Hofluft Nataly von Eschstruth Band II Mit Bildern von M. Flashar I. Der Schnellzug war in die große, überdeckte Bahnhofshalle der Residenz eingelaufen. Aus einem Coupé erster Klasse schob sich, dem vorbeidrängenden Publikum in etwas nichtachtender Weise die stattliche Rückseite zuwendend, Herr von Kuffstein und kletterte, im dicken Pelz noch schwerfälliger als sonst, die Trittbretter zum Bahnsteig hinab. Auspustend stand er still und schaute nach der Wagentür empor. »Na, Urschel-Purschel, mal Trab, die Karre geht weiter!« Statt aller Antwort sauste eine Reisetasche über die Holzschwellen hernieder, der in hohem Bogen eine Hutschachtel und eine Plaidrolle folgten. Der alte Herr bog noch rechtzeitig aus und bückte sich, so schnell es seine Korpulenz gestattete. »Biste denn verrückt, Fröschchen? Du wirfst ja den Leuten Löcher in den Kopf! Laß mal sein, der Schaffner kann uns ja den Krempel ausladen!« Statt aller Antwort überschlug sich ein Fußsack in der Luft und eckte an dem Zylinder eines Herrn an, der den Kopf eifrig vorgestreckt hatte, in das Coupé zu spähen. »Himmeldonnerwetter! Welch eine Unverschämtheit ...« Die wuchtige Hand Kuffsteins patschte ihm auf die Schulter. »Schimpfen Se doch nicht, alter Freund, es war ja die Urschel- Purschel! Ich habe auch schon die Reisetasche auf die Hühneraugen gekriegt!« »Mein Herr!« In demselben Augenblick erschien das allerliebste Figürchen Ursulas in der Tür. Das rosige Gesicht unter dem dunklen Pelzbarettchen zeigte in hellem Lachen die weißen Zähne und kokettierte mit den entzückendsten Grübchen. »Platz da! Sonst kriegt Ihre Angströhre noch einmal das Kippeln!« Das wütende Gesicht des jungen Herrn hatte sich blitzschnell verändert. Er riß höflich die bedrohte Kopfbedeckung vom Haupt und nahm der jungen Dame galant das Schirmpaket ab. »Pardon, meine Gnädigste, befinden sich keine Herrschaften weiter im Coupé?« »Nee – keine Laus mehr, geschweige Menschen!« Leises Auflachen und nochmaliger Blick in das Gesichtchen der Sprecherin und dann eine Verneigung gegen Vater und Tochter; der Fremde wollte weitereilen. »Ach, Sie da! Junger Mann!« Kuffstein tippte ihm schmunzelnd mit dem Regenschirm in den Rücken. »Sie könnten mir eigentlich eine Droschke ranpfeifen ... wir müssen erst die Töle aus dem Hundezwinger holen und nachher sind die Ratterkasten womöglich vergriffen. Eine erster Güte ... seien Sie so gut!« Sekundenlang starrte der Fremde den Sprecher an wie eine Vision, dann lachte er abermals laut auf, hob die Hand und winkte einen Diener, der ihm gefolgt war, heran: »Karl, besorge mal eine Droschke für diesen Herrn hier!« Und abermals ein Blick und Gruß für Ursula, und der Unbekannte drängte sich eilig zu dem nächsten Wagen. »Sie sind ja ein famoser Mensch! Tausend Dank!« keuchte der Besitzer von Groß-Wolkwitz, der sich just nach der Hutschachtel bückte, und dann faßte er den Bedienten bei einem seiner Wappenknöpfe und instruierte ihn betreffs der Droschke! »Lassen Se sich aber keine solche Karosse andrehen, die so schmale Plättbretter als Sitze hat, verstanden? Ich brauche Platz, das sehen Sie mir wohl schon an!« Der Bediente grüßte und eilte davon, Ursula aber schwang sich zur Erde und fuchtelte mit dem Muff durch die Luft! »Sie da! Dienstmann! Dienstmann! Ran mit Ihnen!« Und als der Gerufene auf beträchtliche Entfernung herzueilte, die Passanten aber sekundenlang in starrem Anstaunen des kräftigen Organs sich stauten, da schaute Herr Julius stolz im Kreise umher und ließ sich als Vater einer solchen Tochter bewundern. Dann wurde der Dienstmann mit dem Handgepäck beladen und die Richtung nach dem Hundecoupé eingeschlagen. Ursulas Begrüßung mit dem innig geliebten, durch die Fahrt halb toll gemachten Hatzhund war sehr lebhaft und erfreute sich schließlich des Interesses eines Schutzmannes. »Bitte dringend, meine Herrschaften, hier keinen Aufenthalt zu machen! Nehmen Sie den Hund an die Leine, Fräulein, und gehen Sie weiter!« Herr von Kuffstein klopfte dem Diener des Gesetzes voll milden Vorwurfs auf den Rücken: »Aber, alter Freund, die Ursel kann sich doch wohl erst mal in aller Gemütsruhe mit ihrem Köter begrüßen, dazu ist doch der Bahnhof da!« »Wodan, geh hierher, gib dem Onkel Pfötchen!« Und ehe der verblüffte Mann der Sicherheit sich dessen versah, hatte die junge Dame seine Hand mit der Tatze des Rüden vereinigt. Schallendes Gelächter. »Sehen Sie! Jetzt tun Sie dem Schlingel selber schön!« Und das Backfischchen nickte dem Schutzmann so schelmisch und allerliebst zu, daß er wohl oder übel mitlachen mußte. »Nun dürfen Sie, als große Auszeichnung, den Hund auch festhalten, bis wir das Gepäck in der Droschke haben – wollen Sie, ja?« »Aber Fräulein –« »Hast 'ne gute Idee, Urschel-Purschel! Tun Sie mir den Gefallen, Herr Feldwebel, und wickeln Sie sich die Leine um den Arm! Ich komme gleich zurück und hole den Wodan ab. Das Gedränge ist noch zu toll, verstehen Sie –« und der alte Herr beklopfte abermals mit freundlichem Grinsen die Schulter des Schutzmanns und wandte sich eiligst zurück. »Es darf aber nicht lange dauern, mein Herr!« »I wo, wird's denn! Trab, Fröschchen!« Ursula tänzelte rückwärts und sandte übermütige Grüße zurück – Wodan riß wie wahnsinnig an der Leine, um seiner Herrin zu folgen, und der Wächter der öffentlichen Ordnung stemmte sich im Schweiße seines Angesichts dagegen, ihn zurückzuhalten. »Verfluchte Zumut...« Da warf Ursula just ein allerliebstes Kußhändchen zurück, und der Schutzmann, welcher bei der leichten Kavallerie gedient, verstummte in seinem grimmigen Selbstgespräch und machte unwillkürlich einen Diener. »Kleine Hexe! Da macht man schon mal eine Ausnahme,« dachte er ritterlich. Mit flinken Ellbogen bahnte sich Ursula ihren Weg neben dem Vater her, keine Antwort schuldig bleibend, wenn darüber Bemerkungen laut wurden. Der fremde Diener stand an dem Portal und überreichte Herrn von Kuffstein eine Wagenmarke, und mit lauter Anerkennung wühlte der Gutsbesitzer sein Portemonnaie hervor und verabreichte ein sehr splendides Trinkgeld. »Herr Baron lassen fragen, ob ich den Herrschaften noch weiter behilflich sein könnte?« »Nee, mein Junge, sage deinem Baron, 's wäre gut, und ich ließe mich schönstens bedanken! Und wenn sein Deckel einen Knuff weggekriegt hätte, dann täte mir das jetzt doppelt leid! Verstanden?« – »Befehl, gnädiger Herr.« – »Und mir natürlich dito!« – »Befehl, gnädiges Fräulein.« – »Na, denn los!« Ursula wartete es nicht ab, bis die gerufene Droschke heranfuhr, sie wand sich schnell und fix wie ein Wiesel durch die vielen über den Platz kreuzenden Wagen. »Pst, pst! Heda!« Empört wandte sich die kleine Tyrannin von Wolkwitz um und stemmte mit zornigem Blick die Hände in die Seiten, ruhig vor der anfahrenden Schimmeldroschke stehenbleibend. »Zum Donnerwetter, Kerl, wenn du mich umfährst! He? Weißte nicht, wer ich bin!?« Der Kutscher riß erschrocken seine Rosinante zurück und starrte sprachlos auf die so ganz absonderlich auftretende junge Dame. – So was war ihm noch nicht passiert. Die Droschke stoppte, und Ursula schritt voll Seelenruhe an ihr vorbei nach der unweit winkenden Nr. 273. »Alle neun Hagel – ick kannte ihr weeß Jott nich!« murmelte der Schimmellenker höchlichst verblüfft, schnalzte mit der Zunge und fuhr wieder an, auf seinem Kutscherbock meditierend: »Wo er ihr schon mal jesehen haben könnte, eene von die Prinzessinnen mußte det doch sicher jewesen sind.« Als alle Taschen, Schachteln und Pakete glücklich eingeladen waren, wurde Wodan abgeholt und mit mancherlei Schwierigkeiten ebenfalls eingebarkt, und dann machte es sich Herr von Kuffstein mit tiefem Seufzer der Erleichterung in seiner Wagenecke bequem, und stemmte die Füße, der Wärme wegen, gegen Wodans rechte Seite. »So weit wären wir, Urschel-Purschel, aber ohne Schweißtroppen is es nicht abgegangen! Nun habe ich einen Löwenhunger! Wenn wir jetzt in das Hotel kommen, lassen wir zuerst eine gehorsamste Empfehlung auf dem Draht nach Wolkwitz reiten, und dann sind für heute abend die schwergeprüften Reisenden aller Verpflichtungen enthoben. Erst essen wir die Speisekarte kreuzweise durch, und dann gehen wir in die Konkordia und sehen uns die dressierten Gänse an – einverstanden, Fröschchen?« »Riesig. Und nachher in ein Café, da soll es so interessant nach dem Theater sein, stand in der ›Roten Gräfin‹.« »Mir auch recht. Morgen fahren wir dann zu deiner liebenswürdigen Gräfin Antigna, wo dich die Mama für ein paar Wochen eingelocht hat, machen ihr einstweilen eine Visite und drücken uns wieder, denn so lange ich hier bin, habe ich noch väterliche Anrechte an dich. Im Hotel wohnste, und mit mir bummeln tuste – alleine macht mir das doch, weiß der Kuckuck, keinen Spaß!« »Brrr! – Hotel X., Herr Baron!«   Durch die hohen, buntgemalten Scheiben tanzten die Strahlen der Wintersonne über die Marmortreppe, wenn der Wind die Tannenzweige vor den Fenstern bewegte und den goldnen Lichtfunken dadurch Einlaß in die Flurhalle des herrschaftlichen Hauses gewährte, das Graf Ferdinand Antigna mit seiner Familie bewohnte. Die elektrische Klingel wurde ein paarmal sehr heftig in Tätigkeit gesetzt, leise Bedientensohlen hasteten über die Teppiche und öffneten die Glastür hinter der gußeisernen Vergitterung. Ein Wagen stand auf der Straße, seine Insassen waren bereits ausgestiegen und hatten vor der Tür Posto gefaßt. »Gräfliche Herrschaften zu sprechen?« Der Pelz des Fragers war dem geübten Lakaienauge maßgebend. Ein devoter Bückling antwortete ihm. »Wen habe ich die Ehre zu melden?« Herr von Kuffstein schlug voll behaglicher Umständlichkeit sein Portefeuille auseinander. »Hier, mein Junge, auf diesem weißen Zettel steht's geschrieben! Sagen Sie aber der gnädigsten Gräfin noch mündlich, das Tüpferl auf dem i wäre auch dabei!« Und er wies mit dem Daumen nach Ursula und stampfte den feinen Schneesaum von den Stiefeln. Ein respektvolles Lächeln. »Darf ich gehorsamst bitten, Herr Baron!« Die Tür flog weiter auf, und der Galonierte eilte die Treppe empor. Einen schnellen Blick auf die Karte: »v. Kuffstein-Wolkwitz, Rittmeister a. D.« Selbstverständlich! Franz verstand sich auf sein Publikum und kannte seine Pappenheimer. Der große, dicke Herr mit seinen derben Manieren konnte wohl Leuten ohne Menschenkenntnis zuerst den Eindruck eines Onkel Bräsig machen, wenn man aber die feinen Nüancen der Noblesse studiert hat, wußte man sofort, daß diese behagliche Ungeniertheit »Rasse«, und der Verkehrston nicht Intimität, sondern wohlwollende Herablassung war. Franz war überzeugt, daß es in dem voluminösen Taschenbuch dieses Herrn von Tausendmarkscheinen wimmelte, und daß seine so bärenhaft stampfenden Füße gewiß ein großes Stück eigenen Grund und Boden träten. Die Art und Weise, wie Gräfin Antigna die Karte empfing, gab ihm die Bestätigung seiner Annahmen. In freudigster Hast trat die Gräfin dem Besuch entgegen; aber obwohl ihre Schritte beschleunigt waren und sie dem Gemahl ihrer intimsten Freundin beide Hände entgegenbot, lag dennoch über ihrer ganzen Erscheinung eine unverletzliche Würde und Eleganz, eine Feinheit, die selbst in der größten Erregung Maß und Ziel zu halten weiß! Groß und schlank, fast mager, ohne eckig zu sein, mit schmal geschnittenem und blassem Antlitz unter aschblonden Haarwellen, machte Gräfin Antigna den Eindruck einer noch jugendlichen Frau, die man eigentlich nur für die Stiefmutter ihres erwachsenen Sohnes halten konnte. Mit einem Kuß auf die Stirn hieß sie Ursula bei sich willkommen und sprach die Hoffnung aus, daß sich ihr liebes Pflegetöchterchen bald ebenso heimisch bei ihr fühlen möge, wie daheim im Wolkwitzer Schloß. Das erschien Ursula ganz selbstverständlich, denn das Mißtrauen, das sie Gräfin Antigna anfänglich entgegengebracht hatte, war bei dem Anblick ihres milden, vornehmen Antlitzes verschwunden. Nein, das war kein Gouvernanten- und Tyrannengesicht mit eisigem Blick und funkelnden Brillengläsern, das war eine nette, famose Frau, mit der es sich brillant auskommen lassen würde. »Und nicht wahr, meine verehrteste Gräfin, Sie halten mir mein Schlingelchen nicht gar zu feste im Kappzaum?« fragte Papa Kuffstein sorgenvoll. »Das Kind ist so frisch und fröhlich in die Höhe gewachsen, daß mir schon angst wird bei dem Gedanken, daß dieser Wildfang hier in den engen Straßen aushalten soll. Erschrecken Sie nur ja nicht, wenn die kleine Wetterhexe Ihnen eines schönen Tages durchbrennt, denn das macht sie! Was, Urschel-Purschel? Da biste riesig kurz angebunden drinne, immer mit dem Kopp durch die Wand. Oh, ich sage Ihnen, liebste Gräfin« – und der alte Herr richtete sich hoch auf und sah unendlich stolz aus, »Sie werden Ihr blaues Wunder an dem Mädel erleben! Geschichten führt sie aus, daß einem Mund und Nase offen stehen, aber immer kolossal witzig, immer Schneid drin! Wie wir gestern abend in der Konkordia waren –« Gräfin Antignas Haupt zuckte empor, als habe sie nicht recht verstanden. Das feine Lächeln, das bis jetzt ihre Lippen umspielt hatte, wich starrem Staunen. »Wo waren Sie, bester Baron?« »Na, in der Konkordia, bei den dressierten Gänsen.« »Um Gottes willen – mit Ursulachen? Wer in aller Welt konnte Ihnen dies Lokal empfehlen?!« Das Backfischchen rückte eifrig näher. »Auf irgendeiner Station warfen sie uns alle möglichen Zeitungen und Zettel in das Coupé und daraus suchten wir uns das Beste aus – und das waren eben die dressierten Gänse – und gingen am Abend hin! Na, gelacht haben wir, daß wir uns nur immer so rollten! Nicht wahr, Julchen« – ein kräftiger Patsch auf seine Knie – »wie der dicke Kerl als Ballettänzerin kam.« Die Palastdame schlug wahrhaft entsetzt die Hände zusammen. »Das hast du mit angesehen, mein Herzchen? Aber bester Baron, warum kehrten Sie nicht sofort um, als Sie sich in dem Lokal überzeugten, daß es nicht der geeignete Aufenthalt für Damen der Gesellschaft sei?« Das runde, rote Gesicht Kuffsteins glänzte vor Gutmütigkeit und Vergnügen. »I wo werd' ich denn! Hat ja gar nichts zu sagen! Die Ursel hat sich amüsiert wie ein Gott in Frankreich, und von den Couplets hat sie ja überhaupt gar nichts verstanden. Das Kind können Sie überall mit hinnehmen.« »So? Nichts verstanden hätte ich? – Alles habe ich verstanden!« Und triumphierend sprang Ursula empor und stemmte beide Händchen auf den Tisch. »Ganz tolle Witze waren's zeitweise – aber ich werde den Kuckuck tun und darüber schimpfen! Wärst ja sofort mit mir ausgerückt!« »Nun sehen Sie mal die Range an, Gräfin! Ist's zu glauben?! Aber ich sag's ja immer, auf den Kopf gefallen ist sie nicht, pfiffig für sechse!« Und der erstaunte Vater nickte vor sich hin, als wolle er sagen: wie komme ich mit meinem schwachen Untertanenverstand zu einer so hervorragenden Tochter? »Nun, ich hoffe, liebe Ursula, daß dir die Theater und Konzerte, in die ich dich künftighin führe, noch besser gefallen werden!« lächelte Gräfin Antigna, der Briefe gedenkend, die ihre Freundin ihr geschrieben und zu denen Graf Lohe noch mancherlei Kommentare geliefert hatte; gleichzeitig blickte sie nach der Tür, zwischen deren Portieren die Gestalt eines jungen Herrn erschien, der bei dem Anblick der beiden fremden Gesichter hastig zurücktreten wollte. »Ach, lieber Henry! Du bist uns willkommen.« Es lag durchaus kein befehlender Klang in der Stimme der Palastdame, aber ihr Blick hatte trotz seiner Milde etwas Zwingendes. Der Gerufene trat zögernd ein. Seine hoch aufgeschossene, überschlanke Gestalt verneigte sich hastig, ohne daß sein Blick sich von dem Teppich, an dem er haftete, gehoben hätte. Ein finsterer Ausdruck auf dem farblosen Gesicht mit den schwarzverwachsenen Augenbrauen; herb und schmal preßten sich die Lippen zusammen. »Mein ältester Sohn Henry!« lächelte Gräfin Antigna mit graziöser Handbewegung, und die schlanken, brillantblitzenden Finger auf die Schulter des jungen Mannes legend, ganz wie von ungefähr, und dennoch ihn durch den leichten Druck dirigierend, fügte sie scherzend hinzu: »Du hast, ebenso unerwartet wie ich, den Vorzug, deine zukünftige Pflegeschwester Ursula Kuffstein und deren Vater kennenzulernen, lieber Henry! Ich bin überzeugt, daß du unsere verehrten Gäste ebenso herzlich willkommen heißt wie ich!« »Ah, siehe da, der kleine Henry von ehedem! Der kleine Henry, den ich zuletzt in weißen Höschen auf dem Schaukelpferd sitzen sah!« lachte Herr von Kuffstein, Henry bieder die Hand entgegenstreckend, »freut mich, Sie so frisch und hochgewachsen wiederzusehen!« Henry verneigte sich stumm; feine Röte stieg in sein Gesicht, und der Blick, der den alten Herrn in schnellem Aufblicken traf, hatte etwas Scheues. Neugierig hatte ihn Ursula vom Kopf bis zu den Füßen gemustert. »Er ist wohl blöde!« flüsterte sie der Gräfin ins Ohr; diese lächelte und nickte, und das Backfischchen trat schnell neben den Vater, reichte ebenfalls die Hand hin und sagte in mütterlich wohlwollendem Ton: »Guten Tag, Henry! Vor mir brauchen Sie sich absolut nicht zu genieren, so eine Landpomeranze ist nicht etepetete!« – Und sie lachte silberhell auf und schüttelte seine Rechte, daß die Gelenke knackten. Kalt und regungslos lag diese zwischen ihren warmen Fingerchen. Henry wurde noch röter, verneigte sich sehr hastig zweimal nacheinander, ohne die junge Dame anzusehen, und trat dann, den Kopf mit einer hochmütig unnahbaren Bewegung in den Nacken werfend, nach der Tür zurück. »Leistest du uns nicht für kurze Zeit Gesellschaft, my boy ?« »Bedaure, liebe Mama, mein ehemaliger Mentor erwartet mich in meinen Zimmern.« Leise und heiser klang die Stimme, abermals eine kurze Verneigung, und die Portieren fielen hinter dem Sohn des Hauses Antigna zusammen. »Mein guter Henry hat vor acht Tagen sein Referendarexamen bestanden,« lächelte die Gräfin, ihm nachschauend, »er hat sich entschieden überarbeitet und ist infolgedessen noch menschenscheuer als früher geworden.« »Ja, er machte ein ganz sauertöpfiges Gesicht!« nickte Herr von Kuffstein mit bedenklicher Miene. »Sie müssen ihn beizeiten flottmachen, beste Gräfin, ehe diese Marotte ganz von ihm Besitz ergreift. War er denn nicht Student?« »Nur dem Namen nach. Das wüste Treiben der Verbindungen war ihm ein Greuel. Mein Mann und ich waren stets sehr glücklich über unseren soliden, charakterfesten Sohn, bekommen aber jetzt Bedenken, weil es mit seiner Scheu vor allem Verkehr krankhaft zu werden droht. Immer nur Lernen und Studieren taugt nicht für ein so junges Blut.« »Ja aber, du lieber Gott, was wollen Sie denn mit ihm anfangen, Tante Renée?« alterierte sich Ursula, ratlos die Händchen zusammenschlagend. Die Gräfin lächelte fein und wundersam. Ihr Blick haftete auf dem frischen Gesichtchen, das sich mit großen, neugierig-naiven Augen zu ihr hob. »Henry hat sich bis jetzt standhaft geweigert, irgendwelche Geselligkeit mitzumachen, und Strenge, die ihn mit gebieterischer Hand in den Strudel des high life stößt, würde bei diesem Trotzkopf gerade das Gegenteil bewirken. Seine schwärmerische Liebe für unser Herrscherhaus ist die einzige schmale Planke, aus der sich hoffentlich ein Steg zum Parkett schlagen läßt: hat er ihn überschritten, ist er der Welt geschenkt!« »Am Hof ... zwischen all den vielen Menschen wird er sich aber erst recht fürchten und sich die Sache noch mehr verekeln!« schüttelte das Backfischchen nachdenklich den Kopf. Gräfin Antigna zuckte mit amüsiertem Lächeln die Achseln: »Da heißt es eben ›va banque‹ ! Daß der Träger eines der besten Namen sich und seiner Familie gewisse Rücksichten schuldig ist, steht außer Frage. Die drei Wappenfähnlein der Antignas haben, solange sie existieren, in Hofluft geweht; Hofluft hat jedes Zweiglein unseres Stammbaumes genährt, in der Hofluft sind die Ahnen und Urahnen geboren und gestorben, darum hat dieses Gemisch von Sonne, Mond und Veilchenduft Rechte an die Enkel. Henry möchte mit rastlosem Eifer studieren und Professor werden; seine reiche, außergewöhnliche Begabung prophezeit ihm eine bedeutende Zukunft. Mag er in Gottes Namen dereinst den ›Mantel der Doktrin‹ um sein Wappenschild schlagen, vorerst aber hat er seine Passion seinen Verpflichtungen zu opfern.« Die Sprecherin schien ihrer Miene nach zu scherzen; sie plauderte in dem leichten, graziösen Konversationston wie zuvor, aber in ihrem Auge, das sich zur Tür wandte, als folge sein Blick noch der schlanken Gestalt des jungen Mannes, lag wieder das faszinierende, unerklärliche Etwas, das vorhin schon mächtiger als alle Worte den Sohn über die Schwelle gerufen. Dann änderte die Gräfin das Thema, erzählte von ihrem jüngsten Sohn, der zurzeit noch die Ritterakademie besuchte, und von Graf Lohe, der sich vor kaum einer Viertelstunde von ihr verabschiedet habe. Ihr Blick traf dabei Ursulas eifrig aufhorchendes Gesichtchen. Herr von Kuffstein erhob sich und warf seinem Töchterchen den Muff in den Schoß. »Mach deinen Knix, Fröschchen, und küsse der gnädigsten Tante mit der gehorsamen Anfrage die Hand, ob du übermorgen mit Sack und Pack samt deinem Vielfraß Wodan hier einrücken darfst?« Henrys Mutter hatte eine silberne Glocke in Bewegung gesetzt. Jetzt legte sie den Arm um die Schultern des jungen Mädchens und zog es mehr liebenswürdig als innig an sich heran. »Wollen Sie mir eine große Bitte erfüllen, mein alter Freund Kuffstein?« fragte sie in der vornehm graziösen Weise, die Ursula schon bei dem ersten Blick als etwas ganz Besonderes aufgefallen war. »Wenn Sie es befehlen, meine gnädigste Gräfin, esse ich selbst Stiefelwichse und lasse mich trotz meiner dreihundert Pfund noch zum Schlangenmenschen trainieren!« Die Palastdame lachte leis und melodisch auf: »Solche Wünsche würden barbarisch sein! Non, mon ami, mein Attentat richtet sich lediglich gegen Ihr Vaterherz. Lassen Sie mir Ursulachen schon jetzt als langersehnte Tochter zurück, holen Sie Ihr Gepäck in dem Hotel ab und machen Sie meinem Mann und mir die große Freude, unser Logierzimmer als Ihr home anzusehen!« »Sie sind ja ein Engel, gnädigste Gräfin!« Und Kuffstein zog beide Hände seiner langjährigen Bekannten abwechselnd an die Lippen. »Was mich anbelangt, so bitte ich, als unruhiger und verkrautjunkerter Geist allergehorsamst, mich mit meinem Quartierbillett ruhig in den Armen des wackeren Hotelwirts liegen zu lassen! Habe meine Zahnbürste und die Nachtkappe bereits ausgepackt und scheue jeden Umzug, wie die Katze das heiße Ofenblech. Aber die Urschel-Purschel ... gern gebe ich das Ding nicht her, aber wenn Sie denken ... He! Fröschchen, willste gleich hierbleiben?« Ursula kniff den Vater in den Arm. »Was hast du denn gestern in der Droschke gesagt, hm?« Der Besitzer von Groß-Wolkwitz wurde beinahe verlegen: »Wenn doch aber die gnädigste Tante es wünscht, Urschel- Purschel! Heute abend hole ich dich ab, dann fahren wir in die Reichshallen!« »Hören Sie mich, bester Rittmeister. Zu Tisch, um fünf Uhr, sind Sie selbstverständlich unser Gast. Wir dinieren zusammen und fahren dann in das Opernhaus, uns die ›Lustigen Weiber‹ anzusehen. Das wird Ursulachen viel Vergnügen bereiten und ist sehr bequem, weil unsere Plätze abonniert sind. Einverstanden?« »Lustigen Weiber?« Die Augen des Backfischchens blitzten. »Das klingt ja ganz famos! Wird gemacht, liebe Tante, da müssen wir hin!« Und das Köpfchen über die Schulter zu dem Vater umwendend, fügte sie selbstbewußt hinzu: »Karre du meinetwegen in das Hotel zurück! Ich bleibe gerade so gern hier!« »Aber Urschel-Purschel, das sagste so kaltblütig?!« Der tiefe Baß grollte in noch tieferem Vorwurf. »Um Gottes willen, lieber Baron, machen Sie nur doch das Kind nicht selber rebellisch!« wehrte die Gräfin, Ursula abermals in die Arme schließend, und gleichzeitig wandte sie das Haupt nach der Tür, in der ein Diener erschienen war. »Ist der Herr Graf aus dem Auswärtigen Amt zurückgekehrt?« »Noch immer nicht, gräfliche Gnaden, zu Befehl.« »Es ist gut. Wartet der Wagen für Herrn Baron?« »Zur Stelle, gräfliche Gnaden.« Eine leichte Handbewegung. Der graue Kopf des Alten neigte sich respektvoll, und die Portieren schlossen sich. »Nun schnell, mein guter Kuffstein! Abschied wird für die zwei Stunden nicht genommen. Um fünf Uhr auf Wiedersehen bei einem Teller Suppe; dann kann Ihnen mein Pflegetöchterchen bereits erzählen, ob sie mit ihrem kleinen Salon zufrieden ist! Ich führe sie sofort persönlich in ihr zukünftiges Reich. Also, auf Wiedersehen, mein lieber Freund, auf Wiedersehen!« Und die schlanken Finger, über die sich der alte Herr neigte, sie abermals zu küssen, dirigierten ihn ebenso unsichtbar, aber auch ebenso unwiderstehlich wie den Sohn Henry; diesmal rückwärts. Kuffstein verstand die Absicht. »Adieu, Fröschchen!« sagte er mit erzwungener Heiterkeit, verabfolgte seinem Herzblatt einen zärtlichen Nasenstüber und wuchtete »mit vielen einstweiligen Grüßen an den verehrten Herrn Gemahl« über die Schwelle. Ursula aber zog die Gräfin mit an das Fenster, riß flink die Scheibe auf und raffte den Schnee auf dem Fensterbrett zu einem Ball zusammen. »Was willst du denn tun, Urselchen? Ich denke, wir wollen deinem Vater einen respektvollen Gruß nachwinken?« Der kleine Übermut wandte lachend das Köpfchen, die Antwort schwebte bereits auf den Lippen, daß dies ja der Gruß für Julchen werden solle ... da sah sie in die Augen der Gräfin. Freundlich und lächelnd sahen diese zu ihr nieder, aber so durchdringend klar und so hoheitsvoll und so ganz eigentümlich, daß Ursula ein nie gekanntes Gefühl von Unsicherheit und Verlegenheit beschlich. »Ich wollte nur mal den Spatz da werfen!« sagte sie und zielte mit dem Schneeball auf gut Glück in die Fichtenzweige. »Gut, daß er fort ist, mein Herzchen! Wie fatal wäre es gewesen, wenn er ganz aus Zufall deinen guten Vater getroffen hätte! Die Leute hätten eine ganz falsche, häßliche Meinung von dir bekommen!« Und die Gräfin winkte Herrn von Kuffstein lächelnd zu, und Ursula machte es ihr genau nach und dachte: »Nun nimmst du dich famos aus!«   II. Herr von Flanken dachte in allen Dingen sehr konservativ und war ein erklärter Feind jeglicher Neuerungen, was aber zu viel ist, das ist zu viel. Kinderlärm, drei Klaviere, eine Geige und zwei singende Geheimratstöchter, und, im Anschluß daran, rauchende Öfen und allerhand vielfüßige Einquartierung, nein, das war selbst für die große Gutmütigkeit dieses Premierleutnants zu starker Tabak, und darum sagte Herr von Flanken eines schönen Tages zu Niekchen: »Du, Niekchen, morgen ziehen wir um.« »Befehll, Herr Leutnant – werrd ik packen Sachen unsrige!« Und Niekchen packte alles zusammen, ohne daß sein Herr und Gebieter großes Interesse dafür an den Tag gelegt hätte. Der Unsitte, sich selber eine Garçonwohnung mit allem erdenklichen Luxus zu möblieren, huldigte Flanken durchaus nicht. Er war eben in allen Dingen Original, und während die meisten seiner Kameraden ihre Zimmer mit bequemen Diwans, schwellenden Teppichen, prachtvollen Bronzen und Gemälden vollstopften, um unter rosa Lampenschleiern und Blütenzweigen ein möglichst behagliches und molliges Dasein zu fristen, entfernte der »moderne Merlin« alles, was nur einigermaßen an die verweichlichende Eleganz des neunzehnten Jahrhunderts erinnerte aus seinem Reich. Lohe behauptete: er übertriebe es! Seine Zimmereinrichtung sei nicht einfach, sondern absurd. Da stand ein schwerer Holztisch, ohne Decke, inmitten des Zimmers. Derbe, altdeutsche Eichenstühle um ihn her. Ein massiver Schrank rechts an der Wand, links ein Bord, auf dem Humpen und eine Bierkanne glänzten, darunter die Säbelbank. Vor dem Fenster ein ebenfalls roher Holztisch, voller Tintenklexe, Messerspuren und wunderlich kühner Striche und Schnörkel, die die schwerfällige Feder des jungen Offiziers während der langen Gedankenpausen bei der Winterarbeit entworfen hatte. Hunde, Pferde, Offiziere, Häuser in unfreiwilliger Karikatur, meistens dringend der erklärenden Unterschrift bedürftig. Ein großes Schreibzeug aus weißem Porzellan, hochbepackt mit Federn, Bleistiften, Siegellack und Gummi, paradierte auf des Tisches Mitte, Briefe, Bücher und ein Reißzeug lagen in genialer Unordnung daneben, und eine schwarze, verschabte Ledermappe sperrte, überfüllt mit Papieren aller Art – den Rachen in höchster Atemnot so weit auf, wie ein Karpfen den seinen auf trockenem Lande. Weder Felle noch Decken bekleideten den Fußboden, und der einzige Schmuck der Wände bestand aus zwei gekreuzten Jagdflinten, zwischen denen sich strahlenartig sehr kostbare kleinere Waffen schoben. An der Ofenwand aber stand – und das war Lohes größte Entrüstung – ein eisernes Feldbett, unendlich bescheiden und einfach, mir einer grüngefärbten Pferdedecke am Fußende beschwert. Und diese Dürftigkeit war nicht etwa Geiz oder Armut, Gott bewahre, sie war Ausdruck vollster Überzeugung, und wenn man die reckenhafte Gestalt des jungen Offiziers in diesen seinen vier Wänden erblickte, hatte man das Gefühl, als könne sie in gar keine andere Umgebung hineinpassen. Wie ein Bild aus längst vergessenen Zeiten, da noch die harte Mannesfaust und die trutzigliche Manneskraft die Welt regierten, ragte Flanken, einsam und angestaunt, inmitten der Kinder der modernen Welt empor, gleich einer einzig stehengebliebenen Riesensäule zwischen Ruinen, über die weichliches Moos und üppige Schäferblumen den Mantel der Vergessenheit gebreitet hatten. Der Umzug war unter Niekchens umsichtiger Leitung bewerkstelligt worden, und heute mittag plötzlich kam der Herr Premierleutnant mit sinnend gefalteter Stirn nach Hause, warf die Reitgerte auf den Tisch und setzte sich so kräftig vor dem Schreibtisch nieder, daß der Holzschemel in allen Fugen knackte. Mit Ruhe und Gründlichkeit sah er alle Briefe und auch den Inhalt der Ledermappe durch. Da hatte er die Bescherung! Das kam von seiner Gutmütigkeit!! Als er nämlich nach beendigtem Manöverurlaub wieder in sein Winterquartier eingerückt war, hatte eines schönen Tages Lohes Equipage vor der Tür gehalten. »Schnell, mein Junge! Streife dir die erste Garnitur an, nimm ein reines Taschentuch und begleite mich!« »Wohin?« »Bei General von Dern-Groppen einen Antrittsknicks machen!« »Hast wohl einen Rappel, ich kenne gerade genug Menschen, ich mache keine Visiten mehr!« Da hatte Lohe voll sittlicher Entrüstung das Zitat angewandt: »Ein Mann, ein Wort!« und ihn an jenen verhängnisvollen Abend in Alt-Dobern erinnert, an dem er den Damen bereits seinen Besuch in der Residenz angekündigt habe. »Ich hatte einen Spitz, Markchen – auf Wort – aber, Blitz und Knall, wenn du meinst, daß ich verpflichtet bin, kann ich ja pro forma eine Karte abwerfen!« Und stöhnend hatte er die Tschapka auf sein krauses Haar gedrückt und war mit zu Groppens und zu Gräfin Antigna gefahren, aus Rücksicht für Fräulein Urschel-Purschel. Beide Herrschaften waren nicht zu Hause gewesen, und Flanken hatte die ganze Spazierfahrt beinahe wieder vergessen, als ihn Lohe heute morgen gefragt hatte: »Na, wir sehen uns doch am nächsten Mittwoch bei Groppens! Hast du schon zugesagt?« »Mittwoch – Groppens –? I wo! Ich habe gar keine Einladung erhalten!« »Undenkbar! Es ist ein Riesenfest, und wer nur jemals bei dem Herrn General angeklingelt hat, ist befohlen!« »Aber ich versichere dich, ich bin nicht gewünscht! Wann hast du die Karte bekommen?« »Vor sechs Tagen bereits.« »Donnerwetter – an meinem Umzugstermin!« Flanken kraute sich hinter dem Ohr und stieß einen pfeifenden Ton zwischen den Zähnen hervor. »Na, da haben wir's! Hast den Brief bei der Räumerei verbummelt oder Niekchen hat ihn in die Mappe geschoben, such' doch einmal nach.« Und nun saß der Premierleutnant und suchte und suchte, aber er fand nichts. »Kreuz Birnbaum und Potz Hagelwetter! Niekchen!« »Befehll, Herr Leutnant!« »Kerl, wenn du mir einen Brief verloddert hast, soll dich doch gleich ein Neun-Unglück holen! He, Niekchen, ist am Umzugstag eine Einladung gekommen?« »Sind sik jeden Tag Briefeln gekommen, wos ich hab' abgeliefert an Leutnant. Am Umzugstag waren sik's zwei, Sterbebriefel mit schwarzem Randel und ander großes Briefel mit Guldstempel drauf.« »Ah – richtig – ich entsinne mich, steckte sie in meine alte Jagdjoppe, weil's schon zu dunkel zum Lesen war. Hol mal die Joppe aus dem Schrank –« »Is sik grüner Kittel von Herrn Leutnant an Ulan Grohnbach, wos war aus Heimatdorf von Herrn Leutnant, verschenkt worden.« »Schock Schwerenot!« Flanken stand sprachlos, beide Hände in den Hosentaschen, und starrte Niekchen an, als wolle er zur Salzsäule werden. Dann schwenkte er kurz um und stiefelte mit Riesenschritten, leise vor sich hinpfeifend, in der Stube auf und nieder. Der Ulan Grohnbach – richtig! Der Grohnbach war bei ihm gewesen, Adieu zu sagen und einen Brief an den Inspektor mitzunehmen, und da hatte Flanken in den Kleiderschrank gegriffen und dem armen Kerl noch einen warmen Rock mit auf den Weg gegeben. Die grüne Joppe! Was tun? Flanken sann hin und her, endlich blieb er abermals vor Niekchen stehen, sah auf die Uhr – es war halb fünf – und legte plötzlich die Hand auf die Schulter seines braven Wasserpolacken. »Niekchen, nicht wahr, du bist ein ganz gerissener Kerl! Du kannst ganz schlau sein, wenn's darauf ankommt, he?« Niekchens Gesicht strahlte. »Kann ik schon, Leutnant, kann ik schon!« »Gut, mein Sohn, dann höre mal zu, was du jetzt tun sollst,« und Flanken stellte sich breitbeinig vor seinem Faktotum auf und instruierte ihn so genau und so vorsorglich, daß Niekchen schon hätte ein Kretin sein müssen, wenn er dieser langen Rede kurzen Sinn nicht hätte kapieren wollen. Und Niekchen grinste auch sehr verschmitzt und legte mit eifrigem Kopfnicken die Finger an die Hosennaht. »Werd' ik ganz schlau anfangen, Leutnant, werd' ik alles ausrichten.« »Na, dann mal Trab! Da haste einen Groschen, fahr' Pferdebahn, verstanden?« »Befehll, Leutnant!« Und Frantusch Niekchen machte mit blitzenden Augen kehrt und verschwand hinter der Tür. Flanken aber steckte seine kurze Jagdpfeife an und paffte ärgerlich Dampfwolken in die Luft. »Verfluchte Wirtschaft mit den ewigen Gesellschaften, wenn doch die Leute endlich zu der Vernunft kommen wollten und sich und mir diesen Schwindel schenkten!«   In dem großen palaisartigen Neubau, in einer der elegantesten Villenstraßen, zog ein Diener die rotseidenen Vorhänge vor den Fenstern zusammen und entzündete die Gasflammen in dem Speisezimmer. Der Herr General von Dern-Groppen war soeben nach Hause gekommen und hatte, vom eisigen Wind gezaust und durchfroren, in ersichtlich schlechter Laune die Beschleunigung der Mittagstafel befohlen. Er hatte einen bequemen Uniformsrock angelegt und war alsdann durch die lange Flucht der Salons nach dem Wohnzimmer seiner Töchter geschritten, einen Kuß auf die weißen Stirnen seiner Lieblinge zu drücken. Dort, im heiteren Kreise der Seinen, schwanden blitzschnell die kleinen Wolken des Unmuts, die der königliche Dienst in edler Gerechtigkeit vor dir Sonne der Leutnants wie der Generalleutnants treibt, denn General von Groppen war eine sehr glücklich veranlagte Natur und viel zu sehr Lebemann und Kavalier, um sich allzulange in Gedanken bei den Disteln und Dornen strategischer Ehrenfelder aufzuhalten, wenn er den Rosen und Lilien auf dem Parkett huldigen konnte! Seit Herr von Groppen in der Residenz weilte, war eine sonderbare Veränderung mit ihm vorgegangen. Es war, als habe ihn das Goldgefunkel seines plötzlichen Reichtums geblendet, als seien all die glückseligen Genien von dem Plafond der Fürstensäle herniedergeschwebt, ihm einen Becher an die Lippen zu halten, dessen Zaubertrank ihn berauschte. Die Vergangenheit mit ihrem jahrelangen Entbehren und Einschränken schien ihm ein wüster, fataler Traum. Die Dämone der Eitelkeit, Leichtlebigkeit und Genußsucht, die so lange Zeit, männlich bekämpft und niedergehalten, in seinem Innern geschlummert hatten, hoben jetzt plötzlich ihre schillernden Flügel und bevölkerten all seine Gedanken, sein Wollen und Wünschen. Ist das Eis, das zwingende, beherrschende, auf dem Fluß erst gebrochen, stürzen die Wasser wild aufjubelnd drüber hinweg und schießen ziel- und fessellos weit über die Grenzen hinaus. So kannten auch die Passionen des Herrn von Dern-Groppen keine Schranken mehr, seit die Sklavenketten der Mittellosigkeit abgestreift, seit jene wundersame, heiß ersehnte Luft, jenes Gemisch von Sonne, Mond, Sternenglanz und Veilchenduft seine Stirn geküßt. In dem Salon der beiden jungen Damen brannten ebenfalls die Lampen. Lena saß an dem runden, von einem goldgewirkten Teppich überhangenen Mitteltisch und klöppelte eine cremefarbene Seidenspitze. Fürst Sobolefskoi sah ihr dabei voll regen Interesses auf die schlanken, graziösen Hände und behauptete neckend, diese Arbeit sei von den Damen aus schnöder, berechnendster Eitelkeit erfunden worden. Jolante stand auf einem Kissenpuff und bemühte sich, den schwebenden Goldengelchen, die die wasserblauen Moireedraperien eines Eckarrangements hielten, bronzierte Palmzweige möglichst genial in die Ärmchen zu legen. Sie lehnte den Lockenkopf zurück und prüfte den Gesamteindruck. »Onkel Daniel, sieh doch einmal! Ist es hübsch so?« Der Fürst trat, die Hände auf den Rücken legend, herzu. »Ganz scharmant!« lobte er. »Es ist wunderbar, Jola, welch ein hervorragendes Talent du besitzest, deine Umgebung zu idealisieren! Ich hätte es nie für möglich gehalten, daß dieses Schmuckkästchen von einem Zimmer noch verschönert werden könnte, du aber hast es dennoch zuwege gebracht!« »Ja, weißt du, Onkel Daniel,« und Jolante hob sich auf die Fußspitzen und bog die leuchtenden Fächerblätter so, daß sie sich des größeren Effektes wegen in dem Ecktrumeau spiegeln mußten, »ich finde nichts hübscher, als ein möglichst geschmackvolles und reich eingerichtetes Boudoir, und nichts barbarenhafter, als Gleichgültigkeit gegen seine Wohnräume. Wie Menschen ohne Komfort leben können, ist mir rätselhaft, und daß ein Paar in einer ›kleinsten Hütte‹ Raum findet, und bei einem Tisch und einem Stuhl sich glücklich fühlen soll, das deucht mich die krankhafteste Hyperbel, auf die ein Dichter jemals verfallen ist.« »Wenn du die Liebe erst kennen wirst, kleines Närrchen, wollen wir uns wieder sprechen!« lächelte Lena, ohne von ihrer Arbeit aufzusehen. »Lena!« Jolante schlug laut lachend die Hände zusammen, »das klingt ja beinahe so, als ob du einen Sekondeleutnant mit zweihundert Talern Zulage heiraten würdest!« Die Klöppel klangen wunderlich unter den fleißigen Händen zusammen. »Wenn ich ihn liebte, ganz gewiß!« »Nimm mir's nicht übel, dann komme ich niemals zu euch, dann verleugne ich dich vor Gott und aller Welt mitsamt deinem Gatten und deiner Viertreppen-Hinterhauswohnung!« Und Jolante warf sich lachend in einen Sessel und verschränkte die Arme hinter dem Köpfchen. »Onkel Daniel wird alles gutmachen, was du versäumst, Prinzeß Turandot! Nicht wahr, du würdest mich besuchen, Onkelchen, selbst in der allerkleinsten Hütte, wo man so weit, weit von aller Welt entfernt ist, daß man sie mit all ihrem Hasten und Treiben für ein schwüles, beängstigendes Traumgebilde hält?« – Lena lächelte, aber es war, als schweife ihr Blick fern hinaus, feuchtglänzend wie in Sehnsucht. Daniels Lippen zuckten, seine Finger glitten plötzlich wie in nervösem Spiel über die Goldmuster der Tischdecke, ehe er jedoch antworten konnte, hatte Jolante ihren Sessel mit schnellem Stoß neben den seinen gerollt, stützte sich mit beiden Händen auf die Armlehne und schaute dem Fürsten mit einem Gemisch von Neugierde und Heiterkeit in die Augen. »Lächerlich, Lena, wie soll Onkel Daniel in dieser Angelegenheit überhaupt mitreden! Puh, wie er die Stirn gleich kraus zieht, wenn er nur an solch eine Mesalliance denkt, die unsere Lena möglicherweise einmal eingehen könnte! Da kenne ich ihn und seine Ansichten besser. Übrigens« –- und Jolante faßte plötzlich die Hand Sobolefskois und wandte sie nach der Innenseite – »ich verstehe mich jetzt ein bißchen auf das Wahrsagen und muß doch einmal sehen, ob du wirklich ein so kaltherziger Barbar bist, wie es den Anschein hat. Niemals hast du uns auch nur mit einem Sterbenswörtchen verraten, um welch einer Jugendliebe willen du Junggeselle geblieben bist.« Des Fürsten Hand erbebte, er wollte sie hastig zurückziehen. »Aber, petite , ich bitte dich, bedenke meine grauen Haare –« »Mit allem Respekt. Aber jetzt hältst du still, du Duckmäuser, jetzt will ich deine sämtlichen Flammen zusammenzählen uns dein heißes Herz entlarven.« Lena ließ die Arbeit ruhen, schlang die Hände ineinander und blickte mit ihren großen Augen sinnend in des Fürsten Antlitz. »Wie seltsam!« sagte sie harmlos, »es ist mir noch nie der Gedanke gekommen, Onkel Daniel, daß du jemand anders im Leben hättest liebhaben können als Mama, Jolante und mich! Ich kann mir gar nicht vorstellen, daß dein Herz jemals für ein anderes weibliches Wesen geschlagen hat, und doch ist es so natürlich und sehr wahrscheinlich.« »Nein, Lena, beim Himmel nicht! Euch allein hat mein Herz gehört, mit seiner ersten Liebe und seinem ersten und einzigen Glück.« »Onkel Daniel, du bist ein verstockter Sünder!« lachte Jolante mit drohend erhobenem Finger. »Wenn Du auch ein noch so klägliches Gesicht machst, hier, deine eigene Hand erhebt sich anklagend wider deine Worte. – Sieh her, diese scharfe, klare, ganz besonders stark ausgeprägte Linie verrät mir, daß die Liebe eine große Rolle in deinem Leben spielt, daß sie es ganz und gar erfüllt, daß alles Unglück und alles Elend, das jemals über dich gekommen ist, seinen Ursprung in dieser Schicksalslinie, in der Liebe hat.« Mit großen, starren Augen schaute Sobolefskoi auf seine leise zitternde Hand nieder. »Und das Ende vom Liede?« fragte er mit heiserer Stimme. Jolante zog das Näschen kraus: »Ja, so weit reichen meine Kenntnisse nicht aus, liebe Durchlaucht! Ich weiß nur, daß diese kleine Sternbildung – siehst du hier, die feinen strahlenartigen Striche – die Erfüllung eines großen Wunsches bedeuten, und solch ein Stern schließt die Liebeslinie in deiner Hand ab. Nehmen wir also an, du siehst die Langgeliebte endlich wieder, ihr sinkt euch in die Arme; dein Wunsch, sie einmal im Leben noch an die Brust drücken zu können, hat sich erfüllt, ihr liebt euch, habt euch, Lena und ich überreichen den Brautkranz, riesiges Diner, Rietz-bumm-Regimentsmusik, und das lange Lied der Liebe hat sein Ende erreicht!« »Onkel Daniel! Diesem Prophetenwort mußt du glauben!« jubelte Lena mit weicher Stimme, und Jolante griff übermütig in die Schale, die mit Blumen gefüllt auf dem Nebentischchen stand, und schmückte das Knopfloch des Fürsten. Er versuchte, ihre kleinen Hände verlegen abzuwehren, sprach von Trauerweiden und längst entflohener Jugend, und dennoch leuchtete es in seinen Augen wie Glückseligkeit, und er war so heiter und guter Dinge, wie seit langer Zeit nicht mehr. »Hier scheint ja die Stimmung absolut nicht von dem Thermometerwetter abhängig zu sein!« klang das kräftige Organ des Generals von der Tür herüber, »um so besser, Kinder, ich bin durchfroren bis in das Mark hinein, und wenn ihr jemals den Löwen bei der Fütterung im zoologischen Garten an dem Gitter hochgehen saht, dann habt ihr einen schwachen Begriff von meinem Hunger! Grüß Gott, Daniel – weiß das Donnerwetter, mit Liebeslattich im Knopfloch? Ich sag's ja, Mädels, in acht Tagen repräsentiert er bei unserm Fest den Sohn des Hauses, pflückt sich das jüngste aller Knöspchen und tanzt Kotillon!« »Aber lieber Groppen!« – und Daniel wurde dunkelrot vor Verlegenheit und Schreck. Der General aber hatte den Arm um ihn gelegt und zog den schwarzstruppigen Kopf an seine Brust, von der anderen Seite schmiegte sich Lena an seine Schulter, und Jolante griff abermals in die Blumenschale und bewarf das »lebende Bild« mit dem dazugehörigen Vergißmeinnicht. »Komm in die Mitte, Baby, daß ich mein Nest beisammen habe! Seht ihr, Kinder, solch ein Augenblick ist die Oase in dem ›wüsten Leben‹ eines Vaters, der von des ersten Morgens Lichte bis zum Brand der Gaslaternen alle zarten Triebe zwischen Lanzen und Schwertern ersticken muß! Wo ist denn Tante Dore, he? Ich habe ihr wieder Nahrung für die Liste mitgebracht!« Und Herr von Dern-Groppen küßte seine beiden Töchter noch einmal auf die lockigen Scheitel und warf dann einen Stoß Briefe auf den Tisch. »Ah, neue Zusagen?« Wie elektrisiert schnellte Jolante herum und faßte die Kuverts, ihren Inhalt mit sichtlicher Hast und Erregung durchzusehen. Lena aber breitete gelassen ein weißes Seidentuch über ihr Klöppelkissen und sagte: »Tante Dore ist bereits nach dem Eßzimmer gegangen, um den Tisch noch einmal zu inspizieren! Sie ist stolz und glücklich darüber, daß du ihre Menüs so oft lobst, und möchte sich nun in ihren Leistungen selber überbieten!« »Tante Dore ist ein Prachtexemplar, wenn sie mich aber noch lange warten läßt –« »Herr General, die Suppe ist serviert!« »Fritze, das war ein Wort zu seiner Zeit! – Avanti , Kinder, sonst falle ich um!« Und lachend legte Herr von Dern-Groppen die Hand seiner ältesten Tochter auf seinen Arm und gewann im Sturmschritt mit ihr die Tür. »Liebe Jolante, ich habe den Vorzug!« »Ach, Onkel Daniel, es ist zum Rasendwerden!« und das junge Mädchen warf das letzte der Schreiben zornig zu den anderen Briefen zurück und nahm den dargereichten Arm des Fürsten. »Sind Absagen gekommen?« fragte Daniel erschrocken. »Nein, sie sagen alle zu.« »Und das verdrießt dich?!« Jolante preßte die Lippen zusammen, und ihre geröteten Wangen wurden langsam wieder bleich. »O nein, bewahre! Wenn man ein Fest geben will, braucht man Menschen dazu; eine jegliche Komödie setzt sich aus Akteurs, Statisten und viel Staffage zusammen. Aber es ärgert mich, wenn die Leute so rücksichtslos sind und die Antwort fast eine Woche lang hinauszögern. Mit Müh und Not hat er Besuch gemacht, läßt nichts sehen und hören von sich, und dabei tat er damals doch, als wollte er das tägliche Brot bei uns werden.« »Von wem redest du denn, Jolachen?!« fragte Sobolefskoi mit erstaunten Augen, »wer läßt nichts sehen und hören von sich?« Jolante wurde dunkelrot und legte unwillkürlich die Hand vor den Mund. Dann mußte sie schrecklich husten, so lange, bis sich der General auf der Schwelle des Eßsaales umwandte und mit erhobenem Finger fragte: »Ei, ei, sind wir etwa wieder im offnen Wagen ausgefahren?« Da gab sein Töchterchen sehr lange und ausführliche Auskunft, und als man sich zu Tisch gesetzt hatte, war sie von seltener, fast nervöser Gesprächigkeit und ließ keinen anderen zu Worte kommen. Tante Dore war höchlichst erstaunt darüber, denn für gewöhnlich war Jolante sehr phlegmatisch und schwärmerisch und redete nur das Allernotwendigste. Besagte Tante Dore, die verwitwete Baronin Dorette von Loguth und jüngste Schwester des Generals, vertrat an den beiden Nichten Mutterstelle und repräsentierte in dem sehr geselligen und gesuchten Hause des Bruders. Sie war eine etwas starke, würdevolle Frauengestalt mit nicht geistvollem, aber sehr lebenslustigem und liebenswürdigem Antlitz, mit viel Geschmack und Sinn für elegantes Leben und von einer fast kindlichen Naivität, was Praktik und Ökonomie anbelangte. Mit sehr erwartungsvollem Lächeln reichte sie dem General die kleine Elfenbeinkarte, auf die sie jeden Mittag höchst eigenhändig die Reihenfolge der Speisen für den Bruder niederschrieb. Der braune Seidenärmel schob sich etwas an dem runden Arm empor, und Groppen neigte sich galant und küßte ihn über der breiten Goldspange. »Rolly-polly-Pudding, Dorchen?!« sagte er gerührt, »damit kannst du mich ja mal wieder aus dem Grabe herauslocken, wenn kein anderes Wiederbelebungsmittel hilft. Famos, auf Wort!« »Wenn er nur recht heiß auf den Tisch kommt, das ist eine Hauptbedingung für seinen Wohlgeschmack; sowie er steif wird, ist's vorbei. Wir müssen faktisch einen Aufzug aus der Küche hier in den Saal haben! Es ist unerhört, daß das in solchem Hause versäumt werden konnte!« Der Diener hatte die Teller nach dem ersten Gang gewechselt. Auf dem Korridor klingelte es heftig. »Nur keine Ordonnanz! Jetzt kommt ja der Pudding!« seufzte die Baronin in jähem Schreck. Auch Groppen runzelte die Stirn. »Sieh mal, was los ist, Fritze.« Der Diener verschwand und schien lange mit dem Störenfried zu verhandeln. Endlich erschien er wieder und blieb rapportierend an der Tür stehen. »Herr General, da draußen ist ein Ulan, der den Herrn General in dringender Angelegenheit zu sprechen wünscht.« »Ein Ulan?!« schrie Jolante auf. »Ein Offizier oder sonst wer? Sprich doch deutlich, zum Donnerwetter!« »Er sagt, er sei der Bursche des Herrn Premierleutnant von Flanken.« »Na, dann wird er wohl irgendeine Bestellung betreffs des Balles machen wollen, sag' ihm nur, wenn das der Fall wäre, sollte er dir's getrost ausrichten!« »Soll ich vielleicht mal sehen, Papa – –« »Unsinn, sitzen geblieben. Werden schon keine Staatsgeheimnisse sein. Flanken? Flanken? Wer ist denn das eigentlich?« Jolante hatte sich zögernd wieder niedergesetzt. »Das ist ja der Ulanenoffizier, den wir in Alt-Dobern kennenlernten, Papachen! Der bei Kuffsteins im Quartier lag!« berichtete sie eifrig, die Augen auf die Tür geheftet. »Du weißt doch, der riesenstarke Mensch, der mit seinem Pferd die Polonäse tanzte!« »Ah so, ich entsinne mich. Will mich vielleicht zum Ringkampf herausfordern lassen, der Teufelskerl!!« und Herr von Groppen griff lachend nach seinem Rotweinglas. »Die Unterhaltung scheint sich in die Länge zu ziehen da draußen! He, Walter! servieren Sie währenddessen, ich kann solche Unterbrechungen bei Tisch in den Tod nicht ausstehen!« Der Silberdiener verschwand eilfertig, in der Tür dem zurückkehrenden Fritz begegnend. Dieser sah sehr echauffiert aus, just, als habe er sich schrecklich über etwas geärgert. »Herr General, der Mensch läßt sich absolut nicht bedeuten, er verlangt sehr entschieden den Herrn General selber zu sprechen, weil es ihm so von seinem Herrn Leutnant befohlen sei. Ich glaube, er versteht gar nicht ordentlich deutsch, weil er selber so kauderwelsch redet, wie ein Slowake!!« und Fritz' spitzes Mausegesicht mit den grellen Schwarzäuglein nahm eine sehr verächtliche Miene an. »Na, zum Donnerwetter, dann 'rein mit dem Kerl! Verzeiht, liebe Kinder, es ist faktisch eine tolle Zumutung, daß ich wegen dieses Rossebändigers meinen Pudding im Stich lassen soll!« Und die Augen des alten Herrn blickten nach der Silberplatte, auf der sein Leibgericht, köstlich dampfend, soeben in das Zimmer getragen wurde. Fritze verschwand sehr eilig, und eine Minute später dröhnten des Frantusch Niekchen schwere Nägelstiefel auf dem Parkett. Die Blicke aller Anwesenden hafteten auf dem hübschen Gesellen mit dem gutmütigen, gebräunten Gesicht und den lebhaft blitzenden Augen, wie er respektvoll vor seinem General strammstand und die Finger an die Hosennaht legte. Groppen stützte die Hand auf das Knie und nickte dem gewissenhaften Burschen in seiner jovialen Weise zu. »Wie heißt du, mein Sohn?« »Heiß' ik Frantusch Niekchen.« »Bursche bei dem Herrn Premierleutnant von Flanken?« »Befehll, Herr General.« »Und du sollst mir persönlich eine Meldung machen?« »Befehll. Hat Leutnant gesogt: ›Niekchen,‹ sogt er, ›wirst du gehen mit Pferdebahn pascholl zu General von Groppen.‹« »Gut; und was sollst du bestellen?« Niekchens blaurote Hand fuhr in momentaner Verlegenheit hinter das Ohr, ein verschmitztes Lächeln zuckte um seinen Mund. »Is sik Bestellung, wo's is nix so leicht, General. Hot Premierleutnant gesogt, daß ik soll forschen und ausfragen ganz pfiffig, damit sik General nix merken tät.« Die Damen hielten mit abgewendeten Gesichtern schnell die Taschentücher an die Lippen, und Jolante bekam einen blutroten Kopf. Herr von Dern-Groppen aber lachte laut auf. »Sei ganz beruhigt, mein braver Frantusch Niekchen, und frage mich getrost aus, ich merke absolut nichts davon!« Der Ulan blieb todernst. »Hot Leutnant ander Stüberl genommen, und hot grünes Jagdjuppen verschenkt, wo sik Briefeln instaken! Weiß Leutnant meiniges darumb nix genau, ob er hot Einladung erhalten für Ball oder nix Einladung!« Allgemeine, sehr heitere Erregung an der Tafel. »Papachen, du hast doch keine Konfusion gemacht?« rief Jolante ungestüm. »Wo hast du denn die Liste?« »Bleib nur sitzen, Baby,« lachte der Offizier höchlichst amüsiert, »die Sache können wir gleich konstatieren. Leutnant von Flanken – hm – werde sofort mal nachsehen!« Und er schob den Stuhl zurück. »Aber bester Bruder!« – und Baronin Loguth wies kläglich auf die leckere Puddingscheibe, welche sie ihm soeben auf den Teller gelegt hatte. »Ja, bestes Dorchen, es tut mir selber leid, aber du siehst, es hilft ›nix‹, der Flanken hat's noch eiliger als ich!« und Groppen erhob sich, ließ seine Leibspeise im Stich und schritt nach seinem Zimmer. Nach einer kleinen Weile kam er langsam zurück, zwei mächtige Listen in der Hand. »Himmel und Leutnants!« murmelte er, »jetzt lernt man erst solch eine strategische Macht kennen, die einen Ballsaal stützt. Hornisch – Plessen – Lanken – Röper – Arprecht – Franken – Heerden – Rankow – Austerlitz – da sieh mal währenddessen diese Reihe durch, Lena – könnt auch mal merken, daß ihr Generalstöchter seid! – Halfingen – Lüthen – Malsburg – Ollmann.« »Nein, ich finde ihn nicht, Papa!« »Aha hier!« Groppen blickte auf das Papier nieder und biß sich auf die Lippe. Dann lachte er leise auf und wandte sich in französischer Sprache an seine Angehörigen. »Ja, hier steht er, Kinder! Aber ein Kreuzchen dabei mit der Bemerkung: tanzt nicht; nur Dinereinladungen, das hat mir Ursula gesagt, die mir damals die Visitenkarten der Herren aussuchen half!« »Aber Papa, das ist unerhört von Ursula!« fuhr Jolante höchlichst alteriert empor. »Er kommt riesig gern und ist amüsanter als viele andere, die wie die Wasserfälle tanzen! Der arme Mensch, nun ist er gewiß beleidigt!« »Ach, Unsinn! – beleidigt! Du siehst ja, was für Kniffe und Pfiffe der Schlingel in Szene setzt, um noch eine Einladung herauszuquetschen! Na in Gottes Namen, wer gern in mein Haus kommt, ist stets gern gesehen! Laden wir ihn also ein.« Jolantes Augen leuchteten, der General aber wandte sich zu Niekchen und sprach mit lauter und klarer Stimme seine Instruktion. »Also zugehört, mein Sohn. Bestelle deinem Herrn Leutnant einen schönen Gruß, und er wäre eingeladen. Verstanden?« »Befehll!« Anstatt aber kehrtzumachen, richtete sich Niekchen noch strammer denn zuvor auf, holte tief Atem und sagte: »Hot Leutnant meinigtes gesogt, Niekchen, hat er gesogt: wenn ich bin eingeladen, dann bestell Kumpliment höffliches und sog', doß Premierleutnant von Flanken nix kommen kunnte, weil er hat Einladung anders.« Einen Moment starres Anstaunen des biederen Ulanenburschen, dann ein schallendes, haltloses Gelächter, in das der General mit einstimmte, daß er sich die Seiten hielt. »Und darum durfte mein schöner Pudding eiskalt werden, Kinder!! – Fritze, nimm mal den Frantusch Niekchen mit in die Küche und hänge ihm einen Verdienstorden in Gestalt eines großen Stück Bratens um den Hals, verstanden? und eine Flasche Bier dazu.« Und sich zu dem Genannten selber wendend, fügte der alte Herr voll Humor hinzu: »Es ist gut, mein Sohn, warte in der Küche, bis ich fertig gegessen habe, dann sollst du einen Brief an deinen Herrn Leutnant mitnehmen. Rechts kehrt, marsch.« »Befehll, Herr General.« Und Niekchen schnellte mit leuchtenden Augen auf den Hacken herum und marschierte hallenden Schrittes nach der Tür zurück. »Papachen – was – was willst du dem Herrn von Flanken denn schreiben?« fragte Jolante sehr leise, ohne von ihrem Teller aufzusehen. Sie war die einzige gewesen, die nicht mitgelacht, sondern aufsprühenden Blicks sich auf die Lippe gebissen hatte. Herr von Dern-Groppen schob in bester Laune seinen Teller zurück. »Ich werde den Herrn von Flanken aus Rache einladen, morgen bei uns zu essen. Dann soll er zur Strafe den kalten Pudding, an dem er die Schuld trägt, bis zum letzten Happen runterwürgen. Hebst ihn auf, Dore, ganz so, wie er da ist, verstanden?« – – Niekchen aber saß in der Küche und schwelgte in Braten und Salat, und als er die zweite große Portion nicht mehr zwingen konnte, holte er sein baumwollenes Schnupftuch heraus, auf dessen rotem Untergrund die vier Medaillonbilder von Kaiser, Kronprinz, Moltke und Bismarck großartigen Effekt erzielten, breitete es auf dem Anrichtetisch aus und packte Fleisch und Kartoffelsalat ohne jegliche Prüderie hinein. »Aber Herr Ulan, in Ihr Taschentuch packen Sie das Essen?!« rief Jungfer Minna, die feine Zofe, mit ersichtlichem Nasenrümpfen dem Beginnen zuschauend. Niekchen sah sie treuherzig an, und da er die Sorge des Fräuleins falsch auffaßte, so beruhigte er sie mit dem Brustton vollster Überzeugung: »Is sik nix schlimm, Marinka, is sik kein neues, propperes Tüchel etwo!! Is sik Tüchel, was ik hob schon seit fünf Wochen in Hose meinigtes! Altes Tüchel, Marinka!« Und Frantusch Niekchen knüpfte die vier Zipfel sorglich zusammen und transportierte seine kulinarischen Schätze wie in einem Pompadour nach Hause.   III. Ursula hatte sich über alles Erwarten gut in dem Hause ihrer neuen Pflegemama eingelebt, und als Herr von Kuffstein mit sehr viel Rührung und schwerster Überwindung Abschied nahm, klopfte ihn seine Einzige tröstend auf den breiten Rücken und sagte: »Mach' doch keine Schnacken, Julchen! Was ist denn dabei, wenn ich ein paar Wochen hier bleibe! Wenn mir die Angelegenheit flau erscheint, gehe ich einfach durch die Lappen und komme heim! Gib mir ein bißchen Reisegeld, ja? Die Mama hat ja befohlen, daß ich außer meinem ruppigen Taschengeld, mit dem ich mich höchstens als Sperrgut aufgeben könnte, keinen gebogenen Heller in die Hand bekomme!« »Du armes Wurm! Na warte, dafür wollen wir schon unser Gegengift verzappen! Meine Tochter und kein Geld haben! Womit sollste denn deine Jugend genießen?! Die Mama hat ja gar keinen Begriff, wie teuer das Amüsieren in der Hauptstadt ist. Da, Fröschchen, pack dir mal diese Scheine hier als ›Rettungsfond‹ in irgendeinen Strump rein; wenn's alle ist, schreibste an mich aparte, verstanden, so ein kleines Zettelchen, das ganz harmlos in einem großen Brief liegt, – – dann schick ich dir ganz ebenso harmlos eine Kiste voll Kuhkäse oder eine Trüffelwurst und dabei eine Portion Silberlinge. Und hörste, Urschel-Purschelchen, daß du dich nicht etwa hier schikanieren läßt! Du tust was du willst, hat dir keine Menschenseele was zu befehlen! Ist ja Unsinn mit der Zierafferei! Ich war mein Lebenlang auch ein frischer, gottwohlgefälliger Kerl, der mit den Flegeljahren siamesisch verwachsen war, und bin doch immer vorweg durch die Welt gekommen!« Ursulas Augen blitzten. »Ich mich schikanieren lassen?! Ich strecke ihnen die Krallen entgegen wie ein Maikäfer!« Der Vergleich entzückte Papa Kuffstein und ließ ihn ruhig scheiden. Ursula aber hatte beim besten Willen keine Gelegenheit, Front gegen irgendwelche Hintenansetzung ihrer »konfirmierten Würde« zu machen. Tante Antigna respektierte die achtzehn ehrwürdigen Lebensjahre ihres Pflegetöchterchens in geradezu wohltuender Weise, und Ursula, die anfänglich voll Mißtrauen die unzähligen Reprimanden, die ihr in Wolkwitz von Mutter und Gouvernanten stündlich zuteil wurden, erwartet hatte, war geradezu verblüfft, daß die Gräfin sie vollständig als Dame behandelte. Diese schien gar nicht anzunehmen, daß Ursula irgendwelchen Verstoß gegen die gute Form begehen könne, und das schmeichelte der Kleinen ganz gewaltig und spornte sie an, ohne daß sie es selber recht wußte, solch ein Vertrauen zu rechtfertigen. Es lag in dem verzogenen und eigensinnigen Wesen des jungen Mädchens, gegen den Befehl oder Verweis ein für allemal zu opponieren; hier hatte sie das nicht nötig, und die kluge Methode der Gräfin, lediglich an das Selbstbewußtsein ihrer Pflegebefohlenen zu appellieren, schien in jeder Weise die richtige zu sein. Nicht die Hände eines Lehrmeisters sollten diesen spröden Edelstein schleifen, sondern die Klippen und schroffen Kanten des Lebens selbst, durch das die kleine »Preziosa« wohlberechnet und weise geleitet wurde. Graf Ferdinand Antigna war ein stiller, zerstreuter, von Geselligkeit und Arbeit frühzeitig überanstrengter Mann, der sich seiner Familie selten widmen konnte und selbst die Erziehung seiner Söhne der geistig so bedeutenden Gemahlin ohne Skrupel überließ. – Renée, die blonde, lächelnde Frau, schlank und biegsam wie eine Gerte, führte mit graziöser, aber eiserner Energie das Regiment im Hause, und die Wege, die ihr klarer, scharfer Geist den Personen ihrer Umgebung vorzeichnete, mußten diese wandeln, mochten sie wollen oder nicht. Die Gräfin hatte sich noch nie in ihren Berechnungen getäuscht. Alles war geglückt, so wie sie es ermessen und durchgefühlt hatte. Ihr ältester Sohn war stets ein Muster an Fleiß und Gehorsam gewesen. Seine Begabung war eine ganz außergewöhnliche, sein frühes Examen ein brillantes, er berechtigte seine Eltern und Lehrer zu den stolzesten Hoffnungen, und Gräfin Antigna nahm mit ihrem anmutigen Lächeln die Gratulationen entgegen und gedachte jener Zeit, da Henry das geistig trägste und renitenteste Kind von der Welt gewesen. Mit weichen, aber zwingenden Händen hatte sie das Wunder seiner seelischen Wandlung vollbracht, hatte mit silbernem Hämmerlein so lange Splitter um Splitter gelöst, bis endlich die Lichtblitze der Diamanten aus der schwerfälligen, toten Kohle brachen. Und mit eben diesem Hämmerlein kluger Berechnung modelte sie jetzt an Ursulas reizendem Bilde, wenngleich ihre Hände dabei still im Schoße lagen und kein leibliches Auge ihre Arbeit schauen konnte. Die ereignisreiche Stunde hatte, geschlagen, da das kleine Fräulein vom Lande bei Hofe präsentiert werden sollte. Graf Ferdinand Antigna war mit seiner Familie zur Tafel befohlen, und Ursula, sowie Graf Henry sollten bei dieser Gelegenheit, auf Wunsch der Königin-Mutter, den höchsten Herrschaften vorgestellt werden. Mit glühenden Wangen und lustblitzenden Augen hatte Fräulein von Kuffstein Toilette gemacht. Die lange Schleppe von Crêpe diamant , überhangen und durchschlungen von perlglitzernden Chenillenetzen, schien ihr ganz besonderen Spaß zu bereiten, und die Füßchen sehr energisch aufsetzend, schritt sie in dem Zimmer auf und nieder, sich des Triumphes zu freuen, daß der »famose Pfauenschwanz« wohl oder übel hinter ihr her mußte! Von irgendwelcher Befangenheit war keine Spur an Ursula zu entdecken. Herzklopfen kannte sie überhaupt nicht, und der Gedanke, daß ein Besuch bei Hofe doch etwas ganz Besonderes sei für ein junges Mädchen, etwas Ähnliches, wie für einen Krieger die erste Schlacht, der Gedanke kam ihr gar nicht in den Sinn. Sie freute sich, wie sie sich stets freute, wenn »was los war«, und war überzeugt davon, daß man im Palais ihren Besuch genau so als Ehre und Auszeichnung würdigen werde wie daheim, wenn die kleine Tyrannin von Wolkwitz bei dem Bürgermeister von Dassewinkel mit »Vieren lang« vorfuhr. Sie imponierte einstweilen der Kammerjungfer ganz gewaltig mit ihren Plänen, was für forsche Geschichten sie der Königin- Mutter oder der Prinzessin Kordelia erzählen wollte, und versicherte noch einmal, es fiele ihr ja gar nicht ein, sich bei dem Kompliment auf die Hacken zu setzen, das könne sie nicht, ihre Kratzfüße waren ja bis jetzt immer schön genug gewesen! Gräfin Antigna hatte ihr nämlich gezeigt, wie man sich vor den Herrschaften zu verneigen habe, und Ursula hatte sich halb tot gelacht und gesagt: »Nee, das tue ich nicht, Tante, da kann ich mich ja lieber gleich rollen!« »Das ist deine Sache, liebes Kind, ich denke, du wirst dich benehmen wie alle andern Damen und nicht wie ein Baby, das ein Knickschen macht.« »Baby oder nicht Baby! Das ist mir ganz schnuppe, ich mache alles wie ich's sonst mache!« Die Gräfin wechselte mit feinem Lächeln das Thema. Und nun stand Papa Kuffsteins Herzblättchen im Salon und wartete auf ihre gräflichen Pflegeeltern. Sie sah reizend aus, so zierlich, keck und elegant, als wäre sie eben aus dem Modejournal herausgesprungen. Nebenan im Boudoir erklangen Stimmen. Tante Renée und ihr Sohn schienen einen kleinen Wortwechsel zu haben. Ursula knöpfte gelassen ihre Handschuhe zu. – Henry war ein Stiesel! Soviel stand bombenfest. So albern wie er hatte sich noch kein Mensch gegen sie benommen. Eigentlich kannte sie ihn gar nicht, denn freiwillig hatte der junge Mann nie ein Wort an sie gerichtet. Sie sah ihn auch nur bei den Mahlzeiten, und zwar hatte er am ersten Tage an ihrer Seite gesessen, als aber Ursula, den Verkehr auf fröhliche Weise etwas anzubahnen, ihm meuchlings eine heiße Kartoffel auf die Hand legte, schien er in dämlichster Weise verschnupft zu sein, denn andern Tages hatte er mit seinem Mentor den Platz gewechselt und saß ihr nun gegenüber. Ursula dachte in gerechtem Zorn: »Du kannst mir den Buckel 'nauf steigen, bis ich mit dir wieder mal einen Witz mache!« und wartete, bis er gefälligst eine Unterhaltung beginnen würde. Das geschah aber nicht; im Gegenteil, Henry schien jede Gelegenheit zu vermeiden, sich an die junge Dame zu wenden, nur seine finsteren, »unterirdischen« Augen schickten gelegentlich einmal einen schnellen Blick unter den schwarzen Wimpern zu ihr hinüber. – Was man wohl so lebhaft zu verhandeln hatte nebenan? Ursula schlug die Füßchen übereinander und gähnte. »Und trotzdem wiederhole ich dir meine Bitte, Mama,« klang Henrys Stimme leise zu ihr herüber, »und bei Gott, mit gutem Grunde. Wenn ich jetzt, da ich noch mitten im Studium stehe, sofort mein Doktorexamen absolviere, ist es halb so mühevoll für mich wie in Jahresfrist, und daß ich jetzt bei der Arbeit bleibe ohne mich zu zerstreuen, das Interesse meiner Lehrer in fleißigem Streben ausnutze, ist für meine ganze Zukunft von der äußersten Wichtigkeit –« »Gewiß, my boy ! Das sehe ich vollkommen ein und will dich deinen Studien durchaus nicht entziehen; aber ich verlange, daß sie dich nicht vollständig absorbieren, daß den Glanz deines Wappenschildes kein Bücherstaub überzieht, daß du über den Doktor nicht den Grafen Antigna vergißt, der die ersten und größeren Rechte an dich besitzt! Du weißt, daß dein Vater in den nächsten Tagen nach dem Süden abreisen muß, daß es sein und mein Wille ist, unsern Namen durch dich bei Hofe vertreten zu lassen! Du hast den Platz, den Generationen mit Blut, Ehre und Gut erkämpft und durch Jahrhunderte behauptet haben, als ein heiliges Vermächtnis zu betrachten! Der Name deiner Urväter muß ununterbrochen, wie ein stolzes Echo vor den Ohren der Höchsten weiterklingen, damit die Hofluft, die so gern ausmerzende, ihn nicht verwehen kann. Dein Fleiß und deine Begabung werden die kurze Spanne Zeit, die du deinen Studien entziehst, bald wieder einholen.« »Nicht das ist es, Mama, nicht das!« Die Stimme des jungen Mannes klang im Gegensatz zu dem ruhigen, kühlen Organ der Mutter erregt und zitternd. »Warum zwingst du mich, mich selber so vor dir zu demütigen und mit Worten auszusprechen, was du ahnst und weißt! Du hast jene Kämpfe mit mir durchlebt und durchlitten, die mich zu einem strebenden Menschen gemacht haben. All mein Fleiß, all meine vermeintlichen Fähigkeiten sind Unnatur, deine eiserne Strenge, für die ich dir dankend die Hand küsse, haben jene glänzenden Eigenschaften wie einen Panzer um mein ureigentliches ›Ich‹ geschmiedet. Das leichtsinnige, leidenschaftliche und zügellose Blut der Antigna, das schon als Knabe in mir revoltierte, liegt dahinter in Banden und Ketten. Arbeit und Streben sind mir zur Gewohnheit geworden, weil du es so befahlst, du hast sie mir aufgepfropft, wie einen edlen Zweig auf wilden Schößling. Jetzt aber will das fremde Element mir in Fleisch und Blut übergehen, die Arbeit beginnt meine Passion zu werden. Die neuen Forschungen und Experimente des Professor K. regen und reizen mich unendlich an, es ist mir gelungen, seine Forschungen zu unterstützen, wie du weißt, und darum möchte ich die Medizin, diese Wissenschaft, die ich aus privatem Interesse betrieb, nun endgültig zu meiner Karriere wählen, will den Referendar an den Nagel hängen und noch einmal von vorne anfangen, um das zu erreichen, was mir aus Überzeugung als ein köstlich hohes Ziel erscheint. Dazu aber ist mir jede Minute unentbehrlich! Die Nächte, die ich sinn- und zwecklos im Ballsaal vergeude, werden zu Felsen, die sich mir in den Weg türmen, denn K. bleibt nur noch diesen einen Winter hier und geht dann wieder in den Orient zurück.« »Henry, verlange ich etwa, daß du Nacht für Nacht ausschwärmen sollst? Die paar Hofbälle, die du besuchen wirst, sind gar nicht der Rede wert, und nebenbei hast du massenhaft Zeit, deinen Lorbeer zu pflegen, wenn du es nun einmal nicht lassen kannst! Du hast mich bis jetzt für die Gegnerin deiner Zukunftspläne gehalten, hast geglaubt, daß es mir Nervenschütteln verursachen würde, meinen Sohn als praktizierenden Arzt im Dienst von hoch und niedrig zu wissen. Du irrst. Es wird mein Stolz und Triumph sein, der Welt einen bedeutenden Gelehrten geschenkt zu haben, und kannst du durch dein Wissen ein Helfer der Menschheit werden, so wirst du es nie mehr nach dem Herzen deiner Mutter sein, als dann, wenn du in die Hütten der Armut trittst. So denke ich über deinen künftigen Beruf, Henry.« Ursula hörte die Goldspangen am Handgelenk der Gräfin leise klingen, als habe ihr Sohn die schlanke Rechte hastig an die Lippen gezogen, dann sprach die klare Stimme in demselben ernsten Ton weiter. »Du bist aber nicht allein ein geistig bevorzugter junger Mensch, Henry, du bist es auch durch deine Verhältnisse, du bist nicht allein ein zukünftiger Volksbeglücker, du bist auch ein Graf Antigna. Pflicht stellt sich neben Pflicht, und die ältere ist die berechtigtere. Du hast zu tun, was du deinem Namen schuldig bist, erst er, dann der Titel! Wer zwingt dich, dein Ziel im Sturm zu erreichen? Erst wenn du der Vergangenheit, dem Andenken deiner Väter den schuldigen Tribut gezahlt, darfst du an deine Zukunft denken!« »Mama – mich jetzt aus meiner Bahn herausreißen, mir Welt und Leben zeigen, heißt die Zukunft opfern!« »Inwiefern?« Seine Worte klangen erstickt, wie in flehender Warnung. »Ich kenne mich besser, als du mich kennst, Mutter. Ich weiß, welchen schweren Kampf ich gegen meinen Charakter zu bestehen habe. Ich bin ein Einsiedler, ein menschenscheuer Narr geworden, weil ich es nicht wagte, mich einer Versuchung auszusetzen, ich hätte ihr nicht widerstanden. Ich bin ein Antigna. Leben genießen, die Jugend verträumen und verjubeln ist das Erbteil unseres südländischen Blutes. Mein Leichtsinn ringt mit meinem Pflichtgefühl, und wenn letzteres jetzt nicht den Sieg gewinnt, – dann erringt es ihn nie.« »Du bist ein Phantast, mein lieber Henry. Der Verkehr bei Hofe verträgt sich mit den solidesten Ansichten!« »Er ist der Anfang vom Ende! Er ist jener erste Stern am Himmel, dem Tausende folgen, und wenn man einmal seinen Glanz geschaut, gewöhnt man sich nie wieder an die Dunkelheit.« »Wie viele Jahre völliger Zurückgezogenheit würde dein Studium bedingen?« fragte die Gräfin herb. »So viele Jahre – bis ich auf der Höhe meines Zieles stehe, bis ich die letzte Staffel der Wissenschaft erklommen!« murmelte er durch die Zähne. »Wie? – Bis du Professor bist?« »Ja, und ein bekannter Name unter den Koryphäen!« Die Gräfin atmete tief auf. »Niemals!« entgegnete sie dumpf. »Du bist unser ältester Sohn, du bist, sobald dein Vater ins Ausland gesandt wird, der Repräsentant unseres Namens am hiesigen Hofe. Auf das Heranwachsen deines zehnjährigen Bruders kann nicht gewartet werden; das wirst du begreifen.« »So habe ich also zu wählen. Entweder eine Zukunft, reich an Segen, an Verdienst und Ehre, ein Retter und Helfer für Tausende – oder ein träges Dahinschreiten durchs Leben, ein Genießen und Streben, das schließlich im Kammerherrnschlüssel und, wenn's hoch kommt, in dem Bewirtschaften der Güter gipfeln wird, – ein Strohmann, der den Wappenmantel auf den Schultern spazieren trägt. Du hast mir bis jetzt befohlen, was ich sein und was ich nicht sein soll, Mama – befiehl's auch jetzt.« Henry war an die Tür getreten und hatte sie geöffnet; hoch aufgerichtet stand er, die Türklinke in der Hand, und wartete der Antwort. Ursula konnte in das Boudoir sehen. Sie schaute just auf die Gräfin, die ruhig und bestimmt wie stets vor ihrem Sohn dastand und den wundersamen Blick fest auf sein Antlitz heftete. »Beides sollst du sein, eines nach dem anderen, Henry, das wünsche ich von Herzen. Muß jedoch ein Opfer gebracht werden, so darf es für den Grafen Antigna meiner Ansicht nach gar keine Wahl geben. Vollende deine Toilette, mein Sohn; der Wagen, der dich deinem Fürsten und Landesherrn zuführen soll, wird in einer Viertelstunde vor der Tür stehen. Auf Wiedersehen, my boy , nicht mehr mit dieser finsteren Stirn, sondern stolz wie ehemals die Knappen, wenn sie ein königlich Schwert zum Ritter schlug!« Und die Gräfin lächelte ihm anmutig zu und reichte die Hand dar. Henry küßte sie. »Ich werde bereit sein, Mama.« Und dann trat er über die Schwelle und schloß hinter sich die Tür. Als er das Zimmer durchschreiten wollte, erblickte er Ursula und wich bei ihrem Anblick frappiert zurück. Er sah sehr bleich aus, und seine Augen, die zum erstenmal dem Blick des jungen Mädchens in vollem Anschauen begegneten, waren von dunkelsprühendem Glanz. Einen Augenblick starrte er auf die farbenprächtige Erscheinung, dann legte er schnell die Hand gegen die Stirn, als besänne er sich. »Wir sind Schicksalsgenossen? Auch Sie werden heute zum erstenmal Hofluft atmen, Fräulein Ursula?« Noch niemals zuvor hatte er sie angeredet, groß und überrascht blickte sie zu ihm auf. »Na gewiß! Ich komme mir vor wie ›das kleine Lämmlein weiß wie Schnee‹, das mit einer Strippe um den Hals auf Grasung geführt wird!« Er lächelte zerstreut. »Sie tragen Mohnblüten im Haar und an der Brust – aus Zufall?« »Tante Renée hat sie ausgewählt; vielleicht will sie den Leuten gleich ›durch die Blume‹ sagen, daß ich noch ein riesiges ›Mohnkalb‹ bin!« Und Fräulein von Kuffstein belachte ihren vermeintlichen Witz mit lautester Stimme. Henry biß sich leicht auf die Lippe, ohne mitzulachen. »Wir wollen die gleichen Farben tragen. Sie offiziell, und ich symbolisch und versteckt. Geben Sie mir, bitte, eine dieser roten Blumen der Vergessenheit und Betäubung, ich bitte Sie darum!« Er sprach hastig und leise, den Blick unverwandt auf den Blütenstrauß an ihrer Brust geheftet. »Meinetwegen! Kleben Sie sich diesen ritzebrandfarbenen Kladderadatsch ins Knopfloch! Puterhähne wird's ja nicht geben, die wir wild machen.« Er nahm schnell die Blume, verneigte sich dankend und war im nächsten Augenblick hinter der Tür verschwunden. »Ein verdrehtes Subjekt!« dachte das kleine Fräulein vom Lande. »Ich bin wirklich gespannt, ob er mit dem roten Auswuchs über dem Magen losziehen wird!« Und sie erhob sich und rauschte, rückwärts nach der Schleppe blickend, vor den Spiegel, um das derangierte Bukett wieder zurechtzuzupfen. – Wie lange das nur dauerte, bis der Wagen kam, bis Tante Renée im fliederfarbenen Moirée antique über die Schwelle trat. Wie schön sie aussah! Wie die leuchtenden Falten der Schleppe bei ihr soviel gleichmäßiger über das Parkett wogten als bei Ursula. Sie bewegte sich aber auch viel langsamer und gemessener, während sich die Kleine so lebhaft hin und her drehte, daß sich der Stoff in unschönster Weise um die Füße wickelte. Die Gräfin hatte es gesehen und gelächelt, aber kein Wort gesagt. Das machte Ursula verlegener als ein Verweis, darum wollte sie es auch um die Welt nicht wieder zeigen, wie ungewohnt ihr solche Courschleppen waren. Sie beobachtete jede Bewegung der Palastdame und kopierte sie mit der ihr eigenen Grazie und Geschicklichkeit. Und wieder lächelte die Gräfin, aber diesmal unbemerkt. Endlich lag der Pelz auf den Schultern der beiden Damen, endlich bestieg man die wartende Galaequipage im Hausflur. Graf Ferdinand und sein Sohn, der zu Ursulas großer Überraschung die Mohnblüte nicht angesteckt hatte, folgten in einem zweiten Wagen. Übermütiger als je benahm sich der kleine Wildfang aus Groß-Wolkwitz. Der Himmel hing ihr voller Baßgeigen, sie schwatzte und lachte und kannte auch nicht das mindeste Gefühl von Scheu und Beklommenheit. Sollten sich Gräfin Antigna und Graf Lohe doch verrechnet haben? Sollte dieses unberechenbare Puckchen dennoch leichter sein als die Hofluft, die seine kecken Flügelchen vielleicht nicht niederdrückt, sondern, im Gegenteil, von ihnen in launigem Spiel durchkreuzt wird? – – Abwarten! Der Lichtglanz der hohen Gaskandelaber brach sich in den geschliffenen Wagenfenstern, die Equipage sauste die Auffahrt empor und zwei Lakaien sprangen ans dem Portal hervor, den Schlag aufzureißen. »Doar bün ick, sprak de Swinegel!« rezitierte Fräulein von Kuffstein voll großen Behagens, klappte dem Lakai mit dem Fächer auf die dargereichte und dann sehr überrascht zurückgezogene Hand, und sprang dann ohne Hilfe auf den Teppich nieder. Mit neugierigen Augen schaute sie sich in dem Vestibül um. »Ah, sieh mal, Tante, die beiden Marmorkerle haben wir zu Hause auch! Bei uns steht aber noch der ›Stierbändiger‹ in der Mitte, dem ich mal Papas alte Lederhosen angeklemmt hatte, als der Landesdirektor zum Diner erwartet wurde!« Ihr Lachen klang sehr absonderlich in dem feierlich stillen, hochgewölbten Raum. Tante Renée wandte sekundenlang das Haupt und sah sie starr an. Und wie Ursula die Gesichter der Lakaien ansah, ernst und würdig, wie sie die junge Dame anstarrten, wie eine Vision, da hatte sie unwillkürlich das Gefühl, als sei sie in der Kirche. Lautlos wurden die Pelze von den Schultern genommen, und als Graf Antigna an einen der Kammerdiener eine Frage mit halblauter Stimme richtete, antwortete dieser mit tiefer Verneigung im Flüsterton. »Du, sag' mal, Tante, nach was riecht es denn nur hier?« fragte plötzlich Ursula laut. » Ambrée ,« sehr leise klang es von den Lippen der Gräfin, und ihre Augen sahen aus, als ob sie dabei dächte: »Das weißt du nicht?« – – Und die Lakaien sahen sie ebenfalls groß und starr an – – abscheulich! »Was glotzen die Kerle mich denn nur so an?« wandte sich Ursula ganz nervös an Henry. »Wir sind im Palais, Fräulein Ursula!« klang es voll leisen Vorwurfs zurück. »Das fängt ja recht lustig an! Wird denn hier niemals laut gesprochen?« Keine Antwort. Ursula wurde ganz kleinlaut. Ambrée ? – – Nein, das kann unmöglich Ambrée sein, das Parfüm gibt's auch in Groß- Wolkwitz, aber hier, hier liegt so etwas ganz Eigentümliches in der Luft, es benimmt förmlich den Atem und geht so kühl durch alle Glieder, und dazu mag sie hinsehen, wohin sie will, überall starren sie ein Paar ernste, feierliche Augen an. »Bist du bereit, Ursula?« »Selbstverständlich, längst!« Ganz unwillkürlich hat die Kleine das helle, lachende Organ gedämpft. Der Graf bietet seiner Gemahlin den Arm, sie die breite Marmortreppe mit dem blausamt gepolsterten Geländer von vergoldetem Schmiedeeisen emporzuführen. Ursula und Henry folgen. Auf den Absätzen stehen vielarmige Bronzeleuchter zwischen Palmengruppen, Gobelins mit verschiedenartigsten Darstellungen bekleiden die Wände, und prächtige Malereien unterbrechen den prunkvollen Stuck des Plafonds. Kein Laut, kein Lachen, kein Wort, Teppiche dämpfen den Schritt, und überall weht die absonderliche Luft, die sich wie ein kühler Finger auf Ursulas Lippen legt. Flügeltüren werden aufgerissen, ein Lichtmeer schimmert den Eintretenden entgegen. Gott sei Lob und Dank, auch Stimmen schwirren in zwar nicht sehr lauter, aber animierter Unterhaltung ihnen entgegen. Ursula atmet erleichtert auf, ihr Blick schweift zu dem Antlitz ihres Begleiters empor. Seltsam verändert ist es, heiße Röte brennt darauf, und seine Augen blitzen, da ihr Blick die Pracht des Gemaches und die anwesenden Persönlichkeiten umfaßt. Zum erstenmal im Leben hat das junge Mädchen das Gefühl, als müsse sie bleicher denn sonst aussehen. Die kühle Luft, die so feierlich durch das Vestibül wehte, ist ihr auf die Nerven gefallen. Jetzt wird es bald anders werden. Graf Ferdinand und seine Gemahlin begrüßen sich mit den anwesenden Herrschaften in sehr freundschaftlicher und wohlvertrauter, aber dennoch durchaus formvoller Weise. Ein kordialer kleiner Schlag auf die Schulter oder ein Fächerstoß in den Rücken, wie Ursula in den heimischen Kreisen gern ihr Erscheinen im Salon ankündigte, scheint hier eine Unmöglichkeit zu sein. Die Kleine sieht sich die Begrüßungsszene mit großen Augen an und findet es im Grunde furchtbar albern, daß Menschen, die schon jahrelang bekannt sind, sich derart beknicksen! Gräfin Antigna ist zu den beiden Hofdamen der Königin- Mutter getreten, ihnen die Hand zu drücken. Die Blicke begegnen sich wie in heimlichem Einverständnis und schweifen dann weiter zu Ursula, die ein Wink der graziösen Hand Renées an die Seite der Pflegemutter ruft. »Gestatten Sie, liebe Komtesse, daß ich Ihnen mein kleines foster-child Ursula von Kuffstein vorstelle!« lächelt sie. »Ein soeben flügge gewordenes Küchelchen, das sich den Winter über bei uns amüsieren will! Bestes Fräulein von Jäten, es auch Ihrem Wohlwollen!« Ursula gedenkt daran, daß sie absolut keinen so dämlichen tiefen Knicks machen will. Sie blickt lachend zu der Komtesse mit den goldblonden Stirnlöckchen und dem feinen englischgeschnittenen Gesicht empor und nickt ihr, sowie Fräulein von Jäten huldvoll zu. »Und wie amüsieren!« bekräftigt sie, ohne eine Anrede abzuwarten, »den einen Abend schwofen und den andern ins Theater gehen und zwischendurch sich bei Diners rumfuttern! Nicht wahr, Tante Renée, so flott muß es gehen, daß wir rein die Puste verlieren!« Wie komisch! Die beiden fremden Damen hatten sie doch erst so freundlich und vergnügt angesehen. Jetzt mit einem Male machten sie dieselben runden Glasaugen wie vorhin die Lakaien, hoben das Haupt steif in den Nacken und wechselten dann untereinander einen sehr eigentümlichen Blick. »Es soll mich freuen, Fräulein von Kuffstein, wenn Sie in unsern Kreisen heimisch werden!« entgegnete Komtesse von Wartenvogt mit ihrer zarten, silberhellen Stimme und sah dabei ziemlich hochmütig aus; sie wandte sich dann zu Gräfin Antigna und fuhr ganz verändert, heiter und liebenswürdig fort: »Welche Freude, daß wir endlich auch Ihren Herrn Sohn unter uns begrüßen können, beste Gräfin, er nimmt hoffentlich noch Gratulationen zu dem brillant bestandenen Examen entgegen!« und sie nickte bereits mit lächelndem Mündchen dem Grafen Ferdinand zu, der soeben mit Henry herantrat, den Erben seines Namens der Huld der beiden Damen zu empfehlen. Ursula bemerkte es höchlichst verwundert, daß sie dastand wie Butter an der Sonne, ehe sie aber eigenmächtig wieder eine Unterhaltung anknüpfen konnte, nahm Tante Renée abermals ihre Hand. »Komm, mein Herzchen, ich möchte dich Exzellenz Langern, der Gemahlin des Landstallmeisters, zuführen; die beiden andern alten Damen sind Generalinnen.« »Wenn doch lieber die Königin-Mutter kommen wollte!« grollte die Kleine, sich sehr unbehaglich fühlend. »Bis jetzt ist noch gar kein Witz bei der ganzen Sache.« Diesmal fielen aber die Knickse schon bedeutend tiefer aus, und als sich das magere, scharfgeschnittene Gesicht der Exzellenz ihr zuwandte, sank Ursula ganz unwillkürlich noch etwas mehr in sich zusammen. »Ah, Kuffstein!« nickte die alte Dame, das Antlitz für einen Moment in freundliche Fältchen zwingend, »ist mir ja sehr interessant, meine teuerste Gräfin! Das einzige Töchterlein unserer scharmanten Valeska Sasseburg-Öhrten, der ehemaligen Hofdame der Prinzeß Ludwig!« erläuterte sie den umstehenden Damen mit sehr wohlwollendem Stimmklang. »War mir stets eine äußerst sympathische Erscheinung! Freut mich sehr, Sie kennenzulernen, mein liebes Fräulein von Kuffstein, Sie müssen mir viel Hübsches von Ihrer idealen kleinen Mama erzählen!« »Die alte Schachtel meint's wenigstens gut!« dachte Ursula, und darum streckte sie ihr wie einem guten Kameraden die Hand entgegen und erwiderte vergnügt: »Schön guten Tag, Exzellenz! Wenn ich Ihnen viel Erfreuliches von Mockelchen erzählen soll, muß ich Ihnen den Buckel voll-lügen, sonst weiß ich faktisch nicht, wie ich's machen soll!« Sie wollte lachen, verstummte aber ganz erschrocken bei der jähen Wandlung im Gesicht der Landstallmeisterin. Die »Katzenpfötchen«, jene hundert kleinen Fältchen der Freundlichkeit, waren von den Augenwinkeln wie weggeblasen; die dargebotene Hand schien sie sowieso zu übersehen, aber nun machte auch sie die entsetzlichen Augen, deren Marmorblick die Beherrscherin von Wolkwitz bis in Mark und Bein hinein frieren ließ, diese gräßlichen Augen, die eine so unheimliche Wirkung auf Ursula ausübten! Und wohin sie schaute, überall starrten sie dieselben Blicke an! Die beiden Hofdamen, die lauschend die Köpfe herumgedreht hatten, die Kammerherren und Adjutanten, die näher herangetreten waren, um sich der jungen Dame vorstellen zu lassen, alle standen da wie versteinert und sahen sie an, und dann sanken die Lider über die Augen, und sie fuhren in ihrer Unterhaltung fort. Ursula aber hatte die Empfindung, als ob sie dieselbe kühle, atembenehmende Luft anwehe, wie in dem Vestibül drunten, eine Luft, die all ihren Übermut lähmte und die nämlichen Eigenschaften zu besitzen schien, wie ein Kappzaum, der den kecken kleinen Füllen angelegt wird. – Wenn die Menschen doch spöttische, oder mokant boshafte Gesichter machen wollten, dann würde Ursula wissen, woran sie wäre und aus lauter Trotz erst recht übermütig sein, aber dieses starre Ansehen hatte nichts Beleidigendes, sondern nur etwas gräßlich Deprimierendes. Was hatte sie denn nur getan? Aha! Mademoiselles Lehren fielen ihr ein: »Bei Vorstellungen hast du abzuwarten, ob die betreffenden Damen dich anreden – du hast niemals einer älteren Dame zuerst die Hand zu reichen – du hast auf ihre Fragen respektvoll und manierlich zu antworten!« Das wird's wohl gewesen sein, was die Leute so verschnupft hat! Na, in Zukunft kann ich ihnen ja den Willen tun und mich wie eine Drahtpuppe benehmen! Wie es sein muß, weiß Ursula ganz genau, aber sie hat sich niemals nach Vorschriften gerichtet. Wieder steht sie für ein paar Augenblicke ignoriert. Tante Renée spricht mit gedämpfter Stimme mit den alten Damen, und die Exzellenz verzieht den Mund zu feinem Lächeln. Graf Antigna stellt Ursula die verschiedenen Herren vor, diese verneigen sich stumm und ziehen sich wieder zurück. Abermals steht Ursula allein. In ihren Füßen liegt's wie Blei; sie, die sonst kommandierend und schwadronierend kreuz und quer durch jeden Salon geschlendert ist, wagt hier kaum noch den Kopf zu wenden. Da tritt die Exzellenz wieder zu ihr heran und fragt freundlich, ob die arme Mama immer noch leidend sei? Ursula macht einen Knicks und antwortet so nett und wohlgesittet, als wolle sie sich alle Mühe geben, die Scharte von vorhin wieder auszuwetzen. Und dann tritt auch Komteß Wartenvogt zu ihr heran und fragt, ob Ursula schon am Hof verkehrt habe, oder ob es ihr lieb sei, hier und da in ungewohnten Situationen einen kleinen Wink zu erhalten. »Ach ja, drillen Sie mich, bitte, ein bißchen zurecht!« nickte die Kleine voll treuherzigen Eifers, »es ist mir gräßlich, wenn die Leute mich mit solchen Rollaugen anglumpschen! Ich kann doch nichts dafür, daß ich eine so ungebildete Landpomeranze bin!« »Aber, mein liebes Fräulein von Kuffstein!« schüttelt die junge Dame mit erzwungenem Ernst das blonde Köpfchen. »Das wird niemand von Ihnen sagen und denken, wenn Sie sich den Formen anpassen, die hier nun einmal innegehalten werden müssen. Alles ist ja so leicht und einfach! Reden Sie in der ersten Zeit recht wenig, dann sind Sie sicher, nichts Ungehöriges zu sagen, benehmen Sie sich so, wie Sie es bei uns sehen, und kein Mensch wird ahnen, daß Sie noch fremd in unsern Kreisen sind. Was Ihnen zuerst Studium ist, wird Ihnen dann spielend zur Gewohnheit.« Ursula schob die Unterlippe ein wenig vor. »Ich finde dann den Spaß, an Hof zu gehen, aber recht mäßig!« »Das werden Sie nach dem ersten Hofball nicht mehr sagen. Treten Sie jetzt zur Seite neben Ihre Frau Tante, die Herrschaften werden sich sofort durch jene Tür hierherbegeben.« Das Aufstoßen des Stabes meldete Ihre Majestät die Königin-Mutter. Die breiten Flügeltüren schlugen auseinander, und die hohe Frau trat langsam, das Haupt nach allen Seiten neigend, in den Empfangssalon. Die imposante Feierlichkeit dieses Augenblicks machte auf Ursula einen tiefen Eindruck, und um die Lippen der Gräfin Antigna, die ihre Schutzbefohlene heimlich beobachtete, spielte ein Lächeln freudigster Genugtuung. Der Cercle der anwesenden Damen und Herren, der sich vor den eintretenden Herrschaften gebildet, begrüßte diese mit einer langen und ehrerbietigen Verneigung, und Gräfin Antigna, im Dienst einer Palastdame, trat etliche Schritte vor und küßte die gnädig dargebotene Hand der Gebieterin. Die Königin-Mutter war eine hohe, imposante Frauengestalt, an der die Pracht einer schwarzen Samtrobe in schweren Falten niederfloß. Weiße Perlen von seltener Schönheit bildeten in langen Gehängen ihren Schmuck, und auf dem ergrauten, leichtgelockten Haupthaar lag ein schwarzer Spitzenschleier, den ein perlengeschmücktes Samtdiadem, in Form einer Witwenflebbe, zusammenhielt. Das Antlitz der fürstlichen Frau war trotz seiner scharf- und geistvoll geschnittenen Züge von einem Ausdruck ernster, beinahe wehmutsvoller Milde beseelt. Im Gefolge der Königin traten die zur heutigen Tafel anwesenden Mitglieder der erlauchten Familie ein. Die älteste zum Besuch weilende Tochter, Herzogin von Würzburg nebst ihrem Gemahl, sowie Prinzessin Kordelia, Nichte der Königin und Tochter des verewigten Prinzen Franz, sowie der jüngste Sohn Ihrer Majestät, Prinz Theobald, letzterer die Uniform seines Garde-Grenadierregiments tragend. Ursulas Herz schlug bis zum Halse hinauf, als Gräfin Antigna ihre königliche Herrin mit lauter Stimme um die Erlaubnis bat, Fräulein Ursula von Kuffstein präsentieren zu dürfen. Wieder diese furchtbare Stille, wieder dieses stumme Anstarren aus aller Augen, wieder diese kalte Luft, welche durch alle Nerven rieselt. Ursula fühlte ihre Knie beben, sie sank in tiefer, tiefer Verneigung vor der hohen Frau zusammen und wagte kaum die Wimpern zu heben. Sehr huldvoll und gnädig schlug die volle Altstimme der Königin an ihr Ohr, eine Frage nach der Mutter, die noch wohl bei ihr in Erinnerung stehe, und die Äußerung, daß deren Tochter in diesen Räumen, die lange Jahre hindurch die Heimat der ehemaligen Hofdame gewesen, freundlich willkommen geheißen sei! – Wo waren Ursulas keckliche Illusionen geblieben! Kaum, daß sie es wagte, die schüchternste Antwort zu stottern. »Sie hat Valeskas Augen geerbt, sonst finde ich jedoch keine Ähnlichkeit und keinen Zug aus der Sasseburgschen Familie!« bemerkte Ihre Majestät noch, mehr zu ihrer Palastdame gewandt, und dann schritt sie mit abermaligem Kopfneigen weiter, Henry und die andern Herrschaften durch eine Anrede auszuzeichnen. Auch die Herzogin von Würzburg richtete ein paar freundliche Worte an Ursula, und Prinzessin Kordelia reichte ihr mit einem unendlich anmutigen Lächeln sogar die Hand und war von so herzgewinnender Liebenswürdigkeit, daß der kleine Wildfang aus Groß-Wolkwitz erleichtert aufatmend das Köpfchen hob und wieder fester auf den Sohlen der weißen Atlasschuhe stand. Mit staunendem Entzücken weilte ihr Blick auf der Prinzessin, die in ihrem weißen Spitzenkleid zart und liebreizend wie ein Duftgebilde vor ihr stand. Die kurzgeschnittenen Löckchen umrahmten das rosige Gesichtchen, das wie das des gütigsten Engels mit samtschwarzen Augen zu ihr herniederlächelte. Jede Bewegung war graziöse, mädchenhafte Würde, jedes Wort vornehme Natürlichkeit. Ursulas Befangenheit war wie durch einen Zauberschlag verflogen, und dennoch klopfte ihr Herz vor Angst, irgend etwas Ungehöriges zu tun. Sie würde es ja gar nicht überleben, wenn sich auch die Augen der Prinzessin Kordelia so unheimlich starr auf sie heften wollten, wie die der andern Leute. Bei Tafel überwand Ursula den letzten Rest ihrer Scheu. Sie saß der Prinzessin gegenüber, einen sehr liebenswürdigen Kammerherrn auf der einen und Graf Henry auf der andern Seite. Ihre Lebhaftigkeit, stets rechtzeitig gezügelt durch Gräfin Antignas warnenden Blick, mutete durch ihre naive Frische an, und die Palastdame sah mit Stolz auf ihre beiden Schutzbefohlenen, denen sie die Hofluft als heilsame Arznei verschrieben. Ihr menschenscheuer Sohn schien deren ersten Tropfen mit vollem Behagen zu schlürfen. Seine Lippen blieben zwar noch stumm, aber seine Stirn war heiß gerötet, und seine Augen, die wie gebannt an Prinzessin Kordelia hingen, leuchteten in heißer, leidenschaftlicher Glut. Seltsam, rote Mohnblüten schmückten auch die Brust der jungen Fürstin. IV. Als der Premierleutnant von Flanken den Brief des Generals von Groppen gelesen und Niekchens sehr vergnügten, ausführlichen Bericht der Expedition angehört hatte, setzte er sich langsam auf den nächststehenden Holzschemel nieder und ließ die Hände schlaff herniederhängen. »Wann mich jetzt nit der Schlag rührt – nachher tut er's nimmer!« stöhnte er, in seinem heimatlichen Dialekt sprechend, was er stets tat, wenn ihn seine Gefühle übermannten, und dann wandte er den Kopf zu dem seitwärts stehenden Frantusch und sagte lakonisch: »Niekchen, einen Schnaps!« Und der biedere Wasserpolacke öffnete behend den kleinen Eckschrank, in dem sein Gebieter stets einen »Ohnmachtshappen« in Form eines gigantischen Schwartenmagens oder Edamer Käses bereitstehen hatte, ergriff die dickbauchige Flasche, darinnen ein derber Gilka gluckerte, und kam den schwer geprüften Nerven seines Leutnants zu Hilfe. »So; und nun die erste Garnitur!« Mit schwerem Stoßseufzer kleidete sich Flanken um, nachdenklich vor sich hinstarrend, und dann und wann einen Gedankensplitter im Selbstgespräch publizierend: »Eine nette Bescherung! – eine angenehme kleine Visite – Bomben-Hagel-Element – jetzt kann mir der heilige Münchhausen beistehen, daß ich mich aus der Soße wieder herauslüge!« Niekchen stand in unbehaglichem Nichtbegreifen seines Herrn mit der Kleiderbürste bereit und kratzte in der Angst seines Herzens drauf los, als wolle er den Rücken des Herrn Leutnants so spiegelblank wichsen wie seine Stiefel. Endlich legte er ihm den Paletot über die breiten Schultern, und Flanken klirrte mit umwölkter Stirn nach der Tür. Er war schon halb hinausgetreten, als er sich noch einmal umwandte: »Niekchen!« »Befehl, Herr Leutnant!« »Wann gehste wieder zur Beichte?« »Geh ick übermorgen, Herr Leutnant.« »Na, dann vergiß nicht, dem Herrn Pfarrer mit zerknirschtem Herzen einzugestehen, daß du das größte Rindvieh bist, das jemals auf dem lieben Herrgott seiner Weide gegrast hat! – Kapiert?« Niekchen machte ein unendlich klägliches Gesicht und senkte schuldbewußt das Kinn auf die Drelljacke, Flanken aber legte ihm wehmutsvoll die Hand auf die Schulter und fuhr mit schwerer Betonung im süddeutschen Stimmklange fort: »A Sünd ist's ja grad nit, Niekchen, aber ... schön ist's a nit!« Sprach's und schritt mit rasselndem Säbel die Treppe hinab. Niekchen aber schämte sich so sehr, daß ihm ganz schwach wurde, und davon wußte der Gilka ein Lied zu singen, frei nach Wilhelm Busch: »Das eben ist ja das Malheur, wer Sorgen hat, der trinkt Likör!« Leutnant von Flanken aber warf sich in die nächste Droschke und fuhr zum General von Groppen. Er traf die ganze Familie in heiterster Laune bei dem Kaffee an, der nach dem Diner im Zimmer des Generals getrunken wurde, und fand, daß die Situation nicht so peinlich war, wie er sie sich vorgestellt hatte. Herr von Dern-Groppen nahm ihn allerdings mit schlagendstem Witz in Empfang und glaubte an alles andere eher, als an eine von Niekchen verursachte Konfusion, und als Flanken mit stets wiederholten sporenklirrenden Verbeugungen versicherte, daß er so gern das Tanzfest der Herrschaften besuchen würde, da nahm ihm der General lachend die Tschapka aus der Hand und sagte: »Na, dann stellen Sie Ihr Schlachtschwert mal in die Ecke und versuchen Sie es, ob Sie meine schwer entrüsteten Damen wieder versöhnen können! – Haben Sie über die nächste Stunde verfügt? – Nein? ... Na famos, dann rauchen Sie eine Friedenspfeife mit uns und lesen Sie zum Dessert die Konduite, welche Ihnen Jolante heut ins Tagebuch geschrieben hat!« Ja, Jolante! Flankens Blick kehrte immer wieder zu ihr zurück, denn sie war die einzige, die das Näschen ein wenig pikiert zurückwarf und ihn mit den großen, träumerischen Augen sehr vorwurfsvoll ansah. Wie sollte er sie nur wieder gutmachen? Flanken wurde es vor Angst siedend heiß. Und wie unglaublich reizend sie wieder aussah! Wenn sie die Mokkatäßchen neu füllte, sahen ihre schneeweißen Händchen wie graziöse, kleine Schmetterlinge aus, die das Silbergeschirr umflatterten. Mit so viel Liebenswürdigkeit war noch niemals ein junger Offizier im Groppenschen Haus aufgenommen worden, wie Flanken, der nach einer Viertelstunde schon so seelenvergnügt im Kreise seiner neuen Freunde saß, als habe er schon manchen Scheffel Salz mit ihnen gegessen. Auch Jolante hatte sich versöhnen lassen, und wenn sie lachte, verwunderte sich Flanken jedesmal von neuem und dachte: »Gerade solche Zähnchen hatte die Wachspuppe meiner Schwester, die ich, als höchste Auszeichnung, spazieren tragen durfte, damals, als wir Kinder noch im heimatlichen Park spielten und ich mit Passion die Rolle des Kindermädchens übernahm!« – Ja, damals hatte es sich Flanken als höchstes Glück gedacht, auch einmal solch eine Wachspuppe zu Weihnachten zu bekommen. Dann erinnerte er sich plötzlich des versprochenen Malunterrichts, und weil gerade eine Pause im Gespräch eintrat, mahnte er Jolante sehr ernsthaft an ihre Verpflichtungen. Sie nahm's wider Erwarten freundlich auf, und unter allgemeinem Gelächter wurde dem Premierleutnant die Erlaubnis erteilt, an den Malstunden der jungen Damen hier im Hause teilzunehmen. Er bestand darauf, daß der Kursus sofort beginne, und richtig, am andern Tag schon, zur festgesetzten Stunde, klingelte es sehr energisch an der Groppenschen Haustür, und Herr von Flanken betrat mit feierlichem Gesicht das Vestibül, hinter ihm Niekchen, der eine riesige Leinewandmappe und einen großen Kasten voll der schönsten Farben und Pinsel trug. Die junge Malerin, die den Unterricht erteilte, hatte gar nichts dagegen, daß der Ulanenoffizier sich an den Stunden beteiligte, und Fürst Sobolefskoi sah sich den Fall mit an und lachte Tränen bei der ausgelassenen Stimmung, die die sonst so langweiligen Stunden plötzlich beherrschte. »Sagen Sie mal, gnädiges Fräulein, kann ich nicht auch solch eine Schürze vorgebunden bekommen, wie die Damen solche tragen?« fragte Flanken in seinem tiefen Baß, und die Lehrerin nickte zu Jolantes lautem Lachen ganz ernsthaft und sagte: »Wenn Sie Öl malen wollen, würde es der Uniform wegen sehr dienlich sein! Haben Sie irgendeinen Wunsch, welches Bild oder welche Vorlage Sie kopieren möchten?« Der Ulan wiegte das Haupt mit dem blonden Kraushaar überlegend hin und her. »So was recht Appetitliches! Vielleicht ein Stilleben mit 'nem Fasan und Austern drauf – können auch ein paar Hummern dabei sein!« Jolante, Lena und Fürst Sobolefskoi lachten noch mehr, Fräulein Sorgisch aber blickte den Sprecher ganz erstaunt an und sagte: »Solch ein Künstler sind Sie bereits, daß Sie sich an derart schwierige Aufgaben wagen wollen? Allen Respekt! Bei wem haben Sie bis jetzt gemalt, Herr Leutnant?« Flanken lächelte sie harmlos wie ein Engel an. »Bei niemand; ich bin Autodidakt!« »Haben Sie nicht ein paar Bilder mitgebracht?« »I, wie kann ich denn!« »Auch keine Zeichnungen?« »Gott bewahre!« »Aber ich bitte Sie, warum denn nicht?« Flanken sah ganz alteriert aus. »Ich kann doch meine Tischplatte nicht hierher schleppen! Und die paar Hunde und Kaninchen, die ich darauf entworfen habe, sind eben meine einzigen Zeichnungen!« Schallendes Gelächter. »So wollen Sie jetzt also überhaupt erst anfangen zu zeichnen?« »Schnacken! Ich male sofort los!« »Aber Herr von Flanken, das geht ja gar nicht!« »Na, dann kann ich ja in Gottes Namen erst mit den Faberschen Bleistiften losarbeiten!« fügte sich der riesige Schüler resigniert. »Schenken Sie mir ein Stück Papier Durchlaucht, oder kann ich meine Leinwand nehmen?« »Gott behüte, hier haben Sie ein Zeichenbuch!« Und Jolante breitete ein aufgeschlagenes Heft vor ihm aus, »jetzt wird mit Strichen angefangen: schöne gerade Striche – sehen Sie, so.« »Auf die Striche sollen Sie sehen. Fräulein, bitte, zeichnen Sie ihm vor.« Es war ein unendlich komisches Bild, wie der hünenhafte Mann mit der ungefügen Faust, voll feierlichen Ernstes begann, einen senkrechten und einen wagerechten Strich nach dem andern zu Papier zu bringen. »Hören Sie mal, Fräulein Sorgisch, das ist ja eine ganz elend schwierige Geschichte,« stöhnte er auf, »ich werde einfach das Lineal nehmen.« »Gott bewahre; alles aus freier Hand!« »Durchlaucht, Sie leiden das und wollen Mitglied des Tierschutzvereins sein?!« »Bitte, Herr von Flanken, nicht immer dem Fräulein Jolante beim Malen zuzusehen – selber tätig sein!« »Na ja, ich zeichne Ihnen ja schon wieder die schönsten Spargel, die Sie sich vorstellen können; ich muß mich immer mal verschnaufen, sonst bekomme ich den Zitterkrampf in die Hand! Apropos, ich will Ihnen mal eine prachtvolle Geschichte erzählen, gnädiges Fräulein, aber Sie müssen aufsehen und zuhören.« »Pst, gezeichnet wird und nicht geschwatzt!« »Aber erlauben Sie mal, Fräulein Sorgisch, soll das etwa der Zweck einer Malstunde sein, daß wir weiter nichts tun, als drauflos pinseln?!« Fürst Sobolefskoi amüsierte sich königlich, und es war ganz seltsam, wie Flanken, dieser wildfremde Mensch, gleich wie der beste und langjährige Freund plötzlich in dem Groppenschen Haus verkehrte, als verstünde sich das ganz von selbst. »Flanken ist ein Original, den man mit ganz anderem Maßstab messen muß, wie die übrigen Herren!« hatte Lena gesagt. »Bei diesem gutmütigen, liebenswürdigen und beinahe naiven Menschen kommt einem gar nicht der Gedanke, daß man ihm mit gewohnter Förmlichkeit begegnen müsse!« Und so erschien Flanken zwei Tage darauf abermals zu der Malstunde, und auch am Tage vor dem Groppenschen Ball klingelte Frantusch Niekchen an der wohlbekannten Haustür, nickte dem Diener Fritze vertraulich zu und überreichte das Zeichenbuch seines Herrn und Gebieters. »Ein Empfell soll ik machen von Premierleutnant, und Büchel abgeben. Hot Leutnant gesogt, daß er hot Dienst und kann sik nich kommen vor Viertelstundel. Soll ik warten auf Leutnant, wos hot Befell für mich weiteres.« Und Niekchen war überzeugt, daß es sich in der Küche auf alle Fälle angenehmer warte, als im Korridor, darum steuerte er direkten Wegs nach dem Souterrain, an das sich für ihn mehr leckere, als lyrische Erinnerungen knüpften. Fritze sah ihm mit naserümpfender Geringschätzung nach. Der Polacke war ein hübscher, gelenkiger Kerl, aber ein Kaffer durch und durch. Er hatte weder Pomade noch Parfüm im Gebrauch, und wenn das ja in erster Linie ein böses Zeichen für den Toilettentisch des Herrn von Flanken war, so mußte der Bursche dennoch für die Sparsamkeit des Leutnants büßen. In den Augen einer feinen Kammerjungfer fängt der Mensch erst mit Eau de mille fleures und einer goldenen Taschenuhr an, ebenso wie bei ihrer Dame die Existenz der Verehrer mit den Epaulettes oder Doktorhut beginnt. – Niekchen hatte keinerlei Chancen bei den Schönen des Souterrains, und Fritze war nicht im mindesten eifersüchtig, dennoch folgte er nach kurzer Zeit dem Ulanen, um ihm einen tüchtigen Anschnauzer zu erteilen. Selbstverständlich vor den Damen. »Für Leute seines Genres sei die Hintertreppe da!« erklärte er ihm ein für allemal, »und wenn er in seiner Dummdreistigkeit noch einmal den ›Aufgang für die Herrschaften‹ heraufgetrampelt käme, dann schlüge er ihm die Tür vor der Nase zu; er sei nicht engagiert, um Leutnantsburschen zu bedienen! Hier in der Küche sei auch kein Aufenthalt für ihn. Er könne gefälligst auf dem Korridor warten!« Niekchen grunzte etwas Unverständliches in die große Kaffeetasse, die er just zum Munde führte, hinein und reichte sie alsdann, Fritze völlig ignorierend, der dicken alten Köchin zurück. »Schmeckt sich so süß und heiß, wie sich muß schmecken Kußchen von dir, Marinka!« nickte er galant und wohlberechnend. Und die Beherrscherin der Kochtöpfe fand Niekchen einen scharmanten Menschen und stemmte die runden Arme in die Seiten. »Der Herr Niekchen wird ein für allemal hier in der Küche warten, verstanden? Hier habe ich's Wort.« Sprach's und füllte die Tasse abermals mit viel Kaffee und noch viel mehr Zucker. Es klingelte wieder, und diesmal kam Fräulein von Kuffstein und wünschte ihre Cousinen zu sprechen. Da flatterte Fritze graziös die Treppe empor, um anzumelden, Niekchen aber erfreute sich unter dem wohlwollenden Schutz der neuen Freundin eines ungetrübten, wundervoll ergiebigen Kaffeestündchens. In dem Salon der jungen Damen brannten die hellen Gasflammen über dem Tisch, an dem Fräulein Sorgisch die Nachmittagszeichenstunde erteilte. Ursula hatte abgelegt und erklärt: »Kinder, den Flanken muß ich pinseln sehen! Das denke ich mir ebenso vergnüglich anzuschauen, wie ein Nilpferd, wenn's Ballett tanzt!« Jolante warf etwas indigniert das Köpfchen zurück. »Wenn du dich etwa über unsern netten Flanken mokieren willst, dann laß dir im voraus sagen, daß wir das in unserem Haus nicht dulden werden!« »Bist verrückt! Ich und mich über den einzigen Menschen mokieren, der hier mein Leidensgenosse ist. – Es gewährt stets einen süßen Trost, wenn ein Tolpatsch einem andern begegnet!« Und Ursula wollte gewohnheitsmäßig die Arme dehnen, besann sich aber und ließ sich statt dessen in einem nahestehenden Schaukelstuhl nieder, um sich lebhaft darin zu schwingen. Fürst Sobolefskoi blickte scharf zu Jolante hinüber, als erwarte er ein Dementi für den »Tolpatsch«, sie schattierte jedoch gelassen an dem Baumschlag ihrer Zeichnung und schien nicht sonderlich zum Debattieren aufgelegt. Gleichzeitig fast trat Herr von Flanken ein und bestätigte das alte Sprichwort, daß der Wolf meistens hinter dem Busch steht, wenn man von ihm spricht. Ursula war sehr animiert und eröffnete sofort eine eifrige Unterhaltung, der reckenhafte Künstler in der Ulanka jedoch, welcher sich ebenso energisch wie ungeniert seinen Stuhl zwischen Jolante und Fräulein Sorgisch geklemmt hatte, hauchte, um sie zu erwärmen, so energisch in seine Hände, daß alle losen Seidenpapiere auf dem Tisch hoch aufflatterten, schlug feierlich sein Zeichenbuch auf und schaute, eine »Finznase« ziehend, mit zwinkerndem Blick zu Fräulein Kuffstein hinüber. »Hm, das möchten Sie wohl! Das könnte Ihnen gefallen, sich tatenlos hier in das Atelier zu setzen und recht hübsch unterhalten zu werden! Nee, nee, meine Gnädigste, so ist das nicht Mode bei uns, hier wird stramm gearbeitet! Was glauben Sie denn, wenn man gerade Striche ziehen muß, zweitausend Stück auf eine Seite, dann bedarf man der Sammlung!« Und er setzte den Bleistift an und füllte voll feierlichen Ernstes die Doppellinien mit »Lanzenschäften« aus. »Zum Schockdonnerwetter!« wollte Ursula auffahren, aber sie besann sich noch rechtzeitig darauf, daß Prinzeß Kordelia neulich bei Tisch an einer Dame getadelt hatte, »sie fluche wie ein Unteroffizier, und das sei widerwärtig!« und darum sagte sie nur, die Hände zusammenschlagend: »O du ewige Kümmernis, dann sterbe ich ja vor Langeweile!« »Hier – spitzen Sie Stifte! Weiß der Kuckuck, was für ein Kapital an Blei diese Striche verschlingen. Sie könnten eigentlich auch helfen, Durchlaucht, als Gegenleistung dafür, daß Sie hier unentgeltlich die Heizung und Beleuchtung des Ateliers mitgenießen! Fünf brennende Lampen! Sie wollen mich hoffentlich nicht glauben machen, daß Sie sich für Ihre Person allein fünf Lampen leisten würden!« Allgemeine Freude; Ursula und Fürst Sobolefskoi unterstützten den fleißigen Premierleutnant durch prompte Instandhaltung des Handwerkszeuges, das der Kraft solcher Finger nicht gewachsen war. »Nun sag' doch einmal, Lena, wie viele Menschen kommen eigentlich morgen abend zum Ball?« begann Cousinchen Kuffstein von neuem die Unterhaltung, schob die Lippen vor und schabte eifrig an dem »Faber Nr. 3«. – »Onkel ist ja ganz geschwollen vor Wonne und Stolz, daß Prinzeß Kordelia für eine Stunde ihr Erscheinen zugesagt hat! Eben als ich kam, guckte ich in den Tanzsaal hinein und sah ihn mit den Dekorateuren höchlichst interessiert herumwirtschaften; na, ich wünsche gesegnete Mahlzeit, das wird wieder einen guten Batzen kosten!« »Ich habe mir die Räumlichkeiten ebenfalls angesehen,« nickte Fräulein Sorgisch, den Pinsel in die Siena tauchend, »und glaubte mich wirklich in einen Feenpalast versetzt. Wenn sich in dem kleinen Boudoir, das mit blühenden Orangen und rosa Kuppeln dekoriert ist, nicht sämtliche junge Herrschaften verloben, dann begreife ich's nicht.« »Erlauben Sie mal, Fräulein Sorgisch!« Flanken hob mit vorwurfsvollem Blick den Kopf und deutete auf sein Zeichenbuch, »nennen Sie das etwa Zeichenstunde? Sie müssen auf die Individualität Ihrer Schüler eingehen und aufregende Gespräche im Beisein eines Leutnants vermeiden. Wenn Sie von Verloben reden, bekomme ich Herzklopfen, und das ist der Ruin für eine ruhige Hand. Hier, sehen Sie sich die Folgen Ihrer Tat an, ist das eine gerade Linie?« »Nein, das ist der reine Forellenbach!« »Ruhig, ich werde Herrn von Flanken die Geschichte vom Bratwürstchen oder vom Däumelinchen erzählen, die regt ihn sicherlich nicht auf.« »Was wissen Sie denn von meinem Gemütsleben, Fräulein Urschel-Purschel! Es gibt gar keine größere Alteration für einen hungrigen Menschen, dem es erst in zwei Stunden zum Futterschütten bläst, als an Bratwurst erinnert zu werden, und was das Däumelinchen anbelangt – ja, so ein Däumelinchen zerstreut mich auch. Da interessiert es mich, was solch winziges Ding wohl mit Sack und Pack wiegen mag, oder was es für eine Handschuhnummer trägt.« »Aber Herr von Flanken!« Jolante zog voll Entrüstung, unter lautem Gelächter der Umsitzenden, ihre Hand zurück, denn der Sprecher hatte mit einem Pinsel in den »Karmin« getupft und in der Zerstreutheit »Nr. 3½« auf die zierliche Rechte seiner Nachbarin geschrieben. »Gräßlich! was einem gedankenwirren Menschen doch alles passieren kann! Einen Augenblick, mein gnädiges Fräulein! Das sollte fehlen, daß Sie die teuren Stunden schwänzen, um sich die Hände zu waschen.« Und Flanken zog hastig die Fingerchen Jolantes an die Lippen und drückte auf die Nr. 3½ einen Kuß. »So! Die Hauptsache ist verblaßt, mit dem Rest können Sie nach der Stunde abrechnen.« Ein lautes, übermütiges Durcheinander, Jolante schmollte mit dem zierlichsten Mündchen und Lena drohte lachend, daß kommentwidrige Kunstschüler an den Katzentisch kämen. Allmählich legten sich die hohen Wogen. Flankens Striche wurden immer abenteuerlicher, und er versicherte, daß er ganz entschieden mehr Talent für Bogenlinien habe. Daraufhin durfte er Kreise in Quadrate zeichnen, was unter qualvollem Stöhnen effektuiert wurde. Zu einem hübschen, runden Ringlein konnte er es nimmer bringen, aber er gab sich, laut seiner Versicherung, die erdenklichste Mühe. Vorläufig glichen seine kühnen Entwürfe allerdings mehr der Grenzlinie Bayerns, als einem zirkelrunden Kreise. Daniel amüsierte sich köstlich. Der schwere Kavallerist mit seiner gemütlichen Baßstimme und dem biederen Humor hatte sein ganzes Herz erobert. Wolkenlos lachte der Himmel über seinem Haupt, und der einsame, liebearme Mann lachte zum erstenmal im Leben so recht aus frohem, leichtem Herzen und überflog mit zärtlichem Blick die kleine Runde: Ach, daß es doch immer so bliebe! Wiederum spielte das Gespräch auf den bevorstehenden Ball hinüber, und Jolante versicherte mit leuchtenden Augen, daß sie unendlich gern tanze, und daß ein guter Walzertänzer ihr noch weit lieber sei, als ein perfekter Schlittschuhläufer. Flanken fuhr, seiner Gewohnheit gemäß, mit den gespreizten Fingern durch sein Kraushaar. »Diesmal tanzen wir aber die Polonäse zusammen!« schmunzelte er. »Königin Gudrun kann ich doch nicht wieder mitbringen!« »Polonäse?« Jolante lehnte das Köpfchen zurück und wickelte eine ihrer lichtblonden Locken in lässigem Spiel um den Bleistift. »Es wird leider keine Polonäse morgen abend getanzt!« Der Ulan klappte mit wuchtigem Nachdruck sein Zeichenbuch zu. »Keine Polonäse getanzt? Und das soll ein Ball sein?! Nahmen Sie mir's nicht übel, aber da kann mir Ihr ganzes Fest mitsamt all seinen Prinzessinnen und Exzellenzen sechsundzwanzigmal aus dem Tornister fallen! Ein Ball und keine Polonäse! Keine Polonäse, wenn ich komme! Das ist ein Crimen capitale ! Das brauche ich mir nicht gefallen zu lassen! Adjeh Sie, ich gehe nach Hause!« Fräulein Sorgisch lachte, daß sie beide Hände gegen die Schläfen drücken mußte. »Aber Herr von Flanken, warum legen Sie denn just so viel Wert auf die Polonäse?« »Weil das überhaupt der einzig menschenwürdige Tanz ist!« zürnte der junge Offizier in scherzhaft outrierter Erregung, »all die anderen Ballettsprünge spielen keine Rolle bei mir.« »Das nenne ich umgekehrte Welt! Bis jetzt hörte ich stets, daß der Kotillon der verhängnisvolle ›Brennpunkt‹ der Tanzkarte sei! Wenn eine junge Dame von ein und demselben Herrn öfters zum Kotillon engagiert wird, so sind seine Namenszüge, die so harmlos auf dem goldgeränderten Kärtlein aussehen, doch meistens Wölkchen, die Hymens leuchtender Fackel vorauswehen, und wenn ein junges Mädchen den Kotillon für einen bestimmten Tänzer reserviert, so ist Heines Phönix völlig berechtigt, auch von ihr zu singen: Sie liebt ihn, sie liebt ihn!« »Famos, Durchlaucht! Diese ›Kundgebung an mein Volk‹ werde ich mir sofort einmal notieren! Kotillon, weiß der Teufel, was das für einen Menschen, der die Tanzsäle quasi nur vom Hörensagen kennt, für einen unheimlichen Klang hat!« Flanken legte die Arme behaglich breit auf den Tisch und musterte die jungen Damen der Reihe nach. Ein verschmitztes Lächeln spielte um seine Lippen. »Also der Kotillon! Na, Fräulein von Kuffstein – da wir so ganz unter uns sind – für wen heben Sie denn diesen inhaltsschwersten aller Ringelreihen auf?« Ursula schnitt ihm eine Grimasse. »Für Sie ganz entschieden nicht.« »Sehr brav! Sterne – und sind es selbst nur die auf den Achselstücken eines Premiers – begehrt man nicht, und Bescheidenheit ist die Zierde der Jugend. Für Sie gilt höchstens ein Sekondeleutnant.« »Aber einen Grafen!« fuhr die Kleine ganz entrüstet auf. – Schallendes Gelächter. »Die Flammen-Lohe an Hymens Fackel schlägt bereits zum Himmel!« lachte Flanken, mit der Hand in seiner tolpatschigen Manier auf den Tisch schlagend. »Also hier sind wir orientiert. Weiter. Für wen reservieren Sie, Fräulein Jolante?« Die junge Dame richtete ihre träumerischen Augen auf das frisch gerötete Antlitz des Fragers, legte den Bleistift an die Lippen und besann sich einen Moment. Fürst Sobolefskoi räusperte sich sehr prononciert. »Für den jungen Maler Malte van Doornkat; er ist der genialste Künstler, den ich jemals kennenlernte, und erhält auf der nächsten Ausstellung sicherlich einen Preis.« Jolante sprach langsam und entzückt. »So!« Flanken klappte sein Zeichenbuch wieder auf und lachte, aber seine Heiterkeit hatte diesmal einen feinen Beigeschmack von Ingrimm. »Also ein zweites Herz, das keine Mördergrube aus sich macht. Da haben wir's ja, ein schwindsüchtiger Rafael mit einem Schwanenhals uno Schlangenlocken, pfui Deiwel, so ein Kerl sieht ja aus wie eine Auster, die in Ziegenmolke schwimmt!« »Aber Herr von Flanken!« Der junge Offizier hatte voll Zorn ein sehr kühnes, langnasiges Profil in sein Zeichenbuch entworfen, jetzt legte er den Stift resigniert hin. »Na, wenn es Ihnen ein Trost ist, auch wie der Apoll von Belvedere, kommt ja alles auf eins raus. Mich soll's freuen, wenn er eine Medaille bekommt, meinetwegen selbst die von der Mastviehausstellung, wo man selbst meine besten Hammel keiner Dekoration gewürdigt hat.« »Oh, pour condoler !« »Danke, gnädiges Fräulein« – Flanken reichte Lena die Hand entgegen – »ich sehe, Sie sind unter Larven die einzig fühlende Brust.« Ursula griff drohend nach dem Wasserglas. »Soll ich?!« Aber der Ulan fuhr, ungeachtet der allgemeinen Entrüstung, wehmütig fort: »Und darum darf Ihre schöne Seele nun als dritte im Bunde auch ihr Bekenntnis ablegen. Mit wem tanzen Sie den Kotillon? In Anbetracht dessen, daß Sie noch nicht vorbestraft sind, mit Rücksicht auf die obwaltenden Verhältnisse und Ihr reumütiges und unumwundenes Geständnis, wird unser hoher Gerichtshof auf Milderung der Strafe erkennen und Diskretion üben!« Daniel rückte interessiert näher, er stimmte in das allseitige Gelächter mit ein, allein sein Blick schweifte forschend unter den dunklen Wimpern hervor und haftete auf dem zarten Profil, das Lenas Köpfchen ihm zuwandte. »Ich bin morgen leider Gottes als Wirtin dazu verurteilt, Kotillon zu tanzen!« lächelte sie, »aber ich lasse den Zufall walten und ergebe mich in jede seiner Launen.« Flanken kniff das rechte Auge zusammen. »Ach, was da! – Ausflüchte – schöne Redensarten! Sie fürchten nur, Sie müssen anstandshalber mich nennen, weil ich Ihnen eben auch etwas Honig serviert habe! Aber unbesorgt, ich bin bereits seit langer Zeit in festen Händen – tanze den Kotillon mit Durchlaucht hier! Also nun frisch von der Leber weg, welcher von all den Tänzern läßt Ihr Herzchen schneller klopfen, und bei welchem halten Sie nicht den Daumen auf den Kotillon, wenn er um einen Tanz bittet?« Lena lachte herzlich auf. Dann legte sie feierlich die Hand auf das Herz. »Bei keinem, Herr von Flanken, ich versichere es Ihnen.« »Bei meiner Schwester hat die Natur einen großen Fehler begangen,« nickte Jolante zustimmend, »sie hat sich vergriffen und ihr statt eines Herzens noch eine zweite Seele der Freundschaft geschenkt.« »Wieviel bekomme ich, wenn ich das glaube?« »Wir bestechen nicht, namentlich nicht, wenn wir für diesen Glauben Proselyten machen wollen!« »Ich gehe jede Wette darauf ein, daß der Natur just in entgegengesetzter Weise eine Verwechslung passierte. Anstatt der beiden Seelen der Freundschaft gab sie Ihrer Fräulein Schwester ein Herz, das jedoch so groß ausfiel, daß es nicht leicht hält, eine Liebe zu finden, die es gänzlich ausfüllt. Daß diese Liebe aber jetzt gefunden ist, davon bin ich fest überzeugt!« »Ah, hört, hört! Der weise Flanken spricht, und Flanken ist ein ehrenwerter Mann!« »Na, da beobachten Sie doch einmal, wie die Gnädigste dieses vierblättrige Kleeblatt malt. Diese Innigkeit, dieser Schmelz – so etwas von Hingabe ist mir bei einem Kleeblatt überhaupt noch gar nicht vorgekommen! Und nun erst das Vergißmeinnicht daneben. Der Pinsel zittert ja förmlich, wenn er daran herumturnen muß! Soll das etwa mit rechten Dingen zugehen? Ich versichere Sie, meine Herrschaften, die Sache hat einen Haken! Und ich will Little Jumbo Plumpudding heißen, wenn nicht morgen abend ein Kavalier in den Tanzsaal tritt, dem das Herz des gnädigen Fräuleins genau so entgegenzittert, wie der Pinsel hier seinem Vergißmeinnicht!« »Bravo, wir fordern Beweise!« Sobolefskois Auge glühte auf. »Ja, ja, ein Königreich für einen Beweis!« lachte er nervös. Lena zuckte leicht die Achseln. »Wie schade, daß ein solcher nicht zu finden ist; ich würde mich sehr über die neue Visitenkarte des Herrn von Flanken freuen.« »Nicht zu bringen ist?« Flanken lachte und erhob sich, um nach dem Nebensalon zu schreiten. »Vorläufig halte ich die Wette!« »Na, na, man immer sachte mit die jungen Pferde!« höhnte ihm Ursula in ihrer drastischen Weise nach, aber sie stand ebenfalls auf und schaute ihm mit lustblitzenden Augen nach. Auch Fürst Sobolefskoi erhob sich. »Was sucht er denn da drinnen?« fragte er gedehnt. Aller Augen richteten sich auf den Garde-Ulanen, als er im nächsten Augenblick wieder über die Schwelle trat. In seinen Händen trug er die mächtige Alabasterschale, die als Seerosenkelch inmitten köstlicher, schwer silberner Blätter ruhte und die Visitenkarten der jeweiligen Saison barg. »So! – Glauben Sie, Durchlaucht, daß diese Lotosblume, ›die sich ängstigt und schweigend die Nacht erwartet‹, die Karten all jener Herren enthält, die morgen abend kommen werden?« »Ich glaube dem wohl mit Bestimmtheit zustimmen zu können!« Daniels Brust hob sich erleichtert ausatmend. » Bon , dann kann der Guß beginnen,« Flanken nahm feierlich Platz und stellte die Schale vor sich hin, »Jetzt wollen wir mal ein ganz einfaches Mittel versuchen, unsere Delinquentin zu überführen. Jede Opposition ist ausgeschlossen. Ich hatte nämlich mal eine Cousine, die glich Fräulein Lena von Groppen in ganz frappierender Weise, die wollte auch den Leuten ein X für ein U machen und sich dem Kloster verschwören, und eines schönen Tages gehe ich mir ihr spazieren und nenne plötzlich ganz aus dem Stegreif den Namen eines Kameraden: da bekommt sie einen Kopf wie Zinnober, bleibt stehen, schnappt nach Luft und drückt beide Hände gegen das Herz. Nach vierzehn Tagen war sie mit ihm verlobt.« »Brillant!« »Und nun wollen Sie auch mir den verräterischen Namen so meuchlings beibringen?« Lena lachte leise und melodisch auf. »Lesen Sie den Inhalt dieser Schale getrost vor, wenn ich in einen Zustand, ähnlich demjenigen Ihrer Fräulein Cousine, verfalle, verspreche ich Ihnen meine Verlobungsanzeige ebenfalls in elegantester Goldumrandung, so schnell wie sie der Drucker nur liefern kann, zu senden!« Flanken kreuzte dankend die Arme über der Brust und griff dann ein Päckchen Karten aus ihrem Behälter, um – die junge Dame scharf fixierend – langsam einen Namen nach dem andern abzulesen. Lena stützte das liebliche Haupt mit dem zarten, etwas bleichen Teint in die Hand und schaute ihm ruhig, ohne mit einer Wimper zu zucken, in die Augen. »Wir wollen der Jugend die Freude nicht verderben, Onkel Daniel!« hatte sie gescherzt. »Wollte ich die Probe verweigern, möchte Herr von Flanken falsche Schlüsse daraus ziehen.« Und Flanken nannte Namen um Namen, und alle Anwesenden saßen und schauten voll brennenden Eifers in Lenas unverändertes Antlitz. Daniel hatte sich erhoben und stützte sich aus den Sessel. Seine Finger liefen in nervösem Spiel an den Atlaspuffen auf und nieder. Fräulein Sorgisch aber hatte resigniert die Hände im Schoß gefaltet, all ihr Protestieren und zum Fleiße Mahnen war erfolglos geblieben. Da geschah etwas Unerhörtes. Flanken nahm eine neue Karte. »Eitel Freiherr von Altenburg – kommandiert zur Kriegsakademie«, las er, viel flüchtiger denn alle Namen zuvor. Ein leiser, halberstickter Aufschrei »Lena!«, der sich über Daniels Lippen rang, und dann flog der Sessel zurück und Fürst Sobolefskoi stand neben der schlanken Gestalt des jungen Mädchens, in fiebernder Erregung ihren Arm zu fassen. Jählings ausgerichtet, mit weit offenen Augen, zusammenschreckend, wie ein pfeilgetroffen Wild, starrte Lena auf die Lippen des Lesenden. »Altenburg?!« wiederholte sie mit zitternden Lippen, und dann ergossen sich heiße, glühende Blutwellen über ihr erbleichtes Antlitz, und die Hände preßten sich gegen die Schläfen, als wollten sie durch ihren kühlen Druck die stürmenden Gedanken festhalten. Ein jubelnder Lärm erhob sich, ein Rufen, Lachen, Triumphieren sondergleichen, und Lena gewann schnell wieder die Herrschaft über sich und schüttelte in süßer Verwirrung das Köpfchen. »Das war abscheulich! Onkel Daniel war mit im Komplott. Überraschung und Schreck müssen schwache Nerven alterieren!« Jolante hatte die Karte an sich gerissen. »Das ist ja der interessante Manöverleutnant! Wie, um alles in der Welt, kommt der hierher zu uns?!« »Das wißt ihr nicht?« schlug Ursula die Hände zusammen. »Als ich neulich mit dem Onkel Einladungen notierte, erzählte er nur, daß er Altenburg, der im Manöver irgendwie mit ihm in Berührung gekommen ist, hier begegnet sei und ihn aufgefordert habe, ihn zu besuchen. Er ist gewiß bei euch gewesen, als ihr zu den Jagden nach Olbernhau gefahren waret.« »Und der Fritz hat die Karten einfach hier in die Schale geworfen. Kein Mensch weiß davon – Onkel Daniel – mein Himmel, was ist dir?« Fürst Sobolefskoi war einen Schritt zurückgetreten, er nahm nicht die Karte, die Jolante ihm lachend dargereicht hatte, seine geballten Hände hingen schlaff hernieder. Ein Glühen und Blitzen ging durch seine Augen, sein Lachen klang fremd und rauh. »Ehrlich währt am längsten, Herr von Flanken!« rief er heftig, den Kopf schüttelnd. »Um des Scherzes willen verhalf ich Ihnen zum Siege, indem ich die arme Lena wie ein böser Bub erschreckte. Daß ich mir den möglichst harmlosesten Menschen aussuchte, den Herrn von Altenburg, dessen Besuch nicht mal in unserem Hause bekannt war, der nie im Leben weder eine Polka noch einen Kotillon mit meiner Nichte tanzte, mag Ihnen als Bestätigung meines kecken Streiches gelten!« »Nee, Durchlaucht – das ist hart, mir meinen Lorbeer so schnöde wieder vom Kopf zu reißen!« Und der junge Offizier wandte sich mit heiterstem Eifer zu Jolante und Ursula, sich deren Beistand zu sichern. Lena aber legte die Hand auf Sobolefskois Schulter, und da er sie ansah, schlug er die Augen nieder. »Du hast von Altenburgs Besuch und Kommando gewußt, Onkel Daniel?« Der Fürst biß die Zähne zusammen und schüttelte finster das Haupt. Da faßte sie hastig seine Hand und drückte sie. »Ich danke dir!« sagte sie leise, weich und herzlich. – – – Wüste, fieberhafte Träume quälten Daniel in der folgenden Nacht. Er war wieder Kind und stand in dem Garten von Miskow. Vor ihm blühte eine Lilie, die trug Lenas liebliches Angesicht, und um sie her flatterte jener unheimliche Vogel, der so oft seine schmerzensreichen Nächte noch um eine Qual vermehrt hatte, und trachtete danach, die Blume mit sich fort in die Lüfte zu führen. Und wieder fiel der Schuß, wie damals aus Alexandrowitschs Büchse, und der schwarze Vogel stürzte ihm vor die Füße, und da er sich neigte, ihn aufzuheben, schaute ihm das Antlitz des Freiherrn von Altenburg entgegen. Blut rieselt über Brust und Stirn. Aber Daniels Sinn ist nicht weich und erbarmend wie ehemals. Ein wilder Triumph glüht durch sein Herz, die Fieberschauer von Haß und Rache schütteln ihn. Und als er den Räuber seiner Lilie mit Fäusten packt, ihn gegen den Fels zu schmettern und mitleidslos die Hände hebt – erwacht er.   V. Die rotverhangenen, hell erleuchteten Fenster des Groppenschen Hauses schauten wie glühende Augen in die dunkle Winternacht hinaus. Wagen um Wagen rollte vor das Portal, und drinnen in dem ersten Empfangssalon stand der General, als liebenswürdigster und lebenslustigster Wirt seine Gäste zu begrüßen. Mit respektvoller Verneigung und schmeichelhafter Phrase bot er den verheirateten Damen den Arm, sie seiner Schwester Dorette, die im Nebensalon die Honneurs machte, zuzuführen, drückte herzlich die Hände der Herren und geleitete die jungen Mädchen in seiner heiteren und stets witzigen Weise weiter zu dem Tanzsaal, woselbst Lena und Jolante die Eintretenden empfingen. Es war bereits bekannt in der Residenz, daß General von Groppen eine Pracht und Eleganz in seinen Räumen entfaltete, welche mit den Festen des Hofes zu wetteifern schienen. Dennoch frappierte er die Gesellschaft stets aufs neue durch Arrangements, die kaum noch eine Steigerung in bezug auf Kostbarkeit und Schönheit möglich erscheinen ließen. Wie ein Kind sich am Anblick eines reichen Weihnachtstisches erfreut, berauschte sich Herr von Groppen an dem Duft der üppigen Blüten, die sein Geschmack stets bunter und brillanter emporschießen ließ, und gleichsam wie ein Roulettespieler, der dem Reiz der surrenden Kugel nicht widerstehen kann, blies er eine Seifenblase des Raffinements nach der andern in die Luft und war stolzer denn je im Leben, wenn die große Menge sie anstaunte und ihnen applaudierte. Fürst Sobolefskoi kannte genau die Einkünfte und Ausgaben seines brüderlichen Freundes. »Lieber Kurt, du hast sehr viel in den letzten beiden Jahren gebraucht,« wagte er einmal schüchtern zu sagen. »Falls du mit den Zinsen deines Vermögens nicht ausreichen solltest, hoffe ich, daß du ohne Skrupel auch über meine Revenüen verfügst!« »Wer weiß, ob ich dich nicht noch einmal zur Ader lasse, mein alter Junge!« lachte Herr von Dern-Groppen in Frühstückslaune. »Vorläufig sieh dir mal die Ernte auf meinem Schreibtisch an, wie ungeheuer weit die den Schnabel aufsperren kann! Siehst du, diesen Entenschnabel füttere ich mit den Rechnungen, deren Begleichung mir momentan kein Bedürfnis ist! Wenn das arme Vieh nichts mehr in sich aufnehmen kann, ziehe ich den Säckel! Also unbesorgt, Bruderherz, du siehst, es hat noch gute Wege mit dem Anpumpen!« Ja, damals faßte der gelbe Schnabel nur wenige unbedeutende Zettelchen, aber Daniels Blick streifte ihn öfters daraufhin, und die weißen Papiere mehrten und mehrten sich, daß es aussah, als werde es der armen Ente herzlich sauer, sie alle festzuhalten. Wie die Lichter glühten und flammten! Fürst Sobolefskoi stand der Saaltür gegenüber, an der der Freiherr von Altenburg momentan zögerte, ehe er sich durch den bunten Flor reizendster Mädchenblüten Bahn brach, die Töchter des Hauses zu begrüßen. Diese waren derart umringt und in Anspruch genommen, daß der junge Offizier just im Begriff stand, sich bis zu einer gelegeneren Zeit zurückzuziehen, als Lenas Antlitz sich ihm zuwandte und ihr Blick wie suchend über die Menge schweifte. Auge ruhte in Auge. Ein schnelles Lächeln verklärte ihre sonst so kühlen Züge, und den Kreis der jungen Damen und Herren mit bittendem Wort teilend, trat Fräulein von Groppen dem so spät erschienenen Gast ihres Hauses entgegen. »Welch eine Freude, Sie bei uns in der Residenz begrüßen zu können, Herr von Altenburg! Das vierblättrige Kleeblatt, das wir zum Abschied in Alt-Dobern teilten, hat Glück gebracht!« Weich und herzlich klang ihre Stimme, ganz anders als damals, als Lena ihn beim ersten Sehen begrüßte. Wie eine leichte Befangenheit lag's über ihrem Wesen, und Altenburg blickte höchlichst überrascht zu der Sprecherin hernieder und erwiderte genau so höflich und formell wie stets: »Glück allerdings, mein gnädiges Fräulein, und wohl in erster Reihe für mich, dem es in so überraschender Weise vergönnt wurde, seinen Respekt heute abend hier zu Füßen legen zu dürfen.« »Sie lernten meinen Vater während des Manövers kennen?« »Herr General war so liebenswürdig, sich dessen zu entsinnen.« »Papa hat nur ein gutes Gedächtnis, wenn sein vollstes Interesse ihn dabei unterstützt. Sie werden nun drei Jahre lang hier in der Residenz bleiben?« »Auf Kommando, mein gnädigstes Fräulein.« Ein feines Lächeln spielte um seine Lippen, und Lena hob den Fächer, ihm scherzend damit zu drohen. »Freiwillig wären Sie nicht gekommen?« »Nein!« »Je nun, wer zwang Sie dazu, Ihr kriegsakademisches Examen abzulegen?« Ein wunderlicher Ausdruck beherrschte momentan seine Züge, und sein Haupt hob sich noch steifer auf dem Nacken denn zuvor. »Wer zwingt einen Vogel – zu fliegen, einen Fisch – zu schwimmen? Niemand, auch seine eigene Wahl ist's nicht, lediglich dem Schicksal muß er sich fügen, das ihm Flossen oder Flügel wachsen ließ. Wem der Degen sofort als Angebinde mit in die Wiege gelegt wird, und wer als winziges Menschenpflänzlein bereits in den Boden des Kadettenkorps verpflanzt wird, der muß vorwärts auf der Bahn, darinnen seine Lebenskugel rollt. Wenn ein Vogel aber einmal begonnen hat, emporzustreben, so will er auch so hoch hinaus, wie ihn nur immer seine Schwingen tragen wollen!« Mit großen, glänzenden Augen blickte Lena zu ihm auf. »Antworten Sie auf eine jede Frage jedermann so ehrlich?« Wieder zuckte es wie Sarkasmus um seine Lippen. »Es nehmen wenige Menschen so viel Interesse an mir, daß sie meine Ansicht hören wollen.« Mit rauschendem Klang setzte das Orchester ein, den Ball zu eröffnen, und Altenburg verneigte sich und fuhr hastig fort: »Gestatten Sie, mein gnädiges Fräulein, daß ich Sie wenigstens Ihrem Tänzer zuführe, derweil ich selber dazu verurteilt bin, mich mit dem Zusehen begnügen zu müssen!« »Sind Sie krank?« »Nicht im mindesten.« »Was bestimmt Sie sonst, Publikum zu sein?« Er blickte sie überrascht an. »Mein spätes Erscheinen im Ballsaal, das mich um den Vorzug gebracht hat, einen Tanz von Ihnen zu erhalten!« Sie neigte lächelnd das Haupt auf den Maiblumenstrauß in ihrer Hand hernieder. »Vorläufig haben Sie mich noch um keinen gebeten!« »Mein gnädiges Fräulein ...« »Ein Plätzchen ist noch frei auf meiner Tanzkarte!« »Ein Zufall, auf den selbst die kühnste Zuversicht nicht hoffen konnte! – Gestatten Sie?« Sie reichte ihm die bemalte Elfenbeintafel. »Das Souper!« Sich gleicherzeit in ihrer gewöhnlich kühlen Art zu dem Leib-Dragoner wendend, der neben ihr die Hacken zusammenklappte und meldete, daß soeben Prinzessin Kordelia das Vestibül betreten habe. »Das Souper?« wiederholte Altenburg, als habe er nicht recht verstanden. Lena nickte ihm lächelnd zu, legte die Hand auf den Arm ihres Tänzers und schritt hastig vorüber, die Prinzessin und die Damen ihrer Begleitung zun begrüßen. An der Tür stand Daniel Sobolefskoi. Seine Brauen waren zusammengezogen, und seine tief umschatteten Augen hefteten ihren brennenden Blick auf Lenas Antlitz. Sie schritt vorüber, ohne ihn zu bemerken. Ihre Lippen lächelten, und die Korallenbeeren des goldlaubigen Ebereschenzweiges zitterten an der schnellatmenden Brust. Vor wenigen Tagen noch waren die kritischen Zungen der Residenz berechtigt gewesen, Fräulein Lena von Groppen »die Marmorbraut« zu nennen, heute aber schien sich das Wunder des Pygmalion wiederholt zu haben! Durch das Geäder des Steinbildes rollte urplötzlich warmes Blut, und die ersten Pulsschläge jungen Liebeslebens rührten scheu und leise das Herz in der Brust. Zum erstenmal schritt Lena an dem mißgestalteten Mann vorüber, ohne ihn zu sehen. Achtlos, gleich dem Kinde, das über eine blumige Au eilt und dabei nicht ahnt, wieviel Lebenskeime seine Sohle in den Staub tritt. Und der Klang eines jeden Schrittes, der das junge Mädchen von Sobolefskoi entfernte, ohne daß ihr Köpfchen sich ihm zugewandt, fiel wie eine zermalmende Last auf sein Herz. Aber es beugte sich nicht mehr so geduldig wie sonst dem erbarmungslosen Schicksal; Trotz und Erbitterung erfüllten es und die wilde Entschlossenheit, den Kampf mit dem Räuber seines Glücks zu wagen! – Als Ursula den Ballsaal betreten hatte, war ihr Blick ängstlich forschend von einem Antlitz zum andern geschweift, ob man sie hier auch mit den entsetzlich starren Augen fixieren werde, wie bei ihrem Debüt bei Hofe. Aber nein! Gott sei Dank, hier schienen die Leute ganz normal und urfidel veranlagt zu sein! Lachen und Scherzen, wohin sie blickte, und wohlig aufatmend und vollkommen davon überzeugt, daß es nur die Hofluft ist, die den Menschen Herzbeklemmungen verursacht, trat Ursula hinter ihre Cousine Jolante und versetzte ihr einen kordialen kleinen Stoß. »Rum Schecke!« lachte sie dazu in heimatlichen Lauten, schnitt der entsetzten jungen Dame eine übermütige kleine Grimasse und versicherte mit militärischem Honneur: »Zur Stelle!« Daß Jolante diese Begrüßung »sehr zimperlich« auffassen werde, hatte Fräulein von Kuffstein vorausgesehen und wollte ihren Witz gerade so recht von Herzen belachen in der festen Überzeugung, daß die Umstehenden sie dabei kräftig unterstützen würden! Aber sie unterbrach sich jählings. Erschreckend laut hatte ihr Gelächter geklungen, und niemand stimmte ein. Ringsum war die Konversation verstummt, alle Köpfe wandten sich ihr zu, und alle sahen sie mit großen, erstaunten Augen an, gerade so, wie neulich bei Hofe! Ein höchst unbehagliches Gefühl überkam die Kleine, und da sie gar sah, wie es um viele Lippen ganz fein und malitiös zuckte, und Jolante wie entschuldigend entgegnete: »Guten Abend, du Wildfang! Vorzustellen brauche ich dich nach diesem Entree wohl nicht, die Herrschaften haben es sämtlich gemerkt, daß du direkt aus dem Groß-Wolkwitzer Kälbergatter kommst!« Da schoß ihr das Blut jählings in die Wangen, Ja, jetzt lachten die Umstehenden, und ein ältlicher Kammerherr applaudierte Jolante mit beiden Daumen und näselte: »Vorzüglich pariert, meine Gnädigste!« – Da merkte Ursula, daß die Residenzler sämtlich einen echten, rechten Witz gar nicht zu würdigen wissen, sondern nur fades Wortgeklingel für ihr Amüsement verlangen. Gut! Künftighin wird sie sich hüten, »Kaviar fürs Volk!« zu servieren. Was ist der Dank dafür? Daß man hören muß, wie ein Leutnant lachend zu dem andern sagt: »Allerliebste Kleine! Aber noch völlig undressiertes Jagdhundel!« Soll sie die Leute ärgern und nach Hause gehen? Ja, wäre sie auf einem Fest im Wolkwitzer Kreise, würde es Sensation erregen, hier aber bemerkte man es gar nicht und amüsierte sich ruhig weiter, dieweil Ursula sich zu Hause sträflich langweilen würde. Oh, es ist ein abscheuliches Gefühl, wenn man sich so völlig als Null und Nichts vorkommt, Fräulein von Kuffstein fühlte sich dadurch in hohem Grade deprimiert. Glücklicherweise trat Graf Lohe an ihre Seite und begrüßte sie in seiner liebenswürdig eleganten Weise. Er sprach sehr gedämpft und stieß noch vornehmer mit der Zunge an, wie in Groß-Wolkwitz. »Ich hörte vorhin sehr laut hier im Saal Lachen,« sagte er nach etlichen Worten der Begrüßung. »Es klang entsetzlich – nicht als ob es aus einem Cercle der ersten Gesellschaft, sondern vom Dorfbrunnen herüberschallte.« »Ich bin ja auch eine Landpomeranze!« fuhr Ursula trotzig empor, und doch wurde sie dunkelrot dabei, »ich lache, wie mir der Schnabel gewachsen ist, und wenn sich die albernen Leute hier einbilden, sie könnten mich schurigeln, dann irren sie sich.« »Ah, Sie waren die so hörbar vergnügte Dame,« lächelte Lohe fein. Nun, dann hat die Sache nichts auf sich, von Ihnen erwartet man derartiges und verzeiht es.« Ursulas Auge blitzte höchlichst gereizt zu ihm auf. »So! Von mir erwartet man Taktlosigkeiten? Wie kommen die Menschen zu solch einer Frechheit?« »Je nun,« der Graf zuckte die Achseln und suchte sein Amüsement über die Selbstkritik des Backfischchens hinter ernster Miene zu verbergen – »Ihre übermütigen Streiche aus Wolkwitz und Umgegend sind durch die Manöver-Einquartierung hierher kolportiert worden. Man entschuldigte sie mit Ihrer großen Jugend und Naivität und dachte: von einem kleinen Landfräulein kann man unmöglich die Allüren einer Dame beanspruchen!« Das wirkte. Die Fingerchen der Kleinen krampften sich in tiefbeleidigtem Selbstgefühl zusammen. »Ich bin aber eine Dame, und ich will's, daß man alles, selbst Allüren von mir verlangt!« rief sie zornig, aber dennoch mit ausfallend gemäßigtem Organ, auch stampfte sie dazu mit dem Füßchen auf, wenngleich nur ganz leise. »Ich konnte es doch nicht riechen, wie es die Menschen hier mit ihrem verrückten Geschmack verlangen, nun ich es aber weiß, will ich ihnen zeigen, daß ich mich zehnmal so gut benehmen kann wie sie, Potzdonnerwetter ja!« Lohe schauderte. »Diese kleine Bestätigung gehört zu den Sprachblüten, die auf dem Turf – nicht aber auf dem Parkett gepflegt werden. Prinzessin Kordelia ist ein solches Armeedeutsch im Munde einer Dame verhaßt. Also charmant, Fräulein Ursula, zeigen Sie der Gesellschaft, daß Sie kein übermütiges Kind, sondern ein Fräulein von Kuffstein sind, deren Würde man zu respektieren hat!« Ursula warf das reizende Köpfchen, in dessen dunkellockigem Haar ein Kranz von Goldhafer glitzerte, herausfordernd in den Nacken. »Gut ich werde jetzt mal die Würde rausbeißen. Aber das sage ich Ihnen, wenn man auch dann noch etwas an mir herumzuschnobbern –« »Zu mäkeln!« »– zu mäkeln hat, dann schieße ich mit Spatzenschrot in diese ganze Pastete hier hinein und reise ab!« Lohe senkte resigniert das wohlfrisierte Haupt. Eine Eiche fällt nicht auf den ersten Hieb, dachte er, und der gute Wille ist auch schon etwas wert. Dann bat er schnell noch um den Kotillon, denn von allen Seiten drängten die Herren herzu. »Nun werden sie ihr die Cour machen, ihren Unarten als ›etwas riesig Originellem‹ Beifall klatschen und damit von neuem Steine auf unser mühsam bestelltes Feld werfen!« meditierte er seufzend und sah es ganz überrascht mit an, wie Ursula zum erstenmal »Würde herausbiß«. Flanken klappte die Sporen vor ihr zusammen und stellte etliche Kameraden vor. »Mein gnädigstes Fräulein, wie steht's mit einem Hoppeldeia, dem deutschen Reigentanz?« lachte Fürst Schlüfften, sich hastig vordrängend und sichtlich auf eine naive Antwort gespannt. »O weh,« dachte Lohe, »der schlägt sofort den richtigen Ton an. Darauf bleibt ›Urschel-Purschel‹ nichts schuldig!« Aber er irrte sich. Die Kleine neigte sehr gemessen das Nasenspitzchen und reichte stumm ihre Tanzkarte. »Was bekomme ich?« – »Eine deutsche Reichsprovinz für den Kotillon!« – »Meine Gnädigste, ich bitte um den Herzenstanz!« schallte es in lautem Durcheinander um sie her. Ursulas Blick schweifte in die Runde, langsam, gleichgültig musternd. »Geben Sie die Karte weiter, Fürst Schlüfften, und wenn sie gefüllt ist, bringen Sie sie mir dort nach dem Diwan, wo ich mich jetzt mit Graf Lohe hinsetze.« Sie sprach in dem Ton einer jungen Schauspielerin, die zum erstenmal eine Heroine spielt. Einen Moment sahen sich die Herren ganz überrascht an. Dann versuchten sie ihr Heil von neuem. »Aber mein gnädiges Fräulein, wollen Sie nicht selber die Tänze nach Verdienst und Wohlgefallen verteilen, auf daß jedem das Seine zufällt?« »Nein, das ist mir ganz ...« Wurscht, wollte sie eigentlich herausplatzen, aber sie besann sich noch rechtzeitig und sagte sehr wohlerzogen: »gleichgültig!« »Wir werden uns mit blanken Säbeln um diese Karte raufen! Bestimmen Sie wenigstens die Reihenfolge.« Ursulas Auge blitzte auf, aber ihr Mündchen faltete sich noch spöttischer denn zuvor. »Immer der Anciennität nach, meine Herren!« – sprach's und legte die Hand würdevoll auf Lohes Arm, »Bravo! Famos!« schallte es ihr in lautem Gelächter nach. Die Kleine blickte jählings zu Lohe auf. »Die Kerle lachen mich wohl aus? Habe ich wieder etwas Dummes gesagt?« fragte sie ergrimmt, »Nein, mein gnädiges Fräulein, Sie haben Ihre Sache vortrefflich gemacht!« versicherte er eifrig. »Dieses Lachen war lediglich Beifall; Schlagfertigkeit applaudiert man stets, wofern sie graziös bleibt.« Das Erscheinen der Prinzessin Kordelia wurde angekündigt, und Lohe erhob sich hastig, Fräulein von Kuffstein in den Kreis der jungen Damen zu führen. Sein Blick streifte zuerst seine eigene Person, an dem tadellosen Ballanzug hernieder bis auf die zierlichen Spitzen seiner Lackstiefel. Er sah exquisit elegant aus wie stets, und seine schlanke Figur präsentierte sich außergewöhnlicherweise im Frack noch vorteilhafter als in der Ulanka. Dann musterte er verstohlen seine Nachbarin. Sie war reizender denn je, die Toilette nagelneu, kostbar und geschmackvoll, aber ein Spitzentaschentuch war in höchst unerlaubter Weise auf der Hüfte unter den Goldstoff der Taille geschoben und verdarb den ganzen Eindruck der sonst so distinguierten Erscheinung. Auch die langen Handschuhe hatte Ursula nur sehr flüchtig hier und da einmal durch einen Knopf geschlossen, und darum hingen sie sehr unordentlich um die Arme herum, deren schöne Form durchaus beeinträchtigend. »Nein gnädiges Fräulein, Sie werden Ihr Taschentuch verlieren.« »Auch noch! Hat meinem Alten über zweihundert Mark gekostet!« Und die junge Dame stopfte es zu noch dickerem Knäuel unter die Taille hinaus, »Oh, wie häßlich das aussieht.« »Kümmert mich den Kuckuck! Ick bekomme ja die Pimpelgicht, wenn ich jedesmal eine halbe Stunde nach der Tasche suchen soll!« »Gleichviel. Diese Art von Transport kennt man bei den hiesigen Damen nicht!« »Die kennen überhaupt noch blitzwenig!« fuhr die kleine ärgerlich auf, aber sie riß das Tuch unter der Corsage hervor und beförderte es in nicht allzu rücksichtsvoller Weise in die Tasche, daß der zarte, von Goldschmetterlingen besäte Krepp dabei etwas nachgeben mußte, irritierte sie wenig, Noch immer blieb der junge Graf zögernd stehen und biß sich unwillig auf die Lippe, »Na, mal ein bißchen Trab, sonst ist die Prinzessin wieder nach Hause gefahren, bis wir ankommen,« »Wollen Sie nicht erst die Handschuhe schließen? Sie können doch unmöglich –« »Bei der Pökelhitze? Ich komme ja um, wenn ich bis an den Hals in Ziegenleder kriechen soll! Nein – ist mir luftiger so.« Der Erbherr von Illfingen bekämpfte heldenhaft sein Entsetzen, »Aber Fräulein Ursula, Sie versprachen mir doch, in jeder Weise die Würde einer Dame zu wahren – haben soeben noch so scharmant damit begonnen –« Sie starrte ihn ganz betroffen an. »Wie? Auch Ihnen gegenüber soll ich mich so dämlich benehmen?« »Ohne Ausnahme uns allen gegenüber! Gerade mir gefallen Sie doppelt so gut, wenn Sie in jeder Weise Zeremoniell und Etikette berücksichtigen!« Eigentlich wollte sie sehr böse werden, da er aber den Kopf sehr energisch in den Backen hob und sein Blick lange und fest den ihren traf, begnügte sie sich damit, auf spitzem Hacken herumzuschwenken und wie ein Trotzköpfchen zu schmollen, – »Ich will Ihnen ja gar nicht gefallen! Keinem Menschen will ich gefallen – ich tue, was ich will!« Ohne sich nach ihm umzusehen, eilte sie wie ein glitzerndes Wölkchen zu den spalierbildenden Damen und drängelte sich nicht gerade allzu rücksichtsvoll an Lenas Seite, Sie zog die Augenbrauen sehr eigenwillig zusammen und sah aus, als wolle sie den Kampf mit allen Residenzen der Welt aufnehmen, ganz unbemerkt aber schloß sie einen Handschuhknopf nach dem andern, bis das weiße Leder glatt und prall die rosigen Arme umspannte, Prinzessin Kordelia hatte den Tanzsaal betreten, verschiedene Damen, darunter auch Fräulein von Kuffstein, durch eine längere Unterhaltung ausgezeichnet und schließlich den Ball in ihrer so anmutigen Weise mit einem Husarenoffizier, Prinz Waldburg, eröffnet, Ihre ganze Erscheinung atmete wieder den Zauber unwiderstehlichster Lieblichkeit, und Ursulas Augen folgten ihr mit unverhohlenem Entzücken, »Ich habe niemals beim Lesen meiner Märchenbücher an die Feen glauben wollen, die zart wie Blütenschnee, schön wie die Morgenröte und gut wie Engel sind!« flüsterte sie hastig Henry Antigna zu, der neben ihr an dem Türpfosten lehnte. »Seit ich aber Prinzessin Kordelia gesehen habe, deucht mich die Beschreibung dieser holdesten aller Geister noch lange nicht schön genug! Ich glaube, es gibt gar keine Worte, die den Scharm ihres Wesens ausdrücken können, Glauben Sie nicht auch, Henry?« Keine Antwort. – Ursula schaute auf und starrte ganz betroffen in das Antlitz des jungen Mannes. War das derselbe bleiche, menschenscheue und finsterblickende Gelehrte, der vor wenig Tagen noch voll ohnmächtigen Grimms die Zähne zusammenbiß, als die schlanke Hand seiner Mutter ihn auf einen Pfad drängte, den die Rosen des Karnevals überwuchern und Flöten und Geigen durchhallen? Das Haupt vorgeneigt, wie im Banne eines Magneten hing sein Blick unverwandt an der Gestalt der Prinzessin, die, wie von rosigen Florwolken getragen, zart und graziös an ihm vorüberschwebte. Heiße Glut brannte auf seinen sonst so farblosen Wangen, ein Aufflackern der Leidenschaft in den tiefliegenden Augen. Seine Lippen lächelten nicht, aber sie waren geöffnet wie bei einem Dürstenden. »Henry, hören Sie denn nicht?« Er zuckte leicht zusammen und blickte sie einen Moment wie geistesabwesend an, »Pardon, Fräulein Ursula, ich verstand Sie nicht.« Die Kleine wiederholte ihre Worte, und Graf Antigna nickte Beifall. »Wie kommt es, daß Hoheit heute wieder rote Mohnblüten im Haar trägt?« fragte er ohne allen Zusammenhang jetzt. »Wieder?« »Als ich sie zum erstenmal bei Hofe sah, flammten ihr die gleichen Irrlichtblüten an der Brust.« »Ein Zufall! Lena sagte mir, die Prinzessin kleide sich mit Vorliebe in schmuckloses Weiß.« »Seltsam. Warum blendet sie plötzlich den armen Nachtwandlern die Augen?« Er sagte es mit dem leisen, verschleierten Stimmenklang wie sonst, und seine Brauen zogen sich so finster zusammen wie vormals. »Lieben Sie denn die Mohnblüten nicht?« »Nein.« Er lachte kurz auf. »Denn sie bergen ein Gift, welches mit süßen Gaukelbildern ins Verderben lockt.« Sie freute sich ihres Wissens und nickte mit altklugem Gesichtchen. »Ja, ja, Opium! Je nun, wenn man es nicht raucht, kann es einem auch nicht Schaden bringen!« »Wirklich nicht?« Sein Blick zuckte zu ihr nieder, langsam strich er die dichten Haarwellen aus der Stirn. »Sehen Sie diese Narbe? Die haben mir rote Mohnblumen hierhergezeichnet – auf Leben und Tod, und doch hatte ich nicht als verblendeter Schwärmer Opium geraucht!« »Ich verstehe Sie nicht. Ach, wie schade, nun muß ich tanzen, da kommt Herr von Bornitz! Aber nachher, nicht wahr, Henry, nachher erzählen Sie mir, wie Sie zu dieser famosen Schmarre gekommen sind!« Er neigte mechanisch zustimmend den Kopf und schritt hastig an ihr vorüber durch die Menge; Prinzessin Kordelia war in einen Nebensalon getreten, und Graf Antigna folgte ihr wie ein Schatten, Von fern stand er und verwandte keinen Blick von ihr, und er atmete so tief und traumbefangen, als schlürfe er der Feuerblumen berauschendes Gift. Die Musik war verstummt. Ein Schwarm reich galonierter Diener glitt auf lautlosen Sohlen über das Parkett. Von glänzenden Silberplatten lockten die erlesensten Konfitüren, Diplomatenbrötchen und Friandises, schäumte der Sekt und winkten Limonaden und Mandelmilch, und wie auf einem See die einzelnen Blüteninseln schwimmen, gruppierte sich die farbige Pracht plaudernder Damengruppen auf spiegelglattem Parkett, umschwärmt von Uniformen und gesternten Fracks, gleichwie von einem Heer duftberauschter Schmetterlinge! Jolante saß auf einem Eckdiwan und ließ sich die Cour machen. Herr von Flanken maßte sich auf jegliche Tanzpause ein gewisses Recht an und behauptete den Platz an der Seite der jungen Dame mit einer schier »rauflustigen« Energie. Waren es doch die einzigen kurzen Augenblicke, wo er angesichts der so viel begehrten Tochter des Hauses auch einmal zu Worte kommen konnte, die einzigen Augenblicke, die ihn für den »niederträchtigen Ärger« entschädigen mußten, den er jedesmal zu schlucken hatte, wenn der jüngste Leutnant sich siegesbewußt verneigte, dem Herrn Premier die Tänzerin vor der Nase wegzuholen. Ja, dann kam er sich jedesmal genau so vor, wie der Kater in der Fabel, der mit vorblüfftem Gesicht dem Vögelchen nachschaut, wenn es mit leichten Schwingen auf und davon in die Lüfte schwebt! Und Jolatne wandte das Köpfchen spottend zurück und kicherte ganz genau so, wie der kleine Sänger im Fabelbuch: »Schaff dir doch Flügel an, daß du mir folgen kannst!« – Was nützte es nun dem Herkules in Ulanenuniform, daß er mit zehnzölligen Bomben Kegel schieben konnte! »Walzer tanzen« wäre eine weit bessere Kunst gewesen, namentlich heute, wo Herr von Flanken in der großen Selbsterkenntnis gekommen war, daß er viele Jahre lang ein erschreckend dummer Kerl gewesen sei, der die Schönheit eines Tanzfestes überhaupt gar nicht kapiert hatte. Könnte er nur die kleinste, jammervollste Polka zustande bringen, würde er an diesem Abend der glückseligste Mensch unter der Sonne sein! So saß er wie die Glucke am Ententeich auf seinem Diwan Posten, »ständerte« abwechslungshalber als bewegliches Hindernis im Saal herum, ließ sich auf die Füße treten, trank in seiner Zerstreutheit alles, was man präsentierte, und dankte Gott, wenn die Musik wieder des grausamen Spiels genug sein ließ. Nun saß er wieder neben Jolante, deren zierliche Gestalt in Balltoilette noch elfenhafter denn sonst neben dem krausköpfigen Riesen aussah, und beschränkte sich darauf, andächtig zuzusehen, wie sie in ihrer schmachtend phlegmatischen Weise den Atlasfächer hin und her bewegte. Sie hatte gerade mit schwärmerischem Blick versichert, Tanzen und Malen sei ihre Passion, und Mijnheer Malte van Doornkat sei der einzige Mensch, der die beiden Künste in vollendeter Weise in sich vereine! Sie schenkte ihm darum bei jedem Tanz noch eine Extratour – und dabei drehte sie das schlanke Hälschen und blinzelte über das gemalte Rokokopärchen ihres Fächers hinweg nach dem Genannten, der sich just einen Kneifer auf die Künstlernase setzte, um Fräulein von Groppen mit wahren Detektivaugen zu beobachten, Das war für einen Premierleutnant der Ulanen, bei dem alle Walküren, aber keine einzige Muse Gevatter gestanden, sehr deprimierend, und darum senkte er seufzend den Kopf, drehte die Daumen umeinander und grübelte über eine Verbesserung obwaltender Verhältnisse, »Sie machen ja die reine Leichenbittermiene, Herr von Flanken!« spottete das Miniaturmündchen neben ihm, »Meiner heutigen Toilette ganz angemessen!« seufzte er, ohne aufzublicken, »Bitte, fügen Sie Ihren Rätseln gleich die Auflösung hinzu!« Er streckte seinen Fuß etwas vor und ließ das Licht auf den gigantischen Lackstiefeln spiegeln, »Wissen Sie, was ich anhabe?« Sie nestelte die langstielige Lorgnette von dem Goldreif und musterte mit leisem Kichern seine Chaussure. »Sehr niedliche Tanzschuhe! bless me! « »Sehen Sie, das bildete ich mir auch ein!« nickte er mit ernsthaftem Gesicht. »Aber ich wurde eines andern belehrt. Als Niekchen vom Schuster zurückkam – die Stiefel sind nämlich nagelneu – machte ich gerade Toilette und bedeutete ihm, besagte Lackbotten vor die Tür auf den Korridor zu stellen, Just wie ich sie hereinholen will, höre ich Schritte auf dem Gang und Damenstimmen beratschlagen über die Wohnung meiner Wirtin. Ich bleibe infolgedessen unsichtbar und muß folgendes Gespräch mit anhören: ›Du, Lieschen, hier, diese Tür vielleicht?‹ – Man faßt direkt vor mir Posto! – ›I wo! Da stehen ja ein Paar Herrenstiefel!‹ Und dann werden Hände klatschend zusammengeschlagen. »Grundgütiger! welches Kaliber! Das sind ja wahrhafte Kindersärge!!« Flanken unterbrach sich bei Jolantes hellem Auflachen und blickte sie wehmütig an. »Es war ein hartes Wort, und ich stieg traurig in die Kindersärge hinein und begab mich zum Ball – nun, ist meine düstere Miene gerechtfertigt?« Die junge Dame schüttelte die blonden Locken animierter denn sonst zurück, »Nein, die Stiefel bestimmen noch lange nicht den Charakter eines ganzen Anzugs!« »Gut. Bitte, sehen Sie sich die zarte Bekleidung meiner Pranken an!« – er streckte die Hand energisch vor, »Auf welche eine Handschuhnummer tarieren Sie?« »Babyfäustlinge Nr. 1-1/2!« »Bitte, nicht mokant werden, dazu ist die Sache zu ernsthaft. Hören Sie die Geschichte dieser Handschuhe und bleiben Sie Ihrer Sinne Meister!« Mijnheer Malte van Doornkat verneigte sich vor Jolante und bat bereits bei den ersten Klängen neubeginnender Musik um seine Extratour. »Warten Sie, bitte, ich habe jetzt keine Zeit. Also die Geschichte, Herr von Flanken!« Der Premierleutnant kniff die Augen zusammen und musterte den Maler, der etwas zögernd Platz nahm, mit schadenfrohem Gesicht. »Wenn ich nicht ein allzu anständiger Kerl wäre, erzählte ich jetzt bis in die aschgraue Möglichkeit hinein!« schmunzelte er. »Kurz fassen!« drohte Jolante lachend. »Also – zur Feier des heutigen Tages wollte ich mir neue Handschuhe leisten, weil ich aber bisher stets nach Maß anfertigen ließ, und es keine Kleinigkeit ist, solche ›Babyfäustlinge‹ für mich herzustellen – –« »Warum keine Kleinigkeit?« Flanken spreizte die Finger. »Wenn ich ein Paar Handschuhe brauche, müssen jedesmal zwei Böckchen geschlachtet werden! Die Haut des Körpers gibt die großen Handflächen, die der vier Beine die Finger.« »Man hat in der Regel fünf Finger!« » Allright! Für den kleinen wird das Schwänzchen berechnet!« Selbst Malte van Doornkat lachte – allerdings etwas blasiert, Jolante aber vergaß sür einen Augenblick ihr schwärmerisches Phlegma und rief eifrig: »Das war schon die Geschichte? O nein! Bitte, weiter erzählen!« Flanken dehnte sich behaglich in seinem Sessel und nahm ein Gläschen Rotwein von dem Tablett eines servierenden Dieners. Er mußte die Kehle anfeuchten, denn das ungewohnte viele Sprechen strengte ihn gewaltig an. »Geschichte kommt erst jetzt! Also, ich brauche Handschuhe und beehre den nächsten Laden, Firma Friedrich August Schulze selige Witwe in der Bankstraße, mit meiner werten Kundschaft. Die selige Witwe ist allein im Laden, ich biete ihr meine Hand an, sie mustert sie sichtlich betroffen von allen Seiten und schleppt à tempo an die zwanzig Kästen herzu, mit der Anprobe zu beginnen. Mit Nr. 17½ fingen wir an. Erst trat ihr, dann mir der Angstschweiß auf die Stirn. Nichts wollte passen. Da wendet sie sich in ihrer Hilflosigkeit zu der halboffenen Nebentür: »Du, August! Der Herr hat eine so außergewöhnlich große Hand! Ich finde hier keine genügende Größe!« Und eine Stimme, der man anhört, daß sie durch den seriösen Moment des Mittagsessens stark engagiert war, antwortet gelassen die großen Worte: »Lang man die Holzkiste von dem obersten Rejale runter – die zweete – mit die Leichenhandschuh!« Jolante streckte mit einem jähen Laut des Gruselns beide Händchen gegen ihn aus, Flanken aber zuckte resigniert die Achseln: »Was half's? Die Ware aus der Holzkiste Nr. II vom obersten Regale paßte, und angetan mit Kindersärgen und Leichenhandschuhen schwang ich mich in die Droschke, um eines Tanzfestes schwergeprüfter Zuschauer zu sein!« VI. Vierzehn Tage waren seit dem Groppenschen Ball vergangen. Daniel Sobolefskoi lag in seinem Zimmer auf dem Diwan, um eine kurze Siesta zu halten. So hatte sein Kammerdiener dem General antworten lassen, als dieser sich nach des Fürsten Verbleiben erkundigen ließ. Groppen schüttelte lachend den Kopf, »Na ja, da haben wir's! Muß jetzt am Tage schlafen, weil er zu lange im Mondschein geschwärmt hat! Sollte man es glauben! Sein Leben lang war der Mensch die Solidität selber, und plötzlich – seit kaum zehn Tagen, fängt er trotz seines grauen Kopfes noch an, über die Stränge zu schlagen!« Tante Dorette sah von ihrer feinen Stickerei empor und schüttelte ebenfalls den Kopf. »Sehr töricht von ihm; wer in so schwacher Haut steckt, sollte lieber schlafen in der Nacht, als in den Cafés herumzuflanieren! Ist es vielleicht ein besonderer Magnet, der ihn in so überraschender Weise aus der altgewohnten Bahn zieht?« Der General stäubte die Zigarette ab und zuckte in seiner leichtlebigen Art die Achseln. »Hoffen wir's! Der kleine Kerl war beinahe dreißig Jahre lang ein Duckmäuser, und das ist Unnatur. Den Schwabenstreich, den jeder Staubgeborene der Göttin Erfahrung als Tribut zahlen muß, hat Daniel ihr bis jetzt in geradezu beängstigender Weise vorenthalten, und darum will ich wirklich wünschen, daß er noch einmal über einen Zirkusreifen oder eine Theaterkulisse Purzelbaum schlägt, ehe er als verkörperte Nüchternheit in die Grube fährt!« Die jungen Damen traten ein, und Drau von Loguth brach das Gespräch ab. Aber von Stund an ruhte ihr Blick oft voll aufrichtiger Sorge auf dem Antlitz des Russen. Er sah kränker aus denn je, bleich, abgemagert und todmüde; aus tiefdunklen Augenhöhlen schweifte sein unsteter, silberglänzender Blick, und die Hand, die oftmals das Haupt stützen mußte, ließ kaum noch ein blaues Geäder durch die wächserne Haut schimmern. Ja, Daniel Sobolefskoi lag wieder auf dem Ruhebett, um einen kurzen Schlaf zu tun. Er wollte von niemand gestört sein, und so war es totenstill uno dämmerig in dem Salon, nur die Uhr tickte ein monotones Schlummerlied. Dennoch kam kein Schlaf in seine fieberheißen Augen. Gegen den zähnefletschenden Kopf einer gewaltigen Wolfsschur, welche über den Diwan gebreitet war, drückte er sein häßliches, ungestaltetes Haupt. Seine gebrechliche Gestalt war zusammengebogen, wie die eines Gnomen, der auf der Mauer liegt, und seine Finger wühlten in nervösem Spiel in den dichten Flocken des Felles. In seinen Zügen zuckte und arbeitete es, bald lachte, bald frohlockte er, und dann wieder entrang sich ein lautes Aufstöhnen der kranken Brust. Ja, Daniel Sobolefskoi hatte seinen elenden Körper Nacht für Nacht hinausgeschleppt in Schnee und Winterkälte, hatte voll wilden Trotzes die Zähne zusammengebissen, wenn seine Kräfte ihn verlassen wollten. Stundenlang hatte er bei Wind und Wetter auf der Straße gestanden, gegenüber dem Hause, darin der Freiherr von Altenburg drei Treppen hoch seine bescheidene Wohnung gefunden, und hatte lange vergeblich geharrt, bis er die Zeit ausgekundschaftet hatte, zu der eine hohe, vom Mantel umhüllte Gestalt aus dein Rahmen der Haustür trat. Behutsam, leise und geschmeidig wie ein Raubtier, das ein Wild beschleicht, folgte er dem Verhaßten, keuchend bei der Hast seines schnellen Schrittes, Qualen erduldend beim Ankämpfen gegen die scharfe Schneeluft, die bei jedem Atemzug die Brust wie Dolch und Schwert traf, Lange, weite Wege mußte er oft vergeblich zurücklegen, bis er endlich auf der richtigen Fährte war, bis das Ziel der späten Promenaden meistens ein und dasselbe war. Kein Kaffeehaus, kein Lokal, daraus Spiel und Sang erschallte, nein! Dazu hatte der arme Edelmann im Rock des Königs kein Geld! – Ingrimmig hatte Daniel zuerst die Erfahrung gemacht, daß die Gewissenhaftigkeit und das Ehrgefühl des jungen Offiziers größer waren, als die Versuchungen eines modernen Babel. Der Dämon hatte seine Krallen bis in das Herzblut des verwachsenen Mannes geschlagen, und wie ein Mephisto die Fallstricke vor den Füßen seines Opfers ausspannt, hatte auch Sobolefskoi Netze gelegt, seinen Gegner darin zu erdrosseln. Als Freund hatte er sich in beinahe aufdringlicher Liebenswürdigkeit an Altenburgs Fersen geheftet. Sein Vertrauen zu gewinnen, spielte er die gewagtesten Komödien, und als der junge Mann ihm endlich nähertrat und sich ihm mehr anschloß als anderen Herren – um Lenas willen – da hob Mephisto die funkelnden Säckel seines Reichtums, hing den Deckmantel der Liebe über seinen Pferdefuß und sprach: »Nimm von meinem Überfluß, junger Freund! Ich fordere kein einziges dieser Goldstücke jemals von dir zurück. Lebe, genieße! Stürze dich dem Vergnügen in die Arme, je wilder, desto besser, man ist nur einmal jung! Und ich? Ich hab' ja meine Freude dran!« So hatte sich die Schlange an dem mittellosen Mann emporgeringelt, hatte ihn mit den Augen der Versucherin angefunkelt und bereits ihr giftig Haupt gereckt, ihn in das Herz zu stechen. Altenburg aber hatte im Kampf mit ihr gesiegt wie ein Held, und wenn Daniel auch seiner moralischen Niederlage fluchte, so hatte sein Auge dennoch voll Bewunderung aufgeleuchtet, als es einen Blick in dies ehrenfeste Jünglingsherz getan. Aber sein böser Geist, der mächtig wachgerüttelte, deckte mit schwarzem Fittich das sehende Auge des Fürsten. Eine neue Falle gestellt! – Und heimlich beobachtete und verfolgte er den Freiherrn auf Schritt und Tritt, um eine schwache Stelle zu finden, an der die Axt an den stolzen Eichbaum gelegt werden konnte. Kein Kaffeehaus, keine Spielhölle! Eitel von Altenburg blieb in ärmlicher, kleiner Gasse vor einem turmhohen Hause stehen, öffnete mit einem eigenen Hausschlüssel und verweilte darin von zehn Uhr bis oft lange nach Mitternacht. Wo ging er hin? Daniel triumphierte bereits. Er hatte sich zwei Abende nacheinander in dem wenig herrschaftlichen Hause einschließen lassen und es einem Zufall verdankt, daß er spät in der Nacht durch ein paar heimkehrende Näherinnen wieder befreit wurde. Am dritten Abend kam endlich der junge Offizier. Er trug bei diesen Promenaden stets Zivil, schritt hastig durch den Flur des Vorderhauses und eilte nach dem rechten Quergebäude des Hofes. Wie ein Schatten schlich ihm Sobolefskoi nach, Er hörte den Schritt auf der hölzernen Treppe klingen. Hoch – immer höher ging es. Im vierten Stock klopfte er an die Tür. Andern Tags hatte es Sobolefskoi ausgekundschaftet, daß dort ein alter Tanzlehrer wohnte, ein Franzose, dessen allerliebste Enkelin bei dem Ballett engagiert war. Aha! – Ging Altenburg jemals auf die Billetts der Akademie ins Theater, so war es angeblich stets in das Opernhaus, »weil er Musik so sehr liebe!« Daniel Sobolefskoi hatte laut aufgelacht, seit langer Zeit zum erstenmal wieder schallend aufgelacht. Und jetzt lag er auf dem Diwan und spann wüste, phantastische Träume. Das Kaminfeuer flammte auf; wenn sein greller Schein den Wolfskopf streifte, funkelten die grünen Glasaugen wie Phosphor. Der Bucklige stierte in die zuckende Glut, auch sein Blick flimmerte wie der eines Raubtieres. Der Plan war reif. Er sollte den durchkreuzen, den die Liebe ihm, dem Ausgestoßenen des Glücks, zur Verzweiflung ersonnen. Drei Wochen lang war es her, seit Altenburg an Lenas Seite gesessen, um während eines langen Soupers voll stets wachsenden Interesses in die dunklen Mädchenaugen zu schauen, die zu ihm anders emporblickten, wie zu jedem andern. Arm in Arm waren sie im Tanz dahingeschwebt, die erste Schleife hatte Lenas Hand auf der Brust des fremden, von allen andern kaum beachteten Mannes geheftet, und in Lenas Zimmer hatte später ein einziger Kotillonstrauß auf dem Schreibtisch gelegen, an dem die stanniolumwickelten Stiele umgebogen waren, um ihn zu kennzeichnen. Daniel Sobolefskoi hatte die Hände gegen die Brust gepreßt und gewaltsam die Augen geschlossen, dennoch hatte er den kleinen Strauß wie ein Schreckgespenst die ganze Nacht hindurch gesehen, in wüstem, musikdurchgelltem Traum. Was hatte er verbrochen, daß das Schicksal ihn so unbarmherzig und ruhelos durch sein ganzes Leben verfolgte? Wie ein Kainszeichen brandmarkte ihn seine Mißgestalt, die ihn aus dem Paradiese der Liebe und des Glücks ausstieß wie einen Paria; Krankheit und physische Schmerzen peinigten ihn, solange er denken konnte, einsam und verlassen seit Jugend auf, ärmer als das in Lumpen gehüllte Kind, das eine Mutter auf den Armen wiegte, das seine Tränen an einem Mutterherzen weinen konnte! Wie ein Fluch hatte ihn das Unglück verfolgt, ungehört war sein Jammergeschrei verhallt, unerfüllt war das flehende Gebet seines Lebens geblieben – was hatte Daniel Sobolefskoi gefrevelt, daß sein Gott ihn so ganz und gar verlassen hatte? Soweit er zurückdenken konnte, hatte er keine schlechte Tat begangen. Sein Wollen und Wünschen war brav und gut. Wie ein Märtyrer hatte er sein schuldlos Haupt unter die Geißelhiebe der Welt gebeugt und in demütiger Geduld auf Haß mit Liebe geantwortet. Und die Heiligen im Himmel schien es zu erbarmen, er fand die dunklen Augen, die seines Lebens Sehnsucht waren. Aber er sollte sie lieben, ohne sie zu begehren, er sollte sie nur gefunden haben, um sie wieder zu verlieren. So reißt man dem Verschmachtenden den Becher von den Lippen. Entsagen! Wieder gellte es ihm mitleidslos in die Ohren. Entsagen! Wieder traf es ihn mit scharfem Stachel in das Herz. Der Engel der Ergebung aber war während der langen Pilgerfahrt über Stein und Dorn matt geworden, seine gefalteten Hände konnten den Dämon nicht mehr niederhalten, er wuchs wie ein Riese und triumphierte. Daniel hatte es mitansehen müssen, wie sich fremde Hände nach dem Kleinod seiner Seele ausstreckten. Er beobachtete, wie die Liebe in Lenas Herz erwachte, wie der Freiherr von Altenburg in der Nähe des liebreizenden Mädchens ein anderer wurde. Nach dem Groppenschen Ball hatten beide sich verschiedentlich wiedergesehen, und er, Daniel, war ein Narr, wenn er Fallstricke legte, sie waren zu goldenen Fäden geworden, die Altenburg mehr denn je zu dem Hause des Generals zogen. Sie liebten sich! Jeder Blick, jedes Wort verriet es, und wenn der junge Offizier auch in stolzem Trotz noch nicht um die Hand der reichen Erbin warb, so würde dennoch ein Tag kommen, wo die Allgewalt der Leidenschaft die Dämme niederriß, die übertriebenes Ehrgefühl in den Weg getürmt. Darum auf zur Tat, ehe es zu spät war! Daniel hatte nicht umsonst gearbeitet, er wollte auch ernten. Sein Entschluß stand fest, die Beobachtungen, die er gemacht, nun auch zu verwerten. Vor Lenas Augen stand das Bild des Geliebten in reiner, makelloser Glorie da, als der Inbegriff alles Edelsinns, aller Rechtschaffenheit, verkörpert in der ritterlichen Gestalt Eitels. Aber Fürst Sobolefskoi wird dieses Spiegelbild ins rechte Licht drehen; ein einziger Lufthauch, der über den Hof jenes fünfstöckigen Hauses weht, darin des französischen Tanzmeisters Enkelin wohnt, soll es treffen, und das strahlende Bild wird unter ihm so jählings trübe werden, daß es Lena voll Abscheu aus der stolzen Hand schleudert! Das Feuer im Kamin knisterte auf wie boshaftes Kichern, und die zusammengekauerten Glieder des Russen dehnten sich auf dem Wolfsfell. Mit kurzem Ruck der Entschlossenheit glitt er von seinem Lager und wühlte noch einmal die hageren Finger durch sein struppiges Haar; dann schritt er zur Tür, öffnete leise und trat auf den hellen, durchwärmten Flur hinaus. Die teppichbelegte Treppe dämpfte seinen Schritt, der Fürst durcheilte die Salons der ersten Etage und blieb sekundenlang vor dem Empfangszimmer der jungen Dame stehen. Auf seiner Stirn trotzte ein fast grausamer Wille, derselbe rachsüchtige Zug lagerte um seinen Mund, der schon im Schloß von Miskow des Kindes Antlitz verzerrte, wenn er unerbittliche Strafen für irgendeinen Peiniger ersann. Und er legte die Hand hart auf die Klinke und trat ein. »Lena?!« rang es sich rauh und heiser von seinen Lippen. Keine Antwort. Aber ein wunderliches Geräusch drang von einem Sessel zu ihm herüber, es klang wie lautes Aufschluchzen. Der Bucklige durchmaß hastig das Zimmer, und abermals hallte es »Lena!« durch den stillen Salon: diesmal aber war es ein Ausruf des Schreckens, und die Finger der gekrampften Hand lösten sich zitternd, um den Arm des jungen Mädchens zu umspannen. »Lena – du weinst?« In den weichen Plüschpolstern lag ihre schlanke Gestalt. Der weiße Seidendamast einer Soupertoilette floß bereits in schimmernden Falten zum Teppich nieder, Goldreifen blitzten, und Blumenkelche dufteten schon an der Brust. Aber sie waren geknickt und streuten ihre Blätter nieder, ebenso wie die frischen Fliederzweige im Haar matt und halb gelöst herniederhingen. Sie regte sich nicht, nur ein heißes, leidenschaftliches Weinen schüttelte unmerklich ihre Glieder. »Lena! Allmächtiger Gott, was ist geschehen?« Wie umgewandelt war der Ausdruck in Daniels Zügen, verzehrende Herzensangst blickte aus seinen Augen, und neben ihr auf die Knie niedersinkend, streichelte er wie ein Kind ihre Hand. Ein leiser, schneller Druck dieser war die Antwort. »Lena, ich beschwöre dich, welch ein Schmerz ist dir widerfahren?« flehte es zu ihr empor. »Ich habe dich seit deiner Kindheit nicht mehr weinen sehen, diese Tränen ängstigen mich! Sprich zu mir ... vertraue dich mir an ... du weißt's, daß ich mein Herzblut gebe, wenn ich dir helfen kann!« Da schlangen sich ihre Arme krampfhaft um seinen Nacken, und das schöne, tränenbetaute Antlitz sank wie eine gebrochene Blüte auf seine Schulter, mit dem halberstickten Aufschrei: »Onkel Daniel – er stirbt!« Der mißgestaltete Mann zuckte zusammen. »Wer stirbt, Lena?« Er fühlte, wie ihr Körper zitterte und zusammenschauderte. »Altenburg!« »Undenkbar; ich sah ihn heute morgen, was soll ihm passiert sein?« Da richtete sie sich empor und drückte die Hände gegen das wehe Herz. »Gestürzt – mit dem Pferde – durch unglücklichen Fall in Glasscherben – eine schwere Halswunde!« rang es sich von ihren Lippen. Er hatte sich erhoben. Ein wunderliches Frösteln durchlief ihn vom Scheitel bis zur Sohle. Er hätte frohlocken mögen, und dennoch preßte ihm der Jammer die Kehle zusammen. »Beruhige dich, mein Liebling, fasse dich!« tröstete er mit weicher, zärtlicher Stimme, »wer weiß, mit welch irrigem und übertriebenem Gerücht man dich erschreckt hat. Erzähle mir ausführlich, was du von einem vermeintlichen Unfall Altenburgs gehört hast, ich bin überzeugt, es ist ein Märchen!« Lena schüttelte aufgeregt das Köpfchen. »Flanken hat alles mit angesehen,« flüsterte sie hastig. »Beide Herren sind zusammen geritten – Altenburg leichtsinnigerweise auf einem fast völlig unzugerittenen Vollblutrappen seines Vetters Lanken! Bei dem Überqueren einer Straße stürzte von einem dicht vorausfahrenden Wagen ein Flaschenkorb, und das junge Pferd, durch das Klirren erschreckt, bäumte sich auf und – und –« Lena drückte die Hände gegen die Schläfen und schluchzte laut auf! »Onkel Daniel, Gott im Himmel mög's verhüten, daß er stirbt!« Sobolefskoi blickte starr vor sich nieder. Seine Zähne schnitten in die Lippen, tiefe Atemzüge hoben seine Brust. Ihm war, als solle auch er die Hände falten und voll leidenschaftlicher Angst flehen: »Ja, verhüte es, daß dieser Hoffnungsstrahl wieder erlischt, allmächtiger Gott! Wer so viel süßes Glück genossen wie Altenburg, dem diese dunklen Augen in Liebe zugelächelt, der stirbt reich und schön! Ich aber bin arm und elend und soll das einzige hingeben, was mir lieb ist auf dieser Welt, darum hilf mir, du Gott der ewigen Gerechtigkeit!« Einen Augenblick herrschte Schweigen, dann umschloß Lena die Hand des Fürsten abermals mit bebendem Druck. »Onkel Daniel,« flüsterte sie, »kennst du die Qualen des Hangens und Bangens, eines Harrens in Zweifel und Ungewißheit? Ich weiß, daß er schwer krank ist, daß er vielleicht in diesem Augenblick mit dem Tode ringt, und kein Mensch ist auf der weiten Welt, der mir Nachricht bringt, den ich vertrauensvoll an das Krankenlager senden könnte.« »Lena, ist es nur Mitleid, daß du also an seinem Schicksal teilnimmst?« Seine Stimme klang halb erstickt, und ihre Wimpern senkten sich, da sein wunderlicher Blick ihr Auge traf. Sie antwortete nicht, sie schlug nur die Hände vor das bleiche Antlitz. Fürst Sobolefskoi neigte sich näher, sein Atem streifte fast ihre Wange. »Du liebst ihn!« tönte es leise, wie klangloses Zischen in ihr Ohr. Da hob sie das Haupt und sah ihn an, Tränen glänzten an den Wimpern, aber ein Lächeln, süß und glückselig, verklärte ihr Angesicht, »Ja, Onkel Daniel, ich liebe ihn! Keinem Menschen auf Gottes weiter Welt will ich es anvertrauen, als dir allein, du treue Seele, du mein einziger, mein bester Freund, den ich besitze.« Wie ein Schwindel erfaßte es ihn, seine Knie zitterten, langsam sank er auf den Sessel, und als das junge Mädchen in leidenschaftlicher Erregung an seiner Seite niederkniete und ein jubelndes Bekenntnis alles dessen ablegte, was Daniel längst wußte, als ihre Seele vor ihm rang in Liebe und Todesangst um des Geliebten Leben, da strich er mit eiskalter Hand über ihr lockig Haar und murmelte: »Ich habe es geahnt und gewußt, daß diese Stunde kommen würde.« Noch einmal zuckte es blitzartig durch seine Gedanken, ihr zu sagen, daß Altenburg wohl nicht so verlassen sei, wie sie wähne, aber er preßte die Lippen zusammen und schwieg. Nein, er konnte ihr nicht das Herz brechen, nicht in diesem Augenblick, wo er voll tiefer Zerknirschung hätte in die Knie sinken mögen vor seinem Gott, von dessen Wegen er in den letzten Tagen so vielfach abgewichen war, und der plötzlich dennoch seine barmherzige Hand ausstreckte, nach seinem Willen den Konflikt zu lösen. Daniel starrte mit weitgeöffneten Augen ins Leere. Sein leicht erregter, phantastischer Kinderglaube sah bereits den goldenen Weg, den des Allmächtigen Gnade ihm aufgetan. Eitel würde sterben wie ein Glücklicher, den ein Blitzschlag aus dem Arm der Liebe reißt, er würde im blühenden Sommer des Lebens dahingehen, damit noch ein letzter Sonnenstrahl mild versöhnend auf den Spätherbst eines im Schatten verkümmerten Reises fallen konnte. »Onkel Daniel!« flehte Lena, »du siehst die Angst, die ich um ihn leide! Hab' Mitleid, hab' Erbarmen: leiste mir den größten Liebesdienst, den mir je ein Mensch leisten kann, du bist Arzt, fahre zu Altenburgs Wohnung und sieh, wie es um ihn steht.« Er nickte schweigend mit dem Haupt und erhob sich. Da schlang sie die Arme um seinen Nacken uno sah ihn mit unbeschreiblichen! Blick an. So nah, so zauberschön in ihrer tränenfeuchten Qual hatte Daniel ihre Augen noch nie gesehen, noch nie waren sie den dunklen Sternen, welche er in der goldnen Kapsel auf der Brust trug, so ähnlich gewesen! »Onkel Daniel, gelobe es mir, daß du alles für ihn tun willst, was in Menschenkräften steht! Du treuer, selbstloser Samariter, der schon an so viele Krankenlager als ein Gottgesandter getreten ist, um zu helfen und zu retten, du, der Wissen und Kenntnisse gleich dem besten Arzt besitzt, du wirst auch diesmal voll opfermutiger Liebe alles einsetzen, diesmal, wo du weißt, daß du mit seinem Leben auch das meine erhältst!« Er sah nur in ihre Augen und legte seine Hand mechanisch in die ihre. »Versprich es mir!« »Ich gelobe es!« Ein tiefer Atemzug der Erleichterung hob ihre Brust, mit zitternden Fingern rührte sie die Schelle. »Du fährst doch gleich?« bat sie abermals, und da er regungslos dastand und nurr zustimmend den Kopf bewegte, fiel es ihr auf, wie bleich und fremd er aussah. Es mußte an dem unsicheren Kerzenlicht und ihren umflorten Augen liegen. Noch einmal streckte sie ihm in aufwallender Dankbarkeit die Hände entgegen, er schien es nicht zu sehen, den Blick wie gebannt in den ihren gesenkt, schritt er alsdann unsicheren Schrittes an ihr vorbei durch die Tür.   Herr von Fanken saß vor seinem hölzernen Tisch und stützte sinnend den Kopf in die Hand. Es erging ihm ähnlich wie dem Löwen, wenn er auf den Geschmack des Blutes gekommen. Vor ihm lagen drei Balleinladungen, und Frantusch Niekchen trabte soeben zum Briefkasten, um schleunigst die Antwortschreiben zu befördern, die den gütigen Gastgebern versichern sollten, daß der Herr Premierleutnant »mit größtem Vergnügen usw. usw. Folge leisten werde.« Wer hätte das vor vier Wochen geglaubt! Flanken gedachte kopfschüttelnd des Dichterwortes, das die Hofluft als etwas so ganz Absonderliches beschreibt. Der Mann hatte entschieden recht, denn wenn solch ein Wehen, Strahlen und Duften einem derart nüchternen und prosaischen Gesellen wie ihm den Kopf verdrehen konnte, dann mußte es tatsächlich ein Zaubergemisch von Sonne, Mond und Veilchenduft sein. Auf dem Groppenschen Ball hatte zwar nicht die echte, rechte Hofluft geweht, aber sie hatte doch das Köpfchen der Prinzessin umsäuselt und mit ihrem Blütenstaub die Athmosphäre des Saales erfüllt, das merkte Flanken daran, daß es ihm plötzlich so sehnsuchtsvoll und lyrisch zumute wurde, wie bei Mondschein und Veilchenduft. Oder waren Jolantes kleine Hände daran schuld? Sie spielten gar zu allerliebst mit dem Fächer und wehten mit ihm die Goldlocken zurück, so daß sich eine davon gleich wie eine Schlange an dem Ärmel des Ulanen emporringelte. Oder war ihre Balltoilette schuld? So etwas Duftiges und Spinnwebfeines war im Grunde genommen der einzig richtige Anzug für eine Dame, da sah man erst, was für Puppenspielzeug solch ein kleines Ding ist, und kann solch ein Wunder gar nicht genug anstaunen. Es weilten allerdings auch manche Kraftjungfrauen in den Ballsälen, allein diese muteten Flanken beinahe wie etwas Unnatürliches an. Die Frauen sind das Mittelding zwischen Engel und Mensch, oder direkt Engel, denen man nur die Flügel genommen, damit sie nicht allzu rasch in ihre himmlische Heimat zurückflattern. In Flankens Seele lebten noch Ideale, und die in seinem Herzen fast unbewußt das Köpfchen hebende Liebe lächelte wie ein Kind, das harmlosen Sinnes noch an Märchen glaubt. In Gedanken versunken saß er inmitten seiner blauen Tabakswölkchen da und überlegte, wie es wohl anzufangen sei, daß er Jolante auch einmal zu einem Walzer engagieren könnte! Es müßte doch rein des Teufels sein, wenn er nicht tanzen lernte, wenn er nicht die paar Schritte und Schleifer schnell begreifen sollte! Davon war er überzeugt, aber – Flanken fuhr mit gespreizten Fingern durch sein Kraushaar – lernen wollte er ja gern, aber wie und wo? Da lag der Hase im Pfeffer. Konnte ein so alter Mensch wie er noch Tanzstunde nehmen? Das würde einen schönen Spektakel bei den Kameraden geben! Und wenn auch der Tanzmeister diskret wäre, so würde sich Flanken doch lieber einen Finger abbeißen, ehe er sich vor so einem wildfremden Menschen mit täppischen Bocksprüngen lächerlich machte. Außerdem – mit wem sollte er tanzen? Ein Lehrer, ein Musiker und einer, der als Dame tanzte, das waren bereits drei Personen, die ins Vertrauen gezogen werden müßten. Nein, vor soviel Publikum ließ sich kein würdiger Mann die Beine gelenkig machen! Flanken seufzte tief auf und hob gleichzeitig lauschend den Kopf. Was war denn das für eine Katzenmusik da drüben? Fein und silberhell, aber dabei sehr deutlich vernahm er nebenan, in dem Zimmer seiner Wirtin, wohlbekannte Klänge. Das war derselbe Walzer, von dem Jolante neulich mit leuchtenden Augen, hochatmend und heiß erglüht, gesagt hatte: »Es mag eine triviale Melodie sein, aber gleichviel, es tanzt sich himmlisch danach!« Die Tür öffnete sich und Niekchen trat ein, um eine ausgebürstete Uniform wieder in den Schrank zu hängen. Mit drei gewaltigen Schritten stand sein Herr neben ihm, faßte den braven Polen beim Genick und zog ihn zu der Wand hin, »Niekchen! Hörst du was?!« Der so außergewöhnlich Behandelte duckte sich wie ein Jagdhund vor der Peitsche und machte ein Gesicht, als erwarte er fürchterliche Dinge durch die Wand zu erlauschen, »Na, hörste was?!« wiederholte Flanken ungeduldig und ließ den Kragen der alten Jagdjoppe, die Niekchen im Hause auftragen durfte, los. »Hör ik nur Spieldosel von Wirtin unsrigres!« schüttelte er enttäuscht den schwarzlockigen Kopf. »Mehr verlange ich gar nicht! Kennst du vielleicht das Stück, welches sie eben spielt?« Die schlanke Figur des Ulanen schnellte wieder empor, und ein sehr fröhliches Lachen ließ momentan die Hähne durch den Schnurrbart blitzen, »Werrd ik doch kennen Gchunkelwalzer, Herr Leutnant!« Flanken blickte auf die Füße seines Scherasmin hernieder, die sich in der heißblütigen Art seiner Nation sofort im Takt bewegten. »Du kannst wohl gar tanzen?« beinahe klang's wie heller Neid in der Stimme des Fragers, Die Augen des Polen blitzten. »Kann ik tanzen besser wie fixestes Madel, Leutnant. Hob ik gemacht unzähliges Masur – und Polka – und Krakowiak –« »Damit kannst du mir aus dem Tornister fallen! Aber Walzer – « Flankens Hand legte sich wuchtig ans die Schulter des geschmeidigen Gesellen, »kannst du auch Walzer tanzen?« »Oh! – oh!!« und Niekchens Mimik und Handbewegung sagten alles weitere. Da blitzte es durch die Gedanken des Premierleutnants wie ein großes, großes Licht, »Dann wirst du mich das Walzertanzen lehren, Niekchen!« sprach er feierlich, »geh hinüber zu der Frau Wirtin und sag' ein schönes Kompliment und frag', ob sie uns mal ihre Spieldose pumpen wollte! Aber nicht verraten, daß wir hier tanzen werden, verstanden, Kerl? Sag', ich sei ein musikalischer Mensch und wollte gern das Instrument spielen lernen – ja so – das spielt sich von allein. Na, dann sag' nur, ich hätte ganz kannibalische Kopfschmerzen und da wollte ich mich ein bißchen aufheitern!« Sämtliche Gelenke an Frantusch Niekchen tanzten bereits als er wie ein Wirbelwind durch die Tür stob, den Befehl auszuführen. Flanken aber faßte den schweren Eichentisch mit beiden Händen und trug ihn, wie andere Sterbliche vielleicht ein Fußbänkchen durch das Zimmer transportieren, in die Ofenecke, Teppiche gab es Gott sei Dank nicht zu rollen, und nachdem noch die Schemel beiseite geschoben und ein Briefkuvert als störendes Hindernis sorgsam beseitigt worden, sah sich der blonde Riese wohlgefällig in seinem Tanzsaal um und schaute dem Lehrmeister Niekchen erwartungsvoll entgegen, als dieser das Zimmer wieder betrat. Sein Gesicht war hochgerötet, seine Hände leer. »Nun? wo bleibt denn die Musik?!« »Hob ik gefragt Madel von Wirtin unsrigtes nach Schunkelwalzerkastel, hot aber gesagt Marinka ausverschämtes, daß bei Wirtin is grußes Damenappell mit Kaffeevergnieken, und daß Wirtin närrisches darum kann nix hergeben Spieldosel!« »Soll doch ein Schock-Donnerwetter –! Tanzen die Damen denn auch?« »Sitzen gonz mausestill aus Kanapee und lossen immer Kaffeetasseln frisch füllen und wockeln mit Kinnbacken wie masurisch Rindd, wenn's widerkäut. Dozu muß Instrument Musik machen, bis Dame ausgehungertes konn nix mehr beitun, dann fangt's an allen Ecken an zu verzählen Neuigkeit, und Dosel spielt immer pressenti , damit nix Pause wird!« »Das ist ja eine heitere Bescherung! Ja, Niekchen, da müssen wir die Stunde heute aufstecken, Blitz und Knall! und ich hätte so gern bis nächsten Mittwoch Walzer gelernt!« »Können wir machen alles ohne Musik!« »Nein, dann bleibe ich nicht im Takt!« »Wenn Leutnant wird nix böse, Frantusch Niekchen konn Schunkelwalzer dazu pfeifen.« Flanken starrte seinen Getreuen einen Moment sprachlos an, dann erglänzte sein frisch gerötetes Gesicht wie ein Vollmond, der sich siegreich über düstere Wolken hebt, und langsam ein Dreimarkstück aus der Börse nehmend, reichte er seinem Burschen anerkennend die Hand: »Die Idee war einen Taler wert, Niekchen! Vorwärts, es kann losgehen!« Hei, wie das so flott schlurrte und schleifte, als der schwarzäugige Gesell vor seinem Gebieter Probe tanzte! Er hatte sich zuvor in Wichs geworfen, und der blondlockige Herkules sah schmunzelnd auf diesen graziösesten aller dreijährigen Ulanen, der, keck und elegant in jeder Bewegung, einem jeden Ballsaal zur Zierde gereicht haben würde. Ja, ja, Temperament gehörte dazu! Voll ehrlichen Eifers setzte sich auch der Schüler in Bewegung. Wo aber bei Niekchen kaum eine Diele gebebt hatte, da zitterten unter des deutschen Edelmannes Füßen die Balken, und wo Niekchen leicht und beinahe lautlos die Schritte vormachte, da dröhnte es unter Flankens Sohle wie Donner und Wettergraus. Und wie man im besten Zuge war, und Niekchen, melodisch pfeifend, sich als zarte Schöne in den Armen seines noch sehr tolpatschigen Tänzers zu wiegen versuchte, da klopfte es erst zaghaft und dann immer energischer an die Tür. Der Reigen stockte. Flanken wischte keuchend mit dem Taschentuch über die Stirn, und Frantusch changierte auf seinen Wink behende zur Tür, um hinter dieser zu verschwinden. Mit ganz betretener Miene erschien er nach lautem Wortwechsel vieler Stimmen wieder vor dem Angesicht seines Herrn. »Na, was gab's denn?« »Woren sie Kopf an Kopf die Kränzchendamen von Wirtin geängstigtes und Madeln und Mietersleut und sunstiges Bagag' auf Kurridor. Haben sie all gekreuzigt und gesegnet sik und gefragt, was is bei Leutnant passiert? Is sik unten in Kellerwohnung alles Kalk von Stubendecke gebrochen, und hot Frau einfältiges geschrien, daß sik Haus stürzt ein! Und Kaffeedamen schreien mit, daß auf Tisch ihrigtem alle Tassen und Gläseln hoben geklirrt!« Flanken kraulte sich verlegen hinter dem Ohr. »Was Teufel, Niekchen! Das ist eine üble Entdeckung. Was hast du denn gesagt?!« Der wackere Tanzmeister lächelte sehr verschmitzt. »Nix Wohrheit hob ik gesagt, sundern hob gesagt: Leutnant meinigtes hot Kopfweh und will sik Zeit vertreiben. Wirtin dickfelliges hot nix wollen geben Spieldosel, da hot Frantusch Niekchen gemacht allein Musik mit Pfeifen und Stampfen, wos is polnisches Kunzert!« »Alle Hagel! Das hast du den Damen geantwortet? Waren wohl sehr giftig, he?« »Nix giftig, Leutnant. Hot Wirtin reumütiges roten Kopf gekriegt und gelocht: Sag' zu deine schwerrkranken Patient, daß er soll haben Spieldosel sofort!« und mit triumphierendem Lächeln wandte er sich abermals zur Tür, an die es schüchtern klopfte, und nahm würdevoll das annoncierte Instrument in Empfang. Flanken strich sich nachdenklich das Kinn. »Stell sie auf den Tisch, Niekchen, und dann geh hinüber zum Meister Knieriem und kaufe mir zwei schöne, weiche Filzpantoffeln! Die ersten werden's sein, die ich an die Füße bekomme, aber was tut man nicht alles, um einen Walzer zu lernen!« Gott Amor aber saß auf der Tischkante und hielt sich die Seiten vor Lachen. Er lernt doch gar viele wunderliche Heilige in seiner Praxis kennen, einem solchen Original aber, wie dem Herrn von Flanken, war er zuvor noch nicht begegnet. Schnell zog er eine Feder aus dem Flügelchen und notierte sich den außerordentlichen Fall, denn es gibt eine Menge ungläubiger Menschen in der Welt, die alles schwarz auf weiß haben wollen. Die Filzpantoffeln wurden gekauft, und Tanzmeister Niekchen hat sein Meisterstück gemacht. VII. Es war ein kalter, stürmischer Novemberabend, als die Equipage des Fürsten Sobolefskoi durch die Parkanlagen nach einem der Vorstadtviertel der Residenz hinaussauste. Wunderliche Stimmen klangen durch Wind und rauschende Baumwipfel, und die in einen Pelz gehüllte Gestalt des Russen drückte sich fester in die Wagenecke und starrte mit gläsernem Blick in den wirren Schattentanz hinaus. Es war eine frostige Fahrt. Daniels Zähne schlugen zusammen und wie Fieberschauer schüttelte es seine Glieder, dennoch hatte er das Gefühl, als steige heiße Glut von seinem Herzen empor in Stirn und Schläfen. Es hämmerte und zuckte darin und schoß jählings zurück, seine Brust wie mit knöchernen Fingern im Krampf zu fassen. Vielleicht fuhr er zu einem Schwerkranken, vielleicht zu einem Sterbenden. Nicht zum erstenmal legte er einen solchen Weg zurück; in Italien und Paris war sein Platz lange Wochen hindurch bei Sarg und Totenbett gewesen, und seine Hand hatte sich kühl und friedlich auf brechende Augen gelegt, und seine Lippen konnten beten. Heute zitterte er selber wie ein Schwerkranker, und die Gedanken, die wie ein Wirbelsturm alle Leidenschaft seiner gefolterten Seele aufrührten, waren keine Gebete, sondern ein Trotzen, Frohlocken und lästerliches Anrufen der Gerechtigkeit, endlich ihrem Stiefkind sein wohlverdientes Glücksteil auszuzahlen. – Zwei dunkle Mädchenaugen hatten ihn zum willenlosen Werkzeug gemacht und ihn hierher auf diesen Weg gedrängt. Unter ihrem Einfluß und dem seines guten Engels war er geschieden, und nun schlug die Nacht ihre düsteren Fittiche um ihn, und in den Lüften lebte und webte es wie Höllenspuk. Und dann tanzten wieder die Straßen im Flackerschein an ihm vorüber, und die Gasflammen zuckten wie Irrlichter, bis der Wagen mit jähem Ruck auf dem Pflaster hielt. Der Diener riß die Tür auf, und Daniel stieg mechanisch zur Erde und betrat durch das schlichte Portal das Haus. Schwer atmend stieg er eine Treppe um die andere empor. Ein Bursche stolperte mit einem Eimer voll Eis hinter ihm die Stufen hinauf, und eine Frau tuschelte auf einem der Treppenabsätze mit einem jungen Zivilisten. Sobolefskoi griff an den Hut und schritt vorüber. Die Korridortür stand offen, und aus der nächsten, ebenfalls nur angelehnten Zimmertür hörte man leise Stimmen. Ein Militärarzt verabschiedete sich von Herrn von Flanken. Mit einem gedämpften Laut freudiger Überraschung trat der Premierleutnant der unerwarteren Erscheinung im Türrahmen entgegen, in seiner ungeschickten Weise sich bemühend, lautlos auf den knarrenden Dielen zu gehen. »Gott sei Lob und Dank, daß Sie kommen, Durchlaucht!« flüsterte er mit kräftigem Händedruck. »Sie schickt ein guter Engel zur rechten Stunde! Haben Sie eine Weile Zeit, können Sie momentan hierbleiben?« Daniel bejahte hastig, sein Blick flog suchend durch das Zimmer und haftete auf der geöffneten Stubentür. »Ich komme, meine Dienste anzubieten, meine Herren. Nicht als Arzt, dazu bin ich zu lange Zeit aus jeglicher Übung, wohl aber als Freund und Handlanger, wenn man mich als solchen gebrauchen kann.« »Und ob wir es können!« atmete der Ulan tief auf. »Unser braver Doktor muß noch einem andern Patienten Hilfe bringen, und ich sitze bereits seit zwei Uhr mittags hier auf demselben Fleck, habe in der Aufregung der letzten Stunden Essen und Trinken vergessen, und nun hängt mir der Magen bis in die Stiefel herunter, so daß mir vor Hunger ganz blümerant wird!« Und das frische Antlitz des Sprechers sah so kläglich zu Fürst Sobolefskoi nieder, daß diesem ganz unfreiwillig ein Lächeln um die Lippen huschte. »Gehen Sie schnell, bester Flanken, und sorgen Sie, daß wir an Ihnen keinen zweiten Patienten zu pflegen bekommen! Ich bleibe hier und vertrete Sie, so lange Sie es nur irgend verlangen.« »Um zehn Uhr ist der Krankenpfleger hier, Durchlaucht,« verneigte sich der Arzt. »Wenn Sie bis dahin die große Güte haben wollten, hier auszuhalten –« »Unsinn! Ich bin um neun bestimmt retour. Mehr als eine Stunde brauche ich nicht, um in der nächsten besten Kneipe zum Futtern zu blasen!« Daniel hatte den Pelz abgeworfen, »Sind irgendwelche Maßregeln bei dem Kranken zu beobachten?« fragte er, sich der Tür des Nebenzimmers nähernd. »Momentan nicht; verbindlichsten Dank. Der unglückliche Herr von Altenburg braucht augenblicklich nur Ruhe, viel Ruhe. Der ungeheure Blutverlust hat ihn bis zur Ohnmacht entkräftet.« »Die Halswunde ist tatsächlich schwer?« Der Arzt zuckte die Achseln, »So schwer, daß er uns schier unter den Händen verblutete! Das Unglück geschah nur wenige Straßen entfernt von der Wohnung hier, darum standen die beiden Heilgehilfen, die sich glücklicherweise in einem nahen Barbierladen aufhielten, vernünftigerweise von einem Transport in das Hospital ab. Sie legten auch den ersten Notverband recht wacker und geschickt an, und nun, da wir den Verwundeten regelrecht bandagiert haben, ist er, so Gott will, gerettet.« »Wenn nur kein Fieber kommt,« nickte Flanken sorgenvoll, »und wenn der Verband nur haftet.« Der Arzt griff nach dem Hut. »Fieber wäre allerdings ein böser Gast, aber gottlob, sind keine Anzeichen dafür da, er atmet ruhig und regelmäßig,« und er trat an Daniels Seite abermals in das Krankenzimmer, um noch einmal von dem Zustand des jungen Offiziers Kenntnis zu nehmen. Eine leise geführte Unterredung der beiden Mediziner, dieweil Flanken auf dem Flur den Säbel umschnallte, dann instruierte der Militärarzt noch einmal den Burschen, jedem Befehl seiner Durchlaucht Folge zu leisten, und mit kurzem Händedruck verabschiedeten sich die Herren. Daniel geleitete sie bis zur Treppe, schloß lautlos hinter ihnen die Korridortür und beauftragte den Soldaten, die Schelle abzustellen und auf jegliches Klopfen zu achten, dann trat er langsam in das Zimmer zurück und setzte sich an dem Krankenlager des verhaßten Nebenbuhlers nieder, über dessen Schlaf und Leben zu wachen. Mechanisch neigte er sich vor, das Antlitz des Kranken mit starrem Blick zu umfassen. Das gedämpfte Licht ließ die Züge Altenburgs geisterbleich erscheinen, so marmorkühl und regungslos, daß Sobolefskoi jählings emporschnellte, das Ohr dicht gegen die Lippen des Verwundeten zu neigen. Und langsam, die Zähne zusammenbeißend, sank er wieder in den Korbsessel zurück. Nachdenklich streifte sein Blick den Patienten. Wie stand es? Würde er, dessen Antlitz die Spuren rastloser Arbeit und geistiger Anstrengung trug, überdauern, was ihn getroffen? Gerade diese zarten und elend aussehenden Menschen pflegen auf dem Krankenbett die zähesten und widerstandsfähigsten zu sein. Altenburgs Augen sind geschlossen, ein Zug ernster, beinahe energischer Resignation liegt auf den regelmäßig und edel geschnittenen Zügen, und Fürst Sobolefskoi deckt mit leisem Aufstöhnen die Hand über die Brauen; er begreift es, daß Lenas Blick voll Liebe und Entzücken an diesem Antlitz hängen muß, nicht allein um seiner eigenartigen Schönheit, sondern auch um des Geistes willen, der ihm sein leuchtendes Siegel auf die Stirn gedrückt. Aber es ist eine Qual, stundenlang sitzen zu müssen, um das Haupt eines Mannes zu schauen, um dessentwillen man an allem Glück zum Bettler geworden. Daniel wandte sich in aufwallender Erbitterung ab, das Zimmer einer Musterung zu unterziehen, Bücher, nichts als Bücher, Landkarten, Meßgeräte und Zeichnungen, alles einfach, solid und anspruchslos, kein Aschenbecher oder Rauchservice, kein Band aus der Leihbibliothek, keine Vielliebchen, Vasen und Bronzen, keine Photographien aus Zirkus und Operette – nur über dem Bett hing ein kleines Kruzifix und darunter das schlicht umrahmte Bildchen einer schlanken, vornehm blickenden Dame, deren Antlitz eine frappierende Ähnlichkeit mit dem jungen Offizier zeigte: seine Mutter. Daniel zuckte zusammen und neigte sich etwas näher. Auch sie hat dunkle Augen, und weil sie das Haupt etwas gesenkt hält, sieht es aus, als ruhe ihr Blick voll ernster Wehmut auf dem leidenden Sohne. Und wieder reißt sich Daniel fast ungestüm von diesem Anblick los. Um sich zu beschäftigen, rekapitulierte er seine Unterredung mit dem Militärarzt über die Art der Verwundung und ihre Behandlung, griff in die Tasche und zog etliche Papierstreifen hervor, die der Doktor von dem Tisch genommen und ihm zur besseren Orientierung gereicht hatte. Es waren ärztliche Verordnungen und Rezepte, die eventuell noch angewandt werden sollten. Langsam entfaltete er die Blätter, las das erste, dann das zweite. Plötzlich stutzte er. Französisch? – Was sollte das bedeuten? »Wie soll ich Ihnen danken, mein Wohltäter, mein edelster Baron, daß Sie mir wieder zwei Mark mehr als mein Stundenhonorar gesandt haben? Ist es nicht schon genug des Erbarmens, daß Sie vier Treppen hoch in einem Hinterhaus emporsteigen, bei einem unglücklichen alten Mann Sprachstudien zu nehmen, wo Ihnen gewiß viele vornehme Lehrer zu Diensten stehen? Gott lohne es Ihnen um meiner armen, armen Claire willen, für die ich nun wieder Medizin und Suppen kaufen kann! Drei Jahre schon gelähmt, ein einundzwanzigjähriges Mädchen, Gott möge sich bald erbarmen! Ach, wäre meine Tochter doch damals bei der Frau Baronin geblieben, anstatt die unselige Heirat zu schließen, das Elend wäre nie gekommen – aber französische Bonne sein – –« Daniel ließ das erbärmliche Briefblatt, auf dem eine zittrige alte Hand sich mit Schriftzügen abgemüht, wie geistesabwesend sinken uno starrte geradeaus ins Leere. War es denkbar, menschenmöglich? Waren all die leichtfertigen Motive, die er dem jungen Offizier unterlegt hatte, irrig? Scheiterten sie abermals an der stolzen Ehrenhaftigkeit des Freiherrn von Altenburg, der barmherzig durch Wind und Wetter ging, um bei dem Vater seiner ehemaligen französischen Bonne Sprachunterricht zu nehmen? Und Claire –? Der Fürst senkte das Haupt tief auf die Brust und verschlang die Hände krampfhaft über dem knisternden Papier. »Vergebe Gott mir meinen nichtswürdigen Verdacht.« Minutenlang saß er und blickte regungslos vor sich nieder, dann erhob er sich, schritt lautlos in das Nebenzimmer und rückte das Tintenfaß herzu. Bogen und Kuverts lagen noch auf dem Tisch. Sobolefskoi zog sein Portefeuille und faßte alles, was er an Banknoten darin fand, zusammen. »Für Claire, von einem, der noch elender ist als sie,« schrieb er auf einen Zettel, schloß ihn zu der hohen Geldsumme in einen Umschlag und adressierte diesen an den greisen Schützling des Freiherrn von Altenburg. Zwei Mark hatte Eitel ihm über das Honorar geschickt, wie schwer sanken sie in die Wagschale gegen dieses Kapital! Die Tür wurde leise geöffnet; der Bursche Altenburgs erschien und sagte: »Der Kammerdiener ist draußen und meldet, daß der Wagen wieder vorgefahren sei.« Daniel nahm schnell seinen soeben geschlossenen Brief, sah auf die Uhr und trat auf den Korridor. Es war just in der neunten Stunde und die Häuser der Großstadt noch nicht geschlossen, infolgedessen instruierte der Fürst seinen getreuen Alexandrowitsch, in scharfem Tempo sofort nach der H.-Straße zu fahren, diesen Brief im Hinterhaus an seine Adresse abzugeben und ohne ein Wort der Erklärung augenblicklich wieder zu gehen. Die Equipage brauche nicht mehr hierher zu kommen; wenn er nach Hause fahren wolle, seien jederzeit Droschken zu haben. Fräulein Lena von Groppen solle er einen Gruß bestellen und sagen, daß der Freiherr sehr schwer erkrankt, allem Anschein nach aber bereits außer Lebensgefahr sei. Der Fürst übernehme persönlich die Nachtwache. Als der Diener sich hastig entfernte, trat ihm Herr von Flanken entgegen. Er war wieder vollständig restauriert und ersichtlich guter Laune. In seiner rührenden Gutmütigkeit erbat er sich, bei Altenburg zu wachen, bis der Krankenpfleger käme. Er erzählte mit gedämpfter Stimme noch einmal alle Details des unglücklichen Sturzes und schloß in seiner treuherzigen Weise: »Da habe ich undankbarer Gesell immer behauptet, meine Muskelkraft sei in unserer aufgeklärten Gegenwart ein totes Kapital, und nun habe ich mich überzeugen müssen, daß sie doch noch zu etwas nütze ist! Wie ein Wickelkind habe ich Altenburg in den Armen getragen, und hätten meine starken Hände nicht mit zugegriffen und gehalten, so wäre wohl das Bandagieren auch nicht so schnell gegangen. Na, verzeihen Sie, Durchlaucht, daß ich eine so hohe Meinung von mir bekommen habe – Sie glauben gar nicht, wie stolz es mich macht, daß ich auch mal zu etwas nütze war!« Daniel drückte ihm lächelnd die Hand, der blonde Riese jedoch, dem nichts so fremd war wie Krankheit, fuhr bedauerlich fort: »Zu schade, daß der arme Kerl da drinnen so fest schlafen muß; wenn er wach wäre, könnten wir so nett einen kleinen Skat zu dreien spielen – zum Zeitvertreib! Rauchen darf ich wohl auch nicht?« – Nein, zum Krankenwärter hatte Herr von Flanken vorläufig noch nicht das mindeste Talent, darum redete Daniel ihm auch dringend zu, die Sorge für den Patienten allein ihm, dem Arzt, zu überlassen. »Na, meinetwegen – wenn ich nicht nötig bin, werde ich mich nachher heimwärts schlängeln, aber so lange bleiben Sie noch hier im Korridor, Durchlaucht, damit ich Sie ein bißchen unterhalten kann. – Sagen Sie mal, wie geht es denn Fräulein Jolante?« »Danke schön, ganz vorzüglich!« »Erzählen Sie mir doch mal ein wenig von ihr, so interessante kleine Züge, über die man sie persönlich nicht gut ausfragen kann.« »Ich verstehe nicht,« »Na, ißt sie zum Beispiel lieber Schokolade oder Marzipan, wenn man zum Beispiel mal eine Bonbonniere schicken wollte?« Daniel lächelte. »Soviel ich weiß, liebt sie beides.« Flanken rückte etwas näher und neigte sich vertraulich nieder. »Ich glaube, so ein Elfchen ißt überhaupt nur Bonbons,« flüsterte er, und seine Kinderaugen schauten recht bedenklich drein, »wenn sie sich nun einmal verheiratet, glauben Sie, daß Jolante ihrem Mann dann auch zumutet, lediglich von Konfekt zu leben?« Sobolefskoi hielt das Taschentuch an die Lippen. »Nein, mein bester Flanken. Wenn Jolante überhaupt heiratet, hat sie ihren Mann sehr lieb, und die Liebe überwindet alles, dem Gatten zu Gefallen sogar die Aversion gegen – Sauerkraut! Und nun leben Sie wohl, mein lieber Premierleutnant, auf baldiges Wiedersehen!« Flanken fand es hart, daß er sich just von diesem herrlichen Gesprächsthema losreißen sollte, aber an der Tür klopfte der Krankenwärter, und so fügte er sich geduldig, sah noch einmal nach »dem lieben, armen Unglücksraben« und klirrte alsdann wieder die Treppe hinab.   Wie endlos lang doch solch eine Nacht im Krankenzimmer ist! – Aus dem Korridor klingen die tiefen Atemzüge des schlafenden Burschen und des Wärters – die Uhr hat soeben die dritte Morgenstunde verkündet, und Daniel Sobolefskoi sitzt allein an dem Lager seines Nebenbuhlers und stützt das Haupt mit den brennenden Augen in die Hand. – Sein Körper ist tief erschöpft, aber seine Seele ist erregter denn je. Zwischen Mitternacht und Hahnenschrei öffnet die Hölle ihre düstern Pforten; dann ziehen die greulichen Unholde ihren Fallstrick um die Füße der Menschen, dann setzt sich das Verbrechen neben den Schlummerlosen und malt ihm wilde Phantasien ins Hirn, dann hocken sich Verrat, Treulosigkeit und Selbstsucht um ihn her und flüstern ihre sündhaften Anschläge in sein Ohr! All die fahlen Geister der Versuchung umklammern ihn und locken und ziehen heran zu ihrem Hexensabbat, und der Geist, der sonst so willige, kann dem Rausch phantastischer Hirngespinste nicht widerstehen, und das Fleisch ist schwach ... Bewahre Gott in Gnaden des Menschen Seele vor solchen Stunden einsamer, grabesstiller Mitternacht. – Daniel Sobolefskoi starrt regungslos auf das bleiche Angesicht in den Kissen, und an den Gedanken, daß Lenas Liebe diesem Manne gehöre, schließen sich in wirbelndem Reigen noch viele andere Gedanken an! Die Eifersucht mit ihrer erbarmungslosen Qual foltert sein Herz, Erbitterung und wildes Rachegelüst wachen mächtig auf, und obwohl Daniel weiß, daß der Schlaf eines Menschen durch scharfes Anschauen gestört wird, sitzt er dennoch weit vorgebeugt und heftet den funkelnden Blick auf das Antlitz seines Feindes. Der Kranke atmet unruhiger, seine Hände zucken auf der Decke. Wie Frohlocken zieht's durch alle Fasern und Nerven des Mißgestalteten. Allein mit dem Räuber seines Glückes, sein Leben, sein Bestehen in seine Hand gegeben ... wer hindert ihn daran, durch einen einzigen Augenblick die rollende Kugel des Schicksals in andere Bahnen zu schleudern? Niemand sieht's – niemand hört's – keiner kann es beweisen ... nicht im Himmel, nicht auf Erden. Der Verwundete öffnet stöhnend die Lippen und lallt unverständliche Worte ... sein Arm hebt sich wie abwehrend gegen die stieren Blicke, die auf ihn gerichtet sind, wie die eines Raubtieres auf sein Opfer. – In den farblosen Wangen flackert es rot empor und zeichnet grelle Flecken auf die Backenknochen. – Das Fieber! – Das Fieber! – – Wie eine Schlange ringelt es sich um die zusammengekauerte Zwerggestalt – er will lachen ... aber die Lippen verzerren sich bloß, und die Zähne blitzen grell auf. – Wer wehrt es ihm, in dieser stillen, dunklen Nacht die Bandagen zu lockern, wer kann ihn hemmen, den dunklen Blutstrom, der für Zeit und Ewigkeit eine Kluft reißt zwischen Lena und ihm? – Ein kurzer schneller Griff, und das Lebensglück Sobolefskois ist gerettet! – Der Satan schlägt ihm die Krallen in Herz und Hirn, es zieht ihn wie mit teuflischen Gewalten näher und immer näher zu seinem Opfer. Er kniet auf das Bett ... er neigt sich vor – streckt die Hand aus – – Ha! – wie wagt es jenes kleine Bild, ihn plötzlich mit dunklen Augen anzublicken – jenes Bild an der Wand, das den Blick wie magnetisch an sich zieht, das wie zu geisterhafter Größe anwachsend, sich flehend und angstvoll über den Sohn neigt? – Seine Mutter! – Ein unartikulierter Laut ringt sich gurgelnd aus Daniels Kehle – wie zusammenbrechend in sich selbst schrickt er zurück, er wankt, und seine Hand stützt sich schwer auf die Brust des Kranken. – Wild emporschreckend reißt Altenburg die Augen auf. Die Glut des Fiebers brennt in dem irren Blick, mit dumpfem Schrei der Wut schnellt er empor, packt die fremde Spukgestalt mit beiden Fäusten und will sie erwürgen. – Ein kurzer, furchtbarer Kampf. – Daniel ringt sich keuchend frei, seine Glieder zittern, wie Fiebergluten schüttelt es ihn. – Altenburg stürzt in die Kissen zurück, und Sobolefskoi bricht auf die Knie zusammen, die gefalteten Hände zum Himmel hebend, mit dem Murmeln der Verzweiflung –: Mutter ... was wollte ich tun! Und dann springt er empor und neigt sich über den Verwundeten, voll Todesangst in seine verglasten Augen zu blicken. Schnell das Fiebermittel ... Doch, allbarmherziger Himmel – was ist das? – Über die weißen Binden des Halses rinnt ein feiner roter Streifen, und das weiße Nachthemd auf der Brust färbt sich mit dunklem Purpur. Regungslos, wie tot, nur ein leises Röcheln auf den Lippen, liegt der Kranke da. – Daniel taumelt zurück. Ein markerschütternder Schrei gellt durch das Zimmer. Dann stürzt er mit keuchendem Atem in das Nebengemach, wo die ärztlichen Instrumente und Bandagen noch auf dem Tisch ausgebreitet liegen. Der Krankenwärter schrickt empor. – »Zu Hilfe!« schreit Daniel, »der Verband hat sich gelöst!« – Und dann wagt er sich mit dem Mut der Verzweiflung an das furchtbare Werk. Entweder gelingt es ihm ohne Hilfe, oder der junge Offizier stirbt unter seinen Händen. Entsetzen schüttelt den Fürsten: »Mutter, erbarme dich meiner!« – ringt sich's wie in Todesnot von seinen Lippen, und er beißt die Zähne zusammen und beginnt mit Hilfe des Wärters den Verband abzulösen und die blutende Ader neu zu unterbinden. Von seinem Herzen aus geht es wie kalte Schauer durch seine Glieder, eine wundersame Ruhe überkommt ihn, mit dem Bewußtsein der Gefahr kehrt sein Wissen und Können zurück. – Wohl rinnt der Angstschweiß von seiner Stirn, aber seine Hände arbeiten ruhig und sicher, und wie der furchtbare rote Quell versiegt, wie sich die Linnen fest und sicher darüber legen, da klingt's nur wie ein Schluchzen aus seiner Brust hervor, und als Altenburg wieder still und ruhig auf seinem Schmerzenslager liegt, sein Bursche an dem Bett niederkniet und das Gesicht mit feuchten Augen tief aufatmend in den Händen birgt, wie der Krankenwärter voll leisen Jubels ausruft – »Dem Himmel sei Dank, Herr Doktor – jetzt ist er gerettet!« – da fühlt Daniel plötzlich, wie seine Knie erzittern. Eine unbezwingliche Schwäche überfällt ihn, blutrote Nebel wallen vor seinen Augen, und er greift tastend um sich. – »Um deinetwillen, Mutter ... um deinetwillen, Lena! Gott sei gelobt!« – murmelt er, und dann sinkt sein Haupt gegen die Sessellehne zurück. Wie himmlische Musik umklingt es ihn, zwei dunkle Augen lächeln ihm zu, und dann umfangen ihn die Schatten tiefer Ohnmacht. Der Fürst hatte befohlen, daß kein Wort über jene Bewußtlosigkeit, die ihn in dieser Nacht befallen, verlauten solle. Er erholte sich schnell von ihr, nahm etliche Tropfen aus einer kleinen Phiole, die er bei sich führte, und befand sich darauf schnell wieder in einem völlig gekräftigten, beinahe aufgeregt frischen Zustand. Mit wahrhaft aufopfernder Sorgfalt hütete und pflegte er den Kranken und fuhr am nächsten Morgen erst nach Hause, als er Altenburg der Sorge des Militärarztes anvertrauen konnte. Betroffen blickte der in das Angesicht des Fürsten. Das Tageslicht zeigte eine wunderbare, fast erschreckende Veränderung. Hohl und fieberglänzend starrten die Augen; tiefe Furchen gruben sich in Wange und Stirn, und das Haar deuchte den Beobachter heute viel ergrauter zu sein, als gestern abend. – Das war begreiflich: die qualvolle Aufregung, in der der Fürst sich stundenlang befunden hatte, war groß gewesen, um so mehr, wenn er tatsächlich mit so viel freundschaftlicher Liebe dem Kranken zugetan war, wie es den Anschein hatte. – Der Krankenwärter erzählte, der Fürst habe den Rest der Nacht kniend an dem Bett des Verwundeten verbracht, die Hände wie in tiefster Seelenqual im Gebet ringend. – Auch am nächsten Tag wich Sobolefskoi kaum von der Seite Eitels. Er drückte dem Erwachenden die Hand und legte die seine wie segnend auf sein Haupt. Oft hielt er sich, wie in jähem Schwindel, an den Möbeln fest oder preßte die Hände mit dem Ausdruck großen physischen Schmerzes gegen die Brust. Mit einer fast krankhaften Hast und Erregung beschwor er die Ärzte, eine Überführung des Kranken in des Fürsten Wohnung zu ermöglichen. Diese sei vollkommen zweckentsprechend und habe den Vorzug, daß er den Freund stets unter seiner ärztlichen Aufsicht habe. – Man stellte die Überführung für den zweitnächsten Tag in Aussicht, und Daniel schleppte sich während dieser Zeit pflichtgetreu zu seinem Schutzbefohlenen, um wie ein Vater über ihn zu wachen. – Und der Tag kam, da Altenburg nach glücklichem Transport unter dem seidenen Baldachin in Sobolefskois größtem und luftigstem Zimmer lag und nach stärkendem Schlaf die Augen öffnete. Da stand Daniel vor ihm und hielt das kleine Bildchen in der Hand, von dem Eitels Mutter mit dunklen Augen ihm zuzulächeln schien. – »Es soll wieder seinen angestammten Platz erhalten!« sagte er leise mit eigentümlich fremder Stimme. »Als ich das Bild abnahm, fiel mir die Hälfte eines trockenen Kleeblattes entgegen – hier ist sie.« Dann, nach kurzem Schweigen, fuhr der Fürst fort: »Ich werde dieses Glückszeichen gut für Sie aufbewahren, denn es hat in der Tat wie ein guter Stern über Ihnen gewacht!« Leise Röte stieg in Eitels bleiches Angesicht. »Warum soll es nicht seinen bisherigen Platz behalten?« Daniels Blick schweifte wie geistesabwesend über das Antlitz des Fragers hinweg. »Die Zeit des Kräutleins ist um; – droben flicht Lena einen Kranz von roten Rosen, der dieses Bild umrahmen soll. In ihrem Duft sollen Sie träumen, und wenn die Blüten verwelkt sind, wird sie persönlich kommen, neue Zweige zu bringen.« – Der Fürst deckte momentan die Hand über die Augen. »Dann wird ein Engel an Ihr Krankenlager treten, dessen Lächeln Sie genesen lassen wird, – an Leib und Seele.« Ein jäher bebender Händedruck war die Antwort des jungen Offiziers. – An demselben Tage jedoch fand man den Fürsten Sobolefskoi besinnungslos vor seinem Schreibtisch, ein schwarz gesiegeltes Kuvert lag auf der Platte. – »Mein letzter Wille« war dessen Aufschrift. Die Ärzte konstatierten den Ausbruch eines Herzleidens, das sich bereits seit längerer Zeit vorbereitet zu haben schien. Im Verein mit den stets heftiger auftretenden asthmatischen Beschwerden gab es Anlaß zu den ernstesten Besorgnissen. Wochen voll Sorge und Angst vergingen, und als der Christbaum seine Flammensternlein an den Zweigen brennen ließ, saß Fürst Daniel bleich und gebrochen in einem Rollstuhl und blickte mit dem herzzerreißenden Lächeln eines Dulders, das mehr Schmerz als Freude ausdrückt, in den weihnachtlichen Glanz um ihn her. Altenburg stand hoch und stattlich an seiner Seite, heute definitiv als völlig gesundet aus der ärztlichen Pflege entlassen. Frischer, blühender denn je trug er das Haupt auf den Schultern, und in seinem Auge spiegelte sich ein ungewohnter sonniger Glanz, ein Widerschein jener unaussprechlich seligen Stunden, während welcher Lena an seinem Lager gesessen, den Zauber aller jungen Liebe und allen jungen Lebens über ihn ergießend. Draußen hatten die Schneeflocken mahnend ihren kühlen Kuß auf die jungen Keime gedrückt, die zu früh zum Licht hervordrängen wollten, und drinnen preßte der junge Offizier die Hände gegen das ungestüme Herz und sagte sich voll stolzen Ehrgefühls, daß es noch nicht an der Zeit sei, die Rosen zu pflücken, und daß man mit leeren Händen nun und nimmermehr säen und ernten könne.   VIII. Das königliche Schloß hatte seine Säle geöffnet und schaute wie mit hundert glühenden Feueraugen in die von Schneeflocken durchwirbelte Finsternis hinaus. Im Vestibül paradierten die Lakaien und Huissiers in voller Gala, und in dem Feldherrnsaal erwartete der Oberhofmarschall, den Stab mit silbernem Knopf in der Hand, die Gäste seiner erlauchten Gebieter. Hier fanden sich alle Damen zusammen, repräsentierende Mütter und tanzlustige Töchter, einherrauschend in Schleppen von Samt, Brokat und Damast, funkelnd in dem versteinerten Tau ungezählter Pretiosen, umrankt von Blütengewinden und goldstrotzenden Stickereien. Perlgaze und Schmetterlingsflor wehen wie duftige Wölkchen von dem Opferaltar der Aphrodite; hier hat es in samtweichen Flocken über den Tüll geschneit, dort ist ein glitzernder Rauhreif über Brabanter Spitzen gefallen, und aus blauer Luft hernieder hat sich schillerndes Gefieder gestürzt, um im Dienst der Schönheit sich huldigend und wohlig an die Gewänder schlanker Frauen zu schmiegen. Den Damen schließen sich an die Würdenträger und vornehmsten Herren, die Exzellenzen, Marschälle und Glieder der Ritterschaft, während das Gros der Tänzer in der Ahnengalerie zur Rechten zusammengetreten ist. Von der Decke flutet Licht, – an der Rückwand des Saales, die in bunter Seidenstickerei das Wappen des Landes zeigt, funkeln vielarmige Leuchter und bestrahlen den Thron, dessen Stufen, Sessel und Himmel in Purpur und Gold gehalten sind. Symbolische Figuren schmücken den Plafond, und ein breiter Fries zunächst der Decke wird von farbigen Städtewappen gestützt. Marmorsäulen wachsen schlank und graziös aus spiegelndem Parkett empor, und die Türen, die die Verbindung zu den Nebensälen vermitteln, sind Kunstwerke aus leuchtender Goldbronze. Von den Gemächern der Königin-Mutter her hielten die höchsten Herrschaften ihren Eintritt in den Saal und begaben sich nach einem längeren Cercle in den Dorotheensaal, woselbst die tanzende Jugend ihrer wartete. Ein reizender, herzerfrischender Anblick. Das Land hat in reicher Fülle seine lieblichsten Blüten gesandt, die Festräume seines Herrscherhauses damit zu schmücken! Lächelnd heben sich die anmutigsten Mädchenköpfe auf den graziösen Nacken, und neben ihnen in kraftstrotzender Jugend das Herzblut des jungen Deutschlands, in Waffenrock und Tressenkleid, stolz, siegesbewußt, elegant. Leise rauschen die prächtigen Roben, dieweil ihre Trägerinnen sich grüßend vor den königlichen Hoheiten neigen, während die Königin-Mutter am Arm ihres regierenden Sohnes, gefolgt von den älteren Fürstlichkeiten, in den Feldherrnsaal zurückschreitet. Die hohe Frau trägt zu einem reichen Smaragdschmuck und einer braunen Samtschleppe ein etwas lichteres Atlastablier, das hohe Samtblüten in Orangefarbe zeigt. Prinzessin Kordelia und Prinz Theobald mischen sich mit liebenswürdigstem Gruß unter die tanzende Jugend. Die einleitenden Töne des Walzers erklingen, und mit einem Schlage ist das feierliche Schweigen gebrochen. – Ein lachendes, heiteres Durcheinander; die reizendste aller Prinzessinnen schwebt im Tanz über das Parkett, und, nachdem sie auf ihren Platz zurückgetreten, wirbelt's in buntem Schwärm bei den elektrisierenden Klängen ihr nach. Ursula ist glückselig; Prinz Theobald hat sie durch einen Tanz ausgezeichnet, und weil sie heute keine Lust hat, »Witze loszulassen«, und sich darin gefällt, »aus Affigkeit« alles ganz genau so zu machen wie die anderen jungen Damen, sind alle Leute kolossal nett gegen sie, und Graf Lohe, in seiner »patenten« Hofjunkeruniform, scheint geradezu entzückt von ihr zu sein und versichert: »es habe sich ein holdes Wunder an ihr begeben!« Er steht neben ihr und mustert mit Wohlgefallen ihre zierliche Gestalt. Heute ist gar nichts mehr an der Toilette auszusetzen. »Fräulein Ursula ... Sie haben ja heute die Handschuhe bis zum letzten Knopf geschlossen!« – Sie glüht wie ein Röschen und fächert sich Kühlung zu, bei seinem neckenden Ton schießt ihr das Blut vollends in die Wangen: »Weil heute eine Hundekälte ist – ich friere!« trotzt sie ihm entgegen; und kaum, daß ihr das Wort entschlüpft, beißt sie sich erschrocken auf die Lippe und blickt scheu umher, ob jemand das Polizei- und courwidrige Wort gehört hat. Das sieht ihr allerliebst, und der Erbherr von Illfingen überwindet sein Mißbehagen und bittet um den Vorzug, mit ihr soupieren zu dürfen. »Nein – ich bedaure.« »Ah ... sind Sie bereits engagiert?« »Nein!« Sein Auge sprüht auf. »Warum weisen Sie mich alsdann zurück?« Da schlägt sie ihre Augen voll auf, diese großen, naiven Kinderaugen, tritt ihm noch einen Schritt näher und flüstert schmollend: »Weil Sie mir immer viel zu wenig zu essen bringen, lauter zuckersüße Jämmerlichkeiten; und wenn ich noch was Ordentliches haben will, dann machen Sie jedesmal ein Gesicht, als wollten Sie sagen: Du Freßsack!« Ja, Ursula hatte wieder ein Attentat auf Lohes zarte Nerven verübt, allerdings nur ganz, ganz leise, kein fremdes Ohr hatte es gehört, aber den Grafen überlief doch ein Frösteln, und er war plötzlich wieder aus allen Himmeln gestürzt. Wäre er ein besserer Menschenkenner gewesen, so hätte er wohl mit Entzücken den Kampf dieser kindlichen Menschenseele bemerkt, die voll zärtlichen Willens allein ihm zuliebe in die Bahnen einlenkte, die er vorgeschrieben, und die doch zu spröde und stolz war, es ihm einzugestehen. Der Welt gegenüber wollte sich Ursula keine einzige Ungezogenheit und Derbheit mehr zuschulden kommen lassen, aber Graf Lohe sollte nichts von solcher Wandlung bemerken, sonst hätte er sich womöglich eingebildet, sie gehorche ihm – oh, und daran war nicht zu denken! Das Fräulein von Kuffstein tut einzig, was sie will, und davon beißt keine Maus einen Faden ab! Lohe versicherte mit einer etwas steifen Kopfhaltung, daß er diesmal jede Vorschrift der Ästhetik unberücksichtigt lassen und das gnädige Fräulein zur Zufriedenheit bedienen wolle. – Er habe darum den Wunsch gehabt, ihr Tischnachbar zu sein, weil er ihr eine Neuigkeit zu erzählen habe. – »Na meinetwegen, dann schießen Sie los!« nickte die Kleine leichthin, »ich werde Sie also an der Krippe dulden!« – und ihr Auge blitzte noch einmal triumphierend zu ihm auf, und dann tanzte sie mit einem Garde-Offizier davon. »Ein allerliebstes Knöspchen!« erklang es neben dem jungen Grafen, »will es mir zum nächsten Walzer pflücken!« Mark-Wolffrath zog die Augenbrauen zusammen und wandte den Kopf schnell zu seinem intimsten Freund, dem Fürst Schlüfften, herum. »Auf Wort, gefällt sie Ihnen? – Seit wann das?« »Ehrlich gestanden, erst seit unserem Wiedersehen hier in der Residenz! Früher war sie ein gar zu wild aufgewachsener Bub, jetzt ist sie ein scharmantes Mädel geworden!« »Inwiefern? Ich finde sie noch genau so drastisch und unerzogen wie früher!« – Lohe warf den Kopf zurück und machte das Gesicht, das ihm den Spitznamen »der prüde Josef« eingetragen. »Unbegreiflich! Sie benimmt sich durchaus comme il faut , und wenn sie wirklich mal ein wenig flink mit dem Zünglein ist, nun, so geschieht es in einer so frischen, naiven Art, daß man höchstens wohltuend davon berührt wird. – Sie stellen eben gar zu hohe Anforderungen, bester Graf, und was wir andern Staubgeborenen amüsant und originell nennen, sträubt Ihnen als eine Taktlosigkeit die Haare! Kommen Sie aus den Wolken herab und kochen Sie mit Wasser, wie wir auch! – Ah voilà ... da kommt die Kleine zurück – – Meine Gnädigste, darf ich um eine Extratour bitten?« Lohe biß sich ärgerlich auf die Lippe. »Kommen Sie aus den Wolken herab!« – – lächerlich, ist es seine Schuld, wenn die Natur ihn mit allzu peniblem Geschmack ausgestattet? Daß dieser ein Unglück für ihn sei und ihm den Lebensweg mit viel unnötigen Dornen pflastere, war ihm schon oft genug gesagt, von Menschen, die impertinent genug waren, sich ein Urteil über sein Wesen anzumaßen! Der Stab des Hofmarschalls berührte aufklopfend das Parkett, die tanzenden Paare traten zurück, und Prinzessin Kordelia schwebte am Arm des jungen Grafen Antigna auf wiegenden Walzerklängen dahin. Ursula riß die Augen weit auf vor Staunen und Freude. Wie gütig und huldvoll von Ihrer Hoheit, den blutjungen Kavalier, den Neuling am Hof zum Tanz zu befehlen! Man sieht es ihm an, wie diese unerwartete Gnade ihn erregt, wie Verlegenheit und Angst, dieser Auszeichnung nicht gewachsen zu sein, ihm fieberhafte Glut in das sonst so farblose Antlitz treibt. Er ist ein wenig geübter Tänzer, sein Arm umschließt die elfenhafte Gestalt der Prinzessin zu fest und zu nervös, fast sieht es aus, als presse er sie voll leidenschaftlichen Ungestüms an die Brust. Zweimal haben sie die Runde des kleinen Kreises getanzt, dann neigt die junge Fürstin dankend das Köpfchen und schreitet am Arm des Grafen nach dem Diwan zurück. Ein engelhaftes Lächeln spielt um ihre Lippen, und wie sie mit jedem ihrer Tänzer ein paar freundliche Worte plaudert, so schlägt sie die leuchtenden Augen auch zu Henry Antigna auf und richtet etliche Fragen an ihn. – Der junge Graf antwortet schnell und hastig, Ursula kann seine Worte nicht verstehen, obwohl sie nur wenige Schritte von ihm entfernt ist, aber sie scheinen die Prinzessin zu interessieren, die Unterhaltung spinnt sich länger als gewöhnlich aus. – Seltsam! Henry, dieser scheue, redeunlustige Mensch, ist wie ausgewechselt. – Endlich neigt Kordelia abermals mit ihrem herzigen Lächeln das Haupt, und nach tiefer Verneigung tritt Antigna in die Menge zurück. Hastig schafft er sich Bahn, sein Blick schweift wie geistesabwesend über das bunte Gewoge hinweg. Da fühlt er seinen Arm gefaßt. Ursula legt schnell ihre Händchen darauf und schreitet an seiner Seite mit fort. »Nehmen Sie mich mit, ich habe Sie an etwas zu erinnern, Henry?« flüstert sie, da sein überraschtes Antlitz sich ihr zuwendet. – Er nickt schweigend, aber sehr einverstanden, und führt die junge Dame in den Nebensaal zu einem palmwedelüberdachten Eckfauteuil. Die Kleine blickt forschend zu ihrem Begleiter empor. Welch eine Veränderung in seinen Zügen – er kann gewiß das Tanzen nicht vertragen! Sein erst so heiß erglühtes Gesicht ist wieder bleich und ernst, noch viel farbloser denn zuvor, die Augen liegen tiefer denn je, und seine Lippen zittern. Er setzt sich an ihrer Seite nieder und starrt in das Lichtgefunkel des Kronleuchters. »Nun?« »Sie versprachen mir zu erzählen, warum rote Mohnblumen Ihre Augen blenden!« Sein Blick flammt jählings zu ihr herüber. »Weshalb stellen Sie diese Frage just in diesem Augenblick an mich?« »Weil sie mir gerade jetzt in den Sinn kam, und ich stets solchem Impuls folge!« – Ganz wichtig und altklug sah sie ihn an, und Henry strich langsam mit der Hand über die Stirn und lachte plötzlich mit einem nervösen Klang in der Stimme leise auf. »Ich hätte Ihnen und der Mutter diese Geschichte erzählen sollen, bevor wir unseren ersten Besuch am Hofe abstatteten! Jetzt ist's zu spät« – er atmete tief auf – »und ein Umkehren hat keinen Zweck mehr. Aber gleichviel! Sie selber traten mir damals in den Weg und trugen Mohnblüten an Haar und Brust, eine Warnung, der ich nicht Folge leisten durfte!« – Er schwieg einen Moment und zog in aufgeregtem Spiel das wappengestickte Taschentuch durch die Hand, dann lehnte er sich in den Sessel zurück, und sein brennender Blick traf sie durch die dunklen Wimpern. »Vor Jahren war's. Auf dem elterlichen Schloß weilten wir, und da ich nie ein sonderlicher Freund vom Lernen und Studieren gewesen, warf ich mich lieber auf ein Roß und jagte querfeldein. Keinen Begleiter duldete ich an meiner Seite, kein Ziel hatte ich vor Augen, keine Gefahr schreckte mich. Es lag in meiner Natur, zügellos vorwartszustürmen, ohne Besinnen und Überlegen jede Schranke zu durchbrechen, wüst und leidenschaftlich in das Leben hineinzutollen. Das Vollblutpferd mag nicht für meine jungen Arme getaugt haben, es revoltierte gegen einen Feldweg, doch ich zwang's mit Sporen und Peitsche. Da schlug es den Pfad endlich mit schäumendem Gebiß ein, aber kaum daß ein paar Wachteln sich vor seinen Hufen flüchten konnten, bäumt's wild auf und schrickt zurück. Mitten auf dem Weg stand ein Büschel roter Mohnblumen; grell beschienen von der Sonne, vom Winde hin und her bewegt. Mein Pferd scheute davor, ich will es forcieren, reiße die Zügel an und – überschlage mich mit ihm in schwerem Sturz.« Ursula rückte mit weitoffenen Augen, fiebernd vor Interesse, näher, Graf Antigna aber neigte mit wunderlichein Lächeln den Kopf und fuhr leise, gedankenvoll fort: »Als mein Bewußtsein zurückkehrte, blickte ich in das verwitterte braunrunzelige Gesicht eines alten Weibes. Sie hielt meinen Kopf im Schoß, neigte sich über mich und murmelte beschwörende Worte über meine blutende Stirnwunde. Und sie hob warnend den Finger und sprach: ›Habt zu hitzig Blut, Junkerlein, rennt mit blinden Augen ins Verderben! Leidenschaft ist Euch gefährlich und bringt Euch zu Fall: drum merkt wohl: Wo der Teufel Euch hinlocken will, da streut er rote Mohnblüten auf den Weg – wandelt Ihr ihn, führt's zum frühen Grab.‹« Henry Antigna sprang empor und lachte laut auf. »Ist das nicht eine hübsche Romangeschichte? Etwas, was nicht alle Tage passiert?! Erzählen Sie es nicht weiter, sonst lachen uns die Leute aus! Aber wir wollen die Alraunenweisheit leben lassen –« und er nahm mit unsicherer Hand ein Sektglas von der Silberplatte eines servierenden Lakaien, leerte es hastig und nahm ein zweites: »Die roten Mohnblüten, die mich ins Verderben locken, sollen leben, blühen und gedeihen! Und nun kommen Sie, Ursula, man tanzt wieder, und mir ist's, als müsse ich mich totrasen nach diesen süßen Klängen, als müsse ich jeden Moment benutzen, um die Jahre wieder einzuholen, die ich Narr hinter den Büchern verloren habe!« Er wartete keine Antwort ab, legte ihre Hand auf seinen Arm und stürmte mit flackerndem Blick in den Saal zurück. Die Herren und Damen aber kamen zu Gräfin Antigna und gratulierten ihr, daß ihr »unnatürlich fleißiger« Sohn, der menschenscheue Gelehrte, der Welt zurückgeschenkt sei; Graf Henry sei mit Leib und Seele beim Tanz, unersättlich wie ein Löwe, wenn er Blut geleckt. – Und die stolze Mutter lächelte ihren Freunden herzlichen Dank und blickte hochaufgerichtet und triumphierend auf das Bild ihrer geheimsten Träume: Henry überreicht der Prinzessin Kordelia den Kotillonstrauß von brennend roten Blüten, Hoheit lächelte ihm freundlich zu und tanzte zum zweitenmal mit ihm.   Die breite Marmortreppe der Schloßhalle steigt langsam, beinahe zögernd ein junger Infanterieoffizier empor. Alle Gäste sind längst versammelt, er kommt spät. Dennoch scheint er keine Eile zu haben, die lichtstrahlenden Säle zu betreten, auf dem blumengeschmückten Treppenabsatz bleibt er sogar stehen und legte die Hand tief atmend gegen die Stirn. Eitel Freiherr von Altenburg! Er geht zum Hofball, zum ersten- und letztenmal. Verschiedene Gründe sind es, die ihn herführen. Seit er als schwerkranker Mann in der Wohnung des Fürsten Sobolefskoi gastliche Aufnahme gefunden, seit eine lichte Mädchengestalt voll milder opfermutiger Sorge das Haupt über ihn geneigt, seit er in seinen Fieberträumen ihre kühle Hand auf seiner Stirn gefühlt, und seit er mit wiederkehrendem Bewußtsein Lenas süßer Stimme gelauscht, seit dieser Zeit ist er ein anderer geworden. Traute, unaussprechlich selige Plauderstunden sind wie ein Traum an ihm vorübergezogen, den Kampf schürend, in dem plötzlich seine Seele rang. Nur einen Gedanken, nur eine Sehnsucht und einen Wunsch gab es hinfort für ihn: Lena! Und nur eine Hoffnung, sie jemals zu erringen: Selbständigkeit! Groß, edel und wahr senkte sich die Liebe in sein Herz, und groß und edel wie sie war der Stolz, der sie durch ein langes Leben hindurch stützen sollte. Die Aussichten auf ein Avancement in der Armee waren schlechter denn je, er als mittelloser Leutnant mußte lange Jahre noch warten, ehe er daran denken konnte, sich einen Hausstand zu gründen. Außerdem verknüpfen sich mit dem Rock des Königs Verpflichtungen, die ein Leben in voller Zurückgezogenheit und Sparsamkeit unmöglich machen. Hätte Lena in ihrer rührenden Demut auch ohne alle Ansprüche seine Gattin werden wollen, so hätte die Würde des Standes sich als gebietend Hindernis in den Weg gestellt. – Altenburg blieb also nur eine Wahl, Lena – oder der Degen. Eines mußte geopfert werden. Und nach schwerem Seelenkampfe hatte die Allgewalt der Liebe gesiegt. Der Freiherr wollte sich entschließen, Fürst und Vaterland aufzugeben, um eine sehr vorteilhafte Zivilstellung im Ausland, die ihm ganz unerwartet angeboten war, anzunehmen, und den Degen, der ihm das Glück nicht erkämpfen konnte, seinem Landesherrn zurückzuerstatten. Heute abend, angesichts der höchsten Pracht und Herrlichkeit, wollte er Lena fragen, ob sie all dieses wonnesame Leben voll Lust und Genuß dahingeben wolle, um ihm in eine bescheidene, armselige Häuslichkeit zu folgen, darinnen nichts glüht und blüht, als die unverwelklichen, dornenlosen Purpurrosen seiner Liebe! Ihre Antwort sollte entscheiden, in ihre Hand legte er zuversichtlich sein Geschick. Ein schwerer Gang. Altenburg blickt in die geöffneten Saaltüren; der Lichterglanz blendet sein Auge, und Musik und heiteres Stimmgewirr schlagen wie betäubend gegen sein Ohr, Er wendet sich und tritt in die Galerie, die sich still und menschenleer rechterhand neben den fürstlichen Gemächern entlang zieht. Ruhig und einsam. Der junge Offizier bleibt abermals stehen und schließt momentan die Augen, seine erregten Nerven zu beruhigen. Welch eine wundersame, geheimnisvolle Pracht legt sich plötzlich wie bestrickend über alle seine Sinne? Leise und weich, süß, duftig und schmeichelnd weht es um seine Stirn, eine Luft, wie er sie noch nie geatmet, eine feierliche, zwingende Luft, die ein Gemisch von Sonne, Mond und Veilchenduft zu sein scheint – Hofluft. Langsam setzt sich der Freiherr auf den Diwan zur Seite nieder und atmet tief auf. Wie hoch und stolz gewölbt ist der Raum, der ihn aufgenommen, wie blitzt es rings von Gold, wie ehrwürdig und gebieterisch wirkt diese matt erhellte, frei und kraftvoll aufragende Pracht der Wände. Große Gemälde sind zwischen die Marmorsäulen eingelassen, die Porträts der glorreichen Ahnherren des Königshauses, weltbekannte, unsterbliche Heldengestalten der Geschichte! Und abermals streicht die geheimnisvolle Luft über die Stirn des jungen Offiziers, und es ist, als mache sie seine müden Augen plötzlich hell und sehend. Altenburg erhebt sich und tritt, wie magnetisch angezogen, von einem der Gemälde zu dem andern. Sein Herz klopft hoch auf bei dem Anblick jener hoheitsvollen Gestalten, deren Bild er voll warmer Begeisterung in der Brust getragen, seitdem ihm als Knabe und Jüngling zum erstenmal der heilige Begriff von Fürst und Vaterland verständlich und zu Fleisch und Blut geworden! Ja, dies sind seine Ideale, mit denen er im Geist gekämpft und gesiegt hat, dies die Männer, denen er jauchzend das Banner der Treue durch die Spalten der Geschichte nachgetragen, dies die Vorbilder, denen er hohen Mutes nachgeeifert, welche vor seinem geistigen Auge gestanden, da er den Eid geschworen, welcher ihn mit Leib und Seele der Fahne seines Königs zu eigen gab! Ein ritterlich heldenhaftes Herrscherhaus! Hier stehen sie vor ihm, die Soldaten in Krone und Hermelin, denen nichts teurer und heiliger gewesen, als der Degen in der Hand, und sie richten die Augen auf ihn, ernst, gewaltig und vorwurfsvoll: »Um einer Rose willen wirfst du den Lorbeer aus den Händen?« Ein tiefer, fast keuchender Atemzug hebt die Brust des jungen Offiziers; seine Hand krampft sich zitternd um den Degengriff und durch seine Seele geht es wie ein jubelnder Aufschrei: »Noch halte ich die Waffe, der ich Treue schwur, und beim ewigen Himmel – ich will eher mein Herz aus der Brust reißen, ehe ich diesen Schwur breche!« Ein Taumel leidenschaftlichster Begeisterung erfaßt ihn. Ist die Luft, die er hier atmet, verzaubert, daß sie eine solch gewaltige Wirkung auf ihn ausübt? Hofluft ist's, und ein Poet hat einst gesagt, sie sei ein balsamisch Gemisch von Sternenglanz und Veilchenduft – lächerlich! Falsch Zeugnis hat der Mann geredet. Die Duftwoge, die durch einen Ballsaal zieht, hat er verwechselt mit dem kraftvollen Hauch der echten Hofluft, welche voll heiliger Weihe durch deutsche Fürstenhäuser weht! Hier klingt und singt und säuselt es nicht voll weichlicher Wollust, hier rauscht der Flügelschlag des Königsaars, hier flattert das Banner hoher Herrlichkeit, hier gilt Schwertklang und Mannesschwur, und der eherne Schritt von Jahrhunderten zittert wie ein stolzes Echo durch die Luft! Keine Veilchen duften darein, das Laub der Siegeseichen, der Lorbeer, welcher Heldenstirnen kränzt. Das ist Hofluft! Und Altenburg fühlt den Segen und die Kraft, welche sie in sich schließt. In keiner Kirche kann er feierlicher gestimmt sein als hier, wo der Geist seiner Könige ihn grüßt, wo er ihnen näher ist, denn je im Leben, wo das Auge, das ernst und stumm auf ihn niederschaut, ihn gemahnt an Ehre, Pflicht und Recht. Und wie einst die Ahnherren des jungen Edelmannes unter die Fahnen dieser Heldenfürsten getreten sind, getreu in Sturm und Not, getreu zu Sieg und Tod, so erneuert auch der Enkelsohn in diesem Augenblick das Gelöbnis der Väter, und seine Hand umschließt den Degen, fest und feierlich, in dem Schwur, sich freiwillig nie von ihm zu lösen! Fern in den Sälen jubelt die Tanzmusik, dort lacht und scherzt's, und die Luft, die die Flammen zittern läßt, trägt Himmelsglanz und Veilchenduft auf den Schwingen. Der Freiherr von Altenburg aber schreitet festen Schrittes die Marmorstufen wieder hernieder, ohne nur das Haupt nach jener lockenden Pracht zu wenden. Die Reihe jener Hofluft, die wie ein mahnender Sturmwind sein Lebensschiff auf die rechte Bahn zurückgeführt, wollte er unverfälscht mit sich hinaus in den Kampf gegen sein eigen Herz nehmen! Lena bleibt das lichte Bild der Gnade, zu dem er sich in unwandelbarer Lieb und Treue emporringen wird, aber mit dem Degen und im Dienst seines Königs! Liebt sie ihn, so wird sie in Ergebung der Zeit harren, da er kommen kann, um sie zu werben, und so, wie er der Eisenbraut den Schwur der Treue hielt, so wird er ihn auch seinem Weibe halten, über Zeit und Tod hinaus.   Graf Lohe und Ursula soupierten zusammen, als zweites Paar hatten Jolante und Herr von Flanken an dem kleinen Marmortischchen Platz genommen. Mit kolossaler Selbstüberwindung hatte Mark-Wolffrath ein wahrhaftes »Grenadieressen« an dem Büfett ausgewählt, viel Sauerkraut mit wenig Fasan, reichlich Paprikasoße und etwas Braten, Heringssalat und kandierte Zwiebeln, Trüffelfarce und Pastete, nur keinen Käse, denn das ging effektiv über seine Kräfte. Und Ursula schwelgte vor Entzücken und aß um die Wette mit Freund Flanken, der mit strahlendem Gesicht ihren Geschmack und Appetit »ausnahmsweise normal« nannte. »Ich kann es in den Tod nicht ausstehen, wenn die Damen rechts und links um einen herumsitzen und fasten, entweder sind sie zu eng angezogen, oder sie zieren sich, oder sind krank – na, und eins finde ich so gräßlich wie das andere!« Jolante opponierte sehr entrüstet, aber nach einer kleinen Weile sagte sie: »Nun, scherzeshalber will ich dein hochgepriesenes Sauerkraut einmal kosten, Ursula! Bitte, Herr von Flanken, besorgen Sie mir etwas, aber nur eine Gabelspitze voll!« Der Stuhl des Premierleutnants flog zurück, er stürmte davon, holte für sich eine doppelte, für Fräulein von Groppen eine »halbe Portion« – und freute sich wie ein Kind, weit vorgebeugt, diesem Mirakel zuzusehen: das Elfchen aß wirklich und wahrhaftig Sauerkraut! Der ganze Himmel hing ihm plötzlich voller Baßgeigen, und wenn Jolante auch noch so sehr das Gesichtchen verzog und wie ein eigensinniges Kind mit den Händchen abwehrte – »schmeckt schauderhaft!« so sah er dennoch in rosigen Zukunftswolken einen Eßtisch schweben, daran saßen Jolante und er als wahrhaftiges Ehepaar und vor ihnen stand eine riesige Schüssel voll Sauerkraut und Pökelfleisch! Graf Lohe war schweigsam und ersichtlich verstimmt, und Ursula schien nicht sonderlich auf seine Neuigkeit zu brennen, denn erst zum Schluß, als sie die Handschuhe wieder an den Armen emporstreifte, fragte sie ganz nebenbei, ob er denn seine verheißene Mitteilung zum Dessert aufgespart habe? »Dieser Nachtisch möchte einen bitteren Beigeschmack haben, wenigstens für mich!« entgegnete er mit umwölkter Stirn. »Na also? Raus mit der wilden Katze!« »Ich reise in acht Tagen für ein halbes Jahr von hier ab.« Das hatte die Kleine denn doch nicht erwartet und darum ließ sie aller Übermut und alle Selbstbeherrschung kläglich im Stich. Ganz starr vor Schrecken saß sie ihm gegenüber. »Aber Graf Lohe! Das ist abscheulich von Ihnen, das leide ich nicht, das gebe ich nicht zu – –« »Ursula!« erinnerte Jolante. »Ach was!« rief Ursula, »Es ist empörend! Kein Mensch hat ihm etwas zuleide getan, denn wenn ich aus Albernheit mich immer nochmal geflegelt habe, so war das doch nur aus Neckerei! Allen andern Menschen gegenüber habe ich mich wie Prinzessin Kordelia benommen, kein einzig unpassendes Wort habe ich –« »Mein gnädigstes Fräulein, wie kann überhaupt davon die Rede sein!« unterbrach Lohe ein wenig verlegen, und dennoch bekam er beim Anblick ihrer tränenblitzenden Augen einen dunkelroten Kopf. »Ich gehe doch nicht freiwillig! Ich bin ja selber ganz außer mir über diesen infamen Possen, den mir irgendein übelgesinnter Vorgesetzter gespielt haben muß! Fräulein Ursula, bedenken Sie doch, nach Dassewinkel schickt man mich als stellvertretenden Landrat!« Graf Lohe strich in Verzweiflung über die Stirn, auf welche bei solchem Gedanken allein der Angstschweiß trat, »Dassewinkel! Dieses entsetzlichste aller kleinen Landstädtchen. Sie kennen es wohl, meine Damen, es liegt ja ganz in der Nähe von Alt-Dobern – ohne Militär, ohne Gas, ohne Wasserleitung und Straßenpflaster. Das vornehmste Element ein Bürgermeister, der in Mußestunden –« »Torf trampelt!« Ursula schlug in höchster Alteration die Hände zusammen, »das ist ja eine nette Bescherung, daran habe ich ja gar nicht mehr gedacht. Oh, Papa, das ist perfide von dir, gerade jetzt den Grafen hier weg zu holen!« »Ihr Herr Vater ist ja ganz unschuldig an diesem Unglück,« versicherte Lohe wehmütig, »ich bin nicht von dem Kreise gewählt worden, sondern werde lediglich aus Ranküne irgendeines boshaften Vorgesetzten hingeschickt. Gerade mich zu solch einem Posten auszusuchen, mich, dem nichts unsympathischer ist, als der Aufenthalt in kleiner Stadt: und nun gar Dassewinkel, diese Grenze der Kultur! Bei Gott, ein Kommando ›Separatarrest‹ wäre mir nicht so entsetzlich, als diese Verbannung, in der ich als Beamter gezwungen bin, mit einer Sorte Menschen zu verkehren, die mir Nervenschütteln verursacht!« Graf Lohe hatte sehr erregt gesprochen, und während Fräulein von Kuffstein sehr verlegen das Köpfchen hängen ließ und aufseufzte wie ein böses Gewissen, legte Flanken energisch die Gabel nieder, trank sein Glas aus und wischte sich nachdrücklich den Mund. »Unsinn, lieber Graf! Dassewinkel ist ein riesig behagliches kleines Nest, in dem Ihre Lackstiebeln allerdings im Schlamm steckenbleiben, Ihre Büchse aber geradezu schwelgen kann, was eine gute Jagd anbelangt! Na, zum Kuckuck, und außerdem schadet es Ihnen gar nichts, wenn Sie mal vom Parkett runterkommen! Der Mensch wird ja einseitig, wenn er nur mit ›Creme‹ gefüttert wird! Ich für meine Person möchte mich am liebsten versetzen lassen, wenn ich mich verheirate, in irgend so ein kleines –« »Wenn Sie sich verheiraten?« »Na, natürlich, nächstens geht's los, Walzer tanzen kann ich bereits!« »Brillant! Gehört diese Kunst zur Ehe?« Flanken kniff das rechte Auge mit verschmitztem Lächeln zu und schielte mit dem linken nach Jolante. »O ja, es gibt gewisse Damen, die verlangen, daß der Gatte in regelrechtem Takt nach ihrer Pfeife tanzt!« Jolante wandte das Köpfchen kokett von ihm ab. »Das verstehen Sie jetzt allerdings!« »Nicht wahr?« Der blonde Riese patschte sehr vergnügt mit der Hand auf der Tischplatte: »Haben Sie zufällig meine Quadrille vorhin mit angesehen, Lohe? Na, ich sage Ihnen, ich hielt überhaupt die ganze Sache! Kein Mensch konnte was, aber ich tanzte ›normal‹, sogar mit Pas und ohne jegliche Konfusion in der ›scheenen Anglaise‹, obwohl ich eine Linktatsche bin!« Mark-Wolffrath mußte trotz seiner schlechten Laune lachen. »Hand aufs Herz, Verehrtester, wo haben Sie denn diese Kunst noch auf Ihre alten Tage gelernt?!« Flanken legte die Hand an den Mund: »Pst! daß es die Damen nicht hören! Corps de ballet! Will mir jetzt auch noch die Française eindrillen lassen, weil Fräulein von Groppen verlangt, daß ich in allen Tänzen Meister sei!« Jolantes Köpfchen wandte sich blitzschnell herum. »Ich liebe die Française durchaus nicht und tanze sie niemals, meinetwegen brauchen Sie keine Stunde weiter zu nehmen!« rief sie hastig, und ihre schwärmerischen Augen flammten auf, als wäre sie bei Othello in die Lehre gegangen. »Um so besser!« schmunzelte ihr diplomatischer Verehrer, sich gleich den anderen Herrschaften erhebend: »So bitte ich denn vorläufig um meinen Tischwalzer, aber ohne Extratouren: die gibt's überhaupt niemals bei mir, und ebenso wie ich einzig und allein mit Ihnen tanze, so müssen Sie künftighin auch alle anderen Herren abweisen.« »Aber Herr von Flanken?« Jolante blieb stehen und rümpfte indigniert das Näschen. »Das würde ein höchst auffallendes Benehmen sein!« »Schnacken! Wir wollen den Leuten mal zeigen, was 'ne Sache ist!« »Mijnheer Malte van Doornkat würde mir das sehr übelnehmen!« »Mag er doch! Was liegt uns denn an dem Farbenklexer!« Er machte ein böses Gesicht, und darum mußte ihn das kokette kleine Fräulein noch etwas mehr ärgern. »Farbenklexer? Dieser Ausdruck ist ungerecht und beleidigend! Herr van Doornkat ist ein ganz bedeutender Künstler, und das Bild, das er zurzeit in Arbeit hat, wird sicherlich auf der Ausstellung einen Preis bekommen!« »Das ist was Rechtes!« höhnte der Ulan ingrimmig; »meine Fetthammel sind auf der Ausstellung auch dekoriert worden!« »Auf alle Fälle werden Sie es Herrn van Doornkat nicht gleichtun!« »So?! Und warum denn nicht, wenn ich fragen darf?« Er stellte sich wie der Koloß von Rhodus vor sie hin und strich herausfordernd den Schnurrbart, der immer noch nicht gewachsen war. Sie kicherte leise auf und sah ihn abwechslungshalber mal wieder so schmachtend an, daß ihm das Blut noch mehr in den Kopf schoß. »Wollen Sie vielleicht Ihr Zeichenbuch mit dem ›Sardellen- und Lanzenstilleben‹ der Kunstausstellung anvertrauen?« »Nein, das nicht! Aber ein Mann, der Walzer tanzen lernt, lernt auch irgendeinen Hasen oder Dachs in Öl zubereiten, und, beim Bart des Propheten, Sie sollen sich mal wundern, was ich für ein Gemälde ausstelle!« Sie lachte so silberhell und graziös, wie es der Premierleutnant nie reizender gehört hatte. »Herr von Flanken, Ihr Wort in Ehren! Walzer tanzen und Bilder malen ist ein himmelweiter Unterschied!« »Wetten, daß!?« »Diese Wette gehe ich ein!« » Bon ; nehmen wir die Sache zu Protokoll! Bitte setzen Sie sich noch einen Moment hier auf den Diwan nieder, ich schreibe.« Und er zog eine sehr wohlgenährte Brieftasche aus der Uniform und schlug eine leere Seite auf. »Also: Fräulein Jolante von Dern-Groppen wettet, daß ich nicht imstande bin, ein Ölgemälde zur Konkurrenz in die Kunstausstellung zu geben!« »Ja, das wette ich!« Und die junge Dame hielt den Fächer vor den Mund und blickte höchlichst amüsiert auf die vierschrötige Hand hernieder, die herzlich ungeschickt den kleinen Bleistift führte. »So, nun schreiben Sie Ihren Namen darunter, mein gnädiges Fräulein!« grollte er. Sie tat es in aller Heiterkeit, und dann nahm er das Buch zurück und setzte seinen Namen dicht unter den ihren. »So, die Urkunde hätten wir.« »Aber nun, um was haben wir eigentlich gewettet?« Flanken zuckte die Achseln. »Wenn ich gewinne, verlange ich nur die Erlaubnis, dieses Schriftstück veröffentlichen zu dürfen!« »Wie bescheiden!« »Die Großmut ziert den Krieger! Und nun unser Walzer! Das Parkett soll seinen Meister zitternd erkennen lernen!« Als nach Mitternacht Jolante das Köpfchen daheim in die Kissen neigte, lächelte sie im Traum. Ursula aber setzte sich zuvor an den Schreibtisch und tauchte die Feder resolut in das Tintenfaß. »Ich will nach Hause, in acht Tagen komme ich, es hat gar keinen Zweck mehr, daß ich hierbleibe!« war der lakonische Inhalt ihres Briefes. Und dann stürzten ihr die Tränen aus den Augen, und sie ließ das Köpfchen auf die Arme sinken. Gräfin Antigna trat auf weichem Teppich lautlos hinter sie. Ihr Blick fiel auf die Schriftzüge, sie las, lächelte und hob, einen Moment nachdenkend, die Hand an die Stirn. Dann legte sie mit schnellem Entschluß die Rechte auf die Schulter der Emporschreckenden. »Noch eine gute Nachricht, petite! Soeben finde ich einen Brief deiner lieben Mutter vor, in dem sie mir den Besuch deiner Eltern für den Rest der Saison in Aussicht stellt. Deine Mama muß einen Arzt konsultieren, und es ist unsere heilige Pflicht, sie in diesem Vorsatz zu bestärken.« Sprachlos starrte Ursula zu der Sprecherin empor. Die kühlen Finger lagen schwer wie Blei, ernst und zwingend auf ihrem Nacken, uno das junge Mädchen beugte sich unter ihnen ohne Widerspruch, der Liebe erstes Leid schnitt in ihr Herz, aber es löste nur die Dornen wohltätig von der Rose. IX. Gräfin Antigna saß in sehr eleganter Morgentoilette vor ihrem Schreibtisch und schloß einen Brief. Er war an Baronin Kuffstein adressiert und dazu bestimmt, sehr überraschend und sehr umwälzend in die Verhältnisse von Groß-Wolkwitz einzugreifen. Ein Lächeln hoher Befriedigung spielte um die schmalgeschnittenen Lippen der Gräfin; ja, die Welt hatte recht, an ihr war ein Diplomat verloren. Mit einer Klappe hatte sie soeben zwei Fliegen geschlagen. Klar und bündig hatte sie ihrer Freundin die Lage der Dinge geschildert. Ursula, bereits auf dem besten Wege, alle Hoffnungen zu erfüllen, die man auf ihren hiesigen Aufenthalt gesetzt, will diese in kindischem Ungestüm und Trotz über den Haufen stoßen, um dem Grafen Lohe, an den sie ernstlich ihr Herzchen verloren, in »die Verbannung« zu folgen. Dadurch wird alles verdorben, sowohl ihre, wie seine Kur, die man ihnen verordnet hat. Frau von Kuffstein muß als Mutter ein Opfer bringen und durch ihre schnelle Abreise von Wolkwitz Ursulas Heimkehr vereiteln. Wenige Wochen noch, und Hofluft, Sehnsucht und Herzeleid haben aus dem verwilderten Backfischchen eine liebliche und veredelte Mädchenblüte geschaffen. So wird es der Mutter zur Pflicht gemacht, im Interesse ihrer Tochter endlich etwas für sich selber zu tun und dem jahrelangen Wunsch ihres Gatten und ihrer Freunde zu folgen, sich aus ihrer Apathie aufzureißen und einen Spezialisten zu konsultieren. Dadurch wird drei Menschen geholfen, und Gräfin Antigna, die kluge, umsichtige Frau, hat die Fädlein dieser Intrige schnell und geschickt zusammengesponnen. Ja, sie war eine geborene Diplomatin, und es gab kein interessanteres Tun für sie, als die Schicksale von Menschen mit ihren weißen, durchsichtig zarten Händchen energisch und eisern in die Bahnen zu lenken, die sie als die richtigen erachtete. Sie rührte die Glocke und befahl dem eintretenden Diener, den Brief zu besorgen und dem Kammerdiener des Grafen Henry zu melden, daß Gräfliche Gnaden den Herrn Sohn zu sprechen wünschten, »Um Vergebung, Frau Gräfin, die Zimmer des linken Flügels sind noch fest geschlossen, Der junge Herr Graf kamen erst gegen Morgen nach Hause und ruhen noch.« »Gut. Du kannst gehen.« Und die Palastdame der Königin- Mutter lächelte sehr zufrieden, »Gott sei Lob und Dank, ich denke, der Professorhut ist jetzt für alle Zeiten an den Nagel gehängt!« – – – Herr von Flanken war soeben von einem Liebesmahl aus dem Kasino gekommen und schrieb eine Postanweisung aus. Sie trug die Summe des Honorars, das er dem braven Tanzmeister, dessen Bemühungen er doch noch für die Quadrille hatte in Anspruch nehmen müssen, gern und reichlich übersandte. Dann klopfte er Frantusch Niekchen freundlich auf die Schulter, wies nach dem Tisch, von dessen Platte es goldig herüberblitzte, und sprach mit seiner behaglichen Baßstimme. »Das ist für dich, Niekchen, zum Lohn für den Walzer und die Polka, die du mir beigebracht hast! Meine Kameraden sagen allerdings, ein altdeutscher Kachelofen würde noch etwas graziöser tanzen als ich, aber das ist nicht unsere Schuld, denn ein Kerl, aus dem der liebe Herrgott gut und gern zweie hätte machen können, der wird sein Lebtag kein Taglioni. Da nimm, Niekchen, hast's redlich verdient, und wenn du dich vielleicht auch verheiraten willst –« Der wackere Frantusch zog eine Grimasse und schüttelte stürmisch den Kopf. »Nix verheiraten, Leutnant!« »Nanu? Seit wann bildest du dich denn zum Einsiedlerkrebse aus? Ich weiß doch, daß die Hanne aus Groß-Wolkwitz deine Braut ist!« Niekchen kicherte und zog die Schultern hoch, »Is sik Hanne nur Manöverbeziehung gewesen! Hob ik gehabt danach schon wieder Königgeburtstags-Brautel, un' Woschmadel, wos muß franko woschen, un' Köchin überall in Famillen, wo ik muß machen Kumpliments von Leutnant! Werrd ik heiraten nix ein einzelnes Marinka, weil Frantusch Niekchen wirrd sik sunst kommen auf halbes Ration!« Flanken wiegte nachdenklich den Kopf und blickte schier neidisch in das lachende Gesicht des Polacken. Dieser glückliche Mensch, der so gar keine Ahnung davon hatte, wie es verliebten Leuten zumute ist! Ja, so hatte auch er früher alles Heiraten verschworen, aber, dabei die Rechnung ohne den Wirt gemacht. Früher rührte er weder Hand noch Fuß, um einer Dame zu gefallen, und jetzt war er schier verrückt geworden, lernte Walzer tanzen und Ölbilder malen, oha! Da fiel ihm ja seine Wette wieder ein. »Du bist ein Esel, Niekchen, und verdienst überhaupt gar keine Frau, verstanden? Und nun pascholl, Zivil 'ran, ich will ausgehen!« In großer Hast machte der Premier Toilette, wickelte einen großen, breitkrempigen Künstlerhut von grauem Seidenfilz aus einem Papier und drückte ihn so genial wie möglich auf den kurzgeschorenen Kopf. Ein himmelblauer Schlips flatterte lose geknotet über dem Samtjackett, aus dessen Brusttasche der Katalog der vorjährigen Kunstausstellung herauslugte. So! Der äußere Mensch war geschaffen, nun: »vorwärts mit frischem Mut, die Lieb' ist mein Panier!« »Adieu, Niekchen!« und seelenvergnügt pfeifend, und mit dem Pelzmantel alle Künstlerpracht verdeckend, tappte der neueste Courmacher der Musen die Treppe hinab. »Befehll, Herr Leutnant, Adieu!« erwiderte der getreue Knappe, stramm mit den Händen an der Hosennaht, klappte die Entreetüre zu und klirrte in die Stube zurück, sich nun rückhaltlos dem freudigen Anblick seines Honorars hinzugeben. Und er meditierte: »Is sik zwar altes Reff un' keifiges, Marinka, Köchin selbiges von General Groppen, hot aber beste Verköstigung: werrd hintrollen und Köchin spendabeles einladen für Zirkus, wirrd gut sein!« Währenddessen schritt Herr von Flanken wie mit Siebenmeilenstiefeln durch die Straßen. Die Leute schauten mit stummer Bewunderung zu der imposanten Erscheinung empor, überzeugt, daß dieser Athlet, der länger war, als der Tag vor Johanni, sich auf dem Wege zu irgendeinem Zirkus befand, um dort als wilder Mann die Leute zu schwingen! – Aber irren ist menschlich, und kein Gedanke lag dem Premierleutnant auf dieser Promenade ferner, als der, einen reckenhaften Strauß zu bestehen. Sein fleischiges Antlitz mit den gutmütigsten aller blauen Augen lächelte Frieden, und wenn seine Hand auch einen Spazierstock führte, hoch wie ein Tambourstab und so knotig ausgewachsen, daß die Passanten unwillkürlich bei seinem Anblick einen Sprung zur Seite taten, so predigte sie in diesem Augenblick dennoch nichts anderes, als holdeste Eintracht! Der Krieger hing daheim im Kleiderschrank, und nur der Künstler und Diplomat hatte sich auf den Weg begeben, gleich wie »Hans im Glück« zu wagen und zu gewinnen! Fern aus den kahlen Wipfeln eines Parks hebt sich das flache Dach der Osteria. Hier hatte die Muse der Malkunst ihr lustiges Hoflager aufgeschlagen, hatte sich den Thronsessel bekränzt mit Fischernetzen und Reusen, mit Festons aus Laub- und Fichtenzweigen, zwischen denen Maisdolden, Kürbisse und Zwiebeln vergnüglicher hervorlächelten als Rosen und Gelbveigelein! Strohumflochtene Fiaschetten, Tamburins und Hoboen, Kelche, Humpen, Tonvasen und Künstlergerätschaften erzählten ohne Wort und Ton ein Lied von heißerer Sonne, und daneben schimmerten weiße Stierschädel, und ringsum an den Mauern und Wandpilastern hatten Humor und Poesie der Gebieterin die farbenprächtigsten Opfer mit Pinsel und Palette dargebracht. Ja, hier versammelte die Muse ihre Jünger um sich, ihren gottbegnadeten, lebenslustigen und heißblütigen Hofstaat, der als Helmzier das Lorbeerreis gewählt, zum Wappenbild die Traube und zum Orden, flammend auf der Brust, die dornenlose Rose! Und auch durch diesen Thronsaal wehte eine göttliche Hofluft, und sie trug auch Sonne, Mond und Himmelsglanz auf ihren Fittichen, aber nicht diese allein mit ihrem schwärmerischen Veilchenduft – hier prickelte es herber und würziger, toller und übermütiger, Rebenblüte jauchzt ihr »Evoe!« Pegasus stampfte mit güldenem Huf den Boden, und wie ein Echo aus kapresischer, laubumschatteter Veranda zogen die Klänge der Tarantella durch Herz und Sinn! Hierher lenkte Herr von Flanken voll froher Zuversicht den Schritt, und obwohl er noch keinen einzigen der Maler kannte, so war er doch überzeugt, daß sein himmelblauer Schlips und das kostbare Samtjackett eine Brücke über die gähnende Untiefe zwischen Kunst und säbelrasselnder Prosa schlagen würden! Und er hatte sich nicht getäuscht. Die herkulische Gestalt erregte Aufsehen, und da die wahre Kunst stets ein offen Herz und offene Arme hat, so hielt es nicht schwer, auf ein biederes »Grüß Gott« ein fröhliches »Schön Dank« zu hören. Herr von Flanken wurde schnell heimisch in dem Kreise der Maler, und seine originelle Persönlichkeit und sein unverwüstlicher trockener Humor, der mit wackerer Ausdauer mit Rebenblut angefeuchtet wurde, gewannen ihm schnell die Herzen und Sympathien des fröhlichen Künstlervölkleins. Ganz besondere Heiterkeit erregte es, daß der Ulanenoffizier urplötzlich eine so große Passion für Leinewand und Ölfarbe bekommen hatte, eine Passion, die weder durch künstlerisches Verständnis noch durch irgendwelche Kenntnisse unterstützt wurde. Der moderne »Roland der Riese« hatte weder von Technik noch von Perspektive die mindeste Ahnung, und trat ein Kollege mit berühmtestem Namen neu an den Tisch heran, so sagte Herr von Flanken jedesmal mit seiner engelsunschuldigsten Harmlosigkeit: »Pardon, einen Augenblick!« und kehrte dem Tisch für etliche Minuten den Rücken, zog den Katalog hervor und las den Namen nach. »Ah, natürlich! Sie malen ja die famosen Selbstporträts! Sagen Sie mal, wo finden Sie da nur alle Motive?!« Oder »Potzdonnerwetter, ja – das Stilleben war ja von Ihnen, ein schneidiges Stilleben, auf Wort, riesig viel Aktion drin!« – Und dann schüttelte er dem Betreffenden beinahe den Arm aus dem Gelenk und versicherte ihn seiner wärmsten Bewunderung, Ein jeder freute sich solcher Anerkennung, und Herr von Flanken wurde Stammgast in der Osteria, kneipte und erzählte die amüsantesten Geschichten und lachte, daß die Wände wackelten, wenn der Künstlerhumor seine üppigsten Blüten trieb. Und eines schönen Abends war der Wein ganz besonders feurig aus den Fiaschetten gekluckert, und er hatte die Zunge gelöst, und der Premierleutnant schlug mit der Hand auf den Holztisch, daß es klirrte, und sprach energisch: »Warum ich Maler werden will, ihr Herren? Bon , ich will's euch sagen. Weil ich nämlich bis über die Ohren verliebt bin in das reizendste kleine Teufelchen, das jemals einen vernünftigen Kerl an das Gängelband genommen hat, ihn so unvernünftig zu machen, wie weiland den Monsieur Herkules, der die Keule in die Ecke stellte und das Spinnen lernte! Na, so ein Held bin auch ich geworden! Hat die Kleine mir nämlich erklärt, sie werde nur einen Maler heiraten, und zwar nur einen, von dem auf der nächsten Kunstausstellung ein Bild angenommen würde. Ich will mir nun solch ein Gemälde leisten! Das kann doch nicht schwer sein, wie? Farben habe ich schon gekauft, pinsele los, und wenn ich in der Ausstellung hänge, mache ich Hochzeit!« Ein schallendes Gelächter erhob sich, alle Gläser blinkten ihm entgegen: »Darauf wollen wir anstoßen! Flanken stellt ein Bild aus!« jubelte es im Kreise. Ernsthaft tat der Premierleutnant Bescheid. »Danke Ihnen, meine Herren! Aber jetzt kommt erst des Pudels Kern! Wer von euch will mein Lehrer sein und mir helfen?!« Abermals ein schallendes Hallo. »Wir alle stehen in der Liebe Sold! Wir alle helfen!« Tiefgerührt umarmte der zukünftige Zeuxis rechts und links die hilfsbereiten Kollegen, und es wurde vereinbart, daß er allein ein Motiv wähle und das Bild wenigstens entwerfe, auf daß man mit gutem Gewissen Herrn von Flanken als dessen Urheber nennen könne. Gesagt, getan. Am folgenden Tage, als der junge Offizier seinen Dienst getan, kaufte er sich einen alten illustrierten Jagdkalender und durchblätterte ihn mit Kennerblick. Es dauerte lange, bis er etwas Passendes gefunden hatte. Auf dem einen Bilde waren zu viele Tiere, auf dem anderen zu viel Landschaft, auf dem dritten gar Jäger, endlich schmunzelte er ein pfiffiges »Aha!«, fuhr mit den Fingern behaglich durch sein Kraushaar und rückte noch etwas näher zum Fenster. Das war ganz sein Fall! Schnee, lauter Schnee, den man mittels weißer Farbe entschieden sehr mühelos herstellt, in der Mitte ein alter kahler Baum – wird braun angestrichen! – mit einer riesigen Höhle, aus der listig und verschlagen ein Füchslein hervorlugt und es auf ein paar Feldmäuse, die seitwärts an einer Rübe nagen, abgesehen zu haben schien! Der Fuchs war vortrefflich als Hauptfigur des ganzen Bildes gezeichnet und mußte jedes Jägerherz entzücken, dennoch musterte ihn Herr von Flanken mit sehr bedenklicher Miene. Dieser Fuchs verdarb ihm wieder die ganze Freude an dem hübschen Bilde, denn Tiere konnte er absolut nicht »rauskriegen«, vor allen Dingen nicht solche, die eine so vielsagende Physiognomie wie dieser Langschwanz hatten. Ohne Freund Reineke wäre das Bild ganz nach seinem Herzen gewesen; que faire ?! Der Jünger der Kunst überlegte her und hin, plötzlich zuckte es hell wie Sonnenschein über sein frisches Gesicht und in entzücktem Selbstgespräch versicherte er sich selber: »Das haste gut gemacht, alter Junge, die Idee kannste dir patentieren lassen! Warum muß denn dieses rote Fuchsgesichte gerade in dem Moment, wo ich dies Bild male, nach den Mäusen herausschnüffeln? Unsinn, mein Fuchs, den ich male, ist drin im Bau, und die Mäuse sind auch im Bau, nicht 'n Haar ist von dem Viehzeug zu sehen, und ich bin schöne raus!« Und ganz begeistert von der Idee, sein Gemälde »Fuchs im Bau!« zu nennen, nahm der Premierleutnant sofort einen Blendrahmen mit der schön gespannten Leinewand zur Hand, band Niekchens graue Putzschürze in Art eines Kinderlätzchens vor und ging an die Arbeit. Eine Staffelei hatte er nicht, war auch gar nicht nötig. Er legte das Bild auf den Tisch, holte Farben und Pinsel hervor und nahm zuerst einen mächtigen Stift, mit dem er genial die Grenze zwischen Himmel und Erde zog. Das Buschwerk des Hintergrundes hatte gar keinen moralischen Wert, Flanken nahm an, daß der Besitzer der Landschaft es bereits hatte abholzen lassen, ehe er sein Bild begann. Also der ferne Wald blieb einfach weg; es wirkte viel natürlicher bei den heurigen schlechten Zeiten, wenn die Gegend möglichst abrasiert war – so! Und nun der Baumstamm. Drei Wurzeln weist er auf: eine rechts rum, die andere links rum, die dritte ab durch die Mitte. Sie winden sich allerdings unter dem Stift des Kopisten so abenteuerlich, wie das Fabelungeheuer der Seeschlange im Monat Juni und Juli durch die Zeitungsspalten, aber Herr von Flanken findet das gerade recht apart, und darum ändert er gar nichts daran, sondern geht sofort zu dem Stamme selbst über. »Drei Zinken ragen in blaue Luft!« Der junge Künstler formt sie recht hübsch gleichmäßig, wie den Dreizack Neptuns, denn anders leidet es sein militärisch geschultes Auge nicht, und auch die feinen Weidengerten, die noch dem Stumpfe entsprossen, ordnet er unter dem Kommando: »Richt euch!« ganz ordentlich in Reih und Glied. Nun kommt das Loch, Zickzack geht sein Rand, Fuchs vacat , Mäuse vacant , so; die Aufzeichnung, das schwerste Stück Arbeit, ist glücklich überstanden. Das Anmalen ist ja Kinderspiel. Erst mal das Köpfchen mit der blauen Farbe ran! Flanken kannte einen so hübsch stimmungsvollen Vers aus der Osteria, den sang er während des Schaffens in tiefstem Basse fröhlich vor sich hin: »Und ist der Himmel noch so grau, Ich mal' ihn schön mit Pinkertsblau!« Ja, wenn der liebe Gott dem Herrn Premierleutnant das Kommando übers Wetter anvertraut hätte, würde die Welt ihre Freude erleben! – Tief eingetaucht den Pinsel – den größten, der im Malkasten aufzufinden war! – und nun ritsch – ritsch – immer von oben nach unten das schönste, wolkenloseste Blau aufgetragen! Geht riesig fix, – Jetzt kommt der Schnee an die Reihe! – Eigentlich eine famose Einrichtung mit solchem Schnee! – Man drückt den Inhalt der weißen Tube mitten auf die Leinewand und streicht einfach den Klex nach allen Seiten auseinander. Nur Vorsicht muß man beobachten, daß die Wurzeln nicht verwischt werden, was leider etwas aufhält. Flanken wischt sich den Schweiß von der Stirn und rührt »Braun« an für den Baum, und dann malt er ihn – was auch etwas weniger schnell geht, da der Pinsel sehr stark ist und die einzelnen Weidenruten zu dick ausfallen. Aber Geduld überwindet alles, und die Belohnung jeder Mühe ist der Moment, wo Flanken, der Unsterbliche, voll kolossaler Genugtuung eine Riesenquantitat tiefstes Nachtschwarz über das Loch pinselt! – »So, Bürschchen, weg wärst du – – da hätten wir ja den Fuchs im Bau drinne!! –« Das war eine gewaltige Leistung. Der Ulanenoffizier dehnte die Arme und atmete in wahren Stoßseufzern, und dann stellte er das Bild gegen die Stuhllehne, trat zurück und hielt die Hand über die Augen, um besser zu sehen. »Hut ab, mein lieber Flanken, das hast du Schwerenöter ganz großartig gemacht! Ja, ja, was man aus Liebe tut!« »Niekchen!« »Befehll, Herr Leutnant!« Sein Herr schob die Hand in die Brusttasche und stellte den einen Fuß gravitätisch vor. »Niekchen, erkennst du, was dieses Bild vorstellen soll!« Niekchen nahm eine gebückte Stellung ein und stemmte beide Hände auf die gespreizten Knie. »Sull sik Mord jebildet werden, Leutnant, fehllt aber noch erschlagenes Itzig, oder Madel mit Kehlle abgeschnittenes!« »Du hast kein Kunstverständnis, Niekchen, dein Urteil ist nicht kompetent.« Der selbstbewußte Verfasser schüttelte beinahe mitleidig den Kopf. »Geh lieber und hole eine Droschke, wir wollen mit dem Bild zum Atelier des Professor H. fahren!« »Sull sik sein Droschke von erster oder zweiter Kwalität?« »Niekchen!« voll milden Vorwurfs traf ihn Flankens Blick, »ein solches Bild fährt man nur erster Klasse!« Und kurze Zeit darauf fuhren Herr, Diener und Gemälde in einer Droschke erster Klasse davon. Flanken nahm im Fond, der wackere Frantusch mit dem »Fuchs im Bau« ihm gegenüber Platz. So fährt eine junge Mutter mit Baby und Bäuerin zum erstenmal zur Großmama! Strahlend vor Stolz nnd Glück, viel dicker und breiter noch als sonst, saß der Künstler von Gottes Gnaden seinem Meisterwerk gegenüber, keinen Blick von dem Bilde abwendend, das so herzerfrischend blau, weiß und braun zwischen Niekchens Fäusten lächelte. Der Professor H. sah das Konkurrenzwerk für die Kunstausstellung voll lebhaften Interesses an, aber weil er stark erkältet war, hatte ihn ein fataler Krampfhusten längere Zeit an dem Ausspruch der Kritik gehindert. Endlich fand er Worte. »Recht brav gemacht, mein lieber Herr Leutnant!« nickte er und klopfte den Rücken des neuen Kollegen, »Nur bei dem Himmel muß noch etwas nachgeholfen werden! Sie wissen, daß gerade der Himmel meine Spezialität ist. Wenn Sie mein Schüler sind, darf und muß ich Sie korrigieren!! Lassen Sie mir das Bild ein paar Tage hier.« Das tat der stolze Vater von »Fuchs im Bau« sehr vertrauensvoll, aber er kam jeden Morgen, sich nach dem Schicksal seines Kindes zu erkundigen. Ja, da sah er allerdings Wunder, Aus dem pinkertsblauen Himmel wurde ein zartes, graudunstiges Schneegewölk, durch das der Mond mit rötlichem Licht brach, geheimnisvoll, magisch leuchtend, so wie nur dieses Meisters Hand malen konnte. – Ein halbes Pfund blaue Farbe, die zuvor abgekratzt worden, sah der Premierleutnant ohne Schmerz scheiden. Das Atelier des Professors wurde nicht leer von den bekannten Freunden aus der Osteria, die sämtlich Flankens Lehrer werden wollten. Ein Wettstreit heitersten Übermuts begann unter den Meistern. Nachdem der Himmel ein Kunstwerk geworden war, trat ein anderer Lehrer auf. »Jetzt ist alles sehr hübsch, bis auf den Hintergrund, mein bester Flanken, Sie gestatten, daß ich dem ein wenig unter die Arme greife.« Und der Pinsel tupfte und glitt über die Leinewand und ein mondlichter, weißbeschneiter Laubwald breitete sein Gezweig wie glitzernde Spitzengewebe vor den Augen des staunenden Schülers aus. Tagelang hatte der Künstler in übergroßer Liebenswürdigkeit geabeitet, um nach Eingebung einer heiteren Laune sein Bestes zu geben. Und dann kam ein dritter und nahm sich des Vordergrundes an, der malte den Schnee, jener ein Brombeergestrüpp mit seinem letzten frostüberhauchten Laub – wieder ein anderer wandelte die rechte Ecke des Schneefeldes in einen halb zugefrorenen Teich um, an dessen Ufer das Schilf zu knistern und zu rascheln schien. Der Pinsel wanderte abermals in eine andere Hand, die aus dem Weidenstumpf ein Stücklein schauriger Poesie zaubert; der Wind saust daher und faßt die schwanken Zweige, sie wiegen sich und flattern und ächzen, und der verkrüppelte Stamm nimmt eine ganz absonderliche Gestalt an, gespenstisch und unklar, just so, wie die alten Weiden das Auge im Dämmerlicht täuschen. – Und wieder ein neuer Lehrer streut Schneeflocken in den Wind, und das einzige, was in seinem Kernpunkt unverändert bleibt, und was die Herren einstimmig loben, ist das Loch und der höchst originelle Titel des Bildes. Wie einst der liebe Herrgott all seine Farbennäpfchen austupfte, dem armen Stieglitz zu seinem schönen Wämslein zu verhelfen, so steuerten unter Lachen und Scherzen die ersten Meister der Kunst mit ihren farbenreichen Pinseln dazu bei, das Gemälde des Leutnants von Flanken zu einem tatsächlichen Meisterwerk umzuschaffen. »Diskretion Ehrensache!« schwebte als treu kameradschaftliche Devise über diesem geheimnisvollen Schaffen, und als der »Fuchs im Bau« fertiggestellt war, schrieb Herr von Flanken tief gerührt seinen Namen mit siegellackroter Farbe in die Ecke und harrte des Moments, wo ihm, dem Schüler des Professors H., eine Antwort aus der Kunstausstellung zu D. werden würde, Und die Antwort kam, daß das Gemälde »Fuchs im Bau« von der Jury angenommen sei. An jenem Abend hat es die Osteria erfahren, daß die jungen Deutschen noch genau so trinken und lachen können wie die alten – und die Hofluft im Thronsaal der Muse der Malerei hat singend und klingend die heiße Stirn Flankens geküßt, ihn im Katalog der Künstler zu ihrem Ritter zu schlagen. X. Hinter dem Lichtschirm brannte die Lampe in Fürst Sobelefskois Schlafgemach. Die zweite Stunde nach Mitternacht war bereits angebrochen, und dennoch kam kein Schlaf in die brennend heißen Augen des Kranken. Ja, des Kranken! Wenn er auch tagsüber vom Sessel zur Chaiselongue wankte oder sich die Treppe empor zu den Salons der Groppenschen Familie schleppte, wenn er mit seinem stillen, geduldigen Lächeln auch wieder Anteil nahm an allem, was um ihn her vor sich ging, so war er dennoch ein verlöschendes Licht, das sich nur noch in letztem, qualvollem Aufflackern an das Leben klammerte. Niemand wußte das besser, als er selbst, denn keine Menschenseele ahnte seiner Leiden schwerstes, das todbringender als alle körperlichen Gebrechen an seinem Herzblut zehrte. – So wie heute, hatte er Nacht für Nacht schlummerlos gelegen während einer langen Wintersaison, da die Equipage drunten vor die Tür rollte, seinen Liebling hinaus zu Spiel und Tanz zu führen. Dann gedachte er all der süß vertrauenden Worte die Lena ihm am Tage zugeflüstert hatte, an seinem Bett sitzend und ihm von den Stunden erzählend, die sie mit Altenburg verlebt hatte. Da war nicht eine geringste Begenbenheit, die sie dem geliebten Onkel Daniel, dem Freund und Vertrauten ihrer geheimsten Gedanken, verschwiegen hätte – ihn mußte doch alles und jedes interessieren, was Kunde von Eitel brachte, und ging von Zeit zu Zeit ein krampfhaftes Zittern durch die Hände, die sie umschlossen hielt, so gab sie es seinen körperlichen Schmerzen schuld, nicht ahnend, daß sie selbst dem Unglücklichen tagtäglich Folterqualen schuf, unter denen sein Herz tropfenweise verblutete. Mit lächelnden Lippen jedoch litt er sein Weh, und die Antwort auf all ihr treues Bekennen und Gestehen war ein Segenswunsch für sie und den, den ihre Liebe mit einem Glorienschein edelster Vollkommenheit umgab. Und jeder Abend konnte die Entscheidung bringen, konnte Lena heimkehren lassen als Braut, als losgetrennte Blüte vom Baum seines Lebens, der nur diese einzige, tränenbetaute Blume der Entsagung getragen. Wohl wußte er, daß ein flehendes Wort, ein Blick, ein Pulsschlag, der verriet, wie krank er war, sie an sein Lager fesseln konnte, aber er legte die gefalteten Hände auf sein sehnsüchtiges Herz und täuschte sie mit geschlossenen Augen und einem Lächeln friedlichen Wohlbehagens. Der treue Alexandrowitsch mußte ihr zuflüstern, daß Durchlaucht momentan ganz schmerzfrei sei und die Nacht gewiß ohne Unterbrechung schlafen werde – und dann hörte Daniel das leise Aufrauschen von Atlas und Spitzen, süßer Duft umwehte ihn, und er wußte, daß Lena sich mit sorgendem Blick über ihn neigte. Ach, nur jetzt die Augen aufschlagen dürfen, dieses süße Bild festzuhalten für eine lange, entsetzlich einsame und schmerzensreiche Nacht! Aber Daniel Sobolefskoi war standhaft wie ein Held, er versagte sich auch diesen heißen Wunsch, um zu büßen, immer wieder zu büßen, was er einst im Wahnwitz an dem Dreiherrn von Altenburg hatte sündigen wollen. Nun waren die Feste vorüber; Frühlingshauch wehte kosend über das Grab des Winters und wollte zu neuem Leben emporrichten, was Schnee und Eis erbarmungslos geknickt. Daniel hörte es wie Prophetenstimmen durch Nacht und Wind sausen, und es war ihm, wenn er die Augen schloß, als vernähme er ein liebliches Flüstern in diesem Lenzesodem: »Sei getrost, mein kleiner Schmerzensreich! Die Zeit ist nicht mehr fern, da ich kommen werde, all dein Leid wieder von dir zu nehmen!« Ein tiefer Seufzer rang sich von den farblosen Lippen des Kranken: »O Mutter, ich harre schon so lange, so lange deiner! Alle Schmerzen, die mein armer Körper erduldet, will ich ja gern tragen zur Sühne meiner schweren Schuld: nur das, was meine Seele zermartert, nimm von mir, du Reine, Verklärte! Denn es ist die tägliche Anfechtung, in der ich stehe, das höllische Feuer, das mich nicht als Christen sterben läßt!« Und Daniel richtete sich mit fiebernden Pulsen empor und rang die Hände in inbrünstigem Flehen gegen die sturmumsausten Fenster. »Erbarme dich, Mutter, und lösche die Qualen der Eifersucht in meinem Herzen, gib mir Ruhe und Frieden und erbitte du mir am Thron des Höchsten, daß er die unselige begehrliche Leidenschaft in meinem Herzen wandeln möge in die heilige Flamme brüderlicher Liebe, damit ich segnen kann, ohne zum Meineidigen zu werden, damit ich sterben kann, ohne daß all meiner Seele Fasern noch in dieser Welt wurzeln!« Stille wurde es draußen und drinnen. Daniel lehnte das müde Haupt zurück und schloß die Augen. Horch – was war das? Wieder die Schritte über ihm in dem Zimmer des Generals. Es war bereits die fünfte Nacht, daß Sobolefskoi seinen Freund ruhelos auf und nieder wandeln hörte, lange Stunden hindurch. Und am Tage war es ihm aufgefallen, daß Groppen fahl und verstört aussah, daß eine nervöse Unruhe ihn peinigte und aus dem Hause trieb. Er klagte über Erkältung und Kopfschmerz. War er tatsächlich Patient? Dieses nächtliche Hin- und Herstürmen, diese aufgeregten Schritte ängstigten Daniel. Ein Gedanke blitzte ihm jählings durch den Kopf. Was anfänglich ein Scherz geschienen, die angesammelten Rechnungen in dem Entenschnabel, war bitterer Ernst geworden. War er denn mit Blindheit geschlagen, es nicht längst zu sehen, daß Groppen über seine Verhältnisse lebte? Seit seinem Aufenthalt hier in der Residenz war's über ihn gekommen wie eine böse Gewalt, die ihn zum Verschwender gemacht. Die Hofluft war ihm zu Kopf gestiegen und hatte mit ihrem Goldstaub sein so leicht empfängliches Gemüt vergiftet. Auf glatter Bahn war er vorwärtsgestürmt, nachahmend, was er sah, überbietend, was man bewunderte, bis er Halt und Stütze verlor und zusammenbrach. War es tatsächlich schon so weit? Eine unaussprechliche Angst erfaßte Daniel, jeder dumpf hallende Schritt über ihm traf ihn wie ein Faustschlag gegen die Brust. Er richtete sich auf und rührte heftig die Schelle. »Alexandrowitsch, der Herr General ist noch nicht zur Ruhe gegangen; ich lasse dringend bitten, einen Augenblick herabzukommen!« Der Kammerdiener riß die schlaftrunkenen Augen auf und verschwand eilig hinter der Portiere. Nach wenig Minuten schon stand Groppen auf der Schwelle, er trat hastig näher und neigte sich angstvoll über den Freund: »Daniel, um alles in der Welt, bist du wieder krank geworden?« Der Fürst richtete sich langsam in den Kissen auf, seine heißen Finger umkrampften die Hände des Generals und sein Blick traf fest und durchdringend das bleiche Antlitz, als wollte er die geheimsten Gedanken hinter der gefurchten Stirne lesen. Leise, heiser klang seine Stimme: »Nein, Kurt, nicht ich, sondern du bist krank an Leib und Seele!« Ein Zusammenzucken. »Unsinn, lieber Freund, eine kleine Indigestion! Das geht bald vorüber!« Aber der General strich sich tief atmend über die Stirn und die eingesunkenen Schläfen. »Warum hintergehst du mich?!« Dann neigte sich der Russe dicht, ganz dicht zu dem Ohr des Freundes. Und er flüsterte ein paar Worte, und Groppen schlug aufstöhnend die Hände vor das Antlitz und brach kraftlos mit dem Haupt auf das Lager hernieder. – Ein paar Augenblicke rang er nach Fassung, dann richtete er sich energisch empor: »Nicht ganz so schlimm ist es, Daniel! Ich bin kein Bettler, ich stehe nur wieder auf demselben Punkt wie damals, da du deine Hand zuerst in die meine legtest! Ja, ich habe nichtswürdig und gewissenlos gewirtschaftet, ich war ein Pflichtvergessener, ein Wahnwitziger, den sein guter Engel verlassen hatte. Ich lebte über meine Verhältnisse, und um Vergeudetes wieder einzubringen, spekulierte ich, nahm auf die Güter auf, geriet in die Hände von Wucherern und mußte schließlich noch Barvermögen opfern, um wenigstens die kleinste der Besitzungen noch zu retten. Selbst Jolantes kleines Privatvermögen ihrer verstorbenen Mutter mußte ich hingeben, und das ist bei allem Elend die drückendste Schuld.« »Jolante – Privatvermögen? Davon weiß ich ja gar nichts!« Einen Moment preßte der General die Lippen zusammen und starrte schweigend vor sich nieder, dann faßte er plötzlich die Hand Sobolefskois mit leidenschaftlichem Druck. »Ja, du weißt nichts davon, Daniel: es ist unverzeihlich genug von mir, daß dem so ist, aber du wirst mein Schweigen verstehen lernen. Soll ich meine Mitteilung bis zu gelegener Zeit aufheben, oder fühlst du dich wohl genug, noch mit mir zu plaudern?« »Sprich, ich bitte dich!« Da richtete Groppen das Haupt empor und schaute Daniel voll in das Auge, »Lena ist meine Tochter erster Ehe,« sagte er kurz, »aber weder sie selbst noch die große Welt weiß um dieses sorglich gehütete Geheimnis. Ich war zweimal vermählt.« Sobolefskoi schnellte mit einem Aufschrei des Staunens empor, der General aber fuhr hastig fort: »Bitte, höre mich an, ich beantworte alle deine Fragen, ohne daß du sie erst an mich zu richten brauchst. – Ich war noch ein blutjunger Mensch, als ich, von den Ärzten für lungenkrank erklärt, nach Italien geschickt wurde. Dort lernte ich eine Sängerin kennen, ein Weib von berauschender, eigenartiger Schönheit, Wera Czakaroff, eine geborene Russin. Die Ärzte gaben mir nur noch kurze Frist, und ich wollte den Rest meines Lebensbechers bis zur Neige leeren. Obwohl Wera bedeutend älter war als ich, vermählte ich mich mit ihr, die eine heiße, unruhige Leidenschaft für mich erfaßt hatte. Diese unerklärliche Aufregung und eine fast krankhafte Menschenscheu, die sich beinahe bis zum Verfolgungswahn steigerte, waren die einzigen Schatten, die in den blendenden Sonnenglanz unserer überschwenglich glücklichen Ehe fielen. Aber wundersam, von Stund meiner Vermählung an wurde ich gesund und immer gesünder, dieweil meine arme Wera wie ein Schatten dahinsiechte. Da ich überzeugt war, daß meine Eltern unsere Ehe niemals billigen würden, sandte ich ihnen die sie betreffende Anzeige erst nach vollzogener Trauung und führte dadurch einen langjährigen Bruch mit meiner Familie herbei. Wera schenkte einem Töchterchen, unserer Lena, das Leben und starb unter wundersamsten Fieberphantasien in meinen Armen. Allein, verlassen mit dem neugeborenen Kinde in fremdem Lande! Da fügte es der Zufall, daß eine Gräfin Sasseburg mit ihrer jüngsten Tochter in dem nämlichen Hotel Wohnung nahm. Sie hörte meinen Namen und erfuhr die peinliche Lage, in der ich mich befand. Voll barmherzigster Güte nahm sie sich des Kindes an, wir lernten uns kennen und wurden Freunde, nun, und das Ende des Romans hast du selbst erlebt, indem du meine zweite Frau, die junge Gräfin Sasseburg, in Jolantes Mutter kennenlerntest. Wir heirateten uns ebenfalls in Italien uud blieben noch fünf Jahre daselbst, um meine noch immer empfindsame Lunge vollständig auszukurieren. Während dieser Zeit versöhnte ich mich mit den Eltern, kurz bevor sie mir durch einen jähen Tod entrissen wurden, und in fremde, gänzlich veränderte Familienverhältnisse kehrte ich heim. Da meine erste Ehe nicht bekannt geworden, ebensowenig wie meine sonstigen Schicksale, nahm jedermann in dem, meiner Heimat so fernen, süddeutschen Reiterregiment an, daß Lena unsere leibliche Tochter sei, und wir ließen diese Annahme gerne gelten, um nicht den mindesten Zwiespalt zwischen ihr und der bedeutend später geborenen Jolante aufkommen zu lassen. Man fragte nicht, und wir plauderten nicht, und unsere Kinder wuchsen auf, wie zwei Reiser auf einem Stamm. Lena liebte ihre Pflegemutter mit wahrhaft schwärmerischer Innigkeit, und wir haben es nicht über das Herz bringen können, selbst dem heranwachsenden Mädchen die Wahrheit zu enthüllen, es hätte einen Schatten mehr auf ihr sowieso schon zur Schwermut neigendes Gemüt geworfen. Dies meine Beichte, Daniel, vergib mir, daß ich sie erst nach so langen Jahren ablege, aber meine liebe, stets so richtig denkende Frau kam ehemals mit mir in dem Vorsatz überein, auch dir den Frieden und das Behagen unseres Hauses ohne jeden Zwiespalt zu erhalten. Zürne uns nicht deswegen, wir meinten es gut!« Schweigend drückte Fürst Sobolefskoi die Hand des Sprechers. Zu viel des Unerwarteten stürmte auf ihn ein, »Eine Russin, Vera Czakaroff, war ihre Mutter!« lächelte er plötzlich wie verklärt, »also sind es doch geheimnisvolle Bande der Zugehörigkeit gewesen, die mich in dein Haus gezogen!« Nach kurzem Sinnen fragte er, jäh von dem Thema abspringend: »Und Jolantes mütterliches Vermögen mußtest du auch opfern? Laß uns überlegen, wie wir deine anderen Güter so schnell wie möglich zurückkaufen! Warum hast du so lange Verstecken mit mir gespielt? Ein Wort hätte genügt, dir all die schlaflosen Nächte und unnötigen Aufregungen zu ersparen! Du weißt, daß mein Vermögen auch das deine ist, also war es zum mindesten töricht, Landbesitz unter den Hammer zu bringen, wenn die Angelegenheit durch bares Geld geregelt werden konnte!« Groppen hatte sich hoch und energisch aufgerichtet. Seine Brust arbeitete, sein Auge blitzte unter den weißbuschigen Brauen. »Nein, Daniel, das weiß ich nicht und will es auch nicht wissen, denn du darfst mich jetzt nicht unterstützen, willst du als Freund und Ehrenmann handeln! Ich bin auch jetzt gottlob nicht ärmer als in jener Zeit, da du zuerst mein Haus betratest, und ebensowenig, wie ich damals einen roten Heller von dir angenommen habe, ebensowenig tue ich es heute. Wir können auch jetzt noch mit meinem Generalsgehalt und der kleinen Rente von Dernburg anständig leben, wenn wir uns nach der Decke strecken, gibst du mir aber von neuem Mittel in die Hand, in den alten Strom zurückzuschwimmen, so ist es deine Schuld, wenn ich rettungslos darin untergehe! Soviel Vernunft habe ich noch, mir das selbst zu sagen! Leichtsinn ist ein Unkraut, das mit der Wurzel ausgerottet werden muß: reiße ich mich nicht los von dem Parkett, über das die Hofluft weht, berauscht und bestrickt sie mich von neuem, dann habe ich, Gott sei es geklagt, nicht Energie genug, den noblen Passionen zu entsagen, deren Bazillen so ansteckend in jener Atmosphäre wehen! Laß mich mit meiner ernsten, vernünftigen Lena sprechen, lieber Freund, ich weiß, daß sie mich nicht verurteilen, sondern in ihrer Engelsgüte allem entsagen wird, um mir den Weg zur Umkehr mit Rosen zu schmücken! Aber Jolante! Meine verwöhnte, sorglose, glückselige Jolante, wird sie sich jemals in kleinere Verhältnisse finden?« Und Groppen schlug die bebende Hand vor das Antlitz und schritt abermals mit erregten Schritten im Zimmer auf und nieder. Plötzlich blieb er vor Sobolefskoi stehen und umschloß mit beiden Händen krampfhaft seine niederhängende Rechte. »Daniel,« murmelte er zwischen den Zähnen, »ich fürchte, Jolante wird einen Umschwung in unseren Verhältnissen nicht ertragen. Flanken hat ihr sehr auffällig gehuldigt, die ganze Stadt spricht davon, daß er um ihretwillen tanzen lernte, daß er bereits seit Wochen bei dem Professor H. Malunterricht nimmt, weil die Kleine es gewünscht hat. Flanken ist wohl ein vermögender Mann, aber wer garantiert uns, daß er Jolante nicht dennoch allein um ihres goldenen Heiligenscheins willen huldigte? Zöge er sich von dem vermögenslosen Mädchen plötzlich zurück, würde es für mein armes Kind ein geradezu vernichtender Schlag sein, den sie niemals überwinden würde! Daniel – nicht für Lena und für mich erbitte ich deine Hilfe, wohl aber für unseren kleinen Liebling, die zarte, haltlose Mädchenblüte, die keinen Sturm überdauern kann!« Der General setzte sich auf das Bett des Kranken, schlang den Arm in zitternder Aufregung um ihn und barg sein Gesicht an der Schulter des Fürsten, »Wenn Flanken anhalten sollte – darf ich ihm alsdann eine Mitgift zusagen, Daniel?!« Der Russe streichelte zärtlich das Haupt seines brüderlichen Freundes, ein wehmütiges Lächeln spielte um seine Lippen, »Obwohl ich eine bessere Meinung von dem braven Ulanen hege als du, bitte ich dich, sogleich einen Einblick in die Kopie meines Testamentes zu tun, damit du weißt, wie reich deine Töchter sind. Ob heute oder morgen, das Kapital liegt für sie bereit. Noch eine Frage: In welcher Weise willst du dich einschränken, ohne zum Stadtgespräch zu werden?« »Ich gedenke eine einfachere Wohnung zu beziehen, weniger Dienstboten zu halten, nicht täglich Diners servieren zu lassen; ich werde irgendeinen Vorwand finden, den Verkehr und die Geselligkeit zu reduzieren,« »Alles mit einem Schlage so auffällig verändern? Das wäre rücksichtslos gegen dich, deine Familie und deinen Freund, dessen Name gewissermaßen zu dem deinen gehört. Ich weiß besseren Rat. Sei mein Gast! Ich miete künftighin dieses Haus und lade dich ein, bei mir zu wohnen. Der Sommer steht vor der Tür. Während wir einen Landaufenthalt nehmen, wird der Haushalt aufgelöst, und gründet man ihn im Herbst mit neuem und weniger zahlreichem Personal, läßt sich jede Änderung unbeschadet anbringen. Bis dahin aber ist's noch lange Zeit, und wenn unsere beiden Sonnenstrahlen vielleicht noch vorher von uns gehen, wenn wir ihnen ein glückliches Heim gründen könnten ...« Daniels Stimme war sehr leise geworden, plötzlich hob er in seiner kindlich-zuversichtlichen Weise das Haupt und sagte beinahe scherzend: »Du warst leichtsinnig, Kurt, und kommst jetzt unter Kuratel! Ich bin dein Vormund, und ich werde jetzt einmal deine ganzen Angelegenheiten in die Hand nehmen. Dich persönlich werde ich sehr knapp halten, sowohl an Dukaten, wie an Hoflust. Die letztere taugt nicht für jedermann, nicht für dich und nicht für mich! Ich habe zu schweres und du zu leichtes Blut. Ein Fisch, der im Wasser geboren ist, kann nicht in Luft und Sonne heimisch werden, und Menschen, deren Natur es verlangt, daß sie im Tale leben, sollen nicht in schwindelnder Höhe emporstreben, denn die Luft, die dem einen Wohltat ist, bringt dem andern Not und Tod.« – Die von General Groppen bewohnte Villa lag in einer parkartigen Straße, die das Grün wohlgepflegter Gärrten in anmutigem Wechsel zwischen die einzelnen kleinen Schlößchen schob. Die Fenster waren weit geöffnet: lenzfrisches Gezweig umflocht sie mit duftender Blütenpracht, und die Sonne warf zitternde Lichter über die schlanke Mädchengestalt, die in ernstem Sinnen dem Vogelgezwitscher in den Fliedersträuchern lauschte. Wundersam, eine Erinnerung wachte auf in Lenas Herzen und wollte sie nicht mehr verlassen. Jener Ballnacht in Alt-Dobern gedachte sie, als Bäume sie umrauschten, als süß duftende, schwüle Gewitterluft um ihre Stirne strich und eine Männerstimme an ihr Ohr schlug: »Ich verlange nicht nach den Dukatensäcken dieser Damen und habe Gott sei Lob und Dank einen zu steifen Nacken, um ihn vor der Majestät eines vollen Portemonnaies zu beugen!« Ja, der Freiherr von Altenburg hatte sein Wort gehalten wie ein Ehrenmann! Obwohl er ihr Freund geworden, der ihr Herz und ihre Seele besser erkennen lernte als je ein anderer, hatte das Geld dennoch trennend zwischen ihnen gestanden! Zu stolz, um seinen Hausstand auf das Vermögen seines Weibes zu gründen, zu stolz, um eine Liebe zu gestehen, die er nicht betätigen kann! Nun war sie arm, und abermals drängte sich das Geld zwischen ihre Herzen, zuerst darum, weil es in zu reicher Fülle vorhanden war, und nun, weil es gänzlich mangelte, und auch das bescheidenste Glück dieser Erde mit silbernem Glanz erkauft werden muß! Ja, sie war arm, sie stand ihm näher denn je, und dennoch mußte sie um Jolantes willen die prunkende Maske vor dem Antlitz dulden und ihn fernhalten durch erborgten Glanz. O möge Gott im Himmel geben, daß die Schwester sich bald ein reiches und sorgenfreies Heim gründete, Lena ertrug dieses Scheinleben nicht mehr, sie war müde zum Sterben und hätte aller Lust und allem Leben entfliehen mögen, ja fliehen auch ihn, von dem sie ja doch weit, weit getrennt war, ob sich ihre Hände auch im Gruß zusammenlegten. Hinter ihr erklangen Schritte, und als sie erschrocken das Haupt wandte und durch Tränen aufblickte, stand Altenburg inmitten des Zimmers, die Augen mit glückstrahlendem Blick auf sie gerichtet, anders, ganz anders als sonst. Lena fühlte einen brennenden Schmerz im Herzen, aber wie sie sich schon sooft im Leben beherrschen mußte, trat sie auch jetzt dem Offizier mit dem gewohnten Lächeln entgegen und reichte ihm die Hand. Er hielt sie länger in der seinen als sonst, »Verzeihen Sie, mein gnädiges Fräulein, daß ich ungemeldet hier eindringe, Ihr Herr Vater schickte mich jedoch direkt durch die Salons zu Ihnen herüber!« »Unter guten Freunden nimmt es die Etikette nicht allzu genau!« Sie bat mit anmutiger Würde durch eine Geste, Platz zu nehmen. »Sie kommen von Papa? Zu so ungewohnter Stunde?« »In ganz geschäftlicher Angelegenheit! Während des Manövers äußerte Ihr Herr Vater den Wunsch, die Besitzung des Grafen Röhrbach aufzukaufen, um sie seinem Güterkomplex einzuverleiben. Ich erhielt soeben durch Zufall die ganz private Mitteilung, daß der Graf zu verkaufen gedenkt, und meldete diese Neuigkeit sofort an der rechten Stelle.« Ein wehes Lächeln zuckte um Lenas Lippen. »An der rechten Stelle? Will Papa die Güter ankaufen?« Einen Moment sah ihr Altenburg tief in die Augen. »Nein, er will es nicht, Fräulein Lena!« Sie zuckte zusammen, da er sie zum erstenmal mit ihrem Namen nannte. Aber sie wich seinem Blick aus und fragte leichthin: »Weil die Güter sich heutzutage zu schlecht rentieren?« »Nein, weil er kein Geld hat, Lena, weil er es nicht leugnete, daß er über Nacht zu einem armen Mann geworden sei, weil – –« Sie hatte sich erbleichend aus ihrem Sessel aufgerichtet. »Allmächtiger Gott, wie durfte er selber ein Geheimnis verraten, das strengstens zu hüten er uns anderen um Jolantes willen so dringend anempfahl?!« Altenburg stand neben ihr und faßte in stürmischem Jubel ihre beiden Hände. »Weil er es mir zugestehen mußte! Stets habe ich mich seiner herzlichen Sympathien zu erfreuen gehabt, und da ich unfreiwillig Zeuge einer Unterredung zwischen ihm und einem seiner Gläubiger wurde, der in taktlosester Weise die augenblickliche Lage seiner Finanzen berührte, so nannte er mir im Vertrauen auf meine Diskretion den wahren Grund, der ihm den Ankauf von Ländereien unmöglich mache! Und ein jedes seiner Worte hallte wie die Verheißung süßen, langersehnten Glückes in meinem Herzen wider. Oh, Lena, so lange der Reichtum dich auf seinen gleißenden Fittichen trug, habe ich dich als mir unerreichbar betrachtet, wie die Sterne am Himmel. Es gibt Schranken, über die sich das Ehrgefühl eines Mannes nicht hinwegsetzen kann und darf, will er nicht das Glück seiner Zukunft auf unwürdigem Fundament aufbauen.« Fester faßte er ihre bebenden Hände und zog sie an die Brust. »Nun sind diese Schranken gefallen, die mir den Weg zu dir versperrten, und nun, da ich es dir beweisen kann, du einzig Geliebte, daß ich nichts Höheres auf der Welt begehre als dich allein, nur dich, ohne deines Vaters Geld und Gut, nun werbe ich um dich in treuer, heiliger Liebe und flehe dich an, Lena: sei mein! Verlobe dich mir, bis es mir einst möglich ist, dich als mein Weib heimzuführen!« Das Haupt wie eine Träumende zurückgeneigt, die Augen wie verklärt auf ihn gerichtet, lauschte Lena seinen Worten. Ein Schauer süßer Wonne durchbebte sie, still, ohne Antwort verharrend, als fände sie nicht die Kraft, die zaubervolle Weihe dieses Augenblicks zu zerstören. Dann aber kam es über sie wie ein jähes, schmerzliches Erwachen, langsam wich sie von ihm zurück und löste sanft aber entschieden ihre Hände aus den seinen. Wehmütig schüttelte sie das Köpfchen, und ihre Stimme klang weich und leise. »Gott lohne Ihnen diese Worte, Eitel, die mich in meiner Armut reicher gemacht haben, denn alle Weiber der Welt! Der Gedanke, von Ihnen mit so viel Treue und Selbstlosigkeit geliebt zu werden, wird mit meinem Herzen leben und sterben, unzertrennlich von ihm wie der Pulsschlag, der es bewegt. Aber Sie unterschätzen meine Liebe zu Ihnen! Ich bin nicht eigennützig genug, um in die Hand einzuschlagen, die sich mir so opfermütig bietet. Ich weiß, daß ich diese Hand ketten und belasten würde, daß der Ring der Treue zur hemmenden Fessel werden würde. – Unterbrechen Sie mich nicht. Nicht allein die Ehrenhaftigkeit eines Mannes hat Schranken zu berücksichtigen, auch die wahre Liebe des Weibes ist nicht sinnlose Leidenschaft, sondern edler Stolz, der besser entsagt, als daß er sich zur Bürde des Geliebten macht.« Immer schneller und erregter hatte sie gesprochen, jetzt legte sie die gefalteten Hände auf die Brust und sah mit einem Blick ernster, hoheitsvoller Liebe in sein Auge. »Nicht gefesselt und nicht gebunden sollen Sie sein! Diese Stunde soll ausgelöscht sein aus Ihrer Erinnerung, und frei wie bisher sollen Sie Ihren Weg gehen, berechtigt, das Glück mit beiden Händen zu fassen, tritt es Ihnen zu anderer Zeit und in anderer Gestalt entgegen. Die Zeit ist lang, bis Sie ein Weib ernähren können, und die Menschenblumen in Feld und Flur, sie welken, wenn der Herbst kommt. Leben Sie wohl, Sie teurer, Sie geliebter Freund! Ihr Andenken wird mit mir in die Einsamkeit gehen, nehmen Sie dafür meinen Segen in die bunte Welt hinaus! Ist es Gottes Wille, sehen wir uns wieder!« »Lena, ich beschwöre dich, nur einen Augenblick höre mich an – –« Ihre weiße Hand winkte einen letzten Gruß zurück. Wie das Bild einer Heiligen unaufhaltsam zerrinnt, entschwand auch ihre schlanke Gestalt wie ein lieber Traum hinter den Portieren.   Dämmerig und still war es in Daniel Sobolefskois Zimmer geworden. Regungslos saß der Fürst in dem Sessel, an dessen Seite soeben Lena gekniet hatte, um das Haupt, leise schluchzend, auf die gefalteten Hände zu neigen. Da hatte sie Daniel alles kundgetan, was sich zwischen ihr und Altenburg begeben, und der Kranke hatte keinen anderen Trost zu bieten, als goldgefüllte Hände, jenes Gold, das die beiden Menschenherzen schied, gleichviel, ob Lena es besaß oder nicht. Energisch hatte es das junge Mädchen zurückgewiesen, hatte die tränenfeuchte Wange auf Sobolefskois Schulter geneigt und mit schmerzlichem Lächeln geflüstert: »Zerbrich dir nicht den Kopf, du Guter, wie du uns helfen kannst! Seinem Schicksal entgeht kein Mensch, und das meine heißt: Scheiden und meiden, alles meiden, was mich von dir und dem Vater trennen will! Nun hat mein armes, schwaches Herz einen anderen Weg eingeschlagen, und da Gottes Hand es zurückweist in die Grenzen, welche er ihm gesteckt, da will es schier brechen und verbluten in seinem Schmerz. Aber auch das wird überwunden werden! Schon setzt, da ich mich bei deinem treuen Zuspruch ausweinen durfte, klopfte der kleine Ruhestörer viel geduldiger und ergebener in der Brust! Mit der Zeit wird's immer besser werden, und gib acht, wenn es erst ganz so kommt, wie wir es uns früher ausgedacht haben, wenn Jolante verheiratet ist, und du mit Papa und mir nach Miskew reist, dann wird der Frieden wieder in meinem Herzen wohnen, und wir werden in der Weltvergessenheit so glücklich sein, wie wir es uns jetzt gar nicht träumen lassen!« Daniels Hände bebten, er preßte sie plötzlich wieder gegen die Brust und rang nach Atem. Gleicherzeit stürmte Jolante in das Zimmer und berichtete: Soeben habe ihr die Hofdame, Fräulein von Jäten, die vertrauliche Mitteilung gemacht, daß die Verlobung der Prinzessin Kordelia mit dem Erbprinzen von H. in den nächsten Tagen publiziert werde! Darüber herrsche großer Jubel. Hingegen von dem armen Henry Antigna brachte sie schlechte Nachrichten. Er hatte sich während der Saison so scharmant in den Hofkreisen eingelebt und schien sich des ganz besonderen Wohlwollens der Prinzessin zu erfreuen, die in ihrer Herzensgüte alles getan hatte, dem menschenscheuen jungen Gelehrten den Weg über das Parkett möglichst angenehm und leicht zu gestalten. Seit dem Besuch des Erbprinzen von H. habe er jedoch angefangen, etwas zu extravagieren. Er sei da vielleicht zu viel herangezogen worden, und das Antignasche Blut könne seine südländische Herkunft noch immer nicht verleugnen, es schäume leicht über Maß und Ziel hinaus. Nun sähe er seit etlichen Tagen wie eine wandelnde Leiche aus und bereite seinem Vater viele Sorge: die Mutter setze sich leichter darüber hinweg und behaupte: »Nur der Most, der gärt, wird Wein, und besser etwas zu flott, als zu philisterhaft.« So wüste Henry Antigna mit seiner Gesundheit weiter, seine neueste Marotte sei: »Opium zu rauchen.« Das könne kein gutes Ende nehmen. – – So plauderte Jolante, bis sie plötzlich unterbrochen wurde. Der Diener brachte ein köstliches Bukett mit der Karte des Herrn von Flanken; diese war sehr genial mit bunter Ölfarbe betupft. Da mußte Lena der Schwester folgen, ebenfalls eine Antwort in Ölfarbe zu entwerfen. Daniel war allein. Es dunkelte mehr und mehr. Sein Puls fieberte, und die Gedanken jagten sich in wirren phantastischen Bildern. Seine Seele wollte jauchzen und triumphieren, aber seine Hände krampften sich und rangen voll Verzweiflung im Gebet. Unerwartet, überschwenglich war das Glück an sein einsames Lager getreten, aber die roten Rosen, die es ihm bot, waren mit Lenas Tränen genetzt, und der Boden, daraus sie sprossen, das Grab, das das Lebensglück seines Lieblings verschlungen. »Nun ist sie für ewig dein, nimm dein Kleinod und rette es dir in die tiefste Einsamkeit!« zischte der Dämon in sein Ohr, und der gute Engel verhüllte weinend sein Angesicht: »Du kennst der Liebe Leid, du Grausamer, und du erbarmst dich nicht?« Noch einmal lag Daniel auf den Knien, hob die gerungenen Hände zum Himmel und schrie auf wie ein Kind, nach dem sich eine verderbendrohende Hand ausstreckt: »Mutter!« Und ihm war es, als lege sich schützend und rettend eine Hand auf sein Haupt; da besiegte er sich selbst. Wankend erhob er sich und schleppte sich zu seinem Schreibtisch. Hastig, mit leuchtenden Augen warf er ein paar Zeilen hin, siegelte und adressierte sie. Ein paarmal war es, als schleiche ein Grauen durch seine Glieder, aber er biß die Zähne zusammen, schellte nach Alexandrowitsch und befahl ihm, den Brief zu besorgen. Und als die Gestalt des Dieners hinter der Tür verschwunden, kam es über ihn wie eine tiefe, tiefe Ruhe. Zentnerlasten waren von seiner Brust genommen, sein Antlitz lächelte wie verklärt. »Ich habe meine Pflicht getan und mit dem Leben abgeschlossen, nun wirst du mich segnen, Mutter, und wirst zum Lohn jene Höllengluten der Eifersucht in meinem Herzen löschen!« War sein Gebet erhört? Tagelang lag es wie ein süßer Frieden über dem Dulder. Wieder verschleierte sich der Himmel mit dem grauen Gewölk der Nacht. Vor dem Hause des Fürsten Sobolefskoi hielt ein Wagen. Eine schwarzgekleidete Dame wurde bereits an dem Portal von Alexandrowitsch empfangen und direkt in die Gemächer des Fürsten geleitet. Da Daniel ihren Schritt hörte, ging ein Zittern und Frösteln durch seine Glieder, aber er zwang sich zur Ruhe und schaute mit fast starrem Blick der Eintretenden entgegen. Dieselben milden Augensterne richteten sich auf ihn, die damals über dem Bett des Freiherrn von Altenburg Wacht gehalten über dem kranken Sohn, dieselben, die ihm das Leben gerettet. Sie trat Daniel mit schnellen Schritten entgegen und reichte ihm wie einem alten, treuen Freunde beide Hände dar. Sobolefskoi zog sie fast demütig an die Lippen. »Vergeben Sie mir, meine gnädige Frau, daß ich als Kranker, dem alles Reisen streng untersagt ist, es wagen mußte, Sie hierher zu bemühen. Nicht um einer Kleinigkeit willen ist es geschehen, das Glück Ihres Sohnes steht auf dem Spiel!« Frau von Altenburg nahm an der Seite des Leidenden Platz. Sie versicherte ihm, daß sie längst diesen Besuch geplant habe, ihm aus übervollem Herzen für all die Güte zu danken, mit der er ihren kranken Sohn während seiner schweren Verwundung überschüttet habe! Nur eines sei ihr befremdlich in dem Schreiben des Fürsten gewesen, daß er gebeten habe, selbst Eitel nicht von ihrem Besuch bei dem Fürsten zu unterrichten! Daniels Hände drehten in nervösem Spiel die seidenen Schnuren des Sessels hin und her. »Wollen gnädigste Frau die Geduld haben, eine lange Auseinandersetzung anzuhören?« Die hohe imposante Frauengestalt in dem schwarzen Witwengewand neigte zustimmend das Haupt und lauschte mit stets wachsender Erregung und Rührung den Worten des wundersamen Mannes, die leise, sich überhastend an ihr Ohr schlugen. Sie wollte entgegensprechen, da sah er mit einem unwiderstehlich flehenden Blick in ihre Augen, und die Freifrau erhob sich in aufwallendem Gefühl und legte beide Hände auf die Schulter des Russen: »Gott segne Sie für so viel Opfermut und Freundschaft, deren Grund und Ursache ich kaum begreifen, geschweige mir erklären kann!« Noch ein geheimnisvoll geschäftiges Verabreden und Besprechen, und dann nahm Frau von Altenburg herzlichen Abschied und schritt, tief verschleiert und ungesehen, wie sie gekommen, zum Wagen zurück.   XI. An dem Morgen nach jener inhaltsschweren Nacht, in der Herr von Flanken die Annahme seines Gemäldes in der Kunstausstellung gefeiert hatte, wurde es dem braven Frantusch Niekchen saurer denn je, seinen Gebieter den Armen des Gottes Morpheus zu entreißen. Das war schon für gewöhnlich kein leichtes Stück Arbeit und stellte hohe Anforderungen an das diplomatische Talent des Offiziersburschen, heute aber wollte schier gar nichts verfangen, kein Bitten und kein Schmeicheln, selbst die Meldung: »Kaffee kocht sik schon, Leutnant!« machte keinen Eindruck auf den Schöpfer des Bildes »Fuchs im Bau«. Flanken ruhte zum erstenmal auf seinen Lorbeeren, und da diese sehr, sehr reichlich mit den Freudentränen der Witwe Cliquot begossen waren, so ruhte er süß und fest auf ihnen, so behaglich, daß seinetwegen die ganze Kaffeemaschine neben ihm explodieren konnte, ohne ihn zu irritieren. Der Zeiger aber rückte unerbittlich vor, und der Herr Premierleutnant hatte Klassenreiten; wenn er dazu nicht rechtzeitig geweckt wurde, dann gab's womöglich ein Donnerwetter, erst für ihn und dann für Niekchen. Die fatale Naturerscheinung hatte der gute Junge bereits beobachtet und wußte daher, daß solche militärische Gewitter immer von oben nach unten ziehen und bei der niedrigsten Station zeitweise »einzuschlagen« pflegen. Der Angstschweiß trat ihm infolgedessen auf die Stirn, und er schritt abermals an das Lager seines Herrn: »Leutnant, es schlaggt schon sieben Uhr!« Flanken warf sich auf die andere Seite: »Schlag's wieder!« »Leutnant, Pferrd steht schon halbes Stundel lang vor der Tür!« »Himmelschockdonnerwetter, bring' ihm einen Stuhl runter! – Raus; will schlafen!« Aber Niekchen wich und wankte nicht. »Leutnant muß aufstehn, Trumpeter blast schon!« Der Premierleutnant dehnte die Glieder wie ein Löwe, wenn er erwacht. »Blast schon?« wiederholte er mit aufkeimendem Interesse. Niekchen stand am Fenster. »Leutnant, Leutnant! Muß sik aus Bett raus! Kommandeur reit sik vorüber!« Dieser Angstschrei wirkte. Mit einem Satz war Flanken aus den Federn, völlig ermuntert. »Wo? Zum Neunmillionenschock –!« Niekchen hielt die Türklinke bereits in der Hand. Ein engelhaftes Lächeln sträubte sein spitzes Schnurrbärtchen, beruhigend schüttelte er den Kopf. »Is sik nix wohr, Leutnant; hot erst Zeiger auf viertel sieben geruckt!« Sprach's und zog schleunigst die Tür hinter sich zu. Einen Moment stand der Überlistete sprachlos, dann zog ein Schmunzeln vollster Anerkennung seine Lippen in die Breite: »Ein Satanskerl! Aber kolossal intelligent! – Heda, Niekchen!« Die Tür wurde ein wenig geöffnet, und der Lockenkopf des Gerufenen lugte mit aller Vorsicht herein. »Befehlt!« »Reinkommen, du Gauner!« Flanken machte eifrig Toilette. »Hör mal, lieber Niekchen, wenn ich nachher vom Dienst zurückkomme, leg mir den Paradeanzug zurecht!« Niekchen schlängelte sich näher wie ein Ohrwürmchen. »Befehll. Is sik erster April heut, Leutnant!« fügte er vorsichtshalber noch wie zur Entschuldigung hinzu. Der Premierleutnant tauchte das Haupt in kaltes Wasser. »Is sik noch viel mehr heute!« persiflierte er in rosigster Laune, zwinkerte geheimnisvoll mit den Augen und pfiff sich eins. – »Wir winden dir den Jungfernkranz mit veilchenblauer Seide.« »Niekchen, merkste was?« »Merke nix, Leutnant!« »Esel!« »Befehlt.«   Wie die Sonne am Himmel stand und lachte, und wie die grünenden Gebüsche im Stadtpark lachten! Jeder Vogel, der sich zwitschernd in die warme Frühlingsluft emporschwang, lachte mit, und alle Menschen, die dem Herrn von Flanken begegneten und ihn so blitzblank und glückstrahlend in seinem Paradeanzug daherkommen sahen, lachten ebenfalls, und dennoch hatten sie keine Ahnung davon, daß auf der Brust des jungen Offiziers ein Schreiben lag, in dem sich die Künstler-Jury für die Annahme des Gemäldes »Fuchs im Bau« aussprach. Auch sah es niemand den lackglänzenden Füßen, auf denen Herr von Flanken ging, an, daß es Freiersfüße waren. Ein Schusterjunge blieb grinsend stehen und blickte forschend zu dem blonden Riesen empor. – »Herr Leitnant! Pst!« Flanken wandte sich hastig um, »Hm? Was ist denn los?« »Sie verlieren ja den eenen Sporn da driben!« »Zum Donner...« Der Ulan blieb stehen und schaute betroffen nach seinem Stiefel. Laut johlend und sich außer »Greifweite« bringend, tat der Junge die verwegensten Luftsprünge. »Ho, ho! April! April!« höhnte er. »Infamer Bengel!« Lachend blieb Flanken stehen und zog das Portemonnaie. »Na, du Range, komm her! Wer kriegt denn diesen Taler hier?! He?!« Mit funkelnden Äuglein, in seiner Gier so eilig, daß die Holzpantoffeln schier klapperten auf dem Pflaster, sauste der Pfriemchen-Aspirant heran. »Iche, Herr Leitnant!« Mit getreuer Kopie jener Grimasse, die der Bengel ihm soeben geschnitten, nickte Flanken jetzt zurück. »April! April!« – Sprach's, versenkte den Taler gelassen wieder in das Portemonnaie und wandte sich zum Weiterschreiten. In seiner herben Enttäuschung laut aufheulend, bohrte das gefoppte Knäblein beide schmutzigen Fäuste in die Augen, ihnen eine Träne zu erpressen, und trabte also neben dem Herrn Ulan her. »Siehste, du Lümmel, das ist für die Frechheit!« »Es war ja doch bloß 'n Witz, Herr General!« »Na, da soll's mit dem Taler auch bloß 'n Witz gewesen sein. Hier, kauf dir für fünfzehn Groschen Pflaumenmus und für den Rest Weißbier und futter's auf einen Sitz auf, dann kriegste noch was dazu!« »Was denn?« grinste der Junge in atemloser Spannung, das Geld empfangend, »Leibweh!« – Sprach's und stieg würdevoll die Treppe zu der Groppenschen Villa empor. – – Jolante saß an ihrem Schreibtisch und verfaßte gerade einen Brief, als Herr von Flanken, speziell ihr, gemeldet wurde. Riesengroß, aber durchaus nicht hoffnungslos stand er wenige Augenblicke danach vor ihr. Alles glänzte und strahlte an ihm, und Jolante schüttelte kokett die blonden Locken zurück und sagte kichernd: »Ja nicht auf diesen Bronzestuhl setzen, Herr von Flanken, der ›verträgt‹ eine solche Auszeichnung nicht!« »So, ahnt er bereits, was für ein gewichtiger Mann aus mir geworden ist?« »Er kennt Sie noch vom Winter her!« »Dann hat er eine sehr falsche Meinung von mir.« Der Premierleutnant stützte sich mit beiden Händen auf seinen Säbel und sah die junge Dame martialisch an. »Fräulein Jolante – ich habe ein Bild gemalt!« Sie schlug lachend die Hände zusammen. »Mögen es Ihnen alle holden Musen gnädigst verzeihen!« »Fräulein Jolante, ich habe meine Wette gewonnen, das Bild ist von der Künstler-Jury für die Kunstausstellung angenommen!« Da warf sich das Elfchen in die blauen Atlaspolster zurück und lachte, lachte noch viel mehr als Sonne, Blumen, Vögel und alle Menschen, die dem Künstler von Professors Gnaden zuvor begegnet waren, und als sie mit dem Spitzentaschentuch die Tränen in den Augen trocknete und endlich zu Worte kam, schüttelte sie nur das Köpfchen. »April! April! – Bitte, stehen Sie früher auf, wenn Sie wünschen, daß ich auf solchen Scherz hereinfallen soll!« Er blieb ganz ernst, griff in die Brusttasche, zog einen Brief hervor und reichte ihn dar mit dem Selbstbewußtsein des Lafontaineschen Teichkönigs, wenn er fragt: » Suis-je ?!« »Hahaha! Ein Brief! Wohl die Rechnung von Ihrem Pinselfabrikanten?« »Wer Augen hat zu lesen, der lese!« – Und Herr von Flanken ließ sich mit Grandezza in einen Sessel fallen und drehte erwartungsvoll die Daumen umeinander. – Jolante lachte noch immer, sie entfaltete, ohne das Kuvert einer Besichtigung zu würdigen, den großen Bogen und begann voll outrierter Feierlichkeit zu studieren. Das Lachen verstummte, immer größer und überraschter wurden die Augen, immer schneller überflogen sie den Inhalt des Schreibens, und plötzlich sank das Papier knisternd hernieder und Jolante starrte den Schöpfer des »Fuchs im Bau« an, wie eine Vision. »Herr von Flanken,« stotterte sie heiß erglühend, »ist dies alles ein Aprilscherz?« »Da ›Fuchs im Bau‹ mein erstes hervorragendes Werk ist, kann ich diese Frage nicht übelnehmen, obwohl sie für einen Künstler meiner Art recht beleidigend ist. Falls Ihnen jedoch dieser Brief noch kein genügender Beweis scheint – hier! Da haben Sie die Pastete mit Druckerschwärze angerührt!« – Und mit wahrhafter Blasiertheit zog der berühmte Mann eine Zeitung hervor, schlug sie auseinander und tippte mit dem behandschuhten Zeigefinger auf eine rotangestrichene Anzeige. – Ja, da stand es schwarz auf weiß. »Das Bild ›Fuchs im Bau‹ – Erstlingswerk eines noch unbekannten, aber hoch talentierten Malers, Herrn von Flanken, Schüler von Professor H. – hat die Feuerprobe glänzend bestanden und wird sicherlich zu den Perlen der Ausstellung zählen, da es in ganz wunderbarer Weise fast sämtliche Vorzüge der bedeutendsten Meister in sich vereinigt!« Das Tageblatt zitterte in den Händchen der Lesenden, angstvoll sahen die schwärmerischen Augen zu dem Ulanenoffizier auf. »Aber, ich begreife gar nicht – wie ist es denn nur möglich – Sie sind ganz plötzlich ein berühmter Künstler geworden?« »Ja, du lieber Gott, gegen sein Genie kann man doch nicht ankämpfen!« »Aber bei Fräulein Gorgisch konnten Sie kaum einen Strich zeichnen!« Flanken lächelte sehr überlegen. »Alles Verstellung! Wenn Sie gemerkt hätten, daß ich schon die ganze Sache weg hätte, würden Sie mich doch an die Luft gesetzt haben!« »Ja, aber, ich, ich –« »– sitze jetzt nett in der Tinte drin!« vollendete er mit grausamem Nachdruck, »Ihre Wette ist radikal verloren, und nun verlange ich das Reugeld!« Er hatte sich erhoben und war an den Schreibtisch getreten. »Hier ist unser Kontrakt. Sie haben wohl oder übel zu gestatten, daß ich ihn, oder wenigstens einen Teil davon, in allen Zeitungen der Welt veröffentliche!« Sie zog die Stirn in Falten, »Das ist ja Unsinn! Die Leute würden es gar nicht verstehen!« »Nun, so erlauben Sie, daß ich eine Erklärung hinzufüge. Nur acht Buchstaben, die Sie aber vor allen Menschen anerkennen müssen! Ja?« »Acht Buchstaben?!« »Ja oder nein! Ich verlange sie als Austrag der Wette!« Sie atmete angstvoll schnell. »Schreiben Sie sie, bitte, einmal hin!« Da tauchte er die Feder tief in die rote Tinte und schrieb just unter die beiden Namen »Jolante von Groppen und Carl von Flanken« die acht Buchstaben – »Verlobte«. Und dann schnitt er die obere Hälfte des Blattes ab und sprach schmunzelnd: »So, diese drei Zeilen genügen, darf ich sie in die Redaktion schicken?« Das Elfchen stand sprachlos, und da der absonderliche Freier ihre beiden Hände hielt und sich mit seinem vergnügtesten Baßlachen zu ihr nieder neigte, konnte sie nicht einmal entfliehen. Das war eigentlich für alle beide eine schauderhafte Verlegenheit, denn Herr von Flanken hat späterhin ehrlich bekannt: »Nie im Leben habe er eine solche Himmelangst ausgestanden, wie in diesen paar Sekunden, da er, der Riese, nicht gewußt habe, ob er die kleinsten aller Liliputhändchen werde in den seinen festhalten können!« Aber Gott sei Lob und Dank! Jolante erinnerte sich noch rechtzeitig, was man einem großen Künstler und Verfertiger des Bildes: »Fuchs im Bau« schuldig war, und weil sie ihr glühendes Gesichtchen gar nirgend anders verstecken konnte, barg sie es an seiner Brust. Da lachten Sonne, Blüten und Vöglein noch weit lustiger denn zuvor, aber Herr von Flanken lachte zuletzt, und wer zuletzt lacht, lacht am besten!   Ein halbes Jahr war vergangen, seit Graf Lohe an einem trüben, schneedurchwirbelten Wintertag in Dassewinkel eingefahren war. Ein Schauder rieselte ihm durch alle Glieder, als seine Equipage wie auf stürmischer Flut über die ungepflasterte Straße schwankte und die kleinen, oft nur mannshohen Häuslein rechts und links wie eine höhnisch grinsende Bettelkinderparade vorüberzogen. Grauenvolle Existenz! – Graf Lohe ließ resigniert das Monokel niederfallen, lehnte sich mit zusammengebissenen Zähnen in die Atlaspolster zurück und tat ein Gelübde im Herzen, lieber in seiner Klause hier mit der Chaiselongue zu verwachsen, als sich unter die Sociéte de Dassewinkel zu begeben! Aber die Langeweile ist für jemand, der sie zuvor nicht gekannt, ein Gespenst, das selbst dem Beherztesten Beine macht, sie zu fliehen. Arbeit gab es fast gar nicht; um das Zimmer der alten Klosterrentei heulte ein permanenter Nordsturm, die Öfen heizten nur mittelmäßig, und hinter den alten Tapeten feierten die Mäuse Karneval. Wenn der junge Graf sich, in warme Pelzdecken gehüllt, die Augen an den Romanbüchern müde gelesen, erhob er sich stöhnend von seinem Ruhelager und trat an das Fenster. Keine Seele weit und breit, eine trostlose verschneite Einsamkeit, nnd dann brachte der Diener die Lampe, und Mark-Wolffrath griff wieder zum Buch, oder schrieb wütende Briefe, oder aß mit schlechtester Laune sein meist recht schlechtes Abendbrot; ebenso allein wie das Mittagessen. Solch ein Leben war auf die Dauer nicht zu ertragen! Aus lauter Verzweiflung empfing er schließlich den »torftrampelnden« Bürgermeister in »dienstlicher Angelegenheit«. Der Mann war gar nicht so rauhbeinig, wie er ihn sich gedacht hatte. Arg verbauert allerdings, ohne jegliche Lebensart, aber er redete doch wenigstens, sogar ohne jeglichen Rückhalt, über seine politischen Ansichten. Das war etwas Neues für Lohe und ganz amüsant zu hören, wie diese Leute sich die Weltgeschichte in den engen Grenzen ihres Schädels zurechtlegten. Wirklich ganz vernünftig, ganz nett. Graf Lohe fand es plötzlich »interessant«, einmal des »Volkes Herz« zu studieren. Im Gasthaus »Zur grünen Wiese« saßen allabendlich die Honoratioren von Dassewinkel; scherzeshalber würde der Herr Hofjunker einmal in diesem Kreise erscheinen. Er ging hin und amüsierte sich in der Tat brillant in dieser originellen Umgebung; seine Lackstiefel hatten allerdings die Promenade durch die grundlose Straße nicht vertragen, darum ließ Mark-Wolffrath sich »scherzeshalber« ein Paar ungeheure Nägelstiefel vom Dorfschuster besorgen. Auch die dicken Düffeljacken, wie sie Apotheker und Rentmeister tragen, schienen ihm sehr praktisch bei hiesiger Witterung. Er konnte ja die kleine Maskerade einmal mitmachen. Die Herren erzählten mit dem ernsthaftesten Gesicht ganz unglaubliche Sachen von Weib und Kind und gedachten mit ehrfurchtsvoller Anerkennung der »Tanzkränzchen«, die die Frau Oberförster, die fürnehmste unter dem Ewigweiblichen, jeden Sonntagabend hierselbst veranstaltete. Graf Lohe hörte es mit einem Anfall von Schüttelfrost, da er aber in Erfahrung brachte, daß alle Güter der Umgegend im Winter verwaist seien, und er sich immer unerträglicher langweilte, beschloß er » pour passer le temps « ein paar Besuche im Städtchen zu machen. Daß er den Damen bereits hoch interessant und als eine Art »Märchenprinz« erschien, tat seinem zerschlagenen Herzen wohl. Er ließ also anspannen, kleidete den Diener in Galalivrée und fuhr bei der Frau Bürgermeister vor. Kolossale Aufregung. Türschlagen, Stimmen riefen durcheinander, eine Klingel läutete Sturm, und der Diener, der seinen Gebieter melden sollte, blieb eine Ewigkeit aus. Endlich erschien er – mit dunkelrotem Kopf, schluchzend vor innerlichem Lachen. »Die Damen lassen bitten, Herr Graf!« – Mark-Wolffrath redete nie mit seinen Untergebenen, diesmal fragte er dennoch nach der Ursache solches endlosen Wartens. »Die Damen hatten mich für den Herrn Grafen gehalten und ließen mich gar nicht wieder aus dem Sofa, auf das mich die gnädige Frau niedergedrückt hatte, heraus!« – »Brrr!« Der Erbe von Illfingen stieg resigniert die Treppe empor. Auf dem Hausflur empfingen ihn bereits die Frau Bürgermeister in mächtiger Staatshaube mit saftgrünem Band und Kornblumenbukett über der Stirn, und neben ihr, »mit züchtigen, verschämten Wangen« die drei Töchter, die knixend als: »Diese ist mein Lieschen und diese die Melanie, die's Klavier spielt, und diese hier unser Lottchen, die französisch kann!« – präsentiert wurden. – Fabelhafte Töchter! Sie sahen blaurot aus und platzten beinahe vor Gesundheit. Der Abschied fiel schwer, aber er gelang. Bei der Frau Oberförster war's bei weitem besser. Zwar stürzte auch hier erst eine Magd an dem Grafen vorüber in die gute Stube und zog den steifbeinigen Lehnstühlen die Kattunhöschen aus, und eine Hundekälte war's, und ein undefinierbarer Geruch! – Spicke, Kamillen- und Beifußbüschel hingen zum Trocknen an den großen Hirschgeweihen, vielleicht rührte er davon her. Aber die Frau Oberförster war eine stattliche, sehr liebenswürdige Dame, die entschieden eine vortreffliche Erziehung, fern von Dassewinkel, genossen hatte. Und weiter geht's von Tür zu Tür. Eine rothaarige »Stütze der Hausfrau« flatterte im Schneesturm dem Wagen des hohen Herrn voraus, gleich wie Erde, die wilde Begleiterin des Mars. Und sie meldete mit aufgeregtem Armfuchteln in den betreffenden Häusern: »He kümmt! – He kümmt!« Und die Schlüssel kreischen in den Schlössern der Sonntagnachmittagsstuben, und die Schönen von Dassewinkel machen in fliegender Hast große Toilette. Der Sonntag kam und der einstimmig, stürmisch eingeladene Graf Lohe rüstete sich zum Tanzfest. Seine Robinsoniade begann ihn bereits königlich zu amüsieren und, »auf alles gefaßt«, betrat er den Saal im Gasthof »Zur grünen Wiese«. Da waren Böcke und Lämmlein strengstens getrennt. Die Herren saßen im Kegelzimmer, rauchten wie die Fabrikschlote und tranken fünf Stunden lang an einem Töpfchen Bier; die Damen in schönem Kranz, gewissenhaft nach Rang und Stellung geordnet, behaupteten den Saal. Eine jede hatte am Arm ihren Ridikül hängen, aus dem sie zuerst feierlich einen Obolus im Wert von fünfzig Reichspfennigen entnahm und vor sich auf den Tisch legte; das war die »ausgemachte« Summe, die in einer Tasse Kaffee mit Rapskuchen verpraßt werden durfte. Besagter Scheidemünze folgte das Strickzeug, nur die Frau Pächterin emanzipierte sich und häkelte für ihr Jüngstes ein Wickelband. Drei Musikanten saßen seitlich auf einer Pritsche und taten ihr möglichstes, und nachdem ein paar aufheulende Hunde aus dem Kegelzimmer entfernt, legten die jungen Herren die Zigarre für fünf Minuten aufs Fensterbrett, zogen einen Zwirnhandschuh an und schwenkten zuerst die Mütter, dann je eine Tochter durch den Saal. Ernst, schweigsam, opfermütig; ein rechtwinkliger Kratzfuß, und die Zigarre im Kegelzimmer feierte mit ihrem Besitzer ein herzliches Wiedersehen. Graf Lohe begrüßte die älteren Damen und machte alsdann den kühnen Versuch, sich als Schmetterling dem Kranz der jungen Mädchen einzureihen. Ein verlegenes Kichern, beschleunigtes Klappern der Nadeln und zeitweises gegenseitiges Anrennen mit den Ellenbogen war das einzige Resultat seiner Bemühungen, eine Unterhaltung zu eröffnen. Auch die Mütter wurden unruhig und setzten die Brillen auf. Da merkte Wolffrath, daß ein derartiger Verkehr in Dassewinkel nicht Usus war. Der Hornist intonierte in beschleunigtem Tempo die »Lorelei«, nach der man hierselbst Galopp tanzte, und der Arrangeur der exquisitesten Residenzfeste neigte das sorgsam frisierte Haupt vor der Frau Oberförster und führte sie zum Tanz. Die erste Runde im Saal ließ sich recht gut zurücklegen. Die gedunkelten Dielen erwiesen sich als außergewöhnlich glatt; bei dem zweiten Tanz jedoch fühlte der Graf wunderliche Knoten und Beulen unter seinen zarten Sohlen, und plötzlich stieg es ihm prickelnd in die Nase, und weil alle anderen auch niesten und sich schneuzten, so fragte er seine Partnerin nach der Ursache dieser außergewöhnlichen Erscheinung. »Ja, sehen Sie,« war die Antwort, »das geniert uns nicht mehr, wir sind jetzt daran gewöhnt! Weil nämlich der Fußboden hier sehr schlecht ist, läßt ihn der Wirt vor jedem Tanz mit Seife schmieren, das macht hübsch glatt!« Daher plötzlich dieser niederträchtige Geschmack auf der Zunge! Dem verwöhntesten aller Kavaliere ward es ganz übel vor Schreck, er stammelte seiner Tänzerin eine Exküse, machte Reih um sein Kompliment und floh die Hinterlist der pfiffigen Dassewinkler, die den Tempel der Terpsichore nicht auf den Farben des Regenbogens, sondern auf – Schmierseife erbauten! Und gleich der klassischen Seherin flüchtete er sich während der nächsten Tage in des Waldes tiefste Gründe, um seinen Kummer zu vergessen. Ein glücklicher Schuß, der einen gewaltigen Wildeber zur Strecke brachte, ließ alles vergessen und vergeben sein, was Dassewinkel je gesündigt. Voll leutseliger Höflichkeit nahm der junge Graf, obwohl er Schweinefleisch sehr ungern aß, sogar die Einladung zu Oberförsters an, »seine Jagdbeute« verspeisen zu helfen. – Ein sehr scharmanter, behaglicher Mittag! Der Kopf mit der Zitrone im Rüssel schmeckte vorzüglich, und die Wirte waren so angenehm, wie es Mark-Wolffrath außerhalb des Parketts gar nicht für möglich gehalten. Am nächsten Tag lud der Gutspächter zum Essen ein. Wer A sagt, muß in diesen kleinen Verhältnissen auch B sagen. Lohe bekam den Rücken des erlegten Keilers vorgesetzt und half ihn verspeisen. Der folgende Morgen brachte eine Einladung zu Bürgermeisters. Ein ahnungsvoller Schreck durchzuckte den Empfänger. – »Hab' Erbarmen, Gott der Liebe!«   Ein Vorderschinken des unseligen Wutzchens erschien auf dem Tisch. Der Graf würgte ein Stück hinunter, und als man ihn zum Essen nötigte, daß ihm die Sinne schwanden, teilte er mit Lottchen noch eine Bratenscheibe. Als er sein Wohnzimmer wieder betrat, lächelte ihm ein Brief von dem Tisch entgegen: »Der Herr Apotheker erbittet sich allergehorsamst – usw. usw.« – »Absagen, Friedrich! – Absagen!« stöhnte der stellvertretende Landrat. Es half nichts; außer sich und tief gekränkt kam die Gastgeberin persönlich angestürmt und setzte dem, gegen Damen stets höflichen Opfer die Pistole auf die Brust. Er mußte kommen, weil er zu den anderen auch gegangen war – und er bekam den zweiten Schinken vorgesetzt! – Und so lange noch ein Stücklein Wildschwein vorhanden war, mußte Mark - Wolffrath es bei irgendeiner Familie essen helfen. Tauwetter war eingetreten, und er roch das Menü bereits auf dem Hausflur! – Das war eine fürchterliche Zeit! Und als der Oberförster wieder Jagd machte und dem Grafen ein Wildschwein zum Schuß kam, ließ er schaudernd die Büchse sinken und dachte: »Lieber auf den Schuß verzichten, als noch einmal acht Tage lang Schweinebraten essen!« Es war eine harte, schwere Schule, die » Le chevalier sans faute et sans reproche « in Dassewinkel durchmachen mußte. Aber Not lehrt beten, und was im Nebel und aus der Ferne wie eine Vogelscheuche aussieht, erweist sich bei näherer Betrachtung oftmals als ein Bäumchen, das gesunde und schmackhafte Früchte tragt. Die Luft, die über die verschiedenen Höfe von Dassewinkel strich, war rauh, kräftig und ganz Natur, aber sie war heilsam und blies ihren frischen Odem durch Leib und Seele. Graf Lohe gewöhnte sich sehr schwer und widerwillig daran, und wenn er es schließlich tat, geschah es, ohne daß er es selber merkte. Als er sich dem Schicksal fügte und sich seine neue Welt ruhig und vernünftig ansah, fand er oft Gelegenheit, zu beobachten, daß eigentlich das Natürliche und Ungekünstelte stets am schönsten sei, und daß gar manches, was er bis jetzt als höchste Form und Etikette hochgehalten, eine krankhafte Übertreibung war. Nicht zu viel, aber auch nicht zu wenig. Gegen die Damen von Dassewinkel war Ursula schick, elegant, frisch und amüsant, gegen die der Residenz: übermütig, verzogen und derb! Die Kleine hielt aber, namentlich so, wie er sie zuletzt gesehen, die richtige, goldene Mitte, und wenn er sich ihrer letzten Gespräche erinnerte, so begriff er es selber nicht, wie er sie so streng noch hatte richten können! Die Trennung gleicht einem Sturmwind, der die Flamme der Liebe erfaßt; ist sie klein, so löscht er sie, wuchs sie aber schon zu einer gewissen Größe empor, so facht er sie an zu heller Glut. Mark-Wolffraths Gedanken weilten mehr und immer mehr bei Ursula, und als er erfuhr, daß Herr von Kuffstein nach Groß - Wolkwitz zurückgekehrt sei, ließ er sofort anspannen, seinen Besuch abzustatten. Er traf den Baron allein im Schlosse an. Dick, behaglich, wenn auch etwas wehmütiger dreinschauend als früher. »Sie haben mir meine Urschel-Purschel ganz rammdösig in diesem verfluchten Häuserpasticcio gemacht!« seufzte er ganz kläglich, »wie auf der Bank abgehobelt, ohne Saft und Kraft! Na, ich soll sie nur erst wieder hier haben! Ich will ihr diese bleichsüchtigen Knickse schon bald wieder abgewöhnen! Nicht wahr, Herr Doktor, das wollen wir? Wäre doch schade, um unsern kleinen Bengel!« Herr »Doktorjo« saß dem Sprecher gegenüber auf dem Ledersessel und glotzte mit seinen allerschläfrigsten Augen über den Frühstückstisch, der ihm mit seinem ewigen Schinken und den Gänseleberwürsten bereits odiös wurde. Es war zum mindesten rücksichtslos von seinem Freund Julius, ihn wegen eines solch langweiligen Imbisses aus dem Schlaf zu wecken; und Urschel- Purschel? Doktorjo hatte überhaupt keine Interessen mehr auf dieser Welt, seine undurchdringliche Speckschwarte panzerte ihn gegen jegliche Gefühlsduselei, und allgemeine Übersättigung ließ ihm das Leben in jeglicher Couleur fad und abgeschmackt erscheinen. Und so würdigte der alte Herr weder sein Gegenüber Kuffstein noch den Graf Lohe, noch die Delikatessen eines wohlwollenden Blickes, sondern schnobberte mißvergnügt nach dem Parkett herunter. »Haste noch keinen Appetit, Doktor?« erkundigte sich der Hausherr teilnahmsvoll, »na, dann warte noch ein halbes Stündchen, ich lege dir einen Wurschtzippel neben dein Bette!« Und er hob den Mops vom Sessel, und beide wackelten nach der Ofenecke, woselbst der verdrossene Moppel sein Plüschkissen bestieg. »Es ist ein ganz merkwürdiger Hund!« wandte sich der Baron zu seinem jungen Gast zurück, »Nun geben Sie mal acht, nachher macht er sich an sein Frühstückchen heran, aber was tut er? Die Speckgrieben buddelt er sich raus, und die Schale läßt er liegen; ein merkwürdiger Hund!!« Das interessierte den jungen Grafen weniger, aber die Nachricht, daß Frau von Kuffstein und Ursula am 20. April zurückkehren würden, erfüllte ihn mit nie gekannter Freude. – – Über Nacht war der Lenz angekommen, überraschend früh, ungestüm und verschwenderischer als je. Wetterleuchtend hatte es am Horizont geflammt, feuchtwarmer Wind jagte Wolken heraus, und aus ihren dunklen, verschleierten Augen stürzten die Tränenströme segnend über das knospende Gezweig. Das erschauerte bis in das Mark hinein. Aus langem, bangem Traum wachte es plößlich aus, und es erschloß die tausend jungen Augen und schaute den Geistern des Frühlings, die die Silberschwingen unter Blitz und Donner entfalten, voll süßer Scheu entgegen. Als aber die Morgensonne ihr strahlendes Haupt erhob, hatten unsichtbare Hände die Welt geschmückt, hatten rosige Blütenschleier über Busch und Baum gehängt und das welke Laub hinweggefegt, dem Himmelsschlüsselchen und der blauen Cylla das winterliche Haus zu zerbrechen. Und sie stehen und lachen im Morgentau und rühren die duftigen Glöcklein, die Astern einzuläuten. Wachtel und Lerche haben es mit lautem Jubellied verkündet, daß der Ostersonntag gefeiert worden, daß heute die ganze Welt ein Rest der Auferstehung begeht, die neu keimende Natur und die Menschenherzen, welche im Winterschlaf gelegen. Die dürren Reiser prangen urplötzlich im Hoffnungsgrün, was alt geworden, verjüngt sich in neuem Saft und neuer Kraft, und was herniederbrach unter allzu schwerer Last, hebt sein Haupt getrost und freudigen Mutes der Sonne zu! – Ostern ist gekommen, und aus den Gräbern sprießen die Blüten eines neuen Lenzes! – Über die Gartenmauer von Groß-Wolkwitz hängen die Zweige mit den silbernen und braunen Kätzchen. Zwei schlanke Mädchenhände biegen die Äste hernieder und pflücken einen Strauß, und dann neigt Ursula das Köpfchen vor und späht die Fahrstraße hinab. Die Sonne streut Goldfunken auf den braunen Lockenkopf und flimmert auf der Metallstickerei des dunkeln Tuchkleides, das hoch unter dem rosigen Kinn schließt. Nichts erinnert mehr an das Backfischchen des vergangenen Herbstes. Noch ist es allerdings das kecke, frischwangige Kindergesicht, in dem die schelmischen Grübchen lachen, aber es ist ein ganz, ganz anderes Lachen wie früher. Was ehemals Trotzgebärde und Mutwillen war, ist jetzt heitere Anmut, was früher nur Körper war, ist jetzt Seele geworden. Puck ist eingeschlafen und die Psyche dafür hold lächelnd aufgewacht. Aus den braunen Augen strahlt ein Himmel von Glückseligkeit, aber nicht mehr das Glück kindlicher Ausgelassenheit; jetzt grüßte Frau Minne aus dem Blick, und das Feuer, das sie darinnen nährt, flackert nicht, sondern leuchtet. Horch ... Hufschlag. – Ursula mochte laut aufjubeln; sie lacht, lustig und frisch wie immer, aber sie drückt dabei die Händchen gegen das Herz. Da kommt er! Ob er wohl wieder Toilette macht? Just an dieser Stelle hatte er damals den Spiegel aus der Tasche gezogen. Nein; diesmal scheint er an nichts derartiges zu denken, er reitet scharf, voll Ungeduld hinab. Wie seltsam sieht er denn aus? Derbe, hochbestaubte Stiefel, eine elegante, aber dabei sehr solide Joppe, anstatt Zylinder sitzt ein weicher Filzhut tief in der Stirn und kein Monokel im Auge! Wie schön ist er so! Ganz ungekünstelt, ganz und gar ein Mann! Schon von weitem blickt er nach der Mauer, stutzt und spornt jählings das Pferd. Seine Hand hebt den Hut und schwenkt ihn. Ist das Ursula? denkt er, dann ist aus dem Knöspchen die wonnigste aller Rosen geworden. Schick, elegant, ganz Dame! Sie hält einen Strauß in der Hand. Wird sie ihn mit kecker kleiner Grimasse wieder nach ihm werfen, wie damals den Kranz mit der Wurst? Wird sie ihm ein derbes Willkommen zurufen? – Graf Lohe würde es nicht mehr so unerträglich schauderhaft finden wie einst, aber täte sie's nicht, würde es ihn hoch beglücken. »Grüß Gott, mein gnädiges Fräulein!« »Herzlich willkommen, Graf Lohe, welch eine treffliche Osterfreude, Sie hier zu sehen!« Sie sagt es fröhlich und ungeniert, aber sie wirft ihm den Strauß nicht in das Gesicht, sondern neigt sich, ihm auf ganz allerliebste Weise die kleine Hand darzureichen. Mark-Wolffrath küßt sie, und das junge Mädchen errötet heiß, ohne jedoch in verlegener oder kindischer Weise die Rechte zurückzuziehen. Er beobachtet es mit Entzücken. »Wollen Sie bitte durch den Park reiten! Ich benachrichtige die Eltern sofort!« »Darf ich Sie nicht zu Fuß begleiten? Ich gebe jenem jungen Menschen dort das Pferd zur Weiterbeförderung!« »Gewiß! Aber es ist keine Tür hier in der Mauer. Sie müssen erst bis an jene Ecke reiten!« »Darf ich nicht als guter Turner überklettern?« Ursula traut ihren Ohren nicht, und da sie ganz betroffen in sein lachendes Gesicht sieht, fährt er heiter fort: »Ich habe in Dassewinkel schauerliche Manieren angenommen und habe die Überzeugung gewonnen, daß der Mensch sich nicht zum Sklaven machen darf, weder zu seinem eigenen noch zu dem fremder Marotten!« »Bitte versuchen Sie nur ... aber Ihre Handschuhe?« »Handschuhe?« Er lachte. »Gehen Sie mal! Ganz zweite Garnitur! Oh, ich bin verwildert in Dassewinkel! Aber die besseren stecken noch in der Tasche, es ging sehr eilig zu heute morgen!« entschuldigte er sich mit einem Anflug seiner früheren Umständlichkeit. »Um so besser!« Der Graf pfiff dem Knecht und übergab ihm seinen Goldfuchs, dann ermittelte er ein paar ausgebrochene Steine in der Mauer, stellte den Fuß ein und schwang sich geschickt über. Heute schritt er ganz anders an ihrer Seite, als im vergangenen Herbst; die Sonne brannte ihm in das Gesicht, aber diesmal wehrte der Graf sie nicht durch chinesische Fächer ab, und er sprach ganz anders als früher, lachte und scherzte und fand Dassewinkel ein recht nettes kleines Nestchen, das viel besser sei als sein Ruf! Ursula aber war's zu Sinn, als müsse sie jubelnd die Arme ausbreiten, die frische, würzige Luft, welche ihnen entgegenstrich, zu umfangen: »Hab' Dank, du Meisterin »Hofluft«, daß du aus einem Helden der Salons einen Mann gemacht hast!« Und Mark-Wolffraths Blick staunte das süße Wunder an, das sich äußerlich und innerlich an der Tyrannin von Wolkwitz begeben; war es vielleicht nur die andere Gewohnheit? Hatte nicht sie, sondern er sich geändert? Wie konnte er fragen! Maienhold, frisch und lose stand das junge Bäumchen vor ihm, all die wilden Sprossen waren durch zarten Hauch gebrochen, und die Knospen zur Blüte wachgeküßt! – Hofluft! Liebe freundliche Zauberin! Ostern zog dahin, als aber die Pfingstmaien die Schloßtüren von Wolkwitz schmückten, da schritt ein junges Brautpaar über die Schwelle, und Herr von Kuffstein ging mit Doktorjo weit in den Park hinein spazieren. Fern auf einer Bank hat er gesessen und mit dem großen, rotseidenen Taschentuch die Augen gewischt: »Jetzt wird's bei uns Abend, Doktor, jetzt mach ich's wie du, leg mich in dem stillen, leeren Haus aufs Ohr und träume von meiner Urschel-Purschel! Ja, ja, nun wird sie uns ein fremder Kerl wegstibitzen – und wir beiden alten Dicken sitzen da und gucken in den Mond!« Der Herr Doktor gähnte und machte ein Gesicht, als wollte er sagen: »Dies alles ist mir furchtbar wurst!« Streckte die kurzen Stummelbeinchen von sich und schnarchte. – Da seufzte der Brautvater tief auf, lehnte den Kopf an den Akazienstamm zurück und schnarchte mit. Im Gebüsch aber schlug leise, leise eine Nachtigall, und die kleinen Geister der Liebe, die das Schloß umschwärmten, kamen herzu und streuten ihr duftige Blüten in das Nest. –     XII. Freiherr von Altenburg saß in seinem Zimmer, stützte das Haupt in beide Hände und starrte auf einen Brief hernieder, der aufgeschlagen vor ihm auf dem Tische lag. Wie ein Träumender überlas er den Inhalt, wieder und wieder. Es geschehen viel absonderliche Dinge in der Welt, begegnen sie einem jedoch direkt, so schüttelt man den Kopf und reibt sich die Stirn, um zu erforschen, ob man wohl träume. Just so erging es dem jungen Offizier. Die Handschrift seiner Mutter war Tatsache, aber die Neuigkeit, die sie ihm mitteilte, ein Mirakel. Da war plötzlich auf ihrem kleinen, armseligen Landgut ein Unterhändler erschienen und hatte einen außerordentlichen Kaufpreis geboten. Der älteste Sohn, den Frau von Altenburg in Kenntnis gesetzt hatte, fand dieses Anerbieten verdächtig und ließ die Ländereien auf Kohlen- oder Metallager untersuchen. Nichts fand sich vor, der verkappte Kaufliebhaber jedoch ließ sein Angebot beinah verdoppeln, und die Gutsherrin, die Universalerbin ihres Mannes war, schloß ohne Besinnen den Kauf ab. Für den trockenen Sandboden und die neuangepflanzten kleinen Waldungen hatte sie eine fast unglaubliche Summe erhalten, und sie benachrichtigte soeben ihren Sohn Eitel, daß sie diese unter ihre Kinder verteilen wolle, um ihnen die Möglichkeit an die Hand zu geben, sich einen eigenen Hausstand zu gründen. Glühende Blutwellen stiegen in Wangen nnd Stirn Altenburgs; er preßte die Häude gegen die Brust und hatte zum erstenmal im Leben das Empfinden, als müsse er himmelhoch jauchzen vor Glückseligkeit und Wonne! Was ihm vor wenig Tagen beinahe noch als eine Unmöglichkeit erschienen, was er ersehnt und erhofft hatte als ein fernes, traumhaftes Glück, das war plötzlich wie durch ein Wunder verwirklicht worden, das hob sich leuchtend wie eine Sonne aus dunkler Nacht und tauchte ihm Herz und Seele in blendende Helle. Ein kleiner, wolkenhafter Schatten nur zog schnell und wehmütig durch diesen Glanz, das war der Gedanke, seine liebe, traute Heimat, die Scholle, an der er mit Leib und Seele gehangen, für immer dahingehen zu müssen. Dennoch schied er von diesem Vaterhaus in dem beglückendsten aller Gefühle, sich selber nun ein Daheim zu schaffen, das Weib seiner Liebe zu eigen zu gewinnen, sie heimzuführen, zu einem Glück ohne Not. Die Hand des jungen Mannes bebte, als er hastig ein paar Zeilen an seinen lieben, getreuen Freund Sobolefskoi niederschrieb, Mit kurzen Worten benachrichtigte er ihn von dem Geschehenen und bat ihn, General von Groppen und Lena auf seinen Besuch vorzubereiten, in wenigen Stunden würde er kommen als glückseligster Mensch in deutschen Landen, und diesmal würde er einen Strauß von Myrten und Orangen tragen, auf den, so Gott will, kein Rauhreif fällt! Unverhängt waren die Fenster. Silbern und klar füllte das Mondlicht die Zimmer des Fürsten Sobolefskoi und tauchte die kniende Gestalt des verwachsenen Mannes in glorienhaften Schein. Vor dem hochlehnigen Sessel im Erker war er zusammengebrochen. Seine gefalteten Hände lagen auf der goldenen Kapsel, die das Stücklein Leinwand barg, darauf die Augen seiner Mutter lächelten. – Regungslos lag er da, nur seine bleichen Lippen regten sich im Gebet. Da klangen Schritte auf der Steintreppe draußen, da zitterte Glockenton durch das Vestibül. Der Körper des Russen zuckte und bebte, seine Hände krampften sich in jäher Verzweiflung zusammen. Langsam hob er das Haupt und lauschte. Ja, er war es; er stieg die Stufen nach der ersten Etage empor – jetzt trat er in den Salon – jetzt wohl in Lenas Zimmer. Kalter Schweiß bedeckte die Stirn des Kranken; er sprang auf und hob die gerungenen Hände zum Himmel: »Nimm deine Hand nicht von mir, Mutter, sei bei mir und laß mich stark sein, nur kurze Zeit noch, auf daß ich Sieger bleibe in dem Kampf!« Auf die Blütenzweige vor dem Fenster fiel der nächtliche Tau wie Tränen des Mitleids hernieder, und während der Freiherr von Altenburg auf die bebenden Lippen seiner Braut den ersten Kuß drückte, neigte sich Alexandrowitsch in jähem Schrecken über die leblose Gestalt des Fürsten und trug den Bewußtlosen auf sein Lager zurück. Kein Glück und kein Stern. In der Nacht, da Daniel Sobolefskoi geboren wurde, heulte der Sturm um die Fenster von Miskow, faßte das Banner auf dem Turm und riß es hernieder, das Meer ging hoch und trieb ein Schiff auf die Klippen, da gellten die Notsignale der Unglücklichen durch das Unwetter. – So wurde er geboren, und so wurde sein Schicksal. Der Sturm folgte ihm mit düsteren Schwingen, rüttelte und schüttelte seinen Lebensbaum, daß er weder Blüte noch Frucht trug, und brach ihm das Herz in tausendfacher Qual, wie einst die roten Herzen im Wappenschild des Schloßbanners zerrissen waren. Was ihn aber begleitete von Land zu Land und von Tag zu Tag, das waren die Hilferufe des Elends, die Seufzer und Klagen des Unglücks, und wie einst in seiner Geburtsstunde ein Fürst Sobolefskoi Hilfe und Rettung auf das Meer geschickt, so wurde auch Daniel ein Freund und Helfer aller Not, ein Arzt, der zum Segen Tausender rettend an die Krankenlager trat und doch selber den Tod im Herzen trug. Der Juni streute seine roten Liebesrosen auf das Haupt der jungfräulichen Erde, und die Glocken klangen heller und jubelnder denn jemals vom Turm, dem Hochzeitszug der Königin Minne ihr Willkommen zuzurufen. Da kränzte man auch Lenas Stirn mit bräutlichem Grün, und Daniel, auf dessen flehenden Wunsch die Hochzeit beschleunigt war, legte seine zitternde Hand auf ihr Haupt und regte die Lippen, ohne daß man seine Worte verstand. Wie das Flackern des Irrsinns ging es durch sein Auge, da er in ihr liebliches, schleierumwalltes Antlitz sah, und das Fieber trieb neue Glut auf seine Wangen und gab seinen Zügen einen fremden, fast grausigen Ausdruck. Es wird still um ihn her; die Wagenräder, die drunten rollten, schienen sich zermalmend über seine Brust zu wälzen. – Alexandrowitsch hatte seinen Herrn noch nie so krank gesehen wie heute. Schon seit seinem letzten Ohnmachtsanfall mußte er das Bett hüten, er war zu schwach gewesen, um sich erheben zu können, aber er hatte mit beinahe trotzigem Eigensinn auf die Hochzeit des Fräulein von Groppen bestanden, und nun war es doch zu viel der Aufregung gewesen. Schon während der letzten Nacht hatte der Fürst in wirren Phantasien seine Mutter angerufen, und auch jetzt riß ihn das Fieber aus den Kissen empor. – Ein Lachen schallte durch das Zimmer, ein Lachen in leidenschaftlichem Schluchzen erstickt, und dann schrie er beinahe drohend auf: »Halte dein Wort, Mutter! In dieser Stunde ist es an der Zeit, daß du solchen Leides Übermaß von mir nimmst! Komm und erfülle, was du zugesagt, sonst wird mein Glaube an dich zerbrechen wie mein Glaube an Gott und alle Heiligen, die die Schuldlosen verdammen und leiden lassen, die grausam und ungerecht sind, und die mein Gebet hatten erhören müssen – wenn sie existierten!« – Er schüttelte die geballten Hände, und Alexandrowitsch schauderte bei dem Ausbruch solcher Verzweiflung. Da klopfte es leise an die Tür des Nebenzimmers. Ein Diener brachte das Postpaket, das aus Rußland kam und vom Zollamt abgeholt worden war. Vielleicht zerstreute es die wilden Phantasien des Kranken, Alexandrowitsch erstattete Meldung, und Daniel richtete die starren Augen wie geistesabwesend auf die kleine Kiste und murmelte: »öffne!« Das Holz splitterte auseinander, und ein kleines metallausgelegtes Schiebfach, in dem ein Päckchen versiegelter Papiere lag, wurde sichtbar. Ein offener Brief obenauf. Alexandrowitsch las, seinen russischen Inhalt auf einen apathischen Wink des Fürsten vor. Der Haushofmeister von Miskow teilte seinem Herrn und Gebieter mit, daß ein Blitzstrahl den alten Schloßbau getroffen und gezündet habe. Glücklicherweise sei man des Feuers bald Herr geworden, nur zwei Zimmer, die des verstorbenen Kammerherrn, seien fast völlig ausgebrannt. Der antike Sekretär des hochseligen Fürsten sei ebenfalls ein Raub der Flammen geworden, nur das feuerfeste Gefach, das nebst seinem Inhalt anbei übersandt werde, habe man unversehrt den Trümmern entnehmen können. Mechanisch streckte Daniel die Hand aus und faßte die Papiere, die in der Glut braun und mürbe geworden waren. Seine Gedanken waren weit entfernt, da, wo der Priester zwei Hände zum Bund für alle Zeit ineinander legte; als aber Alexandrowitsch das Schweigen abermals bricht und den Fürst darauf aufmerksam macht, daß es wohl wichtige Dokumente seien, die der verstorbene Kammerherr so sicher verwahrt habe, warf er einen schnellen, fieberheißen Blick auf die Schriften. Briefe waren es; aus dem einen fiel ein Zettel. »Totenschein – Eglantina – die Hofluft der Bretter...« Der Kranke sah hastig nach der Unterschrift. »Wera Czakaroff.« – Wera Czakaroff? Der Name war ihm so bekannt, wo hatte er ihn bereits gehört? Daniel rieb sich die brennende Stirn, plötzlich zuckte er zusammen, ein gurgelnder Laut der Überraschung rang sich über seine Lippen. Lenas Mutter! Wie kam ein Handschreiben von ihr in den Besitz des Fürsten Sobolefskoi? Er richtete sich jählings in den Kissen empor, und der treue Pfleger schlug die Fenstervorhänge zurück. »Lieber Gregor,« liest Daniel – vor seinen Augen flimmerte es vor Aufregung, das Blatt schwankte in seinen Händen, und ein unartikuliertes Murmeln ging in ein Stöhnen und Röcheln über. – Seine Mutter schickte ihren gefälschten Totenschein – seine Mutter verließ Mann und Kind – seine Mutter war die Sängerin Wera Czakaroff! Ein markerschütternder Schrei gellte durch das stille Zimmer, und als Alexandrowitsch voll Entsetzen zusprang, fiel der Körper des Kranken schwer und steif in seine Arme zurück. Ein Schlaganfall! Das Hochzeitshaus hallte plötzlich wider von den Angstrufen und dem Getreibe höchster Verwirrung. Noch lebte der Fürst, als ein Arzt an sein Lager trat, aber es schien eine Lähmung eingetreten zu sein, die jeden Moment eine neue, tödliche Wiederholung des Anfalls befürchten ließ. Noch waren die Wagen nicht von der Kirche zurückgekehrt, als sich die ersten Anzeichen neu erwachenden Bewußtseins bemerkbar machten. Fürst Sobolefskoi öffnete die Augen und starrte regungslos ins Leere. Tränen rollten über seine eingesunkenen Wangen, und ein Zug unaussprechlichen Schmerzes lag um seine Lippen. Da leerte er den Becher seiner Leiden bis auf die letzte, bitterste Hefe. »Kann wohl ein Weib ihres Kindleins vergessen?« – Herniedergebrochen aus seiner strahlenden Höhe ist das Gnadenbild, das seines Lebens Kleinod gewesen, ja, seine Mutter hatte ihres Kindleins vergessen, hatte es verlassen in seinem Elend, hatte von ihm scheiden können ohne eine Träne des Herzeleids. Verlassen war er gewesen, verlassen sein Leben lang. – In Lug und Trug zerrann sein frommer Kinderglaube; nicht die engelgleiche Lichtgestalt seiner Mutter trat an das Totenbett des Schmerzensreich, all sein Leid von ihm zu nehmen, ihn emporzutragen auf den heiligen Schwingen der Liebe, dahin, wo die Märtyrer das Antlitz Gottes schauen – statt ihrer kam die Verzweiflung mit verzerrten Lippen und schrie dem Sterbenden ins Ohr: »Deine Mutter ging von dir und kannte dich nicht! Einen Stein konnte deine Verlassenheit erbarmen, deine Mutter erbarmte sich nicht!« – Ja, verlassen war er, verwaist bis in den Tod hinein. Horch, Wagen rollten drunten, Lena, das holde bräutliche Weib kehrte zurück, Lena, Lena, seine Schwester ! – Ein wundersames Beben und Zittern ging durch die Glieder des Sterbenden, ein tiefes Aufseufzen hob plötzlich seine Brust, und ein süßer, nie gekannter Friede kam über ihn. Lena, seine Schwester! Wohin entfloh plötzlich die wilde, verzweifelte Eifersucht, die begehrliche Liebe seines Herzens? Still war es plötzlich in ihm geworden, ein Jauchzen und Jubeln ging durch seine Seele: »Lena, meine Schwester!« Und die Starrheit seines Armes löste sich; er konnte die Hände ineinanderlegen und beten. Tränen stürzten aus seinen Augen, wie verklärt lächelte das Antlitz des mißgestalteten Mannes. »Mutter!« rief er laut, »vergib mir, was ich soeben in Gedanken an dir gesündigt!« Und dann zog es durch seine Seele wie ein seliges Verstehen und Begreifen. Nein, sie hatte ihn nicht verlassen, sie war nur von ihm gegangen, einen Engel zu senden, der länger und beglückender als sie das einsame Leben des Sohnes schmückte! Und sie erhörte sein Gebet und nahm seiner Leiden schwerstes von ihm, das seiner schmerzensreichen Liebe. Nun war der Friede und das Glück gekommen, nun schaute er die lebenden Augen seiner Mutter, und Lena stand vor ihm, nicht mehr das Weib seiner Sehnsucht, sondern die Schwester, deren Hand er sonder Leid und Qual in die seines jungen Freundes legen konnte. Er faßte den Brief und reichte ihn Alexandrowitsch. »Verbrenne ihn!« flüsterte er, »hier vor meinen Augen.« Die Flamme schlug auf, und Daniel starrte mit weit offenen Augen in ihr Licht. Und wie sie flackerte und glühte, so zuckte auch noch einmal die Lebensflamme des Sterbenden empor. Das Fieber schürte sie und malte ihm mit phantastischem Finger wirre Bilder ins Hirn. Er war wieder in Miskow. Der Sturm tobte um das Schloß; Eiskörner prasselten gegen die Scheiben und im Rauchfang schrillte und fauchte es wie Geisterspuk. Unter seinen Füßen schwankte es – er brach zusammen, Schmerz schauerte durch Rücken und Leib – und wie er die Augen öffnete, schlugen Flammen empor und verschlangen das Bild seiner Mutter! Daniel schreit gellend auf, und Alexandrowitsch wirft erschrocken die brennenden Papiere in den Kamin, in der Tür aber steht Lena und eilt in bebender Angst an das Lager des Fürsten, seine von Grauen geschüttelten Glieder mit den Armen zu umschließen. Da starrt er sie an wie eine Vision, seine gekrampften Hände losen sich und umschlingen ihren backen. »Mütterchen, Mütterchen, du kommst doch noch zu mir!« Sein Haupt sinkt langsam zurück, sein Auge, schon halb gebrochen, strahlt auf von unendlicher Glückseligkeit, voll scheuen Entzückens; wie gebannt hängt sein Blick an der schlanken Frauengestalt, die gleich einer Engelserscheinung vor ihm steht. Ja, es ist seine Mutter; das weiße Gewand umglänzt sie, die blonden Locken küssen ihre Stirn, und mit dunklen Augen neigt sie sich liebevoll über ihn, wie vor langer Zeit, da sie dem hilflos daliegenden Kinde zuflüsterte: »Sei getrost, mein kleiner Schmerzensreich, ich habe ein hartes Schicksal über dich gebracht, aber ich komme dereinst und nehme alles Weh und Herzeleid wieder von dir!« »Mütterchen, bist du bei mir?« fragt er noch einmal mit umflortem Blick. Tränen ersticken Lenas Stimme, sie neigt sich schweigend über ihn und küßt ihm Stirn und Lippen. Ein seliges, zitterndes Aufatmen, das arme Haupt sinkt an ihre Brust, und Daniel Sobolefskoi schließt die Augen wie zu süßem Traum. Schwerer und schwerer fällt er in ihren Armen zusammen, wie ein Hauch weht's noch einmal über seine Lippen: »Mutter!« Und dann wird's still – totenstill. Groppen, Jolante und Altenburg traten ein, schluchzend brach Lena an dem Sterbebett zusammen, und der General neigte sich tief erschüttert, die erkalteten Hände des treuesten Freundes zu küssen. Daniel war nicht mehr verlassen, sein lächelndes Antlitz schien die Weinenden zu fragen: Was klagt ihr um mich? Ich habe gekämpft und gesiegt, und der Tod hat gesühnt, was das Leben an mir verschuldet.« – – Fürst Sobolefskoi war in der Familiengruft zu Miskow beigesetzt, das Banner, das bei seiner Geburt zerriß und nicht erneuert worden war, rauschte seine Totenklage in den Wind, als der Letzte des Geschlechts zur ewigen Ruhe gebettet wurde. Auf seinem Herzen lag eine goldene Kapsel, seine Hände umschlossen das Kruzifix, das im Sterbezimmer seines Vaters aus jener Stelle des Parketts gelegen, wo das Haupt des Erschossenen geruht. Die russischen Besitzungen hatte der Verblichene einem entfernten Verwandten, dem Grafen Arlowsk, testamentarisch zugesprochen, sein Barvermögen erbten die Töchter des Generals von Groppen, und ein Kodizill bestimmte das neuangekaufte Stammgut der Freiherren von Altenburg dem zweitgeborenen Sohn Eitel dieser Familie als Hochzeitsgabe. Das war eine große, unbeschreibliche Freude für den jungen Offizier, der erst durch diese Bestimmung den wahren Namen des Käufers vernahm, und gerührten Herzens die mehr als freundschaftliche List erfuhr, durch die Fürst Sobolefskoi sein und Lenas Lebensglück begründet hatte. Trotz des außerordentlichen Vermögens seiner jungen Gemahlin lebte der Freiherr in schlichten und wahrhaft vornehmen Verhältnissen, und die einzigen Feste, die er mit Vorliebe besuchte, waren die des Hofes. Er hatte Lena in jene Galerie geführt, in der der unerklärbare Zauber der Hofluft ihn zur Erkenntnis seiner selbst gebracht. Ihr allein verdankte er das Glück, das ihm wie verheißungsvolles Morgenrot entgegenwinkte. Auch Herr von Flanken war ein sehr berühmter Mann geworden. Sein Bild »Fuchs im Bau« hatte sich der ehrenvollsten Kritiken zu erfreuen gehabt und war für hohen Preis nach einer freien deutschen Reichsstadt verkauft worden, Herr von Flanken überwies die Summe armen Malern in Italien. Jolante strahlte vor Stolz und drang stürmisch in den Gatten, »noch mehr Meisterwerke zu schaffen«! Da sein bescheidenes Sträuben nichts half, rettete er sich durch eine List. »Gut,« sagte er, »ich habe einen großartigen Gedanken, ich werde mal eine Venus malen! Nur muß ich mich zuvor nach einem Modell umschauen!« Da fand Frau Jolante plötzlich, daß es des Ruhms genug sei und schloß ihrem Gatten sehr energisch Pinsel und Leinewand in den diebessicheren Geldschrank ein. So mußte sich der gottbegnadete Künstler seufzend in den barbarischen Willen der Hausfrau fügen. In der Osteria hat die Entstehungsgeschichte von »Fuchs im Bau« lange Zeit Stoff zur größten Heiterkeit gegeben, doch hat man stets eine sehr liebenswürdige Diskretion gewahrt. Da Frau Jolante mit den Jahren doch erfuhr, was ihr Gatte eigentlich an dem Gemälde geschaffen hatte – das Loch und den Titel! – so habe ich jetzt die Erlaubnis erhalten, das amüsante Geheimnis auszuplaudern. Flanken, der schmunzelnd glückliche Hausherr, hat gar keine Angst mehr vor den Vorwürfen seiner Frau, denn das »Elfchen« ist eine sehr behaglich dicke kleine Mutter geworden, die sich mit beneidenswertem Phlegma im Schaukelstuhl wippt, sich von ihrem Goliath jede Treppenstufe heraustragen und bei jeder kleinsten Gelegenheit ritterlich bedienen läßt. Er gehorcht, noch ebenso galant und verliebt wie als Bräutigam, jedem ihrer Winke, und sie revanchiert sich dafür und ißt jeden Donnerstag mit sichtlichem Vergnügen Sauerkraut und Pökelfleisch mit ihm. Die Ehe des Freiherrn von Altenburg ist für das große Publikum etwas ganz Außergewöhnliches; ein junges Paar, das sich nicht in den Strudel der Welt stürzt, sondern seines Glückes höchste Vollkommenheit in dem stillen, traulichen Heim findet, das begreift die Gegenwart eigentlich nicht recht. Ursula hat es längst aufgegeben, diese Einsiedler hinaus zu Spiel und Tanz zu locken. Gräfin Lohe ist vollkommen Weltdame geworden, und zu Mark-Wolffraths größtem Amüsement ist es sogar schon vorgekommen, daß sie ihn wegen Vernachlässigung seines äußeren Menschen – er hatte vergessen, sich den Schnurrbart etwas »schick« brennen zu lassen – ganz entrüstet getadelt hatte! Die Hofluft ist ihr Lebenselement geworden, und als Herr von Kuffstein nebst dem Herrn Doktor zum erstenmal zu Besuch kam, stemmte er die Hände in die Seiten und fragte mit verschmitztem Blinzeln: »Na, Urschel-Purschel, wollen wir wieder eine Bierreise machen und's mit den dressierten Gänsen riskieren?!« Diesmal fand seine Tochter eine solche Idee »haarsträubend«! und Papa Julius räsonnierte: »Der Mark-Wolffrath verdirbt alle guten Sitten; der Bengel, geht nur dahin, wo es drei Taler Entree kostet!« sprach's, servierte dem Herrn Doktor noch ein Frankfurter Würstchen und wuchtete davon, um »den Flanken« abzuholen. Dort öffnete ihm Frantusch Niekchen die Tür. Er hatte seine Zeit abgedient und war bei seinem Herrn »Rittmeister« als Livreebursche weiter im Dienst geblieben. Aber der brave Niekchen sah recht niedergedrückt aus, still und ergeben, magerer und blasser denn sonst. Dem übermütigen Monsieur war allerdings vom Schicksal übel mitgespielt worden. Da trat er eines Tages kreuzfidel vor seinen Herrn und sprach: »Leutnant! Trog' ich seit gestern Ringel am Finger!« Und er präsentierte einen gewaltigen Siegelring mit Achatstein! »Hot sik Köchin altes, vermögendes von General Groppen, olle Fingern abgeleckt nach mir, hot sie mir gemacht plausibel, daß nix heiraten is gut, heiraten abber is besser. Hob ich gesaggt: wann Marinka will sein Taubchen sanftes, guttmütiges, sull sie werden Frau vom Frantusch Niekchen – und nu is Hochzeit in nächste Woch', wann nix is Dreckwetter.« Flanken hatte bedenklich das Haupt geschüttelt und den betörten Jüngling gewarnt, aber das Sparkassenbuch der alten Heiratslustigen blendete seine Augen. So war das Malheur geschehen. Als Niekchen nach einem Vierteljahr kläglich vor seinem Gebieter erschien, fünf rote Fingerabdrücke auf der Wange, und ehrlich bekannte: »Is sik nix Taubchen, Rittmeister, is sik Drache, alter, bissiger!« da kam guter Rat zu spät, und Herr von Flanken nickte nur: »Siehste wohl!«   General von Groppen nahm nach kurzer Zeit seinen Abschied und zog sich auf das Land zurück, ein eifriger Nimrod zu werden. Die Hofluft war ein allzu gefährliches Gift und taugte nicht für ihn, darum ging er ihr aus dem Wege. Er war charakterfest genug, sich beizeiten dem verführerischen Zauber zu entziehen, dem der junge Graf Antigna in so trauriger Weise zum Opfer gefallen war. Eine exzentrische und eigenartige Natur war er wohl stets gewesen, und der Umschwung, der den menschenscheuen Gelehrten aus dem Studierzimmer plötzlich auf das spiegelnde Parkett schleuderte, mußte wohl zu groß gewesen sein. Da umwehte es ihn süß und schmeichelnd und sank wie ein rosiger Schleier über seine Augen, daß er blindlings in die fremde, lockende Welt hineintaumelte. Vom Schreibtisch an das Champagnerbüfett, aus der nüchternen Einsamkeit des Studierzimmers in die tollen Wirbel großstädtischen Lebens! – Ja, wäre es bei den Hoffesten geblieben! Die Flöten und Geigen aber, die ihm dort so zauberisch entgegenklangen, glichen nur dem Lied der Nachtigall, es rief ihn in die blühende, wonnige Welt, unbekümmert darum, wenn er auf Abwege geriet, die finster und voll wüsten Lärms waren. Viele nannten den jungen Grafen verrückt, da er in fast krankhafter Vorliebe für rote Mohnblüten sein Zimmer täglich mit diesen Blumen schmücken ließ, auch das Opium rauchen führte man auf diese Passion zurück. Seit Prinzessin Kordelia verlobt war und die Feste der Saison sich jagten, hatte er diese unselige Angewohnheit in unvernünftigster Weise übertrieben, und es war nur eine ganz natürliche Folge, daß das Gift sein Opfer forderte. Ein schweres Nervenfieber warf ihn nieder, und als die Fackeln zur Hochzeitsfeier der Prinzessin in feierlichem Tanze durch das Schloß flammten, neigte Henry Antigna das Haupt und schloß die Augen zum ewigen Schlaf. Seine Mutter aber nahm ein kleines Bild von der Brust des Toten und legte es auf einem Strauße welken Mohns in die Kaminflammen – zum erstenmal im Leben zitterte die weiße, energische Frauenhand. Als aber der Weihrauch durch den Saal wallte und alle, die da einen großen Namen hatten, sich versammelten, dem Verstorbenen die letzte Ehre zu erweisen, stand Gräfin Antigna wie gewohnt inmitten des Gemaches und neigte das Haupt zum Gruß. Bleich und ruhig wie stets war ihr Antlitz, nur das verbindliche Lächeln fehlte, und die Tränen, die an den Wimpern perlten, entstellten nicht. Fest und zwingend wie einst auf Henrys Schultern, lag ihre weiße Hand auf dem Haupt des jüngsten Sohnes. Blumenfülle deckte den Sarg, das Auge der Gräfin aber weilte unverwandt auf dem glänzenden Ritterhelm, der zu seinen Häupten stand. Hofluft war es, die Gräfin Antigna geatmet hatte, seit sie selbständig die Füßchen regen konnte, und alle die kleinen Stäubchen überlieferter Anschauungen waren ihr zu Fleisch und Blut geworden, zu einem Panzer, an dem die Pfeile des Schicksals wirkungslos abprallten. Ja, Hofluft, du seltsame, unerforschliche Zauberin, mannigfach wie die Farben des Regenbogens schillert dein duftiger Hauch, und tausendfach, wie die Lippen, die dich atmen, ist der Einfluß, den du auf die Seele ausübst. Hofluft, wehe mir auch künftighin deine wundersamen Mären ins Ohr – Hofluft, du liebliches Gemisch von Sonne, Mond, Sternenglanz und Veilchenduft.