Alma Johanna Koenig Der heilige Palast 1922   Rikola Verlag Wien Berlin Leipzig München   Copyright 1922 by Rikola Verlag, Wien, Druck der Gesellschaft für graphische Industrie, Wien VI     Bernhart Gangolf Ehrenfels zugeeignet   Erster Teil 1 Ein junger Löwenbändiger barbarischer Abkunft, Grypho mit Namen, hatte im Zirkus des Konstantin den Herakles gemimt. Er war in seiner strotzenden, muskelüberspielten Nacktheit, nur mit einer Keule bewehrt, dem »nemeischen« Löwen entgegengetreten. Als er nach einem Kampf, der unvergeßliche Bilder menschlicher und tierischer Kraft geboten hatte, des Löwen mächtige Kiefer mit den Fäusten auseinanderriß, schien die Arena wie jüngst beim Erdbeben – unter dem Beifall zu schwanken. Während Scharen von herbeiwimmelnden Eroten Herakles beistanden, die Haut des riesigen Kadavers abzuziehen, raste die Menge auf den sonnseitigen Plätzen und wie Fahnen wehten die Tücher der Frauen in der Luft. Hohes, atemloses Gekreisch überschrillte das taktfeste Stampfen der Männer. Grypho-Herakles stand ruhend, auf die gesenkte Keule gestützt, das blutige, noch mit Fleischteilen verwachsene Löwenfell mit den Pranken über der hohen Brust verknotet. Über sein Haar gestülpt, das just die Farbe des Felles hatte, drohte der gelbbezahnte Rachen. Während der Jubel über ihn hinbrauste wie Gewittersturz, sah er zu den Schattenzelten hinauf, wo gleich Heiligenbildern goldfunkelnd, reglos und verschleiert die Herrinnen saßen, enggedrängt hinter den immer leeren Thronstühlen kaiserlicher Macht. Und als er selbst hier ein leises Wellenschlagen der Erregung zu verspüren meinte, ward es ihm schwer, in der Rolle zu verharren. Er zog scharf den Atem durch die vollen Lippen und ihn verlockte kaum zu bezähmende Lust, das Fell, den so hart erkämpften Siegespreis, fortzuwerfen und den Unnahbaren lachend nochmals seine Nacktheit zur Schau zu stellen, mit allen Schönheiten prahlend, die die schlottergliedrigen, goldumwindelten Eheherren da droben wohl nicht aufzuweisen hatten. Erst als die Neger mit den Wasserschläuchen kamen, um den Kiesboden für das Wagenrennen zu besprengen, verließ Grypho die Arena. Geblendet trat er von der sonnenhellen Bühne in den dämmerigen Gang. Er hatte noch den Jubel dröhnend im Ohr. Er war nicht müde, nein, er hätte den Löwen von neuem bestehen mögen, um von neuem den Beifall auf sich niederprasseln zu fühlen. Aber ihn dürstete und er fluchte, weil die Neger mit Becher und Reibtüchern nicht zur Stelle waren. Das rohe Fell scheuerte ihn wund, er riß es ab und warf es achtlos, zugleich mit der Keule, zu Boden. Nackt, heiß und zornig, ging er den Gang hinab, um die Sklaven zu züchtigen, die wohl bei den Tierwärterfrauen verweilten. Als er, den grünen, fleckigen Wollvorhang teilend, nach der Türklinke faßte, fühlte er, wie sie von außen niedergedrückt ward und trat zur Seite, um die Erwarteten mit Schlägen zu empfangen. Die Tür tat sich auf und Grypho erstarrte. Im Rahmen stand, hoch, schlank, in dem brettsteifen, weiten Goldkleid, eine jener Herrinnen, wie sie sonst fern und verschleiert, hinter den immer leeren Sitzen kaiserlicher Macht thronten. Doch die einschüchternde Hoheit war durch einen Unfall zerstört. Einer der Zirkussklaven mußte beim Besprengen der Arena den Wasserstrahl unrichtig gelenkt haben. Die kaum durchsichtigen Schleier troffen, zurückgeschlagen, von Nässe. Das in viele künstlich gleichmäßige Locken gedrehte Haar war zu Strähnen aufgerollt, ja selbst von dem panzerstarren Gewebe des Kleides rieselten kleine Bäche. Unverhofft nah sah Grypho das bleiche Gesicht der Verirrten. Ihre dunklen Blicke begegneten erschrocken und verwirrt dem nackten Mann, der vorhin in sicherheitbietender Entfernung, zu ihrer Erheiterung, mit dem Tode gespielt hatte. Die Augenbrauen hochmütig emporgezogen, raffte sie das Gewand an sich, um an ihm vorbeizugleiten. Und das Sklavengefühl trieb ihn, zur Seite zu treten, der Herrin den schmalen Weg freizugeben. Sein gesenkter Blick fiel auf den bis ans Knie reichenden Ärmelsaum, der, triefendnaß, zurückgeschlagen war, und er sah eine Hand, zartfingrig zwar, schmal, beringt, aber doch eine Hand, doch Fleisch, wie er von Fleisch war, und sie zitterte, wie er zitterte. Er tat einen Schritt vor, öffnete die Lippen zur Anrede, aber er keuchte nur. Unter seinem Blick vergingen die Augen in dem zarten Gesicht, das langsam rot ward, als gösse man Wein in eine Schale von milchigem Glas. Grypho riß die Tür hinter ihr ins Schloß. Sie lehnte dagegen, als fiele sie. In seiner triumphierenden Manneslust sah er immer nur das große, perlenbesetzte Doppelkreuz von Amethysten auf ihrer schwer atmenden Brust sich heben, das Zeichen derer, die von Kindheit an dem Kloster der heiligen Sofia verlobt worden waren. 2 Die Gesellschaft von Mimikern und Tänzern, der Grypho beizählte, verließ Byzanz und nahm ihre Schaustellungen jenseits des Bosporus in den Städten Kleinasiens wieder auf. Grypho war Theseus vor dem Minotaur, war Hermes vor Argus, Jason vor dem Drachen, immer wieder seines Leibes weiße Nacktheit neben die dunkle Gewalt eines Tieres stellend, aber am liebsten war er Herakles, von einem Jubel umrast, der alle anderen Tierkämpfer in Neid vergehen machte. Er hatte sich daran gewöhnt, vor den Schattentribünen, auf denen das Gold und Weiß kostbarer Verhüllungen funkelte, zu verweilen, und zu den reglos Verharrenden schmachtende Blicke emporzusenden. Die übelgesinnten Kameraden merkten es bald und höhnten so bitter, daß Grypho von dem Vorhang und der Tür, von tropfenden Gewändern und dem Amethystkreuz zu erzählen begann. Je mehr sie lachten, desto öfter erzählte er die Fabel. Grypho in barbarischem Griechisch sein Abenteuer berichten zu hören, ward die nie ausgenossene Wonne aller Seilspringer, Tierkämpfer, Ringer und der sonstigen Tavernenbesucher. Einmal ward dem Überseligen geheimnisvolle Liebesbotschaft, doch als er zum Stelldichein kam, war's die letzte Dirne, die ihn statt der ersehnten Herrin empfing und einer unter den Lauschern, die sich vor Gelächter nicht zu fassen wußten, büßte dem rasenden Genarrten blutig für alle. Grypho begann sich an den Wein und an das Schwatzen zu gewöhnen. Heimlich suchte er ältere Löwen für seine Nummern aus oder schwächliche Tiere und doch wollte er in jeder Stadt nur den Herakles mimen. Als die Truppe nach mehr ab Jahresfrist nach Byzanz zurückkehrte, war es Sommer und die Vornehmen weilten auf ihren Landhäusern. Grypho sah Tag um Tag die leeren Sitzreihen im Schatten gähnen, während das auf der Sonnenseite schmorende Volk ihn mit Anruf und Gelächter antrieb, wenn der altersschwache Löwe sich friedselig vor seiner Keule verkroch. Eines Abends nach den Schaustellungen ließ der Spielleiter ihn hart an und drohte, ihn fortzujagen, wenn er künftig nicht starke Tiere wählen würde. Grypho verließ den Zirkus niedergeschlagen, um in der Schenke gewohnten Trost zu suchen. Er wäre, im Dunkel stolpernd, fast auf der Schwelle des Ausganges zu Falle gekommen. Als der Torwart mit der Fackel herbeikam, sahen sie, daß ein Kind vor der Türe lag, mehrere Monate alt, ein Mädchen. Über dem Hemdchen von feinstem Linnen trug es an langer Kette ein perlbesetztes Doppelkreuz aus Amethyst. Der ganze Zirkus strömte herbei, um Kind und Kreuz und auch Grypho zu bestaunen, der in Heraklespose daneben stand. Er trank wie noch nie in dieser Nacht. Am nächsten Tage zerfleischte ihn ein junger Berberlöwe. Der Bärenwärter Akazius nahm das Kind an sich, um es mit seinem zwei Jahre alten Söhnchen aufzuziehen. Seine Frau liebte die schöne Kleine sehr und nannte sie Theodora. 3 Theodora wuchs zwischen Käfigen mit brüllenden und wildriechenden Tieren auf. Sie kroch zwischen Vater Akazius' Beinen hindurch in den Bärenzwinger und ließ sich den Honig von den winzigen, immer schmutzigen Händen lecken. Sie riß den schläfrig blinzelnden numidischen Löwen an der schwarzen Mähne, sie nahm der Tigerin von Hind die miauenden Jungen von den Zitzen, um mit ihnen zu spielen, sie schlief mit ihrem Bruder Burbo mittags unter des Elefanten schattenspendendem Leib wie unter einem von vier Riesensäulen getragenen Baldachin. Nur in der Brunstzeit, wenn die gefangenen Tiere die heißen Nächte hindurch in den Käfigen hin und her trabten, daß allein die grünen Augen im dichten Dunkel zu wandern schienen, wenn das Gebrüll in ansteckender Verzweiflung ausbrach, dann saß Theodora zitternd auf der Matte wach, die sie mit Burbo teilte, und malte sich das Bersten der Käfigwände und das Hereinbrechen rasender Bestien aus, bis sie es nicht länger ertrug und Burbo aus dem Schlaf aufpuffte. Der Knabe greinte träge und es bedurfte vielen Flüsterns, bis er, von gleichem Schrecken erfaßt, das Dunkel mit Aug und Ohr zu durchforschen suchte. Gerade über ihren Häuptern erhob sich ein hohes Kreuz mit dem lebensgroßen, plump geschnitzten Leibe des Erlösers, und wenn ihr Entsetzen über Tiger und »Tigergeister« aufs höchste gestiegen war, so knieten sie enggedrängt auf ihrer Matte und sagten flüsternd alle Gebete her, die sie kannten. Aber auch dies vermochte den Schrecken nicht zu bannen, den man schon mit heißem Tieratem im Nacken, mit schleimigen Knochenfingern an den nackten Fersen zu fühlen meinte, und Burbo faßte in höchster Not den Entschluß, in dem warmen, großen Bett der Eltern Schutz zu suchen, obwohl darauf schlimme Strafe gesetzt war. Dann kicherte das Kind Theodora plötzlich und flüsterte, im Dunkel Rübchen schabend: »Narr! – Sie sind doch draußen, hinter doppelten Gitterstäben!« Wenn Burbo zürnen wollte, schmiegte sie sich an ihn; und sie schliefen engverschlungen ein, jedes von ihnen mit Liebkosungen für des andern kleinen Körper, dessen vertraute Blöße der eigenen so neugierweckend verschieden war. 4 Als der Bärenwärter Akazius eines plötzlichen Todes verstarb, verweigerten die zahmen Tiere, vornehmlich die bei Aufzügen verwendeten Elefanten jede Nahrung. Aber es war nicht der fluchende Unterwärter Lollius, sondern Theodora, die die kostbaren Tiere mit Schmeichelei und Leckerbissen gefügig machte. Der Unterwärter stand dabei, eine Weinflasche in der Linken, die Peitsche in der rechten Hand und schrie, er würde schon mit der Unordnung aufräumen, nun, da er der Herr sei! Und er ward auch der Herr, nicht nur in den Ställen der gereizten und widerhaarigen Bestien, sondern auch in des alten Akazius' Heim, wo die Mutter ihn still seufzend aufnahm, weil dies ihr und dem ganzen Zirkus hergebracht und selbstverständlich schien. Alle hatten unter des Trunkenen wechselnden Launen zu leiden, nur Theodora war sein Liebling und sie schmeichelte ihm manche Kupfermünze für Süßigkeiten ab. Burbo, der immer blaß und hungrig umherschlich, knirschte: »Ja, hassest du ihn denn nicht auch?« Aber Theodora, mit einer schnellen Drehung auf den Fußspitzen, die ihre Locken fliegen machte, sagte: »Soll ich mich prügeln lassen wie du?« Sie zeigte die Zunge, wenn Lollius den Rücken kehrte, sie ahmte seine plumpe Trunkenheit so schonungslos nach, daß Burbo vor Lachen sich ausschütten wollte, aber sie ließ sich ruhig von Lollius küssen, mit dem feststehenden Preissatz, daß ein Kuß auf die Wange drei Kupfermünzen koste. Die Annahme, daß eine Maus an ihrem Körper, unter dem Hemdchen krabbelnd, versteckt sei und von ihm gefangen werden solle, trug eine halbe Silberdrachme. 5 Es gelangte zur Kenntnis des Spielleiters, daß Lollius, dessen Unachtsamkeit schon zu Zeiten des Akazius den Tod eines kostbaren Elefanten verschuldet hatte, den Wurf einer Löwin heimlich verkauft habe, um den Erlös zu vertrinken. Der Spielleiter gehörte der Partei der »Blauen« an, und als er vernahm, der Unterwärter sei einer von den »Grünen«, gab er ihm den Abschied, um die Stelle mit einem Manne seiner Farbe zu besetzen. Als Theodora vom Straßenspiel nach Hause kam, fand sie die Mutter jammernd zu Füßen des Kruzifixes, wie immer, wenn Lollius seinem Unmut Luft gemacht hatte. »Hat er dich wieder geschlagen?« fragte Theodora und ballte die Faust. Sie richtete die Ächzende auf, um sie zur Bank zu führen. Als sie die böse Neuigkeit vernahm, runzelte sie die Stirne. »Aber wir? Wir sind doch ›Blaue‹! Sind's immer gewesen! Was geht er uns an? Jagen wir ihn fort, das besoffene Schwein! Ich und Burbo, wir besorgen allein die Tiere!« Die Mutter weinte und weinte. »Alles umsonst!« schluchzte sie, mit ihren armen, welken, hochadrigen Händen immer wieder die zerrissene Schürze überm Knie glattstreichend. »Wenn man ihn davonjagt, jagt man uns mit, und wir können betteln gehen. Es darf keine Frau ohne Mann das Amt haben.« Theodora sprach kein Wort mehr und kniff die Augen zusammen. Sie aß nicht zur Nacht und erwachte, wenn man sie anredete, aus tiefem Grübeln. Die Mutter rief die Kinder zum Schlafgebet, und Theodora kniete noch lange vor dem grellen Christusbild, da Burbo schon längst schlief. Dafür stand sie erst am hellen Mittag auf und begann sogleich ihren Körper im großen Zuber zu baden, wie sie es von den Tänzerinnen gesehen hatte. Sie lachte und sang und war klingend gestrafft wie eine Sehne. Seit diesem Herbst pflegte Theodora im bunten Gewand eines Sklaven mit aufgefibelten Ärmeln die Bühne zu betreten, um den Darstellerinnen die Sitze nachzutragen oder ihnen die kleinen Handreichungen zu tun, deren sie während der Schaustellungen bedurften. Heute aber begann sie sich, ohne irgendeinen Einwurf zu beachten, in der Mutter behütetes, blaues Seidentuch zu hüllen, wand Bänder um ihr Haupt und um Hand- und Fußgelenke, wie man Opfertiere zu schmücken pflegte. Als die Zeit der Schaustellungen herankam, kauerte Theodora schon auf ihrem gewohnten Platz hinter der Steinbalustrade der Arena. Es war just eine Phrygerin nach Byzanz gekommen, die den oft gesehenen Schleiertanz mit solcher Kühnheit, solch schrankenloser Darbietung ihres schönen Körpers vollführte, daß die ganze Stadt an ihr entbrannte. Da sie nun zu tanzen begann, schob sich Theodoras schwarzlockiger Kopf spähend so weit vor, daß Burbo sie immer aufs neue zurückdrängen mußte. »Theodora!« jammerte er. »Du willst etwas, und mich werden sie dafür prügeln!« Ihre Blicke hingen an der Tänzerin, die einen hohen Pfauenschrei ausstieß und, während die Musik wie in atemloser Erwartung innehielt, den siebenten Schleier über dem gelblich getönten Körper zerriß ... So wie der Beifall einsetzte, verließ Theodora ihren Platz. Sie huschte, hinter die Balustrade geduckt, zu dem alten Harfenspieler hin, der schon sein Instrument verwahrte, um den Tubabläsern Platz zu machen, welchen es oblag, die nun auftretenden Ringkämpfer anzufeuern. Theodora hielt ihr Gesichtchen zu dem Alten auf, dessen Liebling sie war, und bat mit ihrer süßesten Stimme: »Spiel mir das noch einmal!« Der Alte lachte: »Ja, mein Herz, morgen früh will ich es ganz allein für dich spielen!« »Nein! Gleich!« beharrte das Kind. »Ich will jetzt tanzen.« Der Harfenspieler tätschelte ihr begütigend die Wangen und hob sein Instrument auf den Rücken, um fortzugehen. Theodora sah ihn aus zusammengekniffenen Lidern an und sagte: »Ich lasse mich nie mehr von dir auf den Knien schaukeln, du!« – Gleich darauf sahen sie sie draußen in der riesigen Arena stehen, mitten im Licht, klein, zart, in ihrem billigen Tand. Sie hielt den Kopf mit dem tausendlockigen Haar eigensinnig zurückgeworfen und um ihre Lippen zuckte ein unsicheres Lächeln. Ihre Hände waren unter dem Kinn zusammengeschlossen, als hielten sie den dunkelblauen, den ersten der sieben Schleier, fest. Sie neigte sich grüßend so tief, daß ihr schwarzes Haar die kleinen Kiesel im Sande bewegte, dann tanzte sie den Schleiertanz der Phrygerin. Die Frauen waren es, die sie zuerst bemerkten. »Das Kind! Das süße Kind!« – Ein Murmeln lief von Bank zu Bank. – Man winkte. Man lachte! »Musik! Wo ist die Musik? Laßt sie weiter tanzen!« Dem Volk zu Willen setzten Harfe und Flöten wieder ein. Da ging ein Schein der Glückseligkeit über des Kindes Antlitz. – Sicher, als sei sie es von je gewohnt, der Mittelpunkt so vieler Tausende zu sein, wiederholte sie Schritt um Schritt und Schleier um Schleier den Tanz der Hetäre. Beim Innehalten der Musik zerriß sie achtlos der Mutter gehütetes Tuch und bot den weißen Kinderkörper, mit dem Lächeln der Tänzerin, sonderbar rührend auf ihren Lippen. All dies Unvermutete jedoch hätte nicht den Sturm des Beifalls erklärt und nicht die Tränen der Phrygerin, die das Kind an sich riß. Aber es lag in den nachgeahmten Gebärden eine selbstsichere Süße, eine körperliche Vollendung, eine unbewußt überlegene Ironie, daß selbst auf den bevorzugten Plätzen ungewohnter Beifall laut ward. Plötzlich kniete sie nieder. Sie hob ihre Arme gegen die Sitzreihen auf, und man begriff, daß sie sprechen wollte. Ihre schrille Kinderstimme durchdrang den Raum, und was Fernersitzende nicht vernahmen, ward von Reihe zu Reihe weiter vermittelt, bis der ganze, menschenwogende Zirkus dieses Kindes Anklage gegen den Spielleiter vernahm, der seinen Vater des Amtes enthob, weil er der grünen Partei angehörte. Tumult setzte ein. Die Venetier, die Grünen, drohten mit Strafe und Gewalt, weil sie es nicht dulden wollten, daß einem Manne ihrer Partei sein Brot genommen werde. Die Prasinier, die Blauen, standen auf, das Kind zu schützen, das ihre Farbe trug. Man zerrte den Spielleiter in die Arena, und der geängstigte Mann beteuerte mit allen heiligen Schwüren, daß Lollius sein Amt behalten solle, der mit der tränenreichen Geste des beglückten Vaters das Kind vor dem jubelnden Volke küßte. Droben in den Schattenzelten der hohen Geistlichkeit sagte der Bischof Vigilius zu seinem dienstwilligen Begleiter: »Dieser Käfer da wird einmal die größte Dirne von Byzanz.« Der Diakon sah fragend in sein Gesicht. Der Bischof betrachtete seine schmalen Fingernägel, die bemalt waren wie die einer Frau. Der Diakon verneigte sich. – – – An diesem Abend kam Theodora nicht nach Hause. Die Mutter weinte und betete, Lollius tat gleichgültig, und Burbo rannte umsonst suchend durch alle Straßen der Stadt. Am dritten Tage kam sie wieder, sehr blaß und schläfrig, mit Übelkeiten, wie nach vielem Wein. »Bist du endlich da?« schmunzelte Lollius. Theodora öffnete geheimnisvoll und mit listigem Lächeln ihre kleine Hand und ließ zwei Goldmünzen zu Boden fallen, die Lollius pfeifend aufhob, während die Mutter erschrocken, mit plötzlichem Aufschluchzen ihr Antlitz verbarg. Aber als der Unterwärter gegangen war, begann Theodora hastig mit allen zehn Fingern in dem dunklen Haarwust zu wühlen, in dem noch eine dritte Münze versteckt war, bis sie sie hervorholte. »Woher hast du das viele Geld, wo warst du?« fragte Burbo mit einer plötzlichen Kälte im Herzen, die er selbst nicht ganz begriff. Theodora warf sich laut gähnend auf die Matte: »Ach, welch ein rauhes und hartes Bett ist dies hier!« seufzte sie. 6 Von ihrem zwölften Lebensjahre an nahm sie an den mimischen Schaustellungen teil. Der Spielleiter erfuhr so viel Gunstbezeigungen, als dies Kind zu verschenken hatte, und er erlaubte ihr gern, sich als Eros oder Hermes darzustellen. Sie trug den Kranz oder den Flügelhelm auf dem wildlockig kurzen, mit ägyptischen Essenzen goldig gefärbten Haar und ihr knabenzarter Körper war nackt bis auf ein goldenes, durchscheinendes Gewand. Unter den Zuschauern war mancher, den dieses Eros Pfeil traf, der von solchem Hermes Seelenentführer sich gern in das Schattenreich dunkler Lüste geleiten lassen wollte. Burbo sah Theodora in der leeren Holzkammer, die ihnen nun eingeräumt war, Stunden und Stunden vor dem Spiegel, den sie selbst erstanden hatte. Wenn sie nicht zufrieden war, hatte er ihren Zorn zu büßen. Gelang die Pose und er lobte, was ihm das Schönste und Vollendetste auf der Welt schien, so lachte sie ihm ins Gesicht. Manchmal tönte trunkenes Kichern hinter den Eifrigen und des Wärters Lollius gedunsen rotes Gesicht schob sich durch die lautlos aufgetane Tür, grinsend, mit weit witternden Nüstern, und einem vorgestreckten farblosen Spitzbart, der wie losgelöst unter den zitternden Lippen wippte. Theodora, die ihn im Spiegel sah, stampfte auf, ohne sich umzuwenden, oder in ihren Übungen stören zu lassen. »Wirst du wohl machen, daß du fortkommst?« Und die Tür schloß sich während seines verlegenen Gemeckers. Wenn Theodora müde war, warf sie sich auf die schlechte Matratze, die, mit einem alten Tigerfell bedeckt, ihr Lager darstellte und rief Burbo, der all die Zeit mit Flaschen, Puderquasten aus Schwanenflaum, Tüchern, Schleiern, Kopfbinden, Kränzen, hinter ihr hin und her gesprungen war. Sie streckte sich ganz aus, in ihrer zarten, noch unbeschatteten Nacktheit, und des Knaben heiße Hände kneteten Essenzen in ihre Haut. »Du bist schön, Theodora, du bist sehr schön!« murmelte er, und weil er im Augenblick ihr einziger Sklave war und ihr einziger Zuschauer, übte sie an ihm die frühen, noch unerfüllbaren Verheißungen, die ihr geläufig waren. Wenn sie gesalbt war, und Burbo dehnte diese Frist seiner Glückseligkeit, kämmte er ihr Haar, das andre Hände lösen sollten. Dann trat Theodora von neuem vor den Spiegel hin und sah sich nah und genau an. Sie höhlte ihre Hände unter ihrer Kinderbrust, die noch kein Profil zeigte, und schlug ihre Lenden mit den Handflächen. »Wann endlich, wann?« fragte sie, fast mit Haß. Aber wenn sie des Morgens in die Kammer glitt, in der Burbo schon lange zitternd wach lag, dann gestattete sie ihm nicht einmal, ihr den zerdrückten Feststaat ablegen zu helfen. »Keine Hände mehr!« sagte Theodora. »Keine Hände ...« 7 Als Theodora an solch einem Morgen einstmals bleich und frierend in ihre Kammer schlüpfen wollte, hörte sie erwürgtes Stöhnen und Jammern. Lollius war es gewohnt, den Takt seiner Trinklieder auf der Mutter armem, gekrümmtem Rücken zu schlagen, ohne daß sie viel Aufhebens gemacht hätte. Nun aber gellten die Schreie so wild, daß Theodora mit beiden Fäusten an die Tür trommelte. »Mach auf oder ich rufe den ganzen Zirkus zusammen!« rief sie. Der Riegel ward unerwartet schnell zurückgerissen, und Lollius, zerrauften Haares, das zerkratzte Gesicht blutüberrieselt, wollte an ihr vorbeiwischen. »Halt ihn, halt ihn auf! Er hat dein Kreuz!« gurgelte die Mutter halberdrosselt am Boden. Theodora begriff nichts als das Wort »dein«, das ein an ihr verübtes Unrecht anklagte. Und schon taumelte der Trunkenbold stöhnend vor einem blitzschnellen Stoß zurück. »Nimm es ihm, nimm's ihm weg!« heulte die Mutter, und Theodora riß triumphierend ein perlbesetztes, amethystenes Doppelkreuz aus des Wärters Hand, in die sie mit aller Kraft gebissen hatte. »Das gehört mir? warum habe ich es nie früher gesehen, wenn es mein ist?« fragte sie, dem Wütenden entglitten, aus sicherer Entfernung. »Er hat mich gewürgt, aber ich hab's ihm nicht gelassen, so lange ich noch einen Funken von Kraft in mir hatte! Das Kreuz ist ein Zeichen und man wird dich einmal daran erkennen und du wirst eine Herrin sein und in goldenen Schuhen gehen ...« Und dann erzählte die Mutter die langverheimlichte Geschichte von Theodoras Auffindung, keuchend, hustend, die Hand am armen Halse, den Blick auf Theodoras wetterleuchtendem Gesicht. – »Du wirst eine Herrin sein und in goldenen Schuhen gehen und die nicht vergessen, die dich geliebt hat, als du nackt warst ...« Theodora sah auf den Schmuck, der in ihrer gehöhlten Hand schimmerte. Ihre Augen waren fast ganz geschlossen, es zuckte um den schönbogigen Mund. »Und das hat er versaufen wollen!« sagte sie. Der Wärter, der bis nun an seiner zerbissenen Tatze gesogen hatte, jammerte: »Ich hab es doch nur nehmen wollen, um deine Mutter heimlich auszukundschaften. Ich wollte dir wahrhaftig nur Gutes tun, väterlich Gutes ... und du ...« – »Schweig!« herrschte Theodora. »Du hast nichts mehr zu reden in dem Hause, aus dem ich dich jagen werde, wenn es mir beliebt. – Wehe dir, wenn du es noch einmal wagst, ihren Waschlohn zu nehmen oder Burbo zu peitschen, – ich lasse dich von den Elefanten zertrampeln. Und du wirst auch den Lohn meiner Nächte nicht mehr vertrinken, und mich nicht länger den Greisen verschachern, daß sie mich wie einen Knaben lieben! Du wirst mich nicht mehr niedere Speisen essen lassen und dich selbst für Huren mästen! Denn heute ist mein Körper gereift und ich werde gehen, wohin ich mag!« Die Frau rutschte zu Theodoras Füßen hin und weinte. »Wirst du gehen, mein Alles? willst du zu der anderen Mutter gehen? ...« Theodora schloß die feine Kette um ihren Hals und sah auf die Schluchzende herab. »Steh auf! Ich werde in goldenen Schuhen schreiten, aber in meinen, die ich mir verdient habe!« 8 Theodora ward als Gesellschafterin der Spiele aufgenommen. Sie fehlte bei keiner der mimischen Darstellungen alter Göttermythen, die das Volk immer aufs neue forderte. Theodora liebte ihre Vollendung und stellte ihren Körper so unbedenklich zur Schau, wie ein Gärtner seine Rosen. Sie trat aus dem Ring der abgeglittenen schwarzen Hülle heraus, die Hände unter dem immer wirren Gekräusel kurzer Locken im Nacken verschlungen, die atmenden Brüste tausend Wünschen entgegenwölbend, die lächelnden Lippen tausend Kußdürstenden bietend, und sie bedauerte es des Tages, daß das Gesetz des Zirkus ihr verbot, auch den goldenen Hüftgürtel fortzuwerfen, wie sie bei Nacht die Natur anklagte, dem Weibe nur drei Altäre gegeben zu haben, um Eros Opfer darzubringen. Sie stand lange im vollen Sonnenlicht, nackt und hingeschenkt, wie eine der selig Schamlosen des Olympos. In ihren halbgeschlossenen Augen lag ein kalter Traum. Sie war nicht groß, noch sehr zart und die Weiße der kaum erst entwickelten Glieder mahnte an Kirschblüten. Ihre Hände wurden gerühmt. Man sah ihnen die Wonnen an, die sie zu spenden vermochten. Etwas von der lautlosen Sicherheit, der behutsamen Kraft schöner, großer Katzen, die ihrer Kindheit Gefährten gewesen waren, lag in ihrer Gebärde. Theodora löste, während der Beifall hereinbrach, vom Triumph gestrafft, die Arme, kreuzte sie über den freien, runden, süßen Brüsten und sagte, sich tief verneigend, mit bis zum letzten Platz vernehmbarer Stimme: »Leda und der Schwan!« Im gleichen Augenblick sahen alle den einsamen Waldweiher, alle die Tausenden auf den himmelansteigenden Bänken sahen ihn, nur weil ein kleines, nacktes Zirkusmädchen ihren zögernd vorgestreckten Fuß auf den Sand wie in kühl anspülendes Wasser gesetzt und ihn schauernd zurückgezogen hatte. Sie neigte sich, schöpfte feige erst Wasser auf Brust und Knie, holte Atem und warf sich mit einem kleinen Kreischen vorwärts, daß jeder vermeinte, sie bis zu des Haares Goldglanz untertauchen zu sehen. Aufsteigend versprühte sie Wasser und prustete, während sie die triefenden Locken ausdrückte. Sie ließ sich von den Wellen tragen, von ihnen geschaukelt wie ein weißer Blütenzweig. Des Schwanes Erscheinen und sein Nähergleiten entzückten sie. Sie beschlich das königliche Tier, das Tausende zu sehen meinten, mit fröhlicher List. Der nur zu willige Schwan floh nicht und wie jubelte sie, da er hinhalsend seinen Kopf in ihre gehöhlte Rechte schmiegte. Sie streichelte seine gekuppelten Schwingen, furchtsam erst, dann, von der flaumigen Glätte verlockt, wühlte sie ihren Mund, ihre Hände, ihre Brüste in das Gefieder ein. – Langsam auf schaukelnden Wogen rückwärts sinkend, mit sich erschließenden Gliedern vor dem göttlichen Bedränger, hob sie zur letzten Abwehr die schwachen Hände, während die Innenseite ihrer Schenkel schon von rauschenden Flügelschlägen gepeitscht ward ... Die zugleich erschreckte und lechzende Hingabe in Ledas hergewandtem Gesicht verflog. Das zugleich schmerzliche und erkennende Lächeln jungfräulicher Lust erlosch. – Die Zirkusdirne Theodora sprang steil und lachend empor und warf Kußhändchen in die Menge, die auf allen Plätzen besinnungslos raste. 9 Nach Schluß der Vorstellung gab sie sich ihrem zweiten Berufe hin und sie verkaufte ihren Leib so unbedenklich, wie sie ihn den Blicken preisgegeben hatte. An einem Feste, das der tyrische Kaufmann Hekebolos mit Gefahr seines jungen Lebens just am Begräbnistage des greisen Kaisers Justinus abzuhalten beliebte, speiste Theodora als einzige Frau mit ihm und neun Freunden, die er geladen hatte. Der Morgen graute und Theodora hielt lachend ihr Obergewand zusammengedreht, in dem wie in einem Beutel das Gold klimperte. Sie waren alle in die Vorhalle hinausgetreten, wo die Leibsklaven, müde und frierend, in halben Schlummer versunken waren, jeder seines Gebieters harrend. Da sprach Hekebolos: »Ich habe heute einzig dich zu unserer Gefährtin erkoren, o Theodora, ob auch die Freunde meiner spotteten und meinten, du könnest ihrer Jugend nicht genügen. Du hast mich nicht zu Schanden werden lassen und sie alle seh ich gesättigter von deines Leibes Silber, als dich von ihres Beutels Gold. O Tausendschöne, sieh dir diese Sklaven hier an. – Sie haben gedurstet, während wir zechten, gefroren während uns Eros' Fackel versengte. Und ich frage euch, Freunde, ob ihr gleich mir eure Gaben an Theodora verdoppeln wollt, wenn sie willens wäre, auch diese hier noch zu beseligen!« Unter Gelächter stimmten sie bei, bis auf einen, der für so reich wie geizig galt. Und sein Sklave, den er mit Püffen in den Regen hinaustrieb, war der einzige der leer ausging, da Theodora neunzehn Männern ihre Lust gegeben hatte. Aber mitten in Taumel und Tumult flüsterte sie nah an Hekebolos schönem Gesicht: »Das Fest dieser Nacht wird von all diesen Neunzehn ausgeprahlt werden und Justinian wird dich zu Ehren seines Oheims töten. Verschwinde nach Tyrus. Kommst du im Sommer wieder, so bist du vergessen und bei der Krönung überzahlt man deinen tyrischen Purpur hundertfach.« Hekebolos küßte sie und sah sie lange an. »Ich danke dir, Theodora. – Was wird aus dir werden, die du so klug bist im Geiste, so schön von Antlitz und so unbesiegbar in der Liebe?« 10 Burbo hatte sein zwanzigstes Jahr überschritten und war einer der Elefantenwärter des Zirkus. Bei den Festaufzügen saß er, den Kopf von einem gelben Turban bedeckt, der groß war wie ein Wagenrad, auf dem Nacken jenes schwarzen Elefanten, unter dessen Leib die Kinder einst geschlafen hatten. Auf sein gelles »Rèeh! Arrèh!« hob der Elefant, mit all den dreiundzwanzig anderen zugleich, den straußfederbebüschelten Schädel und grüßte mit durchdringendem Trompeten Semiramis oder Roxane oder Kleopatra, die Theodora mimte. Nach solch einer Darstellung, da sie Königin von Saba gewesen war, hielt ein Patrizier, Prokopius von Cäsarea mit Namen, und neuernannter Geheimschreiber des jungen Kaisers Justinian, von seinem Platze aus eine Rede, in der er dagegen auftrat, daß »Buhldirnen, deren verworfene Nacktheit edle Männer tagtäglich mit in Kauf nehmen müßten, wenn sie die Rennen besuchen wollten, unter dem würdigen Namen biblischer Frauen öffentliche Triumphzüge ihrer Laster veranstalteten!« Der Spielleiter, der um sein Amt zu kommen fürchtete, ließ Theodora acht Tage lang nicht auftreten, bis ihre Anhänger in einem wilden Aufruhr ihr Erscheinen durchsetzten. Burbo wollte alle seine Streitkräfte unter den Zirkusbuben sammeln, um einen Rachezug gegen Prokop zu eröffnen, mit Skorpionen auf Sänftenpolstern, Brennesseln zwischen Vorhängen und aus dem Hinterhalt geblasenen Pfeilen. Doch Theodora lachte: »Die Rache ist kein Hirsebrei, daß man sie heiß genießen müßte.« Aber sie strich ihm doch einmal über sein zorniges Gesicht und Burbo war sehr glücklich. – Sie lebten noch immer unzertrennlich wie als Kinder. Burbo war es, der sie abends in die Häuser der Vornehmen geleitete und neben der herunterbrennenden Fackel wartete, um sie heimzubringen. Burbo war es, der vornehmen Frauen Worte wie Kotfladen nachschleuderte, wenn sie, Theodora an öffentlichen Plätzen begegnend, ihre weiten Gewänder zusammenrafften, um nicht deren Saum durch eine Berührung mit ihr zu beschmutzen. Burbo war es, der von seinem kargen Lohn Früchte und Blumen für sie erstand, die sie auf ihrem Lager fand, wenn sie heimkehrte. Eines Nachts, da sie eben im Begriffe war einzuschlafen, stand er vor ihr, zitternd und nackt und Mann. »Was fällt Dir ein?« sagte Theodora böse. »Meinst Du, ich werde meinen Körper umsonst abnützen?« Er ließ sie augenblicklich und verschwand mit seinem lautlosen Tierschritt im Dunkel. Am nächsten Abend schlich er um sie herum und riß, sowie sie allein waren, scheu einen prallen kleinen Geldbeutel aus dem Busen. Sie band ihn auf, – Gold. Er atmete schwer und abgewandt, während sie zählte und ihn endlich mit einem kleinen, erstaunten Pfiff ansah. »Mord?«, fragte sie langsam. Er zuckte erschreckt auf. Erschreckt und entrüstet. »Diebstahl also!« lächelte sie. Er folgte mit dem Blick ihrer Hand, die den Beutel in ihre Kleiderfalten versenkte. »Ist es genug?« wagte er nur zu stammeln, obgleich die Summe zwiefach den Preis ihrer Nächte überstieg. »Wessen Beutel?« lächelte sie. Er schwieg. »Wessen Gold, frage ich?« »Prokopius von Cäsarea!« »Hahaha! Das hast du gut gemacht, Burbo! Oh! Köstlich, köstlich!« »Heute Nacht?« drängte er. »Vielleicht!« und sie war fort. Aber als der Berauschte des Nachts ihr Lager suchte, war es leer und so auch die folgenden Nächte, während sie ihm immer wieder mit Worten nichts und mit Blicken alles versprochen hatte. Aber am fünften Abend ward Theodora sehr zornig und sehr blaß. Sie hatte Burbo in den Schuppen verschwinden sehen, in dem die Triumphwagen und Kriegsgefährte ineinandergefahren ruhten, deren man zu Umzügen bedurfte. Sie wartete, gleich einer Pantherkatze lauernd, und als nach langer Zeit eine Frau vorsichtig umherspähend aus der Tür schlich, kostete es sie Mühe, sie vorüberzulassen. Sie hatte Eustokkia erkannt, eine Sängerin niederen Ranges, aber von reifem, festem Fleisch und üppiger Brust. In dieser Nacht erwachte Burbo plötzlich. Das Bambusgestell des Lagers bog sich knackend, von doppeltem Gewicht beschwert. Und schon fühlte er das Drängen weicher Brüste über seinem Antlitz, das Wühlen weicher Hände in seinem Haar, das Glühen weicher Lippen auf seiner Schulter. Nicht einen Augenblick dachte er, daß es Eustokkia sein könne. Er stammelte, er bebte, er riß Theodora an sich und ihm drohten die Sinne zu vergehen, da ihr Fleisch sich an ihn schmiegte. »Da hast du meinen Mund, da hast du meine Brüste, meine Hände, meinen ganzen Leib! Wirst du nochmals zu Eustokkia schleichen, nun, da du weißt, wie Theodora liebt?« »Nein! Nein!« stammelte er, mit rasendem Griff ihr Fleisch unter sich zwingend. Aber Theodora wehrte ihm unter Küssen. »Wirst du mein sein und deine Kraft nicht an andere Frauen verschwenden, so daß sie sagen können, du habest Theodora um ihretwillen verraten? Wirst du nun mein sein? Mein, nur mein?« »Ja!« – keuchte der Knabe. »Wirst du Eustokkia beschämen, vor allem Volk im Zirkus? Wirst du die Maschine durchsägen an der sie als Najade hängt, daß sie herabfällt und die Beine bricht, die Breithüftige, die Verdammte?« »Ja! – Ja! – Ja!« »Schwöre!« »Ich schwöre – – –! Du tötest mich, Theodora!« »Schwöre bei Gott Vater, Gott Sohn und dem heiligen Geist!« »Bei Gott Vater, Gott Sohn und dem heiligen Geist! Wo bist Du?« Er griff ins Leere. Sie stand im Dunkel geduckt, mit geblähten Nüstern, wartend. Nach einem Augenblick hörte sie ein Schluchzen. Machtlos, hoffnungslos weinte er. Da kam sie und streichelte kniend sein Haar. »Weine nicht mein, mein, mein Burbo!« flüsterte sie. »Du wirst noch lernen, daß es süßer ist, mein Sklave zu sein als der Herrscher anderer Frauen.« 11 Der junge Kaiser, der seit dem Tode seines Oheims in möglichster Zurückgezogenheit gelebt und die Regierungsgeschäfte fast gänzlich den greisen Beiräten des Verstorbenen überlassen hatte, ließ sich endlich erbitten, den Tag seiner Krönung festzusetzen. Die Stimmung der ganzen Stadt schien in einem Augenblicke umgeschlagen. Hatte noch gestern kein Patrizier es gewagt, Feste zu geben oder anders als in tiefster Trauer sich öffentlich zu zeigen, so hasteten nun Tänzerinnen und bebänderte Spielleute über die Gasse, und des jungen Hekebolos neu eingeführter Purpur wandelte sich in goldenen Ertrag. Burbo hatte die Kunde vom Wiederauftauchen des jungen Tyrers gebracht und Theodora, obgleich sie kein Wort der Erwiderung für diese Nachricht gehabt hatte, schmückte sich mit aller Aufmerksamkeit und schickte Burbo nach Rosen aus. Sie drückte just den frischen Kranz ins Haar, als der Unterwärter sein Silengesicht durch den Türspalt schob und meldete, die Sklaven des Hekebolos seien mit einer Sänfte hier, sie abzuholen. Theodora sagte »Ich komme!« ohne eine Miene zu verziehen und beugte ihr Knie vor dem Kruzifix, wie immer, ehe sie ging. In der Türe stand die Mutter, frühalt, verkümmert und weinte. »Du kommst nicht wieder!« flüsterte sie scheu. Theodora küßte sie zum ersten Male seit ihren Kindertagen, aber nur flüchtig, um den Kranz nicht zu verschieben. Sie warf keinen Blick mehr nach dem dumpfen Gelaß zurück, das die Heimat ihrer Kinderzeit gewesen war. Am Gang drängten sich Neugierige und Theodora begegnete ihren Blicken mit einem Lächeln, kalt und klar wie Sonne an einem Herbstmorgen. Sie hatte schon den rechten Fuß auf das rotbemalte Trittbrett der Sänfte gesetzt, da wandte sie sich jäh, als entsinne sie sich eines Dings, das sie mitzunehmen vergessen habe. Und sie rief »Burbo!« – Er sprang aus seinem Winkel hervor und mit einem Satz in die Sänfte hinein wie ein Hund, der sich auf den Pfiff seines Herrn von der Kette gerissen hat. Sie sah zu des Kauernden Gesicht hinab, das grau wie Asche war, und in dem die weitaufgerissenen Augen zitterten wie Gallerte. Sie legte achtlos eine Hand auf seinen bürstenartig geschorenen Schädel, während die Sänfte im gleichmäßigen Tritt der Neger zu schaukeln begann. 12 Die Rosenzeit war gekommen und das kleine Haus des Hekebolos lag in einem Meer von Blüten, einem Meer von Wohlgeruch. Theodora liebte Rosen und Hekebolos ließ Stecklinge aus Schiras kommen und aus Alexandrien, rote, gelbe, weiße und solche von der blassen Farbe der Morgenröte, bis endlich ein alter Handelsgärtner ein Reis in ihrem Garten pflanzte, dessen Blüten wie Tropfen schwarzen gestockten Herzbluts waren. Und der Alte erzählte, dies sei die einzig echte Rose der Welt, aufgewachsen aus dem Herzblut von Dschulnar, der Gattin Ismals, und Ghanim Ibn Ajubs, des Verstörten, des Sklaven der Liebe, die der Fürst auf dem Bette ihrer Lust lebendig hatte begraben lassen. »Haben sie einander geliebt wie wir?« fragte Hekebolos des Nachts, als er Theodoras nie ausgenossene Nacktheit mit den dunklen Rosen überstreute. »Ich liebe dich, o Dschulnar, liebst du mich, den durch dich Verstörten, den Sklaven der Liebe?« Theodora lächelte, den Blick auf das feuchte Fruchtrot seines Mundes geheftet, und er sang: »Süße Liebe, Hafen und Weltmeer des Schiffers, süße Liebe, Wunde und Balsam des Fechters, süße Liebe, die du uns sterblich Arme den Göttern gleich machst ...« »Welch schöne Melodie!« sagte Theodora. »Von wem stammt das Lied?« »Die Worte schrieb mein Freund Agathon, den du kennst, er nahm an meinem Feste teil, und hat wie wir alle dich genossen. Seine Sklavin, eine schöne Inselgriechin, sang sie nach alter Weise.« »Hast du sie geküßt?« fragte Theodora. »Ja!« »Ich möchte alle Frauen töten, die du besessen hast!« »Hätte ich dich umarmen sollen?« »Ja!« »Nur dich und oft? Oft? Unersättlich? O du!« Er riß sie in seine Arme, trug sie über die Stufen in den Garten hinab und während er sie trug, sang er mit warmer, schallender, junger Stimme ... »Süße Liebe, die du uns sterblich Arme den Göttern gleich machst ...« Er sah mehr aus wie ein Sieger als ein Kaufherr. Er war schön, von einer wilden, braunblassen Schönheit und seine Lippen waren rot wie Kaktusblüten. Er bettete sie auf das Gras und häufte Rosen über sie, die er von allen Büschen und Beeten brach. »Du begräbst mich lebendig auf dem Bette unserer Lust!« lächelte Theodora. 13 Der alte Baflis mit dem langen weißen Bart und der hohen Tyrermütze kam und sagte, es sei in der Stadt just Gelegenheit, einen vortrefflichen Kauf mit persischen Schleierhändlern abzuschließen, aber er habe es nicht gewagt, ohne seines Herrn Zustimmung über solch große Summen zu verfügen. »Geh nicht fort!« bat Theodora. »Tu was dich gut dünkt!« sagte Hekebolos dem Alten, unwillig abwinkend. Und als hinter den Verneigungen des Dieners die Vorhänge sich endlich schlossen, küßte er Theodora, wie nach jahrelanger Entbehrung. Die Rosen verblühten, aber neue Knospen brachen auf und Tag und Nacht borgten ihr Licht von Eros' Fackel. Eines Tages ward Hekebolos in die Stadt beschieden und als er zurückkehrte, war sein Antlitz blaß und sein Lächeln spröde. »Nun bin ich durch deine Schuld um all mein Vermögen gekommen. Dreißigtausend Goldstücke sind dahin um deinetwillen. O, wär ich doch gegangen, als Baflis mich rief! Aber ich hatte ja den Verstand verloren!« Theodora stand da und ihre Hände sanken langsam herab. »Hast du ihn nun wiedergefunden?« fragte sie scharf. Sie sah ihn an, der nicht mehr ein Halbgott war und stürmisch und schön, sondern Hekebolos, ein mit Stoffen handelnder Kaufherr aus Tyrus. Sie nahm langsam, langsam den Kranz vom Haupt und ging in ihr Gemach. Burbo, der wie immer vor ihrer Schwelle schlief, horchte abwechselnd auf den ruhelosen Schritt, der von des Mannes Zimmer herüberklang, und auf das unterdrückte Geräusch hinter der Tür, die er bewachte. Wäre dies nicht Theodoras Schwelle gewesen, er hätte geschworen, ein Weib da drinnen schluchzen zu hören. Er roch Rauch und den üblen Geruch zusammengebrauter Tränke. Ein Glas fiel zu Boden und zerbrach, dann ward es sehr still. Als er nicht mehr an sich halten konnte, pochte Burbo an die Tür. Sie ward so plötzlich aufgetan, als stünde Theodora dicht dahinter. Ihr Antlitz war totenblaß, aber vollkommen ruhig und ihre Augen zeigten keine Spur von Tränen. Burbo sah sogleich, daß sie das Kleid trug, in dem sie zu Hekebolos gekommen war. Und auch das Amethystkreuz hing um ihren Hals, das solange den Perlen des Kaufherrn Platz gemacht hatte. »Komm!« sagte sie. Er zögerte. »Aber wo hast du deine Kleider, deinen Schmuck! Du willst ihm doch nicht die Geschenke lassen?« stammelte er. »Nichts!« sagte sie mit Kopfschütteln. Er ballte die Fäuste. »Dann liebst du ihn, Theodora! Du liebst ihn! Ich habs ja immer gewußt!« Und er brach ins Knie. Sie stieß ihn mit dem Fuß fort. »Meinst du, auch du könntest mich foltern?« »Soll ich ihn töten?« knirschte er, zerbrochen, da er das Schwanken ihrer Stimme hörte. »Nein!« sagte sie, »es ist gut so. Wer weiß, wozu es gut ist.« Und sie schlug dreimal das Kreuz über sich, während sie mit dem rechten Fuß über die Schwelle des Hauses trat, auch diesmal ohne zurückzublicken. 14 Die üblen Tränke wirkten. In einem Straßengraben gab Theodora einem Kinde den Tod, ehe sie ihm das Leben gegeben. Burbos Schreie riefen einen Bauern herbei und in seiner Hütte, zwischen Ferkeln, Kindern, Kücken und jungen Hunden lag Theodora zwei Tage, ehe sie weiter wankte. – Burbo bettelte und stahl und sie schlugen sich durch bis nach Alessandria. – Bei Tag schleppte Burbo Seidenballen, die vom Reich der Mitte kamen, und Säcke köstlicher Spezereien aus dem Lande Hind, von den weitsegelnden Schiffen ans Land. Tiefgebückt und keuchend seine mageren Glieder unter ihr Gewicht stemmend, ertrug er den Hohn herkulischer Neger, denen ihre Lasten ein Spiel schienen. War just kein fremdes Schiff angelangt, so lag er auf den glühendheißen Quadern des Landungsstegs, einen Zipfel seines zerfetzten Hemdes über das schweißbeperlte Gesicht gelegt und schlief mitten im Gewimmel, offenen Mundes, den tiefen Schlaf des Erschöpften. Abends strich er durch das Gewinkel übelriechender Hafengassen, mit haßerfüllten Augen die Vorübergehenden musternd, und es war, als schluckte er erst eine bittere Giftpille hinab, ehe er aus dem Häuserschatten auftauchend den Matrosen oder Handelsschiffer aufforderte, ihm zu einem Mädchen zu folgen. Dann trottete er wortlos und finster dem Willigen voraus, durch Gassen und Winkel, an vielen Häusern vorbei, aus denen Gröhlen und Musik kam, von Zeit zu Zeit sich umsehend wie ein Jagdhund, der seinen Herrn auf einer Fährte führt. Dann war die Sackgasse da und das niedere Fenster, aus dem Theodora lehnte, leise singend, mit nackten Brüsten, einen Schimmer von Mondlicht auf dem schmalgewordenen Gesicht. Oder das Fenster war hell, hinter zugezogenen Vorhangfetzen, und Burbo wartete, den Kopf geduckt, die Hände in seinen Ledergurt geschoben, während der neu zugebrachte Freudenanwärter hinter ihm seine kotigen Witze riß. Abend für Abend und Morgen für Morgen flehte er sie an: »Kehren wir zurück, kehren wir zurück in unsre Heimat!« Abend für Abend und Morgen für Morgen antwortete Theodora blaß mit harten Augen. »Lieber sterben!« Und Burbo ging von neuem aus, um betrunkene Matrosen herbeizuschleppen und Handelsschiffer, die nachher die bedungene Summe auf die Hälfte herabzufeilschen bemüht waren. 15 Wenn Burbo mit seiner Bürde unter »Hopplah!« und »Aufgeschaut!« mitten durchs Hafengewimmel steuerte, hörte er wohl, wie scheu vorüberhuschende braungerockte Priester unflätig als Ketzer gescholten wurden, oder er sah kostbar gewandete Männer und Frauen, deren schweres Reisegut er sich stöhnend auflud, mit Tränen die Schiffe besteigen, der »tausendkreuzigen Stadt« fluchend, die sie ob ihres Glaubens ächtete. Dann entsann er sich dessen, wie er bei seiner Ankunft, von dem Obersten der Hafenträger strenge nach seinem orthodoxen Glauben befragt, sich zu den Artikeln des kalzedonischen Konzils hatte bekennen müssen. Doch es lag ihm wenig an jenem »gotteins« oder »gottähnlich«, um dessentwillen Länder verödeten, Kirchen in Blut schwammen, Klöster in Flammen aufbrannten. Und er freute sich des reichlichen Lohns der Landflüchtenden, der die Zehrung des Abends sicherstellte. Eines dämmernden Morgens trat Theodora fröstelnd und matt nach verkaufter Nacht auf die Straße, um das rote Lämpchen über ihrer Türe zu löschen und endlich, endlich schlafen zu gehen. Sie sah auch Faustas und Hilarias Leuchten am Hause gegenüber schon verlöscht, nur die alte Mazedonia, Kupplerin, Wahrsagerin und Schenkwirtin, hatte noch Gäste. Theodora löste den festgepflockten Türflügel. Da vernahm sie wildes Gelächter und Geschrei. Sie wandte sich und sah einen Flüchtenden das Gäßchen heraufeilen, vier Stadtknechte hinter ihm, die aus vollem Hals johlten, weil sie das Wild so klug in die Sackgasse gehetzt hatten. Theodora lebte lange genug in Alessandria, um zu erkennen, daß der Verfolgte das Kleid eines Monophysitenpriesters trug. Er lehnte an der Mauer und erwartete keuchend seine Bedränger. Theodora hatte noch Zeit gefunden, den Torflügel hinter sich zuzuziehen. Nun sah sie durch einen Ausschnitt sehr wohl den sich zum Tode Bereitenden und die Lanzen der Stadtknechte. Der erste war an den Mönch herangekommen, aber gewillt, ein erheiterndes Katz- und Maus-Spiel zu spielen, riß er die Lanzenspitze im letzten Augenblick von seiner Brust zurück und versetzte dem Priester einen Schlag mit dem Schaft, der sogleich das Blut hervorquellen machte. Der Mönch richtete sich taumelnd vom Boden auf, breitete die Arme aus und rief: »Wie du willst, Vater, und nicht wie ich will!« Und Theodora sah sein häßliches, blutüberronnenes Gesicht, wie eine Ampel durchschienen vom Lichte der Verzückung. Der Monophysitenpriester riß die braune Kutte mit beiden Händen über der Brust auseinander und bat: »Stoße zu, mein Bruder, mein lieber Bruder, aber ehe du zustößest, schlage mir noch die andere Wange, die ich dir hinhalte – ich bitte dich!« Und da die Knechte in einer kurzen Betretenheit zurückweichend ihn anstarrten – brüllte er, noch immer die Kutte mit beiden Fäusten auseinanderreißend: »Was gafft ihr, ihr Hunde, ihr Aasgeier, ihr Ausgestoßenen, ihr, die ihr Jesum zum zweiten Male kreuzigt?! Wie lange soll ich euch meine Brust noch zur Zielscheibe machen! Stoßt zu, Hurensöhne! Glaubt ihr, ich würde euch bitten, von einer Tat abzustehen, die euch in die Hölle bringt und mich in den Himmel?« Die Knechte erfaßten ihn, ihre Beschämung zu rächen. Sie hieben und stießen und traten zu und er ward gewürgt und mit den Lanzen geschlagen. Er aber hatte die Augen geschlossen und betete abgebrochen, stoßweise, aber mit voller, klarer, schwingender Stimme: »Herr, du, mein Erlöser! mit mir deine Gnade! – Laß mich nicht schwach werden im Fleisch, da meine Seele danach jauchzt, in deine Seligkeit einzugehen! Laß mich nicht übermannt werden vom Zorn, daß ich nicht aufstehe und sie alle erschlage. – Laß mich dein Lamm sein und der Teppich deiner Füße. – Selig sind die Sanftmütigen ... und ihrer ist das Himmelreich!« – Im nächsten Augenblick sanken die Stadtknechte ins Knie, schlotternd vor Entsetzen ... Ein weißer, blaßer Engel, in langwallendem Hemd und goldenem Haar beugte sich über den Blutenden und entführte ihn an sachter Hand lautlos, durch graue Mauern hin. 16 Theodora bettete den Mönch auf die hölzerne Pritsche ihres Gewerbes, an die in Lendenhöhe ein zerschlissener Roßhaarpolster genagelt war und zwei Ledergurten. Sie wusch, Schweigen winkend, sein abgründig häßliches Antlitz, seinen spröden Bart vom Blute rein und gab ihm zu trinken. Sie schliefen beide sogleich ein, der verfolgte Gottesstreiter auf dem käuflichen Bett und die Hafendirne auf dem Lehmboden. Burbos Hereinpoltern weckte den Erschöpften nicht. Der Bursche starrte feindselig auf den Gast und fluchte bei dem Bericht Theodoras. Er fürchtete die Verfolgung, den unerwünschten Kostgänger. Aber gewohnt, sich ihr zu fügen, zuckte er die Achseln und warf sich in einer Ecke auf den Boden nieder, um noch zwei, drei Stunden des Schlafes zu erhaschen, ehe sein Lockvogelamt begann. Theodora glitt hin und wieder und nahm die kümmerlichen Fische aus Burbos Sack, die Zwiebeln und die halbgefüllte Ölflasche, das Brot und die Datteln, um das Mahl zu richten. Als sie alles auf das Tischchen gestellt hatte, wusch sie sich und begann vor dem blinden Spiegel ihr Haar für die Nacht zu ordnen. Plötzlich umfingen zwei behutsame Hände ihre Wangen und wandten ihr Antlitz. Der Mönch forschte, über sie gebeugt, in ihren Zügen, als sähe er durch deren Schönheit hindurch. Nie noch hatte Theodora solch einem Blick standgehalten. Der braune Zeigefinger strich, wie über Zeilen geheimer Schrift, über die Linien des ausgeprägten Kinns, der Wangen, der Stirne. »Da ist nicht alles vom Besten!« murmelte er. »Aber wir wollen sehen! Gottes Sturm bläst auch Samen auf steinigen Boden.« Nach dem Mahle, das er zu Burbos Grimm hinnahm ohne Dankeswort, als müsse es so sein, begann Theodora eine ungewohnte Unruhe zu fühlen. Ein Handelsschiffer, der diese Nacht mit ihr vereinbart hatte, mußte zu naher Stunde an ihre Türe pochen, und sie, die bis nun nur Priestern gleich Vigilius begegnet war, fand es gleich schwer, ihren Wandel vor dem Monophysiten zu verbergen, wie beschämend, ihn zu offenbaren. Plötzlich sah der Mönch sie an und sprach mit seiner schönen Stimme, die so weich im Guten und so posaunenstark im Bösen klang: »Schämst du dich? Schäme dich nicht, meine Tochter! Hat nicht Jesus Magdalenen die Hand aufs Haar gelegt? O ihr Armen, die ihr nichts zu verkaufen habt, als euer geheimstes Selbst, wie werdet ihr gestraft!« Der Mönch schritt zur Schwelle. Aber er zögerte und wandte sich: »Ich danke dir nicht! Möge Er dein Schuldner sein, der sprach: »Was ihr dem geringsten meiner Diener tatet, habt ihr mir getan!« Und er ging. 17 Aber er kam wieder. Und er lehrte die Dirne Theodora in Stunden, die sie ihrem Schlafbedürfnis abrang, die Sätze des Glaubens, um dessentwillen er wie ein wildes Tier verfolgt ward. Wenn er so sprach, ballten sich seine braunen Fäuste, daß die Knöchel weiß unter der Haut hervortraten. Der Schaum stand um seinen breitlippigen Rednermund und Theodora sah, während er die himmlischen Freuden schilderte, seine Augen hinter halbgeschlossenen Lidern vergehen, wie während der irdischen Seligkeit jener Männer, die sonst ihre Lust zu ihr trugen. Von Kindheit an vielfach aneinandergereihte Gebete gewohnt, war ihr jener Gekreuzigte, an den sie gerichtet waren, kaum mehr als ein abergläubisch hingenommenes Symbol dunkel gefürchteter Kräfte gewesen, ein Fetisch, den durch nie versäumte Weihrauch- und Gebetopfer zu beruhigen man nicht unterlassen durfte. Dies aber, diesen Kampf auf Leben und Tod, Haß, Streit, Sieg, ein mit Triumph erduldetes Martyrium, den Stolz: den Menschen Jesus göttlich zu verehren und den Gott Jesus im Menschen zu lieben, – gegenüber dem Dreigötzentum der Orthodoxie, – – dies alles begriff Theodora. Sie glühte. Und Anthimius erzählte von Julian von Halikarnassos, Johann von Tella, Petros von Apamea, von fünfzig anderen Bischöfen, die um dieses Glaubens willen getötet, entsetzt, verbannt worden waren. Er erzählte von Thimotheus, dem Patriarchen, »dem Fels Christi, dem unbestechlichen Hüter der wahren Lehre,« der die Vertriebenen aufnahm zu einer Gemeinde der Lauterkeit und des reinen Gottesdienstes. Er sprach ihr von den Unzähligen, die in der lybischen Wüste hausten, die darum »Wüste der Heiligen« genannt ward, – die in Höhlen des Gebirges lebten, Männer, die patrizischen Rang bekleidet, Frauen, die ein Heer von Sklaven launisch beschäftigt hatten. Der sehrselige Thomas war wie der Sohn eines Königs auferzogen worden. Er war die Freude der Frauen und der Stolz der Freunde. In goldene Gewänder gekleidet, lebte er der Lust, von vierundzwanzig Gerichten bei jeder Mahlzeit naschend und dreimal des Tages badend in edelstem Weine, davon ein Becher einen Kranken hätte heilen mögen. Aber da der Kaiser Justinian die Hand aufhob wider die, so rechten Glaubens waren, floh Thomas und ließ all seinen Reichtum hinter sich. Er fristete sein Leben dadurch, daß seine schönen Hände Körbe aus Palmfasern flochten. Und endlich zog er in die Wüste und lebte der Einsamkeit, und da es Gott gefiel, ihn zu sich zu nehmen, war seine Haut braun und rissig wie Erde, sein Bart war wie des Igels Stacheln und seine eigene Mutter erkannte den Sterbenden nicht. Aber Thomas sagte: »Was liegt am Leibe, da meine Seele, die so viel Sünden beschmutzten, um diesen Preis dem ewigen Feuer entging.« Und Engel trugen sein ewig Teil mit Singen gen Himmel. – Der Mönch schwieg und seine zitternden Fäuste lösten sich langsam. Er sah Theodora wie erwachend an. Sie saß zu seinen Füßen und knüpfte und löste die Fransen ihres Gürtels, ohne aufzusehen. Der Mönch blickte sie lange an, schüttelte den Kopf und erhob sich. Es war, als ginge er für immer. Aber er kehrte wieder – Tag um Tag. Wenn er in die Hafengasse einbog zur Zeit der ersten Abendstunden, dann räkelten sich die Dirnen noch verschlafen und ungeputzt, halbnackt auf den Türschwellen und riefen hinter ihm her. Wenn sie ihn lockten, so ging Anthimius noch etwas schneller, den Kopf gesenkt, die Hände in Brusthöhe um ein kleines Kreuz gefaltet. Einmal, als Mazedonia, die Theodora um der Verhöhnung ihrer Zauberkünste willen haßte, schrie: »Die Orthodoxen kommen zumindest des Nachts und heimlich gekrochen, aber der Ketzermönch läuft am hellen Tage der Hurerei nach« – – da wandte sich Anthimius jäh. Er sah sie lange an und sagte »Armes Weib! Der Herr erleuchte dich und segne dich!« Er legte seine Hand sacht auf die Schulter der Alten, die jählings zu schluchzen begann. Und wieder saß Anthimius auf der hölzernen Pritsche und erzählte von denen, die den Dornenpfad der Seligkeit gewählt hatten. Auch die sehrselige Cäsarea war edlen Geblüts und hoher Herkunft. Und doch ging sie in Fetzen gehüllt und verschwor alle Fleischesspeise. Sie lebte nur von Gemüse, dem sie Essig vermengte, und von ein wenig schwarzem Brot. Als der Gebirgsschnee Manneshöhe erreichte, ging sie noch stundenweit zu den Kranken und Kreißenden und man erkannte den Weg ihrer zarten Füße an den Blutspuren im gefrorenen Schnee. Aber es gab auch andere Frauen, deren Tugend der ihren glich. Die sehrselige Susanna verschleierte ihr schönes Gesicht, um keines Mannes Lust zu wecken und hüllte sich völlig in ein Gewand aus Fledermausfeilen. Sie kämpfte unzählige siegreiche Schlachten gegen Dämonen, die ihr in der Wüste erschienen, sie zurück zu verlocken zur Wonne des Fleisches und zur abgeschworenen Umarmung. Es war ihr gelungen, viele zu bekehren und sie gründete ein Kloster, in dem Büßerinnen ihre Ruhe fanden. Aber sie selbst lebte als die letzte, elendeste Magd darin, der Welt ein Zeichen der Keuschheit und Demut. Dies alles erzählte der Mönch, aber er fügte niemals ein Wort hinzu, das als Bekehrung hätte gedeutet werden können. Er zeigte den Weg, er bot die Hand, er ging voraus, aber er drängte nie. Theodora ward sehr still in seiner Gegenwart und fast scheu. Aber manchmal wieder schien es, als suche sie ihn zu verhöhnen, zu verführen und er überraschte sie einmal nackt auf ihrem Lager. Er nahm seinen Mantel, bedeckte sie still und wartete, bis es ihr gefiel zu erwachen. Theodora gähnte endlich und tat erstaunt die Augen auf. Sie gab das vollendete Bild der Erwachenden, wie sie einst als Leda die Badende, als Daphne die Flüchtende gewesen war. Anthimius sah ihr lange und traurig ins Gesicht. Und plötzlich stürzte sie vor ihm auf die Knie und küßte seine Hände unter strömenden Tränen. »Ich bin schlecht!« sagte sie. »Hilf mir!« Der Mönch blickte mit dankbaren Augen zum Himmel auf. Im nächsten Augenblick flog mit Gepolter die Tür zurück und ein riesiger Seefahrer brach ein. »Holla Theodora! Wo bist du? Weißt du noch alle deine Witzchen? Bei den Dämonen, Mädchen, ich hab's kaum erwarten können, bei dir zu sein! Hörst du das goldene Lied da in meinem Beutel? Wein her!« Theodora war aufgesprungen. Sie wischte mit beiden hastigen Händen die Tränen aus den Augen, klatschte und lachte: »Semeos! Ja, ist denn dein Schiff schon zurückgekehrt? Was gibt es Neues zu Byzanz?« Und sie überließ sich seinen trunkenen Liebkosungen. Plötzlich wandte sie sich und schrie auf. Der Mönch war gegangen. Er blieb verschwunden, obgleich sie Burbo durch alle Straßen hetzte und selbst fast von Häschern ergriffen worden wäre, als sie nach ihm forschte. Einmal erbot ein kleiner Knabe sich, sie zu ihm zu führen, doch als sie in den Keller hinabstieg, war es wohl ein Monophysitenpriester, der den heimlichen Gottesdienst hielt, aber er trug fremde Züge. – Trotzdem besuchte Theodora die Versammlungen oft, in der Hoffnung, von dem einzigen Mann Nachricht zu erhalten, den sie geachtet hatte und von dem verworfen zu sein sie nicht ertrug. Als sie einst von solchem Gang heimkehrte, rief die Feindin Mazedonia sie mit heimlichen Gesten zu sich. In der immer düsteren Kammer stand ein Tisch, auf dem die Alte wirre Kreidezeichen zog, indem sie Theodora gestand, sie habe die Unterirdischen nach dem Schicksal des Mönches befragt und immer wieder hätten sich eine Dornenkrone und ein blutendes Herz gezeigt. Spät erst, als der Monophysitenpriester Silvius Theodora schon längst in die Gemeinschaft der Gläubigen aufgenommen hatte, erfuhr sie, daß Anthimius in die lybische Wüste gezogen sei, um als Sehrseliger in Gott zu leben. Theodora schwieg. Aber sie versperrte für eine Nacht ihre Tür. Am Morgen pochte es heftig und lange. Als sie unwillig öffnete, stand Macedonia draußen, geheimnisvoll und wichtigtuerisch Schweigen deutend. – Theodora ließ die Alte ein, die ihr gute Prophezeiung verhieß, für ein ganz kleines Becherlein Süßen. Theodora holte schweigend Kanne und Becher herbei. – Ein Auge genießerisch eingekniffen, kostete die Alte den Wein und erzählte, sie habe Theodora dreimal in dieser Nacht im Traume gesehen. »Und meine Träume sind Wahrträume, du weißt es, sie treffen immer ein!« sagte sie. Theodora lachte achselzuckend und die Alte ward böse. »Ich habe dich dreimal auf einem Throne gesehen, der aus goldgebildeten Totenschädeln erhöht war! Ich sah dich als Herrscherin, Theodora!« »Welches Volkes?« fragte diese rasch. Sie lachte nicht mehr. »Der Dämonen!« kicherte die Alte boshaft. »Vieler, vieler schwarzer Dämonen! Gefällt dir das nicht? Ja, man muß es nehmen, wie es kommt! – Es ist ein Trost, daß die Totenschädel zumindest von Gold waren!« »Wenn es um einen Thron ginge, scheute ich auch Dämonen nicht!« sagte Theodora, ihr Lachen wiederfindend. 18 Eines Nachts, da Burbo auf Fang lauerte, sah er zwei Männer in Reisemänteln vor sich hergehen, denen er sogleich anmerkte, daß nur Zufall sie in solche Gegend geführt haben konnte. »Nun schwanken wir schon eine Stunde lang in diesem verfluchten Labyrinth von Gassen hin und her!« sagte der Größere, so ärgerlich als gute Sitten es nur gestatten wollten. »Ich sagte dir ja sogleich, wir sollten uns hinter den Sklaven halten, aber nein, du mußtest den Weg abschneiden.« Der Kleinere lachte höflich und spöttisch. »Gräme dich nicht, Prokop, es ist noch Zeit genug bis zu Sonnenaufgang und Schiffsabfahrt, und es schadet bei deiner sitzenden Lebensart gar nicht, ein wenig Bewegung zu machen!« – »Ich wette, wir versäumen das Schiff und mich trifft Ungnade, alles nur wegen deines Eigensinnes!« »Wenn meine Gebieter es wünschen, so werde ich sie den nächsten Weg zum Hafen führen!« sagte ein Mann hinter den beiden Fremden. Sie wandten sich, Prokopius hatte die Hand am Dolch. Der Mann, der sie angesprochen hatte, sah abgerissen und wenig vertrauenerweckend aus. Sie wechselten Blicke. »Ich bin ein Lastträger vom Hafen und kenne den Weg,« sagte Burbo, bemüht, das Zittern seiner Stimme zu unterdrücken. »Gut, geh voran!« sagte Prokop. Und sie schritten eine Weile schweigend dahin, bis der andere Fremde auf Lateinisch flüsterte: »Ich sehe noch immer nichts vom Hafen und der Kerl hat eine beunruhigende Fratze!« Fast im gleichen Moment tat Burbo einen Sprung um die Häuserecke in das Gäßchen hinein, das dunkel vor ihnen lag. Gelobt sei Jesus Christus, das Fenster war dunkel und da stand sie auch weiß in seinem Rahmen und sang das Lied, das ihm bei Tag und Nacht in den Ohren klang. »Süße Liebe, Hafen und Weltmeer des Schiffers – – –« Schrill trillerte Burbos Pfiff ... »Wem gibst du da Zeichen, Bursche?« rief Prokop und faßte seinen Arm. Aber der andere Fremde, der Agathon war, der Patrizier, Krösus und Dichter, sprang vorwärts. »Meine Ode an die Liebe! Beim Himmel, woher kennst du meine Ode, Mädchen aus der Hafengasse?« Und er lachte ein geschmeicheltes kleines Dichterlachen. »Du bist Agathon!« sagte Theodora, die noch einen Augenblick vorher nicht zu sagen gewußt hätte, wie der Dichter des Liedes sich nenne. »Du bist Agathon, und ich habe auf dich gewartet!« »Wenn du im Begriffe bist, das Ideal deiner Seele in einem Hafenbordell zu finden, dann muß ich mich leider von dir trennen, Agathon!«, sagte Prokop. »Ich gedenke nicht Schiff, Koffer und Sklaven deshalb im Stich zu lassen.« – »Gleich, gleich! Geh nur voraus! – Wie gelangt man in dein verzaubertes Haus, Mädchen, das Oden des Agathon singt?« »Mich erwartet die Einziehung meiner Güter, wenn ich nicht zur rechten Frist zu Byzanz bin – –!« schäumte Prokop. »Ich sagte dir ja schon, du mögest zu allen Dämonen gehen!« Die Tür öffnete sich. – Theodora stand da, das Lämpchen mit der warmdurchleuchteten Hand schützend. Es schien Burbo, als habe er niemals ihre Augen so strahlen gesehen. Und Agathon rief, während des empörten Gefährten Schritte sich hallend entfernten. »Du bist ja schön, Mädchen, weißt du auch, daß du schön bist?« »Ich weiß es!« lächelte Theodora ... »Ist es nicht seltsam?« sagte sie fünf Tage später zu Burbo, als sie unter dem gelbseidenen Sonnenzelt auf Deck des Alessandriaseglers lag, von Sklavinnen umgeben, von Musikanten erheitert, mit durchwirkten Gewändern geschmückt. – »Ist es nicht seltsam, daß es just das Liebeslied des Hekebolos war? Just das Lied des Hekebolos – –?« Und, wohlig in die Kissen zurückgelehnt, während sie Beere um Beere von der korinthischen Traube pflückte, die ein Negerknäbchen in einem goldenen Becken abspülte, – – – summte sie. »Süße Liebe, – Wunde und Balsam des Fechters – – –« 19 Das Wohnhaus des Agathon lag fast in der Mitte zwischen dem »heiligen Palast« und dem Bauplatz, auf dem die Kirche der Sancta Sofia aufgeführt wurde. Es war von einem alten Garten und einer alten, windschiefen und bröckligen Mauer umgeben und machte einen fast ärmlichen und traurigen Eindruck. Aber als der Türsklave den Vorhang zurückschlug, zauberte die Fülle von Reichtum und Schönheit der inneren Gemächer ein Lächeln auf Theodoras Gesicht. »Warum lässest du dies graue Haus nicht niederreißen und baust es außen von Marmor auf wie innen?« Agathon lächelte. »Vielleicht nur, um diese süße Überraschung auf so schönen Zügen wie den deinen sich spiegeln zu sehen. Sicherlich aber gelingt es Justinian, jede unnütze äußere Hoffahrt in unseren Herzen zu ersticken, da er auf Palastbau so hohe Steuern legt, und dem Zurschautragen von Reichtümern geheime Anklagen und Güterkonfiskationen folgen!« »Aber es hieß doch, als ich nach Alessandria ging, der junge Kaiser wäre mehr Mönch als Regent und kaum zu bewegen gewesen, die Herrschaft anzutreten?« »Ja, ja, die Schlange tat, weiß der Himmel, noch verschämt, da die Frösche sie statt des braven Holzklotzes zum König wählten!« murmelte der Hellene stirnrunzelnd. Aber als besänne er sich, brach er ab, um ein Figürchen vom Zitrustisch zu nehmen, eine Tanagräerin, kaum spannhoch, mit spitzem Strohhut und Fächer, und begann, sie zwischen liebevollen Fingerspitzen drehend, Theodora ihre Schönheit zu preisen. Wochen verlebte sie so, schauend und erfassend, zwischen Kostbarkeiten einer sterbenden Welt. Sie, deren Haut unter billigen Essenzen, deren Haar unter ätzenden Farbwassern gelitten hatte, verbrachte nun halbe Tage in der milchig erhellten Kühle der Thermen. Sie, die vor Mondesfrist aus dem Fenster einer fischduftenden Hafengasse gelehnt, mit Zungenschlag vorüberschwankende Trunkene anlockend, und im Sprachengemisch des Hafendialekts um ihren Lohn gezetert hatte, sie hörte nun von einer schönheitstrunkenen Stimme Verse vortragen und wenn es auch vielleicht zu oft die Verse des Agathon waren, so waren es auch oft genug die des Homeros. Abend für Abend lud Agathon Gäste, die entweder reiche junge Müßiggänger waren, oder Rhetoren, Philosophen und Dichter. Es kamen Frauen mit ihnen, geschmückt und festlich. Wenn auch manchmal aus dem großen Kreis derer, die den Versen lauschten oder dem Gesang der Sklavinnen von den Inseln, ein Paar Hand in Hand sich stahl, um erst nach einer Frist mit feuchten Augen in süßer Müdigkeit zurückzukehren, so war darin nichts, was sich mit jener Hafengasse vergleichen ließ. Theodora, die niemals noch für Gespräche mit Frauen Zeit gefunden hatte, nahm die fast schüchternen Annäherungsversuche einer jungen Fremden freundlich auf. Es war dies Antonina, die Geliebte Belisars, eines Unterfeldherrn, der sich in den Perserkriegen zu wiederholten Malen ausgezeichnet hatte. Obgleich einst öffentliche Dirne von Beruf, schien Antonina den Riesen leidenschaftlich zu lieben, und sie beweinte oftmals, daß das Gesetz des früheren Kaisers Justinus den Patriziern bei Verlust ihres Ranges und ihrer Güter die eheliche Verbindung mit öffentlichen Hetären untersagte. »Gibt es solch ein Gesetz, das die armen, hilflosen Patrizier so weise vor uns Fallenstellerinnen schützt?« fragte Theodora. »Das wußt ich ja gar nicht! Also: wenn ein liebend Geliebter ein Weib ehelicht, das vorher anderer Männer Lust war, dann leidet dieselbe patrizische Ehre Schaden, die ihren vollen Glanz bewahrt, wenn eine der edlen Jungfrauen den Gatten am Tage nach der Hochzeit zum Hahnrei macht! – Daß sie nicht aufhören, den Tanz ums goldene Kalb der Jungfräulichkeit zu tanzen! – Und du, arme Antonina, hast deine süßen Jahre damit verbracht, auf all seinen Kriegszügen in Belisars Zelt zu frieren und zu hungern!« – Theodora schloß sich eng an Antonina an, und sie verbrachte Stunden in Gesellschaft Belisars, der ihr von seinen Kriegszügen und von dem jungen Kaiser erzählte. Er wußte tausend Geschichten über ihn, seine Klugheit, seine Beherrschtheit, seine Unberechenbarkeit. Von Theodora über den Beginn von des Kaisers ungewöhnlicher Neigung für ihn befragt, berichtete Belisar schmunzelnd, er habe den Basileus, als keiner der Feldherren sonst ihm entgegenzutreten wagte, von der Undurchführbarkeit eines von ihm entworfenen Feldzugsplanes überzeugt. Nachher habe er denn doch ein wenig um seinen Hals gebangt, aber der junge Kaiser habe nur erwidert: »Dann versuch es besser zu machen!« und ihn nach Persien entsandt. Theodora murmelte nachdenklich: »Gut. Sehr gut. Er kann also nur in jahrelangem stummen Dienst bezwungen werden oder im Pantheransprung!« Antonina erriet nie, ob Theodora Belisars Geschichten gern höre, wie jener es gar nicht bezweifelte, oder nur aus Höflichkeit über sich ergehen ließ. Nach und nach bestrickten sie Theodoras steter Frohmut, ihre Liebenswürdigkeit und ihr Entgegenkommen immer mehr, und ihre behutsamen Ratschläge wurden Antonina unentbehrlich. Zu jener Zeit legte Theodora, von Antonina, wie in allen Stücken auch hierin nachgeahmt, ab, was noch in ihrer Erscheinung an ihre Vergangenheit gemahnte. Sie vergoldete ihre Fingernägel nicht mehr und ließ ihr reiches Haar die natürliche Dunkelheit wieder annehmen. Ihr ungeschminktes Gesicht stach bleich von den wie aus rosiger Paste geformten, bedeutungslosen Gesichtern der anderen Frauen ab. Sie stand nun im zwanzigsten Jahr ihres Lebens und war schön wie nie, angespannt, voll Kraft und Willen für das Kommende. 20 Agathon schenkte Theodora ein kleines Häuschen, von dessen Dachterrasse man weit übers Meer hinaus sah. Sie bezog es mit Burbo, mit einem riesigen Neger als Türhüter, vier Sklavinnen und einem weißen Äffchen. Als sie eintrat, lächelte sie, denn die schöne kleine Tanagräerin stand neben einer Schatulle auf einem Onyxtischchen. Sie beschwerte ein Schreiben. »Sei glücklich, du, deren Schönheit nicht mir allein bestimmt ist. Möge der Türhüter dieses Hauses nur den einlassen, der mit Küssen zu zahlen weiß!« Theodora ging durch den Speiseraum von pompejanischem Rot, dessen Mosaikfußboden, Speisereste eines reichen Mahles, angebissene weggeworfene Früchte und verstreute Blumen darstellend, jenem eines römischen Landhauses nachgebildet war. Sie ging durch den Wandelgang, zwischen dessen ionischen Säulen das Grün des Gartens herschimmerte, durch das Schlafgemach, das an allen vier Wänden Purpurteppiche umschlossen, während die Decke kühnen Blick in einen von Eros beherrschten Olympos trunkener Götter gewährte, die all die süßen Abenteuer erlebten, denen das weite rosaseidene Lager bestimmt schien. An der Wand hinter dem Bette war der Purpur auseinandergeschlagen und Theodora spähte durch die offene Tür in den Baderaum, der mit Reliefs altgriechischer Arbeit geschmückt war und dessen Becken, eine perlmutterne Muschel, rosenbekränzt, ihrer als einer neuen Aphrodite harrte. Theodora ging nochmals in den Garten hinaus, der voller Blüten war und betrachtete die übermannshohe, von Eisenspitzen gekrönte Mauer, die das Haus gegen ein kaum begangenes Seitengäßchen hin abschloß. Sie nickte zufrieden. Die Schatulle war reich gefüllt und Theodora lebte vollkommen zurückgezogen. Sie ging niemals aus und verbrachte halbe Tage über Büchern in ihrem kleinen Hausgärtchen, in dem die Feuerlilien wie Fackeln brannten. Hatte sie die Schriften nachdenklich-ermattet fortgelegt, dann konnte sie lange verharren, den unbewegten Blick auf den himmelanstrebenden Springstrahl geheftet, mit den sorgsamer als je gepflegten Händen das weiße, immerfrierende Seidenäffchen streichelnd, das in ihrem Schoß zusammengekauert schlief. Sie nahm die Gewohnheit wieder auf, allabendlich vor dem Spiegel ihren Körper in Tanzposen zu üben, mit Burbo als einzigem Sklaven und Zuschauer wie einst. Sie äußerte oftmals jähe Wünsche, deren Erfüllung Burbo durch ganz Byzanz nachjagen mußte, nach fremden Früchten, nach Stoffen, nach Schriften, seltenen Blumen, ungefaßten Halbedelsteinen. Wenn er sie warnte, des Goldes acht zu haben, so lachte sie nur. »Es fließt nach – – –!« und er schwieg, da ihm, den dies Alleinsein mit ihr beseligte, vor der unabweisbaren Zukunft graute. Eines Tages, als er ganz wie in alter Zeit, ihr Haar kämmte, das sie lange auf der sonnigen Dachterrasse getrocknet hatte, sagte Theodora: »Burbo, ich will das Kreuz, das über unserem Bette hing.« Er verstand sogleich, daß sie jenen plumpgeschnitzten gekreuzigten Christus meinte, der ihrer beider Kindergebete vernommen hatte. Er nickte nur und sagte: »Ich nehme Ukri mit!« Ukri war der riesige Negertürhüter, den Agathon Theodora geschenkt hatte. Es währte nur kurze Frist, bis Burbo wiederkehrte, blaß, zitternd, stammelnd vor verhaltenem Schluchzen. »Mutter stirbt!« brachte er hervor. Er weinte, den Kopf an ihr Knie gedrückt und Theodora entsann sich dieses frühalten Gesichts, dessen sie so lange nicht mehr gedacht hatte. »Sie hätte dich so gern gesehen!« stammelte er. Sie stand auf und befahl Wein und Speisen in einen Korb zu tun und eine Sänfte zu holen. »Hast du Jesum gebracht?« fragte sie, aber Burbo weinte und weinte nur. Theodora erfuhr nun, daß er schon lange, jeden Abend, wenn sie schlief, zum Zirkus gelaufen war, aber es niemals gewagt habe, sie von dem Wunsch der Sterbenden zu verständigen. »Du bist so fremd zu mir jetzt!« murmelte er. »Es ist doch nichts Ansteckendes?« fragte Theodora zögernd. Nein. Es war nur das arme Herz, das nicht mehr weiter dulden wollte. Und Burbo küßte dankbar Theodoras Füße, als sie in der Sänfte saß. Sie kamen an und das Zirkusvolk drängte sich auf den Gängen, die verschleierte Herrin zu sehen. Theodora hob die Gewänder und trat in das nie gelüftete Gemach. Ein matter Schrei und kraftloses Weinen kamen von einem Lumpenbündel in der Ecke. Theodora zog, ein wenig vorgebeugt, drei Kreuze in der Luft und sagte: »Es wird schon besser werden, Mutter!« Sie hörte die veränderte Stimme stöhnen: »Ich sterbe. Ich sterbe!« Und nach einer Weile: »Wenn ich dich nur gesehen habe! Sagt' ich dir's nicht immer ... goldene Schuhe ...« Das Flüstern ging in Stöhnen über und Theodora sah Burbos Rücken schüttern, wie er kniend schluchzte. Sie schlug den silbergrauen Schleier ganz zurück und sah sich in dem kahlen Raum um. Erinnerungen kamen, die sie abwies, gleich aufdringlichen Bettlern. Hier war die Tür zur Holzkammer, die ihr Reich gewesen war. Hier hatten die Kinder auf der Matte geschlafen, auf derselben, die noch zerfetzt im Winkel lag. Und hier, schon von den Mauerklammern losgelöst, lehnte riesig das Kreuz und Theodora knickte einen Augenblick ins Knie vor dem blutbemalten, schmerzverzerrten Gesicht. Sie wußte nun, warum sie sich danach gesehnt hatte, da es ihr jählings dem des Mönches Anthimius ähnlich schien. An der Wand zeichnete sich, wie ein weißer Schatten, die Kreuzform ab, wo das Bildnis des Erlösers befestigt gewesen war und aufgescheuchte Mauerasseln liefen über diesen einzig makellos hellen Fleck der schmutzigen Fläche. Theodora winkte Ukri, der grinsend in der Tür stand, das Kruzifix aufzunehmen. Und sie hob die Flaschen und Schüsseln aus dem Korb und stellte sie neben der Kranken auf den Boden. Eine schmierige, behaarte Pranke griff Theodora ins Gesicht und des Wärters Lollius tierisch versoffene Fratze grinste sie an. »Und mir? Mir auch was!« Theodora stieß ihn angeekelt zurück und wandte sich zum Gehen. »Bist du hergekommen, mit deinen Hurenkleidern zu prahlen, du, und glaubst du könntest uns so unseren Herrn Jesum forttragen? Mein Glaube ist mein einziger Stab im Elend! Ich lasse mir meinen Glauben nicht nehmen!« gröhlte er. Und er warf sich auf Ukri, der eben seine mächtigen Schultern unter die Kreuzeslast stemmte. Hätte der Neger die Hände frei gehabt, so wäre es dem Trunkenbold übel bekommen. Aber Ukri scheute sich davor, den weißen Gott seiner Herrin fallen zu lassen und Lollius erwürgte ihn fast, ehe Burbo und die Zirkuswärter ihn bändigten. Theodora wandte sich auf der Schwelle um und warf Lollius eine Handvoll kleiner Münzen in den Schoß. Sie schritt schnell hinter Ukri her, den Gang hinab, das Stöhnen der Sterbenden im Ohr und das Gröhlen des tobenden Trunkenen, der, von vier Männern zurückgehalten, ihr nachschrie: »Nicht einmal dreißig Silberlinge gibt die Metze für Jesum Christum! Nicht einmal dreißig Silberlinge!« 21 Der sonderbare Aufzug eines riesigen nackten Negers, der mit einem mannsgroßen Heiland am Kreuz dahertrottete, einer Mietsänfte und eines gebückten braunen Burschen mit vom Weinen verschwollenem Gesicht erweckte die Neugier manches Vorübergehenden in der menschenwimmelnden Straße. Aber da sie in eine enge Nebengasse einbogen, ward Ukris heilige Last zu einem Hindernis, an dem eine vornehme Sänfte nicht vorüber konnte. Die violetten Sänftenvorhänge öffneten sich und ein schönes, rosiges Greisengesicht lauschte dem beginnenden Wortgefecht zwischen dem beschuldigten Ukri und den violett gewandeten Läufern. Aber sogleich hoben sich die weißen Augenbrauen vor Staunen und der Blick ward groß, als er auf Theodoras entschleiertem Antlitz haftete. Und der Patriarch Vigilius fragte, zur Mietsänfte gebeugt: »Ja, bist du das wirklich, kleine Theodora?« »Hab ich's nicht gewußt?« sagte Theodora am gleichen Abend, strahlend vor guter Laune, als sie, eine köstliche Schnur honigfarbenen Bernsteins um den Nacken, neben dem Lager ihres hohen Gastes kniete, »hab ich's nicht gewußt, mein heiliger Vater, daß dies Kruzifix mir Glück bringen würde?« – An jedem letzten Abend der Woche hielt nun die Sänfte des Patriarchen vor dem Türchen in der hohen Gartenmauer und Vigilius entstieg ihr im vollen Ornat seiner Würden, wie er eben den Kaiser für die morgige Kommunion vorbereitet hatte. In Begleitung des heiligen Mannes befand sich stets sein Diakon, ein Jüngling, fast noch Knabe, von erlesener Schönheit. Das schmale bleiche Oval des Angesichts, von schulterlangen Locken umdunkelt, der sehnsüchtig-schmerzliche, immer stumme Mund, das hyazinthenblaue Auge, all dies mahnte an Antinous, der eines Kaisers Gott und Beute zugleich gewesen war. Der Knabe, von dem man nicht wußte, ob er scheu oder leidend bedrückt sei, schlug in Theodoras Gegenwart niemals die langen Wimpern auf, und verschwand stets sogleich nach dem Mahle, wenn sein Herr heiterer Laune ward. Nahm der Patriarch Abschied, so stand auch der Knabe wieder hinter ihm, den schweren Mantel mit beiden erhobenen Händen bereit haltend, während der Pontifex der knienden Theodora seinen Segen spendete. Die Nächte dieses Sommers waren von erdrückender Schwüle, ja selbst im Garten schien es, als vergifte die übergroße Süße der Duftwellen jede klare Brise, die meerher kam. Theodora stieg nackt die Treppe zur Dachterrasse empor und wies dem hohen Freunde die berauschende Fernsicht über das lichterglitzernde Byzanz hin, bis zum schwarzwogenden Meer. Und während Vigilius im Dunkel sich auf die Kissen streckte, entzündete Theodora die hochaufspringende Flammensäule eines Pechbeckens, und begann, einen schwarzen Schleier hinter sich wirbelnd, den Tanz, der dem Greis schmerzlich die Lust entbehrlich machte, die nun an der Unfähigkeit seiner Jahre scheiterte, wie einst an der der ihren. 22 Das Vorgemach, in dem die zahllosen Audienzsucher zu warten pflegten, die Kaiser Justinian ohne Ansehen der Person vor sein Antlitz treten ließ, war ein riesiger, fensterloser Saal, in dem Tag wie Nacht die Leuchten brannten. Die Längsseite des Gelasses war mit einem Mosaikbild geschmückt, einer Darstellung des Riesen Christophorus, der das Christusknäblein durch die Fluten trägt. Nah dem Estrich erhoben sich vier Wogen aus Lapislazuli, in deren tiefem Blau drei rosige, dickbäuchige Fische schwammen. Daraus wuchsen die Beine Christophori empor, braun und dick wie Baumstämme, züchtig umzackt vom Lammfell, und auch der Knotenstock, mit dem der Heilige sich durch die Flut tastete. Hob der Blick sich höher, so ward er der mächtigen Brust gewahr, auf die sein schwarzer Bart herabzottelte, der vom Antlitz nur Augen und Nase freiließ. Die aufgereckte Rechte hielt das Perlmutterhändchen des blassen Kindes, dessen Glorie sich hoch im Schatten der Wölbung, mit dem Gold des Himmelshintergrundes verschmolz. Die Tür, die zum Arbeitsgemach des Kaisers führte, war geschlossen. Der prunkvoll gewaffnete Anführer der Leibwache stand auf seinen Speer gestützt davor. Haar und Bart verrieten den Gallier. Ein anderer, ebenfalls junger, vornehm gewandeter Mann, aber sichtbar römischer Herkunft, lehnte an dem riesigen, von Schriften überdeckten Marmortisch, der das einzige Möbel in dem weiten Gemach war. »Die Baumeister scheinen die Letzten für heute gewesen zu sein. Der alte Isidoros sah auch nicht sonderlich erfreut aus, als er herauskam. Ich sah den Bauplan, den er so schön reinlich gerollt hineintrug, ganz mit Purpurtinte beklext, so viel war ›hineingebessert‹ worden.« Cajus Rufus Ventidius hatte geflüstert, aber der Gallier gähnte um so vernehmlicher. »Ich spüre meine Beine nicht mehr, meiner Treu!« murmelte er in den Bart. »Und morgen um vier Uhr heißt es zum Kirchengang bereit stehen.« »Meinst du, daß ich schlafen kann? Wenn er von der Kirche zurückkehrt, muß ich schon die Liste all der Horden vorlegen, die sich da vor Sonnenaufgang ansammeln, einem mit ihren Beschwerden in den Ohren zu liegen.« »Lerne es, alles mit solcher Miene hinzunehmen, wie er!« brummte der Gallier. »Mich wundert's nicht, daß Hortigern gestern gerannt kam und schrie, er habe ihn ohne Kopf gesehen!« Der Römer lachte. »Sagte er das? Ja, es ist manchmal, als lösche er sein Gesicht aus und zünde es erst langsam wieder an!« Der Gallier nahm den Speer in die Linke und schnallte gebückt den Riemen am emporgehobenen Fuße lockerer. »Hat er denn schon zu Nacht gespeist?« fragte er böse. Der Römer tat die dunklen Augen auf. Er war in der augenblicklichen Stille fast eingenickt. »Was fällt dir ein? Lutatius sagte vorhin, der Koch hätte eben den siebenten Braten auf den Spieß getan. Ich verstehe es nicht, daß er es aushält. Ein Mann kann Schlaf entbehren bei vieler Nahrung oder Nahrung bei vielem Schlaf. Aber er ißt nicht und schläft nicht und schafft Nacht wie Tag!« »Du vergissest, er verschwendet sich nicht an Frauen wie wir, Ventidius, und er ist vierundzwanzig Jahre alt.« »Vierundzwanzig!« seufzte der Römer elegisch. »Wo ist die Zeit! – O du süßer Frühling.« Im gleichen Augenblick hörte man, wie drinnen eine schwere Bronzetür mühsam aufgeschoben ward, und schon stand auch der Gallier reglos wie ein Bildwerk, und der Römer ordnete tief gebückt seine Akten. »Niemand mehr?« fragte Prokopius von Cäsarea in den Saal hinein, ohne jemand anzusehen. Der Gallier schwieg. Der Römer, gleichsam aus vertiefter Arbeit aufschreckend, kehrte sich um, verneigte sich und sagte: »Niemand!« Prokopius wandte sich; mit der schweren Schiebetür sich mühend, meldete er, auch draußen im Vorsaal verständlich: »Es wartet niemand mehr, Allgnädigster.« Und wie ein kalter Luftzug wehte eine junge Stimme heraus ...: »Ich diktiere weiter.« 23 In dem riesigen Saal, dessen Wände bis über Mannshöhe mit Schriftfächern überdeckt waren, brannten nur zwei Leuchten im großen Dämmern. Das rote Ampelchen vor dem Christusbild und die Lampe auf dem mächtigen Zitrustisch, den Berge von Papieren belasteten. Prokopius, der Geheimschreiber, saß blaß und übermüdet auf dem lehnenlosen Holzschemel, und schrieb und schrieb, was der junge Kaiser diktierte, während er die Weite des Saales zwischen den beiden Lichtern durchmessend auf und ab wandelte. Wann immer der Kaiser auf seinem Weg an dem Molosserhund vorbeikam, der, groß wie ein Kalb, auf seiner Matte lag, sah das Tier, ohne seinen schönen Kopf von dem Polster zu heben, mit einem wachen, braunen Auge zu seinem Herrn auf und wedelte leise. Der Kaiser ging hin und her und seine Worte fielen kalt und gleichmäßig langsam, wie Eistropfen auf die Schädeldecke eines Verurteilten fallen. »Des ferneren tun wir unserem geliebten Freund Belisar zu wissen, daß ...« »Wissen, daß ...« wiederholte Prokop. »ein etwaiges weiteres Mißgeschick in der Kriegführung, wie es in den Händen des großen Himmelsherrn zu liegen vermöchte ...« »Liegen vermöchte ...« echote Prokops Stimme. »jedenfalls seine sofortige Abberufung vom persischen Kriegsschauplatz zur Folge haben dürfte, weshalb wir angesichts seiner bekannten – nein – schreibe: seiner glänzenden und rühmlichst bewährten Fähigkeiten ... hast du es?« »Sogleich, Allmächtiger! – Fähigkeiten ...« »mit Sicherheit erwarten, baldigst die Kunde neuer Heldentaten zu vernehmen. Auch verfügen wir aufs bestimmteste, daß die in früheren siegreichen Gefechten erbeuteten Schätze ...« »erbeuteten Schätze ...« klang es vom Schreibtisch, wo Prokop eben mit der Linken die Feder zu führen begann, da die Rechte im Schreibkrampf schmerzte. »in Bälde und zu ihrer Gänze auf sicherem Wege nach Byzanz geschafft werden mögen, wobei es uns vorbehalten bleibt, die Verdienste unserer Feldherren, wie unserer treuen Krieger, nach den Gesetzen unserer Großmut zu belohnen. Wir sehen weiteren Berichten mit gewohnter Gnade und unverändertem Wohlwollen entgegen!« Justinian verließ den schmalen Streifen purpurnen Teppichgewebes, auf dem er bis nun hin und her geglitten war, ohne je den Marmorboden rechts oder links mit seinen lautlosen Brokatschuhen zu betreten. Er kam zum Schreibtisch, zog erst im letzten Augenblick seine schmale, blasse, unberingte Hand aus dem weiten Überärmel und erfaßte die für ihn bereitliegende Schwanenfeder, die Prokop, sich erhebend, darreichte. Der Kaiser unterzeichnete stehend den sich einrollenden, großen Papyros, mit dem linken Daumenballen beschwerend, mit seinem großen, abwärtsführenden Namenszug. »Johannes von Kappadokien!« sagte er, den Schreibtisch verlassend und die frierende Hand von neuem im Ärmel bergend. Prokop beugte sich über das neue Pergament, die Augen aufreißend, die vor Schlaf brannten. »Die Eingangformel geschrieben?« fragte Justinian über die Schulter zurück vom andern Ende des roten Teppichläufers her. Bei der Wand angelangt, kehrte er scharf um und kam nun wieder heran, während Prokopius ablas. »Justinianus der Erste, Basileus von Byzanz, Herrscher des oströmischen Reiches und Herr von Italien, an Johannes von Kappadokien!« Prokops Stimme war heiser vor Durst. »Weiter! Gruß und Gnade wie gewöhnlich!« Justinian war vom Teppich fortgetreten, zur Längswand des Saales hin. Er zog langsam die Hand hervor und klappte ein kleines Mosaikbild der heiligen Sofia an der Wand zurück, wie den Deckel einer Schreibtafel. Und er legte sein schmales, fahles Gesicht an die Luke, die im Vorsaal draußen von einem Gegitter verdeckt war, das täuschend den Lammfellschurz des Christophorus darstellte. Prokopius wartete, die Feder in der Hand, den Blick bald auf Justinians violettseidenen Rücken, bald auf das kleine Tischchen heftend, auf dem in silbernen Körben eine Auswahl süßer Kuchen und edler Früchte, unberührt, zur Erfrischung des Kaisers bereitstand. Justinian stand regungslos und Prokop richtete sich lautlos auf, nahm, immer mit Blicken an ihm hängend, rasch die obersten zwei Kuchen aus dem Korb, die er im weiten, blauen Ärmel verschwinden ließ, und setzte sich hastig nieder. Der Molosser knurrte und erhob sich von seiner Matte, um zweimal still, aber mit gefletschtem Gebiß, um den Schreibtisch zu kreisen, ehe er, sich schüttelnd, daß sein Halsband klirrte, zu seinem Lager zurückkehrte. In Prokops Augen glimmte der Haß gegen den Tyrannen, der ihn wie einen Straßenjungen zu stehlen zwang. Er beugte sich tief und aß ein Stückchen des im Ärmel zerbrochenen Kuchens gierig und scheu. »Wer ist Theodora?« fragte Justinian plötzlich hinter ihm und legte die immer kalte Hand auf Prokops Schulter. »Ich weiß es nicht, Allgnädiger!« antwortete er, langsam die Hand leer aus dem Ärmel ziehend. »Ich dachte, es sei eine Heilige, so oft rufen die beiden da draußen ihren Namen an.« »Gnade Gott den armen Burschen«, dachte der Geheimschreiber, »er hat gelächelt!« »Es ist wahrlich belehrend für einen Fürsten, zu hören, was das Herz seiner Untertanen bewegt!« und der Kaiser hielt von neuem sein schmales Gesicht an die Luke. Prokop aß hastig Stückchen um Stückchen des Kuchens, während er, über den angefangenen Brief an Johannes von Kappadokien geneigt, dasaß. Plötzlich wandte sich Justinian und winkte ihm. Er lächelte noch immer mit diesem farblosen, großen, schmallippigen Mund über einem langen, degenerierten Kinn. Prokop kam, den dritten Kuchen im Ärmel, und duckte sich gehorsam zur Luke, da er größer als der Kaiser war. »Agathon?« fragte des Galliers Stimme draußen schläfrig, obgleich man ihm ansah, daß das Gespräch ihn feßle. »Solch ein kleiner Grieche, mit vorstehenden Zähnen, der immer die Hände in der Luft wäscht vor Freundlichkeit, wenn er mit einem spricht. Haben wir ihn nicht bei Anicetus getroffen?« »Ja, ja! Ganz richtig. Bei Anicetus las er Verse vor. Er liest immer Verse vor! Er schwätzt, aber er ist ein guter Bursche.« »Und der, sagst du, sei so reich?« »O, er ist nicht so töricht, wie Bassus es war, mit sechsundzwanzig Sklaven auszugehen und seine Gewänder mit Edelsteinen zu besticken. Er hat mit angesehen, wie die Prahlerei jenem bekam und verzichtet darauf, zwölffache Steuern zu zahlen!« »Und dieser Kerl, dieses weiße Kaninchen hat sie besessen?« »Besessen! – Ganz Byzanz hat sie besessen! Ich sage dir doch, daß er kam, als sie sich den Hafennegern zu Alessandria verkaufte.« Der Gallier schwieg nachdenklich. Justinian wandte sich und hauchte in Prokops Ohr: »Zeichne für morgen auf: Agathon von Athenä, wegen Steuerhinterziehung. Und erinnere mich, wenn ich von der Kirche zurückkehre.« »Ist sie schöner als Klythia?« begann der Gallier von neuem. »Klythia!« Ventidius lachte verächtlich. »Ich sage dir: Amalasuntha, die schöne Gotenkönigin, ist ein formloser Steinklotz neben ihr! Wenn ich nur daran denke, daß ich Tor, der ich jetzt umsonst hier Plagen erdulde, zu der Zeit in Rom saß, als Theodora vor allem Volk im Zirkus sich durch Gänse Gerstenkörner von dem süßen Ort ablesen ließ, von dem ich sie lieber mit meinen Lippen geholt hätte ...!« »Daß eine Dirne bei einem reichen Griechen beginnt und bei Negern endet, ist ein altes Lied! – Aber die Umkehrung ist mir neu!« sagte Clotar. »Wann also gehen wir zu ihr?« »Hoho, mein Teuerster, wähnst du, man erhandelt Liebe bei Theodora nur so, wie Datteln beim Araberjungen?« »Pfui, Pfui! Hast du mir etwa umsonst den Mund wässern machen, mit Brüstchen und Hüftchen und Schulterchen und was weiß ich? ...« brummte Clotar. Der Römer lachte. »Ich kenne ihren würdigen Majordom. Ich bin ihr Freund von alters her, seit jenem gerühmten Fest des Hekebolos, da sie neunzehn Männer lendenlahm liebte. O, ich sage dir, sie ist ein Weib, wert, daß man zeitlebens den Weihwedel einzig in ihr Weihwasserkesselchen tauchte!« »Nun, nun, ich hab noch an allen Kirchentüren bisher die gleichen Weihwasserkessel gesehen!« »Weil du eben noch nicht an die Kirche Sancta Theodora gepocht hast, mein Sehrwürdiger! Ich wollte, ich wär' ein Jüngferchen, wie Justinian, und könnte mein ganzes Vermögen in ihren Kirchenstock legen.« »Wenn du ihr Freund bist, warum sollten wir nicht noch heute Nacht zu ihr gehen?« »Narr, weil es dir widerfahren kann, aus dem Haus gepeitscht zu werden! – Es kann dir widerfahren, daß du todmüde von ihren Lüsten, von Lüsten, die dir das Mark in den Knochen zu lauem Wasser werden lassen, einschlafen willst, und sie dich hinauswirft, um sich deinen Sklaven zu holen. – Oder – das ist einmal Laccus geschehen! Du erwartest sie in schönster Verfassung in ihrem Bett und sie schickt dich fort, weil einer ankommt, der schöner ist oder besser bezahlt als du! Und dann wird vom Bett und von der Tür her geboten und gesteigert, und Theodora sitzt gesalbt und nackt im Sessel und lacht ...« »Und Männer von Rang lassen so mit sich spielen?« »Ja, mein Freund. Genau wie du mit dir spielen lassen wirst, wenn du erst einmal dieses Fleisch gekostet hast. Und wenn ein König – und wenn Justinian selber zu ihr käme, wäre er ihr Schemel, ihre Puppe, ihr letzter Sklave ...« »Still! Bist du wahnsinnig? Schweig! – Wenn man dich hörte! ... Ich wußte nicht, daß du sie liebst, Ventidius.« »Ich liebe sie nicht. Ich fürchte sie. Auf all die Frauen, die wir abnützen und verwerfen, kommt in seltenen Zeiten eine, der wir Gebrauchsgegenstände sind, Gegenstände der Lust, des Ehrgeizes, des Behagens, und die uns grenzenlos verachtet. Ich habe den Blick gesehen, mit dem Theodora ...« Justinian schloß die Luke geräuschlos und trat mitten ins Zimmer. Sein Antlitz war gesenkt und unerkennbar beschattet. »Ich habe zwei Wünsche zu äußern!« sagte er. »Zum ersten ersuche ich dich, den Obersten meiner Leibwache herbeizurufen ...« und da Prokop sich zur Tür wandte, die Hand hebend: »... ich habe gesagt: zwei Wünsche! Zum zweiten befiehl dem Majordom, die Aufwärter zu bestrafen. Ich lasse mich nicht bestehlen. Es ist schon das dritte Mal, daß Kuchen auf dem Wege von der Küche hieher abhanden kommen. Es sind sechs Stück hier und ich befahl neun.« Prokop neigte sich stumm, schamglühend und verwirrt, und schob die Bronzetür zurück. Er rief in die Stille des Vorgemachs hinaus. »Clotar, der Oberste der Leibwache, zu seiner Allmächtigkeit!« 24 Der Kaiser stand noch immer in der Mitte des Saales, wo es am dunkelsten war. Der Molosser hatte sich an seinen Herrn herangeschlichen und beleckte Justinians herabhängende Rechte. Clotar wartete lange. Es war kein freundliches Gefühl, so dazustehen, hell beschienen und dem Blick dessen dargeboten, der in undurchdringlichem Dämmern verharrte. »Du hast befohlen, Allmächtigkeit?« Keine Antwort. Und Clotar stand, die Fersen aneinandergeschlossen, die Brust vorgewölbt, die Hand hoch am Lanzenschaft, und harrte. Endlich sagte Justinian, einen Schritt vortretend: »Die Schatulle!« und Prokop verließ so schnell seine Papiere, wie Clotar rasselnd aus seiner Unbeweglichkeit auffuhr. Der Gallier brachte das Ebenholzkästchen, nach dem Justinians Kinn gewiesen hatte. Die schmalen Hände des Kaisers wirkten fast grünlich auf dem glänzenden Schwarz. Sie waren seine einzige Schönheit. Justinian zog eine Perlenschnur unter dem nur wenig geöffneten Deckel hervor. Sie schlug, über seinen Arm gehängt, mit leisem Ton am Boden auf. Jede Perle hatte Haselnußgröße. »Du wünschest es ja so sehr, die Bekanntschaft der Dirne Theodora zu machen, Clotar!« sagte der Basileus. »Und einem Kaiser sind die Wünsche seiner Untertanen heilig. Ich erwähle also dich zu meinem Boten. Geh zu ihr, überbring dies und sage der Buhlerin, ich erwarte, sie noch in dieser Stunde vor mein Antlitz treten zu sehen.« Clotar verneigte sich und ging, einen fassungslosen Blick mit Prokopius tauschend, der zu Stein erstarrt an der Tür stand. 25 In der Stille der Nacht dröhnten Schwertschläge ans Tor und eine ungeduldige Stimme heischte Einlaß. »Welch ein Lärm?« fragte Theodora stirnrunzelnd. »Eifersüchtige, die diese Insel der Seligen stürmen, um zu schwelgen wie ich!« lächelte Vigilius, der sich behaglich auf den rosaseidenen Kissen dehnte. »Hier sucht mich niemand auf!« erwiderte Theodora. Im gleichen Augenblick wurden die Purpurteppiche zurückgerissen und der junge Diakon stürzte in das Gemach, mit fliegenden Locken, geröteten Wangen, gelösten Lippen. »Flieh! Flieh, Theodora! Soldaten! Sie werden dich hinwegführen, dich töten!« »Was redest du?« fragte Theodora. Sie saß aufrecht und seine nicht mehr gesenkten Blicke sahen sie nackt. Im gleichen Augenblick flogen auch an der Wand hinter dem Bette die Falten zurück und Burbo zeigte sich in der Tür, die ins Bad führte, aber peinvoll verlegen vor dieser Masse nackten greisen Fleisches, die den heiligen Mann vorstellte. Nun war er es, der kaum die Augen aufzuschlagen sich getraute. »Theodora!« stammelte er. »Man verlangt Einlaß bei dir in des Kaisers Namen!« »In des Kaisers Namen?« wiederholte Theodora und ward totenblaß. »Das wäre wahrhaftig hübsch, wenn einer mich hier so fände!« sagte Vigilius und stieg mühsam vom Lager herab. »Wo sind denn meine Strümpfe, Liberius?« Der Knabe Diakon kniete und zog sie mit fliegenden Händen über die vom Wasser geschwollenen Knöchel. Es klopfte an die Tür des Schlafgemaches und eine drohende Stimme befahl: »Öffnet, im Namen Kaiser Justinians!« »Clotar selbst!« hauchte Vigilius, nach dem Baderaum flüchtend. »Was, beim Kreuz, will der hier?« Liberius, der betäubt und bebend sich in eine Ecke drückte, sah Theodoras Antlitz wetterleuchten. Das Klopfen wiederholte sich. »Aufmachen, oder ich schlage die Tür ein!« Burbo, schon wieder draußen im Vorsaal, bewegte den Türgriff und flehte: »Öffne doch! So öffne doch, Theodora!« »Ich mag nicht, du Tölpel!« zischte sie. Und dann, hart, laut: »Was will man von mir?« »Bote des Kaisers!« schrie Clotar. »Und was wünscht der Kaiser?« »Öffne, daß ich meines Auftrages mich entledige!« Sie besann sich einen kurzen Augenblick. Dann tat sie zwei rasche Schritte zu Liberius hin, riß des Knaben Haupt an ihre Brust und rief: »Ich bin auf meinem Lager und unbekleidet, denn es ist ein Mann bei mir, o Würdiger, sage, was du mir zu sagen hast!« »Justinian, der Herr der Welt, römischer Kaiser und Herrscher von Byzanz, entbietet dir eine Gabe und befiehlt dich vor sein Angesicht. Bekleide dich eilig, denn der Allgnädige wartet.« Und zugleich schrie Burbo draußen auf: »Theodora! O! O! Perlen! Du hast noch niemals solche Perlen gesehen!« »Justinian mag sie behalten!« rief Theodora zurück, an der Tür stehend, mit vorgeducktem Haupt und blitzenden Augen. Ihre Stimme war schrill wie in der Hafengasse, wenn sie mit den Handelsschiffern feilschte. »Er mag sich eine andere damit kaufen! Melde ihm, Theodora hätte Besseres zu tun!« Und den glühenden Knaben an sich reißend, lachte sie laut. »Liebe mich, liebe mich!« Ihr Kuß hielt an, bis die Flüche und erzenen Schritte verhallten. »Hast du dich geängstigt?« fragte Theodora plötzlich zärtlich und gelassen. Sie nahm mit beiden Händen langsam die auf die Brust fallenden Schläfenlocken des Knaben auf und streichelte mit ihnen seine zarten Wangen. Dann wandte sie sich lächelnd und öffnete die verborgene Tür. »Er ist fort, heiliger Vater!« Vigilius erschien, unbehaglich sich in Burbos Mantel hüllend und man sah nun erst, wie die Wirkung dieses klugen, glatten Greisengesichtes sonst durch den kalten Prunk erhöht ward. »Nun? Nun? Du siehst mich von Neubegierde gefoltert, meine Tochter?« Theodora lächelte. »Leerer Lärm! Der Bote des Kaisers hatte mein Haus für jenes des Senators Cajus gegenüber gehalten.« »Welch ein Maultier! Burbo sagt mir, meine Sänftenträger seien verschwunden, als der Tölpel anfing ans Haus zu donnern, und es regnet wie aus Kannen. Ich saß da drinnen und habe wahrhaftig mehr geflucht, als einem Diener der Kirche zukommt!« Er trat zu Theodora. »So mißgönnt man einem alten Manne sein bißchen Ruhe und Wohlbehagen! Ich gehe nun und Burbo mag die erste Sänfte anhalten, die uns begegnet! Ich denke, dieser Räubermantel macht mich unkenntlich genug! Also, am nächsten Sabbath, meine Tochter. Meinen Segen über dich.« Und vollkommen veränderten Tones, mächtig und hochaufgerichtet, sprach er über die Kniende sein: »Benedictus in nomine Domini« »Komm, Liberius,« sagte er in einem Atem, noch ehe sie mit dem Kreuzeszeichen fertig war, »dieser Kaiser, der nie schläft, empfängt die Kommunion morgen um vier Uhr! Komm!« Der Knabe verharrte tief erglüht, ohne Kraft, sich zu regen. »Ach so ...!« Vigilius sah mit einem schnellen Blick hin und her, zwischen seinem und Theodoras Antlitz. Und er hob zum zweiten Male in der Gebärde des Segens seine noch immer schönen, vollen Frauenhände. »Kindlein, liebet euch – untereinander!« 26 Justinian ging noch immer auf dem Streifen kostbaren Purpurgewebes hin und wieder, lautlos in seinen brokatnen Schuhen, in gerader Haltung, mit gesenkten Lidern und frierend verborgenen Händen. Prokop saß, nicht entlassen, aber nun zumindest nicht mehr gestört, an seinem Tisch, die Hand über den Augen, als läse er vertieft in seinen Schriften. Er schlief. Die Bronzetür ins Vorgemach stand offen. Vierundzwanzig Gewaffnete hatten die Nachtwache bezogen und Ventidius war nicht mehr anwesend. Justinian hielt plötzlich inne. Sein untrügliches Ohr hatte das Klirren der Speere vernommen, die ferne vor Clotar gesenkt wurden. Ein Schritt kam durch den Vorsaal näher, sehr langsam, zögernd, und es war nur eines Mannes Schritt. Clotar senkte tiefgeneigt sein Schwert. »Nun?« fragte die kalte Stimme aus dem Dunkel, da er schwieg. Es währte lange, ehe Clotar sein Schwert in der Scheide geborgen hatte. Aber jählings raffte er sich soldatisch zusammen und sagte: »Sie wollte nicht kommen, Allgnädigster.« »So. – Die Perlen?« »Hier. Sie hat sie gar nicht angesehen!« »Und warum?« »Sie ..., es war ein Mann bei ihr.« »Hast du je solch keusche Einfalt gesehen, Prokopius?« lächelte der blasse Kaiser und Clotar gerann das Herzblut. »Fiel es dir nicht ein, den Mann gehen zu machen oder zumindest ... zu warten?« Der Gallier geriet in großen Zorn. »Hättest du mich nicht zum Dirnenboten gemacht!« dachte er. Und im Bewußtsein, daß alles für ihn verloren sei, stieß er hervor. »Sie rief durch die Tür, ich möge dem Kaiser melden, er solle mit seinen Perlen eine andere kaufen, sie hätte Besseres zu tun.« Clotar stand steif und gerade, wie auf der Wacht und sah dem Kaiser nach, der plötzlich, sich wendend, wieder seinen Gang über den Teppich aufgenommen hatte, hin und her, hin und her. »Prokopius!« rief Justinian und blieb stehen. Der Geheimschreiber, der von neuem eingenickt war, fuhr vom Schemel auf. »Wir wollen einen klügeren Boten senden!« sagte Justinian und Clotar atmete auf. Der Kaiser runzelte die Stirn, dies war besser. »Du wirst zu dieser Dirne gehen, Prokop, und sie selbst sprechen. Du wirst ihr ein Landgut innerhalb der ›Langen Mauer‹ verheißen, wie reich sie es immer nur wählen mag. Merke dir ihre Worte, ich werde dich darnach fragen. Und nun eilest du, denn es ist spät in der Nacht.« Prokop stand, höher als der Kaiser, den Kopf kurzsichtig vorgeneigt, und sah ihn an, mit einem Blick, in dem hilfloser Haß, geduckter Zorn, Untertanenangst und Patrizierstolz sich mengten. »Zur – Dirne Theodora schickst du mich?« fragte er. Justinian streckte das lange Kinn vor. Und den Blick neben Prokop auf den Schreibtisch geheftet, denn er liebte es nicht, wenn man ihm nah ins Gesicht sah, wiederholte er klar und betont. »Zur Dirne Theodora!« Einen Augenblick lang gingen die Schatten von Haß, Gewalt, Mord über Prokops Gesicht, das so jäh bleich wurde, wie es errötet war. Dann fiel er nieder, leistete die vorgeschriebene Verehrung und verließ gebückten Hauptes, rückwärts schreitend, das Gemach. Eine lange Stille entstand, während der Clotar, noch immer mit vorgewölbter Brust und aneinandergeschlossenen Fersen dastand und kaum zu atmen wagte, denn Justinian ließ das Ende seines schmalen Gürtels durch die Finger gleiten, und sah schräg gehaltenen Kopfes Prokopius aus den Augenwinkeln nach, leise nickend und mit geschlossenen, herabgezogenen Mundwinkeln lächelnd. Dann, sich wendend, bemerkte er Clotar und verabschiedete ihn mit einer kurzen, flachen Handbewegung, die ihn in der Luft gleichsam ausstrich. Aber als der Gallier, rückwärtsschreitend, schon im Türrahmen stand, rief Justinian ihm nach. »Sage deinem Freund Ventidius, für ihn sei es ein Glück, daß Theodora ihn nicht sogleich Lügen gestraft habe ...« »Warum, o Erleuchteter?« stammelte Clotar, der nicht begriff. Aber Justinian, auf und ab schreitend, antwortete nicht mehr. 27 »Du hast den Auftrag ausgeführt?« »Du sagst es, Erlauchter.« »In welchem Schlafgemach wartet sie?« »Sie ist nicht mitgekommen.« Justinian wandte sich, und Prokop erhaschte ein Zucken auf dem beschatteten Gesicht. Aber die Stimme war kalt wie stets. »Ich sagte dir, ich würde dich um ihre Worte fragen.« Prokop richtete sich auf, da der Augenblick kam, den er sich den ganzen Weg entlang ausgemalt hatte. »Ich will sie dir berichten, Allgnädiger, ganz so lieblich wie ich sie von ihrem Munde habe! – ›Meint der kaiserliche Knabe, mich mit solcher Lockspeise zu ködern?‹ sagte sie und, auf meine Ehre als Patrizier, Mann und Christ, die Schlumpe hob den Rock und schlug sich auf den Bauch oder sonst irgendwohin in die Nähe. Und sie sagte: ›Sieh her, Prokopius von Palästina, hier drin sind so viele Landgüter als ich nur will, und so viele Perlenschnüre! Und sage deinem Kaiser, wenn es ihn nach Theodora gelüste, dann möge er zu ihr kommen und nicht seine Esel nach ihr aussenden!‹ Und damit schlug sie die Tür vor meiner Nase zu!« In der eintretenden Stille klang Prokop die eigene Stimme im Ohr nach. Justinian hatte sich gewandt, er stand vor dem edelsteinernen Mosaikbild des Erlösers, unter dem roten Lämpchen und blickte, Prokop den Rücken kehrend, zu dem sanften Antlitz auf. Prokop sah an der Bewegung des rechten Ärmels, daß der Kaiser ein Kreuz schlug. Dann wandte jener sich um und ließ den Schlägel auf den goldenen Läutschild fallen. »Meinen Mantel! Die Sänfte! Wachen!« befahl der Kaiser den Sklaven, die sich aufs Antlitz warfen. »Basileus!« rief Prokop. Es war fast ein Schrei. Justinian fuhr mit dem Kopf durch den kreisrunden Ausschnitt des goldenen Mantelstückes, dessen schwere Säume Einhorne unter Palmen in Perlen und Smaragdstickereien zeigten. »Entlassen!« nickte er zu Prokop hinüber und schritt, unbewegten Gesichtes, die Arme unter dem schwerfallenden Goldstoff auf der Brust gekreuzt, durch die Wachen hin, die, auf ein Knie gesenkt, ihre Schwerter zogen, um, so wie er vorübergegangen war, aufgeschnellt, klirrenden Schrittes hinter ihm herzugehen. 28 Burbo lag auf dem Antlitz, schlotternd vor Angst. Und Justinian, das Kinn vorgeschoben, sah mit nachlässigem Blick auf seinen gezogenen Dolch nieder. »Du wirst aufschließen, ohne einen Laut von dir zu geben!« befahl er. Wenn er flüsterte, klang seine Stimme besonders kalt und klar. Burbo schleppte sich zur Tür, die ins Schlafgemach führte. »O du gesegneter Herr Christus mit allen heiligen Aposteln, tu ein Wunder! Laß ihn Liberius nicht finden ... nur nicht finden!« betete Burbo, während die Tür sich unter seinen Händen langsam auftat. Justinian stand vor den Purpurfalten der Wandbekleidung, die den Türrahmen noch verschlossen und winkte Burbo hinweg. Eine Handbewegung ließ die Gepanzerten verharren. Der Kaiser atmete tief auf, bevor er die Vorhänge teilte. Sein erster Blick traf des Erlösers gemarterten Leib, der an einem mächtigen Kruzifix hing, das umwunden war von kaum noch gewelkten Blumen. Und zu des Weltenlammes Füßen, weiß, schmal, in einem weithin verrieselnden Gewand lag ein Weib, ein Mädchen, das Antlitz in hinschmelzender Linie der Demut auf gefaltete Hände gesenkt, wirrdunkle Locken um Haupt und Schultern ... Justinian streckte, ohne es zu wissen, vortretend die Hand nach ihr aus, und sie schaute auf, noch benommenen Blickes und wie in Verzückung ... Plötzlich beide Hände aus weiten weißen Ärmeln an die Wangen hebend, zeigte sie Erkennen, Schreck, Ehrfurcht. – Süßeste zage Freude wechselte mit Röte und Blässe auf dem zu ihm erhobenen Gesicht, bis sie, mit nach vorne zitternder Last der Locken über seinen sanft erhaschten Mantel geneigt, ohne ihn zu küssen, ihre schöne Wange sanft an den kalten, edelsteinbeschwerten Saum schmiegte. Die Erinnerung an Prokops beschworenen Bericht sprang den Kaiser an, und er dachte so laut »Lüge! Lüge!« daß ihm war, als habe er es geschrien und wußte doch zugleich nicht, wen von beiden er der Lüge zieh ... »Wer bist du?« fragte er kalt und verwirrt in einem. Sie sah zu ihm auf, ohne die Wange zu heben. Und sie sagte langsam, mit ihrer klaren Stimme: »Theodora, Herr, die Dirne vom Zirkus Konstantinus.« Über sein Antlitz lief unbeherrschbares Zucken. Er riß seinen Mantel aus ihren Händen und fragte: »Die jeder Matrose um drei Kupfermünzen kaufen kann?« Sie hielt ihn mit ihrem Blick fest, ihre Hand strich mit einer verlorenen Geste das Haar aus der Stirn. »Die jeder um drei Kupfermünzen kaufen kann!« wiederholte sie wie im Traum. »Warum also hast du verweigert, des Kaisers Lustgefäß zu sein?« zischte seine Stimme wie eine Peitsche nieder, über diese schwachen Schultern, diese blumenweißen Brüste, dieses lügende, trügende Gesicht. Sie stand auf, so unbeschwert und schön, wie Gras nach Regen wieder aufsteht. Und plötzlich war sie kein Mädchen mehr, sondern eine Fürstin, und Stolz war wie ein Schimmer über ihrem berauschenden Antlitz. »Diese drei Münzen sind alles, was er zu geben hat, Justinian!« »Verlangst – du – – – immer alles ...?« Und zurückgeworfenen Hauptes blitzte sie ihn an. »Immer! Justinian.« Die Stille brach herein, wie ein herabpolternder Erdsturz. Man hörte nur Burbos keuchende Atemzüge. Plötzlich trat Justinian zu ihr, die da frei und aufrecht stand, und ihm selbst war die Stimme fremd, mit der er fragte: »Was hätte ich dir also bieten müssen, Theodora?« Theodora schlug die Lider nieder und verharrte einen kurzen Augenblick gesenkten Hauptes. Dann hob sie langsam den Kopf zugleich mit dem Blick, und ohne Justinian anzusehen, mit einem weichen Lächeln, halb, als spräche sie im Scherz, sagte sie, sehr deutlich: »Deine Krone, Basileus von Byzanz!« Schweigen. Sie sahen einander an wie Ringer. Justinians Hände ballten sich um den knirschenden Goldstoff seines Mantels und öffneten sich wieder. Und langsam, langsam hoben sie sich zu seinem Haupt und faßten nach dem schweren, juwelengeschmückten Reif. »Da!« sagte er heiser. Theodora lächelte und, den großen Blick auf ihn geheftet, setzte sie sich das Diadem aufs viele Haar. Im nächsten Augenblick ward Justinian aschenfarben wie ein Toter und hob entsetzt die Hand. Vor seinen Augen hatte sich jählings die Wand geöffnet und unter dem Bilde des Erlösers stand eine Erscheinung im vollen Licht. Ein bleicher Knabe, noch vom fast mädchenhaften Hauch erster Süße umweht, zwiegeschlechtlich und ungeschlechtlich zugleich scheinend, wie ein Engel. Er trug das starrende Kleid des Patriarchats, und die doppelt getürmte Tiara krönte seine dunklen Locken. Die Hände hielt er über dem Kreuz gefaltet, während er lautlos näherglitt. »Kniet nieder auf Gottes Geheiß!« sagte der Knabe mit heller Stimme. – »Wer bist du?« flüsterte Justinian. – »O, Basileus«, antwortete der Knabe. »Sagt dir nicht ihr Name schon, daß Gott sie dir gesandt hat? Knie nieder, die zu empfangen, die dir erwählt ist!« – Er fügte mit kalter Hand ihre beiden Rechten zusammen. Der Kaiser ließ es geschehen. Als der Knabe die vereinten Hände mit seiner Stola umwickelte, sank Justinian ins Knie. »Im Namen des Himmels, dessen Bote ich bin, und kraft meiner Macht, zu binden und zu lösen ...« begann halblaut die bebende junge Stimme. Da rief Theodora laut. »Halt ein! Justinian, entsinnest du dich nicht, daß ein Gesetz des Kaisers Justinus Patriziern die Ehe mit öffentlichen Dirnen verboten hat?« Er hob die Linke, da seine Rechte durch die Stola gebunden war. »Hatte er die Macht, Gesetze zu schaffen, so habe ich die Macht, sie zu verwerfen! Morgen verkünde ich im Senat, daß in meinem Reiche jedem Patrizier seines Herzens Wahl freisteht! Tu dein Amt, Bote des heiligen Geistes!« »Halt ein!« unterbrach Theodora von neuem. »Vergissest du, Justinian, daß schon morgen Verleumdung und Schmähung über mich hereinbrechen werden und man dir die Namen aller Männer zutragen wird, die mich genossen, und die Summen, um die sie mich gekauft haben? Lieber wollte ich in diesem Augenblick sterben, als jemals zu sehen, daß du dich meiner schämst, die ich zu stolz bin, um auch als Justinians Ehegemahl die Zirkusdirne zu sein, statt der Herrscherin von Byzanz!« »O du!« sagte Justinian und seine stumpfbraunen Augen hatten nie gesehenen Glanz. Und dann schrie er, Justinian schrie ... »Sie sollen nicht über dich schwätzen! Ich will ihnen Maulkörbe umhängen, so wahr ich Kaiser bin! Bist du zufrieden, Theodora, wenn morgen auf allen Foren als Gesetz ausgerufen wird, daß, wer der Kaiserin Namen zu kränken wagt, gleich einem Mörder gehenkt wird, während sein Gut dem Staat anheimfällt? Ist dir dies genug? Du? O, sie sollen dir dienen, wie nie noch einer Königin!« »Es ist mir genug!« sagte Theodora. Und sie lächelte. »Zu Ende – rasch, rasch!« herrschte Justinian. »Im Namen des Vaters, des Sohnes und des heiligen Geistes!« sagte der Knabe und er glitt, den Segen spendend, rückwärts aus dem Gemach. Justinian hob Theodora empor. Die Wachen knieten und senkten die entblößten Schwerter. Hinter ihnen, irgendwo im Dunkel, schluchzte Burbo. Der Kaiser blieb unentschlossen stehen und sagte sehr leise, niedergeschlagenen Blickes und mit einem fast unbeholfenen Lächeln, das zum ersten Male sehen ließ, wie jung er war. »Wollen wir nun nicht allein sein ...?« Aber Theodora, die einen Augenblick reglos und geschlossenen Auges verharrt war, antwortete klar und langsam, während sie die Lider aufschlug. »Ich glaube, die Kaiserin von Byzanz hätte das Recht, von ihren Frauen geschmückt und in den heiligen Palast geleitet zu werden, mein Gemahl!« 29 Als die in Eile aus den Betten herbeigeholten Hofdamen der verstorbenen Kaiserin Eufemia, vor Neugier und Empörung zitternd, ihre Sänften vor der Gartenpforte halten ließen, war das kleine Haus bis in den letzten Winkel erhellt, und die Schwelle fußhoch mit Rosen und Weizenkörnern überschüttet. Der Vorsaal wimmelte, obgleich es zwei Stunden über Mitternacht war, von Würdenträgern des Reiches, die in kleinen Gruppen standen, flüsternd und raunend, die einen mit Flüchen, die anderen mit Bocksgelächter. Im Speisesaal mit den pompejanischen Wänden waren zwei Thronsessel aufgestellt. Mit schmalem Lächeln seiner blassen Lippen sah Justinian auf all die Rücken hinab, die sich vor Theodora krümmten. Er hatte, als der Erste ihm die Proskynese erweisen wollte, nur mit dem Zeigefinger auf den Mosaikboden zu ihren Füßen gedeutet und gesagt: »Unsere gottgesandte, verehrungswürdige Kaiserin Theodora, Tribonianus!« Als die Äbtissin Anastasia im Vorsaal erschien, entstand Gedränge unter den Frauen, die ihre Hände küssen wollten. Die heilige Mutter stand aufrecht, hager, schwarz und streng, und die vielen Falten in ihrem gelben Gesicht zuckten um die Lippen, die sich immer bewegten, als beteten sie. »Ich grüße keine Dirne vom Zirkus«, sagte sie sehr laut. »Mag er es wagen, mein Gewand zu kränken!« Und sie blieb herausfordernd stehen, auf ihren weißen Stab gestützt, zwei junge, blasse Nonnen hinter sich. Justinian erhob sich drinnen und führte Theodora an seiner Rechten hinaus, von der Musik einiger rasch herbeigeholten Flötenspieler begleitet. Vier Knaben edelsten Geblüts trugen hinter Theodora die Mantelschleppe. Sie ging, als habe sie nie anderes getragen als diesen Krönungsmantel Eufemias, über dessen silbernen Grund smaragdene Greifen flogen. Ihr Haupt war von einer Krone bedeckt, sie trug Justinians Perlen zu dem eigenen Amethystkreuz und ihre Ringe waren Länder wert. »Ein Dämon!« murmelte die Äbtissinmutter und fingerte schneller an ihrem Rosenkranz. Ein paar junge Männer flüsterten: »Wie ist sie schön!« und einer nach dem andern legten sie ihre nackten Klingen wie zum Opfer auf ihren rosenbestreuten Weg. Theodora schritt über Schwerter und über Rosen. Die Äbtissinmutter hatte sich vorgeneigt, um sie deutlicher zu sehen, jetzt drängte sie, außer sich, vor und stürzte an ihrem Stab, mehr als sie ging, auf die Kaiserin zu, den Blick starr auf ihre Brust geheftet. »Das Kreuz!« murmelte sie, als wäre ihre Zunge gelähmt. »Das Kreuz! Das Kreuz!« Und sie brach mit einem Stöhnen ins Knie. »Mutter Anastasia kniet vor ihr ...« »Die Heilige kniet!« raunten verstörte Stimmen. Theodora sah verständnislos und befremdet in das zum Weinen verzerrte alte Gesicht. Plötzlich hob sie die Brauen, sie begriff und lächelte. Sie neigte sich und reichte, noch immer lächelnd, der Heiligen das perlbesetzte Doppelkreuz aus Amethysten zum Kuß, das ihr einst als Kennzeichen mitgegeben worden war, ehe man das Kind auf der Schwelle des Zirkus Konstantinus ausgesetzt hatte. 30 Als der Zug den heiligen Palast erreichte, graute der helle Sommermorgen, und Justinian brach sogleich mit seinem Gefolge auf, um in einer der Palastkirchen die vorbestimmte heilige Kommunion zu empfangen. Man erwartete, daß der Kaiser nach seiner Rückkehr in den Theodora eingeräumten Gemächern verschwinden werde, da jedermann das Wort des Narses belächelte: »Der einzige Mann in Byzanz, der Theodora noch nicht besessen habe, sei ihr Ehemann.« Aber sogleich nach dem Kirchgang begab sich Justinian in den Senat, wo er im Beisein seines Rechtsgelehrten Tribonianus das Gesetz erließ, das »jenen unglücklichen Frauen, die ihre Person auf den Theatern oder an Orten der Lust entehrt hatten, eine glorreiche Reue offen hielt, indem ihnen eine gesetzliche Eheschließung mit den erlauchtesten Römern einzugehen nicht verwehrt sei!« Vom Senat, wo alle jene Würdenträger, die nicht schon des Nachts in Theodoras Haus Gelegenheit gefunden hatten, ihr zu huldigen, Segenswünsche auf seine junge Ehe herabriefen, kehrte Justinian in den Palast zurück. Er nahm, wie immer, in seinem Arbeitsgemach Briefe und Bittschriften aus Prokops Hand entgegen, ruhig und klar Zwischenfragen in die Berichte streuend, mit einer Fremdheit, die alles gemeinsame Geschehen der letzten Nacht auslöschte. Er empfing Bittsteller um Bittsteller und Würdenträger um Würdenträger und erledigte die Regierungsgeschäfte kühl, genau und ganz an die Sache hingegeben wie immer. Aber als ihm Prokop ein Todesurteil vorlegte, zögerte er einen Augenblick, legte die Feder fort und sagte, sich abwendend: »Morgen!« Als der Vorsaal sich endlich geleert hatte, diktierte er weiter wie gewöhnlich. Es war, als könne er kein Ende finden. »Sonst noch etwas?« fragte er. Prokop, der den ganzen Tag hindurch dem Blick des Kaisers ausgewichen war, antwortete mit seiner grauen, mürrischen Stimme vom Schreibtisch her. »Nichts mehr, Erleuchteter.« Justinian zögerte einen Augenblick, dann sagte er, über die Schulter hin, Prokop den Rücken zukehrend: »Entlassen!« Justinian ließ den Schlägel niederfallen und die Fackelträger kamen, ihn ins Schlafgemach zu geleiten. Der Kaiser besaß sieben weit auseinanderliegende Schlafgemächer, die alle täglich für seine Nachtruhe bereitet wurden, da man nie wußte, in welchem der Basileus heute würde schlafen wollen. Denn Justinian fürchtete Meuchelmord. »Das gelbe Gemach!« befahl er. Es lag am weitesten entfernt von Theodoras Gemächern. Sie entledigten ihn seines schweren Ornats, geleiteten ihn ins Bad und verließen ihn, als sie ihn für die Nacht in gelbe Seide gehüllt hatten. Wachen bezogen klirrend ihren Posten, draußen vor der Tür. Dann ward es still. Der junge Kaiser atmete tief auf wie ein Erlöster und lächelte mit durstig-offenen Lippen. Er öffnete behutsam eine kleine Tür, die in einen langen Gang führte. Und das Antlitz zurückgeworfen ging er geschlossenen Auges rasch und immer rascher dahin, die schmalen Hände vorgestreckt wie ein Blinder ... 31 Zu Füßen der Basilissa häuften sich Ballen über Ballen und die Frauen ihres schnell ernannten Hofes knieten mit kleinen, hohen Schreien wohlerzogenen Entzückens zwischen dem starren Gefunkel der entrollten Stoffe, die wie silberne und goldene Wasserfälle von den Thronstufen herabrauschten. Das Krönungskleid war schon gewählt, aber so viele Purpurballen die Händler auch von keuchenden Negern herbeischleppen ließen, immer wieder schüttelte die Kaiserin ihr Haupt. Endlich sagte sie: »Wir wollen an dem Tage, da die Krone der heiligen Helena unsere Stirne schmückt, in allem Glanze erscheinen. Als unser Herr und Gemahl gekrönt ward« – und alle diese Mädchen und Frauen aus edelstem Geblüt neigten ihre Stirnen zum Teppich vor seinem Namen – »da ward tyrischer Purpur zu seinem Mantel genommen.« Der Kaufherr beteuerte gekränkt: »Dies hier ist echter tyrischer Purpur!« Er hob das gefällig gefaltete Stoffende mit seiner dicken, beringten Hand empor. »Wolle deine Gottähnlichkeit nur die Farbe beachten, das Gewebe, den wunderbaren Glanz! Bei der Krönung des Basileus, den der Himmel segnen möge! gab es in ganz Byzanz nicht einen Ballen gleich diesem! – Damals war ein gewisser Hekebolos der Einzige, der Purpur besaß, mindere Ware! – mäßige Ware! – Und die Großmut des Allgnädigen hat sie weit überzahlt!« »Wie, sagst du, hieß jener Kaufherr?« fragte Theodora. »Hekebolos, Gottähnliche, – aber er weilt nicht zu Byzanz – er ist nach Alessandria gefahren.« »Man sende Boten nach dem Kaufherrn Hekebolos!« unterbrach ihn die Kaiserin abwinkend. Hekebolos stieg eben ans Land, als die Boten ihn erreichten, und er hatte keine Kenntnis davon, daß Byzanz seit drei Tagen eine Herrin besaß. Er verfügte nur noch über einen einzigen Ballen des fürstlichen Gewebes, den ein Neger sogleich auf die Schulter lud, während die beiden anderen Sklaven Hekebolos, ohne seiner bestürzten Fragen zu achten, mit sich zerrten. Er ward in den heiligen Palast geführt und fing mit staunendem Blick die Reichtümer der vielen Gemächer auf, durch die seine Begleiter so sehr eilten, daß er kaum zu folgen vermochte. »Wirf dich nieder, hier ist die Kaiserin!« murmelte der eine und riß Hekebolos mit sich zur Erde. Er hatte nur den Schimmer von Kostbarkeit erfaßt dort oben im Dämmern des überdachten Thrones. Der Neger Ukri entrollte seinen Ballen und die Frauen, die das Stoffende in der Kaiserin Hand legten, fanden, dies sei der dunkelste und glanzloseste Purpur von allen, die hier gezeigt worden waren. »Ich sehe nichts, Licht!« befahl eine Stimme, die Hekebolos aus seiner Proskynese auffahren machte. Fast im gleichen Augenblick traten von drei Türen her Scharen von Fackelträgerinnen ein, die an allen Wänden entlang eine reglose Kette bildeten. Nun sah Hekebolos die Kaiserin, aber sie hielt das Gesicht prüfend so tief auf den Purpur gesenkt, daß es unmöglich war, die Züge zu unterscheiden. Ein Baldachin von weinrotem Samt erhob sich über dem mächtigen Thronsessel. Von dem satten Hintergrund seiner Falten hob sich die Pracht der Gewänder ab, die weit über den Sessel sich bauschten und bis über die erste Stufe fielen. Ihre oben gerundete Tiara, die das Haar völlig verbarg, trug in der Mitte einen Blütenkelch aus sieben riesigen Edelsteinen aller Farben. Perlen von Haselnußgröße liefen dreimal um den Stirnteil der Tiara und hingen in leise klirrenden Traubenbüscheln bis auf die Schultern herab. Den nur auf der rechten Seite geöffneten Mantel hielt eine Spange, die ein eigroßer, flacher Rubin schmückte. »Nein,« dachte Hekebolos geblendet. »Es war nur die Stimme, die Ähnlichkeit hatte!« und er verlachte sich selbst. »Es ist schlechte Ware, Gottähnliche!« murmelte er »und dein Knecht weiß, daß sie deiner nicht würdig ist.« Plötzlich hob die Thronende den Kopf und wandte ihr Antlitz Hekebolos zu, während sie den Purpur aus den ringsteifen Händen gleiten ließ. »Dies ist, was ich gewollt hatte!« sagte Theodora nachlässig, mit einem vollen, kalten Blick über das verzerrte Antlitz hin. »Unser Schatzmeister soll dir dreißigtausend Goldstücke auszahlen, Händler!« 32 »Antonina, Gemahlin des Feldherrn Belisar!« meldete der Ansager. Theodora erhob sich vor allen Augen, glitt weit und rauschend der Eintretenden entgegen, die zärtlich umfangen war, ehe die Überraschte ins Knie zu sinken vermochte. »Wir freuen uns, dir endlich zu deiner Vermählung Glück wünschen zu können, liebste Freundin!« sagte die Kaiserin mit ihrer allen vernehmbaren Stimme. »Die Reise ward beschleunigt so sehr es ging, um uns deiner Allmächtigkeit zu Füßen zu legen, aber die Straßen sind vom Regen aufgeweicht!« stammelte Antonina. Die Kaiserin legte den Arm um ihre Hüfte und führte sie in ein kleines Nebengemach. Dort ließ sich Theodora auf eine Thronbank nieder und zog die Gattin Belisars neben sich. Während des ganzen Gespräches verharrten die Frauen des Hofes regungslos, da ihnen keine Erlaubnis geworden war, sich zu setzen. Einen schnellen, schrägen Blick in den Saal zurückwerfend, raunte die Kaiserin, unmerklich lächelnd: »Wie sie zornig sind! O, wie sie zornig sind!« In Antoninas schönen Augen standen Tränen. Sie beugte sich zur Lehne herab, auf der Theodoras Hand ruhte und küßte sie mit ihren vollen, nelkenroten Lippen. »O Gottgesegnete! – Wenn uns einer dies vor sieben Monden in Agathons Haus gesagt hätte!« »Dann würde ich es ihm geglaubt haben!« antwortete Theodora. Sie spähte nochmals unter gesenkten Lidern nach der Tür und fuhr lauteren Tones fort. »Mein Herr und Gemahl Justinian« – die Gattin Belisars legte die Linke auf die Brust und neigte das Haupt – »hat gestern einen Tribun verurteilt, der öffentlich von seiner Kaiserin sprach, ohne die zukommenden Titel zu gebrauchen. Aber für dich, Antonina, bin ich immer die Gleiche: deine Freundin Theodora ...« Sie entzog sanft ihre Hand Antoninens Küssen und bot ihr mit einer ihrer schönen Bewegungen die Wange dar. Antonina, die so leicht gerührt war wie ein Kind, weinte an ihrer Schulter. Und Theodora hob ihr Kinn empor und sagte lächelnd: »Du bist noch schöner geworden, Liebe, in eurem Persien! Wie die Pfirsichfarbe dir die braune Samthaut hebt! Der Weise hat recht, der sagte, es gäbe nur drei Frauen, die von Samt, die von Seide und die von Nesselhadern. Sage, hat Justinian Belisar schon gesehen?« »Zu dieser Stunde empfängt ihn der Allgnädige ...! O Theodora, ich weiß, er verdankt den Feldherrnstab vor allem deiner Güte ...« »Beiisars Verdienst erwirkt ihm Würden, nicht fremde Gnade«, sagte Theodora mit jener Stimme, die halblaut war und doch einem ganzen Zirkus vernehmlich. Und dann, ganz leise: »Ist Theodosius mitgekommen?« Antoninas Gesicht ward überflutet von jähem Rot: »Ja, Gottgesegnete.« Theodora lächelte. »Ich denke gerade darüber nach, daß ich eines verläßlichen Anführers meiner Leibwache bedarf, wenn ich auf mein Landhaus ziehe. Ich will mir Theodosius von Belisar für die wenigen Wochen ausbitten ...« Ein paar Augenblicke beobachtete Theodora die Wolken auf Antoninas Stirne. Dann fügte sie nachlässig bei: »Wird er mir zürnen, wenn ich ihn der Frau und des Freundes zugleich beraube, während er beim Kaiser weilen muß?« Sie lächelte nachsichtig, da Glück und Überraschung sich auf Antoninas Gesicht malten. Die jüngste Hofdame, sehr zart und mädchenhaft, verneigte sich, daß ihr Kleid im weiten Umkreis den Teppich deckte. »Deine Allmächtigkeit hat befohlen, von dem Senatsbesuch des erhabenen Kaisers unterrichtet zu werden.« »Es ist gut,« nickte Theodora und das silberne Wölkchen entglitt. »Welch süßes Gesicht!« sagte Antonina. »Das ist Praxedis, die Braut des Prokopius und sein Geisel.« »Wie das – Geisel?!« »Es ist sonst nicht üblich, Mädchen ins Gefolge aufzunehmen. Aber er haßt mich zu sehr!« »O Theodora, wie du das alles hinnimmst ... als wärest du im Purpur geboren! Wenn du wüßtest, wie ich dich bewundere, wie ich dir danke!« »Du tust, als hätte ich mich einzig entschlossen, Kaiserin zu werden, um dich mit deinem Belisar zu vereinen! – Sage mir einmal, Antonina, und wenn ich mich an eurer Dankbarkeit bezahlt machen wollte? Ach wie töricht du aussehen kannst. – Ich meine, wenn es dazu käme, für oder gegen mich zu stehen? – Könnte ich auf Belisar zählen?« Ohne sich zu besinnen, sagte Antonina: »Bis zum letzten Schwertstreich.« Theodora nickte. »Das ist gut, denn es könnte bis dahin kommen.« Ihr Mund ward hart. Sie strich gedankenlos über Antoninas Haar. Antoninas Augen füllten sich von neuem mit Tränen. »Wie könnten wir dir's vergessen, daß du auf dem Gipfel deines Glücks daran dachtest, uns von der Aufhebung des Gesetzes Nachricht zu geben!« »Hoffentlich war es der Gipfel noch nicht!« sagte Theodora schnell und zog ein Kreuz. Sie schwieg eine Weile und besah ihre Hände. Dann sagte sie: »Du kennst alle Unterfeldherren Justinians?« »Ja, fast alle!« »Hör mich an. Du wirst Kallystus insgeheim verraten, ich hätte mich bei Justinian eingesetzt, um auch ihm den Feldherrnrang zu sichern.« »Ist dies wahr? Diesem Tölpel? Theodora!« »Kind, ich verlange von dir ja nicht, daß du es glaubst, ich verlange nur, daß du es ihm mitteilst! Dann wirst du dem jungen Mundus sagen, ich kennte keinen besseren Reiter im Heer als ihn!« »Ist dies alles?« lachte Antonina. »Für ihn ist es alles! Dann wirst du von Soldaten, die mit meinem Gold zu bestechen dir leicht fallen wird – denn du weißt, Justinian denkt nie daran, den Sold zu zahlen und denkt er daran, so erhalten sie ihn ja doch nicht – also du wirst erfragen, was das Heer von Hypathios und Pompejus, den Neffen des Kaisers Anastasius, hält!« »Das kann ich dir sogleich verraten!« lachte Antonina. »Pompejus nennen sie den ›Regenbogen‹ wegen seiner Kleidung und lachen hinter ihm drein, wenn er durchs Lager geht!« »›Regenbogen‹ ist gut. ›Regenbogen‹ ist sehr gut!« lächelte Theodora. »Obgleich er gar kein so übler Junge ist –!« schloß Antonina und zwischen weißen, breiten Zähnen blinkte lüstern die vorgeschobene Zunge. »Und Hypathios?« »Hypathios nennen sie nur den ›Anwärter‹!« »Den Anwärter? Wohl des Thrones?« fragte Theodora rasch. Antonina ward verlegen. »Ach, ich weiß nicht, – sie nennen ihn eben so.« Plötzlich geduckten Kopfes, die Hände um die hin und her gewiegten Knie geschlungen, fragte Theodora: »Wie nennen sie Justinian?« »Da sagen sie nur ›Er‹ – oder – – « Antonina lachte verwirrt. »Nun?« »Aber du bist sicherlich nicht böse?« »Nun?« »Und du sagst es ihm auch nicht? Sicher nicht?« »Nein. Nun?« »Manche nennen ihn den Dämon.« »Sonderbar!« sagte Theodora, nachdenklich, erstaunten Blicks. »Mir ward einst in einer fremden Stadt verheißen, ich würde Beherrscherin des Volkes der Dämonen! – Und mich? Wie nennen sie mich?« brach sie ab. Antonina schlug unsicher die schönen Augen auf. »Von dir sprechen sie nur in den Ausdrücken von Justinians Edikt: ›Unsere gottgesandte, unantastbare Kaiserin‹ und sie schlagen einander auf die Schulter und lachen.« Theodora öffnete atemholend ein wenig die Lippen über geschlossenen Zähnen. »Ich glaube, diese Heiterkeit dürfte ihnen selbst bald unangebracht scheinen!« sagte sie vollkommen ruhig. Eine Pause entstand. – Die Haushofmeisterin Eudoxia verneigte sich in der Tür. »Es wäre an der Zeit, wenn die Basilissa geruhen wollte, sich zum Empfang der avarischen Gesandten zu schmücken!« – »Ich komme!« nickte Theodora. Sie stand auf, womit sie Antonina sogleich sich erheben machte. Als die Kaiserin in den Saal zurück trat, löste sich die Starrheit der Gruppen in tiefen Verneigungen. »Ich freue mich deiner Gegenwart und erhoffe uns beiden erquicklichen Aufenthalt im Grünen. Ich habe ein Landhaus des Kaufherrn Hekebolos gekauft. Der Garten ist einzig schön, nun, da die Rosenblüte beginnt! – Ja, ich komme schon, Chrysomallo! Wir entbieten deinem Gemahl unsern Gruß und unsere kaiserliche Gnade, und entlassen dich für heute, Antonina!« 33 Zwischen Pol und Gegenpol des öffentlichen Lebens von Byzanz, zwischen der Kirche Sancta Sofia und dem Zirkus Konstantinus, lag der »heilige Palast« – eine Stadt er selbst, von sanftem Hügelbogen erhöht und mit dessen Senkung mählich hinabsteigend zum sonnigen Meer. Er umschloß Thermen und Klöster, Hippodrome und Kasernen, Wohnungen des Gefolges und Marställe, Schatzhäuser und Kirchen, alle voneinander getrennt und miteinander verbunden durch statuenbelebte Säulengänge, bedeckte Höfe, Treppen und gekrönt von Dachterrassen, die berauschenden Ausblick bis zur blaudämmernden asiatischen Küste hin boten. Diese fürstliche Siedelung von zehntausend Bewohnern umschloß ein uralter Zitronenhain, über dessen Wipfeln nur die vergoldeten Kuppeln und Kirchenkreuze ragten. Und nur vom Meere her vernahmen nächtliche Fischer manchmal verwehtes Gelächter oder Chorgesang der Mönche. Der weite Platz des Augusteions war von unabsehbar flutender Menschenmenge erfüllt, so daß die Läufer den Sänften der Würdenträger kaum den Zugang zum »heiligen Palaste« erzwingen konnten. Ab und zu sank die Menge ins Knie, wenn von neuem eine Prozession, breit aus einer der vielen Kirchen von Byzanz wallend, mit Brokatglanz und Glockengeklingel, mit Monstranzenschimmer und Weihrauchqualm, vor dem riesigen, bronzeflügligen Palasttor stillhielt, um nach des Bischofs lautem Gebet unter Gesang wieder in die Kirche zurückzukehren. Auf den beiden Seiten der zum Tor hinansteigenden Porphyrtreppen standen, ein lebendes Geländer, die Wachen, goldgepanzert, behelmt und beschildet. Unter dem Torbogen empfingen, auf dem Treppenabsatz gereiht, vierundzwanzig junge Kämmerer in Hofornat, darunter Ventidius, die Besucher und geleiteten sie, mit den eifersüchtig erwarteten Zeremonien ihres Ranges, durch die Weite des Vestibulums hin. Inmitten der in dämmriger Höhe goldig überkuppelten Rotunde, zu deren vielfarbig schillernden Wänden Phrygien, Lakonien, Ägypten und der karische Berg Jassys ihren Marmor dargebracht hatten, saß Prokop. Sein und seiner zwei Schreiber winzige Tischchen standen wie verloren auf der glitzernden Mosaikfläche des Estrichs der Halle, die weit wie ein Schlachtfeld war und kalt wie eine Gruft. Der Besucher verneigte sich tief mit unter der Stola auf der Brust gekreuzten Händen und flüsterte seinen Namen und seinen Rang zugleich mit der untertänigen Frage nach dem Befinden des Basileus. Und während der Würdenträger darauf acht hatte, ob sein Name auch richtig in den ellenlangen Listen verzeichnet werde, empfing er Prokops immergleiche Antwort von der Hoffnung auf Gottes Allmacht. Worauf der Besucher sich bekreuzigend nach nochmaliger Verneigung hinwegschritt, vom fettbepolsterten Majordomus geleitet, dem nächsten Patrizier Platz zu machen. Man wußte, daß die Kaiserin allabends die Listen las. Hinter der Rotunde lag der Saal der Wache und durch das vergoldete Lanzengitter sah man Clotar mit den auserwählten Leibtruppen, riesenhaften Herulern und Dakiern, den Zugang zu des Kaisers Gemächern hüten. Hinter Gängen und Galerien, hinter Reihen von Sälen lag das Krankenzimmer Justinians. Der viereckige Raum war fensterlos und nach Bauart ägyptischer Heiligtümer der Kern vieler eingeschachtelt umlaufender Räume. Eine einzige Leuchte auf hohem Gestell erhellte das schwere Dämmern. In der Mitte des Gemaches stand das Bett, dessen blaue Vorhänge an drei Seiten zurückgezogen waren. Zu Füßen kauerte auf einem niedern Schemel Theodora und ihr Schatten zeichnete sich groß und geduckt an die Wand. Sie hielt die Fingerspitzen der aufgestützen Linken zwischen den Lippen und blickte, reglos vorgeneigt, in das fiebernde Gesicht. Es sah unheimlich fremd aus, blutleer, abgemagert, ohne das Belebende der feindlich-klugen Augen frühalt, mit dem langen, spitzen Kinn und dem offenen, stöhnenden Mund. Theodora hatte Justinian so wenig wie seine Höflinge jemals schlafen sehen. In den ersten Wochen seines Genusses, der fast Raserei war, hatte Justinian nicht eine der bei ihr verbrachten Stunden dem Schlaf geopfert. Später einmal, vom jähen Schlummerbedürfnis der Übermüdung erfaßt, hatte er sich von ihr beobachtet gefühlt und war sogleich aufgestanden, um in seine Gemächer zurückzukehren. »Ich hasse Schlaf und Schlafende« hatte er gesagt. Der Molosser, der an der Schwelle lag, knurrte leise. Theodora wandte dem eintretenden Arzt langsam das Antlitz zu. Nähertretend verbeugte sich der Alte. Theodora fand, daß die Proskynese vor ihr in diesen Tagen immer nachlässiger ausgeübt werde. Er behorchte des Kaisers rasselnden Atem. Theodoras Augen fragten. Die Purpurdecke langsam zurechtlegend, sagte Jefraim flüsternd: »Die Basilissa sollte sich ein wenig in dem Garten ergehen! – Es ist nicht gut für ein junges Herz, die leiden zu sehen, an denen es hängt. Ich wüßte eine Frau, die hier bleiben könnte, wenn die Basilissa der Ruhe pflegt.« »Nein!« sagte Theodora. »Oder, wenn die Basilissa sich vielleicht daran stößt, daß es eine Jüdin ist: die Schwestern vom Kloster der Samariterinnen pflegen Kranke ...« »Ich bleibe hier!« sagte Theodora. »Und lasse es dir gesagt sein, Jude. Beim großen Gott, ich lasse dir die Haut lebendig vom Gerippe ziehen, wenn der Kaiser stirbt!« Der Jude sah sie mit einem langen Blick an. »Wenn heut Nacht noch Schweiß eintritt, wird der Kaiser leben!« sagte er. Und er glitt rückwärts schreitend auf seinen gelben Schuhen hinaus. Theodora saß lange und fühlte noch immer des Juden sprechenden Blick auf sich geheftet. Und dieser Blick, zwischen Hohn und Mitleid, hatte gesagt: »Wenn er stirbt, wirst du wohl nie mehr die Macht haben, irgendeinem Menschen auf der Welt Übles zu tun.« Theodoras Hände ballten sich zu Fäusten. Sie forschte von neuem in diesem Gesicht und erschrak, wie ertappt, da jemand ins Zimmer glitt. Burbo kam in seinem braunen, regennassen Mantel bis ans Bett, mit großen Augen, voller Angst. »Gelobt sei Jesus!« atmete er auf. »Du sahst ihn so an, daß ich dachte, er sei schon ...« Theodora winkte ihm ab und zog ihn in das Nebengemach, dessen Tür sie offen ließ. – Der Molosser stand, die erhobenen Pfoten auf den Bettrand gestützt, und winselte leise. »Also?« fragte Theodora hart, als sie sich müde in einen Sessel sinken ließ. Er sah sie an und seine Augen waren wie die des Hundes da drinnen. »Du bist so blaß!« sagte er leise. »Du hast vier Tage und Nächte nicht geschlafen!« »Bist du durch ganz Byzanz getrabt, um mich mit dieser Neuigkeit zu überraschen?« Burbo senkte langsam den Kopf. »Ja ... also ..., man glaubt daran, daß er noch vor morgen sterben wird.« »Wer ... glaubt?« »Das Volk, die Vornehmen, die Priester – alle!« »Der Nachfolger wurde genannt?« Burbo beeilte sich zu antworten. Den Tonfall kannte er. »Ja. Alle nennen ihn.« »Hypathios, der Neffe des Kaisers Anastasius?« Burbo würgte. »Hypathios. Ja.« Theodora stand auf. Sie hielt sich so gerade, daß sie in ihren schwarzen Gewändern viel größer schien, als sie war. »Die Grünen jubeln also? Handwerker, Bürger? Ackerbauer ...?« »Sie versprechen sich, daß unter der Herrschaft eines ihrer Farbe zugetanen Kaisers der Unfug der ›Blauröcke‹, die nächtlichen Überfälle, all dies Rauben und Morden aufhören würde. Sie sagen, Hypathios habe nie, gleich anderen Patriziern, dergleichen verübt!« »Justinian auch nicht!« lächelte Theodora schnell ein grimmiges Lächeln. »Hypathios nimmt es dem Bürger in Form von Abgaben, statt mit dem Dolch an Straßenecken, wie die anderen.« Burbo zuckte die Achseln. »Daran denken sie doch nicht.« »Nein. Sie denken immer nur wie das Zugtier, geradeaus, zwischen Scheuklappen. Sprachen sie von den Steuern?« – »Ja. Sie murrten, die Stadt sei für sie schön genug und sie bedürften keiner Prachtgebäude, wenn sie kein Brot und Wasser hätten.« »So. – Und die Soldaten?« »Sie vergöttern Hypathios, der sie oft angeführt hat.« »Das hat ›er‹ nie getan«, nickte Theodora. »Und dann haben sie seit vier Monaten keinen Sold gesehen. Mehr noch, Justinian hat den alten Legionären das gewohnte Geschenk von fünf Goldstücken verweigert, mit dem sie sonst nach jedesmaliger Frist von fünf Dienstjahren beteilt worden sind. Sie sagen, er sei zugleich geiziger als Vespasian und verschwenderischer als Heliogabalus ...« Nach einer Pause fragte die Basilissa. »Und was spricht das Volk darüber, daß ich seit neun Tagen sein Bett nicht verlassen habe?« »Sie meinen: du habest wohl gute Gründe, dich nirgends sonst sicher zu fühlen.« Theodora biß sich auf die Lippen und mit einem schrägen Blick nach der Tür sagte sie heftig: »Er hat nicht zu sterben!« Sie ging einigemal auf und nieder, fast wie sonst Justinian. Plötzlich, eine Gedankenreihe abschließend, sagte sie: »Rufe Ventidius!« Burbo ging. Theodora schritt durch zwei, drei, verdunkelte Gemächer, bis sie in das Ankleidezimmer des Kaisers kam. Sie blieb vor dem von einem bronzenen Atlas getragenen Silberspiegel stehen. Sich scharf betrachtend, hob sie jäh die Hände und fuhr verwirrend in ihr in einen Lockenkranz gezwungenes Haar. Dann löste sie die oberste Hafte des Kleides, daß ein schmaler Streif der Haut sichtbar ward und das bleiche Gesicht so nah an die Spiegelscheibe haltend, daß sie vom Hauch beschlagen ward, veränderte sie den Ausdruck der Entschlossenheit in jenen sanfter Trauer. Sie senkte zwei Finger in den Weihwasserkessel, der an der Tür, die sie rückkehrend durchschritt, wie an jeder anderen in Justinians Gemächern, hing, und nachdem sie rasch das Kreuz gezogen hatte, befeuchtete sie Augenwimpern und Wangen. »Cajus Ventidius Rufus, der Kämmerer!« meldete Burbo halblaut. Der Römer sah durch zwei offene Türen hin eine Kniende am Bett des Kranken sich aufrichten und ein blasses, schmal gewordenes Antlitz blickte groß aus feuchten Augen. Langsam kam Theodora heran und als Ventidius zu Boden sank, zog sie den Kleidsaum zurück und bot ihm ihren Fuß zum Kuß. Ventidius Lippen berührten ihn, mit der Erinnerung an andere Küsse. »Ich habe dich entbieten lassen, weil mich verlangte, einen Freund zu sprechen ...«, sagte die Basilissa langsam. »Du hast keinen ergebeneren Diener!« murmelte Ventidius. »O, ich habe der Freunde so wenig, wie der Diener viele!« sagte die Kaiserin, und berauscht sah Ventidius des zurückgeneigten Halses elfenbeinernes Fleisch. »Fordere, gebiete!« sagte er. »O Ventidius, ich habe seit jeher deine Redlichkeit geschätzt!« sagte die Kaiserin und mit einem einzigen Blick ließ sie Vergangenes wieder auferstehen. Er hob, noch immer kniend, die Hände zu ihr auf, aber sie winkte ihm sogleich, sich zu erheben. Und wie von einer Kühnheit verletzt, die er trachten müsse gut zu machen, sagte sie veränderten Tones: »Kennst du den Aufenthalt der edlen Brüder Hypathios und Pompejus?« Verwirrt und reuig, antwortete Ventidius: »Dies ist kein Geheimnis, Basilissa. – Die beiden wohnen alltäglich den öffentlichen Bittprozessionen für des erlauchten Kaisers Genesung bei.« Theodora unterbrach ihn mit rascher Handbewegung. Sie lauschte. Drinnen bog sich der Arzt Jefraim über den Ächzenden. Von der Tür zurückkehrend, sagte sie hart und hochmütig: »Wir würden es zu werten wissen, wenn ein Mann den Mut besäße, die Wahrheit zu sprechen, statt uns mit Höflingslügen zu bewirten ...« Und als zersprenge der Schmerz die Maske starrer Beherrschung, fragte sie mit bebender Stimme: »Ist es wahr, daß sie schon Hypathios als Nachfolger meines Gatten nennen?« – Sie wehrte ihn ab und forderte: »Antworte, ich will die Wahrheit wissen.« »Der Kaiser ist sehr krank!« sagte er zögernd. »Die grüne Partei liebt Hypathios. und es wäre zu fürchten ...« »Wenn aber Belisar seine Truppen herbeizöge?« fragte Theodora rasch. Er schüttelte den Kopf. »Das Vandalenreich ist weit! Und auch die Truppen sind nicht immer verläßlich ...« er stockte. »Weil sie den Sold nicht ausbezahlt bekommen und Johannes von Kappadokien Kleie in ihr Mehl mischt! Ich weiß ...« Theodora wandte sich und schritt zum Fenster. »Zürnt meine Kaiserin?« murmelte Ventidius. Theodora sank abgewandt ins Knie. Ventidius sah draußen im sinkenden Dämmern den Patriarchen Vigilius den Leib Christi gegen den Palast heben, hoch über die tausendköpfige Menge hin. »Aus diesem Fenster schwenkt man das schwarze Tuch, wenn ein Kaiser stirbt?« fragte Theodora sich erhebend. »Nein, Erlauchte, der Sitte nach ist es das dritte Fenster des roten Saales!« Theodora lächelte plötzlich. »Ich zürne dir nicht, mein Freund!« gab sie erst jetzt zur Antwort. »Ich danke dir, und bitte dich, mir deine Treue zu bewahren!« – Ventidius stürzte ins Knie. »Hör mich an, Basilissa, ich ertrage dies Schweigen nicht länger. Sämtliche Söhne edler Geschlechter haben gestern unter Hypathios Vorsitz eine geheime Versammlung abgehalten und für den Fall von Justinians Ableben deinen Tod aufs Schwert beschworen. Es gab nur drei, die den Schwur verweigerten. Kallystus, der Unterfeldherr, Mundus, Anführer der Reiterei, und dein Knecht Ventidius.« »Und wie viele Männer leisteten den Schwur?« fragte Theodora, auf die Tischplatte gestützt, hochgereckt und blaß. »Neunundzwanzig.« »War Prokopius darunter?« »Basilissa!!« zögerte der Römer. »Also ja. Hm. Und auch Narses?« »Ja.« »Das ist böse!« sagte Theodora und verließ den Tisch. Ventidius rutschte ihr auf den Knien nach. »Mein Herzblut für dich!« murmelte er. Theodora sagte: »Der Kaiser wird nicht sterben, Ventidius.« Es klang wie ein Befehl. Sie sah über das Zimmer hin, als sei es erfüllt von Feinden. »Er wird gesunden! Und dann ...!« sie ballte die Faust, aber jählings kam ihr Lächeln wieder und floß über von Verheißungen ... »dann, Ventidius!« Sie rührte an sein Haar und war entglitten, ehe er sich gefaßt hatte. 34 Es war spät in der Nacht und der Arzt wich seit Stunden nicht vom Bette des Kaisers. Wie früher der Molosser, so kauerte nun Burbo zu Theodoras Füßen, die in ihren Mantel gehüllt, frierend, schlummerlos und reglos verharrte. Plötzlich ging ein Schauder durch ihre Glieder. – »Entsinnst du dich des Negers, der Fulvias Zutreiber war?« fragte sie sehr leise. »In der Hafengasse? Der starb genau so, genau so!« »Was soll aus uns werden?« jammerte Burbo, das Antlitz an ihr Knie gepreßt. Theodora zuckte die Schultern. »Was kann aus einer lebenden Kaiserin werden? Eine tote Kaiserin höchstenfalls.« Das Röcheln und Gurgeln ward lauter und der Kranke begann den steifgehaltenen Arm bald auf den Kopfpolster, bald auf die Decke zu werfen – unaufhörlich hinauf und hinunter. »Wie lange kann er noch leben?« fragte Theodora, wie hingezogen zum Bett tretend. Der Arzt sah sie nicht an. »Zugleich mit dem Kranken erst stirbt die Hoffnung!« murmelte er. Der Molosser richtete sich knurrend auf und der Türvorhang ward zurückgeschlagen. Es gab keine Wache im heiligen Palast, die der Mutter Anastasia den Eintritt zu verwehren gewagt hätte. Sie schleppte sich an ihrem Stabe heran, mit müden Füßen. Theodora sah, wie alt dies Gesicht geworden war, seit sie es vor der weizenbestreuten Schwelle ihres Hauses zum erstenmal erblickt hatte. Ohne rechts und links zu sehen, schob sich die Äbtissin bis zum Krankenbette hin, immer den Rosenkranz durch die Finger gleiten lassend und die eingeschluckten Lippen bewegend, als bete sie. Sie hörte Justinians Ächzen und sah Theodora an, lange und schmerzlich mit dem Kopfe nickend. Dann kehrte sie ihre von vielen Nachtwachen geröteten Augen gen Himmel und ihr erstes Wort war – »Vergib uns unsere Schuld! Vergib uns unsere Schuld ...« Keiner wagte einen Atemzug. Plötzlich begann die Heilige von neuem zu reden, diesmal klar und getragen. »Es ist beschlossen im Herrn, daß Justinian nicht stirbt, so Einer Kraft und Willen hat und kämpft mit den Dämonen, im Angesicht des Herrn, der am Kreuze verblich. Aber der solches tut, muß nackt sein über des Sterbenden Nacktheit und muß neununddreißig Gebete sprechen, ohne ein Glied zu rühren und muß ihm vom eigenen Mund den Trank des Lebens zu trinken geben.« »Ich habe die Kraft und den Willen!« sagte Theodora. »Der Dämonen Schar ist groß und es mag sein, daß sie das andere Leben fordern, an des Kaisers statt. Es ist Qual zu überstehen und Furcht und Grauen.« »Ich will es tun«, wiederholte Theodora, leise schaudernd. Die Äbtissin nickte. Sie schien nun nicht mehr alt, nicht mehr gebrechlich. »Im Namen der großen Wissenschaft muß ich mich verwahren –«, begann der Arzt. »Dagegen, daß ein anderer ihn heilt als du? Geh, Jude!« befahl Theodora. Ein Kreuz ward zu Häupten des Lagers aufgerichtet und der Betthimmel entfernt. Da alle gegangen waren, begann sich Theodora zu entkleiden, während die Äbtissin von einem zum andern der im Kreise um das Lager gestellten Kohlenbecken glitt, und unter halblautem Gesang ein Pulver in die Flamme streute. Der Kaiserin Antlitz war maskenstarr und weiß, da sie das letzte Gewand von sich warf. Die Heilige gebot, auch das Haar zu lösen. Sie übergoß Theodora mit geweihtem Wasser und mit dem Öl, das heilig ist, seit Magdalena damit des Erlösers Füße salbte. »Vergib uns unsere Schuld!« murmelte Mutter Anastasia zwischen Gebeten und mit brüchiger Stimme angestimmten Gesängen. »Vergib uns unsere Schuld.« Theodoras Hand- und Fußgelenke wurden mit Kirchenbändern umwunden, in die die fünf heiligen Buchstaben gewirkt waren. Dann legte sie sich, wie in Nächten der Lust, nackt auf Justinians Nacktheit. Ihr war, als verbrenne sie an seiner Fieberglut. Der Weihrauch begann zu qualmen und stieg in sich kräuselnden Wolken rings um sie auf, atemraubend, mit einem schweren, widrig übersüß werdenden Geruch. Sie lag und preßte ihre Handfläche gegen seine Handfläche, ihre Knie gegen seine Knie, ihre Brust gegen seine keuchende, rasselnde Brust und ein kreisender roter Schwindel, eine würgende Angst kamen über sie. Sie hörte furchtbare Gebete über sich hinbrausen wie eintönigen Wasserfall, streitende, ringende, herrische Sprüche, Sprüche voller Fluch gegen Dämonen, deren kaltes Heranschleichen sie im Rücken fühlte. Eine eisige Hand ergriff sie im Nacken und sie schrie, sinnlos vor Entsetzen, auf – und es währte lange ehe sie begriff und an allen Gliedern zitternd, vom Nebel tödlich duftenden Weihrauchs umringt, von Flammen umlodert, von Dämonen umheult, die neununddreißig Gebete nachstammelte, und nach jedem Gebet mit einem Gefühl, als gäbe sie ihr eigenes Herzblut hin, Schluck um Schluck des kochend heißen, schwarzen Lebenstrankes ihm von den eigenen Lippen zu trinken gab. Theodora fühlte ihr Herz im Halse schlagen, Schweiß brach aus allen Poren und verkittete ihren Körper mit dem unter ihr, es dröhnte in ihren Schläfen, nach Atem ringend, sah sie das schmerzverzerrte Antlitz des Erlösers wie aus Nebeln tauchend über sich – und sie schrie gellend zu ihm auf, weil das Entsetzen der Hölle über ihr war ... »Theodora!« hauchte eine sehr müde Stimme an ihrer Wange. Justinians Augen sahen sie klar an, mit einem Blick unendlicher Liebe. Dann fielen die Lider zu ... »Tot!« dachte Theodora. »Decken! Um Gottes Barmherzigkeit! alles was an warmen Decken zur Hand ist! Schnell! Schnell!« schrie Jefraim. »Gott, der Gerechte, tragt doch die Kaiserin fort! Der Allergnädigste Herr geruht, den Schlaf der Gesundheit zu schlafen!« Burbo riß den leblos nackten Körper an sich und bettete ihn, während eine Last von Pelzen und Samtgeweben auf den Kranken gehäuft ward. Mutter Anastasia sah zu dem Erlöser auf, dessen Antlitz so fahl war wie das schweißbeperlte des Geretteten. »Vergib mir meine Schuld!« murmelte mit zitternden Lippen die Heilige. »Vergib mir meine Schuld!« 35 Prokopius hatte im Beisein des allgnädigsten Kaiserpaares Praxedis zum Altare geführt. Theodora selbst vertrat die Stelle der Brautmutter und küßte das süße, blasse Gesicht unter dem Myrtengewinde vor aller Augen. Die Basilissa ließ es sich auch nicht nehmen, die Braut in des Ehemanns Haus zu geleiten, denn Justinian, der kaum genesen, doch Prokop durch seine Anwesenheit ehrte, hatte gescherzt: »Leider mußt du jetzt noch dem Kaiser geben, was des Kaisers ist, ehe du deinem Weibe geben kannst, was des Weibes ist! Die Geschäfte haben sich während unserer Krankheit zu sehr gehäuft!« Justinians Blick suchte Theodora, wie immer, wenn er des Wunders seiner Errettung gedachte. Prokop verneigte sich stumm und sah sein Glück, seine Lust, seine ganze Liebe, Praxedis, geleitet von der, die er haßte, verschwinden, ohne sie selbst über die Schwelle seines Hauses heben zu dürfen. Hinter Briefschaften, Gesetzesrollen und Edikten knirschend, immer bereit, die Feder fortzuwerfen und zu ihr zu stürmen, mußte er jenes Tages gedenken, da Justinian, als er das Weib seiner Begier noch nicht geküßt hatte, seiner Arbeit genau so beherrscht oblag, wie er nun es von ihm forderte. Und Prokop beugte sich stumm über seine Papyros und schrieb. Gegen die zehnte Nachtstunde hielt Justinian plötzlich inne, und die schmale Hand über den Schreibtisch zum Kusse hinüberreichend, lächelte er: »Allzulange dürfen wir die kleine Neugierige doch nicht warten lassen.« Prokop stand mit sehr rotem Antlitz auf und während er noch die Antwort erwog: es sei denn doch ein Unterschied, ob eine Dirne vom Zirkus oder eine kleine, kaum erblühte Unschuld im Thalamos warte, legte Justinian schweigend einen fürstlichen Brautschmuck von Türkisen und Perlen vor ihn, über den Stoß von erledigten Briefrollen. 36 Es schien Prokopius, als seien die Neger noch nie so langsam getrabt, und als sollten sie niemals die Villenvorstadt erreichen. Er sah immer nur dies kleine, rosig-weiße Gesicht vor sich und die zarten, abwärtsfallenden Schultern unter der Last reicher und züchtiger Gewänder. Diese lichte Seele, diese angebetete Unschuld in der Kaiserin Nähe wissen zu müssen, war sein Schmerz gewesen. Er hob die Hände im Dunkel der Sänfte, als wolle er ihre Mädchenwangen umschließen und unbändiges Glück durchflutete sein Herz. Jetzt kam die Zeit, die ihn für eine verwaiste Kindheit, für die freudlose, ehrgeizige Jugend eines verarmten Patriziers entschädigen würde, für Entbehrungen des Feldlagers, ertragen im harten Dienste Belisars, für hündisch wedelnde Demütigungen und Tortur, die mit seiner Berufung an des jungen Kaisers Hof begonnen hatten, für einen wilden, giftigen, verheimlichten und darum selbstentwürdigenden Haß ... Praxedis! O Praxedis! Du Taube, du undurchbohrte Perle, du alles, was rein ist ...! Prokopius sprang aus der Sänfte, noch ehe die Träger sie niedergesetzt hatten. Er wäre auf der Schwelle fast gefallen, die nach Hochzeitsbrauch mit den Fruchtbarkeit bringenden Getreidekörnern bestreut war. Das Vestibulum war hell erleuchtet und alle Säulen bekränzt, wie er es befohlen hatte. Aber es war leer. Ebenso der lange Gang, durch den er lief, nach den Sklaven rufend, ohne sich aufzuhalten ... Das Triklinium strahlend erleuchtet, der Estrich mit frischem Grün bestreut, der Tisch mit den Erbbechern geschmückt – aber kein Sklave, keine Musikanten, keine Praxedis. Er dachte: »Das kommt alles daher, weil ich auf der Schwelle ausgeglitten bin ...« aber er riß an klirrenden Ringen Vorhänge um Vorhänge zurück und spähte in alle Zimmer ... Plötzlich fiel ihm ein: Praxedis habe die Sklaven entfernt, weil sie sich des ersten Alleinseins mit ihm vor Zeugen schäme, und er sah sie deutlich im letzten Gemach sitzen, nicht auf dem Brautbett, o nein, weit ab, auf einem Sessel, und noch in allem Staat des Tages, um ihn nicht wähnen zu machen, daß sie von dieser Nacht mehr als von Mädchennächten erwarte. »Praxedis, Federwölkchen, Blütenblatt! – Geliebte!« stammelte er und drückte die Klinke der Tür nieder, die zum Schlafgemach führte. Die Tür war verschlossen. »Praxedis, Süße! Ich bin es ja! Ich, dein Gatte! – Schließe auf! Ich flehe dich an, schließe auf! Praxedis, ich knie vor deiner Tür, mach auf! Ich sehne mich nach dir, Praxedis, aber wenn du dich fürchtest, so will ich wieder gehen, bis dein Seelchen ruhiger wird! Ich will so gut zu dir sein, mein Alles! Ich will Federwölkchen so in Händen halten ...« Und plötzlich sprang Prokop auf, sah wirren Blicks um sich, riß eine bronzene Statuette, die in der Ecke stand vom Postament und donnerte damit gegen die Tür. Das perlmutterbelegte Holz krachte, splitterte und stürzte ein. Der strahlend erleuchtete, rosenerfüllte Thalamos war leer. Im Augenblick, da Prokop stöhnend zurücktaumelte, legte sich eine seidene Binde um seine Augen. Die Hoffnung hauchte aus ihm: »Bist du es?« und er wollte das Tuch abreißen ... Da fühlte er die Hände nach rückwärts gerissen und umschnürt. Er öffnete den Mund zum Schrei und ein Knebel ward hineingestoßen, der ihn fast erstickte. Eine Männerstimme sagte: »Auch die Füße!« Und schon schlang sich das Seil um seine Knöchel. Er ward aufgehoben wie ein Sack und davongetragen, über die Schwelle hinaus, die mit Hochzeitsweizen bestreut war. 37 Prokopius lag wie ein Ballen am Boden einer Sänfte, deren Träger trabten und trabten. Die Gedanken surrten wie ein Schwarm aufgescheuchter Hummeln durch seinen Kopf. »Wer ist es, der mich entführt? der mich heute von meinem Glück reißt? Justinian? – Nein! Sein Morden ist der Rückensprung des Geparden, aber nicht der Stich des Skorpions! Wer hat Anteil daran, daß mir dies geschähe? Wo ist Praxedis? War sie nicht doch in dem leuchtenden, leeren Haus, oder hat sie der gleiche Feind entführt wie mich? Liebt sie vielleicht einen anderen als mich trockenen grauen Schreiber? Oder ist dies alles nur ein schlechter Hochzeitsscherz? Was wartet meiner, eine Brautnacht oder die kalte Nacht des Todes?« Die Sänfte hielt. Er versuchte sich seitlings hinauszurollen, ward aber sogleich zurückgerissen. Die Männerstimme von vorhin sagte: »Faß an!« und er ward gefaßt und getragen, erst lange über knirschende Kieswege, dann über Stufen, auf- und abwärts, durch viele Türen hin, die ein Voranschreitender mit klirrendem Schlüsselbund aufschloß. Endlich hielten seine Träger und er sank in die Seide sanfter Kissen ein. »Dem Erlöser Dank, es ist ein Brautbett und das ganze nur ein Spaß ...« dachte er aufatmend, denn er roch den Duft kostbarer Essenzen der Kissen und den Rauch von Amber. Zugleich ward das Tuch von seinen Augen entfernt. Er sah die weißen Zähne und Augäpfel eines kyklopischen Negers, der grinsend über ihn geneigt, seine Fesseln prüfte. Ein kleiner Mann, der das Mantelende mit der Linken vor das Gesicht hielt, drängte den Wehrlosen dicht zur Wand und häufte Decken um Decken über ihn. »So«, lachte der Verhüllte hinter dem Mantel. »Du dürftest im Verlauf der Nacht mit deinem Theaterplatz, ebenso wie mit dem Schauspiel zufrieden sein! – Angenehme Ruhe, Prokopius von Cäsarea.« Der Mann kicherte, der Neger grinste. Eine Tür fiel zu und alles war still. »Es ist also wirklich ein Hochzeitsspaß! Ich soll versteckt bleiben, bis Praxedis mich findet und erlöst! Welch wahnwitzige Torheit«, dachte Prokopius. Er versuchte mit aller Kraft die Fesseln zu sprengen. Aber er war nicht stark und hielt stöhnend inne, als der Riemen ins Fleisch schnitt. Auch jeder Versuch, sich vom Knebel zu befreien, schlug fehl. Und als er schreien wollte, ward kaum ein gurgelndes Röcheln hörbar. Ermattet ließ Prokop ab und spähte um sich. Das Lager war im Geviert gleich, so breit wie lang, und der Gefesselte, der unter seinen Hüllen zu ersticken meinte, nahm nur einen verschwindend schmalen Teil des Pfühles ein. Zwischen den Fransen der Purpurdecken hindurch sah Prokop in ein kostbar ausgestattetes Zimmer und über die weite Fläche des Doppellagers hin. Der Gedanke, daß er Praxedis sich entkleiden und die Kissen dicht neben ihm besteigen sehen würde, machte sein Blut sieden. »Aber wie soll ich mich ihr nur bemerkbar machen?« dachte er, »damit sie mich gleich findet?« Plötzlich hob er den Kopf. Ja, das waren Flöten. Sicherlich! Sie kamen näher und näher. Und jetzt unterschied er auch den Hymenäus, dessen Jubelklang kein christlicher Choral zu verdrängen vermochte. Stimmen schwirrten, Schritte klangen, Gewänder rauschten heran. Voller tönten die Flöten. Die Türen flogen auf. Prokops Herzschlag dröhnte. Praxedis trat ein, im vollen Brautschmuck. Sie verharrte an der Tür, tief geneigt vor einer Eintretenden, die langsam und hergewendet, den dichten Schleier zurückschlug. Es war Theodora. Sowie Prokop das Antlitz der Kaiserin erkannt hatte, brach die Gewißheit des Unheils über ihn herein. Nichts auf Erden konnte ihm größeres Entsetzen erregen als der geheime Zusammenhang zwischen ihr, die er haßte, und den Rätseln dieser Nacht. Und da war Praxedis, Praxedis ... Theodora stand inmitten des Gemaches und ließ sich von der Haushofmeisterin Eudoxia Tiara und Geschmeide abnehmen. Sie hielt, ihre Ellenbogen an den Leib schließend, die Hände mit emporgekehrten Handflächen zur Seite, und Eudoxia zog, hinter ihr stehend, Ringe um Ringe von den Fingern, um sie mit den anderen Juwelen in ein goldenes Schatzkästlein zu verschließen, das das Modell der Sofienkirche darstellte. Die zweite im Rang der Frauen nahm Stola und Mantel. Dann setzte sich Theodora, und während ihr die unzähligen Nadeln aus den steifen Locken genommen wurden, die gleich Flötenrohren einer Syrinx um ihr Antlitz hingen, kniete Praxedis nieder, um die Purpurschuhe aufzuschnüren, deren hohe Absätze mit Rubinen ausgelegt waren. »Heute befehlen wir niemand von unserem Gefolge ins Vorgemach!« lächelte die Kaiserin. »Da ja unsere kleine Praxedis bei uns weilt, mögen meine Frauen sich Ruhe gönnen!« Und mit anderem, herrischem Ton, wohl den Sklavinnen geltend, fragte die Basilissa: »Ist die Schlafbank für die Gemahlin des edlen Prokop bereitet?« »Du sagst es, Allgnädige!« murmelte eine Stimme. Theodora stand auf. Sie hatte noch keinen einzigen Blick zum Lager hergeworfen. Eudoxia streifte das wie einen Ring über der Kaiserin Haupt gehaltene Nachtkleid über ihre Schultern, während Praxedis gebückt das gelöste, entgleitende Unterkleid unter dessen Saum hervorzog. Im nächsten Augenblick sah der Gefesselte alle Anwesenden gleichsam versinken. Die Kaiserin sprach leise und klar ihr Abendgebet. Sich erhebend bekreuzte sich Theodora dreimal vor dem Kruzifix. »Laß die Leuchten, Base Eudoxia! Praxedis wird sie verlöschen. Ihr seid entlassen!« Die Verneigungen der Rückwärtsschreitenden wiederholten sich zu dreien Malen. Dann klappte eine Tür. Prokops Herz schlug. Und jetzt? Plötzlich fühlte er ein leises Zittern des Bettgestelles, und er sah, so nahe neben sich, daß sein Arm sie hätte erreichen mögen, die Kaiserin Theodora liegen. »Komm zu mir, du kleine Braut! Ach, wie steht sie traurig da! Komm doch zu mir.« Praxedis kam und kniete. »Bist du dem Kaiser sehr böse, daß er just heute deines Gatten Dienste fordert? Leg die schwere Brautkrone ab, sie muß dich drücken! Warte, hier hängt noch eine welke Myrte im Haar. Nun, nun, nicht weinen! Schlafen wir schnell, damit der Morgen früher da ist, – und mit ihm dein Liebster. Ach, reich mir, bitte, doch noch das Buch vom Betpult ... Nein, nicht dieses, jenes mit dem Elfenbeindeckel ...« »Das hier, die Sprüche Salomonis?« fragte eine verweinte Stimme. »Ja, mein Engel. So. Gute Nacht.« Die Kaiserin neigte sich vor und hauchte dem Mädchen einen Kuß aufs Haar. In der Stille, die vom knisternden Rieseln abgetaner Gewänder und vom Umschlagen schwerer Pergamentblätter erfüllt war, marterte Prokops Hirn sich mit der Frage, zu welchem Teufelsende Theodora dies, sein nächtliches Festgehaltensein bei Justinian, erfunden habe ...? »Ich bin zu müde ...« Die Kaiserin gähnte laut. »Nimm das fort!« Prokop sah Praxedis, als sie das schwere Buch aufnahm. Die knielangen, schweren, schwarzen Zöpfe hingen ihr, nach vorn geschlagen, über die Brust. Das enge Unterkleid von blasser Seide zeigte in rundem Ausschnitt Hals und Schultern, und da sie sich neigte, stand es, von einer Goldborte gesteift, ein wenig ab. Ein wütender Schmerz durchrann Prokop, als er daran dachte, daß er fast zweier ganzer Jahre Frist hindurch davon geträumt hatte, in der Hochzeitsnacht Hülle um Hülle von ihr sinken zu machen, wie die Kelchblätter von einer jungen Rose, bis er ihre zarten, leicht abfallenden Schultern küssen würde ... »Ich danke dir! Nein, bitte, laß brennen. Gute Nacht!« Praxedis entglitt, während Theodora sich tief und wohlig in die Kissen schmiegte. Eine lange, lange Weile war nichts zu hören, als das Knistern der Flamme. Prokop versuchte Lärm zu erregen, indem er sich hin und wieder wälzte. Im gleichen Augenblick hustete die Kaiserin. Er versuchte zu stöhnen, aber er brachte hinter Knebel und Decken nur ein tierisches Gurgeln hervor. »Der Molosser hat sich wieder eingeschlichen! Ach laß! Er liegt ganz still unter dem Bett. Er tut nichts! Schlaf nur, Herz. Vielleicht kommen süßere Träume als du denkst!« sagte Theodora. Bei diesem Wort ward es Prokop ganz frei und leicht zu Mute. Es war klar, daß Theodora Qual und Hohn vor sein Glück gestellt hatte, wie sie es liebte. Aber wenn es ihr genug erschiene, würde sie Praxedis mit ihm auf diesem Lager vereinen. Es galt nur zu warten. Da klang es wieder. »Du wirst doch nicht wirklich die ganze Nacht in Kleidern bleiben wollen?« Praxedis flüsterte unverständlich. »Wie sagst du? Dies enge Kleid des Nachts schadet der Gesundheit. Leg nur das Nachtgewand an. Ach Gott, wie sie sich schämt! Wir sind doch beide Frauen, Praxedis! Ja, wenn Prokop dich so sähe! Was für hübsche Arme sie hat! Schlaf nicht mit geflochtenen Zöpfen, man flicht Dämonen mit ein, geht die Sage. Komm her, ich helfe dir!« »Aber es verwirrt sich so leicht ...« sagte Praxedis zögernd. Der Gebundene sah eine fremde Frau, eine fremde Schönheit nah vor sich, sah weiche Mädchenarme aus rückfallenden Ärmeln sich heben, sah zarte Brüste unter dünnem Stoff atmen, sah unbändige, großwellige Haarmengen sich ergießen, alles unbekannt, alles erträumt, alles, wie durch Diebstahl am eigenen Gut, entweiht. Dies Gesichtchen war nun in der Umrahmung vielen Haares und ohne die kalte Würde von Schmuck und Tracht so hinschmelzend wehrlos, daß ihn jäh eine versengende, verzehrende, verzweifelte Mannessehnsucht nach ihr ergriff. »Schönes Haar!« lobte die Kaiserin und ihre Hände tauchten wie weiße Sturmvögel in die schwarze Flut. »Das ist, was ich am meisten bei Frauen liebe. Vielleicht weil mein eigenes Haar kurz ist! Wie gut du duftest! Für die Hochzeitsnacht gesalbt! Nicht weinen, Kleines, nicht weinen! Komm, leg deinen Kopf her, so! Du weißt, daß ich dich lieb habe, weißt du das, süße, kleine, rehäugige Praxedis? Welch schöne Schultern das Kind hat! Du hättest zum Kaiser gehen sollen, und dir Prokop für die Freuden dieser Nacht von ihm erbitten! Männer haben Verständnis für solche Dinge!« Praxedis fuhr aus Theodoras Armen empor. »Niemals!« rief sie bestimmt und laut unter ihren Tränen. »Pst! Still! Die da draußen müssen nicht wissen, daß wir noch plaudern! Ach, wie du frierst! Du zitterst ja vor Kälte! Geh schlafen! – Oder ..., weißt du was? Ich kann dich auf dieser schmalen Bettstatt nicht länger deine schönen Glieder verrenken sehen. Hol dir deine Decke herüber. Dies Bett wäre breit genug für uns, selbst wenn drei da lägen!« Im gleichen Augenblick begriff Prokop und zerrte an seinen Banden, um aufzuspringen und das Weib mit dem goldenen Leuchter zu erschlagen. Aber er war nichts als ein umschnürter Ballen ohnmächtigen Fleisches, und sein Herz bereitete sich zitternd kommender Tortur. »So, nun liegst du doch diese Nacht nicht allein. Aber du hast dir wohl anderes geträumt. Sag, du Süße, Stumme, die nichts kann als weinen. Hast du viel geträumt von dieser Nacht?« Prokop sah über alle Blütenbäume seines Paradieses haarige Raupen kriechen. »Nun? Weißt du nicht, daß man antworten muß, wenn die Basilissa fragt? Fast wie im Beichtstuhl. Nun, Federwölkchen? (woher hat sie nur auch dies? Dieser Dämon!) wie hast du es dir ausgemalt?« »Ich weiß nicht!« stammelte Praxedis. »Hast du gedacht, daß er unhörbar kommen würde, so leise wie das Glück, und alle Hüllen von dir schmeicheln, bis er dich nackt schaut, dich, die er nur verhüllt kennt, wie eine Heilige? Hast du gedacht, daß er die schwarze Schwere deiner Locken sich übers Antlitz werfen wird, wie ein Bahrtuch, darunter zu sterben vor Sehnsucht und wieder aufzuerstehen? Hast du gedacht, daß er, so! mit den Fingerspitzen nur, die Seide von deinen Brüsten abstreifen wird, und die tief atmenden, so, mit sanften Händen einfangen wird wie weiße, scheue Tierlein und sie küssen, so! so! so! Und das schwellende Fleisch vor dem Armansatz und den Nacken über die schauernd emporgezuckte Schulter hin, und mit seinen Händen von deinem hingeschmolzenen Leib Besitz ergreifen wird und mit seinen durstigen Lippen Besitz von den deinen? Hast du dies geträumt – und dies – und dies? Du bist schön und mich verlangt nach dir, Praxedis!« Er sah die stillen Mädchenaugen verglast vor Lust, den schmalen Mund feucht von verwerflichen Küssen, die verschlossenen Glieder des letzten Geheimnisses beraubt, das sie seinem Manntum noch zu schenken hatten. Es gab keine Praxedis mehr. Endlich schliefen die beiden. Er wachte. Gegen Morgen schob die Wand sich lautlos auf und zwei Arme trugen ihn hinweg. 38 Prokop ward aus der Sänfte gehoben und erkannte seinen Garten. Der Neger legte ihn mitten auf den Kiesweg nieder und Burbo, der es nun nicht mehr der Mühe wert fand, sich zu verhüllen, bückte sich über seine Fesseln. »Ich habe dir eine Botschaft zu bestellen, – Sehrwürdiger!« lachte er höhnisch. Er begann unbetont herzuplappern, als sage er ein auswendig gelerntes Gedicht auf. »Alles dieses, läßt dir Theodora, die Herrin von Byzanz, sagen, geschah um der Rache willen, die süß ist, und um der Taten willen, die töricht waren. Zum ersten: Die Sittenpredigt eines Narren, der sich ungefragt in die Angelegenheiten der kleinen Mimikerin Theodora vom Zirkus Konstantinus mengte. Zum zweiten: Das ungebührliche Verhalten eines Narren, als er zu der einsamen Siedlerin Theodora kam, sie zum Kaiser zu laden! Zum dritten: Der Schwur eines Narren, die Kaiserin Theodora zu ermorden, sowie sie Witwe würde. Wir haben unsere Rechnung auf unsere Weise ausgeglichen. Hüte dich des ferneren uns zu deiner Gläubigerin zu machen, Prokopius von Cäsarea. So!« sagte er. »Ich habe die Riemen halb durchschnitten, du dürftest so viel Zeit brauchen, sie gänzlich zu sprengen, wie wir, uns davonzumachen!« Als Prokop endlich befreit, schwankend, die Hände und Füße abgestorben, ins Haus trat, das noch immer leer und weihrauchduftend war wie eine Kirche, sah er die erbrochene Tür des Thalamos entfernt. Und er sah Praxedis schlafend und still auf den breiten Polstern. Er schlug sie, bis er in heulendem Weinen zusammenbrach. Als er sich am nächsten Tag zu Justinians Dienst meldete, sah ihn der Basileus groß an und wandte sich ab. Prokopius hatte ein neues Gesicht. Das hämische, heimtückische, bittere Antlitz eines bösen, alten Mannes. 39 Als der Feldherr Belisar die Stufen des Hippodroms hinabschritt, um in seine Sänfte zu steigen, in diese schmucklose, auf vielen Kriegszügen beschädigte Sänfte, die jedes Kind zu Byzanz kannte, hielt just des Narses Läufer vor dem Zirkus und der vergoldete Tragstuhl des kaiserlichen Schatzmeisters ward zu Boden gesetzt. Belisar stand still und sah schmunzelnd zu, wie des Narses gebrechlicher Körper unter vielen Zeremonien herausgehoben ward. »Segne der Herr Jesus Christus die Tage deiner Herrlichkeit!« rief der Feldherr und verneigte sich. »Möge Maria, die Gottesgebärerin, die deinen erhellen!« erwiderte Narses. »Sieh, o sieh! Der Vandalenbezwinger! Ein wenig Lorbeer pflücken zu Byzanz, – wie?« »Dessen hab ich zu Afrika schon genug gepflückt, mein Teuerer!« schmunzelte Belisar. Er stand, die Hand am Bart, groß, stark, breitbrüstig auf der Treppe und sah auf den Schatzmeister hinab, der nur Kopf schien, ein mächtiger, gebuckelter Schädel mit durchdringenden, zwinkernden Augen, einer schiefhöckerigen Satyrnase und einem wunderschönen, traurigen Jünglingsmund, der sich hinter seinem Bocksfeixen gleichsam versteckte. »Sieh nur, sieh! keine schlechte Antwort. Aber läufst du denn schon aus dem Zirkus? Oder habe ich mich so sehr verspätet?« »Ich muß nach Hause, weißt du! Antonina hat wieder ihre Kopfschmerzen, ich kann das arme Kind nicht so lange allein lassen!« Er winkte dem lächelnden Narses einen Abschiedsgruß. Die Sänfte besteigend, um die sich versammelt hatte, was nur an schmutzstarrender, melonenessender Zirkusjugend zur Stelle war, rief Belisar zurück: »Da drinnen im Zirkus gehts heute lebhaft zu.« Narses wandte sich. Er hob sein enges Gewand so hoch, daß man sah, wie die kostbaren, hohen Stiefel um die dünnen Beinchen herum abstanden. »Gibt es etwas Neues?« fragte er. »Nur das Alte. Wenn die Blauen siegen, dann pfeifen die Grünen. Und siegt ihre liebe Farbe, dann heulen sie wie wilde Bestien!« »Das sind wir doch gewöhnt. Leider!« sagte Narses. »Ja, aber wie heute war es noch nie! Als vorhin, beim zwanzigsten Rennen der äußerste Wagenlenker stürzte, gröhlte einer: ›Nieder mit allen Blauen!‹ Ich bat den Basileus, den Mann nur ein wenig mein Schwert kosten lassen zu dürfen. Aber der Erlauchte läßt Silber unter sie streuen und sie murren, während sie sich drum raufen!« »Ja, sie sind unzufrieden!« grinste Narses. »Unter Kaiser Justinus, dem der Herr die ewige Seligkeit spenden möge ...« »Amen!« – warf Belisar ein – »unter dem waren es noch Goldstücke!« »Wäre ich Justinian, ich verteilte Hiebe statt der Münzen! Leb wohl, o Narses!« »Küsse Antonina den Saum des Ärmels für mich und die weißen Fingerspitzen darunter. Und wenn du den Rat eines Wohlgewogenen beachten willst: Tritt nicht ins Schlafgemach deiner Frau, ohne vorher anzuklopfen, wenn sie es vorzieht, Kopfschmerzen zu haben!« Das Lachen Belisars hallte und er winkte zurück, bis die Träger um die Ecke bogen. 40 Als Narses die von Wachen abgesperrte Treppe zur kaiserlichen Tribüne hinaufstieg, hörte er die Rufe, die in einem einzigen dumpfen Dröhnen laut wurden. »Sie scheinen sich heute drin zu vergnügen, unsere Herzchen!« sagte Narses zu Clotar, der an der Tür stand. Der Gallier war mohnrot vor Grimm. »Die Löwen loslassen! Das einzige Mittel wäre: Die Löwen loslassen!« und er hob unwirsch den bronzenen Türhebel vor Narses. Als die Tür sich öffnete, scholl durchdringendes Trompetengeschmetter heraus. Eine einzige, helle, weitreichende Stimme, überscholl den langsam verebbenden Lärm. »So geht es schon zum drittenmal. Der Kaiser schickt den Herold mit Zuckerplätzchen hinaus, und sie antworten mit Gebrüll!« Der Gallier grüßte unwirsch, da Narses die Schwelle überschritt. Niemand achtete des Eintretenden. An der teppichüberhangenen Brüstung saß Justinian. Narses sah sein blasses Profil mit gesenkten Lidern und unverrückbarem Lächeln. Auf etwas niedrigerem Sitz thronte Theodora, steif, aufrecht, in ihren juwelenstarrenden Gewändern. Unter dem Schleier blitzten ihre Augen. Das weite, gelbe Kiesrund der Arena glitzerte in der bleichen Januarsonne. Mitten darin stand in seinem schreienden Rot der kaiserliche Herold und sprach. Von drei Seiten umbrandete ihn eine feindliche, lauernde Menge. »Unsere Göttlichkeit gebietet dir, o getreues Volk von Byzanz, unsere und unserer von Gott gesandten Gemahlin Gegenwart nicht ferner durch unwürdiges Betragen zu entweihen. Wir, Kaiser Justinianus, haben diese Wettspiele veranstaltet, um unsere, durch ein himmlisches Wunder bewirkte Genesung mit unseren getreuen und geliebten Untertanen zu feiern, ganz gleich, welche Farbe sie tragen! Wir geben hiemit Befehl zum zweiundzwanzigsten Rennen!« Der Knabe verneigte sich erst gegen den Kaiser, dann gegen die Zuschauer und verschwand. Unter Tubaschall donnerten die Wagen in die Arena. »Ich habe das Gefühl, als zöge ein Gewitter herauf!« sprach Narses vorgeneigt dem Prinzen Hypathios ins Ohr. »Es ist eine schöne Sache um das liebe Volk! Sieht Deine Herrlichkeit, den Kerl da drüben ... Eins, zwei – die vierte Bank, links! Er feilscht eben mit dem Apfelsinenverkäufer. Meinen Glückwunsch dem, der mit diesen Fäusten Bekanntschaft schließt.« Hypathios wandte sein sonnverbranntes Antlitz. »Ich wollte, ich hätte solcher Fäuste ein paar Tausend in Persien.« – Ventidius kam herzu, erregt und hastig. Er mußte fast schreien, um das Getöse zu übertönen. »Man sollte die Kaiserin fortbringen!« sagte er unruhig. »Warum denn?« grinste Narses. »Sie ist die Luft hier gewöhnt!« »Die Blauen! Wieder die Blauen!« sagte Johannes von Kappadokien, der halberhoben über der Brüstung lehnte. »Das kann bös werden!« meinte Narses. »Aber vielleicht macht Cajus doch noch das Rennen, er hält scharf mit!« »Du wünschest den Sieg der Grünen? Ei! Narses!« kopfschüttelte Pompejus. »O – O! Jetzt!« Plötzlich brach ein Getöse aus, so gellend, daß Narses die Hände an die Ohren legte. »Die Blauen! Wieder die Blauen! Das ist Schwindel! Pfui! Wir Grünen sind nichts mehr. Dreck sind wir! – Hunger! – Brot! – Wasser! – Hunger ...« Der Kaiser wandte langsam sein unbewegtes Gesicht und tauschte einen Blick mit Theodora. »Wie das schreit! Und dieser Duft!« sagte Narses und verbarg hinter dem aufgerafften Mantelende ein krampfhaftes Zittern seiner Lippen. Der Sieger verneigte sich in der Arena und empfing vom Spielleiter den kaiserlichen Preis. Es flogen Apfelsinenschalen nach ihm und man zischte. Justinian wandte den Kopf und befahl: »Beifall!« Er schlug selbst mit der rechten auf die linke Handfläche, als schlüge er mitten in eines der schreienden Gesichter. In den taktmäßigen Beifall der Patrizier scholl Zischen, als ströme ein wildes Tier seinen Geifer aus. In einem das Auge ermüdenden Flimmern schwenkten farbige Tücher auf- und abwärts. Pfiffe durchsägten die Luft, Hände streckten sich empor. Bis zu den obersten Reihen, wo sie nicht größer als Puppen schienen, standen Männer auf den Bänken und schrien. »Wir wollen keine Spiele, wo nur die Reichen siegen! Gerechtigkeit! Justinian! Wir wollen Brot! – Keine Kriege! – Ruhe! Ruhe da! – Allgnädiger, erbarm dich unser! Wir sind arm, verfolgt sind wir, wir hungern! Wir können nicht über die Gasse gehen, ohne beraubt und gemordet zu werden!« »Sie haben ja recht!« sagte Hypathios laut, hinter Justinians Stuhl. Clotar drängte sich vor und senkte das Schwert vor dem Basileus. Justinian nickte und der Oberste der Leibwache verschwand. Einen Augenblick später durchdonnerte Clotars Stimme das Hypodrom wie ein Heerhorn. »Seid ihr hergekommen, um das Rennen zu sehen oder den Kaiser zu beleidigen? Wollt ihr wohl Ruhe halten, ihr Ketzer, ihr Samaritaner, ihr Manichäer? Oder wir wollen euch Zucht lehren vor des Basileus und der Basilissa göttlicher Gegenwart!« Ein Granatapfel flog zu seinen Füßen nieder und bespritzte ihn von oben bis unten, wie mit Blut. »Ein böses Omen!« murmelte Theodora und führte ihr Amethystkreuz unter dem Schleier an den Mund. Oben auf einer der nächsten Bänke stand jener Riese, der Narses' Aufmerksamkeit erregt hatte. Er schwang einen ungeheueren Schmiedehammer und schrie: »Ich pfeife auf seine Gegenwart! Ich pfeife auf seine Zirkushure! Da drunten haben wir sie alle nackt gesehen! Byzantiner, glaubt mir: Nicht die Blauen sind schuldig! Die Tyrannen sind schuldig! – Callopodius! Johannes von Kappadokien!« Er ward von Soldaten gefaßt, die ihn von der Bank zu zerren bemüht waren. Aber er schüttelte sie ab, wie ein Bär die Rüden und sie wichen vor dem Hammer zurück. »Nieder mit Callopodius! Nieder mit Johannes von Kappadokien!« brüllte er, umdrängt von einem Haufen von Männern, gegen deren Drohen die Wache nicht die Schwerter zu gebrauchen wagte. Schreie brachen los, ein Gellen, als öffne sich der Hölle Abgrund. Fäuste drohten, Münder klafften schwarz in tausend Gesichtern. »Nieder mit Callopodius! Nieder mit Johannes! Fluch unseren Henkern! – Fluch dir, Metzger von Byzanz! Bluttrinker! Steuererpresser! Fluch deinem Vater Sablatios, der dich gezeugt hat! – Hunger! Hunger! – Gerechtigkeit! Es gibt keine Gerechtigkeit bei Justinian! Wehe, wehe – ihr erdrückt mich! – Mutter, Mutter – sie töten mich! – Nieder Justinian, nieder die Metze Theodora!« Justinian erhob sich langsam, beide Hände auf die Balustrade stützend. Er war totenbleich. Mit halbgeschlossenen Augen sah er um sich und die himmelansteigenden Bänke hinan. Er feuchtete die Lippen, holte Atem und rief, hoch, klar, tragend, über die Menge hinweg. »Byzantiner! Verachtet ihr denn euer Leben?« »Nieder Justinian! Nieder Theodora! Reißt ihr die Kleider ab! Sie soll tanzen! Nackt soll sie tanzen! Nieder Theodora!« Clotar schrie: »Ein Hundsfott, der das hören kann!« Ein Wald von Schwertern stand auf um Kaiser und Kaiserin. »Es lebe Theodora!« schrie Ventidius und schwang sich über die Brüstung hinab, in die gekeilte Menge einhauend. Einer nach dem andern taten die jungen Patrizier den gleichen Sprung. Schreie des Entsetzens stiegen auf zugleich mit dem Röcheln Verwundeter. Über splitternde Balustraden und umstürzende Bänke, über Sterbende, Niedergetretene, Greise, Kinder hinweg, begannen Flucht und Verfolgung nach den engen Ausgängen hin, wo das Morden begann. »Du gedenkst dich doch nicht noch hier zu verweilen, mein geliebter Vetter?« fragte Justinian lächelnd, nah vor Hypathios braunem Soldatenantlitz. »Ich wünsche – bis morgen sich der Aufruhr legt – dich im Palast gesichert zu wissen! Meine eigene Wache wird den Schutzdienst versehen!« Hypathios sah von Justinians Gesicht fort nach den Wachen ringsum. Er begriff. »Hören ist dem Soldaten Gehorsam!« sagte er und ging, die Gastfreundschaft anzunehmen, die Gefangenschaft war. 41 Die Toten und Schwerverwundeten waren in eine nahe Taverne geschafft worden, in der Zirkusdiener und Tierwärter heimisch waren. Die zuerst angelangten der armen Körper hatte man auf die rasch zusammengerückten Tische gelegt, deren hanfene, beschmutzte Tücher sich langsam rot färbten. Dann aber wurden es der Leichname zu viele. Man warf sie auf den nie gewaschenen, bespuckten Bretterboden und die stichelhaarigen, wolfsgleichen Straßenhunde schlapperten, scheu geduckt und immer wieder vertrieben, das in Lachen sich sammelnde Blut auf. Die bösen Nachrichten waren von den aus dem Zirkus Flüchtenden sogleich in allen Teilen der Stadt verbreitet worden. Die Straßen waren erfüllt von Gruppen Klagender und Anklagender, Neugieriger und Schwätzer. Die Gasse selbst, in der jene Taverne lag, war so von Menschen erfüllt, daß keine Sänfte sich hindurch zu zwängen vermochte. Und Mal um Mal ging Gemurmel durch die Menge, wenn eine verstörte Frau, die schreienden Kinder an der Hand, oder ein schluchzendes Mädchen in dies schreckliche Haus trat, über dessen Zugang Kies und rot sich feuchtende Hobelspäne geschüttet waren wie über den Boden einer Arena. Im verwahrlosten Gärtchen der Schenke saßen um einen schönen, alten Marmorsarkophag, den man mittelst darüber gelegter Bretter zum Schenktisch gemacht hatte, drei Männer vor dem Süßen der Rachel. Ab und zu stand einer der schweigsamen Zecher auf, ein alter Mann mit grünem Schurzfell und langem Apostelbart, und ging vorsichtig, als gelte es, einen Schlafenden nicht zu stören, zum Hause, um durch die Fensterluke zu spähen. Er hielt linkisch die langen Arme von sich ab und kam auf den Zehenspitzen zurück über den knirschenden Kies. »Noch immer?« fragte dann der junge Zimmermann, mit dem Tuch um die Stirne, und die Antwort des Alten war ein Nicken. Noch immer kniete drinnen der Nachbar Schneider vor der Leiche seines einzigen Kindes, des elfjährigen Knaben, den sie zertrampelt hatten. Der Schmied Barcas legte die Kyklopenfaust auf den Tisch. »Aber gegeben haben wir's ihnen!« »Alles zu wenig für die, die drin liegen!« sagte die schwarze Rachel, die kam, um nachzusehen, ob die Becher leer seien. Sie war alt und häßlich, von schlaffem Fett umzittert, mit Brüsten, die schwappten wie fast geleerte Weinschläuche. »Alle sollte man sie erschlagen, die Bestien, die Hunde! Saugen einem das Geld aus mit Steuern, die Kinder schleppen sie einem weg in den Krieg und glauben, der Herrgott verzeiht's schon, wenn sie ihm nur mit goldenen Kirchkreuzen die Augen ausstechen. Die Pest über sie und die Fäulnis und das zollweise Sterben!« Der Mönch Petros legte lächelnd seine schwarzen Zahnstummel bloß. »Ich sage dir, meine Tochter: Aufstehen wird das zertretene Volk wider seine Peiniger, zerschmettern wird es den Tyrannen und die Metze, die Umgang pflegt mit dem Meister der Hölle!« Der Schmied hieb auf die Tischbohlen, daß sie knackten. »Gegeben haben wir's ihnen!« sagte er und sein riesiges Antlitz schmolz in breitem Lachen. Noemi, die Tochter der Wirtin, stand plötzlich hinter dem jungen Zimmermann, ohne daß einer sie kommen gehört hätte. Sie bog seinen Kopf fast bis an ihre Schulter zurück und begann seine blutige Binde zu lösen, während ihr ein reines, gefaltetes Tuch vom Arm hing. Aber als er nach ihr haschte, entwich sie sogleich, um erst wiederzukehren, da er stille zu halten versprach. – »Wenn ich zu reden hätte, – die ließ ich zu allererst hängen, die Theodora!« schalt Rachel weiter. »Noch ärger sind die Steuern geworden, seit er ihr die Bäder baut und die Lusthäuser. Gebührt das, frage ich, einer Zirkusdirne, die keine ehrbare Frau mit der Ofenschaufel hätte anrühren mögen?« »Aber sie ist so schön! Warum sollte der Kaiser sie nicht lieben, wenn sie so schön ist?« sagte Noemi. Sie schloß sehr verwirrt und ballte das blutige Tuch hin und her in ihren braunen Händen. Sie war fünfzehnjährig, hoch, voll und biegsam zugleich, mit langen schwarzen Zöpfen und großen, langbewimperten Augen. Der feuchtdunkle Blick war schwer von den Träumen, die die heißen, stillen Nächte brachten. »Willst du wohl die Becher spülen gehen, du Schlumpe? Was stehst du da herum, wo du nicht hingehörst? Außer Rand und Band ist sie, seit sie den Bruder Ruben in den Krieg geschleppt haben! – Wirst du hineingehen?« »Ich habe Angst!« schauderte Noemi. »Es ist so furchtbar drinnen bei all den Toten! Die Frauen schreien, die Verletzten stöhnen, einem ist der Leib aufgeplatzt, und die Gedärme quellen hervor ...! Und die Fliegen, die man nicht wegjagen kann ... Und die Hunde!« »Was geht es dich an, wenn sie sich die Köpfe einschlagen? Du schau aufs Geschäft! Vielleicht ist wieder einer Frau übel und sie wollen Wein! Mach, daß du ins Haus kommst!« Der Sattler mit dem Apostelbart murmelte: »Es ist ja doch viel für so ein Kind!« »Horch!« sagte der Mönch Petros, sein geschorenes Haupt auf langem, nacktem Halse vorstoßend wie ein Raubvogel. Von der Straße her schollen die hellen, wilden, in Abständen wiederholten Rufe einer Tuba. Das dumpfe Kollern der Kalbfellpauke mischte sich darein. »Arme Sünder! Gott schenke ihnen das ewige Himmelreich. Amen,« sagte der Sattler und faltete die stillen Hände. »Ach was, geschieht ihnen recht! Arbeiten wollen sie nicht, sollen sie hängen! Unsereinem wird der Prozeß gemacht, wenn man den Wein um einen Dreier höher anschreibt!« zeterte Rachel. »Die Menge sperrt den Weg,« grinste Petros. »Hört ihr?« Geheul und Pfiffe mischten sich ins Tubageschmetter. »Nieder mit der Gewaltherrschaft!« brüllte Barcas und hieb auf den Tisch ein. Der junge Zimmermann hatte gelenkig das morsche Gitterwerk erklommen, an dem der alte Efeu sich die Mauer hinaufschlängelte. Er saß oben und lachte. »Straßenkampf und Tumult! O, die Weiber kratzen der Wache die Augen aus! Komm herauf, Noemi!« Noemi lachte: »Das muß ich sehen!« und kletterte empor zu seiner dargereichten Hand. Ihr Rock verfing sich in den Ranken, ein schlankes, nacktes Bein ward bloß, und sie riß errötend das Gewand zurecht. Der Zimmermann drückte sie fester als sonst an sich, da sie vor ihm auf der Mauer saß. »Wirst du herunter gehen? Augenblicklich! Noemi! Gott hat mich geschlagen mit dir! Wenn Ruben dich so sehen könnte!« »Bist du auch aufmerksam genug, Rachel? Die beiden da oben scheinen recht befreundet!« raunte Petros hinter der Wirtin, den Blick auf Noemis Beine geheftet. »Noemi!« schrie Rachel. »Es sind sieben!« lachte der Zimmermann oben. »Sieben! Und sie wollen sie zum Richtplatz führen, fünf Grüne und zwei Blaue!« »Ein Weib hat dem Söldner mit einer Riesenzwiebel den Helm abgeschlagen, Mutter!!!« jubelte das Mädchen. »Herunter da! Wirst du herunter kommen? Hörst du nicht, wenn ich rede?« Der Zimmermann sprang in einem Satz herab und, indem er Noemi half, sagte er erregt: »Petros! Ich denke, es geht los! Sie ballen sich in Klumpen zusammen um die Wache! Es sind bloße Schwerter dabei! Auf und hinaus, Barcas!« – »Haltet Maß, um Christi willen, ich bitt euch!« warnte der alte Sattler, als die Männer hastig ihre Münzen auf den Tisch warfen und stehend die Neige leerten. Sie liefen am Haus vorbei zur Gartenpforte. Als sie die Straße erreichten, sahen sie die umdrängten Soldaten, mit gezogenen Schwertern die sieben Verbrecher einschließen. Eine Megäre, die blindwütig mit den Fäusten auf einen der Soldaten eingeschlagen hatte, ward keifend und fluchend fortgeführt. Von irgendwoher flogen Steine. Der Anführer der Wache, ein narbiger, brauner Mann, mit den silbernen Zeichen zweier Feldzüge auf der Brust, streckte seine Lanze nach der Schenke aus und rief: »Habt ihr heute Abend mit denen da drinnen noch nicht genug?« – Die Menge wich ein wenig zurück und es schien, als solle nun Ordnung herrschen. Der Zug der Wachen setzte sich in Bewegung, gefolgt von einer Schar Abenteuerlustiger und müßig Neugieriger, die entschlossen schienen, der Hinrichtung beizuwohnen. 42 Der Richtplatz war erfüllt von Menschen. Ein weißgewandeter Priester gab den Verurteilten die Absolution. Ihrer sechs waren ärmliche Gestalten, magere Pferdediebe, Falschspieler und Langfinger. Nur der Letzte war ein Riese an Gestalt, fast so groß wie Barcas, aber schön und ebenmäßig gebaut. Früher ein vielgerühmter Ringer der blauen Partei, war er um seiner Wildheit wie um seiner Kraft willen gefürchtet und hatte sich das Halsband von Hanf durch manchen Mord verdient. Schon einmal vom Schwert der Gerechtigkeit ereilt, hatte Molos seine linke Hand lassen müssen, und der kaum vernarbte Stumpf ward scheußlich sichtbar, als ihm wie allen anderen Verurteilten der Oberkörper entblößt wurde. Die ersten fünf hatten ihre Luftreise vollbracht und die Menge beschränkte sich auf ihre gewohnten Späße. Nun trieb der Henker die letzten zwei die Stufen hinauf, einen hageren, halbwüchsigen Negerjungen, der vor Angst schlotterte und den Kämpfer Molos, der, gewohnt, dem Tode ins Antlitz zu sehen, einer schönen, geschminkten Freudenbringerin Witzworte zurief. Die sehr junge Klythia, die schönste Hetäre von Byzanz, hatte ihren Freund Agathon nicht zu bestimmen vermocht, sie zur Hinrichtung zu begleiten. Sie hatte ihn schließlich einen athenischen Sykophanten gescholten, der keinen Spaß verstünde, und war ihm entlaufen, um nicht beim Ende des Ringers zu fehlen, dessen Kunst ihre Dankbarkeit durch viele gewonnene Wetten verpflichtet hatte. Ihre Kinderwangen brannten vor Lust, und sie jubelte bei jedem von Molos neuen Scherzen. Ab und zu winkte sie achtlos mit ihrer beringten Hand einem jungen Tribunen Schweigen zu, der sie im Gedränge erspäht hatte und hinter ihr stand, Versprechungen des Reichtums für die der Lust zum Tausch bietend. »Schau, es sind just noch ein Blauer und ein Grüner übrig!« jauchzte ihre helle, eifrige Stimme. Petros, sich im dichtesten Gedränge duckend, schrie, den schwarzbezahnten Mund weit offen: »Und Justinian schnürt allen beiden die Kehle zu!« Ein einziges Gelächter scholl. Auch Molos lachte, und der Henker, der ihm den Strick umlegte, lachte mit. Nur der hagere, kleine Neger schluchzte erbärmlich. Und der Lachende und der Weinende wurden gehängt. War es, daß dem heiteren Henker die Aufmerksamkeit gemangelt hatte, oder war das Gewicht des Ringers zu schwer gewesen, die Schlinge riß, und Molos hob sich unverletzt aus dem Sand. Das Volk, das es zu schätzen wußte, wenn ein Mann mit Lachen in den Tod ging, raste, als der Henker beschämt eine neue Schlinge knüpfte. Im Nu war der Holzbarren übersprungen, der Hügel erstürmt. Man schnitt den kleinen Mohren fast tot vom Galgen und während ihn eifrige Frauen ins Leben zurückriefen, zerdroschen die Männer Henker und Henkersknechte und entrissen den Soldaten ihre Waffen. Der kleine Neger verschwand, kaum zu sich gekommen, schneller im Gewühl, als ein gescheuchtes Häslein seinen Bau findet. Den einarmigen Mörder hob man auf die Schultern, um ihn im Triumph durch Byzanz zu führen. Der Tribun sah Klythia grollend nach, die, seine goldene Sänfte verschmähend, auf dünnen Schuhen neben Molos herlief, strahlenden Angesichts, mit halbgelöstem Haar, den kostbaren Besatz ihres Kleides achtlos nachschleifend, am schlanken Hals den Schmuck von Saphiren, um dessentwillen der junge Hortalus – Agathons Vorgänger – seine Ahnenbilder verkauft hatte. 43 Als der Zug, dem nun ein ewig trunkener Zymbelschläger und zwei halbwüchsige Flötenspielerinnen voraufdudelten, mit Fackeln und Gesang am Zirkus vorüberkam, stockte er jäh. Die Menge ballte sich vor dem dunkel ragenden Hippodrom, die Toten beklagend, deren Blut noch die Stufen färbte. Die Rampe der Treppe war von zwei ungeheuren marmornen Elefanten bewacht, die bei nächtlichen Spielen flammende Pechkübel auf dem Rücken zu tragen pflegten. Plötzlich loderte der Leuchtrest des einen Kübels auf, und dunkel geduckt wie eine riesige Fledermaus hockte ein Mann auf des Elefanten Nacken. Das rotzüngelnde Feuer warf wechselnden Schein auf seinen geschorenen Schädel, sein hageres Gesicht und die flatternden, schattenwerfenden Ärmel seiner Kutte. Und mit einer donnernden Kanzelstimme, die niemand diesem Männchen zugetraut hätte, überschrie Petros den weiten Platz des Hippodroms. »Brüder und Schwestern in Christo, hört mich an! Hört, ihr Bürger von Byzanz!« »Was will denn der da? Ist das ein Spion? Sicherlich ein Blauer! Aber nein, es ist ein heiliger Priester! Ruhe dort! Wir wollen hören!« »Dieser furchtbare Tag, der so viel unschuldiges Blut gefordert hat, soll nicht verderbliche Zwietracht unter euch säen! Nicht die Blauen, nicht eure Brüder sind es, wider die eure Kraft sich erheben soll und eure geknechtete Seele! – Sehet Molos, den Befreiten, den durch ein Gotteswunder der Erde Wiedergegebenen an, den ihr mit Jubel auf eure Schultern hebt, und der dem Urteil der Tyrannei überliefert war, dem Tode der Willkür! Trägt er nicht die blaue Farbe? Und doch schlägt sein Herz im Haß gegen den, der euer Feind ist, wie er der seine, wie er unser aller Feind ist!« »Hast du gehört? Das ist kein Spion! – Das ist einer von den Unsern! – Justinian meint er! – Nieder mit Justinian! – Leutschinder! – Blutaussauger! – Nächstens wird er noch die Luft besteuern! – Laßt den heiligen Vater reden, der versteht's! – Nieder Justinianus!« »Erwache! Volk von Byzanz!« schrie Petros, glühendrot im Gesicht, den schwarzen Mund weit offen wie eine Steinmaske. »Stehe auf wider Belial! Entwaffne den Sohn der Hölle! – Reichet dem Bruder die Hand und vergesset kleinen Groll in großer Bedrängnis! Seid einig, grüne und blaue Brüder, und ein goldenes Zeitalter bricht heran! Hunger und Not haben ihr Ende! Siegreich ist Hypathios heimgekehrt und führt unermeßliche Schätze der persischen Besiegten mit sich! Ihr sollt Brot erhalten, die ihr hungert, Wasser, ihr, die ihr dürstet! Hypathios verzichtet auf sein Beuteteil und gibt es an die Bedürftigen von Byzanz!« »Hoch Hypathios! – Nieder Justinian, er läßt uns hungern! – Hoch Hypathios! Wer ist denn der? – Ach, du hörst ja, der heilige Hypathios, der Brot regnen lassen wird!« »Nun, das geht ja!« sagte der junge Pompejus droben im Schatten der Zirkussäulen. »Ist deine Großmächtigkeit mit deinem armen Knecht zufrieden?« fragte Petros, nichtig, klein, mager, noch Schweißtropfen auf der Stirne. »Nur weiter so!« näselte des Hypathios Bruder. »Du weißt, wir knausern nicht. Hier nimm einstweilen! Aber was will der lange Lümmel da oben?« Molos, der Ringer, stand frei und hoch auf dem Nacken des Elefanten. Und er hob seine einzige Hand. »Hungert euch? Da drüben sind die Lagerhäuser von Byzanz! Dürstet euch? Da drüben ist das Brunnenhaus von Byzanz! – Bedürft ihr eines Führers? Hier bin ich!« 44 Die Menge, die, von Molos geführt, durch enge Straßen zog, versah sich beim nächsten Bauplatz, der prunkvollen Rhetorenschule, die Justinian aufführen ließ, mit Äxten und Spitzhacken. Diese neueroberten Waffen schwingend, jauchzten die Empörer Barcas dem Schmiede zu, der seinen Hammer mit einer mächtigen Eisenstange vertauscht hatte, die er gleich einer Keule führte. Molos trieb seine Getreuen so schnell vorwärts, daß die letzten des Zuges fast laufen mußten, und endlich als eine Art Nachhut zurückblieben. Zu dem Gedudel der kleinen Flötenmädchen und dem trunkenen Gerassel des Zymbelschlägers kam nun noch das dumpfe Kollern eines Beckens, das ein einäugiger Neger mit aller Kraft seiner Handballen knetete. Halbwüchsige Burschen tanzten mit wehenden Fackeln hinterdrein, und kreischende Hafendirnen im Verein mit verdächtigen Gesellen beendeten den Korybantenzug. Als man die Vorstadt und den weiten, nächtlichen Lagerplatz erreichte, stockten die Voranschreitenden jäh. Es brannte ein helles Feuer vor dem Kornhaus, und man sah die Wachen vor dem riesigen Tore stehen, unbeweglich, eisern, drohend. Der Anführer hatte, als er von weither den Lärm vernahm, um Verstärkung ausgesandt, und nun erwartete ein Fähnlein alter Soldaten gefaßt den Anprall. »Wer sich noch einen Schritt vorwärts wagt, ist des Todes. Bogen an! Achtung! Fertig!« scholl die Stimme des Anführers. Man sah die Fellmützen und die Schnauzbärte und zögerte. Man kannte die dakischen Soldaten. Gemurmel entstand. Einzelne warfen die Spitzhacken weg und riefen, sie empfänden keine Sehnsucht, mit dakischen Langpfeilen Bekanntschaft zu schließen. Von rückwärts her lärmten die Stimmen derer, die die Ursache des Aufenthaltes kennen lernen wollten. Petros sah um sich und wußte, daß im nächsten Augenblick alles verloren sein würde. Und er reckte sich flüsternd zu Molos auf. Der Einarmige nickte grinsend und lockerte das Messer im Gurt. »Hier im Lagerhaus sind nur Vorräte für sechs Tage. Die Ankunft ägyptischer Getreideschiffe steht bevor. Bis dahin wird Kopf für Kopf in Byzanz das gleiche Maß an Brotmehl ausgefolgt wie bisher! Wer aber jetzt sich heranwagt, der ...« Mit einem gurgelnden Stöhnen brach der Anführer der Wache zusammen. Das Messer des Einarmigen hatte mit geübter Meisterschaft gearbeitet. Die anderen Soldaten zu überwältigen war nun, da sie sich ihres Führers beraubt sahen, ein Kinderspiel. Sie lagen, von Spitzhacken zerteilt, von Schaufeln zerdroschen, von Messern zerfetzt, und die Weiber spuckten auf das zuckende Fleisch. Nun begannen die geröteten Spitzhacken auf das eisenbeschlagene Tor loszudonnern, aber die Eichenbohlen hielten gut, und die Männer standen schweißgebadet ab. Es war vergnüglicher, je zu sechs einen Dakier zu erschlagen. Da trat der Riese Barcas vor und vollbrachte jene Tat, um deretwillen die schöne Klythia ihr Molos geweihtes Herz in einem Widerstreit der Gefühle zerrissen sah. Barcas hatte sein Oberkleid abgeworfen und stand halbnackt, seinen kurzgeschorenen Stierschädel vorneigend, da. Die Muskeln lagen über seinem ganzen fettigweißen Oberleib wie verstreute, unter der Haut sich springend bewegende Hügel. Er hatte Hände wie Brotschaufeln und Oberarme, die dick wie Schenkel waren, und das Volk, das Schaustellungen der Kraft sehr liebte, hielt mitten unter den zerfleischten Toten ehrfürchtig staunend den Atem an, als des Schmiedes erste Schläge ehern gegen Erz dröhnten. Dann kam ein Krachen, ein einziger, vielstimmiger Jubelschrei, das riesige Tor knackte in allen Fugen und der Schmied hob es an den Ringen des Eisenzierats gerade auf aus den Angeln. Er trug es mit schwankenden Knien, schnaubenden Nüstern, die Stirnadern fingerdick und blau angeschwollen, acht, zehn Schritte weit, um es polternd aufs Pflaster schmettern zu lassen. Durch den leeren, weiten Torbogen brach die tobende Menge ins Kornhaus ein. 45 Der Dakier hatte wahr gesprochen. Die langen, hohen, von schwebenden Öllämpchen erleuchteten Hallen enthielten nur die bemessenen Vorräte für sechs Tage. Aber das Volk sah Kisten um Kisten voll Getreide und Säcke um Säcke voll Mehl sich bis zum Dach speichern, und es wähnte angesichts einer frevlerisch vorenthaltenen Fülle zu hungern. Die Weiber schrien, fluchten, weinten und beteten. Sie stürzten sich auf die Kisten und stopften die aufgeschürzten Röcke mit Getreide voll, während die immer größere Menge der Nachdrängenden den Torbogen verstopfte und jenen, die beladen enteilen wollten, in Spaß oder Streit die Kleider vom Leibe riß, daß das kostbare Gut nutzlos zu Boden rollte und zerstampft ward. Männer hatten sich schwere Säcke voll Mehl aufgeladen und drängten, alle Hindernden zu Boden stoßend und tretend, hinaus. Sie liefen keuchend und verfolgt nach Hause, ohne zu wissen, daß irgend jemand ihrem Sack einen klaffenden Schnitt versetzt hatte, durch den das Mehl in einem weißen Streifen auf die Straße niederrieselte. Drinnen im Lagerhaus hatten einige Besonnene Ordnung stiften wollen, da waren die Messer aufgeblitzt und schon sprang Blut aus heißen Wunden ins verschüttete Mehl, das zu einem braunen Brei ward. Ein mageres Weib, dem der Hunger aus den Augen schrie, hatte einen zweiten Ausgang, ein kleines Hintertürchen entdeckt, und war glückselig mit der Last ihres Bündels, das sie auf den Rücken gebunden hatte, eine Strecke weit gelaufen. Da hob einer den Bogen einer der ermordeten Wachen empor, zielte, und dem Weib drang der dakische Eisenpfeil zwischen die Nieren. In einer Ecke des Kornhauses saß ein langer Schneider, mit einem Packen beladen, den er zärtlich auf den Knien wiegte. Und irren Blickes, mit Nicken und Geflüster, schüttete er Handvoll um Handvoll hinter die Falten des grünen Tuches, in das seine Last gehüllt war. »Iß nur mein Täubchen; iß mein Goldfasänchen! damit du stark und groß wirst, und langlebig, mein Zuckerbübchen!« Eine Dirne, deren Sinn nicht nach Erraffen des kargen täglichen Brotes stand, da sie ergiebigeren Erwerb kannte, fragte den langen Schneider mit Neugier, was er wohl in dem stillen Packen verberge. Der Schneider schlug vorsichtig, doch bereitwillig die grünen Falten auseinander und zeigte mit zärtlichem Lächeln und Nicken der Aufschreienden den blauen, gedunsenen, unkenntlichen Leichnam seines elfjährigen Knaben, den man im Zirkus zertrampelt hatte. Die schöne Klythia kniete und wusch ihre ringfunkelnden Hände bis zu den entblößten Ellbogen im Mehl. Alle, die sie umringten, hatten weiße Haare, weiße Wimpern und Müllergewänder und bewegten sich in feinen, weißen Staubwolken. Plötzlich entstand draußen ein Gebrüll und Gejohle, als sollte die Erdscheibe untergehen. Petros, der kluge Petros, der heilige Mann, hatte ein Häuflein von Männern hinweggeführt, dorthin, wo neuer Ruhm zu holen war. Nicht das Brunnenhaus hatten sie erobert, nein, viel Besseres. Sie waren zum Hafen hinuntergeeilt, wo eine Ladung von Weinfässern des Morgens harrte, um verfrachtet zu werden und hatten – Hoch Petros! Hoch der heilige Mann! – das größte Faß bis zur nächsten Gasse gerollt, aber um es bergauf zu bringen, bedurfte es starker Fäuste. »Holla Barcas! Wo ist der starke Barcas! Laß ihn, Daphne! Er muß uns Wein bringen, viel Wein! Hoch Barcas! Molos hoch! Hoch Petros! Nieder mit Justinian! Wein her!« Das riesige Faß rollte unter dem Ächzen, Schreien, Quiecken und Keuchen der Vielen heran, die da schoben und zogen und rückten. Als der Spund herausgeschlagen war, sprang der schwarze Wein wie ein Springstrahl auf und bedeckte weit den Platz, ehe er mit Händen, Mützen, Mäulern, hölzernen Getreideschwingen und den erzenen Helmen der erschlagenen Wachen aufgefangen ward. Auf dem weiten, von neugenährtem Feuer erhellten Platz, über den noch immer zahllose, hochbebündelte Gestalten schwankten, drängte sich die singende, lachende, brüllende Menge um Faß nach Faß des schweren, süßen, griechischen Weines. Die Flötenspielerinnen hatten von neuem ihr Gedudel begonnen, und der Cymbelschläger tanzte trunken wie Marsyas. Die Tänzerin Bachis begann unruhig mit den Fingern den Takt zu schnippen. »Dies hat Theodora spielen lassen, wenn sie mimte!« murmelte sie. Und jäh aufspringend, riß sie das Kleid in Fetzen von ihrem Körper und lachte schrill. »Seht her, ich bin jetzt Theodora!« Gekitzelt von boshafter Lust, von einem Neid, den die Jahre verzehrend gesteigert hatten, trunken, und von der eigenen Nacktheit berauscht, begann sie den entzückt Umstehenden die Auftritte Theodoras wiederzugeben, deren sich fast alle beim Klang der alten Musik entsannen. Kühnheiten, denen Theodoras nieverlierbare Anmut und ihr kühler Stolz noch Schönheit verliehen hatten, wurden hier unter dem Gewieher der Menge zu unzweideutigem Geschehen. Die Weiber lachten schrill, als würden sie gekitzelt, die Männer brüllten und faßten zu. Endlich sprang Bachis auf Barcas Schoß, und es begann ein keifendes Gezänk mit Daphne, bis nicht endenwollendes Gelächter Barcas belohnte, der beide gleich viel zu lieben versprach. Petros schlich, heiß und hungrig, lauernd durch die Gruppen. Drinnen im Kornhause überschüttete die junge Klythia den nackten Molos mit Mehl, das, wenn es abrieselte, immer von neuem und von vielen Händen zur Pyramide geklatscht ward. Nur der kahlgeschorene Schädel des Ringers ragte schmunzelnd hervor, bis er mit einem Ruck seine riesigen Schultern befreite und ausbrechend auf die flüchtenden Frauen eindrang. Klythia zerriß ihr nach Agathons Angaben gewebtes Gewand von oben bis unten, und, ein strahlendes Lächeln auf ihrem Kindergesicht, gab sie sich ihm und nach ihm allen Männern und Frauen, die ihrer begehrten. »Komm fort, komm fort! O ich fürchte mich!« stammelte Noemi, die Tochter der Wirtin, und zog den jungen Zimmermann mit sich, der ihr Getreidebündel trug. »Mutter! Mutter! Ach wären wir doch niemals hergekommen! Wenn ihr nur nichts widerfahren ist!« Ein Mann trat schwankend aus dem Dunkel. »Komm, schwarze Jüdin! Trink!« sagte er, bot ihr den Helm voll Weins und faßte an ihre Brust. – Noemi schrie gellend auf. Im nächsten Augenblick blitzte des Zimmermanns Axt. Der Trunkene fiel vornüber. Noemi schluchzte. Ihr junger Beschützer beugte sich über sie, und der gleiche Ausdruck des Blicks, die gleiche Gebärde, die dort Bedrängung gewesen war, ward hier zu unsagbar süßer, ersehnter Beglückung. Wie in schwindelnden Träumen heißer Nächte fühlte sich Noemi emporgerissen, getragen – und gebettet. Der rieselnde Mehlstaub war weich wie Sammet. Und das Gröhlen und Gelächter wie dumpfes Muschelrauschen im Ohr, grub sich Noemi, mit einem letzten Rest der Scham, die Nägel in die Handflächen, um zumindest nicht aufzuschreien, ... vor den anderen. 46 »Das Lagerhaus brennt! – Feuer! Schlagt die Kupfertrommeln! – Wer hat den Brand gelegt? Es ist kein Wasser da! Keine Schläuche! Wehe! wehe! Nehmt Wein! – Tragt Eimer vom Hafen! – Der Balken stürzt! – Flieht! O flieht!« Der Unterbau von Steinquadern hielt der Flamme stand, aber Dach und Obergeschoß, und vor allem die noch halb mit Getreide angefüllten Kisten brannten lichterloh. Zwischen klagenden Weibern und rauchgeschwärzten Männern lagen Trunkene, die aufgescheucht mit taumelnden Gliedern weiter torkelten, um mitten im Gewühl hinfallend fort zu schnarchen. In einer Weinlache beim Wachtfeuer lag Bachis, mit offenem Munde, nackt, noch in der Stellung, in der sie den letzten vor kurzer Frist empfangen hatte. Herbeiströmende Neugierige, von der wolkenhohen Lohe herangelockt, versuchten, in zufällig errafften Gefäßen Meerwasser heranzuschleppen, aber der Brand spottete ihrer mit tausend zischenden Flammenzungen. Endlich ließen auch die Beflissensten das nutzlose Werk und sahen zu, wie aus Rauch und Qualm die verstörten, mehlweißen Pärchen flüchteten. Als der Ringer Molos, nackt und vom verunreinigten Mehl noch beklumpt, die nackte Klythia rittlings auf den Schultern tragend, sich unter stürzenden Balken hervorrettete, gab es viele ernste Stimmen, die ihn um der Zerstörung so vieler heiliger Brotfrucht willen anklagten, und es schien fast, als sollten Ordnung und Einsicht Gewalt gewinnen. Der alte Sattler hatte lange unschlüssig und erregt vor sich hingemurmelt. Jetzt bestieg er ein Fäßchen und stand beschämt, von der eigenen Kühnheit erschreckt, auf der unsicheren Tribüne, und seine arme, alte Stimme versuchte sich verständlich zu machen. »O ihr Verirrten! Ihr Armen, seht ihr zu, wie euer Vorrat in Flammen aufgeht? Euere Kinder werden hungern, euere Weiber werden betteln! Und bei wem sonst werdet ihr Zuflucht suchen, als bei dem Gesalbten Gottes, den ihr frevelhaft geschmäht habt!« »Was sagt er? Was will der Alte? Man versteht kein Wort!« Der Sattler hustete, engbrüstig keuchend, und strengte seine Stimme aufs äußerste an. Da donnerte es allen vernehmbar: »Und die Toten vom Zirkus Konstantin? Und die Opfer nächtlicher Willkür? Und die Zugrundegerichteten, die von Steuern Enteigneten, willst du sie wahrlich vergessen, o Volk von Byzanz, und zu Justinians Füßen winseln um Brot und Gnade?« Murmeln und Geschrei überdröhnend, fuhr Petros Stimme fort: »Bist du aufgestanden, o Volk von Byzanz, um Mehl zu stehlen, Wein zu saufen, Huren zu küssen? Mögen die Alten jammern, es sei Leichtsinn und Frevel, die Vorräte von sechs Tagen in Brand aufgehen zu machen! Ich aber frage, ist dies nicht größerer Frevel, wenn in einer Stadt wie Byzanz nur Korn für sechs Tage sich findet? Ich frage, ist es nicht Frevel, wenn die täglichen Rationen kaum eines Sperlings Hunger stillen können, statt den von Kindern! Ich frage, ist es nicht ein Frevel, daß dieses Haus hier allein brennt und nicht all die Häuser der feisten Fülle, in denen die wohnen, die uns vernichten! Pfui über euch Löwen, die ihr euch noch schläfrig duckt, wenn schon die Stäbe eures Käfigs splittern! Duldet nicht länger euer Joch! Stürzt die Tyrannen! Nieder der Nero von Byzanz! Nieder die Metze auf dem Throne! Steh auf, o Volk, zum heiligen Krieg des unterjochten Knechts – und siege! siege!« Ein einziger Schrei stieg zum Nachthimmel auf, zugleich mit der Flammensäule, in der das Dach des Kornhauses zusammenbrach. Man riß Brände empor. Halbangekohlte Balken wurden zur Waffe. Brausender Jubel rief Volk aus allen Gassen herbei und ein Zug formierte sich, der schwoll und schwoll wie ein Strom. Und das Wort des Mönches »Siege!« »Nika!« – dies brausende, klingende, flügelrauschende Wort flog wie eine Standarte hin über die betörte, die in Flammen auflodernde, die zu Asche zerfallende Stadt. 47 Der Palast des Callopodius war ihr erstes Ziel. Aus dem Morgenschlaf durch helle Lohe und das Geheul einer rasenden Menschenmenge geweckt, verteidigte der Präfekt nutzlos sein und der Seinen Leben. Callopodius ward an seiner eigenen Haustür gekreuzigt und sah, ehe er den schweren Tod starb, noch die Reichtümer seiner Vorfahren ans Licht gezerrt, sah sein Weib, das die Unschuld der Tochter beschützen wollte, niedergestochen. Seine Tochter Theodike, wunderschön und zart und schon Braut eines edlen Tribunen, hielten gröhlende Männer an Armen und Knien fest, während Molos sie vor aller Augen und angesichts des Vaters in Besitz nahm, zur Vergeltung für so viele von Patriziern geschändete Töchter des Volkes. Hierauf wälzte sich der Menschenstrom weiter. Die nahen Häuser des Quästors und zweier Patrizier wurden dem Erdboden gleich gemacht. Die Edlen hatten just noch Zeit zur Flucht gefunden. Nun warf der erschreckte Senat der Menge Soldaten entgegen. Aber die zum Unglück fast nur aus Byzantinern bestehenden, zum Wachtdienst verwendeten Cohorten meuterten, als Petros, der Menge ein Kreuz vorauftragend, sie fragte, ob sie Bruderblut würden vergießen wollen. Nun ward ein Bischof in vollem Ornat abgesandt, den Aufruhr zu beschwichtigen. Aber diese goldumhüllte Kugel rosigen Fettes ward mit ihren Reliquien zur Seite gerollt. Dakische Söldner rückten vor. Ein beispielloser Kampf begann. Aus den Fenstern enger Gassen schütteten Frauen Jauche, Pech, kochendes Wasser auf die Soldaten. Von den Dächern verschanzter Häuser flogen Steine herab und wurden von den Dakiern mit Brandpfeilen vergolten. In allen Straßen häuften sich die Toten. In den Gossen stand das Blut. Endlich befahlen die Anführer, dies nutzlose Gemetzel einzustellen. Am Abend ließ der junge Patrizier Pompejus seine Vorratskammern öffnen und bewirtete alle, die nur kommen wollten, in seinen Gärten mit Fischen, Wein und Kuchen. Er selbst verteilte fünftausend Mäntel an die Ärmsten. Zu Ende des Mahles klagte er schluchzend dem verbrüderten Volke, daß gleiche Tyrannis ihn wie sie bedrücke. Denn sein Bruder Hypathios, der Sprosse kaiserlichen Geblüts, schmachte seit zwei Tagen gefangen im Palaste des Henkers Justinian. 48 Der Basileus stand an der Fensternische des riesigen, roten Empfangssaales, der halb Byzanz übersah. Er stand schon seit Stunden so, die schmalen Hände im Rücken verschränkt, die Schläfe gegen den Porphyrschaft einer aus den Thermen des Hadrian entführten Säule gelehnt, und sah in die Nacht hinaus, die sich mehr und mehr rötete, als stiege die Sonne an vielen Stellen zugleich empor. Theodora saß, in die finsterste Ecke geschmiegt, das zurückgeneigte Haupt von Kissen unterstützt, mit geschlossenen Lidern. Das Fell eines mächtigen Eisbären mit goldenen Klauen und beryllenen Augen war über ihre Knie gebreitet. Ihre Hände lagen schlaff und blaß auf dem Tierfell und Antoniana küßte sie unter Tränen. Belisar, den es nirgends litt, ging in der halbkreisförmigen Apsis von einem der fünf Fenster zum andern, immer wieder hinter Justinian verweilend, um in sein abgewandtes Gesicht zu spähen, worauf er mit Seufzen und Kopfschütteln bekümmert seinen Gang durch die offene Reihe der Säle wieder aufnahm, die von Wachen wimmelten, um von neuem in der Nische zu landen. Zwischen Wut und Weinen sagte er manchmal von irgendeinem der Fenster her: »Jetzt ist es die Kirche unserer gebenedeiten Maria Theotokos! ... Jetzt sind's die Bäder des Zeuxippos! Das Hospital! Daß sie der schwarze Tod treffe! Die Hunde legen Feuer ans Hospital!« An den Torbogen gelehnt, stand, ganz in Erz und Gold, Mundus, der Unterfeldherr Belisars, der mit dreitausend kampferprobten Isauriern herbeigeeilt war, die Palastwache zu verstärken. Er sah unentwegt in Theodoras regloses, weißes Gesicht, das ihm eine Krone, eine brennende Stadt und tausend entheiligte Kirchen wert schien. Theodora schlug plötzlich die Augen auf. Und seinen fliehenden Blick bannend, winkte sie ihn mit einer schwachen Gebärde zu sich. Er trat nah, bemüht, seine Waffen nicht rasseln zu machen. Er war jung, stark und braun, unter der römischen, köstlich geschmiedeten Rüstung. »Mundus, kommt es zum Äußersten, so mußt du den Basileus beschützen!« flüsterte sie. Er sah das Weiß ihres Gesichtes zu sich aufgekehrt, ihre Augen dunkelten groß, ihre Lippen regten sich, ein wenig feucht, beim Sprechen. Ihn überlief eine Welle. »Meines Herzens letzter Schlag für dein und sein Leben!« Und da er kniete, streckte sich ein schmaler, seidener Schuh vor, den er mit wirbelnden Sinnen küßte. Theodora schob die Tierdecke fort und stand auf, einen Augenblick auf den Knienden herabsehend. Sein Nacken war braun und stark, das schwarze Haar kurz geschnitten, wie das des Hekebolos. »Antonina, melde unserem Herrn und Gemahl, wir hätten uns zurückgezogen, um den Beistand der Heiligen zu erflehen!« Und Theodora entglitt, ihre weiten, verrauschenden Gewänder mit so aufrechter und freier Haltung tragend, daß sie viel größer und fürstlich gebietend erschien. Mundus warf einen Blick nach der Apsis. Der Kaiser stand noch immer reglos am Fenster, die Hände auf dem Rücken verschränkt. Plötzlich kam Belisar vom nächsten Saal gerannt und schrie, schrie, daß die hohen, überkuppelten Gemächer hallten: »Die Sofienkirche brennt!« Justinian wandte sich langsam. Er lächelte mit grauen Lippen. »Ich habe es soeben gesehen ...!« Er zog, das Haupt senkend, ein Kreuz, während seine Hand unmerklich zitterte. Sein Blick suchte Theodoras Sessel, der leer war. Er sah nach Antonina. »Die Basilissa befahl mir zu berichten, daß sie zur Ruhe gegangen sei ...« sagte Antonina, wie immer stotternd vor Angst, wenn der Kaiser sie ansah. Justinian wandte sich. »Der Kämmerer!« gebot er. Der Goldschild dröhnte unter Mundus Hand und Ventidius trat ein. »Narses!« befahl der Basileus. »Vergib, Erleuchteter, der Großschatzmeister ist, von einem Anfall seines alten Leidens überrascht, nach einem seiner Landgüter gereist ...!« »Johannes von Kappadokien!« »Der Quästor hat, durch die Erregung der letzten Tage in seiner Gesundheit erschüttert, es vorgezogen ...« »Tribonianus!« unterbrach Justinian. Und als Ventidius, immer verwirrter, sich von neuem verneigte, sogleich: »Prokopius!« »Prokopius von Cäsarea, o Erlauchter, ward von dir selbst nach Kleinasien beurlaubt.« Der Kaiser winkte Entlassung. Er schritt in dem großen Gemach auf und ab. Plötzlich, just an Belisar vorübergegangen, warf er über die Schulter zurück: »Und du?« »Was meinst du, mein Gebieter?« »Wann wirst du den Anfall eines alten Leidens erleben oder dich von mir nach Kleinasien beurlauben lassen? Was?« »Ich? – nie! O, nie! mein Fürst, mein Stern, mein angebeteter Herrscher!« rief Belisar, hinter Justinian hertrottend und die Tränen rannen über sein bärtiges Gesicht. Aber schon war der Basileus in die benachbarte Hauskapelle eingetreten, und im Betpult kniend, barg er das Antlitz in den gekreuzten Armen. 49 Am nächsten Tage trugen berittene Fanfarenbläser die große Kunde durch ganz Byzanz. Der Basileus selbst wolle von dem Kathisma des Zirkus zu seinem Volke sprechen. Eine unabsehbare Menschenmenge preßte und drängte sich auf den steinernen Stufen des Hippodroms. Es war still wie zur Stunde des schlafenden Pan, da der Basileus, nur von Belisar und Mundus begleitet, aber im Schmuck der Majestät, die Tribüne betrat. Der scharlachne Herold begann die kaiserliche Rede vorzulesen, während Justinian aufrecht und stumm verharrte. Er hatte die gesenkten Lider, das gefrorene Lächeln einer Bildsäule. Es waren Worte der Gnade, der Verzeihung, des Vergessens, die des Herolds helle Stimme in den unendlichen Raum warf. Johannes von Kappadokien ward der Quästur, Tribonianus des Prätoriats verlustig erklärt und durch die wohledlen Basilides und Phokas ersetzt, zwei Männer an deren Namen kein Makel haftete. Die helle Stimme schwieg. Keine Hand rührte sich. Der Basileus wartete steif und reglos. Nur seine Rechte umkrampfte fester das goldene Zepter. Plötzlich entstand Bewegung in den vordersten Reihen und die dichtgekeilte Menge gab einem langen Manne Raum, der sich mit seinem grünumwickelten Packen bis zum Kathisma durchdrängte. Und mit zärtlichem Lächeln und Nicken schlug der Irre die Falten auseinander und bot dem Basileus auf beiden Armen den verwesten Leichnam seines elfjährigen Knaben dar, den sie zertrampelt hatten. Der Kaiser, der an eine jener beim Landvolke üblichen Huldigungsgaben von Früchten und Blumen gedacht hatte, fuhr schaudernd zurück und hielt den weiten Ärmel vors Antlitz. Da gellte von den höchsten Rängen her eine Weiberstimme: »Stinken dir vielleicht unsere Leichen zu sehr, du Henker?« Geheul brach aus und das Zischen füllte wie Orkan die Luft. In einem Nu starrte das Kathisma von den Klingen isaurischer Waffenträger und die beiden Feldherrn sprangen vor, des Kaisers Rückzug zu decken. Aber Barcas und zehn, zwölf seiner Gesellen hatten von der Arena aus den Weg durch den langen Gang genommen, und mit Hohngelächter sahen die Empörer den Kaiser und seine Leibwache umringt. »Ich hätte nie gedacht, daß das Ende so aussähe!« murmelte Belisar. »Kerls! Schaut sie euch nur an!« brüllte Molos, »die bedrecken sich ja ihre goldenen Hemdchen vor Angst!« Ein brausendes Gelächter folgte. Im gleichen Augenblick reckte sich Justinian hoch empor. Und in einer niederwerfenden Gebärde voll Grimm und ererbter Hoheit das Zepter gegen die Menge ausstreckend, rief er, allen hörbar, mit seiner hohen, eisigen, feindlichen Stimme: »In die Knie!« Einen Augenblick herrschte weites Schweigen. Dann sklavisch von der Gewohnheit anbetenden Gehorsams überwältigt, sanken sie aufs Angesicht, während der Basileus ohne Eile auf seinen gemmengeschmückten Kothurnen durch ihre hingeworfenen Reihen schritt. 50 Der Zirkus des Konstantin war die Feste, das Lager der Aufständischen geworden, und in der Taverne der schwarzen Rachel verbrüderten sich Grüne und Blaue hinter vollen Bechern. Noemi, die schwere Weinkrüge kelleraufwärts schleppte, hörte die Verbündeten immer neue Glücksnachrichten mit tosendem Jubel begrüßen. Drei Getreideschiffe aus Ägypten lagen im Hafen! Die Strafhäuser waren erbrochen und die gefesselten Brüder befreit! Der Portikus des heiligen Palastes brannte, zugleich mit so viel anderen Palästen, daß an ihrer Beute Bettler zu reichen Schwelgern geworden waren! Und Hypathios war mit Waffengewalt befreit! Hoch unser Hypathios! Heil unserem guten Hypathios! – Hatte er nicht mit eigenen Händen den Befreiern all dies Gold zugeworfen, das nun so reichlich auf Rachels Schenktisch gestreut ward? Mal um Mal huschte Noemi mit der übervollen Geldschale hinauf, sie der Mutter zu bringen. Die schwarze Rachel war, als sie in der Nacht des Lagerhausbrandes ihre übergroße Getreidebeute nach Hause schleppte, überfallen worden, wie fast alle gleich Glücklichen, und lag nun, mit einer schweren Messerwunde, fiebernd zu Bett. Sie wußte ihre Tochter mit der faulen und lüsternen Magd allein unter einer Horde Trunkener, deren Johlen bis in ihre Kammer drang, und bedrohte Noemi, von Ängsten gefoltert, mit allen Flüchen der Hölle, wenn sie sich von einem der »Goijim, der Räuber und Wegelagerer« verführen lassen würde. In Noemi gefror das Blut. Ein Lächeln auf ihre fahlen Lippen zwingend, sagte sie: »Die Mutter soll sich nicht so um mich sorgen, die Mutter soll gesund werden!« Sie strich die Decken glatt und schlich mit versagenden Füßen hinab. Dumpf und rollend scholl das Brüllen der Zirkustiere herüber, deren man in den Tagen des Rausches vergaß. In der Schenkstube saß Klythia auf des jungen Zimmermannes Knien. Noemi stand im düstern Flur an die Tür gelehnt, die halb offen geblieben war – und all ihr Leben lag in den großen, schwarzen Augen, die an dem Liebsten hingen. Er hielt den Kopf in den Nacken zurückgebogen und Klythia goß Wein in seinen weitoffenen Mund. Die frische Stirnnarbe glühte. Noemi kannte den Blick, mit dem er zu Klythia aufsah. Sie litt. Einen Augenblick schloß sie die Lider und träumte sich, wie damals, schwindelnd getragen und auf rieselnd Samtiges, Weiches gebettet, Laute der Lust im Ohr – seine – ihre – die der Menge ... Drinnen polterten Fäuste auf die Tische und fluchende Rufe nach Wein übertönten das stete Gezänk und Gelächter. Noemi mußte alle Willenskräfte zusammenraffen, bevor sie den Trinksaal betrat. Der Atem versagte ihr, da der Dunst von sauern Weinresten, sauerem Schweiß, kaltgewordenem Bratensaft, von Feuerrauch und von Übelkeiten Besoffener ihr entgegenschlug. Sie senkte die Lider und stieg, die Zunge im Lippenwinkel, mit dem Herzklopfen unsinniger Angst, über die Beine von Trunkenen, über Pärchen, die sich aneinander gütlich taten, wich einer schweren Trinkschale aus, die von der unsicher gewordenen Hand eines Eifersüchtigen geworfen, den Schädel eines Glücklicheren verfehlt hatte. Sie fürchtete sich vor den Straßenhunden, die, stete Gäste, knurrend das drohende Gebiß wiesen, wenn Noemi sie beim Genuß von großmütig zugeworfenen Hammelkeulen störte, sie fürchtete sich vor den Händen, die nach ihr haschten, vor Bachis, die sie verhöhnte, vor Molos, der brüllte: »Judenbankert, räudiger, wird's bald? Wo bleibt mein Wein?« – »Das arme Kind muß uns ganz allein bedienen!« sagte Petros sanft grinsend, und haschte einen ihrer schweren Zöpfe. Sie schenkte aus kameengeschmückten hochhenkligen Goldkrügen, die beim Kampf um die Beute verbeult worden waren, den schwersten Sizilier in Kelche, deren kristallene Glätte von frischen Sprüngen durchzogen war. Und sie, die Andersgläubige, bebte, als sie Molos den dargereichten Abendmahlkelch füllte, den er aus einer der brennenden Kirchen geraubt hatte. »Hör einmal du!« sagte der Schmied und legte mit gestreckten Armen beide Fäuste vor sich auf den Tisch, zwei riesige, rote Schmiedehämmer. – »Ich war bei dem Bubenstück nicht dabei, sonst wär's nicht geschehen, so wahr ich Barcas vom Lagerhaus bin! Und du wirst auch jetzt nicht deinen dreckigen Schweinsrüssel da drinn baden, oder man soll deine Knochen erst zusammenlesen! Das da kommt in eine Kirche zurück. Hast du mich verstanden?« – Das war die längste Rede, die von Barcas je vernommen worden war. Molos fuhr, wie eine Katze fauchend, empor, mit speichelndem Mund. »Was?« keuchte er, und suchte wie rasend die Männer abzuschütteln, die ihn hielten. »Du Hundsfott du, du willst mich beschimpfen? Du willst mich lehren, was ich zu tun habe? Komm an, wenn dir was nicht recht ist, du schwabbernder Talgklumpen, du Aas von einem Nilpferd, du ...« Da stand Barcas langsam auf und schob den Schemel zurück. An allen Tischen entstand Bewegung. Selbst Trunkene und Verliebte taumelten auf. Barcas hob seine unwahrscheinliche Hand, besah sie einen Augenblick nachdenklich, spuckte hinein und sagte, mit seitlichem Ruck seines Kopfes: »Na, komm an!« Plötzlich sprang ein Mann, den keiner kannte, auf den Tisch. Er war klein, mager und trug die Tracht eines Gerbers. Er hetzte, laut klatschend, wie in der Arena: »Drauf! Hussah! Triff ihn!« »Ruhe!« donnerte plötzlich Petros Stimme. »Ruhe hier! Wer Händel sucht, fliegt hinaus. Gibt es keine Tyrannen mehr, daß ihr euch selber bekämpft, Männer des Sieges?« Barcas wischte gehorsam seine Hände am Schurzfell ab und setzte sich, verlegen wie ein Knabe. Stimmen wurden laut: »Recht so, Petros! Ruhe beim Wein! Habt ihr denn noch nicht genug? Ruhe da vorne!« Molos knurrte wie ein vom erlegten Wild fortgepeitschter Jagdgepard. – Er blickte um sich, die Mehrheit war wider ihn. Er setzte sich, Barcas den Rücken zugewandt. Klythia auf seinen Schoß reißend, entpreßte er, ein zornmütiger Bewerber, der Rothaarigen gelle Schreie. Noemi war, sowie der Streit begann, zur Tür geflüchtet. Da sie sich nun wieder in den Saal wagte, rief der fremde Gerber sie heran, schmiß ungezähltes Geld auf den Tisch und bestellte zwei Krüge Roten für sich und seinen Gefährten, einen baumlangen Neger mit weißen Zähnen und Augäpfeln, der stumm und breitlippig grinste. Der Gerber nahm seinen Krug und rief zum Tisch der Führer hin, ob es erlaubt sei, mitzuhalten, hier ziehe es so stark vom Flur her. Da Barcas nickte, bestellte der Fremde »für alle die Sehrwürdigen Wein vom Besten«. Er schien ein Spaßvogel und freundlicher Gesell, aber Petros unterbrach seine Schwänke jäh und fragte, den langen Hals lauernd vorgestreckt: »Sag einmal, wo hab ich dein Antlitz schon gesehen ...?« Der Fremde bog sich zurück. – »Stimmt! Stimmt!« sagte er. »Auch ich hab dich erkannt. Du bist der heilige Mann, dem mein Vater gestern zur Frühzeit das Bettgeschirr über der Glatze ausleerte, weil er uns die Häute vom Trockenrahmen stehlen wollte. Aber es tut nichts Bruder, sollst leben!« Und ins Gelächter brüllend, forderte er: »Wein her! Wo bleibt der Wein für die sehrwürdigen Herren hier? Holla!« Noemi huschte mit geleert klappernden Krügen in den Flur hinaus und rief vier-, fünfmal nach der Magd. Jäher Zorn erfaßte sie, da niemand antwortete. Sie lief, rufend, dem Weinen nahe, durch Garten und Stall, und eilte endlich den Gang hinab bis zu dem Verschlag, in dem die Magd hauste. Sie legte schon die Hand an die Brettertür, da horchte sie auf und fuhr zurück, als hätte sie sich verbrannt. Immer dies und immer wieder dies! Sie schlich in den Flur zurück, nahm die große Amphore, Lämpchen und Schlüsselbund, um selbst den Wein zu holen. Plötzlich rief die Mutter grell von oben her, und drinnen trommelten zu gleicher Zeit wüste Fäuste auf die Tische. Noemi begann, auf der Kellertreppe hockend, hilflos zu schluchzen, zu wimmern, bis ihr der Atem fehlte. Sie stopfte die grobe, weinfleckige Schürze in den Mund, um nicht zu schreien. Eine Hand legte sich auf ihren zuckenden Rücken. Aufschauend sah sie in Petros Gesicht. »Warum weinst du, mein Kind? Wisse, daß ich – durch angeborene Natur, wie durch heiligen Beruf mein Glück darin sehe, der Beladenen Tränen zu trocknen! Weinst du, weil die Last zu vieler Arbeit dich überwältigt? Obgleich ich ein Priester bin, würde ich keine Schande darin sehen, mit dir in den Keller hinabzusteigen, um dir die Krüge zu tragen. Warum weinen so liebe Guckäugelchen?« flötete er, und seine schmutzige, feuchte Hand griff ihr unters Kinn. »Was kränkt dies kleine, runde Herzchen?« Noemi stieß seine immer kühnere Hand so hart zurück, daß der Priester fast zu Falle kam. Sein Antlitz verzerrte sich und sie zitterte vor seinem Blick. Aber im nächsten Augenblick stieß Petros die Luft scharf durch die Nüstern und legte mit ergebenem Lächeln die Hände übereinander. »Warum, o meine Tochter, weisest du hochmütig den Beistand derer ab, die väterlichen Anteil nehmen an deiner armen, umwölkten Seele? Siehe! Ich bin es, der mit den Leidenden mitweint und mitlächelt bei fremden Freuden, ob ich freilich es ziemlicher fände, diese Freuden im verschlossenen Ehekämmerlein zu genießen, als zwischen Mehlsäcken, auf dem menschenwimmelnden Platze des Verkehrs, schamlos wie Fliegen sich zu paaren, oder wie Hunde öffentlich Geilheit zu treiben! Wahrlich, o Tochter Judas, wo waren die Lehren mütterlicher Zucht, wo war deine magdliche Scheu geblieben, als du hingingst und hurtest vor aller Augen! Wehe! Es liegt Schmach auf dir, wie Aussatz und Schande, wie eitrige Beulen schwarzer Pest, daß die Unbefleckten dir ausweichen werden wie einer Gefahr, und vor dir ausspeien wie vor Ekelerregendem! Wehe dir und mir, dem Mitwissenden, den die innere Stimme antreibt, deiner armen, betrogenen Mutter die Augen zu öffnen, daß sie dir ein Halt werde auf abschüssiger Bahn! Aber mit solch gerechten Gefühlen streitet die Furcht, die Furcht, die Kranke sterben zu sehen an dem Gifte solcher Nachricht, dich verfluchend mit letztem Atem! ...« Noemi rutschte auf den Knien zu ihm hin, sie hob die gerungenen Hände auf, hauchte »Nicht!« und fiel in sich zusammen, ein wehrloses Spielzeug seiner lang vorbedachten Wünsche. Die Mutter schrie jählings oben gellend »Noemi!« als ahne sie, was geschah. Wenig später scholl Mordgeschrei durch die Schenke. Molos stak ein langes Messer im Nacken. Keiner der Berauschten konnte sagen, wohin die fremden Mörder entkommen waren. 51 Theodora saß vor dem Silberspiegel, den grellroten Mantel von Schleierstoff weit auseinander fallend über dem nackt hingelehnten Körper, und wärmte die bloßen Füße an einem Kohlenbecken. Eine einzige Sklavin bediente sie, eine Perserin, jung, schön und traurig, der Kaiserin von Belisar geschenkt. Sie hielt einen aus Sandelholz geformten schmalen Doppelbogen auf Theodoras Nasenwurzel fest und zog mit zarten Pinseln die Augenbrauen über der Holzform nach. Plötzlich ward die Tür so heftig aufgerissen, daß der erschrockenen Sklavin ein Pinselchen entfiel und sein Türkisstiel zerbrach. Theodora sah im Spiegel Burbos Bild, wie er an der Wand lehnte, taumelnd, schweißbedeckt, atemlos, im vielfleckigen Schurz und den Fellschuhen des Gerbers, und sie fragte, sich halb wendend: »Also?« Burbo sank in den nächsten Stuhl; Hofregeln galten nicht für ihn. »Molos ist besorgt!« keuchte er, »Ach, ich bin halbtot!« »Warum nicht Petros?« fragte Theodora unzufrieden. Burbo fuhr empor, zornrot nachäffend: »Warum nicht Petros! Tu du's selber, da du so klug bist! Ich hab es satt, mein Leben Tag und Nacht zu Markte zu tragen und nicht einmal guten Gruß zu erfahren, wenn ich heimkehre!« Theodoras Gesicht veränderte sich zu einem strahlenden Lächeln. Sie entzog sich der Perserin, streckte, vorgebeugt, die Hand aus und strich Burbo das feuchte Haar aus der Stirn: »Ich weiß, du bist treu«, sagte sie. »Also sind wir zumindest den Einarm los!« »Dieser Petros hat soviel Augen wie Argus Anoptes!« brummte Burbo. »Ich dachte ihn bei seiner kleinen Jüdin beschäftigt genug, und Ukris Messer sollte ihm den Brautschlaf segnen, aber nein, er war schier als erster hinter uns her!« »Wie lange sparst du dir die Nachricht von Hypathios Krönung auf?« unterbrach Theodora ungeduldig. Burbo sprang empor und starrte ihr ins Gesicht. »Woher weißt du das? Ich kam allen seinen Spähern zuvor!« und er deutete mit einer Kopfbewegung nach Justinians Gemächern. »Ist es also geschehen?« murmelte Theodora erschrocken. Aber sie faßte sich sogleich und fuhr fort. »Ich wußte, daß es kommen würde, da sie ihn befreiten! – Wann?« »Vor einer Stunde kaum!« »Wer krönte Hypathios?« »Petros!« Theodora schlug mit der geballten Faust auf die Sessellehne. Nach einer Weile fragte sie. »Jubelte man?« »Mein einziger Trost waren die Schiffe im Palasthafen! Hättest du die Tausende und Abertausende, die Hypathios huldigten, nach Justinians Verbannung und deinem Tode brüllen hören, du hättest gebebt wie ich!« »Möglich! – Der Kamm drückt mich, Mizrah! Waren Soldaten dabei?« »Sie hoben ihn auf ihre Schilde. Er hat all seine Kohorten zusammengezogen.« »Ich sagte Justinian lange, es sei Wahnsinn, ihm den Oberbefehl zu lassen! Hast du Isaurier darunter gesehen?« »Nein!« »Dakier?« »Nicht einen Helm!« »Sehr gut! Legten sie ihm Purpur und Krone an?« »Als das Diadem fehlte, riß Petros der Klythia das Halsband vom Nacken und wand es um Hypathios Stirn!« Theodora stand und ließ sich das Unterkleid vorsichtig übers Haar streifen. »Burbo, der Mönch muß mein werden!« sagte sie. Reglos verharrend, während Mizrah die Kleidhaken schloß, sah sie vor sich hin und ihr Gesicht ward hart unter gerunzelten Brauen. »Gib mir die Schmuckschale!« sagte sie. Sie entnahm ihr einen Ring. »Dies wirst du ihm bringen und ihm sagen: ›Liberius, der Theodora diente, ward Bischof von Nikomedia. Dient Petros ihr, wird er Patriarch von Ravenna!‹« »Liberius!« schrie Burbo auf. »Ich vergaß es dir zu melden. Vor zwei Tagen, als ich mich spähend durch das Gedränge schlug, hörte ich inmitten eines Menschenknäuels eine Stimme jammern. Ich dachte, sie schändeten eine patrizische Matrone oder einen Senatorenknaben. Aber die Stimme rief deinen Namen, da ward ich aufmerksam. Als ich mich durchgedrängt hatte, sah ich ihn, Liberius, halbnackt, fahl, gealtert, blutbesudelt, ich erkannte ihn kaum. Und er schrie wie gepfählt, während die Menge mit offenen Mäulern lauschte und sich gar nicht genug tat im Bekreuzigen. Ja, er sei der Hölle verfallen, denn er habe mit dem Dämon der Wollust selbst gebuhlt und der Dämon seist du. Und seit er dich genossen, habe ihn, obwohl er früher von Weibesliebe sich abgekehrt, eine nie zu stillende Fleischesgier erfaßt, und wenn er sich auch anklagen müsse, in ungezählte Frauen sich verströmt zu haben, keinmal mehr sei ihm ein tausendstel jener Lust widerfahren, von der dein Schoß wie sengendes Feuer brenne! Aber nicht nur dieser fleischlichen Sünden klage er sich an, um derentwillen er faste und seinen Leib mit Dornen zerreiße ...« »Schade, er war schön, der Narr!« sagte Theodora. »Weiter!« »... sondern es seien kirchliche, unabbüßbare Sünden, die laut zu bekennen er hier sei. – In jener Nacht, als der Dämon Theodora sein Blut zu brennendem Pech der Hölle gewandelt habe ...« »Vigilius freilich hat es lauer fließen machen!« lächelte Theodora ... »ja, also in jener Nacht habe der gleiche Dämon auch seine widerhakigen Krallen nach Justinian ausgestreckt! ...« »Die Trauung?« fragte Theodora rasch, scharf, zornig. »So höre doch. – Du habest den Kaiser, der bis dahin unbefleckt vom Weibe gewesen wie er selbst, durch Zauberei in dein Haus gelockt. – Er zerriß seine Lumpen, raufte sein aschebestreutes Haar und gestand schluchzend, du habest ihn bewogen, im Kleide eines dritten, bischöflichen Buhlen, den Kaiser zu überstürzter Eheschließung zu drängen ...« »Und das vergaßest du mir zu melden? Nimm Ukri und töte den Tropf!« »O, du ahnst es ja nicht! Er stand da und schrie: ›Steinigt mich! Steinigt mich! Auf daß die Gnade des Martertodes mir den Himmel rette!‹ – Und als ich ihn so hübsch bitten hörte, nahm ich einen Stein, einen wackeren Ziegel und schmiß ihn ihm mitten aufs Maul. Die Menge ward, als sie Blut roch, so wild wie unsere lieben Löwen von einstmals. Bei jedem Stein, mit dem sie Liberius eine Himmelsstufe emporhalfen, johlten sie: »So soll es ihr ergehen, der Hexe, der Ketzerin, der Arianerin!« – – Theodora hatte kaum mehr gehört. »Er hatte den Scheitel mit Asche bestreut, sagst du? – Was für Einfälle den Mönchen beikommen ...! Mizrah, gib mir doch einmal das Räucherbecken!« Sie zog das schwarze Schleiertuch vom Haar, nahm mit spitzen Fingern Asche aus dem Goldbecken und ließ sie wie Reif auf ihren Scheitel fallen. »Genug!« sagte sie vor dem Spiegel. »Leg mir den Schleier wieder um! Vorsichtig, es fällt ja alles ab! – So! – Handwasser! Burbo, du gehst sogleich zu Petros. öffne die Türen. Ist Antonina hier? Im Namen Gott Vaters und des Menschensohnes!« 52 Die elfenbeinernen Torflügel taten sich lautlos auf und die Kaiserin betrat den Thronsaal, von Antonina und dreien ihrer Frauen begleitet. Alle Anwesenden erhoben sich vom Sitz, den kaiserliche Gnade ihnen verstattet hatte, und fielen aufs Angesicht. Nur Justinian und Vigilius blieben stehen. Die Kaiserin durchmaß langsam die Weite des Saales. Sie hielt das Haupt unter dem dichten Schleiertuch gesenkt und erhob es auch nicht, als sie die Thronstufen erstieg und zur Rechten Justinians Platz nahm. Als alle sich aus der Anbetung erhoben hatten, sah Justinian im Kreise umher. Ein kleines Häuflein, arm, ratlos sich zusammendrängend, in diesem endlosen, überkuppelten Raum, der einst gedemütigte Gesandte fremder Völker gesehen hatte, besiegte Könige von entrissenen Ländern und tributpflichtige Barbarenfürsten. Justinian klopfte regelmäßig mit dem Knauf des Zepters in die unruhig nach ihm haschenden Finger der linken Hand. Ehe er zu sprechen begann, lächelte er. Die senkrechten Falten, die das Lächeln zog, waren neu. »Wir haben unsere gottgeschenkte Gemahlin Theodora, unseren hochheiligen Seelenhirten, unsere Räte und Freunde, die, leicht zählbar, uns im Ungemach noch verblieben sind, berufen, um Rede wie Gegenrede in Sachen unserer Abreise von Byzanz zu vernehmen, ehe unsere Göttlichkeit eigenen Willensschluß verkündet. Bevor wir unserem geistlichen Berater das Wort als erstem leihen, wollen wir den Herrn aller Geschicke um Erleuchtung anflehen!« Justinian faltete die Hände über dem Elfenbeinzepter und verharrte einige Augenblicke mit gesenktem Haupt, reglos, während alle, auch Theodora knieten. Als der Kaiser die Hände löste, bekreuzte man sich wie er und nahm die Sitze wieder ein. Vigilius' rosigglattes Gesicht unter der Mitra war von tiefstem Kummer beschattet. Seine Stimme troff wie Honig. »Eines ungeratenen Kindes Verfehlung, ach, wie trifft sie schwer ein liebendes Vaterherz! Dir aber, Basileus, waren des weiten Byzanz Bewohner alle wie Kindlein, die du an den Busen drücktest. Du liebtest die da sündigen, weil sie nicht wissen, was sie tun. In dein Antlitz ist geheimer Schmerz gegraben ...« Justinians Augenbrauen hoben sich hochmütig abwehrend, aber das festgefrorene Lächeln lag noch immer auf seinem Mund ... »Doch glaube mir, wie eines Kindes Seele sich schnell vom Bösen abkehrt, so werden auch diese Verblendeten reuig zu dir zurückfinden. Bis dahin, o Gesalbter Gottes, verlasse diese Stätte des Aufruhrs, auf daß das Leid nicht deine Gesundheit gefährde! Vertraue dem Herrn, von dem es da heißt: »Du bist mein Hammer, meine Kriegswaffe, durch dich zerschmettere ich die Heiden!« Meine Segenswünsche werden dich begleiten, meine Gebete deiner freudigen Rückkehr gelten!« Justinian neigte das Haupt, da der Patriarch segnend die Hände über ihn ausstreckte. »Freund Belisar?« befahl Justinian, mit dem Zepter deutend. Der Feldherr sprang klirrend auf. Antonina ward rot. Sie blickte, den Mund leicht geöffnet, bald ihn, bald die Zuhörer an und ahmte manchmal, ohne es zu wissen, die schweren Gebärden seiner Rechten nach. »Basileus! Wenn du deines treuen Dieners Meinung zu erfahren begehrst, aufrichtig und ehrlich, als Soldat und Mann – ich bin fürs Segeln! Dieses Lumpengesindel, diese Gaunerbande! Ich mag die Verantwortung nicht tragen! Ich bin kein Redner ...« Vigilius bezwang ein feines Lächeln, das Belisar nicht sah, wohl aber Antonina. Sie räusperte sich und der Feldherr wandte sich ungeschickt halb nach ihr, verwirrte sich und schrie sehr laut und zornig: »Ich bin fürs Segeln!« Worauf er sich geräuschvoll niedersetzte. Der Quästor Basilides begann seine Rede und Justinian sah aufmerksam in sein dickes Gesicht, das ihm mit Ehrlichkeit angefüllt schien wie ein Sack mit Mehl. »Es geziemt mir, Allgnädigster, dir nicht die Gefahren zu verbergen, denen wir entgegengehen. Schon einmal hat das Volk, das selbst der Kirchen nicht schont, Brand an den heiligen Palast gelegt, wenn auch nur an dessen Portikus. Auch ist es klar, daß der Empörer Hypathios, seine Macht zu stärken, immer neue Angriffe gegen dein gesalbtes Haupt ersinnen wird. Meine neue Amtsgewalt jedoch reicht nicht hin, eine trunkene Horde zu bändigen. Auch droht Hungersnot. Die Getreideschiffe bleiben aus, da die alessandrinischen Handelsherren befürchten, die schon einmal von ihnen erlittene Plünderung und Meuterei sich wiederholen zu sehen. Ich flehe also deine Göttlichkeit an, nicht das nächste, ungewisse Schicksal dieser Stadt zu teilen und die Beruhigung der freventlich entflammten Gemüter abzuwarten!« Des Kaisers Blick überflog die greise Ratlosigkeit der ringsum lauschenden Senatorengesichter. »Mundus!« befahl er plötzlich. Der Unterfeldherr bog sein Knie. Fackelglanz spielte auf der figurengetriebenen Rüstung, des Helmkammes schwankender Schatten lag über dem gebräunten Gesicht. »Zwei Segler, der ›Meerpfeil‹ und die kaiserliche Trireme ›Leukothea‹, halten im Palasthafen. Waffen und Proviant für Wochen sind an Bord sowie alles für der göttlichen Kaiserin Aufenthalt Notwendige!« »Für Wochen!? Unsinn!« polterte Belisar. »Es ist doch nicht mehr als eine gewöhnliche Lustfahrt an der asiatischen Küste hin, Basileus! Nach acht Tagen kehrst du heim und die Byzantiner empfangen dich rosenstreuend!« – Justinian wandte sich jäh von ihm ab zur Seite. Von neuem mit dem Zepter in die erregt spielende Linke schlagend, fragte er: »Welcher Ansicht ist unsere gottgeschenkte Gemahlin?« In dem Augenblick, da er sie anredete, riß Theodora das Schleiertuch ab. – Justinian zuckte zusammen. Er sah die Asche auf dem glatten Scheitel. Er sah, daß ihr Kleid das der tiefsten Trauer war, und sie weder Schmuck noch Krone trug. Die Augen geschlossen, die Fäuste geballt, stieß sie keuchend hervor: »Lieber sterben, als Byzanz verlassen!« Der Schrei hallte in dem leeren Saal. Theodora tat die Lider auf und sah in Justinians Gesicht. Es war nicht mehr müde, nicht mehr versteint und hatte aufgehört, zu lächeln. In den Augen, die rot umrändert waren von der schlaflosen Sorge so vieler Nächte, lag der gleiche Blick wie damals, da sie seine Krone begehrt hatte. Er schluckte schwer und sagte leise: »Sprich!« Sie breitete die Arme aus, aufgebäumt, als böte sie Schwertern ihre Brust. »Kannst du in der Verbannung leben, Justinian, ohne Volk, ohne Reich, ohne Purpur? Es gibt keine Wiederkehr nach solch feigem Verrat an deiner Pflicht, an deiner Würde! Flieh wohin du willst, das Meer ist offen! Ich aber flehe den Himmel an, mich den Morgen nicht schauen zu lassen, an dem ich nicht mehr mit dem Titel einer Kaiserin gegrüßt werde! Gibt es kein anderes Mittel, mein Leben zu verlängern, als die Flucht, so will ich, daß dieser Thron mein glorreiches Grab sei!« Und sich mit beiden Händen hart an die Lehne klammernd, sank sie zurück, tiefatmend, die Augen voller Tränen. Es blieb totenstill. Da rief Mundus, das Schwert aus der Scheide reißend: »Basileus! Müssen wir Soldaten noch länger uns von einem Weibe beschämen lassen?« Justinian riß den Blick von Theodoras Antlitz los. »Nachdem wir Rede wie Gegenrede vernahmen,« sprach er ruhig und klar, »verkünden wir, Justinianus von Byzanz, unseren vorgefaßten Willen und Entschluß, in Byzanz zu verharren, was immer das Schicksal der Stadt auch werden mag!« Er begann langsam die Thronstufen hinabzusteigen. Belisar kniete umständlich vor Theodora nieder. Tränen liefen ihm in den Bart: »Ich habe dich immer verehrt, Basilissa!« sagte er, »bin dir allzeit ein treuer Diener gewesen! Aber dies vergesse ich dir nie! Und ich schwöre dir, bei der Mutter Gottesgebärerin, ich lege dir Byzanz zu Füßen und des Hypathios Haupt dazu!« Theodora neigte sich mit strahlendem Lächeln und bot ihm die Fingerspitzen zum Kuß. Schmal und braun schlüpfte Burbo an ihre Seite und raunte kaum vernehmbar: »Petros wartet in deinem Gemach.« 53 Noemi öffnete behutsam die Brettertür des Ziegenstalles. Als die rostigen Angeln knirschten, hielt sie lange erschrocken still, aber es kam niemand. Sie schlüpfte gebückt aus dem warmen Tierdunst ins Freie. Das Zicklein, das sie während der angstvollen Stunden liebkost hatte, steckte blöckend den Kopf aus dem Spalt und sie mußte es streichelnd zurückdrängen, ehe sie die Tür schließen konnte. Noemi schlich um das Häuschen des Sattlers herum. Es lag dunkel und still. Die halbverbrannten Dachpfeiler ragten nackt in die Luft. Wie der Alte in der dachlosen Kammer frieren mußte! Sie nahm das Kettchen vom Halse, daran ein goldener Davidstern hing, schloß es behutsam wieder und legte es unter das lose Seitenbrett der Türschwelle, wo der Alte morgen früh den Schlüssel verwahren würde, ehe er zur Arbeit ging. Er kannte den Schmuck. Noemi hatte ihn schon getragen, als sie, noch über ihr langes Sabbatkleidchen stolpernd, herübergelaufen kam, um sich vom Nachbar Sattler Honignüsse und Datteln zu holen. Noemi streichelte die Schwelle. Sie richtete sich auf, zog erschauernd den Umhang zusammen und ging im ungewissen Morgendämmern durch das Gärtchen hin. Sie hatte nur erst wenige zaghafte Schritte getan – – da war es! – – Sie sahen beide nicht anders aus, als schliefen sie. Die Waffen glitzerten wie Wasser. Noch einer! Das Gesicht noch so jung unter dem Helm, der Mund wie zum Schrei offen! Und hier Lenaps – o, der arme Hund, der brave Lenaps, er hatte seines Herrn Haus verteidigt und sie schnitten ihm die Kehle durch ... Hier wieder – drei – vier – fünf Tote! Der Zaun umgelegt! Kein Schenktisch ganz. Der Kies glitzrig von kostbaren Scherben – von zerbrochenen Waffen, von Lachen Blutes! – o! nicht hineintreten! Und hier links – und dort drüben und da wieder, ganze Haufen, ganze Knäuel von Leichen! – – Nur nicht fallen und mitten in solch ein Gesicht greifen, in die offenen, gebrochenen Augen! – Mutter! Dir hab ich sie doch noch zugedrückt! Vielleicht hätte ich es gar nicht gedurft, – da meine Hände nicht rein sind, da ich nicht rein bin! Lieber Gott, laß ihre Seele in die Seligkeit eingehen, auch wenn eine Sünderin ihre Augen zugedrückt hat! – Wer hat da gestöhnt? – entsetzlich. – Wenn es ein Verwundeter ist, muß ich helfen ... Es war wohl nichts. Die Gewappneten sehen nicht so schaudervoll aus! Aber die Überraschten, nackt von Rausch und Lust her ...! Sie schillern ganz bläulich, wie Meergespenster ... Wem sie in den Nacken faßten, der stürbe vor Entsetzen. Nicht ohnmächtig werden, nur nicht hier, zwischen Leichen und Gespenstern. Weiter! Ich muß zu Mutter! Ob sie sich gefürchtet hat, allein im Haus, da die Männer kämpften? – Ich werde wahnsinnig! Ich weiß ja, daß Mutter schon vorher tot war. Ich hab noch das Gefühl von ihren Lidern in den Fingerspitzen. Heiliger Gott! Barcas! Sie haben ihn mit dem Speer an den Türpfosten angeheftet wie einen Käfer! Aber – wo ist denn die Tür? Da war doch – ein Gang – eine Treppe. – Mein Gott steh mir bei! Alles niedergebrannt! Alles! Nur die Mauerecke übrig, die eine Mauerecke ...! Mutter! – Haben sie dich mitverbrannt? Und ich hab dir dein Grab graben wollen!« Noemi brach vornüber zusammen. Mitten zwischen Gebälk und Steinen, Asche und Schutt lag sie lange, ehe sie sich auf den Knien zu jener Mauerecke schleppte. Ihr Blick hatte einen dunklen Fleck an der verräucherten Wand getroffen. Sie erkannte, flüchtig mit Kohle gezogene, senkrechte Striche, wie sie der Mutter schreibensunkundige Hand allerorten eilig zu malen pflegte, um die Schulden Säumiger anzukreiden. Noemi richtete sich schwankend empor und preßte ihre Lippen auf die armen Zeichen. Ihre Tränen strömten. Die Hände unter dem vor Schluchzen bebenden Kinn gefaltet, flüsterte sie: »Bist du böse, nun, da du droben alles weißt? – Laß mich zu dir, Mutter, was soll ich noch hier ...« Als endlich das Weinen leiser ward, erfaßte sie, um sich blickend, erst ganz das kalte Grauen des Ortes. Sie sah auf der immer mehr vom Morgen erhellten Trümmerstätte halbverkohlte Gebeine unter halbverkohltem Hausrat, und als irgendein Poltern und Rieseln laut ward, floh sie taumelnd und strauchelnd an dem toten Schmied vorbei, dessen Finger, gespreizt wie die eines Flötenspielers, sich um den Speerschaft krampften. Sie gewann das Freie und lief gejagt die Straße hinab, um plötzlich in neuem Schrecken innezuhalten. Zum Sprung geduckt, lag ein mächtiger Königstiger dicht vor ihr und sie meinte, mit letzter Kraft fliehend, schon seine Zähne im Fleisch zu fühlen. Hinter einer gestürzten Heiligensäule sich bergend, spähte sie zurück. Der Tiger lag noch immer wie vorhin, und nun erst gewahrte sie den Speer in seiner Brust. Soldaten kamen heran, neben schwerschwankenden Ochsenkarren schreitend, deren hochgetürmte Last mit Lederdecken verhüllt war. Mal um Mal einander anrufend, rafften sie Tote von der Straße auf und schichteten sie über die Haufen anderer Leichen. So geschah es, daß der tote Königstiger über Klythias Körper zu liegen kam, den er in der gleichen Nacht bis zur Unkenntlichkeit zerfleischt hatte. Die Ochsen standen wiederkäuend still, bis ein Peitschenschlag sie bewog, sich in Gang zu setzen. Aber nach wenig Schritten hielt der Zug von neuem an und die Bewaffneten brachten die Todesernte ein. Noemi kam am Zirkus des Konstantin vorbei. Soldaten waren beschäftigt, den riesigen, dunkel gähnenden Torbogen, dessen Bronzetüren von Belisars Mauerbrechern zerschmettert worden waren, mit einer Bohlenwand zu verschließen. Vom Rücken des marmornen Elefanten her befehligte ein Anführer. Neger luden Fässer von den Wagen ab und goßen das Meerwasser in Sturzbächen auf die Stufen, von denen hochaufgeschürzte, schwatzende Negerdirnen das Blut wuschen. Wachen schritten klirrend, gemessenen steifen Schrittes, die ihnen zugewiesene kurze Wegstrecke ab, im Morgenwind flatterten ihre grellroten Roßschweife. Eine lange Gestalt kam Noemi entgegen, lachend, hüpfend, armeschwenkend. Sie erkannte den Nachbar Schneider, dessen Kind sie zertrampelt hatten. »Ich bin lustig!« zwinkerte er. »Ich bin fröhlich! Mein Jukunduslein ist da drinnen! Da drinnen ist mein Zeiselchen, mein Goldkindchen! Kann er nicht zufrieden sein mit dem Schauspiel? Sie sind tot! Alle sind sie tot – erschlagen, zerschossen, von Bestien zerstampft, selbst ein neuer Kaiser und des neuen Kaisers Bruder! Nur damit mein Jukunduslein ein schönes Schauspiel im Zirkus sieht! Hahaha, ich bin fröhlich!« Ein Soldat legte dem Schneider die gepanzerte Rechte auf die Schulter: »Geh nach Hause, Alter, ich sag's dir zum letztenmal! Und du auch, Mädel. Es ist bei Kerkerstrafe verboten, hier zu stehen!« Noemi lief weiter, das Lachen des Wahnsinnigen im Ohr. Die ganze Straße entlang standen Wachen. Und knarrend schwankte Wagen um Wagen vorbei. Auf einem sah Noemi staunend den riesigen, speerstarrenden Kadaver eines Elefanten. Sie schlug stillere Seitengassen ein, immer schneller schreitend, obgleich ihre Füße versagen wollten. Als sie aber endlich den Hafen erreichte, war da von neuem Gewimmel und Rufen. Mächtige Segler lagen in Reihen vor Anker und, von Wachtposten mit blanken Schwertern umstellt, trugen keuchende Neger die Getreidesäcke ans Land. Fischerboote, die acht Tage lang nicht im Hafen zu sehen gewesen waren, blinkten vom gehäuften Silber der Fische. Auf flachen Kähnen war gesalzenes Ochsenfleisch verladen und die Seefahrer schlugen mit Rudern und Mänteln, um sich der Möven und Geier zu erwehren. Kauffahrerschiffe, die vorsichtig noch mit dem Entladen zögerten, blähten ihre kostbaren, orangefarbenen Segel und die feisten Händler selbst lehnten am Deck und feilschten mit den Fruchtverkäufern, deren winzige Kähne auf den Fluten tanzten. Noemi ward von Trägern gestoßen, von Aufsehern gescholten, von Wachen fortgewiesen. Sie schlich weiter und weiter, bis der Lärm nur wie ein fernes Brausen in ihrem Ohr war. Sie sah den Möven zu, die weiß und plötzlich die halberhellte Luft durchblitzten. Der Wind strich kalt und brachte Fischgeruch. Da unten war es: Das Glitzernde, das Tröstende, das Unendliche! Noemi begann langsam die Treppen hinabzusteigen, ihre Lippen bewegten sich lautlos in hebräischen Gebeten und ihre Hände waren gefaltet. Ein breiter Absatz teilte die Stufen nach rechts und links. Ihr Schicksal blieb das gleiche, welchen Weg sie auch nahm. Plötzlich stand Noemi unschlüssig still. Auf dem Treppenabsatz kauerte, dem Meer zugewandt, eine Gestalt. Auch hier nicht Einsamkeit, auch hier nicht Friede! Noemi wollte sich wenden. Da kehrte ihr die Kauernde ihr Antlitz zu, und sie sahen sich lange an. Und Noemi las in dem fremden Blick den gleichen Schmerz, die gleiche Angst, die gleiche Sehnsucht ... Unwissend, wie es auszudrücken, daß sie verstehe, daß sie fühle, stammelte Noemi scheu ... »Es ist doch schwer!« Das fremde, zarte Gesicht überflog der Abglanz des einstigen Lächelns: »Nicht mehr, da wir zusammen gehen!« Noemis Augen füllten sich mit Tränen, sie streckte ihre Hand aus und zog sie, kaum daß die Gebärde halb vollendet war, scheu zurück. Da bot die Fremde beide Hände, schmale, tatenlose Finger, denen man ansah, wie Ringe sie kleiden mußten und fragte: »Wer bist du?« »Ich bin Noemi von der Taverne beim Zirkus Konstantinus, die Jüdin!« schloß sie trotzig. »Ich bin Theodike, die Tochter des Statthalters Callopodius. Meinen Vater haben sie gekreuzigt, meine Mutter haben sie erschlagen. Mich ...« Sie sprach so sanft und still, als erzähle sie in ihres Vaters Blütengarten einer Freundin, behütet und unerweckt, wie sie selbst, ein gleichgültiges Märchen, »mich haben vier Männer gehalten, so daß ich mich nicht an meinem Haar erdrosseln konnte, bevor mich ein Tier vor allem johlenden Volke nahm. Und ich hatte nie gewußt, wie Männer sind ...« Noemi kniete: »Aber nun, da der Aufstand zu Ende ging, kannst du doch wie früher sein, schön und hoch, in der goldenen Sänfte!« Die Kauernde schüttelte den Kopf, daß ihr langes, offenes Haar sich in Wellen bewegte. »Meines Vaters Palast ist der Erde gleich gemacht, und wär er's nicht, wie könnt ich eingehen und habe ihn am Tor gekreuzigt gesehen! Und mein Angelobter weiß, wie ganz Byzanz, daß ich ihre Beute war. Am ersten Tage des Aufstandes noch bemitleidenswert, war ich ihm am letzten nur mehr verächtlich.« Noemi schluchzte: »O nein, o nein! Du bist so rein noch wie du es warst – aber ich, ich habe mit Willen gesündigt!« Die vornehme Hand glitt über ihren gebeugten Scheitel. »Ist es nicht schön, Schwester, daß wir uns gefunden haben?« flüsterte die Patrizierin. »Sieh, die Sonne geht auf. Es glänzt drunten wie Gold. Du wirst sehen, es wird ganz sanft sein!« Die beiden Mädchen küßten einander, ehe sie Hand in Hand die Treppe vollends hinabstiegen, die letzten der dreißigtausend Opfer des Nikaaufstandes. Zweiter Teil 54 Antonina lag unter einem Blütenbaum, der mit seinen unzählbaren winzigroten, stengellos am Geäst haftenden Knospen einem großen Korallengewächs glich. Das fast gelbe Rot der Decke, die über den Rasen gebreitet war, hob ihres Körpers weiches Braun. Ein kleiner Vandalenknabe, nackt und braun gleich ihr, hielt mit ernstem Eifer einen mächtigen Wedel gegen die blendend weiße Sonne. Auf den rechten Ellenbogen gestützt, die Linke unter die eine, etwas emporgehobene Brust gehöhlt, besah sie sich mit schläfriger Aufmerksamkeit. »Weiß der Himmel!« klagte sie, ein wenig undeutlich, vom Zuckerwerk in ihrem Mund behindert: »Ich werde sogleich feist, sowie ich nach Byzanz komme! – Ich versichere dir, Theodora, ich war in Afrika schlank wie eine Lanze. Es geht mir zu gut hier.« Sie sank seufzend zurück und nahm wählerisch eine neue der zuckerglänzenden, klebrigen, rosenduftenden, arabischen Süßigkeiten von der Kristallschale. Theodora, scharf atmend unter den Händen der Sklavin, sagte: »Laß dich kneten wie ich. – Ich verändere mich nie. Ich mache noch jeden Morgen die alten Übungen von einstmals.« »Entsetzlich!« lachte Antonina träg hingedehnt. »Da will ich lieber mein zartes Fett behalten! – Theodosius sagt ...« sie fuhr aufschreiend empor und riß die Beine an sich. »Geh fort! Gehst du fort? – Ruf ihn Theodora, ich bitte dich – so ruf ihn doch! Er wird mich beißen!« – Theodora stieß einen Pfiff aus und der Bär, der es sich zu Antoninas Füßen behaglich gemacht hatte, trottete gehorsam zur Herrin hinüber und ließ sich krauen. »Er tut nichts! Nicht wahr, er tut ja nichts! Er will nur spielen!« schmeichelte Theodora. »Daher legen! Schön daher legen! So! Siehst du? Er ist ganz zahm!« »Ganz zahm! Und der Neger, den er gestern zerrissen hat? – Schick ihn fort, ich bitte dich! Daß du mir immer die schönste Ruhe hier durch diese Bestien verderben mußt!« Der Bär schnupperte nach der Schale voll Süßigkeiten und Theodora riß ihn am Ohr hinweg. Da er brummte, schlug sie ihn über die Schnauze und beleidigt zog er den dicken Schädel zurück. »Fürchte dich doch nicht so, Liebe!« lachte die Kaiserin. »Er schläft gleich ein! Sieh her! Überdies liebt er mich. Und es befriedigt mich, wo immer ich meine Macht erprobe! – Gib mir den Spiegel, Crysomallo!« »Ich bitte dich, was hat er doch für ein Zeichen am Halse?« »Das? Alle Tiere des Zirkus wurden so gestempelt.« »Theodora! Es ist doch nicht eine der Bestien vom Nikaaufstand?« Antonina schauderte. »Dumme, kleine Antonina! Aber, ich liebe dich just darum, weil du so dumm bist! – Du vergiltst es mir freilich übel!« »Ich?« staunte Antonina erschrocken. »Ja. Du vertraust mir nicht mehr!« »Theodora!« »Sicherlich! Auch wenn du Taubenblicke wirfst. Du erzählst mir nichts mehr von Theodosius!« »Aber, Liebste, ich sah ihn doch fünf Tage nicht allein! Du weißt es doch, daß Belisar seines kranken Zahnes wegen das Haus nicht verläßt. Wenn er das Schwert nicht in Händen hält, ist er wehleidig wie ein altes Weib!« »Doch, doch, Herzchen! Gestern abend war Belisar fort, denn er war bei Justinian, ich bin davon unterrichtet. – Ich werde dir eine bessere Nagelschminke senden. Deine Nägel sind ganz blaß.« »O nein, danke, das ist nur nach dem Bade! – Wie magst du von gestern reden. Kaum hatten wir uns geküßt, kam Belisar heim und schleppte Kallystus mit und Prokopius und deinen Mundus ...« »Meinen Mundus? Meinen Obersten der Leibwache, willst du sagen!« »Ach, Theodora, du magst recht haben, wenn du mich dumm nennst, aber blind bin ich nicht! Und seit gestern erst weiß ich alles!« »So. Seit gestern? – Bitte, sprich weiter. Also Belisar, Prokopius, Kallystus und Mundus traten ein ... nun?« »Nun, da begannen sie zu zechen und Theodosius saß bis zum Morgen mit ihnen auf.« »Arme Antonina! Und was sprachen sie? Denn du hast doch sicherlich gehorcht, ob Theodosius nicht etwa mit weingelöster Zunge eine andere Frau preisen werde?« »Ich? Pfui! Was fällt dir bei! – Also ja. Ich habe ein wenig gehorcht, aber nur um zu erfahren, wann wir endlich nach Italien aufbrechen!« »Nun, also?« »Zuerst sprachen sie vom Wein, dann von Schlachten – gewesenen und künftigen. – Dann vom Nikaaufstand ...« »Was vom Nikaaufstand?« »Mein Gemahl pries dich wie immer als ...« »Retterin von Byzanz! Ich weiß. Und weiter?« »Dann sprachen sie vom Kampf im Zirkus, da gegen jeden der Isaurier sechs Aufständische fochten. Und Belisar sagte, die Freude an solchem Sieg sei ihm durch den Anblick der Zerfleischten verbittert worden. – Wahrhaftig, Theodora, er fährt oft des Nachts aus dem Schlafe und brüllt: »Die Bestien! Die Bestien!« – Und er schwört, wenn er den Schurken fände, der die ausgehungerten Tiere auf die Nikabündler losließ, er würde ihn mit eigener Hand zu Tode peitschen!« Theodora lächelte. »Würde er? Vielleicht haben sie sich selbst befreit?« und sie klatschte des Bären Rücken, der schläfrig brummte. »Selbst befreit? Was sprichst du da? Alle auf einmal? Bären, Löwen, Tiger, Elefanten? Am furchtbarsten sollen die Elefanten gewesen sein! Zu denken, daß, während die Isaurier von den obersten Sitzreihen her schossen, die Bestien von rückwärts über sie hereinbrachen ...!« »Nun, und dann?« »Dann? Ja –« Antonina machte große Augen. »Dann sprachen sie von Narses. Als nämlich die Entsendung meines Gemahls nach Italien beschlossen ward, soll Narses laut gesagt haben: »So viel Reiche erobert Belisar für einen Herrscher, dem sein Weib keinen Erben bringt.« Theodora richtete sich heftig auf. »Das hat der Popanz gewagt?« Antonina war sehr erschrocken. »O Theodora, ich sage dir ja, Belisar stand neben Kallystus und hat nichts davon vernommen! Vielleicht hat jener es im Rausch erfunden ...« »O nein! Das erfindet nur ein Narses, kein Kallystus!« Sie sann nach, geduckt, das Kinn auf die Faust gestützt. »Das ist ein Basiliskenei und Narses wird es ausbrüten und Prokopius ist mit ihm! Ein Mittel gäbe es, sie schweigen zu machen. ... Pah! Justinian hat vor mir kein Weib umarmt, wer kann beweisen, daß nicht er der Unfruchtbare sei?« »Dasselbe sagte auch Belisar! Aber da lallte Mundus: »Umsonst, umsonst, was hab ich mich schon bemüht, aber dies schöne Danaidenfaß füllt keiner! ...« Theodora starrte Antonina an. Sie beim Handgelenk fassend, zischte sie: »Schwör bei deiner Seele Seligkeit, daß dies wahr ist!« Antonina, auf den Knien liegend, flehte: »Vergib mir, Basilissa ... ich wollte dich nicht ... o weh! Laß mich! – Ich schwöre! – O, meine Hand! – Basilissa, wirst du ihn strafen? – Er war trunken, er war trunken, Theodora, es ist nicht seine Schuld!« – Theodora trat zurück. Sie war vollkommen ruhig. »Du hast recht. – Die Schuld ist mein. Ich hätte wissen müssen, daß er zu unrechtester Zeit sich rühmen würde, denn er ist ein Mann. Sei gewiß, – dies wird mir nicht mehr geschehen. Es wird kein anderer mehr Zeit zu prahlen finden! – Du weinst, Liebe? Nein! Du sollst nicht weinen!« Sie sah sich suchend um, und da sie ihren Spiegel liegen sah, der, ein römisches Wunderwerk der Goldschmiedekunst, mit Juwelen vielfarbig überstreut war, legte sie ihn in Antoninas Schoß. »Besieh dich darin, Liebling, und laß ihn ein Lächeln spiegeln!« Sie klatschte in die Hände, und als die Sklavinnen hastend sie umringten, befahl sie ruhig und heiter: »Wir kehren heim! Antonina, geh voraus ins Haus. Ich will nur noch einen Strauß jener Rosen brechen. Die Schere, Bylitis! Halte den Zweig!« Zu dem blütenübersäten Wipfel aufgereckt, schnitt sie Rose um Rose von dem Baum, der aus dem Reis vom Grabe der Liebenden gewachsen war. Die Dienerinnen rafften Mäntel, Decken, Kissen, Essenzenversprenger, Salbentiegel und Fruchtschalen vom Rasen auf. Ukri kam, schwarz und grinsend, inmitten halbnackter, lichter Frauen und führte den Bären hinweg, der schlafgestört grollte. »Wer befehligt die Wache vor dem Hause?« fragte Theodora im langen pfaublauen Mantel, den Arm voller Rosen. »Der Oberste Mundus selbst!« antwortete Mizrah. »Gut. Burbo soll in meiner Sänfte warten.« Sie trat in das Häuschen, in dem einst der Kaufherr Hekebolos die Dirne Theodora geküßt hatte. Im Vorraum, der nun weißmarmorn schimmerte, stand Antonina, völlig bekleidet. »Du planst sicherlich nichts gegen ihn?« flüsterte sie scheu. »Gegen wen, Kind?« lächelte Theodora. »Gegen Mundus!« »Du nimmst so warmen Anteil an seinem Geschick, daß mich wahrhaft dünkt, es sei mehr als nur ein freundschaftliches Gefühl!« sagte Theodora vorbeirauschend. Als die Kaiserin wenig später, geschmückt und bis zu den Fingerspitzen verschleiert, aus dem Hause trat, war es Mundus, der die Vorhänge der Sänfte vor ihr offen hielt. Sein Panzer war Gold, sein Mantel Scharlach, sein Antlitz strahlte, schön und glücklich. Theodora ließ eine der dunklen Rosen fallen, während ihr Fuß das elfenbeinerne Trittbrett bestieg. Mundus lächelte satt und hob sie nachlässig auf. Die Träger setzten sich in Bewegung, Antoninas Sänfte und die Tragstühle der Lieblingsdienerinnen folgten. Dem Zug voraus ritt Mundus. Seines Rappen Fell spiegelte unter der Tigerdecke. Das Roß wölbte rund den Hals und drückte den edlen Kopf an die Brust, hochmütig die schlanken Beine mit den vergoldeten Hufen und Fesselringen zu Boden setzend. Burbo kroch unter dem Lager von Theodoras Sänfte hervor. »Der Sturm weht scharf, wie's scheint«, sagte er nach einem Blick in Theodoras Gesicht. »Was gibt es?« – »Mundus hat geschwätzt«, flüsterte sie. Burbo schlug sich, wie er hockte, auf den Schenkel. »Hab ich's nicht gleich gesagt!« grinste er. »Der scharlachne Bettnässer! – Willst du Petros einen Gesellschafter geben? Er langweilt sich da drunten, so allein, mit Ringlein und Kettlein um den Geierhals!« »Ich habe ihm vorhin die Rose zugeworfen, wenn er also heute nacht kommt, dann öffnen ihm die Wachen wie gewöhnlich! Du benachrichtigst sie: der die Rose bringt, wird hereingelassen, aber nicht mehr hinaus. Du hast mit Ukri die Wache vor dem Gemach. Wenn du ihn hinwegführst, wird ihn Ukri niederstechen! Tzikka übernimmt sein Amt.« »Hm, – du, der Kerl ist stark, und wenn er merkt, daß es sein Leben gilt ...!« »Ukri ist stärker als er. Nein. Warte! – Ich werde ihn anrufen, sowie er bei der Tür angelangt ist, damit er sich zu mir wendet und euch den Rücken kehrt! Ich werde ihm Kußhände zuwerfen und sagen: »Komm morgen wieder!« – Du lässest Ukri auf dieses Wort hin zustoßen. Hörst du? Erst auf dieses Wort!« »Wird es nicht auffallen, wenn er plötzlich verschwindet?« »Der Bosporus ist verschwiegener als er, und es gibt auch falsche Zeugen, die ... Ach wozu, keiner wird fragen! Ich wollte, ich könnte Narses gleich mit bezahlt machen!« »Still!« hauchte Burbo. Mundus vandalischer Hengst schnaubte zu Seiten der Sänfte. Einen einzigen Augenblick teilten sich die Vorhänge und winkend zeigte sich eine weiße, beringte Hand. 55 Der Kaiser blieb, als er das fünfte Schlafgemach erreicht hatte, stehen, zum Zeichen, daß es für diese Nacht gewählt sei. Er ließ sich Mantel und Diadem abnehmen. Dann verabschiedete er mit einem Wink Kämmerer und Diener bis auf den greisen Pfleger seiner Kindheit, der gebückt und still in einer Ecke harrte. Justinian begann nach seiner Gewohnheit lautlos auf und abzugehen. Einmal tat er so plötzlich die nach außen sich öffnende Tür auf, daß der Wächter im Gang, hart gestoßen, zurücktaumelte. Noch bevor er die Ehrenbezeigung leisten konnte, verschwand des Kaisers bleiches Gesicht im Türspalt. Zurückgekehrt, sank Justinian im Betpult auf die Knie. Aber der greise Pfleger sah wohl, daß er nicht betete. Der Kaiser erhob sich endlich. Er blieb vor dem spartanischen, vorhanglosen, eisernen Bette stehen, das nur eine dünne Matratze bedeckte; es war so hochfüßig, fast wie ein Tisch, damit kein Mann sich darunter zu verbergen vermöge. Justinian sah abwesend darauf nieder, die frierenden Hände reibend, als wüsche er sie, und der Alte, in dessen Gegenwart er seine Züge, mehr aus Nichtachtung denn aus Vertrauen, zu bemeistern vergaß, erschrak. Der Basileus raffte sich jählings auf, er winkte dem Alten stumm, die beiden Türen zum Vorsaal zu verschließen, und sah den zittrigen Fingern zu, wie sie sich mit den Riegeln abmühten. Dann schlürfte der Alte geduckt an der Wand hin, in alle Ecken leuchtend, und öffnete endlich die Vorhänge vor den Fenstern des Ankleideraums, um den Kaiser zu überzeugen, daß niemand versteckt sei. Dabei wurde nicht ein Wort gesprochen. Justinian hielt erst den rechten, dann den linken Fuß hin und ließ sich Schuhe, Gurt und Oberkleider abnehmen. Er setzte sich mittels eines Schemels auf das hohe Bett und der Alte hüllte ihn in das Nachtgewand und half ihm, die Füße hinaufzuziehen. Dann bekreuzte sich der Pfleger und begann, ohne eine Aufforderung abzuwarten, Legenden zu erzählen, deren er hunderte im Herzen bewahrte, um mit frommer Kurzweil seines Herrn schlaflose Nachtstunden hinzubringen. »Habe ich dir schon die Geschichte vom Abbas Georgios erzählt, Herr, und von dem Grab des heiligen Petros?« – »Nein!« antwortete Justinian. »Zieh die Decke herauf. Mich friert.« – Der Pfleger kam, hüllte den Kaiser ein und schlüpfte zu seinem Platz im Dunkel zurück. »Es begab sich, daß der heilige Abbas Georgios eine Kirche zu Ehren des heiligen Quiricius baute, – ich glaube, es war zu Phasilais – und die Kirche steht heute noch! Sie hatten schon die Grundmauern gelegt, als eines Nachts dem Abbas einer im Traum erschien, und der trug sich wie ein Mönch. Sein Unterkleid war von Hanfstricken gewebt und um die Schultern lag ein kleiner Überwurf von Binsen. Ich weiß das alles sehr gut, denn der Bruder Sophronius, der es oft vom heiligen Abbas gehört hat, hat es mir selbst erzählt. Und der Mann sagte mit leiser Stimme: ›Guter Abbas, hast du wirklich also beschlossen, mich nach solchen Martern und solchen Mühsalen wie einen Hund vor deiner Tür liegen zu lassen?‹ Sagte der heilige Abbas, der ein rechter, unerschrockener Mann war: ›Das will ich aber ganz gewißlich nicht tun ...‹« »Horch! Was war das?« unterbrach Justinian aufgerichtet. »Die Wache!« brummte der Alte, ein wenig böse, weil sein Faden entzweigerissen war. Er fuhr sogleich fort: »›Du tust es aber dennoch!‹ versetzte der Traummann. Da fragte der heilige Abbas: ›Ja, aber wer bist du denn eigentlich?‹ Antwortet der: ›Ich bin der heilige Petrus vom Jordan!‹ – Möge er dich segnen, Herr, und deinen armen Diener! Und am Morgen, wie sie draußen jenseits der Mauer aufgruben, fanden sie wahrhaftig seine Leiche, ganz so angetan, wie der Abbas sie im Traum erblickt hatte! Und mein Vater hat das Grabmal mitten in der Kirche gesehen, darin jetzt die heiligen Gebeine ruhen!« Der Alte schwieg und bekreuzte sich. Nach einer Stille sagte der Kaiser: »Du kannst schlafen gehen!« Der Alte prüfte den Docht der Nachtlampe und ging. Einen Augenblick noch lag der Kaiser mit geschlossenen Augen da. Plötzlich richtete er sich mit einem Ruck auf, stieg aus dem Bett, warf den Mantel um, ergriff die Lampe, aus deren drei Drachenköpfen das Licht blakte und schlich auf leichten Nachtschuhen in den Ankleidesaal. Die Lampe in der Linken haltend, öffnete er eine im Wandgetäfel fast verborgene Tür und schritt den Gang hinab, der zu der Kaiserin Gemächern führte und der auf Justinians Befehl seit den ersten Tagen seiner Ehe dem allgemeinen Verkehr entzogen worden war. So traf er niemand an, obgleich man erst den vierten Tag der Woche zählte und seit des Kaisers Krankheit sich daran gewöhnt hatte, ihn nur Sonnabends zu erwarten. Der Gang mündete vor einem Bronzetor, das einst einen Hekatetempel behütet hatte, und in einem Rahmen von getriebenen Fruchtgewinden Darstellungen des finsteren Kults zeigte. Das Tor tat sich, von Justinians Hand berührt, lautlos auf, und er wäre fast über Ukri gefallen, der auf der Schwelle lag und in schlaftrunkener Verstörtheit ihn erkannte. Der Neger stieß einen gurgelnden Schrei aus, ehe Justinian ihm wehren konnte. Aus dem Vorhang, der das kleine Vorgemach nach hinten zu abschloß, lugten fassungslose Gesichter. Justinian schritt unbeirrbar vor und zwischen den auf das Antlitz gefallenen Mädchen und Knaben und Sklaven hindurch. Er sah eine schmale Gestalt und erkannte Mizrah, die wie eine gescheuchte Blindschleiche entschlüpfen wollte. Der Kaiser streckte die Hand aus, den zweiten Vorhang zu teilen. Da schob sich ihm die Haushofmeisterin in den Weg, der der Nachtdienst oblag. Sie war nach ihrem Rang gekleidet und geschmückt und das riesige Schleiergebinde auf ihrem Haupte rutschte bei jeder ihrer Verbeugungen tiefer in die Stirne. Ihr fettes Gesicht ordnete sich zu einem Lächeln. Und Eudoxia flüsterte, den Kopf schief geneigt: »Die allergnädigste Herrin schläft!« Justinian sah aus halbgeschlossenen Lidern auf sie herab und schritt vorüber. Aber Unmögliches geschah. Eudoxia drängte sich am Kaiser vorbei, und nochmals ihm in den Weg gestellt, mit einem Gesicht, in das der Schrecken ungewohnte Falten zog, so daß die dicke Schminkschichte von Sprüngen durchzogen schien, sagte sie: »Die allergnädigste Herrin ist eben erst eingeschlafen.« Einen einzigen Augenblick lang sah Justinian sie an. Dann scheuchte die Gebärde der Rechten sie fort wie ein Insekt. Justinian hörte ihr unterdrückt winselndes Altweiberweinen, da er ins Schlafgemach trat. Es war hier halbdunkel wie stets. Er roch Essenzen, den Duft verglimmenden Ambers und warmer Nacktheit. In der Ecke aneinandergedrückt und eilig zu Boden sinkend, drei, vier Frauen Theodoras. Der Basileus ging ohne Hast auf das Lager zu. Es stand, an allen Seiten gleich breit und von Vorhängen umschlossen, in der äußersten Wandecke. Justinian sah zu dem plumpgeschnitzten, schmerzverzerrten Gekreuzigten auf. Dann schlug er den orangefarbenen Samtvorhang zurück. Das Bett war leer. Im gleichen Augenblick fühlte Justinian seine Knie umschlungen und Eudoxias Stimme gellte: »Gnade! Gnade! Es ist nicht meine Schuld! Der Ehebrecherin gebührt Strafe, die die Nächte an Stätten der Lust verbringt, nicht mir! Wie konnte ich sie zurückhalten! Ich habe der Kaiserin Eufemia zwanzig Jahre gedient, ich bin alt, schone meiner!« Mit einem Male war das Schlafgemach, in weitem Abstand von des Basileus Person, von Lauschenden erfüllt. In den Türen drängten sich entsetzte, gierige, weinende Gesichter. Der Kaiser trat einen Schritt zurück, um sein Gewand zu befreien, an das die Schluchzende sich klammerte. Und er sagte mit halbgeschlossenen Augen, gelassen zur Menge hingewandt: »Sind dergleichen bedauerliche Anfälle schon vorgekommen? Dann hätte man uns wohl benachrichtigen müssen! Man hole unseren Leibarzt Jefraim und lasse der Unglücklichen alle Pflege angedeihen! Doch entferne man die Kranke. Die Kaiserin könnte in ihrer Nachtruhe gestört werden!« Und er schloß eigenhändig den Spalt der Vorhänge. Eudoxia, die, beide Hände am zahnlos offenen Mund, mit runden Augen gelauscht hatte, schrie auf, von neuem des Kaisers Fuß umklammernd. »Ich bin nicht krank! Ich bin nicht toll! Ich lasse mich nicht wahnsinnig machen um ihretwillen! Hilfe! Hilfe! Sie morden mich! – Fluch über dich, du Dämon!« ... Der Basileus stand reglos, die Brauen teilnehmend hochgezogen, den Kopf ein wenig geneigt, und sah zu, wie Burbo der Schreienden seinen Mantel in den Mund preßte. Ukri riß sie empor und trug sie hinweg. Der Kaiser wandte sich und sagte gedämpft zu dem Rudel erschreckter Frauen: »Wie muß der heutige Empfang die Basilissa ermüdet haben, daß selbst dies Toben sie nicht zu wecken vermochte.« Und an den aufatmend sich Verneigenden vorbeischreitend, befahl er: »Die nächste Patrizierin im Rang übernimmt den Dienst der armen Geisteskranken!« 56 »Gib acht! Stütze dich auf mich, du fällst!« »Halte die Fackel nicht so töricht, dann sehe ich die Stufen selbst. Du störst mich nur!« »Gib mir die Hand, wen willst du zuerst sehen?« »Serenus!« »Das ist hier. Links. Warte! Die vierte Tür! Halte den Mantel vor, der Dunst ist bestialisch!« Die eherne Tür, die der Rost blättrig wie feuchter Aussatz bedeckte, knirschte. Ein Loch tat sich auf, ein schwarzer Abgrund, aus dem der Gestank in Schwaden aufstieg. »Kann man ihn sehen?« fragte Theodora. »Es ist zu tief!« antwortete Burbo. Er streckte die Fackel vor. Von dem schmalen, schleimig-schlüpfrigen Rundsteg roter Backsteine, auf dem sie standen, sah man nur die kreisrunden Wände des Schachtes. Tropfen lösten sich und fielen von Zeit zu Zeit klickernd auf Wasser auf. Theodora bog sich vor. »Serenus!« rief sie. »Bischof Serenus, hörst du mich?« Nach einer Pause, als bedürfe die Stimme langer Frist, um den Ton nach oben zu tragen, scholl es: »Wer ruft dem, der ich gewesen bin?« » Ich rufe dir. Theodora, Kaiserin von Byzanz!« »Fluch diesem Namen! Fluch dir Verworfene, die du kommst, meiner Leiden zu spotten!« »Ich kam nicht, dein zu spotten, Serenus, den sie den Fürbitter nennen! Du kennst die Ursache deiner Leiden! Warum weigerst du mir deine Kraft, die du jeder Bettlerin schenkst! Willige ein, morgen vor dem Altar mich mit Fruchtbarkeit zu segnen und ich mache dich zum Papst von Rom!« Da kam die Stimme herauf wie Donner. »Ich schmachte hier in ewiger Dunkelheit, meine heilige Tonsur verwächst, meine Nägel sind Klauen, scharf genug, die Ratten zu zerfleischen! Aber nimmer soll mich leibliche Qual vermögen, deinen Schoß zu segnen, daß er dein und Justinians Kind gebäre, eine Geißel der Menschheit, ärger als Sardanapal, Nero und Heliogabalus! Unfruchtbar sollst du sein wie das Weizenfeld, darüber Legionen schritten! Verflucht sollst du sein, daß Wahnsinn dein Gelächter verkehre in ...« »Schließ zu!« herrschte Theodora vom Gange her. »Wie lange willst du ihn noch anhören?« Burbo legte die Schlösser von neuem vor. »Den sollten wir lassen!« murmelte er. »Sie sagen, er sei ein heiliger Mann und großer Wundertäter!« »Was kümmert mich, was die Orthodoxen sagen! Haben sie nicht genug der Väter meines Glaubens verfolgt? – Wer schreit da drunten?« »Priscus!« »Warum denn hier? Ich befahl scharfes Gefängnis!« »Es ist keines leer! Serenus und Petros und Alexandras und Marco und –« »Genug. Ich kenne, die ich strafe.« Und sich vorbeugend, rief sie durch das Gitterfenster: »He! Alexandras! Buhlt es sich lieblich mit Schlangenfürstinnen und Krötenprinzessinnen? Ja, hättest du früher schon so süße Wollust genossen, du hättest der armen Antonina nachsichtig ihren Theodosius gegönnt und nicht dem wackeren Belisar Dinge enthüllt, über die ich selbst den Schleier geworfen hatte!« Und ihr unbändiges Lachen hallte in dem dunklen Schacht. Stöhnen antwortete. »Was ist das?« fragte sie. »Fausta. Nun hörst du's selbst, sie stirbt.« »Um so besser für sie, der Tod vereint sie ihrem teuren Angelobten! Man wagt nicht, ungestraft zu lieben, wo ich begehre!« »Aber Mundus ist schon seit Monden tot und dein Bett wird seither nicht leer von Männern! Gib sie frei! Das Mädchen und den Fürbitter!« »Fürbitter du selbst! Halte doch du segnend die Hände über mich, vielleicht kreißt endlich mein Fleisch! Denkst du dran, wie ich im Straßengraben lag und du hocktest bei mir und heultest? Es war ein Knabe! Lebte er, wer weiß, des Hekebolos Sohn würde einst ›Herr der Welt, schlimmer als Sardanapal, Nero und Heliogabalus!‹ Was glotzest du mich an? Sperr auf! Gib her, du bist ungeschickt! Leuchte! So!« – Sie verblieb auf der Schwelle und er leuchtete in das Gelaß, das kaum weiter im Geviert war als ein mittlerer Tisch. In die Wand war eine armlange, bewegbare Stange eingelassen, daran der Halsring angebracht war, an dem Petros hing. Diese Stange erlaubte ihm, an der Wand zu lehnen, wobei er die Füße an der gegenüberliegenden aufstemmte, oder Brot und Krug vom Eckbrett zu langen. Aber er vermochte sich weder zu bücken noch zu setzen, und er schlief stehend, die Hände um den Halsring gekrallt, um dessen würgendes Gewicht zu lindern. Seine Notdurft sammelte sich in einem pesthauchenden Hauf hinter ihm. Tag und Nacht brach kein Lichtstrahl herein und kaum ein Luftzug durch die unerreichbar hohe Ganglucke. Theodora leuchtete ihm ins Gesicht. Seine vorgequollenen, rotunterlaufenen Augen vertrugen das Licht nicht, sie blinzelten und tränten ausdruckslos. Der Bart machte sein Gesicht, das von Schmutz starrte, zur Fratze. Das verfilzte Haar, dessen Ungeziefer ihn so sehr quälte, daß er die Kopfhaut blutig riß, zottelte in die Stirne, der zahnlose Kiefer bebte wie bei Greisen. Theodora zog, ohne Ekel oder Rührung zu zeigen, behutsam den Ring von dem eitrig geschundenen Halse ab und goß aus einem Fläschchen ölige Tropfen aufs Eisen, die sich gierig einfraßen. Der Halsring fiel klirrend in zwei Stücken zu Boden. »Er wird ohnmächtig!« rief Burbo. Der Entfesselte schwankte und fiel schwer an Burbos Schulter. Theodora hatte sich gebückt und hielt prüfend die Teile des Halsringes ans Licht. »Darum ging es so schnell! Das Eisen war schon fast durchgefeilt, sieh her!« sagte sie mit achtungsvollem Lächeln. »Er ist noch immer der alte Petros! Nimm ihn auf den Rücken und komm!« 57 Als Petros zu sich kam, befand er sich in einem Gemach, dessen Ampel von smaragdfarbenem Glas das Licht so sehr dämpfte, daß es seinen Augen Wohltat schien. Er griff nach dem Hals. Der Reifen war fort und seine Hand nahm den Geruch des Balsams an, der auf seine Wunden gelegt worden war. Er richtete sich auf. Sein Bett war lachsfarbene Seide. Er war gebadet und sein gesalbter Körper roch nach Blumen. Als er, an die lebendige Pein von Haar und Bart schon gewohnt, an seine Wangen fuhr, da waren sie glatt und auf dem beschnittenen Scheitel fühlte er die Glätte heiliger Tonsur. Aber als der Wunder größtes bestaunten seine trüben Augen den zum Bett gerollten Tisch, den kalte und dampfende Speisen belasteten. Er tat eine Bewegung, als wollte er den Teufelshohn solcher Erscheinung zerrinnen machen, wie oftmals in der Zeit der Kerkerhaft. Aber die Speisen blieben Wirklichkeit. Er aß wie ein Tier, die Seide seines Lagers mit tropfendem Safte befleckend. Und er verfiel in langen Schlaf, sowie er den einen Becher geleert hatte, den seine Vorsicht ihm gestattete. Als er zum zweiten Male erwachte, traf sein erster Blick ein über ihn geneigtes lächelndes Mädchengesicht. Die Kleine kniete nackt, ihr schwarzes Haar fiel bis auf das lachsfarbene Pfühl. Sie hatte die dunklen Augen, wilden Lippen, bräunlichovalen Wangen der Jüdin und glich Noemi. Einen Augenblick lang wähnte sich Petros in der Zirkustaverne und war geil und glücklich. Aber plötzlich löste er die Zarte von sich los, sah sie fest an und sagte: »Melde der Kaiserin, der Mönch Petros habe nichts gegen den Speck einzuwenden, wohl aber gegen die Falle!« »Du gefällst mir, Petros«, sagte der Kaiserin Stimme. »Wirklich, du scheinst der, dessen ich bedarf.« Theodora trat aus den Vorhangfalten und das Mädchen entglitt. »Ich entbinde dich der Ehrerbietung. Siehst du, ich setze mich an dein Bett. Und nun laß uns wie zwei Händler sprechen, von denen der eine Ware besitzt, der andere sie erschachern möchte. – Die jüngste Vergangenheit war nicht dazu angetan, dankbare Gefühle für mich in deinem Herzen zu wecken. Aber nun bedarf ich deiner, und wenn du klug bist, so nütze mir, und ich bin deine Freundin. Still! Ich kenne deine Anwürfe. Du gabst mir die Nikabündler in die Hand und statt des Bischofsringes, den ich dir versprach, gab ich dir den von Eisen; – nebenbei, es würde mir Genugtuung bereiten, erführe ich, woher du in den Besitz jener vorzüglichen Feile gelangtest. – Aber bedenke selbst, hätte es dir genützt, wenn ich, sogleich da der Aufstand im Blut erstickt worden war, dessen Erreger, der du ja warst, trotz Hypathios, mit offener Gunst bedeckt hätte?« »Basilissa, es ziemte mir nicht, deine Rede zu unterbrechen. Nun will ich dir antworten. Ich war töricht genug, dir einmal zu vertrauen. Doch darf dich dies mich nicht gänzlich unterschätzen lassen!« »Petros. Für die geistliche Vorsicht deiner Gespräche mangelt mir die Zeit. Es gibt noch genug Halsringe, die selbst du nicht wirst zerfeilen können. Petros, du verrietest mir die Nikabündler für das Bischoftum Ravenna. Wie, meinst du, würde dich die violette Farbe kleiden? Dies Dekret des Papstes hier, in deine Hand gelangt, macht dich zum Patriarchen!« Über des Priesters Gesicht zuckten Blitze gieriger Klugheit. Aber jäh sich besinnend riß er das Pergament an sich, Siegel und Schrift zu prüfen. Er behauchte es und hielt es gegen das Licht, erwärmte es, wischte mit dem Ärmel darüber hin, endlich überreichte er es mit achselzuckender Verbeugung an Theodora. Theodora lächelte ohne Ungeduld. »Ich werde mit dir zufrieden sein, übst du stets gleiche Vorsicht!« Und sie flüsterte scharf, hastig, herrisch: »Amalasuntha, die Königin der Goten, sucht in Byzanz Zuflucht vor den Wirren ihres Landes. Sie ist schön und hat einen Knaben geboren. Die Räte liegen Justinian heimlich an, seine Ehe mit einer Frau nichtpatrizischer Herkunft, die ihm keinen Erben bringt, zu lösen und die Tochter Theoderichs auf den Thron zu setzen. Ein Gesandter des Kaisers schifft sich in wenig Wochen ein, um Geschenke nach Ravenna zu bringen, die die Gotin der kaiserlichen Gnade versichern. Der Gesandte, der seine hohe Würde in Dienst so guter Sache stellt, bist du, Patriarch von Ravenna!« »Und es widerfährt ihr ein Unfall während ihrer Herreise?« »Nein, das wäre zu spät. Der kaiserliche Segler, der dem deinen nachfolgt, um sie mit Prunk nach Byzanz zu bringen, wird von Tribonianus geführt und Amalasuntha verunglückt leider, ehe sie das rettende Schiff erreicht.« »Und wenn man es entdeckt?« »Dann hast du deinen Strick verdient, Patriarch von Ravenna! Drei Tage gebe ich dir Zeit, dich zu pflegen. Ich will dir auch dein braunes Speckschwärtlein wieder senden, daran die arme Maus Petros vorhin so gern geknabbert hätte! Am vierten Tage machst du deine Rückkehr von heiliger Pilgerschaft und deine päpstliche Bestallung bekannt!« »Ich nehme an!« sagte Petros. »Siehst du, ich wußte, wir würden einig im Handel. Verrätst du mich, verrätst du dich! Leb wohl!« Auf der Schwelle wandte sich Theodora. »Eines noch, du liest in jeder Stadt, durch die dein Weg dich führt, drei heilige Messen für eine Leibesfrucht der Kaiserin Theodora!« 58 Der Basileus saß in einem hochrückigen Stuhl und wärmte seine bleichen Hände an einem kleinen Kohlenbecken, dessen metallene Tragplatte auf seinen Knien ruhte. Prokopius hielt ihm, neben dem Schreibtisch stehend, Brief um Brief zur Siegelprüfung vor und erbrach das Schreiben, wenn der Kaiser genickt hatte. Dann erklang Prokops eintönige Stimme, als würden trockene Erbsen in einem Siebe gerüttelt »... fünfundachtzigtausendachthundertundfünfzig Säcke Weizen, achtundsechzigtausendvierhundert Säcke Gerste, dreiundzwanzigtausend Kisten Hartbrot, sechsundneunzigtausendsiebenhundertunddreißig Ballen Heu ...« Der Kaiser klopfte an den Beckenrand. Ein winziger Mohrenknabe sprang aus halbem Schlaf empor, den Handwärmer fortzutragen. Die Hände nach seiner Gewohnheit fröstelnd in den Ärmeln bergend, fragte er, Prokops Vortrag unterbrechend: »Keine Nachricht aus Italien?« Prokop sah erstaunt auf. Fast alle heute verlesenen Schreiben hatten Kunde aus italischen Heerlagern gebracht. Der Geheimschreiber prüfte des Kaisers Gesicht. Es schien ihm, als sei der Blick ungewöhnlich matt. Die frühgefurchte Stirne lag diademlos offen. »Er leidet!« dachte der Vertraute und verbarg ein hämisches Lächeln. »Keine Nachricht von Tribonian, Erlauchter!« Justinian schien nicht zu hören. »Sie müssen schon an Bord sein. Die ›Leukothea‹ geht sicher«, murmelte er. Er erhob sich jäh und begann an dem kleinen, verschreckten, verschlafenen Neger vorbei auf und ab zu gehen. »Wann könnte sie, – wann kann die Königin hier sein?« fragte der Kaiser. Prokop lächelte von neuem. »Nicht vor dem nächsten Neumond, bei schnellster Fahrt.« »Sie werden wohl so schnell nicht segeln können, da ein Weib an Bord ist.« »Königin Amalasuntha erträgt des Meeres Unbilden wie ein Mann!« Justinian wandte sich so rasch, daß sein Mantel am Estrich zurückfegte. »Woher weißt du das?« fragte er scharf. »Man sagt es so, Erlauchter.« »Man sagt es! Man sagt es! Es wird zu viel geschwatzt und zu frühe!« Der Basileus warf sich in den Sessel und herrschte: »Lies weiter!« Prokop ergriff, sich tief verneigend, den Bericht des Schiffmeisters und las: »Siebzigtausend Fässer gepökelten Hammelfleisches, fünfundvierzigtausend ...« Vom Saal der Wache scholl Erzgeklirr und der Ruf des Hauptmannes, der das Nahen kaiserlicher Macht verkündete. Justinian erhob sich langsam, auf den Tisch gestützt. Prokop rollte den Papyros in seinen unruhigen Händen zusammen. Die Bronzetür flog knirschend zurück. Lichtglanz brach in das nächtliche Arbeitsgemach. Man sah in den Saal hinaus, der voll glitzernder Waffen und farbiger Frauengewänder war. Theodora, in einem weiten verbrämten Purpur, den Schleier zurückgeschlagen, stand auf der Schwelle. Sie rauschte mit dem Ansturm einer Woge heran, streckte die Hände aus, stammelte: »Mein Gemahl!« zog sie zurück und herrschte, Prokop erblickend: »Schick den da weg!« Bevor Justinians Gesicht sich ihm noch zuwandte, erhob sich Prokop aus der Proskynese und ging. An der Tür sich nochmals neigend, schloß er sie von außen. Im gleichen Augenblick lag Theodora zu Justinians Füßen. Sie lachte wie eine Irre und die Tränen rannen zugleich über ihre Wangen, sie bebte so, daß ihr Schüttern ihn schwanken machte, sie stammelte, daß den Sinn ihrer Worte zu entnehmen fast unmöglich war. »Wir werden ihn haben, wir werden den Sohn haben – den Erben! – –« und wie mit letztem Atem hervorgestoßen »... Er ward mir verheißen!« Sie fiel zurück, die Glieder in allen Gelenken gelockert und zugleich schwer wie Blei. Justinian riß ihr Haupt empor, sie atmete kaum. Er wußte nicht, wohin sie betten, fegte mit beiden Händen Schriften, Briefe, Erlässe, Gesetzentwürfe in Haufen vom Tisch und hob schwer, denn er war nicht stark, mit des Negerknaben Hilfe ihren schmalen Körper hinauf. Er raffte die Kissen von seinem Stuhl, die er unter ihr Haupt stopfte und wusch ihre Stirne mit seinem noch unberührten Abendwein. Sie schlug die Augen auf und mit beiden Händen das Gewand an seiner Brust fassend flüsterte sie durchdringend, hastig. »Er ward mir verheißen!« »Aber von wem, von wem?« fragte Justinian vor Ungeduld fast barsch. »Von einem deiner ägyptischen Quacksalber oder Schlangenbeschwörer?« Sie schüttelte den Kopf. »Der heilige Simeon war bei mir – im Traum, – in deines Oheims Justinus Gestalt.« Justinian wollte fragen, sah den kauernden Negerknaben, der offenen Mundes lauschte, unterbrach sich und gebot dem Kleinen ruhig: »Du kannst gehen!« Dann mit Theodora allein, hin und her gehend, an raschelnde Pergamente streifend, immer nur wenige Schritte neben dem Tisch, auf dem sie lag, sagte er plötzlich: »Du hast meinen Oheim Justinus nie gekannt!« »Nein«, sagte sie, mit Augen, die über ihn hinaussahen. »Aber ich wußte im Traume, daß er so aussah. Er trug einen silbernen Bart und an der Schulter eine Spange mit drei kinderfaustgroßen Smaragden, die den grünen Mantel schloß ...« »Wahrlich, so ward er beigesetzt«, murmelte Justinian, sich bekreuzend. »Jesus Christus, führ ihn ein, in dein Paradies! – Was also waren seine Worte?« Mit weiten Augen starrend, sagte Theodora, als spräche sie einer nur ihr hörbar versagenden Stimme nach: »Höre mich, Theodora von Byzanz! Ich bin Simeon, der Diener Gottes, und abgesandt, dir zu melden, daß der Herr der Gnade die Strafe der Unfruchtbarkeit von dir nimmt, die er auf dich gelegt hat, um deiner früheren Schuld willen. Baue ein Sühnkloster an der Stätte deiner Sünden und Justinians Same soll aufgehen in dir und du wirst einen Sohn gebären, der wird sein vor allen Königen, im Aufgang und Niedergang!« Sie fiel zurück, ächzend wie eine Sterbende. »Wenn du mir den Sohn gebierst, Theodora!« Er ließ sie los. »Ich will ein Kloster bauen! O! Morgen berufe ich die Baumeister. Vigilius muß es von offener Kanzel dem Volk kund tun, daß zu dir der Engel der Verkündigung kam, wie zu Maria ...« Man pochte in drei Schlägen an die Tür. »Wer da?« fragte Justinian unwirsch. »Prokopius von Cäsarea mit Briefen aus Italien. Besondere Eilboten!« Der Kaiser ging zur Tür und schob sie zum Spalt auf. Theodora lag und lächelte. »Ich lese selbst!« sagte Justinian, nahm die beiden Rollen an sich, die das Zeichen der Eilbotschaft trugen, schloß die Tür und kam zurück. Er zögerte einen Augenblick, ging dann zum Tisch und begann, der Lampe zugewandt, nach hastiger Siegelprüfung zu lesen. Er hatte kaum die ersten Zeilen überflogen, als er den Kopf hob und Theodora ansah. Sie schien zu schlummern. Er riß den zweiten Brief auf, der sehr kurz war, legte beide Blätter auf das kleine Tischchen, ging einmal auf und ab und trat dann zu Theodora. Er fragte plötzlich und laut: »Weißt du, daß Amalasuntha ermordet worden ist?« Die Ruhende schlug langsam die Lider auf und sah ihn an, als begriffe sie nicht, plötzlich nahm ihr Antlitz Ausdruck an. Sie richtete sich empor und mit großen Augen erschreckt fragend, die Hände zusammengeschlagen, stammelte sie: »Was sagst du?« »Amalasuntha ist ermordet worden!« wiederholte er laut und scharf, ohne sie mit Blicken loszulassen. Theodora neigte ihr Gesicht. Und nach einer Stille sprach sie erschütterten Tones: »O Justinian, wie müssen diese streitenden Gotenfürsten das arme Weib gehetzt haben, ehe sie sie erschlugen! – – Und ich habe sie so tief gehaßt, weil sie hieher kommen wollte und mir dich rauben!« Justinian riß ihr Antlitz am Kinn empor. Ihre Augen waren feucht. »Nein, nein!« murmelte er, »Christ steh mir bei, wie mocht ich's denken! – Nein, Theodora, sie kam nicht von der Hand der Fürsten um, sie ertrank im Bad, das ein rachsüchtiger Thermenwärter ihr bereitete. Petros schreibt's und Tribonian bestätigt es. – O Theodora! Nun werden wir wohl endlich Ruhe haben von dieser Knabengebärerin!« »Gott hat es anders gewollt!« flüsterte sie. »Aber Justinian, gibt es nicht noch der Fürstinnen hohen Blutes genug, die über mein zertretenes Herz hinweg deinen Thron ersteigen können?« »Nicht, nachdem uns dies verheißen ist! Nimm meinen kaiserlichen Eid! O du Leib, der meinen Erben empfangen wird ...« Theodora entsann sich unter seinen Küssen jener Nacht, da sie zu dem Knaben Burbo gekommen war, auch seinen Knechtschaftsschwur zu empfangen. Und sie dachte: »Lüge – Brunst – Mord, Mord – Brunst – Lüge!« 59 Narses trat in den Vorsaal der Kaiserin, der von Wartenden erfüllt war. In dem Gemach, dessen polierter Marmorboden wie ein Spiegel verwirrende Reflexe und Bilder der Hin- und Widergleitenden fing, standen Gruppen flüsternder Würdenträger jedes Alters und Ranges in Gewändern von wetteifernder Kostbarkeit. Von allen Anwesenden war nur einem einzigen ein Stuhl geboten worden. Der uralte Patriarch von Antiochia saß, braun und verrunzelt, in seinen leuchtenden Gewändern da. Von Zeit zu Zeit öffnete er tränende, verpichte Lider, und seine farblosen Greisenaugen blinzelten. Mit einem Schlage beugten sich sogleich die tonsurierten Lockenhäupter zweier starker und schöner Jünglinge vor, und die beiden Diakone hinter seinem Lehnstuhl forschten flüsternd nach des heiligen Vaters Begehr. Dann hob der Alte mühsam seine zitternde Mumienhand zum Segen und schlief von neuem. Als man Narses erkannte, ging Raunen durch den Vorsaal der Kaiserin. Er dankte den Verneigungen, lächelte und wechselte Grußworte. Plötzlich fühlte er sich am Mantel gefaßt. Des Quästors Basilides feistes, ehrliches Gesicht sah ihn, bedeutungsvoll nach einer Nische zwinkernd, an. »Welch gnädiger Zufall, der mir deine ehrwürdige Gegenwart schenkt!« sagte Narses, aus der Verneigung auftauchend. »Es ist meinen armen Augen Labsal, Eure Großwürdigkeit zu sehen!« gab der Quästor zurück. Kaum dem Gewühl ein wenig entfernt, flüsterte er sehr erschrocken: »Bist du doch gekommen? Ganz Byzanz wettet heute, ob du den Mut haben würdest, ihr als Sieger entgegenzutreten!« »Dann muß jene eine Hälfte, die durch mein Hiersein gewinnt, zumindest recht wohl auf mich zu sprechen sein.« »Bist du so spaßhaft gelaunt? Glaube mir, die da drinnen ist nicht dazu geschaffen, Niederlagen zu erdulden. Und sie wird sich und Belisar an dir rächen!« »Wenn die da drinnen Niederlagen nicht erdulden kann, dann ist ja Belisar der Mann, an den sie sich wenden muß. Sancta Sofia, wie haben der Goten Rosenfäustchen an seiner Lorbeerkrone gezaust!« »Narses, ich bitte dich um unserer Knabenfreundschaft willen, geh fort von hier, verbirg dich – ich fürchte für dich!« »Du vergissest, daß des Kaisers Wille diesmal gegen den ihren steht!« »Des Kaisers Wille! Haha! Du Narr! Hoffst du darauf? Den schmilzt eine einzige Nacht!« »Nicht mehr! Nicht mehr!« frohlockte Narses. »Endlich nicht mehr, seit sich dartat, daß der gute Sanct Simeon falsch zu weissagen geruht hat! Der Verbindungsgang von ihm zu ihr ist verrammelt, Basilides! Verrammelt!« »Ich habe nie nach Kammergeheimnissen gefragt! – Ein Kaiser ist nicht minder ein Mann! – Aber sei dem so, und sie fühle ihre Macht sich verringern, wähnst du wirklich, sie wüßte ihren ärgsten Feind nicht zu treffen?« »Ich wette, du forderst mir noch den Eid ab, in Italien kein Bad zu nehmen, um nicht auf beliebte Weise zu ›verunglücken‹, Alter!« Narses brach jäh ab. »Auf ihrer Gottähnlichkeit, der erlauchten Kaiserin Theodora Befehl, einen Sitz für Narses, den obersten Heerführer des Basileus!« rief ein Kämmerer in den Saal. Er war jung und geschmeidig und flammte wie eine Tulpe, gelb und rot. Auf seinen Wink schleppten zwei Mohren den elfenbeinernen Stuhl herbei und warfen sich flach vor ihm zu Boden. Als Narses den Ehrensitz eingenommen hatte, rafften sie sich blitzschnell auf und verschwanden, während der Kämmerer, hochmütig sich in den Hüften wiegend, durch den Saal hin abging, den schlanken Stab vor sich hertragend. Narses saß auf dem sehr hohen Sessel, von dem seine Beine herabbaumelten. Er fühlte, welch Bild er bot. Sein Gesicht war zu fratzenhaftem Grinsen verzerrt und zwischen Eitelkeit und Selbstverhöhnung schwankend, kicherte er: »Sitz ich nicht hier wie Agamemnon?« Er lispelte dabei stark, wie immer, wenn er verlegen war. »Ich weiß nicht, ob deine Ehrwürdigkeit sich meiner entsinnt, mein Feldherr?« flötete ein kleiner, magerer Mann in strahlenden Gewändern. »Ich bin deiner Ehrwürdigkeit Diener, Johannes, des Lividius Eidam. Sieh ihn hier selbst!« »Guter Himmel, Freund Lividius,« sagte Basilides erschrocken. »Warum diese düstere Miene? Ich will nicht hoffen, daß einem der Deinen ein Unglück zugestoßen sei?« Der alte Senator hob langsam das zuckende Gesicht. »Das wissen die Fische des Bosporus,« murmelte er. »Die Fische, die vielen stummen Fische.« Der Eidam fiel hastig ein: »Der Vater will sagen, daß mein Schwager Longinus auf einer Lustfahrt ins Meer stürzte, mach ihn der Himmel selig. Amen!« Der Alte murmelte hinter seiner Hand. »Die Fische wissen es und ich weiß es. Aber ich bleibe nicht so stumm wie jene!« Der Schwiegersohn zuckte die Achseln. »Deine Sehrwürdigkeit sieht, wie es mit ihm steht. Wir haben um die Gnade angesucht, von der Basilissa empfangen zu werden, zu deren Ehrendienst Longinus erwählt worden war. Aber nun warten wir schon den achten Tag und mir entgehen die Geschäfte ... Gerade jetzt, wo Bauholz so begehrt ist!« – Lividius war noch näher an Basilides herangetreten. »Wohl Narses und denen, die sind wie er! Aber du hast drei Söhne! Hüte dich! Ich habe nur einen gehabt. Die Zeit des Knabenmordes von Bethlehem ist wiedergekehrt! – Er war achtzehn Jahre alt! Achtzehn Jahre!« Der Eidam hing sich, Schweigen deutend, an ihn. Es ging ein jähes Aufrauschen durch den Saal. Die Türflügel im Hintergrund waren auseinander geglitten. Feist, groß und glitzernd, trat der Haushofmeister aus dem Vorhang. Er stieß dreimal seinen mannshohen Stab auf und räusperte sich feierlich. Ein Halbkreis entstand um ihn, das erregte Rieseln der Seidengewänder zischelte durch die Stille. Selbst der Patriarch tat die Augen auf, die die eines toten Huhnes waren. Und ein Wachstäfelchen weit von seinen Augen ab vor dem achtungeinflößenden Bauche haltend, rief der Haushofmeister: »Seine Sehrwürdigkeit, Narses, oberster Feldherr des gottähnlichen Kaisers Justinianus!« Narses fuhr empor, verhaspelte sich fast in seinen langen, scharlachenen Prunkmantel und kam mit Johannes' Hilfe zu Boden. »So schnell!?« lächelte er verwirrt, spöttisch und geschmeichelt in einem und hastig die Verneigungen erwidernd, hinter denen er Neid, Haß, Hohn wie ein Greifbares fühlte, schlürfte er auf den überhohen Kothurnen, jenem tulpenhaft strahlenden Kämmerer entgegen, der tiefgeneigt die Vorhänge vor ihm raffte. 60 Narses zählte fünf Säle, durch die ihn der Kämmerer, stets eilig vorangleitend, führte. Sie strahlten von Fackelglanz und waren öde und kalt. Dann öffnete der Begleiter eine Tür und harrte stumm gebückt, bis Narses eingetreten war. Als der Feldherr den fast dunklen Raum betrat, ließ ihn eine Unheilsahnung nach dem Dolch tasten. Aber er entsann sich, daß ihm gleich allen anderen Audienzsuchern die Waffen beim Eintritt in den Palast abgefordert worden waren. Er sah sich nach dem Kämmerer um. Der war fort. Er hüstelte. Nichts regte sich. Er rüttelte an der Tür, die ihn eingelassen hatte. Sie bot von innen keine Klinke. Seine Augen bis zum äußersten anstrengend, suchte er die Dämmerung zu durchforschen. Der Saal schien leer. An drei Wänden hatte das Gemach Türen. Hohe, schmale, grifflose Türen, drei an jeder Wand. Sie waren aus schwarzem, schimmernd poliertem Holz gefügt und von grellroten, am obersten Sims angebrachten Ampeln beleuchtet. Der Widerschein sah aus, als träufle Blut an ihnen herab, als lauerten Ungeheuer des Abgrundes hinter ihnen. An allen neun Pforten klopfte und rüttelte Narses und sie alle waren verschlossen. Die vierte Wand verblieb in unenträtselbarem Dunkel. Nur das winzige Glimmen eines Kohlenbeckens war unterscheidbar, nach dem sich Narses nun mit vorgestreckten Händen hintastete, immer des mörderischen Zupackens gepanzerter Hände gewärtig. Ein leises Zischen klang dicht vor ihm, als würde Schnellentzündliches auf die glimmenden Kohlen geschüttet. Eine blaue, grade Flamme schlug auf. Narses sah Theodora auf einem Thronsessel sitzen, vor dem der Dreifuß flammte. Auf der ersten Thronstufe kauerte, geduckt wie ein Affe, ihr Neger Ukri, ein breites, blankes Schwert über den Knien. Narses sank, erregt und unwillig über solch Gaukelspiel zur Proskynese nieder und fühlte: »Nun winkt sie – und das Schwert zischt auf meinen gebeugten Nacken herab!« »Erhebe dich, Großwürdenträger unseres Reiches!« sagte die Kaiserin. »Es ziemt uns nicht, den vor uns knien zu sehen, vor dem die Goten im Staube liegen werden!« Narses hob den Kopf. Das von Edelsteingehängen umzitterte Antlitz lächelte: »O Narses, wir sehen nur mit beunruhigtem Herzen den treuesten Diener und Ratgeber unseren gottähnlichen Gemahl verlassen. Aber wir erkennen, daß die höchste Würde des Reiches nicht in bessere Hände gelegt zu werden vermochte als in die deinen. Wir erflehen den Sieg der Himmlischen für deine Waffen und begleiten dich mit unseren besten Wünschen!« Theodora ließ ihre Hand unter dem Mantel hervorgleiten, Narses legte, ins Knie gesunken, nach Sitte der Ehrfurcht, seines Mantels Ende zwischen seine Hand und die der Kaiserin, da er sie seinen Lippen entgegenführte. Aber der schwere Samt entglitt dem Ungeschickten und einen Augenblick lang ruhte die lebendig warme Rechte Theodoras in der feuchten, kalten des Verwachsenen. Narses erhob sich rasch. Und er sagte mit dem gewohnten Grinsen seiner Zwinkerfratze: »So unerwartete Gnadensonne blendet mich armen Erdenwurm, o Gottähnliche! Deine Schönheit erhellt sich im eigenen Schein, wie die der guten lieben Englein. Aber ich muß fast fürchten, das Dunkel täusche dir einen andern, Gunstwürdigeren an meiner Stelle vor! Oder sollte das unerwartete Glück dieser Stunde mich auch äußerlich begnadet und mir Haare und Zähne wiedergegeben haben, und was sonst mir noch abhanden kam?« Theodora sah ihm mit großen, ernsten Augen ins Gesicht. »Verbirgst du dich wieder hinter der Satyrmaske, Narses?« sagte sie leise und langsam. »Verbirg dich nicht vor mir! Ich weiß, daß du ein Zärtlicher bist und ein Sehnsüchtiger!« Er hatte alles erwartet, nur nicht dies, und er zuckte wie unter einem Schlag. Seiner Züge Grinsen zerfloß und sein Gesicht war wie zitternde Gallerte. Sie schnitt sein Stottern ab. »Ich habe mein Gefolge entfernt!« sagte sie, den Kopf ungeduldig in den Nacken werfend, »weil ich endlich, endlich als Mensch zu dir sprechen wollte und nicht als Herrscherin! Flüchte dich nicht hinter ein Lächeln! Ach, ich wußte es ja, ich wußte es, daß du feige sein würdest wie alle anderen und den Mut nicht finden, zu vertrauen ...« Sie hielt inne wie in einem erkaltenden Anfall von Ekel, von Enttäuschung. Ein Schweigen entstand. Theodora hielt den Blick unverwandt in ihren Schoß geheftet. Der Verwachsene tat mehrmals die zitternden Lippen auf. Endlich gehorchte die Stimme. »Du vergibst mir, wenn ich staune, Gottähnliche! Deiner Huld so ungewohnt ...« »Huld!?« blitzte Theodora ihn an. »Ich biete dir Freundschaft und du sprichst von Huld? Ich halte den Spiegel vor deine Seele und du mißtraust? Geh, du bist ein Sklave wie alle anderen!« Narses stand, den Kopf vorgestreckt, den Mund offen, und als wäre ihm zugleich mit seinem Hohnlächeln alle Kraft geraubt, stieß er heiser und fast tölpisch grob hervor: »Was verlangst du von mir?« »O Narses!« sagte sie und ihre Stimme klang tief und weich, »wie oft habe ich mich nach dieser Stunde gesehnt und darnach, dich zu fragen, warum du, gerade du! mein Widersacher warst, von Anbeginn? Gegen andere war ich grausam und verächtlich und hart, das ist wahr, und ich werde es nie leugnen, nicht vor Gott und nicht vor dir! Aber sie küßten ja noch den Fuß, der sie zertrat. Gegen deinen Geist aber habe ich nie zu streiten gewagt! Und jede deiner Taten, von Anfang her, war ein Schwertstoß gegen mein Herz! Du warst es, der die Patrizier gegen mich aufrief, du warst es, dessen Spottworte immer von neuem meine Vergangenheit aufwühlten, du hast Justinian die Erblosigkeit zur Schande werden lassen! Du rissest mir die Krone vom Haar und teiltest sie der Barbarin zu, der Gotin! Und niemals fand ich, wenn ich litt, Antwort auf die Frage: Warum haßt mich der einzige, dessen Geist ich achte? Warum kann ich ihn nicht besiegen und nicht bestechen? Warum sind einzig für ihn meine Locken nicht weich, meine Lippen nicht rot?« Da brach der Verwachsene vor ihr zusammen und das jahrelang Verhohlene barst auf wie ein Geschwür ... »Ich wagte ja nicht – ich wagte ja nicht! Ich starb ja innen und wagte ja nicht ...« Und der von Natur und Menschen Verstümmelte wand sich zuckend zu ihren Füßen, die er mit speichelnden Küssen deckte. Da sprang Theodora vom Thron auf und schlug in die Hände. »Sieh her, wie ich dich ehre, mein stürmischer Werber!« sagte sie. Von allen Seiten her, durch alle die neun heimtückischen Pforten des Unheils, brachen Männer herein. Der Schein ihrer Fackeln war so grell, daß Narses die gelbe Farbe ihrer Gewänder erkannte und die hoch zugespitzten Mützen der Palasteunuchen, vierundzwanzig an der Zahl. Und wie sie im Halbkreis auf ihn eindrangen, sangen sie in einer schrillen, sägenden Fistel den Chorus: »Du unser Mitbruder Narses, Heil dir! Du unser Trost, o Narses, Heil dir! Du unser König Narses, Heil dir!« Und sie setzte ihm eine spitze, gelbe Mütze auf, den ihren gleich, nur mit Blech bediademt. Narses schrie auf, schleuderte die geballte Mütze nach der Kaiserin, und es war, als würde er sie ermorden. Aber Ukris Schwert war kaum erhoben, als Narses in sich zusammenfiel. Er kauerte, wie ein Igel zusammengerollt, das Antlitz in den Fingern bergend, und rings um ihn begannen die Gelbberockten, sich an den Händen fassend, den Kreis zu schließen. Sie hopsten in dämonischem Reigen, Gestalten, bald von klappriger Hagerkeit, bald von schwappender Fettüberfülle, und sie johlten wie berauscht unzüchtigste Gesänge, hoch und schneidend zirpend wie Grillen. Die Finger in die Ohren gepreßt, suchte er im Ansturm hier und da und dort ihre gelbe Kette zu sprengen und stürzte, da sie sich endlich seinem Rasen teilte, stolpernd, fallend, wiederaufgerafft, von der Meute verfolgt, mit Geheul durch die leeren Säle, bis er endlich im Vorsaal der Wartenden unter epileptischen Zuckungen zusammenbrach. Hinter ihm drein scholl unauslöschlich Theodoras Gelächter. 61 Sancta Sofia, die große Heilige selbst, hatte es so gefügt, daß am Vorabend der Einweihung ihres endlich vollendeten Kirchenbaues der Schnelläufer anlangte, der keuchenden und lachenden Mundes die erste Siegeskunde des Narses überbrachte. Als der Herold des Kaisers die Nachricht von der Niederlage der Goten bei Taginä über die Stadt hinausschmetterte, ließen die Byzantiner Schlaf und Bett und zogen mit Gesang und Fackeln aus, die Stadt in einen Lustgarten umzuwandeln. Kein Häuschen wollte sich so arm und winzig schelten lassen, daß es sich nicht vom Giebel bis zum Boden mit Blumenketten umwunden, von Kreuzfähnlein umflattert, vom Bildnis der Sancta Sofia beschützt, gezeigt hätte. Jede Straßenkapelle war zur Blütenlaube umgewandelt und die Weisheitskirche selbst, deren Gerüst noch nicht gänzlich abgetragen war, schien wie aus Grün und Knospen aufgebaut. Der Hafen, von erster Sonne überglänzt, wimmelte von Segeln. Schiff um Schiff schüttete Scharen von Pilgern ans Land, die von weither kamen, an der neuen Glaubensstätte zu knien. Und die Menge der Schaulustigen, die die Feststraße zu beiden Seiten einfaßte, ward zur fünf- und siebenfachen Mauer. Kaiserliche Söldner drängten die Ungeduldigen zurück. Aber die Kinder schlüpften unter den Lanzen und Pferdeleibern hindurch und stampften, ihre Kreuzfähnlein schwingend, hin und her, die Grasschwaden aufwirbelnd, wie im Herbst die welken Blätter. Wo die Feststraße, just vor der efeuüberrieselten Mauer von Agathons neuem Hause, sich zum Platz weitete, erhob sich ein schöner, alter Brunnen, einen schlafend hingelehnten Bacchanten darstellend, aus dessen umgestoßenem Krug das Wasser quoll und das weite Porphyrbecken füllte. Einer frommen Seele war die unbekümmerte Blöße des Weinseligen als solch heiligem Tage nicht angemessen erschienen, und so schlief der Bacchant mit einem hüllenden Strauß von Anemonen im Schoß, über der wasserspritzenden, kämpfenden, schreienden Schar von Straßenjungen, die das hohe Brunnenbecken zu ihrer heiß umfochtenen Tribüne gemacht hatten. Ein singender, brauner Dattelverkäufer lockte immer neue Knaben herbei, die jene früheren Platzanwärter zu verdrängen suchten, bis deren Anführer seine Rechte endlich von zwei Fremden ernstlich gefährdet sah. Ein Jüngling, dessen Tracht und Haarfarbe die barbarische Herkunft verriet, hatte sich, den balgenden Knäuel teilend, an seinem langen Speer auf den Brunnen hinaufgeschwungen, wo er nun lachend saß, und Wasser nach den Untenstehenden schnippte. »Findest du es klug, da oben zu thronen, wo du mehr gesehen wirst, als du siehst?« fragte sein Gefährte unzufrieden. »Komm nur, komm! Es ist prächtig hier!« klang es mit Lachen, und die nasse Hand bot sich dem Unwilligen dar, der, ohne der Hilfe zu achten, mit einem leichten Sprung den Brunnenrand gewann. Die Knaben schielten herauf, tuschelten und stießen einander an. »Holla, was habt ihr denn? Was willst du, Kleiner?« fragte der blonde Fremde in schlechtem Griechisch. Schweigen, Püffe, stumme Zeichen. »Weil, weil ... schon seit Sonnenaufgang kämpfen wir mit den anderen, damit wir den Platz behalten – und müssen jetzt fort!« stotterte der kleine Anführer und war dem Weinen nahe. »Aber nein! So kommt doch herauf! Kommt nur, kommt alle! Es gibt hier Platz genug! Aber freilich, wenn ihr uns hier nicht leiden wollt, meinen Freund und mich; dann gehen wir lieber.« Der Anführer sog aus seinem schmutzigen Daumen die Antwort. »Du kannst bleiben. Und der andere auch! Aber hilf mir hinauf!« Der Lachende streckte seinen Speer vor und hob die dran sich Klammernden nach und nach wie krabbelnde Käfer an einem Halm empor. Eine Schar junger Mädchen, die in der äußersten der Menschenreihen stand, hatte sich gewendet und sie sahen flüsternd und kichernd dem jungen Athleten zu, der ihrer Blicke so wenig gewahr ward wie der noch wärmeren einer üppigen jungen Frau, die ein eifersüchtiger Buckliger scheltend bewachte. »Ich sehe etwas Helles da unten! Der Zug ist nicht mehr allzu fern, denke ich!« sagte der ältere der Gefährten. Mit einem Sprung stand der Blonde aufrecht und spähte, die Hand über den Augen, die Feststraße hinab. Der bucklige Bäcker begann seine Frau am Arm hinwegzuzerren. Aber die Bäckerin beachtete ihn kaum. Sie stand hoch und voll da und sah verzückt zu dem Jüngling auf. Er war sehr groß und wenig bekleidet. Sein Körper leuchtete wie der einer Frau. Sein Fleisch hatte an Schultern, Armen, Brust noch knabenhaft weichliche Fülle, obgleich sich in der schönen Freiheit der Bewegung wie in der Ausbildung der Muskeln hohe Kraft verriet. Er hatte zu den Schultern des Ringers die Beine des Läufers und war schlank um die Lenden, die der erzbeschlagene Schwertgurt eng umfing. Sein flachsenes Haar war straff von der Stirne zurückgestrichen, über dem Wirbel verknotet und fiel lang und dick wie eines falben Rosses Schweif über seinen Rücken hinab. Das Gesicht war nicht schön, gesprenkelt von Sommersprossen, doch das Lächeln schien das strahlende eines Kindes, das gutmütig törichte eines jungen Wilden. »Jetzt sehe auch ich etwas! Das müssen die Vorreiter sein!« sagte er erregt, zu dem Gefährten zurückgewandt. »Sie kommen!« Der Angerufene zog ihn zu sich hinab. Er sprach nahe dem Ohr und leise, aber flehentlich drängend. »Aistulf, ich bitte dich, ich beschwöre dich zum letzten Male, überlaß es mir! Es war ein Unrecht von mir, zu losen! Überlaß es mir ganz!« Aistulf warf die lichten Haarsträhne zurück und lachte wie ein Knabe, der beim Würfelspiel den andern überlistet. »Das Los gilt! Und ich gäbe seinen Spruch nicht um den Blutthron von Byzanz! Bist du neidisch? Dir bleibt noch genug des Ruhmes, übergenug! Und, gesteh! Den Wurfspeer führe ich besser!« Der Freund sah sich behutsam um. Nein. Da waren keine Lauscher mehr. Selbst die Frau da drunten, diese schamlose Frau, hatte den Blick von Aistulf abgewandt, denn nun kam Roßgetrappel und Tubengedröhn und Erzgeklirr, jetzt kamen die Reiter! In einem großen Bogen drängten sich die Schauenden nach vorne, von den Isauriern mühsam zurückgetrieben. Die Schimmel warfen schnaubend ihre Köpfe. Die blaugewandeten Bläser, mit dem Goldschild kaiserlichen Dienstes auf der Brust, schmetterten den stolzen Ruf, und ihre Gesichter blähten sich, rot wie Mohn. Während des jauchzenden Geschreis der Volksmenge raunte der Freund: »Denke daran, daß du es nicht tun darfst, ehe sie von der Kirche zurückkehren!« Aistulf ward sehr zornig. »Bin ich ein Kind oder ein Neuling im Waffengebrauch, daß du so schwatzest? Ich werde stillhalten und kämen alle Fratzen der Hölle vorbei! Aber dann! Dann – fffft! mitten in die aufgelösten Reihen hinein! Ha! wie werden sie schreien!« Der Freund legte die Hand auf Aistulfs weißen Arm. »Mir ist bange!« seufzte er, vom Gebet der herannahenden Mönche übertönt, in das die Menge murmelnd einstimmte. Selbst die Gassenjungen am Brunnenbecken knieten, die Zehen hinter sich ins Wasser getaucht, und bekreuzten sich, wie all das Volk, durch dessen Reihen nun Hunderte von jungen Mönchen zogen. Sie trugen ganz schwarze oder ganz weiße Festgewänder. Riesige Kruzifixe schwankten über den bloßen Häuptern, deren Tonsuren schimmerten. Ihre nackten Füße versanken im blumenvermengten Grase. Sie hielten die Augen gesenkt, die Hände gefaltet und der leiernde Sprechgesang ihrer ersten Reihen klang schon gleich einem Echo fern, da die letzten einfielen. »Nimmt das noch kein Ende?« staunte Aistulf. »Ich wußte immer, es gäbe der Mönche zu viel, aber ich hab ihrer noch nie solche Mengen gesehen!« »So knie doch, knie!« befahl der Freund, »sie werden dich sonst ergreifen!« »Aligern! Ich? Knien? Eher laß ich mich von all diesen schwarz-weißen Elstern zerhacken!« – »Hör doch! Hör!« zischte der Freund, bleich unter seiner braunen Haut. »Heil Theodora! Heil Theodora! Segen über die Kaiserin!« jauchzte das Volk. – Die Männer drängten im Ansturm vor, die Isaurier fluchten. Frauen schluchzten. Andere winkten mit ihren Tüchern. »Kommt sie jetzt?« stammelte Aistulf vorgebeugt. »Nein, nein! Du kennst doch die Reihenfolge! Jetzt kommen die Huren, denen sie das Himmelreich gekauft hat!« Das Volk jubelte der Kaiserin Namen. Zum Klange heiliger Lieder kamen, immer fünf in einer Reihe, die fünfhundert Freudenmädchen vorüber, die Theodora ihrem Gewerbe entzogen und im Sühnkloster der Sancta Magdalena zu Dienerinnen der Kirche hatte werden lassen. Fünfhundert junge, fahle, vom Schwarz des Schleiers umrahmte Gesichter zogen vorüber, denen Schminke einst trügende Schönheit verliehen hatte. Fünfhundert Leiber in der schwarzen Tracht ihres geistlichen Gefängnisses, die einstmals Spielzeug der Lust gewesen waren, fünfhundert Augenpaare, dem Himmel zugewandt, dessen Freuden ihnen nicht süßer schienen als jene, die man ihnen genommen hatte ... »Sieh die Alte, sieh! Sie schreitet wie eine Büßende und gleicht doch einer Königin!« sagte Aistulf. Von zwei Nonnen gestützt, folgte die Äbtissin Anastasia, unablässig ihren Segen austeilend, während Kinder und kniende Frauen nach dem Zipfel ihres Kleides haschten. »Die Sprößlinge der Edelgeschlechter!« sagte Aligern. »Sieh die Knaben an! Meines Schildträgers Kebssohn hat tüchtigere Glieder! Diese Spinnenärmchen! Und das ist das Volk, an dem wir verderben!« »Nicht so schnell!« lachte Aistulf. »Laß sie nur erst hinweg sein, diese Weiberertränkerin, Männerfresserin, Länderzerstörerin ...« Aligern erfaßte sein Handgelenk. »Die Leibwache Justinians!« Und seine Augen flammten. Aufs neue Tubengedröhn. Rappen, spiegelnd wie aus schwarzem Stein gehauen, die Schaumflecken wegwehend vom goldenen Gebiß. Die Fransen der rotseidenen Satteldecken bis an die Erde reichend und im Sattel Isaurier, braun, sehnig, hart, unterm feuerfarbenen Helmbusch. Numidier, schlank und mit weißflatterndem Mantel auf Pferden, schnell wie der Wüstenwind, stolz wie ihre Reiter, verzärtelter als deren Kinder und Frauen. Heruler, auf mächtigen Schecken, riesig, rothaarig, den Bart struppig bis an die hellen Augen. »Zu denken, daß germanische Treue ihn vor uns schützt ...!« sagte Aistulf. »Justinian!« stieß Aligern hervor, die Hand am Schwert. »Wo? Wo?« »Unter dem Thronhimmel!« »Das? Aber nein! das ist ja eine Puppe?« Das Volk kniete. An stummen Reihen der anbetenden Menge vorbei, kam der Kaiser heran, langsam, Schritt um Schritt, auf goldenen Kothurnen. Der riesige Thronhimmel, den vier geistliche und vier weltliche Würdenträger über sein Haupt hielten, leuchtete von Juwelen. Justinian trug die Krone des Konstantinus, die ihn um Haupteslänge erhöhte und so schwer war, daß er den Kopf ganz in den Nacken zurückbog. Sein edelsteinüberstreuter Mantel war der seiner Krönung. Die Hände, in fingerlosen Handschuhen aus Goldbrokat, hielten das Zepter genau vor der Brust. Hinter ihm trug ein Knabe sein Schwert, das mit Lorbeer umwunden war. »Ich werfe! Bei allen Göttern – ich werfe!« keuchte Aistulf, vorgebeugt den Speer wiegend. Aligern entriß ihm blitzschnell die Waffe. »Bist du toll?« knirschte er. »Du verdirbst den Plan und uns und das Reich!« »Gib mir die Waffe zurück!« »Nein!« »So gib sie mir doch zurück! Er verschwindet ja indessen!« »He! Holla, meine jungen Freunde! Ihr streitet, und mein Kopf bekommt die Püffe ab ...« rief eine lachende Stimme sie an. Der Mann, der sein Gesicht mit beiden Händen vor dem Rückstoß des langen Speerschaftes schützte, begegnete dem zornigen Mißtrauen ihrer Blicke mit solcher Freundlichkeit, ja so sichtlichem Wohlwollen, daß selbst Aligerns Stirne sich glättete. Aistulf hatte sogar Mühe, ein jähes Knabenlächeln zu unterdrücken. Denn der zierlich Gekleidete glich, mit weißlichem Gesicht, hellem, langen Haar und vorragenden Zähnen, ganz und gar einem hispanischen Kaninchen. »O du Achilleus dieses Patroklos,« wandte sich der Mann an Aligern, »wolltest du so gütig sein, von deinem Standort, über dem ›aus sich selbst sich erneuernden Gewässer‹ zu mir herabzusteigen? Ich habe dir einiges zu sagen, wobei das Auditorium der Straßenjungen unerwünscht erscheint! Wann, ihr kleinen Kerle, ihr gottverlassenen Dreckflegel, werdet ihr doch endlich ins Bad gehen, statt euch für mein dazu verabfolgtes Geld Datteln und Koloquinten zu kaufen?« Die Knaben, die des Mannes Scheltreden erwartet zu haben schienen, jauchzten in so heller Lust, daß zwei alte Weiber sich ingrimmig nach ihnen wandten. Denn nun zog der Patriarch Vigilius heran, gefolgt von der höchsten Geistlichkeit von Byzanz. »Kommt mir nur nicht mit euren Händen zu nahe! Weg da, Leukris! Wirst du wohl meinen Mantel loslassen, kleines Ungeheuer? Der Faltenwurf hat mich zwei Stunden meines Morgenschlafes gekostet! Fort mit euch, Gesindel! Hier! – Aber bitte, legt doch zumindest die Hälfte hievon in Bädern an!« Der Mann lächelte den entschlüpfenden Knaben nach. Dann winkte er den Freunden und sah mit fast gierigem Staunen dem Absprung der beiden vom Brunnenbecken zu. »Das war hübsch, wahrhaftig, das sieht man nicht alle Tage!« lobte er. »Ich glaube, ihr habt heute der Mönchskutten schon genug geschaut und versäumt nicht viel, wenn ihr mir einen Augenblick Gehör schenken wollt! – Ich bin Agathon aus Athenä, kein Staatsmann also, kein Byzantiner, und –« schloß er mit einem feinen Lächeln, »ehre die Tapferkeit auch im gotischen Heerlager.« Aligerns Blick traf ihn, und es war Agathon, als zehre diese blaue Flamme ihn auf und lasse nur Asche zurück. Aber zum zweiten Male lächelte Aligern besänftigt auf das seidene Männchen herab. »Sprich schnell!« sagte er, ohne das Entzücken des Griechen an seinem nahen Antlitz zu beachten. Agathon streckte sich und flüsterte, nachdem er sich umgesehen hatte: »Versteht mich wohl! Ich habe keinen Grund, den Genius des Mannes zu mimen, dem dein Patroklos hier übelwollte. Aber mein neues Haus ist von Isidoras nach meinen eigenhändigen Plänen erbaut, und es von einem wütigen Pöbel oder von kunstblinden Isauriern erstürmt zu sehen, steht mir nicht an. Ich bin auch sicher, daß dabei dieser alte Brunnen mit seinem Becken aus selten schön geädertem Porphyr zu Schaden käme! Aber wer hat denn da oben den Blumenstrauß angebracht? Erlaube doch, Freund, deinen Lanzenstock! – So, fort damit! Daß diese verchristlichten Eroskrüppel nicht einmal mehr eine bronzene Männlichkeit vertragen können, pfui! Ja, wie ich es vorhin sagte. Ich habe nichts dagegen. Gar nichts. Und ihr mögt auf meine Verschwiegenheit bauen! Aber bitte: erledigt dies nicht just vor meinem Hause!« »Du hast recht!« sagte Aligern. »Wir wollen darum gehen!« »Nein doch, nein!« wehrte Agathon erschrocken. »Was fällt dir ein, ihr sollt nur als meine Gäste von hier fort! – Da sind schon die Frauen der Kaiserin! Ihr wollt doch nicht hinweg, ohne die stolzen Schönheiten von Byzanz entschleiert zu sehen? Freilich, der Mummerei gibt's noch immer genug! Wehe dem Anstand, bliebe auch nur ein Streifen Haut unbedeckt! Und, o gute Honoria, wie flach wogt der christliche Busen unterm spannlangen Kreuz!« »Ist dies Theodora?« fragte Aistulf jäh erregt. »Wo? O nein! o nein! Wie magst du Praxedis für die schönste Frau von Byzanz nehmen? Dies ist Prokops Gemahlin. Da drüben im roten Gewand geht Glycere, die Tochter des Basilides, und die mit dem Silberreif ...« »Das ist sie, das ist sie!« knirschte Aistulf, die Fäuste ballend. »Das ist Antonina, der Kaiserin Freundin. Schön, aber dick und töricht. Belisar, der Löwe von Afrika, sitzt unbeachtet daheim. Und wie ritt er einst im Triumphzug einher! O Zeiten! – Hört ihr die Flöten? Jetzt, mein Freund, kommt die Kaiserin! Wenn die guten Leute nur nicht so brüllten! Aber der Kaiser wünscht es so, während er jeden Beifall bei seinem eigenen Erscheinen verbietet! Da ist Theodora! Und sie hat noch immer nicht ihresgleichen!« Im selben Augenblick hatte Aistulf sich gewandt und suchte Aligern den Speer zu entreißen. Da er aber sah, daß es dazu eines Kampfes bedurfte, ließ er ab und stand mit einem wilden Schwung von neuem auf dem Brunnen. Der Thronhimmel schwankte heran. Acht kleine Mädchen in der Kleidung des Patriziats trugen Blumen voraus. Acht andere klingelten mit ihren Silberglöckchen. Blaugekleidete Flötenknaben folgten. Der Thronhimmel aus purem Silber war von einer Blumenkrone überdacht. Kämmerer breiteten Purpurgewebe über das Gras, die sogleich zusammengerollt wurden, sowie die Kaiserin vorübergetragen worden war. Der Tragstuhl stammte aus dem Schatz des Gelimer und im Sonnenflimmern leuchteten regenbogenfarbene Juwelen. Theodora saß aufrecht, die Arme auf beide Sessellehnen gelegt, und neigte das bediademte Haupt grüßend nach allen Seiten. Einen Augenblick schien es Agathon, als erfasse ihr kalter Blick die Gestalt dort am Brunnenrand, hoch über einer anbetenden Menge. Aber schon zog der Thronhimmel vorbei. Der Purpur ward aufgerafft. Die berittene Leibwache folgte mit gezogenen Schwertern. »Hole doch deinen Patroklos vom Brunnen herab,« sagte Agathon, »er scheint ja festgewachsen! – Achtung da, mein schöner Reitersmann! Der Huf deines Pferdes schmerzt drum nicht minder, weil er vergoldet ist! – Kommt, Freunde – was nun folgt, hat nur für den balgenden Pöbel noch Interesse!« Er wies auf einen schmalen, braunen Mann, der, den Zug beschließend, Hände voll Silberlinge aus einer Truhe nahm, die einem schneeweißen, braven Pferdchen aufgeladen war, um sie rechts und links in die Menge zu werfen. »Kommt in mein Haus!« lud Agathon ein. »Das Volk duftet Erhitzung aus, und mir wird übel! Seht, wie sich das balgt, wie sich das entwürdigt!« Plötzlich erfaßte Burbo den Geldschrein selbst und warf ihn so hoch in die Luft, daß ein silberner Regenschauer über die gebückten Schädel, gekeilten Körper, aufgereckten Arme niederging. »Kommt, kommt, mich widert's! Es wird uns gemeldet werden, wenn der Zug zurückkehrt!« rief Agathon, da sich Geheul erhob. Aistulf, der mit gesenktem Haupt, wie in dunklem Traum befangen, verharrt war, wandte sich, als letzter sich anschließend. Da fühlte er sich am Mantel erfaßt. Der schmale, braune Mann, der die Silberlinge verteilt hatte, reichte ihm mit Lächeln eine Rose, auf die Aistulf ratlos blickte. Sie war wunderschön. Er hatte nie solch eine Blume gesehen, tiefrot, fast schwarz, gleich geronnenem Blut. »Gib heute um die zehnte Stunde diese Rose einem der Palastwächter am Südtor, und es soll dein Glück sein!« raunte der Mann. Aligern, der an Aistulf vorbeistürmend mit gezogenem Schwert die kreischende Menge teilte, erreichte ihn nicht mehr. 62 Als die beiden Freunde, von Agathon sanft gedrängt, sein Haus betraten, schien dieser sich zu wandeln, eine sicherere, freiere Haltung anzunehmen. In diesem Hain, der zwischen der neuen Mauer und dem neuen, weißmarmornen Haus der alte, platanenbeschattete, blühende, von Göttern belebte geblieben war, gewann er an Bedeutung und Eigenart zurück, was er seiner Umgebung geliehen hatte. Schöne Knaben, die nackt oder in der losen Tracht der hellenischen Zeit ihnen entgegeneilten, führten sie durch blumengeschmückte Hallen, deren kühler Friede die von der Straße Erhitzten wohlig umfing. Aistulf senkte verwirrt den Blick vor der Entblößtheit junger Mädchen, die dem Verlegenen im silbernen Becken Handwasssr reichten. Aber in Aligerns Antlitz beobachtete Agathon nichts von solcher Verwirrung. Er sah fremd über die Nacktheit hinweg und hielt seine Hand in schweigender Abwehr über die Panzerschnalle, die eine der raschen Nymphen hatte lösen wollen, worauf jene statt seiner errötete. Der Grieche saß entzückt gegenüber und tätschelte der erschreckten Sklavin tröstend die Wange. In dem kleinen Hausgärtlein, wohin der Lärm der Straße nur wie fernes Rauschen drang, warteten ihrer die Tafelsklaven mit dem ausgewählten Mahl. Aistulf besah die Zubereitungen – Schüsseln, Blumen, den Garten und das römische Wandmosaik – mit staunenden grauen Augen. Doch auch Agathon blickte nicht minder erstaunt, als er Aligern das Ruhebett einnehmen, unter den dargebrachten Weinen den besten wählen, die vorgeschnittenen Speisen mit selbstverständlicher Anmut verzehren sah. »Verzeih, wenn ich, das Gebot der Gastfreundschaft brechend, eine Frage wagen möchte!« begann der Wirt zwischen Fisch und Pastetchen. Aligern hob den Blick. »Es ist mehr als eine Frage, die dein Herz bedrückt!« sagte er, mit einem kleinen Lächeln. »Du möchtest wissen, wer wir sind, woher, warum und wie wir hierherkommen, an wessen Tisch ich's lernte, nicht gleich einem Tier zu grunzen oder in alle Schüsseln zu tappen. – Ich bin gewillt, deine Neugierqual zu stillen. Wir sind Goten, wie du es erkanntest, und während mein Freund Aistulf in Bergabgeschiedenheit erzogen ward, war es mir vergönnt, als Spielgesell und Blutsbruder des jungen Königs Athalarich am Hofe Amalasunthas zu leben. – Daß wir denen nicht gut gesinnt sind, die sie ermordeten, weißt du auch. Und dir ist große Belohnung gewiß, wenn du Justinian Gelegenheit gibst, zwei Amaler zu töten.« »Halt ein!« wehrte Agathon nicht ohne Würde ab und sein bläßliches Gesicht rötete sich. »Wir Athener ehren die Freiheit und wissen, was es heißt, für sie zu kämpfen.« Aligern sah ihn fest und groß an, dann nickte er. »Du bist zwar ein Grieche, aber deren sind nicht alle Verräter. Ich habe zu Ravenna genug gelernt, um zu erkennen, daß dieses Haus und dieser Garten Kunstwerke sind. Es ist schön hier und du gefällst mir!« Agathon errötete vor Vergnügen. »Du mir noch viel besser!« schmunzelte er und, sogleich sich besinnend, gegen Aistulf geneigt, setzte er höflich hinzu, »auch dein Freund! – Mein Häuschen ist hübsch, nicht wahr? Isidoros hat es ganz nach meinen eigenen Plänen gebaut, er sagte, er wüßte an ihnen nicht das geringste zu ändern. – Wahrlich, euch hier unter meinen Statuen und Blütenbüschen zu sehen, ist Beglückung. Obgleich mich eines quält. Ich bedenke nämlich all die Zeit, wie ich wohl in einem Gedicht deine Augen schildern würde! Ich habe mich nämlich schon des öfteren im Verse versucht und, wie ich mich hinzuzufügen getraue, mit Erfolg! – Aber für deine Augen, mein Freund, weiß ich keinen Vergleich. Tiere, selbst große Raubvögel, von der gleichen Kraft des Erspähens, demselben Stolz des Blickes, haben nicht ihre Bläue, Juwelen nicht ihre lebendige Gewalt. Am ehesten träfen Elemente zu. Weites Wasser, Luft, Flammen, aber das alles ist verbraucht!« schloß er zögernd, den Kopf zurückgelehnt, Aligern mit grübelnder Stirne betrachtend. Dieser hatte die Lider gesenkt, ließ ihn reden und genoß das zu Bissen vorgeschnittene Haselhuhn. Ein kleiner Knabe kam und brachte in einer hohen, glimmernden, ägyptischen Vase die Rose, die Aistulf achtlos verloren hatte, und stellte sie neben seinen Becher. »Sieh!« lachte Agathon, »der Knirps weiß dies Symbol besser als du zu würdigen. Weißt du wohl, mein Freund, daß, der es brachte, ein Bote Theodoras war?« »Ein Bote der Kaiserin an mich?« stammelte Aistulf, bis in die vollen Lippen erblassend. »Ich ahnte es«, sagte Aligern und legte schwer die Faust auf den Tisch. »Darum sucht' ich ihn zu fassen! Erzähle, was du weißt!« Agathon, hinter seinem Silberteller voll Trauben und Datteln, feuchtete genießerisch die Lippen, ehe er mit Lust seine schön auszuspinnende Erzählung begann. »Ich weiß nicht, ob die Kunde zu euch gedrungen ist, daß Theodoras Herkunft ›vom Dunkel des Geheimnisses beschattet‹ war, wie der Dichter sagt ...« »Doch. Sie war Mimikerin im Zirkus und Schlimmeres noch und ihre Gefährten zählten zu dem Auswurf der Hafenstädte.« »Nicht alle, bitte. Nicht alle! Es waren auch nette Leute darunter, ehrwürdige Leute! Nun also, wie ich sehe, komme ich um die Einleitung meiner Idylle. Ich muß mich darauf beschränken, dir zu sagen, daß die Kaiserin, lang ehe sie den Thron bestieg, mit einem meiner hübschesten Freunde in einem seiner hübschesten Häuschen lebte, welch letzterem sie noch nach der Krönung solch süßes Erinnern bewahrte, daß sie es ihm durch den Fiscus enteignen ließ. Sie lebt dort fast allsommerlich, obgleich ihre Sklaven, in ungenügende Wohnräume gepfropft, fast sämtlich am Fieber sterben. In dem Garten jenes Häuschens nun wachsen diese Rosen und nirgends sonst in Byzanz. Wenn ein Jüngling der Basilissa gefällt, so pflegt sie ihm dies Zeichen zuzusenden, da sie ihn nicht mehr anzurufen vermag, wie einst in der Hafengasse. Dir also, mein Freund, blüht das Glück, heute im Palast erwartet zu werden.« Im nächsten Augenblick warf sich Aligern über den Tisch, aber ehe seine Hand die Vase erfaßte, war Aistulf schon aufgesprungen, die Rose an seine Brust pressend. »Sie ist mein, laß!« Aligerns Augen loderten. »Gib sie mir! Ich beschwöre dich, gib sie mir!« bat er so weich, wie Agathon es nie erwartet hätte. »Dies ist nichts für dich, laß mich gehn!« »Wähnst du, sie würde auch mich umgarnen, diese Menschenfresserin? Das Schicksal selbst liefert sie an mein Messer! Ist dies nicht besser als das feige Lauern auf Rückkehr und Unachtsamkeit des Zuges nach dem Kirchgang? – Tu du an Justinian deine Pflicht. Ich gehe zu ihr!« »Du gehst nicht! Wenn dir dein Leben lieb ist, wenn ich dir lieb bin und unser Reich ...« »Dein Freund hat recht, dich zu warnen«, sagte Agathon langsam. »Diese Rose erschließt zwar alle Eingänge des Palastes. Aber, daß sie auch die Ausgänge erschließt, davon weiß ich nichts.« Aligern faßte seinen Arm. »O, davon raunte Petros der Bischof, aber ich achtete dessen nicht! Man sieht sie nie wieder, die in den Palast eingehen?« »Mein Freund, würden sie in einem Olymp der Freude festgehalten, ich wäre Theodora sicherlich nicht böse, aber, was sich dort begibt, ist minder hübsch! – Denn man sagt, die Fische des Bosporus und die Aasgeier der Küste sähen, was wir nicht sehen!« »Und was sehen sie?« »Du fragst sehr viel, mein Freund. – Zugenähte blutige Säcke sehen die Fische und ihres Herzens Freude sehen die Aasgeier!« »Sollt ich ein Amaler sein und solchen Frevel dulden?« schrie Aistulf. Mit einem Sprung den Schenken überrennend, dem der Weinkrug entfiel, gewann er die Säulenhalle, setzte an Sklaven vorbei, über Sklaven hinweg, verfing sich an einem Postament, riß sein Leinengewand in Fetzen los und verschwand im Garten. Im gleichen Augenblick erscholl von der Straße her Tubagedröhn und in langgezogenem Schrei meldete eine Knabenstimme vom Dache: »Sie kommen zurück, Herr! Sie kommen!« »Wenn er die Straße erreicht, ist er verloren ...« schrie Aligern. Agathon sah ihn in drei, vier hohen, weiten, wilden Sätzen dem Freunde nachstürmen, verlor sie aus den Augen, raffte sein langes, weites Gewand mit beiden Händen und rannte keuchend, stolpernd, rollend, atemlos vor Entzücken, hinterdrein, um noch Aistulf oben von der Gartenmauer sich lösen zu sehen, mit gebreiteten Armen sich auf die Straße herabwerfend wie ins Meer. Des Griechen Augen genossen noch einmal das unerhörte Schauspiel, da Aligern, den gebückten Panthersprung des Freundes wiederholend, die Mauer erreichte. Der Gote stand oben bleich und keuchend still und sah auf die wirbelnde, heulende, Psalmen singende, jubelnde Menge der rückkehrenden Kirchgänger herab, in der Aistulf untergetaucht war. »O ihr Götter, ihr guten alten Griechengötter!« stammelte Agathon, »daß es dies noch gibt im sechsten Jahrhundert der Verhäßlichung und der Selbstzerstörung! Diese Körper! O heiliger Praxiteles! Diese Körper! Wie schade, daß sie nicht nackt waren! O, diese vom Haß besessenen, für die Liebe geschaffenen Körper!« 63 »Wird man mich hier auch nicht finden?« stammelte Aistulf hastig und verwirrt, als der hagere, graue Mönch den riesigen Schlüssel in das Schloß der eisernen Pforte steckte. Der Bruder wandte sich. »Die Kirche des heiligen Konon wahrt ihr Asylrecht gegen jeden Verfolger«, sagte er, den schmallippigen Mund kaum bewegend. »Nicht unsere Sache ist es, zu fragen und zu richten, und der Verbrecher schafft sich die Strafe selbst wie die Schuld!« »Ich bin kein Verbrecher!« sagte Aistulf trotzig, »ich kam nur hierher ... um ...!« Der Mönch hob abwehrend die knochige Hand. »Wir alle sind Verbrecher oder im Begriff, es zu werden!« murmelte er tonlos. Da öffnete sich das widerspenstige, schwere Tor. Aistulf trat – verwirrter noch – in das dunkle, weite Gewölbe. Der Mönch ging geräuschlosen Tritts in den Flur hinaus, brachte einen Tonkrug und einen Viertellaib braunen Brotes sowie ein winziges Öllämpchen, stellte alles auf den Tisch an der Wand und wollte sich mit dem Gottesgruß entfernen. Aistulf faßte ihn am Ärmel und stammelte: »Bruder, aber ich muß am Abend von hier fort ...« Der Mönch sah gleichgültig mit müden Augen über ihn hinweg und murmelte: »Der Herr segne den Eingang wie den Ausgang! Du brauchst nur ans Tor zu pochen.« Die Tür fiel mit gähnendem Laut ins Schloß. Aistulf schüttelte sein langes, falbes Haar zurück, das sich im Laufe gelöst hatte. Er hielt die Rose in den Lichtkreis der trüben Lampe, in deren kleeblattförmigem Einguß der Docht schwelte, und erschrak, da er sie welk fand. Er besprengte sie aus dem Tonkrug, bis die Tischplatte troff und stellte sie vorsichtig ins Wasser, als ein Gelächter ihn zusammenzucken ließ. Er raffte die Lampe empor und leuchtete um sich. Das Gewölbe war niedrig, schwarz verraucht und feucht, und außer einer Wandbank war nur der schwere Tisch zu sehen, an dem Aistulf stand. – Im Hintergrund waren aus der Dicke der Kellermauern fünf Nischen ausgespart, in denen hölzerne Pritschen standen. Auf einer derselben regte sich nun ein dunkles Ding, einem Fetzenbündel ähnlich, und ein versoffenes, verschwollenes Gesicht grinste Aistulf entgegen. »Die Rose! Hi, die schöne Rose! Hat deine Großwürdigkeit sie von einem schönen Händchen, daß du sie so pflegst? Oder willst du meinen Palast hier schmücken? Hättest mir lieber einen Sauern gebracht! Habe die drei Tage hier nichts gesoffen. Verdammte Schweinerei da, mit ihren Wasserkrügen! Wollt schon hundertmal von hier fort, aber nein, ich tu dem Hund, dem Bäcker die Freude nicht, ich tu sie ihm nicht! – Was siehst mich so vornehm an? Mir wirst du nichts weismachen! Hast doch selbst einen auf die Seite gebracht! Hä?« »Was meinst du?« fragte Aistulf zusammenschreckend. Der Alte streckte eine blaurote Hand nach der Rose aus und kicherte. »Sie hat dir die Rose gegeben, er war eifersüchtig, ihr habt euch geprügelt – und zum Schluß hast du ihn erstochen! Sag, daß es nicht so war! War's nicht so? Ich kenn die Weiber, die Rosen schenken. War auch einmal ein Kerl wie du, hab zwei Schenkel gehabt wie zwei Kirchensäulen und sie haben gern bei mir zur Mette geläutet! Ob du es glaubst oder nicht, wenn's im Zirkus Konstantin hieß: ›der Unterwärter Lollius‹, da fingen den Weibern durch die Bank die Knie zu schlottern an ..., konnt sie mir aussuchen. – Und jetzt sitz ich drei Tage schon in dem dreckigen Loch ohne einen Schluck Sauern, weil der bucklige Geiz, der Bäcker, dazukam, als ich in seiner Lade kramte. Sollt lieber auf sein Geweih achten und auf seine Frau Bäckerin als ...« »Still!« winkte Aistulf vorgebeugt, scharf lauschend. »Es soll mir nicht darauf ankommen, ehrwürdiger Vater, der Kirche eine Zuwendung zu machen, deren Höhe festzusetzen dein Vorrecht sei ...« sagte draußen die Stimme Agathons. »Was gibt's, sind wieder Häscher da? Können lange warten, bis sie uns kriegen!« kicherte der Alte. Aistulf bedeutet ihm heftig, zu schweigen. Er hatte die Türluke entdeckt und spähte hinaus. Er erblickte Aligern und den Griechen, der mit ihm war, und viele Sklaven. »Der Kirche des heiligen Konon erscheint ihr unantastbares Asylrecht kostbarer als irdische Güter«, antwortete die gleichgültige Stimme des Mönches. »Aber ich sagte dir doch schon, es gelte nicht Verfolgung noch Verbrechen! Ich bin in Sorge um einen Freund! Sprich nur ein Ja oder Nein, damit ich wisse, ob er lebt, ob er hier weilt.« Aistulf zitterte, da Aligern sprach. »Der Kirche des heiligen Konon ist es nicht vergönnt, dergleichen Fragen zu beantworten!« sagte der Mönch. Agathon lächelte. »Wir wollen einen Ausweg finden, der beiden Teilen zu ihrem Recht verhilft. Aligern, bitte den sehrwürdigen Vater um Asyl, und er wird es dir sicherlich nicht verweigern!« »Dies ist wahr!« jubelte Aligern. »Nimm mich auf, Vater!« »Hättest du, da du kamst, des heiligen Konon Asyl erbeten, es hätte dir gewährt werden müssen!« erwiderte der Mönch. »Doch sei Gott vor, daß ich es einem zuteil werden ließe, dem es nur eine List bedeutet, um zum Ziele zu gelangen, das – wer weiß – im Guten liegen mag – wer weiß – im Bösen!« »Öffne, Pfaffe, oder ...« »Nicht doch!« wehrte Agathon. »Wir müssen Pflichtgefühl ehren, wo wir es auch finden! – Komm! Vielleicht hat der Sklave sich doch getäuscht und er ist gar nicht hier!« »O, wenn ich nur diese Türe mit den Fäusten zerschmettern könnte«, knirschte Aligern. »Kannst du nicht fühlen, Mönch? Hast du niemals um einen Freund gebangt?« »Den Dienern des heiligen Konon ist es nicht erlaubt, sich weltlichen Erinnerungen hinzugeben«, antwortete der Mönch und das Klirren seines Schlüsselbundes verhallte zugleich mit den sich entfernenden Tritten der Eintrittheischenden. Aistulf warf sich an die Tür und pochte, nach dem Freunde rufend, bis seine Fäuste schmerzten. Als niemand kam, taumelte er zum Tisch zurück. Sein Trotz schmolz hin, da er Aligerns Neigung ermessen lernte und ihm schien nichts lebenswert als dies, nach des Freundes Wunsch zu handeln und seiner Einsicht zu folgen. Er sah von neuem die heimatliche Berghütte, durch die langobardischen Söldner des Narses bestürmt, sah den Waffenmeister tot und sich selbst einer höhnenden Übermacht einsam gegenüber, fühlte von neuem das Entzücken von einst, da Aligerns Mannen zur Hilfe hereinbrachen, und jener selbst den Anführer zu Boden schlug, dessen Schwert schon Aistulfs Brust berührt hatte! ... »Wie das kollert und kräht und sich bläht! Verlogenes Mönchspack! Tun, als sei dieser Keller da sicher wie Abrahams Schoß und braucht nur mein Töchterchen Theodora zu kommen, so liefern sie doch jeden armen Galgenvogel aus! – Ja! Was glotzest du?« fuhr Lollius fort, da Aistulf ihn anstarrte. »Meinst du, es sei nicht wahr? Weil ich da auf der Pritsche liege und nichts gesoffen habe und mich nicht auf die Straße getraue, weil sie mich bei des Bäckers Geldlade erwischt haben? Es ist doch wahr, wenn du noch so glotzest! Von Rechts wegen sollte ich auf goldenen Betten mich wälzen und Sizilianer trinken und schöne kleine Mädchen in die Goldärschchen zwicken! Aber meine Tochter, die Kaiserin, Gott sei's gebeichtet, hat ihren guten Vater schon gering geachtet, als sie noch – mit Verlaub zu sagen – eine Jedermannshure war! Wie oft, wenn ich mir ein kleines Mütchen getrunken hatte, ging ich gerade hin zum Palasttor und sagte: ›Liebe Wache, gute Wache, laß einen sehnsüchtigen Vater ein zu seinem Töchterchen!‹ Aber weißt du, was sie getan haben? Geprügelt haben sie mich, die Gottverfluchten, und aus vollen, stinkigen Mäulern mich ausgelacht! Nur mein braver Sohn gibt seinem Vater manchmal was für seine alte Kehle ...« Aistulf rüttelte den Trunkenbold hart an beiden Schultern. »Was sagst du da? Du bist ihr Vater, sagst du? O, das Schicksal zeigt mir, Blitz um Blitz, den Weg! Was weißt du von ihr? Weißt du von ihren Schandtaten? Hast du von ihren Morden gehört? Erzähle!« »Bist du auch einer, dem sie ein Schnippchen geschlagen hat? Ja, das tut sie gern, mein Töchterchen Theodora! Bist du gar um ihretwillen in dies dreckige Mausloch gekrochen? Da warne ich dich, daß es dir nicht wie dem jungen Photius ergeht, auch ein hübscher Kerl wie du, weiß wie ein geschälter Nußkern. Der sprang auf den Altar des heiligen Konon drüben, hinauf zwischen die Kerzen und Reliquien und schrie: ›Asyl! Asyl!‹ aber ihre Knechte zerrten ihn doch herab und erstachen ihn, daß das Blut dem Heiligen bis zwischen die Augen spritzte! – Und als der junge Hortalus mit zwei Freunden hierher geflüchtet war, da erbrachen ihre Häscher das Schloß, was die Mönche auch schrien und piepsten, und ihr Neger, der ein Kerl ist zum Berge versetzen, hob einen nach dem andern und schmiß sie gegen die Wand. Du kannst den braunen Fleck noch dahinten sehn, aber das schlimmste ist, daß sie mir ..., uah, wie bin ich müde ..., daß sie den Christus geraubt hat ... und nur zwanzig Silberlinge gegeben – nicht einmal dreißig – o du Judasweib, vermaledeites! Du bist auch ein Judas, weil du keinen Sauern mitgebracht hast, das ziemt sich doch ... wenn man hieherkommt! Verschlafen wir's, das Schlafen ist doch noch ein Trost in dieser dreckigen Welt!« Aistulf stand und starrte, von Grauen durchschüttelt, lange auf den Schnarchenden herab. Es klirrte an der Tür, sie öffnete sich und der Mönch trat ein, die zuckende Flamme seines Lämpchens mit der Hand beschattend. »Du sagtest, du wolltest zur Zeit des Angelus in die Welt zurückkehren«, sprach er gleichmütig, ohne Aistulf anzusehen. Der Knabe warf das Haar zurück. Sein Antlitz flammte. »Ja! mich ruft ein Geschäft!« antwortete er so laut, daß Lollius sich brummend wandte. Aistulf war schon auf den finstern Kirchplatz hinausgestürmt, als er jählings dessen inne wurde, daß er die Rose vergessen hatte. Und er lief wie gejagt zurück, um sie zu holen. 64 Er kannte den Weg zum Südtor nicht und scheute sich zu fragen, da ihm war, als müsse jeder Blick den dunklen Plan von seiner Stirne lesen. Und zwischen Verlassenheit und trotzigem Wagemut hin und her geworfen, durchirrte er die abendliche Stadt, immer flüchtend, in Angst, Aligerns hohe Gestalt um die Ecke biegen zu sehen ... Er war wie verschüttet von dem Geschehen dieses Tages und die Tat allein war als ersehnte Erlösung das Ziel seiner Gedanken. Aistulf fand sich endlich auf dem weiten Platz des Augusteions und sah einen Trupp herulischer Söldner zur Wachablösung in das riesige Osttor einziehen. Mit den hohen Germanengestalten kam auch er in die Halle und bot einem Manne mit abwartendem Blick die Rose. Der Heruler lachte. »Was soll mir das, Freund? bin ich ein Mädchen?« und warf sie zur Erde. Aistulf bückte sich zornig nach ihr und gab dem Wächter einen Faustschlag ins Gesicht, der den Mann taumeln machte. Wachen stürzten herbei und suchten den von langem Haar umflatterten jungen Wilden zu bändigen. Aistulf erschlug fast einen fetten Eunuchen – Ruhewächter des Kaisers –, der zeternd herbeiwatschelte. Die Vorhalle wimmelte im Nu von Türhütern, Ansagern, Verschnittenen, Kriegern, Sänftenträgern. Aistulf hatte sich des Angriffes von vielen zu erwehren und zugleich ein so leicht verletzliches Ding wie eine Blume zu hüten. In einem Gewirr von zappelnden Armen und Beinen brach er zu Boden. Da scholl eine donnernde Stimme: »Was gibt es hier?« – und Clotar, der Oberste der Leibwache, bahnte sich durch den Knäuel einen Weg. Er half dem Wildblickenden, sich aufzurichten. Seiner barsch-freundlichen Frage antwortete Aistulf nur, indem er ihm mit großem Blick den halbentblätterten Kelch wies. Und Clotar, der die Kaiserin kannte, begriff. – »Wie hat der Esel sich nur hierherverirrt?« murmelte er. Und plötzlich, gegen den engen Kreis der Späher gewandt, brüllte er. »Auseinander!« Ein wildes Flüchten entstand. Clotar zog ein tönernes Fläschchen aus dem Gurt und setzte es an Aistulfs Lippen, der wie verschmachtet trank. »Dies war nicht der Empfang, den du erhofftest, was? Aber, bei allen Dämonen, wer hieß dich mit deinem Stengel hier angetrabt kommen? Hier gehts zum Kaiser und nicht – nicht dorthin, wo du hinzukommen wünschest. Nun geh nur da rechts, den Gang entlang und dann, halt, halt! – Rechts hab ich gesagt – weißt du nicht, wo rechts ist? Mir scheint, bei dem Geschäft muß ich auch noch den Zutreiber machen! – Holla, das sind einmal Muskeln, die man in die Finger bekommt, wenn man dich anfaßt! Schade! Wahrhaftig schade! Solltest dich lieber unter meine Heruler einreihen lassen! Was? Nicht? Nun, dann behalte wenigstens die Augen offen, dort, wo wir hingehen! Oder verstehst du gar kein Griechisch?« Und der Gallier wiederholte dem stummen Begleiter in zornigem Mitleid seine Warnung in jedem germanischen Idiom, das er kannte. »Heda, Kämmerer!« schrie Clotar böse, da ein Mann ihnen in dem schmalen, schlecht erhellten Gang entgegenkam. »Da ist ein Esel, der gehört zu euch hinüber, wär fast von meinen Wachen erschlagen worden! Sieh dir an, was er da mit sich herumträgt!« – und Clotar hob Aistulfs schlaffe Hand, die noch immer die Blume umklammerte. »Nimm du ihn mit, er ist stumm oder ein Narr, was weiß ich. Und diese Arme dabei und dieser Brustkorb! Ich muß zu meinen Leuten zurück, kann ihn nicht länger spazieren führen. Das gehört auch nicht zu meinem ehrlichen Geschäft. Ich diene dem Basileus, das da geht mich nichts an, dank dem Himmel!« und kehrte um. »Ja, es hat jeder Dienst seine Eigenheiten!« lachte der Kämmerer, der auf Brust und Rücken die Initialen der Kaiserin trug. Und er rief hinter Clotar her: »Gelobt sei Jesus Christus!« Aber der Gallier brummte nur vor sich hin und verschwand. Der Kämmerer lud Aistulf mit einer Verneigung ein, ihm zu folgen. Sie kamen durch strahlend erhellte, durch dämmerige und durch Finsternis erfüllte Säle. Durch Gänge mit unzählbar vielen Türen und Heiligennischen, vor deren jeder der Führer sich bekreuzte, durch Höfe, über die der glitzernde Sternhimmel sich spannte, und je weiter sie hinschritten, desto stärker ward in Aistulf das Gefühl, als müsse er sich wenden und im rasenden Laufe dem Palast und seinem lauernden Schrecken entrinnen. Aber immer, wenn dies Gefühl so mächtig ward, daß er ihm zu gehorchen willens wurde, wandte sich der Kämmerer mit seinem steten Lächeln nach ihm um, und Aistulf ging ... und ging ... Gärten taten sich auf. Pinienwipfel ragten schwarzumschnitten in den Nachthimmel. Springbrunnen rieselten. Knirschende Kieswege leiteten den Schritt zu Blütenhecken, deren Duft warm und schwer über Aistulfs Gesicht strich wie eine Hand. Einmal zuckte er aus dumpfem Brüten auf und sprang zur Seite. Dicht vor ihm brüllte es urwaldhaft und eines Tieres wilde Lichter schienen im Dunkel. Da vernahm er des Kämmerers höhnisches Kichern. Dies und das wilde Flattern aufgeschreckter Vögel sowie der Affen kreischendes Gekeif belehrte ihn, daß jener den Ungewarnten zwischen die Käfige eines Tierparks geführt habe und er fühlte sich versucht, den Spötter zu erschlagen. Aber der Gedanke daran, führerlos irrend die kostbare Gelegenheit dieser Nacht zu versäumen, hielt ihn ab. Nun führte der Weg an Gebäuden hin, schlafenden und erhellten. Je weiter sie kamen, desto belebter ward es um sie her. Sie begegneten eilenden Knaben, geschürzten Sklavinnen, gelbmützigen Eunuchen, Wächtern, Kämmerern, Negern, und alle grinsten, da sie Aistulf erblickten. Er ging, ohne zu sehen, ohne zu fühlen. Er war unendlich müde, zugleich gleichgültig und erregt, und sein Denken setzte aus. Plötzlich war das Rauschen von Frauenkleidern um ihn. Hinter edelsteinfunkelnden Fächerplatten hervor, blitzten ihn Augen an. Er blieb stehen und strich sich mit einer ungeschickten Bewegung seiner sommersprossigen Hände die Strähnen aus der Stirn. Der Kämmerer war fort. Aistulf fing Blicke auf, die ihn seiner nackten Arme und Beine, seines zerrissenen Kleides bewußt werden ließen. Er fühlte: »Bin ich es, Aistulf der Amaler, der hier steht? Die Rose zertreten, das Schwert ziehen, mir durch all die Fratzen den Weg bahnen zu ihrer Brust!« Da erhob sich eine der Frauen, kam heran und legte die seidigen Fingerspitzen an seinen Arm. Er starrte zu ihrem Lächeln hinab und ließ sich durch eine Tür drängen ... 65 Aistulf hatte nie ein Wunder geträumt wie dies, von dem er sich nun umfangen wähnte. Die Grotte schien aus rosig glimmerndem Quarz gehauen. Von der Decke hingen eiszapfenähnliche, ungleichförmige Tropfsteingebilde herab, die bald glitzrig weiß, bald mit dem roten Schein offener Lohe leuchteten. Rieselnde, dampfende Quellen füllten ein Becken an, um das Farne wuchsen. Aistulf überkam wie eine dumpfe Angst das Gefühl der feindlichen Nähe, der Spannung, der Entscheidung. Er tat ein paar Schritte über den lautlosen Moosboden hin, da fühlte er, daß Hände nach seinem Schwertgurt tasteten. Er kam zuvor und kehrte sich, die rasch entblößte Waffe bereit zum Stoß. Ein Mädchen lag vor ihm auf den Knien, zart und nackt unter grünem Flor, wie eine Waldfrau. Ihre Augen waren die der Rehgeiß, so feucht, so erschrocken. Sie duckte die schmalen Schultern und streckte scheu die Hand aus, die Riemen seines Fellschuhs zu lösen. Er errötete tief, eine Frau das niedere Amt eines Schildknechts üben zu sehen, wer immer sie auch war. In der Rechten das Schwert haltend, bog er sich zu ihr und zog den Körper auf, der willenlos nachgab. Er hatte nie noch im Leben ein Weib so nah gefühlt. Das braune Haar fiel wie ein schweres Seidentuch über seinen Arm. Sie hatte die Augen geschlossen. Ihre Lippen waren ein wenig aufgesprungen, das sah er, so nah war sie. Plötzlich tat ihr brauner Blick sich auf und sie lächelte, aber wieder verdunkelten sich ihre Augen und mit einem Schaudern auf die Waffe deutend, flüsterte sie: »Gib das fort, ich fürchte mich so!« Das Schwert entglitt seiner Hand, es fiel, und er wußte nicht wohin. Sie schlang die Arme lachend um seinen Hals und küßte ihn. Es war sein erster Kuß. Aber da scholl plötzlich helles Gelächter und er sah der Waldfrauen viele, rot, blond und schwarz, die sich herangeschlichen hatten. Es ward licht von ihrem kaum verhüllten Fleisch. – Sie drängten sich um ihn, aus dessen Arm die Beschämte entglitten war, mit Necken und Gelächter, und forderten gleiche Küsse von ihm, der verwirrter ward, je mehr er entbrannte. Er dachte daran, welche Lust es gewesen wäre, gleichem Getümmel mit aller seiner Kraft zu begegnen, hätten ihn Feinde, Männer überfallen. Aber er wußte sich dieser lachenden Törinnen nicht zu erwehren, da Gewalt gegen Frauen schimpflich war. So mußte er ihr Streicheln dulden, das wie kribbelndes Feuer über den Leib lief, ihre Umarmungen, in denen ihn Schwindel überkam. Brüste drängten sich, klein und atmend, in seine abhaltenden Hände – Schenkel an seine Schenkel, Fleisch gegen sein sich bäumendes Fleisch. Sein Schwertgurt löste sich – ehe er es wußte – sein zerrissenes Gewand fiel von ihm ab und er schämte sich seiner nackten Mannheit. Aber die Übermütigen lachten seiner, der sich schämte, nach der Sehnsucht der Frauen geschaffen zu sein. Sie drängten ihn in das Badbecken, in das stetig die warme Quelle sich ergoß, und sie wuschen ihn und trockneten und küßten und streichelten ihn auf dem Moosbett, bis er fast weinte vor Scham. Sie lachten: »Er hat noch nie eine Frau gesehen! Er hat noch nie eine nackte Frau gesehen!« Und sie zerrissen ihre florenen Hemden und wölbten sich vor ihm. Und endlich ward er besinnungslos vor Ungeduld und griff eisern nach ihnen, – aber da flohen sie kreischend und ließen ihn allein. Eine Stimme rief ihn an und er sah Theodora. Das Bewußtsein der Tat, die seiner harrte, brach für einen Augenblick über ihn herein ... Aber da sagte sie: »Komm! Ich warte.« Und er vergaß Bluteid, Freund und Reich darüber, daß sie ein Weib war. 66 »Nun wirst du gehen müssen!« flüsterte Theodora. Er wandte sich, schlaff, mühsam, dumpf vor dem Entsetzen bangend, das ihn überfallen würde, sowie er die Augen auftat. Aber da er sie endlich öffnete, sah er sie über sich geneigt, sah den Mund, den er geküßt, das Haar, das er zerwühlt, die Brust, darauf er sich gebettet hatte. Und die jähe Dankbarkeit für diese Frau, die ihm die erste Manneslust geschenkt hatte, ward eins mit einem Besitzerstolz, der ihn noch über seine letzte Kraft hinaus entflammte. Das Erlöstsein seines Körpers sprang auch auf die Seele über. Solange von der angespannten Erregung dieses dunklen Tages niedergehalten, schnellte sein Herz auf zu dem unbedenklichen, gläubigen Knabenfrohmut, der ihm gewohnt war. Und er preßte sie an sich und küßte sie wild und lachte ein unbändiges Gelächter. »Warum lachst du?« fragte Theodora. »Ach – nur weil wir solche Narren waren! Einer kam und machte einen rechten Unhold aus dir, mit Wolfszähnen und Klauen, und wir glaubten es ihm beide! – Hahahahaha!« Theodora richtete sich auf. »Es gibt viele, die meine Wohltaten mit Undank lohnen.« »Ich will dir's danken, solang ich lebe!« schwor er unter Küssen. »Das glaub ich dir!« lächelte Theodora. »Wie weich du bist! ... Ich habe nie vor dir eine Frau berührt.« »Ich wußte es!« sagte sie, spielerisch sein flachsenes Haar verwirrend und wieder glättend. »Wußtest du es? O! Wieso wußtest du es? Sage, wie kam es, daß du mir den Boten sandtest? Ich will dich etwas fragen. Ist dies wirklich schon geschehn, daß du auch andere hierher beschieden hast? Denn es ist doch unmöglich, daß du anderen das gleiche wie mir gestattest! Du weißt nicht, wie sie dich verleumden, Theodora! – Nicht, bitte laß jetzt mein Haar!« »Also, was sagen sie!« »Sie sagen, du locktest die Männer zu dir und ließest sie, wenn deine Lust gestillt sei, den Geiern zum Fraß!« Theodora sah ihn durch halbgeschlossene Lider an. »Wer ist es, der meine Würde so freventlich anzutasten wagt?« »O, ich wußte ja, daß es nicht wahr sei! Du, es ahnt ja kein anderer als ich, wie du bist! Ich werde Aligern sagen, daß unser Gastfreund ein schändlicher Lügner ist, ich selbst werde ihn töten! Nein, ich habe sein Brot gegessen! Aber den Pfaffen werde ich töten! Weißt du, Theodora, was der Pfaffe zu Ravenna sagte? Er habe auf deinen Befehl unsere Königin ermordet!« Und als fasse ihn das Entsetzen von neuem, starrte er in Theodoras Gesicht. Es war völlig unbewegt. Aistulf umfaßte ihre Handgelenke. »Theodora, der Pfaffe schwur aufs Sakrament, du habest ihn zu Amalasunthas Mord gedungen. Er lag schon am Boden und Aligern setzte ihm das Schwert auf die Brust, da beschuldigte er dich! Und er schwur es bei seiner Seele Seligkeit ...!« »Dann dürfte er wohl Meineid begangen haben!« sagte sie ruhig. Plötzlich aber, als besinne sie sich, blitzte sie ihn an. »Die Hände weg, Wahnsinniger, was wagst du? Willst du dich an meinem gesalbten Haupte vergreifen? Kamst du her, mich zu morden?« »Theodora! Verzeih! Verzeih mir! Sieh mich an! Ich kannte dich ja nicht. Schwertmänner sollen nicht auf Mönche hören! Aber er zeigte die Narben vom Halsring, an den du ihn geschmiedet hättest! Er hieß Petros – Petros der Patriarch, Theodora!« »Ich kenne den Mann nicht!« sagte sie. »O, und wir schwuren einen Bluteid wider euch – unser Reich zu retten, unsere Königin zu rächen ...« Er warf sich kniend über sie und barg sein Antlitz in ihrem Schoß. »Gegen euch? Also auch gegen den Kaiser! – Auch gegen Justinian? – Wo ist dein Mitverschworener?« Er hob den Kopf. »Ich weiß es nicht. Ich hab ihn verloren. Ich lief zu dir.« »Wolltest du mich morden, wenn ich in deinen Armen läge? Warum tust du es nicht? Hier bin ich!« Er hatte Mühe, ein knabenhaftes Schluchzen zu unterdrücken. Er schüttelte stumm und wild den Kopf und warf sich in ihre Arme. Sie küßte ihn lange. Und dann fragte sie leise: »Wie heißest du?« »Aistulf«, murmelte er, tief errötend, da die Frau, die sich ihm geschenkt hatte, nun erst seinen Namen erfragte. »Du wirst nun gehen müssen, Aistulf!« lächelte sie sanft. Und sie gab, in die Hände klatschend, ein Zeichen. Er zitterte. Sein ganzes Herz auf den Lippen, fragte er: »Werd ich dich wiedersehn?« Der schmale, braune Bote, den er kannte, der Rosenbringer, stand schon vor ihm und kreuzte lächelnd die Arme über der Brust. Aistulf sprang empor in heißer Scham vor diesem Wissenden, den er hätte erwürgen mögen. Geduckt, als mache er so seine Nacktheit weniger sichtbar, ging er bis zur efeuverhangenen Öffnung, die der Mann ihm wies. Da, fast schon unters niedere Sims gebückt, hörte er ihren Ruf: »Aistulf!« Er wandte sich mit einem hellen Jauchzen um. Da hauchte sie, entgleitend – mit jenem Flüstern, das noch alle Kraft und tiefe Süße der Stimme bewahrte: »Komm morgen wieder!« Im gleichen Nu drang auch schon Ukris langes Messer mit dem oft geübten Stoß in seinen Rücken. Aistulf fiel mit einem einzigen Aufgurgeln vornüber. Und Ukri wischte, breitbeinig über ihm stehend, seine Klinge an den langen, falben Haaren blank. 67 Über dem Meere lag erstes Dämmern. Die Fluten, weithin schwarz und glanzlos, hatten nah der Küste die Farbe von träg schmelzendem Blei. Der Himmel hing entstirnt, finster und wolkig darüber, nur im Osten zeigte sich erster Frühschein in orangefarbenen und blaßgelben Streifen. Es blies kühl vom Wasser her und die Wipfel der Zitronenbäume, die die rote Palastmauer überragten, rauschten schläfrig. Einige Fischerboote schwammen draußen, jenseits der Klippen, an denen sich das Wasser schäumend staute. Die grellen Tagfarben ihrer Segel waren verwischt zu dämmerigem Grau. Ein Kahn, neuer und größer als die anderen, hielt an der Palastmauer, und der darin saß, war ein wohlgebauter, hübscher Junge, obgleich er just Kopfhänger und Duckmäuser gescholten ward. Das Mädchen, das auf der Gartenmauer stand, schien sehr zornig. Sie war jung, stark und frisch gleich ihm. Ihr nachtwirres schwarzes Haar lockte sich um ihr Gesicht. Arme, Knie und die runden Schultern waren nackt. Aber der junge Fischer vermied solch erwünschten Anblick. Er band mit gesenktem Blick gedankenlos den Seemannsknoten der Netzleine auf und zu. »Daß du es nur weißt, ich freue mich nur, wenn du nicht mehr kommst! Immer heißt es: ›Was hat der Flavius nur, daß er dasitzt wie der Uhu im Baumloch?‹ Selbst der Vater, der nie was merkt, fragt: ›Hat's was gegeben zwischen euch, oder ist ihm auf einmal die Gärtnerstochter zu schlecht?‹ Wenn ich bedenk, was für ein Kerl du warst! Die Weiber hätten mir die Augen auskratzen mögen! Und jetzt! Schau dich an, du Achttagregenwetter! So antworte doch, wenn man zu dir spricht, oder ich werfe dir was an den Kopf! Bei der heiligen Gottesgebärerin, der Stephanos ist mir tausendmal lieber als du!« Der junge Fischer ließ das Netz fallen und hob den Kopf, ohne sie anzusehen. »Dann kann ich dich nicht halten!« sagte er erstickt. Er setzte sich zurecht, ergriff das Ruder, um abzustoßen, und das Boot glitt langsam ins Meer hinaus. Das Mädchen starrte, vorgebeugt, als traue sie ihren Sinnen nicht. Sie schrie: »Flavius!« und streckte die Hände nach ihm aus, aber da er nur heftiger ruderte, sah sie verzweifelt um sich und sprang mit einem besinnungslosen Anschwung von der hohen Mauer ins Meer, ihm nachzuschwimmen. Er war im Nu bei ihr, riß die Triefende ins Boot und an seine Brust. Sie verschmolzen im Kuß und er trocknete ihr wechselnd Gesicht und Hände und näßte sie mit seinen Tränen. Aber als das Mädchen, das nichts anderes als die neu gefundene Sicherheit seiner Liebe fühlte, beseligt sich seinem Kusse gab, begann er jählings verzweifelt zu schluchzen. »Ich kann nicht mehr, ich kann nicht mehr, ich kann's nicht mehr ertragen!« – Und sie sah von neuem in seinen Augen den Ausdruck, der sie entsetzt hatte. Ihre tausend Bitten und Küsse, ihre Liebesworte und Fragen entlockten ihm endlich das Geständnis seiner Verwandlung. Auch er entsann sich, wie sie selbst, sehnsüchtig jener Zeit, da seine nächtlichen Meerfahrten durch reichlichen Ertrag ihre Vereinigung nah zu bringen schienen. Es sei wie eine schwere Krankheit über ihm. Manchmal, wenn das Entsetzliche für Wochen aussetze, glaube er den Fluch gewichen, und hänge sich an sie, und wolle das Leben in seiner heißesten Lust genießen. Aber es komme wieder und wieder, und jetzt könne er nicht mehr! Es habe ihn ein Ekel vor allem Fleisch, vor der Hinfälligkeit alles Fleisches erfaßt, auch vor ihr – ja, auch vor ihr. Mitten im Kuß habe er sie einmal so gesehen – wie jene, und seither sei er wie ein Greis! Deshalb habe er sie gehen lassen wollen – zu einem andern gehn, obgleich er gliederweis verbrenne bei dem Gedanken daran! Und obgleich er sie liebe, begehre, alles, alles! – Aber nein, das könne sie nicht so begreifen, das müsse sie sehen ...« Er drängte sie hastig auf den Haufen nasser Netze, die im Boot lagen. Ein paar winzige Fischlein glitzerten verstreut auf den feuchten Planken. Als er schon die Ruder ergriffen hatte, nahm sie ein kleines Bildnis der Sancta Sofia von ihrem Hals, hing es ihm rasch um und küßte ihn heiß und ernst auf den Mund. Dann fuhren sie und er hielt auf die Klippe zu, um die große Vögel krächzend schwebten. Er ruderte geschickt zwischen den scharfen Felsen hin. Plötzlich richtete er sich auf und deutete mit dem Ruder gradaus. »Da ist es!« sagte er mit angehaltenem Atem. »Immer bin ich es, der es findet, von allen Fischern immer ich! Quintus hat einen heraufgefischt und bei seiner Hütte begraben, da ward er ergriffen und des Mordes beschuldigt. Sixtus fand zwei und hängte sich an den Dachbalken. Was geschieht mit mir? Wo ich fische, draußen, drüben oder hier, immer verfolgt es mich, ich werfe das Netz aus und mitten im Vaterunser zieh ich sie aus dem Wasser! Ich werf sie wieder hinab und seh sie doch schwimmen! Die ganze Luft ist voll von ihnen, ich seh sie bei Tag und bei Nacht. Herr, du mein Jesus, was hab ich verbrochen, daß du mich so schlägst!« Das Mädchen starrte – die Hände an die Wangen gepreßt – auf den Ballen, der zwischen angetriebenem Holz, Tang und Schilf halb verdeckt, leise auf und nieder schaukelte. Es war ein Sack von grobem Leinen, und er zeigte verwaschene, braune Flecken. An einer Stelle waren die flüchtigen Stiche aufgegangen und eine Strähne hellen Haares schwamm auf dem Wasser. »Jesus und alle Nothelfer! Eine tote Frau!« stammelte sie. Plötzlich sagte der Fischer: »Was will das Boot da? Das ist kein Fischerkahn! Sie halten ja hierher! Komm fort, komm fort! Wenn sie uns hier finden, klagen sie mich an, wie Quintus! – Komm, komm, die Ruder! Nimm die Ruder! Ach, wenn wir Wind hätten!« Sie arbeiteten beide keuchend und ihr Schifflein schoß dahin. »Sie kommen näher!« sagte das Mädchen. »Unser Boot ist zu schwer!« »Wenn wir den Hafen erreichen, verbirgt uns das Gewühl! Halt aus Julia, halt aus!« – »Sie winken! Einer steht am Steuer und winkt!« »Treff ihn der Blitz! Wir sehen nichts, halt aus!« »Hollaho! – Anhalten! Hollaho!« scholl es herüber. Das verfolgende Boot kam weiß, schlank, rauschend heran, von acht Sklaven gerudert. Es war Agathons Lustschiff »Triton« und für schnelle Küstenfahrt gebaut. Der Grieche saß vermummt, übernächtig und fröstelnd in seinem weichen, braunen Mantel am Steuer. Ein seidenes Kissen stützte seinen Hinterkopf und er hielt einen Becher heißen Weines. »Wir haben sie!« lächelte er zufrieden. »Sagte ich's dir nicht? Ich nehme stets nur Cyprioten zu Schiffssklaven!« Aligern stand aufgereckt, die Lippen verpreßt und maß den Abstand von Schiff zu Schiff. Und dann sprang er in weitem Bogen in das verfolgte Boot, über dessen niederen Bord das Wasser spritzte. Hinter ihm schrie Agathon auf. Der Fischer hob langsam und drohend das Ruder. »Diene mir und fürchte nichts!« sagte Aligern. »Willst du mir den Fang dieser Nacht verkaufen, so sollst du zufrieden sein!« Der Fischer stammelte hastig: »Herr, hier siehst du, was ich gefangen habe, eine Handvoll armseligster Fische! Das ist nichts für deine Tafel, Großwürdiger!« – Er hielt stotternd inne, unter Aligerns Blick zuckten seine Lider herab, als sause ein Schwert von seinem Antlitz nieder. Der Gote löste die Schnur eines Beutels, Gold rieselte klingend herab und blieb blinkend im Spülwasser liegen, auf dem die sechs, acht toten Fische schaukelten. »Sancta Sofia!« kreischte der Fischer, »das alles soll unser sein? Gutes Gold! Julia, schau doch, Julia! Das hat dein Amulett getan! O Sancta Sofia, gepriesen sei dein Name! Weißt du, was das gibt, Julia? Ein Haus gibt das, dort wo man kein Wasser sieht, ein richtiges Haus und Felder!« Er kniete, wie von Sinnen, lachend, schluchzend, schwatzend, fischte Goldstück um Goldstück aus dem Bordwasser und wischte es an der Jacke blank. Das Mädchen schwieg und sah forschend lange in Aligerns Gesicht. »Der, den ich suche, war mein Bruder!« sagte Aligern leise. Sie warf sich wild in die Ruder und das Boot hielt pfeilgerade auf die Klippen hin. Der »Triton« folgte rauschend und Agathons Stimme rief unwillig herüber: »Was? will diese nacktbeinige kleine Gespielin Amphitrites uns da in die Klippen jagen? Hä! Aligern!« Da sah Aligern schon und murmelte: »Sein Haar ...« Die großen Vögel schleuderten sich gestört kreischend in die Luft. Der Sack hing am Zackenwerk der Felsen. Aligern zog sein Schwert und durchschnitt das halbgelöste, grobe Stichwerk. Da war das wassergeblähte Totengesicht, mit blaugeschwollenen Lippen und gebrochenen, offenen Augen. Über die volle weiße Knabenschulter lief wie Spülicht wäßriges, braunes Blut. Aligern verhüllte die Schrecken dieses Angesichts und hob allein den schweren, rinnenden Sack ins Boot. Er sah aufgereckt zum heiligen Palast hinüber, über dessen vergoldeten Kuppeln die Sonne aufging. 68 Im Thronsaal des heiligen Palastes tagte ein Konzil. Zwischen den brausend ausgespannten, winderfüllten Flügeln zweier Niken erhoben sich die Thronstühle und schieden die beiden weiten Halbkreise der feindlichen Gottesstreiter. Zur Rechten des Kaisers, der seit frühester Morgenstunde, ohne das mindeste Zeichen von Beistimmung oder Ablehnung, dem Redekampf folgte, reihten sich die Verkünder der orthodoxen Lehre, Archimandriten, Exarchen, Sendlinge des Papstes, Patriarchen, Erzbischöfe, Bischöfe und die Scharen der Mönche, die von weither entsandt worden waren, dem großen Wettstreit beizuwohnen. Theodora zur Linken drängten sich, auf die Steinfliesen hingekniet, die Befehdeten, denen sie ihren Schutz verliehen hatte. Monophysiten, Sabbathianer, Arianer, Apollinariten, Aphthartodoketen. Theodora war so tief verschleiert, daß sie selbst nur wie durch einen Nebel all diese Verfolgten sah, die rauhe Kutten aus zottigem Kamelhaar trugen, deren Brust und Beine fellgleich behaart waren, die Bärte wie Vogelnester hatten und Haare, spröder als Gestrüpp. Es gab Gesichter, dem ähnlich, das sich zu Alessandria in Traurigkeit und Zorn und Mitleid über sie geneigt hatte. Es gab junge Streiter, deren Händefalten ein Fäusteballen war, und alte, in deren trüben Augen die Sehnsucht nach dem Tode brannte, dem Wegweiser zur unendlichen Freude. Theodora wandte den Blick. Die regierende Kirche hatte sich wie zum Siegesfeste gekleidet, in chinesische Seide und arabischen Sammet. Die Mitren blitzten von Steinen, die Krummstäbe waren Gold, und über die Bänke, die die Kirchenfürsten einnahmen, waren schwere Gewebe gebreitet. In dem weiten Abstand, der die beiden Halbkreise schied, war diesseits und jenseits ein Kämpfer vorgeschoben worden. Vigilius saß vor einem Tisch, auf dem, mit ungeschliffenem Edelgestein beschwert, Schriften und Aufzeichnungen geschichtet lagen, die ihm Petros, der Patriarch von Ravenna, wechselnd darreichte. Ein Knabe mit hellen Locken hielt Krug und Becher auf einer Schenkplatte bereit. Der Monophysit Zooras hatte kurzerhand alle Kissen von seinem Sitz herabgeworfen. Er saß auf der äußersten Kante seines Stuhles und wenn er die Arme hob, schlugen die zerfransten Ärmel seiner Kutte wie die Flügel eines Raubvogels. Er war sehr groß, breitschultrig, grobknochig, mit birnenförmigem, rundgestirntem Schädel. Das grau und weiße Haar hing lang in den Nacken. Der zahnlose, weißbebartete Mund hatte seit Morgengrauen geredet und manchmal in schnellem Eifer gewettert und geflucht, und doch sah Theodora, daß er sanft und hilflos rührend war wie der eines Kindes. Nur der Gotteskampf schien diesem Antlitz für den steten Ausdruck gütigen Lächelns jenen eines drohenden und hoheitsvollen Ernstes aufzuzwingen. Theodora sah zu Vigilius' rosigglattem Gesicht hinüber und entsann sich ... Selbst Mutter Anastasia schien des Einsiedlers Gewalt zu fühlen. Sie küßte, so oft Zooras zu neuer Rede ansetzte, das Christuskreuz an ihrem Rosenkranz, als fürchte sie es bedroht. Und die sechsunddreißig jungen Nonnen, die hinter ihr kniend ihre Glieder von der Eiseskälte des Estrichs ergriffen fühlten, zogen, sich mit ihr neigend, Kreuz um Kreuz hinter ihren schwarzen Schleiern. »Wie sollte mein einfältiges Hirn an einen Tritheismus glauben, wie er uns schlimmer nicht aus Tempelfratzen alter, grausiger Heiden entgegengrinst!« sagte Zooras, und an seinem dürren, faltigen Halse tanzte der Adamsapfel. »Es will mir nun und nimmer eingehen, wie die große Kirche dies anzweifeln kann, was just das H erzrührendste ist, das Tiefstbewegende, und wie's jemand nicht verstehen könnte, daß unser lieber Herr Christus nur dann Gott war, wenn er mehr als wir alle Mensch gewesen ist!« Vigilius bog sich höflich lächelnd vor, immer im Tone, als spreche er zu einem Kinde oder einem Irren. Und während Flüstern und Gekicher fortdauerten, erwiderte er: »Vorzüglich, Herr Bruder! Aber darf ich, dem Eindruck der Mehrheit nachgebend, bitten, für jetzt persönliche, wenn auch noch so eindringliche Gefühle der historischen Wichtigkeit dieser Stunde hintanzusetzen? Ich glaube hiemit im Sinne der gesamten hohen Geistlichkeit sowie des geliebten Herrscherpaares zu sprechen«, fügte er hinzu. Die Priester riefen: »Ja!« und »Gewiß!« – manche lachten, Theodora und Justinian saßen, ohne sich zu regen. »Hier gibt es kein ›Ich glaube!‹« fuhr Vigilius fort, »nur ein ›Woran glaube ich?‹ und ›warum glaube ich es?‹ Wo? in welchem Lager ist die Wahrheit? und also frage ich, entsinnst du dich dessen, wie der große Basilius den Ketzer Apollinaris zerschmetterte, indem ...« »O Herr! O Bruder!« unterbrach Zooras, dessen Lippen schon lange zur Erwiderung offen standen. »Was sprichst du armen Menschen von Wahrheit? Die ist in Gottes Hand und es ist gut so, unser Teil ist allein der Glaube! Erkennt aber einer von uns ein Stücklein Wahrheit, so hat er sie doch nur für sich selber erkannt und kann sie einem andern so wenig mitteilen, wie er die eigene Haut von sich abziehen könnte, den andern zu wärmen, wenn's jenen fröre! Deshalb, als die Botschaft und Ladung für diesen Tag bis in meine Höhle kam, war mir bang gewesen im Innersten, und ich dachte: Der Glaube ist so was Feines und Gebrechliches, daß man ihn nicht herzeigen sollte vor vielen, dafür aber sollte jeder den andern bei dem seinen lassen und sollte genug sein für alle Zeiten damit, daß unser herzgeliebter Herr ist für seinen seligen Glauben gekreuzigt worden!« Der Alte senkte den Kopf auf die armen, gefalteten Hände und über seine hohlen, bestoppelten Wangen sickerten Tränen. »Sehrwürdiger Bruder!« sagte der Patriarch und trommelte mit den Fingerspitzen auf der Tischplatte. »Sehrwürdiger Bruder, wollen wir nicht von dieser gewiß rührenden Darstellung geistlichen Seelenlebens zum Zweck dieses Tages zurückkehren? – Ich frage: Deine Lehre nimmt die ganze Menschennatur Christi an. Ausgezeichnet! – Jeder nach seinem Herzen! – Aber wird die ganze Menschennatur Christi angenommen, wie kommt es dann – –« »Wie kommt es dann, daß der Heiland auferstand?« fiel ein junger Bischof der Orthodoxen ein. »Nein!« kopfschüttelte Vigilius, sich rasch nach ihm wendend. »Nicht so! Da kann unser lieber Bruder antworten: Vom Momente der assumptio an sei auch der Leib als unvergänglich, ja als ungeschaffen zu betrachten! Dies ist nichts, dies sagte schon der Ketzer Irenäus und auch bei Gregor von Nyssa findet sich eine ähnliche Stelle! Aber, Sehrwürdiger, beantworte, bitte, dies: Die Menschennatur Christi angenommen, wie konnte er dann die Menschheit erlösen?« »Und kann anders als vom Menschen der Menschheit Erlösung werden? Wie, frage ich diesmal, wollt ihr die Leiden am Kreuze erklären? Konnte ein Gott sie erleiden?« Zooras sprach nun erregt, er atmete schwer und sein Antlitz glitzerte vom Schweiß der Ermüdung. Vigilius leerte den Becher, den sein Knabe ihm reichte, in sorglichen Schlucken und antwortete mit dem Lächeln der Nachsicht: »Warum sollte die Göttlichkeit nicht menschliche Leiden empfinden können, wenn sie es wollte?« Zooras hob die Hände, während Gemurmel der Entrüstung unter den Monophysiten ausbrach. »O du mein gekreuzigter Heiland! Gewollt hast du deine sieben Leidenstationen, wie ein launenhaftes Spielknäblein nasse Füße will und in Pfützen stapft? Vergib ihnen, Herr, denn sie wissen nicht, was sie tun! Umsonst hat deine Seele aufgeschrien ›Eli, Eli, lama asabthani!‹ – dies Wort, das da an jedes Menschen Herzen reißt, ob er sei des Arius Jünger oder Orthodox, oder Jud, oder Mohr, oder Barbar! Die deine eigene Lehre predigen, begreifen dich nicht! Und du wirst in deine alten Wunden gekreuzigt alle Tage!« Zooras trocknete mit dem Kuttenärmel das von Schweiß und Tränen feuchte Gesicht, und wie er darüber wischte, hinterließ der rauhe Stoff Streifen von Schmutz und Farbe, daß er scheckiger schien als eine Elster. Darob entstand großes Gelächter unter den Orthodoxen und einige junge Kleriker wußten sich nicht zu lassen vor Fröhlichkeit. Die Monophysiten aber stießen grimmige Zurufe aus und junge Mönche sprangen von den Knien auf und liefen hin, dem Sehrwürdigen beizustehen und sei's mit Faustgewalt. Mutter Anastasia aber hatte ihm schon ihr linnenes Schweißtüchlein in die Hand gedrückt und geflüstert: »Wisch dir dein Gesicht ab, Vater, am ärgsten ist's auf der linken Wange.« Zooras rieb sein Antlitz hilflos mit dem dünnen Linnen, um das Übel nur ärger zu gestalten. Schon waren einzelne Widersacher hier und dort aneinandergeraten, als sich Vigilius nasenrümpfend zu seinem Diakon wandte: »Sie bringen ihre Zöllnersitten bis ins Konzil!« sagte er laut. Zooras bog sich vor. »Sind wir Zöllner, so seid ihr Pharisäer!« rief er. »Die ihr des Armen lachet, wie der ewige Jud des Gekreuzigten! – Wähnt ihr, des Glaubens und der Kirche Ehre bestünden in einem Prunk, wie er den Huren besser anstünde als den Priestern? Wehe dem Volk, dessen Hirten es mit goldenen Hirtenstäben leiten! Leiden allein macht den Menschen ehrwürdig und vernichtet die Tierheit in ihm! Deshalb wuchs der Menschensohn, der über alles menschliche Leid hinaus litt, auch über alles Menschenmaß hinaus und ward Gott unter seiner Dornenkrone!« Der Lärm ließ ihn nicht weiterreden. Die Orthodoxen trampelten, schrien, lachten. Bischöfe waren auf die Bänke gesprungen. Vigilius saß zurückgelehnt in seinem Sessel und hielt nur manchmal die Finger an die Ohren. »Wir sind zu einem Konzil gekommen und nicht zu einer Schulpredigt!« schrie ein junger Bischof unablässig und Petros gellte: »Den Ketzer ans Kreuz!« »Den Ketzer ans Kreuz! – fort mit ihnen allen, hinaus aus dem Lande die Ketzer!« Zooras aber schlug mit geballter Faust auf den schweren Tisch vor ihm, und die Tischecke brach ab mit Krachen und Splittern. Keiner hätte seinen Händen diese Kraft angesehen. Des Alten Augen sprühten Blitze und er donnerte in die Stille des Erstaunens hinein: »Wähnt ihr, mir sei der Tod ein Feind wie euch, da er zu euch kommt, euer irdisch Himmelreich zu enden?! In Sanct Pauli Brief an die Korinther steht geschrieben: ›Wisset ihr nicht, daß die Ungerechten werden das Reich Gottes nicht ererben? Weder die Hurer noch die Abgöttischen, noch die Ehebrecher, noch die Weichlinge, noch die Knabenschänder! Und solcher sind eurer etliche gewesen!‹« Zooras stand hoch aufgerichtet und sah gewaltig über die erregten Rufer hin. »Murrt ihr über mich? Wenn meine Rede euch bitter dünket, eure Taten dünken Jesum noch bitterer.« Da warfen sich die Mönche auf ihn, den seine Schar verteidigte und es entstand wüstes Gewühl und Lärmen. Aber plötzlich rief eine Frauenstimme: »Wollt ihr wohl ablassen von den Gläubigen, denen ich Schutz zugeschworen habe?« Und ein Blitzendes wirbelte durch die Luft und fiel schwer mitten im Gewühl der Kämpfenden zu Boden. Da erkannten sie der Kaiserin Zepter, das sie zornig zwischen sie geschleudert hatte. Im Nu entstand ein weiter Raum um Zooras, in dem er allein ragte, beschmutzten Angesichts, mit zerfetztem Gewande. »Wähnst du nun, Theodora, ich würde dich darum segnen, weil du nicht duldetest, daß ich vor deinem Angesicht zerfleischt würde? – Schande genug für dich, Justinianus, daß du da oben saßest, lau wie einer derer, die des Herrn Mund ausspeien wird am jüngsten Tage! Wähnst du, ich wüßte nicht, wie auf dir die Blutschuld an all der Treugläubigen Martertod lastet? Du, der du deine blutgierige Habsucht an den Opfern des gottverdammten, des bestochenen kalzedonischen Konzils stilltest, wirst zittern am Tage des Gerichts!« In dem atemlosen Schweigen sah man Justinian unter dem Thronhimmel sitzen. Er war weißer als die Marmorniken, die den Lorbeer über ihn hielten. Er sprach sehr ruhig und langsam: »Zooras, ich ehre den Priester auch noch in dir, der in einem Tone des Aufruhrs zu mir spricht, wie kaiserliche Macht ihn nie und nimmer dulden darf! Du allein und deinesgleichen, ihr seid die Aufwiegler, die Verführer, deren Opfer ich strafen muß, um meine Untertanen vor böser Ansteckung zu bewahren! Sprächest du wahr, so würde Gott nicht zögern, meine Schuld durch ein Zeichen kundzutun! Solange ich aber dies Zepter halte, werde ich niemals gestatten, daß die Würdenträger der Kirche und ein gerechtes Konzil verleumdet werden, und der, der Gottes heiliges Kleid also schändet, mag des Todes in den Wellen des Bosporus gewiß sein!« »Verlangst du noch Zeichen und forderst Gott heraus, du Wurm?« donnerte Zooras, daß die goldene Kuppel klang und widerhallte und der schüchterne Beifall der Orthodoxen erstarb. »Über mich kommet der Geist, daß ich euch sage: Die Zeichen, nach denen du riefest, werden euch werden, dir und deiner gekrönten Metze, deren Leib schon zu faulendem Geschwür wird unter dem Purpur und zur Jauche ihr Gehirn unter dem Diadem!« Die Kaiserin erhob sich vom Thron, und es ward deutlich, daß sie den Saal verlassen wollte. Sie schritt die Stufen herab und ging, hoch und hoheitsvoll, durch den Saal. Wie einst, da sie noch Semiramis, Roxane, Kleopatra mimte, dachte Theodora nur daran, stolze Würde in jeden ihrer Schritte zu legen. Aber plötzlich zuckte sie zusammen. Und sie starrte geradeaus und hielt inne, ohne es zu wissen. Tief innerlich erschreckend sah sie, mitten in der Menge verschwimmender Gesichter, ein Antlitz, nein, zwei Augen, die sich bereit hielten, daß ihr Blick in sie fiele. Sie ward verbrannt von blauer Flamme und fühlte »Mord!« so deutlich, daß ihre Hand an die Kehle griff. Als habe der Engel des Schwertes, der Engel des Dunkels sie angetreten, taumelte sie, hörte Stimmengemurmel. »Ein Zeichen! Das Zeichen!« und hatte unter der ziehenden Macht dieser Augen nur noch Kraft zu dem stöhnenden Schrei: »Wache!« Sie fiel in Mutter Anastasias Arme. Justinian erhob sich. Er rang seinen bebenden Lippen die Worte ab, die im raunenden Entsetzen des Saales untergingen. »Unserer gottgesandten Gemahlin ist übel. Wir beschließen die heilige Zusammenkunft des Tages!« – An der leblosen Kaiserin vorbei verließ Zooras mit seinen Jüngern den Saal. Es wagte sie keiner zu kränken und die Wachen senkten die Speere vor ihnen wie vor fremden Fürsten. 69 Dem Drängen des Volkes sich fügend, gebot Justinian die Wiedereröffnung des Zirkus Konstantinus. In dem von Isidoras neu aufgerichteten Amphitheater hatten an vier Altären Vigilius und die drei zum Konzil herbeigeeilten Patriarchen von Nikomedia, Antiochia und Ravenna ihre Gebete zugleich nach allen Himmelsrichtungen ausgestreut und die Stätte blutigen Aufruhrs entsühnt. Auf jenen Rängen, von denen herab die Isaurier Väter, Brüder und Gatten mit Pfeilen überschüttet hatten, drängte sich das Volk, denn Kaiser und Kaiserin sowie die gesamte orthodoxe Geistlichkeit des Konzils hatten ihre Anwesenheit verheißen, um die in der Stadt verbreiteten Gerüchte niederzuschlagen. Vor Beginn der Schaustellungen durchschritt der Basileus, von Theodora und den vier Kirchenfürsten samt Gefolge begleitet, den mit Pracht erneuten Bau. Theodora zeigte sich unverschleiert. Unter dem purpurnen Wedel, den Ukri über sie hielt, schien ihr rötlich beschattetes Antlitz sorglos-heiter und von verjüngter Schönheit. Sie schritt hinter dem Kaiser einher, der sich kein einziges Mal nach ihr wandte. Ihr Begleiter war der Patriarch Petros, den sie mit sichtbarlichster Gunst aufgenommen und an ihrer Seite festgehalten hatte. Petros trug nun die reiche Tracht des Klerus und seine kostbar beringten Hände falteten sich über einem werdenden Bäuchlein. Das Fett nahm dem Antlitz viel an Ausdruck und Besonderheit und reihte es unter die Schar der feisten Mönchsgesichter ringsum ein. Der Baumeister Isidoros führte die weltlichen und geistlichen Herrscher von dem Rund des Amphitheaters fort, durch riesige Höfe zu den Häuschen der Wärter, Ringer, Mimiker und Tänzer. Entfernt vom Gebrüll und der Ausdünstung der Tiere bot die neue Anlage noch Raum für kleine Gärtchen und schien, verglichen mit den feuchtdunklen Menschenpferchen von einst, ein Paradies. Wohin der Zug kam, lagen Männer und Frauen auf den Knien und geputzte Kinder wurden dem Segen der heiligen Väter entgegengehalten. Theodora lächelte den Knienden zu und strich hier und dort einem schönen Kinde übers Haar. Der Kaiser schritt achtlos vorüber, nur manchmal zu den Erklärungen seines Baumeisters nickend. Sie kamen nun zu dem »Tierhaus«, einem Anbau des Amphitheaters und mit ihm in vielfacher Verbindung stehend. Isidoras öffnete selbst das schwere, eiserne Tor, dessen Hebelwerk ein Kind zu bedienen vermochte und das für alle Zukunft einen Ausbruch der Bestien in die Zirkusgänge, wie zur Zeit des Nikaaufstandes, unmöglich machen sollte. Die scharfe, heiße Ausdünstung wilder, großer Katzen schlug ihnen entgegen und erderschütterndes Gebrüll ward laut, in das sich erregtes Trompeten von Elefanten mischte. Die eilenden Männer, die hin und wieder huschten oder schon Büffelpanzer und Helm anlegten, oder den Tieren mit Flüchen und Schmeicheleien zusprachen, achteten der hohen Gäste wenig, kaum daß einer vor den goldenen Krummstäben ins Knie sank. Isidoras führte die Herrscher die Treppe zur Galerie hinauf. Er zeigte, wie von hier aus, ohne jede Gefahr für den Wärter, die Fallbrücken in Bewegung gesetzt werden könnten, um ein gewünschtes Tier in die Arena zu befördern. »Wozu diese Spielereien?« lachte Theodora, mit weitgeöffneten Nüstern den Tiergeruch einatmend. »Mit der Eisenstange in der Faust ging es auch!« »Aber es waren viele Menschenleben zu beklagen!« murmelte Isidoras, der die Kaiserin niemals ansah oder anredete, vor sich hin. »Damit müssen Tierwärter rechnen,« antwortete Theodora kurz. Ein ohrenzerreißender Lärm, als streife man mit eisernen Keulen an eisernen Gittern entlang, unterbrach sie und das Trompeten des erregten Elefanten klang wie die Posaunen des Gerichtes. Die braunen Männer zappelten und überschrien sich und flehten. »O Herr der Weisheit, geruhe dich niederzulegen. O grauer Berg der Tugend, wollest so gnädig sein, dir dein Prunkgeschirr anlegen zu lassen! Sei stille, du Hurensohn, du Vater und Großvater und Urgroßvater von Huren!« Theodora bog sich vor und rief hell über allen Lärm hinweg: »Holla! Ihr da unten! Warum gebt ihr ihm kein Wasser?« Die scheltenden, schreienden, armfuchtelnden Männer vor dem Gehege wandten die Köpfe und starrten die Kaiserin an. Endlich sagte einer von ihnen: »Er hat Wasser genug, aber sein Führer ist gestern gestorben. Wir werden ihn vergiften müssen.« »Narretei!« herrschte Theodora. Sie war im Nu, rauschenden Gewandes, die Stiege hinabgeeilt. Der Lärm dauerte an. Löwen und Tiger, erregt von den durchdringenden Trompetenstößen, brüllten und warfen ihre Leiber an die Gitterstäbe. Die Wärter riefen alle Flüche der Hölle auf den Elefanten herab, der mit unablässigen Kopfwendungen seine mächtigen Stoßzähne am Gitter hin und her streifte, als lasse er ein ehernes Harfenspiel erklingen. Das Tier sah Theodora jählings sich gegenüber. Es hielt sogleich inne und seinen ungetümen Körper seitlich mit dem Rhythmus der Klageweiber des Orients schaukelnd, sah es Theodora mit seinen roten, unbewimperten, wilden Augen an. Nach einem kurzen Augenblick schien der Elefant mit der Einschätzung ihrer Person zu Ende gelangt. Er warf den Rüssel in die Luft und begann seine Trauermusik von neuem. Da stieß Theodora einen Ruf aus, einen gutturalen, langanhaltenden Ton, der sich in nadelspitzem Schrei überschlug. Der Elefant brach jählings ab und stand zitternd still. Theodora wiederholte den Ruf, und der »graue Berg der Tugend« legte sich sanft und gefügig. »Gebt ihm jetzt nur Zuckerrohr und viel Wasser!« sagte die Kaiserin zu den staunenden, lachenden Männern. »Vielleicht weiß die allergnädigste Kaiserin auch ein gutes Wörtlein für Panther?« bat ein Alter. »Ich habe da solch einen schwarzen Teufel. Da drüben, Allergnädigste, da drüben!« Theodora sah auf die große Katze herab, die nachtschwarz, zum Sprung geduckt, mit vorgestreckter Kehle lag, die Augen aus schmalem Spalt glitzernd wie gelbgrünes Gestein. Neben ihr rollte, tanzte, knäulte sich ein weiches, bewegliches, glänzend-schwarzes Etwas, nicht größer als eine Hauskatze. »Welch schönes Tier!« sagte Theodora. »Aber das Gehege der Giraffen drüben ist viel zu nahe! Sie wittert sie, das macht sie so unruhig. Das Junge will ich für mich! Du bringst es in den Palast, Burbo!« »Herrin!« murmelte der Alte. »Sie hat nur dieses eine! Zwei starben auf der Überfahrt. Sie ist doch auch eine Mutter!« »Burbo, mach den Mann bezahlt!« befahl die Kaiserin. Oben auf der Galerie sagte Justinian mit lauter Stimme: »Es ist an der Zeit, die Spiele beginnen zu lassen!« und er ging voraus, ohne sich umzusehen. Theodora wandte sich. Ihre Augen blitzten, aber sie folgte Justinian sogleich nach. Sie winkte Petros von neuem an ihre Seite und während Isidoras die Eisenpforte öffnete, raunte sie: »Bleibe hier zurück. Ich habe einen neuen Handel für dich!« Petros erschrak sichtlich. »Nicht, o nicht! Nie mehr! Ich bin Patriarch von Ravenna!« »Hält das dich ab, Papst von Rom zu werden? Warte hier, ich sende Burbo, dich in meine geheime Kammer zu führen!« Die Torflügel fielen zu und schlossen den Zaudernden ein. Das Pantherweibchen, dem man sein Junges genommen hatte, brüllte. 70 Als der Kaiser auf dem Kathisma Platz genommen hatte, gab der Herold der tausendköpfigen Menge das Zeichen, sich zu setzen. Aber kaum hatten die achtundvierzig syrischen Schwerttänzer ihren Reigen begonnen, als Justinian sich zu Clotar wandte. »Der Elefant, den die gottgesandte Kaiserin, meine Gemahlin, selbst zu zähmen die Gnade hatte,« sagte er in seiner unbewegten, langsamen Weise, mit einer kaum hörbaren Betonung des Wortes »selbst«, »ist uns hiedurch zu wertvoll geworden, um ihn der Hand eines geringen Mannes fürderhin anzuvertrauen. Er wird sogleich vergiftet.« Der Oberste der Leibwache legte die Linke auf die Brust, neigte sich und gab den Befehl an eine schnell enteilende Wache weiter. Theodora hatte scheinbar nur dem waffenumblitzten Spiel der braunen, schlanken Knabenleiber Beachtung geschenkt. Sie hob nun nachlässig die elfenbeinerne, mit geschnitzten Darstellungen der biblischen Geschichte gezierte Fächerplatte wie zum Schutz gegen die glühende Sonne und plötzlich war ihr Gesicht ein verwandeltes, zornsprühendes, und sie zischte. »Wagst du ›nein‹ zu sagen, wo ich ›ja‹ sage, Justinian? O Heldentat, ein Tier zu töten, das nach seinem Herrn schrie und das ich in seiner Sprache tröstete! Muß es dafür leiden, daß ich dich dadurch an meine Herkunft zu gemahnen wagte, dich – und was dich ein viel größerer Frevel deucht – auch andere? Hast du in den Armen der Sklavin, an der du in dieser Nacht deine Männlichkeit erprobtest, so sehr auf Herkunft achten gelernt? Wähnest du, deine Unfruchtbarkeit würde zeugen, nun sie sich mit dem Dreck paart?« Der Kaiser schien nicht zuzuhören. Er saß, die Hände im Schoß ineinandergelegt, schmal und gerade da und sah dem Schwertspiel zu. »Vortrefflich. Sieh nur, es ist dein Namenszug, den sie nun bilden, Theodora,« sagte er ruhig. »Justinian!« sagte sie drohend. »Bist du der einzige Mann der Welt, der Theodora sein Ohr zu versagen wagt, wenn sie spricht? Wirst du das Weib fortjagen? Sie ist noch in deinem Palast! Antworte mir oder, bei Gott, du sollst öffentliches Ärgernis an mir erleben!« Der Kaiser wandte sich ihr langsam zu. Er hielt die Lider gesenkt und lächelte. »Ich zweifle keinen Augenblick daran, daß dies im Bereich deines Willens liegt, begannst du doch jetzt eben damit, das Kathisma zur Bühne deiner öffentlichen Schaustellungen zu machen. Ich hingegen halte den Zirkus, in dem du dich zu Hause fühlst, nicht für den Ort ehelicher Auseinandersetzungen. Zumindest liebe ich hiebei nicht so aufmerksame Beobachter wie jenen Mann an der dritten Säule, der unverwandt nach dir starrt, und um dessentwillen ich dich ersuche, Ton und Gebärde zu mäßigen.« Theodoras Blick suchte den Mann. Sie erkannte sofort mit völligster Sicherheit und tiefinnerstem Erschrecken diese Augen wieder. Aber gleich darauf kam ein Gefühl der Erleichterung über sie. Im hellen Sonnenlicht schienen diese blaubrennenden Augen nichts mehr von dem nachwirkenden Entsetzen zu behalten, das Theodora ihrer Sinne beraubt hatte. Nicht »Mord«, nein, »Liebe« schien denken zu müssen, wer diesem Antlitz begegnete. Ein schöner, junger Barbar mit gebräuntem, schmalem Gesicht zwischen schulterlangem Haar, von fahlem Holzbraun. Schöne Augen eines Jünglings, schöne, blaue Augen! Aber sicherlich ohne andere Kraft, als die seiner süßen Jahre. Theodora legte ihr Haupt ein wenig zurück und sah ihn zwischen halbgeschlossenen Lidern an, während ihr Mund sich lächelnd erschloß. Der Blick des Barbaren blieb unverwandt im gleichen, großen Schauen auf sie geheftet, und in seinem Antlitz veränderte sich kein Zug. Theodora wandte sich langsam zu Justinian, und ihr Gesicht war die weiße, wunderschöne Maske stolzer Würde, die Byzanz kannte. »Es steht allein bei meinem Herrn und Gemahl, den Ort zu bestimmen, an dem er die Gnade haben will, mir sein Ohr zu leihen.« Justinian erwiderte, der Bühne alle Aufmerksamkeit schenkend: »Die besten Gaukler sind doch immer noch die milesischen.« Theodora ließ ihren Fächer fallen. Wie sie es erwartete, war es Burbo, der, vor ihrem Thronsessel kniend, ihr ihn wieder reichte. Sie warf ihm einen schnellen Blick zu und las auf seinem Gesicht die Antwort, die sie wünschte. Sie atmete tief auf. Ihre Nüstern blähten sich und sie lächelte mit geschlossenen Lippen. »Das Riechfläschchen!« befahl sie laut. Und sich zu dem Knienden neigend, raunte sie: »Den Mann im braunen Mantel, dritte Säule!« Die Kaiserin gab das Fläschchen zurück und wandte sich, da sie schnelle, klirrende Schritte hinter sich hörte. Sie sah die ausgesandte Leibwache Clotar Meldung erstatten. Der Mann war erregt und Clotar unterdrückte einen Ruf des Entsetzens. Theodora widmete alle ihre Aufmerksamkeit dem beginnenden Ringkampf. Clotar trat hinter des Kaisers Stuhl, an seine linke Seite und flüsterte seinen Bericht. Der Kaiser gab drei, vier scharfe, leise Befehle. Er wandte sich hierauf an Isidoros. Der Baumeister sprang bei seinem ersten Wort vom Sitz und schien überrascht verzweifelte Entschuldigungen und Beteuerungen zu stammeln. Der kaiserliche Herold in seinem feurigen Gewand trat an die teppichüberhangene Brüstung und ließ seine silberne Drommete schmettern. »Im Namen Justinians und Theodoras, Kaiser und Kaiserin von Byzanz, sind die Spiele für drei Tage geschlossen erklärt. Dem Volk von Byzanz wird Kunde von dem gottgewollten plötzlichen Sterben des heiligen Vaters Petros, Patriarchen von Ravenna, gegeben. Sein Irdisches wird auf Wunsch des Basileus in der Kirche der heiligen Sofia beigesetzt, um des Verstorbenen großer Heiligkeit willen. Im Namen Justinians und Theodoras, Kaiser und Kaiserin von Byzanz!« 71 Theodora gab das Zeichen und hörte sogleich klirrende Schritte sich der Tür nähern. Tzikka, der Oberste der Leibwache, stieß einen Mann in den Saal, dem die Hände mit Ketten auf den Rücken geschlossen waren und der eine Binde um die Augen trug. Sie ward ihm abgenommen, und Tzikka herrschte: »Bete an, du stehst vor der Basilissa!« Der Mann stand reglos. »Hörst du nicht? Nieder mit dir!« schrie Tzikka. »Ich bete nur Gott an,« erwiderte der Mann. »Das ist Beleidigung kaiserlicher Würde!« donnerte der Thraker und riß ihn an den gefesselten Armen nieder, daß er fast ins Knie brach. Aber der Mann war im gleichen Nu wieder aufgeschnellt wie ein Fisch. »Kaiserliche Würde beleidigt nichts, wenn der Anblick Gefesselter sie nicht beleidigt.« Tzikka sah unsicher zum Thron hinüber und Theodora, hoch und glitzernd, im Schatten des Baldachins, senkte bejahend die Augenlider. Hinter dem Manne fielen klirrend die Ketten zu Boden. Er hatte endlos gedehnte Stunden in einem halb mannshohen Kerkerloch zugebracht und seine Handgelenke waren von der Ketten Gewicht blutig geschunden. Aber er stand nun angespannt, hart und aufrecht vor ihr wie ein Fechter. Tzikka beugte das Knie vor der Kaiserin und ging. Seine Schritte hallten nach. »Wie heißest du?« fragte die Basilissa. »Aligern«, antwortete der Mann. Ihr Thron war an der Rückwand des Saales aufgerichtet, am Mittelpfeiler zweier mächtiger Rundbogen, in deren marmornem Rahmen der mondglänzende Zitronenhain sich fing, und sein Blick schweifte hinaus, an ihr vorüber. »Woher stammst du?« fragte die Kaiserin. »Ich bin Gote.« »Als unsere Diener dich fingen – denn sie sahen dich zu wiederholtenmalen in frecher und verdächtiger Art an unsere heilige Person herandrängen – da gabst du anderen Namen an und andere Herkunft.« »Kramen deine Griechen sogleich ihr Herz vor fremden Sklaven aus?« fragte er höhnisch. »Unsere Gottähnlichkeit muß nun annehmen, du hegtest böse Absicht wider uns, Mann mit dem Doppelnamen und der Doppelzunge.« Sein Blick traf sie und es durchzuckte sie. Sie zog die Brauen empor. Er gefiel ihr. Sie gestattete ihm, ihr zu gefallen. »Tritt näher!« gebot sie. Aligern kam über die spiegelnde Weite des Estrichs her. Sie sah seine Schenkel schreiten und genoß ihn im voraus. »Wir wünschen zu wissen, was dich bewog, dich an all den Orten einzufinden, an denen du hoffen durftest, uns von Angesicht zu sehen?« Sie lehnte sich zurück. Über ihren Knien spannte sich der starre Stoff und sank zwischen ihnen ein, leise gehöhlt, wie die Fläche eines Opfersteines. Er schwieg und hielt sie mit dem Blick. Ja, er gefiel ihr. In seinen Schultern verdoppelte sich fast die Schmalheit seiner Lenden, und seines Mundes herbe Röte aufzuschließen, mußte Lust sein über viele Lüste. Sie fragte, fast ehe sie es wollte. »Warum ließest du mich zwei Nächte lang warten, da ich nach dir sandte?« Er sah sie noch immer reglos an. Eine lange nicht mehr gefühlte Gier, der sie dankbar zu willfahren bereit war, lohte in ihr auf, ein unbezähmbares Weibverlangen nach diesem bronzenen Sieger mit den Augen aus Lapislazuli. Sie glitt im Thronstuhl vor, daß sie fast lag. »Tatest du es, um mich sehnsüchtiger zu machen?« flüsterte sie. »Oder liebst du mich so sehr, daß du Erfüllung fürchtest? Keine Nacht deines Lebens wird süßer als diese sein!« »Wohl glaublich, wenn du mich am Morgen vor die Bestien wirfst wie Petros!« sagte er hart und leise. Sie sah in seinen Augen den Tod so nah wie nie und bäumte sich wie eine Schlange auf. Aber im gleichen Augenblick warf er sich auch schon über sie, seine furchtbaren Hände an ihrer Kehle. »Du wirst sie nicht herbeizetern, Mordmetze, hörst du? Du wirst verrecken, wie du hast deine Opfer verrecken lassen, stumm und ohne Gnade!« Theodora rang gegen seine unbarmherzige Gewalt. Ihre Gedanken jagten. Mit aller Kraft gegen seine Brust gestemmt, warf sie sich rückwärts und gurgelte mit letztem Atem: »Nicht ich! Justinian!« Der einzige Augenblick, in dem sich sein Griff lockerte, genügte ihr, um sich loszuwinden. Sie schnellte ihren Körper am Boden hin, wie Eidechsen dahinschießen, und verkroch sich, tief und pfeifend atemholend, auf dem Berge regenbogenfarbiger Kissen, der ihrer Lust gehäuft worden war. Er war mit einem Sprung bei ihr, riß sie empor, schüttelte sie mit haßverzerrtem Gesicht; fast in Angst, seine Rache zu früh in ihrem Tode enden zu sehen. Und nochmals, während sie in wirbelndem Bedenken den Rettungsfaden spann, fühlte sie die unverhoffte, längstentbehrte Begier und war dessen in Triumph gewiß, daß diese Nacht, die mit Todesgrauen begann, in des Lebens wildestem Erleben enden würde. Und sie warf sich vor ihn hin: »Nicht sterben!« schrie sie und brach in Tränen aus. »Ich will nicht um seinetwillen sterben! Er hat mich gekauft, er hat mich an sich gekettet, er hat meine Jugend in sein müßiges Bett gezerrt, er hat meine Freunde verfolgt, meine Neider erhöht und mich unselig gemacht, unselig!« Sie schlug die Hände vor's Antlitz und ihre Schultern schütterten in bitterlichem Weinen. »Was willst du von mir? Ich habe nichts getan, ich weiß von nichts, ich will nichts wissen!« »Theodora!« sagte er hart. »Ich selbst stand in des Wärters Kammer versteckt und sah deinen Diener, den gleichen, der eine Stunde später dein Bote an mich war, das Hebelwerk der Fallbrücke in Bewegung setzen! Ich selbst hörte ihn zu Petros sagen, du erwartetest ihn im geheimen Raum und sah, wie er dem Patriarchen weislich den Vortritt ließ, da jener die Brücke zum Pantherkäfig betrat!« »Burbo? Oh! Also auch Burbo!« schrie sie, wie auf einbrechender Eisdecke, Schritt um Schritt sich vortastend. »Hat Justinian auch ihn bestochen? Nun begreife ich vieles! Und ich traute ihm! Dem allein traute ich! O, Justinian wußte, daß der arme Petros seinen Dienern niemals in die Todesfalle folgen würde! Wenn du in jener Kammer verborgen warst, sahst du es ja auch, daß Petros an jenem Tag an meiner Seite ging und ich ihn, vor allen anderen, ehrte. Darum, weil er mein Freund war, starb Petros! Darum allein.« »O, du Mimikerin vom Zirkus! Ich weiß, warum du Petros vor die Bestien warfst. Du begannst den Mitwisser an Amalasunthas Tod zu fürchten, als er Ravenna, dessen Patriarchat sein Mordlohn war, verließ, um dem Konzil beizuwohnen!« »Amalasuntha?« wiederholte Theodora mit einem Staunen, in das sie so eingelebt war, daß ihr vor Gott und ihrer Seele erschien, es wäre ihr dieser Name leer und fremd. »Was habe ich mit dem Tode der Armen zu schaffen, die im Bade ertrank?« Aligern ergriff ihre Handgelenke und warf die Halbaufgerichtete zurück. »Du lügst! Justinian wollte Amalasuntha zu seinem Weibe machen, darum ließest du sie ertränken!« »Hätte er es doch getan!« schrie Theodora wild. »Hätte er sie doch zur Kaiserin gemacht und mich freigelassen. Wähnst du, mir läge an diesem Thron, den ich mit einem Schlottergerippe teile? Ich bin keine Kaiserin, ich bin ein Weib! – Macht das ein Weib glücklich, wenn man sie mit Juwelen behängt und in eisige Säle sperrt, daß sie stirbt vor Sehnsucht? Was quälst du mich? Ich habe kein Teil an ihm und seinen Werken, sage ich dir! Wenn ich jemals Sünde auf mich lud, so war es die, mich in seinem Bett nach Schönheit zu sehnen und nach Mannesstärke. O du! Deine Hände sind so warm, so lebendig! Ich will mich lieber von ihnen würgen lassen, als von den seinen streicheln! Sage mir, warum standest du an allen Wegen, an denen ich vorüberkam, und sahst mich mit deinen wilden Augen an? Ich habe nie solch ein Blau gesehen! Die Wachen nannten dich ›den Mann mit den Augen!‹ Warum küssest du mich nicht?« »Hast du auch schon den Sack vorbereitet, Theodora, und das Messer? Warten die Fische des Bosporus schon auf mich? Metze, teuflische, lügnerische Metze! Mag Gott Amalasuntha an dir rächen und Petros und die unzähligen, geheimen Opfer. Aistulfs Mord räche ich selbst mit diesen meinen Händen!« Einen Augenblick jagte Theodoras Erinnern dem barbarischen Namen nach, im nächsten warf sie sich vornüber, schlug mit den Fäusten auf den Estrich, zerwühlte ihr Haar und, während sie im Untergefühle eines rasenden Zornes dachte: »schlafen denn die Wachen, daß sie den Lärm nicht hören?« empfand sie zugleich fast Angst, sich vielleicht frühzeitig durch Hereinstürzende unterbrochen zu sehen. Denn nun schrie sie zuckend, stammelnd, schluchzend: »Er fängt sie! Wenn sie von mir gehen, fängt er sie, ich sehe sie nie mehr wieder und alle sind schön und jung und heiß von meiner Lust, und er tötet sie darum! Er wird auch dich töten, denn du bist schöner als alle. – Du! O du!« Aligern schwieg, gegen seine Verwirrung kämpfend. Da hob sie das Haupt, lauerte in sein Gesicht und wand sich an ihm empor, das tränenbetaute Antlitz glühend vor Erregung. »Er hat Wachen aufgestellt und wird dich unter Martern töten lassen. Nie wird er es glauben, daß ein Mann des Nachts allein mit Theodora sein könne, ohne ihrer zu begehren. Er wird dich töten, weil du Arianer bist wie ich, es wird ihm Triumph sein, einen Anhänger meines Gottes zu vernichten! Er wird dich töten, weil du schön und stark bist und ich von dir den Sohn empfangen könnte, den seine Lenden nicht zeugen. Er wird dich töten, weil du ihm zuvorzukommen nicht den Mut hast!« Theodora sah, daß dies eine Waffe war. Und sie warf sich an seine Brust. Die Arme um ihn geschlungen, jagenden Atems stammelte sie. »Wer ihn tötete, beginge eine Tat der Befreiung, keinen Mord! Er ist feige und unbarmherzig und schlecht und der Dämon seines Landes! – Er hat Testamente gefälscht, Waisen enterbt, Witwen ihr Brot geraubt. Tausendfache Blutschuld klebt an seinen Händen. Wer ihn ermordete, der würde das Volk der Goten vom Henkertode retten, er würde der Herrscher einer seligen Welt. Tu es! Tu es! Tu es sogleich! – Nein, warte, es ist Sofientag, und er liegt die ganze Nacht in der Kirche auf den Knien. Aber morgen. Morgen wirst du es tun. Ich lasse dich von Tzikka waffnen und aus dem Palaste geleiten. Fällt dich einer an, so wehr dich! Und morgen nachts wirst du kommen und ich werde auf dich warten, du! Morgen! Es führt ein geheimer Gang von meinem in sein Schlafgemach. Den wirst du hinabgehen und wirst ihn töten! Und wenn du wiederkehrst, werden sie deine Füße küssen und dich mit der Krone des Konstantinus krönen! Geh jetzt! Geh jetzt, geh!« Sie drängte ihn zum Ausgang hin, mit einem schluchzenden Lachen, zwischen Spiel und Wahrheit, zwischen zuckender Begierde und höhnischem Triumph. Sie klatschte in die Hände und er sah eines Mohren kyklopische Gestalt den Türrahmen füllen. Aligern stammelte: »Theodora!« Und sie, in einem neuen, verwirrenden Gefühl, das keine Worte fand, als die gewohnten des Abschieds, wollend, ohne zu wollen, sagte: »Komm morgen wieder!« Da stieß Ukri ihm das Messer in den Rücken. Aligern schrie auf und warf sich herum. Er riß den Neger zu Boden und rollte mit ihm auf dem Estrich hin. Er hob ihn, schüttelte ihn und warf ihn schwer zu Boden, hob ihn noch einmal und zum drittenmal empor, und jedesmal schlug des Negers Kopf dröhnend auf, bis er reglos lag, Schaum vor den grauen, offenen Lippen, die Augäpfel weiß, verdreht und gebrochen. Theodora sah den Sieger über ihm zusammensinken und sie bedauerte fast, daß das Schicksal gegen ihn entschieden hatte. Sie wandte sich zum Gehen. Da richtete sich Aligern auf den Knien auf und sah sie an. In diesem Augenblick schien es Theodora, als sei sie unfähig, ein Glied zu rühren, zu atmen, zu schreien. Er schleppte sich zu ihr hin. Er kroch auf Händen und Knien, niederbrechend, wiederaufgerafft, und das springende Blut zog sich wie ein breites, scharlachnes Band hinter ihm her durch den Saal. Sie sah sein Antlitz genau. Das Mondlicht, das vom Garten hereinfiel, füllte seine Augen, und sie glitzerten. Sie waren nicht mehr blau, sondern sie glimmerten in farblosem Sternglanz, wie Berylle. Und diese unertragbaren Augen auf sie heftend, richtete er sich schwankend empor und sagte, klar und laut, dreimal in drohender Bejahung mit dem Haupte nickend: »Ich komme wieder!« ehe er zusammenbrach. 72 Vor dem hochfüßigen Bambusbette, auf dem der Kaiser lag, kauerte Lalji, die seine Sklavin war, und rieb mit ihren zimmetbraunen Fingern seine Fersen. Der Basileus war nach der in der Sofienkirche kniend verbrachten Nacht frosterstarrt heimgekehrt und gönnte sich noch eine Stunde der Ruhe. Lalji saß, die nackten, reifumringten Beine unter sich gekreuzt, und wiegte sich vor- und rückwärts, daß die Ketten um Hals und Handgelenke rasselten. Die großen Augen geschlossen haltend, summte sie leise und eintönig das Lied, das die Mädchen daheim des Abends sangen: »Ich kränze mich mit roten Beeren, Dran der Uwa-Vogel naschhaft gepickt hat, Und schneller als der Uwa-Vogel fliegt, Eil' ich zu dir, mich in deine Arme zu stürzen!« »Hör auf!« sagte Justinian, ohne sich zu regen. »Es klingt, als knarre ein endlos getriebenes Wasserrad!« Lalji hielt mitten im Wort inne. Sie neigte das Antlitz, seine Füße zu küssen, aber sie schmiegte nur die Wange an das Laken, darauf sie ruhten. Nach einer Weile richtete sie sich empor und flüsterte: »Denkt mein Herr? – oder darf Lalji zu ihm reden?« Der Kaiser, der mit im Nacken gekreuzten Armen auf dem Rücken ausgestreckt lag, wandte nachlässig sein bleiches Gesicht. »Störe mich nicht, Lalji.« Sie senkte ergeben das Haupt, und Schatten gingen über ihr Gesicht. Lalji war schön. Die zarte Linie ihrer braunen Wangen floß in reinem Oval im weichen Kinn zusammen. Der Scheitel war glänzend glatt und kompakt, wie aus Ebenholz geschnitten. Die Augen waren die der Antilope, traurig und scheu, von bläulichem Weiß umrahmt, der Mund breit, voll, mit Zähnen, die das gerngekaute Pflanzenmark rötlich gefärbt hatte. In der Stille des Gemaches war nur das Klirren ihrer Silberkettchen, das trockene Rasseln der zu Schmuckschnüren aufgefädelten Fruchtkerne hörbar. Plötzlich hob sie flehend beide Handflächen gegen ihn auf und verharrte so, bis sein Blick auf sie fiel. »Was willst du denn?« fragte der Kaiser, nicht unfreundlich. »Warum störst du mich?« »O mein Herr«, murmelte sie. »Sei gütig zu Lalji, denn ihr Herz ist eine Regenwolke, und ihre Handflächen sind gegen dich gekehrt.« »Lalji, meine Ruhezeit ist um, bald werden die Männer meines Landes kommen, um meinen Ratspruch zu erbitten, und ich werde nichts zu antworten wissen, weil Lalji meine Gedanken abgerissen hat.« Im Augenblick, da Justinian zu sprechen begann, war Lalji vorgesunken, die Stirne bis zum Estrich beugend. Da er schwieg, erhob sie sich zu kniender Stellung und sah ihn an. Ihre Lippen zitterten. »Du mein Stern!« sagte sie. »Du mein Wasserquell, meine Morgenkühle, du bist weiser als die Priester, die den Regen herbeisingen, wende dein Angesicht nicht ab, ehe du auch Lalji deinen Ratspruch gesagt hast!« »Sprich!« sagte er, »aber mache es kurz.« »O Herr, Lalji hat sich von dem goldenen Mann das Kreuz von Bein um den Hals hängen lassen, weil dein Zauber ihr Zauber sein soll. Aber sage, was begibt sich nun, wenn Lalji still, ganz still liegt und der warme Hauch aus ihr gewichen ist?« »Wenn du gestorben sein wirst, Lalji,« sagte Justinian sanft, »dann wird der Patriarch, der goldene Mann, wie du sagst, über dir wie über jedem rechten Christen einen Segen sprechen, und Lalji wird mit ihren schönsten Tüchern und allen ihren Ketten in die Erde gebettet, damit Rosen aus ihren Lippen wachsen und aus ihrem Herzen.« »Daran ist nichts Arges!« sagte sie langsam nickend. »Nein. Daran ist nichts Arges. Aber wird mein Herr, um der Blüte willen, die er Lalji genommen hat, daran denken, sie so zu betten, daß ihre Augen nach der Heimat schauen und ihre Füße die Richtung dahin finden, wenn die Erweckung kommt, von der du sprachst? Denn Lalji wird bald kalt liegen.« »Warum solltest du sterben?« fragte Justinian, mit Besitzerhänden über den zimmetbraunen Körper streichend. »Du bist jung und gesund!« »Lalji weiß! O mein Herr, wolle deine Großmut dessen gedenken, wenn es geschehen ist!« »Was fürchtest du? Niemand darf wagen, dir ein Haar zu krümmen, denn du bist mein!« Jemand lachte. Der Kaiser fuhr empor und sah Theodora an der Wand lehnen. Ihr Gesicht war weiß wie ein Laken und der Blick, der Lalji umfaßte, flackerte. »Ich will nicht hoffen, euch erschreckt zu haben«, begann sie lächelnd. »Aber wenn die Türen nur Sklavinnen offen stehen, muß die Basilissa geheimen Eingang suchen!« Justinian meinte im Augenblick fast, sie sei berauscht. Aber sie gewann sogleich die gewohnte Herrschaft über Antlitz und Rede wieder. »Dies also ist sie, die Lust Justinians, des Herrn der Welt? Komm doch einmal her und laß dich besehen, Kleine!« Der Kaiser, an dessen Brust Lalji sich barg, fühlte sie beben. »Geh jetzt fort!« befahl er, ihre Arme von sich lösend, »laß uns allein!« Sein Zorn brach aus und, ohne die Kaiserin anzusehen, stieß er hervor: »Denn es müssen wichtige Nachrichten sein, wie sie der Kaiser stets nur aus zweiter Hand zu empfangen gewohnt ist, die die Basilissa hierherführten!« Lalji erhob sich und schlich mit bebenden Knien an der Wand hin zur Tür. Sie legte schon ihre Hand an die Klinke, als Theodora mit drei, vier rauschenden Schritten bei ihr war und sie am Handgelenk ergriff. Lalji blieb ohne Laut stehen, das Haupt auf die Brust gesunken, und Tränen rannen über ihr Gesicht. »Fürchtest du dich vor mir? Fürchte dich doch nicht!« lächelte Theodora, sanft das gesenkte Kinn emporhebend. »Welch ein süßes Gesicht! Sage deinem Herrn, Lalji, er habe wohlgewählt, und ich sei es zufrieden. Ich freue mich an seiner Freude mit und liebe die, die ihn lieben.« Und sie schloß die Schwankende in die Arme. Der Kaiser stand aufrecht, in seinen Mantel gehüllt, und trommelte mit den Fingern auf dem Bettknauf. »Ließest du sie nicht besser gehen?« sagte er, kaum beherrscht. »Bist du eifersüchtig?« fragte Theodora lachend zurück, den zarten Körper mit den gekreuzten Armen an ihre Brust pressend. Im selben Augenblick schrie Lalji auf, riß sich los und flüchtete zur Tür. Sie hielt den Kopf zur Seite und sah bebend auf den dünnen roten Streifen, der über ihren linken Oberarm hinlief. »Oh! Hast du dich an meiner Busennadel geritzt, du Arme!« sagte Theodora bedauernd. Sie zog langsam eine goldene lange Pfeilnadel aus ihrem Oberkleid und warf sie in die Ecke. »Fort mit ihr! So, mein Herzchen, es ist nur ein Hautritz! Bist du sehr erschrocken? Nun geh nur, Kind, geh!« Lalji öffnete die Tür, warf einen schweren, tränendunklen Blick auf Justinian und schlich hinaus. Der Kaiser ging mit hartem Schritt zur Tür, warf den Riegel vor, trat zum Betpult, auf das er die Ellenbogen stützte und, das schmale Kinn in der schmalen Hand, sagte er abgekehrt: »Nun?« Theodora schwieg. Plötzlich brach er aus, zornig, gehässig: »Was suchst du hier?« »Justinian!« antwortete sie mit großer Würde. »Du verwechselst mich mit jener, die eben aus dem Zimmer ging! Ich kam nicht hierher, zu bitten, sondern um den Dank zu empfangen, den du mir schuldest.« »Dies kenne ich!« sagte er eisig. »Was immer auch geschieht, die Rechnung schließt ein Schuldposten auf meiner Seite.« »Den du mit der gangbaren Münze der Fürsten, mit Undank begleichst, Justinian! Zur Zeit des Nikaaufstandes war es nur dein Thron. Heute ist es dein Leben, das ich rettete.« Er wandte ihr das Antlitz über die Schulter hin zu. »Wie hoch schätzest du es ein, das heißt, wie teuer muß ich es nun einlösen?« »Ich habe die schalen Spässe satt und dächte, du tätest gut daran, mich anzuhören, wenn ich rede! Meine Wachen fingen vor wenigen Stunden einen Verdächtigen, der sich in den Palast eingeschlichen hatte. Sie brachten ihn vor mich und ich entriß ihm das Geständnis geplanten Meuchelmordes an dem Basileus selbst.« »Sonderbar, daß er just deinen Wachen in die Arme lief! Sonderbarer noch, daß er zu seinem bedrohlichen Vorhaben just die Nacht des Sofienfestes wählte, die ich alljährlich betend in der Kirche verbringe, was jedes Kind zu Byzanz ihm hätte erzählen müssen! Dein Mann ist ein Unglücksrabe, Theodora, er hat nicht viel Begabung zum Tyrannenmörder!« »Und doch träumte er davon, ein ganzes Volk vom Henkertode zu befreien.« »Ein Gote?« »Siehst du, wie du zuckst!« »Du sprachst mit ihm?« »Ja. Und ich entwand ihm sein Geständnis. Ist es nicht besser, Theodora an seiner Seite zu wissen, als kleine plärrende Abessiniermädchen? Was wärest du gewesen ohne mich? Damals ein landlos irrender Bettler und heute ein verscharrter Kadaver!« »Was war sein Plan?« »Mord! Und nach dem Mord das Umsichscharen aller germanischen Wachen. Die Thronbesteigung und Vereinigung des erlösten Italien mit dem erneuten Byzanz!« »Und nun kommst du zu mir, damit ich ihn morde wie alle! Wo ist er?« »Dort, woher keiner wiederkehrt!« sagte sie langsam. Sie sah starr über den Kaiser hinweg, auf die leere Wand. Plötzlich raffte sie sich auf, war neben ihm und zischte: »Pflanze seinen Kopf am Augusteion auf, zur Warnung aller, die kommen wollen!« Ein Wimmern drang ins Gemach, ein gurgelndes Stöhnen, schwache Hände schlugen und kratzten an der Tür. »Jesus, was ist das?« flüsterte Justinian. »Mach nicht auf, mach ja nicht auf!« raunte die Kaiserin und krallte sich an seinem Arm fest. Plötzlich schlug es donnernd gegen die Türbohlen und Clotars Stimme rief: »Mord! Basileus, Mord!« Der Kaiser schüttelte Theodora ab und riß den Riegel zurück. Als er die Tür öffnete, fiel, an ihr herabgleitend, Lalji mit dem Oberkörper ins Zimmer. Clotar sah mit einem wilden Blick zu Theodora hin, raffte den zarten, zuckenden Leib behutsam auf und bettete ihn, ohne zu fragen, aufs Bambuslager. Sie schrie durchdringend, so wie er an sie rührte. »Das ist Gift!« sagte Clotar hart und bestimmt und sah das Gesicht der Kaiserin zucken wie in unbeherrschbarem Lachkitzel. Lalji war unkenntlich. Ihre Lippen klafften blau, ihre Augen waren vorgequollen, mit unnatürlich vergrößerten Pupillen. Der linke Oberarm war unförmig geschwollen und darüber lief als ein schwarzer, aufgebrochener Strich die Wunde. Die Kaiserin sah den Leib in Zuckungen sich wälzen und plötzlich brach ihr Lachen aus, daß sie sich am krachenden Fußgestell des Bettes festhalten mußte. Justinian, zu Häupten des Bettes, bemüht, den letzten Blick aus Augen aufzufangen, deren ahnende Todesangst er nicht verstanden hatte, hob plötzlich die Faust gegen sie und schrie: »Satanas! apage Satanas!« Die Kaiserin lachte noch immer. 73 Inmitten eines Kreises von lachenden, flüchtenden und wieder vordrängenden Frauen kniete Theodora auf dem Teppich und lehrte den jungen Panther vom Zirkus Konstantinus mit beharrlicher Geduld alle Kunststücke, deren sie sich noch entsann. Das schwarze, knochenlos geknäulte Tierchen rollte spielend auf dem Teppich hin, knurrte dünn, fauchte, den Frauen Entzückungsrufe entlockend, und zeigte, sogleich bestraft, doch stets aufs neue anspringend seine zackigen Kinderzähne. Endlich schien das junge Raubtier das unablässig wiederholte Gebot zu erfassen und verharrte, nach Katzenart ruhend und lauernd zugleich, mit dem Schweif den Boden schlagend. »Das Fleisch, Ukri, schnell!« befahl Theodora und entsann sich erst beim Anblick des neuen Sklavengesichts seines Hinganges. Sie schüttelte die Erinnerung an jene Todesstunde wie ein Körperliches ab und begann, dem Tiere die Fleischstücke vorzuwerfen, die mit einem Klatschen hier und da auf dem Estrich auffielen. Als die Schüssel geleert war und der Panther, knurrend über einem Fleischfetzen liegend, schlang, gähnte sie müde und rückhaltslos. »Wir gedenken uns nun zur Ruhe zu begeben«, sagte sie, während sie die Hände ins Waschwasser tauchte, das die Haushofmeisterin darreichte. Die Frauen knieten tief gebeugt, und die Kaiserin schritt durch ihre Reihen zur Tür, während Burbo die Lampe voraustrug. Im Augenblick, da Theodora die Schwelle überschreiten wollte, trat der Namensnenner hastig in den Saal und meldete, in der Proskynese verharrend: »Die sehrwürdige Antonina, die Gattin des Feldherrn Belisar!« »Antonina?« staunte die Kaiserin unwillig. »Seit wann meldet man uns Antonina?« Der Alte hob den Kopf. »Sie selbst gebot es, Gottähnliche!« stammelte er. »Führe sie ein, schnell! Fort mit dir!« Sie stampfte auf. Der Alte hastete. Keine der Frauen wagte ein Wort. Die Kaiserin hörte eilige Schritte und das Klirren der zurückgerissenen Vorhangringe. Antonina war in einem Ansturm bei ihr, warf sich nieder, umklammerte ihre Knie und schluchzte: »Gnade, Gnade für Belisar!« »Stehe auf!« sagte Theodora. »Was ist geschehen? Stehe auf, ich höre dich nicht an, wenn du wie eine Sklavin am Boden liegst! Haushofmeisterin, wir entbinden alle unsere Frauen vom Dienste und wünschen Ungestörtheit. Wirf die Riegel vor, Burbo! Und nun sprich, Antonina, was ist geschehen?« »Heuchle nicht!« schluchzte die Kniende. »Warum tust du, als wüßtest du nicht darum? Rette ihn! Begnadige ihn! Er war der treueste deiner Diener!« »Bei den fünf Wundmalen, ich weiß nichts!« schwor Theodora. »Unmöglich!« schrie Antonina, ihre Hand an die Stirne pressend. »Justinian weigert Belisar den Eintritt in den heiligen Palast und du weißt nichts davon?« »Nein!« antwortete Theodora betäubt. »Die Wachen stießen ihn mit Gewalt aus dem Tor, als er eindringen wollte, sie verhöhnten ihn, ihn, Belisar, den Besieger Gelimers, den Löwen von Afrika! Ganz Byzanz weiß es, die Knaben singen Spottverse vor unserer Tür, nur du hast es nicht erfahren?« »Nein!« wiederholte Theodora und wuchs langsam im Sessel auf. »Theodora, dies bedeutet Böses!« flüsterte Burbo angstvoll. Sie ergriff im blindaufrauschenden Zorn den zum Abendtrunk bereiteten Kelch und schmetterte ihn auf den Boden. »Dies wissen wir selbst!« zischte sie. Antonina sank in sich zusammen. »Steht es so? Dann ist er verloren! Ich wollte nie glauben, was sie sagten. – O, Theodora, Süße, wären wir doch in Agathons Haus verblieben! Nun ist dein Glück zu Ende wie meines!« und sie weinte laut. Theodora biß in die Unterlippe und starrte vor sich hin. Ihre Faust fiel schwer auf das Tischchen neben ihr und machte es schwanken. »Noch sind wir Kaiserin von Byzanz!« sagte sie, »und wehe jedem, der dies vergißt!« »Theodora, rette Belisar und er wird dich retten! Ventidius stahl sich des Abends heimlich zu uns, denn wir sind vereinsamt wie Pestkranke. Er sagte, es sei Anklage wider Belisar erhoben, er habe Verschwörung angesponnen, um sich selbst zum Kaiser von Italien zu krönen! Der Narr, hätte er's doch getan! Als er dies hörte, weinte er wie ein Kind. Er kleidete sich in die goldene Rüstung seines Triumphes und so erwartet er des Kaisers Todesboten! Rette ihn, Theodora, ehe es zu spät ist! Wenn du es tust, will ich deine Sklavin sein, die Sklavin deiner Sklavin! Ich will meine Haare scheren und härene Gewänder tragen und büßen und nie mehr kosten, was dem Weibe das Süßeste ist!« Antonina warf sich platt zu Boden und ihr Weinen war das wimmernde Heulen eines Hundes. »Was verlangst du von ihr, Herrin?« sagte Burbo zornig ausbrechend. »Siehst du nicht, daß die Basilissa mehr wie eine Gefangene gehalten wird als wie eine Kaiserin!« Theodora hielt die Augen geschlossen, die Fäuste geballt. »Den Skorpion stechen, bevor er sticht!« flüsterte sie, tat die Augen auf und lächelte mit geschlossenen Lippen. »Was meinst du, Antonina?« Ohne die Antwort abzuwarten, richtete sie sich zu ihrer schlanken Höhe auf. »Knie nieder, Antonina, wir machen dich zur Überbringerin kaiserlicher Botschaft! Sage Belisar, Theodora vergäße nicht Freund noch Feind. Sage ihm, er sei sicherer, als jene, die ihn bedrohen. Sage ihm, er möge sich statt in Gold in Eisen waffnen!« »Was planst du?« flüsterte Antonina scheu, wie immer, wenn die Freundin sich zur Gebieterin wandelte. »Die Rettung deines Gatten!« lächelte Theodora. Antonina, durch Lächeln und Stimmklang fast getröstet und der Führung sich vertrauend, die seit Jahren ihr Leben glücklich bestimmte, schmiegte sich an der Kaiserin Brust. »Wie viele von Belisars Isauriern stehen zu Byzanz?« fragte Theodora nach flüchtiger Liebkosung. »Kaum tausend mehr!« antwortete Antonina unsicher. »Mit ihrer dreimal tausend entledigte ich mich des Nikabundes. – Sollten tausend nicht genug sein für einen einzigen?« Sie zog scharf die Luft durch die Nüstern ein. »Küsse mich, Antonina, und scheide geruhigen Herzens! – Burbo, meine eigene Sänfte für die edle Antonina!« Theodora winkte der an der Türschwelle sich Wendenden lächelnd nach. Ein silberweißes Seidenäffchen, gebrechlich und winzig, wie die Basilissa es liebte, schlich heran und zupfte, um die gewohnte Süßigkeit bettelnd, an ihrem Ärmel. Theodora zuckte zusammen, wandte sich, nahm das Äffchen hastig auf und spähte nochmals mißtrauisch nach allen Winkeln hin. Sie rief scharf: »Zainab!« Und nochmals »Zainab! Haliwah!« Da niemand kam, goß sie selbst so viel Öl in die Nachtlampe nach, daß es übertropfte. Burbo kam zurück und sie herrschte: »Wo sind meine Frauen? Muß die Kaiserin warten?« »Du hast sie doch selbst fortgesandt!« erinnerte er. »Soll ich angekleidet zu Bette gehen?« stampfte sie. Er war schon bei der Tür. »Ich werde rufen!« »Nein! Laß! Entkleide du mich. Ich bin müde. Er sprang hinzu und öffnete kundig Spangen und Haken. »Theodora!« sagte er nach einer Stille. »Was meintest du mit den tausend Isauriern?« »Was schiert es dich? – Löst man so ein Schuhband? Die Schnalle zuerst! So! Endlich!« »Höre Theodora! Mir behagt es seit einiger Zeit nicht mehr zu Byzanz. Wie wär's, wenn wir nachsähen, ob der Himmel auch anderswo blau ist? Ein hübsches, kleines Schiff, mit allem was dazugehört, und wir schaukelten so über's Meer hin, nach Tenedos, – nach Cypros ...!« »Schweig!« herrschte sie. »Warum nicht? Ich würde für Begleitung sorgen ...!« »Narr!« Sie lachte. »Es gibt noch Arbeit zu Byzanz!« Sie zog aus dem halbgelösten Gürtel ein langes, scharfblinkendes Messer und legte den Finger auf den Mund. »Was hast du da? Ukris Messer! Was willst du mit Ukris Messer? Gib es her! Du wirst dich verwunden!« »Mich? Nein! – Laß! Laß los!« Sie stieß ihn zurück, strich mit dem kleinen Finger über die haarscharfe Schneide, lächelte lüstern und barg das Messer unter den Kissen ihres Bettes. »Theodora, mir ist bange! Dies endet schlecht! Jesus, komm fort von hier! Manchmal erschreckt mich dein Gesicht. Du bist so bleich, ich wollte schon lange Jefraim befragen!« »Ich bete jetzt!« unterbrach sie scharf, vor dem Christusbild niederkniend. Er schwieg und faltete die Hände gleich ihr, aber er wußte von früherlernten Gebeten nur die Anfänge mehr und wartete stumm und verstört, bis sie sich erhob. Dann bettete er sie, hüllte sie in samtene Decken und fragte, wie zur Kinderzeit über sie gebeugt: »Liegst du gut?« Theodora sah ihn mit einem fremd-sinnenden Blick an und hielt seine Hand fest. Mit überraschend sanfter Stimme sagte sie: »Burbo, ich glaube, ich habe nicht viel Gutes in diesem Leben getan, aber ich habe niemals derer vergessen, die mich von Jugend an begleiteten. Ich habe des Vigilius Macht über päpstliche Macht gestellt. Ich habe Antonina zur zweiten Frau des Reiches gemacht. Ich habe die Hand über Belisar gehalten, bis sein Niedergang das Reich in Gefahr brachte ...« »Du sprichst, Gott schütze dich! wie auf dem Totenbette! Was ist dir, Theodora? Verhehlst du mir ein Leiden? Laß mich einen Arzt holen!« »Bleib!« befahl sie. Und gleich darauf, in dem sinnenden Tonfall von vorhin fortfahrend: »Ich dachte daran, als ich mit Antonina sprach. Ich habe an alle Macht und Glanz und Herrschaft verschenkt und keinen Dienst unbelohnt gelassen als den deinen!« »Theodora!« sagte er, tief errötend. »Nicht so, sprich nicht so!« »Du hast für mich gehungert, gestohlen, gekuppelt, gemordet!« fuhr sie, immer mit gleicher ungewohnter Sanftheit fort. »Ich bin in deiner Schuld, Burbo, und weiß deinen Gaben nichts entgegenzusetzen. Wollte ich dein Gemach mit Gold bis zur Decke füllen, du fühltest dich doch nur als solchen Reichtums Verwahrer, für mich bedrohende Zeiten späterer Not. Schenkte ich dir ganz Italien, so bätest du mich, dich nicht von meiner Schwelle fortzuweisen. Es gibt nur eines , Burbo ...! Einen Lohn! – Entsinnst du dich jener Nacht, da du bebend an mein Bett kamst? Damals schon zahlten sie vierfachen Sold für Theodoras Lust. Die Kaiserin von Byzanz ist ohne Preis ...!« Sein Gesicht war nun so sehr erblaßt, wie es vorher errötet war. Es zuckte und zitterte. Die Kinnmuskeln spannten sich gewaltsam und endlich kam der längst verhaltene Ausbruch. Er lag zu ihren Füßen und weinte sich satt. »Nein!« flüsterte er, da er die Sprache wiedergewann. »O nein! Du bist mir wie die Gottesgebärerin geworden. Du auf dem Thron und ich zu deinen Füßen, so ist es recht.« Er brach von neuem in Schluchzen aus, raffte sich auf, zog nochmals ihre Decken zurecht, ging schwankend wie blind durch das Zimmer zur Leuchte, die er ausblies. Theodora, über die die Dunkelheit hereinbrach, hörte ihn, sich zur Tür tasten. »Gute Nacht!« flüsterte er noch von der Schwelle. Sie gab keine Antwort mehr. Müdigkeit überwältigte sie und sie schlief sogleich tief und traumlos ein ... Nach Stunden erwachte sie und wollte sich im Halbschlaf wenden. Da fühlte sie lastende Schwere auf ihrer Brust. Sie griff im Dunkel zu, meinte aber, nichts zu greifen als den Sammet der Decken, die sie vergebens fortzuschieben versuchte. Sie öffnete mühsam die Lider und hob den Kopf. Im gleichen Nu ward sie völlig wach in eisigem Entsetzen. Dicht vor ihr glimmerten, losgelöst im Dunkel schwebend, zwei Augen voll grünen Lichtes, glitzernd wie Berylle. Ein Rest wachen Willens ließ sie das Messer hervorreißen. Sie stach in die schwere Nacht hinein, hörte Todesröcheln, Warmes floß auf ihre Brust. Sie stieß alles mit wilder Kraft von sich, sprang nackt aus dem Bett, zähneklappernd vor Grauen, und sah die Augen, die sie kannte, tanzend im Dunkel, verzehnfacht, verhundertfacht. Burbo, den ihr Schreien aus dem Schlafe riß, kam mit Licht. »Er ist wieder gekommen!« stammelte sie, kaum verständlich. »Er ist wieder gekommen!« Und sie schüttelte den Kopf, als Burbo ihr den erkaltenden Körper des jungen Panthers im Bette zeigte. 74 Die Basilissa befahl all ihre Frauen, ihre Kämmerer, ihre Würdenträger und hielt sie ganze Tage über bei sich fest. Sie saß, in den weiten Thronsessel eingesunken, geneigten Hauptes, reglos und stumm unter ihnen und ließ die Perlenfransen ihres Gürtels durch ihre Finger rinnen. Um sie her standen Männer und Frauen des Patriziats, ihrer Anrede harrend. Die Würdenträger, von Hunger und Durst, von Bedürfnissen des Leibes gefoltert, die Herrinnen so sehr erschöpft, daß sie, unfähig dem Zwange der Hofsitte sich noch länger zu fügen, auf den Teppich sanken, zu den kauernden Sklavinnen hin. Das Schweigen verdichtete sich immer mehr. Endlich hörten sie es, wie Scheintote die herabkollernde Graberde. Hin und wieder schrie einer der kostbaren Vögel der Kaiserin, die Halsringe von Jade und Fußketten von Gold trugen, auf. Dann wandten sich alle und die Frauen lauschten dem häßlichen Laut wie Erlöste nach. Wenn die Dämmerung hereinbrach, wandelte sich die Kaiserin. Sie sprang auf, rief ihre Lieblinge mit Koseworten zu sich, hatte gütige Ansprache für neu sich ermunternde Würdenträger, klagte unter Gelächter und in überstürzter Rede über Langeweile, plante Feste und Zirkusspiele. Sie gab Befehle und war später erstaunt, ihre Ausführung gemeldet zu hören. Sie meinte Wünsche ausgesprochen zu haben und schalt unwillig vermeintliche Versäumnis. Sie hieß die Eunuchen Truhen herbeischleppen, in denen Stoffe und Silbergewebe verwahrt wurden. Dann zerrte sie die Ballen aus den schützenden Leinenhüllen, entrollte sie, verfing sich darin, zerriß ungeduldig die blütenblattzarten Gewebe und verschenkte deren fremdländische Pracht an eine Sklavin, die einen entzückten Ausruf gewagt hatte. Sie hüllte die jüngsten ihrer Frauen in kaiserliche Gewänder und pries die Schönheit der Schämigen den aufglühenden Männern in ihren Einzelheiten an. Sie ließ alles, was es an Lampen gab, herbeischaffen, denn die Dunkelheit gehöre für Fledermäuse, lachte sie. Ungezählte Fackeln wurden entzündet und in den Saalecken brannten Pechpfannen. Dann verlangte sie, daß man einen mannshohen Silberspiegel in die Mitte des Raumes trage, und setzte sich davor, der Tür den Rücken kehrend, die sie durch die Haushofmeisterin verschließen ließ. Sie fand sich bleich und ließ sich Schminke auflegen, deren Gebrauch sie in all den Jahren verschmäht hatte. Bei verschlossenen Türen und vor den Augen von Würdenträgern ließ sie an ihrem Antlitz Frauenkünste der Verschönerung üben und die Patrizier waren empört, dabei festgehalten zu sein, gleich Sklaven, deren Gegenwart man nicht beachtet. Als ihr Gesicht von der Paste wie von zartrosigem Email überzogen war, wandte sie sich und forderte Ventidius Worte der Bewunderung ab. Der Römer verneigte sich tief und schweigend. Die Kaiserin sah ihn an, lachte verwirrt auf und sagte: »Ich benehme mich zu übermütig? Was? Ventidius?« Sie verließ, immer mit dem gleichen harten Lachen den Spiegel und plötzlich sah man sie so gierig lauernd nach der Tür starren, daß alle nach dem vermeintlich Eingetretenen sich umwandten. Es stand niemand an der Tür. Die Patrizier tauschten Blicke. »Jetzt wollen wir recht fröhlich sein!« sagte die Kaiserin mit einer seltsamen, spröden, blechernen Stimme. Sie ging mit steifen Schritten durch den Saal, den Kopf zurückgebogen, die Hände geballt. Während sie die Thronstufen erstieg, hielt sie plötzlich an und wandte sich, als sei ihr jemand auf ihr schleppendes Gewand getreten. Sie klatschte in die Hände. Gaukler kamen und spannten unter der Kuppel ein rosenrotes Seil, darauf ihre nackten, gelben Glieder hintanzten. Die Kaiserin befahl noch mehr Fackeln, da sie den Schaustellungen sonst nicht folgen könne. Der Saal ward wie von Sommersonne erhellt. Tierbändiger kamen mit einem Bären, der zahm wie ein Hund seine Kunststücklein vollführte. Die Kaiserin ließ den Wärter zu sich kommen und sprach leutselig mit ihm. Um zu beweisen, wie gewiß sie ihrer Macht über Tiere sei, ließ sie den Bären heranholen. Aber das Tier schnob und brummte, verkroch sich und war durch alle Schläge seines Herrn nicht zu bewegen, die Schmeicheleien der Basilissa zu erdulden. Theodora lachte und wandte sich ab. Sie befahl Wein, mit dem sie zuzutrinken begann, die Anwesenden zum Leeren der Becher zwingend. Die Frauen, die nach der Qual des Dienstes nun auch von vielem Wein benommen waren, zu dem keine Speisen verabreicht wurden, wagten es endlich, an die späte Stunde zu gemahnen, die der Gottähnlichen kostbare Gesundheit gefährden könne. Die Kaiserin wollte davon nichts hören. Sie begann zu verschenken, was ihr unter die Hände geriet. Sie drängte die Zögernden, unter verstreuten Reichtümern zu wählen. Immer wieder mitten in sprudelnder Rede sich wendend, als träte ein Ungeschickter auf ihr Gewand, um mit einem kleinen, harten, verlegenen Lachen fortzufahren. Sie ließ Kitharaspieler kommen, Mimiker und Ringer. Einer der Kämmerer hatte es gewagt, sich verstohlen zu einer Seitentür hinauszuschleichen, und es begann eine heimliche verzweifelte Flucht der Mutigeren, die die Kaiserin nicht zu bemerken schien. Sie scharte jene nur um so enger um sich, die aus Habgier oder Angst oder Ehrfurcht noch verweilten. Endlich aber kniete die Haushofmeisterin vor ihr nieder und bat, ihren weißen Haaren die wenigen übrigen Stunden des Schlafes vergönnen zu wollen. Die Kaiserin preßte ihr schnell die Hand auf die Lippen, zog einen haselnußgroßen Smaragd vom Finger und steckte ihn an die flehend erhobene Rechte. »Warte nur ein wenig, denn nun erst kommt das Schönste!« Aber Burbo murmelte, es sei keine Schaustellung mehr zu erwarten. Die Basilissa stampfte auf und befahl, daß man die heute gezeigten Künste nochmals vorführe. Aber die Gaukler waren gegangen. »Dann werde ich selber tanzen!« schrie die Kaiserin. »Müßt ihr die ganze Nacht schlafen? Ihr, ihr!« Und sie tat ein paar Tanzschritte. Sie stolperte sogleich und Burbo fing sie auf. »Ist es so arg heute?« murmelte er erstickt. Sie schlug ihn mit der Faust in sein tränenüberströmtes Gesicht und rang sich los. Die Unterlippe zwischen die Zähne geklemmt, vorsichtig lauernd, als gelte es, einen hinter ihr flatternden Schmetterling in hohler Hand zu fangen, wandte sie sich um und hob haschend die Hand. Niedergeschlagen, wie nach vergeblichen Bemühungen, sagte sie flüsternd zur Haushofmeisterin: »Das muß doch jeder verstehen, daß man nicht tanzen kann, wenn die Augen hinter einem sind!« Plötzlich vor ihrem fassungslosen Gesicht sich zusammenraffend, wandte sie sich von ihr ab, kühl und listig lächelnd, wie nach einem Scherz. Die Haushofmeisterin tastete sich, ohne den Blick von der Lächelnden abzuwenden, einige Schritte an der Wand hin, sank in die Proskynese nieder, raffte sich auf und floh zur Saaltür, an der sie in ansteigendem Entsetzen rüttelte, bis sie sich dessen entsann, sie selbst verschlossen zu haben. Die Kaiserin stand starr, den Kopf in die Schultern gezogen, drehenden Blickes, ohne dessen zu achten, daß ein offenes Flüchten all derer begann, die nicht schon trunken oder schlafend auf dem Teppich lagen. Der graue Morgen schlich sich in den Saal, in dem es nach schwelenden Dochten und verbranntem Pech stank. Da sah Burbo, der schluchzend ihre Schultern rüttelte, daß ihr kreisender Blick ihn erfaßte. Und er flehte, ihren Worten zuvorkommend: »Komm schlafen, Theodora, der Morgen dämmert schon.« Theodora reckte sich auf, wies mit gnädiger Gebärde auf ihren Schuh, der sich zum Kuß unter dem Kleidsaum vorschob und sprach feierlich: »Wir erkennen deine treuen Dienste an! Sei unserer ganzen Gnade versichert! Wir haben Antonina zum Papst von Rom gemacht und krönten Belisar zum Kaiser von Italien ...« »O Gott, der arme Belisar, der im Kerker sitzt! Theodora! Herz! Schau mich doch an! Erkennst du mich?« »Du bist Burbo und dich haben wir zum Beherrscher von Persia ausersehen! – Knie nieder und danke deiner Kaiserin!« »Theodora, ich will nichts, nichts, als daß du schlafen gehst!« schrie er. »Du mußt nicht glauben, daß Ukri dich dann vielleicht auch ...« Sie lächelte zwinkernd und machte die Gebärde des Messerstechens. »Das ist aus. Er erlaubt es nicht mehr!« schloß sie weinerlich und erschreckte ihn, die Hand am Hinterkopf, durch ein tränenloses, hilfloses Wimmern. Er hob sie auf und trug sie in ihr Schlafgemach. Er legte sie auf das Bett, das er mit Weihwasser besprengt hatte und um das herum, Kreuzarm an Kreuzarm, kleine Kruzifixe einen Ring bildeten. Das Christusbild war frisch und barbarisch bemalt und zu seinen Häupten brannten zwölf Ampeln, gefüllt mit heiligem Öl. Theodora lag wie ein gebundenes Tier, mit offenem Munde keuchend. Burbo entkleidete sie mit behutsamster Zärtlichkeit und hüllte sie in die Decken. Er zog unzählige Kreuze über sie vom Scheitel bis zur Sohle. Seine Tränen fielen auf ihre Brust, während er mit all seiner inneren Kraft immer aufs neue das eine alte Kindergebetchen hersagte, dessen er sich noch entsann. Dann bettete er sich zu ihren Füßen, und Theodora hörte fast gleich darauf seine gleichmäßigen, tiefen Atemzüge. Eine unbekämpfbare Schläfrigkeit ergriff auch sie. Sie lockerte die warmen Hüllen, setzte sich mit gewaltsamer Anstrengung nochmals auf und spähte mit aufgerissenen Augen in die Winkel hin. Sie versuchte sich mit Psalmen wachzuhalten, aber es zwang sie in die Kissen zurück und sie ergab sich willenlos dem überwältigend Furchtbaren ... Sie fand sich plötzlich auf einer alten, zerschlissenen Binsenmatte, hörte das Pfauchen und Brüllen großer Tiere und wußte drüben im Dunkel Mutters großes Bett. »Wie bin ich denn in den Zirkus zurück geraten!« dachte sie erstaunt und versuchte mit aller Kraft sich aus dem aufzuraffen, was, wie sie genau wußte, nur ein Traum war. Aber während sie das Gefühl eines Schwimmers hatte, der, unter eine Strömung geraten, mit Armen und Füßen rudert, um an die Wasseroberfläche zu kommen, fühlte sie auch schon, daß das Feindliche im Zimmer und alle Gegenwehr vergeblich sei. Es war jemand hinter sie getreten und machte, daß sie lahm, blind und stumm verharren mußte. Einzig ihr Gefühl sagte ihr, daß das Feindliche hinter ihr langsam, langsam, ganz langsam seine zum Zufassen bereite Hand nach ihr ausstrecke, eine Hand mit Klauen, langen, zugespitzten, gebogenen Klauen. Die Zeit, die diese Hand bedurfte, um heranzukommen, war eisige Ewigkeit. Endlich fühlte sie die Klauenspitzen ganz nahe, so nahe, daß sie die Schultern hochzog, den Atem anhielt, die Brust vorwölbte und sie sah sich dabei schon als leere, durchscheinende Hülse, in ihrem Griffe pendelnd. Aber ehe das Grausigste geschah, hatte sie plötzlich ihr Selbst wieder erlangt und jetzt rannte sie, rannte um ihr Leben, denn das Feindliche war hinter ihr her. Sie durchlief das Zimmer und hatte just noch Zeit, die Türflügel – klapp, klapp – zuzuschlagen und, während sie in atemloser Angst das linke Knie dagegen stemmte, den schweren Riegel vorzuwerfen, der mit einem Knall einschnappte. Einen Augenblick lang fühlte sie sich geborgen. Dann sah sie, wie der Riegel sich von selbst zurückschob und die Türflügel sich nach innen zu bauchen begannen, daß sie sich augenblicklich auftun mußten, wie Erbsen im Wasser aufplatzen. Dann rannte sie von neuem durch ein Zimmer, schlug eine zweite, eine dritte, vierte Tür knapp vor dem Entsetzlichen ins Schloß und ward dabei von zitternder Neubegier gequält, zu verweilen und »es« zu sehen, denn es wollte sie manchmal glauben machen, es sei ein Tiger oder ein Molosserhund, während sie doch mit listiger Bestimmtheit wußte, was es war und es sie mitten in der Angst fast lächerte. Aber alles dieses war nichts, solange die Jagd durch die Reihe von Gemächern ging. Doch plötzlich geriet sie in die Säulenhalle von Agathons Haus und erkannte, daß »es« sie hier einholen würde. »Wenn ich nur die viertausendste Säule erreichte!« wünschte sie inbrünstig. Dann war nicht mehr die Glätte des Marmorbodens unter ihrem Fuß, sondern weite Sandfläche, und sie wußte, daß sie dem Meere zuschritt. Sie eilte auch gar nicht mehr, denn »es« war in der Säulenhalle zurückgeblieben oder es hatte sie nicht mehr eingeholt. Auf jeden Fall war es gleichgültig geworden. Sie ging vorsichtig über den sehr nassen Sand hin. »Achtung! Das ist Quicksand!« sagte Semeos, der Seemann aus Alessandria, und lachte. Sie antwortete nicht und gab auf ihre Füße acht. Wo sie hintrat, füllten sich ihre Fußstapfen mit Wasser und das Wasser gluckste: »Quick – quick«. Sie begriff, daß hievon der Quicksand seinen Namen hatte und war glücklich. Je weiter sie kam, desto mehr verwunderte sie sich. Denn es waren keine freien, großen, heranrollenden Wogen, was sie vor sich sah, sondern zähe, gestockte Schlammassen, die wie ein grüner Aussatz das Wasser bedeckten. Über dieser endlos gedehnten Fäulnis stand eine dunkle, erzgewölbte Kuppel, und erst da sie lange hinstarrte, sah sie, daß es Hunderttausende von ungeheueren Geiern waren, die mit ausgebreiteten Schwingen schwebten. Und plötzlich bekam der grüne Schorf Sprünge, als berste er hier und dort, und es kam Bewegung in die Hunderttausende von Geiern, die ihre Schnäbel wetzten, ihre Krallen öffneten und mit ihren dämmerungserfüllten Schwingen schlugen. Theodora sah, daß die ganze Decke in Bewegung geriet, wie Eis bei des Eisgangs Beginn. Und es hob sich und senkte sich hüben und drüben und knackte und rauschte und flatterte, und Theodora wußte mit einem Entsetzen, das ihre Schädelhaut prickelnd zusammenzog, daß »es« da unten sei, und daß sie sterben müsse, wenn es aufsteige. Da sah sie eine Assel herankommen und obgleich sie glauben wollte, daß es eine Assel sei, wußte sie doch, es sei der Leichenwurm. Das Ungetüm war alt, es war haarig wie eine Raupe und hatte vier rote Pünktchenaugen, gestielt wie die einer Schnecke. Es kam mit betäubender Schnelligkeit bis an Theodora heran. Und dann hob es sich mit dem schaukelnden Vorderleib gekrümmt in die Luft. Und sie sah, daß es vom Halse ab mit Brüsten behängt war wie die römische Wölfin. Jede dieser Zitzen aber hatte ein Saugmaul, das von faulem Leichensafte troff. – Theodora heulte langgezogen und gellend auf und erwachte. 75 Die Kaiserin stand gesenkten Haupts an die graue Mauer gelehnt, während der Türklopfer in Burbos Hand an die Pforte des Sühnklosters donnerte. »Wie sich alles hier verändert hat!« seufzte er, um sich blickend. »Zumindest Agathons geliebten Garten hätten sie stehenlassen mögen! Weißt du noch, wie du auf dem Dache tanztest, wenn Vigilius kam? Ach, das war eine andere Zeit!« Die Türflügel glitten knarrend auf und ein mißgestaltetes Geschöpf in der groben Kutte der Magdalenen stand auf der Schwelle. »Wir wünschen die heilige Mutter Äbtissin zu sprechen!« sagte Burbo. Die Verwachsene zuckte die schiefe Schulter, legte den Finger auf Mund und Ohr und lud Theodora mit heftigen Gebärden ein, ihr zu folgen. Als Burbo die Schwelle überschreiten wollte, hob sie abwehrend die Hände, deutete kopfnickend auf Theodora, kopfschüttelnd auf ihn und zornig begriff er, daß Männern der Eintritt in den heiligen Bezirk versagt war. »Währt es mir zu lange, dann steige ich über die Mauer!« rief er Theodora nach, als das langsam zufallende Tor ihn ausschloß. Die Kaiserin folgte der winkenden und grinsenden Mißgeburt, die eifrig voranwatschelte, über einen peinlich gepflegten Kiesplatz, der noch die Spuren des Rechens trug, und dessen Steinchen in der Sonne glitzerten. Innerhalb der grauen Mauer gab es nichts, was die Blicke mit weltlichem Entzücken füllen konnte. Das Sühnkloster selbst, niedrig, streng, drückend, trug über seinem Eingang ein Mosaikbild, die Verkündigung Maria darstellend. Der Gebenedeiten, der die Sohnesgeburt vom Engel verheißen ward, hatte der Kaiser in jener Zeit des Hoffens Theodoras Züge leihen lassen. Die taubstumme Pförtnerin blieb grinsend stehen, wies auf eine Nonne, die tief gebückt die ins Haus führenden Stufen wusch, und entlief. Die Kaiserin tat ein paar zögernde Schritte vorwärts, schlug den Schleier zurück und sagte zu der Niedrigdienenden: »Führe mich zur heiligen Mutter selbst!« Die Nonne senkte den kapuzenverhüllten Kopf noch tiefer und fuhr ohne Antwort fort, die Steinschwellen reinzuspülen. Endlich erhob sie sich. Sie wrang abgewandt das Scheuertuch aus, trug den Kübel voll Spülicht fort, kehrte wieder und winkte, Theodora voranschreitend, ins Haus. Ihre schweren Holzsandalen klapperten auf den noch von Feuchtigkeit glänzenden Fliesen. Sie beugte vor jedem der unzähligen Heiligenbilder das Knie, nahm Weihwasser von jedem der unzähligen Kesselchen. Theodora folgte durch die langen und dunklen, modrig-kühlen Gänge, deren Kellergeruch der Weihrauch übertäubte, an stillen Nonnen vorbei, die schattengleich vorüberglitten und von denen manche den zerfetzten Ärmel der Alten an ihre Lippen zogen. Endlich tat sich eine Zelle auf, die kaum für mehr Raum bot, als für Pritsche und Betschemel. Die Nonne wandte sich, schlug die Kapuze zurück und breitete die Arme: »Bist du endlich gekommen, mein Kind?« Theodoras Züge gewannen Leben, so wie sie Anastasia erkannte. »Heilige Mutter!« begann sie rasch und halblaut, als werde sie belauscht. »Ich komme, um deinen Segen zu erbitten. Es soll deines Klosters Schaden wahrlich nicht sein!« Anastasias Glückslächeln erlosch. Sie neigte sich vor und sah der Knienden tief in die Augen. »Heilige Mutter, lege mir deine Hände auf!« wiederholte Theodora befehlend. »Die Beichtväter der heiligen Kirche verweigern den reuig Bekennenden nicht Segen noch Absolution. Wir Schwestern des Magdalenenordens haben nicht die lösende Macht«, sagte Anastasia ruhig. »Tust du, als verstündest du mich nicht?« zischte Theodora zornig. »Verstehst du mich nun besser? Bei diesem Zeichen, ich lasse dich nicht, du segnest mich denn!« Sie riß das perlenbesetzte Kreuz von Amethyst aus dem Mantel. In Anastasias faltigem Antlitz veränderte sich kein Zug. »Warum weisest du mir das Kreuz des Herrn, das Zeuge meiner Sünde wider ihn war? Glaubst du, Arme, damit den Muttersegen zu ertrotzen? Wie du ihn zuerst erkaufen wolltest?« Es ging ein Zucken um Anastasias harten, schmalen Mund und ihre Augen wurden feucht. »Ich dachte mir dein Kommen anders!« schloß sie mit schwankender Stimme. Plötzlich begann Theodora zu weinen. Sie schluchzte tränenlos und ihre Schultern zuckten, als würde sie gepeitscht. Manchmal entrangen sich ihr atemlose tierische Laute und sie preßte die Faust vor den Mund, sie zum Schweigen zu bringen. Im Nu kniete Anastasia neben ihr und zog sie an ihre Brust. Da das Schluchzen ausklang, flüsterte die Mutter mit einer neuen, anderen Stimme. »Sieh, Theodora, in allen Jahren unzulänglicher Buße hielten mich nur die Sehnsucht und die Hoffnung aufrecht, daß du kommen würdest! O du mein armes Kind. Du zitterst wie die Tiere der Hürde vor dem Löwen zittern!« Theodora richtete sich stöhnend auf den Knien auf und fuhr sich gefaßter mit dem Tränentüchlein über die Augen. »O Mutter, ich bin eine große Sünderin!« sagte sie, die Blicke niederschlagend. »Wir wollen beten zu dem Allerbarmer!« antwortete Anastasia, die Hände faltend. »Bekenne deine Sünden, auf daß sie von dir genommen werden!« »O Mutter!« flüsterte Theodora, »Wie kann ich meine Sünden aufzählen, die unzählbar sind?« »So du bereust, sollen sie von dir genommen sein, wie die Sünden aller derer, um derentwillen Er am Kreuz erblich!« sagte Anastasia geschlossenen Auges, in sich versenkt. »Wie kann ich meine Sünden vor dir ausbreiten, da ich herkam, um deinen Segen zu erzwingen? Die Wagschale zieht und zieht hinab, wenn du ihn nicht in die andere wirfst, Mutter!« Anastasia schwieg. »So will ich denn bekennen!« sagte Theodora trotzig und rasch. »Ich war Hure und habe meinen Leib verkauft von Kindheit an. Ich habe gemordet, die Ehe gebrochen, selbst gestohlen habe ich, denn wenn mich hungerte, leerte ich den trunkenen Seefahrern ihre Beutel. Ich habe Meineide geschworen und was noch? Sind dies schon sieben? Oder gibt es eine Todsünde, die ich nicht beging?« Da sah Theodora, daß Anastasias Antlitz von Tränen überströmt war. »Theodora!« sagte die Heilige und schlug die Augen auf. »Nicht so, nicht so! ...« Ihre Stimme versagte. »Der Geist des Aufruhrs ist über dir und die Nacht der Verzweiflung!« begann sie wieder. »Aber Gott ist die Barmherzigkeit! Amen! Du klagst dich an und klagst doch nur die an, die dich gebar! Jesus Christus, ich will ihre Sünden auf mich nehmen!« schrie sie, auf den Knien gegen das Kruzifix hinrutschend, mit beiden Fäusten gegen ihre Brust schlagend. »Du weißt es! Du allein weißt es!« Und sie schluchzte laut. »Mutter!« schrie Theodora auf. »Wenn dies geschehen könnte! O, ich ließe jedes zehnte Haus in Byzanz zur Kirche machen! Aber es kann nicht, es kann nicht geschehen!« Anastasia hob die zitternde Hand zum Kruzifix. »Was ist Ihm unmöglich, der alles weiß? O du Arme, du Geschlagene, mein Herz will mir zerspringen! Klagst du dich der Hurerei an? Wie hättest du ehrbar leben mögen, da keine Mutter deiner Keuschheit Hüterin und Vorbild war!« Sie berührte Theodoras Scheitel und tat, als schütte sie eine Last in gehöhlter Hand auf ihr eigenes Haupt. »Im Namen dessen, der am Kreuz erblich, sei abgetan diese Sünde von dir und deiner Seele und gehäuft auf mein eigenes Haupt, meine eigene verlorene Seele!« »Mutter!« rief die Hingeworfene, »wie vermagst du dies zu tun? Du kennst mich nicht, du weißt nichts! ... Gott hat seine Hand von mir genommen!« Die Heilige hielt die Hände verpreßt an die Lippen, die sich betend bewegten. Sie war totenbleich und in ihren weitaufgerissenen Augen flammte überirdische Kraft. »Jesus Christus, Gottes eingeborener Sohn, der du die Stimme hörst selbst der Verworfenen, laß sie nicht büßen für die Entweihung des geheiligten Bettes! Wie hätte sie die Ehe ehren mögen, sie, die von einem Augenblick sträflicher Lust gezeugt war! In deinem Namen sei abgetan diese Sünde von ihr und ihrer Seele und auf meine verlorene Seele gehäuft!« Theodora kniete hinter ihr, die Fäuste um ihre Schultern klammernd, und sie keuchte: »Sprich zu Ihm, Mutter! Sprich zu Ihm! Vielleicht zürnt Er mir um des neuen Glaubens willen! Sage Ihm alles! Sage Ihm, daß ich heilige Priester getötet habe und gemartert. Sage Ihm, daß ich gemordet habe, unzählige, um der Lust, um der Rache, um des Vorteils willen gemordet!« Auf Anastasias Stirne stand perlender Schweiß und sie schien Mal um Mal gebückter, geringer zu werden, wie von wachsender Last zu Boden gedrückt. »Jesus Christus, Gottes eingeborener Sohn! Laß sie nicht verstoßen sein von deinem Angesicht! Wie hätte sie in deinem echten Glauben verharren sollen, da keine Mutter ihrem Kinderlallen deine Gebete vorsprach? Wie hätte sie lieben sollen, die die Mutterliebe nie kennen gelernt hat? In deinem Namen sei die Sünde von ihrer Seele abgewälzt auf meine verworfene Seele!« »O!« lachte Theodora, mit einem wilden Jauchzen der Befreiung. »Mutter, ich glaube, Er will es. Ich glaube, mir wird ganz leicht ums Herz! Mutter, nun sollst du Alles wissen, auch das, was mich hierhergetrieben hat! Ich glaube, daß du mich retten wirst, Mutter! Ich fühle, daß es machtlos ist, seit ich hier bin! Aber wenn ich hinaustrete, dann überfällt es mich und tötet mich! Rette mich! rette mich! Aber das kannst auch du nicht ...!« Sie sank zusammen von Frost geschüttelt. Ihre Augen wurden starr. »Du bist die erste, der ich es sage. Burbo will Jefraim befragen, aber der wird es Einbildung nennen und Justinian wird mich auf Reisen schicken und einen Vorwand haben, unsere Ehe zu trennen. Aber ich bin nicht wahnsinnig! Es ist ... nein, ich kann nicht!« schloß sie schaudernd und ihre Zähne knirschten. Anastasia riß sie an ihre Brust. Und nun stammelte Theodora lallend, zuckend, von Fieberschauern durchrüttelt: »Ich habe ihn ermordet. Viele. Aber es ist nur der eine, der mich tötet. Ich wollte ihn gar nicht morden! Vielleicht hätte ich ihn zum Herrscher der Welt gemacht! Jetzt hetzt er mich. Man kann es nicht sagen, nein, man kann es nicht sagen ... Plötzlich sind Tausende von Augen da, vor mir. Hast du Irrlichter über einem Moor gesehen? Sie tanzen wie Irrlichter über einem Moor. Aber das alles ist nur nichtiges Feuerwerk, Blendwerk, damit ich mich nicht umkehre und die wirklichen hasche. Denn die sind immer hinter mir und saugen und bohren und fressen sich in meinen Hinterkopf ein, bis sie ... Ich will es dir sagen, ich will dir auch das sagen!« grinste Theodora. »... es ist nämlich zu lustig! Weißt du, was das Ende ist? Seine Augen fressen sich da, da durch mein Hirn, bis sie an meine Augen kommen. Und dann stoßen sie sie heraus, daß sie selbst aus meinen Augenhöhlen schauen! Ist das nicht ein hübscher Hundetod für eine gekrönte Kaiserin von Byzanz?« Theodora lachte gellend. Anastasia saß ganz zusammengekrümmt, ihre gekrampften Hände flogen. Mit Aufgebot aller Kraft betete sie: »Lamm Gottes, der du der Allerbarmer bist! Gib nicht zu, daß mein Frevel gestraft werde an dem Kinde meiner Wollust! Nimm, o Herr, die Strafe von ihrem Haupt und wälze sie auf mein aschebestreutes, zerschmettertes!« »Glaubst du das? Glaubst du, daß Er das tun kann? Was hat Er geantwortet, du? Glaubst du, daß es für mich eine Vergebung geben kann? Glaubst du, daß diese Qual enden könnte, diese Qual, diese Qual ...! Nein! der mit den Augen vergißt nicht! Glaubst du, daß er mich lassen muß, wenn Christus befiehlt? Ist es wahr, daß Er selbst meine Sünden auf sich nahm?« Anastasia hielt ihr verklärtes Antlitz zum Kreuze auf. »So wahr, als ich nach zehenmal zehentausendjähriger Buße in Seinen Glanz einzugehen hoffe!« »Sage, hast du nun alles von mir genommen? Kann es nicht sein, daß ich irgendeine Sünde begangen habe, die Gott nicht verzeiht, und alles beginnt von neuem?« »Es gibt keine Sünde, die seine Gnade nicht umfaßte, außer der einen, die du nie begangen hast!« »Mutter, welch eine Sünde ist dies? Vielleicht habe ich auch sie begangen!« »Wie hättest du die Sünde wider die Mutterschaft begehen können, du Unfruchtbare, du abgerissenes Glied der Menschenkette von Ewigkeit zu Ewigkeit, an der ich weiterschmiedete!« »Mutter, dann mußt du auch dies von mir nehmen, denn ich habe ein Kind in mir getötet, ehe es geboren ward!« Anastasia zuckte zusammen wie unter einem Schlag und stieß Theodora von sich. Sie raffte sich langsam von den dumpfgewordenen Knien auf und es war, als wüchse sie Zoll um Zoll empor. »Warum betest du nicht?« herrschte Theodora ungeduldig. »Ich lag im Straßengraben und hungerte und es war ja noch gar kein Kind! Hätte ich es dir doch nur nicht erzählt! Nimm die Sünde von mir, wenn es wirklich Sünde war! Du mußt es von mir nehmen! Wozu hast du mich sonst geboren?« »Ja, ich habe dich geboren!« sagte Anastasia voll aufgerichtet unter dem Kruzifix. »Ich habe dich ausgesetzt in feiger Furcht vor den Menschen. Ich habe dich ohne Gottesgesetz aufwachsen lassen, ich habe dir des Vaters Mordinstinkte mitgegeben, der Mutter heimliche Brunst, aber ich habe dich geboren! Ich wollte deine Sünden von dir nehmen um meiner Schuld willen, deine Strafe, deinen Tod und dein ewiges Fegefeuer! Aber niemals kam es mir in den Sinn, die Frucht meiner Schande abzutun und Gottes heiligstes Gesetz zu schänden, das der Mutterschaft! Darum gehe hin in deiner Sünden Blüte, das zu erdulden, was dir bereitet ist!« »Ich gehe nicht!« schrie Theodora. »Ich gehe nicht von hier fort und sollte ich ewig deine Füße umklammern! Du mußt mich retten, du hast es mir zugeschworen! Ich will nicht deiner Torheit wegen verrecken! Ich will nicht, ich will nicht –: ich werde dich und deinen Gott zwingen!« ... Als Burbo endlich in die Zelle eindrang, fand er Theodora, die, am Boden kauernd, noch immer mit Krallenfingern die Kehle der Heiligen umspannte. Sie verfluchte die Gemordete, ihre eigene Geburt, ihre Todesstunde, die Menschheit und Gott. 76 Bei Einbruch der Nacht ließ Theodora Marmorhalle und Zitronenhain mit Tzikkas wildesten Söldnern umstellen. In der Halle brannten siebenhundert von der Kuppel schwebende Ampeln und der Zitronenhain war von Pechbränden erhellt. In seiner ganzen Ausdehnung war der Estrich in ein einziges, gigantisches Pfühl von vielfachen Teppichen, Fellen, Kissen und Blumen verwandelt. Der Thron stand zwischen den beiden weiten Torbogen, durch die man in den Garten hinabsah, der fackelerhellt von silbernen, goldenen und demantenen Wipfeln gebildet schien. Viele der dreihundert zu Gast geladenen Frauen hatten noch niemals den Glanz solch eines Raumes erträumt, den Geschmack solcher Speisen, den Duft der Kissen, die zur Trunkenheit ladende Süße des ungemischten Weines. Andere, kindliche, aus der kasteienden Zucht von Klöstern gerissen, oder aus dem sanften Alltag des Elternhauses, schluchzten, mit Haar und Händen ihre Blöße deckend, und zitterten vor der thronenden Gestalt, die schwarze Schleier verhüllten. Die Negerinnen, die schwer an Krügen und Speiseplatten trugen, mengten die dunklen Farbentöne ihrer Leiber in das nackte Meer von weißem und rosigem und gelblichem Fleisch. Manche waren von ihrem Gewerbe aufgebrauchte, freche Dirnen, die die Narben des Eros nicht minder stolz trugen, als Kämpfer jene des Ares. Andere mit schon vom Wein aufgelockerten Gesichtern wälzten sich, weiß, weich und prall, die Reibung an fremdem Fleisch suchend, das heiß und willig sei wie ihres. Ihr Gelächter übertönte die Musik phrygischer Liebesgesänge und das Schluchzen der kleinen Mädchen. Es gab vornehme Hetären im Saal, die von der weinenden Tugend an eigene Vergangenheit gemahnt wurden. Sie schritten im Bewußtsein ihrer kostbaren Nacktheit aufrecht und verächtlich an den feindlichen Gruppen der unbeherrscht Kreischenden vorbei, kamen zu den vor Scham Bebenden und strichen mit zarten, vergoldeten Fingerspitzen über die feuchten Wangen. Sie versuchten tröstend oft geübte Zärtlichkeit und Schmeichelei von neuem und entflammten daran die eigenen Sinne. Endlich setzten sie alle ihre sonst so teuer verkaufte Glut ein, um die Hüllen, die sie vorerst selbst über bebende Glieder gebreitet hatten, abgestreift zu sehen, und sie vereinten ihre Lippen den jungfräulichen, denen nächtliche Küsse so ungewohnt waren wie ihnen deren Entbehrung. Die verschleiert Thronende sah vorgeneigt zu und schlug unwillig befeuernd in die Hände. Es trat ein Mann in den Saal der dreihundert Frauen, aber er trug die spitze, gelbe Mütze, das lange, gelbe Kleid des Eunuchen. Er zirpte zum aufreizenden Klang des Beckens und die kleinen Mädchen horchten mit heißen Wangen dem Liede, das jene als Toren verlachte, die von der Speise Ambrosia nicht äßen, die zu verkosten ihm selbst die Zähne mangelten. Und sein »Eros, ach Eros!« trillerte durch den Saal, das Gelächter der Hafendirnen übertönend. Dann begann der Tanz eines seltsamen Vogelpaares. Aus dem schlichtgrauen Federkleid der Henne, dem schillernden des Hahnes sahen die braunen Gesichter der Tänzerinnen. Als des Hahnes Balztanz endete, wälzten sich die Dirnen in entfesselter Laune und die zarten Kinder bargen sich erglühend an der Hetären schöner Brust. Die Einsame auf dem Thron gab ein neues Zeichen. Ein Mädchen, gelbbraun wie Bernstein und wie eine Libelle leicht, tanzte um ein gigantisches Symbol. Sie kniete vor der Mannheit. Sie breitete ihr die Arme entgegen. Sie bot sich ihr, von einem Krampf der Lust geschüttelt. Als die Thronende das erste Paar von Weib und Weib in Umschlingung sah, lächelte sie. Eunuchen trugen ein großes, aus weißen Blüten geformtes Ei in den Saal. Es zerfiel in einen Blumenregen und ließ einen Knaben und ein Mädchen frei, die makellos und so weiß waren wie die Blumen. Als erneuere sich die süßstaunende Erkenntnis der ersten Paradiesesmenschen, so tasteten sie sich zueinander, stürzten einer in des anderen Umarmung. Es schien, als erfasse das Beben ihrer Leiber alle diese dreimal hundert entflammten Körper auf dem einzigen weichen Pfühl der Lust. Und die Weiber, nach dem Manne stöhnend, zerrissen mänadengleich des Eunuchen Gewand, zerrten ihn am kümmerlichen Barte und rissen mit ihren Nägeln Stücke seines fetten, schlotternden Fleisches aus seinem Körper. Dann entsannen sich etwelche unter den Dirnen der Wachen und stürmten die Treppen hinab und in den Zitronenhain hinaus. Aber die Thraker, denen Tod angedroht war, schlugen geschlossenen Auges mit flachen Klingen auf die gedehnten Glieder ein. Des Eustinus Tochter, eine weiße Blüte edelsten Stammes, hauchte, den Küssen einer Hetäre überlassen: »Sage, du weißt es, ist Eros wahrlich so süß?« und bot wehrlose Glieder der niegeahnten Liebkosung. Weiber der Gosse lagen, Schaum vor dem zu Brunstschreien geöffneten Mund, und umfingen sich in unerfüllter Umarmung. Plötzlich riß die Thronende den Schleier ab. Theodora war von Füßen zu Häupten in Juwelen gekleidet. Sie trug die geheiligte Krone von Byzanz auf dem Haupt wie am Tage ihrer Krönung. An ihrem ganzen Leibe war kein fingerbreiter Streifen ihres nackten Fleisches, der nicht von Ketten haselnußgroßer Perlen, eigroßer Türkise und Rubine bedeckt gewesen wäre. Das Licht sprühte in Strahlengarben um sie her, und jede Bewegung weckte das kalte Klirren und Klickern der unzähligen Perlenschnüre, die vom Gürtel auf ihre goldenen Schuhe niederhingen. Ihr Antlitz wetterleuchtete und sie schrie in den von gekrampftem Weiberfleisch dampfenden Saal. »Wartet nur, wartet ein wenig, schon kommen eure Buhlen!« und sie lachte ein atemloses, kreischendes Lachen. Da brachen vom Zitronenhain her, treppan auf allen Vieren huschend, dunkle riesige Schatten – der Kaiserin schwarze Affen – in den Saal. Theodora sah Flüchtende von langen haarigen Armen erfaßt, sah zartes Weiß ringen gegen Urwaldsmacht. Sie sah Geängstigte hinter Schenktischen verschanzt, mit Goldkrügen dreinschlagen, von denen die Kameen splitterten, und sie lachte ihr unmenschliches Gelächter, in das sich Tränen und Schreie mengten. Plötzlich aber losch das Lachen in ihren Augen aus und sie wurden starr und sie quollen aus den Höhlen hervor, während der verzerrte, weit offene Mund das Antlitz zu einer Maske des Grauens werden ließ. Und sie schrie einen an, den sie allein sah. Schrie gellend, außer sich, mit den Fäusten gegen die bediademte Stirn schlagend: »Was willst du? Ist es noch nicht genug? Geh fort! So geh doch fort! Töte mich nicht! Hab Erbarmen! Erbarmen!« Und sie rutschte wimmernd auf den Knien und schrie über den rasenden Saal hin: »Ich will nicht sterben!« Und an den von schwarzen Teufeln Gehetzten und Flüchtenden vorbei, über Zerfleischte, Trunkene und Hoffnungslose hinweg, schleuderte Theodora ihren Gürtel in den Saal, ihre Ketten, Ringe und Halsgehänge, daß die Kissen weithin von Juwelen glänzten. Und sie schrie: »Da hast du, was du wolltest!« da sie den Schätzen die heilige Krone von Byzanz nachwarf. Als Tzikka, mit seinen besten Männern dem Todesbefehl trotzend, die Treppe erstieg, sahen sie die Kaiserin in Zuckungen und Krämpfen über die Thronstufen hingestreckt. Aber es war keiner unter den Kriegern, der diesen Saal zu betreten wagte, und Tzikka verhüllte sein Gesicht mit dem Reitermantel. Ein großer Affe, mit dem Nacken eines Bullen und der Fratze eines Dämons, war die Thronstufen hinaufgeflüchtet und hielt in seinen Pranken, an denen blondes, blutiges Frauenhaar klebte, neugierig äugend die Krone der heiligen Helena, der Mutter des ersten christlichen Kaisers Konstantinus. 77 Kaiser Justinian und Vigilius hatten sich seit Stunden eingeschlossen. Manchmal drang die Stimme des Patriarchen bis an Clotars Ohr, der vor der Tür Wache hielt und der Gallier murmelte verächtliche Flüche. »Entschließe dich, mein Sohn! Tue sie ab aus deinem Herzen!« drängte Vigilius. »War sie nicht auch mir wie eine Tochter teuer und wie eine Fürstin verehrungswürdig und doch habe ich mich von ihr abgewandt! Tue sie öffentlich ab, mein Sohn, und bekenne!« Der Kaiser hob matt sein Antlitz aus den Händen. »Wie könnte ich?« sagte er kopfschüttelnd und trübe. »Wie könnte ich gegen mein eigenes Gesetz aufstehen und es Lügen strafen? Darf ein Basileus Verblendung einbekennen vor dem Volke, das er zu führen berufen ist? Werden sie nicht mit Fingern auf mich weisen? Wie wenige würden meine Seele verstehen, wenn sie redete!« »Gibst du den Menschen Gesetze und lassest dich von ihnen beherrschen?« sagte Vigilius. »Verstehn? Warum auch sollten sie dich verstehn? Wenn du dir brennendes Öl über die Hand gießest und Blasen ziehen auf und du erhebst ein jämmerliches Geschrei, so wird die große Menge lachen über dein schmerzliches Mundverziehen. Ein einziger vielleicht, der sich selbst schon einmal verbrühte, wird dich bemitleiden und um Balsam laufen. Wir sind Menschen, mein Sohn! Verstehen heißt, an Gleichem gelitten haben. Verzeihen heißt, Gleiches gesündigt haben! Dies ist ja das Göttliche an Jesus, daß er, der allein niemals sündigte, doch der Verstehende ist allen Sündern.« Der Kaiser sah starren Blickes vor sich hin. Eine erregte Stimme schrie draußen: »Ich muß zum Kaiser! Laß mich zum Kaiser, Freund!« »Nicht den heiligen Johannes selber, ohne Befehl!« »Ich muß zum Kaiser! Es gilt Leben und Tod!« Der Kaiser öffnete die Tür. »Was gibt es? Du Prokop?« Und er sah erstaunt das bittere, boshafte, vergrämte Gesicht, verjüngt von einem wilden Triumph. Der Geheimschreiber warf sich aufs Angesicht, zugleich mit Tzikka und einem Alten, der bei des Kaisers Anblick in Schluchzen ausgebrochen war. »Dinge von Wichtigkeit?« fragte der Kaiser. »Von höchster!« bestätigte hastig Prokop, mit einem Blick auf den Priester. Vigilius lächelte in feinem Einverständnis. »Ich bin es gewohnt, weltlichen Dingen den Vorrang vor den himmlischen eingeräumt zu sehen!« und er verließ lautlos das Gemach. Prokop schloß die Tür. Der Kaiser begann hin und her zu gehen. »Ich warte!« sagte er. Prokop warf sich von neuem aufs Antlitz. »Gottähnlicher! wie lange diene ich dir nun?« »Was soll dies? Seit meiner Krönung! Also?« »Gottähnlicher, willst du mir um dieser zehn Jahre getreuen Dienstes willen gestatten, dir eine Fabel zu erzählen?« »Mach's kurz!« sagte Justinian. »Es gab zu Olims Zeiten einen weisen, mächtigen, gesetzeskundigen, prachtliebenden, herrlichen Fürsten ...« »Sicherlich hatte er billige Schmeichler zu Dienern, wie ich! Nun? Was hat das mit Tzikka und dem Schatzmeister Johannes da draußen zu tun?« »Gestatte mir, Erleuchteter! – Dieser Fürst hatte eine Tochter und er erließ bei deren Geburt ein Gesetz, wer immer jemals eine Anklage gegen sie erheben würde, werde ungehört verbannt und seiner Güter beraubt werden!« Prokop machte eine Pause. »Weiter!« befahl der Kaiser, der ihm den Rücken wandte. »Des Fürsten Tochter nützte ihre unbeschränkte Macht zu Grausamkeiten und Willkür aus, von denen der Fürst niemals Kunde erlangte, da er die Lippen seiner Getreuesten versiegelt hatte!« »Der Fürst selbst merkte nichts?« fragte es von der Ecke her. »Ich erzähle die Fabel nur, wie sie mir überliefert ward, Basileus! – Endlich aber machte sie das Maß ihrer Schandtaten voll und vergriff sich an den Heiligtümern ...« »Was ist geschehen, Prokop?« fragte der Kaiser und trat ein paar hastige Schritte auf den Knienden zu. Prokop neigte die Stirne zur Erde und flüsterte: »Basileus, das Gesetz besteht noch !« Justinian schwieg einen Augenblick, dann legte er die Schwurfinger an das Kreuz seines Diadems. »Bei Christi heiligem Namen geben wir dir Sicherheit.« Da sprang Prokop empor und seine Augen flammten. »Basileus!« keuchte er. »Man ist in das Schatzgewölbe gedrungen und hat die Krone der heiligen Helena geraubt. Die Wachen, die dem Räuber nachsetzten, verwundeten ihn schwer, aber er entkam mit dem Schatz. Die Söldner erkannten ihn mit aller Bestimmtheit. Ich sprach sie selbst!« »Wer war es?« fragte der Kaiser. Prokop kannte diesen Tonfall. Er atmete tief auf und antwortete fest. »Burbo, der Sklavenaufseher der Basilissa!« Eine große Stille entstand. »Ist dies alles?« fragte der Kaiser scharf. »Nein! Die Isaurischen Söldner deiner Gartenwache sahen im Morgengrauen eine schwarze Gestalt mit unbegreiflicher Geschicklichkeit durch die Wipfel fliehen. Die Pfeile numidischer Bogenschützen holten den Flüchtling herab. Man erkannte in ihm einen von der Kaiserin fremdländischen Affen und er hielt in seinen Pranken – dies!« Prokop schlug den Mantel auseinander und hielt dem Kaiser die Tiara entgegen. Sie war verbeult und von furchtbaren Zähnen zerbissen. Die goldenen Fäden unschätzbarer Perlengehänge schaukelten leer und der ungeheuere Smaragd des Mittelstückes war herausgerissen. Der Kaiser warf einen einzigen Blick auf die Krone. »Bist du nun zu Ende?« fragte er heiser. »Nein! Als die Wachen Treibjagd auf die Bestie machten, fanden sie, je weiter sie in den Hain der Basilissa eindrangen, um so furchtbarere Verwüstung vor. Frauenleichen lagen grauenhaft zerfleischt im Gebüsch. Sie schaukelten an ihren Haaren von den Bäumen. Die Wachen traten in den blutigen Brei, der der Überrest von Körpern war. Man fand ein Häuflein von Frauen, halb irrsinnig vor Angst, in einer Badegrotte. Von dreihundert zu einem Fest der abscheulichsten Lust Zusammengetriebenen waren sie die einzig Überlebenden.« Justinian wandte Prokop zum ersten Male voll das Antlitz zu. Er war leichenfahl, seine Augen sprühten. »Es ist genug!« sagte er abgehackt und leise. »Es ist übergenug! – Man hole uns den Patriarchen Vigilius und unseren Rechtsgelehrten Tribonianus! Dies wird ein Ende erfahren!« Da stürzte Prokop zu des Kaisers Füßen und rief: »Das sprach Gott selbst aus dir, Herr, der nicht will, daß das Volk in Empörung seinen Kaiser richte! Flüchtende haben die Nachricht vom Geschehen dieser Nacht in allen Stadtteilen verbreitet. Ja man bringt selbst der heiligen Mutter Anastasia geheimnisvoll plötzlichen Tod mit einem Besuch in Zusammenhang, den die Basilissa der Sehrwürdigen abgestattet haben soll! – Das rasende Volk zertrümmert die Standbilder der Gottähnlichen auf allen Plätzen! Der Geist des Aufruhrs herrscht, und Redner verlangen, öffentlich bejubelt, in entwürdigenden Worten die Absetzung der Kaiserin, ja ihren Tod!« Der Kaiser beugte sich zu dem Knienden herab und sah ihm voll in die Augen. »Und das kränkt dich sehr, nicht wahr, mein Prokopius?« Er schritt, ohne die Antwort abzuwarten, zur Tür. Als er sie öffnete, sah er Tzikka, den er schon vergessen hatte, vor sich und fragte scharf: »Was hast du zu melden?« Der alte Soldat sank auf ein Knie und hob die Hände empor. »Entlasse mich gnädig aus dem Palastdienst, Basileus!« stammelte er. Justinian sah auf das braune, greise Gesicht herab, dessen bärtige Wangen zuckten. »Du stehst unter der Kaiserin Befehl. Nicht unter unserem!« »Ich kann der Kaiserin Befehl nicht mehr gehorchen!« erwiderte Tzikka. »Laß mich im Kloster Vergessenheit finden!« Der Kaiser sprach leise wie zu sich selbst: »Es ist wie eine Flucht! Mit der Haushofmeisterin begann es und alle Kämmerer und Frauen des Hofes wurden jählings unheilbar krank.« Er richtete sich auf. »Du hast uns aufs erste Pferd gehoben, Tzikka. Willst du nicht in unseren eigenen Dienst treten?« Der Thraker küßte des Kaisers Gewand. »Ich werde im Kloster für dich beten!« murmelte er. Der Kaiser winkte kalt und unzufrieden »Entlassen!« und schritt vorbei. Der Leibarzt der Kaiserin, ein nie beachtetes, nie beschäftigtes Männchen, warf sich ihm in den Weg. Er keuchte purpurn vor Erregung. »Basileus! Es haben sich Zeichen einer höchstbedenklichen Erkrankung bei ihrer Gottähnlichkeit gezeigt, ein tiefster Zustand der Verwirrung!« Der Kaiser ging schweigend an dem Knienden vorbei. Er war schon an der Tür angelangt, als er über die Schulter zurück sagte: »Man sende ihr unseren Leibarzt Jefraim. – Prokopius, gibt es nicht Krankheiten, die gelegen kommen? Aber, bei Gott, wir werden sie zu heilen wissen!« 78 »Jefraim!« sagte der Kaiser zu dem vor ihm Knienden. »Wir haben deinen Bericht zu Ende gehört, wünschen aber doch noch einige Aufschlüsse zu empfangen! Entsinne dich, als wir vor zehn Tagen dich beriefen, um das Urteil des Leibarztes ihrer Gottähnlichkeit, deren Gesundheitszustand betreffend, von dir überprüfen zu lassen, da kamst du zu uns, der Hoffnung und der guten Worte voll und versprachst sichere Heilung einer, wie du es nanntest, ›vorübergehenden Stimmungstrübung‹. Und nun dieser Bericht! Wir sind erschüttert, aber nicht überzeugt, Jefraim! Und wir müssen uns fragen: Konnte binnen zehn Tagen solch bedrohliche Änderung eintreten? Vielleicht liegt ein Irrtum vor? Aber wenn dies geschah, wann irrtest du? Damals, als du Heilung oder nun, da du Untergang prophezeiest?« Der Jude breitete beide Arme aus und aus seinen greisen Augen rannen Tränen. »O Herr!« schluchzte er, »als du mich zu der Kaiserin sandtest, erkannte ich sogleich, daß die Hand Gottes auf ihr laste und meine Kunst sei wie Spreu vor dem Sturm. Gott gab mir ein, zu dir zu gehen und dir alles zu offenbaren, wie ich es dir nun offenbare! Aber Herr, ich bin ein alter Mann, ein armer Mann, der gerechte Gott ist mein Zeuge, daß ich mich nicht wie alle anderen bereichert habe, nicht in deines Oheims Dienst, noch in dem deinen! Und da überdachte ich es und fürchtete um mein Amt zu kommen, wenn ich vor dich träte und sagte: Herr! Gott hat sie geschlagen und sie wird zehnmal zehn Tode sterben! Und ich entsann mich dessen, daß ich einst dich in deiner großen Krankheit für verloren gehalten hatte und doch tat Gott ein Wunder an dir und du lebst und wirst leben bis zu Methusalems Alter! Ich aber dachte, vielleicht tut Gott ein zweites Wunder und verstopfte meine Ohren der Stimme des Herzens und ging zu dir und sagte: Herr, es wird vorübergehen! Aber von Stunde an konnte ich nicht schlafen und nicht essen und nicht vergessen! Ich sah sie Tag und Nacht vor mir, wie sie auf den Steinfliesen lag und in den Staub der Verwüstung mit ihrem Finger immer nur ein Wort schrieb, das Wort ›Verflucht!‹ Und ich kreiste um ihren Palast wie der Mörder um die Blutstätte. Ich wartete darauf, daß du kommen würdest, sie zu sehen und ihr Elend zu erkennen und bangte zugleich davor, denn dann mußtest du mich ja fortpeitschen wie einen schlechten Sklaven! Aber du kamst nicht. Zehn lange Tage und Nächte setztest du nicht den Fuß über die Schwelle derer, die dein Weib war ... Blitze mich nur mit deinen Augen an, Herr! Jetzt fürchte ich nur mehr Gott! Du kannst mich töten, aber solange ich lebe, werde ich Gnade für sie erbitten!« Justinians Antlitz zuckte. »Sprich weiter!« herrschte er. »Sie hat durch Burbo, der bei ihr ist, die Eingänge mit Kisten und Truhen verstellen lassen, und da drinnen hausen sie und verhungern und schreien um die Wette, sie, weil sie sieht, wovor Gott uns beschützen möge, und er, weil seine ungepflegte Wunde am lebenden Leibe fault. Und als ich das sah ...« »Wie konntest du es sehen, wenn die Türen verrammelt sind?« warf der Kaiser ein. »Es ist eine Luke hoch in der Mauer, durch die spähte ich und rief ihn an, er solle um Gottes willen herauskommen und sich die Wunde von mir ausbrennen lassen! Aber sie klammerte sich an ihn und flehte ihn herzzerreißend an, nicht die Türen aufzutun, sonst käme irgendein Feind über sie! Und da riß er – so wahr Gott mir helfe! – ein Messer unter dem Bett hervor und hackte sich die linke Hand oberhalb der Wunde ab, daß ich meinte, er müsse auf der Stelle verbluten. Und ich lief zur Tür hin und klopfte und rüttelte und rief, aber da begann sie drin zu schreien – zu schreien ...!« Der Jude duckte sich und preßte die Finger in die Ohren, als höre er es noch. Endlich fragte Justinian geschlossenen Auges, kaum verständlich: »Unrettbar?« Des Juden gefaltete Hände bebten. »Herr!« flüsterte er, »wäre es nicht dies, so wäre der Tod ihr doch bereitet in dem Übel, das ihren Leib zerfrißt. Gott ist ein harter Gott, und er straft uns, wo wir am schwersten sündigten!« Justinian erhob sich mit einem Ruck. »Komm!« sagte er. Der Jude streckte wie erlöst die Hände aus, aber der Kaiser war schon aus der Tür getreten. Er eilte an Clotar vorbei, dem er winkte, nachzufolgen, und durchmaß die Säle so raschen Schrittes, daß die Wachen kaum Zeit fanden, das Schwert zu ziehen und den Gruß der Ehrfurcht zu leisten. Endlich wandte sich Justinian, sah den Arzt noch weit zurück, blieb, mit dem Fuß den Boden klopfend, stehen und schritt, so wie jener herangekommen war, durch die Tür, die Clotar weit vor ihm offen hielt. Der Kaiser ging rasch den Säulengang hinab. Den Kopf tief gesenkt, die Hände gefaltet. Auf dem ganzen Wege tat er nur eine einzige Frage, als sie von den wachenwimmelnden Sälen in die endlose Säulenhalle kamen, die des Kaisers Palaststadt mit jener Theodoras verband und in der kein Helm zu sehen war: »Wo sind die Wachen?« »Die Posten haben ihren Dienst verlassen, Gottähnlicher!« antwortete Clotar unsicher. Der Kaiser antwortete nicht. Sie traten nun in einen Raum, der Vorsaal der Kaiserin gewesen war. Er dehnte sich leer. Die Luft war schwer und gestockt, das Licht trübe wie in jahrzehntelang nicht bewohnten Räumen. Blumen standen mit farblos vertrockneten Kelchen, Stengel und Blätter zu tiefgrüner, übelriechender Masse aufgelöst, im faulen Wasser der großen Gefäße. Sie kamen durch einen Säulenhof, in dessen Mitte sich ein riesiges Porphyrbecken befand, in dem Silberfischchen gehalten worden waren. Nun schwammen sie tot auf trübem Gewässer. An den vielen hohen Stangen hingen die fremden Vögel der Kaiserin, die Halsringe aus Jade trugen, schlaff an ihren goldenen Fußketten herab, die eingekrallten Klauen starr in die Luft ragend. Sie gingen weiter und ihre Schritte hallten in der marmornen Ödigkeit. Alle Türen standen offen, man sah weithin durch Säle in Säle. Und alle waren leer und kalt und von eisiger Verlassenheit. Und wo sie vorbeikamen, sahen sie die Spuren dieses unerhörten, dieses panischen Grauens. Sie sahen die Federbesen und Tücher nächtlicher Aufwärterinnen, denen es oblag, vor dem Erwachen der Kaiserin die Säle zu reinigen, die geordnet zu finden so selbstverständlich war, daß man niemals nachdachte, wann und durch wen diese Arbeit verrichtet wurde. Sie sahen die Futterkörbe derer, denen oblag, die Vögel zu betreuen, und angesichts derer die Tiere verhungert waren. Sie sahen die umgeworfenen Kleiderpressen, in denen man die Gewänder der Gottähnlichen beim Erwachen zur Auswahl bringen wollte. Sie sahen die goldene Tasse mit der Kanne Frühweins und den zerkrümelten, hartgewordenen Kuchen, zu der Kaiserin Morgenimbiß bereitet. Sie sahen die fortgeworfene Geißel des Ruheerhalters, den ausgetrockneten Krug der Wasserträgerin, die weggeworfenen Schilde und Lanzen der Leibwachen. Und über all den verlorenen Dingen lag der Staub, als wolle die Zeit sie mit ihrem Moder verschütten, lag ein Geruch wie Fäulnis und Tod, ein Geräusch wie von bröckelndem Mörtel und Gebälk, als sterbe der Palast zugleich mit seiner Herrin. Sie gingen und gingen, bis ein Schrei die Luft zerriß. »Es ist nichts!« raunte Jefraim, da der Kaiser zusammenzuckte. »Nur die Tiere, die in ihren Gehegen verhungern!« Der Kaiser ging schneller und Jefraim, der sein Antlitz beobachtete, sah das unbeherrschbare Beben der Mundwinkeln. In dem Thronsaal Theodoras, der Fürsten gesehen hatte, die den Teppich unter ihren Schuhen küßten, kroch ihnen ein winziges, klägliches Etwas entgegen. Der Kaiserin seidenhaariges Äffchen, nicht größer als eine Spanne. Es war beschmutzt, zu einem winzigen Gerippchen abgemagert und streckte ihnen mit jammernden Menschenlauten die kleinen rosigen Hände entgegen. Clotar nahm es auf und barg es unterm Mantel, so hastig, als stehle er. Jefraim legte den Finger auf den Mund und sie schlichen über die Teppiche hin. Sie waren nun bis zu Theodoras Schlafgemach gelangt, dem innersten Kern aller Gemächer, und Justinian legte langsam die Hand an den Türgriff. Er gab nicht nach. Aber Jefraim zeigte die Luke, hoch oben an der Wand, an die er von außen einen schweren Tisch gerückt hatte. Und Clotar half dem Kaiser hinaufzusteigen. Als der Kaiser sein Antlitz der Öffnung näherte, ließ ihn der Pesthauch verdorbener Luft zurückschaudern. Er sah Theodora auf den ersten Blick, aber er vermochte sein Herz nicht sogleich glauben zu machen, daß sie es sei, die er sähe. Sie kauerte zu Füßen des Bettes, das schief ins Gemach hineingerückt war, inmitten eines Chaos von umgeworfenen Truhen und Sitzen, von Scherben, von blutgetränkten Tüchern und zu Atomen zerrissenen Geweben. Sie war nackt und in einen vom Betthimmel herabgerissenen Vorhang gehüllt, der fortwährend von ihren Schultern glitt, wenn sie mit ihren spitzen, bis zum Entsetzen abgemagerten Armen in der Luft focht, als fange sie Fliegen. Das Haar, das leichtflockig gewesen war und tausendfach geringelt, starrte wüst um das beschmutzte, eingefallene Gesicht. Es war von jahrelangem Gebrauch der Kräuselschere versengt, kurz und dünn geworden, und Justinian sah, daß frühgebleichte Strähne darein vermengt waren. Er sah das Antlitz, das man die »Sonne von Byzanz« genannt hatte, Mal um Mal von einem Grinsen zerrissen, das zwischen den von einem Muskelkrampf gestrafften Lippen die gelb vorgebleckten Zähne zeigte. Die Augäpfel, die weit aufgerissen glitzerten, bewegten sich bei starrem Blick in einem unaufhörlichen Zittern. Clotar sah in des Kaisers Gesicht, sprang sogleich auf den Tisch nach und hielt die Arme hinter ihm ausgebreitet, als befürchte er dessen Fall. Und über des Kaisers Schulter sehend, schrie er: »Sie hat ja seine Leiche im Bett!« Da sah auch Justinian Burbos offene Totenaugen unter den gehäuften, blutbesudelten Decken. Plötzlich regte sich Theodora und Justinian tat einen entsetzten Schrei, da sie ein langes, rostiges Messer hervorholte. Sie richtete sich mit tierischer Schwerfälligkeit auf, klammerte ihre beiden fliegenden Hände um den Messergriff und stieß vielmals vergeblich auf ein Kissen ein. Endlich klaffte die bestickte Seide und in rosiger Wolke quoll der Flamingoflaum vor. Das Grinsen kam wieder und hielt lange an. Theodora griff mit den Händen, die nicht gehorchten, ins Kissen, holte eine Handvoll der Federn hervor und blies erst Klümpchen um Klümpchen, dann Flaum um Flaum ins Zimmer. Als alle Federchen verblasen waren, brach sie in langanhaltende, gurgelnde Schreie aus, die ihren abgezehrten Leib erschütterten. Clotar fing den Kaiser auf und hob ihn hinab. »Er weint!« flüsterte Jefraim und faltete die Hände. 79 Die Leibwachen Justinians hieben mit Streitäxten auf die Eichentür ein. »Alles umsonst!« sagte einer und wischte mit dem Ärmel des Waffenhemdes den Schweiß von seiner Stirne. »Es weicht nicht und wankt nicht! Sie müssen die schwersten Dinge dagegengelehnt haben, die sie nur auffinden konnten!« »Besser wär's, wir ließen sie drin! Hin ist hin!« murrte ein Hüne. »Sie steinigen sie ja doch, wenn sie davonkommt!« Einer lachte: »Ich wollte nur, ich hätte so viele Goldstücke, als sie Männer verspeist hat, dann wäre ich reicher als der Agathon!« »Es ist dir leid, daß du nicht einer davon warst, was, Kerl? Rufe sie doch an. Sag, es wäre just was bei dir zu holen! Wette, die wird gesund, wenn sie's hört!« »Greift an, Männer!« rief Clotar. »Wir haben des Kaisers Befehl zu erfüllen! Alle zugleich und mit der Breitseite! Eins, zwei, drei – jetzt!« »Die Tür gibt nach!« schrie eine Stimme mitten im taktfesten Dröhnen der Axtschläge. »Nochmals drauf! Eins, zwei ...« Jefraim kam gelaufen. Sein altes Gesicht war käseweiß bis an die Lippen. »Sie übersteht's nicht! Sie übersteht's nicht!« jammerte er. »Ich habe durch die Luke geschaut! Schema Jisroel! Bewahre uns vor solchem Sterben!« »Jetzt kostet sie's selber, wie's schmeckt!« lachte der Hüne. »Verfluchte Bestie! Hat ihrer genug hinübergeschafft! Wär ich der Kaiser, ich gäbe ihr Rattengift, damit's schneller ginge, statt Messen für sie lesen zu lassen, in leeren Kirchen!« Clotar hielt dem Mann schweigend seine riesige, rote Faust vor Augen. Der nahm murrend die Axt auf und tat einen wilden Schlag. Krachend und splitternd riß das Eisen ein Stück des Bohlens heraus und neue Schläge machten die Tür zittern. »Nochmals!« befahl Clotar. »Nochmals!« Der Ansturm verschob drinnen die mächtige Truhe, auf der der Berg von verrammelnden Schwergewichten aufgebaut war und dieser brach mit dröhnendem Krachen und Poltern zusammen. Im gleichen Augenblick hörten die Eindringenden einen Schrei, einen wilden, langgezogenen, spitzen, unvergeßlichen Schrei, der nichts Menschliches mehr an sich hatte. Clotar hob Jefraim über die Trümmer hinweg. Er wandte sich sogleich und Jefraim legte die Hand über die Augen. »Man muß es dem Kaiser melden,« stammelte Clotar. Keiner regte sich. Der Jude zitterte am ganzen Leibe. »Man muß ihr die Augen zudrücken!« flüsterte er. An der Tür murmelten sie. Der Oberste der Leibwache schrak zusammen. »Das kann ich nicht!« sagte er und hielt den Atem an. »Dann muß ich es tun!« sagte der Arzt. Er nahm sein seidenes Tuch vom Halse und drückte die Lider zu, die nicht halten wollten. Clotar zog ihn durch die Verwüstung des Zimmers hin, in die fernste Ecke und flüsterte, als könne sie es noch hören. »Hat sie ... hat sie nicht immer schwarze Augen gehabt?« »Ich weiß nicht!« antwortete der Jude schaudernd. »... denn jetzt waren sie blau wie Stahl!« »Still!« sagte Jefraim. »Man soll nicht fragen, wenn Gottes Hand im Spiele ist! Holt eine Bahre, wir können sie hier nicht lassen!« Der Hüne war ins Gemach gedrungen, stand nun breitbeinig vor der Leiche und spie ihr mitten auf die Brust. »Bist du endlich wirklich hin, Bestie, gottverdammte?« Der Arzt legte ihm die Hand auf die Schulter. »Ist es nicht genug, daß sie so allein starb, so allein?« fragte er. Und er deckte fast zärtlich seinen Mantel über die Tote.   Ende