Georges Ohnet Sie will. – Band 1 (Volonté.) Erstes Kapitel. Es war halb acht Uhr. Das feurige Rot des westlichen Himmels verblaßte allmählich und die Nacht brach herein. Auf den Boulevards wogten geschäftige Menschenmassen auf und nieder, wie ein Fluß sich anstauend, wenn der Verkehr durch den Verkauf der Abendblätter vor einem Kiosk einen Augenblick gehemmt war. Die Plätze vor den Cafés waren überfüllt. Zwischen den Tischreihen drängten sich die Stockverkäufer mit ihrem über die Schulter geworfenen grünen Sack, aus welchem neugierig die glänzenden Stahl- oder Schildpattknöpfe der Meer- und Bambusrohre hervorlugten. In der Mitte der Straße bewegten sich die mit drei Pferden bespannten, mit Fahrgästen überladenen mächtigen Omnibusse schwerfällig durch die Wagenreihen, die von Polizisten von Zeit zu Zeit an den Straßenecken angehalten wurden, um den Fußgängern den Übergang zu ermöglichen. Das Rollen der Räder, der taktmäßige Hufschlag der trabenden Pferde, der Ruf der ambulanten Händler, das Murmeln der Menge vereinigte sich zu einem summenden Getöse – die Stimme der Großstadt, welche nach der Last, der Aufregung, dem Lärm des Tages die Erholung, die Ruhe, die Stille der Nacht sucht. Durch die Menschenwelle, die nach der Chaussee d'Antin flutete, bahnten sich zwei sehr elegant gekleidete junge Leute einen Weg, indem sie sich mit jener Geschmeidigkeit um die einzelnen Gruppen wanden oder, wo dies nicht möglich war, mit jener liebenswürdigen Unverfrorenheit durch die Menge drängten, die eine Eigentümlichkeit des Parisers ist. Sie schienen jemand zu suchen. Vor der Passage Jouffroy angelangt, blieben sie zaudernd einen Augenblick stehen. »Ich sehe sie nicht mehr,« sagte der Ältere. »Halten wir uns nicht auf,« erwiderte sein Begleiter. Sie eilten weiter. »Ich kenne überhaupt,« fuhr er dann fort, »nichts Einfältigeres und Zweckloseres, als einem Mädchen auf der Straße zu folgen. Entweder gehört sie zu denen, die verfolgt werden wollen, dann hat das Abenteuer keinen Reiz, oder sie ist eine Dame, dann hat es keine Folgen, als Zeitverlust und müde Beine.« »Das Opfer, das wir in dieser Hinsicht bringen, ist jedenfalls kein sehr bedeutendes, da das reizende Geschöpf die Liebenswürdigkeit hat, uns gerade den Weg zu führen, den wir ohnehin gegangen wären, und eine Pariserin vor sich hergehen zu sehen, ist an und für sich ein Vergnügen, besonders wenn sie so stramm und elastisch ausschreitet wie diese, die unbedingt Rasse hat.« »Du sprichst wahrhaftig wie von einem deiner Rennpferde.« »Nun, das ist keine Beleidigung, weder für das Mädchen, noch . . . Halt! Da ist sie!« Einen Augenblick an dem schwierigen Uebergang am Faubourg Montmartre aufgehalten, schritt die, welche, ohne es zu ahnen, die Aufmerksamkeit der beiden Spaziergänger auf sich gelenkt, nachdem sie den abschüssigen Teil vor Barbedienne hinter sich hatte, dem Faubourg Poissonnière zu. Hier, wo die Straße leerer, konnte man rascher vom Fleck kommen. Die beiden Freunde suchten sich der Unbekannten zu nähern, um sie genauer in Augenschein zu nehmen. Ihr Anzug war mehr als einfach. Ein kleiner Tuchpaletot, der sich um ihre schlanke Taille schmiegte, fiel über einen braunen Rock ohne jeden Besatz, der aber mit Geschmack aufgenommen war. Ihr kastanienbraunes Haar bedeckte ein schwarzer Strohhut ohne Bänder und ohne Federn oder Blumen. Ein dichter Schleier verhüllte ihr Gesicht. Es war daher unmöglich zu sehen, ob sie hübsch war. Ihrem Anzuge nach zu urteilen, konnte sie nur sehr niedrigen Standes sein, vielleicht eine kleine Putzmacherin oder ein Hausmädchen in einer kleinbürgerlichen Familie, höchstens eine arme Klavierlehrerin, die von ihrer mühseligen Arbeit zurückkehrte. Dennoch hatte sie in ihrem Gange eine Grazie, eine Eleganz, die Zweifel darüber aufkommen liehen, ob sie wirklich war, was sie schien, ja man war fast zu der Annahme verleitet, daß man eine Dame der großen Welt vor sich hatte, die sich einer Verkleidung bediente. Sie ging schnell, ohne zu trödeln, warf nirgends einen Blick auf die erleuchteten Läden, und ihr fester, energischer Tritt hallte auf dem Asphalt wider. Die beiden Freunde waren scheinbar zufällig an ihre Seite gelangt. Sie warfen verstohlene Blicke auf sie, wagten jedoch nicht sie merken zu lassen, daß sie sich mit ihr beschäftigten, Eine gewisse Befangenheit, als ob sie sich einem jungen Mädchen ihrer Kreise gegenüber befänden, hatte sich plötzlich ihrer bemächtigt. Sie vermochten ihre Züge nicht zu erkennen, aber es war ihnen, als ob zwei Augen tief und mild durch den dichten Tüllschleier leuchteten. Der Schleier schnitt über einem Mund von mittlerer Größe ab, um welchen ein Zug tiefen Ernstes, ja der Traurigkeit lag. Das einzige, was vollständig und bestimmt zu erkennen blieb, war ein feines weißes Kinn, das auf eine ruhige, stolze, etwas herbe Natur schließen ließ. Kurz, die Unbekannte konnte häßlich sein, aber nimmermehr war sie ohne Liebreiz. »Sage 'mal,« unterbrach der jüngere der beiden Herren das Schweigen, »wenn sie in der Richtung der Porte St. Denis weitergehn sollte, dann wirst du mich wohl entschuldigen. Ich habe keine Lust, ihr bis nach der Bastille nachzulaufen.« Sie waren an der Ecke des Faubourg Poissonnière angekommen. An dem Trottoirrand vor dem Rinnstein, der ziemlich breit war, hatte die Unbekannte fast unmerklich einen Augenblick gezaudert, dann nahm sie ihr Kleid ein wenig auf und übersprang denselben leicht und graziös. Die beiden Freunde hatten hierbei Gelegenheit, einen Knöchel von vollendeter Feinheit zu entdecken. Auf der andern Seite der Straße angekommen, bog sie in das Faubourg Poissonnière ein. »Wahrhaftig, ich glaube, sie geht zu deiner Großmutter,« sagte lächelnd der Ältere. »Ich vermute viel eher nach dem Konservatorium.« »Nein, dann wäre sie nicht über die Straße gegangen.« Sie schritten ein wenig schneller aus und befanden sich bald an der Seite des jungen Mädchens. Wie infolge einer sich plötzlich zwischen ihnen herstellenden magnetischen Verbindung richtete dasselbe ihren ruhigen Blick auf die jungen Leute, bemerkte ihre Erregtheit, erriet ihre Neugierde, und um ihre Mundwinkel legte sich ein Zug großer Härte. Sie fuhr zusammen und schien einen Augenblick nach Fassung zu ringen, nicht aus Angst, sondern aus Empörung. Mit Windeseile stürmte sie gleich darauf weiter und ließ ihre Verfolger weit hinter sich. Vor einem großen Hause mit einem mächtigen Thorwege angekommen, wandte sie sich kurz und trat ein. Die beiden Freunde, die fast zur selben Zeit dort eintrafen, standen wie angenagelt, sahen einander an und fingen an zu lachen. »Siehst du, habe ich es dir nicht gesagt, daß sie zu deiner Großmutter geht?« »Sie ist bei dem Portier eingetreten und wird gleich wieder herauskommen. Warten wir ein wenig!« In der That erschien sie sofort wieder mit einem Schlüssel in der Hand, vermutlich dem ihrer Wohnung, und einem in graues Tuch eingewickelten Paket. Als sie die beiden unter dem Thorwege stehenden Männer erblickte, die ihr aufzulauern schienen, konnte sie eine Bewegung des Zornes nicht unterdrücken, sie wandte, um ihre Entrüstung zu zeigen, den Kopf von ihnen ab und betrat eine kleine Treppe rechts von der Portierloge, auf der sie verschwand. »Ah! Sie wohnt also hier im Hause,« sagte der jüngere der beiden Freunde, »das ist merkwürdig. Ich begegne ihr zum erstenmal. Unter dem Dache sind allerdings verschiedene kleine Wohnungen. Es wird irgend eine Nähterin sein. ... Auf alle Falle ist die Jagd zu Ende. Du hast doch wahrscheinlich keine Lust, ihr die fünf Treppen nachzusteigen, damit sie dir nachher tugendhaft die Thür vor der Nase zuschlägt. Komm, laß uns dinieren!« »Frage doch 'mal den Portier, wie sie heißt.« »Den Gefallen kann ich dir ja thun.« Dabei öffnete der Jüngere die Thür zur Portierloge, in deren Hintergrund ein alter Mann mit grauem Haar, in einem großen ledernen Lehnstuhl sitzend, seine Abendzeitung las. Als er den Eintretenden erkannte, leuchtete sein Gesicht freudig auf; er nahm sein Käppchen ab und erhob sich dienstfertig. »Wer ist denn das junge Mädchen, Vater Anselm, das hier soeben aus Ihrer Loge kam?« »Fräulein Helene, eine Mieterin im fünften Stock, Herr Louis ... ein sehr braves, sehr ruhiges und sehr energisches Mädchen. Das arbeitet den lieben langen Tag in der Konfektion, und um sich noch am Abend zu beschäftigen, macht sie Perlspitzen bis nach Mitternacht. Meine Frau besorgt das bißchen Wirtschaft bei ihr. ... Wir nennen sie Fräulein Helene, aber ihr Familienname ist eigentlich Graville. Sie wohnt nun schon achtzehn Monate hier, man sollte es jedoch nicht meinen, man merkt sie kaum. Zweimal des Tages sehen wir sie, des Morgens, wenn sie in ihr Geschäft geht, und des Abends, wenn sie aus demselben zurückkommt.« »Danke, Vater Anselm,« sagte der junge Mann, als er merkte, daß der Portier sehr geneigt war, ihm eine vollständige Lebensbeschreibung seiner Mieterin zu geben. Er nickte dem alten Diener freundlich zu und kehrte zu seinem draußen wartenden Freunde zurück. »Hier hast du's. Sie heißt Helene Graville und arbeitet in einem Modemagazin. Sie ist brav, ordentlich und erfreut Vater Anselms Herz durch Fleiß und Tugend. Wenn du sie also heiraten willst ...« »Den Teufel auch ...« »Na dann wollen wir essen gehen. Es ist halb acht, und wir wollen meine Großmutter, die leicht ungeduldig wird, nicht länger warten lassen.« Sie wandten sich zu der Freitreppe eines in der Mitte des Hofes gelegenen Hauses, das nach der einen Seite auf das Faubourg Poissonnière, auf der andern Seite auf einen großen Garten hinausging, der sich fast bis zur Rue d'Hauteville erstreckt. Das Hotel Hérault Gandon war unter Ludwig XV. von dem Finanzmann La Grimonière erbaut worden und zwar als Sommersitz. Ein kleiner Fluß, von dem jetzt kaum noch eine Spur vorhanden, wand sich durch den Park und mündete in die Grange Batelière, nachdem er mehrere Marmorbassins gespeist, an deren Stelle heute einige Häuser der Rue Enghien stehen. Im Jahre 1852, bald nach dem Staatsstreiche, kaufte der Großindustrielle Hérault Gandon, dessen metallurgische Werke die bedeutendsten in Saint Denis sind, das große Gebäude an, das nun seit dreißig Jahren der Wohnsitz der Familie war und das gegenwärtig die alte Frau Hérault mit ihrem Enkel Louis, dem einzigen Erben des Namens und des Vermögens, bewohnte. Louis und sein Freund schritten die Stufen der Freitreppe hinauf und traten in ein großes, mit Fliesen belegtes Vestibül, dessen Thür ihnen von einem Kammerdiener in schwarzer Livree geöffnet wurde. »Wir haben uns wohl verspätet?« fragte der junge Herr, während er von einem silbernen Teller die eingelaufenen Briefe und Zeitungen nahm. »Die gnädige Frau ist seit ungefähr einer Viertelstunde mit Fräulein Lereboulley bei Tisch. »Na! wenn Emilie da ist,« wandte sich Louis an seinen Freund, »dann ist alles gut.« Sie stiegen die Stufen der mit einem weichen Teppich belegten, zur ersten Etage führenden großen Steintreppe hinauf. Am Eingang zu der Galerie saß vor einem geschnitzten Tische der Haushofmeister, würdevoll und feierlich wie ein Geheimrat. Langsam erhob er sich, nahm die Stöcke und Paletots der jungen Leute in Empfang und führte sie, ohne ein Wort zu sprechen, in den Salon. Eine Menge von eleganten Tischen und Tischchen, auf denen kostbare Nippes und Kunstgegenstände aufgestellt waren, kleine Sofas, Lehnstühle in malerischem Durcheinander, spanische Wände, die zum Schutz gegen Zugluft überall angebracht waren, machten es nicht ganz leicht, den Weg ins Speisezimmer zu finden. In dem großen, mit Goldbronze verzierten weißen Marmorkamin brannte das Feuer wie im Winter, aber ein nach dem Garten hinausgehendes Fenster war geöffnet, und durch dasselbe strömte der frische Duft des jungen Grüns. Neben einem weichgepolsterten Lehnstuhle schlief in einem mit gesticktem Atlas gefütterten Korbe ein Hund mit langem Seidenhaar. Als er die beiden Herren eintreten hörte, öffnete er träge die Augen, sank dann aber sofort, nachdem er sie als gute Freunde erkannt und ihnen mit dem Schweif einen flüchtigen Willkommen gewedelt, wieder in seine wohlige Stumpfheit zurück. Durch die gegenüberliegende Thür drang das Geräusch von Stimmen und das Geklirr des Silberzeuges. Louis ließ seinen Freund zuerst eintreten. »Dürfen wir noch?« fragte er lustig, »oder müssen wir im Restaurant essen?« »Du böser Junge, da bist du ja endlich,« sagte die Großmutter, indem sie sich plötzlich erhob. »Guten Tag, Herr von Thauziat ... Setzen Sie sich neben Emilie.« Dann schlug sie, um die Diener zu größerer Eile anzutreiben, in die Hände, wobei sie ungeduldig rief: »Schnell! Zwei Couverts.« Sie hatte, wie um sicher zu sein, daß er ihr nicht wieder entschlüpfte, ihren Enkel am Arm gefaßt und mit einem zärtlichen Blick auf den Platz an ihrer Seite geleitet. Die kleine, durch das Alter eingeschrumpfte Frau mit den weißen Haaren, dem rosigen Teint und den lebendigen Augen hatte noch etwas außerordentlich Frisches und nahm sich mit dem schlicht bürgerlichen schwarzen Kleide und dem wollenen Shawl um die Schultern in diesem mit wunderbaren Wandgemälden von Largillière geschmückten Speisesaale, auf dessen gewölbter Decke der von Coypel gemalte Kampf der Götter und Titanen dargestellt war, ein wenig seltsam aus. »Siehst, du, Emilie,« sagte sie fröhlich und lebhaft, »nun hatten wir geglaubt, mutterseelenallein speisen zu müssen, und jetzt hat jede von uns ihren Kavalier.« Die Angeredete war eine junge Dame von überaus zartem, kränklichem Aussehen; das vorstehende Kinn, die schmalen, etwas eingekniffenen Lippen und die spitze Nase hätten leicht den Eindruck von Bösartigkeit erweckt, wenn nicht die edle Form einer hohen träumerischen Stirn dem unbedingt widersprochen hätte. Die sehr elegante Toilette entbehrte doch jenes Reizes, den nur die Frau, die zu gefallen wünscht und hofft, einer solchen zu verleihen weiß, während sich hier in der ganzen Erscheinung aussprach, daß Fräulein Lereboulley im Bewußtsein ihrer Mängel jeder weiblichen Koketterie entsagt hatte und von den Männern nur als guter Kamerad angesehen werden wollte. Als einzige Tochter eines gewesenen Ministers und eines der größten Finanzmänner Europas war sie, nach dem frühen Tode der Mutter, von einer Engländerin erzogen worden und hatte dabei mancherlei freiere Sitten und eine Unabhängigkeit angenommen, die bei dem Vater auf keinen Widerstand stieß. Er liebte das Kind zärtlich, war aber von Politik und Geschäften vollauf in Anspruch genommen. Da er außerdem eine große Neigung zu galanten Abenteuern hatte und dieselbe mit dem Älterwerden keineswegs ablegte, ließ er die Tochter in allem gewähren, und sie konnte sich nach Herzenslust dem Studium des Schönen und dem regen Verkehr mit Kunst und Künstlern widmen. Es schien, als ob dieses von der Natur so arg vernachlässigte Mädchen durch die hohe Entwicklung ihres Geistes ihren elenden körperlichen Zustand wett machen wollte. Sie übte die Bildhauerei und malte mit einem Talent, mit welchem mancher arme Teufel seinen Unterhalt hätte verdienen können, stellte jedoch nur ausnahmsweise aus, da sie den Kunstgenossen, die von ihrer Arbeit lebten, keine Konkurrenz machen wollte. Die Schärfe ihres Witzes machte sie in der Gesellschaft gefürchtet, obwohl sich dieselbe nie gegen Schwäche und Schüchternheit, sondern nur gegen Anmaßung und Unwahrheit kehrte. Ihr bedeutendes Vermögen verschaffte ihr trotzdem eine große Zahl von Verehrern, und die liebenswürdigsten jungen Männer der Geburts- und Geldaristokratie hatten sich um ihre Hand beworben, die ihnen mit der Bemerkung versagt worden war, daß sie zu stolz sei, um nicht Liebe zu fordern, und zu klug, um nicht zu wissen, daß ihr versagt sei, Liebe zu wecken. Dies bittre Wort, das von viel verschwiegenem Herzweh zeugte, hatte jedoch ihre Bewerber nicht entmutigt. Sie hofften, daß eines Tages ein Augenblick moralischer Abspannung oder des Welttrotzes eintreten und die bis dahin so hartnäckig verweigerte Hand sich doch noch erringen lassen könnte. Von allen, die sich Fräulein Lereboulley genähert, konnten nur zwei sich schmeicheln, von ihr ausgezeichnet zu werden, und diese beiden waren die Herren, die soeben in das Eßzimmer des Hotel Hérault traten. Der eine, Louis, war ihr Jugendfreund und wurde von Emilie wie ein Bruder behandelt. Clement de Thauziat aber, ein neuer Freund, der die Klugheit gehabt, nicht als Heiratskandidat aufzutreten, erfreute sich einer halb spöttischen, halb liebenswürdigen Aufmerksamkeit seitens des jungen Mädchens. Bald trafen ihn die freundlichsten Worte, bald hob ein beißender Spott deren Wirkung wieder auf. Fräulein Lereboulley spielte mit ihm wie eine Katze, die bald Samt-, bald Krallenpfötchen zeigt. Ein aufmerksamer Beobachter hätte freilich bemerken können, daß das Krallenpfötchen vorherrschte. Wie dem aber auch sein mochte, sie beschäftigte sich mit ihm, und das war ein Triumph. Er war übrigens nicht der Mann, nach Launen mit sich verfahren zu lassen, und zeigte sich stets als ebenbürtiger Gegner. Obgleich er die Vierzig schon erreicht, sah er doch noch sehr jung aus. Er war ein schöner Mann, braun, ein Arabergesicht, schwarze Augen, gelockter Bart, männlicher Ausdruck, in der Kleidung eine gesuchte Einfachheit, welche die Vornehmheit seiner Erscheinung nur erhöhte. Sehr jung nach Paris gekommen, hatte er sich mit vieler Kühnheit in große Geschäfte eingelassen und verfügte, ohne daß man genau wußte, ob er sich ein Vermögen gemacht, über bedeutende Mittel. Lereboulley schätzte ihn ungemein hoch. Sie waren sich in der galanten Welt begegnet, in der Thauziat von dem ersten Augenblick an der Führer des fünfzigjährigen Mannes geworden. Meisterhaft hatte er ihn in die Geheimnisse dieser Welt eingeweiht, wogegen der Finanzmann ihm den Weg zum Reichtum erschlossen hatte. Lereboulley und Thauziat lebten in dieser Weise seit zehn Jahren auf dem vertrautesten Fuße. Jeder wußte vom andern eine Menge Geschichten, von denen manche höchst lustig, andre furchtbar waren, Schlachten um die Liebe und Schlachten ums Geld, die einen in spitzengarnierten Boudoirs geliefert, die andern auf dem kalten Marmorboden der Börse gewonnen. Wenn man lachend sagte: »Thauziat und Leirboulley schreiten über Leichen hinweg«, so war man sich kaum bewußt, in welchem Grade diese Bemerkung zutraf. Man durfte jedoch vor Thauziat nicht scherzen, er schlug eine der besten Klingen in Paris und zerschoß auf dreißig Schritt nach Kommando mit der Pistole so viel Teller wie man wollte. Im übrigen war er der echte Typus eines Abenteurers, der sich in unsre engherzige, pedantische Zeit hineinverirrt hatte und, schön, unternehmend, intelligent wie er war, auf seine Umgebung geradezu mit Verachtung herabsah. Hätte er im fünfzehnten Jahrhundert gelebt, so wäre sein Platz ohne Zweifel unter jenen stolzen Condottieri gewesen, die sich aus den eroberten Ländern Fürstentümer zurechtstutzten, und mit deren Unterstützung Architekten, Bildhauer, Maler ganze Städte marmorner Paläste bauten und diese mit Statuen und Gemälden schmückten, welche unsern heutigen Museen zur Zierde gereichen. Er glich in seiner ganzen Haltung einem Sforza oder einem Colonna, der aber, in unser Zeitalter mit seiner beengenden Kultur hineingezwängt, seine Adlerfittiche nicht entfalten konnte. Darum war aber sein Auftreten nicht minder entschieden und energisch, ein Umstand, durch welchen er überall sofort auffallen mußte. Auf jedem Gebiete liebte er das Besondre, und nie hat ein Mensch mit mehr Raffinement Geld auszugeben verstanden. In der Avenue d'Antin hatte er sich ein kleines Schmuckkästchen von Haus bauen lassen, das als das entzückendste Junggesellenheim von Paris galt. Dieses war mit Gemälden ausgestattet, welche, abgesehen von ihrem künstlerischen Wert, berühmten Ursprungs waren, fast alle hatten früher den Galerieen vornehmer Liebhaber angehört. Sein Haus wurde wie kein andres geführt, und seine Pferde trugen bei den Rennen stets den Preis davon. Sein Glück hatte ihm teils Feinde eingetragen, die er zu besiegen, teils Bewunderer, die er zu nutzen verstand. Er war, was in unserm nivellierenden Zeitalter eine Seltenheit ist, ein Original, und als solches gehörte er zu den zwölf oder fünfzehn interessanten Persönlichkeiten von Paris. Er hatte Louis Hérault nur zu seinem Freunde zu machen gebraucht, um auch auf ihn etwas von seinem Nimbus zu übertragen. Ob diese Freundschaft für den jungen Mann gerade das Richtige war, ob seine schwache Natur nicht eines verständigeren Führers bedurft hätte, mag dahingestellt bleiben – es stand nun einmal in den Sternen geschrieben, daß das Leben Clements und Louis' tragisch miteinander verknüpft bleiben sollte. Augenblicklich saßen die beiden nun freilich höchst behaglich und sorglos in dem schönen Speisesaal des Hotel Hérault und bemühten sich guten Appetites, den beiden Damen nachzukommen, die schon die Hälfte des Menüs erledigt hatten. Die jüngere wie die ältere hatten übrigens vorläufig zu essen aufgehört und sahen mit sichtlichem Vergnügen den beiden unverhofften Gästen zu. »Und jetzt, du böser Junge, wirst du vielleicht die Güte haben,« unterbrach Frau Hérault das Schweigen, »mir zu erklären, wo du seit acht Tagen steckst? Ich will dir ja keinen Vorwurf machen, aber thatsächlich habe ich dich seit einer Woche nicht gesehen.« »Großmutter, ich war mit Clement in Ascott. Wir haben ein Pferd gehen sehen, auf das wir große Hoffnungen für die Oats und selbst für den Pariser Grand-Prix setzen. Denke dir, eine Tochter von Baronette und Turlupin. Ich sage dir, großartig!« »Und wann seid ihr angekommen?« »Heute.« »Euer Zug hat dann also Verspätung gehabt,« sagte lächelnd die Großmutter, »da ihr nicht zur rechten Zeit zum Diner habt hier sein können?« »Wir sind heute früh schon angekommen. Ich bin sofort nach Saint Denis gegangen, um nach dem Geschäfte zu sehen, habe mich dann im Klub umgekleidet, und wir hätten ganz gut um sieben Uhr hier sein können, wenn Thauziat sich nicht unterwegs in den Kopf gesetzt hätte, einer kleinen Modistin nachzulaufen, deren Benehmen ihn reizte.« »Ah! was kriegt man denn da zu hören, mein hoher Herr?« sagte Fräulein Lereboulley, deren graue Augen blitzten. »Das sind ja nette Streiche!« Thauziat zuckte die Achseln. »Lassen Sie sich von dem jungem Sausewind nichts vorreden. Er will mich nur bei Ihnen anschwärzen. Da er aber gewagt, mich anzugreifen, so will ich ihm dienen. Wir sind zu spät gekommen, weil er vorher durchaus noch bei Lady Olifaunt vorsprechen wollte.« »Und haben Sie die schöne Diana zu sehen gekriegt?« fragte Fräulein Lereboulley mit ironischem Lächeln. »Nein, sie schlief noch.« »Wie, um sieben Uhr abends«? Ja, ja, das ist so ihre Art. Sie geht heute abend zum Ball, und um munter und frisch zu erscheinen, bleibt sie den ganzen Tag über im Bett. Sie hütet ihre Schönheit wie das kostbarste Juwel. Schade, daß sie dieselbe nicht mit ihren Diamanten in ein Etui sperren und nur zu der Zeit herausnehmen kann, wo es sich darum handelt, damit einen Triumph zu erringen. Aber jedes Jahr, jeder Monat, jeder Tag thut ihren Reizen Eintrag, und da Diana den Schritt der Zeit nicht zu hemmen vermag, so beschränkt sie wenigstens die Stunden so viel wie möglich, in denen sie gezwungen ist, dieselben einer Ermüdung auszusetzen, die möglicherweise ein Fältchen zur Folge haben könnte. In der That, sie ist ihr bester Schönheitsverwaltungsrat. Sie hat nebenbei noch einen Prokuristen, ihren Mann, den sehr ehrenwerten Sir James, und eines Tages, ihr sollt sehen, macht sie ein Auskunftsbüreau auf.« »Emilie,« rief Louis vorwurfsvoll, »niemals läßt du eine Gelegenheit vorübergehen, ohne recht hart und giftig über Lady Olifaunt zu sprechen!« »Dafür meint's mein Vater um so besser mit ihr. Sie erhebt hoffentlich nicht den Anspruch, daß die ganze Familie sie in ihr Herz schließt?« Es trat eine kurze Pause ein, während welcher man nur das schneidende Lachen Emilies hörte, welches ihre Anspielung begleitete. Um dem Gespräch eine andre Wendung zu geben, unterbrach Louis das Schweigen: »Ich benachrichtige dich übrigens, Großmutter, daß die von Thauziat so energisch verfolgte Schöne eine deiner Mieterinnen ist. Sie wohnt in dem nach dem Faubourg hinausgehenden Flügel ...« »Wer hat dir das gesagt?« »Der Portier.« Frau Hérault erhob die runzligen Hände wie abwehrend und sagte ziemlich scharf: »Nun, das wäre noch schöner. Thauziat, ich verbiete Ihnen, in meinem Hause irgend welchen Skandal zu machen. Es handelt sich möglicherweise um ein anständiges Mädchen ...« »Anselm versichert dies. Sie ist übrigens viel zu einfach gekleidet, als daß sie leichtsinnig sein könnte.« »Und wie heißt diese glückliche Mieterin, welche die Blicke unsres Großmeisters der Eleganz auf sich zu lenken vermocht hat?« fragte Fräulein Lereboulley. »Sie haben darüber doch wohl den Portier ausgeholt?« »Sie heißt mit ihrem Vornamen Helene, gerade so wie die, welche einst Griechenland und Asien in Feuer und Flamme versetzte,« erwiderte Louis lustig, »und mit ihrem Familiennamen Graville...« »Graville!« fiel die alte Frau Hérault ein. »So heißt ja das Dorf, in dem ich geboren bin. Es lebte dort eine Familie von Graville, die im Schlosse wohnte. Aber der einzige Erbe war ein Knabe; ein junges Mädchen, das Helene geheißen hätte, habe ich nicht gekannt!« »Nun, Großmutter, wenn du sie gekannt hättest, so wäre sie heute ungefähr sechzig Jahre alt, und das Mädchen, von dem wir sprechen, ist ganz jung,« »Da hast du recht,« sagte Frau Hérault lachend. »Die alten Leute sprechen immer von ihrer Vergangenheit, als ob alles gestern geschehen wäre. Das Leben fließt so schnell dahin, daß man zu sein glaubt, was man gewesen. ... Ja, man ist überrascht, wenn dann einer sagt: Das ist ja ein halbes Jahrhundert her. ... Ein halbes Jahrhundert . .. gerade die Zeit, wo ich deinen Großvater heiratete. Frau von Graville hat hierbei etwas die Hand im Spiele gehabt, und ich war ihr damals großen Dank schuldig. Man hätte sie doch nicht so aus dem Auge verlieren sollen. Aber Hérault wollte dann durchaus nach Paris; hier stürzte er sich in die Geschäfte, und ich habe die Heimat, das Schloß und die Dame vergessen, die damals so gut gegen mich gewesen ... das passiert übrigens vielen Leuten ... man erscheint so oft undankbar, wo man doch nur allzusehr beschäftigt ist. Wenn das junge Mädchen aber der Familie angehört, von der ich spreche, so haben wir uns einer Schuld gegen sie zu entledigen.« »Das dürfte nicht schwer sein,« sagte Louis, »denn es scheint, daß sie arm ist. Clement würde ja dann, indem er uns auf die Spur der Familie von Graville brachte, die Rolle der Vorsehung übernommen und sich ein großes Verdienst erworben haben. Es gibt übrigens so viele Gravilles in der Normandie, wie Äpfel an den Bäumen daselbst. Es ist ein sehr verbreiteter Name.« »Ich werde mich jedenfalls erkundigen.« Das Diner war beendet, und die Thür zum Salon wurde geöffnet. Die alte Frau Hérault erhob sich, und ohne den Arm Clements oder ihres Enkels anzunehmen, schritt sie flink und munter allein voraus. Der Kaffee wurde an einem kleinen Tische serviert. Indem sie auf denselben deutete, wendete sie sich an Fräulein Lereboulley: »Mache du den beiden Herren die Honneurs, liebes Kind, und wenn dieselben uns die Gunst erweisen wollen, noch ein Stündchen bei uns zu bleiben, so gestatte ihnen, ihre entsetzlichen Cigaretten zu rauchen.« »Wäre schlimm genug für Emilie, wenn wir nicht rauchten, hätte sie dann doch keinen Anlaß, selber zu rauchen ...« »Damit soll wieder einmal aufs liebenswürdigste hervorgehoben sein, was für schlechte Manieren ich habe – nicht?« unterbrach ihn Fräulein Lereboulley und setzte, den Kopf zurückwerfend, nicht ohne schmerzliche Bitterkeit hinzu: »Wem die Natur so wenig von weiblichen Reizen verliehen, der darf auch das Joch abschütteln, das die Sitte meinem Geschlecht auferlegt – ich will euer Kamerad sein und frei und unabhängig, wie mir's gefällt. Was das Leben der Frau reich macht, ist mir versagt: wenn ich mich schmücken wollte und zu gefallen suchen, wäre ich einfach lächerlich. Kein Mensch macht mir den Hof – mir nämlich; meiner Mitgift fehlt es freilich nicht an Verehrern, nur schade, daß ich das süß geflötete: ›Fräulein, sie sind so entzückend‹, sofort in das Leitmotiv: ›Fräulein, Sie sind so reich‹ transponieren muß. Hab' ich dann dem spekulierenden Liebhaber den Laufpaß gegeben, so suche ich in der Freiheit Ersatz für das Glück. Ich gehe aus, wenn es mir gefällt, gehe, wohin ich will, lenke meine Pferde selber, spreche über alles, lese alles, rauche mit meinen Freunden und bin fast ein ebensolcher Taugenichts wie du, mein kleiner Louis, natürlich mit Ausnahme deiner schlechten Sitten ... und auch das ist nicht einmal mein Verdienst!« Sie drehte sich blitzschnell um sich selbst und zeigte sich in ihrer traurigen körperlichen Mißbildung, dann lachte sie laut auf, zog ein sehr schönes silbernes Etui aus ihrer Tasche, nahm daraus eine russische Cigarette, steckte sie an und blies ihrem Kameraden in erzwungenem Übermut den Rauch ins Gesicht. »In der Liste Ihrer Fehler fehlt jedoch einer, Fräulein Lereboulley,« sagte Thauziat ruhig. »Und welcher, mein Lieber?« »Das Prahlen! Sie renommieren mit Ihren Lastern, wie andre mit ihren Tugenden und haben herzlich wenig Grund dazu. Hinter der kleinen Teufelsmaske steckt ein zu gutes Herz!« »Das ist nicht wahr,« warf Emilie heftig ein. »Warum sollte ich auch gut sein? Ich verachte und hasse die Welt, die ich dumm, boshaft und feige finde.« »Sie haben nicht unrecht. Aber Sie sind zu einsichtsvoll, um nicht zuzugeben, daß Ausnahmen vorkommen. ... Ein Beweis dafür ist, daß wir Sie getroffen haben, wie Sie Frau Hérault Gesellschaft leisteten, um sie für die Abwesenheit ihres Enkels zu entschädigen.« Die Großmutter klatschte vergnügt in ihre kleinen Hände. »Gut gesprochen, Herr von Thauziat, da haben wir den Bösewicht endlich einmal auf der That ertappt. Sie haben sich übrigens in Ihrer eignen Schlinge gefangen. Auch Sie, mit Ihren so sehr zur Schau getragenen egoistischen Prinzipien, sind gekommen, um an dem Mahl einer alten, langweiligen Frau teilzunehmen, anstatt mit Ihren Freunden im Klub zusammen zu sein, Sie bleiben sogar noch den Abend, um ihr Gesellschaft zu leisten.« Thauziat schüttelte lächelnd seinen schönen braunen Kopf. »Nein, gnädige Frau,« erwiderte er, »vermuten Sie bei mir ja keinen Edelmut. Ich bin zu Ihrem Diner gekommen, weil Sie eine ausgezeichnete Küche führen, und ich bleibe, um mit Ihnen eine Partie Bezigue zu machen, weil Sie sehr gut Bezigue spielen. Da haben Sie meine Gründe!« Die Augen der alten Frau funkelten. Sie wandte sich lebhaft an ihren Enkel: »Dann, Louis, gib uns den Tisch.« »Wir können bis elf Uhr bleiben, Großmutter,« sagte Louis. »Wir spielen alle gegen Thauziat ... suche ihn hineinzulegen!« »Laß nur gut sein, und Sie, Clement, halten Sie sich tapfer!« Sie begannen zu, spielen. Emilie und Louis hatten sich in eine Ecke des Salons gesetzt. Keins sprach ein Wort. Sie rauchte zerstreut, und er überließ sich seinen Gedanken, die ihn weit forttrugen aus der friedlichen Stille dieses Hauses, wohin selbst das von den großen, schweigsamen Höfen und Gärten gedämpfte Geräusch der Straße nicht drang. Vor seinem Auge stand plötzlich das Bild einer lachenden blonden Frau, mit rosigem Antlitz, in dem zwei Augen blauer als der Himmel leuchteten. Sie schwebte vor ihm wie eine Erscheinung, wie das lichte Bild eines freundlichen Traumes, wenn schon ihr rätselhaftes, aufreizendes Lächeln zu sagen schien: »Wage doch, mich zu lieben! Wenn du mir gestehst, daß du nach mir verlangst, mich begehrst, wer weiß, was ich dir antworten würde? Unter meiner Marmor- und Eishülle birgt sich die Glut der Leidenschaft. Aber ich belebe und verwandle mich nur für den, der mich anbetet. Schließe mich in deine Arme, und du wirst den Schlag meines Herzens fühlen. Kühn sein heißt das Geheimnis des Triumphes!« Und dann erschien plötzlich vor ihm eine andre Gestalt – eine Gestalt grotesk und drohend, die ihres Mannes, des ehrenwerten Sir James, wie Emilie ihn spöttisch nannte, mit seinen krausen, roten Haaren, dem durch allzu reichen Portogenuß purpurn gefärbten Gesicht und den kleinen spöttischen, stechenden Augen. Steif und feierlich in seiner Haltung, pflegte er seine vortrefflichen Gesinnungen und seine Rechtschaffenheit so häufig zu betonen, als ob er irgendwo Zweifel an diesen Tugenden vorauszusetzen hätte. In seiner sehr zur Schau getragenen Zärtlichkeit für Diana herrschte ein väterlicher Ton so entschieden vor, daß dieselbe für die Anbeter der schönen Frau nichts Entmutigendes hatte. Sobald das konventionelle Lächeln von diesen unschönen Zügen verschwand, trugen sie den Ausdruck finsterer Härte. Was war es mit dieser Frau und diesem Manne, die plötzlich vor zwei Jahren in der Pariser Welt scheinbar im Besitze eines großen Vermögens aufgetaucht waren? Sie bewohnten ein Haus in der Avenue Gabriel, hielten die prachtvollsten Gespanne, gaben jeden Dienstag ein Diner und hatten glänzende Empfangsabende. Der Senator Lereboulley, der Vater Emilies, ein Mann von sechzig Jahren, sehr korpulent, mit tiefschwarzem, stark gefärbtem Haar, verkehrte intim in dem Hause; er brachte der schönen Engländerin Blumen und Bonbons und nannte sie kurzweg Diana. Sir James und Lady Olifaunt hatten offenbar in seinem Bankhause Fonds deponiert, denn verschiedene Male waren in den Händen des ersteren Checks mit der Unterschrift Lereboulleys gesehen worden. Ein andrer Freund, der dort aus und ein ging, war Thauziat. Wenn man ihn über Sir James befragte, so erzählte er, daß dieser einer ausgezeichneten Familie Yorkshires angehöre und daß er die Tochter eines Geistlichen aus Liebe geheiratet habe. Er kannte die Frau und ihren Gatten seit langer Zeit und hatte viel dazu beigetragen, ihnen bei ihrer Übersiedelung nach Paris einen angenehmen Verkehr zu eröffnen. Durch ihn war Lereboulley Diana vorgestellt worden. Verschiedene Male hatte Louis versucht, Clement über seine englischen Freunde näher auszuforschen, aber jedesmal war ihm dieser in seiner nonchalanten, hochmütigen Weise ausgewichen, so daß er nicht gut mit weiteren Fragen in ihn dringen konnte. Louis hatte dagegen geglaubt, äußerst klug zu handeln, als er Thauziat und Lereboulley zu Vertrauten seiner erwachenden Leidenschaft für Lady Olifaunt machte. Clement hatte ihm auf seine Eröffnung kalt erwidert: »Nun, wenn's nicht anders sein kann, dann mache ihr doch den Hof!« Der Senator hatte die Stirn gerunzelt und ihm sehr aufgeregt gesagt: »Lieber Freund, Sie sind nicht recht bei Troste. Lady Olifaunt ist eine durchaus anständige Frau!« Was sollte er glauben, wem trauen? Der Schein sprach zu gunsten des Hauses Olifaunt, das in sehr guten Verhältnissen lebte, zuverlässige Freunde besaß und höchstens durch eine kleine Beimischung von Excentricität, wie sie bei Fremden sehr verzeihlich, die Aufmerksamkeit auf sich lenkte. Dennoch mahnte ihn sein allen Parisern eigentümlicher Instinkt zur Vorsicht. Er konnte von dem Gedanken nicht loskommen, daß Diana möglicherweise eine Abenteurerin und Sir James ein Industrieritter sei, der die Schönheit seiner Frau zu verwerten wisse. Louis seufzte. »Es seufzt ein Herz in des Entsagens Schmerz,« citierte Emilie und warf ihre Cigarette fort. »Ich wette, daß ich deine Gedanken errate!« »Nun laß einmal hören,« erwiderte der junge Mann mit einem Augenaufschlagen, als ob er aus einem Traume erwache. »An unsre teure und schöne Diana. Hab' ich recht?« »So ist es!« »Jetzt sage mir zur Belohnung, wo ihr euch heute abend treffen werdet, denn ihr besucht doch wohl dieselbe Gesellschaft, nicht wahr?« »Kannst du schweigen, dann will ich dir ein Geheimnis anvertrauen: Wir gehen auf die Redoute zum Grafen Woroseff!« »Unsre keusche Diana will sich an einem solchen Orte zeigen?« erwiderte Emilie mit komischem Entsetzen. »Zunächst gestatte mir zu bemerken, daß daselbst nur Theatersterne erster Größe erscheinen werden.« »Als ob diese Sterne durch Tugend strahlten!« unterbrach Fräulein Lereboulley. »Und dann,« fuhr Louis fort, »aus reiner Neugierde viele Frauen aus der besten Gesellschaft! Unter der Maske kann man sich mancherlei Dinge erlauben. Uebrigens wird Lady Olifaunt nicht ohne Begleitung sein; von Sir James nicht zu sprechen.« »Ja, sprechen wir wirklich nicht von ihm!« »Auch dein Vater wird da sein.« »Der feierliche und majestätische Senator in höchsteigner Person? Was thut denn der an einem solchen Orte? Er wird sich höchstens einige Tausendfrankenbillets von gewissen Damen ablocken lassen.« »Ferner werden Thauziat und dein ergebener Diener da sein. Du siehst also, bei so vielen Beschützern ...« »Wird Diana sehr in Gefahr schweben.« »Das ist nicht dein Ernst, Emilie.« »Und ist es etwa der deinige, du junger Taugenichts? Nach alledem wird eure Soirée die gewählteste Vereinigung des stolzen Faubourg St. Germain und des etwas gemischten Faubourg Montmartre sein. Eine Mutter kann ihre Tochter also unbedenklich dorthin führen. Das ist ja vortrefflich.« Sie neigte sich zu ihrem Freunde hinüber und sagte mit schmeichelndem Tone: »Nimm mich mit, Brüderchen, ich möchte für mein Leben gern hingehen!« »Du scherzest.« »Diesmal nicht!« »Aber, Emilie, du hast doch keine Einladung.« »Das ist kein Grund. Wer würde, wenn ich an deinem Arm bin, eine Bemerkung wagen? Du sagst Woroseff, daß ich die als Pariserin verkleidete schöne Fatma sei. Du sollst schon sehen, unter einem Domino mache ich Eindruck. Das wird zu lustig werden! Ich werde intrigieren. ... Weiß ich doch vieles über alle die, welche dort sein werden. Nun? Ist es abgemacht? Ich verspreche dir, dir nicht zur Last zu fallen, du sollst vollständig frei sein, und wenn es einer mir gegenüber an dem nötigen Respekt fehlen lassen sollte, so ...« sie richtete ihre kleine Figur in die Höhe und setzte in ihrem ausgelassensten Tone hinzu: »Der dürfte nicht ganz auf seine Kosten kommen.« »Gut, du sollst mitgehen,« erwiderte Louis, »aber unter einer Bedingung, du sagst mir, was du von der Lady Olifaunt weißt.« Das Gesicht Emilies verfinsterte sich, sie biß sich auf die Lippen und schüttelte ernst den Kopf. »Lady Olifaunt? Was soll ich dir von ihr sagen! Du kennst sie ja. Sie ist schön, jung, reich ...« Louis zögerte einen Augenblick, dann fragte er, die Blicke forschend auf Fräulein Lereboulley geheftet: »In welchem Verhältnis steht sie zu deinem Vater?« »Das also ist es, was dich quält?« »Ja, ich habe Thauziat gefragt; er hat mir nicht antworten wollen. Du hassest Diana, und sie fürchtet dich ... das sieht jedes Kind. ... Warum hassest du sie, und warum fürchtet sie dich?« Die Augen Emilies verfinsterten sich unter den zusammengezogenen Brauen, und mit spöttischer Stimme sagte sie: »Wir beten uns gegenseitig nicht an, das ist wahr. Und – da du alles wissen willst, so laß dir erzählen, ich glaube, Diana ist eine in England geborene natürliche Tochter meines Vaters.« Louis machte eine rasche Bewegung. »Du scheinst dich über mich lustig zu machen. Vor zwei Jahren kannte er sie noch gar nicht.« »Thauziat hat ihn auf die Spur gebracht. Die Wege der Vorsehung sind wunderbar.« »Nein! Das ist nicht möglich!« »Nun, was soll sie denn anders sein, wenn sie nicht seine Tochter ist?« fragte Emilie mit der alten Lustigkeit, »Seine Geliebte? Du erwartest doch nicht etwa, ich würde dir erzählen, daß ich meinen Vater im Verdacht habe, sich schlecht aufzuführen? Und was würde aus unserm ehrenwerten Sir James? Ja, und was soll ich denn sein, wenn die göttliche Diana, die in unserm Hause ein- und ausgeht, eine leichtfertige Person wäre? Nein, das ist nicht der Fall. Ihr Lebenswandel ist ein tadelloser, nur ist sie Engländerin, und die Fremden haben alle etwas Excentrisches. Und nun laß dir schließlich einen guten Rat geben: Mache ihr nicht den Hof. Du ziehst dir Händel mit Sir Olifaunt auf den Hals, der ein Pistolenschütze ersten Ranges ist.« Da Louis hierüber mit verächtlicher Ruhe die Achseln zuckte, fügte sie hinzu: »Vor allem würdest du auch Papa erzürnen, was weit ernsthafter wäre.« »Dann hätte er also doch Gründe, sich darum zu bekümmern?« »Er hat die Gründe, von denen ich dir gesprochen; gib dich damit zufrieden und halte sie aus Mangel an andern für stichhaltig. ... Du nimmst mich also mit?« »Da dir so viel daran zu liegen scheint – ja, aber ganz auf deine Gefahr.« »Natürlich. ... Außerdem ist Papa ja da, und wenn ich mich langweile, so werde ich ihm eine Überraschung bereiten und mich zu erkennen geben.« »Was ihm jedenfalls eine unglaubliche Freude bereiten wird! Wo soll ich dich abholen?« »An der Thür des Hotels, um Mitternacht. Abgemacht.« »Abgemacht!« In demselben Augenblick stand die alte Frau Hérault vom Spieltische auf, sie wandte sich zu den beiden jungen Leuten und sagte trübselig: »Na, das ist ein schauderhaftes Pech; wir verlieren zweihundertfünfzig Franken!« »Gut, wartet einmal,« fiel Emilie ein und setzte sich auf den Platz der Großmutter. »Ich werde euch euer Geld wieder holen und vielleicht noch etwas von dem seinigen dazu.« Sie mischte die Karten und sagte, indem sie Herrn Thauziat verwegen ansah: »Heben Sie 'mal ab, mein tapferer Herr, und nicht allzuviel; ›sechzig Damen‹ das wäre doch Renommisterei.« Clement sah auf und lächelte. »Und Sie, wollen Sie gefälligst ehrlich spielen!« »Wenn ich mit Ihnen ehrlich spiele, wie soll ich dann gewinnen?« »Danke recht sehr.« Über den Tisch herüber ergriff er die feine und doch kräftige Hand Fräulein von Lereboulleys und drückte auf ihre rosigen Nägel einen Kuß. Emilie ließ dies gern geschehen. Ihre Nasenflügel bewegten sich leicht, ihre Augen glänzten, wie von einer plötzlichen Aufregung entstammt, dann sagte sie mit ironischer Stimme: »Sie beten an, was Sie vernichten wird. Das ist hübsch von Ihnen.« Von Louis mit Rat unterstützt, begann sie darauf die Partie. Durch die nun eintretende Stille nicht mehr an ihre Umgebung gemahnt, hatte sich Frau Hérault in ihrem Fauteuil am Kamin alten Erinnerungen überlassen. Der Gedanke an das junge Mädchen, das den Namen ihres Geburtsortes trug, wollte ihr nicht aus dem Kopfe. Ohne daß sie es merkte, versenkte sie sich immer mehr in die Vergangenheit. Vor ihrem geistigen Auge flogen die Jahre der Jugend vorüber, die trotz der Armut so glücklich gewesen, und deren sie nur mit Freude gedenken konnte. In dieser Erinnerung, die in einem Augenblicke ihr ganzes Leben widerspiegelte, vergaß die Greisin alles um sich her. Zweites Kapitel. Zwischen Longueville und Saint Aubin auf der Straße von Rouen nach Dieppe liegt das kleine Dorf Graville, Es besteht aus etwa hundert weißen, mit Ziegeln oder Stroh gedeckten Häusern, die in Gruppen aus dem Grün der von der lieblichen Scie durchflossenen Obstgärten hervorlugen. Auf dem Gipfel eines mit dunkellaubigen Buchen bestandenen Hügels erhebt sich das Schloß mit seinen Türmen aus rotem Backstein, die eine schöne Fassade im Renaissancestil mit monumentaler Freitreppe einschließen, von der man auf eine mit uralten Fliederbäumen umrahmte Terrasse mit großen Blumenbeeten hinabsteigt. Eine auf einer Marmortafel angebrachte Inschrift meldet, daß Heinrich IV. die Nacht vor der Schlacht von Arques in Graville zugebracht. Hier, in einem Parterresalon, auf einem sorgfältig aufbewahrten, mit kostbarer italienischer Marquetteriearbeit geschmückten Tische soll der siegreiche König das berühmte Billet geschrieben haben: »Hänge dich auf, tapferer Crillon, wir haben in Arques gesiegt, und du warst nicht dabei!« Einige hundert Schritte von der Parkmauer entfernt, am Ufer des Baches hinter einer Wand von Pappeln steht die Fabrik von Le Glandier, mit ihren von der Feuchtigkeit verwitterten, vom Rauch geschwärzten Mauern; dort wird das zum Schiffsbeschlag verwendete Kupfer gewalzt, werden die Kessel für die Dampfschiffe gehämmert und die Maschinenrohre gegossen. Le Glandier gehört zu der Gemeinde Graville. Als der Graf Bernard im Jahre 1814 den dänischen Marinedienst verlassen, in dem er während der Dauer der Revolution und des Kaiserreiches gestanden, hatte er das Walzwerk gegründet, um den braven Dienern, die seine Verbannung geteilt hatten, Arbeit zu geben. Herr von Graville, der über alle wissenschaftlichen Entdeckungen stets gründlich unterrichtet war und die Umwandlung, welche die Anwendung des Dampfes auf das Schiffahrtsmaterial notwendigerweise hervorrufen mußte, voraussah, richtete im Jahre 1826 neben seinem Walzwerke die Fabrikation gehämmerter Dampfkessel ein und war so in der Lage, den Schiffbauern von Havre alle nötigen Bestandteile zu liefern. Der Leiter des Werkes war damals ein dreißig Jahre alter großer starker Bursche Namens Hérault, der sehr intelligent, aber vollständig ungebildet war. Er besaß ungewöhnliche Anlagen für die Mechanik; obwohl er nicht für notwendig erachtet, lesen zu lernen, hatte er doch ganz allein zeichnen gelernt. Er war der Erfinder eines selbstthätigen Ventiles von außerordentlicher Einfachheit, auf das hin seinem Herrn bedeutende Aufträge zugegangen waren. Da er sich durch Körperkraft und guten Wuchs auszeichnete, war er der Löwe von Graville. Zu seinen Eroberungen hatte er auch die Ehre, die »Fräulein Tochter« Vater Gandons, des Wirtes von Graville, zu zählen, bei welchem er freilich nur des Sonntags seinen Ciderschnaps zu trinken pflegte. In der Woche betrank er sich nie und galt daher für einen ordentlichen Menschen. Fifine, wie man vertraulich Fräulein Josephine nannte, hatte sich in Hérault verliebt, und dieser machte ihr den Hof. Des Abends konnte man ihnen häufig auf der Straße von Offranville an den Schleusen der Scie Arm in Arm begegnen, wie sie in die laue Nacht hinauswanderten. Dieses intime Verhältnis hatte zu einem kleinen Unglück geführt, welches Vater Gandon um so mehr in Aufregung versetzte, als Hérault, ein selbstsüchtiger, berechnender Sohn der Normandie, nicht im geringsten geneigt schien, dasselbe wieder gut zu machen. Er wollte sich keine Frau aufladen, die er als hindernde Last hinter sich herschleppen müßte. In seinen ehrgeizigen Träumen sah er sich in Havre oder wohl gar schon in Paris, dem fruchtbaren Boden, auf welchem originelle Ideen gedeihen und große Erträge liefern. Seit zehn Jahren sparte er an einem kleinen Kapital, welches es ihm ermöglichen sollte, Geschäfte auf eigne Hand zu machen und sich vom Arbeiter zum Herrn emporzuschwingen. Ruhig ließ er Fifine sich die Augen rot weinen und ging, um das Gezeter des Vaters nicht zu hören, einfach nicht mehr ins Wirtshaus. Die Burschen im Orte meinten zwar: Ist dieser Hérault dumm, daß er nicht Gandons Tochter und Wirtschaft heiratet! Wer könnte es besser haben: Wohnung, gutes Essen und Trinken, dabei gehätschelt bis ans Lebensende! Sie wußten natürlich nichts von den Plänen ihres Kameraden, die viel zu hoch flogen, als daß sie ihnen hätten folgen können. Im Interesse seiner Zukunft hatte Hérault ernstlich mit allen Freuden der Gegenwart gebrochen und er kannte nun keine freie Liebe und kein Sichbetrinken mehr. Er schloß sich allein in sein Zimmer ein und zeichnete mit geschickter Hand allerhand Linien aufs Papier; er war einer neuen Entdeckung auf der Spur. Der Zufall jedoch, auf den er sein ganzes Vertrauen gesetzt, zwang ihm eine Änderung in seinem Leben auf, gegen welche er sich so hartnäckig gestemmt, und machte seine Verheiratung mit der kleinen Gandon zur Grundlage seines Glückes. Frau von Graville, eine junge Frau von fünfundzwanzig Jahren, hatte aus ihrer Ehe mit dem Grafen Bernard einen zarten, schwächlichen Sohn, mit dem die sanfte und freundliche Fifine, wenn sie aufs Schloß kam, stundenlang spielte. Voller Scham und Verzweiflung hatte das von Hérault verstoßene arme Mädchen ihre Arbeit bei Frau von Graville eingestellt, und der kleine Knabe, dem die Genossin seiner Spiele fehlte, beklagte sich bitter über ihre Abwesenheit. Die Gräfin zog Erkundigungen ein, hörte von dem Vorgefallenen und beschloß, Hérault, von dem sie wußte, daß er auf dem Werke arbeitete, zur Erfüllung seiner Pflicht anzuhalten. Frau von Graville war beredt, sie war aber vor allem reich, und eine im richtigen Augenblicke angebotene Mitgift von dreitausend Franken stellte bei dem Werkführer so vollständig das Gleichgewicht zwischen Liebe und Ehrgeiz her, daß er im folgenden Monat mit Fräulein Gandon vor den Maire von Saint Aubin trat. Nach Ablauf eines Jahres verließ Herault, im Besitz von sechstausend Franken, einer thätigen und hingebenden Frau, als Vater eines dicken Jungen, den man Pierre genannt hatte, Graville und etablierte sich in Havre, um die Erfindung eines Dampferzeugungsapparates auszubeuten, der die Dampfkessel in gewinnbringender Weise umgestalten sollte. Der arbeitsame und auf Gewinn erpichte Normanne war bei seiner Geburt schon als einer der wenigen ausersehen, denen alle Unternehmungen glücken. Zehn Jahre später war er in Paris und besaß in Saint Denis ein ausgedehntes metallurgisches Etablissement. Die 1848er Revolution, die den Sturz so vieler Häuser im Gefolge hatte, wurde für ihn ein Anlaß des Glückes. Er benutzte den niedrigen Stand der Rente und kaufte mit seinem ganzen flüssigen Vermögen Staatspapiere. Im Jahre 1852, nach dem Staatsstreich, realisierte er sein Kapital und erwarb damit Grund und Boden in den Champs Elysées. Dieser ehemalige Arbeiter hatte mit einem wahrhaft genialen Scharfblick das Luxusbedürfnis der Pariser Bürgerschaft erkannt und vorausgesehen, daß das neue Regime das Entstehen von Prachtbauten begünstigen und daß der Wert des Grund und Bodens infolge der Spekulation sich verzehnfachen würde. Zu der Zeit, als er das von ihm am Triumphbogen angekaufte Gebiet in Lose teilen ließ, von denen der Meter zu tausend Franken wieder verkauft werden sollte, erstand er das Haus im Faubourg Poissonnière und bezog es mit seiner Frau und seinem schon sechsundzwanzig Jahre alten Sohne. Während der ganzen Dauer des Kaiserreiches arbeiteten die beiden Männer unaufhörlich. Der alte Hérault lebte nur für seine Industrie und brachte sie auf den höchsten Gipfel der Vervollkommnung. Seine gewaltigen Werkstätten, in welchen in einem wahren Höllenlärm achtzehnhundert Arbeiter wimmelten, waren eine der Sehenswürdigkeiten von Saint Denis, und im Jahre 1867 erhielt der ehemalige Werkführer als Präsident der Maschinensektion das Offizierskreuz der Ehrenlegion. Allerhand hochfliegende Pläne begannen damals in seinem Kopfe zu wirtschaften. Als Hérault sich dank seiner Intelligenz und Thätigkeit so hoch gestiegen sah, hatte er den Ehrgeiz, an der Regierung seines Landes teilzunehmen. Es mußte für den ehemaligen Arbeiter, der zu seinen vom Eisenfeilstaube roten einstigen Gefährten in ihrer Sprache zu reden verstand, ein Kinderspiel sein, sich zum Deputierten von Saint Denis wählen zu lassen. Es genügte, daß er den Wunsch aussprach, um des Erfolges sicher zu sein. Und später – wer weiß? Vielleicht ein Ministerium der öffentlichen Arbeiten. Und dann, was für schöne Reformen, was für praktische Reglements: ein gesunder Sozialismus, für den er im Geiste des kaiserlichen Herrn Verständnis ahnte und der dem Volke eine Zeit fruchtbarer Arbeit in Sicherheit und Glück bringen mußte. Da brach plötzlich der Krieg aus und vereitelte alle diese gewaltigen Pläne. Der alte Hérault, der an den Triumph Frankreichs glaubte, starb vor Kummer über die deutsche Invasion. Obwohl er ein starker Charakter war, konnte er doch den Anblick seiner in Artillerieparks verwandelten Werkstätten und seiner zu Lazaretten benutzten Bureaus nicht ertragen. Die hohen Schlote ohne den schwarzen Kohlenrauch und das in weißen Pulverdampf gehüllte Fort Briche waren für ihn ein zu ungewohntes Schauspiel. Noch vor der Kapitulation starb der brave Mann und hinterließ sein Vermögen seiner Witwe und sein Geschäft seinem Sohne. Pierre war vierzig Jahre alt, als ihm die Leitung der Hüttenwerke zufiel. Seine Erziehung war eine harte gewesen, und unter der schweren Hand des »Herrn«, wie er seinen Vater zu nennen pflegte, hatte er wie jeder andre Angestellte gearbeitet. Das Haus verfügte schon über Millionen, und noch hatte der alte Hérault nichts in seinen kleinbürgerlichen Gewohnheiten geändert. Er hielt das nicht für notwendig, denn er war persönlich der bedürfnisloseste Mensch und gehorchte mit seinem Trachten nach Reichtum nur einem angeborenen Triebe. Er wie seine Frau Josephine standen im Sommer um fünf Uhr, im Winter um sechs Uhr auf und gingen mit Sonnenuntergang zu Bett. Zweimal im Jahre, am Namenstage Héraults und zu Ostern, nahm die Familie eine Theaterloge und sah sich das Stück an, von welchem gerade am meisten die Rede war. Als sich Pierre Herault im Jahre 1860 mit der Tochter eines reichen Nudelfabrikanten verheiratete, stellte ihn der Vater in keiner Weise selbständig und verlangte, daß er den zweiten Stock seines Hauses bewohnen sollte. Das Leben dieser Familie in dem ungeheuren Hotel des Faubourg Poissonnière mit nur vier Dienstboten war ein verhältnismäßig armseliges. Die beiden Damen Hérault hatten jede ihr Hausmädchen; eine Köchin bereitete für beide Wirtschaften die Mahlzeiten, die gemeinsam eingenommen wurden, aber natürlich nicht in dem glänzenden Speisesaal, dessen Wände mit reizenden Darstellungen mythologischer Szenen geschmückt waren, sondern in einem kleinen Stübchen neben der Küche, das zur Zeit der früheren Herrschaft dem Haushofmeister als Büreau gedient hatte, in welchem er die Lieferanten empfing. Der einzige männliche Dienstbote war der Kutscher, der, wenn er Herrn Hérault von Saint Denis abgeholt, bei Tisch aufzuwarten hatte, ehe er sein Pferd putzte und den Wagen wusch. Dieses Leben, welches Pierre Hérault von Jugend auf gewöhnt war, behagte seiner jungen Frau gar nicht. Im Kloster aufgewachsen, hatte sie eine sehr sorgfältige Erziehung und eine Lebens- und Weltanschauung erhalten, die nicht mit denen ihrer Schwiegereltern übereinstimmte; auch fand sie bei ihrem Manne bald Verständnis für ihre Klagen. Pierre, der, unterrichteter als sein Vater, für alle Fortschritte auf dem Gebiete des sozialen Lebens einen offnen Sinn hatte, litt unter der ihm aufgezwungenen, ihn wenig ansprechenden Lebensweise. Er kannte die Größe ihres Vermögens, da er selbst jedes Jahr die Abschlüsse aufstellte, tadelte daher die Knauserei seines Vaters, wagte jedoch nicht, dagegen zu protestieren. Die freie Verfügung über sein Gehalt und die Zinsen aus der Mitgift seiner Frau gestatteten ihm immerhin den Genuß einiger Vergnügungen. Aber er fürchtete bei jeder Ausgabe die Vorwürfe des »Herrn«, und die Jahre flossen eintönig, ohne Zwischenfälle oder Aufregungen in der täglich sich erneuernden Arbeit und ohne Lebensfreude dahin, da ihm der Genuß dieses sich täglich vermehrenden Vermögens versagt war. Die alte Frau Hérault hatte ein sinnreiches und wenig kostspieliges Vergnügen gefunden, ihre Tage auszufüllen: sie hatte eine Leidenschaft für Blumen. Ihr Mann hatte ihr im Garten ein gegen Mittag gelegenes Treibhaus errichten lassen, in welchem sie mit der Sorgfalt und Ausdauer eines holländischen Blumenzüchters die schönsten und seltensten Orchideen zog. Das ehemalige Landmädchen hatte aber bei dieser Liebhaberei auch das Nützliche nicht außer Augen gelassen, sondern an der Hinterwand des Treibhauses Weinreben gezogen, die im Juli die wunderbarsten Trauben gaben. Diese Trauben, die am Schluß der Mahlzeit im Triumph vor Herrn Hérault hingesetzt wurden, entschuldigten ihm gegenüber die mäßigen Ausgaben seiner Frau. Die praktische Seite machte in den Augen des Arbeiters das Überflüssige dieses Zeitvertreibs wieder gut. Die junge Frau Hérault, die keinen Gefallen an der Blumenzucht fand, tröstete sich mit ihrem Kinde, welches sie leidenschaftlich liebte und wie einen Prinzen herausputzte. Für den kleinen Louis, den Erben des Hauses Hérault-Gandon, dessen Unterschrift an der Bank von Frankreich für hochfein galt und das keine fünfzigtausend Franken das Jahr über für sein Leben in einem Hause ausgab, welches der Schauplatz rauschender Feste unter der Regentschaft gewesen, konnte kein Kleid reich gestickt, kein Spitzenbesatz kostbar genug sein. Die junge Frau nahm die wenig erfreuliche Gegenwart geduldig hin, in der Hoffnung auf den Glanz der Zukunft. Sie war zu gutmütig, den Tod ihres tyrannischen Schwiegervaters zu wünschen, aber sie konnte sich doch des Gedankens nicht entschlagen, daß er nicht ewig leben würde, und hatte die feste Zuversicht, daß dann nach Ablauf des Trauerjahres alles in der Familie einen neuen Anstrich erhalten würde. Das Schicksal hatte ihr diesen Genuß nicht bestimmt; sie starb achtzehn Monate vor dem alten Hérault und hinterließ ihren Gatten als Witwer mit einem sechsjährigen unerzogenen Sohne. Glücklicherweise war die Großmutter da, die ohne Zögern nunmehr ihre Sorge zwischen ihren Blumen und ihrem Enkelkinde, der zartesten und gebrechlichsten aller Blumen, die sie bisher gepflegt hatte, teilte. Dieser Sproß eines Arbeitergeschlechtes war ein kümmerlicher, und fast schien es, als ob mit der Verfeinerung der Nachkommen auch ihr Lebenssaft an Gehalt verloren habe. Pierre war schon weniger stark und weniger rüstig bei der Arbeit gewesen, als der alte Hérault, und der kleine Louis war noch schwächlicher als sein Vater. Die Großmütter haben gewöhnlich für ihre Enkel eine leidenschaftlichere und nachsichtsvollere Liebe als für die eignen Kinder. Es scheint, daß das Herz des Menschen wie ein edler Wein mit den Jahren milder wird, vielleicht auch daß das Gefühl, nicht mehr allzu lang Liebe spenden zu können, ihre Zärtlichkeit wärmer und inniger macht. Die alte Frau Hérault hegte denn auch für ihren Enkel eine opferfreudige, grenzenlose Liebe; sie hatte diesem blauäugigen und blondlockigen Kinde, wenn sie es vermocht, die Welt zu Füßen gelegt. Den eignen Sohn hingegen behandelte sie mit auffallender Gleichgültigkeit; sie war mit ihm über alles einig, sagte »Ja und Amen« zu allem, was er vorschlug, denn der ehemalige Sklave hatte sich sehr schnell in einen Gebieter verwandelt. Alle ihre Mühen, alle ihre Sorgen, alle ihre Gedanken und Träume galten nur dem Kinde. Der große fünfundvierzigjährige Junge bedurfte der Mutter nicht mehr; er war über Nacht Hérault-Gandon geworden und in Rang und Stellung seines Vaters eingerückt; als Herr und Gebieter durfte er befehlen und er ließ sich nicht lange darum bitten. In kurzer Zeit war das Haus vollkommen umgewandelt. Der sparsame Vater war noch nicht sechs Monate unter der Erde, als sich ein Schwarm Arbeiter auf das Haus stürzte, um dasselbe in den Stand zu setzen, in welchem La Grimonière es zu jener Zeit hinterlassen, als die leichtfüßigen Nymphen der Oper unter den Blattbaldachinen umherschwärmten und in den Grotten des Gartens mit den Canillacs und La Fares Versteckens spielten. Die wunderbaren Vergoldungen des Salons, die durch hundertjährige Vernachlässigung schwarz geworden, kamen unter dem Schwamme des Malers wieder zum Vorschein, Die gesäuberten und neu gefirnißten Hirten und Hirtinnen über den Thüren gewannen in ihren Rahmen wieder Leben. Als man die Tapete in einem Billardsaal abriß, entdeckte man prachtvolle Beauvais-Tapisserien, welche man barbarischerweise mit diesem modernen Papierfabrikat überklebt hatte. Von den Böden wurden die alten Holzgestelle der Sofas und Lehnstühle hervorgeholt, die dorthin verbannt worden waren, um dem berühmten, mit vergoldeter Bronze geschmückten Mahagoni des ersten Kaiserreiches Platz zu machen. Hérault hatte das seltene Glück gehabt, einen Tapezier, zu finden, der Geschmack besaß und der sich bemühte, ein des Hauses würdiges Mobiliar zusammenzustellen. Man begegnete infolgedessen in den Salons keinen geschmacklosen und schreienden Farben oder Stoffen, wie sie zu den Eigentümlichkeiten des zweiten Kaiserreiches gehörten. Die Möbel wurden mit denselben alten geblümten Seidenstoffen überzogen, mit denen auch die Fenster drapiert waren; das Treppenhaus wurde mit vier wundervollen Gobelins, die Schlachten Alexanders nach Lebrun darstellend, behangen, das schmiedeeiserne, von der Zeit geschwärzte Treppengeländer geschickt neu vergoldet. Nach wenigen Monaten entsprach der Luxus des alten Palastes aufs neue dem Reichtum seiner Besitzer, die Zahl der Dienerschaft verdoppelte sich, vier Pferde brachten wieder Leben in die Stallungen, elegante Wagen standen in der Remise und schon im ersten Jahre der neuen Herrschaft betrugen die Ausgaben das Dreifache von früher, ohne daß damit der vierte Teil der Jahreseinkünfte überstiegen worden wäre. Hérault, der die Reparaturen nur mit Zittern und Zagen begonnen und sich bei der Umgestaltung seines Hauses zweifelnd gefragt: »Wie wird die Sache nur gehen?« bemerkte mit Vergnügen, daß das, was er selbst seine Tollheiten zu nennen pflegte, im Grunde nicht so unvernünftig war, und daß er, anstatt innezuhalten, ruhig damit fortfahren könnte. Dem bis dahin aller Luxusfreuden entwöhnten Manne gewährte nichts größere Befriedigung, als sich nunmehr die raffiniertesten derselben zu eigen zu machen. Immer mehr und mehr gab er sich einem süßen Nichtsthun hin; er stand nicht mehr, wie ihn der alte Hérault gewöhnt hatte, mit Tagesanbruch auf, gehörte jetzt einem Klub an und gestattete sich, wenn er des Nachts spät ausgeblieben, natürlich auch einen behaglichen, langen Morgenschlaf. Ein Unterdirektor und drei Ingenieure wurden mit der Verwaltung der Werke, die sein Vater und er lange Jahre hindurch allein geführt hatten, beauftragt; somit hatte er volle Zeit, sein Leben zu genießen. Nach Ablauf seines Trauerjahres war er an der See einer jungen, sehr eleganten, sehr umworbenen Witwe begegnet, die ihn in ihre Kreise gezogen und es übernommen hatte, seine Erziehung für die große Welt zu vervollständigen. In ihrem Salon hatte er eine Anzahl von Herren und Damen getroffen, deren einzige Lebensaufgabe die Jagd nach Vergnügungen zu sein schien. Mit etwas mehr Lebenserfahrung würde er auf den ersten Blick erkannt haben, daß, wenn die Herren auch unstreitig Ehrenmänner, die meisten der Damen von zweifelhafter Tugend und nicht unzweideutiger Herkunft waren. Er sah jedoch nur die Annehmlichkeiten, die ihm in dieser Gesellschaft zu teil wurden, und bestritt mit Vergnügen den kostspieligen Luxus derjenigen, die ihm diesen Kreis eröffnet hatte. Mit seinen größeren Ausgaben verminderten sich aber seine Einkünfte, weil der Fabrik nichts das Auge des Herrn zu ersetzen vermochte. Nichtsdestoweniger befolgte er getreulich die Lehre jener Weltphilosophen, die da sagen: Man weiß nicht, was nach dem Tode kommt; wenn man vernünftig ist, macht man sich das Leben so angenehm wie möglich. Der alte Hérault, der jede unnütze Ausgabe als Verschwendung bezeichnet hatte, würde über diesen Materialismus des eleganten Klubmannes geschaudert haben, glücklicherweise aber schlummerte der Schöpfer des Vermögens in der Familiengruft, während sein Sohn sich den Verbrauch desselben angelegen sein ließ. Pierre Hérault war übrigens nur ein halber Lebemann, der, wenn er auch das Werk des Vaters nicht in seinem ganzen Umfange fortführte, das Bestehen desselben doch nicht gefährdete. Er vermehrte sein Vermögen nicht, aber er ruinierte sich auch nicht, und bei all dem Verschwenderspielen war und blieb er im Grunde doch ein leidlich vernünftiger Mensch, der nicht mehr that, als daß er seine Jahreseinkünfte verzehrte. Das Geld wirklich zum Fenster hinauszuwerfen, war dem Sohne vorbehalten, der, von klein auf an Luxus gewöhnt, es in all den edlen Künsten, in denen sein Vater ein Stümper geblieben, zur Meisterschaft bringen sollte. Sobald von einer geistigen Entwickelung bei dem Knaben die Rede sein konnte, machte sich eine entschiedene Vorliebe für alles, was Geld kostet, und ein ausgesprochenes Vorurteil gegen alles, was Geld einträgt, bei ihm geltend. Obgleich er nicht unbegabt war, bestand er doch mit achtzehn Jahren keinerlei Examen, und es bedurfte allerhand Protektionen, damit er nur zum einjährigen Dienste zugelassen wurde. Als Großmutter Hérault ihren rosigen, schlanken, blonden Jungen, der etwas Mädchenhaftes hatte und innerhalb vierundzwanzig Stunden in einen Husaren verwandelt werden sollte, fortziehen sah, weinte sie bitterlicher, als sie es beim Verluste ihres Mannes gethan. Wie eine Seele im Fegefeuer, ohne Ruhe und Rast, durchwanderte sie die weiten Räume ihres Hauses, die ihr, seitdem der geliebte Enkel fort war, öde und leer erschienen. Sie vernachlässigte sogar die Pflege ihrer Blumen, und die kostbarsten Orchideen wurden von ihr keines Blickes gewürdigt. Nach einer Woche hielt sie es nicht mehr aus, reiste nach Evreux, wo das Regiment ihres Enkels in Garnison stand, und mietete sich dort im Gasthause ein. Trotzdem sie nicht anspruchsvoll war, so behagte ihr der Aufenthalt dort so wenig, daß sie sich nach einem Hause in der Umgegend umsah, wo sie während der zwölf Monate des Martyriums ihres teuren Enkels, wie sie sich ausdrückte, bequem leben konnte. Leider war die Anwesenheit der guten Großmutter »dem lieben Kinde« keineswegs so vonnöten, wie die treue Seele angenommen hatte. Louis hatte lustige Kameraden gefunden und entdeckt, daß das Dienstjahr durchaus nichts Melancholisches hatte, um so weniger, als zehn oder zwölf verwöhnte junge Herrchen im Regiment waren, die sich in einem kleinen Bauernhaus einen regelrechten Klub eingerichtet hatten, in dem sich rauchen, trinken, spielen ließ, so gut wie irgendwo. Einige vielversprechende Jünglinge hatten auch ein paar hübsche Mädchen entdeckt, die gutherzig genug waren, ihnen das Leben zu verschönern, und so war wirklich die Anwesenheit einer Großmutter kein dringendes Bedürfnis. Louis' erster Gedanke war, sie nach Paris zurückzuschicken; es ist jedoch nicht so leicht, sich derer zu entledigen, die einen vergöttern; alle seine Bemühungen, der Großmutter klar zu machen, daß er sich sehr wohl befände, daß alles gut ginge, daß er ihrer nicht bedürfe, vermochten die alte Frau Hérault nicht zur Abreise zu bewegen. Es blieb ihm also nichts übrig, als eine Wohnung für die gute alte Frau zu suchen, wobei es ihm natürlich darum zu thun war, eine solche nicht in unmittelbarer Nähe der Stadt zu entdecken. Er fand denn auch an den Ufern der Eure, zwischen den Waldungen Pacy und Breteuil ein sehr hübsches Schloß in Boissise-le-Roy, dessen Besitzer geneigt war, ihm sein Gut auf ein Jahr zu vermieten oder zu verkaufen, falls es ihm nach Ablauf dieses Jahres gefiele. Verschmitzt bemerkte der schlaue Husar, der eigentlich nur nötig gehabt hätte, seiner Großmutter den Aufenthalt daselbst zu empfehlen, um sie zum Mieten desselben zu bewegen, daß das Gut prachtvolle Treibhäuser besitze, und entlockte dadurch Frau Herault Freudenthränen über diese zarte Rücksicht auf ihr einziges Vergnügen, während im Grunde genommen dieser Egoist nur an das seinige gedacht. Boissise lag auf einer hübschen Anhöhe etwa zwei Stunden von Evreux, und von den Fenstern des Schlosses konnte man die Stadt sehen. Louis zeigte seiner Großmutter den Kirchturm und sagte ihr dabei: »Mit einem Fernglas kannst du das Dach der Kaserne sehen. Auf diese Weise werden wir uns nahe sein, und du lebst dabei in reiner Luft. Mit guten Pferden erreichst du in drei viertel Stunden die Stadt, und des Sonntags komme ich mit meinen Freunden heraus.« Frau Hérault mietete Boissise, ließ Wagen, Kutscher, Dienerschaft und was an Möbeln zur Vervollständigung des etwas dürftigen Schloßmobiliars dienen konnte, aus Paris kommen, und es gefiel ihr, nachdem alles eingerichtet, in ihrer neuen Behausung ganz ausgezeichnet. Die Treibhäuser machten ihr teils aus alter Passion, teils deswegen Freude, weil ihr kleiner Louis an diesen Zeitvertreib für sie gedacht hatte. Dieser drückte sich inzwischen mit Hilfe von Unteroffizieren, deren Herzen er durch Cigarren und Geld zu erobern wußte, soviel wie möglich vom Dienst und verbrachte seine Zeit mit animierten Poker- und Baccarat-Partieen und hübschen kleinen Festen im Café de Paris. Als der Monat August herankam, entschloß sich Pierre Hérault, der seit sechs Monaten allen Bitten seiner Mutter, sie zu besuchen, ausgewichen war, nach Boissise zu kommen. Er fand die Gegend reizend, faßte eine Leidenschaft für Wald und Feld und entschloß sich, den Herbst dort zuzubringen, Evreux lag nur zwei Stunden von Paris entfernt, ein Aufenthalt daselbst glich demnach nicht gerade einer Verbannung in die Wüste. Pierre trat sehr großartig auf und versetzte dadurch diesen sonst so friedlichen Winkel der Provinz in nicht geringe Aufregung. Aus seinem Klubverkehr kannte er einige Offiziere, die ihm das ganze Corps zuführten, und bald hallte Boissise von Sporengeklirr wider: leider war das weibliche Element aber nur durch Frau Hérault vertreten, was allgemein als unzureichend bezeichnet wurde. Einige vorsichtig erlassene Einladungen zogen nach und nach die Frauen und Töchter der Schloßbewohner der Umgegend heran, und die Empfangsabende in Boissise gestalteten sich allmählich auch nach dieser Hinsicht ganz befriedigend. Die Großmutter gefiel allen durch ihre liebenswürdige Gutmütigkeit, der Sohn durch seine Schlichtheit. Der Enkel befand sich von nun an mehr im Schloß als in der Kaserne, obwohl er sich unter den Offizieren stets etwas beengt fühlte, wenn sie schon die Gäste seines Vaters waren. Der in langen Monaten des Gehorsams erreichte militärische Respekt verliert sich eben nicht in wenigen Stunden vertraulichen Zusammenseins. Pierre Hérault hatte, seit er Weltmann geworden, unter anderm auch reiten gelernt und hätte mit Vergnügen einige Parforcejagden abgehalten, aber obwohl der Wald reich an Hochwild war und der sandige Boden ein vortreffliches Reitterrain abgab, war einerseits die Jahreszeit nicht günstig, andrerseits fehlte es, und das war der Hauptmangel, an einer Meute. Man mußte sich daher mit ein paar Schnitzeljagden begnügen, die unter der Leitung von Husarenoffizieren recht schneidig zu werden versprachen. Louis war ein ungewöhnlich guter Reiter und hätte mit den Vollblutpferden, die sein Vater ihm hielt, mit Leichtigkeit der Held des Tages werden können. Allein er fand es taktvoller, sich in möglichster Entfernung von seinen Vorgesetzten zu halten, und hielt es für geraten, die Herren, die in Boissise so liebenswürdig waren, in Evreux aber so leicht unangenehm werden konnten, in keiner Weise zu reizen und ihnen keinen Sieg zu entreißen. Um auch nicht den kleinsten Lieutenant durch eleganten Anzug in den Schatten zu stellen, erschien er auf dem Sammelplatz stets in seiner Kommiß-Uniform, ritt zwar mit den andern ab, schlug dann aber eine Nebenallee ein, verlor sich im Walde und ließ das Gros der Reiter sich auf der Papierfährte entwickeln. Unter den grünen Wölbungen des Waldes ritt er im Schritt dahin und lauschte zerstreut auf den schrillen Schrei des Hähers, der vor ihm her von Buche zu Buche floh, oder auf den fernen melancholischen Ruf des Kuckucks. Zuweilen stieg er am Waldrande ab, setzte sich auf den Rand des Grenzgrabens und ließ bei der brennenden Sommerhitze den Blick über die goldigen Wogen der Getreidefelder schweifen. Das Echo führte ihm gedämpfte Hornfanfaren zu, und in diesem tiefen Frieden ruhte er von den lärmenden Vergnügungen seines gewöhnlichen Lebens aus. Er träumte und überraschte sich oft, erstaunt über der Stunden Flucht, bei dem Gedanken, daß es in dieser Welt doch am Ende noch andre Genüsse als feine Diners, Liebschaften oder das Aufdecken der Neun im Baccarat gebe. Seine sanfte, ein wenig weiche Natur hätte leicht dem Guten zugeführt werden können; es hätte nur eines festen, ständig ausgeübten Einflusses bedurft, um aus dem zwanzigjährigen jungen Mann, trotz dem, was schlechter Umgang ihm schon geschadet, einen liebenswerten, tüchtigen Menschen zu machen. Aber seine Großmutter besaß nicht die nötige geistige Ueberlegenheit zur Ausübung dieses Einflusses, und sein Vater war viel zu sehr bemüht, sich für die vierzig verlorenen strengen Lebensjahre zu entschädigen, als daß er das Leben eines andern hätte leiten können. Eines Tages hatte man im Walde, in der Nähe der Ruine einer sehr alten Abtei, die bei den Archäologen unter dem Namen »Saint Wulfrand« bekannt ist, gefrühstückt. Es war vier Uhr geworden, und Louis ritt im Schritt nach Boissise zurück. Den ganzen Tag über hatte ihm die Bitte um eine ziemlich starke Geldsumme, deren er zur Ausgleichung von Spielschulden bedurfte, auf der Seele gelegen. Nachdem er mehrfach um seinen Vater herumgeschlichen, hatte er sich entschlossen, seine mißliche Lage Frau Hérault anzuvertrauen. Mit dieser Absicht kehrte er heim. Er kaute an seiner Cigarre und überließ sich dem angenehmen Gedanken, daß er in zwei Monaten seinen Dienst hinter sich haben und dann in Paris ein lustiges Leben würde führen können. Plötzlich drangen, als er bei einem Holzabfuhrwege vorbeikam, zwei rasch nacheinander mit heller Stimme ausgestoßene Rufe an sein Ohr. Er hielt sein Pferd an und bemerkte etwa zweihundert Meter entfernt einen Wagen und daneben jemand, der ihm Zeichen machte, näher zu kommen. Er setzte sein Pferd in Galopp und war in wenigen Sekunden trotz des schlechten, von den Holzwagen ausgefahrenen Weges dort, wo man seine Hilfe verlangt hatte. Der, der ihn gerufen, war ein ungefähr vierzehnjähriger, schwächlicher, blonder Knabe mit etwas schiefen Schultern: er war mit einer Tuchbluse und Kniehosen bekleidet, die in Ledergamaschen steckten; auf dem Kopfe trug er einen kleinen grauen Filzhut. Der englische, zweirädrige, mit einem Pony bespannte Wagen, mit dem er sich unvorsichtigerweise in den ausgefahrenen, morastigen Weg gewagt, hatte eins seiner Räder verloren und lag auf der Seite im Schmutz. Der Knabe war von den Versuchen, ihn wieder aufzurichten, vollständig erschöpft. Als er eingesehen, daß er nicht damit zu stande kam, hatte er sich eben daran gemacht, den Pony auszuspannen, als plötzlich Louis an dem Orte der Katastrophe erschien. »He, Soldat! 'mal hier angefaßt!« rief der kleine Mann befehlshaberisch, »ich kann weder meinen Wagen in Ordnung bringen, noch mein Pferd loskriegen.« »Sie fangen das auch ganz verkehrt an, junger Herr,« sagte Louis und schwang sich aus dem Sattel. Der Knabe sah den Husaren spöttisch an und zuckte die Achseln. »Erst wollen wir 'mal sehen, ob Sie geschickter sind, mein Herr Kritikus!« »Das Kunststück wird nicht allzu schwierig sein,« sagte Louis ruhig, nahm das Rad, welches in dem aufgeweichten Boden steckte, untersuchte es genau und fand, daß es nicht gebrochen war; dann ergriff er mit beiden Händen das Ende der Achse und hob es aus der Wagenspur, ohne daß der ruhige und müde Pony sich auch nur gerührt hätte. »Jetzt muß etwas unter die Achse gelegt werden,« sagte Louis, sich nach einem brauchbaren Gegenstand umsehend, und rief, als er einen Haufen Reisigbündel entdeckte, rasch: »Holen Sie mir doch schnell ein paar von diesen Bündeln her!« Der Knabe griff mit beiden Armen in das schwere Reisig und trug es, unter seiner Last gebeugt, herbei. Hierbei entfiel ihm sein Hut, und Louis bemerkte mit Ueberraschung, daß die blonden Haare an den Seiten hochgenommen und mit einem Frauenkamm gehalten waren. Er hob den Filzhut, der ihm vor die Füße gerollt war, auf, verneigte sich leicht und sagte lächelnd: »Ich bitte um Vergebung, mein Fräulein: wenn ich gewußt hätte, mit wem ich zu thun habe, würde ich mir nicht erlaubt haben, in solch vertraulichem Tone zu sprechen,« »Schadet nichts, lassen Sie nur: ohne diesen dummen Hut, der nicht festsitzen will, würden Sie es kaum bemerkt haben, daß ich ein Mädchen bin. Nehmen wir an, er sei nicht heruntergefallen, und fahren wir in unsrer Arbeit fort.« Louis schob die Achse in die Nabe des Rades, befestigte dieselbe mit der Hälfte des zerbrochenen Bolzens und sagte, nachdem er das Rad ein paarmal rasch gedreht, um sich zu versichern, daß es festhielt: »So, das wäre im Blei; wenn Sie jetzt aufsteigen wollen, will ich Sie bis zur nächsten Straße begleiten.« »Ich möchte Sie aber nicht weiter von Ihrem Wege ablenken. ...« »Ich wohne in Boissise.« »Oho, dann sind Sie ja wohl der kleine Hérault?« Louis blickte die Unbekannte, die ihn so wenig ceremoniös behandelte, etwas verwundert an. Sie war mager, bleich, unansehnlich: aus einem kränklichen Gesicht sprühten schalkhaft zwei graue Augen: sie konnte kaum viel älter als fünfzehn Jahre sein. Ihre mageren, durchsichtigen Hände hatten die Zügel ergriffen, sie pfiff und versuchte ihren Pony zum Weitergehen zu ermuntern. Da derselbe aber nach dem unfreiwilligen Halt hierzu gar nicht geneigt schien, reichte sie Louis ihre Peitsche und rief: »Husar, prügeln Sie doch diesen Faulpelz ein wenig.« »Ich werde etwas Vernünftigeres thun,« erwiderte der junge Mann, nahm den Zügel seines Pferdes unter den linken Arm und stieß mit allen Kräften die leichte englische Charrette vor sich her, wobei der Pony sich wohl oder übel in Bewegung setzen mußte. Sie hatten nur noch wenige Schritte auf dem schlechten Weg zurückzulegen, dann mündete derselbe auf die Landstraße, und das junge Mädchen rief vergnügt: »Jetzt bin ich in Sicherheit, und es bleibt mir nur noch übrig, Ihnen zu danken, Sie edler Retter in der Not.« »Es war wirklich nicht der Rede wert.« »Doch, doch, Sie sind schmutzig geworden wie ein Pudel. Aber was thut man nicht einer Schönheit zuliebe!« setzte sie mit bittrer Ironie hinzu. »Sie haben mich aber noch nicht einmal gefragt, wer ich bin. Sie sind wirklich nicht sehr höflich!« »Nur bescheiden.« »Oder vielmehr, es liegt Ihnen herzlich wenig daran, mir noch einmal zu begegnen, was ich begreiflich finde,« sagte sie mit einem eigenartigen, unkindlichen Lächeln, »aber Ihre weise Zurückhaltung kann Ihnen nichts nützen! Ich wohne nur eine Stunde weit von Ihnen entfernt, heiße Emilie. ... Mein Vater ist der Senator Lereboulley, ein dicker, sehr liebenswürdiger Herr, den man nie ohne eine hübsche Frau sieht.« Louis blickte das junge Mädchen befremdet an. »Vermutlich Ihre Frau Mutter?« sagte er. Eine Wolke glitt über Emilies Stirn, ihr Gesicht nahm plötzlich einen harten Ausdruck an, und mit rauher und leicht zitternder Stimme sagte sie: »Meine Mutter ist tot!« Sie neigte den Kopf zum Zeichen des Abschiedes, hieb mit aller Kraft auf ihren Pony ein und fuhr davon. Louis, dessen Interesse durch das seltsame, aus Spott und Empfindsamkeit zusammengesetzte Wesen des jungen Mädchens erregt war, folgte ihr eine Weile mit den Augen. Lange hielt er sich aber nicht damit auf, sich über seine Eindrücke Rechenschaft zu geben, sondern trieb sein Pferd an und ritt nach Hause. Von der Liebenswürdigkeit Herrn Lereboulleys sich zu überzeugen hatten die Bewohner von Boissise schon am folgenden Tage Gelegenheit. Er erschien, um für die seiner Tochter geleistete Hilfe zu danken, und er und Pierre Herault verstanden sich vom ersten Moment an; sie hatten sich wie durch ein Freimaurerzeichen sofort als Lebemänner erkannt, und nach wenigen Wochen waren sie ein Herz und eine Seele. Lereboulley war ein großer, starker Mann von fünfzig Jahren, mit einem feisten, glattrasierten Pfaffengesicht. Er sprach fließend, hatte aber einen stark normannischen Accent. Seit mehreren Generationen besaß seine Familie bedeutenden Einfluß im Eure-Departement, und bekannt war der unter dem Kaiserreich zwischen dem Vater des heutigen Senators, einem ausgesprochenen Orleanisten, und dem Präfekten, einem keine Rücksichten kennenden Beamten, ausgefochtene Kampf, in welchem die Lereboulleys nur mit großer Mühe geschlagen worden waren. Das mit allerhand Vergünstigungen überschüttete Departement hatte sich gewinnen lassen, und der Regierungskandidat triumphierte. Unter der Republik hatte Lereboulley indes seinen vollen Einfluß wieder gewonnen, und ganz Evreux stand zu ihm. Er war zum Senator ernannt worden, einer seiner Neffen war Deputierter, und infolge des Listenskrutiniums waren sie fast die Herren des Departements zu nennen. Unter einem leichtlebigen Äußern verbarg sich bei Lereboulley eine ernste Geschäftsnatur mit weitem Blick und bedeutendem Unternehmungsgeist, und sein Einfluß an der Börse war unbestritten. Als früherer Vorstand der Bodenkreditanstalt, als Mitdirektor der französischen Bank und Administrator der Südbahn nahm er sowohl in politischen Kreisen als in der Finanzwelt eine ungewöhnliche Stellung ein. Er war Witwer und besaß eine Tochter, die er um so zärtlicher liebte, als es ihn Mühe gekostet hatte, sie groß zu ziehen. Obwohl es nicht an Angriffen auf sein Herz und seine Hand fehlte, hatte er sich doch nie entschließen können, sich wieder zu verheiraten; er hatte den Gedanken nicht zu ertragen vermocht, seiner kleinen leidenden und kränklichen Emilie eine Stiefmutter zu geben. Wenn ich andre Kinder habe, dachte er, welche kräftig und gesund sind, wird meine arme unglückliche Kleine vernachlässigt und vielleicht verachtet werden, sie soll keine Rivalin haben und Herrscherin in meinem Hause sein. Dieser Abneigung gegen die Ehe galt aber durchaus nicht der Liebe überhaupt, die so sehr zu seinem Dasein gehörte, daß man ihn, wie seine Tochter sehr richtig bemerkt hatte, immer in Begleitung einer hübschen Frau sah. Der Salon der Witwe, welche das Leben Pierre Héraults verschönerte, bot hierfür in seinen Elementen dem flatterhaften Senator die schönste Auswahl. Infolge des durch diesen Berührungspunkt immer enger werdenden Freundschaftsverhältnisses traten Hérault und Lereboulley auch in Geschäftsverbindung. Ersterer beteiligte sich an verschiedenen von dem Senator ausgearbeiteten Finanzoperationen; dieser verwandelte die Werke Héraults in ein Aktienunternehmen und wurde einer der stärksten Aktionäre. Die Kinder folgten dem Beispiele ihrer Eltern, und es entstand zwischen Louis und Emilie eine innige Freundschaft, die um so aufrichtiger und fester war, als zwischen dem hübschen jungen Manne und dem von der Natur vernachlässigten Mädchen keinerlei Heiratsgedanken aufkommen konnten. Sie hatten sich zu einander hingezogen gefühlt, sie, durch das hübsche Aeußere und den jugendlichen Frohsinn Louis', er, gerade durch die Gebrechlichkeit und herbe Weltanschauung Emilies. Sie waren vollständige Gegensätze, und das gerade bildete die felsenfeste Grundlage ihrer Freundschaft. Was aber der mutterlosen jungen Waise das Haus Hérault besonders lieb machte, war die alte Großmutter, an die sie sich kindlich anschloß, der zuliebe sie sogar ihr burschikoses Wesen milderte und in deren Nähe sie zum erstenmal wirklich zum jungen Mädchen wurde. Es war aber auch höchste Zeit, daß jemand kam, das gemütliche Plätzchen am Herdfeuer der guten alten Frau einzunehmen, denn der Sohn war dem Vater nun in den tollen Strudel des Lebens gefolgt, hatte sich ihm aber darin unendlich überlegen gezeigt und in allen Thorheiten und Tollheiten den schwerfälligen Papa überholt, wie der Courierzug, der feuerschnaubend an der behaglich in ihrer Staubwolke dahin kriechenden Postkutsche vorübersaust! In drei Jahren war Louis mit der Erbschaft seiner Mutter fertig; er stand eben im Begriff, sämtliche Wucherer mit seiner Unterschrift zu beglücken, als in wenigen Minuten ein Schlaganfall, der seinen Vater traf, ihn in den Besitz des ganzen ungeheuren Vermögens setzte. Von einem Feste bei Lereboulley zurückgekehrt, hatte Hérault eine gewisse Schwere im Kopfe empfunden. Er hatte sich bei seinem Diener über Kopfschmerzen und Schwindel beklagt, und am andern Morgen fand man ihn tot in seinem Bette. Um fünfzehn Jahre war sein Leben kürzer als das seines Vaters gewesen, ohne Zweifel, weil er weniger gearbeitet und sich mehr dem Vergnügen hingegeben hatte. Am Morgen des Begräbnistages, als der Haupteingang des Hotels Hérault-Gandon mit schwarzen Draperieen behangen wurde, zwei Stunden, ehe der mit Silberstickereien und Federbüschen geschmückte Leichenwagen den Sohn des Werkmeisters der Graviller Hüttenwerke zur letzten Ruhe bringen sollte, hatte ein kleiner Handkarren vor dem Thore gehalten, von welchem zwei Packträger ein dürftiges Mobiliar abluden. Der Portier hatte den Männern mit verdrossener Miene hingeworfen: »Wie ungeschickt, daß ihr gerade heute kommt!« »Wir haben doch heute den Fünfzehnten; Euer Toter hat unrecht gehabt. Euer Toter hat den Fehler gemacht,« erwiderte der Dienstmann. »Es ist der Hausherr,« unterbrach ihn streng der Portier. »Um so schlimmer,« erwiderte der Arbeitsmann achselzuckend, »ein Wirt, der am Quartalstage ausrückt, da liegt doch kein Sinn drin.« »Vorwärts, macht, daß ihr die Treppe hinaufkommt, ehe man den Sarg herunterbringt!« Mit drei Gängen war der Einzug besorgt. Als gegen zehn Uhr die Menge der Verwandten und der zum Begräbnis Geladenen, sowie der Fabrikarbeiter sich im Faubourg sammelte, drängte sich ein junges Mädchen durch die dichten Reihen. Sie warf einen fragenden Blick auf die Häuserreihe, offenbar machte der traurige schwarze Schmuck ihr das gesuchte Haus fast unkenntlich; als sie aber erkannt, daß ihr künftiges Heim sie so düster empfing, erfaßte sie ein leiser Schrecken, dann trat sie in den Hausgang, kniete neben dem mit Blumen und Kränzen geschmückten Katafalk nieder, von dem der durch die Kerzenwärme sich entwickelnde Duft der Blumen betäubend aufstieg, sprach ein kurzes Gebet und eilte die Treppe hinauf. Das junge Mädchen war Helene von Graville, die in dem Augenblick, als Pierre Hérault sein Haus verließ, dasselbe betrat. Sie kannte nicht einmal den Namen dieses Mannes, den ihre Großmutter durch die Verheiratung Fifines zu einem legitimen Kinde gemacht hatte. Die Gräfin hatte ihre gute That, wie diejenigen, denen dieselbe zu teil geworden, rasch vergessen. Als ihr Sohn herangewachsen, war er seinem Vater in der Bewirtschaftung des Gutes und der Leitung des Hüttenwerkes gefolgt. Er hatte sich verheiratet, und dieser Ehe war als einzige Tochter Helene entsprossen. Wie es so häufig in diesem Jahrhundert fieberhafter Thätigkeit und unerbittlichen Kampfes vorkommt, schwand das Vermögen Gravilles immer mehr und mehr, während das seines früheren Arbeiters, dessen Meister und Herr er gewesen, ständig wuchs. Das von einem unfähigen Geschäftsführer geleitete Hammerwerk Le Glandier hatte Geld verschlungen, anstatt solches einzubringen, und mußte, da es nicht mehr zu halten war, verkauft werden. Um sich wieder flott zu machen, hatte Herr von Graville einige Spekulationen unternommen, deren Gelingen aber der ausbrechende Krieg vereitelte. Im Jahre 1875 mußte das mit Hypotheken überlastete Gut Graville verkauft werden und fiel für ein Geringes einem Bankier in Dieppe zu. Unter der Regierung des Marschalls Mac Mahon war es einflußreichen Freunden gelungen, Graville eine einträgliche Steuerpächterstelle zu verschaffen. Er wurde jedoch in den Sturz des Marschalls vom 16. Mai hineingerissen und befand sich plötzlich auf dem Pflaster von Paris ohne Hilfsmittel und ohne Gönner. Wütend über sein Mißgeschick und unfähig, sich an ein bescheidenes Leben zu gewöhnen, hatte er das wenige Geld, welches ihm geblieben, zusammengerafft und sich nach Texas eingeschifft, um in diesem an Schätzen wie an Gefahren reichen Lande den Tod oder schnellen Wohlstand zu suchen. Der Tod war leichter zu finden gewesen als der Wohlstand. Der Abenteurer war nicht wiedergekehrt, und seine Witwe hatte sich nach Arbeit umsehen müssen, um ihr Leben zu fristen. In dieser schwierigen Lage entwickelte die damals sechzehnjährige Helene eine seltene Tapferkeit und Charakterstärke. Als sie ihre Mutter unter der Last der unaufhörlich sich folgenden Unglücksschläge erliegen sah, führte sie allein mit fester Hand alle die Veränderungen durch, welche ihre jetzigen Verhältnisse erheischten. Das einzige Dienstmädchen, das sie noch hatten, wurde verabschiedet und die große Wohnung, die sie bis dahin innegehabt, gegen eine kleinere aus zwei Zimmern bestehende in der Rue de Clery vertauscht. Ein Konfektionsgeschäft hatte ihr Arbeit anvertraut, und vom Morgen bis Abend hefteten und nähten die flinken Finger des jungen Mädchens mit überraschender Geschicklichkeit und Schnelligkeit. Das für den Reichtum geborene Kind ward eine unermüdliche, vor nichts zurückschreckende Arbeiterin, und es war, als ob der Zauberstab einer gütigen Fee ihr Werk fördern helfe. Die Mutter that nichts, als ihr verlorenes Glück beweinen und ihre traurige Zukunft bejammern. Helene aber tröstete sie dann wohl mit entsagungsvollem Lächeln: »Es ist wahr, Mütterchen, unser Schicksal ist nicht glänzend, aber es scheint vielen noch beneidenswert. Wenn es einem schlecht ergeht, muß man sich immer mit denen vergleichen, die noch übler dran sind, dann findet man das eigne Los wieder ganz erträglich.« »Du hast gut reden,« entgegnete die arme Frau jammernd, »du hast noch keine festgewurzelten Gewohnheiten abzulegen; wie soll ich aber, die ich bessre Tage gesehen, mich in dies Leben finden? Was für eine Zukunft liegt vor mir! Wenn du krank wirst, sind wir verloren, denn ich bin dir ja nur zur Last.« »Das gerade freut mich. Ich bin stolz, dir ein wenig die Sorgen und Mühen zu vergelten, die du meinetwegen gehabt hast. Ängstige dich nicht! Ich bin stark und gesund. Nichts erhält die Gesundheit so sehr, als Mäßigkeit und Arbeit.« Sie lachte, schüttelte dann ernst den kleinen Kopf und fuhr fort: »Übrigens will ich nicht krank werden!« »Du willst nicht,« wiederholte die Mutter mutlos, »ja wenn das Wollen allein genügte, dann wäre es schön.« »Das Wollen thut viel,« versicherte Helene mit einem leichten Stirnrunzeln, das dem jungen Gesicht einen ungemein energischen Ausdruck verlieh. »Der Mensch kann viel, wenn er will. Freilich mit so einem Fünfminutenwillen ist's nicht gethan, wie die Leute oft meinen, es muß schon ein fester, beharrlicher sein, der Wind und Wetter aushält.« »Woher hast du nur diese Zuversicht?« fragte Frau von Graville, über diesen entschiedenen Optimismus etwas gereizt. »Ich weiß es nicht,« erwiderte Helene. »Es liegt in mir. Ich kann nicht anders denken und ich will danach handeln.« »Ich will! ... Ich will! ...« wiederholte melancholisch die Mutter. ... »Der König sogar sagt: Wir wollen.« »O! er hat seine Minister,« rief Helene lustig und küßte ihre Mama. »Ich aber habe keinen und bin daher freier als er.« Sie setzte sich wieder an ihre Arbeit und begann eifrig zu nähen. Frau von Graville pflegte ihre Tochter »Fräulein ich will« zu nennen. Sie neckte sie zuweilen, aber im Grunde machte doch diese Festigkeit einen tiefen Eindruck auf sie; sie fühlte, daß das Kind ihr an Herz und Geist weit überlegen war, und mit jener vertrauenden Hingabe, die allen schwachen Wesen eigen ist, überließ sie der Tochter ihre ganze Lebensführung, Sie brauchte das nicht zu bereuen, denn schon nach zwei Jahren hatte sich ihre Lage dergestalt verbessert, daß wieder ein gewisser Wohlstand in dem Haushalt eintrat. Die Geschicklichkeit und Pünktlichkeit Helenes wurden geschätzt, und die Konfektionsgeschäfte, für welche sie einmal gearbeitet, suchten in dauernde Verbindung mit ihr zu treten. Man hatte ihr oft vorgeschlagen, als Direktrice in ein Geschäft einzutreten, aber dieses halb dienende Verhältnis sagte ihr um so weniger zu, als sie sich dann auch von ihrer Mutter hätte trennen und sie vom Morgen bis zum Abend allein lassen müssen, was die kränkelnde Frau in keiner Hinsicht ertragen hätte. So blieb Helene »Stückarbeiterin«, wie sie sich selbst gern nannte, und den lieben langen Tag flog ihre Nadel in dem stillen Stübchen, in das der Lärm der Geschäftsstraße nur wie ein fernes Summen herausdrang. War der Abend gekommen, so zündete sie die Lampe an und setzte ihre Arbeit in dem kleinen Raum, der als Eßzimmer diente, fort, während die Mutter nach und nach über ihrer Zeitung einnickte und sich um elf Uhr seufzend ausziehen und zu Bette bringen ließ. Helene setzte sich dann zu ihr und las ihr vor, bis sie vollständig eingeschlafen war. Hatte Frau von Graville einmal einen Augenblick guter Laune, dann sagte sie wohl: »Wir haben die Rollen getauscht. Du bist die Mutter, und ich bin ein altes, thörichtes Kind.« Sie war in der That ein Kind, dem Gegenwart und Zukunft geopfert werden mußte. Wenn Helene volle Freiheit zu handeln gehabt hatte, wenn sie, anstatt behindert, unterstützt worden wäre, so würde sie wahrscheinlich ihr Glück im Geschäft gemacht haben. Ihre geräuschlose Thätigkeit, das fröhliche Vertrauen, welches sie stets zeigte, erwarben ihr aller Herzen; man fühlte ihr gegenüber sofort, daß man es mit einer tüchtigen, bedeutenden Natur zu thun hatte. Sie war hübsch und gefiel, und unter den verschiedenartigen Anträgen, denen sie sich zu ihrem Schmerz ausgesetzt sah, war auch ein ernst gemeinter und höchst ehrenwerter. Der Besitzer des großen Magazins für Trauergegenstände »Zur Immortelle« hatte sie heiraten wollen. Derselbe war vierzig Jahre alt, ziemlich häßlich, aber sehr intelligent und sehr reich. Trotz des Zuredens der Mutter, die in dieser Verbindung eine glückliche und sorgenlose Zukunft für ihre Tochter sah, hatte dieselbe den Antrag ausgeschlagen. Sie wollte lieber einer einsamen Zukunft entgegengehen, als einen Mann heiraten, den sie nicht liebte. Ihre Mutter hatte sich über diesen Entschluß wirklich gegrämt; der Besitzer der »Immortelle« hatte ihr gefallen: »Bei dem hättest du deinen berühmten Willen in allen Stücken durchsetzen können, der Mann wäre dein Sklave geworden,« sagte die Mutter. »Was kann mir das nützen, wenn er mir gleichgültig ist? Mir macht es nur Vergnügen, zu wollen, wenn es für diejenigen geschieht, die ich liebe,« erwiderte Helene. Das Leben der beiden Frauen floß so drei Jahre lang ohne besondre Ereignisse dahin, ein Tag glich dem andern, und jeder derselben war mit Arbeit und Liebe ausgefüllt, bis eine Katastrophe diese glückliche Einförmigkeit unterbrach. Frau von Graville starb plötzlich an einem Aderbruch, und Helene stand nun, ohne irgendwie ein solches Unglück geahnt zu haben, mutterseelenallein auf der Welt. Eine Woche lang war das sonst so mutige Mädchen wie gebrochen, ihr klarer Verstand wie aus den Fugen gegangen. Der Vater war fern von ihr gestorben, und wie schwer sie auch seinen Verlust empfunden, so hatte der Schlag doch nicht so unmittelbar in ihr Leben eingegriffen, wie der, der sie jetzt niederschmetterte. Die arme Frau, neben der sie seit ihrer Geburt, ohne eine Minute der Trennung, im vollsten gegenseitigen Verständnis und Vertrauen gelebt, war ihr jäh genommen. Alle Bande des Blutes, die die zärtliche Tochter mit ihrer Mutter verknüpften, waren zerrissen, und diese Trennung verursachte ihr einen furchtbaren Schmerz. Einen Augenblick sah Helene in ihre Zukunft wie in einen düsteren und leeren Abgrund; ein Schwindelgefühl überkam sie und dann brach sie in dem vereinsamten Zimmer in bittre Thränen aus. Aber es lag nicht in Helenes Natur, sich allzu lange thatenloser Verzweiflung zu überlassen: kaum war sie wieder Herr ihrer Vernunft geworden, so erkannte sie, daß der Aufenthalt in den Räumen, wo alles und jedes sie an die Mutter erinnerte, für sie unmöglich war; sie sah sich nach einer andern Wohnung um und siedelte in ihrem ernsten Trauergewande gerade an dem Tage in das Faubourg Poissonnière über, wo Louis seinen Vater zum Friedhof geleitete. Geheime Sympathieen entstehen oft, wenn wir uns rein zufällig mit einem andern in frohen oder traurigen Gedanken begegnen. Das Fenster Helenes ging auf den Hof des Hotels hinaus, und so sah sie jeden Tag den gleich ihr in tiefe Trauer gekleideten jungen Mann vorbeikommen. Diese Ähnlichkeit ihres Geschickes, das gleiches Unglück über den Sohn des reichen Hauses, wie über die arme junge Arbeiterin verhängt hatte, zog die sympathische Aufmerksamkeit Fräulein von Gravilles auf Louis. Zum erstenmal in ihrem Leben ruhten ihre Augen so lange auf einem Manne. Nach dem Tode des Herrn Hérault führte Louis sechs Monate lang das regelmäßigste Leben. Es schien, als ob ein bessrer Geist über ihn gekommen wäre. Er lebte ganz mit seiner Großmutter, frühstückte mit ihr, ging nach Saint Denis in das Arbeitszimmer seines Vaters, überwachte daselbst die Arbeiten des Werkes, kam zum Diner nach Hause und brachte meist die Abende bei Frau Hérault mit Emilie Lereboulley zu, die nun doppelt aufmerksam für ihre alte Freundin sorgte. Helene, die am Fenster saß, sah Louis morgens und abends. Sie kannte nicht einmal seinen Namen, da sie wegen des Mietkontraktes nur mit dem Intendanten der Familie Hérault verhandelt hatte. Rein zufällig erfuhr sie den Namen von Vater Anselm, der denn auch gleich hinzufügte, daß der junge Mann sehr reich, aber etwas locker sei. Der Abstand zwischen der kleinen Näherin und dem Erben des Hauses Hérault war so groß, daß Helene sich ganz ruhig und unbefangen gestattete, an den hübschen Menschen zu denken, der nach der Versicherung des alten Portiers ein so lockerer Zeisig war. Dieser mußte übrigens stark übertrieben hauen, denn Louis führte ein exemplarisches Leben, ging jeden Abend zu derselben Stunde aus, kehrte zu derselben Stunde heim, kurz, war regelmäßig wie eine Uhr. Dabei trug sein Gesicht immer den Ausdruck sanfter Traurigkeit und zeigte stets jene angeborene Liebenswürdigkeit, die ihm bei all seinen Thorheiten und Missethaten doch überall die Herzen gewann. Während der ersten Monate des Schmerzes und der Trauer hatte Louis allen Ernstes den Entschluß gefaßt, seine Gewohnheiten zu ändern und ebenso vernünftig zu werden, wie er bis dahin leichtfertig gewesen war. Er war jetzt sechsundzwanzig Jahre alt; hatte er sich denn nicht genug amüsiert, und konnte er sich nicht jetzt ebenso ernstlich mit Geschäften befassen, wie er früher dem Vergnügen nachgejagt hatte? War es vielleicht keine fesselnde, den ganzen Menschen erheischende Thätigkeit, dieses mächtige Hüttenwerk von Saint Denis zu leiten, in dessen gewaltigem Getöse zweitausend Menschen alltäglich ihre Kraft einsetzten, ihm zum Nutzen? War er nicht überdies in einer Menge Lereboulleyscher großartiger Unternehmungen mitbeteiligt? Es war ein weites Arbeitsfeld, das vor ihm lag, und seine geistige Kraft reichte aus, es zu bewältigen, sobald er nur ernstlich wollte. Mit rührender Freude hatten die Werkführer der Fabrik sein erwachendes Interesse am Geschäft begrüßt, die Leute atmeten auf im Gedanken, wieder einen wirklichen Herrn und Meister gefunden zu haben. Ihr Entgegenkommen ermunterte Louis und machte, daß er etwas länger bei seinen guten Vorsätzen verharrte, als dies vielleicht geschehen, wenn er sich selbst überlassen gewesen wäre. Nach sechs Monaten aber war er des zurückgezogenen Lebens und der Arbeit gründlich überdrüssig. Er erschien wieder im Klub, wo man ihn mit einer Herzlichkeit willkommen hieß, die ihn natürlich sofort gefangen nahm und in diesem Kampf zwischen Pflicht und Vergnügen den seiner Natur gemäßen Ausschlag gab. Von da ab speiste Frau Hérault wieder fast jeden Abend mit Emilie Lereboulley allein, und die kleine Nähterin hatte nicht mehr häufig Gelegenheit, dem jungen Manne mit ihren Augen zu regelmäßigen Tagesstunden zu folgen. Als er zum erstenmal nicht zum Diner heimkehrte, vergaß sie ihre eigne bescheidene Mahlzeit. Das Gesicht gegen die Fensterscheibe gedrückt, die thätige Nadel auf dem Schoße ruhen lassend, erwartete sie den volltönenden Schritt, den sie schon von weitem unter der Hausthür erkannte, und der ihr die Rückkehr Louis' anzeigte. Langsam brach die Nacht herein, die Fenster des Hotels wurden hell, der Wagen Emilies rollte in den Hof, dann begann das Hin- und Hergehen der das Diner servierenden Diener auf den Flurgängen. Es schlug acht Uhr auf der Kirche Saint Eugène, als Helene sich beklommenen Herzens sagte: Er kommt heute nicht heim. Sie seufzte, und traurig, als ob sie einen Freund verloren, trat sie in ihr Schlafzimmer. Von dem Tage an dachte sie nicht mehr an Louis. Drittes Kapitel. Das Fest des Grafen Woroseff hatte gehalten, was es versprochen. In der mit elektrischem Licht feenhaft erleuchteten Halle seines Hauses in den Champs Elysées wogte in einer berauschenden, aus Blumenduft und den Parfüms der Damen gemischten Atmosphäre eine lebensfrohe, glänzende Gesellschaft auf und ab. Von einer dreifachen Reihe von Zuschauern umgeben, tanzten die Paare nach der verlockenden Musik eines Orchesters, welches von einer hinter Grün verborgenen Loggia geheimnisvoll seine Klangwellen auf die Gesellschaft herabrauschen ließ. Von der Galerie, die rings um die erste Etage lief, beobachteten einzelne Gruppen das anziehende Bild, das buntbewegte Intriguenspiel, in welchem sich die hellschimmernden Dominos der Damen unter die schwarzen und roten Fracks der Herren mengten. Die Musik übertönend, drang zuweilen, wie rauschender Flügelschlag, das Stimmengewirr herauf, mit dem sich silbernes Lachen zum Jubelton dieser Festnacht einte. Auf der großen holzgeschnitzten Treppe, deren Wände prachtvolle Gemälde von Baudry schmückten, drängte sich eine Menge Neugieriger hinauf, um die luxuriösen Privatgemächer des Grafen zu besichtigen. Alle Räume des Hauses, das ein wahres Wunder künstlerischer Ausstattung, waren geöffnet, von dem Renaissance-Vestibül mit den Florentiner Mosaikwänden bis zu dem Schlafzimmer im Geschmack Louis XV., dessen leuchtende Decke in der galanten Welt berühmt war. Die Geladenen hatten überall Zutritt. Der vornehme Russe hatte seinen Freunden gesagt: »Ihr seid während dieser Nacht hier zu Hause,« und mit der üppigen Gastfreiheit eines Satrapen des Orients hatte er alles, was er an Kostbarkeiten besaß, ihnen zur Verfügung gestellt. Er schien in seinem eignen Hause nur der Eingeladene der Gäste, die ihn dieses Fest zu geben aufgefordert hatten. Alles, was Paris an Liebenswürdigem, Berühmtem, Interessantem aufzuweisen hatte, war geladen. Eine Ausnahme hatte Woroseff jedoch gemacht, ein einziger war ausgeschlossen: der Herzog von Bligny, der ihm vor zwei Jahren seine Frau entführt hatte. »Daß er mir die Gräfin genommen,« hatte der Graf gesagt, »wäre ja kein Grund, ihn nicht einzuladen, aber daß er mir bei dem natürlich dazu gehörigen Duell eine Kugel in die Hüfte gejagt, infolge deren ich meiner Lebtage hinken muß, ist unverzeihlich. Eine Frau läßt sich ja ersetzen, ein Bein niemals!« Alle großen Klubs waren durch ihre bekanntesten Mitglieder vertreten, und unter den Kapuzen erkannte man, da einige Damen der Hitze wegen die Masken abgelegt hatten, die hübschesten Schauspielerinnen von Paris. Von der Presse war ein Dutzend ihres Talentes und ihres Taktes wegen rühmlichst bekannter Journalisten eingeladen. An eine Marmorsäule gelehnt, hörte der Meister des heutigen Theaters, der an seinem hohen Wuchs, seiner mit rebellischem Haar geschmückten Stirn und einem langen grauen, den spöttischen Mund einrahmenden Schnurrbart erkennbar war, Dumas fils. lächelnd zwei jungen Damen zu, die ihn über einen ganz besonders schwierigen Gewissensfall konsultierten. Etwas von ihm entfernt stand der einzige Schriftsteller – mager, bleich, mit seinem Napoleonskopf Sardou. – der an Berühmtheit und Erfolg dem großen Verfechter von Paradoxen an die Seite zu stellen ist, und brannte unaufhörlich ein wahres Feuerwerk geistreicher Einfälle ab, in welchem die Witzworte wie Raketen emporschossen. Der Nachfolger der vlämischen Meister, Meissonier. Anm. d. Übers. ebenso klein an Wuchs, wie groß an Talent, strich seinen wallenden Bart, als der berühmte Musiker Vignot mit erhobenem Apostelkopf und begeisterter Miene über Malerei sprach, als ob seine Kompetenz bei allen Dingen erwiesen sei. Eine junge Tänzerin der Oper, deren Ruhm, natürlich sorgfältig von einem kunstliebenden Bankier gepflegt, bereits an die höchsten Sterne heranragte, hing am Arme des noch sehr jugendlichen Direktors der Comédie française und that ihm schön, als ob sie in den Verwaltungsrat seines Theaters aufgenommen zu werden hoffte. Dieser rühmte lächelnd die italienische Tanzkunst und wurde zum Lohn, daß er die Cornalba in die Wolken erhob, mit dem Fächer auf die Finger geklopft. Der Prinz von Cravan, ein Schiedsrichter für alles, was Eleganz anlangt, führte an seinem Arm einen hermetisch maskierten Domino und schüttelte, wenn man fragte, wer die Dame sei, lächelnd sein graues Haupt. Eine vornehme Dame hatte ihm gesagt: »Bitte, stellen Sie mich vor!« worauf der Prinz entsetzt ganz leise geantwortet: »Unmöglich, es ist Grille d'Egout!« Die berühmte Pariser Cancantänzerin, Anm. d. Uebers. Es waren in der That allerhand Menschen da, und für jeden Geschmack war auf dieser Redoute gesorgt, zu der Herzoginnen und Damen der Halbwelt, verhüllt oder unverhüllt, hatten kommen können. Nur den Herren war beim Eintritt ihre Karte abverlangt, das Inkognito der Damen aber gewissenhaft respektiert worden. Wenn man Woroseff aufs Gewissen gefragt hätte, wer eigentlich bei ihm sei, so wäre er um die Antwort verlegen gewesen. Aber gerade diese Mischung von Laster und Tugend, dieses sich Begegnen von Gesellschafts- und Lebenskreisen, die für gewöhnlich durch unübersteigbare Schranken getrennt sind, hatte einen besondern Reiz. In einem mit prächtigen Waffen geschmückten kleinen orientalischen Salon saß Lereboulley mit Sir James Olifaunt, de Bramberg und Selim Runo an einem Spieltische, im Begriffe, eine Partie Poker zu machen. Die schöne Diana hatte den Arm Clement von Thauziats genommen, um einen Rundgang durch die Gemächer zu unternehmen, und der Senator, der sie unter dem Schutze dieses gefürchteten Kavaliers wohlgeborgen wußte, schickte sich an, in voller Seelenruhe seinen fremdländischen Geschäftskollegen einiges Geld abzunehmen. Seit der halben Stunde, die er hier war, hatte ihn nichts aus seiner Ruhe aufgescheucht; auf seinem Pfaffengesicht, mit den pechschwarzen Haarlocken an den Schläfen, prägte sich volle Befriedigung aus, als ein Paar in den Salon trat und etwa zwei Schritte von dem Tische entfernt stehen blieb. Die Dame war klein, schmächtig und trug einen hellblauen, mit schönen Valencienner Spitzen besetzten Domino. Der Kavalier war Louis Hérault. »Sieh da,« sagte der Senator lebhaft, »Sie sind schon versehen. Sie gehören niemals zu den Nachzüglern!« Louis sah Lereboulley an und lächelte ruhig: »Wenn ich diese junge Dame hier herumführe, lieber Freund, so geschieht das Ihnen zuliebe.« »Ich kenne sie also?« »Wo wäre die Dame zu finden, die Sie nicht kennen?« »Na, wer ist denn diese da?« Der würdige Senator ließ seine Partie im Stich, näherte sich dem Domino und stand im Begriffe, den Spitzenbart der Maske aufzuheben, als die Unbekannte rasch ihre Hände auf seine Schultern legte und ihn flüchtig auf die Wangen küßte. »Hallo!« rief Louis lustig, »das ist eine Zärtlichkeit, von der ich noch nichts erfahren habe.« Der Domino sprang zurück, brach in helles Lachen aus, bei dessen Klang sich die Stirn Lereboulleys bewölkte, ergriff von neuem schnell und leicht den Arm seines Kavaliers und rauschte in das nächste Zimmer. »Ich hätte wetten mögen, daß es die übermütige Emilie war,« murmelte der Senator, wobei er der jungen Dame mit den Blicken folgte. Er zuckte darauf gleichmütig die Achseln, setzte sich an seinen Tisch und begann eine neue Partie. Es war in der That Emilie gewesen, die seit einer Stunde mit ihrem Freunde von Gruppe zu Gruppe wandelte, dort einen lustigen Witz, da ein launiges Wort hinwarf und mit vollen Händen aus dem Schatze ihres Geistes schöpfte und gab. Ein Haufen Neugieriger hatte sie umgeben, als sie sich mit einer der feinsten Klingen der litterarischen Welt in ein Wortgefecht eingelassen. Mit verstellter Stimme neckte sie den Gegner und wußte ihn durch die Grazie ihrer Einfälle zu immer neuem Angriff zu reizen; ohne je plump oder verletzend zu werden, flogen die satirischen Bemerkungen hin und her wie feurige Leuchtkugeln. Louis, der dank seiner Begleiterin das Ziel aller Blicke wurde, ließ sie entzückt gewähren, unterstützte sie, wenn es notwendig war, mit gutmütiger Fröhlichkeit und gehorchte verständnisvoll dem leisen Druck ihres Armes, wenn sie sich in einen andern Salon begeben wollte. Sie hielt sich überall nur kurze Zeit auf, sprach zu allen Gästen, die sie kannte – und es war der größere Teil – mit verstellter Stimme, drängte sich dann wieder durch die Menge und schien mit ihrem hellen Blick jemand zu suchen. Louis und sie waren auf diese Weise an dem Eingange eines Gewächshauses angelangt, wo unter großblätterigen Blattpflanzen, inmitten von seidenweichen, smaragdgrünen Lykopodien, ein kleiner Bach, der aus der Urne einer marmornen Nymphe strömte, hell plätschernd in ein Becken fiel. Vergoldetes Gitterwerk, mit roten und weißen Kamelien übersäet, bedeckte die Wände, und von der Glasdecke hingen untereinander verschlungene Lianen herab. Wie die geheimnisvolle Gottheit dieses dufterfüllten, fremdartigen Ruheplätzchens erhob sich auf einem Bronzepiedestal eine Venus aus schwarzem Marmor, Mit dem berauschenden Duft der Blumen und Pflanzen mischte sich der scharfe Geruch des Humus und rief eine heiße und schwüle Atmosphäre hervor. Beim Betreten des Gewächshauses bemerkte Louis, daß der Arm Emilies in dem seinen erzitterte und ein halberstickter Seufzer sich den Lippen des jungen Mädchens entrang. Er hatte nicht nötig, nach der Ursache zu fragen, sah er doch Clement von Thauziat vor einer Marmorbank stehen, auf der eine in einen weißen Domino gehüllte Dame saß. Unter der Kapuze der letzteren drängte sich vorwitzig eine Locke goldblonden Haares hervor, und unter der schwarzen Maske, die den oberen Teil des Gesichtes bedeckte, zeigte sich ein rosiger Mund, zwischen dessen Lippen zwei Reihen Perlenzähne schimmerten. Wenn sie lachte, stellte sich auf jeder Wange ein reizendes Grübchen ein. Soweit man unter dem faltigen, sie dicht verhüllenden Kleidungsstück erkennen konnte, war die Dame groß und schlank. Sie streckte ihr kleines, mit einem weißen Atlasschuh bekleidetes Füßchen, dessen schneeige Haut unter den seinen Maschen eines durchbrochenen Strumpfes durchschimmerte, bis zu dem ausgezeichnet seinen Knöchel unter ihrem Kleide vor und bewegte dasselbe leicht hin und her; die nicht eben kleinen Hände spielten mit einem rosenroten Federfächer. Clement, der in seiner weißen Atlasweste, einer Blume im Knopfloch, mit seinem vornehmen Kopf wie ein italienischer Prinz aussah, plauderte leise mit ihr, wobei er ihr vertraulich mit seinem Claque Kühlung zufächelte. »Ah, da ist ja der hochedle Herr von Thauziat,« rief Emilie mit Falsettstimme, »und, wie immer, mit einer hübschen Frau! ... Guten Abend, Euer Gnaden,« fuhr sie fort, indem sie sich mit komischer Grazie verneigte, »Sie haben also gar keine Furcht, sich zu kompromittieren, da Sie sich von einem so gefährlichen jungen Manne den Hof machen lassen?« Ohne zu antworten, setzte der weiße Domino sein Spiel mit dem Fächer fort. »Auf diese Weise können Sie Ihre holde Stimme schonen,« sagte Emilie, »und reden sich keinesfalls heiser. Ah, was für einen hübschen Fuß wir haben! Und erst die Hand! Lassen Sie doch einmal sehen!« Noch ehe die Dame es wehren konnte, hatte sie deren Hand ergriffen, zog ihr mit Geschicklichkeit den langen weißen, schwedischen Handschuh aus, befühlte ihre Finger und drehte sie nach Art der Wahrsagerinnen hin und her. »Verstehst du denn wahrzusagen, schöne Maske?« sagte Clement lächelnd. »Sobald es gewünscht wird, nur bin ich nicht diskret und enthülle alles, was ich sehe.« »Das ist nur um so pikanter. Was hat man denn dir wahrgesagt, Louis? Jedenfalls hast du dir dein Horoskop stellen lassen. – Du hattest ja die schönste Gelegenheit dazu.« »Ist aber nicht geschehen und deine schöne Freundin wird die erste sein, an der ich meine Kunst übe, wenn's ihr gefällig ist.« Der weiße Domino wollte, ohne zu antworten, seine Hand zurückziehen, aber Emilie hielt sie fest in ihren nervigen Fingern, und die Dame mußte sich, da sie es auf einen Kampf, der möglicherweise zu ihrem Nachteil ausschlug, nicht ankommen lassen wollte, in ihr Schicksal ergeben. Emilie beugte sich auf die rosig-weiße Handfläche hernieder und schwieg einen Augenblick. Ihre Augen blitzten diabolisch durch die Oeffnungen der Maske, und sarkastisch kniff sie den Mund zusammen. »Oh!« sagte sie, den Ton ihrer Stimme ändernd, »das ist ja eine ganz merkwürdige Hand! Hat man sie erst studiert, so ist es unmöglich, auch nur den geringsten Zweifel über ihre Besitzerin zu hegen, denn ihre Natur zeigt sich darin ohne jegliche Verhüllung: welch prachtvolle Kopflinie, die die ganze Lebenslinie beherrscht, die Herzenslinie ganz in Hintergrund drängt, und sogar Leidenschaften, Launen und Wünsche, alles was die armen Sterblichen bewegt, der Berechnung unterthan macht. Die Venuslinie ganz mit der Merkurlinie verbunden, Liebe und Spekulation Hand in Hand. Da steht's klar und deutlich,« sagte sie und berührte dabei mit ihren mageren Fingern die Höhlung der Hand, »wir kennen den Wert unsrer Schönheit, und wer vor unsern Augen Gnade finden will, darf Diamanten und Perlen nicht sparen.« Emilie konnte ihre unerbittliche Untersuchung nicht fortsetzen. Der Domino hatte sich heftig erhoben, ihr die Hand mit Gewalt entzogen und einen Blick tödlichen Hasses auf das junge Mädchen geschleudert. »Nun, was gibt's denn?« fragte Fräulein Lereboulley spöttisch in ihrer burschikosen Weise. »Sind die Gnädige böse? oder gar beleidigt? oder gar eine vornehme Dame? Ach die verstehens oft noch besser als die andern!« Als er sah, welch drohende Wendung der Vorfall annahm, war Louis unruhig geworden; es schien jedoch, daß ihm weit mehr daran lag, die Dame im weißen Domino gegen die heftigen Ausfälle Emilies zu beschützen, als diese dem Zorn der von ihr so grausam Beleidigten zu entziehen. Das junge Mädchen schien einige Sekunden lang wirklich in Gefahr; das Gesicht ihres Opfers war totenbleich geworden, und die Zähne bohrten sich in die sich entfärbenden Lippen. Zischend vor Wut erhob sie die Hand, als ob sie im nächsten Augenblick zuschlagen wollte! als sie dann aber sah, daß es ihr unmöglich sein würde, den ihr angethanen Schimpf damit zu rächen, wandte sie sich heftig ab und eilte mit den Worten: » She shall pay for it, das soll sie mir bezahlen!« hinaus. »Bezahlen soll ich es ihr,« rief Emilie schrill auflachend. »Nun, da hatt' ich ja recht, wenn ich sagte, daß bei ihr nichts umsonst zu haben.« Auf den schönen Flüchtling zeigend, sagte sie hastig zu ihrem Begleiter: »Nun, laufen Sie ihr doch nach, mein Lieber! Sie brennen ja darauf.« »Und Sie befehlen mir das wohl, damit ich Sie mit Thauziat allein lasse?« bemerkte der junge Mann launig, indem er zur Wahrung von Emilies Inkognito sich ebenfalls des »Sie« bediente. »Vielleicht,« erwiderte das junge Mädchen und legte ihre Hand auf den Arm des stolz dastehenden Clement. ... »Ich bin diesem furchtbaren Ritter zu Dank verpflichtet, weil er nicht versucht hat, seine Dame gegen mich zu verteidigen.« »Wenn sie den Kampf mit Ihnen hätte aufnehmen wollen,« sagte Thauziat ruhig, »so wäre sie vollauf im stande gewesen, das ohne meine Hilfe zu thun.« »Und Sie lassen sie so allein fliehen, ohne ihr nachzufliegen?« »Sehen Sie nicht,« erwiderte er und zeigte auf Louis, der dem weißen Domino folgte, »daß sie bereits einen Kavalier gefunden?« »Sind Sie nicht eifersüchtig? Sie ist schön!« »Schön ist sie, das ist wahr, aber ich habe keinen Grund, eifersüchtig zu sein.« »Oder vielmehr Sie haben jetzt keinen Grund mehr ... freilich ob auch dies wahr ist? ...« »Wenn ich es Ihnen sage?« »Ein schöner Grund das,« erwiderte Emilie mit einem etwas erzwungenen Lächeln. »Das Argument ist vielleicht stark genug, einen Mann zu überzeugen; eine Frau für so thöricht zu halten – lächerlich!« »Ich gebe mir niemals die Mühe, zu lügen.« »Mir gegenüber würde das auch vollständig unnütz sein, ich kenne die Wahrheit viel zu genau, als daß Sie mich täuschen könnten.« Clement lächelte und sagte in spöttischem Tone: »Sie haben vermutlich in der Hand der schönen Blondine gelesen?« »Ob in der Hand jener Dame oder in Ihren Augen – einerlei, ich kenne sie.« »Wieso?« »Kommen Sie dort in jene Ecke, wo wir ungestört sein werden.« Sie zog Clement unter eine große Fächerpalme, die ihre Blätter über eine Laube breitete, in welcher ein kleines Sofa von vergoldetem Bambusrohr stand. Rankende Heliotropen verbreiteten ihren köstlichen Duft und der künstliche kleine Bach rieselte über die weißen Kiesel seines Bettes, das von zwei Streifen feinen Mooses eingerahmt war. Das Licht der Kronleuchter fiel nur schwach und gedämpft durch die tiefgrünen Ranken, die Klänge der Musik drangen wie aus weiter Ferne in den lauschigen Winkel, wie um die beiden nicht ganz vergessen zu lassen, daß der Strom des Lebens ohne Rast und Ruh um ihr weltentrücktes, traumhaft schönes Asyl herflute. In die eine Ecke des Sofas gedrückt, überließ sich Fräulein Lereboulley dem Vergnügen, ihren Begleiter zu mustern. Er erwartete ruhig und lächelnd mit eigentümlicher Sicherheit das Kommende. Fast hätte man glauben können, er hatte gewußt, daß es ihm unmöglich sein würde, dieser Unterhaltung zu entgehen, und daß er sich darauf vorbereitet hätte. Er ergriff zuerst das Wort. »Mein lieber, kleiner Zauberer,« sagte er lustig, »nun erkläre dich einmal. Du behauptest, die Wahrheit zu kennen. Nun, gut! Schütte einmal den Sack deiner Bosheiten aus!« »Das soll geschehen,« erwiderte Emilie. »Fangen wir einmal mit der schönen Diana an. Denn sie ist es, welche sich unter dem weißen Domino verbirgt, und obwohl sie kein Wort gesprochen, habe ich sie doch sofort an ihrem Goldhaar erkannt. Um ihren Namen zu nennen, bedarf es keiner großen Zauberkünste. Hernach kommt die Reihe an Sie. ... Sie haben sie im Jahre 1870 in London entdeckt, sie war in einer Schenke der Chanceray Lane Kellnerin, hieß Kate Brown und versah die Advokatenschreiber mit Butterbrot, Ale und andern guten Dingen, dabei war sie außerordentlich unwissend, aber von bezaubernder Schönheit. Ein Zufall führte Sie in das Lokal, wo sie diente. Sie flößte Ihnen Bewunderung und Mitleid ein. Ein Künstler wie Sie konnte nicht gleichgültig zusehen, daß ein solches Wunder von siebzehn Jahren sich seine Hände mit Gläserwaschen verdarb und seinen Verstand mit Schreibergesellen vertrank. Obgleich es Ihr Prinzip ist, sich niemals das Leben durch eine Frau verkümmern zu lassen, so haben Sie sie doch mitgenommen und von heute auf morgen ihre Lage umgestaltet. Sie war nun keine Dienerin mehr, sondern Ihre Geliebte. Die Jagdsaison hatte eben begonnen, Sie reisten von Schloß zu Schloß, jagten in Yorkshire und in den schottischen Mooren, und zwischen jeder derartigen Expedition brachten Sie einige Tage bei ihr zu. Weil es für Ihr ästhetisches Gefühl unerträglich ist, Menschen in Ihrer Umgebung die Grammatik mißhandeln zu hören und unorthographische Briefe zu empfangen, ließen Sie das Mädchen unterrichten; diese wußte Ihre Großmut zu nutzen und hatte sich in wenigen Monaten dergestalt verwandelt, daß die früheren Gefährten ihres Elends oder ihrer Freuden sie nicht wiedererkannt hätten. Ihrem Gesichte nach war sie noch die alte Kate, in ihrem Benehmen und in ihrem Wesen jedoch eine junge Dame geworden die alles Ungehobelte und Rohe in ihrem Wesen vollständig abgelegt hatte. Um diese Zeit machten Ihre Verhältnisse Ihnen die Rückkehr nach Paris nötig; mit einer Tausendpfundnote und einem Kuß gaben Sie Kate Brown ihre Freiheit zurück. Sie hieß jetzt Diana, von einer Lady Olifaunt war noch nicht die Rede, doch besaß sie alles, was die galante Laufbahn erfordert, eine wunderbare Schönheit, eine tiefe Sittenverderbnis und keinerlei Gewissensskrupel. Sie bedurfte für die Eroberung der Gesellschaft nur eines Geschäftsfreundes, der sich bald fand. Es war Sir James.« Thauziat hatte zugehört, ohne eine Miene zu verziehen. Sein schönes Gesicht blieb ruhig und lächelnd. Man hätte schwören mögen, daß durchaus nicht von ihm die Rede war, und die Mitteilung ihn vollständig gleichgültig ließ. Jetzt erst machte er eine Bewegung der Überraschung und warf, ohne den geringsten Versuch zu widersprechen, ruhig hin: »Wer hat Sie denn so gut unterrichtet? Es gibt wenig Leute, die das wissen, was Sie mir erzählen.« »Ich habe lange Zeit in England gelebt,« erwiderte Emilie immer noch mit verstellter Stimme. »Sprechen aber ganz ohne Accent,« sagte Thauziat mit spöttischem Blick. »Das thut Diana auch und ist erst seit zwei Jahren in Frankreich ... aber diese Geschöpfe sind in einer Weise begabt ... soll ich fortfahren?« »Ja, Sie amüsieren mich sehr!« »Wenn Diana da wäre, würden wir uns noch mehr amüsieren.« »Würden Sie denn das alles in ihrer Gegenwart erzählen?« »Versteht sich.« »Sie hassen sie also?« »Ich erweise ihr nicht diese Ehre. Ich verachte sie, wie den Schmutz im Rinnstein.« »Nehmen Sie sich in acht, sie ist nicht ungefährlich. Sie gehört zu den Frauen, die zum Vitriol greifen.« Emilie konnte sich nicht enthalten, ihre Gleichgültigkeit gegen diese Gefahr durch eine übermütige, knabenhafte Bewegung auszudrücken, und sagte mit ihrer natürlichen trockenen und scharfen Stimme: »Nun, wer sagt Ihnen denn, daß, wenn sie mich entstellte, ich nicht dadurch gewinnen würde?« »Wie kokett!« fiel Thauziat galant ein, worauf Emilie wieder in dem näselnden Maskentone bemerkte: »Aha, Sie wissen also nicht, wer ich bin?« Sie machte eine kleine Pause und fuhr dann fort: »Diana ist ein netter Typus, aber James Olifaunt ist ein viel bemerkenswerterer. Er gehört einer ausgezeichneten Familie an, ist als jüngerer Sohn nach Indien gegangen und hat von dort kein Vermögen, aber großartige Lebensansprüche mitgebracht, welche nun durch die Geliebten der Lady Olifaunt in edelster Weise befriedigt werden, ohne daß dabei irgend einer wagen würde, dem Gatten den schuldigen Respekt zu versagen, denn er ist ein vortrefflicher Pistolenschütze und hat bereits drei Tote auf dem Gewissen, die natürlich im Duell getötet wurden – Sir James ist ein Ehrenmann; er mordet nicht. ... Dieser Raufbold verhält sich übrigens Ihnen gegenüber vollständig ruhig, und nach alledem muß ich annehmen, daß Sie sehr bedenkliche Dinge über ihn wissen ...« »Vielleicht!« »Können Sie mir zufällig sagen, in welchem Kirchensprengel er mit Diana getraut worden ist?« »Nein, aber ich weiß, daß dies in England geschehen,« »Vor dem Schmied von Gretna green vermutlich. Ein Hammerschlag, und die Angelegenheit war geordnet. Auf alle Fälle sind sie durch Interessengemeinschaft dauernd verbunden, und wehe dem, der ihnen in die Hände fällt. Lassen Sie doch diesen armen, unschuldigen Jungen Louis Hérault, als dessen Freund Sie gelten, sich nicht weiter in ein Verhältnis mit der Person verwickeln. Es wird nicht leicht sein, aber vielleicht ist es noch Zeit, ihn zu warnen. Sie allein vermögen das.« »Was fürchten Sie denn für ihn?« »Alles. Bei einer solchen Frau muß man sich auf das Schlimmste gefaßt machen. Louis Hérault ist sehr reich, sehr verliebt, sie könnte sich von ihm entführen lassen, und Sie wissen, was Sir James dann thun würde.« »Nichts. Ich bürge Ihnen dafür.« »Und wenn Louis unglücklich würde?« »Sie haben recht, er ist ein Kind und weiß Diana nicht zu behandeln, aber sobald es not thut, habe ich ein unfehlbares Mittel, ihn zu heilen.« »Das wäre?« »Gestatten Sie mir, daß ich darüber schweige.« »Oh Sie sind ja sehr geheimnisvoll.« »Nur diskret.« Einen Augenblick schwieg Emilie, dann sagte sie leise, als ob ihre Worte von der Spitze ihrer Maske gedämpft würden: »Und wenn man Sie nun fragte, wen Sie lieben?« »So könnte ich die Frage beantworten, ohne irgend jemand zu kompromittieren: Ich liebe niemand!« »Ihr Herz ist also frei?« »Vollständig.« »Seit kurzer Zeit erst?« »Von jeher. Ich habe niemals geliebt.« Thauziat war ernst geworden. Er richtete einen langen Blick auf seine Fragestellerin, dann sagte er langsam, fast feierlich: »Bis auf den heutigen Tag hat mein Herz niemals die Leidenschaft gekannt. Ich habe galante Abenteuer gehabt, habe geliebt, in dem landläufigen Sinne, den man diesem Worte zu geben pflegt, welches das ernsteste ist, das man aussprechen kann. Niemals aber habe ich bis jetzt die Empfindung gehabt, eher mein Leben zu lassen, als auf eine Frau zu verzichten. Wäre ein Freund zu mir gekommen und hätte mir gesagt: ›Ich bin in deine Maitresse verliebt‹ so würde ich ihm vermutlich geantwortet haben: ›Da hast du sie‹ und hätte wahrscheinlich am nächsten Morgen an die ganze Geschichte nicht mehr gedacht, höchstens vielleicht, um mich zu freuen, daß ich einem anständigen Menschen keinen Kummer bereitet, wo es mir so leicht war, ihm ein Vergnügen zu machen. Seitdem ich in ein vernünftiges Alter getreten, habe ich mit allerhand Schwierigkeiten im Leben zu kämpfen gehabt, habe alle meine Kräfte anwenden müssen, um die Hindernisse zu beseitigen, die sich mir in den Weg stellten, ich habe versucht, mir das Glück unterthan zu machen und habe meine Schlacht gegen das Schicksal siegreich ausgefochten. In diesen Kämpfen galt es Freunde und Feinde zu durchschauen und kennen zu lernen, und ich bin zu der Einsicht gelangt, daß die einen im großen Ganzen nicht so hoch zu schätzen, die andern nicht so sehr zu fürchten sind, als man in der Regel annimmt. Ich bin thatsächlich dahin gekommen, zu glauben, daß, um vorwärts zu kommen, es nur genügt, zu wollen, und daß die Welt denen gehört, die einen Willen haben. Bis jetzt habe ich um Geld und Gut gerungen, nach dem Glück zu greifen hatte ich keine Muße. Vielleicht entdecke ich einen dieser Tage die Frau, die für mich erschaffen, denn hier auf Erden hat jedes lebende Wesen seine Ergänzung, die ihm bestimmt ist. Von dieser Stunde an wird alles, was ich an Energie und Kampfesmut besitze, meiner Liebe dienen, besitzen muß ich sie, die mich zum erstenmal die Leidenschaft empfinden lehrt, und ich weiß, daß ich das Ziel erreichen werde, was sich mir auch entgegenstellen mag.« »Und wenn nun eine Frau Sie zuerst liebte?« »So würde ich alles versuchen, um sie wieder zu lieben, weiß aber im voraus, daß mir dies nicht gelingen würde. Eine eingenommene Stadt hat für mich keinen Reiz, Ich brauche die Eroberung; vor mir muß eine uneinnehmbare Festung liegen, die man nur mit Lebensgefahr erstürmen kann, mit einem Worte, ich will den Kampf, ich bin mit einem wahren Abscheu gegen alles Konventionelle, gegen alles von langer Hand Vorbereitete und alles Banale auf die Welt gekommen. Mein Leben lang habe ich einen ausgeprägten Geschmack für das Außergewöhnliche, das Seltene, das Unerreichbare gehabt. Vielleicht ist das mein Unglück. Ich sage mir oft genug, daß ich eines Tages eine grausame Enttäuschung erleben werde, und dennoch thut es mir nicht leid, daß ich ein Jäger nach diesem Unmöglichen geworden, was, ich weiß das recht gut, anmaßend scheinen könnte, wenn es nicht so durch und durch wahr wäre.« »Und wenn nun ein junges, sehr reiches, kluges, aber nicht hübsches Mädchen – nein, hübsch ist sie nicht, aber im stande, jeden Platz auszufüllen, auf den das Schicksal sie stellt – Ihnen ihre Hand anböte, die sie Männern verweigert hat, die Paris zu seinen hervorragendsten zählt, was würden Sie dieser Frau antworten, die kühn genug, sich über die sogenannte Konvenienz der Welt hinwegzusetzen, selbst zu Ihnen käme, was diesem Geist, der hoch genug denkt, um Ihnen zuzutrauen, daß Sie verstehen werden, wieviel sie Ihnen damit gibt, was diesem Herzen erwidern, das heiß genug schlägt, um durch glühende, schrankenlose Hingabe gewisse armselige physische Unvollkommenheiten auszugleichen?« Die Gestalt des jungen Mädchens schien höher, mächtiger zu werden, durch die Öffnungen ihrer Samtmaske blitzten ihre Augen, die auf Clements Arm gelegte Hand zitterte und ihr ganzes Wesen atmete einen berückenden Reiz. Märchenhaft wie die Umgebung wirkte ihre Erscheinung – ein Wort des Königssohnes und aus der neidischen Hülle mußte jung, schön und stolz die befreite Prinzessin hervorschlüpfen. Das Wort, das den Zauber lösen sollte, es blieb ungesprochen. Thauziat senkte den Kopf und blieb einige Sekunden in schmerzliches Sinnen versunken. Sein männlich-schönes Gesicht war düster geworden. Erst als ein Seufzer der neben ihm Sitzenden an sein Ohr drang, sah er auf. Die Hand des jungen Mädchens lag nicht mehr auf seinem Arm; er ergriff dieselbe, drückte sie leise und sagte dann tief traurig, ohne sich Mühe zu geben, seine Bewegung zu verbergen: »Niemals werde ich die Worte vergessen, welche Sie zu mir gesprochen, und was Sie auch immer von mir verlangen mögen, ich bin bereit, es zu thun ...« Und als das junge Mädchen ihre Verwirrung nicht verbergen konnte, fuhr er in achtungsvoller Zärtlichkeit fort: »Ich weiß, wer Sie sind, ich habe Sie sofort erkannt und vollkommen verstanden. Es handelte sich um Sie, und Sie haben mir, weiß Gott, mehr Ehre erwiesen, als ich wert bin. Vielleicht gehe ich in diesem Augenblicke – ja ich fühle, daß es geschieht – an meinem Glück vorüber. Aber ich müßte nicht der sein, der ich bin, wenn ich mich selbst Lügen strafen und das thun wollte, was ich von jeher verschworen. Mich binden und wissen, daß mein Wille nicht ausreicht, ein solches Band zu lösen, wäre eine schlechte Handlung, denn ich bin sicher, daß ich es zerreißen und eine Frau, die meine ganze Hochachtung und Verehrung besitzt, verraten und namenlos elend machen würde. An dem Tage, wo ich um eine Frau diene, diene ich ihr auf den Knieen. Solange ich aber das nicht kann, vermag ich nicht für mich einzustehen: ich würde sie unglücklich machen, und das wäre schändlich. Sie wissen, daß ich nicht seit heute erst ein tiefes und nicht alltägliches Gefühl für Sie hege.... Vergessen wir, was in dieser halben Stunde gesprochen worden, aber räumen Sie mir das Recht ein, mich derselben zu erinnern, als des höchsten Beweises von Vertrauen, den eine Frau einem Manne geben kann. Reichen Sie mir Ihre Hand und zeigen Sie mir, daß Sie die sind, als welche Sie sich mir geschildert, die, wofür ich Sie gehalten, und verzeihen Sie mir, daß ich Ihnen einen bittern Augenblick bereiten mußte.« Emilie nahm langsam ihre Maske ab und kehrte Thauziat ihr bleiches, thränenüberströmtes Gesicht zu. Mit schmerzlichem Lächeln auf das thränenfeuchte Atlasfutter ihrer Maske deutend, sprach sie weich: »Es gibt Frauen, die vor Freude weinen, mein Teil sind Thränen der Entsagung und des Schmerzes, und die ich heute weine, sind die wenigst bittern, die je aus meinen Augen geflossen. Sie sind stolz, Clement, und Sie haben ein Recht, es zu sein. Alles, was Sie sind, verdanken Sie sich selbst, deshalb sind Sie berechtigt, aus Ihrem ›Ich‹ eine unversöhnliche Gottheit zu machen, der Sie alles opfern. Ich wäre für Sie eher ein guter Kamerad und Freund, als eine Frau gewesen, und ich hätte Ihnen tapfer zur Seite gestanden. Aber es gibt Geschicke, die ein für allemal unselig sind, und das meine ist ein solches, trotz allen Neides, den es erregt. Glauben Sie mir, ich hätte alles in der Welt gethan, um Ihnen zu gefallen, denn Sie sind der einzige Mann, an den mein Dasein zu ketten mir der Mühe wert geschienen hätte.« Thauziat schüttelte erregt den Kopf und sah Emilie bittend, fast demütig an. »Sie sind zu streng gegen die andern und Sie sind es nicht genug gegen mich – wenn Sie mich mit unbefangenem Blick betrachten wollten, würden Sie dessen bald inne werden.« Beide schwiegen eine Weile und suchten das innere Gleichgewicht wieder zu gewinnen, das sie so gänzlich verloren. Der lauschige, poetische grüne Winkel stand in einem seltsamen Widerspruch zu dem Lärm des Festes und ihrer eignen Erregtheit. An der offnen Thür huschten im Walzertakt sich drehende Paare vorüber, und Tänzer wie Tänzerinnen hatten alle in ihrem Gesicht jenen Zug allgemeiner Befriedigung, der das Zeichen vollständiger Gedankenlosigkeit ist. Sie drehten sich auf der sich selbst drehenden Erde und man sah, daß es für sie nichts weiter gab, als die Genugthuung, sich zu drehen. »Sie amüsieren sich,« sagte Emilie, indem sie auf die Paare deutete, »und sind glücklich ...« Sie war aufgestanden und hatte ihre Maske wieder vorgenommen. »Wollen Sie mir jetzt einen großen Gefallen thun? ... Ja, ohne Zweifel. – Nun, dann beschäftigen Sie sich diesen Abend nicht mehr mit mir. Ich kehre allein in meinem Wagen zurück, habe ich doch nur fünf Minuten nach Hause. Ich werde erwartet, und man wird mir kaum Zeit lassen, zu klingeln. Denken Sie nur ein klein wenig an den thörichten Louis, der in den Händen der englischen Zauberin ist. Verstanden? Ich will es so!« »Und ich gehorche!« Ohne sich den Arm zu geben, schritten sie nebeneinander in das festliche Getriebe zurück, und als Thauziat nach wenigen Schritten sich zu seiner Begleiterin wenden wollte, war sie verschwunden und er war versucht, das eben Erlebte für einen Traum zu halten. Wie er durch die Salons schritt, bemerkte er, daß mehr und mehr ein bacchantischer Taumel sich der Gesellschaft bemächtigt hatte, leidenschaftliche Worte wurden heiß geflüstert, eine schwüle Atmosphäre herrschte. Durch den großen Speisesaal, wo man inmitten des Geklirres von Silber und Porzellan an kleinen runden Tischen mit moskowitischer Üppigkeit und Verschwendung soupierte, begab er sich in den Spielsaal. Hier fand er Lereboulley und Sir James an demselben Platz noch immer in ihre Partie Poker vertieft, die sie bei Beginn der Soiree angefangen. Der Senator schien gelangweilt, Sir James aber, der einen großen Haufen Napoleons und Bankbillets vor sich liegen hatte, rupfte offenbar die drei andern Mitspieler, und das Glück bewies ihm auffällige Gunst und Treue. Thauziat trat auf den Tisch zu und während einer der Spieler gab, fragte er Lereboulley: »Haben Sie Louis Hérault nicht gesehen?« Sir James blickte einen Augenblick vom Spiel auf und sagte artig: »Vor einer halben Stunde kam er hier durch!« »Allein?« »Nein, er hatte einen weißen Domino am Arm. Sie sind zu jener Thür hinausgegangen, nachdem sie uns einen Augenblick beim Spiel zugesehen.« »Was Ihnen offenbar kein Unglück gebracht hat,« erwiderte Clement lachend. »Wie Sie sehen!« Der Engländer hatte mit der Gleichgültigkeit eines Mannes gesprochen, der keine Ahnung davon hat, daß unter dem von ihm bezeichneten Kostüm sich seine eigne Frau verbirgt, Lereboulley dagegen zeigte größere Aufregung; er wandte sich an Clement mit den Worten: »Nehmen Sie doch einmal meine Karten, lieber Freund, mir wäre es nicht unerwünscht, wenn mein Pech endlich ein Ende nähme.« »Sie wollen mich dem schrecklichen Sir James in die Hände liefern? Danke recht sehr! Bleiben Sie ruhig sitzen, lieber Freund, Ihre Mittel erlauben Ihnen das.« Trotz der bittenden Blicke des Bankiers setzte er seinen Weg fort. Plötzlich befand er sich in der Bibliothek des Grafen, einem großen Raum, an dessen Wänden herum niedrige Glasschränke aufgestellt waren, in denen wertvolle Manuskripte und kostbare Medaillen aufbewahrt wurden. Die eine Zimmerecke war in eine glasgedeckte Loggia umgewandelt, die nach den Champs Elysées hinausging und mit ihren Möbeln aus Bambusrohr, seidenen Kissen und blumengeschmückten Jardinieren einen lauschigen kleinen Raum bildete. Ein breites Balkonfenster war geöffnet und an das Eisengitter gelehnt plauderten Louis und Diana in der lauen Nachtluft. Es war zwei Uhr, schon begann es leise zu dämmern, und der helle Glanz der Sterne erblich, der Duft der blühenden Kastanien würzte die milde Atmosphäre. Unten stand die lange Wagenreihe, gespenstisch wie eine schwarze Schlange mit glühenden Augen. Tiefe Stille herrschte, und in diesem von Menschen überfüllten, lichtumflossenen, vom Lärm der frohen Musik durchströmten Hause fühlten Diana und Louis sich allein. Von dem Augenblick an, wo die Engländerin, durch den hämischen Spott Fräulein Lereboulleys verjagt, dem Gewächshause entflohen war, war der junge Mann nicht von ihrer Seite gewichen und sie hatte alle Künste der Koketterie aufgeboten, um ihn zu fesseln. Er hatte sie außerhalb des Treibhauses, an ein Fenster gelehnt, den Kopf traurig gesenkt, die Augen voll Thränen wiedergefunden. Sie hatte ihm ihre Hand überlassen, als ob sie nicht ahne, daß er bei ihr sei. Er versuchte, zu ihr zu sprechen, sie antwortete nicht, schien ihn nicht zu hören, nur tiefe Seufzer entrangen sich ihrer Brust und ihre Lippen bebten. Von dem hinreißenden Schauspiel dieses stummen Schmerzes überwältigt, drückte Louis leise ihre Hand, ohne daß sie ihm dieselbe entzog. Zögernd legte er seinen Arm um ihre schmiegsame Taille, und sie wehrte ihm nicht. Endlich aus ihrer Versunkenheit erwachend, sah die schöne Frau sich in Louis Armen, ihr Haupt ruhte auf seiner Schulter. Wenn sie ihm je anbetungswürdig erschienen, so war es jetzt, als sie sich mit schmerzlicher Entrüstung aufrichtete, ihn von sich drängte und, von Schluchzen unterbrochen, die Worte hervorstieß: »Da sehen Sie, wohin diese abscheulichen Verleumdungen führen: Das hätten Sie nie gewagt, wenn nicht. ... Sie glauben also ...« Und als Louis mit erhobenen Händen sich dagegen verwahren wollte, fiel sie ein: »Antworten Sie mir nicht! Nein, lassen Sie mich nicht leere Worte, keine lügnerischen Beteuerungen hören, aus denen ich nur allzuleicht Ihre Verachtung heraushören würde. Was für ein Verbrechen habe ich denn begangen, um so gehaßt zu werden? Woher diese Erbitterung gegen mich? Ich kann so nicht weiter leben; ich gehe fort von hier, um nie wiederzukehren. ... Man soll mich nicht wiedersehen. ... Diese Emilie, oh, ich habe sie wohl erkannt, verfolgt und peinigt mich ... ich habe ihr nie etwas zuleide gethan. Ich kenne sie nicht! Zürnt sie mir etwa, weil sie selbst häßlich und mißgestaltet ist? Ist dies vielleicht meine Schuld? Wüßte ihr Vater, wie sie mich quält, er würde meinem Jammer ein Ende machen. Aber ich will sie bei ihm nicht anklagen. Es würde mir schmerzlich sein, ihn zu betrüben, ihn zu Erklärungen zu veranlassen, die ihm peinlich sein müßten, um diesem entsetzlichen Mädchen zu beweisen, daß er ein Recht hat – oh das natürlichste und heiligste der Welt – Anteil an mir zu nehmen.« Wie eine Märtyrerin in der Arena, die das Raubtier erwartet, welches sie zerreißen soll, kreuzte sie die Arme über die Brust und ihre Lippen bewegten sich wie im Gebet. Von der außerordentlichen Schönheit der jungen Frau geblendet und unter dem Banne ihres Zaubers, verstand Louis den Sinn ihrer Worte nicht mehr, er hörte nur den Ton ihrer Stimme. In diesem Augenblicke hätte er Emilie, die er doch wie eine Schwester liebte, verleugnet, er hätte mit Thauziat Streit gesucht, er war wie von Sinnen. Alles, was er sein Eigen nannte, hätte er hingegeben, um dieses anbetungswürdige Geschöpf in seine Arme schließen, sie weit von hier tragen zu dürfen, sie ewig sein Eigen und nur sein Eigen nennen zu dürfen. Heißes Verlangen leuchtete aus seinen Augen.... Diana wandte ihre Blicke ab, als ob ihr plötzlich ein allzu grelles Licht weh thäte; mit einer schamhaften, sittsamen Gebärde zog sie den Domino fester um sich und trat errötend, wie ein junges Mädchen, einen Schritt zurück, um sich zu entfernen. »Nein, gehen Sie so nicht von mir,« flehte Louis mit vor innerer Glut erstickter Stimme, »Sie wissen, daß ich Ihr treuer Diener, Ihr ergebener Freund bin, daß Sie alles über mich vermögen, und daß ich Sie gegen alle und gegen alles verteidigen werde.« »Das wäre eine schwere Aufgabe, mein Freund,« erwiderte Diana, »ich habe kein Recht an Ihr Leben und kann Ihnen nicht gestatten, sich für mich aufzuopfern. Gehen Sie. ... Lassen Sie eine unglückliche Frau allein, der gegenüber alles erlaubt ist ...« Das war genug, um Louis zu jedem Opfer, auch zu dem seines Lebens, zu bewegen. Mit der ganzen Siegeszuversicht der Jugend trat er auf sie zu und bat: »Nehmen Sie meinen Arm und fürchten Sie nichts!« Sie schlug die Augen zu ihm auf, und wie von seiner Entschlossenheit und Festigkeit besiegt, nahm sie den ihr angebotenen Arm und folgte dem jungen Manne. Sie gingen, wie Sir James gesagt hatte, in den Spielsaal, und Diana konnte dem Wunsche, sich dem Pokertisch zu nähern, nicht widerstehen. Ihr Mann spielte und sah sie gleichgültig an. Lereboulley benahm sich auffallender, und es bedurfte eines gebieterischen Blickes Dianas, um ihn auf seinem Platz festzuhalten, was für ihn förmlich qualvoll zu sein schien. Wortlos glitt Diana in ihrem Domino wie ein weißes Gespenst vorüber. Wenige Minuten später befand sie sich mit Louis auf dem Balkon der Bibliothek des Grafen Woroseff. Sie lehnte sich einen Augenblick auf die Eisenbalustrade und bot ihre bleiche Stirn der weichen Nachtluft dar. Die Maske hatte sie abgenommen, und Louis konnte ihre herrlichen Züge bewundern. Es war eine Schönheit von wunderbarem Reiz. Ihre großen, blauen, von schwarzen Wimpern eingerahmten Augen blickten rein und milde, die kapriziöse kleine Nase verlieh dem Gesicht etwas entzückend Schelmisches, während ihr rosiger Mund in seinen weichgeschwungenen Linien etwas Madonnenhaftes hatte. Es war das anbetungswürdigste Antlitz, das je ein Liebhaber erträumt, eine engelhafte Keuschheit der Augen und des Mundes und dazu ein teufelskühnes Näschen, das die ganze Welt herauszufordern schien. In dieser Stunde gewahrte Louis nichts von diesem Zwiespalt, den die Natur selbst auf dies Antlitz geschrieben, er sah nur die reine Schönheit dieser Augen und dieses Mundes und er fühlte, daß man ein Verbrechen begehen könnte, um diese Lippen zu berühren, um diese Augen sich in Liebesseligkeit schließen zu sehen. Nach einigen Minuten fuhr die junge Frau unwillig auf, strich sich mit der Hand über die Stirn, als ob sie einen ungelegenen Gedanken verscheuchen wollte, und wandte sich dann wehmütig lächelnd an ihren Gefährten. »Ich bitte Sie um Verzeihung, Ich verlor mich in Gedanken an eine traurige Vergangenheit, wenn ich mein Elend Vergangen nennen kann – ich bin noch so jung – vierundzwanzig Jahre – und ich habe viel gelitten und leide noch ...« Als sie Louis eine Bewegung des Erstaunens machen sah, schüttelte sie ihren Kopf, dessen blondes Haar wie ein Goldhelm glänzte. »Nicht mehr in derselben Weise wie früher freilich, wo ich Hunger und bittre Not kannte. Meine Mutter war gestorben, mich allein auf der weiten Welt lassend, mein Vater hatte uns längst aus den Augen verloren. Nur einem Zufall verdanke ich es, daß dieser Beschützer mir wiedergegeben wurde, und Gott weiß, wie sehr seine edle Herzensgüte verdächtigt worden. Aber fast wünsche ich die Tage des Elends wieder herbei, wenn ich sie mit denen vergleiche, die darauf gefolgt sind. Damals war ich wenigstens frei, während ich heute an einen Mann gefesselt bin, der mich niemals verstehen wird.« Sie schauderte, zog die Seidenkapuze über ihren Kopf und stieß dann, als ob sie mit dem Schluchzen kämpfe, abgerissen die Worte hervor: »Ich weiß nicht, warum ich Ihnen alles das sage, was kümmert es Sie, daß ich leide, Sie können mir doch nicht helfen!« »Sie sagen es mir,« erwiderte Louis, »weil Sie wissen, daß ich Sie liebe. Oh ja, Sie wissen es. Seit Monaten haben Sie es bemerken müssen an der Verwirrung, die sich meiner bemächtigte, wenn ich mich Ihnen näherte, an dem Zittern meiner Stimme, wenn ich so glücklich war, mit Ihnen sprechen zu dürfen. Alles hat es Ihnen sagen müssen, meine Furchtsamkeit, wenn ich Ihnen folgte, ohne ein Geständnis zu wagen, meine Kühnheit in diesem Augenblick, wo ich mein liebetrunkenes Herz Ihnen zu Füßen lege. Ja, ich habe es gesehen, Sie werden weder geliebt, noch sind Sie glücklich. Großer Gott, wie ist es möglich, daß ein Mann an Ihrer Seite leben kann, ohne Sie anzubeten und Ihnen ewig zu Füßen zu liegen! ... Sehe ich Sie an, so durchzittert's mich, berührt meine Hand die Ihre, so scheint es, als ob Feuer durch meine Adern fließe; um Sie zu besitzen, würde ich mein Herzblut hingeben, bin ich doch sicher, daß eine Stunde Ihrer Liebe, den ganzen Lebensrest aufwiegt!« Zu ihr niedergebeugt, hatte Louis leise einschmeichelnd ihr dieses Geständnis zugeflüstert; seine Augen blitzten, seine Lippen brannten. Unter den halbgeschlossenen Lidern beobachtete ihn Diana, wider ihren Willen ergriffen von dieser überströmenden echten Leidenschaft. Wie er so vor ihr stand, jung und schön und feurig, erschien er ihr wirklich wert, geliebt zu werden, und wehmütig lächelnd sagte sie: »Wie viele haben mich dessen schon versichert, glücklicherweise ohne daß ich daran geglaubt habe, denn wo handelt es sich um andres als eine vorübergehende Laune, eine flüchtige Leidenschaft? Es ist mein Verhängnis, daß alle Männer sich verpflichtet glauben, mir Liebe zu schwören. Wie viel falsche Eide! Wie viel nicht gehaltene Versprechen! Vielleicht sind Sie ehrlicher als die andern und lieben mich wirklich, da Sie mir schon lange treu sind! Und wenn ich Sie nun erhörte, wie lange würde diese große Leidenschaft dauern? ... Man hat mir gesagt, daß Sie trotz Ihrer Jugend schon zu jenen gehören, für die eine Frau nur ein Spielzeug ist – sind Sie doch der unzertrennliche Gefährte eines Thauziat.« »Wollen Sie mir etwas Böses von ihm sagen?« fragte Louis mit zitternder Stimme, »man hat mich versichert, daß er Sie seit langer Zeit und sehr gut kennt.« »Seien Sie doch ehrlich, man hat Sie versichert, er sei mein Geliebter gewesen,« unterbrach ihn Diana plötzlich rauh, »vielleicht hat er es Ihnen selbst gesagt. Es gibt Menschen, die aus Eitelkeit einer Ehrlosigkeit fähig sind.« »Er hat mir nie von Ihnen gesprochen, obwohl ich ihn oft mit Fragen bestürmt ... es ist wahr, ich habe selbst auf die Gefahr hin, darunter zu leiden, wissen wollen, wer und was Sie sind. Alles, was Sie betraf, interessierte mich. Ich glaube, weiß Gott, wenn man mir Schlechtes von Ihnen gesagt, ich hätte es vergessen können, und nichts würde meine Leidenschaft besiegt haben.« »Ist das wirklich wahr?« Der Ausdruck in Dianas Zügen wechselte plötzlich, ihre Lider zuckten über den halbgeschlossenen Augen, ihre Nasenflügel bebten, ein ironischer Zug legte sich um ihren lieblichen Mund, und herausfordernd sagte sie: »Und wenn ich Ihnen nun eingestünde, daß Clement mich geliebt hat, daß ich sein gewesen und vielleicht noch ...« Sie konnte nicht aussprechen, Louis hatte sie bei den Schultern gepackt, mit übermenschlicher Kraft hielt er sie hoch über dem Eisengeländer. Noch ein Zoll weiter, und sie lag zerschmettert auf der Straße. Sie that nichts, um sich zu verteidigen. Ihr in der wilden Umschlingung sich lösendes Haar floß wie ein duftiger Mantel auf ihre Schultern herab, und fest an den geschmiegt, dessen Arm sie bedrohte, zeigte sich in ihren Zügen der Ausdruck strahlenden Triumphes. So blieben sie einen Augenblick unbeweglich in ihren gegenseitigen Anblick versunken. Dann machte sich Diana geschmeidig los, ihre Lippen näherten sich denen Louis', und sie drückte einen langen Kuß auf dieselben. Dem jungen Manne schien es, als ob vom Himmel herabschießende Lichtgarben ihn blendeten, in seinen Ohren klang es verworren, und die Hände in das Seidenhaar Dianas vergrabend, das ihn wie ein Flammenmeer umwogte, stand er da, seiner Sinne nicht mächtig. Als er sich gefaßt, sah er Diana neben sich, ein wenig bleich, ihr Haar befestigend: er zog sie an sich, sie widerstand nur schwach, und leise flüsterte er ihr ins Ohr: »Ich bete dich an!« »Und doch hast du mich töten wollen,« sagte sie kopfschüttelnd. »Warum mußtest du mich auch auf eine so fürchterliche Probe stellen?« »Um zu sehen, ob du mich liebst! Aber bist du denn so eifersüchtig?« »Ich habe während der letzten Sekunden so grausam gelitten, daß ich fast den Verstand verlor. Aber nicht wahr, alles, was du mir gesagt, war erfunden?« »Ja, ich log.« »Ich könnte jetzt den Gedanken nicht mehr ertragen, daß du einem andern angehört ...« Diana beugte das Haupt und sagte gepreßten Tones: »Vergessen Sie denn, daß ich nicht frei bin?« »Haben Sie mir nicht eben gestanden, daß Ihr Gatte für Sie nur ein Fremder sei?« »So tadelnswert sein Benehmen gegen mich ist, so bin ich doch seine Frau und trage seinen Namen. Lassen Sie mich, ich war eine Närrin und mache mir bittre Vorwürfe über meine Unvorsichtigkeit. ... Schon wollen Sie Rechte auf mich geltend machen ... Sie werden mich ins Verderben stürzen. ... Ich bitte Sie, vergessen Sie alles, was vorgegangen. ... Von Ihrer Leidenschaft mit fortgerissen, durch Ihre Worte berauscht, habe ich einen Augenblick alle Sitte aus den Augen setzen, den unsinnigen Traum träumen können, Ihnen mein Leben zu widmen. Aber Sie werden selbst einsehen, daß dies unmöglich ist. Wohl wären Sie der Mann, dem ich, wäre es auch nur für den tausendsten Teil eines Augenblicks, hätte angehören mögen. ... Ich würde Sie geliebt haben, liebe ich Sie doch schon jetzt. ... Aber noch ist es Zeit, es ist besser, wir dulden still und sehen uns nicht wieder.« »Hoffen Sie nicht, daß ich hierein willige.« »Um des Himmels willen, was wollen Sie von mir?« »Dich und nur dich!« Er hatte sie in seine Arme geschlossen und fühlte ihr Herz gegen das seine schlagen. Er wollte sie küssen, sie suchte sich ihm zu entwinden, und seine Lippen berührten nur ihr Haar. Dann aber, als ob dieser Kuß die ganze Flut ihrer Gefühle aufs neue für Louis entfesselte, stieß sie ihn nicht mehr von sich und hing an seinem Halse, während Thränen der Liebe und Verzweiflung ihr Gesicht überströmten. Von diesem Ausbruch überwältigender Zärtlichkeit tief ergriffen, wiederholte er leise: »Mein eigen, ganz mein eigen, jetzt und immer!« Sie sah ihm lange unverwandt ins Auge und erwiderte: »Ja, was auch kommen möge, eher der Tod, als von dir lassen.« Dann, von der Aufregung dieser Szene erschöpft, verharrten sie beide in Schweigen, eng aneinander geschmiegt, auf dem kleinen Balkon, die ganze Seligkeit dieser Stunde genießend. Das Geräusch von Tritten scheuchte sie auf, sie fuhren auseinander und wandten sich um. Thauziat stand vor ihnen. »Seit einer halben Stunde suche ich euch,« sagte er gelassen, »ihr schöpft wohl frische Luft?« »Ja,« erwiderte Diana, vollständig Herr ihrer selbst, ruhig, während Louis in die Bibliothek zurücktrat, um seine Aufregung zu verbergen. »Es war zum Ersticken heiß in dem Salon. ... Wie spät ist es?« »Schon drei Uhr,« sagte Thauziat, nachdem er einen Blick auf seine Uhr geworfen. »Dann ist es Zeit, aufzubrechen; ich werde Sir James den Freuden des Spieles entführen.« Sie wandte sich an Louis, reichte ihm freundlich, aber gleichgültig die Hand, als ob nichts zwischen ihnen vorgefallen wäre, und sagte: »Adieu, ich sehe Sie doch heute?« »Sicherlich,« erwiderte er, verbeugte sich tief und sah, als er sich wieder aufrichtete, die Schleppe ihres weißen Dominos, in dem Nebenzimmer verschwinden. Er war mit seinem Freunde allein. »Nun, ich habe dir Zeit gelassen, mit Lady Olifaunt zu plaudern,« sagte Clement, »und du wirst bemerkt haben, wie diskret ich mich bei euch angemeldet. Ihr habt euch offenbar sehr gut unterhalten.« »Außerordentlich,« erwiderte Louis trocken. »Na, na, na,« sagte Thauziat, »Undank ist der Welt Lohn! Wenn sie nicht liebenswürdig war, so ist das doch nicht meine Schuld!« Louis legte seine Hand auf den Arm des Freundes und sah ihn ernst an: »Höre, Clement, wenn es dir recht ist, so wollen wir beide nie mehr über Lady Olifaunt sprechen. Jedenfalls ist mir das lieber, als in dieser beleidigenden Leichtfertigkeit von ihr reden zu hören.« »Holla,« fuhr Thauziat überrascht auf, »was soll das heißen, was ist geschehen, was hat sie dir gesagt? Woher diese plötzliche Hochachtung und diese unerwartete Strenge?« »Drei Worte werden dir alles erklären: Ich liebe sie.« »Neu ist das gerade nicht, du leidest ja seit sechs Monaten an diesem Zustand.« »Ich liebe sie, sage ich dir,« erwiderte Louis begeistert, »und bin bereit, alles zu thun, um mich nicht mehr von ihr zu trennen, sie zu entführen, sie zu heiraten, wenn es erforderlich ist.« Thauziat erhob wie abwehrend seine wohlgepflegte weiße Hand, seine Augenbrauen zogen sich finster zusammen, und er murmelte: »Die Frauen sind doch hellsehender als wir Männer; Emilie hat richtig geahnt, wieweit die Sache führen würde,« und dann sich an seinen Freund wendend, fuhr er fort: »Entführen ist viel, heiraten aber entschieden zu viel. Man heiratet Diana nicht, weil – nun, weil es nicht nötig ist.« »Nimm dich in acht, Clement,« fuhr Louis erbleichend auf, »du beschimpfst eine Frau, die ich liebe, ich dulde das nicht.« »Ich glaube gar, du drohst mir,« erwiderte Thauziat in so rauhem Tone, daß der junge Mann unwillkürlich zusammenschreckte, »zum Teufel, glaubst du damit irgend welchen Eindruck auf mich zu machen? Wenn das Geschöpf dir gefällt, so sei ihr Liebhaber, schön genug ist sie ja, aber entführe sie nicht, und vor allem keine Scheidung von diesem vortrefflichen Sir James. Er würde dir das nie verzeihen!« Er lachte, und diese Heiterkeit erbitterte Hérault dergestalt, daß er mit geballten Fäusten auf seinen Freund losging, wobei er die Worte ausstieß: »Zum zweitenmal sage ich dir, nimm dich in acht, es ist feige, eine Frau zu beschimpfen.« »Nimm du dich nur selbst in acht!« unterbrach ihn Thauziat. »Wie kannst du, junger Thor, dich so von den Künsten dieser Zauberin gefangen nehmen lassen! Ist es dahin gekommen, daß du nicht mehr an meine Freundschaft glaubst und zwischen einer Frau und mir schwankst? Die herbste Strafe wäre, dich deine Thorheit vollenden zu lassen, aber ich habe einer, die gütig genug ist, Anteil an dir zu nehmen, mein Wort gegeben, dich aus der Schlinge zu lösen. Du glaubst an die Reinheit Dianas, du glaubst auch an ihre Liebe?« »Ja.« In dem Augenblick, wo Louis weitersprechen wollte, trat Lereboulley aus dem Spielsaal. »Es ist spät,« sagte der Senator. »Ihr jungen Leute bleibt wohl noch? Ich gehe zu Fuß nach Hause. Gute Nacht, oder vielmehr guten Morgen!« Er winkte zum Abschied mit der Hand und entfernte sich schwerfällig. Thauziat wandte sich zu seinem Freunde und sagte erregt: »Lereboulley geht zu Fuß nach Hause, folgen wir ihm. Du wirst dann wissen, woran du bist.« Sie stiegen die Treppe hinab, nahmen ihre Überzieher und traten auf die Champs Elysées hinaus. Fünfzig Schritte vor ihnen ging der Senator, der sich eine Cigarre angezündet hatte, die Hände in den Taschen seines Paletots, den Stock unter dem Arm die menschenleere Avenue hinunter. »Er geht nach Hause,« murmelte Louis. »Das wirst du gleich sehen,« erwiderte Clement. »Wir wollen unter den Bäumen bleiben, damit er uns nicht erkennt.« Sie waren am rond point angekommen. Dort wandte sich Lereboulley, anstatt in die Avenue d'Antin einzubiegen, nach links, ging über die Straße und bog dann in die Avenue Gabriel ein. Thauziat hatte fast gewaltsam den Arm Louis' in den seinen gelegt, er fühlte, wie er zitterte. »Du beginnst Verdacht zu schöpfen?« sagte er. Louis antwortete nicht, aber er atmete schwer. Der Senator schritt langsam vor sich hin, ohne zu ahnen, daß man ihm folgte. Auf der Höhe des Café des ambassadeurs veranlaßte Thauziat seinen Freund, stehen zu bleiben. Sie traten hinter eine Pflanzengruppe und warteten. Lereboulley machte noch ungefähr zwanzig Schritte, blieb dann vor einer kleinen unter Epheu verborgenen Gartenthür stehen, warf unwillkürlich, wie um sich zu versichern, daß er nicht beobachtet werde, einen Blick nach rechts und links, drehte dann den Schlüssel um und trat ein. Ein dumpfer Aufschrei entrang sich den Lippen Louis'. Erbleichend starrte er auf seinen unbeweglich dastehenden Freund; dann stöhnte er mit zitternder Stimme: »Die Elende hat mich glauben lassen, daß er ihr Vater sei.« Thauziat zuckte die Achseln. »Das pflegt sie gewöhnlich zu sagen, sie muß doch irgendwie den Luxus erklären, der sie umgibt. Seitdem sie in Paris ist, kompromittiert sich Lereboulley für sie, das ist der Grund, weshalb Emilie sie haßt. ... Jetzt werde ihr Liebhaber, wenn dir das Spaß macht, entführe sie lieber nicht, das ist vollständig überflüssig; vor allen Dingen aber heirate sie nicht, das brächte dir Schande! ...« »Ich werde sie nie wiedersehen.« »Das ist wieder übertrieben. Sie zu sehen, ist ein Vergnügen: nur an sie zu glauben, muß man sich hüten.« Louis drückte leise die Hand Clements. »Verzeihe mir, was ich gesprochen,« sagte er bewegt, »ich war toll!« »Nicht über das, was du gesagt, bin ich dir böse, sondern daß du mich gezwungen hast, eine Frau zu verraten.« Dann legte er plötzlich den Arm um die Schulter seines Freundes und zog ihn fort von dem Hause, das diesen mit unzerreißbaren Banden festzuhalten schien. Viertes Kapitel. Es war ein Uhr nachmittags. Helene Graville hatte sich, nachdem sie gefrühstückt, wieder an ihre Arbeit begeben, als ein leises Klingeln sie an die Flurthür rief. Sie öffnete und fuhr einen Schritt zurück, als sie in der vor ihr stehenden kleinen, alten, sehr reichgekleideten Dame, die ein Spitzentuch über den Kopf geworfen hatte, Frau Hérault erkannte. Die Großmutter lächelte ihrer jugendlich frischen, anmutigen Mieterin zu, trat näher und sagte: »Entschuldigen Sie, mein Kind, wenn ich störe. ... Ich bin, wie Sie sehen, als Nachbarin gekommen. Man hat mir erzählt, daß Sie eine außerordentlich geschickte Stickerin sind, und ich habe da eine sehr feine Arbeit, die ich Ihnen anvertrauen möchte.« »Darf ich bitten, einzutreten, gnädige Frau?« sagte das junge Mädchen zuvorkommend. »Verzeihen Sie, daß ich Sie in solchem Durcheinander empfange!« Sie zeigte dabei auf die auf Tisch und Stühlen herumliegenden Stoffe, auf die eben benützte Nähmaschine, auf die aus den Kartons entnommenen Jettbesätze und Perlpassementerieen und auf den Arbeitstisch am Fenster, auf dem ein prächtiger Seidenstoff mit halbfertiger Stickerei ausgebreitet lag, jenem Fenster, durch welches sie so oft Louis beobachtet hatte. »Schon gut,« sagte Frau Hérault und setzte sich auf einen Strohstuhl, »ich weiß, was die Arbeit mit sich bringt; habe ich doch vierzig Jahre meines Lebens selbst gearbeitet und beschäftige mich noch jeden Tag mit Gärtnerei. Aber es scheint ja, daß Sie mir darin Konkurrenz machen, mein liebes Kind,« Sie hatte sich erhoben, trat ans Fenster und betrachtete die verschiedenfarbigen Hyacinthen, die zwischen rankenden Winden in einem auf der Fensterbank befindlichen Kasten gezogen wurden. »Dieses schöne Grün erspart mir im Sommer die Gardinen,« erwiderte fröhlich das junge Mädchen, »und da ich wenig ausgehe, ersetzen meine Blumen mir das Land. Ich habe meine ganze Kindheit in frischer Luft und in der freien Natur zugebracht, und was mir am schwersten geworden, als ich nach Paris kam, war das Stubenleben. ... Aber,« setzte sie mit lieblichem Lächeln hinzu, »man gewöhnt sich an alles.« »Sie sind Philosophin.« »Ich muß es sein. Wollte ich mir nicht Mühe geben, bei allen Dingen die gute Seite herauszufinden, so wäre ich wohl bitter geworden und würde mich vielleicht für ein bemitleidenswertes Geschöpf halten,« »Und das sind Sie nicht?« »Nein, gnädige Frau, äußerlich wenigstens nicht, ich verdiene reichlich mein Brot. Innerlich dagegen freilich, ich habe vor einem Jahre einen großen Verlust erlitten, den ich mein ganzes Lebenlang betrauern werde.« Als Frau Hérault einen fragenden Blick auf sie richtete, fuhr sie mit zitternder Stimme fort: »Ich habe meine Mutter verloren und stehe nun ganz allein in der Welt.« Helene trocknete eine Thräne, dann sah sie ihre Besucherin an und sagte: »Ich bitte Sie um Verzeihung, gnädige Frau, daß ich Sie mit meinem Schmerze belästige. Wollen Sie mir vielleicht sagen, womit ich Ihnen dienen kann?« Frau Hérault öffnete das sorgfältig mit rosa Band zugebundene Paket, welches sie in der Hand hatte, und reichte Helene eine prachtvolle, in verschiedenen Farben gestickte Crêpe de chine -Schärpe. »Mit diesem Stoff ist ein kleines Unglück passiert. Mein Kammermädchen hat dummerweise einen Streifen dieser Stickerei, die auf einem Tische in meinem Schlafzimmer lag, verbrannt. Mir liegt viel an dieser Schärpe, da sie ein Andenken ist. ... Man hat mir erzählt, daß Sie wie eine Fee sticken. ... Das Muster ist außerordentlich schwierig ... es ist die reine Malerei. Es sind, wie Sie sehen, Vögel und Blumen in den verschiedensten und feinsten Schattierungen. Würden Sie es übernehmen, das Zerstörte wiederherzustellen?« Helene beugte sich über den kostbaren Stoff und griff mit einem gewissen Wohlbehagen in das weiche schimmernde Gewebe. Ihr aristokratisches Blut sprach sich in ihrem Geschmack sehr deutlich aus, und ein feiner Beobachter hätte aus der Art, wie die zierlichen Finger über die Seide hinglitten, wohl den Sprößling eines Geschlechtes erraten, das stets das Schönste und Glänzendste der jeweiligen Kulturepoche sich zu eigen gemacht. Während sie ihre Untersuchung stillschweigend fortsetzte, nahm Frau Hérault die bescheidene Wohnung des jungen Mädchens in Augenschein. Trotz der Unordnung, wegen deren sich Helene entschuldigt hatte, war alles von einer wunderbaren Sauberkeit. Das äußerst einfache, aber spiegelblank gehaltene Mobiliar zeugte von der ihm täglich zu teil werdenden Sorgfalt. Alles war geschmackvoll und hübsch geordnet, ein kleiner, künstlerisch mit Plüsch drapierter Spiegel, ein Tisch mit Nippsachen, die zwar ohne Wert, aber geschickt aufgestellt waren, eine Bettdecke aus broschierter Seide, eine Etagere, auf der sich gebundene und mit einer Chiffre gestempelte Bücher befanden, alles Trümmer und Reliquien eines verschwundenen Wohlstandes, bewiesen, daß die Bewohnerin dieser ärmlichen Wohnung an Bildung und Erziehung weit über ihren Verhältnissen stand. Neben dem Kamin blickte aus einem schwarzen Rahmen das Bild eines eleganten jungen Mannes; ein frisches Veilchenbouquet für zwei Sous war an demselben wie ein frommes Angebinde befestigt. Die Großmutter betrachtete das Bild einige Augenblicke. Sie konnte sich nicht erinnern, je dieses Gesicht gesehen zu haben. Sie kehrte sich um und wandte sich an die Nähterin mit der Frage: »Ist dies Ihr Vater?« »Ja, gnädige Frau,« erwiderte Helene so leise, als ob sie in einer Kirche spräche. »Man hat mir gesagt, daß Sie Helene Graville heißen,« fuhr Frau Hérault fort. »Ich habe in der Normandie ein Dorf dieses Namens in der Nähe von St. Aubin gekannt, sind Sie vielleicht aus diesem Orte?« »Ich bin im Schloß Graville geboren,« sagte Helene ernst. Beide Frauen versanken in Schweigen, vor jeder stieg in wunderbarer Klarheit ein Bild aus längst vergangenen Tagen auf. Das junge Mädchen sah den großen Park vor sich, mit den dunklen, hochstämmigen Buchen, mit seinen grünen Wiesen, den Obstgarten voller Apfelbäume, die der Frühling puderte, wie die Marquisen aus der Zeit Ludwigs XV., und die sich im Herbst unter der Last ihrer gelben und roten Flüchte bogen. Sie atmete wieder den frischen Seewind, der seine salzgeschwängerten Düfte über die Wiesengründe ergoß, und dem man es zuschrieb, daß Gras und Kraut besonders würzig gedieh und die Milch der wohlgenährten, reinlichen Kühe so fett und schmackhaft war. Auf der Anhöhe stand das Schloß mit seinem von einer Steinbalustrade umgebenen Balkon, und zwischen den Flieder- und Lorbeerbäumen wandelten ein Herr und eine Dame im Sonnenschein auf und ab. Der Herr war schlank und glich dem Bilde in dem kleinen Pariser Mansardenstübchen, die blonde blasse Frau lächelte glückselig. Helene folgte beiden mit den Augen, dann verschwanden sie hinter einem Boskett, und die Terrasse blieb traurig und leer, wie ihr Leben jetzt. Vor Großmutter Héraults Augen aber stand das geschwärzte, räucherige Hüttenwerk mit dem Getöse der Schmiedehämmer, und inmitten der roten Glut der Oefen sah sie Hérault mit nackten Armen, das Haar von Feilenstaub leuchtend; ein hübscher Bursche mit seinem blonden Schnurrbart und der klaren Hautfarbe des Vollblutnormannen. Sie folgte ihm wieder des Abends auf die Wiesen, an die Ufer des kleinen Baches, wo sie von dem jungen Frühling, dem Duft der blühenden Weißdornhecken berauscht, die ersten Küsse getauscht hatten. Ach, wie viel heiße Thränen waren dann gefolgt, wie entsetzlich war der Zorn des Vaters gewesen, wie viel kummervolle Nächte hatte sie durchwacht bis zu dem Tage, wo die Schloßherrin den pflichtvergessenen Hérault veranlaßte, die Hand Fifines von ihrem Vater zu verlangen. Daraus war dann alles entstanden, Glück und Wohlstand, alles verdankte sie dem Zuge des Herzens einer edlen Frau, deren Enkelin heute vor ihr stand, einsamer und mittelloser, als die Tochter des Schenkwirts es jemals gewesen. »Auf Schloß Graville sind Sie also geboren?« fragte Frau Hérault. »Ihr Herr Vater hieß Henri?« »Ja, gnädige Frau,« sagte Helene erstaunt, »aber woher wissen Sie das?« »Mein Fräulein,« erwiderte die alte Frau freundlich-stolz, »als ich noch eine arme Dorfnähterin war, habe ich häufig auf dem Schlosse bei Ihrer Großmutter gearbeitet, und Ihr Vater hat oft auf meinem Schoß gesessen. Wenn ich Sie nun in einer so mißlichen Lage sehe und denken muß, daß Sie und die Ihrigen vielleicht Not gelitten haben, mache ich mir die bittersten Vorwürfe, daß ich in schwarzem Undank es dem Zufall überlassen, mich zu Ihnen zu führen.« »Gnädige Frau,« unterbrach sie Helene, »sorgen Sie sich nicht um mich. Ich versichere Sie, daß ich in keiner Weise mit Mangel zu kämpfen habe und daß ich, Gott sei Dank, auch im stande gewesen bin, meine geliebte Mutter vor jeder Not zu bewahren,« »Ich bin glücklich, Sie so tapfer und mutig zu finden. Ich danke Ihrer Familie alles, und das wenige, was ich bin, bin ich durch die Güte und den Edelmut derselben geworden. Ihre Großmutter hat die Mitgift hergegeben, die mir gestattet hat, Hérault zu heiraten, und mit diesem Gelde hat er mühsam das Gebäude unsers Wohlstandes aufgeführt. Wenn wir reich sind, so sind wir es durch Frau von Graville. Ohne sie würde Hérault seiner Lebtage als Arbeiter in einer Provinzfabrik vegetiert haben, ich wäre bei meinem Vater geblieben, unsre Kräfte hätten sich nicht zu gemeinsamer Thätigkeit vereinen können, und nichts von alledem, was uns geglückt ist, wäre auch nur versucht worden. Sie sehen also, mein Fräulein, wie sehr ich den Ihren und folglich auch Ihnen verpflichtet bin, und wenn Sie mir gestatten, Ihnen einen Teil dieser Schuld abzutragen, so wird mein Glück groß sein.« Fräulein von Graville errötete und trat einen Schritt zurück. Sie konnte sich nicht recht vorstellen, was Frau Hérault im Sinn hatte, und fürchtete ein Geldanerbieten, das die tüchtige Arbeiterin auf die Stufe einer Bettlerin herabgedrückt hätte, und das sie schon im voraus verletzte und demütigte. »Gnädige Frau, ich freue mich von Herzen, daß meine Familie einst im stande gewesen ist, Ihnen Dienste zu leisten, aber ich kann nicht einsehen, daß dieser Umstand Ihnen irgend welche Verpflichtungen mir gegenüber auferlegte – wenden Sie Ihre Wohlthätigkeit wirklich Bedürftigen zu. Solange ich Arbeit finde, bin ich im stande, reichlich für mich zu sorgen.« Die alte Frau Hérault erkannte mit ihrer angeborenen Feinfühligkeit sofort, was in dem Geiste Helenes vorging. Sie begriff sehr wohl den peinlichen Eindruck, den ihr Vorschlag hervorgebracht, trat auf das junge Mädchen zu, nahm zärtlich ihre Hand und sagte sanft: »Mein Kind, Sie müssen ein wenig Geduld haben mit einer alten Frau, die, ohne viel zu klügeln, den Eingebungen ihres Herzens gehorcht. Seien Sie unbesorgt, ich biete Ihnen kein Geld an; ich weiß, mit wem ich es zu thun habe. Sie sind aus einem Geschlecht, das gibt und nicht nimmt. Aber ich bin sehr alt und habe nur einen Enkel, der mich oft allein läßt, nicht weil er mich nicht liebt, sondern weil er, in der Welt stehend, dort oft von seinen Vergnügungen gefesselt wird. Ich bin fast immer allein und habe so oft schon bedauert, keine Enkelin zu haben. O! sie würde bei ihrer Großmutter geblieben sein, und ich würde das traurige Gefühl des Alleinstehens nicht kennen. Als ich Sie sah, war es mir, als ob der Zufall mir das ersehnte Kind schickte, und als ob es ganz selbstverständlich wäre, daß Sie zu mir kommen und die letzten Jahre eines Lebens mit Licht und Sonnenschein erfüllen würden, das all sein Glück den Ihrigen verdankt.« Bei diesen aus dem Herzen kommenden Worten erbleichte Helene, Thränen entströmten ihren Augen, und als sie Frau Hérault die Arme ausbreiten sah, konnte sie nicht widerstehen und fiel ihr um den Hals. »Sie nehmen also an?« rief die Großmutter voll Freude. Helene entwand sich der Umarmung, die sie schon zur Gefangenen gemacht zu haben schien, und leise den Kopf schüttelnd, sagte sie: »Ich vermag Ihnen noch nicht zu antworten, gnädige Frau, obwohl mein Herz voll Dank ist für Ihre große Güte! Ich fühle das Bedürfnis, über Ihren Vorschlag reiflich nachzudenken und nicht der ersten Gefühlsregung zu gehorchen, was wir beide eines Tages bereuen könnten. Seien Sie mir nicht böse, wenn ich offen und ehrlich rede, aber ich bin seit langer Zeit gewöhnt, mein Leben selbständig zu gestalten, und vielleicht habe ich mir dadurch ein höheres Maß von Bestimmtheit und Festigkeit angeeignet, als einem Mädchen geziemt. Was Sie in diesem Augenblick von mir verlangen, heißt meiner Freiheit entsagen, auf eine sorgenlose, wenn auch bescheidene Existenz verzichten, um an der Seite einer Frau zu leben, deren Herzensgüte mich zwar mit wärmstem Dank erfüllt, die ich aber doch noch nicht kenne; um in eine Welt zu treten, die mir voll Wirrsal und Täuschungen zu sein scheint. Eine Rückkehr in meine jetzigen Verhältnisse würde schwer durchzuführen sein, wenn ich eine Zeitlang in Ihrem Hause gelebt hätte. Die neuen Gewohnheiten, die ich angenommen, würden mir meine Armut nur empfindlicher machen, und aus einer Veränderung meiner Lage, die ich mit gutem Recht für glücklich gehalten, würde für mich nur Entmutigung und Trostlosigkeit entstehen. Ich muß daher mit mir zu Rate gehen und das Für und Wider mit Ruhe abwägen. Habe ich aber erst einmal einen Entschluß gefaßt, so vermag nichts denselben zu ändern.« »Ich sehe,« sagte Frau Hérault, indem sie Helene aufmerksam prüfte, »daß Sie ein charaktervolles Mädchen sind. Das überrascht und entzückt mich, da ich selbst niemals einen festen Willen besessen und stets nur gethan habe, was die andern gewollt. Hérault befahl im Hause, und ich sorgte dafür, daß seine Befehle ausgeführt wurden. Später nahm mein Sohn, wenn auch schon etwas weniger fest, das Heft in die Hand, und ich gehorchte wieder. Heute ist Louis der Herr, und sehen Sie, mein Kind, der braucht nur zu lächeln, um seine Großmama um den Finger zu wickeln. Ich habe unrecht, ich weiß es wohl, aber was soll ich thun? Man müßte diesen schwachen und leichtfertigen Burschen leiten, anstatt zu allem, was er thut, immer zu sagen: ›Vortrefflich!‹ Es ist ein Verhängnis, daß der Sohn fast nie so viel taugt, wie der Vater, und daß das vom Großvater angesammelte Vermögen sehr oft vom Enkel verschwendet wird. Unser früher so blühendes Geschäft kränkelt, weil es ihm an einer treibenden Kraft fehlt. Mein Mann hat aber oft gesagt, jedes Vermögen, welches nicht wächst, geht zurück. Solange mein Enkel unverheiratet bleibt, werde ich keine ruhige Stunde haben. Das Junggesellenleben ist allzu reich an Gefahren für sein Herz und für sein Vermögen, ist er aber einmal verheiratet, so wird er, davon bin ich überzeugt, vernünftig werden, denn er ist ein guter und braver Mensch. Er wird seine Frau auf Händen tragen, seine Kinder lieben und die Leitung der Geschäfte selbst übernehmen, anstatt sie einem dummen Verwaltungsrat zu überlassen. Wie will ich jene Stunde segnen, die mir meinen Seelenfrieden wiederbringen wird! Um aber dieses Ziel zu erreichen, brauche ich jemand, der mir mit Rat und That beisteht. Ich bin sehr alt und es gibt so viele Dinge, die mir fremd und unverständlich sind, und die ich mir nicht mehr aneignen kann – helfen Sie mir mit Ihrer Freundlichkeit und Ihrem Takt. ... Sie sehen, wie viel Gutes Sie stiften können, und müssen doch begreifen, daß Sie die Gebende und nicht die Empfangende sein sollen.« Helene antwortete nicht. Am Fenster stehend, beobachtete sie nachdenklich einen goldnen Sonnenstrahl, der auf ihren Winden hin und her gaukelte, und sie mußte denken, wie düster und morsch die altersgraue Mauer aussehen würde, wenn das rankende Grün, mit dem ihre Hand sie geschmückt, ihr nicht frohe Farbe und Heiterkeit verliehe. Unwillkürlich stellte sie einen Vergleich zwischen sich und der von ihr gepflegten Pflanze an. Sollte nicht ihre frohe und frische Jugend der Schmuck der alten Frau werden? Das Schicksal schien dieselbe eigens in ihre Nähe gebracht zu haben, so daß sie nur ihre Arme auszustrecken brauchte, um sie fest an sich zu schließen und ihr Schutz und ihre Freude zu werden. Und plötzlich trat dann die schlanke und elegante Gestalt Louis' vor ihren inneren Blick: sie sah ihn, wie er in jenen Zeiten der Trauer regelmäßig zur bestimmten Stunde über den Hof kam und als Musterenkel an der Seite der alten Großmutter lebte. Wäre es denn möglich, daß sie, wie Frau Hérault sagte, einen wohlthätigen Einfluß auf das Leben dieses jungen Mannes auszuüben vermöchte, daß sie der Großmutter helfen könnte, ihn dem schlechten Umgange zu entreißen, der ihn dem Heim und der Familie entzog? Welche Beziehung bestand zwischen dem frechen Narren mit dem braunen und stolzen Gesichte, der ihr am Abend vorher, in Begleitung seines Freundes gefolgt, und dem sanften träumerischen, verwaisten jungen Manne, den sie so manchen Tag von ihrem Fenster beobachtet hatte? War dieser Begleiter vielleicht sein böser Dämon, konnte sie ihn demselben nicht entreißen, ihn zur Vernunft, zur Pflicht zurückführen und aus einem blasierten und unnützen Lebemann einen nützlichen und tüchtigen Arbeiter machen? Und wem würde diese Heilsarbeit zu Gute kommen? Eines Tages würde ein junges Mädchen erscheinen, die Braut Louis', die dann seine Frau werden würde. Die Großmutter hatte es gesagt, sobald er einmal verheiratet wäre, würde sie frei aufatmen können. Wer konnte die sein, die eines Tages Frau Hérault genannt werden und die Zukunft der ganzen Familie sicherstellen würde? Eine geheimnisvolle Stimme flüsterte ihr zu: Das bist du! Du brauchst nur zu wollen, und dein Geschick wird ein andres werden. Vielleicht würdest du glücklicher sein, wenn du in deiner bescheidenen Lage bliebest, aber der Kampf des Lebens ruft dich, und du darfst dich demselben nicht versagen. Du wirst der gute Engel dieses Hauses werden, wirst es schützen, vielleicht retten. Ohne großes Leid und viel Bitterkeit wirst du nicht zum Ziele gelangen. Das ist die Aufgabe, die das Schicksal dir bestimmt; sie mutig zu ergreifen, ist deine Pflicht, sie zu vollführen, wird dein Stolz sein. Helene erbebte. Ein Unsichtbares schien sie zu umschweben, das ihr Rat erteilte und sie ermutigte: deutlich vernahm sie die Worte, die ihr Wahlspruch waren: Wolle nur! Wolle nur! Verwirrt, mit Thränen in den Augen blickte sie um sich; sie war allein, allein mit Frau Hérault, und sie erkannte, daß es nur ihr Herz gewesen, welches zu ihr gesprochen. »Nun, meine liebe Tochter,« sagte die Großmutter liebevoll, »Sie gehen schon seit fünf Minuten mit sich zu Rate und waren mit Ihren Gedanken gewiß weit von hier. Ich will Sie nicht beeinflussen und Ihnen durch meine Gegenwart nicht lästig werden, aber lassen Sie mich nicht ohne alle Hoffnung scheiden.« Die lieblichen Züge Helenes hellten sich zu einem frohen Lächeln auf, sie reichte Frau Hérault die Hand und sagte: »Lassen Sie mir die Arbeit, die Sie mir gebracht! Von heute an lege ich sie nicht aus der Hand. Meine Gedanken werden meine Nadel begleiten, und jeder Stich wird mich Ihnen näher bringen. Während ich es mir überlege, besprechen Sie sich mit den Ihrigen, denn wenn ich Ihr Haus betrete, darf ich nicht als Eindringling kommen. Ich will dort nur mit freundlichen Blicken und offnen Armen empfangen werden. ... So wie diese Arbeit vollendet, bringe ich Sie Ihnen zurück. Wenn Sie dann noch derselben Meinung sind, und meine Entschlüsse mit den Ihren im Einklang stehen, werden wir über die Zukunft entscheiden.« Frau Hérault nickte zustimmend, zog das junge Mädchen an sich, küßte sie liebevoll und sagte bewegt: »Arbeiten Sie fleißig und lassen Sie mich nicht zu lange warten!« Sie wandte sich zum Gehen, und Helene begleitete sie bis zur Thür ihrer bescheidenen Wohnung. Als Louis später etwas bleich und übernächtig sich zur Großmutter gesellte, erzählte ihm diese voller Begeisterung von ihrem Besuche. Er hörte ihr stillschweigend zu, vielleicht achtete er nicht einmal auf das, was sie sagte. Seine Gedanken wanderten weit entfernt vom Faubourg Poissonnière zu einem Hause der Avenue Gabriel und seine geschäftige Einbildungskraft malte ihm zu namenloser Qual immer wieder die Frau, die so viel Glut und Leidenschaft in ihm entflammt, in den Armen eines andern. Frau Hérault, welche die Zerstreutheit ihres Enkels für Aufmerksamkeit hielt, fuhr in ihrer Erzählung fort: »Ich habe sie gebeten, zu mir zu ziehen, um mich nie wieder zu verlassen.... Wenn sie annimmt, hoffe ich, daß du nichts einzuwenden hast.« Er legte dieser Frage nicht mehr Bedeutung bei, als wenn es sich um das Engagement einer beliebigen Gesellschafterin gehandelt hätte, und antwortete: »Wie sollte ich, wenn es dir Freude macht, Großmutter!« Frau Hérault umarmte Louis lebhaft. »Es ist wirklich hübsch von dir; ich fürchtete, daß die Aufnahme einer Fremden dir ungelegen sein würde.« Er schüttelte verneinend den Kopf und verfiel wieder in seine alten Grübeleien. Bald darauf zog er sich in seine Wohnung, die das ganze zweite Stockwerk des Hauses einnahm, zurück, und dort in seinem Rauchzimmer auf eine Chaiselongue ausgestreckt, versuchte er sich zwei Stunden lang mit opiumhaltigen Cigaretten zu betäuben, ohne damit etwas andres zu erreichen, als seine Phantasie noch mehr zu überreizen. Immer stand vor seinen Augen die entzückende Frau mit dem Goldhaar, und er schäumte vor Zorn und Eifersucht gegen Lereboulley. Die wahnwitzigsten Gedanken durchkreuzten sein Hirn, er sagte sich: Bin ich nicht ebenso reich, wie er, bin ich nicht jung? Warum sollte sie nicht mir angehören, und wenn sie mein ist, dann wird sie wahrscheinlich mit irgend einem andern die Komödie spielen, in der ich heute nacht eine Rolle spielte. »Sie wird Lereboulley meinetwegen, und mich eines andern wegen betrügen,« rief er zornig lachend aus, wobei er mit der Faust auf ein Nipptischchen schlug, daß es zerbrach. »Nein, hundertmal nein, ich mag sie nicht, ich werde mich nicht von ihr narren lassen. Sie soll sich über mich mit keinem andern lustig machen können!« Voll Unruhe ging er im Zimmer auf und ab, blieb dann vor dem Kamin stehen und sah, daß es vier Uhr war. Er klingelte seinem Diener, befahl anzuspannen, und zog sich an, um sich nach dem Kaiserklub fahren zu lassen. Er war ziemlich sicher, dort Lereboulley und Thauziat zu treffen; auch war er dort nur zweihundert Schritte vom Hotel Olifaunt entfernt. Obwohl er sich vorgenommen, nicht an Diana zu denken, suchte er doch die Gesellschaft ihres Liebhabers und hielt sich so viel wie möglich in der Nähe ihres Hauses auf. Das Wetter war herrlich. Der heiße Sommertag hatte eine unabsehbare Menschenmenge in die Champs Elysées gelockt, und durch die Rue Royale wogten die Spaziergänger, die den schönen Abend genießen wollten, hin und her. Die Zimmer des Klubs waren fast leer, der Baccarat-Tisch verlassen; der größte Teil der Klubmitglieder befand sich im Garten auf der Terrasse, welche die ganze Place de la Concorde beherrscht und diese trauliche Ecke zu einem der angenehmsten Beobachtungspunkte von Paris macht. Unter einem weiß und rot gestreiften Zelte, gegen die Strahlen der untergehenden Sonne geschützt, saßen die Herren in behaglichen Lehnstühlen, plauderten und rauchten. Ein frischer Duft von Grün und Blumen erfüllte die Luft und wirkte beruhigend auf die Nerven; hier konnte der Geist in köstlichem Behagen rasten. Louis durchschritt die Gruppen, drückte zerstreut hier und dort einigen Bekannten die Hand, tauschte Grüße aus und blieb an dem Steingeländer, welches den Platz einrahmte, die Arme darauf stützend, stehen. Er starrte auf die Equipagen, die dem Bois zufuhren, ohne sie eigentlich zu sehen, rauchte hastig, warf eine Cigarette nach der andern weg, um sich sofort wieder eine neue anzustecken; der Kopf schien ihm leer, und sein Herz war von tiefer Bitterkeit erfüllt. Seit etwa einer halben Stunde schon stand er da, als sich eine Hand auf seine Schulter legte. Er drehte sich um und sah Lereboulley vor sich, der ihn heiter anlächelte. Ein Diener brachte dem Senator einen bequemen Gartenstuhl; der dicke Herr ließ sich schwer hineinfallen und trocknete sich die Stirn, auf der große Schweißtropfen standen. »Es ist ja unglaublich heiß,« sagte er. »Um meinem Arzt zu gehorchen, ging ich zu Fuß, und bin nun trotz meines leichten Anzuges wie aus dem Wasser gezogen.« Louis betrachtete Lereboulley. Emilies Vater war mit einer Sorgfalt gekleidet, die den Damenmann verriet; unter dem enganschließenden Jackett trug er eine weiße Weste; ein hellgraues Beinkleid umschloß seine umfangreichen Beine; aus den tief ausgeschnittenen Lackschuhen sahen mit Blümchen bestickte seidene Socken hervor; eine blaue, weißgetupfte Krawatte war nachlässig um sein dreifaches Kinn geschlungen und ein grauer Filzhut mit breitem schwarzen Bande bedeckte seinen Kopf. Seine Hände stützte er auf einen prächtigen Rohrstock mit fein ciseliertem Goldknopf. »Haben Sie Thauziat heute schon gesehen?« fragte er, sich eine Cigarre ansteckend. »Nein,« erwiderte Louis. »Ich hatte heute morgen eine lange Unterredung mit ihm,« fuhr der Senator fort; »es handelt sich um ein bedeutendes Geschäft, an dem teilzunehmen man mich ersucht, und über welches ich seine Meinung hören wollte. Sie wissen ja, welch richtigen Blick er hat. ... Hat er einmal ein Projekt durchgearbeitet und es annehmbar befunden, dann kann man sich ruhig darauf einlassen. Nie bin ich einem Menschen begegnet, der eine solch seine Nase hat, wie er. ... Da es sich aber um eine große, komplizierte Spekulation handelt ...« »Welches Interesse hätte ich dabei?« unterbrach ihn Louis kurz, nicht länger im stande, den Mann, den er am liebsten erwürgt hätte, so ruhig über Geschäfte sprechen zu hören. »Welches Interesse? Na, zum Kuckuck, das allergrößte! Wir haben gemeinsame Interessen, lieber Freund, und diese Interessen sind ernstlich engagiert. Ich kann ohne Sie überhaupt keine Entscheidung treffen.« »Ich bin augenblicklich durchaus nicht aufgelegt, mich mit ernsten Dingen zu beschäftigen,« sagte Louis fast grob. »Sie werden dennoch die Güte haben, mich anzuhören, denke ich. ... Es ist eine wahre Goldmine, die auszubeuten ist; in kurzer Zeit könnten Sie dadurch mit Leichtigkeit die Lücken Ihres Vermögens wieder ausfüllen. Es handelt sich um nichts Geringeres als die Legung eines transatlantischen Kabels zwischen Frankreich und Amerika, damit wir den Engländern nicht mehr zinspflichtig zu sein brauchen. ... Zu diesem Zwecke tritt gegenwärtig eine große amerikanische Gesellschaft zusammen, wir bilden die französische Gesellschaft, schaffen das Kapital für den Betrieb und liefern das Kabel. Hier haben Sie nun mit Ihren Werken in St. Denis einzugreifen, mein lieber Freund, und sich so an der materiellen Seite des Unternehmens zu beteiligen. Vorwärts also mit den Walzwerken und der Drahtzieherei. ... Es ist Arbeit in Sicht.« »Schon gut, ich werde das Projekt durch meine Techniker prüfen lassen.« Lereboulley hob den Kopf und sah den jungen Mann mit stechendem Blick aufmerksam an. »Was ist Ihnen?« fragte er, »Sie sind schlechter Laune wie mir scheint!« »Ein wenig Kopfschmerzen.« »So, so, wohl die Folgen des gestrigen Festes? Wir sind doch aber zu gleicher Zeit fortgegangen, Sie sehen mich frisch und munter ... und ich bin doch ein Alter!« Dabei blickte er wohlgefällig auf eine Rose, die er im Knopfloch trug. »Sie haben wahrscheinlich eine angenehmere Nacht verbracht, als ich,« sagte Louis bitter. »Was wollen Sie damit sagen?« fragte Lereboulley mit einem Anflug von Unruhe. »Nichts Unwahrscheinliches,« erwiderte Louis. »Man kennt Sie ja. ... Ich möchte hoch wetten, daß Sie, als Sie uns verließen, nicht nach Hause gegangen sind.« »Ich werde mich hüten, diese Wette einzugehen,« sagte Lereboulley mit selbstgefälligem Lächeln. »Sie könnten gewinnen. ...« »Natürlich eine Dame der Gesellschaft?« fragte Louis. »Und der besten Gesellschaft! Ich weiß nicht, ob es Ihnen ebenso geht, wie mir ... früher verliebte ich mich in jedes hübsche Lärvchen, ohne Standesunterschied. Daß eine Frau hübsch war, genügte mir. Später verlangte ich schon mehr; um mir zu gefallen, mußte man ein gewisses Etwas haben, wenigstens den Anschein einer Weltdame. ... Ich nahm es mit der Echtheit nicht so genau. ... Jetzt hingegen muß dieselbe beglaubigt, und ich muß überzeugt sein, daß nichts falsch ist: weder der Name noch der Stand. ... Das ist mein drittes Stadium.« »Nehmen Sie sich in acht, mein Lieber. Es gibt eine Legierung, welche dem Silber täuschend ähnlich ist.« Lereboulley lachte und sagte stolz: »O, ich bin meiner Sache sicher; ich habe die Probe gemacht,« Plötzlich schwieg er. Ein mit hochfeinen Rassepferden bespannter Viktoriawagen kam die Rue Boissy d'Anglais dahergefahren. Die roten Kokarden der Pferde, die Stahlketten, welche bei jedem Schritt klirrten, die weiße Livree der Diener, alles war von vollendetster Eleganz. Halb zurückgelehnt lag Lady Olifaunt in einer reizenden schwarzen Toilette, die ihren frischen Teint und ihr glänzendes Haar vorteilhaft hervorhob, im Wagen und lächelte. Wie durch einen glücklichen Zufall mäßigte der Kutscher die schnelle Gangart der Pferde gerade in dem Augenblick, als der Wagen an der Terrasse vorbeifuhr, auf welcher die beiden Herren sich befanden. Louis erblaßte, als er plötzlich diejenige vor sich sah, mit der sich seine Gedanken unablässig beschäftigten, für die sein Herz blutete. Er runzelte die Stirn und strich sich mit zitternder Hand den blonden Schnurrbart. Ruhig blieb er an der Steinbalustrade stehen, und doch wogte das Blut aufrührerisch in seinen Adern, der Atem stockte ihm und er wurde von einer unbeschreiblichen Lust erfaßt, Diana zu beschimpfen. Lereboulley hatte sich strahlend erhoben, und ein Schimmer befriedigten Stolzes überflog sein Gesicht. Es gewährte ihm eine ungeheure Genugthuung, daß die schöne Frau, auf die er so stolz war, hier vorbei kam, um ihrem Herrn und Gebieter eine geheime Huldigung darzubringen. All der dort unten zur Schau getragene Luxus gehörte ihm; er brauchte nur zu winken, und der Wagen hielt, er konnte einsteigen, sich an die Seite Dianas setzen und ganz Paris zeigen, wie er mit ihr stand, sobald er nur wollte; allein das Geheimnis, welches über dieses Verhältnis gebreitet war, sagte ihm unendlich mehr zu, als solch öffentliches Glück. Seine Stellung als Jupiter, der heimlich zu dieser modernen Danae herabsteigt, entzückte ihn; die Komödie, die er spielte, verlieh der ganzen Suche einen besondern Reiz. Jedesmal, wenn er zu ungewöhnlicher Stunde zu Lady Olifaunt ging, trat ihm der kalte Angstschweiß auf die Stirn, fürchtete er doch immer hinter einer Thür Sir James auftauchen zu sehen, der mit dem Revolver in der Hand Rechenschaft von ihm forderte. Er wußte freilich recht gut, daß der würdige Mann mit einem Luxus auftrat, dessen Quelle für ihn nicht zweifelhaft sein konnte, aber was half das? Diana hatte ihm gesagt, daß ihr Mann sehr blutdürstig sei, er floh ihn also wie das Feuer. Für den Augenblick aber hatte er nichts zu befürchten und konnte in Frieden sein Glück genießen. Den Blick der Straße zugewandt, den grauen Filzhut in der Hand, war er von dem Anblick, der sich ihm darbot, so geblendet, daß er nicht einmal bemerkte, wie Louis, nachdem er leicht mit der Hand seinen Hut berührt, sich abgewandt hatte und sich das Ansehen gab, als suche er etwas am andern Ende des Gartens. Lady Olifaunt berührte den Arm des Kutschers mit ihrem Sonnenschirm und befahl ihm kurz, zu halten. Anscheinend kühl und gleichmütig an die Balustrade gelehnt, beobachtete Louis verstohlen jede Bewegung der jungen Frau. Er wußte nur zu gut, daß sie seinetwegen hatte halten lassen, und nicht, um den frohlockenden Lereboulley zu beglücken. Ihm war die Freude auf Dianas Zügen nicht entgangen, als sie ihn in Begleitung des Senators erblickt hatte, noch ihr Staunen, als er sie kaum gegrüßt, und schließlich ihr Zorn, als sie ihn entschlossen sah, auf keine Weise Notiz von ihr zu nehmen. Hochaufgerichtet, mit gerunzelter Stirn, sah sie ihn starr mit bösem Blick an und sagte gebieterisch: »Warum haben Sie mich heute nicht besucht?« Louis rührte sich nicht und schwieg. Lereboulley warf einen raschen Blick auf seinen unbeweglich und stumm dastehenden Freund, nahm dann an, die Frage gelte ihm, und antwortete erstaunt: »Aber, verehrte Frau, war denn verabredet, daß Sie mich erwarten sollten? Verzeihen Sie mir, es war mir dies entfallen.« »Ich spreche ja gar nicht mit Ihnen,« erwiderte Diana mit unglaublicher Ungezogenheit, »sondern mit Herrn Hérault.« Dem Senator war es, als ob den wolkenlosen Himmel plötzlich bleifarbiges Grau überzöge, und er meinte den Boden unter seinen Füßen wanken zu fühlen. Mit weit aufgerissenen Augen starrte er bald auf Diana, bald auf den Freund und hörte nur undeutlich, da es ihm entsetzlich vor den Ohren sauste, folgendes kurze Gespräch zwischen Louis und Lady Olifaunt: »Es war mir unmöglich, Sie zu besuchen,« sagte der junge Mann, der doch nicht wohl länger eine Antwort verweigern konnte, mit sichtlicher Anstrengung. »Ich war beschäftigt.« »Eine sehr wichtige Beschäftigung wohl? Sieht man Sie heute abend?« »Wahrscheinlich nicht.« »Und morgen?« »Ebensowenig.« »Also niemals?« »Niemals!« »Sie werden mir erklären, was das bedeutet!« »Nein, gnädige Frau, das ist nicht nötig.« Er verbeugte sich, trat ein paar Schritte zurück und entzog sich ihren Blicken. Er hörte noch einen Zornesausruf Dianas, dann sagte sie dem Kutscher: »Weiter jetzt, ins Bois!« Der Wagen bog um die Ecke der Avenue und rollte davon, während Lereboulley wie festgewurzelt auf dem nämlichen Fleck stehen blieb. Die widersprechendsten Möglichkeiten tauchten vor ihm auf und blitzartig durchzuckten ihn die quälendsten Vorstellungen. Erst sagte er sich, Hérault müsse ein Verhältnis mit Diana gehabt haben, das in seiner Gegenwart zu lösen, die beiden schamlos genug gewesen seien. In Gedanken überflog er die jüngste Vergangenheit und forschte angstvoll in seinen Erinnerungen nach Anzeichen eines solchen Einverständnisses – vergebens – er entdeckte nicht das geringste. – Dann war es also Lady Olifaunt, die sich dem jungen Manne an den Hals warf? Und dieser wies das Glück zurück, das sich ihm bot. ... Warum aber geschah das alles so öffentlich? Hatten sie diese Unterredung nicht im geheimen abmachen können? Diana hatte am Abend vorher beim Feste des Grafen Woroseff sich lange mit Louis unterhalten. Warum diese plötzliche Auseinandersetzung, bei der sie so gebieterisch, er so rücksichtslos aufgetreten war? Warum vor allem in seiner Gegenwart? Wenn Diana einen Bruch mit ihm herbeiführen und ihm die Handhabe hierfür bieten wollte, hätte sie es nicht besser angreifen können. Dieser weitsehende Politiker und tüchtige Geschäftsmann war schwach wie ein Kind der Frau gegenüber, die er liebte. Er wendete sich zu Louis, der schweigend dasaß und rauchte. Mit flehenden Blicken und Worten begann er: »Mein lieber Freund, ich beschwöre Sie, erklären Sie mir doch, was vorgeht. Woher dieser plötzliche Streit zwischen Lady Olifaunt und Ihnen? Weshalb diese Aufregung von seiten der Dame und diese – Schroffheit Ihrerseits?« Louis' Zorn war verflogen, er hob den Kopf und sagte mit großer Ruhe: »Verzeihen Sie, lieber Freund, aber mit welchem Rechte verlangen Sie von mir derartige Erklärungen? Lady Olifaunts Geheimnisse, scheint mir, gehen Sie doch nichts an. Sie sind, soviel ich weiß, nicht ihr Gatte ... und wenn Sie ihr nicht in andrer Weise nahe stehen ...« »Louis,« rief Lereboulley, die Hände wie beschwörend vorstreckend, »sprechen Sie nicht leichtfertig von der Ehre einer Frau.« »Aber ich spreche ja über gar nichts,« sagte Hérault. »Sie sind es, der mich ausfragt, und noch dazu über so heikle Dinge. Ich bin bereit, Ihnen Rede zu stehen, aber nur unter der Bedingung, daß Ihnen irgend ein Recht zusteht. Sie sind weder der Gatte, noch der Liebhaber. In welchem Verhältnis stehen Sie also zu der Dame und weshalb stellen Sie dieses Verhör an?« Einen Augenblick blieb der Senator unschlüssig. Dann nahm er seinen Mut zusammen und sagte stockend mit vielen Umschweifen: »Ich interessiere mich ganz besonders für die Frau, mit der Sie soeben diesen seltsamen Wortwechsel gehabt. Ich habe die Verpflichtung, über ihr Dasein zu wachen, und ich erfülle diese Pflicht mit liebevoller und treuer Sorge. ... Machen Sie sich darüber weiter keine Gedanken, ziehen Sie keine unrichtigen Schlüsse! Nehmen Sie zum Beispiel an, sie sei mein Mündel! Habe ich da nicht das Recht zu fragen, weshalb Sie sich weigerten, sie zu besuchen, als sie Sie darum bat? Welche geheimnisvolle Beziehungen bestehen zwischen Ihnen? Antworten Sie mir, ich bitte Sie. Thun Sie es, selbst wenn Sie von meiner Berechtigung, diese Fragen zu stellen – nicht überzeugt sind. ... Antworten Sie mir, um unsrer langjährigen Freundschaft willen!« Louis konnte sich eines gewissen Mitleids nicht erwehren, als er den Senator so angsterfüllt, mit schweißbedeckter Stirn und zitternden Händen stammeln hörte. Er sagte sich: Da sieht man, was dieses Geschöpf aus den energischsten und bedeutendsten Männern machen kann. Wohin wäre es da mit mir gekommen? Hatte sie nicht auch schon von mir Besitz ergriffen, wie sie sich der andern bemächtigt hat? Es ist, weiß Gott, ein glücklicher Zufall, durch den ich sie losgeworden bin. Schon war ich durch sie fast sinn- und herzverbrannt. Was wäre aus mir geworden, wenn sie mein gewesen und die volle Herrschaft über mich erlangt hätte? »Ganz recht, mein lieber Lereboulley,« sagte er ruhig, »zwischen Lady Olifaunt und mir herrscht ganz einfach eine kleine Verstimmung. Ohne jeden Grund hat sie mich gestern auf dem Fest des Grafen Woroseff mit einer Rücksichtslosigkeit behandelt, die mir nicht paßte, ich habe sie das merken lassen, sie wurde böse und befahl mir im Herrschertone, ihr heute meine Aufwartung zu machen, um mich bei ihr zu entschuldigen. Da ich fand, daß hierfür durchaus kein Grund vorhanden, habe ich ihr nicht gehorcht; daher ihr Groll.« Der Senator schien nur halb beruhigt. »Ist das alles? sagte er. »Täuschen Sie mich auch nicht? Lady Olifaunt ist eine sehr schöne und sehr verführerische Frau. Alle Männer, die irgend welche Rolle in der Gesellschaft spielen, sind oder werden in ihren Anziehungskreis gezogen. Ich habe die Schliche aller beobachtet. ... Aber nie war Diana so aufgeregt. ... Heute zum erstenmal habe ich ein Gesicht, ein Benehmen, einen Ton an ihr wahrgenommen, wie ich es bisher für undenkbar gehalten. Können Sie mir Ihr Wort geben, Louis, daß Sie in keinem näheren Verhältnis zu ihr stehen?« Beim Aufzählen dieser bedenklichen Symptome hatte ihn aufs neue namenlose Angst erfaßt, und sein Ton war der einer leidenschaftlichen, demütigen Bitte. Der junge Mann suchte ihn nun vollständig zu beruhigen. »Auf Ehre, ich war und bin nicht ihr Liebhaber.« »Mein Herzensjunge!« Mit diesen Worten umarmte ihn der Senator und drückte ihn in einem Anflug von Dankbarkeit an sein Herz. Louis machte sich lachend los und fragte den alten Herrn: »Sagen Sie doch, Lereboulley; können Sie denselben Eid leisten?« Die Frage kam so unerwartet, daß sie den Senator außer Fassung brachte. Er zuckte mit den Achseln und setzte ein andres Gesicht auf. Nachdem er sich überzeugt, daß ihn niemand hören konnte, beteuerte er mit entrüsteter Miene: »Aber lieber Freund, wo denken Sie hin? Wie, Sie könnten nach dem, was ich Ihnen gesagt, vermuten? ...« »Gerade nach dem, was Sie mir gesagt haben ...« »Nein, nein! Bilden Sie sich nichts ein ... ich wäre trostlos. ... Zum Teufel ... man muß den Ruf einer Frau achten.« »Und das thun Sie, indem Sie morgens um drei Uhr durch ein geheimes Gartenpförtchen bei ihr eintreten.« Lereboulley war einen Augenblick wie niedergedonnert, dann stotterte er leise: »Ich? Wie ich?« »Gewiß, Sie und kein andrer, diese Nacht ... nachdem Sie das Fest des Grafen Woroseff verlassen. ... Thauziat und ich kamen zu Fuß die Champs Elysées herunter. Sie wandelten vor uns her, wie ein Triumphator, und mit eignen Augen sahen wir Sie die Avenue ...« »Pst!« unterbrach ihn der Senator, »Sie irren aber dennoch, wenn Sie denken ...« »Wenn ich ›was‹ denke? Haben Sie sich vielleicht mit Sir James unterhalten wollen?« »Teufelsjunge ... keinen Namen ... ich bitte ... bedenken Sie doch den Ernst der Angelegenheit. Wenn man vermuten könnte ...« »Nur halb Paris vermutet, und die andre Hälfte ist ihrer Sache sicher!« Lereboulley schaute mißgestimmt drein. »Ich glaube nicht, was Sie mir da erzählen. Ich wäre untröstlich, wenn das wahr wäre. Da Sie mich aber in flagranti ertappt haben, muß ich wohl oder übel beichten; Thauziat wußte es schon lange. Sie sehen aber, wie verschwiegen ich bin. Die Dame gehört den ersten Gesellschaftskreisen an, sie wird überall gefeiert und aufgesucht, und ist in der That reizend. Ich habe viele Frauen gekannt, aber keine, die ihr gleich käme. Sie sehen, daß ich mein Glück zu würdigen verstehe. Ich habe der Frau Minne von der Picke auf gedient und Diana ist mein Marschallsstab.« »Der Ihnen teuer zu stehen kommt.« »Sie hat Vermögen, lieber Freund,« warf Lereboulley ein. »Sie besitzt Ländereien in Amerika, die von ihrem Vater herstammen. In diesen Besitzungen liegen sogar bedeutende Minen.« »Ja, wie sagt doch Ihre Tochter? Daß die schöne Diana ihre Minen hat, ist zweifellos, nur ...« Das Gesicht des Senators verfinsterte sich. »Sie berühren da einen wunden Punkt, mein Lieber. Meine Tochter verabscheut Lady Olifaunt und begegnet ihr in einer Weise, die mir großen Kummer macht. Sie wissen, wie ich Emilie liebe, daß ich einzig ihr zuliebe Witwer geblieben bin, wofür sie mir wohl dankbar sein und sich meinen Wünschen fügen sollte.« »Nun besonders herzliche Gefühle für die schöne Frau konnten Sie doch nicht von ihr erwarten.« »Allerdings nicht, aber ihre fortgesetzten Sticheleien und Angriffe auf Diana sind mir unerträglich. Ich habe schon lange nicht mehr den Mut, Lady Olifaunt oder ihren Gatten bei mir zu sehen; denn meine Tochter jagt mir jeden Augenblick eine Gänsehaut über den Rücken. Sir James ist nämlich kein bequemer Herr und läßt in Ehrensachen nicht mit sich spaßen. ... Er ist ein Pistolenschütze ersten Ranges.« Louis lachte. »Ich schieße besser als er. Wenn er mit Ihnen Händel sucht, schicken Sie ihn nur mir.« »Was denken Sie,« rief Lereboulley, »das wäre eine schöne Geschichte, dann müßte ich ja seine Witwe heiraten!« Die beiden Herren hatten ihren Humor wiedergewonnen. Der Senator war im Grunde nur zu froh, mit seinem Glück prahlen zu können, ohne sich einer Indiskretion schuldig zu machen, und unbeständig, wie Louis war, freute er sich, so leichten Kaufs einer Intrigue entronnen zu sein, deren Unbequemlichkeiten und Gefahren er voraussah. Die untergehende Sonne warf ihre letzten Pupurstrahlen auf die Avenue. In langen Reihen kehrten die Wagen nach Paris zurück: der Klub leerte sich allmählich; die Terrasse ward menschenleer. Arm in Arm traten Lereboulley und Louis in den Salon zurück, den Thauziat in demselben Augenblick betrat. Etwas überrascht von der Vertraulichkeit der beiden, warf er einen fragenden Blick auf Louis. Es schien fast, als wollte Lereboulley selbst Thauziats Neugierde befriedigen, denn er sagte zu Louis: »Da Clement auch hier ist, wollen wir doch alle drei Lady Olifaunt um einen Teller Suppe bitten. Sie wird entzückt sein, und ich versöhne euch. Es würde mir wirklich sehr leid thun, wenn diese Entzweiung andauerte; mit einer hübschen Frau muß man stets gut Freund bleiben. Nach Tisch reden wir dann von dem großen Kabelunternehmen. Nun, einverstanden?« »Nein, es ist unmöglich. Thauziat und ich sind nicht frei. Wir haben den Abend bereits vergeben.« »Das ist nicht hübsch von Ihnen, Louis,« sagte der Senator, den Kopf schüttelnd, drückte beiden jungen Leuten die Hand und entfernte sich. »Warum hast du dich nicht erweichen lassen, wenn ihm doch so sehr daran lag?« fragte Thauziat seinen Freund. »Weil das, was ich seit gestern erlebt, mich vollkommen verwandelt hat, und ich von Diana kein Wort mehr hören will.« Clement betrachtete Louis einen Augenblick und überzeugte sich, daß es ihm Ernst war. »Nun gut, um so besser,« sagte er, »sie war keine Frau für dich.« Sie aßen zusammen, machten dann ein paar Rundgänge durch die Gärten des Ambassadeurs, hörten vergnügt einige alberne Gesangsnummern an und begaben sich gegen Mitternacht in den Klub, wo eben ein sehr hohes Spiel begann. Um ein Uhr morgens ging Thauziat schlafen und ließ Louis am Spieltisch zurück, wo ihm das Glück in auffallender Weise hold war. Zwei Stunden darauf hatte sich aber das Blatt gründlich gewendet, und der Erbe des Hauses Hérault hatte einen Spielverlust von zweitausend Napoleons zu verzeichnen, als er morgens um drei Uhr mit schwerem Kopf und leerem Herzen in das Faubourg Poissonière zurückkehrte. Das Leben, welches er in der nun folgenden Woche führte, war einzig darauf berechnet, seine Gedanken von der Engländerin abzulenken, jedes Alleinsein zu vermeiden und selbst den Träumen zu wehren, die ihm eine Frau zeigten, von welcher er nicht sicher war, ob er sie haßte oder liebte. Er stand spät auf, frühstückte mit Thauziat, ging zu den Rennen, aß im Klub, spielte die Nacht durch und ging nicht eher heim, bis ihn ein dumpfer Schlaf überfiel, in dem die Einbildungskraft keinen Spielraum mehr hatte. Acht Tage lang lebte er auf diese Weise vollständig außer dem Hause, und seine Großmutter bekam ihn gar nicht zu Gesicht. Erst am Ende der Woche fühlte er endlich etwas wie Gewissensbisse, und es fiel ihm schwer aufs Herz, daß er die arme Frau so ganz und gar vernachlässigte. Am Montag – an diesem Tage speiste Emilie nie bei Frau Hérault, weil ihr Vater Empfangsabend hatte, und er konnte daher sicher sein, daß nicht von Diana die Rede sein würde – trat er unangemeldet in den Salon. Die großen Lampen waren noch nicht angezündet, und da die dicken Vorhänge das Einfallen des Lichtes verhinderten, war der mächtige Raum in ein Halbdunkel gehüllt. Halb von einem Wandschirm verdeckt, saß eine Dame an Frau Héraults kleinem Arbeitstischchen, und ohne dieselbe genauer anzusehen, trat er auf sie zu und rief heiter und herzlich: »Guten Abend, Großmutter!« Ein Ruf der Überraschung entfuhr ihm, als die Dame sich in reizender Verwirrung erhob, und er ein junges Gesicht und eine schlanke Figur, statt des gebeugten runzligen Großmütterchens zu sehen bekam. »Ich bitte um Verzeihung,« sagte er, sich tief verbeugend, »erweisen Sie mir die Gnade, sich nicht stören zu lassen und meinen Überfall zu entschuldigen.« Die also Angeredete machte ein Zeichen mit der Hand, wie um ihn zu bitten, sich nicht weiter zu beunruhigen, grüßte mit ernstem Kopfneigen und wollte sich eben entfernen, als Frau Hérault, dem Diener, welcher die Lampe brachte, voranschreitend, die Thür öffnete. »Ah, du bist es, mein lieber Junge, das ist aber nett von dir!« sagte sie und ging auf ihren Enkel zu. Nicht ein Wort des Vorwurfs über seine lange Abwesenheit, nur Küsse und Blicke, aus denen das Glück sprach, ihn wieder zu haben. Nachdem die Überraschung vorüber, die Louis' Ankunft ihr bereitet, fiel ihr erst ein, daß die beiden jungen Leute sich unbekannt gegenüberstanden, und fröhlich in die Hände klatschend, rief sie: »Was bin ich doch einfältig, ich habe ja ganz vergessen, du kennst Fräulein Helene noch nicht, und Sie, mein Liebling, kennen meinen Enkel nicht.« Die alte Dame richtete sich mit komischer Würde in die Höhe und stellte höchst feierlich vor: »Mein Fräulein, mein Enkel Louis Hérault-Gandon! – mein lieber Sohn, Fräulein Helene von Graville.« Sofort erinnerte sich Louis des kleinen Erlebnisses der vorigen Woche und seiner Folgen. Er sah das junge Mädchen von Thauziat bis zur Thür des Hauses verfolgt, gedachte des Verhörs, das er mit dem alten Portier angestellt, und der Erregung, in welche der Name Graville, der eine ganze Vergangenheit in ihr wachgerufen, die Großmutter versetzt hatte. Jetzt fiel ihm auch ein, daß Frau Hérault ihm von ihrem Besuch bei Helene erzählt und, glücklich über ihre Entdeckung, ihn um die Erlaubnis gebeten hatte, die Enkelin ihrer Wohlthäter in ihr Haus aufzunehmen. In dem Strudel seines tollen Lebens hatte er dann das harmlose Abenteuer vergessen, dessen Heldin er plötzlich vor sich sah. Was ihn in ihrer Erscheinung zuerst ansprach, war der offene, ehrliche Blick, der feste, entschlossene Zug um den Mund und die bedeutende Stirn. Der ein wenig dunkle Teint ihres Gesichtes verlieh diesem den Ausdruck melancholischen Ernstes. Alles an ihr bildete einen entschiedenen Gegensatz zu der Zierlichkeit und Zartheit, zu der blendenden Weiße Dianas, und gerade diese herbe Anmut nahm ihn sofort für sie ein. Er hatte das Gefühl, ein verständiges, ruhiges und zuverlässiges Wesen vor sich zu haben, mit dem ein häufiger Verkehr nur angenehm und wohlthätig sein konnte. Er trat einen Schritt auf sie zu und reichte ihr herzlich die Hand: »Seien Sie willkommen, mein Fräulein,« sagte er, »und erlauben Sie mir, Ihnen für die Bereitwilligkeit, mit welcher Sie die Bitte meiner Großmutter erfüllt haben, meinen Dank auszusprechen. Möge Ihnen dies Haus bald zur Heimat werden!« Helene neigte das Haupt mit einem Lächeln, welches ihre prächtigen Zähne sehen ließ, legte ihre Hand in die des jungen Mannes, und zum ersten Male hörte Louis den Klang ihrer tiefen Stimme, die ihm von besondrer Weichheit und Fülle zu sein schien, als sie einfach erwiderte: »Ich danke Ihnen für Ihre freundliche Aufnahme und verspreche Ihnen, Ihre Großmutter zu lieben, als ob sie die meinige wäre!« Kein Wort wurde weiter gewechselt; beide waren plötzlich von einer Verlegenheit befangen, in der sie sich mieden, so daß die Mahlzeit fast schweigend und ungewöhnlich rasch abgemacht wurde. Die drei Tischgenossen beobachteten sich gegenseitig. Frau Hérault suchte auf dem Gesichte ihres Enkels den Eindruck zu lesen, den Helene auf ihn hervorgebracht, dieser selbst studierte Fräulein von Graville, die die ruhigste und korrekteste Haltung von der Welt bewahrte. Nicht ein Wort kam von ihren Lippen, das nicht natürlich und voller Takt war. Leicht und selbstverständlich hatte das junge Mädchen sich in den vierundzwanzig Stunden ihres Hierseins in die Stellung einer Tochter des Hauses, wie sie dieselbe einst im elterlichen Daheim ausgefüllt, einzuleben gewußt. Ihre Erziehung verlieh ihr vollkommene Sicherheit und schützte sie vor jedem höhnischen Wort oder jeder unliebsamen Begegnung; sie fühlte sich an ihrem Platze und war durchaus unbefangen. Mit Bedauern bemerkte sie, wie schlecht Louis aussah. Seine von den durchwachten Nächten entzündeten Augenlider, die matte, zusammengesunkene Haltung konnte sie sich nur durch einen tiefen Kummer erklären und sie ahnte nicht, daß sie allein es war, die in diesem Augenblick die Gedanken des zerstreut Dasitzenden erfüllte, der alle eben noch so wichtigen und bedeutsamen Kümmernisse angesichts dieses neuen Interesses mit gewohnter Leichtigkeit beiseite geworfen hatte. Ohne besondre Aufforderung bereitete Helene dann im Salon den Kaffee und reichte die Tassen herum, während das Großmütterchen glückselig an der Seite des Enkels sitzen blieb und sich der langentbehrten töchterlichen Fürsorge und Aufmerksamkeit erfreute, die ihr nun plötzlich in so reichem Maße zu teil wurde. Sie war stolz, das anmutige junge Mädchen entdeckt und an sich gefesselt zu haben, und hatte das Gefühl, daß etwas von ihrem Reiz auf die ganze Umgebung und auch auf sie selbst übergehen müsse. Sie hob alles hervor, um Helene im glänzendsten Lichte vor Louis erscheinen zu lassen. Von einem Ecktischchen nahm sie das Stück Crêpe de chine , das sie als Vorwand benützt, um sich bei Fräulein von Graville einzuführen, und zeigte ihm den meisterhaft ausgebesserten Stoff triumphierend mit den Worten: »Sie stickt wie eine Fee, spielt Klavier und singt mit außerordentlichem Geschmack, und wenn du sie vorlesen hörtest...« »So würde ich sie für die Krone ihres Geschlechtes erklären, vorausgesetzt nämlich, daß sie kein Vorurteil gegen Tabak hat.« Die alte Frau Hérault wandte sich an Fräulein von Graville, die sich bescheiden abseits hielt und in einer illustrierten Zeitung blätterte. »Wollen wir diesem schlimmen Patron dort eine ganz kleine Cigarette erlauben, liebe Helene? Man muß seine Untugenden mit in Kauf nehmen, sonst kriegt man ihn vor einer Woche nicht wieder zu sehen.« Helene erhob sich rasch und brachte den kleinen silbernen Cigarrenanzünder, der sich auf dem Kaffeebrett befand. »Ich bin von einem Vater erzogen, der ein starker Raucher war, und fürchte mich gar nicht davor!« Mit diesen Worten setzte sie sich wieder und sprach nur noch, wenn Frau Hérault sie fragte. Der Abend verstrich mit überraschender Schnelligkeit, und Louis war sehr erstaunt, als es schon elf Uhr war, ihm schien, als ob er eben erst von Tisch aufgestanden. Er empfahl sich Fräulein von Graville, küßte seine Großmutter, stieg, ohne daß ihm auch nur der Gedanke gekommen wäre, in den Klub zu gehen, in seine Wohnung hinauf, legte sich nieder und schlief gleich ein, was ihm seit langer Zeit nicht vorgekommen war. Am nächsten Morgen frühstückte er mit den beiden Damen und kam auch zum Diner nach Hause. Das dauerte so die ganze Woche, und überglücklich glaubten Frau Hérault und Helene schon, daß nun alles wieder im alten Geleise sei. Fünftes Kapitel. Nach Verlauf von drei Tagen wurde Clement von Thauziat auf dies plötzliche Verschwinden seines Freundes aufmerksam und er vermutete sofort, daß irgend ein Geheimnis dahinter stecke. Er war zwar an unvermittelte Charaktersprünge bei Louis gewohnt, aber diese plötzliche Zurückgezogenheit nach einer heftigen Krisis deutete doch auf eine gründliche Änderung in der Geistesrichtung des jungen Mannes, und Thauziat nahm an, daß der enttäuschte Liebhaber der schönen Diana sich in irgend ein weniger gefahrvolles galantes Abenteuer verstrickt habe, und da er keineswegs neugierig war, kümmerte er sich nicht weiter um seinen Telemach. Die Prüfung des Geschäftsganges einer Aktiengesellschaft, zu deren Verwaltungsräten er und Lereboulley gehörten, nötigte ihn zu einer Reise nach Brüssel; einmal unterwegs, hielt er sich einige Tage auf und kam erst am Ende der Woche zurück. Da er dem Senator von seiner Mission Rechenschaft ablegen wollte, war sein erster Gang zu Lady Olifaunt. Das von Diana bewohnte reizende Haus, in das man vom Faubourg St. Honoré aus gelangte, hatte seine Hauptfront nach dem hübschen Garten, durch dessen kleine Thür Lereboulley einzutreten pflegte. Diese bezaubernde Bonbonniere, deren Miete so beiläufig vierzigtausend Franken betrug, war für die schöne Miß Howard erbaut worden, als der Prinz Louis Napoleon noch im Elysée wohnte, und enthielt trotz ihrer Kleinheit den denkbar raffiniertesten Komfort. Die Empfangsräume lagen in dem sehr hohen Erdgeschoß, im ersten Stockwerke befanden sich die Privatzimmer der schönen Engländerin. In einem angebauten Flügel, der eigentlich einen Pavillon für sich bildete, wohnte Sir James. Eine elegante Steintreppe, deren Geländer mit Samt bekleidet war und die von einer vergoldeten Bronzelaterne ihr Licht erhielt, führte von dem Flur zu einer Galerie, auf welche sämtliche Salons mündeten. Ein gewählter Geschmack hatte bei der inneren Einrichtung gewaltet. Die Möbel waren von jener ruhigen Vornehmheit, die so viel kostspieliger ist, als der schreiendste Luxus. Die altseidene Wandbekleidung des kleinen Salons, die Tapeten nach Teniers im Billardsaal, das Cordovaleder im Stile Louis' XIII., mit welchem der Speisesaal tapeziert war, brachten den Charakter jedes einzelnen Raumes trefflich zum Ausdruck. Das Schlafzimmer, vor dem ein Pompadourboudoir lag, in dem wunderbare Erzeugnisse der Rokokozeit das Auge entzückten, war mit prachtvollem heliotropfarbenen, mit Silberblumen durchwirkten Stoff ausgeschlagen, dessen zarte Farbe den Teint Dianas nur noch mehr hob. Außer dem Bett im Renaissancestil – Ebenholz mit Perlmutter eingelegt – befanden sich in dem Zimmer zwei mit Goldbronze verzierte italienische Truhen, die das Wappen der Medici trugen, und eine Kommode in Form einer venetianischen Lade, auf deren Deckel eine reiche, farbige Mosaik, die Vermählung des Dogen mit dem Adriatischen Meere darstellte. Die wertvollen Möbel waren bei dem Verkauf im Palazzo San Donato erstanden worden. Den aus schwarzem Birnbaumholz reich geschnitzten Kamin schmückte ein kostbarer Rahmen, in welchen das Bild Lady Olifaunts im Kostüm der jagenden Diana, den silbernen Halbmond in dem goldigen Haar, ein wunderbares Werk Chaplins, eingelassen war. Der Boden war mit einem Teppich aus weißem Astrachanfell bedeckt, in dem der Fuß wie in frischgefallenem Schnee versank. Für gewöhnlich empfing die Herrin des Hauses ihre Besucher im Erdgeschoß in einem kleinen japanischen Salon, den Sir James mit allerhand, mit der Sicherheit eines Kenners gewählten kleinen Kunstwerken ausgestattet hatte. Da befanden sich die aufs prachtvollste geschnitzten Elfenbeingegenstände, die man je bewundert, vor allem eine Reihe zierlicher Statuetten, die von der Geduld und der unübertrefflichen Geschicklichkeit der Arbeiter von Yeddo Zeugnis ablegten. In diesem Raume, dessen Wände mit hellblauer, mit wunderbaren Vögeln, seltsamen Pflanzen und phantastischen Tieren bestickter Seide bekleidet waren, hielt heute Diana in einer Toilette, die ganz in Einklang stand mit dem Rahmen, in dem sie sich befand, ihren Empfang. Ein langer, goldgestickter Morgenrock von blaßrosa Damast, vorn etwas offen und mit weiten Ärmeln, die ihre bloßen Arme sehen ließen, fiel bis an ihre in grünen Pantoffeln steckenden Füßchen herab. Ihr schönes aus der Stirn gekämmtes Haar wurde von goldnen Nadeln mit Korallenköpfen zusammengehalten. Das Gewand, welches ohne irgendwie anzuschließen, ihre schlanke Gestalt in weichen Falten umfloß, ließ sie berückend schön erscheinen. Es schlug fünf Uhr, als der Diener Herrn von Thauziat die Thür öffnete. In dem kleinen Salon befanden sich sieben Personen. Auf dem Sofa neben der schönen Diana saß der Herzog Pforza, ein sehr reicher Italiener, mit grünschwarz gefärbtem Haar; er trug einen langen Überrock, dessen Knopfloch mit einer vielfarbigen Rosette geschmückt war. In der Nähe des Flügels hatte sich Mrs. Anderson aufgepflanzt, eine alte Amerikanerin ohne Geld, aber Mutter einer entzückenden Tochter mit blondem Haar, blauen Augen und einem etwas starken Kinn, wie man es häufig bei unsern westlichen Nachbarn findet. Die junge Dame hörte mit Interesse dem hoffnungsvollen Komponisten André Wordler zu, wie er mit halber Stimme eine zu Versen von Coppée komponierte Melodie sang; in einer Fensternische stand Sir James, in der Hand ein kleines Bild, welches er im Laufe des Tages gekauft, und bemühte sich, dem wie eine gereizte Bulldogge dreinschauenden Lereboulley die wunderbaren Eigenschaften desselben auseinanderzusetzen, für die der Preis von zwanzigtausend Franken eine Lappalie sei. Das Eintreten Thauziats entriß Lady Olifaunt den Huldigungen des aristokratischen Fremden und Lereboulley den Klauen Sir James'. Sonst hatte Diana für Clement stets ein freundliches Lächeln, als sie ihn aber heute eintreten sah, runzelte sie die Stirn. Sie ging ihm zwar entgegen, reichte ihm die Hand, sank aber sofort in die gestickten Kissen zurück. Der Neuangekommene grüßte die beiden Amerikanerinnen, nickte dem Musikus freundlich zu und wandte sich dann an Lereboulley. »Nun, mein hoher Herr,« sagte er, »zeigt Ihnen Sir James irgend ein neues Wunderwerk?« »Sie kommen gerade recht, lieber Clement, Sie sind ja ein Kenner, sagen Sie doch unsrem Freunde, daß er sich von dem Lumpen, dem Steiner, hat beschwindeln lassen. Tausend Napoleons für ein kleines auf Holz gemaltes Bild, zehn Zoll hoch und acht Zoll breit! Ausgeraubt, mein Lieber, ausgeraubt wie in einem Walde. ...« »Ein authentischer und gezeichneter Carlo Dolci,« erwiderte Sir James kalt und sah dabei den Senator streng an. »Außerdem ist das Geschäft abgeschlossen. Ich habe einen Check auf Ihr Haus ausgestellt und benachrichtige Sie davon. ...« Dieses Ausstellen des Checks schien Lereboulleys Zorn zu verdoppeln, denn er erwiderte höhnisch: »Ich bin Ihnen sehr verbunden, daß Sie mich davon benachrichtigen, aber Sie reiten schnell, Sir James, solcher Verschwendung kann kein Vermögen widerstehen.« Der Engländer wurde dunkelrot und that sehr beleidigt. »Ich bitte um Verzeihung, lieber Lereboulley; hat vielleicht meine Frau keine Gelder mehr bei Ihnen stehen?« »Wie empfindlich Sie gleich sind,« unterbrach ihn der Senator, »wenn ich diesen Ankauf kritisiere, so geschieht das in Ihrem Interesse. ... Kaufen Sie, was Sie wollen, ich habe damit nichts zu thun, als zu zahlen, aber das hindert nicht, daß Ihr Bild ein Geschmiere ist!« Er nahm Thauziats Arm, führte ihn abseits und wiederholte wütend: »Ein Geschmiere, das reinste Geschmiere!« Der Komponist, der die hübsche Miß Anderson begleitete, die jetzt sein Lied sang, schlug die Augen begeisterungsvoll zur Decke empor, als er ihr die Worte soufflierte: »O die ersten Küsse ... durch den Schleier ... halten Sie Küsse mehr aus, das ist das Wort, auf welchem der Ton zu halten ist. Sehen Sie so: Kü–ü–üsse und dann lassen Sie die Stimme ersterben auf Schleier ... sterben Sie ... sterben Sie. ... So ist's recht!« Die alte Amerikanerin, die sich bis dahin mit Butterbroten und Portwein vollgepfropft, applaudierte mit mütterlichem Enthusiasmus und murmelte zwischen den Zähnen: » Delightful, very charming! « Der italienische Prinz, der sich für einen großen Musikkenner ausgab, hatte sich erhoben, stimmte lebhaft in den Beifall ein und drückte der jungen Fremden verständnisinnig die Hand. Diana war von ihrem Sofa aufgestanden, hatte eine Portiere zur Seite geschoben und war mit Thauziat in ein anstoßendes Zimmer getreten, welches Sir James als Bureau diente. »Hier sind wir wenigstens ungestört,« sagte sie und warf sich in einen Armsessel. »Was hat das zu bedeuten?« fragte Clement lächelnd, »Sie führen mich abseits, Diana? Ich glaubte, das sei eine Spezialität, die sich Sir James vorbehalten.« »Scherzen Sie jetzt nicht,« sagte die schöne Engländerin, deren Augen hell und hart wie Stahl dreinschauten, »der Augenblick ist nicht dazu angethan!« »Haben Sie Verdruß gehabt?« »Mehr als das!« »Und bin ich irgendwie daran beteiligt?« »Ich glaube, daß Sie die alleinige Ursache sind!« Thauziat warf einen Blick auf Diana, sah, daß sie ruhig schien, und da sie ihrer Natur nach zu leeren Klagen nicht neigte, wurde er sehr ernst. »Was haben Sie Ihrem Freunde Hérault über mich gesagt?« fragte Lady Olifaunt. »Er blieb mit Ihnen allein, als ich vom Grafen Woroseff aufbrach. Wie ich von Lereboulley erfahren habe, sind Sie fast zur selben Zeit fortgegangen, wie ich. Herr Hérault sollte mich am nächsten Morgen besuchen. Nicht nur, daß er nicht gekommen, hat er sich mir gegenüber vor Zeugen in der schroffsten, ungezogensten Weise benommen. Was ist vorgegangen? Weshalb hat er, der am Abend vorher die Liebenswürdigkeit und Zuvorkommenheit selbst gewesen, mich am nächsten Tage von oben herab behandelt? Offenbar haben Sie und kein andrer diese Wandlung in ihm hervorgebracht – weshalb und auf welche Weise? Ich will es wissen!« »Aber, meine Liebe, ich finde es sehr sonderbar, daß Sie mich für das Thun und Treiben Louis Héraults verantwortlich machen ... er weiß selbst, was er zu thun hat, und ist alt genug, um seine Handlungen allein zu überlegen, ohne daß ich nötig habe, ihm sein Verhalten vorzuschreiben. ... Übrigens bin ich erstaunt, Sie wegen eines unterlassenen Besuches so aufgeregt zu sehen. ... Sind Sie deswegen hilflos, verlassen, weil ein einziger Mann sich Ihrer Allmacht entzieht?« »Und wenn ich gerade diesen einen mir unterthan sehen will?« unterbrach ihn Diana mit Härte. »O, o,« sagte Thauziat, »so viel Ehre für Louis! Er ist also der vorgezogene, fast unentbehrliche Freund. Und so heftig und bitter verlangen Sie nach ihm?« »Wonach ich verlange, ist nur ein wenig Offenheit Ihrerseits. Was haben Sie Hérault gesagt, um ihn von mir fern zu halten?« »Nichts!« Diana richtete sich hoch auf, trat zornig auf Thauziat zu und fragte: »Warum lügen Sie?« »Die Mühe gebe ich mir mit niemand,« sagte Clement, »warum soll ich sie mir mit Ihnen geben? Ich habe Louis nichts gesagt. ... Er weiß von alledem, was Sie so sorgsam zu verbergen wünschen, kein Wort. ... Als ich aber sah, daß der Junge bis über die Ohren in Sie verliebt war und allerhand tolle Pläne im Kopf hatte ... er sprach davon, Sie zu entführen, Sie nach einer regelrechten Scheidung zu heiraten ... Tollheiten, wie Sie sehen. ... Ich versuchte, ihm Vernunft zu predigen. ... Da mir das nicht gelang, habe ich ihn einfach an die frische Luft geführt. ... Zufällig gingen wir hinter Lereboulley her, und dieser Glückliche war es, der uns ahnungslos vor Ihre Thür führte. ...« »Und Louis hat ihn eintreten sehen?« »Ja, er hat ihn eintreten sehen!« Diana schwieg, ihre nervös zitternden Hände spielten mit den seidenen Quasten ihres Gürtels; ihr rosiger Mund krampfte sich unter einem boshaften Lächeln zusammen und ihre Augen blickten finster drein. »Welches Interesse haben Sie, ihn von mir loszureißen?« unterbrach sie das Schweigen. »Ohne triftigen Grund spielen Sie mir diesen Streich nicht – Sie haben nie zu den Tölpeln und Feiglingen gehört, die Böses thun, um zu ihrem Vergnügen andre leiden zu sehen.« »Sie wissen, Diana, daß ich eine große Schwäche für Sie habe, aber ich bitte Sie, geben Sie Louis auf. Ich habe mich verpflichtet, ihn Ihren weißen Händen nicht zu überlassen, das ist das ganze Geheimnis. ... Rupfen Sie Lereboulley, er hat ein dickes Fell und eignet sich hierfür ausgezeichnet. ... Aber für diesen armen Jungen, der sich für einen großen Lebemann hält und im Grunde die Unschuld selbst ist, bitte ich um Gnade!« Die schöne Engländerin schlug plötzlich die bis dahin gesenkten Augen auf und richtete den strahlenden Blick fest auf Clement. »Und wenn ich ihn nun liebte? ...« fuhr sie auf. »Behaupten Sie keine Unwahrscheinlichkeiten,« erwiderte Thauziat kalt. »Sie haben in der Welt nie jemand geliebt, als Diana, und Sie haben sehr weise daran gethan, denn das ist eine Person, die Sie niemals verraten wird und zu der Sie stets die besten Beziehungen haben werden. Die Männer sind dumm, glauben Sie mir! Es lohnt nicht der Mühe, sich mit ihnen zu beschäftigen.« »Aber dieser gefiel mir nun einmal.« »Das wird vorübergehen.« »Thauziat! Ich zerbreche mir vergebens den Kopf, weshalb Sie so handeln – es ist nicht anders möglich, eine Frau muß die Hand im Spiele haben,« »Vielleicht!« »Eines Tages werden Sie dieselbe Frau lieben, wie Louis Hérault, das kann nicht ausbleiben, und dann werden Sie sich entzweien.« Clement lachte. »An dem Tage, Diana, werde ich ihn Ihnen zurückführen, das soll meine Rache sein.« »Den Handel nehme ich an,« sagte sie und schlug in seine Hand ein. »Sie sind doch entzückend,« erwiderte er und hielt die weiße Hand fest, die sie ihm gereicht. Er küßte ihre Fingerspitzen und fragte mit einem Blick auf ihren bloßen Arm: »Sie tragen jetzt gar keine Armbänder mehr, und doch weiß ich, daß Sie deren prächtige besitzen?« »Ich liebe nur noch schöne schwarze Perlen, und die sind mir zu teuer. »Erlauben Sie mir, Ihnen welche zu senden ...« »Da Sie nun einmal beim Perlenspenden sind, Thauziat,« sagte die schöne Engländerin spöttisch, »so schicken Sie mir auch die, welche Ihr Freund entdeckt hat und der er bei seiner Großmutter den Hof macht.« »Bei seiner Großmutter trifft er niemand als Emilie Lereboulley,« »Nein, nein, für die Bucklige mit dem Safranteint hat er sich nie interessiert,« sagte Diana bitter. »Es handelt sich um eine andre, um eine Neue. ... Haben Sie ihn vielleicht abgehalten, hierher zu kommen, um dieser Liebe Ihren Schutz angedeihen zu lassen?« »Das ist das erste Wort, welches ich davon höre, ich habe Louis seit acht Tagen nicht gesehen!« »Nun, dann sehen Sie sich einmal die Komödie an ... das muß amüsant sein ... und berichten Sie uns nachher ...« »Das soll geschehen!« Sie kehrten in den Salon zurück, wo Sir James mit Lereboulley eine Partie Pikett begonnen hatte. Der Italiener machte Miß Anderson den Hof, indes ihre Mutter, von dem erstaunten Komponisten beobachtet, zahllose Kuchen vertilgte. Thauziat blieb noch einen Augenblick, empfahl sich dann und ging in den Klub, wo er in Gedanken versunken ankam. Dianas Worte waren nicht ohne Eindruck auf ihn geblieben. Unter andern glücklichen Gaben besaß er ein ausgezeichnetes Gedächtnis, welches die geringsten Umstände festhielt. Lady Olifaunts boshafte Andeutung hatte sofort bei ihm die Erinnerung an das von ihm verfolgte junge Mädchen wachgerufen und an den Eindruck, welchen der Name Graville auf die alte Frau Hérault gemacht. Plötzlich stand in scharfen Umrissen wieder das anmutige Bild derjenigen vor ihm, die eine halbe Stunde lang seine Neugierde erregt und in ganz unerwarteter Weise sein sonst so ruhiges Gehirn in Aufregung gebracht hatte. War sie es etwa, die nun bei Frau Hérault wohnte? Wie kam es aber, daß Louis es unterlassen hatte, ihm von der merkwürdigen Lösung des Abenteuers Kenntnis zu geben? Lag darin nicht eine gewisse Absichtlichkeit? War das nicht unehrlich? Er war es doch eigentlich gewesen, der die bescheiden an ihnen vorübergehende Unbekannte entdeckt, die nichts besaß, um die Augen auf sich zu lenken, als eine angeborene Eleganz und eine natürliche Grazie. Er war es gewesen, der Louis dazu veranlaßt, dem Mädchen zu folgen; selbstredend ohne jeden Hintergedanken an eine alltägliche Eroberung, nur um des Vergnügens willen, sie vor sich hergehen zu sehen; er hatte ihn doch darum gebeten, den Vater Anselm auszufragen. Kurz, er war es gewesen, der alles für die zufällige Entdeckung Helenes gethan. ... Helene, richtig, das war ihr Name, er erinnerte sich jetzt ... und er sah ihr ernstes Profil unter dem dichten Schleier, ihr energisches Kinn, den stolzen Mund und die schmiegsamen Bewegungen, als sie den Schritt beschleunigte, um ihren Verfolgern zu entgehen. Hätte Louis in seiner Gleichgültigkeit je ein Auge gehabt für diese Frauengestalt? Und würde er, wenn er sie bemerkt, sich zu dem Entschluß aufgerafft haben, ihr zu folgen? Nein! Der Urheber der ganzen Episode war Clement, alles war sein Werk. Er fühlte, daß er eine Art Recht auf das junge Mädchen habe; sie war so zu sagen seine Entdeckung. Seine Einbildungskraft war merkwürdig erregt und er war im schönsten Zuge, sich in eine ungeheure Entrüstung hineinzusteigern, als ihm plötzlich in den Sinn kam, wie vorschnell denn doch seine Entrüstung sei, und wie unbestimmt die Erzählung Dianas gewesen war. Er lachte zwar über seine Kopflosigkeit, ward sich aber dieses tollen Aufbrausens, das ihn aller Besonnenheit beraubt hatte, nicht ohne eine gewisse Genugthuung bewußt. Sah er doch darin einen Beweis, daß die Jugend ihn noch nicht verlassen. Mit Befriedigung zergliederte er seine Empfindungen und bemerkte, daß die Angelegenheit ihn lebhafter beschäftigte, als er dies je für möglich gehalten. Er fühlte sich seltsam erregt, und obgleich er keinerlei Absichten auf die Unbekannte gehabt, deren Gesicht er nur ganz flüchtig hatte sehen können, so wähnte er sich doch von einem andern in den Hintergrund gedrängt. Daran gewöhnt, Louis stets zu leiten und seine Ueberlegenheit allezeit fraglos anerkannt zu sehen, glaubte er bei seinem getreuen Knappen den Beginn einer Auflehnung zu entdecken, und dieser Emanzipierungsversuch ärgerte ihn. Gefiel das Mädchen seinem jungen Freunde, so war es ja selbstverständlich, daß er sie ihm überließ – man wußte ja, wie er über diesen Punkt dachte – wollte man ihn aber hintansetzen, einen Sieg über ihn davontragen, dann kam seine Eigenliebe ins Spiel und dann wehe dem, der ihm dabei in den Weg trat! Er machte eine drohende Bewegung, und als er dieses Mal sich auf seinem Gedankengange ertappte, lachte er nicht. Nein, im Gegenteil, er war eisig ruhig und beschloß, sich sofort über die ganze Intrigue Klarheit zu verschaffen. Nachdem er im Klub diniert, schlenderte er durch die Salons, sah einen Augenblick einer eben beginnenden Partie Billard zu, fand, daß die beiden Gegner schlecht spielten, und ging dann, einer inneren Unruhe nachgebend, nach dem Faubourg Poissonnière. Als er dort ankam, öffnete ihm der Diener, anstatt ihn wie gewöhnlich in die erste Etage hinaufzuweisen, eine kleine Thür, die nach dem Garten führte. Der Tag war glühend heiß gewesen, und Frau Hérault hatte nach dem Diner die Temperatur im Salon unerträglich gefunden. Sie hatte den Arm ihres Enkels genommen, und nachdem Emilie, die zu Tisch gekommen war, mit Fräulein von Graville in den Garten vorangegangen, hatte sie sich auf einen bequemen Stuhl in einem kleinen Boskett in der Nähe des Hauses niedergelassen. Es war neun Uhr, Die Nacht war vollständig hereingebrochen, aber der Himmel war so hell, daß man noch alles unterscheiden konnte. Eine wohlthuende Frische erhob sich aus dem sorgfältig gesprengten Rasen, und die von einem leichten Winde bewegten Blüten der Blumenbeete verbreiteten einen köstlichen Duft. Tiefe Stille lagerte über dem schönen Garten; das Murmeln ferner Stimmen, das dumpfe Rollen der Wagen erinnerten allein daran, daß man sich im Herzen der Stadt befand. Die kleine Gesellschaft saß eine Weile schweigend und atmete die würzige Luft und den tiefen Frieden der sie umgebenden Natur. Louis wollte sich eine Cigarre anstecken, aber Frau Hérault, die ihren Enkel überall im Hause rauchen ließ, that Einsprache: »Du verdirbst uns ja die herrliche Luft mit deinem Tabak.« »Das ist neu,« sagte Louis, »Du verbietest mir die Cigarre im Freien, und in deinem Salon duldest du sie?« »Hier, rings um uns sind Pflanzen, die diesen Abend mit balsamischer Luft erfüllen, und du willst das alles verderben.« »O, Großmutter, da packt dich die Passion für deine Gärtnerei wieder. Liebt Fräulein von Graville auch die Blumen? Haben Sie, mein Fräulein, auch diese unschuldige, aber zum Sklaven machende Leidenschaft?« »Fräulein von Graville liebt die Blumen und versteht mehr davon als ich. Sie hat mich sogar auf eine andre Anordnung der Treibhausdecken aufmerksam gemacht, die sehr geschickt erdacht und sehr einfach ist.« »Bei meinem Vater in Graville wurde es so gemacht,« warf Helene ein. »Nun, Großmutter, wenn du eine Helfershelferin gefunden hast, so stellen wir im nächsten Jahre aus. Es wird sich nicht schlecht machen: Frau Hérault, goldne Medaille, Sektion für Orchideen. Da dir aber meine Cigarre unangenehm ist, so werde ich einen Gang durch den Garten machen. ... Kommst du mit, Emilie?« Fräulein Lereboulley war aufgestanden. Langsam verschwanden sie hinter einer Pflanzengruppe. Einen Augenblick darauf hörte man das Geräusch von Schritten auf dem Kies, Frau Hérault drehte sich um und sagte: »Sieh, da kommt Thauziat.« Bei diesen Worten erbebte Helene. Oft hatte sie in der letzten Woche diesen Namen aussprechen hören. Sie wußte, daß Thauziat der intimste Freund Louis' war. Von einer plötzlichen Angst wie beim Nahen einer Gefahr ergriffen, wagte sie nicht die Augen aufzuschlagen. Sie hörte, wie eine klangvolle Stimme sagte: »Guten Abend, gnädige Frau. Geht es Ihnen gut? Aber ich sehe, Louis hat Sie heute allein gelassen.« »Er geht mit Emilie Lereboulley im Garten spazieren. Ich bin aber nicht allein, wie Sie sehen ... ich bin es jetzt niemals mehr, ich habe eine Adoptivtochter und möchte Sie ihr vorstellen ... mein liebes Kind ... einer unsrer besten Freunde, Herr von Thauziat.« Helene blickte auf, und erkannte das ernste und stolze Gesicht desjenigen, der Louis am Tage ihres ersten Begegnens begleitet hatte. Ehe sie ihn noch gesehen, hatte sie es erraten, daß er es war, denn nur er konnte bei ihr eine solche Bestürzung hervorrufen. Der herrische Klang seiner Stimme, die Festigkeit seines imponierenden Blickes, die Bestimmtheit in seiner etwas herablassenden Haltung, alles verriet einen Mann in der ganzen Bedeutung des Wortes. Im Guten und im Schlechten mußte er bedeutend sein, und überall, wo er hinkam, mußte er Eindruck machen. Frau Hérault zeigte auf das junge Mädchen und fuhr fort: »Mein lieber Clement, Fräulein Helene von Graville.« Er verneigte sich so tief und ehrfurchtsvoll, als ob er vor einer Prinzessin aus königlichem Geblüt stünde, und sprach mit einschmeichelnder Stimme: »Mein Gewissen wird in Zukunft weniger belastet sein, wenn ich Ihnen Louis entführe, gnädige Frau. In dieser Gesellschaft werden Sie ihn kaum vermissen.« Helene neigte kühl den Kopf. In dem Benehmen des ritterlichen Mannes lag nichts, was die Grenzen der strengsten Umgangsform überschritten hätte; und doch fühlte sie sich erregt, als wenn er ihr Liebesworte ins Ohr geflüstert. Der Klang der Stimme, die Betonung, die ganze Haltung, alles war eigenartig und machte Eindruck. Es war unmöglich, daß er etwas thun konnte, was gleichgültig ließ. Es gab nur zweierlei, ihn lieben oder ihn hassen, unmöglich aber war es, sich seinem Einflusse zu entziehen. Von dem Augenblick an wußte Helene das und unterlag in Bezug auf Clement keiner Täuschung. Sie hatte die feste Ueberzeugung, daß er ihr entweder sehr viel Gutes oder sehr viel Böses zufügen konnte, aber sie wußte nicht, ob es das eine oder das andre sein würde, und es wäre ihr unmöglich gewesen, das vorauszusagen. Während er mit Frau Hérault sprach, wagte sie es, ihn anzublicken. Sie konnte keinen Zug von Bosheit, nichts Unheimliches in seinem Gesicht entdecken, er hatte eine breite und intelligente Stirn, schwarze, leuchtende Augen, schöne Zähne und blickte froh und mutvoll ins Leben. Nur die gebogene Nase hatte etwas Spitzes und Hartes, was man aber ebensogut Stolz nennen konnte; seine Stimme war unwiderstehlich verführerisch. Unwillkürlich verglich sie den langaufgeschossenen, schmächtigen Louis mit seinem blonden Haar und den blauen Augen, mit seiner hohen Stimme und seinem unentschiedenen Charakter mit dieser energischen und siegesgewissen Erscheinung und verstand vollkommen, daß seine Kraft niemals ausreichen konnte, sich dem Einfluß dieser Herrschernatur zu entziehen, daß er nichts als ein Spielzeug in der Hand des Gewaltigen werden mußte. In demselben Augenblick kam Louis mit Emilie zurück. Er erkannte schon von weitem seinen Freund und rief: »Sieh da, Clement!« beschleunigte aber durchaus nicht seinen Schritt, ja fast schien es, als zögere er absichtlich. Fräulein Lereboulley hingegen ging strahlenden Auges, mit ausgestreckter Hand auf Thauziat zu: »Sie haben Ihr Wort gehalten,« sagte sie lächelnd, »ich danke Ihnen!« »Wofür dankst du ihm?« fragte Louis. »Für einen kleinen Dienst, den er mir erwiesen.« »Ah, also Thauziat erweist dir Dienste? Nimm dich in acht, er thut nichts umsonst.« »Seine Forderungen mögen noch so hoch und kühn sein, sie werden nie den Preis übersteigen, den ich ihm freiwillig geboten,« sprach Emilie ernst, indem sie zwischen Frau Hérault und Helene Platz nahm. Louis und Thauziat blieben bei einander stehen. »Was ist denn mit dir los? Man hat dich ja wer weiß wie lange nicht gesehen,« fragte Clement. »Bist du Einsiedler geworden?« »Dazu bin ich noch nicht alt genug,« »Dann halten dich wohl die schönen Augen dieser jungen Dame hier fest?« Und mit ironischer Kopfbewegung bezeichnete Thauziat Fräulein von Graville. Das Herz Louis' schlug schneller, er fühlte, daß der Freund seine Frage in weit ernsterem Sinn gestellt hatte, als der Ton seiner Worte erraten ließ, und daß dieselbe eine freimütige Antwort erfordere. Einen Augenblick war es ihm, als müsse er sagen: Ja, ich habe sie gern und würde glücklich sein, von ihr geliebt zu werden; aber sein Stolz empörte sich dagegen. Der Gedanke an die bescheidene Lebensstellung des jungen Mädchens hielt ihn ab, ein Gefühl zu verraten, das schon große Macht über ihn gewonnen. Er fürchtete den Spott und war wohl auch nicht frei von Eifersucht, denn er erinnerte sich nur zu wohl der lebhaften Bewunderung Thauziats, als dieser Helene zum erstenmal gesehen, dachte an seine stürmische Verfolgung und hielt es für klüger, die Aufmerksamkeit des Verführers nicht zu erregen und sich nicht auszusprechen. »Dieses Gesellschaftsfräulein!« sagte er in wegwerfendem Tone, der indes etwas erzwungen klang. »Liebschaften im eignen Hause sind entsetzlich unbequem. Wenn man sich gezankt hat, wagt man sich nicht wieder nach Hause, oder man muß die Betreffende an die Luft setzen, und das sind doch Büttelmanieren. ... Dazu ist mein Herz zu weich, ich thue nicht gern andern Leuten 'was zuleide. Findest du sie übrigens nett?« »Sehr nett, und da die Festung nicht belagert wird ...« »Aber Clement, sie ist bei meiner Großmutter!« »Sei ruhig, ich werde dein Haus achten ...« »Sie ist ein Mädchen aus guter Familie ...« »O, so kann man sie ja heiraten,« sagte Thauziat lachend. Dann fuhr er ernster fort, indem er seinen Freund durchbohrend anblickte: »Du bist ja heute ausnehmend tugendhaft, hast du einen Hintergedanken? Heraus damit!« »Keinen.« Zweimal hatte Thauziat hiermit seinem jungen Freunde Gelegenheit gegeben, offen und ehrlich zu sprechen, und zweimal war dieser vor einem Geständnis zurückgeschreckt, ohne zu ahnen, daß er mit diesem Schweigen viel Herzeleid für sich und andre heraufbeschwor. Sie näherten sich nun der von den drei Damen gebildeten Gruppe und begannen bei der jetzt rasch zunehmenden Dunkelheit zu plaudern. Emilie, die anfangs still gewesen, taute nach und nach auf und geriet mit Thauziat in ein Gespräch, fesselnd und geistsprühend, wie nur zwei Virtuosen der Konversation es zu führen vermögen, und was in dem stillen Garten an Geist und Witz verschwendet wurde, wäre wert gewesen, von Hunderten bewundert zu werden. Es schien, als ob Clement sich in seinem ganzen Glanze zeigen wollte, und Emilie, glücklich über die Gedankengemeinsamkeit zwischen ihm und ihr, bemühte sich, ihm stets ein neues Thema für seine Variationen zu liefern. Frau Hérault, Helene und Louis hörten ihnen bis elf Uhr zu, ohne zu bemerken, daß die Nachtluft kühler und daß es in der Stadt immer stiller wurde. Erst der Ruf Louis': »Es ist bald Mitternacht«, unterbrach den Zauber des Abends. Etwas ermattet erhob sich Frau Hérault; alle traten ins Haus und verweilten einen Augenblick im Flur, während Emilie mit Hilfe der sie erwartenden Kammerfrau ihren Mantel umnahm. »Das war ja ein reizender Abend,« sagte die Großmutter. »Den man leicht wiederholen könnte,« fiel Emilie ein, »wenn Herr von Thauziat wieder einmal Neigung zu solch kleinen Excessen fühlt.« Dieser lächelte, ohne zu antworten. Er wollte keine allzu große Beflissenheit zeigen, verneigte sich vor Frau Hérault und Fräulein von Graville, drückte Louis die Hand und sagte dann zu Fräulein Lereboulley gewendet: »Ich begleite Sie an Ihren Wagen.« Sie gingen, und die drei Hausbewohner sahen ihnen nach. »Clement ist doch ein prächtiger Mensch,« sagte Frau Hérault noch ganz begeistert. »Wenn man ihn so hört und sieht, käme doch kein Mensch darauf, daß er ein solcher Bösewicht ist – und doch ist er das, meine liebe Helene! Wie einfach und liebenswürdig war er doch während dieser beiden Stunden. ... Ich mag ihn trotz alledem gar zu gern leiden! ... Ich hoffe sehr, daß er bald wiederkommt ...« »Mach dir keine Illusionen, Großmutter,« sagte Louis. »Thauziat versteht wie keiner die Kunst, sich vermissen zu lassen. Er hat heute abend ein Uebriges in Liebenswürdigkeit geleistet, und vor vierzehn Tagen wirst du ihn kaum wiedersehen.« Im stillen wünschte Louis, daß es so sein möchte, aber er hatte sich getäuscht. Am übernächsten Tage kam Thauziat wieder, und als wäre eine ebenso tiefe Wandlung mit ihm vorgegangen, wie mit seinem Freunde, schien er plötzlich das größte Vergnügen am Familienleben zu finden. Von Frau Hérault war er ja stets wie ein Kind des Hauses behandelt worden, übrigens gab auch seine Freundschaft zu Louis eine genügende Erklärung für die Häufigkeit seiner Besuche ab. Clement stellte sich stets ein, wenn er sicher war, Helene bei Frau Hérault zu finden. Mit erstaunlichem Takt und großer Geschicklichkeit gab er sich den Anschein der Harmlosigkeit und schläferte so die Befangenheit Helenes ein, erweckte keinen Verdacht bei Frau Hérault und hätte fast sogar Louis getäuscht. Dieser sagte sich: »Clement hat mich wirklich gern, er hat es ja so oft bewiesen, warum sollte er nicht meinetwegen hierherkommen?« Emilie war scharfsichtiger; vom ersten Augenblick an hatte sie Thauziat durchschaut. Der Blick für das, was ihr Qualen schafft, ist bei einer Frau, die unerwidert liebt, nur allzu durchdringend! Am ersten Tage hatte sich Clement Fräulein von Graville aus Neugierde genähert. Dann wollte er wissen, was an dem jungen Mädchen sei. Durch das unwahre Schweigen Louis' verletzt, hatte er sich vorgenommen, sich an ihm zu rächen und seinem Freunde etwas bange zu machen. Er hatte mit dem Feuer spielen wollen, war aber selbst dabei warm geworden, und der Zauber Helenes hatte schließlich die Niederlage des Unbesiegbaren herbeigeführt. Sie hatte ihn erobert, das war nicht in Abrede zu stellen. Er war glücklich, bei ihr zu sein, selbst wenn sie nicht mit ihm sprach; ganze Abende spielte er mit der Großmutter Bezigue, nur um das Recht zu haben, das junge Mädchen anzusehen, die mit einer Handarbeit neben dem Schreibtisch saß. In ihrer Nähe zu sein, dieselbe Luft mit ihr zu atmen, war ihm ein beseligendes Glück, wie er es noch nie gekannt; er fragte nicht, wohin der Weg führe, auf dem er mit Riesenschritten voranschritt, er wußte nur, daß es beglückend war, diesen Weg zu wandeln, beglückender als alles, was ihm das Leben bisher geboten. Auf jede Weise suchte er das Vertrauen Helenes zu erwerben und sprach bei sich bietender Gelegenheit sehr ernsthaft von ihrer Heimat, ihrer Familie, wie auch von den harten Lebenskämpfen, die sie so mutig bestanden. Er fand hierbei Worte von unendlicher Zartheit, mit denen er ihr seine Bewunderung für sie anzudeuten suchte, und es war ein seltsames Schauspiel, den im Kampf der Leidenschaften hart gewordenen Mann, solch weiches und reines Empfinden offenbaren zu sehen. Nicht ohne Wehmut verfolgte Emilie das Thun und Treiben Clements und gab sich mit großer Klarheit über die verschiedenen Stadien der Leidenschaft, die er nacheinander durchlief, Rechenschaft, und als sie sich gleichzeitig überzeugte, daß Fräulein von Graville unempfindlich gegen die für sie doch so schmeichelhaften Huldigungen des gefährlichen Mannes blieb, trug dies nur dazu bei, die Achtung zu erhöhen, die sie vom ersten Tage an für das junge Mädchen empfunden. Weil sie selbst die Huldigungen dieses verführerischen Werbers mit Jubel begrüßt hätte, erschien ihr die feste und würdige Ruhe Helenes, ihre kühle Zurückhaltung, die nie über die einfache Höflichkeit hinausging, doppelt bewundernswert. Zuweilen schien es, als ob Helene überhaupt nichts von den Aufmerksamkeiten wahrnähme, deren Gegenstand sie war, und Emilie beschloß, dieses Herz, welches sein Empfinden so scheu zu bergen wußte, auf geschickte Weise zu ergründen. Helene wurde wie eine Tochter Frau Héraults behandelt. Sie hatte ein Zimmer in der nächsten Nähe der Großmutter, und ein besondres Kammermädchen versah den Dienst bei ihr, außerdem war sie mit Geschenken aller Art überhäuft worden. Als sie, Frau Héraults Bitten nachgebend, zu ihr übergesiedelt war, hatte sich herausgestellt, daß ihre Garderobe für die neuen Verhältnisse vollkommen unzureichend war, und Emilie war die Aufgabe zugefallen, mit Fräulein von Graville die notwendigen Einkäufe zu besorgen, wodurch sie vom ersten Augenblick an miteinander vertraut geworden waren. Lereboulley seinerseits hatte die neue Freundin seiner Tochter freundlich aufgenommen und sie in sein Haus geladen, und Helene hatte sich von diesem liebenswürdigen Entgegenkommen sehr angenehm berührt gefühlt. Das excentrische Wesen Emilies befremdete sie wohl, aber sie begriff sofort, was für ein edler Charakter sich unter der sarkastischen Hülle barg, und erkannte, daß die Bitterkeit, die viele an dem armen Mädchen abstoßend fanden, ihr innerstes Wesen nicht zu vergiften im stande gewesen war. Sie wußte die Schätze zärtlichster Liebe zu entdecken, die im Grunde dieses einsamen Herzens wie Perlen unter dem Wogengewühl schlummerten. Sie sah, wie sie litt und unglücklich war, und schloß sich mit ihrer ganzen Natürlichkeit, in ihrer vollen naiven und selbstlosen Unbefangenheit, ohne irgend welches Mißtrauen an Emilie an. So kam es, daß sie sich in wenig Wochen sehr nahe gekommen waren. Helene brachte manche Stunde in dem Atelier Emilies zu, denn sie hatte angefangen, mit vielem Geschmack auf Porzellan zu malen, und während sie, mit einer großen Malschürze angethan, über den Tisch gebeugt den Pinsel führte, malte Fräulein Lereboulley ihr Porträt. Eines Nachmittags, als Emilie, eine Cigarette im Munde, Helene, die einen von der Wand des Ateliers herabgenommenen persischen Teller kopierte, Ratschläge erteilte, sagte sie zu ihrer Schülerin: »Ich bin nicht unzufrieden mit Ihrem Porträt, es wird gut. ... Wenn Sie nichts dagegen haben, schicke ich es auf die internationale Ausstellung zu Petit.« Helene sah auf, legte ihren Pinsel beiseite und sagte: »Wie Sie wollen, nur meine ich, Sie könnten etwas Anziehenderes dorthin schicken, als mein Gesicht.« »Ist das aufrichtig gemeint? Wissen Sie wirklich nicht, daß Sie außerordentlich hübsch sind? Thauziat, der Kenner ist, könnte Sie über den Punkt aufklären; er läßt Sie ja keinen Moment aus den Augen.« Eine leichte Röte bedeckte die Stirn Helenes, aber sie antwortete nicht. Emilie wollte sie aufs Aeußerste treiben. »Haben Sie nicht bemerkt, daß er Sie liebt?« »Glauben Sie, daß Herr von Thauziat es der Mühe wert findet, sich mit mir zu beschäftigen?« »Für ›verlorene Liebesmüh‹ hält er dies keinesfalls – da können Sie ruhig sein!« »In diesem Falle irrt er sich vollständig,« sagte Fräulein von Graville ernst. Emilie atmete erleichtert auf. Daß Thauziat Helene liebte, darüber hatte sie Gewißheit und ach! sie konnte ja den Mann, den sie hoffnungslos anbetete, nicht abhalten, ein Auge für andre zu haben. Sie wußte, daß er bisher noch keiner Frau begegnet war und schwerlich je einer begegnen würde, die dem Zauber seiner Persönlichkeit nicht erlegen, und doch wäre es ein tiefer Schmerz für sie gewesen, wenn Helene seine Liebe erwidert hätte. Sie als ihre beglücktere Nebenbuhlerin zu sehen, wäre ihr fast unerträglich gewesen, denn damit wäre zugleich einer Freundschaft der Todesstoß gegeben, die ihrem Herzen fast ebenso teuer war wie ihre Liebe. Jetzt war sie beruhigt, Helene war dem Zauber nicht verfallen und war siegreich aus dieser furchtbaren Probe hervorgangen. Ein so stolzer Mund log nicht. Als sie erfahren, was sie wissen wollte, ließ Emilie das Thema fallen, und es war zwischen den beiden Mädchen nicht mehr von Clement die Rede. Nachdem sie bei Helene so rasch zum Ziele gelangt, beschloß sie, Thauziat über seine Zukunftspläne auszuforschen. Sie wußte, daß diese Aufgabe weniger leicht und daß dieses ein andrer Gegner war, als das unbefangen vertrauensvolle junge Mädchen. Clement selbst bot Fräulein Lereboulley die gesuchte Gelegenheit. Eines Abends, nach einem größeren Diner bei Lereboulley, saß er im Salon und hörte geduldig zu, wie Lady Olifaunt mit weit mehr Selbstbewußtsein als Gesangskunst die herrliche Klage des Cid sang: ›Pleurez mes yeux...‹ Als die schöne Engländerin unter Beifallssalven geendet, setzte sich Emilie neben Clement und sagte, auf Diana zeigend: »Man hat ihr so oft gesagt, daß sie hunderttausend Franken in ihrer Kehle habe, daß sie wirklich die schrecklichsten Anstrengungen macht, um sie aus derselben herauszufördern.« »Es muß ihr furchtbar weh thun,« sagte Thauziat kalt, »denn sie stößt klägliche Schmerzenslaute aus.« »Louis scheint für den Dienst, den Sie ihm erwiesen, indem Sie ihn mit dieser Schönen entzweiten, kein rechtes Verständnis zu haben ...« »Doch; er ist hübsch zu Hause geblieben ...« »Wenn Fräulein von Graville unsre Einladung angenommen hätte, wäre er wohl gekommen.« »Glauben Sie, daß er nicht mehr ohne sie leben kann?« »Ich glaube, daß er eine entschiedene Neigung für sie hat, die von Frau Hérault außerordentlich begünstigt wird.« »Sie möchte ihn also mit Fräulein Helene verheiraten?« »Von etwas andrem kann doch wohl bei Helene von Graville nicht die Rede sein?« Thauziat antwortete nicht; er versank in tiefes Nachdenken und schien Emilies Gegenwart vollkommen vergessen zu haben. Sie wagte nicht, ihn aus seinem Sinnen zu reißen, hätte aber viel darum gegeben, wenn sie die Gedanken hätte ergründen können, die diesen selbstherrlichen Geist bewegten. Nach einigen Minuten des Schweigens blickte er auf und sagte, das Gespräch fortsetzend, als ob es keine Unterbrechung erlitten hätte: »Vielleicht ist sie in der That die Frau, die er braucht. Wenn sie Einfluß auf ihn zu gewinnen versteht, kann alles gut gehen.« »Ich glaube, er hat sie sehr lieb,« fügte Emilie hinzu. Die Augen Clements leuchteten unheimlich, um seine Lippen zuckte es heftig, gleich darauf faßte er sich aber und sagte gleichgültig: »Wohl bekomm's ihnen! ... Mögen sie beide glücklich werden und viele Kinder haben.« Er erhob sich, und Emilie konnte nichts mehr aus ihm herausbringen. Die alte Frau Hérault machte durchaus kein Hehl aus ihren Gefühlen, sie schwärmte geradezu für Helene; nie im Leben war ihr so viel Liebe und Aufmerksamkeit zu teil geworden, nie war sie so gepflegt und verwöhnt worden, wie jetzt. Die von jeher an stillschweigende Unterwerfung gewöhnte Frau hatte nur mit äußerstem Widerstreben die Zügel der Regierung übernommen und die Verwaltung ihres Vermögens und die Führung des Haushaltes stets als eine Last empfunden, die sie nun freudig auf die Schultern des Fräuleins von Graville ablud, die es merkwürdig verstand, sich Gehorsam zu verschaffen. Sie hatte eine sanfte und milde Art zu befehlen und war bei all ihren Untergebenen in kurzer Zeit höchst beliebt. Der Haushofmeister, der eine Macht im Hause darstellte, sagte eines Tages zu Frau Hérault: »Ein Befehl von Fräulein Helene ist mir lieber, als eine Bitte von hundert andern.« Die Großmutter konnte mit Freuden konstatieren, daß ihre Pflegetochter alle Welt bezauberte und nach und nach, scheinbar ohne ihr Zuthun, eine unbestreitbare Autorität gewonnen hatte. Sie pflegte zu sagen: »Was sollte wohl aus mir werden, wenn Helene mich jetzt verließe?« Es war außer allem Zweifel, daß ihr Enkel ihr mit nichts auf der Welt eine so große Freude gemacht haben würde, als wenn er sie eines schönen Morgens um ihre Erlaubnis gebeten hätte, Helene zu heiraten. Aber Louis begnügte sich damit, das Glück zu genießen, welches ihm die Gegenwart des Fräulein von Graville bereitete, und dachte nicht daran, eine Aenderung dieses für ihn höchst erfreulichen Zustandes herbeizuführen. Er gehörte zu den Leuten, die sehr schwer einen Entschluß fassen, die aber, wenn dies geschehen, daran festhalten, selbst wenn sie erkennen, daß er nicht zu ihrem Heile gereicht. Nach der Unterredung mit Emilie ließ sich Clement zum großen Erstaunen des kleinen Kreises mehrere Tage nicht im Faubourg Poissonnière sehen. Louis traf ihn bei Lereboulley und in St. Denis, denn das französisch-amerikanische Kabelunternehmen war in eine ernste Phase getreten. Nach reiflicher Ueberlegung hatte der Senator auf den Rat Thauziats beschlossen, eine anonyme Gesellschaft zu gründen und mit Louis und dem reichen Yankee J. Arthur Smithson fast sämtliche Aktien zu erwerben. Die beiden Kabelenden sollten in Brest und Panama liegen, und es mußte die Durchstechung der Landenge das Unternehmen später zu einem ganz bedeutenden machen. Lereboulley war bei dem Gedanken, der englischen transatlantischen Kabelgesellschaft einen Streich zu spielen, sehr vergnügt; war es ihm doch, als ob er in seinen englischen Landsleuten den ihm so verhaßten Sir James träfe. Er veranstaltete Konferenzen, in denen er seine Ideen entwickelte, fragte Thauziat um Rat, verlangte von ihm seine Zustimmung, die sein Associé ihm nur widerstrebend und sichtlich zerstreut erteilte. Dieser sonst so klare und hellblickende Kopf war augenscheinlich abgespannt und verstört. Louis, dem diese Schwäche und Apathie keineswegs entging, gewann dadurch an Selbstvertrauen und fing an, sich zu sagen, daß er Clement bisher überschätzt habe. Unfähig, die Stürme, deren Folge die Abgespanntheit Thauziats war, auch nur zu ahnen, lächelte er und sagte sich: Ich kann ruhig mit ihm in die Schranken treten und werde schon siegen. Er hatte sogar die Kühnheit, seinen Freund zu fragen, warum man ihn nicht mehr im Faubourg Poissonnière sähe. Thauziat warf ihm einen Blick zu, in welchem Louis die volle spöttische Schärfe früherer Tage wiedererkannte, und sagte ruhig: »Wenn dir daran liegt, daß ich komme, so kann ich dir ja den Gefallen thun.« Hérault blickte gereizt auf und sagte mit einer gewissen Ueberlegenheit: »Meine Großmutter wird sich über deinen Besuch freuen, um so mehr, als wir bald nach Boissise überzusiedeln gedenken.« »Dort kann ich euch ebenso leicht besuchen, wie in Paris ... wenn ich erst wieder von Innsbruck zurück bin.« »Du gehst nach Oesterreich?« »Ja, ich gedenke den Fürsten von Windischgrätz, die mich schon seit Jahren dazu auffordern, einen Besuch zu machen und mit ihnen Gemsen zu jagen.« Louis folgerte aus diesem Reiseplane ohne weiteres, daß Thauziat keineswegs mehr an Helene denke, und ein großes Sicherheitsgefühl trat an Stelle seiner lebhaften Unruhe. Und doch dachte Clement jetzt mehr denn je an das junge Mädchen. Dieser feste, stolze Charakter ergab sich nicht ohne Kampf, und ehe er sich von der Leidenschaft besiegen ließ, die ihn erfaßt und die so ganz anders war, als alles, was er bisher unter diesem Namen verstanden, kämpfte er mit aller Kraft dagegen an. Er zergliederte seine Empfindungen, er erwog die Eigenschaften derjenigen, die ihm diese einflößte, und versuchte sich selbst zu beweisen, daß sie des Kummers, den er sich um ihretwillen machte, ja gar nicht wert sei. Er spielte seinem eignen Herzen gegenüber die Rolle des weisen Ratgebers und hielt sich alle Gefahren vor, die mit einer solchen Liebe verknüpft waren. Der Ausgangspunkt aller seiner Schlußfolgerungen war stets der Satz Emilie Lereboulleys: »Von etwas andrem als einer Heirat kann doch wohl bei Helene von Graville nicht die Rede sein!« Heiraten war für ihn ein schwerer Entschluß, und Clement vermochte ihn vorläufig nicht zu fassen. Wenn es sich darum gehandelt hätte, Helene zu verführen oder sie Frau Hérault zu entführen, ihr zeitweilig einen Teil seiner Freiheit zu widmen, so würde er keinen Augenblick gezaudert haben. Weder Louis' Klagen noch die Entrüstung der Großmutter hätten Eindruck auf ihn gemacht, er würde, wie er es gewohnt war, sein eignes Verlangen über alles gestellt haben. Welches auch die Folgen seiner Handlungen gewesen wären, er wäre vor nichts zurückgeschreckt. Aber seinem ganzen Leben eine andre Richtung, seiner gesellschaftlichen Stellung ein andres Gepräge geben, von heute auf morgen seine ganze Zukunft umgestalten, und alles das einer Frau wegen? Er lachte – es klang wohl etwas krampfhaft – aber er lachte und schwur dabei, daß er seine ganze Vergangenheit so nicht Lügen strafen werde. Dann hieß es also auf Helene verzichten? Ja, erwiderte seine Vernunft, aber sein ganzes Wesen empörte sich bei dem Gedanken, daß sie einem andern angehören, daß eines andern Arm sie einst umschließen möchte, und daß diese ernst dreinschauenden Augen eines Tages von einer Seligkeit strahlen könnten, die nicht er ihr gegeben. Sobald diese Vorstellung über ihn kam, wußte er nicht, wie er sie verjagen sollte. Die Einsamkeit, in der er so viele kühne Pläne ausgearbeitet, so viele glückliche Träume geträumt, war ihm jetzt verhaßt. Er fühlte das Bedürfnis, auszugehen und sich Bewegung zu verschaffen, aber wohin er sich auch wandte, überall verfolgte ihn ihre Gestalt, und immer schienen ihre Augen ihn zu fragen: Warum fliehst du mich, würde ich dir nicht eine treue Lebensgefährtin sein, würdest du mich nicht stets an deiner Seite finden, immer bereit, dich zu ermutigen und zu bewundern? Dein Ehrgeiz hätte wenigstens einen Zweck, dein Streben würde kein egoistisches mehr sein, und wie würden deine Siege erst schön werden, wenn wir beide uns gemeinschaftlich ihrer freuten! Vergeblich versuchte er sich diese quälenden Gedanken aus dem Sinn zu schlagen. Er gewöhnte sich, wieder täglich zu Lady Olifaunt zu gehen, denn dort war er noch am sichersten gegen sich selbst. Das Haus der schönen Engländerin war eine Art Laterna magika, in welcher die mannigfaltigsten und verschiedenartigsten Persönlichkeiten vorbeizogen. Dort blieb ihm keine Muße zum Denken und Träumen, dort fand er die Zerstreuung, die für ihn das einzige Heil war. Diana hatte ihn gleich am ersten Tage über seine Entdeckungen im Héraultschen Hause ausforschen wollen. Clement hatte ihr aber so widerstrebend Antwort gegeben, daß sie nicht weiter in ihn gedrungen war, so lebhaft ihre Neugierde auch gewesen sein mochte. Sie wußte zu genau und seit zu langer Zeit, mit wem sie es zu thun hatte, um sich ihm gegenüber irgend eine Freiheit zu nehmen, wenn er nicht in der Stimmung war, es ihr zu gestatten. Einen Augenblick hatte sie ihn in Verdacht gehabt, verliebt zu sein, aber daß er in diesem Falle nicht Gegenliebe finden sollte, schien ihr so unwahrscheinlich, daß sie sich gar nicht die Mühe genommen hatte, Näheres zu erfahren, und die schlechte Laune ihres Freundes ernsten geschäftlichen Sorgen zuschrieb. Sie wußte, daß er in große Unternehmungen verwickelt war, die vielleicht durch die allgemeine schlechte Lage und Geschäftsstockung gefährdet waren. Bei dem hohen Grade von Eigennutz, den sie selbst besaß, war ihr eine solche Unruhe mehr als verständlich, obwohl Lereboulley versicherte, daß Thauziat vollständig gedeckt, und daß seine Sorgen keinesfalls finanzieller Art sein könnten. Diana versuchte ihn auf jede Weise aufzuheitern, aber zum erstenmal fand sie ihn kalt und unzugänglich für ihre Koketterien, ja er schien ihr Entgegenkommen nicht einmal zu bemerken. Er behielt stets den kameradschaftlichen Ton ihr gegenüber bei und ging viel mit ihr aus, ohne sich darum zu kümmern, wohin sie ihn führte. Sie pflegten sich dann irgendwo mit Sir James, der stets mit einem neuen, im Hotel Drouot oder bei einem Antiquitätenhändler erstandenen Kunstgegenstand in der Tasche erschien, zu treffen und den Abend in einem fashionablen Restaurant oder einem kleinen Theater in Gesellschaft Lereboulleys zu enden. Als Clement und Diana eines Tages gegen fünf Uhr durch die Rue de Sèze fuhren, fielen ihnen die Plakate einer Gemäldeausstellung auf, und die schöne Engländerin kam auf den Einfall, dieselbe zu besuchen; sie ließ halten und trat ein. Es war eine jener vom »Salon« unabhängigen kleineren Ausstellungen, deren in den letzten Jahren so viele entstanden sind, Kunsttempel, in denen jedem Künstler eine besondre Kapelle eingeräumt wird. Vornehme Dilettanten geben sich in denselben ein Stelldichein mit den berufsmäßigen Malern, und ihr zuweilen großes Talent bildet einen nicht zu unterschätzenden Anziehungspunkt für diese Unternehmungen. Es war der Eröffnungstag, und das Publikum drängte sich in den großen Salons. Diana und Clement betrachteten zerstreut die an der Wand hängenden Bilder und hatten mehr Auge für die sie umgebenden Besucher als für die Kunstwerke. Sie waren schon mehreren Bekannten begegnet, hatten mehr oder minder verbindliche Grüße ausgetauscht, als der Ausruf: »Das ist von Fräulein Lereboulley,« der in einer benachbarten Gruppe laut wurde, ihre Aufmerksamkeit erregte. Sie traten näher, und plötzlich blieb Clement unbeweglich, starren Auges stehen. Auf einem in schwarzem Rahmen befindlichen Bilde erkannte er sie, mit ihrem ernsten Lächeln und den stolzen Augen, sie, an die er ohne Unterlaß zu denken gezwungen war. Diana sah ihn erstaunt an und fragte, als sie ihn vor dem Porträt finster stehen bleiben sah: »Nun Thauziat, was gibt es denn?« Er antwortete nicht. Das Bild schien ihn festzubannen, seine Augen konnten sich nicht davon losreißen. Lady Olifaunt fragte sich: Wer ist die Frau, die auf diesen starken Geist eine so mächtige Wirkung auszuüben vermag, daß er alles um sich her vergißt und sich seinem Entzücken so vollständig überläßt? Ist sie die Ursache seines veränderten, unnatürlichen Wesens, für das wir nirgends eine Erklärung finden konnten? Wer mag sie sein? Emilie Lereboulley kennt sie; und doch bin ich ihr nie begegnet, ihre Züge sind mir völlig fremd. Sie dachte nach, überließ Clement seiner Bewunderung und betrachtete die Menge, die langsam, sich mit gedämpfter Stimme unterhaltend, hin und her wogte, als ein Ausruf ihres Begleiters sie veranlaßte, sich umzudrehen: vor ihr stand das Original zu dem Bilde, von Emilie Lereboulley und Louis Hérault begleitet. Clement war sehr blaß geworden. Diana lächelte und murmelte zwischen den Zähnen: »Jetzt verstehe ich alles!« Nur wenige Schritte trennten die beiden Gruppen. Unwillkürlich war Helene stehen geblieben, als sie Thauziat mit der schönen Engländerin erblickte. Emilie war erbleicht und Louis hatte seinem Freunde einen Blick voller Seelenangst zugeworfen. Clement, der von allen Anwesenden am meisten erregt war, hatte sich dennoch zuerst gefaßt, war auf Helene zugetreten und hatte sie in jener respektvollen Weise begrüßt, die sofort anzeigt, daß man eine Dame von Rang vor sich hat. »Wir bewunderten soeben Ihr Porträt, gnädiges Fräulein,« sagte er, »zuerst Ihretwegen, deren Züge es so treu wiedergibt ... dann aber auch jetzt, wo wir es mit dem Modell vergleichen können, des Malers wegen, dessen Kunst durch diese Vergleichung erst in das rechte Licht tritt.« »Strengen Sie sich nicht allzusehr an, Herr von Thauziat,« sagte Emilie, »wir lassen uns die erste Hälfte Ihres Komplimentes gefallen ; Sie können die Schönheit des Modells loben, was aber die Arbeit betrifft ...« Sie hielt inne und gab sich den Anschein, als ob sie jetzt erst Diana bemerke. »Ah, meine liebe Lady Olifaunt. Verzeihen Sie, ich hatte Sie gar nicht gesehen ... Louis, Lady Olifaunt ...« Louis verneigte sich, die Engländerin wendete aber nicht einmal den Kopf nach ihm. Sie verschlang mit den Augen die, in der sie die lange geahnte Rivalin zu erkennen glaubte. Sie biß sich auf die Lippen und ihre blauen Augen wurden stahlfarben. Dann trat sie einen Schritt vor und wendete sich an Emilie! »Meine Liebe, wollen Sie uns nicht miteinander bekannt machen? Ich würde glücklich sein, eine so reizende junge Dame kennen zu lernen, die Ihnen offenbar nahe steht ...« »Und das sehr,« erwiderte Emilie in fast drohendem Tone. »Da Sie es jedoch wünschen. ... Liebe Helene, Lady Olifaunt, eine unsrer hübschesten Frauen ... gnädige Frau, Fräulein von Graville ...« Diana bemerkte anscheinend weder die große Ungezogenheit, mit der Emilie die Vorstellung in verkehrter Reihenfolge vorgenommen hatte, noch den verächtlichen Ton, mit dem sie als ›eine unsrer hübschesten Frauen‹ bezeichnet worden war. Sie trat auf Helene zu und reichte ihr die Hand. »Ich bin sehr glücklich, mein Fräulein, in der That sehr glücklich, Ihre Bekanntschaft zu machen. ... Sie sind eine Freundin von Fräulein Lereboulley, wir werden daher sicher Gelegenheit haben, uns öfter zu sehen. ... Es wird das für mich ein besondres Vergnügen sein ... glauben Sie mir.« Sie neigte leicht den Kopf gegen Louis und sagte, zwischen ihm und Fräulein von Graville weiterschreitend, leise mit einer Ironie, die ihn erzittern machte: »Ich gratuliere Ihnen!« Einen Augenblick noch heftete sie, ohne zu sprechen, den Blick starr und höhnisch auf Helene und Louis, dann sagte sie halblaut vor sich hin: »Entschieden sehr hübsch.« Darauf nahm sie den Arm Thauziats, grüßte die beiden Damen flüchtig, rief laut: »Auf Wiedersehen!« und verschwand. Helene folgte ihr einen Augenblick mit den Augen, bewunderte die Grazie ihres Ganges, die Schönheit ihrer Figur, die ruhige Anmut ihrer Bewegungen und wendete sich dann an Emilie mit den Worten: »Das ist also die berühmte Lady Olifaunt, von der ich euch so oft habe sprechen hören?« »Ja, mein Herz, die göttliche Diana in Person, die Gattin des Barons Sir James Olifaunt.« »Warum hat sie denn Herrn Hérault und mich so starr angesehen?« »Weil sie deine Geschichte kennt und weiß, daß Frau Hérault dich wie eine Tochter liebt.« Helene wurde plötzlich rot. Sie schüttelte den Kopf und sagte: »In ihren Augen lag etwas wie Haß. Ich bin arm und bescheiden, sie reich und stolz, weshalb mag sie mich hassen?« »Weil es Naturen gibt,« erwiderte Emilie, »denen ihr eignes Glück nichts ist, und die nur das der andern in Berechnung ziehen. Der Neid verdirbt ihnen jeglichen Genuß. Sie sind nur dann wahrhaft glücklich, wenn sie alle andern bekümmert und trübselig wissen oder glauben. Diana gehört zu diesen. Sie hat dich glücklich und froh, von Freunden umgeben gesehen, sofort vergißt sie ihr eignes Glück, das Heer ihrer Bewundrer. Ein Augenblick hat hingereicht, dich ihr hassenswert zu machen – sie hat gefühlt, daß du glücklich bist!« »Wenn dem so ist, hat sie Grund zum Haß,« sagte Helene mit dem Ausdruck tiefen Ernstes. »Ich bin glücklich.« Einen Augenblick war es Louis, als ob er auf das junge Mädchen zueilen müßte, ihre Hand ergreifen und ihr seine Freude über dieses Wort ausdrücken. Ein Blick Emilies verhinderte ihn daran, und so folgte er, von stiller Seligkeit erfüllt, der, die ihn wie sein guter Engel, einer sonnigen Zukunft entgegenzuführen schien. Inzwischen setzte Lady Olifaunt am Arme Clements ihren Rundgang fort. Allerdings sah sie weder die Bilder an, noch suchte sie in der Menge nach bekannten Gesichtern. Sie war ganz in Gedanken versunken und bemerkte kaum, daß sie die Steintreppe herabgestiegen waren und sich im Vorraum vor dem Tourniquet befanden. Kaum waren sie aber in den Wagen gestiegen, als sie sich an ihren Begleiter wendete und ihm pikiert sagte: »Das ist also das Gesellschaftsfräulein, dem dieser kleine Einfaltspinsel von Louis zu Hause den Hof macht? Sie ist gar nicht übel, ich verstehe schon, daß die alte Frau Hérault von ihr entzückt ist. Eine Geliebte im Hause, das ist ja der Traum aller Mütter. ... Auf diese Weise geht der süße Knabe nicht mehr aus, und die Liebe, die sonst so viel Unheil anrichtet, bringt ihn ins Geleise.« Sie hätte ihrer Wut vermutlich weiter in Worten Luft gemacht, wenn Thauziat ihr nicht die Hand auf den Arm gelegt und gesagt hätte: »Fräulein von Graville ist ein tadellos anständiges Mädchen. Ich würde Ihnen sehr dankbar sein, wenn Sie in meiner Gegenwart ihren Namen nicht mehr nennen wollten.« Bei diesen Worten ging Diana ein Licht auf. Sie stieß einen kleinen Schrei aus, schlug mit dem Sonnenschirm in die Hand und rief: »Gott, was bin ich dumm! Das nicht zu begreifen, aber jetzt habe ich alles verstanden. Sie lieben Fräulein von Graville und sind der Rivale Louis Héraults! Sie, Clement, Sie!« Er antwortete nicht, sein Gesicht blieb unbeweglich; aber seine Finger spielten krampfhaft mit den Handschuhen, die er ausgezogen. »Wissen Sie, daß das ein großer Triumph für das junge Mädchen ist? Den schönen, unbesieglichen Thauziat so in Aufregung zu versetzen. Und sie widersteht diesem Herzenbesieger?« »Ich habe ihr niemals ein Wort gesagt, welches sie auch nur ahnen läßt, daß ich sie liebe.« »Daß ich sie liebe,« wiederholte Diana. ... »Das Wort macht mir ehrlich gestanden, in Ihrem Mund einen sonderbaren Eindruck, wenn es einer andern, als mir gilt.« »Dann sind Sie also gleichzeitig auf mich und auf Louis eifersüchtig« erwiderte Thauziat, um dessen Lippen ein flüchtiges Lächeln spielte. »Wenn ich die Wahrheit sagen soll, so mißfällt mir euer Fräulein gründlich! In Ihrem Inneren glüht also heimlich ein heiliges Feuer für dieselbe. Das ist für einen so praktischen Menschen ein bißchen sehr romantisch, mein Lieber. Darum gehen Sie seit vierzehn Tagen umher wie eine Seele im Fegfeuer. ... Was kann man thun, um Ihnen zu helfen? Soll ich bei der Schönen um ihre Hand anhalten für Sie? Ich will für diesen Fall Mutterstelle an Ihnen vertreten. Wissen sie was? Lereboulley und Sir James als Zeugen, das wäre nicht übel.« »Scherzen Sie nicht, Diana, es handelt sich um ernste Dinge.« »Mein Gott, gibt es denn noch ernstere Dinge als Heiraten? Oder wollen Sie das Fräulein nicht heiraten? Also braucht es das bei ihr nicht?« »Ich will vergessen. Zum erstenmal in meinem Leben bin ich nicht Herr meiner selbst. Sie kennen mich hinreichend, um zu wissen, daß ich darunter leide. Was ist der Mensch aber, wenn sein Herz spricht? Bisher hat das meine sich den Anforderungen meines Verstandes unterordnen müssen, auch diesmal will ich es zwingen, zu gehorchen ... ich werde abreisen.« »Lieber Freund,« sagte Diana, »Trennung ist ein ganz wirksames Mittel gegen Capricen, eine wirkliche Leidenschaft wird dadurch nur angefacht!« »Wenn ich allzu sehr darunter leide, werde ich wiederkommen, und dann ist mein Entschluß gefaßt, ich werde alles thun, damit sie mein werde.« »Und wenn sie einen andern liebt?« »Dann wehe ihr, ihm und mir selbst.« »So laß ich mir's gefallen, jetzt erkenne ich Sie wieder.« Clement antwortete nicht. Diana lag in die Kissen ihres Wagens geschmiegt und überließ sich ihren Träumen. Sie sah im Geiste Louis vor sich, wie sie ihn wiedererobert, wie er zu ihren Füßen lag, wie sie ihn mit grausamer Freude durch geschickt geschürzte Bande an sich fesselte und dann sich an dem von ihrem Liebeszaubertrank berauschten Sklaven für die Demütigung rächte, die er ihr zugefügt. Sechstes Kapitel. Mit Boissise waren seit jenem Tage, wo die Großmutter sich dort angesiedelt hatte, um dem Enkel während seiner militärischen Laufbahn nahe zu bleiben, große Veränderungen vorgegangen. Um das von Pierre Hérault mit ungeheurem Luxus restaurierte Schloß breitete sich ein etwa tausend Hektar umfassender Park aus. Ein inmitten von Wiesen künstlich angelegter See erstreckte sich bis zu den ersten Bäumen des Waldes, auf der höchsten Spitze eines Vorgebirges, das in den See hineinragte, erhob sich, von Grün umkränzt, die weiße Säulenreihe eines kleinen Tempels. Die Alleen des Parkes bildeten lauschige grüne Gewölbe, welche des Abends von Gaskandelabern erleuchtet waren, die aus den in den Wirtschaftsgebäuden liegenden Gasometern gespeist wurden. Ueberall war die Kunst der Natur zu Hilfe gekommen. Vor der Hauptfront lag ein in französischem Stil gehaltener Garten; in der Mitte jedes Vierecks lag ein Blumenbeet, in Form eines üppigen Blumenkorbes, dessen Henkel ein aus Eisendraht gebildeter, mit Kletterrosen dicht umrankter Bogen bildete. An jeder Ecke stand eine vier Meter hohe Pyramide, die geschickt aus zweitausend übereinander gestellten blühenden Geranien gebildet war. In den übrigen Beeten standen seltene Azaleen, deren Verschiedenfarbigkeit ein wahrer Triumph der Gärtnerei war. Die neuerbauten Ställe konnten zwanzig Pferde für die Parforcejagden aufnehmen, und in der Fasanerie wurde das Wild für die Herbstjagden herangezogen. Dieses prachtvolle Besitztum war nach dem Tode Pierre Héraults kaum bewohnt worden. Dennoch hatte man das Personal nicht vermindert und jedes Frühjahr brachten die Gärtner den Park wieder in Ordnung, schmückten die Beete mit Blumen, schnitten und begossen den Rasen ganze Tage lang mittels kunstreicher Bewässerungsvorrichtungen. Jedes Jahr setzten die Wächter und Züchter für die Jagd so und so viel Rebhühner, Wachteln und Fasanen in Freiheit. Kurz, alles war für die Aufnahme der Herrschaft bereit, die sich aber in Boissise nicht sehen ließ. Höchstens kam Louis beim Beginn der Jagdsaison auf acht Tage mit Freunden dorthin, um einige hundert Stück Wild zu schießen; bald darauf verschwand er wieder, und man sah ihn das ganze Jahr nicht mehr. Der Aufenthalt in diesem großen Schlosse allein mit der guten Frau Hérault wäre ihm höchst unerquicklich gewesen. Auch konnte ihn die Nachbarschaft Lereboulleys, der zwei Monate im Sommer auf seinem Landgute zubrachte, nicht reizen. Er hatte nicht wie der Senator ein politisches Interesse für das Eure-Departement, welches diesen dort während ganzer Wochen beschäftigen und zurückhalten konnte. Sobald er aber Fräulein von Graville dort erblickte, erschien ihm Boissise wie verwandelt, er entdeckte plötzlich am Landleben Reize, die er bis dahin nicht geahnt; was er sonst öde und einsam gefunden, wußte er nun mit lieblichen Zukunftsbildern und Träumen zu erfüllen, und von jener qualvollen Langeweile war überhaupt gar nicht mehr die Rede. In Gesellschaft des jungen Mädchens besuchte er die Blumen- und Gemüsegärten sowie die Vorwerke und hatte für alles, was ihn bis dahin vollständig gleichgültig gelassen hatte, warmes Interesse. Helenes vielseitiges Wissen setzte ihn in Erstaunen; bis zum sechzehnten Jahre auf dem Lande erzogen, kannte sie alle Geheimnisse der Viehzucht und des Landbaues. In den Augen dieses Parisers, der ein Weizenfeld kaum von einem Haferfeld zu unterscheiden vermochte, war sie ein wahres Wunder. Ganz begeistert sagte er zu Frau Hérault: »Fräulein von Graville weiß wirklich alles!« Und die alte Dame stellte diesen kühnen Satz keineswegs in Abrede, war sie doch ebenfalls nahe daran, in dem jungen Mädchen den Inbegriff aller Vollkommenheit zu sehen. Durch die Begeisterung ihres Enkels mit fortgerissen, schloß sie sich gern den jungen Leuten an und führte sie in ihren Treibhäusern herum. Nun geschah es aber, daß Louis an den Erklärungen der Großmutter ganz und gar keinen Geschmack fand; er kam zur Einsicht, daß Gartenbau und höhere Blumenkultur an und für sich keine sonderlich interessanten Gegenstände seien, es aber werden können, sobald sie von gewissen Lippen gelehrt werden. Hatte er doch gestern ein ganz ungemeines Vergnügen daran gefunden, einfache Levkoyen hinter dem Wirtschaftsgebäude in Augenschein zu nehmen, während er sich heute angesichts der herrlichsten Orchideen, von denen ein Exemplar seine zweitausend Franken wert war, vor Gähnen beinahe die Kinnlade ausrenkte. Der Schluß, daß seine ganze Freude daran nur auf dem traulichen Verkehr mit Helene beruhe, und daß Spaziergänge wahrhaft angenehm nur dann seien, wenn man sie zu zweien mache, lag nahe. Wenn auch die Großmutter nicht gerade genierte, so beging sie doch das unverzeihliche Unrecht, Helene eine gewisse Zurückhaltung aufzuerlegen und sie daran zu verhindern, sich in ihrem ganzen Reiz und ihrer ganzen Natürlichkeit zu zeigen. Seit sie wieder die frische Waldluft atmete, in der sie ihre ganze Kindheit verlebt, war Fräulein von Graville äußerlich und innerlich vollständig verwandelt. Die Blässe, welche die rastlose Arbeit in der dumpfen Zimmerluft hervorgerufen, war gewichen, Rosen färbten ihre Wangen und ihre Augen glänzten heller. Die strenge Falte um den schön geschnittenen Mund wich einem sonnigen Kinderlächeln und ihre kühle Zurückhaltung hatte sich in mitteilende Fröhlichkeit gelöst, sie war glückselig und durch ihr strahlendes Glück nur noch anziehender. Erstaunt und entzückt beobachteten Frau Hérault und Louis das Sich-Erschließen dieser jungen Menschenblüte, und der alten Großmutter gewahrte es eine wahrhaft mütterliche Befriedigung, ihre Gestalt sich zu immer größerer Grazie und Eleganz entwickeln zu sehen. Nach einigen Tagen machte Emilie Lereboulley von Evreux aus ihren Besuch in Boissise, und von nun an strich man gemeinsam durch Feld und Wald; die jungen Leute frühstückten bei den Ruinen von St. Wulfrand und tummelten sich wie losgelassene Schüler in den stillen grünen Waldeshallen. An einem Grabenrand, am Fuß einer großen Eiche, durch deren Zweige das Sonnengold drang, konnte Louis ganze Stunden lang sitzen, in Helenes Anblick versunken. Er fühlte dann eine Lust, sich ihr zu Füßen zu werfen und ihr zu sagen: »Ich bete dich an, sei mein! Unser Leben soll der Inbegriff alles Glückes und aller Liebe sein!« Aber er fürchtete sich, zu sprechen; teils war es die Unentschlossenheit seiner Natur, teils eine geheime Besorgnis, die Harmonie dieses glücklichen Zustandes zu stören, was ihn immer wieder von diesem Geständnis zurückhielt. Er sagte sich: Wozu? Ich habe ja noch immer Zeit; könnte ich denn glücklicher sein, wenn sie meine Frau wäre? Welch größeres Glück könnte sie mir denn überhaupt noch bereiten? Zum erstenmal, seitdem er sein Herz schlagen fühlte, war seine Liebe frei von Begehrlichkeit. Fräulein von Graville behandelte Louis mit schwesterlicher Unbefangenheit, in der sich vielleicht eine gewisse freiwillige Unterordnung fühlbar machte, hervorgehend aus der Dankbarkeit dieser feinfühligen Seele für den Enkel der Frau, die sie aller Sorgen enthoben hatte. In ihrer Empfindung für ihn waren jene herrlichen Träumereien von ehedem und die Wirklichkeit merkwürdig verschmolzen, er war ihr immer noch der blasse, schmächtige Jüngling, den sie mit tiefem Mitgefühl von ihrem Fenster aus beobachtet hatte, und der Eindruck, den sie damals von seinem Wesen empfangen, hatte sich nur bestätigt. Er war eine durch und durch schwache Natur, die sich leicht beherrschen ließ, die aber jeder Energieäußerung fähig war, sobald sie sich unterstützt fühlte. Obgleich er ein Mann geworden, war er ein Kind geblieben, das eines Führers für sein Leben bedurfte, um nicht eine Beute der Schlauen und Bösen zu werden. Sie hatte allmählich durch vielfache Gespräche Kenntnis davon erhalten, welch eine bedeutende industrielle Macht in diese schwachen Hände gelegt war, und mit Unmut sah sie, welch ungenügender Gebrauch davon gemacht wurde. O, wenn sie Mann gewesen wäre und über ein solches Werk zu wachen gehabt hätte, mit welcher Hingebung würde sie nicht ihre Geisteskräfte in den Dienst desselben gestellt haben! Sie äußerte das zuweilen in Louis' Gegenwart, doch mit einer gewissen Schonung, um ihn nicht zu verletzen; sie versuchte, ihn anzustacheln, ihn zu treiben, um zu sehen, ob er nicht doch in einem enthusiastischen Anfluge sich zur That aufraffen könnte. Sie sagte ihm: »Die erste Tugend eines Mannes ist die Arbeit! Was ist ein Mann, der nichts leistet?« Und er antwortete darauf lächelnd: »Ein Mann, der nichts leistet, ist ein solcher, der sein Leben genießt, der durch die Wälder streift, in ihrem Schatten ruht, und der den ganzen Abend mit Ihnen verplaudert, Fräulein Helene, kurz er ist ein glücklicher Mann!« »Aber ist er auch ein nützlicher Mann?« »Für sich selbst, außerordentlich!« »Und genügt das?« »Je nachdem man es auffaßt – ja.« »Aber, wenn Sie nun arm wären, Herr Hérault?« »So würde ich es machen, wie die andern, und mein möglichstes thun, es nicht mehr zu sein. Glücklicherweise aber sind mein Großvater und Vater mir zuvorgekommen.« »Und Sie ... vernachlässigen Ihr großes Erbe? ... ›Jedes Vermögen, welches sich nicht vermehrt, vermindert sich,‹ sagte neulich sehr richtig Herr Lereboulley! ... Wollen Sie sich denn schließlich zu Grunde richten?« »O, für mich wird's immer noch ausreichen, meine Lebenszeit wenigstens wird es vorhalten. Ja, wenn ich Erben hätte, wenn ich meinerseits eine Familie gründen wollte, würde ich die Sache vielleicht anders ansehen. ... Für wen soll ich mir den Kopf zerbrechen? Die Arbeit lieben um der Arbeit willen, das ist nun einmal nicht meine Art. Sich für ein teures Wesen, für eine Frau, ein Kind abmühen, das verstehe ich; aber nur um sich Unruhe zu machen, im Wunsch nach Gewinn, nein, dazu habe ich keine Neigung.« Emilie schloß die Unterredung, ironisch lächelnd, mit den Worten: »Kleiner Hérault, du bist nur ein schwacher Abkömmling deiner großen Vorfahren, und du wirst notwendigerweise auf dem Stroh enden, mein lieber Freund, wenn nicht eine starke Hand dich stützt. Im Grunde genommen ist es ja auch eine sittliche Notwendigkeit, daß der große Haufen Goldes, den du besitzest und den du nicht selbst erworben hast, zu denen zurückkehre, die sich in täglicher Arbeit quälen und abmühen. Werde nicht zornig und schreie nicht über meinen Sozialismus. Es ist nachgewiesen, daß in der Zeit, in der wir leben, die Vermögen nicht länger dauern als drei Generationen. Der Vater gewinnt es, der Sohn erhält es und der Enkel verzehrt es. Du bist der Enkel, Louis Hérault-Gandon, und hast gute Zähne, was du schon damit bewiesen, daß du die Hinterlassenschaft deiner Mutter bereits aufgegessen hast. Der Rest wird denselben Weg gehen, wenn man dir nicht einen besondern Maulkorb anlegt.« »Danke sehr, was kostet die Lektion?« »Sie ist gratis, mein Sohn. Profitiere davon, wenn du kannst, was aber nicht wahrscheinlich ist.« Zuweilen, wenn Louis durch die Redereien der beiden Damen aufs Aeußerste getrieben war, nahm er eine ernste Miene an und sagte: »Gut, ich will euch den Willen thun. Ich gehe morgen nach Paris und in die Fabrik.« Worauf dann Emilie antwortete: »Thue das lieber nicht, es wird dir dort zu heiß sein, du gehst dann abends in den Klub, verlierst zwanzigtausend Franken im Baccarat und bist morgen doch zum Essen wieder hier. Wozu also die Eisenbahn bereichern.« Louis lachte und man ging spazieren. Helene war es durchaus nicht recht, daß Emilie Hérault nicht ernst nehmen wollte. Diese Art, ihn immer wie ein großes unselbständiges Kind zu behandeln, verletzte sie. Sie empfand diesen Zweifel an den Fähigkeiten des Enkels ihrer Wohlthäterin als persönliche Beleidigung und sprach sich auch in diesem Sinne bei Frau Hérault darüber aus, wo sie natürlich volle Zustimmung fand, wünschte doch auch die Großmutter nichts so sehnlich, als daß der Erbe des Namens sich endlich zu männlicher That aufraffen und beweisen möchte, daß in seinen Adern das starke Blut seines Geschlechts rolle. Sie hatte immer gehofft, daß Louis, nachdem er seine Jugend in vollen Zügen genossen, vernünftig werden würde. Die plötzliche Metamorphose der letzten Wochen schien ihr der Beginn einer dauernden Wandlung, aber es wäre gefährlich gewesen, allzuviel auf einmal zu verlangen. »Liebe Tochter,« pflegte wohl Frau Hérault zu sagen, »siehst du, hier haben wir ihn in der Hand: in Paris bedarf es nur irgend einer schlechten Anregung, und er macht wieder Dummheiten. Nein, wir wollen ihn nicht nach Paris schicken, wo er Freunde hat, die ihm im Klub sein Geld abnehmen, um von andern schlechten Bekanntschaften nicht zu reden. Hier bei uns ist er noch am besten aufgehoben.« Die alte Frau Hérault sah dann das junge Mädchen bedeutsam an und seufzte, wagte aber nicht, ihren Gedanken Ausdruck zu geben. Im stillen aber hatte sie keinen sehnlicheren Wunsch, als den, daß ihr Enkel sich entschließen möchte, Helene zu heiraten. Was lag daran, daß sie kein Vermögen hatte, ihr klarer Verstand und ihr immer größer werdender Einfluß auf Louis waren mehr wert als jede Mitgift. Es waren das unveräußerliche Güter, deren Zinsen Sicherheit und Glück bedeuteten. Und dann war es doch nur die Tilgung einer vor sechzig Jahren kontrahierten Schuld der Dankbarkeit für ihre Wohlthäter, wenn Helene ein Teil des Héraultschen Vermögens zufiel. Dieser Gedanke ließ die alte Dame gar nicht mehr los; sie schwieg aber gegen ihre beiden Kinder, einerseits um bei Louis seine guten Anläufe ja nicht durch etwaige Erweckung seines Widerspruchsgeistes zu stören, andrerseits um bei Helene nicht eine mädchenhafte Scheu hervorzurufen, und rechnete darauf, daß das enge Beisammenleben auf dem Lande ihren Plänen förderlich sein werde. Um übrigens aus Boissise keine Einsiedelei zu machen, gab man verschiedene Gesellschaften, und mit Hilfe Lereboulleys ging es sogar sehr lustig dabei zu. Die Bewohner der Nachbarschlösser kamen, und die Garnison von Evreux schickte ihre brillantesten Offiziere. Jede Woche kam man mindestens einmal zusammen, und es war von nichts als Gartenfesten, Taubenschießen, Lawn-Tennis und Tanz die Rede. So kam der Monat August heran und Louis beschloß, an Frau Héraults Geburtstag ein großes Fest zu geben. Auch nach Paris wurden Einladungen geschickt, und die Fremdenzimmer im Schlosse füllten sich zum erstenmal seit Pierre Héraults Zeiten wieder bis zum letzten. Das Programm für den Tag und den Abend war von Louis und Emilie gemeinsam aufgestellt worden: Feuerwerk, zu dem das Gerüst schon am Abend vorher aufgeschlagen wurde, und bal champêtre, in einem Zelt, welches das ganze Rondel des Parkes einnahm. Mit venetianischen Laternen geschmückte Boote sollten das Orchester aufnehmen, dessen Klänge dann vom See her bis zu dem großen Gartensaal herüberdringen sollten, in dem ein Diner die Festlichkeit beschließen würde. Um fünf Uhr, als alles im besten Zuge war, erschien plötzlich Lereboulley, in grauem Beinkleid, weißer Weste und blauem Frack, ein Anzug, der ihm nach dem Ausdruck Emilies unter all den roten Fracks der jungen Leute etwas Lustiges und gleichzeitig Würdiges gab. Nach den ersten unerläßlichen Begrüßungen schritt er über die Wiese, auf der gerade ein Ballspiel im Gange war, auf die Hauptgruppe zu, in der sich Frau Hérault und Helene befanden, und sagte ihnen: »Vielleicht ist es unbescheiden, wenn ich Ihnen einen Gast mitgebracht, auf den Sie nicht gerechnet haben. Falls beim Diner kein Platz für ihn ist, kann man ihn ja mit Emilie an den Katzentisch setzen. ...« »Wer ist es denn?« fragte die Großmutter, ein wenig erstaunt darüber, daß man mit dem »großen Unbekannten« so kurzen Prozeß machen könne. »Thauziat,« erwiderte der Senator. Ein peinliches Schweigen trat ein. Jedes las im Auge des andern seine Empfindungen, und wenn Emilie, Helene und Louis sich seit zwei Monaten täglich über das ausgesprochen hätten, was in ihrem Herzen vorging, so hätte das Einverständnis in diesem Augenblick kein vollkommeneres sein können. Die unerwartete Ankunft Clements war für jedes einzelne ein Gegenstand der Sorge: Louis zitterte bei dem Gedanken, daß sein Freund Helenes wegen zurückkomme; Emilie sagte sich mit bittrem Schmerz, daß Thauziat einen letzten Versuch unternehme, um das Herz Fräulein von Gravilles zu gewinnen, und Helene sah in dem Wiedererscheinen dieses finsteren Gesichtes eine Gefahr für Louis und für ihr eignes Glück. Lereboulley fuhr in seiner Erklärung fort: »Er ist soeben mit dem Expreßzuge angekommen, hat in Evreux einen Mietswagen genommen und trat in mein Kabinett, als ich im Begriff stand, zu euch zu fahren. Ich habe ihn sofort mitbringen wollen, aber er wollte nicht. Er meinte, es sei allzu kühn. ... Als ob er nicht hier gerade ebensogut Kind im Hause wäre, wie bei mir. ... Kurz, ich bin mit dem konventionellen Gesellen dahin übereingekommen, daß, wenn man ihn hier will, ich ihm meinen Wagen schicken werde; wenn nicht, wird er allein essen und sich erst heute abend hier einfinden.« »Schicken Sie ihm nur schnell Ihren Wagen!« sagte Frau Hérault, »wir rücken die Gedecke ein wenig zusammen, er muß dabei sein.« Eine leichte Blässe überzog Louis' Gesicht, und sein Blick ruhte mit heißem Flehen auf Helene. Niemals hatte er so ohne alle Zurückhaltung gezeigt, daß er sie liebe, und eine selige Freude erfüllte das Herz des jungen Mädchens. Stolz erhobenen Hauptes, festen Blickes wagte sie ihm zuzulächeln, als ob sie ihm sagen wollte: »Fürchte nichts, ich bin dein, dein allein, und alle kühnen Abenteurer der Welt können mich dir nicht rauben.« Traurig senkte er den Kopf, er kannte Clement und er hatte Furcht, Helene, die Mitleid mit seiner Angst hatte, wendete sich rasch an Emilie. »Kommst du nicht mit uns nach dem Tanzsaal? Wir wollen uns doch einmal überzeugen, ob die Dekoration so ausgeführt, wie du es angeordnet hast.« Sie nahm den Arm Louis', ohne abzuwarten, daß er ihn ihr anbot, und alle drei durchschritten schweigend die allen so lieb gewordenen, schattigen Alleen und suchten aus der Erinnerung an die verlebten kostbaren, wolkenlosen Tage Kraft zu schöpfen, um dem herannahenden Sturme zu trotzen. Sie wanderten nicht einmal bis zu dem Ballzelt. Jedes von ihnen wußte, daß der Vorschlag Helenes nur ein Vorwand gewesen war, und sie kehrten endlich langsam zurück, weil sie fühlten, daß sie sich dem Feste nicht länger entziehen durften. Der Abend war hereingebrochen und die Salons wurden erleuchtet; sie schritten über die Freitreppe hinauf, traten ein, und der erste Mensch, den sie erblickten, war Thauziat, der im Gespräch mit Frau Hérault vor dem Kamin stand. Er war magerer geworden, was ihn noch größer als sonst erscheinen ließ; seine Wangen waren eingefallen und in seinem dunkeln Haar zeigten sich einzelne Silberfäden. Als er seines Freundes und der jungen Mädchen ansichtig wurde, leuchtete es hell auf in seinen Augen; mit großer Herzlichkeit schritt er auf Louis zu, und sein Händedruck war so warm und brüderlich, daß kein Zweifel an seiner Ehrlichkeit denkbar erschien. Möglich, daß er gekommen war, um Helene zu erobern, dann aber war er jedenfalls entschlossen, mit offnem Visier um den Preis zu kämpfen, und von seiner Stirn strahlte die Gewißheit des Sieges. Niemals hatte ihn Helene so gesehen, von ihrer ersten Begegnung an war er ihr stets gedrückt und von nervöser Unruhe gequält erschienen. Der Thauziat, der vor ihr stand, war der Held, der überall zu triumphieren gewohnt war, der Mann, bei dem sich ein fürstlicher Anstand, ein glänzender Geist und eine unerreichbare Liebenswürdigkeit vereinten, ihn unwiderstehlich zu machen. »Ich finde Sie ein wenig verändert,« sagte Emilie, indem sie ihn traurig ansah, »sind Sie vielleicht während Ihrer Abwesenheit krank gewesen?« »Ja, ich habe schwere Sorgen und ernsten Kummer gehabt,« erwiderte er, »aber das ist jetzt vorbei ... ich habe jetzt meinen Entschluß gefaßt.« Sie sahen sich an. Wollte er damit sagen, daß er, nachdem er Helene angebetet, nunmehr entschlossen sei, auf sie zu verzichten? Oder entfaltete er in stolzer Offenheit sein Banner und erklärte in Gegenwart Aller, daß er zum Kampfe bereit? Er hatte sich weder an Helene gewandt, noch hatte er irgend ein Wort gesprochen, das die Situation aufzuklären geeignet gewesen wäre. Er erzählte von seinen Jagden in Kärnten, beschrieb die gewaltigen, Jahrhunderte alten Tannenwälder, schilderte einen Frühanstand auf den Auerhahn, die Verfolgung der Gemsen von Fels zu Fels und gestand, daß er, der verwöhnte Pariser, dem kein Luxus der Großstadt genügt hatte, sich nie so wohl gefühlt, wie während der zwei vollen Wochen, die er in einer aus Zweigen erbauten Hütte auf dem Arlberg zugebracht, wo er zu Gefährten nur zwei Bauern gehabt, die ihm als Treiber dienten, und zur Nahrung nur das Wild, welches er selbst erlegte. Im einsamen Walde und unter den hochragenden, fast unzugänglichen Felsen hatte er fast das Gefühl seiner Individualität verloren, war zur Natur zurückgekehrt, und alle seine Qual war geendet. Phantasie und Sprache eines Dichters standen ihm zu Gebot, als er seine Eindrücke wiedergab, und willenlos gab sich der immer größer gewordene Kreis der Zuhörer dem Zauber dieser Persönlichkeit hin. Eine Stunde mochte so verflossen sein, in der auch nicht ein Mann sich des Neides auf ihn entschlagen konnte, auch nicht eine Frau ihm den Tribut ihrer Bewunderung versagte. Er war, was er sein wollte: ein Herrscher. Er gab ihr, um derentwillen er allen Glanz seines Geistes entfaltete, den unwiderleglichen Beweis seiner Macht; in dem glühenden Verlangen, geliebt zu werden, zeigte er, daß er dessen würdig war. Bedarf es dazu solcher Prachtentfaltung? Findet eine Frau nicht in ihrem Herzen unerwartete Beweisgründe, die über alle Vernunft obsiegen? »Mein lieber Clement, Sie sind wirklich einzig!« sagte Frau Hérault entzückt, ohne zu ahnen, daß sie mit diesem Lobe auf ihre eignen Truppen schoß. Sie überhäufte ihn mit Verbindlichkeiten und Komplimenten bis zu dem Augenblick, wo der Haushofmeister meldete, daß angerichtet sei. Das Diner war unerfreulich und langweilig; der große Tisch erschwerte die Unterhaltung, Zur Rechten Louis' saß die Frau des Präfekten und zur Linken eine alte Dame aus der Umgegend, er gab sich alle Mühe, seine Nachbarinnen zu unterhalten, aber seine Aufmerksamkeit war zwischen Helene, die an der Seite Lereboulleys saß, und Thauziat, der Emilie zur Nachbarin hatte, geteilt. Da die Streitkräfte so zerstreut waren, war ein Gefecht unmöglich. Der Augenblick, wo man vom Tische aufstand, war eine Erlösung für alle. Die Hitze in den Zimmern war unerträglich, während es auf der Terrasse schön kühl war. In wenigen Minuten waren die Salons leer, und alles strömte ins Freie. Einstweilen trafen die nur für den Abend gebetenen Gäste ein, und Louis, der an der Seite seiner Großmutter dieselben empfangen mußte, litt Höllenqualen. Er sagte sich, daß in der Dämmerung, welche Terrasse, Garten und Park umfing, an diesem köstlichen, blumenduftenden Sommerabend Thauziat freies Spiel habe, und daß Emilies Gegenwart nicht ausreiche, ihn von irgend etwas abzuhalten, was sein abenteuerlustiger Sinn beschlossen. Daß er über die Frauen eine dämonische Macht besaß, hatte er mehr als einmal im Leben erfahren, und so spähte er mit bleichen, verstörten Zügen in die Dunkelheit hinaus. Er lauschte gespannt auf jedes Geräusch, sah aber nichts, als den von der Illumination geröteten Himmel, und hörte nichts, als das Schmettern der Fanfaren und das fröhliche Lachen der Menge. Wo waren sie, was thaten sie, was sagten sie sich? Nach einer Stunde konnte er den Zwang nicht länger ertragen, und Frau Hérault mit sich fortziehend, eilte er in den Park hinab. Die ersten Raketen zogen ihre Feuerbahnen am Nachthimmel; von Zeit zu Zeit durchblitzten Leuchtkugeln die Finsternis und einzelne Gruppen wurden plötzlich in grellem Lichtschein sichtbar. Mit einem Blick überflog Louis die ganze Terrasse, aber er konnte weder Helene, noch Emilie, noch Thauziat entdecken. Das Herz krampfte sich ihm zusammen, er stand unbeweglich, wagte nicht sie zu suchen, und doch war's ihm, als ob sich in diesen schrecklich martervollen Augenblicken sein Schicksal für alle Zeiten entscheide. Da legte sich eine Hand auf seine Schulter und entriß ihn seiner Erstarrung, Er drehte sich um, Emilie stand vor ihm, bleich und ernst. Ehe er aber seiner Qual mit dem Angstschrei: »Wo sind sie?« Luft machen konnte, hatte sie, seinen Seelenzustand ahnend, mit der Hand nach der Richtung des Parkteiches gezeigt und leise gesagt: »Dort sind sie!« Er unterschied unter den vielen Gestalten, die sich schattenhaft in dem wechselnden Licht bewegten, bald den alle überragenden Clement und an seiner Seite das weiße Kleid Helenes. Sie hatten sich an das Steingeländer gelehnt. »Warum bist du nicht bei ihnen geblieben?« fragte Louis. »Weil ich sie gestört haben würde, wie du sie stören würdest. Sie plaudern, lassen wir sie plaudern!« Ein brennender Schmerz durchzuckte die Brust Louis'. Thränen stürzten ihm aus den Augen, und er sank auf eine Marmorbank nieder. »Muß ich denn auf alle Hoffnung verzichten?« murmelte er, »und soll ich sie wirklich verlieren?« »Wer kann sich rühmen, das Herz einer Frau zu kennen,« sagte Emilie, sich neben ihn setzend. »Helene gehört zu den Frauen, die von ihren Empfindungen nie mehr verraten, als sie für richtig halten, und nur ihrem eignen, freien Entschluß gehorchen. Das Verhängnis will, daß Thauziat sie liebt, sie ist eine der seinen gleichgestimmte Natur. Wenn er sie heiratet, so hat der Zufall in einer Weise, wie es vielleicht nie geschehen ist, noch geschehen wird, zwei Hälften zu einer Einheit gefügt, die man die Ehe nennt.« Louis ballte die Fäuste und warf den Kopf zornig zurück. »Du bringst mich außer mir mit deiner Philosophie. Am liebsten möchte ich hinstürzen und Clement beschimpfen, ihn anpacken, schlagen. ...« »Mit welchem Recht? Kannst du dir anmaßen, verhindern zu wollen, daß Helene ihn liebt?« »Ich maße mir an, ihn zu töten, wenn sie ihn mir vorzieht.« »Wenn jedesmal Blut vergossen werden müßte, so oft das Herz eine Täuschung erfährt,« sagte Emilie sanft, »so hätten durch mich schon Ströme desselben fließen müssen, durch mich, die ich immer nur ein Gegenstand des Spottes oder der Geringschätzung gewesen bin!« »Aber was soll ich thun?« »Nichts. Du gehörst nicht zu denen, die ihr Schicksal selbst gestalten, sondern zu denen, die sich ihm unterwerfen. Seit einem Monat hast du täglich, stündlich Gelegenheit gehabt, Helene zu sagen, daß du sie liebst. Du hast in den Tag hineingelebt, dich deiner Liebe und ihrer Nähe gefreut, und das hat dir genügt. Ein Nebenbuhler mußte erscheinen, um dir die Gefahr solchen Gleichmutes zu zeigen, und jetzt schreist du, drohst du. Warum? Fräulein von Graville ist frei, sie kann wählen, und du bist doch nicht thöricht genug, zu glauben, daß das wenige, was sie euch dankt, ihr Verpflichtungen auflegt? Durch ihre Anwesenheit in eurem Hause hat sie mehr für euch gethan, als ihr je für sie gethan habt, als ihr sie ihrer Armut entrißt. Mit welchem Recht wirfst du dich zwischen sie und Thauziat? Bist du ihr Bruder oder ihr Verlobter?« »Du hast gut reden,« sagte Louis zornig, ... »wenn du liebtest . ..« »Ich!« rief Emilie, und wie ein Blitz zuckte es in ihren Augen auf, »ich!« Sie brach in ihr herbes Lachen aus: »Du hast recht, ich liebe nicht. Ich bin verurteilt, nur Freundschaft zu kennen, niemals Liebe. Darum aber empfinde ich um so mehr für meine Freunde, und soweit ich kann, stehe ich ihnen auch mit meinem bißchen Klugheit bei – augenblicklich dir, indem ich dich hier an meiner Seite festhalte.... Willst du jetzt einen guten Rat? So mische dich in nichts, was auch vorgehen möge. Du könntest nichts dabei gewinnen, laß andre für dich handeln, bleibe ruhig. ... Es gibt Augenblicke im Leben, wo der Weisheit höchstes Maß darin besteht, nichts zu thun. ... Und das liegt in deiner Natur, wenn Helene Clement liebt, wirst du dich trösten.« »Niemals!« »Deine Niemals und deine Immer, lieber Freund, dauern gerade eine Woche. Nein, protestiere nicht. Die Leute sind glücklich, die vergessen, elend sind nur die, deren Gedächtnis allzu treu.« Louis hörte nicht mehr. Er war aufgesprungen und stürzte Helene entgegen, Emilie folgte ihm. Sie hatten gesehen, daß die Unterredung zwischen dem jungen Mädchen und Thauziat zu Ende war; Fräulein von Graville hatte ihm zugenickt, und war dann langsamen Schrittes zu der Terrasse zurückgekehrt. Clement begleitete sie achtungsvoll. Als sie sich Emilie und Louis näherten, bemerkten diese, daß er lächelte, während Helene sehr ernsthaft war. »Es ist lange her, daß Sie Fräulein von Graville nicht gesehen haben,« sagte Emilie zu Clement, »Sie haben ihr jedenfalls viel zu erzählen gehabt – Ihre Plauderei hat eine gute Stunde gedauert –« »Eine Stunde?« wiederholte er und sah Helene an, »das hätte ich nicht geglaubt.« »Es scheint, daß Sie sich interessante Dinge zu sagen hatten,« unterbrach Louis und erbleichte unter dem schmerzlichen Zwange, den er sich auferlegen mußte. »Sehr interessant,« sagte Helene mit einer Ruhe, die Hérault erschreckte, denn er glaubte darin das Todesurteil seiner Liebe zu erblicken. »Herr von Thauziat erzählte mir von der Heimat, von einigen Personen, die ich früher gekannt habe, und ersuchte mich um eine Auskunft, die ich ihm, wie ich hoffe, werde geben können,« »Morgen schon,« warf Clement ein. »Morgen schon,« versicherte Fräulein von Graville. Sie tauschten einen Blick aus, der das Blut Louis' heiß aufwallen machte. Er hatte die feste Überzeugung, daß man ihn täuschte, und daß die in seiner Gegenwart gewechselten Worte einen Doppelsinn hatten. Es kostete ihn eine übermenschliche Anstrengung, an sich zu halten, seine Schläfen pochten, seine Lippen waren trocken; jeden Augenblick hoffte er, daß ein Wort fallen möchte, das ihm Gelegenheit geben würde, loszuplatzen, seine Wut wie einen Strom zu ergießen. Das Wort wurde nicht gesprochen. Jetzt näherte sich Lereboulley mit Frau Hérault; man hatte verabredet, einen Besuch in dem Zelte zu machen, in dem der »bal champêtre« gefeiert wurde. Die Großmutter nahm den Arm Helenes, auf den sie sich am liebsten stützte, die andern folgten nach Belieben. Die große Allee von der Terrasse nach dem Rundell war durch Gasbogen taghell beleuchtet. Aufgeschreckt von dem blendenden Licht flatterten die Vögel ängstlich von Zweig zu Zweig, und an der Oberfläche des Wassers folgten gewaltige Karpfen, die glauben mochten, daß der Tag angebrochen, den lichtschimmernden Barken. In dem für das Publikum geöffneten Teile des Parkes bewegten sich Stadt- und Landleute, unter welche sich die aus der Garnison in Urlaub herübergekommenen Soldaten mengten, die mit ihren bunten Uniformen das Ganze zu einem farbenfrohen Bilde gestalteten. In dem Zelte wurde getanzt. Etwa zweihundert Personen drehten sich auf dem geebneten Boden der Waldlichtung, aber es waren nicht mehr die alten, ländlichen Tänze, sondern Polkas und Walzer, wie in der Stadt. Es ging laut und fröhlich her, und doch hatte man das Gefühl, daß der Wunsch, sich irgendwie hervorzuthun und ausgezeichnet zu werden, die guten Leute beherrschte und ihnen alle Unbefangenheit raubte. Der Tischler von Boissise hatte sich emanzipieren wollen, seinen Rock ausgezogen, weil es ihm zu heiß war, und benahm sich ein wenig ungeschlacht. Sofort wurde er von dem Schloßwächter gepackt, und man hörte ihn noch in der Ferne sich mit lauter Stimme verteidigen. Die jungen Mädchen in hellen Kleidern gingen ein wenig geziert und schüchtern gruppenweise umher; das ganze Vergnügen hatte etwas Steifes und nichts von der harmlosen Fröhlichkeit früherer Zeiten. Als Frau Hérault mit ihren Freunden erschien, wurde sie mit lautem Jubel begrüßt, Lereboulley, der nicht zehn Personen in seinem Departement zusammen sehen konnte, ohne eine Rede zu halten, ergriff das Wort und feierte die Familie Hérault. Dann ging er zu einer bescheidenen Lobeserhebung auf die Regierung über, zu deren Hauptstützen bekanntlich er selbst zählte, und wußte es so einzurichten, daß seine Rede mit dem Worte Republik endete. Das Orchester blies Tusch, spielte aber nicht die Marseillaise; denn der Schloßwärter Frau Héraults, ein alter Sergeant der Armee von Metz, hatte den Kapellmeister schon vorher benachrichtigt, daß, wenn er einen Versuch machen wollte, die Musik zum Ausdruck politischer Ansichten zu machen, er ihm unfehlbar die Pauke auf dem Kopfe entzweischlagen würde. Frau Hérault sah ein Weilchen dem Treiben derer zu, für die sie diese Vergnügungen veranstaltet – und kehrte dann etwas müde ins Schloß zurück. In dem großen Salon hatte man ebenfalls zu tanzen angefangen, aber auch hier machte sich ein gewisser Mangel an Freudigkeit und wirklicher Tanzlust geltend, wozu der Umstand, daß die jungen Gastgeber selbst keineswegs in der richtigen Stimmung waren, viel beitragen mochte. Helene walzte zwei- oder dreimal, wie um eine Pflicht zu erfüllen, aber weder mit Thauziat noch mit Louis. Beide hielten sich fern von ihr und forderten sie nicht auf. Trotz der Herrschaft, die sie über sich hatte, war sie sichtbar erregt; sie wich nicht von Emilies Seite, und diese ging mit gewohnter Feinfühligkeit auf sie ein, sprach äußerst wenig und nur von gleichgültigen Dingen. Es war gegen ein Uhr morgens, als die beiden Mädchen auf die Terrasse vor dem Speisesaal traten. Die Nacht war wunderbar schön, an dem tiefblauen Himmel erglänzten die Sterne, und der hoch stehende Mond versilberte mit seinem bleichen Lichte die Baumgipfel des Parkes. Die Säle waren still und einsam geworden. Nur gedämpft drang noch der Klang der Tanzmusik von dem Zelt herüber, tiefer Friede lag über allem, und das feierliche Schweigen der Natur berührte die beiden Mädchen um so eigentümlicher, als es mit ihrer inneren Erregung in so lebhaftem Gegensatz stand. Helene und Emilie standen eine Weile unbeweglich auf das Eisengeländer gelehnt, blickten hinaus in die Nacht und schwiegen. Dann seufzte Fräulein von Graville tief, und als Emilie sie bleich und bewegt sah, ergriff sie ihre Hand und sagte mit sanfter Stimme: »Hat dir Herr von Thauziat etwas gesagt, was auf deiner Seele lastet?« »Ja,« erwiderte sie einfach. »So hat er dir gesagt, daß er dich liebt?« »Er hat mich gefragt, ob ich seine Frau werden wolle.« Wiederum trat Schweigen ein. Emilies Herz pochte so furchtbar, daß es ihr war, als müßte es ihre Brust zersprengen. So war er also nun da, der Augenblick, wo alles, was sie an Tapferkeit und Güte besaß, von ihr gefordert wurde. Sie war vollkommen Herr ihrer selbst, konnte klar denken und fand die Qual weniger unerträglich, als sie gefürchtet. Es kam etwas von dem begeisterten Mut einer Märtyrerin über sie, eine brennende Sehnsucht, ihr eignes Selbst ganz hinzugeben und zu opfern, ergriff sie und machte es ihr möglich, ruhig mit anzuhören, daß der, dem ihre ganze Seele zu eigen war, eine andre liebe ... es zu hören aus dem Munde dieser andern. Ihr Fleisch wollte sich auflehnen, ihr Geist aber schwebte, losgelöst vom Irdischen, rein und hoch über aller Erdenqual, und ein Gefühl seligen Stolzes, sich selbst so groß und edel zu finden, durchbebte ihre Seele, die in dieser Stunde den erhabensten Triumph feierte, über alles Leid, das das Schicksal ihr durch ihre Mißgestalt zugefügt. »Auch Louis liebt dich,« erwiderte sie. »Er hat es dir nie gesagt, aber du mußt es wissen,« »Ich weiß es.« »Und ist es das, was dich ängstigt und in inneren Zwiespalt versetzt?« »Es ist das erste Mal, daß ich in meinem doch gewiß an schmerzlichen Erfahrungen reichen Leben vor einem so ernsten Entschluß stehe. Gegen Mutlosigkeit und Verzweiflung habe ich mich gewehrt, gegen Armut und Verführungen habe ich gekämpft und bin immer voll Zuversicht und Entschlossenheit gewesen. Aber all diese Fragen haben mich allein und ausschließlich berührt, mein Entschluß ist nie für die Zukunft und das Glück andrer entscheidend gewesen. Solange man nur für sich selbst zu handeln, für sich selbst einzustehen hat, fühlt man sich stark; sobald aber eine Verantwortlichkeit auf uns lastet, sieht man den Weg nicht mehr so klar und sicher vor sich, hat man nicht mehr das kühne Selbstvertrauen. Herr von Thauziat hat mir heute eine Stunde lang von seiner Liebe gesprochen, seit zwei Monaten schenkt Louis Hérault mir Aufmerksamkeit, ohne daß ich ihn je dazu ermutigt hätte. Ich kann mir nicht verhehlen, daß die meisten Frauen es als den höchsten Triumph betrachten würden, von zwei solchen Männern geliebt zu werden; mich ergreift tiefer Schmerz. Die Antwort, die ich geben werde, wird den einen oder den andern mit Bitterkeit und Leid erfüllen, und ich frage mich, ob es nicht besser wäre, das Haus zu verlassen, in das ich nur Unfrieden gebracht.« »Was würde sich durch dein Fortgehen ändern? Glaubst du, daß Thauziat und Louis dich nicht zu finden wissen würden? Willst du überhaupt nicht heiraten? Dann sind wir gleich im reinen und statt eines Unglücklichen haben wir deren zwei. Wenn du aber kein Gelübde der Ehelosigkeit abgelegt hast, so kannst du nur Thauziats Antrag annehmen, oder Louis zu einer Erklärung ermutigen. Es handelt sich darum, Thauziat zu erhören, der um dich wirbt, oder die Erklärung Louis' abzuwarten.« Emilie hatte diese Worte schnell hervorgestoßen, als ob sie ihr auf den Lippen brennten. Sie strich mit der Hand über die Stirn und meinte dann spöttisch: »Hast du wirklich Lust, alte Jungfer zu werden?« »In den Verhältnissen, in denen ich mich bis vor kurzem befunden habe, lag mir der Gedanke an eine Verheiratung sehr fern, aber jetzt liegt nichts vor, was mich von diesem Schritte abhalten würde.« »Nun dann ...« »Emilie, daß ich dir das alles gesagt, war nicht von ungefähr – ich weiß, und habe es soeben aufs neue erfahren, daß Herr Hérault dir vollständig vertraut, und Herrn von Thauziat, der mit deinem Vater eng befreundet ist, kennst du sehr genau. Ich weiß, daß du Anteil an mir nimmst, und glaube, daß du mich ein wenig lieb hast; drum bitte ich dich von Herzen, hilf mir in dieser schwierigen Lage, gib mir einen Rat!« »Das erwartest du von mir?« sagte Emilie sarkastisch. »Ich soll dir sagen, welchem der beiden Schäfer du den Apfel reichen sollst? Das umgekehrte Urteil des Paris! Und ich, nicht wahr, ich bin die Venus? Ein köstlicher Einfall, das muß ich sagen! Louis oder Thauziat? Thauziat oder Louis? Warum sich lange den Kopf zerbrechen – spielen wir einfach Kopf oder Schrift!« Ihr Lachen, das ziemlich krampfhaft geklungen hatte, ging plötzlich in Schluchzen über. »Mein Gott, was ist dir?« fragte Fräulein von Graville, erschrocken ihren Arm um Emilie schlingend, die einer Ohnmacht nahe zu sein schien. »Nichts, mach dir keine Sorgen!« erwiderte das junge Mädchen, alle Hilfe abwehrend. »Ich bin ein närrisches Ding, laß mich einen Augenblick ganz in Ruhe, es wird rasch vorübergehen.« Mit diesen Worten verbarg sie das Gesicht in ihrem Taschentuch, damit Helene, die starr und erschrocken vor ihr stand, ihre Thränen nicht fließen sehe. Sie weinte bitterlich und hielt sich an dem Eisengeländer fest, um nicht zusammenzubrechen. Nach einigen Minuten hatte sie sich gefaßt, trocknete sich die Augen und wandte das bleiche, aber ruhige Gesicht ihrer Freundin zu. »Du hast wohl gethan, dich an mich zu wenden, niemand hätte dir ehrlicher und selbstloser raten können. Du kennst Louis, mit dem du nun seit Wochen unter einem Dache lebst, genau, und es gehört auch wahrhaftig keine besondre Menschenkenntnis dazu, ihn zu ergründen – sein Charakter läßt sich so ziemlich vom Blatt lesen. Er ist gut, aber schwach; unfähig, wissentlich jemand weh zu thun, kann er doch durch diese Schwäche eine Frau sehr unglücklich machen. Wird ein günstiger Einfluß auf ihn ausgeübt, so kann er ein guter Mensch werden, einmal auf schlechtem Wege, wird es ihm an moralischer Kraft zur Umkehr fehlen. Er ist und bleibt ein Kind, das der Leitung bedarf und sich vielleicht doch gegen dieselbe auflehnt. Der andre, den du weniger kennst, und dessen Charakter weit weniger leicht zu ergründen ist, bildet in allen Stücken den vollsten Gegensatz zu Louis. An seiner Hand wird eine Frau ohne Gefahr und Kummer durchs Leben gehen können, er wird seine moralische und physische Kraft aufbieten, um der, die er erwählt, ein glückliches und glänzendes Geschick zu bereiten. Hat er einmal gesagt: ›Ich liebe Sie‹ und ihr seine Treue und seinen Namen verpfändet, so wird er ihr treu und ergeben sein bis zum Tode. Er ist ein ganzer Mann und wird so hoch steigen, als er will; für einen Geist wie den seinen gibt es in unsrer entnervten und schwächlichen Gesellschaft keine unübersteigbaren Schranken. Bis heute hat er jedes Ziel, welches er sich gesteckt, erreicht; ich glaube, er vermag alles, außer vielleicht, dich zu zwingen, daß du ihn liebst. Aber höre auf mich, du hast die Wahl zwischen Thauziat und Louis; zaudere keinen Augenblick; nein, begehe nicht die Thorheit, zu zögern! Blindlings, mit geschlossenen Augen, und nur, weil ich es dir sage, reiche Thauziat deine Hand. An seiner Seite wird sich dein Geschick beneidenswert gestalten, er liebt dich, sei nicht so unverständig, ihn zurückzuweisen. Die Liebe eines solchen Mannes ist der höchste Traum jedes Frauenherzens – dir ist sie zu teil geworden, du darfst nur die Hand ausstrecken, und er ist dein, laß ihn deines Lebens Seligkeit sein!« Mehr und mehr hatte sich Emilies Erregung gesteigert; eine tiefe Röte brannte auf ihren Wangen und ihre Augen leuchteten. Helene hatte ihr unbeweglich zugehört, jedes ihrer Worte erwogen, und als Emilie ihr Louis schwach und wehrlos wie ein Kind geschildert, hatte ein wehmütiges Lächeln ihre Lippen umspielt, während sie bei dem stolzen Bilde, das sie ihr in großen Zügen von Thauziat entworfen, finster das Haupt neigte. »Ich danke dir,« sagte sie, »ich werde niemals vergessen, welchen Beweis von Freundschaft du mir in dieser Stunde gegeben hast.« Emilie nickte, ohne ein Wort weiter zu sagen, mit dem Kopfe, kehrte in den Salon zurück, verabschiedete sich von Frau Hérault, drückte Louis die Hand, nahm den Arm ihres Vaters und ging. Vor einer Stunde schon hatte Thauziat sich entfernt. Nachdem Herr und Fräulein Lereboulley Boissise verlassen, neigte sich das Fest seinem Ende zu, und die Gäste empfahlen sich fast gleichzeitig. Während Louis noch bei der Abfahrt derselben zugegen war, blieb die Großmutter mit Helene im Salon allein. »Nun, mein Kind,« sagte sie fröhlich, »das war ein schönes Fest. Alles ist prachtvoll gelungen, und es ist mir wirklich nichts zu wünschen übrig geblieben, dank deiner Hilfe.« »Gar keinen Wunsch hätte unser Großmütterchen mehr?« fragte Helene. »Keinen, mein liebes Kind, als daß es immer so bliebe wie jetzt. Ich bin sehr alt, und habe vom Leben nicht mehr viel zu erwarten, keine Zukunft mehr vor mir, mit der ich rechnen könnte, und so kann ich all mein Wünschen darin zusammenfassen, daß wir fortleben wie jetzt, daß ich nicht allzu langweilig und lästig für euch werde, und daß schließlich du und Louis mir nahe sein möget, um mir die Augen zu schließen.« »Warum diesen schönen Tag mit traurigen Gedanken enden?« sagte Helene. »Es hängt ganz von dir ab, diese Gedanken zu recht frohen zu machen, du kennst meine Herzenswünsche, erfülle sie,« erwiderte die Großmutter. »Seit du bei mir bist, sind alle Sorgen verschwunden, und ist Glück und Frohsinn bei mir eingekehrt. Daß ich dies zum größten Teil dir danke, weiß ich wohl, und es ist ein köstlich Ding, wenn man alt sein kann mit Frieden im Herzen und Ruhe im Geist.... Versprich mir, daß du bei mir ausharren und mich nicht verlassen willst, wie wenn du wirklich mein Enkelkind wärest.« Sie hatte das junge Mädchen an sich gezogen und schloß sie in ihre Arme. Helene sah, wie die Thränen über die runzligen Wangen der alten Frau rannen, und das Herz wurde ihr sehr schwer. Frau Héraults erster Besuch in ihrem Dachstüblein und alle seither empfangenen Liebesbeweise standen lebhaft vor ihrer Seele, sie sank auf die Kniee und sagte ernst: »Sie sollen an mir eine Tochter haben, das gelobe ich Ihnen.« Dann fühlte sie, wie die Lippen der Großmutter sich leise und innig auf ihre Stirn drückten, hörte, wie sie flüsterte: »Ach, wenn das liebe, kleine Ding wollte. ...« Sie erhob sich rasch, als wollte sie die alte Frau abhalten, ihr Herz noch weiter zu erschließen, und als Louis wieder eintrat, schien sie ihm ruhig und gleichmütig dazustehen. »Ist alles fort?« fragte sie. »Alles.« »Dann wollen wir schlafen gehen. Frau Hérault muß sehr müde sein.« Sie beschleunigte das Gutenachtsagen, um sich den Fragen Louis' zu entziehen, dessen verzehrende Neugierde sie erriet, und verließ mit der Großmutter den Salon. Der junge Mann folgte Frau Hérault in ihr Zimmer, aber vergeblich hoffte er das Aufbleiben zu verlängern, um eine Gelegenheit zu finden, sein Herz auszuschütten. Fräulein von Graville wußte mit außerordentlicher Geschicklichkeit jedes verfängliche Gesprächsthema zu vermeiden, und schließlich mußte Louis wohl oder übel einsehen, daß er heute keine Klarheit mehr erlangen konnte. Unter stillen Verwünschungen der Frauen, die so grausam und hart sein konnten – denn Helene mußte ja fühlen, was in ihm vorging – und heftigen Selbstanklagen wegen seiner Dummheit und Thatenlosigkeit zog er sich in seine Zimmer zurück, wo er, von fieberhafter Unruhe verzehrt, eine schlaflose Nacht zubrachte. Fräulein von Graville fand ebensowenig Ruhe, Anstatt, wie sie jeden Abend that, friedlich einzuschlafen, starrte sie offnen Auges in die finstere Nacht und ließ die Ereignisse des Tages an sich vorüberziehen. Müde und abgespannt sehnte sie den Schlaf herbei, aber der Sturm ihrer Gedanken war entfesselt, in ihrem Kopfe wogte es auf und ab. Immer stand Clement vor ihr, wie er sich ihr heute gezeigt und ihr von seiner Liebe gesprochen, sie sah das düstere Antlitz sich aufhellen, sie sah es stolz und strahlend vor sich. Das war nicht mehr jener gleichgültige, die Welt von oben herab betrachtende Thauziat, den sie einst gekannt, sondern ein Mann von hinreißendem Zauber und einer wunderbaren Weichheit. Mit welchen Farben hatte er ihr auszumalen gewußt, was er bei seiner, ach, so vergeblichen Flucht vor der Liebe gelitten. Er hatte gehofft, in der Trennung, in der Einsamkeit das Mädchen vergessen zu können, das ihn wider Willen bezwungen, aber wo er den Schritt hingewendet, auf dem steilen Bergesgipfel, an dem rauschenden Strom, im Waldesdunkel, überall war sie ihm erschienen, überall hatte er Helene wiedergefunden, bis er endlich erkannt, daß er vor der nicht fliehen konnte, deren Bild er im tiefsten Herzensgrunde trug und ewig tragen würde. Er hatte einsehen gelernt, daß sie zu lieben sein Schicksal war, und kampfesmüde war er zurückgekehrt, um als Besiegter seine Kniee vor ihr zu beugen. Bei diesen Worten hatte er sich tief zu ihr heruntergeneigt, und wenn eine Feuergarbe, ein bengalisches Licht von drüben auf Sekunden die Dunkelheit erhellt hätte, in der sie, an die steinerne Ballustrade gelehnt, nebeneinander gestanden, hätte sie gesehen, wie die Leidenschaft auf seinen edlen Zügen leuchtete. Ja, es war ihm ernst, sein Stolz war gebrochen, er liebte und er war selig über diese Liebe, die ihn zum Sklaven gemacht. Sie aber war stumm und wortlos geblieben. Da hatte er sie mit hinreißender Beredsamkeit in all seine Pläne und Aussichten, all seine Träume von Glück und befriedigtem Ehrgeiz eingeweiht, daß sie sich schwindelnd aus Adlersfittigen emporgehoben und fortgetragen gefühlt. Für diesen kühnen Geist gab es keine Schranken, nichts erschien ihm unerreichbar, er mußte überall und auf jedem Gebiet den Gipfel ersteigen, von wo er die Welt zu seinen Füßen sah. Er war jetzt auf Lereboulleys Drängen entschlossen, sich an der politischen Arbeit seines Landes zu beteiligen und als Wahlbewerber aufzutreten: daß er erreichen würde, wonach er strebte, war gewiß, und binnen kurzem würde er auch hier eine erste Rolle spielen, und zu seiner großartigen Stellung in der Gesellschaft würden sich politischer Einfluß und Macht gesellen. Wer wollte ihm Widerstand leisten? Auf seiner Stirne stand das Zeichen des Sieges, und wen er nicht durch den Zauber seiner Persönlichkeit fesseln konnte, den wußte er zu beherrschen und zu unterwerfen. Und sie, war sie denn nicht auch im Begriff zu unterliegen und ihm den Sieg zu gönnen, den er heißer ersehnte als jeden andern? Die Vorurteile, die sie gegen ihn gehegt, waren verschwunden, in nichts zerronnen: was ihr an seiner Art zu denken und zu handeln befremdend erschienen war, schrieb sie jetzt seiner Originalität, seiner Ueberlegenheit über alle andern zu. Sein übermütiger, wegwerfender Ton, seine herausfordernde, hochmütige Haltung war der Kleinheit seiner ganzen Umgebung gegenüber wohl erklärlich und machte sein demütiges Sichbeugen vor ihr um so köstlicher. Es war eine glänzende Genugthuung für ihr Selbstbewußtsein, diesen Rebellen Abbitte thun zu sehen und sich als Herrin zu fühlen über diesen selbstherrlichen, unbeugsamen Geist. Da plötzlich tauchte Louis' blasses Gesicht vor ihr auf, und ihr Herz wurde schwer und bang. In ihrer Siegestrunkenheit hatte sie für den schwachen, unzuverlässigen Jüngling nicht einen Gedanken gehabt, wie wenn er selbst fühlte, daß er diesem Gegner nie und nimmermehr gewachsen, war sein Bild ihrer Erinnerung entschwunden, seit Clements Gegenwart sie beherrschte. War er denn nicht verdammt, überall neben ihm nur die Rolle eines Gefolgsmanns zu spielen? Mußte er nicht neben diesem glänzenden Gestirn doppelt unbedeutend und armselig erscheinen? Clement strotzte von Kraft, Louis war ganz Schwachheit, bei dem einen war alles größer, mächtiger, gottähnlicher als bei gewöhnlichen Sterblichen, bei dem andern mahnte alles an die Schwachheit und Nichtigkeit menschlicher Natur. Der Gegensatz war ein ungeheurer und schreckenerregender für die, welche zwischen Beiden zu wählen hatte – Emilie hatte ihn genannt: ein Mann und ein Kind. Unablässig wiederholte sie sich alles und jedes, was jene über die beiden Männer gesagt, immer wieder tönten die Worte der Freundin in ihrem Ohr, die ihr so herzlich geraten hatte, Thauziats Antrag anzunehmen. Ach, aber in ihrem eignen Herzen sprach nichts dafür, und immer wieder stieg ein unsägliches, inniges Mitleid in ihr auf, wenn sie an Louis mit all seiner Schwachheit dachte. Ueber dem Enkel aber stand ihr die Großmutter, und sie fragte sich, ob sie die beiden in einem Augenblick verlassen dürfe, wo sie so rückhaltslos auf ihre Liebe und ihre Dankbarkeit zählten. Er liebte sie ja auch, so gut wie Thauziat, und wenn es auch kein Triumph war, seine Liebe errungen zu haben, so war es vielleicht doch ein beglückenderes Gefühl. Er hatte nie ein Wort gesagt, er hatte sich daran genügen lassen, zu lieben, aber seine bittenden Blicke waren voller Beredsamkeit. Wie mit einem Zauberschlage hatte sich die Lebensweise Louis' geändert, seitdem sie ihren Fuß in das Héraultsche Haus gesetzt. Er hatte seine Großmutter nicht mehr verlassen, seitdem sie ihre Gesellschafterin war. Und immer in ihrer Nähe, mit seinen Blicken stets an ihr hängend, schien er nur für sie zu leben. War es nicht auch ein Triumph, diesen irregeleiteten Menschen wieder auf den rechten Weg gebracht zu haben, die Veranlassung dazu gewesen zu sein, daß er vernünftig geworden? Er hatte nicht gekämpft wie Thauziat, er hatte sich sofort unter das Joch gebeugt, hatte keinen Augenblick gezaudert, hatte vom ersten Tage, von der ersten Minute an geliebt, an nichts andres gedacht, als zu lieben. Unwillkürlich fragte sie sich, ob eine schmerzliche Enttäuschung in seiner Liebe ihn nicht dazu führen würde, sein voriges Leben wieder zu beginnen; diese schwere Verantwortung legte sich wie ein Alp auf ihr Herz und erpreßte ihr heiße Thränen. Und dann mußte sie wieder an Emilies Worte denken: »Wenn du glücklich sein willst, so reiche Thauziat deine Hand! Louis ist schwach. Wenn der Einfluß, der auf ihn ausgeübt wird, ein schlimmer ist, so muß man von ihm der gefährlichsten Handlungen für sich und andre gewärtig sein. ...« Aber im Grunde ihres Herzens antwortete eine Stimme: »Der Einfluß wird kein schlimmer sein, denn es ist der deinige, du wirst ihn auf dem Wege des Guten zum Glück führen. Wenn du nur willst, wird alles gut gehen.« Und plötzlich stand ihr alter Wahlspruch wieder vor ihren Augen, und laut und gebieterisch tönte es in ihr, wie schon so oft, wenn sie einen großen Entschluß zu fassen gehabt: » Ich will, ich will. « Von dem Augenblick an fühlte sie Ruhe über sich kommen, und als der junge Tag durch ihre Fenster drang, schlief sie fest. Von der langen Nachtwache ermüdet, war sie spät aufgestanden und trat erst um zehn Uhr in das Zimmer Frau Héraults. Die Großmutter war schon fix und fertig angezogen und in gewohnter Weise thätig. »Sehr vernünftig von dir, daß du ausgeschlafen hast,« sagte sie, »obwohl du immer noch bleich und übernächtig aussiehst. Ich weiß nicht, was Louis hat. Er ist heute in aller Frühe zu Fuß in den Wald gegangen.« Helene antwortete nicht, kannte sie doch die Ursache der Aufregung des jungen Mannes. Sie ging mit Frau Hérault ins Treibhaus und hörte, ohne ihre Aufmerksamkeit darauf lenken zu können, die Auseinandersetzungen der alten Frau über die Eigenschaften gewisser Pflanzen und über die Art, sie zu kultivieren, an. Dann frühstückten sie allein: es war das erste Mal, seitdem sie Boissise bewohnten, daß Louis nicht erschien. Frau Herault war unruhig und ließ nach ihm sehen; er war noch nicht zurück. Die Großmutter warf Helene einen fragenden Blick zu, aber das junge Mädchen erwiderte ruhig: »Er ist vielleicht weiter gegangen, als er im Sinn gehabt, und hat, von der vorgerückten Stunde überrascht, sein Frühstück in der Fasanerie oder im Pachthofe eingenommen.« »Das ist möglich,« sagte Frau Hérault, ohne überzeugt zu sein. »Seit zwei Tagen ist er so aufgeregt, hoffentlich hat er keine Dummheit begangen.« »O nein, liebste Frau Hérault, seien Sie ruhig, es wird ihm nichts Böses zugestoßen sein. Es wird sich alles sehr einfach aufklären.« Die beiden Frauen saßen im kleinen Salon und arbeiteten, als gegen vier Uhr ein Wagen in den Schloßhof fuhr und vor der Rampe hielt. Emilie kutschierte und Thauziat saß neben ihr; das junge Mädchen warf die Zügel dem Diener zu, der auf dem Rücksitz saß, nahm die von Clement dargebotene Hand und sprang herunter. Helene ging ihnen entgegen. Die beiden Freundinnen begrüßten sich herzlich; Thauziat dagegen reichte Fräulein von Graville nicht die Hand, sondern begnügte sich mit einer ehrfurchtsvollen Verbeugung und stieg langsam die Treppe hinauf. »Du hast ihm gesagt: Auf morgen!« flüsterte Emilie leise, einen verstohlenen Blick auf Clement werfend. »Er hat nicht einmal bis heute abend warten wollen, und da steht er nun vor dir, erregt und zitternd. Ich bin sicher, daß zum erstenmal ein derartiges Gefühl an ihn herantritt. Bist du nicht stolz, eine solche Liebe eingeflößt zu haben?« Helene schüttelte traurig den Kopf, ohne zu antworten, und alle drei traten in den Salon. Nach kurzer Zeit wußte Emilie sich mit Frau Hérault zu entfernen, und Fräulein von Graville und Thauziat waren allein. Einen Augenblick standen sie sich verlegen gegenüber, dann aber faßte Clement Mut und sagte lächelnd: »Ich bin ein ungeduldiger Gläubiger, nicht wahr? Aber Sie selbst sind verantwortlich für mein allzu rasches Drängen. Ich hätte mir den Zwang, länger zu warten, Ihnen mehr Frist zum Nachdenken zu gewahren, wohl auferlegen können, aber weil ich Ihnen gegenüber wahr und offen sein will, habe ich den Mut, Ihnen meine Schwachheit ganz zu zeigen ...« Als Fräulein von Graville den Mund öffnete, um ihm zu antworten, unterbrach er sie erregt: »O nein, sprechen Sie noch nicht, ich bitte Sie. ... Als ich kam, drängte es mich, Ihren Entschluß kennen zu lernen, und jetzt, wo ich vor Ihnen stehe, möchte ich die Entscheidung hinausschieben. Mir ist es, als wäre ich nicht beredt genug für meinen Herzenswunsch bei Ihnen eingetreten, und ich bin versucht, Ihnen noch einmal zu wiederholen, wie sehr ich Sie liebe, damit Sie ganz zu ermessen vermögen, welchen Schmerz Sie mir bereiten, wenn Sie mir sagen, daß Sie mich nicht lieben können.« »Ich weiß alles, was ich wissen muß,« erwiderte Helene, »und es ist unnütz, auch nur ein Wort hinzuzufügen. Ich denke ernst und hoch genug, um die Gefühle eines Mannes wie Sie in ihrem vollen Werte würdigen zu können, und wenn ich es zuvor nicht gethan hätte, so müßten mir die Augen aufgehen, wenn ich sehe, wie hoch all Ihre Freunde Sie stellen. Allein es bedurfte keines fremden Urteils, mir Ihren Wert zu zeigen, und was ich Ihnen jetzt sage, sind keine leeren Worte – ich bin offen gegen Sie, wie Sie es gegen mich gewesen, und Sie sollen wissen, daß das Bewußtsein, von Ihnen geliebt, von Ihnen gewählt zu werden, mein Herz mit nie gekanntem Stolz erfüllt hat, und daß, wenn ich diesem Stolz nachgeben, ihn befriedigen wollte, ich vielleicht versucht wäre – Ihnen meine Hand zu reichen,« »Helene,« stieß Clement, bleich wie der Tod, hervor, »Helene, auf welche Antwort wollen Sie mich vorbereiten?« »Auf eine Antwort, die ich bei der Achtung, die ich vor Ihrem Charakter habe, bei dem Vertrauen, welches ich in Ihren Edelmut setze, Ihnen persönlich zu geben wünsche. Sie haben eine Bitte an mich gerichtet, lassen Sie mich jetzt eine solche an Sie stellen. Versprechen Sie mir, daß, was ich auch von Ihnen verlangen mag, Sie es mir gewähren wollen.« »Alles,« rief Clement heftig, »alles, nur nicht, daß ich aufhören soll, Sie zu lieben.« Fräulein von Graville schlug die schönen Augen bittend zu ihm empor und streckte ihm beide Hände entgegen, die zu ergreifen er aber nicht wagte. »Sie werden mich lieben, wie man eine zuverlässige, erprobte Freundin liebt. ... Diese Liebe, die Sie heute für mich empfinden, und die vielleicht schnell, wie eine allzu lebhafte Flamme erloschen wäre, wird sich mit der Zeit in eine Zuneigung verwandeln, die weniger stürmisch, aber innig und dauernd sein soll. O, wenn Sie ahnen könnten, wie glücklich ich wäre, wenn Sie mein Bitten erhörten, und mit welchem Dankgefühl eine solche Seelengröße mich erfüllen würde. ... Sie sind der einzige, von dem ich eine solche Selbstverleugnung zu erbitten wage, weil Sie der einzige sind, den ich einer solchen für fähig halte. Lassen Sie uns erhobenen Hauptes aus diesem schmerzlichen Kampfe hervorgehen, Sie mit dem Bewußtsein, Großmut geübt zu haben, ich mit einem Herzen voll Dank und Freundschaft, die ich Ihnen mein lebenlang bewahren werde.« Er schwieg und starrte vor sich nieder. »Sie antworten nicht?« fragte Helene angstvoll. »Woran denken Sie?« fügte sie sanft hinzu. »An schöne Träume, die ich geträumt,« sagte Clement, »und die nun in einem Augenblick für immer entfliehen. ... Aber ist es denn möglich, daß ich Ihnen gleichgültig bin, daß Ihre Liebe für mich unerreichbar ist? Habe ich keine Hoffnung mehr? Kennen Sie Ihr eigen Herz so genau? Ist das, was Sie mir jetzt sagen, unumstößlich wahr? Lieben Sie einen andern?« Dieses Mal war sie es, die keine Antwort fand. Den glühenden Blick fest und forschend auf sie geheftet, hoch aufgerichtet, düster und kummervoll, erschien er ihr plötzlich wieder, wie in jenen Tagen, da sie Louis' bösen Geist in ihm gesehen; alle ihre ersten Eindrücke kehrten mit erneuter Gewalt zurück; drohend und schrecklich stand seine Gestalt vor ihr, fähig alles Edlen, aber ebenso fähig alles Bösen. In diesem Augenblick siegte das Böse; Milde und Weichheit waren verschwunden, wie ein leichtes Gewölk, das der Sturm vom schroffen Felsenkamme verscheucht hat. »Ich habe,« unterbrach Helene endlich das Schweigen, »Frau Hérault versprochen, sie nicht zu verlassen. Sie wissen, daß ich damit eine Schuld der Dankbarkeit abtrage. ... Sie ist unsäglich gut gegen mich gewesen, und ich werde glücklich sein, bis zu ihrer letzten Stunde bei ihr zu bleiben.« »Nein, seien Sie offen,« unterbrach sie Thauziat, »haben Sie doch den Mut, die Wahrheit zu sagen! Nicht Frau Héraults, sondern ihres Enkels wegen bleiben Sie in diesem Hause. ... Sie lieben ihn, er ist's, den Sie mir vorziehen. ... Sie wagen nicht es mir zu gestehen, daß Sie ihn lieben.« Diese Herausforderung empörte Fräulein von Graville, und Thauziats Blick fest aushaltend, entgegnete sie: »Sie wollen es hören? Gut! Das soll Ihnen werden. Ja, ich liebe ihn.« »Und wodurch hat er dies verdient?« erwiderte Clement bitter. »Er ist schwach und bedarf der Stütze.« »Sagen Sie: er ist feig und lasterhaft.« »Nun gut, dann werde ich seine Tapferkeit und seine Tugend sein.« »Sobald ihm zum Bewußtsein kommt, daß Sie über ihm stehen, wird er Sie hassen.« »Im Bewußtsein, das Beste gewollt zu haben, werde ich dulden, ohne zu klagen.« »Glauben Sie, daß ich ruhig mit ansehen werde, wie Sie sich opfern?« »Mit welchem Recht greifen Sie in mein Leben ein!« fuhr Helene zornig heraus. »Ich finde, daß Sie sich allzu viele Freiheiten nehmen. Ich habe Sie offen und ohne Zwang zu mir sprechen lassen, wenn Sie diese Gunst aber mißbrauchen, um mir zu drohen, so verzichte ich darauf, Sie weiter anzuhören.« »Verzeihen Sie,« bat Clement, die Hände wie flehend ausstreckend. »Ich leide so schwer, daß ich mich vergessen und Sie beleidigt habe. Gott allein weiß, welch tiefsinnige Verehrung ich für Sie in meinem Herzen hege. Ich wollte Sie warnen, sich unbesonnen in eine so ungeheure Gefahr zu stürzen, und Sie wollen mich nicht verstehen. Wenn ich Ihnen Louis schildere, wie ich ihn kenne, so werden Sie mich der Falschheit und des Mangels an Loyalität zeihen, und dennoch vermag ich es nicht über mich zu gewinnen, Sie Ihr ganzes Leben zerstören zu lassen. Die Welt, in die Sie einzutreten berufen sind und die Sie nicht kennen, ist voller Fallstricke und Gefahren, voll Lug und Trug. Wenn Sie niemand haben, der Sie verteidigt, wird man Ihnen grausame Wunden schlagen. ... Und Louis, Louis! ... Ein Mensch, der selbst so sehr des Schutzes bedarf, ihm wollen Sie sich anvertrauen?« Helene versuchte zu lächeln und legte die Hand auf Thauziats Arm. »Nun, wenn er so sehr des Schutzes bedarf, so wird ihm ja der meine und, wenn es nötig ist, auch der Ihre zu teil werden.« Clement fuhr wild zurück. »Niemals! Ich könnte Sie als die Seine nicht sehen, ohne ihn tödlich zu hassen.« »Das gerade dürfen Sie mir nicht zuleid thun,« sagte Fräulein von Graville fest. »Sie müssen mir Ihr Ehrenwort geben, daß an dem Tage, wo ich Louis heirate, alles vergessen ist, was Sie mir jetzt gesagt haben, und daß Louis und ich in Ihnen einen Freund finden werden.« Er schüttelte den Kopf. Sie neigte sich zu ihm und sah ihm mit unnachahmlicher Liebenswürdigkeit ins Auge. »Schwören Sie, und ich will Sie von Herzen gern haben.« Er schüttelte wiederum den Kopf und stöhnte mühsam hervor: »Ich gäbe alles in der Welt, um Ihnen angenehm zu sein, aber ich bin nur ein Mensch, göttliche Tugenden muß man von mir nicht verlangen. Nein, es wird mir nicht möglich sein, ihm all das Leid zu verzeihen, welches ich seinetwegen zu ertragen haben werde. Ich weiß es ja, daß es nicht seine Schuld ist, daß ich ungerecht bin, aber wie wollen Sie es hindern, daß ich unter seinem Glück leide? Sie, ja Sie haben von mir nichts als Treue und Hingabe zu erwarten. Ich werde Sie bis zum letzten Atemzuge lieben, lieben mit jener nicht erlöschenden Hoffnung, daß eines Tages, wo Sie die Erbärmlichkeit dessen erkannt haben, dem Sie heute Ihre Liebe schenken, Sie sich mir zuwenden werden. Ich werde immer bereit sein, im Staube von Ihnen jene Liebe entgegenzunehmen, die ich jetzt von Ihnen erflehe, und die Sie mir nicht gewähren wollen. Ein Mann wie ich ändert sich nicht mehr. Wie ich Sie heute liebe, werde ich Sie bis zum letzten Atemzuge lieben – maßlos und endlos.« »Und ich,« sagte Helene ernst, »bin ein Mädchen, das sein Herz nicht zweimal verschenkt. So wie ich heute denke, werde ich in zehn Jahren und immer denken.« Er trat einen Schritt auf sie zu, als wollte er sie noch einmal anflehen; plötzlich jedoch überkam ihn die Gewißheit, daß es vergebens sei, und mit einer tiefen Verbeugung verließ er das Zimmer, ohne sich noch einmal nach ihr umzuwenden. Frau Hérault und Emilie traten auf der Terrasse zu ihm heran und unterhielten sich eine Weile mit ihm, ehe er seinen Wagen bestieg. Helene war froh, ihren Freunden ausweichen zu können, und eilte gesenkten Hauptes, den Blick wie nach innen gekehrt, mit einem unendlichen Bedürfnis nach Ruhe und Einsamkeit den dunklen Parkalleen zu. Dort an dem äußersten Ende des Sees ließ sie sich auf eine Rasenbank nieder und hing ihren Gedanken nach. So hatte denn Clement ebenso wie Emilie sie vor ihrer eignen Neigung gewarnt und aus einer Verbindung mit Louis ihr ernste Gefahren vorausgesagt. Bei ihm konnte sie ja, trotzdem sie das Gefühl hatte, daß er ehrlich und aufrichtig gesprochen, Eifersucht voraussetzen – er liebte sie, und da war es ja kein Wunder, daß ihm der Nebenbuhler mißfiel, aber auch Emilie, die Freundin und Kindheitsgespielin Louis' hatte ihr gesagt: Er kann eine Frau sehr unglücklich machen. Es war Helene, als ob sie sich über einen Abgrund beugte; unabsehbar dehnte sich der schwarze Schlund und nur ganz tief unten meinte sie einen hellen Lichtstrahl verlockend blitzen zu sehen. War das nicht die Hoffnung? Konnte sie denn hoffen, aus dieser schauerlichen Tiefe einmal wieder ans Tageslicht zu kommen? Und weshalb denn hinabsteigen, weshalb noch einen Schritt vorwärts thun? Sie war frei, sie brauchte sich ja keiner Gefahr auszusetzen. Wer konnte sie zwingen? Ein Wort genügte, und alles war zu Ende. Und warum sollte sie zögern, dieses Wort zu sprechen? Hatte sie, nachdem sie sich an den Luxus gewöhnt, jetzt Furcht vor der Armut? O nein, sie konnte sich ruhig wieder an ihre Arbeit begeben und ohne Klage wieder ihr dürftiges, einsames Leben von früher aufnehmen. Aber die Großmutter, der sie versprochen, ein treues Kind zu sein, sollte sie dann wieder einsam und ohne Liebe und Pflege weiter leben, nachdem sie sich mit solchem Behagen von ihr hatte verwöhnen lassen? Und sollte Louis, der seit zwei Tagen so traurig und mutlos war, von neuem sich selbst überlassen sein? Ein tiefes Weh erfüllte ihr Herz. Sie sagte sich, daß sie Kummer und Sorgen entgegenging, wenn sie die Ratschläge Emilies und Clements unbeachtet ließ, andrerseits aber sprach die Stimme in ihrem Herzen immer wieder: »Sei mutig und kühn. Trotze den Gefahren, und du wirst durch die Kraft deines Willens siegen.« Und sie sah das kleine Licht in dem schwarzen Abgrunde, der vor ihr gähnte und sie verschlingen zu wollen schien, größer und immer großer werden, zu ihr emporsteigen und die dunkle Gruft hell und heller machen, bis sie in die Unendlichkeit des Himmels zu blicken wähnte. Damit kam plötzlich ihr alter Mut wieder über sie, und ihr Entschluß stand unwandelbar fest. Sie hatte die Ueberzeugung, daß sie alle Schwierigkeiten besiegen werde und daß sie im Kampfe um ihr eignes Glück auch das der andern erringen werde. Erleichtert atmete sie auf, sie fühlte sich ruhig und getröstet und gab sich dem Genuß des tiefen Friedens hin, der in ihr und um sie war. Plötzlich erregte ein leichtes Geräusch ihre Aufmerksamkeit, und aufblickend, sah sie Louis mitten in der Allee. Er war sehr bleich, und dennoch perlte ihm der Schweiß auf der Stirn; an seinen Kleidern hing Moos, als ob er im Walde auf der Erde gelegen. Er trat näher und sprach mit vor Erregung zitternder Stimme: »Ich hatte keine Ahnung, daß ich Ihnen hier begegnen würde, und will mich sofort entfernen, ich bin Ihnen doch wohl ungelegen.« »Weshalb setzen Sie das voraus?« fragte Helene. »Seit gestern weichen Sie mir aus,« erwiderte er bitter. »Wahrscheinlich ist Ihnen meine Anwesenheit peinlich oder Sie ziehen wenigstens die eines andern vor ...« »Ich verstehe Sie nicht ...« »Ich sah soeben einen Wagen mit Emilie und Herrn von Thauziat fortfahren.« »So, Herr Thauziat ist's, der Ihnen Sorge macht,« sagte das junge Mädchen lächelnd. ... »Nun, ich glaube nicht, daß er wiederkommt ...« Louis machte eine Bewegung freudiger Ueberraschung und ging dann, unfähig sich länger zu halten, auf Helene zu: »So lieben Sie ihn also nicht?« »Muß man ihn denn unfehlbar lieben?« Louis wurde noch bleicher als vorher, wo er von Eifersucht geplagt war, setzte sich neben das junge Mädchen und reichte ihr seine kalte, zitternde Hand. »O, mein Gott,« sagte er, »wie habe ich Ihretwegen gelitten! Aber was hat er Sie denn gestern gefragt? Daß Sie mir nicht die Wahrheit sagten, weiß ich« »Gestern,« erwiderte Helene sanft, »hat er mich gefragt, ob ich seine Frau werden wolle. ... Und heute ...« Sie hielt inne und beobachtete einen Augenblick mit stillem Entzücken den jungen Mann, der an ihren Lippen hing, als ob ihr Ausspruch Sein oder Nichtsein für ihn einschlösse. »Und heute?« wiederholte er. Es war ein Blick voll Engelsgüte, mit dem Fräulein von Graville ihm sagte: »Heute habe ich geantwortet, daß ich niemals das Haus Ihrer Großmutter verlassen werde.« »Helene!« rief Louis, und die Augen gingen ihm über. Sie saß an seiner Seite, glücklich über seine unsagbare Seligkeit und mild lächelnd über seine Thränen. Leidenschaftlich umfaßte er sie und hielt sie fest an sich gedrückt, als ob er immer noch Furcht hätte, daß man sie ihm rauben möchte. »O, wie hab' ich dich lieb – wie bin ich glücklich!« flüsterte er. Nach einer Weile machte sie sich sanft von ihm los, trocknete ihm die Thränen, erhob sich, nahm seinen Arm, und langsam kehrten sie, fest aneinander geschmiegt, zum Schlosse zurück. Ende des ersten Bandes.