Adolf Schmitthenner Kopf und Herz Beide hatte ich heute gesehen, Luise bei meinem Buchhändler, Isolde auf der Eisbahn. Ich war mit der Korrektur eines Stoßes lateinischer Stilhefte fertig geworden und hatte alles in allem etwa zweihundert Fehler gegen die consecutio temporum angestrichen und fünfzig Versündigungen gegen die Formenlehre mit Ausrufungszeichen am Rande markiert, und nachdem ich dann den Ofen mit Kohlen gefüllt hatte, war ich in die Buchhandlung gegangen, um eine Abschlagszahlung auf meine Neujahrsrechnung zu entrichten. Als ich in den wohldurchwärmten Laden trat, liefen mir die Brillengläser an, denn es war bitterkalt draußen. Ich ging deshalb in dem bekannten Raume auf den Tisch zu wie ein Blinder und begrüßte die Stimme des Buchhändlers, ohne ihren Eigentümer selber zu sehen, indem ich mein Prosit Neujahr! nach der Richtung sandte, aus der das seine gekommen war. Allmählich schwand der Nebel vor meinen Augen, ich konnte die Gegenstände unterscheiden, bezahlte meinen Betrag, warf einen Blick auf die Bücher, die auf dem Ladentische lagen, und wollte gerade gehen, als ich dicht neben mir Luise sitzen sah, meiner Hauswirtin, einer Pfarrerswitwe, einziges Töchterlein. Sie hatte eine Anzahl Noten aus der Leihbibliothek vor sich liegen und war augenscheinlich gerade damit beschäftigt, eine Auswahl zu treffen. Sie hatte nämlich eine wunderschöne Altstimme; mich deuchte, ich hatte nie eine gehört, die so zum Herzen sprach. Da ich selbst keinen übeln Tenor sang, hatten wir früher viel zusammen musiziert, zuletzt am heiligen Abend. Damals hatte mir das Herz gebrannt, wie wenn es ein Weihnachtsbaum wäre, und als ich wieder in meiner Stube war, trank ich ein Glas eiskalten Wassers und schaute lange zum Fenster hinaus, bis mein Kopf so kühl geworden war, daß er zu meinem Herzen sagte: Beinahe hättest du einen dummen Streich gemacht, aber ich bin Meister. Seitdem hatte ich die Wohnung meiner Hauswirtin nicht mehr betreten, und wenn Luisens helles Lachen durch die dünne Wand zu mir klang, ging ich an den Ofen und schürte mit großem Geräusch das Feuer. Und wenn sie eins ihrer Lieblingslieder sang, einen Schumann oder einen Schubert, steckte ich den Kopf zum Fenster hinaus. Leider konnte ich das Herz nicht hinaushängen in die Winterluft. Es blieb in der Stube und vernahm jeden Ton. Aber der Kopf sagte: Ich höre nichts, und pfiff vor sich hin: So leben wir, so leben wir, so leben wir alle Tage. – Und jetzt saß ich wieder neben ihr; ich weiß selbst nicht, wies kam. Warum mußte auch gerade ein lediger Stuhl dastehen? Wir waren beide verlegen und thaten deshalb um so unbefangner. Wir suchten so emsig und ernsthaft in den vorgelegten Noten umher, als wären wir die Einkaufskommission für das Weihnachtsfest eines ländlichen Kasinos. Schon lag ein halbes Dutzend Lieder für Altstimme bereit, Kompositionen von Jensen, Rubinstein, Brahms; da fragte der Buchhändler: Wollen Sie nicht auch einige Duette mitnehmen? Die neuern sind alle weggeliehen, aber gute alte sind genug da. Und er legte ein Pack Noten vor uns hin. Obenauf lag das Schumannsche: Wenn ich ein Vöglein wär. Luise war tief errötet, und in ihrem Blicke, der mich blitzartig streifte, lag eine unbeschreibliche Mischung von Frage, Spannung und mädchenhafter Scheu. Es war mir, als wolle dieser Blick im Vorbeihuschen die Antwort auf des Buchhändlers Frage aus meinen Augen stehlen. Da wandte ich mich ab. Mein Herz rief: Ja ja, nimm sie mit, die Duette, alle! Aber mein Kopf hielt dem Herzen den Mund zu und preßte den eignen zusammen, und als ich hinter ihr – sie war rasch aufgestanden und hatte ihre Sachen zusammengepackt – zur Thür hinausschritt, sagte der Kopf zu meinem Herzen, etwa in demselben Ton, in dem ich zu meinen Tertianern zu reden pflegte: Danke du deinem Schöpfer, daß ich oben sitze und das Heft in der Hand habe! Aber während mein Kopf also triumphierte, ging ich neben ihr her wie ein dummer Junge, und es war mir miserabel zu Mut. Ich bot ihr an, die Noten zu tragen, erhielt aber keine Antwort. Sie stürmte die Straße entlang, ohne sich im geringsten um mich zu kümmern. Wie sie so schön war! Welcher Gang! so leicht, so sicher, so vornehm! Welche Gestalt! so schlank und voll! Wie rosig das liebliche Antlitz leuchtete, vom Winterhauch geküßt! Wie die Locken flatterten um den feinen Nacken! Welch überlegner Zug um den energischen Mund, und welches Fluten klugen Nachdenkens von der weißen Stirn herab den Augen zu! Mein Herz war wieder einmal hingerissen. Mein Kopf aber hatte offenbar ein Gefühl davon, daß er mich aus der peinlichen Lage mit guter Art herausreißen müsse, verfiel aber auf das Dümmste. Ich fragte: Wie hat Ihnen der Zlatorog gefallen? Ich hatte nämlich Luisen Baumbachs Zlatorog zu Weihnachten geschenkt und versprochen, ihr und ihrer Mutter das Buch vorzulesen. Kaum hatte ich meine Frage gethan, so biß ich mich auf die Zunge, denn mein Versprechen fiel mir ein. Ich habe das Buch – nicht gelesen, sagte Luise hastig. Es war mir, als hätte sie vor dem nicht ein noch verschluckt, aus Trotz, um mich es nicht merken zu lassen, daß sie auf mich gewartet hätte. Nach einer kleinen Pause – wir waren schon zu Hause angelangt, und sie flog vor mir die Treppe hinauf – sagte sie in leichtem Ton, aber nachdrucksvoll: Meine Mutter wird mirs heute abend vorlesen. In meiner Stube fand ich das Feuer tot. Der Ofen war zu fest zugeschraubt. Sollte ich klingeln? – Ich fand es daheim sehr unbehaglich, nahm meine Schlittschuhe und ging auf die Eisbahn. Die Wintersonne schickte sich an, hinter die Wipfel des Waldes hinabzusinken, und ihre letzten Strahlen glitten so kalt über die Erde hin, als wollte sie ihr sagen: Ich liebe dich nicht, ich spiele nur mit dir. Und doch erglühte das blasse Angesicht der Erde. Wars Erinnerung? wars Vorgefühl? Du thust nur so kalt; ich weiß, wie du herzen und küssen kannst! Die Eisbahn war mehr besucht als je. Zu den luftigen Klängen der Militärmusik wogte der beschwingte Reigen. So mag aus der Vogelschau der Unendlichkeit die Harmonie der Sphären aussehen. Mitten durch die schöne Ordnung der Planeten und Monde, die sich in stolzer Bahn umeinander drehten, rasten gleich Sternschnuppen oder zogen gleich eigensinnigen Kometen mit feurigen Schweifen die roten Mützen, meine Untertertianer, bald einzeln, bald in Reihen. Jetzt sammeln sie sich; sie haben mich bemerkt. Ich wußte, daß das ganze Rudel um mich her sein werde, sobald ich die Eisbahn betreten haben würde, und freute mich, im lustigen Spiele mit den guten Jungen meine Mißstimmung loszuwerden. Aber ich hatte mich noch nicht niedergelassen, um meine Schlittschuhe anzuschnallen, als die Schar plötzlich auseinanderstob wie die Sperlinge, wenn sie das Flügelrauschen des Weihs vernommen haben. Verwundert schaute ich mich um. Was ich da herankommen sah, das erklärte mir die Flucht meiner Schüler zur Genüge. Der Direktor des Gymnasiums wandelte langsamen Schritts dem Ufer zu. Am linken Arm hing ein Paar altertümlicher Schlittschuhe, wie sie Klopstock einst mochte getragen haben, am rechten führte er seine einzige Tochter Isolde. Sie war eine junonische Gestalt, bräunlich, mit reichem schwarzen Haar und geistsprühenden dunkeln Augen. Etwa anderthalb Jahre älter als ich, befand sie sich schon in dem Alter, wo mindestens die Hälfte aller Blicke, die ein schönes, reiches und geistvolles Mädchen treffen, die Frage enthalten: Was mag die Ursache sein, daß du immer noch nicht verlobt bist? Viele meinten, sie weise jeden zurück, der nicht akademischer Lehrer oder Künstler von Ruf sei. Die Sache aber war wohl die, daß ihre lebhafte, abspringende, überlegne Art die Männer fernhielt. Sie hatte eine wahre Meisterschaft der Konversation, wenn man ihr Gespräch so nennen wollte. Zwar war ihr ein rücksichtsvolles Aufnehmen der Anknüpfungsversuche des Partners eben so fremd wie ein naives und selbstloses Eingehen auf den Gegenstand und ein liebevolles Sichanschmiegen an fremde Eigenart; vielmehr forderte ihr Geist, kampfesfreudig und mutwillig wie ein Füllen, den friedlichsten Nachbar zum Turnier. Im Reizen und Necken und all den dialektischen Künsten des ewigen Widerspruchs war sie unübertroffen und unermüdlich, und so blieb sie gewöhnlich Siegerin in dem Wortgefecht, das sie aufgedrungen hatte. Um welchen Gegenstand es sich dabei handelte, war im Grunde einerlei. Es war nur der Unterschied dabei, daß sie Dinge des gewöhnlichen Lebens nicht anders als ironisch besprechen konnte. Wenn sie auch die Hauswirtschaft des Direktors, der seit sechs Jahren Witwer war, mit musterhafter Umsicht besorgte und allezeit mit seinem Geschmack und tadelloser Eleganz gekleidet war, so konnten Hausfrauenschriften und Modezeitungen von ihrem Vater nicht gründlicher verachtet werden als von ihr. Bewegte sich dagegen das Gespräch auf dem Gebiete des geistigen Lebens, dann gefiel sie sich zwar auch in den paradoxesten Behauptungen, aber alles, was sie sagte, war durchleuchtet vom klarsten Verständnis und offenbarte wie im Spiel eine fast männliche Bildung und eine staunenswerte Belesenheit. Somit war ihre Unterhaltung nicht eigentlich herzerquickend, vielmehr häufig beengend, fast beängstigend, wohl aber interessant und anregend, wenn auch für einen gewöhnlichen Sterblichen anstrengend. Die meisten jungen Männer mieden deshalb ihre Nähe; aber so manche philologische Berühmtheit, die bei dem alten Direktor vorsprach, schied von dem gastlichen Hause geradezu in vollem Entzücken und in einer Art geistiger Verliebtheit. Ich hatte mehrmals Gelegenheit gehabt, mit Isolde zusammenzukommen. Ihr Vater war mir wohlgewogen. Seinen günstigen Berichten an die Behörde hatte ich meine rasche Anstellung mit Titel und Gehalt eines Gymnasiallehrers zu verdanken. Er hatte eine reiche, geordnete Bibliothek, die er mir zur unumschränkten Verfügung gestellt hatte mit dem Bemerken, daß ich mir nach Belieben zu jeder Tageszeit das gewünschte Buch selber suchen möchte. Diese freundliche Erlaubnis gab mir die Gelegenheit, tiefe Blicke in das eigentümliche Wesen des Direktorhauses und seiner Bewohner zu thun; denn diese waren weit davon entfernt, sich um irgendeines Menschen willen irgendwelche Zurückhaltung aufzuerlegen; mit einer wahrhaft antiken Unbefangenheit thaten und redeten sie vor jedermann, wozu sie ihr Herz oder auch ihre Exzentrizität antrieb. Der alte Herr gehörte zu denen, die ungemütlich werden, sobald das gewöhnliche Leben mit seiner Notdurft eine Anforderung an sie stellt. Alles sollte geschehen sein, aber nichts durfte vor seinen Augen geschehen, und wenn man gar seine Mitwirkung verlangte, seis auch nur, um einen Bescheid zu geben, so fühlte er sich im tiefsten Gemüte geärgert. Seine Tochter teilte den Widerwillen gegen alle mechanische Arbeit und gegen die Wirtschaftssorgen. Mit aller Umsicht that sie ihr Hausfrauenwerk; aber man sah es ihr an, daß nur der Wunsch, möglichst bald damit fertig zu sein, die Triebfeder war. Bei den sonderbaren und jedesmal mit Ungestüm kundgegebnen Wünschen des alten Herrn, die fast immer die Maßregeln Isoldens durchkreuzten und in der Regel eine unangenehme Überraschung zu Tage förderten, konnten heftige Szenen zwischen Vater und Tochter nicht ausbleiben. Als ich das erstemal dazukam, fuhren beide in ihren Erörterungen fort, als ob ich nicht da wäre. Ich wollte mich zurückziehen, aber: Warum hinaus? warum hinaus? rief der Direktor nach, wir stören einander nicht. Seitdem blieb mir, wenn ich wieder zu einer ähnlichen Szene kam, nichts andres übrig, als entweder vor der Thür umzukehren oder, da die heftigen Auftritte oft erst in meiner Gegenwart ihren Anfang nahmen, mein Geschäft so schnell als möglich zu beendigen. Aber ich habe es auch besser getroffen und manche interessante Stunde mit meinem väterlichen Freunde und seiner schönen Tochter verplaudert. Zwar fühlte auch ich mich der Tochter durchaus nicht gewachsen. Die Natur hat mich weder mit dem allezeit gerüsteten Mutterwitz ausgestattet, der immer die Waffe in seiner Hand findet, die er gerade braucht, noch mir die Gabe verliehen, mit den Gegenständen geistreich zu spielen. Über gewöhnliche Dinge kann ich nur gewöhnlich, über ernsthafte nur ernsthaft reden, und etwas besondres fällt mir nur ein, wenn ich allein bin. Und doch war es mir, als ob sie sich nicht ungern mit mir unterhalte. Immer trug ich von ihrem Gespräch einen scharf ausgeprägten Eindruck mit davon, bald einen unangenehmen, bald einen wohlthuenden, aber immer war sie es, die durch ihre Art unserm Zusammensein Charakter und Inhalt verlieh. Den Sylvesterabend brachte ich mit andern Geladnen im Direktorhause zu. Isolde bat mich, sie zu Tische zu führen, und mit der Unbekümmertheit, mit der sie that, was sie gut deuchte, nahm sie mich für den ganzen Abend so in Beschlag, daß mich am nächsten Tage die Genossen meiner Mittagsmahlzeit darüber aufzogen. Unwillkürlich mußte ich sie den ganzen Abend über mit Luise, neben der ich vor acht Tagen gesessen hatte, vergleichen. Die Schärfe, mit der ich dies zu thun vermochte, war mir immerhin ein Beweis dafür, daß die Denkkraft durch kein Herzpochen beeinträchtigt wurde. Mitternacht war nahe, und wir befanden uns in einer Fehde über die Wagnersche Musik. Isolde vertrat gleich ihrem Vater mit leidenschaftlicher Entschiedenheit die Anschauung, daß Mozart den Höhepunkt der Musikgeschichte bezeichne, daß mit der Romantik der Zerfall beginne, und daß die Tendenzen Richard Wagners die wahre Kunst ihrer Auflösung entgegenführten. Sie wies mir theoretisch nach, daß die letzten Schöpfungen Wagners mir nicht hätten gefallen sollen, und rief endlich aus: Geben Sie zu, daß ich recht habe? Sie haben leider immer recht, erwiderte ich. Ihr Auge sah mich scharf an. Es lag ein eigentümlicher Ausdruck in ihrem Blick, als sie fragte: Warum sagen Sie leider ? Aus Mitleid mit Ihnen oder mit mir? In diesem Augenblick schlug es zwölf auf der Stutzuhr. Alle standen auf. Der Direktor erhob sein Glas und rief: Auf die freundlichen Sterne des Jahres 1888. Als die Beglückwünschungen vorüber waren, trat ich ans Fenster und sah in die Nacht hinaus. Wie mochte wohl neben meinem Zimmer Sylvester gefeiert worden sein? Welches waren wohl die letzten Worte im alten Jahre gewesen, wenn ich heute neben Luise gesessen hätte? Plötzlich trat Isolde zu mir in die Fensternische. Was suchen Sie draußen in der Nacht? Die Sterne, von denen mein Vater sprach, stehen nicht am Himmel. Ich besann mich, was ich erwidern sollte. Sie drückte einen Augenblick das Gesicht an die Scheiben, dann wandte sie sich scharf um und sah mich mit demselben Ausdruck an, der vorhin ihrem schönen Auge einen so merkwürdigen Glanz verliehen hatte. Sie haben mir noch keine Antwort gegeben auf meine letzte Frage vom alten Jahre. Es dünkt Sie etwas entsetzliches, immer recht zu haben? Nein, aber immer recht zu behalten , erwiderte ich. Da rief sie der Vater. Man brach auf. Als ich Abschied von ihr nahm, fühlte meine Hand einen leisen Druck. Sie sah mich mit einer Art von Herzlichkeit an, sagte Gute Nacht und nach einer Pause, während sie mir ernsthaft in die Augen blickte: Sie haben recht! – Und jetzt flog sie am Arm ihres Vaters über die Eisfläche dahin. Ich sah die beiden hohen Gestalten deutlich am andern Ende der Bahn. Meinen Gruß hatte Isolde freundlich erwidert, der Alte mit dem Kopfnicken, das ihm eigen war, wenn ein Gedanke ihn ganz beschäftigte, und er von der Außenwelt nur genug gewahrte, um Tieren und Menschen ausweichen zu können. Ich hielt mich fern von dem Paare, suchte die einsamsten Stellen auf und ließ alle die Szenen, in denen ich mit Isolde zusammen gewesen war, an meinen Augen vorüberschweifen. Es war keine einzige darunter, die unbedeutend gewesen wäre. Ich war mit meiner Bilderschau zu Ende. Eine funkelnde Nacht war dem Tage gefolgt. Längs dem Ufer glühte das rote Licht der Fackeln, und farbige Lampen hingen rings um den Pavillon, aus dessen geöffneten Fenstern Musik klang, und in den Pausen das Stimmengewirr derer, die drinnen beim heißen Grog die Glieder erwärmten. Unheimlich schwarz gähnte der Nachthimmel über der menschlichen Lustbarkeit mit ihren Lichtlein, und die Sterne glühten so heimtückisch und fremdartig, wie wenn sie die Augen der Skorpione, Drachen, Löwen und der andern Ungeheuer wären, die im Weltraum ihr Wesen treiben. Ich befand mich in einem langen Laubgang, dem zugefrorenen Bett eines Kanals, der den Park durchschneidet, und während ich lautlos dahinglitt, begann wieder einmal der alte Streit zwischen Kopf und Herzen, die so selten bei mir einträchtig über- und untereinander hausen. Isolde ist reich, begann der Kopf zum Herzen. Das ist Nebensache für dich, und doch wieder nicht. Denn du bist ein Gourmet, liebes Herz. Du willst unbehelligt bleiben von den gemeinen Anforderungen des Lebens. Dazu gehört Geld. Und du brauchst von Zeit zu Zeit einen tiefen Zug aus dem Becher des Schönen. Hast du doch kaum die Herbstferien erwarten können, weil dich Sehnsucht trieb nach dem Rauschen des Meeres. Mein Herz ging unterdessen seine eignen Wege, und als der Kopf verstummt war, ließ es sich so vernehmen: Weißt du noch, was dir Isolde neulich gesagt hat? Ein langweiliger Mensch sei ihr ein Greuel. Wenn du nun heimkommst, müde und verstimmt bist vom Schulhalten, möchtest du dann nicht eine Frau haben, der du kein Greuel bist, wenn du nichts andres erwiderst als ja, so, hm, vielleicht – die dann ans Klavier eilt und ein Lied singt, um dir die Grillen zu verscheuchen, und wenn dies auch nichts helfen will, ihr Strickzeug nimmt und still neben dir sitzt, von Zeit zu Zeit nach dir hinüberschaut und in ihrem Herzen sorgt: was mag ihm nur sein? Es entstand eine lange Pause, dann begann der Kopf von neuem: Kannst du dir einen prächtigern Schwiegervater denken als den alten Herrn, und eine schönere Mitgift als seine Bibliothek? Denke du dir daneben die Pfarrerwitwe und die Bücherschätze ihres seligen Gatten, die, nachdem unter der Hand an die Kollegen verkauft wurde, was diesen begehrenswert schien, aus Erbauungsbüchern und Predigtlitteratur besteht. Es sind auch noch zwei Kisten da voll von Manuskripten. Die Überschrift des einen kenne ich; sie lautet: Neuer Versuch einer Auslegung der biblischen Worte Josua 10, Vers 12, Sonne stehe still zu Gideon und Mond im Thale Ajalon. Mein Herz schwieg eine Weile, dann sagte es: Wenn du ein Vorgefühl davon hättest, wie demütigend eine solche Schwiegertochter für Vater und Mutter daheim sein müßte! Nachdem du unsre Person etwas ordentliches hast werden lassen, haben die guten Eltern nur noch drei Wünsche: die kleine goldne Verdienstmedaille für niedre Staatsdiener, eine einstimmige Wiederwahl in den Gemeinderat und eine Schwiegertochter, die sie in ihrem Alter pflegt, ihnen auf dem letzten Lager das Kissen zurechtrückt, das Leben von den Lippen küßt und dann die Augen zudrückt. Und nun denke dir unser Zusammensein! Die Eltern sind feinfühlig. Isoldens Art, die andre beengt, würde sie tief unglücklich machen. Dem Vater würde in seinem Alter die grausame Erkenntnis aufgehen, daß er in einer kleinen geistigen Welt lebe; er würde allmählich einsilbig werden und endlich ganz verstummen. Und die Mutter! Was wären das wohl für Gespräche, die sie mit ihrer Schwiegertochter führen würde, wenn sie zusammen am Tische sitzen und nähen! Sie ist eine Königin im Reich der Liebe, käme sich aber vor wie eine Bauernfrau, zu der sich eine Königin herabläßt. Auch sie würde bald verstummen und eines Tages zu meinem Vater sagen: Wir passen nicht hierher. Wir wollen uns dort drüben in der Straße zwei Stuben mieten. Da bin ich nah und kann beispringen, und Otto kann uns besuchen, wenn er Zeit und Lust hat. – Und Isolde! Zuerst müßte es ihr sein, als ob die Elzevirschen Klassiker aus der Bibliothek ihres Vaters sie verwundert ansähen: Was hat man dir, du armes Kind, gethan? Und dann müßte der Schmerz, den sie, ohne zu wollen, meinen Eltern und mir anthut, zwischen uns treten, ihr das Selbstvertrauen zerbrechen und meine Liebe zu ihr verbittern. Wenn ein Weib den Glauben an ihre Fähigkeit, zu beglücken, verloren hat, dann hat die Ehe für sie nur Erniedrigung und Schrecken. Es trat eine lange Pause ein. Wenn Herz und Kopf schweigen, dann ziehen die Schatten vergangner oder künftiger Vorstellungen auf dem Grunde der Seele dahin. Sie schweben dem Bewußtsein vorüber gleich fernen, fremden Traumbildern, und mit einer Art von Grauen spürt man etwas von dem geheimnisvollen Treiben im dunkeln Mutterschoße des Lebens. Mir wars, als sähe ich in eine behagliche Stube hinein. Auf dem Sofa saß mein Vater, seine altgewohnte Zeitung mit ausgestreckten Armen vor sich haltend. In einem Lehnstuhl saß strickend die Mutter, dicht neben ihr eine schlanke Frau, die mir den Rücken zuwandte. Sie war im Schatten und halbverdeckt. Farben waren nicht zu erkennen, und auch die Umrisse erschienen undeutlich. Nur die zarte Zeichnung des Nackens und der einen Schulter trat deutlicher hervor. Auf das Buch dagegen, das sie in der Hand hielt, fiel das volle Lampenlicht. An dem Aufmerken meiner Mutter sah ich, daß vorgelesen wurde. Und richtig, ich erkannte das Buch an seiner Gestalt und an dem grauen Papier, es war Mutters Liebling: »Witschels Morgen- und Abendopfer.« Da ging die Thür auf. Ich selber trat herein. Die junge Frau sprang auf ... In diesem Augenblick wäre ich fast mit einer dunkeln Gestalt zusammengeprallt. Durch eine rasche Wendung gelang es mir, hart an ihr vorüberzugleiten. Ich hielt an und schaute mich um. Die Gestalt kam auf mich zu. Es war Isolde. Ich sah Sie längst, sagte sie, als wir uns begrüßt hatten, Sie liefen auf mich los, und als Sie mir ganz nahe waren, wichen Sie erschreckt zur Seite. Aus welchem Traum habe ich Sie aufgeweckt? Aus keinem schönern, als ich ihn jetzt träume, erwiderte ich. Wollen wir nicht die Sternthaler auflesen? Sie stieß mit ihrem stahlbewehrten Fuße nach dem mattschimmernden Spiegelbild eines fernen Sternleins. Das Metall ist schlecht, es klingt nicht. Sie hatte eine Ranke, die an dem klaren Eise festgefroren war, losgestoßen. Der erstarrte Zweig teilte die Erschütterung dem Strauche mit, unter dem wir standen, und von dem glitzernden Gewölbe fielen gefrorene Schneeflocken auf Isolde nieder und leuchteten in ihrem schwarzen Haar gleich Diamanten. Ohne eigentlich zu wissen, was ich sagte und that, rief ich: Bäumlein, rüttel dich und schüttel dich, Wirf Gold und Silber über mich! und schlug mit der Hand an den Stamm. Ohne mit der Wimper zu zucken, stand Isolde im Eisstaubregen und war im Nu mit einem blitzenden Mantel bedeckt. In den Stirnhaaren, den Augenbrauen, auf den Lippen, an den Wangen hingen die Krystalle. Auch Aschenbrödels Baum stand auf der Mutter Grab, sagte sie nach einer Weile. Mir fiel ein, gehört zu haben, daß die Frau des Direktors geisteskrank gewesen sei und den Tod in den Wellen gesucht hatte. Isolde sah mir an, daß ich sie verstand, und schien mir dafür dankbar zu sein. Wir liefen langsam zwischen den Bäumen hin. Wie schade, sagte ich, der Silbermantel verweht, ehe Aschenbrödel zu Tanze kommt. Ich wollte, es bliebe immer so, erwiderte sie. Nicht weil es hübsch aussieht, setzte sie hinzu, als sie meinem Blick begegnete, und ihre Wangen färbten sich einen Augenblick dunkel, sondern weil ich das Eis lieb habe. Es ist mein Herzenselement, Es ist so klar und wahrhaftig. Wir fuhren gerade über eine Stelle, die erst spät zugefroren sein mochte. Der Boden krachte unter unsern Füßen. Heißt das wahrhaftig? fragte ich lächelnd. Jawohl, sagte sie eifrig. Das Eis giebt nicht nach. Es trägt, bis es nimmer kann, und dann zerbricht es. In diesem Stück war meine Mutter Eis. Wir schwiegen beide. Nach einer Weile sagte sie: Ich bin müde, und das Knie schmerzt mich. Wenn ich mich jetzt in einen Schlitten setze, werden Sie mich wohl schieben? Ich bot ihr meinen Arm, und wir schlugen den Weg nach dem Platze ein, wo Schlitten zu vermieten waren. Ich fühlte, daß ihr linker Fuß etwas nachgab, und daß sie das Bedürfnis hatte, sich auf den Arm, in dem der ihrige ruhte, zu stützen. Sie sagten vorhin, daß Ihr Knie Sie schmerze. Sie sind doch nicht gefallen? Warum denn nicht? Wie ist das möglich? Sie, die beste Schlittschuhläuferin der Stadt. Wo sind Sie denn gestürzt? Dort! sagte sie mit kurzem Ton und wies zur Seite, wo undurchdringlich scheinendes Gebüsch die Mündung eines alten Festungsgrabens verdeckte. Ich kannte ihn. Er war schon lange außer Dienst gesetzt, denn die Stadt ist keine Festung mehr. Man hielt ihn jedoch offen, da er bei Hochwasser einen Abfluß gewahrte; dann standen das Niederholz und die Dornhecken, die seinen Boden bedeckten, zur halben Höhe im Wasser. So war es gewesen, ehe der Frost eintrat. Was thaten Sie dort in dem unheimlichen Gestrüpp? fragte ich erschrocken. Isolde gab mir keine Antwort, und eine Ahnung stieg in mir auf, die mich die Frage bereuen ließ. Wir waren am Ufer angelangt. Isolde setzte sich in einen der niedrigen Schlitten, und wir flogen über die glatte, jetzt ziemlich einsam gewordne Fläche dahin. Die Musik war verstummt, die meisten Lichter gelöscht. Isolde lehnte sich zurück, ihr Kopf ragte über die hintere Wand des Schlittens. Das Haar, das unter ihrer Pelzmütze hervorquoll, war in Unordnung geraten, wohl infolge ihres Sturzes im Gestrüpp, und eine der reichen Flechten hatte sich gelöst und fiel auf meine Hände nieder. Mir wars, als ob das schwarze Haar elektrische Funken sprühe, und meine Hände zuckten trotz des Pelzes, der sie schützte. Für ein Gespräch ists nicht besonders bequem, sagte Isolde. Sie sprechen zu meinem Ohr, aber ich rede von Ihnen hinweg. Können Sie mich verstehen? Wenn ich mich über Sie beuge, ja, erwiderte ich mit leiser Stimme. Dann ist es gut, sagte sie im gleichen Ton. Ich sah dieses Wort für eine Erlaubnis an und beugte mich vor, sodaß ich ihren Blick erhaschen konnte, wenn sie mir das Haupt über die Schulter zuwandte. Ein kühler, würziger Hauch stieg von ihr auf. Da überraschte sie mich mit der Frage: Sie sahen mich doch mit meinem Vater; warum haben Sie mich nicht nach meinem Vater gefragt? Hundert Dinge, wegen deren man andre zur Rede stellt, vergißt man bei Ihnen. Als Galanterie wiegt Ihr Wort zu leicht, für den Ernst ist es fast zu schwer. Glauben Sie nicht auch, daß es gerade diese hundert Nichtigkeiten sind, in denen das Leben sich süß lebt? Wer in die Tiefe steigt, laßt mit den Libellen auch den Sonnenschein hinter sich zurück. Aber auch nur der Taucher findet die köstliche Perle auf dem Grunde des Meeres, erwiderte ich. Meinen Sie die, die ein Kaufmann fand: und er ging hin und verkaufte alles, was er hatte, und kaufte dieselbige? Der Ton, in dem sie dies sagte, that mir ihretwegen wehe. Sie mochte dies bemerkt haben, denn ihre Stimme hatte den Klang der Ironie verloren, als sie fortfuhr: Muß es denn Eins sein, worin unser Glück ruht? Und müssen wir vorher bettelarm werden, um dieses Eine zu erlangen? Nicht eine Perle möchte ich haben, sondern eine Perlenschnur, und wenn meine Stirn geschmückt ist, dann möchten auch Brust und Arme es sein. Die Nacht mit ihren tausend Sternen ist mir lieber als der Tag mit seinem einzigen Licht. Die Gerechten sagen, daß in unserm Hause die Finsternis der Selbstverblendung und des geistigen Hochmuts herrsche. In unsrer Nacht ist uns Wohl. Wir haben auch unsre Sterne. Bei diesen Worten lag sie, den Kopf weit hintenüber gebogen, mit gekreuzten Armen im Schlitten und schaute unbeweglich zu dem blitzenden Himmel empor. So mochte Niobe ihr Antlitz zu den Gestirnen erheben, als sie von den starken Armen des Bräutigams der Schwelle des neuen Hauses entgegengetragen wurde. Auch ich schaute zu den Sternen empor. Da klangs mir mit einemmal wunderbar im Herzen an, ein voller, reicher Ton, und ich sagte: Die vielen Sterne sind es nicht, die beglücken. Ein jeder muß sein eigen Sternlein guter Art haben. Der ist nie vollkommen glücklich gewesen, der nicht mit Matthias Claudius erzählen kann: Ich wußte seine Stelle Am Himmel, wo es stand, Trat abends vor die Schwelle Und suchte, bis ichs fand – und dem nicht einmal sein ganzes Wohl und Wehe in einer einzigen Frage beschlossen war. Sie hatte sich aufgerichtet, während ich sprach, und neigte langsam den Kopf. Die Haarwellen der aufgelösten Flechte glitten gleich einer Schlange über die Rücklehne in den Schlitten. Als ich verstummt war, schien Isolde noch immer zu lauschen. Nach einer langen Pause, die das Knirschen des Eises ausfüllte, sagte sie mit kaum hörbarer Stimme: Sie meinen die Frage: hast du mich lieb? Ich gab ihr keine Antwort. Eine unsägliche Traurigkeit kam über mich und dann eine Angst, wie ich sie nie gespürt hatte. Regungslos saß Isolde da, immer noch, als lausche sie. Die entsetzliche Stille wollte kein Ende nehmen. Jede Sekunde wurde qualvoller. Es wäre mir als eine Erlösung erschienen, wenn das Eis unter uns gebrochen wäre. Ich dachte daran, den Schlitten fortzustoßen und zu entrinnen. Da richtete sich Isolde plötzlich mit raschem Ruck in die Höhe, und es war ihr gewöhnlicher scherzender Ton, in dem sie sagte: Das ist auch eine von den hundert Nichtigkeiten, wegen deren man andre zur Rede stellt, und die man bei mir vergißt. Sobald ich ihre Stimme hörte, war der Bann, der auf mir gelegen, gelöst, und eine Lustigkeit kam über mich, wegen deren ich mir selber unheimlich vorkam. Wer möchte auch als erster kommen, da er einen allerersten oder einen zweiten zu fürchten hätte? Vor und hinter dem König Marke stand Tristan. Allerdings, schon um meines Namens willen müßte ich mich nach einem Tristan umsehen, wenn mein Herr Gemahl nicht zu Hause wäre. Mein Name hat schon so viel auf dem Gewissen, daß es ihm auf eine Sünde mehr nicht ankommt. Zuerst freilich müßte er mir wieder die Illusionen aufbauen, die er mir zerstört hat. Gerade mein Name hat mir die Männerliebe verleidet. Wie? Jawohl hat er das. Warum mich mein Vater Isolde nannte, weiß ich nicht. Wahrscheinlich hat er sich gerade auf die Litteraturstunde vorbereitet, als man ihn zur Taufe abrief; oder er schrieb gerade an einem vergleichenden Aufsatz über die dämonischen Frauen der Poesie und Geschichte, und ich darf Gott danken, daß er nicht an die Kleopatra dachte. Meine Mutter hatte keinen Willen in Dingen, die über den Haushalt lagen, und wenn man von ihr wissen wollte, wie ihr Töchterlein heißen solle, sagte sie: fragt meinen Mann, Mein Vater aber sagte, er habe sich noch nicht besonnen. Dies that er nun auf dem Wege vom Studierzimmer nach der Schlafstube, wo die Taufhandlung stattfinden sollte, und dort verkündete er den aufhorchenden Paten, daß ich Isolde heiße. Meine Mutter nannte mich Isa, aber das schien mir ein großes Unrecht zu sein. Die Bibliothek meines Vaters war mir unverschlossen, und so machte ich mich, während meine Freundinnen sich an den Geschichten der Ottilie Wildermuth begeisterten, mit den Abenteuern meiner Namensheldin bekannt. Ich wollte ihr auch nacheifern, um ihres Namens würdig zu werden, und sah mich daher unter den Primanern meines Vaters nach einem Tristan um. Einer mit hübschen blonden Locken gefiel mir am besten. Da ich meiner armen Mutter nicht folgte, und mein Vater mir alle Freiheit ließ, fiel es mir nicht schwer, mich ihm zu nähern, und bald waren wir einig. Ich sagte ihm, daß er für mich Tristan heiße, was er zuerst nicht verstand, da er in der Litteraturgeschichte das noch nicht gehabt hatte, und daß ich für ihn nicht braun und schwarz, sondern weiß und blond sei. Bei einem Schülerspaziergang, dem ich mich gegen den Willen meiner Mutter, aber mit Erlaubnis meines Vaters anschloß, gelang es uns, hinter den andern zurückzubleiben, und da gab ich ihm nun Unterricht, wie er sich als Tristan gegen mich zu verhalten habe. Ich sagte ihm, daß er mich nun auch küssen müsse. Zweimal, glaub ich, hat er dies fertig gebracht, und jedesmal wischte er sich hintennach, wie ich wohl bemerkte, mit seinem Taschentuch heimlich den Mund. Er bat mich dann um die Erlaubnis, eine Cigarre rauchen zu dürfen. Als er damit fertig war, ergriff ihn eine merkwürdige Unruhe, wieder zu seinen Kameraden zu kommen, die inzwischen in ein Waldwirtshaus eingebrochen waren. Auf dem Rückwege gelang es mir, ihn etwas feuriger zu machen, als ich ihm meine Hilfe für seine französischen Stilübungen in Aussicht stellte. Am andern Tag brachte ich bei meinem Vater die Rede auf meinen Tristan. Seine Meinung war, er sei der Dümmste in der Klasse. Damit wars mit meiner Liebe vorbei. Und seitdem fällt mir jedesmal, wenn ich von diesem oder jenem denken möchte, ob dies wohl der rechte Tristan sei, das Urteil meines Vaters ein, und dann ists mit der Liebe aus. – So, und nun können wir nach Hause gehen. Ich hatte bemerkt, daß sie in der letzten Zeit mehrmals nach der Seite geschaut hatte, wo der alte Festungsgraben in den Kanal mündet, und es war mir aufgefallen, daß jedesmal, wenn ich versuchte, den Schlitten in einen der versteckten Eiswege zu führen, sie mich bat, auf dem vordern Plane zu bleiben, von dem aus man alles überschauen konnte. Jetzt bemerkte ich einen Mann, der von dem Gebüsch herkam, das den Festungsgraben verbarg. Langsam schritt er über das Eis auf uns zu. Die Schlittschuhe hingen am Arme. Das ist ja Ihr Vater! rief ich erstaunt aus. Was soll das bedeuten? Sehen Sie, nun fragen Sie mich doch nach meinem Vater, sagte Isolde und ging dem Kommenden entgegen. Sie wechselten einige Worte, dann streckte mir der alte Direktor nach seiner Gewohnheit von fern freundlich die Hände entgegen und ging dem Lande zu, ohne sich weiter um uns zu kümmern. Wir folgten ihm langsam nach, und er war schon in der Querstraße verschwunden, als wir die Ufertreppe hinaufgestiegen waren. Ich wollte nicht zum zweiten mal fragen. Stumm ging ich neben Isolde hin, die sich auf meinen Arm stützte. Sie selbst hub an: Mein Vater und ich lieben den Gang auf den Kirchhof nicht. Wir suchen die Mutter da auf, wo man sie aus dem Wasser gezogen hat. Heute sind es sechs Jahre. Es war um diese Stunde. Gern wäre ich bei meinem Vater auf der Stätte geblieben, aber er hat mich fortgeschickt, und ihm gehorche ich stets. Wir waren vor der Wohnung des Direktors angelangt. Die Hausthür stand offen. Als ich Isolde Gute Nacht sagte, behielt ich unwillkürlich ihre Hand länger in der meinen. Warum lassen Sie mich nicht los? Wollen Sie mir die Hand küssen? Da muß ich erst den Handschuh ausziehen. Sie reichte mir die Hand, auf welche der volle Schein der Laterne fiel. Nur auf Bildern Rafaels und Lionardo da Vincis habe ich eine so durchgeistigte Hand gesehen. Ich beugte mich nieder, um sie zu küssen. Einen eisigen Duft hauchten die Kleider; die Hand war heiß. Für einen andern Kuß bin ich verdorben. Gute Nacht! sagte Isolde und verschwand im Hause. – Ich saß wieder in meiner Stube. Auf der Mitte des Bodens lag ein roter Schein, der von der hohen Thür meines Ofens ausging. Vor mir auf dem Tische schimmerte das weiße Tuch, auf dem Tasse und Teller zu meinem Nachtessen hergerichtet waren. Wenn ich sonst im Finstern saß, begannen Kopf und Herz mit einander zu zanken. Heute waren sie beide still, denn der Kopf war von einem Gedanken, das Herz von einer Empfindung voll. Eine selige Ruhe war über mich gekommen, und in lichter Klarheit schaute ich, was mir vorher verworren schien. Ich besann mich, seit wann das also sei. Und ich fand die Antwort. Seitdem in mir der starke, volle Klang ertönt war, als ich den vielen Sternen Isoldens zum Trotze mit Vater Claudius das eine Sternlein guter Art gepriesen hatte. Auch mir gings wie dem Alten: Und blieb dann lange stehen, Hatt große Freud in mir, Das Sternlein anzusehen, Und dankte Gott dafür. Da weckte mich eine liebe Stimme aus meinen Träumen. Sie klang aus dem Nachbarzimmer, der Eßstube meiner Hauswirtin. Was sagtest du, Mutter? Hat der Herr Doktor seinen Thee schon verlangt? Er ist noch nicht zurückgekommen. Dann wurden Stühle gerückt. Man ging ins nächste Zimmer, wo das Klavier stand. Luise schlug die Tasten an und probierte bald dieses, bald jenes der mitgebrachten Lieder, aber mit leiser, abbrechender Stimme, wie wenn sie mit ihren Gedanken wo anders weile. Jetzt ein neuer Akkord. Mit wunderbarer Harmonie klang er zu dem Liede, von dem mein Herz durchwogt war, und leise wie ein Vogel im Traum sangen die Saiten des Klaviers dieselbe Melodie, auf deren Flügeln ich meinem Stern entgegengetragen wurde. Und nun fiel auch die Stimme ein; aber es war ein andrer Vers: Das Sternlein ist verschwunden. Ich suche hin und her, Wo ich es sonst gefunden, Und find es nun nicht mehr. Ich war aus dem Zimmer, aus dem Hause hinausgeschlichen und stürmte die Straße hinab. Der Sohn meines Buchhändlers war mein Freund. Ich begegnete ihm im Hausflur; er wollte gerade in seinen Klub gehen. Du mußt mir den Laden aufschließen, ich muß etwas heute noch haben. Was fällt dir ein? Der Laden ist seit zwei Stunden geschlossen. Ohne Umstände, du mußt mir den Gefallen thun! Und ich schob ihn der verschlossenen Thür zu, die er kopfschüttelnd öffnete. Was soll es denn sein? Das Schumannsche Duett: Wenn ich ein Vöglein war. Aus der Leihbibliothek? Wo denkst du hin! Kaufen will ichs, so schön ihrs nur habt! – Eine Viertelstunde später klopfte ich an die Thür der Pfarrerwitwe. Luise errötete, als ich eintrat, und verlegen, keines Wortes mächtig, stand sie da, als ich sie begrüßte. Die Buchhandlung hat mir einen Auftrag gegeben, sagte ich. Sie ließen heute diese Noten im Laden liegen. Als Luise einen Blick auf das Blatt warf, kam sie in die holdeste Verwirrung, und die Blutwellen schlugen bis zu den Haarwurzeln empor. Ich bat darauf die Mutter, bleiben zu dürfen. Ich habe ja versprochen, Ihnen den Zlatorog vorzulesen. Wir saßen um den runden Tisch, und ich las. Als einige Seiten um waren, merkte ich, daß ich keine Ahnung von dem hätte, was ich gelesen hatte, und Luise, die nicht ein einziges mal aufblickte und immer wieder von Zeit zu Zeit rot wurde, schien mir auch nicht mit ihren Gedanken am Triglav zu weilen. Ich legte deshalb das Buch zur Seite und schlug vor, das Duett zu probieren. Die gute Mutter, die wohl ein Vorgefühl von dem hatte, was kommen sollte, machte sich draußen zu schaffen. Der Anfang ging leidlich. Als wir an die Stelle kamen: Es vergeht keine Stund in der Nacht, da mein Herze nicht erwacht und an dich gedenkt, versagte mir die Stimme. Luise sang noch einen halben Takt weiter, und dann verstummte auch sie. Mit gesenktem Haupte saß sie vor dem Klavier. Ein Zittern lief durch ihren Körper. Mir ging die Welt im Kreise. Und dann habe ich sie auf den Mund geküßt.