Adolf Gelber Negermärchen Aus Imanas Landen Illustriert von Axel Leskoschek   Rikola Verlag Wien Berlin Leipzig München Alle Rechte vorbehalten Copyright 1921 by Rikola Verlag A.G. Wien Gedruckt bei R. Kiesel zu Salzburg Sabulana, die Freundin der Götter Die Leute von Mahaquene pflegten den Sumpf und die Hügel zu beackern. Ihre Felder brachten viele Jahre lang im Überfluß Ertrag. Aber es sagten die Götter einmal: »Das ist doch nicht in Ordnung, daß sie uns Göttern niemals ein Opfer darbringen«, und wie die Leute im nächsten Jahre wieder ackerten und pflanzten, brach Hungersnot aus, denn nichts wuchs heraus. Sie zogen fort, siedelten sich weiter weg an und säten dort allerhand aus – es wollte wieder nichts aufgehen. Darauf gingen sie auf die Jagd und gelangten in der Verfolgung der Tiere in die Gegend zurück, aus der sie fortgezogen waren. Da siehe, fanden sie zu ihrem Erstaunen, daß auf einmal wieder alles in voller Blüte stand. Sie freuten sich und sprachen: »Also werden wir wieder hierher zurückkehren.« Doch, als sie ein Zuckerrohr abbrechen wollten, um es auszusaugen, ließ es sich nicht abbrechen und keine Kartoffel ließ sich herausreißen, keine Banane abpflücken, worauf sie schrien: »Was ist denn dahinter?« Aber da trat aus dem nächsten Wald Imana heraus und die andern Götter folgten ihm und Imana sprach: »Wer hat euch die Erlaubnis gegeben, hierher zu kommen und hier herumzuwühlen? Wer hat euch erlaubt, das Zuckerrohr abzubrechen und die Kartoffel anzufassen? Ihr Undankbaren, fort mit euch!« Alle rannten in großem Schrecken davon, brachten sich gegenseitig zu Fall, stürzten kopfüber; und als sie zu Hause ankamen und erzählten, was ihnen geschehen war, herrschte große Trauer im Kraal. Am andern Tag gingen die Frauen ins Holz, um Äste zu sammeln und sie zusammenzubinden. Da kamen sie an einen Baum, von dem Honig herunterfloß. Aber als sie in das Loch griffen, aus dem er heruntergeronnen kam, um die Waben herauszuholen, brach einer jeden, die hineingriff, die Hand ab, so daß sich unter ihnen ein ungeheures Wehklagen erhob. »Oh, wir Verstümmelten!« riefen sie, »oh, wir Verstümmelten!« und als sie in das Dorf zurückkehrten, liefen alle Leute zusammen und klagten mit ihnen: »Oh, die Verstümmelten, oh, die Verstümmelten!« Und sie warfen die Zauberwürfel, woraus sie erkannten, warum die Plage über den Kraal gekommen war; und als sie nochmals die Würfel warfen, sagten die Zauberer, daß jemand ins heilige Holz gehen müsse, um den Göttern zu opfern. Da erschraken alle, denn sie trauten sich nicht zu den Göttern ins Holz. Als es Nacht war, gingen sie vor das Dorf hinaus und streckten die Arme zu den Göttern im Walde hin und einer sagte: »Imana und ihr anderen Götter, habet Mitleid. Wir wollen euch jemanden schicken. Wer soll es sein, der sich zu euch trauen darf?« Und sie warfen wieder die Würfel. Und sie sagten, daß Sabulana ins heilige Holz gehen solle, um zu opfern, und Sabulana sagte: »Ich will's.« Als der Tag anbrach, versammelten sich alle, um Sabulana auf dem Weg in den heiligen Wald zu begleiten. Und dort angekommen, setzten sich die Leute draußen vor den Wald hin und wagten nicht hineinzugehen. Nur Sabulana blieb aufrecht stehen und sang: »Ich bin Sabulana, ich bin Sabulana Die Tochter der Steppe bin ich. Ich will zu den Göttern und traue mich zu den Göttern. Die Zauberwürfel haben mich bezeichnet, Und die Götter sagten nicht nein.« Darauf drang sie in den Wald und alle Bäume standen friedlich und alle Äste und Zweige bogen sich, als sie herankam, zurück. So ging sie und ging; und siehe, da kam sie an einen Ort, wo sie alle Götter versammelt fand; und Imana und die andern Götter sahen freundlich auf sie und sagten: »Wie kommt es, daß du es wagst, hierherzukommen, während die gereiften Männer Furcht haben?« Sie sprach: »Die Zauberwürfel bezeichneten mich.« Die Götter sagten: »Ja, sie bezeichneten dich, Mädchen, und es ist schön, was du gesungen. Und jetzt sag uns, was du hier willst.« Sie sagte: »Opfern will ich euch und euch bitten, nicht mehr meinem Volk zu zürnen. Freundlich sei ihr, Götter, und Imana, du bist gut.« Darauf gaben sie ihr einen Sitz und begrüßten sie und sprachen: »Also was braucht ihr? Mais und alle Erzeugnisse des Sumpfes, Kürbisse, Reis und alle Arten von Reichtümern werden wir euch schenken. Und gleich werden wir unsere Götterkinder rufen, daß sie diese Schätze vor den Wald hinaustragen; denn hier herein, in den heiligen Wald dürfen keine anderen Menschen dringen außer dir, Mädchen. Draußen vor dem Walde werden unsere Kinder alles niederlegen, und unter deinen Leuten im Dorfe verteilst du es alsdann.« Darauf kamen die Kinder der Götter und beluden sich mit dem Mais und allen Erzeugnissen des Sumpfes, mit Kürbissen, Reis und allem Reichtum, den die Götter schenkten; und Sabulana ging voraus, und die Götterkinder folgten ihr und legten alles vor dem Walde nieder und die Leute sangen: »Sabulana hat uns geholfen, Die Tochter der Steppe hat uns geholfen. In den heiligen Wald ist sie gegangen. Und Imana und alle Götter haben sie erhört.« Aber Sabulana kehrte in den heiligen Wald zurück, weil die Götter sie geheißen hatten, zurückzukehren, und sie sagten: »Erkläre deinen Leuten, daß sie gesündigt haben, weil sie die Felder bebaut und geerntet haben, ohne uns Ehrerbietung zu beweisen. Wer, meinst du, hinderte den Mais am Wachsen? Und wer hinderte die Kartoffel am Wachsen und die Bananen und den Reis? Und ebenso als ihr zum Jagen kamt und die Hunde unsere Tiere bis in den Sumpf hinein verfolgten. Wie habet ihr dies wagen können, ohne uns zu fragen und die Erzeugnisse der Felder aufzusammeln und darin herumzuwühlen? Ich, Imana, der Schöpfer, und wir andern Götter waren gut und haben euch wie unsere Kinder gehalten und ihr habt uns nicht geopfert. Sprich, Mädchen, haben wir recht oder haben wir nicht recht?« »O, Imana,« sagte Sabulana, »und ihr andern Götter, ihr habt recht.« »So ist es,« sagte Imana, der Schöpfer, »und jetzt sind wir glücklich, daß die Leute wieder zu uns beten. Und nun mögen deine Leute mit Körben und Säcken kommen, um Vorräte einzusammeln, jeder soviel, wie sein Kopf tragen kann. Und du, Mädchen, sollst in Hinkunft die Königin der Leute von Mahaquene sein.« Die Hochzeit des Kimanaueze Es war ein Mann, der hatte einen Sohn Namens Kimanaueze. Als der in das heiratsfähige Alter kam, sagte sein Vater: »Wähle dir eine Frau und heirate.« Er antwortete: »Heiraten ist recht, aber ich will keine Frau von dieser Erde heiraten.« Der Vater sagte: »Von woher willst du denn sonst eine nehmen?« Er erwiderte: »Es müßte schon die Tochter von der Frau Sonne und dem Herrn Mond sein, damit ich sie heirate.« Der Vater sagte: »Du bist ein Narr.« Er sagte: »Ich bin keiner,« und die Leute sagten: »Wer kann an den Himmel kommen, wo die Tochter von Sonne und Mond ist? Der Kerl ist doch ein Narr.« Er aber schrie: »Ich bin nun aber einmal so, und eine von der Erde heirate ich nicht.« Gut. Des andern Tages schrieb er einen Heiratsbrief an die Sonne und fragte, da die Antilope grade vorüberging: »Willst du mir den Brief in den Himmel tragen?« Sie sagte: »Auf einen Berg hinauf kann ich, aber so hoch hinauf kann ich nicht.« Er gab ihn dem Habicht. Der Habicht sagte: »Bis an den Himmel kann ich nicht gehen.« Er rief den Geier, der sagte: »Halbwegs erreiche ich ihn, ganz komme ich aber nicht hinauf.« Da sagte Kimanaueze: »Gut nicht,« und legte den Brief beiseite in ein Kästchen. Aber im Herzen wurmte ihn die Sache doch. Da kam Mainu der Frosch daher und sagte: »Junger Herr, was bist du so traurig? Nur wegen des Briefes? Gib her, ich besorge ihn dir.« Kimanaueze antwortete: »Scher dich! Wo Leute mit Flügeln es nicht können, sagst du, du willst mir's besorgen? Wie kommst du denn da hinauf?« Mainu sagte: »Junger Herr, du weißt, ich bin ein ehrlicher Mann und was ich sage, das vollbring ich. Gib mir den Brief, du wirst es schon sehen.« Darauf gab ihm Kimanaueze den Brief und sagte: »Aber das merk dir, kannst du nicht hinaufgelangen, dann haue ich dich durch.« Mainu ging ab und begab sich an die Quelle, zu der die Mägde von Sonne und Mond immer kamen, wenn sie zum Wasserholen auf die Erde hinuntersteigen mußten. Oben fehlte das Wasser, und so mußten sie immer herab. So nahm der Frosch den Brief in den Mund, damit er im Wasser nicht naß werde und stieg in die Quelle, bis die Mägde kamen und einen Krug hinabließen. Da schlüpfte Mainu hinein – sie wußten es nicht. Als sie dann ihre Krüge hoch hoben und wieder in den Himmel kamen, setzten sie jeden auf seinen Platz im Wasserraum ab; dann gingen sie weg und der Frosch kam aus dem Krug heraus. In dem Raum befand sich auch ein Tisch; da nahm der Frosch den Brief heraus, legte ihn an dessen oberes Ende und verbarg sich in einer Ecke des Gemachs. Nach einer Weile öffnete sich die Türe, und Frau Sonne kam selbst in den Wasserraum nachschauen, ob alle Krüge gehörig verwahrt wären. Da erblickte sie den Brief und fragte: »Woher kommt der Brief?« Sie rief die Mägde herein und wiederholte, woher der Brief komme. Sie sagten, daß sie es nicht wüßten. Da öffnete ihn die Sonne und las: Frau Sonne! Ich, der Kimanaueze, der Sohn eines Vaters von Tumba Ndala auf der Erde, möchte die Tochter von Frau Sonne und dem Herrn Mond heiraten und schreibe darum diesen Brief. Die Sonne dachte nach und sagte bei sich: »Wer ist denn dieser Kimanaueze? Wir leben im Himmel und er lebt auf der Erde. Wo ist denn der, der diesen Brief gebracht hat?« Aber der Frosch wußte nicht, daß sie sich dies dachte und konnte nicht antworten. Da nahm sie den Brief, tat ihn in ein Kästchen und ging weg. Nun stieg der Frosch wieder in den Krug. Nach einer Weile waren die Krüge alle leer und die Wassermädchen mußten frisch Wasser holen. So kamen sie wieder herunter, und als denn sein Krug untertauchte, stieg Mainu heraus und ging ins Dorf. Wer kam ihm dort entgegen? Kimanaueze kam ihm entgegen und sagte: »Nun, Großmaul, bist du mit meinem Brief dort gewesen?« Der Frosch sagte: »Gewiß bin ich dort gewesen.« Kimanaueze schrie: »Du lügst, nicht im geringsten bist du dort gewesen!« »Es ist aber so,« erwiderte der Frosch, »und der Brief ist in den richtigen Händen. Du wirst schon sehen, daß ich dort gewesen bin.« »Also soll ich warten?« fragte Kimanaueze. »Ja,« sagte der Frosch, »ein paar Tage mußt du warten, und wenn keine Antwort kommt, noch einmal den Heiratsbrief schreiben. Du wirst sehen, ich lüge dich nicht an.« Da wartete Kimanaueze sechs Tage, und dann setzte er sich hin und schrieb noch den folgenden Brief: Ich schrieb euch, Frau Sonne und Herr Mond. Mein Brief ging ab, aber ihr habt nicht geantwortet. Ja, gar keine Antwort habt ihr mir gesendet, nicht »wir nehmen dich an« und nicht »wir lehnen dich ab«. Diesen Brief übergab er dem Frosch. Der ging wieder an die Quelle, duckte sich auf ihrem Grund und schlüpfte in einen Krug, als die Wassermädchen Wasser holen kamen; und wie sie oben die Krüge in den Wasserraum brachten, kam er heraus, legte den Brief auf den Tisch und versteckte sich wie das erstemal. Da ging nach einer Weile Frau Sonne wieder nachsehen, und als sie den Brief erblickte, öffnete sie ihn und begann zu lesen: Ich, Kimanaueze, der Sohn eines Vaters in Tumba Ndala auf der Erde, möchte mich bei dir Frau Sonne nach dem vorigen Brief erkundigen. Ihr ließet mir überhaupt keine Antwort zuteil werden, obwohl der Brief zu euch gekommen ist, nicht »wir nehmen dich an« und nicht »wir lehnen dich ab«. Denn eigentlich hatte der Brief nicht so gelautet, wie ich es früher gesagt habe, sondern er war länger. So wie es hier zuletzt steht, so war der Brief. Da rief Frau Sonne die Wassermädchen zurück und sagte: »Ihr Wassermädchen, bringt ihr immer Briefe mit, wenn ihr zum Wasserholen hinunter geht?« Die Mädchen sagten erschrocken: »Wir? Nein.« Da setzte sich die Sonne hin und schrieb an den Kimanaueze folgenden Brief: Du, Kimanaueze, der Sohn eines Vaters in Tumba Ndala auf der Erde, der du mir immer Heiratsbriefe schreibst, wie soll ich dir unsere Tochter bewilligen, wenn du nicht in eigener Person hierher kommst und ein Erstgeschenk mitbringst, damit ich dich auch kennen lernen kann? Wie sie fertig war, faltete sie den Brief, legte ihn auf den Tisch und ging weg. Darauf kam der Frosch aus seiner Ecke heraus, nahm ihn in den Mund, stieg in einen Krug, und wie die Mädchen Wasser holen gingen und die Krüge in die Quelle tauchten, war er gleich draußen und ging ins Dorf. Abends klopfte er an die Türe. Kimanaueze fragte: »Wer ist da?« Der Frosch sagte: »Ich bin da.« Kimanaueze sprang vom Bette auf und ließ ihn eintreten, dann las er den Brief und sagte: »Es war also doch wahr, was du sagtest, daß du hinaufgelangen würdest; und gleich morgen wollen wir antworten.« Dann sann er nach und zählte sein Geld, das er fürs Erstgeschenk brauchte. Es waren vierzig Taler, und so schrieb er des andern Tages: Frau Sonne! Ich, Kimanaueze, der Sohn eines Vaters aus Tumba Ndala auf der Erde, danke Euch für Eure Antwort, und es ist alles in Ordnung. Nur noch das Werbungsgeschenk ist jetzt übrig. Ich bitte Euch, mir die Höhe desselben mitzuteilen. Ich glaube zwanzig Taler sind genug. Dann beendete er den Brief und sagte: »Frosch, hier ist der Brief, und hier sind zwanzig Taler für das Werbungsgeschenk. Nun in deine Quelle und trag es hin.« Richtig kamen dann bald die Wassermädchen und der Frosch gelangte nach oben, legte den Brief und das Geld auf den Tisch und kroch in seine Ecke zurück. Nach einer Weile kam Frau Sonne und nahm den Brief und das Geld, es waren richtig zwanzig Taler, und dann öffnete sie die Türe und rief: »Mann!« Der Mond antwortete: »Was willst du?« »Komm herein, ich muß dir etwas sagen.« Da kam der Mond, sie erzählte ihm alles, er las die Briefe und sagte: »Sind es zwanzig Taler?« »Ja,« sagte die Sonne, »also wird dir der Schwiegersohn recht sein?« Er fragte: »Kennst du ihn?« Sie darauf: »Nein, ich weiß nur, es ist der Kimanaueze, der Sohn eines Vaters von Tumba Ndala auf der Erde, aber zwanzig Taler sind ein gutes Werbungsgeschenk.« Er erwiderte: »Also was meinst du?« Da überlegte sie und sagte: »Wenn ich nur den kennen würde, der den Brief gebracht hat. Für einen Heiratsboten muß man etwas kochen; wie soll die Speise für ihn gekocht werden?« Darauf sagte der Mond: »Da hast du recht,« und die Sonne: »Und wo stellen wir ihm die Speisen hin?« Da sprach der Mond: »Stelle sie hier auf den Tisch her, wo er immer die Briefe hinlegt.« Da sagte die Sonne: »Da sieht man, daß ein Mann immer gescheit ist. Du hast ganz recht.« Darauf kochten sie ein Huhn und Maisbrei und andere Speisen, und als die Türe zu war, aß der Frosch die Speisen und schlüpfte wieder in seine Ecke, während die Sonne im andern Zimmer sich an den Tisch setzte und einen Brief schrieb, wie folgt: Mein lieber Schwiegersohn Kimanaueze! Sohn eines Vaters aus Tumba Ndala auf der Erde. Das Erstgeschenk, das du mir geschickt hast, habe ich erhalten, aber es ist ein wenig zu wenig; wenn du die Tochter der Sonne heiraten willst, paßt sich nicht ein Geschenk wie du es geschickt hast; was sind zwanzig Taler? Ein Sack voll Geld würde nicht genug sein, aber weil du vielleicht nicht soviel hast, so schick noch zehn Taler und gut. Abends, nachdem die Sonne untergegangen war, saß der Frosch unten und klopfte an die Tür, worauf Kimanaueze sagte: »Frosch, wenn du's bist, dann tritt ein.« Nun und da wickelte Kimanaueze gleich tags darauf wieder im Krug zehn Taler ein, worauf der Frosch mit einem Brief in den Himmel hinaufstieg; und als die Sonne und der Mond in den Wasserraum kamen und das Geld fanden, sagten sie: »Sehr schön.« Und es blieb also nur noch der Tag zu bestimmen, an dem Kimanaueze das Mädchen, seine Braut, abholen sollte, aber o weh, da wußte er keinen Rat. »Frosch,« sagte er, »ich brauche jemand, der mit mir die Braut einholt und ich kann nicht an den Himmel gehen und sie sagen, sie können auch nicht herab.« Darauf sagte der Frosch: »Junger Herr, sei unbesorgt, auch da will ich helfen und es schaffen, daß dir die Brautführer sie heimholen,« und wieder stieg er zum Himmel hinauf. Dort aber verließ er abends, nachdem die Sonne untergegangen war, den Wasserraum, die Sonne schlief und der Mond hatte anderwärts zu tun, und alle Mägde schliefen, und die Tochter der Sonne schlief auch. Da gelangte er in ihr Zimmer und sagte: »Junge Braut, jetzt sollst du sehen, was der Frosch kann.« Und ohne daß sie es merkte, nahm er ihr das Herz heraus, und wie sie tags darauf aufwachte, konnte sie nicht aufstehen und sagte: »Hier, wo das Herz ist, bin ich so krank.« »Vater,« sagte die Sonne, »was ist dem Kind?« Und der Mond sagte: »Gestern war sie ganz gesund und klagte doch nicht.« Da schickte die Sonne Boten ab, die Wahrsager zu holen, diese blickten sie an, nahmen die Zauberwürfel und sprachen: »Eure Tochter ist krank und ihr Gebieter, der um sie angehalten hat, ist der Grund, daß sie krank ist, ihr Herz hat er, und wenn ihr sie ihm nicht sendet, dann wird ein Unglück geschehen.« Da sprach die Sonne: »Aber er soll doch heraufkommen und sie heimholen.« Sie erwiderten: »Wollt ihr so lange warten? Rasch muß es sein.« Da sprach die Sonne: »Dann soll die Spinne gleich ein Gewebe, das bis zur Erde hinunterreicht, zusammenbringen, und wenn morgen die Wassermädchen hinuntersteigen, soll unsere Tochter mit ihnen in dem Gewebe hinuntergehen.« Das hörte der Frosch, und tags darauf, wie die Wassermädchen und die kranke Himmelsprinzessin hinunterkamen, schlüpfte er rasch in der Quelle aus seinem Krug. Und eilte zum Kimanaueze und brachte ihm das Herz der Himmelstochter und sagte: »Gleich kommen sie, sie bringen dir die Tochter der Sonne ins Haus.« Richtig klopfte es auch gleich an die Tür und die Wassermädchen brachten die Kranke. Da setzte er wieder ihr Herz an seinen Platz, nahm sie zur Frau und sie wurden beide glücklich. Imana und die kinderlose Frau Es war einmal eine Frau, die war kinderlos. Eines Tages sagte sie: »Ich will gehen, um Imana zu befragen« und ging in den Wald, wo Imana wohnt. Als sie hinkam, fragte sie, ob er zu Hause sei und sagte, als er zwischen den Bäumen hervortrat: »Imana, gib mir Bescheid.« »Was willst du?« sprach er. Sie antwortete: »Ich bin kinderlos, ich möchte ein Kind haben.« Da sprach Imana zu ihr: »Geh, und wenn du einem kleinen Tier begegnest, so nimm es mit deinen Händen und hebe es auf. Habe keinen Widerwillen dagegen.« »Ist das alles?« fragte die Frau. Er erwiderte: »Ja.« Die Frau ging zu ihrer jüngeren Schwester. Da spielten gerade deren Kinder im Lehm; sie waren klein und unverständig. Eines kam und näherte sich ihr, worauf sie es zurückstieß und sagte: »Du machst mich mit dem Lehm schmutzig, geh«, worauf die Mutter es an sich nahm und vom Lehm reinigte. Dann sagte ihr die ältere Schwester, daß sie bei Imana gewesen und was er ihr gesagt habe, worauf die jüngere sagte: »Dann wirst du bald ein Kind bekommen.« Allein die Frau wartete das ganze Jahr vergeblich auf das Kind und kehrte zu Imana zurück. Er sagte: »Bist du schon wieder da?« »Ja,« erwiderte sie. »Warum habe ich kein Kind bekommen?« Imana sagte: »Hast du das Tierchen, von dem ich dir sprach, nicht gesehen?« Die Frau entgegnete: »Nein.« Imana sagte: »Du hast es gesehen, aber nicht mit deinen Händen angefaßt.« Die Frau sprach: »Imana, du irrst dich, ich habe keines gesehen.« Darauf sprach Imana: »Höre, du gingest zu deiner Schwester, da spielten gerade die Kinder im Lehm. Du wolltest von ihnen nichts wissen, eines stießest du beiseite.« Die Frau sagte: »War denn das Kind ein Tierchen?« Imana antwortete: »Lebte es denn nicht? Die Mutter war es, die es trotz seines Schmutzes aufhob. Sie hatte Kindesliebe. Du hast keine.« Da ging die Frau traurig fort. Der Büffel und der Regenpfeifer Der Regenpfeifer, das ist nämlich ein Vogel, – wie ihr wissen müßt – ging einst zu seinem Freunde, dem Büffel und wurde herzlich empfangen. Sie begrüßten sich und der Büffel sagte: »Willst du nicht Platz nehmen?« »Gern,« sagte der Regenpfeifer. Da winkte der Büffel, und man breitete vor dem Regenpfeifer eine Matte zum Platznehmen aus. Allein er blieb stehen und als der Büffel fragte, ob sie ihm nicht recht sei, sagte er: »Büffel, mein Freund, die Matte ist sehr schön, aber mir ist eine andere Sitzgelegenheit lieber.« »Was für eine,« fragte der Büffel. Der Vogel sagte: »Bringe deinen Speer und stecke ihn aufrecht in die Erde, da sitze ich am liebsten oben.« Worauf der Büffel fragte: »Sitzt man denn da bequem?« »Sehr bequem,« sagte der Vogel, worauf man einen Speer brachte und ihn in die Erde rammte. Der Regenpfeifer flog dann hinauf und blieb oben auf dem Speer. Der Büffel stand unten, der Vogel oben, und sie redeten miteinander, wie Freunde miteinander reden. Dann reichte man dem Vogel noch einige Regenwürmer hinauf und der Büffel sah, wie er oben auch bequem essen konnte. Dann flog der Regenpfeifer herunter und ging nach freundlichem Abschied nach Hause. Einige Tage nachher ging der Büffel zum Regenpfeifer. Man breitete eine Matte vor ihm aus, worauf er sagte, daß er sie nicht möge. »Wo denn willst du sitzen?« fragte der Regenpfeifer. Worauf der Büffel sagte: »Freund, bring doch einen Speer und steck ihn aufrecht in die Erde, das ist das bequemste.« Und als man den Speer in die Erde rammte, sprach er: »So ist es recht, oben auf den Speer steigt der Büffel am liebsten hinauf.« Und als er es tat, ging ihm der Speer durch und durch und der Regenpfeifer weinte, denn der Freund, er war nicht mehr. Die Spitzmaus, die besser geschwiegen hätte Das Perlhuhn hatte Eier gelegt; da kam das Wiesel, legte sich zwischen die Eier und ließ nur die Zähne hervorblinken, worauf das Perlhuhn, als es hinkam und die Zähne sah, zu schreien begann: »Chekee, ihr Elefanten, Chekee, ihr Büffel, kommet und seht doch, wie meine Eier Zähne bekommen haben!« Da kamen die Büffel und die Elefanten, die Nashörner und andere Tiere und sprachen: »Das ist wirklich ein Wunder. Wir haben noch niemals ein Perlhuhn, dessen Eier Zähne bekommen haben, gesehen.« Da kam die Spitzmaus und sagte: »Du Perlhuhn, bist wie ein Kind. Das ist doch das Wiesel, dessen Zähne da blinken, und alle Eier hat es dir angestochen und nicht ein einziges deiner Kinder kommt mehr heraus.« Der Elefant und der Büffel, das Nashorn und die anderen Tiere wollten es nicht glauben; aber die Spitzmaus sagte: »Elefant, du hast doch einen großen Rüssel, stich doch da hinein.« Da wurde das Wiesel zornig, kam aus den Eiern heraus, und alle riefen: »Es ist wirklich ein Wiesel.« Aber bevor sie es noch fangen konnten, hatte es einen Sprung gemacht, um sich auf die Spitzmaus zu werfen. Diese entfloh, das Wiesel ihr nach; und es jagte und jagte sie, bis sie sich beide von den andern Tieren weit entfernt hatten. Aber die Spitzmaus war gut zu Fuß, so daß das Wiesel schließlich müde wurde und sie laufen ließ. Bald darauf kam das Perlhuhn zur Spitzmaus und sprach: »Wir wollen Blutsfreundschaft schließen. Du hast mich vor dem Wiesel gerettet. Wenn du mir nicht gesagt hättest, daß es unter den Eiern liegt, so hätte es mich, als ich nachsehen kam, sicherlich gefressen.« »Ja,« sagte die Spitzmaus, »ich bin klug und habe gleich seine Zähne erkannt.« »Was soll ich nun aber tun,« sagte das Perlhuhn, »um am Wiesel Rache zu nehmen?« Die Spitzmaus sagte: »Das werden wir schon sehen, aber vor allem mußt du ausfindig machen, wo es sein Haus gebaut hat.« »Wie soll ich das aber herausfinden?« fragte das Perlhuhn. Die Spitzmaus sagte: »Ich bin dein Freund jetzt, ich will dir suchen helfen,« und von da ab spähte die Maus herum, bis sie richtig eines Tages das Haus des Wiesels fand. Drinnen waren seine Jungen und ihr Vater war außer Haus. »So,« sagte die Spitzmaus, »jetzt, da ich eure Stimme gehört habe, Kinderchen, weiß ich, wo euer Vater zu treffen sein wird und jetzt gleich gehe ich das Perlhuhn holen.« Aber in diesem Augenblicke kam das Wiesel herangehopst, um nach seinen Jungen zu sehen und da sang die Spitzmaus, nachdem sie sich einen sicheren Platz ausgesucht hatte: »Brrr, brrr, kutee... tee... tee! Ich lauf im Gras herum. Und will mich jemand fangen, Ich springe hier herum.« Das Wiesel horchte auf und die Spitzmaus spottete wieder: »Brrr, brrr, kutee... tee... tee! Ich lauf im Gras herum, Mein Haus hab ich verlassen Und spring im Wald herum.« Aber o weh, wie sie sich umwandte, um davonzulaufen, zwängte sich ihr Schwänzchen in dem Spalt einer Wurzel ein, und bis sie sich freimachen konnte, war das Wiesel ihr nah. Da begann sie nun freilich zu rennen, und rannte und rannte, wurde aber müde und schrie allen Tieren, die gerade vorbeigingen, zu: »Ihr, die ihr da vorbeigehet, meldet es dem Perlhuhn und saget ihm: »Nueng Nueng, das Wiesel wird mich fangen, wenn mir das Perlhuhn nicht bald Hilfe bringt.« Rasch flogen denn einige zum Perlhuhn; aber da es gerade beim Kochen war, konnte es nicht abkommen und rief Mpuera, den roten Vogel, mit dem es auch befreundet war: »Roter Vogel, flieg rasch dorthin, wo das Wiesel und die Spitzmaus miteinander kämpfen und rette meinen Freund!« Darauf flog der Vogel und kam gerade zurecht und pickte die Spitzmaus auf, so daß das Wiesel das Nachsehen hatte. Nun aber tötete er mit seinem Schnabel die Spitzmaus; dann kam er freudig zum Perlhuhn zurück. »Nun wie ist's?« fragte dieses, »hast du meinem Freund geholfen?« »Gewiß,« sagte der Vogel, »die Spitzmaus ist tot.« Da begann das Perlhuhn zu weinen und sagte: »Was hast du getan? Die Spitzmaus ist doch mein Freund gewesen.« Der Vogel aber erwiderte: »Das hast du mir ja in der Eile nicht gesagt.« Das Parlament der Tiere, oder die Erde, aus der Zähne wachsen Eines Tages sagte das Wiesel: »Du Hase, wollen wir Verstecken spielen?« Antwortete der Hase: »Sehr gut. Verstecken spiel ich gern.« Sagte das Wiesel: »Gut, aber wir wollen um etwas wetten, und der soll gewinnen, der sich besser versteckt hat.« Darauf der Hase: »Noch besser! Wenn ich mich verstecke, besiege ich jedermann.« »Meinst du?« sagte das Wiesel. Der Hase sprach: »Du wirst es sehen, im Verstecken wirst du von mir besiegt werden.« Und das Wiesel antwortete: »Nun gut, los! Verstecken wir uns.« »Also wer fängt an?« fragte der Hase. Das Wiesel sagte: »Wir werden beide in derselben Minute anfangen. Du gehst dahin und ich gehe dorthin; aber nicht wahr, du siehst dich nicht um?« Sprach der Hase: »Warum?« Das Wiesel sagte: »Wenn du es tust, dann könntest du ja sehen, wo ich mich versteckt habe.« Sagte der Hase: »Gut, ich sehe mich nicht um.« Also ging er, um sich zu verstecken, und auch das Wiesel ging; aber dieses schaute sich um und sprach: »Hast du dich schon versteckt?« »Ja,« antwortete der Hase; aber in diesem Augenblicke blickte auch er zurück und beide riefen: » Du hast dich umgesehen. Nein, du hast dich umgesehen.« Endlich kamen sie überein, daß sich erst das Wiesel verstecken und vom Hasen gesucht werden sollte, und dann sollte umgekehrt der Hase sich verstecken und von dem Wiesel gesucht werden: und der Hase mußte sich umdrehen, um nicht zu sehen, wohin das Wiesel laufen würde. »Abgemacht?« fragte das Wiesel. Der Hase sagte: »Abgemacht.« Darauf lief das Wiesel und lief und kam an einen Weg, wo es sich eingrub; und schon wollte es eins – zwei – drei rufen, da fiel ihm etwas ein. Nämlich es sprang in ein Loch, wo es niemand gewahren konnte, und nur seine Zähne blickten aus dem Loch hervor. Dann rief es drei, worauf es sich rasch wieder duckte und nur die Zähne außen fletschen ließ. Wie nun der Hase kam und dahin und dorthin rannte und die Zähne erblickte, erschrak er, sprang zurück, und wie er sich umsah und wieder die Zähne gewahrte, sprach er entsetzt: »Aus der Erde hier sprießen Zähne!« und lief auf und davon. Auf dem Wege traf er einen Elefanten, der fragte ihn: »Hase, warum bist du so außer Atem?« Er grüßte ehrerbietig und sagte: »Eure Erlaucht, weil ich jetzt eine Erde gesehen habe, aus der Zähne hervorsprießen.« Darauf trompetete der Elefant: »Jetzt bin ich achtzig Jahre alt, aber eine Erde, aus der Zähne sprießen, habe ich noch nicht gesehen.« Nun hatte er so laut trompetet, daß es weit weg davon vom Büffel gehört wurde. Der kam herbeigerannt und sagte zum Elefanten ehrerbietig: »Mein Herr warum hast du so trompetet?« Der Elefant antwortete: »Weil ich erstaunt bin; hier gibt es eine Erde, aus der lange Zähne sprießen.« »Lang sind sie nicht,« sagte der Hase. »Also gut, sagte der Elefant, »aber Zähne sind Zähne und ich habe es noch nicht erlebt, daß welche aus der Erde sprießen.« Sagte der Büffel: »Ich auch nicht« und brüllte vor Verwunderung so laut daß es der Eber im Walde hörte. Der kam also jetzt auch grunzend herbei und sagte, vor dem Büffel sich verneigend: »Warum hat deine Hoheit so gebrüllt?« Der Büffel sagte ihm jetzt die Sache, worauf der Eber so erheblich grunzte, daß die Antilope herbeikam und fragte: »Mein König, fehlt dir etwas?« Worauf der Eber sagte: »Nichts fehlt mir, nur deshalb grunze ich, weil da eine Erde ist, aus der Zähne hervorsprießen.« Dachte die Antilope nach und sagte: »Uns haben die Eltern auch nie von einer solchen Erde erzählt,« und da noch andere Tiere kamen, die das gleiche sagten, magerte der Hase vor Schrecken ab und sprach? »Das ist ein schlimmes Zeichen, daß ich der erste war, der diese Erde sah.« »Was tun?« fragte endlich die Antilope. »Wenn man die Erde nur sehen könnte!« »Das ist wahr,« sagten die anderen, »also geh du voran.« »Ich?« sagte sie. »Ich bin die Schwächste. Geht ihr voran, ihr seid stärker.« Darauf sprachen sie, der Leopard solle gehen; aber er hatte Fußweh, und so setzten sich der Elefant und der Büffel, der Eber, die Antilope, der Leopard und das Nashorn sowie andere Tiere ins Gras, um zu beraten; und während sie sprachen, wurde dem Hasen vor Angst so übel, daß er nebenan ins Gebüsch ging. Wie er denn dort saß, kam die Schildkröte und sagte: »Hase, was ist dir? Du siehst bleich aus.« Der Hase sagte: »Ich habe eine Erde gesehen, aus der Zähne sprießen, davon sehe ich so bleich aus, und die Herren nebenan beraten, wer vorausgehen soll, um die Erde zu sehen.« Sagte die Schildkröte: »Beraten sie? Ich will gehen!« Und sie ging, und er ging ebenfalls mit, um ihr den Ort zu zeigen, nur langsamer. Als sie an den Ort gelangte und der Hase es nicht sah, nahm sie das Wiesel, steckte es in den Sack und rief: »Hase, wo sind denn die Zähne? Ich sehe sie nicht!« Und er suchte sie und sagte verzweifelt: »Wo sind denn die Zähne hingegangen?« »Ach, du hast gewiß geträumt,« erwidert sie, »komm zurück. Meinst du, ich habe meine Zeit gestohlen?« Und so kehrten sie zu den Tieren zurück. Wie sie dort anlangten, berieten die Tiere noch immer, und da sagte die Schildkröte: »Herrschaften, wollt ihr mit mir gehen? Ich will aus Bananen ein Bier machen und dabei werdet ihr was erleben.« Sie gingen, und als sie ihnen das Bier vorsetzte, kroch das Wiesel aus dem Sack und sprach: Der Hase hat verloren, denn ich habe beim Verstecken gesiegt, und ein Betrüger ist er auch, denn es ist nicht wahr, daß aus der Erde Zähne sprießen.« Darauf schrien aber die Tiere: »Was sagst du – das soll nicht wahr sein? Keine Frömmigkeit hat das Wiesel! Fangt es! Haut zu!« Und sie sprangen alle auf. Und es trompetete der Elefant, der Büffel brüllte, der Eber grunzte, der Leopard hatte kein Fußweh mehr und das Wiesel floh und weinte. Die Schildkröte aber sagte zu ihrem Kind: »Jetzt siehst du, daß der Hase recht hat und daß die Zähne aus der Erde sprießen.« Die Königin von Ahaggar In einem Jahre erhoben sich die Ahaggaren, sammelten ein Heer und sprachen: »Laßt uns gegen die Schaanba ziehen, um sie auszuplündern.« Sie zogen fort, und im Lande der Schaanba angekommen überfielen sie zahlreiche Dörfer, plünderten sie aus und töteten die Männer, die sich darin befanden; dann kehrten sie nach Hause zurück. Unter anderen hatten sie ein junges Mädchen geraubt, das sie mit sich führten. Nach Teilung der Beute blieb das Mädchen noch übrig und jeder verlangte nach ihr. Der Streit wurde hitzig, bis einer der Weisen kam und zu ihnen sagte: »Worüber streitet ihr euch?« Dann sprach er sein Urteil, nahm das Mädchen und gab es dem König, der es heiratete. Das junge Mädchen hatte in ihrem Lande einen Bräutigam zurückgelassen; er gehörte dem Stamme der Schaanba an, und seine Stammesleute sagten ihm an jedem Tage: »Bist du ein Schaanbi? Du bist ein schlechter Mann. Du hast deine Braut von den Ahaggaren rauben lassen und lebst noch hier? Du bist vollkommen gesund, bist weder verstümmelt, noch krank oder verwundet. Es wäre besser für dich, du wärest tot als lebendig.« Eines Tages nahm er denn Abschied. Er verkaufte seine Gärten und kaufte von dem Gelde ein Reitkamel. Das sattelte er, belud es mit Gepäck und machte sich auf, indem er sagte: »Ich werde meine Braut selbst wieder herführen oder aber euch Nachricht bringen von ihr.« Er ritt fort und durcheilte während eines ganzen Jahres das Land, fragte, wohin er kam, die Leute, und so kam er eines Tages auch zu einem Hirten. Dem sagte er, nachdem er ihn begrüßt hatte: »Welchem Stamme der Berber gehörst du an?« »Ich bin ein Ahaggar,« antwortete der Hirt. »Was hast du für Neuigkeiten?« »Was für Neuigkeiten wünschest du zu erfahren?« versetzte der Berber. »Nachrichten über ein junges Mädchen, das die Berber geraubt haben.« »Wie ist ihr Name?« »Marah.« »Gewiß kenne ich sie,« sagte der Hirt, »sie ist bei uns.« »Was ist sie bei euch?« »Sie ist des Königs Frau.« »Gib mir einen Rat, was ich zu tun habe, um sie zu sehen,« sagte der Schaanbi. Der Berber antwortete: »Ich werde dir gerne raten, wenn Gott dir rät.« Mit diesem Worte besagte er, daß er von dem Schaanbi für seine Mitteilungen bezahlt sein wollte, und dieser sagte auch: »Schön, hier sind zehn Taler, gib mir einen Rat. Willst du etwas tun, damit ich sie sehen soll?« »Beunruhige dich nicht darüber, ich werde schon ein Mittel finden.« Dabei fügte er hinzu, der Schaanbi möchte fürs erste sein Kamel absatteln. Das tat der junge Mann, legte den Sattel, den er dem Kamel abgenommen hatte, in einer Höhle nieder, wo er auch für sich selbst einen Platz einrichtete, dann band er sein Kamel an. »So ist's recht,« sagte der Hirt, »nun bleibe hier, morgen werde ich dir Nachricht bringen.« Damit führte er seine Herde fort in den Ort. Dort traf er die Frau des Königs und sagte: »Willkommen. Ich bringe dir Nachrichten.« »Ebenfalls willkommen,« sagte die Frau, »und was sind das für Nachrichten?« »Ich habe heute einen der Deinen gesehen. Ich weiß nicht, wie er mit dir zusammenhängt: ist es dein Gatte oder dein Bruder.« »Ich habe weder Bruder noch Gatten,« antwortete sie, »ich habe keine Verwandten in meiner Heimat.« »Doch aber,« sagte der Hirt, »kennt er dich ganz genau. Er hat mir deinen Namen genannt und mir eine genaue Beschreibung von dir gegeben.« Die Frau antwortete: »Du lügst.« Der Hirt ging schlafen. Am nächsten Morgen, bei Tagesanbruch, mußte er zusammen mit seiner Herrin melken; dann ließen sie die Herden aufstehen und der Hirt trieb sie fort. Sodann nahm er seinen Stock und seinen Schlauch voll Milch und folgte der Herde, die schon eine Strecke weit vorausgegangen war. Darnach kam er zu dem Schaanbi zurück. »Die junge Frau will nicht zu dir kommen,« sagte er, »es gefällt ihr bei den Berbern.« »Was soll ich tun,« erwiderte der Schaanbi. »Du mußt auf ein Mittel denken.« »Gut,« sagte der Schaanbi. »Sie behauptet, du wärest ein Lügner.« »Nimm diesen Ring« – der Schaanbi zog ihn vom Finger und gab ihn dem Hirten – »und bringe ihn ihr; sie kennt ihn gut.« Abends trieb der Hirt die Herde wieder zum Zelt zurück. Wie er da war, kam die Frau des Königs mit ihrem Milchtopf und sagte: »Hirt, treibe mir die Ziegen zu, daß ich sie melke.« Darauf setzte sie sich und fing an. Nun brachte er ihr die Ziegen, eine nach der andern, bis nur noch eine übrig blieb, worauf er sagte: »Eine Ziege haben wir noch vergessen.« Sie sprach: »Bring sie her.« Jetzt nahm sie ihren Topf und begann mit dem letzten Stück; da zog er den Ring aus der Tasche und warf ihn in den Topf hinein. »Was ist das?« fragte sie. »Ich weiß nicht,« sagte Hirt. »Du hast doch aber etwas hineingeworfen?« »Ich? Mir ist nichts bekannt.« Darauf tauchte sie ihre Hand in den Topf, fand den Ring und verbarg ihn. Nichts sagte sie weiter, sondern ging in ihr Zelt, wo sie Feuer machte und den Ring zu betrachten anfing. Sie erkannte ihn wieder und saß in Erinnerungen vertieft da. Das Zelt war offen, sodaß der Hirt sie beobachten konnte. Als sie aufblickte, stand er ganz in der Nähe und sagte, als sie zusammenfuhr: »Was hast du denn, was ist mit dir geschehen?« »Nichts habe ich,« erwiderte die Frau. »Das ist nicht wahr,« sagte er, »und ich weiß wohl, was es ist. Erkennst du diesen Ring?« Sie antwortete: »Ich kenne ihn ... nein, ich kenne ihn nicht.« »Ach, wozu lügst du? Der Besitzer dieses Ringes ist im Lande hier, versteckt habe ich ihn bei mir. Was soll ich ihm von dir sagen?« Sie flüsterte: »Nichts. Ich kenne ihn nicht.« Darauf kehrte der Hirt zu dem Schaanbi zurück und sagte: »Sie weigert sich zu kommen. Aber wir wollen zusammen zu den Zelten gehen, verkürze die Fesseln deines Kamels und mach es zum Ritte bereit.« Dies geschah. Und wie es Nacht wurde und der Hirte seine Herde wieder gegen die Zelte zurück trieb, hielt er sie in einer gewissen Entfernung an, dann versteckte er den Schaanbi zwischen den Tieren und suchte seine Herrin auf. Sie sagte: »Hirt, warum hast du deine Herde so weit dort lagern lassen?« »Was kümmert's dich,« sprach er, »ich wollte es so; es kann dir alles eins sein. Komm die hundert Schritte hinaus, um dort zu melken. Ich trage dir dann deine Milch bis zu deiner Wohnung hier.« Sie sagte: »Gut,« ging hin und begann zu melken, und als nur noch eine Ziege übrig war – es war inzwischen gänzlich Nacht geworden – ließ der Hirt seinen Freund aufstehen und zeigte ihn der Frau. Da ergriff sie der Schaanbi und sagte: »Marah, erkennst du mich?« »Gewiß erkenne ich dich,« erwiderte sie, »du bist mein Verlobter.« »Und warum hast du dich geweigert zu kommen?« »Weil ich für dich fürchtete. Wenn dich die Berber sehen werden, werden sie dich töten.« Er sprach: »Darum sorgst du dich? Als ich hieherkam, wußte ich, daß mein Leben auf dem Spiel steht. Seit einem Jahre habe ich dich gesucht und werde dich nicht wieder fortlassen, nachdem dich Gott in meine Hand gegeben. Willst du mit mir kommen, ja oder nein?« Dabei zog er den Dolch aus der Scheide und fügte hinzu: »Entschließe dich, ich kann nicht warten. Entweder wir gehen zusammen fort, oder ich werde dich töten.« »Nein«, sagte sie, »du wirst mich nicht töten, wir werden zusammen fliehen.« Sogleich nahm er sie bei der Hand und wandte sich der Richtung zu, wo sein Kamel war. Er ließ es niederknien, sattelte es und belud es mit seinem Gepäck. Der Hirt brachte ihnen noch einen Schlauch mit Wasser, einen mit Milch und Mundvorräte. Dann nahmen sie Abschied und machten sich auf den Weg. Vier Tage und Nächte lang waren sie schon auf dem Weg, da kam der König von Ahaggar nach Hause. Die Frau war nicht da. Er suchte sie, und als er sie nicht fand, wandte er sich an den Hirten und sagte – denn er war schon alt: »Mein Kind, hast du die Königin nicht gesehen?« »Nein,« antwortete dieser, »ich hüte meine Herde, wenn dir eine Ziege fehlt, magst du dich an mich wenden, aber woher soll ich wissen, was aus deiner Frau geworden ist?« Darauf brachte der König seine Wächter auf die Beine und befahl ihnen, nach der Frau zu suchen. »Gewiß,« sagte er, »hat sie sich verirrt.« Darauf erhoben sich die Wächter, sattelten ihre Pferde und Kamele und durcheilten das Land nach allen Richtungen – da endlich erkannten sie die Spur eines Reitkamels. Sie folgten der Spur und sprachen: »Das war ein gutes Kamel, sehr schnell ist es gelaufen,« und kehrten zum König zurück. Seine Frau, sagten sie, hätten sie nicht gefunden, wohl aber wären sie auf die Spur eines Reitkamels gestoßen, das sehr schnell gelaufen war. »Und wohin ist es gelaufen?« »Dem Laufe des Flusses ist es gefolgt, Herr,« antworteten die Wächter. »Sie ist also entflohen! Verflucht seien die Väter eurer Väter!« schrie der König. »Sattelt mir mein Reitkamel.« Sie taten, wie er ihnen befohlen hatte. Während dessen rüstete er sich selbst und wies die Diener zurück, die ihm helfen wollten. Er gürtete sich, nahm Wurfspieß, Lanze, Schild und Schwert und Flinte und bestieg sein Reitkamel. Die Wächter fragten: »Sollen mir dich nicht begleiten?« »Nein,« sagte er, »niemand soll es. Es genügt, daß ihr die Spuren des Kamels, des einzigen, das in diesen Tagen von hier weggejagt ist, gefunden. Ich werde es allein verfolgen.« Und er ritt davon, fand die Spur und nahm die Verfolgung auf. Währenddessen war der Schaanbi bei einem Brunnen angelangt. Er stieg ab, entlastete sein Kamel und machte den Wassersack fertig. Darauf sagte er zu seiner Braut: »Ich will in den Brunnen hinabsteigen und dir das Wasser hinaufreichen, um unser Kamel zu tränken.« Dies tat er denn auch und fing unten zu schöpfen an. Die Frau blieb oben, dicht am Rande und sah den Weg entlang, den sie gekommen waren; da tauchte plötzlich in der Ferne ein Reiter auf. Da goß sie, während der Schaanbi ihr das Wasser zu reichen fortfuhr, es mit Absicht immer wieder auf den Boden, worauf er fragte: »Hat denn das Kamel noch immer nicht seinen Durst gelöscht?« »Nein,« erwiderte sie, »es ist noch immer durstig.« So schöpfte er und schöpfte, und reichte das Wasser immer wieder hinauf, ohne daß sie es dem Kamel zu trinken gab, wodurch die Fortsetzung der Flucht in dem heißen Sande zur Unmöglichkeit wurde; und während der Schaanbi noch unten in dem Brunnen steckte, war also plötzlich der Berber da. Er sprang von seinem Kamel ab, und als er sich über den Brunnen beugte und den Schaanbi drinnen gewahrte, stieß er einen Schrei aus, und da erkannte der junge Mann unten, wie es um ihn stand. »Du Schaanbidieb,« schrie der Berber, »der du in unser Land gekommen bist, um mir die Frau zu entführen, allein habe ich deine Spur verfolgt und dich eingeholt, du Schaanbiknabe. Herauf mit dir, oder ich lasse dich unten verschmachten.« Damit warf er ihm ein Seil in die Tiefe zu. »Wie Gott will,« sagte der Schaanbi und legte sich das Seil um den Leib. Darauf zog ihn der Ahaggar aus dem Brunnen und schrie: »Frau, wirst du nicht helfen, ich töte dich, wenn du so dastehst.« Da zog sie mit und nun fesselten sie ihn und legten ihn in die Sonne, schlachteten sein Kamel und machten ein Feuer an, um das Fleisch zu braten; und wie die Frau ein Stück Fleisch durchgebraten hatte, legte es der Berber dem andern, den er mit dem Gesicht zur Erde gekehrt hatte, auf den Rücken, damit es da erkalte. Dann aß er und die Frau aß auch, und sie warteten noch eine Weile bis die Tageshitze vorüber war. Wie denn der Abend herangekommen war, erhoben sie sich, um zurückzureiten, und der Ahaggar ging, um sein Kamel einzuholen, das während dessen auf der Weide an die hundert Schritte weit gekommen war. Der Schaanbi rief Gott an. Dann sagte er zur Frau: »Willst du mir nicht wenigstens einen Schluck Wasser geben?« »Nein,« antwortete sie. »Wie,« sprach er, »hast du keine Gottesfurcht? Alles, was mit mir geschieht, erdulde ich deinetwegen. Hast du denn vergessen, daß wir von demselben Blut sind? Vetter bin ich dir und Bräutigam hast du mich genannt.« Da stand sie auf und gab ihm zu trinken; aber sie reichte ihm das Wasser aus der Ferne. »Was fürchtest du dich,« sagte er, »bin ich denn für dich ein wildes Tier geworden, daß du Angst vor mir hast?« »Vor dir habe ich keine Angst,« erwiderte sie, »ich fürchte nur, daß der Ahaggar mich sieht.« »Er ist doch weit,« sagte darauf der Schaanbi, und da näherte sie sich ihm. Aber als sie nun ganz nahe bei ihm war, packte er sie mit den Zähnen und sagte: »Binde mich los.« »Ja, ja,« erwiderte sie, »nur laß meine Hand los. Ich werde dich losbinden.« »Nein,« sagte er, »nicht eher lasse ich dich los, als bis du mich befreit hast. Tu's rasch, sonst werde ich dir deine Hand zerfleischen.« Da nahm sie seinen Dolch in die eine Hand und schnitt die Fesseln, die ihn hielten, durch. Darauf erhob er sich, sah um sich und bemerkte den Berber in der Ferne. Nahm seine Kleider wieder und gürtete sich kniend für einen Kampf. Darauf nahm er seine Flinte, und nachdem er sich vergewissert hatte, daß sie geladen war, sprang er, immerfort sich duckend, so daß der Berber ihn nicht gewahren konnte, bis zu einem Punkte auf dem Wege, auf dem sein Feind das Kamel heranführte und legte sich dort in einen Hinterhalt. Als dann der Berber auf Schußweite nähergekommen war, feuerte er einen Schuß auf ihn ab, der ihn niederstreckte. Dann durchbohrte er ihn noch mit seinem Schwerte und schnitt ihm den Kopf ab. Als er zu seiner Braut zurückkam, sagte er ihr, indem er ihr das Schwert zeigte: »Wenn ich keine Gottesfurcht hätte, ich täte dir dasselbe, was ich dem Berber getan.« Sie weinte, er ließ das Kamel niederknien, sattelte es, belud es mit seinem Gepäck, stieg auf und ließ die Frau hinter sich aufsteigen; dann zog er fort und führte das Haupt des Berbers mit sich. Als sie nach Hause kamen, kamen die Leute ihres Stammes aus den Zelten und sagten nach der ersten Begrüßung zu ihnen: »Wir hielten dich für tot, denn es ist ein ganzes Jahr vergangen, seitdem du fortgezogen bist.« »Ja,« antwortete er, »eure Tochter hat mich töten wollen, aber Gott hat es nicht gewollt.« »Wieso das?« fragten sie ihn. Er zeigte ihnen darauf sein Gepäck und das Kamel des Berbers, sowie das Haupt seines Feindes und erzählte ihnen, wie es gewesen war. Da standen die Brüder der jungen Frau auf und sagten: »Ist es wahr, was er gesprochen hat.« Sie verhüllte ihr Haupt. Da sprachen sie zu ihm: »Du bist ein Mann und hast wie ein Mann gehandelt.« Dann nahmen sie ihre Schwerter und Flinten und töteten die Schwester um dessen, was sie getan. Das Leopardenfell Der Hase kochte sein Essen. Das sah die Hyäne und schlich heran und sagte: »Hase, guten Tag.« Der Hase sah sie von der Seite an, sprach: »Ebensoviel,« und kochte weiter, worauf die Hyäne einen Kratzfuß machte und grinste. »Was willst du?« fragte der Hase. »Dich um etwas bitten,« sagte die Hyäne. – »Was denn?« – »Bei mir zu Hause ist das Feuer ausgegangen. Um etwas Feuer möchte ich dich bitten.« »Da hast du,« sagte der Hase und gab ihr einen brennenden Kienspan. Die Hyäne nahm ihn, ging ihres Weges und – löschte ihn aus. Dann kam sie zurück. »Bist du schon wieder da?« fragte der Hase. »Ja, es ist mir etwas zugestoßen.« »Was denn?« »Das Feuer ist mir wieder erloschen.« »Also da hast du einen anderen Holzspan.« Sie nahm ihn, ging und löschte ihn wieder aus. Als sie wiederkam, sagte der Hase: »Mein Lieber, du siehst, daß ich da Essen koche und darum hast du mit dem Feuer soviel Unglück.« »Oh,« grinste die Hyäne, »das ist es nicht.« »Doch, doch,« sagte der Hase. »Ich kenne dich, gefräßig bist du. Also ich werde dir etwas vom Essen geben, aber dafür mußt du das Feuer anblasen. Es ist schon ganz herabgebrannt und wenn du hineinblasen wirst, wird das Essen rascher fertig werden.« Sagte die Hyäne, gut, und setzte sich zum Feuer hin. Aber statt zu blasen, sah sie fortwährend nach dem Topf mit dem Essen hin, der dort an der Seite stand, und den der Hase erst, wenn das Feuer tüchtig brannte, auf den Herd setzen wollte. Und der Hase sagte: »Sieh doch nicht so herum, sondern blase, sonst dauert's noch länger. Nichts werde ich dir geben, bevor das Essen nicht gekocht ist. Also sieh ins Feuer.« Da blies denn die Hyäne hinein und unterdessen holte der Hase das Fell eines Leoparden und nähte es der Hyäne auf den Rücken. Das machte er so fein, daß die Hyäne es gar nicht spürte. Dann wurde das Essen fertig, der Hase aß, die Hyäne bekam ihren Teil, und wie sie fertig waren und sie wieder gehen wollte, sagte der Hase: »Wie, das Feuer vergißt du?« »Ach wirklich,« sagte die Hyäne und nahm jetzt zwei brennende Holzspäne und kehrte damit zu ihrem Hause zurück. Wie sie so dahin hopste, erblickte sie aber das Leopardenfell, das hinter ihr herschleifte und da sie nicht wußte, daß es ihr auf den Rücken genäht war, erschrak sie und schrie: uj, uj. Dazu machte das Fell hinter ihr fortwährend: wawalaga, wawalaga, so daß sie in ihrer Angst flüsterte: »Der Leopard verfolgt mich« und immer stärker lief. So kam sie zu ihrem Hause und wie sie hineinrannte, zerriß die Naht auf ihrem Rücken und das Leopardenfell fiel herab. Da sagte sie nun, als sie ins Zimmer hineinkam, voller Angst zu Weib und Kindern: »Meine Lieben, ein Unglück ist geschehen, ein Leopard hat mich verfolgt – da liegt er an der Tür.« Weib und Kinder fuhren entsetzt in die Höhe und blickten erschrocken hinaus und flüsterten: »Wirklich, es ist ein Leopard, der da vor der Tür liegt. Was sollen wir tun?« Nun verging die Zeit und sie wurden hungrig. Es schmerzt gar sehr, wenn man hungert; und immerfort sprachen sie: »Wo sollen wir ein Essen hernehmen, wenn der Leopard sich von unserer Tür nicht wegrührt? Wie kommen wir nun an ihm vorbei?« Und wie der Hunger immer mehr schmerzte, sprach die Hyäne: »Meine Kinder, es bleibt uns nichts, als daß wir miteinander wettringen. Wenn ich falle, bin ich euer Braten und wenn ihr fallet, bann seid ihr mein Braten.« Darauf weinten die Kinder und sagten: »Vater, Ihr seid stärker.« Die Hyäne erwiderte: »Das kann man nicht wissen, wir müssen es doch probieren.« So umfaßte sie ein Kind, warf es zu Boden und fraß es auf. Nach einer Zeit erfaßte sie ein zweites Kind, warf es zu Boden und fraß es ebenfalls auf; und so geschah es auch mit dem dritten und vierten Kinde, bis sie nur noch beide übrigblieben, der Mann und das Weib. Da sprach er, wie er wieder fressen wollte, zu ihr: »Faß an, wenn ich falle, bin ich dein Braten, wenn du fällst, bist du mein Braten,« worauf das Weib sagte: »Du bist doch jetzt viel stärker, weil du gefressen hast.« Er antwortete: »Das kann man nicht wissen, man muß es probieren.« Sie begannen zu ringen, und da erschrak er, das Weib warf ihn hin und sie lachte und sagte: »Nun wird sie ihn fressen ...« Er lachte ebenfalls und sagte: »Warte, spielen wir noch einmal.« Sie faßten sich wiederum an. Er wurde wieder geworfen und sie lachte: »So, nun frißt sie ihn ...« Er erwiderte: »Das war ein guter Spaß. Warte, spielen wir zum drittenmal.« »Gut,« sagte sie und sie lachte, als sie jetzt geworfen wurde. Dann aber fraß er sie auf. So war er nun allein und sagte: »Ja, der Hunger schmerzt gar sehr.« Und da er zu Hause nichts mehr zu fressen hatte, blickte er hinaus, ob sich nicht der Leopard endlich doch wieder entfernt hätte und sah, daß die Haut ganz zusammengefallen auf dem Boden lag. Nun traute er sich heran und erkannte, daß sie inzwischen vertrocknet war und daß ihn der Hase gefoppt hatte. »Oh, der Hase, dieser Schwindler,« rief er darauf, »er ist schuld, daß ich mein armes Weib und meine guten Kinderchen alle verloren habe!« Und als er dann mit anderen Hyänen zusammenkam, weinte er über die Hartherzigkeit des Hasen und die Schlechtigkeit dieser Welt. Das Milchvöglein Es war einmal ein Ehepaar, das wollte ein Stück Grasland zu Ackerland umarbeiten. Es arbeitete gleich am ersten Tage tüchtig und war froh, weil schon abends ein großes Stück Land aufgehackt und gelockert war. »Wirst sehen,« sagte der Mann zur Frau, »die Sache wird ganz gut.« Am andern Morgen waren sie frühzeitig wieder zur Stelle; aber was war das? Das Land war wieder knochenhart und mit Gras bedeckt, wie zuvor. Sie fingen von neuem an und nahmen alle Kräfte zusammen, um womöglich noch ein Stück weiter zu kommen, als am vorigen Tage. Am andern Morgen waren sie wieder frühzeitig zur Stelle. Aber was sahen sie? Alle ihre Arbeit war spurlos verschwunden. So ging's mehrere Tage lang. Sie waren sehr bekümmert und der Mann sagte: »Ich will mich die Nacht über hier versteckt halten, um zu sehen, wer uns so plagt.« So blieb er in einem Haufen Heu versteckt die Nacht über auf dem Felde, und nachdem er lange Zeit vergeblich gelauert hatte, sah er, wie endlich ein kleines Vöglein kam. Zwitschernd flog es über den Acker kreuz und quer und wurde nicht müde zu zwitschern und zu singen; und wie es so kreuz und quer flog, begannen sich die Erdschollen umzuwenden und das Land wurde fest wie zuvor. Wie es dann mit seiner Vernichtungsarbeit fertig war, setzte es sich auf den Heuhaufen, unter dem der Mann steckte. Da faßte er es, kam aus dem Heu hervor und wollte es umbringen. In diesem Augenblicke kam seine Frau mit ihrem kleinen Mädchen, das jetzt acht Jahre alt war, und das Kind sagte: »Lieber Vater, töte es nicht.« Da flehte ihn auch das Vöglein an und sagte: »Lieber Mann, folge deinem Kinde und verschone mich.« »Du hast uns aber soviel Schaden gestiftet,« sprach der Mann; doch das Vöglein sagte: »Alles was ich dir verdorben habe, will ich wieder gut machen, wenn du mich am Leben lässest. Stets will ich bei dir bleiben, und dann soll es dir an Milch nimmer fehlen. Täglich will ich dir schöne dicke Milch geben, soviel du nur begehrst.« Der Mann fragte: »Woher willst du denn die Milch holen?« Das Vöglein sagte: »Ich selbst will sie dir geben, ich bin ein Wundervöglein und kann sie hervorbringen; halte deine Hand auf, so sollst du sehen, daß ich wahr rede.« Da hielt der Mann seine Hand auf und das Vöglein füllte sie mit Milch. Die Frau sagte: »Sie ist gut« und das Kind sagte: »Mich freut es am meisten, daß ihr es nicht getötet habt.« Darauf gingen sie nach Hause, und das Vöglein füllte den größten Topf bis oben und fragte: »Habt ihr vielleicht noch einen Topf?« Sie hatten einen und alle konnten sich satt essen; und am folgenden Morgen, ehe sie aufs Feld hinaus gingen, gab es wieder Milch. So ging es eine Zeit lang, bis die Mutter einmal sagte: »Brav war es bis jetzt, aber vielleicht fliegt es davon.« »O nein, das wird es nicht tun,« sagte das Kind, »es ist treu und wird bei uns bleiben,« aber die Mutter sagte: »Was verstehst du, du bist ein Kind.« Darauf verschlossen sie, wenn sie weggingen, das Vöglein im Hause und verboten dem Kind, wenn es mit dem Jüngsten daheim blieb, in das Haus zu gehen, da das Vöglein sonst entschlüpfen würde; und wenn es bat: »Öffne doch, öffne,« sagte die Kleine: »Ich darf ja nicht, weil der Vater und die Mutter mich sonst schlagen.« Aber eines Tages, als die Gespielinnen kamen sagten sie: »Zeig uns doch das Vöglein« und baten und baten – da öffnete sie die Tür und ging ins Haus, während die andern beim Ausgang standen, damit es nicht davonflöge. Aber es versuchte gar nicht zu entfliehen, sondern begann wunderschön zu tanzen, zu hüpfen und zu springen, und die Kinder sagten: »Nein, das ist zu schön.« Darauf sagte das Vöglein: »Ach, Kinder, könnte ihr denn recht sehen, wie ich tanze? Hier im Hause ist's dunkel. Ließet ihr mich auf den Hof hinaus; da würde ich euch was zeigen. Und ihr brauchet auch nicht zu fürchten, daß ich entfliehen will.« So ließen sie das Vöglein hinaus und vor dem Hause tanzte es noch drolliger, sprang kreuz und quer und drehte sich und begann zu singen. Dabei stieß es an den Zaun des engen Hofes und sagte: »Ach, ließet ihr mich nach dem Viehkraal gehen, der ist größer und stößt sich nicht an den Zaun; da würdet ihr euch wundern.« So gingen sie und wirklich, wie es da im Viehkraal tanzte, das hatten sie noch nie gesehen. Alle jauchzten und waren außer sich, nur das Vöglein war mit sich nicht zufrieden. »Nein, ich muß mich vor euch schämen,« sagte es. »Seht doch, wie uneben der Boden ist, die Rinder haben ihn zertreten, und mit meinen kleinen Füßen komme ich nicht vom Fleck. Und schmutzig ist's ... Kommt, laßt uns hinausgehen auf den breiten Weg vor dem Dorf, da sollt ihr sehen, wie ich tanze.« Und richtig stimmten die Kinder zu: sie waren bezaubert, und draußen vor dem Dorfe kam alt und jung herbei und freute sich am Tanze. Kreuz und quer, auf und ab ging der Tanz, und die Leute fielen vor Lachen schier um; sie konnten sich nicht mehr halten. Da aber husch, erhob es sich in die Luft und rief: »War das der Dank, daß ihr mich soviele Tage lang im Hause eingeschlossen habet?« So rief es und flog höhnisch über ihren Köpfen umher, und hast du es nicht gesehen, flog es auf und davon. Das kleine Mädchen meinte. »Was werden die Eltern sagen,« klagte sie, »wenn sie heimkehren und das Vöglein nicht finden; wie wird's mir ergehen?« Dann lief es, was es konnte dem Vöglein nach und die Gespielinnen mit ihm, die es aber nicht lange aushielten; eines nach dem andern kehrten sie wieder um. Das kleine Mädchen aber lief in seiner Angst immer weiter und sah weder rechts noch links, sondern immer nur dem Vöglein nach. Endlich blieb es erschöpft stehen. Die Sonne war eben untergegangen, und wie es sich umsah, wo es eigentlich wäre, kam ihm alles stockfremd vor. Noch nie war es in diese Gegend gekommen und wußte nicht, wohin es sich wenden sollte. Es sah keinen Menschen, keinen Weg und Steg. Da wurde ihm schauerlich zu Mute und es rief: »Vöglein, um dein Leben habe ich gebeten und ist das der Dank?« Es begann zu regnen, und wie ein Blitz den Himmel zerschnitt, erblickte sie in der Nähe eine Felsgrotte und flüchtete weinend hinein. Da hörte sie plötzlich Schritte und erschrak, als sie einen bösen, großen, schwarzen Mann hereinkommen sah. Es war der Menschenfresser. Er machte ein Feuer an und sie erkannte, daß er auf seinen Schultern einen Sack trug. Da er auf sie zukam und sie nicht mehr entfliehen konnte, sank sie auf die Knie und sagte: »Ach, lieber Mann, ich habe mich hierher verirrt, weil ich dem treulosen Milchvöglein nachgelaufen bin. Kannst du mir nicht den Weg nach Hause zeigen?« Da lachte der Mann und sagte: »Ja, mein Kind, dem Vogel soll man nicht glauben, und du sollst mit mir kommen und wohl nach Hause gelangen. Aber zu mir nach Hause, und wenn wir dort angelangt sind, werde ich dich schön braten und rasch verzehren.« Damit packte er sie, schob sie in seinen Sack und verließ, da es wieder zu regnen aufgehört hatte, die Höhle. Das Kind fing in seiner Angst an, ihn zu bitten, er möge es verschonen und es zu seiner Mutter bringen; aber kein Bitten half, sondern er erwiderte: »Du sollst schon sehen, was ich tue, weil du dem Milchvöglein vertraut hast.« Und da wiederholte die Kleine: »Milchvöglein, ist das der Dank?« Inzwischen waren die Eltern nach Hause zurückgekehrt, und die Leute erzählten ihnen, was geschehen war, und daß das Milchvöglein gerufen hatte: »Ist das der Dank, daß ihr mich im Hause eingeschlossen habt?« Da machten sie sich eiligst auf, um das Kind zu suchen, der Vater dahin, die Mutter dorthin, und keines wußte, wohin es sich wenden sollte. Da hörte die Mutter von einem Baum herab plötzlich eine Stimme, die sang: »Mutter, Mutter, Mütterlein, Schlossest mich im Hause ein.« Sie erkannte, daß es das Milchvöglein war und bat: »Rette mein Kind und hab' mit ihm Mitleid.« Darauf sagte die Stimme wieder: »Sieh den Mann dort mit dem Sack, Er trägt dein Kindchen huckepack.« Gleich erblickte sie den Mann, der eben mit dem Sack auf dem Rücken aus dem Walde daherkam, und in demselben Augenblicke hörte das Kind das Vöglein, das flüsterte: »Sei ganz still, mein Mägdelein, Nah ist schon das Mütterlein.« Und gleichzeitig begann ein Honigvogel zu rufen und zu singen: »Summ – summ – summ – summ, Bienen schwärmen da herum; Sing – sang – sung – ser, Bienenhonig lieb ich sehr.« Und da sagte der Menschenfresser, als er dies hörte: »Ach, mein lieber Honigvogel, das ist ja gut, daß ich so nahe deinen Gesang höre; da wird ja auch gleich in der Nähe der Bienenstock sein, und ich kann mich mit dem Honig anfressen, den ich so liebe; und es ist doch gut, daß niemand da ist, der mir den Sack davontragen wird.« Damit stellte er den Sack auf den Boden und eilte in den Wald, dem rufenden Vogel nach. Aber jedesmal, wenn er bei dem Bienenschwarm angekommen zu sein glaubte, sah er sich getäuscht und hörte auf einer anderen Stelle den zwitschernden Honigvogel, der aber natürlich das Milchvöglein war. Während er so umherirrte, war aber die Mutter aus ihrem Versteck hervorgetreten, hatte ihr Töchterchen befreit und zeigte ihm die Richtung, nach der es laufen sollte und sagte: »Geh, sei aber mäuschenstill, ich komme bald nach.« Denn sie war doch sehr klug, die Mutter, und als das Kind leise davongeschlichen war, ging sie zu einem Strauche, auf dem jetzt auf einmal ein Bienenschwarm saß, hielt den Sack unter und schüttelte die Bienen hinein. Dann band sie den Sack zu und lief ebenfalls eiligst davon. Und als dann der Menschenfresser zornig zurückkam, weil er doch vergeblich nach Honig gesucht hatte, wunderte er sich, daß er den Sack auf einmal so leicht fand und öffnete ihn, um nachzusehen. Da kamen die Bienen herausgeflogen und zerstachen ihn, daß er vor Schmerzen brüllte wie ein Ochse. Er lief davon, aber die Bienen ihm nach, während die Honigvögel alle sangen: »Summ – summ – summ – summ, Gehst du mit dem Sack herum, Tust die kleinen Kinder stehlen, Braten und zu Tode quälen? Summ – summ – summ – summ, Das kleine Vöglein bringt dich um.« Als nun die Mutter mit ihrem Töchterchen, und dann auch der Vater nach Hause zurückkehrte, freuten sie sich alle, daß das Kind gerettet worden war. Aber denkt euch, wie sie früh aufmachten, war auf einmal auch das Milchvöglein wieder da und niemals mehr fehlte bei ihnen die Milch im Hause. Der Werwolf Es waren einmal drei Mädchen, die gingen zu dritt ins Gras. Als sie durch ein Flußtal kamen, fanden sie ein kleines Steinchen. Die eine wendete es hin und her und sagte: »Seht hier ein Steinchen, so schön wie mein Bruder;« darauf legte sie es wieder hin. Die zweite kam und sprach: »Es liegt hier ein Steinchen so schön wie mein Bräutigam« und legte es gleich der ersten zurück auf den Platz. Da kam die letzte und lachte und sprach: »Soll ich sagen, seht hier ein Steinchen, so schön wie mein Mann sein muß? Ihr Dummen, wie soll ein Steinchen so schön sein können wie ein Mensch?« Darauf hob sie den Stein auf und schleuderte ihn weg von dem Wege, indem sie dazu rief: »Fort mit dir, der du so schön bist wie mein Bruder, und mein Bräutigam und mein Mann.« Dann gingen sie weiter ins Gras. Sie schnitten, bis sie genug hatten, und beluden sich damit. Als sie aber auf dem Rückweg wieder an den Platz kamen, fanden sie den Stein, der zurückgeflogen war, riesengroß gewachsen, und er lag als ein Hindernis da. Diejenige, welche früher vorangegangen war, war auch jetzt die vorderste und sang, als sie an den Stein kam wie folgt: »Du Stein der hohen Zierde, he, Zierde, Makenda, Makanda, Mahona, Mach mir frei den gesperrten Pfad, damit ich durchschreite, Makenda, Makanda, Mahona, Damit ich durchschreite, he durchschreite. Die dich verachtete, kommt nachher, Makenda, Makanda, Mahona, Nachher, he, nachher!« Da rückte der Stein auf die Seite und machte ihr Platz, sodaß sie durchschreiten konnte. Nun stieg die zweite hinab und sang ebenfalls: »Damit ich durchschreite, he, durchschreite« und er machte ihr Platz. Da kam die Verächterin und sang im Trotz: »Mach frei den gesperrten Pfad, damit ich durchschreite, he, durchschreite, Du steinerner Bruder. Heb auf die Schranke, damit ich durchschreite, he durchschreite, Du steinerner Bräutigam Heb auf das Bollwerk, damit ich durchschreite, he durchschreite, Du steinerner Mann!« Und immer mehr lachte sie und rief Makenda, Mahona, bis sie ermattete. Aber der Stein rührte sich nicht und machte ihr nicht Platz. Die Schwestern sahen zu und sagten: »Siehst du, das ist, weil du nicht aufhörst, über alles zu spotten, sogar der Stein wird bös über dich.« Und als Stunde um Stunde verging und die Verächterin noch immer nicht hinüberkonnte, wurden sie matt vor Hunger, verließen sie und gingen nach Haus. Da begann die Zurückgebliebene zu weinen, und darauf erschien ein Schakal, der zu ihr sagte: »Wenn ich dich hinüberschaffe, was wirst du mir geben?« Sie antwortete: »Ich werde dir das Kleinvieh aus meines Vaters Hause geben.« Der Schakal sagte: »Das ist nicht genug.« Sie sagte: »Ich werde dir die Rinder meines Vaters geben.« Er sagte: »Das ist nicht genug.« Sie fragte: »Schakal, was soll ich dir also geben?« Er antwortete: »Willst du mein Weib werden?« Sie sprach: »Wohl, ich will dein Weib werden,« worauf er sagte: »Das ist recht, meine junge Frau, du sollst es gut haben. Hänge dich fest an mich, ich ziehe dich hinan.« Da hing sie sich an ihn, und er begann sie zu ziehen und brachte sie fast schon auf die Höhe des Steines. Da, knacks, brach der Stein mitten entzwei, der Schakal stürzte zu Boden und sie glitt ihm nach bis auf den Boden. Worauf der Schakal fluchend entlief. Sie begann zu rufen. Da erschien ein wilder Hund, aber der versuchte es auch vergebens. Fast gelangte er schon auf die Höhe hinauf und suchte sie hinüberzuschwingen, da sprang der Stein mitten entzwei und sie lagen unten, während der Stein sich rasch wieder zusammenfügte. Der Hund verschwand, sie blieb allein und rang die Hände – da kam wieder jemand. Es war die Hyäne. Aber das Mädchen wußte es nicht, denn die Hyäne sah ganz aus wie ein Mann. »Was hast du, Kind?« fragte er. »Nichts Herr, nur daß der Stein mich nicht hinüberläßt, sodaß ich nicht zu den Meinigen nach Hause gelangen kann und der Schakal und der Hund mühten sich vergebens, mich hinüberzubringen.« Der Mann lachte und sagte: »Das machen sie immer so, weil sie es mir nachtun wollen, aber es wird ihnen nicht gelingen. Nur ich und kein anderer kann hinüber und wenn ich dich hinüberbringe, was gibst du mir dafür? Sie sprach: »Ich will dir die Ziegen und Schafe alle aus meines Vaters Hause geben.« Der Mann sagte: »Was fällt dir ein?« Sie sagte weinend: »Ich werde dir die Rinder geben.« Der Mann wiederholte, daß das nicht genug sei. Darauf sprach er weiter: »Graut es dir vor mir oder willst du meine Frau werden?« Sie antwortete ja, und der Mann sagte: »Recht so, junge Frau, also du bist einverstanden. Hänge dich jetzt fest an mich.« Das tat sie, und richtig brachte er sie zur Höhe und auf die andere Seite und sagte: »Siehst du, wie gut es ist, daß ich gerade daherkam. Nun komm' und hör' zu weinen auf.« Sprach das Mädchen: »Willst du nicht jetzt zu meinen Eltern kommen, damit ich von ihnen Abschied nehme?« Er sagte: »Gerade zu ihnen führ ich dich hin.« Da legte sie ihre Hand in die seine und sie gingen, und als sie sich eine Strecke weit von der Höhe entfernt hatten, fragte er: »Erblickst du dort deine Heimat?« Sie antwortete: »Ja, ich sehe sie dort.« Sie gingen weiter und er wiederholte: »Erblickst du noch deine Heimat?« Sie antwortete: »Ich sehe die Bäume in der Pflanzung, aber warum werden sie kleiner, je näher sie sind?« Er lachte und sprach, nachdem sie wieder eine Strecke weit gegangen waren: »Erblickst du noch die Heimat?« Sie sagte: »Dort ist der Baum unterhalb des Hauses und dort ist das Haus selbst, und da stehen meine Schwestern, aber, Mann, ich fürchte mich, so furchtbar klein ist alles geworden!« Da strich er mit der Hand über ihre Augen, und wie er dann zum vierten Mal fragte: »Erblickst du noch deine Heimat?« sah sie nichts mehr – denn alles war ein Spuk. Sie sank zu Boden. Er hob sie auf und trug sie an den Ort, wo er wohnte, und als sie erwachte, sagte er: »Hier ist der Ort, wo du nun immer bleiben wirst.« Und da sie nach den Eltern fragte, schrie er: »Schöne junge Frau, wirst du nicht aufhören, nach den Menschen zu fragen?« Und da sie klagte: »Stein, Stein, warum habe ich dich weggeworfen?« sagte er: »So ist's recht, warum hast du ihn weggeworfen, schöne junge Frau?« Der Ort, wo sie schliefen, war eine Höhle, die hatte zwei Räume, und der Mann sagte: »Der ist für dich. Hier wirst du kochen und das Fleisch braten, und wenn du in den andern hineinblickst, wirst du es zu spüren bekommen, schöne junge Frau. Der ist nur für mich. Und wenn ich Fleisch bringe, wirst du nur das, das ich in deinen Raum hineinhänge, kochen und braten, und was ich in meinem an die Wand hänge, das geht dich nichts an. Und wenn du doch hineinschaust, so werde ich es, auch wenn ich abwesend bin, erfahren. Wenn ich zum Stein dort an der Wand sage: ›Stein, rede,‹ so wird er reden und sagen: ›Ja, sie war hier drin.‹ Und wenn du in der Viehabteilung oder auf dem Boden gewesen ist, so sind auch dort Steine, die werden reden: ›Ja, sie war hier drin‹ oder ›sie war nicht drin‹.« Da erkannte die Frau, daß er ein furchtbarer Zauberer war; und weil sie sich nicht mehr laut zu weinen und zu sprechen traute, dachte sie sich: »Warum habe ich den Stein weggeworfen?« und fühlte sich sehr unglücklich. Als es Abend wurde, sagte der Mann: »Jetzt werde ich ausgehen, und daß du mir nicht nachblickst und deinen Raum nicht verlässest! Und jetzt gleich lösch auch das Feuer am Herde aus.« »Warum?« fragte sie. Er sagte, indem er heftig nach ihr schlug: »Darum!« und löschte selbst das Feuer aus, so daß sie auch durch die Ritzen in der Wand in seinen Raum nicht hinübersehen konnte; und dort verwandelte er sich dann. Denn allnächtlich verwandelte er sich. Er sagte: »Fell, kehre dich nach außen« und darauf verschwanden seine Arme und Beine und aus seinem Körper wurde ein Tier mit einem Hyänenrachen und Hyänenbeinen: und statt des Kopfes bekam er einen greulichen Hyänenkopf. Dann schlich er lautlos hinaus. Draußen angekommen sagte er: »Haus des Mannes sei geschlossen,« worauf sich die Türe der Höhle sofort schloß, so daß niemand von außen sie zu sehen bekam, und wie er durch den Hof ging, sagte er wieder nach einem schweren Zauber: »Hof des Mannes, sei geschlossen,« woraus sich ebenso der Hof nach außen schloß. Die Frau aber blieb drinnen in ihrem Kerker und weinte, indes er aus einem Kraal eine Ziege holte; die trug er im Maule nach Haus. Wie er ankam, sagte er: »Hof des Mannes,« und dann: »Haus des Mannes öffne dich,« worauf er eintrat und dann in der Viehabteilung sowie auf dem Boden seine Zaubersteine fragte, ob jemand dagewesen. Und dann erfuhr er noch von dem Stein in seiner Höhle, daß das Feuer drinnen die ganze Nacht ausgelöscht geblieben und von niemand wieder angezündet worden. »So ist's recht, schöne junge Frau,« sagte er darauf, »denn sonst wärest du gleich heute von mir gefressen worden.« Nun hörte er weinen und rief hinüber. Die Frau antwortete: »Erkennst du meine Stimme nicht?« fragte er. »Ich erkenne sie nicht,« antwortete sie. »Weil sie etwas verwandelt ist,« sagte er, »gleich wirst du sie wiedererkennen. Warum weinst du?« »Ich weine nicht.« »Ja, du weinst; nicht wahr, aus Sehnsucht nach mir, schöne junge Frau?« Darauf sprach er leise zu seinem Fell: »Fell, kehre dich jetzt nach innen,« und gleich verwandelte er sich wiederum. Die Borsten am Rücken schwanden, aus den Hyänenfüßen wurden wieder wie bei einem Menschen Arme und Beine und aus dem Hyänenkopf wieder der Kopf des Mannes. Er ging nun zu der Frau hinein und sagte: »Das ist recht, junge Frau, hier bist du gesessen und dafür habe ich dir gutes Ziegenfleisch gebracht,« und gleich mußte sie davon kochen und braten, während er das übrige an die Wand hing. Dann drehte sie sich im Tanze, weil er es so wollte, und dann schlief er ein. Einmal aber hörte sie, als er nachts heimkam, daß er etwas Schweres mit sich schleppte, und sie klopfte an die Wand. »Wer klopft?« schrie er. Sie sagte: »Soll ich dir nicht helfen?« Er lachte und sagte: »Nicht für dich, junge Frau, ist's, nicht für dich, es würde dir nicht recht sein,« und wie sie noch ein zweites und drittes Mal so auf seine Heimkehr lauerte, dachte sie sich: »Was tut er denn da und was wird denn geschehen, wenn ich es doch einmal wage hineinzuspähen?« Darauf nahm sie, als er nach Hause kam und sie ihn drin in seinem Raum hörte, einen Holzspan, den sie anzündete und blickte hinüber durch eine Ritze in der Wand. Und da begann ihr freilich zu grauen, denn sie gewahrte, wie sich auf dem Rücken die Fellhaare noch gleich Federn hin und her bewegten und dann verschwand das Fell und ihr Mann stand aufrecht da. Da sang sie: »Sieh da, ein wildes Tier hat mich geheiratet           Hia Malombe,           Hia Malombe, Und ich bin seine junge Frau. Sieh da, ein blutiges Tier hat mich gefangen           Hia Malombe,           Hia Malombe, Und das ist mein Glück.« Er horchte auf und rief herüber: »Höre, junge Frau, mir scheint, du bist wach drinnen.« Sie antwortete: »Ja, ich bin wach.« »Junge Frau, junge Frau,« kam es wieder herüber, »denke dran, daß etwas geschehen wird, wenn du mich belauern solltest!« »Gar nicht belauere ich dich,« antwortete die Frau. »Also was ist das für ein Singsang, den du da singst? Er klingt so traurig.« »Gar nicht traurig ist er,« sprach die Frau. »Doch, doch! Wiederhole die Worte.« Da antwortete sie: »Ich singe: »Sieh da, ein Mann hat mich geheiratet           Hia Malombe,           Hia Malombe, Und ich bin seine junge Frau. Sieh da, einen Mann hab ich bekommen. Und das ist mein Glück.« Da sprach der Mann aus seiner Höhle: »Recht so, meine junge Frau, bringe dem Hause nur immer mit deinem Gesange Segen,« und er war wieder gut. Aber wie er sich abends in seinem Gelaß wieder zur nächtlichen Jagd bereit machen wollte und die Worte sprach: »Fell, kehre dich nach außen,« wollte es sich nicht mehr wenden und da erkannte er, daß sie ihn bei seiner Heimkehr in der Morgendämmerung gesehen hatte, und schon wollte er ihr das Blut aussaugen – da erinnerte er sich an etwas. »Geh, meine Süße,« bat er, »geh, meine Holde, hinaus in unseren Hof. Und zieh den Stein aus der Mauer und sei recht freundlich mit dem Steine und sprich: ›Bitte, Stein, hilf ihm‹ und steck ihn in die Mauer zurück.« Das tat sie denn und so kehrte ihm der Zauber zurück. Er mußte zum Fell nur noch sagen: »Kraft des Steines kehre dich nach außen,« und gleich stand wieder die greuliche Hyäne da. Und mit den Worten: »Haus des Mannes, schließe dich« und »Hof des Mannes, schließe dich,« schlich er in die Nacht hinaus und begab sich wieder auf die Jagd. Aber, seitdem die junge Frau verschwunden war, suchten ihre Eltern nach ihr, und fragten einmal auch bei einer berühmten alten Frau an, die eine Zauberin war. Die sprach mit den beiden Mädchen, die damals mit der Verschwundenen ins Gras gegangen waren und dann mit dem Schakal und mit dem Hunde. Wie denn die Hyäne weggegangen war, kam die Alte hinaufgeschlichen, Hof und Türe taten sich vor ihr auf, und die junge Frau erschrak, als sie sie erblickte und sagte weinend: »Ach, wollt ihr mich strafen? Gewiß hat euch mein Mann geschickt.« Da sprach die Alte: »Nein, Kind, dein Mann ist der Werwolf und weißt du nicht, warum du nie in seine Kammer darfst? In eine Hyäne verwandelt er sich immer und Menschenfleisch bringt er, und drinnen in seiner Kammer ist es an der Wand aufgehängt.« Und sie führte die junge Frau in die Kammer, wo sie gleich sah, daß es wirklich auch so war; und die Alte berührte drei Steine mit einem Hammer, und sie verwandelten sich ebenfalls in Hyänen – sie berührte sie an den Köpfen, sie zerfielen zu Staub und gleich darauf war die Alte verschwunden – das junge Weib aber sagte: »Nein, jetzt bleibe ich nicht mehr« und sie floh. Auf dem Wege begegnete ihr ein Tier, das sprach: »Das ist doch das Weib der Hyäne« und entfloh. Dann begegnete ihr ein zweites, das sagte ebenfalls: »Bist du es, Weib der Hyäne?« und entfloh. Ein drittes aber kam und sagte: »Geh nur und rette uns, du Milde!« und folgte ihr nach. So kamen sie bis zu der Furt, wo die Steine lagen, und die junge Frau erkannte, daß wiederum jenes erste kleine Steinchen da war, und wie sie herankam, begann es zu wachsen und zu wachsen und wurde riesengroß und versperrte den Weg. Da rief sie: »Werwolf töte mich – ich trag es nicht länger!« Und siehe, da lag auf einmal der Hammer, den die Alte früher oben gehabt. Die junge Frau erhob ihn und warf ihn gegen den Stein; siehe, da zersprang er und darin war die Seele ihres Mannes. Die wollte sich auf sie stürzen, aber da war plötzlich die Alte da und griff nach der Seele, worauf die Hyäne tot niederfiel. Die junge Frau weinte und sagte: »Das muß ich dir danken.« Dann kehrten sie miteinander in ihr Dorf zurück. Imana und Sebgugu Es war einmal ein Mann, der hieß Sebgugu. Er war sehr arm, sein Besitz war eine einzige weiße Kuh. Die Frau ackerte – er selber nicht. Eines Tages kam ein Vögelchen, das setzte sich aufs Torholz. Sebgugu saß gerade auf seinem Schemel vor der Tür und der Vogel sprach: »Sebgugu, schlachte die Kuh, so bekommst du hundert.« Sebgugu sah ihn an und sagte: »Das wäre fein,« und seiner Frau sagte er, als sie vom Ackern nach Hause kam: »Du, Weib, Imana war hier.« »So,« sprach sie, »was wollte er?« Er antwortete: »Er hat mir befohlen, die Weiße zu schlachten und hat versprochen, daß ich dafür hundert wiederbekommen würde.« Die Frau sagte: »Laß die Weiße am Leben. Du ackerst nicht, die Weiße zieht mit ihrer Milch deine Kinder groß. Schlachtest du sie, so werden sie sterben.« Der Mann antwortete: »Geh!« und schlug die Kuh tot. Darauf aßen sie das Fleisch. Aber wie es damit zu Ende ging, kam der Vogel wieder und sprach: »Sebgugu, schlachte auch das Kalb, so bekommst du dafür hundert.« Das tat er, und nun hatten sie wieder Fleisch: aber nach drei Monaten begannen sie wieder zu hungern und er sagte zu seiner Frau: »Nun tötet uns der Hunger die Kinder.« Sie antwortete: »Sagte ich dir nicht, die Weiße am Leben zu lassen? Aber du wolltest nicht hören und schlachtetest die, welche uns die Kinder groß gezogen hat.« Er band die Kinder in Papyrusmatten ein, andere tat er in einen Korb. Einige nahm die Frau auf den Kopf, andere er, so zogen sie fort. Bei einer Rast auf dem Wege sagte er: »Was soll ich mit den Kindern machen?« Da kam Imana, der da heißt der Schöpfer und sprach: »Sebgugu, was ist's?« Sebgugu antwortete: »Wir sind des Todes, ich und meine Kinder, wir sterben Hungers.« Imana sprach: »Höre, dort drüben ist ein Kraal, in dem die Rinder der Leute übernachten, geh dorthin. Die Rinder lassen die Leute von einem Raben weiden. Melke die Rinder, trink ihre Milch und gib dem Raben davon. Schimpfe nicht auf ihn und schlage ihn nicht.« Sebgugu ging dorthin, fand Milch, trank sie und gab davon der Frau und den Kindern. Abends brachte der Rabe die Rinder nach Hause und Sebgugu molk in den Melkeimer und gab dem Raben zu trinken, die übrige Milch gab er seinen Kindern und seiner Frau. So vergingen zehn Tage und sie hatten genug; da sprach Sebgugu: »Ich habe Kinder, die die Herde weiden können, wozu braucht es den Raben? Wenn er nach Hause kommt, schlage ich ihn tot.« Seine Frau sagte: »Wie unvernünftig du bist. Imana hat uns geholfen und dir befohlen, dem Raben nichts zuleide zu tun. Jetzt willst du den Raben töten?« Sebgugu erwiderte: »Schweig still,« und als der Rabe abends die Rinder heimbrachte, schoß Sebgugu einen Pfeil auf ihn ab. Der Rabe flog auf und ließ sich auf einem nahen Hügel nieder; Sebgugu jagte hinter ihm her und schoß zum zweiten- und drittenmale, jedoch ohne zu treffen; dann kehrte er zurück. Aber wie er kam, fand er die Kühe nicht mehr. Er fragte die Frau: »Wo sind die Kühe?« Sie antwortete: »Ich weiß es nicht.« »Und wo sind die Kälber?« »Alle sind sie fort.« Nach drei Tagen sagte Sebgugu wieder: »Was soll ich machen?« Die Frau entgegnete: »Das kommt von deinem Übermut. Wir müssen wieder wandern.« Sie nahmen die Kinder auf den Rücken, zogen den ganzen Tag weiter und die Kinder weinten vor Hunger, und am Abend, als sie am Wege lagerten, saß Sebgugu verzweifelt da und sagte: »Imana in Ruanda, was soll ich nun anfangen?« Imana kam und sprach: »Sebgugu, was willst du schon wieder?« Sebgugu antwortete: »Ach, du Gott Ruandas, sag, was soll ich anfangen?« Imana sagte: »Höre, dort drüben ist eine Pflanze, die hat viele Ranken. Ich bin's, der sie hat entstehen lassen, ich, Imana, der Schöpfer. An einer Ranke reifen Kürbisse, an der andern Melonen, an noch einer andern Kartoffeln. Aber die Pflanze darf nicht beackert und beschnitten werden. Sie steht im Walde, geh dorthin und iß, was du an ihren Ranken findest, und wenn du damit zu Ende bist, lasse ich neue Speisen reifen, ich, der Schöpfer, Imana.« Sebgugu sprach: »Jawohl« und ging hin. Dort angekommen schnitt er Stangen im Walde ab und baute sich eine Hütte, während seine Frau die Kürbisse, Melonen und Kartoffeln nahm und sie kochte; und Bohnen kochte sie auch. Da hatten sie zu essen genug. Nach zehn Tagen schliff Sebgugu sein Buschmesser. »Was tust du da?« fragte die Frau. Er sagte: »Ich schleif das Messer.« »Wozu?« »Um die Kürbispflanze zu beschneiden.« Die Frau antwortete: »Was hat Imana gesagt?« Sebgugu sprach: »Sei still, ich will sie beschneiden, damit sie reichlicher trägt,« und er beschnitt sie – darauf vertrocknete sie. Drei Tage lang konnten sie noch etwas von ihr schneiden, dann war es zu Ende. Sebgugu sprach: »Was soll ich machen mit meinen Kindern?« Und wieder zogen sie, bis am Abend Sebgugu die Kinder am Wege niederlegte und sprach: »Vater Imana von Ruanda, sei mir noch einmal gnädig und dann nicht wieder.« Imana kam und fragte: »Hat hier jemand etwas gesprochen?« Denn es war schon Nacht, so daß er nicht gut sehen konnte. »Hat hier jemand etwas gesprochen?« wiederholte er. Sebgugu sagte: »Nein.« »Ja, du hast etwas gesprochen,« sagte Imana. Sebgugu sagte: »Nichts habe ich gesprochen.« Er schämte sich. Imana sprach: »Dort drüben ist ein Fels, er hat viele Spalten. Aus einer kommt Milch, aus einer andern Honig, aus einer andern Hirse und wieder aus einer Bohnen. Rühr nicht an den Fels.« Sebgugu ging und holte Milch, Honig und Kartoffeln und Hirse. Sie aßen und tranken, was sie wollten, und seine Frau kochte, so daß sie genug zu essen hatten. Nach zehn Tagen sagte er zu seiner Frau: »Ich will mir Brechstangen an meinem Feuer härten und sie in die Felsspalten treiben, damit mehr Essen heraus kommt.« Die Frau antwortete: »Tu es nicht, wir wollen uns von dem nähren, was da ist, so hat Imana es bestimmt.« Sebgugu antwortete: »Keineswegs lasse ich mich von dir zurückhalten« und stemmte die Stangen in die Spalten; da verstopften sie sich, und die Frau sagte: »Habe ich es dir nicht gesagt? Immer rufst du nach Imana, und immer bist du ungehorsam« – und so mußten sie nach wenigen Tagen weiter wandern, bis sie nicht weiter konnten und Sebgugu sagte: »Was soll ich tun? Ach, daß doch jemand noch einmal helfen wollte.« Die Frau sagte: »Nun, so bitte doch Imana, daß er es noch einmal tun soll.« Sebgugu sagte: »Ich traue mich nicht zu ihm; tu du es.« Die Frau sagte weinend: »Nein, du mußt versuchen, vielleicht wird er dich doch noch erhören.« Und so ging Sebgugu in den Wald, und Imana kam hinter einem Baume hervor und sagte: »Sebgugu, was belästigst du mich? Ich gebe dir immer wieder, aber du bringst dich selber darum.« »Imana, versuch es noch einmal mit ihm« bat die Frau, die dem Manne nachgegangen war, und Imana sagte: »Geh dorthin zu dem Kraal. Dorthin kommt nachts immer ein wildes Tier, das aber nicht die Rinder, sondern nur Menschen frißt, und die Wächter trauen sich darum nicht mehr hinein. In dieses Gehöft geh und bereite dir und den Deinen unter dem Dach ein Lager. Die Rinder haben keinen Hirten, sie weiden sich selber und kehren von selber zurück. Melke sie und trink und koche am Tage. Abends steig auf den Boden, und wenn du des wilden Tieres ansichtig wirst, sprich mit ihm nicht, sondern verhalte dich schweigend. Sebgugu, ich rate dir gut.« Sebgugu sprach: »Jawohl.« Er ging, molk, trank, sie kochten Gemüse und alle aßen sie und am Abend stiegen sie auf den Boden, um zu schlafen. Noch waren nicht zehn Tage um, da kam das Tier und schleppte Leichen ins Gehöft. »Wer hilft mir und nimmt mir die Last ab?« sagte das Tier. Sebgugu sagte: »Ich will sie ihm abnehmen.« Die Frau erwiderte: »Und was hat Imana gesagt? Vergißt du schon wieder?« Umsonst. Sebgugu stieg herunter und sagte zum Tier: »Ich will dir helfen.« Das Tier fragte erstaunt: »Wo kommst du denn her?« »Vom Dachboden,« sagte Sebgugu. »So,« sagte das Tier, »du wohnst hier? Ich will auch hier bleiben. Wollen wir Freunde sein?« »Jawohl« sagte Sebgugu und nahm ihm die Last vom Kopf. Darauf fragte das Tier: »Hast du einen Topf, um das Fleisch darin zu kochen?« »Ich habe einen.« »Dann bring ihn,« sagte das Tier, »und hast du ihn gereinigt?« Worauf Sebgugu eilte und den Topf rein machte. »So ist's recht,« sagte das Tier, »und hast du einen Stock, mit dem man das Fleisch, wenn es in dem Topf kocht, umrührt?« »Jawohl,« sagte Sebgugu. »Auf dem Boden hab ich ihn und muß ihn herunterholen.« »Gut,« sagte das Tier, »du bist wirklich ein Freund.« »Ja,« sagte Sebgugu, »ich bin wirklich dein Freund.« Darauf ging er zur Leiter, um auf den Boden hinaufzusteigen, und das Tier sagte: »Jetzt will ich sehen, wie du die Leiter hinaufklettern kannst.« Aber wie er auf der untersten Sprosse stand und auf die zweite hinaufsteigen wollte, sprang das Tier von rückwärts auf ihn los und riß ihn herunter; in zwei Stücke zerriß es ihn und sogleich war er tot. Die Reiherfeder Einst machten sich zwei Knaben zum Besuche ihrer weit entfernt wohnenden Verwandten auf den Weg. Der eine hatte sich mit einer Reiherfeder und der andere mit einer Krähenfeder geschmückt. Als sie so dahin wanderten, sahen sie einige Mädchen von einem Hügel herab ihnen entgegenkommen. Sie riefen sie an und sagten: »Ihr Mädchen dort auf dem Hügel, welchen von uns beiden mögt ihr wohl leiden?« Die Mädchen lachten und sagten: »Die Reiherfeder ist schöner, aber den mit der Krähenfeder mögen wir eher leiden.« Darauf gingen sie weiter und gewahrten nicht lange darnach wieder einige Mädchen, denen sie zuriefen: »Welchen von uns beiden mögt ihr wohl leiden?« und diese antworteten ebenfalls: »Den, der die Krähenfeder trägt.« Und so war es noch ein drittes Mal. Da sprach der, der die Reiherfeder trug: »Mich verschmähen sie, also wollen wir die Federn tauschen,« worauf der andere zustimmte und dem Freunde die Krähenfeder gab und selbst sich die Reiherfeder auf den Kopf steckte. Als sie dann aber wieder auf einige Mädchen stießen und an sie die Frage stellten, antworteten die Mädchen: »Den mögen mir leiden, der die Reiherfeder trägt,« und von jetzt ab ging es immer so fort: wo ihnen Mädchen begegneten, fragten sie, welchen sie leiden möchten, und immer kam nun die Antwort: »Den, der die Reiherfeder trägt.« So sprach endlich der andere: »D weh, mich verschmähen sie alle, mich allein, denn der Häßliche bin ich. Alle mögen dich, ich aber werde wohl niemals eine Frau bekommen.« Eines Tages, als sie wieder eine Mädchenschar befragt hatten, kamen sie zu einem Wasserlauf, der rauschte durch eine Schlucht dahin. Da sprach der, der jetzt die Krähenfeder trug: »Laß uns Wasser trinken.« Der andere sagte: »Gut.« Sie tranken, und nachdem sie getrunken hatten, sprach der erstere: »Laß uns jetzt eine Grube graben.« Fragte der andere: »Wozu?« »Das wirst du sehen,« erwiderte jener, »ein Spiel wird's sein, du wirst daran Gefallen haben.« So gruben sie und gruben, bis die Grube recht tief war; da warf der mit der Krähenfeder, die Feder vom Kopfe des andern hinein und sagte: »Hole sie wieder,« worauf der Freund hineinstieg und sie herausbrachte. »Ist die Grube für das Spiel noch nicht tief genug?« fragte er. »Nein,« sagte der andere, worauf er, nachdem sie eine Weile weiter gearbeitet hatten, die Reiherfeder vom Kopfe des anderen noch einmal hineinwarf und sprach: »Spring hinein, damit wir sehen, ob sie noch nicht tief genug ist.« Und so wiederholte er es noch mehreremale, sprang auch selbst hinein und kam wieder heraus, und auch der mit der Reiherfeder mußte noch ein paarmal in die Tiefe springen. Und wie nun abermals seine Reiherfeder hineinflog und er ihr nachsprang, verschwand er so vollständig in der Tiefe, daß sein Kopf oben nicht mehr zu sehen war; und er sagte zum Freunde oben: »Hilf mir heraus.« Aber der lachte und statt ihm herauszuhelfen, schüttete er Erde über ihn, so daß er ihn begrub. Dann verdeckte er die Grube gut und ging weiter, um den Weg zur Verwandtschaft fortzusetzen. Als er dort ankam, fragte man ihn, ob er denn allein gekommen wäre? »Ja,« sagte er, »ich war ganz allein« und blieb bei ihnen lange Zeit. Dann machte er sich auf die Heimreise, und als er zu Hause ankam, fragten sie ihn: »Wo ist denn dein Freund?« Er antwortete: »Ach, das weiß ich nicht, der ist wohl noch zurück, wahrscheinlich geht er noch.« Sodann begaben sie sich zur Ruhe. Am nächsten Tage fragten sie wieder, wo sein Freund sei und er wiederholte: »Das weiß ich nicht, ich habe ihn zurückgelassen, wahrscheinlich geht er noch.« Und am nächsten Tage war es dieselbe Sache: er hatte ihn zurückgelassen und gewiß mußte er sich schon auf dem Rückwege befinden – der Freund kam aber nicht. Da geschah es, daß die Leute des Verschwundenen vor ihrer Hütte einen Vogel gewahrten, der stand da und sang: »Euer Sohn ist nicht da. Weil er die Reiherfeder getragen. Sie begruben ihn deshalb, sie begruben ihn, Im Morast begruben sie ihn.« Als sie das hörten, machten sie sich auf und sprachen: »Wo ist er?« Der Freund sagte: »Ich habe ihn zurückgelassen.« »Und warum kommt er nicht?« »Gewiß ist er noch auf dem Wege.« Sie schwiegen und gingen. Am nächsten Morgen kehrte der Vogel wieder und sang: »Euer Sohn ist nicht da. Weil er die Reiherfeder getragen. Sie begruben ihn deshalb, sie begruben ihn, Im Morast begruben sie ihn.« Darauf sprachen sie: »Du warst mit ihm.« Er antwortete: »Gewiß kommt er morgen.« Sie sprachen: »Und der Vogel da, was singt er?« »Ach,« antwortete er, »gewiß ist er betrunken und singt sich selbst etwas vor.« »Gut,« sprachen sie. Aber als der Vogel wieder sang, sagten sie: »Laßt uns gehen, nachsehen, was es zu bedeuten hat.« Und die Mutter des Getöteten, sowie einige andere machten sich auf den Weg, und ihm sagten sie: »Du mußt mit.« Und auf dem Wege trafen sie mit Leuten zusammen und fragten, ob sie die Knaben nicht zusammen gesehen hätten. »Ja,« sagten die Leute, »als sie dorthin zur Verwandtschaft gingen, haben wir sie gesehen.« »Und als sie zurückkehrten?« »Da haben wir sie nicht beisammen gesehen; nur diesen einen, den mit der Krähenfeder, haben wir da gesehen.« Sie gingen weiter und trafen wieder Leute, die sagten: »Ja, wir haben sie beide beieinander gesehen; als sie in das Dorf dort gingen, haben wir sie gesehen, und als sie von dort zurückkehrten, vor dieser Schlucht hier, haben wir sie gesehen.« »Und als sie aus der Schlucht herauskamen?« »Nein,« sagten die Leute, »da haben wir nur den einen, der aus der Schlucht zurückkehrte, gesehen.« Sie gingen in die Schlucht und kamen an eine Stelle, wo der Morast war. »Warum ist der Morast da?« fragten sie, und der mit der Krähenfeder antwortete: »Der war schon, als wir hingingen, da.« »Nein,« sagten sie, »der ist ganz frisch da,« und wieder war der Vogel da und sang: »Euer Sohn ist da, euer Sohn ist da. Sie begruben ihn, weil er die Reiherfeder getragen Und begruben ihn deshalb, begruben ihn, Hier an dieser Stelle begruben sie ihn.« Da begannen sie nachzugraben und sahen bald einen Kopf, da schrie die Mutter: »Wer ist denn das hier, du Mörder?« Darauf gruben sie eine zweite Grube, warfen ihn hinein und verschlossen sie mit Erde, und der Vogel sang: »Sie begruben ihn, weil er gemordet, Begruben ihn, weil er den Freund gemordet! Weil er die Reiherfeder hineingeworfen Und den Freund, der hineinsprang, darin begraben.« Warum die Affen keine Häuser bauen Es regnete, und der Affe wunderte sich, weil er noch nie regnen gesehen hatte. »Was ist das,« sagte er, »das Wasser ist doch unten, und wenn ich baden will, muß ich hineinspringen. Jetzt aber ist das Wasser oben, und ich brauche gar nicht hinaufzuspringen, sondern werde auch ohnedies naß?« Dann sagte er weiter: »Wenn ich baden will, ist es ganz angenehm, wenn ich in das Wasser hineingehe; jetzt aber ist es unangenehm. Was tue ich nur, da das Wasser immerfort kommt?« Er lief von einem Baum zum andern, um sich unter seinen Zweigen vor dem Naß zu verstecken, aber es regnete durch die Blätter durch und immerfort war er naß. Nachdem es zu regnen aufgehört hatte, ging er spazieren und begegnete einer Schildkröte. Aber er dachte so stark nach, daß er sie gar nicht sah. Da sagte sie: »Guten Morgen, Affe.« »Guten Morgen, Schildkröte,« antwortete er, und sie fragte: »Mir scheint, du hast jetzt über etwas nachgedacht? Was war es?« »Ein Wunder war's,« sagte er, »auf einmal ist das Wasser von oben gekommen, während es doch sonst unten ist, und ich brauchte gar nicht hinaufzuspringen, sondern so wie ich stand, wurde ich naß.« Sie sprach: »Das war der Regen,« und als er nicht wußte, was das sei der Regen, erklärte sie es ihm, daß das Wasser zuweilen auch von oben herabkommt und durch die Blätter geht und wenn es lange geregnet hat, hört es wieder auf. »Du weißt aber auch alles,« sagte der Affe »und bist wirklich das klügste aller Tiere. Sprich, woher weißt du denn das?« »Weil ich alt bin,« sagte sie. »Wie alt denn?« »Das weiß ich nicht genau. In einigen Tagen ist mein Geburtstag, und ich glaube, ich werde da schon vielleicht zweihundert Jahre alt.« »Hui,« macht der Affe, »das ist viel.« »Ja,« sagte sie, »wir sind langlebig, und dann bin ich von einem alten Geschlechte. Ihr seid jünger und darum ist euch manches, was wir wissen, unbekannt.« »Sprich,« sagte der Affe, »da du solange lebst, hast du vielleicht auch von einem Mittel gehört, wie man sich dagegen schützt wenn es regnet. Das Baden, wo ich in das Wasser unten hineingehe, war mir immer recht, und ich konnte, wenn ich genug hatte, wieder heraussteigen. Aber so im Freien sein müssen, wenn das von oben gar nicht aufhört, ist zu viel. Bei Tag bin ich naß, nachts bin ich naß und kann nicht schlafen, und wenn ich auf die Bäume hinaufklettere, läuft's mir durch die Blätter nach und verfolgt mich; und ich glaube, ich huste auch schon davon.« »Ja,« sagte die Schildkröte, »da hilft nichts, sondern du mußt dir ein Haus bauen, sowie es andere schon getan haben.« »So,« sagte er, »ein Haus ... Aber was ist denn das, ein Haus?« Da belehrte sie ihn, daß der Vogel ein Haus hat und der Fuchs und das Wiesel. »Und der Löwe auch?« fragte er. »Natürlich, und das Nashorn hat eines, der Elefant ebenfalls und der Hase und viele andere Tiere« – bis er schließlich fragte, wie man sich denn ein Haus baut? Darüber belehrte sie ihn nun weiter, bis er alles ganz gut verstand, und er sprach: »Du bist wirklich das klügste aller Tiere; und jetzt werde ich zu den Meinigen zurückkehren und ihnen sagen, was ich von dir gehört habe. »Also, lebe wohl, Affe,« sagte sie. »Lebe wohl, Schildkröte!« und er ging zu den Seinigen, berief sie alle zusammen und sprach: »Also höret, Affen, jetzt habe ich die Schildkröte getroffen und ihr gesagt, was wir leiden, wenn das Wasser von oben kommt und mir, auch wenn wir uns unter den Bäumen unterstellen, immerfort naß werden. Und da sagte die Schildkröte, daß schon viele Tiere sich als Mittel dagegen Häuser bauen, in die es nicht hineinregnet. Demnach glaube ich, mir sollten uns auch Wohnhäuser bauen.« Darüber jubelten alle und sagten: »Das wäre wirklich gut, denn du hast recht, daß dieses ewige Naßwerden, wenn es regnet, schon zu dumm ist. Also fangen mir gleich an mit dem Bauen!« Doch wie sie anfangen wollten, ging wieder ein sehr starker Regen nieder, so daß sie auseinanderstoben und sich Orte zum Unterstellen suchen mußten. Es schüttete so, daß sie alle beinahe gestorben wären; und als sie darum am andern Tage wieder zusammenkamen, riefen sie alle: »Jetzt dürfen wir nicht länger zögern, sondern fangen mit der Arbeit an!« »Wann?« fragte einer. Alle riefen: »Morgen, bestimmt morgen. Dann muß jeder eine Stange und ein Stämmchen bringen und sowie die Sonne aufgeht, wird mit dem Bauen angefangen, denn heute ist's zu spät schon.« Und da legten sie sich schlafen. Am Morgen aber, kaum daß es hell geworden war, waren sie wieder auf dem Platz. »Also fangen wir an,« sagte der, der mit der Schildkröte gesprochen hatte, und alle jubelten und sprachen: »Jetzt sag uns nur noch einmal, wie man baut.« Darauf sagte er es noch einmal, und während er sprach, war's ihnen ganz wohlig zumute. Die einen wärmten sich an der Sonne, die andern streckten sich auf einen Stein, der dort lag, und der ging etwas zum Essen zu suchen, der kraute seinen Kindern die Köpfe und andere wieder fragten: wie man die Stangen behaut und womit man sie behaut und was man dann tut, wenn sie behauen sind; und ob alle Tiere die Stämme zu ihren Häusern zu behauen pflegen. Und wie sie so fragten und über die Sache gehörig sprachen, sagte einer: »Seht, seht, jetzt ist es auf einmal wieder Abend!« »Ja, wirklich, es ist schon wieder Abend!« sprachen die andern, nachdem sie zum Himmel emporgeblickt und sich überzeugt hatten, daß die Sonne schon bald im Entschwinden war. »Es ist aber doch ein lehrreicher Tag gewesen und morgen werden wir also anfangen.« »Ja,« jubelten sie, »morgen,« und gingen zur Ruhe. In der Nacht regnete es wieder, und als es helle geworden war, sammelten sie sich auf der Wiese und sagten: »Ach, wie sind wir naß geworden. Jetzt wärmen wir uns vorerst einmal.« Das taten sie denn auch, wärmten sich an der Sonne und besprachen dann, wie sie es tun wollten. Und der eine saß auf einem Stein, der andere ging Essen suchen, der dritte ließ sich von seiner Frau, und jener wieder von seinen Kindern die Haare ausklauben, und ehe sie sich umsahen, war es wieder Abend; da ließ sich natürlich nichts mehr tun. So ging es noch mehrere Tage; und als sie endlich an einem Morgen gleich nach Sonnenaufgang wirklich anfangen wollten, sprach einer zu dem, der mit der Schildkröte gesprochen hatte: »Sag, ist denn nicht heute der Geburtstag der Schildkröte?« »Ja,« sagte er, »richtig, den heutigen Tag hat sie mir genannt.« »Aber da müssen wir doch zu ihr hinschicken und ihr für den guten Rat, den sie uns gegeben hat, unsern Dank sagen!« Darauf schrien alle: »Wirklich, wir müssen ihr danken.« »Und wer soll hingehen? Einige? Nein, ihr Rat war so gut, daß wir alle hingehen wollen, um ihr zu danken.« Und so machten sie sich auf den Weg und kamen zu der Schildkröte. Die freute sich, als sie kamen und ihr sagten, wie froh sie über den Rat wären, den sie ihnen gegeben. »Und habt ihr denn schon eure Häuser?« fragte sie. »Nein, das noch nicht.« »So,« sagte die Schildkröte. »Dann gehet nach Hause, und wenn abermals zweihundert Jahre um sein werden, kommet wieder um mir zu berichten, ob ihr euch eure Häuser schon gebaut habt.« So kehrten sie zurück und berieten, was die Schildkröte mit diesem ihrem Worte gemeint haben möge. Und sie berieten darüber so fleißig, daß seitdem schon wieder zweihundert Jahre vergangen sind, ohne daß sie zum Bauen angefangen hätten. Und so haben die Affen bis auf den heutigen Tag keine Häuser. Das Märchen vom Mrile und dem Mondkönig Es war einmal ein junger Bursche, der hieß Mrile, und er hatte noch jüngere Brüder; aber wie die hießen, das geht euch nichts an. Also, er hieß Mrile und half der Mutter bei der Arbeit; aber was immer er tat und sagte, er war und blieb ein Narr. Zum Beispiel einmal, wie sie das Essen kochte, sagte er: »Mutter, woher kommt das Feuer?« Denn immer hatte er, wie ich es ja eben sagte, so spaßige Ideen. »Kerl,« rief die Alte und warf ein Scheit Holz nach ihm und die jüngeren Brüder schrien: »Wer das Feuer gemacht hat, will er wissen, der Narr.« Oder er blieb plötzlich, wie er auf dem Rücken einen Bund Bananen nach Hause schleppte, mitten auf dem Wege stehen, und wie die Brüder daherkamen, fragten sie wieder: »Was stehst du still, du Narr?« Er sagte: »Wo der Mondkönig wohnt, möchte ich wissen.« Sie fragten: »Der Mondkönig?« und schrien: »Mutter, wo der Mondkönig wohnt, sollt Ihr ihm sagen.« »Wer?« fragte die Mutter. »Der Mondkönig,« antworteten die Knaben. »Wer ist das, und wer fragt darnach?« Da schüttelten sie sich vor Lachen und brüllten: »Wer fragt? Der Narr fragt. Den Mondkönig will er haben«; und da gab die Mutter dem Narren eine Ohrfeige, daß er schier einen Purzelbaum schlug. Nun, und solcher Dinge gab es die Menge, so daß die Alten seufzten: Er taugt halt zu gar nichts. Aber es half nichts, so einer war er. Das Beste aber war, wie sie einmal Kolokasien ausgruben. Ihr wißt, was das sind, Kolokasien, ich glaube, sie werden bei uns Kartoffelnüsse geheißen. Also, wie sie die ausgruben, sagte der Kerl plötzlich: »Hol mich der Teufel, was sind die Kartoffelnüsse schön!« Da tanzten die Brüder vor Vergnügen und die Mutter dachte: Das ist noch ärger, als das mit dem Mondkönig. Nur wußte sie nicht, daß der Mondkönig gerade in der Nähe hinter einem Baume stand und alles mit ansah; und wie der Mrile sagte, daß das Gelächter gar zu dumm sei, weil eine Kolokasie doch auch ganz schön sein kann, sprach der Mondkönig zu sich selber: »Der Bursche gefällt mir, und er hat auch ganz recht.« Wie denn die Mutter sich ärgerte, und die Brüder wieder: »Der Narr,« schrien, und den Mrile an der Nase zupften, wurde er wütend und brüllte: »Also jetzt werde ich euch zeigen, daß es wirklich so ist.« Und wie die anderen weitergingen, nahm er eines der Gewächse, steckte es in eine Baumhöhle und sprach leise: »Werde du ein Menschenkind.« Dazu sprach er noch etwas in Worten, die kein Mensch verstehen konnte, indem er sagte: »Msura, msura, msura, Kwivire, kwivire, kwivire, Tsa kambingu, tsa kambingu, tsa kambingu, Na kasanga msur.« Und sieh da, wie er des anderen Tages hinging, war statt des Samenknollens wirklich ein Kind da, dem er von da ab alles Essen, das die Mutter kochte, heimlich hintrug, sodaß die Alten einmal fragten: »Was ist das, daß du mit dem Essen immer davonläufst? Wo trägst du es hin, und warum magerst du ab?« »Oh,« erwiderte er, »ich esse es immer später; und abmagern? ich merke nichts davon.« Aber da folgten ihm einmal, als er mit dem Essen wieder hinlief, die Brüder, und ihr könnt euch denken, was es nach ihrer Heimkehr gab. »Was,« schrie die Mutter, »zu einer Baumhöhlung ist er gegangen und ein Kind ist darin?« Und sie glaubte es nicht. »Mutter,« erwiderten sie, »es ist aber so.« Und da ging sie mit und schlug die Hände zusammen, als sie sah, daß es wirklich so war. Noch in derselben Nacht machte sie sich dann, als Mrile im Schlafe lag, mit ihrem Alten zu dem Baum auf; und sie schrie: »Mondkönig, da hast du's!« und tötete das Kind. Tags darauf, als Mrile das Kind getötet fand, kehrte er nach Hause zurück und gab sich dem Weinen hin. »Mrile, warum weinst du?« fragten sie ihn. »Es ist der Rauch,« gab er zur Antwort. »Dann setz dich hierher nach der unteren Seite,« sagten sie, »da ist gar kein Rauch mehr.« Aber er weinte wiederum. »Nun, was ist denn jetzt,« schrien sie, »hier kann dich der Rauch nicht beißen.« Er murrte: »Es ist doch nichts als der Rauch.« Da brüllte der Vater: »Mondkönig, mit deinem Rauch, fort in den Hof hinaus, dort wird das Rauchen aufhören.« Und er warf den Stuhl vor die Hütte und warf auch den Mrile hinaus. Da begann der Bursche erst recht zu weinen, und wußte nicht, daß jemand es mit ansah. Der hauchte, so daß es wie ein Wind schien, und Mrile sagte: »Stuhl, geh in die Höhe, wie das Honigfaß meines Vaters, wenn er es im Wald oder in der Steppe mit seinem Seil an einen Baum aufhängt.« Da stieg der Stuhl in die Höhe und hing an einem Baum. Nun sprach er zum zweitenmale: »Stuhl, jetzt will ich in die Höhe, wie das Honigfaß meines Vaters, wenn er es im Wald oder in der Steppe mit seinem Seil auf einem Baum aufhängt« – und er ging in die Höhe und saß plötzlich auf dem Stuhl. Und nun sprach er zum drittenmale: »Stuhl, geh mit mir in die Höhe, noch höher als das Honigfaß meines Vaters, wenn er es im Wald oder in der Steppe mit seinem Seil auf einem Baum aufhängt« – und es entfernte sich der Stuhl hoch hinaus und begann zu steigen, ja zu steigen – he! Wie dies aber geschah, waren die Brüder herausgekommen, und ihr könnt euch denken, wie sie verblüfft waren. Und sie schrien: »Vater, Mutter, der Mrile fährt gegen den Himmel auf!« »Seid ihr wahnsinnig,« rief die Mutter, »wie soll einer zum Himmel auffahren? Gibt es dahin einen Weg?« Darauf antworteten sie: »Kommt und seht selber.« Und als sie hinausstürzten, begannen sie zu jammern als der Stuhl und der Mrile darauf immer rascher in die Höhe ging. Da streckte die Mutter die Hände aus und begann zu singen: »Mrile, kehre zurück, Bist doch mein Kind, kehr zurück, Kehre zurück, Mrile, Kehr zu der Mutter zurück!« Mrile antwortete: »Ich will nicht zurück, Mutter, Ich will nicht zurück, Mutter, Ihr habt Mrile geschlagen, Ich kehr nicht zurück.« Da riefen seine Brüder: »Kehre zurück, Bruder, Kehre zurück, Bruder, Bist doch unser Bruder, Mrile. Kehre zurück!« Mrile antwortete: »Ich will nicht zurück, Brüder, Ich will nicht zurück, Brüder, Ihr habt mich einen Narren geheißen. Ich will nicht zurück!« Da bat der Vater: »Da ist deine Speise, Mrile, Da ist deine Speise, Mrile, Es bittet dich dein Vater, Kehre zurück!« Er aber antwortete: »Ihr habt das Kind getötet, Vater, Und habt mich hinausgeworfen, Vater, Zu nichts habe ich euch getaugt, Vater, Ich kehr nicht zurück!« Und er entschwand. Aber der Stuhl trug ihn nicht ganz bis nach oben, sondern ließ sich weit weg wieder zur Erde hinab. Mrile sagte: »Was jetzt?« und der Stuhl sprach: »Such den Weg zum Mondkönig, und dann wird es schon jemand sehen. So machte er sich auf und kam zu Holzsammlern und sagte, indem er sie begrüßte: »Guten Tag, ihr Holzsammler, wißt ihr den Weg zum Mondkönig?« Sie sprachen: »Sammle etwas Holz, dann weisen wir dich hin.« Da brach er für sie Holz, worauf sie sagten: »Jetzt geh zu den Grasschneidern, die werden es dir sagen.« Er ging und sagte: »Ich grüße euch, ihr Grasschneider, wißt ihr zum Mondkönig den Weg?« Sie antworteten: »Hilf Grasschneiden, dann werden wir es dir sagen,« und als er es tat, sprachen sie: »Geh zu den Ackernden, die wissen es vielleicht.« »Warum lachet ihr, Leute?« fragte er, aber ging und sagte, als er zu den Ackernden kam: »Ihr, die ihr da ackert, guten Tag, weiset mich doch zum Mondkönig.« Sie: »Gut, aber etwas ackern mußt du,« und dann wiesen sie ihn zu den Weidenden. »Ihr, die ihr da weidet, guten Tag. Wißt ihr nicht den Weg zum Mondkönig?« »Ja, aber vorher mußt du uns eine Weile weiden.« Auch gut; und dann schickten sie ihn zu den Bohnen-Schneidenden, die zu den Hirse-Klaubenden, die zu den Bananenstengelsuchern; und wie er dann geackert und geschnitten, gehütet und geklaubt, geweidet und gepflückt, die Stengel abgebrochen und überall getan hatte, wie man es ihm sagte, kam er zu den Leuten, die Wasser holen, und sprach: »Ihr Wasserförderer, guten Tag, seid gegrüßt; muß ich bei euch auch etwas tun, damit ihr mir den Weg zum Mondkönig weiset?« – »Ja, Wasser holen mußt du uns zuvor.« Er holte, und sie hießen ihn gehen, ob er nicht die Leute träfe, die eben bei sich zu Hause essen würden. »Was für Leute sind das?« fragte er. »Hausbesitzer sind sie.« »So?« Da ging er zu den Neuen und kam gerade, als sie beim Essen saßen und sagte: »Seid gegrüßt, die ihr bei euch zu Hause beim Essen sitzet, könnte ihr mich nicht zum Mondkönig weisen?« Lachten sie und sagten ebenfalls: »Ja, wenn du etwas tust.« Er fragte: »Was?« Sie sagten: »Das ist es, daß du zuvor etwas bei uns essen mußt.« Da lachten sie, und er lachte auch und sagte: »Das ist fein.« Und wie er mit dem Essen fertig war, fragte er gleich wieder, wo der Weg zum Mondkönig wäre, und sie sagten, er müsse weiter wandern, bis er vielleicht zu Leuten käme, die das Kochen nicht verstünden. Sagte er erstaunt: »Was?« Aber sie sprachen: »Es ist so.« Wie er denn hinkam, wartete seiner der Mondkönig schon. Aber es sah ihn außer dem Mrile niemand, und er sagte: »Ich habe schon auf dich gewartet, und guten Tag...« und verschwand. Und gleich kamen die Leute und fragten: »Was kannst du?« Da sagte er: »Kolokasien ausgraben und ackern und hüten, pflücken und weiden, die Stengel abbrechen und schneiden, sowie Wasser holen.« Fragten sie: »Und was noch?« »Essen,« sagte er. Da gaben sie ihm zu essen und er sah, daß sie alles roh aßen, worauf er fragte, warum sie nicht mit Feuer kochten, und sie antworteten: »Feuer, was ist das?« Er antwortete, daß man damit die Speisen kocht, sie aber sagten: »Nichts wissen wir vom Feuer« und sprachen untereinander, daß er ein Zauberer sei. Und einer sprach: »Wenn du uns alles lehrst, was sollen wir dir dafür geben, Rinder und Kleinvieh?« Antwortete er: »Was ihr wollt.« Und sie brachten ihm Holz, das er anzündete, ohne daß jemand zusah, dann briet er Bananen und Knollen, Fleisch und andere Dinge und rief sie wieder, worauf sie sagten, daß es jetzt besser sei als sonst. Und einer sagte: »Ein Zauberer ist er, von jenen dort, ja, von jenen ein Zauberer; und er soll uns auch das Feuer geben.« »Wenn er aber nicht will,« sagten die Leute. »Da sprach der Mann: »Dann wollen wir es ihm abkaufen. Einer bringe ein Rind, einer eine Ziege, einer Sachen aus dem Speicher.« Darauf fragten sie: »Willst du?« Mrile sagte ja und schlug Feuer, schlug es mit dem Feuerquirl und dem Feuerbrettchen, und lehrte sie es. Und als er sie jetzt auch das Kochen lehrte, worauf sie wieder sagten: »Ja, ein Zauberer ist er, von jenen, ja, von jenen,« da war er auf einmal reich. Da dachte er sich: »Gut war der Mondkönig, und jetzt möchte ich wieder heimgelangen, damit sie alles wissen.« Und wie er sich des Nachts schlafen legte und alle anderen schliefen, war der Mondkönig wieder da. »Was willst du, Mondkönig?« fragte Mrile, doch er sagte nichts und verschwand. Tags darauf sagte er den Leuten, daß er wieder gehen werde. Sie fragten, ob zum Mondkönig? Er antwortete, daß der Mondkönig schon da war, und da wunderten sie sich. Nun sagte er: »Jetzt will ich jemanden voraussenden, damit er von meiner Heimkehr Botschaft bringe,« und gab allen Vögeln Befehl, sich bei ihm einzufinden, und fragte den Raben: »Wenn ich dich als Boten in meine Heimat sende, was wirst du dort sagen?« Der Rabe antwortete: »Ich werde sprechen karaa, karaa, karaa.« Er jagte ihn fort und rief den Nashornvogel: »Nashornvogel, was wirst du dort sagen, wenn ich dich sende?« Der Vogel sprach: »Ich werde sagen Ngaa-ngaa-ngaa.« Er jagte ihn weg und fragte den Habicht: »Wenn ich dich sende, was wirst du sagen?« Er sprach: »Tschirio, tschirio, tschirio.« »Und du, Bussard, was wirst du sagen?« Der Bussard sprach: »Tscheng, tscheng, tscheng.« So prüfte er die Vögel die ganze Reihe entlang, ohne einen zu finden, den er gebrauchen konnte, bis die Drossel kam. Und er sagte: »Du Drossel, bist du auch so dumm, oder wirst du es, wenn ich dich sende, besser ausrichten?« Da sprach sie: »Ich werde singen: »Mrile wird kommen übermorgen, Den Tag nach morgen, Den Tag nach morgen, Er wird kommen übermorgen Ja nach morgen, Ja nach morgen, Hebt ihm Fett auf, Hebt ihm Fett auf, Hebt ihm Fett im Löffel auf!« Da sagte Mrile: »Recht ist's, geh.« Die Drossel ging bis zum Gehöftstor bei den Eltern des Mrile und begann: »Mrile wird kommen übermorgen, Den Tag nach morgen, Den Tag nach morgen, Er wird kommen übermorgen, Ja nach morgen, Ja nach morgen, Hebt ihm Fett auf, Hebt ihm Fett auf, Hebt ihm Fett im Löffel auf!« Die Knaben liefen hinein und schrien: »Vater, eine Drossel singt was von Mrile,« worauf der Vater hinausrannte, und als die Drossel wieder sang, sagte er: »Was singt sie da für einen Unsinn, Mrile kommt übermorgen, Mrile kommt übermorgen, wo doch der Mrile schon lange verloren gegangen ist?« Er nahm einen Stein und warf nach ihr, worauf sie verschwand und zu Mrile zurückkehrte. »Bist du dort gewesen?« fragte er. Sie sagte: »Ich bin dort gewesen.« »Ist nicht wahr!« schrie er, »sprich, wie sieht der Hof aus bei meinen Eltern?« und da beschrieb sie ihm alles; aber er wollte es nicht glauben, sondern sagte: »Geh nochmals und bring mir den Stock meines Vaters, dann werde ich dir's glauben.« Da seufzte der Vogel: »Wie doch Mrile einen quält.« Er flog aber doch hin und holte den Stock, so stark war er auf einmal und die Knaben konnten ihm den Stock nicht entreißen. Und als er zu Mrile kam, sprach dieser: »Ja, jetzt glaube ich dir.« Und nahm Abschied von den Leuten, und alle, denen er Feuer verkauft und die er Kochen gelehrt hatte, grüßten ihn und sagten: »Zauberer, lebe wohl!« Nun wanderte er und hatte Rinder und Ziegen, Kleinvieh und Sachen aus den Speichern. Auf dem Wege wurde er aber müde und wie er einschlief, schien es ihm, als wäre der Mondkönig wieder gekommen, aber er sprach kein Wort. Wie er denn erwachte, begann er zu singen: »Wo ist er, der mir geholfen hat, Wo ist er, der mir geholfen hat, Wenn ich müde wurde? Wo ist er, Der mir dann geholfen hat?« Da begann etwas neben ihm zu sprechen. Es war der Stier, den ihm die Leute mitgegeben hatten, und er sagte: »Da du ermüdet bist, Mrile, was tust du mir, wenn ich dich auflade?« »Kannst du auch sprechen?« fragte Mrile. »Ja,« sagte der Stier, »und wenn ich dich auf den Rücken nehme, was tust du mir?« »Gutes nur,« sagte Mrile, »tu ich dir.« »Und wirst du auch achtgeben, daß mich niemand schlachtet?« Mrile sagte ja. »Und wenn sie mich schlachten und wenn sie mich verzehren, wirst du auch ein Stück von mir in den Mund nehmen?« »Nimmermehr,« sagte Mrile. »Also gut, steig auf meinen Rücken hinauf.« Da stieg er hinauf, und sie zogen weiter, und wie Mrile bei seinem Heimatsdorf anlangte, kam er singend: »Nichts fehlt an Gütern, Das Vieh ist mein, Juchhe! Nichts fehlt an Gütern, Die Rinder sind mein, Juchhe! Nichts fehlt an Gütern, Das Kleinvieh ist mein, Juchhe! Der Mrile kommt! Er ist reich, er ist reich, Nichts fehlt an Gütern, Juchhe!« So kam er nach Hause und sagte: »Tauge ich zu etwas?« Die Eltern sagten ja und bestrichen ihn reichlich mit Fett. Da schritt er in den Hof, und wie die Mutter sich hinsetzte, eine Kuh zu melken, zerbrach der Stuhl und Mrile erkannte, daß es jener war, auf dem er in den Himmel geflogen und der jetzt wieder zurückgeflogen war. Darauf sagte Mrile: »Mutter, den Stier hier sollt Ihr mir gut füttern. Auch wenn er alt wird, sollt Ihr ihn füttern und nie ihm Böses tun.« Sagte sie: »Warum? Es ist besser, ihn zu schlachten.« Schrie er: »Ich will nicht, daß man ihn schlachtet« und grollte. Worauf der Vater sagte: »Sei ruhig, sei still, nie werden wir ihn töten;« und da ging Mrile zur Baumhöhle und begann zu singen: »Nichts fehlt an Gütern Und der Narr ist da.« Wie er nach Hause kam, hatten sie ein Mahl angerichtet und alle Bewohner des Dorfes zu demselben geladen; und alle riefen: »Sieh, der Mrile ist da.« Dann brachten die Eltern Fleisch, und sie nahmen alle und aßen und auch Mrile aß. Da begann das Fleisch zu reden und sprach: »Ich habe dich auf den Rücken genommen, Und dein Vater hat mich geschlachtet, Deine Mutter mich zubereitet, Und du wagst mich zu genießen?« Da erschrak Mrile, denn er hatte den ersten Bissen schon verschluckt. »Werde also verzehrt, wie du mich verzehrst,« sagte das Fleisch dann weiter; und da begann Mrile zu singen: »Meine Mutter, ich habe dir gesagt, Schone das Tier, denn es ist mein Leben; Und du hast das Tier getötet, Hast davon zu essen mir gegeben. Immer bin ich dir der Narr gewesen.« Darauf ward er eine Leiche und der Mondkönig schwebte aus dem Hause. Warum die Toten nicht wieder auferstehen Wie geschah es doch? Es ist Imana, der die Menschen geschaffen hat, und da er Erbarmen hat, sprach er: »Ich will nicht, daß die Menschen ganz und gar sterben, sondern sie sollen, wenn sie gestorben sind, wieder auferstehen.« Und wie er sie denn geschaffen hatte, brachte er sie in ein Gebiet, wo sie wohnen sollten; er aber blieb daheim, weil er noch viel zu tun hatte. Dann schuf er das Chamäleon und den Webervogel, und sie gefielen ihm beide, das heißt, ganz gefielen sie ihm nicht; denn nachdem er drei Tage mit ihnen zusammen gewesen war, erkannte er, daß dem einen wie dem anderen etwas fehlte. Besonders aber dem Webervogel; der machte sehr viele Worte, Lüge und Wahrheit, und der Wahrheitsworte waren wenige und der Lügenworte viel. Dagegen erkannte er, wie er das Chamäleon beobachtete, daß es großen Verstand hatte und alles, was es sagte war wahr, gar keine Lüge war dabei. Da sprach er am vierten Tage zum Chamäleon: »Geh in jenes Gebiet, wohin ich die Menschen, die ich schuf, gebracht habe und sage ihnen, sie brauchten nicht zu weinen. Auch wenn sie gestorben sind, werden sie auferstehen, und sie werden es, auch wenn sie schon ganz und gar tot sind. Ein jeder Mensch, wenn er gestorben ist, das sagst du ihnen, wird wieder auferstehen.« Das Chamäleon sagte: »Gut, ich will gehen.« Und der Webervogel blieb bei Gott zurück. Aber das Chamäleon ging langsam und langsam; und wie Gott hinuntersah, ging das Vieh immer noch langsam und langsam. Denn so geht ja das Chamäleon immer, und wenn es spricht, spricht es auch nur so träge und langsam und richtig ärgerte sich Gott bereits, weil er erkannte, daß die Menschen unten darüber, daß sie sterben sollten, schon ganz unglücklich waren. Da sagte er bei sich selber: »O du langsames Vieh, kannst du denn gar nicht rascher gehen?« Und er wurde schon ganz wild. Da aber besänftigte er sich doch; denn wie er hinuntersah, war das Chamäleon endlich bei den Menschen und wie er hinunterhorchte – es war aber der Webervogel an seiner Seite – hörte er, wie das Chamäleon zu den Menschen zu sprechen begann. Und zwar begann es, weil es ja wie gesagt, mit der Rede nicht so rasch ist: »Mir ist gesagt worden – mir ist gesagt worden – mir ist gesagt worden...« Und immer noch wiederholte es: »Mir ist gesagt worden,« sodaß Imana aufschrie: »Nun, Kerl, hört denn dein Mir-ist-gesagt-worden gar nicht auf?« Da sah er, daß der Webervogel ein wenig seine Flügel ausbreitete und so tat, als ob er wegfliegen wollte, und fragte: »Wohin willst du?« Sagte der Webervogel: »Nichts ... ich will nur ein wenig auf die Seite ... du erlaubst doch.« Sagte Imana: »Gut.« Aber ehe er sich umsah, hatte sich der Webervogel bereits in die Luft hinaufgeschwungen und flog so schnell hinunter – denn er ist ja ein Vogel – daß er bereits bei den Menschen war, ehe ihn Gott noch zurückhalten konnte. Und wie er hinunterkam, war es gerade, als das Chamäleon eben zum zehnten und elftenmale zu den Menschen sprach: »Mir ist gesagt worden – und mir ist gesagt worden.« Da rief der Webervogel: »Was ist uns gesagt worden? Uns ist doch gesagt worden, wenn die Menschen tot sind, werden sie vergehen wie die Wurzeln der Aloe und nimmer auferstehen!« Das Chamäleon blickte bestürzt auf und sagte: »Was sprichst du da, du Lügner? Uns ist doch gesagt worden – ist doch gesagt – doch gesagt worden... wenn die Menschen tot sind, werden sie wieder auferstehen!« Aber die Menschen hörten es nicht mehr. Denn wie der Webervogel seine Worte gesprochen hatte, liefen sie alle gleich erschrocken davon und verkündeten es überall, daß, wenn sie gestorben wären, es keine Wiederauferstehung für sie mehr geben würde. Und heute noch spricht das Chamäleon sein »Uns ist gesagt worden – uns ist gesagt worden,« und die Menschen sterben und stehen nicht wieder auf. Der Mann mit dem großen Fuß Der Elefant und der Stieglitz begegneten einander im Walde und schlossen Freundschaft. »Wirklich, du gefällst mir,« sagte jener, und der Stieglitz verbeugte sich und sagte: »Mein Freund, ich habe vor dir Hochachtung.« Darauf ging der Stieglitz nach Hause und erzählte es seiner Frau, die sich darüber sehr freute und ihm sagte: »Jetzt gebührt es sich aber, daß du deinem Freunde einen Besuch machst.« »Sollte ich nicht warten,« sprach der Stieglitz, »bis er zuerst zu mir kommt?« »Nein,« sagte die Frau, »er ist der ältere,« und da ging der Stieglitz zu seinem Freund. Der Elefant war über seine Ankunft sehr erfreut und sagte zu seiner Frau: »Der Freund ist gekommen, was soll er essen?« »Fragen wir ihn doch,« sagte die Elefantin, »was er möchte.« »Ist recht,« sagte der Elefant und sagte, nachdem er mit dem Stieglitz gesprochen hatte: »Weib, setz einen großen Topf aufs Feuer und laß das Fett darin schmelzen.« Und nachdem sie dies getan hatte, setzte der Elefant seinen Fuß mitten auf den Topf, so daß das Fett herausströmte. Der Stieglitz aß dann und ging fort. Einige Tage darauf sprach die Elefantin zu ihrem Mann: »Glaubst du nicht, daß du jetzt den Besuch deines Freundes erwidern solltest?« Worauf der Elefant sagte: »Da hast du recht.« Jetzt ging also der Elefant zum Stieglitz, der begrüßte ihn höflich vor seinem Hause und sprach: »Es ist ein Freund gekommen, was soll er denn essen?« Dann rief er seinem Weibe: »Setz aufs Feuer einen großen Topf und schau, daß recht viel Fett darin ist.« Und nachdem das Fett geschmolzen war, sprach der Stieglitz: »Ich werde jetzt mit meinem Fuß auf das Fett treten, so daß es herausfließt.« Aber wie er hinauftrat, ächzte er auf einmal: »Ach, ich weiß gar nicht, was das ist, das Fett will gar nicht herausfließen!« Da weinte der Elefant, weil er Hunger hatte und ging nach Hause. Der gebratene Freund Der Spottvogel ging einst zu seinem Freunde, der Fledermaus, und die Fledermaus sprach zu ihrer Frau: »Mein liebes Weib, bring Kartoffeln und koch sie schön, damit mein Freund sie esse und ich selbst auch davon etwas bekomme.« »Gewiß, gewiß,« sagte die Frau. »Und tummle dich,« sagte die Fledermaus, »damit sie so schnell als möglich gar werden, dann ißt sie mein Freund.« Die Frau tummelte sich, die Kartoffeln wurden gar. Die Fledermaus nahm sie selbst vom Feuer weg und gab sie dem Vogel. Der Spottvogel aß und kehrte dann nach Hause zurück. Tags darauf klopfte es beim Hause des Vogels an der Tür, und wer war da? Die Fledermaus war da. Der Spottvogel freute sich und sagte zu seiner Frau: »Mein liebes Weib, jetzt mußt du Kartoffeln bringen und sie kochen, denn unser Gast wird hungrig sein, nicht wahr?« Sprach die Fledermaus: »Ja.« Während aber die Kartoffeln kochten, zog der Vogel seine Frau beiseite und sagte: »Soll er denn unsere ganzen Kartoffeln aufessen?« »Was willst du tun?« sagte die Frau. »Das wirst du schon sehen,« sagte der Vogel. »Ich werde in den Topf hineingehen und du wirst mich rasch zudecken. Was dann zurückbleibt, das soll der Freund haben.« »Aber dann möchte ich auch was von den Kartoffeln haben,« sagte die Frau. »Gut,« sprach der Vogel. »Erst werde ich in den Topf hineingehen und mich satt essen, und dann gehst du hinein und nimmst dir auch etwas und was übrig bleibt, wird für die Fledermaus noch immer genug sein.« Sagte die Frau: »Das ist gescheit.« Dann kehrten sie wieder ins Haus zurück, und der Vogel ging in den Topf hinein, worauf das Weib ihn zudeckte. Aber, o weh, als sie wartete und wartete und er noch immer nicht an den Deckel klopfte, um wieder herauszukommen, hob sie den Deckel ab und sah, daß ihr Mann in dem Topf tot war. Da weinte sie und auch die Fledermaus weinte und sagte: »Ach, der arme Vogel! Er ist in den Topf gegangen, damit ich zu den Kartoffeln noch etwas Gebratenes zum Essen habe!« Darauf verzehrte sie den Vogel und erzählte dann bei sich zu Hause, was der Spottvogel für ein guter Freund gewesen war. Der Fels der Voreltern Die Namafrau, die der Elefant geheiratet hatte, lachte nie. Er hatte sich in sie verliebt, und ihre Leute hatten sie an ihn verkauft, weil er es so forderte. Und eines Tages kamen ihre beiden Brüder zu ihr, aber aus Furcht vor ihm im Verborgenen. Sie blickte auf, als sie sie erkannte, und tat, als wollte sie Holz holen; und als sie hinausging, legte sie den Finger an den Mund und verbarg sie ganz hinten im Kral im Brennholz. Als sie zurückkam, wendete die alte blinde Schwiegermutter, die in dem Zimmer saß, kaum den Kopf: aber die Namafrau sah, daß sie lauschte, und sie sagte: »Ich war hinten im Kral.« Die Blinde sprach kein Wort. »Ich habe nach dem Kniehaarlosen gesehen.« Damit meinte sie den Hammel. Jene schwieg. »Er ist noch immer dort und reibt sich an der Tränke die Haare an seinen Knien weg. War, seitdem ich in dieses Dorf geheiratet habe, noch immer keine Zeit, für die Hochzeiterin den Hochzeitshammel zu schlachten?« Da antwortete die blinde Schwiegermutter: »Dinge, die von Alters her nie gesprochen worden sind, spricht sie.« Die Namafrau sagte: »Wer bist du denn eigentlich?« Die Blinde wendete ihr das Gesicht mit den leeren Augen zu und sagte: »Wovon riechst du?« Die Frau sagte: »Ich habe mich nach der alten Weise meiner Namaleute eingerieben und mich mit unserem Geruch bestreut. Soll ich mich hier auch nicht einreiben und mit dem Geruch bestreuen, wie er in meiner Heimat üblich ist?« Da sagte die Schwiegermutter: »Von der Liebsten meines Sohnes werden Dinge gesprochen, die von Alters her nicht gesprochen worden sind.« Die Namafrau sagte: »In meiner Heimat sprechen die Hochzeiterinnen so, wenn man ihnen den Kniehaarlosen nicht schlachtet.« Da kam der Elefant, der im Felde gewesen war, und roch den Namageruch. »Woher kommt der Geruch?« fragte er und rieb sich am Hause, daß es zu wanken begann. Dann trat er ins Zimmer und sah die Mutter an. Sie wendete den Kopf ab. »Sind Brüder gekommen?« fragte er. »Woher kommt da hinten im Krale der Geruch?« »Von ihr,« sagte die Mutter. »Was sie von Alters her nicht getan hat, tut sie und bestreut sich mit dem Geruch.« Und die Frau sagte: »Ja, hinten im Kral war ich. Welches Tages hast du den dort stehenden Hammel für mich geschlachtet?« Er schlug auf den Tisch. Da sagte die Schwiegermutter zu ihm: »Dinge, die von Alters her nicht getan wurden, werden getan. Geh tu ihr den Willen und schlachte das Tier.« Da sagte er: »Gut,« und die Namafrau ging und holte es heraus, worauf der Kniehaarlose für sie geschlachtet wurde. In der Nacht schlief der Sohn ein. Die Namafrau schlief nicht und die Schwiegermutter fragte: »Woran denkst du?« Sie antwortete: »Ich denke wie ihr atmet, wenn ihr euren Lebensschlaf schlafet und wie ihr atmet, wenn ihr den Todesschlaf schlafet.« Und es sagte die Schwiegermutter: »Hm, das ist ein gesprächsreicher Abend. Warum willst du es wissen?« Die Namafrau sagte: »So!« und die Blinde sagte: »Wenn wir den Todesschlaf schlafen, dann atmen wir sui, sui, und wenn wir den Lebensschlaf schlafen, atmen wir Chu-zawaba-chu-zawaba-chu-zawaba.« Darauf schlief die Namafrau mit dem ersteren Schlaf ein, und auch die andere schlief ein. Da richtete sich aber die Namafrau auf und lauschte: und als alle hart schnarchten und sui-sui schliefen, eilte sie hinaus und sagte zu den beiden Brüdern: »Den Todesschlaf schläft das Volk, lasset uns fertig machen.« Da standen die beiden auf und gingen hinaus, und sie nahm die nötigen Dinge und sagte: »Was Geräusch macht, will meinen Tod.« Und es geschah alles in der Stille. Dann ging sie mit ihren Brüdern, die bepackt dastanden, zwischen das Vieh und ließ ihrem Mann eine Kuh, ein Schaf und eine Ziege. Und sie sagte zur Kuh: »Wenn du meinen Tod nicht willst, schreie nicht, als ob du eine wärest:« und belehrte das Schaf und die Ziege ebenso. Hierauf zogen sie weg und all das Vieh hinter ihnen drein. Und als die zurückgelassenen Tiere in der Nacht lärmten und schrien, als ob es alle wären, dachte der Elefant, der es hörte, es wären alle. Aber als er bei Tagesanbruch aufstand und sah, daß die Frau weg war und daß sie mit allem weg war, sagte er zur Mutter: »Sie ist entflohen.« Die Mutter sagte: »Was von Alters her nicht geschehen ist, geschieht.« Er sagte: »Wenn ich falle, wird die Erde dröhnen,« und er folgte ihnen. Als sie ihn kommen sahen, bogen sie aus und gelangten an einen Fels, durch den sie nicht durchkonnten. »Wer seid ihr?« fragte der Fels. Sie sagte: »Wir sind Leute, hinter denen eine große Reisegesellschaft folgt.« Der Fels antwortete: »Das ist zu wenig.« Darauf sprach sie: »Meiner Voreltern Fels, rette mich und biege dich zu beiden Seiten für uns aus.« Da teilte sich der Fels und ließ sie durch, und als alle durch ihn hindurch waren, schob er sich wieder zusammen. Aber der Elefant hatte es gesehen, und als er zu dem Felsen kam, sprach er: »Meiner Voreltern Fels, spalte dich auch für mich!« Da spaltete er sich; aber als der Elefant in der Mitte war, kam der Felsen wieder zusammen und der Elefant wurde erdrückt. Dann teilte sich der Felsen wieder, und wie der Elefant zu Boden stürzte, dröhnte die Erde. Und die blinde Mutter hörte es und sagte zu Hause: »Wie es von meinem Sohne gesagt worden ist, so ist es geschehen. Die Erde hat gebebt.« Und sie wußte, daß er tot war. Wenn der Löwe ein Amulett braucht Gevatter Bock hatte beschlossen, auf die Pilgerfahrt nach Mekka zu gehen. »Alle Tiergeschlechter,« sagte er, »haben den Titel eines Heiligen erhalten, nur unseres Gleichen ist damit noch nicht beehrt worden.« »Bock, geh nicht nach Mekka, die Gegend ist gefährlich,« rieten ihm die andern, aber er ließ sich nicht halten und machte sich mit einem Pilgerstab in der einen und einem Krug Honig in der andern Hand auf den Weg. Er reiste am Tage, reiste bei Nacht, durchquerte dichte Wälder, und eines schönen Abends, als er wieder in die Nähe eines Dorfes kam, sah er sich einer Hyäne gegenüber, die ihn fragte: »Wer bist du?« Er antwortete: »Ich bin's, der Bock auf der Wallfahrt.« »Und wohin geht die Wallfahrt?« »Nach Mekka geht sie.« Darauf lachte die Hungrige und sagte: »Da befindest du dich in einem Irrtum, denn du wirst nicht nach Mekka gehen.« »Wieso?« fragte der Bock, »Gott will es.« »Nein, erwiderte die Hyäne, »Gott will etwas anderes. Gott selbst sorgt für mich. Schon öfter hat er mir so eine umherstreichende Ziege zukommen lassen, damit ich mich an ihr labe, und nun hat er dich mir in den Weg geschickt.« Der Bock war bestürzt und fragte: »Willst du mich denn gleich töten?« »Nein,« erwiderte die Hyäne, »ängstige dich nicht, nicht sofort wird es geschehen, denn hier auf offenem Felde könnten mir ja von dem ersten besten Hergelaufenen überrascht werden. Sei nur ruhig, ich weiß einen schönen Schlupfwinkel, dort erst verzehre ich dich.« Dies gesagt, trug die Hyäne den Bock durch den Wald und dichtes Gebüsch, und als sie immer noch das Licht der Sterne über sich sah, rannte sie zu dem sichern Schlupfwinkel. Es war dies eine Höhle, eine schöne, tiefe, schattige, sichere Höhle. Aber als sie hineinkam, o weh, welch ein Schrecken! lag ein Löwe mit seinen Jungen drin! Die Hyäne stotterte: »Du bist es, Bruder Löwe?« »Ja,« antwortete er. »Ich habe erfahren, daß du dich hier niedergelassen hast und bin gleich herbeigeeilt, um dich zu begrüßen und dir diesen Bock als Geschenk zu bringen.« Da begann der Bock zu schreien: »Lüge, Lüge, Herr! Hier an deiner Türe hat sie mich getroffen, als ich eben zu dir hereingehen wollte.« »Das ist nicht wahr,« schrie die Hyäne. »Nicht?« schrie der Bock. »Habe ich dir nicht draußen gesagt, was mich zu dem Löwen führt? Eine wichtige Sache ist es, Herr. Ich habe deinen Zustand erfahren und habe mich auf den Weg gemacht, um dir ein Mittel anzubieten, daß du über alle deine Brüder herrschen kannst.« »Nun, setzt euch beide,« sprach der Löwe zu ihnen, dann wandte er sich an den Bock und fragte: »Bist du denn ein Priester?« »Jawohl, ein Priester bin ich,« erwiderte dieser, »und dazu ein bedeutender Schriftgelehrter.« »O, das ist ja dann sehr viel. Also was willst du für mich tun – eine Arznei schreiben oder mir vielleicht ein Amulett schreiben?« »Ein Amulett, ein Amulett,« sagte der Pilger. »Eine Arznei brauchst du gottlob nicht, sondern bist, dem Himmel sei Dank, gesund und stark.« »Das bin ich,« sagte der Löwe. »Also auf was für einem Papier willst du schreiben?« Der Ziegenbock antwortete: »Solche Sachen schreibe ich gewöhnlich nicht auf Papier, es ist leicht zerreißbar. Ich bediene mich für solche Zwecke meistens einer Hyänenhaut.« »Er lügt, Herr,« schrie die Hyäne. »Er ein Priester? Nichts als ein abscheulicher Heide ist er.« »Hyäne, ich verstehe dich nicht,« sagte der Löwe. »Wie kannst du meinen Priester beleidigen. Kaum haben wir uns begrüßt, und ich bin noch nicht mit meiner Frage zu Ende, beleidigst du ihn schon so vor mir.« »Also mein Lieber,« wandte er sich wieder an den andern, »schreibst du auf einer frischen oder auf einer trockenen Haut?« »Wenn es sein kann,« erwiderte der Bock, »würde ich eine frische Haut vorziehen.« Die Hyäne sagte: »Ich möchte mich zurückziehen, mein Bruder.« »Warte doch noch ein wenig,« antwortete der Löwe, »du siehst doch, daß mein Priester und ich noch beim Plaudern sind. Wir sind noch nicht mit unserer Unterhaltung zu Ende und du sprichst schon vom Fortgehen.« »Ach, Bruder ich glaubte, es handle sich um irgend eine Hyäne und daß von mir nicht die Rede wäre.« »Du hast recht, es ist nur im allgemeinen von einer Hyäne die Rede und nicht von dir. Aber da wir eine Hyäne haben müssen und du grade hier bist, so warte nur noch ein wenig.« »Nun denn, wie du wünschest,« sagte die Hyäne ergeben. »Gib mir also ein Stück von deiner Haut, damit er für mich das Amulett schreibt.« »Ach Bruder, das ist nicht möglich.« »Beeile dich, zieh es dir selbst ab. Du weißt, wenn ich es mir nehme, dann tue ich dir weh.« Die Hyäne nahm ein Stück Haut von ihrer Seite, aber es schmerzte, und sie sagte: »Ach, Bruder, wie schmerzt es.« »Vorwärts, mach schnell. Wenn ich mich erst damit befasse, tut es erst recht weh,« sagte der Löwe. »Nun denn, du Hund,« fluchte die Hyäne und warf dem Bock ein Stück Fell aus ihrer Seite hin. Der Pilger nahm es, tauchte es in seinen Honigkrug, drehte es darin um und reichte es dem Löwen. Der sagte: »Das ist also das Amulett, Priester? Süß ist es.« »Jawohl. Und du wirst sehen, es wird eine gute Wirkung haben.« »Ach, schade, daß es so rasch verbraucht ist,« sagte der Löwe. »Liebe Schwester, möchtest du mir nicht noch einmal geben?« »Bruder, es ist doch keine Arznei,« erwiderte die Hyäne. »Doch, doch,« brüllte der Löwe »und wenn ich nicht genug davon bekomme, dann hilft es nicht. Also gib mehr her!« Darauf erhielt der Bock ein neues Stück Haut, tauchte es in den Honig, wendete es nach allen Seiten darin um und gab es dem Löwen, der es verschlang und dann sich umdrehte, seine Mähne sträubte und mit funkelnden Augen seine Krallen zeigte. »Gib mehr. Ich fühle, daß ich anfange wild zu werden!« Ohne lang eine Stelle auszusuchen, riß sich die Hyäne ein neues Stück ab, schleuderte es dem Bock hin und sprang zum Ausgang, worauf der Bock schrie: »Die Hyäne reißt aus!« Da brüllte der Löwe: »Ich bin es, der Löwe! Du könntest mir eine weite große Ebene geben, die nur mit Hyänen bedeckt ist, und ich würde sie dir alle bringen – wievielmehr diese treulose Hyäne, die dem König der Tiere nicht einmal ein Stückchen Haut für ein Amulett gönnen will, das ihm so notwendig ist in seinem Reiche!« Und er stürzte hinter der Hyäne aus der Höhle heraus. Sie legten die Ohren an und wirbelten den Boden auf in ihrem Laufe. Der Löwe erreichte endlich die Hyäne, schlug sie nieder und zog ihr mit einem Tatzenschlag die ganze Haut ab. Dann warf er sich die Haut über die Schulter und kehrte in seine Höhle zurück. »Hier Bock,« rief er, »hier ist genug Haut zum Schreiben!« Aber wie er sich umsah, war kein Bock und kein Krug mit Honig mehr da. Darauf nahm der Löwe die Haut der Hyäne ins Maul und sprach: »Merkwürdig, daß sie nicht mehr süß ist. Also hat nur die Tinte des Priesters sie süß gemacht.« Das Seil über dem Kongo Ihr wißt doch, wie das damals mit dem Rebhuhn vor sich gegangen war. Es hieß Nangumbi und war sehr schön. Es wohnte in einem Dorf, das befand sich in den Zweigen eines sehr hohen Baumes. Oder vielleicht war es nicht auf einem Baum, sondern unten in einem dichten Grase; aber es war jedenfalls ein hübsches Dorf, und Nangumbi war, wie gesagt, auch sehr schön. Eines Tages, als es aus seinem Dorfe wegflog, kam es nicht weit davon in ein anderes, wo fünf Frauen wohnten, die natürlich auch alle Rebhühner waren, und sie sprachen, als sie ihn sahen, zueinander: »Hei, was ist das für ein hübscher Kerl.« Ihre Namen aber müßt ihr euch merken, denn ihr werdet schon sehen, daß dies sehr wichtig ist, weil... Aber ich darf es nicht zu früh ausplauschen, und überdies brauchet ihr auch nicht gleich so neugierig zu sein. Also die eine hieß Nankimpele, die zweite Nawoki, die dritte Nambende, die vierte Nantutu; und die fünfte, auf die ihr aber besonders aufpassen müsset, hieß Nankimpiti. Nankimpiti heißt man nämlich in den Dörfern, auf den Bäumen dort und im Grase gewöhnlich die Kröte; aber ich bitte euch, warum soll grade die Kröte so heißen? Es kann ja auch ganz gut sein, daß einmal eine Rebhuhnfrau Nankimpiti genannt wird. Also eines Tags, wie die fünf beisammen waren, sprachen sie: »Wollen wir nicht dem Nangumbi einmal in seinem Dorfe einen Besuch machen? Und wir wollen ihm auch etwas Gutes mitbringen.« So richteten sie abends, als sie mit den andern Dingen in ihren Häusern fertig geworden waren, einen Brei an, den sie mit Palmöl anrührten; und am andern Morgen flogen sie, jede mit dem Topf, in dem sich der Brei befand, in das andere Dorf hinüber, trafen aber Nangumbi nicht zu Hause. Nur seine Kinder waren da. Sie sagten: »Ach, hat der Nangumbi Kinder? Seid gegrüßt, Kinderchen, wo ist denn euer Vater?« Und die Kinder zwitscherten: »Er ist ausgegangen, er ist ausgegangen, Palmwein zapfen ist er ausgegangen.« Worauf sie antworteten: »Palmwein zapfen? Palmwein zapfen? Er ist fleißig, er ist fleißig; Aber Brei ist auch nicht ohne. Fliegen wir ihm nach, fliegen wir ihm nach!« Die Kinder führten sie an eine Stelle, von wo herab man einen Abhang sah; dort irgendwo saß Nangumbi im Grase, aber sie konnten ihn nicht gewahren. Da fing Nawoki zu rufen an, und der Ruf lautete so: »Je–je–jangumbi, Je–je–jangumbi, Bist du nach dem Wasser gegangen? Antworte doch.« Er antwortete nicht. Dann kam Nambende und rief ebenfalls je-je-jangumbi, und als er nicht kam, zwitscherte Nantutu und dann Nankimpiti immer mit demselben Sange, aber er kam nicht. Da sagte denn Nankimpele: »Wartet, jetzt werde ich es versuchen,« und sie sagte: »Ne–ne–nangumbi, Ne–ne–nangumbi, Bist du nicht beim Wasser, Sondern tust Palmwein zapfen? Wir sind da, wir sind da! Antworte doch.« Das hörte der Mann und antwortete sofort von der Stelle, wo er sich befand: »Ke-ke, ke-ke ... das scheint ein lieber Besuch zu sein, den ich da habe.« Dann flog er auf und ließ sich an der Stelle nieder, wo sich die Frauen befanden. Er begrüßte sie höflich und fragte, was sie hergeführt habe? Sie antworteten, daß sie ihm Palmölbrei gebracht hätten, was ihm sehr recht war. Aber wo war der Brei? Sie hatten ihn in seinem Dorfe zurückgelassen! Also flogen sie dorthin, und als er nun ihren Brei besah, freute er sich recht, denn jede hatte in dem Brei etwas gekocht: Nankimpele ein Huhn, Nawoki einen Aal, Nambende einen Barsch und Nantutu eine Quappe. Nankimpiti aber, ihr wißt, die mit dem Krötennamen, hatte nur Bananen in den Brei getan. Darauf sagte der Mann: »Ich danke euch und wollt ihr, daß ich euch eine Pisangfrucht dafür schenke?« Sie sagten: »Ja,« worauf er jeder eine andere Art der Frucht schenkte, denn er war sehr reich und hatte verschiedenartige Pisangfrüchte. Und so gab er der, die ein Huhn gekocht hatte, eine Ndongila, der, die ihm den Aal gebracht hatte, eine Seluka; der Nambende gab er für den Barsch eine Nsengono, der Nantutu eine Jimba und der Nankimpiti, die ihm die Banane gebracht hatte, auch eine Banane. Sie sagte: »Für mich hast keinen Pisang? Er erwiderte: »Dir ist doch die Banane das liebste, also gebe ich dir für deine Banane auch eine Banane.« Da aßen sie, und die fünf Frauen kehrten in ihr Dorf zurück. Am andern Morgen kochten sie wieder Brei in derselben Weise, gingen in derselben Weise, riefen in derselben Weise. Der Mann kam, wie am Tage zuvor, flog mit ihnen in sein Dorf und gab, nachdem er ihren Brei besehen hatte in derselben Weise eine Ndongila für das Huhn, eine Seluka für den Aal, eine Nsengono für den Barsch, eine Jimba für die Quappe und eine Banane für die Banane: und nachdem sie gegessen hatten, flogen sie wieder in ihr Dorf zurück. So ging es dann einen Morgen nach dem andern: sie kochten und flogen und riefen und aßen, immer in derselben Weise, und Nankimpiti erhielt täglich für ihre Banane auch eine Banane, dann gingen sie in ihre Dörfer zurück. Einmal aber, als sie wieder bei sich zu Hause den Brei kochten, kam eine Nachbarin zu Nankimpiti, worauf diese rasch ihren Topf verdeckte, und als die Nachbarin fragte, was sie darin habe, sagte sie: »Nichts, eine Banane koche ich in dem Brei.« Das war aber nicht wahr, es war ein Huhn, das sie diesmal darin kochte, und als die Freundinnen kamen und fragten, ob sie nicht heute um die Mittagsstunde wieder hinüberfliegen und den Mann suchen wollten, sagte Nankimpiti, daß sie heute keine Zeit habe. »Warum denn, warum denn?« zwitscherten sie. Aber sie wollte durchaus nicht mit den Frauen gehen. Wie sie sich jedoch entfernt hatten, erhob sie sich gleich und flog in sein Dorf hinüber und rief. Aber sie rief nicht mit ihrer eigenen Stimme, sondern wollte die Stimme derjenigen nachahmen, die geliebt wurde. So rief sie zuerst mit Nawokis Stimme, dann mit der Stimme Nambendes, dann derjenigen Nantutus. Er blieb still. Dann rief sie mit ihrer eigenen, und als er wiederum stumm blieb, sang sie mit Nankimpeles Stimme, nicht mehr je-je-jangumbi, sondern »Ne–ne–nangumbi, Ne–ne–nangumbi, Bist du nicht beim Wasser, Sondern tust Palmwein zapfen? Ich bin da, ich bin da, Nankimpele ist da.« Als der Mann diese Stimme hörte, dachte er: »Das ist die, die ich liebe, die mich da ruft, ist jene, die ich liebe,« und kam mit großer Hast. Als er kam und Nankimpiti dort sitzend fand, fragte er erstaunt: »Bist du es, die mich hier fortwährend gerufen hat?« Sie antwortete: »Ja.« »Und wo sind die andern?« fragte er. Sie sagte: »Die andern sind noch im Dorfe,« worauf der Mann sagte: »Nun, meinetwegen, also komm zum Brei in mein Dorf.« Als sie hinkamen und Nankimpiti den Topf aufmachte, fand er, daß sie den Brei darin mit Huhn gekocht hatte, und sie sagte: »Also siehst du, weil du das Huhn gern magst.« Und nachher sagte sie: »Jetzt, während du issest, rück näher heran, damit ich dich auf dem Kopf krauen kann,« und da rückte er näher und legte, während er aß, den Kopf in ihren Schoß. Da fing sie ihn zu krauen an und sang: »Nangumbis Kopf Wegen des Krauens In meinem Schoße – Nangumbis Kopf Wegen des Krauens In meinem Schoße – Und seine Federn sind hart. Tje, tje, tje.« So sang sie, und er aß, und als er mit dem Essen fertig war, lullte sie ihn noch weiter, so daß er einschlief. Wie sie aber sah, daß er in tiefen Schlaf gefallen war, zog sie ein Messer, das sie mitgebracht hatte, aus der Scheide und schnitt ihm den Kopf ab. Dann begrub sie den Kopf und kehrte zurück in ihr Dorf. Wie die andern Frauen kamen, riefen sie nach Nangumbi, aber er kam nicht und kam nicht, worauf sie sagten: »Vielleicht hat er heute anderwärts zu tun« und flogen zurück in ihr Dorf. Des andern Tages kamen sie wieder und riefen bis an den Abend und fragten Nangumbis Kinder, wo denn ihr Vater wäre? Aber sie antworteten, daß er schon seit vorgestern nicht mehr zu Hause gewesen sei. Einen Tag später, als sie sich wieder aufmachten, fragten sie Nankimpiti: »Willst du nicht mit uns hinfliegen?« Sie erwiderte: »Ach, ich habe heute Zahnweh, ich bleibe im Dorf.« Auf dem Wege begegneten sie einer Nachtschwalbe, die sang: »Sada-da, Sada-da, zaubern kann ich, zaubern kann ich.« »Wenn du es kannst,« sagten sie, »dann sprich, wo ist Nangumbi?« Die Nachtschwalbe antwortete: »Sadada, Sadada, erst bezahlt mich, erst bezahlt mich.« Sie bezahlten, worauf sie wieder sang: »Sucht ihn, sucht ihn.« Da sagten sie: »Eine Betrügerin bist du« und flogen weiter. Darauf fanden sie eine Krähe, die krächzte ebenfalls: »Kra, kra, zaubern kann ich, zaubern kann ich.« Sie bezahlten, aber die Krähe sagte: »Euer Geld in meine Taschen zaubern kann ich.« Da fragten sie einen dritten Vogel, und er sagte, daß es am besten wäre, die Heuschrecken zu fragen, die sprängen im Dorfe Nangumbis und auf dem Abhang beim Wasser, wo er den Palmwein zapfte, immer im Grase herum. Sie gingen zu den Heuschrecken und richtig sagte ein Heuschreck, er habe gesehen, wie jemand Nangumbis Kopf begrub. Sie kehrten in ihr Dorf zurück und fragten Nankimpiti, ob sie nicht dort auf dem Abhang etwas begraben habe? Sie antwortete: »Eine böse Heuschrecke habe ich dort gefangen und begraben.« Darauf kehrten sie wieder zu den Heuschrecken zurück. Die fragten: »Seid ihr schon wieder da? Was wollt ihr?« »Wir möchten wissen,« antworteten sie, »welche von euch begraben worden ist?« Die älteste Heuschrecke sprach: »Das sollt ihr gleich erfahren, mir wollen alle Heuschrecken, die hier beisammen sind, zählen« und gleich zählte sie sie und keine fehlte, alle waren da. Darauf erschraken die Frauen und sprachen: »Hat hier nicht am Ende Nankimpiti etwas Böses getan?« Zu Hause angekommen, berieten sie sich mit den ältesten Rebhühnern in ihrem Dorfe, und die gingen nun alle mit ihnen zur Hummel, um sie, weil sie die weiseste war, zu fragen, was jetzt zu tun wäre, worauf die Hummel sprach: »Brumm, brumm, wißt ihr, wo der Kongofluß ist?« Sie sagten ja. Die Hummel sprach: »Gehet hin und ziehet eine Schnur über den Kongo, die von einem Ufer bis zum andern reicht. Könnt ihr das?« Sie sagten ja. Die Hummel sprach: »Auf dieser Schnur werdet ihr einzeln übersetzen, hin und zurück und ohne am andern Ende sich aufzuhalten, in einem Zuge. Versteht ihr mich?« Sie sagten ja. Die Hummel sprach: »Wer den Mann getötet hat, wird dann über dem Flusse, über den ihr einzeln hin und zurück übersetzen werdet, offenbar werden. Versteht ihr mich? Und die Schnur soll nur dünn sein, sie soll nicht dick sein, und der Sang, den jede singen muß, wenn sie über die Schnur geht, ist dieser: »Vater Nangumbi, Vater Nangumbi, Unter dem, der dich ermordet hat, Soll die Schnur Über diesem Fluß zerreißen – Sie soll unter dem zerreißen, Der dich ermordet hat.« »Jawohl,« sagten die Frauen, »das werden wir tun, damit wir den herausfinden, der den Vater Nangumbi ermordet hat.« Darauf gingen sie alle nach Hause und waren des andern Tages, als sie aufwachten, alle bereit zum Marsch an den Kongo. Nur Nankimpiti fehlte. »Willst du nicht mit?« fragten sie sie. Sie erwiderte: »Ich habe wieder Zahnschmerzen.« »Du mußt aber mitkommen,« sprachen sie. Sie antwortete: »Es sei, ich werde mit euch gehen, damit ich euch zusehe, aber ich habe auf jeden Fall sehr, sehr heftige Zahnschmerzen.« »Die werden dich nicht hindern,« antworteten die andern, »keine einzige darf zurückbleiben.« »Also gut,« sagte Nankimpiti, »laßt uns gehen, daß dies zu einem Ende gelangt.« So gingen sie hin und nahmen die Schnur, die ganz dünn war und banden sie an dem einen Ufer des Flusses fest. Dann flog ein Vogel auf, der sie über den Fluß hinüberzog und am andern Ufer festband; und nachdem dies geschehen war, ging Nawoki zuerst unter dem Gesang: »Vater Nangumbi, Vater Nangumbi, Unter dem, der dich ermordet hat, Soll die Schnur Über diesem Fluß zerreißen – Unter dem zerreißen, Der dich ermordet hat.« über den Fluß und kam unter demselben Sange wieder zurück. Dann folgte Nambende, hierauf Nantutu und ebenso Nankimpele, und jede stieß, als sie zurückkam, einen lauten Schrei aus und rief: »Ihr sehet Leute, ich war es nicht!« Zum Schlusse mußte aber auch Nankimpiti auf die Schnur. Sie hatte wieder Zahnschmerzen, aber sie mußte und begab sich auf die Schnur. Ganz leise begann sie zu singen, aber die Leute unten riefen: »Sing lauter! Sing lauter!« und da sang sie auch: »Vater Nangumbi, Vater Nangumbi, Unter dem, der dich ermordet hat, Soll die Schnur Über diesem Fluß zerreißen – Unter dem zerreißen, Der dich ermordet hat.« Und siehe da, auch sie kam an das andere Ufer. Aber, als sie sich umwandte und nach dem diesseitigen Ufer zurückkehren wollte, uns als sie an die Stromschnelle kam, riß die Schnur mitten entzwei und sie stürzte hinunter. Ihre Verwandten erhoben ein lautes Geschrei und begannen zu weinen. Warum? Denn sie erkannten, daß ihre Tochter eine Mörderin war. Der Tausendkünstler der Ebene Ein Mann und eine Frau hatten einen Sohn und eine Tochter; und als das Mädchen zur Heirat gekauft worden war, sagten sie zum Sohne: »Nun haben wir eine Herde zu deiner Verfügung, wir werden dir eine hübsche Ehefrau suchen, deren Eltern ehrenwerte Leute sind.« Er sagte: »Die Mädchen, die es hier gibt, mag ich nicht leiden, ich werde mir selbst aussuchen, was ich haben will.« »Gut,« sagten die Eltern, »mach wie du willst: aber wenn du später Unglück hast, sollst du wissen, daß es nicht unsere Schuld ist.« Er verließ das Land und ging weit, weit in eine unbekannte Gegend. Als er in ein Dorf kam, sah er dort junge Mädchen. Einige zerstampften Mais, andere kochten und eine saß daneben, die nichts tat; aber sie gefiel ihm sehr gut. Er ging zu den Männern des Dorfes und sagte: »Guten Tag, Väter.« »Guten Tag, junger Mann« erwiderten sie, »was wünschest du?« »Ich möchte eure Töchter ansehen, denn ich will mir eine Frau nehmen.« »Schön, wir werden sie dir zeigen,« erhielt er zur Antwort, »und du kannst dann wählen.« Darauf führten sie alle an ihm vorüber, und er bezeichnete die, welche er haben wollte. »Wie heißt sie?« fragte er. »Die schöne Tjaratjondjorondjondjo.« »Wie?« fragte er. »Tjaratjondjorondjondjo.« »Das ist ein stolzer Name,« sagte er. »Ja, aber schön ist sie.« »Das schon,« sagte er, »und sie gefällt mir.« »Also willst du sie kaufen?« »Gewiß, ich werde sie kaufen.« Sie gab auch sofort ihre Zustimmung. »Deine Eltern werden uns wohl noch besuchen und uns selbst den Brautschatz bringen?« sagten die Eltern des jungen Mädchens. »Ganz und gar nicht,« antwortete er, »ich habe meinen Brautschatz bei mir, hier ist er.« »Dann,« fügten sie hinzu, »werden sie aber doch später kommen, um dir deine Gattin zuzuführen?« »Nein,« erwiderte er, »ich fürchte, sie würden euch nur kränken mit ihren Ermahnungen für das Mädchen. Laßt sie mich nur gleich mitnehmen.« Die Eltern der jungverheirateten Frau willigten ein und nahmen sie nur noch einmal in ihrer Hütte beiseite, um ihr Verhaltungsmaßregeln zu geben. »Sei gut gegen deine Schwiegereltern,« sagten sie, »und pflege deinen Mann ordentlich. Und wir werden dir noch, weil wir reich sind, mehrere Mädchen mitgeben, die dir bei der Hausarbeit helfen sollen.« Aber die junge Frau wies sie zurück. »Wie?« sprachen sie, »wie willst du dir dann helfen?« Sie sprach: »Gebt mir nur den Büffel des Landes mit, unseren Büffel, dann werde ich keine Mädchen brauchen.« Darüber erschraken ihre Eltern und sagten: »Den Büffel, den Tausendkünstler der Ebene, willst du haben?« Sie erwiderte: »Ja, nur ihn will ich haben,« und die Eltern sagten darauf: »Du weißt, daß unser aller Leben von ihm abhängt. Hier wurde er gut genährt und gepflegt, und was willst du im fremden Lande mit ihm anfangen? Er wird hungern und sterben, und das wird ein großes Unglück für uns alle werden.« Doch sie erwiderte: »Da macht ihr euch grundlose Sorgen. Ich werde ihn schon gut pflegen und etwas anderes will ich nicht.« Darauf sagten die Eltern: »Also denke dran, und wenn ein Unglück geschieht, ist es nicht unsere Schuld.« Als sie in das Dorf des Gatten kam, wurden sie mit Freudengeschrei empfangen: »Hojo, hojo, hojo,« und als sie zu seinen Eltern kamen, fragten diese, wie die Schwiegertochter heiße, worauf der Sohn sagte, daß sie Tjaratjondjorondjondjo heiße. »Wie?« fragten die Schwiegereltern. »Tjaratjondjorondjondjo.« »Das ist ein stolzer Name,« sagten die Schwiegereltern. »Aber schön ist sie,« sagte der Sohn. »Das schon,« sagten sie, »aber was werden die Leute zu dem Namen sagen?« »Das geht mich nichts an.« »Nun ja. Wenn sie nur bei der Arbeit tüchtig ist ... Du hast keine von denen gewollt, die wir dir vorgeschlagen haben, und die ... wie heißt sie?« »Tjaratjondjorondjondjo,« sagte er. »Ja, die hast du gebracht und hast deinen Kopf durchgesetzt. Aber es macht nichts, es wird schon so gut sein, wenn sie nur tüchtig ist bei der Arbeit, auf dem Felde und kocht und den Mais stampft. Wenn es aber einmal nicht gut gehen sollte, darfst du dich nicht beklagen.« »Sie ist tüchtig und ich werde mich nicht beklagen,« erwiderte der Sohn. Nun muß man wissen, daß der Büffel, den sie sich von den Eltern gewünscht und mitbekommen hatte, nur ihr sichtbar war, kein anderer konnte ihn sehen. »Den Schwiegereltern,« sagte sie zu ihrem Mann, »gefalle ich, scheint es, nicht.« »Oh,« erwiderte er, »sie fragten nur, ob du tüchtig bist bei der Arbeit.« »Und was hast du ihnen geantwortet?« »Daß du sehr tüchtig bist, tüchtiger als alle, die bei uns hier im Dorfe leben. Und ich habe ihnen gesagt, daß wir gleich heute auf die Felder gehen werden, weil du gesagt hast, daß du gleich wissen willst, welches die meinigen sind und welche die meiner Mutter und der andern, weil du schon morgen zu arbeiten anfangen willst.« »Ja,« sprach sie, »das hast du gut gesagt, komm, daß wir keine Zeit verlieren.« Und sie gingen und hinter ihnen ging unsichtbar der Büffel; und sie merkte sich alles. Als sie aber mit ihrem Manne zu dem Dorfe zurückkehrte, sagte sie unterwegs: »Oh weh, ich habe meine Perlen auf dem Felde verloren und muß umkehren, sie zu suchen. Geh du aber nach Hause, ich werde dir bald folgen.« Darauf ging er; und als sie nun mit dem Büffel allein war, sprach sie zu ihm: »Hier ist die Grenze unserer Felder, bleibe hier; und dann ist hier noch ein Wald, in dem du dich verstecken kannst.« »Es ist recht,« antwortete er. Als sie nach Hause kam, sagte die Schwiegermutter, daß es nötig sei, Wasser zu holen, und der junge Mann sagte: »Tjaratjondjorondjondjo, möchtest du nicht statt der Mutter Wasser holen?« »Gewiß,« sagte sie, lief zu den Feldern hin, setzte den Krug vor dem Büffel nieder und sprach: »Büffel, schöpfe.« Darauf lief der Büffel an den See und brachte im Augenblick den vollen Krug zurück. »Ja, aber jetzt brauchen wir auch Holz,« sagte die Schwiegermutter, »wer soll es holen?« Die junge Frau eilte zum Büffel, er ging ins Dickicht, brach mit seinen Hörnern von den Bäumen soviel Holz ab, als sie brauchte, und im Augenblick hatten sie im Hause das Holz. »Morgen aber,« sagte die Schwiegermutter, »werden wir hier in der Ecke im Gestrüpp den Boden urbar zu machen anfangen.« Am Morgen brachte die junge Frau dem Büffel eine Hacke und bis zum Abend war ein weites Feld urbar gemacht. Und so ging es Tag für Tag. Da verwunderten sich die Leute im Dorfe und sagten, weil sie nicht ahnten, wie sich die Sache wirklich verhielt: »Die mit dem langen Namen ist doch ein Wunder. Was hat sie für Kraft und wie schnell sie arbeitet! Im Augenblick ist sie immer vom Brunnen zurück und hat ihr Bündel Holz gesammelt und das Feld bestellt ...« So wäre alles in Ordnung gewesen. Nur aber brachte sie dem Büffel nichts zum Essen; denn sie hatte nur einen Teller für sich und ihren Mann, während der Tausendkünstler seinen eigenen Teller brauchte. Und zu Hause, da hatte er auch immer einen für sich allein gehabt und war sorgfältig ernährt worden, während es hier daran fehlte; und da sagte er eines Abends zu seiner Herrin: »Ich habe Hunger und du gibst mir nichts zu essen. Ich kann bald nicht mehr arbeiten. Ach, weh, was mache ich nur?« Darauf sprach sie: »Es ist nicht meine Schuld, mir haben nur einen Teller im Hause.« Er fragte: »Ist es meine Schuld? Ich arbeite und arbeite und tue was du befiehlst und bin noch immer gegangen, wohin du mich geschickt hast. Aber wie soll ich arbeiten, wenn mich immer der Hunger quält? Soll ich denn herumgehen und auf den fremden Feldern Nahrung stehlen?« Da sagte sie: »Ja, wirklich, die Leute bei uns zu Hause haben recht gehabt, als sie mir sagten, daß, wenn sie dich mir mitgäben, du zu stehlen anfangen müßtest ... Aber weißt du was, es ist ja doch das beste ... du könntest wirklich stehlen. Geh hier in unser Feld und nimm dir da und dort etwas, aber nicht viel, damit mein Mann es nicht merkt; und dann gehst du in die andern Felder und nimmst auch da etwas und dort etwas und nicht alles von demselben Fleck, dann werden es die Besitzer gar nicht gewahren.« Sprach der Büffel: »Was will ich tun, wenn meine Herrin mich verhungern läßt.« Und abend kam er in die Felder und verschlang hier etwas und dort etwas, ging von einer Ecke in die andere und begab sich schließlich in sein Versteck zurück. Jedoch als die Frauen am nächsten Morgen auf die Felder kamen, merkten sie es und riefen: »Hehe, was war hier los? So etwas haben wir noch nicht erlebt. Ein wildes Tier hat unsere Anpflanzungen vernichtet. Man kann seine Spur verfolgen. Oh, das arme Land!« So riefen sie und liefen ins Dorf zurück, wo sie die Geschichte erzählten. Die junge Frau aber sagte sich: »Sie sind ja sehr bestürzt, aber doch nicht allzusehr. Ich sehe noch keine, die auf den Rücken gefallen wäre.« Und abends sagte sie zum Büffel: »Stiehl nur weiter,« und so geschah es. Da schrien aber die Besitzerinnen der verwüsteten Felder immer aufgeregter. Sie wandten sich an die Männer und baten sie, ihnen die Wächter mit den Flinten zu holen; und da der Mann der jungen Frau ein sehr guter Schütze war, wartete er nicht auf die Wächter, sondern stellte sich in seinem Felde auf die Lauer und sagte: »Die beste Wache ist, wenn man selbst wacht.« Der Büffel dachte indessen diesmal, daß man ihm auf dem fremden Felde, wo er den Abend vorher gestohlen hatte, vielleicht auflauern würde und ging auf dasjenige seiner Herrin, wo er zuerst gegrast hatte. Da sagte der Mann: »Was ist das für ein Büffel? Das ist ein fremdes Geschöpf, wie man es hier noch nie gesehen hat,« und schoß. Der Tausendkünstler der Ebene überschlug sich und fiel tot nieder. »Das war ein guter Schuß,« rief der Jäger und verkündete es im Dorf. Nun fing die junge Frau, die nicht gewußt hatte, weshalb ihr Mann in der Nacht abwesend gewesen war, an zu jammern und sich zu winden: »Oh, ich habe Leibschmerzen oh, oh.« »Beruhige dich,« sagte man ihr. Aber es half nichts. Man gab ihr Medizin, aber sie goß sie heimlich weg und weinte nur und war bestürzt. Alles machte sich auf, Frauen mit Körben und Männer mit Messern, um den Büffel zu zerstückeln: sie blieb allein im Dorfe zurück. Aber bald ging sie ihnen nach, hielt sich den Leib, wimmerte und schrie. »Was fällt dir ein, hierherzukommen?« sagte der Mann, »wenn du krank bist, so bleibe zu Hause.« »Nein, es duldet mich nicht im Dorf allein.« Die Schwiegermutter schalt und sprach: »Du weißt nicht, was du tust, den Tod kannst du dir davon holen.« »Nein,« rief sie, »ich bleibe hier,« und als sie die Körbe mit Fleisch gefüllt hatten, nahm sie den Kopf des getöteten Tieres und trug ihn nach Hause. Dort ging sie aber nicht in die Hütte, sondern in den Verschlag hinten. Ihr Mann suchte sie, um sie hineinzuholen, weil sie dort besser aufgehoben wäre; sie antwortete barsch: »Laß mich, ich will nicht hinein.« Die Schwiegermutter kam; darauf sprach sie unfreundlich: »Warum quält ihr mich, der Kopf tut mir weh, laßt mich allein.« Man brachte ihr Nahrung: sie stieß sie von sich. Aber als die Nacht kam, holte sie sich Feuer, schüttete ins Wasser eine Medizin, begann an der Stelle, wo die Kugel getroffen hatte, an dem Kopf zu saugen, und hielt ihn über die Glut, über den aus dem Topf mit der Medizin aufsteigenden Dampf. Dann fang sie: »Ach mein Vater, Tausendkünstler der Ebene, Wohl haben sie es mir gesagt, wohl haben sie es mir gesagt, Tausendkünstler der Ebene; Du wirst durch tiefe Finsternis gehen und nach allen Seiten durch die Nacht irren, Tausendkünstler der Ebene. Du warst der Wunderbaum, der junge, gewachsen mitten aus Trümmern, Der vor der Zeit starb, aufgezehrt von einem nagenden Wurme. Du ließest Blumen und Früchte auf deinen Weg fallen, Tausendkünstler der Ebene, Der vor der Zeit starb.« Als sie ihre Beschwörungsformel beendet hatte, rührte sich der Kopf, die Glieder wuchsen, der Büffel begann wieder lebendig zu werden und streckte seine Glieder – da trat ihr Mann heraus, der in der Hütte nicht schlafen konnte und sich sagte: »Warum weint sie fortwährend und warum ihre Seufzer?« Er kam in den Verschlag, um sie zu rufen. Im höchsten Zorn antwortete sie: »Laß mich.« Da fiel der Kopf des Büffels wieder zur Erde, durchbohrt wie vorher. Der Mann kehrte in die Hütte zurück; er hatte nichts gesehen und nichts verstanden. Daraus begann sie von neuem die Beschwörung, setzte die Wunde dem Dampf aus und sang wie vorher: »Ach mein Vater, Tausendkünstler der Ebene, Wohl haben sie es mir gesagt, wohl haben sie es mir gesagt, Tausendkünstler der Ebene; Du wirst durch tiefe Finsternis gehen und nach allen Seiten der Nacht irren, Tausendkünstler der Ebene. Du warst der Wunderbaum, der junge, gewachsen mitten aus Trümmern, Der vor der Zeit starb, aufgezehrt von einem nagenden Wurme. Du ließest Blumen und Früchte auf deinen Weg fallen, Tausendkünstler der Ebene, Der vor der Zeit starb.« Noch einmal richtete sich der Büffel auf, seine Glieder wuchsen – da kam wieder der Mann beunruhigt, um nachzusehen, was seine Frau mache; und sie rannte erbittert hinaus, denn abermals mißlang der Zauber. Und als der Morgen anbrach, und sie es noch einmal versuchte, kam die Schwiegermutter und ein viertesmal ging es mit dem Zauber nicht mehr. Da sagte sie: »Ich will allein im See baden gehen,« und als sie zurückkam, erzählte sie, sie habe einen Mann getroffen, der ihr sagte, sie solle rasch heimkehren, weil ihre Mutter sehr erkrankt sei und vielleicht bald sterben werde: »Lebt also wohl,« sprach sie, »ich gehe fort.« Und sie ging, den Korb auf dem Kopf und auf dem ganzen Weg den Schlußvers des Tausendkünstlers der Ebene singend: »Du ließest Blumen und Früchte auf deinen Weg fallen, Tausendkünstler der Ebene, Der vor der Zeit starb.« Und überall, wo sie, nachdem sie ihr Land erreicht hatte, vorbeikam, rotteten sich die Leute zusammen und begleiteten sie mit dem Rufe: »Ein Unglück ist geschehen« ins Dorf. Als sie dort hinkam, fragten die Eltern: »Was ist dir?« »Was mir ist? Ich werde verrückt.« »Warum?« »Der Tausendkünstler der Ebene ist tot.« Da begannen alle die Hände zu ringen, und die Leute sagten: »Siehst du, wir haben es dir vorausgesagt, du hast aber alle jungen Mädchen zurückgewiesen, die wir dir mitgeben wollten und hast uns den Büffel genommen, der der Vater unseres Lebens gewesen ist und uns Nahrung gebracht hat!« Und während sie so sprachen, kam ihr Mann, der ihr nachgegangen war, und setzte sich unter einen Baum und lehnte die Flinte an den Baumstamm. Und die Leute begrüßten ihn, indem sie riefen: »Sei gegrüßt, Verbrecher, sei gegrüßt, du hast uns alle getötet!« Er verstand nicht, was sie meinten; sie schrien: »Den Büffel hast du getötet!« »Ich habe einen getötet,« sagte er, »weil er gestohlen hat. Hat noch niemand einen Büffel getötet?« »Ja, aber dieser Büffel,« sagten sie, »war der Beistand deiner Frau. Er hat Wasser für sie geschöpft, Holz geschnitten, im Felde gearbeitet.« Erstaunt sagte der Mann zu der Frau: »Warum hast du mich das nicht wissen lassen? Hätte ich ihn dann getötet?« Sie wälzte sich vor ihm im Staube und sagte: »Ich habe ihn getötet, ich.« Er sagte: »Komm zurück.« Sie antwortete: »Nein.« Er sprach: »Ihr Leute, wollt ihr sie hierbehalten?« Die Leute schrien: »Sie hat uns alle getötet, nein!« »Also komm,« sprach er und ergriff sie an der Hand. Darauf verließen sie das Dorf und machten sich auf den Heimweg; aber es folgten ihr ihre Eltern, Brüder, Schwestern und alle andern, und ihr Vater sang: »Ach, mein Vater, Tausendkünstler der Ebene!« Die Mutter sagte: »Du wirst durch Finsternis gehen.« Die Schwestern: »Du wirst nach allen Seiten durch die Nacht irren.« Die Brüder: »Du warst der junge Wunderbaum, du warst der junge Wunderbaum,« und die andern klagten: »Der vor der Zeit starb, der vor der Zeit starb.« und alle riefen: »Tjaratjondjorondjondjo, Tjaratjondjorondjondjo, Er ließ auf deinem Weg Blumen und Früchte fallen Und du hast ihn getötet.« Da eilte sie zum reißenden Fluß hin, der in der Nähe vorbeiströmte und warf sich hinein. Als der Mann nach Hause zurückkehrte, sagten seine Eltern zu ihm: »Als wir dir anboten, dir eine kluge Frau auszusuchen, wolltest du nach deinem Kopf gehen und brachtest uns die Schöne mit dem stolzen Namen. Und sie hat soviel Unglück über ihr eigenes Land gebracht!« Wundenvoll und Weißbaum Mädchen gingen einst aus, um Krabben zu fischen. Da begegnete ihnen der Wundenvoll und sie riefen: »Hu, was deine Wunden so rot sind; wir wollen dich nicht, wir wollen dich nicht.« Er folgte ihnen aber trotzdem. Nun kamen sie zum Wasser und sahen einen Stein, unter dem sich eine Menge Krabben versteckten. Sie versuchten ihn zu heben, doch war er zu schwer und sie fragten, wer ihnen da helfen wolle. Der Wundenvoll sagte: »Ich!« und sie lachten wieder; wir wollen dich nicht, wir wollen dich nicht, weil deine Wunden so rot sind. Er kehrte aber doch den Stein um, so daß sie die Krabben fingen; und wiederum sangen sie: »Wir wollen dich nicht, wir wollen dich nicht. Was sind deine Wunden so rot!« Unterdessen war es Nacht geworden, und es war so finster, daß sie nicht sehen konnten. Da sagte Wundenvoll: »Faßt euch gegenseitig an der Lendenschnur und eine hinter der anderen werdet ihr vorwärts schreiten.« »Gut,« sagten sie, »aber geh du voran, du wirst uns mit deinen Wunden leuchten.« So stellte er sich an die Spitze, und sie gingen lachend, eine hinter der anderen und sangen: »Dse, dse, dse, Hinten ist's ganz finster Und vorne leuchten – Vorne leuchten Gleich dem Tage deine Wunden. Wir wollen dich nicht, wir wollen dich nicht, Lieber Wundenvoll!« Nun kamen sie aus dem Walde heraus zu einer Hütte, in der der Weißbaum wohnte. Sie klopften, aber er machte ihnen nicht auf. Da sprach Wundenvoll: »Öffne Weißbaum, Mädchen sind's, und sie sind müde.« Und alle riefen: »Weißbaum, Weißbaum, mach auf!« Da öffnete er und brummte; aber als er die Mädchen sah, sprach er: »Gut, so bleibet,« und sie traten ein. Dann brachte er Matten, die er ausstreckte, da konnten sich die Mädchen zum Schlafen hinlegen, und auch dem Wundenvoll legte er eine hin. Aber es war eine zu wenig, und was ist da zu tun? fragten die Mädchen. Doch Wundenvoll sagte: »Das schadet gar nichts, ich kann auf der Erde schlafen,« worauf die Mädchen wieder sangen: »Wundenvoll, wir wollen dich nicht, Deine Wunden sind so rot!« Darauf sagte der Weißbaum: »Also wollet ihr mich, Mädchen?« Aber sie lachten: »Weiß bist du, Weißbaum. Hast keine Wunden – Wir wollen dich nicht, Wir wollen dich nicht.« Sie schliefen ein. Da nahm der Weißbaum, weil er darüber erzürnt war einen Speer und steckte ihn ins Feuer. Dann blies er hinein. »Tuu, tuu, glühe schnell, Tuu, tuu, glühe schnell. Diese Mädchen muß du fressen. Tuu, tuu, glühe schnell.« Wundenvoll hörte es und begann sich zu räuspern, worauf der Weißbaum flüsterte: »Schläfst du nicht?« Wundenvoll antwortete: »Nein, mich beißen meine Wunden.« »So kratze dich,« knirschte Weißbaum, »und laß die andern schlafen.« »Gut,« sagte Wundenvoll, und tat, als läge er wieder im Schlaf. Da begann Weißbaum wieder zum Speer zu sprechen: »Glühe schnell, glühe schnell,« und Wundenvoll schrie wieder: »Uj, uj!« So öffnete Weißbaum leise die Türe und ging hinaus. Und Wundenvoll sah, da er ihm nachschlich, wie Weißbaum zum nahen Wald ging. Dort weckte er die Löwen, die Leoparden, sowie die anderen Tiere und sprach: »Kommt Tiere, Mädchen sind in meinem Hause, die haben gesungen: »Weiß bist du, Weißbaum, Hast keine Wunden – Wir wollen dich nicht, Wir wollen dich nicht.« »Kommt sie zu fressen,« sagte er darum den Leoparden und Löwen, »die Mädchen und auch Wundenvoll sind in meinem Hause.« »Was,« antworteten die Tiere, »auch er ist dort? Von ihm haben wir Wunden! Wir kommen gleich, wir kommen gleich. Geh nur voran.« Aber Wundenvoll hörte es und lief gleich zurück zu den Mädchen. »Auf,« sagte er, indem er sie weckte, »der Weißbaum ist gegangen, um alle Löwen und Tiere zusammenzuholen, auf daß sie uns auffressen.« Und gleich erhoben sich alle und eilten leise davon. Indes sie nun dahinliefen, kehrte Weißbaum zurück, und als er die Hütte leer fand, erschrak er und rannte wieder hinaus. Da sah er in der Ferne Menschen, die den Berg hinaufstiegen und rief zu ihnen: »Ihr, die ihr dort gehet, woher kommt ihr? Ihr, die ihr dort gehet, woher kommt ihr? Seid ihr die Mädchen, die hier gewesen sind?« Die Mädchen erschraken. Doch Wundenvoll stand still und rief hinunter: »Nicht von dort, Vetter, Nicht von dort, Vetter, Wir kommen von unten. Vom Waschen der Fräulein Und nicht von den Krabben! Wir haben nicht Haken und ihre Hauen.« Und weiter jagten die Mädchen. Doch Weißbaum sagte: »So sterbe ich heute selber, denn das werden die Löwen und Leoparden mir nicht verzeihen.« Und er sprach zum Hahn: »Hilf mir, daß ich mich verstecke; willst du mir ein Loch graben, damit ich mich darin verberge?« Da nahm der Hahn eine Scherbe und grub ihm ein Versteck; wonach Weißbaum hineinschlüpfte, und der Hahn deckte es wieder zu mit einem Stein. Da kamen aber auch schon die Löwen, die Eber, das Krokodil und die Leoparden, und die Löwen brüllten: »Den Weißbaum, den fressen wir, Den Weißbaum, den fressen mir, Wenn er uns betrogen Und die Mädchen davongelaufen sind.« Und immerfort brüllten sie: »Weißbaum, dir wird's nicht gut gehn; Weißbaum, dir wird's nicht gut gehn, Wenn du uns betrogen Und auch der Wundenvoll davongelaufen ist.« Richtig, als sie kamen, war niemand in der Hütte zu finden und sie fragten den Hahn, wo der Weißbaum sei. Er breitete seine Flügel aus und machte Ch, ch, um davonzufliegen, aber sie jagten ihn ringsherum, und da krähte er: »Kokoliko, schaut auf dem Dache, wo.« Sie schauten, aber kein Weißbaum war da, da jagten sie den Hahn wieder und brüllten: »Dich selbst fressen wir, wenn du uns anlügst;« und da krähte er: »Kokoliko, schaut nochmals in der Stube, wo.« Wieder war kein Weißbaum da, und da kamen sie wieder und einer faßte ihn und schrie: »Kerl, jetzt sprich!« Da krähte der Hahn: »Kokoliko, Schaut auf dem Hofe, Dort liegt ein Stein auf der Grube, Schaut dort nach, wo.« Da deckten sie die Grube auf und heraus kroch der Weißbaum und sie brüllten: »Betrogen hast du uns.« »Es ist nicht wahr,« schrie er. »Der Wundenvoll war da und die Mädchen auch, er hat ihnen gesagt, sie sollen davonlaufen. Allein es sangen die Löwen: »Der Wundenvoll, den kennen wir, Von uns sind seine Wunden. Doch haben wir dich, doch haben wir dich, Und du sollst's uns entgelten –« und fraßen den Weißbaum auf. Der Eber nahm ein Stück, die Antilope nahm ein Stück und das Krokodil auch, und der Löwe und Leopard, die fraßen das meiste; und so war's mit Weißbaum aus. Doch die Mädchen auf dem Berge sangen: »Der Wundenvoll, der Wundenvoll, Woher hat er seine Wunden? Wir wollen ihn nicht, wir wollen ihn nicht, Von den Löwen sind seine Wunden.« Warum Gott noch lebt Es war einmal ein Mann, der war unzufrieden und sagte, es ginge ihm schlecht. »Warum geht es dir schlecht?« fragten ihn die Leute. Er erwiderte: »Daran ist Gott schuld, er hat einen Haß auf mich, und wenn ich ihn einmal treffe, werde ich Rache nehmen.« »Wie willst du an ihm Rache nehmen?« fragten sie. Er schrie: »Ich werde ihn töten! Gleich jetzt mache ich mich auf und suche ihn durch die ganze Welt, und wenn ich ihn finde, werde ich ihn töten!« Damit rannte er weg und begab sich in die Welt und schrie überall: »Wo ist er denn, damit ich ihn töte?« Lange suchte er, da kam er an einen Ort, wo auf dem Markte gerade Imana spazieren ging. Die Leute kannten ihn nicht, er aber kannte alle in dem Ort, weil er schon oft dort gewesen war. Da hörte er, wie der wilde Mann durch die Straßen lief mit den Worten, wo er denn sei, damit er ihn töte. Er ging auf ihn zu und fragte ihn, wer er sei. Jener erwiderte: »Ich bin der und der und bin aus dem Dorfe so und so im Sahuogebiete.« »Und wer ist es denn, den du töten willst?« »Gott will ich töten!« schrie der Mann und rannte davon, um weiter Gott zu suchen, und zwar rannte er so rasch davon, daß er verschwunden war, ehe Gott ihn aufhalten konnte. Einige Tage nachher traf er ihn in einem anderen Orte wieder und erkannte ihn, während der Mann ihn nicht erkannte und nicht wußte, daß er Gott war. Er ging auf ihn zu und sprach: »Du, Abdallah, wer ist es, den du suchst und den du töten willst?« Abdallah erwiderte: »Gott.« »Gut,« sagte Gott, »ich bin Gott. Hier hast du mich. Töte!« Der Mann sah ihn verblüfft an und sagte nach einer Weile: »Es ist nicht wahr, du bist nicht Gott.« »Doch, doch,« erwiderte Gott, »du kannst mir glauben, daß ich es bin. Oder verlangst du einen Beweis?« »Ja,« sagte der Mann, »das wäre mir schon recht. Also was hast du für einen Beweis?« Sagte Gott: »Was für einen willst du? Mir ist es alles eins.« Der Mann sprach: »Wenn es dir alles eins ist, also halte mal – was sollen wir sagen – den Himmel und die Erde in einer Hand und zwar jetzt gleich vor meinen Augen, damit ich mich davon überzeuge.« »Gut,« sagte Gott, »also sieh her.« Und er streckte die Hand aus und faßte Himmel und Erde mit einer Hand, worauf er zu dem Manne sprach: »Also siehst du?« »Ja.« »Und glaubst du mir jetzt, daß ich Gott bin?« Der Mann sagte: »Ja, jetzt glaub ich.« »Nun denn,« sagte Gott, »du hast mich jetzt also und kannst mich töten, wie du es geschworen hast. Abdallah, warum tötest du mich nicht?« »Ach,« erwiderte Abdallah, »jetzt, wo ich mich überzeugt habe, daß du so stark bist, soll ich mit dir zu streiten anfangen?« Und er drehte sich um und ging. Daher kommt es, daß Abdallah den Imana noch immer nicht getötet hat. Die Pilgerfahrt nach Mekka Ein gewisser Lehrer wollte nach Mekka gehen, um auch das noch zu seinen Verdiensten hinzuzufügen, denn er war ein sehr frommer Mann. Er hatte ein sehr mageres Pferd, das bestieg er und ritt und ritt, bis sein Pferd ganz erschöpft war. »Da kam ihm eine Hyäne entgegen die sagte: »Lehrer, wo willst du hin?« Er sprach: »Auf der Pilgerfahrt bin ich, ich will nach Mekka wandern.« Und sie sagte: »Da wird wohl der Himmel auf dem Wege mit dir sein und dir die Reise leicht machen.« »Ach, antwortete er betrübt, mir scheint, daß der Himmel über mich erzürnt ist; mein Pferd ist so müde und erschöpft.« Sie betrachtete das Pferd und sagte: »Wirklich, müde ist's, aber es ist kein Wunder, es ist ganz mager und alt. Hast du denn kein anderes?« »Nein,« sagte er. »Das ist traurig,« erwiderte sie, »damit wirst du nicht nach Mekka gelangen. Es wäre besser, du sähest dich nach einem andern Reittier um.« »Wo soll ich es aber hernehmen?« sagte er. Sie antwortete: »Dafür gäbe es einen Rat, wenn du wolltest. Am besten wäre es, wir würden das Tier schlachten und aufessen. Gerne würde ich dich dann weiter tragen, denn auch ich sehne mich nach Mekka. Gleich würdest du sehen, wie rasch es sich auf mir reitet.« »Mir scheint, du willst mich betrügen,« sagte der Lehrer. Sie schlug die Augen zum Himmel auf und sagte: »Wie sprichst du? Habe ich denn kein Gewissen im Leibe? Einen heiligen Mann betrügen, der nach Mekka wandert! ...« Da sagte der Lehrer: »Also gut, ich verlasse mich auf dein Wort.« Da stieg er ab, und sie zerriß das Pferd; und wie er sie besteigen wollte, um weiter zu reiten, sagte sie: »Einen Augenblick warte nur noch, ich will von meinen Jungen Abschied nehmen, und da wir doch miteinander das ganze Pferd nicht aufessen können, wirst du nichts dagegen haben, wenn ich ein paar Stückchen davon noch zum Abschied meinen Jungen bringe.« Sagte er, gut, und breitete seinen Gebetsteppich im Sande aus, um mit dem Gesichte nach Mekka sein Gebet zu verrichten – und wie er sich umwandte, war die Hyäne nicht mehr da. Und er wartete und wartete. Aber sie kam nicht, und da schlug er sich an die Brust. Indem kam ein Schakal daher, der sich wunderte, wie er ihn so betrübt dasitzen fand und sagte: »Lehrer, was ist geschehen?« Darauf erzählte er es dem Schakal und meinte. Und der Schakal sagte: »Weine nicht, ich bringe dir die Hyäne zurück.« Er hob den Sattel, die Satteldecke, Gebiß, Zaum und Sporen auf, sowie die Peitsche und ging damit weg. Und auch ein Stück Fleisch, das die Hyäne noch zurückgelassen hatte, nahm er mit. Unterwegs ließ er die Stücke vom Sattel und Zaumzeug einzeln fallen, bis er in die Nähe der Wohnung der Hyäne kam. Nun legte er die Satteldecke beiseite, ging weiter bis zu der Höhle und rief: »Liebe Kinder, euer Onkel, der Schakal ist da!« Er bekam zunächst keine Antwort, denn die Hyäne hatte ihren Kindern aufgetragen: »Wenn jemand kommt, um nach mir zu sehen, müßt ihr am besten schweigen und wenn es nicht anders geht, sagen, ich wäre nicht da.« Als er aber wieder rief und sagte: »Kinder, euer Onkel hat eine wichtige Botschaft,« antworteten sie: »Unsere Mutter ist nicht zu Hause.« Da rief der Schakal: »Ach, eure arme Mutter hat doch kein Glück! Wenn man die Leute sucht, um ihnen etwas Gutes zu melden, dann hindert sie das Unglück, so daß sie nicht dazu gelangen.« Fragten die Kinder: »Was ist es denn?« Und der Schakal antwortete: »Eine sehr fette Kuh liegt dort auf dem Wege. Sie ist gestorben, und ich bin gekommen, um eure Mutter zu rufen und sie ihr zu zeigen. Und da saget ihr, sie ist nicht da! Also lebet wohl!« Da rief die Hyäne selbst auf einmal: »Was ist da los? Wer sucht mich?« und der Schakal antwortete: »Ich bin es, der Schakal. Dort liegt eine sehr fette Kuh auf dem Wege, ich habe ein Stück abgeschnitten und dir mitgebracht, aber deine Jungen sagten, du wärest nicht zu Hause.« Und die Hyäne rief darauf: »Es ist kein Gott außer Gott! Da sieh, was für Nichtsnutze das sind, meine Kinder. Immer treiben sie es so. Ich habe geschlafen und sie wußten ganz gut, daß sie mich rufen konnten. Aber nein, an das nächste denken sie nicht. Ich wäre nicht da, haben sie dir gesagt, diese Kerle.« Und schon öffnete sie die Türe und begrüßte den Schakal. »Also, das freut mich, daß ich dich doch getroffen habe,« sagte er. »Da nimm dieses Fleisch. Was sagst du? Mir schmeckt es vortrefflich;« und er hielt der Hyäne das Stück Fleisch hin. Sie verschlang es und sagte: »Laß uns gehen.« Sie machten sich auf den Weg, und die Hyäne lief weit voran, während der Schakal zurückblieb, so daß die Hyäne sagte: »Was ist das, daß du heute so langsam gehst? Sonst pflegst du besser zu laufen.« Worauf der Schakal erwiderte: »Ich weiß selbst nicht, was mir heute ist, den ganzen Tag tut mir schon der Fuß weh. Ich glaube, ich habe ihn mir verstaucht.« »Das ist zu dumm,« sagte die Hyäne, »ist's noch weit bis zu der Kuh?« »Ja, eine hübsche Strecke ist's noch.« Die Hyäne murrte: »Dann wird vielleicht der Löwe kommen, bis wir dort sind und uns alles wegnehmen. Tut dir wirklich der Fuß so weh?« »Schrecklich.« »Also, weißt du was, steig auf mich, dann werden wir rascher hingelangen.« Sagte der Schakal: »Ach das tut mir aber leid! Werde ich dir nicht zu schwer sein?« »Nein, nein, steig nur auf, daß wir keine Zeit verlieren, ich habe schon ordentlich Hunger.« Und da stieg der Schakal auf ihren Rücken hinauf. Auf dem weiteren Wege ächzte der Schakal und seufzte: »O, o ..., warte einen Augenblick ... ich steige wieder hinunter. Die Haare auf deinem Rücken sind so rauh.« »Aber nein,« sagte die Hyäne, »bleib doch oben, kann es denn wirklich so weh tun?« »Schrecklich!« wiederholte der Schakal, »du mußt mich hinunterlassen, sie stechen mich durch und durch.« Da kamen sie an der Satteldecke vorbei und die Hyäne sagte: »Nimm das Ding und breite es über meinen Rücken, da wirst du von meinen Haaren nichts mehr spüren, worauf der Schakal sagte: »Wirklich, du hast recht,« und breitete ihr die Decke über und saß wieder auf. Aber nach einigen Augenblicken schrie er wieder: »Es gibt keinen Gott außer Gott, ich kann mich ja gar nicht oben halten, ich muß hinunter, muß hinunter ...« Da kamen sie an dem Gebiß vorbei. »Hol dich der Teufel,« schrie die Hyäne, »nimm das Gebiß, ich werde es in den Mund nehmen und du wirst dich an den Zügeln halten, so wird's besser gehen. Aber mach nur rasch, damit nicht der Löwe uns alles wegfrißt, mach rasch.« Nun kamen sie zu den Sporen. »Schau, wie schön die sind,« sagte der Schakal. »Dummes Zeug,« antwortete die Hyäne. »Doch aber möchte ich sie,« sagte der Schakal, »meinen Kindern möchte ich sie bringen, und ich will nicht weiter, wenn du mich sie nicht mitnehmen läßt;« und da hielt die Hyäne, der Schakal nahm die Sporen, schnallte sie an seine Füße und weiter ging der Ritt. Nun gelangten sie an einen Kreuzweg und sahen dort links schon die Stelle, wo der Lehrer saß, und die Hyäne wollte nach rechts abbiegen, worauf der Schakal sagte: »Warum willst du nach rechts?« »Hier ist es angenehmer,« sagte die Hyäne. »Nein, hier links ist's angenehmer.« »Aber was hast du davon?« sagte die Hyäne, »ich kenne doch die Wege besser, hier kann man rascher laufen.« »Aber das Vieh liegt doch dort links,« antwortete der andere. Und nun wollte die Hyäne umkehren. Da gab ihr aber der Schakal die Sporen, daß sie laut aufschrie und schrie: »Du Pilgersmann, frommer, den es auch drängt nach Mekka zu wandern, wirst du gleich nach links einbiegen? Und merke dir: »Es gibt keinen Gott außer Gott.« Da sprang denn die Hyäne vorwärts und winselte und meinte, bis sie zu dem Lehrer gekommen waren. Dort sprang der Schakal ab und sagte: »Hier Lehrer, hast du deinen Schuldner. Nun steig auf, nimm auch deine Peitsche und bläue sie gehörig durch, dann wird sie dir folgen. Nicht wahr, du Fromme, es gibt keinen Gott außer Gott?« Lob der Heimat Holaho, holaho! Geliebtes Irafale! Auf deinem Markt gibt es Brunnen Und korntragende Rinder. Und unten ist das wogende Meer; Darin schwimmen die Rochen, Und Adler kreisen in der Luft. Irafale, unser Land, Du hast keine Beamten Und hast keine Zöllner, Du, unser liebes Irafaleland. Schönes Wongabo, Wongabo, unser Land! Tanzende Strauße gibt es da, Und Eber mit breitem Rücken, Und weißgefleckte Gazellen, Und Antilopen. Oh Antilope, Be'eza, Du Sohn Alis, des Propheten, Wenn es heiß ist, gehst du zu Berge, Und kommst vermehrt in der Regenzeit wieder, Zu fünft bist du ausgezogen, Und zu fünfzig kehrst du zurück. Ja, Wongabo, unser Land, Da gibt es keine Beamten Und es gibt keine Zöllner In dir, liebes Wongaboland! Oh schönes Hade, Hade, unser Land! Den Ewukbaum hast du, Und den königlichen Juniperus, Und den Christen machenden Baum, Aus dessen Wurzeln sie ziehen, Was sie berauscht macht, Und was der Gerechte verschmäht. Auch Füchse, die klug sind, hast du Und bellende Paviane, Und Vögel, die sich vermehren, Und den Kolibri, der funkelt und schwätzt. Oh Hade, unser Land, Andere haben Beamte Und haben Zöllner. Du hast keine, frei bist du Und schön, du unser Land. Und hast das schönste der Hölzer, Und den schönsten der Steine, Und die schönste der Sprachen. Denn das schönste Holz ist die Flinte, Das Salz der schönste der Steine, Und die schönste der Sprachen ist der Koran. Die sechs Brote Es war ein Mann, der kaufte täglich sechs Brote. Ein Freund, der es sah, fragte: »Was tust du mit ihnen?« Er antwortete: »Eines benütze ich; eines werfe ich weg; mit zweien zahle ich Schulden und zwei leihe ich weg.« Der Freund sprach: »Möchtest du mir nicht die Sache erklären?« Er sagte: »Eines esse ich; eines gebe ich meiner Schwiegermutter; zwei gebe ich meinen Eltern, die mir Brot gegeben haben, und die letzten zwei leihe ich meinen Söhnen, damit sie mir sie zurückgeben, wenn ich alt geworden bin.« Der Lump Vom Koran weiß ich nichts Und bin nur Falakobe, der Lump! Und ihr singt in den Dörfern und singt auf den Märkten: Falakobe der Lump! Falakobe der Lump! Ja, Haus hat er keines, Kleid hat er keines, Sein Vieh ist fort über das Bergjoch; Und sein Haar ist wirre, Gleich wie das Heu. Doch ob ich nicht ackere, Und ob ich nicht handle. Und ob Falakobe ein Lump ist: Sie rufen mich zu den Hochzeiten, Da brauchen sie den Sänger, Da ist er soviel wie der Kadi, Und in der Laubenhalle, die sie Für euch Hochzeiter errichten, Im Festsaale ist er Dem König gleich. Ja arm ist er, Eine Handvoll Mais seine Nahrung, Haus hat er keines, Kleid hat er keines, Und ist doch ein König Falakobe, der Lump!