuscheln; eine Abfahrt an einem Freitage sei noch nie zu einem glücklichen Ende gediehen. Die Zeit zu ferneren abergläubischen Betrachtungen war ihnen nur karg zugemessen, um halb drei Uhr Nachts dampften wir rasch über die gefährliche Barre und, von einer frischen Brise angehaucht, eilten wir mit einer Schnelligkeit von acht Knoten nach Norden vorwärts. 130 Der Athem des Windes erstarb nach vier und zwanzig Stunden, und am 2. August Sonntags war eine solche Windstille eingetreten, daß nach dem Gottesdienste Baron von Bothwell uns den Vorschlag machte, ein Boot zu besteigen und eine Ruderfahrt zur Feier des Sabbaths zu veranstalten. Eine Stunde lang genossen wir den Anblick der prächtigen Corvette und des unbegrenzten Ocean-Panoramas, dann kehrten wir zurück und setzten mit Dampf die Reise fort. Mein Tagebuch gewährt in den chinesisch-japanischen Gewässern nur spärliche Ausbeute, der Schiffsverkehr ist gering; seit der Abfahrt von den chinesischen Küsten haben wir nur ein Schiff in der Ferne erblickt. Unsere Gesundheit hat sich sehr verschlechtert, der Capitain leidet von allen Offizieren am heftigsten an der Dysenterie; die Bildung eines Graupenvereins wäre angemessen. Die Stelle eines Alterspräsidenten könnte mir, der ich am längsten mit dem Uebel kämpfe, ohnehin nicht entgehen. Am 3. August erhielten wir Gesellschaft. Mehrere Wallfische von mittlerer Größe tauchten tausend Schritte von dem Schiffe auf, bliesen Wasserstrahlen aus den Nasenlöchern und schäkerten untereinander auf etwas hahnebüchene Weise. Den Fischlein schien im kühlen Grunde unsäglich wohl zu sein. Bald darauf schwamm ein verschlossener chinesischer Sarg an der Gazelle vorüber; wie er in diese Regionen gekommen sein mochte, war uns Allen unbegreiflich. Um drei Uhr erblickten wir in weiter Ferne Land, die japanische Insel Udsi Sima , eine malerische Bergformation von ungefähr 2000 Fuß Höhe, und gegen Abend begegnete uns die erste japanische Dschunke, der wir jedoch keine weitere Aufmerksamkeit schenkten, da das Barometer plötzlich rasch zu fallen 131 begann und angesichts der Küste sogleich die nöthigen Vorsichtsmaßregeln ergriffen werden mußten. Der Wind wurde von Stunde zu Stunde stärker und Capitain v. Bothwell hielt es für rathsam, in Gesellschaft der Offiziere die Nacht hindurch auf Deck zu bleiben. Durch meine körperliche Schwäche gezwungen, hatte ich mich in der Vorkajüte niedergelegt, aber die gewaltigen Bewegungen des Schiffes ließen mich nicht schlafen. Ich kroch aus der Hängematte und begab mich zu den Offizieren. Die See ging himmelhoch; im Verhältnisse zu den heranrollenden Wasserbergen schien die stattliche Gazelle zu einer Wallnußschale zusammengeschrumpft zu sein. Die höchste Vorsicht war geboten, denn in allen Richtungen umgab uns Land. Nördlich am Horizont tauchten die kahlen, nur hie und da grüngefleckten Felsen Japans auf, gen Süden zeigten sich mehrere kleine gebirgige Inseln, deren eine, Kurosima , in einen rauchenden Vulcan von 2200 Fuß Höhe auslief. Die See ging immer höher, und endlich mußten alle Kajütenfenster und Stückpforten geschlossen werden. Da ich zu einer dreistündlich zu nehmenden Mixtur verurtheilt war, hatte ich mich rittlings auf das Geschütz in meinem Boudoir gesetzt und führte eben den Löffel zum Munde, als eine Welle durch die Oeffnung schlug, nicht nur die Medizin beträchtlich verdünnte, sondern mich auch durch ein Sturzbad erfrischte und alle Utensilien nebst Gepäck unter Wasser setzte. Die Kajüte mußte mit Eimern wieder trocken gelegt werden. War die Hitze in der geschlossenen Kajüte des Capitains unerträglich, so stürzte der Regen auf das Verdeck in Strömen herab. Um 6 Uhr wollte die Corvette »keine Fahrt mehr machen.« Der hohen See und 132 der Wucht des Sturmes war die Kraft der Schraube nicht gewachsen. Unaufhaltsam trieb die Gazelle rückwärts. Eine Stunde später fuhr eine französische Corvette, wahrscheinlich von Yeddo kommend, mit dicht gerefften Marssegeln in südlicher Richtung an uns vorüber. Der Versuch wurde angestellt, mit Flaggensignalen eine Unterhaltung anzuknüpfen, aber das eilige Kriegsschiff gab keine Antwort. Capitän v. Bothwell beschloß jetzt, da das Barometer immer tiefer sank, dem Beispiel des Franzosen zu folgen und den Wirbeln des drohenden Teifun auszuweichen. Das Kriegsschiff mochte, nach dem Verlust beider Bramstengen zu urtheilen, dem Teifun nur mit genauer Noth entgangen sein. Auch unsere Marssegel wurden gerefft, wobei einige Leinwandstücke wie Papierfetzen zerrissen über Bord flogen, und resignirt kehrten wir dahin zurück, woher wie gekommen waren. An Unglücksgefährten fehlte es uns nicht. In den Mittagsstunden des 4. August kam uns eine große, sehr elegant ausstaffirte Dschunke in Sicht, die bei ihrer unbehilflichen Bauart noch ganz anders, wie wir, hin- und hergeworfen wurde. Mit Hilfe des Fernglases erkannte ich auf Deck des Schiffes vier höchst martialisch aussehende Japanesen und ein kleines Frauenzimmer, die sich sämmtlich mit vieler Fassung in ihre Lage fanden. Gar gern hätte ich das Schauspiel länger beobachtet, man rief mich jedoch schleunig in die Kajüte; meine Effecten hatten durch eine Sturzsee abermals Schiffbruch gelitten. Koffer, Morgenschuhe und Stiefelknecht schwammen umher; der Posten leistete mir bei der Rettung freundschaftliche Hilfe. Der Morgen des 5. August brach noch immer stürmisch an, aber das Barometer begann langsam zu steigen; wir waren über 133 dreißig Meilen weit zurückgeworfen worden. Der Wind drehte sich nach Westen und der frühere Cours wird von Neuem aufgenommen. Obgleich die See den Anschein hat, als wolle sie uns unter den von Südwest gegen den Spiegel der Corvette heranrollenden Wellen begraben, sieht der Himmel doch etwas freundlicher aus. Vor meinen Augen schwankt Alles, ich bin nicht seekrank, aber ich werde in meinem jammervollen Zustande noch von fixen Ideen verfolgt. Die ganze Nacht hindurch wand ich mich in der glühenden Stickluft der Kajüte in meiner Hängematte, und konnte den Gedanken nicht loswerden, wie glücklich ich sein würde, läge ich jetzt im Winter zu Hause neben dem geheizten Ofen, mit einer Wärmflasche im Bette. Der logische Widerstand gegen diesen aufdringlichen Gedanken, der meinem verwirrten Hirn nicht recht einleuchten wollte, verursachte mir unbeschreibliche Qualen. Jetzt saß ich auf dem Verdeck, und um mich drehte sich ein dunkelgrauer, mit Seeoffizieren, Teifunkarten und Regenwolken bedeckter Himmel. Da sich der Wind noch mehr nach Süden wandte, kamen wir rasch vorwärts. Am 6. August hatte sich die See etwas beruhigt, wir konnten in den Kajüten gehen und stehen, ohne zu Boden geworfen zu werden, und Capitän von Bothwell mochte das Wetter für geeignet halten, um jetzt einen Act der Gerechtigkeit vorzunehmen. Die Offiziere und einige als Zeugen dazu commandirte Matrosen versammeln sich um neun Uhr in Gala-Uniform, und einem Gehorsam-Verweigerer werden mit einem Tauende dreißig Hiebe officiell aufgezählt. Ungeachtet des günstigeren Windes haben wir nach den am 7. August angestellten Berechnungen weniger 134 »Fahrt gemacht,« als zu erwarten stand. Erst in den Mittagsstunden bringen wir es mit Dampf zu einer Geschwindigkeit von 8 bis 9 Knoten in der Stunde und passiren Nachmittags die Region, wo der unglückliche Schoner Frauenlob von seinem Schicksal ereilt wurde. Unsere Entfernung vom Lande wird auf 8 geographische Meilen abgeschätzt. Bei Sonnenuntergang segelt und dampft ein von Norden kommendes Geschwader von acht großen und kleinen Kriegsschiffen an uns vorüber. Der Flaggengruß und eine flüchtige Correspondenz mittelst Signalen wurden durch die schleunig hereinbrechende Dunkelheit verhindert; wir waren immer noch eine Meile von der Flotille entfernt. Die Fahrt wurde mit höchster Vorsicht fortgesetzt, und am 8. August, um sechs Uhr Morgens, tauchte in einer Entfernung von 16 bis 20 Meilen der schon mehr im Innern Japans gelegene Vulkan Fusi Yama , der heilige Berg der Japaner, aus der Tiefe auf. Der Himmel war wolkenfrei und die malerischen Umrisse des Gipfels traten scharf hervor; auf der Spitze sah man deutlich mehrere Schneeschichten. Die Höhe des Fusi Yama, d. h. des großen Berges, wird sehr verschieden zwischen 12,000 bis 14,000 Fuß angegeben. Nach einer neueren Messung von Alcock soll sie 14,356 Pariser Fuß betragen. Der ausgebrannte Vulkan, der nach den Behauptungen der Japanesen im Jahre 286 vor Christi Geburt plötzlich entstanden sein soll, ist der Stolz der Eingeborenen. In allen ihren landschaftlichen Abbildungen suchen sie seine rauhe Pyramide im Hintergrunde als höchsten Effect anzubringen. Meine Hände zitterten vor Schwäche, doch durfte der günstige Augenblick nicht verloren gehen, ich holte meinen 135 Malerapparat und fertigte, da die Wuth der Wasser endlich beschwichtigt war und die Schwankungen der Corvette meine Arbeit nicht hinderten, glücklich eine Aquarelle an. Kaum hatte ich den Pinsel ausgewischt, als eine plötzliche Trübung des Dunstkreises mir bewies, wie recht ich gethan, keine Zeit zu versäumen. Etwa um 9 Uhr spann sich der majestätische Berg in einen dichten Wolkenschleier. Wir näherten uns inzwischen den pittoresken Küsten der herrlichen Bai von Yeddo. Das Erste, was wir von japanischem Leben und Treiben bemerkten, waren drei größere Dschunken, jede mit 20 stämmigen Landeskindern bemannt, die dem Wallfischfange oblagen. Die Jagd mochte höchst ergiebig sein, denn während meiner Arbeit hatte ich nach und nach reichlich ein Dutzend heranwachsender Wallfisch-Fohlen oder Kälber – ich bin in der Fischer- und Jäger-Sprache nicht bewandert – gezählt, die sich in kindlicher Naseweisheit der Gazelle näherten, aus dem Ocean mit ihren riesigen Leibern hervorschnellten und Wasserstrahlen emporstrudelten. Meine poetischen Empfindungen wurden durch den unerwarteten Umstand, daß auf Deck Alles zum Gefecht klar gemacht wurde, etwas heruntergestimmt. Die Gazelle war eines freundlichen Empfanges in Kanagawa, das wir Abends zu erreichen hofften, nicht ganz gewiß, und mußte sich auf alle Fälle vorbereiten. Schon gestern hatte mich ein längeres Uebungsmanöver von kriegerischem Anstrich befremdet. Selbst die diplomatischen Herren Passagiere besichtigten ihre Revolver. Im Laufe des Tages geschah indessen nichts, was unsere Besorgnisse steigern sollte. Eine Anzahl Dschunken, die wir einholten, schienen mir zwar nicht so bunt und malerisch, wie die gleichnamigen 136 Fahrzeuge der Chinesen, aber von praktischerer Bauart. Sie waren nicht so unbehilflich, als mir die vom Sturm hin- und hergeworfene Dschunke erschienen war, segelten trefflich vor dem Winde, und ich gab im Stillen den japanischen Zimmerleuten eine Ehrenerklärung. Bald eröffnete sich uns die Aussicht in die weite Bai von Yeddo. Die Landschaft ist unvergleichlich schön und das Glück lächelte unserer Ankunft. Die Sonne hatte alle Nebelgespinnste zerstreut; die tiefblaue Bai und ihre Ufer lagen wie ein gekröntes Preisbild in goldenem Rahmen vor uns. Vielleicht veranschauliche ich den weiten Prospect am besten, wenn ich die felsigen, bald kahlen, bald bewaldeten Erhebungen von mäßiger Höhe und die darin gebetteten freundlichen Hafenstädte, mit einer Zusammenstellung thüringischer Veduten vergleiche. Es war dieselbe musikalische Harmonie der Formation, dieselbe Frische, nur erschien mir das herrliche Ensemble mehr von südlicher Wärme der Farbe angehaucht, und das ferne Colossalgebilde des Fusi Yama brachte einen fremdartigen Ton hinein, der nach Asien hinübermodulirte. Einige Minuten vor Sonnenuntergang hatte die Gazelle Yokuhama erreicht. Kaum war der Anker gefallen, als die Offiziere der in der Nähe ankernden amerikanischen, englischen und französischen Schiffe ihren Begrüßungsbesuch abstatteten. Einer der ersten an Bord war der preußische Consul, Herr von Brand . Die Dunkelheit brach so rasch herein, daß wir uns der willkommenen Gäste nicht lange erfreuen konnten, ja selbst der für das französische Admiralschiff bestimmte militärische Gruß von 13 Kanonenschüssen mußte bis auf den nächsten Morgen verschoben werden. 137 Leider hatte sich unsere Tafeldecker-Mannschaft darauf nicht genügend vorbereitet und den zum Tiffin gedeckten Tisch nicht »zum Gefecht klar gemacht«; der Teller- und Gläservorrath der Gazelle erlitt folglich durch die Lufterschütterung, welche das Abfeuern der Vierundsechzig-Pfünder verursachte, eine empfindliche Einbuße. Für gewöhnlich müssen vor jeder Kanonade an Bord alle zerbrechlichen Geschirre in Kisten oder Körbe festgepackt werden. Um 9 Uhr Morgens ruderten wir an's Land und standen nach einer halben Stunde auf japanischem Boden. Die Herren von Rehfues , von Radowitz und Prinz Wittgenstein beziehen Zimmer im Hause des Herrn von Brand ; mich nimmt die Firma Reis u. Schulze auf, ein Bremer Handelshaus. So eindringlich man mich zur Vorsicht gemahnt hatte, nicht allein zu weit in den Straßen Yokuhamas vorzudringen, vermochte ich doch nicht, meiner Neugier zu widerstehen. Zudem hatten sich meine Kräfte etwas gehoben und mehrere Stunden ruhigen Schlafes in der letzten Nacht meine Nerven erfrischt. Das Klima Japans ist immer noch warm genug, aber bei der freien Lage der Bai, in der wir ankern, kühlt sich die Atmosphäre bei Nacht beträchtlich ab; die Gesammttemperatur wird dadurch ungleich angenehmer und wohlthätiger für das leibliche Befinden, als zu Hongkong. Erleichterten Herzens begab ich mich in die Straßen Yokuhamas, kam aber nicht weit, da immer nach vier bis fünf Schritten hundert neue Gegenstände mich fesselten und zwangen, mit offenem Munde stehen zu bleiben. War ich bisher in China durch meine Nachahmung der landesüblichen Höflichkeit überall gut fortgekommen, so hielt 138 ich es für verständig, unter dem Bruderstamme ein ähnliches Verfahren zu beobachten, und kann dasselbe allen meinen deutschen Nachfolgern anempfehlen. Gleich in den ersten zehn Minuten meines Streifzuges wurde mir ein sehenswerthes, von Allem, was ich bisher in der Praxis des Ceremoniells erlebt, weit abweichendes Schauspiel gewährt. Ein vornehmer Mann ritt, von seinem, aus Fußgängern bestehenden Gefolge begleitet, durch die Straße. Er trug zwei Schwerter und die einem Weiberrock ähnlichen weiten Hosen, die nur der Adel anlegen darf, der Reiter, wenn er nicht ein Daïmio war, was ich in Yokuhama nicht voraussetzen durfte, mußte also wohl den » Sio-Mio « d. h. dem Erbadel, oder einer andern der ersten vier Klassen, den Yakonins , angehören. Das Volk bewies ihm außerordentliche Ehren. An orientalische Höflichkeitsbezeugungen gewöhnt, befremdete es mich nicht weiter, daß alle Vorübergehenden sich zu Boden warfen und ihre Häupter zur Erde neigten. Bisher hatten sie aber der vornehmen Person, welcher diese sklavischen Huldigungen galten, immer den Kopf und die ehrerbietig ausgestreckten Hände zugekehrt; hier verhielt es sich umgekehrt. Alle warfen sich mit abgewandtem Haupte auf die Knie, verbargen die Gesichter und ließen den hochgestellten Beamten oder Militär nur ihre Kehrseite, und zwar im schärfsten Gegensatze zum Antlitz sehen. Denn da die Mannigfaltigkeit der Garderobe unter den Japanesen, wie ich schon in den ersten Minuten meiner Promenade bemerkt hatte, außerordentlich groß ist, und die unteren arbeitenden Kasten in der Sommertracht einhergingen, die nur in einem um Leib und Oberschenkel geschlungenen schmalen Bande besteht, 139 konnte es nicht fehlen, daß dem Yakonin eine Menge jener ausdruckslos geformten Körpertheile in ihrer Blöße zugekehrt war, die wir Europäer deshalb aus ästhetischem Zartgefühl sorgfältig unter unseren Kleidern verbergen, und die nur die ruchlosen Spaßvögel entschwundener unhöflicherer Jahrhunderte unter schmachvollen Zumuthungen unverhüllt vorwiesen. Es war mir unmöglich, bei dem frappanten Anblick einer so eigenthümlichen Esplanade ein lautes Gelächter zu unterdrücken, und da ich vor dem langsam heranreitenden Yakonin höflich den Hut lüftete und eine leichte Verbeugung machte, bezogen Se. Excellenz mein Gelächter als europäischen Ehrengruß auf ihre Person und dankten mir durch Handschwenkungen und Kopfnicken auf zuvorkommende Weise. Je weiter ich ging, desto einleuchtender wurde mir, wenn irgendwo, so habe man die verkehrte Welt nur in Japan zu suchen. So fiel mir in mehreren, nach der Straße offen stehenden Tischlerwerkstätten die Art des Hobelns und Sägens auf. Die Arbeiter stoßen nämlich das Handwerkszeug nicht, wie bei uns, von sich, sondern ziehen es, und zwar mit vieler Leichtigkeit, an sich. Ein großes Brett wurde nach dieser Methode eben so schnell glatt gehobelt, wie nach europäischem Brauch. Selbstverständlich schreiben die Japanesen von rechts nach links und beginnen ihre Bücher auf der letzten Seite des Bandes, aber auch die Pferde stehen in ihren Ställen mit den Köpfen nach vorn gekehrt, wo man in unseren Ställen nur ihre Schweife erblickt. Jeder Leser des alten Testamentes weiß, welches Unheil durch die unzeitige Wißbegier jener älteren Herren angerichtet wurde, welche die schöne Susanna und Bathseba 140 in einem Augenblicke belauschten, wo jedes weibliche Wesen sich den Augen des starken Geschlechts zu entziehen sucht. Meinen japanesischen Collegen, den Historienmalern, kann die Culturgeschichte ihrer Heimath nie einen gleich dankbaren Vorwurf liefern. Vor der Thür jedes japanischen Hauses steht, zum ersten Nothbehelf bei Feuersgefahr, ein mit Wasser gefüllter großer Bottich, dessen Inhalt fortwährend erneuert und von der Polizeibehörde streng beaufsichtigt wird. Der Bottich ist zugleich die Badewanne der das Haus bewohnenden Familie und die offene Straße: ihr Badegemach. Wie erstarrt blieb ich stehen, als ich, hinter einem in das Haus biegenden Packträger hervortretend, plötzlich vor einem jungen Mädchen stand, das, im Costüm unserer Urgroßmutter Eva, aber selbst ohne die Feigenblätter-Garnitur, auf einem über den Rand des Bottichs gelegten lackirten Brette saß, Nacken und Brust mit Wasser übergoß und wie eine Ente mit den Füßen darin plätscherte. Ich wich in der Furcht, eine unerhörte Tactlosigkeit begangen zu haben, verlegen zurück, da mich aber die badende Schöne nur eines gleichgiltigen flüchtigen Blickes würdigte und keiner der Vorübergehenden sie beachtete, beruhigte ich mich mit dem alten Sprichworte: Ländlich, sittlich! und schlenderte unbekümmert weiter. Wirklich war das öffentliche Bad keine Ausnahme von der Regel gewesen, die Vormittagsstunde mochte zur Toilette bestimmt sein, und schon einige Häuser weiter traf ich eine Mutter mit zwei Töchtern bei derselben Beschäftigung. Die Damen fühlten sich durchaus nicht unangenehm berührt, als ich auf- und abwandelnd Augenzeuge der gegenseitigen Uebergießungen und des späteren weitläufigen Haarschmückungsprozesses war. 141 Ich bekam danach eine sehr vortheilhafte Meinung von der Reinlichkeit, wenn auch nicht von der Schamhaftigkeit der Japanesen, und habe keine Veranlassung gefunden, sie später zu berichtigen. Der Inselbewohner steht in dieser Hinsicht weit über dem Chinesen. Die Bauart der aus Fichten-, Cedern- und Pinienholz errichteten Häuser ist sehr gleichförmig und kasernenartig. Eine lange Straßenfront scheint oft nur ein einziges zweistöckiges Haus zu sein, und doch zerfällt sie in eine Menge einzelner Gebäude, die freilich durch ein gemeinschaftliches Dach aus schwarzen Ziegeln verbunden sind. Eben so gern malt man die Wände schwarz an, was den Straßen durchweg ein düsteres Ansehen giebt, ungeachtet nach hiesigen Vorstellungen die schwarze und purpurrothe Farbe der Heiterkeit geweiht sein soll. Weiß ist, wie in China, auch in Japan die officielle Trauerfarbe. Glasscheiben kennt man in Japan eben so wenig als im himmlischen Reiche. Nur in Yeddo sollen einige Daïmios Zimmer ihrer Paläste mit Glasfenstern geschmückt haben. Die Fenster bestehen aus hölzernen Gittern, die mit dünnem Papier überklebt werden, das so viel Licht durchläßt, um dabei arbeiten, lesen und schreiben zu können. Will der Japanese auf die Straße sehen, so fährt er mit dem Finger durch eine der kleinen Papierscheiben; der Schaden wird durch ein übergeklebtes Blatt schnell wieder ausgebessert, doch erhalten die Fenster durch diese häufig wiederholten Operationen zuletzt ein gar zerplundertes bettelhaftes Aussehen. Das zweite Stockwerk der gewöhnlichen Häuser tritt, wie unsere Mansardenetagen, etwas zurück. Hier pflegen sich die Schlafgemächer der Familien zu befinden. 142 Die Promenade hatte mich sehr ermüdet und ich kehrte nach Hause zurück, nicht ohne aus den Mienen mehrerer mir begegnenden Yakonins zu errathen, daß die Besorgnisse der Landsleute vor unberechenbaren Gewaltthaten nicht ungerechtfertigt seien. Alle diese Herren, deren verschiedene Grade oder Kasten ich nicht zu unterscheiden vermochte, trugen zwei Schwerter und schienen ihren bärbeißigen Gesichtern nach große Lust zu haben, die Schärfe eines derselben an meinem Bauche zu erproben. Die Antecedentien dieser Herren können nach europäischen Begriffen nicht die besten sein; die Einwanderer aus anderen Welttheilen leben hier unter einem stillschweigend erklärten Belagerungszustande. Bei einem Besuch läßt man eher die Uhr, die Börse oder das Taschentuch zu Hause, als den Revolver. Vom Säbel trennt man sich so ungern, wie vom Zahnstocher und dem Augenglase. Und doch widerspricht dem die Lage und leichte Zugänglichkeit meines Zimmers in Herrn Reis' Hause. Das einzige Fenster desselben im Parterregeschoß ist nur durch ein schmales Vorgärtchen oder einen mit Zwerggewächsen und Blumen ausgestatteten Gang, und einen sechs Fuß hohen Stacketenzaun von der Straße getrennt. Gleich dem Italiener bewegt sich der Japanese in den heißen Sommermonaten Nachts gern im Freien, und meine Lagerstätte, an deren Kopfende auf dem Tische eine große Lampe steht, ist von der Straße aus Jedermann sichtbar und zugänglich, da der Stacketenzaun sich leicht überklettern lassen würde. Nichts desto weniger lächelt Herr Reis und beruhigt mich bei meinen Klagen über mangelnde Sicherheit: keinem seiner Gäste sei noch in diesem Gemache etwas Uebles zugestoßen. Wirklich wird meine 143 Nachtruhe weniger durch die zweifüßigen, als die mehrfüßigen Einwohner von Yokuhama gestört. Unter jedem Breitegrade lernt man neue Quälgeister aus dem Insektenvolke kennen. Hier giebt es in den Zimmern eine Menge Grillen, deren Nachtgesang nicht verstummt, man mag anstellen, was man will. Noch beschwerlicher ist eine mir neue Species riesiger Fliegen – die Landsleute nennen sie Schreifliegen – die bei ihrem Umherschwärmen ein Geräusch hervorbringen, als striche Jemand mit angefeuchtetem Finger auf dem Rande eines feinen englischen Glases. Das Nocturno eines solchen Chors zirpender Grillen und wild umhersausender Fliegen schreckt mich mehrmals in jeder Nacht aus dem Schlummer auf. Hector Berlioz wäre entzückt gewesen, hätte er dieses Musikstück anhören können, denn hier brachten die unvernünftigen Creaturen mit ihren natürlichen Hilfsmitteln ganz denselben Effekt hervor, den der Pariser Tonsetzer in dem Queen Mab Scherzo seiner berühmten Symphonie »Romeo und Julie« erst durch die abenteuerlichsten Instrumental-Combinationen erzielt. So trefflich die Gemüse in China und Japan sind, das in beiden Ländern gezogene Obst hat mir niemals munden wollen. Die im heutigen Dessert herumgereichten Aepfel und Pfirsiche hatten, wenn ich so sagen darf, einen Wildgeschmack, der Holz und Säure verrieth; die Stämme mochten schlecht gepfropft sein. Unsere Tischgesellschaft bestand außer den zahlreichen Hausgenossen des Wirthes aus einigen englischen Seeoffizieren. Die Herren glaubten mir die höchste Artigkeit zu sagen, wenn sie ernstlich betheuerten, die Gazelle bei ihrer Ankunft verkannt und für ein englisches Kriegsschiff gehalten zu haben. Nach aufgehobener Tafel 144 wurden die Häuser einiger reichen Landesbewohner besichtigt. Sie waren sämmtlich von einem Stacketenzaun umgeben und lagen in kleinen, sauber gepflegten Gärtchen. Links von dem Haupteingange wohnte in einem besonderen Häuschen der Portier, Wächter oder Herold; wenigstens vereinigte er in seiner Person alle Functionen dieser Aemter. Je nach dem Stande der Einlaß Fordernden wirft er sie entweder unverzüglich mit sicherem Griff wieder auf die Landstraße, oder meldet sie an, und führt sie auch wohl unter vielen Bücklingen persönlich vor seinen Gebieter. Jeder Fremde hat durch den Thürklopfer am Thor seine Ankunft anzumelden, der Portier besichtigt ihn und läßt ihn vorkommenden Falles ein. Die geringen Leute begeben sich durch eine kleine Seitenthür in das Haus, wo sie von höheren Domestiken in Empfang genommen werden; die vornehmen Personen treten durch die hohe Mittelthür ein und werden der Herrschaft durch einen weithin schallenden Schlag auf eine dünne Metallplatte angemeldet. In diesen feinen Standesunterscheidungen ist Vieles, was mit den aristokratischen Hausgebräuchen in England und Frankreich übereinstimmt. 145 XI. Papierne Sommerhäuser. Erdbeben. Der Nachtwächter und seine Trommel. Brillenschlangen. Nationales Mißtrauen. Ein Bonze als Liebesagent. Die Ehe als Finanzquelle. Die Theehäuser und das Herrenhaus. Unleidliche Bevormundung. Kaufleute. Lohgerber und Scharfrichter. Die Frauen Japans. Musme. Die Feuerwehr auf der Leiter. Eine sehr sinnreiche Vorkehrung fand ich in mehreren geräumigen Salons. Zu bestimmten Stellen der Wände waren schmale Tafeln in dieselben geschoben, welche, neben einander herausgezogen, größere oder kleinere Wände bildeten und den Einwohnern gestatteten, den umfangreichen Saal in mehrere Cabinete zu theilen. Diese spanischen Wände oder Schirme, die bei ihrer Leichtigkeit sich von einem Kinde bewegen ließen, waren mit goldenen Schriftzügen, heiligen Hähnen, Schildkröten und Schlangen, oder unanständigen Bildern geschmückt. Die Auswahl seines Mobiliars macht selbst dem begüterten Japanesen nicht so viel zu schaffen, wie dem Europäer, der sich nicht nur in der Toilette, sondern auch in dem Wechsel der Tische, Stühle und Schränke stets auf der Höhe des Zeitgeschmacks behaupten will. Er bringt sein Leben auf dem platten 146 Erdboden zu. Eine sehr saubre Matte, aus den verschiedensten rohrartigen Stoffen geflochten, ist über denselben ausgespannt; will sich der Japanese setzen, so kniet er nieder und ruht auf den Unterschenkeln; die Matte ist sein Nachtlager. Nur ein gepolstertes Kopfkissen, das einige Aehnlichkeit mit den kleinen Fußbänkchen unserer Damen hat, wird zur Hülfe genommen und unter den Nacken geschoben. Die Bequemlichkeit dieses Hausgeräths ist mir immer höchst zweifelhaft geblieben. Wie ich schon bemerkt habe, sind die japanesischen Häuser in Betracht der häufigen Erschütterungen des vulkanischen Bodens sehr leicht gebaut; es giebt sogar Sommerhäuser, die nur aus Holzrahmen mit Papierwänden bestehen. Menschen und Gebäude sind an Erdstöße gewöhnt und noch vier Tage vor unserer Ankunft hatte ein ziemlich starkes Erdbeben stattgefunden. Die leichte Bauart begünstigt nicht die nächtliche Ruhe, nebenbei giebt es noch mannigfache Störungen, die mit den lokalen Gebräuchen und den kriegerischen Zeitumständen zusammenhängen. Die europäische Ansiedelung von Yokuhama ist von Wachthäusern und Truppenabtheilungen der Japanesen umgeben, die angeblich zu unserem Schutze dienen sollen, in Wirklichkeit aber wohl nur unserer scharfen Beaufsichtigung wegen da sind. Um uns von ihrer Wachsamkeit zu überzeugen, feuern die Vedetten und Patrouillen zur Nachtzeit häufig Gewehrsalven und Kanonenschüsse ab, ein Lärm, der trotz der Entfernung einen sensiblen Kranken sofort aus dem Schlafe aufschreckt. Fast noch widerwärtiger ist der Nachtwächter des Reviers. Theils um sich selber munter zu erhalten, theils um die Unterthanen des Mikado nicht in eine zu 147 tiefe Lethargie versinken zu lassen, kündigt dieser würdige Beamte seine Runde durch Trommeln an. Und bei einer derartig zusammengesetzten Nachtmusik soll nun ein Reconvalescent von der Dysenterie seine gesunkenen Kräfte wiederherstellen. Wir Europäer entbehren übrigens nicht durchaus des militärischen Schutzes; in unserer Ansiedelung liegt eine Abtheilung von 400 Mann, Franzosen, Engländer und Nordamerikaner, die bei der heiligen Scheu der Eingeborenen vor der europäischen Kriegskunst wohl zu unserer Vertheidigung ausreicht. Da ich einmal von der Nachtruhe rede, darf ich eine gewisse Sorte unliebsamer Bettgenossen nicht übergehen, vor denen man sich, ehe man das Lager besteigt, zu sichern hat. Die Brillenschlange ist in den Hafenstädten Japans sehr häufig und besitzt eine Vorliebe für die menschliche Bettwärme. Man wird daher wohl thun, alle möglichen Vorsichtsmaßregeln gegen das giftige Kriechthier zu nehmen, wenn man sich nicht über die furchtbaren Radicalmittel wider ihren Biß, Ausbrennen der Wunde mit einem glühenden Eisen oder Ausschneiden derselben mit einem Rasirmesser, wegzusetzen vermag. In meinen künstlerischen Arbeiten stoße ich, abgesehen von meiner physischen Kraftlosigkeit, auf unerwartete äußere Hindernisse. Mit meinem gütigen Wirth, Herrn Reis, dem hiesigen Prinzipal der Firma Reis und Schultze, stelle ich, da er als Leberleidender täglich mehrere Stunden lustwandeln muß, zwar regelmäßige Spaziergänge in die Umgegend von Yokuhama an, wir dürfen uns indessen nicht zu weit von der Stadt entfernen, so bekannt Herr Reis in der Umgegend ist, und so fertig er sich, nach einem mehrjährigen Aufenthalte, der Landessprache bedient. Der 148 überaus argwöhnische Charakter der Beamten und Bevölkerung erhält uns in fortwährender Besorgniß vor Gewaltthätigkeiten. Kaum einige tausend Schritte von den letzten europäischen Ansiedelungen begegnet man gleich mehreren mit zwei Schwertern bewaffneten Yakonins, deren Mienen nichts weniger als einladend aussehen. Während meiner Anwesenheit in Japan habe ich nach und nach eine Menge Abbildungen in Aquarellfarben und Holzschnitten dieser mächtigen Staatsbeamten aufgekauft, aber immer gefunden, daß der darstellende Künstler nur darauf bedacht war, das martialische Aussehen so kräftig als möglich auszuprägen, als läge ihm Alles daran, durch die Portraits Furcht einzuflößen. Als Beispiel führe ich gleich das erste Blatt aus einem Büchlein voll Holzschnitten an, in deren Behandlung ich den Einfluß holländischer Techniker zu entdecken glaube, so sehr die Japanesen von Hause aus den Chinesen in der Zeichnung, namentlich in der Kenntniß der anatomischen Körperverhältnisse überlegen sind. Das mit außerordentlicher Feinheit geschnittene Blatt enthält bei kleinem Octavformat acht Abbildungen von Yakonins, die theils stehend, theils auf den Knieen hockend oder sitzend, mit Haß und Verachtung in die Welt ihrer Subalternen blicken. Dem Künstler oder seinem Auftraggeber hat nicht die officielle Bewaffnung mit zwei Schwertern genügt; er hat die Heroen Japans noch mit besonderen Emblemen der Gewalt ausgestattet. Jeder hält einen riesigen Bogen, eine Streitaxt, eine mehrzöllige eiserne Stange, einen langen Spieß oder ein zweihändiges Schwert, als Attribut einer milden Civilverwaltung in Händen; der Achte trägt sogar, dem Gesetz der Schwere zum Hohne, einen Kanonenlauf von 149 seiner eigenen Länge unter dem rechten Arme. Sein Haupt ist mit einem dreieckigen Spitzhut bedeckt, auf dessen Vorderseite das Staatswappen und Bannerzeichen des Reiches prangt, eine rothe Scheibe im weißen Felde: d. h. die am Himmel aufsteigende Sonne. Der unbemalte Raum rings um jede Gestalt ist mit unsäglich feinen Schriftzeichen, wahrscheinlich den Lebensbeschreibungen der großen und furchtbaren Männer, gefüllt. Mein Bedauern, durch die mißtrauischen Beamten an der Arbeit verhindert zu sein, steigt mit meiner genaueren Kunde der reizenden Gegenden. An idyllischer Schönheit läßt die Küste der Bai von Yeddo alles Aehnliche hinter sich. Der Abwechselung wegen veranstaltete Herr Reis am 11. August eine Bootsfahrt nach Kanagawa , einer kleinen, zwischen Yeddo und Yokuhama gelegenen Küstenstadt, wir hielten uns aber, da man zu unserer Ankunft äußerst scheel sah, nur kurze Zeit auf, warfen einen flüchtigen Blick in die am Strande ausmündenden Straßen und stachen dann wieder in See. Vor unserer Abfahrt hatte ich zufällig die Sitten des Landes von einer neuen Seite kennen gelernt. Ein Bonze war mit uns bis an das Meeresufer gegangen, um uns ein ihn begleitendes junges Mädchen, vielleicht seine Tochter, Verwandte oder Mündel, für einen Monat gegen eine Geldentschädigung anzubieten. Nach den Anfragen des Herrn Reis war der Bonze bereit, uns die Schutzbefohlene für ein Pauschquantum von dreißig Dollars anzuvertrauen. Sprach er die Wahrheit, so hatte diese davon achtzehn Dollars als Abgabe an die Staatskasse zu erlegen, und nur der Rest war ihr rechtmäßiges Eigenthum. Es war nicht leicht, den frommen Mann loszuwerden, 150 denn er folgte uns bis an die Knie ins Wasser. Herr Reis, ein genauer Kenner der Landesgesetze und Bräuche gab mir während unserer Wasserpartie die nöthige Aufklärung. In den Anschauungen der Japanesen sind die Unterschiede zwischen Ehe und Prostitution in einer Weise gelockert, die dem Angehörigen eines civilisirten europäischen Staates fast unbegreiflich und wie eine moralische Unvollkommenheit erscheint. Es widerstreitet nicht der Würde der Regierung, sowohl das Institut der Ehe, als die Prostitution, zu einer Einnahmequelle der Finanzen zu machen. In vornehmen Familien werden die Ehen zwischen Angehörigen, wie in diesseitigen Fürsten- und hohen Adelsgeschlechtern, durch diplomatische Uebereinkunft geschlossen und die pactirenden Theile zahlen, analog unserer Erbschaftssteuer, eine dem Betrage des gemeinschaftlichen Vermögens entsprechende Heirathssteuer. Aehnliche Einnahmen erzielt das japanesische Finanzsystem durch die amtlich sanctionirte Prostitution, ein Wort, dessen ich mich nur bediene, da mir kein milderes, der Lebensanschauung des seltsamen Volkes entsprechendes zu Gebote steht. Ein armer Hausvater – und die Mehrzahl der Japanesen ist aus Gründen, über die ich mich später verbreiten werde, blutarm – kann gegen eine gewisse Summe seine Töchter dem Staate verkaufen. Dieser übernimmt sie schon in den zartesten Kinderjahren, und damit zugleich die Verpflichtung ihrer Erziehung. Sie lernen lesen, schreiben, nützliche Handarbeiten und etwas Klimperei auf den landesüblichen Saiteninstrumenten. Herangewachsen, siedeln sie in die Blumen- oder Theehäuser über. Je nach ihren körperlichen und geistigen Vorzügen werden sie in Häuser verschiedener Kategorien 151 gethan. Das Viertel, in dem diese Staatsinstitute liegen, heißt das Herrenviertel, das ansehnlichste derselben, zu dem das Eintrittsgeld ungefähr zwei Dollars beträgt, wurde, ich weiß nicht, ob nur von den Ansiedlern, »das Herrenhaus« genannt. Dem geringen Mann ist der Zutritt erleichtert. Durchschnittlich beträgt sein täglicher Verdienst drei Tempo's, eine große ovale, in der Mitte viereckig durchlöcherte Münze von feiner Bronce. Mit einem dieser Geldstücke hat er sogleich seine Einkommensteuer zu entrichten, das zweite reicht zur Deckung seiner Lebensbedürfnisse hin, mit dem dritten Tempo kann er den Eintritt in eines der Theehäuser untersten Ranges erlangen. Die japanesische Regierung in ihrer gemüthlichen Weltansicht betrachtet den Staatsfonds als die Sparkasse der Unterthanen und sucht ihnen das erworbene baare Geld, wie Unmündigen, so rasch als möglich abzunehmen. Die Theehäuser sind daher die Mittelpunkte des geselligen Verkehrs im Lande. Der Europäer darf damit durchaus keine entwürdigenden Nebenvorstellungen verbinden, die Mehrzahl der armen Japanesen wählt ihre Ehefrauen aus diesen Theehäusern, und die Vergangenheit derselben verkümmert keinesweges das häusliche Glück, das, wie man mir oft wiederholt hat, in diesen, nach europäischen Begriffen auf so unangemessene Weise geschlossenen Ehen herrschen soll. Zudem steht das Betragen der Bewohnerinnen dieser Theehäuser weit über dem der weiblichen Gäste jener europäischen Vergnügungslokale, deren Wirthe, ein Seitenstück der japanesischen Financiers, unter dem Schutze der Polizei, große Reichthümer erwerben. Nirgends habe ich etwas Ungeziemendes bemerkt, in den Salons von Mabile und 152 Chateau des fleurs, geschweige denn in der Closerie de lilas zu Paris beträgt man sich weniger anständig. Dem Japanesen ist eine officielle Abgemessenheit angeboren. Nach der Versicherung meines Landsmannes Reis bewegt sich die Unterhaltung stets in den Grenzen des Anstandes. In dem sogenannten »Herrenhause«, in dem ich mehrmals in Gesellschaft europäischer Kaufleute Thee getrunken habe, machte ein Yakonin in großer Gala im Empfangssalon die Honneurs, ebendaselbst war ein amtlich gestempeltes Beschwerdebuch ausgelegt. Die Autorisation der Regierung trat deutlich zu Tage. Gar eigenthümlich, aber durchaus dem merkwürdigen Finanzsystem consequent, ist die Stellung der Behörde zu den vorkommenden Fällen ehelicher Untreue. Die Schuldige, und wenn sie selbst im Einvernehmen mit ihrem Ehegatten gehandelt hat, erhält eine bestimmte Anzahl Stockprügel. Der Staat betrachtet ihr Vergehen in seiner Naivetät keineswegs als eine Verletzung höherer, zum Schutze der menschlichen Familie gegebenen Gesetze, sondern einfach als Zolldefraudation, als Beeinträchtigung der ihm durch den Besuch der Theehäuser zustehenden Einnahmen. Verlust der bürgerlichen Ehre ist, ganz wie bei den heimischen Verletzungen der Steuergesetze, weder mit dem angeführten Vergehen, noch mit der Strafe verbunden. Je mehr ich mich über die Eigenthümlichkeiten des Landes unterrichte, desto unbegreiflicher erscheint mir das Verfahren der Regierung. Zuweilen glaube ich auf einen anderen Planeten versetzt zu sein. Die Bevormundung übersteigt alle Grenzen. Den Rhedern und Schiffsbaumeistern wird die Größe und Form ihrer Dschunken nach polizeilichem Gutachten vorgeschrieben. Kein japanesisches 153 Fahrzeug darf sich über die Nachbarinsel Japans hinaus entfernen und das asiatische Rußland oder China besuchen. Einige Zeit vor unserer Ankunft war in Yokuhama ein russisches Kriegsfahrzeug eingetroffen; es hatte sechszehn Japanesen an Bord, die im Jahre vorher, durch Stürme verschlagen, mit ihrer Dschunke an die russische Küste getrieben worden waren, und dort gastliche Aufnahme gefunden hatten. Außer in der russischen Sprache waren sie in mancherlei Fertigkeiten unterrichtet worden, die man sehr wohl hätte mit ihrer Hülfe in Japan weiter verbreiten können; aber das Gesetz verbietet die Wiederaufnahme auch des unfreiwilligen Auswanderers. Ohne den Schutz des russischen Befehlshabers wären sie ohne Weiteres hingerichtet worden. Es blieb ihnen nichts übrig, als in die Fremde zurückzukehren. Fast zu derselben Zeit hatte ein englischer Schiffskapitän, der ein junges Mädchen als Gesellschafterin nach China mitgenommen, dasselbe nach Yokuhama zurückgebracht; das unglückliche Wesen war verbrannt worden. Wenn die Mitglieder des Kaufmannsstandes in unserem Jahrhundert und innerhalb der europäischen Staatseinrichtungen sich durch ihre Besitzthümer, dem Gemeinwohl nützliche Speculationen und der Regierung geleistete Dienste bis zu fürstlichem Range emporschwingen und die höchsten Auszeichnungen genießen können, nehmen sie in Japan den untersten Rang der Gesellschaft ein. Da sie nach der Definition der Eingeborenen nicht selber arbeiten, sondern nur die Früchte fremder Thätigkeit verwerthen, werden sie allen übrigen Klassen nachgesetzt. Gewiß trägt diese verschrobene Auffassung, da die Mehrzahl der Ansiedler aus 154 Kaufleuten besteht, viel dazu bei, alle Europäer geringschätzig zu behandeln. Nur Consuln und Militärpersonen bilden vermöge ihrer Standesabzeichen und Uniformen eine Ausnahme. Schon eine blaue Tuchmütze mit einer Goldborte reicht hin, den Japanesen Respekt einzuflößen; zunächst über den inländischen Kaufleuten stehen die Lohgerber und Scharfrichter. Von den Standesunterschieden der niedrigeren Klassen wird der Fremde im Ganzen nicht viel gewahr. Die Vorliebe der Regierung für baares Geld zwingt den Japanesen, auch wenn er sein Schäfchen ins Trockene gebracht, den armseligen Mann weiter zu spielen. Er vergräbt sein Geld und geht in abgetragenen Kleidern einher. Kommt die Regierung hinter seinen heimlichen Besitz, so belegt sie zwei Drittel desselben, oder die ganze Summe, unter Form eines Zwangsdarlehns auf Nimmerwiedergeben mit Beschlag. Um die Zeit doch nicht unbenutzt vorübergehen zu lassen, hatte Herr Reis mir, bei der Unmöglichkeit, im Freien zu arbeiten, die Erlaubniß eines Privatmannes ausgewirkt, von dem Fenster seiner Wohnung aus einen landschaftlichen Prospekt aufzunehmen. Der Herr und die Frau vom Hause empfingen mich sehr zuvorkommend; ich wurde mit Thee, Kuchen und einer Pfeife bewirthet und mir die vortheilhafteste Stelle des sehr anmuthig gelegenen Hauses eingeräumt. Neben mir stand die eben dem Backfischthum entwachsene Tochter des Hauses und wehte mir mit einem Fächer Kühlung zu. Ich würde mich einer Unwahrheit schuldig machen, wollte ich verschweigen, daß der Entwurf und die Ausführung meiner Aquarelle unter einer Nachbarschaft litt, wie sie mir in Asien noch nicht vom Glück 155 beschieden worden war. Mama nannte ihr Kind schlechtweg »Musme« (Schäfchen), eine beliebte Bezeichnung für hübsche junge Mädchen, und ich nahm bei der Redseligkeit der wackeren Frau immer die Gelegenheit wahr, meine Blicke von der abzuconterfeienden Gegend auf Musme zu richten und meiner Phantasie ihre entzückend lieblichen Züge einzuprägen. Wer die Schönheit der Japanesinnen nur nach den in europäischen Sammlungen vorhandenen, von hiesigen Malern angefertigten Bildern beurtheilen wollte, würde eine ganz falsche Vorstellung erhalten. Die einheimischen Künstler legen den Nachdruck nur auf die genaue Nachahmung der Kleiderstoffe, ihres nationalen Schnittes und der glühenden Farben, der Haartracht und der sonstigen Schmucksachen. Alle Gesichter sind einander so ähnlich, wie durch dieselbe Schablone gestrichen, der allerdings nicht das nationale Hautgepräge fehlt. Der Typus der Japanesinnen der feineren Stände kommt dem der Andalusierinnen nahe. Nicht wenige sind ihrem Teint nach so zart, wie norddeutsche oder englische Frauen und Mädchen; verdunkelt sich der Ton der Gesichtsfarbe ein wenig, so geht er doch nicht über den der Albanerinnen und Südfranzösinnen hinaus. Der kaum merkliche stumpfe Winkel der Augenbraunen giebt den schönen Gesichtern einen unbeschreiblichen Reiz. Hände und Füße, die man in Japan nicht verunstaltet, sind wie die Körperformen, von tadelloser Regelmäßigkeit und Zartheit. Selbst die abenteuerlichen Frisuren, ein Aufsatz, um den das üppige schwarze Haar, an den Schläfen und der Stirn glatt zurückgestrichen, um kunstvoll gepreßte, vergoldete, weit vom Kopf abstehende Hornstreifen geschlungen wird, vermögen 156 diese Schönheiten nicht zu entstellen. Die Gewänder, ein langes Kleid, das sich, unähnlich den europäischen Crinolinen, in der Kniegegend verengert, dann aber noch in einer reichen Schleppe endet, darüber ein gestickter Paletot aus kostbaren farbigen Stoffen, stimmen herrlich zu der anziehenden Gesichtsbildung und den zierlichen Gestalten. Der Gang der Japanesinnen ist etwas unsicher, denn sie tragen unter den Sohlen zwei Zoll hohe, stelzenartige Klötzchen. Die Füße selber sind unbedeckt und die Sohlen mit bunten Bändern daran befestigt. »Musme« war unglaublich zuthulich; die Malerei rückte also nur langsam vorwärts. Inzwischen hatte der Hausherr zu allen Verwandten und Bekannten geschickt und diese trafen allmälig ein, um den Fremdling und sein Werk näher in Augenschein zu nehmen. Die Honoratioren von Yokuhama rückten mir so nahe auf den Leib, daß ich kaum noch die Ellbogen bewegen konnte; ich mußte die Arbeit für beendet erklären. Wir verabschiedeten uns, und der höfliche Wirth verehrte mir als Andenken an den Besuch einen Tuschkasten. Die reizende »Musme«, ein Abbild Pepita's in ihren Blüthejahren, war verschwunden; ich habe sie nicht wieder gesehen. Obgleich wir uns in den heißesten Tagen des hiesigen Sommers befinden, und das Thermometer mitunter noch um Sonnenuntergang auf 30 Grad zeigt, bessert sich doch allmälig mein Gesundheitszustand. Die körperliche Bewegung strengt mich nicht mehr so peinlich an, wie früher, der Appetit kehrt zurück und der Schlaf bessert sich. Von meinem Landsmann Reis habe ich einige japanesische Vocabeln und Redensarten erlernt, die mir bei Ankäufen in 157 Läden gar gute Dienste leisten. Mit jedem Tage werde ich vertrauter mit den Einrichtungen der Stadt. Polizeistationen giebt es an allen Ecken und Enden. Die einzelnen, oft nur winzigen Häuserreviere werden Abends durch Gatter verschlossen. Die Zahl der Feuerwächter ist sehr beträchtlich und ihr jedesmaliger Standpunkt der Verantwortlichkeit ihres Amtes vollkommen entsprechend. Der Wächter ersteigt nämlich eine hohe Leiter an der Straßenecke und setzt sich auf ein schmales Brett des Mauerrandes. Schläft er ein, so fällt er hinunter und bricht das Genick. Für einen Wasservorrath hat jeder Hauswirth zu sorgen. Die in den Läden feilgebotenen Waaren sind unverschämt theuer; die Unterthanen werden von der Regierung instruirt, die Fremden möglichst zu übervortheilen. Doch läßt der Japanese, wenn es unbemerkt geschehen kann, mit sich handeln. Es ist mir sogar gelungen, eine Landkarte von Japan und einen Plan von Yeddo zu kaufen. Dem Wortlaut des Gesetze nach hätte der Händler Beide einem Ausländer nicht einmal zeigen dürfen. Die Schnitzereien und lackirten Waaren sind wahre Wunderwerke von Solidität und Sauberkeit. Dem Straßenverkehr ist bei der grundsätzlichen Zurückhaltung der Japanesen ein Dämpfer aufgesetzt; selbst die hiesigen Pferde sind Leisetreter. Den Beschlag mit eisernen Hufeisen kennt man nicht, aber die Hufe werden mit festen Strohschuhen bekleidet, ohne daß die raschen Gangarten darunter leiden. Mit meiner Nachtruhe muß ich seit dem 13. August mich immer haushälterischer einrichten, denn nicht nur die Japanesen exerciren und manövriren in der kühlen Nacht, auch unsere Preußen sind hinter ihre Schliche gekommen. 158 Die Marine-Abtheilung der Gazelle ist am Lande und beginnt ihre Uebungen schon um drei Uhr Morgens mit einem kräftigen Hörnersignal, das sogleich eine Anzahl früh erwachter Zuschauer anlockt. Die Offiziere und Soldaten der Corvette haben sich jetzt »landfein« gemacht und sind unbestritten die Löwen von Yokuhama. Der Exercirplatz liegt in der Nähe des Reis'schen Hauses, die Fenster meines Schlafzimmers stehen Tag und Nacht offen, mir entgeht also kein lautes Wort der Kriegsgebietiger. Wir sind Alle Soldaten gewesen und wissen, daß es unter den Rekruten immer Capacitäten giebt, die über gewisse mathematische Grundbestimmungen erst langsam zur Klarheit gelangen. So lag ich neulich im Bette und ward Ohrenzeuge folgender mnemotechnisch-wissenschaftlichen Auseinandersetzung eines Unteroffiziers, die mich sofort in die theure Heimath, auf den Holz- oder Kohlenmarkt des alten Danzig zurückversetzte. »Heupferd!« begann der Gewaltige, » links! links! sage ich. Wissen Sie denn immer noch nicht, wo links ist? Heupferd, Sie! Die Seite, wo Sie sich mit der Degenkoppel die Hüfte wund scheuern, ist links ; die Hand mit der Sie nicht essen, ist links , Heupferd! Kennen Sie denn nicht das schöne Lied: Du Schwert an meiner Linken! An so etwas muß der Soldat denken, merken Sie sich das endlich, Sie Heupferd!« Die Anwesenheit unserer braven Bursche verleiht mir wieder einige Sicherheit. In den letzten Tagen hatte ich bemerkt, daß viele Kaufleute nur den Tag in ihren Comptoirs zubrachten und Abends mit den Hauptbüchern und Baarschaften an Bord der Schiffe zurückkehrten, zudem war es 159 nicht angenehm, drei Viertel des Tages in dem weiten Hause, nur in Gesellschaft von zehn eingeborenen Dienern, zuzubringen. Am 15. August war auf der Straße ein Mordanfall vorgekommen. Ein Yakonin hatte plötzlich von Leder gezogen und einen Streich nach einem vorübergehenden Engländer geführt. Dieser war damit nicht einverstanden, zog seinen Revolver und schoß den Angreifer durch den Arm. Herr Reis kam in Folge dieses Vorfalls mit ernsthaftem Gesicht zu mir und verlangte meinen Revolver zu sehen, über dessen leichtes Kaliber er sich höchst mißbilligend aussprach. Zugleich zog er aus einem Futteral, das man an einem Bandelier über die Schulter hängen konnte, eine amerikanische Waffe, deren Kaliber freilich nichts mehr zu wünschen übrig ließ, und verpflichtete mich, sie auf allen Ausgängen mitzunehmen. »Sie thun damit noch auf 200 Schritte Kernschüsse!« sagte der würdige Freund zur Empfehlung des Mordinstrumentes. 160 XII. Erdbeben und Erbrechen. Der preußische und holländische General-Consul. Ein Dieb verbrannt. Der Itzebu und die Vestalinnen Yokuhama's. Fußbäder im Speisehause. Das Papier in der Toilette. Ein Badhaus. Nach Yeddo. Die vielverschrieene Unsicherheit der Straßen hält mich von meinen Ausflügen nicht ab, und mein Princip, herausfordernde Blicke und Gebehrden zu vermeiden und den überaus argwöhnischen Menschenschlag zuvorkommend und traulich zu behandeln, bewährt sich in Japan wie in China. Mit kleinen Geschenken erreicht man hier so viel, wie an allen Orten der Welt. Am Abend des Geburtstages Kaiser Napoleons III., der in den Frühstunden durch Salven gefeiert worden war, lernte ich eines der landesüblichen Erdbeben kennen. Ich stand dicht an der Bretterwand des festlich erleuchteten Saales im Reis'schen Hause, als sich plötzlich die Kronleuchter wie auf einem Schiffe bewegten. Zugleich sprangen alle Stuben- und Hausthüren auf; unwillkürlich griff ich nach der Wand. Es mag eine durch die Beunruhigung der Augennerven hervorgebrachte Sinnestäuschung gewesen sein, aber es kam mir vor, als neigte sich die Wand 161 rückwärts und als versänke der Estrich unter meinen Füßen. Den geistigen und moralischen Zustand, der durch den empörenden Gedanken hervorgebracht wird: das einzige Element, das uns von Kindesbeinen an als Sinnbild des Conservativen vorgeschwebt hat und unser Fortbestehen garantirt, werde plötzlich treulos, kann ich nur als einen überaus leidigen bezeichnen. Wurde er durch die anhaltende Ueberreizung meines Nervensystems, oder durch ein neues japanesisches Gericht, rohe Fischscheiben mit Sojasauce, das mir bei der Mittagstafel trefflich gemundet hatte, gesteigert; ein Schwindelanfall vertrieb mich aus dem Salon und endete mit einer gewaltigen Eruption des Magens. Die anderen Europäer beachteten die Erderschütterung kaum und sprachen nach 5 Minuten von anderen gleichgültigen Dingen. Eine Spazierfahrt nach der Gazelle am 16. August wäre uns fast sehr übel bekommen. Unser Boot war nur klein, und bald nach der Abfahrt geriethen wir in einen Wogenschwall, durch den wir nur mit Lebensgefahr und bis auf den letzten Faden am Leibe durchnäßt, an Bord der Corvette gelangten. Ohne die Herzensgüte des Barons von Bothwell, der uns Abends ein schweres, seetüchtiges Fahrzeug zur Verfügung stellte, wären wir auf der Rückfahrt elendiglich zu Grunde gegangen. Die scharfe Brise artete in einen kleinen Teifun aus, und ich fand, als ich abermals bis auf die Knochenhaut durchnäßt, in meinem Schlafgemach anlangte, dasselbe mit zahllosen Glühwürmern angefüllt, die, auf ihrem Abend-Corso von dem Sturm überfallen, in mein Zimmer geflüchtet waren. Die Fenster mußten geschlossen werden und ich brachte in dieser wüthend umhertobenden Gesellschaft die Nacht bei einer Temperatur 162 zu, die schlimmsten Falles zum Schmelzen von Blei genügt hätte. Am Nachmittage des nächsten Tages wurde mir Gelegenheit geboten, meinen sehnlichen Wunsch zu erfüllen und nach der Hauptstadt Yeddo zu gelangen. Schon wiederholt hatte ich, auf meine Empfehlungsschreiben von hoher Stelle und weltberühmten Händen fußend, den preußischen General-Consul, Herrn von Brandt, gebeten, mir durch seine Autorität die Reise nach Yeddo, zu der es einer speciellen Erlaubniß der japanesischen Regierung bedurfte, zu ermöglichen; immer hatte ich eine Fehlbitte gethan. Ich bin weit entfernt, den geringsten Zweifel in seinen guten Willen zu setzen, sondern glaube vielmehr, er habe in richtiger Würdigung seines damaligen, vor Eröffnung der näheren Unterhandlungen mit Preußen noch geringeren Einflusses, Bedenken getragen, das Leben eines ihm warm empfohlenen preußischen Landsmannes auf das Spiel zu setzen. Mir war daher nichts übrig geblieben, da ich nicht die halbe Erdkugel umschifft haben wollte, um an den Thoren Yeddo's, der Hauptstadt dieses Räthsellandes, umzukehren, als mich an den holländischen General-Consul zu wenden. Der mir geneigte Beamte hatte mein Gesuch sogleich bewilligt und mir angezeigt, daß er in Geschäften seines Gouvernements am 17. August einen kurzen Ausflug nach Yeddo machen werde, an dem ich mich betheiligen könne. Wie gern hätte ich seiner Aufforderung Folge geleistet, allein der Teifun hielt unter unaufhörlichen Regengüssen an, der vier Meilen lange Weg nach der Hauptstadt mußte zu Pferde zurückgelegt werden; dem war meine Gesundheit nicht gewachsen. Mit tiefem Bedauern ließ ich 163 mich entschuldigen und hoffte auf eine günstigere Gelegenheit. Stand doch der holländische General-Consul in fortwährender Beziehung zu der japanesischen Regierung. Ich blieb resignirt zurück, wurde aber durch das heitere und frische Wetter des nächsten Tages entschädigt, das Herrn Reis und mir sogar ausnahmsweise eine kleine Landpartie und längere Promenade durch die Stadt erlaubte. Der Morgen brach freilich nicht ermuthigend an. Unter meinem Fenster wurde ein armer Mensch vorübergebracht, der mehrerer Diebstähle überführt worden war. Ein Trupp Bewaffneter geleitete ihn nach dem nächsten japanesischen Kirchhofe, wo er nach dem Richterspruch in hockender Stellung an einen Baumstumpf gebunden und verbrannt werden sollte. Abends zeigte mir Herr Reis den Richtplatz; es waren noch Ueberbleibsel der Asche des Unglücklichen vorhanden. Der Delinquent sah auf seinem letzten Wege überaus entschlossen und trotzig aus. Der kleine Abstecher der Frühstunden galt einem abgelegenen kleinen Tempel, den ich ungehindert von Polizisten und Spionen rasch zu Papier brachte. Nur einige jugendliche Grazien waren uns gefolgt und spielten mit vieler Koketterie die Rolle bußfertig betender Magdalenen, als wir aber im Tempel Platz nahmen, um uns abzukühlen, ließen sie rasch die Maske fallen und verriethen durch ihre radical freisinnigen Anerbietungen, daß sie ernstlich einer Erhöhung der Staatseinkünfte durch ihr Thun und Lassen beflissen seien. Es wurde uns schwer, die verführerischen Geschöpfe von uns abzuwehren. Erst die Vertheilung eines Itzebu, der japanischen größten, einer indischen Rupie gleichkommenden Silbermünze von feinstem, chemisch fast reinem Silber und länglich 164 viereckiger Gestalt, belehrte die Courtisanen, daß wir von ihrer Gegenwart befreit sein wollten. In die Stadt zurückgekehrt, betraten wir eine Speise-Anstalt für Bauern und ärmere Leute. Sie war sehr stark besucht, die Zeit der Wallfahrten auf den heiligen Vulkan Fusi Jama rückte heran, und schon waren viele Pilger in Yokuhama eingetroffen. Die Reinlichkeit des Lokals ließ nichts zu wünschen übrig. Die den Boden des Eßsaales bedeckende, vier bis fünf Zoll dicke Rohrmatte dient gleichzeitig als Bettstatt, zu der nur ein hölzernes ausgehöhltes Kopfkissen geliefert wird, muß also sehr sauber gehalten werden. Jeder Gast, an dessen Sohlen und Zehen Fragmente seines Lebenswandels haften, ist daher, ehe man ihm Speise und Trank verabreicht, zu einem gründlichen Fußbade genöthigt. Man speist, auf der Erde hockend, an einem zwei Fuß hohen Schemel, auf den die Gefäße gesetzt werden; in langen Reihen kauern die Gäste hintereinander, wie die Andächtigen in unsern katholischen Gotteshäusern. Die Nahrungsmittel sind höchst einfach und bestehen meistens aus Reis, von dem der Japanese mit Eßstäbchen in kürzester Zeit kaum glaubliche Quantitäten verschlingt, ohne ein Körnchen auf den Boden zu streuen. In diesem Lokal that ich auch einen tieferen Blick in die vielseitige Anwendung des Papiers, die zu den Eigenthümlichkeiten der Japanesen gehört. Die Aermel aller Obergewänder sind übermäßig weit und werden bis auf sechs Zoll von der Handöffnung zugesteppt. Dadurch entsteht eine weite Tasche, in welcher jeder Japanese seinen Papiervorrath aufbewahrt: dünne bastartige Blätter von Octavformat. Der feine Mann trägt überdies am Gürtel 165 einen Tuschkasten, sein Tintenfaß. Nöthigen Falles zieht er den Pinsel und ein Blatt Papier aus dem Aermel und beschreibt dasselbe mit seinem Namen. Dann dient es ihm als Visitenkarte. Mir liegt die japanesische Unterschrift eines Arztes vor, dessen Kenntnisse so weit reichten, seinen Namen auch mit lateinischen Buchstaben auszuführen, doch sind letztere bis auf die Abbreviatur » Dr. « vollkommen unleserlich. Die japanesische Signatur für letztere sieht beinahe wie ein sich mühselig krümmender, vollgesogener Blutegel aus. Diese Papierblätter dienen jedoch zu vielen anderen Zwecken. Beiden Geschlechtern ist das Taschentuch und sein Gebrauch unbekannt; der Japanese putzt die Nase mit Papier. Ist er allein, so wirft er den gebrauchten Wisch ohne Weiteres bei Seite, befindet er sich in Gesellschaft, so verbirgt er ihn im Rockärmel. Aehnlich verhält es sich mit jenen Blättern, durch welche er nach Tisch unsere Serviette ersetzt. Ob er aus löblichem Anstandsgefühl auch jene Papiere, in deren hauswirthschaftlicher Anwendung der Orient mit dem Occident hoffentlich übereinstimmt, im Aermel verbirgt und sich ihrer erst in der Stille entledigt, vermag ich nicht anzugeben. Den Gebrauch der auf Schemeln und Fensterbrettern stehenden Spucknäpfe mag der Japanese von seinen alten Handelsgenossen, den Holländern, gelernt haben. Ich erinnerte mich des niederländischen »Quispeldörtchens«, als ich diese, einem schlanken Weißbierglase ähnlichen Behälter erblickte, von denen sich Niemand trennt. Die halb zugenähten Aermel der Japanesen dienen ihnen zugleich als Reisetaschen und Geldbörsen. Gleich unseren Schuljungen, die in ihren mürben Hosentaschen Kreide, Messingknöpfe, Brotrinden, Dreier, zerbrochene 166 zinnerne Soldaten, Murmeln und Bindfaden aufbewahren, bringen sie darin Alles unter, was irgend noch im Kleinverkehr zu verwerthen sein möchte. Gegen Abend besuchten wir ein großes Badhaus, das schon im Verlauf des Tages meine Aufmerksamkeit erregt hatte. Den freien Sitten der Japanesen entsprechend, lag es dicht an der Straße, und Thüren und Fenster standen weit offen. Die Vorübergehenden konnten den im Erdgeschoß liegenden Bade- oder Waschsalon frei übersehen. Wir traten ein, reichten dem zwischen den beiden Mittelthüren auf einer schmalen Estrade sitzenden Cassirer einen Viertel-Itzebu (5 Sgr.) als Geschenk, und genossen – der Preis für ein Bad beträgt nur ungefähr 2 bis 3 Pfennige unserer Münze – unbeschränkte Freiheit, in dem Lokal umherzuwandeln. Jeder Badegast, der seine Entrée bezahlt, erhält eine Marke, deren Nummer mit einem schmalen Fach in den zahlreichen Wandschränken correspondirt, in dem er seine Kleider aufhängt, dann sucht er eine unbesetzte Stelle aus. Der ganze Saal ist mit fünf oder sechs Rinnen durchzogen, die nur durch sanfte Neigungen und Abdachungen des glatt gehobelten Fußbodens entstehen. Auf einem dieser Grate hockt der Badegast nieder. Nun bringt ihm einer der zahlreichen Diener einen Eimer Wasser. Ich habe schon gesagt, daß die Einwohnerinnen ihre ersten Abwaschungen an den, vor ihren Häusern stehenden Wasserkübeln der Feuerwehr verrichten; das Wasser des Badhauses ist ungleich erfrischender und stammt aus einem der Bäche, welche hier und da die Stadt durchrieseln. In jedem Eimer liegt eine kleine Schöpfkelle, und das Bad besteht eigentlich nur in einer wiederholten Ueberrieselung. 167 Junge Männer und Mädchen, denn Kinder und ältere Leute pflegen nicht öffentlich zu baden, hocken in bunter Reihe nebeneinander, übergießen ihre Körper mit Wasser und genießen die durch den Verdunstungs-Prozeß erzeugte Abkühlung. Das Verfahren wird wiederholt, so lange der bezahlte Wasservorrath ausreicht. Eine vom europäischen Anstandsbegriff so weit abweichende Sitte wird Niemanden erschrecken, wenn er erfährt, daß ein Badegast sich den äußersten Mißhandlungen aussetzen würde, beobachtete er nicht die gebotene Decenz. Ich bin weit entfernt, im Geheimen vorkommende sittliche Gräuel in Abrede zu stellen; öffentlich begeht weder Mann noch Weib einen Verstoß gegen das, was in Japan »gute Sitte« genannt wird. Nach beendetem Bade begeben sich viele Gäste sogar, ohne vorher ihre Kleider anzulegen, vor die Thür des Badhauses und lassen sich auf Bänken nieder, um zu plaudern und die noch feuchte Haut durch die Brise zu kühlen. Im crassen Widerspruch mit dem gesitteten Benehmen der Japanesen selbst unter so eximirten Kostüm-Verhältnissen, steht die Schamlosigkeit der Produkte des fliegenden Buchhandels, dem, so weit ich mich unterrichtet, in Japan vollkommen freie Hand gegönnt wird. Kinder in den zartesten Jahren bieten auf offener Straße kleine Bücher voll von obscönen Abbildungen oder erschreckend freche Puppen feil. Ein beliebtes Vergnügen für Alt und Jung sind auch in Japan Schießübungen mit Bogen und Pfeil. Trifft der Schütz, so springt in unseren Schießständen irgend ein scherzhafter, überraschender Gegenstand hervor, hier nie ein anderer, als das von Philologen näher zu definirende Emblem des römischen Gartengottes. Dasselbe prangt 168 obenein in vielen Tempeln und als Thürschmuck der Theehäuser; zuletzt gewöhnt sich der Fremde daran, wie an die Putzköpfe in den Schaufenstern unserer Friseure. Noch weiter gehen die hiesigen Aerzte. Als Reclame dienen ihnen Tafeln oder Aushängeschilder, gleich den Tableau's unserer Bänkelsänger auf Jahrmärkten, bemalt mit den abscheulichsten Krankheiten in riesengroßen Exemplaren. Zuweilen hat der darstellende Künstler dabei einen wahren Galgenhumor entwickelt. Ich erinnere mich der Abbildung eines ziemlich leichten Patienten, welcher mit der Eile eines dem Schlachtgemetzel entwischten Kriegers in voller Carrière zu seinem Specialisten rannte. Einige Veduten. die ich als Beleg der Wirklichkeit angefertigt, so wie ein halbes Dutzend jener Volksbücher, welche ich zu gleichem Zwecke angekauft, habe ich noch vor meiner Ueberfahrt nach Californien vernichtet. Der Gedanke, in welchen schmählichen Verdacht ich im Falle meines Ablebens bei Verwandten und Erben gerathen könne, trieb mich dazu an. Ein weit verbreitetes Uebel in Japan ist der Bandwurm, da sich aber die einheimischen Aerzte darauf verstehen, ihn durch Anwendung einer gewissen Pflanzensäure leicht und schmerzlos abzutreiben, halten sie es nicht der Mühe für werth, die Vorübergehenden durch »Wurmbilder« anzulocken. Die europäische Garnison leidet vorübergehend an einer zum Glück nur ungefährlichen Augenentzündung. Immer der vierte Mann ist davon befallen, und auch das Personal des preußischen Consulates nicht ganz frei geblieben. Unsere Aerzte hoffen, die Kranken schon in vierzehn Tagen wieder herzustellen. Am 20. August ging endlich mein sehnlicher Wunsch in Erfüllung, Yeddo zu besuchen. Der holländische 169 General-Consul befand sich daselbst und hatte mir ein Document zugestellt, mit dem ich es wagen durfte, um Einlaß in die Thore zu bitten. Die Landreise wäre ohne hinreichende Bedeckung einheimischer Truppen, ja vielleicht eben wegen derselben, mit Lebensgefahr verbunden gewesen; ich sollte mich eines dem General-Consul gehörigen winzigen Raddampfers von anderthalb Fohlen-Kraft bedienen. Von fünf japanesischen Seeleuten begleitet, fuhr ich um fünf Uhr Morgens von Yokuhama ab. Meinen siebenläufigen Revolver trug ich an einem Riemen über der Schulter; Herr Reis hatte mich beim Abschiede noch mit einem Schleppsäbel umgürtet. Niemals habe ich seinen Ermahnungen: nicht unbewaffnet mich unter dieses unberechenbar heimtückische Volk zu wagen, widersprochen, aber ich bin noch heute ungewiß, ob nicht der rasche gewaltsame Tod unter den haarscharfen Schwertern der Yakonins den langen unerträglichen Leiden vorzuziehen gewesen wäre, die mir bei meinen dünnen Kleidern das Schleppen des schweren Revolvers verursachte. Namentlich hinderte und quälte mich das Scheusal bei allen künstlerischen Arbeiten. Der Riemen rieb meine rechte Schulter wund, und als ich durch Vermittelung des Herrn Reis wieder Zutritt in einem Privathause fand und durch ein Fenster den malerischen Straßenprospect aufnahm, ließ ich das Schießgewehr zu Hause, und hing nur das leichte Futteral zugekapselt über die Schulter. Von meinem Wirthe hatte ich nichts zu befürchten, er flehte mich mit Gebehrden und Mienen um die höchste Behutsamkeit bei der Arbeit an, denn er fürchtete eine Denunciation durch die überall umherlungernden Spione und eine empfindliche Polizeistrafe. Die von mir angefertigte Aquarelle 170 des Innern der Stadt konnte ja nur einer Landesverrätherei dienen. Von Revolver und Schleppsäbel doppelt belastet, saß ich neben dem Steuermann und labte Herz und Auge an dem Panorama der hügeligen grünen Küste, die wir entlang fuhren. Außer mit verschiedenartigem Nadelholz, unter dem ich eine Pinienabart schon hervorgehoben habe, ist der japanische Boden reich mit Kamellienbäumen bestanden, die an Größe und imposantem Aussehen alten Eichen nicht selten gleichkommen. Die Blüthezeit war zwar längst vorüber, und ich wußte nur aus japanesischen Bildern, daß die Landschaft im Frühling in einem rosenfarbigen Gewande erscheint, allein die Bäume verliehen ihr auch jetzt, wo sie schon ihre apfelartigen Früchte angesetzt hatten, einen gewissen Adel. Im Innern von Yeddo sollte ich desselben später noch deutlicher bewußt werden. Mein Schifflein brodelte wie eine siedende Theemaschine, pfeilgeschwind wirbelten die Räderchen, Flotten von schwerfälligen Handels-Dschunken segelten nach den südlichen Seebuchten, an denen die Fabriken des Reiches liegen sollen, an uns vorüber, mit dem Fernglase erkannte ich am Strande von Kanagawa zwei, schon vor hundert Jahren nach holländischen Mustern erbaute unbehülfliche Kriegsfahrzeuge, in deren Besitz der Stolz der japanischen Marine bestehen soll, ungeachtet Niemand damit zu manövriren vermag und man zu ihrer letzten Reise von siebenzig bis achtzig Seemeilen in der besten Jahreszeit mehr als einen Monat brauchte; um zehn Uhr wurde dicht vor Yeddo gestoppt. Mein Herz pochte vor Aufregung; so war es mir denn wirklich gelungen, diese merkwürdige Stadt und in ihr den 171 entferntesten Punkt meiner Reise im östlichen Asien zu erreichen! Wir waren zwischen mehreren kleinen, aus Steinblöcken und Palissaden errichteten Forts, welche von den Japanesen für unüberwindlich gehalten werden mögen, aber schwerlich dem Feuer auch nur einer Breitseite widerstehen können, durchgefahren, und legten an einem Steindamm an, wo mehrere Yakonins meiner zu warten schienen. Ich überreichte dem Obersten derselben meine Legitimation und las aus seinen Mienen, daß bei der Ausfertigung kein Formfehler begangen worden und meinem Eintritt in die Capitale des Reiches der aufgehenden Sonne kein Hinderniß im Wege stehe. Den Bootsleuten wurde ein Winkel angewiesen, wo der kleine Dampfer vor Anker gehen sollte; mich nahm ein Trupp von dreißig Yakonins, Beamten, Offizieren und gemeinen Soldaten in die Mitte. So traten wir bei einer glühenden Hitze den Marsch durch die Stadt nach dem Hotel des holländischen General-Consuls an. Meine Begleitung umgab mich, wie einen Capitalverbrecher, dessen Befreiung durch den Pöbel seine Wächter fürchten, in weitem Kreise, nur dicht vor und hinter mir ging ein Yakonin. Heute, da ich mich wieder in vollkommener Sicherheit befinde, kann ich kaum ein Lächeln über meine Besorgniß unterdrücken: die Ehrengarde werde mir ein Leid anthun. Beim Abmarsch aus dem Hafen hatte ich die Kapsel des Revolver-Futterals zurückgeschlagen und den Kolben blosgelegt; Jeder sollte sehen, daß ich auf das Aeußerste gefaßt sei. Mit meinem Schleppsäbel brachte ich kunstgerecht jenes drohende Gerassel auf dem Ziegelpflaster hervor, in dem unsere jüngeren Befehlshaber von der 172 Cavallerie eine so große Virtuosität entwickeln; ich glaube wirklich: ich wollte Yeddo imponiren. Darüber vergaß ich nicht, den Schatten des mir folgenden Yakonins scharf zu beobachten, um rechtzeitig von Leder zu ziehen. Die Eigenthümlichkeit der Landeskinder: ihre Feinde von hinten zusammenzuhauen, war mir wohlbekannt. Meine Besorgnisse waren ungegründet; die Herren und ihre Untergebenen ließen sich vielmehr meinen Schutz gegen einheimische Widersacher ernstlich angelegen sein. Gegen die Legionen der Fliegen und Mücken, welche heißhungrig über mich herfielen, vermochten sie nicht viel auszurichten, desto wirksamer war ihre Defensive gegen die wilden Hunde. Der hinter mir gehende Yakonin vertheilte so viele Fußtritte unter die garstigen Kläffer, daß ich zuletzt annahm, ihm stehe noch ein dritter Fuß, als Hülfsorgan gegen bissige Hunde, zu Gebote. Auch die Bevölkerung, wenn sie allzudreist herandrängte, wurde auf gleich kategorische Weise behandelt. Man wird die Neugier der Leute begreifen, wenn man erfährt, daß sich unter einer Bevölkerung von drei Millionen momentan nur drei Europäer, der General-Consul, sein Secretär und meine Wenigkeit befanden. Das Terrain Yeddo's ist hügelig und mit wundervollen Baumgruppen besetzt. Bei der extremen conservativen Gesinnung der Japanesen herrschte in der Bauart dieselbe Einförmigkeit, wie zu Yokuhama, aber die unermeßliche Ausdehnung der Straßen, die malerisch situirten Tempel und Paläste, die wogende Bevölkerung verliehen dem Ganzen den großartigsten Anstrich. Wir wanderten in dem feierlichen Tempo der Japanesen – der Orient blickt mit Verachtung auf die geschäftliche Eile der Europäer – beinahe 173 zwei Stunden durch die ansehnlichsten Stadttheile, ehe wir die Behausung des General-Consuls erreichten. Unterweges hatte ich an den offenen Fenstern der zweiten Stockwerke ungewöhnlich viel verheirathete Frauen erblickt. Sie sind leicht zu erkennen, denn in Japan ist jedes Mädchen, wenn es sich verehelicht, durch das Gesetz verpflichtet, ihre Zähne schwarz zu färben und die Augenbrauen zu rasiren. Einem anderen Manne, als ihrem Gatten, darf sie fortan nicht mehr gefallen, und dem Gesetzgeber scheint, nach den Damen, die mir zu Gesicht gekommen, auch nicht viel daran gelegen zu sein, diesen die Gunst ihrer Männer zu erhalten. Der Ueberrest meiner Kräfte reichte nur noch hin, den letzten Hügel zu ersteigen, auf dem ein stattlicher Tempel lag. Die Regierung hatte ihn meinem Gönner, dem General-Consul, als Hotel angewiesen. Zu seiner Ehrenwache war ein Bataillon Japanesen (900 Mann) commandirt. Der Beamte und sein Secretär saßen an einem Altar und schrieben. 174 XIII. Bei Simodske. Die Burg des Taikun. Der unzugängliche Mikado. Der Rath der Dreizehn. Japan und Venedig. Schwarz lackirte Häuser. Der Tempel der Empfängniß. Ringer. Ein unbestrafter Brandstifter. Pillenpraxis. 20,000 Pfund Sterling. Eine Selbsthinrichtung. Nach Kamakura. Der General-Consul empfing mich sehr zuvorkommend, entschuldigte sich aber, wenn er, durch Geschäfte verhindert, mich auf meiner Rundschau in der Umgegend des Tempels nicht begleitete. Er machte mir jedoch den Vorschlag, meinen, ihm schon in Yokuhama mitgetheilten Plan, den Geheimen Rath Simodske zu besuchen, auszuführen. Der hohe Beamte wohne in der Nachbarschaft, und ein »Kotzkei« (Diener) könne mich in einigen Minuten hinführen. Es wäre unschicklich gewesen, dem gütigen Manne zu widersprechen, doch konnte ich nicht umhin, vorher um eine kleine Herzstärkung zu bitten, die mir denn auch aus der bereit stehenden Theekanne verabreicht wurde. Durch den aromatischen Trunk neubelebt, machte ich mich, von des Consuls Kotzkei geleitet, auf den Weg und stand schon nach wenigen Minuten vor dem Portal des 175 Simodskeschen Besitzthums. Die üblichen Signale wurden gegeben, der Portier erschien, ich überreichte meine Visitenkarte, aber der überaus mißtrauisch blickende Hausdiener entfernte sich, ohne ein Wort der Entgegnung auf die Anrede des Kotzkei. Ich mußte auf seine Wiederkehr lange genug warten, und fand hinreichende Muße, meine thörichte Zudringlichkeit zu bereuen. Der edle Büreaukrat, als ich ihn zum letztenmale auf Ceylon gesprochen, hatte mich zwar förmlich eingeladen, ihn bei meiner Ankunft in Yeddo zu besuchen, allein ich erinnerte mich jetzt einer Menge vergeblicher Gänge, die ich in meinem Leben auf Grund solcher, nicht aufrichtig gemeinten Artigkeiten gemacht hatte. Zehn Minuten später kehrte der Portier zurück; Herr von Simodske war angeblich krank, sehr krank, und unfähig, mir eine Audienz zu gewähren. Aus dem fletschenden Lächeln des Bedienten erhellte, wie die Sache stand; ich war vollständig desavouirt. Es ist wohl unnöthig, ausdrücklich zu bemerken, daß mich zwei Yakonins mit einem Trupp Soldaten bis zu Simodske's Hotel, wenn ich die kleine Festung so nennen darf, begleitet hatten, und daß wir jetzt nach dem Tempel zurückkehrten. Theils aus Ueberzeugung, die Zeit unseres Aufenthaltes in Yeddo sei karg gemessen, theils ans körperlicher Ermattung, verlangsamte ich, so scheel die Yakonins auch dreinschauten, meinen Gang und prägte, unfähig, die wechselnden Prospecte mit der Bleifeder oder dem Pinsel aufzubewahren, alle diese wunderbaren Bilder wenigstens meiner Erinnerung ein. Dort die in der Mitte von Yeddo liegende Citadelle mußte der Sitz des weltlichen Herrschers 176 oder Taikun (Tahku oder Teikun) sein. Man hatte mir viel davon erzählt, aber zugleich so viele Widersprüche vorgebracht, daß ich die Zahl der über die gouvernementalen Mysterien Japans verbreiteten Fabeln nicht durch meine Mittheilungen vermehren will. Schon vor Beginn meiner großen Tour habe ich ein goldenes Wort Goethe's als Motto über mein Tagebuch geschrieben: »Wenn jeder Mensch nur als ein Supplement aller übrigen zu betrachten ist, und am nützlichsten und liebenswürdigsten erscheint, wenn er sich als solchen giebt, so muß dieses vorzüglich von Reiseberichten und Reisenden gültig sein.« Ein ernster Kritiker wird mich kaum tadeln, wenn ich nur mit Widerstreben aufzeichne, was ich durch eigene sinnliche Wahrnehmung nicht verbürgen kann. Die Anwesenheit der japanesischen Gesandten in Berlin und ihr feierlicher Empfang bei Hofe hat die Aufmerksamkeit des deutschen Lesepublikums auf die seltsame Regierungsform dieses originellsten aller Völker gerichtet, und man weiß, daß Japan von zwei Regenten beherrscht wird, die sowohl was die weltliche (Taikun), als auch die geistliche Machtsphäre (Mikado) betrifft, eine, den ehemaligen Dogen von Venedig ähnliche, nur glänzend repräsentirende, in der That aber ohnmächtige Stellung einnehmen. Die Regierung des Landes soll eigentlich, wie früher in der Lagunenstadt, in den Händen einer mächtigen Aristokratie ruhen, deren Häupter den aus 13 Räthen bestehenden großen Staatsrath bilden, dessen Beschlüsse der Taikun nur schlechtweg zu unterzeichnen hat. Verdienen die Angaben der in Japan ansässigen Europäer Vertrauen, so ist der geistliche Regent eine fast unnahbare Größe. Sein Aufenthalt wird geheim gehalten, und selbst 177 der Ausgezeichnetste seiner Unterthanen ist noch immer nicht würdig, in sein Antlitz zu blicken. Bei Audienzen sitzt er, von unten aus nur bis zu den Schultern sichtbar, hinter einem Vorhange. Alle sieben Jahre empfängt er den Galabesuch des Taikuns. Beide Regenten werden unablässig von Spionen, und diese wieder durch gegenseitige Controlle überwacht. Der gegenwärtige Mikado soll angeblich ein junger Mann von achtzehn Jahren sein, der sein Leben in der Mitte eines Rudels schöner Frauen zubringt. Auf dem Rückwege zu dem Tempel fielen mir die Häuser mehrerer vornehmen Japanesen auf. Sie waren, abweichend von der Landessitte, von Steinen ausgeführt, also feuerfest, schwarz angestrichen und sauber lackirt. Gleich den begüterten Aristokraten sollen auch die Inhaber werthvoller Waarenlager und die Fabrikanten von Schmucksachen aus edlen Metallen diese Bauart bevorzugen. Da ich nach Allem auf den Besuch des in der Umgegend von Yeddo gelegenen berüchtigten Tempels der Empfängniß verzichten mußte, dessen hauptsächliche Decoration in einer unzähligen Menge von Phallus bestehen soll, verweilte ich einige Zeit in einem Salon, wo vor Zuschauern für ein geringes Eintrittsgeld eben Ringkämpfe stattfanden. Es ist bekannt, zu welchem Verfahren früher die Italiener griffen, wenn es darauf ankam, schöne Knabenstimmen für den Verlauf des ganzen Lebens zu erhalten, die Japanesen glauben, durch dieselbe grausame Methode besonders geschickte und kräftige Ringer zu erzielen. Sämmtliche an dem Kampfspiel betheiligte Herren waren übermäßig corpulent und nur mit einem schmalen hellfarbigen Hüftbande, der beliebten 178 Sommertracht der Japanesen mittleren Standes, bekleidet. Stellung und Griffe der Ringer kamen mit den in Europa üblichen überein, auch schienen die Zuschauer auf einen der beiden Kämpfer zu wetten. Jeder derselben hatte einen Secundanten, dessen Functionen jedoch nur darin bestanden, mit einem großen Fächer seinem Heros Kühlung zuzuwedeln. Diese Gunst wurde namentlich den Körpertheilen, welchen die größten Anstrengungen zugemuthet waren, d. h. den Schenkeln und Keulen, erwiesen. Dergleichen Ringkämpfe gehören zu den Lieblingsvergnügungen der Japanesen aller Gesellschaftskreise, nur pflegen vornehmere Personen die Ringer zu sich zu berufen und ihre Kampfspiele im eigenen Hause zu veranstalten. Während der Schaustellung wurden von Kindern Abbildungen derselben feilgeboten. Die Zeichnung der Musculatur war ungeachtet des ungeheuerlichen Umfanges aller Glieder richtiger, als ich sie bisher in China und Japan gefunden hatte, und ich erstand mehrere Blätter, die mir in ihrer Naturwahrheit noch heute die wunderliche Scene vergegenwärtigen. Den Herrn General-Consul fand ich bei meiner Rückkehr nicht in der besten Laune. Eine japanesische Gerichts-Deputation war bei ihm gewesen und hatte seine Aussage über ein Attentat, das in der vergangenen Nacht gegen ihn versucht worden war, zu Protokoll genommen. Trotz der 900 Mann starken Sicherheitswache war es einem Missethäter gelungen, den hölzernen Tempel, der dem General-Consul Obdach gewährte, in Brand zu stecken. Noch zur rechten Zeit hatten die Posten den Verbrecher auf frischer That ertappt und den Brand gelöscht. Nach 179 der Aussage des General-Consuls wären die Gerichtspersonen aber nicht geneigt gewesen, ihn strenge zu bestrafen. Sie schoben das Verbrechen auf eine momentane Geistesverwirrung des Brandstifters, und wirklich wurde später gar keine ernstliche Strafe über ihn verhängt. »Meine diesmaligen Geschäfte sind beendet,« sagte der General-Consul, »und so leid es mir Ihretwegen thut; um sechs Uhr verlassen wir Yeddo. Möglicher Weise finden Sie später Gelegenheit, noch einmal zurückzukehren; heute ist es am Besten, das Feld zu räumen.« Nach dem Bisherigen fiel mir nicht ein, dem erfahrenen Beamten zu widersprechen, ich dankte ihm für seine gütige Förderung und streckte mich in Ermangelung eines Ruhebettes auf der Matte aus. Mein Schlummer war nur kurz, der Schriftführer weckte mich; wenn wir um sechs Uhr im Hafen sein wollten, durften wir nicht zögern. Vor dem Tempel stand das ganze Commando, sichtlich erfreut, uns los zu werden, in Hufeisenform aufmarschirt. Zwei Drittel blieben zurück, das letzte Drittel bildete ein Viereck, nahm uns in die Mitte und gab uns unter dem Anhange des Janhagels das Geleit bis an die See. Wir bestiegen mit Vermeidung aller überflüssigen Abschiedsfeierlichkeiten den kleinen Dampfer und kamen nach einer köstlichen Abendfahrt um halb zehn Uhr glücklich in Yokuhama an. Unzählige kleine Fischchen, die gleich den Funken einer Schmiedeesse aus dem tiefblauen Ocean im Schimmer der sinkenden Sonne emporsprühten, hatten mich besonders ergötzt. Das Schauspiel glich einem eigenartigen Wasserfeuerwerk. Täuscht mich nicht mein Gefühl, so möchte ich das Klima Yokuhama's mit dem von Neapel vergleichen. Wie 180 dieses, bedingt es ein dolce far niente , ohne doch in physischer Hinsicht eine erschlaffende Wirkung auszuüben. Meine Gesundheit bessert sich langsam, der Appetit erwacht wieder, und ungeachtet der Warnungen des trefflichen Stabsarztes der »Gazelle,« Dr. Brunner , der mir der grassirenden Cholera halber die Fische verbietet, kann ich der Versuchung nicht widerstehen, den leckeren Steinbutten und Flundern zuzusprechen. Eier, Reis und Thee sind freilich sonst das A und O der hiesigen Speisekarte. Meine Kräfte heben sich, ich spüre das Erwachen meines gewöhnlichen Lebensmuthes und Arbeitseifers; wenn ich nicht an meinem unzertrennlichen Begleiter, dem vermaledeiten Revolver, zu Grunde gehe, kann ich noch zu Jahren kommen, aber derartige siebenläufige Schießgewehre sind unheilbare Uebel für friedfertige Künstler. Die Tage vom 22. bis 24. August haben wir bei windigem und regnerischem Wetter mit kleinen Spaziergängen ausgefüllt. Ein ankommendes englisches Kanonenboot, dem zwei Masten von den Japanesen weggeschossen worden waren, flößte uns abermals Besorgnisse für unsere Sicherheit ein. Wirklich war am 23. August ein Mordanfall auf einen Franzosen vorgekommen, und deshalb die Munition in allen kaufmännischen Comptoirs erneuert worden. Neben den Tintefässern liegen hier nämlich die Revolver und hinter dem Chef des Hauses steht eine Anzahl geladener Büchsen für den Fall eines unvorhergesehenen Angriffs. Ich für mein Theil habe zu meiner persönlichen Sicherstellung ein eigenthümliches Mittel ergriffen. Schon früher auf meinen Spaziergängen mit Herrn Reis war ich oft von armen Japanesen angesprochen worden; die guten Leute hielten 181 mich für einen Arzt und baten, wie mir der Landsmann dolmetschte, um Arznei für allerlei Krankheiten. Dieser gelehrt-medizinische Anflug meiner Persönlichkeit durfte nicht unbenutzt bleiben. Eine Anklage wegen Medizinalpfuscherei hatte ich nicht zu gewärtigen, die Vorliebe der asiatischen Völker für Heilmittel in Pillenform war mir bekannt, ich fertigte daher eine Anzahl von Pillen verschiedenen Calibers an und steckte sie bei meinen Spaziergängen in die Tasche. Da ich meine Gaben den mich auf der Straße consultirenden Patienten unentgeltlich verabreichte, verbreitete sich mein ärztlicher Ruf rasch in Yokuhama und seiner Umgegend. Selten ging ich aus, ohne mit leeren Schachteln zurückzukehren. So erkaufte ich meine Sicherheit auf den Straßen, und im Uebrigen spricht mich mein Gewissen vollkommen frei. Niemals bediente ich mich jener Drastica, welche die Chemie den Fabrikaten Morrisons und anderer renommirten Pillendreher zuschreibt. Eine kleine, für Kinder und junge Leute bestimmte Sorte componirte ich aus Brot, Zucker und Salz, für Erwachsene that ich etwas Cayennepfeffer, Senf oder einige Körner Schnupftabak hinzu. Der Japanese glaubt nur an die Heilkraft des Arzneimittels, wenn dasselbe einen starken Reiz auf den Gaumen ausübt. Klagen über unglückliche Kuren sind mir nie zu Ohren gekommen, und ich ziehe noch heute mein harmloses Mittel: mich mit der Bevölkerung auf einen freundlichen Fuß zu setzen, dem beliebten Belagerungszustande vor. Am 24. August wurden wir um 9 Uhr Morgens plötzlich von einem Teifun überfallen. Der Sturmwind stieß die Hausthür ein, warf, da die Thür des Eßzimmers offen 182 stand, das Theegeschirr uns vor der Nase zum Fenster hinaus, und schleuderte über den mehr als 25 Fuß langen Flur eine solche Fluth von Regen und zerstäubtem Seewasser in waagerechter Richtung in das Zimmer, daß die Sündfluth mit Kellen und Eimern bekämpft werden mußte. Zuvörderst freilich schlossen die japanesischen Diener mit vereinter Anstrengung die Flügel der Hausthür und stemmten einen wuchtigen Balken dagegen. Noch gegen Abend stand das Wasser so hoch in den Straßen, daß wir den Ausgang aufgaben, so gern wir über das im Laufe des Tages angelangte englische Geschwader nähere Erkundigungen eingezogen hätten. Der Verlust seiner Expedition nach dem Süden Japans belief sich auf 60 Todte und Verwundete. Der Regen hielt auch am folgenden Tage an, und wir suchten uns die Zeit in unseren vier Pfählen so gut als möglich zu verkürzen. Herr Reis brachte mir u. a. eine ihm von einem englischen Kaufmann mitgetheilte anglochinesische Zeitung, in der meiner in folgender Weise Erwähnung gethan wurde. Der Redacteur oder Referent mußte eine überaus hohe Meinung von den diesseitigen Kunstzuständen haben. Er schrieb: »Mr. Eduard Hildebrandt ( painter of his Majesty the King of Prussia ) macht eine Reise um die Erde im Auftrage seines kunstliebenden, allerhöchsten Gönners, er erhält als Honorar und Kosten: 20,000 Pfd. Sterling.« So ungereimt die Notiz mit der hohen Summe sein mochte; fortan verbesserte sich meine Situation in den chinesischen und japanesischen Gewässern. Nicht der Landschaftsmaler, aber der Empfänger von 20,000 Pfd. Sterl. Honorar und Reisegeld, wurde ungleich mehr, als früher respectirt. 183 Die Aufzeichnungen in meinem Tagebuche am 27. August sind nicht tröstlicher Natur. Die japanesische Regierung hat uns Europäern gestern ganz unumwunden sagen lassen: wir möchten uns so bald als möglich zum Teufel scheeren, und die Engländer haben, trotzdem fünf und zwanzig Kriegsschiffe ihrer Flotte vor Anker liegen, erklärt, den am Lande befindlichen Europäern keinen Schutz gewähren zu können; sie seien außer Stande, eine allgemeine Niedermetzelung zu verhindern. Mir bleibt daher gleichfalls nichts übrig, als, statt zu meinen halbzölligen Pillen von vierzehntägigem Nachgeschmack, wieder zu Revolver und Schleppsäbel zu greifen. Zudem machten sich zwei Yakonins mit mir einen schlechten Spaß. Sie griffen, an mir vorübergehend, plötzlich nach dem Säbel, sprangen auf mich los und schrieen: » Anata oheio «, d. h. »Ich grüße Dich!« Damit war die Sache abgethan. In den letzten Tagen hat auch der Sohn des Fürsten Mita den gesetzlichen Selbstmord an sich vollzogen. Die englische Regierung hatte schon seit geraumer Zeit mit den japanesischen Behörden über die Zahlung einer Entschädigungssumme für die Ermordung des Mr. Richardson, die Ursache des gegenwärtigen Krieges, unterhandelt, letztere aber nicht dazu bewegen können. Allerdings handelte es sich um die hohe Summe von fast einer halben Million Pfd. Sterling. Die Japanesen suchten noch immer etwas abzuhandeln, die Engländer bestanden auf ihrer Forderung. Es ist mir unbekannt, durch welches Mißverständniß jener unglückliche Beamte, der Verwalter einer Finanzkasse, veranlaßt wurde, die Summe, ohne Autorisation der Regierung in Yeddo, an England 184 auszuzahlen. Die Strafe für seine Unbesonnenheit folgte ihm auf dem Fuße; das Todesurtheil wurde über ihn ausgesprochen. In Europa ist noch die Meinung verbreitet, daß die Verurtheilten, um ihren Hinterbliebenen Ehre und Vermögen zu erhalten, selber zum Schwerte greifen und sich mit kreuzweisen Schnitten den Unterleib aufschlitzen. Dieser Brauch besteht schon lange nicht mehr. Der Taikun sendet dem Staatsverbrecher, dessen sich der hohe Rath der Dreizehn entledigen will, nur eine zierliche Handwaffe, das Symbol des Todes. Nach ihrem Empfange ist er verpflichtet, wenn er sich und seine Angehörigen nicht den Folgen einer gewaltsamen Hinrichtung durch Henkershand, d. h. wegen Beschimpfung des Namens und Confiscation von Hab und Gut, aussetzen will, seinem Leben vor Sonnenuntergang ein Ende zu machen. Gemeinhin veranstaltet der Verurtheilte ein Abschiedsmahl und freut sich mit Verwandten und Freunden des Lebens, so lange noch das Lämpchen glüht. Im letzten Augenblick begiebt er sich in das Innere der Gemächer. Nur sein Busenfreund und einige Zeugen begleiten ihn. Er kniet nieder, entblößt den Unterleib und deutet mit der officiell übersandten Waffe den Kreuzschnitt an; in demselben Augenblick versetzt ihm nach Verabredung der Freund mit dem großen Schwert, das jeder Yakonin bei sich führt, einen tödtlichen Streich in den Nacken. Auf diese Weise hatte auch, nach der einstimmigen Versicherung aller Europäer, der Sohn des Fürsten Mita geendet. Der wissenschaftliche Ausdruck der Japanesen für diese Art der Todesstrafe ist: Harikiri . Die Warnung der Engländer und die barschen 185 Zumuthungen der Regierung schüchterten nur die Kaufleute Yokuhama's ein, die Mitglieder des hier anwesenden diplomatischen Corps kümmerten sich wenig darum, sondern beschlossen, da der hohe Barometerstand anhaltend gutes Wetter versprach, eine größere Landpartie über Kanazawa nach der früheren Haupt- und Residenzstadt Kamakura . Von Seiten der Regierung wurden natürlich, nachdem die vorschriftsmäßige Anzeige gemacht war, viele Einwendungen erhoben; sie bereitete die Herren auf einen Ueberfall vor und erklärte sich für unfähig, sie schützen zu können. Unlängst sei ein Yakonin von einem Engländer niedergeschossen und das Volk im höchsten Grade gereizt. Der Gouverneur von Kanazawa, einer der drei Fürsten, die im Jahre 1862 als Gesandte in Berlin waren, stattete dem holländischen General-Consul sogar einen Besuch ab, und suchte ihn, durch ein Geschenk von zwei Schweinen, einem Korbe Hühner und mehreren Gefäßen voll Obst und Gemüsen, von der gefährlichen Partie abzubringen. Der Consul erwiederte indessen das Geschenk und bestand auf dem Ausfluge; die Gefahr mochte ihm nicht so groß erscheinen. Die Gesellschaft bestand aus fünf und zwanzig Herren und zwanzig deutschen und holländischen Matrosen, die zum Tragen der Effecten, Speisen und Getränke bestimmt, und gleich den Gentlemen bis an die Zähne bewaffnet waren. Mir lieferte der Ausflug einen lehrreichen Beitrag zu meinem Satze, daß die Hauptschuld des schlechten Einvernehmens zwischen Eingeborenen und Europäern dem Uebermuth und der Rücksichtslosigkeit der Letzteren zuzuschreiben sei. Am 30. August um zwei Uhr Nachts schifften wir uns 186 ein und fuhren nach Kanazawa. Als wir um fünf Uhr Morgens hier anlangten, verweigerte man uns in dem einzigen, am Strande gelegenen Theehause die Aufnahme. Ein kleineres Lokal war, um der Zudringlichkeit der Fremden zu wehren, auf obrigkeitlichen Befehl niedergerissen worden. Die Comité-Mitglieder der Landpartie wußten sich zu helfen. Den Matrosen wurde befohlen, die Hausthür mit einem Balken einzustoßen; darauf wollte es jedoch die Herbergsmutter nicht ankommen lassen. Sie öffnete freiwillig, und machte ihrer Wuth nur durch einen thierischen Schrei Luft, als der Chor der Rache in den Flur stürmte und ein Paar der Herren ihr die Pistole auf die Brust setzten. Ein so garstiges altes Weib hatte ich in Japan noch nicht gesehen. Unsere Matrosen besetzten sogleich die Küche, zündeten Feuer an und bereiteten Kaffee; ich besichtigte das geräumige Lokal etwas näher. Gleich bei unserem Einbruch war mir eine Anzahl kleiner Mädchen aufgefallen, welche mit Schwertern in den Händen eine Seitentreppe hinabschlichen und die Waffen in einer Kammer des Erdgeschosses verbargen. Argwöhnisch stieg ich die Treppe hinan und fand in einem Salon einen Trupp Yakonins, die uns erwartet haben und zum Widerstande entschlossen gewesen sein mochten, bei unserer Uebermacht aber für rathsam erachteten, klein beizugeben, und sich mit Hülfe der Unmündigen selbst ihrer Waffen zu entledigen. Mehrere der Herren waren mir gefolgt, und wir fanden die Yakonins, arglos wie eine Schaar Turteltauben, auf der Matte sitzend und uns gastlich anlächelnd. Glücklicher Weise kam es nicht zu Streitigkeiten; der Kaffee erhitzt nicht das Geblüt. Die nöthigen Pferde waren schon am 187 vorhergehenden Tage gemiethet worden, und um 6 Uhr setzten wir uns mit großem Geräusch in Trab, durchschritten die Stadt und passirten eine Reihe von Dörfern oder Weilern, die im Verein mit der malerischen Terrainbildung von Thälern, Berghöhen und Schluchten dem Wege nach Kamakura beständig Abwechselung verliehen. Auch an dem Landsitze eines Prinzen kamen wir vorüber. Die Villa lag in einem herrlichen, musterhaft gepflegten Garten, nur die Umgebung entstellte die sonst so einladende Villeggiatur. Statt durch eine Hecke oder einen Zaun war das Grundstück durch eine förmliche Enceinte von Festungswerken geschützt. Der Besitzer konnte einer kleinen Belagerung die Stirn bieten. Nach einigen Stunden hatten wir die heilige Stadt erreicht und begaben uns in den Rayon der zehn Tempel, der berühmtesten des Reiches der aufgehenden Sonne. Wir wußten, daß nur in einem derselben uns der Zutritt gestattet wäre, und suchten durch vorweg auf den Boden geworfene Geldspenden das Wohlwollen der Priester zu erwerben. Die auf den Dächern der Tempel befestigten, Schlittengeläuten ähnelnden Glockenspiele, klangen lieblich im Hauche des vom Gebirge kommenden Morgenwindes; im Innern saß die dienstthuende Geistlichkeit mit den Tabackspfeifen im Munde beim Thee. Ein sehr reputirlich aussehender älterer Japanese erlegte so eben ein halbes Dutzend Itzebu's – wie mir der General-Consul sagte, um sich die Mühe des eigenen Gebetes zu ersparen. Gegen eine entsprechende Vergütigung beten die Priester für zahlungsfähige Gläubige mit bestem Erfolge. Es wäre unanständig gewesen, hätten wir Christen den frommen Männern nichts zu verdienen gegeben; der General-Consul ging uns mit 188 gutem Beispiel voran. Auf dem Hauptaltar standen zwei heilige, offenbar gezähmte Hähne. Wer ein Tempo (15 Pf.) entrichtete, durfte den Federbusch und Rücken der schönen Thiere streicheln. Es wird für ein gutes Zeichen angesehen, wenn die heiligen Vögel dabei krähen, doch thaten sie uns nicht den Gefallen, so viele Tempo's wir auch als Opfer darbrachten. 189 XIV. Fusi Yama-Pilger. Wallfahrtstempel. Scharfe Freudenschüsse. Dampfer-Carroussel. Soirée im Herrenhause. Die Kneter. Prinz Oranien-Festball. Nach Nagasaki. Der Flußdampfer auf hoher See. Blaue Raketen und sechs Stunden Arrest. Mr. Lewes. Die religiösen Gebräuche der Japanesen schreiben den vom Fusi Yama zurückgekehrten Pilgern vor, auf einem Rundgange alle zehn Tempel von Kamakura zu besuchen und an jeder dieser Stationen gewisse Gebete zu verrichten. Das Glück begünstigte uns, wir waren noch im Tempel mit den heiligen Hähnen beschäftigt, als eine Schaar dieser frommen Männer eintrat, der Reihe nach an einer seitwärts aufgestellten Metallschale vorüberzog, jeder ein Stück Geld hineinwarf, um sich dadurch die Erhörung seiner Gebete zu sichern, und dann an eine große Glocke schlug. Sobald sie sich überzeugt haben mochten, der Himmel nehme von ihrer Anwesenheit im Tempel Notiz und die nöthige Aussicht auf Gewährung ihrer Bitten sei vorhanden, begannen sie mit großem Eifer die geistlichen Uebungen. Indessen ließen sich die Pilger dadurch nicht abhalten, kleine Handelsgeschäfte mit uns anzuknüpfen. Sie boten uns die um 190 ihre Hände geschlungenen Rosenkränze zum Verkauf an, die wir denn auch sämmtlich in unsern Besitz brachten. Die Aehnlichkeit derselben mit jenen, welche ich einst von Wallfahrern in der Grabeskirche zu Jerusalem erstanden, war unverkennbar. Das Kostüm der Fusi Yama-Pilger war von eigenthümlicher Beschaffenheit. Vorschriftsmäßig trugen sie sämmtlich weiße Gewänder, die jedoch über und über mit rothen Stempeln bedeckt waren. Diese werden nämlich nach dem Besuch jedes Tempels von den Priestern den Gewändern gleichsam als officielle Bescheinigung aufgedruckt und erhöhen später das Ansehen des Japanesen unter seinen Mitbürgern. Zu meinem Kummer darf ich nicht verschweigen, daß das Betragen meiner Gesellschafter keinesweges über allen Tadel erhaben war, und daß wir uns zuletzt von den Pilgern und Priestern in einer etwas gereizten Stimmung verabschiedeten. Unter unbedingter Zustimmung der Marine-Offiziere, ihrer Vorgesetzten, machten die englischen Matrosen einen solchen Heidenlärm auf der Tempelglocke, daß ich aus den Gesichtern der Japanesen unschwer errathen konnte, ihre Gottheit werde den Spektakel als persönliche Beleidigung betrachten, und sie selber, als Ortsangehörige, dafür verantwortlich machen. Es kam jedoch nicht zu unangenehmen Erörterungen; wir traten ungehindert den Rückweg an. Die Gesellschaft hatte schon unterweges, später sowohl in, als auch vor dem Tempel, den mitgenommenen Getränken stark zugesprochen; es kamen daher mancherlei thörichte Ausschreitungen vor. Fortwährend wurden zum Entsetzen der Pferde Büchsen und Revolver abgefeuert, bei unserer, lediglich aus scharfen Patronen 191 bestehenden Munition ein höchst gefährliches Vergnügen. Es konnte daher nicht ausbleiben, daß ein Matrose einen Streifschuß am Unterleibe erhielt und einem holländischen Capitän der Schenkel zerschmettert wurde. Erst jetzt legte sich die Aufregung, aber sie zeigte sich von Neuem, als wir, am Strande angelangt, von den Pferden stiegen und uns den Böten näherten. Einer unserer reitlustigen Matrosen wollte, nachdem sein Capitän abgesessen war, noch ein wenig die Gelegenheit benutzen, hin- und herzugaloppiren, stieß aber bei dem Besitzer des Gaules auf Widerspruch. Da brüllte der Capitän mit Löwenstimme: »Sitz' auf, mein Sohn, und wenn er sich noch ein Wort erlaubt, haust Du ihm auf meine Verantwortung über den Leib, sitz auf!« Der Japanese ließ dem Burschen seinen Willen, aber ich zweifle, daß wir bei unserer Abfahrt unter den Pferdephilistern von Kanazawa einen vortheilhaften Eindruck der europäischen Gesittung und Billigkeit hinterlassen haben. Etwa eine halbe Meile vor Yokuhama wurde uns noch ein sehr ergötzliches Schauspiel zu Theil. Schon von fern hatten wir einen kleinen Kriegsdampfer bemerkt, der fortwährend im Kreise umher fuhr. Als wir näher kamen, sahen wir, daß das ganze Verdeck mit Japanesen bedeckt war, welche sich mit uns durch die verschiedensten Zeichen der Hülflosigkeit zu verständigen suchten, aber von Seeoffizieren und Matrosen ausgelacht wurden. Der wie ein Pferd im Circus umherjagende Dampfer war eines jener kleinen Schiffe, welche den Japanesen in den letzten Jahren von den Engländern verkauft worden waren. Sie hatten die Maschine geheizt und waren dreist in See gestochen, aber keiner von ihnen verstand 192 sich darauf, die Maschine zu stoppen, und so blieb ihnen weiter nichts übrig, als unablässig im Kreise umherzufahren, bis das Feuer ausging und der Dampfer mit Böten in den Hafen bugsirt werden konnte. Wie die Herren Seeoffiziere versicherten, wiederholen sich derartige Scenen von Zeit zu Zeit. Bei ihrem angeborenen Dünkel glauben die Japanesen, mit den Dampfern zugleich die Kenntniß ihrer Maschinenleitung erworben zu haben, und sträuben sich beharrlich, dieselbe europäischen Ingenieuren anzuvertrauen. Die Anwesenheit so vieler Militärpersonen wirkt sehr vortheilhaft auf die Geselligkeit ein und verschafft mir eigenthümliche Genüsse. Mein gütiger Gönner, der holländische General-Consul, gab zu Ehren der europäischen Gäste eine glänzende Soirée, obgleich man mit Fug und Recht auf dieses Fest die bekannte Phrase: »sie tanzen auf einem Vulkan!« anwenden konnte. Während die Einladungskarten durch Koskei's und Barkenführer den Gästen überbracht wurden, hatte der General-Consul ein Schreiben aus Yeddo erhalten, worin er von amtlicher Seite gewarnt wurde, sich abermals dort blicken zu lassen, da die Regierung bei der gereizten Stimmung des Volkes seine Sicherheit nicht verbürgen könne. Die Zahl der europäischen Damen in Yokuhama beträgt nur acht, der General-Consul hatte bei der Majorität von dreißig Herren, Seeoffizieren, Consuln verschiedener Nationen und Großhändlern, daher vorgezogen, diese zum größeren Theile nicht mehr jugendlichen Schönen gar nicht einzuladen, und seine Soirée in die Sphäre der japanesischen Gesellschaft zu verlegen. Demgemäß konnte sie nur 193 in dem sogenannten »Herrenhause« (Yankiro) veranstaltet werden, wo dem Gastgeber ein unvergleichlicher Damenflor zur Verfügung stand. Der Kostenpunkt war von unserem splendiden Wirthe weiter nicht beachtet worden, er hatte die von der japanesischen Regierung geforderte hohe Summe entrichtet, das ganze Lokal mit seiner Bevölkerung für den Abend und die Nacht mit Beschlag belegt und so den gewöhnlichen japanesischen Zuspruch feineren Schlages ausgesperrt. Mir steht nicht die stylistische Freiheit eines altgriechischen oder römischen Schriftstellers zu Gebote; meine Festbeschreibung muß sich folglich den Vorwurf der Lückenhaftigkeit gefallen lassen. Vorausschicken muß ich, daß wir uns sämmtlich bis an die Zähne bewaffnet eingefunden und alle Eingänge des Herrenhauses mit Posten besetzt hatten. War doch die Gelegenheit für die Japanesen, einen entscheidenden Schlag zu führen und alle Häupter der europäischen Hydra zu vertilgen, gar zu verführerisch. Dem wurde durch förmlich militärische Maßregeln vorgebeugt. Auch ich hatte außer einer weißen Cravatte den bewußten Revolver, den Pfahl in meinem Fleische, auf daß mir nicht zu wohl werde, angelegt. Die Soirée begann mit einer Theatervorstellung, die nur von den Schönen des Institutes ausgeführt wurde. Mit vielem Geschick fanden sich die zarten Wesen in die Männerrollen und wußten mit wirklicher Komik die Eigenthümlichkeiten und Schwächen der Europäer nachzuahmen, denn die aufgeführten Stücke bestanden in einer Reihe burlesker Scenen, Begegnungen zwischen Einheimischen und Europäern, durch welche sie uns zu ergötzen gedachten. Spiel und Gesang standen nicht auf einer höheren Stufe, 194 als in chinesischen Theatern; die Instrumentalmusik war von gleicher Verworfenheit. Die Pracht der Kostüme, insofern solche überhaupt noch vorhanden waren, machte der Direktion des Institutes die höchste Ehre, aber freilich entäußerten sich einzelne Actricen selbst des Feigenblattes der niederländischen Maler. Der Darstellung folgte eine Art Ballet. Wie den Chinesen, ist auch den Japanesen die eigentliche Tanzkunst unbekannt, und das Ganze ging nicht über wiegende Bewegungen des Oberkörpers hinaus, bei denen freilich mehr die seltene Formenschönheit der Gymnastinnen, als ihre Anmuth Wohlgefallen erregte. Analog manchen stehenden Manieren unserer Tänzerinnen war nur die Gewohnheit der Japanesinnen, als Zeichen herausfordernder Fröhlichkeit mit den flachen Händen auf die unverhüllten Oberschenkel zu schlagen. Die Beleuchtung war höchst naiv eingerichtet. Da das ganze Lokal nur durch bunte Papierlaternen erhellt war und in einem magischen Helldunkel schimmerte, waren besondere Vorkehrungen nothwendig, die Actricen und Tänzerinnen in ein vortheilhafteres Licht zu stellen. Jeder folgte eine Gefährtin mit einer großen Laterne, und bemühte sich, auf alle bemerkenswerthen Attituden ein grelles Streiflicht fallen zu lassen. Der Vorstellung folgte ein Souper, an dem auch die Damen theilnahmen. Für die Weine hatte der General-Consul gesorgt, die Speisen waren in der Küche des Hauses zubereitet. Sie wurden in sauber lackirten viereckigen Kästchen servirt, und mit Stäbchen gegessen. Aus Besorgniß, incognito bereiteten Blutegeln zu begegnen, die hier zu den Delikatessen gehören, beschränkte ich meinen 195 Verzehr auf Fisch. Mehrerer Bequemlichkeiten halber wird jeder kleinere gebratene Fisch an ein Stäbchen gebunden, man reißt ein Stück nach Belieben ab, legt den Rest in das Speisekästchen und reicht ihn dem Nachbar. Die Japanesinnen tranken zumeist den landesüblichen leichten Reisbranntwein (Saki); doch schien ihnen auch der kredenzte Champagner zu munden; die Heiterkeit der Gesellschaft stieg zusehends, und nach dem Dessert forderten die Cavaliere, ohne an der unzureichenden Toilette der Tänzerinnen Anstoß zu nehmen, ihre Tischnachbarinnen zu einem Galopp auf, für den diese hervorragendes Talent verriethen. Ich für mein Theil bedauerte nur, kein Zeichenmaterial bei der Hand zu haben, um das Ensemble des Saales mit der Wasserkunst am Eingange, den vergoldeten Wendeltreppen in den Ecken, den bunten und glänzenden Ornamenten der Wände, dem Wirbel der nackten Odalisken mit ihrem phantastischen Kopfputz festzuhalten. Es war tief in der Nacht, als wir unter dem Vortritt unserer Wachen, beim Schimmer der mit den verschiedenen Landeswappen bemalten Consulats-Laternen, in Palankinen, ohne durch einen Anfall behelligt zu werden, nach Hause zurückkehrten. Das Wetter war sehr schlecht, es regnete und stürmte, und die nächtliche Ruhe wurde mir durch rheumatische Schmerzen verkümmert, die sich neuerdings zu meinen übrigen Leiden gesellt haben. Ich beschloß daher am Morgen, die Hülfe nicht eines eingeborenen Arztes. sondern nur eines »Kneters« in Anspruch zu nehmen. Diese Leute, gemeinhin Bonzen, durchstreifen die Straßen der japanesischen Städte, stoßen aus einer Pfeife einen Laut aus, der an den Gesang der Eule in Webers »Freischütz« erinnert, und verkünden dadurch 196 ihre Gegenwart. Da sich auch Frauen und Mädchen der vornehmeren Rangklassen ihrer bedienen, werden die Blinden unter ihnen vorgezogen, und es sollen deshalb viele Fälle simulirter Kurzsichtigkeit oder Blindheit vorkommen. Ich rief den ersten besten Heilgehülfen dieser Klasse von der Straße herauf, ließ ihn sorgfältig unter dem Beistande meines Kotzkei die Hände reinigen, und stellte mich ihm alsdann zur Verfügung. Nachdem mich meine Diener entkleidet, wurde ich auf der Matte ausgestreckt, ein ausgehöhltes Bänkchen unter meinen Nacken geschoben, und mit der heilgymnastischen Operation begonnen. Schon in Bangkok hatte ich die energischen Manipulationen eines Kneters, der einem siamesischen Granden Erleichterungen nach einem schweren Diner verschaffte, mitangesehen, und war nicht ohne Besorgniß, der japanesische College werde mit mir eben so unnachsichtig verfahren. Der gelehrte Herr behandelte mich jedoch mit ungleich größerer Milde. Nachdem er sich durch einige kühne Griffe, aus denen ich ersah, daß unter Umständen Blindheit des Operateurs den männlichen Angehörigen der Kunden ganz erwünscht sein müsse, überzeugt hatte, daß mein Magen nicht an Ueberfüllung leide, ging er nach einer starken Pression der Weichen auf die Behandlung der Arm- und Beinmuskeln über. Sein Verfahren war ein Mittelding von Zupfen, Drücken und Kneifen, nach und nach wurde dadurch die Haut meines ganzen Körpers geröthet und der bisherige zuckende Schmerz wich einem wohlthuenden Wärmegefühl. In einer Viertelstunde war das ganze Verfahren beendet; mit einem Viertel-Itzebu königlich belohnt, entfernte sich der Kneter seelenvergnügt, der nervösen Aufregung folgte eine 197 unsäglich süße Abspannung, und, auf der Matte liegen bleibend, von dem Kotzkei nur mit einem Plaid bedeckt, versank ich in einen mehrstündigen Schlaf, aus dem ich mit bestem Appetit erwachte. Von Herzen bedauerte ich, mich dieses nervenstärkenden Verfahrens nicht schon früher bedient zu haben, und bin geneigt, die körperliche Fülle und Gesundheit, deren sich die Bevölkerung mittlerer Jahre in Japan erfreut, demselben zuzuschreiben. Am 5. September wohnte ich dem holländischen Prinz Oranien-Festball bei, zu dem auch die anwesenden acht Damen gezogen waren. Wenn ich sage, daß die Zahl der Herren zweihundert überschritt, wird man ermessen können, daß die Schönen sich über Mangel an Tänzern nicht zu beklagen hatten. Eine den Vierzigen nahe stehende Donna schien den letzten Hauch auf dem Tanzboden daran setzen zu wollen, und ich darf nicht verschweigen, wie ihr Eheherr, weit entfernt, Widerspruch einzulegen, sie vielmehr durch Zufuhr immer neuer Tänzer in ihrem Selbstmordversuche unterstützte. Ich zog mich in den durch zahllose Laternen feenhaft erleuchteten Garten zurück. Je weiter das Jahr vorrückt, desto ähnlicher wird das Klima dem Herbste des unteren Italiens. Wir benutzen die herrlichen Septembertage zu weiteren Spazierritten in das Innere des Landes, nur suche ich davon alle herausfordernden Persönlichkeiten auszuschließen, und verhüte so jeden Conflict mit den Eingeborenen. Der Abgang des Dampfers nach Nagasaki rückt heran, und ich bringe am 9. September bis 3 Uhr Nachmittags meine Zeit damit zu, die Koffer zu packen; vor Sonnenaufgang am nächsten Tage sollen die Anker gelichtet werden. Ich wollte schon 198 um 5 Uhr Abends an Bord, allein mein gütiger Hausherr mochte sich nicht so bald von mir trennen. Ungeachtet aller Einreden wurde ich bis nach 11 Uhr am Lande festgehalten, und kam erst los, als der Seegang immer höher wurde und pechschwarzes Gewölk heraufzog. Endlich waren meine sechs Gepäckstücke in die Nußschaale von Boot gebracht, und nach einer halben Stunde war ich, bis auf die Haut durchnäßt, glücklich an Bord des Dampfers gelangt. Bei der Ungeschicklichkeit der Bootsleute hatte ich nothgedrungen selbst Hand angelegt und so auch meine Koffer gerettet. Der größte und werthvollste wäre beinahe ins Meer gefallen. An Schlaf war nicht zu denken, denn der Capitän und die Passagiere befanden sich im letzten Stadium der Besoffenheit. Um ihren Enthusiasmus einen entsprechenden Ausdruck zu verleihen, veranstalteten sie sogar ein Feuerwerk und bedienten sich dazu blauer Raketen. Nun muß man aber wissen, daß Raketen und Signale von dieser Farbe unter den Seeleuten »Schiff und Mannschaft in Gefahr« bedeuten. Natürlich wurde sofort auf allen Kriegsschiffen der englischen Flotte Alarm geschlagen und in den Consulatsgebäuden von Yokuhama machte man sich nach den überall erleuchteten Fenstern kampffertig; man vermuthete einen meuchlerischen Ueberfall der Japanesen. Die Feuerwerker wurden durch die auf der Rhede ausbrechende Unruhe noch nicht zur Besinnung gebracht, erst als eine Schaluppe vom Admiralschiff eintraf und auf Befehl des Admirals den vergnügten Capitän abholte, stutzten die des Anstifters beraubten Passagiere und ließen sich zu Bette bringen. Die Abfahrt des Steamers war dadurch in Frage gestellt, 199 denn der Admiral gedachte, den Luftfeuerwerker achtundvierzig Stunden in Arrest zu legen, auf die Fürsprache der Consuln ließ er es jedoch bei sechs Stunden und einem scharfen Verweise bewenden, und um ein Uhr Mittag lichteten wir wirklich die Anker. Das kleine Schiff Carthage , ist ein Privat-Handelssteamer und gehört der schon erwähnten reichen Firma Gardins. Angeblich liegt den Besitzern nicht viel an Passagieren, und unsere Beförderung wird nur als Gnadensache angesehen. Nichtsdestoweniger hat Jeder von uns für die Strecke von 160 Seemeilen bis Nagasaki das erkleckliche Sümmchen von 110 Dollars erlegt. Nicht viel mehr als an Passagieren scheint dem Hause an dem Dampfer selber gelegen zu sein. Neu bemalt und gestriegelt war er im Hafen von Yokuhama schon zum Verkauf ausgeboten worden, ohne bei der hohen Forderung einen Abnehmer zu finden. Wie unter den an Bord befindlichen fünf englischen Kaufleuten gemunkelt wird, ist die »Carthage« gar nicht für die Fahrt auf hoher See construirt, sondern nur ein invalider Flußdampfer. Bei seinem geringen Tiefgange wird das elende Schiff in dem wilden Wetter gleich einem Gummiball hin- und hergeworfen. Zwei Stunden nach unserer Abfahrt lagen wir sämmtlich seekrank in den Kajüten. In diesem trostlosen Zustande verblieben wir die ganze Nacht hindurch, doch beruhigten sich am 14. Sept. um 7 Uhr Morgens meine empörten Magennerven so weit, daß ich meinen für 12 Sgr. 6 Pf. in Yokuhama erstandenen papierenen Regenmantel anlegen und eine Promenade auf Deck veranstalten konnte. Beim Tiffin, das aus Eiern von zweifelhaftem Alter und steinhartem 200 gebratenen Speck bestand, war ich außer dem Capitän und Steuermann der einzige Tischgenosse. Während der Mahlzeit erhielt mein neues Reisegewand die erste Oelung. Die Steuerbordseite der »Carthage« erhob sich plötzlich so hoch, daß die Assiette mit Eiern und Speck auf den papiernen Regenmantel flog und ihm ein unvertilgbares Fettmal aufdrückte. Der Brandyflasche entging ich; der Capitän hatte noch im letzten kritischen Augenblicke danach gegriffen und sie dann, um ferneren Unglücksfällen vorzubeugen; rasch bis auf den letzten Tropfen geleert. Wäre der erste Steuermann nicht noch bei Besinnung, dieser Trunkenbold stürzte Schiff, Ladung, Mannschaft und Passagiere ins Verderben. Die Fahrt in den japanesischen Gewässern ist, wie an den chinesischen Küsten, bei dem Mangel aller Leuchtthürme, höchst gefährlich, außerdem ist es den Eingeborenen bei Todesstrafe verboten, auf europäischen Schiffen Lootsendienste zu leisten. In den letzten Tagen des August war ein Einwohner von Kanazawa dieses Verbrechens wegen enthauptet worden. Wie glücklich wäre ich gewesen, hätte mir nach dem traurigen Tiffin ein »Kneter« zu Gebote gestanden; es blieb mir nichts übrig, als durch Aufzeichnung meiner letzten Beobachtungen und Erlebnisse in Yokuhama die Langeweile zu vertreiben. Von den Landsleuten auf der Gazelle hatte ich mich schon am 8. September verabschiedet und dort ein paar höhere japanesische Offiziere getroffen, die sich ungemein für die Zündnadelgewehre der Seesoldaten interessirten, und bei ihrer Intelligenz sehr wohl den Vortheil der Hinterladung begriffen. Sie entblödeten sich nicht, der Schildwache auf Deck fünfzig Dollars zu 201 bieten, wenn sie ihnen ihr Gewehr verkaufen wolle! Die Passagiere erholen sich allgemein, kriechen ans ihren Hängematten und rauchen in der Kajüte, ein unerhörtes Beginnen für ein englisches Schiff, schlechte Manila-Cigarren; unsere Gesellschaft wird durch ein Dutzend Hunde verstärkt, die nicht ganz von der Seekrankheit verschont bleiben und in ihrer Herzensangst die wunderlichsten Verstecke aufsuchen. So waren zwei Pintscher von der Sophalehne auf die vorspringende Decke eines Wandschranks gestiegen, von wo sie wenige Minuten später einem reichen Seidenhändler auf den Kopf fielen und ein paar verschimmelte Wasserstiefel in ihren Sturz verwickelten. Auch Mr. Lewes, mein alter Freund und Fachgenosse, kam aus seiner Koje abgezehrt und hohlwangig zum Vorschein. Nach Vollendung des Portraits beider Könige von Siam hatte er sich nach Japan eingeschifft, um den Großen des Reiches seine künstlerischen Dienste anzubieten, vielleicht gar das Portrait des Taikun anzufertigen. Mr. Lewes Talente hatten keinen fruchtbaren Boden gefunden, von allen Seiten waren seine Anerbietungen abgelehnt worden. Wie der Moslem, besitzt der Japanese ein Vorurtheil gegen die Abbildung lebender Personen. Der fahrende Portraitmaler wird auf allen englischen Dampfern nicht nur kostenfrei befördert, sondern genießt auch freie Zeche und lohnt seinen Wirthen durch geistreiche Conversation bei Tische. Jetzt kehrt er nach Calcutta zurück, wo sein Pinsel noch immer die sicherste Beschäftigung findet. Gutem Vernehmen nach zählt auch eine Dame zu den Passagieren, wir haben aber weder sie selbst, noch ihren Mann und Sohn zu Gesichte bekommen. 202 Einer der Engländer, ein gesangskundiger Jüngling, zieht aus ihrem Stöhnen und Röcheln in hoher Sopranlage einen Schluß auf ihr Geschlecht. Die ganze Familie scheint sich der Seekrankheit ergeben zu haben. Bei der abscheulichen Kost an Bord sind die aus Japan mitgenommenen Weintrauben unsere einzige Erquickung, die Birnen stehen weit hinter der geringsten europäischen Sorte zurück. Am 12. September um 3 Uhr Nachmittags stieg aus dem Ocean ein so dichter Nebel auf, daß wir kaum die Hand vor Augen sehen konnten. Der Dampfer ist in eine Strömung gerathen, und wir treiben dem rechts gelegenen Lande, einer felsigen Küste zu. Vor Schreck war der Capitän sogleich nüchtern geworden, und da der Nebel sich für einige Minuten lichtete, gelang es, aus der Nähe des Landes fortzukommen. Wir waren nur noch eine Viertelmeile davon entfernt gewesen. Zu unserem Heile hatten wir rechtzeitig die hohe See erreicht, denn mit Einbruch der Dunkelheit brauste ein Teifun heran, der, wenn auch nicht einer der rasendsten, doch die Kräfte unserer armen »Carthage« weit überholte. Ich bereitete mich zum Tode vor; der schwache Flußdampfer konnte im nächsten Moment kentern. In einer wahren Geistesverwirrung machte ich mich über meine Koffer her, packte die werthvollsten Gegenstände in eine Ledertasche, schnallte sie um den Leib, ohne zu bedenken, daß ich bei einem Sturz in das Wasser eben durch ihr Gewicht in den Abgrund gezogen werden müßte, und verhüllte mein Haupt mit dem Plaid. Die gütige Vorsehung hatte unseren Untergang noch nicht beschlossen, gegen Morgen klärte sich der Himmel, der 203 Orkan ließ nach, und der Gang des Dampfers wurde ruhiger, aber wir waren moralisch und physisch durch die todesbange Nacht so erschüttert, daß der Thee und Zwieback unberührt in die Küche zurückgetragen werden mußten. 204 XV. Die Insel Desima. Nagasaki. Consul Kniffler. Der Fisch- und Blumenmarkt. Ein Colorist und seine Söhne. Demimonde von Nagasaki. Riesenspinnen. Nach Shanghai. Der Tag endete freundlicher, als er begonnen hatte; um Sonnenuntergang warfen wir in der herrlichen grünen Bai von Nagasaki , zwischen malerisch geformten kleinen Inseln und Angesichts wunderlicher, winziger, mit Kanonen gespickter Forts, vor der Insel Desima , Anker. Die wörtliche Uebersetzung dieses japanischen Wortes lautet »Fächerinsel« und ihre Gestalt hat allerdings einige Aehnlichkeit mit einem aufgespannten Fächer, dessen breite Seite die offene See umspült. Desima ist eine holländische Ansiedelung. Das Glück wollte mir wohl, ich wurde von dem preußischen Consul Herrn Kniffler sehr freundlich empfangen und genoß das Vergnügen, die Nacht nach meiner Ankunft in einem guten Bette zu schlafen, doch wurde meine Ruhe mehr als billig durch vierfüßige Mitbewohner des Gemachs beeinträchtigt. Die Ratten- und Mäusezucht scheint unter dem Breitengrade von Nagasaki in hohem Flor, und dieses Geschlecht von Nagethieren mit dem Menschen auf höchst cordialem Fuß zu stehen. Die Kleinen hatten grade mein 205 Lager zum Tummelplatz ihrer nächtlichen Spiele ersehen und unzählige Male wurde ich durch die über mein Gesicht huschenden Mäuse oder die Saltomortale's der Ratten auf meinem Leibe aus dem Schlafe aufgeschreckt. Am 14. September besichtigte ich einen Theil der Stadt, deren Plan und Bauart mich ungemein an Yeddo erinnerte. Zu dem aristokratischen Viertel Nagasaki's, das auf einer Terrainerhöhung gelegen ist und in dem sich auch das Hotel des Prinzen Gouverneur befindet, führen Treppen hinan. Hier sind auch die meisten Häuser von schönen Gärten umgeben. Die Straßen sind meistentheils gepflastert, der Bürgersteig zieht sich in der Mitte hin. Außerhalb der Stadt besuchte ich die wahrhaft romantisch situirte, beinahe fürstliche Behausung des Herrn von Sybold , und besichtigte das reichausgestattete Bibliothekzimmer und den mit Palmen und Bananen geschmückten Garten, von dem aus sich ein unvergleichliches Panorama der Bai erschließt; den würdigen Gelehrten selber fand ich nicht zu Hause. Er war auf einer naturwissenschaftlichen Excursion abwesend. In der Nähe bewunderte ich die Ueberreste eines abgebrannten großen Tempels, zu dessen Aufbau von der Regierung die nöthigen Fonds allmälig zurückgelegt werden. Das großartige Bronceportal und eine riesige Treppe waren noch erhalten, und ich beeilte mich, wenigstens ihre pittoresken Umrisse mit einigen Strichen zu Papier zu bringen. Auf die Zeichnung der nahestehenden Kampher- und Wachsbäume, die einigermaßen unseren Eschen gleichen, mußte ich verzichten, da die Einwohnerschaft der Umgegend mein Vorhaben mit großem Mißtrauen betrachtete. Mein gütiger Wirth empfing mich bei der Rückkehr mit 206 offnen Armen. Herr Kniffler ist ein geborener Rheinländer und besitzt alle angenehmen Eigenschaften dieses lebenslustigen und aufgeweckten Menschenschlages. Unsere Mahlzeiten nehmen wir immer gemeinschaftlich ein und zwar in Gegenwart einer Menge von Zuschauern. Wir speisen Parterre bei offnen Fenstern, die jedoch der Vorsicht wegen mit eisernen Gittern verwahrt sind, und locken dadurch alle Japanesen an, die aus dem Innern des Landes nach Nagasaki kommen und noch keine Europäer, oder, wie sie sich mannigfaltig ausdrücken, die »preußischen Holländer,« die »französischen Holländer,« oder die »Holländer von England« gesehen haben. Nach ihren Begriffen ist nämlich Europa mit Holland vollkommen gleichbedeutend. Sie versammeln sich vor dem Hause, und stützen sich auf die, dasselbe umgebende Rampe, betragen sich aber durchweg manierlich. Die Insel Desima, auf der wir wohnen, wird von den Bewohnern Nagasaki's als eine Menagerie angesehen. Der Consul ist unerschöpflich in treffenden Witzen über die abenteuerlichen Gesichter und Gebehrden dieses Publikums. Seine Hünengestalt von sechs Fuß Höhe ist übrigens dazu angethan, auch dem kecksten Japanesen Respect einzuflößen. Gern zollte ich der Liebenswürdigkeit des theuren Landsmannes noch größere Anerkennung, verurtheilte mich dieselbe nicht bei meiner Körperschwäche zu einer schweren Pönitenz. Herr Kniffler ist seiner schadhaften Leber wegen verurtheilt, täglich mehrere Stunden zu lustwandeln und läßt mich nur ungern von seiner Seite. Bei seinen langen Beinen und dem Couriertempo des Marsches kommt diese Promenade für mich einem Wettlauf mit dem Oger in Siebenmeilenstiefeln gleich. Nach näheren Erkundigungen 207 ist der preußische Consul der gefürchtetste Spaziergänger auf Desima. Als Beitrag zur Charakteristik der Einträglichkeit hiesiger Speculationen will ich gleichzeitig ein kaufmännisches Unternehmen anführen, von dem sich mein Wirth viel verspricht. Er hat in Hacodade ein Schiff mit Seetang befrachtet, und nach China geschickt. Der Werth der Ladung wird von ihm mit 40,000 Dollars, der Reingewinn mit 20,000 Dollars veranschlagt. Auf unseren Spazierläufen haben wir uns nicht über Mangel an Erheiterung zu beklagen. Der Consul spricht japanesisch oder übersetzt mir alle Ansprachen der Eingeborenen. Hielt man mich in Yokuhama für einen Arzt, so sieht man mich in Nagasaki für einen Schriftgelehrten, Saducäer oder Pharisäer an. Vor allen Anderen haben es die Bonzen auf mich, ihren vermeintlichen Collegen, abgesehen. Sie vertreten mir häufig den Weg, reichen mir ein Päckchen kleiner Papierblätter und ersuchen mich, etwas in meiner Muttersprache darauf zu schreiben. Habe ich ihren Wunsch erfüllt, so entfernen sie sich nach vielen Dankbezeugungen mit solcher Zufriedenheit, daß ich sie im Verdacht habe, sie halten diese Schriftproben für zauberkräftige Amulette. Nicht in der Lage, meine Phantasie zu erhitzen, beschränkte ich mich auf die einfachsten Autographen: »Schiller und Göthe, Müller und Schulze, Jenny Lind und Bullrich, Kladderadatsch und Palmerston« stehen auf der Tagesordnung. Im Verlauf der Zeit bin ich dahinter gekommen, daß nicht allein Wißbegierde oder Aberglauben die frommen Männer veranlaßte, mich um meine Handschrift zu bitten. Bei japanesischen Trödlern habe ich neben englischen und holländischen Brieffragmenten später mehrere der, von mir 208 beschriebenen Blätter wiedergefunden; sie werden, wie bei uns ähnliche Curiositäten, von Privatsammlern aufgekauft. Gegen die Zudringlichkeit der Ratten und Mäuse sind jetzt Vorkehrungen getroffen worden. Mein Bett ist mit einer Enceinte von Fallen umgeben, und selbst in demselben, am Kopf- und Fußende, stehen zwei Mäusefallen. Es geht keine Nacht vorüber, in der nicht in jeder sich mindestens ihrer drei fingen. Die hiesige Species ist fast durchgehends weiß . Am Morgen findet vor der Hausthür die Hinrichtung statt. Mit derselben sind mehrere kleine Rattenfänger betraut, die, ohne eine der Friedensstörerinnen entwischen zu lassen, mit der Abschlachtung in unglaublich kurzer Zeit fertig werden. In meiner Abwesenheit pirschen zwei der kleinen Jagdhunde in meinem Zimmer und bringen mir bei der Rückkehr die erlegten Ratten als Beute dar. Ich bedaure, daß dieses Wild hier nicht als Gegenstand der Feinschmeckerei geschätzt wird, so reich ist der Bestand des Jagdreviers. Ein Morgenspaziergang, den ich in der Absicht, meinen Appetit zu schärfen, etwas weiter, als meine Gewohnheit zu sein pflegt, ausdehnte, führte mich auf den Fischmarkt von Nagasaki und machte mich an der Reinlichkeitsliebe der Japanesen etwas irre. Bisher hatte ich keine Ahnung davon gehabt, welche Fülle von Gerüchen Fischen abgewonnen werden könne. Es duftete auf diesem vielseitigen Platze nach gebratenen, gekochten, gesalzenen, geräucherten, getrockneten, marinirten, vor allen aber nach – faulen Fischen. Nicht fünf Minuten vermochte ich in dieser Pestluft auszuhalten und floh spornstreichs. Die Aromen des benachbarten Blumenmarktes gewährten den schwerbeleidigten 209 Geruchsnerven einige Genugthuung. Ich wappnete mich mit einem Strauß gegen alle ferneren Miasmen und setzte meinen Weg durch eine breite und stattliche Straße fort. So frühe am Tage es noch war, es wurde doch schon, und zwar unter freiem Himmel, Komödie gespielt. Die Dekorationen bestanden nur in einer, auf dem Pflaster ausgebreiteten Decke, der einfachen Ausstattung entsprach die Zahl der Mitglieder; ich sah nur drei Personen: einen Krieger, einen Kleinbürger und eine »Musme,« die sich das kleine Stück hindurch nicht von den Knieen erhob, nichtsdestoweniger aber die beiden Herren durch ihre Zoten und Lazzi erheiterte. Selbst Improvisationen kamen vor, und wurden dazu die scheußlichsten Abbildungen auf dem Schilde eines Arztes benutzt, vor dessen Hause die fliegende Aufführung stattfand. Bei alledem war der Inhalt des kleinen Stückes tragisch. Die Tempel, an denen ich vorüber kam, sehen, so viel Aufwand in den Ornamenten getrieben ist, einander zum Verwechseln ähnlich. Ein alter Japanese hatte sich mir angeschlossen und erklärte mir in gebrochenem Chinesisch alle Merkwürdigkeiten. Der gute Mann mochte dieses Idiom für eine Weltsprache halten, in der man sich, wie bei uns im Französischen, jedem wohlerzogenen Manne verständlich machen könne. Sehr lästig waren die bettelnden Kinder und Greise, die unser Gefolge bildeten. Ich hatte die Unvorsichtigkeit begangen, eine Handvoll kleiner Münze unter sie zu vertheilen, und dadurch den Schwarm so vergrößert. daß ich in dem Gedränge mich kaum vorwärts bewegen konnte. Consul Kniffler war mein Retter. Besorgt über mein langes Ausbleiben, kam er mir entgegen und theilte 210 die Menschenmasse wie ein schnellsegelnder Klipper die Meereswogen. Wir statteten, ehe wir zum Tiffin zurückkehrten, noch einem der berühmtesten hiesigen Genremaler oder vielmehr »Coloristen,« wie ich ihn in der plumpsten Bedeutung des Wortes wohl nennen darf, einen Besuch ab und trafen die Künstlerfamilie, einen Vater und seine drei Söhne, einen immer dümmer als den anderen, eifrig beschäftigt in ihrem Atelier. Sie hockten hinter einander auf dem Fußboden und malten auf Fußbänken mit Wasserfarben. Die letzte Nacht wurde mir wieder durch die Ratten verbittert, ich habe mir daher einen großen Prügel zugelegt und schlage von Zeit zu Zeit mit vielem Lärm um mich. Anscheinend schüchtert diese hochpathetische Demonstration das Ungeziefer ein. Nach jedem Fortissimo halten sie eine Stunde vollkommen Ruhe. Den Ratten gesellt sich noch ein bohrender Zahnschmerz, der mich schon unterwegs verfolgt hat, jetzt aber den höchsten Grad erreicht. Ich ließ mich am 17. September dadurch nicht abhalten, eine, wie ich glaube, gelungene Aquarelle von Desima zu malen, und später die japanesische Regierungs-Eisengießerei, wie die projectirte Schiffswerfte, zu besichtigen. Consul Kniffler, der mir das Geleit gab, machte mir den Vorschlag, eine der berühmtesten Schönheiten des Ortes, ihres Zeichens »Lorette«, zu besuchen. Meine gesteigerten Erwartungen wurden in der That nicht getäuscht; die gefällige Grazie befriedigte hinsichtlich der Formenvollendung und des Zaubers der Gesichtszüge die Forderungen selbst eines wählerischen Künstlers. Nur ein, mehrmals um den Hals geschlungenes, dickes weißseidenes Tuch entstellte die Wangen und Schultern; 211 ich ersuchte sie, es zu entfernen. Anfangs weigerte sie sich, als aber auch der Consul darum bat, löste sie den Knoten, und nun zeigten sich am Halse einige, nicht leichte Verletzungen, die von Messerschnitten herrühren mochten. Die beklagenswerthe Schöne gestand dem Consul, daß eine Nebenbuhlerin ihr diese Verletzungen zugefügt habe, jedoch von der Polizei dabei betroffen worden sei. Gewiß lag für den Dichter des Demimonde von Nagasaki ein gar ergiebiger Theaterstoff vor. Der 18. September machte mich mit einer großen Merkwürdigkeit bekannt. Eine Segelbarke von Korea war angelangt, um auf Desima Einkäufe zu machen. So schmutzige und verkümmerte, in das Affenthum hinüberstreifende Menschengebilde hatte ich nicht für möglich gehalten; der Tag sollte noch andere Curiosa bringen. Wir waren nach der, seitwärts von Nagasaki am Strande gelegenen englischen Niederlassung gefahren, wo ich eine Aquarelle zu Stande brachte. Zwischen den Bäumen hingen in großen Radnetzen ungeheuerliche Spinnen, die einem Entsetzen einflößen konnten. Der District war überhaupt allen Spinnen zuträglich, denn bald erblickten wir auf dem trocknen heißen Seesande eines dieser faustgroßen Geschöpfe, das zu lustwandeln schien. Wir riefen unsere beiden Rattenfänger, die niemals Bedenken trugen, über allerhand kleines Gethier herzufallen, und ihm den Garaus zu machen, und hetzten sie auf das haarige Scheusal. Eine derartige Attaque lag indeß außerhalb der Berufsthätigkeit der Köter. Kaum hatten sie die Spinne erblickt, als sie die Schwänze einkniffen und mit lautem Jammergeheul ausrissen. Die gefürchtete Arachne setzte ihrerseits gelassen ihre Promenade 212 fort, ohne sich um unsere Berührungen mit Stöcken viel zu kümmern. Abends fand in unserer Behausung noch ein kleines Souper statt, zu dem der Consul auch einen russischen Botaniker geladen hatte. Die Unterhaltung bei Tische drehte sich um die leichtfertigen Landessitten, und ich hatte schon genug gesehen und gehört, um sie nicht allzu frivol zu finden. In dem Hausstande jedes unverheiratheten Europäers findet sich eine »Musme,« der im Garten ein kleines japanesisches Häuschen errichtet wird, in dem sie in Gesellschaft ihrer Dienerin den Tag zubringt, und die Mußestunden des Gebieters ausfüllt. Die ihr zugestandene Entschädigung hat sie mit der Behörde zu theilen. In der Wirthschaft macht sich die besagte Cameliendame weiter nicht nützlich, die Besorgung derselben fällt lediglich der männlichen Dienerschaft anheim. Nach den Angaben der Herren pflegen die Geldansprüche dieser Japanesinnen nur mäßig zu sein. Mancherlei wurde ferner über die Abneigung der Eingeborenen gegen die christliche Religion erzählt. Vor beinahe hundert Jahren war es der stillen Betriebsamkeit holländischer Missionäre gelungen, 200,000 Japanesen zum Christenthume zu bekehren. Die Regierung hatte schon lange dazu scheel gesehen, und viele Gläubige, wo es geschehen konnte, heimlich bei Seite schaffen lassen, bis sie sich endlich nicht entblödete, eine förmliche Christenverfolgung zu veranstalten. Die Bekenner unseres Glaubens sind jetzt wohl unter den Landesangehörigen vollständig ausgerottet. Auf der Reisausfuhr steht gleichfalls Todesstrafe, und wer in Japan Opium zu rauchen wagt, wird verbrannt. Viel besprochen wurde ein amerikanischer Steamer, den ich schon in Yeddo bemerkt 213 hatte, und der Niemanden außer Japanesen an Bord kommen ließ, denen er Revolver, und zwar zu unerhörten Preisen verkaufte. Er sollte ganz außerordentliche Geschäfte machen. Die Bevölkerung von Nagasaki scheint gutartiger, oder vielmehr durch europäische Ungebühr und Mißhandlungen nicht so gereizt zu sein, wie die Einwohner von Yeddo, Yokuhama und Kanagawa. Ich bewege mich ungezwungen unter der Menge und werde überall mit Wohlwollen behandelt, man gestattet mir sogar, die Architektur der Tempel abzuzeichnen. Ein Leichenzug veranlaßte mich, den Sarg, der in einem Kübel bestand, in dem die Leiche wie bei Lebzeiten hockte, und das weiß mit rothen Schleifen trauernde Gefolge, allein nach dem Kirchhofe zu begleiten. Hier zeigte mir ein Japanese, der einige Brocken Englisch und Holländisch verstand, den Richtplatz und die Grabstätten der armen Sünder. Jede war mit einem großen Feldstein bedeckt, den eine Nummer bezeichnete. Kein Grab, das des reichsten Blumenschmuckes entbehrt hätte. In Nagasaki und auf Desima leben nur zwölf Deutsche; die Bekanntschaften sind also ohne Unbequemlichkeiten zu machen. Mit vier der Herren hatten wir eine Soirée in einem eleganten Theehause verabredet, die der Landessitte gemäß arrangirt war. Wir tändelten mit unseren schönen Tischnachbarinnen, den Kostgängerinnen des Hauses, tranken ihnen und dem, die Honneurs machenden Jakonin in Champagner zu, wunderten uns bei dem Menu über ein, uns neues Gericht »Lotoswurzeln,« und kamen nach Mitternacht glücklich nach Hause, ohne Hals und Beine zu brechen. Während unserer Abendunterhaltung war ein kleiner Teifun mit Regengüssen ausgebrochen. Desto schöner und stiller 214 war das Wetter am folgenden Morgen, am 21. September. Alle Schiffe hatten, ein fabelhaftes Schauspiel, ihre Segel zum Trocknen ausgebreitet und die angenehme Witterung erfreute uns um so mehr, als wir bei dem Prinzen Timodsi zum Dejeuner eingeladen waren. Nach der gestrigen Damensoirée fanden wir Beide die officielle Abfütterung Sr. Hoheit etwas ledern. Prinz Timodsi war überaus zugeknöpft und sprach nur das Nothwendige, nicht das Ueberflüssige. Der Tag schloß mit einem lang ausgesponnenen, asiatisch üppigen Diner bei den Gebrüdern Adrian. In Erinnerung der gestrigen Mißhelligkeiten und Strapatzen wurden wir durch ein Corps von japanesischen Dienern, deren Jeder eine unanständig bemalte Papierlaterne trug, nach Hause begleitet, und sangen unterweges: des Deutschen Vaterland. Mein Aufenthalt in Japan geht zu Ende, die Jahreszeit rückt vor, und ich muß den, für Shanghai bestimmten Dampfer benutzen, wenn ich nicht anderthalb Monate verlieren will. Das Schiff sollte am 22. September Mittags zwölf Uhr in See stechen, ich stand daher um sechs Uhr auf, packte meine Sachen und ging eine halbe Stunde vor der Abfahrt, von Herrn Kniffler begleitet, unter preußischer Flagge an Bord. Der Dampfer Ta Kiang ist eigentlich nicht für den Postdienst bestimmt. Eine amerikanische Firma hatte ihn auf Speculation in der Hoffnung gebaut, der Taikun von Japan werde das zierliche kleine Schiff zu Lustfahrten kaufen; die Regierung hatte es indessen zu theuer gefunden. Nachdem Ta Kiang in allen japanesischen Häfen wie eine Ballkönigin kokettirt, ohne unter die Haube gebracht zu werden, blieb endlich nichts anderes übrig, als in den sauren Apfel zu beißen, 215 Passagiere an Bord zu nehmen und einen Käufer in China zu suchen. Schon als wir Desima verließen, wurde mir klar, daß der Wirkungskreis des Ta Kiang die hohe See nicht sei; der kleine Steamer flog wie ein sogenannter »Seelenverkäufer« (Klotzkahn, Einbaum), über die hohen Wogen. Wir sind unser fünf Passagiere, deren Jeder 60 Dollars gezahlt hat, doch erschien nur einer derselben bei Tisch, die drei Anderen waren schon einen Knoten von Desima der Seekrankheit erlegen. Die Verpflegung war gut, Ta Kiang führt einen correcten Cognac, und zum Dessert wurden wir mit der japanesischen Frucht »Kakki« bewirthet, einer sehr wohlschmeckenden Obstsorte, die einen empfehlenderen Namen verdient. So schön das Wetter den ganzen Tag über war, ging ich doch schon um acht Uhr Abends zu Bette, da im strengsten Sinne des Wortes kein Platz vorhanden war, bequem zu sitzen oder umherzuspazieren. Die Nacht verging ruhig, ich habe vortrefflich geschlafen und genieße mit stiller Resignation eine Tasse elenden Kaffee's und einen Toast, dessen Butter unzweifelhaft schon mehrmals die Linie passirt hat, ohne davon dieselben Vortheile gezogen zu haben, wie der Dry Madeira. Als das warme Frühstück erschien, gingen mir jedoch die Augen über; die gestrige Mahlzeit war nur der letzte Nachklang des Marktes von Nagasaki gewesen. Ta Kiang erschien in seiner ganzen Größe, die gebratenen Speckschnitte setzten menschlichen Zähnen hartnäckigen Widerstand entgegen, die Eier waren zur Hälfte faul, der Rinderbraten mit ranzigem Brennöl angemacht. Zum Glück hatte eine riesige Welle mit mir Erbarmen, sie hob den Ta Kiang, warf ihn dann auf die 216 Seite und die gesammte Mahlzeit vom Tisch; ich flüchtete auf Deck und nahm meine Zuflucht zur Cigarre. Da die übrigen Passagiere das bessere Theil erwählt und vermöge ihrer Seekrankheit auf das Essen ganz verzichtet haben, werden gar keine Anstalten getroffen, uns durch das Mittagessen zu entschädigen. Der Rinderbraten vom Tiffin erschien in einer neu durchgesehenen, vom Staube des Fußbodens gereinigten Auflage, in Begleitung einiger Sardinen, nur das Ale war lobenswerth, doch wurde es in zu geringer Quantität kredenzt. In Betracht, daß mein Appetit sich mit jedem Tage bessert, meine Kräfte zunehmen, und einer der Passagiere, ein junger Engländer, auf Deck erscheint und die ersten Spuren von Eßlust zeigt, stelle ich nähere Untersuchungen über den vorhandenen Proviant an. Zu meinem Trost hängt auf dem Quarterdeck ein Schwein und das Hintertheil eines Hammels; unsere Subsistenzmittel sind folglich gesichert. Zum heutigen Tiffin gab es sogar »Kalbscottelets«, zu denen das Rüsselvieh das Fleisch geliefert hatte. Die Passagiere kommen, je mehr wir uns der Mündung des Yantsekiang nähern, allmälig zum Vorschein und sprechen von Seide und Thee. Nach ihren Angaben liegen die Geschäfte total darnieder, und sie berathen unter einander, ob man sich nicht lieber zurückziehen solle. Ich gehe dem brutalen, geldstolzen Gesindel aus dem Wege. Um halb elf Uhr am 24. September fuhren wir an dem englischen Feuerschiff im Yantsekiang vorbei, und die Lebenslust der Passagiere kehrt zurück; sie schreien, wie der Hirsch nach frischem Wasser, nach »Brandy und Sodawater«. Der lehmfarbene Fluß ist hier drei deutsche Meilen breit und so tief, daß die Masten eines, mit Thee befrachteten, 217 vor einigen Tagen verunglückten Vollschiffes nur noch mit den höchsten Spitzen aus dem Wasser hervorragen. Gegen zwei Uhr kamen wir an der kleinen Stadt Woosung vorbei, und steuerten in den gleichnamigen Fluß. Das Treiben der Kauffahrer vor dem an sich nur armseligen chinesischen Orte ist ein sehr bewegtes, der Spiegel des Flusses ist mit englischen, schwedischem preußischen und Hamburger Schiffen, nebst unzähligen Dschunken bedeckt, am Ufer wehen die Consulatsflaggen. Ueberall sind die chinesischen Fischer dabei, den Bedarf für die Hauptmahlzeit des Tages zu fangen, unser Ta Kiang hält sich nicht auf; der Capitän will pünktlich um fünf Uhr in Shanghai eintreffen. 218 XVI. Gesundheitszustand, Leben und Sterben in Shanghai. Tugenddenkmale. Bezopfte Missionaire. Gastereien. Fidibus und Lunte. Dankbezeugung für ein Diner. An Bord des Argus. Nach Tientsin. Wiewohl mir ein Unterkommen in der Commandite der Firma Siemssen zu Shanghai gesichert war, kam es doch zuerst darauf an, vom Ankerplatz aus die Stadt zu erreichen und das Haus aufzufinden. Diese Aufgabe war bei einem starken Gegenwinde, der Ebbe und der Zudringlichkeit des chinesischen Schiffergesindels keine leichte. Länger als eine Stunde mußte gegen das stromab fluthende Wasser der Ebbe mit äußerster Anstrengung gerudert werden, zudem war der Sampoon, in den die Chinesen, ohne mich viel zu fragen, meine acht Gepäckstücke und Koffer geschleppt hatten, nicht seetüchtiger und geräumiger, als ein Waschfaß größeren Umfanges, ich hatte also zwischen den beiden werthvollsten Stücken Platz genommen, entschlossen, wenn das Verhängniß so wollte, mit meinen Besitzthümern und Arbeiten zu Grunde zu gehen. Bei der Landung entstanden neue Schwierigkeiten, die Kulis in ihrer Gier, ein wenig Geld zu verdienen, fielen über meine Sachen her, und ich mußte selber Hand anlegen, wenn ich den Kasten voller 219 Aquarellen, Farben und Papier vor einem kalten Bade retten wollte. Mit dem Wäsche- und Kleiderkoffer waren die Kulis davongerannt, brachten ihn jedoch zurück, als ich in meiner Noth einen Polizeimann zu ihrer Verfolgung aufforderte. Froh, wieder das Festland unter meinen Sohlen zu haben, sank ich in Siemssens Hause athemlos in einen Sessel. Eine ungestörte Nachtruhe von acht Stunden stellte meine Kräfte wieder her, ich stattete dem preußischen Vice-Consul am 25. September einen Besuch ab und ließ mich dann nicht durch Kopf und Zahnschmerzen abhalten, an mein künstlerisches Tagewerk zu gehen. Shanghai ist einer der ungesundesten Orte der Welt, hunderte von Quadratmeilen sind nichts als der erdige Niederschlag des ungeheueren Stromgebiets, welches sich in die chinesischen Gewässer ergießt. Der Boden ist hier noch in einem Entwickelungsprocesse begriffen, und der gewöhnliche Gesundheitszustand der europäischen Ansiedler wird scharf durch die bei jeder Begegnung übliche Frage charakterisirt: »Geht es Ihnen heute etwas besser? « Nur selten erhält man die Antwort: »Ich bin ja gar nicht krank gewesen!« Gemeinhin erfolgt als Bescheid eine förmliche Krankheitsgeschichte und Litanei von Klagen. Die Eingebornen erfreuen sich nach der Zahl der Todesfälle keines besseren Befindens als die Europäer. Gleich auf meinem ersten Spaziergange begegnete ich alle zehn Minuten einem Leichenbegängniß. Die Särge wurden vor die alte, mit einer hohen Mauer umgebene Stadt hinausgetragen und hier am Rande der Gräben niedergesetzt. Sie waren zum Theil so lose verschlossen, daß es den 220 wilden Hunden gelungen war, die Deckel zu entfernen und die Leichen aufzufressen. Die Reinlichkeit der Straßen und Plätze Shanghai's vermag ich nicht zu loben; auf den Fisch- und Fleischmärkten verbreiteten die umherliegenden Abfälle einen pestilenzialischen Gestank, doch hält derselbe die Chinesinnen und auch wohl die anwesenden europäischen Damen nicht ab, ihre Morgenpromenade dorthin zu verlegen und die neueste Toilette zur Schau zu stellen. Unweit der Thore Shanghai's fielen mir zwei, im Style von Triumphbogen geformte, wunderlich verschnörkelte, kraus gehörnte Denkmäler auf. Nach eingezogenen Erkundigungen waren sie dem Andenken tugendhafter Frauen der Stadt gewidmet, ein Umstand, der wohl geeignet war, tadellose Sittlichkeit unter den Frauen der Stadt nur als eine seltene Ausnahme anzusehen. Beide Monumente waren aus rosenfarbenem Sandstein angefertigt und mit Inschriften bedeckt. Der große alte Tempel Shanghai's erinnerte mich, durch die von der Decke herabhangenden zierlichen Modelle von Dschunken, an den Artushof in meiner Vaterstadt Danzig, der Verkehr in dem Tempel selber hatte freilich in der Mittagsstunde nichts mit dem kaufmännischen Treiben in dem mittelalterlichen Börsensaal gemein. Die reichen oder aristokratischen Damen mochten um diese Zeit ihre Andacht verrichten, ich traf vor den Altären mehrere Chinesinnen von Distinction, die von den Priestern mit aller erdenklichen Beflissenheit bedient wurden. Eine derselben stammte, nach ihren überaus kleinen Füßen, aus einer der vornehmsten Familien. Sie that alles Mögliche, diese verkrüppelten Glieder auf eine kokette Weise zur Schau zu stellen, und bombardirte mich mit gefallsüchtigen Blicken, als ich Mappe 221 und Tuschkasten öffnete und zum Pinsel griff. An den Fingern der Schönen zählte ich 37 kostbare Ringe und die langen Nägel waren mit goldenen Futteralen bedeckt, die sonstige Kleiderpracht mag der Leser sich nach chinesischen Modebildern selber ausmalen. Unweit des Tempels begegnete ich zwei Chinesen, die ihre Hüte zum Gruß auf europäische Weise lüfteten und mich in geläufigem Französisch anredeten. Die Schwatzhaftigkeit der Herren ließ mich gar nicht zu Worte kommen, und ich erfuhr sehr bald aus ihren Selbstbekenntnissen, daß Beide geborene Franzosen seien, aber zu mehrerer Förderung des Bekehrungswerkes die Landestracht und sogar den – Zopf adoptirt hatten. Nach ihren Behauptungen war es ihnen gelungen, eine Menge Bewohner der Umgegend zum Christenthum zu bekehren. Im Weichbilde der Stadt war ihr Erfolg geringer gewesen. Den Thee nahmen wir Abends bei einem hohen Mandarinen ein. Die chinesischen Gäste rauchten Opium, wir beschränkten uns auf die Tabackspfeife. Als Zuthaten zum Thee wurden Melonenkerne, kleine Kuchen und gedörrte oder geröstete Lotoswurzeln umhergereicht. Daneben wurde ein Theaterstück (Sing Song) ausschließlich von jungen Mädchen aufgeführt. Die Truppe hatte das ganze Verzeichniß des ihr geläufigen Repertoirs mitgebracht, und der Hausherr, ein vielbelesener Beamter, ein beliebtes Stück ausgewählt. Es nannte sich »das Bootsmädchen von Souchow« und übte auf die anwesenden Eingeborenen eine außerordentliche Anziehungskraft aus. Blieb uns der Dialog ein mit sieben Siegeln verschlossenes Buch, so lag die grenzenlose Unanständigkeit der Handlung desto offener zu Tage. Es geschahen in vollständiger Plastik 222 Dinge auf dem Theater, die der verwegenste Pariser Autor nicht einmal durch die Blume zu besprechen wagen darf. Das Stück war Wasser auf die ästhetische Mühle des alten literarischen China. Während der Vorstellung wurde eine trompetenartige Ehren- oder Galapfeife von kleinen Mädchen umhergetragen, und jeder Gast war verpflichtet, einige Züge daraus zu thun. Es gehört zum guten Ton, die Spitze nicht abzuwischen, doch verletzte ich lieber die Sitte, ehe ich mich einer großen Gefahr aussetzte. Die landesüblichen nasenlosen Gesichter drängten sich bei diesem Rundgange der Ehrenpfeife meiner Phantasie auf. Ich benutze diese Gelegenheit, der eigenthümlichen chinesischen Fidibus und Lunten zu gedenken. Erstere bestehen aus hohen schmalen Tüten, die, einmal an der oberen Oeffnung angezündet, leise fortglimmen, lebhafter angeblasen aber lichterloh aufbrennen. Nach angezündeter Pfeife braucht man die Flamme nur anzuhauchen, und die Papiertüte glimmt langsam weiter. Noch gebräuchlicher ist die in allen Haushaltungen und Wohnstuben übliche Lunte, an der man den Schwefelfaden anzündet, sobald man Licht oder Feuer braucht. Sie gleicht einem ziemlich dicken, dunkelfarbigen Tauende, ist aus trockenem, Mist angefertigt und liegt auf zwei Gabeln über einer Metallscheibe. Der Dunstkreis der Gemächer wird durch ihre Aromen eben nicht verbessert. Ungeachtet es in der Nacht vor dem 27. September in Strömen geregnet hatte, mochte ich dennoch nicht meinen täglichen Spaziergang aufgeben. Mein zuvorkommender Wirth, Herr Schwemmann, bot mir ein Paar Wasserstiefel an, deren man sich bei dem schlammigen Boden selbst in trockenen Tagen auf weiteren Ausflügen bedient, und wir 223 traten eine dreistündige Wanderung an, von der wir todtmüde, bis an die Spitze der Vatermörder mit Koth bespritzt, zurückkehrten. Außer offenen Gräbern und Särgen hatten wir vor der Stadt nichts Bemerkenswerthes gesehen. Wir besuchten den Kleinkinder-Thurm von Shanghai, d. h. den officiellen Behälter, in welchen die Eltern ihre todtgebornen, verkrüppelten oder schwächlichen Kinder werfen, und mein Begleiter versicherte mir, er habe die gefühllosen Chinesen im Verdacht, die Neugebornen oft noch lebend in dieses Beinhaus hinabzuschleudern. Mir ward erst wieder wohl, als wir der entsetzlichen Schädelstätte den Rücken gekehrt hatten. Am nächsten Tage genoß ich das lange entbehrte Vergnügen einer guten Musikaufführung. Ein junger Dilettant, Herr Krämer, sang mit sonorer Baßstimme mehrere Arien und Lieder, und zwei gebildete Handlungsgehülfen ergingen sich auf dem Pianoforte in Thalbergschen Compositionen mit einer Gewandtheit und Sauberkeit, die ich in diesen Regionen des Erdballs nicht erwartet hatte. Die besagte Matinée fand während eines Diners statt, das Herr Schwemmann zu Ehren der Consuln veranstaltet hatte. An demselben Tage mußten wir Abends sieben Uhr noch eine zweite Gasterei überstehen. Von einem reichen chinesischen Kaufmanne waren wir zu einem Souper geladen, und mein weltkluger Wirth hielt es aus Geschäftsrücksichten nicht für rathsam, dasselbe abzulehnen. Wie bei allen asiatischen Völkern, denen die Reize der bunten Reihe bei Tisch unbekannt geblieben sind, nehmen die Frauen und Töchter an den Tafelfreuden ihrer Väter und Gatten nicht Theil. Doch kommen Ausnahmen vor, wenn seltenen Gästen besondere 224 Ehren erwiesen werden sollen. Wir waren unser vier deutsche Herren, außer dem Gastgeber; den drei Ehefrauen nebst fünf Töchtern desselben waren ihre Plätze hinter uns angewiesen. Zwischen den einzelnen Gängen, die stets aus mehreren Speisen bestanden, ließen sich die Damen auf unserem Schoß nieder und suchten uns durch kunstlose Griffe auf ihren Mandolinen zu erheitern. Auf mir hatte die reifste der Mütter Platz genommen, ohne daß ich geneigt gewesen wäre, die Ehre ihrer Niederlassung gehörig zu würdigen. Rechtzeitig kam mir ein rettender Gedanke. Wie, wenn ich nach dem Vorbilde Sr. Maj. von Siam meine liebenswürdige Beisitzerin durch einen phantastisch componirten Kloß zu zerstreuen trachtete, da mir ja doch jede Unterhaltung mit ihr durch Unkenntniß der Sprache abgeschnitten war? Das Herz des Menschen ist ein Drachennest, ich gestehe unumwunden, daß ich mit teuflischer Schadenfreude meiner Alten dieselben Qualen zu bereiten trachtete, die mir einst die Gabe Königs Monkut zu Bangkok verursacht hatte. Aus gesottenem Reis, Hachée von Regenwürmern und den bewußten, vier Jahre hindurch vergrabenen Eiern fertigte ich einen handlichen Bissen, der eben so schwer zu kauen, wie zu verschlingen sein mußte, und schob ihn Madame mit tückischem Lächeln in den Mund. Mein Zweck war erreicht. Die Artigkeit an sich wurde zwar sehr gut aufgenommen, doch erwies sich bald, daß meine Gönnerin der Bewältigung des höllischen Bissens nicht gewachsen war. Noch heute verursacht mir die unmenschliche Kaltblütigkeit, mit der ich die Anstrengungen der Unglücklichen, das formlose Compositum niederzuwürgen, beobachtete, Gewissensbisse, plötzlich sprang sie auf und entfernte sich, um – nicht wiederzukehren. 225 Die Zahl der Gerichte überstieg sechszig, doch habe ich nur von den wenigsten etwas zu mir genommen. Ich beschränkte mich auf die Assietten, deren organische Bestandtheile ich zu enträthseln vermochte, bei der chinesischen Küche kein leichtes kritisches Unternehmen. Der Gastgeber machte es sich schon im Verlaufe der Abendmahlzeit bequem. Er ließ seine Opiumbettstelle an die Tafel setzen, zündete die Pfeife an und verfiel bald, ohne von uns weiter Notiz zu nehmen, in die ersehnten paradiesischen Träume. Der Wirth lag wie ein Todter auf seiner Matratze und verlautbarte ein dumpfes Röcheln, die Diener standen schweigend an den bunten Tapetenwänden; wir setzten unsere Unterhaltung fort. »Schade, daß unser Wirth alle Viere von sich gestreckt hat,« sagte Herr Schwemmann, »wenn Einer der Herren sich disponirt fühlte, könnte er ihm den Dank für das genossene Souper durch die höchste Artigkeit nach chinesischen Begriffen ausdrücken.« »Erklären Sie sich doch näher,« rief ich, da Siemssens Compagnon durchtrieben lächelte. »Am Ende ist es gleichgültig, ob er schläft oder wacht, die Dienerschaft wird ihm die dargebrachte Huldigung doch verrathen!« schmunzelte Herr Schwemmann. Noch immer war mir die Rede des Landsmanns unverständlich; bald sollte mir eine Erklärung werden. Er erhob sich und gab den Dienern einen Wink, zwei derselben traten mit strahlenden Gesichtern näher und gingen, nachdem ihnen Herr Schwemmann ein chinesisches Wort zugerufen, mit Papierlaternen voran. Wir passirten zwei schmale Corridore, stiegen mehrere Stufen hinab und befanden uns an einem, in der Ecke des Hofes gelegenen Orte, der nach 226 dem Zahlensystem der Gasthofsbesitzer gemeinhin mit einer Null oder Doppelnull beziffert wird. Besondere architektonische Vorkehrungen für die Bequemlichkeit der Hospitanten waren nicht getroffen, ich gewahrte nichts als eine kleine, sauber gehaltene Grube. Unsere Begleiter postirten sich zur Rechten und Linken mit ihren Laternen, und Herr Schwemmann sagte lächelnd: »Hoffentlich verstehen Sie mich jetzt? es wäre in einem europäischen Hause ein eben so großer Verstoß, nach Beendigung der Mahlzeit der Dienerschaft kein Trinkgeld zu verabreichen, als hier zu Lande von dieser Oertlichkeit keine Nutzanwendung zu machen.« Verlegen stammelte ich noch einige Worte, aber schon wurden von Seiten des guten Landsmannes die Präliminarien des Actes chinesischer Courtoisie eröffnet, und es blieb mir zuletzt nichts übrig, als unter den dankend bewundernden Blicken der Laternenträger dem Beispiel meines Mentors zu folgen. Meine Mittheilung würde unvollständig sein, wenn ich nicht noch hinzufüge, daß die Diener die Belege unserer Artigkeit gegen den Festgeber durch einen Deckel vor Entweihung schützten und ihre Dankbarkeit für die dem Hause erwiesene Ehre durch tiefe Verbeugungen ausdrückten. Ich hatte mich außer einigen Bissen Entenzungen und Fischlebern auf etwas Hühnerbraten und Austern beschränkt, um nicht unter den Nachwehen des Soupers zu leiden. Nach einer ruhigen Nacht benutze ich die Morgenstunden fleißig zur Arbeit, packe einen Theil meiner Effecten, da der Abgang des Dampfers nach Tientsin und Taku bevorsteht, und mache dann meine Toilette zu dem um sieben Uhr Abends vom Consul Probst arrangirten Diner. Die guten Landsleute überbieten sich in Artigkeiten gegen ihren 227 Gast. Man erläßt mir wohl, über die Opulenz des Gelages zu sprechen, ich erwähne nur eines alten Taschenspielers, der uns zwischen den Gängen der Mahlzeit durch seine Künste zu unterhalten suchte. Der Geschichtsschreiber der Prestidigitation mag untersuchen, ob die Erfinder derselben in Europa oder in Asien seßhaft sind; der Chinese schien mir seine Stücke ungleich vollkommener, als unsere diesseitigen Stammverwandten auszuführen. Sein Becherspiel war bewundernswerth, und das Wachsthum eines Kügelchens, das auf dem unbedeckten Tische unter einem großen Becher nach und nach bis zu einer Kanonenkugel anschwoll, ist mir bei den nackten Armen des Magiers vollkommen unbegreiflich geblieben. Gleich Houdin und Herrmann brachte er unter seinem Talar Schaalen mit Wasser hervor, aber er ließ auf Wunsch der Zuschauer auch eine Menge Taschenkrebse darin erscheinen und verschwinden und entwickelte zuletzt, wohlgemerkt, ohne sich vorher zu entfernen, unter einem Tuche zwei brennende Lampen. Der geschickte Mann würde in Europa große Summen verdienen, während hier nur ein sehr mäßiges Honorar seine wunderbaren Leistungen belohnte. Die Vorstellung schloß mit dem Flug zweier papierenen Schmetterlinge, welche der Taschenspieler mit Fächern in der Luft flatternd erhielt, und dem Tanz kleiner Figuren auf einem Fächer. Ich darf nicht vergessen, anzuführen, daß bei unserem Diner eine, ursprünglich chinesische Sitte angenommen war, die ich in heißen Klimaten zur Nachahmung empfehlen kann. Alle Viertelstunden wurden nämlich heiße feuchte Tücher umhergereicht, mit denen man das Gesicht und die Hände abwischte. Das darauf folgende 228 Gefühl der Abkühlung durch Verdunstung des Wassers war ungemein angenehm. Das Wetter sah am 30. September drohend genug aus; der starke Wind bei dicht bewölktem Himmel versprach nichts Gutes für meine bevorstehende Seereise. Zudem werden die Dampfer von Ort zu Ort immer kleiner. Das nächste Schiff soll zwar geräumiger sein, allein ich müßte dann noch siebenzehn Tage in Shanghai warten, eine zu starke Zumuthung in der vorrückenden Jahreszeit. Das Fahrzeug, zu dem ich verurtheilt bin, ein wahres Kinderspielzeug, heißt Argus und ist für die Beförderung von Passagieren gar nicht eingerichtet. Dieser klägliche Umstand verhinderte den Capitän nicht, mir für die Ueberfahrt nach Tientsin 60 Taels, d. h. 120 Thlr., abzufordern. Der letzte Tag meiner Anwesenheit in Shanghai mußte nothgedrungen einem Cirkel von Schiffscapitänen gewidmet werden, deren Unterhaltung, wie immer, in haarsträubenden Lügen bestand. Nach meinem Dafürhalten kann die »Jagdgeschichte« sich längst nicht mehr mit der »Schiffsgeschichte« messen. Der Klipper eines dieser wahrheitsliebenden Berichterstatter segelte z. B. so rasch, daß sein Befehlshaber alle halbe Stunden ein wenig halten und auf den zurückgebliebenen Wind warten mußte. Um Sonnenuntergang traf der aus dem Süden kommende englische Postdampfer ein. Er hatte vor vier Tagen in den Gewässern von Hongkong mit einem furchtbaren Teifun gekämpft und starke Havarien erlitten. Die Nachricht lautete nicht ermuthigend. Um elf Uhr Abends stieg ich in einen Sampoon und erreichte nach einstündiger Fahrt und endlosen Fragen endlich den Argus . Wir waren in der Dunkelheit der 229 bewölkten Septembernacht mehrmals an dem winzigen Schiffe vorübergefahren. Argus war kaum größer, als die Steamer, welche die Communication auf der Spree zwischen Berlin und Köpenick vermitteln und ihre Schornsteine bereitwillig vor jeder Brücke umklappen. Bei meiner späten Ankunft fand ich den Capitän und die gesammte Mannschaft schon sattsam auf die Abfahrt vorbereitet, d. h. radical betrunken. Ich war genöthigt, mir über das enge Verdeck einen Weg in die mit abscheulich riechenden Waaren vollgepackte Kajüte zu bahnen. Durch Fußtritte gelang es mir endlich, ein Subject zu ermuntern, das noch so viel Besinnung auftrieb, mir ein Lager zu bereiten. Da, wie ich zu spät erfuhr, jeder Argus-Passagier sein Bett selbst zu beschaffen hat, erhielt ich nur das anderthalb Fuß breite Fragment einer Matratze, zu der ich mit Lebensgefahr über zwei Kisten und einen Tisch kletterte. Besagter Pfühl war etwas unbequem, und eine Analyse seines Innern ergab, daß die Füllung nicht aus Roßhaaren, sondern aus alten Tauenden, aufgedröselten Stricken, Fetzen von Segeltuch, zerrissenen Schuhen, abgebrauchten Matten und zerbrochenen Blumentöpfen bestand. Es dauerte eine ganze Stunde, ehe es mir gelang, meinem Lager seine Aehnlichkeit mit einer Folterbank zu nehmen und mit Hülfe meines Plaid, den ich in ein Kopfkissen umgestaltete, ein Bett, gut genug für einen Hund, herzustellen. Am 1. October, lange vor Tagesanbruch, begann die Ouvertüre der Abfahrt mit der Heizung der Maschine und dem Lichten der Anker; der unglückliche Argus ragte kaum drittehalb Fuß über das Schmutzwasser des Yantsekiang hinaus. Eben so tief ging der Capitän, jedoch nicht in Fluß- 230 oder Seewasser, sondern in Whiskey. Er trennt sich von der Flasche so wenig, wie eine Schildwache von ihrem Gewehr. In der Mittagsstunde kamen wir an dem Feuerschiff vorbei und steuern auf die Saddle Islands, eine starre nackte Felsengruppe. Der Lootse verläßt uns, und Capitän, wie Steuermann begleiten ihn mit einem Epilog des tröstlichen Inhalts, es werde ihnen auch ohne seine Hülfe gelingen, noch einmal mit dem hochbejahrten Argus Tientsin zu erreichen. Die Herren sprechen einander Muth ein und stärken ihre Herzen durch Whiskey. Ich sehe mich während ihrer Unterhaltung nach einer leeren Portweinflasche um, füge meinem Testamente ein Codicill hinzu und versiegle die Papiere in der Flasche, nachdem ich das Datum der Abfahrt aus der Flußmündung hinzugefügt. Ein unheimliches Gefühl sagt mir, eine Reise unter so jämmerlichen Verhältnissen könne nicht glücklich enden. Dann richte ich ein Gemetzel unter den Cockroaches an, die sich auch bei Tage nicht mehr von mir trennen wollen. Mein Helfershelfer bei dieser Unthat ist ein Hund, der trotz mehrerer Prügeltrachten nicht von mir weichen will und mir seinen Ueberfluß von Flöhen mittheilt. Das arme Geschöpf war ursprünglich weiß, ist aber durch die auf Deck lagernden Kohlensäcke schwarz gefärbt. Der für den zur Reise nothwendigen Vorrath an Heizungsmaterial zu enge Schiffsraum zwingt uns, die Kohlen auch an diesem ungeeigneten Orte aufzubewahren. Die Theestunde brachte das erste unangenehme Reise-Intermezzo: der Steuermann, ein heulender Feigling, stürzte in die Kajüte und meldete, die Steuerkette sei gesprungen. Wir trieben steuerlos in der Nähe steiler Felsen, doch war 231 die Witterung zu unserem Heile nicht unfreundlich und der Seegang nur mäßig. Nach zwei Stunden war der Schaden nothdürftig ausgebessert. Meine im Verlaufe des ersten Tages angestellten Beobachtungen haben nichts Gutes ergeben. Der Capitän, ein langer Schotte, auf dessen Nase eine Riesenwarze wuchert, ist nichts als ein roher Matrose und hat niemals eine Steuermannsprüfung bestanden: die Mannschaft besteht fast ganz aus entlassenen chinesischen Sträflingen. Sie sind leicht an ihren abrasirten Schädeln zu erkennen, da bei der Verurtheilung wegen eines Criminalverbrechens dem Schuldigen stets der Zopf aberkannt wird. Demgemäß wird auch von den Oberen mit diesen elenden Menschen umgegangen. Ich kam dazu, als der Steuermann, der zugleich den Schiffsarzt spielt, einen kranken Matrosen, bei dem das Rhicinusöl nicht mehr anschlug, zwingen wollte, einen großen Tassenkopf voll trockenen Bittersalzes zu sich zu nehmen. Trotz der Drohungen des Steuermannes mit der neunschwänzigen Katze wollte der arme Mensch nicht Folge leisten und gehorchte erst, als der mordlustige Heilkünstler drohte, ihm einen Zahn auszuziehen. 232 XVII. Der Argus und sein Karavanenthee. Ein falscher Zopf. Mittel gegen Flöhe. Hungersnoth und Leck. Die letzte Ente an Bord. Eine Seeräuber-Dschunke. Die Lebensgeschichte eines deutschen Matrosen. Am Strande von Chifou. Unsere Lage wird mit jedem Tage trauriger. In der Nacht zwischen dem 2. und 3. October mußten sechs Mann unausgesetzt pumpen, um das elende Schiff über Wasser zu erhalten. Ich bin neugierig, in welchem Zustande der feine Thee, den »Argus« geladen hat, und der später über Peking zu Lande nach St. Petersburg geschafft werden soll, an Ort und Stelle anlangen wird. Die Kisten machen im Schiffsraume eine förmliche Seebadekur durch, und doch wird die Waare im Droguenhandel als »Karavanen-Thee« verkauft. Mir geht es nicht besser, wie den für den kaiserlich russischen Hof bestimmten Kisten; sobald ich mich auf das Verdeck wage, rollt die tobende See über mich hin, ich bleibe daher, mit entsetzlichen Zahn- und Kopfschmerzen behaftet, unten in der düsteren Kajüte und suche Zerstreuung in der Gesellschaft der Cockroaches, da der einzige Reisegefährte, ein junger englischer Agent, sich als vollkommen ungenießbar erweist. Eine, Abends am 233 Horizonte auftauchende Dschunke mit 5 Masten war die einzige Sehenswürdigkeit des 3. October, wenn man nicht den betrunken am Boden liegenden Kapitän eben dahin rechnen will. Der elenden Verpflegung am Bord habe ich schon gedacht, ich setze mich, wenn wir vier, der Kapitän, der Steuermann, der englische Passagier und meine Person, unsere Toilette vor dem einzigen lecken Waschnapfe aus Blech vollendet haben, mit immer neuem Widerwillen zu Tisch. Unser Hauptgericht besteht aus Ragouts von altem Salzfleisch; Kaffee und Käse sind ausgegangen. Der Schiffskoch, den die Küchen-Angelegenheiten nicht stark in Anspruch nehmen, widmet sich nebenbei der Kultur seines Zopfes; die Appetitlichkeit der Speisen leidet indessen nicht darunter. Es ist nicht wohl möglich, ein Haar aus dem Zopfe in den erwähnten Ragouts zu finden, da derselbe größtentheils aus schwarzer Seide besteht. Der gute Jünger Soyers hat als bestrafter Verbrecher nach seiner Entlassung aus dem Gefängnisse statt des abgeschnittenen, einen neuen künstlichen Zopf angelegt, dessen Basis nur aus einem dürftigen Büschel Haare besteht. Die invalide Maschine des Argus bringt uns nur langsam vorwärts, erst die Hälfte des Weges nach Tientsin ist zurückgelegt. Mit welcher Freude wird jede kleine Zerstreuung begrüßt! Vier kleine Vögelchen haben auf den Raaen des Argus Zuflucht gesucht und nähren sich von unserem Ueberfluß an Fliegen. Außer Stande, bei den fortwährenden Schwankungen unserer Nußschale mich zu beschäftigen und wäre es mit dem Zuspitzen einer Bleifeder, sehe ich stundenlang der Jagd der Thierchen zu, und 234 bewundere die Polizei-Verwaltung der Natur, wenn mir einer der flinken Spatze den ärgsten Quälgeist von Brummer vor der Nase wegfängt. Mehr Unterhaltung hätte uns eine angebotene Flaggen-Conversation mit einem vorübersegelnden Barkschiff gewähren können, allein der Argus führte keine Signale an Bord; wir vermochten der Barke nicht Rede zu stehen. Der 4. October schloß mit einem Unfall. Ein alter chinesischer Matrose, ein Mann von 60 Jahren, fiel vom Mast, und beschädigte sich innerlich so schwer, daß ich sein schmerzliches Stöhnen in der Kajüte hören konnte. Hätten mich diese traurigen Laute nicht häufig geweckt, ich wäre um meinen Schlaf zu beneiden gewesen. In der stärkenden Seeluft und bei der vorrückenden Jahreszeit hole ich die seit Monaten versäumte Nachtruhe wieder ein. Am 5. October Morgens beabsichtigte der Capitän, zur Verbesserung unseres Diners einige der, über den »Argus« hinstreichenden wilden Enten zu erlegen, allein es fehlte an einer Vogelflinte wie an Schrot, und die mit gehacktem Blei geladene Büchse wollte nicht losgehen; der projectirte Entenbraten schoß schnatternd über unsern Köpfen hin. Rechtzeitig habe ich das gedruckte Reglement einer Dampfschifffahrt-Gesellschaft gefunden, das sich in ein Paar meiner Stiefel verirrt hatte, und studire dasselbe, wenn ich mich von dem Lager erhebe, oder zu Tische gehe. Der Scharfsinn, mit dem darin alle Rechte der Gesellschaften wahrgenommen sind, ist erstaunlich, aber auch nicht ein Paragraph nimmt sich der Reisenden an, und gedenkt irgend einer Verpflichtung zu ihrem Vortheile und ihrer Bequemlichkeit. Die chinesischen Matrosen haben mir heute eine 235 unangenehme Ueberraschung bereitet. Ich weiß nicht, wie ihnen meine Klagen über den Flohreichthum des Köters zu Ohren gekommen, der, wie ich schon angeführt, sich nicht von meiner Person trennen wollte. Die unglückliche Creatur, ein Bastard von Spitz und Pudel, erschien über und über getheert in meiner Kajüte. Die Consequenz dieses kosmetischen Mittels besteht darin, daß die oberste Schicht des Ueberzuges bei der Tageswärme erweicht, und der Hand überall anklebt, Nachts aber zu einem Panzer erhärtet, und bei jedem Stoß gegen Tisch und Stühle ein garstiges Geräusch macht. Der Wind hatte sich im Laufe des Tages gebessert, und wir wären bei einer Schnelligkeit von sechs Knoten Fahrt in der Stunde rasch vorwärts gekommen, wenn nicht drei davon durch eine widrige Strömung verloren gegangen wären. In der Nacht setzte der günstige Wind jedoch um, und warf uns, da die Maschine nicht zu arbeiten vermochte, an zehn Seemeilen zurück. Zugleich ist der Leck größer geworden, das Wasser im Raum binnen zwei Stunden um drei Fuß gestiegen, und die ganze Mannschaft pumpt unermüdlich hinten und vorn, um den Argus flott zu erhalten. Das Verdeck ragt nur noch einen Fuß über das Wasser empor und der Kapitän beabsichtigt, einen Nothhafen Chifou anzulaufen, aber wir haben nach seinen Berechnungen noch 30 Seemeilen bis dahin zurückzulegen. Dort sollen auch frische Vorräthe von Lebensmitteln eingekauft werden, denn schon jetzt nagen wir halb und halb am Hungertuche. In der Kajüte über den feinsten Theekisten hängen zwar noch einige geräucherte Schinken, allein diese sind schon verkauft und in Tientsin abzuliefern. Da sie nur lose an der Wand befestigt sind, fallen sie bei bewegter 236 See in jeder Nacht herunter und veranlassen meinen getheerten Schooßhund zu einem kläglichen Geheul, das von dem Erbrechen zweier, schwer an der Seekrankheit leidenden Chinesen accompagnirt wird. Unter so angenehmen Bedingungen feiern wir den Geburts- und Namenstag des Argus. Vor 23 Jahren am 7. October war nach den Schiffsbüchern das unselige Fahrzeug vom Stapel gelaufen. Ich schlug dem Kapitän vor, als er zu Ehren des Tages eine zweite Flasche Whiskey leerte, heute gleich den – Todtenschein des Argus auszustellen. In der nächsten Nacht richtete der unaufhörlich tobende Sturm an Bord namenloses Unheil an, das Wasser im Raum ist nur noch mit äußerster Mühe durch Pumpen zu bekämpfen; mein Nachtlager ist seit dem zweiten Tage nach der Abfahrt nicht mehr trocken geworden. Das Seewasser sickert fortwährend auch von Außen durch die Decke herein. Die Kisten mit dem »Karavanenthee« sind zusammengestürzt und bilden eine Barrikade vor dem Eingange der Kabine, einer der vermoderten Schinken ist auf meine Matratze geflogen. Er, der getheerte Hund, eine ertrunkene Ratte und zwei wie vom Himmel gefallene alte Brieftaschen leisten mir Gesellschaft. Zum Ueberfluß war bei Tagesanbruch der Kohlenvorrath bis auf den letzten Brocken erschöpft; um das Feuer nicht erlöschen zu lassen, mußte Alles, was nicht niet- und nagelfest war, losgebrochen und verbrannt werden. Das Brennmaterial reichte dennoch nicht; zwei Meilen vor dem Nothhafen Chifou ging der Maschine von Neuem der Athem aus. Wir sind auf die Hülfe der Segel angewiesen, aber alle unsere Leinwand beschränkt sich auf einige 20 oder 30 Quadratfuß durchlöcherter Lappen. 237 Wenn nicht bald Hülfe kommt, sind wir verloren. Das Federvieh, unsere letzte Hoffnung, ist im Sturm umgekommen, nur eine »letzte Ente« watschelt noch melancholisch, wie Thomas Moore's Melodie in Flotow's »Martha«, auf dem Deck umher, aber wie leicht kann sie noch, ehe der Tisch gedeckt wird, zu ihren Vätern versammelt werden. Der Kapitän scheint am Delirium tremens zu leiden, er phantasirt von Pfannkuchen, die am nächsten Sonntag gebacken werden sollen, vorausgesetzt, es gelinge dem Koch, das feine Mehl, welches er in der Verwirrung des letzten Teifun verlegt haben will, wieder aufzufinden. Der Sturm hatte momentan pausirt, aber am Nachmittag erhob er seine Stimme von Neuem und machte unsere sinkenden Hoffnungen vollends zu Schanden. Unser fast geistesabwesender Capitän hatte sich überdies um sieben Meilen verrechnet und der Argus schwankte die Nacht hindurch in der Nähe einer Felswand umher, an der in jedem Augenblick seine morschen Rippen zerschmettern konnten. Ein am Morgen des 9. Oktober hart am Backbord vorübertreibender Schiffsmast, der einem gescheiterten Kriegsschiffe angehört haben mochte, wurde mit großer Anstrengung der Mannschaft aufgefischt und lieferte etwas Heizungsmaterial für die Maschine, doch war bei unserer weiten Entfernung vom Lande damit nur wenig gewonnen. Den Qualen des Hungers gesellte sich jetzt auch ein unerträglicher Durst. Der geringe Wasservorrath erlaubte nur noch die tägliche Vertheilung eines Glases lehmfarbiger stinkender Jauche an jedes Individuum; zum Waschen hatten wir uns schon mehrere Tage hindurch des Seewassers bedient. Die Matrosen, so feige sie sein mögen, gehen mit 238 finstern Gesichtern umher und rotten sich zusammen. Schon früher haben sie sich über die dürftige Kost bei schwerer Arbeit beklagt, der Durst scheint die armen Menschen zur Verzweiflung zu bringen. Ueber die verkauften Schinken sind wir, insoweit sie noch genießbar waren, schon hergefallen, auch die versprochenen Pfannkuchen sind wirklich gebacken worden. Ihre Anfertigung wurde durch eine, aus dem Raume aufgefischte Bütte voll holländischer Dauerbutter unterstützt, die der Capitän vor mehreren Jahren für eine Schuld angenommen und vergessen hatte. Bei den unaufhörlichen Nachsuchungen in allen Winkeln wurde auch eine Quantität von verwittertem Reis aufgefunden, der trotz einer starken Beimischung von todten Ameisen und Mäusekoth unser Leben doch noch einige Tage fristen kann, wenn es uns gelingt, so viel Regenwasser aufzusaugen, um ihn zu kochen; den Vorrath an Trinkwasser dürfen wir nicht angreifen. Ein Päckchen Kaffee, das wir gleichzeitig auf den Boden einer umgestürzten Tonne entdeckten, erfreute uns mehr als ein centnerschwerer Goldklumpen, nur war keine Kaffeemühle vorhanden. Ich wickelte die Bohnen also in ein Stück Segeltuch und zertrümmerte sie mit der Breitseite eines Beiles. Weder in Paris, noch in Wien, habe ich jemals wohlschmeckenderen Kaffee getrunken. Der 10. Oktober sollte das Maß unserer Leiden fast zum Ueberlaufen bringen. Vom frühen Morgen an folgte uns unablässig eine dreimastige, mit einem großen und zwei kleineren Mattensegeln versehene Dschunke, die nach der Behauptung des Capitäns mit Piraten bemannt war. Wir mußten uns in Kriegsbereitschaft versetzen, hätten wir 239 für unsere beiden Kanonen nur Munition, für unsere zehn Büchsen nur Zündhütchen gehabt, aber bis auf einige schartige Säbel waren wir vollkommen wehrlos und der Kapitän lief, flennend wie ein altes Weib, auf dem Verdeck umher. Der Steuermann, ich und der zweite Passagier, machten mit den Geschützen einige Demonstrationen, indem wir sie anscheinend luden und auf die Dschunke richteten, doch näherte sich das verdächtige Fahrzeug mehr und mehr. Um 11 Uhr Vormittags war es so nahe, daß wir in jedem Augenblicke fürchteten, geentert zu werden. Es wäre unfehlbar geschehen, hätten die chinesischen Lumpe um unsere wehrlose Lage gewußt, aber sie schienen sich noch mehr vor uns, wie wir vor ihnen zu fürchten. Lautlos schoß die Dschunke dicht an unserem Spiegel vorbei, hundert Augen schienen uns aus dem Innern zu beobachten; auf dem Verdeck war keine lebende Creatur zu erblicken. Bald darauf entschwand das unheimliche Fahrzeug unseren Blicken. Für den Fall, daß ein europäisches oder amerikanisches Schiff in Sicht kommt, haben wir aus allerlei Fetzen Nothsignale zusammengestoppelt und aufgehißt, aber unser Argus pfeift aus dem letzten Loche. Er treibt seitwärts, wie ein Wrack vor den Wellen, und noch sind wir ungefähr zwölf Seemeilen von Chifou entfernt. Wir blicken fortwährend gen Himmel, nur ein günstiger milder Windhauch vermag uns zu retten. Am 11. October Abends schien eine gute Brise aufspringen zu wollen; schon fünf Minuten später war sie wieder erstorben. Gleich darauf drangen die Matrosen auf den Kapitän ein, und forderten Wasser; bei ihren drohenden Geberden blieb nichts übrig, als es ihnen zu bewilligen. Morgens verweigerte mir der Koch sowohl 240 einen Schluck Wasser, wie eine Tasse Kaffee, erst nach fürchterlichen Drohungen und Vorwürfen: der englische Passagier habe Beides erhalten, wurde mein Verlangen befriedigt. Das Elend verbrüdert die Menschen, die Matrosen nähern sich mir, in dessen Augen sie Theilnahme lesen, und ich entdecke unter ihnen einen Landsmann, dem ich seine Lebensgeschichte abfrage. Auf Helgoland geboren, hat er schon im zehnten Jahre Vater und Mutter verloren, und ist auf einem holländischen Kauffahrer als Schiffsjunge nach Java gegangen. Unterstützt durch einige Ersparnisse, hat er in reiferen Jahren sein Glück als Goldgräber in Australien und Californien versucht, auch wirklich in jedem dieser Länder an 500 Pfd. St. gewonnen, aber durch eigenen Leichtsinn und böse Beispiele bald wieder verloren. Zehnjährige Dienste als Steuermann brachten ihn abermals in den Besitz einer Summe von 3000 Dollars, mit denen er nun ein reicheren Gewinn versprechendes Geschäft zu unternehmen gedachte. Er kaufte europäische Gewehre und Revolver, verschiffte sie, gemeinsam mit einem Kameraden, in einer gemietheten chinesischen Dschunke und begab sich zu den Rebellen (Taiping's), um sie dort für den doppelten Preis zu verkaufen. Die unglücklichen Schmuggler wurden von den Engländern, den Verbündeten der Chinesen, erwischt, und dem englischen Consul in Shanghai, nachdem man sie des letzten Hellers beraubt, an Händen und Füßen mit Ketten beladen übergeben. Der Matrose meinte, er und sein Freund würden sich, falls sie den Chinesen in die Hände gefallen wären, zur Wehre gesetzt und einen ehrlichen Soldatentod der Gefangenschaft vorgezogen haben. Von 241 dem Widerstande gegen Engländer hätte sie der drohende Galgen abgeschreckt. Die Waffenspeculation sollte ihnen sehr schlecht bekommen; sie wurden zu 1000 Dollars Geldstrafe oder sechs Monaten Gefängniß verurtheilt, und entschlossen sich, da ihnen kein Farthing zu Gebote stand, letztere abzusitzen. Aus dem Gefängnisse waren sie direct auf den Argus gegangen; 55 Jahre alt, mußte der unglückliche Helgoländer jetzt von vorn anfangen. Sein Beispiel steht nicht vereinzelt da. Mir sind in den indischen und chinesischen Gewässern viele deutsche Matrosen begegnet, die durch die hohen Löhne und die Hoffnungen auf Ersparnisse verlockt, ihr Leben in diesen Gegenden zugebracht, aber meistentheils nichts erübrigt hatten. Die sinnlose Lebensweise der Seeleute mag hauptsächlich die Schuld tragen, wenn die unbesonnenen Menschen noch in späteren Jahren sich allen Mühseligkeiten des harten Schiffsdienstes unterziehen mußten. Eines weiteren Urtheils über meinen guten Helgoländer enthalte ich mich weislich, trotzdem sein Gesicht zu den sogenannten Galgenphysiognomien gehört und zu einer psychologischen Analyse herausfordert. Der Widerspruch zwischen den sanften, elegischen Mienenspielen berühmter indischen Großen und Mandarinen und ihren Blutthaten hat mich an der Richtigkeit der Wissenschaften Lavaters und Galls vollkommen irre gemacht. In Parenthese bemerkt, kann von seemännischen Ersparnissen gegenwärtig nicht wohl die Rede sein. Die Course an der Matrosenbörse stehen sehr niedrig. Noch vor einigen Monaten wurde der Kopf monatlich mit 30 Dollars bezahlt, jetzt ist der Preis in Folge des starken Angebots auf die Hälfte hinabgesunken. 242 Der Wassermangel plagt uns am ärgsten. Die Matrosen erhalten zwar regelmäßig ihr Glas, kommen aber niemals damit aus. Es ist absolut unmöglich, diesem Volk begreiflich zu machen, daß in einer solchen traurigen Lage jede denkende Creatur auch für den nächsten Tag zu sorgen habe. Auf den durch Trunk schwachsinnigen Kapitän ist nicht zu rechnen; es bleibt mir nichts übrig, als mein geringes Pidjen Englisch zusammenzuraffen und den schmachtenden Menschen gütlich zuzureden. Ihr Anblick ist gräßlich, vor Hunger und Durst sind ihre Augen tief in die Schädel zurückgesunken, und ich selber weiche consequent den halberblindeten Spiegelscherben in der Kajüte aus, da mir das Gefühl sagt, ich sehe nicht besser aus, als die übrigen Dulder. Unglücklicher Weise trauen mir die Matrosen nicht, wenn ich ihnen meine abgezehrten Hände hinreiche und die brennend heiße, vertrocknete Zunge ausstrecke; der Kapitän hat sie zu oft durch allerlei leere Ausreden getäuscht, sie behaupten: in der Kajüte würden heimliche Vorräthe aufbewahrt und wir stillten hinter ihrem Rücken Hunger und Durst. Eine Revolte steht nahe bevor. Dessenungeachtet sind der Kapitän und Steuermann weit entfernt, mit uns beiden Reisenden gemeinsame Sache zu machen, ersterer entblödet sich nicht, ganz laut zu sagen: »alles Unglück käme nur von uns Passagieren, der Teufel solle ihn neun und neunzig tausend Mal holen, wenn er jemals einen mitnehme!« Ich trenne mich nicht mehr von meinem Revolver. Obwohl unser geringer Wasservorrath auf die Neige geht, leidet der Kapitän nicht Durst; er entwickelt unausgesetzt neuen Whiskey. Drei an der Dysenterie leidende Matrosen sind von uns noch am 243 glücklichsten. Sie erhalten allabendlich aus den Händen des Doctors, d. h. des Steuermannes, drei riesige Opiumpillen und müssen sie unter seinen Augen verschlucken, ein solches Extraordinarium an Consumtibilien ist bei der Sachlage nicht gering zu veranschlagen. Ich habe für mein Theil ein Auge auf die zahlreich vorhandenen Heftpflaster der sogenannten Schiffsapotheke geworfen, über ihre Zurichtung bin ich mit mir noch nicht einig. Hinsichtlich unserer Mahlzeiten sind wir jetzt auf die letzten Fragmente von Schiffszwieback angewiesen, und habe ich mir am 11. October an diesem Urgebirge von Backwerk einen nur wenig schadhaften Backzahn ausgebissen. Der Wind ist uns noch immer ungünstig und der Argus wird in der Bai von Wogen und Strömungen hin- und hergetrieben. Aus Verzweiflung legen wir uns auf den Fischfang, jedoch ohne den geringsten Erfolg. Auf die Sorte, vom Hayfisch bis auf den Stint hinab, käme es uns gar nicht an, wir äßen die Beute ohnehin roh; aber nichts, was Flossen hat, will anbeißen. Unter den Matrosen stehen nur noch drei weiße Arbeitskräfte zur Verfügung. Wären wir abergläubisch, wir hätten Ursache, an unser herannahendes letztes Stündlein zu glauben; eine graue Ohreule saß den ganzen Vormittag über auf dem Vordermast und besichtigte uns als eine wohlverbürgte Mahlzeit. Um dem Schicksal wenigstens hartnäckigen Widerstand zu leisten, habe ich die Ueberbleibsel von meinen Zwiebacks-Diners und Soupers gesammelt, mit der Breitseite des Beils pulverisirt und als »Revalenta Arabica« für die äußersten Fälle aufbewahrt. Mein Helgoländer hat mir dabei Hülfe geleistet und erzählt, daß er auf einer seiner Fahrten zwei und vierzig 244 Tage von ungekochtem Reis gelebt habe. Die Nachsuchungen an Bord werden fortgesetzt und wirklich konnte sich der Steuermann der Entdeckung einer Büchse Anchovis rühmen, die leider durchaus ungenießbar war. In Folge der mangelhaften Ernährung leidet jetzt die gesammte Mannschaft an der Dysenterie, und der starke Arzeneiverbrauch zwingt den Steuermann, die Kranken auf halbe Pillendiät zu setzen. Gegen Abend fiel das erste Opfer der Hungersnoth, mein getheerter Kajütengenosse. Er hatte mich den Tag über mit schwermüthigen Blicken verfolgt und ich ihm wiederholt von meinem Zwiebackspulver angeboten, um 5 Uhr neigte er sein Haupt und verschied. Ich weinte ihm eine heiße Thräne und verzehrte dann den Bissen Pulver, den ich ihm so eben hingehalten, selber. Kurz vor Sonnenuntergang zertheilten sich die Wolken und in einer Entfernung von ungefähr zwei Meilen erschien das Festland mit Chifou . Es wurden unsägliche Anstrengungen gemacht, den Hafen zu erreichen, aber ohne Dampfkraft und ausreichende Segel war es unmöglich. In der Nähe eines riesigen starren Felsenblocks befahl der Capitän die Anker auszuwerfen. Am 13. October sank in den Frühstunden das Barometer so tief, daß wir uns auf einen Sturm vorzubereiten hatten. Um sechs Uhr begann das grauenhafte Concert wirklich, und nun hängt unser Wohl und Wehe allein von der Haltbarkeit der Anker, ihrer Ketten und Taue ab, doch verlief der Tag leidlicher, als ich nach der Eröffnung der Matinée vermuthet hatte. Der Sturm sollte am 14. October an Stärke noch wachsen, und alle Wellen stürzten über das Verdeck des Argus. Die Kälte nimmt zu, mit zitternden Händen habe ich alle meine 245 dickeren Röcke angelegt, und mich bebend vor Heißhunger und Frost in der Kajüte auf meiner Matratze ausgestreckt. Zu meinem Glück hat der englische Agent in der vergangenen Nacht das geheime Whiskey-Magazin aufgefunden und einige Flaschen in Sicherheit gebracht, wir halten ein köstliches Tiffin: Zwiebackpulver mit Whiskey-Tunke. Der Agent hat außerdem ein Schauessen auf den Tisch gesetzt, einen abgenagten Schinkenknochen aus dem Nachlaß des vorgestern verstorbenen Theerspitzes! Auf Hülfe aus dem Hafen von Chifou dürfen wir nicht rechnen. Einmal sind alle Dschunken in das Innere der Bucht zurückgezogen, dann ist es aber auch nicht die Sache der Chinesen, sich mit gefährlichen Rettungsversuchen abzumühen. Unsere heutige Mittagsmahlzeit bestand in elf , im Schiffsraume aufgefischten Kartoffeln, in welche sich fünf Mann getheilt haben; wie wird das enden?! 246 XVIII. Kriegsrath. Im Boot an's Land. Gerettet. Weih-hei-Weih. Ein Bürgermeister-Mandarin. Holzeinkauf in Liu Cung. Chinesische Dorfbewohner und ihre Sitten. Chifou. Hühner mit Entenfüßen. Fische mit Hundeköpfen. Drachen. Die verzweiflungsvolle Lage des Schiffes, die drohende Meuterei der Mannschaft, und der verschwindend kleine Vorrath an Lebensmitteln, die aus einem Napf voll schmutziger Reiskörner und einer Handvoll Kaffeebohnen bestehen, zwingen endlich den Capitän, sich aus seinem Stumpfsinn aufzuraffen und unsere Rettung zu versuchen. Ein aus dem Steuermann und aus beiden Passagieren bestehender Kriegsrath beschließt unter dem Vorsitze des Trunkenboldes, das Wagniß zu unternehmen und ungeachtet des furchtbar hohen Seeganges ein Boot nach der Küste von Chifou zu entsenden. Der Steuermann, der englische Agent und vier Matrosen, die am wenigsten durch Hunger gelitten haben, sind zu der verwegenen Fahrt ausersehen. Der Engländer hofft in Chifou irgend einen Landsmann anzutreffen und mit seiner Hülfe Lebensmittel und Heizmaterial zu schaffen. Vor Abgang des Bootes mache ich mit ihm noch ein, nach Umständen für mich sehr 247 vortheilhaftes Geschäft. Er hat einige Flaschen Sodawasser erübrigt, die er mir gegen ein Bündel feiner Cigarren abtritt; mit dieser Flüssigkeit hoffe ich bis zur Rückkehr des Bootes mein Leben zu fristen. Auf eine Mahlzeit habe ich verzichtet. Sobald mich das unleidliche Ekel- und Wehgefühl, die Folge des Heißhungers, übermannt, bekämpfe ich es durch einen Schluck Sodawasser. Das Boot verließ uns um 8 Uhr Morgens, und anderthalb Stunden hindurch folgte ich ihm mit dem Fernglase, wenn es bald hoch auf den Kämmen der Wogen erschien, bald in ihren tiefen Thälern versank; endlich verschwand es hinter einem Felsvorsprunge. Hatte mich so lange die Spannung aufrecht erhalten, so brach ich jetzt aus Nervenschwäche plötzlich zusammen. Das Erbrechen, an dem wir Alle schon seit mehreren Tagen leiden, nahm überhand, mir wurde schwarz vor den Augen und unter qualvollem Würgen sank ich auf dem Verdeck halb ohnmächtig zu Boden. Wie lange ich in diesem Zustande gelegen habe, vermag ich nicht anzugeben, so großes Elend löst alle Bande der menschlichen Gesellschaft; an Bord kümmerte sich Niemand mehr um den Andern. Eine über das Verdeck wegrollende Woge brachte mich wieder zum Bewußtsein zurück, die Sonne war durch den Meridian gegangen, es mochte drei Uhr Nachmittags sein. Zehn Schritte von mir hatte sich die Mannschaft versammelt, und starrte bange und schweigend in die Ferne; wild hin- und hergeworfen von den tobenden Wassern, näherten sich uns zwei Boote. Eine Stunde später waren sie so nahe, daß ihre Rettung und Ankunft gesichert erschien; nun brach an Bord ein unermeßlicher Jubel aus. 248 Wie einem Kinde liefen auch mir die heißen Tropfen über die Wangen. Waren sie Freudenthränen, so wüßte ich nicht ihr wohlthuendes Gefühl zu rühmen; ich glaubte, mir würde das Herz brechen. Beide Böte waren mit chinesischen Ruderern bemannt, das erste brachte ein halbes Schwein, Hühner, Enten, Eier, Mehl, Zucker und Holz zum Kochen, das zweite Trinkwasser. Dieses war einfach in das Boot gegossen und zwölf Chinesen hatten ihre schmutzigen Beine darein getaucht, aber nie hat mir ein Festtrunk goldenen Rheinweines köstlicher geschmeckt, als die erste Handvoll dieses trüben Wassers. Bald darauf erschien unser eigenes Boot mit der Hiobspost: der von unserem Capitän gesuchte Ort Chifou liege fünfzig englische Meilen weiter östlich, und das vor uns liegende Städtchen heiße Weih-hei-Weih (Oie-hei-Oie). In der Zwischenzeit hatte der Koch etwas Schweinefleisch gebraten, ich warnte die Matrosen, allzu gierig und allzu viel zu essen, ohne doch meine guten Rathschläge selber gewissenhaft zu befolgen; dann streckten wir uns auf den Matratzen oder Schiffsplanken aus und versanken in einen wahren Todtenschlaf. In der Nacht legte sich der Sturm, und als wir am 16. October um halb vier Uhr aufstanden, war die See beruhigt, und eine abermalige Expedition an die Küste konnte ohne Gefahr unternommen werden. Vor allen Dingen mußten wir Holz oder Kohlen für die Maschine schaffen. Etwas gestärkt schloß ich mich dem englischen Agenten an, auch der chinesische Koch und der Maschinenmeister waren von der Partie. Um sieben Uhr landeten wir bei dem Fischerdorf 249 Liu-Cung, und wanderten von hier aus, begleitet fast von der gesammten Einwohnerschaft, nach der kleinen Stadt Weih-hei-Weih. Noch wenig mit Europäern in Berührung gekommen, vermochte die Bevölkerung schlechterdings nicht, ihre Neugierde zu bezähmen. Der Janhagel folgte uns auf den Fersen und betastete unsere Kleider, Schuhe, Strümpfe, Knöpfe und Halstücher so unverschämt, daß wir uns zuletzt mit energischen Rippenstößen eine Gasse bahnen mußten. Das unsaubere Nest ist mit einer Mauer und mehreren Wachtthürmen ohne Kanonen umgeben; ein Doppelthor führte in das Innere der Stadt. Unmittelbar davor erhebt sich ein Monument, doch war es nicht dem Andenken eines großen Herrschers oder Feldherrn, Denkers oder Dichters gewidmet, sondern nur dem Gedächtniß einer tugendhaften Frau. Da jede Nation durch steinerne Denkmäler allein jene menschlichen Eigenschaften zu verherrlichen und zu verewigen trachtet, welche nicht zu den Gemeingütern unseres Geschlechts gehören, so scheint die Sittlichkeit der chinesischen Damen nicht über allen Zweifel erhaben zu sein und der kräftigsten Ermunterung durch nationale Auszeichnungen zu bedürfen. Für die Sicherheit des Ortes sprachen nicht die, an den meerwärts gelegenen Wachtthürmen aufgehängten Waffen, Luntenflinten, Pfeile und Bogen. Sie sind dazu bestimmt, anrückende Feinde und Räuber zu schrecken. Gleichzeitig machen die Besatzungen der Thürme, um ihre Wachsamkeit zu bethätigen, auf Gongs, Tamtams, Trommeln und Pfeifen einen Heidenlärm. Mitten in der Stadt, auf dem sehr belebten Marktplatze, sahen wir wohl, daß die Bürgerschaft von Weih-hei-Weih triftige Gründe hatte, 250 wachsam zu sein. In anderthalb Schuh hohen, an acht Fuß langen Bambusstangen aufgehängten Käfichten aus dünnem Rohr, waren sechs abgeschlagene Piratenköpfe ausgestellt und mit den Zöpfen an der Decke befestigt. Der Executivbehörde mochten nur sechs Käfichte zur Verfügung gestanden haben, denn ein siebenter Kopf lag noch blutig zwischen Fleisch- und Gemüsehändlern auf dem Pflaster. Nahe bei saßen vier minder gravirte Verbrecher in schweren hölzernen Halskrägen und wurden von den Fliegen, die zu Tausenden ihre Kahlköpfe und Gesichter bedeckten, fast aufgefressen. Wie es unsere Schuldigkeit war, machten wir dem Mandarinen-Bürgermeister unsere Aufwartung, und wurden sehr artig mit Thee und Pfeifen empfangen. Wir erkundigten uns, ob Holz und Kohlen vorhanden seien und erfuhren, daß man uns im Dorfe Lin-Cung etwas Holz ablassen könne; mit Kohlen sei man nicht versehen. Die Sehenswürdigkeiten des Ortes waren mit Ausnahme dreier geputzten Jungfern, vieler wilden Hunde, einiger Miniaturtempel, umgeben von Mandarinenstangen mit rothen und gelben Knöpfen, und mehrerer, Dreschens halber auf der Tenne im Kreise lustwandelnden Maulesel, nicht der Rede werth. Wir eilten, nachdem wir uns satt – und hungrig gesehen, spornstreichs nach Lin-Cung zurück. Das Holzgeschäft wurde nicht so glatt abgewickelt, als wir gehofft hatten. Zuerst läugneten die Dorfbewohner den Besitz aller Arten von Holz, nach einer Stunde Bedenkzeit und diplomatischer Unterhandlungen gestanden sie, etwas Brennholz zu besitzen, aber es bedurfte noch vielfacher Ueberredung, um sie zum Verkauf zu bewegen. 251 Gleich schwer und langwierig war es, sich mit ihnen über den Preis zu einigen. Endlich waren fünf Böte beladen und es sollte abgefahren werden, als die Verkäufer neue Schwierigkeiten erhoben. Sie wollten nicht eher vom Lande abstoßen, bis wir ihnen für jedes Boot zehn Dollars Transport- und Verladungskosten bewilligt hatten. Eine solche Unverschämtheit war selbst für meine Nachgiebigkeit zu viel, wenn ich auch nicht, wie der englische Reisegefährte, gleich zum Revolver griff und vom Leder zog. Das wilde Gesicht und das Zähnefletschen des Agenten schüchterte die chinesischen Lumpe ein, und nach mehrerem Hin- und Herreden erklärten sie sich mit drei Thalern pro Boot für zufriedengestellt. Als die Holzladungen abgefahren waren, wollten wir einige Schafe kaufen, man führte uns jedoch nur Ziegen vor und behauptete auf unseren Widerspruch: diese seien Schafe. Während der Unterhandlungen hatten wir unsere Zeit nicht verloren, am Strande Fische gekauft, gekocht, süße Kartoffeln geröstet und mit etwas Reisbranntwein auf der Dorfkneipe ein glänzendes Mittagsmahl gehalten. Die dort feilgebotene Kost sah so abscheulich aus, daß wir nicht zuzugreifen gewagt hatten. Statt der Ziegen kauften wir auf, was von Hühnern, Enten, Eiern, Weintrauben und Salz im Dorfe vorhanden war. Das Betragen der Bewohner hatte nichts mit den feinen Sitten der Großstädter China's gemein. So nahmen sie uns ohne Weiteres die brennenden Cigarren aus dem Munde, ließen sie im Kreise umhergehen und stellten sich beleidigt, wenn wir die nassen Stummel nach diesem Rundgange empört zurück wiesen. Als wir unser Fischgericht verzehrten, entblödeten 252 sie sich nicht, mit ihren Affenpfoten in die Schüssel zu greifen und uns vor der Nase die besten Bissen wegzuschnappen. Erst als der Agent aus dem Kessel einen Napf voll heißen Salzwassers schöpfte und über die Hände und Arme der Schmarotzer ausgoß, wurden wir von ihrer Gegenwart befreit. Besonders hatten wir auf die blanken Knöpfe unserer Röcke Acht zu geben; dem Steuermann wurden ihrer drei abgeschnitten, ohne daß er es zu hindern vermochte. Der Abend brach herein, als wir den Dampfer erreichten. Welchen Verdacht wir den Strandbewohnern eingeflößt hatten, ging daraus hervor, daß kein weibliches Individuum zum Vorschein gekommen war. Die ganze Nacht hindurch wurde mit dem Aufgebot der letzten Kräfte daran gearbeitet, den Dampfer in Stand zu setzen, um aus dieser Gefahr dräuenden Bucht fortzukommen. Wie recht wir daran gethan, erhellte ein Jahr später (October 1864) aus dem Untergange des großen Kriegsdampfers Racehorse, der mit 700 Mann Besatzung Angesichts Weih-hei-Weih an den Felsen der Küste zerschellte. Unsägliche Mühe und Zeit kostete es, an den Rädern der Maschine die Schaufeln von Neuem zu befestigen, die vor zehn Tagen des Segelns halber abgelöst worden waren. Um 7 Uhr Morgens, am 17. October, waren wir mit allen Ausbesserungen fertig, und unser Seelenverkäufer von Küstenfahrer stach abermals in See. Die Fluth unterstützte uns, und wir machten zu meinem gerechten Erstaunen sieben Knoten in der Stunde. Höher hätten wir es aber unter den günstigsten Umständen nicht bringen können, denn am Bord des Argus in Allem kurz gehalten, war auch die Logleine 253 zu kurz und immer nach sieben Knoten abgelaufen. Der Horizont war weithin mit Nebel bedeckt und die Luft ruhig; der plötzlich aufspringende Wind kam uns nicht zu statten. Nachdem wir bis zwölf Uhr die Küste entlang gefahren waren, begegnete uns ein großes Fischerboot, von dem der Capitän einen Lootsen an Bord nahm. Der kundige Mann half uns jedoch nicht viel, fünf Minuten später stand die Maschine wieder still. Angeblich war das Brennmaterial aufgebraucht, und wir müssen fünf Seemeilen von Chifou noch einmal den Anker auswerfen. Dem rettenden Port so nahe, unternahmen unsere schon angeführten Emissäre um 1 Uhr eine Bootsfahrt nach Chifou, um uns Hülfe und eine ausreichende Kohlenmasse zu schaffen. Der Ankerplatz ist höchst gefährlich, der morsche Dampfer über und unter dem Wasser von Felsmassen umgeben. Nachmittags zwei Uhr sprang eine frische Nord-Ost-Brise auf, die zwölf Tage früher nur während der Dauer von wenigen Stunden uns alles Elend erspart hätte. Jetzt bringt sie uns keinen Nutzen, der Capitän ist zugleich mit dem Anker zu Boden gesunken und liegt sinnlos betrunken in der Cajüte, der Steuermann ist nach Chifou unterwegs, und der Dampfer – ohne Befehlshaber. Bei der geistigen Verfassung des Capitäns, der in jedem Augenblick in das Delirium tremens verfallen und einen Exceß begehen kann, halte ich es für rathsam, heute Abend mich nicht der Kleider zu entledigen und auf das Aeußerste gefaßt zu machen. Vorläufig ziehe ich von dem Branntwein-Arsenal den Schlüssel ab und stecke ihn in die Tasche; dem Capitän ist die scharfe Munition somit abgeschnitten. Mein Entschluß steht fest, und ich benutze 254 die Stunden der Nacht, um die Aufzeichnungen der letzten Unglückstage zu vervollständigen. Vielleicht interessiren den zoologisch gesinnten Leser die schwarzen bärenartigen Schweine, welche gestern in Weih-hei-Weih auf dem Pflaster lagen, den Botaniker und Gourmand die süßen Kartoffeln, welche sich durch ihren seifenartigen Geschmack dem Gaumen für immer einprägen, ein Gemüse für Schiffbrüchige und begnadigte Seeräuber, abgeschnittene Selbstmörder und erwachte Deliranten. Die Nacht war sternenklar und windstill, die Milchstraße etwas verblichen, wie mit Regenwasser verdünnt, doch folgte am 18. October um sechs Uhr früh ein malerischer Sonnenaufgang, den ich für das kleinste, von Chifou eintreffende Boot hingegeben hätte. Aus langer Weile stellte ich heute eine Untersuchung meiner Physiognomie vor dem Spiegelscherben an, und entdeckte, daß ich in letzter Zeit eine Menge grauer Haare bekommen habe. Die Augen stehen uns Allen in Folge der Hungersnoth noch immer einen halben Zoll aus dem Kopfe hervor. Noch vierundzwanzig Stunden sollten wir in den bangsten Erwartungen verleben, erst am 19. October, um 7 Uhr früh, traf das ersehnte Boot mit Kohlen ein; wir waren geborgen. Der ruchlose Capitän theilte nicht meine Empfindungen der Dankbarkeit gegen die Vorsehung, es bedurfte sogar meiner dringenden Fürbitte, ehe er den die Kohlen einschiffenden Chinesen ein wenig gekochten Reis und einen Eimer Wasser, um den sie ihn anflehten, bewilligte. Rasch wurde gefeuert und nach einer halben Stunde dampften wir munter nach Chifou. Die Sonne 255 hatte den höchsten Stand des Tages erreicht, als wir dort anlangten und sogleich an Land gingen. Chifou ist ein bedeutender Handelsplatz im nördlichen China, aber nicht durch Schönheiten der landschaftlichen Lage und Architektur bemerkenswerth. Der Hafen wimmelt von Dschunken, in den engen halbgepflasterten Straßen tummeln sich Tausende betriebsamer Menschen, die Bazars strotzten von Utensilien des chinesischen Lebens, auf dem von einem Tempel mit zwei Thürmen begrenzten Marktplatz häuft sich der gewöhnliche Wirrwarr einer chinesischen Stadt, Vertreter der Landeskirche und des Handels, der Schauspiel- und Barbierkunst, auf dem Rücken von Kulis reitende Frauen und Mädchen mit unbenutzbaren kleinen Fußklumpen und stolz berittene Mandarinen mit Gefolge; den Hintergrund bildet ein Ensemble von Schweinefleisch und Fischen, Grünzeug und Obst. Hochberühmt sind die Kohlköpfe von Chifou, sie werden durch ganz China versandt, doch war augenblicklich die Waare flau; für wenige Cash hätte ich ein förmliches Monstrum dieser blühenden Feldfrucht kaufen können. Die Einfahrt von Chifou mit einem seltsam geformten Felsen zur Rechten und dem alten Wachtthurm auf den Höhen des linken Ufers war mir so malerisch erschienen, daß ich, statt in der etwas langweiligen Stadt umherzuschweifen, eine Barke miethete und hinausfuhr, um die Contouren der Vedute, insoweit es die bewegte See gestattete, flüchtig zu skizziren. Mein Ausflug war nicht unbemerkt geblieben. Am Landungsplatz erwarteten mich mehrere Kuli's, auf deren Rücken in kleinen Lehnsesseln junge Chinesinnen saßen, und boten mir ihre Gebieterinnen 256 während meines Aufenthaltes als Gesellschaftsdamen an. Der Artikel schien nicht »gefragt« zu sein, denn das außer freier Station geforderte Honorar war überaus mäßig. Mehr belustigten mich einige Chinesen, die am Strande umherlungerten, und europäischen Matrosen als wundersame Naturproducte des himmlischen Reiches Hühner mit Enten- oder Gänsefüßen aufzureden suchten und die einfältigen Gesellen wirklich prellten. So gewiß der frechste Betrug vorlag, gelang es mir doch nicht, selbst bei genauester Untersuchung die Spuren zu entdecken, wo und wie die falschen Beine angesetzt waren. Starken Abgang hatten Skelette von Fischen mit – Hunde- oder Katzenschädeln, und wurden in meiner Gegenwart nicht weniger als vier Exemplare an englische Seefahrer verkauft. Unseren Capitän traf ich gleichfalls in der Nähe des Landungsplatzes. Er hatte die Zeit gewissenhaft benutzt und, wie er mir bekannte, einige Dutzend Flaschen fuselfreien »Samschu« (Branntwein) eingekauft. Um jeden Zweifel zu verhindern, zog er gleichzeitig eine Flasche aus der Tasche und schenkte mir ein Glas ohne Fuß ein, von dem der vor Durst verschmachtende arme Sterbliche sich niemals trennte. »Geniren Sie sich nicht,« sagte er, als ich die Herzstärkung ablehnte, »ich habe uns reichlich versehen; Sie werden mein Schiff nicht mehr trocken trinken!« Ein Spaziergang vor die Thore Chifou's, den ich Nachmittags unternahm, wurde durch ein polizeiliches Verbot unterbrochen; in Chifou herrscht noch der frühere chinesische Rigorismus gegen die Fremden. Nur hinderten mich die Polizisten nicht, den Honoratioren des Ortes zuzuschauen, die bei dem frischen Herbstwinde unzählige Drachen steigen 257 ließen. Es mochte damit eine religiöse Ceremonie verbunden sein, denn die Herren lagen diesem Kinderspiele mit größtem Ernste ob. Die Drachen waren sehr zierlich aus Papier oder Seide angefertigt und stellten Vögel, vierfüßige Thiere oder Schmetterlinge vor. Gar gern wäre ich bis zu einigem auffallend eleganten Landhäusern vorgedrungen, aus denen eine Menge bunter Drachen aufgestiegen war, allein die Polizei vertrat mir den Weg und gebot mir mit nicht mißzudeutenden Gebehrden, in die Stadt zurückzukehren. Was sollte ich hier thun? Ohne einen landsmännischen Cicerone blieb mir nichts übrig, als mich an Bord des abscheulichen Argus zu begeben. Ueberdies war die drückende Hitze in den engen Straßen der unsauberen Stadt nicht länger zu ertragen. Das Aussehen unseres Verdecks hat sich inzwischen etwas verbessert, ich kam gerade an, als die neu angekauften Vorräthe untergebracht worden waren und hörte noch die letzten Flüche, mit denen unsere Matrosen die chinesischen Kulis zur Arbeit ermuntert hatten. Treten nicht außerordentliche Umstände ein, so haben wir unterwegs eine abermalige Hungersnoth nicht mehr zu befürchten. Außer einigen lebendigen Schweinen sind mehrere Hammelkeulen angekauft, das Achtel von einem Ochsen, Fische und Gemüse, ja selbst Pfeffer, Senf und Essig, die uns seit zwei Tagen vollkommen ausgegangen waren. Bei so glänzenden Aussichten für die Küche nehme ich keinen Anstoß daran, daß die siebenhundert Kohlensäcke, die im Schiffsraum, auf Deck, in den Kajüten, überhaupt in jedem noch disponiblen Winkel des Dampfers untergebracht sind, bei jedem festen Fußtritt eine schwarze Staubwolke verbreiten, welche unsere Gesichter 258 und Leibwäsche mit zolldickem Schmutz bedeckt. Eben ist der Capitän eingetroffen und beeilt sich, den garstigen Staub mit einer Flasche Schnaps hinabzuspülen. Am 20. October bei einem entzückend schönen Sonnenaufgange lichteten wir um 6 Uhr die Anker und verließen die Bucht von Chifou, aber schon nach einer halben Stunde war auch die letzte Spur des herrlichen Farbenspieles verschwunden. Graue Wolken hatten den Himmel bedeckt, und der Regen goß in Strömen herab; der nordische Herbst verleugnet auch in dieser Zone nicht seinen rauhen Charakter. Wir steuern die von Dunst umwobene Küste entlang an kleinen Flecken und Fischerdörfern vorüber, und beabsichtigen, um eine Strecke Weges abzuschneiden, die schmale Meerenge von Miau Tau zu passiren, verzichten aber darauf, da der Capitän eben niedergestürzt ist, und zu Bette gebracht werden muß. Der spärliche Raum und der Aufenthalt in frischer Luft wird uns durch drei chinesische Deckpassagiere geschmälert, die den einzigen schattigen Platz occupiren, als die Sonne wieder zum Vorschein kommt. Einer der Touristen scheint ein wohlhabender Mann zu sein, führt zweiundzwanzig Gepäckstücke mit sich und hält einen Diener. Ueber ihren Mangel an Taschentüchern würde ich keine Worte verlieren, wenn der starke Schnupfen, an dem Beide leiden, mich nicht fortwährend daran erinnerte. Um drei Uhr wagen wir uns wirklich in die Miau-Tau-Straße und finden uns auch glücklich wieder hinaus. Dem Steuermann und Agenten war es gelungen, den Capitän soweit zu ermuntern, daß er sich damit einverstanden erklärte. Dann fuhren wir an einer sehr malerisch gelegenen Stadt Teng Chou Fu , wenn ich den 259 Namen richtig schreibe, vorüber, und ich beeilte mich, nicht allein das den Hintergrund schließende, 2000 Fuß hohe vielgezackte Gebirge, sondern auch den, in Felstafeln und jähe Klippen vielgespaltenen Vordergrund auf das Papier zu werfen. Sobald wir an dieser Berggruppe vorübergedampft waren, verflacht sich das Festland und verliert alle Anziehungskraft. Zufällig belauschte ich ein vertrauliches Gespräch zwischen dem Capitän und Maschinisten; letzterer bezweifelt nämlich, daß es ihm gelingen werde, den Argus unversehrt nach Tientsin zu schaffen: die Maschine müsse entweder in Trümmer zusammenstürzen oder in die Luft fliegen! Dazu weht es mit Macht, und in der Luft brauen geschäftige Dämonen ein Unwetter zusammen. Ich brauche wohl nicht mehr ausdrücklich zu bemerken, daß die Mannschaft die Pumparbeit noch nicht eine Minute unterbrochen hat. Der 21. October verlief in Sturm und Regen, und am Abend gingen wir bei einer Tiefe von fünftehalb Faden vor Anker. Der Capitän schloß daraus auf die Nähe der Mündung des Peiho, allein ich habe längst alles Vertrauen auf seine Behauptungen und Angaben verloren. Am Morgen des 22. October entdeckten wir den Grund der geringen Tiefe unseres Ankerplatzes; wir lagen dicht vor einer flachen Insel, die bei der Ebbe kaum über den Seespiegel hervorragen mochte. Nichts destoweniger behaupteten Capitän und Steuermann mit frecher Stirn, wir befänden uns in der Nähe der Taku-Forts, wenn gleich ich ihnen auf der Seekarte nachwies: die Insel Joßhouse läge vor uns, und wir seien noch weit vom Peiho entfernt. Die bornirten Gesellen schenkten mir 260 nicht einmal Gehör, als ich ihnen rieth, den Befehlshaber einer vorübersegelnden Dschunke zu consultiren. Die Logleine wurde in Anwendung gebracht und auf das Gerathewohl dampften wir drauf los; es heißt: biegen oder brechen. 261 XIX. Vor der Barre des Peiho. Fort vom Argus. Taku. Bom-Bom-Pidjen. Alles aus Schlamm. Nach Tientsin. Der Kaiserkanal und seine schwimmenden Dörfer. Karrenfahrt. Opiumraucher in der Halbwegskneipe. Glaube, bete und zahle! Chinesischer Pferdewechsel. In Stücke geprügelt. Kurz vor Peking. Nach einiger Zeit mochte der Capitän an seinen Erfahrungen und nautischen Kenntnissen irre werden; es gelang mir endlich, ihn zur Absendung eines Bootes zu bewegen, das bei jener, noch immer in Sicht lavirenden Dschunke Erkundigungen einziehen sollte. Nach einer halben Stunde kehrte das Boot zurück und brachte uns einen Matrosen der Dschunke mit, der sich anheischig machte, uns in die Mündung des Peiho und nach Taku hinaufzulootsen. Wie aus dem mir vorliegenden, vom Lieut. Col. Wolseley entworfenen » Plan of the Country in the Neighbourhood of the Taku forts « hervorgeht, macht der Peiho noch vor seiner Mündung zwei starke Krümmungen und der chinesische Lootse hat unzweifelhaft Recht, wenn er unsere Entfernung von Taku auf fünfzig englische Meilen veranschlagt. Der beschämte Capitän schiebt jetzt frecher Weise die Schuld auf den Compaß; angeblich wäre die Nadel durch das in der 262 Nähe derselben befindliche Eisen von ihrer normalen Richtung abgelenkt worden! Wir sollten nicht so rasch an Ort und Stelle kommen, als die kurze Entfernung erwarten ließ. Der Chinese zeigte sich so unsicher, daß der Capitän selbst für geboten hielt, einen uns entgegenkommenden englischen Lootsen an Bord zu nehmen, und auf den Rath dieses kundigen Seemannes werfen wir um sechs Uhr Abends, einige englische Meilen vor der Mündung und gefährlichen Barre des Peiho abermals Anker. Auch am nächsten Morgen, 23. October, trug der Lootse Bedenken, die Barre zu passiren, bei schneidender Kälte war ein Sturm von Nord-Ost im Anzuge, und die durch Nothsignale herbeigerufenen chinesischen Böte, in denen ich um jeden Preis an Land gehen wollte, stellten vier Stunden lang vergebliche Versuche an, bei dem hohen Wogengang zu uns hinaus zu gelangen. Der Argus zerrt, wie ein toller Kettenhund, verzweifelt an seinen Ankern, die gesammte Mannschaft arbeitet an den Pumpen, und der Nordost wühlt vor der Barre hinter Schaum- und Wasserbergen unser Grab auf. Der Lootse, ein Mensch mit confiscirtem, von Seelenkämpfen ruinirtem Gesicht, unterhält mich mit Seeabenteuern und schaut so gleichgültig in die vor uns tobende Brandung, wie ein Waschweib in ihre Bütte voll schäumenden Seifenwassers; er hat mit dem Leben abgeschlossen. Mir geht es nicht besser. Nachdem ich noch eine Nacht an Bord des Unglücksschiffes verlebt, beschloß ich am Morgen des 24. October das Wagniß zu unternehmen, in einem Boot die Barre zu passiren, und der englische Agent machte mit mir gemeinsame Sache. Unser Untergang mit dem Argus schien gewiß, ein kleineres Fahrzeug gewährte uns wenigstens einige günstige Chancen. 263 Der Sturm hatte in der Nacht etwas nachgelassen, und ein in See stechendes Fischerboot bewies, daß die Schwierigkeiten der Barre zu überwinden seien; der Chinese kam auf unsere Signale heran, wir verluden unser Gepäck, um nie wieder mit dem vermaledeiten Argus in Berührung zu kommen, und verließen nach einem überaus kurzen Abschied für die lange Freundschaft den trunkfälligen Capitän und seinen Hungerdampfer. Wir kamen unter der geschickten Führung des Chinesen und seiner aufmerksamen Bootsmannschaft leichter durch den Wasserschwall der Brandung, als wir erwartet hatten, und erreichten nach einer fünfstündigen Flußfahrt unbeschädigt, wenn auch bis auf die neunte Haut durchnäßt, das heißersehnte Taku (Takoo). Mit der Barre im Rücken war unser Bootsherr, der das Pidjen Englisch leidlich sprach, redselig geworden, und erzählte uns eine Menge Allotria über den englisch-französischen Krieg: »Bom-Bom-Pidjen,« wie er ihn zu nennen beliebte, dessen Schauplatz wir uns näherten. Seiner triumphirenden Angabe nach sollten viele hundert Engländer und Franzosen in dem Schlamm der Enceinte von Taku, welche die Chinesen obenein mit tausend spitzigen Pfählen gespickt hatten, um das Leben gekommen sein. In Wirklichkeit sprach das Terrain allen militärischen Operationen Hohn. Schon als wir in die Mündung des Peiho (weißer Fluß) hineinschwammen, war es unmöglich, Festland und Wasser zu unterscheiden. Ich glaubte, in jedem Moment werde das drohende Haupt eines der Saurier der Vorzeit aus dem antediluvianischen Brei auftauchen und nach unserem kümmerlichen Boote schnappen. Die Ebbe culminirte und der Fluß hauchte einen entsetzlichen Modergeruch aus. Zwischen dem rohen Elemente 264 und den menschlichen Ansiedelungen zeigten sich nur geringe Unterschiede. Beide, Forts und Ansiedelungen, waren aus Schlamm zusammengebacken, die uns am schmutzigen Landungsplatz empfangenden Kulis mit einer Schlammkruste bedeckt, ebenso die vorüberwatenden, tief in den Boden sinkenden Maulesel. So weit das Auge reicht, entdeckt es nicht einmal die Wölbung eines Maulwurfshügels; in diesem Kothgemisch wächst viele Meilen weit kein Baum, und doch sind in dieses unsägliche Elend zwei Garnisonen des schönen Frankreich, des reichen England verbannt. Von dem links gelegenen Fort wehte das englische Banner, am rechten Ufer flatterte die französische Trikolore und zeigten sich die rothen Beinkleider der leichten Infanterie. Zum Verweilen an diesem abschreckenden Orte hatte ich keine Veranlassung; ich traf mithin sogleich Vorkehrungen, meine Reise nach Tientsin fortzusetzen. Die von ungefähr einer viertel Million Einwohner bevölkerte Stadt liegt oberhalb Taku, an der Mündung des Kaiserkanals in den Peiho, und es wäre am bequemsten gewesen, sich eines Bootes zu bedienen, allein ich hätte auf diese Weise außerordentlich viel Zeit verloren. Ich entschied mich daher für das gewöhnliche Beförderungs- und Frachttransportmittel der chinesischen Reisenden und miethete einen Hauderer. Man würde einen schweren Irrthum begehen, traute man dem Fuhrwerk dieser Leute auch nur den geringsten Comfort zu. Es entspricht durchaus dem verkommenen Zustande der Landstraßen, welche von Regierung und Bevölkerung eben so vernachlässigt werden, wie Beide die Wasserstraßen bevorzugen. So werden die zahlreichen Kanäle, deren Tiefe durchschnittlich zehn Fuß beträgt, sorgfältig überwacht und im Stande erhalten. Ihre Breite 265 wechselt dagegen von zwanzig bis hundert Fuß, der Kaiserkanal soll sogar an einzelnen Stellen über tausend Fuß breit und hier mit Fischerdörfern bedeckt sein. Zwischen den Häuschen bauen die Einwohner auf schwimmenden Bambusschichten Blumen, Reis und Gemüse. Um den Absatz der Produkte zu erleichtern, verändern sie häufig den Ort. Nach Verabredung hißt das ganze Dorf die Mattensegel auf und fährt einige Meilen stromauf oder stromab. Der Handel mit dem Hauderer war abgeschlossen und um 1 Uhr Mittags stand sein zweiräderiger Karren vor der Thür der Kneipe, in der ich abgestiegen war. Unter das eigentliche Verdeck wurden meine Gepäckstücke geschoben, ich selber mußte neben dem Kutscher vorn auf der Gabeldeichsel kauern, doch verlor diese Fahrmethode viel von ihren Schrecken, da wir bei den grundlosen Wegen oft genug absteigen und die hintereinander angeschirrten Pferde peitschen, oder durch Drehen der in dem Koth versinkenden Räder ihnen helfen mußten. Erst drittehalb Stunden nach Mitternacht hatten wir die nur zehn englische Meilen betragende Strecke nach Tientsin zurückgelegt. Mit Ausnahme einer Stunde, die wir in der sogenannten Halbwegskneipe zubrachten, um die Pferde zu füttern, und ein Tschau-Tschau, bestehend aus Fischen, Eiern und mit Oel angemachten Fladen einzunehmen, wurde die Fahrt ohne Unterbrechung fortgesetzt. Mein ohnehin geringer Appetit wurde weder durch das Lokal, noch durch seine Gäste verbessert. In einer pechschwarz geräucherten, nach heißem Syrup stinkenden Höhle lagen auf schmierigen Pritschen, lachend und lallend, dreizehn Opiumraucher und luden mich durch Gebehrden ein, an ihrem narkotischen Vergnügen theilzunehmen. Ich spülte meinen Ekel mit einem 266 Rest Portwein in meiner Feldflasche hinab, und überließ dem Kutscher den größeren Theil der Mahlzeit. Mir ward erst wieder wohl, als wir eine Viertelstunde gefahren waren. Im Laufe des Tages kamen wir an drei ziemlich ansehnlichen Städten vorüber, die durch Kanäle mit einander verbunden waren; die flache Landschaft an sich glich einem ungeheueren Complexus von Kirchhöfen. Ueberall standen zerfallende Särge, gähnten offene Gräber und erhoben sich kleine Denkmäler. Diese pflegen um die Ruhestätte jedes Ahnherrn eines Geschlechts gruppirt zu werden und der Form von Butter- oder Käseglocken zu gleichen. Der Größe nach richten sie sich nach dem Lebensalter jedes Verstorbenen; es giebt Kindergräber, die mit großen Maulwurfshaufen verwechselt werden könnten. Im tiefen Dunkel der Nacht war es bei meiner Ankunft in der weitläufigen Stadt nicht leicht, das mir anempfohlene Quartier bei einem Landsmann, Herrn Stammann, aufzufinden. Das Reiseglück ließ mich jedoch nicht im Stich; nach wüstem Umherirren in den kauderwälschen Straßen und vergeblichen Fragen an die, theils noch nicht zu Bett gegangenen, theils schon wieder aufgestandenen Tientsiner traf ich zufällig einen alten Chinesen, dem der Name des Landsmannes nicht fremd war. Ein Dollar löste seine Zunge und beflügelte seine Schritte; die Wohnung lag in der Nachbarschaft, Herr Stammann empfing mich, entzückt über die Laute der geliebten Muttersprache, mit offenen Armen und trug ein Dejeuner aus, wie es sich in der Eile improvisiren ließ: Sardinen und Sherry! Meine Uhr zeigte auf vier, als ich mich, wie gerädert von der Karrenfahrt, auf dem Sopha ausstreckte und in das 267 Asyl des Schlummers allen Mühseligkeiten dieses Lebens entwich. Der Heidenlärm auf den Straßen gönnte mir nur zwei Stunden Ruhe; wäre es nach meines Herzens Wunsch gegangen, ich hätte mich vor vier oder sechs Wochen nicht von dem Sopha erhoben. Außer der vierzehnstündigen Karrenfahrt hatte ich noch die Vergnügungs- und Hungertour auf dem »Argus« zu verwinden. Schon um sieben Uhr Morgens unternahm ich meinen üblichen Rundgang durch die Stadt. Tientsin ist ein uralter Ort und von einer vielleicht gar vor Erfindung der Schußwaffen erbauten Mauer umgeben, denn die Schießscharten sind offenbar viel später durchgebrochen. Wie alle großen chinesischen Orte ist Tientsin reich mit phantastischen Triumphbögen und Tempeln versehen; mitten in der Stadt befindet sich ein Teich und daneben eine Pagode, in welcher durch Gruppen von Thonfiguren den Gläubigen die Strafen nach dem Tode vergegenwärtigt und sie dadurch zu einem tugendhaften Wandel ermuntert werden. Schon früher habe ich dieser moralischen Anregungsmittel gedacht, aber alles bisherige reichte nicht an die Schrecken des Jenseits der Sündenböcke von Tientsin. Gleich das erste Exemplar war bis an das Kinn in die Erde vergraben, und der Kopf wurde ihm eben abgeschnitten. Dann brach ihm der strafende Dämon die Backzähne aus und schlug sie ihm mit einem Feldsteine in den Schädel! Ein Missethäter saß auf der Schneide eines Schlachtschwertes und unter die Nägel seiner Finger und Zehen waren brennende Kiensplitter gesteckt. Den zahlreich versammelten Neugierigen schien dieses scheußliche Museum weniger Schrecken einzuflößen, als Vergnügen zu bereiten; 268 die Pagode sah wie ein beliebter Rendezvousplatz alles Gesindels der Stadt aus. In den Winkeln wurden Liebeshändel angeknüpft, Schachergeschäfte getrieben und Diebspläne verabredet, die Gesellschaft war alles Andre, nur nicht eine Versammlung von Bußfertigen. Die Regierung und die Landeskirche begnügen sich indessen nicht allein mit der Schilderung der Strafen des Jenseits; ihre hohen Beamten, wo sie sich öffentlich zeigen, suchen unzuverlässige Unterthanen auch schon diesseits durch ein martialisches Auftreten in's Bockshorn zu jagen. In einem Palankin zog ein aufgeblasener Mandarin an mir vorüber, vor dem eine rothe Tafel mit goldenen Buchstaben getragen wurde, die muthmaßlich seine Titel und Machtbefugnisse näher angaben. Seinen bewaffneten Satelliten nach hielt ich ihn für einen, in criminalen Angelegenheiten höchst einflußreichen Mann. Einige Henker mit Ketten und Schwertern in den Händen folgten ihm, und Alles wich scheu vor dem Unholde in die Häuser zurück oder warf sich auf das Pflaster nieder, und verbarg das Antlitz. Alle Straßen waren mit Blinden, Krüppeln, Aussätzigen und Bettlern angefüllt, die Hilflosesten wurden von kräftigeren Unglücksgefährten in Karren fortgeschafft. Wohl hundert Mal wurde ich mit dem Rufe: »Alter Herr! haben Sie Erbarmen!« um eine Gabe angegangen. An der Außenseite der Tempel und vieler Häuser liest man die Gedenksprüche des Confucius, am häufigsten den Satz: » Glaube, bete und zahle! so wird es dir gut gehen auf Erden!« Meiner ursprünglichen Absicht nach wollte ich schon Mittags zwölf Uhr nach Peking aufbrechen, allein mein Paß, um den ich mich früh Morgens bei dem englischen 269 General-Consul bemüht, wurde mir erst um zwei Uhr überbracht. Die chinesische Copie war auf die Kehrseite des preußischen Ministerialpasses geschrieben, und der Polizeibeamte hatte mich darin auf Grund meines vorgelegten Briefes von Lord Russell, in dem ich Königl. preußischer Hofmaler genannt war, als Mandarin erster Klasse signalisirt. Die brennende Neugier, Peking kennen zu lernen, gönnte mir keinen Augenblick länger Ruhe; sobald ich den Paß in der Tasche hatte, bestieg ich den vor der Thür wartenden Karren und fuhr von dannen, erst durch die sich endlos weit ausdehnenden Vorstädte, dann durch sauber gehegte Ländereien, kleine Waldungen, über zahllose Brücken, durch Dörfer und unübersehbare Kirchhöfe, die Ruhestätte vieler Generationen; es war schon spät Abends, als der Fuhrmann vor einer schauerlichen Spelunke hielt und mir ankündigte, hier würden wir unser Nachtquartier aufschlagen. Ich widersprach nicht, denn nach der vorhergehenden schlaflosen Nacht, dem Treiben in Tientsin und der abermaligen Karrenfahrt brach ich fast zusammen. Der continuirliche Menschenstrom auf der Straße nach Peking hatte mich vollkommen schwindelig gemacht. Der Wirrwarr der Uebervölkerung drückt das Gemüth nieder, wie das Schweigen der Einöde. In der Spelunke gab es nichts als eine steinerne Pritsche mit zwei Heizlöchern, einen Tisch und zwei Stühle. Zwar mußte ich erst einen Tausendfuß verjagen, der die Nacht auf den warmen Steinen zubringen zu wollen schien, und sich wüthend gegen meinen Stock aufbäumte, dann streckte ich mich auf den glatten Fliesen aus, schob ein Kissen unter den Kopf und genoß einige Bissen Fisch, der mir auf dem schmutzigen, an die Pritsche gerückten Tische servirt worden war. Als 270 Abschreckungsmittel für das Ungeziefer brannte ich die ganze Nacht hindurch Licht und schlief vortrefflich, obschon ich wie auf dem Paradebette lag und die ganze Nacht hindurch von dem Publikum besichtigt wurde. Die Ankunft eines Fremden im Orte hatte sich schnell umhergesprochen, und die Neugierigen steckten die Finger durch die Papierscheiben des Fensters in meinem Parterrezimmer, um mich durch die Löcher, wie das Hauptthier einer Menagerie, zu betrachten. Ich ließ sie gewähren und legte mich, wenn sie mich störten, nur auf das andere Ohr; ich hätte weiter geschlafen, und wäre jeder der Schaulustigen ein Raubmörder gewesen. Bei guter Zeit erhob ich mich am 27. October von meinem Kachelpfühl, kämmte in der Eile aus meinem Haar einige Läuschen, von denen ich unentschieden lasse, ob sie von der Decke gefallen, oder Auswanderer aus der Garderobe meines Kutschers waren, frühstückte Eier und Thee, und tilgte die Rechnung. Ich habe dieses Document chinesischer Gastlichkeit zur Erinnerung aufbewahrt. Es beweist schlagend das sich unter allen Breitegraden gleich üppig entwickelnde Talent der Gastwirthe, die Bedürfnisse ihrer Gäste in Atome zu zerlegen und von jedem derselben eine Abgabe zu erheben. Elf honorarpflichtige Leistungen des Hotels sind in der mir vorliegenden Rechnung verzeichnet, und doch war mir nichts als das Nachtlager, ein Licht und etwas Nahrung gereicht worden. Die Summe betrug 1300 Cash, d. h. 1 Thlr. 22 Sgr. preußischen Geldes. Wahrscheinlich hatte der Oberkellner auch den Verzehr des Kutschers, der nach unserem Uebereinkommen für sich selber zu sorgen hatte, nach dem Vorbilde der Schweizer Wirthe, wenn der Fremde ihnen von einem 271 Führer oder Pferdeknecht zugewiesen wird, auf die Rechnung geschrieben. Die Schriftzüge derselben verstand ich zwar so wenig, wie die Abschiedsrede des Oberkellners, doch entging mir nicht seine Aufforderung, unserer jungen Bekanntschaft durch Verabreichung eines Trinkgeldes längere Dauer zu verschaffen. Einige schmutzige Cash stellten ihn zufrieden; der Zuspruch aus dem Inlande hatte ihn noch nicht verwöhnt. Bald kamen wir an umfangreichen Stapelplätzen von Balken und Salz vorüber; letzteres lag an den Ufern des Peiho in gleich riesigen Haufen, wie der polnische Weizen an der Weichsel. Häufig bezahlten die Chinesen dem Staate ihre Abgaben nicht in baarem Gelde, sondern in Naturalien, und die Holzstöße, an denen wir vorüberfuhren, waren der Betrag der letzten Steuerrate des Distrikts. So berichtet wenigstens mein Kutscher in seinem besten Pidjen Englisch; wir verständigen uns ganz leidlich, denn meine Fortschritte in diesem Lotterdialekt kann ich ohne Ueberhebung schon bemerkenswerth nennen. Der gute Rossebändiger ist nicht ohne Humor. Unbekannt mit den Transportmitteln des Landes hatte ich, um so rascher vorwärts zu kommen, vor der Abfahrt mir ausbedungen, daß mehrmals täglich die Pferde gewechselt werden müßten. Als ich ihn heut an sein Versprechen erinnerte, leistete er mir sogleich Gehorsam, d. h. er traf einen Tausch zwischen den beiden, hinter einander angespannten Gäulen des Karrens, und wiederholte denselben nach anderthalb Stunden mit dem ernsthaftesten Gesichte von der Welt. Was sollte ich in diesem Lande thun, wo der Postdienst noch in den Kinderschuhen steht? 272 ich schwieg, ich lachte; dabei hatte es denn sein Bewenden. Als guter Wirth vermeidet der Kutscher unterwegs alle unnöthigen Ausgaben. Auf den Stationen, wo die Pferde gefüttert und getränkt werden, betheiligt er sich an ihren Rationen von Grünzeug und frißt Kräuter und Gras mit einem Heißhunger, daß ich glauben muß, er sei an der Raufe großgezogen. Wie glücklich wäre ich bei einer ähnlichen Bedürfnißlosigkeit, denn die ländliche Verpflegung ist unbeschreiblich schlecht. Außer Eiern und Thee, höchstens einigen Fetzen faulen Fisches, wird in den Ausspannungen nichts vorräthig gehalten. Zwar suche ich den Wirthen meine Wünsche begreiflich zu machen; wenn ich Schinken haben will, so zeichne oder male ich auch wohl erst ein Schwein und dann die Keule desselben auf ein Blättchen Papier; das handgreifliche Verfahren hat jedoch gemeinhin keinen Erfolg. Die Leute selber sind blutarm und fristen ihr Leben mit den dürftigsten Nahrungsmitteln; bessere Reisende führen eigenen Proviant mit sich. Ueber die Hammelnieren, die ich Abends 9 Uhr im heutigen Nachtquartier erhielt, will ich keine gründlichere Untersuchung anstellen; auch ein anderes, vielleicht selbst fleischfressendes Thier, kann die pikante Assiette zu meinem Souper beigesteuert haben. Die Fahrt selber war unterhaltend gewesen. Die Vegetation der Landschaft erinnerte an den Pflanzenreichthum der italienischen Seen. Aus Rhicinus- und Theegesträuchen blickte der Oleander und Orangenbaum hervor. Kleine Seen belebten die üppig grüne Gegend und mehrere, annähernd im indischen Style erbaute thurmartige Minarets gewährten anmuthige Abwechselung. Vor einem Landhause fand unter freiem 273 Himmel eine Theater-Vorstellung statt. Der reiche Grundherr mochte ein Familienfest feiern und auch seinen Hörigen ein Vergnügen bereiten wollen. Ich ließ mitten unter dem armseligen Volke halten und schaute ein Viertelstündchen hindurch dem »Sing Song« zu. Der Dichter und mit ihm die Acteure schmeichelten dem chinesischen Nationalstolz. Ein betrunkener, rothborstiger Engländer liebt eine eingeborene Schöne, wird aber von einem jungen Mandarinen ausgestochen. Einmal abgewiesen, verfällt der unglückliche Seladon gleich der Volksjustiz, kahlköpfiges Volk läuft zusammen und prügelt ihn nicht nur zu Tode, sondern sogar in einzelne Stücke, die in einem Korbe davon getragen werden. Dem lebendigen Original war im Handgemenge natürlich längst eine ausgestopfte Puppe untergeschoben worden, und doch fuhr ich vor Schreck zusammen, als ein furchtbarer Kantschuhieb den rechten Arm des Gentleman plötzlich vom Rumpfe trennte. Das Nachtquartier war, wenn möglich, noch scheußlicher, als alle vorhergehenden. Auf dem steinernen Ofenbrett krochen so viele Tausendfüße, und aus den Spalten der Wände drang, wenn ich einen todt trat, eine solche Menge jüngeren Nachwuchses, daß ich die Nacht auf einem Stuhle zubrachte, und dem giftigen Ungeziefer das Schlachtfeld überließ. Um drei Uhr Morgens hieß ich den Kutscher anspannen und floh die stinkende Mördergrube. Die Nacht war furchtbar gewesen. Fortwährend hatte ich von dem Argus geträumt und mehrmals Schiffbruch gelitten. Bei dem Anstoß des Kieles auf den Fels fuhr ich regelmäßig von dem Stuhle in die Höhe, zuletzt fiel 274 ich selbst zu Boden. Ich trennte mich von der Kneipe nach abermaliger Niedermetzelung mehrerer Tausendfüße, die den Thee mit mir theilen wollten. Die kühle Morgenluft erfrischte wohlthuend meine angegriffenen Kopfnerven. Der Mond stand noch hoch am Himmel und verklärte mit seinem magischen Schimmer eine kleine uralte Stadt, die wir ohne anzuhalten, durchkreuzten. Der Ort war bewohnt, aber so morsch, daß wir, an der Stadtmauer vorüberfahrend, den Fall der zerbröckelnden Steinchen hörten, als wäre sie ein sich zurückziehender Gletscher, der sich der auf ihm angesammelten Felsbrocken und Muränentrümmer entledigt. Meine einzige Leibesstärkung bestand um 8 Uhr in einem heißen Lappen, mit dem ich mir das Gesicht anfeuchten und dann trocknen und abkühlen lassen sollte; als ich wieder auf die Deichsel des Karrens stieg, brachte mir der Wirth, der mir den Hunger ansehen mochte, zwei Eier, von denen das größere faul war. Trotzdem mußte ich zehnmal mehr dafür bezahlen, als jedem Chinesen abgefordert worden wäre. Der Kutscher nahm sich meiner an und machte dem habgierigen Wirthe Vorwürfe, zuletzt verständigten sich Beide indeß unter ironischem Gelächter, und der Wirth steckte dem Fuhrmann, wie er glaubte, ohne daß ich es bemerkte, eines der von mir erbeuteten Geldstücke zu. Gegen Mittag, als wir uns Peking näherten, begegneten wir einer glänzenden Prozession, deren Mitglieder, Erwachsene wie Kinder, große Fächer trugen. In Palankinen von rother Seide und blauem Sammt saßen Mandarinen obersten Ranges, und mein Kutscher machte diesen Honoratioren äußerst demüthig Platz; über die Tendenz der Prozession wußte er keine 275 Auskunft zu ertheilen. Ich fragte nicht weiter, wir mußten Peking bald erreicht haben, die Landschaft wurde welliger, blaue Berge erschienen im Hintergrunde, vor ihnen zeigen sich lange Streifen der wohlerhaltenen hohen Mauer, und mit jedem Schritte vorwärts wird das Menschengetümmel auf der Landstraße dichter. 276 XX. Durch die Vorstadt Sandnest und die östliche Bequemlichkeit in die Stadt Peking. Palast Jang kung fu. Sir Frederic Bruce. Herr Bismarck. Die verbotene Stadt. Thisbe. Die Tempel des Himmels und der Erde. Eiserne Cash. Fliegende Spielhöllen. Praxis zu Pferde. Die letzte Meile vor den Thoren, welche durch die Vorstadt »Sandnest« führt, wird unser Karren nur noch von dem Gedränge der Reiter und Fußwanderer fortgeschoben, endlich erreichen wir ein hohes gewaltiges Doppelthor und rollen oder wälzen uns vielmehr auf dem unbeschreiblich schlechten Pflaster in die uralte Hauptstadt des himmlischen Reiches. Das gastliche Thor heißt » Oestliche Bequemlichkeit «, und ich führe gleich zur Charakteristik der chinesischen Terminologie die Namen einiger Hauptthore an. So giebt es eine » Niederlassung des Friedens «, eine » Bekanntmachung gerechter Grundsätze «, eine » Ewige Niederlassung «, eine » Siegreiche Tugend «, eine » Westliche Bequemlichkeit « und ein » Räuberbesänftigungs-Thor «. Wenn die Masse der Menschen und Thiere noch fester zusammengekeilt werden konnte; so war dies jetzt der Fall. Aus dem wahnsinnigen Getümmel 277 tauchten lange Reihen von schwer beladenen Dromedaren auf, und ich war froh, als der Kutscher in eine Seitenstraße bog, und ich nicht mehr in Gefahr schwebte, bei einem Fall von der Gabeldeichsel todt getreten zu werden. Schon jetzt war mir die Pracht der breiten Hauptstraßen aufgefallen; viele Häuser glichen kunstvoll geschnitzten Möbeln und waren von der Schwelle bis zum Dachfirst schwer vergoldet. Wir brauchten noch eine volle Stunde, ehe der Karren vor dem englischen Gesandtschaftshotel hielt. Auf Grund des mehrfach erwähnten offenen Briefes von Lord Russel empfing mich der Gesandte, Sir Frederic Bruce , ein Bruder des seitdem verstorbenen Vicekönigs von Indien, Lord Elgin , mit großer Zuvorkommenheit, und erklärte mir, er zähle mich während meines Aufenthaltes in Peking zu seinen Haus- und Tischgenossen. Sogleich bemächtigte sich meiner der ehrfurchtsvoll lauschende Haushofmeister, denn hier wird auf hocharistokratisch nationale Weise Hof gehalten, und führte mich in das mir eingeräumte kleine Gebäude, links hinter den drei Häusern, welche Sir Frederic bewohnt. Ich muß vorausschicken, daß das englische Gesandtschaftshotel, der Palast Jang kung fu , früher von einem kaiserlichen Prinzen bewohnt wurde, und seiner ganzen Bauart nach dem, Europäern unzugänglichen Palaste des jetzigen Kaisers von China entspricht. Der sogenannte Palast bildet ein von einer hohen Mauer umgebenes Oblong, das mit einer Menge kleinerer oder größerer, mehr oder minder reich ausgestatteter Baulichkeiten angefüllt ist. Innerhalb der Mauer befinden sich neben der Pforte links die Stallungen, rechts die Wache und der Portier. Durch den unvermeidlichen Triumphbogen gelangt 278 man in die drei hintereinanderstehenden und durch Pfeilergänge verbundenen Wohnhäuser des Gesandten. Diese sind mit Ausnahme der, nach dem Eingange gelegenen Vorderseite von zahlreichen einstöckigen Gebäuden umgeben, in denen die Gäste und Secretäre, die Diener, Kutscher und Köche des Gesandten wohnen. Jang kun fu ist genauer betrachtet mehr ein kleines Stadtviertel, als ein Palast, eine Citadelle, die sich unter Umständen, wenn auch nicht gegen schweres Geschütz, sehr wohl vertheidigen läßt. Die von Sir Frederic bewohnten Räume sind das reichste und eleganteste, was ich von chinesischer Architektur und Ornamentik gesehen habe. Alle Wände und Decken bestehen aus dem feinsten Schnitzwerk und sind theils reich vergoldet, theils mit herrlich glühenden Farben bemalt oder lackirt. Von feinstem Geschmack sind die Glas- oder Papierfenster, von vollendeter Arbeit und Sauberkeit die Matten des Fußbodens. In diese Galagemächer denke man sich die ersten Mandarinen des Reiches in ihren, von Gold starrenden Seidengewändern, wenn sie dem Gesandten officielle Besuche abstatten, und man wird sich mein Staunen auszumalen vermögen. Der Haushofmeister führte mich in das, nur wenige Schritte hinter dem dritten Hauptgebäude liegende »Gasthäuschen« und stellte mir zu gleicher Zeit einen, aus Tientsin gebürtigen, nach Möglichkeit englisirten chinesischen Diener zur Verfügung. Wer beschreibt mein Entzücken, als ich an den, mit dem comfortabelsten Geschirr und dem feinsten Leinenzeug bedeckten Waschtisch trat, und mich der Schmutzerei, der verbogenen Blechschüssel des Argus erinnerte, der monumentalen Unflätherei in der 279 Halbwegskneipe und dem letzten Nachtquartiere! Ich schickte meinen dienstfertigen Zöpfling aus dem Gemach und stürzte mich lechzend in die riesige blau geblümte Wagschaale; ein Baden wars, kein Waschen mehr, zu nennen. Außer einem Vorzimmer stehen mir zwei reizende, europäisch bequem ausgestattete Gemächer zu Gebote. Nach einer flüchtigen Umschau in der Nachbarschaft und Vollendung der vorschriftsmäßigen Toilette, schlug die Stunde des Diners. Sir Frederic war der liebenswürdigste Wirth, jeder Zoll ein Gentleman. Hochgebildet, voll Geist und Humor, hat er große Reisen gemacht und sich jenen weltmännischen Ton angeeignet, den keine Vornehmheit, kein Reichthum allein dem Menschen anbilden. Der Gesandte fragte mich nach meinen letzten Reiseabenteuern und ich hatte keine Ursache, mit meinen Erlebnissen auf dem Argus hinter dem Berge zu halten. Sir Frederic war außer sich, manche Einzelheiten mußte ich ihm zwei bis drei Mal wiederholen, und nicht selten wandte er sich an seinen, hinter ihm stehenden chinesischen Sprachmeister und übersetzte ihm meine überstandenen Leiden in die Landessprache. Er rieth mir, als unumgänglich nothwendig zum Schutz für andere Reisende und Abstrafung der Gaunergilde, den Rheder des Argus zu verklagen; nur so könne ferneren gleichartigen Gräueln vorgebeugt werden. Eines Schadenersatzes von tausend Dollars könne ich gewiß sein, auf eine energische Verwendung der Gesandtschaft dürfe ich mit Bestimmtheit rechnen. Es wurde mir schwer, dem erzürnten Diplomaten auseinanderzusetzen, daß meine karg gemessene Zeit mir verbiete, das Ende des voraussichtlich langen Gerichtsverfahrens abzuwarten, ich herzlich gern auf jede Geldentschädigung 280 verzichte und vollkommen zufrieden sei, ihn von den erlittenen Mißhandlungen in Kenntniß gesetzt, und so zum Besten meiner Nachfolger beigetragen zu haben. Das stolze Rechtsgefühl des vornehmen Mannes war nicht zu ueberreden, ich erzürnte ihn fast durch meine Weigerung, die Schelme zu verklagen, zuletzt ließ er sich sogar zu der Aeußerung hinreißen: Rheder und Capitän verdienten, an den Raaen ihres eigenen Schiffes aufgehängt zu werden. Sir Frederic ließ sich erst zur Nachgiebigkeit bewegen, als ich ihn an seine selbsterlebten Seeabenteuer erinnerte. Vor einigen Jahren hatte er, damals noch Attaché, an der afrikanischen und brasilianischen Küste zweimal Schiffbruch gelitten. Endlich gelang es mir im Rauchsalon, die Laune des Gesandten bei einer Partie Billard und einer Pfeife Latakia vollkommen wiederherzustellen; ich kann mir nachrühmen, auf dem Haupte des versoffenen Argus-Capitäns feurige Kohlen gesammelt zu haben. Mein Bette verdient eine besondere Lobrede; nach den Nachtlagern auf der Argusmatratze und dem von fröstelndem Ungeziefer wimmelnden Kachelofenpritschen verstehe ich erst jetzt den Tiefsinn der alttestamentarischen Redensart von einer »Ruhe in Abrahams Schooß.« Ohne meinen chinesischen Sancho hätte ich den ganzen nächstfolgenden Tag verschlafen. Er weckte mich zur rechten Zeit, denn Sir Frederic hatte ihm aufgetragen, mich zu einer Tour durch die Stadt aufzufordern, er selber wolle mich für spätere Ausflüge orientiren. Nach dem Tiffin stiegen wir zu Pferde und schon nach hundert Schritten sah ich ein, wie recht der Gesandte hatte, wenn er es für einen Träger europäischer Chaussüre und sauberer Inexpressibles unmöglich erklärte, 281 in den Straßen von Peking fortzukommen. Das Pflaster besteht zwar aus mehrere Fuß dicken, langen und breiten Steinblöcken, doch sind durch den Verkehr von Jahrhunderten so tiefe Geleise hineingefahren und die Steine selber so oft geborsten, daß der Fußgänger bei der mangelhaften Straßenreinigung an feuchten Stellen durch tiefe Schmutzschichten und Spalten zu waten gezwungen ist, während er in trockenen Regionen von dem steinkohlenähnlichen Staube fast erstickt wird. Mit dieser Vernachlässigung aller Wege contrastirt die namenlose Pracht der Häuserfronten; mir lachte das Herz im Leibe bei dem Anblick dieser phantastischen Wunderwerke. Die Erwachsenen liefen hinterdrein, die Kinder und Hunde flohen vor uns, zuweilen zogen wir die Zügel an, und verweilten vor den Unterhaltungen des gemeinen Volkes. In besonderes Erstaunen versetzte mich ein alter Eckensteher, um den sich ein zahlreiches Publikum versammelt hatte. Dieser steckte eine Schlange in den Mund und zog ihren Kopf durch die Nase, so daß die Hälften des Thieres aus beiden Organen herabhingen und sich bewegten. Dann wechselte er, schob die Schlange in die Nase und zog ihren Kopf aus dem Munde hervor. Das jüngere China schien sich an dem Scherze nicht satt sehen zu können. Auf deutschen Umgang werde ich in Peking verzichten müssen. Der einzige, in der Kaiserstadt lebende, gegenwärtig in Tientsin befindliche Landsmann ist Herr Bismarck , ein junger Preuße, der sich schon seit mehreren Jahren für die chinesische Consulatscarriere vorbereitet und gründliche Kenntnisse in der Landessprache und ihrem Dialecte aneignet. Wie groß die Mannigfaltigkeit derselben 282 und ihre Schwierigkeiten sind, erfahre ich aus dem Umgange mit meinem Diener, er stammt aus Tientsin, kann sich aber mit den Bewohnern von Peking nur sehr mangelhaft verständigen, ausgebreiteter ist seine Kenntniß der englischen Sprache; er versteht zwei und zwanzig Worte und kann dreizehn davon selber sprechen. Ich habe ihn der Merkwürdigkeit wegen ordentlich zu Protokoll vernommen, und seinen Vocabelschatz gebucht. Wir befleißigen uns Beide in der Unterhaltung nothgedrungen möglichster Sparsamkeit. Peking – die Chinesen sprechen den Namen »Peh-tsching« aus – hat einen Umfang von fünf geographischen Meilen, die Länge der Stadt beträgt deren anderthalb, die Breite eine Meile; die Zahl der Einwohner, bei dem Mangel aller statistischen Grundlagen eine schwierige Abschätzung, wird auf drei Millionen angegeben. Die Stadt zerfällt in zwei Hälften, die tartarische und chinesische; in ersterer hat die kaiserliche Majestät ihren Wohnsitz aufgeschlagen. Ihr, dem englischen Gesandtschaftshotel ähnliches, von hohen Mauern umgebenes Quartier heißt die »verbotene Stadt.« Die geschweiften Dächer derselben, wie die aller gleichartigen Paläste, sind mit gelbglasirten Ziegeln gedeckt, die im Sonnenschein wie Gold glänzen; ihre Verzierungen bestehen an allen Ecken und Enden ausschließlich aus Drachengestalten. Der Plan der Stadt ist im Ganzen regelmäßig, alle Hauptstraßen erstrecken sich von Norden nach Süden, oder von Osten nach Westen. Die Uebervölkerung macht alle Spaziergänge äußerst mühselig, aber eben so unterhaltend. Ich tummle mich rastlos unter diesem Potpourri von Medicinverkäufern, Auctionatoren, 283 Geschichtenerzählern, Wahrsagern, Bettlern, Feuerfressern, Spielbanquiers, Schlangenbändigern, Sängern und Aussätzigen umher. Ungemein achtsam muß der Flaneur auf die Lastträger, die Kuli's sein, welche ihre Bürde auf den Schultern an den Enden einer Bambusstange balanciren und den Warnungsruf: Lo! Lo! mit dumpfem Magenton vorausschicken. Immer der dritte Mann trägt Dungstoffe aus der Stadt; dieses ökonomische Volk sammelt selbst Bartabfälle vom Rasiren, wie abgeschnittene Nägel, und verkauft sie an Gärtner. Zuweilen mache ich meine Ausflüge zu Pferde, hänge an interessanten Punkten die Zügel über den Arm und werfe rasch eine flüchtige Skizze auf das Papier. Bei dem ersten Versuch, mit dem Rücken gegen ein Haus gelehnt, eine Aquarelle anzufertigen, wurde ich von dem Getümmel überrannt; als berittener Landschafter erfreue ich mich besserer Erfolge. Einmal hatte ich mich etwas weiter als gewöhnlich verlocken lassen, ich wußte nicht aus noch ein, da der Himmel mit dichten Wolken bedeckt und es unmöglich war, die Himmelsgegenden zu erkennen. Zuerst zog ich meinen selbstverfertigten »kleinen Chinesen in der Westentasche« hervor und sprach die Frage aus, nach welcher Richtung der Stadt das Gesandtschaftshotel läge? Dann zeigte ich den Umstehenden die Schriftzüge selber. Sie verstanden meine Aussprache eben so wenig, wie die Signaturen; was thun? Ich nahm meinen kleinen Tuschkasten, zeichnete das Hotel und die große englische Flagge, dann colorirte ich sie grell mit den Nationalfarben und reichte das Blättchen umher, aber selbst jetzt verstand mich Niemand. Das Volk starrte mich an und stieß seltsam girrende Vogellaute aus; endlich gerieth ich 284 auf einen gescheidten Gedanken. Ich beschloß, meiner Rozinante, einem ehemaligen Paraderosse Sir Frederics, welches das Gnadenbrot genießt, die Auffindung des Rückwegs allein zu überlassen. Thisbe, eine arabische Fliegenschimmel-Stute, hat ihre schönsten Jugendjahre in Indien verlebt, sich später in Peking vervollkommnet, und ist mehr als »militärfromm«, d. h. »chinesenfromm« geworden. Das treue Thier steht oft zehn Minuten lang unbeweglich und läßt mich zeichnen, jetzt steckte ich das Portefeuille in die Busentasche, streichelte und klopfte den seidenglänzenden Hals des edlen Thieres; Thisbe schien mich zu verstehen. Sie spitzte die Ohren, schnupperte, unbehindert von dem losen Trensezügel, in der Luft umher und setzte sich langsam in Bewegung. Von seinem Instinct geleitet, hatte das kluge Roß den kürzesten Weg gewählt; eine halbe Stunde später stand Thisbe vor der Pforte des Gesandtschaftshotels und stieß ein leises Wiehern aus. Thisbe war durch Straßen geschritten, die mir bis dahin vollkommen unbekannt geblieben waren. Der Gesandte lobte das kluge Thier, als ich ihm Abends beim Thee mein Abenteuer erzählte und Thisbe's seltenen Ortssinn schilderte. Der alte Fliegenschimmel weiß in Peking offenbar besser Bescheid, als der Droschkenkutscher, mein Diener und ein berittener Mongole, der hinterher reitet und meinen Einlaß in die Tempel des Himmels und der Erde befürworten soll, die ich am 31. October zu besuchen gedachte. Ehe meine Begleiter die richtige Fährte aufgefunden, hatten wir uns dreimal verirrt. Die Protection des mongolischen Cavalleristen war überdies nicht stichhaltig. Hätte ich mir nicht mit klingender Münze den Weg gebahnt, wir wären von 285 der Schwelle zurückgewiesen worden. Dem Wortlaut des Gesetzes nach sind die Tempelwächter von furchtbaren Strafen bedroht, wenn sie Europäern den Einlaß gestatten, aber ein reichliches Trinkgeld überwindet in China selbst die Todesfurcht. Ebenso ist der Eintritt dem weiblichen Geschlechte verwehrt. Beide Tempel sind von einem melancholischen Cederhain umgeben und geräumiger und großartiger stylisirt als die meisten gottesdienstlichen Gebäude, die ich bis dahin kennen gelernt habe. Der Tempel des Himmels ist ein Unicum. Nur einmal im Jahre wird er vom Kaiser besucht, der darin sein Gebet verrichtet und sich schweigend entfernt. Niemand sonst darf in diesen Hallen seine Kniee vor der Gottheit beugen. Ungeachtet Sir Frederic mir gleich am ersten Tage dringend gerathen, nie Almosen zu ertheilen, weil ich sonst während meines ganzen Aufenthaltes in Peking das Bettlergesindel auf dem Halse behalten würde, hatte ich mich doch verleiten lassen, einem unglücklichen Aussätzigen ein Dutzend Cash zu reichen. Die Folge war, daß unser Gesandtschaftshotel am 1. November von einem zahlreichen Belagerungscorps umzingelt wurde, und man mich fast in Stücke zerriß, als ich vor dem Thore erschien. Erst als die chinesischen Diener mit Bambusprügeln intervenirten, zertheilte sich der Janhagel. Ich muß mich auf einen Ausflug zu Pferde beschränken und richte ihn nach der Tartarenstadt, von deren hoher Mauer aus man eine vortreffliche Aussicht auf die malerisch erhabenen Gebirgsrücken der mongolischen Tartarei genießt. Beiläufig habe ich noch zu bemerken, daß sich in dem der Agricultur geweihten Tempel der Erde ein großer Opferplatz befindet, auf dem an gewissen Tagen des Jahres 286 lebende Ochsen verbrannt werden. Das Klima Pekings soll im Sommer drückend heiß, im Winter aber fast eben so kalt sein; die jetzige Jahreszeit ist für europäische Touristen die angenehmste. Der Mandarinenstand ist natürlich in der ersten Stadt des Reiches sehr zahlreich vertreten. Dem Geiste der Verfassung gemäß genießen die Civilmandarinen ungleich mehr Ansehen, als die Militärmandarinen. Dem Palankin eines höheren Civilmandarinen voraus marschiren nicht allein mit Stäben bewehrte Diener, um ihrem Gebieter Platz zu schaffen, sondern auch stimmbegabte Lobredner, die unter häufigen Schlägen auf Gongs und Trommeln die Titel und Tugenden ihres Herrn ausrufen, während von anderen Dienern Ehrensonnenschirme nebenher getragen und sauber gemalte, vergoldete Tafeln präsentirt werden, auf denen Name und Würden zu lesen sind. Die höchsten Auszeichnungen scheinen in der Pfauenfeder und einem rothen Korallenknopf auf der Spitze des Hutes zu bestehen. Mir, als Fremdem, werden gleichfalls, wenn auch nur von dem armen Gesindel, Auszeichnungen gespendet. Sobald ich mich blicken lasse, bildet sich ein Häuflein und begrüßt mich mit dem Rufe: Ta la je , d. h. »großer, alter Herr!« Schon oft hatte ich mich über eine Menge brüchiger und verrosteter Cash-Stücke gewundert, die in vielen Straßen auf dem Pflaster lagen, ohne von der Bevölkerung, selbst nicht von den Bettlern und Aussätzigen, eines Blickes gewürdigt zu werden. Zuweilen, wenn ich eines dieser Geldstücke aufhob und näher betrachtete, stimmten die vorübergehenden Chinesen ein Hohngelächter an, ja ein kleiner Junge riß mir einst die Scheidemünze aus der Hand und 287 warf sie verächtlich zu Boden. Im Gesandtschaftshotel erfuhr ich, daß der hochselige Kaiser, welcher fabelhafte Summen in Bauten verschwendet, endlich gezwungen worden sei, um nur Geld zu schaffen, aus Sumpfeisen diese elende Sorte von Cashs zu prägen. Der witzige Autokrat hatte sich verrechnet, das Volk selber setzte die nichtsnutzige Münze außer Cours und streute sie auf dem Pflaster aus! Im letzten Jahre soll man in den Küstenstädten angefangen haben, die Cashs zu sammeln und nach Japan zu verschiffen, wo man sie in den Eisengießereien verwendet. Als gebildete Großstädter sind die Einwohner leidenschaftlich Theaterfreunde. Mehrere Kunstinstitute dieser Art lagen gleich hart neben einander, ein ihnen vis-à-vis errichtetes Gebäude von ähnlichem Baustyl war jedoch kein Theater, sondern – ein Tempel. Die Vorstellungen beginnen früh Morgens und schließen erst lange nach Mitternacht. Wie wir auf einem Ausgange in eine Conditorei treten und je nach der Tageszeit eine Tasse Chocolade oder Kaffee trinken und die Zeitungen durchfliegen, tritt der Chinese auf seinem Spaziergange in das nächste Theater, sieht ein Stück und setzt seine Wanderung fort. Ich folge dem Beispiele der Herren und entrinne dadurch der Langenweile und zudringlichen Kerbthieren. In einem dieser »Sing Songs« (Tempel des Vergnügens) scheint das elegante Conversationsstück gepflegt zu werden. Ich sah dort ein Stück, in dem der Hauptheld, ein gespreizter alter Mandarin, von einem Dutzend seiner eifersüchtigten, verdorrten Frauen durch Eifersüchteleien gequält wird. Weit entfernt, unglücklich zu sein, fühlt sich der unverbesserliche Geck dadurch geschmeichelt und will sich im höchsten Discant 288 über die grimmen Furien todt lachen. Schließlich treiben sie es jedoch gar zu arg, er faßt einen raschen Entschluß und vertauscht die sechs Gerippe gegen ein kugelrundes, mehrere Centner schweres Frauenzimmerchen. Von Nebenfiguren wären zu nennen ein Unbekannter, der später als »Schuft« entlarvt wird, zwei Selbstmörder, ein Stummer, ein übermüthiger Tuchfabrikant, mehrere scrophulöse Schelme, eine stocktaube Alte, der stereotype Hauswurst und ein, auf Rattenfang dressirter Hund. Wie in allen großen Städten waren die Costüme kostbar und geschmackvoll, die Musik unerträglich, die Mimik affenartig; das chinesische Theater ist das letzte, was mir Sehnsucht nach China einflößen könnte. Zum ersten Mal sah ich in dieser Vorstellung auch chinesische Damen als Zuschauerinnen. Sie saßen in abgesondert gebauten, nur leicht vergitterten oder offenen Logen, doch schien es von dem Herrenpublikum übel vermerkt zu werden, wenn ich mich meines doppelläufigen Opernguckers bediente, und die schiefäugigen Grazien musterte. Ein Elegant in meiner Nachbarschaft flüsterte etwas von »Fanquei« und »rostborstigen Gläsern«. Zuweilen begleitet mich Sir Frederics Sprachmeister, ein gutunterrichteter Chinese, auf meinen Wanderungen durch die Straßen und übersetzt mir einzelne Inschriften auf Ladenschildern. »Durch Schaden gewitzigt, borg' ich von heut an nicht mehr!« »Bei vielem Reden und geringem Verkauf (Einkauf) macht man schlechte Geschäfte.« »Vielleicht morgen werde ich borgen!« fand sich auf vielen Schildern in mannigfachen Varianten. 289 Wie bei uns »der billige Mann«, empfahl sich ein Schirmfabrikant: »Zum billigen Atchau« (ein Name), oder »Zur billigen Rechnung.« Wie unter den Menschen hart neben prahlerischem Uebermuth das tief gebeugte Elend, sieht man in Peking auch unter den Läden die reichsten Magazine dicht neben den ärmsten schmutzigsten Höhlen bettelhaften Gesindels. In den Straßen Pekings entdeckte ich die ersten fliegenden Spielhöllen auf meiner Reise. Das Hazardspiel ist, wie ich schon mehrmals angedeutet, ein Nationallaster der Chinesen, dem man überall begegnet, wo sich eine Genossenschaft dieses merkwürdigen Volkes gebildet hat, aber nirgends wird diesem Laster leidenschaftlicher gefröhnt, als in der Kaiserstadt. Aller Orten sind kleine Spielbanken aufgeschlagen, an denen Individuen jedes Lebensalters in sich versunken sitzen und auf die Geldhaufen des Banquiers starren. Hat der gemeine Chinese seinen letzten Cash verloren, so spielt er um Melonenkerne; sind auch diese verspielt, so soll er einen Finger oder den großen Zeh als Einsatz anbieten. Daß ein unglücklicher Spieler, der eine kleine Summe parirt, aber nicht zahlen konnte, um den Gewinner zu befriedigen, sich ein Loch mit ölgetränkter Baumwolle in den Oberarm brennen mußte, habe ich selber gesehen. Die weite Ausdehnung der Stadt zwingt die Doctoren der Medicin, ihrer Praxis zu Pferde obzuliegen. Ich bin dergleichen Reitern, deren gelehrten Stand ich sogleich an den ungeheuer großen Brillen aus bloßem Fensterglase erkannte, täglich begegnet. Ihre Reitknecht, wenn sie vor den Thüren der Patienten die Pferde halten, machen sich gewöhnlich eine kleine Nebeneinnahme. Sie 290 lassen, wo Raum und Verkehr es gestatten, die vorüberlaufenden Schuljungen für ein Paar Cash aufsitzen und einige Mal hin- und herreiten, ja nicht selten machen sich sogar erwachsene Chinesen dieses kindliche Vergnügen. Möglich, daß sie dazu durch den Aberglauben bewegt werden, durch eine Berührung mit des Doctors Klepper vor Krankheit bewahrt zu bleiben. Man darf sich unter diesem verzauberten Volksstamm auf allen erdenklichen Unsinn gefaßt machen. 291 XXI. Die gepanzerte Kehrseite. Himmels-, Drachen- und Tigergarde. Ein neunjähriger Kaiser. Prinz Kung. Der Adel im himmlischen Reiche. Der Staatsanzeiger von Peking. Der Sprachmeister, mein Mentor. Dejeuner in der Pajode. Eine schwarz-roth-goldene Leiche. Diebe mit falschen Zöpfen. Schlauberger. Die Koch- und Speisestraße. Einmal in Peking wollte ich, ermuthigt durch mehrmaliges Gelingen meiner Versuche, zu seltenen Sehenswürdigkeiten vorzudringen, nun auch das Wagniß unternehmen, der »verbotenen Stadt«, d. h. der kaiserlichen Residenz eine Visite abzustatten. Gleich dem strebsamen Rodrigo in Shakespeare's Othello that ich Geld in meinen Beutel, befahl dem Diener und dem mir attachirten Mongolen, mich zu begleiten und bestieg mein Leibroß Thisbe. Ich wußte, daß Se. kaiserliche Majestät von China hinter einer Separatmauer wohne, und hoffte außer dem Haupteingange noch ein Nebenpförtchen aufzufinden, dessen Wächter weniger für gute Worte, als für Geld sich bewegen lassen würde, mir den Eintritt und die Besichtigung, wenn auch nur eines Theiles der kaiserlichen Schloßanlagen und Appartements zu gestatten. Der um seine Sicherheit 292 besorgte Selbstherrscher hatte sich indessen vorgesehen. Seiteneingänge waren nicht vorhanden, die hohe Enceinte des Inbegriffs der kaiserlichen Wohnungen bildete ein geschlossenes Ganze; wollte ich hinein, so mußte der Angriff auf den Haupteingang unternommen werden. Thisbe gehorsamte mir denn auch, und schritt leichten Trittes mit arabischer Eleganz auf das Thor zu, aber meine beiden Begleiter fielen mir in den Zügel. Nach ihren angstvollen Zügen stand ich im Begriff, sie in ein Majestätsverbrechen zu verwickeln. Durch Winke gab ich ihnen zu verstehen, daß sie sich entfernen sollten, und ritt unbekümmert weiter; was ich von Mannschaften im Innern des ersten Hofes bemerkte, flößte mir keine Besorgniß ein. Ich vertraute als friedfertiger Mensch auf das Amulet einer gefüllten Börse. Mein Aussehen muß jedoch den chinesischen Krongardisten nicht Zutrauen erweckend erschienen sein, denn statt, wie es die Zuaven in den Tuilerien zu thun pflegen, dem Eindringling entgegenzutreten, und ihn mit einem höflichen: » on ne passe pas! « abzuweisen, rannten sie, ohne ein Wort zu verlieren, spornstreichs an die Thürflügel, und schlugen sie mir krachend vor der Nase zu. Nur so viel Zeit hatte ich noch, um zu bemerken, daß jene Wachtmannschaften, die der Defensive so beflissen waren, Panzer trugen. Eigenthümlicher Weise diente keine dieser glänzenden Metallplatten zum Schutz der Brust oder des Rückens; jeder chinesische Kürassier trug seinen Harnisch vielmehr auf einem Theile, der im ritterlichen Handgemenge Verletzungen von Hieb- und Stichwaffen am wenigsten ausgesetzt ist, und weniger in der Kriegswissenschaft, als im Rechtswesen und seiner Praxis in Betracht kommt. An 293 der Pforte abgewiesen, wandte ich Thisbe, und ritt langsam davon, in Speculationen versunken, auf welche Weise jene Tapferen wohl vorkommenden Falles zum Angriff schreiten, und sich gleichzeitig des gedachten Panzers als Schutzmittel bedienen mochten. Es blieb unmöglich, das Räthsel zu lösen. Nach eingezogenen Erkundigungen und eigenen Beobachtungen gelang mir, so viel zu ermitteln, daß die kaiserlichen Leibwächter in drei Abtheilungen zerfallen, die Himmels-, Drachen- und Tiger-Garde. Letztere wird am meisten gefürchtet und pflegt angeblich die Schlachten zu entscheiden. Ihre Kämpfer sind mit großen sichelartigen Schwertern bewaffnet und dahin einexercirt, zwischen die Pferde der feindlichen Cavallerie zu schleichen oder zu kriechen, und Reitern oder Thieren »die Beine abzuschneiden«. Bei seinen Schießübungen legt der chinesische Infanterist den Kolben der Luntenflinte nicht an die Backe und zielt; er schießt, wie unsere Jungen, mit Flitzbogen und Pfeil, »im Bogen«! Ein Pfropfen wird nicht auf die Ladung gesetzt und da der Durchmesser der Kugel kleiner ist, als der des Laufes, würde erstere hinausrollen, wollte der Schütz mit der Waffe nach europäischem Brauch hanthieren. Die verbotene Stadt oder Residenz liegt im Mittelpunkte der Tartarenstadt und lehnt sich nur mit einer Breitseite ihres Gevierts an die chinesische Stadt. Bei dem Ableben des Kaisers findet eine Erbfolge im Sinne europäischer Dynasten nicht statt. Der Sterbende ernennt seinen Nachfolger aus den Angehörigen der kaiserlichen Familie. Zuweilen wird der Sohn zu Gunsten eines 294 Neffen übergangen. Nicht Geburtsrechte sind bestimmend, sondern natürliche Anlagen, Klugheit und Sittlichkeit. Der jetzige designirte Kaiser war bei meiner Anwesenheit in Peking ein Knabe von neun Jahren und stand unter Vormundschaft seines Onkels, des Prinzregenten Kung . Nach dem trefflichen Stich einer Photographie, den ich mitgebracht habe, ist der Gesichtsausdruck des Prinzen Kung nicht intelligent, aber gutmüthig und etwas trübselig; die Nation hat von ihm weder viel zu fürchten, noch viel zu hoffen. Dem chinesischen Kaiser werden von den Landes-Angehörigen vielleicht größere Ehren erwiesen, als irgend einem anderen Staatsoberhaupte. Nach ihren religiösen Vorstellungen giebt es außer dem Himmel für die Seelen der gewöhnlichen Sterblichen noch einen kaiserlichen Extrahimmel. Dem entsprechend sind auch seine irdischen Titel von hochfahrender Art. Der Kaiser heißt »der Sohn des Himmels« und »die Blume der Vernunft«. »Landesväter« sind bekanntlich alle Regenten, aber der Kaiser titulirt sich nicht nur »Vater«, sondern auch »Mutter« des Reichs. Ein häufiges Epitheton lautet: »Dolmetscher der Verordnungen (Bestimmungen) des Himmels.« In seinen Reden und Proklamationen, die nicht mit Schwärze, sondern mit Zinnober gedruckt werden, liebt er es, den Mund voll zu nehmen und mit aufgedunsenen Phrasen um sich zu werfen. »Ich, der Minister des Himmels, stehe über der Menschheit und bin verantwortlich, die Welt und das Volk in Ordnung zu halten. Unfähig zu schlafen, in Ruhe zu essen oder zu trinken, beladen mit Kummer und Angst, mit Leid und Sorge, mache ich meinem Volke bekannt, daß von 295 heute an . . . . .« folgt irgend eine bedeutungslose Verordnung. Der Kaiserliche Thron wird »Drachensitz« genannt und die gelbe Farbe ist ein Vorrecht des regierenden Hauses. Stirbt ein Kaiser, so haben alle Unterthanen des himmlischen Reiches dreihundert Tage hindurch Trauer anzulegen. Sie dürfen sich während dieser Zeit nicht rasiren, nicht verehelichen und kein Gastmahl veranstalten. Ein Erbadel existirt in China nicht, alle Auszeichnungen müssen durch persönliche Verdienste erworben werden. Wie in der katholischen Kirche fromme und wunderthätige Personen nach hundert und mehr Jahren selig und heilig gesprochen werden und von diesem Zeitpunkt an eine höher geachtete Stellung in der Verehrung der Gläubigen und den Verzeichnissen der Kirchengeschichte einnehmen, ertheilt der Chinese seinem verstorbenen Groß- oder Urgroßvater, wenn sein Wissen und seine Tugenden allgemeine Anerkennung bei den Nachkommen gefunden haben, den Adel. Auch kann die Gelehrsamkeit oder Sittenreinheit der Söhne ihren Vorfahren die gleiche Auszeichnung verschaffen. Nach den Ansichten der Chinesen müssen die Ahnen eines im Staate hervorragenden Mannes gleichfalls hochbegabte Menschen gewesen sein. Die Erwerbung des Adels durch eine Geldzahlung ist den Chinesen durchaus unbekannt. Die in Peking erscheinende einzige Zeitung der Chinesen ist ein eigenthümliches literarisches Produkt. Der Staatsrath oder das höchste Tribunal des Reiches hält seine Sitzungen im kaiserlichen Palaste, und seine neuesten Beschlüsse werden täglich, wie wichtige Actenstücke unserer Gerichtshöfe in den Hausfluren, in einem bestimmten Hofe ausgehängt. Von hier aus gehen diese Documente, seien 296 sie nun Gesetze oder geringfügigere Verordnungen, in den Besitz der Regierungs-Verwaltungen und Behörden von Peking über. Die wortgetreuen, von mehreren Beamten collationirten Copien werden in den Archiven der Büreaus aufbewahrt. Aus den Sammlungen aller dieser Schriftstücke, die von Zeit zu Zeit in Peking gedruckt werden und in freier Folge erscheinen, besteht der »Staatsanzeiger« von China. Die Leser in den Provinzen finden darin die Ordonnanzen der in Peking befindlichen sechs Ministerien, sowie der Militär-Befehlshaber, die Ernennungen, die Listen der Examina, die Promotionen der Mandarinen, die Richtersprüche und die Bestrafungen; eine Art Feuilleton bilden Notizen über Naturerscheinungen, die aus den Provinzen nach Peking gesendet werden. Das Jahres-Abonnement ist sehr billig, und beträgt nach unserem Gelde ungefähr drei Thaler. Wenn seine anderweitigen Verpflichtungen es gestatten, mache ich kleinere Ausflüge in den Straßen von Peking gern in Gesellschaft des Sprachmeisters der englischen Gesandtschaft. Er führte mich in dem Glauben, ich sei mit dem Stande der bildenden Künste seiner Heimath nicht bekannt, zu einem geschätzten Maler der Hauptstadt, ohne mich durch die Leistungen dieses Meisters in Verwunderung zu setzen. Ich fand nichts als die bekannte Malerei auf Reispapier, doch schien der großstädtische Künstler etwas erfinderischer, als seine Collegen zu sein. Unter anderen Gräuelscenen, die eben abgebildet wurden, fiel mir ein Criminalverbrecher auf. Er hing in einem Schornstein und wurde lebendig geräuchert. In einem anderen Atelier bemalte man nur Papierlaternen, und doch hätte Leonardo 297 da Vinci oder Raphael sich nicht stolzer gegen uns gebehrden können, als dieser ungeschickte Pinsler. Ganz in der Nähe befand sich ein Tempel, dessen Besichtigung mir der Sprachmeister noch besonders anempfahl. Wir mußten erst durch lange Reihen kleiner Götzen mit fratzenhaften Gesichtern förmlich ästhetische Spießruthen laufen, ehe wir zu dem dickbäuchigen grinsenden Hauptgötzen der Pagode gelangten. Nach der Fülle der Opfergaben mußte der Gott bei dem Stadtviertel sehr gut angeschrieben stehen. Auf dem langen und breiten Altar standen Platten mit Schweinebraten, gerösteten Fischen, gekochten Gemüsen, Kuchen, Marzipan, Tabak und Pfeifen, die Priester luden uns ein, den Opfergaben zuzusprechen, und mein Mentor war, trotz seines Postens in einem vornehmen europäischen Haushalte, noch immer »Chinese« genug, um sich mit den handfesten Gottesgaben das Mittagessen zu verderben. Spaßhaft war das Gespräch eines Bekenners der Confuciuslehre, welcher seinen Freund, einen Buddhaisten, wegen dringender Geschäfte im Tempel aufgesucht hatte, mit diesem frommen Manne. Nach der Uebersetzung meines Begleiters begann es echt chinesisch mit Complimenten über die beiderseitigen Bekenntnisse. »Was hast Du für eine herrliche Religion, mein alter Vater!« rief der Jünger des Confucius. »Du irrst, mein Großvater, die Deinige ist viel schöner, als die meinige,« antwortete der Buddhaist. So ging es mehrere Minuten lang fort, ehe die Herren auf den Geschäftsgegenstand kamen und wir uns empfahlen. Gegen Abend mache ich gern einen Spaziergang auf 298 der Festungs-Stadtmauer, welche die tartarische Stadt von der chinesischen trennt. Mit Sonnenuntergang werden die tartarischen Thore geschlossen und Niemand kommt weder heraus, noch hinein. Das Schauspiel des ameisenartigen Gewimmels, kurz vor Beginn der Thorsperre, ist höchst ergötzlich. Sind die Thore geschlossen, so kehre ich auf ein Viertelstündchen in einem der kolossalen Speisehäuser ein, wo zu gleicher Zeit mehrere Tausend Tagelöhner, die von der Arbeit kommen, abgefüttert werden. Ein Besuch des alten, noch von den Jesuiten eingerichteten Observatoriums bot außer einer Totalansicht von Peking wenig Neues; ohnehin sind die noch vorhandenen Instrumente nicht mehr im Gebrauch. Doch benutzte ich den günstigen Standpunkt, ein vorüberziehendes Leichenbegängniß rasch abzukonterfeien. Die vorherrschenden Farben waren schwarz, roth, gold, und auf dem vergoldeten Sarge lag eine purpurrothe Sammetdecke. Zweiunddreißig Träger wechselten immer nach wenigen Minuten unter einander ab, die Leidtragenden trugen als Anzeichen höchster Trauer weiße Oberhemden, gleich unseren Chorknaben. Einige Jungen hielten Trommeln auf dem Rücken, die von Erwachsenen mit tiefbetrübten Gesichteru sehr nachdrücklich bearbeitet wurden. Erlauben es die Mittel eines philosophischen Chinesen, so kauft er sich schon bei Lebzeiten einen luxuriös ausgestatteten Sarg und bewahrt ihn in seinem Wohnzimmer auf. Auch schenken sich Familienmitglieder an Hochzeits- oder Geburtstagen Prachtsärge. Hier erinnert das Chinesenthum an verwandte Züge der mittelalterlichen Romantik. Ueberaus geliebte Verstorbene behalten die Hinterbliebenen in luftdicht verschlossenen Särgen im Hause. Ihr Anblick 299 soll, wie unsere Marmorbüsten und Medaillons, an die mit ihnen verlebten frohen Stunden erinnern. Wenn man im Gesandtschaftshotel gut unterrichtet ist, spricht es für den Sittlichkeitszustand Peking's, daß Mordthaten überaus selten vorkommen, desto häufiger sind räuberische oder diebische Angriffe auf das Eigenthum. Eine geringe Gabe der Unterscheidung zwischen »mein und dein« ist dem chinesischen Volksstamm angeboren. Die strenge Criminal-Gerichtsbarkeit leistet zur Beseitigung des Uebels nur wenig. Der dritte Raub und Diebstahl wird in manchen Ländern mit lebenslänglicher Zuchthausstrafe, in China mit Enthauptung bestraft. Das Leben steht nicht sonderlich hoch im Preise. Ist ein Gefängniß überfüllt, so werden, nur um zu räumen, einer ausreichenden Anzahl von Sträflingen die Köpfe abgeschnitten. In der Verschmitztheit haben es die Diebe aller Welt- und Handelsstädte sehr weit gebracht, doch scheinen die Talente von Peking allen anderen den Rang abzulaufen. Häufig kommt es vor, daß ein auf frischer That ertappter Verbrecher, wenn er von den Polizeibeamten der Landessitte gemäß am Zopfe gepackt und in Gewahrsam gebracht wird, diesen in der Hand des Häschers zurückläßt und entspringt. Da er gewöhnlich den Originalzopf schon durch frühere Bestrafungen eingebüßt, hat er sich einen falschen zugelegt, der in derartigen kritischen Fällen seinem Inhaber die besten Dienste leistet. Was die echten Zöpfe anlangt, ist es ein stereotypes Vergnügen des gemeinen Mannes und der Gassenjugend, zwei bis drei zusammenstehende und plaudernde Personen mit den Zöpfen zusammenzubinden. Es entsteht immer eine heillose 300 Verwirrung, wenn die Anstifter heulend unter die Zusammengekoppelten springen und diese zu Boden fallen. Der November ist herangerückt, die Morgen und Abende werden kalt, und ich bemerke auffallende Veränderungen in der Garderobe der Stadtgenossen. Das unbezahlbar theure Pelzwerk, das in den Handlungen feilgeboten wird, kann bei seiner Kostbarkeit nur von Personen hohen Ranges getragen werden; die Mehrzahl der Chinesen sucht sich in der rauhen Jahreszeit auf andere Weise zu helfen. So lange die Hitze anhält, wird von dem Volke nur eine, bis zum Knie reichende, kurze Hose getragen, und Brust und Unterleib unbedeckt gelassen. Im September schützen die Chinesen beide durch eine Blouse. Nimmt die Kälte zu, so legen sie nicht dichtere wärmere Kleidungsstücke an, sondern ziehen nur Hose über Hose, Blouse über Blouse. Durch das Geschenk einer Manila-Cigarre bewog ich einen Kuli, mir eine Untersuchung seiner Garderobe zu gestatten; er trug acht Blousen und elf baumwollene Hosen über einander. In dieser Jahreszeit gleichen die auf dem Pflaster flanirenden Einwohner ausgestopften Popanzen. Etwas bemitteltere Personen verfügen über mannichfaltigere Kleidungsstücke. Sie bekleiden sich mit einer Blouse, deren lange Aermel die Handschuhe ersetzen. Mein aus Shanghai gebürtiger Diener macht mir viel zu schaffen. Gleich in den ersten Tagen hatte ich mir in der Gesandtschaft ausbedungen, seinen Lohn aus meiner Tasche zu bezahlen, doch wäre es besser gewesen, mich mit dem englischen Haushofmeister zu verständigen, diesem das Geld auszuhändigen und die weitere Verrechnung mit dem Taugenichts zu überlassen. Als sich nach einigen Tagen 301 unseres Zusammenseins die Nothwendigkeit ergab, ihm, leichteren Commandos halber, einen Namen beizulegen, war meine Wahl schon getroffen. Ich hätte in das chinesische Vocabularium greifen und ihn Attai (Johann), Atchan (Wilhelm) oder Atchung (August) taufen können, in Betracht seiner geistigen Anlagen und moralischen Eigenthümlichkeiten entschied ich mich für den deutschen Namen »Schlauberger«, dessen Ruf er rasch Folge leistete. Die meisten Stunden des Tages außer dem Hause verweilend, mit Arbeiten beschäftigt, und dann nur von einem mongolischen Reitknecht begleitet, bin ich außer Stande, »Schlauberger« zu überwachen und zu controliren. Für meine wollenen Unterkleider zeigt er eine rührende Vorliebe. Heimlich trägt er meine rothwollenen Strümpfe und eine sammtne Mandarinen-Mütze; er theilt Alles mit mir, würde ich nicht letztere unter strengem Verschluß halten, selbst meine Baarschaft. Bringt er mir Morgens aus der Gesandtschaftsküche den trefflichen Kaffee, seit langer Zeit wieder einmal das Präparat einer sauberen, sorgsamen Frauenhand, so hat der schamlose Wicht die Hälfte bereits zu sich genommen. Seine Leidenschaft, in Peking den Dandy zu spielen, verleitet »Schlauberger« zu Ausgaben, die seine Kräfte übersteigen. Mehr als das Doppelte von dem, was ihm bis jetzt an Lohn zukommt, hat er von mir als Vorschuß herausgelockt, und ich bin darauf vorbereitet, mich von ihm mit einem starken Deficit zu trennen. Meinen Arbeiten gegenüber hat sich »Schlauberger« zu einem hohen kritischen Standpunkte emporgeschwungen; gleich unnachsichtig bin ich noch von keinem europäischen Kunstrichter 302 behandelt worden. »Schlauberger« hudelt mich wie einen Sextaner. Mit meinen Aquarellen kann ich es ihm niemals recht machen. Bald sind ihm die Augen der schönen Landsmänninnen nicht schief oder scharf genug geschlitzt, bald habe ich es in der Kleinheit der Füße verfehlt, dann ist wieder der Kopf nicht lang und dick genug. So sorgfältig ich in Nachbildung der Architekturen von Peking zu Werke gehe, und die wunderlich verschnörkelten, zum Hohne aller Gesetze der Schwerkraft und Mechanik ausgeschweiften Dächer der Tempel und Privatwohnungen mit unsäglicher Sorgfalt in meinen Aquarellen nachzuahmen suche, die Zufriedenheit Schlauberger's kann ich nicht erwerben. In seiner Seele steckt der chinesische Dämon der Verzerrung des Naturwahren, Ursprünglichen. Wäre er es im Stande, er würde selbst seine Gedärme auf eine andere Weise verflechten, als es dem großen Ordner der Organismen beliebt hat. Daß ihm die Berge nie hoch, die Bäume nie grün, die See nie blau genug ist, darf ich wohl nicht ausdrücklich bemerken. Ueber einen Complexus von Drachen und krampfhaft verkrümmten Katzen, der dem chinesischen Künstler wahrscheinlich ebensoviel Mühe gekostet hatte, als mir bei der Zeichnung, zuckte Schlauberger verächtlich die Achsel. In der Hoffnung, auch ein blindes Huhn finde bisweilen ein Gerstenkorn, lasse ich mir Alles von ihm gefallen. Am 4. November machte ich mit Sir Frederic Bruce einen fast vierstündigen Ausflug durch die Stadt und ihre nächste Umgebung. Vortrefflich beritten hatten wir auch die weitesten Wegstrecken nicht zu berücksichtigen, und so galoppirten wir wohl drei Viertelstunden lang durch die 303 Ackerflächen und Gartenanlagen, die zwischen der Stadtmauer und den Straßen Peking's liegen, passirten ein Thor, dessen Name mir entfallen ist, und vermochten nun eine lange Mauerflucht mit ihren gigantischen Vorsprüngen oder Forts in der weiten Sandfläche zu übersehen. »Denken Sie sich, Sie hätten die chinesische Mauer vor sich,« sagte Sir Frederic, dem ich mein Leid klagte, bei der Unsicherheit der Straßen von der anderthalbtägigen Reise bis an die mongolische Grenze abstehen zu müssen. »Ich werde Ihnen eine Photographie der Mauer zeigen,« fügte der Gesandte hinzu, »und Sie werden keinen wesentlichen Unterschied bemerken!« Wir sprengten eine gute Strecke an dem riesigen Bauwerk entlang und benutzten dann, ermüdet durch die großartige Monotonie der Formation, das nächste Thor, um in das Innere Peking's zurückzukehren. Das Glück wollte uns wohl; wir kamen an einem Exercierplatz vorüber, auf dem die Tigergarde, angethan mit gestreiften Uniformen, ihren kriegerischen Uebungen oblag. Hätte uns auch nicht ein englischer Cavallerist in rother Montur und ein mongolischer Reiter begleitet, Sir Frederic schien dem Chef der Tigergarde persönlich bekannt zu sein; der tapfere Befehlshaber unterbrach nicht die Uebungen der Mannschaft. Leider wurde uns das Schauspiel anderweitig verkümmert. Ein mongolischer Gaul riß sich, erschreckt durch unsere weißen Gesichter, von der Hand eines Reitknechtes los und rannte mit der Wuth eines Tigers gegen den englischen Cavalleristen. Nur der muthigen Gewandtheit unseres mongolischen Begleiters hatte der verdutzte Europäer, dessen Streitroß wild aufbäumte, seine 304 Rettung zu danken. Mit einem dicken Kantschu hieb der Mongole dem anstürmenden Gaule, der, um sich beißend, mit den Vorderhufen den Engländer aus dem Sattel schlagen wollte, mit solcher Gewalt über die Nase, daß er stolpernd in die Knie stürzte und wieder am Zügel festgehalten werden konnte. Unsere edlen Thiere wurden unruhig, und wir suchten im raschen Galopp das Weite. Die chinesische Raumverschwendung gestattete uns, sie weit ausgreifen zu lassen. Mit drei französischen Missionären, welche die Tracht von Mandarinen angelegt hatten, wurden weiterhin einige artige Worte gewechselt. Nicht oft genug kann wiederholt werden, daß man sich in Europa vor allen Illusionen über die Erfolge der Missionäre zu hüten habe. Die christianisirten Chinesen in Peking sind als die raffinirtesten Betrüger in der ganzen Stadt verschrieen. Bald darauf durchkreuzten wir eine Straße, in der unter freiem Himmel gekocht und dinirt wurde. In großen Kesseln brodelte eine chaotische Suppe, und vor Hunderten von reihenweise aufgestellten Eimern hockten arme Chinesen und stillten ihren Hunger. Der in der Mitte freigelassene Weg war nur schmal; ich bat meine Begleiter, absteigen zu dürfen, um zu Fuß den Garküchen näher zu kommen; der Mongole hielt mein Pferd. Die in den Eimern dampfende Speise bestand aus einer Olla potrida, wie sie annähernd im Don Quixote beschrieben wird. Für zwei oder drei Cash – ich konnte im Gedränge die einzelnen Münzen nicht unterscheiden – erhielt der Kunde die Erlaubniß, mit seinem Löffel in diesen flüssigen Brei von Fleischfetzen, Reis, Wurst, Gedärmen, Leber und Gemüsen zu fahren und so viel zu 305 essen, als er vermochte. Nur eine kritische Auswahl unter den Leckerbissen war nicht gestattet. Gern wäre ich noch etwas weiter geschritten, allein der Knoblauchsgeruch, mit dem das Universalgericht angemacht war, der zugleich die ganze Straße verpestete, trieb mich von dannen und zu den wartenden Reitern zurück. 306 XXII. Schlaf-Bons. Die Bettlerkaste. Sir Frederics Passepartout. Musikalische Kleinhändler. Vor Hunger gestorben. Eine Gebetmühle. Pfeifende Tauben. Ein Hochzeitszug. Yuan-ming-Yuan. Buddha unter Bonzen und Schweinen. Pekings Kranzler. Nicht alt genug. Dr. Lockhart und mein hohler Zahn. Nicht nur was die Naturalverpflegung anlangt, auch im Punkte des Quartiers kann man in Peking überaus billig leben. In vielen Stadttheilen sind große Häuser errichtet, in denen das Bettlergesindel bei Nacht ein Unterkommen findet. Der Miethsbetrag ist eben nicht hoch. Ein Bon auf drei Nächte kostet etwa einen preußischen Pfennig. Dafür wird der Schlafgast nicht nur beherbergt, sondern auch vor der Kälte geschützt. Sind die Abonnenten im Saale versammelt, so wird vom Plafond desselben eine große Decke voller Schlitze herabgelassen. Jetzt ist es Sache jedes Schlafgastes, ein Loch zu erwischen, durch das er den Kopf steckt, um Athem zu holen. Bei Tagesanbruch wird die Sippschaft unnachsichtig in's Freie getrieben, das Wetter sei so schlecht und rauh, als es wolle. Der Hausherr läßt sich höchstens herbei, einigen ihm längst bekannten Protegés zerlumpte Pelze auf den Weg mitzugeben, die Abends wieder 307 abgeliefert werden müssen. Wer die Schlafstelle nicht zu bezahlen vermag, muß die Nacht unter freiem Himmel zubringen. Man wird sich die Lage der Aermsten ausmalen können, die ohne einen Fetzen, ihre Blöße zu bedecken, in eisigen Winternächten in den Winkeln der Straßen kauern. Es ist nichts Seltenes, im November und December Morgens auf erfrorene nackte Kinder zu stoßen. Bei der unsäglichen Uebervölkerung des Landes und der Schwierigkeit, sie zu ernähren, vererbt sich der Bettel von Geschlecht zu Geschlecht; er wird eine ordentliche Kaste. Ich habe schon gesagt, daß Eltern kein Bedenken tragen, um ihren Kindern eine Handhabe zur Erregung des Mitleids in ihrer Bettler-Carriere mitzugeben, sie gräulich zu verstümmeln, oder mit ungelöschtem Kalk zu blenden. Will man zudringlichen Bittstellern nichts geben, so sind die Worte » pie kan! « das einzige Mittel, sie los zu werden. Sie üben eine eben so nachdrückliche Wirkung aus, wie ein Griff an den vorderen Rand der Halsbinde auf die Bettler von Neapel. Am nächsten Morgen sollten auf dem großen, mitten in der Stadt gelegenen Richtplatze dreißig Verbrecher hingerichtet werden, Grund genug für mich, vor zwölf Uhr nicht meine Wohnung zu verlassen; Schlauberger hatte sich Urlaub erbeten. Ich bewilligte ihm denselben in der geheimen Hoffnung, bei einer so großartigen Metzelei könne auch er um irgend ein minder wichtiges Glied seines Körpers kommen und einigermaßen gedemüthigt werden. Wie ich Abends erfuhr, waren zwei Drittel der armen Sünder geköpft worden, den Ueberrest hatte man in vier Fuß tiefe Gruben auf die Köpfe gestellt und lebendig vergraben. Das Thermometer sinkt mit jedem Morgen tiefer, aber 308 noch immer ist es möglich, im Freien zu arbeiten. Mein Atelier habe ich auf der Stadtmauer aufgeschlagen, weil ich hier am wenigsten von Neugierigen behelligt werde. Nur eine vier Fuß lange, grün und roth gefleckte Schlange leistet mir heute Gesellschaft. Die Kälte hatte die Bewegungen des sonst so regen Geschöpfes verlangsamt; es schlich schwerfällig an meinem Malerstuhl vorbei an einen sonnenhellen Fleck der Mauer. Nach vollendeter Arbeit stattete ich dem benachbarten Tempel der Göttin der Barmherzigkeit einen Besuch ab und bewunderte den Reichthum seiner Ausstattung an Gold und Marmor. Minder ansprechend war der Eindruck eines nahe gelegenen Lama-Tempels mit seinen gelben Bonzen. Die frommen Brüder gingen mir mit einer solchen Zudringlichkeit zu Leibe, daß ich froh war, ihren Betteleien zu entkommen. Gern hätte ich in der Straße, wo ausschließlich Curiositäten der chinesischen Manufactur feilgeboten wurden, einige Ankäufe gemacht, allein die Preise waren nicht zu erschwingen; da Regenwetter ausbrach, betrachtete ich dieses als einen willkommenen Vorwand, die Unterhandlungen abzubrechen und in das Gesandtschaftshotel zurückzukehren. Am 6. November hatte ein Orkan in der Nacht die Regenwolken verscheucht, allein das Thermometer war gleichzeitig unter Null gesunken und der Hof mit Glatteis bedeckt. Zwar ließ ich mich zu einem Ausfluge nach dem Observatorium verleiten, um meine, von dort aus aufgenommene Ansicht der Stadt zu vollenden, allein ich mußte die Arbeit noch vor dem letzten Pinselstrich unterbrechen. Meine Hände und Füße erstarrten; ich flüchtete Zähne klappernd nach Hause. Die Sprachstudien, welche ich jetzt 309 unternahm, kann ich nur für einen Akt der Verzweiflung ausgeben. So freundlich der Sprachmeister des Gesandten mich unterstützt: diese vermaledeite Schrift und Sprache haftet nicht in meinem Gedächtniß. Schon ihre zweihundert und neun und vierzig Ursignaturen, aus denen nach und nach an 80,000 Schriftzeichen oder Figuren zusammengeschnörkelt worden sind, verursacht mir Schwindel. Wer 12,000 derselben inne hat, gehört zu den Notabilitäten der Gelehrsamkeit; aber mit 2000 kann der gebildete Chinese seinen ganzen Ideenkreis zu Papier bringen. Mein gütiger Wirth Sir Frederic läßt es an nichts fehlen, mir das Leben zu erleichtern. Rührt ihn mein Malerfleiß oder mein unzureichender Ortssinn: um meinen Verirrungen in den Straßen von Peking vorzubeugen, hat er mir seinen Stadtplan, einen Bogen rothen Papiers, auf dem sein Namen in großen chinesischen Worten prangt, anvertraut. Dieses Document wird überall als Passepartout angesehen, man gestattet mir den Zutritt oder weist mich zurecht, wenn ich in die Irre gegangen bin. Erst nachdem ich erfahren habe, daß alle Hauptstraßen von Norden nach Süden und von Osten nach Westen streichen, finde ich mich besser zurecht. Erkundigt man sich in den Straßen nach dem Wege, so sagt der Chinese nie: »Geh' rechts! geh' links!« sondern: »Geh' nach Süden, nach Norden, nach Osten, nach Westen!« Bei Ankäufen auch der geringfügigsten Gegenstände werde ich regelmäßig übervortheilt. Grundsätzlich fordert der Chinese für jede Waare stets von einem Europäer den höchsten Preis. Wir gelten in seinen Augen für oberflächlich mit Civilisation gefirnißte oder lackirte Barbaren, die den Werth des Geldes noch nicht kennen und deshalb betrogen werden 310 müssen. Der Kleinhandel in den Straßen der großen Hauptstädte Europa's bedient sich auch künstlicher Hilfsmittel, um die Aufmerksamkeit der Käufer zu erregen; die Detaillisten Pekings sind indeß allen ihren Fachgenossen überlegen. Jeder Hausirer oder fliegende Händler, und bestände sein Magazin auch nur in einem Korbe voll saurer Aepfel, führt irgend ein musikalisches Instrument mit sich, durch dessen Klänge er seine Ankunft anzeigt. Die beliebtesten Tonwerkzeuge sind Trommeln, Schellen, Glocken, Triangel, Trompeten und Tamtams, andere echt asiatische Marterwerkzeuge des Gehörs namentlich zu bezeichnen, bin ich außer Stande. In volkbelebten Straßen wird der kaufmännische Zweck tonkünstlerischer Uebungen meistens durch einen zu massenhaften Zusammenfluß von Artisten vereitelt. Die durch ein ununterbrochenes Ensemble jener Instrumente entstehende »symphonische Dichtung« verhindert jeden Käufer, den Schmerzenslaut des einzelnen Händlers zu unterscheiden. Auf einer meiner letzten Promenaden wurde ich durch einen Auflauf überrascht, der beinahe die etwas enge Passage versperrte. Um den, vor der Thür seines Ladens stehenden Hauswirth hatte sich eine Menge armen Volks versammelt und begleitete seine lauten Wehklagen durch Beileidsbezeugungen. Da ich kräftig vorwärts drängte, machte man mir Platz, ich trat näher und erblickte neben dem Eingange eine, in Lumpen gehüllte Leiche. Spuren äußerer Gewalt fehlten, aber Mangel und Elend hatten an dem Körper größere Verheerungen angerichtet, als eine Mörderhand im Stande gewesen wäre. Der Unglückliche war am Abende vorher, bei der früh einbrechenden Dunkelheit ohne Wissen des Besitzers in den Laden gekrochen und dort in der 311 Nacht Hungers gestorben. Am Morgen hatte man die Leiche gefunden. Anfangs begriff ich nicht die Aufregung des Hauswirths, da hier eine in China keineswegs ungewöhnliche Todesart vorlag, als ich später jedoch erfuhr, daß der Grundbesitzer in jedem solchen Falle nicht nur eine Geldstrafe an die Regierung zahlen, sondern auch die Kosten der Beerdigung tragen muß, verzieh ich ihm seine Lamentationen. Noch mißlicher wäre seine Lage gewesen, hätte ein Mord oder auch nur Selbstmord nachgewiesen werden können. Mindestens würde er zur ferneren Unterhaltung der Hinterbliebenen des Todten verurtheilt worden sein. Es kommt vor, daß Chinesen, nur um einen Akt der Rache auszuüben, sich in das Haus eines Feindes schleichen und dort entleiben. Das Gesetz macht den Eigenthümer auch verantwortlich, wenn sich ein Lebensüberdrüßiger vor sein Haus legt, und dort zu sterben anschickt. Entdeckt er ihn rechtzeitig, so sucht er ihn durch das Angebot einer kleinen Geldsumme auf andere Gedanken zu bringen und in die Nachbarschaft zu schicken. Im Innern der Stadt ist jedes zehnte Haus, wie bei uns ein Bierlokal, eine Restauration. Wie das Proletariat sich beköstigt, habe ich schon beschrieben, aber die Beschränktheit der Wohnungen und die Benutzung aller Räume zu industriellen Zwecken, zwingt meistens auch den Mittelstand, seine Nahrung außer dem Hause zu suchen. Dem Pariser ähnlich, dinirt der Einwohner von Peking gern bei einem Restaurant. In den feineren Speisehäusern so gut, wie in den gewöhnlicheren, habe ich oft zahlreiche Familien getroffen, die rasch ihr Mittagsmahl einnahmen und dann wieder in das Geschäft zurückeilten. Trotz meiner geringfügigen Sprachkenntnisse schließe ich mich gern solchen Kreisen 312 an und niemals hat man mein Entgegenkommen abgelehnt. Sehr auffallend war mir, daß diese Familien, Alt und Jung, Groß und Klein, stets vor den Schaufenstern von Läden verweilten, wo die frechsten Photographieen nach lebenden Gruppen ausgestellt waren. Diese Schmutzbilder werden für den Verkauf in den großen chinesischen Städten eigends in Paris fabricirt und repräsentiren ohne andere Concurrenz die Höhe der europäischen Kunstentwicklung. Dürfen wir uns wundern, wenn der denkende Chinese über unsere Ethik und Aesthetik nur mit äußerster Verachtung spricht? Man lernt täglich etwas Neues. Einer meiner flüchtigen Speisehaus-Bekannten führte mich in den Hof seines Häuschens, und zeigte mir mit triumphirendem Lächeln seine neu eingerichtete Gebetmühle. Der religiöse Apparat stand auf einer vergoldeten Stange, und das vielfarbige Rädchen drehte bei dem frischen Herbstwinde wacker die mit Gebeten beklebte Walze. Auf dem Gesicht des Gebetmüllers lag das selige Bewußtsein, ein der chinesischen Gottheit wohlgefälliges Werk verrichtet zu haben. Demselben Privatmanne verdanke ich auch die Erklärung eines akustischen Phänomens, über das ich mir in Peking oft vergebens den Kopf zerbrochen hatte. Die Taubenschwärme, wenn sie sich in der Luft umhertummelten, stießen dabei ein seltsames pfeifendes Geräusch aus, das ich mit der Natur dieses schweigsamen Geflügels nicht zu vereinbaren vermochte. Nachdem ich mich mit meinem Chinesen durch Gebehrdenspiel verständigt, ersuchte er mich, mit ihm auf seinen Taubenschlag zu klettern und zog mit flinker Hand einen stattlichen Täuberich hervor. Jetzt war mir Alles klar. Um doch ein neues unerquickliches Getön hervorzubringen, war an dem Vogel eine kleine Pfeife 313 oberhalb der Schwanzfedern befestigt, auf welcher der Luftzug beim Fluge jenes Geräusch hervorbrachte. Am 8. November begab ich mich nach dem Tempel der Agricultur, wo der Kaiser jährlich einmal zu Ehren des Landbaus mit dem Pfluge eine Furche zieht, wie sich meine Leser aus Gozzi's und Schillers »Turandot« erinnern werden, und vollendete eine frühere Aquarelle. Auf dem Heimwege begünstigte mich das Glück; ein chinesischer Hochzeitszug kam mir entgegen. Ich trat in einen Theeladen, wurde von dem Eigenthümer sehr höflich empfangen, zum Sitzen genöthigt, und ließ die Prozession gemächlich vorbei defiliren. Der Hochzeitsvater mußte ein bemittelter, wenn nicht reicher Mann sein, denn an die Ausstattung des Zuges war viel verwandt worden. Bei seiner, durch den lebhaften Straßenverkehr gebotenen geringen Breite, dauerte es eine Viertelstunde, ehe die letzten Gäste an mir vorüberzogen. Eine Doppelreihe von Kulis schritt voran, und schwenkte rothe und weiße, vergoldete, und mit einem grünen Drachen bemalte Fahnen, dann erschien ein Orchester von Pfeifern, Gong und Trommelschlägern; die Braut folgte. Sie saß in einem prachtvollen, mit Gold, Silber, Spiegelglas, Glöckchen und Laternen ausgeschmückten, vielfarbig bemalten Hochzeitspalankin, und blickte aus ihren geschlitzten Aeuglein über das kaum bemerkbare Stumpfnäschen hinweg, fröhlich in die Welt hinein. Der Bräutigam befand sich nicht im Zuge. Nach vollendeten Heirathsfeierlichkeiten im Hause der Schwiegereltern, führt er die Neuvermählte in den Palankin, verschließt die Thür und eilt nach Hause. Hält der Zug vor demselben, so erscheint er mit dem Schlüssel in der Hand, öffnet den Palankin und führt die junge Gattin 314 in ihre Wohnung. Hinter dem von acht Kulis getragenen Palankin der Braut wurde die Mutter, aber nur von vier Kulis getragen. Als ich im Gesandschaftshotel anlangte, war eine halbe Stunde vorher Herr Karl Bismarck von Tientsin eingetroffen. Wir füllten die übrige Zeit des Tages mit Spaziergängen aus, speisten bei einem eleganten Restaurant und trafen die nöthigen Vorkehrungen zu einem Ausfluge nach Yuan-ming-Yuan, den kaiserlichen Sommerpalästen, für den nächsten Morgen. Die Weite und Schlechtigkeit des Weges ließ es unbillig erscheinen, sich mit der Bitte um Reitpferde an Sir Frederic zu wenden, obwohl er sie nicht abgeschlagen hätte; wir wandten uns an einen Rossetäuscher und mietheten einige mongolische Gäule, bei deren Bösartigkeit wir allerdings auf die verschiedenartigsten equestrischen Wechselfälle gefaßt sein mußten. Am 9. November, Morgens sieben Uhr, brachen wir auf. Die Kälte war schneidend, unsere Hände erstarrten an den Zügeln, unsere Füße an den Steigbügeln; ohne Herrn Bismarck, der dem Reitknechte in chinesischer Sprache gebot, Letztere mit Stroh zu umwickeln, wäre ich umgekehrt. Erst die steigende Sonne erwärmte uns ein wenig. Wir ritten durch eine Menge Dörfer und eine ziemlich große Stadt, und erreichten Mittags halb zwölf Uhr die kaiserliche Sommerfrische. So viel sich noch ermessen ließ, war sie ein Inbegriff alles Phantastischen und Mysteriösen, was Baukunst und Landschaftsgärtnerei aus Porzellan-Pagoden, Kiosks, Bronzestatuen, Marmorbrücken und Pflanzen-Combinationen zu schaffen vermögen. Die Vegetation hatte schon durch die vorgerückte Jahreszeit gelitten und der größte Theil der Prachtbauten war vor drei Jahren (1860) 315 durch die barbarische französische und englische Soldateska zerstört worden, doch machte die von klaren Wasserstreifen und kleinen Seen belebte Hügellandschaft, welche die malerischen Contouren des Mongolen-Gebirges harmonisch abgrenzten, noch immer einen hochpoetischen Totaleindruck. Entzückend ist die Rundsicht von dem höchsten Punkte, einem Hügel, den ein großer Sommerpalast krönt. Ein Theil desselben hat der Zerstörungslust der europäischen Vandalen getrotzt, aber an vielen Orten ist kein Stein auf dem Andern geblieben. Man verdummt vor dieser brutalen Freude am Ruin von zierlichen Werken der fleißigen Menschenhand, wenn man unter muthwillig zerschmetterten Marmortreppen und Brücken, umgestürzten Götzenbildern und verwüsteten Landhäusern umherwandelt. Offenbar sind die gelb glasirten Dachziegeln abgerissen und absichtlich mit den Absätzen zertreten oder den Flintenkolben zerstampft. Weite Strecken glichen im Sonnenglanze Feldern von Goldsand. Nur zwei, wenn ich nicht irre, aus Banca-Zinn gegossene, auf hohen Marmor-Piedestalen stehende colossale Löwen, waren der Wuth der Eroberer unzugänglich geblieben, und bewachten noch heute am Eingange die Ruinen des Sommerpalastes ihres kaiserlichen Gebieters. Wir hielten uns nur zwei Stunden auf, denn es war grimmig kalt und der vom Mongolengebirge wehende Wind hatte alle stehenden Gewässer mit einer dünnen Eisschicht überzogen. Unserer Abenteuer mit den Mongolenkleppern sei nur beiläufig Erwähnung gethan. In einem langen Gange des kaiserlichen Gartens nahm mein Schimmel das Gebiß auf die Zähne und Reißaus, um mich später über seinen Kopf weg hart vor einem dichten Gebüsch in den Sand zu setzen. Um fünf Uhr Nachmittags 316 waren wir wieder in Peking, aber acht Stunden hindurch im Sattel geblieben. Unterwegs hatte sich uns ein Chinese aus den besseren Klassen angeschlossen, mit dem Herr Bismarck ein lebhaftes Gespräch anknüpfte. Der Reisegefährte besaß in der Gegend eine ausgebreitete Bekanntschaft und stieg regelmäßig vom Pferde, so oft ihm ein Freund begegnete, um der Etikette gemäß ihm parterre seine Ehrfurchtsbezeugungen zu erweisen. Da der Freund dieselben stets gewissenhaft erwiederte und dadurch viel Aufenthalt entstand, wurden unsere Klepper noch störrischer als zuvor, und Herr Bismarck, der den seinigen durch europäische Reiterkünste sanfter stimmen wollte, that einen bedenklichen Sturz, und beschädigte sich im Gesicht und an den Händen. Wir griffen zum Kantschu und ließen den überhöflichen Chinesen hinter uns, der natürlich nicht zögerte, nochmals abzusteigen und uns aus der Ferne feierlich Lebewohl zu sagen. Nicht weit von der Stadtmauer führte mich Herr Bismarck in einen Tempel, wo uns die Bonzen gegen ein Trinkgeld die größte Glocke des Kaiserreichs zeigten. Das Ungeheuer besitzt einen Umfang von 33 englischen Fuß. Es war fünf Uhr, als ich im Hotel anlangte. Nach den Strapazen des Tages genoß ich eine erquickliche Nachtruhe und wurde nur zu frühe durch ein, aus den Dienerwohnungen über den Hof erschallendes Jammergeschrei erweckt. Ein chinesischer Diener hatte die Ofenklappe zu frühe geschlossen und war in seiner Kammer am Kohlendampf erstickt. Nun höre man, wie der englische Gesandte sich benahm! Auf seine Kosten wurde ein Sarg herbeigeschafft und die Familie des Verstorbenen citirt, welche vom Haushofmeister 20 Dollars Schmerzensgeld erhielt. Zugleich wurde aber im Bedientenviertel ein Plakat an die Hofmauer 317 geklebt des Inhalts, daß der Gesandte dem Verstorbenen seine Unvorsichtigkeit verzeihe, sich aber gemüßigt sähe, jeden Nachfolger strenger zu behandeln. Wer die Klappe wieder zu frühe schlösse, hätte es sich selber zuzuschreiben, wenn er weder einen Sarg, noch eine Unterstützung für die Hinterbliebenen erhielte! Ich bedaure von ganzem Herzen mit dem liebenswürdigen und geistvollen Bismarck so spät zusammengetroffen zu sein. Er besitzt die Ortskenntniß eines Eingeborenen und führt mich an Orte, von deren Vorhandensein ich keine Ahnung hatte. So besichtigten wir im nördlichen Theile Pekings einen, anderthalb Meilen vom Hotel entfernten Buddhatempel und darin das 75 Fuß hohe, 25 Fuß breite, aus Holz geschnitzte Standbild des Götzen, und tummelten uns unverdrossen unter den zahlreichen Bonzen und Schweinen umher, die gemeinschaftlich den Tempel bewohnten. Auch dem freundlich gelegenen Kirchhof der russischen Mission und den Gräbern der am 18. September 1860 ermordeten sechs Europäer wurde ein kurzer Besuch abgestattet, der uns nur durch den Ueberfall einer Horde von Bettlern aller Lebensalter verleidet wurde. Um sich zu erwärmen, überschlugen sich die unbekleideten Kinder fortwährend, wobei sie zuweilen in eine Pfütze taumelten und das dünne Eis derselben durchbrachen. Auf einem Thore zeigte mir Herr Bismarck eine Reihe gemalter Kanonenmündungen in den Schießscharten; mit unbewaffnetem Auge hatte ich bisher wirkliche Geschütze dahinter vermuthet. Sir Frederic war heute bei Tisch in besonders heiterer Laune, er erzählte mit vielem Humor von mancherlei Verlegenheiten, die ihm seine undeutliche Handschrift bereitet. Er hatte z. B. vor Jahr und Tag an eine berühmte Firma 318 der Havannah geschrieben und sich für 200 Pf. Sterling der feinsten Cigarren ausgebeten. Die Firma schickte für 600 Pf. Sterling und der Gesandte mußte bezahlen, da die Zahl mehr Aehnlichkeit mit einer Sechs, als einer Zwei besaß. Vor mehreren Monaten hatte er für 600 Frcs. Trüffeln in Paris bestellt, aber unter Hinzufügung der Entschuldigung: es sei schwer gewesen, in so kurzer Zeit die nöthige Quantität in gutem Zustande herbeizuschaffen, deren für 6000 Frcs. erhalten. »Sie werden erklärlich finden, daß bei keiner Mahlzeit Trüffeln fehlen!« schloß der Bericht Sir Frederics. Nach dem Dessert verabschiedete sich Kapitän Osborne, um mit seinen acht Schiffen nach England zurückzukehren. Der tapfere Seemann hat sich dem Gedächtniß der chinesischen Piraten für immer eingeprägt. Auf seinem Schiffsregister stehen mehr als zweihundert Dschunken, die er in den Grund gebohrt, oder nach Gefangennahme der Mannschaft in Brand gesteckt. Um auch die Zuckerbäckerkünste von Peking kennen zu lernen, führte mich Herr Bismarck zu dem ersten Conditor des Orts, dem Kranzler von Peking. Unserem europäischen Geschmack sagten die candirten Früchte und feinen Säfte am meisten zu; wir gehörten nicht zu den passionirten Kuchenfreunden. Um meinem Gastfreunde in Tientsin eine kleine Artigkeit zu erweisen, kaufte ich zugleich ein Dutzend mit den erlesensten Früchten gefüllter Flaschen und ließ sie durch einen Kuli in das Hotel tragen. Mit einem Antiquare konnte ich nicht Handels eins werden, so eifrig Bismarck intervenirte. Von einem anderen Bibliothekar hatte ich irgend ein altes Buch verlangt, und der schlaue Händler pries mir als Unicum eine, von Würmern zerfressene Scharteke an, die vor 8000(!) 319 Jahren gedruckt sein sollte. Er mochte diese Kostbarkeit schon lange auf dem Lager haben, denn er empfahl mir den morschen Fascikel mit einer Leidenschaftlichkeit, die mich vielleicht zu Fall gebracht und um zehn Dollars ärmer gemacht hätte. Nur die verstohlenen Winke Bismarcks belehrten mich eines Bessern, aber wie dem Zudringlichen entrinnen? Ruhig legte ich das Heft nach einiger Prüfung des Inhalts auf den Tisch und bat meinen Begleiter, dem Verkäufer zu sagen: ich würde es gern behalten, aber es sei mir nicht alt genug! Dem Chinesen blieb der Schrei des Entsetzens im Schlunde stecken; wir entfernten uns mit feierlichen Schritten. Ein solcher Antiquitäten-Liebhaber mochte ihm in Praxi noch nicht vorgekommen sein. Der liebenswürdige Landsmann veranlaßte mich ferner zu einem Besuche in Dr. Lockhardts Heilanstalt. Der ehrwürdige Herr ist seines Zeichens Missionär und beschäftigt sich nur nebenbei mit der Heilwissenschaft. Eine Kritik derselben mag den Männern von Fach anheimgestellt bleiben: ich beschränke mich auf eine Beschreibung seiner Fixkurmethode. Ich fand das Vorzimmer Mr. Lockhadts voller lahmer, blinder und tauber Chinesen, anderer Uebel und Gebrechen gar nicht zu gedenken. Für alle diese Leiden gab es nur eine Arznei. Die krankhafte Stelle wurde zuerst mit gelber Farbe angemalt, dann erhielt der Patient eine Handvoll Pillen, die er gleich vor den Augen des Wunderdoctors zu sich nehmen mußte. Von der Wirksamkeit seiner Medicamente war Mr. Lockhardt felsenfest überzeugt. Von seiner zahnärztlichen Geschicklichkeit bin ich weniger erbaut. Ich wollte die Gelegenheit benutzen, mich von meinem Quälgeist, einem hohlen Zahne, zu befreien, aber Se. Hochwürden brachen in der Hast die 320 Krone auf den ersten Ruck ab und gruben dann eine Stunde lang, während deren ich von zehn Kulis, seinen Assistenten, an Armen und Beinen, Kopf und Kragen festgehalten wurde, an der Wurzel umher, die endlich in einzelnen Stücken zu Tage kam. Das Personal im Gesandtschaftshotel schlug die Hände über dem Kopfe zusammen, als ich mit bombenartig angeschwollenem Gesichte am Theetische erschien. 321 XXIII. Aquarelle für Zahn. Schlauberger's Diener. Abgelohnt. Mistreß Reynolds. Kutscherwechsel. Tartarus, Inferno und Ausspannung. Segelkarren. Ein umgefahrenes Haus. Mongolische Miethsklepper. Nach Chialin. Die Stinkpots bei Taku. Das Wetter verschlechtert sich mit jedem Tage und ein anhaltender stürmischer Wind gestattet mir nicht, unter freiem Himmel zu arbeiten. So gleichgültig es mir ist, im Gesicht und an den Händen schwarz, wie ein Schornsteinfeger nach Hause zurückzukehren, der klebrige dunkle Staub, der an jedem frischen Pinselstrich haftet, verdirbt alle neuerdings angefangenen Aquarellen. Auch der Ueberlandweg von Peking nach Tientsin muß reiflich in Erwägung gezogen werden. Nach meiner Bekanntschaft mit der Landstraße kann der Weg bei anhaltendem gelindem Frost unfahrbar werden. Die Kräfte zweier Pferde reichen gewiß nicht aus, den durch die Eiskruste bis an die Achse in den Schlamm gesunkenen Karren tausendmal an einem Tage wieder herauszuziehen. Mein Plan, bald möglichst die Rückreise anzutreten, sollte durch Dr. Lockhardt, den als Zahnbrecher dilettirenden Missionär, vereitelt werden. In Verlegenheit, ihm, dem frommen Diener der Kirche, ein 322 Honorar für ärztliche Leistungen anzubieten, so elend sie gewesen sein mochten, stammelte ich bei meinem Abschiedsbesuch einige Worte der Erkenntlichkeit, doch war Dr. Lockhardt nicht der Mann, sich damit zu begnügen. Keineswegs geneigt, dem Laster der Undankbarkeit Vorschub zu leisten, erklärte er, durch die Zeichnung eines gewissen Theiles der Stadt sattsam für seine Bemühungen belohnt zu werden; es blieb mir also nichts übrig, als einen Tag zu opfern, und bei einem eisigen Winde, der mich mit neuen Zahnschmerzen bedrohte, die Zeichnung für den bescheidenen Priester anzufertigen. Wenn mich das Geständniß nicht schändet, will ich bekennen, niemals ein Blatt so gleichgültig und nachlässig ausgeführt zu haben. Einmal dieser Verpflichtung ledig, ging ich an das mühselige Geschäft, meine Koffer zu packen. Auf Schlaubergers, meines chinesischen Dieners Hilfe, war nicht zu rechnen; ich suchte ihn sogar Taschen- und Kofferdiebstahls halber fern zu halten. Nur meiner einfältigen Gutmüthigkeit habe ich es zuzuschreiben, wenn mir der heillose Kerl in den letzten Tagen über den Kopf gewachsen ist. Ueberdrüssig, meine Kleider zu reinigen und die Stiefel zu putzen, hält er sich dazu einen Kuli, der mir bei der wahrscheinlich schlechten Bezahlung seines Gebieters, nicht vom Leibe geht, und um »Backschisch« bettelt. Der unaufhörlichen Prellereien Schlaubergers müde, beschloß ich, ihn vor Verschluß meiner Koffer abzulohnen. Zu zahlen hatte ich nichts mehr, da er bereits für anderthalb Wochen Vorschuß empfangen. Diesen ließ ich ihm und fügte sogar noch ein kleines Geschenk hinzu. Dessenungeachtet bettelte der Kerl um Backschisch und dann noch um 50 Cash zu einer Pfeife 323 Opium. Es war unmöglich, ihn aus dem Zimmer zu entfernen, die offenen Koffer und die auf dem Tisch umherliegenden zum Theil werthvollen Gegenstände waren für ihn zu verführerisch. Jetzt ging ich an die Emballage jenes Dutzends Porzellankrucken, in denen die feinsten eingemachten Früchte enthalten waren, die ich, um meinem gütigen Gastfreunde in Tientsin eine kleine Aufmerksamkeit zu erweisen, bei dem ersten Conditor in Peking gekauft hatte. Ich befahl Schlauberger, die Krucken aus einem Wandschrank mir zuzureichen und dann das Gemach zu verlassen. Zu meinem Befremden trat der Kerl, ohne meinem Befehl zu gehorsamen, sogleich den Rückzug an. Der Paß wurde ihm indessen verlegt; ich drängte ihn gegen das Fenster und griff selber nach den Krucken. Sie waren sämmtlich leer ; der Schlecker hatte den Inhalt bis auf die letzte Fruchtfaser verzehrt. Bei der geringsten Spur von Verlegenheit oder Scham wäre ihm seine Gefräßigkeit hingegangen, aber die freche Hohnlache des Buben, der die Dieberei für einen guten Witz zu halten schien, empörte mich aufs Aeußerste. In Ermangelung eines Säbels griff ich nach der Nilpferdpeitsche, welche mich auf meinen letzten Reittouren begleitet hatte und ging Schlauberger zu Leibe. Er wollte mir unter dem Arm durchschlüpfen, allein ich kam ihm zuvor und versetzte ihm mit Aufgebot aller meiner Kräfte einen regelrechten Schwadronhieb. Schlauberger warf sich zu Boden und stieß ein lautes Jammergeschrei aus, sprang jedoch, als ein Regenschauer von Kantschuhieben über ihn hereinbrach, geschwind wieder auf und rannte heulend davon. Zu meinem Troste machte sich der im Hofe beschäftigte Mongole, dem er stets ein Dorn im Auge 324 gewesen war, über ihn her und versetzte ihm, den Zopf festhaltend, mehrere Fußtritte, wie sie eben nur einem Mongolen zur Verfügung stehen. Das Geschrei des Sträflings zog die Dienerschaft des Hauses herbei und ich benutzte gleich die Gelegenheit, um meinen Dank für geleistete Dienste auszusprechen und die Abschieds-Trinkgelder zu vertheilen. Mit ungeheuchelter Rührung trennte ich mich von Mistreß Reynolds, der dicken Köchin. Die würdige Frau hatte sich um mein Leibeswohl hochverdient gemacht; ihre Diners werden niemals aus meiner Erinnerung schwinden. Ein feierlicherer Act war die Verabschiedung von Sir Frederic und seinen jugendlichen Attachés. Der Aufenthalt in diesem Hause und einer Gesellschaft, die alle Bildung und den edlen Anstand Englands besaß, hat mich für sämmtliche, auf See im Kreise roher Kapitäne und Passagiere erlittenen Ungebührlichkeiten entschädigt. Am 11. November sagte ich den liebenswürdigen Gastfreunden für immer Lebewohl und bestieg den, vor dem Hotel harrenden »Todeskarren«. Herr Karl Bismarck und ein junger Attaché gaben mir noch zwei Stunden weit zu Pferde das Geleit. Der Himmel mag wissen, wann ich dem freundlichen Landsmanne die mir erwiesenen Gefälligkeiten vergelten kann. Die Gegenwart der beiden Herren mochte meinen Kutscher in Zaum gehalten haben, als sie ihm aus dem Gesicht entschwunden waren, entwickelte er plötzlich eine der unangenehmsten Eigenschaften, an der Rossebändiger zu leiden pflegen. Seiner gigantischen Statur nach ein geborener Raufbold, fing er mit einer Menge Passanten Streit an, und ging gleich zu Schimpfworten und 325 Thätlichkeiten über. Für einen schlichten Deutschen ist es immer eine bedenkliche Aufgabe, die Streitigkeiten chinesischer Pferdeknechte schlichten zu müssen; ich machte gute Miene zum bösen Spiele. Zänkereien kommen bei der tief eingewurzelten Feigheit der ostasiatischen Völker selten vor, und mich belustigte dieser Wortwechsel, wie ich ihn noch nie erlebt. War der Frieden wieder hergestellt, so suchte mich der störrige Kutscher durch Geschichtserzählungen für meine Vermittelung zu belohnen. Ihrem Gange vermag ich nicht zu folgen, doch lerne ich immer einige neue Vocabeln, die ich aber schon in Tientsin nicht mehr verwerthen kann. Die Naturalverpflegung auf dem Rückwege flößt mir keine Besorgnisse mehr ein. Mistreß Reynolds hat hausmütterlich für mich gesorgt. Noch im Augenblicke des Scheidens brachte die gute Frau einen Kober voller gebratener Rebhühner, Zungen, Pickles und Brandy; eingedenk des Schlaubergerschen Appetits habe ich ihn sofort, wie eine Reisetasche, um die Schulter gehängt. Die Eintheilung unserer Nachtlager ist eine andere, als auf der Hinreise nach Peking, aber ein Unterschied in der Einrichtung der Gasthäuser ist nicht zu bemerken. Sie sind immer dieselben schmutzigen und stinkigen Kabachen mit aufgemauerten Bettpritschen und ungeflickten Papierfenstern. Wäre ich den Peiho stromab gefahren, so hätte ich wohl diese Unbequemlichkeiten gemieden, bei den Krümmungen des Flusses aber beinahe fünf kostbare Tage verloren. Gelegenheit zu Kutscherbekanntschaften wird mir häufig geboten. Sobald nämlich ein Gespann das andere einholt, ist es Brauch der Fuhrleute nach Austausch der weitläufigen 326 Begrüßungs-Ceremonien, nun auch ihre Sitze auf der Gabeldeichsel und die Lenkung der Pferde zu wechseln. Ohne den Fahrgast zu fragen, nimmt der fremde Kutscher neben ihm Platz und knüpft sogleich eine vertrauliche Unterhaltung an. Mehrmals wurden mir von den galanten Herren angebissene Aepfel oder brennende Tabakspfeifen angeboten, die ich regelmäßig mit tiefgefühltem Dank zurückwies. Verriethen sie Spuren von Empfindlichkeit über die Ablehnung dieser Artigkeiten, so stellte das Geschenk einer Cigarre ihre gute Laune schnell wieder her. Der Uebersiedelung des Ungeziefers, mit dem sie bedeckt waren, konnte ich mich leider nicht mit gleicher Leichtigkeit erwehren. Mit untergeschlagenen Beinen sitzen wir einander so nahe, daß die Colonisation der kleinen Kriechthiere rasch und ungehindert vor sich gehen kann. Die Dichter des Alterthums haben sich über die Schrecken des Tartarus ebenso ausführlich verbreitet, wie Dante über die Gräuelscenen der christlichen Hölle, aber in den Schilderungen Beider vermisse ich das Bild des deutschen Reisenden, der Abends in einer chinesischen Ausspannung angelangt, seine geräderten Glieder auf der geheizten Steinpritsche ausstreckt, hier vor einer eiskalten Kachel zurückschaudert, dort sich an einer glühend heißen Stelle verbrennt, trotz des Getuschels am Papierfenster, nachdem er das qualmende Talglicht ausgeblasen, endlich in einen unruhigen Schlummer verfällt, plötzlich aber von naschhaften Kerbthieren angezapft, entsetzt von der Folterbank aufspringt, sich aller Kleidungsstücke entledigt und wie irrsinnig in der Höhle umhertobt. Ich verschone meine Landsleute mit einer ausführlichen Beschreibung des ersten Nachtquartiers auf der Rückkehr 327 von Peking nach Tientsin. Die Qualen desselben hatten bei der früh hereinbrechenden Dunkelheit der Herbstabende schon um halb acht Uhr begonnen, aber erst eine Stunde nach Mitternacht hatte ich meine Fassung so weit wieder errungen, um zu Gunsten der Gastwirthschaft selbst einige Milderungsgründe beizubringen. Möglichst ruhig setzte ich mir auseinander, die Gründung dieser Kneipe könne vielleicht bis in die ersten Jahrhunderte nach Christi Geburt hinausreichen, und schon ein Zeitgenosse des Attila auf der, über die Pritsche gebreiteten Strohmatte geschlafen haben; die älteren Anrechte der darin hausenden Insecten-Bevölkerung seien daher zu respectiren. Ich hüllte mich wieder in meine Kleider und wandelte bis drei Uhr in dem kleinen Hofe umher. Bis zum Tode erschöpft, schlummerte ich dann noch eine halbe Stunde, wurde aber gegen vier Uhr schon von meinem Kutscher geweckt. Der schlechten Wege halber trieb er, um das nächste Quartier noch rechtzeitig zu erreichen, so frühe zum Aufbruch. Es war bitterkalt und sternenklar, um so unheimlicher wirkte der Leichengeruch, den der Nachtwind uns von benachbarten Gräberstätten entgegentrieb. Der Kutscher bemühte sich wieder, mich durch Fortsetzung seiner gestrigen Erzählungen zu zerstreuen, doch sprach er heute viel lauter. Er mochte mich, da ich meistens nur durch Kopfnicken geantwortet, für harthörig halten. Auch heute setzte ich meine Kutscherbekanntschaften fort, und kam nach einer vierzehnstündigen Fahrt an Gräbern und offenen Särgen vorbei, bald nach Sonnenuntergang, betäubt von dem wirren Geschwätz der Barbaren, in der Herberge an. Seit sechs und dreißig Stunden habe ich keinen Europäer mehr gesehen. Die grundlosen Wege 328 hatten die Karrenfahrt doppelt unerträglich gemacht. Dreimal mußten wir queer durch kleine Flüsse fahren, in deren Lehmgrund die schweren Karrenräder bis an die Achse versanken und das trübe Wasser unsere Füße benetzte. Wegebau-Commissionen mögen in China nicht existiren! Um über die Schwierigkeiten der Straßen leichter hinwegzukommen, bedienen sich die Führer von Schiebkarren des eigenthümlichen Hilfsmittels der Mattensegel, und wirklich scheint der Wind bei leichten Fahrzeugen ausreichende Kraft zu besitzen, den Karren rascher von der Stelle zu bringen. Vor einem freistehenden Thor oder Triumphbogen hielt ich eine Viertelstunde und skizzirte ihn flüchtig. Zwei fünfzehn Fuß hohe hölzerne Figuren veranlaßten mich besonders dazu. Beide mochten Teufel vorstellen, aber während der Eine sich mit einem Säbel gar grimmig gebehrdete, musicirte der Andere unter leutseligem Lächeln auf einer Guitarre. In dem nahen Tempel stand ein Hauptgott aus Bronze, wie eine Bruthenne von ihren Küchlein, umgeben von vielen kleinen Götzchen. In unserem heutigen Nachtquartier sah es etwas reinlicher aus, man war sogar auf ein warmes Abendessen eingerichtet, doch war auch der Betrag der Rechnung diesen Genüssen angemessen. Das Dokument habe ich gleichfalls aufbewahrt, und erfreue mich noch heute in Stunden der Erinnerung der zierlichen Schrift des chinesischen Wirthes. Wenn unsere Oberkellner die Rechnung möglichst flüchtig auf das Papier werfen und die einzelnen Posten gern in ein Pauschquantum zusammenziehen, befleißigt sich der Chinese einer wahrhaft kalligraphischen Ausführung. An den, oft aus zwanzig Haarstrichen gebildeten einzelnen Wörtern fehlt nicht ein Häkchen, 329 die Anfertigung der Rechnung von der Größe eines Thalerscheins konnte eine Stunde gedauert haben. Am 13. November brachen wir um fünf Uhr Morgens wieder auf und erreichten Nachmittags noch bei guter Zeit Tientsin. Wäre ich abergläubisch; unser Einzug hätte mir für eine üble Vorbedeutung gelten können. Mein Kutscher, der seit Tagesanbruch wenig Gelegenheit gefunden hatte, seiner Händelsucht Luft zu machen, suchte in der Vorstadt einiges Aufsehen zu erregen, und fuhr ein kleines Haus um. Wäre ihm dieses Attentat auf den befestigten Grundbesitz von Tientsin ungestraft hingegangen, er hätte von den wuchtigen Karrenrädern noch weiteren Mißbrauch gemacht und die ganze Straßenfront von Kartenhäusern über den Haufen gefahren, allein der Hausherr, die Miether und alle Nachbarn, fielen über uns her, und überschütteten den Freund des Umsturzes mit bittern Vorwürfen. Man forderte von mir Bezahlung des übergefahrenen Hauses? Nach Abrechnung des Werthes der Baustelle, für die ich nicht verantwortlich gemacht werden konnte, hätte sich die Entschädigungssumme wohl noch erschwingen lassen, denn die Trümmer des Gebäudes glichen nur einem Haufen übereinander geworfener Bettschirme, allein rechtzeitig überfiel mich der Argwohn, das kleine Haus könne aus Speculation so weit aus der Straßenflucht hervorgerückt sein, um dem Besitzer zuweilen eine Extra-Einnahme zu verschaffen; ich verweigerte jegliche Zahlung. Der Wortwechsel mit dem Kutscher dauerte noch an zehn Minuten, dann ließ man uns passiren und kurz vor Sonnenuntergang hielt der Karren vor dem Hause des Herrn Stammann. Während meiner ersten Anwesenheit in Tientsin war 330 mir die Zeit nur spärlich zugemessen, jetzt bin ich genöthigt, den Abgang des Dampfers nach Shanghai hier abzuwarten, und gesonnen, das Versäumte nach Kräften nachzuholen. Gleich am nächsten Morgen (14. November) begünstigte die herrliche, nicht zu kalte Witterung meinen ersten malerischen Ausflug. Schnell war eine Ansicht der Stadt zu Papier gebracht, und Nachmittags ein Spazierritt mit zwei Deutschen unternommen, der leicht traurige Folgen hätte haben können. Den mongolischen Miethsgäulen blieb unsere schülerhafte Reitkunst nicht lange verborgen. Nachdem dicht vor dem Thore erst der Braune und dann der Schimmel mit meinen Begleitern durchgegangen, fühlte sich auch mein Fuchs gedrungen, seinen Stallgenossen zu folgen. Ich verlor die Bügel, avancirte über den Sattelknopf auf den Hals der Mähre und flog endlich über ihren Kopf auf die Landstraße. In einiger Entfernung lagen die Landsleute; in dem tiefen Schmutz hatte Niemand Schaden genommen, nur mußten wir in der traurigsten Gestalt zu Fuß nach Tientsin zurückkehren. In den engen Straßen wurden wir eine willkommene Beute der Bettler, die, ohne unsern bejammernswerthen Zustand zu berücksichtigen, unser Mitleid zu erwecken suchten. Einige hatten unsere, in die Stadt zurücklaufenden Pferde erwischt und erbaten sich ein Trinkgeld, andere suchten unser Erbarmen zu erregen, indem sie ihre nackte Brust mit großen Mauersteinen so gewaltsam bearbeiteten, daß die Stöße blutige Spuren hinterließen. Gerade diese Bettler waren immer gesunde und robuste Personen, die ihren Lebensunterhalt mit geringer Mühe durch Arbeit hätten erwerben können. 331 Am Morgen des 15. November wurde mir der Mangel jedes Heizapparates in unserer Wohnung schmerzlich fühlbar. Der Aufenthalt im Freien war immer noch erträglicher. Sobald der Nebel sich etwas verzogen hatte, bepackte ich mich mit meinem Malerstuhl und sonstigen Utensilien, und nahm eine sehr malerische Straße mit mehreren Triumphbögen auf. Nach dem Tiffin stattete ich dem preußischen Consul, Herrn Alisch , einen Besuch ab. Der blaue Himmel und warme Sonnenschein forderten zu einem Spaziergange auf, und der Consul führte mich zu den nahe gelegenen Forts, die in der Geschichte des letzten Krieges und Tractatenabschlusses von Tientsin eine große Rolle gespielt hatten. Die Wälle sind durchweg von Schlamm aufgeworfen, ein Material, das der Beschießung stärkeren Widerstand als Mauern und andere solide Befestigungen entgegengesetzt haben soll. Beim Brescheschießen blieben die Kugeln in der zähen Masse stecken oder fuhren hindurch, ohne eine Oeffnung zu hinterlassen. Die Zahl der Gefallenen muß sehr beträchtlich gewesen sein: die Forts sind von einer Menge von Grabhügeln umgeben, unter denen die Soldaten der Engländer und Franzosen ruhen. Für den 16. November war ich auf den Landsitz des Herrn Alisch nach Chialin (Tschialin) zu einem Diner geladen. Die Villa war eine Stunde von der Stadt entfernt, und es blieb mir, da es die ganze Nacht hindurch gestürmt und geregnet hatte, nichts anderes übrig, als mich eines Tragsessels zu bedienen, doch versanken selbst die acht handfesten Kulis, die abwechselnd den Palankin trugen, nicht selten tief in den Schlamm. An die Rückkehr nach Tientsin 332 war nicht zu denken: ich wäre in Nacht und Nebel sammt meinen Trägern in der chaotischen Masse zu Grunde gegangen. Ich blieb in der Villa des Consuls, aber auch an ruhigen Schlaf war nicht zu denken. Der Sturm drückte die kleinen blauen und gelben Fensterscheiben des Gemachs ein, und ich holte mir einen heftigen Schnupfen, der mir auch die letzten Stunden der Nachtruhe verdarb. Am Morgen war die weite Fläche der Flußniederung, so weit das Auge reichte, in Schnee gehüllt, und ein scharfer Nordost trieb ein dichtes Gestöber der feinsten Flocken vor sich her. Dessenungeachtet traten meine acht Kulis an, und über Hals und Kopf kehrten wir mit unserem Palankin nach Tientsin zurück. Consul Alisch versichert mir, wir thäten wohl, stromabwärts nach Taku zu fahren, ehe der Fluß zufriert. Es sei sicherer, von dort aus den Abgang des Dampfers nach Shanghai abzuwarten. Meine Effekten waren rasch gepackt, nur mit klingender Münze war ich noch nicht ausreichend versehen. In der asiatischen Geschäftswelt wird meistens bis auf den letzten Augenblick gewartet. Erst im Moment der Abfahrt war es mir möglich, meine Papiere in Gold umzusetzen. Der Consul, den ich bis Shanghai begleiten werde, hatte ein geräumiges, mit vier und zwanzig Ruderern bemanntes Mandarinenboot gemiethet, und um vier Uhr fuhren wir nach der europäischen Ansiedelung den Fluß hinab. Wir sollen hier von der Abfahrtszeit des Steamers in Kenntniß gesetzt werden. Es stürmt gewaltig bei eisiger Kälte; die Flasche muß den gemüthlichen deutschen Ofen ersetzen. Obgleich man uns längst auf den Abgang des Dampfers vorbereitet hatte, traf doch erst am 19. November Vormittags 333 die briefliche Aufforderung des Capitäns ein, uns sofort an Bord zu begeben. Die Dienerschaft des Consuls brannte bei hellem lichten Tage ein Abschiedsfeuerwerk ab, und um halb zwei Uhr Mittags schifften wir uns nach dem zehn Meilen entfernten Taku ein. So rüstig unsere schlecht gekleideten Kulis ruderten, um sich zu erwärmen, erreichten wir den Ort unserer Bestimmung doch erst in den Mittagsstunden des nächsten Tages. Kurz vor Taku zeigte mir Herr Alisch die künstlich aufgeworfenen Hügel, auf welchen vor drei Jahren die Scheinbefestigungen der Chinesen gestanden hatten. Diese waren nichts weiter, als Decorationen aus Leinwand und Papier gewesen, die man zwischen Bambusstäben aufgehängt und mit Schießscharten nebst Kanonenmündungen bemalt hatte. Die einzige Armirung dieser Pseudo-Forts bestanden aus sogenannten »Stinkpots«, mit denen man den Bajonettangriff der Engländer und Franzosen beantwortete. Die teuflische Mischung verbreitet einen scharfen betäubenden Dunst, der den Athem benimmt und das Auge zu brennend heißen Thränen reizt. Eine andere, noch abscheulichere Composition ist mit feuchtem Schießpulver angemacht und verbrennt langsam, indem die Stinkmasse verdampft. Wir hatten uns beeilt, an Bord des Dampfers Gerard zu kommen, allein die Mühe war umsonst gewesen. Erst am Tage darauf sollte der »Gerard« die Anker lichten. Die Mannschaft des Steamers begleitete eben die Leiche des Lootsen Wingate zu ihrer letzten Ruhestatt. Der unglückliche Mensch, derselbe, welcher den Argus vergebens über die Barre der Peiho-Mündung zu bringen versucht hatte, war gestern sinnlos betrunken in die See gefallen 334 und todt herausgezogen worden. Kaum hatten wir uns ein wenig in unserer Kabine eingerichtet, als Herr Alisch die traurige Entdeckung machte, ein Korb mit zwölf Flaschen Champagner und eben so vielen feinen Medocs sei in unserem Mandarinenboot vergessen worden. Eine so wichtige Herzstärkung durfte nicht zurückbleiben. Der Diener, welcher mit uns die Abfahrt erwarten und erst dann zurückkehren sollte, wurde dem schwerfälligeren Boote der Kulis nachgeschickt, holte es wirklich mit seinem winzigen Schnellsegler ein, brachte aber um halb sieben Uhr Abends nur noch drei Flaschen Champagner zurück. Den Rest hatte die Bootsmannschaft für gute Prise erklärt und – ausgetrunken. Im Verlaufe des Tages kamen noch fünf Passagiere an Bord, darunter drei französische Missionäre, mit denen ich schon in Peking flüchtige Bekanntschaft gemacht hatte, und am Theetisch wurde denn auch die Ursache der Verzögerung unserer Abfahrt nach Taku erörtert. Wieder ist es die leidige Barre, die uns, wie früher die Einfahrt, jetzt die Abfahrt erschwert. Sie besteht aus einer, mit Schlamm bedeckten Sandsteinbank und legt sich, gleich einem Schlagbaum, queer vor die Mündung des Peiho. Der Wasserstand hatte bei dem gestrigen Winde nur sieben Fuß betragen, bei dem heutigen Nordost war er um einen Fuß gestiegen; morgen hoffte der Capitän bei ausreichender Tiefe den »Gerard« glücklich über die Barre zu bringen. Wirklich wurden am 21. November mit steigender Fluth alle Vorkehrungen zur Abfahrt getroffen. Ein deutscher Lootse trat an das Steuerrad, und alle Passagiere, der zweite Platz war mit chinesischen Handelsleuten gefüllt, 335 legten mit Hand an, den Anker zu lichten. Die siamesischen und malayischen Matrosen sind nur ein schwächlicher, schlaffer Menschenschlag. Nach einer halben Stunde lag die Mündung des Peiho hinter uns, doch sollten wir abermals aufgehalten werden. Der Capitän eines, auf die links gelegene Sandbank gerannten amerikanischen Barkschiffes kam an Bord und bot eine beträchtliche Summe, wenn der Dampfer ihn flott machen wollte. Unser Capitän war nicht der Mann, ein so vortheilhaftes Anerbieten abzulehnen; der »Gerard« ging sogleich ans Werk. 336 XXIV. Ein Tag auf der Schlammbank. Die Swartow. Der Rhabarber-Reisende. Ein Laboratorium der Natur. Keine Spielkarten. Kein Schreibpapier. Concert von Rheinländern. Capitän und Matrose. Die Ningpo-Pagode. Das Nachtmahl der Bonzen. Das Barkschiff war zwischen der Mündung des Peiho und der Barre links auf eine jener Bänke gerathen, welche Schlamm und Triebsand unaufhörlich, bald an dieser, bald an jener Stelle zusammenwirbeln, und saß seit drei Tagen fest. Die Bugsirtaue wurden angelegt und ohne erhebliche Anspannung der Dampfkraft des »Gerard« gelang es, den Nordamerikaner flott zu machen und demnächst auch über die Barre zu schleppen. Wir hielten uns schon für geborgen, als das Tau riß, das Barkschiff vom »Gerard« getrennt, dieser von einer heftigen Strömung ergriffen und südwärts getrieben wurde. Der Yankee nahm diese Gelegenheit wahr, unserem Capitän das Honorar für seine Mühewaltung schuldig zu bleiben, zog eilig so viel Leinen auf, als das Schiff tragen wollte und fuhr spornstreichs davon; der Capitän ließ ihn gewähren. Er war gewiß, das Geld von den Rhedern der Bark später einzutreiben. 337 Der deutsche Lootse war durch diesen Vorfall und die Strömungen unsicher geworden und fünf Minuten später rannte der »Gerard« seinerseits mit äußerster Gewalt auf eine Schlammbank. Eine grenzenlose Verwirrung entstand an Bord. Die Mannschaften und Passagiere liefen durcheinander, und erst nach längerer Zeit gelang es der Energie des Capitäns, Erstere zur Subordination zurückzuführen, Letztere leidlich zu beruhigen. Es war zwölf Uhr Mittags, ziemlich stilles Wetter, also Aussicht vorhanden, den Dampfer noch vor Sonnenuntergang von der Bank abzubringen. Die Arbeit mit Wurfankern begann sogleich, und wir Reisenden legten eifrig mit Hand an, doch blieben alle unsere Anstrengungen vergebens. Die Anker hafteten nicht auf dem haltlosen Grunde, und statt den »Gerard« zu bewegen, zogen wir bei jedem Ruck die Anker näher an uns. Wir marterten uns die ganze Nacht hindurch ab, als aber am frühen Morgen des 22. November eine starke Brise aufsprang, und nach zwei Stunden in einen fliegenden Sturm mit Schneegestöber und Eisgraupen ausartete, wurde unsere Lage bedenklich. Das ziemlich große eiserne Schiff trieb immer weiter auf die Bank und schlug und stampfte bei seiner kolossalen Schwere fürchterlich; der Bau zitterte und bebte in allen Rippen, endlich neigte er sich auf die linke Seite und der Wogenschwall brauste darüber hin. Schon am vorigen Tage hatte der Lootse uns auf das Hochwasser der Mitternachtstunde vertröstet, um zwölf Uhr Mittags durften wir abermals darauf rechnen. Wirklich brachte die steigende Fluth uns Rettung. Der rasch ausgeworfene Wurfanker haftete, das Schiff konnte gedreht werden, sein riesiger Leib richtete sich langsam wieder auf, 338 der Lootse und Capitän riefen jubelnd: »Der ›Gerard‹ ist gerettet«, und Zoll für Zoll arbeitete die Schiffsschraube den riesigen Eisenkasten durch die Sand- und Schlammmasse. Um ein Uhr Mittags ließen wir in drei Faden Wasser den Anker fallen, denn noch mußten wir auf Briefe und Passagiere warten, und den Wurfanker einholen, was bei der bewegten See einige Stunden Zeit kostete. Die Zeit wurde uns durch das von Shanghai kommende, nach Taku bestimmte Dampfschiff »Swartow« verkürzt, welches sich mühselig und fast schon in sinkendem Zustande an dem »Gerard« vorüberschleppte. Ein spanischer katholischer Geistlicher in schwarzem Ornat kam zu uns an Bord, und von ihm erfuhren wir, daß die arme Nußschale von dem Teifun, den wir in Tientsin erlebt, auf hoher See furchtbar mitgenommen worden sei. Um das leck gewordene Schifflein zu erleichtern, waren nicht nur der größte Theil der, in Thee bestehenden Ladung, sondern auch Passagiergüter und mehrere Kisten mit Zeitungen, Briefen und Büchern für Sir Frederic in Peking über Bord geworfen worden. Der geistliche Herr maß die Rettung des Schiffes aus so großer Bedrängniß zuversichtlich einer Betstunde bei, die er mitten auf Deck während des Orcans gehalten hatte. Nach seiner Behauptung hätte sich die Wuth des Sturmes sofort gelegt, als er die Gläubigen daran erinnert, sie möchten sich darauf vorbereiten, in wenigen Minuten vor dem himmlischen Richter zu stehen. Die »Swartow« ist in einiger Entfernung von uns vor Anker gegangen, um das zum Passiren der Barre unentbehrliche Hochwasser abzuwarten; wir dampften um vier Uhr Nachmittags der unsicheren Ankerstelle halber eine Stunde weiter hinaus. Mehrere 339 Passagiere der »Swartow« ließen sich dadurch nicht abhalten, uns einen Besuch abzustatten und einigen Flaschen Cognac den Hals zu brechen. Von ihnen erfuhr ich, daß auf dem Vicomte Canning, dessen ich mich auf der Fahrt von Siam nach Hongkong bedient, vor acht Wochen wirklich die schadhafte Maschine zusammengestürzt sei. Einige Tage vorher hatte der Unglücksdampfer an der Küste von Formosa ein nordamerikanisches Barkschiff in den Grund gesegelt, ohne das Unglück – die Mannschaft war ertrunken – verschuldet zu haben. Der Nordamerikaner war in dem nächtlichen Dunkel ohne Laterne gesegelt. Der Ostwind hatte sich am Morgen des 23. November zwar etwas gelegt, doch war er uns contrair, die Fahrt also nicht angenehm. In der Nacht waren keine weiteren Unglücksfälle vorgefallen und der ungewohnte Zustand einiger Sicherheit fängt an mich zu beunruhigen, so vertraut bin ich nachgerade mit allen Wechselfällen des Seelebens geworden. Mir wird erst wieder leichter um's Herz, als der Capitän das Sinken des Barometers ankündigt, und einen abermaligen Sturm prophezeit. Die Majorität der Gerard-Passagiere, darunter die drei Missionäre, ist schon jetzt seekrank, besser halten sich die chinesischen Touristen. Einer derselben, unter den knauserigen Chinesen eine seltene Ausnahme, fährt erster Klasse, und geht durchweg mit dem Gelde splendider um, als seine Landsleute. Er ist auf der Insel Formosa ansässig, und wenn ich sein Pidjen Englisch richtig verstanden habe, Rhabarber- und Kampher-Reisender. Er hat das, uns Europäern unzugängliche innere China bereist, und überbietet an Lügen unseren vielbewährten Münchhausen. Nach seiner Angabe werden die Flüsse und 340 Kanäle im Innern des Landes von großen Raddampfern befahren, zuletzt gab er jedoch zu, er könne sich geirrt und schwimmende Reismühlen mit Schaufelrädern für Steamer gehalten haben. Porter und Grog trinkt er mit europäischer Geschmeidigkeit der Kehle. Zwischen neun und elf Uhr passiren wir glücklich die Pitschili Bay und die Miau-Tau-Straße mit ihren kleinen, aber drohend schroffen Felseninseln, und erblicken die große Stadt Heang-Chau . Am Felsabhang erbaut, reicht sie bis dicht an's Meer herab; auf der benachbarten Insel Chau-Chau zeigte mir der Capitän die Gräber jener vierhundert Franzosen und Engländer, welche vor drei Jahren die Taku-Forts von der Seeseite hatten stürmen sollen, aber im Schlamm umgekommen waren. Die weißen Grabsteine konnten wir mit unbewaffnetem Auge deutlich erkennen. Unser Dampfer durchschneidet jetzt die Wogen des gelben Meeres , das seinen Namen mit vollem Recht trägt. Sein fortwährend stürmisch bewegtes Wasser gleicht einer Lehmtunke und sondert, in einem Glase aufgefangen, sehr bald einen beträchtlichen Niederschlag ab. Die Natur hat hier ein Laboratorium zur Bildung neuer Landstriche angelegt, und ist in voller Arbeit begriffen, die Tiefen des Oceans mit festen Bestandtheilen auszufüllen. Um halb vier Uhr Nachmittags kamen wir nach Chifou. Wir warfen Anker, verweilten aber nur vierundzwanzig Stunden, um noch 30,000 Dollars, vier chinesische Passagiere und tausend Hühner nebst einigen Dutzend Hasen und großen Seefischen für Shanghai einzunehmen. Der Wind hat sich nach Westen gewandt, es regnet und um 3 Uhr stechen wir mit Segel- und Dampfkraft wieder in 341 See. Meinen bedauernswerthen Reisegefährten, nachdem sie das Reis-, Thee- und Opiumthema hinreichend variirt, wird die Zeit entsetzlich lang; ich empfehle ihnen eine Partie Whist, aber es ergiebt sich, daß erstens nur zwei der Herren das edle Spiel verstehen, und zweitens der »Gerard« keine Spielkarten »fährt«. Ich muß die Herren ihrem Schicksal überlassen, sie kauern sich in der Kajüte zusammen, wie ein Volk durchnäßter Rebhühner; ich spitze meine Bleifeder und arbeite an meinen Aufzeichnungen. Das Schreibpapier war mir schon in Peking ausgegangen, und da dergleichen Waare in der Hauptstadt des himmlischen Reiches nicht käuflich zu haben war, bediene ich mich der in Seide gebundenen, aus alten Brieftaschen gerissenen Pergamenteinlagen zu Scripturen. Buddha wird sie lesbar erhalten! Unter ungleich erfreulicheren Bedingungen, wie vor vier Wochen, kommt Weih-hei-Weih in Sicht, aber wir dampfen hochfahrend vorüber und passiren Abends 9 Uhr das Cap Chantung. Mit günstigem Winde legen wir zehntehalb Knoten in der Stunde zurück, der Vollmond erleuchtet taghell das Verdeck, und zur Feier des schönen Abends wird in der Kajüte starker Grog in bedenklichen Quantitäten getrunken. Der Rhabarber-Reisende von der Insel Formosa hat es auf die Missionäre abgesehen, aber: wer Andern eine Grube gräbt, fällt selbst hinein. Der Ungläubige hatte die Fassungskraft und Leistungsfähigkeit der frommen Männer weit unterschätzt; als ich mein zweites Glas mischte, standen die Füße der malayischen Männer, die ihn in seine Koje tragen sollten, schon draußen. Am 25. November ging bei dicht bewölktem Himmel der Wind nach Süden herum, doch erheiterte sich der Himmel 342 Nachmittags wieder, und wir beobachteten zwischen fünf bis sechs Uhr Abends eine totale Mondfinsterniß. Der Chinesen bemächtigte sich beim Anblick dieses Schauspiels tiefe Betrübniß. So viel ich zu ermitteln vermochte, schlossen sie daraus auf bevorstehende Hungersnoth oder Kriegsgefahren, und beruhigten sich erst einigermaßen, als der Schatten unseres Planeten die klare Mondscheibe verlassen hatte. Ich ersuchte die Herren Missionäre, den unwissenden Menschen den natürlichen Vorgang auseinanderzusetzen, aber sie zuckten lächelnd die Achseln. Wir verwickelten uns bei dieser Gelegenheit in ein längeres Gespräch, und ich erfuhr von ihnen, daß sie nur in der Eigenschaft gerichtlicher Zeugen einen Besuch in Peking abgestattet hätten. Es handelte sich um die Verurtheilung eines eigenmächtigen Mandarinen, der vor Jahresfrist einen Collegen der Missionäre und vier chinesische Christen hatte hinrichten lassen. Der Missionär war nach vielen Mißhandlungen nackt mit dem Zopf an den Schweif eines Pferdes gebunden, durch die Stadt nach dem Richtplatze geschleppt und dort enthauptet worden. Die französische Regierung hatte Genugthuung gefordert und der Mandarin seine grausame Willkühr mit dem Leben gebüßt. Die Einkünfte der armen Geistlichen sind überaus geringfügig, und ohne die Unterstützung christlicher Landsleute müßten sie, nur auf ihre Jahrgehalte angewiesen, elendiglich zu Grunde gehen. Der Bischof in partibus erhält 160 Dollars, die beiden Priester jeder 88 Dollars. Der Capitän des Dampfers hat ihnen natürlich freie Ueberfahrt nach Shanghai bewilligt, denn der Preis des Fahrbillets würde fast eine ganze Jahreseinnahme verschlingen. Ich habe für die Strecke von Taku bis an den Ort 343 unserer Bestimmung nach preußischem Gelde 150 Thlr. bezahlt. Bei schönem Wetter näherten wir uns am 26. Novbr. der Mündung des Yantsekiang, die sich schon viele Meilen weit in offener See durch eine eigenthümliche Nüance der gelben Färbung ankündigte. Die Capitäne sind nie um einen schlagenden Ausdruck verlegen, als wir daher um neun Uhr Abends in die Mündung des Stromes einliefen, hieß es nicht: »wir wollen den Anker, sondern den Schmutzhaken ( mud hack ) auswerfen!« Die Stromfahrt konnte am nächsten Morgen nur mit halber Dampfkraft fortgesetzt werden; unser Kohlenvorrath ging zu Ende. Bald darauf kamen wir an einem gesunkenen englischen Barkschiff vorüber; es war der Versicherungs-Gesellschaft theuer zu stehen gekommen. Außer der Entschädigung für die aus Thee und Seide bestehende, auf eine Million Thaler veranschlagte Ladung, hatte sie für das Schiff selber 70,000 Thlr. zahlen müssen. Durch die Gefährlichkeit der Wasserstraße verzögert sich unsere Fahrt, und ich ziehe, als wir eine Meile unterhalb Shanghai wieder vor Anker gehen, mit Herrn Consul Alisch vor, eine Barke zu miethen und unsere Effecten hinaufrudern zu lassen. Im Angesicht der Stadt kamen wir abermals an einem gesunkenen Dreimaster vorbei. In Shanghai ist an deutscher Gesellschaft kein Mangel. Gleich am Tage nach unserer Ankunft wurden wir zu dem Concert einer rheinischen Orchester-Gesellschaft geladen; ich traf dort einen alten Bekannten, Herrn Lindauer, Mitarbeiter der »Revue deux Mondes«; die Soirée schloß Nachts 1 Uhr mit einer Punschgesellschaft. Die am anderen Morgen im Kreise von sechszehn Landsleuten unternommene 344 Wasserparthie nach einer, oberhalb Shanghai gelegenen berühmten alten Pagode hatte keinen gleich erfreulichen Verlauf. Die Barke führte keine Segel, und die kraftlosen Ruderer ermüdeten so bald, daß wir auf halbem Wege aussteigen und zu Fuß nach Shanghai zurückkehren mußten. Es ward uns schwer, durch ein Netz von Kanälen den richtigen Pfad zu finden, doch entschädigte uns für die Mühsal ein großer Opferplatz mit zahlreichen Leichenhügeln, die mit steinernen Rossen, Löwen und Götzen geschmückt waren. Die anwesenden Leidtragenden oder Andächtigen kamen uns mit großer Höflichkeit entgegen, aber sie schlugen nicht ein, als meine Gefährten ihnen zum Gruße die Rechte boten. Als Erwiderung schüttelt der Chinese nur mit der Rechten die dürre gelbe Linke und fügt »Tschin, Tschin!« hinzu. Auf malerische Ausbeute muß ich verzichten, Shanghai und seine Umgegend ist durchweg flach und kein Hintergrund für den Landschafter vorhanden. Mir bleibt daher ausreichende Zeit für gesellschaftlichen Umgang, doch bin ich, da es seine Bedenken hat, mit englischen Constablern, der Straßenpolizei und französischen Schildwachen anzuknüpfen, durchschnittlich auf Schiffscapitäne angewiesen. Mein Liebling ist ein Landsmann aus Wolgast, der Befehlshaber eines ansehnlichen Pinkschiffes. Gleich die Antwort, welche mir der humoristische Mann auf meine erste Frage ertheilte, wird ihn am besten charakterisiren. Als ich mich erkundigte, was ihm in diesen Tropen-Gegenden am meisten gefiele, erwiederte er nach einigem Besinnen: »der ausgezeichnete, der wunderbare Durst! « Wir machen gemeinsame Ausflüge und amüsiren uns vortrefflich. Neulich waren wir in dem Atelier eines 345 Schiffsmalers, vermochten aber nicht mit ihm fertig zu werden. Der gute Capitän wollte ein Bild seines Pinkschiffes haben, wie es im Teifun, vor dem Winde »lenzend«, d. h. fliegend, dem Beschauer gleichsam entgegenkommt; der chinesische Künstler behauptete hartnäckig, dergleichen könne nicht gemalt werden. Alle Schiffe ließen sich nur im Profil abconterfeien. Da jegliche Perspektive der chinesischen Malerei unbekannt ist, war der störrische Meister nicht eines Besseren zu überzeugen. Mein Wolgaster Freund war eben nicht über seine Weigerung erzürnt. »Die Bilder haben keinen Pli, keine Façon«, sagte er, als wir das Atelier verlassen hatten. Ueberaus ergötzlich ist sein Verkehr mit den Matrosen des Schiffes. Diese Herren befinden sich, wie alle Personen, deren körperliche Haltung nicht durch ein militärisches Reglement bestimmt wird, wenn sie mit einem Vorgesetzten sprechen, in großer Verlegenheit, was mit ihren Händen anzufangen sei. Ich benutze die vorkommenden Gelegenheiten, die lächerlichen Stellungen und fabelhaften Bewegungen der Matrosen rasch abzuzeichnen, und dem Capitän macht es Vergnügen, sie durch leutselige Fragen hinzuhalten und in immer größere Verlegenheit zu bringen. Da die Capitäne gesetzlich verpflichtet sind, ihre Mannschaften in den Häfen möglichst zu überwachen und vor allen unnützen Ausgaben zu bewahren, damit ihnen nach der Rückkehr eine runde Summe aufgesparter Besoldung ausgehändigt werden kann, ersinnen die Matrosen gewöhnlich die ungereimtesten Ausflüchte, wenn sie ihrer Vergnügungen halber in den Besitz einer kleinen Summe kommen wollen. Ich war Augen- und Ohrenzeuge, als drei derselben, die an Land zu gehen gedachten, dem Capitän eine Visite abstatteten. 346 Jeder bat um drei Dollars Vorschuß, schon diese Uebereinstimmung war verdächtig; noch mehr die angegebenen Gründe. »Ich möchte mir eine neue Mütze kaufen!« sagte grinsend der Erste, aber dabei drehte er seinen noch sehr reputirlich aussehenden Deckel auf der linken Hand. »Drei Dollars, mein Sohn!« antwortete der Capitän, »zu einer neuen Mütze? Deine Mütze ist ja noch sehr gut, drei Dollars? ah' ich verstehe, Du willst Dir eine Mandarinenmütze mit einer Pfauenfeder kaufen – hier sind die drei Dollars, laß' Dich nur nicht von den verdammten Chinesen über das Ohr hauen!« Die beiden Anderen forderten drei Dollars, um sich einen Zahn ausreißen und die Haare kappen (schneiden) zu lassen. Nachdem der Capitän mit ironischem Lächeln die struppigen rothen Borsten des Einen und das schneeweiß glänzende Haifischgebiß des Anderen in Augenschein genommen, erhielten alle Drei den geforderten Vorschuß. Auf unserem Abendspaziergange trafen wir das Triumvirat am Yantsekiang, es kam höchlich angeheitert aus einer Schenke und stimmte, an uns vorübertaumelnd, das bekannte Lied an: »Die Mädchen in Deutschland sind nicht so kokett, als jene dort über dem Rhein!« Der Capitän rief mit sonorer Baßstimme: »Guten Abend, Kinder, habt Ihr Eure Einkäufe gemacht, Eure Geschäfte besorgt?« An Piraten muß der Distrikt von Shanghai besonders ergiebig sein. Kein Tag vergeht, an dem nicht mehrere ausgeschifft, und mit zusammengeknüpften Zöpfen durch die Stadt transportirt würden. Ein Trupp, dem ich neugierig folgte, wurde in den Palast des Gouverneurs von Shanghai 347 geführt, wo sich zugleich der erste Gerichtshof des Ortes befindet. Was aus ihnen geworden, erfuhr ich nicht, denn gleich im Vorraum wies man mich zurück, und ich fand kaum so viel Zeit, den großen, auf Drachenklauen stehenden Tisch, das Dintenfaß, d. h. einen gigantischen Tuschkasten mit seinen Bambuspinseln, die Petschafte und kaiserlichen Stempel, endlich die an den Wänden umherhängenden Marterinstrumente, meiner Einbildungskraft einzuprägen. Mich verdroß die hochmüthige Behandlung der Subalternbeamten, ich zog meinen »Mandalin Paß Numbel one« aus der Tasche und hielt ihn den Gesellen unter die Nase. Jetzt krümmten sie sich wie Ohrwürmer, und erboten sich, mir alle officiellen Gemächer des »Yamun« (Palast) ihres »Taou-tai« (Gouverneurs) zu öffnen; ich dankte ihnen verbindlich. Mehrere verurtheilte Verbrecher ohne Zöpfe, die über den Hof geführt wurden, und des Schlimmsten gewärtig schienen, benahmen mir alle Lust weiter vorzudringen. Die Gerichtssitzung »Squeezi-Pidjen« (Quäl-Geschäft) war eben beendet. Von hier begab ich mich in den nahen großen Buddha-Tempel und die noch geräumigere Pagode der Ningpo -Kaufleute. Letztere, die Bewohner einer im Innern des Landes gelegenen großen Stadt, haben ihren Tempel reich ausgestattet und ermüden schlechterdings nicht in der Darbringung von Speise- und Trankopfern. Hat einer dieser Industriellen etwas auf dem Gewissen, so beeilt er sich, den erzürnten Götzen durch einen guten Bissen zu besänftigen. Die Herren aus Ningpo müssen ziemlich viel auf dem Kerbholz der himmlischen Mächte haben; denn der Altar ihres Tempels glich einer sauber geschmückten, reich 348 bestellten Mittagstafel, so viele Bratenschüsseln und Fischgerichte, Kuchen und Weine, Früchte und Blumen, waren dem Götzen dargebracht. Nach Einbruch der Dunkelheit fallen die Bonzen über die Speisen her, doch laden sie auch europäische Gäste ein, sich nach Belieben zu bedienen. Das Laster der Intoleranz und des Fanatismus ist dem chinesischen Volkscharakter vollkommen fremd. Consul Alisch hatte mich begleitet, und als wir die Straße entlang schlenderten, wurden wir plötzlich durch einen jener schrecklichen Contraste erschüttert, die in diesem seltsamen Lande so oft zum Vorschein kommen. Unweit des reichen Tempels und seines Ueberflusses an leckeren Speisen fanden wir auf einem Kehrichthaufen einen armen sterbenden Knaben. Er war unbekleidet, doch hatte ein Vorübergehender ihn mit einer Matte bedeckt. Außer Stande, mehr für ihn zu thun, drückten wir ihm etwas Geld in die Hand. Es fiel zu Boden, das unglückliche Kind vermochte es nicht mehr festzuhalten. Wir gingen schweigend davon; Beide fühlten wir uns einer schweren Unterlassungssünde schuldig. Der Vorwand war ein elender; wir sagten: es sei nicht unsere Sache, für die schlechten staatlichen Einrichtungen dieses lieblosen Volkes aufzukommen und ihre Mängel auf unsere Kosten zu verbessern. Bei einem solchen Geschlecht läuft Alles auf Vortheil und Geschäft hinaus, Liebe und Haß, Leben und Sterben, Vergängliches und Ewiges. Den christlichen Gottesdienst nennen die Chinesen »Jesus Pidjen«, eine Heirath »Love Pidjen«. Von der nationalen Reinlichkeit haben sie eine sehr hohe Vorstellung. Aus der Leidenschaft der Europäer für tägliche Bäder und wiederholte Waschungen, sowie aus dem täglichen Wechsel der 349 Wäsche, schließen sie auf unsere angeborene Unsauberkeit. Nach ihren Behauptungen reicht alle acht Tage eine Abwaschung vollkommen hin. Zu einer außerordentlichen Abwaschung wären wir Deutschen auf einer Wasserpartie nach der Pagode Long faeh im Woosungflusse ohne die Entschlossenheit unseres Capitäns leicht gekommen. Durch die Ungeschicklichkeit des Steuermannes stieß der kleine Dampfer so heftig gegen das Ufer, daß wir Alle zu Boden stürzten, und Flaschen und Gläser in der Cajüte in tausend Granatsplitter zertrümmert wurden. Auch die Maschine hatte durch den heftigen Stoß Schaden gelitten, und der Capitän rieth uns, da der Kessel platzen könne, in's Wasser zu springen und an's Land zu waten. Wir hatten dazu keine Lust und winkten mehreren Fischerböten, die in der Nähe verweilten. Die Schelme waren weit entfernt, uns zu Hülfe zu kommen. Erst als der Capitän den Revolver zog und nach ihnen zielte, ruderten sie hastig herzu und brachten uns an's Land; doch bedurfte es noch einer starken Geldentschädigung, ehe sie mit Hand anlegten, den kleinen Dampfer flott zu machen. Ich hatte die Zwischenzeit benutzt, die mehr als siebenhundert Jahre alte Pagode mit Aquarellfarben zu skizziren. 350 XXV. Opiumraucher. Die Wochenstube auf der Straße. Die Cabinets d'aisance von Shanghai. Die Leber auf der Wagschaale. Dr. Meyer und sein Todter. Foh-Kien. Der Kaper Alabama. Unter englischer Flagge. Miß B. australische Sängerin. Feuer! Fat-Jack. Eingepöckelte Chinesen. Teller oder Krone. Die Bai von Fuchow. Unweit meiner Wohnung liegt eine Reihe Opiumhöllen, ich benutze daher das schlechte Decemberwetter, mich dorthin zu begeben, und die Raucher zu beobachten. Der Empfang ist stets überaus freundlich. Falls die Schwelger in den verschiedenen Stadien des Rausches nicht zu weit vorgerückt und noch der Sprache mächtig sind, laden sie mich ein, neben ihnen Platz zu nehmen und mich auf einer der hölzernen Pritschen auszustrecken. Ich habe mich jedoch immer nur eines Rohrstuhles bedient, denn die Unreinlichkeit in diesen Lokalen übersteigt alle europäischen Begriffe. Sobald der Raucher es sich bequem gemacht, zieht er seine Pfeife hervor, eine flötenartige Röhre, auf der ein winziger Pfeifenkopf, nur ausreichend, ein erbsengroßes Stück Opium darin zu befestigen, angebracht ist. Eine kleine Lampe, die auf einem Tischchen neben jener Pritsche steht, dient dazu, dasselbe anzuzünden, und im 351 Glimmen zu erhalten. Jetzt thut der Raucher langsam mehrere Züge, verschluckt den Rauch und schließt die Augen, die Wirkung des Narcoticums abwartend. Der Anfänger hat seinen Zweck bald erreicht; die alten Sünder sind genöthigt, ehe der Rausch eintritt, fünf bis sechs Pfeifen zu rauchen. In dem Exterieur der verlorenen Menschen ist nichts Außerordentliches wahrzunehmen, nur selten habe ich bei schwächlichen Individuen leichte Zuckungen bemerkt. Gewöhnlich liegen sie, kaum merklich athmend, auf ihren Pritschen und schwelgen in den wunderbarsten Traumgesichtern. Der erfahrene Opiumraucher vervielfältigt, wie man mir berichtet, seine Dosen so lange, bis er in seiner Vorstellung das Gefühl der körperlichen Schwere vollkommen verliert. Der Zustand eines ätherischen Schwebens durch den Raum, während verführerische Bilder das innere Auge entzücken, wird als der letzte Zweck und höchste Genuß des Opiumrauchens bezeichnet. Die Chinesen geben ihren letzten Heller dafür hin und leben bei geringem Einkommen lieber auf die jämmerlichste Weise, ehe sie auf den dämonischen Rausch verzichten. Der Himmel klärte sich am 8. December etwas auf und ich machte einen weiten Spaziergang auf der breiten Stadtmauer von Shanghai. Sie begrenzt meistentheils die Hinterhäuser und gestattet die interessantesten Blicke in das Familienleben der Reichen und Armen. In mehreren Gebäuden sah ich durch die offenen Fenster, theils verschlossene, theils offene Särge stehen; im letzteren Falle waren die darin befindlichen Leichen skelettirt. In der Nähe eines Buddhatempels stieg ich von der Mauer herab und brachte dem Idol meine Huldigung dar. Ob die auf dem Altar 352 brennenden Lichter zur Verherrlichung der Gottheit, oder nur zur Bequemlichkeit der Bonzen angezündet waren, kann ich nicht mit Bestimmtheit angeben, doch bedienten sich Letztere derselben, um ihre Tabackspfeifen in Brand zu stecken, und ich nahm zu den glimmenden Opferstäbchen meine Zuflucht, die mir als Fidibus gleichfalls gute Dienste leisteten. Augenblicklich war eine stolze Schönheit in kostbarer Toilette im Tempel anwesend. Es schien ihr um Auskunft über den Verlauf ihrer Herzensangelegenheiten zu thun zu sein und sie zog aus einem dargebotenen Becher ein Loos, dessen Nummer mit einem Zettel correspondirte, den der Oberbonze aus einem großen Bündel hervorsuchte. Die Inschrift mochte die schöne junge Dame nicht befriedigen, sie honorirte die Bemühungen des Bonzen und ließ sich in ihren Palankin heben. Ich hatte von den Stufen des Altars aus der Scene zugesehen und eine Tasse Thee aus den Händen der buddhaistischen Priester angenommen; jetzt näherten sich mir auch die vierfüßigen Tempelgenossen. Sechs alte, äußerst übelriechende Ziegenböcke hatten bisher in den Winkeln des Gotteshauses umhergeschnuppert, sobald sie mich entdeckt, traten sie an den Hauptaltar und machten die Bekanntschaft des europäischen Eindringlings. Ich hatte an dem scharfen Dunst der Unholde genug, reichte dem Bonzen ein kleines Geschenk und rannte in's Freie. Der Schmutz der Straßen war entsetzlich, aber eine arme chinesische Frau hatte sich dadurch nicht abhalten lassen, hart an der Mauer eines Hauses ihr Wochenbett aufzuschlagen, und ohne Unterstützung einer Wehemutter oder eines Accoucheurs eines gesunden Knäbleins zu genesen. Gutmüthige Nachbarn hatten ihr ein Bündel Reisstroh 353 unter den Kopf geschoben, ein junges Mädchen brachte eine Schüssel Reis mit Curry, die Wöchnerin richtete sich auf, und vertilgte die ansehnliche Quantität bis auf das letzte Körnchen, dann wickelte sie das Kind. welches bis dahin in der scharfen Decemberluft auf den Fliesen nackt dagelegen hatte, in ihre Lumpen und machte sich davon. Die Straßen von Shanghai sind durchschnittlich nur fünf Fuß breit und alle hundert Schritt stieß ich auf mehrere Cabinet's d'Aisance, die nach allen Richtungen offen, sämmtlich Zuspruch gefunden hatten und von Dünger-Inspectoren überwacht zu werden schienen. Die Gewohnheiten dieses Volkes sind überaus wunderlich; ich lerne täglich neue Eigenthümlichkeiten kennen. Daß die Ostasiaten den Comfort einer Bettstelle, eines gepolsterten Lagers nicht kennen, habe ich schon angeführt, aber es ist bei ihnen selbst keine bestimmte Schlafenszeit festgesetzt. Der Chinese, gleichviel welches Standes, streckt sich, sobald ihn Müdigkeit überfällt, bei Tage oder bei Nacht, auf den Matten des Fußbodens aus und entschlummert. Wacht er auf, und wäre es um zwei Uhr Morgens, so zündet er seine Pfeife an und greift zu irgend einer Arbeit. Die Bequemlichkeiten der Europäer kennt er nicht; er legt niemals seine Kleider ab. Verschläft er nicht selten die schönsten Stunden des Tages; so beginnt er dafür sehr oft seine Arbeit mitten in der Nacht. Mit dem Gesundheitszustande der Landsleute ist es hier eben so schlecht bestellt, wie in allen asiatischen Flußniederungen; mehr oder weniger leidet Jeder an der Leber. Um daher die Ernährung des Körpers fortwährend zu controliren, läßt man sich in 14tägigen Fristen wiegen und verzeichnet die jedesmaligen Resultate. Eine Menge Selbsttäuschungen 354 läuft natürlich mit unter, dieser setzt sich immer nach Tisch auf die Waageschale, jener streckt vorher eine Rolle mit fünfzig Dollars, als einen rechtmäßigen Theil des Menschen, in die Tasche. Strenge genommen ist es indeß höchst tadelnswerth, über die Schwächen der armen Deutschen und Engländer zu lachen; sie thun alles Mögliche, mir das Leben angenehm zu machen. Kein Tag geht vorüber, an dem ich nicht zu irgend einer Gesellschaft geladen wäre. Allerdings sind es nicht immer die auserlesensten Cirkel, in denen ich mich bewege, doch lächelt mir zuweilen das Glück. Die Frau eines Schiffscapitäns, der mit seiner Bark eben von San Francisco anlangte, war eine fertige Klavierspielerin, und in den Salons des Consuls Herrn Alisch verstummt weder Gesang noch Saitenspiel. Man begleitet mich auf meinen Ausflügen, und Herr Dr. Meyer , ein junger Arzt, der Anlagen für Landschaftsmalerei zeigt, führte mich zu einem der schönsten Schauspiele für philosophische Männer seiner Wissenschaft, zu der Leiche eines Mandarinen. Wir fanden den würdigen Büreaukraten schon auf der Bahre. Die Hinterbliebenen hatten ihn in den goldgestickten Bratenrock gehüllt und auf einem Paradebette ausgestellt. Die nächsten Verwandten lagen, in weiße Gewänder vermummt, rings auf den Matten des Fußbodens umher, weinten und heulten, vor der Hausthür wurde Feuerwerk abgebrannt und schlechte Musik gemacht. Dr. Meyer schien stolz auf den Todten. Zwar hatte er nicht zu seinen Patienten gehört, doch war der junge Arzt mit der allmähligen Degeneration seiner Leber vollkommen vertraut und wußte viel von der Euthanasie des edlen Mandarinen zu erzählen. Die Tage meiner Abfahrt rücken heran, und ein Abschiedsdiner jagt das Andere; 355 in Folge der unaufhörlichen Toaste bin ich in eine bedenkliche Schwäche verfallen, aus der ich mich erst wieder auf hoher See emporraffen werde. Im Hafen liegt der Foh-Kien vor Anker, ein nordamerikanischer Dampfer, den dortige Rheder auf Speculation gebaut und dem Kaiser von China zum Verkauf angeboten hatten. Das prachtvoll ausgestattete Schiff war Seiner Majestät indeß zu theuer gewesen, und so hatten die Besitzer in den sauren Apfel beißen, und den Foh-Kien in ein Transportschiff für Passagiere und Frachtgüter verwandeln müssen. Mit Vergnügen hätte ich dem tadellos eingerichteten Dampfer meine Person und Habseligkeiten anvertraut, wäre er nur nicht ein Nordamerikaner gewesen. In den chinesischen Gewässern lief nämlich die Nachricht um, die »Alabama« jener berüchtigte Kaper, der dem Handel der Union so vielen Schaden zufügen sollte, ehe ihn an der französischen Küste der Rächer ereilte, treibe sich auf der Höhe von Hongkong umher. Die Hiobspost wurde zwar wieder bezweifelt, aber am 11. December traf von amtlicher Seite wirklich die Kunde ein, die »Alabama« habe in der Sundastraße zwei amerikanische Dreimaster mit Ladungen im Werthe von 400,000 Dollars verbrannt und in Grund gebohrt. Was war zu thun? Das Passagiergeld von Shanghai bis Hongkong hatte ich mit 190 Thlr. am Tage vorher entrichtet. Alles stand auf dem Spiele. Ward der Foh-Kien von der Alabama genommen, so war das, auf meine Reise verwandte Kapital und die Mehrzahl meiner Arbeiten verloren! Die Eigenthümer des schönen Schiffes waren jedoch nicht gewillt, Alles auf eine Karte zu setzen. Sie sind übereingekommen, die nordamerikanische Flagge 356 des Dampfers mit der englischen zu vertauschen, und dem Seerecht nach, Capitän und Mannschaft darauf zu vereidigen. An Bord des Foh-Kien sind daher nur so viel Matrosen und Feuerleute zurückgeblieben, als zur Ueberwachung des Schiffes erfordert werden; der Capitän ist mit seinen Leuten nach Shanghai berufen, um dort nach Vollziehung der sonstigen seemännischen Ceremonien den Eid zu leisten. Wir Passagiere erster Klasse, etwa ein Dutzend, haben uns indessen auf dem Dampfer schon einquartiert. Eine junge Sängerin, die angeblich ihre Vocalstudien in Australien gemacht, begleitet uns nach Hongkong. Bei der Vernachlässigung meiner musikalischen Erziehung habe ich die triftigsten Gründe, in meinen Urtheilen über Gesangscapacitäten vorsichtig zu sein, allein noch heute lasse ich mir nicht ausreden, daß Miß B. am Stockschnupfen litt. Sehr leicht wäre es gewesen, darüber Gewißheit zu erlangen, denn Miß B. hatte am Abende vorher in Shanghai ein Concert gegeben; ich war leider durch den Preis des Eintrittbillets, der fünf Dollars betrug, abgeschreckt worden. In Japan, wohin sie ihre Kunstreisen gleichfalls gerichtet, hatte sie sogar acht Dollars gefordert und erhalten. Darf ich die Qualität ihrer Stimme nach dem tändelnden Getriller taxiren, das sie während des Tiffins ausstieß, so bezweifle ich nicht, daß sie in unserer kunsterfahrenen Heimath nur Verehrer in jenen Lokalen gefunden haben würde, deren Eintrittspreis 5 Sgr. nicht übersteigt. Außer einer Kammerzofe polynesischen Geblüts, führt Miß B. einen Kornak mit sich, der die Regeln des Anstandes aufrecht erhält und seine Herrin vor irdischer oder maritimer Ungebühr schützt. Mein Benehmen ist 357 wie das meines Kojen-Gefährten, eines Persers, sehr respectvoll; eben deshalb hat Miß B. uns Beide in ihre Affection genommen. So saßen wir in Abwesenheit des Capitäns am 11. December in holder Eintracht beim Tiffin, und Miß B. ringelte eben mit zierlichen Fingern ihre blonden Locken um die Zacken einer reich mit Perlen besetzten Krone, die nie von ihrem Haupte kam, als plötzlich aus dem Schiffsraum der entsetzliche Ruf: »Feuer! Feuer!« erschallte. Aus den Oeffnungen neben der Maschine drang ein leichter Rauch hervor. Da wir schon seit zwölf Stunden geheizt hatten, mußte das Feuer in der Nähe des Kessels ausgekommen sein. Persönliche Gefahr war nun freilich nicht vorhanden, denn der » Foh-Kien « lag am Hafenquai, und über ein Brett schritten wir in Sicherheit, allein alle unsere Effecten lagen tief unten im Raum, von anderen Frachtstücken bedeckt. Diesen tragischen Moment hielt Miß B. für geeignet, in meine Arme zu sinken und die Besinnung zu verlieren; ich war entgegengesetzter Meinung. Statt das elegante Persönchen mit theatralischem Anstande auf das Sopha zu schleppen, und dort die vorschriftsmäßigen Wiederbelebungsversuche zu beginnen, schloß ich Miß B. fest in meine Arme und rüttelte sie, während ich ihr energisch zusprach, so schnell und kräftig, daß sie sofort in's Bewußtsein zurückkehrte und ihre Ohnmacht durch den gehabten Schrecken und die Furcht vor dem Verlust ihrer Sammt- und Damastkleider entschuldigte. Unterdessen war von allen Schiffen Hilfe herbeigeeilt, die Wassereimer flogen in einem rasch gebildeten Spalier auf und ab, die Dampfspritze des »Foh-Kien« wurde in Bewegung gesetzt und nach einer halben 358 Stunde war auch der letzte Funken erstickt. Die chinesischen Passagiere zweiter Klasse, deren Gepäck auf Deck steht, hatten das bessere Theil erwählt, und statt sich bei der Dämpfung des Feindes zu betheiligen, ihre Habseligkeiten auf das Bollwerk geschleppt, an dem wir ankerten. Miß B. gab ihrem Entzücken über unsere Rettung und die ihrer Garderobe dadurch Ausdruck, daß sie im ferneren Verlaufe des Tages die Toilette noch dreimal änderte. Nur so konnten wir einsehen, in welcher Gefahr sie geschwebt hatte. Der Capitän und die Mannschaft waren spät Abends von Shanghai zurückgekehrt; als ich mich nach einer ruhig verschlafenen Nacht am 12. December von meinem Lager erhob, wehte schon die englische Flagge von der Gaffel. Alles, was an Bord zur Bedienung des Foh-Kien gehört, ist darüber bis auf den Tod betrübt. Mir wurde versichert, daß nach seiner Metamorphose der Foh-Kien nie wieder das nationale Sternenbanner führen dürfe. Uns genügte die jetzige Gewißheit, vor den Angriffen des Kapers »Alabama« gesichert zu sein. Um halb zwei Uhr Mittags stach unser stolzes Schiff in See und suchte sich langsam einen Weg durch das Labyrinth von Kauf- und Kriegsfahrern aller Nationen zu bahnen, unter denen wir vor Anker gelegen hatten. Ich stand vorn auf Deck neben dem Lootsen, der von hier aus nach amerikanischer Weise das Steuer lenkt, als der Foh-Kien unerwarteter Weise einen gewaltigen Stoß erhielt. Bei der geringen Spannung der Dampfkraft hatte uns eine starke Strömung rechts ab und gegen den Rumpf eines großen französischen Kriegsschiffes getrieben. Ein 359 kleinerer Steamer wäre sogleich versunken, der Foh-Kien kam mit der Zertrümmerung des Radkastens davon; das Bugspriet des Franzosen rasirte die Dächer der Cajüten und zugleich stürzte der Besaanmast in Trümmer. Zum Glück hatte das sehr solide construirte Schaufelrad keinen Schaden gelitten, auch die Maschine war durch die heftige Erschütterung nicht verletzt worden, der Capitän verbesserte die unerwartete Havarie so gut als möglich durch getheerte Leinwand, welche über die offenen Cajüten gedeckt wurde; erst in Hongkong gedenkt man den Schaden glücklich auszubessern. Mich setzen dergleichen Episoden im Seeleben so wenig in Erstaunen, daß ich meine Seemannsmütze, als die Splitter des Besaanmastes mir um den Kopf flogen, nur etwas fester über die Ohren zog. Den meisten Schaden haben die Cajütenfenster gelitten, auch sind zwei Rettungsböte zermalmt und verloren gegangen. Die Schuld des Unglücksfalles kann Niemandem beigemessen werden; der Lootse behauptete wenigstens, bei der starken Fluth und der Enge des Fahrwassers des riesigen Schiffes nicht vollkommen Herr gewesen zu sein. Um fünf Uhr passirten wir das Leuchtschiff, um sechs Uhr wurde der Lootse entlassen, doch trug der Capitän gerechtes Bedenken, in tiefer Dunkelheit mitten unter kleinen Inseln und Klippen die Fahrt fortzusetzen; um sieben Uhr wurde der Anker ausgeworfen und nur zu bald erwies sich, wie recht wir gethan. Mehr und mehr steifte sich die Brise auf, und um neun Uhr Abends wehte es, um einen Ausdruck des Capitäns zu gebrauchen: »Kanonen und Haubitzen.« Nach einer, trotz des Tobens der Wasser ruhigen Nacht, stachen wir am 13. December um neun 360 Uhr Morgens in See. Wir legen in der Stunde 14 bis 15 Knoten zurück und könnten mit Hilfe des günstigen Windes noch rascher vorwärts kommen, geböte uns der Verlust des Besaanmastes und unterschiedlichen Takelwerkes nicht die äußerste Behutsamkeit in der Anwendung der Segel. Für unser materielles Wohlbehagen ist hinlänglich Sorge getragen, wir haben sogar einen Leibbarbier an Bord, der nach europäischem Geschmack rasirt und Haare verschneidet. Fat-Jack, auf diesen Namen hört der junge Haarkünstler, ist technisch nicht ohne Uebung, doch muß man nicht an gewissen üblen Gewohnheiten Anstoß nehmen. Durch constante Einreibungen mit Rhicinusöl sucht er seinem fetten Leibe einen poetischen Glanz zu geben, der nur durch den scharfen Geruch der ranzig gewordenen Flüssigkeit beeinträchtigt wird. An meinem Kopf hat er seinen Beruf mit einer solchen Geschicklichkeit erfüllt, daß ich ihm einen Dollar schenkte. Sobald er mir seitdem auf Deck begegnete, war seine stehende Redensart: » You masta! Ulopin man numbel one! « d. h. »Sie Master, sind ein europäischer Herr Nummer eins!« und wenn ich ihn anblickte, fragte er sogleich, ob er mir wieder die Haare verkürzen solle. Die chinesischen Passagiere zweiter Klasse sind keine angenehme Reisegesellschaft. Als wir am Abend des 14. December, mitten unter uns die emancipirte Miß B., im »Rauchcoupé« des Foh-Kien saßen und uns an dem eisigen Decemberabende mit Grog zu erwärmen suchten, brachte der Steward außer einer frischen Flasche Cognac die Nachricht, zwei unserer Landeskinder lägen im Sterben oder seien schon todt. Die Ursache ihres Ablebens ließ 361 sich nicht ermitteln, doch vermuthe ich, daß Beide an Entkräftung zu Grunde gegangen seien. Die unglücklichen Menschen, die sich selber zu beköstigen hatten, wandten, gleich den meisten Chinesen, an ihre Lebensnahrung nur so wenig, daß bei dieser scharfen Witterung das Oel in der Lebenslampe bald verzehrt sein mußte. Verstimmt durch die Hiobspost gingen wir zu Bette und zogen die Decke über die Ohren, aber erst auf ein Machtgebot des Capitäns verstummten die Lamentationen der Ueberlebenden, welche noch tief in der Nacht mit den Begräbnißfeierlichkeiten den Anfang machten. Nach erfolgter Todtenschau, die wirklich ergab, daß luxuriöses Leben den Tod der beiden Reisenden nicht beschleunigt habe, wollte der Capitän nach gewohnter Weise zur Bestattung schreiten, d. h. an die Beine jedes Todten eine Kanonenkugel binden und sie in's Meer versenken, allein die Leidtragenden widersetzten sich auf die hartnäckigste Weise. Die beiden Verstorbenen waren in Hongkong ansässig, ihre Gefährten bestanden deshalb darauf, ihre Ueberreste dorthin zu schaffen und auf heimischem Boden beizusetzen. Auf die Frage des Capitäns, durch welche Mittel sie die Leichen vor Verwesung zu schützen gedächten, baten sie ihn nur um zwei leere Tonnen. Die armen Teufel vermochten nicht viel daran zu wenden, und das ganze Verfahren der Einbalsamirung bestand darin, daß jeder Todter in eine Tonne gesetzt und diese bis an den Rand mit Salz gefüllt wurde. Die eingepöckelten Leichen kamen wirklich nach Hongkong, ohne die Mannschaft des Foh-Kien durch ihre Ausdünstungen belästigt zu haben. 362 Die Passagiere hatten nichts von diesen Unterhandlungen erfahren, die See ging hoch und die ganze Gesellschaft verweilte in den Kojen, nur ich und Miß B. blieben von der Seekrankheit verschont, so entsetzlich der Foh-Kien auch stampfen mochte. Wir fuhren den Tag über die Tschusanküste entlang, meistens dicht unter Land und oft an schroffen, kahlen Felsklippen vorüber. Hier haben sich unter dem Vorwande der Fischerei ganze Seeräuber-Colonien angesiedelt, und hier spielen auch die grausigen Abenteuer, von denen Mr. Fortune in seiner lesenswerthen Reisebeschreibung erzählt. Unser Schiff hat von den Piraten nichts zu fürchten; seine außerordentliche Schnelligkeit würde es allen Verfolgungen entziehen. Gefährlicher ist mir mein Kojenkamerad, der Perser. Zwar habe ich, als ein erfahrener Reisender, mich sofort der oberen Bettstelle bemächtigt und ihm das Erdgeschoß anempfohlen, allein die Seekrankheit tritt bei ihm unter so stürmischen Symptomen auf, daß ich selbst von meiner höheren Warte aus der Nacht mit Schrecken entgegensehe. Miß B. war bei Tisch erschienen, zog sich aber noch vor dem Dessert in ihre Gemächer zurück. Das Schiff rollte entsetzlich, und einer der chinesischen Aufwärter hatte, um nicht das Gleichgewicht zu verlieren und einen Teller Suppe aus der Rechten fallen zu lassen, rasch nach der Stuhllehne der Miß B. gehascht, statt derselben aber das goldene Krönchen auf ihrer Stirn in die Hände bekommen. Das Kleinod war unter den Pranken des Chinesen zerbrochen und Miß B. in der übelsten Laune, ihres liebsten Schmuckes beraubt zu sein. Sie arbeitet in tiefster Abgeschlossenheit an der 363 Wiederherstellung des Diadems. Wie ich vorher gefürchtet, hat der Perser mit seinem Stöhnen und Röcheln mir die ganze Nacht verdorben. Die Seekrankheit findet in ihm nichts mehr vor, was über Bord geworfen werden könnte, und der Unglückliche ringt mit Tod und Leben. Jetzt wäre der Moment zur Anwendung eines heroischen Mittels, eines Achtel Cognacs, oder auch nur eines Viertels Port, gekommen, allein wie soll man das einem solchen Moslem begreiflich machen? Außer Stande einzuschlafen, ordnete ich mehrmals die Kissen meines Lagers, und fand bei dieser Gelegenheit unter dem Kopfpfühl einen Lebensretter oder Schwimmgürtel aus Korkstücken. Auf dem »Foh-Kien« ist das Bett jedes Passagiers erster Klasse mit einem solchen versehen; für die zweite Klasse haben die nordamerikanischen Menschenfreunde nicht Sorge getragen. Am 14. December trieb mein Perser es so arg, daß ich seine Ausquartierung beantragte. Der »Foh-Kien« führt 110 Köpfe an Bord, doch ist immer noch hinlänglicher Raum vorhanden; es war das Glück des Seekranken gewesen. Ich hatte mich nach seiner Entfernung eben auf meinem Lager ausgestreckt, um die versäumte Nachtruhe nachzuholen, als das Bett am Kopfende zusammenbrach, und die Stelle mit Trümmern bedeckte, wo das bärtige Haupt des Moslems geruht hatte. Die Schnelligkeit des Foh-Kien vermindert sich übrigens nicht, wiewohl die Brise für einen Dampfer zu steif weht; eines der Schaufelräder bewegt sich immer in freier Luft. Weniger als 14 Knoten legen wir in der Stunde nie zurück, doch haben wir auch schon 18 erreicht. Die 364 Maschine wird sorgfältig überwacht und trefflich im Stande erhalten, aber unsere Ingenieure werden ihren Mühwaltungen entsprechend, wie Generäle und Minister bezahlt. Der erste erhält 4500 Dollars! Der Sicherheit der Küstenfahrt wegen begleiten uns zwei chinesische Lootsen mit Weibern und Kindern. Einer ist für die Seebuchten, der Andere für die Flußmündungen, jeder erhält monatlich etwas über 50 Dollars. Der Lootse, durch dessen Unachtsamkeit wir einen Mast, die Radbekleidung und einen Theil des Verdecks verloren, war ein englischer Süßwasserlootse und für seinen Meisterstreich mit 75 Dollars honorirt worden. Aus meinen Zwiegesprächen mit dem Capitän, einen gebildeten, mittheilsamen Mann, erfahre ich, daß die Höhe der Passagiergelder, namentlich wenn die Reisenden so gut wie wir verpflegt werden, nicht immer ungerechtfertigt ist. So hat der Foh-Kien mit Ausschluß der Kohlen täglich zwischen 900 und 1000 Dollars Unkosten. Unsere Eilfahrt hatte uns auf wahrhaft magische Weise aus nordischen Regionen zwischen die Wendekreise versetzt. Noch in Shanghai war es so kalt gewesen, daß ich nothgedrungen einem chinesischen Schneider für ein Paar grobe grauwollene Beinkleider vier Pfund Sterling zahlte; auf den Ankauf eines warmen Winterrockes hatte ich nur verzichtet, da der Preis nicht mehr zu erschwingen war. So muß der armen Seele zu Muthe sein, die, nachdem sie ihr Pensum im Fegefeuer abgesessen, durch Messen und Fürbitten geläutert, entlassen wird, und nun die ersten Lüste des Paradieses einathmet. Durch eine enge Passage fuhren wir in die große Bai von Fouchow ; die Thore des Himmels schienen sich vor uns zu öffnen. 365 Im Vordergrunde stiegen kleine schroffe Inseln aus der blauen Tiefe, eine Bergkette von 4000 Fuß Höhe begrenzte malerisch den Hintergrund. Inseln und Festland waren mit Villen und Pagoden bebaut, die in Hufeisenform in die Felsen gehauenen Erbbegräbnisse wurden von alten Banienbäumen ( ficus Indica ) und Theegesträuchen beschattet. So weit das Auge reichte, war kein unbebauter Fleck zu entdecken. Nach den rauhen Lüften des Nordens erquickte uns hier der linde Athem eines ewigen Frühlings. Miß B. brach vor Freuden in Thränen aus, und schwebte in Gefahr, jetzt wirklich in Ohnmacht zu fallen. Mittags ein Uhr warfen wir hart an der Pagodeninsel Anker. Der District, in dem wir uns befinden, wird das Paradies des chinesischen Reiches genannt, und verdient wirklich den schmeichelhaften Namen. Nach meiner Gewohnheit einen hervorragenden Punkt aufzusuchen, begab ich mich nach einer siebenstöckigen, ganz aus Stein erbauten Pagode, und erstieg die oberste Galerie. Meine hohen Erwartungen wurden nicht getäuscht. Ein phantasievoller Landschaftsmaler hätte die Gegend nicht mit mehr Geschmack hinsichtlich der Terrainbildung anordnen und architektonisch ausstaffiren können. Das von der Bergreihe bis an die Küste reichende Amphitheater war mit Städtchen und Dörfern wie besäet, doch verrieth jede dieser kleinen Niederlassungen die weise Berechnung ihres Gründers. Bald lagen sie hart am Meere und kleinen Häfen, bald in Schluchten an Kanäle gereiht, dann wieder in Reisfeldern und zwischen Gemüsebeeten; zierliche, ja zuweilen kostbare Joß-Häuser (Gebethäuser) brachten Abwechselung 366 in alle diese kleinen, der Industrie und dem Ackerbau gewidmeten Anlagen. Die Sonne neigte sich tief, als ich meine Mappe schloß, und unwillig über mich selbst: nicht mehr zu Papier gebracht zu haben, auf den Steamer zurückkehrte.   Ende des zweiten Bandes.     Dritter Band. I. Foo Chow Foo am Min. Der Fischfang mit dem Kormoran. Die Hundertbogen-Brücke. Stutzergräber und ein Diner auf dem Kirchhofe. Anlagen zur Anthropophagie. Die Neunkegel-Insel. Hongkong. Weihnachten in den Tropen. Malespina. Die steigende Fluth mußte am nächsten Morgen benutzt werden, wenn ich den Hauptort dieses herrlichen Landstriches rechtzeitig erreichen wollte. Um halb 11 Uhr bestieg ich einen, mit drei Ruderern bemannten Sampan, der Wind war günstig, die Fluth trug unser Boot rasch den Fluß Min hinauf, und einige Stunden später landeten wir, nach einer unterhaltenden Fahrt zwischen den malerischen Flußufern, die bald nahe zusammentraten, bald landseeartige Wasserflächen bildeten, in der Provinzialhauptstadt Foo Chow Foo , d. h. »unbeschränkte Glückseligkeit.« Wir hatten uns nur vor der Mündung des Min eine Viertelstunde lang aufgehalten, denn zum ersten Male auf meiner Reise wurde mir hier das Schauspiel des Fischfangs mit dem Kormoran geboten. Die Beschreibungen in zahllosen Jugendschriften, entheben mich wohl der Mühe eines ausführlichen Berichts dieser Fischerei-Methode, doch ist sie in hohem Grade unterhaltend, und ich würde, bei 2 einem längeren Aufenthalte in diesen Gegenden mich unfehlbar als Dilettant daran betheiligt haben. Der Kormoran ist unbestritten viel intelligenter, als seine Base, die Ente, welche er auch an Leibesgröße übertrifft, doch steht er unter fortwährender Ueberwachung seines Gebieters. Es ist nicht wahr, daß der Kormoran sich, wie der Jagdfalke in der Luft, frei im Wasser bewegen kann; eine Schnur muß ihn fortwährend an seine Abhängigkeit erinnern. Sobald die Fluth heranrollt, verlassen die Chinesen mit ihren Vögeln die Flußmündung und fahren der Fischwanderung entgegen. Ein Ruck an der Schnur oder ein Zuruf giebt dem Kormoran das Zeichen, daß er ans Werk gehen kann. Der Vogel stürzt sich in die See, taucht unter und kehrt sogleich mit dem erbeuteten Fische im Schnabel, in das Boot zurück. Die Schnur in der Hand des Fischers hat das Ihrige gethan, außerdem aber ein elastischer Ring um den Hals des Kormoran, der ihn hindert, den Fang sogleich zu verschlingen. Nicht selten weigerten sich die Vögel, ihre Beute loszulassen, dann prügelten die Herren mit dünnen Rohrstöckchen unbarmherzig darauf los, bis der Kormoran den Fisch von sich gab. Nach Beendigung des Fischfanges werden sie von den Halsringen befreit und mit den Abgängen gefüttert. Der Ueberfluß an Fischen ist an diesen Gestaden jedoch so groß, daß die Armen auch ohne den Kormoran ihren Lebensunterhalt gewinnen. Sobald die Fluth nämlich verrinnt, folgen ihr die Chinesen und sammeln aus den Lachen die zurückgebliebenen Fische auf. Sie tragen zuweilen ganze Körbe davon. Es war drei Uhr, als ich bei meinem hiesigen Wirthe, Herrn Krüger , einem geborenen Hamburger, ein 3 Empfehlungsschreiben der Firma Siemssen abgab, der ich nun schon so viel verdanke. Herr Krüger bekleidet in dem großen Handelshause den Posten eines ersten Theekosters und scheint sich dabei vortrefflich zu stehen. Foo Chow Foo ist nicht allein die Metropole des Theehandels, sondern es wird auch in der Umgebung eine der ausgezeichnetsten Theesorten gebaut. Wahrlich, nicht umsonst rühmen die Chinesen die Schönheit und Cultur dieser Gegend. Es giebt kein Fleckchen Landes von der Größe eines Daumennagels, das nicht ein üppiges Pflänzchen trüge, und wäre es auch nur ein wohlgepflegter Reishalm. Die Bevölkerung der Stadt wird auf zwei Millionen angegeben, und im entsprechenden Verhältniß steht der Verkehr der Handels-Dschunken aus dem Min. Die beiden Ufer des Flusses werden durch die uralte Hundertbogen-Brücke verbunden; eine gewissenhafte Zählung der Wölbungen ergiebt aber einige dreißig Bogen weniger, trotzdem macht das schon verwitterte Bauwerk aus grauem Granit einen großartigen Eindruck. Ich brauchte genau fünfzehn Minuten, um hinüberzuschreiten. Im Weichbilde der Stadt liegen mehrere ansehnliche Hügel, die ich zum Theil mit Benutzung eines Tragsessels erstiegen und dadurch die herrlichsten Prospekte gewonnen habe. Die Städte-Panoramen sind in den letzten Jahrzehnten vielleicht auf Grund der steigenden Reiselust und der Allgegenwart der heutigen Touristen, aus der Mode gekommen; ein Panorama von Foo Chow Foo wäre geeignet, das Genre wieder in Aufnahme zu bringen. Man hat ohnehin in Europa noch kein großartiges südchinesisches Städtebild mit seiner abenteuerlichen Architektur, der tropischen Vegetation von Banien, Fächerpalmen und Bananen, dem Gitterwerk 4 von Kanälen und Flüßchen, dem hochragenden Gebirgshintergrunde und den üppig grünen Fluren in allen angebauten Partien gesehen. Außer Thee wird hauptsächlich Reis gebaut, und alle Landstraßen sind so angelegt, daß der ganze Distrikt unter Wasser gesetzt werden kann, ohne die Communication zu hindern oder auch nur zu erschweren. Sämmtliche Wege, selbst die Fußpfade, gleichen kleinen Dämmen. Die Wasserleitungen reichen dem entsprechend bis in die verstecktesten Winkel; in den kleinsten Dimensionen werden Bambusröhren angewandt, um die winzigen Reisäcker, die man vielleicht zwischen zwei Hütten angelegt, zu bewässern. Die Ersteigung des höchsten Hügels kostete beinahe drei Stunden Zeit; und noch heute weiß ich dem alten Bonzen, der mir in seinem Tempel auf der Spitze des Berges Gastfreundschaft gewährte und mich mit Thee und Pampelmusen labte, wärmsten Dank dafür. Die Umgebung des Gotteshauses war höchst romantisch, in der Nähe standen zwei noch gut erhaltene, aus grauer Vorzeit stammende siebenstöckige Pagoden, und riesige Felsblöcke lagen umher, in welche die Kinder vieler Zeitalter geheimnißvolle Zeichen mit dem Meißel gegraben hatten. Einige dieser Sculpturen waren verhältnißmäßig noch neu, andere hatte die Zeit vertieft; sie glichen Pfützen, in denen Wasserthiere lebten und Pflanzen wuchsen. Das erste Wort einer dieser Inschriften zerfiel mir wie Staub unter den Händen. Der poetische Eindruck der erhabenen Scenerie wurde mir auf dem Rückwege in die Stadt durch den Anblick eines armen Wichtes verkümmert, der ohne Zopf, mit einem großen Brette um den Hals, das mit blutrothen Signaturen beschrieben war, 5 mitten in der Straße saß und einige Tage später hingerichtet werden sollte. Bis dahin durfte ihn Niemand mit Speise und Trank erquicken. Die große Wohlhabenheit der Stadt und Umgegend ging auch aus der vortheilhaften Physiognomie des Gewerbestandes von Foo Chow Foo hervor. Die Handwerker arbeiten theils auf offener Straße, theils auf den Hausfluren unter lebhafter Unterhaltung, und oft stimmten hundert zugleich bei einem Bonmot ihres Rhapsoden ein lautes Gelächter an. Ich glaube schon angeführt zu haben, daß das chinesische Idiom die Bildung von Calembourgs begünstigt. Gleiche Sorgfalt, wie auf die Werkstätten und Wohnräume des einfachsten Arbeiters, wird in Foo Chow Foo auf die Grabstätten verwandt. Nirgends fand ich die sogenannten »Dandy«- oder Stutzergräber, wie diese zierlichen Ruhestätten von den Engländern genannt werden, in gleich beträchtlicher Anzahl. Ihre Gestalt gleicht einem hufeisenförmigen Magneten, in dessen Rundung der reich ausgestattete vergoldete und lackirte Sarg steht. An beiden Seiten des Kopfendes erheben sich zwei schlanke, mit Wimpeln und anderen Schnurpfeifereien geschmückte Masten. Jeder größere Grabstein ahmt die Form eines Hufeisens nach, auf einer eingelegten Marmorplatte steht der Name und Titel des Verstorbenen verzeichnet. Die Armen müssen sich mit einem napfkuchenähnlichen Erdaufwurf begnügen, aber auch diese schienen mir hier besser gepflegt, als an anderen Orten. Auf einem Kirchhofe im Innern der Stadt kam ich eben hinzu, als eine Gesellschaft mit zahlreicher Dienerschaft anlangte, die neben einem hervorragenden Grabmale ihre Körbe auspackte und ein splendides Diner 6 auf kleinen Tischen servirte, die im Schatten eines prächtigen Zeltes aufgestellt waren. Die Leidtragenden mochten gekommen sein, den Todestag eines hohen Gönners feierlich zu begehen. Zuerst wurden Visitenkarten, d. h. mennigrothe Bogen mit der Namensinschrift auf dem Grabe niedergelegt, dann begoß man es mit einer Quantität Samschu (Reisbranntwein), endlich entzündete man Schwärmer und Opferpapiere. Jetzt erst war den Manen des Geschiedenen genug gethan, die Gesellschaft hockte unter dem Zelte nieder und verzehrte schweigend, mit unverkennbarer Devotion die mitgebrachten Leckerbissen. Die Dächer der Häuser und Tempel in Foo Chow Foo sind, wenn möglich, noch geschweifter und verschnörkelter, als in anderen großen Städten Chinas; der künstlerische Genius der Nation entfaltet sich unter diesem glücklichen Breitegrade in allen Richtungen in üppiger Blüthe. Zu meinem gerechten Kummer waren die Stunden meiner Anwesenheit gezählt, ich beeilte mich daher noch, die auf vielen Hausthüren von Privathäusern wiederholten Verzierungen, in der Erwartung vielleicht später Aufklärung zu erlangen, abzuzeichnen. Sie bestanden aus großen Teufelsgestalten, die ihrem Grimm durch gespannte Bogen und Pfeile oder gezückte Schleppsäbel Luft zu machen suchten. In den Figuren herrschte eine so große Uebereinstimmung, daß ich geheime Beziehungen zwischen den betreffenden Hausbesitzern annehmen durfte. Am 16. December erhob ich mich Morgens schon um sechs Uhr und fuhr in dem »Hausboote« des Herrn Krüger, gleichsam der Gondel der Firma, von sechs rüstigen Chinesen gerudert, pfeilschnell den Min hinab. Die Landschaft, 7 die ich jetzt von der anderen Seite sah, erschien beinahe schöner, als auf der gestrigen Bergfahrt. Die ansehnlichen, amphitheatralisch an Gebirgsabhängen gelegenen Städte glichen phantastischen Theaterdekorationen. Als ich, von der Ebbe gefördert, um 9 Uhr an Bord des Foh Kien eintraf, glaubte ich aus einem Traume erwacht zu sein, doch trug ich die Bürgschaft, alle diese Wunderdinge mit leiblichen Augen gesehen zu haben, in meiner Zeichenmappe. Ueber meiner Vorliebe für die Natur habe ich einen Kunstgenuß ungewöhnlicher Art versäumt. Miß B. hatte gestern eine Gesangs-Soiree, das Billet zu fünf Dollars (achtehalb Thaler), in Foo Chow Foo gegeben und eine Einnahme von 300 Dollars erzielt; doch bin ich durch mein Wegbleiben nicht in Ungnade gefallen. Der kleine Lockenkopf gesteht der künstlerischen Collegialität einige Vorrechte zu. Der junge Arzt der englischen Colonie hat die Honneurs in der Soiree gemacht und meine früheren Aufmerksamkeiten vollkommen in Vergessenheit gebracht. Auf dem Verdecke herrscht rege Thätigkeit, wir haben eine Menge Tabacksballen ausgeladen und nehmen große Quantitäten trefflichen Haysan-Thees ein, der Wind bläst wonnig kühl aus der Meeresweite, und ich lustwandele rastlos auf den Planken des Hinterdecks. Gegen Abend sollen wir wieder in See gehen, und schon um 12 Uhr machen sich 50 Mann der Besatzung daran, den ersten Anker heraufzuholen. Zwei Matrosenhäuptlinge, Amerikaner von Geburt, gebehrden sich als Chorführer und prägen den Chinesen und Malayen mit entsprechenden Tauenden den Takt ein. Die beharrliche Promenade in der frischen Seeluft hat meinen Appetit dergestalt geschärft, daß ich die Gelüste des Polyphem und 8 seiner Gesinnungsgenossen in diesen Gegenden begreife, ja, ich betreffe mich um halb ein Uhr, eine halbe Stunde vor Beginn des Tiffin, auf der schlächterartigen Prüfung des Filets eines kleinen gutgenährten Chinesen, an dem ich immer vorbeiwandle; ich möchte mich selber ohrfeigen oder mit Füßen treten. So bilden sich schüchterne Anlagen zur Anthropophagie! Um zwei Uhr war auch der zweite Anker auf Deck, und der »Foh Kien« schwimmt langsam zur Mündung des Min. Der klare Fluß und seine Ufer erinnern mich an das Südende des Laggo maggiore, nur daß der italienische Fleiß weit hinter dem des chinesischen Landbaues zurücksteht. Wäre irgendwo eine Eiszacke, ein Schneefeld vorhanden, ich sähe mich nach dem Erzstandbilde des heiligen Boromäus um. Unterdessen schöpft die Maschine tief Athem, der Schornstein stößt einige schwarze Rauchwolken aus, und in der mächtigen Schwellung des Oceans steigt und sinkt der dunkle Leib des »Foh Kien«, der Dampfer schießt in die unabsehbare Ferne hinaus; schon nach einer Stunde ist das Zauberbild auf Nimmerwiedersehn versunken. Gegen sechs Uhr wurde in der Nähe der Hunde-Inseln vor Anker gegangen, derselbe aber schon um halb vier Uhr Morgens am 17. December wieder gelichtet. Wir passiren die Katzen-Inseln und haben nun die hohe See erreicht. Der Wind an sich wäre günstig, aber seine Heftigkeit verbietet, Segel aufzuziehen; der Ocean ist eine weiße Schaummasse, und der dumpfe Donner der sich überschlagenden Wasserberge übertönt selbst das Heulen und Pfeifen des Sturmes. Bis zehn Uhr war der Horizont, wie ein norddeutscher Weihnachtsmorgen, mit tiefgrauen Wolken verhangen, aber 9 so gewaltsam der »Foh Kien« stampfte, so grausame Verheerungen die Seekrankheit an Bord anrichtete, ich blieb unter freiem Himmel, die Naturscene war zu großartig. Der hohe Seegang hielt die ganze Nacht durch an und warf meinen, mit Blech beschlagenen Aquarellenkasten von der mehrere Fuß hohen Leiste so unglücklich herab, daß die scharfe Kante mein Gesicht traf und einen Zoll unter dem rechten Auge eine große blutige Beule schlug. Ich pries mein Glück, mit dem Auge davon gekommen zu sein, tadelte meine Nachlässigkeit in der Aufbewahrung des gewichtigen Geräths, stand auf und kühlte den Brand der Wunde mit frischem Seewasser. Mit Tagesgrauen bekamen wir im Westen die Küste in Sicht; nach der Angabe des Capitäns befinden wir uns auf der Höhe von Amoy . Bei einer Schnelligkeit von 14 bis 15 Knoten in der Stunde legen wir ungeheuere Strecken zurück. Der »Foh Kien« durchkreuzt ganze Flotten von Fischerböten, die ungeachtet des wilden Wellenganges in voller Arbeit sind, aber vor dem anstürmenden Dampfer auseinanderstieben; bei solchem Wetter soll der Fischfang besonders reichlich ausfallen. Am 18. December Morgens passirten wir bei dem schönsten Wetter den »weißen Felsen« und sind nur noch sechszig englische Meilen von Hongkong entfernt. Wir durchschneiden den nördlichen Wendekreis und dampfen in die tropische Natur hinein, Dschunken mit gelben Mattensegeln und Bambusstangen zu Tausenden künden uns die Nähe jenes großen Handelsmittelspunktes an. In der Conversation geht ebenfalls eine wichtige Veränderung vor. Gestern sprachen wir noch von Seide und Thee, heute, innerhalb der Wendekreise, von Zucker und 10 Reis, mir schwindelt der Kopf von all den Pickels, die ich mitverkauft habe. An dem Tage, wo ich mit dem ersten Geschöpf zusammentreffe, das sich nicht mehr lediglich für Dollars interessirt, bringe ich ein Brandopfer, zünde fünfzig Schwärmer an oder setze die Gebetmühle in Gang. An der Neunkegel-Insel ( nine pins island ) fahren wir unter großen Besorgnissen und Vorsichtsmaßregeln vorüber. Hier ist vor zwei Monaten ein Schiff auf einen, dicht unter der Meeresfläche befindlichen Fels gestoßen, der in den bisherigen Seekarten noch nicht verzeichnet steht. Da auch unserem Capitän der Ort, wo jener Unhold auf unglückliche Seefahrer lauert, ganz unbekannt ist, sind wir froh, als die gefährliche Region hinter uns liegt. Unser leichtbeschwingter Dampfer eilt rastlos vorwärts, und um zwei Uhr erreichen wir Hongkong, wo ich von dem Hauptboote der Firma Siemssen erwartet und rasch unter Dach und Fach gebracht werde. Der Ankömmling wird nach langen Irrsalen unter japanesischen und chinesischen Volksstämmen hier wieder an die Freuden der europäischen Civilisation erinnert. In den nächsten Wochen stehen die Pferderennen bevor, und die Häuser Jardins und Dents haben schon vor Monaten fünf berühmte Rennpferde aus England bezogen. Drei dieser edlen Thiere kosteten jedes 3000 Pfd. St., die beiden ausgezeichnetsten 4000 und 4500 Pfd. St. In Folge der Seereise und bei der Einschiffung begangener Unvorsichtigkeiten waren drei der kostbaren Geschöpfe unterwegs, eines sogar schon auf dem Dampfer zu Southampton, zu Grunde gegangen. Der Pferdebändiger, dessen Pflege letzteres anvertraut war, hatte sich dessenungeachtet auf den Weg gemacht. Wenige Tage vor meiner Ankunft war 11 er in tiefer Betrübniß in Jardin's Comptoir eingetroffen und hatte den Schwanz und das Zaumzeug des Verblichenen auf den Zahltisch niedergelegt. Die reichen Handelsherren hielten sich die Seiten vor Lachen über den betrübten Lohgerber, berichtigten die Reisekosten, packten den Touristen auf das nächstabgehende Schiff und schickten ihn über Hals und Kopf nach Hause. Das Völkergemisch in Hongkong gewährt mir abermals große Unterhaltung, ich patrouillire durch das Piraten- und Seemannsviertel, und mache einige bemerkenswerthe Entdeckungen. Mehrere neue Schnapskneipen haben sich etablirt und Schilder mit drastischen Inschriften aufgehängt. Unter meinen Notizen finde ich die Mottos: »Zur aufgehenden Sonne.« »In den drei vergnügten Matrosen.« »Zum blauen Auge.« »Zum braun und blauen Auge.« Die Vegetation ist im December noch so grün, wie ich sie im Juli verließ, nur in der Temperatur ist ein Unterschied bemerklich. Die Revision meiner zurückgelassenen Effecten hat kein erfreuliches Resultat. Sämmtliche, in eine Kampferkiste verpackten Sachen, Papiere, Skizzen, Wäsche und Kleidungsstücke, sind verstockt, letztere beinahe verfault, doch befindet sich nichts darunter, auf das ich höheren Werth legte. Von der Kürze des Tages – wir schreiben heute den 21. December – ist nicht viel zu merken, das Wetter ist vortrefflich, und die Geschäfte gehen unvergleichlich. An Baumwolle werden beispielsweise 100 pCt. verdient, und jetzt gehen auch die Erbsen mit Siebenmeilenstiefeln in die Höhe. Es ist dafür gesorgt, daß ich nicht von dem kaufmännischen Jubel inficirt und übermüthig werde. Der jähe Wechsel zwischen der nordischen Lage von 12 Peking und Shanghai und der tropischen Zone von Hongkong macht sich durch rheumatische Schmerzen fühlbar. Auf einer Spazierfahrt nach dem Racecours, wo einige Heroinen equestrische Vorübungen zum Wettrennen anstellten, vermochte ich mich kaum aufrecht zu erhalten. Die Conservation bei Tische trägt ebenfalls nicht dazu bei, mein von Heimweh schweres Herz zu erleichtern und mich die körperlichen Leiden vergessen zu machen. Baumwolle und Erbsen behaupten noch immer den Vorrang, nächstdem sind auf einem Steamer mehrere Oelfässer geplatzt. Die »Alma« von Bombay hat 70 Tage, die »Norma« von Cadix 120 Tage, die »Selma« von Batavia 50 Tage, aber die »Dora« von Manila nur 14 Tage bis Hongkong gebraucht. Abwechselung mit diesen pikanten Neuigkeiten gewähren auf dem Seitentisch liegende, drei Wochen alte Zeitungen. In den letzten Tagen vor Weihnachten war mir ein tieferer Blick in den Verfall der chinesischen Staatsverhältnisse gestattet. Von den Südgrenzen Chinas kamen etwa fünfzehn Dschunken, beladen mit armen Landleuten an, die von ihren Mitbürgern aus Religionshaß und Furcht vor Uebervölkerung vertrieben worden waren. Die Verfolger hatten die Mehrzahl erbarmungslos mit bewaffneter Hand ins Meer gedrängt und ertränkt, von den Flüchtlingen zeigten viele entsetzliche Verstümmelungen; dem dritten Manne waren immer die Ohren oder die Nase abgeschnitten. Ueber die Dampfer, derer ich mich bisher bedient, erfahre ich nach und nach Näheres. Der Steamer » Baltic «, mit dem ich von Rangoon nach Singapore ging, ist im September bei Rangoon verloren gegangen. Bis auf zwei Individuen 13 wurden Passagiere und Mannschaft gerettet; Gepäck, Ladung und Briefe versanken im Abgrunde. Am heiligen Weihnachtsabend brachte mir die europäische Post Briefe von den lieben Angehörigen in Europa; dann benutzte ich die letzten Stunden vor meiner Einschiffung an Bord des nach Manila gehenden Dampfers zu einer Rundfahrt in dem Boote des deutschen Hafendoctors Schetlich , eines gescheidten und angenehmen jungen Mannes. Ich besuchte mit ihm seine Patienten, darunter die vierzig Matrosen eines deutschen Dreimasters, der 180 Tage lang von England in See gewesen war. In Folge des fortwährenden Genusses von Salzfleisch litten die Unglücklichen am Skorbut. Fast Alle lagen krumm und lahm auf dem Verdeck, doch schritt die Besserung bei der jetzigen vegetabilischen Nahrung rasch vorwärts. Der Manila-Dampfer gönnte mir noch Frist bis zum ersten Feiertage, und unser Weihnachtspunsch ward mit Baß- und Tenorsolos im Siemssen'schen Hause bei leidlichem Humor getrunken. Der Hausherr collectirte zugleich für einen armen deutschen Matrosen, dem wieder auf die Beine geholfen werden sollte. Er war auf einem dänischen Schiffe, mit dem er mehrere Jahre hindurch gefahren, an der Ostküste von Formosa gestrandet, die Hälfte der Mannschaft zu Grunde gegangen, der Capitän mit neun Mann aber von den Eingeborenen ans Land gezogen und in eine Höhle gesperrt worden. Die Menschenfresser hatten ihre Gefangenen systematisch mit Reis gemästet und sie der Reihe nach, je nachdem die Fütterung anschlug, verspeist; der Matrose allein war ihnen zu mager gewesen. Weiter nicht blutgierig, schoben sie ihn, nur um die ferneren 14 Unterhaltungskosten zu sparen, auf einem Baumstamme ins Meer, wo er eine Zeit lang umhertrieb, doch endlich von einer nordamerikanischen Brigg gerettet wurde. Wir brachten ein rundes Sümmchen, hinreichend für die vollständige Equipirung und die Reisekosten des armen Menschen, zusammen. Den ersten Weihnachtsfeiertag beging ich in den heiligen Frühstunden mit Kofferpacken, verabschiedete mich von meinem gütigen Wirthe und ruderte zu dem kleinen spanischen Postdampfer Malespina. Engländer und Deutsche hatten mich eindringlich vor diesem Schiffsinvaliden gewarnt, allein nur alle sechs Wochen ging ein Boot von Hongkong nach Manila, und meine Zeit war kostbar. Die Spanier sind eine bettelarme, aber stolze Nation und wollen in den chinesischen Gewässern den Engländern, so lange es geht, das Feld streitig machen, daher ihr Eifer für die Behauptung eines spanischen Postdienstes zwischen beiden Orten. Die »Malespina« hat das Licht der Welt nicht auf einer spanischen Schiffswerfte erblickt; vor ein und zwanzig Jahren lag sie unter dem Namen »Pork« dem Viehtransport zwischen Liverpool und Dublin ob, erreichte aber noch in vorgerücktem Alter eine höhere Stufe der Entwickelung zu einem Postdampfer. Sie ward von einem spanischen Hidalgo billig für alt gekauft und umgetauft. Nach Siemssens famosem Ausspruch hielt nur noch der »Glaube der Spanier« das morsche Fahrzeug zusammen. Trotzdem habe ich für das Billet nach Manila achtzig Dollars erlegen müssen. Wir sind acht Passagiere, ein Paar Spanier von dem Kaliber des Cid, die sich auf alles Andere eher etwas einbilden, als auf ihr Geld, ein 15 Holländer und ein Apothekergehülfe aus Wernigerode, der sein Glück in Manila zu machen gedenkt. Der Nordwest treibt schweres Wettergewölk vor sich her, auf dem Quarterdeck schreitet ein spanisch-malayischer Bastard von Marinesoldat barfüßig, aber mit dem edlen Anstand des Fernand Cortez einher, die faulen Matrosen, lauter Eingeborene von den Philippinen, werden unterdessen fortwährend so lange mit dem Tauende abgedroschen, bis sie mit »Lust und Liebe«, wie der spanische Bootsmann sich ausdrückt, an die Arbeit gehen. Die »Malespina« ist ein Schmutzfink, und doch fühle ich mich in der backofenartigen Kajüte – sie liegt unmittelbar über dem Maschinenraum und der Schraube – nicht so unglücklich, als auf manchen besser ausgestatteten Schiffen. Schon in Südamerika habe ich die stolzen Landsleute Don Quixote's und Sancho's liebgewonnen. 16 II. Alles Oel. Die Tabaksinsel Luzon. Spanisches Prügelsystem. Manila. Ehrenwache oder Spitzel. Folgen des Erdbebens. Baierischer Dialekt. Die Vorstadt Binondo. Provisorische Kapellen und Kirchen. Die Cigarrenfabrikation, ein Regierungsmonopol. Spanische Courtoisie. Nur zu bald ergab sich, daß ich zu früh triumphirt hatte; die Schattenseiten des spanischen Schiffes traten sehr deutlich hervor. Alle Speisen werden mit Oel zubereitet, und es herrscht eine Vorliebe für dieses fettige Fluidum an Bord, die durchaus dem Gefühl eines reinlichen Norddeutschen widerstrebt. Von der Küche aus verbreitet sich der Oelschmirgel durch alle Räume, und die Einbildungskraft wird dergestalt mit diesem Stoffe und seinen Ausdünstungen imprägnirt, daß ich zuletzt glaubte, selbst der Fußboden und die Wände der Malespina schwitzten Oel aus. Diese Täuschung wird noch durch die widerwärtige Hitze der Kajüte unterstützt; ich ahne die Leiden des heiligen Laurentius auf dem Roste. Jetzt begreife ich auch, weshalb sich die spanischen Officiere von uns getrennt haben und Tag und Nacht auf dem Vorderdeck zubringen. Die Temperatur ist dort kühler und die Luft etwas reiner; es gehört 17 daher nicht viel Aufopferung dazu, den Passagieren den Schmelzofen von Kajüte allein zu überlassen. Ich ergab mich daher mit Resignation in mein Schicksal, als gleich nach der Abfahrt der ausbrechende Sturm und die hochgehende See in mir einen so starken Anfall der Seekrankheit hervorriefen, daß ich zu Boden sank und dem zornigen Gotte des Meeres wahre Hekatomben darbrachte. Dieser verzweifelte Zustand dauerte vom 26. bis 28. December und ist in meinem Tagebuch durch einige wüste Kritzeleien und mehrere nicht mißzudeutende Flecken bezeichnet. Am letzten Tage trat einige Besserung ein, die See tobte zwar nach wie vor, doch klärte sich der Himmel auf, der Ocean wie der Horizont glühten in der reinen Farbe des Ultramarins, und Millionen fliegender Fische schnellten sich von der Oberfläche des Wassers empor. Das entzückende Schauspiel wird mir nur durch andere, weniger poetische Geschöpfe verleidet, die sich am engen öligen Bord der Malespina eben so glücklich zu fühlen scheinen, wie die geflügelten Fischlein in den Weiten des kühlen Oceans; ich meine die Cockroaches, meine alten Todfeinde. Sie verbinden sich mit zahllosen Ameisen, mir jede Sekunde des Daseins zu verbittern. Aller heroischen Anstrengungen ungeachtet ist es mir unmöglich, den Ekel zu überwinden, den die widerlichen Cockroaches mir einflößen. Mir fliegt stets ein kalter Schauer über den Rücken, sobald eines dieser Geschöpfe mir unerwartet unter die Hände geräth oder die Haut meines Körpers berührt. Am 28. December befanden wir uns in der Nähe der Philippinen, und zwar der Tabaksinsel Luzon ; unsere Leiden nähern sich also ihrem Ende. Wie groß die 18 Mannigfaltigkeit der Uebelstände ist, mit denen der civilisirte Passagier auf der Malespina zu kämpfen hat, geht aus folgendem Intermezzo hervor. Eben machte ich den Versuch, nach meiner Genesung von der Seekrankheit den ersten Bissen beim Tiffin zu mir zu nehmen, und rückte den Stuhl näher an den Tisch, als mein linker Fuß plötzlich in einem Loch des Fußbodens versank. Er war in eine geöffnete, kleine Lucke gerathen, unter der ein schwarzbrauner fettiger Kerl stand, der durch meinen Tritt in der Säuberung seines Leibes vom Ungeziefer unterbrochen wurde. Der junge Mann gehörte zum Heizerpersonal. Durch die freundliche Witterung ermuntert, suche ich die von den stürmischen Tagen angerichteten Schäden an Koffern und Magen auszubessern. Erstere müssen förmlich ausgepumpt werden, so oft hat sie die See überfluthet; den letzteren suche ich durch Ausspülungen mit Sodawasser in seinen normalen Zustand zu versetzen. Wir fahren jetzt bei herrlichem Wetter die Küste entlang, die Wasser haben sich beruhigt, und ich lege, so lange die Sonne scheint, die Bleifeder und den Pinsel fast nicht mehr aus der Hand. Eine Bergkette von ungefähr 4000 Fuß Höhe und vieler Mannigfaltigkeit begleitet uns, bis zur Höhe von 1000 Fuß sind ihre Abdachungen mit tropischer Vegetation üppig bewaldet, darüber hinaus erheben sich die seltsamsten Gebilde, Kuppeln, Zinnen und zertrümmerte Felsmauern; einige Partien erinnerten mich an die Küste von Sicilien in der Gegend Messina's. Wenn der Leser meinen Aufzeichnungen mit leidlicher Aufmerksamkeit gefolgt ist, werden ihm hin und wieder zerstreute verschämte Geständnisse nicht entgangen sein. Was der Weise von Weimar über die bedenklichen Folgen eines 19 »Wandelns unter Palmen und Elephanten« gesagt hat, ist nur allzu wahr. Ich werde in mir selber die Spuren einer beginnenden Verwilderung gewahr. Humanität und Empfindsamkeit vermindern sich; ich sympathisire mit der Lieblosigkeit der Natur, die von Schönrednern unser Aller »Mutter« genannt wird, aber kaum den Namen »Stiefmutter« verdient. So lehnt sich in mir nichts mehr gegen das an Bord der »Malespina« herrschende Prügelsystem auf. Es scheint mir so natürlich, daß an jedem Durchgange, an jeder Treppe ein Unteroffizier oder Bootsmann steht und mit einem Tauende auf alle vorüberstreichenden Matrosen losschlägt, wie das Spiel der Katze mit der Maus, dem gefangenen Vogel. Vielleicht ist es eine Naturnothwendigkeit aller dieser Leute, zu prügeln und geprügelt zu werden. Die Officiere benehmen sich, wie wilde Thiere. Oft stürzen sie mit einem Anlauf auf die eingeborenen Mannschaften los, und versetzen ihnen mit geballter Faust von unten nach oben einen Stoß unter die Rippen. Als in der letzten Nacht die Maschine sechs Stunden lang still stand, und unter vielem Gehämmer ausgebessert werden mußte, machten die Gewaltthäter ihrem Unmuth durch verdoppelte Mißhandlungen der schaafmäßig sanften Menschen Luft. Gegen Morgen war der Mechanismus wieder in Ordnung und arbeitete, wenn auch nur matt und langsam. Wir fahren jedoch dicht unter Land, und die See ist ruhig; der Maschine wird nicht viel zugemuthet. Ihr hohes Alter verbietet alle ungebührlichen Anstrengungen; das Maximum ihrer Leistungen sind fünf Knoten in der Stunde. Der Kessel rivalisirt mit meinem Magen; beide dürfen noch nicht gehörig geheizt werden. Kommt in jenen nur die halbe 20 Ration Brennmaterial, so muß sich dieser mit Chocolade begnügen, dem einzigen Nahrungsmittel, das gut angefertigt wird und nicht nach Oel riecht und schmeckt. In der Nacht von 28. zum 29. December hatte ich fünf Stunden lang auf Deck unter meinem Plaid sanft geschlafen, als ich plötzlich durch einen, dicht über meinem Kopfe abgefeuerten Kanonenschuß aufgeschreckt wurde; wir waren auf der Rhede von Manila . Während der Koch sich mit dem Frühstück, d. h. der üblichen Chocolade beeilte, kamen sechs pockennarbige Zöllner an Bord und durchsuchten die Ladung des Schiffes und die Effecten der Passagiere mit einer peinlichen Genauigkeit, die in Europa kaum an der russischen Grenze ihres Gleichen hat. Hier wurde mir auch seit fünfzehn Monaten (Triest) zum ersten Male wieder der Paß abgefordert. Endlich hatten die Wächter der öffentlichen Ordnung in der berühmten Cigarrenstadt alle Vorsichtsmaßregeln beobachtet; wir durften an Land gehen, und meine Habseligkeiten wurden von drei gleichfalls pockennarbigen, wildblickenden Ruderern in einen Klotzkahn geworfen. Ein zerlumpter Soldat begleitete mich, ob als Ehrengarde oder als Spitzel, vermag ich nicht anzugeben. Wir hatten anderthalb Meilen weit durch eine dichte Masse kohlartig aussehender, übelriechender Wasserpflanzen bis nach der Stadt zu rudern. Am königlich spanischen Zollamte entstand ein abermaliger Aufenthalt; meine Sachen mußten auch hier durchsucht werden. Die Grandezza der Beamten hielt mich ab, ihnen eine Geldspende zu reichen; möglicherweise hätte das Verfahren dadurch abgekürzt werden können. Der Zollinspector, ein beinahe schwarzer Mestize, d. h. der Sohn eines Spaniers 21 und einer Eingeborenen, verabschiedete mich, ohne mir Mauthgebühren abzufordern. Von hier ließ ich mich nach dem, hart am Ufer gelegenen Hotel Français, angeblich dem besten Manila's, rudern, wurde jedoch abgewiesen. Das Haus war durch das letzte Erdbeben vollständig zerstört und erst wieder im Bau begriffen; man schickte mich nach dem amerikanischen Hotel. Ganz aus Holz errichtet, hatte es vom Erdbeben nur wenig gelitten. Erst hier gelang es mir, den Polizeisoldaten loszuwerden; ein Trinkgeld befreite mich von seiner Gegenwart. Trotz der amerikanischen Etiquette des Hauses herrschte darin noch eine echt spanische Wirthschaft. Wo in anderen Hotels der Portier des Gastes harrt, saß die Vicewirthin, eine schöne freundliche Mestize von klassischen Formen, und säugte ihr Kind. Die große Wärme gestattete der jungen Dame, ihre Toilette auf die »Saya«, einen leichten, genial um die Hüften geschlungenen Unterrock zu beschränken; anderweitige Putzgegenstände habe ich nicht bemerkt. Madame führte mich, nachdem sie ihr Baby gesättigt, persönlich in das mir bestimmte Gemach. Es sah ziemlich liederlich aus, was nach der Aussage der Vicewirthin das Erdbeben verschuldet haben sollte. In Bezug auf die zerbrochene Karaffe und das gesprungene Wasserglas durfte ich ihr Glauben schenken, zwischen dem überaus schmutzigen Handtuch, so wie der noch mit einer nächtlich schwarzen Jauche gefüllten Waschschüssel und dem Erdbeben fand ich keinen kausalen Zusammenhang und äußerte meine gerechten Zweifel. »Ah, der Commandante!« rief die schöne Frau und zuckte die Achseln. Mein Vorgänger, ein Schiffscapitän, hatte nach beendeter Toilette eben das Zimmer verlassen. 22 Der Commandante schien, nach der Waschschüssel zu urtheilen, nur ein Sonntagswäscher zu sein. Mir blieb keine Wahl übrig und ich behielt das Zimmer. Hierauf erschien der Gemahl, wie Adam, nur mit einem Feigenblatt bekleidet, und suchte sich mit mir über die Bedingungen meiner Aufnahme zu verständigen. Sein Englisch reichte gerade hin, mir auseinanderzusetzen, daß ich excl. Wein und Bedienung täglich drei Dollars Pension zu bezahlen habe. Dann erquickte er mich durch eine Schaale schwarzen Kaffee's, bei dem ein sehr versüßtes Brod gleich die Stelle des Zuckers vertreten mußte, und ging an die Reinigung des Waschtisches. Zur Charakteristik des Gemachs nur noch so viel, daß die Fensterscheiben aus dünn geschliffenen Austerschaalen bestanden, und kein Schlüssel in der Thür steckte, weil dieselbe mit keinem Schloß versehen war. Schon am Ufer hatte ich ganze Rudel von paarweise zusammengeketteten Missethätern bemerkt, die Lasten schleppten, das Straßenpflaster reinigten und Wasser trugen; als ich das Fenster öffnete, war der kleine Platz vor dem Hotel ebenfalls von ihren Collegen überfüllt. Alle trugen sie hohe rothe Mützen, spitz wie Blitzableiter; die Gesellschaft erweckte Anfangs keine vortheilhaften Vorstellungen über die ethischen Zustände Manila's. Mir sollte später eine Aufklärung zu Theil werden, die ich allerdings nicht erwartet hatte. Das Thermometer zeigte auf 28 Gr., ich griff also zum Entoutcas und trat meine Wanderung durch die alte und neue Festung an. Die Stadt ist wirklich von dem Erdbeben hart mitgenommen. Mit Ausnahme der aus Brettern, Rohrstäben und Matten errichteten Hütten der Armen liegen fast alle Häuser in Trümmern. 23 Der Menschenverlust wird bei einer auf 200,000 Einwohner abgeschätzten Bevölkerung auf 2000 Todte und Verstümmelte berechnet. Mehrere der großen Kirchen glichen riesigen Schutthaufen, andere hatten die Thürme oder die Pfeiler der Façade eingebüßt, doch vermochte man überall, auch an den Ruinen der Häuser, die altspanische Bauart zu erkennen. Die steigende Hitze trieb mich nach Hause, wo ich unerwarteter Weise vor der Thür des Hotels mit einer deutschen Anrede, und zwar im edelsten baierischen Dialecte, empfangen wurde. Ich hatte bisher nur mit dem Vicewirthe oder Oberkellner und seiner Ehehälfte zu thun gehabt; der Besitzer des Hotels stellte sich mir erst, nachdem er meine Nationalität erfahren, persönlich vor. In den späteren Nachmittagsstunden begleitete er mich auf einem Spaziergange durch die Straßen der Stadt und die Umgegend. Manila liegt nahe der Mündung des Pasig auf einer immergrünen Ebene, die sich in der Entfernung von mehreren Meilen an eine ziemlich hohe Bergkette lehnt. Ihrer Lage gemäß ist auch die Vegetation durchaus tropisch und besteht aus Kokos- und Arekapalmen, Brotfruchtbäumen und Bambusdickichten. Die alte Festung wird mit der Neu- und Vorstadt Binondo durch eine steinerne Brücke über den Pasig verbunden, der Fluß selbst ist gleich dem Hafenbassin mit übelriechenden Wasserpflanzen gefüllt, die aus den Lagunen im Innern der Insel stromab ins Meer treiben. Außerhalb der Thore erstrecken sich die herrlichsten Anlagen, in denen die schöne und vornehme Welt so gut, wie der arme Pöbel, lustwandelt, die reizende Spanierin mit ihrer Spitzenmantille und der Rose im blauschwarzen Haar, wie der eingeborene Tagale mit seinem 24 winzigen Schurz und halbnackten Uuterleibe. Ein gewaltiger Regenguß machte unserer Promenade ein Ende, und ich lernte gleich am ersten Tage die Wahrheit der Behauptung einsehen, daß die Philippinen zu den Gegenden auf Erden gehören, in denen man niemals vor einem Regenschauer sicher ist. Die Atmosphäre ist eben so reich mit Feuchtigkeit geschwängert, wie die Wüste Sahara und die Guanoinseln derselben entbehren. Dessenungeachtet wird das Klima seiner Gesundheit und Milde wegen gerühmt, und auch ich kann ihm nach meinen persönlichen Erfahrungen nur das höchste Lob ertheilen. Luzon wäre ohne seine Erdbeben und Teifune ein irdisches Paradies, aber vor diesen beiden Uebeln ist man keine Minute seines Lebens sicher. Mein Wirth zeigte mir in der Umgegend zwei ansehnliche Fabriken, die von dem Erdbeben nicht beschädigt, aber bald darauf durch einen Teifun unter dem Verlust von vielen Menschen und Handelsgütern über den Haufen geworfen worden waren. Ein in der Ferne emporragender, fortwährend rauchender Vulkan erinnert die Einwohner von Manila unablässig an die Unzuverlässigkeit des Bodens unter ihren Füßen. Da beinahe alle Kirchen eingestürzt sind, hat man provisorische Gotteshäuser, scheunenartige Kapellen aus Matten errichtet. Außerdem werden mit Wagen oder Karren kleine Altäre umhergefahren, vor denen jeder Vorübergehende seine Andacht verrichtet. Selbst die Schildwachen schlagen ihr Kreuz und knieen nieder, wenn das portative Gotteshaus vorüberkommt. Die Cigarrenfabrikation gehört zu den größten Merkwürdigkeiten der Stadt Manila. Indien, China und Japan werden mit dem Tabak der Insel Luzon versehen, denn die 25 in jenen Ländern gebaute Pflanze ist von geringem Arom, und die Einwohner verstehen sich nicht darauf, sie durch sorgfältige Cultur zu veredeln. Manila ist das Emporium des Tabakshandels dieser Zone und die Cigarrenfabrikation das Monopol der spanischen Regierung. Zwar geht sie nicht so weit, dem Landbesitzer und Privatmanne den Anbau des Tabaks und die Anfertigung von Cigarren zu seinem eigenen Verbrauch zu verbieten, nur muß er sich hüten, im Besitz eines größeren Vorrathes derselben betroffen zu werden. Er geräth dadurch in Verdacht, Handel mit Cigarren treiben zu wollen, und muß eine hohe Geldstrafe erlegen. So warnte mich Dr. Kaufmann, ein hiesiger deutscher Arzt, als er mir hundert Stück der allerfeinsten Sorte verehrte, sie öffentlich und unter der Nase der officiellen Tabaksschnüffler zu rauchen, da die Regierung sich gerade den Verkauf dieser Species oder ihre Verschenkung vorbehalte. Nach Europa kommt nur der geringste Theil der hiesigen Fabrikate. Man ist auf unserem Continente gegen das eigenthümliche Aroma der echten Manila-Cigarre eingenommen und behauptet sogar, Einlage und Deckblätter würden mit einer Opiumsauce angemacht. Dawider wäre zu bemerken, daß die niedrigen Preise, welche zu Manila selbst für die feinen Sorten gezahlt werden, die Anwendung des kostspieligen Opiums verbieten. Der Tabak der Philippinen hat an sich gewisse narkotische Bestandtheile, welche ihn vornehmlich den Orientalen empfehlen. Ein beträchtlicher Theil der in Manila angefertigten Cigarren wird im Orte selbst verbraucht, denn beide Geschlechter und alle Lebensalter trennen sich nicht von der Cigarre. Spanier, Mestizen und Tagalen, die Autochthonen der 26 Philippinen, halten den dampfenden Glimmstengel fortwährend im Munde und stecken, wie der Schreiber die Feder, einen zweiten zur Reserve hinter das Ohr. In den beiden, ungemein großen Regierungsfabriken, die ich besuchte, werden Cigarren und Cigarretten verfertigt. Es herrscht hierin eine eigenthümliche Theilung der Arbeit, die Fabrikation der Cigarren fällt Frauen und Mädchen, die der Cigaretten dem männlichen Geschlechte anheim. Die Zahl der Arbeiterinnen beläuft sich auf achttausend. Sie sitzen in geräumigen, gut gelüfteten Sälen, an langen Tischen, und machen bei der Arbeit durch Gelächter einen betäubenden Lärm Jede Cigarre wird am dicken und dünnen Ende abgestumpft, und die Arbeiterin mit ihren keck aufgeworfenen Lippen prüft rasch, ob sie Luft hat. Die Vorliebe der Europäer für die Havannahs, welche man auf Manila von den, in indischen und chinesischen Handelsstädten importirten Cigarren kennen gelernt hat, ist nicht ohne Einfluß auf die Fabrikation geblieben. Die beste Blättersorte wird seit einigen Jahren in Londres-Format verarbeitet. Das Tausend derselben kostet nur 10 Dollars (15 Thlr.), ein überaus geringer Preis, wenn man die Trefflichkeit der Cigarren erwägt. Die vorzügliche Qualität beider Fabrikate ist, wie schon bemerkt, in Europa so gut wie unbekannt. Die Mehrzahl der unter dem Namen »Manila-Cigarren« verkauften Waare kommt von Malta und wird dort aus nichtsnutzigem Tabak zusammengekleistert. Der starke Geruch in der Cigarrenfabrik hatte mich zu einem fortwährenden Niesen gereizt, und ich war außer Stande, auch noch die Cigarrettenfabrik ausführlicher zu besichtigen. 27 Von dem starken Tabaksverbrauch wird man sich kaum eine Vorstellung machen können. Die eleganteste Schönheit trennt sich sogar auf der Promenade nicht von ihrer Cigarre, und der Fremde begeht keine Ungeschicklichkeit, wenn er sich an sie wendet und um Feuer bittet. Lag es an meiner Unaufmerksamkeit oder an den hiesigen Tabakssorten, nirgends ist mir die Cigarre so oft ausgegangen, als auf der Promenade zu Manila, und nirgends habe ich so häufig zu fremden Brandstätten meine Zuflucht nehmen müssen, als hier. Eine besondere Gunst ist es, wenn die Schöne die Cigarre ihres Cavaliers abbeißt und anraucht! Ihre alte Vorliebe für Stiergefechte haben die Spanier auch auf die Philippinen mitgenommen, doch war ich nicht zur üblichen Zeit derselben in Manila anwesend und habe nur die Arena besichtigt. Von deutschen Freunden erhalte ich nach und nach Aufschluß über allerlei Sonderbarkeiten des hiesigen Lebens. So belehrte mich Dr. Kaufmann über die große Menge der vermeintlichen Strafgefangenen mit ihren rothen Mützen und klirrenden Ketten. Jeder männliche Einwohner hat, vom heirathfähigen Alter an, eine jährliche Abgabe von einem oder zwei Dollars, je nach seiner Arbeitskraft, zu entrichten. Nur Wenige erlegen den Betrag freiwillig, und so bleibt der Regierung nichts übrig, als die renitenten Steuerpflichtigen das fällige Kopfgeld abarbeiten zu lassen. Der Mestize und Tagale nimmt keinen Anstoß daran, im Kostüm eines überführten Mörders, mit Ketten beladen, ein paar Wochen hindurch auf offener Straße den Besen oder Spaten zu führen und das Pflaster zu besprengen. Auf meinen Excursionen und beim Arbeiten im Freien 28 habe ich wieder unter der Insektenplage des tropischen Klima's zu leiden. Während der Aufnahme einer Waldpartie am Ufer des Pasig glaubte ich in ein Wespennest gerathen zu sein, und doch war es nur ein dichter Schwarm von Mosquito's. Auch der zudringlichen Ameisen konnte ich mich kaum erwehren. Die großen Waldspinnen ließen mich ungeschoren, und die Skorpionen behaupteten unter feuchten Steinen im tiefen Schatten nur eine abwartende Stellung. Die Mosquito's trieben es endlich so arg, daß ich den Rock auszog und unter dem Gekreisch der entsetzten wilden Vögel voller Verzweiflung um mich schlug. Sie setzten ihre Verfolgungen auch bei Nacht fort. Das Bett ist zwar mit einer dichten Mosquitogardine versehen, allein das Ungeziefer ist von dem inneren Raume nie vollständig abzusperren, und drei bis vier Exemplare reichen hin, mich um den Schlaf zu bringen, zumal meine Bettdecke nur in einem ostindischen Taschentuche besteht und wenig mehr als den Magen bedeckt. Unser edler Schiller hätte unfehlbar die Worte: »stolz lieb' ich den Spanier«, aus seiner Tragödie gestrichen, wäre er auf dem Spaziergange nach der indischen Stadt mein Begleiter gewesen. In dem Hafendistrict wurde ich nämlich wiederholt von heruntergekommenen Angehörigen der großen Nation angebettelt. Die Hütten des indischen Viertels stehen auf vier Fuß hohen Pfählen, zwischen denen sich alle Unreinlichkeiten und Ueberbleibsel des Haushalts ansammeln. Vor den Treppen oder Leitern wälzen sich halbwilde Kinder mit Hunden und fetten Schweinen im Koth, die größeren Buben und Mädchen lassen Drachen steigen, die Eltern dieser hoffnungsvollen Jugend liegen auf dem 29 Rücken vor ihren Wohnungen, strecken die Beine in die sonnenwarme Luft, kauen Betel oder rauchen Cigarren, das malerische Bild einer asiatischen Siesta. Von künstlerischer Ausbeute ist leider nicht viel die Rede. Wollte ich hier auf meinem Malerstuhl Platz nehmen, ich riskirte, von den unsäglich fetten, zugleich aber auffallend zu Scherzen geneigten Sauen niedergerannt zu werden. Die Gegend ist sogar zu unfläthig, um sie zu Fuß zu passiren, ich bediene mich daher auf meinen größeren Ausflügen in entfernte Stadttheile und die Umgegend eines mit zwei Ponys bespannten Wägleins. Die Pferde sind hier auffallend billig, werden aber sehr schlecht behandelt; die magersten Gäule habe ich in Manila angetroffen. An Kräften fehlt es ihnen jedoch nicht, sie schleppen uns, meinen Freund, den Doctor, und meine Wenigkeit, wenn wir auf die Praxis fahren, rasch durch die tiefsten Tümpel und sind unermüdlich. Während der Doctor seine Besuche bei den herrschaftlichen Patienten abstattet, und ich im Wagen sitzen bleibe, versammeln sich die Domestiken regelmäßig um mich und klagen mir ihr Leid. In ihren Augen gelte ich für den Heilgehilfen. Ueber das Leben in dem nordamerikanisch-baierischen Hotel brauche ich mich nicht zu beklagen. Es ist mir gelungen, die gutwilligen Hausgenossen an einen mäßigen Grad von Reinlichkeit zu gewöhnen, und die Verpflegung ist vollkommen ausreichend, wenn auch nach den Grundsätzen der »Oelküche« geregelt. Sogar auf meine gesellschaftlichen Wünsche wird Rücksicht genommen. Der unangenehme Schiffskapitän zu meiner Rechten, der seinen Unmuth über das verlorene Schiff an mir ausließ, wurde auf 30 meine Klage schon beim zweiten Diner einige Plätze weiter befördert. Ich fühle mich wohl unter dem hiesigen Menschenschlage und der Courtoisie der Sitten; man höre! In einer dem Hotel nahe gelegenen Conditorei pflege ich um ein Uhr eine Tasse der trefflichen und leicht verdaulichen Chocolade zu trinken, wie nur die Spanier sie zuzubereiten verstehen. Mir gegenüber saß neulich ein spanischer Cavallerie-Lieutenant, der mich längere Zeit fixirte, ohne eine Unterhaltung anzuknüpfen. Dann erhob er sich, grüßte freundlich, zahlte die Zeche und ging. Als ich einige Minuten später an den Schenktisch trat und die Börse zog, lehnte der Wirth jede Bezahlung ab. »Der Herr hat für Sie bezahlt; Sie sind mir nichts schuldig!« war seine Antwort. Der Spanier liebt es, auf diese Art einem Fremden, dessen Persönlichkeit ihn anspricht, eine kleine Aufmerksamkeit zu erweisen. Zu meinem Kummer habe ich keine Gelegenheit gefunden, sie dem jungen Cavalier zu erwidern. 31 III. Sylvesterabend und Weihnachtsmarkt. Der Habaneiro. Nach den Lagunen. Bettelmönche als Millionäre. Consul Herrmann. Das Hemde auf Manila. Tropische Regengüsse. Hahnenkämpfe. Die Platanen von St. Anna. Spanisches Prügelsystem. Der Vetter der Dolores. Ein Campo santo. Die Wiederkehr von Festtagen, die in der Heimath im Kreise der Familie und Hausfreunde fröhlich begangen werden, ruft in dem Reisenden ähnliche schwermüthige Empfindungen hervor, wie das an sich den Schönheitssinn entzückende Scheiden des Tagesgestirns und der damit verbundene Farben- und Lichtwechsel des Dunstkreises. Die Stunde war es, wo mit stillem Weinen Der Schiffer an die ferne Heimath denkt, ruft Dante in seinem Purgatorio, als der Abend über den Chor der trauernden Seelen hereinbricht und mit der Erinnerung an glücklichere Tage des Lebens die Sehnsucht nach einem besseren Zustande weckt. In einer ähnlichen Stimmung verließ ich am Sylvesterabende mein Zimmer und verlor mich in den Straßen Manila's; ich suchte einen Ort, der meinem trüben Humor entsprach. Mein Weg führte mich auf den erleuchteten Weihnachtsmarkt, der 32 norddeutschen Einrichtungen näher kam, als ich erwartet hatte. Er bestand aus Reihen von Buden, in denen Obst, Kinderspielzeug, aber auch Getränke feilgeboten wurden. Hätten mich nicht betrunkene Engländer und ihre Boxversuche gegen die harmlosen Eingeborenen, wie die schwüle Temperatur eines Besseren belehrt, ich würde für Augenblicke geglaubt haben, in meine Vaterstadt versetzt zu sein. Nach einer Viertelstunde entfloh ich den Trunkenbolden und dem Getümmel der mißhandelten Tagalen in die nahe gelegene Kirche Santa Cruz: sie war mit betenden Frauen erfüllt. Da Niemand mich beachtete, nahm ich in einem Beichtstuhle Platz und prägte das eigenthümliche Schauspiel meiner Einbildungskraft ein. Das Gewölbe der Kirche war durch das Erdbeben eingestürzt; die Wände hatten ihm Widerstand geleistet. Die Umgebung des Hochaltars erleuchteten zahllose Lampen, aber durch die zertrümmerten, ruinenhaft gezackten Wölbungen der Decke blickten freundlich die Gestirne. Wenn man die offene Decke scharf in's Auge faßte, glaubte man die drohenden Mauerfragmente schwanken und sich über die um den Altar gruppirende Schaar der verschleierten Frauen neigen zu sehen. Es war nur eine Sinnestäuschung, aber der Gedanke: ein Erdstoß könne sie bewahrheiten und uns Alle unter den Ueberresten des Gotteshauses begraben, trieb mich wieder in's Freie. Ich ließ mir nicht einmal so viel Zeit, die malerischen Trümmer mit der Bleifeder zu skizziren. In dem amerikanischen Hotel wurde der Sylvesterabend durch Souper und Ball gefeiert, zu denen auch ich geladen war. Der Damenflor bestand aus dreißig bis vierzig Spanierinnen und Mestizen, die, wenn nicht sämmtlich 33 schön, doch durchweg höchst graziös waren und ihr Nationalkostüm, aufgesteift durch einen Anflug von Crinoline, mit vieler Koketterie trugen. Sagten die guten Landsleute nicht die Unwahrheit, so befanden wir uns inmitten der Demimonde-Elite von Manila. Die leichtfüßigen Schönen tanzten den Schnellwalzer mit einer tropischen Lebhaftigkeit, die mich in Erstaunen versetzte; aber noch mehr Vergnügen schien ihnen ein Nationaltanz, der Habaneiro , zu verursachen. Der sich bald in langsam majestätischem, bald in beschleunigtem Tempo bewegende Tanz wurde von vier Paaren ausgeführt und mehrmals im Laufe des Abends wiederholt. Nach meinem Dafürhalten würde der Habaneiro, als Kern eines Ballabile, unter europäischen Balletfreunden Furore erregen. Weder die Herren noch die Damen ließen während des Tanzes die Cigarren ausgehen, und mehrmals widerfuhr mir die Ehre, in den kurzen Pausen von den Tänzerinnen mit spanischer Grandezza um »Feuer« gebeten zu werden. Das Souper, wie die Kapelle waren tadelfrei. Letztere bestand aus einigen zwanzig indischen Musikern und wurde von einem schwarzbraunen Kapellmeister dirigirt. Am Vormittage des ersten Januar unternahm ich mit einem Landsmann, Herrn Behr , eine Wasserparthie auf dem Pasig, in der Richtung der berüchtigten Lagunen, denn die heiteren Morgenstunden schienen einen klaren Tag zu versprechen. Nachdem wir uns mit Zeichenmaterialien, kalter Küche und geladenen Revolvern bewaffnet, stiegen wir in einen ausgehöhlten Baumstamm und wurden von sechs schwarzen Süßwasserpiraten mit kurzen und breiten Rudern auffallend rasch stromauf geschaufelt. Von meinem gut 34 unterrichteten Begleiter erfuhr ich während unserer Fahrt endlich Näheres über das für Manila so verhängnißvolle Erdbeben. Es hatte am 4. Juni, Abends sieben Uhr, begonnen und mit mehreren Intervallen bis halb acht Uhr gedauert. Die Mehrzahl der Einwohner wurde davon auf der Promenade betroffen und entging somit dem Verderben; die in den Kirchen verweilenden oder dorthin flüchtenden Unglücklichen kamen sämmtlich um's Leben. Der landschaftlich anmuthige Charakter der Flußufer verscheuchte bald unsere Grillen und brachte uns auf minder trübselige Gegenstände des Gespräches: die hiesige Freiheit der Sitten und die Wachsamkeit der spanischen Eheherren, die ihre aus Europa importirten Gemahlinnen mit der Eifersucht des Bartolo unter Schloß und Riegel halten. Nach einer zweistündigen Fahrt zwischen flachen grünen Ufern, die von einer ferne verblauenden Bergkette begrenzt und von Zeit zu Zeit durch graue Wolkenstreifen verdunkelt wurden, bogen wir zur Linken in einen Nebenfluß des Pasig und vertieften uns bald in ein Dickicht von Bambus-, Mango- und Palmen-Vegetation. Vor Kurzem hatte der Blitz in das riesig aufstrebende Bambusrohr geschlagen und grausige Verwüstungen angerichtet. Man glaubte sich auf einem Spielplatz von Gigantenkindern zu befinden, die muthwillig unter den balkenähnlichen Rohrstämmen gehaust und sie in toller Laune übereinander geschichtet. Hier und da bildeten die gebrochenen Bambusstäbe ein schwankendes Dach über dem schmalen Fluß, und wir duckten bange die Köpfe, wenn wir rasch darunter wegruderten, und die Rohrbrücke sich ächzend über uns wiegte. Das Wasser selbst war mit einer gelbgrünen, schleimigen Materie angefüllt 35 und hauchte abscheuliche Miasmen aus. Etwas höher hinauf waren die Ufer dicht mit Hütten bebaut, die Eingeborenen saßen in ihren Einbäumen (Klotzkähnen) und angelten, an seichteren Stellen lagen Haufen von Büffeln im Wasser und erhoben kaum ihre dummen Häupter, als wir vorüberfuhren. Erst als uns bis tief in das Wasser, von Teck- und Mangrovenbäumen herabhangende Schling- und Schmarotzer-Pflanzen den Weg versperrten, kehrten wir um. Der lebhafte Stromlauf des Pasig beschleunigte unsere Fahrt, und um sechs Uhr Abends waren wir zu Hause. Am zweiten Tage des Jahres regnete es so heftig, daß Niemand das Hotel zu verlassen wagte. Selbst einem Bettelmönch, der früh Morgens den Vicewirth um eine Gabe angesprochen hatte, mußte Obdach gewährt werden. Der fromme Mann machte es sich im Eßsaale bequem und rauchte unter erbaulichem Lächeln eine ihm gespendete Cigarre; er sah in seiner schmutzigen Kutte wie das Bild der Entsagung aus. Anderer Meinung schien der Herr des Hauses, der bayerische Landsmann, zu sein; er begegnete dem Klosterbruder mit unverholener Abneigung. Auf meine Frage nach dem Grunde derselben erfuhr ich: die Brüderschaft sei eine der reichsten Genossenschaften auf der Insel Luzon und besitze ein Vermögen von ungefähr vier Millionen Dollars. Ein erheblicher Theil dieser Capitalien sei in China untergebracht und verzinse sich mit sieben Procent, doch machten die Mönche auch auf der Insel und in Manila umfangreiche Geldgeschäfte. »Und trotzdem wird immer ruhig fortgebettelt! « brummte der Bayer in den Bart 36 und warf dem nothleidenden und bußfertigen Raucher einen wüthenden Blick zu. Der Mönch ließ sich dadurch nicht bewegen, das Hotel zu verlassen. Er nahm an dem Mittagsmahl Theil und später als Zuschauer neben einem Whisttische Platz, wo er sich durch eine geistreiche Kritik der Mitspieler nützlich zu machen suchte und guten Rath ertheilte. Waren die Theilnehmer der Partie nicht bei Kasse, oder herrschen hier andere Gebräuche, als in Europa; nach Beendigung des Spieles wurden die Gewinne nicht baar bezahlt, sondern in Form von Schuldverschreibungen ausgehändigt. So viel ich von einem Seitentisch aus vernahm, handelte es sich um eine ziemlich hohe Summe. Nach der Versicherung des Wirthes fände die gegenseitige Verrechnung monatlich statt. So gute Geschäftsleute die in Manila ansässigen Europäer sein mögen, der Verkehr mit den geselligen Spaniern verhindert sie, nach Art der Engländer in den chinesischen Städten ganz und gar in der Comptoir-Sclaverei unterzugehen. Die Conversation ist hier freilich auf einen engen Ideenkreis angewiesen, doch gewähren die Liebeshändel den reichhaltigsten Stoff. Hidalgo's und Commis, Advokaten und Doctoren, verstehen sich auf die Zither; keine Nacht ohne ein Ständchen in der Nachbarschaft. Der musicirende Verehrer der Dame beruhigt sich nicht eher, als bis die Angebetete im Nachtgewande auf dem Balkon erscheint und ihren Dank ausspricht. Wie man wissen will, soll es in vielen Fällen nicht dabei bleiben. Die gewählteste Gesellschaft habe ich in dem Hause des preußischen Consuls, Herrn Herrmann , getroffen. Die Freuden der geselligen Unterhaltung, die der gebildete 37 Hausherr, wenn er sich leidlich wohl befand, selbst zu leiten pflegte, wurden nur durch sein körperliches Leiden getrübt. Vor Jahr und Tag war ihm auf dem Geburtstagsfeste eines Freundes durch die Ungeschicklichkeit eines Dieners ein Schwärmer in das rechte Auge geworfen, und dieses unheilbar beschädigt worden. Die Sehkraft war nicht allein vollkommen verloren gegangen, sondern er litt auch periodisch heftige Schmerzen und das linke Auge gerieth während derselben in so starke Mitleidenschaft, daß die deutschen Aerzte in Manila auch seinen Verlust befürchteten und Herrn Herrmann riethen, nach Europa zu reisen und sich in Berlin der Behandlung unseres berühmten Graefe anzuvertrauen. Der Consul stand eben im Begriff, ihrem Rathe zu folgen. Er gedachte, in der ersten Hälfte des Januarmonats abzureisen, und die Herren von der Kaufmannschaft, unter denen er großes Ansehen genoß, überreichten ihm unter einer feierlichen Anrede, welche die Hoffnung der Genesung und des frohen Wiedersehens aussprach, einen prächtigen silbernen Pokal. Ich hatte später die Freude, in Berlin mit dem verehrten Gastfreunde zusammenzutreffen. Das beschädigte Auge war nach einem längeren Verbleib in Graefe's Klinik exstirpirt worden, und Herr Herrmann kehrte, von Dank gegen den großen Augenarzt erfüllt, in seinen früheren Wirkungskreis zurück. So oft es die Witterung erlaubt, tummle ich mich in der Stadt und unter den gutartigen Insulanern, den Tagalen , umher. Ich sympathisire schon deshalb mit ihnen, weil sie, eine Ausnahme von allen asiatischen Völkern, ein Hemde nach europäischem Schnitt tragen und hinsichtlich der sonstigen Toilette einigen Anstand beobachten. Das 38 genannte Kleidungsstück gehört indessen hier zu Lande nicht zur Leibwäsche, sondern wird als Sommerpaletot über den Pantalons getragen. Auch verfertigt man es nicht aus Leinwand, sondern aus grellgefärbtem Baumwollenstoff. Als Galatracht fügt der Tagale eine großgewürfelte rothe, blaue oder gelbe Hose hinzu, über welche das Hemde hinabhängt. Die wohlhabendere Halbkaste treibt darin großen Luxus. Das weibliche Geschlecht, die weißen Frauen nicht ausgenommen, bedient sich nur der Pantoffeln. Man begegnet allen Sorten, von den mit Gold, Silber und Perlen gestickten Pantoffeln an bis auf Stroh- und Filz-Pariser. Bei längerem Aufenthalt würde auch ich zur Fahne des Pantoffels schwören, denn ein Paar lackirte Stiefeln, die ich bei einem hiesigen Schuster gekauft, fiel mir nach dem ersten mehrstündigen Spaziergange in Fetzen von den Füßen. Ich bediene mich seitdem ungescheut, sogar auf der Promenade, eines Paares alter Wasserstiefeln und fahre damit bei den häufigen Regengüssen sehr wohl. Von der Heftigkeit tropischer Platzregen wird man sich eine Vorstellung machen, wenn ich sage, daß die nackten Feldarbeiter in der Nähe des Flusses bei einem plötzlichen Schauer lieber in's Wasser springen, ehe sie sich der nassen Auspeitschung aussetzen. Die Tropfen sind so groß und schwer, und fallen so dicht herab, daß sie auf der bloßen Haut brennende Schmerzen verursachen. Ich spreche aus eigener Erfahrung, denn ich wurde bei einem Flußbade im Pasig mit Herrn Behr von einem dieser monströsen Regengüsse überrascht und mußte im Wasser bleiben, wiewohl der Pasig stark mit Krokodilen bevölkert ist. Herr Behr suchte mich zu 39 beruhigen. »Bewegen Sie sich nur lebhaft mit Armen und Beinen, dann beißt das Krokodil so leicht nicht an!« Die Hauptliebhaberei der Tagalen und Mestizen ist nächst der Cigarre der Hahnenkampf . Eingeborene und Halbblütige sind ohne den Hahn undenkbar. Der Handwerker, wenn er eine Bestellung entgegennimmt, trägt seinen Hahn unter dem Arme; der ärmste Bauer oder Gärtner, wenn er mit Obst und Gemüse zur Stadt fährt, trennt sich nicht von seinem Hahn, der gewöhnlich oben auf dem Korbe sitzt und altklug umherschaut; der Gastwirth sitzt vor der Hausthür und neben ihm der Lieblingshahn, bereit, in jedem Augenblick mit seinem Gegner anzubinden. Müßiggänger tragen auf ihren Spaziergängen, wie alte Damen die Schooßhündchen, ihre Hähne umher. Ein tapferer Kämpfer ist der Stolz der Landeskinder. In jedem Stadtbezirk befindet sich eine Arena, wo die Streitigkeiten des zanksüchtigen Geschlechts ausgefochten werden. Vor Beginn des Zweikampfes wird an einem Fuß des Hahnes ein scharfer stählerner Sporn befestigt, den jedoch vorläufig eine Lederscheide bedeckt. Um den natürlichen Ingrimm der Beherrscher des Hühnerhofes zu steigern, beugt der Besitzer den Kopf seines Hahnes zu Boden und läßt den Gegner mehrmals auf die Halskrause desselben lospicken; dann muß sich dieser eine gleiche Mißhandlung gefallen lassen. Ist der Ingrimm der armen verblendeten Vögel auf's Aeußerste entbrannt, so werden die Scheiden der Sporen entfernt und die Kämpfer freigegeben. Unaufhaltsam stürzen sie über einander her und versetzen sich mit den tückischen Waffen blutige Stöße, so lange ihre Kräfte ausreichen. Sie werden nicht eher getrennt, bis einer, zu 40 fernerem Wiederstande unfähig, zu Boden sinkt. Der Besitzer des Siegers steckt die Einsätze in die Tasche, die Zuschauer gleichen ihre Wetten aus und suchen einen neuen Schauplatz auf; die Kämpfer aber werden chirurgisch genau untersucht und sorgfältig verbunden. Ist die Verwundung des besiegten Hahnes tödtlich, so trägt sein grausamer Herr weiter kein Bedenken, ohne auf frühere Liebe und Freundschaft Rücksicht zu nehmen, ihn, oft noch bei lebendigem Leibe, zu rupfen und auf den Markt zu tragen, wo er für eine Kleinigkeit an arme Leute verkauft wird. Häufig veranstaltet man, wie in England zu Wettrennen und Boxerkämpfen, Ausflüge in die Nachbarschaft. Mein ärztlicher Freund, Dr. Kaufmann , veranlaßte mich zu einer derartigen Excursion nach dem Dorfe St. Anna, wo nach altem Brauche Hahnenkämpfe in Masse abgehalten werden sollten. Wenngleich ich mir von dem widerwärtigen Schauspiele nur geringes Vergnügen versprach, lehnte ich die Einladung nicht ab; ich wurde anderweitig entschädigt. St. Anna, ein Dorf, das man schon einen Marktflecken nennen könnte, liegt malerisch schön zwischen Cocospalmen und Platanen gebettet, wie ich sie in ähnlicher üppiger Entwickelung noch in keinem Lande angetroffen hatte. Unter ihnen zerstreut befanden sich einige gleich großartige Exemplare des Brotfruchtbaumes. Es wurde mir wirklich schwer, mich von diesen Wundern zu trennen und in das Hahnenkampf-Theater zu treten, aus dessen Pforten uns schon ein dichter Tabacksrauch entgegenquoll. Die Arena ist ein in Circusform aus Bambusstämmen und Matten erbautes Theater, in dessen Mitte sich eine mit Sand bestreute Rotunde befindet. Etwa sechs Fuß über dem 41 Erdboden erhaben, sitzen in amphitheatralisch ansteigenden Logen die Zuschauer, jeder in Begleitung seines Hahnes. Das Entrée war gering und betrug nach unserer Münze nur 5 Sgr. Kaum eingetreten, war ich nahe daran, wieder umzukehren. Im Innern herrschte die drückendste Hitze bei einer mephitischen Atmosphäre, die ich nur durch die Einwirkungen der heftigsten dramatischen Spannung auf die leidenschaftlichen Gemüther der Zuschauer zu erklären vermochte. Besäße ich die seltsame Gabe des Rabelais , dergleichen Scenen zu veranschaulichen, ich wäre im Stande, ein höchst belustigendes Bild zu liefern; als ein durch unser sittiges Ceremoniell im Zaume gehaltener Schriftsteller des neunzehnten Jahrhunderts muß ich mir Schweigen auferlegen. Wir verweilten nur kurze Zeit in der entsetzlichen Bude, denn außer dem pestilenzialischen Gestank wurde uns der Aufenthalt durch das wilde Geheul der Menge und das unablässige Krähen von etwa fünfhundert Hähnen verleidet, die ihre Begier, am Kampf theilzunehmen, dadurch an den Tag zu legen suchten. Ich trat den Rückzug an, als eben ein herrlicher goldbrauner Hahn von seinem Gegner, einem Vogel, stark und schwarz wie der Satan, unter dem betäubenden Johlen des Publikums niedergerannt worden war. Der Sporn des Gegners hatte dem schönen Thiere beim ersten Anlauf den halben Kopf weggerissen, und das Blut strömte aus den geöffneten Halsadern wie ein Bächlein in den Sand. Verstimmt über die unsinnige Grausamkeit des Volkes, verließen wir den Circus und verweilten noch ein Stündchen im Schatten der unvergleichlichen Bäume des Ortes. Kann man sich indessen über die Gedanken- und Lieblosigkeit des halbwilden Volkes verwundern, wenn man das barbarische Verfahren der europäischen Gouvernements damit vergleicht? Schon auf der Ueberfahrt von Hongkong nach Manila habe ich der Prügelmanie an Bord des Steamers gedacht; in den Straßen der Stadt erlebe ich die Fortsetzung. Nur in dem sächsischen Zuchthause zu Waldheim wird mit ähnlicher Energie auf die Sträflinge losgedroschen, wie in den spanischen Colonien. Aus meiner Kindheit erinnere ich mich des Ordinarius der Quarta unserer Bürgerschule, der aus angeborenem Wohlgefallen an großartigen Züchtigungsachen über die Vergehen der Woche gewissenhaft Buch führte, die Straffälligen an jedem Sonnabend, Mittags 12 Uhr, zur Rechenschaft zog, alsdann eine ganze Stunde seines gelehrten Daseins opferte und die armen Kleinen für Dintenkleckse und vergessene Vocabeln mit einem Lederkantschu in stiller Wollust systematisch durchhieb. Das System der spanischen Polizeibehörde rief die Ungerechtigkeit des Schulwütherichs in mein Gedächtniß zurück. Der Sonnabend ist auch in Manila der Tag der officiellen öffentlichen Abholzung. Mit großem Raffinement wird dazu eine pittoreske Straßenecke ausersehen, und die Zahl der Straffälle Vormittags bekannt gemacht. Die Eingeborenen theilen scheinbar nicht die Abneigung des Europäers gegen solche schamlose Demonstrationen der Rechtspflege. Als ich am letzten Sonnabend im Hause eines Hamburger Kaufmanns dinirte, näherte sich nach der Suppe die Kammerzofe der jungen Frau mit strahlendem Gesicht und bat um Urlaub für den ganzen Nachmittag. Auf die Frage der Dame, weshalb Dolores so lange fortbleiben wolle, berichtete die kleine Zofe, ihr Cousin erhalte heute Nachmittag 43 seine Tracht Staatsprügel, und sie habe sich mit allen ihren Verwandten verabredet, zugegen zu sein. Leider wüßte sie nicht, wenn an ihn die Reihe käme, und müßte deshalb den ganzen Nachmittag auf dem Holzplatze zubringen. Trägt man nur das Herz auf dem rechten Fleck, so kann man aus jeder Blume des Lebens Vergnügen saugen. Nebenbei bemerkt, wird die Strafe mit zolldicken Bambusstäben vollstreckt. Ein heller Tag gestattete einen abermaligen Ausflug nach St. Anna, doch galt er nicht den Hahnenkämpfen, sondern einer Aquarelle der Baumgruppen des lieblichen Ortes. Das Wetter ließ während der Arbeit nichts zu wünschen übrig, und umgaukelt von prachtvollen Schmetterlingen und buntfarbigen Vögeln, vollendete ich das Blatt. Auf dem Rückwege stattete ich dem großen Kirchhofe der Gemeinde von Manila einen Besuch ab. Die Särge werden in der kreisförmigen, sieben Fuß dicken, zwölf Fuß hohen Mauer, wie in einem Campo santo , beigesetzt. Hat die Nische den Todten aufgenommen, so wird sie wieder vermauert. Der Familienname und die Nummer des Grabes werden draußen auf die Wandfläche geschrieben. So lange die Hinterbliebenen die Pachtsumme entrichten, bleibt die Ruhe des Todten ungestört; werden die Zahlungen eingestellt, so öffnet man die Nische, vergräbt die Asche und stellt den Raum einer anderen Familie zur Verfügung. In der Mitte steht, in einer Umgebung von Blumenbeeten, eine ansehnliche Kapelle, in der fünf Leichen bis zur Beerdigung bei Kerzenschein ausgestellt waren; am Altar wurden Seelenmessen gelesen. Ein armer Mestize, der sich bei einem der 44 größeren Chorknaben nach dem Preise derselben erkundigte, erhielt zur Antwort: er könne sie von einem Dollar bis zu fünfzehn Dollars haben, doch sei die Messe zu einem Dollar nicht empfehlenswerth! Mit dem Begräbniß der Todten beeilt man sich hier auf bedenkliche Weise. Das am Vormittage gestorbene Kind eines Bekannten wurde schon am Nachmittage beigesetzt. Auf meinen Rundfahrten überzeuge ich mich, wie Recht Swift hat, wenn er behauptet, die Spanier hätten sich in fremden Welttheilen mit Kirchen , die Franzosen mit Festungen , die Engländer mit – Brantweinsläden eingeführt. So viel ist gewiß, die Mehrzahl der hiesigen Schankwirthe besteht aus invaliden englischen Matrosen. – Die Augustiner genießen seit dem Erdbeben hohes Ansehen unter der bigotten Bevölkerung. Ihre Kirche ist unversehrt geblieben, und die Mitglieder des Ordens rühmen sich daher besonderer Gottgefälligkeit. Dergleichen Notizen sammle ich als Begleiter des Dr. Kaufmann, den ich bei schlechtem Wetter auf seiner Praxis begleite. Er stellt mich jetzt als »Collegen« vor, und ich folge ihm an die Krankenbetten. Wir werden in den Häusern der reichen Insulaner sehr zuvorkommend empfangen und stets mit Speise, Trank und Cigarren bewirthet. Es gehört zum guten Ton und den Pflichten des Hausarztes, das Angebot nicht ganz abzulehnen; er nimmt einen Bissen Brot oder zündet eine Cigarre an. Im Hause einer wahnsinnigen indischen Rentiere verweilten wir längere Zeit. Sie befand sich auf dem Wege der Besserung, und die Angehörigen überhäuften den Arzt mit den zärtlichsten Liebkosungen, von denen ein Theil auch für mich abfiel. Die hiesige Praxis muß, wenn 45 das Honorar der Zahl der Besuche entspricht, sehr einträglich sein. Schon ein Schnupfen giebt Veranlassung, zum Doctor zu schicken, und bei dem häufigen Wechsel von Hitze, Regen und Wind niest und hustet ganz Manila. Dr. Kaufmann ist an solchen Tagen vom Aufgang bis zum Niedergang der Sonne unterweges. 46 IV. Der Familienvater auf der Geisterwacht. Ein Sandfloh. Zu Darwins Theorie. Chinesische Wechsler. Kein weltliches Buch. Der Vice-Gouverneur und die Animosa. Neue Auflage der Seekrankheit. Hofedienst. Mistreß Horsekeeper. Rückreisepläne. Die Pallas. Victoria aller Orten. Chi-chang-hong, mein College. Leisibilder. Noch einmal nach Kanton. Nicht der Flüchtigkeit oder der gedankenlosen Einförmigkeit meiner Aufzeichnungen, sondern der eigenthümlichen Beschaffenheit dieser Gegenden möge der Leser die Schuld geben, wenn ich so oft auf die kleinen Leiden des Lebens in den Tropen zurückkomme und von Cockroaches, Mosquito's, Ameisen, Scorpionen, Tausendfüßen und anderen Gesellschaftern eines der Häuslichkeit beflissenen Reisenden rede, statt von erfreulicheren Schöpfungen der fruchtbaren Natur zwischen den Wendekreisen. Auf dem vom 7. Januar datirten Blatt meines Portefeuilles finde ich zu meinem Trost, und vielleicht auch zu dem des Lesers, die Notiz einer animalischen Invasion, die vollkommen Neues bietet. Am Tage vorher war ich Augenzeuge der Entbindung der Frau eines begüterten Eingeborenen gewesen. Mein Vicewirth hatte mich darauf aufmerksam gemacht, da die 47 Geburt eines Erben hier unter ähnlichen Ceremonien stattfindet, wie in den Familien mächtiger Herrscher, und es strafbar gewesen wäre, eine solche Gelegenheit, die Landessitten kennen zu lernen, unbeachtet zu lassen. Schon als wir uns dem Hause näherten, das einen Zuwachs an Einwohnern erhalten sollte, fiel mir eine aus dem Dache sitzende, nur mit einem handbreiten Schurz bekleidete braune Gestalt auf, die in der Rechten einen blanken Säbel, in der Linken einen Rohrbesen, zuweilen wild in der Luft umherfuchtelte, dann aber wieder sich mit einem Schilde gegen die Streiche unsichtbarer Gegner deckte. Der Fechter war der Vater des erwarteten kleinen Tagalen und vertheidigte seine Gattin in ihrem gegenwärtigen wehrlosen Zustande gegen die Angriffe gewisser Geister, die es besonders auf Wöchnerinnen und Neugeborene gemünzt haben sollten. Es wäre ein Frevel gewesen, den tapferen Gatten in seiner Defensive zu stören; wir betraten ungehindert das Haus und die Wochenstube und fanden die ganze Verwandtschaft um das Lager der Kreisenden versammelt, auf den Fersen am Boden hockend. So groß ihre Theilnahme an dem bevorstehenden Familienereigniß sein mochte, ließen sie sich doch nicht abhalten, große Cigarren zu rauchen, selbst die junge Frau vom Hause suchte sich die Zeit bis zur eintretenden Katastrophe auf diese Weise zu verkürzen. Uns frechen Eindringlingen blieb nichts übrig, als gleichfalls unter den Angehörigen niederzukauern und unsere Glimmstengel anzubrennen. Der Ankömmling auf den Philippinen ließ indessen auf sich warten, und nach einer langweiligen Viertelstunde räumten wir das Feld, indem wir beim Abschiede dem noch immer auf dem Dache 48 reitenden Vater pränumerando unsere Glückwünsche abstatteten. Nicht ungestraft sollte ich so lange unter halb nackten Indiern auf der nicht übermäßig reinlichen Matte gesessen haben. Schon mit Anbruch der Nacht wurde ich durch ein schmerzliches brennendes Jucken an der Innenseite des Oberschenkels am Schlaf verhindert, doch war es zu dunkel zu einer Ocular-Inspection. Der Tagesanbruch mußte abgewartet werden. Bei scharfer Besichtigung zeigte sich nun ein schwarzer Punkt, d. h. ein winziges Thierchen, das, wie ich fühlte, eifrig bestrebt war, sich tiefer in's Fleisch zu graben. Ich hatte viel von dem Sandfloh gehört, doch wurde ich, da dieser sich nur unter den Nägeln der Zehen einen Weg zu bahnen pflegt, an seiner Identität mit dem unbekannten Eindringling irre. Froh, den Schuldigen noch mitten in der Arbeit und vor der Ablagerung seiner Nachkommenschaft in flagranti betroffen zu haben, schärfte ich mein bestes Federmesser auf dem Streichriemen und unternahm sofort die Operation, die denn auch unter starkem Blutverlust nach einigen Secunden gelang. Leider wurde der Schmarotzer selber bei dem Act so arg zugerichtet, daß seine Confrontation mit Dr. Kaufmann unmöglich war, und über seine Specialität bis heute nur leere Vermuthungen angestellt werden konnten. Es war übrigens der zweite derartige Fall, dessen ich mich auf allen meinen Reisen in den Aequatorial-Regionen erinnere. Vor Jahren war mir Aehnliches in Brasilien begegnet. Mit den zwei bis drittehalb Ellen langen Schlangen, die sich im Hofe des Hotels und aller Häuser von Manila und seiner Umgebung umhertreiben, leben wir auf 49 vertraulichem Fuße, und betrachten sie als nützliche Beamte im Haushalte der Natur. Sie nähren sich schlecht und recht von den noch zahlreicheren Ratten, und nur in seltenen Fällen lassen sie sich den Raub eines Küchleins zu Schulden kommen. Man verzeiht ihnen gern den Schrecken, den sie uns Nachts einjagen, wenn sie eiskalt über das Gesicht und die Hände weghuschen. Ein leidlich regenfreier Tag wurde zu einem Ausfluge nach dem Dorfe benutzt, wo einige Meilen von Manila noch ein Häuflein Autochthonen der Insel Luzon sich unvermischten Geblüts erhalten hat. Auf die Gefahr hin, mir einen theologischen Verweis zuzuziehen, darf ich nicht verschweigen, daß ich durch den Anblick dieser Naturkinder für die Richtigkeit der vielbestrittenen Theorie Darwins gewonnen worden bin. Die schwarzbraunen Kleinen standen ihrem Exterieur nach auf einem Uebergangsstadium vom Affen zum Menschen. Gewiß werden mich die Männer der kirchlichen Wissenschaft mit dem Zollmaß in der Hand osteologisch widerlegen können; der Augenschein sprach jedoch gegen sie und die Abstammung des Menschen von der Copie eines höheren Vorbildes. Die Männchen des Dorfes waren wenig über 4 Fuß hoch, die Weibchen noch kleiner, und ihre Schädel, statt mit Haaren, mit einem grobwollenen Felle bedeckt. Rechnet man dazu ein Minimum von Intelligenz und eine fast unarticulirte Sprache, so wird man begreifen, wenn meines Bleibens in dieser Gesellschaft nicht lange war und ich, nachdem ich die armen Halbaffen oder Halbmenschen mit Glasperlen beschenkt, schleunig Kehrt machte und nach Manila zurückfuhr. Die Indolenz der Spanier ist der Fabrikation von 50 Manufacturwaaren nicht günstig; ich muß auf Einkäufe verzichten. Außerdem ist der Mangel an kleinem Gelde ein großer Uebelstand. Es befindet sich fast ganz in den Händen der eingewanderten Chinesen, die damit die einträglichsten Wechsel-Geschäfte treiben, aber nicht etwa dem Publikum auf der Straße oder in offenen Läden entgegenkommen, sondern in ihren Spelunken aufgesucht sein wollen, und sich gebehrden, als brächten sie die größten Opfer, wenn sie mit ihrer schmutzigen Kleinmünze gegen vollwichtige Goldstücke herausrücken. Einen Probirstein zur Prüfung des Goldgehalts führt jeder dieser Gauner mit sich, wie wir Uhr, Tabaksdose, Zahnstocher und Nagelmesser. Der Termin meiner Rückreise nach Hongkong rückte heran, und ich wollte zur Erinnerung an die verlebten angenehmen Tage wenigstens ein auf der Insel gedrucktes Buch kaufen, allein es war, obgleich ich mehrere Läden besuchte, nichts vorhanden, als eine geringe Anzahl Gebetbücher. Die allmächtige Geistlichkeit duldet nicht, daß Schriften weltlichen Inhalts gedruckt und verbreitet werden. Ein homo literatus würde bei der Menge der Feierlichkeiten und frommen Uebungen auch gar nicht zu ihrer Lectüre gelangen. Ich erneuerte an diesem unvergleichlichen Tabaksemporium meinen Cigarrenvorrath und packte meinen Koffer. Es war Zeit, dem Vicegouverneur der Stadt und dem Commandante des Kanonenbootes Animosa , auf dem ich die Ueberfahrt zu machen gedachte, einen Besuch abzustatten. Als königl. spanisches Kriegsschiff nahm die Animosa keine Passagiere für Geld an Bord, Alles kam auf den guten Willen der Herren an, mich als Gast zu beherbergen 51 und zu befördern. Ich fand zwei elegante und gebildete Cavaliere, die meine Bitte um Aufnahme gewährten, noch ehe ich sie ihrem ganzen Umfange nach ausgesprochen hatte. Beide Herren verstanden ziemlich gut Französisch, in diesen Gegenden eine große Seltenheit; der Vicegouverneur stellte mich seiner Gemahlin, einer zarten spanischen Schönheit vor, und wollte mich ohne Weiteres zur Tafel ziehen, was ich mit Rücksicht auf meine Reisevorbereitungen höflich ablehnte. Die gebotenen Abschiedsvisiten fielen sehr unvollkommen aus; es war Posttag und alle Welt mit dringenden Geschäften überhäuft. Von manchem neugewonnenen Freunde mußte ich mich mit einem flüchtigen Händedruck für dieses Leben trennen. Gleichzeitig wurde die Paßangelegenheit geordnet; mein Name und Rang lautete auf dem vom Vicegouverneur unterzeichneten Reisedocument: Don H. J. de Bram. In Begleitung des Herrn Behr nahm ich um 4 Uhr Nachmittags ein Boot und gelangte eine Stunde darauf an Bord der Animosa . Der Commandante empfing mich sehr freundlich, und ein kleiner barfüßiger schwarzer Knabe fügte unseren Begrüßungen einen kräftigen Trommelwirbel hinzu. Ich werde in die Kajüte geführt und gebeten, es mir darin bequem zu machen, mein künftiger Stubenbursche, der Commandante, bietet mir seinen Cigarrenvorrath an, und ich ersuche ihn, um mich für die erwiesene Gastfreundschaft doch einigermaßen erkenntlich zu zeigen, einen Korb Champagner anzunehmen. Nach einem längeren Austausch von Höflichkeit brenne ich endlich eine Cigarre an, der Commandante verschließt den 52 Korb, der Thee wird mit Anisette und Gebäck servirt und um halb elf Uhr zu Bette gegangen. Das Kanonenboot ist so klein und die Hängematte, seinen Dimensionen entsprechend, so kurz, daß ich mich kaum auszustrecken wage. Mein Schlafgefährte unterhielt mich mit der Geschichte des winzigen Kriegsschiffes. Der pflichtgetreue Soldat hatte von seinen Kleidern nur den Uniformrock abgelegt, um ihn nach einer Stunde wieder anzuziehen und das Verdeck zu besuchen. Er war drittehalb Jahre lang mit seinem Kanonenboot auf Kreuzzügen zwischen den Philippinen, Celebes und Borneo unterwegs gewesen und wußte viel von Scharmützeln der Animosa mit Piraten zu erzählen. Nachdem wir den nächsten Tag über bei dem heitersten Wetter die malerische Küste von Luzon hinaufgefahren waren, steuerten wir gegen Abend in nordwestlicher Richtung in die hohe See. Unser Schifflein wurde von den Wasserbergen bald so wild hin- und hergeworfen, daß ich meine Zuflucht zu der Hängematte nahm und die Augen schloß, um den ersten Anwandlungen der Seekrankheit vorzubeugen. Nach so vieljährigen Fahrten durch alle Meere komme ich bei der gelegentlichen Wiederkehr dieses Leidens nach und nach zu der Ueberzeugung, daß die See nur zum Nießbrauch der Fische, nicht der Menschen geschaffen sei. Unter diesen stillen Reflexionen und einem steifen Nordost-Monsoon entwickelt sich das Uebel mit einer solchen Lebhaftigkeit, daß ich noch 18 Stunden unter fortwährenden Eruptionen mich an den Schiffswänden halten muß, wenn ich nicht vor Schwäche zu Boden sinken soll. Meinen Reisegefährten ergeht es nicht besser; der Schiffsarzt, ebenfalls ein 53 alter Seefahrer, ringt mit Tod und Leben. Nach allen meinen bisherigen Erlebnissen zu Wasser ist die chinesische See am meisten zu fürchten. Die Seekrankheit wüthet am ärgsten unter unseren Marinesoldaten, eingefangenen und zum Kriegsdienst abgerichteten Wilden von den Philippinen. Am 12. Januar, Vormittags, wagte ich mich wankenden Fußes wieder auf das Verdeck; durch die grauen Regenwolken sendet die Sonne zuweilen ihre glühenden Pfeile, und das Auge späht in dem wüthenden Wirbel der Gewässer sehnsuchtsvoll nach einem festen Punkte umher. Endlich tauchen vier chinesische Fischerdschunken fern am Horizont auf, die paarweise auf Fischfang oder Seeraub ausgezogen sind. Sie nähern sich unserm Steamer, entfernen sich aber schleunig, als sie die Mündungen seiner Geschütze unterscheiden. Gegen Sonnenuntergang begegnen wir einem ganzen Geschwader von Fischerböten aus Hongkong und Macao. Wir nähern uns dem Lande, obschon bei dem dichtbewölkten Himmel die Küste nicht von den Dunststreifen unterschieden werden kann. Mit dem Einbruch der Dunkelheit befanden wir uns im Schatten eines hohen Felsens und nun kam ein chinesischer Lootse zum Vorschein, der schon von Manila an mitgefahren war, aber erst jetzt seine Functionen begann. Unter dem Oberbefehl des gewissenhaften Commandanten, der auf der ganzen Reise nicht aus den Kleidern gekommen war, hatte ich mich wohler gefühlt. Es war ein unsäglich peinliches Gefühl, bei Nacht und Nebel durch eine hohle Gasse von Felsen zu fahren. Nicht selten schien es, als streifte der Dampfer die steinernen Wände; 54 nur die Ruhe des Commandanten gewährte mir einige Sicherheit. Nächst dem Deutschen ist der Spanier der zuverlässigste Seemann; an Bord der Animosa ist z. B. während meiner Anwesenheit kein Fall von Betrunkenheit vorgekommen. Hart vor Hongkong gingen wir aus Vorsicht noch bei Green Island vor Anker, lichteten dieselben aber schon um sechs Uhr, und kamen um 8 Uhr auf die Rhede. Die Trennung von den spanischen Gentlemen ist mir wahrhaft schwer geworden; noch heute erinnere ich mich mit Vergnügen meines Aufenthalts an Bord der Animosa und des ritterlichen Tones ihrer Befehlshaber. Sogar den alten Steward, der mich während der Anfälle von Seekrankheit mit väterlicher Sorgfalt gepflegt, vermochte ich nur nach längerem Zureden, ein Trinkgeld von fünf Dollars anzunehmen. Dem Commandanten sandte ich nach meiner Ausschiffung einen zweiten Korb Champagner; dem Schiffsarzt verehrte ich zur Erinnerung eine Aquarelle. Kaum an Land, muß ich mich pflichtschuldigst dem Hofdienst unterziehen. Mad. Alisch , die Gattin meines Freundes, ist ans Shanghai angekommen und bis zu ihrer Abreise auf meine Unterstützung als Cicerone oder Kornak angewiesen. Die junge Frau reist aus Gesundheitsrücksichten mit einem Kinde von anderthalb und einem Kindermädchen von sechszehn Jahren auf dem Dampfer China nach Europa. Hier in Hongkong dreht sich Alles um die bevorstehenden Wettrennen. Am frühen Morgen kann man kaum noch eines Menschen habhaft werden; mit einer solchen Erbitterung wird trainirt. Für Mann und Roß heißt die Losung: mager und leicht! Sogar die 55 englischen Damen schließen sich nicht aus. Mistreß Horsekeeper, wenn ich mir diese pseudonyme Bezeichnung erlauben darf, verläßt den Stall nicht mehr. Ich habe sie im schweren Verdacht, eigenhändig zu füttern und die Striegel und Kartätsche zu führen. Die ehrenwerthe Dame ist so bewandert in Stall- und Manège-Ausdrücken, daß sie sich derselben unumwunden bei Tisch bedient. Meine Unkunde in dieser Terminologie verbietet mir beweiskräftige Citate, doch erinnere ich mich sehr wohl, von Mistreß zu mehrerem Genuß eines Plumpuddings in theoretischen Wendungen aufgefordert zu sein, als säße sie bei einem Kirchthurmrennen auf meinem Rücken, und es handle sich darum, ein erhebliches Hinderniß, bestehend aus Graben und Hecke, zu nehmen. Wahrscheinlich las die gute Donna auf meinem verdutzten Gesicht die Verwunderung über diese originelle Redeweise, sie gab dem Gespräch eine andere Wendung, kam auf ihre schwankende Gesundheit, und behauptete, nur auf ärztliche Verordnung so oft und lange im Pferdestalle zu verweilen. Auf den Wunsch meiner Familie, deren Briefschaften ich in Hongkong vorfand, denke ich endlich an die Rückreise. Nach meinen Erfahrungen in den asiatischen Gewässern kann ich mich nur verbessern, wenn ich die amerikanische Route wähle. Zwar steht mir eine Seereise von zweitausend geographischen Meilen bevor, und ich muß mich, da die Linie Hongkong-San Francisco von Dampfern noch nicht befahren wird, eines Segelschiffes bedienen, doch bereichere ich meine Anschauungen nord- und mittelamerikanischer Landstriche und lerne nun auch den Isthmus von Panama kennen. Im Hafen lagen drei nach San Francisco bestimmte Schiffe, 56 ein deutsches, englisches und holländisches; bei meinem Glauben an die hervorragende Seetüchtigkeit unserer Landsleute beschloß ich, mich zuerst an den Capitän des ersteren zu wenden. Mein Weg führte durch die Matrosenstadt, und ich ließ die Gelegenheit nicht unbenutzt, nach langer Abwesenheit einen flüchtigen Blick in das »grüne weibliche Blumenhaus,« das Paradies der europäischen Seeleute und die Logirhäuser für Matrosen: » Licensed boarding house « für sechszehn » seamen «, den » Jack tar « und » Sealor's home « (Jack, Theer und Seemanns Heimath) zu werfen; im »blauen Ferkel« ( the blue pig ), einem Branntwein-Etablissement neuesten Datums, ging es am lustigsten her. Eben sollte ein junger Mann hinausgeworfen werden. Der Capitän des deutschen Barkschiffes Pallas empfing mich freundlich genug; doch konnte er mir nicht sogleich Auskunft ertheilen. Die starke Ladung der Pallas und die Zahl der Passagiere zwingt ihn, den noch übrigen Raum bis auf Haaresbreite zu berechnen. Erst am nächsten Tage soll ich Bescheid erhalten, ich greife daher zu Malerstuhl und Mappe und benutze das helle und windstille Wetter zu fleißiger Arbeit. Der Himmel ist nur, wie meine alte Gönnerin, Mad. Tübbecke, Besitzerin einer ansehnlichen Bildergallerie, von den Hyacinthen-Ausstellungen zu sagen pflegte, zu blau , doch muß sich ein vorsichtiger Künstler darnach einzurichten wissen. Am 18. Januar, Vormittags, besuchte mich Herr Hartmann , der Capitän der Pallas, und zeigte mir an, daß auf seinem Schiffe sich noch hinlänglich Platz für meine Person gefunden habe; in sechs Tagen sollen die Anker gelichtet werden. Jetzt kommt Alles darauf an, diese Spanne 57 Zeit in Asien weise zu benutzen. Die erste Pflicht der Selbsterhaltung ist die Wiederherstellung der Garderobe, ich wende mich daher an den chinesischen » Victoria tailor « der nebenbei Strümpfe verkauft und stopft, und bei dem ich mindestens vor jener Genauigkeit in der Copie von Kleidungsstücken sicher bin, deren sich jener chinesische Schneider schuldig machte, als er 75 Dutzend bestellte Soldatenbeinkleider mit den Flicken und Flecken des vorgelegten Musters auf dem Gesäß anfertigte und ablieferte. Herr Menke , ein geborener Hamburger, einer der intelligentesten und gefälligsten Deutschen, denen ich in China begegnet bin, leistete mir bei diesem Garderobe-Geschäft den nützlichsten Beistand. Auf dem Rückwege von der Werkstatt des Schneiders kamen wir an dem Gefängniß Victoria goal vorbei, und begegneten einem Trupp Sträflinge, die, mit Ketten belastet, in einem Costum von blau und weiß gewürfeltem Baumwollenstoffe zur Arbeit transportirt wurden. Mit dem Namen der Königin Victoria hatte man auch hier Mißbrauch getrieben. Auf dem Rücken der Kerle stand in großer und deutlicher Schrift: »Victoria-Gefangener.« Weiterhin fesselte mich das Schild vor dem Atelier eines Fachgenossen: es wäre ein Frevel gewesen, ihm nicht einen letzten Besuch abzustatten. Die Inschrift lautete: » Chichanghong from Canton, ship, portrait and chart painter. Nr. 517. Hongkong Queensroad. « Ein stolzer Mann mit langem Zopfe und einer monströs großen Brille auf der Nase empfing uns und führte Herrn Menke, mit dem er bekannt war, und mich in seinen Ateliers umher. Dabei bediente er sich mit der Koketterie einer spanischen oder italienischen Schönen eines großen Fächers, von dem er sich 58 nicht trennen zu können schien. Herr Menke machte durch Scherze den hochfahrenden Künstler redselig, und dieser versicherte in seinem besten Pidjen Englisch, er garantire, eine solide Bezahlung vorausgesetzt, die Aehnlichkeit der von ihm abgebildeten Schiffe und Gesichter für eine beliebige Reihe von Jahren. Wie alle chinesischen Maler, legte auch er den höchsten Nachdruck auf die Qualität der Farben . Er führte uns vor sein Allerheiligstes, ein Wandschränkchen, in dem in steinernen Kruken und pulverisirtem Zustande die herausforderndsten Farben: Knallroth, Blitzblau, Schwefelgelb, Papageien- und Donnergrün, aufbewahrt wurden, und zeigte uns die verschiedenen Sorten, mit denen Bilder »Numbel 1, 2 und drei« gemalt würden. Als ich unwillkürlich lächelnd ein wenig den Kopf schüttelte, trat er pathetisch einen Schritt zurück, zog aus der verborgensten Ecke des Schrankes eine große Flasche, schüttelte sie, hielt sie gegen das Tageslicht und sagte in etwas geringschätzigem Ton, mich scharf auf's Korn nehmend: »Wenn Sie in Ulopp (Europa) vielleicht auch etwas besser malen können, meinen Lack haben Sie doch nicht! ein von mir sieben bis achtmal lackirtes Bild dauert ewig! « Er versenkte den Blick andächtig in die unvergleichliche Flüssigkeit und stellte die Flasche ehrfurchtsvoll an die geschützte Stelle zurück. Wir schieden, nachdem ich ihm ein Buch »Leisibilder« (Reisbilder) abgekauft. Da ich in Hongkong nichts mehr zu thun hatte, konnte ich der Versuchung nicht widerstehen, mein asiatisches Reisefinale effectvoll mit einem Abstecher nach dem geliebten Kanton zu schließen. Allerdings sah der Himmel am 19. Januar früh Morgens zu einer mehrstündigen Wasserpartie nicht sonderlich ermunternd aus. Der Nord-Ost-Monsoon trieb 59 so niedrig ziehende gräuliche Wolkengeschwader über unsere Köpfe hin, daß man daran die Schädel einzurennen vermeinte, doch blieben wir mit Regen verschont. Anzunehmen war, der wässerige Niederschlag werde erst in wärmeren Regionen des Inlandes von China und Cochinchina stattfinden. Wirklich wurde der Himmel nach einer Stunde etwas lichter und um halb acht Uhr befand ich mich reisefertig auf dem Verdeck des Steamers White Cloud . Der erste nordamerikanische Unternehmer ist der einträglichen Linie zwischen Kanton und Hongkong nicht froh geworden; in der Zwischenzeit hat ein anderer Speculant mit dem Dampfer » Kin Shan « eine Concurrenz oder Oppositionsfahrt eröffnet. Um seinem Rivalen die Stange zu halten, muß White Cloud die beinahe zwanzig deutsche Meilen (92 englische Meilen) weite Strecke für drei Dollars (erster Platz) fahren. Ein delicates Tiffin, das um neun Uhr aufgetragen wurde und aus Fischen, Austern, Beafsteak und Kaffee bestand, ist in den Fahrpreis mit eingeschlossen. Die genannte Route kann ohne Uebertreibung eine Weltstraße genannt werden; die Preise für die letzte Klasse mußte man daher auch den untersten Ständen China's erschwinglich machen. So haben wir an 1000 Chinesen mit Frauen und Kindern an Bord, die ohne Verpflegung bis Kanton für den Kopf nach unserem Gelde nur 12 Sgr. bezahlen. Sie lagen unter freiem Himmel auf den Planken, und ich entdeckte, Dank der Einwanderung aus Europa, unter den Knäblein und Mägdlein eine Menge unchinesisch blonder Zöpfchen und hellblauer Augen. Mein physiognomischer Spaziergang auf Deck wurde durch die sich aus dem Touristenschwarm entwickelnden Gasarten abgekürzt; ich zog mich in die Kajüte zurück und traf meine 60 Reisegefährten, sämmtlich Schiffscapitäne, wie gewöhnlich bei der Cognacflasche. Man unterhielt sich über die Beköstigung und den Appetit der Mannschaften, und die Herren kamen überein, die gefräßigsten Individuen auf den Schiffen aller Nationen seien der zweite Steuermann und der Zimmermann. An logischer Begründung dieser Thesis fehlte es, doch theile ich dieselbe in der Hoffnung mit, vielleicht einen der Gelehrten unserer jungen Marine zu dahin einschlagenden Beobachtungen und wissenschaftlicher Erörterung des merkwürdigen Satzes anzuspornen. Auf Deck sind die üblichen Sicherheitsmaßregeln getroffen. An jeder Schiffstreppe steht ein mohrenmäßig aussehender Soldat mit geladener Büchse und aufgepflanztem Bajonnet: zwei Vierundsechszigpfünder auf Drehscheiben sind so placirt, daß sie nach Bequemlichkeit und Bedarf auf Salz- und Süßwasserpiraten, oder auf mordlustige Passagiere dritter Klasse gerichtet und abgefeuert werden können. Sicherem Vernehmen nach sind sie mit Kartätschen geladen. Der Ausländer hat, nach den Mittheilungen der Capitäne, gerechte Ursache, im höchsten Grade auf seiner Hut zu sein. Die Sicherheit der Gegend ist zu Wasser und zu Lande durch nichts, als die entschlossenste Gegenwehr verbürgt, und noch vorgestern war ein von chinesischem und europäischem Raubgesindel an einem englischen Ehepaare verübter Doppelmord in Hongkong vorgekommen. Um zehn Uhr hatten wir das Labyrinth von Inseln und Felsblöcken hinter uns und dampften in die Mündung des Cantonflusses. Das Wetter bessert sich unverkennbar, aber die Luft ist noch immer nicht durchsichtig genug, das 61 gegenüberliegende Ufer des gewaltigen Stromes zu erkennen. Hinter der Bocca Tigris, den kleinen befestigten Inseln, der Mauer auf dem Festlande und der Tigerinsel, wurden die Ufer ganz flach, und wir erblickten Legionen wilder Enten, die auf der heute spiegelglatten Oberfläche des Wassers unter den malerischen Dschunken lärmend umherplätscherten und die Jagdgelüste meiner Reisegefährten erregten. Sie forderten Jagdflinten, aber ehe dieselben nebst Schießbedarf herbeigeschafft worden waren, lagen Dschunken und Entenschwärme weit hinter uns, und mein Tischnachbar, der Vorsteher der Bewahranstalt für chinesische verwahrloste Kinder in Hongkong, ein emeritirter Schuster aus Berlin, knüpfte nachträglich einige, die Jagdlust der Herren strafende Bibelverse an ihre Waffenforderung und den angestrebten Wildbraten. Der gute Mann floß von Sentenzen und frommen Sprüchen über; seinen Lieblingssatz: »Die Kindlein sind so süß, wie Honigseim,« brachte er am Schluß fast jeder Periode an. Uebrigens erzählte auch er kaum glaubliche Dinge über die Ruchlosigkeit, mit der die Chinesen ihre Neugeborenen behandeln und sich namentlich der Mädchen entledigen. Um halb drei Uhr kamen wir an Whampoa und der Bambusstadt, an großen Bananen- und Ananas-Plantagen vorüber; ein leichter Regen fällt, und die Chinesen hüllen sich in ihre Strohmäntel. Auf der Werfte in Whampoa lag ein beinahe vollendeter Flußdampfer, Eigenthum eines Yankee, ein Schiff, das an Größe, Pracht und zweckmäßiger Einrichtung alles bisher Gesehene weit übertraf. Hier holte uns der eine Stunde später von Hongkong abgefahrene Opponent Kin Shan zum größten Aerger des Capitäns ein und schleuderte mit seinen Schaufeln eine 62 Wolke Wasserstaub auf das Verdeck. Wenige Minuten darauf verschwand der eilfertige Steamer oberhalb des kurz vor Canton auf Pfählen im Strome gelegenen Tempels und um halb vier Uhr ankerten wir in Honam , gegenüber der alten Hauptstadt. 63 V. Der Gaetstein. Schilfpaletots. Vicekönig Yeh. Der Richtplatz von Kanton. Gepfählt. Die rothseidene Schnur. Geohrfeigt. Die Sü-Straße. Ein Rattenschlächter. Dejeuner auf einem Blumenschiff. Die Kegelpartie in Kanton. Auf Deck des Kin Shan. Piraterie und Raubmord. Der Giftbäcker. Mein Absteigequartier ist, wie bei meiner ersten Anwesenheit in Kanton, im Hause des Herrn Mestern , eines Verbündeten der Firma Siemssen . Ich kann aus den Fenstern meines Gemachs die White-Cloud-Bergreihe erblicken, das Getreibe der Böte auf dem unten vorüberfließenden Strom gleicht den Arbeiterzügen eines Ameisenbaues; sie sind fast durchweg mit frischen Blumen in Töpfen und Bouquets beladen, und der köstliche Duft steigt bis zum zweiten Stockwerk empor. Wie gern stürzte ich mich in das Gewimmel dieser meiner Lieblingsstadt, aber das beginnende Regenwetter und der nicht zu durchwatende Straßenschmutz trieben mich nach einer Stunde wieder nach Hause zurück. Der gütige Wirth, Herr Mestern, bemerkte meine Niedergeschlagenheit und suchte mich nach Kräften zu erheitern. Das Programm seiner Unterhaltungsgegenstände war nicht zahlreich, aber vollkommen angemessen dem 64 Welttheile, dem Breitegrade und der Menschenrace. Herr Mestern zeigte mir in einem wohlverwahrten Seitengemach seines Comtoirs einen, ungefähr anderthalb Kubikfuß großen, halbdurchsichtigen grünen Stein, einen »Gaetstein«, wie der Wirth ihn nannte, den der König von Anam dem Hause Siemssen mit dem Auftrage, ihn, wenn möglich, vortheilhaft zu veräußern, in Verwahrung gegeben hatte. Auf Mesterns Gesicht war unschwer zu errathen, daß ein Pfandobject vor uns lag, und Se. Majestät von Anam, notorisch ein nicht sonderlich rangirter Monarch, schon den größeren Theil des Werthes in klingender Münze erhalten habe. Der Preis des Halbedelsteins wurde auf 36,000 Dollars angegeben; so hoch beliebte wenigstens der geldknappe Selbstherrscher ihn zu taxiren. Abends begaben wir uns in einem Palankin in das Hotel des preußischen Consuls und soupirten in Gesellschaft des Prinzen Wittgenstein und des englischen Consuls. Der klare, aber nur mäßig warme Morgen des 21. Januar veranlaßte mich zu einer Bootsfahrt nach den Blumengärten am Canal, einem mährchenhaften Aufenthalte mit ihren phantastischen Sommerhäuschen, den wunderlichen Zwerggewächsen und den in allerlei Thierformen verschnittenen Myrthenbäumen. Ich verband damit einen Besuch des Südthors, meines ehemaligen Lieblingsstandpunktes für Malerstudien, und traf wieder mit einer eben so freundlichen Wachtmannschaft zusammen. Da ich mit meiner Zeit haushälterisch umgehen muß, hatte mir Herr Mestern einen alten Beamten des Hauses entgegengeschickt, der mich auf dem Südthore erwarten und mir mehrere Merkwürdigkeiten zeigen sollte, die mir bisher entgangen waren. Wir machten 65 uns auf den Weg und hatten Mühe, in den nächsten engen Gassen durch den Schwarm der Kulis zu dringen, die, gleich den Bootsleuten und Fischern, zum Schutze gegen die kühle Morgenluft die landesüblichen Paletots aus Schilfblättern angelegt hatten und Vogelscheuchen täuschend ähnlich sahen. Master Smith, ein redseliger Alter, der viele Jahre in China und Kanton zugebracht, führte mich nach dem Richtplatze, auf dem Yeh , der ehemalige Vicekönig der Hauptstadt, vor sechs Jahren unter den besiegten und gefangenen Taipings ein so namenloses Blutvergießen angerichtet. Wohl die Hälfte der hunderttausend Elenden soll auf diesem Platze enthauptet oder niedergemetzelt sein; endlich wurde dem teuflischen Schlächter das unaufhörliche Blutvergießen langweilig. Die Gefangenen wurden an den Kantonfluß und mit Lanzen in das Wasser getrieben. Die verhängnißvolle Stelle, die ich später besichtigte, ward in einem weiten Halbkreis von Böten umgeben, deren Mannschaften Jedem der sich durch Schwimmen oder Anklammern an den Rand retten wollte, zurückstießen oder niederstachen. Yeh sollte seines Lebens nicht wieder froh werden, er gerieth bald darauf in die Kriegsgefangenschaft der Engländer, wurde nach Calcutta gebracht und erlag nach Jahresfrist im Fort William dem mörderischen Klima des Ortes. Ich besitze ein, dort nach einer Photographie angefertigtes Portrait des Ungeheuers, das nicht die geringste Spur seiner Erbarmungslosigkeit verräth. Yeh ist ein wohlbehäbiger, gelassen aussehender Herr von einigen vierzig Jahren. Auf dem erwähnten Richtplatze waren am Tage vorher einige zwanzig Verbrecher vom Leben zum Tode gebracht 66 worden, aber Niemand hatte für die Vertilgung der Blutspuren Sorge getragen; wir wanderten zwischen Lachen geronnenen Blutes. An der Südseite des Platzes stand ein Häuflein geknebelter Schächer, umgeben von Henkern und Schergen. Einer der armen Sünder fragte, nach Master Smiths Angabe, wie lange es wohl noch bis zur Vollstreckung der Exekution dauern könne, und entgegnete unwillig, als man ihm antwortete: »Noch eine Stunde!« das könne er nicht aushalten, ihn hungere, er verlange vorher noch eine Ration Reis! Meine Aufmerksamkeit wurde von den verlorenen Menschen durch einige, drei bis vier Fuß tiefe Löcher abgelenkt, in denen mannshohe Pfähle steckten. Eben traten wir etwas näher, als die Schergen einen dieser Pfähle aus der Erde zogen, ihn mit der Spitze nach oben gerichtet, an den Rücken eines der Verurtheilten stellten und ihn mit demselben vom Halse hinunter bis an die Knöchel so fest zusammenschnürten, daß er sich nicht zu regen vermochte. Anfangs glaubte ich, dieses Verfahren sei das Vorspiel einer Ausstellung am Pranger, aber schon nach wenigen Secunden wurde ich auf die schrecklichste Weise enttäuscht. Mehrere Burschen ergriffen den Pfahl und das daran gebundene Opfer, kehrten mit raschem Schwunge Beide um, stießen die Spitze mit dem, einen Fuß darunter befestigten Kopfe des lebenden Menschen in das nächste der Löcher, während mehrere Helfershelfer dasselbe mit Sand zuschütteten. Vor Schrecken verlor ich fast die Besinnung; ich war, ohne vorbereitet zu sein, Zeuge der Vollziehung einer der scheußlichsten Todesstrafen: des lebendigen Begräbnisses oder Pfählens, geworden. Die Füße zitterten unter meinem Leibe, ich klammerte mich an den Arm 67 meines grauköpfigen Masters, auf den das entsetzliche Schauspiel nicht den geringsten Eindruck machte, verließ den Platz und wankte langsam von dannen. Der Humor Smiths hatte unter dem gräulichen Anblick nicht gelitten; er war seit langer Zeit mit der chinesischen Gerechtigkeitspflege vertraut und suchte mich durch ihre vortheilhaften Seiten auch mit ihren rauhen Eigenthümlichkeiten zu versöhnen. Nach seinen Behauptungen sei es ein Vorzug der chinesischen vor allen Gesetzgebungen civilisirter Nationen, daß ein zum Tode verurtheilter Verbrecher, falls er nicht gewisse, unverzeihliche Uebelthaten begangen habe und sonst die nöthigen Geldmittel besitze, sich einen Stellvertreter schaffen könne, der an seiner Stelle die Todesstrafe erleide. Wirklich soll es nicht an armen Familienvätern fehlen, die zum Besten der Wittwen und Waisen ihr Leben für eine beträchtliche Summe hingeben und die letzten Tage durch allerlei sinnliche Genüsse verkürzen. Die Verantwortlichkeit für die Wahrheit dieses eigenthümlichen Paragraphen im Strafgesetzbuch des himmlichen Reiches muß Master Smith anheimgestellt bleiben. Gleiche Nachsicht wird höheren Ortes in kritischen Fällen mit schuldigen hohen Staatsbeamten geübt. Ein in Ungnade gefallener Obermandarin, wenn sein Verbrechen ein todeswürdiges ist, wird nicht durch Henkershände vom Leben zum Tode gebracht, sondern durch eine, ihm vom kaiserlichen Hofe zugesandte rothseidene Schnur benachrichtigt, daß es für ihn gerathen sei, das Zeitliche zu segnen. Nach Ablauf einer Frist empfängt der Schuldige den Besuch mehrerer juristischen Autoritäten, und es ist nun seine Sache, die rothseidene Schnur an dem Haken der 68 Decke zu befestigen, auf den Tisch zu steigen, sie knapp um den Hals zu schlingen, und seinen anwesenden Verwandten einen Wink zu geben. Die Erben und rechtsgelehrten Zeugen ziehen ihm den Tisch unter den Beinen fort, und der Verbrecher hängt in freier Luft. Die Besitzthümer und Standesehren bleiben den Hinterbliebenen, wie in Japan, wenn ein Verurtheilter das »Harikiri« an sich vollziehen läßt, vollständig erhalten. Liegen mildernde Umstände vor, so wird der politische Verbrecher nur zu lebenslänglicher Einsperrung in einem unterirdischen finsteren Loche verurtheilt. Laut Bericht des guten Master Smith sind auch die Polizeistrafen äußerst resolut, selbst gegen das schöne Geschlecht. Die männliche und weibliche Nationaltracht steht gesetzlich fest, wenn nun ein Frauenzimmer sich erkühnt, durch europäische Modejournale verlockt, die geringste Veränderung anzubringen, verfällt sie im strengsten Sinne des Wortes: den Händen des Polizei-Obristen. Die putzlustige Schöne wird vorgeladen und – geohrfeigt . Es soll nichts Seltenes sein, daß unter Umständen ganze Serien von dreißig bis vierzig Maulschellen verabfolgt werden. Durch die Plaudereien des Masters leidlich erheitert, ersuchte ich Smith, mich in die martialische Drachenstraße zu führen, eine der hervorragendsten Stadtgegenden Kantons. »Dann müssen Sie sich auch die Sü-Straße ansehen!« rief der Alte mit strahlendem Antlitz. »Die Sü-Straße?« fragte ich verwundert. »Ja wohl«, sagte Master Smith, »die Rattenstraße!« Besagte Straße führt ihren Namen von der besonderen Pflege, welche man diesem Nagethiere grade hier angedeihen 69 läßt. Suchen unsere Feinschmecker ihre guten Bissen zur rechten Zeit auf dem Fisch-, Wild- und Gänsemarkt, so begiebt sich der Gastrosoph von Kanton in die Sü-Straße. Er darf gewiß sein, das beliebte Wild in jeglicher Gestalt und Zurichtung anzutreffen. Ein Theil der Bewohner der Sü-Straße beschäftigt sich mit der Rattenmästung. Die fettesten Exemplare werden sogar in Käfichten einzeln aufbewahrt und theuer bezahlt. Vor dem Laden eines Rattenschlächters hängen die ausgeweideten Ratten, wie bei uns die frisch geschlachteten Schweine. Auch zwischen ihren Hinterbeinen steckt ein Bambusstäbchen. In anderen Geschäften werden geräucherte oder getrocknete Ratten verkauft. Wer seinem Appetit nicht widerstehen kann, wird wie in den süditalienischen Oel-Frituren auf der Stelle bedient. Ueberall auf offener Straße werden Ratten gesotten und gebraten; die Sü-Straße ist voller Frühstückslokale. Ironisch lächelnd fragte Master Smith, ob ich nicht auch einen Versuch machen wolle? Ich schüttelte feierlich das Haupt. An einem andern Tage hätte ich mich vielleicht dazu entschlossen; für heute war mir durch die Scene auf dem Richtplatz aller Appetit vergangen. Der Europäer braucht sich über die chinesische Liebhaberei für dieses bei uns so anrüchige Thier nicht zu wundern; in dem übervölkerten Lande wird Alles gegessen, was, abgesehen von seinem etwaigen Beigeschmack, nur Nahrungsstoff enthält. So gut wie Ratten, werden auch Adler, Geier, Falken und Eulen lebendig in Käfichten, oder todt und gerupft, zu Markte gebracht. Es giebt kaum Etwas, das da »kreucht oder fleucht«, was der Chinese nicht äße. Aus der Rattenstraße kehrten wir in die fashionablen 70 Gegenden zurück. Wenn ich für Anverwandte und Freunde in Europa noch einige Einkäufe machen wollte, fand ich hier die größte Auswahl und wahrscheinlich auch die erträglichsten Preise. Das chinesische Neujahr rückt heran, und die Geschäftsleute brauchen baar Geld, denn im Februar müssen alle Schulden des verwichenen Jahres bezahlt werden. Schon jetzt bietet man Neujahrskarten oder rothe Bogen mit den Inschriften: »Kindersegen«, »Geldzulage«, »Langes Leben«, zum Verkauf aus. Master Smith und seiner Fertigkeit im Pidjen Englisch hatte ich aber vorzüglich zu verdanken, wenn ich billiger denn je einkaufte. Ein wahres Wunderwerk der Elfenbeinschnitzerei war eine hohle durchlöcherte Kugel, in der sieben ähnliche, immer eine in der anderen, steckten. Nur bei der Bezahlung gab es stets neue Schwierigkeiten. Mit jedem Dollar wurde die peinlichste Silberprobe vorgenommen. Angeblich waren die einzelnen Münzen immer zu leicht . Hatte ich dreißig Dollars zu zahlen, so mußten dem Chinesen deren hundert auf den Tisch gelegt werden, und er traf dann mit Vorbedacht seine Auswahl. Was beim Handel abgelassen war, wurde bei der Verrechnung und dem Wechselgeschäft wieder eingebracht. Meine ziemlich beträchtlichen Einkäufe erregten die Aufmerksamkeit der Vorübergehenden. Mehrere Respectpersonen traten näher und streichelten mir die Brust und die Arme, ganz wie ich es bei den heiligen Hähnen in Japan beobachtet. Anfangs hatte ich sie im schmählichen Verdacht beabsichtigten Taschendiebstahls; Master Smith benahm mir den Irrthum, Kantons Honoratioren wollten nur ihre Zustimmung zu erkennen geben, daß ein Fremder sich durch reichliche Einkäufe um Handel 71 und Industrie wohlverdient mache. Der Tag rückte vor, wir waren ermüdet und mußten an die Rückkehr denken. Erst jetzt fiel mir und der alten Plaudertasche ein, daß wir seit dem frühen Morgen nichts genossen hatten. Bald war das Ufer des Perlflusses erreicht und ein Sampan gemiethet, dessen hübsche junge Bootsführerin uns schnell genug nach dem nächsten Blumenschiffe ruderte, aber, wie alle diese Flußnymphen und Seejungfern, kein kleines Geld herausgeben konnte oder wollte. Wir bestellten in dem schwimmenden Tempel der Aphrodite ein leichtes Dejeuner und ersuchten den die Honneurs machenden Mandarinen und mehrere junge Damen, uns dabei Gesellschaft zu leisten; Alle waren sogleich dazu bereit. Sr. Hochwohlgeboren schien meine Manila-Cigarre eben so sehr zu munden, wie der auf meinem Schooß sitzenden Grazie die pikante Fleischpastete, mit der ich sie nudelte, ein Schwarm ihrer Berufsgenossinnen mit blendend weiß geschminkten Gesichtern und carminrothen Backen bildete um uns einen Kreis, und erhielt gelegentlich aus meinen Händen, und zwar ohne Eßstäbchen, einen Fleischknödel oder einen Bissen Zander, wenn ich den kaltblütigen Landsmann nicht verkannt habe. Der Speisesalon war, an sich betrachtet, auch ohne die originelle Sippschaft, ein wahres Wunderwerk der Holzschnitzerei, durchbrochener Arbeit und reicher Vergoldung. Bei strahlender Beleuchtung hätte ich mich in den Palast der schönen Fee Peribanu versetzt geglaubt. Auf den Tod erschöpft, kamen wir mit einbrechender Dunkelheit nach Hause und füllten nach eingenommenem Diner die Stunden von 9 bis halb 11 Uhr mit einer Kegelpartie, zu der hinter dem Hause die besten Vorkehrungen getroffen waren, aus. 72 Der 22. Januar war der letzte Tag meines Aufenthaltes in China; ich konnte die frühen Morgenstunden nicht besser, als zu einer Bootsfahrt auf dem Perlfluß benutzen. Was für ein Leben in diesen Sampans! Jedes der kleinen Fahrzeuge ist das A und O einer Familie. Dort füttert der Großvater, während die älteste Tochter das Boot steuert, das Schwein des Haushalts, hier wird von der Hausfrau die fette Katze, möglicher Weise der Neujahrsbraten, gekämmt. Kinder von fünf bis sechs Jahren müssen schon das Ruder führen, dazu werden ihnen die jüngsten Geschwister fest auf den Rücken gebunden! Die zarten Wesen tragen die Last den ganzen Tag hindurch mit sich herum, und die noch jüngeren Würmer fügen sich mit Engelsgeduld in ihr Schicksal. Ich fuhr an einem fünfjährigen Knäbchen vorüber, welches sein Ruder mit dem Eifer eines alten Matrosen schwang; auf seinem schmalen Rücken war ein halbjähriges Schwesterchen befestigt. Der Kopf des kleinen Wesens hing seitwärts über den Rand des Bandagen-Futterals hinab; es schlief bei dem Heidenlärm vieler tausend Bootsleute so süß, wie von Flöten eingelullt und auf Daunenkissen gewiegt. Einem anderen kleinen Buben, der in einem alten Reissack auf dem Rücken der Schwester hing, wurden von der Frau Mama die ersten Anfänge des Zöpfleins gedreht. Die dünnen Seidenhaare hielten kaum Stich, und es mußte mit Bändern nachgeholfen werden. Da ich mich schon vor der Abfahrt verabschiedet und meine Effecten mitgenommen hatte, ließ ich mich sogleich an Bord des Dampfers rudern und traf a tempo mit der Abfahrt, um 9 Uhr Morgens ein. Diesmal fuhr ich auf dem Oppositions-Steamer Kin Shan . Für den 73 Steuermann ist es eine unsäglich schwierige Aufgabe, sich mit einem Schiffs-Leviathan, wie Kin Shan , durch das Gewühl der Fahrzeuge zu winden, ohne Schaden anzurichten. Unterhalb des Siemssen'schen Hotels lagen einige zwanzig mit Kanonen bewaffnete kaiserliche Kriegsdschunken, die wir unbehelligt hinter uns ließen; schlimmer erging es einer großen Mandarinendschunke. Das ungeschickt gesteuerte Fahrzeug kam uns grade in den Wurf, und Kin Shan fuhr ihm den ganzen Hintertheil über den Haufen; er selber kam mit einigen Schrammen davon, und Niemand kümmerte sich weiter um das Unheil. Wie gewöhnlich stehen die Posten auf Deck unter Gewehr, zwei stramme Negersoldaten. Als ob mir das Herz zum Abschiede recht schwer gemacht werden sollte, klärt sich der duftig verschleierte Himmel auf, die Sonne beleuchtet magisch die fernen White-Cloud-Mountains und die auf ihren Abhängen befindlichen marmornen Denkmäler – in wilder Hast eilt Kin Shan stromabwärts. Ich resignire und werfe einen Scheideblick auf Kanton; ich werde es niemals wiedersehen. Das Tiffin bringt mich rechtzeitig auf andere Gedanken, und das Gespräch mit einem lieben Landsmann, Herrn Gaupp aus Stuttgart, versetzt mich sogar in Gedanken in das theure Vaterland. Die Gesellschaft war aus Deutschen, Nordamerikanern und Franzosen zusammengesetzt, zum Schweinebraten wird nach Yankeebrauch Syrup und Maiskuchen umhergereicht, Herr Gaupp und ich halten uns an die dampfende Fischsuppe, und unter geistreichen Gesprächen über Runkelrübenzucker und Frachtpreise stehen wir von Tisch auf und besichtigen die Einrichtung des Kin Shan . Der riesige Dampfer ist nach dem Muster der 74 Mississippiböte gebaut und die Maschinen liegen an beiden Seiten außerhalb des Schiffsraumes. Diese Einrichtung gereicht nicht allein dem Heizerpersonal, sondern auch den Passagieren zum großen Vortheil. In der Cajüte erster Klasse riecht man weder den Schmirgel der Maschine, noch der Küche, und die Bedienungsmannschaft der Maschine kann – eine Wohlthat unter diesem Himmelsstriche – ihre Geschäfte in frischer Luft verrichten. Die praktischen Yankee's bauen keine kleinen Schiffe mehr; die, auf dem Vordertheil gelegene Cajüte gleicht mit ihrer weiten Aussicht fast dem Gartensaale einer italienischen Villa. Unsere Fahrt wurde durch die Bauart und starke Dampfkraft des Kin Shan eben so sehr, wie durch die Windstille und den raschen Stromlauf des Perlflusses gefördert, schon um drei Uhr waren wir in Hongkong und eine Stunde darauf zu Hause. Wir werden gleich von einer Hiobsbotschaft empfangen. Am gestrigen Nachmittage war eine dänische Brigg, mit Reis beladen und nach Ningpo bestimmt, aus dem Hafen gegangen, hatte sich aber in der frühe hereinbrechenden Dunkelheit eine Viertelmeile weiter abermals vor Anker gelegt. In der Nacht war das Schiff von den hier überall umherlungernden Piraten überfallen worden. Der Capitän, die beiden Steuermänner und ein Matrose hatten sich zur Wehr gesetzt und das Leben verloren, die übrigen Matrosen waren in das Meer gesprungen und von den durch das Feuer der in Brand gesteckten Brigg herbeigelockten Böten gerettet worden. Man fand das Deck des vollkommen ausgeplünderten Schiffes über und über mit dem Inhalt von Stinkpots übergossen; den vier Leichen waren Hände und Füße abgehauen worden. Da die Hilfe rasch bei der Hand 75 gewesen war, hatte man das Feuer gelöscht und Schiff nebst Ladung gerettet. Das Geld und alle Werthsachen waren mit den Piraten verschwunden. Die englische Seepolizei hatte sich schon im Laufe des heutigen Tages mit zwei Kanonenböten ans Werk gemacht und fünf verdächtige Dschunken mit Mann und Maus in Grund geschossen. Freilich ist die Frage, ob sie die Schuldigen getroffen. Doch kommt nach solchen Gräuelthaten Alles nur darauf an, das Raub- und Mordgesindel im Großen und Ganzen einzuschüchtern. In derselben Nacht ist nebenbei ein großer Einbruchsdiebstahl von Chinesen versucht worden, doch wurden die Verbrecher auf frischer That ertappt und sämmtlich verhaftet. Unsere Abendpromenade wurde daher mit frischgeladenen Revolvern in der Hand veranstaltet, und man zeigte mir, den jüngsten Ereignissen entsprechend, als Merkwürdigkeit das Haus, in welchem anno 1857 das vergiftete Brod gebacken worden war, das dem Leben der Europäer in Hongkong ein Ende machen sollte. Der Giftmischer hatte glücklicherweise die Arsenikdosis nicht richtig bemessen; Alle, die von dem Brode genossen, waren mit heftigem Erbrechen und Unwohlsein davongekommen. Ein Besuch, den ich am Morgen des 23. Januar an Bord der » Pallas « abstatten wollte, wurde durch die stürmische See vereitelt. Ich besuchte den chinesischen Markt, wo grade Joß Pidjen stattfand und für drei Cash Ablaß ertheilt wurde, und erfuhr, daß Vormittags ein Chinese, der einen schwarzen Policemann ermordet, zum Galgen verurtheilt worden sei. Die Kenner des hiesigen Volksschlages schieben das Motiv der fast täglich vorkommenden Verbrechen gegen das Eigenthum auf die Annäherung des 76 neuen Jahres. Es gilt für die größte Schande, an diesem Termine seine Schulden nicht zu bezahlen, und der Chinese will lieber ein Verbrechen begehen und die härteste Strafe riskiren, als sich einen Lumpen schelten lassen. So wurden in der Nacht vom 24. zum 25. Januar zwei reiche Parsis in ihrer Wohnung ermordet; wir gehen ohne den Revolver in der Hand und den Säbel an der Seite sämmtlich nicht mehr aus. Den Policemen, schwächlichen schwarzen Indiern, ist nicht viel Vertrauen zu schenken; die stämmigen Chinesen sind ihnen an Körperkraft weit überlegen. Nachdem ich an Mutter und Geschwister in der Heimath geschrieben und ihnen die Absendung meiner, mit chinesischen und japanischen Raritäten angefüllten Kiste aus Kampferholz, unter der Adresse des Hauses Siemssen , mit der dänischen Brig »La Plata« nach Hamburg für Leben und Sterben angezeigt hatte, begann ich meine Abschiedsbesuche. Die Zahl derselben war beträchtlich und ich verschone den Leser mit allen ihren lächerlichen Eventualitäten; nur meine Visite in einer englischen Familie darf ich des mir ertheilten komischen Bescheides halber nicht übergehen. Ich hatte den chinesischen Diener mit einer Karte hinausgeschickt und um Audienz ersucht; nach fünf Minuten kam »Jungchina« zurück und brachte folgende Antwort: Missis no can see, hab got Cow-Chilow - hab got Master topside! d. h.: »Madame kann Sie nicht empfangen, sie hat ein Kuhkind (Mädchen) bekommen; aber der Herr ist oben!« – Von Stunde zu Stunde erwarte ich das Signal der Abfahrt, von meiner Veranda aus kann ich die » Pallas « sehen und mit dem Fernrohr, das mir mein Kuli-Lakai auf den Befehl in Pidjen Englisch: » Katchi fatchi that maki 77 luksi « (Hol' mir das Fernrohr), die blau- und weißgestreifte Flagge, den sogenannten »blauen Peter« unterscheiden, eine Aufforderung für alle Gläubiger des Capitäns und der Mannschaft, die Einreichung ihrer Forderungen zu beschleunigen, aber Capitäne und schöne Frauen können mit der Toilette und der Herrichtung des Schiffes niemals zur rechten Zeit fertig werden. Erst am 29. Januar, 10 Uhr Vormittags, begab ich mich am Bord der » Pallas «. Wir sollten unverzüglich in See stechen. 78 VI. Pallas und Sirius. Piraten-Versuch. Spionerie vor der Abfahrt. Er kehrt bei Tage zurück. Seekranke Kanarienvögel. Der Schiffsschreiber als Vertrauter. Die Dame in Roth. Ein chinesischer Particulier. Die Duenna und ihre siebenzehn Pensionärinnen. Capitän Dr. Hartmann. Die Sturmleiter. Californische Dauerbutter. Das Verdeck betretend, fand ich Alles noch in weitem Felde. An allen Ecken und Enden wird calfatert, mit Werg verstopft, gestrichen und getheert, die drei Böte der »Pallas« werden »seefest« und dann Alles klar auf Deck gemacht, aber fortwährend kommt noch ein Nachschub. Zuerst trifft der chinesische Lootse ein, und sein Sampan wird hinten am Stern befestigt. Der wackere Seemann hat gleich die ganze Familie, Vater und Mutter, Frau und Kinder mitgebracht, sein Boot ist zugleich ihre Wohnung und sie hätten bei seiner Abwesenheit kein Obdach, während sie als sein Gefolge vom Capitän der »Pallas« mit durchgefüttert werden müssen. Auf den Lootsen folgt der Koch in einem großen, mit Schweinen, Kohl, Zwiebeln, Kartoffeln, Eiern, Zucker und Seife beladenen Boote. Es kostet nicht geringe Mühe, unbeschadet der Eier, das widerspenstige Rüsselvieh auf das Verdeck und in seine Koje zu 79 schaffen. Um drei Uhr trifft ein Billet des Capitäns an den ersten Steuermann mit der Meldung ein, er werde in einer halben Stunde folgen. Man möge nur inzwischen getrost Anker holen und Segel setzen. Wirklich hielt unser Gebieter Wort, und um vier Uhr setzten wir uns zum Abschiedsmahle von Hongkong an den Tisch. Das einfache Diner nahm nicht viel Zeit in Anspruch, und wir waren eben beim Dessert angelangt, als uns ein Zetergeschrei der chinesischen Deckpassagiere aufschreckte. Eine kleine holländische Barke, »Sirius«, war der schwerbeladenen »Pallas« unvorsichtiger Weise zu nahe gekommen, und diese hatte mit ihrem Bugspriet nicht nur die Vormarsraa des »Sirius« zerbrochen und das Segel derselben zerrissen, sondern auch Bugspriet und Gallion des kleinen Schiffes zertrümmert und ihm selber einen energischen Rippenstoß versetzt. »Pallas« war ihrerseits mit einer leichten Contusion davon gekommen. Fünf Minuten später erschien der Steuermann des »Sirius« auf unserem Deck und forderte baaren Schaden-Ersatz oder eine Schuldverschreibung. Nach längerem Hin- und Herreden bequemte sich unser Capitän zu letzterer, und der Steuermann entfernte sich, scheinbar zufriedengestellt. Ursprünglich war es die Absicht des Capitäns gewesen, schon Vormittags abzufahren, um noch bei Tageslicht aus dem Klippengewirr und Piratenrevier dicht vor Hongkong in die offene See zu kommen, allein die Mannschaft hatte mit den Vorkehrungen zur Abfahrt zu viel Zeit verloren. Allerdings wäre es nun vernünftiger gewesen, wieder bis Tagesanbruch zu warten, doch hätte der Capitän alsdann noch ein Liegegeld (Hafengeld) von 70 Dollars zahlen 80 müssen, und dies sollte selbst auf die Gefahr hin, eine Rencontre mit Piraten zu bestehen, erspart werden. Die unvermeidliche Folge war, daß wir bei der um diese Jahreszeit früh hereinbrechenden Dunkelheit um sechs Uhr Abends eine halbe Meile von Hongkong, dicht vor Green Island, abermals Anker werfen mußten. Ehe ich auf meinen Nachtrapport komme, habe ich noch der Ceremonien zu erwähnen, durch welche unsere chinesischen Passagiere sich eine glückliche Seereise zu sichern glaubten. Die wohlhabenderen Bewohner der Kajüte bauten auf dem Eßtisch derselben und auf dem Vorderdeck zwei Miniatur-Altäre mit brennenden rothen Talglichtern und kleinen vergoldeten Teufeln; die Frauen oder Töchter der Deckpassagiere stiegen auf das Hinterdeck und warfen unter den seltsamsten Grimassen, die den Teufel verscheuchen sollten, eine Menge versilberter Opferpapiere, winziger Blättchen, zwischen denen wir Gold- und Silberschaum aufzubewahren pflegen, in die See. Auf unserer Ankerstation angelangt, rüsteten wir uns zunächst auf einen möglichen Ueberfall. Mit schwerem Geschütz waren wir nicht versehen, aber zwanzig ausrangirte preußische Musketen mit Percussionsschlössern standen uns zur Verfügung; ich hatte meinen alten Begleiter durch Japan, den siebenläufigen Revolver, gar nicht erst in den Koffer gepackt, und auch Capitän Hartmann war mit einem ähnlichen Schießapparat ausgerüstet. Die Gewehre wurden geladen, an jeden Matrosen 25 scharfe Patronen vertheilt und Posten ausgestellt. Unter tiefem Schweigen war die elfte Stunde herangerückt, und der Capitän wollte sich eben, ohne die Kleider abzulegen, auf seinem Lager ausstrecken, 81 als ein Matrose mit der Meldung in die Kajüte trat, vier verdächtig aussehende Dschunken näherten sich mit umwickelten Rudern lautlos der Backbordseite der »Pallas«. Wir eilten auf das Verdeck und griffen zu den Gläsern. In der That verhielt sich Alles, wie der gute Bursche gemeldet. Die Nacht war bei leicht umwölktem Himmel ziemlich dunkel, doch unterschied ich bei dem schwachen Schimmer von Sternenlicht und dem phosphorischen Leuchten der Wogen ganz deutlich die vier Fahrzeuge von einander. Die größte der Dschunken trug außer dem Hauptmast noch zwei kleine, auf dem Hinterdeck neben einander stehende dünnere Masten. Auf sämmtlichen vier Dschunken kauerten geduckt auf den Masten finstere Gestalten; es waren die Bombardiere mit Stinkpots, die im Moment des Enterns auf unser Verdeck geschleudert werden sollten. Ich verschweige nicht, daß mir bei der gespenstischen Annäherung der Flotille ein kalter Schauer über den Rücken lief, und doch entsprang er nicht sowohl der Todesangst, als meinem unsäglichen Widerwillen vor einer Berührung mit den widerlichen Mischungen der Stinkpots. Schulerinnerungen haften für das ganze Leben und treten oft urplötzlich wieder hervor; so fielen mir jetzt die Töpfe mit gepulvertem ungelöschten Kalk ein, welche die Karthager auf die römischen Schiffe zu werfen pflegten. Es blieb nicht mehr viel Zeit zu philologischen Reminiscenzen übrig. Als die sich rasch nähernden Dschunken auf Flintenschußweite herangekommen waren, commandirte Capitän Hartmann »Feuer«, und zugleich erschallte von den Dschunken her ein gellendes, kurz abgebrochenes Geschrei; die Piraten mochten nicht erwartet haben, uns auf ihren Angriff so vorbereitet zu finden. 82 Ohne weiter einen Laut von sich zu geben, machte das Seeungeziefer Kehrt und verschwand in wenigen Minuten zwischen den dunklen Felscoulissen des Hintergrundes. Der um Mitternacht aufgehende Mond zerstreute alle ferneren Besorgnisse, doch blieb ich in meinen Kleidern und auf Deck; der Gedanke: von chinesischen Mördern im Schlafe überrumpelt zu werden, ließ mich nicht Ruhe finden. Der Morgen des 30. Januar brach unter ätherischer Klarheit des Horizonts und einer leichten Brise an; der Capitän nahm die chinesischen Weiber, welche fortwährend die Köpfe zusammensteckten und tuschelten, in's Verhör, und bald berichteten sie, es seien gestern am frühen Morgen einige verdächtig aussehende Chinesen an Bord der »Pallas« gekommen und hätten sich bei ihnen angelegentlich nach der Zahl der Mannschaft, den Frachtgütern und dem Werth der Ladung erkundigt. Unfehlbar waren sie Kundschafter der Piraten gewesen. Im Verlaufe des Vormittags kommen wir rasch an den Neun-Kegel-Felsen und den Ladroneninseln vorbei und unter einem sich aufsteifenden Nordost in die offene See. Das Tagewerk des chinesischen Lootsen war zu Ende, und er ging den Capitän um die Bezahlung der geleisteten Dienste an, da er gern vor einbrechender Dunkelheit wieder in Hongkong sein wolle. Er traue nicht dem Frieden: seine gut unterrichteten Landsleute lauerten sicherlich im Verborgenen, um ihm seinen Verdienst abzunehmen und nach Umständen zugleich den Hals abzuschneiden. Kaum hatten wir uns von dem zärtlichen Familienvater und seinen zahlreichen Angehörigen getrennt, als der Himmel sich umwölkte und der Nordost wie ein muthiges Schlachtroß zu schnauben begann. Die 83 Bramsegel werden eingezogen, aber bei dem hohen Seegange macht die Seekrankheit reißende Fortschritte. Außer der Mannschaft liegen wir Alle, inclusive zweier Schiffsjungen aus Schleswig-Holstein schwer darnieder; Menschen, Hunde, Schweine, Hühner und Kanarienvögel. Letztere sitzen unbeweglich auf den Stäben des Käfigs, schließen und öffnen langsam die Aeuglein und neigen die Köpfchen traurig hin und her. Ich hatte mich gleich anfangs in meine Kabine geflüchtet und, um das Elend zu lindern, die horizontale Lage gewählt; mir war keine lange Ruhe vergönnt. Der über das Verdeck stürzende Wellenschlag zertrümmerte das auf den Gang hinausgehende kleine Fenster der Kabine, und ein gleich darauf folgendes Sturzbad nöthigte mich, aufzustehen und Hilfe beim Schiffszimmermann zu suchen. Der widrige Wind zwingt uns, den Cours zu ändern und statt nach Nordost nach Südost zu steuern. Wir halten grade auf die Philippinen, nur, um so bald als möglich aus dem Rayon der Piraten zu kommen. Capitän Hartmann verhehlt mir in traulichen Stunden nicht seine Besorgnisse. Den Küsten-Strolchen sind wir glücklich entgangen, aber ungleich größere Gefahren drohen uns von den mit Kanonen bewaffneten großen Seeräuber-Dschunken. Diese streifen viele Meilen weit in der chinesischen See umher und werden von den Kauffahrern am meisten gefürchtet, da sie diesen als Schnellsegler an Geschwindigkeit weit überlegen sind. Ich kann jedoch schon jetzt das Bekenntniß ablegen, daß ich die in Hongkong getroffene Wahl der deutschen »Pallas« unter drei nach San Francisco bestimmten Schiffen nicht zu bereuen hatte. Das englische Barkschiff war, wie ich später in Californien erfuhr, zehn 84 Wochen nach der Abfahrt, ausgehungert und leck, in einen kleinen Hafen von Kamtschatka eingelaufen, und der Holländer, der an einem Tage mit der »Pallas« China verließ, acht Wochen darauf, von den furchtbarsten Stürmen hart mitgenommen, in sinkendem Zustande nach Hongkong zurückgekehrt. Unserer Ueberfahrt ließ sich freilich nicht viel Gutes nachrühmen; wir waren indeß am Orte unserer Bestimmung eingetroffen . Mit den Passagieren bin ich, da die Seekrankheit uns zu einem andauernden Isolirsystem zwingt, noch nicht näher bekannt geworden, doch unterscheiden sie sich schon nach den ersten flüchtigen Beobachtungen von allen meinen bisherigen Reisegefährten. Sie scheinen sämmtlich die Flagge des Glücksritterthums aufgehißt zu haben; nicht ohne triftige Gründe vollzieht der Mensch den Tausch des Aufenthalts in zwei verschiedenen Welttheilen. Von den Kajüte-Nachbaren wäre zunächst ein langer Engländer zu nennen, der in Amerika aufgewachsen, später sein Heil als Schiffsschreiber in den asiatischen Gewässern versucht hat, und jetzt auf die Spielplätze seiner Kinderjahre zurückkehrt, ohne in dem Lande der Diamanten und Perlen Schätze gesammelt zu haben. Er ist in der Heimath der Leberkrankheiten wie ein Kabeljau zusammengetrocknet und eignet sich trefflich für den Durchwässerungsprozeß, zu dem wir Passagiere der schwerbeladenen »Pallas« verurtheilt sind. Mit klingender Münze mag er nicht allzu reichlich versehen sein, denn er spielt die Rolle eines Vertrauten des Capitäns, leistet ihm Hand- oder Spanndienste und füttert die Kanarienvögel. Mein Urtheil über die »Dame in Roth« muß ich bis nach ihrer Genesung von der Seekrankheit 85 aufschieben. Ihrem Aussehen nach halte ich sie für eine Kunstreiterin außer Engagement oder Dilettantin in der Kunst auf Pfänder, und zwar nicht in Gesellschaftsspielen, sondern im bittern Ernst des Lebens zu leihen. Sie steht in den besten Mannesjahren, trägt als Peplon ein rothes Garibaldihemde und ist von untersetzter Leibesstatur. Vorläufig weiß ich nur, daß sie wiederholt beim Capitän den Antrag gestellt hat, um von den Qualen der Seekrankheit befreit zu werden, die »Pallas« in den Grund zu bohren. Der Stubenkamerad des Engländers ist ein chinesischer Particulier, der sich zum Behufe von Opiumspeculationen unter seinen dortigen Landsleuten nach Californien begiebt. Er hat seine Baarschaften in blanken Dollars, und den Opiumvorrath in Holzkisten verpackt, in seinem Bette untergebracht, mit der Matratze bedeckt, und verläßt dieselbe nur in Geschäften, die kein Anderer für ihn verrichten kann. Seine Schutz- und Trutzwaffen bestehen in einem anderthalb Fuß langen Messer, das über dem Kopfende des Bettes hängt, und einer phantastisch geformten Vogelflinte, die bei Nacht queer vor die Thür der Kabine gestellt wird. Von unseren anderweitigen chinesischen Passagieren ist nur noch eine weibliche Respectsperson in einer Kabine der Kajüte untergebracht; die übrigen – ihre Zahl beträgt fünfundsechszig – logiren in Bretterverschlägen auf Deck und beköstigen sich selbst. Ueber diese ehrwürdige Duenna kann ich mich etwas zuversichtlicher äußern. Sie ist ein Mittelding zwischen Frau Hurtig, der Amme in »Romeo und Julie«, und der Martha in Goethe's »Faust«. Gleich den bekannten Sachwalterinnen zwischen Berlin und Hamburg, fährt sie zwischen Hongkong und San Francisco 86 hin und her und verhandelt die Töchter China's in der amerikanischen Goldstadt. Madame steht an der Spitze eines Rudels von siebenzehn hübschen jungen Pensionärinnen, und macht den Eindruck großer Wohlhabenheit; das Transportgeschäft wirft augenscheinlich gute Spesen ab. Die Hüterin der angehenden Vestalinnen spricht fertig Pidjen-Englisch und ist ein sattsam reisiges Frauenzimmer, um schlimmsten Falles ihre Schutzbefohlenen mit eigener Faust vertheidigen zu können. Das Wetter bleibt anhaltend schlecht, aber man gewöhnt sich an Alles, und obgleich die »Pallas« in der Nacht vom 30. bis zum 31. Januar, wie der Capitän zu sagen beliebte, beinahe »auf dem Kopfe stand«, habe ich doch unvergleichlich geschlafen und bleibe aus Dankbarkeit im Bette liegen. In der That wüßte ich nicht, wo ich mich sonst aufhalten sollte, denn die Wogen rollen unablässig über das Verdeck. Dank der Empfehlung des preußischen Herrn Consuls in Hongkong pflegt mich Capitän Hartmann wie seine Schoßpuppe, und der Steward ist angewiesen, sich mir stets zur Verfügung zu stellen. Unsere Lage ist bei der stürmischen Witterung und dem dichtbewölkten Himmel gar schwierig: wir nähern uns der Gegend des Pratas -Riffs, einer kleinen, weithin von Klippen umgebenen Insel, an der in den letzten Monaten fünf Schiffe gescheitert sind. Bis auf die Marssegel wird daher alle Leinwand dicht gerefft. Am 1. Februar vertrieb mich die schlechte Luft aus der Kabine. Angethan mit einem chinesischen Strohpaletot und Gummischuhen, trotze ich dem über Bord brausenden Wellenschlage und stärke mein Herz durch eine Promenade in der frischen Seeluft. Unter dem 87 Vorsitz ihrer Frau Hurtig haben sich die jungen Colleginnen Dortchens in Shakespeare's Heinrich IV. in die Kajüte zurückgezogen und üben sich dort in Kraftäußerungen der Seekrankheit: die Dame in Roth ist noch nicht wieder sichtbar geworden. Am Morgen des 2. Februar hat sie nach meinem Schiffstagebuch endlich die ärztliche Hilfe des Capitäns in Anspruch genommen. Ich fürchte, der brave Hartmann curirt nach der scharfen Methode des Doctors Eisenbart im Volksliede: Zu Wimpfen accouchirte ich Ein Kind zur Welt gar meisterlich, Dem Kind zerbrach ich sanft's Genick, Die Mutter starb zum guten Glück. In Ulm curirt' ich einen Mann, Daß ihm das Blut vom Beine rann, Er wollte gern gekuhpockt sein, Ich impft's ihm mit dem Bratspieß ein. Des Küsters Sohn in Dudeldum, Dem gab ich zehn Pfund Opium, Drauf schlief er Jahre, Tag und Nacht Und ist bis jetzt noch nicht erwacht. Im tiefsten Vertrauen hat er mir verrathen, und es ist eine Indiscretion, dergleichen Mittheilungen von Männern der Wissenschaft auch nur zu Papier zu bringen, er habe ihr »eine Hand voll« Rhabarber eingegeben, und die Wirkung könne, nach seinen bisherigen ärztlichen Erfahrungen, nicht ausbleiben. Wie es mit Dr. Hartmann's Examen und Antecedentien als »Accoucheur« aussieht, weiß ich nicht, und doch macht er sich darauf gefaßt, drei bis vier chinesischen Frauen nächstens die Dienste einer Wehemutter zu 88 leisten. Er spricht mit großem Selbstvertrauen von seiner ausgebreiteten Praxis auf dem stillen Ocean. Seit dem Morgen unserer Abfahrt von Green Island liegt die »Sturmleiter« auf dem Eßtische. Es ist dies ein von vier Leisten umspanntes hölzernes Gitterwerk, das an die Tischbeine gebunden wird und dazu dient, bei heftigem Schwanken des Schiffes die Teller vor dem Zerschlagen zu bewahren. Die Sturmleiter schützt nun zwar die Teller, aber nicht den gegenüberstehenden Tischgenossen, dem jedesmal, wenn Steuerbord oder Backbord in einem Winkel von 45 Graden sich erheben, die Erbsen- oder Graupensuppe in den Schooß gegossen wird. Ohne den Griffel zu Hilfe zu nehmen, ist es absolut unmöglich, unsere Positionen am Tische zu veranschaulichen. Wir essen nothgedrungen »im Profil«. Mit welcher Aufmerksamkeit Jeder das Gleichgewicht seines Sessels, Tellers und Glases zu beobachten hat, geht daraus hervor, daß es ganz unbeachtet blieb, als zwei große Steinbüchsen voll eingemachten Ingwers vom Tische, und eine Kiste voller Patronen vom Gesimse geworfen wurden. Wir merkten das Unglück nicht eher, als bis Nelson, des Capitäns riesiger Newfoundländer, der sich in dem Ingwersyrup gewälzt, nach Hundeart an uns vorüberstrich und alle Kleider beschmutzte. Der Fußboden der Cajüte war mit Syrup, Ingwer und Schießpulver bedeckt, hinreichend, das ganze Schmutznest in die Luft zu sprengen. Nachmittags zog mich Capitän Dr. Hartmann mit strahlendem Gesicht bei Seite und flüsterte mir in's Ohr, die Rhabarberdosis habe ihre Wirkung gethan, und die ferneren gesegneten Folgen seien unberechenbar. Einmal in die Mysterien der Heilkunde 89 eingeweiht, hielt ich nicht für ungeziemend, einige Erkundigungen über den Vorrath der »Pallas« an Apothekerwaaren einzuziehen. Sie konnten, wie das ärztliche Wissen Dr. Hartmann's, nicht umfassend genannt werden und bestanden nur aus Rhabarber, Rhicinusöl und Heftpflaster. Früher, sagte der Capitän, habe er auch Brechmittel »gefahren«, allein der stille Ocean sei ungleich wirksamer als tartarus emeticus und Ipecacuanha, und diese Ausgabe deshalb vom Budget gestrichen worden. Mit chirurgischen Instrumenten ist Dr. Hartmann nicht versehen, es sei denn, man rechnete den siebenläufigen Revolver dahin, von dem er sich weder bei Tage noch bei Nacht trennt. Er empfiehlt mir, dieses Geräth gleichfalls stets in der Rocktasche zu tragen; den Kulis, die der Goldgräberei wegen nach Californien reisen, sei niemals zu trauen. Gewiß hatte er wenigstens in sofern Recht, als Alles, was nicht niet- und nagelfest war, namentlich Eßwaaren, sobald man den Rücken kehrte, spurlos verschwand. Der 3. Februar brach wieder unter Sturm und Regen an, seit gestern sind alle Segel gerefft, und der hartnäckige Nordost treibt uns immer weiter nach Süden hinunter; wir nähern uns der Nordspitze von Manila und versinken immer tiefer in den Regensack dieser Zone. Wie undankbar ist der gedankenlose Mensch, wenn er sich im Mittelpunkte einer großen Hauptstadt, im Schooße aller Reichthümer von Wissenschaft und Kunst, im Kreise interessanter Frauen und Männer über Langeweile beklagt; nur zur Warnung für übermüthige Europäer auf dem Festlande theile ich meine heutige Vormittagsunterhaltung mit Capitän 90 Hartmann mit. Ort der Handlung: die Kajüte. Das Ameublement besteht in zwei mit Kattun überzogenen, stark geflickten Sophas und einem dazwischen befindlichen Tische. Personen: der Capitän, der Verfasser, Nelson, ein Newfoundländer. Capitän (eine blaue Kanasterwolke aus der Pfeifenspitze vor sich herblasend und den Kopf Nelson's streichend): Er geht mir über Alles . . . . . er ist mir gestern sogar über die Butter gegangen! Verfasser: Ah! (Pause von fünfundzwanzig Minuten. Geräusch einer über das Dach der Kajüte hereinbrechenden Sturzsee). Capitän: Kreuzschockschwerenoth! (Nelson winselt leise. Pause von fünfundvierzig Minuten. Der Capitän und Verfasser sind in sitzender Stellung eingenickt. Hinter der Scene heftiger Husten des chinesischen Opiumschmugglers.) Hier wurde der Tisch zum Tiffin gedeckt und der Capitän gab mir die nöthige Aufklärung über die von seinem Busenfreunde angetastete Butter im Verlaufe der Mahlzeit. Die Fettigkeit in Rede ist californischen Ursprungs, und so mancher an seine Scholle gefesselte Kleinstädter gäbe etwas darum, die Reisen und Schicksale dieser Butter getheilt zu haben. Vor Jahr und Tag ging sie von San Francisco nach Australien, und von hier nach Hongkong. Aus nicht näher zu erörternden Gründen wurde sie mit Protest nach San Francisco zurückgeschickt, aber sofort, da sie ihr Heimathsrecht eingebüßt, wieder nach Hongkong spedirt; jetzt bestreichen die Passagiere ihren Schiffszwieback mit der californischen Dauerbutter . Erst in den chinesischen Gewässern habe ich mich in die Tiefe dieses 91 technischen Ausdrucks unserer Milch- und Sahne-Bureaux versenkt. Der Capitän behauptet, die Butter von San Francisco könne sehr – sehr alt werden. Ich bin weit entfernt, ihm zu widersprechen oder gar ihr Dasein durch Mitbetheiligung an ihrem Genuß zu verkürzen; seien ihr die Jahre Methusalems vergönnt! Nelson besitzt eine weniger sensible Zunge; er verzehrt meine Portion mit unverkennbarem Wohlgeschmack. Des Capitäns unbegrenzte Zuneigung glaube ich nur durch meine Zuvorkommenheit gegen diesen seinen Busenfreund gewonnen zu haben. Er hat das Prachtexemplar vierfüßiger Säugethiere und stinkender Faulheit pfundweise bezahlt, also nach Nelsons damaligem Gewicht für ihn 130 Dollars erlegt, gegenwärtig ist der colossale Hund unter den Einwirkungen der Seekrankheit etwas heruntergemagert und leichter geworden. Nelson hat bisher Tage und Nächte unter dem Eßtisch der Cajüte zugebracht; am 5. Februar wurde er zum ersten Male aufgescheucht. Die See hob die Backbordseite der »Pallas« so hoch, daß der schwere Tisch mit allen Tassen und einer Oellampe umstürzte, und zwei seiner plumpen Füße abbrachen. Der Schiffsjunge, welcher die Geräthe hatte stehen lassen, mußte die Schuld der See büßen und erhielt eine weidliche Tracht Hiebe mit dem Tauende. Ich meinerseits war nicht Augenzeuge der Execution, da ich mit gutem Vorbedacht am Morgen mein schmales, sargähnliches Bett gar nicht verlassen hatte. Der grundgutmüthige Capitän war dennoch meines Frühstücks eingedenk gewesen. Er überbrachte mir eine Tasse schwarzen Kaffee, den er eigenhändig mit einem Eigelb abgerührt und mit 92 Muscobade versüßt. Es war das letzte der von Hongkong mitgenommenen Eier gewesen; die Flitterwochen der Reise sind vorüber, und den an Bord befindlichen Hühnern fällt von jetzt an die alleinige Sorge für unsere Küche anheim. 93 VII. Ueberladen. Das Bett mein Schreibepult. Die Eiersucher. Der Matrose als Arzt. Die Kur des Kochs. Ein Leben im spitzen Winkel. Der chinesische Neujahrstag. Instrumental- und Vocalmusik. Nasen- und Magenregister. Die Pallas-Suppe und ihr Fettauge. Haifischjagd. Stillleben auf hoher See. Wasserdiebe und Feuerwerker. Die Schwerfälligkeit im Segeln und der Ungehorsam der »Pallas« gegen das Steuer hängt mit ihrer Ueberbürdung zusammen. Statt 900 Tonnen hat das Schiff deren 1200 geladen, und außer seiner Fracht an Thee, Seide, Reis, Zucker, und chinesischen Delicatessen (Tschau Tschau) für die ostasiatischen Auswanderer in San Francisco noch fünf und achtzig Köpfe, nebst ihrem Bedarf an Lebensmitteln und Wasser an Bord. Der Werth der Ladung beträgt 70,000 Dollars, die Höhe der Versicherungssumme nach vertraulichen Mittheilungen des Capitäns jedoch nur 20,000 Dollars. Diese Differenz liefert uns in einsamen Stunden ein ergiebiges Thema zu philosophischen Betrachtungen über den Wechsel des Glückes, verborgene Felsriffe, Seeräuber, meuchlerische Anfälle von Passagieren, Feuersgefahr auf hoher See, menschenfressende Insulaner 94 und andere Eventualitäten, die ein Geschäftsmann auf dem europäischen Festlande gar nicht in Rechnung zu stellen braucht. Zuweilen gelingt es mir, unseren Chef zu beruhigen, aber in den meisten Fällen vermögen meine Trostgründe nichts gegen seine trübsinnige Weltanschauung. Dann überlasse ich ihn seinem Famulus, dem Exschiffsschreiber, und die Herren greifen zum Karten- oder Schachspiel. In weiser Voraussicht habe ich schon unmittelbar nach meiner Einschiffung die Bekanntschaft mit beiden Disciplinen abgeleugnet und mich dadurch gegen ungebührliche Zumuthungen gesichert. Der arme Engländer muß immer vor den Riß treten. Als Gratis-Passagier verliert er jede Partie, sei es im Schach, sei es im Kartenspiel, doch wird der Gewinn nur in Marken ausgezahlt. Meine seemännischen Kenntnisse sind zu unbedeutend, als daß ich mir ein Gutachten über unseren Cours, und ob wir vorwärts oder rückwärts kommen, gestatten sollte; Letzteres scheint wahrscheinlicher und correspondirt mit dem üblen Humor des Capitäns. Was meinen Gemüthszustand anlangt, so ist derselbe, obgleich auch ich ein gewisses Interesse an der Erhaltung meines Lebens und der künstlerischen Errungenschaften der kostspieligen Reise habe, doch nicht mit dem Ballast des Gedankens an eine mögliche Einbuße von 50,000 Dollars beschwert; ich suche mir die Existenz durch aufmerksame Beobachtung und Aufzeichnung aller Vorkommnisse in meinen Tagebüchern erträglich zu machen. Ob es mir später gelingen wird, meine flüchtigen Notizen zu entziffern, steht freilich dahin. Die Noth zwingt mich, mein Bett als Schreibepult zu benutzen. Nur so ist es möglich, bei dem unaufhörlichen Schwanken des 95 Fahrzeuges, ausgestreckt auf dem Rücken liegend, einen festen Punkt zu gewinnen, von dem aus die Manipulationen des Schreibe-Actes unternommen werden können. Ich halte das Notizbuch mit der Linken über mir in der Luft und bringe mit einer weichen Bleifeder alles Bemerkenswerthe bald in deutscher oder englischer Sprache, bald in einer von mir erfundenen Hieroglyphenschrift zu Papier. Armer Freund, dem einst das philologische Studium und die Bearbeitung dieser Marine-Manuscripte beschieden ist! Wenn ich das Leben in einem Landstädtchen mit dem an Bord eines kleinen Kauffahrers in den chinesischen Gewässern vergleiche, so kann ich nicht umhin, selbst jenes wahrhaft unterhaltend und interessant zu nennen. Die Mannigfaltigkeit der Ereignisse auf der »Pallas« ist so gering, daß jede Person verdoppelte Bedeutung erhält und, wie berühmte Fürsten und Staatsmänner, Gegenstand fortwährenden Studiums wird. Die Erforschung des Privatlebens der beiden Schiffsjungen gehört zu meinen neuesten historischen Aufgaben. Der Capitän hat ihnen die Ueberwachung der Hühner anvertraut und sie für die Ablieferung der Eier verantwortlich gemacht. Bringen sie nicht täglich zwei bis drei, so wird ihnen eine Ration Rhicinusöl eingeflößt, oder eine entsprechende Tracht mit dem Tauende aufgezählt. Wer Eier ißt, essen hilft oder den Verzehr verheimlicht, wird durch Ausziehen eines Zahnes bestraft. Das Geschäft der Nachsuchung und Beschlagnahme der werthvollen Objecte wird den beiden Sprößlingen der meerumschlungenen Herzogthümer durch heftige Anfälle von Seekrankheit unsäglich erschwert. Die Matrosen geben sich deshalb große Mühe, die Knäblein von ihren Leiden zu befreien. Das 96 Verfahren der Herren Doctoren scheint von homöopathischen Grundsätzen auszugehen und dem der Landleute in der Danziger und Elbinger Niederung, wo ich Augenzeuge ähnlicher Kuren war, zu entsprechen. Die Heilkünstler nehmen einen Bissen Kautabak (Priemchen) aus dem Munde und schieben ihn in den der Patienten. Hilft dieses Mittel nicht, so muß der Seekranke ein nußgroßes Stück Speck, durch das eine dünne, gepichte Schnur gezogen und mit einem starken Knoten befestigt worden, verschlucken, worauf selbiges von dem Operateur mit einem heftigen Ruck wieder hervorgezogen wird. Beliebt das ärztliche Collegium ein gelinderes Verfahren, so muß der entkleidete Patient in einen auf Deck stehenden, mit Seewasser gefüllten Kübel steigen und, ungeachtet des noch so gewaltsam rollenden oder stampfenden Schiffes, das Gleichgewicht zu erhalten suchen. Stürzt der Kübel um, so setzt es einige Hiebe, und die Kur beginnt von Neuem. Dem in See-Reisebeschreibungen bewanderten Leser entgeht gewiß nicht die Aehnlichkeit dieser Kurmethode mit dem Verfahren, das bei Ueberschiffung der Linie der Meeresgott Neptun den Neulingen gegenüber zu beobachten liebt. Die Kunst, mit Menschen umzugehen, ist auf der See noch der Verfeinerung fähig und der literarischen Förderung eines Knigge bedürftig. Am 5. Februar ließ sich der Koch krank melden, und es wurde mir ganz unerwartet Gelegenheit, den ärztlichen Tiefblick Capitän Hartmanns zu bewundern. Nach seiner Diagnose ist das Leiden dieses Schiffsbeamten, eines eingeborenen Chinesen, nur simulirt, und lediglich durch moralische Einwirkung zu kuriren. Hartmann nahm die Meldung mit großer Ruhe entgegen, dispensirte den Kranken 97 für heute vom Dienst und vertraute seine Küchenfunctionen einem, in diesem Zweige nicht unerfahrenen Matrosen an, ließ dem Koch jedoch sagen: er, der Capitän, hoffe, mit Gottes Hilfe seine Wiederherstellung morgen so weit vorgeschritten zu finden, daß ihm der Genuß eines Schnittes Rhicinusöl erspart werden könne. Wie richtig der große Naturarzt die Sachlage beurtheilt hatte, ging aus dem Bülletin hervor, das noch am Abend desselben Tages aus der Küche in der Kajüte eintraf. Der Kranke fühlte sich wesentlich erleichtert und hoffte morgen, wo wir unter dem sechszehnten Breitegrade eintreffen sollten, seine amtliche Thätigkeit von Neuem beginnen zu können. Der ungünstige Nordost treibt uns immer weiter gen Süden, die Temperatur steigt, wir befinden uns in der Nähe der Insel Luzon und das aus allen Fugen kriechende und sich des Lebens freuende Ungeziefer erhöht nicht die Annehmlichkeit des Aufenthaltes in der Kabine. Tritt nicht auch eine Besserung des Befindens der Atmosphäre ein, so können wir uns nur auf eine lange und mühselige Ueberfahrt gefaßt machen. Nach des Capitäns Berechnungen brauchen wir, falls der steife Nordost-Monsoon anhält, und wir weiter laviren müssen, siebenzig bis achtzig Tage nach San Francisco. Auf jeder neuen Seereise überzeuge ich mich mehr und mehr, daß der Trabant unserer Erde vollauf mit Ebbe und Fluth zu thun hat, und nicht den geringsten Einfluß auf die Veränderungen des Wetters ausübt. Ungeachtet des am 7. Februar Morgens im Schiffskalender verzeichneten Neumondes stürmte und regnete es unaufhörlich weiter. Daß die Abweichung von der Lothlinie bei schiefen Thürmen nicht zu weit gehen darf, ist allgemein bekannt, 98 daß aber der Mensch unter der Neigung selbst eines spitzen Winkels zu leben vermag, davon überzeuge ich mich seit länger als acht Tagen durch eigene Erfahrung. Was gäbe ich darum, nur fünf Minuten lang festen Fußes aufrecht stehen zu können! Ich begreife, daß ungebändigte Rosse, wenn sie von Kunstreitern an die Raufe gebunden, von Minute zu Minute mit einer Ruthe berührt, und so allmählich um Schlaf und Appetit gebracht werden, zuletzt den Reiter aufsitzen und Alles über sich ergehen lassen. Die See behandelt uns Alle auf ähnliche Weise. Tausendmal in jeder Nacht schreckt uns der Choc der Wasser aus dem Schlafe auf, die Verdauung liegt darnieder; wir schleichen sämmtlich in traurig krankhafter Stimmung umher. Der 8. Februar brachte einige Zerstreuung; die Chinesen feierten ihren Neujahrstag. In allen ihren Bretterverschlägen auf Deck hatten sie winzige Altäre errichtet und mit brennenden Opferstäbchen (Joßsticks) oder Lichtern geschmückt; die Opfergaben bestanden aus Reis, gekochten Hühnern und gedörrten Fischen. Diese wurden jedoch keineswegs über Bord geworfen, die frommen Spender bedankten sich nur bei den Gottheiten der Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft mit vielen Verbeugungen für Alles, was sie ihnen an Consumtibilien bescheert hatten und noch bescheeren würden, dann machten sie sich über die Stiftung her und verzehrten die Speisen bis auf den letzten Bissen. Alle hatten ihre besten Kleider und die Weiber ihre sonstigen Schmucksachen angelegt. Auf ihr größtes Vergnügen mußten die armen Schelme leider am höchsten Feiertage ihres Cultus verzichten. Gegen das Feuerwerk hatte Capitän Hartmann, gegen die 99 Musikaufführung meine Wenigkeit Verwahrung eingelegt. Der Kabinen-Nachbar betheiligte sich nicht an der Feier, und blieb, wie der Drache im Mährchen, auf seinen Schätzen im Bette liegen. Wir kreuzten in der Hoffnung auf einen Landwind den Tag über vor der Nordspitze der Insel Luzon und kamen der Küste so nahe, daß wir Nachmittags, als die Sonne für wenige Minuten die Wolken durchbrach, die Kirche und einzelne Häuschen einer kleinen Stadt mit unbewaffnetem Auge unterscheiden konnten. Capitän Hartmann nannte den Ort St. Domingo. Nachdem uns kurz vor Sonnenuntergang noch eine spanische Brigg, ein Küstenfahrer, begegnet war, wendeten wir und steuerten nordwestlich in der Richtung auf die Kampferinsel Formosa. Die See hatte sich ziemlich beruhigt und schimmerte in magischem Phosphorschein, an dem sternenhellen Himmel strahlten sowohl das südliche Kreuz, als auch mehrere Gestirne der nördlichen Halbkugel; ich beschloß, die Nacht auf Deck zuzubringen. Anfangs ließ sich Alles gar glimpflich an, und um acht Uhr Abends kam gen Norden sogar ein Feuer auswerfender Vulcan in Sicht, dessen grelles Licht wundersam von den milden Tinten des Sternenhimmels und der aufleuchtenden See abstach; aber schon um Mitternacht änderte sich die hochpoetische Scenerie. Rings am Horizont stiegen dunkle Wolken auf, der Nordost erhob seine rauhe Stimme, und bald vertrieb mich der herabströmende Regen von dem triefenden Verdeck. In der Kajütenthür begegne ich dem Capitän. Wir befinden uns in einer gefährlichen Klippenregion, über welche die Seekarten nur mangelhaft Auskunft ertheilen; der pflichtgetreue Mann hat sich daher entschlossen, die Nacht hindurch selber auszuschauen 100 und die wachthabende Mannschaft munter zu erhalten. Wir werden auch in den folgenden Tagen südlich von Formosa und westlich von den Philippinen umhergetrieben. In meiner moralischen Versunkenheit bin ich so weit gekommen, keinen Einspruch mehr zu thun, als die chinesischen Passagiere ihre Instrumente, eine Mandoline und ein celloähnliches, mit zwei Saiten bezogenes Plättbrett nebst Bogen hervorholen und darauf den Gesang mehrerer jungen Damen begleiten. Die merkwürdige Stimme einer derselben beschäftigte mich längere Zeit; die Künstlerin besaß eine seltene Fertigkeit in der Verbindung des Nasen- und Magenregisters, um mich eines technischen Ausdrucks der Herren Gesanglehrer zu bedienen. Nur war diese Methode nicht für den Vortrag von Compositionen europäischer Meister geeignet, besaß auch sonst nichts Sympathisches. Am 12. Februar ergiebt die astronomische Berechnung, daß wir uns in vierzehn Tagen nicht weiter von Hongkong entfernt haben, als bei gutem Winde in vier und zwanzig Stunden zurückzulegen gewesen wäre. In Erwartung einer ungewöhnlich verlängerten Reise werden daher bei Zeiten die täglichen Wasser-Portionen verringert, nur Nelson, des Capitäns vierfüßiger Günstling, hat unter der diätetischen Maßregel nicht zu leiden. Unser einziger Vortheil ist die allgemeine Abhärtung gegen die Seekrankheit; nur rasch vorübergehende leichte Anfälle kommen noch vor. Selbst die schwer davon betroffene »Frau in Roth,« geb. Hirschberg, erscheint wieder regelmäßig auf Deck, mit einem Theile von Eugen Sue oder Paul de Kock in der Hand. Madame bemüht sich sogar, ein kunstkritisches Gespräch mit mir anzuknüpfen und befragt mich um mein Urtheil über 101 die in der Kajüte hängenden, nach photographirten Visitenkarten in Lebensgröße angefertigten Portraits von Familienmitgliedern des Capitäns. Natürlich überhäufte ich meinen chinesischen Collegen mit Lobsprüchen, und die geborene Hirschberg geräth vor Entzücken außer sich, als ich ihr betheuere, ein chinesischer Meister » numbel one « sei im Stande, nach dem Signalement in einem Steckbrief ein sprechend ähnliches Portrait anzufertigen. Nur bei dem Worte »Steckbrief« blickte die untersetzte Schöne etwas verlegen seitwärts. Die Laune unseres sorgenvollen Capitäns verbessert sich nicht, heute verfällt er selbst auf die gottlosen Streiche König Richards des Dritten und wirft mit der Bibel nach dem Schiffskoch. Weit entfernt, den Mißbrauch der heiligen Schrift zu beschönigen, darf ich doch meine unbedingte Billigung eines aggressiven Verfahrens gegen dieses schmutzige Subject nicht verschweigen. Die Mängel eines dürftigen Küchenzettels werden niemals schmerzlicher empfunden, als nach überstandener Seekrankheit, wenn die Zungennerven sich nach Austern oder Caviar sehnen, und nichts auf dem Tische erscheint, als petrificirtes Pökelschweinefleisch mit einem Graupen- oder Erbsenbrei. Ein Huhn wird nur geopfert, wenn sichtlicher Lebensüberdruß das bevorstehende Ende des betreffenden Exemplars ankündigt. Auf die Pallassuppen habe ich grundsätzlich verzichtet, seitdem ich die Entdeckung gemacht, daß ein auf meiner Portion schwimmendes Fettauge seinen Ursprung nicht etwa einer großmüthigen Zuthat des Kochs von Schmalz oder Rhicinusöl, sondern dem Daumen des kleinen Schleswig-Holsteiners verdankt, der die Teller umherreicht und dabei immer etwas zu weit über den Rand greift. 102 Der Wind war am 14. Februar günstiger, wir kommen lavirend in der Stunde drei Knoten vorwärts, und Jung und Alt kriecht aus den lockeren Holzverschlägen in den warmen Sonnenschein. Die wenigen Honoratioren aus Hongkong öffnen ihre Packete und breiten die mitgenommenen Delicatessen: gedörrte Regenwürmer und geröstete Heuschrecken, zum Trocknen aus, besorgte Mütter beginnen auf den Köpfen ihrer Kleinen eine Pirschjagd, und alle Zöpfe werden renovirt. Der Capitän holt eine schwerfällige Flasche hervor und credenzt mir in der Freude seines Herzens einen Bitt'ren oder wie es in nordamerikanischem Deutsch heißt, ein »Bitters.« Ueber Nacht sind auch einige Haifische aus der Tiefe aufgetaucht und begleiten die »Pallas« in Erwartung schmackhafter Abfälle von der Mittagsmahlzeit; auf einem haushälterischen Kauffahrer werden indessen die Ueberbleibsel nicht, wie auf den großen Dampfern der indischen Linien, in das Meer geworfen. Unser sparsamer Koch ist bei einem kleinen Restaurant zu Canton in die Lehre gegangen und weiß, wie man wirthschaftet. Jeder übriggebliebene Fetzen Salzfleisch wird aufbewahrt und daraus Abends mit kalten Kartoffelscheiben ein Salat bereitet, dessen Anblick mir schon Entsetzen einflößt. Wie gern hätte ich den Haifischen diesen Leckerbissen gegönnt, aber unsere Mannschaft war entgegengesetzter Meinung. Gleich nach der Mahlzeit rüstete sie sich zum Haifischfang. Die scharfe Spitze eines starken eisernen Hakens wurde durch ein mehrpfündiges Stück Speck gestochen und Köder wie Angel an einer Kette befestigt ins Wasser gelassen. Die lange Entbehrung bei der stürmischen Witterung, während deren sich der Hai in die Meerestiefe zurückzieht, hatte den 103 Hunger der Ungeheuer geschärft. Sie kämpften förmlich um den schmackhaften Bissen. Endlich gelang es der größten Bestie, sich zwischen den beiden kleineren Kostgängern durchzudrängen, mit einer raschen Wendung auf den Rücken zu werfen und zuschnappend die Angel hinunterzuschlingen. Das Schmatzen des gierigen Geschöpfes klang, als würde ein dicker Kohlkopf mit einem Zimmerbeile durchhauen. Gellendes Jubelgeschrei der Matrosen erscholl; der Hai ist ihr Todfeind, und der letzte Gefangene wird immer für die Verbrechen aller seiner Stammverwandten verantwortlich gemacht. Jeder wollte mit Hand anlegen, und in kurzer Zeit war der Fisch am Gangspill auf Deck gewunden. Die vorsichtigen Chinesen hatten sich während des ganzen Actes in ehrerbietiger Entfernung gehalten, wir flüchteten in die Wanten (Mastleitern). Es war ein furchtbarer Anblick, als der 12 Fuß lange Fisch wüthend mit dem Schwanz hin und her schlug und ein schweres Brett, auf welches er zufällig herabgesenkt worden war, dreißig Fuß hoch in die Lust warf. Die in den Wanten hängenden Matrosen überhäuften ihn mit den garstigsten Schimpfwörtern und beschuldigten ihn des Mordes ihrer Verwandten und Freunde. Sprachen sie die Wahrheit, so wird die Hälfte aller Matrosen in den indischen Gewässern von Haifischen aufgefressen. Nach längerem Toben ermüdete der Hai, der Hochbootsmann, ein Norweger von 6 Fuß 4 Zoll Höhe, benutzte den kurzen Moment der Ruhe, sprang herbei und hieb den gefährlichen Schwanz mit dem Beile ab. Nun war keine Gefahr mehr vorhanden, die Matrosen versammelten sich um das Opfer, stopften ihm noch einen alten Wasserstiefel in den Rachen, und, die Augen verdrehend, 104 hauchte das Ungeheuer seine schwarze Fischseele aus. Am Bauche des Hai's hingen sechs Saugefische, Schmarotzer, die von seinen Säften leben, so fest, daß es mir nicht gelang, nur den kleinsten abzureißen. Die Zerlegung des Fisches schritt rasch vorwärts. Die Haut wurde abgezogen, um gegerbt zu werden, dann der Rückgrat und das Gebiß losgelöst; ersterer soll verkauft und zu Spazierstöcken verarbeitet werden. Eben so wenig gab man das Stück Speck, welches der Hay mit der Angel verschlungen, verloren; der Koch warf es – horribile dictu – in die Salzfleischtonne zurück. Der Rest des Tages wurde zur Erzählung von Haifischgeschichten und dahin einschlagenden Fabeln benutzt. Der gut unterrichtete Hochbootsmann wollte wissen, daß die beiden »Piloten«, Fische von der Größe des Herings, welche den Hai unablässig begleiten, von der Natur nur zu diesen Adjutantenstellen befördert seien, um ihm bei seiner Kurzsichtigkeit die Auffindung der Nahrung zu erleichtern. Geriethen sie in Gefahr, so nähme er Beide in den Rachen; seine Jungen, gewöhnlich Drillinge, suchten aus eigenem Antriebe ihre Zuflucht an demselben Orte. Ich enthielt mich weislich jeglichen Zweifels oder Widerspruchs. Wir sollten für die überstandenen Leiden durch einige schöne Tage entschädigt werden, wiewohl uns bei der am 15. und 16. Februar herrschenden Windstille eine Meeresströmung immer weiter südlich trieb. Das entzückende Blau, in welchem das ganze Universum prangt, erquickt nach wochenlangem grauen Gewölk das Auge, wie den Gaumen des Pilgers in der Wüste ein frischer Trunk aus dem Quell der Oase. Auf malerische Nachbildung dieses Phänomens tiefster Ruhe der Elemente muß die Kunst 105 verzichten; all unser Denken, Empfinden und Schaffen ist von der Voraussetzung der Gegensätze und des Widerspruchs abhängig; ich sitze unter den Chinesen müßig auf dem Verdeck, starre in die Ferne und versinke, wie der indische Büßer in die Anschauung Brahma's, in den göttlichen Frieden der beschwichtigten Natur. Der Zauber dieser flüchtigen Stunden lockt auch die gedankenlose Creatur an die Oberfläche des Oceans. Goldglänzende Geschwader fliegender Fische schwingen sich in die Luft und suchen sich vor den jagdlustigen Delphinen zu retten, ein Hai von 20 Fuß Länge schwimmt, begleitet von seinen getreuen Piloten, im Fahrwasser der »Pallas« und macht zuweilen die Runde um das schwerfällige Schiff; in einiger Entfernung folgt uns ein Wallfisch. Ein Strudel bezeichnet den Ort, wo er im Abgrunde verschwindet, plötzlich taucht er tausend Schritte weiter auf und signalisirt seine Ankunft, majestätisch dahinfahrend, durch zwei Fontänen, dann versinkt er ganz unerwartet, einem Bleiklumpen gleich, in die Tiefe. Nach vielen vergeblichen Versuchen, vom Bugspriet aus einen der zwei Ellen langen Delphine mit der Harpune zu erlegen, haben unsere Matrosen zur Angel gegriffen und wirklich einen karpfenähnlichen Fisch gefangen. Er ist 18 Zoll lang, geschuppt, schwarz mit blauen Flecken und trägt dicht am Hinterkopf auf dem Rücken einen kleinen Stachel; er soll unserem armseligen Mittagessen einige Abwechselung gewähren. Wie glücklich wäre ein Genremaler an meiner Stelle! Auf dem Sturmbock sitzen der Capitän, der erste Steuermann und ein halbes Dutzend Matrosen beisammen und vertreiben sich die Zeit mit – Handarbeiten. Letztere nähen 106 Segel; der Capitän stopft seine blauen Strümpfe. Weiterhin ist große Wäsche; die Matrosen reinigen Hemden und Beinkleider mit Bürsten und Schrubber. Die chinesischen Passagiere blicken auf dies Beginnen mit lächelnder Verachtung. Sollte das helle und trockene Wetter von Bestand sein, so wird der Kapitän unzweifelhaft wieder den Unterrock vornehmen, den er für seine eigene Frau in Europa stickt. Nach der vollendeten zwölf Ellen langen Robe ist die Arbeit ein Prachtstück und der Seemann ein Meister in diesem Kunsthandwerk. Zu Spaziergängen auf dem Verdeck ist gegenwärtig, seit die Chinesen bis auf das jüngste Baby ihre Holzverschläge verlassen haben, kein Raum mehr vorhanden. Ueberall lungern die schmutzig gelben Rangen umher, essen rohe, süße Kartoffeln oder spielen jenes Abnahmespiel mit Zwirnsfäden, das auch unsere Kinder kennen und wahrscheinlich zuerst von Schiffern gelernt haben. In der Nacht sprang eine leichte Brise auf, die uns am nächsten Tage, dem 16. Februar, mit einer Geschwindigkeit von drei Knoten in der Stunde vorwärts trieb. Um neun Uhr Morgens erschien eine chinesische Deputation in der Kajüte und suchte Unterhandlungen über den Verkauf des fettesten Schweines anzuknüpfen, wurde aber vom Capitän abschlägig beschieden. Es kostete mir große Mühe, unseren, über die unverschämte Zumuthung entrüsteten Chef zu beruhigen, hatten es die Chinesen doch grade auf den borstigen Liebling Hartmanns, die kugelrunde »Pepita«, abgesehen, ein stolzes Geschöpf, das von allen Matrosen nur mit »Sie« angeredet wird. Wäre es von unseren vier Schweinen noch der biedere Leberecht, Conrad, benannt der 107 keusche Joseph, oder das braune Salchen gewesen; aber Pepita – schon der Gedanke war herzbrechend! Ohnehin verschlimmern die Passagiere ihre sociale Stellung auf der »Pallas« durch nächtlichen Wasserdiebstahl. Sie bohren die Fässer an und entledigen sie ihres Inhalts mittelst kleiner Heber und Röhrchen: es wird daher allnächtlich ein mit einem gehörigen Tauende bewaffneter Posten neben den Fässern aufgestellt. Bemerkenswerth ist die Verträglichkeit dieser armen Leute. Wortwechsel oder gar Thätlichkeiten sind unter Kindern und Erwachsenen unerhört; sie leben in ihrem Schmutz so friedlich und still, wie ein Insectenschwarm. Am schweigsamsten sind allerdings die unverbesserlichen Opiumraucher, von denen wir einige an Bord zählen, nur aus Haut und Knochen bestehende Gespenster, deren Augen bereits allen natürlichen Glanz verloren haben. Ich sehe schon im Geiste den Tag nahen, wo wir diese Schlachtopfer der gewissenlosen englischen Handelspolitik im Orient in leere Pökelfleischfässer einsargen und mit der übrig gebliebenen Salz- und Salpeterjauche einbalsamiren. Gehe ich an einem dieser Unglücklichen vorüber, so erscheint gleichzeitig in meiner Einbildungskraft eine jener superfrommen Gemeinden mit ihren verzückten Geistlichen und den scheinheiligen Gentlemen mit blendend weißen Halsbinden. Mit einem Sonnenzelt ist die nur mit dem Unentbehrlichsten ausgestattete »Pallas« nicht versehen, wir sind daher, sobald wir die frische Seeluft genießen wollen, den brennenden Sonnenstrahlen ausgesetzt. Einigen Schutz gewährt der schmale Schatten des Besaanmastes, dem ich, auf meinem Feldstuhl sitzend, nachrücke, und durch den ausgespannten Regenschirm verstärke. Nichtsdestoweniger häuten 108 sich schon nach drei heißen Tagen Hände und Gesicht von Neuem. Am 18. Februar war Capitän Hartmann zu einem Strafverfahren gegen mehrere ungewöhnlich gottesfürchtige Chinesen genöthigt. Die Herren hatten am vorhergehenden einladenden Abende nicht der Versuchung zu widerstehen vermocht, einige Götzenpüppchen aufzupflanzen und ihnen zu Ehren auf Deck mitten unter dem ausgedörrten hölzernen Gerümpel ein brillantes Feuerwerk abzubrennen. Nur durch die rasche Intervention des achtsamen Steuermanns wurden wir vor einem großen Unglück bewahrt. Hätte das Verdeck Feuer gefangen, so wäre das Schiff mit Mann und Maus verloren gewesen. Die frommen Pyrotechniker erhielten von den ergrimmten Matrosen zwar sogleich einen Denkzettel, allein die Sache war damit nicht abgethan. Am Morgen des 18. Februar wurden Jedem nachträglich »Fünfundzwanzig« mit dem Tauende aufgezählt. 109 VIII. Gegenwind, die Freude der Mannschaft. Was für ein Haus? Satt vom Hören und Sehen. Ein Duell auf comprimirte Gemüse. Preußen letzter Klasse auf Formosa. Menschenfraß, eine berechtigte Eigenthümlichkeit. Die beiden Botel-Inseln. Der Gefahr entgangen. Sechszehn Jahre auf einem Korallen-Riff. Noch einmal Pepita. Die Mannigfaltigkeit der Unterhaltungen an Bord ist nicht erheblich; von einer Wasserhose, wie sie am 19. Februar ungefähr tausend Schritte von der »Pallas« in nördlicher Richtung vorüberzog, wird beinahe so lange gesprochen, wie unter Lebemännern von der neuesten Herrenmode und dem elegantesten Beinkleiderstoffe. Des Capitäns Laune steht unter Null; er flucht und donnerwettert fortwährend über den widrigen Wind und die Verzögerung unserer Fahrt. In ruhigeren Momenten nähert er sich mir mit der Flasche voll bitteren Schnapses und fordert mich auf, mit ihm ein Gläschen zu leeren, nicht etwa aus diätetischen Gründen, sondern nur auf Grund des Aberglaubens der Seeleute. Der Genuß dieses Zaubertrankes wirke günstig ein auf die Steuerfähigkeit des Schiffes. Nur die Matrosen sind mit dem Gegenwinde zufrieden, denn je länger die Fahrt dauert, desto größer ist die Geldsumme, 110 welche ihnen in San Francisco ausbezahlt wird. Zum äußersten Aerger des Capitäns verhehlen sie gar nicht ihr Wohlgefallen an dem Nord-Ost-Monsoon; ich würde mir eine Gallenkrankheit an den Hals ärgern, wollte ich den Klagen unseres vielgeplagten Schiffsbändigers Gehör schenken. Bin ich ihm glücklich entgangen, so gerathe ich gemeinhin in die Hände der geborenen Hirschberg. Könnte ich mich entschließen, diesem problematischen Frauenzimmer etwas freundlicher entgegenzukommen, so würde sie mich unzweifelhaft mit allen Details, auch den bedenklichsten, ihres Lebenslaufes bekannt machen; meine Wortkargheit zwingt sie, sich gleichfalls in dunkle Redensarten zu hüllen. Madame ist über die darniederliegenden Geschäfte außer sich, ohne jedoch die Branche, in der sie gearbeitet, bestimmter anzugeben. In Hongkong und Singapore sei nichts zu machen gewesen; in Californien hoffe sie glücklicher zu sein. Falle ihr Verdienst in San Francisco reichlich genug aus, so gedenke sie sich zur Ruhe zu setzen und in Singapore »ein Haus zu etabliren.« Niemand von uns thut ihr den Gefallen, neugierig zu sein und sich nach der »Qualität des Hauses« näher zu erkundigen. Doppelt vorsichtig bin ich geworden, seitdem Madame, als ich neulich einige Trostesworte an sie richtete, gleich das Geständniß ablegte, mit einigen tausend Thalern könne ihr für immer geholfen werden, und sie sei bereit, dafür Alles zu thun, was ein Gentleman irgend verlangen könne. Am 20. Februar um Sonnenaufgang passirten wir die Südspitze der Insel Formosa, denn wir waren in den letzten Tagen wieder mehr als einen Grad rückwärts nach Westen getrieben und trafen mit einer englischen Bark 111 zusammen, die vor fünf Tagen von Manila abgefahren war und nach Ningpo segelte. Nach Austausch einiger Signale schieden wir von einander, und bald war das kleine Fahrzeug aus unserem Gesichtskreise verschwunden. Der armen »Pallas« kommt jetzt eine Meeresströmung zu statten, die sie mit einer stündlichen Geschwindigkeit von sechs Knoten in nordöstlicher Richtung vorwärts schwemmt. Die Luft ist von außerordentlicher Reinheit, herzstärkend und von himmlischer Milde; wäre unsere Beköstigung nur etwas genießbarer! Kein Mensch kann in schwachen Stunden der Versuchung widerstehen, sich in Vorstellungen über den Zustand seiner Seele im Jenseits zu ergehen. Wenn man drei Wochen hindurch von steinhartem oder lederzähem Salzfleisch gelebt hat, ist es das Ideal des Seefahrers, dereinst auf einem Stern wieder aufzutauchen, auf dessen Oberfläche der Mensch lediglich von Hören und Sehen satt wird. Vor der Abfahrt hatte ich gegen Capitän Hartmann den Wunsch ausgesprochen, mich nicht allein mit einer Reserve von Delikatessen in Blechbüchsen, sondern auch mit einem Vorrath von feinen Weinen und Spirituosen zu versehen, ihn aber dadurch beinahe beleidigt. Er versicherte, daß ich auf seinem Schiffe nichts entbehren werde, was zu meinen Lebensgewohnheiten gehöre. Triftiger war der Grund, den später der erste Steuermann angab. Er behauptete: ich hätte sehr weise gethan, nichts mitzunehmen, denn bei Tische wäre ich gezwungen gewesen, jeden Bissen oder Tropfen mit den Nachbaren zu theilen, und der Reste würden sich bei Nacht Chinesen und Matrosen bemächtigt haben. Der Capitän scheint übrigens der Meinung zu sein, der Küchenzettel der »Pallas« entspreche allen Anforderungen des 112 Comforts. Schneide ich allzujämmerliche Gesichter, so sucht er mich durch kleine Ueberraschungen von Neuem zu ermuthigen. Zur Feier des Aufspringens einer mehrstündigen vielversprechenden Brise hatte der Menschenfreund am 20. Februar eine Blechbüchse voll comprimirter Gemüse zum Opfer dargebracht, die eingemachten Vegetabilien waren jedoch seit ihrer Einschiffung in San Francisco durch mehrere Seereisen so ungenießbar geworden, daß selbst der Schiffsschreiber, der hartnäckigste Magen der »Pallas«, vor diesen Leckerbissen zurückschauderte. Den Stolz seiner Vorrathkammer von diesem spartanischen Gaumen verschmäht zu sehen, war zu viel für Capitän Hartmann. Er schwur, den Verkäufer der Blechbüchsen in San Francisco auf die Mensur zu fordern (fünfzehn Schritt Barriere) und ihm jedes Gefäß seiner Fabrikate einzeln an den Kopf zu werfen. Wir sollten am nächsten Tage durch Hühnerbraten entschädigt werden und ich sah selbst die sterblichen Ueberreste zweier geflügelten Passagiere, die gerupft an einer Lucke der Nachtluft ausgesetzt worden waren; gebraten und auf dem Tische der Kajüte begegnete ich ihnen nicht. Beide waren vor Tagesanbruch von den Chinesen gestohlen worden. Ermittelte der Capitän den Dieb, so versprach er, ihn an der großen Rae aufhängen zu lassen. Die chinesische Reisegenossenschaft befleißigte sich am Tage des Hühnerdiebstahls einer so übergroßen Höflichkeit und Heiterkeit, daß ich argwöhnte, sie sei von den Thätern in Mitwissenschaft gezogen. Ich beklage den Verlust schon deshalb, weil die noch vorhandenen Hühner die Strapazen der Seereise nur schwer ertragen und nach und nach natürlichen Todes sterben. Ein Brandunglück, das in derselben Nacht in der Küche passirte, 113 und uns in großen Schrecken versetzte, hätte uns leicht auf den Verdacht bringen können, das Feuer sei von den diebischen Chinesen angelegt, um das Verschwinden der Hühner auf den Wirrwarr des Löschprozesses zu schieben, wäre nicht ermittelt worden, das Feuer sei auf dem Herde entstanden, wo der unbesonnene Koch feuchtes Holz in den noch glimmenden Kohlen zum Trocknen aufgeschichtet. Bis Mittag segelten wir dicht unter der Küste von Formosa und erkannten mit Hilfe des Fernrohrs deutlich die Gestalten der negerartigen Autochthonen, die sich zwischen herrlichen Palmen in Gruppen versammelt hatten und unter lebhaften Gesticulationen unserem Schiffe nachblickten. Wenn die Nachricht: die preußische Regierung unterhandle mit China um die Abtretung der Insel Formosa, nicht blos unter die Zeitungsenten gehört, so wartet unserer Landsleute hier noch eine hervorragende civilisatorische Mission. Die künftigen Unterthanen des Hohenzollernhauses in den ostasiatischen Gewässern werden, um uns eines technischen Ausdruckes der mißvergnügten Frankfurter zu bedienen, höchstens als »Preußen sechster oder siebenter Klasse« zu betrachten sein. Die Anwohner der hochragenden, landschaftlich schönen Ostküste lieben nämlich gesottenes oder geröstetes Menschenfleisch mehr, als ihnen unsere Schulregulative zugestehen werden, und es erscheint höchst zweifelhaft, ob der zu ernennende Landes-Commissar, sowie die Präsidenten der einstigen Regierungsbezirke von Formosa diese kleine Schwäche ihrer Schützlinge und Eleven unter die, zarter Schonung anempfohlenen »berechtigten Eigenthümlichkeiten« zu zählen geneigt sein dürften. Noch vor drei bis vier Monaten wurde die gesammte Mannschaft 114 eines schwedischen Schiffes bis auf den Capitain und Steward, welche auf dem Wrack blieben und einige Tage später von einem englischen Kreuzer gerettet wurden, von den Wilden verzehrt. Die beiden Unglücklichen waren Augenzeugen der entsetzlichen Mahlzeit. Die Einführung der allgemeinen Wehrpflicht, wohlgemerkt mit dreijähriger Dienstzeit, und einem gesitteten Kasernenleben in einer Umgebung von Knapphänsen, muß auf dieser noch so culturbedürftigen Insel den segensreichsten Einfluß ausüben, wiewohl wir die sich unserer Regierung entgegenthürmenden Schwierigkeiten, falls sie wirklich auf dem originellen Colonisationsplane bestehen sollte, wahrlich nicht gering veranschlagen. Mehr Freude, als die heißhungrigen Schwarzen am Ufer, denen man die Betrübniß ansieht, durch das stille Wetter um einen ersehnten guten Bissen zu kommen, machen mir die in zahlloser Menge aus unserem Kielwasser aufspringenden Delphine mit ihren strahlend blauen Schuppen und den smaragdgrünen Flossen und Schwänzen. Wir lassen jetzt das Eiland der Menschenfresser hinter uns liegen und steuern auf die Botel-Tabago-Insel ( little botel island ). Ein dichter sanfter Regen strömt vom Himmel herab, und die Mannschaft war so glücklich, zwei Fässer süßen Wassers aufzufangen, die uns noch gute Dienste leisten sollen. Auch die Chinesen haben ihre schwindenden Vorräthe erneuert. Im Fang der Delphine, dem die Matrosen mit kleinen Harpunen obliegen, sind sie weniger glücklich; die gewandten Thiere wissen mit unglaublicher Geschwindigkeit allen Nachstellungen auszuweichen. Ich sitze am Bugspriet und zeichne die kleinere Botel-Insel auf den Rand eines Blattes in meinem Tagebuch; die größere tritt 115 nicht deutlich genug aus dem Nebel hervor. Es war vier Uhr Nachmittags, und Capitän Hartmann, der in den letzten Nächten nicht zu Bette gegangen war und bei der unverfänglichen Witterung jetzt einige Stunden geschlafen hatte. erschien wieder auf Deck, um auf dem immer noch mißlichen Terrain die nöthige Rundschau vorzunehmen. Der Nebel schien nur auf seine Ankunft gewartet zu haben, denn kaum hatte der besorgte Hartmann das Fernrohr ergriffen, als der Regen mit einem Schlage aufhörte, das Dunstgespinnst vor der größeren Botel-Insel zerfloß, und wir voller Entsetzen unser Schiff, von der starken Nord-Ost-Strömung ergriffen, auf die Küste treiben sahen. Soweit meine Einsicht reicht, wäre es jetzt angemessen gewesen, den Passagieren die bedenkliche Lage der »Pallas« zu verheimlichen und schweigend alle Vorkehrungen zu treffen, um im entscheidenden Moment das Leben der Reisenden und Mannschaften zu retten, allein Capitän Hartmann verlor sogleich Kopf und – Hut, fuhr mit beiden Händen in das Haar und schrie nach seiner an und für sich mittheilsamen Art: »Wir sind Alle verloren, wenn wir nicht in der nächsten halben Stunde Wind bekommen!« Kaum hatte er diese unbesonnenen Worte ausgesprochen, als die Matrosen vom Deck verschwanden. Anfangs begriff ich nicht den Grund ihrer Entfernung; nach fünf Minuten war mir Alles klar. Die Verblendeten hatten den Wandschrank der Kajüte erbrochen, sich der dort aufbewahrten Gin-Flaschen bemächtigt und ihren Inhalt besinnungslos hinabgegossen, soweit dies in der kurzen Zeit möglich gewesen war. Der erste Auftritt jeder Schiffbruch-Katastrophe pflegt immer mit allgemeiner Trunkenheit der 116 Mannschaft zu beginnen. Inzwischen trieb die »Pallas« bei tiefer Windstille dem Gestade immer näher, und um fünf Uhr konnten wir den schneeigen Kamm der verderblichen Brandung schon deutlich unterscheiden. Nun befahl der Kapitän, die drei Rettungsböte klar zu machen; die Ausführung der Ordre war indessen nicht so leicht wie der Befehl. Sie lagen sämmtlich mit dem Kiel nach oben gekehrt auf dem Verdeck, waren rings von den Holzverschlägen der Chinesen umgeben; unter dem größten Boote, das auf einer Balkenlage ruhte, wohnten sogar sechs Kulis mit Hab und Gut, Wasser- und Mundvorräthen. Die Arbeit ging bei der steigenden Trunkenheit der Matrosen nur langsam vorwärts, doch gelang es mir, die überall umherstehenden Gin-Flaschen bei Seite zu schaffen; auf Capitän Hartmann glaubte ich nicht mehr rechnen zu können. Sein einziger Ruf war: »Weshalb habe ich mein Schiff nicht höher versichert, ich bin ein ruinirter Mann – ein Bettler!« – Die Chinesen hinderten wenigstens nicht die Rettungs-Anstalten. Sie lagen überall auf den Knieen, schlugen mit den Schädeln auf den Fußboden und stießen jammervolle Laute aus. Dann sprangen sie wie besessen in die Höhe, warfen Opferpapiere, kalten Reisbrei und Speck ins Wasser, Alles nur, um den bösen Geist auf bessere Gedanken zu bringen, und zündeten ihre unvermeidlichen Opferstäbchen an. Es kostete mir die größte Mühe, das arme verblendete Volk von der Kajüte fern zu halten, wo ich in Gemeinschaft mit dem Schiffsschreiber die Revolver und Musketen lud und mehrere hundert Patronen für Beide wasserdicht zu verpacken suchte. Die Sonne war so eben untergegangen, und wir hatten nothgedrungen eine 117 Thranlampe angezündet. In der wilden Hast der Arbeit war eine Menge Schießpulver auf den Boden der Kajüte verstreut worden, und wir schwebten in Gefahr, wenn eines der glimmenden Opferstäbchen, welche Weiber und Kinder an unserer Thranlampe anzündeten, ihnen aus der Hand fiel, sammt Kajüte und Munitionsvorräthen in die Luft gesprengt zu werden. Die Frau in Roth lag in der Ecke und weinte zum Erbarmen. Hartmanns Befehl: die Rettungsböte ins Wasser zu lassen, trieb mich auf das Deck. Zugleich wurden die Chinesen angewiesen, sich in ihre Kabinen zurückzuziehen, aber die unglücklichen Menschen waren weit entfernt, sogleich Gehorsam zu leisten. Erst nachdrückliche Drohungen mit den Revolvern entfernten sie vom Rande des Verdecks. So elend mir zu Muthe war, ein Hohngelächter über ihr verzweifeltes Gebahren vermochte ich nicht zu unterdrücken. Um nichts zurückzulassen, zogen sie alle ihre Kleidungsstücke über einander, das sicherste Mittel, beim Umsturz der Böte in der Brandung zu Grunde zu gehen, die Kinder wurden geputzt und mit Schmucksachen behangen; man konnte glauben, sie rüsteten sich zu einem Freudenfeste und nicht zum Abschiede vom Leben. Eine sehr anständig aussehende Frau näherte sich dem Capitän, that einen Kniefall und bat ihn händeringend um seine Leibsau Pepita. Sie wolle das fette Schwein den Göttern opfern und uns Alle aus der Todesgefahr erretten! Die Frau wurde bei Seite geschafft, und die Matrosen sprangen in die schon auf dem Wasser schwimmenden Böte. Unterdessen wurde noch ein Versuch angestellt, mit dem Senkblei zuverlässigen Ankergrund aufzuspüren; aber die Hoffnung mußte 118 aufgegeben werden. Dicht vor dem Riff, über das die Brandung stürzte, ergab das Blei eine Tiefe von neunzig Faden und nackten Felsgrund; kein Anker hätte gehaftet. Wir waren der Felswand der Botel-Insel so nahe, daß der Steuermann sich vermaß, sie »mit einem Schiffszwieback zu treffen;« die Böte blieben unsere letzte Hoffnung. Der Zeiger wies auf sieben, und in wenigen Minuten wären wir in die Brandung gerathen, als ein Mundvoll Landwind die oberen Segel schwellte. Da die Mannschaft sinnlos betrunken in den Böten lag, also nicht zum Steuern und Arbeiten zu brauchen war, vertraute mir Capitän Hartmann das Steuer an und begann mit Hilfe des englischen Schiffsschreibers und einiger gutwilligen Kuli's die Segel zu stellen. Der zweite Steuermann ruderte in einem kleinen Boote in der Nachbarschaft umher und suchte mit der Lothleine nach Ankergrund, ohne einen Quadratfuß Sand aufzufinden. An den meisten Stellen reichte die nur neunzig Faden lange Leine gar nicht auf den Grund. In diesem Augenblicke glaubte ich zu bemerken, daß die hier noch vorhandene geringe Strömung im Verein mit dem Landwinde uns etwas weiter nach Osten, d. h. nicht näher ans Land trieb, doch hatten wir uns dem Riff schon so sehr genähert, daß die » Pallas «, als sie, vom Grundstrudel ergriffen, zweimal langsam um ihre Achse gedreht wurde, mehrmals mit dem Hintertheil gegen die Felsbrüstung stieß. Der Capitän war in die Kajüte gegangen, um die werthvollsten Papiere zu sich zu stecken, und stürzte jetzt in Verzweiflung zu mir auf das Hinterdeck. Er glaubte Alles verloren, und die ihm folgenden Chinesen brachen von Neuem in ein lautes Jammergeschrei aus. Das Schiff 119 hatte indeß glücklicher Weise keinen Schaden genommen, und die Strömung, die gerade hier die entgegengesetzte Richtung einschlagen mochte, führte uns allmählich wieder vom Lande fort. Es war neun Uhr, der Mond brach zuweilen durch die Regenwolken, und die Kannibalen der Insel, die auf allen hervorragenden Punkten große Feuer angezündet hatten, äußerten durch wilde Sprünge ihre Freude, sobald sie in dem falben Schimmer des Mondes unser Schiff erblickten. Muthmaßlich glaubten sie, es könne ihnen nun nicht mehr entgehen. Die schwarzen Leckermäuler irrten sich; ihr Jubel über den sicheren Rostbraten war zum Mindesten verfrüht. Wir entfernten uns wirklich von der größeren Insel, näherten uns nun aber der kleineren Botel-Insel. Der durch das sich vertheilende Gewölk blickende Mond erhellte unsere traurige Fahrt, und wir erkannten nicht nur in unmittelbarer Nähe an furchtbaren Schaumbergen die steinernen Wellenbrecher, die uns in jedem Augenblick den Untergang bereiten konnten, sondern auch in Entfernung von einer Viertelmeile das riesige schwarze Bollwerk, dem wir uns gegenwärtig zu nähern schienen. An Bord herrschte Todtenstille, athemlos lauschten wir alle der furchtbaren Stimmen der sich überschlagenden und dabei einen langen, heulenden Ton ausstoßenden Wogen. Mit Pulver und Blei bepackt, vermochte ich kaum noch, mich fest auf den Füßen zu halten. Capitän Hartmann hatte unterdessen seine Fassung wiedererrungen, er traf für den Fall, daß ein Landungsversuch unvermeidlich sein sollte, mit löblicher Ruhe die nöthigen Anordnungen. Zuerst sollten die Frauen und Kinder der Chinesen, dann die Männer und zuletzt erst der Capitän und die Passagiere erster Klasse ans Land gesetzt 120 werden. Jeden der beiden Transporte erster Kategorie sollten vier bewaffnete Europäer begleiten, da den Kulis niemals zu trauen ist; für uns war das kleinste Boot bestimmt. Ich war fest entschlossen, im entscheidenden Falle an der Seite des Capitäns an Bord zu bleiben und mit ihm alle Gefahr zu theilen. Angesichts des Todes erwacht im Menschen das Gefühl der Gleichheit und Brüderlichkeit in seltener Stärke. Und doch hatten wir noch nicht alle Hoffnung aufgegeben, wir umgürteten uns sogar mit zwei Fuß langen Messern, um im Handgemenge mit den Kanibalen nachdrücklichen Widerstand leisten zu können. An die Bergung unserer Effecten war nicht zu denken. In dieser qualvollen Situation verweilten wir bis eine Stunde nach Mitternacht. Bald scheinbar ruhig auf einer Stelle liegend, bald etwas rückwärts getrieben, fühlten wir plötzlich, wie unsere vielgequälte »Pallas« jetzt hoch gen Himmel erhoben und dann wieder langsam in die Tiefe versenkt wurde; wir waren in eine, an diesem Punkte herrschende ungeheure Dünung gerathen. Nicht lange darauf trat Ruhe ein, die Krisis war überstanden, trotz der Dunkelheit konnten wir erkennen, daß eine andere Strömung das Schiff von den Felseninseln fort und auf die hohe See hinausführte. Es ist wahr, wir entgingen nur unsäglich langsam dem Verderben, als aber um zwei Uhr Morgens vom Lande her eine leichte Brise aufsprang, kamen wir mit Hilfe der Segel in zwei Stunden so weit vorwärts, daß wir uns aus aller Gefahr glauben durften. Gegen drei Uhr Morgens waren die Böte auf das Deck gehißt, dann wurde in der Küche Feuer angezündet und Thee gekocht; um vier Uhr legten wir uns, aufs Aeußerste 121 erschöpft, zu Bette. Die chinesischen Frauen hatten zuletzt noch ein wunderliches Opfer dargebracht, große Haarbüschel von den Köpfen geschnitten und ins Meer geworfen. Wir schliefen spät in den Morgen des 21. Februar hinein, dann vertieften wir uns am Kajütentisch bei einer Schaale Thee in die Wiederholung der Schreckensscenen des gestrigen Tages. Wir hatten zehn Stunden in unausgesetzter Todesangst verlebt. Capitän Hartmann ist in Folge der entsetzlichen Gemüthsbewegungen ganz entstellt, und ich meinerseits verspüre, abgesehen von einem beständigen Zittern der Hände, eine auffallende Schwierigkeit, einzelne Worte zu artikuliren; zuweilen scheint die Denkkraft ins Stocken zu gerathen. Der gutmüthige Capitän sucht uns durch Erzählung von Schreckensgeschichten zu erheitern, doch sind wir dem Schauplatze der Ereignisse noch zu nahe, um eine segensreiche Wirkung seiner Vorträge zu verspüren. Nach Hartmanns Angaben gehört ein Schiffbruch an einer der kleinen Inseln des stillen Oceans keineswegs zu den Seltenheiten. Der großen Mehrzahl nach sind sie unbewohnt, und der geretteten Mannschaft bleibt nichts übrig, als in Höhlen ein Unterkommen zu suchen, und ihr Leben mit Muscheln, Möveneiern und Wurzeln zu fristen. Da die vorübersegelnden Schiffe diese, oft nur einige Fuß über den Spiegel des Oceans hervorragenden Corallenriffe möglichst meiden, so müssen die Gescheiterten oft viele Jahre in diesem haarsträubenden Elende zubringen, ehe ein glücklicher Zufall ihre Entdeckung und Rettung herbeiführt. Ein norwegischer Capitän, den Hartmann persönlich kennen gelernt, hatte sechszehn Jahre mit einigen seiner Matrosen auf einer Insel dieser Gegenden verlebt. Von einem Nordamerikaner 122 aufgefunden, und endlich in der Heimath angelangt, fand er seine Frau wieder verheirathet und, wie ihm schien, zufriedener, als er sie verlassen hatte. Sechszehn Jahre mögen hinreichen, auch in der Brust eines Seemannes philosophische Duldsamkeit zu entwickeln, die amtlichen Aufforderungen in den Zeitungen: sich zu melden und seine ehelichen Rechte wahrzunehmen, waren nicht in die Hände des Norwegers gelangt, alle Parteien mithin unschuldig, der arme Capitän machte gute Miene zum bösen Spiele und war zufrieden, seinen Wunsch: »Ich sei, gewährt mir die Bitte, In eurem Bunde der Dritte « erfüllt zu sehen, und den Rest seiner Tage als fünftes Rad am Wagen zu beschließen. Sämmtliche Passagiere hörten äußerst kleinlaut zu und gingen dann schweigend wieder zu Bette; ich blieb in der Kajüte und fand keine Ursache, meine Ausdauer zu bereuen. Kaum hatte sich auch die Frau in Roth entfernt, als die gestrige chinesische Bittstellerin abermals erschien und im geläufigsten Pidjen Englisch den Capitän wiederum anging, ihr die bewußte »Pepita« zu überlassen. Das fette Geschöpf solle nicht verzehrt, sondern nur den Göttern als »Dankopfer« dargebracht werden. Ihre Bitte blieb freilich unerhört, doch versprach der Capitän, sobald die Seekrankheit definitiv an Bord aufgehört habe, ein Rettungsfest zu veranstalten, die Sau zu schlachten und den chinesischen Passagieren die Hälfte zu schenken ; übrigens verbitte er sich alle weiteren Petitionen und Deputationen. 123 IX. Das chinesische Mittel gegen Migräne. Schlaf nach Belieben. Mangelhafte Karten. Der Bonito. Graupen-Kaffee. Ein Tag der Wasserhosen. Das Verdeck ein Trockenplatz. Etwas Paradies. Selbstbekenntnisse einer schönen Seele. Die Crinoline auf dem stillen Ocean. Das Tagebuch zwischen Himmel und Ocean. Der Klipper Julian. Die chinesischen Passagiere haben, wie wir, unter den Nachwehen der furchtbaren Nacht zu leiden, nur fühlen sie sich leiblich , nicht moralisch afficirt. Sie klagen über Rheumatismen, und werden von Capitän Hartmann mit den schon genannten Universal-Heilmitteln behandelt. Gegen örtliche Schmerzen, z. B. Kopfweh, beobachten sie, ohne weiter um Rath zu fragen, ein eigenthümliches Verfahren, das an ähnliche europäische Quacksalbereien erinnert. Nach meiner Gewohnheit unter der Horde auf Deck sitzend, bemerkte ich ein junges Mädchen, das, seinem Aussehen nach an Migraine leidend, um sich davon zu befreien, die Nasenhaut zwischen den beiden Augenbrauen mit Zeigefinger und Daumen scharf packte, straff anzog, zurückschnellen ließ und diese Mißhandlung des erwähnten Theiles so lange unermüdlich fortsetzte, bis sich oberhalb der Nase eine fast schwarzblaue Anschwellung gebildet hatte. Ihre weibliche Umgebung 124 folgte der unblutigen Operation mit großer Theilnahme und schien sie für ein untrügliches Heilmittel des weitverbreiteten Uebels anzusehen. Ich halte mit der Veröffentlichung nicht hinter dem Berge, bezweifle aber, daß die europäischen Leidensgefährtinnen sich zur Nachahmung entschließen werden. Noch mehrere Wochen hindurch zeichnete sich die Selbstoperirte durch eine nußgroße dunkelfarbige Pustel vor allen ihren Gespielinnen aus. Das anhaltend stürmische Wetter verhängt über unsere arme Mannschaft unbeschreibliche Mühseligkeiten. Nicht selten sind die Matrosen mehrere Nächte hintereinander alle zwei Stunden geweckt worden. Der laute Ruf: »Reffen!« oder »Wenden!« schreckt auch mich oft genug aus dem Schlaf. Die Leute eilen noch taumelnd auf Deck, einige Minuten später heißt es: »Wache zur Koje!« Das Manöver ist gelungen, und die Schächer dürfen sich wieder Ruhe gönnen. Unter derartigen Umständen eignet sich auch der Seemann jene beneidenswerthe Virtuosität an, in der es Napoleon I. so weit gebracht, daß er zu jeder beliebigen Tageszeit, sogar im stärksten Geschützfeuer, einzuschlafen und nach Verlauf von anderthalb bis zwei Stunden, ohne geweckt zu werden, wieder aufwachen konnte. Capitän Hartmann hat mich schon oft durch diese seltene Fähigkeit in Erstaunen versetzt. Die Folgsamkeit und Subordination der deutschen Mannschaft ist musterhaft, nur mit dem Branntwein muß sie nicht in allzu nahe Berührung gerathen. Die Vertheilung einer Quantität Gin wird stets als Belohnung besonders angestrengter Thätigkeit angesehen. »Hol die Besaanschote an!« lautet die technische Redensart, in Folge deren in solchen Fällen einer unserer beiden Schiffsjungen die Matrosen 125 zusammenrufen muß. Und säßen sie auf der Spitze der Masten oder des Bugspriets: in wenigen Secunden haben sie sich auf dem Quarterdeck eingefunden. Das Kredenzen und der Genuß des Gin, von dem Jeder ein Glas erhält, geht mit einer annähernd militärischen Feierlichkeit vor sich: der Capitän oder ein Steuermann muß stets zugegen sein. Die norddeutschen Soldaten und Matrosen fügen sich mit gleicher Leichtigkeit in ihr schweres Loos und entwickeln dabei einen prächtigen Humor. Schwerlich hat unser zweiter blonder Steuermann Capitän Marryats Seeromane und jene ergreifende Scene gelesen, in welcher der Befehlshaber des Schiffs während eines entsetzlichen Sturmes von drei handfesten Männern die Haare auf seinem Kopf festhalten läßt, und dennoch will er in der letzten Nacht durch einen fliegenden Sturm beinahe »aus seinen Hosen geblasen« sein. Unsere fünf Kanarienvögel haben die bisherigen Strapazen glücklich überstanden und drücken ihren Dank gegen den Himmel durch schmetternde Gesangsübungen aus. Capitän Hartmann widmet ihnen sein ganzes Wohlwollen, denn in San Francisco erhält er für Jeden das Achtfache des Preises, den er beim Einkauf in Hongkong gezahlt. Auch mich ergötzen die munteren Thierchen, obgleich ihre nach der langen Seekrankheit wiederkehrende Lebenslust sie zu so lauten Solfeggien verleitet, daß wir oft unser eigenes Wort nicht mehr verstehen können. In dieser unendlichen Einsamkeit der tiefblauen Fläche des Oceans erfreut den Menschen jede Abwechselung. Am 24. Februar begleiteten uns zwei große braune Seevögel mehrere Stunden lang in ungestörter Eintracht, bis durch die Dazwischenkunft eines Dritten Uneinigkeit unter dem Pärchen entstand, welche mit 126 einem erbitterten Kampfe und plötzlicher Entfernung der Gruppe endete. Wo ist Frieden und Sicherheit in der Natur? Der Capitän studirt unablässig die Seekarten und stellt bei klarem Wetter Himmelsbeobachtungen an; nach seinen Mittheilungen sind viele jener winzigen Inseln, in deren Nähe wir vorbeipassiren, auf der Karte falsch angegeben. Die Schifffahrt ist in dieser Region des Oceans noch nicht ausreichend orientirt, aber die Zeit wird kommen. wo das Bedürfniß eines telegraphischen Kabels zwischen Asien und der Westseite von Nordamerika die Ausmessung jeder Quadratruthe auch dieser entlegenen Region des Weltmeeres gebieten wird. Nach einem dunklen Regentage drehte sich in der Nacht vom 25. zum 26. Februar der Wind nach Süden, und wir machten die Nacht hindurch eine gute Fahrt, deren Schnelligkeit freilich nicht unsern bisherigen Zeitverlust einbringt. Vier Wochen in See haben wir erst 160 Meilen zurückgelegt, und 1600 Meilen liegen noch zwischen uns und der Küste von Californien. Capitän Hartmann macht kein Geheimniß aus seinen entmuthigenden Berechnungen. Aeußert man bescheidene Zweifel, so fügt er rasch den Bericht einer Thatsache hinzu, aus der erhellen soll, er habe von jeher »Pech auf See« gehabt. Der gute Wind hält auch am 27. Februar an und versieht uns reichlich mit Regenwasser, das von Allen sorgfältig aufgefangen und aufbewahrt wird. In den frühen Morgenstunden gelang es den Matrosen mit der Harpune einen Bonito zu treffen und glücklich an Bord zu hissen. Wenn schon der Bonito nicht zu den feinen Fischen gerechnet wird, sind wir dennoch über diese Variation unseres Küchenzettels entzückt, und der chinesische Koch erhält sogleich die 127 nöthigen Anweisungen über die Zubereitung des Fisches. Ich gestehe im tiefsten Vertrauen, selber dem Capitän den Rath ertheilt zu haben, sich um die Anordnungen seines allzu selbstständig auftretenden Küchenbeamten zu bekümmern. Am Tage vorher war ich nämlich mit ihm und dem Steward in einen Conflict über den fremdartigen Geschmack des Kaffee's gerathen und hatte erfahren, daß der Koch dem jedesmaligen Maß Kaffeebohnen ein Drittel gerösteter Graupen beizumischen pflege. Nun habe ich als der Angehörige eines armen, aber arbeitsamen Landes, als ein Mann, der von der Pike auf gedient hat, an sich nicht das Mindeste gegen Graupen. Ich beschwere mich nicht, wenn sie an Bord eines Kauffahrers täglich auf dem Tische erscheinen, wenn man sie mit Salzfleisch kocht, mit Rosinen einen Plumpudding daraus bereitet, ja wenn man sie nach Art der Vatels in unseren Volksküchen mit Kartoffeln oder Bohnen zu einem Brei vermischt; gegen einen Graupen kaffee werde ich unter allen Breitegraden, bei jedem Wetter, jedem Winde, vor Anker oder auf hoher See, Verwahrung einlegen. Nur ein Chinese kann auf diese corrupte Idee verfallen. Um neun Uhr legte sich ganz unerwartet der Wind, es wurde todtenstill, das Gewölk schien sich in allen Himmelsrichtungen dichter zusammenzuballen und zuweilen gerieth die »Pallas«, die ohne Hilfsmittel der Bewegung der majestätischen Dünung des Oceans zum Spiel diente, in einen förmlichen Wolkenbruch. Die Wasser stürzten in solchen Massen vom Himmel herab, daß ihre Masse unser kleines schwerbeladenes Fahrzeug in die Tiefe zu versenken schien, oder doch die lockeren Holzverschläge der armen 128 Chinesen vom Verdeck zu spülen drohte. Nach zwei Stunden, in welchen sich der Ocean ruhig verhalten und der Himmel die Rolle dieser wandelbaren Naturgewalt übernommen hatte, wurde es etwas heller, der Regen ließ nach, dann verwandelte er sich in einen feinkörnigen Wasserstaub, und nun befanden sich die Elemente in jenem Stadium der elektrischen Spannung, das die Bildung der sogenannten Wasserhosen begünstigt. In absoluter Verlassenheit, wenn der Mensch plötzlich jene Mächte, die er nur strengen Naturgesetzen bewußtlos unterthan glaubt, in wilder Laune selbstständig auftreten und sogar des ehernen Gebots der Schwere spotten sieht, überkommt ihn das demüthigende Gefühl seiner thörichten Anmaßung, sich als den letzten Endzweck dieser planetarischen Manifestation anzusehen. In Entfernung einer Viertel- oder halben Meile stand in erhabener Stille eine tiefe Colonne von Wasserhosen vor uns. Der Anblick war überaus befremdend. Das gleichsam in säulenartiger Form von der Atmosphäre in ungeheuren Massen aufgesogene und scheinbar in schwerlastende, das einzige Licht des Erdballs für immer verdunkelnde Dämpfe verwandelte Wasser, das der Ocean so bereitwillig hergab, als wären seine Bestandtheile vollkommen gewichtlos, erweckte die schauerliche Vorstellung: einer jener Momente in der ungereimten Geschichte dieses Planeten sei wieder eingetreten, wo nach den Hypothesen der Wissenschaft abermals mit einer flüchtigen Aera des Denkens, menschlicher Freuden und Leiden, abgeschlossen, und dieser Schauplatz so viel nutzlos vergossenen Blutes und Schweißes, so viel vergeudeter Liebe und Sorge, so vieler schwärmerischen Hoffnungen und idealen Träume über 129 das Grab hinaus, in ein ungeheures Chaos verschüttet und, bis zu neuem Erwachen intellectuellen Bewußtseins und seiner langweiligen organischen Vorspiele, den bloßen Fügungen des Mechanismus und Chemismus anheimgestellt werden solle. Erst als einzelne Säulen dieser wunderbaren, aus Luft und Wasser gebauten Halle, ein Symbol irdischen Ruhmes, einstürzten, und der Glaube an die Dauerbarkeit der eben waltenden Elementarkräfte wankend wurde, beruhigte sich die erhitzte Einbildungskraft, und im Gefühle wachsender Sicherheit betrachtete man das seltene Phänomen mit jener Gemüthsruhe, wie sie sich allein für ein Geschöpf geziemt, das in dieser Welt der Widersprüche über sein Herkommen und seinen endlichen Abgang sich selber nicht die geringste Auskunft zu ertheilen vermag. Bis auf den letzten Fetzen waren alle Segel eingenommen worden, und auf jeglichen Widerstand, aber auch auf jede Herausforderung des Erd- oder Wassergeistes verzichtend, trieb »Pallas« bei vollkommener Windstille einher. Ringsum war die Natur in voller stummer Action, der Ocean drängte gen Himmel, das Firmament neigte sich zum Abgrunde; wir schwammen zwischen den fortwährend neu erstehenden, aus der Tiefe schwerfällig aufwachsenden, durch die mächtige Zugkraft der Höhe rasch vollendeten Säulen. Leichte Wirbelwinde umfächelten uns aus den verschiedensten Himmelsrichtungen, aber es kam zu keinem unleugbar revolutionären Auftritt. Nicht selten schwoll in der unmittelbaren Nachbarschaft der »Pallas« der Ocean in Form eines Tumulus empor, und bildsam kam ihm die schwebende Wassermasse entgegen, aber zugleich wurde das Fahrzeug durch die 130 entstehende Ungleichheit des Niveau's aus dem Wege des gefährlichen Bauspieles gedrängt. Gemeinhin geht das Phänomen der Wasserhosenbildung ungestümer vor sich. Die »Asia« wurde auf der Fahrt nach Bombay durch eine über Deck fegende Wasserhose ihrer drei Masten beraubt. Um 6 Uhr Abends war das Schauspiel beendet, dessen zahlreiche Zwischenacte in heftigen Regenschauern bestanden. Der Tag war nicht verloren. Die rührige Mannschaft hatte zwei Fässer Regenwasser aufgefangen, ich die wechselvollen Scenen, so oft der Regen aufgehört, mit Bleifeder auf kleinen Blättchen zu Papier gebracht. Die handlichste Methode der Nachbildung schien durch die dräuenden Umstände geboten. Schon vom Morgen an war der Ocean mit todten Schmetterlingen bedeckt, unter denen eine Species mit goldglänzendem Körper und rothgefleckten Flügeln ungemein zahlreich vertreten war. Ein Sturm hatte die Insecten von den zu Japan gehörigen Lew-Chow-Inseln in die Weite getrieben. Der denkwürdige 27. Februar endete mit der Harpunirung eines großen Sturmvogels, doch hatte der Jäger die Beute mehr dem Glück, als dem – Geschick zu verdanken. Die Harpune war nach einem Fisch geschleudert worden. So zufrieden wir mit dem Verlaufe dieses interessanten Tages sein konnten, am 28. Februar holten die Elemente das Versäumte nach. Der vorletzte Tag des Monats war ein Potpourri von Wolkenbrüchen und absoluter Windstille, leichten, uns günstigen Brisen und einem fliegenden Orcan aus Norden, dessen kräftigster Stoß die »Pallas« ganz auf die Seite warf und das Bramsegel zugleich in tausend Stücke zerriß. Dem Schaltjahre zu Ehren folgte am 29. Februar auf dieses Schandwetter, das uns Alle in 131 qualvoller Spannung erhalten hatte, in den Vormittagsstunden der herrlichste Sonnenschein und eine erquickliche Wärme, welche jede Creatur aus ihrem Versteck hervorlockte. Auf dem Verdeck der »Pallas« herrschte jener mythische Frieden, den die naiven Maler der Vergangenheit in ihren Abbildungen des Paradieses so gern darstellen. Ich rede nicht von der selbstverständlichen Verträglichkeit der Menschenracen und Berufsklassen; ich berufe mich nur auf die Thierwelt. Was im Raume an Katzen vorhanden war, hatte sich, ohne die Anwesenheit unserer drei Hunde weiter in Rechnung zu bringen, auf Deck eingefunden, um endlich einmal die Wohlthaten des Sonnenscheins zu genießen, die Felle gründlich zu trocknen und die bei diesem selbstgefälligen Geschlechte üblichen Toilettevorkehrungen zu treffen. Die Wahl der Dächer unserer Chinesenhütten war die einzige Vorsichtsmaßregel, die sie gegen die Hunde getroffen hatten. Diese waren durch die mehrwöchentlichen Inundationen der »Pallas« in ihrer Denkungsart gegen die feindliche Species maßvoller geworden; man ignorirte sich gegenseitig. Nur ein allgemeines Bedürfniß lag vor: gründlich die Felle zu trocknen. Ich sah mich sogar nach den Schiffsratten um; die Verworfenen schienen indessen dem paradiesischen Frieden, möglicher Weise auch dem Appetit der Chinesen, nicht zu trauen. Letztere holten aus ihren elenden Quartieren, Kisten und Körben, Alles hervor, dessen fernerer Bestand durch anhaltende Nässe gefährdet war, und breiteten es zum Trocknen aus. Mehrere Tage durch das unaufhörlich wechselnde Wetter verhindert, in ihrer Separatküche Feuer anzuzünden, hatten sie vor allen Dingen ihr Nationalgericht zubereitet und vertheilten aus einem großen Eimer 132 den gekochten Reis, der durch allerlei in kleinen Schüsselchen befindliche Finessen, getrocknete Fischchen, immarinirtes Seegras und dergl. m. einen pikanten Beigeschmack erhielt. Ich wäre unfähig gewesen, an dieser Mahlzeit theilzunehmen, so abschreckend für meine Geruchs-, also auch Geschmacks-Nerven waren die Ausdünstungen der zum Trocknen ausgebreiteten Gegenstände. Außer präparirten Haifischflossen erkannte ich vornehmlich eine Anzahl von Enten- und Hühnerköpfen, die gleichfalls für Delicatessen gehalten zu werden schienen. Ein starkes Aroma von Knoblauch verband alle diese Düfte der Verwesung, oder, um mich ein wenig schmeichelhafter auszudrücken, der Verwitterung, welcher sämmtliche für San Francisco bestimmte chinesische Artikel verfallen waren. Ich ziehe mich daher weislich unter Wind zurück, wo zwei barfüßige Baby's mit seltener Fertigkeit bei ihrem Reis-Dejeuner sich der Eßstäbchen bedienen. Die Kleinen werden schon in den ersten Lebensjahren an diesen schwer zu behandelnden Speise-Apparat gewöhnt, und die beiden Knäbchen lehnten sehr artig, aber entschlossen den aus Knochen geschnitzten Löffel ab, welchen ich ihnen zur Beschleunigung der Mahlzeit anbot. Die Frau in Roth benutzt den günstigen Moment, gleichfalls in voller Toilette auf Deck zu promeniren. Sie erscheint heute ausnahmsweise nicht in dem bewußten Garibaldi-Hemde, sondern in einem schweren schwarzen Sammetkleide und ist ihrerseits vollkommen überzeugt, uns Allen durch ihre Reize und die Eleganz des Benehmens zu imponiren. Ihre Versuche, mich in ihr Netz zu ziehen und sich in den Besitz meines Herzens oder meiner Börse zu setzen, hat sie nachgerade aufgegeben und sich in einen 133 gleichgiltigeren Ton der Unterhaltung zu finden gesucht. Mein Vertheidigungssystem wurde wesentlich durch Anfälle der Seekrankheit unterstützt, während sie in Verfolgung ihrer Angriffspläne durch dasselbe Leiden die härteste Niederlage erlitt; ihre Hoffnungen sind neuerdings bald auf den ersten, bald auf den zweiten Steuermann gerichtet. Trotzdem benutzt sie jede Gelegenheit eines zufälligen Zusammentreffens in der gemeinschaftlichen Kajüte oder auf dem Quarterdeck, um mich mit seltener Offenherzigkeit in die Einzelheiten ihrer Biographie einzuweihen. Die Anstößigkeit der Thatsachen wird durch den Anstrich von Martyrium gemildert, welchen sie darum zu verbreiten weiß. Sie ist immer nur das Opfer der Verhältnisse gewesen. Als Stoff für die Verfasser von Weihnachtsnovellen für das heranwachsende Mädchen- und Knabenalter theile ich den Lebensabriß unserer, im größten Maßstabe vagabondirenden Reisegefährtin nicht mit. In früher Jugend will sie ihren Eltern, die einem überwiegend mosaischen Gau Polens entstammen, aber ausgewandert waren, durch einen englischen Marine-Offizier entführt, von diesem jedoch nach einiger Zeit, ohne Hinterlassung irgend welcher Unterstützung, schmählich verlassen sein. Fasse ich ihre, nicht immer tadellos correct vorgetragenen Erzählungen richtig auf, so trat damit der Moment ein, wo sie in den Stand jener Wesen überging, die im französischen, zum Theil auch im deutschen Lustspiele eine so wichtige Rolle spielen, ich meine: die jungen Wittwen . Vor der Hand als »trostlose junge Wittwe« will sie in Singapore, diesem wichtigen Knotenpunkte des Weltverkehrs, ein Putzgeschäft und eine Leinenwaarenhandlung etablirt, beide aber nicht in Flor gebracht haben. Von unerbittlichen 134 Gläubigern verfolgt, flüchtete sie nach Australien, ohne die Restbestände ihres Lagers zurückzulassen, und eröffnete hier einen Laden für den Verkauf von » chemises de mariage «. Das kaufmännische Unternehmen schlug nicht ein; die junge Wittwe behauptete, Altengland, das tendenziöser Weise immer die »klügsten Leute« nach Australien schicke, habe ihr Schaden gethan. Sie sei genöthigt gewesen, »die Bude zu schließen und ein sehr bewegtes Leben zu führen«. Der Capitän eines Segelschiffes rettete die junge, in industriellen Dingen so unerfahrene Wittwe und versprach ihr außer freier Ueberfahrt nach Chili die Ehe, sobald sie dort angelangt sein würden. Der treulose Seemann erfüllte jedoch nur die erste Hälfte seiner Versprechungen, und die verrathene Unschuld sah sich genöthigt, in Chili die Rolle einer »jungen und schönen Engländerin« zu übernehmen, die schwerste, welche sie bei dem ausgeprägten Orientalismus ihrer Züge durchführen konnte. Im mehrjährigen Umgange mit spanischen Offizieren will sie hier die spanische Sprache fertig erlernt haben, kehrte aber, seitdem sie die Bekanntschaft eines blonden englischen Schiffscapitäns gemacht, unter der Obhut desselben nach China zurück, wo sie fortan als »deutsche junge Wittwe« ihr Glück zu machen gedachte. So offenherzig sie bis dahin gewesen war, hier geriethen ihre Mittheilungen in's Stocken, und ich trug gerechtes Bedenken, die Verwirrung des holden Wesens durch unbarmherzige Fragen zu steigern. Jetzt sind die Hoffnungen von Madame auf das californische Goldland gerichtet; sie betritt es mit einem leeren Beutel, aber mit einem Herzen voller Liebe und Hoffnung. Ich bediene mich ihrer eigenen Worte. Es muß Jedem überlassen bleiben, sich nach diesem 135 kurzen Lebensabriß ein eigenes Urtheil über den Charakter der Frau in Roth zu bilden. Wußte Capitän Hartmann um ihre touristisch vielseitige Vergangenheit, so hatte sie in diesem einen unerbittlichen Richter gefunden. Ihre Koketterien mit den jungen Steuerleuten sind ihm bei Tisch fortwährend ein Dorn im Auge, und die täglichen Mahlzeiten durch seine Predigten für uns eine hohe Schule der Sitten. Das männliche Geschlecht hat sich so oft auf dem weiten Festlande über die um sich greifende Crinoline beklagt, daß ich der Polemik des Capitäns gegen das Reifenspiel unserer Schönen auf dem beschränkten »Parquet« der »Pallas« von Herzen zustimmte. Nach langen Unterhandlungen, und nachdem sich Madame überzeugt hat, daß bei anhaltend schlechtem Wetter ihre Tage durch die Crinoline verkürzt werden können, hat sie sich entschlossen, den Hühnerkorb abzulegen. Nur bei ausreichender Garantie des Barometerstandes und der Windrichtung ist es ihr gestattet, denselben wieder anzulegen, aber selbst auf Deck muß sie dieses leidige Takelwerk der Damengarderobe »gerefft«, d. h. scharf zusammengehalten, tragen. Der Tag blieb schön und die ganze Mannschaft, den Capitan, die Steuerleute, den englischen Schiffsschreiber und meine Person eingeschlossen, auch die Nacht hindurch auf dem Verdeck. Wir waren von Neuem in einen Inselschwarm gerathen, über den die Karten nur unzureichende Auskunft ertheilen. Es mußte fortwährend ausgeschaut werden, wenn wir nicht durch die geringste Vernachlässigung der Leitung des Schiffes dem Tod und Verderben in den Rachen fahren wollten. Unsere Nachtwache war um so nothwendiger, als uns kurz nach Mitternacht ein fliegender Sturm überfallen 136 hatte. Am 4. März um Sonnenaufgang erstarb das kurze Unwetter, und bei einem »schmierigen« Himmel und hohler See ergaben die Beobachtungen, daß wir von einer Strömung wieder nach Südwest zurückgetrieben werden. In meinem Tagebuche steht der gewaltsame Tod eines unserer Schweine verzeichnet. Der fast unerträglichen Monotonie des Küchenzettels soll nach Kräften abgeholfen werden. Der englische Bootmannsmaat Harris, genannt Hercules, versieht an Bord der »Pallas« den Dienst des Schlächters. Wie gern wollte ich mich bereit erklären, ihm dabei Hilfe zu leisten, bereicherte ich dadurch mein Tagebuch; aber die Aufzeichnungen, auch des thätigsten Reisenden, schrumpfen an Bord eines kleinen Kauffahrers zwischen Himmel und Ocean auf eine bedenkliche Weise zusammen. In Ermangelung anziehenderer Begebenheiten theile ich daher mit, daß unsere geniale Reisegefährtin am Abend des 2. März ihrer Beliebtheit unter den männlichen Genossen unserer Tafelrunde durch einen an die berühmten Fresser der Mährchen erinnernden Appetit, dem u. a. die ganze gebratene Schweineleber zur Beute wurde, unberechenbaren Schaden gethan. Man kommt aus persönlicher Scheelsucht dahin, eine so unritterliche Bemerkung, die in der Phantasie des Lesers den Liebreiz der Dame nicht erhöht, mit wahrer Schadenfreude niederzuschreiben. Capitän Hartmann ging so weit, sich zu erkundigen, ob sein Koch durch diese Schüssel vielleicht einen Verstoß gegen die religiösen Ueberzeugungen der Dame begangen habe, erhielt aber keine Antwort. Unser Mittagessen fand am 3. März um 1 Uhr unter ungewöhnlichen Schwierigkeiten statt. Bei der hohen hohlen See bäumt sich selbst die schwere »Pallas« mit elastischer 137 Leichtigkeit, und der Inhalt jedes tiefen Tellers, welchen man der, auf dem Tische befestigten Sturmleiter anvertraut, wird bei der plötzlichen Hebung des Bugs verschüttet, ehe man den Teller freimachen kann. Wir setzen daher unsere Teller auf den Schoß und suchen, auf den Stühlen balancirend, uns selber und das Mittagbrot im Gleichgewicht zu erhalten. Der zweite Steuermann, ein Sohn Altona's, dem es bei seinen 27 Jahren sonst nicht an Kraft und Gewandtheit fehlte, hatte eben die zweite Portion seines Leibgerichtes, der Bohnensuppe, in den Teller gefüllt, als die Welle, von der die »Pallas« langsam gehoben war, unerwartet zusammenbrach und das Schiff einen jähen Fall that, der auch den Altonaer sammt seiner Suppe zum Sturz brachte. Ich fand seinen blonden Lockenkopf in meinem tiefen Teller. Wir lachten viel, standen aber bald von Tische auf. Bei derartigem Seegange fühlt man sich unter freiem Himmel leichteren Herzens. Wir hatten noch nicht fünfzehn Minuten lang die herrliche Seeluft eines Frühlingstages in dieser Sphäre eingeathmet, als sich uns ein amerikanischer Klipper mit der Eile eines Raubfisches näherte, vorüberschoß und sehr bald am Horizonte verschwand. Capitän Hartmann hatte die kurze Zeit unseres Beisammenseins dazu benutzt, die nothdürftigsten Verständigungen auszutauschen. Daraus ergab sich, daß der gleich uns für San Francisco bestimmte Klipper Julian erst zwölf Tage nach unserer Abfahrt in See gestochen sei. Wenn man sich erinnert, in welchen Zorn Kutscher und Ruderer gerathen, so oft sie von Rivalen überholt werden, wird man sich annähernd eine Vorstellung von der sittlichen Empörung machen können, die in Capitän 138 Hartmann beim Anblick des Klippers aufwallte. Was halfen indessen seine Flüche und Drohungen? Unsere überbürdete, stumpfgebaute »Pallas« schwamm mühselig weiter; der Klipper, ein Gebilde: halb Fisch, halb Vogel, schoß mit seinem pfeilförmigen Schnabel eine Bresche in haushohe Wogen legend, mehr durch, als darüber hin. Aller Blicke waren noch freudig staunend auf ihn gerichtet, als seine Gestalt sich schon verkleinerte und eine Stunde darauf sich im Duft der Ferne verlor. Warum hatte ich Voreiliger nicht noch einige Tage in Hongkong gewartet und den unvergleichlichen Schnellsegler benutzt! 139 X. Bischofsklippen und Borodino-Inseln. Eine Extraration. Der Steuermann als Wickelfrau. Heftpflaster gegen Schwämmchen. Unser Münzkabinet. Hungerkur. Die Chinesen und der Bandwurm. Reiskäfer-Jagd. Am Freitag abgefahren. Marine-Pennalismus. Er schleift sein Messer. Mond- und Hemdenwechsel. Albatros mit Reis. Endlich im offenen Wasser. Zuweilen, wenn ich nach meinem Tagebuche greife und die spärlichen Vorkommnisse unserer Seefahrt verzeichne, kann ich mich vollkommen in die Lage des armen Robinson Crusoe versetzen. Unsere Geselligkeit an Bord erhebt sich nur wenig über seine Einsamkeit. Insel oder Schiff – wir haben uns ausgesprochen . Die Gedanken-Munition der »Pallas« ist bis auf die letzte Patrone verschossen. In Ermangelung aller anderweitigen Unterhaltung leiste ich den Matrosen Gesellschaft, wenn sie in der Nähe gefährlicher Klippen die Nacht auf Deck zubringen müssen, und suche meine nautischen Kenntnisse zu bereichern. Nebenbei kommt so mancher komische und gemüthliche Zug im Gespräch an die Reihe. Ein vierschrötiger deutscher Vollmatrose hat mich augenscheinlich liebgewonnen, weil ich geduldig und theilnehmend zuhöre, wenn er von seiner alten Mutter und 140 ihren weisen Rathschlägen erzählt, als er sich vor acht Jahren zum ersten Male einschiffte. Die würdige Frau hatte ihm besonders anempfohlen: »sich vor der Seekrankheit und nassen Füßen in Acht zu nehmen, ferner nicht allzuviel auf den Masten umherzukrabbeln:« Ein anderer Landsmann, den das Klima hart mitgenommen hat und dessen schwächliche Constitution sein Aufkommen erschwert, klagt mir gern sein Leid. Auf meinen wohlgemeinten Rath, nach Europa zurückzukehren, und »Nord- und Ostsee zu fahren«, erhalte ich jedoch stets die Antwort: »Unsere Heuer (Monats-Lohn) ist in Europa so schlecht, daß wir nicht einmal das Rauchen aufrecht erhalten können!« Am 4. März befanden wir uns im Rayon der Bischofsklippen und näherten uns um 5 Uhr Morgens der Borodino-Inselgruppe, erkannten auch in der Frühdämmerung in Entfernung von anderthalb Meilen eine scharfe, kahle Felswand von 150 Fuß Höhe mit einer dürftigen Krönung von niedrigem Buschwerk. Ungefährdet kamen wir vorüber, und Capitän Hartmann verordnete in der Freude seines Herzens, daß unseren drei Hunden eine Extra-Ration von Rhicinusöl verabreicht werde. Der dilettantische Heilkünstler schätzt diese Universal-Medicin eben so hoch, wie Mistreß Squeers in Boz' Roman »Niclas Nickleby« jenes Gemisch von Schwefelpulver und Syrup, das den Pensionären von Todtenbuschhall an einem bestimmten Wochentage eingeflößt wurde. Wenn Mistreß Squeers mit ihrer regelmäßigen Arzeneigabe die hausmütterliche Absicht verband, auf den Appetit der ihrer Pflege anvertrauten Stiefkinder und Waisen abschwächend einzuwirken und so ihr Leben allmählich zu verkürzen, gedenkt Capitän Hartmann 141 durch seine Anempfehlung und constante Vertheilung dieses Chrisams unseren Appetit zu stärken und die Empfänglichkeit der Gaumen seiner Passagiere für die Reize der Schiffsküche zu erhöhen. Da es immerhin rathsam ist, alle Experimente » in corpore vili « anzustellen, sind die Hunde zur Erhärtung der nachhaltigen Wirksamkeit des Medicaments ausersehen und erhalten, außer ihrer Wochendosis, in außerordentlichen Fällen Extragaben. Nach dem Heißhunger der Bestien zu urtheilen, ist Capitän Hartmanns Theorie richtig, doch ging nach meinem Dafürhalten »de söte Stürmann mit de schöne Brust«, wie die Schiffsjungen ihren Quälgeist, den zweiten Steuermann nennen, in seinem Eifer zu weit, wenn er dem chinesischen Kläffer Chin-Chin drei Blechlöffel voll einnöthigte. Der junge Mann ist nächst dem Befehlshaber die einflußreichste Person an Bord und besitzt die weitreichende Macht der Wirthschafterin in einem großen Haushalt. Unter seinem Verschluß befindet sich Alles: Gin und Wasser, Salzfleisch und Heftpflaster, Graupen und Rhabarber, Roggenmehl und Kautabak, Schiffszwieback und Talglichte, Segeltuch und Theer, nebenbei sind die Katzen seiner Pflege anempfohlen. Vorkommenden Falles ist der vielseitige Schiffsbeamte auch zu den Handleistungen einer Wickelfrau verpflichtet. So in der verflossenen Nacht, als durch eine junge Chinesin die Zahl der Pallas-Passagiere leicht und glücklich um einen kräftigen Knaben vermehrt wurde. Wie übel es übrigens um die deutsche Einheit bestellt ist, kann man selbst in diesen verlassenen Regionen des Erdballs erkennen. Die plattdeutsch sprechenden Matrosen haben es besonders auf einen aus Wolgast gebürtigen jungen Seemann abgesehen, 142 den sie seiner hochdeutschen Mundart wegen unablässig hänseln. »De hochdütsche Schnurrbart«, der nächstens Steuermann zu werden hofft, und mehr Bildung als seine Collegen besitzt, beträgt sich, diesen albernen Quälereien gegenüber, vortrefflich. Gegen Abend drehte sich der Wind nach Osten und wir konnten nach Norden steuern, um dem drohenden Klippengewirr zu entgehen, nichts desto weniger sind wir zu fortwährenden Beobachtungen und Rechnungen genöthigt; die Seekarten dieser Meeresgegenden sind noch zu incorrect. Nicht selten entdeckt Capitän Hartmann ein neues Eiland, das freilich nur in einem Corallenriff besteht und im Kampfe mit dem Ocean erst ein vollkommneres Dasein zu erringen sucht. Der vortheilhafte Seitenwind belebt wieder den sinkenden Muth unseres Chefs; er vermißt sich sogar mit prahlerischen Worten, den Klipper Julian einzuholen! Ich will eben deshalb gleich hier bemerken, daß der Schnellsegler ungeachtet seiner späteren Abfahrt vierzehn Tage früher als die » Pallas « San Francisco erreichte. Die chinesischen Leidensgefährten ertragen die Langeweile der Seereise leichter, als wir Europäer. Sie bleiben auch an Bord ihren sonstigen Gewohnheiten getreu. Die jungen Candidatinnen für Californien widmen, sobald der Seegang es gestattet, einen beträchtlichen Theil des Tages der Toilette und arbeiten mit einem acht Zoll langen Zahnstocher, einem Ohrlöffel und einer Pincette zu unbegreiflichen Zwecken in ihren Gesichtern umher, dann beginnt die Malerei. Die männlichen Passagiere rasiren und schaben einander gegenseitig, übernehmen auch die übrigen Functionen dieses kosmetischen Berufs; bei ihrer Ungeschicklichkeit ein abscheulicher 143 Anblick. Mehr als das wirklich geheime Inselwesen macht dem armen Capitän die »Frau in Roth« zu schaffen. Sie mißhandelt ihn, wie eine hochgestellte Dame ihren Hausarzt. Macht sie es dem Unglücklichen zu arg, so beantragt er eine Consultation unter Berufung des zweiten Steuermanns. Auch war schon die Rede davon, zum dritten Mitgliede des Collegiums mich zu ernennen. Die vielgewanderte Dame leidet momentan an einer Kinderkrankheit: Schwämmchen auf der Zunge und wehklagt Tag und Nacht. Capitän Hartmann war anfangs geneigt, ihr durch Dispens einer Extraration seines beliebten Hausmittels Erleichterung zu schaffen, allein er fand kein Gehör; der geistreiche Steuermann schlug die Anwendung eines Radicalmittels vor. Um außer der Krankheit zugleich den unerträglichen Klagen ein Ende zu machen, empfahl er einen Verschluß der Sprachwerkzeuge unserer Patientin durch – Heftpflaster . Den wissenschaftlichen Erörterungen der Doctoren wurde um Sonnenuntergang durch einen fliegenden Sturm aus Nord-Nordost ein Ende gemacht. Um sieben Uhr Abends gingen für mehr als 150 Thaler Segel über Bord und die Herren Aerzte sahen sich genöthigt, die Ausübung der Kajüten-Praxis zu unterbrechen und die Nacht im Freien zuzubringen. Mit dichtgerefften Marssegeln wurden wir bis Tagesanbruch von dem heulenden Sturme hin- und hergeworfen. Am 6. März blickte die Sonne zwar zeitweilig schüchtern durch das Gewölk, allein der Barometerstand bleibt überaus niedrig, und wir segeln recht eigentlich »unter Wasser.« Jede Welle rollt vom Bug her über das ganze Schiff bis zum Sturmdeck. Die Mannschaft steckt die Köpfe zusammen 144 und sucht zu ermitteln, wer eigentlich die Schuld des schlechten Wetters trägt. Nach dem Seemanns-Aberglauben hat einer der Matrosen vor der Abfahrt heimlich ein Verbrechen begangen, oder seine Verpflichtungen nicht erfüllt. Aus den Untersuchungen geht nichts Wesentliches hervor, aber Jack, ein Engländer, ist höchst verdächtig, seine Wäscherin in Hongkong nicht bezahlt zu haben. Nachmittags liegen wir Münzbelustigungen ob; Capitän Hartmann holt seine Sammlung, bestehend aus 290 Exemplaren, hervor. Der gelehrte Numismatiker wolle seine Erwartungen nicht zu hoch steigern, das Cabinet bestand nicht aus indischen, chinesischen oder japanesischen Kostbarkeiten vergangener Jahrhunderte, sondern nur aus falschen Dollars. Der Chef hatte auf seiner letzten Ueberfahrt 20,000 von San Francisco nach Hongkong gebracht und die unfehlbaren Münzkundigen von Kanton hatten darunter 290 als zu leicht ermittelt, die nun dem Rheder zurückgebracht wurden. Abends erkundigte sich die »Frau in Roth« bei mir, ob nicht alle gebildeten Norddeutschen auf Schulen einigen Unterricht in der Medicin erhielten und ich selber nicht durch Privatstudien in reiferen Jahren meine Kenntnisse bereichert habe; dabei streckte sie mit kläglichem Blick und Seufzer ihre Zunge aus dem Munde. Was war zu thun? Ich gestand, daß meine Erziehung in medicinischen Wissenschaften arg vernachlässigt worden, der Unterricht in dieser Disciplin in den vaterländischen Schulregulativen auch nicht vorgesehen sei, ich mich aber befleißigen werde, sobald ich nach Hause zurückgekehrt, das Versäumte nachzuholen. Auf ihre Frage, was gegen die »Schwämmchen« zu thun sei, empfahl ich, da die Pallas-Apotheke erschöpft war, aus bester 145 Ueberzeugung die Anwendung einer mehrtägigen Hungerkur . Der verächtliche Blick der fahrenden Schönen wird nie aus meiner Erinnerung schwinden; ich hatte den wundesten Punkt ihres irdischen Daseins berührt. Die Zunge mochte noch so leidend sein, den Obliegenheiten der Rede und Ernährung war sie vollkommen gewachsen, und durfte darin weder durch Heftpflaster, noch durch freiwillige Verzichtleistung gehindert werden. Die am 7. März herrschende Windstille veranlaßte die Chinesen wieder, das Verdeck in einen Trockenplatz zu verwandeln und alle ihre Unbegreiflichkeiten in der Sonne auszubreiten. Meine zunehmende Fertigkeit im Pidjen Englisch ermuthigt mich, mit einem Alten ein Gespräch anzuknüpfen und ihn um Erklärung der räthselhaften Gegenstände zu bitten. Habe ich ihn nicht mißverstanden, so besteht sein Proviantvorrath größtentheils aus gedörrten Vogelmägen, Köpfen, Hälsen und Pfoten, dazu kommt eine Anzahl plattgedrückter Fett- und Blutwürste, deren Füllung stark mit Kohl gemischt ist. Wahrscheinlich rührt das Nationalleiden der Chinesen: der Bandwurm, mit dem Alt und Jung behaftet ist, von ihrem rücksichtslosen Verbrauch aller organischen Ueberbleibsel her. Den deutschen Wurmdoctoren eröffnete sich hier ein weiter Spielraum für ihre Kuren. In Japan, wo diese Plage des menschlichen Geschlechts fast eben so häufig vorkommt, bedient man sich als Abtreibungsmittel eines sauren Pflanzensaftes, der seine Wirkung niemals versagen soll. Zwei Tage hindurch blieb das Wetter anhaltend schön, aber am 9. März saßen wir gegen Abend ahnungslos in der Kajüte beisammen, als ein plötzlicher Stoß uns wie 146 Kegel übereinanderwarf, und wir sämmtlich auf die entgegengesetzte Seite des kleinen Gemachs rollten. Unserem Gefühl nach war die »Pallas« gegen einen Felsen gerannt. Zum Glück hatte nur eine heftige Böe das Unheil veranlaßt und die Bark auf die Seite geworfen. Die »Pallas« richtete sich schleunig wieder auf, und wir kamen mit dem bloßen Schrecken über das räthselhafte Luft-Phänomen davon, denn die Nacht blieb ruhig, und auch am 10. März trieb uns bei lieblich kühler Luft eine leichte Brise langsam vorwärts. Ich benutzte diesen Tag zu einer Treibjagd auf Reiskäfer, die schon in den letzten Tagen in unseren Gemüsesuppen sporadisch aufgetaucht waren, jetzt aber aus allen Winkeln des Schiffes hervorbrechen und Wände und Geräthe bedecken. Es gelingt mir, mit einer kleinen Bürste von dem Eßtisch der Kajüte ganze Trinkgläser voll Ungeziefer zusammenzustreichen und in die See zu schütten. Der Capitän zieht den chinesischen Koch zur Rechenschaft und macht ihn unter Androhung einer Extra-Ration für die Entfernung der Reiskäfer aus den Speisen, überhaupt für eine größere Reinlichkeit verantwortlich. Der talentvolle Buffo bittet daher am nächsten Morgen um Audienz und zugleich um eine Küchenbeisteuer an – Seife ; er will die Graupen, ehe er sie in den Topf thut, damit waschen. Am 10. März wiederholte sich die Böe des vorhergehenden Tages, ohne uns Schaden zu thun, einige Stunden später durchschnitt die »Pallas« einen 20 Fuß breiten, röthlichen Streifen, der sich rechts und links bis in die unabsehbare Ferne erstreckte. Wir schwimmen heute sechs Wochen auf dem Ocean umher und haben noch nicht den fünften Theil unserer Reise zurückgelegt; doch ist 147 neuerdings wenigstens der Grund unseres Mißgeschicks entdeckt. Die »Pallas« hat an einem Freitage Hongkong verlassen! Zum Unglück ist unser Wasservorrath nur für sechzig Tage berechnet, und in Ermangelung einer Seekarte der japanesischen Gewässer können wir dort nicht anlaufen und die leeren Fässer füllen. Auf der Mehrzahl der kleinen Inseln und »Atolls« giebt es kein süßes Wasser. Dennoch werden Jedem täglich noch zwei Gläser verabreicht. Wäre es alkoholhaltig, ich würde behaupten: es schmecke nach dem Pfropfen, immerhin bleibt es, trotz aller darin enthaltenen Infusorien, eine tropfbare Flüssigkeit. In unseren Dämmerungsgesprächen kommt nachgrade auch der »fliegende Holländer« auf das Tapet; Jeder will ihn einmal gesehen haben. Bestimmte Auskunft vermag aber Niemand, so wenig wie über die Seejungfern mit langen schwarzen Zöpfen und feurigen Augen zu ertheilen. Von der Seeschlange und dem Kraken ist dagegen niemals die Rede. Bei Tage müssen die armen Schiffsjungen herhalten; ihre Behandlung von Seiten der Matrosen grenzt an Thierquälerei. Der Kleinste, den sie am Abend vorher auf den Mittelmast geschickt hatten, um mit Hülfe einer Leiter den Mond herabzuholen, wurde am Morgen zur Strafe für seine Ungeschicklichkeit verurtheilt, rittlings auf dem Bugspriet zu sitzen – und mit einem Besen Schaum zu fegen. Dergleichen gehört in das Gebiet des Marine-Pennalismus. Unter diesen Albernheiten hatten die Bursche vernachlässigt, nach unserem Geflügel und den Schweinen zu sehen, welche beide sich gewöhnlich frei auf dem Verdeck umhertreiben. Zwei Enten waren auf Nimmerwiedersehen in die See geflogen. Bei warmem Sonnenschein verläßt 148 auch der Opiumschmuggler sein Lager und die darin verborgenen Schätze. Er schleift alsdann vor Aller Augen sein Messer und drückt dadurch seinen festen Entschluß aus, Hab' und Gut auf Tod und Leben zu vertheidigen. Die Nacht vom 13. März hatte ich wieder bis 2 Uhr im Freien zugebracht. Die »Pallas« »griff sich an« und legte bei einer energischen Brise aus Südwest stündlich acht Knoten zurück, wir schreiben Sonntag, und der Tag des Herrn brachte uns Mond- und Hemdenwechsel. So schwer der Capitän an Gicht leidet, eben so strenge hält er auf die Toiletten-Operation der Mannschaft, Vormittags muß jeder Matrose vor ihm die Hemden-Revue passiren. Die Witterung gestattet dem armen Dulder, der sich das Uebel während achtjähriger Reisen zwischen den Wendekreisen geholt hat, einige Tage im Bette zuzubringen. Letzteres besitzt einige Aehnlichkeit mit dem Lager des chinesischen Passagiers erster Klasse, nur ist es nicht mit Opium und Dollars, sondern mit Pulver und Blei gepolstert. Sobald die Dunkelheit hereinbricht, läßt der Capitän ein Talglicht anzünden, hält den auf dem Leib stehenden Leuchter mit der Linken fest und mit der Rechten die brennende Cigarre. Da mein Nachtlager nur drei Fuß von diesem leicht entzündlichen Ruhebette entfernt ist, habe ich unseren Chef mehrmals auf die entsetzlichen Folgen seines leichtsinnigen Verfahrens aufmerksam gemacht, aber immer zur Antwort erhalten: an Bord sei sonst kein sicherer Platz für das Pulver vorhanden; er habe es von jeher in und unter seinem Bette aufbewahrt und wisse damit umzugehen. Die Südwestbrise hielt an und führte uns rasch an einigen kleineren japanesischen Inseln vorüber, dann geriethen 149 wir wieder in verworrene Stromversetzungen, und der Capitän verhehlte mir nicht seine Besorgnisse, da auf der Karte ein nur mit wenigen Fuß Wasser bedecktes Riff angegeben war, dem wir uns unzweifelhaft näherten. Dennoch wurden die Segel erst um Mitternacht gerefft. Ich erlaubte mir einige bescheidene Bemerkungen, es hieß indeß, eine Umkehr sei nicht mehr möglich: wir befänden uns mitten unter Klippen und Untiefen. Begegnete uns ein Unglück, so seien die Rettungsböte klar. Gegen Morgen änderte der Capitän seine Meinung und wechselte den Cours; aus seinen weitschweifigen Erklärungen vermochte ich nicht klug zu werden. In der Stille legte ich meinen Schwimmgürtel an, und harrte in fatalistischer Gelassenheit der Dinge, die da kommen sollten, auf Deck. Einer schwarzen Felswand kamen wir so nahe, daß ich, durch die tiefe Dunkelheit getäuscht, wähnte, sie könne in jedem Moment von unseren Segelstangen gestreift werden. Vor Ermattung fielen mir endlich die Augen zu. Als ich um fünf Uhr Morgens erwachte, brach die Dämmerung an; die »Pallas« befand sich zwischen zwei Felsinseln, über welche die Seekarte genügende Auskunft ertheilte; dem verderblichen Riff waren wir entgangen. Aus Dankbarkeit zeichnete ich mit halberstarrten Fingern die Silhouetten beider Inseln auf den Rand meines Tagebuches und entledigte mich des Schwimmgürtels. Die Mannschaft hatte unverdrossen die ganze Nacht auf Deck zugebracht, ihr wurde daher als Frühtrunk ein steifer Grog aus Edamer Genever verabreicht; den Passagieren erster Klasse opferte der Capitän einige Gläschen seines bittern Nektars. Dann werden in der Eile Vorkehrungen getroffen, Regenwasser 150 aufzufangen und nach drei Stunden haben wir die Freude, zwei gefüllte Fässer in Sicherheit zu bringen. Wahrscheinlich waren wir nicht weit von einer größeren Insel entfernt, denn außer Seemöven und einigen Albatros umschwärmten kleine Landvögel unser Schiff. Die verhungerten Chinesen hatten ihre Angeln ausgeworfen, und wirklich gelang es ihnen, einen Albatros, der nach dem über dem Wasser schwebenden Köder geschnappt hatte, zu erwischen. Das Flügelmaaß des Vogels betrug neun Fuß. Der erste Steuermann, dem die zu einer Section nöthigen Handgriffe bekannt schienen, hat das Thier abgebalgt, das Fleisch den Chinesen überliefert und sie für die Federhaut durch ein kleines Geldgeschenk entschädigt. Der Vogel soll ausgestopft und an ein Museum verkauft werden. Der junge Ornithologe erhöht seine Jahresrente durch den Verkauf derartiger naturwissenschaftlicher Präparate. Er verfährt dabei mit einem gewissen industriellen Humor. Im vorigen Jahre wollte er einen Albatros, dem die Füße abhanden gekommen waren, mit einem Paar alter Storchbeine ausgestattet und als Unicum in einem Museum glücklich angebracht haben. Den Namen des Vorstandes verschwieg er hartnäckig. Unsere Reisegefährtin, die »Frau in Roth«, ist von allen ihren Leiden wiederhergestellt und beging als Feier ihrer Genesung einen solchen Exceß in ihrer Toilette, daß Capitän Hartmann sich nach Tische gedrungen fühlte, ihr sittliche Vorstellungen über die Manifestation ihrer Büste zu machen. Der ehrbare Seemann beschwor die Abenteuerin, den Ruf seines Barkschiffes und die Gemüthsruhe der jungen Steuerleute respectiren zu wollen. Ich lag in meiner Koje und stopfte mir das Taschentuch in den 151 Mund, um nicht in ein lautes Gelächter auszubrechen. Die Ermahnungen Hartmanns schlossen mit dem Angebot einer alten blauen Schifferjacke, falls Madame's Toilette nicht mehr ausreiche, ihre Blöße zu bedecken. Der Capitän mochte zu weit gegangen sein; Madame schoß wuthschnaubend zur Kajüte hinaus. Abends war Alles vergessen, das gefährliche Weib spannte von Neuem ihre Netze aus, die Steuermänner zu fangen. Der Capitän gab den jungen Leuten einen verstohlenen Wink und sie besaßen Taktgefühl genug, die Kajüte zu verlassen, worauf Madame, da an dem fischblütigen Schiffsschreiber und uns Senioren Hopfen und Malz verloren war, sich gleichfalls in ihr Gemach zurückzog. Am 16. März büßten wir in den Frühstunden das Focksegel ein; es flog wie ein Bogen Papier in die See. Unser bisheriger Verlust an Leinwand wird auf 500 Dollars veranschlagt. Als Beitrag für ein gastrosophisches Lexicon notire ich die Zubereitung des Albatros . Die Chinesen haben ihn, wie wir unsere Kapaune oder Puter, mit Reis gekocht, aber mit Leinöl geschmälzt. Sie diniren unter dem rasenden Geheul eines eisigen Nordwindes; der Ocean gleicht einer dicht mit Schnee bedeckten Hügellandschaft. Das Wasser zerstäubt in lauter Flocken, die wie Schneegestöber über die Wogen fliegen. Wir mußten uns an diesem und dem folgenden Tage mit kalter Küche begnügen, bei dem Stampfen und Rollen der »Pallas« war es zu gefährlich, Feuer anzuzünden. Obgleich wir fast Alle Deutsche sind, wird die Unterhaltung doch, dem Schiffsschreiber zu Liebe, in englischer Sprache geführt; wir reichen schon mit hundert Vocabeln. Der Unterhaltungsstoff 152 verringert sich, wie unser Wasservorrath, mit jedem Tage. Die Portion der Chinesen ist unter dem Versprechen, in San Francisco Jeden durch ein unentgeltlich zu lieferndes ganzes Faß zu entschädigen, auf die Hälfte herabgesetzt. Am 20. März kam eine große Schildkröte in unseren Gesichtskreis. Das Ungeheuer trieb, wie ein unnahbarer Monitor auf den Wogen; es war keine Aussicht auf Turtlesuppe vorhanden. Der Tag schloß mit einem fliegenden Sturm, der unseren neuen Klüverbaum in Stücken brach, aber uns zugleich, da er aus Süden wehte, mit der unerhörten Geschwindigkeit von stündlich zehn Knoten beförderte. Wir haben die letzte Insel hinter uns und schwimmen in den freien, tiefen Ocean hinaus. 153 XI. Die Dank-Matinée. Kein Bube. Ein neuer Odysseus. Das Rettungsfest und das Opfer Pepita's. Ihr Nekrolog. Schwarze Suppe. Der Schlafvirtuose. Land vor der Back. Mövenfang. Das Kind: 10 Sgr. Zweimal der 30. März. Yamswurzeln statt Brot. Verliebte Wallfische. Ein Compromiß. Nach sechs Wochen das erste Schiff. Der Lootse. Vor San Francisco. Meinen Rückblick am nächsten Morgen kann ich nur mit dem eines Leidtragenden vergleichen, der nach Beerdigung eines theuern Verwandten vom Kirchhofe scheidet. Sein Schmerz wird allein durch das egoistische Gefühl gelindert, das Schicksal des Verstorbenen nicht getheilt zu haben. Innerhalb der unglücklichen Region, die jetzt hinter uns liegt, sind im letzten Jahre acht herrliche nordamerikanische Klipper und mit jedem derselben durchschnittlich dreihundert Menschenleben verloren gegangen. Die chinesischen Passagiere verfehlen deshalb nicht, dem Götzen des Marine-Departements den pflichtschuldigen Tribut für den verliehenen Schutz abzustatten. So viel ich bemerke, gehen sie dabei mit lobenswerther Sparsamkeit zu Werke. Ihre Lebensmittel nehmen auf bedenkliche Weise ab, Fleischopfer sind überhaupt nicht zu schaffen, selbst der Reis ist 154 knapp und der Seegötz muß sich mit einer Matinée von Pauke, Schelle, Tamtam und Triangel begnügen, woran unsere drei Hunde sich als Sänger betheiligen. Nach dem Schluß der Opfer-Musik erinnerte die würdige Duenna, eine der wenigen am Bord befindlichen chinesischen Autoritäten, den Capitän an das versprochene Rettungsfest und die ihren Landsleuten zugesicherte Hälfte Pepita's. Freund Hartmann ist indessen heute nicht geneigt, sich in weitläufige Erörterungen einzulassen. Er hat »der Frau in Roth« die Dienste einer Kammerzofe geleistet und ihre ewigen Klagen über das Schaukeln des »Kahns« – so nennt Madame unseren Dreimaster – beschwichtigt; sein Humor ist für diesen Tag gründlich verdorben. Die alte chinesische Deputirte wurde gräulich angeschnauzt und floh entsetzt zu ihren jungen Pflegebefohlenen. Erst gegen Abend, während einer mehrstündigen Kartenpartie mit dem Schiffsschreiber, wurde seine gute Laune wieder hergestellt. Wie der Mensch auf einer langen Seefahrt versimpelt, davon konnte ich mich heute überzeugen. Die Inseparables vergnügen sich unermüdlich mit einem Kartenspiel, in dem der Bube den höchsten Rang behauptet. Nun hatte ich mir das unschuldige Vergnügen gemacht, die vier Buben herauszunehmen und zu verstecken. Nichts desto weniger setzten die Herren ihre Partie stundenlang fort, ohne den schlechten Spaß zu merken. Nur einmal sagte der Capitän kopfschüttelnd: »Es ist merkwürdig, daß der Bube heute so selten herauskommt!« Die Partie endete, ohne daß die Verrätherei entdeckt wurde. Der Wind drehte sich am 25. März unter Regen, Hagel und Blitz zu unseren Gunsten, und von Neuem legen 155 wir das Maximum der »Pallas«-Geschwindigkeit, zehn Knoten in der Stunde, zurück. Der große Ocean zeigt sich in voller Majestät. Thurmhohe Wellen rollen hinter unserer Barke her und scheinen, über sie hereinbrechend, uns Allen den Garaus machen zu wollen, und doch kommen wir immer mit einem tüchtigen Sturzbade davon; die »Pallas« gleitet unversehrt über jeden Wasserberg. Nach dem Vorbilde des vielgewandten Odysseus habe ich mich von den Gefährten an den Besaanmast binden lassen, nicht etwa um den Gesang der Sirenen zu belauschen, sondern nur um Wellen zu studiren und memoriren. Ich übertreibe nicht, wenn ich sie Wassergebirgsketten nenne. Jede reicht, von Steuerbord und Backbord aus gesehen, bis an den Horizont, und ist so hoch, daß man die zunächst anrückende nicht zu erblicken vermag. Trotz der Massenhaftigkeit dieser Anschwellungen sind sie von dem tiefsten Blau und einer seltenen Transparenz. Das beneidenswerthe Studium wird mir nur durch Nässe und Kälte verbittert. Ein Theil jeder Welle geht mir über den Kopf, und die blaugefrorene Nase wetteifert mit dem Farbenton des Oceans. Nach durchgreifender Veränderung der Garderobe erhob der Magen berechtigte Ansprüche, aber es ist nichts als Gin und elender Schiffszwieback vorhanden. Hinsichtlich der Verpflegung werden Passagiere erster Klasse und Matrosen über einen Kamm geschoren. Für den 27. März wurde endlich das Rettungsfest anberaumt und die Abschlachtung Pepitas für den 26. März angekündigt. Die Chinesen verrathen seitdem eine doppelte Theilnahme für das Opferthier; Jeder zieht sich den letzten guten Bissen vom Munde ab und bringt ihn Pepita 156 als Henkersmahlzeit dar. Capitän Hartmann, ein stets weitrechnender Finanzkünstler, sucht das Nützliche mit dem Angenehmen zu vereinen. Wenn die Osterfeiertage sind, wissen wir nicht mit Bestimmtheit anzugeben, da die »Pallas« außer einem englischen Schiffsalmanach, in dem die kirchlichen Feste nicht angegeben sind, keinen Kalender führt; der Chef hat uns daher Ostern octroyirt . Der 27. März ist » pork day « und zugleich erster Feiertag. Zu Hartmanns Ehre muß ich anführen, daß es ihn hart ankommt, in Pepita's Tod zu willigen. Das wohlbeleibte Geschöpf ist der Liebling der gesammten Mannschaft und hat sich von jeher besondere Freiheiten erlauben dürfen. So besuchte es uns bei guter Witterung in der Kajüte und erhielt aus des Capitäns Händen seinen Antheil von den Mahlzeiten, ohne daß dadurch die Eifersucht Nelsons gereizt wurde. In bestimmter Voraussicht eines letzten Glücks und letzten Tages unserer Pepita habe ich mich daher, gleich den vorsorglichen Redacteuren großer politischer Blätter, auf ihren Nekrolog vorbereitet und die nöthigen Data gesammelt. Pepita ist am 2. Januar 1863 in Melbourne geboren und hat ihre Ferkelsaison an Bord der »Pallas« verlebt, ebendaselbst auch ihre Erziehung genossen. Ihres ausgezeichneten Betragens halber von den Matrosen »Sie« angeredet, hat sie gegenwärtig ein Gewicht von 180 Pfund erreicht und verspricht einen fetten und saftigen Braten. Kein Freund von Schlächterscenen, durfte ich mich dennoch nicht von der um zwei Uhr stattfindenden Exekution ausschließen, da keiner der Matrosen und Passagiere, selbst nicht mein Kajüten-Nachbar, der Particulier aus Hongkong, dabei fehlte. Die fünf und sechszig Chinesen, denen sichtlich 157 das Wasser im Munde zusammenlief, hatten in tiefem Schweigen einen Kreis gebildet und folgten den einzelnen Acten des erhebenden Schauspiels mit ungetheilter Aufmerksamkeit. Mitleidlos abgebrüht, hing Pepita um fünf Uhr Nachmittag mit dem Kopf nach unten gekehrt am großen Mast. Endlich ging es, immer in Gegenwart sämmtlicher Chinesen, an die Vertheilung. Wie schon erwähnt, hatte der Chef der »Pallas« den asiatischen Touristen die Hälfte des Schlachtthieres zugesichert; höhere Erwägungen hinderten ihn indessen, wie so viele Machthaber, die sich in schwachen Stunden zu Versprechungen verleiten lassen, sein Wort in vollem Umfange zu halten. Pepita wurde in drei Theile zerlegt. Der beste, inclusive Herz und Leber, wurde der Tischgesellschaft in der Kajüte zu Theil, den zweiten erhielt die Mannschaft, den Rest empfingen die »Chinaleute«. Sie verriethen, ein Zeichen angeborener Loyalität, keine Spur von Unzufriedenheit. Mit vollendetem Tact faßten sie das Geschenk als eine reine Gnadensache auf, da doch für Angehörige politisch gebildeterer Völkerstämme eine Berufung auf das Naturrecht gar so nahe lag. Mittags erschien auf unserer Tafel die schwarze Suppe der Spartaner und mundete unserem Gaumen köstlich, wenn schon wir nicht Kampfspielen obgelegen und im Eurotas gebadet hatten. Der Großmuth des Capitäns verdankten wir einige Flaschen leichten Rheinweins, in dem ich die Gesundheit seiner Frau Gemahlin auszubringen für meine Pflicht hielt. Den Rest des Tages verschlief unser Wohlthäter. Er besitzt jene Fertigkeit, welche die Naturgeschichte dem Dachse nachrühmt, d. h. beliebige Stunden 158 des Tages in tiefem Schlafe zuzubringen, und immer rechtzeitig, wenn es die Umstände erfordern, aufzuwachen. Die Matrosen hatten das Osterfest auf ihre Weise gefeiert. Am Schluß der Mahlzeit war es zu einem in ihren Kreisen sehr beliebten Gesellschaftsspiel gekommen. Bescheert ihnen der Himmel auf langer Seefahrt ein unerwartetes Leibgericht, und sind sie, um die Schüssel sitzend, und der Reihe nach hineingreifend, beinahe mit dem Inhalt fertig, so darf auf den Ruf eines aus ihrer Mitte: »Land vor der Back!« keiner mehr einen Bissen antasten. Dem kühnen Heerrufer, der sich dieser vielsagenden Worte vermessen, gehören nun die Ueberbleibsel des Gerichts, er hat aber die Verpflichtung, sie bis auf das letzte Atom zu verzehren, wenn er nicht der Rache seiner gekränkten Gefährten verfallen will. In diesem Falle wird er über eine Bank gelegt, und an der Nachtseite der Persönlichkeit so lange energisch bearbeitet, bis auch der Letzte an ihm sein Müthchen gekühlt hat. Das Schauspiel soll höchst spannend und aufregend sein, wenn auf den entscheidenden Moment losgegessen wird. Jeder will gern so viel wie möglich hinter sich bringen, um, sobald das Signal erschallt, nicht seinen rechtmäßigen Antheil einzubüßen. Dann aber hütet er sich eben so sorgsam vor Ueberfüllung, um vielleicht, so bald er einen Nachlaß der Kräfte seiner Rivalen bemerkt, als Bewerber um den Siegespreis aufzutreten, und Einhalt zu gebieten. Leider hatte ich zu lange bei Tische gesessen, um Augenzeuge des Wettkampfes selber zu sein; der anmaßende Vielfraß, welcher »Land vor der Back« gerufen, war aber seiner Beute nicht Herr geworden. Niemand setzte mir den Verlauf des österlichen 159 Gesellschaftsspieles auseinander; nichts destoweniger begriff ich Alles, da ich an der Seite der Schaluppe auf einen jungen Mann stieß, der weit über das Geländer gebeugt durch gelinde Reibung die Schmerzen seiner geschädigten Sitztheile zu mildern suchte. Der älteste der schleswig-holsteinischen Schiffsjungen, ein überaus langsamer Knabe, der sich bis zur Regungslosigkeit gesättigt, war eben von seinen Vorgesetzten auf den Mittelmast geschickt worden, um zu Ehren des Tages einen neuen »Flieger« (Wimpel) aufzustecken. In Erwägung, er könne unterwegs von Hunger überfallen werden, hatten sie ihm ein fünf und zwanzig Pfund schweres Stück Speck mitgegeben. So scherzt man auf hoher See. An der Seite des ersten Steuermanns stand ich noch auf dem Quarterdeck, als ganz unerwartet eine hohe Welle über Bord schlug. Hätten wir nicht unwillkürlich ins Takelwerk gegriffen, wir wären Beide in die See gespült worden und rettungslos verloren gewesen. An ein Aussetzen der Böte kann bei dem gewaltigen Seegange nicht gedacht werden. Nach Einbruch der Dunkelheit fiel das Quecksilber des Barometers, die Brise steigerte sich bis zu einem fliegenden Sturm, und das tobende Element verdoppelte zu unserem Leidwesen seine Wuth; die »Pallas« wurde die Nacht hindurch zum Erbarmen hin- und hergeworfen. Dem lucullischen Mahle folgte am zweiten Feiertage der hinkende Bote. Eine in den Morgenstunden angestellte gründliche Proviant-Musterung ergab, daß unsere Brod-Rationen auf die Hälfte herabgesetzt werden müßten. Das für das Gebäck der Passagiere erster Klasse bestimmte Roggenmehl reicht kaum noch für eine Woche. Am dritten Feiertage befanden wir uns auf der Höhe der Fuchsinseln 160 und könnten bei nördlicherem Course in kurzer Zeit nach Kamtschatka kommen, aber nichts lockt uns in das ungastliche Land. Die Seevögel finden an uns Wohlgefallen, ich zählte heute sechszehn braune Seemöven von der Größe einer jungen Gans, die nicht von uns ablassen wollten und unbedachtsam die von den Chinesen ausgeworfenen Angeln verschluckten. War den unglücklichen Geschöpfen der Haken aus dem Halse gerissen, so wurden sie ohne Fesseln auf das Verdeck geworfen. Die unbehilflichen Vögel waren nicht im Stande, von den glatten Planken aufzufliegen. Sie bedürfen dazu der Nachhilfe ihrer Füße im Seewasser. Der Koch erhandelte einige Lebern und tischte sie Abends beim Souper auf; wir wandten uns Alle mit Entsetzen davon ab. Sie trieften, wie der ganze Braten, von Thran und mußten sogleich aus der Kajüte entfernt werden. Die Hongkongianer verzehrten sie, wie den feinsten Leckerbissen. Ich knüpfte bei dieser Gelegenheit mit der ehrsamen Duenna ein kurzes Gespräch an und erkundigte mich in Pidjen-Englisch nach dem Marktpreise der jungen Damen, die für den Import in San Francisco bestimmt waren; sie nannte eine ziemlich beträchtliche Summe. Daß sie beim Einkauf sehr billig weggekommen sei, gab sie ohne Weiteres zu. Einige kleine Mädchen, die sie freilich dann noch einige Jahre hindurch auffüttern mußte, ehe sie als Handelsartikel gelten konnten; hatte sie nach unserem Gelde mit zehn Silbergroschen bezahlt. Am 30. März durchschnitten wir den hundertachtzigsten Längengrad und befinden uns auf der westlichen Halbkugel. Da wir von Westen nach Osten die Erde umsegeln, gewinnen wir in der Zeitrechnung einen Tag, der morgen 161 eingeschaltet werden soll. Wir schreiben heute und morgen den dreißigsten März! Für unser Privatleben entstanden daraus weiter keine Schwierigkeiten, nur der Koch gerieth in außerordentliche Verlegenheit. Die Gerichte stehen nämlich auf dem wöchentlichen Schiffs-Küchenzettel so fest, wie die Stifte auf der Walze eines Leierkastens; die geringste Aenderung hätte die süße Melodie für immer in Unordnung gebracht. Ein geniales Machtgebot des Kapitäns half unserem schon verzagenden Vatel über diesen chronologischen Conflict hinweg. Die Bohnensuppe nebst Zubehör sollte auch am 30. März als zweite Auflage gekocht werden! Am letzten Tage des Monats zwang uns ein steifer Ost nach Norden zu steuern, und die Kälte steigt demgemäß. Die »Chinaleute« ziehen alle ihre Kleidungsstücke über einander, und Madame hat die blaue grobe Friesjacke des zweiten Steuermanns angelegt. Gleich dem Roggenmehl geht auch unser Brennholz zu Ende; es wurde folglich am 1. April Alles, was nicht niet- und nagelfest war, in Stücke geschlagen. Darunter befand sich eine neue Großbramstenge, die in Hongkong schweres Geld gekostet hatte. Entwickelt sich unsere Natural-Verpflegung in bisheriger Weise zu höheren Stadien, so werde ich daran denken, mir, wie das Pferd jenes sparsamen Irländers, das Essen ganz abzugewöhnen. Die Kartoffeln sind ausgewachsen und bilden gebraten oder gekocht eine weiche Masse, die man mit äußerstem Widerwillen hinabwürgt; auf das verstockte Salzfleisch habe ich längst verzichtet. Der Capitän hat einem Chinesen mehrere hundert Yamswurzeln abgekauft, die uns Brot und Kartoffeln ersetzen sollen. Die Frucht ist ein Knollengewächs von Kinderkopf-Größe und 162 hat einen fremdartigen Geschmack, an den sich der Europäer schwer gewöhnt. Die Noth läßt uns keine Wahl. Das denkwürdigste Ereigniß des 6. April war ein riesiger Baumstamm, das erste Merkzeichen der Gebirge und Ströme Nord-Amerika's. Er kam wahrscheinlich von der Oregonküste und schwamm nach Süden. Gar gern hätten wir das kostbare Brennmaterial aufgefischt, aber der hohe Wellenschlag verbot auch heute wieder das Aussetzen der Böte. Bei einem anhaltenden Platzregen hocken wir in den Winkeln der Kajüte und hängen unseren Grillen nach. Erst in dieser grenzenlosen Einsamkeit wird der Mensch gewahr, was Alles er im Schoße der Civilisation dem erfrischenden Wechsel der Gesellschaft verdankt, wie groß die Armuth des Individuums an sich ist. Erst im Austausch des Verkehrs erhält das edle Metall seinen Werth, so auch die geistige Begabung des Menschen. In unserer Genossenschaft trägt der glücklichste Einfall keine Zinsen, findet der schmerzlichste Herzenslaut kein Echo. Wir sinken zu Vierfüßlern hinab und kümmern uns nur noch um Leibes-Nahrung und Nothdurft. Der Schiffsschreiber pfeift zum tausendsten Mal gräulich falsch den Prophetenmarsch, meine Blicke verfolgen durch das Kajütenfenster einen großen Wallfisch, der mit uns denselben Cours steuert, aber zu schleunig für meine Schaulust die »Pallas« überholt. Der Tag war sonst für mich glückbedeutend gewesen; in der Galasuppe des heutigen Diners, einem Gemisch von Sago und leichtem Rothwein, hatte ich eine dicke chinesische Scheidemünze gefunden. Diesem bescheert der Himmel sein Glück im Schlaf, Jenem bei Tisch. Ein günstiger Wind brachte uns in den nächsten Tagen 163 auf die Höhe von Honolulu; in meiner gegenwärtigen Laune ist das frühere Verlangen nach den Sandwichsinseln in mir vollkommen erstorben. Der Gedanke: ein halbes Jahr meines Lebens dem Besuch dieser Eilande zu opfern, ist unerträglich. Nur im Falle eines Schiffbruchs an ihren Küsten würde man sich in sein Schicksal ergeben. Einst hatte ich mir das Bild der dicken Königin der Inseln, die sich nach jedem schweren Diner von dem gerade anwesenden Rathe der Krone oder Unterstaatssecretair mit Füßen treten läßt, so verführerisch ausgemalt! Jetzt segelten wir gleichgültig an ihrem Reiche vorbei. Die Strecke, welche wir bis zum Hafen von San Francisco noch zurückzulegen haben, wird von Capitän Hartmann auf 350 geographische Meilen veranschlagt. Ueber die maritime Scenerie wäre nicht mehr zu bemerken, als: dunkelgrauer Himmel und eine dreißigtausend Fuß tiefe See, schwarz wie chinesische Tusche. Zu unserem Trost haben wir eine allen Wünschen entsprechende Brise und laufen mit den Raasegeln vor dem Winde. Der 11. April ist in meinem Tagebuch als chinesischer Opfertag bezeichnet. Die Lebensmittel des armen Gesindels gehen zu Ende; sie flehen deshalb zu ihren Göttern um eine baldige Ankunft in San Francisco. Zudem ist der Mövenfang in der letzten Zeit nicht ergiebig gewesen; erst heute gelang es ihnen wieder, zwei große Vögel zu erwischen. Ich für meinen Theil betrachte die Bestrebungen der Schiffsmannschaft, in ihren Mußestunden die Außenseite der »Pallas« etwas aufzufrischen, als ein vielversprechendes Zeichen unserer abnehmenden Entfernung von der californischen Küste. Das brave Schiff geht zwar erst 164 ins achte Jahr, hat aber eine stürmische Jugend verlebt und zweimal die Linie passirt. Zu seinen angreifendsten Wasserpartien zählt eine Guanofuhre ; eben so wenig trägt unsere gegenwärtige Winterreise queer über den großen Ocean zur Erheiterung der »Pallas«-Physiognomie bei. Es ist der Ehrgeiz des Capitäns und der Mannschaft, in so reputirlicher Gestalt, wie möglich, in den Hafen des Goldlandes einzulaufen. Sobald die Witterung es erlaubt, wird kalfatert, geschmiert, getheert, gepinselt und geflickt, »alle Hände« arbeiten auf Deck; ich selbst betheilige mich an dem nützlichen Werk und putze Musketen oder Revolver. Dem Schreien, Schimpfen und Fluchen in plattdeutscher und englischer Sprache gehe ich gern aus dem Wege und ziehe mich bei dem frischen Aprilwetter dieser Zone in die Kajüte zurück. Wie Recht hat Preziosa mit ihrem Liede: »Einsam bin ich nicht alleine!« Wir durchkreuzen gegenwärtig den Rendezvousplatz der Wallfische, und von Zeit zu Zeit liebäugele ich mit einem Prachtexemplar durch das Kajütenfenster. Welche eigenthümlichen Frühlingsgesänge würde ein junger Lyriker an meiner Stelle anstimmen! Man denke: ein Ghasel auf den Wallfisch als verliebten Boten des Lenzes! ein Sonnett auf die Wallfischin! Es besteht ein beträchtlicher Unterschied zwischen den minniglichen Tändeleien der Spatze auf den Dachrinnen und der Ungeheuer der Tiefe. Trotz dieser mir vollkommen neuen Studien verschwöre ich jede abermalige Seereise auf einem Kauffahrer; es wäre noch immer unterhaltender, den Weg von Welttheil zu Welttheil auf einem österreichischen Postomnibus zurückzulegen. So manches psychologische Geheimniß erschließt sich mir; ich begreife den Seelenzustand der 165 indischen Büßer, der Säulenheiligen, der Stifter seltsamer Secten. Visionen stammen eben so oft aus einem leeren, wie aus einem überfüllten Magen. Von Erscheinungen supernaturalistischer Abstammung werde ich in nächtlichen Stunden nicht beunruhigt, aber ich erblicke die Gestalten beliebter Berliner Restaurants, ihrer Kellner und Locale. Ich erkenne nicht nur mit Bestimmtheit die Gesichter der anwesenden Gäste; ich höre auch ihre Stimmen: »Garcon, fünfundzwanzig! Filet sauté! bringen Sie mir ein Hamburger Hühnchen! einmal Hammelrücken!« Während derartiger Sinnestäuschungen rieche ich sogar, ja ich unterscheide die Blume der Rheinweine, der höheren Medocs! – Ein heiserer Schrei, die dienstfällige Mannschaft wird zur »Hundewache« (zwölf Uhr Mitternacht) munter gebrüllt, die entzückenden Bilder verschwinden, und ich bin froh, den Rest der Nacht zu verschlafen. Am Morgen: Graupenkaffee, Dauerbutter und Schiffszwieback, härter als Gneis und Granit. Der Frieden zwischen der Mannschaft und dem Capitän ist durch einen Compromiß hergestellt. Da ihr die statutenmäßigen Rationen nicht mehr verabreicht werden können, und sie auf die mäßige Nahrung von Yamswurzeln, dickgekochten Graupen und Hafergrütze angewiesen ist, entschädigt man sie durch Extra-Rationen von Schnaps. Nach der Theorie von Physiologen wird auch der Magen durch Illusionen getäuscht. Unter dem 13. April ist wieder ein Sturm vermerkt. Die Masten und Raaen nahmen in dem wüthenden Treiben der Elemente die Form eines gespannten Bogens an, alle Segel wurden gerefft und das Steuer festgemacht. 166 Wenn wir Anderen vor Schrecken verstummen, lösen derartige Scenen dem englischen Schiffsschreiber die Zunge. Er zieht die Hände aus den Hosentaschen, reibt sie, pfeift einige Tacte des Prophetenmotivs und sagt: »Ganz glatt geht diese Reise nicht ab, denken Sie an meine Worte!« Die Nachwehen des stürmischen Tages waren eine hochgehende See und ein »schlengerndes« Schiff, aber die Südwest-Brise des 14. April wird in der poetischen Fachsprache »schlank« genannt und schafft uns vorwärts. Die »Chinaleute« verleihen wieder ihrer Dankbarkeit gegen die himmlischen Mächte durch Opferpapier und brennende Stäbchen Ausdruck. Der Wind treibt die glänzenden Fetzen vor uns her. Wir sind elf Wochen auf der See und noch immer sollen wir 130 geographische Meilen vor uns haben; begreif's wer kann. Unsere tägliche Wasser-Ration besteht nur noch aus zwei Achtelgläsern einer faulen lehmigen Jauche, deren lebende Bewohner wir durch Gin tödten; aller Käse wird aus nicht näher zu erörternden Gründen im Dunkeln genossen. Das braune Salchen, das vorletzte unserer Schweine, wog nur 23 Pfund. Dreiundzwanzig Pfund und fünfundachtzig hungrige Menschen! Zudem machen uns Ratten und Käfer den Rest der Hülsenfrüchte streitig. Wir wären niemals in solche Noth gerathen, hätte sich der gutmüthige Capitän nicht überreden lassen, ein Dutzend Fässer Roggenmehl in Hongkong an einen Landsmann zu verkaufen. Nach einem elf Fuß langen Hai wurde vergebens ein Köder ausgeworfen; der Raubfisch war übler Laune. Wir hatten ihn im Schlaf überfahren. Möglicherweise roch auch das Salzfleisch am Köder gar zu übel. Am 16. April wurde die Ladung der »Pallas« angegriffen. 167 Diese Verletzung fremden Eigenthums ist nur in äußerster Noth gestattet, aber was blieb uns noch übrig? Die Chinesen hatten ihr »Tschau Tschau« bis auf den letzten Brocken verzehrt, und der Capitän war verpflichtet, ihnen das Leben zu fristen. So leben wir denn sämmtlich von Reis und Zucker. Den Chinesen lächelte noch gegen Abend das Glück, sie erhaschten drei große Sturmvögel; ich beschränkte mich auf den Genuß des Sonnenunterganges. Das Tagesgestirn versank mit einem Glanze, wie ihn Claude Lorrain so oft und herrlich auf die Leinewand gezaubert; mein malerischer Sinn war fast erloschen. Von aller ausgebreiteten Leinewand wäre mir ein Tischtuch mit Zubehör die liebste gewesen. Die große Getränk-Revision am 17. April ergab einen gefährlichen Leck unter den Gin- und Rothweinflaschen, als dessen Consequenz ein Universalrausch der Matrosen anzusehen war. Capitän Hartmann hat die Chinesen hinsichtlich unserer Ankunft in San Francisco von einem Tage auf den andern vertröstet; die jungen Damen machen also an jedem Morgen vollständige Galatoilette. Der überaus kunstvolle Kopfputz hält schon die ganze Woche hindurch Stich. Am 18. April kam ein nach Norden steuernder Schooner in Sicht, nach sechs Wochen das erste Schiff. Wir suchten durch Signale eine Unterhaltung anzuknüpfen, doch kümmerte sich der Schooner nicht weiter um uns. Unsere Wasserneige reicht nur noch drei Tage, und zugleich tritt vollkommene Windstille ein. Das Klarmachen der Anker und dazu gehörigen Ketten ist ein erfreuliches Zeichen der Nähe des Landes; das Klirren des Eisens klingt wie ein Tedeum . Gegen Abend kam in einer Entfernung von 168 26 englischen Meilen der erste Streifen in Sicht – Land, oder Nebelbank – wer konnte sie schärfer unterscheiden? Die Chinesen stießen ein lautes und doch wehmüthig klingendes Freudengeschrei aus; leider lagen nur die Faraliones-Inseln vor uns, und wir schwebten bei der heftigen Strömung und Windstille in einer ähnlichen Gefahr, wie angesichts der Botel-Inseln, doch nahm uns der Himmel in seinen Schutz. Am 20. April tauchten endlich die einförmigen Gipfel des Goldlandes am Horizonte auf, und nach zwei Stunden näherte sich uns die verhängnißvolle Schwalbe – der Lootse . Ein unübersehbarer Schwarm wilder Enten begleitet sein Boot, doch feuern wir Alle vergebens. Statt aus Entenbraten besteht unser Mittagessen aus einer Schüssel Kartoffeln, deren uns der Lootse ein Schnupftuch voll verkauft hat. Der Seemann, ein feiner Yankee mit Glacéhandschuhen und Lackstiefeln, blickt auf unsere Jammergestalten mit vornehmem Nasenrümpfen; wir betrachten ihn wie einen Cherubim. Nur unsere drei Hunde knurren und fletschen die Zähne gegen den neuen Ankömmling. Harry, der Schweineschlächter, rasirt den Capitän, das Lootsenhonorar, 120 Dollars, wird abgezählt, wir machen uns mit zitternden Händen »landfein«; noch eine Stunde, und wir sind – auf der Rhede von San Francisco . 169 XII. Rencontre. Sa ne ke tau. Das Ende des Opiumschmuggels. Zöllner mit weißen Glacéhandschuhen. Der Seeweg der Verlorenen. Hotel Ruß. Neun Thaler für eine Droschkenfahrt. Dead letters. Land- und Seebeine. Die Bauart von Zisco. Die goldene Pforte. Grünhorn. Der Polizeistern. Die Minenbörse. Wilder Kroll. Spuckgeschichten. Die letzten zehn Minuten vor unserer Ankunft hatten nach meinen Gefühlen die Dauer einer Ewigkeit; endlich vernahm ich das tröstliche Klirren der Ankerkette, aber noch einmal sollte uns das Schicksal an seine oft bewährte Tücke erinnern. Grade in dem Moment, als wir den Anker gehen lassen wollten, rannte mit Strömung, Fluth und Segeln ein gleichfalls ankommendes, viel größeres Schiff, als unsere »Pallas«, gegen ihren Bauch. Bei dem taghellen Vollmondschein konnte nur die äußerste Unachtsamkeit der Mannschaft jenes Schiffes das Unglück verschulden. Wir kamen mit dem bloßen Schrecken davon. Noch hatte die »Pallas« etwas Fahrt, Capitän Hartmann griff hastig in das Steuerrad, und der Bauch der vielduldenden »Pallas« wurde nur gehörig geschrammt. Es blieb bei einem gellenden Aufschrei der Besatzung beider Fahrzeuge, dann trennten 170 wir uns. So nahe dem Lande, fühlten wir uns nicht mehr geneigt, über die möglichen Folgen des Rencontre's Betrachtungen anzustellen. Am ausgelassensten, nachdem sie den ersten Schreck verwunden, waren die Chinesen. Sie schienen nicht geneigt, sich zur Nachtruhe niederzulegen und benutzten das Licht des Vollmondes zu Domino- und Kartenspiel. Noch niemals sonst hatte ich ihren Lieblingsruf Sa ne ke tau! d. h. »ich schneide Dir den Kopf ab«, so oft und so laut gehört. Sie bedienen sich dieser Redensart in Augenblicken freudiger Erwartung, wie die Römer des herkömmlichen: Sia ammazzato! am letzten Tage des Carnevals, wenn das Anzünden und Ausblasen der Moccoli beginnt. Immerhin eine wunderliche Uebereinstimmung in den primitiven Gefühlen beider Völker, wo es darauf ankommt, einen Ausdruck des höchsten Frohsinns aufzufinden. Meine Vermuthung: die Chinesen wollten die Nacht durchwachen, wurde am nächsten Morgen bestätigt. Die ganze Sippschaft hatte sich um ein Uhr auf gut polnisch empfohlen. Nach meiner Landung erfuhr ich das Nähere. Obgleich von neun Uhr an ein scharfer Wind blies, die See gewaltig hoch ging und die»Pallas« einen zweiten Anker ausgeworfen hatte, langte eine Stunde nach Mitternacht ein großer Kutter auf der Rhede an, den sämmtliche Chinesen, mit ihren Opiumvorräthen beladen, bestiegen. Die Weiber hatten die Packete unter den Kleidern, die Männer in ihren weiten Beinkleidern verborgen. Eine Meile nordwärts von San Francisco waren sie in der Hoffnung, die verbotene Waare von hier aus leichter einschmuggeln zu können, an Land gegangen, aber den achtsamen Zollwächtern in die Hände gerathen und verhaftet worden. Sie verfielen 171 Alle verhältnißmäßigen Geldstrafen, der höchsten mein seltsamer Cabinennachbar, der Particulier. Noch am andern Morgen wurde unter seiner bodenlos verschmutzten Bettstatt eine Opiumkiste von fünfzig Pfund Gewicht gefunden und von den nordamerikanischen Zöllnern mit Beschlag belegt. Sie hatte in der Nacht nicht mehr fortgeschafft werden können. Die Beamten des Steuer-Bureau's statteten uns ihren Besuch schon um 6 Uhr Morgens ab. Die Herren waren echt gentlemännisch mit schwarzen Fracks und weißen Glacé-Handschuhen angethan und benahmen sich dem entsprechend. Ich erinnere mich nicht, trotz aller kalten Höflichkeit, jemals von Zöllnern glimpflicher behandelt zu sein. Die Stunde des Abschieds von unserer Schönen rückt heran, sie hat ihre umfangreichste Crinoline und spanisches Costüm angelegt und empfängt die letzten Huldigungen, mit denen wir jetzt freigebiger sind, als während der ganzen Reise. Der erste Steuermann und der Schiffsschreiber, die sie ersuchte, ihrer eingedenk bleiben zu wollen, hatten noch im letzten Augenblick das Unglück, der Schönen äußersten Unwillen zu erregen. Ersterer hatte einen Knoten in den Zipfel seines Taschentuchs geknüpft, Letzterer einen Vermerk in seiner abgenutzten Brieftasche gemacht; ich verabschiedete mich von ihr mit einem biederen Händedruck. Der Anblick, als die kokette Wittwe die Schiffstreppe hinab in das Boot stieg und der Wind ihre Crinoline wie einen Ballon aufblies, war äußerst pittoresk. Das arme Wesen stieß einen schrillen Jammerschrei aus, als einer der Bootsleute, der Aufrechthaltung des Decorums beflissen, das nasse Ruder ergriff und die aufgebauschten Gewänder damit an der 172 Schiffswand plattdrückte. Mein Abschied von Capitän Hartmann, dem Schiffsschreiber und den Steuerleuten war kurz für die lange Freundschaft. Der Chef verspricht mir zur dauernden Erinnerung an unsere gemeinsamen Erlebnisse die Photographie seines Hundes Nelson. Ehe ich meinen Effecten in die Schaluppe folge, die letzte Aufzeichnung in meinem Tagebuche! Die Wasserstraße zwischen China und Californien, gleichviel ob von Osten oder Westen her, befördert überwiegend den Abschaum der Menschheit; ich möchte sie den Seeweg der Verlorenen nennen. Hongkong und San Francisco sind Fontanelle für die Entfernung der nichtsnutzigen Elemente von Asien und Amerika. Am 22. Apri1, um zehn Uhr, verließ ich nach dreimonatlicher Gefangenschaft das Unglücksschiff und betrat zwanzig Minuten darauf den Landungsplatz. Die Gesellschaft von Dienstmännern, die dem Ankömmlinge hier ihre Handleistungen anbot, war nicht Zutrauen erweckend. In den geflickten und verschossenen Hemden, mit verworrenen, tief in die Stirn hängenden Haaren und in Wasserstiefeln mit durchgescheuerten Sohlen, glichen ihre Mitglieder Straßenräubern, Strauchdieben oder Landstreichern, die den Händen der Sicherheitsbehörden kaum entwischt waren. Das saubere Corps brüllte mich in allen Sprachen Europas an und suchte sich ohne Weiteres meiner Effecten zu bemächtigen. Es war für mich ein lehrreicher Vorgeschmack des tollen Völkergemisches im Goldlande. Gefährlicher als diese zweideutigen Persönlichkeiten erschien mir ein Rudel Bulldoggs, das knurrend und die Zähne fletschend in das Gebrüll seiner Gebieter miteinstimmte und Lust haben mochte, über mich herzufallen. Jeder der verunglückten Goldgräber war von 173 einem dieser Hunde begleitet, dem einzigen Freunde, der ihm im Leben geblieben war und noch jetzt im Paradiese der Kehlabschneider seine nächtliche Ruhe überwachte. Der Bootsführer gewahrte meinen Widerwillen, mich und meine Habseligkeiten einem dieser verdächtigen Kerle anzuvertrauen, er schaffte einen Fiaker herbei, und eine halbe Stunde nach dem Abschiede von der »Pallas« standen meine Koffer in einem eleganten Zimmer des Hotels Ruß . Für die Boots- und Fiakerfahrt zusammen hatte ich den californischen Preis von neun Thalern erlegt. Unter stillen Betrachtungen über das unbedingt richtige Princip der Nordamerikaner: jeden aus Asien oder Europa anlangenden Fremdling so lange für einen Hallunken zu halten, bis er durch sein Betragen das Gegentheil bewiesen, genoß ich nach vier Monaten zum ersten Mal wieder den Comfort eines wohleingerichteten Waschtisches, krystallhellen Wassers und blendend weißer Handtücher. Die köstlichen Güter der Civilisation lernen wir erst in barbarischer Gesellschaft schätzen. Noch vor der Thür des Hotels hatte mich ein Kerl in zerschlissenen Kleidern, dem die rothen Haare zolllang aus dem baufälligen Filz, die Zehen aus den Stiefeln hervorguckten, mit frecher Stirn gefragt, ob unser Schiff heirathsfähige Frauenzimmer an Bord habe, er sei bereit, sie in den Goldminen auf der Stelle an den Mann zu bringen. Der Himmel hatte sich gegen Mittag verfinstert, es wehte vom stillen Ocean heftig in die Bay, das Wetter hielt mich nicht ab, nach der Post zu gehen und nach poste restante- Briefen von den Meinigen in Europa zu fragen. Schon vor geraumer Zeit hatte ich sie gebeten, alle ihre Mittheilungen nach San Francisco zu adressiren. Sie 174 kamen dergestalt auf dem kürzesten Wege in meine Hände. Wie erschrak ich, als der Postbeamte mir auf meine Frage entgegnete: es seien keine Briefe vorhanden! In meiner Betrübniß und geschwächt durch die Entbehrungen der langen Seereise mußte ich mich an dem Thürpfosten festhalten, um frische Kräfte zu sammeln. Was war in der Heimath geschehen? welches Unglück hatte die sonst so gewissenhaften Correspondenten, Mutter und Geschwister zu gleicher Zeit betroffen? Einige ruhige Erwägung belehrte mich, daß hier ein Irrthum obwalten müsse, ich wandte mich mit eindringlichen Bitten an einen zweiten, dritten und vierten Postbeamten und endlich, nach anderthalbstündigen Nachsuchungen wurden wirklich in dem Fach der todten Briefe ( dead letters ) fünf Schreiben mit den Poststempeln Danzig und Stettin gefunden. Die hiesige Postbehörde hat die unsinnige, und für einen so wichtigen Knotenpunkt des Weltverkehrs verderbliche Angewohnheit, alle poste restante- Briefe, die nach sechs Wochen nicht abgeholt werden, für todt zu erklären. Ich kehrte beruhigt nach Ruß' Hotel zurück, vertiefte mich nach einem trefflichen Diner in die Briefe meiner Lieben, und legte mich zeitig zu Bette. Eine unwiderstehliche Sehnsucht nach einem feststehenden Lager ließ mich nicht die Nacht erwarten; zudem empfand ich eine mir unerklärliche Müdigkeit. Mir war zu Muthe, als hätte ich sechs deutsche Meilen zu Fuß zurückgelegt, und doch lag das Postgebäude höchstens zehn Minuten vom Hotel entfernt. Die einzige Ursache konnte die verlorene Uebung sein, auf dem festen Erdboden sicher aufzutreten. Im Gebrauch der »Seebeine«, wie das Schiffsvolk sich ausdrückt, 175 hatte ich eine seltene Virtuosität erlangt. Mochte das Schiff noch so gewaltig schlengern oder stampfen, meine tägliche Promenade auf Deck war dadurch niemals verhindert worden; hier auf dem Festlande hatte mich schon nach den ersten zehn Schritten ein Schwindel, ein den Anfängen der Seekrankheit ähnliches Gefühl überfallen. Der Boden unter meinen Füßen erschien mir unsicher, das dem Menschen angeborene Bewußtsein des Gleichgewichts in seiner aufrechten Haltung war mir abhanden gekommen oder doch verwirrt; ich mußte erst allmählich wieder in den Besitz der »Landbeine« gelangen. Eine Besserung des unbehaglichen Zustandes trat selbst nicht ein, als ich mich auf dem Lager ausstreckte und die Augen schloß. Ich hatte auf einen erquicklichen Schlaf gerechnet, aber von fünf zu fünf Minuten fuhr ich empor, die Fundamente des Hauses schienen zu schwanken, und in fieberhafter Aufregung griff ich um mich. Zuweilen glaubte ich das Knarren der Raaen, das Klatschen der Segel zu hören. Erst nach mehreren Tagen, als auch meine Gangart ihre frühere Festigkeit wiedergewonnen hatte, verloren sich diese Nachwehen. Sehr viel trug dazu große Mäßigkeit in Speise und Trank bei. Am nächsten Morgen machte ich mich langsam auf den Weg und nahm die Stadt in Augenschein. Wie die nordamerikanischen Freistaaten die » Staaten «, wird San Francisco schlechtweg von den Einwohnern » Zisco « genannt. Der Ort liegt amphitheatralisch ansteigend auf mehreren beträchtlichen, aber rattenkahlen, sonnverbrannten Anhöhen und in malerischen, bis an die Bay reichenden Schluchten. Die letzten Hütten stehen schon auf Pfählen einige Fuß hoch über dem Seewasser. Die Zahl der Einwohner 176 betrug im Jahre meiner Anwesenheit viermal hunderttausend, ist aber seitdem nach übereinstimmenden Meldungen auf eine halbe Million gestiegen. Die Bauart Zisco's ist das bunteste Gemisch aller Architekturen, die es auf Erden geben mag. Die Häuser scheinen, wie die hier wohnenden Menschen, aus allen Weltgegenden zusammengelaufen zu sein. Neben tempel- und palastartigen Gebäuden stehen Strohhütten und Schweineställe, hier glaubt man die Erdhöhle eines Grönländers, dort eine italienische Villa, ein Chalet oder eine Pension des Berner Oberlandes vor sich zu haben. Wären die meisten Häuser nicht durch allerlei Ungeheuerlichkeiten und die crassesten Abschweifungen in's Phantastische verunstaltet; ein angehender Architekt fände hier ein Album der Baustile, wie keine Kunsthandlung ihm ein gleiches bietet. Ueberall begegnet man Anläufen in's Byzantinische, Gothische, Griechische oder Aegyptische. Der architektonische Eindruck ähnelt dem eines Narrenhauses. So fand ich rechts und links von einer beinahe im chinesischen Geschmack erbauten katholischen Kapelle eine Grog-Spelunke und ein offenes Atelier, in dem Neger Schuhe und Stiefel putzten. In einem solchen Wirrwarr der Racen und Individuen macht sich das Bedürfniß fühlbar, stets handgreiflich an die eigene Nationalität erinnert zu werden. Auf jedem Dache steckt eine Flaggenstange, und selten vergeht ein Tag, an dem nicht das Banner mit den Nationalfarben des Wirthes im Winde flattert. Aehnlich verhält es sich im Hafen. Nach den von den Masten herabhängenden Flaggen ließe sich ein Verzeichniß aller seefahrenden Völker anfertigen. Nur die von den Mannschaften der Goldgräberei wegen verlassenen Schiffe liegen abgetakelt und unbewimpelt am 177 Gestade. Der Anblick dieses Ensembles mit den dahinter hervorblickenden, in der Bay zerstreuten, spärlich bewachsenen Inselchen und nackten Felsen ist von einem erhöhten Punkte aus gar malerisch. Letztere werden von Myriaden von Seevögeln bewohnt, die hier für Guano-Niederlagen der Zukunft sorgen. Durch die massenhaften weißen Ausscheidungen der gefräßigen Thiere hat das Gestein ein kreideartiges Ansehen gewonnen. Das Panorama schließt mit den Klippen der sogenannten goldenen Pforte , der Einfahrt in die weit ausgedehnte Bay von San Francisco. Dem Namen der Schwelle Californiens entsprechen auch die Namen der Straßen. Ich nenne nur die Goldminen-, Silberminen-, Handels-, Kaufmanns-, Geschäfts- und Stille Oceansstraße, nebst den Inschriften folgender Schilder: » J. W. Stevens , Doctor für Privatkrankheiten« – » Auguste Köhler giebt Unterricht im Tanzen und Singen« – » Ladewig Kielmeyer , deutscher Schuster, bessert auch aus« – »Polka-Kaffeehaus« – »Pacific-Bierhalle« – »Isidor Hirsch, lederner Handschuhfabrikant« – wenn man in den Straßen stille stehen bleibt, wird man sogleich von Bettlern angesprochen. »Sie werden entschuldigen,« sagte ein schäbig gentiler Deutscher zu mir, ohne eine Miene zu verziehen, »wenn ich Sie um eine Unterstützung ersuche, aber ich habe seit zwei Monaten nichts gegessen .« Diese Behauptung erschien keineswegs unglaubhaft, wenn man den penetranten Alkoholgeruch, den der darbende Landsmann ausdünstete, in Anschlag brachte; in Bezug auf die Stillung seines Durstes hatte er gewiß nicht so lange unter gleichen Entbehrungen zu leiden gehabt. Ich verabreichte 178 ihm die kleinste hiesige Münze, ein Bit, ihrem Werthe nach unserem Fünf-Silbergroschen-Stück gleich; der Unbekannte hielt nicht der Mühe für werth, mir für die geringe Gabe zu danken. Am Frühstückstisch des Hotels machte ich eine interessante Bekanntschaft. Meine Nachbaren waren ein Hamburger Schiffscapitän in Begleitung seiner Frau und Kinder. Die Familie hatte sieben Jahre in den Gewässern zwischen Calcutta, Australien, Hongkong und San Francisco zugebracht, und alle sechs Kinder waren auf hoher See geboren worden. Der noch junge Seemann bildete eine seltene Ausnahme von der Regel. Die Gesellschaft der Frau hatte veredelnd auf seine Sitten eingewirkt, und zum ersten Male seit geraumer Zeit wurde die Morgenunterhaltung nicht durch Flüche gewürzt. Noch mehr überraschte mich der Anblick der Mutter und ihrer Kinder, wenn sie einander in die Arme fielen und zärtlich liebkosten. Anderthalb Jahre hatte ich nicht mehr gesehen, wie eine Mutter ihr Kind küßt . Den Chinesen und Japanesen ist der Kuß vollkommen unbekannt. Unser trauliches Gespräch wurde durch einen Kellner des Hotels unterbrochen, der die Dienste eines Lotterie-Collecteurs versieht und Loose zur Ausspielung eines an der Hauptwand des Saales hängenden Gemälde's ausbietet. Das Bild ist, wie die seltensten Meisterwerke des Mittelalters, durch eine Glasplatte geschützt und stellt ein Stillleben vor: die »in Umfang, Farbe und Dauerhaftigkeit garantirte Copie des unsterblichen Preisbildes von T. Brown u. Comp. in Sacramento.« So drückte sich wenigstens der Lotterie-Collecteur aus. Ich lehnte den Ankauf eines Looses ab. Die Copie war so tief im Ton gehalten, daß sie meinen 179 farbenfreudigen Sinn beleidigte. Man glaubte in einen glänzenden Lackstiefel zu blicken. Unser Hotel selber ist über alles Lob erhaben. Gleich dem Hotel »Louvre« in Paris, bildet es ein selbstständiges Geviert, dessen Erdgeschoß aus stattlichen Läden und Officinen besteht. In allen Dingen herrscht die größte Sauberkeit, und das mit Spitzen besetzte Bett wird täglich frisch überzogen. Dennoch habe ich nie billiger gewohnt, niemals eine bessere Verpflegung genossen. Die Tagespension für ein Zimmer mit Schlafcabinet und vier Mahlzeiten excl. Wein beträgt nur vier Dollars, ein im Vergleich mit dem geringen Werthe des Geldes in San Francisco unglaublich niedriger Satz. Die Küche war im »Café anglais« oder im »Maison doré« zu Paris nicht feiner. Den Priestern des Gambrinus kann ich nicht gleich Gutes nachsagen. Ich war der Versuchung erlegen und in ein deutsches Bierhaus getreten. Das mir kredenzte Gefäß glich einer Tulpenknospe, war aber nur zu zwei Dritteln gefüllt. Als ich dem Wirth dafür ein Stück Geld im Werthe von 10 Sgr. reichte, gab er, obgleich das Getränk nur die Hälfte kostete, nichts heraus; der wackere Landsmann hatte mich für ein »Grünhorn« (Neuling) gehalten! Auf meine englische Anrede griff er unter vielen Entschuldigungen in die Tasche; er wollte die Münze verkannt haben. Die hiesigen hohen Miethen mögen den armen Landsmann nöthigen, jeden kleinen Nebengewinn wahrzunehmen. So zahlt z. B. der Pächter des »Hotel Ruß« pränumerando monatlich 2500 Dollars Miethe. Das Tragen von Ordensdecorationen ist in den Vereinigten Staaten nicht üblich, ich wurde daher in gerechtes 180 Erstaunen versetzt, als ich, immer an lebhaft besuchten Straßenecken, Gentlemen von rüstiger Haltung bemerkte, auf deren linker Brust ein Stern schimmerte. In einiger Entfernung glich das Ordenszeichen dem Stern des rothen Adlerordens erster Klasse, und ich griff mehrmals in dem Glauben, mit einem hochgestellten Mitbürger, den der Wechsel der Ereignisse nach Californien geführt, in Berührung zu kommen, und eifrig daraus bedacht, keinen Verstoß gegen die gute Sitte zu begehen, nach dem Hute, als ich meinen Irrthum entdeckte. Der Stern ist hier zu Lande nur das Abzeichen des Polizeibeamten in Dienst. Verzeihlicher war ein anderer Irrthum. Vor einem umfangreichen Gebäude wimmelte eine unübersehbare Menschenmenge und verhandelte unter einander in den verschiedensten Sprachen der Welt mit einer solchen Leidenschaftlichkeit, daß ich einen der Einstellung der Bauthätigkeit am babylonischen Thurm ähnlichen Vorgang zu erkennen glaubte. Einer der strolchartigen Loafer und Runner belehrte mich eines Besseren; das Gebäude war die Minenbörse , das Publikum bestand aus Goldgräbern und den Abnehmern der kostbaren Waare. In Gesellschaft des Hauptverwalters von »Hotel Ruß« unternahm ich eine Spazierfahrt nach der alten spanischen Mission Dolores. Die Kirche ist am Anfange des siebenzehnten Jahrhunderts im bekannten Styl der Jesuiten erbaut, enthält aber weiter nichts Sehenswürdiges. San Francisco wird mit der Mission durch einen Dampf-Omnibus verbunden, denn unweit der Kirche befindet sich ein beliebter Vergnügungsort. Hier traf ich die ersten Bäume in Californien, einige verkommene Weiden, und das Local 181 hat dieser Merkwürdigkeit wegen den Namen » willows « erhalten. Uebrigens herrscht diese Sterilität der Vegetation nur am Küstenstrich, einige Meilen weiter landein wächst gigantisches Nadelholz in seltener Fülle. Das Willows-Etablissement war ein »wilder Kroll« mit Fontainen, Carroussel, einem kleinen Theater und Schießplatz; wir verließen es nach einer flüchtigen Besichtigung und erkletterten einige Sandberge, aus deren höchstem ein Franzose eine Bierhalle angelegt hatte. Der Besuch der Mission und des Vergnügungslocals muß sehr stark sein, denn einige Hundert Schritte weiter lag das Brauhaus und die Kneipe eines Original-Baiern. Die Corpulenz des Wirthes, seiner Frau und Tochter legte Zeugniß ab für den Gehalt seines Getränks. Mein Begleiter hatte eine beträchtliche Quantität desselben zu sich genommen und hielt deshalb nach unserer Rückfahrt für nothwendig, als niederschlagendes Mittel eine Flasche alten Rheinweins darauf zu setzen. Der gute Yankee, ein geborener New-Yorker, war ein Schwärmer für deutsche Weiber und deutschen Wein; ich warnte ihn vergeblich vor einem ferneren Exceß. Der Preis der von uns geleerten Flaschen betrug acht Thaler, aber die Sorte war wirklich ausgezeichnet, nur überwältigend stark. Ich hatte auf der Excursion Feldstuhl, Mappe und Handwerkszeug mitgenommen, kam indessen ohne die geringste Ausbeute nach Hause zurück. Abends besuchte ich ein Concert in Minstrels Hall, in dem sich ein Violinspieler und Fräulein Simonsohn, eine fertige Coloratursängerin, beide Deutsche, hören ließen. Die anwesenden Yankee's benahmen sich im Ganzen anständig, nur ihre zwanglose Art, um sich zu spucken , war empörend. Hätten sich die Herren durch jahrelange 182 Uebung nicht eine so außerordentliche Fertigkeit in diesem Sport angeeignet, Niemand vermöchte in ihrer Gesellschaft auszuhalten. Der Yankee legt sich zu Bett, liest sein Abendblatt und – spuckt zuletzt das Licht aus. In den Gastzimmern ist das Ausspucken des Lichts sogar ein beliebter Gegenstand von Wetten. Mehrere der Zuhörer im Concert zogen Messer und Holzstücke aus der Tasche und vertrieben sich die Zeit mit Schnitzereien. Ein bedenklicher Mangel an Taschentüchern befremdete mich auch in dieser Gesellschaft. In San Francisco fand ich nur Personen, die in Europa gewesen waren, im Besitz dieses Toilettengegenstandes. Ich erkannte sie stets an dem demonstrativ aus ihrer Rocktasche herabhängenden Zipfel. Am Sonntag weidete ich mich an dem Anblick der wunderlieblichen amerikanischen Kirchengängerinnen, der Frauen und Töchter reicher Einwanderer aus den Hauptstädten der Vereinigten Staaten. Minder erbaulich waren die Gotteshäuser, scheunenartige, aus Holz errichtete Räume oder liederliche Constructe aus Backsteinen im Baukastenstyl; ein dringendes Bedürfniß nach Kirchen scheint im Goldlande noch nicht vorhanden zu sein. Die Sonntagsfeier selber wird nicht mit englischer Rigorosität aufrecht erhalten. Der Koch im Hotel hatte sich alle ordentliche Mühe gegeben, die zahlreichen Gäste zufrieden zu stellen, die Promenaden waren bei dem frischen Hauch der nervenstärkenden Seeluft sehr besucht, und ich machte mir kein Gewissen daraus, den ganzen Tag müssig im Freien zuzubringen und mich im Gebrauch der »Landbeine« zu vervollkommnen. 183 XIII. Die sociale Frage. Von der Kanzel zum Hackmesser. Eiserne Häuser. Knüppeldämme. Die Droschkentour drei Thaler. Im Lotter-Viertel. Nur bei Nacht. Criminalistische Charakterköpfe. Milchsuppe mit Austern. Milch statt Wein. Fixen und Smart. Am Waschfaß. Yankee-Höflichkeit. Die Lagerbier-Mamsellen von San Francisco. Wohl schon so Manchem ist in Stunden einsamen Nachdenkens die ernste Frage durch den Kopf gegangen, inwiefern die gesellschaftliche Entwickelung des menschlichen Geschlechts den ihm angeborenen natürlichen Eigenschaften angemessen, und ob nicht eine Reformation, wie sie die großen Socialisten der Vergangenheit geträumt haben, billig und möglich sei. Unzweifelhaft ist, daß diese Umgestaltung der irdischen Klassenordnung nicht mit gewaltsamer Hand bewerkstelligt werden darf, daß sie vielmehr den im Dunkeln arbeitenden lebendigen Kräften der Menschheit anheimzustellen sein möchte. An verschiedenen, weit auseinander gelegenen Punkten des Erdballs habe ich durchaus von den unsrigen abweichende Bedingungen des socialen Organismus zu bemerken geglaubt, und halte daher eine Neubildung auch der diesseitigen Gesellschaft auf historischem Wege nicht 184 für unmöglich. Gewiß ist, daß in San Francisco, diesem Krystallisations-Centrum eines Staates der Zukunft, Spuren der beginnenden Reorganisation und Umkehr der socialen Pole vorhanden sind. Das Urtheil der Geschichte wird zunächst an ausgeschiedenen Atomen der alten Gesellschaft vollstreckt. Die in Europa für Staub gehaltenen Samenkörner keimen hier in dem Acker der freien Arbeit von Neuem und treiben frische, fröhliche Blüthen. Männer, welche auf unserem kleinen Continent mit der Gesetzgebung, sei es durch Uebertretung politischer oder unpolitischer Bestimmungen, in Conflict gerathen sind, lassen sich die Mühe nicht verdrießen, in Zisco von vorn anzufangen und anderweitigen Spielraum für ihre Talente zu suchen. So mancher Baron oder Graf, bis dahin auf unverzeihliche Weise verkannt, erfüllt erst hier seinen Lebensberuf als Omnibus- oder Droschkenkutscher, Billardkellner, Packträger oder Hausknecht. Aufgewachsen in den Satzungen der alten Welt, an das stolze Selbstvertrauen der bevorzugten Stände gewöhnt, verliere ich hier alle Sicherheit im bürgerlichen Verkehr. Fortwährend bin ich darauf gefaßt, in dem Kutscher, der mir den Wagenschlag, dem Eisenbahnbeamten, der die Thür des Coupés öffnet, dem Kellner, welcher die Whistkarten bringt, einen pseudonym auftretenden Cavalier wiederzuerkennen. Diese unablässige Erinnerung an die Wandelbarkeit des Schicksals martert den Europäer und wird nur durch die Erwägung erträglich, daß das Loos dieser Schößlinge auf dem Stamm der transatlantischen Genossenschaft ungleich angenehmer ist, als in ihrer übervölkerten Heimath. Jeder von ihnen erarbeitet täglich wenigstens ein Pfund Sterling, eine Summe, von der er 185 in Europa oft, wenn er sie überhaupt besaß, die Bedürfnisse einer Woche bestreiten mußte. Dem entsprechend, erreicht der Lohn der weiblichen Dienstboten, außer Kost und Wohnung, die Höhe von fünfzig Dollars monatlich. Selbst als Steinklopfer verdient man in der neuen Welt mehr, als jenseits des Oceans im Schulfache und Predigeramt. Man zeigt mir u. a. zwei desertirte Officiere, die unter einem Strohdach vor dem Steinhaufen neben der Chaussee saßen und den Hammer schwangen. Ihr Tagelohn betrug angeblich drei bis vier Thaler. Ein Candidat der Theologie, welcher in Stuttgart mehrmals mit Erfolg gepredigt, hat sich hier auf die Wurstfabrikation gelegt, und fabricirt gleichzeitig einen magenstärkenden Bitt'ren. »Was haben mir alle Reden geholfen?« sagte der junge Gottesgelehrte, »meine guten Lehren hat Niemand befolgt, meine guten Würste gehen reißend ab, und mein Schnaps bessert, wenn auch nicht das Herz , so doch den Magen .« Dabei strich er wohlgefällig sein rundes Bäuchlein, das ihm im Dienste Baals erwachsen war. Ein Berliner Jurist genießt als italienischer Sänger und nebenbei als Trompeter in einem Orchester eine anständige Jahres-Einnahme. Dr. Curl, früher Archäologe, hatte als Minengräber kein Glück und eröffnete einen Barbierladen. Bei einer erklecklichen Uebung, seine Kunden im Manuscriptenhandel über den Löffel zu barbieren, gelang es ihm rasch, sich die gleiche Fertigkeit im Gebrauch des Scheermessers zu erwerben. Der ehemalige Alterthumsforscher schröpft, schneidet Haare und Hühneraugen, und setzt in seinem Lokal Blutegel. Viele Personen, die Studirens halber auf deutschen Universitäten gewesen sind, handthieren hier als Korbflechter, 186 Faßbinder und Pfropfenschneider, und andererseits haben sich Gevatter Schneider und Handschuhmacher in Geburtshelfer, Wundärzte und Quecksilberdoctoren verwandelt. Ein merkwürdiges Symptom des gegenseitigen Vertrauens ist der Gebrauch, daß Jedermann die von ihm beanspruchte Lieferung oder Leistung eines Anderen pränumerando bezahlen muß. Der Biertrinker erhält sein halbes Maß erst, wenn das »Bit« (die kleinste Münze, 5 Sgr.) in der Tasche des Wirthes erklingt, aber auch die Wehemutter geht nicht eher ans Werk, als bis das Eintrittsgeld für den erwarteten Californier bis auf den letzten Heller erlegt ist. Meine Promenaden durch die Straßen der Stadt sind auch hier eine unerschöpfliche Quelle der Belehrung. Bei den schlechten Löschanstalten sind die von Newyork eingeführten eisernen Häuser stark in Aufnahme gekommen, sie gewähren, so unscheinbar ihr Aussehen ist, noch die meiste Sicherheit und trotzen auch den Erderschütterungen besser, als mehrstöckige steinerne Gebäude. In den letzten Jahren will man eine Vermehrung der vulcanischen Phänomene beobachtet haben. Das Straßenpflaster hat sich noch nicht über die ersten Anfänge erhoben. Nur wenige Straßen sind theilweise, und dann auch nur mangelhaft gepflastert. Der Bürgersteig in anderen ist mit Bohlen belegt, die aber zum geringeren Theile unversehrt sind und unausgesetzte Aufmerksamkeit des Fußgängers verlangen, wenn er nicht Hals und Beine brechen will. Gewöhnlich ist man genöthigt, langsam durch tiefen Sand zu waten und sich nur vor heimtückischen Löchern zu hüten, die absichtlich mitten im Wege gegraben zu sein scheinen. An einzelnen 187 Stellen habe ich Knüppeldämme gefunden, wie sie in den Dörfern der preußischen Niederungen üblich sind. Die hohen Forderungen der Fiaker von San Francisco werden durch die Unwegsamkeit der Straßen einigermaßen entschuldigt. Man muß für die einzelne Tour, und dauerte sie nicht länger als fünf Minuten, drei Thaler erlegen, ich habe daher stets vorgezogen, wenn ich für meine Malerstudien mich eines Wagens zu weiteren Ausflügen bedienen wollte, denselben gleich für den ganzen Tag zu miethen. Der Preis betrug dann nur sieben und einen halben Thaler. Das herrliche Klima erleichtert jedoch auch die anstrengendsten Fußwanderungen. Täglich von zehn bis vier Uhr weht eine kräftige Brise, die allerdings zeitweilig in der Stadt den Staub thurmhoch aufwirbelt, zugleich aber die Atmosphäre gründlich reinigt. Von vier Uhr Nachmittags an legt sich der Wind, und man glaubt nur die sanften Athemzüge des entschlummernden stillen Oceans zu spüren. Diese aromatische Seeluft einzuathmen, ist einer der höchsten irdischen Genüsse. Von allen Amerikanern, die ich darüber befragt, werden die Städte San Francisco und Valparaiso für die gesundesten Orte des ganzen Welttheils gehalten. Sobald ich den aristokratischen Theil der Stadt kennen gelernt, war ich darauf bedacht, mich nun auch in dem Lotter-Viertel, den Quartieren der Gauner und Lumpen zu orientiren. Der geeignetste Cicerone auf einer solchen Wanderung schien mir ein Schiffs-Capitän zu sein; ich bat daher meinen Tischnachbar, der eine ungewöhnliche Bekanntschaft mit hiesigen Zuständen verrieth, um seine Führerschaft. Der würdige Seemann war dazu bereit, doch drang 188 er in mich, den Einbruch der Nacht abzuwarten. Nur um diese Zeit habe er die großen Handelsstädte durchwandert. Er wolle mich im Stockfinstern in London so gut, wie in Calcutta, Rio de Janeiro, Swinemünde, Jeddo, Bombay oder New-York umherführen; bei Tage wisse er nirgends Bescheid. In Betracht der Lebensweise bewährter Seemänner fand ich diese Beschränkung seiner Wissenschaft begreiflich, wollte mich jedoch, da die Nacht keines Menschen Freund ist, grade in dieser übelbeleumundeten Weltstadt seiner Führerschaft nicht anvertrauen. Ich trug daher meine Bitte zwei jungen nordamerikanischen Seeofficieren vor und wurde erhört. Nach dem Tiffin des nächsten Tages traten wir unsere culturhistorische Wanderung an. So sehr ich bedauere, Angehörigen christlicher Volksstämme eine üble Nachrede zu machen, darf ich doch nicht verschweigen, daß die Hefe von San Francisco Alles hinter sich zurückläßt, was mir dahin von dem Auswurf der verschiedenen Racen auf Erden vorgekommen war. Ist doch der Reisende nicht berechtigt, von barbarischen Nationen Züge der Humanität und feineren Gesittung zu erwarten. Wenn er aber in ein ganzes Stadtviertel geräth, dessen Insassen durchweg hinter die Schule und Kirche gegangen zu sein scheinen, wird man ihm einige menschliche Verzagtheit nachsehen. Um den bezeichnenden Namen dieses merkwürdigen Gesindels bin ich wahrlich in Verlegenheit. San Francisco ist die ultima Thule der europäischen Vagabondage, der Inbegriff alles dessen, was durch die Gährung des civilisatorischen Prozesses ausgeschieden, aber, dem strafenden Gesetz entgangen, sich an dieser fernen Küste abgelagert hat. Die Natur behauptet selbst in den untersten Klassen 189 der Gattung »Mensch« noch immer eine gewisse Würde und Reinheit des Gesichtsausdrucks; Physiognomien, wie ich sie hier erblickte, sind nur Exantheme einer überreizten Civilisation . Drei- bis viermal fuhr ich entsetzt zurück; wenn aus den kleinen Fenstern der Hütten Kerle, criminalistische »Charakterköpfe«, steckten, wie sie mir noch nie zu Gesichte gekommen waren. Häufig wurden wir von diesen Bassermannschen Schreckensgestalten angebettelt, aber meine militärischen Begleiter warnten mich ernstlich, die Börse zu ziehen, wenn ich mich nicht den größten Unannehmlichkeiten aussetzen wolle. »Viele dieser Kerle«, sagte Lieutenant Phillips, »könnten Ihnen nöthigenfalls eine Banknote von zehn Pfund Sterling wechseln.« Die Mehrzahl hatte, nach den Behauptungen der Officiere, Anwartschaft auf den Galgen, die minder bescholtene Minorität auf fünfundzwanzig Jahre Zuchthaus. Ein ordentliches Polizei- und Gerichtsverfahren besteht in San Francisco erst seit verhältnißmäßig kurzer Zeit, und man sollte meinen, ein Beisammensein von Menschen sei vorher überhaupt unmöglich gewesen; dennoch hatte sich das Volk zu helfen gewußt. Ohne viel Federlesen zu machen, wurden Straßenräuber und Mörder, aus frischer That ertappt, gleich an den nächsten Laternenpfahl oder hervorspringenden Balken gehängt. In den Minenbezirken ist dieses Verfahren noch heute an der Tagesordnung. Nach kurzer Zeit hatten wir genug gesehen und kehrten um, froh, uns wieder unter ehrlichen Gesichtern zu befinden. Wir rasteten in einem Kaffeehause, das den stattlichen Namen »Künstlerhalle« führte, denselben jedoch durch nichts weiter, als die Anwesenheit des »Kladderadatsch« 190 und die Zeichnungen meines Freundes Wilhelm Scholz rechtfertigte. Wahrscheinlich hat noch niemals ein Leser das lustige Blatt mit ähnlichen Empfindungen in die Hand genommen. Zwischen mir und den liebenswürdigen Mitarbeitern lagen gen Osten oder Westen zwei Welttheile – zwei Oceane – das Weinen war mir näher als das Lachen. Ich hielt das Blatt noch in der Hand, als ein fliegender Händler eintrat. Er trug an einem breiten Riemen einen Kasten vor sich her. Anfangs glaubte ich, derselbe sei mit wohlriechenden Essenzen, Seifen, Räucherkerzen, Nadeln und Zahnstochern gefüllt; der Kasten enthielt indessen nichts weiter als allerlei Sand-, Stein- und Geröll-Proben aus den Minen, und sein Träger war der Agent von Landbesitzern in dem Bezirk der Goldgräberei. Meine Herren Begleiter versicherten, daß dergleichen Proben oft mit großer Kunst angefertigt würden, um bemittelte Neugierige hinter das Licht zu führen und ihnen das Geld aus der Tasche zu ziehen. Selbst meiner Unerfahrenheit schien es höchst verdächtig, daß an jedem Stück das gediegene Gold stets an einer sich vortheilhaft präsentirenden Stelle zu Tage trat. Wir kamen rechtzeitig zum Diner in unser Hotel und brachten, Dank der unvergleichlichen Seeluft, einen tadellosen Appetit dazu mit. An zwei in der Längenrichtung des Saales gedeckten Tafeln saßen: rechts die Damen , links vom Eingange die Herren . Nach der Landessitte von einander getrennt, haben Erstere das Vorrecht, begünstigte Gentlemen zur Tafel ziehen, d. h. an ihren Tisch einladen zu können. Seitwärts von jeder dieser Tafeln ist noch ein Eingang, der von außen durch Inschriften 191 »für Herren«, »für Damen« bezeichnet wird. Herrschte die Sitte anderer Völker, das Mahl durch lebhafte Unterhaltung zu würzen, auch bei den Nordamerikanern, so müßte man sich über die grundsätzliche Trennung der Geschlechter beklagen; die Hast, mit der man hier zu Lande die Mittagskost verschlingt, fast sollte ich sagen: hinabwürgt, denn so Mancher erübrigt kaum so viel Zeit, die Speisen zu kauen, läßt den Gebrauch gleichgiltig erscheinen. So weit meine Beobachtungen reichen, übereilen sich alle jene Geschöpfe, welche der Mensch zur Arbeit sich dienstbar gemacht hat, nicht bei ihrer Mahlzeit. Wird das Pferd, der Ochse dabei nicht gestört, so brauchen beide reichlich anderthalb Stunden; in Zisco genügen zehn Minuten. Während des Diners herrscht eine nahezu unheimliche Stille. Sie wird höchstens durch einen Yankee, der die neusilberne Gabel, einen Novizen von Kellner, der eine Assiette Nieren à la Washington zu Boden fallen läßt, unterbrochen. Den befremdlichen Eindruck der Abfütterungsscene erhöht ein magisches Dämmerlicht, denn die langen dunkelblauen Gardinen werden vor Beginn des Mahles dicht zugezogen. Zwei Gäste bedient immer ein gentlemännisch gekleideter Kellner im schwarzen Frack, mit weißer Cravatte. Die ausgezeichnete Kost und die Vielseitigkeit des Koches habe ich schon gerühmt; Fleisch, Fische und Gemüse sind ihrer Qualität nach gleich ausgezeichnet. Wir schreiben den 27. April, und doch kommen täglich riesige Spargel und sogenannte Humboldt-Kartoffeln, grüne Erbsen, Erdbeeren und Himbeeren auf den Tisch. Neben den Finessen der französischen Küche erscheinen auch Nationalgerichte, die wohl verdienten, in Europa acclimatisirt zu werden. Zu den größten Delikatessen gehört eine Milchsuppe mit Austern, doch wollte es mir nicht gelingen, den Koch zur Mittheilung seines Receptes zu bewegen. Zum täglichen Dessert gehörten: kalte Bratäpfel mit Sahne. Am meisten wundert sich der Norddeutsche über die Enthaltsamkeit der Nordamerikaner von geistigen Getränken bei Tisch. Unter zwei- bis dreihundert Personen trinken nur einige Wenige eine halbe Flasche Medoc, die Uebrigen stillen ihren Durst mit Milch. Zwischen zwei Personen steht außer der unvermeidlichen Schale mit Syrup eine zierliche Kanne, gefüllt mit dem ersten Getränk unserer Jugend. Es wird ungemischt oder »halb und halb« mit Eiswasser getrunken. Auf meine Frage nach dem Grunde dieser Entsagung antwortete man mir, daß die Gentlemen schon im Laufe des Vormittags des Guten so viel zu thun pflegten, daß ihnen nichts mehr übrig bliebe. Dessenungeachtet habe ich nie einen betrunkenen Yankee gesehen, freilich aber auch keinen, der vollkommen nüchtern gewesen wäre. Nach aufgehobener Tafel ziehen sich die Damen in ihre Gemächer zurück, ein schmerzlicher Verlust für die Herren; der Nordamerikaner verträgt ihn leichter, als man vermuthen sollte. »Zeit ist Geld«, und ein kluger Eingeborener braucht jede Minute, um sie zu versilbern, oder zu vergolden. Fortwährend giebt es, um den beliebtesten Nationalausdruck anzuwenden, etwas zu fixen . Der Maler fixt ( fixed ) ein Bild, der Baumeister ein Haus, der Koch ein Gericht, der Hausknecht fixt die Kleider; das handliche Verbum umschließt den Begriff aller erdenklichen menschlichen Thätigkeiten. Ein gleich tiefsinniges Adjectivum ist das Wort » smart «. Es bezeichnet den annähernd 193 höchsten Grad der Vollendung im Handels-Sport. »Smart« ist, wer ein schlechtes Pferd oder ein invalides Schiff für schweres Geld mit guter Manier an den Mann zu bringen weiß, unter Umständen wird aber der Staatsmann und Feldherr gleichfalls »smart« genannt. Louis Napoleon hat nach dem Austrage der mexikanischen Angelegenheit unzweifelhaft dieses schmeichelhafte Epitheton in Amerika eingebüßt . Der Yankee bedarf nicht nur ausgezeichneter Geisteskräfte, sondern auch unausgesetzter Thätigkeit, wenn er die zahllosen Verpflichtungen eines Hausherrn und Familienvaters erfüllen will. Nordamerika ist das Paradies der Frauen; ob es die Hölle der Männer ist, mögen Andere entscheiden. Viele wirthschaftliche Functionen, denen sich kein Europäer unterziehen würde, wenn er nicht die kostspieligen weiblichen Dienstboten zu bezahlen vermag, liegen dem Manne ob; die Frau Gemahlin krümmt, auf die großstädtische Sitte gestützt, keinen Finger. Der Ehegatte wäscht und kleidet Morgens die Kinder, er geht oder reitet mit dem Korbe auf den Markt und kocht Kaffee, besorgt den Tag über sein Geschäft und verdient Geld; Abends führt er die Kinder oder Mistreß' Schooßhund spazieren. Ob er für die Ausbesserung und Reinigung der Wäsche Zeit übrig behält, vermag ich nicht anzugeben. Die Kosten der Wäsche, wenn man sie außer dem Hause säubern läßt, sind beinahe unerschwinglich. Für Taschentücher, Hemden, Strümpfe, Leibbinden und Halskragen zahlt man Stück für Stück zwei bis drei Bits, das heißt zehn bis fünfzehn Silbergroschen. Noch vor wenigen Jahren standen die Waschpreise so hoch, daß man eben so 194 weit kam, wenn man ein schmutzig getragenes Hemde auf die Straße warf und ein neues kaufte, als wenn man es reinigen ließ. Damals machte mancher »smarte« Yankee ein gutes Geschäft mit dem Einsammeln der weggeworfenen Shirtinghemden. Er sandte sie nach China, ließ sie dort für den sechsten Theil dessen, was in San Francisco dafür gefordert wurde, reinigen und verkaufte sie später als neu. Die Wäscher ließen sich damals für jedes Hemde einen Dollar bezahlen. Die Preise sind zwar beträchtlich gesunken, doch schicken große Haushaltungen ihre schmutzige Wäsche noch immer nach Panama, Acapulco und den Sandwichinseln. Der Höflichkeit der Bewohner von San Francisco vermag ich kein Lob zu ertheilen. Der Verstoß gegen die gute Sitte sei noch so groß; Niemand bittet um Entschuldigung. Ob der Yankee dem Vorübergehenden auf den Fuß tritt oder ihm mit der Spitze des Regenschirms ein Auge ausstößt, er rennt lautlos weiter. Niemals habe ich einen von ihnen lachen gesehen. Desto heiterer und lebenslustiger sind die Frauen und Mädchen, nur bleiben die gewählteren Kreise der Hauptstadt begreiflicher Weise dem Fremden, wenn er nicht die besten Empfehlungen mitbringt, unzugänglich, und ein wenig tiefer hinabzusteigen und Bekanntschaften anzuknüpfen, wird Niemandem gelüsten. Die Zudringlichkeit der weiblichen Bedienung hat mich sogar aus mehreren Bierhallen vertrieben. Die Lagerbier-Mamsells wissen sich immer zu einem Glase Wein oder Limonade zu verhelfen, dessen Kosten der Gast zu tragen hat. Es ist selbst unmöglich, an öffentlichen Orten, wie in 195 Conditoreien und Speise-Salons, sich anständigen Frauen zu nähern und eine flüchtige Unterhaltung anzuknüpfen. Ueberall sind ihnen besondere Eingänge mit der Ueberschrift »für Damen« eingeräumt, die für uns hermetisch abgesperrt bleiben. 196 XIV. »Pallas« auf der Todtenliste. Minenstiefel und Strümpfe. Die Frühlingshose von Papier. Californischer Humbug. Meisterwerke der Malerei in Kneipen. Doctors' Shop. New-Yorker Preise. Keine Haare mehr! Hotel Ruß, ein Zellengefängniß. Ein phrenologischer Arzt. Die italienische Oper und Ernani in San Francisco. Statt Bouquets: Dollars. Tell's Geschoß. Die Gitterloge der Loretten. Goldgräber im ersten Range. Dem schlechten Straßenpflaster San Francisco's halten mehrere Eisenbahnen das Gegengewicht. Sie laufen in den verschiedensten Richtungen durch die Hauptstraßen der Stadt und erleichtern den geschäftlichen Verkehr der Einwohner außerordentlich; der Reisende, dem zunächst an der Freiheit seiner Bewegung liegt, bedient sich ihrer mit geringerem Vortheil. Die erwähnten Schienenstränge werden mit Locomotiven und Pferden befahren. In dem Frühstückslokale, das ich an einem der letzten Tage des April besuchte, wurde ich durch eine eigenthümliche Zeitungsente überrascht. Auf der Schiffs-Todtenliste des Blattes stand unsere »Pallas.« Wie ich schon bei Gelegenheit der poste restante- Briefe bemerkt habe, macht man mit Correspondenzen, Menschen und Schiffen in San 197 Francisco kurzen Prozeß. Der Schnellsegler, der nach uns von Hongkong abgesegelt, aber lange vor uns in Amerika angelangt war, hatte das Gerücht verbreitet: die »Pallas« sei verloren gegangen, und die Redaction, ohne nähere Erkundigungen einzuziehen, Schiff, Ladung und Mannschaft zu den Todten geworfen. Ich gerieth, da die Nachricht unangenehme Folgen haben konnte, auf den Gedanken, die im Hafen liegende »Pallas« aufzusuchen und den Capitän zu einer Berichtigung des Falsums zu veranlassen, aber es gelang mir schlechterdings nicht mehr, in dem Gewühl der Fahrzeuge aller europäischen Nationen das unscheinbare Schiff aufzufinden. Auf dem Rückwege durchkreuzte ich das Viertel der Seemannskneipen und glaubte mich bei der Lectüre mancher Schilder nach Hongkong zurückversetzt. Ueberall wurde auf den Geldbeutel des Matrosen speculirt, der eben »ausgezahlt« worden war. Vornehmlich wurden Gegenstände angepriesen, deren die Goldgräber bedürfen; die Annoncen und an den Schaufenstern ausgestellten Fabrikate glichen zum Theil Aufforderungen zum Desertiren. Ein Schild pries »Minenstrümpfe« an; dicht daneben wurden »Minenstiefel« feilgeboten; die dicken Sohlen schienen aus Elephantenhaut angefertigt. Die kolossale Fußbekleidung ermunterte einen thatkräftigen Mann förmlich zur Goldgräberei. Junge, reichlich mit Geld versehene Seeleute sind zu Neuerungen in ihrer Garderobe geneigt; dies erhellte aus dem Laden eines Modisten, der Elegants von der Marine die neuesten Beinkleider der Saison anempfahl. Am Schaufenster hing ein Muster des geschmackvollen Kleidungsstücks. Die »Frühlingshose« – denn der geniale Erfinder unterschied zwischen ihr und der »Sommerhose,« 198 als einem, zu höherer Reife entwickelten Garderobegegenstande – war vorläufig nur aus Papier angefertigt, konnte aber nach Versicherung des Kleiderfabrikanten sofort in Stoffen realisirt werden. Der Jahreszeit und der Farbe der sich entfaltenden Vegetation entsprechend, von welcher man sich freilich nicht an der Küste, sondern erst im Innern des Landes überzeugen konnte, war die Frühlingshose saftgrün , eine delikate Farbe für Herren, welche nie aufhören, Tabak zu kauen, und sich damit belustigen, den gewonnenen Saft umherzuspritzen. Wenige Schritte weiter stand mitten auf dem Bürgersteig, wenn ich die brüchige Bretterlage so nennen darf, ein alter, zur Disposition gestellter, Hut. In dem Glauben, er sei durch Zufall dahin gerathen, wollte ich ihn durch einen Fußstoß entfernen, that mir dabei aber so weh, daß mir ein lauter Schmerzensschrei entfuhr. Der Hut war nur ein californischer Matrosenscherz, und unter demselben ein schwerer zackiger Stein verborgen gewesen! Mit welcher Frechheit das Publikum in den hiesigen Läden geprellt wird, sollte ich zu meinem eigenen Schaden kennen lernen. In dem feuchten Wetter der letzten Monate, insbesonders der Seereise, waren meine Rasirmesser so verrostet, daß sie ihre Dienste versagten und ich mich mit neuen versehen mußte. Der Laden, in dem ich sie kaufte, sah vielversprechend aus, als ich mich aber derselben bedienen wollte, schnitt weder das eine, noch das andere; es fehlte nicht viel, so hätte sich die Schneide an den Bartstoppeln umgelegt. Voller Ingrimm trug ich die Messer zurück, zeigte dem Verkäufer die Spuren des ersten Rasirversuches an den Klingen und bestand auf einem Umtausch; was 199 antwortete mir der Spaßvogel? Er zuckte fein lächelnd die Achseln und lispelte: »die Messer seien allerdings nicht zum Rasiren angefertigt, sondern nur – zum Verkaufen! « Ich war betrogen. Glücklicherweise hatte ich mich noch nicht mit jener vielgepriesenen Rasirseife versehen, die nicht allein die Eigenschaft besitzt, den Teint zu verschönern, sondern auch nach jedesmaliger Anwendung die Messer zu schärfen . In den Zeitungen, der »tägliche Demokrat«, »die Welt«, »der Globus«, die Sonne«, »der Stern«, »die Goldberg-Zeitung«, werden fast täglich Auctionen von Meisterwerken altitalienischer Malerei angezeigt. Der Auctions-Commissarius wirft mit den Namen Raphael, Tizian, Rubens, Vandyk, u. a. um sich, und die Waare findet reißenden Abgang. Sie verdient diesen Namen, denn sie wird von einem, in England lebenden Maler-Proletariat fabrikmäßig zusammengeschmiert, um den künstlerischen Bedarf der hiesigen Kneipen zu decken. Hinter jedem »Bar« (Ladentisch) in jeder Bierhalle, begegnet man einem sechs Schuh hohen, sieben Schuh breiten Oelgemalde der Potiphar und des flüchtigen Joseph, der Kleopatra, Leda oder Danae, der schlummernden Venus oder irgend einer mythologischen Schönheit, deren bewegtes Leben Veranlassung bot, die Kunst der Carnation zu entwickeln und die Heldin in verführerischen Stellungen zu zeigen. Mit der californischen Kunstkennerschaft ist es nicht weit her; in San Francisco kann man eine »fehlerfreie« Madonna von Raphael (Ausdruck eines Auctionskatalogs) schon für zwei Pfd. Sterling und zehn Shilling haben. Es kann mir nicht einfallen, nach dem unvergleichlichen 200 Buche des großen Barnum über den »Humbug« Erörterungen hinzuzufügen, die einem Denker von dieser Tiefe gegenüber dem Vorwurf der Oberflächlichkeit nicht entgehen würden; ich beschränke mich auf Anführung von Thatsachen. In Europa schreiten die Verkäufer von Geheimmitteln noch in den Kinderschuhen einher; hier stoßen Doctoren und Quacksalber in dieselbe Trompete. Dr. C. G. Lewes u. Comp. kurirt in seinen »medicinischen Privat-Apartements« jede beliebige Krankheit » in no time «, soll heißen: in kürzerer Zeit, als irgend einer seiner Herren Collegen. Dr. Lewes muß außerordentlichen Zulauf gehabt haben, oder das Leiden, gegen welches sich seine Fixkur so glänzend bewährt, ist in San Francisco ungemein verbreitet, denn in einem ferneren Aushang benachrichtigt er seine verehrten Kunden: »er curire zu herabgesetzten Preisen.« Auf Vornehmheit des Auftretens halten die hiesigen Doctoren nicht sonderlich. Der Arzt empfängt die Lauf-Patienten nicht in seinem Sprechzimmer, sondern im Shop , d. h. im Laden. Die Anfertigung der Arzneien fällt hier mit den wissenschaftlichen Befugnissen der Heilkünstler zusammen, und jeder von ihnen unterhält im Erdgeschoß eine Boutique, in der die verordneten Medicamente sogleich dispensirt und gegen baaren Entgelt ausgehändigt werden. Der Kranke entgeht dadurch sehr vielen verdrießlichen Weitläufigkeiten, doch ziehe ich die vaterländische Trennung des Doctors und Apothekers unbedingt vor. In der Jackson-Straße Nr. 225 kurirt ein Medicus unentgeltlich ; er ist mit dem Ertrag des Arzneiverkaufs zufriedengestellt. Danach wird man sich einen Begriff von der reichen und kostspieligen Composition seiner Recepte machen können. Ich erinnere 201 mich bei dem Anblick dieses Schildes des Doctors in einer kleinen Ostseestadt, der dem Apotheker des Ortes in die Hände arbeitete und mir gegen einen leichten katarrhalischen Anfall ein neun Zoll langes Recept verschrieb, das mit einem Thaler achtzehn Silbergroschen honorirt werden mußte. Andere Aerzte empfehlen sich dem Publikum durch New-Yorker Preise. Sie sind also nicht theurer als die Doctoren in der ersten Stadt der Vereinigten Staaten. Vor manchem »Doctor-Shop«, auch wohl an der nächsten Straßenecke, hängt das lithographische Portrait des betreffenden Hippokrates. Auf Dr. Adams u. Comp. Schilde steht wörtlich: »Keine Zahnschmerzen mehr! Keine Hühneraugen mehr! Keine Haare mehr! ich sage: keine Haare mehr! denn ich verhindere die Hinterbliebenen am Ausgehen! « Dieser originellen Wendung bin ich öfter begegnet. Ein anderer Charlatan empfahl seine Haarerhaltungs-Essenz folgendermaßen: »Hunderttausend Dollars Demjenigen, der mir beweist, daß nach meinem Sellerie-Extract Haare wachsen . Nun und nimmermehr sollen nach meinem unsterblichen Mittel Haare wachsen; ich will nur die alten Haare erhalten! 1 Dollar only the flacon! « Wenn ich von meinen ermüdenden Spaziergängen gegen Mittag in das Hotel »Ruß« zurückkehre, empfängt mich die Stille eines Gottesackers. Alles im Hause ist musterhaft eingerichtet, und doch vermag ich nicht, mich vollkommen heimisch zu fühlen. Ich kann die Schuld nur auf die Bauart und die Gewohnheit der Insassen schreiben. Das Innere des Hotels hat unverkennbare Aehnlichkeit 202 mit dem Moabiter Zellengefängnisse. In den isolirten Gemächern herrscht dasselbe System des Schweigens, ich fühle mich wahrhaft erleichtert, wenn ein vorübergehender Engländer » God save the Queen, « oder ein Amerikaner » Yankee doodle « auf dem Corridor mißtönend pfeift. Leider thun die Herren mir nur selten den Gefallen, gewöhnlich schleichen sie auf den weichen Teppichen, wie zum Tode verurtheilte Missethäter, lautlos in ihre Zellen. Selbst die schönen Nordamerikanerinnen sind in ihren Gemächern schweigsamer als ihre europäischen Schwestern unter ähnlichen Umständen. Nur äußerst selten erschallt der Ruf einer silbern klingenden Stimme nach Mary oder Polly , den Zimmermädchen. Gleiches Schweigen herrscht nach dem stumm verzehrten Diner im Zeitungslesezimmer. Als ein ältlicher Herr ziemlich vernehmlich eine Havannah-Cigarre forderte, fuhr ich von meinem Sessel empor. Am liebsten flüchte ich, da das herrliche Wetter unaufhörlich dazu verlockt, nach dem Mahle ins Freie. Man findet, wenn auch in ganz anderer Hinsicht, immer eine eben so mannigfaltige Unterhaltung, wie auf den Pariser Boulevards. Nach Mr. Jenkins u. Comp. , der in einem der Tageblätter seine Kurmethode anempfohlen hatte, stellte ich ordentliche Recherchen an; es gelang mir nicht, den Wundermann zu ermitteln. Mr. Jenkins bot dem Publikum in der Anzeige nämlich seine thierisch-magnetisch-sympathetischen Kräfte zur Benutzung an. Er machte sich anheischig, ohne Anwendung irgend welches inneren oder äußeren Heilmittels, nur durch Auflegen seiner Hand, höchstens durch sanfte magische Striche, Leib-, Kopf- und Zahnschmerzen unverzüglich zu vertreiben. 203 Darunter stand in Parenthese: moderate prises . Gar gern hätte ich mich einer so gefahrlosen Behandlung meines Kopfschmerzes anvertraut, der, in den Tropengegenden entstanden, nicht von mir weichen will, mich zu Wasser und zu Lande verfolgt. Der etwas zerstreute Magier hatte seine Wohnung in der Zeitung nicht angegeben, und es wollte mir nicht gelingen, sie auszukundschaften. Statt seiner fand ich den Shop eines Phrenologen. Rechts und links vom Eingange hingen große Abbildungen der Organe des menschlichen Schädels. Im Auftrage des Gelehrten war der zeichnende Künstler so handgreiflich als möglich geworden. Ein ordentliches Genrebild füllte jede dieser Zellen. In dem Organe für »Familienglück« erblickte man den Hausvater im Kreise der theuren Angehörigen. Die Rumflasche ging um, und der Brotherr war eben beschäftigt, den abendlichen Labetrunk für das jüngste Küchlein zu mischen. Ein hervorragendes Organ für »Bürgerwohl« enthielt eine Tribüne und auf ihr einen hitzig gesticulirenden Redner. Der Eifer des Mannes war durch herabrinnende Schweißtropfen von Erbsengröße charakterisirt. Um den »Kleinkindersinn« werkthätig darzustellen, ließ der Künstler, wie auf dem Pferde der Haimonskinder, auf dem Rücken seines Helden mehrere Knäblein reiten; im Hintergrunde flatterten Windeln auf der Leine. In der Abbildung des »Musiksinnes« stand ein Klavier, auf dem ein bärtiger Mann eine junge Dame zum Gesange begleitete. Der Zweck des phrenologischen Arztes war nur, Gläubige für sein Heilverfahren zu gewinnen. Er leitete alle Krankheiten des Leibes und Geistes aus Mißverhältnissen zwischen den einzelnen Anlagen des Individuums her und schien sich, wenn 204 ich die Tendenz mancher Bilder nicht falsch deute, selbst auf die Kur von chronischen Uebeln einzulassen, deren Behandlung wir nicht den Doctoren der Medicin, sondern denen beider Rechte anheimstellen. Im »Diebssinn« sah man einen Mann mit dem Schlosse eines Arnheim'schen Geldschrankes beschäftigt; daß er nicht der Eigenthümer war, erhellte aus einem Galgen, den man durch das offene Fenster des Comptoirs erblickte. Eine echt amerikanische Einrichtung, die man auch hie und da in London und Paris nachgeahmt hat, sind die eigenthümlichen Frühstückssalons. Je nach der Stadtgegend und dem Publikum, auf das der Wirth zu rechnen hat, fordert er für das Glas geistigen Getränkes ein oder zwei Bits (5 oder 10 Sgr.). Der Gast kann jede der vorhandenen Weinsorten, selbst Champagner, verlangen, doch erhält er immer nur ein dem Preise jeder Flüssigkeit entsprechendes Quantum. Auf der »Bar« steht eine Menge pikanter Gerichte, deren sich Jeder, und zwar unentgeltlich , als Imbiß bedienen kann. Im Interesse des Institutes liegt es daher, bei ihrer Zubereitung für durstreizende Zuthaten zu sorgen. Um aber den Mißbrauch der Gottesgaben von Seiten unverschämter Schlemmer zu verhüten, ist in den Salons der Bequemlichkeit nirgends Vorschub geleistet. Innerhalb der leeren Wände befindet sich außerhalb der »Bar« kein Stuhl, kein Tisch, um einen Teller, ein Glas daraus zu setzen, nicht einmal eine vorspringende Leiste unterstützt den Hungrigen, der einen Bissen gemächlich verzehren will. Die Unternehmer aller dieser Locale sind große Menschenkenner und wissen, daß das Werk der Ernährung und der gastrosophische Genuß körperlicher Ruhe 205 bedarf, weshalb auch die classischen Alten ihre Mahlzeiten in liegender Stellung einzunehmen pflegten. Unsere Altvorderen wußten sehr wohl, was sie thaten, wenn die Lehrjungen in den Familien der Gewerksmeister ihr Mittagessen am Tische stehend verzehren mußten. Der Respekt vor dem Chef des Hauses wurde dadurch unterstützt und die Ernährung der Knaben in finanziell erträgliche Grenzen gebannt. San Francisco besitzt, wie andere Weltstädte, seine italienische Oper , doch dürften die Impresarien der Salle Ventadour ihr schwerlich durch hohe Anerbietungen eines ihrer Mitglieder streitig machen. Bei meinem ersten Besuch wurde »Ernani« von Verdi aufgeführt. Das Personal war über die Jahre hinaus, in denen nach dem Sprichwort das Erkenntnißvermögen der Schwaben zur vollen Reife gelangt. Die continentale Carrière aller Sänger war beendet, doch schien die artistische Nachlese noch der Mühe zu verlohnen. Der Besuch der Oper entsprach der Einwohnerzahl der Stadt und der Beifall ihrer Wohlhabenheit. Ich sage absichtlich nicht »ihrem Kunstgeschmack«. In diesem, reich mit Gold gesegneten Lande begnügt sich der Zuhörer, wenn der Sänger, Tänzer oder Schauspieler seinen Beifall erwirbt, nicht mit werthlosem Beifallsklatschen, Hervorrufen oder Blumenspenden, er giebt solidere Beweise seiner Zufriedenheit und wirft Dollarstücke auf die Bühne. Wer Glück und Talent besitzt, kann sein Spielhonorar somit erheblich erhöhen. Eine beliebte Tänzerin wurde zweimal hervorgerufen und jedesmal mit Dollars überhäuft. Schließlich artete der Beifall in einen wahren Silberregen aus. Die Californier wissen die Geldstücke sehr geschickt, 206 wie die von Knaben über eine Wasserfläche geschleuderten Kiesel flach zu werfen und jede Verletzung zu verhüten. Zuweilen wird von dieser Wurffertigkeit eine minder banquiermäßig chavalereske Anwendung gemacht. So sah ich in einem kleinen Theater, dessen Publikum mit wenigen Ausnahmen nur aus Strauchdieben und ähnlichem Gelichter bestand, ein Schauerdrama im Genre des »Kuno von der Marterburg« oder »das blutige Haupt des Schwiegervaters«. Der schwarzsammtne, rothgeschlitzte Intriguant hatte das Unglück, sei es durch die von ihm verübten Greuelthaten, sei es durch sein schlechtes Spiel, den Unwillen der Zuschauer zu reizen. Sie griffen zu Aepfeln, Orangen und anderen Südfrüchten und eröffneten ein Kreuzfeuer. Die Vorstellung war unterbrochen, der bombardirte Bösewicht jedoch nicht der Mann, ohne hartnäckige Vertheidigung seine theatralische Position zu räumen. Unerschütterlich las er das Obst vom Boden auf, biß in einen Apfel und beantwortete den Angriff mit mehreren Würfen, die an den Meisterschuß des Tell erinnerten. Zwei Plätze rechts von mir, neben meinem Begleiter, einem jungen Consularbeamten aus Deutschland, stand ein spanischer schwarzer Krauskopf, der sich mit leidenschaftlichem Eifer an dem Bombardement betheiligt hatte. Diesen ersah sich der Bösewicht zu einem abschreckenden Beispiel. Er traf des Schreiers Stirn mit einem faulen Apfel so genau und gewaltig, daß das unsaubere Compott weit umherflog und der Schwarzkopf vor Schreck in die Knie sank; das war Tells Geschoß. Ein höllisches Gelächter brach aus und das Schußgefecht war beendet. Ich kehre zur Ernani-Vorstellung zurück. Der Bassist war ihr Matador und der Liebling des 207 Auditoriums. Sobald er einen seiner kräftigen Contratöne ausstieß, suchte das Publikum ihm nachzuahmen, und man glaubte bei dem tiefen Gebrumm im Hause unter eine Heerde grauer Bären gerathen zu sein. Seiner Natur und dem dunklen buschigen Haarwuchs nach glich der Sänger dem Oger des Mährchens. Der erste Tenorist, ein beleibter Herr, der bei der guten Küche unseres Hotels sichtlich gedieh, stieß, wenn schon nicht beim Essen, so doch beim Singen, fortwährend mit der Zunge an. Gefährlicher, als der mörderische Ton des Hornes seines unversöhnlichen Gegners, dem Ernani ein so stattliches Geweih aufgesetzt, schien mir die eigene Stimme des Banditen für eine naturgemäße Lebensdauer. Fortwährend fürchtete ich, er könne bei den fürchterlichen Anstrengungen, den widerstrebenden Ton zu treiben, in seinem Fett ersticken. Die Primadonna mag, als sie noch über eine Stimme verfügte, eine große Gesangsvirtuosin gewesen sein; in den Jahren, die dem Menschen nicht gefallen, kam nur noch ihr Körpergewicht in Betracht. Mehr als die Vorstellung unterhielt mich die Zuschauerschaft und ihr Benehmen. Die Parquetplätze sind im Verhältniß zu den Logensitzen sehr billig, und ich trug anfangs an der Kasse Bedenken, einen solchen zu lösen. Auf meine Frage, ob ich, falls der Platz mir nicht gefiele, das Billet zurückbringen könne? hatte der Kassirer geantwortet: »Freilich könne ich es zurückbringen, doch dürfe er mir weder ein anderes, noch das Geld zurückgeben.« Ich behielt also stillschweigend meinen Platz und saß weit genug in der Mitte des Saales, um nicht unter dem abscheulichen Gebrauch zu leiden, der das hiesige Parquet in Mißcredit gebracht und 208 die Preise herabgedrückt hat. Die glücklichen Goldgräber sitzen nämlich in rothwollenen Hemden, oft wie sie mit allen Taschen voll Goldstaub aus den Minen kommen, im ersten Range , hängen die Beine über die Brüstung und spucken, nicht aus üblem Willen, sondern nach ihren gemeinen Gewohnheiten, gedankenlos ins Blaue und ins Parquet hinunter. Sehr auffallend waren ferner einige leichtvergitterte, käfigartige Parquetlogen, in denen nur Demi-Monde-Damen saßen, reizende Creolinnen, die unverhohlen mit der Umgebung kokettirten. Trotz der Sittenlosigkeit des öffentlichen Lebens von San Francisco werden Frauenzimmer dieser Art im Theater nur an diesen eximirten Plätzen geduldet. 209 XV. Geschäftsportionen. Militärische Titel. Lauter Sand. Fahrende Photographen. Californischer Caviar. Das Musikantenkind. Feuerwehr und Turner. Die Localposse in San Francisco. Unsere schwarzen Brüder. Spielhöllen mit Fallthüren. Die Quecksilberminen von St. Jose. Mission Dolores. Tippins und Parker. Das Wetter bleibt anhaltend schön; ich dehne folglich meine Spaziergänge bis in die Umgegend der Stadt aus, wo die reichen Einwohner sich in zierlichen kleinen Villen angesiedelt haben und ihre freien Abende und Sonntage zubringen. Die Wochentage sind ausschließlich dem Geschäft gewidmet, und nichts könnte die Ortsangehörigen veranlassen, um diese Zeit der Stadt fern zu bleiben. Der Nordamerikaner hat das englische » time is money « in um time ist every thing gewandelt, und regelt nach diesem Axiom sein ganzes Leben. In San Francisco ist Alles geschäftsmäßig eingerichtet, sogar die gelegentlichen Erfrischungen. Unsere Restaurants und Ladenbesitzer unterscheiden auf ihren Speisekarten und Preiscourants zwischen englischen und deutschen Beafsteaks, Havannah- und Bremer Cigarren, fremden und hiesigen Bieren, der Californier 210 verzeichnet unter einer besonderen Rubrik: Geschäfts-Beafsteaks, »Geschäfts-Cigarren« und Geschäfts-Seidel. Sie sind beträchtlich kleiner als die gewöhnlichen, billiger und für den hastigen Verzehr berechnet. Von dem, zwischen den Nord- und Südstaaten wüthenden Kriege ist San Francisco unberührt geblieben. Durch Zahlung einer unglaublich hohen Summe hat sich die Stadt von der Conscription befreit, und wir leben hier, von Privathändeln abgesehen, in Ruhe und Frieden. Der kriegerische Zeitgeist offenbart sich nur in der bemerklichen Vorliebe für militärische Titel. Der Amerikaner, sobald er genöthigt ist, mit einer ihm unbekannten Person ein Gespräch anzuknüpfen, sucht, nach Art des Deutschen, bei der Anrede durch Ertheilung eines beliebigen Titels auf die Gesinnung des Fremden günstig einzuwirken. Wir begehen in unserem Vaterlande nur selten einen Irrthum, wenn wir den Unbekannten als Hofrath, Geheim-Secretair, Commissionsrath u. dergl. m. anreden; hier benutzt man gern die militärischen Grade. Je nach dem Kostüm, dem Alter, Gange und Schnitt des Haares oder Bartes wird man als »Capitän«, »Major« oder »General« angeredet. Ich darf mir wohl etwas darauf zu Gute thun, daß man mich überall »Major« titulirt, und bemühe mich eben deshalb, meinen Schnauzbart der Charge entsprechend etwas martialischer, als sich für Künstler schicken will, zuzustutzen. Vor fünfzehn Jahren, zur Zeit einer friedlicheren Strömung, oder eines minder herausfordernden Aussehens von meiner Seite, nannte man mich in Newyork mit derselben Beharrlichkeit »Doctor.« Die lange Seereise hat mich zu sehr verwildert, als daß meine Körperhaltung und 211 Physiognomie noch Anwartschaft auf diese unschuldigste und verbreitetste aller Titulaturen besäßen. So große Mühe ich mir gebe, der Umgegend von San Francisco eine malerische Seite abzugewinnen, gelingt es mir nicht, eine lachende Landschaft, noch weniger aber einen lachenden Menschen anzutreffen. Sandberge, Sandflächen und Sandwege sind das Alpha und Omega der hiesigen Terrainbildung; ernste, gelangweilte Gesichter der Typus der gesammten männlichen Generation. »Wir freuen uns hier nie! « antwortete mir ein deutscher Kaufmann, der jung, gesund, reich, im Besitz einer liebenswürdigen Frau und wohlgebildeter Kinder, mit einem melancholischeren Gesicht aufblickte, als Shakespeare's Timon, da ich ihn aufforderte, sich doch des Lebens zu freuen. Sollte diese, den Gelddurst reizende Atmosphäre alle anderweitigen Regungen des Geistes und des Gemüths im Keime ersticken? Nur unter Frauen und Kindern bin ich heitern Gesichtern begegnet. Von Europäern in Indien, China und Japan habe ich mehrmals ähnliche Antworten erhalten. Allen diesen Ländern fehlt jenes belebende und erhaltende sociale Element, das, wie der Sauerstoff der Atmosphäre, den europäischen Culturstaaten ihre productive Kraft verleiht. Trotz des Zudranges von Abenteurern aus allen Ländern verleugnet sich dennoch nicht die Eigenthümlichkeit des spanischen Geblüts. Am 28. April, auf einem Spaziergange, stieß ich zwar nicht auf einen fahrenden Ritter, aber doch auf einen fahrenden Photographen. Seitwärts an der Landstraße stand ein großer zweiräderiger Karren, dessen Rozinante von einem gut genährten Sancho Pansa eben 212 ihr Frühstück erhielt. Der Karren war mit einem Leinwandzelt bedeckt und glich, aus einiger Entfernung gesehen, den Fahrzeugen der Auswanderer, auf denen sie ihre kleinen Kinder und Habseligkeiten nach den Seehäfen schaffen. Aus der vorderen Oeffnung blickte jedoch ein Gesicht hervor, das eben so wenig mit dem Ritter von der traurigen Gestalt als mit einem europamüden Provinzialbewohner Aehnlichkeit hatte. Der gleichfalls mit körperlicher Fülle gesegnete Besitzer des Karrens lächelte mir so zuvorkommend entgegen, daß ich nicht der Versuchung widerstehen konnte, ein Gespräch mit ihm anzuknüpfen. Das Leinwanddach war über und über mit photographischen Blättern behangen, denn der fliegende Geschäftsmann war » View artist, Photographischer Ansichten-Künstler.« Der gute Mann schien, da ich eine Zeichenmappe unter dem Arme trug, so etwas wie einen Collegen in mir zu wittern, und wiederholte, nachdem er seinen Beruf eingestanden, mit immer heftigeren Worten: »Er fordere Jeden heraus, es mit ihm aufzunehmen, er fertige Portraits an, Ansichten von Goldminen, Sommerwohnungen und Grundstücken; er schrecke, wenn es eine Bestellung gelte, nicht vor dem weitesten Wege zurück.« Sobald ich ihn beruhigt und seine anfängliche Furcht vor Concurrenz eingeschläfert, holte er unter dem Verdeck sein photographisches Material hervor; der Karren war zugleich Salon, Atelier und Schlafcabinet für ihn und seinen Amanuensis. Um zwölf Uhr Mittags stattete ich dem preußischen Consul, Herrn Haußmann , einen Besuch ab und zog Erkundigungen ein über die Dampferlinien zwischen San Francisco und Panama. Der Landsmann war seit vierzehn 213 Tagen mit einer schönen Engländerin verheirathet, anscheinend hoch erfreut, an mir einen Zeugen seines häuslichen Glückes zu finden, und drang so lange in mich, bis ich versprach, zwei Tage darauf das Diner bei ihm einzunehmen. Nur machte ich zur Bedingung, ein paar Stunden vor Tisch kommen und eine Aquarelle anfertigen zu dürfen. Die Lage des Hauses war äußerst vortheilhaft und gestattete einen Fernblick über die herrliche Bay von San Francisco mit dem Teufelspick und den Ziegeninseln im Hintergrunde. Auf dem Rückwege in das Hotel Ruß nahm ich das prächtige Lokal des ersten Restaurants der Stadt, eines Deutschen, in Augenschein, und gestattete mir den Genuß einer Portion californischen Caviars, deren Preis ich indeß, aus Furcht, von meinen Angehörigen nachträglich für einen Verschwender erklärt zu werden, weislich verschweige. Aber selbst hier war man nicht vor Anfechtungen sicher. Ein kleines hübsches Mädchen machte mit einem Notenblatte die Runde an allen Tischen und bat als »armes italienisches Musikantenkind« um Honorar für ihren Vater, der draußen die Drehorgel »spiele.« In meiner Nähe nahmen zwei Feuermänner zu meinem gerechten Erstaunen, sie an einem so eleganten Orte zu finden, ihr Dejeuner ein. Die Herren mochten die Ursache meiner Verwunderung durchschauen, denn der Jüngere trat an meinen Tisch und fragte, ob ich an dem bevorstehenden »Firemens Ball« theilnehmen wolle, in diesem Falle sei er mit Vergnügen bereit, mir ein Billet zu überlassen. In Betracht des desolaten Zustandes meiner Galla-Garderobe dankte ich mit wohlgesetzten Worten und erfuhr zugleich, daß die Feuerleute und Turner in dem geselligen Leben 214 von San Francisco eine wichtige Rolle spielen, wie denn auch Letztere unter dem Titel »Socialer Turnvereinsball« binnen Kurzem eine ähnliche Festlichkeit veranstalten. Wir trennten uns unter Versicherung gegenseitigen dauernden Wohlwollens, aber nur ungern verschwieg ich dem jungen Feuermann meine gerechten Bedenken gegen die nächtlichen Belustigungen grade seiner Corporation. Nach meiner Ansicht hätte diese ihren Beruf weit besser erfüllt, wäre sie mit demselben Eifer der Löschung der zahlreichen Feuersbrünste beflissen gewesen, die uns in der Woche zwei- bis dreimal bei Nacht aus den Betten schrecken. Meine Abende bringe ich aus Mangel an Bekanntschaften meistens in einem Theater zu. Außer der großen städtischen Bühne, auf der italienische Opern und recitirende Schauspiele gegeben werden, sind mehrere kleinere Häuser vorhanden, in denen umherziehende Truppen die Lokalposse cultiviren. Der »schlimme Schilling« in dieser ist gewöhnlich ein Chinese . Das seltsame Volk hält auch in seinen Auswanderern beharrlich zusammen. Diese bewohnen einen abgegrenzten großen Stadttheil von San Francisco, das chinesische Viertel, mit den heimathlichen Blumenhäusern und Pagoden, und setzen auch diesseits des stillen Oceans ihren höchsten Stolz in die Länge des Zopfes. Es ist begreiflich, wenn sie der Gegenstand des Spottes aller Nationalitäten sind. Nicht wenig mag dazu ihre angeborene Virtuosität in allen möglichen Gaunerstreichen beitragen; in den Lokalpossen läßt man sie dagegen stets aus Haß und Rache den Kürzeren ziehen. Des besseren Verständnisses wegen führe ich eine Probe an. Das kleine Stück war nur ein theatralisches Duett, aber durch die 215 gelungene Nachahmung der Sitten und des Jargons der Chinesen sehr ergötzlich. Es spielte zwischen zwei Personen, einem Arzt und einem Patienten. Ersterer hatte auf seinem Aushängeschilde angezeigt: er kurire jede Krankheit binnen drei Tagen, ohne Anwendung von Arzneimitteln und unter Garantie für die Dauer eines Jahres. Nach einem längeren Selbstgespräch, in dem der Heilkünstler philosophisch auseinandergesetzt: die meisten Leiden der Menschheit beständen nur in krankhaften Einbildungen und ließen sich durch Selbstüberwindung und strenge Ueberwachung heilen, erscheint ein hilfesuchender Patient in des Doctors Shop. Man wird nicht recht klug daraus, ob der chinesische Kranke mehr Hypochonder oder Hanswurst ist; der Doctor jedoch faßt den Fall sehr ernstlich auf. Mit einer unglaublich großen Brille auf der plattgedrückten Nase untersucht er den lamentirenden Ankömmling auf das Gewissenhafteste. Der Puls wird geprüft, so gut wie die Zunge, der Brustkasten sowohl, wie jener Körpertheil, der niemals in Gefahr gerathen kann, durch Einathmen mephitischer Gasarten in seinem Wohlbefinden benachtheiligt zu werden; nach der Diagnose des chinesischen Heilkünstlers erregt der Zustand des Kranken nicht die geringsten Besorgnisse. »Gehen Sie nach Hause«, sagt er mit der nöthigen Feierlichkeit, »entkleiden Sie sich, gehen sie zu Bette und schlafen Sie pünktlich zwei Stunden. Sobald Sie aufwachen, bilden Sie sich ein, gesund zu sein, und kommen morgen wieder zu mir .« Der Kranke befolgt die Vorschrift genau, die Procedur wird unter unbeschreiblichen Possenreißereien drei Tage hintereinander wiederholt; der Patient ist hergestellt und denkt nicht mehr daran, 216 dem Doctor fernere Besuche abzustatten. In der letzten Scene des Stücks begegnen wir diesem vor dem Hause des Patienten, aber die Thür ist verschlossen, und erst nach langem Klopfen wird geöffnet. Der Genesene scheint außer sich vor Freude über den Besuch des Arztes, als dieser jedoch nach dem Honorar fragt, stellt der Kranke dieselben Untersuchungen an, die der Doctor mit ihm vorgenommen, und schließt unter dem schallenden Gelächter des dankbaren Publikums: »Nun gehen Sie nach Hause, entkleiden Sie sich, gehen Sie zu Bette und schlafen pünktlich zwei Stunden. Sobald Sie aufwachen, bilden Sie sich ein, bezahlt zu sein, und kommen Sie nie wieder hieher .« Wie aus Allem erhellt, übertrifft Californien an Theuerung der Lebensbedürfnisse, dafür aber auch an Wohlfeilheit der Witze alle Länder der Welt. Die entzückten Zuschauer bombardirten die beiden Künstler mit Apfelsinen, Dollars und Kautabak, der im Zwischenakt in Körben neben Südfrüchten, sauber in Staniol oder Goldpapier gewickelt, feilgeboten wird. Billig sind selbst diese Winkeltheater nicht, das Billet hatte zwei Dollars gekostet. Meine anfängliche Lust, eine Reise nach dem Minendistrict anzutreten, vermindert sich mit jedem Tage. Das Aussehen der Goldgräber hat wirklich nichts Einladendes. In ihren rothwollenen, geflickten, vorn offenen Hemden, schmutzigen Leinwandhosen, mit einem zerdrückten Calabreser auf dem Kopfe, einem geladenen Revolver im Gürtel und einem zähnefletschenden Bullenbeißer an der Seite, verursachen sie eben so angenehme Empfindungen, wie die Briganten in den Abruzzen. Nach meinem Dafürhalten trägt 217 keiner von ihnen Bedenken, das Gold, wenn er es nicht in der Erde findet, in der Tasche seines Nächsten zu suchen und sich gewaltsam anzueignen. Gleichzeitig fange ich an, die Bildungsfähigkeit unserer schwarzen Brüder in Zweifel zu ziehen. Die erwähnten Bulldoggen betragen sich unter einander weit anständiger. Fast täglich kommt es in den Straßen zu Zweikämpfen zwischen Negern. Beim Beginn jedes Streites rennen sie, wie Stiere und Böcke, mit den dicken Schädeln gegen einander, daß die Knochen dröhnen. Ergiebt dieses Turnier kein Resultat, so tritt ihr natürlicher Bestialismus in seine Rechte. Das Raubthier erwacht in ihnen, sie bedienen sich der Zähne. Oft genug kommt es vor, daß Einer dem Andern die Nase oder ein Ohr, ja ein Stück aus dem Schulterblatt abbeißt. Engländer und Nordamerikaner bilden, wenn Händel sich entspinnen, sogleich einen Kreis, hetzen die Streitenden an und wetten auf den Sieger. Wer dem Gegner das größte Stück Fleisch aus dem Leibe reißt, ist » a brave Fellow « Ungeachtet derartiger Rohheiten ist nach den Versicherungen einsichtiger Landsleute eine Besserung der Zustände von San Francisco unverkennbar. Der Kampf bis aufs Messer, den die Polizeibehörde gegen die Spielhöllen geführt hat, beginnt gute Früchte zu tragen. Aus den Hauptstraßen sind die Spielhäuser sämmtlich verschwunden, sie haben sich in die tiefste Verborgenheit zurückgezogen, und ihre Agenten gehen mit großer Vorsicht zu Werke, wenn sich ein vermeintlicher Neuling um Zutritt bewirbt. Wie man mir erzählte, war das häufige Verschwinden von Menschen die Ursache des energischen Vorgehens der Polizei gewesen. In jenen Spielhöllen, die auf Pfählen weit in 218 die See hinausgebaut waren, hatte man reich mit Gold versehene Spieler erst durch schöne Weiber geködert, dann abseits gelockt, durch starke Getränke bis zur Bewußtlosigkeit betäubt, ihrer Schätze beraubt, und zuletzt durch verborgene Fallthüren in die See gestürzt. Ich habe weder eine dieser Höllen, noch eine der zahllosen »Tanzakademien« aufgesucht, denen von deutschen Kaufleuten ebenfalls nicht viel Gutes nachgesagt wird. Den ersten Mai benutzte ich zu einer Tour nach San Jose. Der kleine, vor wenigen Jahren gegründete Ort ist durch einen Schienenstrang von vierzig englischen Meilen Läge mit San Francisco verbunden und von den Besitzern und Arbeitern der dortigen Quecksilberminen bewohnt. Der Ertrag dieser Bergwerke soll weit reichlicher sein, als der aller Goldminen; demgemäß werden auch die Bergleute bezahlt. Wenn der Tagelohn für den in fremden Diensten stehenden Goldgräber und Wäscher vier Dollars beträgt, ist er hier auf fünf bis sechs Dollars gestiegen. Allerdings wird dabei der nachtheilige Einfluß des Aufenthalts in den Schachten auf die Gesundheit der Arbeiter mit in Rechnung gebracht. Aus demselben Grunde vermied ich einen Besuch des Bergwerks selber und benutzte die wenigen Stunden meines Verweilens zu einer Skizze des Städtchens, in dessen Umgebung mir einige Bäumchen, Lorbeeren und Zwergeichen, eine Augenweide gewährten. Ein anderer kleiner Ort einige Meilen von San Francisco ist die alte spanische Mission Dolores . Der Yankee, mein letzter Tischnachbar im Hotel »Ruß«, in dessen Gesellschaft ich den kleinen Ausflug am nächsten Tage machte, hatte »Mission Dollars« verstanden und war aus allen seinen 219 klingenden Himmeln gestürzt, als bei unserem Rundgange durch das alte Gebäude die armen Patres uns um eine Unterstützung ihres frommen Werkes ansprachen. Nach unserer Rückkehr war noch Zeit genug, der »Pallas«, die ich inzwischen im Hafen ermittelt, noch einen Besuch abzustatten. Capitän Hartmann hatte sich zu Vergnügungszwecken ans Land begeben, nur der erste Steuermann war anwesend und ließ mich einen Abschiedsblick in die Schlafkoje werfen, in der ich zwölf Wochen lang nicht eine glückliche Minute verlebt. Sobald der junge Mann es bis zum Capitän gebracht, hat er mir einen Besuch in Berlin versprochen. Einem Abschiedstrunk in Whiskey ging ich aus dem Wege, es brennt schon wieder in der Stadt, und der Verlust meiner Habseligkeiten wäre mir grade jetzt, da der Tag der Abfahrt heranrückt, höchst unwillkommen. Um alle Schätze der Welt möchte ich nicht verurtheilt sein, in San Francisco mein Leben zuzubringen. Obenein grassiren hier die Pocken auf eine fürchterliche Weise und in allen Doctor-Shops wird Tag und Nacht geimpft. Einer dieser Impflinge kam in der Sacramento Street im Hause eines Arztes, zu dem er sich in der Angst seines Herzens begeben, auf eine eigenthümliche Weise ums Leben. Die Operation war eben vollzogen, als Trommeln und Trompeten auf der Straße die Annäherung des Turner-Festzuges verkündeten. Der Impfling ließ sich kaum so viel Zeit, das Hemde über die Schulter zu streifen, eilte an das Fenster, riß es auf und beugte sich so unvorsichtig weit hinaus, daß er auf die Straße stürzte und das Genick brach. So sehr ich das unzeitige Ableben des Mr. 220 Tippins bedauere, fühlen sich sämmtliche Bewohner des Hotel Ruß durch seinen Tod doch einer großen Verlegenheit enthoben. Mr. Tippins und Mr. Parker (nördliche Tafelfront. Nr. 17. Emaillirtes Serviettenband) sahen einander so ähnlich, daß täglich Verwechselungen vorkamen. Nach Mr. Snapwells Behauptung – Mr. Snapwell ist Detaillist in Havannah-Cigarren, zahlt für einen zehn Kubikfuß großen Laden in der Montgommery Street monatlich 250 Dollars Miethe und speist im Hotel – vermochten die beiden Herren selber nicht mit Bestimmtheit anzugeben, wer von ihnen Tippins, wer Parker sei. Erst jetzt sind alle Zweifel gelöst. Am 3. Mai habe ich zu einem der hiesigen Doctoren meine Zuflucht genommen, jedoch nicht in Impf-, sondern Hühneraugen-Angelegenheiten. Dr. Melzer, ein schnurrbärtiger Elegant, erscheint täglich nach dem Frühstück im Hotel und stellt sich den Herren und Damen zur Verfügung. Er operirt Leichdorn, und zieht fünf Minuten darauf Zähne aus; mit besonderer Bravour berichtigt Dr. Melzer tief ins Fleisch gewachsene Nägel. Die Flasche Essenz zur Einreibung von Ueberbeinen kostet drei Dollars, doch kurirt der Doctor, wenn es ausdrücklich verlangt wird, auch durch Sympathie. Um die Landessitte mitzumachen, benutze ich die letzten Stunden meines Aufenthalts an der Goldküste, mich photographiren zu lassen und so wenigstens ein Andenken an den kostspieligen Ort mitzunehmen. In einer Stadt, wo man jede rauchbare Cigarre durchschnittlich mit zwölf und einem halben Silbergroschen bezahlt, muß der deutsche Künstler auf den Ankauf von 221 Schnurrpfeifereien verzichten. Der Preis der photographischen Porträts ist durch die ungeheure Concurrenz herabgedrückt und zu erschwingen. Ich stehe auf der Visitenkarte neben einer gebrochenen Säule, den Hintergrund füllen – Baumwollenballen . 222 XVI. Die Tafel der Diener. Der Dampfer »Constitution«. Hirsch, der Achtzehnender. Cliffhouse. Ueber die Barre. Musterung des Schiffes. Meine Schlafburschen. Unser Marktplatz. Ein rothgedruckter Epilog. Menschen und Nummern. Kanonenkugel und Czako. Zwei Kugeln im Leibe. Ein bedenkliches Versehen. Die Höschen des Flügels. Guadeloupe. Ein Schweizerpaar. »Was thut der Soldat am Tage der großen Parade zuerst? « fragte ein Unteroffizier den gelehrigsten seiner Schüler, und dieser antwortete ohne viel Bedenken: »Er putzt am Abend vorher seine Sachen!« Dieses vaterländischen Brauchs eingedenk, regelte auch ich nach meiner Heimkehr aus dem Atelier des Photographen und Aufhebung der Tafel im Hotel Ruß schon am 3. Mai meine Angelegenheiten; denn in den Morgenstunden des 4. Mai sollte der Dampfer »Constitution« nach Panama abfahren. Durch den Comfort des nordamerikanischen Lebens in kurzer Zeit wieder bequem geworden, hätte ich unmittelbar nach Tisch gern die Hilfe eines Domestiken beim Packen der Koffer in Anspruch genommen, allein mein Klingeln blieb unbeachtet; Niemand erschien. Verdrießlich stieg ich in das Erdgeschoß und den Speisesaal hinab; die Ursache der Vernachlässigung 223 meiner Signale war nur allzuklar. In einem Nebensalon saßen sämmtliche Domestiken des Hotels, in Gesellschaft der Dienstboten fremder Herrschaften, welche im Hause wohnten, an einer langen Tafel, nicht wie wir, je nach dem Geschlechte getrennt, sondern in bunter Reihe und munterer Unterhaltung, und ließen es sich wohl schmecken, während sie sich unter einander bedienten. Es war von meiner Seite ein unverzeihlicher Mißgriff gewesen, die guten Leute in ihrer Freistunde zu stören. Tief beschämt schlich ich in mein Gemach zurück und wartete geduldig das Ende des Schmauses ab, ehe ich wieder zur Klingel griff. Um acht Uhr Morgens am 4. Mai war die Hotelrechnung bezahlt, das Gepäck geordnet, der Mantel gerollt, ein Fiaker fuhr vor und ein Boot brachte mich in wenigen Minuten an Bord des Dampfers. Mit Einschluß der Bollwerksgebühren hatte ich sechs Thaler zu zahlen. Es blieb mir keine Zeit, darüber nachzudenken, denn unmittelbar darauf mußten im Bureau der »Constitution« 175 Dollars für die Fahrt von San Francisco bis Panama erlegt werden. Unverhohlen bekannt, war ich froh darüber, nicht von Abschied nehmenden Verwandten und Freunden begleitet zu sein; das Getümmel auf dem Verdeck des riesigen Schiffes war ohnehin unübersehbar. Gegen zehn Uhr wurde dreimal, wie in Bellini's »Norma«, an das auf Deck hängende Gong geschlagen, ein Signal: daß alle nicht mitreisenden Anwesenden das Schiff zu verlassen hätten; nun begannen die erschütterndsten Abschiedsscenen. Ringsum ertönte Wehklagen und Schluchzen, erschallten leidenschaftliche Versicherungen ewiger Liebe und Treue, untermischt mit wohlgemeinten Rathschlägen zur 224 Erhaltung der Gesundheit und dringenden Aufforderungen, »umgehend« zu schreiben. Unter einem wilden Gewühl von Männern, Frauen und Kindern, einer wahrhaft babylonischen Verwirrung vieler Sprachen, dem Geflatter von zahllosen weißen Taschentüchern von Seiten beider Parteien, wurde das Deck geräumt, die letzten Worte, die noch von der Schiffstreppe in mein Ohr drangen, waren die vaterländischen Laute: »theurer Hirsch!« Sie gingen verloren; der Achtzehnender befand sich nicht in meiner Nähe. Er war es, wie spätere Nachforschungen ergaben. Dann donnerte ein Kanonenschuß und langsam setzten sich die ungeheuren Schaufelräder der »Constitution« in Bewegung; in dem Schiffsdickicht bedurfte die Leitung des Dampfers der höchsten Vorsicht. Wir lassen die Küste des Goldlandes und den Hafen hinter uns, passiren Cliffhouse, eine Gruppe von Felsklippen unweit des Strandes, wo die, hier nicht von Jägern verfolgten Seelöwen sich furchtlos auf abgeplatteten Steinen sonnen, und unzähliges Vogelwild unbehelligt Nester baut und Eier legt; dann dampfen wir durch die »goldene Pforte« in das offene Meer hinaus. Vorher müssen wir noch über die Barre der Bay. Der Wellenschlag vor Madras und San Francisco ist einzig in seiner Art und der Anblick der furchtbar hohen See, die vor der hiesigen Barre steht, wird auch den kaltblütigsten Seemann nicht gleichgültig lassen. Von dem Castell eines Dampfers, wie die »Constitution« konnte man unbefangener dreinschauen, aber wie mußte den beiden Lootsen zu Muthe sein, die, jeder allein in seinem winzigen Boote, uns voranfuhren, und um einen Verdienst von zweihundert Dollars ihr Leben daransetzten. Die Brecher rückten, riesigen 225 blaugrünen Krystallmauern ähnlich, regel- und ebenmäßig vorwärts, immer in einem bestimmten Moment stürzte, so weit rechts und links das Auge reichte, diese aufgethürmte Wasserlast mit furchtbarem Getöse in eine stäubende, mehrere hundert Fuß weit hinschießende Schaummasse zusammen. Von den Passagieren genossen nur wenige das erschütternd erhabene Schauspiel; die große Mehrzahl war schon bei unserer Annäherung an die Barre der Seekrankheit erlegen und in den Cabinen verschwunden. Die »Constitution« hatte das richtige Tempo getroffen und kam glücklich hinüber, ohne den Grund zu berühren; vor den Wellen selber waren wir bei der Höhe der Schiffswände vollkommen sicher. Nach Ueberwindung dieser letzten Schwierigkeit schießt der Dampfer pfeilgeschwind ungefähr drei Meilen in den Ocean hinaus, um freie Fahrt zu gewinnen und steuert erst dann südlich. In nebelgrauer Ferne versinkt nördlich das Tafelgebirge, in angemessener Entfernung von der Constitution tummeln sich Wallfische mit ihren Kälbern und Seelöwen, Tausende von weißen Seemöven folgen, vertraulich wie Tauben, unserem Schiffe und scheinen sich den Tafelabhub bei Zeiten sichern zu wollen; ich benutze die verhältnißmäßige Ruhe an Bord zu einer Inspection des Dampfers. Er zählt 4000 Schiffstonnen Gehalt, und die Maschinerie vermag die Kraft von 1000 Pferden zu entwickeln. Noch ein Raddampfer nach alter Art, ist er doch in allem Uebrigen nach dem neuesten System der nordamerikanischen Schiffsbaukunst eingerichtet. Die Länge beträgt 400 Fuß, die Breite 70 Fuß, und alle Räumlichkeiten sind so zweckmäßig angelegt, daß incl. der Mannschaft 2000 226 Personen untergebracht werden können. Von hinten aus betrachtet, glaubt man sich auf dem Dache eines Glaspalastes zu befinden. Die »Constitution« trägt weder Masten noch Segel; auf zwei hohen Flaggenstangen, dem einzigen Schmuck des Verdecks, flattert das Sternenbanner der Vereinigten Staaten. Um auch für etwaige kritische Vorkommnisse gerüstet zu sein, stehen auf dem Vorderdeck auf Drehscheiben neben einander zwei Armstrong-Geschütze von ungeheuerlichem Caliber; wehe dem Piraten, dem unter Wasser eine dieser Kugeln in den Bug fährt. Auf dem Hinterdeck erhebt sich das Glasdach, durch dessen Scheiben der Speise- und Gesellschaftssaal im ersten Zwischendeck sein Licht empfängt. Seine Umgebung ist durch ein sturmfestes, aber zierliches Dach vor Regen und Sonnenbrand geschützt und wird von den Passagieren erster Klasse als Wandelbahn benutzt. Der Saal ist 150 Fuß lang und 40 Fuß breit. Zur Bedienung der Geschütze ist ein Dutzend in den abenteuerlichsten Soldatenröcken steckender Artilleristen vorhanden, den Capitän umgiebt eine Leibwache, und sowohl bei Tage, wie bei Nacht, steht vor seiner Kajüte ein Posten mit geladenem Gewehr. Wir befinden uns unter Länge- und Breitengraden und unter einem Ragout von Menschen, die dem verantwortlichen Befehlshaber des Postdampfers fortwährende Vorsichtsmaßregeln gebieten. Um diese auch gegen elementare Unglücksfälle zu vervollständigen, ist die »Constitution« mit zwölf Rettungsböten neuester Construction ausgestattet. Jedes derselben vermag bequem hundert Mann, im Nothfalle und ohne Crinolinen also noch die Hälfte mehr aufzunehmen. Die Böte sind auf der Steuer- und Backbordseite gleichmäßig vertheilt; 227 vor und hinter jedem Radkasten hängen an zwei eisenbeschlagenen Balken in schönster Ordnung immer drei dieser Tröster in letzten Schiffsnöthen. In Betreff meiner Stubenkameraden und Schlafburschen habe ich Glück gehabt; ich theile die, für fünf Personen eingerichtete Kabine nur mit zwei Herren, die sich, ungeachtet einer in New-York , der andere in New-Orleans ansäßig ist, trotz des Bürgerkrieges, wie die Engel im Himmel vertragen. Mehrjährige Reisen in Europa haben ihre rauhen Ecken abgeschliffen, und die dazu gehörigen Seefahrten ihre Empfänglichkeit für Anfälle der Seekrankheit abgestumpft, ein Umstand, der die Freuden unseres Beisammenseins wesentlich erhöht. Beide sind wohlbeleibte stattliche Männer vom Schlage des Brutus beim Shakespeare, in den besten Jahren und fröhlichen Temperaments. Politische Gegner, haben sie gemeinschaftlich mit mir auf das Wohl der »ausgesöhnten« Vereinigten Staaten eine Flasche guten Cognac geleert, der nota bene auch hier, wie jedes, nicht zur Ration gehörige geistige Getränk, immer erst nach Empfang baarer Bezahlung verabfolgt wird. Zur Erhöhung des Comforts haben wir ein förmliches Uebereinkommen getroffen. New-Orleans steht am Morgen um fünf Uhr auf, New-York um sechs Uhr; ich erhebe mich erst um sieben Uhr. Meine Bettstatt befindet sich parterre, und über mir schläft der Südstaatliche. Der Sonnenuntergang hinter schweren schwarzen Wolken verdarb uns nicht die Nachtruhe, kein Wetter stieg herauf, und der fünfte Mai brach unter einem dichtbezogenen grauen Himmel und dem frischen Athem einer Nordwest-Brise an. Nach dem Frühstück setzte ich meine Entdeckungsreise 228 fort. Auf unserem Steamer giebt es Straßen und Plätze; der vorhandene Raum läßt sich nicht scharfsinniger ausbeuten. So liegt vor dem Speisesalon der Marktplatz der »Constitution«; man glaubt sich vor dem Kursaale eines kleinen Badeortes zu befinden. Um das dringendste aller Bedürfnisse seefahrender Nationen zu befriedigen, haben sich zwei Unternehmer von Grog-Salons etablirt, in denen das feurige Getränk zu jeder Tageszeit frisch gemischt wird. Zwischen ihnen liegt das sauber gehaltene Atelier eines Barbiers, gegenüber das eines Haarkräuslers, einige Schritte weiter treten wir in ein Bierlokal, wo uns ein auf Eis liegendes correctes Gebräu erwartet. In einer Obsthandlung erhält der Tourist Aepfel, in einem benachbarten Cigarrengeschäft, dem als Aushängeschild eine, in das Sternenbanner gewickelte Riesencigarre dient, die besten Glimmstengel. Die unmittelbare Nähe des Stiefel-Wichskabinets wird Niemand beanstanden. Jeder der Unternehmer muß an die Schiffscompagnie jährlich eine nach europäischen Begriffen unerschwinglich hohe Pachtsumme zahlen, und doch scheinen sie sämmtlich mit dem Ertrage zufrieden zu sein. Freilich entsprechen auch ihre Preise der Pacht und dem sonstigen californischen Tarife. Für die verschiedenen kleinen Genüsse erlegt der Reisende durchschnittlich 20 Sgr. nach unserem Gelde. Ein Apfel, eine Cigarre, ein Seidel Bier werden mit 20 Sgr. bezahlt; und eben so viel erhält der Barbier für die jedesmalige Abnahme des Bartes. An der schriftstellerischen Präcision meines Passagierbillets wäre nichts auszusetzen, erregte nicht der rothgedruckte Epilog einige Besorgnisse. Seinem Inhalte nach übernimmt 229 die Schiffs-Compagnie außer der Gewähr täglicher Verpflegung und eines Platzes im Galazimmer ( State room ) nebst der Schlaf-Commode Nr. 3, keinerlei Verantwortlichkeit für Zufälle, die dem Reisenden im Verlaufe der Fahrt zustoßen können. Meine Kabinengefährten erläuterten mir den mißlichen Paragraphen, gestützt auf lange Erfahrungen ihrer Landsleute. So hätte ich nicht die geringsten Ansprüche auf Entschädigung, wenn die »Constitution« durch unberechenbare Naturereignisse bis an die Küste von Kamtschatka verschlagen würde! Betrachtet die Compagnie das Individuum selber mit so wegwerfenden Blicken, so werden seine Habseligkeiten vollends für nichts angesehen. Einbuße an den Reise-Effecten oder gar ihr Verlust wird nicht vergütet, sogar die Verpflichtung der Compagnie: den Reisenden für das gezahlte Geld wirklich nach Panama zu schaffen, ist nicht wörtlich in dem Passagier-Billet anerkannt. Da der Mairegen den Tag über anhielt, hatte ich vollauf Zeit, trübe Reflexionen über unser mögliches Schicksal anzustellen. Mit zwei Maschinen von 1000 Pferdekräften kommt man indeß rasch vorwärts; die »Constitution« fährt mit der Schnelligkeit eines hungrigen Haifisches die Westküste von Amerika entlang nach Süden. Schon am 6. Mai, als wir unter dem 30. Breitegrade eintrafen, war die Veränderung der Temperatur zu verspüren. Die zunehmende Wärme verbietet die Einhaltung der von meinen Schlafburschen und mir vereinbarten Tagesordnung; wir sind heute um sechs Uhr gleichzeitig aus den Betten gesprungen und auf das Deck geflüchtet. Erst um 9 Uhr wird gefrühstückt, es bleibt uns daher nichts übrig, als zum 230 Tabak unsere Zuflucht zu nehmen. Die beiden Amerikaner rauchen zwar nie vor dem Frühstück, und nennen diese deutsche Angewohnheit, die ich unter gewöhnlichen Verhältnissen auch meinerseits nicht vertheidigen will, garstig; nüchtern Tabak zu kauen, halten sie dagegen nicht für anstößig. Unsere Reisegesellschaft ist eine aus allen Gegenden des Erdballes zusammengewehte Menschenspreu. Frankreich, Spanien, Italien, Deutschland, England und Amerika, sogar Peru, die Mosquitoküste und Newfoundland, haben ihr Contingent geliefert. Auf die Nationalität wird jedoch weiter keine Rücksicht genommen; die englische ist die allgemeine Umgangssprache. Eben so wenig kommen die Namen in Betracht, die Passagiere werden gleich den Sträflingen in den Bergwerken Sibiriens, nur mit den Nummern, und zwar mit denen ihrer Tischplätze, bezeichnet; so figurirt meine Wenigkeit unter der Ziffer 123; will der Steward zu meinem genaueren Signalement ein Uebriges thun, so fügt er hinzu: »Schlafcommode Nr. 3.« Heut früh sprach er mich auf dem Deck an und sagte: »Nr. 118 ließe sich nach meinem Befinden erkundigen und Nr. 95, wie ich in der letzten Nacht geschlafen habe?« Mein Tischnachbar zur Linken, Nr. 122, ein pockennarbiger Franzose, hat in New-Carolina ein beträchtliches Vermögen erworben und kehrt jetzt in sein Vaterland zurück, um die Neige seines von Leberkrankheiten verkümmerten Daseins in Paris zu genießen. Er trinkt aus Patriotismus Medoc, sieht aber sonst wie ein Lohgerber aus. Auf meinem rechten Flügel sitzt Nr. 124, ein angeschossener, pensionirter General der Vereinigten Staaten. Er ist vor einem halben Jahre 231 durch den schweren Streifschuß einer Spitzkugel am Kopfe verwundet worden, hat aber die Blessur bei seiner kräftigen Constitution glücklich überstanden. An der linken Seite der Stirn sieht man noch die tiefe Furche, welche die Kugel in die Kopfhaut und Schädelwölbung gerissen hat. Aus seinem confusen Gespräch erlaube ich mir einen Schluß auf die Beeinträchtigung seiner Denkkraft durch die furchtbare Verletzung. Unser vis-à-vis , gleichfalls ein General, gefällt sich in der Rolle des militärischen Buffo. Er renommirt mit den überstandenen Lebensgefahren und spricht gern von einer Kanonenkugel, die einst seinen Czako durchbohrt. Glücklicherweise habe er am Tage des Gefechts eine Feldmütze getragen; die Kugel sei nur queer durch sein Zelt und den Czako geflogen. Wer die Geschichte nicht glauben will, kann in der Kabine des Generals Kugel und Czako in Augenschein nehmen. Um das Maaß der Aufschneiderei voll zu machen, will der tapfere Krieger durch dieses Ereigniß nervös so hart mitgenommen sein, daß die Aerzte ihm eine Luftveränderung anempfohlen haben. Der Befehlshaber unserer Schiffssoldaten, ein Lieutenant, ist sein Nachbar zur Rechten. Er hat nach seiner Behauptung diese Stelle, welche für einen Ruheposten angesehen wird, durch zwei Kugeln verdient, die er noch im Unterleibe mit sich umherträgt, und erzählt unglaubliche Dinge von den Leiden, welche ihm diese Ueberfahrt bei dem Wechsel des Windes und feuchter Witterung verursacht. Der Uniform nach, die in einem blauen Rocke mit Orange-Vorstoß besteht, könnte man ihn für einen preußischen Briefträger halten. Unter den Tischgenossen haben Viele Kinder oder Verwandte in dem unseligen Bürgerkriege verloren; er bildet 232 unausgesetzt den Gegenstand des Gesprächs. Der Conversationston an sich kann nicht angenehmer sein. Ein General will nicht respectvoller behandelt werden, als ein reicher Geschäftsmann, und ein Bierkellner oder Bäckergehilfe hält sich für ebensoviel als Beide, ohne doch die Höflichkeit außer Augen zu setzen; aus dieser scheinbaren Gleichheit der Gesellschaft entspringt eine heitere Ungezwungenheit der Unterhaltung, die ich sonst nirgends angetroffen habe. In der Nacht vom 6. zum 7. Mai lieferte ich durch ein lächerliches Versehen ausgiebigen Stoff für die »Chronique scandaleuse« des nächsten Tages. Ich war um zwei Uhr aufgestanden, um das herrliche Meeresleuchten, einen siebenzig Fuß breiten glänzenden Phosphorstreifen in dem Fahrwasser der »Constitution«, zu beobachten, und durch den magischen Schimmer so geblendet, daß ich, in dem tiefen Dunkel des Zwischendecks umhertappend, in die unrechte Kabine gerieth. Nichts ahnend, streckte ich mich auf dem Lager aus, das ich für das meinige hielt, preßte aber dadurch einem warmen Gegenstande ein leises Stöhnen aus, sprang erschrocken auf und machte mich spornstreichs davon. Das Glück lächelte mir, ich vernahm, da der drückenden Hitze halber alle Kabinenthüren offen standen, das Schnarchen unseres südstaatlichen Stubenburschen und kroch schweigend in meine Höhle, froh unangenehmen Verwickelungen entronnen zu sein. Barbiere colportiren auch auf Dampfschiffen alle Neuigkeiten, und so erfuhren wir schon am Morgen die interessante Begebenheit. Der stöhnende warme Gegenstand war ein Frauenzimmer gewesen und hatte bereits über die Störung der nächtlichen Ruhe beim 233 Kapitän Klage geführt, war aber abgewiesen worden, da sich der Attenthäter nicht ermitteln lasse und sich schwerlich aus freien Stücken melden werde. Sicher vor Entdeckung, lachte ich bei Tisch von Herzen mit. Wäre ich erwischt, oder später entdeckt worden, mein Loos wäre ein von der Gesellschaft ausgesprochener Bannfluch gewesen, selbst wenn ich mich durch ein, in der tiefen Dunkelheit sehr verzeihliches Versehen entschuldigt hätte. Die Nordamerikaner verstehen keinen Spaß, wo es sich um die Aufrechthaltung des Decorums und um die gegen Damen unter allen Umständen zu beobachtende Höflichkeit handelt. Hat man doch die drei Palixander-Beine des in der Staats-Kajüte stehenden Flügels mit leichten Gazehöschen bekleidet! Selbst für ein Pianoforte ist es nicht anständig, mit bloßen Beinen in Gesellschaft zu erscheinen. Am 7. Mai Nachmittags dampften wir in einiger Entfernung an der Insel Guadeloupe vorbei. Ihre Berggipfel erheben sich bis zu 3000 Fuß Höhe, sind aber nur von einigen Hirten und Ziegenheerden bewohnt. Meine Bekanntschaften suchte ich an diesem Tage durch einen Besuch unter den Passagieren zweiter Klasse zu erweitern. Bald hatte ich ein biederes Schweizer-Paar aufgefunden, das mir ohne Weiteres sein Herz erschloß. Vor dreizehn Jahren waren sie nach New-Orleans, und von da nach den californischen Goldminen gegangen, hatten aber nach Abzug des Lebensunterhaltes in diesem langen Zeitraume nicht mehr erübrigt, als zur Deckung der Reisekosten in die Heimath hinreichte. Nach der Behauptung der guten Leute wären mit Händearbeit keine 234 Reichthümer mehr zu erwerben: andere Schweizer hätten ihr Heil in Speculationen mit Grundstücken versucht und allmälig große Capitalien angehäuft. Nicht vermögender, als sie abgereist, kehrten die Alten, gebeugt und ergraut, in ihr vaterländisches Thal zurück; sie wollten im Schatten seiner Berge begraben sein. 235 XVII. Gentleman und Nigger. Herr Meyer aus dem Innern von Posen. Von Panama den Rhein hinauf nach Schrimm. Der Sohn des Compagnons. Ein Pudel verlaufen. Liqueur- und Kartenkästen. Falscher Feuerlärm und Löschmanöver. Das warnende Placat. Eismarken. Herr Rosenthal aus Baltimore. Eine neue Secte. Cap St. Lucas. Der Barbier als Vorschneider bei Tisch. Privateier. Spanisches Fächerspiel. Die Bucht von Acapulco. Noch einmal unter Palmen. Mein Verkehr mit den Passagieren zweiter Klasse erregt unter meinen Gespielen und Tischnachbaren im Glassalon einigen Anstoß; ich ziehe mich daher nothgedrungen wieder zurück. Die Neigung zu Kastenunterschieden ist keineswegs eine alleinige Schwäche der Angehörigen monarchischer Staaten, sondern ein Grundzug der menschlichen Natur. Grade unter diesen Republikanern herrscht ein auf Mehrbesitz gegründeter Hochmuth, der zuweilen in die tollsten Extravaganzen ausartet. Ein zweiter Klasse reisender Passagier wird überhaupt nicht mehr als Gentleman angesehen und schon dem Nigger gleich geachtet. Meine beiden Schlafburschen theilen mir in schlaflosen Stunden der Nacht mancherlei dahin einschlagende Anekdoten mit, dennoch erregt es bei Beiden weiter keinen Anstoß, wenn die Schwarzen, 236 welche uns bei Tisch bedient haben, sobald wir aufgestanden sind, auf unsern Sesseln Platz nehmen und sich derselben, rasch gereinigten Tafelgeschirre, Löffel, Messer, Gabeln und Gläser bei ihrer Mahlzeit bedienen. Den armen Burschen soll dadurch die angebliche Gleichstellung mit ihren ehemaligen Herren über Leben und Tod bewiesen werden. Unter den heimkehrenden Reisenden theilen nur die wenigsten das klägliche Schicksal meines Schweizerpaars; die Mehrzahl hat ihr Schäfchen in's Trockne gebracht. Einem alttestamentarischen Glaubensgenossen aus dem Innern von Posen hat das Glück besonders gelächelt. Nach vielen vergeblichen Versuchen, in Neuseeland, China, Japan und Indien, ein kleines Vermögen zu erwerben, warf er sich in San Francisco auf den Import von Käse . Die Speculation schlug ein; Herr Meyer wird auf eine Viertelmillion Dollars veranschlagt. Mit diesem Profit zufrieden, hat er sein Geschäft verkauft und kehrt nach Deutschland zurück. Dem Viertelmillionär ist auf seinen Weltfahrten der Gebrauch seiner Muttersprache, deren er sich wahrscheinlich niemals correct bedient hat, abhanden gekommen; er spricht das aus englischen und deutschen Wörtern gebildete Kauderwälsch der Einwanderer in der wunderlichsten Uebertreibung. Auf meine Frage nach seiner Reiseroute auf dem europäischen Continente entgegnete er: »Ich will dem Rhein herauftravellen (reisen) und aftervards (später) nach Schrimm, meine elende Vaterstadt anlooken (sehen).« Er gedenkt seinen ehrsamen Verwandten zu beweisen, daß der liebe Gott einen rechtschaffenen Mann niemals im Stich läßt. Nach einer anderen Lesart hätte Herr Meyer sein Vermögen durch Lieferungsgeschäfte von Käse und 237 Dauerbutter für die Armee der Nordstaaten gewonnen. Er trägt an jedem Finger einen Diamantring und um den Hals eine goldene Uhrkette, deren Schwere ihn fast zu Boden zieht. Habe ich keine bessere Gesellschaft, so plaudere ich gern mit ihm; in der Art, sich geschäftsmäßig prompt auszudrücken, kann man viel von ihm lernen. Neulich fragte er mich, ob ich, in Europa angelangt, meine Aquarellen gleich realisiren würde? Die Nordamerikaner sind leidenschaftliche Zeitungsleser, und mehrere Herren haben von San Francisco ganze Stöße alter Blätter mitgenommen, die immer wieder von Neuem durchgelesen werden. Sie sehen es gern, wenn ich mich an ihrer Lectüre betheilige, und ich notire zum Zeitvertreib die landläufigen Curiositäten, an denen besonders die Inserate reich sind. In San Francisco hat jeder Geschäftsmann einen imaginären oder wirklichen Compagnon und fügt demgemäß seiner Namensunterschrift » \& Comp. « hinzu. So stand denn auch unter einer Entbindungsanzeige: »Gestern Abend 7 Uhr beschenkte mich meine liebe Frau mit einem derben Knaben C. W. Nash \& Comp. « Auf dem freien Platze vor unserm Speisesalon im ersten Zwischendeck werden täglich Bekanntmachungen angeklebt und verlorene Sachen angezeigt. Der Ober-Steward meldet z. B. den Passagieren, daß er wieder Bäder à ein Dollar verabreiche. Diese Annonce involvirt zugleich eine Preisherabsetzung: für das Bad waren früher zwei Dollars verlangt worden. Sehr zweckmäßig ist die täglich um zwölf Uhr stattfindende Proclamation: unter welchem Längen- und Breitengrade die »Constitution« sich befindet. Dicht daneben hängt die Liste der verlorenen Gegenstände. Gestern ist ein grün lackirter 238 Damen-Pantoffel auf dem Wege vom Staatszimmer nach dem Vordercastell »in Verlust gerathen«. Die Anzeige des halb geschorenen schwarzen Pudels Bayard, der sich verlaufen haben sollte, hielt ich nur für einen schlechten Witz. So groß und tief die »Constitution« sein mag, eine Hundsnase findet noch immer in den Zwischendecken ihren Herrn heraus. Schließlich bemerkt, habe ich noch auf keinem Dampfer erlebt, daß verlorene Gegenstände von Werth wiedergefunden und abgeliefert worden wären. Die Besitzerin eines schweren goldenen, reich mit Smaragden besetzten Armbandes, das sie bei Tisch verloren haben will, bietet dafür wohl vergeblich dem »ehrlichen Finder« eine Belohnung von zwanzig Dollars an. Außer seinem Liqueurkasten führt jeder Yankee eine kleine Schatulle mit sich, in welcher er eine Anzahl Kartenspiele, Whist- und Bostonmarken aufbewahrt. Abends wird davon regelmäßig Gebrauch gemacht, so lange nach dem Reglement des Dampfers Beleuchtung gestattet ist. Am 8. Mai Abends 9 Uhr saß ich gemüthlich am Platze des Strohmanns einer Whistpartie, deren Theilnehmer im Rufe hoher Virtuosität stehen, als wir plötzlich auf furchtbare Weise aufgeschreckt wurden. Auf Deck schrieen Hunderte von Stimmen »Feuer! Feuer!«, und zugleich erklangen die beiden Nothsignalpfeifen der Maschinen mit einer Kraft, um Todte aus ihren Gräbern aufzuschrecken. An allen Gliedern zitternd, eilten wir aus dem Staatssalon die Treppe hinauf und fanden nicht nur die Feuerwehr, sondern die gesammte Mannschaft der »Constitution« mit den Löschvorkehrungen beschäftigt. Zu unserer Beruhigung erfuhren wir sehr bald, daß es sich nur um falschen Feuerlärm und ein Exercitium der Mannschaft 239 handle, deren Wachsamkeit auf jeder Seereise mehrmals derartig auf den Zahn gefühlt werde. Das Manöver bot ein imposantes, obgleich furchtbares Schauspiel. Schon der Ton der Pfeifen, durch welche die Maschinen von tausend Pferdekraft ihren Dampf bliesen, zerriß das Nervensystem. Es kann kein entsetzlicheres Duo von zwei Blase-Instrumenten: Discant und Baß, geben. Alle Hände arbeiteten auf Deck, alle Militär- und Civilbeamte waren in dem Kostüm des Augenblicks erschienen. Die Matrosen, welche, zur Nachtwache beordert, pränumerando schliefen, waren mit bloßen Füßen und im Hemde aus den Hängematten gesprungen, diese arbeiteten an den Spritzen und Pumpen, jene machten die Rettungsböte klar. Betäubend war das Jammergeschrei der weiblichen Passagiere, Kindsmägde und Kleinen. In der Eile konnte ihnen nicht gleich begreiflich gemacht werden, daß die Mannschaft nur auf die Probe gestellt werde, und noch lange nachher erschallte aus den, der Hitze wegen immer offenstehenden Kabinen das Wimmern und Schluchzen der geängstigten Kinder, das schrille Geschrei der nervösen Damen, zu deren Beruhigung jetzt Ehegatten, Cicisbeo's und was sonst von touristischer Mannschaft disponibel war, aufgeboten werden mußte. Die systematische Ordnung, die während des Manövers unter der Besatzung des Dampfers herrschte, hatte mich in Erstaunen versetzt und zugleich beruhigt. Man ersah daraus, daß die Möglichkeit eines Brandunglücks vom Commando fortwährend scharf im Auge behalten wurde. Der größte Uebelstand des Manövers war außer dem panischen Schrecken der Passagiere die Ueberschwemmung des Verdecks gewesen. Die Mannschaft hatte gute Miene zum bösen Spiele 240 gemacht, und sich, da kein Feuer zu löschen war, an dem warmen Maiabende der Spritzen wenigstens zur gegenseitigen Erfrischung bedient. Wir flüchteten vor der hereinbrechenden Sündfluth spornstreichs in unsere Kabinen. Am anderen Morgen ergab sich, daß der Befehlshaber der »Constitution« seine Passagiere durch den falschen Feuerlärm keinesweges habe überraschen wollen. Auf dem schon erwähnten Platze der Anzeigen war am gestrigen Nachmittag ein kleines Plakat befestigt worden, durch das die Touristen erster Klasse auf eine Alarmirung der Mannschaft vorbereitet wurden. Bei seiner, vielleicht absichtlich engen und undeutlichen Schrift war es unserer Aufmerksamkeit entgangen. Von jetzt an machte ich mir zum Gesetz, keine Anzeige ungelesen zu lassen, und begann mit dem, in jeder Kabine ausgehängten Schiffsreglement. Viel Trost war darin nicht zu finden, die Compagnie hatte alles zu ihrem eigenen Vortheil eingerichtet: den Passagieren waren nur Pflichten auferlegt. Befremdend lautete u. A. ein Paragraph, in dem ihnen ihr Benehmen bei Unglücksfällen vorgeschrieben war. Sie hatten sich in vollkommener Passivität allen Anordnungen des Capitäns zu fügen. Dieser war sogar autorisirt, jeden Reisenden, der widersprach oder selbstständig Anstalt zu seiner Rettung traf, auf der Stelle niederzuschießen! Der erste Sonntag an Bord fiel auf den achten Mai, und wir fanden Morgens alle Tische mit Bibeln und Gebetbüchern bedeckt, welche der Ober-Steward auf Befehl des Capitäns schon vor Tagesanbruch ausgelegt hatte. Zwischen elf und zwölf Uhr predigte ein Engländer, seines Zeichens ein Vicar, vor den Passagieren zweiter und dritter 241 Klasse; der aristokratische Gottesdienst fand mit großer Gala im Salon statt. Gleichzeitig wurden zur Feier des Tages bei der steigenden Wärme » ice tickets « (Eisscheine), fünf und dreißig à fünf Dollars angeboten. Für jede dieser Marken erhält der Käufer bei Tisch eine Quantität Eis zur Kühlung seines Getränks. Als Wohlthäterin hatte sich unterzeichnet: »Die Schiffswein-Commission«. Das Wetter ist unvergleichlich schön, wir überschreiten den nördlichen Wendekreis, spiegelglatt liegt die unermeßliche Fläche des Oceans vor uns, und die Damenwelt entfaltet auf der Promenade der »Constitution« die ganze Pracht der modernen Moden. Seit länger als anderthalb Jahren bin ich mit meinen Kenntnissen in diesem wissenschaftlichen Gebiete in's alte Register gerathen und genöthigt, alle mir ertheilte Auskunft auf Treu und Glauben hinzunehmen. Sämmtliche Damen gehen à la Balmoral einher, eine Tracht, die sich eher für einen Lorettenball, als für die strenge Sabbathfeier schickt, aber immer noch besser zu der leuchtenden Physiognomie eines Vormittags in den Tropen paßt, als die Armsünder-Gesichter der frommen Engländer, die doch wieder nicht Selbstüberwindung genug besitzen, um dem weltlichen Vergnügen der Promenade ganz zu entsagen. Begehe ich keinen Irrthum in der Angabe der Namen, so wurde mir von Herrn Meyer heute Herr Rosenthal vorgestellt, gleichfalls ein Eingeborener aus Posen, der in seine Heimath zurückkehrt. Herr Rosenthal hat sein Geschäft in Baltimore gemacht und in den Mußestunden theologischen Studien obgelegen. Von einer neuen Secte wußte mein neuer Bekannter viel zu erzählen. Des berühmten Satzes eingedenk: die Wissenschaft müsse umkehren, lassen die 242 Anhänger jener Secte die Theologie , als die einflußreichste der Schwestern, den Anfang machen. Nach Rosenthal's Bericht gingen sie bis über den Sündenfall zurück und wollten ihre Auffassung des ursprünglichen menschlichen Zustandes, als eines fehlerfreien und schuldlosen, auch durch die Wiedereinführung jener Tracht , wenn sie noch diesen Namen verdient, darthun, welche der Benutzung der paradiesischen Feigenblätter als Kleidungsstück unmittelbar voranging. Der Gott der Secte ist nur ein Gott der Vergebung . Wir wurden durch das auf der Promenade herrschende Gedränge getrennt, noch ehe mir Herr Rosenthal nähere Auskunft ertheilen konnte, ob die Bekenner der Secte, wie manche Pietisten auf dem europäischen Continent, nur in ihren religiösen Conventikeln sich jeder irdischen Hülle entledigen oder auch öffentlich, wie das erste Menschenpaar vor dem Sündenfalle, erschienen. Nachmittags setzte ich unbemerkt meine Pirschgänge auf den Gefilden der zweiten und dritten Klasse fort, wurde jedoch bald durch allerlei Warnungstafeln und Inschriften: »Verbotener Eingang« zurückgeschreckt. Das Besteigen der colossalen Räderkasten ist selbstverständlich den Passagieren ohne Ausnahme untersagt. Dem herrlichen Tage entsprechend, versank die Sonne unter einem Farbenspiele, das keine menschliche Kunst nachzuahmen vermag, aber fast noch wunderbarer war der Glanz der schmalen Mondsichel, die, erst vollkommen unsichtbar, mit einer Schnelligkeit, von welcher der Bewohner nördlicherer Breiten keine Ahnung hat. aus der jählings hereinbrechenden Finsterniß des Nachthimmels hervortrat. Grade um Sonnenuntergang hatten wir das Cap St. Lucas, die Südspitze der californischen Halbinsel 243 passirt, ein formloses, reich bewaldetes Vorgebirge von ansehnlichen Dimensionen; nicht lange darauf begann das Barometer rasch zu fallen. Der Vorsicht wegen wurden allerlei Sicherheitsmaßregeln getroffen, doch kam es zu keinem Unwetter. Aus der langgestreckten Bai zwischen der Halbinsel und dem mexikanischen Festlande bläst immer ein starker Wind, mit dem sich ein hoher Seegang verbindet; etwa um elf Uhr Abends gerieth die »Constitution« in die gefürchteten hohen Wellen. Wenn ein Koloß, wie unser Steamer, einmal zu »rollen« beginnt, so erhält diese Bewegung einen überaus bedrohlichen Anschein, und eine junge siebenzehnjährige Amerikanerin, welche ihre erste Seefahrt machte, fragte todtenbleich in allem Ernste, ob nicht der jüngste Tag anbräche? Ihre Eltern gaben sich große Mühe, das zarte Mägdlein zu beruhigen, aber erst als ich ihr auseinandersetzte, der jüngste Tag könne doch unmöglich in der Nacht anfangen, legten sich ihre Besorgnisse, und vertrauensvoll folgte sie ihrer Mutter in die Kabine. Die Einigkeit unserer, aus Bewohnern der Nord- und Südstaaten ziemlich gleichmäßig zusammengesetzten Gesellschaft ist bis jetzt noch nicht gestört worden, wenn nicht einige nach New-York gehende politische Agenten, die über die unbedingte Gleichstellung der Weißen und Schwarzen Reden halten, an Bord Unfrieden stiften. Ich gehe den Agitatoren grundsätzlich aus dem Wege und höre nur nachträglich, daß sie mit ihren Declamationen von den Zuhörern ausgelacht worden seien. An den einmal erworbenen Rechten hält hier Jeder mit eiserner Consequenz fest und macht dem Nebenmenschen nicht das geringste Zugeständniß. Als ich z. B. beim heutigen Tiffin nach einer unweit von meinem 244 Couvert stehenden Schale mit Eiern langte, um eines derselben habhaft zu werden, intervenirte sofort der Steward unter dem Vorwande: die Eier seien Privatbesitz . Der angebliche Eigenthümer sandte mir während dieser Auseinandersetzung ein Paar Blicke zu, die einige Aehnlichkeit mit abgefeuerten Spitzkugeln zeigten. Heute machte ich auch eine Entdeckung, die mein Vertrauen auf die durch langjährige Uebung erworbene Fertigkeit im Selbstrasiren erhöht; der Barbier der »Constitution« ist gleichzeitig Vorschneider bei Tisch. Wenn er mit dem Rasirmesser in den Gesichtern seiner Kunden so genial umherfuchtelt, wie mit dem Bratenmesser in den Hammelrücken und Roastbeefs, kann ich mich glücklich preisen, seinen Händen nicht verfallen zu sein. Wir befinden uns wieder in der Region der Sandwichsinseln, und von Neuem regt sich mein Bedauern, sie nicht kennen zu lernen. Zwei stattliche Vögel von der Größe junger Gänse mit weißem Gefieder, massiven Schnäbeln und langen rothen Schwänzen, die aus jener Gegend anlangten und unser Schiff umkreisten, machten mir noch einmal das Herz schwer. Das Wetter bleibt anhaltend schön, und allnächtlich leuchtet das Meer so entzückend, daß ich immer eines heroischen Entschlusses bedarf, um das Hintercastell zu verlassen und endlich mein Lager aufzusuchen. Unsere Ankunft in Acapulco ist für den 11. Mai angesagt, und schon am 10. Mai kommt das ferne Festland in Sicht, kraterähnliche Gipfel, von der untergehenden Sonne mild angeleuchtet; rings um unseren Steamer wimmelt das Meer von abentheuerlichen Gebilden, Polypen und Fischen. Die zunehmende Wärme bringt auch das Fächerspiel unter unseren Damen in Aufnahme, aber die Schönen von 245 spanischem Geblüt behaupten darin unbedingt den Vorrang. Die neueste Mode wird »Pacificfächer« (Stiller Ocean-Fächer) genannt. Wir näherten uns am 11. Mai dem Continent, fuhren ein sandiges flaches Vorland entlang, in respectabler Entfernung, mit der tobenden Brandung parallel, und ich beeilte mich, eine Zeichnung des Hinterlandes, das aus einer Kette hoher ausgebrannter Vulcane bestand, die nur noch dünne Rauchwölkchen ausstießen, rasch auf das Papier zu werfen. Je mehr wir uns Acapulco nähern, desto schöner und üppiger entfaltet sich die Tropennatur; endlich kommt der Hafen in Sicht. Die Stadt liegt in einer von malerisch geschwungenen Berg- und Hügelreihen, über welche der Weg nach Mexiko führt, umgebenen Bucht, unmittelbar am Strande des Oceans, gebettet in die reiche Vegetation der heißen Zone. Dicht vor dem Hafen fahren wir an einer Insel vorbei, auf der sich ein optischer Telegraph erhebt, darunter haben drei französische Dampffregatten Anker geworfen. Auf ein gegebenes Signal legt die »Constitution« bei und sechs Seeoffiziere in großer Gala erscheinen an Bord und stellen mit uns ein ausführliches Examen an, das durch die Umstände geboten sein mag, aber einen höchst unerquicklichen Eindruck hervorbringt. Die Gesichtsfarbe der Franzosen ist entsetzlich fahl und erinnert an den Teint der Leberleidenden in Indien. Einer der Herren gestand mir, daß sie sämmtlich mit hartnäckigen Fieberanfällen zu kämpfen hätten und von Sehnsucht nach ihrem schönen Vaterlande verzehrt würden. Die Erlaubniß, an Land und in die Stadt zu gehen, wird, nach Ausweis der politischen Unbescholtenheit, bereitwillig ertheilt, die »Constitution« dampft weiter, an einem kleinen, verfallenen Fort 246 vorüber, stoppt alsdann und geht unmittelbar vor dem armseligen Städtchen vor Anker. Sofort ist auch das Schiff von zahllosen, aus einem Baumstamme gezimmerten Böten umgeben, deren Insassen uns ihre Landesproducte und Dienste anbieten. Unter der herkömmlichen Melange von farbigen Menschen fallen mir einige junge, bildschöne Mexikanerinnen auf und mehrere Frauen von exceptioneller Körperfülle, die sie obenein durch gigantische Culs de Paris erhöht haben, deren sich ihre kleinen Kinder als Sitze oder Postamente bedienen. Die Toilette aller dieser Damen bestand nur in einem leichten Aequatorial-Negligé. Unsere Wirthschaftsbeamten trafen ihre Auswahl unter den zum Verkauf angebotenen Ananas, Kokosnüssen, Orangen, Citronen, Gurken und Eiern; ein Trupp Passagiere ging an's Land. Vor anderthalb Jahrhunderten soll Acapulco eine reiche Stadt gewesen sein, gegenwärtig sinkt sie sammt ihren drei Kirchen in Trümmer. Die bergigen Straßen sind ungepflastert, und die Mehrzahl der Wohnungen ähnelt den Strohhäusern von Manila. In der kleinen Bai, die an Hitze einer Schmorpfanne nahe kommt, liegen einige winzige Guano-Inseln, die aber Niemand auszubeuten scheint. Das Festland hinter der Stadt steigt, wie die nähere Besichtigung ergiebt, rasch und steil bergan, die Vegetation von Mangobäumen und Kokospalmen reicht durch die Straßen Acapulcos bis an den Meeresstrand. Die Freude des Spazierganges auf festem Grund und Boden war nur kurz, ohnehin lud sonst nichts zu längerem Bleiben ein, und gegen Abend stach die »Constitution« wieder in See. Als die Dunkelheit hereinbrach, leuchtete von den Berghöhen ein Waldbrand, den wir bei Tage nicht bemerkt 247 hatten, weit in den Ocean hinein, und noch lange begleitete uns der Schein des Feuers, dessen trüber Qualm selbst das Licht der Gestirne verdunkelte. Ich war vollkommen zufrieden, wieder einige Stunden unter Palmen verlebt und mich an dem lieblichen Spiel ihrer Blätter, an dem anmuthigen Schwanken ihrer Stämme erfreut zu haben; vor meinen inneren Augen tauchen die Weiden und Pappeln, die dünnen Kiefern und Telegraphenstangen der Berliner Umgegend auf, und erst das unaufhörliche Wetterleuchten, das uns in die offene See hinaus begleitete, verscheuchte diese Hallucinationen einer überreizten Einbildungskraft. New-York und New-Orleans waren schon zu Bette gegangen und schnarchten und stöhnten nach gewohnter Weise um die Wette. Ich ermunterte zuerst Beide, um meinerseits ungestört einschlafen zu können und ging dann selber zur Ruhe. 248 XVIII. Der Geburtstag der »Constitution«. Ein Schiffsball. Neue Toilette für Tänzerinnen. Das Priemchen des Admirals. Complot zwischen Küche und Keller. Bratensauce als Haaröl. Das Liebespaar und Herr Birkenzweig. Die Fraction Meyer Rosenthal. Fliegende Füchse. In der Bay von Panama. Ohne Hut. Hotel Aspinwall. Vier Mann in einem Zimmer. Vormittagsschlaf der Mosquito's. Am Morgen, als ich unsere Kabine verließ, glaubte ich auf dem Zauberteppich des orientalischen Mährchens an das Land und in die Wunder der Tropen-Vegetation zurückversetzt zu sein. Sobald ich das Verdeck betrat, war freilich Angesichts der unermeßlichen blauem Meeresfläche eine fernere Täuschung nicht länger möglich, allein der süß betäubende Duft von Südfrüchten verlieh selbst dem frischen Morgenwinde ein eigenthümliches Pflanzen-Arom. Und doch war, so weit das Auge reichte, kein Land zu entdecken. Unsere sonst stark mit Theer und Kautabak parfümirte »Constitution« athmete diese holden Wohlgerüche aus. Nicht nur die Oeconomie-Verwaltung des Dampfers, sondern auch die Passagiere aller Klassen haben sich in Acapulco mit Ananas, Orangen und Citronen reichlich versehen und 249 alle Winkel ihrer Lagerstätten vollgepfropft; auf dem Vorderdeck allein hängen an fest ausgespannten Seilen über tausend Stück Ananas. Sie werden hier nicht theurer, als unsere Borstorfer Aepfel oder Reinetten bezahlt. Im Genuß der mit solchen Aromen gemischten Morgenluft verzichtet man gern auf die übliche Cigarre. Die Zahl der Passagiere erster Klasse hat sich um zwei französische Officiere vermehrt. Beide sind vom Wechselfieber, das sie seit dem Tage ihrer Ankunft auf mexikanischem Boden nicht mehr verlassen, so hart mitgenommen, daß sie als Beurlaubte nach Europa zurückkehren müssen. Liebenswürdige und gebildete Militärs sparen sie nicht ihre bitteren Bemerkungen über die transatlantische Expedition ihres Kaisers. Der zwölfte Mai, den wir heute schreiben, ist der Geburtstag der »Constitution«, der Capitän nach altem Herkommen mithin verpflichtet, seiner Mannschaft ein Vergnügen zu bereiten. Das Wetter war günstig, und nichts verhinderte in den späteren Nachmittagsstunden das Arrangement eines Balles auf dem Vordercastell. Bei dem gänzlichen Mangel an Tänzerinnen theilte sich die Matrosenschaar in zwei gleiche Hälften, Herren und Damen. Von der luxuriösen Toilette der schönen Amerikanerinnen, die ohne Intervention der Seekrankheit zuweilen viermal im Laufe eines Tages verändert wird, habe ich schon gesprochen, und die Mannschaft theilt augenscheinlich meine Ansicht, daß hier von einer Concurrenz der fingirten Damen nicht die Rede sein könne. Zudem gebietet die steigende Hitze in Bezug auf anhaltende körperliche Anstrengung eine mögliche Vereinfachung des Costüms. Die Galatracht der tanzenden Herren besteht nur in Hosen und Hemde, die 250 Damen haben, wie ich vermuthe, in dem ästhetischen Bestreben, an die beliebte Decolletirung des schönen Geschlechts auf Bällen zu erinnern, letzteres ganz abgelegt. Beide Geschlechter tanzen baarfüßig, und alle Tänze, von denen ich nur »Hornpipe und Schuffle« nennen will, wurden höchst ehrbar und ernsthaft ausgeführt. Sehr gesucht waren mehrere Damen, die sich im Besitz weißer baumwollener Taschentücher befanden und diese herausfordernd wehen ließen. Die zum Tanz spielende Kapelle gebehrdete sich glimpflicher, als ich erwartet hatte. Größtentheils aus den bei Tische aufwartenden Negern bestehend, handhabte sie Flöte, Horn, Trompete, Trommel, Triangel und Tamtam wenigstens im Tact, gelegentlich gelang es mir sogar, etwas einer Melodie Aehnliches herauszuhören. Der Kastenunterschiede eingedenk, betrugen sich die Passagiere sehr zurückhaltend, und man ließ mich bei meiner Rückkehr vom Vorderdeck in das für »Tabu« erklärte Staatsgemach absichtlich merken, daß ich einen Verstoß wider die gute Sitte begangen habe. Dem Tanzvergnügen folgte ein maritimer Commers im Zwischendeck. Nach den vielfarbigen Flecken in den Gesichtern der Zecher, die uns am nächsten Morgen begegneten, mußte es mehr als lustig hergegangen sein. Die einzige Ausbeute meines Besuches auf dem Vorderdeck war eine Anekdote, die ich einem mir Gesellschaft leistenden jungen Steuermann verdanke, und die zugleich eine endgiltige Probe von der Feinheit der Unterhaltung auf hoher See liefern wird. Ein englischer Admiral, erzählte mein Freund, besuchte einen amerikanischen Collegen an Bord seines Schiffes. Der Engländer nimmt in der Vorkajüte sein »Priemchen« (Kautabak) aus dem Munde und legt es 251 auf den Tisch, neben dem ein Wachtposten steht. Nach einer Stunde kehrt der Admiral zurück, nimmt das Priemchen von Neuem in den Mund, schüttelt den Kopf und sagt zu dem das Gewehr anziehenden Seesoldaten: »Ihr seid mir auch keine rechten Seesoldaten! bei uns zu Lande würde kein Mann das Priemchen eines Admirals liegen lassen!« »Halten zu Gnaden, Excellenz«, murmelte der Soldat und präsentirte: »ich hab's die ganze Zeit über gekaut .« Wir sind unter dem 14. Grad nördlicher Breite angelangt und der nächste Morgen zeigte einen so hohen Stand des Thermometers, daß uns Allen ganz unheimlich zu Muthe ward. Die Officiere steckten die Köpfe zusammen, der Capitän betrachtete mit gerunzelter Stirn fortwährend den Horizont, unter den Matrosen zeigte sich eine erhöhte Regsamkeit; man wollte wissen, der Chef habe die Annäherung eines Orkanes vorausgesagt. Ein Theil der Passagiere zog sich sogleich in die Kabinen zurück, und wurde – ein Beweis von der Macht der Einbildungskraft – seekrank, wir übrigen blieben, wie ein Schwarm eingeschüchterter Vögel, beisammen und harrten resignirt der Dinge, die da kommen sollten. Eine Stunde nach der andern verging, ohne daß der Orkan sich anmeldete, als um 9 Uhr Abends ganz unerwartet die, Mark und Bein erschütternde Doppelpfeife erschallte; die Mannschaft wurde abermals durch Feuerlärm alarmirt. Der Capitän hatte ihr eine Strafe für die Ausschreitungen beim gestrigen Trinkgelage zugedacht, ohne unsere Mitleidenschaft weiter in Betracht zu ziehen. Ich enthalte mich jeglichen Protestes gegen dergleichen Improvisationen zur Prüfung der Disciplin, aber 252 wenn man weiß, daß auf unserer Linie vor Jahr und Tag der Dampfer » Golden Gate « mit 900 Menschen ein Raub der Flammen geworden ist, sind alle jene Krampfzufälle, an denen unsere Touristinnen die Nacht hindurch litten, nur zu erklärlich. Dessenungeachtet machte ich meinem Unmuth über die Verkürzung der nächtlichen Ruhe einer stolzen, aber schönen Spanierin gegenüber, mit der ich seit der Abfahrt von Acapulco bekannt geworden bin, nachdrücklich Luft. Durch die Huldigungen ihres Gatten und dienstthuenden Cicisbeo verwöhnt, schenkt die stattliche Dame allen Personen, die mit ihr ein Gespräch anknüpfen, nur halb Gehör, und läßt auf jeden, eben vollendeten Satz regelmäßig die Worte folgen: »Wie sagten Sie?« Heute hatte sie einen besonders nachlässigen Ton angenommen, der Faden meiner Geduld riß und ich erklärte rund heraus ihr Fragesystem für eine schlechte Angewohnheit und Unart, der ich mich schlechterdings nicht mehr fügen werde. Kaum waren diese Worte dem Gehege meiner Zähne entflohen, als der Gatte so gut, wie der Cicisbeo, von ihren Stühlen aufsprangen. Anfangs glaubte ich, sie beabsichtigten mich für dieses mündliche Attentat auf ihre Donna niederzustoßen, allein Beide schüttelten entzückt meine Hände und sprachen ihren tiefgefühlten Dank für den ihnen geleisteten Dienst aus. Seit zehn Jahren hatten sie dasselbe sagen wollen, aber noch nie den dazu erforderlichen Muth aufgebracht. Die Spanierin benahm sich vortrefflich, gestand ihren Fehler ein und versprach fortan nach Kräften dagegen anzukämpfen. Unsere Naturalverpflegung, die Anfangs der sonstigen Eleganz aller Einrichtungen entsprach, geht mit dem 253 sinkenden Appetit der Passagiere Hand in Hand. Ellenlange Beafsteaks tauchen auf, von denen nicht ein Zoll genießbar ist, und alle Gerichte sind versalzen . Die schöne Spanierin behauptet in ihrem naiven Französisch: Eis-, Soda- und Weinhändler hätten sich mit dem Schiffskoch in ein Complot zur Ausbeutung des Durstes der Passagiere eingelassen. Bei einem Thermometerstand von 30 Grad Reaumur ist die Sache nicht ganz unglaubhaft. Viele Speisen kehren unberührt vom Tische in die Küche zurück, und ich überraschte, als ich etwas früher aufstand, einen Schwarzen, der seine Pranken in einen, mit Bratensauce gefüllten Napf tauchte und damit seine krausen Wollenhare salbte. Nach der Versicherung meiner Kabinengefährten ist die beliebteste Pomade der Nigger ein Gemisch von Schweinefett und – Syrup. Je mehr wir uns dem Süden nähern, desto größer wird unsere Besorgniß vor einem Zusammentreffen mit der » Alabama « oder irgend einem andern Dampfkaper der Insurgenten. Am 14. Mai, um 11 Uhr Vormittags, kam es zu einem förmlichen Auflauf. Pfeilgeschwind näherte sich der »Constitution« ein flüchtiger Steamer, und in jedem Augenblick erwarteten wir, eine Rauchwolke aufsteigen und eine Kugel in unsern Bug schlagen zu sehen; wir hatten uns umsonst gefürchtet. Fünf Minuten später flatterte von der Gaffel des Unbekannten das Banner der Vereinigten Staaten, wir erwiderten seinen Gruß und setzten beiderseits ohne fernere Erörterungen unseren Weg fort. Alle Herzen fühlten sich erleichtert. Die Causerie wird wieder aufgenommen. Gegenstand allseitiger Beobachtung ist ein veruneinigtes Liebespaar. Er hat sich in ein Buch vertieft; 254 sie sucht vergebens durch unaufhörlichen Wechsel der Toilette seine Aufmerksamkeit zu erregen. Endlich sollte es ihr mit einem weißseidenen Gewande, auf dem schwarze und goldene Arabesken prangten, gelingen. Um vier Uhr lustwandelte sie am Arm des ausgesöhnten Geliebten auf der Promenade. Der launische Master ist ein reicher Grundbesitzer, dem die gesammte Flora an Bord der »Constitution« nachstellt. »Und er heirathet sie doch nicht!« sagte Herr Birkenzweig , als das glückliche Paar an uns vorüberging. Der menschenkundige Landsmann, Besitzer eines Möbel-Magazins in San Francisco, beabsichtigt, seinen Verwandten in einem kleinen pommerschen Flecken einen Besuch abzustatten, um sich an ihrem Erstaunen über seine Herrlichkeit zu weiden und dann für immer in das Goldland zurückzukehren. Herr Birkenzweig hat sich gleich mir der Fraction Meyer Rosenthal angeschlossen. Zu meinem Leidwesen spiele ich bei unseren gemeinschaftlichen Spaziergängen nur eine untergeordnete Rolle. Ich habe nämlich in San Francisco nicht daran gedacht, mich mit einem langen erbsengrünen Ueberrock aus waschbarem Zeuge zu versehen, den jeder Mann comme il faut bei einem gewissen Stande des Thermometers anlegt. Die Farbe ihrer Sommerröcke contrastirt so prächtig mit den schwarzbraunen Physiognomien der drei Reisegefährten, wie die jungen Erbsen selber mit den dazu gehörigen Cotelettes. Das anderthalbstündige Intermezzo eines tropischen Platzregens abgerechnet, bleibt das Wetter anhaltend schön und die See ruhig. Am 15. Mai, dem zweiten Sonntage unserer Seefahrt, näherten wir uns der Küste, und ein großes Fischerboot gerieth in Sicht, aber aufsteigende leichte 255 Dünste verschleierten uns bald die malerischen Umrisse des Festlandes, zerklüftete Bergzacken. Ein Schlag auf den Gong rief uns, wie zum Diner, so auch zum Gottesdienst. Der Capitän behauptet hinsichtlich seines Platzes dem Vorrang, hinter ihm sitzen die Damen; die Herren bilden eine Art Stehparterre. Den Altar stellt ein mit dem Sternenbanner bedeckter Tisch vor, darauf liegt ein reich vergoldetes Prachtexemplar der Bibel neben einigen Gebetbüchern. Alle Damen waren in weißen Gewändern erschienen, auch der geistliche Herr trug einen weißen Ueberwurf und grün und roth gestickte Pantoffeln. Vermuthlich hatte der Matrosenball der verflossenen Woche dem Knecht des Herrn Veranlassung gegeben, einen Text zu wählen, an den sich moralische Betrachtungen über den verführerischen Einfluß der Tanzkunst auf das männliche Gemüth, und die unberechenbaren Folgen einer allzugroßen Nachgiebigkeit gegen schöne Tänzerinnen, knüpfen ließen. Dafür war unstreitig kein passenderes Thema vorhanden, als die ersten zwölf Verse im vierzehnten Capitel des Evangeliums Matthäi. Der Prediger schrieb die Enthauptung Johannis des Täufers lediglich der Schwäche des Vierfürsten für Herodias zu und erging sich in einer donnernden Philippika gegen leichtfertige Weiber und gewaltthätige Männer. Die Fraction hätte die Vermeidung des Gottesdienstes für einen Verstoß gegen die Pflichten jedes Gentlemans angesehen und stand in ihren erbsengrünen Röcken hinter mir. Als der Redner nun den Moment schilderte, wo das Haupt des Täufers dem Vierfürsten überbracht wird, fixirte er, wie es schien, ungemein scharf die Mitglieder der Fraction, als mache er sie noch heute für die Grausamkeit des 256 Vierfürsten verantwortlich. Es beruhigte mich, daß meine Reisegefährten die anzüglichen Blicke des Eiferers nicht zu bemerken schienen. Die unbeschreibliche Schönheit des Spätnachmittags und Sonnenuntergangs versammelte alle Damen auf dem Verdeck und veranlaßte sie zu Bemerkungen, aus denen erhellte, wie wenig sie sich die Warnungen des Seelsorges vor den Gefahren der Tanzkunst zu Herzen genommen hatten. So oft über der phantastischen Wolkenbank, hinter der das Tagesgestirn versank, eine neue Farbennuance auftauchte, wünschte irgend eine der Grazien grad ein solches Ballkleid zu haben. Meine Frage, ob das Colorit der Natur den Forderungen einer geschmackvollen Toilette entspreche, wurde huldreich bejaht, nur in Betreff der himmelblauen Tinten hielten die Schönen die chinesischen Färber der Natur für weit überlegen; ein tadelloses Blau, wie das Ihrige, gebe es selbst nicht am Firmament. Nach Einbruch der Dunkelheit sprach der Geistliche noch ein kurzes Gebet, in dem er nachdrücklich an die Schrecken der Hölle erinnerte; dann sangen die jungen Amerikanerinnen sehr wohllautend einige Choräle, denen Mannschaft und Passagiere andächtig lauschten. Die gewaltige Maschine der »Constitution« schafft uns rasch vorwärts; am 16. Mai hatten wir schon den siebenten Grad nördlicher Breite und mit ihm eine winzige, über und über bewaldete Insel erreicht; in der Ferne des Horizonts verdämmern hohe, aus der Tiefe des Oceans hervorragende Berggipfel. Zugleich zeigen sich sporadische Fälle der schon in den chinesischen Gewässern angeführten Ausschlagskrankheit »der rothe Hund.« Die ferne Küste wird von den Schiffsofficieren für Costa Rica ausgegeben, 257 die Bäume des namenlosen Eilands wimmeln von Papageien und Meerkatzen. Weithin ist die Oberfläche des Oceans mit seltsamen lebenden Creaturen bedeckt, und eine fünf Fuß lange Schildkröte war so tief in ihre Träume versunken, daß sie von dem Schaufelrade erfaßt und in die Tiefe gewirbelt wurde. Gegen Abend waren wir Zeugen einer Treibjagd, die ein großer Hai mit einer Heerde Schweinefische anstellte. Die geängstigten Thiere suchten immer das Kielwasser des Dampfers zu erreichen, dessen Schaum sie dem Auge des gefräßigen Ungeheuers entzog. Wir sind aus mir unbekannten Gründen über Panama hinausgedampft und steuern in den neunten Breitegrad in nordöstlicher Richtung zurück. Die Nachbarschaft des Landes geht aus manchen unerwarteten Besuchen hervor. So hatten sich spät Abends auf Deck mehrere »Vampyre«, oder »Fliegende Füchse« eingefunden. Die armen Geschöpfe mochten ihre Excursionen zu weit ausgedehnt haben, sie saßen bis zum Sterben erschöpft auf dem Glasdach des Speisesalons und fächelten einander mit ihren weiten Fledermausflügeln. Es war ein Glück für die müden Reisenden, daß außer mir nur noch ein Passagier auf Deck verweilte, man hätte sich in dem hilflosen Zustande sonst sicher ihrer bemächtigt. Noch waren wir in Betrachtung dieser phantastischen Naturgebilde versunken, als dicht neben uns eine mit Leuchtkugeln gefüllte Rakete laut prasselnd in die Höhe stieg und uns durch den Schreck fast von den Stühlen warf. Man hatte nur einen andern Dampfer durch ein Signal von besonderem Nachdruck zu warnen gesucht. Als ich mich am 17. Mai von meinem Lager erhob und im Freien 258 umsah, schwamm die »Constitution« zwischen kleinen üppig bewaldeten Inseln, auf denen das bewaffnete Auge Häuschen und Hütten unterschied. Schon um neun Uhr Morgens gelangten wir in die Bai von Panama . Bei der Einfahrt ist die äußerste Vorsicht erforderlich, denn die Gewässer sind mit einer Menge von Sandbänken angefüllt, die während der Ebbe drei bis vier Fuß hohe Inseln bilden, bei hohem Wasserstande aber verschwinden und jedem nachlässig geführten Schiffe den Untergang bereiten. Das Panorama von Panama kann sich an malerischer Mannigfaltigkeit und Großartigkeit der landschaftlichen Umgebung nicht mit Acapulco messen. Die Stadt liegt an den Abdachungen eines Ausläufers der Andeskette und ist nur mit dicht bewaldeten Vorbergen umgeben, deren saftiges Grün und gerundete Formen das Auge nicht spannen, sondern nur beruhigen. Kaum waren die Anker der »Constitution« gefallen, als sich uns auch schon ein kleiner Dampfer näherte, um Passagiere und Effecten an Land zu befördern. Die tiefgehende »Constitution« hatte bei der Seichtheit der Gewässer ziemlich fern vom Strande Anker geworfen, und zwei Stunden vergingen, ehe die letzten Reisenden ausgeschifft waren. Grundsätzlich übereile ich mich niemals bei solchen Gelegenheiten. Auf meinen Gepäckstücken sitzend, wartete ich die letzte Fahrt des Dampf-Omnibus ab und ergötzte mich bis dahin mit den Handelsleuten, die unseren Postdampfer in kleinen Böten erwartet hatten und uns Papageien in allen Farben, Meerkatzen, kleine Faulthiere und junge Jaguare in Käfigen zu Schleuderpreisen anboten. Ich muß mich zu angelegentlich in diese Curiositäten vertieft haben, denn als ich aufblickte, war mein auf einem 259 Koffer liegender Hut verschwunden, und ich fühlte mich sogleich nach meiner Landung veranlaßt, einen der localen Panamahüte anzukaufen. Der Verlust schärfte mir Vorsicht ein; sie war wirklich dringend geboten. Der Dampfer setzte uns an dem Bollwerk der, über die Landenge führenden Eisenbahn ab, und hier waren in der That hundert Augen und Arme nothwendig, um die Habseligkeiten vor der Zudringlichkeit der schwarzbraunen Langfinger zu schützen. Ohne die Unterstützung mehrerer eingeborenen barfüßigen Soldaten wäre ich noch kurz vor dem Ende meiner Reise um Hab und Gut gekommen. Diese Vertheidiger des Eigenthumsrechtes machten indeß mit den Hallunken kurzen Prozeß. Leichtere Exemplare wurden über das hölzerne Geländer geworfen, schwerere mit derben Fußstößen unten durch befördert. Ein mit Eseln bespannter Omnibus stand bereit, diejenigen, welche nicht gleich die Küste des Stillen mit der des Atlantischen Oceans, oder vielmehr des mexikanischen Meerbusens, vertauschen wollten, nach Hotel Aspinwall zu führen. In Gesellschaft der beiden fieberkranken Officiere stieg ich ein, aber die Bespannung unseres Reserve-Omnibus verrieth nur geringe Neigung, sich ernstlich in das Geschirr zu legen. Vor einem ziemlich steilen Hügel blieb die langohrige Quadriga trotzig stehen, und uns blieb nichts Anderes übrig, als im Schweiße unseres Angesichts zu Fuß das Hotel zu erreichen. Wenn die Dampfschiffe aus dem Norden und Süden Amerika's und Eisenbahnzüge aus dem Osten ankommen, sind alle Hotels überfüllt, und der Reisende hat dem Himmel zu danken, wenn er nur ein leidliches Unterkommen findet. Uns wurde ein mit vier sauberen Betten, aber nicht mit 260 Fenstern ausgestattetes Zimmer angewiesen, das wir mit unzähligen Mosquito's, die bis auf Weiteres schlummernd an den Wänden hingen, und einem reichen deutschen Herrn zu theilen hatten. Der Gentleman sah scheel drein, aber was kümmerte das uns, die wir hoffen durften, in drei bis vier Wochen die geliebte Heimath zu erreichen. Fünf Minuten darauf befanden sich die gleichfalls mit schlafenden Mosquitos bedeckten poste-restante- Briefe aus Preußen in meinen Händen; ich überlasse dem garstigen Brummbär vorläufig das bestrittene Terrain, den tapferen Franzosen die Vertheidigung desselben und ziehe mich in die schattige Veranda des nächsten Kaffeehauses zurück, um mich unbehelligt der Lectüre der Briefe meiner Lieben zu widmen. 261 XIX. Rundschau in Panama. Für die Schüler Darwins. Azteken an Ort und Stelle. Dächer von Austernschaalen. Das Panamafieber. Der kleine Rothschild. Meine Taucher. Dörfer im Urwalde. Leuchtkäfer als Haarschmuck. Halb Skelett. Klempner Fischer. Der spanische Gesandte. Seine Flucht auf einer Draisine. Ueber die Landenge nach Aspinwall. Nach einer, auf der Mosquito-Folter durchwachten Nacht erhob ich mich um sechs Uhr von dem Schmerzenslager und begann meine übliche Wanderung durch die Stadt. Die Bevölkerung von Panama zieht sich allabendlich gegen zehn Uhr in ihre Häuser zurück, steht dafür aber am Morgen auch gleichzeitig mit den Hühnern auf. Die Einwohnerzahl übersteigt nicht achttausend; der Ort enthält, es sei denn, man wollte einige alte, verfallene Kirchen dahin rechnen, weiter keine Merkwürdigkeiten, und doch übt er, wie alle Städte, in denen der spanische Volksstamm vorwaltet, auf mich eine seltsame Anziehungskraft aus. Der feine Spanier ist in seiner Tournüre ein Gentleman erster Klasse, und an den schönen und tiefen Augen der Frauen vermochte ich mich niemals satt zu sehen. Man weiß sich gemüthlich einzurichten, die Häuser sind durchgängig zwei 262 Stock hoch, von Veranden umgeben, und reich mit Blumen und tropischen Zierpflanzen geschmückt, in herabhängenden vergoldeten Ringen schaukeln sich buntfarbige Papageien und mischen ihr Geschrei in den Klang der Mandolinen, die den Gesang ihrer schönen Gebieterinnen begleiten; dieser stolze Menschenschlag giebt etwas auf poetische Gestaltung des Lebens. Ein dahin gehöriger Zug äußerte sich auch in den Erklärungen eines schwärzlichen alten Kirchendieners, den ich in den malerischen Ruinen eines Gotteshauses fand, wo er sein Leben mit den Trinkgeldern der Touristen zu fristen schien. Der gute Greis hatte eine phantastische Geschichte des verfallenen Bauwerks componirt und demselben ein Alter von dreitausend Jahren beigelegt, da es doch deren höchstens hundert und fünfzig zählen konnte; in seinen Fundamenten sollten große Schätze vermauert sein, und allnächtlich Geister zu ihrer Bewachung umgehen. Mehr als diese unzugänglichen Reichthümer und ihre unheimlichen Wächter fesselte mich die Ruine selber und der hohe Baumwuchs auf ihren geborstenen Mauern. Mit flüchtigen Strichen entwarf ich eine Zeichnung in meinem Skizzenbuch. Auf den Plätzen und in den schmalen schattigen Straßen Panama's herrscht reges Leben, Menschen jeglicher Farbe und jedes Gesichtsschnittes tummeln sich umher und überbieten durch ihren Heidenlärm das Geschrei der vor allen Fenstern und Thüren hängenden Papageien. Den Bekennern der Lehre Darwins kann ich mit gutem Gewissen Panama zu gründlichen Studien über die Kreuzung der Racen und die Veredlung des indianischen Stammes durch europäisches Blut anempfehlen. Gleich am ersten Vormittage begegnete ich einem etwa 263 zehnjährigen Jungen von der Farbe eines angeräucherten Kupferkessels, die ganz absonderlich mit dem norddeutschen blonden Krauskopf contrastirte. Auch vereinzelte Exemplare der bei uns angestaunten vogelköpfigen Azteken sind mir mehrfach aufgestoßen. Männer und Weiber tragen Panamahüte, außerdem aber nur – ich spreche von den Eingeborenen – einen um die Hüften gebundenen Streifen von blauem Kattun. Kröpfe kommen eben so häufig vor, wie in den engen und dumpfigen Hochgebirgsthälern der Schweiz und Tirols, doch sind die Inhaberinnen weit entfernt, sie zu verbergen; man umgiebt sie vielmehr mit Perlenschnüren und Rosenkränzen. Gleichzeitig erinnern Irrsinnige, die sich in den Straßen umhertreiben, wie dringend es Noth thut, den Kopf durch sorgfältige Bedeckung gegen den Sonnenstich zu schützen. Ich zog mich weislich in das Hotel zurück und wagte mich erst eine Stunde vor Sonnenuntergang wieder hervor, um eine Aquarelle des Marktplatzes und der Kathedrale zu beginnen. Diese ist, wie alle Kirchen oder Kapellen des Ortes, im Styl der Jesuiten erbaut, befindet sich aber auch schon im Verfall, so stattlich die beiden Thürme dreinschauen mögen. Die gottesdienstlichen Gebäude sind sämmtlich statt mit Dachziegeln mit großen Austerschaalen und anderen umfangreichen Muscheln gedeckt; eine Methode, die bei der Nothwendigkeit fortwährender Ausbesserungen nicht nachahmungswerth erscheint. Aus Furcht vor dem Panamafieber, das beim Beginn der heißen Jahreszeit am heftigsten aufzutreten pflegt, beschränke ich meine Arbeit auf das Nothwendigste. In den letzten vierundzwanzig Stunden sind in unserem Hotel schon zwei Todesfälle vorgekommen. 264 Die beiden Leichen wurden gleich nach Tagesanbruch in aller Stille fortgeschafft, um die übrigen Gäste nicht in Schrecken zu versetzen. Die Verstorbenen, zwei Nordamerikaner, hatten ihren raschen Tod durch Ausschweifungen und Diätfehler selbst verschuldet. Meine Reisegefährten, die französischen Offiziere, leben äußerst zurückgezogen und mäßig, um nicht dem mörderischen Klima des Ortes Vorschub zu leisten. Gewarnt vor nächtlichem Aufenthalt im Freien, gehen wir drei pünktlich um zehn Uhr zu Bette; der deutsche Stubenkamerad – wir nennen ihn seiner Reichthümer wegen den »kleinen Rothschild« – bindet sich in Lebensweise und Diät an keine Regel. Sein Betragen in einer der letzten Nächte machte unserem traulichen Beisammensein unerwartet ein Ende. Nachdem er zwischen Mitternacht und Tagesanbruch, angeblich in Folge der Mosquito-Pein, in Wirklichkeit wohl aber nur auf Grund von Champagner-Libationen, wie ein wildes Thier in seiner Klause hinter der Gardine getobt hatte und endlich aus dem Bette gefallen war, drangen die Franzosen, der Störung ihrer Nachtruhe müde, in den Wirth des Hotels, ihnen ein anderes Zimmer einzuräumen. Ihre Bitten waren vergebens, erst der französische Consul, an den sie sich gewandt, hatte Rath zu schaffen gewußt. Als ich Abends nach Hause kam, fand ich die guten Gesellen im ersten Stock in dem luftigen Salon des Hotels einquartirt. Der Jüngere war vor Freuden außer sich; er behauptete, nur bei seinem Lieutenants-Examen ärger geschwitzt zu haben, wie in der vorigen Herberge. Sobald die Sonne ihr feuriges Antlitz hinter Wolken 265 versteckt, benutze ich die kurze Galgenfrist zu kleinen Ausflügen ins Freie und Spaziergängen an der Meeresküste. Außerordentliches Vergnügen bereitet mir die Beobachtung der kleinen Taschenkrebse. Sie verbergen sich beim Eintritt der Ebbe, um den Angriffen ihrer Feinde zu entgehen, in leere Muscheln, und schleppen diese, die oft zehnmal schwerer sind, als sie selber, auf dem Rücken mit sich umher. Gegen ein kleines Geschenk holen mir die Jungen der indianischen Küstenbewohner aus dem Meeresgrunde, der hier meistentheils aus Fels besteht, die prächtigsten Muscheln herauf. Gewöhnlich bin ich verurtheilt, diese Excursionen ganz allein zu unternehmen; kein hiesiger Geschäftsmann oder Handelsreisender kümmert sich um die landschaftliche Umgebung. Will man seine Spaziergänge etwas weiter ausdehnen, so muß man sich allerdings nach Begleitung umsehen, auch ist es nicht rathsam, sich unbewaffnet auf den Weg zu machen. Am 20. Mai war es mir gelungen, zwei Engländer zu einer kleinen Jagdpartie zu bewegen. Wir gingen einige englische Meilen weit landein und schossen eine Anzahl bunter Vögel, plötzlich stürzte ein fast nackter Indianer aus dem Gebüsch, hielt mit der Rechten die Weiche fest, als sei er dort durch unsere Schüsse verwundet, und zeigte uns mit der Linken unter dem kläglichsten Geheul einige Rehposten, den Beweis unserer Unachtsamkeit. Die Spekulation des geriebenen Landeskindes war verfehlt; wir hatten gar keine Rehposten bei uns, sondern nur Schrot geladen. Da er für die angebliche Verwundung eine Geldentschädigung verlangte, machte ihm der am wenigsten maulfaule der beiden Jäger begreiflich, er werde 266 wohlthun, sich so schleunig als möglich zu entfernen, wenn er nicht vorziehe, wirklich eine Ladung »Dunst« in die Sitztheile zu erhalten. Da dieses Angebot durch Demonstrationen mit dem Flintenlauf illustrirt wurde, suchte der Pseudo-Blessirte rasch das Weite, wies uns dann aber, außer Schußweite angekommen, hohnlachend unverhüllt jene Körpertheile, die noch so eben bedroht gewesen waren. Mehr Unterhaltung gewährte ein Ausflug, den ich in Gesellschaft der französischen Offiziere nach dem Urwalde unternahm. Wir statteten in zwei, am Rande desselben gelegenen Dörfern einen Besuch ab und wurden von den hier ansässigen Indianern und freien Negern sehr zuvorkommend empfangen. Meine Gefährten suchten sich mit den gutmüthigen Naturkindern zu verständigen, ich brachte rasch die Umrisse der sehr malerisch gelegenen Ansiedelungen zu Papier. Die Arbeit ging mühselig genug von statten. Um mich her krabbelte ein Haufen kleiner nackter Kinder, die sich meiner Knie bedienten, um sich daran aufzurichten, dann wurde ich fortwährend durch mein eigenes Gelächter am Zeichnen gehindert. Die Versuche der Franzosen, mit unseren Wirthen um jeden Preis eine Unterhaltung anzuknüpfen, waren zu komisch. Die Dorfbewohner schienen sich einiger Wohlhabenheit zu erfreuen und nach ihrer Weise das Leben in vollen Zügen zu genießen. Esel, Schweine, Hühner und Enten trieben sich zwangslos unter den Menschen umher; das Ensemble hatte einen communistischen Anstrich. Aeltere Männer schaukelten sich in ihren Hängematten; die Frauen kochten das frugale Abendbrot, eine Art Häckselbrei aus Reis und – Reisstroh . Die Einladung, an der Mahlzeit theilzunehmen, lehnten wir ab; 267 es dunkelte und Regenwolken zogen herauf. Mit dem Wetter in den Tropen vertraut, eilten wir, die Stadt zu erreichen, allein der Platzregen überholte uns; wir mußten in eine am Wege stehende Hütte flüchten. Vier junge indianische Mädchen, die sie unter der Obhut von zwei Männern und einer schwarzen Dienerin bewohnten, schienen nicht ganz unbemittelt zu sein. Sie empfingen uns sehr zuvorkommend und kramten selbstgefällig ihre Schmucksachen hervor, unter denen sich auch jene wunderbaren Leuchtkäfer befanden, welche die hiesigen Frauen und Mädchen im Haar tragen. Der phosphorische Schimmer geht von zwei hervorstehenden Augen ähnlichen Buckeln aus und gleicht dem unserer Johanniswürmchen. Die Thierchen leuchten nur, so lange sie lebendig sind, und werden daher sorglich gepflegt. Die Besichtigung dieser Merkwürdigkeit beschäftigte uns grade so lange, als der Regen anhielt; wir kamen wider Erwarten trocken nach Hause. So bitterlich andere Reisende sich über die hiesige Temperatur beklagen, ziehe ich sie ungeachtet der drückenden Hitze und Gefahr für die Gesundheit doch dem indischen Klima vor. Natürlich darf man die bekannten Vorsichtsmaßregeln nirgends außer Acht lassen. Die naheliegenden Diätfehler und anderweitige Excesse tragen wohl in den meisten Fällen die Schuld an dem Ausbruch des Panama-Fiebers und seines tödtlichen Verlaufes. Schon vor Jahren, während meines längeren Aufenthaltes in Brasilien , habe ich ähnliche Erfahrungen gemacht. Die Hitze in Amerika erschlafft die Lebenskraft bei weitem nicht in so hohem Grade, wie in Asien. Nach der starken körperlichen Bewegung des Tages hätte ich mich eines erquicklichen Schlummers erfreuen 268 können, wäre mir derselbe nicht durch meinen Schlafburschen, »den kleinen Rothschild«, verkümmert worden. Spät in der Nacht kam der unverbesserliche Lebemann nach Hause, wechselte mit sich einige abgebrochene Worte und sank dann röchelnd auf sein Lager. Muthmaaßlich hatte er zu schwer geladen; das Bett brach unter ihm zusammen. Das Unglück war nicht groß, denn noch standen die Betten der Franzosen in dem Zimmer. Der kleine Rothschild rückte eines derselben in die Mitte, legte sich nieder und entschlief endlich unter fortwährenden Selbstgesprächen, aus denen unschwer die Ausschreitungen des letzten Abends zu errathen waren. Des Unholds von Herzen überdrüssig, machte ich mich Morgens bei Zeiten davon; befand ich mich doch überall wohler, als in seiner Gesellschaft. Ich besah einige Curiositäten Panamas, unter Anderen das große weiße Schwein, wie der spanische Züchter mit emphatischen Worten behauptet: das größte der Welt, und gab dem, vor unserem Hotel sitzenden Indianer sein tägliches Almosen. Bis zu den Hüften hinauf gleicht der unglückliche Mensch einem Skelett; der Oberkörper ist dagegen vollkommen ausgebildet, und die Ernährung scheint von der anomalen Struktur der unteren Extremitäten nicht beeinträchtigt zu werden. Er bekleidet den Posten eines Hotel-Wichsiers und erhält für jedes Paar von ihm geputzter Stiefel ein Salair von circa fünf Silbergroschen. Hotel Aspinwall ist überfüllt von Amerikanern; unsere Tischgesellschaft besteht nur aus Individuen mit den Titeln: Doctor, Capitän und Major. Der gesellschaftliche Ton ist ungleich ungezwungener, als in Hotel Ruß zu San Francisco, sogar die schwarze Dienerschaft erlaubt 269 sich, während die Speisen umhergereicht werden, zu pfeifen und die auf den Tellern übrig gebliebenen Bissen unter den Augen der Gäste in den Mund zu stecken. Auf meinen Fußwanderungen durch die Straßen der Stadt mache ich manche unerwartete Bekanntschaft. Die hiesige Industrie befindet sich durchschnittlich in den Händen der Franzosen, doch kam ich auch mit einigen Deutschen zusammen. So fand ich in dem Klempnerladen einer Seitenstraße einen Landsmann, Namens Fischer , der sich vor zehn Jahren mit einem ersparten Vermögen von 12,000 Dollars nach Europa eingeschifft. Der unbesonnene Mann hatte die Summe nicht in Papiere umgesetzt, sondern in klingendem Gelde in Kisten verpackt; als er in Liverpool landete, waren diese spurlos verschwunden. Ein Engländer, der ihm schon von New-York aus gefolgt, soll der Dieb gewesen sein. Der Unglückliche war sogleich zurückgekehrt und hatte sein Geschäft gleich wieder von vorne angefangen, aber noch kein Vermögen zum zweiten Male erspart. Das fällige Dampfschiff von Chile war am 21. Mai gegen Abend angekommen und hatte eine Menge Passagiere ausgeschifft, unter denen sich auch der spanische Gesandte befand. Die Feindseligkeiten wegen der Guano-Inseln waren damals eben ausgebrochen, und der Pöbel von Panama hatte kaum die Ankunft des Gesandten erfahren, als er sich sofort daran machte, die Beschlagnahme und Besetzung der Guano-Inseln durch spanische Schiffe und Truppen wider alles Völkerrecht an seiner Person zu rächen. Ich war zwischen elf und zwölf Uhr Nachts eben eingeschlummert, als ich durch einen fürchterlichen Spectakel vor der Hausthür wieder aufgeschreckt wurde. Das ganze Hotel erbebte 270 bis in seine Grundvesten, und schon glaubte ich an ein Erdbeben, als der Schein von Fackeln, der die Decke des Zimmers roth erleuchtete, mich eines Besseren belehrte. In der Stadt hatte sich das Gerücht verbreitet, der Gesandte sei im Hotel Aspinwall abgestiegen, und die unten stehende Menge forderte ungestüm von unserem Wirthe die Auslieferung des unglücklichen Diplomaten. Die Masse bestand aus einigen hundert schwarzen Kehlabschneidern, die, sämmtlich mit Pistolen und Dolchen bewaffnet, dem Gesandten, wäre er in ihre Hände gerathen, unfehlbar den Garaus gemacht hätten. Der Wirth des Hotels jedoch, der mit ähnlichen Scenen vertraut zu sein schien, hielt aus einem Fenster des ersten Stockes eine geharnischte Rede, in welcher er den schwarzen Missethätern nicht allem ihr Betragen verwies, sondern auch mit leidenschaftlichen Gebehrden und Worten betheuerte, der Gesuchte befinde sich nicht in seinem Hause. Diese Versicherung konnte er mit um so größerer Zuversicht geben, als der Gesandte, der rechtzeitig den Braten gerochen, längst das Weite gesucht und im Hause des englischen Consuls ein Unterkommen gefunden hatte. Wie ich einige Tage später an Bord des Dampfers » Solent « erfuhr, war er von diesem mit Kleidern versehen, in denen man ihn nicht leicht zu erkennen vermochte, und nach dem Eisenbahnhofe geschafft worden. Noch in derselben Nacht hatte er von hier aus mit Hilfe einer Draisine den Hafen Aspinwall am mexikanischen Meerbusen erreicht. Was mußte der unglückliche Mann unterwegs ausgestanden haben! Die ganze Nacht hindurch floß der Regen in Strömen herab und das Dach unseres Hotels leistete ihm so geringen Widerstand, daß mein Bett sich in eine Pfütze verwandelte. Die hiesigen Nachtschwärmer fühlten sich durch 271 das Unwetter sonst nicht beeinträchtigt; nach Mitternacht drangen drei stark angeheiterte Spanier in mein Zimmer und belegten die drei leeren Betten mit Beschlag. Eine halbe Stunde später traf »der kleine Rothschild« ein. Schon machte ich mich auf eine theatralische Scene mit gezückten Dolchen gefaßt, allein Rothschild erwählte, der Majorität weichend, das bessere Theil, ließ den Feind im Besitz der festen Stellung und flüchtete in das Zimmer eines Bekannten. Es ist einleuchtend: meinem ferneren Aufenthalte in Panama sind bestimmte Grenzen gesteckt. Ein starker Anfall von Dysenterie zwingt mich zu unablässigem Patrouilliren, einem hiesigen Arzte mag ich mich nicht anvertrauen; die schleunigste Ortsveränderung ist mithin geboten. Es dauerte jedoch am 22. Mai von neun Uhr Morgens bis halb ein Uhr Mittags, ehe die Rechnung bezahlt, die Trinkgelder erlegt, wir sammt dem Gepäck nach dem Bahnhof geschafft und im Besitz der Billets waren. Durch den Janhagel, der, unter dem Vorwande des Hausirhandels mit Ananas, Bananen, Papageien und Fächern, den Reisenden fortwährend den Weg vertritt und auf Taschendiebstahl ausgeht, mußten wir uns mit Gewalt eine Gasse bahnen. Einen Buben, der mir das Portemonnaie aus der Hand reißen wollte, streckte ich nothgedrungen mit einem Faustschlage zu Boden. Endlich saßen wir in den Waggons. Das Passagierbillet für die nur dreizehn deutsche Meilen lange Strecke über die Landenge von Panama nach Aspinwall kostete 25 Dollars, 8½ Dollars hatte ich für Ueberfracht bezahlt, für die Anfahrt des Gepäcks auf dem Omnibus-Verdeck 4 Dollars; jetzt trat der Besitzer und gleichzeitige Kutscher dieses Vehiculums in das Coupée und bat sich noch fünf Dollars für 272 zweimalige Beförderung meiner Person nach dem Hotel Aspinwall und von dort nach dem Bahnhofe aus. Ueber diese unverschämte Forderung empört, murmelte ich einige Worte in den Bart, wurde aber sofort zum Schweigen gebracht, als der Omnibuskutscher süßlächelnd in elegantem Französisch mich anredete und fragte: »Glauben Sie, ich sei in dieses Fiebernest herübergekommen, um Bananen zu essen? « Dawider ließ sich nichts einwenden, machten sich die Einwirkungen des Klimas doch an mir selber fühlbar, und vermochte ich kaum noch der Sehnsucht nach der Heimath moralisch zu widerstehen. Der Temperatur angemessen, sind sämmtliche Waggons ringsum offen und nach Art der österreichischen und würtembergischen Gesellschaftswagen eingerichtet. In jedem derselben finden ungefähr dreißig Personen Platz. Meine Freunde, die französischen Offiziere, sitzen vis-à-vis von mir am offenen Fenster, meine Nachbarin zur Rechten ist eine junge Nordamerikanerin, deren kleiner Dreijähriger die Annehmlichkeiten der Reise nicht zu erhöhen verspricht; die sonstige Füllung des Wagens besteht aus tabakkauenden Yankee's, die zu meinem und der Franzosen Entsetzen an unsern Gesichtern vorbei mit fürchterlicher Sicherheit zum Fenster hinausspucken. Bald sollte sich mir auch die holde Nachbarin peinlich fühlbar machen. Nach unserm Gespräch hielt sie mich für einen galanten Franzosen, setzte den ungezogenen Knaben, der sich schon mit Strampeln unausstehlich gemacht hatte, auf meinen Schooß, und ersuchte mich in gebrochenem Französisch, ihn, so lange sie schlafen werde, in meine Obhut zu nehmen. Die Situation war peinlich, die Temperatur nahe an dreißig Grad, dazu litt ich an der Dysenterie 273 und mußte die »zwei Minuten Aufenthalt« auf jeder Station, ohne Weiterungen zu veranlassen, auf das Gewissenhafteste benutzen; die Pflichten einer Kinderfrau ließen sich unter den obwaltenden Umständen nicht mit denen eines civilisirten Menschen vereinigen. Der Kleine, der, wohlgemerkt, an fünfzig Pfund wiegen mochte, war noch nicht im Stande, mündlich genau Auskunft zu ertheilen, ich knipp ihn daher, sobald die Frau Mama entschlummert war, an einer empfindlichen Stelle seines feisten Körpers und entledigte mich des Knaben, als Madame bei seinem gellenden Schrei erschrocken auffuhr, unter dem Vorwande, er verrathe Widerwillen gegen meine Persönlichkeit. Nur eine Nordamerikanerin ist im Stande, einem urfremden Herrn eine solche Last aufzubürden. Die Gesellschaft in dem benachbarten Waggon war ebenfalls nicht die angenehmste. Die schwarzen Banditen in Panama hatten die nächtliche Flucht des spanischen Gesandten ausgekundschaftet und eine Elite aus ihrer Mitte nach Aspinwall abgesandt, um ihm, wenn möglich hier, vor seiner Abreise nach Europa, das Lebenslicht auszublasen. Sie saßen, bis an die Zähne mit Carabinern, Revolvern, Säbeln und Dolchen bewaffnet, in einem Haufen stumm beisammen und blickten wild umher; wir hüteten uns weislich, sie scheel anzusehen. Bald hinter Panama zieht sich der Schienenstrang durch einen Urwald riesiger Bäume, deren von Schling- und Schmarotzer-Gewächsen überwucherte Species kaum noch zu erkennen sind. Dieser glich der Colossalgestalt eines betenden Mönches, jener einem auf Beute lauernden Tiger. Die in Brasilien einheimische Königspalme stand – ein mährchenhafter Anblick, den man nicht auf allen Eisenbahnfahrten 274 genießt – in voller Blüthe, alle Bäume waren mit rothen, gelben und violetten Blumen geschmückt. Die Terrainschwierigkeiten bei dem Bau dieser Bahn, die den Personen-Verkehr und Waaren-Transport zwischen zwei Oceanen vermittelt, können nicht erheblich gewesen sein, denn bei einer mäßigen Steigung und Senkung schlängelt sich der Schienenstrang so geschickt durch die gebirgige Gegend, daß mir weder Sprengungen oder Tunnel, noch beträchtlichere Erdarbeiten aufgefallen sind. Die Höhen überragen nicht die der thüringischen Bahn. Die Zahl der Stationen ist nur gering, doch kamen wir an einem Dutzend armseliger, aber wie gewöhnlich pittoresker Dörfer vorüber, deren Einwohner sich nach dem in ihrer Nähe grasenden Rindvieh, den Eseln, Ziegen und Schweinen zu schließen, mit Viehzucht beschäftigen. Die Hütten bestanden meistens nur aus einem auf Pfosten stehenden Dach. Aus den Stationen wurden regelmäßig die Naturproducte der Landschaft, darunter kleine Jaguare oder Kuguare und junge Faulthiere zum Verkauf angeboten. Hart an einer Station züngelten zwei große Schlangen spielend um einen Palmenstamm und fuhren erst entsetzt aus einander, als die Locomotive einen schneidenden Pfiff und eine qualmende Dampfwolke ausstieß. Es war drei Uhr, als wir in Aspinwall anlangten; wir hatten die Strecke in zwei Stunden zurückgelegt. 275 XX Steamer Solent. Meerkatzenbraten. Die Reisesaison in den Antillen. Chilenische Damen. Der Hotelwirth aus Panama als Tourist. Rothbart und Rothkopf. Barmherzige Schwestern. Die Nimrods. Schauspieler und Stierfechter. Eine Matadorin. Auf der Höhe von Jamaica. Stadt Kingston. Der Odeur der Neger. Vergnügtsein der Matrosen. Noch vierzig mehr. Das Seescheusal. Vor Hayti. Nach St. Thomas. Aspinwall ist ein kleines, von Cocospalmen umgebenes Städtchen, das als Durchgangspunkt der Reise über die Landenge eine große Zukunft hat. Vorläufig haben sich hier aber nur die schlimmsten Seiten der europäischen Civilisation entwickelt. Schon dem eiligen Passanten fällt die Menge der liederlichen Häuser auf. Fast immer das dritte öffentliche Local pflegt eine Schenke zu sein, deren Wirth prostituirten Frauenzimmern ein Unterkommen gewährt. Im tiefsten Grunde der Seele dieser Gräuel überdrüssig, die mich durch zwei Welttheile unablässig verfolgt, begrüßte ich den aus dem Schlott des Steamers Solent aufsteigenden Rauch wie ein Glück verheißendes Signal. Da eine Ueberfüllung des verhältnißmäßig kleinen Schiffes mit Bestimmtheit vorauszusetzen war, hielt ich mich mit der Besichtigung 276 Aspinwall's nicht länger auf, sondern eilte, an Bord zu kommen und sofort eine Stelle mit Beschlag zu belegen, von der mich Niemand zu vertreiben vermochte. Nur ein abscheulicher Anblick fesselte mich kurz vor der Ueberfahrt einige Augenblicke am Strande. Unter den kastanienbraunen Indianern, die mit den schon erwähnten Verkaufsgegenständen auf die Reisenden lauerten, bemerkte ich mehrere bejahrtere Individuen, welche das Mittagsessen für ihre Compagnons zuzubereiten schienen. In sich versunken hockten sie an kleinen Kohlenfeuern und drehten sorglich hölzerne Bratspieße, an denen kleine Kinder steckten. Ein Schrei des Entsetzens blieb mir in der Kehle stecken, erst das Gelächter meiner Begleiter, der französischen Offiziere, überzeugte mich von meinem Irrthum. Die kleinen Kinder waren abgebalgte Meerkatzen, angeblich ein schmackhaftes Wildpret, das die Indianer nie verschmähen sollen. Mir hatte die Aehnlichkeit des Bratens mit menschlichen Umrissen und Formen für den Rest des Tages den Appetit verleidet. Die Abfahrt verzögerte sich bis sieben Uhr Abends; zwei Stunden lang hatte uns ein tropischer Platzregen in der Kajüte festgehalten. Die Sonne ging blutroth unter, das Rauschen der Räder beginnt und jede ihrer Umkehrungen bringt mich der Heimath näher. In dieser frohen Hoffnung kümmere ich mich nicht um das nächtliche Gewitter, nicht um das Jammergeheul seekranker Frauen und Kinder, nicht um die Ueberschwemmung aller Kojen, denn die drückende Hitze zwingt uns, die Lucken offen zu lassen; nur flüchte ich um Sonnenaufgang auf das Verdeck, um dieses seltenen Schauspiels, das ich nur noch kurze Zeit genießen werde, nicht aus Bequemlichkeit verlustig zu gehen. Das Unwetter hat sich verzogen, 277 an Gluth der Farbe macht die See dem Ultramarin den Rang streitig und eine leichte südliche Brise begünstigt unsere Fahrt, wie die kurzen Luftreisen der fliegenden Fische. Die Jahreszeit gilt für die beste der Antillen und alle Touristen machen sich in den Monaten Mai und Juni auf den Weg nach Europa. Das stärkste Contingent hat Chile gestellt. Die Elite desselben sind einige Damen aus Valparaiso und Lima, unter denen wieder eine beinahe sechs Schuh hohe und entsprechend breite, leider etwas passirte Schöne den Vorrang behauptet. Durch ihre, aus siebenzehn Koffern und zwölf Stück Handgepäck bestehenden Effecten hat sie sich sogleich ein geachtetes Renommée erworben; ich bewundere sie nur als die großartigste Niederlage von Diamanten, die mir bis dahin zu Gesicht gekommen. Alle ihre Finger sind mit Brillanten bedeckt. In den Haaren trägt sie ein Diadem, mehrzöllige Gehänge als Ohrringe, am Busen eine Broche vom Umfange eines Zweithalerstücks und am Gürtel ein ungeheuerliches Schloß, groß genug, um ein Festungsthor zu versperren, aber der Glanz aller dieser Steine wird von dem ihrer schwarzen funkelnden Augen übertroffen. Das Frauenzimmer flößt mir etwas von jenem Respect ein, den ich zeitlebens vor bengalischen Tigern empfunden habe. Sogar die herablassende Freundlichkeit der großartigen Dame hat etwas Unheimliches. Einen gefälligeren Eindruck machen ihre jugendlichen Landsmänninnen; doch behandeln Alle die sie begleitenden Cavaliere mit gleicher Lieblosigkeit. Ein junger blonder Spanier, mein Tischnachbar, scheint durch üble Erfahrung gewitzigt zu sein; seine Reisebegleiterin ist eine junge und schöne Engländerin. Sie ist eine jener Abenteurerinnen, deren ich schon 278 wiederholt gedacht, und leistet ihrem zeitweiligen Gönner die Dienste eines Sprachlehrers und Lexikons. Nach dem Brillantschmuck der jungen Philologin übertrifft das ihr gezahlte Honorar bei Weitem das unseren Sprachmeistern bewilligte. Der spanische Gesandte befindet sich gleichfalls an Bord. Zwar hatten seine Verfolger Miene gemacht, ihm selbst noch auf dem Dampfer zu Leibe zu gehen, doch waren von Seiten des englischen Capitäns die nachdrücklichsten Vorkehrungen getroffen worden, das Völkerrecht zu schirmen. Begreiflicher Weise hat der Humor des versprengten Diplomaten durch die letzte Hetzjagd etwas gelitten, böse Zungen sprechen sogar von gelegentlichen Geistesstörungen. Er ist ein junger Mann von einigen dreißig Jahren, aber hart mitgenommen von klimatischen Leiden und jeder Unterhaltung mit Reisegefährten abgeneigt. Unter diesen befindet sich ferner der Hotelwirth aus Panama mit seiner Familie. Bis zu einer höheren Töchterschule hat es der jugendliche Ort noch nicht gebracht, und die zärtlichen Aeltern sind genöthigt, das älteste zehnjährige Töchterchen in einer Pariser Pension unterzubringen. Dem Aufenthalt in der Kaiserstadt soll eine längere Sommerfrische in Baden-Baden folgen. Ueber der Vergangenheit des würdigen Mannes walten, wie über den Antecedentien so vieler seiner diesseitigen Collegen, leise Zweifel ob; so viel ich ermitteln konnte, hat er die Charge eines französischen Corporals mit der eines Kellners vertauscht und dann eine Putzmacherin geheirathet, mit deren Hilfe es ihm gelungen war, sich bis zu dem Range eines Hotelwirthes emporzuschwingen. Das Geschäft mußte sich trefflich rentiren, denn die ganze Familie trieb einen unerhörten Luxus, der 279 mir die Höhe meiner in Panama bezahlten Rechnung sattsam erklärte. Der schon etwas bejahrte Parvenü befand sich in der schlechtesten Stimmung von der Welt; eine Kiste mit seinen Rothweinen und Cognac, die er zu seinem persönlichen Nießbrauch während der Reise bestimmt, war ihm nämlich während der Einschiffung gestohlen worden, und seine verwöhnte Zunge mußte sich mit dem Mittelgut des Schiffskellers begnügen. »Solch' eine Sorte zu verlieren!« brummte der freche Wicht, »noch nie hatte ein Gast meines Hotels einen Tropfen davon über die Lippen gebracht!« Am Nachmittage des 22. Mai begegneten wir dem von Jamaica kommendem für Aspinwall bestimmten Dampfer, das Wetter war schön, doch bald stieg eine so dichte schwarze Wolkenwand vor uns auf, als wollte sie uns die Straße verlegen. Es kam nicht zu einer elektrischen Explosion, unser Dampfer arbeitete sich mit dem Vollmond um die Wette durch den Wetterwust, nach Mitternacht sprang eine frische Brise auf, und von ihr leicht beschwingt, schoß die »Solent« durch das sich allgemach lichtende Dunkel vorwärts. Ich war bis dahin auf Deck geblieben; der Aufenthalt in der Stickluft der Kojen hatte nichts Verlockendes. Am Morgen des 23. Mai ging die See ungemein hoch, und am Frühstückstisch hatte sich nur eine klägliche Minorität von Passagieren eingefunden. Mir wurde folglich ausreichende Gelegenheit, unseren Capitän, das Prachtexemplar eines alten englischen Seemanns, zu studiren. Die schwere Verantwortlichkeit seiner Stellung, der gefährliche Golf von Mexiko und siebenzig Jahre, haben seine Haupthaare, aber nicht seinen Bart gebleicht. Dieser prangt noch immer in einer so unverwüstlichen Röthe, daß sein 280 Farbenton, ließe er sich auf der Palette verwenden, jedem Tropenabende Ehre machen würde. Der Inhaber dieses Ausnahmebartes scheint jedoch, so stolz er in seinem hohen Alter auf die Stichhaltigkeit der Farbe sein mag, auf eine Milderung des etwas zu krassen Effects bedacht zu sein. Bei Tisch und wo er sich sonst in der Mitte der Passagiere bewegt, muß ihn ein Leibdiener oder Page umgaukeln, den er sich eigends als Dämpfer ausersehen und engagirt hat. Dieser »Adolescentulus« hat so brandroth flammende Haare, daß der Vollbart des Capitäns daneben zu einer blonden Dämmerung verblaßt, und ich zum Schutze meiner erhitzten Augen nächstens eine blaue Brille anlegen werde. Zu den löblichen Eigenschaften des Veterans gehört ferner seine sich immer gleichbleibende Zuvorkommenheit gegen die Damen. Die schönen üppigen Creolinnen behandelt er eben so ritterlich galant, wie drei barmherzige Schwestern, die von ihrem Klostervorstande in Valparaiso beurlaubt, ihre in Paris lebenden Verwandten besuchen wollen. An der heutigen kleinen Tafelrunde erkenne ich drei alte Bekannte, die mir bisher in dem Getümmel der Passagiere entgangen waren. Ich bin mit den Herren von Suez nach Bombay gefahren und später mit ihnen in Agra zusammengetroffen; wir kommen auf unserer Rundfahrt um die Erde schon zum dritten Male mit einander in Berührung. Sie sind von Indien nach Australien, von da nach Südamerika gegangen und kehren jetzt nach England zurück. Wissenschaftliche oder künstlerische Interessen haben das Triumvirat nicht zum Reisen veranlaßt, sondern nur die Liebe zur Jagd und unaufhörlichen Ortsveränderung. Das Exterieur der jungen Dandys hat durch die große 281 Tour nicht gewonnen, sie sehen verwildert wie Grasteufel aus und wollen sichtlich der Erneuerung unserer Bekanntschaft ausweichen. Hoffentlich gerathe ich durch mein Aussehen und Betragen bei ihnen nicht in einen ähnlichen Verdacht. Die zunehmende Verschlechterung des Wetters zwingt die Stewards, die Sturmleitern auf den Tisch zu legen, und die Gesellschaft schmilzt täglich mehr zusammen. Von meinen drei Nimrods ist der kleinste unsichtbar geworden. Eine Schauspielertruppe, die sich gleichfalls geflüchtet hat und nach der Havannah geht, leistet dem Unwetter tapferen Widerstand. Die Hauptactrice, von ihren Collegen »die Königin des Dramas« genannt, schlägt eine tapfere Klinge und könnte den Neid jedes Individuums erregen, das zur Seekrankheit hinneigt. Einige Stierfechter theilen das Schicksal der durch die kriegerischen Wirren aus Peru vertriebenen Mimen. Zwei der Herren sind »Matadore«, denselben gefährlichen Posten in der Arena bekleidet auch ein Frauenzimmer, dessen Natur man wohl zutraut, mit einem Stier auch ohne »Espada« fertig zu werden. In socialer Hinsicht ist die kleine Gesellschaft vollkommen ungenießbar; man überzeugt sich sehr bald, daß alle ihre Mitglieder nur Gewicht auf die Ausbildung der Körperkräfte gelegt haben und durch jahrelangen Umgang mit trotzigen Wiederkäuern etwas einseitig geworden sind. Gegen Sonnenuntergang legte sich der Wind, wir befinden uns in der Nähe der Insel Jamaica , sind aber bei der Trübung der Atmosphäre nicht im Stande, die Küste zu unterscheiden, und fahren mit halber Dampfkraft weiter. Um neun Uhr steigerte sich der Wind von Neuem zu einem 282 förmlichen Sturm, und in dem zwei Treppen tief gelegenen, nur halb erhellten Speisesaal ging Alles drunter und drüber. Nicht Willens, noch einmal seekrank zu werden, suche ich bei dem Nerven erschütternden Anblick der armen Patienten, die plötzlich zusammenbrechen und röchelnd dem Meeresgott ihren Tribut zahlen, das Weite, krieche in die Koje und verhülle mein Haupt. Nach einer gut genug zugebrachten Nacht erwache ich am 24. Mai auf der Höhe von Jamaica; man hatte sich erst bei Tagesanbruch der Insel zu nähern gewagt. Sturm und Regen schreckten mich nicht ab, im Freien zu bleiben und, da an Zeichnen oder Malen nicht zu denken war, die Umrisse des Landes wenigstens meiner Erinnerung einzuprägen. Zwischen zwei kleinen Inseln durch fahren wir in eine prächtige Bai, die nur des Sonnenscheins und blauen Himmels entbehrte, um ein ergreifendes See- und Landschaftsbild zu liefern; durch Festungswerke sind jene beiden Inseln wehrhaft gemacht, und die Aufmerksamkeit der englischen Rothröcke bewies, daß die Besatzung auf ihrer Hut war. Sobald wir uns der Küste näherten, zog ich mein Fernrohr und musterte die ungefähr eine deutsche Meile landein, zwischen Cocospalmen gelegene Stadt Kingston , einen berüchtigt ungesunden Ort. Der Dampfer legte an einem Bollwerk an, doch war uns die Zeit nur knapp zugemessen. In vierundzwanzig Stunden hoffte der Capitän den Kohlenvorrath erneuert zu haben und die Reise fortsetzen zu können. Kaum waren einige Bretter vom Verdeck auf die hölzerne Brüstung geschoben, als die freien Schwarzen beiderlei Geschlechts, wie Schmeißfliegen über eine Zuckerschale, auf den Dampfer 283 losstürzten und Passagieren und Matrosen, Männern und Frauen, ohne Unterschied der Person, Rum und Cigarren zum Kauf anboten. Ueber die anderweitigen Anerbietungen der zum Theil hübschen, immer wohlgestalteten schwarzen Grazien enthalte ich mich aller ferneren Bemerkungen. Die Schiffsmannschaft hatte sie nur zu wohl verstanden. Eine halbe Stunde später war auf dem Vorderdeck eine Ballfestlichkeit improvisirt, jeder Matrose schwang in der Rechten eine Rumflasche, in der Linken eine freie Negerin; ich ging rasch an's Land, um die Stadt zu besichtigen und nicht Zeuge der Scenen zu sein, die unfehlbar bevorstanden. Der Kohlentransport hatte unmittelbar nach unserer Ankunft begonnen, und die Procession der schwarzen Korbträgerinnen, eine verbesserte Auflage der Berliner Torfweiber, steigerte obenein die Verwirrung. Das Klima schreibt der Bauart Gesetze vor, und die wohlhabenden Stadtgegenden von Kingston, Calcutta, Singapore und Hongkong sehen einander sprechend ähnlich. In den Straßen wachsen herrliche Exemplare von Palmen und Mangobäumen; über die Dächer und durch die Zwischenräume der Straßenfronten blickt ein steiler Bergzug drein. Die schwarze Bevölkerung war durch eine Menge halbnackter Bummler stark vertreten, und zum ersten Male fiel mir die natürliche Ausdünstung der Neger, über welche sich die Nordamerikaner so bitterlich beklagen, unangenehm selbst unter freiem Himmel auf. »Kein Komet ohne Schweif, kein Licht ohne Schatten, keine Rose ohne Dorn und kein Neger ohne Gestank,« sagt auch ein liberaler Yankee, und man kann ihn wohl nicht der Uebertreibung beschuldigen. Ich bedauerte, meine Cigarren auf dem Dampfer gelassen zu haben, denn unüberwindlicher Ekel 284 verhinderte mich, zu den von Negern feilgebotenen Glimmstengeln meine Zuflucht zu nehmen. Unter aufrichtigem Bedauern, auf malerische Ausbeute der schönen Insel verzichten zu müssen, kehrte ich bald an Bord zurück. Es war die höchste Zeit gewesen. Eine Viertelstunde später brach das Unwetter von Neuem los und raste die Nacht über durch Masten und Takelwerk, daß der ganze Steamer bis auf die Grundvesten des Kiels erbebte. Die französischen Offiziere, deren Gesundheitszustand mir ernstliche Besorgnisse einflößt, hatten mich aus Furcht vor der entsetzlichen Hitze und den in dichten Wolken umherschwärmenden Insecten auf meinem Ausfluge nicht begleitet. Sie waren unerschöpflich in ihren Beschreibungen der von den Mannschaften des Dampfers begangenen Unschicklichkeiten. Als eine der Kohlenträgerinnen, die, wie das gesammte schwarze Gelichter, stark angetrunken war, mit dem allzu vollgeladenen Korbe auf dem Kopfe das Gleichgewicht verlor und von der Planke in das Meer stürzte, aber, gewandt wie ein Frosch, lachend an Land schwamm, griffen die Matrosen zu und warfen, um das Vergnügen zu wiederholen, einige zwanzig der Weiber in's Meer, bis der Capitän und die Offiziere unter Androhung der härtesten Strafen dem nichtsnutzigen Treiben Einhalt geboten. Der Oppositionsgeist war aber einmal erweckt, und auf irgend eine Weise mußte ihm Luft gemacht werden. Die erhitzten Matrosen, gezwungen, die Negerinnen nicht bei der Arbeit zu stören, wandten sich an die Mannschaft eines nicht weit von der »Solent« am Bollwerk liegenden französischen Schiffes und suchten sie durch Schimpfreden zu reizen. Nur zu bald sollte ihr Zweck erreicht werden, die Franzosen 285 stiegen auf das Bollwerk, die Engländer kamen ihnen entgegen, und eine umfassende Prügelei war rasch im Gange. Die Offiziere gestanden offen, daß ihre Landsleute den Boxerstreichen der Engländer gegen Magen und Unterleib so lange erlegen seien, bis sie von ihren Füßen Gebrauch gemacht und diese zur Offensive benutzt hätten. Erst als die Capitäne beider Schiffe einschritten, wurde das Gefecht als unentschieden abgebrochen. Ein Theil der Streiter war in's Wasser geworfen und nur mit Mühe herausgefischt worden. Am Morgen des 25. Mai sank die Quecksilbersäule des Barometers bis auf »Erdbeben«; noch vor der Abfahrt mußte Alles »dicht gemacht« werden, ja der Sicherheit wegen wurden Lucken und Fenster vernagelt . Unser Capitän flucht und schimpft, muß also nach der Theorie der Seeleute rosenfarbener Laune sein; ich erlaube mir jedoch im Stillen einige Zweifel an der Richtigkeit dieses alten Satzes, wenn ich sein besorgtes Gesicht betrachte. Innerhalb der Bai ließ sich das Unwetter noch ertragen, aber als die Inselforts hinter uns lagen, wurde der Sturm so heftig, daß er nicht nur das auf dem Hinterdeck ausgespannte Sonnen- oder Regensegel (Dach), sondern auch die schöne englische Flagge, den Stolz des Capitäns, in Fetzen riß. Unter Donner, Blitz, Sturm und Regen kauern wir uns in Kajüten und Kojen zusammen; die Luft in diesen engen Räumen ist bis zum Ersticken verdorben. Von Jamaica aus hat sich die Zahl der Passagiere um vierzig vermehrt, ungerechnet das Schlachtvieh und Raubzeug. Außer Ochsen, Schweinen und Hühnern haben wir sechs lebendige, vier bis fünf Fuß lange Schildkröten, zwei Jaguare, eine Menge 286 Meerkatzen und Papageien an Bord genommen. Letztere sind sämmtlich für eine Menagerie bestimmt. Unter den Reisenden herrscht große Niedergeschlagenheit, am meisten leiden unter dem ununterbrochenen Donnerwetter die Nerven der Peruaner . In ihren glücklichen Landstrichen ist das Gewitter eine unbekannte Naturerscheinung. Mich, als abgehärteten und erfahrenen Touristen, beunruhigt mehr, als das Toben der Elemente, der desolate Zustand der »Solent« und ihrer Kessel. Nach vertraulichen Mittheilungen des ersten Steuermanns, eines Deutschen, der unter vier Augen den Capitän schlechtweg das »Seescheusal« nennt, ist der Dampfer ein alter Kasten und soll nach Beendigung dieser Fahrt gründlich renovirt werden. In den am 26. Mai an den großen Rettungsböten vorgenommenen Manipulationen kann Niemand etwas Tröstliches finden. Die gewaltigen eisernen Träger sind so arg verbogen, daß sie für den schlimmsten Fall durch hinzugefügte Balken unterstützt werden müssen. Die Nähe der Insel Hayti zwang zu allen erdenklichen Vorsichtsmaßregeln, und der Capitän nebst sämmtlichen Schiffsoffizieren waren die Nacht hindurch über auf Deck geblieben. Jetzt kam Alles darauf an, uns dem kleinen, nur von Negern bewohnten Flecken Jacmel , am Eingange der Bai, so weit zu nähern, um Briefe und Depeschen abzuliefern und andere dafür einzutauschen; die Anstrengungen der Mannschaft wurden indeß durch den furchtbaren Seegang vereitelt. Ich benutzte klüglich einige Momente, in denen ein flüchtiger Sonnenstrahl das Gewölk durchbrach und die Umrisse Hayti's enthüllte, diese auf den Rand meines Tagebuches zu zeichnen. Ihre Unsicherheit erinnert 287 mich noch heute an die Fährnisse des Moments. Nach vielen vergeblichen Bemühungen, uns dem Lande mit einiger Aussicht auf Erfolg zu nähern, gab der Capitän den Versuch auf und befahl, südlich auf die Insel St.  Thomas zu steuern. Die Behörden und Comtoirs von Hayti werden demnach ihre Briefe acht Tage später empfangen. Die imposanten Formen der Insel verschwinden binnen einer Stunde hinter den schneeigen Kämmen der Wellenhäupter, und unter dem kläglichen Brüllen der geängstigten Ochsen stechen wir zum höchsten Leidwesen der für Hayti bestimmten Passagiere, die später den Dampfer von St.  Thomas benutzen müssen, wieder in die hohe See. 288 XXI. Der schwarze Prinz. Afrikanische Grazie. Mad. Klimpermann. Mr. Meichel. Im Grog ertrunken. Mr. Abraham. Ein Meteor. Die Küste von Portorico. Der Sarg. Keine Milch. Im Hafen von St. Thomas. Der Dampfer »Seine«. Von St. Thomas nach Reinerz. Der verliebte Peruaner. Mein Schlafkamerad und sein Schwimmgürtel. Ein Kuppelpelz. Deutsche Stewards. Zu den Passagieren, die gezwungen an Bord der »Solent« bleiben und uns nach St.  Thomas begleiten müssen, gehört auch mein neuer Gönner, dessen Protection ich seit kurzer Zeit genieße. Bei meinem angeborenen Abscheu vor unbescheidenen Fragen muß ich dahingestellt sein lassen, ob die beiden jungen Damen, in deren Gesellschaft sich mein Patron bewegt, seine Schwestern oder nur Gespielinnen sind, wie sie sich alle lebenslustigen Jünglinge unter den tropischen Himmelsstrichen heranzubilden streben. Der Cavalier sowohl, als auch seine Begleiterinnen, wetteifern an Schwärze mit polirtem Ebenholz, sind im Uebrigen jedoch wahre afrikanische Schönheiten. Auch die Formenbildung der Negerinnen ist einer plastischen Verklärung fähig, die das europäische Auge nur in carrarischem Marmor oder in der seltenen Verwirklichung des Lebens zu finden erwartet; 289 selbst der Farbenwechsel in der Physiognomie der schwarzen Schönheiten ist von einem unbeschreiblichen Zauber, obschon er bei der Zartheit seiner Nüancen der oberflächlichen Beobachtung entgeht. Zu meinem tiefen Bedauern sehe ich mich durch die mustergiltig salonfähige Toilette der beiden Damen verhindert, meine Sculptur- und Malerstudien weiter auszudehnen, als auf Hände, Arme, Hals und Schulter; ich vermag nicht die Augen abzuwenden, wenn die Schönen die weißen Glaceehandschuhe ablegen, und nun Händchen zum Vorschein kommen, welche, in Gips modellirt, für die Glieder griechischer Statuen aus der Blüthezeit antiker Bildnerei gehalten werden würden. Den holden Afrikanerinnen bereitet mein Entzücken großes Vergnügen; sie coquettiren mit einem Talent, das jeder Actrice des Gymnase oder Vaudeville zur Ehre gereichen würde. Der Cavalier aber sieht mit einer Bonhommie drein, die mich wieder an dem Argwohn irre macht, er sei den Grazien durch andere, als verwandtschaftliche Bande vereint. Die Passagiere nennen ihn schlechtweg den schwarzen Prinzen und halten ihn für einen natürlichen Sohn des Exkaisers Solouque ; in einer vertraulichen Unterredung mit dem jungen Manne sollte ich bald hinter die Wahrheit kommen. Er war der älteste Sohn eines Senators aus Hayti und hatte, gleich den jungen Damen, die nothwendige Ausbildung in allen gesellschaftlichen Kenntnissen und Fertigkeiten in einem Pariser Pensionat genossen. Das elegante Französisch, dessen sich die liebenswürdige Trias bediente, strafte diese Angabe nicht Lügen. Einige Manila-Cigarren, die ich dem angehenden Senator abgetreten, unterhielten das gute Einvernehmen, er revanchirte sich nach der Landessitte durch 290 Champagner und bat mich inständig, ihn zu begleiten: in dem Palaste seines Vaters solle es mir an nichts fehlen, und ich wie ein Kind der Familie behandelt werden. Es wurde mir unsäglich schwer, nein zu sagen und zugleich in die köstlichen Gazellenaugen der Afrikanerinnen zu blicken, aber mein Reisecalcül war geordnet und ich durfte keinen Tag mehr drein geben. Unter den in Peru ansässigen Landsleuten mache ich gleichfalls Bekanntschaften. Welche Gründe Madame Klimpermann gehabt haben mochte, ihre Heimath zu verlassen, da doch eine Hebeamme nach den tröstlichen Angaben der Statistiker in Norddeutschland niemals in Verlegenheit gerathen kann, durch Mißwachs auf dem Felde ihrer Thätigkeit eine Schmälerung des Einkommens zu erleiden, vermag ich nicht anzugeben, doch hatte sie nicht nur den Aufenthaltsort, sondern auch die Religion gewechselt. Um ihrem Geschäfte keine Hindernisse in den Weg zu legen und für vorkommende Fälle der Nothtaufe von der alleinseligmachenden Kirche autorisirt zu sein, war Madame Klimpermann in Peru von dem lutherischen zum katholischen Bekenntniß übergetreten und hatte sich nach ihren vertraulichen Mittheilungen dabei wohl befunden. Nur unter dem Siegel der tiefsten Verschwiegenheit will ich erwähnen, daß die würdige Wehemutter, die ein ansehnliches Vermögen erübrigt, mit dem Plane umging, nach ihrer abermaligen Niederlassung in Europa sich einem dritten Wechsel, und zwar dem ihres Namens zu unterziehen. Ueber Mangel an Bewerbern um ihre Hand, meinte sie, werde unter deutschen Hungerleidern keine Klage zu führen sein. Madame Klimpermann war ein menschliches Gewächs, das auf den Guanobeeten der südamerikanischen Gesellschaft zum üppigsten 291 Gedeihen gelangt war. Herr Michael hat Jahre lang in Schnittwaaren gemacht und gleichfalls durch eine rechtzeitige Uebersetzung ins Katholische sein Schäfchen ins Trockene gebracht. Bis auf Weiteres coursirt Herr Michael als Engländer, nennt sich » Mr. Meichel « und gedenkt in der Umgegend von Lyon Landbesitz zu erwerben. M. Meichel hat einen etwas genirten Blick und flößt mir nur geringes Vertrauen ein. Am Morgen des 27. Mai wurde unserer Frühstücksgesellschaft eine sehr unangenehme Ueberraschung bereitet. Einer der Passagiere, ein Däne, war todt in seiner Koje gefunden worden. Ueber die Ursachen dieses plötzlichen Ablebens konnte Niemand im Unklaren schweben, der Abends Zeuge jener wissenschaftlichen Versuche gewesen war, welche der Däne angestellt, um zu ergründen, inwieweit bei Anfertigung des Grogs die übliche Wasserzuthat verringert werden könne, ohne die physische Bekömmlichkeit des Getränks zu beeinträchtigen. Zwei Tage vorher hatte ich ihm zur Abkürzung des Verfahrens vorgeschlagen, einen Theekessel voll siedenden Rums aus der Küche heraufbringen zu lassen und das zu der Mischung erforderliche Wasser in einem Riechfläschchen in der Tasche vorräthig zu halten. Es war ihm nicht beschieden, bis zu diesem ungewöhnlichen Verhältnisse beider Flüssigkeiten zu gelangen. Seine Lebensflamme erlosch, so eifrig er sie durch unausgesetzte Zuthaten von Rum unterhalten hatte. Nach meiner Meinung wäre die Vorsicht, den entseelten Körper sogleich nach dem Vordercastell zu schaffen und in einer Hängematte am Bugspriet zu befestigen, nicht nöthig gewesen, zumal der Verewigte nichts unterlassen hatte, seinen Leib schon bei Lebzeiten durch 292 alkoholhaltige Getränke gegen die Fäulniß zu schützen, die Schiffsregeln statuiren jedoch keine Ausnahmen. Mit einer englischen Flagge als Todtenhemd bekleidet und einer Kanonenkugel als Ballast an den Füßen, wurde der Leichnam Mittags zwölf Uhr, unter den einfachen Ceremonien einer Bestattung auf hoher See, in die Tiefe versenkt. In jenem Elemente, das er sein Leben lang ängstlich gemieden, sollte er die ewige Ruhe finden. Mr. Abraham, einer meiner Reisegefährten, ist durch den Todesfall tief erschüttert, ich bedarf des Aufwandes meiner gesammten Beredtsamkeit im Departement der Moral, um den gedachten Grossisten in Jamaica-Rum und Farbehölzern wieder aufzurichten. Als Kaufmann in dem mörderischen Artikel, der Dänemark zu Grunde gerichtet, fühlt er sich nicht ganz frei von Gewissensbissen und zittert vor der Rache der unsichtbaren Mächte. Der theure Landsmann verzehrt sich in stiller Sehnsucht nach Deutschland, dem er einen längeren Besuch zugedacht hat. Die Verhältnisse gestatten ihm erst, sich nach drei Jahren ganz vom Geschäfte zurückzuziehen, doch scheint Mr. Abraham schon jetzt etwas vor sich gebracht zu haben. Die Schwere und Dicke seiner goldenen Uhrkette würde erlauben, daran ein Panzerschiff vor Anker zu legen. Mr. Abraham schwärmt nebenbei für »deutsche Einheit« und »Tafeldo.« ( Table d'hote ) Eine Stunde vor der Bestattung des dänischen Trunkenboldes hatte sich das Wetter aufgeklärt und unsere schnell genesene, bis dahin seekranke Damengesellschaft die Gelegenheit wahrgenommen, sich als Leidtragende einzufinden und mit schmachtenden Mienen der Trauerfeierlichkeit beizuwohnen. Spät Abends zwischen zehn und elf Uhr ging 293 bei vollkommener Klarheit des Himmels dicht hinter unserm Dampfer in der Richtung von Norden nach Süden ein prachtvolles Meteor vorüber. Man glaubte, das langsam dahinschwebende Pseudogestirn mit den Händen haschen zu können. Die heitere Witterung hielt auch am 28. Mai an, und unsere Vorüberfahrt an der Nordküste von Portorico glich einem jener amerikanischen Pleoramen, die in unseren kleinen Theatern zur Schau gestellt werden; nur die gewöhnliche Begleitung eines verstimmten Claviers fehlte. Um zehn Uhr dampften wir dicht an einigen kleinen Inseln vorüber, deren eine täuschende Aehnlichkeit mit einem Sargdeckel hat, und demgemäß auch »der Sarg« genannt wird. Alle diese Eilande sind überreich bewaldet, doch gelang es mir nicht, selbst mit bewaffnetem Auge, Einwohner zu entdecken. Das herrliche Wetter und die stille See haben Alles an den Tag gebracht, was sich bei Sturm und Regen in Kajüten und Kojen verbarg. Das ganze Verdeck ist mit Bonnen, Ammen und Kindermädchen übersäet, die, mit den ausrangirten Kleidern der Herrschaft ausstaffirt, ihre kleinen Pflegebefohlenen lüften. Die starke Vertretung der Letzteren wird uns bei gutem Wetter schon während des Frühstücks durch das Verschwinden der Milch fühlbar gemacht. Mr. Abraham, am Bord der »Solent« ein sehr einflußreicher Mann, hat mich zwar unter seine Fittige genommen, und weiß mir gewöhnlich einige Theelöffel dieses kostbaren Fluidums zu verschaffen; heute war alle seine Mühe vergebens. »Schon dreimal«, sagte er, um mir mindestens seinen guten Willen zu zeigen, »habe ich umsonst vor die Milch geruft.« 294 Mein neuer Bekannter ist ein Freund socialer Demonstrationen. So ruft er, wenn der Steward ihn bei Tisch fragt: was er trinken werde? mit Stentorstimme: »Champagner werd' ich trinken, was fragen Sie noch, vom besten werd' ich trinken, die Flasche zu vier Dollars!« und fügt dann mit halber Stimme hinzu: »Haben Sie keinen billigeren? bringen Sie mir einen Schoppen von der wohlfeilsten Sorte!« Portorico , wie schon der Name andeutet, ist überreich mit Naturproducten jeder Art gesegnet, aber bei der Fülle der tropischen Vegetation findet das Auge des Landschaftsmalers nirgends einen hervorragenden Punkt, auf dem es auszuruhen vermag. Ich schwelgte den Tag über in dem Farbenspiel des Wandelbildes, an dem wir dahinflogen; irgend eine Vedute herauszugreifen und zu Papier zu bringen, wollte mir nicht glücken. Nur die Silhouette der Insel »Sarg« habe ich auf dem Rande meines Tagebuchs flüchtig umrissen. Bei Sonnenuntergang liefen wir St.  Thomas an; ich dachte der Worte des Dichters: »rosig und golden ziehen die Wolken drüber hin.« Mein Herz wird mit jedem Tage schwerer, der mich aus diesen Regionen des strahlenden Lichtes und der Farbenpracht weiter entfernt. Die kleine Stadt erinnert lebhaft an Macao oder Amoy und liegt malerisch an drei Bergabhängen. Ich war in den märchenhaften Anblick der landschaftlichen Scenerie so versunken, daß ich fast erschrocken auffuhr, als sich »der schwarze Prinz« mir näherte und den Wunsch aussprach, sich nebst seinen Schwestern von mir zu verabschieden. Mein Herz war von einem schmerzlichen Druck erleichtert, ich stattete den reizenden Afrikanerinnen im Stillen 295 eine Ehrenerklärung ab und blickte ihnen noch lange nach, als sie mit Gefolge und Dienerschaft das Schiff verließen und zwischen den Gebäuden des Gestades verschwanden. So schwer es mir wird, setze ich den Fuß doch nicht an Land, ich habe mich von den Negerinnen und zugleich von diesem phantastischen Himmelsstrich verabschiedet und muß ernstlich daran denken, mich für Europa vorzubereiten. Uns erwartet hier der für Southampton bestimmte Dampfer » Seine « und die in St. Thomas bleibenden Passagiere haben sich kaum entfernt, als auch schon die Herüberschaffung der Waaren und des Gepäcks beginnt und die ganze Nacht hindurch fortdauert. Der Heidenlärm der Matrosen und Arbeiter ließ mich nicht viel schlafen, und noch im Dunkeln packte ich meine in der Koje befindlichen Habseligkeiten zusammen und benutzte einen glücklichen Moment, um ohne Verlust an Bord der » Seine « überzusiedeln. Es war am 29. Mai, 11 Uhr Vormittags, als ein Kanonenschuß erschallte, und der Dampfer in See stach. Nichts erschwerte mir die Trennung von Amerika, ein dichtes Regengewölk war heraufgezogen, die Stadt St. Thomas verschwand in einem grauen Schleier, und da die Beschädigung der »Seine«, als wir die enge Bay verließen und an dem Bug der »Solent« nur eines unserer Rettungsböte zerquetschten und ein Stück des Räderkastens einstießen, mäßig zu nennen war, konnten wir leichten Herzens in die offene See hinausfahren. Freund Abraham hatte der Stadt St. Thomas am Abende vorher einen Besuch abgestattet; ich suchte also aus seinen vertraulichen Mittheilungen mein Tagebuch zu vervollständigen. Er wußte nicht viel Bemerkenswerthes zu verlautbaren. Belustigend fand 296 ich die sittliche Entrüstung des Wirthes, bei dem Mr. Abraham soupirt. St. Thomas ist eine dänische Besitzung, und der Besitzer des Hotels, der in Mr. Abraham einen Preußen zu errathen glaubte, machte ihm die bittersten Vorwürfe über den damals geführten Krieg Preußens und Oesterreichs gegen sein kleines Vaterland. Einige, den aufgetragenen Hammel-Coteletten ertheilte Lobsprüche kühlten jedoch seine Wuth, und er schloß mit der Versicherung, ihre Fehde möge unausgefochten bleiben, da die Insel St. Thomas für neutrales Terrain erklärt worden sei. In seinem Hause solle jeder Fremde, wenn er sonst Geld habe, die freundlichste Aufnahme finden. Die Annäherung eines durchweg civilisirten Welttheiles und der Wohlthaten einer nie rastenden Concurrenz machen sich schon hier in der beginnenden Herabsetzung der Preise auf den Tarifen bemerklich. Mein Passagierbillet von Aspinwall bis Southampton , incl. der beiden Fahrten auf der »Solent« und »Seine«, hat nur vierundvierzig Pfund Sterling, also halb so viel, als eine ähnliche Strecke in den indischen oder chinesischen Gewässern, gekostet. Die Größe und Zahl der Postdampfer genügt aber, vornehmlich während der jetzigen Reisesaison, noch immer nicht dem steigenden Verkehr zwischen Amerika und Europa: die »Seine« ist demgemäß überfüllt. St. Thomas verdanken wir einen ansehnlichen Nachschub von Passagieren. Im Ganzen beläuft sich die Zahl derselben auf dreihundert , und doch vermag der Speisesaal nur zweihundert Personen zu fassen. Ein Drittel speist daher im zweiten Aufgebot. Der kleine Hafen von St. Thomas ist als Poststation ein Sammelplatz für die Bewohner der westindischen Inseln und der Provinzen 297 des benachbarten Festlandes; die Composition der Gesellschaft wird immer bunter, und ich gerathe beinahe in Versuchung, meiner Reisebeschreibung einen anthropologischen Nachtrag hinzuzufügen. Nicht allein aus der Begegnung verschiedenartiger Chemicalien entstehen unerwartete Zersetzungen und Conflicte; gleich in den ersten Tagen kam es zu den wunderlichsten socialen Zerwürfnissen. Auf St. Thomas hat sich eine amerikanische Dame mit ihrer Tochter uns angeschlossen, deren hinreißende Schönheit allen Mannspersonen die Köpfe verdreht. Leider ist das junge Wesen an einem Brustleiden erkrankt und wird von den Aerzten nach Reinerz geschickt. Dieser traurige Umstand hält die Dandys an Bord nicht ab, der Schönen den Hof zu machen und ihr auf alle erdenkliche Weise beschwerlich zu fallen. Am weitesten hatte sich der Privat-Courier des spanischen Gesandten, ein junger hübscher Peruaner, der sehr gut Englisch sprach, durch seine poetischen Empfindungen fortreißen lassen. Außer Stande, sich den Damen, welche von vornherein nothgedrungen eine starke Defensivstellung angenommen haben, so weit zu nähern, um seinem gepreßten Herzen mündlich Luft machen zu können, hatte er dasselbe in einem Schreibebrief ausgeschüttet, welcher natürlich die höchste Entrüstung der amerikanischen Damen erregte und sogleich in die Hände des Chefs des verliebten Beamten überging. Die sofortige Dienstentlassung des Peruaners war die Folge seiner Unbesonnenheit: da er jedoch nicht zur Strafe seiner Sünden zugleich den Haifischen vorgeworfen werden konnte, mußten die beleidigten Damen seiner Anwesenheit auf Deck dulden, und Ritter Toggenburg aus Peru hat die hartherzige Schöne bis zu 298 unserer Ankunft in Southampton auf Pistolenschußweite unermüdlich angestarrt. Mr. Isidor C. , Consul eines kleinen deutschen Raubstaates, kehrt nach fünfzehn an der Mosquitoküste durchschwitzten Jahren dennoch nicht aus Gesundheitsrücksichten in die Heimath zurück, sondern nur in der stillen Hoffnung, von seinem Landesherrn durch eine Decoration ausgezeichnet zu werden. Der Keim der Sehnsucht nach einem bunten Bändchen, den er in die Ferne mitgenommen, ist selbst unter der glühenden Tropensonne nicht verdorrt. Ein anderer Ansiedler von der Mosquitoküste, ein Engländer, kehrt in die Heimath zurück, um sein tornisterblondes Kind an den Mann zu bringen. Er knüpft keine Unterhaltung bei Tisch an, ohne, da die Schönheit der Tochter eben nicht rühmenswerth ist, von ihrem guten Herzen und seinem großen Vermögen zu sprechen. Seinen Betheuerungen wird jedoch keine sonderliche Aufmerksamkeit geschenkt. Als Kojen-Kameraden hat mir der Zufall ein Original zugeführt, einen alten Franzosen, dem die Furcht vor dem Ocean und der Möglichkeit eines Schiffbruches Tag und Nacht keine Ruhe gönnt. Von seinem Schwimmgürtel trennt er sich niemals. Trägt er ihn bei Tage in der Tasche, so ist Abends, wenn er damit zu Bette geht, sein erstes Geschäft, den Schwimmgürtel hervorzuholen und sich damit zu umgürten. Da der besorgte Greis in der, unter meinem Lager befindlichen Commode schlummert, entgeht mir kein von ihm hervorgebrachtes nächtliches Geräusch. Zuweilen schrecken ihn entsetzliche Träume, Bilder von Seestürmen und Strandungen, sein banges Stöhnen dauert mehrere Minuten lang, dann löst er den Schwimmgürtel, 299 preßt die eingeschlossene Luft aus und bläst ihn von Neuem auf, um sich doch aller möglichen Garantieen für seine Rettung zu versichern. Zu näheren Erörterungen kann ich mich nicht entschließen; aber mein guter Alter entwickelt eine seltene Vielseitigkeit in der Hervorbringung der heterogensten Kunst- und Naturlaute. Zum ersten Male auf meiner Weltreise gerathe ich durch diesen angejahrten Champion in die curiose Lage, einen Kuppelpelz verdienen zu können. Wir haben eine Zucker- und Campecheholz-Wittwe aus St. Thomas an Bord, die sich zur Ruhe gesetzt, ihre Ländereien verkauft hat und, wenn ich ihren Eifer nicht überschätze, »umgehend« heirathen möchte. Mein Stubenbursche entblödete sich heute nicht, mir zuzumuthen, für ihn die Rolle des Freiwerbers bei der heirathslustigen Dame zu übernehmen. Die sechsziger Jahre pflegen freilich die liebenswürdigsten im Leben der Franzosen zu sein, ich hielt es indessen für meine Pflicht, ehe ich das mir angetragene Ehekommissariat übernahm, dem Heirathscandidaten rund und nett die Frage zu stellen, ob er auch durch seine sonstigen Qualitäten den unzweifelhaft gesteigerten Anforderungen der Campecheholz-Wittwe Genüge zu leisten hoffe, und lehnte, als ich eine unzureichende Antwort erhielt, den mir angebotenen Ehrenposten ab. Fast sämmtliche Stewards am Bord der »Seine« sind Deutsche . Das Zusammentreffen so vieler Nationalitäten auf dieser Weltstraße legt der Dienerschaft die Verpflichtung auf, sich in der englischen, französischen, spanischen, italienischen und deutschen Sprache fertig ausdrücken zu können, und von allen Völkerstämmen scheinen nur unsere jungen Landsleute so viel Talent und Fleiß zu besitzen, um sich 300 den Anstrengungen, neben der Muttersprache vier fremde Idiome zu erlernen, mit Erfolg zu unterziehen. Es macht mir täglich bei Tisch unbeschreibliche Freude, diese gewandten hübschen Bursche jeden Gast in seiner Landessprache geläufig und so elegant abfertigen zu hören, daß Mancher derselben später ein vertrauliches Gespräch anzuknüpfen und allerlei Erkundigungen einzuziehen sucht. Unter englischen Stewards habe ich auf meinen Reisen nie eine ähnliche Versatilität gefunden. 301 XXII. Auf der Höhe von Cayenne. Südliches Kreuz und Polarstern. Die Grog-Bell. Tinktur gegen Pockennarben. Nächtliche Redner und Zänker. Das Hazardspiel Monte. Im Quartier latin. Tauschhandel in Texas. Sechszig Schildkröten als Deckpassagiere. Die Wiederkehr des Zwielichts. Unter Seejungfern. Immer zugeknöpft. Ein falscher Leck. Abschied von den fliegenden Fischen. Unsere Ankunft auf der Höhe von Cayenne ist nicht geeignet, in der Seele eines Reisenden, dem noch nicht alle Zeitungserinnerungen abhanden gekommen sind, zumal an Bord eines Dampfers, der den Namen »Seine« führt, angenehme Gedanken zu erwecken. Mit den Vorstellungen des Landes, »wo der Pfeffer wächst«, wird er stets die Bilder verunglückter Politiker, seien sie nun Deputirte der Opposition oder Publicisten, Gelehrte oder Arbeiter, Republikaner oder Socialisten, verknüpfen und an jene Epoche der französischen Geschichte denken, wo die Grundsteinlegung des imperialistischen Gebäudes mit der Versendung mehrerer tausend Staatsangehörigen in diese ungesunde Sommerfrische begann. Heute sind wir bei der Krönung desselben angelangt, aber wer wollte die Möglichkeit eines eben so starken Nachschubs zu bestreiten wagen? 302 Wir steuern consequent in nordöstlicher Richtung, allgemach neigt sich das herrliche Sternbild des südlichen Kreuzes gegen den Horizont, und jener mattleuchtende Punkt, an den Philosophen und Dichter aller Jahrhunderte so viele ihrer tiefen Gedanken und erhebenden Gleichnisse geknüpft, der Polarstern, erhebt sich höher und höher über die nachtdunkle Meeresfläche. Das hehre Symbol der Heimath und nordischen Gesittung, wenn es Abends in der Ferne blinkt, rührt selbst die Herzen Derer, welche für ihre sentimentalen Aeußerungen sonst anderweitige Ausgangspunkte zu wählen pflegen. Sobald nach vollendeter Tagesmüh', um mit meinem Freunde Meyer , dem Eingeborenen aus Posen, zu reden, da er sich stets befleißigt, alle technischen Schiffsausdrücke »in sein geliebtes Deutsch zu übertragen«, die » grog bell gerungen«, d. h. »die Grogglocke geläutet« wird, und sich die lechzenden Gentlemen in der Kajüte versammeln, um Gläser und Extragläser der mit jedem Grade nördlicher Breite heißer und steifer werdenden Mischung » to sweat hearts and wifes in old England « (den Geliebten und Frauen in Alt-England) zu weihen, erscheinen regelmäßig Einzelne auf Deck und stellen astronomische Beobachtungen an. Der am 30. Mai veröffentlichte Rapport ergab, daß wir in vier und zwanzig Stunden 232 Meilen zurückgelegt hatten. Das Wetter ist unvergleichlich schön, und ein Ost-Passat, gegen den wir steuern, lindert die Schwüle der Atmosphäre und die körperlichen Leiden aller jener Passagiere, die sich nur nach Europa begeben, um berühmte Aerzte zu consultiren. Außer allen möglichen Spielarten des Fiebers sind die heterogensten Krankheiten an Bord der »Seine« 303 vertreten; was könnte ein wißbegieriger junger Doctorand unter sachkundiger Leitung bei uns lernen! Hier wäre das Terrain zur Gründung einer Klinik, in der mindestens die spätere eigentliche Cur angebahnt werden könnte. Sogar mein Laienauge setzt die Mannigfaltigkeit der Krankenphysiognomien in Erstaunen, aber noch mehr bin ich über die Gleichgiltigkeit des jungen, erst fünfundzwanzigjährigen englischen Schiffsarztes außer mir, der allen diesen »interessanten« Kranken nicht die geringste Aufmerksamkeit schenkt. Allerdings muß ich zu seiner Entschuldigung berichten, daß Niemand ihn durch Consultationen in Versuchung führt und in seinen chemischen Studien stört. Das Zutrauen der Menschen kommt mir entgegen, und der junge Hippokrates hat mir schüchtern und mit verschämten Wangen eingestanden, daß er an der Herstellung einer Tinktur arbeite, deren Verkauf ihm die Reichthümer des Krösus verschaffen müsse. Der wundersame Saft soll nach seinen vertraulichen Mittheilungen nicht zur Verlängerung des menschlichen Lebens, oder zur Umwandlung unedler Metalle in edle, sondern nur zur radicalen Vertilgung der Pockennarben dienen. Die Wirkung des Arkanums hängt angeblich von dem richtigen Mischungsverhältniß der einzelnen Bestandtheile ab. Im Stillen scheint der Wunderthäter seiner Sache nicht ganz gewiß zu sein, denn er hofft gleichzeitig auf eine gefahrvolle, aber glückliche Entbindung an Bord, die ihn nach seiner Behauptung zu einem »gemachten Manne« machen werde. So weit ich indessen durch meine bisherigen Wahrnehmungen unterrichtet bin, ist keine Aussicht zur Förderung der Carriere unseres ärztlichen Helfershelfers, als »Accoucheur« vorhanden. Ich für meinen Theil würde ihm nicht einmal Bart 304 und Elsteraugen, geschweige denn Weib und Kind anvertrauen. Ein schwerer Uebelstand, der mit dem traurigen Befinden vieler Mitreisenden zusammenhängt, ist die Verschlechterung des moralischen Dunstkreises. Die Klätschereien und Zänkereien wollen kein Ende nehmen, und, wie ich zu meiner Beschämung zugeben muß, sind es gerade die Männer, welche immer an der Tête der kriegführenden Parteien voranschreiten. Ungleich friedfertiger und zur Versöhnung geneigter ist die Gesinnung der Damen, ein Umstand, der sich aus der Heirathslust der Mehrheit erklärt. Unter den touristischen Creolen, Mulatten, Mestizen und Quadronen ist es vollkommen unmöglich, den Frieden zu erhalten. In den meisten Fällen kommen die Zwistigkeiten in der Nacht zum Ausbruch. Einmal erwacht die Redelust der farbigen Menschen grade um die Zeit, wenn der Weiße sich aufs Ohr legt, nächstdem verleiden die körperlichen Unbequemlichkeiten der meisten Passagiere aus den Tropenländern ihnen ein ruhiges Beisammensein. Der weise Salomon, unser majestätischer Capitän, hat den Tag über alle Hände voll zu thun, die Streitigkeiten dieser Meerkatzen zu schlichten und die Verfeindeten durch Ausquartierung von einander zu trennen und unschädlich zu machen. Die bisher nicht belegte dritte Schlafcommode in unserer kleinen Koje, ein Raum, nicht viel länger und breiter, wie die Schieblade in einem Puppenmöbel, hat demzufolge als Insassen einen winzigen Franzosen erhalten, der lieber seine frühere bequeme Bettstatt aufgiebt, um nur nicht mit drei bräunlichen Unholden von den Antillen zusammenzubleiben. Der flüchtige Zwerg ist genöthigt, sich in dem niedrigen Schlafkästchen förmlich in einen Knäuel zusammenzuballen, 305 doch thut diese unbequeme Lage seiner angeborenen Redseligkeit keinen Eintrag. Mein Kojencamerad, der Meergreis mit dem Schwimmgürtel, ist vor Entzücken über die Ankunft des gesprächigen Landsmannes außer sich und vergißt während der lebhaften Unterhaltung selbst die gewöhnlichen Blaseübungen. Die beiden Schwätzer bringen mich um die ersprießlichsten Stunden der Nachtruhe. Zwischen dem 30. und 31. Mai wurde von zwölf bis drei Uhr die fragliche Ablassung eines Waarenpostens im Werthe von 18,000 Dollars so laut und gründlich abgehandelt, daß ich einen leichten Anfall von Seekrankheit verspürte. Im Salon ist nicht viel Trost zu holen; die Herrengesellschaft unterhält sich bis Nachts elf Uhr zumeist mit Hazardspiel. Zwei spanische Banquiers, Spieler von Profession, ziehen den Engländern und Nordamerikanern mit eben so viel Kaltblütigkeit wie Kunst: das Glück zu corrigiren, ihr Geld aus der Tasche. Das Spiel wird »Monte« genannt, aber der gänzliche Mangel eines Spielorgans hat mich am Verständniß aller seiner Chancen verhindert und verbietet mir eine nähere Beschreibung; ich weiß nur, daß große Summen verloren wurden, und daß es täglich zu heftigem Wortwechsel kam, vor dem ich aus Furcht, es könne schließlich zum Dolch oder Revolver gegriffen und den Anwesenden später die Zeugenschaft vor englischen Gerichten auferlegt werden, immer die Flucht auf Deck ergriff. An Seitentischen sind »Meine Tante, Deine Tante« und »Landsknecht« an der Tagesordnung, auch herrscht hier etwas mehr Gelassenheit unter den Pointeurs. Kann ich unbemerkt entwischen, so suche ich Erholung auf einem Ausfluge in das Quartier latin der »Seine«, d. h. den 306 Aufenthaltsort der Passagiere zweiter Klasse. Ein Theil derselben besteht aus kleinen Landbesitzern, die unter erschwerenden Umständen des Ackerbaues selbst mit Hand angelegt und vielseitige Erfahrungen gemacht haben. Meiner Gespräche mit einem Deutschen, der fünfzehn Jahre in Texas zugebracht und in derb humoristischer Manier von seinen Erlebnissen zu erzählen wußte, erinnere ich mich noch heute mit Vergnügen und wünschte wohl, der wackere Mann griffe zur Feder und veröffentlichte seine Denkwürdigkeiten zur Belehrung zahlloser irregeleiteter Auswanderer, welche gerade einer solchen urwüchsigen Darstellungsweise mehr Glauben zu schenken pflegen, als gutgemeinten, aber vornehmer zugeschnittenen Zeitungsartikeln und Brochuren. Gar ergötzlich war seine Beschreibung des Tauschhandels, dessen Tarif sich früher jeder neue Ansiedler nothgedrungen bequemen mußte. Erwartete z. B. einer der Leute die Geburt eines Kindes und brauchte eine Wiege, so trat er eine Reise zur nächsten Tischlerwerkstatt an. Mit baarem Gelde konnte er sich nicht versehen, denn Niemand verfügte darüber, aber er band einen Ochsen hinten an den Karren. Der Wiederkäuer war gut für zehn Dollars. Erreichte der Preis der Wiege nicht diesen runden Betrag, so gab der Meister heraus: ein Kalb oder einen Hammel. Bei Ankaufen kleinerer hölzerner Geräthschaften, wo es nicht selten auf eine Berechnung der Preise in Scheidemünze ankam, half man sich mit Lämmerschwänzen und Hasenfüßen, deren jeder auf einen halben Silber- oder Neugroschen abgeschätzt wurde. Einmal, da eben weder Kalb noch Hammel zum Ausgleich vorhanden war, bot der Tischlermeister meinem Gewährsmanne, noch ehe das Kleine die Wände beschrieen hatte, einen 307 Kindersarg , gleichsam als Reserve an, die in keinem gut eingerichteten Haushalt fehlen dürfe. Unter Fußbänken, Schaukeln und Stiefelknechten, die mit kleiner Silbermünze gleichbedeutend waren, konnten die Käufer oder Täuscher immer eine beliebige Auswahl treffen. Ist ein Schluß auf dem Gesundheitszustande der Passagiere zweiter Klasse und der Atmosphäre ihrer Wohnräume gestattet, so werden sie an Bord der »Seine« nicht schlecht behandelt. Zwei große Windschläuche, die neben zwei kleinen Treppen hinab unter das Vorderdeck führen, verbreiten unten sogar eine erfrischendere Luft, als wir sie oben in den Salons und Kojen genießen; zudem befleißigen sich Passagiere und Mannschaften, da Jeder vorkommenden Falles, ohne auf den guten Willen der Dienerschaft zu warten, gleich selber zu Besen und Bürste greift, der äußersten Reinlichkeit. Nur mit Widerstreben trenne ich mich von den guten Menschen und kehre unter die Sippschaft von Spielern zurück, wo ich niemals davor sicher bin, daß nicht mein Nachbar ein Terzerol aus der Tasche zieht und sich eine Kugel durch den Schädel jagt. Einigen, wie den saubern Böhmaken, welche von der Mosquitoküste zurückkehren, wird von ihren Reisegefährten nicht viel Gutes nachgesagt. Der präcisen Unterscheidung von Dein und Mein sollen sie nach einem vieljährigen Aufenthalt in Landstrichen, wo Jeder gleich mit bewaffneter Faust zu seinem Rechte zu kommen weiß, nicht befähigt sein. Spät in der Nacht vom 1. zum 2. Juni erblickte ich zum letzten Male das südliche Kreuz . Nach 1 Uhr verschwand es in den Dünsten des Horizonts: wir waren unter dem 27. Breitengrade und 54. östlicher Länge 308 eingetroffen. Bei tiefer Windstille umwölkte sich am 2. Juni der Himmel, und es begann, wenn man sich auf hoher See des Ausdrucks bedienen darf, ein anhaltender Landregen, dessen sich besonders die fliegenden Fische erfreuen, da sie durch die dauernde Anfeuchtung ihrer Schwungflossen in den Stand gesetzt werden, ihren Flug ein wenig weiter auszudehnen. Die »Seine« durchschneidet den Tag über ein unermeßliches Gefilde von graubraunem Seetang. Um 1 Uhr Mittags kamen wir mit einem, uns begegnenden englischen Dreimaster in so nahe Berührung, daß von Bord zu Bord einige Worte gewechselt und höfliche Wünsche in Bezug auf eine glückliche Reise ausgetauscht werden konnten. Mit einem soliden Regenschirm bewaffnet, lasse ich mich durch den starken Regen nicht von meiner gewohnten Promenade abhalten und lustwandle auf dem vorderen landwirthschaftlichen Gebiete unseres Dampfers. Den für den Verzehr bestimmten Ochsen leisten ungefähr sechzig Schildkröten Gesellschaft. Nachdem sie selber in London zur Anfertigung von Turtle-Suppe gedient, soll das kostbare Schildpatt an die Fabriken verkauft werden. Meine Bedenken, was Mitglieder von Thierschutz-Vereinen zu der Behandlung der armen Thiere sagen würden, will ich zu Nutz und Frommen des Schildkrötengeschlechts nicht unterdrücken. Die armen Geschöpfe liegen sämmtlich auf dem Rücken, und müssen während der ganzen Reise auf Leibesnahrung verzichten. Nur zweimal in jeder Woche werden sie in eine Wanne gelegt und mehrere Minuten lang mit Seewasser begossen. Diese kümmerliche Erfrischung scheint wirklich zu genügen, an vereinzelten Exemplaren glaube ich sogar Spuren von Frohsinn, insofern sich 309 derselbe mit den unzulänglichen Organen dieser phlegmatischen Thiergattung ausdrücken läßt, wahrgenommen zu haben. Einer unserer englischen Reisegefährten hat diese belebende Operation der Nachahmung für werth gehalten, nur beschränkt er sich nicht auf zweimalige Uebergießungen in der Woche, sondern hat mit Einwilligung des Capitäns zwei Matrosen gegen eine Baarentschädigung engagirt, die täglich mehrmals für das nöthige Material zu Sturzbädern sorgen. Der eifrige Wasserfreund hat den beiden Grieswärteln die strengsten Instructionen ertheilt und sie autorisirt, ihm im Falle seiner momentanen Weigerung die Uebergießungen sogar unter Anwendung von Gewalt angedeihen zu lassen. Aus den Armen der Liebe oder vom Altar, wie es in Schillers Räubern heißt, können sie nun freilich das verwitterte Original nicht fortreißen, allein ich war doch Augenzeuge, wie sie ihn, der Ordre gehorsam, ohne sich an seine Proteste zu kehren, mitten in einem Robber ergriffen und vom Whisttisch nach dem auf dem Vorderdecke stehenden Badezuber schleppten. In den Abendstunden gedenke ich jetzt oftmals eines mir befreundeten, jetzt verstorbenen Offiziers, der in Diensten der holländischen Regierung auf Java, von Sehnsucht nach dem Wechsel der Jahreszeiten in dem europäischen Klima verzehrt wurde und sich nicht eher beruhigen konnte, als bis er seine Lust an dem nordischen Winter und Frühling durch erhebliche Opfer gebüßt und eine Spritzfahrt in die Heimath unternommen hatte. Dem Dämmerungsfalter gleich fühlt sich das deutsche Gemüth in dem schwindenden Lichte des Tages heimisch und vermag sich niemals mit dem crassen Wechsel von hellem 310 Sonnenschein und tiefer Nacht zu befreunden. Wir befinden uns in den Breiten von Madeira und die Finsterniß bricht nicht mehr so plötzlich herein, als bliese man die einzige, in einem großen Saale mit geschlossenen Fensterläden brennende Kerze aus. Ich genieße, wenn auch nur kurze Zeit, das gemüthliche Zwielicht; von jener traulichen Unterhaltung unter Freunden, auf die wir in der deutschen Heimath um diese Stunde so viel Werth legen, daß wir oft absichtlich das Anzünden der Lampen verzögern, kann hier nicht die Rede sein. Die poetischen englischen und nordamerikanischen Schönen zittern in den kühleren und feuchten Abendstunden für ihren Teint und werden so spät nicht mehr auf dem Verdeck sichtbar. Ihr Glanzmoment ist der Vormittag, wenn sie kurz vor Vollendung ihrer Toilette an sonnigen Stellen Platz nehmen und das nach dem Bade feuchte, aufgelöste Haar im Winde trocknen lassen. Ich muß meinen ganzen moralischen Einfluß aufbieten, um das Entzücken meines Freundes Meyer in erlaubten Schranken zu halten. Wenig bewandert in der Literatur, also arm an Citaten, wählt er seine Bilder meistens aus jenen, in früher Jugend auswendig gelernten neuen Liedern , die das Volk der Buchdruckerei von Trowitzsch verdankt. Am 4. Juni, als die Grazien gleich den Feenjungfrauen in dem Schwanenmährchen von Musäus wieder beisammen saßen, mußte er seinem gepreßten Herzen nolens volens Erleichterung verschaffen. Mit Stentorstimme, daß alle Damen aus ihren Taschenbüchern und Albums erschrocken aufblickten, schrie Meyer im höchsten Falsett: »Die puren Seejungfern – die puren Seejungfern – nur der Fischschwanz fehlt!« Ich 311 ergriff ihn am Arm und schleppte ihn zu den Schildkröten. Den armen Thieren sollte heute eine unvorhergesehene Freude bereitet werden. Der Koch hatte sich zur Verherrlichung des schönen Frühlingstages bei der Anfertigung des Tiffin ungewöhnliche Mühe gegeben, und seine Leistungen verdienten wirklich, in Erwägung, daß wir uns an Bord eines englischen Dampfers befinden, warme Anerkennung, der Mr. Abraham durch Bestellung einer Flasche Champagner zu vier Dollars Ausdruck verliehen hatte, als wir noch mit dem letzten Bissen im Munde durch Feuerlärm von dem Tische aufgeschreckt wurden. Die Passagiere in ihrer gegenwärtigen Zusammensetzung sind indessen gegen derartige Scherze abgehärtet. Sie hatten sich nicht sobald von der bloßen Fiction des Unglücks überzeugt, als die Tafel abgeräumt wurde und die Herren mit vollkommener Gemüthsruhe zu den Karten griffen. Mir kam es auf einige Sturzbäder nicht an, ich drang durch das Getümmel der Mannschaft bis auf das Vorderdeck vor und sympathisirte hier mit den Schildkröten, die ihre Freude über die Berieselung des Dampfers durch anmuthige Bewegungen mit den Köpfen und Füßen darthaten. Der spanische Gesandte, der seit vier Tagen krank darnieder lag und in seiner Kabine geblieben war, hat über diese Aufregung seiner Nerven, wie der Schiffsklatsch berichtet, bittere Klage geführt. Zu unserem Besten befindet er sich glücklicherweise nicht in der Lage, mit Repressalien drohen zu können. Die Verstimmung hat ihn nur zugeknöpfter gemacht. Se. Excellenz würdigen jetzt Niemanden 312 mehr eines Wortes, ihr einziger Umgang ist ein diplomatischer Herr von der Insel Curaçao. Beide lustwandeln, mit weißen Cravatten und Handschuhen geschmückt, um die Promenadestunde auf dem Verdeck, und tauschen lispelnd ihre Ansichten über die in ihren Händen ruhenden Geschicke der Völker aus. Zuweilen wandelt mich die Lust an, den Herren Gesandten an den solennen Empfang in Panama und seine Draisinenfahrt über die Landenge nach Aspinwall zu erinnern. Der falsche Feuerlärm hat wenigstens das Gute gehabt, die klägliche Beschaffenheit unserer zehn Rettungsböte ( life boats ) ans Licht zu bringen. Drei derselben bedürfen einer gründlichen Ausbesserung, die denn auch am 5. Juni vorgenommen wird. Zum Ueberfluß befiehlt der Capitän, wahrscheinlich nur um die aus 125 Köpfen bestehende Mannschaft nicht müßig gehen zu lassen, die übrigen sieben Böte gründlich zu reinigen und mit Masten, Segeln, Rudern und Steuer auszustaffiren. Diese kleine Marine auf Deck sieht nach ihrer Vollendung im Verhältniß zu den riesigen Dimensionen des Dampfers wie Kinderspielzeug aus. Große Manöver sind nun einmal Mode geworden, und am 6. Juni Vormittags hieß es wieder, die »Seine« habe einen gefährlichen Leck. Fünf Minuten darauf war die Mannschaft an allen Pumpwerken in Thätigkeit und das Ende des Tages verlief unter ferneren Reparaturen an allen Ecken und Enden. Die Herren Abraham und Meyer, die neuerdings Geschmack an einander gefunden, und ein Schutz- und Trutzbündniß geschlossen haben, machten die treffende Bemerkung: der Capitän hätte passender alle diese Versuche vor Beginn der Reise 313 angestellt, wenn ihm soviel daran lag, sich von der Zuverlässigkeit und Dressur der Matrosen, der Beschaffenheit des Materials und der Apparate zu überzeugen. Von den tropischen Naturgebilden verschwindet eins nach dem andern, die mit der Hautkrankheit »der rothe Hund« Behafteten genesen unbegreiflich geschwind, und meine Freunde, die fliegenden Fische, haben mich für immer verlassen. 314 XXIII. In der Nähe der Azoren. Die Wiederkehr des Schnupfens. Der Gründer der Tanzkapelle. Der erste Ball. Reisegefährten auf offener See. Hinter Schornsteinen und Kesseln. Landsend. Jack und Bill. Der Leuchtthurm von Eddistone. Die Insel Wight. Im Hafen von Southampton. Die Folgen der Sabbathfeier. Die kühlere Temperatur wirkt anregend auf die Tanzlust unserer Damen, nur stellt sich ihren Plänen ein unerwartetes Hinderniß entgegen: es fehlt an Tanzmusik; unser Steamer ist nicht mit Spielleuten versehen. Die Großsprecherei der deutschen Herren an Bord nimmt mit jedem Tage zu, der uns den Küsten Europa's näher führt. Mit den Engländern um die Wette schimpfen sie auf ihr Vaterland und brüsten sich mit ihrem englischen Bürgerthum, ihren englischen Pässen! Ein am 6. Juni Abends plötzlich eintretender Wetterumschlag legt ihren Schandmäulern Stillschweigen auf. Sämmtliche Prahlhänse verkriechen sich in die Kojen und sühnen durch die kläglichsten Jammerlaute ihre gegen die Heimath ausgesprochenen Beleidigungen. Am Morgen des 7. Juni hatten sich die Regenschauer gelegt und die Wolkengeschwader verzogen, aber die See verblieb 315 in ihrer heftigen Bewegung. Nach der Vermuthung des Capitäns und seiner Offiziere muß der Sturm der letzten Nacht grade in dieser Gegend arg getobt haben. Wir befinden uns unter dem 39. Grade, in der Nähe der Azoren . Die Schnelligkeit der »Seine« hat sich etwas vermindert. Legte sie in den letzten Tagen binnen vierundzwanzig Stunden zweihundertfünfzig Meilen zurück, so meldet der heutige Schiffsrapport deren nur zweihundertvierundzwanzig. Die Quecksilbersäule im Thermometer sinkt, und der Herold Europa's, der Schnupfen , erscheint an Bord. Am 8. Juni war ich so glücklich, einen der Civilisation angemessenen Thermometerstand von achtzehn Graden notiren zu können. Alle Goldonkel und Goldtanten aus Westindien klappern vor Frost mit ihren meistens falschen Zähnen, ich bin vor Entzücken außer mir. Die Temperatur ist die des Paradieses. Die Quälgeister der tropischen Zone sind spurlos verschwunden, von Ameisen, Mosquito's und Cockroaches ist keine Spur mehr vorhanden. In der Freude meines Herzens, endlich einmal mit den Füßen in die Stiefel fahren zu können, ohne eine ganze Horde dieser stinkenden Ungethüme zu zertreten, fordre ich meinen Freund Meyer auf, mit mir zum Dessert eine Flasche Champagner der besten Sorte auf das Wohl unseres kleinen Welttheils, seines Klimas und Menschenschlages zu leeren; aus nicht näher zu erklärenden Gründen, vielleicht in Folge der wiedergewonnenen Spannkraft der Nerven, bemächtigt sich der ganzen Genossenschaft von Passagieren eine sichtliche Aufregung. Noch zur rechten Zeit ist es einem jungen Hispanier, der ein Auge auf die tanzlustigste aller unserer Schönen, eine junge Havannah-Wittwe, geworfen hat und sich dadurch bei ihr zu 316 insinuiren hofft, gelungen, eine Kapelle zu Stande zu bringen. Freund Meyer will die geheimen Vorübungen derselben in den Räumen der zweiten Klasse belauscht haben. Die Orchester des Pariser Conservatoriums und der Berliner Symphoniesoiréen brauchen vor der Concurrenz unserer Seine-Virtuosen nicht zu zittern. Die neugebildete Tanz-Kapelle besteht aus einem Quartett, das freilich nach den von ihm gehandhabten Instrumenten nicht qualificirt ist, sich an Compositionen von Haydn, Mozart oder Beethoven zu wagen. Der verliebte Hidalgo spielt die Principalstimme auf einem Accordion, ein Knabe, der in allen Stunden, welche ihm neben seinen Kunstübungen freibleiben, Dienste in der Küche leistet, bläst die Pickelflöte ( flauto ottavino ), zwei junge Matrosen, denen ein natürliches Tactgefühl innewohnt, sind mit der Handhabung des Triangels und der Castagnetten betraut und haben es rasch zu vieler Fertigkeit auf ihren Schlag- und Klapperinstrumenten gebracht. Nur in der künstlerischen Beherrschung der Stärkegrade lassen ihre Leistungen noch Manches zu wünschen übrig, und nicht immer gelingt es den Spielern des Accordions und der Pickelflöte, mit der von ihnen vorgetragenen Melodie hörbar durchzudringen. Der erste Ball fand am 8. Juni, zwischen sieben und elf Uhr Abends Statt. Das von unserer jungen Kapelle hervorgebrachte Geräusch war abscheulich, – die Thatsache darf nicht verschwiegen bleiben – aber die Ohren und das Vergnügen der Passagiere litten nicht weiter darunter. Die Musik übte eine so magisch berückende Macht aus, daß ein spanisches, noch leidlich junges Ehepaar, welches in Begleitung eines reizenden fünfjährigen Töchterchens nur nach Europa reiste, um den Scheidungsproceß einzuleiten, 317 allen Groll bei Seite warf und wie wahnsinnig umherwalzte. Der Cavaliere servente der Dame, ein in Seidenband machender Engländer, benutzte dieses Intermezzo in seinem Cultus der Schönheit und sprach dem Grog so eifrig zu, daß er schon um zehn Uhr, in der Position des von Don Juan niedergestochenen Comthurs, von drei Stewards sinnlos betrunken in seine Koje getragen werden mußte. Am 9. Juni erhielten wir Reisegesellschaft. Ich war den Tag über auf dem Verdeck geblieben und hatte den jetzt nicht mehr tiefblauen, sondern hellgrünen Meeresspiegel mit bewaffnetem Auge gemustert; die Ausbeute meiner Forschungen waren zwei Segelschiffe, die gleich uns nach Europa steuerten und von unserem Steamer allmälig überholt wurden. Beide Schiffe blieben in einer Entfernung von zwei bis drei Meilen östlich und westlich in Sicht; erst die hereinbrechende Dämmerung entzog uns den Anblick der eiligen Reisegefährten. Am Morgen, nach einer sehr unruhigen Nacht, waren wir ihnen mit Hilfe unserer Dampfkraft so weit zuvorgekommen, daß sie uns nicht mehr einzuholen vermochten. Das Wetter blieb auch am 10. Juni unfreundlich, allein die Hoffnung, uns dem Ziel der Reise zu nähern, wirkte als Präservativ gegen die Seekrankheit. Unsere putzsüchtigen Schönen gebehrden sich bereits, als säßen sie in einer Kutsche und erwarteten in der nächsten Viertelstunde, vor einem Balllokal oder aristokratischen Salon zu halten und vom Ceremonienmeister an der blumenbekränzten Pforte empfangen zu werden. Sie erschienen beim zweiten Frühstück wie auf Verabredung sämmtlich in großer Toilette, der spanische Gesandte dagegen, mein vis-à-vis bei Tische, beginnt sein Aeußeres zu vernachlässigen. Die 318 diplomatische Abrechnung, die ihn zu Hause erwartet, scheint nicht die angenehmste zu sein. Mich erfreut die Angabe, daß wir uns unter dem 47. Grade nördlicher Breite befinden, mehr, als die Meldung eines erheblichen Gewinns in der Klassenlotterie. Die Luft kühlt sich, je weiter wir nordöstlich kommen, rasch ab; und am 11. Juni war es so kalt, daß wir in der tropischen Hitze verweichlichten Passagiere die wärmsten Plätze des Steamers aufsuchten, und in der Nähe der beiden dicken Schornsteine, oder im Zwischendeck neben den Kesseln uns niederließen. Unser Empfang in den nördlichen Regionen ist nicht der freundlichste. Der nordwestliche Horizont ist durch einen nachtdunklen Wolkenvorhang verhüllt; der weiße Schaum der hohen Wogen bildet mit der tiefen Schwärze derselben einen frappanten Contrast. Die vierhundert Fuß lange, colossal schwere, eiserne »Seine« hüpft auf den wilden Gewässern wie ein Korkpfropfen umher. Mittags zwischen zwölf und ein Uhr begegneten wir zwei Barkschiffen, die der Capitän für deutsche oder amerikanische hielt. Die Fahrzeuge antworteten nicht auf Flaggensignale der »Seine«, und die Seeoffiziere waren schnell fertig mit Ausdrücken, wie »deutsche Grobheit! – amerikanischer Stolz!« – Nach meiner Meinung hatten die kleinen Fahrzeuge zu viel mit ihrer eigenen Sicherheit zu thun, um sich auf unnütze Höflichkeitsbezeugungen einzulassen. Der Seegang war so gewaltig, daß wir in einer Entfernung von kaum tausend Schritten, sobald die nächste Bark in ein Wellenthal versank, nur die Mastspitze mit ihrem Wimpel erblickten. Mein alter französischer Kojenbursche hat die Rettungsjacke oder den Schwimmgürtel heute gar nicht mehr abgelegt. Ich 319 mache gute Miene zum bösen Spiel und benutze die bedrohliche Situation zu künstlerischen Studien. Die Annäherung des Landes erhellt aus einer Menge kleiner Schiffe, die wie Seemöven vor dem zunehmenden Sturme flüchten. Gegen Sonnenuntergang fiel ein starker Regen, und der heftige Wind legte sich. Schon um halb sieben Uhr hatten wir, so oft sich der Wolkenschleier hob, Landsend , die äußerste Südwestspitze von England, erblickt. Als die sinkende Sonne einen Augenblick die Wolken durchbrach und ein grelles Streiflicht auf die Küste warf, stimmten die Passagiere ein ohrenzerreißendes Jubelgeschrei an. Ich stand in den Anblick versunken auf dem Vorderdeck und vernahm noch die Unterhaltung zweier Matrosen, die nach einem mehrjährigen Aufenthalte zwischen den Wendekreisen den vaterländischen Himmel auf ihre Weise begrüßten. »Gott sei Dank,« sagte Jack und schlug seinem Collegen Bill kräftig auf die Schulter, »endlich einmal schönes Wetter!« »Der Teufel soll den blauen Himmel holen!« fügte Bill ehrbar hinzu und warf das ausgekaute Priemchen weitausholend über Bord. Gegen elf Uhr langte der Lootse an, doch war er außer Stande, über den Verlauf des dänischen Krieges, über welchen namentlich wir Deutschen ihn mit Fragen bestürmten, Auskunft zu ertheilen. Der arme Mensch hatte in den letzten drei Wochen keinen Fuß auf das feste Land gesetzt. Unter seiner sicheren Führung passirten wir rasch die verschiedenen Leuchtthürme, darunter das fabelhafte Bauwerk von Eddistone . Am 12. Juni wurden wir zeitig vom Lager aufgescheucht, der tägliche Scheuerproceß des Verdecks begann ungewöhnlich frühe, und trotz des gräulichsten englischen Spleenwetters 320 unter den heitersten Gesprächen und Gesängen der Mannschaft. Vor der Kajüte des Capitäns sollte ich noch in der zwölften Stunde meiner Erdumsegelung Augenzeuge einer höchst komischen Scene sein. Der Wichsier des Befehlshabers und der Offiziere bediente sich nämlich eines Matrosen als – Kleiderstock. Der Mann zog den jedesmal zu reinigenden Rock an, und dieser wurde alsdann nach allen Regeln der Kunst auf seinem Leibe tüchtig ausgeklopft und abgebürstet, ohne daß der lebendige Ständer eine Miene verzog. Eine kurze Unterhaltung, die ich mit diesem verdienten Subalternen angeknüpft, wurde durch einen kleinen Aufzug beendet, der aus den minorennen Angehörigen der Schiffsmannschaft, den Schiffsjungen, bestand und sich mit der Feierlichkeit einer nach Vorlaß strebenden Loyalitätsdeputation näherte. Der Kleiderstock ertheilte mir die nöthige Auskunft. Die »Seine« ist ein reinliches Schiff, und die Knaben müssen an jedem Morgen dem Capitän selber über ihre correct vollzogene Fußwaschung Rechenschaft ablegen. Um neun Uhr Morgens erheiterte sich der Himmel, die Wolken zerstoben vor dem Hauche der frischen Brise, und wieder erschien das reine Blau seiner hohen Stirn, zu der sich im Licht des Tages, wie im Dunkel der Nacht, die sehnsüchtigen Blicke aller Sterblichen richten, die der Hoffnung einer jenseitigen Ergänzung und Consonanz dieses Daseins voller schneidenden Dissonanzen nicht zu entsagen vermögen. Aber dieses Blau war nicht mehr der tiefe Farbenton der südlichen Zone, es leuchtete nur in einer schwindsüchtigen Verklärung, als ob auch der Dunstkreis seine Disposition für das in Großbritannien so hartnäckige Uebel nicht verleugnen könnte. Wir dampften an der Insel 321 Wight vorüber, um elf Uhr an Cowes Osbornhouse, und trafen um zwölf Uhr im Hafen von Southampton ein. Das hohe politische Interesse des römischen Brutus lag mir fern, und doch war ich nahe daran, gleich ihm einen tendenziösen Fall zu thun und den mütterlichen Boden der europäischen Erde zu umarmen. Beinahe zwei Jahre hindurch hatte ich Afrika, Asien und Amerika durchschweift. Der Anker der »Seine« war aber noch nicht gefallen, als der nach Alexandria bestimmte Dampfer »Delhi« an uns vorbeifuhr und salutirte. Meine alte Reiselust war erloschen, ich sah ihn ohne die geringste Anwandlung von neidischen Gefühlen in See stechen. Am Hafenquai standen in dichten Haufen rothborstige Englishmen in ihren Sonntagsröcken und starrten uns neugierig an; eine solche, nicht wider die kirchlichen Satzungen verstoßende, obenein unentgeltliche Sabbathunterhaltung durfte nicht unbenutzt bleiben. Die Herren mit ihren starren Gesichtszügen, den hohen steifen Vatermördern, den glänzend gestriegelten Angströhren auf dem Kopfe und den reglementsmäßig egal unter dem Arme getragenen Regenschirmen glichen einem großartigen Wachsfigurencabinet, das noch einmal vor der Verpackung und Einschiffung zu Nutz und Frommen der Einheimischen öffentlich ausgestellt wurde. Der Wirrwarr auf unserem Dampfer dauerte länger als eine halbe Stunde, ehe alle Gepäckstücke ihren rechtmäßigen Eigenthümern ausgehändigt und mit ihnen an Land geschafft worden waren. Die weibliche Partei des erwähnten, in der Scheidung begriffenen spanischen Ehepaares sah sich sogar genöthigt, ihren trunkfälligen englischen Liebhaber, zugleich mit ihren Koffern, der Sorgfalt der 322 Gepäckträger anzuvertrauen. Zur Feier der Ankunft in Europa hatte der Unglückliche wieder das ihm bekömmliche Maaß spirituoser Flüssigkeiten überschritten. Er stand in seiner holden menschlichen Schwäche indessen nicht vereinzelt da; nach ihren Schwankungen zu urtheilen, waren viele Mitglieder des auf dem Quai stehenden Wachsfiguren-Cabinets seinem Beispiele gefolgt. Sehr bald hatte ich in einem comfortabel eingerichteten Hotel ein Unterkommen gefunden und wurde von dem dienstfertigen Domestiken sogleich an den Frühstückstisch gesetzt; ich erhob dagegen meinerseits keine Einwendungen. Wir Alle hatten an Bord der »Seine« in sehnsüchtiger Erwartung unserer Ankunft keinen Bissen mehr genossen; möglicherweise war uns auch Nichts mehr angeboten worden. Das Dejeuner war vortrefflich, nur das Gebäck erinnerte mich an manches »Tschau Tschau« aus meinen chinesischen Excursionen. Das Milchbrot war nämlich alt und hart, denn kein Bäcker hatte es gewagt, in der Nacht von Sonnabend auf Sonntag frisches Brot zu backen. Auf dem Wege nach dem Zollhause wurde ich indessen gewahr, daß nicht alle Gewerbtreibende in Southampton mit den Bäckermeistern gemeinsame Sache machten und ihre Gewissenhaftigkeit theilten. Die Tabaksläden und Conditoreien standen offen, und wenn auch die Schnapsläden an Sonntagen erst um fünf Uhr Nachmittags geöffnet werden dürfen, so erhellte doch aus dem taumelnden Gange vieler Spaziergänger, daß sie, um ihren Sabbathbedarf zu beziehen, auf nicht offizielle Weise Zutritt gefunden hatten. Da alle öffentlichen Vergnügungen am Sonntage in England ausfallen, auch Concerte in Gärten nicht Statt finden, so ist es erklärlich, wenn die ungebildete Menge 323 als Erholung von den Berufsarbeiten der Woche zu berauschenden Getränken ihre Zuflucht nimmt. Die Post war, wie die Bäckerläden geschlossen, und ich mußte auf die Auslieferung meiner poste restante Briefe aus Deutschland bis Montag warten, eine hastig angefertigte Depesche an die Meinigen wurde jedoch im Telegraphenamte zur sofortigen Beförderung angenommen. Die Zöllner und Sadducäer auf dem Mauthamte hielten sich gleichfalls nicht streng an das drakonische Gesetz der Sonntagfeier gebunden; von zwei bis halb vier Uhr mußte ich in dem Local zubringen, ehe meine Habseligkeiten und Sammlungen aufgefunden, untersucht und mir ausgehändigt waren. Für Dockgebühren und Trägerlohn hatte ich acht und einen halben Shilling zu erlegen. Den Rest des Nachmittags benutzte ich zur Einwechselung der landesüblichen Münzen, dann nahm ich meine Maler-Utensilien unter den Arm und wanderte nach dem Hafen, um aus Dankbarkeit und zur bleibenden Erinnerung an den Dampfer »Seine« eine Aquarelle desselben und der maritimen Umgebung zu malen. Meine Reise sollte auch in England schließen, wie ich sie auf ägyptischem Boden in Alexandria begonnen hatte, d. h. mit Steinwürfen . Eingedenk des alten Satzes eines Wasserfeindes: daß die Schiffe und das Meer weit besser vom Festlande aussehen, als wenn man sich auf ihnen befindet, hatte ich es mir in dem festen Glauben, mich in einem civilisirten Lande zu befinden, bequem gemacht und setzte eben die Bleifeder an, als plötzlich Scheiben eines Blumentopfes und mehrere kleine Steine mir um die Ohren flogen. Einige Minuten später war ich von Krethi und Plethi umringt. Jung und Alt 324 drängte ungestüm heran und schrie: »Sabbathschänder« ( Sabbathbreaker ). Ein ungezogener Junge machte Anstalt, während Andere schrieen: »Zeichnen sei eine Arbeit, und am Sonntage verboten! « meinen Malerstuhl umzustoßen; jede mündliche Auseinandersetzung wäre vergeblich gewesen, da der durchdringende Branntewein-Geruch den physischen und psychischen Zustand der Horde verrieth. Das Rathsamste war, bei Zeiten an einen geordneten Rückzug zu denken. Zum Glück hielt ein Cab in der Nähe, ich sprang hinein, und der Kutscher entführte mich pfeilgeschwind zur Stadt hinaus; vor einem Aleshop hielt mein Retter. Ich verstand ihn; er hoffte, für das an mir verübte gute Werk belohnt zu werden. Es war erst drei Viertel auf fünf, und vor fünf darf am Sonntag Niemand in einer Kneipe sitzen , ich ging also durch den » Gentleman bar « bezeichneten Eingang – der andere trägt die Ueberschrift » Bottle departement « – drängte mich durch einen Haufen umherstehender angetrunkener Bursche, ließ für mich und den Cabführer zwei Gläser Ale hinausbringen, und beschloß den ersten Tag meiner Anwesenheit auf europäischem Boden mit einer einstündigen Spazierfahrt. 325 XXIV. Von Southampton nach London. Radley's Hotel. Garibaldi-Cultus. Im polytechnischen Institut. Nach Dover. Ein verstockter Greis. Bei Nacht über den Canal. Im Taschen-Dampfer. Die Mauthbeamten in Ostende. Nach Köln. Der erste Gensd'arm und das erste Viergroschenstück. Nach Berlin. Am 13. Juni begab ich mich so frühe, als nach englischem Brauch statthaft ist, auf das Postamt, fand es geöffnet und nahm die Briefe der Meinigen aus Stettin in Empfang. Ich ließ mir, in das Hotel zurückgekehrt, nur so viel Zeit, sie kurz zu beantworten, meine Ankunft zu melden und die nöthigen Anordnungen zu meinem häuslichen Empfange in Berlin zu treffen, dann bestellte ich rasch ein Frühstück und begab mich nach dem Bahnhofe. Die Woche fing gut an, Jack und Bill von der »Seine« mußten über das vaterländisch graue Aussehen des heutigen Montagshimmels vor Entzücken außer sich gerathen, während so mancher ihrer Landsleute vielleicht auf den Gedanken gerieth, sich aufzuhängen oder den Hals abzuschneiden. Der Personenzug nach London sollte um 11 Uhr abgehen; ich hatte keine Zeit mit Reflectionen zu verlieren. Bald war das Billet gelöst, es kam nur darauf an, einen 326 guten Platz zu erobern. In Gedanken an die Heimath verloren, fühlte ich das dringende Bedürfniß, allein zu bleiben. Ein Shilling that seine gute Wirkung, die Thür des leeren Coupés, in dem ich mich niedergelassen, wurde von dem Conducteur verschlossen; ich wollte mich indeß sicher stellen. Wer auf dem Perron oder im Coupé raucht , hat den amtlichen Anschlägen zufolge – ich glaube mich nicht zu irren – eine Geldstrafe von zehn Pfund Sterl. zu erlegen oder eine entsprechende Gefängnißstrafe abzusitzen; mithin zog ich zuversichtlich meine Cigarrentasche und steckte eine meiner unvergleichlichen Manila's in Brand. Ich hatte meine Leute vollkommen richtig beurtheilt. Der Conducteur, als Tabaksschnüffler erster Größe, schob sogleich den Kopf durch das Wagenfenster. Mein Zweck war erreicht, ich drückte einen zweiten Shilling in seine empfängliche Rechte – » all right Sir « – ich war und blieb allein, aber nur bis zur nächsten Station. Fern sei es von mir, die Dankbarkeit meines neugewonnenen Freundes zu verdächtigen; der Andrang der Stationspassagiere und die unzureichende Zahl der Wagen mögen ihn gezwungen haben, meine Wünsche fortan unbeachtet zu lassen. Das Coupé wurde bis auf den letzten Platz mit steifen, einander stumm anglotzenden Englishmen vollgepropft, deren Personen fast auf jeder Station wechselten, und durch Regenschauer und Tunnels, Windstöße und Grobheiten, fast noch maigrüne Fluren und Heerden von Wiederkäuern, die nicht minder geistvoll um sich blickten, als meine Herren Reisegefährten, kamen wir um drei Uhr in London an. Nachdem ich ein behagliches Unterkommen in Radley's Hotel gefunden, ließ ich mich durch den in Strömen herabgießenden Regen 327 nicht von einer Promenade durch die nächsten Straßen abhalten. Zunächst fühlte ich mich durch die scharfkritischen Blicke der Flaneure veranlaßt; meine zwischen St. Thomas und Southampton hart mitgenommene Cravatte, so wie meine Handschuhe in dem ersten besten Laden zu erneuern, dann begann ich, als Gentleman leidlich sicher gestellt, meine gewöhnliche Umschau. Seit Jahren wohlbewandert in London, fiel mir nichts Neues auf, als der Cultus, der augenblicklich mit dem Namen »Garibaldi« getrieben wurde. Porträts des italiänischen Nationalhelden waren an den Schaufenstern der Läden zahlreicher vorhanden, als Standbilder Buddha's in allen Tempeln von Canton. Ein mit der Landesreligion und englischen Rechtgläubigkeit unbekannter Ostasiate hätte auf den Gedanken gerathen können, den Götzen der Einwohner des großbritanischen Königreichs, oder doch einen seiner verehrtesten Heiligen vor sich zu sehen. Wer nicht Porträts ausgehängt hatte, pries wenigstens Garibaldihemden, Garibaldischinken u. a. m. zum Verkauf an. Es wäre unrecht gewesen, die Tagesmode nicht mitzumachen; ich erstand zur Erinnerung ein Garibaldihemde. Der nur schwer zu durchwatende Straßenkoth trieb mich gar bald in mein Hotel zurück. Eine rührende Erinnerung an die Gasthäuser in Point de Galle auf Ceylon und anderen asiatischen Städten, steckt auch in der Thür meines Zimmers kein Schlüssel, doch sichert ein, inwendig vorzuschiebender, Riegel mich vor nächtlichen Eindringlingen. Die Commode des Gemachs ist gleichfalls mit keinem Schlüssel versehen; das Herz des Hotelwirthes scheint von Vertrauen in die Menschheit überzufließen. Alle drei Schiebläden der Commode stehen offen und sind mit 328 der feinen Tisch- und Bettwäsche des Hotels vollgepackt. Auffallender Weise fehlt aber auf dem Nachttisch die sonst in jedem englischen Gastzimmer gebräuchliche Bibel. In einer an der Thür hängenden Anzeige erbot sich ein Londoner Hiltl zur vollständigen Ausstaffirung von Zimmern. Als Maler interessirte mich besonders die Verheißung des geschmackvollen Industriellen, nach Auswahl der Zimmertapeten, auch die mit ihrer Grundfarbe übereinstimmenden Oelbilder in beliebiger Anzahl liefern zu können. So lebhaft meine Sehnsucht nach der Heimath war: einen Tag, den 14. Juni, mußte ich an die Weltstadt verwenden. Er wurde zu Ankäufen und kleinen Excursionen benutzt. Von Neuem überzeugte ich mich, daß London für den kleinen Mann, der mit allen Hilfsmitteln und Quellen des Consums Bescheid weiß, zu den billigsten Orten des Erdballs gehört. Am Strand forderte man mir in einem altfränkischen, aber tadellos saubern kleinen Wirthshause für ein schmackhaftes zweites Frühstück, Sandwiches und ein Glas Stout, nicht mehr ab, als vier Pence; eine Kleinigkeit, für die man in Berlin nicht einmal in dem geringsten Keller Hunger und Durst zu stillen vermag. Meine Vorliebe für heitere Scenen aus dem Volksleben trieb mich Abends nach dem polytechnischen Institut, das freilich mit der gleichnamigen Berliner Verbindung von Technikern und Industriellen Nichts als den wohlklingenden Titel gemein hat. Die Gäste des volksthümlichen Vergnügungs-Locals wurden durch die harmlosesten Scherze unterhalten. Bauchredner wechselten mit Bauchsängern , ein kleiner beleibter Herr, dessen Gesichtsfarbe nur wenig lichter als Porter war, zugleich aber einen Stich in den Tyrischen Purpur 329 zeigte, erregte allgemeine Bewunderung, als er mit seinen beiden bemalten Händen die Gesichter zweier zahnlosen alten Weiber copirte und ihre mündliche Unterhaltung mittelst der Bauchstimme hinzufügte. Das Stück war schön, aber gewiß sehr angreifend, denn der kleine Herr war genöthigt, sich in jeder kurzen Pause durch einen tiefen Zug aus der hinter ihm stehenden Bierkanne Stärkung und Labung zu holen. Ein etwas abgeschabt aussehender Weltweiser hielt einen Vortrag über den von ihm erfundenen Glas- und Porzellankitt und schloß mit der Betheuerung: eher ginge der Erdball in Stücken, als ein mit seinem Kitt ausgebessertes Geschirr. Dann wurden Geister beschworen und in einer Theaterscene die Operationen mit der Taucherglocke auf dem Meeresgrunde dargestellt; Hornpipe, der beliebte Matrosentanz, fehlte ebenfalls nicht auf dem reichhaltigen Programm. Der Straßenlärm störte mich in dieser Nacht weniger, als in der vorigen; um 10 Uhr fuhr ich nach der neuen Dower-Eisenbahn, und um halb 11 Uhr rollte der Expreßzug mit uns in schwindelnder Eile davon. Der anhaltende Landregen beschränkte die Aussicht; ich versuchte, mit dem mir gegenüber sitzenden alten Herrn eine Unterhaltung anzuknüpfen. Anscheinend wohlwollend, lauschte er einige Secunden lang meinen höflichen Worten, dann schnitt er mir mit einem gedehnten: » Oh yes! « den Faden vor dem Munde ab, zog zwei große Zeitungsbogen aus der Busentasche, reichte mir einen derselben und verbarg, scheinbar in die Lektüre vertieft, sein wohlrasirtes Antlitz hinter dem andern. Die Demonstration war nicht mißzuverstehen. Der Greis wollte mit mir Nichts zu schaffen haben; ich verstummte. Umgänglicher erwies sich meine jugendliche Nachbarin 330 zur Linken, eine blühend schöne Miß. Die Wahrheit zu gestehen, hatte ich den Griesgram für ihren Vater gehalten und nur gehofft, durch seine Vermittelung mit ihr in nähere Berührung zu kommen. Das renitente Wesen des Unbekannten bewog das junge Mädchen, mich aus freien Stücken durch liebenswürdige Zuvorkommenheit zu entschädigen. Das holde Kind begann mit dem Angebot einer prachtvollen Erdbeere, deren sie eine Anzahl in einem gestickten Handkörbchen aufbewahrte; dann mischte sich auch ihr jüngerer Bruder in das Gespräch. Die Geschwister hatten sich, um die deutsche Sprache zu erlernen, längere Zeit in Bonn aufgehalten und später die Rheinlande bereist. Sie waren des Lobes unserer Landsleute voll und bedauerten, mir nicht auf das Festland folgen zu können. Die nächste Station trennte uns zu früh. Eine glänzende Equipage und ein alter Diener warteten auf die jungen Leute; der Landsitz ihrer Eltern mochte in der Nähe liegen. Die Schienenstraße nach Dover führt an Sydenham und Chatham vorbei, meistens durch Hopfenpflanzungen und eine Reihe von Tunnels, in denen eine drückend heiße Atmosphäre herrscht. An die Stelle der Palmen, zwischen denen die Locomotive auf der Landenge von Panama hinflog, sind ehrliche Pappeln getreten; meine Lieblingsbäume werde ich fortan nur in Treibhäusern aufzusuchen haben. Um meine Trübsal zu erhöhen, werden durch Inschriften an den neuen Stationsgebäuden alle Attentäter, die sich des Rauchens erkühnen, mit sofortiger Exmission aus den Coupés bedroht. Ich vertröste mich auf die Toleranz der Eisenbahnbeamten des Continents und füge mich in Resignation dem strengen Verbot. Um halb ein Uhr hatten wir Dover erreicht. Für die flüchtigen 331 Stunden meiner Anwesenheit wählte ich mit gutem Vorbedacht Castle-Hotel . Hier hatte ich im Jahre 1847 mit meinem, jetzt in Rom an der Pyramide des Cestius ruhenden Bruder gewohnt; der Anblick der bekannten Räume gewährte mir eine wehmüthige Erinnerung. Nach 5 Uhr klärte sich das Wetter auf, ein Dampfer kam von Ostende , ein zweiter von Calais ; beide entledigten sich ihrer Ladung von seekranken Passagieren. Das Aussehen der armen Menschen war gottesjämmerlich und Nichts weniger als ermuthigend; aber der Becher mußte rasch bis auf die Hefe gelehrt werden. Die Rechnung in Castle Hotel wurde an die Frau Wirthin bezahlt, ein kleines Vermögen in Trinkgeldern an Kellner und Träger verausgabt, und unter wilden Flüchen aller Reisegefährten über das abscheuliche Canalwetter ging ich, zur Nachtfahrt entschlossen, um neun Uhr an Bord des kleinen belgischen Dampfers für Ostende . Die für mich in Southampton aufbewahrten Briefe geboten mir, auf dem kürzesten Wege nach Hause zurückzukehren. Mein ursprünglicher Plan, den hohen Gönnern und werthen Freunden, deren Empfehlungsschreiben ich in der Ferne so viele Annehmlichkeiten zu verdanken hatte, meinen Dank in eigener Person mündlich abzustatten, war nicht mehr ausführbar. Es bleibt mir Nichts übrig, als Sr. kgl. Hoheit, dem Prinzen Adalbert von Preußen, Lord John Russel , dem Geh. Commerzienrath Herrn Alexander Mendessohn und Herrn Herrmann Hoffbauer in Berlin, Herrn Zschille zu Großenhain in Sachsen, den Herren Hauptmann von Brandt und Commerzienrath C. F. Brumm in Stettin, und den Herren Siemsen 332 und Rossvidal in Hamburg, schriftlich und öffentlich zu danken. Der kleine Postdampfer, seiner Zeichens ein »Steamer in der Westentasche« stach um 11 Uhr Nachts in See, und hatten wir uns nach Umständen so gut als möglich einzurichten. »Jeder sehe, wo er bleibe«; an Bord dieser Dampf-Infusorien werden keine Betten geliefert. Um die Passagiere, deren gewöhnlich mehr als Plätze vorhanden zu sein pflegen, kümmert sich Niemand. Wir waren gezwungen, uns auf Bänken und Sopha's auszustrecken. Zwei Angehörige der beiden großen Nationen, welche der Canal trennt, geriethen sehr bald über das Jedem zustehende Schlafterrain in Streit. Der Franzose wollte eine nach dem Vordersteven hinausreichende Sophaecke früher belegt haben, John Bull streckte gemächlich seine riesigen Gliedmaaßen aus und gab keine Antwort. Der Franzmann wurde grob; der Sohn Albions entwickelte langsam, aber majestätisch eine Boxerstellung. Diesen Moment benutzte gewandt sein schwächerer Gegner und bemächtigte sich des leeren Sitzes, darauf pochend, daß er das Rückwärtsfahren nicht zu vertragen im Stande sei. » Je suis Français! Monsieur, moi! « schrie er mehr als zehnmal hintereinander. Für den Fall, daß der Engländer Genugthuung haben wolle, fügte er hinzu: » Je demeure rue St. Honoré 339. « Den Wohnort Paris sprach er, als selbstverständlich für einen duelllustigen Franzosen, gar nicht einmal aus. Zu seinem Heil war der Engländer ein friedliebender Mensch, er begütigte in tiefen Baßtönen den Kleinen, der sich wirklich in seinem Rechte befinden mochte, und schließlich theilten Beide das kleine Canapé als 333 Nachtlager, oder vielmehr Nachtsitz, und entschliefen sanft, während draußen die wilde See ihr tobendes Nocturno anstimmte. Mir war es nicht beschieden, ein Auge zu schließen; ich durchwachte die Stunden der Ueberfahrt in einem winzigen Lehnsessel; ein Vogel auf der Stange des Käfigs saß bequemer. Die Gesichter der Mauthbeamten in Ostende , als wir um vier Uhr Morgens dort anlegten, waren nicht heiterer als der Himmel, der sich von seinem triefenden Regenmantel nicht trennen zu können schien. Hinter uns drein schnaubt der Nordwest grimmig über den Canal; es war weise, die Nacht zur Reise benutzt zu haben; der 16. Juni droht noch rauher zu werden. Nachdem wir und unsere Koffer den Händen der spähenden Zöllner entgangen waren, und diese sich wieder zu Bett gelegt hatten, löste ich für zwölf Thaler ein Eisenbahnbillet bis Köln und saß um sechs Uhr geborgen, ohne Furcht vor Anfechtungen unerbittlicher Policemen in einem Rauchcoupé und bewunderte, heiter gestimmt durch die dampfende Cigarre, die belgischen Stationsembleme: »Zum bunten Ochsen«, »Zum goldenen Affen« und »Zur goldenen Freiheit.« Um drei Uhr Nachmittags erschien am Horizont unseres Zuges in Herbesthal nach fast zweijähriger Abwesenheit der erste preußische Gensd'arm, um halb fünf Uhr kam ich in Köln wieder in den Besitz des ersten preußischen Viergroschenstückes, das ich bei dem Portier des neuen Hotel's Ernst einwechselte. Mit zwei dieser gemüthlichen Münzen, deren Werth so vielen kleinen Dienstleistungen unserer Landsleute entspricht, belohnte ich die Bemühungen eines Friseurs, dem ich mein verwildertes Haupthaar anvertraute, um bei meinem bevorstehenden 334 Besuch des Domes nicht die Gemüther der Kirchendiener und Chorknaben in Schrecken zu versetzen. Anderweitige kosmetische Operationen versparte ich für Berlin. Die Haut meiner Hände ist in den Tropen rauh wie ein Reibeisen geworden. Wie wohl war mir Abends im Speisesaale unter den kneiplustigen aufgeweckten Rheinländern, mit welcher wonniglichen Genugthuung vernahm ich wieder die Laute der theuren Muttersprache von Aller Lippen, wie exotisch erschien mir der einzige Holländer in der Gesellschaft, dem es nur mit Mühe gelang, dem Kellner begreiflich zu machen, daß seine Flasche Rothwein in einem Napf heißen Wassers kredenzt werden solle. Nur noch durch eine Tagfahrt von der Heimath und meiner Wohnung getrennt, unterzog ich mich nach Beendigung des kleinen Zechgelages in nächtlicher Stille einer Schlußmusterung meiner sämmtlichen Gepäckstücke. Es ist mir gelungen, die künstlerischen Errungenschaften meiner Reise um die Erde trotz aller Wechselfälle, deren ich ihrer Zeit Erwähnung gethan, unversehrt und ohne Verlust innerhalb der Grenzen unseres hochcivilisirten Vaterlandes in Sicherheit zu bringen. Ich fühle mich außer Stande, das Gefühl der Dankbarkeit gegen den Lenker menschlicher Schicksale zu beschreiben, als ich in dem tiefen Frieden der ehrwürdigen rheinischen Hauptstadt, unter dem Schirm der Gesetze, Sitten und Bildung, im Schooße des Comforts in meinem Gemach noch einmal die mit Wachstuch umhüllten, in starke Lederfutterale geschnallten Blechkästen eröffnete, in denen ich meine fertigen Aquarellen, fast dreihundert an der Zahl, meine Skizzenbücher und Zeichnungen nebst den Tagebüchern geborgen hatte, und Alles unbeschädigt 335 fand. Die Herren Psychologen in ihrer Weisheit mögen erklären, wie es zuging, daß ich ungeachtet meiner Herzensfreude die ganze Nacht hindurch nur von Kannibalen, Tigern, Felsriffen, Seeräubern, Orkanen und heißhungrigem Ungeziefer träumte und erst gegen Morgen in einen todtenähnlichen Schlaf versank, aus dem mich um halb sechs Uhr der Hausknecht, ein Herold des zwischen sieben und acht Uhr nach Berlin abgehenden Eilzuges, aufscheuchte. Im Coupé wehen mich altpreußische Lüfte an, die Reisegesellschaft besteht aus einem höheren Militär, einem Regierungsbeamten, und einem sehr loyalen Particulier; nur ein russischer Courier und ein Abkömmling des Psalmensängers, der nach einem zweijährigen Aufenthalt in Paris an die Ufer der Spree zurückkehrt und mit der Veröffentlichung seiner Memoiren mündlich beginnt, bringen ein fremdartiges, sprödes Element in unseren Kreis. Wir fliegen den Tag über an Kegelbahnen mit jungen Lieutenants, gegenwärtig annectirten Residenzen, preußischen Festungen, Leinwandfabriken und Pfefferkuchenhändlern vorbei; kein Sahib, kein Mandarin oder Kuli, kein Papagei, keine Pagode mehr! In der Stadt Friedrichs des Großen steigen sogar zwei Potsdamer ein und bringen den Jüngling aus Paris vollständig zum Schweigen; hinter Zehlendorf wagt er den ersten, vor Schöneberg den zweiten Seufzer auszustoßen. Die Reisegefährten kümmern sich nicht mehr um einander, die Schnelligkeit der Locomotive nimmt ab, wir rollen langsam über die Drehbrücke des Schifffahrts-Canals, hinter dem Schlagbaum der Chaussee 336 stehen Equipagen, Droschken und Spaziergänger, der Zug rollt in den Potsdamer Bahnhof, noch ein gellender Pfiff, die Thüren werden aufgerissen – ich liege in den Armen meines Bruders .   Ende .