Laurids Bruun Bedingt begnadigt Er hatte sich vom Schreibtisch erhoben, denn es war so dunkel geworden, daß er nicht mehr schreiben konnte. Er hatte sich erhoben, um Licht anzuzünden, der Garten aber hatte seinen Blick auf sich gezogen, und er ließ sich auf den alten hochlehnigen Sessel am Fenster niederfallen. Er hatte angefangen, die Erinnerungen seines Lebens, die Geschichte seiner Gedanken zu schreiben, damit die Tage schneller vergehen sollten. Jeder Morgen fragte ihn mit seinem leeren, grauen Blick: Hast du mir nichts zu gelben? Soll ich wie mein Bruder Gestern hinwelken? Darum hatte er sich niedergesetzt, um zu bezeugen, was er den Tagen in früheren Zeiten gegeben hatte, als sie noch von seinen Siegen gefärbt worden waren. Die Tage, die jetzt verrinnen, sind bleich, als ob sie alle November hießen, nichts kann er ihnen geben, als die Erinnerungen an ihre dahingegangenen Brüder. Einer nach dem anderen fällt zur Erde, welkt wie die Blätter der alten Akazie draußen, die ihre Neste von dem letzten Tagesschein des Himmels abhebt. Es ist kalt im Zimmer. Als er sich erhob, hatte sein Blick die matte Glut hinter dem Ofenrost gestreift: doch während er dasaß und in das hineinstarrte, was aus dem Nebel auftauchte, hatte er den Ofen wieder vergessen. Hände streckten sich nach den seinen. Lächeln, wie Gold aus einem dunklen Chorbogen, schimmert ihm entgegen. Ein Pfad, den er einst so gern wanderte, liegt vor ihm mit zitternden Sonnenflecken auf dem frischen Gras: Vögel singen: es ist Frühling und es wird Sommer. »Au – oh –« Er faßt vorsichtig an die schmerzende Stelle auf der rechten Seite und streicht über die gespannte Weste. Er greift sich an seine hohe, kahle Stirn, an die schlaffen Backen und seufzt – Die Dunkelheit kommt aus den Ecken hervorgekrochen, während er durch das Zimmer wandert. Noch sind der goldene Rahmen um das Kinderbildnis, das weiße Rechteck der Tür und die Zeichnungen an der Wand überm Sofa schwach vom Tagesschein beleuchtet. Die Zeichnungen auf den grauen Kartons sind sein Lebenswerk – er kennt jeden einzelnen Strich; vor jeder Zeichnung bleibt er stehen, nickt vor sich hin, grübelt und nickt wieder –. Das also ist aus dem stillen Knaben mit den scheuen Augen geworden, der dort im Goldrahmen unter Glas sitzt. Von ihm hat er geschrieben, bis er sich vom Schreibtisch erhob, um Licht anzuzünden. Bis zu Mary war er gekommen – Mary mit dem stolz geschlossenen Munde und dem gesenkten Kopfe. Was wohl aus der Frau geworden war, die er mit Furcht und Beben in seinem Knabenherzen liebte, anbetend, ohne Worte – – – Zehn Jahre später – zehn kurze Jahre, und er ist Student, blaß vom vielen Lernen, scheu vor grenzenloser Erwartung. Dann kam der Sprung kopfüber in die Welt hinein, rastlose Tage, bis an den Rand gefüllt – und die große Entdeckung, daß das Weib nur ein Mensch war, wie er selbst. Die lüsterne Rede der Augen, die heiße Verzauberung des Händedrucks, das alles wurde ihm in einer einzigen Nacht offenbart. Und er griff zu wie ein Verdurstender. Die Vögel der Nacht bemächtigten sich seiner, die gekaufte Liebe, die Sehnsucht auf ihrem Grunde hat, wie eine heimliche Krankheit im Herzen, stets verleugnet, niemals gelöscht. In der Straßentür unter der Laterne – zwei Reihen blitzender Zähne, gieriges Lachen und eine Hand, die nach seiner Börse und seinem Willen griff. Das war die Erste. Sie sahen, daß er zeichnen konnte, und alle wollten gezeichnet werden. Er aber zeichnete das, was keine wissen wollte – die Tränen hinter dem Lachen, das Entsetzen hinter dem Lächeln: sein Bleistift legte Zeugnis von seinem Herzen ab. Die rote Berta schlug ihm einst ins Gesicht, weil er eine Zeichnung auf eine Rechnung gekritzelt hatte, während sie auf dem Schoß eines Freundes saß, den vollen Arm um seinen Hals, und ihm unkeusche Worte aus ihrem unkeuschen Munde zuflüsterte. Es gab einen großen Tumult im Lokal. Gäste von den anderen Tischen kamen herbei. Die Zeichnung ging von Hand zu Hand. Der Kofferfisch, der versoffene Redakteur vom »Tag«, hielt sich die Zeichnung vor seine kurzsichtigen Augen, nickte und gluckste, lud ihn zu einem Grog ein und stellte ihn seinen Freunden vor. Er zeichnete nach der Reihe die ganze versumpfte Gesellschaft, Hunde, Affen und die weniger angesehenen Tiere. Der Kofferfisch hielt seine Dorschaugen unverwandt auf ihn gerichtet und murmelte heiser: »Sieh einer den jungen Satan!« Er begleitete ihn nach Hause, der verkommene Körper hing schwer an seinem jungen Arm. Dieser Dunst von Alkohol, schlechtem Tabak und verschwitzten Kleidern! Und dennoch fühlte er sich geehrt, war geschwollen. Er war das junge Genie. Er zeichnete und zeichnete – alles, was andere zu verbergen suchten – Ritter des Tages in der Politik und Kunst. Ein Mann kommt die Straße entlang stolziert, er trägt seine Maske unterm Hut wie ein Schild. »Der da,« grunzt der Kofferfisch und kneift ihn in den Arm. Und gleich ist die Karikatur fertig. Politische Feinde, Saufbrüder, Kollegen, die er über die Achseln ansah, sie alle wurden in der Zeitung des Kofferfisches auf die Nadel gespießt. Johan Lind wurde sein Henkersknecht. Er bekam einen Namen, bekam Geld, Freunde und Freundinnen. Er lebte in den Tag hinein, unbarmherzig und lustig. Er bekam Feinde und Gegner, – bis er sich eines Tages voll Ekel losriß und aufs Land ging. Die Dorfschöne – wie hieß sie doch noch? – gab ihm, dem schlimmen Kopenhagener mit dem unbarmherzigen Lächeln, ihr Herz auf den ersten Blick. Er wagte nicht, sie zu eigen zu nehmen, weil sie so unschuldige Augen hatte. Sie aber verstand ihn nicht, denn sie hatte ein ganzes Herz zu vergeben; in ihrer Einfalt wuchs sie über sich selbst hinaus und prophezeite ihm, daß er niemals in Wahrheit einer Frau sagen würde, daß er sie liebe. Als er zurückkehrte, reizten ihn von neuem die Frauen, die ein freches Gesicht hatten und deren Augen von den Geheimnissen des Schoßes schimmerten, – und er nahm, was ihm in den Weg kam, das schnell Entzündete und das schnell Gelöschte, niemals aber das Eine. Liebe, doch niemals das Unaussprechliche zwischen zwei Seelen, das, was niemals stirbt. Mit Bleistift und Feder rächte er sich für das Entbehrte. Und das, was als übermütig verwegenes Spiel begonnen hatte, wurde eines Tages Ernst, wurde zielbewußte Arbeit. Hatte er sein Pfund gut verwaltet und sein Talent bis aufs letzte erschöpft? Er wirft einen Blick auf den schmalen Schrank in der Ecke, von dessen Schubfächern die Elfenbeinknöpfe ihm wie eine Reihe Zähne aus der Dunkelheit entgegengrinsen. Da drinnen liegt sein ganzes Lebenswerk, hübsch in Wappen geordnet, Entwürfe, Zeichnungen und Skizzen, womit er in den Witzblättern der ganzen Welt, Männer und Frauen karikiert und sie dem Spott des Publikums ausgeliefert hatte, während das kleine verschlungene J.S. , dessen Bedeutung die wenigsten kannten, berühmt wurde. Seinen Nom-de-guerre hatte er einst in einer Nacht in Paris gewählt, als ein schwedischer Freund zu ihm sagte: »Das Komische ist, daß du Lind heißt. Bedeutet das nicht etwas Mildes und Sanftes?« Und im selben Augenblick hatte er den Namen gefunden. Johan der Strenge – Jean sevère – das kleine verschlungene J.S . Ah! Hätte er doch die Gänseleber nicht gegessen! An seinen Leibgerichten soll man zugrunde gehen. Er stöhnt und blickt zum Ofen. Die Glut ist nur noch ein mattes Auge. Soll er versuchen, selbst Feuer anzulegen? – Sicher werden die Holzscheite nicht brennen. Und wenn er klingelt, kommt die Schlampe halb beleidigt hereingeschlürft. Ist eine Krankheit in ihm, die sich von Zelle zu Zelle schleicht, obgleich er kein Fieber hat? Oder ist es das Unabwendbare – das, was die Blätter draußen still und unerbittlich fallen läßt? Wie ist es um uns bestellt? fragt er die Bäume, die wissend durch die feuchte Dunkelheit starren. Gut – »lachend will ich sterben«. Doch lacht er nicht. Er knöpft seinen Rock zu und blickt sich unwillig, feindlich um. während er sich vor Kälte schüttelt und nach seiner Seite greift, um zu fühlen, ob sie noch schmerzt. Da richtet er sich auf und geht stramm durchs Zimmer. Das Klatschen des Regens gegen das Fenster fängt sein Ohr. Er wendet sich von neuem dem Garten zu, dessen säuerlicher Novembergeruch mit dem feuchten Wetter durch Fenster und Türen dringt. Es kommt ein Tag, wo der Garten von neuem grünen wird. Er aber –? Die Kälte bemächtigt sich seiner, als käme sie hinterrücks angeschlichen. Er richtet sich auf, greift abwehrend an seine Seite. Geht zur Tür, hat den Finger bereits auf dem elektrischen Knopf. Ach nein – dann kommt die Schlampe herein, für die er nur eine Störung am Feierabend bedeutet. Und er denkt an Lisa – An jenen Abend, als er klingelte, und sie fragend in der Tür stand. Er blickt verstohlen auf die weiße, viereckige Zeichnung an der Wand, als ob er noch in jener Dachkammer säße. Sie stand mit ihrer weißen Schürze gegen den Bücherschrank gelehnt, im Halbdunkel. Ahnte sie, was kommen würde, was kommen mußte –? Es fiel kein Wort zwischen ihnen. Er ging nur auf sie zu und schloß sie in seine Arme. Sie waren allein in der Wohnung, und sie blieb bei ihm. Jahre schwinden – wieder meint er ihren bebenden Atem zu hören. Das war vor seiner ersten großen Reise, und er hatte sie nie wiedergesehen. Oftmals in den großen Städten, mitten im Lebensrausch, ja, in den Armen anderer Frauen, hatte er an die Frau gedacht, die nur jene eine dunkle Nacht die Seine gewesen war. Sie sorgte für sein Zimmer und seine Verpflegung. Immer still und schweigsam, beobachtete sie ihn mit ihrem seltsam ernsten Blick, wenn sie sich unbemerkt glaubte. Er erinnerte sich des Tages, als er ihr »die Rechnung« schenkte, seine neue Zeichnung, die ihm überall Lob einbrachte, – der Lebemann beim Champagner, der, den Arm um die nackte Schulter einer überwundenen Frau, nach der Rechnung greift, die der Tod als Kellner ihm von hinten reicht, – sie wandte den Kopf ab und vergaß, ihm dafür zu danken. Verstand sie, daß er sein Herz verschlossen und sich die Sitten der Zeit zu eigen gemacht hatte, daß er wie die anderen war? Oder kränkte es sie, daß die Frau mit den nackten Schultern ihre Augen und ihren Mund hatte? Dachte sie an jenen einzigen dunklen Abend, als sie in seinen Armen weinte und nicht sagen wollte, warum –? Oftmals hatte er ihr schreiben wollen, es war aber immer beim Vorsatz geblieben. Vielleicht fürchtete er, daß sie ihm auf dem Wege des Ruhmes ein Hemmschuh werden könnte – und er wollte sich nicht hemmen lassen. Vielleicht auch fürchtete er ihren Ernst, denn er wollte den Rausch nicht missen. Nur vorwärts, vorwärts. Er fühlte wohl, daß sie die Macht haben würde, ihn ganz zu besitzen, und er wollte keiner gehören, nur sich selbst, seit er die Entdeckung gemacht hatte, daß das Weib nur ein Mensch sei, wie er selber. Ein Weib sollte ihm für kürzere oder längere Zeit gehören, sollte eine Station auf seinem Wege sein. Träger der Freude zu gemeinsamer Lust. Und nach dem Rausch das Vergessen. So hielt man es in den Kreisen, wo er verkehrte. Ein Leben in Arbeit und Lust, und dann Schluß. Warum aber hatte er sie aufgesucht, als die drei Jahre um waren und er nach Hause zurückkehrte? War's die Erinnerung an die Freude jenes einen Abends – oder war es etwas, was er nicht zu verlieren wagte? Doch hatte er sie nirgends finden können ... Noch immer sitzt er auf dem Stuhl vor dem alten Schreibtisch und starrt in die Dunkelheit. Die weißen Zeichnungen leuchten nicht mehr. Der goldene Rahmen des Kinderporträts, das Viereck der Tür, sein Lebenswerk auf den weißen Blättern, das alles hat die Dunkelheit jetzt verschlungen. Er denkt an sie, die der Tod ihm vor zwei Jahren genommen hatte. An Agnete, die fünfzehn Jahre die Seine gewesen war, die seine Frau geworden wäre, wenn das Gesetz ihr erlaubt hätte, wieder zu heiraten. Agnete, die Einzige während vieler Jahre. Sie war Künstler wie er selbst gewesen. Gemeinsame Interessen, gemeinsamer Geschmack hatten sie zusammengeführt. Ein guter Kamerad war sie ihm gewesen. Wie hatte sie sich auf die Kunst zu leben verstanden! Sie lernten sich kennen, sie sympathisierten, sie sahen, daß sie zueinander paßten. Das war alles. An das Einzige glaubte keiner von ihnen. Und sie waren beide zu beschäftigt, um es zu vermissen. War ihm aber für den Herbst etwas geblieben, das Frucht tragen konnte? War er nicht ein schlechter Gärtner gewesen, der auf das Beste nicht warten wollte? Sein Lebenswerk –? Nicht nur Laster und Lüge hatte er mit seinem Stift gegeißelt, nicht nur Schuldige niedergeschlagen. Auch jenen großen Phantasten, der für seinen Glauben starb, lieferte er dem Pöbel und dem Haß aus, gab ihm die Züge eines Verräters, weil man es von ihm verlangte, obgleich er wußte, daß er schuldlos war. Es gab eine Zeit, wo Narren und Weise seinen Karikaturen dienen mußten, wo er nicht mehr das Gesicht, sondern nur die Kehrseite sah, wo er dem Spott und Gelächter auslieferte, was Ehre, ja, Liebe wert gewesen wäre. Kann ein solches Lebenswerk Frucht tragen –? Wie wird die Ernte sein, wenn ich heute nacht sterbe? Wenn es eine Abrechnung gibt, womit kann ich zahlen? Wird sich das, dessen Zerrbild ich zeigte, nicht mit dem wahren Gesicht gegen mich erheben? Wird mein Konto kleiner, weil ich den Sitten der Zeit folgte? Lisa, wirst du mich um deswillen, das niemals sterben kann, zur Rechenschaft ziehen? Du, die du das Hauptbuch führtest – gib mir Frist! Laß mir Zeit zu neuer Abrechnung, bis eine neue Ernte auf mein Konto eingetragen werden kann. Nicht weil ich den Tod fürchte, sondern damit ich meine Schuld abtragen kann – ich heimatloser Wanderer. Im Lehnstuhl, in Kälte und Dunkelheit schlief er ein. I. »Ach ja!« Er streckt sich und gähnt. Er kann seine Beine nicht strecken! Was ist denn das? – Wo liegt er denn? Da merkt er, daß er im Lehnstuhl sitzt und seine Füße gegen den Schreibtisch stoßen. Seltsam, angekleidet ist er in dieser Stellung eingeschlafen! Wie kalt es hier ist! Er steht auf, reckt sich und blickt zu dem schwachen Licht der Fenster hinüber. Jetzt entsinnt er sich: Er hatte keine Lust, Licht anzuzünden und mochte auch nicht nach der Schlampe klingeln, weil es zu spät war. Er fühlte nach der schmerzhaften Stelle, aber sie tut nicht mehr weh. Er dreht das Licht an und sieht, daß es nach zehn Uhr ist. Vier Stunden hat er geschlafen! An Nachtschlaf ist nun natürlich nicht mehr zu denken. Sonst Pflegt er um ein Viertel vor neun Uhr seinen Abendspaziergang zu machen. Es ist die höchste Zeit. Er zieht seinen Mantel an und bleibt in Gedanken versunken stehen, während er in das Licht starrt, das unter dem grünen Schirm auf die weißen Blätter fällt, die auf dem alten Sekretär liegen. Was hat er geträumt? Er schließt die Augen und beugt den Kopf, aber der Traum läßt sich nicht fassen. Etwas Trauriges und Niederdrückendes war es, etwas von Krankheit und Tod. Da, ein Aufblitzen wie ein Licht, das nicht weiß, ob es dem Kontakt gehorchen soll, – er versucht, den Lichtschimmer zu fangen, aber es glückt ihm nicht. Er weiß nur, daß es etwas Schmerzliches war. Was fragt er nach Träumen! Schon lange hat er sich nach einem Schlaf nicht so wohl gefühlt – obgleich ihn wie einen Hund friert. War das Wetter umgeschlagen? Vorsichtig schließt er die Haustür hinter sich und lauscht einen Augenblick auf das Klavierspiel in der Nachbarvilla. Das junge Mädchen besucht das Konservatorium – sie hat Talent; wenn sie nur nicht nachts üben würde! Er atmet die Abendluft in tiefen Zügen. Sie ist rauh und kalt, mit jenem unbeschreiblichen Duft von November. Ob es bald Frost gibt? Hinter der Akazie ist das Gewölk zerrissen, und über der Pappel funkelt ein einsamer Stern. Er schreitet schnell aus, um sich zu erwärmen. Bei der Gartenpforte zögert er, wie es seine Gewohnheit ist, um sich an der Perspektive der Lindenallee mit den scharfen Lichtkegeln der Laternen zwischen den Stammen zu erfreuen. Eine Straßenbahn bimmelt, bevor sie die Eisenbahnschienen am Ende der Allee passiert. Sie stößt schwer, poltert über die Schienen, kreischt in den Achsen, schwankt langsam wie bei Seegang mit ihrem starken Licht und den dunklen Gestalten vorbei und gleitet dann schneller vorwärts, mit einem Seufzer der Erleichterung, wie ein lebendes Wesen. Er erreicht die Schienen, überschreitet sie und biegt nach rechts in die breite Landstraße ein, die zwischen Fabriken, Gärtnereien und Vorstadtkasernen aufs Land hinaus führt. Hin und wieder ein alter Landsitz, eine Wirtschaft mit einem verkommenen Garten als armseligen Schmuck. Wahrhaftig – die Luft fängt an, klar zu werden, es gibt Frost, schon glitzert es in den Wagenspuren. Man atmet frei und leicht. Wie gut der Schlaf ihm getan, ihn von allen bitteren Gedanken befreit hat. Unheimlich, wie man von seinen Gefühlen abhängig ist. Man denkt an Tod und Krankheit, weil die Blätter fallen und November in der Luft ist, und weil irgend etwas da ist, wogegen die Natur sich wehrt; heute also gegen Gänseleber. Als sie die gefährliche Stelle passiert hatte, erschien das Leben ihm wieder lebenswert. So sind wir. Wenn wir Diätfehler begehen – mein Gott, wer liebt nicht gute Dinge? – sollte man es wenigstens mit Anstand tragen, den Preis bezahlen und sich die gute Laune nicht verderben lassen. Zum Teufel, weshalb soll ich Leben und Jugendliebe verspielt haben, weil mein Magen keine Gänseleber mehr verträgt? Je weiter er aufs Land hinauskommt, desto klarer wird die Luft. Das Land fällt sacht ab. Eine Pappelallee zieht sich wie ein dunkler Balken über die Felder. Ein Bauerngehöft sammelt das schwache Licht der treibenden Wolken auf seiner weißen Scheune. Die Wolken fangen an, sich weiß zu färben, der Mond muß aufgegangen sein, doch kann er ihn nirgends entdecken. Die vereinzelten Sterne, die zwischen den Wolkenfetzen flimmern, können so viel Licht nicht spenden. Die Häuser, auch Treibhäuser und Gartengitter hatte er jetzt hinter sich. Er marschiert die alte breite Heerstraße entlang, mit den alten verdienstvollen Pappeln, die sich das Land Untertan gemacht haben. Jedesmal, wenn der Wind mit seiner Hand über die verheerten Kronen streift, flüstern und tuscheln sie. Es ist, als ob die armseligen Blätter, die noch aus Barmherzigkeit an den Zweigen sitzen, wie arme Leute hinter den hohen Herren herschimpfen. Dort liegt ein altes Wirtshaus, schwerfällig und plump. Die Wagenremise liegt hart am Wege, damit man nicht daran vorbeifährt. Auf den Rollgardinen sieht er die Schatten von unförmigen Köpfen und Armen, die mit Billardqueues fuchteln. In der Kellerstube gröhlt eine rostige Stimme den letzten Gassenhauer. Ein Pferd zerrt ungeduldig am Spilltau. Ein schwarzer Einspännerwagen steht in der Ecke und reckt seine Stangen in die Luft, als ob er sich zu Tode gähnen wollte. An der andern Seite des Wirtshauses führt ein Seitenweg links durch die Felder, tief in das schlafende Land hinein. Den Pfad ist er noch nie gegangen, sein Friede lockt ihn. Wahrscheinlich führt er durchs Dorf – jenem Haufen dort hinten – und über die Eisenbahnschienen zur Hauptlandstraße. Den Weg will er nach Hause gehen; er ist länger als der andere, aber wenn er schlafen will, muß er sich müde laufen. Ganz richtig – dort sind die Eisenbahnschienen, dort hoch oben die Laterne des Schlagbaums; das matte Licht hinter dem niedrigen Fenster ist das Bahnwärterhäuschen. Drinnen sitzt ein einsamer Mann in der Nacht und horcht auf die elektrischen Glocken und das hastige Ticken des Telegraphen. Er dreht an Handgriffen, öffnet und schließt die Weiche, macht Notizen in seinem Journal; und die Züge kommen angedonnert mit Hunderten von Leben, die er in einer schicksalsschwangeren Sekunde alle in seiner Hand hält. Mit seinem Schlüssel kann er öffnen und schließen – ebenso wie Sankt Peter. Als Johan Lind die Schienen überschreitet, hört er ein Seufzen und Knarren. Es ist der Weichensteller, der neben der Seitenlinie steht und mit beiden Händen die Weiche stellt. Er steht dort so allein in der Nacht und versorgt sein Amt. »Guten Abend!« sagt Johan Lind und lüftet seinen Hut. Sankt Peter sieht auf. »Guten Abend!« murmelt er verdrießlich, ohne die Hände vom Hebel zu lassen. »Ich dachte, daß man heutzutage die Weiche vom Haus aus stellt. Ist der Betrieb nicht elektrisch?« Der Mann blickt von der Seite auf. Er scheint bei sich zu denken: Kann es dir nicht gleichgültig sein, ob der Betrieb durch Elektrizität oder auf andere Weise vor sich geht? Warum kümmerst du dich nicht um deine eigenen Sachen? Mit beiden Händen drückt er den Hebel nieder. Die Schienen kreischen zornig, aber gehorchen. Sankt Peter richtet sich auf und betrachtet den Fremden, der irgendwoher kommt und irgendwohin geht, und dem seine eigenen Angelegenheiten nicht zu genügen scheinen. Sankt Peter hat ein müdes, frühzeitig gealtertes Gesicht, einen vergilbten Bart, Haarsträhnen unter der Mütze und eine alte Narbe in der gefurchten Stirn. Ein treues Gesicht hat Sankt Peter: Augen, die vom Wachen schwer geworden sind; eine Hand, die auf höheren Befehl öffnet und schließt, und diese Stimme von oben heißt »Chef für die technische Abteilung«; die zehn Gebote stehen drinnen an der Wand angeschlagen, sie heißen »Dienstregeln für Bahnwärter«, und wahrscheinlich enthalten sie noch viel mehr Gebote, als Moses seinerzeit auf dem Berge in der Wüste empfing. Das alles dachte Johan Lind, während Sankt Peter seinen Schlüssel nahm – nein, es war ein Hammer, ebenso verbraucht und treu wie er selbst. Er warf noch einen Blick über die Schienen, sowohl über die großen doppelspurigen wie über die kleinen schmalspurigen, die etwas abseits ihren Weg längs eines Dammes liefen, der neu aufgeworfen zu sein schien; hell zog er sich durch die Nacht; die Felder wichen unter ihm zurück, so daß er höher erschien. »Ja, ja,« sagt Johan Lind, als ob Sankt Peter die Frage aufgeworfen hätte. »Alles hängt von dem Geleise ab. Schlägt man die richtige Spur ein, geht alles wie von selbst. Tut man es nicht, tritt früher oder später eine Katastrophe ein.« Sankt Peter sieht ihn an. Ein Fremder in der Nacht mit weichem Hut und Regenschirm. Am liebsten hätte er ihm den Rücken gekehrt; aber es ist ein feiner Herr, er will lieber höflich sein. »Das mag wohl sein,« sagt er mürrisch. Darauf wendet er sich zum Gehen. Johan Lind folgt ihm. Er hat denselben Weg. »Wie lange sind Sie schon Weichensteller?« »Fünfzehn und ein halbes Jahr.« »Und Sie haben immer in dem kleinen Haus dort gewohnt?« Sankt Peter sagt nichts. Hat man es nötig, fremden Leuten zu antworten, wenn die Uhr nach elf ist und man das Signal für den Nachtschnellzug geben muß? »Sieh mal einer an – Sie haben noch Kartoffeln draußen. Haben Sie keine Kinder, die Ihnen helfen können?« »Doch!« seufzt Sankt Peter und wird plötzlich ein Mensch. Die Kinder sind seine schwere Bürde. Johan Lind klopft ihm die Schulter und sagt freundlich: »Dann sind Sie ja auf dem richtigen Wege, mein Lieber.« Der Mann bleibt neben der Dornenhecke stehen und blickt verstohlen auf das matte Licht hinter der Gardine des kleinen Fensters, als ob er von dort etwas Beängstigendes erwarte. Dann seufzt er wieder und sagt: »Es kann auch zu viel des Guten werden.« Der Mann mit dem mürrischen Wesen gefällt Johan Lind. Das kleine Haus in der Einsamkeit an der Landstraße gefällt ihm – an der Straße, die in die Welt und in die Zeit hinausführt –. wo Hunderte von Menschen und Tausende von Worten in der Nacht vorbeirasen und keine andere Spur hinterlassen, als ein Zittern in den Schienen, ein Sausen in den Drähten. Er hätte das kleine Haus gern von innen gesehen, mit den vielen Kindern, die in allen möglichen Winkeln liegen und schlafen, während Vater in der Nacht wacht. Auf der anderen Seite des Schlagbaums liegt ein hohes Blockhaus. Durch die erleuchteten Fenster sieht er die Apparate: große Handgriffe wie die Tasten einer Klaviatur, mit kleinen weißen Schildern. »Warum stellen Sie die Weiche draußen? Sie haben doch alles dort drinnen.« »Während an der neuen Seitenlinie gearbeitet wird, – auf dem Damm sind Schienen gelegt worden.« Johan Lind sieht über die Seitenlinie; weit hinten, wo sie endet, ist ein Licht. »Wird nachts auch gearbeitet?« »Ja, wenn die Arbeiter nicht streiken.« »Tun sie das oft?« Sankt Peter lauscht zum Licht hinaus; sonst kann er den Kran hören, der die Zementblöcke einrammt; heute abend aber dringt kein Laut zu ihm. Als die Arbeiter heute abend an seinem Haus vorbeigingen, hat er sie vom Streik sprechen hören. Wahrscheinlich haben sie Ernst gemacht. »Man hat nicht länger Ruhe, als der Nachbar will,« sagt er vor sich hin. »Ja, ja, das ist wahr.« Johan Lind glaubt, daß diese Worte sich auf ihn beziehen. Er bekommt keine Ruhe – sagt er sich selbst –, bevor ich allerhand von ihm erfragt habe. »Wie vielen Zügen müssen Sie Tag und Nacht die Weiche stellen?« »Ach,« seufzt Sankt Peter, in sein Schicksal ergeben, »so an die dreißig.« »Und das haben Sie schon fünfzehn Jahre lang getan? Das macht elftausend im Jahre, in fünfzehn Jahren so ungefähr einhundertfünfundsechzigtausend, alles in allem. Wenn man durchschnittlich hundert Personen pro Zug rechnet – das ist nicht hoch, nicht wahr? – so ergibt das eine Summe von sechzehn bis siebzehn Millionen. So oft haben Sie also Menschenleben in Ihrer Hand gehalten!« Sankt Peter zuckt zusammen. Die entsetzliche Zahl zwingt ihn in die Knie. Er überlegt eine Weile, ob er dem Manne, der in der Nacht kommt und ihn, der schon genug des Verdrusses hat, mit solchen Dingen plagt, nicht widersprechen kann. »Die Hälfte sind Güterzüge,« sagt er verweisend. »Gut, rechnen wir also nur die Hälfte, – acht Millionen Menschenleben und all' die anderen Werte.« »Werte! – Ha – damit ist der Professor reingefallen. Güter sind ja versichert.« »Also gut,« sagt Johan Lind und klopft ihm die Schulter, »halten wir uns an die Menschen. Acht Millionen Menschenleben in seiner Hand gehalten zu haben! – Das ist eine gute Ernte, mein lieber Mann, davor nehme ich meinen Hut ab. Das ist was wert, wenn Sie einst Rechenschaft ablegen sollen.« »So was gibt's bei der Eisenbahn nicht.« »Ich meine, wenn Sie einst sterben sollen.« Die schweren Augen des Mannes werden groß und rund. Er stutzt bei der ungewohnten Rede und wirft einen verstohlenen Blick auf den weichen Hut, ob er es vielleicht mit einem Priester zu tun hat, der unterwegs ist, um in der Nachbarschaft einen Sterbenden zu bereiten? Die Worte beginnen ihn gegen seinen Willen ins Bewußtsein zu dringen, aber er wehrt sich dagegen. »Das ist alles ganz schön, wenn man nur davon leben könnte.« Er denkt an seine Kinderschar und an das, was ihn drinnen erwartet, und seufzt wieder, ohne es selbst zu wissen. »Wichtiger ist, daß man mit gutem Gewissen sterben kann.« Als Johan Lind die Worte sagt, fällt ihm ein. daß er etwas Aehnliches gedacht hat, bevor er in den wunderbaren Schlaf versank. So etwas denkt man wohl, aber sagen – noch dazu zu einem wildfremden Menschen! Das muß das Alter sein. Sankt Peter sieht ihn groß an, lüftet seine Mütze, bietet ihm Gute Nacht und verschwindet in dem kleinen Haus, wo seine große Familie auf ihn wartet. Draußen steht ein Mensch, der keine Familie hat, betrachtet das matte Licht hinter der Fensterscheibe und den kleinen herbstlichen Kartoffelgarten. Er vergaß zu fragen, ob er dem Weg weiter folgen kann. Aber er kann auch denselben Weg zurückgehen, er ist noch nicht müde. Der Himmel über ihm ist klar. Dort steht der Orion und mustert die Erde, – und der Stern dort ist wohl der Mars mit seinem rötlichen Schein. Alle Gehöfte und Häuser ringsum sind dunkel; kein Laut der Schlafenden dringt heraus. Dort geht ein Mensch. Ein Nachtwanderer wie er. Er scheint es eilig zu haben, läuft ein Stück, bleibt dann stehen, um Atem zu schöpfen. Wo ist er geblieben? Er scheint in die Erde gesunken zu sein, denn es ist kein Haus zugehen. Hat er sich in einen Graben versteckt? – Hat er es vielleicht auf ihn abgesehen? Johan Lind ist nicht furchtsam. Er faßt seinen Regenschirm fester und geht dicht an den Graben, an die verdächtige Stelle heran. Nichts zu sehen; gleich daneben aber ist eine Hecke, die zu dem Gehöft führt: wahrscheinlich ist er dort hindurchgegangen. Kurz darauf hört er Schritte hinter sich. Er dreht sich um und sieht, wie der Mann in der Nacht davoneilt. Er hatte sich also doch im Graben versteckt. Es war ein junger Mann. Vielleicht ein Dieb, ein entlaufener Sträfling. Mag er laufen – der Tag wird ihn schon finden. Er hat noch ein gut Stück Wegs vor sich. Er denkt an die Rechnung mit den acht Millionen, und rechnet noch einmal nach. Ja, es stimmt. Aber was ist das? Das Dunkle, das sich dort über den Feldern erhebt, ist nicht das Dorf, sondern ein alter Garten mit einem Hof dahinter. So hat sein Ortssinn ihn diesmal doch irregeführt. Er blickt den Weg zurück, den er gekommen ist, und sucht nach dem Wärterhäuschen, um abzuschätzen, wie weit er gegangen ist. Aber er kann es nicht finden, es ist zu dunkel, und das matte Fensterlicht ist der anderen Seite zugekehrt. Während er so steht und sich umblickt, fällt sein Auge auf eine weiße Wolke, die wie ein Reiter in einem langen, weißen Mantel aussieht. Sie erinnert ihn an ein Bild, das er einst ausgestellt hatte. »Die Majestät« nannte er es. Der Tod zu Pferde, mit der Sense über der Schulter, während sein Mantel von dem Kreuz des Pferdes ganz bis auf die Hufe des knochigen Tieres herabfällt. – In wievielen Gestalten hatte er eigentlich den Tod schon gezeichnet? – Er hat ihn stets gereizt. – Die Majestät hält auf dem Pferde, die Knochenhand in die Seite gestemmt, und mustert den Wahlplatz, der wie ein Feld mit aufgeworfenen Kartoffeln aussieht. Jede Knolle aber ist ein fahles Menschengesicht, und das Pferd schrabt mit dem Huf zwischen den Köpfen und wählt sie sich als Futter. Während er dort steht und die weiße Wolke anblickt, kommt das Ungeheuer mit den glühenden Augen aus der Stadt angetost. »Platz da!« zischt es dem Gerippe zu. Das wird der Eilzug sein, mit dem er ins Ausland zu reisen pflegt. Die Majestät aber rührt sich nicht vom Fleck. Es ist, als musterte sie den Zug und überlegte, ob die Ernte reif sei. So lebendig ist die Vision in der dämmernden Nacht, daß Johan Linds Herz heftiger schlägt. Der Zug saust hart am Fuße des grauen Pferdes vorbei. Es ist, als ob er vor Entsetzen zittert. – Johan Lind meint, daß er die Erde ganz bis zu sich erbeben fühlt. II. »Abfahrt!« Der Zug setzt sich kreischend und knarrend in Bewegung. Die beiden kurzhalsigen Lokomotiven des Süd-Expreß-Zuges stöhnen und zittern wie zwei kämpfende Stiere, die ihre Muskeln anspannen, bis der Dampf ihnen aus den Flanken sprüht. Auf dem spärlich erleuchteten Bahnsteig, ganz bis ans Geleise, stehen die Abschiednehmenden. Taschentücher winken, trocknen Augen und winken wieder. Die korrespondierenden Taschentücher in den Wagenfenstern werden kleiner und kleiner, dunkler und dunkler – jetzt hat die Nacht sie ganz verschlungen. »Vielleicht sehe ich sie nie wieder.« Nie wieder! Das ist ein Refrain, den Räder verstehen. Er klingt schwer und eindringlich, als ob jemand sich mit letzter Kraft dagegen stemmt. Schneller und schneller klingt es: Wir müssen fort! – Wir müssen fort! Zuletzt ist es nur ein kurzatmiges: Fort! – Fort! Wie ein Sausen durchs Gemüt, Freimachung, halb Jubel über das Neue, halb Angst vor der Leere. Ein atemloses Hasten, fort von alten Fesseln, die zerrissen sind, neuen entgegen. »Eine kostbare Ladung,« sagt der Schaffner zum Packmeister, der im Begriff steht, das Gepäck zu ordnen. »Wer war denn die Gesellschaft, die so viel Aufsehen machte? Herren und Damen in Pelzen mit Dienerschaft und allem, was dazu gehört.« »Das war eine Reisegesellschaft von Cook. Ich meine die anderen« – er zeigt auf einen langen Koffer aus schwerstem Leder mit Patentschloß und silbernem Schild. »Da – Finanzminister – und was sagen Sie zu diesem?« Er beugt sich über einen Koffer, der von langem Dienst grau und verbraucht ist. »J. A. Jakob – Etatsrat, Direktor der vereinigten Gewerbebanken – der alte Jakob!« Der Packmeister läßt seine Hand ehrfurchtsvoll über das vornehme Ding gleiten. »Wo der wohl hinreist?« fragt er. »Mensch, haben Sie Ihre Zeitung denn nicht gelesen? – Das sind doch die Herren, die uns in Amsterdam vertreten sollen, sehen Sie her« – er zieht eine Zeitung aus seinem Uniformrock. »Heut abend reisen Etatsrat Jakob und Finanzminister Daa mit den übrigen Herren, die vom Reichstag und der außerordentlichen Kommission gewählt wurden, ins Ausland, um Dänemark bei der internationalen Valuta-Konferenz zu vertreten. Außer den genannten Herren, die Vorsitzender und Vizevorsitzender sind, gehören noch Assessor N. Jeriko und Minister Linngren zu der illustren Gesellschaft. Letzterer als Vertreter der Arbeiterklasse. Ferner ist der Gesellschaft Redakteur Avnsöe angeschlossen, der dem Komitee seine ausgezeichneten Verbindungen mit der Weltpresse zur Verfügung gestellt hat, und der Sekretär, der junge, begabte Referendar Glarby.« »Na, und was weiter?« Der Packmeister rückt an seiner Brille und sieht seinen Kollegen herausfordernd an. »Glauben Sie, daß in Dänemark der Speck darum einen Oere billiger wird, Jensen?« Der Schaffner zuckt die Achseln und begibt sich in die Wagen, um die Fahrkarten zu kontrollieren. Auf den roten Plüschpolstern eines reservierten Abteils erster Klasse hat das Komitee es sich bequem gemacht. Die Leselampen sind angezündet und die Deckenbeleuchtung ist gedämpft worden. »Zieht es nicht, wo Sie sitzen, Herr Etatsrat?« Der junge Glarby, der in der Tür steht, beugt sich respektvoll vor dem Haupt des Komitees. »Nein, ich sitze sehr gut.« »Nun sagen Sie mal,« beginnt der Redakteur mit seiner müden Stimme und neigt sich vertraulich seinem politischen Genossen zu: »Was hat Seine Majestät beim Abschied gesagt?« Der Finanzminister streicht seine zarten, glatten Hände, die sein Stolz sind. »Tja, was sagt man bei solcher Gelegenheit?« Er blickt zu dem Etatsrat hinüber, der im Begriff ist, seine große, runde Brille mit dem roten Seidentuch zu putzen, das auf der Börse ebenso berühmt ist, wie seine lange, schmale Nase. Bang hat recht gehabt – denkt der Finanzminister bei sich – als er neulich sagte: Etatsrat Jakob ist nicht klüger als wir andern, er hat nur immer verstanden, den Mund zu halten. »›Glückliche Reise!‹ hat er gesagt,« bemerkt der alte Jakob trocken. »Ha, ha, ha!« Der kleine, zierliche Assessor, der neben ihm sitzt, nickt mit seinem Vogelkopf und klopft dem Etatsrat beifällig den Arm. »Sind Sie jetzt klüger geworden?« gluckst der Finanzminister und sieht seinen alten Pressekollegen, dessen kleine, stechende Augen blutunterlaufen sind, verständnisvoll an. »Ja, ja,« sagt der Redakteur schlagfertig, »Börsenleute sind wegen ihrer Indiskretion bekannt.« Der alte Jakob sagt gar nichts – er ist noch dabei, seine Nase zu putzen. »Unterlassen Sie es nur nicht, mein Lieber, diese Neuigkeit Ihrer Zeitung zu telegraphieren« – der Assessor nickt dem Redakteur protegierend zu. Er kann nicht vergessen, daß der ›Tag‹ einst ihn, den höchsten Freimaurer des Landes, »Zierat auf der Pastete bei festlichen Gelegenheiten« genannt hat. Avnsöe aber ist ein Mann von unverkennbarer Bedeutung, und darum trägt Jeriko ihm nichts nach; er protegiert ihn sogar. »Darf ich meine Quelle angeben, Herr Etatsrat.« »Meinetwegen gern!« Der alte Jakob lächelt nicht mehr als der Ernst der Lage es angebracht erscheinen läßt. An der Börse sagt man, daß man ihm das Diskonto von seinen schmalen Lippen ablesen kann; sie strammen und lockern sich im Takt mit dem Geldmarkt. »Also schreiben wir: Aus allerzuverlässigster Quelle erfahren wir, daß Seine Majestät bei der Abschiedsaudienz geäußert haben soll: ›Glückliche Reise!‹« Linngren, der Mann aus dem breiten Volk, mit dem weichen Filzhut und den groben Händen, die er gern zeigt, meint, daß die Zeit zu ernst, der Augenblick zu groß für unwesentlichen Scherz ist. Sie sind dazu erwählt, die Lebensbedingungen des Volkes zu verbessern, dafür erhalten sie ihr Gehalt. Minister Linngren hat sich vor kurzem ein Automobil angeschafft, das sozusagen noch mehr Ernst, noch mehr Verantwortungsgefühl von ihm erfordert. Zeitungswitze erscheinen ihm unangebracht. »Wie geht es mit Ihrer Erkältung, Herr Etatsrat?« sagt er ernst und beugt sich zu dem alten Jakob hinüber, vor dem er große Hochachtung hegt. Er hat ein Konto bei ihm in der Bank, das er in letzter Zeit stark in Anspruch genommen hat – des Automobils wegen. »Danke!« Die runden Brillengläser des alten Jakob blitzen dem Fragenden entgegen. Er ist immer reserviert, wenn man ihn nach seinem Befinden fragt; eine Angewohnheit aus früheren Tagen, als er noch um seinen Gesundheitszustand und dem der Bank in steter Sorge war. »Ja, ja, es ist November,« sagt Jeriko und sieht Linngren beifällig an. Er versteht und billigt seinen Takt, um so mehr, als man ihn von einem Manne aus seiner Klasse kaum erwarten kann. Darauf hebt er seine Hände und versucht die ganze Gesellschaft zu umfassen, – es ist immer seine Stärke gewesen, das zu sagen, was alle vereinigen kann, – eine Gabe, die ihm in seinem langen Freimaurerleben von großem Nutzen gewesen ist. »Und was für einen November haben wir gehabt,« sagt er, »mit Nebel und Regen.« Und mit überflüssigem Gerede, fügt der Redakteur in Gedanken hinzu, während er ein Gähnen unterdrückt und sich tiefer in die Ecke drückt. »Im November,« sagt der alte Jakob gewichtig, als spräche er im Namen seiner Bank, »im November habe ich meistens einen Schnupfen.« Er sagt es wie eine wertvolle Neuigkeit. Die ganze Börse hat diesen Schnupfen seit einem Menschenalter gekannt und seinen Einfluß auf die Kurse gefürchtet. »Darf ich um die Fahrkarten bitten?« Der Schaffner steht auf dem Korridor hinter Herrn Glarby, die Hand an der Mütze. Der Sekretär dreht sich schnell um. »Hier,« sagt er hastig, als fürchte er eine Ungehörigkeit, und stellt sich vor die Tür, während er aus einer riesigen Brieftasche die Papiere nimmt, die dem hohen Komitee freie Fahrt sichert, denn für Land und Reich hängt ja so viel von dieser Reise ab – und für ihn seine ganze Karriere. Der Schaffner geht zum nächsten Abteil. Ein Nichtraucher-Kupee. Die Tür ist geschlossen, weil die Baronesse entdeckt hat, daß trotz aller Verbote und Anschläge – mein Gott, in was für einer Zeit leben wir! – dennoch jemand im Gange raucht. Sie sitzt gleich neben der Tür, weil es dort am wärmsten ist. Sie reist ihrer Gesundheit wegen nach dem Süden, ihr Arzt hat es nach der Influenza im Frühjahr verlangt. »Nicht noch einen Winter wie den letzten! – Ach, er ist ein prächtiger Mann! – Mein Billett? – Gott, ich weiß wirklich nicht –« »In der Handtasche, Baronesse,« sagt der Graf, während der Schaffner sich mit ehrerbietigem Lächeln dem Nächsten zuwendet. Die Baronesse dreht ihren kleinen rundlichen, gepflegten Körper von der einen Seite zur anderen und untersucht sämtliche Taschen. »Ich habe gesehen, daß Sie es in das Allerheiligste steckten,« sagt der Graf, dessen kleine ehrliche blaue Augen alles sehen; mit dem Allerheiligsten meint er die kleine Ledertasche mit dem goldenen Monogramm und der Krone in der einen Ecke. »Ach ja – hier ist es!« Sie zeigt es der Gesellschaft, damit man sich nicht länger beunruhigt. »Ich wußte ja, daß ich es hatte. Mein Gott, was wären wir ohne Ordnung?« »Jesses, ja!« sagt der Graf, indem er sein Billett vorzeigt. Er hat sich in letzter Zeit diesen Ausdruck zugelegt, weil er findet, daß er so volkstümlich klingt. »Vergiß nicht, Jette,« pflegt er zu Hause zu seiner Frau zu sagen – seine Frau ist Henriette getauft –, »daß wir heutzutage alle Demokraten sein sollen.« »Gott behüte mich.« sagte sie, »ich verzichte darauf! Im Norden ist es schon schlimm genug, wie muß es erst im Süden sein, wo die Menschen solch heftiges Temperament haben, – da ist es sicher schrecklich in diesen bolschewistischen Zeiten. Ich erinnere mich noch an Neapel – das wundervolle Neapel – nichts als falsches Geld und Flöhe.« Sie schüttelt ihr klassisches Haupt, das von dem großen Besnard gemalt worden war. »Nein, danke mein Junge, ich bleibe zu Hause.« Er sendet ihr und dem Gut und den Pferden und Hunden einen freundlichen Gedanken – es wird doch gut tun, mal herauszukommen, in diesen verfluchten Zeiten, wo man auf seinem eigenen ererbten Boden bis auf die Haut ausgesogen wird. Und außerdem die Verjüngung, – der Arzt hat gesagt, daß man dort unten in der herrlichen Luft ein neuer und besserer Mensch wird. Ach Gott, ja! – es sind die Jahre, vor denen man flieht. An all' das muß er denken, während der Schaffner die Fahrkarten kontrolliert und die Baronin schwatzt. Jetzt fällt sein Blick wieder auf den jungen, schwermütigen Russen, der ihm schon bei der Abfahrt aufgefallen ist. Er steht draußen im Gang. Er ist es, der raucht. Vielleicht hat er das Verbot nicht gesehen. Was ist dabei – die gute Baronesse versteht die Zeit nicht. Er kann den schlanken, vornehm geschwungenen Rücken durch die Glastür sehen. Wie sein Anzug sitzt! – Mit vorgebeugtem Kopf starrt er in die Dunkelheit. Welche Rasse! – Der Graf hält ihn für einen Russen, – irgendeinen armen Fürsten, dem die Schurken alles bis auf das nackte Leben geraubt haben, und der jetzt mit den traurigen Ueberresten in die Armut und das feindliche Leben hinaus reist. Hoffnungslose Ergebung ins Schicksal, die feig und ohne Stolz gewesen wäre, wenn er nicht durch und durch solch edlen Eindruck gemacht hätte, von dem weichen Haaransatz des feinen weißen Nackens bis zu den langen, vornehmen Fingern, die kaum die Kraft zu haben scheinen, die Zigarette zu halten. So tief unglücklich und doch in sich selbst gefaßt. Er ist überzeugt, daß er ein Russe ist. obgleich er ihn nicht sprechen gehört hat. Wahrscheinlich gehört er zur Reisegesellschaft, denn der Mann von Cook wies ihm seinen Platz im Nebenabteil an. Von ihm kann er näheres erfahren. »Ich muß mal hinaus und mir die Hände waschen!« sagt Herr Hjort, der Großkaufmann, zu seinem Nachbarn, Kommandeur Töndern; sie kennen sich aus dem Jachtklub und sitzen sich zufällig im Abteil gegenüber. Töndern war etwas eingenickt. Seit er diesen Sommer seinen Abschied bekommen hatte, ist etwas Schweres und Brütendes in seine milden Augen und über sein schmales Gesicht mit dem scharfen Profil gekommen. Er blickt geistesabwesend auf; dann erfaßt er die Worte und zieht seine langen Beine zurück, damit Hjort vorbeikommen kann. »Ha – ha –!« Hjort lacht herzlich, so recht was die Franzosen einen éclat-de-rire nennen. Er ist durch und durch französisch in seinem Wesen; man kann es an seiner Aussprache hören, die einen Duft von Paris hat. Frankreich hat auf seine Stirn geatmet – während des Krieges hat er den Orden der Ehrenlegion bekommen – oh la belle France ! »Ha – ha!« lacht er und legt seine Hände auf die Knie des Kommandeurs, während seine hervortretenden Augen die übrige Gesellschaft zum Beifall auffordern. »Lieber Herr Kommandeur, das war ja nur bildlich gemeint.« Er hebt seinen Kopf mit dem großen Vollbart und dem dichten Haarwuchs, sein Blick wird streng: »Ich muß hinaus und mir die Hände waschen! Damit meine ich, ich will fort von allem, was sich jetzt nach dem Kriege unangenehm hervordrängt. Was ist aus dem ehrlichen Handel geworden, frage ich – den mein Vater von seinem Vater lernte und ich wieder von ihm? – Was wird heutzutage von uns verlangt? – Ich sehe Ihnen an, Herr Kommandeur. Sie denken bei sich, ich sei auch nicht besser gewesen.« Der Kommandeur schüttelt den Kopf, er ist sich dessen nicht bewußt; er hatte nur gedacht, daß er vergessen hat, seine Zeitung zu bestellen. »Sie meinen, weil ich Mitglied dieser und jener Kommission bin. Ja, ja, ich habe hin und wieder versucht, Einfluß auf die Entwicklung der Dinge zu bekommen; war das nicht meine Pflicht? Wenn es aber kommt, wie es jetzt gekommen ist, daß die schlechtesten Instinkte des Erwerbslebens, allerdings unter dem Druck eines engherzigen und unverantwortlichen Steuersystems, daß – kurz gesagt, Sie verstehen –, dann zieht man sich zurück. Ich spiele nicht mehr mit, sage ich, man muß ohne mich fertig werden, andere müssen die Verantwortung übernehmen – Verantwortung , meine Herren. Ich gehe fort und wasche mir die Hände.« »Hätten Sie das nicht zu Hause tun können,« wandte der Graf schüchtern ein, »ich meine, sich zurückziehen.« Hjort dreht verwundert den Kopf; sind der Graf und er denn Bekannte? Natürlich kennt man sich, aber sind sie sich je vorgestellt worden? Doch wenn der Graf eine Anrede für passend hält, will er es auch nicht so genau nehmen. » Bien sûr , Herr Graf, – die Leute aber würden fragen warum – was ist los? – Und man will die guten Leute doch nicht vor den Kopf stoßen – man ist Patriot, ein guter Bürger und so weiter. Wenn man dagegen sagt: Mein Arzt hat mir eine Erholungsreise verordnet! – das kann jeder verstehen und keiner hat Grund, sich zu wundern.« »Gewiß, Sie haben recht,« stimmt der Kommandeur bei. Er versteht ihn. Aus demselben Grunde reist ja auch er. Weder der Winter, noch seine Bronchitis, noch sonst etwas sind der Grund. Er kann es zu Hause nicht mehr aushalten. Er muß hinaus, um wieder frei zu atmen. Die Roheit des Denkens, die aus jeder Zeitung qualmt, das gereizte Parteigewäsch und der boshafte Klatsch! Und dann die himmelschreiende Gleichgültigkeit gegen alle öffentlichen Angelegenheiten. Wenn alles zum Teufel ging – seinetwegen mochte es zum Teufel gehen. Sogar die Priester waren drauf und dran zu sagen: Der ganze Kram soll in Gottes Namen zur Hölle fahren! – Nur über eines sind alle sich einig: beileibe nichts Gutes bei anderen, ein edles Ziel oder eine uninteressierte Arbeit für eine gute Sache anzuerkennen. Was hat er für Zeit und Geld für die Landeswehr geopfert – was hat er für die Jugendwehr getan! Und dann gab man ihm den Abschied! Mit der Anerkennung Seiner Majestät für lange und treue Dienste! Das Regierungsblatt aber erlaubte sich die höhnische Bemerkung, daß er nach seiner Verabschiedung dem Lande hoffentlich nicht mehr schaden würde. Der Kommandeur nickt Hjort zu: er ist ein Prahlhans mit seinen französischen Floskeln, im Grunde aber wohl ein anständiger, gutmütiger Kerl. Sich die Hände waschen! Gar kein schlechter Ausdruck! Wahrscheinlich haben nicht viele von den Herren sich reine Hände bewahren können. »Soll das heißen –?« Der Kriegsgewinnler Ludwig N. Petersen, der in der entgegengesetzten Ecke sitzt und mit seinen großen, flachen Ohren und wachsamen Augen zugehört hat, mischt sich ins Gespräch. Wie jedes Kind weiß, war er vor dem Kriege ein kleiner Agent in Eisenwaren, – jetzt hat er sich ein Palais gekauft, in der vornehmsten Straße. Er handelt mit Maschinen, er selbst sagt, daß er eine Erfindung gemacht, auf die er ein Patent bekommen hat, – so daß also Geist und Wissen ihn reich gemacht haben. Einmal war er drauf und dran, mit dem Gericht in Konflikt zu geraten, aber er konnte sich reinwaschen, und von der Affäre war nichts an ihm haften geblieben. Jetzt ist er mehrfacher Millionär und eine bekannte Figur an der Börse. »Soll das heißen –?« fragt Ludwig N. Petersen, der der Baronesse gegenübersitzt, die manche verstohlene Blicke auf seinen Pelz geworfen und ihn gern gefragt hätte, wieviel er gekostet hat. Wenn sie es doch tun würde! Nichts erzählt er lieber. Nicht, daß er es Leuten, die er zum erstenmal trifft, gleich ins Gesicht sagt: Wie, Sie kennen mich nicht? Ludwig N. Petersen! Ich bin zehnfacher Millionär; mein Pelz allein hat 50 000 Kronen gekostet, und ich hätte einen noch teureren gekauft, wenn einer da gewesen wäre – wenn man ihm aber bei einem guten Mittagessen gegenübersitzt, dann wird er es einem beim Kaffee anvertrauen. »Soll das heißen –?« fragt er und dreht sein glattrasiertes, hübsch frisiertes Römergesicht, – denn er hat ein echtes römisches Profil, wie ein berühmter Maler, ein Professor ihm gesagt hat. »Soll das heißen, daß Sie sich aus dem Geschäft zurückziehen?« Hjort zögert einen Augenblick; er und Ludwig N. Petersen kennen sich kaum, so daß eine direkte Anrede eigentlich nicht schicklich ist. Aber der Mann hat ja keine Bildung, – wohl aber die vielen Millionen. »Ja,« sagt Hjort und nickt bedeutungsvoll mit niedergeschlagenen Augen, »ich habe mich zurückgezogen.« »Aktiengesellschaft?« fragt Petersen, indem er das eine Auge zukneift. Hjort bekommt einen roten Kopf. Dieser Mensch ist doch wirklich zu ungeniert. »Das alte, hochangesehene Geschäft, das sich durch drei Generationen vererbt hat, wird natürlich fortgeführt. Nur ich persönlich trete zurück. Meine beiden Neffen sind jetzt die alleinigen Inhaber.« »Wenn nun aber ihre Neffen auch das Bedürfnis haben, sich die Hände zu waschen,« sagt Ludwig N. Petersen mit einem breiten Lächeln, »was wird dann aus dem alten Geschäft?« Hjort antwortet nicht. Er lehnt sich aus dem Fenster und blickt in die Dunkelheit. Er ist nicht beleidigt, aber er fühlt mehr als je, wie tief das menschliche Niveau gesunken ist. Der Graf und der Kommandeur wechseln Blicke. In dem Schnurrbart des Grafen zuckt es, der Kommandeur beugt sich herab, um ein Stäubchen von seinem Rock zu bürsten. Der eingebildete Mensch mit seinem vermoderten Geschäft kann mir den Buckel herunterrutschen, denkt Ludwig N. Petersen und dreht sich in seiner Ecke um – es ist nicht seine Branche. Er kann ihn leicht in die Tasche stecken. Der sechste im Abteil – denn alle Plätze des Nacht-Expreßzuges sind besetzt – ist ein großer, starker Mann, eigentlich etwas zu dick, um der sechste in einem Eisenbahnabteil zu sein, denkt die Baronesse, die ihn als Nachbarn hat. Mein Gott, wie ist der Mann von Fett beschwert, man kann jeden Atemzug hören. Er trägt einen mächtigen Brillantring am kleinen Finger, der von reinstem Wasser leuchtet, wenn er den Schweiß von seiner roten Stirn wischt. Keiner von den anderen kennt ihn, und doch kennt er alle, ausgenommen die Baronesse. Er ist der Besitzer von Ströms Restaurant; es gibt nicht viele Kopenhagener, die nicht schon bei ihm gegessen haben, und er hat ein ausgeprägtes Gedächtnis für Namen und Gesichter. Er reist jetzt nach Nizza, um sich Neues auf dem Gebiete der Küche und des Servierens anzueignen. Ein sehr tüchtiger Mann, der sich geltend macht, wo er kann, und auch jetzt die Gelegenheit nicht ungenützt vorübergehen lassen will. Er lächelt, wo es sich für einen Zuhörer zu lächeln geziemt; als aber Ludwig N. Petersen von der übrigen Gesellschaft an die Wand gedrückt worden ist, nur weil er ein einfacher Mann ist, der seine Meinung sagt, findet er es angebracht, sich ihm vorzustellen. Petersen ist oft mit Gästen bei ihm gewesen und hat immer vom Besten bestellt. Es wird ihm lieb sein, daß einer da ist, der ihn höher schätzt als die eingebildeten Herren, die sich erlauben, ihm über den Kopf zu sehen. Darum lüftet der Besitzer von Ströms Restaurant den Hut und neigt sich zur Ecke, wo Petersen sitzt. »Gestatten Sie, daß ich mich vorstelle, Herr Direktor. Ich habe oft die Ehre Ihres Besuches gehabt, – Sie haben mir sogar einmal Ihre Anerkennung persönlich ausgesprochen –, aber dessen entsinnen Sie sich sicher nicht mehr, Herr Direktor. Mein Name ist Stammer. Ich bin der Besitzer von Ströms Restaurant.« »Stammer? – Sie sind es! Wo hab' ich denn meine Augen gehabt!« Petersen reicht ihm seine große, dicke Hand, eine Hand, die weich ist, aber festzuhalten versteht. »Also Sie wollen sich auch lüften?« »Ja. Wollen Sie auch nach Nizza, Herr Direktor?« »Nach Nizza und Monte Carlo, einen Abstecher nach Afrika hinüber und so weiter, Sie wissen wohl. Na, und Sie wollen wohl den Franzosen einige neue Finessen abgucken, he?« »Auch das –.« Stammer richtet seinen Rücken höher auf und gibt sich ein würdiges Aussehen. »Auch das! Das Fach bleibt natürlich immer das Hauptinteresse. Aber im übrigen« – seine runden Augen bekommen einen fernen Blick. Dieses »im übrigen« hat er gelernt und findet es interessant und vornehm. Dann können die Leute sich denken, was sie wollen. Draußen auf dem Gang steht ein jung verheiratetes Paar. Er ist groß und dunkel, mit einem Profil wie ein Engländer auf einer Ansichtspostkarte. Sie ist klein und zart, aber stark und glücklich und stolz, – das Leben liegt so rosenrot hinter der Dunkelheit, die sie durchfahren. Sie sind auf der Hochzeitsreise, in Roskilde wollen sie übernachten, die erste Nacht. Sie drückt sich fest an ihn und schlingt ihre Finger in die seinen. Sie sehen sich um, gehen etwas weiter, wo keine Tür ist, und im nächsten Augenblick hängt sie an seinem Mund, die Arme um seinen Hals, bis eine Tür geöffnet wird; da fahren sie auseinander und sie nestelt an ihrem Haar. Propst Sören Hansen hat die Tür geöffnet. Er will draußen auf dem Gang Luft schöpfen: im Abteil ist es so warm, und sein Gemüt ist beschwert. Er kommt aus der großen Stadt, die nicht wiederzuerkennen ist, diese Stadt, die einst so gemütlich und im Grunde so gut war, damals, als er noch jung – als er noch jünger war – und studierte. Was konnte man damals alles fürs Geld bekommen! Und wie harmlos und unschuldig waren die Vergnügungen! Jetzt ist alles Unmäßigkeit, Verderbtheit, – und dabei scheinen die jungen Menschen sich nicht einmal zu amüsieren. Ach, wer nach Hause zum Pfarramt zurückkehren könnte! Ihm aber ist es nicht vergönnt, denn er hat dem Minister versprochen, zur Kirchenversammlung zu fahren und ein Wort für die bürgerliche Trauung einzulegen. Warum müssen Menschen immer an dem Bestehenden rütteln? – Warum ist das Alte nimmer gut genug? Wenn er es doch nicht versprochen hätte. Gewiß, der Minister hat recht, es ist besser für die Geistlichkeit, daß sie sich an die Spitze der Entwicklung stellt, die Gedanken der Zeit aufnimmt, als ganz den Einfluß auf ihre Gemeinde zu verlieren – und dennoch, dennoch tut er es nur schweren Herzens. Wer singt da? Aus dem Nebenwagen ertönt Gesang. Der Schaffner hat die Verbindungstür zu dem nächsten Wagen der dritten Klasse aufstehen lassen. Kräftige Männer- und Frauenstimmen und Musik dazu; es klingt wie Gitarrenspiel. Es ist die Heilsarmee. Er erinnert sich, daß er bei der Abfahrt einen kleinen Trupp gesehen hat. Sie wollen wohl in irgendeiner kleinen Stadt Proselyten machen. Lieber Gott, wie sie singen! Hübsche Stimmen, und so treuherzig. Recht wie gläubige Menschen. Er lauscht und schließlich versteht er die Worte: Auf zum Kampf, du Kriegerschar, Männer Gideons! Tausende sind in Gefahr, O, Halleluja! Was machen die Reisenden nebenan für einen Lärm? Er blickt auf die Glastür, kann aber nichts sehen; die Gardinen sind vorgezogen. Ein ganz ungehöriger Lärm zu dieser Zeit! Wenn man nun schlafen will! Es ist der junge Massen, der an der Börse »Grimasse« genannt wird, wegen des Netzes von kleinen Fältchen. das er unter dem linken Auge hat und das sich, wenn er lächelt, zusammenzieht und ihm einen verwegen liebenswürdigen Ausdruck verleiht, der in seinem Geschäft Geld wert ist. Er ist Börsenmakler, Outsider. Weiß nie recht, ob er bankrott oder Millionär ist. Denn es geht so schnell, das Geld läuft beständig von dir zu mir und wieder zurück. Aber, wie er zu sagen pflegt, wenn man an der Börse spekuliert, kann man auch nicht in Philosophie machen; das ist zu viel für ein Gehirn. Wenn die Sache schief geht, fängt er wieder von vorn an, er ist ja erst vierundzwanzig Jahre alt. Und vorläufig geht es gut. Er hat ein Auto und eine allerliebste Freundin, der er einen Landsitz gekauft hat, einen alten Bauernhof mit allem, was dazu gehört, wo sie im Sommer wohnen wollen. Man kann ihn von der Stadt mit dem Auto erreichen. Er liegt ganz in der Nähe der Bahnlinie. Ein kleiner Kreis von ausgesuchten Freunden folgt Massen überall. Da ist der »grüne Heinrich«, so genannt, weil er immer einen grünen Hut, grünen Schlips, grüne Handschuhe und grüne Strümpfe trägt. Er hat einen reichen Vater und hat geschworen, daß er den Alten dazu bringen will, etwas an Massen zu wagen. Und da ist das »Kind« – ein kleiner, immer lächelnder Mensch, mit unglaublich winzigen Händen und Füßen; er hat ein paarmal versucht, das juristische Examen zu machen, und Massen hat ihn bereits als Syndikus engagiert, wenn er nicht bankrott ist. bevor das »Kind« sein Examen gemacht hat. Betty – Massens Freundin – rekelt sich in einer Ecke und knabbert Konfekt: ihr Hut liegt im Netz, das reiche blonde Haar ist ihr über die Ohren geglitten. Sie beneidet Kamilla, die in Heinrichs Armen liegt und vor Vergnügen über das, was er ihr ins Ohr flüstert, quietscht, während sie mit den Beinen auf und nieder wippt und ihre hübschen Gelenke in dem dünnen Seidenstrumpf zeigt. Die Gelenke sind es, um die Betty sie beneidet, denn sie weiß wohl, daß ihre eigenen das wenigst Hübsche an ihr sind. »Ich langweile mich so schrecklich,« gähnt sie und zupft Massen am Rock; er steht am offenen Fenster und blickt hinaus. »Du, Adolf, wie bist du eigentlich auf die verrückte Idee gekommen, in Roskilde zu Abend zu essen? Das macht doch gar keinen Spaß.« Adolf hört nicht, er hat seinen Kopf weit zum Fenster hinausgesteckt. »Wir wollen morgen in der Domkirche zur Frühmesse gehen.« sagt das »Kind«. »Du bist verrückt!« Betty zielt nach seinem Kneifer mit einem Praline. Er ergreift ihn im Fluge und wirft ihr statt dessen seinen Hut zu. »Es wird wohl eher die Abendmesse werden,« sagt Kamilla in ihrer lauschigen Ecke und schmiegt sich fester an Heinrich. »Adolf!« ruft Betty und richtet sich halb auf. so daß sie seinen Rücken ergreifen kann. »Hallo, Adolf!« Massen dreht den Kopf zu ihr um. »Wonach siehst du dir denn die Augen aus dem Kopf, Adolf?« Adolf macht eine große Armbewegung. »Man verehrt der Dame ein Rittergut, und sie ahnt nicht einmal, daß es hier in der Nähe liegt. Komm mal her, Kind, laß es dir zeigen.« »Is' nicht möglich!« Betty stürzt an Adolfs Seite und reckt den Hals in die Dunkelheit hinaus. »Da drüben! Die erleuchteten Fenster dort, hinter dem Garten – das ist unser Gut.« »Gott, Adolf! – Kamilla, schnell!« Sie winkt nach rückwärts mit dem Fuß. »Sieh nur! – Aber wer brennt denn Licht?« »Der Verwalter – für den Fall, daß die Herrschaft unerwartet zu Besuch kommen sollte.« »Du« – sie drückt sich an ihn, die Arme um seinen Rücken –, »es hätte viel mehr Spaß gemacht, wenn wir auf unserem Gut übernachtet hätten und erst morgen nach Roskilde gefahren wären.« »Du hast ja Erichsen« – dies ist der Chauffeur – »Urlaub gegeben. Sonst brauchten wir nicht mit dieser langweiligen Eisenbahn zu fahren.« »Zu dumm!« Für Massen aber ist nichts unmöglich. Hindernisse sind nur dazu da, um mit Geld überwunden zu werden. Deswegen ist er bei seinen Freunden berühmt, und Ruhm ist süß. »Kinder,« ruft er, »wollen wir hier aussteigen?« Sein Körper spannt sich wie eine Feder. Das »Kind« sieht ihn dumm an. Der »grüne Heinrich« aber versteht ihn sofort. Er springt auf. Die Mädchen hüpfen vor Spannung, sie sehen an Massens Herrscherblick, daß etwas Ungewöhnliches im Anzug ist. Mit einer Bewegung, als nehme er den Hörer von seinem Telephon, zieht er die Notbremse. Alle stehen abwartend. Selbst Adolf hält den Atem an vor Spannung. In wenigen Minuten muß der Zug mit dem hohen Komitee, mit all den großen Herren und Cooks' eingebildeter Reisegesellschaft und der ganzen übrigen Bürgerschaft halten! Und er, Adolf Massen, hat die Maschinerie zum Stehen gebracht. »Sucht Euer Gepäck zusammen, Kinder,« sagt er und blickt sich um wie Nelson, als erwarte er, daß jeder seine Pflicht tue. Jetzt kann man deutlich hören, wie aus voller Kraft gebremst wird. Es gibt einen Ruck! Die Fahrt läßt nach. Gleich werden Rufe von Wagen zu Wagen ertönen und ein verstörter Schaffner wird von Tür zu Tür laufen: Ist es hier? – Ist es hier? Und all' die erschrockenen Gesichter und all' die Flüche, die hinter Adolf Massen und seiner Gesellschaft herklingen, wenn sie mitten aus dem Felde aussteigen werden, nachdem sie bezahlt haben, was es kostet. Seine Hand greift unwillkürlich nach der Brieftasche. Er lächelt wie ein Sieger und ärgert sich, daß sein Herz doch etwas schneller schlägt, – aber die Situation ist neu und reizvoll. Wie Betty ihn in diesem Augenblick liebt – gibt es noch einen zweiten wie ihren Adolf? Jetzt haben es alle gemerkt. Das furchtbare Bremsen, das an den Wagen rüttelt, hat die Reisenden unruhig gemacht. Türen werden aufgeschoben, Passagiere kommen auf den Gang hinaus. Fenster werden klirrend niedergelassen. Es ist, als ob eine schwere Hand sich auf einen Ameisenhaufen legt. Die Fahrt wird immer langsamer – der Zug ist drauf und dran, stillzustehen. Da – Ein Krachen. – ein Stoß, alles wird durcheinandergeworfen. Der Zug bebt in Krampfzügen, als schwanke er auf den Schienen und weiß nicht, nach welcher Seite er fallen soll – schließlich aber faßt er sich und bleibt stehen. Nach dem Getöse, dem Stoß, dem Krampf, dem Geschrei, eine plötzliche Stille – eine Sekunde, von Zeit und Verhältnissen losgerissen, aus der Tiefe einer Ewigkeit. Die Majestät wirft die Sense über die Schulter und reitet weiter durch die Nacht, auf ihrem knochigen Pferd. III. Als Johan Lind das Getöse in der Nacht hörte, war er sich nicht klar darüber, was es bedeutete. Er starrte in die Richtung, woher der Laut kam; die Wolken aber hatten sich wieder zusammengezogen und es war dunkel ringsumher. Der Zug war wie verschlungen von der Nacht. Bei der Glut seiner Zigarre sah er, daß die Uhr etwas nach zwölf war. Seltsam, daß er gar nicht müde war, er spürte nicht die geringste Uebernächtigkeit in seinen Gliedern. Er versuchte, die Entfernung in der schwachen Nachtbeleuchtung zu messen – er hatte wohl noch zwanzig Minuten zu gehen. Er knöpfte seinen Rock fester zu und schritt tüchtig aus, beständig nach der Richtung blickend, woher das Getöse erklungen war; er meinte, Lichter zu sehen, die sich hin und her bewegten. Dort ist das Geleise und dort liegt das Wärterhäuschen, – der helle Schein auf dem Felde muß der hohe, weiße Abhang des Bahndammes sein. Am Ende desselben bewegen sich die Lichter. Leute gehen hin und her. Die Nachtschicht scheint also dennoch an der Arbeit zu sein. Jetzt ist er so nah, daß er die Umrisse des Blockhauses unterscheiden kann, – es wirft ein Lichtviereck über den Bahnkörper. Auch im Wärterhaus ist Licht. Wahrscheinlich geht der bekümmerte Sankt Peter jetzt zwischen seinem kleinen Völkchen zu Bett, nachdem er den letzten Zug expediert hat. Da sieht er plötzlich eine Laterne, die seltsam längs des Dammes hinhüpft. Er bleibt stehen und hält den Atem an. Dort hinten – ganz am Ende des Dammes hält ja der Zug. Das Getöse – er bleibt entsetzt stehen – das Getöse in der Nacht. Die Knie zittern ihm; es hämmert gegen seine Seite, als ob eine harte Hand um sein Herz griffe: seine Stirn ist ganz kalt. Nur ein Augenblick, – dann werden alle Gefühle von etwas Mächtigem und Warmen hinweggespült, das ihn erhebt, ihm den Atem benimmt und nicht losläßt, bevor er ein anderer geworden ist, – als ob das drückende Band der Jahre durchschnitten würde und das Gemüt sich frei zur Höhe erhebt. Ein Schmerz, wunderbar und gegenstandslos, so erhebend, daß er wie Erneuerung wirkt. Ein Mitgefühl, größer als das schwache Herz es zu tragen vermag, darum ist es wie ein Schmerz. Ein Erbeben vor dem, das Gedanken nicht zu fassen vermögen, das darum stumm und demütig macht und den Weg zu dem Großen öffnet: der Züchtigung, die wir nicht verstehen und bei der wir trotzdem beten: »Herr, nicht mein, sondern dein Wille geschehe.« So empfand er den Griff der Hand während eines einzigen, bebenden, atemlosen Zeitatoms. Zu kurz, um ins Bewußtsein zu treten, aber lange genug, um sich ins Unterbewußtsein zu senken. Dann wurde er wieder er selbst und eilte auf die Stelle zu, wo die Hand den Ameisenhaufen berührt hatte. Als Johan Lind den Bahnkörper erreicht hatte, begegnete ihm der Bahnbeamte, dessen Laterne er längs des Dammes gesehen hatte. Der Mann richtete die Laterne auf ihn. Johan Lind versuchte, das Geschehene von dem bärtigen Gesicht abzulesen – zu fragen wagte er nicht. Der Mann blieb stehen und trocknete sich mit dem Rücken seiner Hand den Schweiß von der Stirn. »Entgleist!« sagte er und wandte sich zu der dunklen, toten Masse um. Darauf schien er plötzlich in Gedanken zu versinken. Johan Lind wunderte sich. Hatte der Mann denn kein Herz? »Ist es schlimm?« brachte er mühsam heraus. Der Mann erwachte aus seinen Gedanken und sah ihn an. »Die Achse der Lokomotive ist gebrochen und die elektrische Leitung versagt. Das ist alles. Keine Verletzung, nicht einmal ein gebrochener Arm.« Er sah Johan Lind an, als wollte er ihn in einer unglaublichen Sache zum Zeugen aufrufen. »Ich habe das Getöse ganz bis dorthin gehört.« Johan Lind zeigte in die Richtung, woher er kam. »Die Lokomotive ist gegen einen Zementkasten gestoßen, den die Arbeiter bei ihrer Arbeit gebrauchen, ist aber nicht zu Schaden gekommen.« Johan Lind starrt auf die dunkle Masse, die nicht tot, nur blind war. Seltsam, daß kein Unglück geschehen war, – er braucht Zeit, um es zu fassen. »Fuhr der Zug denn nicht mit voller Geschwindigkeit?« fragte er schließlich. »Jemand hatte die Notbremse gezogen,« sagte der Mann leise. Johan Lind verstand ihn sofort, als ob sie sich schon lange gekannt hätten. »Die Notbremse?« flüsterte er und berührte den Arm des Mannes. »Gerade, bevor es zu spät war.« Darauf nickte er vor sich hin. »Wir Menschen –« weiter kam er nicht, er brachte den Satz nicht zustande. Er atmete tief auf und schraubte an der Flamme seiner Laterne. »Wenn das keine Vorsehung ist,« sagte er schließlich kurz und rauh. Es mußte heraus, es ließ ihm keine Ruhe. Als er es gesagt hatte, schwenkte er ab. »Ich muß zum Bahnhof,« sagte er und ging quer über den Bahnkörper. Johan Lind folgte ihm. Sie gingen längs des Hauptgeleises. Weiter hinten lag der Bahnhof, hell erleuchtet. Johan Lind sah. daß viele Leute auf dem Bahnsteig standen. Sie durften quer über die Schienen gehen, es wurden keine Züge mehr erwartet. Einige Nachzügler kamen noch mit Handgepäck und Paketen von dem dunklen, schweigenden Zug. Sie stiegen vom Bahndamm herunter und gingen über das Geleise, das war der kürzeste Weg. Jetzt verstand Johan Lind, warum er keine Menschen beim Schlagbaum gesehen hatte; alle waren diesen Weg zum Bahnhof gegangen. Was wäre ihnen geschehen, wenn nicht die Notbremse gezogen worden wäre? Er wagte nicht zu fragen, es war zu entsetzlich. »Die Lokomotive.« antwortete der Mann, als ob er seine Gedanken erraten hätte, »und die ersten drei Wagen wären zertrümmert und die übrigen den Damm hinuntergestürzt worden, auf die Zementblöcke im Moor. Bei der Geschwindigkeit, die der Schnellzug hatte!« Es lag etwas Drohendes über seiner schweren Gestalt, als er sich zu Johan Lind umwandte, als ob er diesen Fremden nicht loslassen wollte, bevor er eingeräumt hatte, was keiner leugnen konnte. »Wenn das keine Vorsehung ist!« sagte er. »Im letzten Augenblick zieht jemand die Notbremse.« Johan Lind verstand ihn, dennoch machte er einen Einwurf. »Vielleicht hat jemand gesehen, daß der Zug auf falscher Spur war.« »In der Nacht – in der Dunkelheit?« Der Mann schüttelte mißbilligend den Kopf. »Und wenn auch, war es nicht doch die Vorsehung?« Er schwang seine Laterne zur Bekräftigung und ging weiter. Als er ein Stück gegangen war, drehte er sich zu Johan Lind um, der ihm nur schwer zu folgen vermochte. »Man sagt, es sei ein Schieber gewesen, der bei dieser Station aussteigen wollte, weil er in einen verkehrten Zug gekommen war« – er zögerte einen Augenblick und fuhr darauf tief nachdenklich fort, als ob seine Worte eine besondere Weisheit enthielten: »Die Geldstrafe muß er natürlich bezahlen, wenn auch durch ihn alle gerettet wurden – das ist klar.« Ein Schrei erklang – Johan Lind fuhr zusammen und blickte in die Richtung, woher der Laut gekommen war. Wieder ein Schrei – von einer Frau in Not – ein langer, gellender Schrei. Er kam aus einem Haus – dem einzigen, das weit und breit zu sehen war –, dem Wärterhaus mit dem matten, gelben Lichtschimmer hinter der Gardine. »Es ist Andresens Frau,« sagte der Mann, und zeigte mit seiner Laterne auf das Haus, »sie kriegt ihr Achtes. Ich sprach ihn vorhin. Die Wehen hatten gerade begonnen, als es geschah.« Johan Lind sah den Weichensteller mit dem schweren, traurigen Blick und der müden Stimme. »Man hat nicht länger Ruhe, als der Nachbar will.« Das war's also, was seinen Kopf gebeugt hatte. – die neue Last, die zu den vielen alten kam; das war's, worauf er gelauscht hatte: der Schrei um des neuen Lebens willen – und mitten darin kam das Getöse, das von dem kündete, was sterben sollte. Für das Leben, das kommen sollte, trug er die Verantwortung. – trug er auch die Verantwortung für den Tod der Vielen, war auch das eine seiner vielen Bürden? – Hatte er die Weiche falsch gestellt? Wird es ihn nicht niederbrechen – treu und müde und schwerfällig wie er war? Armer Mann! Johan Lind fühlt, wie ihm die Augen brennen. Er hat das Bedürfnis, irgend etwas zu tun. Aber es war ja etwas getan worden. Es hatte ja nicht zum Tode geführt – eine Hand hatte den Tod zurückgehalten. – eine Hand? – Ein Zufall? Er denkt an das Gespräch vorhin, wie er zu diesem Unglücklichen von den Millionen Menschenleben gesprochen, die er in seiner Hand gehalten hatte, und er fragt sich selbst bitter: Warum kommt in der Stille der Nacht ein Mensch und weckt Angst und Unruhe in der müden Seele seines Nächsten – warum? – Er hatte es doch gut gemeint! »Es ist nicht zu fassen.« sagt der Mann mit der Laterne, »es gibt keinen zuverlässigeren Menschen bei der Staatseisenbahn als Andresen, – es muß Ueberanstrengung sein und dann die Sorge um seine große Familie.« Noch einmal ertönt der Schrei aus dem Hause. Johan Lind meint den müden Mann vor sich zu sehen, wie er am Bett sitzt, den Kopf in seine Hände vergraben. »Was hat er gesagt?« fragt er. »Ich habe nie solchen Blick gesehen!« Der Mann streicht sich über die Augen und schweigt eine Sekunde. »›Ich habe die Weiche gestellt,‹ sagte er und starrte mich an, mit Augen, die ihm aus dem Kopf zu treten schienen. Es ist nicht zu fassen.« »Aber es ist ja kein Unglück geschehen!« Johan Lind faßt den Mann am Arm. »Es war die Vorsehung.« »So lassen Sie dem Mann doch seine Ruhe.« »Seine Ruhe? – Er verliert seine Stellung – eine schöne Ruhe, wenn man sieben Kinder hat und das achte mitten im Unglück kommt.« Er streicht sich über Stirn und Augen und schraubt an seiner Laterne, während ein stöhnender Seufzer sich seiner breiten Brust entringt. Dann geht er weiter. IV. Kurz vorm Bahnhof mußten sie eiligst zur Seite treten, um zwei Automobilen Platz zu machen. Das Licht der Laterne fiel auf ein altes, leichenblasses Gesicht hinter dem Wagenfenster; ein seltsam geistesabwesender Blick hinter einer großen, runden Brille traf Johan Lind im Vorbeifahren. Im selben Augenblick kam ein Bahnbeamter von der Station und sagte respektvoll zu seinem Kollegen, der hinter den Autos herblickte: »Das war der Finanzminister und der Etatsrat, der alte Jakob, wie er genannt wird, und all' die andern, die nach Amsterdam zur Valuta-Konferenz wollten. Der Stationsvorsteher hat ihnen die Autos aus der Stadt verschafft.« »Konnten sie nicht auf die neue Lokomotive warten?« »Nein, der Zug fährt heute abend nicht weiter; die elektrische Leitung ist gestört. Es kommt ein Extrazug, der die übrigen Passagiere holt.« Der Mann mit der Laterne ging weiter und Johan Lind folgte ihm. Auf der Treppe vor dem Stationsgebäude stand der Vorsteher und sprach leise mit einer Gesellschaft von Herren und Damen. »Gewiß. Herr Stationsvorsteher,« sagte Adolf Massen, »geben Sie nur meinem Inspektor auf Wennelund Bescheid.« Er nahm seinen Hut tief ab und ging die Treppe hinunter, während eine junge, schlanke Frau, in einen Pelz gehüllt, sich gegen seinen Arm lehnte. Eine ganze Gesellschaft folgte ihnen. Junge und Alte; aber niemand sprach. Sie sahen alle verstört aus und blickten vor sich nieder. Es sieht aus. als ob sie hinter einem Leichenwagen hergehen, dachte Johan Lind. »Schieber!« sagte der Mann mit der Laterne und sah ihnen nach, »der eine von ihnen hat Wennelund gekauft. Er ist es, der die Notbremse gezogen hat. Jetzt wollen sie auf das Gut und sich nach dem Schreck erholen.« Er blieb stehen und kratzte sich den Bart, während er hinter ihnen herblickte. »Was bedeutet eine Geldstrafe für so einen? – Wenn unsereiner hundert Kronen bezahlen muß, ist es ein großer Teil von unserem Monatsgehalt. So ein mehrfacher Millionär aber, der müßte einen Teil von seiner Jahreseinnahme als Strafe zahlen, dann würden wir von solchen dummen Jungenstreichen verschont bleiben.« »Und dennoch hat er dadurch den Zug gerettet.« »Das war Vorsehung.« sagte der Mann und schwenkte ärgerlich seine Laterne, »daran ist nicht zu rütteln.« Vor der Güterabfertigung stand ein Journalist, der mit im Zuge gewesen war, und flüsterte mit dem Bahnbeamten, einem jungen Menschen mit unreinem Teint und einem so hohen Stehkragen, daß er den Kopf kaum drehen konnte. Der Journalist zeigte auf einen Mann im langen, modernem Ulster und weichem Reisehut, der über den Telephon-Automaten an der Tür zum Wartesaal der dritten Klasse gebeugt stand. »Das ist Avnsöe. der Redakteur des ›Tag‹. Sie wissen wohl. Großmäuliger Kerl – kennt mich nicht, obgleich ich drei Monate an seiner Zeitung war, bevor ich in die Provinz kam. Er spricht mit seiner Zeitung – der Nacht-Reporter soll per Auto herkommen. Gute Nacht, Herr Redakteur! Diesmal gewinnt Jensen aus der Provinz das Rennen.« Jensen zeigt triumphierend sein großes Notizbuch. »Wissen Sie, was ich hier habe? – Die Namen sämtlicher Passagiere – vom alten Jakob bis hinunter zum Heizer –, nicht ein einziger fehlt. Wenn der ›Tag‹ mit seinem Auto hier anlangt, sind das hohe Komitee und Cooks Reisegesellschaft schon auf und davon.« »Wie haben Sie das fertig gebracht?« »Ich bin herumgegangen und habe Mann für Mann ausgefragt. Die meisten glaubten, daß ich von der Polizei sei, und wenn sie zögerten, sagte ich, daß es eine Beruhigung für ihre Verwandten und Freunde wäre, wenn sie den Namen in der Zeitung läsen.« »Aber es ist doch gar nichts geschehen. Was kümmern die Leute sich um die Namen?« »Man will wissen, ob sie den Schreck gut überstanden haben. Da ist z.B. der alte Jakob – man sagt, daß er unpäßlich geworden ist –, aber das darf man natürlich nicht schreiben. Ja, ja, Hansen, so was vergißt man so leicht nicht.« Jensens Augen werden bleich, und der Mund in seinem mageren, unrasierten Gesicht bebt. Nur einen Augenblick, dann ist er wieder Journalist. Und Hansen, ein alter Schulfreund von ihm, verspricht, daß er die Liste mit den Namen als Dienstsache durch den Bahntelegraphen befördern lassen will, so daß sie noch in die Morgenzeitung kommt, während Jensen im »Krug« sitzt und schreibt und das Telephon benutzt; er hat es sich bereits gesichert, denn er ist in den Wirtshäusern der Gegend gut bekannt, – das muß man als Journalist sein: wo getrunken wird, gibts immer etwas Neues zu hören. Im Wartesaal der zweiten Klasse ist der große, altmodische Kachelofen geheizt. Auf der Bank, gleich neben dem Ofen, sitzt die Baronesse und wärmt sich die Hände. Der Hut sitzt ihr schief auf dem vollen, grauen Haar, das sich im Nacken gelöst hat; eine Strähne fällt ihr über den Pelzkragen, aber sie merkt es nicht. »Mein Gott, mein Gott,« jammert sie und bewegt den Kopf fassungslos, »ich habe es ja gleich gesagt – es ist Montag, sagte ich – Luise aber wollte mich loswerden, um ungestört reinzumachen, mein Gott! – daß unsere nächsten Angehörigen so egoistisch sein können – und jetzt sitze ich arme, alte Frau hier!« Der Graf, der auf und ab geht – er kann sich nicht ruhig verhalten, wenn ihn etwas erregt –, bleibt stehen und legt seine kleine, vornehme Hand beruhigend auf ihre Schulter. »Fassen Sie sich. Baronesse, es ist ja glücklicherweise nichts geschehen!« sagt er eindringlich und tröstend wie zu einem Kinde, »danken Sie lieber Ihrem Gott, daß Sie hier mit heilen Gliedern sitzen.« »Ja, ja,« nickt Töndern und faltet seine Hände. Er sitzt auf der andern Seite des Ofens und starrt in sein Schicksal. Seine milden Augen sind feucht vor Dankbarkeit. Etwas Aufmerksames ist in seinen Blick gekommen, als ob sie Verjüngung ahnten. Was bedeutet die militärische Altersgrenze im Verhältnis zu der anderen großen Grenze, die er fast überschritten hatte? – Fort mit allen kleinen Sorgen, jetzt, wo er das Leben von neuem geschenkt bekommen hat, will er ihnen keinen Gedanken mehr schenken. Er will nicht ins Ausland, es sollte nicht sein. Was wollte er eigentlich in der Fremde – er kann sich nicht mehr darauf besinnen. »Sahen Sie den alten Jakob?« fragt der Graf. Töndern blickt geistesabwesend auf. Der alte Jakob? Ach so, der Bankdirektor. »Was war mit ihm?« »Er wurde von zwei Männern gestützt, als er zum Auto ging. Er sah nicht gesund aus.« Der Graf sieht Töndern bedeutungsvoll an: der Kommandeur aber versteht ihn nicht. Was kümmert der alte Jakob ihn, nachdem er das Leben von neuem geschenkt bekommen hat. Der junge, schlanke Russe steht neben dem Fenster und starrt in die Dunkelheit auf dem Bahnsteig, wie er vorhin vom Zug aus in die Dunkelheit gestarrt hat. Hier oder dort – für ihn ist es überall Nacht. Der Graf hat ein Herz für alles, was edel und in Rot ist. Er hat den Blick des jungen Mannes beobachtet, als der Stationsvorsteher den Unfall des Zuges erklärte. Der Russe hatte kein Wort verstanden. Daß er nicht fragte, als ob er abseits von allem stünde, das ist's, was den Grafen so rührt. Er überlegt eine Weile, dann tritt er neben den Russen und berührt seinen Arm. » Excusez, monsieur ,« er nennt seinen Namen und sagt, daß er nach seinem Auto telephoniert habe, es kann jeden Augenblick hier sein – »ich habe noch Platz, Monsieur, wenn Sie zur Stadt zurück wollen; der Stationsvorsteher hat gesagt, daß der Zug heute abend nicht weitergeht.« Der Russe stellt sich vor, neigt den Kopf und dankt. Der Graf hat seinen Namen nicht verstanden; das leichte, blasse Lächeln aber, die Kopfhaltung und die Bewegung der schmalen Hand beweisen ihm, daß sie derselben Gesellschaftsklasse angehören. Sie wechseln einige Worte über den Unfall. Der Graf erklärt ihm, wie dicht sie vor einem Unglück gestanden haben und wodurch sie gerettet wurden. Er ist sich nicht klar darüber, ob der Russe erst jetzt den Zusammenhang versteht, oder ob er ihn die ganze Zeit gewußt hat. Was muß er in seinem Leben durchgemacht haben, wenn er dieses Ereignis so ruhig hinnimmt. Propst Sören Hansen geht im Wartezimmer auf und ab. Sein Gemüt kann nicht zur Ruhe kommen, nach dem wunderbaren Eingreifen Gottes. Unablässig muß er in seinem Herzen danken, – und darf er glauben, daß ihm dadurch ein Zeichen gegeben worden ist? Ein Zeichen, daß es der Wille des Allerhöchsten ist, daß er sein Versprechen, das er dem Minister gegeben hat, nicht halten, daß er nicht für die bürgerliche Trauung sprechen soll? Gott hat gesprochen – und der Propst gehorcht; er fährt nicht zur Kirchenversammlung. Er sieht, wie der wirklich vornehme Mann, den er schon lange beobachtet hat, auf den Fremden am Fenster zugeht; er tritt unauffällig näher und hört, daß er sich als Graf Falck vorstellt. Und er denkt vertrauensvoll bei sich, was der Graf einem Fremden anbietet, das wird er einem angesehenen Landsmann nicht abschlagen. Nach einer passenden Pause findet er sich an der Seite des Grafen ein – sie machen beide ihren Kreislauf durch das Zimmer –, lüftet den Hut und fragt, ob man weiß, wann die Hilfslokomotive hier sein wird. Der Graf sieht gleich, daß es ein Geistlicher ist; er erklärt, daß der Zug nicht weitergeführt wird. Und da der Geistliche sich besorgt darüber äußert, ob es möglich sein wird, noch ein Auto zu beschaffen, erbarmt er sich über sein rundes, gutmütiges Gesicht und bietet auch ihm einen Platz an. Der Propst stellt sich vor, dankt und hofft, daß er nicht störe. »Mit Ihnen sind wir fünf,« antwortete der Graf, »und im Auto ist für sechs Platz.« Diejenigen, die mit dem Auto fahren sollen, versammeln sich um den Ofen. Der Propst wird dem Kommandeur und der Baronesse vorgestellt. Sie schenkt ihm keinen Blick, bis sie im Laufe des Gesprächs hört, daß er ein Propst ist; da klagt sie ihm ihre Not und empfängt seinen priesterlichen Trost. Der Russe steht auch dabei und wartet, hochaufgerichtet, die schlanken Hände auf dem schöngeschwungenen Rücken, wartet hier, wie vordem am Fenster im Zuge, indem er in die öde Nacht hinausstarrt. Jeder Platz im Wartezimmer ist besetzt. Hier sitzen alle die, die noch vor kurzem in der Hand des Todes waren, unsichtbar miteinander verbunden. Sie sind blaß und schweigsam, und der Ausdruck ihrer Augen ist wie der ihres Gemütes. Des einen Blick ist in Entsetzen erstarrt, des anderen Auge ist so voll, daß er das Lid nicht schließen kann, eine Träne quillt darunter hervor; es ist eine Mutter, eine Witwe, die an ihre Kinder denkt, die nur sie haben; Gott hat sie ihnen erhalten. Ein ältlicher Gutsbesitzer mit Schaftstiefeln und Reitpeitsche redet unausgesetzt; seine Augen strahlen, seine exaltierte Stimme geht in den Diskant hinauf. Er spricht mit einer seltsam knarrenden Stimme, als ob er, des Redens ungewohnt, nachdem ihm die Zunge gelöst worden ist, nicht wieder aufhören könne, er spricht zu dem Nachbar, auf den sein flackernder Blick zufällig fällt, und im übrigen zu allen und niemanden von dem Glückszufall, daß er sich gerade in eine Unfall- und Lebensversicherung eingekauft hatte. Im Wartezimmer der dritten Klasse sah Johan Lind eine ältere Frau, die auf einem Bündel saß, den Rücken gegen die Wand gestützt und sich den Kopf mit beiden Händen hielt. Er beugte sich über sie. »Kann ich Ihnen helfen?« fragte er. Sie sah ihn stumpf an und schüttelte den Kopf. »Haben Sie Schmerzen?« Sie antwortete nicht. Ein junger Bauer, der neben ihr saß, drehte sich zu ihm um. »Es kommt vom Schreck.« sagte er und blickte Johan Lind, den er für einen Geistlichen hielt, mit seinen treuherzigen Augen an. »Mutter taumelte vom Sitz, als der Stoß kam, und hat sich den Kopf gestoßen; sie hat 'ne Beule bekommen.« Oberhalb der Stirn war eine blutunterlaufene Beule, aber sie sah nicht schlimm aus. »Baden Sie sie etwas mit kaltem Wasser.« sagte Johan Lind zum Sohn und zeigte auf das Büfett, hinter dem ein Wasserhahn über einer Kumme tropfte. Der junge Mann erhob sich, als ob er einen Befehl erhalten habe, nahm sein rotgewürfeltes Taschentuch und begab sich zum Büfett. Dort standen zwei gemeine Infanteristen und froren in ihren verblichenen Uniformen. Sie lächelten zwei Kopenhagener Strolchen mit Sportsmützen und roten Halstüchern verlegen zu. Der eine von den Kopenhagenern sprang über das Büfett und donnerte gegen die Küchentür. »Aufgemacht, zum Donnerwetter!« Als niemand antwortete, drehte er sich zu den Soldaten um. »Nicht mal 'ne Flasche Bier kann man hier kriegen! Komm, wir gehen zum Vorsteher,« sagte er und faßte seinen Kameraden bei der Schulter. »Was willst du von ihm?« »Haben wir nicht bis Roskilde bezahlt, he? – Erst schicken sie einen beinah zur Hölle und hinterher kann man nicht einmal ein Glas Bier kriegen. Komm, Kamerad, wir wollen unser Geld oder für den Rest ein Glas Bier haben.« Er blickte sich im Zimmer um. Als er keinen Beifall fand – sogar die Soldaten hüteten sich, seinem Blick zu begegnen –, fing er an zu singen und den Takt dazu zu trampeln. Ein alter Bauer, der an einem Tisch in ihrer Nähe saß, blickte sie mit seinen kleinen, runden Augen an, erhob sich und sagte mit einer trockenen, zuverlässigen Stimme, als ob er seine Meinung in einer Gemeindesitzung zum besten gäbe: »Ich finde, wir sollten lieber einen Psalm singen.« Die Soldaten von der Heilsarmee saßen an einem Tisch für sich. Das eine Mädchen hatte den Kopf auf die Arme gelegt und schlief mit offenem Munde. Die Mütze war ihr vom Kopf geglitten, das reiche blonde Haar fiel ihr in einer breiten Welle übers Ohr. Der Aelteste – er schien Sergeant zu sein – starrte vor sich hin, während das Licht der Krone einen blanken Schein auf seine hohe Stirn warf. Er stand auf, hob die gefalteten Hände bis zur Brust, blickte zur Decke und sagte mit lauter, klarer Stimme: »Wir danken dir, himmlischer Vater, daß du uns mitten in unseren Sünden vorm Tode gerettet hast! – So laßt uns denn singen.« Das junge Mädchen ordnete schnell Haar und Mütze; die Instrumente kamen zum Vorschein, und die kräftigen, geübten Stimmen sangen, während die Blicke auf Hohes und Fernes gerichtet waren. In diesem Augenblick fiel Johan Linds Blick auf ein Augenpaar in der Ecke am Fenster – zwei blanke Mädchenaugen spiegelten das Licht der Krone unter der Decke. Er erinnerte sich, daß er das Mädchen gestreift hatte, als er hereinkam; dann aber hatte die Frau mit dem kranken Kopf seine Aufmerksamkeit auf sich gezogen. Sie saß auf einer Bank, die Beine unter sich hochgezogen, in einem langen, braunen Regenmantel, der bis an den Hals zugeknöpft war, so daß man nur das schmale Gesicht mit den großen Augen sah. Sie hielt mit beiden Händen eine alte Handtasche fest umklammert, als enthielte sie alles, was sie besaß. Sie hörte dem Gesang zu, ihre Augen wurden blank. In Gedanken nahm sie eine Hand von der Tasche, um die Tränen fortzuwischen; aber es kamen immer mehr, und schließlich beugte sie den Kopf tief in den Schoß. Johan Lind sah, daß sie weinte. Sie war allein. Der Gesang hob die Gemüter, die dem Tode so nahe gewesen waren, führte die Gedanken zueinander, die ihren aber nicht. War sie, so jung, nicht der Rettung froh, die ein Wunder beschert hatte? Etwas zog ihn zu ihr, – er meinte diese Beugung des Nackens, diese Augen, die vor Kummer blank und starr waren, zu kennen. »Jesus – für des Lebens Gnade, für die Rettung sei gelobt –« sangen sie. Er suchte sich einen Platz, von wo aus er sie beobachten konnte, ohne selbst gesehen zu werden. Im selben Augenblick ertönte ein Zugsignal. Im Warteraum entstand Unruhe, der Gesang verstummte. Die Leute standen auf und liefen zur Tür, die zum Bahnsteig führte. Draußen wurde Licht angezündet, der Vorsteher erteilte Befehle. Bahnangestellte liefen hin und her. Die Tür wurde aufgerissen. »Der Zug ist da!« rief der Vorsteher. Der Vorsteher ging wieder hinaus; die Reisenden suchten ihr Gepäck zusammen und hielten sich bereit. Kurz darauf hörte man schweres Stöhnen. Ein heller Schein fiel über die Schienen. Fenster und Wände erbebten, die Lokomotive kam angezischt, ließ Dampf aus und hielt. Ein plötzliches Zögern. Die Wartenden hielten den Atem an – es war wie eine Erinnerung: der heiße Atem, die kreischende Bremse. Als sie es das letztemal hörten, da geschah es – da war der Sprung vor dem Tode. Die Leute blieben stehen, als wagten sie es nicht, sich diesem Zuge anzuvertrauen. Sein Genosse hatte sie fast in den Tod gefahren – was hatte dieser mit ihnen im Sinn? Es war nur ein Augenblick, dann siegte bei allen der Wunsch, nach Hause zu kommen. Sie drängten sich. Zuletzt kam die Frau mit dem verletzten Kopfe. Sie ging dicht an Johan Lind vorbei; er sah, daß sie zitterte, ihre Augen waren schwer vor Angst. Der Sohn mußte sie stützen. Er sah Johan Lind mit seinen treuherzigen, braunen Augen an, als wolle er sagen: Sie sehen wohl, daß ich meinen Hut nicht abnehmen kann, weil ich beide Hände voll habe. Johan Lind nickte ihm zu, als ob sie alte Bekannte seien. Der Warteraum war leer, nur eine saß noch da. Das junge Mädchen in der Ecke am Fenster. Sie starrte vor sich hin, die Hände um die Tasche im Schoß geklammert, als versuche sie sich darauf zu besinnen, ob der Zug draußen auch sie angehe. »Wollen Sie nicht auch mit dem Zug?« fragte Johan Lind und streckte ihr helfend die Hand entgegen. Sie blickte auf, als ob er aus der Erde gewachsen sei. Seine Augen begegneten einem ganz leeren Blick, der sich langsam zu füllen begann. Ihre schmalen Wangen färbten sich rot; der Mund bebte wie eine Blume, auf die man haucht. »Wollen Sie nicht auch nach Hause?« Was wollte dieser Mann, der sie mit solch guten Augen ansah? »Ich habe kein zu Hause,« flüsterte sie und beugte sich über die alte, verbrauchte Handtasche, als wäre ihr Heim dort und nirgends anders in der Welt. Sie tat ihm leid, aber seltsam, fast machte es ihn froh. Diese starren, betrübten Augen wollte er gern in Freude erstrahlen sehen. »Lassen Sie uns zusammengehen, ich habe auch kein Heim.« Er hat ja nie etwas anderes als gemietete Zimmer gehabt. »Kennen Sie mich?« fragt sie erstaunt, denn in seinem Blick, in seinem Lächeln und in der Hand, die er ihr entgegenstreckt, ist frohes Wiedererkennen. »Vielleicht habe ich von Ihnen geträumt.« Sie sieht ihn an, wie man einen Menschen betrachtet, der einem an einem öden Ort, fern von der übrigen Welt, begegnet. Sie sieht, daß er einsam ist. Es ist sicher wahr, daß er kein Heim hat. Gleich wird der Zug draußen abfahren – und er wird noch hier stehen, als ob er ihn gar nichts angeht. Sie ist wie eine Schiffbrüchige an einer fremden Küste. Wenn keiner kommt, der sie aufnimmt, dann muß sie dableiben und sterben. Sie besitzt keinen Willen mehr. Draußen werden Türen zugeworfen – Abfahrt! – der Zug stöhnt und stampft. »Wohin wollten Sie denn?« Er hat sich neben sie gesetzt und seine Hand über die ihre auf die Tasche gelegt. Sie sieht die Hand erstaunt an, – sie ist ohne Ringe, warm und ruhig. Sie denkt an die Hand, die früher diesen Platz einnahm, und plötzlich quellen ihr Tränen heiß und brennend aus den Augen. Er sieht sie auf seine Hand fallen, wird gerührt. Sie ist in Gedanken versunken, fern von seiner Nähe. Plötzlich sieht sie die Nässe auf seiner Hand blinken und rückt von ihm fort – hastig errötend, als ob sie sich eine Blöße vor ihm gegeben habe. »Wohin wollten Sie reisen?« fragt er wieder. Warum trocknet er seine Hand nicht? – Sie starrt geblendet auf die Nässe und vergißt, daß es eine fremde Hand ist. Schließlich erfaßt sie seine Frage und antwortet: »Zu einer Tante in Nyköbing.« »Einen anderen Menschen haben Sie nicht in der weiten Welt?« Sie schüttelt den Kopf und beugt sich über die Tasche. Er betrachtet ihren zarten Nacken, wo sich das Haar über dem Kragen lockt. Er betrachtet den Nasenbogen und die Lippen, die noch von dem Schmerz in ihrem Herzen beben. Darauf legt er die Hand auf ihre Schulter und sagt: »Erzählen Sie mir alles – es wird Ihnen gut tun.« Sie sieht mit einem großen, erstaunten Blick zu ihm auf und wendet ihren Kopf ab. Ein Bahnbeamter geht durch den Warteraum und löscht die Lichter. Er wirft den Beiden, die allein zurückgeblieben sind, einen verstohlenen Blick zu – dem Alten und dem jungen Mädchen dort in der Ecke. Er zögert, als ob er fragen wollte; dann denkt er, daß sie wohl nirgends anders unterkommen können; nach dem Ereignis heute nacht braucht er es mit den Dienstvorschriften nicht so genau zu nehmen; der wachthabende Beamte ist schon fortgegangen. Er schließt die Tür leise hinter sich, um nicht zu stören. Sie sieht Johan Lind an und denkt wie vorhin, daß er solch gute Augen hat. Die Angst vor der Einsamkeit führt sie ihm zu. V. Als die Leute von der Heilsarmee vorhin sangen, dachte ich: Ich habe nicht zu danken, meinetwegen hätte ein Unglück geschehen können.« »Liegt Ihnen so wenig am Leben?« »Wenn der einzige Mensch, den man lieb hat, uns verläßt, bleibt einem nichts mehr. Am liebsten möchte man sich hinlegen und nie wieder aufstehen.« Ja, so ist es, wenn man liebt. Man denkt nicht an den morgigen Tag, denkt nur, jetzt ist alles vorbei. Er selbst hat es nie erlebt, aber er ist ja auch vorwärtsgekommen, ist berühmt geworden. Für nichts ist nichts, das ist ein alter Spruch im Leben. Für das blasse, junge Mädchen ist der Schlag also schlimmer als der Tod. Vielleicht aber darf er ihre Worte nicht so genau nehmen. Er will sie prüfen. »Wenn er Sie verlassen hat, ist er Ihres Vertrauens sicher nicht wert gewesen. Nehmen Sie sich einen anderen. Das Leben ist voll Freude, man muß nur zugreifen.« Sie sieht ihn mit großen Augen an – betrübt, enttäuscht. »Sie wissen nicht, was es heißt, zu lieben.« »Ich wollte Sie nur prüfen,« sagt er und nickt, wie ein alter, freundlicher Mann; ihre Worte tun ihm im innersten Herzen weh; sie weiß nicht, wie wahr sie gesprochen hat. »Wie lange haben Sie ihn gekannt?« »Anderthalb Jahre.« Er richtet mit dem Blick eine Frage an sie. Sie beugt den Kopf und bejaht sie. »Ueber ein Jahr lang haben wir einander angehört.« Er nickt, er versteht. Sein Blick gleitet über ihre zarte Gestalt. Er fühlt Erbarmen mit der Menschheit. Durfte es denn nicht sein, daß zwei Menschen glücklich lebten? Wurde dadurch die göttliche Führung gefährdet, war es freche Anarchie, die nur eigene Gesetze anerkennt? – War es eine falsche Lehre, für die Liebende zu sterben bereit sind und ihr Leben hingeben müssen? »Wie alt sind Sie?« »Ich bin zwanzig – und Johannes war zweiundzwanzig. Wir waren so glücklich.« Ihre Augen wurden größer und größer und plötzlich liefen sie über. Tränen tropften über ihre schmale Wange, sie fing sie mit dem Rücken ihrer Hand auf. »Erzählen Sie!« sagt er und legt seine Hand auf ihre. »Ich hatte ein Fenster nach dem Hof,« beginnt sie, »wenn ich in der Sonne saß, konnte ich seinen großen, dunklen Blick auf mir fühlen. Die anderen in der Werkstatt neckten mich –« »Werkstatt?« »Ich bin Buchbinderin. Bei meinem Onkel in Nyköbing habe ich Lederarbeiten gelernt. Er war gut zu mir, aber er starb und sein Geschäft wurde verkauft. Da reiste ich nach Kopenhagen und bekam eine Stellung bei einem Manne, der Geselle bei ihm gewesen war. Ich mietete mir eine Dachkammer bei einer Dame, die meine Mutter gekannt hatte. Ach, dort oben war es so schön, ich hatte gar keine Sehnsucht nach Hause.« »Und dort lernten Sie ihn kennen?« »Er arbeitete in einer großen Werkstatt, die zum Hofe hinaus ging.« »Auf der Schattenseite?« Sie sah ihn fragend an. »Sie saßen ja auf der anderen Seite in der Sonne.« Sie nickte und starrte vor sich hin und erlebte alles in Gedanken noch einmal. Stunden, die wie Minuten waren, wenn sie seine Augen auf sich fühlte und sein Gesicht sah, das von dem offenstehenden Fenster gespiegelt wurde, – Stunden, die lang und traurig waren, wenn er auswärts zu tun hatte. Auch er wurde geneckt, das konnte sie sehen. Man winkte zu ihr hinüber, ausgelassene Stimmen riefen. Sie tat. als merkte sie es nicht und beugte sich über ihren Rahmen; in der spiegelnden Fensterscheibe aber konnte sie sehen, daß er zornig war. Und dann endlich, das erstemal! Eines Tages, als sie zum Mittagessen ging, begegnete sie ihm im Torweg, – in Arbeitstracht, schmutzig, – errötend eilte er an ihr vorbei – wollte in diesem Anzug nicht von ihr gesehen werden. Sie aber blieb stehen und sah ihm nach, meinte ihn nie so schön gesehen zu haben. Dann kam der Winter, und das Fenster mußte geschlossen bleiben, – nun redeten sie zueinander durch Blumen. Und dann der große Tag – der Sonntag vor Weihnachten, als er ihr auf dem Eise entgegenkam. Sie liefen zusammen, bis sie so warm geworden waren, wie an einem Sommertag. Sie erzählten sich von ihrer Kindheit, ihren Wünschen, ihren Hoffnungen. Er war in Rußland geboren, seine Mutter aber war Dänin. Seinen Vater, der in Petrograd Volksschullehrer war, hatte er bereits als Kind verloren. Als der Krieg ausbrach, hatte seine Mutter ihn mit nach Dänemark geschmuggelt, damit er nicht Soldat werden brauchte. Er war damals sechzehn Jahre alt und ihr einziges Kind. Jetzt, wo er erwachsen war, fürchtete sie, daß er sich eine Braut nehmen würde. Sie lachten zusammen über solch törichte Angst, – der Weg um den See wurde zu einem Stück Welt, bevor sie ihn zu Ende gegangen waren; zum Schluß traktierte er sie mit Schokolade und Kuchen. O, wie die Kuchen schmeckten! Und wie sie lachten! Als sie sich aber ihrer Haustür näherten, wurden sie ernst. In der Dunkelheit, als er nach ihrer Hand tastete und die Worte ihm im Halse stecken blieben, da legte sie ihren Kopf an seine Schulter, so daß er den Atem ihres Mundes auf seiner Backe fühlte und sie küßte. Ach, da erschrak sie so sehr, daß sie zitterte, aber nur einen Augenblick; dann jubelte es in ihr, sie schlang die Arme um seinen Hals und versprach in dem dunklen Torweg, ihm alles zu geben, was sie besaß. – Jeden Tag, wenn sie von der Arbeit kamen, gingen sie zusammen. Eines Abends war ihre Wirtin eingeladen, sie war allein zu Hause und er begleitete sie auf ihr Zimmer, – zu ihm konnte sie seiner Mutter wegen nicht kommen. An jenem Abend hielt sie, was sie ihm versprochen hatte. An jenem Abend hielten sie Hochzeit. Und jetzt war alles vorbei. »Wie kam das?« Ihre Augen sind auf Johan Lind gerichtet, aber sie sieht ihn nicht; ihre Gedanken sind anderswo. Schließlich besinnt sie sich und antwortet: »Ich weiß es nicht. Vielleicht war seine Mutter daran schuld, vielleicht ein Kamerad. Er hatte so viele seltsame Ideen. Bisweilen war er den ganzen Abend schweigsam – bisweilen schalt er auf den Staat und die Zeit und all' das, was doch niemand ändern kann. Er hatte einen Kameraden in der Werkstatt, einen Freund aus Rußland, den er schon lange gekannt hatte. Er war während des Krieges aus Rußland geflohen und wohnte bei ihnen. Er war älter als Johannes und hatte sehr viel Einfluß auf ihn. Ich glaube, er hat ihn mir entfremdet. Er hinkte, ich nannte ihn immer den »hinkenden Teufel«, obgleich Johannes es nicht leiden konnte; denn er liebte ihn wie einen älteren Bruder. Nie wollte er mir anvertrauen, wovon sie sprachen und was sie vor hatten. ›Davon verstehen Frauenzimmer nichts,‹ pflegte er zu sagen. Dann wurde ich böse und schmollte mit ihm, bis er Abbitte tat und alles wieder gut war. Dann starb seine Mutter. Man hätte glauben sollen, daß er sich mir noch mehr anschloß, als er allein war und sie nicht mehr zwischen uns stand. Aber wir kamen mehr und mehr auseinander. Die Werkstatt, in der er arbeitete, zog in ein größeres Lokal in einer anderen Straße, und da Johannes der tüchtigste Mechaniker war, wurde er immer zu den schwierigsten Arbeiten ausgeschickt. Wenn er nach Hause kam, war er müde und dachte an nichts anderes als schlafen. Er verdiente gut und ich hatte auch mein gutes Auskommen, wir hätten heiraten können. – Ich wurde trotzig und ging meine eigenen Wege. Wenn er kam, war ich nicht zu Hause. Ich tat es, um ihm Angst zu machen, daß er mich verlieren könnte. Ich ging ins Kino und sah Stücke von Liebe und wie Liebende immer kämpfen müssen, um sich zu kriegen. Wenn er dann kam, schalt er mich, weil ich ausgegangen war, aber er küßte mich nicht und bat nicht, daß alles wieder gut sein sollte. Und dann –« Sie hält inne – es ist so bitter – ihre Lippen verziehen sich, sie kann es nicht sagen. »Und dann?« fragt er; es wird sie erleichtern, davon zu sprechen. »Dann bekam ich den Brief – er müsse seinen Weg allein gehen, ich würde unglücklich werden, wenn ich mein Schicksal mit dem seinen verbände; er sei von Kindheit an gezeichnet – und dergleichen mehr. Er gab mir meine Freiheit zurück und –« Sie schließt einen Moment die Augen, um Kraft zu sammeln. Johan Lind legt seine Hand still auf die ihre und denkt wieder bei sich, es wird sie erleichtern, sich auszusprechen. »Es hätte keinen Zweck, daß ich nach ihm suchte, denn er und sein Kamerad seien geflohen.« »Und nun wollten Sie in Ihre Vaterstadt zurückkehren?« »Ich konnte es nicht mehr in dem Zimmer aushalten, wo ich so glücklich gewesen war. Und wenn ich von und zur Werkstatt ging, mußte ich weinen, denn überall begegneten mir Erinnerungen. An dieser Ecke hatte er gestanden und mit einer Rose gewinkt. Bei jenem Konditor dort pflegten wir im Anfang des Monats Schokolade zu trinken. Es war nicht zum aushalten. Schließlich reiste ich fort, nur um in eine andere Umgebung zu kommen. Denn was sollte ich im Grunde in Nyköbing, und was sollte ich zu meiner Tante sagen?« Sie stützt das Kinn in die Hand und starrt in ein großes, leeres Dunkel. »Ich gab ihm alles, was ich besaß,« flüstert sie, »und er hat mich verschmäht.« Lange sitzen sie sich schweigend gegenüber. Dann hebt sie den Kopf und sieht den Mann an, der so getreulich ihre Hand streichelt. »Wissen Sie, was ich dachte, als der furchtbare Stoß in der Eisenbahn kam? Gott hat meine Not gesehen, dachte ich, er will nicht, daß ich mehr leiden soll. Als ich aber die Schreie hörte und sah, wie die alte Frau hinstürzte und jammerte, da wurde mir so angst, daß ich es gar nicht beschreiben kann; und ich dachte, daß es unmöglich Gottes Wille sei, alle diese Menschen meinetwegen zu treffen. Und als es vorbei war und kein Unglück geschehen war, da dankte ich ihm doch.« Johan Lind dachte bei sich: So jeder Phantasie bar kann die Vorsehung nicht sein, ihr stehen ja alle Wege offen. »Als aber die Leute von der Heilsarmee vorhin sangen, da kam die Verzweiflung wieder über mich. Ich glaube nicht, daß das Leben gut ist. Wofür soll ich danken? Was habe ich getan, daß es mir so schlecht ergeht? – Und –« Sie zögert. Im selben Augenblick fühlt er, was kommen wird, er hat es die ganze Zeit geahnt. »Und wenn ich nun ein Kind von ihm bekomme?« Sie sagt es flüsternd und ihre Augen werden bleich, als ob ihr Blick darin gefröre. Darum also sind wir einander begegnet, denkt er. Hier sitzt ein armes Menschenkind, das meine Hilfe nötig hat. Sie nimmt das Leben so schwer, sie weiß nicht, daß auch ein vaterloses Kind ein Glück sein kann. »Wir werden ihn schon finden,« sagt er, er möchte sie so gern trösten. Sie sieht auf, als ob er ihr Herz berührt habe. Im nächsten Augenblick aber richtet sie sich auf wie zum Sprung, ihre Augen flammen und ihre Lippen verziehen sich. »Ich will ihn vergessen, ihn mir aus der Brust reißen – es gibt andere Männer.« Die Kehrseite, denkt er voller Schmerz. »Für Sie nicht!« sagt er und blickt ihr fest in die Augen. Sie wird zu einem kleinen Mädchen unter seinem Blick. Ein kleines Mädchen, das trotzt, – ach, es tut so weh, und dennoch kann sie es nicht lassen. »Warum soll ich ihm mein ganzes Leben geben, wenn er es verschmäht?« »Nicht seinet-, sondern Ihretwegen.« »Gibt es überhaupt glückliche Menschen? Meine Freundin Ida in der Werkstatt sagte immer: ›Nur nicht denken, dabei kommt nichts anderes als Tränen heraus. Kino und Tanzen und mit den Männern kokettieren – auch das, wenn du nicht davon lassen kannst; das Herz aber laß aus dem Spiel, sonst fällst du herein.‹« Sie sieht ihn an, als wolle sie ihm an den Augen ablesen, was er zu Idas Lebensauffassung meint. Er ist ja ein Mann und ist auch mal jung gewesen und hat so gute Augen. Er sieht ihr an, wie besorgt sie um seine Antwort ist: sie spürt Mißbilligung in seinem Blick und beeilt sich hinzuzufügen, damit er nicht voreilig urteilen soll: »Ida ist ein guter Mensch. Ich kenne keinen besseren Kameraden.« O, ja, er versteht. Je besser der Mensch, desto größer die Enttäuschung. Je stärker das Gemüt, desto härter das Urteil. Und man glaubt, daß man das, was niemals stirbt, totschweigen kann. Armes kleines Menschenkind, sie weiß nicht, daß man nur Einen lieben kann. Es war spät in der Nacht, als sie den Bahnhof verließen und zusammen zur Stadt wanderten. Es hatte angefangen zu frieren, die Wasserpfützen knirschten, wenn man hineintrat. Der Mond war aufgegangen und stand mit seiner spitzen Sichel in einer dicken Wolke, die still unter dem tiefen Himmel hing, als ob es der Mond sei, der sie in ihrem Fluge aufgehalten habe. Die alten, hohen Pappeln warfen einen bleichen Schatten über den Weg. Hin und wieder strich ein Windhauch durch die Kronen und fällte die Blätter, die ihres Urteils harrten. Hinter einem alten Garten lag eine weißgestreckte Scheune. Er erinnerte sich ihrer vom Hinweg. Wie war das lange her! Seltsam, daß er weder müde noch hungrig war. Das Frostwetter machte ihn wohl so frisch, oder war es das Erlebnis? Er blickte verstohlen zu dem jungen Mädchen an seiner Seite auf. Sie trug eine Mütze, die das Haar ganz bedeckte. Der Kopf war gebeugt, die Gestalt schlank und elastisch; sie trat fest aus und schritt schnell aus, als fürchte sie, daß jemand sie zurückhalten könnte; er hatte Mühe, ihr zu folgen. Wo soll ich sie hinführen? dachte er; aber er machte sich keine Sorge darüber. Hier ging er, und sie mit ihm, – was vor ihnen lag, wußten sie nicht. So ist es schön, dachte er. Wir machen uns immer so viele Sorgen, und dabei geht das Leben doch so, wie es gehen muß. Die Frage war nur, ob ihre Kräfte ausreichten nach allem, was geschehen war. Frauen ihrer Art biegen nicht aus, sie gehen, bis sie zusammenbrechen. Er erinnerte sich einer Nacht aus seiner Kindheit: – da ging er die Landstraße mit einem Mädchen, das Mary hieß, – sie ging wie diese hier, mit gebeugtem Kopf und herb geschlossenen Lippen und wagte nicht zu sprechen; ihr Kinderherz war gar zu voll. Es war Sommer; das Meer flüsterte neben ihnen. Sie waren auf einem großen Gutshof zu Ball gewesen; sie war sehr müde, aber sagte nichts, schritt nur schnell und elastisch aus, bis sie plötzlich zusammenbrach. Da stand er neben ihr mitten auf der Landstraße. Sie ruhten sich in einem Heuhaufen aus, bis es dämmerte; er hielt ihre Hand, sie war weich und warm und still und heilig, – sie sprachen nicht, nur ihre Hände redeten. Es war ein großes Fest, das ihre Herzen erbeben machte. Sieh, nun hat die dicke Wolke sich vom Mond gelöst. Sie gleitet langsam weiter, und das Licht fällt gelbfahl über den Weg. Nur der Laut ihrer Schritte ist in der stillen Nacht zu hören; auch der Wind hat sich gelegt. Es ist Frieden auf Erden; unten am Horizont, wo der Himmel dunkler ist, blitzen ganz schwach einige Sterne. Jetzt fangen die Vorstadtgärten an. Der Mond scheint auf Treibhausdächer, und die Keime unter der Winterdecke summen: einst kommt der Tag, einst kommt der Tag. Sie gehen Seite an Seite, dem Morgen entgegen, der ein Geschenk für alle ist. In ein oder zwei Stunden werden die Vögel erwachen, sich wundern und von Zweig zu Zweig flüstern: Weißt du noch, die Sonne verschwand, es wurde dunkel und kalt, ich setzte mich nieder und verging ebenso wie die Sonne, – aber sieh, nun bin ich wieder da – und du auch? – Ja, ich bin auch wieder da, dies ist der Ast, worauf ich saß – dort ist der Stamm – und das dort oben, ist das nicht die Wolke? Und dort das Licht, Bruder, ist das nicht die Sonne, die wiederkehrt? Und sie singen im Chor: Einst kommt der Tag und fliegen ihm entgegen. Sie überschreiten den Bahnkörper. Er blickt die Allee hinab zum Hause, wo er gestern gewohnt hat, bis der Schlaf ihn entführte und dann dem Leben wiedergab – der seltsame Schlaf. Die weißen Blätter liegen noch auf seinem Schreibtisch. Mögen sie warten. Er will nicht zurück zu vergangenen Tagen, will den kommenden entgegengehen. Sieh, es beginnt bereits im Osten und in seinem Herzen zu dämmern. Er nimmt ihre Hand und fühlt das Leben unterm Handschuh pulsieren – warm und heilig und still. Und das Mädchen, das an seiner Seite geht, blickt verwundert in die Augen, die ihr nicht mehr fremd sind. Sie gehen dichter nebeneinander auf der stillen, öden Landstraße längs den Gärten und Häusern, die sie anstarren, als ob sie ein Traum seien, der vorbeiglitte. Die Schleier lichten sich. Im Krankenhaus schlägt eine Tür zu. Holzschuhe klappern über den Hof. Ein Nachtwächter reckt sich zum Licht hinauf und gähnt. Aus einem Schuppen am Wege kräht ein Hahn. Hinter einem Zaun bellt ein Hund die beiden Vorübergehenden an. Das Tor zur Straßenbahn-Garage wird geöffnet, der Strom in der elektrischen Leitung knistert. Die Scheiben fangen an zu blinken, wie Augen, die ins Licht blinzeln. Ein Fenster klirrt – ein junger Mann beugt sich hinaus, um nach dem Wetter zu sehen; er ist dabei, sich zu rasieren, die Seife sitzt ihm wie ein weißer Bart um Kinn und Backen und bildet einen Kontrast zu seinem schwarzen Haar. Die menschenleere Straße ist groß und weit, und die Mauern werfen den Laut ihrer Schritte zurück, als ob sie über die Störung ärgerlich seien. Auf dem Marktplatz scharen die Spatzen sich um das Bassin. Sie haben gesehen, daß ein Bauer, der sein Heu zur Stadt fuhr, seine Pferde dort tränkte. Jetzt ist er weitergefahren, das eine Pferd aber hat beim Trinken etwas fallen lassen; das geht wie ein Gerücht von Baum zu Baum, und die Spatzen, die zuerst kamen, sitzen jetzt satt und aufgeplustert auf dem Rande des Bassins und nippen von dem Wasser, das über den Rand fließt, während die anderen vergeblich in den verstreuten Halmen suchen. »Sehen Sie nur, wie mager die Spatzen sind,« sagt Johan Lind, »das kommt, weil die Zeit der Pferde vorbei ist. Was sie fallen ließen auf dem Straßenpflaster, das Warme, Dampfende, war die beste Winterkost für die Spatzen. Die Autos bringen ihnen nur Krankheit und Tod; mancher Spatz ist ihrem giftigen Atem zum Opfer gefallen.« Eine Tür steht offen, zu der einige Steinstufen hinaufführen. Ein Junge fegt die Treppe und blickt sie schlaftrunken an. Es ist eine Wirtschaft für Straßenbahnschaffner, Kutscher, Nachtwächter und Schutzleute. Auf der Glastür sind zwei gekreuzte Billardqueues gemalt; darunter steht: Von sieben Uhr an geöffnet. »Kommen Sie!« sagt er und nimmt ihre Hand. Sie gehen hinein und trinken ihren Morgenkaffee. VI. Die Zeitungen schrieben lange Spalten. Wozu sind Zeitungen da? Sie schrieben von Dingen, die sie verstanden, und von solchen, die sie nicht verstanden. Von Dingen, die sie wußten, und von solchen, die sie nicht wissen konnten, – über letztere am besten. Denn was man nicht weiß, darüber kann man phantasieren, so daß es mit glänzenden Augen gelesen wird und viel Zeilenhonorar einbringt. Gevatter Schneider sagt zu Gevatter Schuster: »Hast du gelesen, was in der ›Zeit‹ über den Weichensteller steht? – Einsam auf seinem verantwortungsvollen Posten in der Nacht, todmüde nach einem sechzehnstündigen Arbeitstag, eine kranke Frau und sieben hungrige Kinder in dem kleinen engen Haus, – Hunderte und aber Hunderte von Menschenleben sind seiner Hut anvertraut. Ist es da zu verwundern, daß er einen Fehlgriff tut?« Der ›Tag‹ war bis ins Tiefste erschüttert. Sein eigener Chefredakteur war mit im Zuge gewesen. Er brachte einen Artikel über den unersetzlichen Verlust, den das Land beinah erlitten hätte. Wenn etwas das Vorhandensein einer göttlichen Vorsehung beweisen konnte, so war es in Wahrheit der Umstand, daß ein junger Mann in einem Anfall von Ausgelassenheit die unfreiwillige Ursache zur Lebensrettung so vieler wertvoller Mitbürger geworden war. Wie aber verhielt es sich mit dem Streik der Bahnarbeiter? Der Streik war am selben Abend ganz unerwartet erklärt worden: die Nachtschicht war nicht auf dem Arbeitsplatz angetreten. Ein seltsames Zusammentreffen; denn gesetzt, das Unglück wäre geschehen; so wäre der Zug in voller Fahrt über die Arbeiter hinweggegangen. »Wir haben niemanden im Auge, wir verdächtigen keinen, doch in dieser Zeit der Sabotage, müssen wir – worauf wir die Regierung immer wieder hingewiesen haben – mit allen Möglichkeiten rechnen. Bevor man einem pflichttreuen Angestellten die Schuld gibt, – und mit falschem Mitleid dienstliche Ueberanstrengung vorschiebt, um die Eisenbahnverwaltung zu treffen, wie der ›Lokalanzeiger‹ es in seiner Morgennummer für gut befindet – sollte man in Erwägung ziehen, ob es nicht noch andere Spuren gibt, als die, die auf den Weichensteller weisen.« Die Leute lasen es mit runden Augen. Hinten auf der Straßenbahn sagte Gevatter Schuster zu Gevatter Schneider: »Hast du gelesen, daß es Sabotage war? Auch bei uns gehen heutzutage schlimme Dinge vor.« Und zu Hause sagten sie zu ihren Frauen: »Eine tolle Sache. Also nicht mal mit der Eisenbahn kann man heutzutage mehr fahren.« Eine kleinere Zeitung wußte von verdächtigen Personen zu berichten, die man an den Schienen entlang hatte schleichen sehen, – und die Konkurrenz wußte sogar, daß eine Verhaftung stattgefunden hatte, die Zeitung aber hatte der weiteren Untersuchungen wegen strengste Diskretion versprechen müssen. Andere Zeitungen vergaßen ganz von Schuld und Verantwortung zu sprechen, so benommen waren sie von der wunderbaren Fügung. Für die Kirchlichen war es ein großer Tag. In dem Wettlauf der Presse wurde ein kleiner unansehnlicher Mensch, auf den keiner gehalten haben würde, Nummer eins. Es war Jensen von der Provinzpresse. Die Zeitung ›Mittel-Seeland‹ sprach nicht von Verantwortung, nicht vom Weichensteller, nicht vom Streik, nicht von Verbrechen. Sie begnügte sich damit zu berichten, wie alles zugegangen sei, – etwas nüchtern und langweilig, wie man es von der Provinzpresse nicht anders gewöhnt war – danach aber folgte ein Verzeichnis sämtlicher Reisenden, die im Zuge gewesen waren – Namen. Adresse und alles. An jenem Abend läutete das Telephon der Zeitung ›Mittel-Seeland‹ unausgesetzt. Väter, Mütter, Onkel, Tanten, Bräutigame und Freunde wollten Bescheid haben. Jensen antwortete allen geduldig und bekümmert. Groß aber war sein Triumph, als sogar Avnsöe ihn antelephonierte, ihm gratulierte und bat, ob er das ganze Verzeichnis ohne Quellenangabe nachdrucken dürfe – er wäre ja selbst mit dabei gewesen. Jensen gestattete es, als aber kurz darauf der Kollege vom ›Lokal-Anzeiger‹ am Telephon war, ließ er wie zufällig ein Wort darüber fallen. Am nächsten Morgen stand Jensens Verzeichnis in allen Zeitungen der Stadt mit Quellenangabe, nur der ›Tag‹ hatte sie ohne Quellenangabe nachgedruckt, indem er so tat, als ob man in der Morgennummer keinen Platz dafür gehabt habe. Es war eine Blamage. Johan Lind las das Verzeichnis von denen, die dabei gewesen waren. Er fand Gerdas Namen, doch ohne Adresse, nur Nyköbing stand da, die Stadt, wo ihre Tante wohnte. Was hatte der Bahnbeamte mit seiner Laterne gesagt? »Es ist eine Vorsehung – daran ist nicht zu rütteln.« Der Tod zögerte auf seinem hohen Pferd – eine merkwürdige Erinnerung – Und warum mußte ich gerade in dieser Nacht unterwegs sein, ich, der ich sonst um elf Uhr in meinem Bett zu liegen pflege? Was sollte ich auf der öden Landstraße, wo ich nichts zu tun hatte? Warum kam ich mit dem Weichensteller ins Gespräch? Das junge Mädchen bedurfte der Hilfe. Warum aber war gerade ich dazu ausersehen? Im selben Augenblick schoß ihm ein Gedanke durch den Kopf: die Sache hat noch eine andere Seite, eine, die auf dich gerichtet ist. Ich hatte ja auch Hilfe nötig. Vielleicht sollte ihm geholfen werden, indem er ihr half. Es war wie ein Lichtschimmer. Denn sein Wunsch, zu helfen, war nicht durch Ueberlegung geboren worden, er war nicht durch Vorsatz entstanden, sondern unmittelbar seinem Herzen entsprungen, – handelte so nicht einer, der auserwählt ist? Das alles dachte er bereits an jenem Morgen, als sie in der Wirtschaft beisammen sahen, und sie plötzlich vor Ermattung zusammenbrach. Während sie so saß, den Kopf auf dem Holztisch, in schwerem, tiefem Schlaf, hatte er zuerst versucht, das Zufallsspiel zu ergründen. Abends aber, als er allein in einem bescheiden möblierten Zimmer in der Danmarksgade saß, das er durch ein Aushängeschild gefunden hatte, – und als er ihr, die das Zimmer auf der gegenüberliegenden Seite des dunklen Ganges bekommen, gute Nacht gesagt hatte – da blieb er noch eine Weile in dem alten Plüsch-Lehnstuhl sitzen, zog die Zeitungen aus der Tasche, die er unterwegs gekauft hatte und las über das Eisenbahnunglück. Und da begann er von neuem über das seltsame Spiel zwischen zwei Zufällen zu grübeln. Der eine Zufall wollte den Tod und bediente sich der Müdigkeit eines armen Weichenstellers, – der andere wollte das Leben und gewann das Spiel durch den zufälligen Uebermut eines jungen Mannes. Die Vorsehung im Streit mit sich selbst? – Oder sollte durch den Schreck Nachdenken geweckt werden? War es eine barmherzige Vorsehung, die den Menschen eine Frist gönnte? Wurde sie auch ihm zuteil, obgleich er nicht mit im Zuge gewesen war? War das Wesen, das nebenan in seiner Hut schlief, – eine Erhörung seiner Bitte um eine Frist? Am nächsten Morgen stand in der Zeitung, daß der Weichensteller im Verhör gewesen und ausgesagt hatte, daß er zur rechten Zeit draußen gewesen sei, um die Weiche zu stellen. Da sei ein Mann gekommen, ein Geistlicher oder ein Professor, der ein Gespräch mit ihm angefangen habe: warum seine Kartoffeln noch draußen seien – und wieviele Kinder er habe – und wie verantwortungsvoll seine Stellung wäre. Das könne einem Menschen, der nicht gewohnt sei, sich über derlei Dinge Gedanken zu machen und schon genug Sorgen habe, wohl den Kopf verdrehen; denn im Hause habe seine Frau gelegen und das achte Kind erwartet. Als sie das siebente kriegte, wäre sie mit knapper Not mit dem Leben davongekommen, und der Arzt hatte gesagt, wenn es noch mal so weit käme, stehe er für nichts ein. Der Kopf sei ihm so voll gewesen und das Geschwätz des Fremden habe ihn ganz verwirrt. Als Johan Lind das las, war es ihm, als ob eine kalte Hand sich über seinen Nacken legte. Auserwählt – dachte er – um einen anderen Menschen unglücklich zu machen, – schuldig, ohne eine Schuld begangen zu haben. Die Hand, die ihn für das Unglück auserwählt hatte, suchte sich einen anderen, um die Notbremse zu ziehen. Die Passagiere des Zuges waren mit dem Schreck davongekommen, nur einer hatte nicht teil an der Barmherzigkeit – der treue Weichensteller mit seinen sieben Kindern und seiner todgeweihten Frau. Und er, der ihm wohl wollte, war dazu ausersehen worden, ihm das Unheil zu bringen. Ich muß den Zusammenhang finden, dachte er; es war nicht Neugierde, keine eitlen Gedanken waren es, sondern bittrer Ernst. Ich will versuchen, ihm auf die Spur zu kommen, dachte er und senkte den Kopf unter der Bürde. Von einem heimatlosen Wanderer wurde er zu einem Gottessucher. Auch andere suchten. Die Behörde, die dazu verpflichtet war. Der Nachtwanderer, von dem der Weichensteller ausgesagt hatte, wurde durch die Zeitungen aufgefordert, sich beim Untersuchungsrichter zu melden. Johan Lind stellte sich ein und gab seine Erklärung ab, Auge in Auge mit Sankt Peter. Er sagte unter Eid aus, daß er gesehen habe, wie der Weichensteller mit beiden Händen um eine Hebestange gegriffen und sie in eine andere Lage gebracht habe: ob vorwärts oder rückwärts, das könne er nicht sagen. Man dankte ihm für seine Aussage und ließ ihn gehen. Tags darauf stand sein Name und seine Aussage in allen Zeitungen. Keiner ahnte, daß der einsame Nachtwanderer, der in der Danmarksgade 27, zweiten Stock wohnte, der berühmte Mann aus der alten Villa in der Lindenallee sei. »Rentier Lind,« schrieb die ›Zeit‹, »scheint eine philosophisch veranlagte Natur zu sein.« Und der ›Tag‹ wollte Tränen in seinen Augen gesehen haben, als der arme Weichensteller um Unterbrechung des Verhörs bat, weil seine Frau im Sterben läge. Unter dem Publikum, das dem Verhör beiwohnte, war auch Journalist Jensen aus der Provinz. Das Eisenbahnunglück gehörte ihm und er hatte die Absicht, es bis aufs äußerste auszunützen. Er wußte besser Bescheid als andere und hatte es in allen Phasen studiert, – hatte er nicht das Verzeichnis der Passagiere gebracht, woran kein anderer gedacht hatte? Er war bei jedem Verhör zugegen, studierte technische Handbücher in der Universität und schrieb so bedächtig fachgemäß über Weichensysteme, daß sogar der technische Direktor der Eisenbahngesellschaft eine Widerlegung schreiben mußte. Es war ein großer Augenblick für Jensen aus der Provinz gewesen, – alle in der Hauptstadt erinnerten sich seiner von der Zeit her, als er noch beim ›Tag‹ war. Sogar Avnsöe schluckte die Blamage mit der Passagierliste hinunter und nickte ihm kameradschaftlich zu, wenn sie sich auf der Straße begegneten. Jensen war im Begriff ein großer Mann zu werden; und wie es zu gehen pflegt: wenn Menschen Glück haben, dann steigt das Gute in ihnen auf; so auch bei Journalisten. Jensen hatte nicht nur Verstand und Ehrgeiz, sondern auch ein Herz. Nachdem er den Weichensteller zweimal im Verhör gesehen und gehört hatte, wie todmüde und hilflos er auf alle Fragen dasselbe antwortete, da beschloß Jensen, ihm zu helfen und einen Artikel aus seinem Elend zu machen, der ihnen beiden zugute kommen sollte. Er lenkte die Aufmerksamkeit der Leser auf ein seltsames Zusammentreffen. Wenn man »das von uns veröffentlichte Personenverzeichnis, das – wenn wir uns recht entsinnen – auch vom ›Tag‹ nachgedruckt wurde, – genauer betrachtet, so sieht man, daß außer dem Redakteur des ›Tag‹ und anderen verdienstvollen Mitbürgern, auch Männer im Zuge waren, deren Mitarbeit an der Wiederherstellung geordneter Zustände in Europa allgemein bekannt ist. Natürlich kann auf den biederen dänischen Arbeiterstand kein Schatten von Verdacht wegen Sabotage fallen; wäre es aber nicht möglich, daß für ausländische Rechnung und durch fremde Hand ein Attentat verübt wurde, in der Absicht, wenn auch nicht gerade den Redakteur des ›Tag‹, so doch einige von den hervorragenden Männern, die im Zuge gewesen waren, aus dem Weg zu räumen?« Darauf antwortete der ›Tag‹, daß es für gewöhnliche Sterbliche nicht ersichtlich sei, was die Herren Bolschewisten gegen ein ehrbares dänisches Komitee haben könnten, das nichts getan hatte und auch nichts tun konnte. Dagegen schiene das hauptstädtische Klima einen schlechten Einfluß auf Jensens geistiges Gleichgewicht zu haben, was der ›Tag‹ bereits bei früherer Gelegenheit festgestellt habe, und man riet ihm dringend zu Luftveränderung. Jensen bewies, daß er die Bedingungen hatte, ein guter Journalist zu werden: er steckte die Bemerkung ein, um seine Gegner bei einer späteren Gelegenheit aus dem Hinterhalt anzugreifen. VII. In Gerdas Zimmer war ein Kanarienvogel, den die vorigen Mieter zurückgelassen hatten. Er saß zusammengekauert auf seiner Stange und träumte von der Zeit, als noch Futter im Napf und Wasser im Bassin gewesen war und jemand seinem Gesang zugehört hatte. Als er wieder Menschenaugen auf sich fühlte und eine weiße Hand sah. die er nicht kannte, flüchtete er an die Drahtwand und hing dort, die Flügel mit seinen letzten Kräften schlagend. »Wie kann man so'n armes Viech allein lassen!« sagte die Wirtin, »wenn ich nicht so an Kopfschmerzen litte, hätte ich es zu mir genommen.« »Wenn wir nicht gekommen wären!« dachte Gerda und schloß den Vogel gleich in ihr Herz. Trotz ihrer Müdigkeit ließ sie sich keine Ruhe, bevor der Vogel Wasser und Futter bekommen hatte. Er sah sie scheu mit geöffnetem Schnabel an, als ob er sagen wollte: es nützt nichts, es ist zu spät. Sie setzte sich und betrachtete ihn und dachte bei sich: wie einsam und verlassen er ist. »Sei nicht traurig.« sagte sie, »merkst du nicht, daß jemand dich mit guten Augen ansieht, wie er dort drinnen mich ansah? Es wird noch alles gut werden!« Dabei seufzte sie. Im selben Augenblick hüpfte der Vogel auf die Stange, von der Stange zu dem Trinkgefäß und begann daran zu nippen. Sie mußte lächeln; es war, als ob plötzlich von der grauen Mauer auf der anderen Seite Licht hereinfiele. Sie blickte sich in dem kleinen Zimmer mit den einfachen, altmodischen Möbeln um, und fand es plötzlich behaglich. Im Nebenzimmer hörte sie ihn auf und ab gehen. Sie klopfte bei ihm an und erzählte von ihrem Zimmergefährten. Sie standen nebeneinander und sahen dem Kanarienvogel zu; er aß und trank und putzte sich, während er sie anblinzelte und versuchte, ob er seine Stimme nicht verloren habe. Und jeder dachte bei sich – ebenso wie der Kanarienvogel: ich bin doch nicht ganz verlassen. Sie wurden hungrig, als sie ihn essen sahen; und Gerda ging hinaus und nahm die Küche in Besitz. Endlich merkte er, daß er eine ganze Nacht nicht geschlafen hatte. Die köstlichste Müdigkeit überwältigte ihn, – es war wie eine Ohnmacht: er taumelte aufs Bett und schlief gleich ein. Als sie hereinkam, um ihn zu fragen, was er essen wollte, blieb sie stehen und betrachtete ihn. Es war ein altes Gesicht, mit vielen Falten auf der Stirn und um die Augen; aber es hatte einen friedlichen Ausdruck, der Mund hinter dem Bart schien zu lächeln. Sie schlich sich hinaus, um auf eigene Faust einzukaufen. »Ich weiß nicht einmal wie er heißt,« dachte sie. Es war ein Märchen. Ich muß Sankt Peter helfen, dachte Johan Lind und machte sich auf den Weg. Es war ein stiller, grauer Morgen. Er ging denselben Weg, den er in jener Nacht gegangen war, erst allein und dann mit ihr. Als er die Schienen passierte, sah er die Lindenallee hinab – die Perspektive, die er so sehr liebte. Er kannte jeden einzigen von den jungen Bäumen, die dort in ihrer Nacktheit froren. Sie hatten ihre letzten Lumpen hergeben müssen. Ein Mann fegte all das zusammen, was einst ihr Staat gewesen war. Dort hinter der grünen Pforte wohnte ich einst, dachte er. Er sah den Schreibtisch mit den weißen Blättern – das weiße Viereck der Tür und die Kartons an den Wänden und über dem Sofa, – sein Lebenswerk aus den grauen Blättern. Dort saß ich mit leeren Händen und starrte in die Vergangenheit. Jetzt habe ich die Hände voll, vielleicht mehr, als ich tragen kann. Werde ich von einer Hand geführt? Brauche ich mich nur umzuwenden, den Weg zurückzublicken und zu sagen: Darum also wurde ich so geführt! Heute hat sie meinen Brief bekommen, denkt er. Denn er hat seiner Wirtin in der Villa geschrieben, daß er fortgereist sei, daß sie ihn vorläufig nicht zu erwarten brauche und daß alles bis zu seiner Rückkehr in seinem Zimmer unberührt stehen bleiben solle, – in dem Zimmer, das ihm an Stelle eines Heims diente, dachte er, bis er in der Dunkelheit erwachte und dorthin entsandt wurde, wo man seiner bedurfte. Sankt Peter stand über seine Kartoffeln gebeugt, als Johan Lind kam. Neben ihm, zwischen dem welken Kraut, lag ein Sack, in den er die Knollen warf, die er aus der lockeren Erde sammelte. Als er Schritte hörte, sah er auf, – er mußte sich in die Seiten stützen, als er sich aufrichtete. Johan Lind erkannte die schweren Augen wieder, die Narbe auf der zeitig gefurchten Stirn und die Haarsträhne unter der Dienstmütze. Johan Lind streckt ihm seine Hand entgegen, als ob er sagen wollte: »Ich meinte es ja nur gut mit dir.« Die schweren Augen ruhen fest und bleich auf ihm, während der Mann in der grauen, lockeren Erde wie festgewachsen steht. »Hättest du dich um deine eigenen Sachen gekümmert, wäre es nicht geschehen.« sagen die Augen. »Du hast mich ins Unglück gebracht.« Johan Lind geht noch einen Schritt auf ihn zu, und seine Augen antworten: »Wir sind beide von derselben Hand berührt worden. Wenn ich Schuld habe, bin ich bereit, sie auf mich zu nehmen.« Die Augen des andern fragen wieder. »Was willst du hier?« Und Johan Linds Augen antworten: »Ich will dir helfen. Du weißt, daß meine eigenen Angelegenheiten mir nicht genug sind.« Er streckt seine Hand aus. Der Mann blickt sie an, als wundere er sich; darauf wischt er die Erde an seinem Jackenärmel ab, er läßt sich Zeit, als sei es eine Sache, die große Aufmerksamkeit erfordere. Schließlich blickt er auf und reicht Johan Lind zögernd die Hand, die den Fehlgriff tat. Als ob die Hand sich selbst angeklagt hätte, sagt Johan Lind, indem er sie an sich zieht: »Bedenken Sie, es ist ja niemand zu Schaden gekommen.« Der Mann steht eine Weile zögernd. Sein Auge sieht mit einem langen Blick über die Schienen und ein Stück in das hinein, was er nicht in Worte fassen kann. Er gibt es auf, seinen Gedankengang zu Ende zu denken und geht gebeugten Hauptes auf das Haus zu. Jetzt erst sieht Johan Lind, daß ein kleiner Knabe hinter Sankt Peter steht und zu ihm aufblickt. Er hat das bleiche Haar und die bleichen Augen seines Vaters; die kleine, magere Hand, die von Erde schmutzig ist, hat noch nicht fehlgegriffen, und keiner hat zu ihm von Verantwortung und Abrechnung gesprochen; trotzdem scheint auch er in etwas hineinzublicken, was er nicht zu bewältigen vermag. Dieser Kinderblick trifft Johan Lind bis ins Innerste. Er legt seine Hand auf den entblößten Kopf und legt in seinem Herzen ein Gelübde ab. »Ist das der Aelteste?« fragt er. »Ja,« nickt der Weichensteller, die Hand bereits am Türgriff. Der Mann, der sein Unglück verursachte, ist für ihn kein Fremder mehr, er bittet ihn nicht einzutreten, aber es versteht sich von selbst, daß er das Heim sehen muß, das durch ihn betroffen wurde. Die Luft im Zimmer ist nicht gut, sie benimmt Johan Lind den Atem. Durch die niedrigen Fenster fällt ein seltsam gebrochenes Licht. Das Zimmer ist voll von Kindern, die alle die Augen des Vaters haben. Sie starren den Fremden an, als ob sie fragen wollten: warum begnügtest du dich nicht mit deinen eigenen Angelegenheiten? Ein kleines buckliges Mädchen mit spitzer Nase steht neben dem Bett und hält einen kleinen Burschen mit großem Kopf und nackten Beinen, der strampelt, um auf die Erde zu kommen. Sie ist das älteste von den Mädchen und heißt Emmeline. Vom Fußboden, vom Lehnstuhl, von der Sofaecke, wohin er blickt, sind Augen auf ihn gerichtet. Sogar das verblichene Bild des alten Königs, der an der Wand über der Kommode hängt, neben seiner Gemahlin, unter einer Krone und der goldenen Hochzeitsgirlande, weist auf ihn mit einem strengen Blick: warum genügten dir deine eigenen Angelegenheiten nicht? Das Bett knackt. Ein Kopf mit einem farblosen Zopf, der an dem mageren Hals herabhängt, richtet sich auf ihn. Es ist die Frau des Weichenstellers. Der Tod hat seine Hand auf sie gelegt. Die Augen, die sich in den großen, dunklen Höhlen langsam drehen, sind klar und brennen von dem Kampf, der in ihrem Körper vor sich geht. Das Leben sprudelt nicht mehr, sondern brodelt nur noch versagend über den Rand des Gefäßes. Aber sieh, unter ihrer gelblichen Hand, unter dem Ring, der sie und ihn zusammenband, – er hängt lose an ihrem mageren Finger – unter der Hand, die einst hart und lebendig war, sprudelt eine neue Quelle hervor, – ein kleiner, kahler Kopf, rot und runzlig, ein Mündchen, das eine Rinne gefunden hat und jetzt auf die Mutterquelle zustrebt, die ihre Kraft verloren hat und ausebbt. Ein kleines, sprudelndes Leben in dem schlaffen Arm des Todes. Wieder die Majestät des Todes. – Hat er sich in seinem Schatten eingenistet und zu einem bösen Wahrzeichen auf der Landstraße des Lebens gemacht? Muß er den Menschen zurufen: Geht in einem großen Bogen um mich herum, denn ich bringe euch Unglück. Ich sehe die Kehrseite von allen Dingen, und der Tod ist mein Schatten! Er betrachtet sie, wie sie dort in dem großen Ehebett liegt. Ihre Augen leuchten von einer Liebe, die nicht an sich denkt, die sie aufrecht hält, während sie für die vielen jungen Leben kämpft, die aus ihrem Herzen rannen, und für ihren Mann, mit den schweren Augen und der Narbe auf der Stirn. Sie darf nicht sterben, denn sie bedürfen ihrer jetzt mehr als je. Aber sie hat keine Kraft mehr. Der Glanz in den großen Augen ist der des Todes, sie blicken bereits über die Grenze. Die Frau durfte nur den Sieben Leben geben, als das Achte hervorsprudelte, hatte sie keine Lebenskraft mehr; und in derselben heiligen Stunde wurden sie vom Schicksal betroffen, das alle Lebenshoffnung zunichte machte. Wenn die Hoffnung wiederkehrt, werden auch ihre Kräfte wiederkehren. Johan Lind tritt an das Bett und legt seine Hand über die Hand, die das neue Leben so gern schützen möchte. »Halten Sie aus, Mütterchen, und Sie und die Ihren sollen es so gut haben wie noch nie. Das verspreche ich Ihnen.« Sein Blick fällt auf Sankt Peter, der ihm gefolgt ist und, mit dem Rücken gegen die Kommode, gerade unter dem Königsbild steht. Die schweren Augen sagen: Mit Geld ist hier nichts zu machen. Ich muß mich vor denen verantworten, die ich in meiner Hand hielt und die tot wären, wenn nicht ein anderer die Notbremse gezogen hätte. Johan Lind versteht die Rede der Augen, sein Blick fällt auf die Hand, die den Fehlgriff tat und die jetzt schwarz von Kartoffelerde ist. Mein Gott, alle sind gerettet worden, nur für ihn gibt es keine Barmherzigkeit. Im selben Augenblick fällt Johan Lind die Passagierliste des Journalisten ein: er greift danach wie nach einer Notbremse. »Ich werde von Mann zu Mann gehen und Zeugenaussagen verschaffen, daß keiner Ihnen mißtraut.« Der Weichensteller senkt den Blick auf seine schuldbeladene Hand und flüstert vor sich hin. als ob er wieder vor dem Richterstuhl stände: »Ich habe die Weiche wie sonst gestellt.« Als Johan Linds Blick von neuem auf die Kranke fällt, erschrickt er. – Auf der gelbbleichen Wange ist eine Morgenröte entzündet; sie lächelt wie eine Braut, während sie zuhört. Sie war so müde vom Kampf. Aber jetzt wird alles wieder gut werden. Der Mann, der mit seinen eigenen Angelegenheiten nicht genug hatte, hat es gesagt. Jetzt wagt sie dem großen Versucher zu lauschen. Jetzt wagt sie, dem lockenden Tode untreu zu sein. Jetzt darf sie an sich selbst denken – darf mit ihren eigenen Angelegenheiten genug haben. Sie war so müde, – jetzt endlich darf sie sterben. Alle sehen das Lächeln in Mutters Augen; die Stube wird ganz hell. Das große Mädchen mit der spitzen Nase und dem zappelnden Kinde lächelt wieder, so daß sie das Kind vergißt und es neben die Mutter legt. Sogar der Knirps im Lehnstuhl, der mit ernster Miene mit einem alten Lineal die Weiche stellt, selbst er wird von seiner Beschäftigung abgelenkt: er dreht sich zu dem Licht um – und dabei wird vielleicht auch seine Hand fehlgreifen und der Zug über die Lehne des Stuhles ins Verderben stürzen. Sankt Peter richtet seine schweren Augen auf das Licht, er wagt es fast nicht zu glauben. Alle sehen es, aber niemand versteht den Sinn, – nur der Fremde, dem sein eigenes Leben nicht genügt. Er erschrickt und senkt den Kopf. Es haftet Unglück an mir, denkt er und geht hinaus. Ich will das Gute und es verkehrt sich immer ins Gegenteil. Als Johan Lind über die Schienen und ein Stück die Landstraße gegangen war, begegnete ihm Journalist Jensen; er kannte ihn vom Verhör her. Jensen erkannte auch ihn und grüßte ihn still und höflich: Sieh, ich beuge mich vor dir, nun schuldest du mir etwas für meine Demut. Johan Lind blieb stehen und gab ihm die Hand, während er bei sich dachte: Wie selbstverständlich, daß wir uns begegnen, denn er hat dasselbe Ziel wie ich, er will den Schwachen Gutes tun. Im selben Augenblick fiel ihm ein, daß Jensen wie gerufen kam. So lag auch in diesem eine Absicht. Jensen sah, wie das ernste Gesicht aufleuchtete und erfreute sich daran. Alle kamen ihm lächelnd entgegen. Sogar dieser wunderliche Mensch mit seiner Verantwortung und seiner Abrechnung, der unverschuldet mehr zu tragen bekommen hatte, als seine Schultern tragen zu können schienen, – sogar er richtete sich bei seinem Anblick wie befreit auf. Und er ist Rentier, dachte Jensen, – vielleicht steckt er Geld in mein Geschäft. Denn es ist Jensens heimliches Ziel, eine eigene Zeitung zu gründen, sich langsam von der Provinz in die Hauptstadt zu drängen, Einfluß und Bedeutung zu gewinnen und Avnsöe den Platz streitig zu machen. Von der Hauptstadt in den Reichstag, – aber langsam, ganz langsam, damit keiner merkt, wie er steigt und ihn verdrängt. »Sagen Sie mal, Herr Jensen, haben Sie nicht eine Nummer von der Zeitung bei sich, worin die Liste steht?« »Allerdings,« sagt Jensen und zieht eine schmutzige Nummer aus der Tasche. Als er Johan Lind die Zeitung reicht, sieht er, wie die ernsten Augen aufleuchten. Religiöse Gefühle steigen in ihm auf und er legt mit christlicher Nächstenliebe seine Hand auf den verstaubten Aermel des Rentiers. »Behalten Sie die Zeitung, Herr Lind, ich habe mehr zu Hause. Und wenn ich Ihnen sonst mit etwas dienen kann, stehe ich zur Verfügung. Wir Menschen sind in die Welt gesetzt, um einander zu helfen, nicht wahr?« Das waren die richtigen Worte. O, Jensen verstand sich auf eine Situation! Darauf war er stolz. Eine Eigenschaft, die in seinem Fach Geld wert war. »Von dieser Liste habe ich viel Freude gehabt,« begann er redselig, »viele haben mich gleich nach dem Unglückstage angerufen –« Jensen seufzt und verzieht die Lippen, wie immer, wenn er von dem Unglückstage spricht; er versäumt nie, ihn den Unglückstag zu nennen, obgleich es sein Glückstag geworden war. »Noch gestern telephonierte ein junger Mann bei mir an und wollte die Adresse seiner Braut wissen, er hoffte, daß er sie durch mich finden könnte.« Das war er! durchzuckte es Johan Lind. Und Jensen sah das seltsame Aufblitzen in den ernsten Augen. »Wie hieß er?« »Ich weiß es nicht, konnte ihm auch nicht helfen, weil die Dame keine Adresse angegeben hatte. War es vielleicht eine Verwandte von Ihnen, Herr Lind? – Hätte ich doch nur die Adresse notiert!« »Erinnern Sie sich des Namens der Dame?« »Lassen Sie mal sehen –« »Hieß sie Gerda mit Vornamen?« »Gerda – ja das stimmt – Gerda hieß sie.« Jensen beobachtete voller Erstaunen, wie die grauen Augen ihn plötzlich zu vergessen schienen. Sie blickten über den Damm, wo die Arbeit wieder im Gange war, wo die Kippkarren auf den Schienen kreischten, umgekippt wurden und ihren gelben Inhalt über den Abhang entleerten. Er sah, wie es in den Runzeln über den Augen zitterte, als ob sie sich gegen einen barschen Wind wehrten; aber es war kein Wind da. Jensen blickte verstohlen zum Damm hinüber, ob da etwas Besonderes zu sehen sei. aber er konnte nichts bemerken. Als er von neuem das Gesicht des anderen betrachtete, hatte es auch eher einen Ausdruck, als ob er lauschte, – als ob er von einer zarten Musik ergriffen würde, die seine Runzeln erzittern machte. Er ist nicht ganz richtig im Kopf, dachte Jensen. Da wandte Johan Lind sich zu ihm und sagte langsam und eindringlich, als ob es eine höchst ernsthafte Sache sei: »Wenn der junge Mann noch einmal bei Ihnen antelephoniert. so sagen Sie ihm bitte, daß er sich an mich wenden soll, Danmarksgade Nr. 27, zweiter Stock.« »Soll geschehen,« sagte Jensen und zog sein Notizbuch heraus. Der Rentier diktierte die Adresse zweimal und fragte nachher feierlich: »Versprechen Sie es mir?« »Ja, ich verspreche es Ihnen, Herr Lind. Sie können sich fest auf mich verlassen. Und wenn ich Ihnen sonst mit etwas dienen kann –« »Besten Dank!« Johan Lind nahm seinen Hut ab und wandte sich zum Gehen. Da fiel ihm ein, daß er dem andern die Hand nicht gegeben hatte, und er wurde verlegen über seine Vergeßlichkeit. »Entschuldigen Sie, ich bin eilig,« sagte er und drückte ihm die Hand. Dann eilte er mit kleinen, schnellen Schritten davon, so daß seine Rockschöße flogen. Jensen blieb auf dem öden Wege allein zurück und überlegte. Dumm, dachte er bei sich, daß ich die Adresse nicht notiert habe. Man soll Namen stets notieren, man weiß nie, wann man sie gebrauchen kann. Mit dieser Selbstbelehrung gab er sich zufrieden und wanderte weiter. Also darum, dachte Johan Lind und nickte vor sich hin. Dann blieb er stehen. Die Absicht war klar: Die beiden, die zusammen gehörten, sollten nicht für immer getrennt bleiben. Wir werden ihn schon finden, hatte er zu Gerda gesagt. Als aber die Spur sich leuchtend im Sande zeigte, war sie auch schon wieder verschwunden, – von einer Absicht hinweggefegt, die etwas anderes wollte. Was nützte die Liste, wenn Gerdas Adresse nicht daraufstand. Doch, einen Zweck hatte sie gehabt: sie hatte das Gewissen dessen geweckt, der sie verlassen, ihm gezeigt, in welcher Gefahr sie geschwebt hatte. Er schüttelte den Kopf. Wie kompliziert das alles war! Er hatte es sich wieder und wieder gesagt, konnte aber doch nicht unterlassen, darüber zu grübeln. Das Getöse in jener Nacht schien einen Spalt in den Vorhang gerissen zu haben, und er konnte es sich nicht versagen, durch diesen Spalt zu blicken, um zu sehen, wie an den Fäden gezogen wurde. Dunkel war es dort drinnen, und vielleicht gab es weder Fäden noch Ziel, noch jemanden, der an den Fäden zog. Vielleicht war es nur das Spiel des Windes mit Wüstensand. Nein, nein, sagte er und schaute über den Weg, den er in jener Nacht gegangen war, als die Hand den Ameisenhaufen berührte, – es hat doch alles einen Zusammenhang. Darauf ging er weiter. Ich will ihr nichts davon sagen, dachte er, will sie nicht beunruhigen. Sollte er Jensen noch einmal antelephonieren. oder ihn auffordern, zu annoncieren: Der junge Mann, der mich an diesem oder jenem Tage in dieser oder jener Angelegenheit antelephonierte, wird gebeten, sich noch einmal zu melden, da die erwünschte Auskunft jetzt gegeben werden kann. Nein, nein. War es nicht schon einmal schief gegangen, als sein eigenes Leben ihm nicht genügte und er sich in die Angelegenheiten anderer mischte? Vielleicht würde es nicht einmal zu ihrem Glück sein, wenn sie wieder mit ihm vereint würde. Nichts kann man wissen – nichts. VIII. Jetzt muß es sein, denkt Johan Lind. Er wagt es nicht länger aufzuschieben. Die Frau des Weichenstellers erwartet, daß er sein Versprechen hält. Er hat Jensens Liste genau studiert, ob nicht einer der vielen Namen ihm etwas sagen würde. Aber nein, sie waren nichts als große und kleine Buchstaben. Da hat er bei sich gedacht: Ich fange mit den Vornehmsten an. Habe ich sie gewonnen, werden die anderen schon folgen. Da sind zwei, Etatsrat Jakob und Finanzminister Daa. »Ein Mann, der das Ruder Backbord legt, wenn Steuerbord kommandiert wird, ist rettungslos verloren. Denn wenn das Schiff im letzten Augenblick durch einen Zufall gerettet wird, gehört das Verdienst nicht ihm. Mag er zur Hölle fahren, wir können ihm nicht helfen.« So werden beide antworten. Denn sie haben viele Leute unter sich und das Wohl des Landes ruht auf ihren Schultern. »Und waren Sie nicht selbst mit an Bord? Es ist dem Steuermann verboten, mit jemandem zu sprechen, wenn er am Ruder steht. Erledigt. Hier sind zwanzig Kronen für die Witwe – wollte sagen für die Frau! – Guten Tag, mein Herr, bitte der Nächste!« So würde es gehen. Sie hatten ja das Pferd mit dem Todesreiter nicht gesehen, konnten sich nur an die Hand halten, die den Fehlgriff getan hatte. Auf der Liste stehen auch eine Baronesse und ein Graf. Sie werden ihn mit Interesse anhören, werden bedauern und seufzen, werden den Weichensteller nicht zur Hölle schicken, obgleich sie selbst im Zuge waren, aber sie werden ihn für krank erklären; und einem kranken Mann kann man nicht das Amt eines Weichenstellers überlassen, – »das können Sie nicht von uns verlangen, guter Mann«. Der Graf wird vielleicht durch seinen Gärtner der sterbenden Frau etwas Geflügel und Obst senden lassen, und die Baronesse einige Blumen für den bescheidenen Sarg. Mehr kann man nicht von ihnen verlangen. Johann Lind ging die Liste durch, bis er zu dem Wechselmakler Adolf Massen kam. Hier machte er halt. Das war ein junger Mann und ein Spieler. Mit Verantwortung nahm der es nicht so genau. Er hatte die Notbremse gezogen, hatte alle gerettet. War er nicht wie ein Vater und Aufrechterhalter geworden? Wenn die Hand nicht fehlgegriffen hätte, wäre er heute nichts weiter als Adolf Massen, ein Schieber, er würde dem armen Tropf, der ihm zu seiner hervorragenden Rolle verhelfen hatte, gewiß etwas gönnen. Johan Lind rief in der Bredgade an, wo Herr Massen sein Kontor und seine Junggesellenwohnung hatte, und bekam von der Haushälterin den Bescheid, daß Herr Massen so beschäftigt sei, daß er für Privatangelegenheiten nur morgens von acht bis neun Uhr zu sprechen wäre. Die Abende gehören natürlich seiner Freundin, dachte Johan Lind und erinnerte sich der schlanken, pelzgekleideten jungen Frau, die sich an Massens Arm klammerte, als er und seine Gesellschaft eiligen Schrittes den Bahnhof verließen. Gerda und Johan Lind machen jeden Morgen einen Spaziergang. Heute begleitet sie ihn durch die Stadt, er soll um acht Uhr bei Massen sein. Neben dem großen Marktplatz liegt flimmernder Nebel. Vielleicht wird er zu Regen, vielleicht zum stillen Frost werden. Im Nebel bereitet sich alles vor. Wenn er sich lichtet, liegt das leuchtende Leben da. Die Pflastersteine sind feucht von einem seltsam gelblichen Glanz; man muß sich hüten, daß man nicht ausgleitet, wenn man Vorübergehenden ausweicht. Was soll er sagen? Wie wird es gehen? So ist es immer gewesen. Niemals wagte er sich auf den Augenblick zu verlassen, darum hatte er ihm so häufig seine Gunst versagt. Das hätte ich sagen, das tun müssen – der Augenblick aber war verpaßt, und er spähte vergeblich, ob er nicht noch einmal wiederkehren würde. Der Augenblick ist eine Rose am Wege. Du mußt sie pflücken, wenn du vorbeigehst. Kehrst du zurück, hat ein anderer sie vielleicht genommen, die Blätter verdecken sie, oder der Besitzer ist gekommen und steht breit vor seiner Hecke. In jener Nacht aber, als das Getöse erklang, da war er dem Augenblick gefolgt: er war so groß gewesen, daß er ihm den Atem benommen hatte. Darum geht er jetzt hier, – mit ihr zur Seite: darum will er zu Wechselmakler Massen, den er gar nicht kennt, um ihm Worte zu sagen, die ihm selbst noch nicht bewußt sind. Merkwürdig, seit der Augenblick ihm einmal am Nacken gepackt hat, ist es, als ob er ihn gar nicht wieder loslassen will. Beständig ist er über ihm; und er sagt: Hier bin ich – folge mir. Er meint, daß er lebendiger, jünger, ja, viel jünger geworden ist. Einst hatte er es so eilig, reiste viel und sah sich in der Welt um. Weiß er aber, was er nicht zu sehen bekommen hat? Vielleicht das Wichtigste von allem. Das Eigentliche, – das wirkliche Gesicht der Dinge. Wer kennt den Tag, ohne die Stunden zu kennen? Wer lebt die Stunden, ohne die Minuten gelebt zu haben? Nicht die Schnur ist des Ansehens wert, sondern die Perlen, die darauf gezogen sind und sie verdecken. Er will nicht überlegen, was er sagen soll. Mag es gehen, wie es kann und muß. Hörte er nicht Musik in der Luft? Es sind die Spatzen in den großen, kahlen Bäumen hinter dem Gitter der Heiligengeist-Kirche. Sie sitzen über dem Nebel und zwitschern von all' dem, was sie von dem Leben wissen. »Hören Sie nur!« sagt Gerda und greift nach seinem Arm. Sie bleiben stehen und lauschen. Die Straße ist fast menschenleer am zeitigen Morgen. Der Nebel ist auf den kahlen Aesten zu Nässe geworden. Wenn der muntere Chor dort oben, für den das Leben ein ewiger Morgen ist, mit den Flügeln schlägt, tropfen zarte Tränen auf den Fußsteig. »Sieh die Kirche!« sagt er. Diese Kirche hat er von jeher geliebt. Aus fernen Ländern hat er ihr manchen wehmütigen Gedanken gesandt. Sie steht dicht an der großen Landstraße, wo das Leben vorbeihastet. Seit Jahrhunderten hat sie dort gestanden und mit ihren hohen Fenstern auf die flüchtigen Augenblicke herabgeblickt. Die Stadt hat ihren Kopf gegen ihre stummen Mauern gelehnt, sich an ihrer Brust ausgeweint. Und die Kirche hat alles im treuen Herzen bewahrt. Seht, wie sie von Erinnerungen bebt im zunehmenden Morgenlicht, – hört, wie sie mit ihrem sanften Grün tröstet! Sie hat sich Patina zugelegt, hat die Farbe der Hoffnung bekommen. Was singen die schlanken Türme den kranken Gemütern vor, was summen sie zur Begleitung des Spatzenchores? Es ist das ewige alte Lied des Trostes: Einst kommt der Tag! Er erinnerte sich eines Traumes, den er vor vielen Jahren gehabt hatte. Es war Abendandacht gewesen. Er stand noch und lauschte den verhallenden Orgeltönen. Da hörte er, wie der Kirchendiener mit den Schlüsseln rasselte und wie die letzte Tür ins Schloß fiel. Er war ganz allein. Aus den hohen Fensterbogen hinter der Emporenkirche starrte das Dämmerlicht auf ihn herab. Er wußte nicht, wohin er sich wenden sollte. Da erklangen Schritte durch das Mittelschiff, leichte, schwebende Schritte. Er folgte dem Laut, konnte aber niemanden sehen. Es muß doch jemand hier sein, dachte er, und beeilte sich. Die Schritte zogen ihn, zum Chor hinauf und zum Turm. Eine Tür wurde geöffnet und die Schritte stiegen in die Höhe. Im selben Augenblick wußte er, daß es eine Frau sei, die Frau, die er sein ganzes Leben lang gesucht hatte, die Frau aus seinem Kinderherzen, die die Menschen ihren guten Engel nennen, dachte er, und eilte hinter ihr her. Höher und höher stiegen sie, schließlich konnte er die grünen Türme unterscheiden, die sich von der herbstklaren Luft abhoben. Plötzlich aber verstummten die Schritte, die Stufen hörten auf. Die Abendluft berührte seine Stirn, er sah, wie eine weiße Gestalt sich um den Turm schwang und im Himmel verschwand. Er streckte die Arme aus und rief sie. Eine Stimme von oben sprach: Spring – spring mir nach! – Er aber wagte den Sprung nicht. Da erwachte er, in Schweiß gebadet. Seltsam – an den Traum hatte er lange nicht gedacht. – War es diese Kirche gewesen? Er meinte bestimmt, daß es diese Türme waren, die er im Traum gesehen hatte. Der Traum war doch so lebendig gewesen, so wirklich, daß er noch jetzt, nach so vielen Jahren, die leichten, schwebenden Frauenschritte zu hören meinte. Während sie vor der Kirche standen; kam ein Mann heraus und öffnete das große Tor an der Ecke. Gerda war noch nie hinter dem Gitter gewesen. Der grüne Hof mit den alten, freundlichen Bäumen lockte sie; er erinnerte sie an die Stadt ihrer Kindheit. Sie wollte sehen, was auf der anderen Seite war. »Wir wollen hineingehen,« sagte er. Dabei erzählte er ihr, was die Kirche erlebt hatte. Von dem Kloster, das hier gelegen hatte, mit seinen Bogengängen und Brunnen. Von dem Heiligengeisthaus, das zuerst ein Krankenhaus für die Armen der Stadt gewesen war, dann ein Zuchthaus für die Verbrecher, dann eine Leichenkapelle für die Toten, und jetzt war es als Lesesaal und Volksbibliothek für die Lebenden zu neuem Leben erstanden. »Was ist das für ein Denkmal?« »Das ist ›der Tod und die Mutter‹. Das Denkmal ist zur Erinnerung an ein Findelkind-Hospital errichtet, das an dieser Stelle gelegen hat.« Gerda stand lange davor, den Kopf gesenkt. Er blickte verstohlen auf ihre klaren Augen unter den leicht gerunzelten Brauen. Sie denkt an das Kind, dem sie selbst vielleicht Leben geben soll. Und an ihn, der sie verlassen hat. Dann aber nahm die Statue auch seine Gedanken gefangen. »Es ist nicht so schlimm,« sagte er, »daß das Kind stirbt; denn die Mutter glaubt, daß es in gute Hut kommt. Schlimmer wäre es, wenn der Tod die Mutter entführte und das Kind allein und hilflos zurückbliebe. Das hätte als Andenken an ein Findelkind-Hospital vielleicht besser gepaßt.« Gerda blickte aus ihren Gedanken auf. Hatte sie seine Worte gehört? Sie schritt mit gebeugtem Kopf vor ihm, wie an jenem Morgen im ersten Dämmerschein aus der Landstraße. Als sie die Gittertür erreichten, drehte sie sich noch einmal nach dem Mann mit der Sense um. »Wenn die Frau des Weichenstellers stirbt,« sagte sie, »wer soll sich dann des achten Kindes annehmen?« Er hatte sofort die Antwort bereit. »Du!« sagte er. Sie blickte auf, glühend wie eine junge Mutter, die schmalen Wangen von heimlichen Gedanken gerötet. Dann eilte sie über den grünen Rasen zurück, ein munterer und geschäftiger kleiner Vogel. IX. Massen kam vom Morgenritt nach Hause. Er war guter Laune; der Reitlehrer hatte ihn gelobt. »Sie haben Fühlung mit dem Tier, Herr Massen.« »Fühlung mit dem Tier – Fühlung mit dem Tier,« summt Massen, während er die Reitpeitsche auf den Klubsessel am Fenster wirft. Johan Lind sieht sie fallen, die Tür steht einen Spalt breit offen. Darauf hört er die Haushälterin sagen, daß ein Herr da sei. Jetzt steht er mit meiner Karte in der Hand und denkt: Zum Teufel, was will der Mensch von mir? Es dauert eine Weile, dann geht die Tür auf. »Guten Morgen!« Dort steht Herr Börsenmakler Massen mit Morgenfrische aus Wald und Feld, mit seinem bekannten Lächeln unter dem Faltennetz des linken Auges, das ihm den Beinamen »Die Grimasse« eingetragen hat. »Was steht zu Diensten?« sagt er und deutet mit der Hand auf den nächsten Stuhl. Johan Lind betrachtet den Stuhl bedenklich, bevor er sich setzt, denn er ist sehr niedrig und tief. Massen nimmt ihm gegenüber Platz, indem er das eine gelbe Reithosenbein über das andere schlägt. Er betrachtet seinen Gast mit hervortretenden, klaren Augen. Die weiße Halsbinde ist hübsch und elegant gebunden. Das junge Kinn glänzt von sorgfältiger Barbierpflege. Das dichte, blonde Haar ist in der Mitte gescheitelt und legt sich in Wellen über die lange Schläfe. »Sie wünschen?« sagt er etwas ungeduldig, während er den merkwürdigen Gast, der so versonnen dasitzt, zu taxieren versucht. »Eigentlich komme ich in der Angelegenheit eines anderen,« sagt Johan Lind schließlich, und rückt auf seinem Stuhl. »Privat, nicht wahr?« Massen beugt sich hastig vor, stützt den Ellbogen auf den Tisch und läßt seine schlanke Hand elegant über das Knie fallen; diese Geste ist ihm zur Gewohnheit geworden, er denkt nicht mehr darüber nach. Der Rock seines Gastes ist blank an den Kanten, die Beinkleider sind lange nicht gebügelt worden, Massen wirft einen verstohlenen Blick auf die Visitenkarte, die auf dem Tisch liegt, aber es steht nur der Name darauf. »Lassen Sie uns ohne Umschweife zur Sache gehen.« sagt Johan Lind und richtet sich in dem tiefen Sessel auf. Massen lächelt mit seinem Faltennetz und wirft den Kopf keck in den Nacken. »Ich bitte darum!« sagt er. »Mit wem habe ich die Ehre?« »Ich bin derjenige, der in der Unglücksnacht zu dem Weichensteller von Verantwortung und Abrechnung gesprochen hat, so daß der Mann verwirrt wurde und fehlgriff.« Massen ist sofort auf dem Laufenden. In der Zeitung stand ja, »ein Mann, der wie ein Geistlicher oder Philosoph aussieht«. Das stimmt. »Wie kam es eigentlich, daß Sie die Notbremse zogen?« Massen unterdrückt sein Erstaunen, weltmännisch wie er ist, und sagt freundlich: »Ich wollte bei meinem Landsitz aussteigen.« »War das wirklich der einzige Grund?« »Was sonst?« »Ja, das ist nicht so einfach zu sagen. Etwas – wie soll ich mich ausdrücken – etwas, was niemand kennt, trieb mich zu jener Zeit in die Nacht hinaus und ließ mich die Worte zu dem Mann sagen. Darum möchte ich gern wissen, ob nicht auch in Ihnen etwas vorgegangen ist, das Sie Ihren Gewohnheiten zum Trotz veranlaßte, die Reise zu unterbrechen und die Notbremse zu ziehen?« Massen gibt sich keine Mühe mehr, sein Erstaunen zu verbergen. Er überlegt einen Augenblick und sagt dann zögernd: »Nicht, daß ich wüßte.« »Nein, natürlich.« Johan Lind nickt zustimmend. »Sie sind noch so jung. Und Sie spielen.« Massen sieht ihn scharf an. Das eine Bein gleitet herab. Was will dieser Mann? Johan Lind antwortet, bevor er noch gefragt hat. »Diese Frage hat mit meiner eigentlichen Angelegenheit nichts zu tun. Das ist nur ein persönliches Interesse, das ich an dem Ereignis nehme – durch Sie kann ich also auch nicht klüger werden.« fügt er mit einem Seufzer hinzu. Massen wirft einen Blick auf die hübsche Tafeluhr – Empire mit Alabastersäulen – und sagt mit seinem höflichen Lächeln: »Und Ihr eigentliches Anliegen?« »Betrifft den Weichensteller.« »Was ist's mit ihm?« »Er ist in Not mit seinen acht Kindern; seine Frau liegt im Sterben.« »Wieviel wollen Sie haben?« Massen greift nach seiner Brusttasche. »Es handelt sich nicht um Geld. Der Mann ist drauf und dran, seelisch zu verbluten.« Massen blickt teilnahmsvoll, aber ohne Verständnis auf. »Er ist sich keiner Schuld bewußt. Er ahnt nicht, wie das Unglück geschehen ist. Nun frage ich Sie: Haben wir ein Recht, uns an ihm zu rächen, weil er dazu ausersehen wurde, den Fehlgriff zu tun?« »Uns rächen?« »Für etwas, was wir bis auf weiteres als einen Zufall bezeichnen müssen. – Ich frage, wo liegt der Grund zu dem Unglück?« »Weil der Mann fehlgriff, nehme ich an.« »Schön. Aber wenn das Unglück nichts als ein zufälliger Fehlgriff war, so ist es auch nichts anderes als ein Zufall, daß es Euer Hochwohlgeboren beliebte, die Notbremse zu ziehen, und dadurch das Unglück verhütete.« Massen stutzt einen Augenblick bei dem Hochwohlgeboren. Lächelt darauf liebenswürdig: »Das mag wohl sein.« »Der Zufall, daß Sie den Zug halten ließen, um bei Ihrem Landsitz auszusteigen, war ein Vergehen.« Massen lächelt nachsichtig. »Ja. Ich habe Strafe dafür zu zahlen.« »Nun kann ich aber beim besten Willen zwischen Ihnen und dem Weichensteller keinen anderen Unterschied sehen, als daß sein Zufall ihm Pech brachte, und Ihnen der Ihrige Glück. Sein Zufall war, wenn ich mich so ausdrücken darf, ein unglücklicher, und Ihrer ein glücklicher Fehlgriff. Er steht wie ein Verbrecher da, Sie als Retter.« Johan Lind kneift die Augen zusammen und betrachtet Massen mit einem seltsamen Lächeln. »Wie ist Ihnen als zufälligen Retter so vieler Menschenleben zumute?« »Großartig!« Es kam strahlend, tief aus dem Herzen. »Die ersten Männer des Landes waren mit im Zuge.« Wieder das seltsame Lächeln. »Nicht wahr? – Wo wären die heut, wenn ich mein kleines Vergehen nicht begangen hätte?« Massens Augen werden größer und runder, seine Backen röten sich; die Halsader schwillt hinter der weißen Binde. »Sehen Sie her« – er springt auf und nimmt eine Mappe von seinem Schreibtisch –, »diese Mappe ist voll von Dankschreiben. Hier: Von dem Sekretär – Sie wissen, Glarby –, er dankt mir auf seine scherzhafte Weise für meinen ›unter anderen Gesichtspunkten so verwerflichen Notbremsezug. Sie haben dem Vaterlande und der internationalen Valuta-Kommission viele kostbare Leben bewahrt‹.« Johan Lind blickt lange vor sich hin, dann sagt er ernst: »Was alles also haben Sie ihm zu verdanken?« »Wem?« »Dem Weichensteller. Denn wenn sein Zufall nicht zuerst gekommen wäre, dann wäre der Ihre ja nur ein dummer Jungenstreich gewesen.« »Na, na,« sagt Massen und lacht gutmütig. »Man hätte in den Zeitungen weidlich auf Sie geschimpft. Und das hohe Komitee, das Sie aufzuhalten gewagt hätten, würde Sie aufs strengste verurteilt haben. Ihrer Stellung an der Börse und bei der Bank würde es sicher geschadet haben.« »Unbedingt!« »Stattdessen wurden Sie der Retter aller. Sie zogen die Notbremse, – die Vorsehung erbarmte sich der Passagiere durch Sie.« »Ja, das ist wahr.« Seine Augen strahlen, er reibt sich vergnügt die Hände. Plötzlich aber hält er inne. Ist etwas in den Augen des Gastes, das ihn nachdenklich macht? Er scheint so sonderbar durch ihn hindurchzusehen. Massen wittert so etwas wie einen Hinterhalt. Dieser Mann da sieht aus, als ob er etwas wüßte, was kein anderer weiß. Massen möchte ihn fragen, wagt es aber nicht. »Sie haben Glück im Spiel!« sagt Johan Lind schließlich einfach. Massen atmet erleichtert auf. »Ja,« sagt er ernst, »es war die größte Chance meines Lebens.« Er bedenkt sich einen Augenblick, denn der Mann ist ja ein Fremder, und wenn er auch kein Geschäftsmann ist – aber er kann nicht länger an sich halten. »Ich will Ihnen nämlich sagen, die Leute sind wie toll, alle wollen mir ihr Geld anvertrauen. Sie müssen ja ein Riesenglück haben, sagen alle. Ich habe mehr Leute engagieren müssen, weil mein Personal die Arbeit nicht mehr bewältigen konnte. Die alte Baronesse, die mit im Zuge war, kam zu mir, um mir die Hand zu drücken – sie vergoß Tränen. Ich hätte ihr Leben gerettet, und jetzt soll ich für sie spekulieren. Ich sei der einzige, dem sie ihr Geld anvertrauen möchte. Ein Propst war auch da. Er spiele sonst nicht, niemals, prinzipiell nicht, – doch bei einem, der dazu begnadet sei, so viele Menschenleben zu retten, könne das Spekulieren unmöglich eine Sünde sein. Er nannte mich ›Der Begnadete‹. Und ein kleiner Journalist aus der Provinz sandte mir sein Erspartes, lumpige 500 Kronen, die er auf mich setzen will. Und sogar Ludwig N. Petersen, der Millionär, wissen Sie, kam vorgestern zu mir an der Börse und sagte: »Hören Sie mal, Sie Glückspilz und Erretter –« Massen verstummt, er ist ja drauf und dran, Geschäftsgeheimnisse zu verraten. »Kurz gesagt – ich habe alle Hände voll. Wenn ich bedenke –« Fast hätte er sein Geheimnis verraten. Johan Lind kann es ihm ansehen. Ihre Augen begegnen sich in einem prüfenden Blick. »Wenn die Not am größten, –« sagt der Gast und nickt bedeutungsvoll. Massen stutzt und wird rot bis unter die Augen. »Sind Sie Geschäftsmann?« »Nein!« »Ehrenwort?« »Auf Ehre!« »Na schön,« sagt er ernst, »es stimmt. Woraus aber schlossen Sie das?« »Ich hatte eine Ahnung.« Massen beugt sich vor. Seine Stimme wird leise und vertraulich, während er sein Gemüt erleichtert. Er hat es noch niemandem zu sagen gewagt. »Ich hatte keinen ruhigen Augenblick mehr. Ich wagte nicht einzuhalten, nicht nachzurechnen. Mein einziger Trost war: du bist erst vierundzwanzig Jahre alt! Ach, es ist schrecklich, wenn man Leute trösten und ermuntern, ihnen ehrlich in die Augen sehen soll, während man bei sich denkt, morgen sind sie mit ihren paar Groschen hereingefallen. Denn ein Outsider an der Börse, verstehen Sie, hat ja meistens mit kleinen Sparern, zu tun. Angestellten und dergleichen. Man hat nie genug Geld in den Händen, um eine Chance, wenn sie endlich da ist, auszunutzen. Aber jetzt – jetzt endlich kommen die reichen Leute mit ihren großen Summen zu mir, Leute, die etwas wagen, und einen Verlust tragen können, sie drängen sich mir geradezu auf. Und es ist eine bekannte Tatsache, daß diejenigen, die einen Verlust tragen können, meistens gewinnen. Ich kann so viel Kapital bekommen, wie ich will. Sogar der bekannte Millionen-Petersen kam zu mir während der Börse –« Das aber ist Geschäftsgeheimnis. Massen stockt, hebt die Arme wie befreit über den Kopf, und streckt die langen, weißen Finger wie zum Opfer oder Gebet gen Himmel. »Sie hatten also eine Notbremse nötig!« sagt Johan Lind, betrachtet die weiße Hand, und denkt an jenen begnadeten Augenblick, als sie sich nach dem kleinen roten Handgriff unter der Decke reckte. »Das ist wahr!« Massen sieht erstaunt, wie die grauen Augen seines Gastes ihn plötzlich zu vergessen scheinen und in die Ferne blicken. Sollte das der Sinn sein, denkt Johan Lind. »So hat also doch etwas dahinter gesteckt,« sagt er, und blickt in die klaren, kurzsichtigen Knabenaugen. »Was denn?« »Sie sollten gerettet werden.« Massen versucht die Stimmung von sich abzuschütteln, er ist kein Liebhaber von Mystik: doch kann man nicht leugnen, daß das Unglück sein Glück geworden ist. »Wieviel soll ich ihm geben?« »Dasselbe, das Sie gerettet hätte, wenn Sie keine Notbremse gefunden und mit Ihren kleinen Sparern zum Teufel gegangen wären.« »Und was ist das?« »Selbstvertrauen. Bestätigen Sie ihm, daß nicht Sie die Ursache zur Rettung, sondern nur das unfreiwillige Werkzeug waren, wie er nicht die Ursache zum Unglück, sondern nur das unfreiwillige Werkzeug war, das es hervorrief. Daß nicht mehr Grund vorliegt, ihn für das Unglück verantwortlich zu machen, als Sie für die Rettung zu ehren. Daß wir alle Werkzeuge sind, nicht dazu berufen, einander zu richten. Daß Sie darum ihm als Weichensteller trauen, wie jedem anderen, eher mehr, da es nicht wahrscheinlich ist, daß er zweimal als Werkzeug ausersehen ist. Denn das würde jede Vorstellung von einer Vorsehung in uns zunichte machen, würde uns in die blinde Oede zurückzwingen, wo jede Strafe, jede Verantwortung überhaupt sinnlos wäre.« »Sehr richtig!« sagt Massen und nickt. Den Schluß hat er nicht verstanden. Aber es schadet nichts. Dem Weichensteller soll geholfen werden. – aber wie? Nur das Praktische an der Sache interessiert Massen. »Glauben Sie, daß man ihm seine Stellung erhalten kann?« »Nein, das glaube ich nicht, denn die Menschen verfolgen das Unglück ebenso, wie sie hinter dem Glück herjagen. Er wird abgesetzt, Sie befördert werden.« »Was ist dabei zu machen?« sagt Massen etwas verletzt, »ich bin bereit zu helfen, wenn Sie mir nur sagen, wie Sie es sich gedacht haben.« »Sie sollen ihm helfen seine Selbstachtung zu bewahren, sonst verblutet er sich.« »Wie soll ich das machen?« »Geben Sie ihm eine Erklärung, daß Sie bereit sind, sich seiner Weichenstellung ein andermal wieder anzuvertrauen. Und lassen Sie diese Erklärung von vielen Passagieren, die damals mit im Zuge waren, unterschreiben, am liebsten von allen.« Massen prüft den Vorschlag einen Augenblick. »Sagen Sie all Ihren Kunden.« fährt Johan Lind fort, »daß sie dem Weichensteller ihr Glück zu verdanken haben, und daß der von Glück Begünstigte den von Unheil Betroffenen nicht vergessen darf.« Massen stellt sich die Baronesse und den Propst und den Millionen-Petersen vor. »Das ist nicht logisch, mein Herr, denn wer mich meines Glückes wegen aufsucht, muß den Weichensteller konsequent seines Peches wegen verfolgen. Das haben Sie ja selbst gesagt: darum wird keiner diese Erklärung unterschreiben.« »Das ist wahr! Dann müssen Sie eben die Leute veranlassen. nicht auf Sie und Ihr Glück zu setzen, dann stimmt das Rechenexempel.« Massen wirft sich zurück und lacht herzlich. »Und wenn die Baronesse und die anderen nicht bei mir spielen, dann verdiene ich kein Geld, bin nicht mehr der Glückspilz und kann nicht helfen.« »Da sieht man. –« Johan Lind lächelt müde, »wie untrennbar alle Dinge zusammenhängen. Sie müssen also lügen, müssen den Leuten klar machen, daß das Glück Ihnen nicht treu bleiben wird, wenn Sie dem Weichensteller nicht helfen.« Johan Lind erhebt sich mühsam aus dem niedrigen Stuhl. Er ist müde, aber er hat auch gesagt, was er wollte. »Ja,« sagt Massen und reicht ihm die Hand, »das will ich tun, ich verspreche es Ihnen. Ich will eine Adresse aufsetzen, und als Erster unterschreiben.« Der Gedanke sagt ihm zu. Massen, der Erretter aller, vergißt den nicht, der das Unglück verschuldete. Seht einer den Massen, wird man auf der Börse sagen. Massen hat Herz, werden seine Freunde sagen. »Ja, alle sollen unterschreiben. Ich lege die Adresse vor, wenn sie mit ihren Aufträgen kommen: Bitte, hier erst unterschreiben, ein Scherflein für die Unglücklichen! Sonst haben wir kein Glück bei unserem Geschäft. Wenn ich erst die großen Namen habe, kommen die anderen schon von selbst. Die Namen und Adressen von den Leuten, die im Zuge waren, haben ja in der Zeitung gestanden.« Es ist sonderbar, wie ihm seit jenem Tage alles gelungen ist. Sollte es möglich sein, daß die Vorsehung seinetwegen alles arrangiert hat? Aber wäre das nicht zu viel? Massen ist nicht eingebildet. Es sei denn, daß es sich um einen Diskont handelt. Wenn es so gemeint war, sollte der Alte dort oben – wenn er wirklich da war – nicht betrogen werden. Er wollte sein Bestes tun. Daß es gleichzeitig ein gutes Geschäft war, konnte nicht schaden. Warum sollten Barmherzigkeit und Geschäft nicht zusammengehen? »Mit den Unterschriften aber ist es noch nicht getan,« sagt Massen. »Geld gehört auch dazu: denn seine Stellung verliert er, und von Selbstachtung kann er mit Frau und acht Kindern nicht leben.« »Wir machen also eine Liste, und ich eröffne sie mit einer runden Summe. Ihre Adresse müssen Sie mir noch geben.« »Danmarksgade 27.« Massen stutzt, notiert die Adresse auf der Visitenkarte und blickt dann mit unschuldiger Miene auf. »Verzeihung, Herr Lind, stand nicht in der Zeitung, daß Sie Geistlicher oder Professor seien?« »Ich bin keines von beiden,« sagt Johan Lind, bereits in der Tür. »Na, Philosoph sind Sie auf alle Fälle!« sagt Massen und lächelt mit seinem Faltennetz, »das können Sie nicht leugnen.« »Also schön.« – Johan Lind sieht ihn freundlich an – »meinetwegen.« »Haben Sie etwas dagegen, daß ich der Baronesse und den anderen erzähle, daß Sie hier gewesen sind?« »Ist das notwendig?« »Es macht die Sache interessanter, wenn ich den Leuten sage, daß der Nachtwanderer mir den Gedanken eingegeben hat. ›Der Philosoph aus der Danmarksgade‹ – ha ha – das klingt famos.« Johan Lind verzieht den Mund. »So sind die Leute nun einmal!« versichert Massen. Er dankt Johan Lind für seinen Besuch, drückt ihm noch einmal die Hand und sagt, während er ihm von der Entreetür zunickt, daß er jetzt alle Hände voll zu tun bekomme. X. Spatzen haben für das Jüngste des Weichenstellers gezwitschert.« sagte Johan Lind, als er mit Gerda beim Abendessen saß. Sie sah erstaunt auf und vergaß die Tasse an den Mund zu setzen. »Die Spatzen zwitscherten uns in den Hof hinein, wo die Statue von Mutter und Kind stand.« »Und was weiter?« »Beim Anblick der Statue mußtest du an die Frau des Weichenstellers denken.« Gerda wurde rot und blickte in ihre Tasse hinein. Kurz darauf aber hob sie den Kopf und sah ihn ernst mit ihren großen klaren Augen an. »Nein,« sagte sie und schüttelte den Kopf, »die Statue hat mich nicht auf den Gedanken gebracht.« »Was denn?« Sie wurde wieder rot. »Das kann ich nicht sagen.« »Mir kannst du alles sagen.« »Es war –« und sie vertraute ihm mit abgewandtem Gesicht an, daß sie kein Kind bekommen würde. Darum hätte sie an die Frau denken müssen: sie hatte sich schon so darauf gefreut, Mutter zu werden. Er stand auf, sagte gesegnete Mahlzeit, zündete sich eine Zigarre an und setzte sich in den Stuhl am Fenster. Er dachte an Massen und das, was sie zusammen besprochen hatten. Dabei schlief er ein. die Zigarre fiel auf den Fußboden. Leichte, schwebende Schritte erreichten sein Ohr. Ich komme, dachte er und erwachte. Um ihn herum war es dunkel. Er sah weder einen Kirchengang, noch eine Wölbung, weder einen Turm, noch eine Turmtreppe. Da entsann er sich, wo er war. Die leichten Schritte rührten von Gerda her. die das Geschirr in die Küche trug. Er hörte, wie leise sie auftrat: das Licht hatte sie gelöscht, damit er ruhig schlafen konnte. Gerda hatte beschlossen, daß sie ihn, der sie verschmäht hatte, vergessen wollte. Er ist meiner nicht würdig, dachte sie, während sie Staub wischte. Im Zimmer war eine Milchstraße von tanzenden Staubsternen. Ihr blondes Haar, das sich im Nacken und an den Schläfen kräuselte, funkelte von Millionen Fixsternen: ihre klaren Augen strahlten das Licht über einer Anzahl von toten Monden zurück, die sich sinnlos im Raum drehten. Eine schimmernde Kristallkugel fiel auf die verstaubte Aurikel, die ihre Blätter im Windzug am Fenster bewegte, während sie mit dem Staubtuch in der Hand stehen blieb und geblendet auf einen dunklen Kopf starrte, der in der Werkstatt auf der anderen Seite des Hofes sichtbar wurde. Dann aber sah sie, daß es ein ganz anderes Haus war, ein schmutziges Haus, mit vielen Fenstern, und aus dem einem reckte sich ein rotbärtiger Bursche in Hemdärmeln und nickte ihr zu. Da schloß sie hastig das Fenster, wischte die Kristallkugel von ihrer Wange und begann wieder eifrig Staub zu wischen. Er ist es nicht wert, dachte sie wieder, im nächsten Augenblick aber befand sie sich in einem dunklen Torweg, die Arme um seinen Hals, die Lippen auf den seinen. Diesmal rollte keine Kristallkugel über ihre Wange, zornig preßte sie die Lippen zusammen und warf den Kopf in den Nacken. »Ich gab ihm alles, was ich besaß, und er hat mich verschmäht. Es soll vorbei sein.« Was hatte der andere nicht alles für sie getan, obgleich er sie gar nicht kannte. Gegen ihn wollte sie gut sein, ihm eine Häuslichkeit geben. »Das alles hättest du haben können!« Das Herz brannte ihr von neuem, diesmal aber vor gekränktem Stolz. Sie nahm den Brief aus ihrer Tasche, wo er seit dem Unglückstage zusammengeknüllt gelegen hatte, zerknitterte ihn in der Hand, ergriff Johan Linds Streichholzschachtel, die neben seiner Pfeife auf dem Tisch lag, eilte zum Ofen, und bevor sie noch Zeit fand zu bereuen, zündete sie den Brief an allen vier Ecken an. Die Hand zitterte ihr, während sie zusah, wie die Flammen über die großen schwerfälligen Schriftzüge eilten, die sie einst geliebt hatte. Als das Feuer den Brief verzehrt hatte, und nur ein Häufchen schwarzer, wehmütiger Asche übrig war, krümmte ihr Herz sich wie das Papier, aber nur einen Augenblick; darauf preßte sie die Lippen zusammen und schlug die Ofentür zu. »Erledigt!« sagte sie und blickte sich in dem kleinen Zimmer um. Es war wirklich, als ob von dem alten Plüschsessel am Fenster mit der gehäkelten Decke auf der Rückenlehne, wo Johan Lind zu sitzen pflegte, Frieden zu ihr käme. Im selben Augenblick begann der Kanarienvogel in ihrem eigenen Zimmer zu piepsen. Er hüpfte von Stange zu Stange und piepste jämmerlich, als fürchtete er, daß er wieder vergessen würde. Während sie das Vogelbauer reinigte, überlegte sie. was sie alles für Johan Lind tun wollte. Sie wollte sein Haus versorgen und mit ihm spazieren gehen. Ein Kochbuch wollte sie sich kaufen, dasselbe, das Ida zu ihrer Konfirmation bekommen hatte. Sie würde das Kochen lernen, es hatte keinen Zweck, so viel Geld in den Restaurants auszugeben. Und wieviel konnte sie von ihm lernen! Sie verstand nicht alles, was er sagte, aber das schadete nichts. Er war so viel gereist und hatte so viel gelesen und gedacht. Sie konnte gar nichts, nur liebhaben – und nicht einmal darauf legte man Wert. Da war Johannes wieder – sie schob den Gedanken hastig von sich, es ging fast leichter, nachdem sie den Brief verbrannt hatte. Er kann hundert Haushälterinnen bekommen, dachte sie, die tüchtiger sind als ich. Er braucht nur zu annoncieren. Aber er bekommt keine, die ihn lieb hat. Das kann man nicht kaufen. »Hab ich ihn denn lieb?« fragte sie sich selbst. Da war Johannes wieder. Sie hatte sich so daran gewöhnt, nur ihn in der ganzen weiten Welt lieb zu haben. Jetzt mußte sie ihn also für immer vergessen. Ihr Blick wurde wieder geblendet – es saß ihr im Halse. Sie preßte die Lippen fest zusammen und schluckte es hinunter. Gewiß, ich habe ihn gern. Wie einen Vater – oder einen Onkel – oder einen guten Kameraden. Seit sie ihm neulich ihre Enttäuschung anvertraut hatte, meinte sie, daß sie ihm alles sagen könnte. Manchmal, wenn er merkte, daß sie betrübt war, sah er sie so an. daß sie geradezu Lust bekam, die Arme um seinen Hals zu legen und all ihren Kummer an seiner Brust auszuweinen. Wohl war er alt an Jahren, aber nicht alt an Gemüt. Und wie jung konnten seine Augen blicken, wenn er sich über etwas freute und es ihr erklärte, während seine weißen Finger auf der Tischplatte spielten. Seltsam, daß er Johan hieß, das war fast dasselbe wie Johannes. Von neuem lief ihr Herz von dem alten Schmerz über; Tränen drängten in ihre Augen. Hätte der Vogel es nicht geahnt und im selben Augenblick seine allerhöchste Nummer zum besten gegeben, würde sie wieder geheult haben, obgleich sie sich doch gelobt hatte, daß es vorbei sein sollte. Sie war so viel allein. Wenn sie bei Johan Lind war, konnte sie alles andere vergessen, oder wenn sie sich im Hause beschäftigte. Am schlimmsten war es, wenn sie gute Nacht gesagt hatte und allein in ihrem Zimmer war. Dann strömte alles auf sie ein – ihre gemeinsamen Spaziergänge – seine dunklen Augen – sein leicht beweglicher Mund – seine starken Arme und seine Küsse. Eines Abends drangen die Erinnerungen besonders heftig auf sie ein und bedrohten den Frieden, den sie sich mit Mühe errungen, seit sie den Brief verbrannt hatte. Sie kämpfte, bis ihre Backen und Hände brannten und schließlich wußte sie sich nicht anders zu helfen als durch Flucht. Sie war schon halb entkleidet, zog sich hastig wieder an und eilte zu Johan Lind hinein. Erst als sie bei ihm im Zimmer stand – mit dunklen Augen und glühenden Wangen – und er aus dem Lichtkreis, den der grüne Lampenschirm auf den Tisch warf, zu ihr aufsah, besann sie sich: sie mußte einen Vorwand finden. Er erhob sich, trat zu ihr, nahm ihre Hände und fragte sie, was geschehen sei. Sie sagte, sie fürchte sich. »Wovor fürchtest du dich?« Er strich ihr übers Haar. »Mir war, als ob jemand an der Haustür rührte,« log sie. Sie gingen zusammen hinaus, um nachzusehen, ob die Tür auch richtig verschlossen sei. Er tröstete sie und sagte, daß sie ihn nur zu rufen brauche, wenn sie sich ängstigte. Er würde bei dem kleinsten Laut erwachen. Sie lächelte ihm zu. Ob sie eine Weile bei ihm sitzen dürfe, bis sie wieder ruhig geworden? Sie saßen und sprachen zusammen. Er erzählte von seinem Leben und von seinen Reisen. Die Uhr war schon nach zwei, als Gerda wieder in ihr Zimmer ging. Da war sie so müde, daß sie nur noch mit großen starren Augen lächeln konnte. Sie fühlte, daß sie gesiegt hatte, entkleidete sich schnell und schlief gleich ein. Johan Lind aber lag wach, bis die Rathausuhr vier schlug. Alte und neue Gedanken beschäftigten ihn. Sie gingen von Gerda aus und kehrten zu ihr zurück, – auf einem langen Umweg – durch sein Leben. Er meinte, daß er ihre regelmäßigen Atemzüge durch die geschlossene Tür hören konnte. Er lauschte, bis er einschlief, und erwachte wieder aus einem Halbschlummer. Wieder hörte er die leichten, schwebenden Schritte aus dem Kirchentraum. Er richtete sich auf, da aber waren sie vorbei. Sollte dieser Traum ihm von Gerda voraussagen? Unsinn – er schüttelte den Kopf über sich selbst; der Gedanke aber ließ ihn nicht los. Bedeutete die Dämmerung in der Kirche, die Abendluft, die seine Stirn berührte, daß er alt werden sollte, bevor diese Schritte auf seinem Weg erklangen? Tor! Aber der Gedanke an sie, die seinem Schutz anvertraut worden war, ließ ihn nicht los. Da war etwas in ihrem Blick, wenn sie unversehens aufsah, daß er sich nicht deuten konnte. Wie sie vorhin in dem Halbdunkel des Zimmers stand mit dem tiefen Blick, meinte er sie bereits einmal gesehen zu haben, vor langer Zeit. Sprach Sehnsucht nach ihm, der sie verlassen hatte, aus ihrem Blick, wenn er so tiefblau und fern wurde? Vielleicht ruft mein Name Erinnerungen in ihr wach. Johan – Johannes. Der erste Akkord einer Melodie, die sie nicht vergessen kann. Was sagte sie an jenem Abend? – Ich will ihn vergessen, sagte sie. Johan Lind kann nicht klug aus ihr werden. Denn sie spricht niemals von dem andern und ihre Stimmung ist gleichmäßig. Er hat sie lachen, hat sie bei ihrer Arbeit summen hören und sie hat dem Kanarienvogel sogar etwas vorgesungen. Hat sie ihn vergessen, weil er sie verschmäht hat? Dann hat sie ihn nie wirklich geliebt. Johan Lind reckt sich und atmet tief. Schon lange hat er sich nicht so jung und so stark gefühlt. Er denkt an die Worte des Traumes und meint, daß er jetzt den Sprung wagen würde. Hat er nicht bereits die Villa in der Allee und die Kartons an den Wänden verlassen und den Sprung ins Ungewisse gewagt, unter dem freien Himmel, der dunkel und voller Verheißung ist? War sie, die er gefunden hat, nein, die ihm in der Nacht gegeben wurde, war sie die Einzige, die Frau seines Kinderherzens, die ihm endlich beschert ward? Was aber soll sie mit einem alten Mann? Runzeln und Glatze bleiben, wenn die Jahre auch verwischt werden. Bedeutet ihr Lächeln etwas anderes als Dankbarkeit und Kameradschaft? Er prüft ihren Blick und ihre Stimme, wiederholt ihre Worte und sucht in seiner Erinnerung, wie es war, wenn ein junges Weib liebte. War sie nicht scheu und hütete ihren Blick und ihre Worte? Er mußte an Lisa denken, in der letzten, in der einzigen Nacht. Er erinnerte sich ihrer bebenden Feierlichkeit, als brächte sie ihrer Liebe ein Todesopfer, und er erinnerte sich des Zwanges, der über ihm selbst lag, und des Erstaunens und der Besorgnis hinterher. Sein Gemüt war unsicher und zersplittert, wie die Zeit und der Kreis, dem er angehörte. Nichts von alledem war bei Gerda oder bei ihm zu spüren. Vor der Stunde der Hingabe aber konnte er sich über ihre Gefühle auch nicht klar werden, denn erst dann verrät eine Frau, ob sie nur mit dem Körper und den Sinnen liebt. Auf eine Probe aber wagt er es nicht ankommen zu lassen. Er wagt nicht zu nehmen, denn wenn er sich irrt, wird es ihm als Schuld angerechnet werden. Und durch Jugend, die nur in den Tag hineinlebt. kann er sich nicht entschuldigen, kann nicht sagen: ich wurde ins Meer hinausgeworfen und hatte nicht schwimmen gelernt, wußte nicht einmal, wie tief das Wasser ist. XI. Johan Lind las in der Morgenzeitung, daß das hohe Komitee abgereist sei. Die Herren waren an Bord eines Dampfers gegangen, der sie nach Antwerpen bringen sollte. Von der Eisenbahn hatten sie vorläufig genug. »Leider,« schrieb der ›Tag‹, »hat Etatsrat Jakob eine Absage schicken müssen. Der hochgeschätzte Nestor unserer Bankgesellschaft ist noch nicht ganz hergestellt nach der hartnäckigen Erkältung, die er sich in jener kalten Novembernacht, als das Eisenbahnunglück geschah, zugezogen hat. Statt seiner hat Etatsrat Welten das Präsidium übernommen. Auch Sekretär Glarby bleibt zu Hause: er ist unentbehrlich.« Das darf das Publikum also wissen! dachte Johan Lind, wie aber mag es hinter der Fassade aussehen! Er sah die Leute vor sich, wie er sie im Warteraum vor sich gesehen hatte, sowohl in der zweiten, wie in der dritten Klasse, als jeder einzelne auf seiner Bahn von einer unsichtbaren Hand zurückgehalten worden war. Er prüfte ihre Gesichter und Augen, wie sie in der Erinnerung vor ihm standen. Doch konnte er zu keiner Klarheit kommen; an jenem Abend waren sie nur vom Schreck geprägt gewesen. Er hätte gern gewußt, was jeder einzelne jetzt empfand. Ob einer von ihnen daran dachte, daß sie nur bedingt begnadigt waren? Davon stand nichts in der Zeitung. Auch nicht, daß Kaufmann Hjord es aufgegeben hatte, dem heimatlichen Handel den Rücken zu kehren, weil »die schlechtesten Instinkte des Erwerbslebens sich unter einem kurzsichtigen und unverantwortlichen Steuersystem breit machten.« Sans doute – der Graf hatte recht – man konnte seine Hände auch waschen, wenn man zu Hause blieb. Da stand nicht, daß Kommandeur Töndern, der kürzlich seinen Abschied erhielt, das Gefühl hatte, als ob ihm das Leben von neuem zum Geschenk gemacht worden und alles andere ihm gleichgültig sei. Ich will zu Massen gehen, sagte Johan Lind, um ihn zu fragen, ob es ihm gelungen ist, die Herren vor ihrer Abreise auf seine Liste zu bekommen. »Ich wollte Ihnen gerade schreiben.« sagte Massen, reichte ihm lächelnd seine schlanke Hand und führte ihn vertraulich zum Klubsessel. Johan Lind wollte nicht rauchen. Massen aber nahm eine Zigarette aus seinem goldenen Etui, zündete sie an, den Kopf auf die Seite gelegt, wobei ihm eine schwere Locke seines weichen, in der Mitte gescheitelten Haares über die Augen fiel; seine langen Finger spielten mit Zigarette und Zündholz, als ob er sie im nächsten Augenblick mit einem hübschen Jongleurbogen in die Luft werfen und mit seinen großen weißen Zähnen wieder auffangen wollte. »Es ist mir großartig geglückt!« sagt Massen. »Mit der Baronesse habe ich den Anfang gemacht. Sie kam zu mir und wollte wissen, was sie kaufen sollte. ›Tja,‹ sagte ich, ›da sind Schiffahrtsaktien, Kohlenaktien und Zuckeraktien, außerdem Zichorie, dieses Papier hätte ich für Sie bestimmt.‹ ›Pfui, Zichorie,‹ sagt sie und rümpft die Nase. ›Ja. Mokka ist mir auch lieber,‹ sage ich, ›als Papier ist es aber augenblicklich das beste. Natürlich gehört auch Glück dazu!‹ › Das haben Sie, Massen, und ich habe Vertrauen zu Ihnen,‹ sagt sie und sieht aus, als ob sie in der Kirche säße. ›Wissen Sie, warum ich Glück habe, Baronesse? Weil ich nie ein Geschäft mache, ohne die zu bedenken, die Unglück haben.‹ ›Mein Gott,‹ sagt sie – sie sagt immer mein Gott – ›Sie sind ein guter Mensch, Massen.‹ ›Na na,‹ sage ich bescheiden. ›Also wir nehmen dreißig Aktien in Zichorie für Sie Baronesse. Gott segne Sie, ja! Und dann vergessen wir den armen Weichensteller nicht. Ich zeichne Hundert Kronen für Sie und erbitte Ihre Unterschrift für die Adresse‹.« Massen beugt sich vor und reibt seine langen Hände über dem Kopf mit einem verwegenen Lächeln. »Was sagte sie dazu?« Johan Lind amüsiert sich über Massens Selbstbewußtsein. »Erst machte sie ein strenges Gesicht, dann aber erzählte ich ihr von der Frau und dem Säugling und deutete an, daß wir alle nur Werkzeuge in der Hand eines höheren Willens seien, bis ihr die Tränen in den Augen standen. Sehen Sie, hier ist ihre Unterschrift! Eine recht affektierte Frauenzimmerhandschrift, nicht wahr?« Es war eine lange Reihe von Namen, großen und kleinen, einige mit Schwüngen und Schnörkeln, andere ganz einfach und natürlich; die letzteren waren die gewichtigsten, sie stützten sich auf gute runde Zahlen. Massen konnte Johan Lind ansehen, was er dachte. »Ja,« sagte er auf seine lärmende Knabenart, »so ist es: je feiner der Name, desto weniger Schnörkel.« Johan Lind vermißt etwas. Jetzt weiß er auch, was es ist. Er hat geglaubt, daß die Anregung, die er Massen gab, ihn ernster machen würde. Fast beneidet er ihn, daß er seine Rolle als Auserwählter so leicht nehmen kann. Das kommt von seiner Jugend und seinem Spieltalent. Seine Nummer ist gezogen worden, das ist alles. »Bei den anderen ging es nicht so glatt. Ludwig N. Petersen fragte mich, ob ich verrückt geworden sei. Wissen Sie, was ich ihm geantwortet habe? ›Sie verdienen nicht, daß ich Sie gerettet habe!‹ ›Sie?‹ ›Ja, ich; denn wo wären Sie heute, wenn ich nicht die Notbremse gezogen hättet? Sie sind, meiner Seel, der frechste Hund, der mir je begegnet ist!‹ Dann unterschrieb er und sah sich die Zahlen an. Sehen Sie hier – 500! – Ich hatte 400 gezeichnet. – Der Millionen-Petersen läßt sich natürlich von einem Outsider nicht lumpen!« Massen rieb sich die Hände. »Aber ich bin auch bescheiden gewesen, ich habe immer dabei gesagt: ›Der Vater der Idee ist der Philosoph aus der Danmarksgarde‹.« »Was haben Sie gesagt?« Johan Lind rückt ärgerlich auf seinem Stuhl und sieht verdrießlich aus. Als ob man ihn in einer Zeitung zur Schau gestellt hätte! »Ich sagte Ihnen ja gleich, man muß die Sache interessant machen, sonst beißen die Leute nicht an! – Ich verstehe mich auf den Rummel.« Und Massen schwatzt drauf los, als ob er einem guten, alten Onkel seine dummen Streiche erzählt. »Ich wußte genau, wie jeder einzelne genommen werden mußte. Den Damen erzählte ich von der Frau und dem Säugling, bis ihnen Tränen in die Augen kamen. Und die Briefe, die ich geschrieben habe! Gutsbesitzer Mogensen und Petrine Hansen antworteten umgehend. – mein Gott, wir sind ja alle nur Menschen, und wenn man selbst durch ein Wunder gerettet worden ist, soll man andere nicht unglücklich machen. Zu Direktor Stammer aber, der von Gesetz und gutem Beispiel sprach, sagte ich: ›Wenn die Vorsehung mich dazu auserwählt, Sie zu retten, so ist damit nicht gemeint, daß statt Ihrer ein anderer gehängt werden soll‹.« Johan Lind mußte lachen. »Aber das Komitee.« fragte er. »die Allergrößten?« »Der Finanzminister war zäh. Ihn gewann ich dadurch, daß ich sagte, der Name des Ministers könne nicht fehlen, wenn alle anderen guten Bürgersleute gezeichnet hätten. Uebelgesinnte Zeitungen könnten das ausnützen. – ›Unsinn‹, sagte er und lächelte. – ›aber enfin – Ihretwegen, Sie begnadeter Outsider!‹ – Hier steht sein Name. Der Propst aber war die härteste Nuß. Das könne er nicht verantworten, sagte er. Der Mann war ehrlich, er glaubte wirklich, daß Eisenbahnunglücke ein allgemeiner Sport für Weichensteller werden würden, wenn die Liste zustande käme. Ich aber fragte ihn, ob der arme Mann noch nicht hart genug in seiner unsterblichen Seele getroffen sei, man könne doch nicht annehmen, daß es Gottes Wille wäre, den Armen mitsamt seiner Frau und seinen acht Kindern zu vernichten, nachdem er sich des Zuges erbarmt hatte – ebenso wie damals wegen der wenigen Gerechten über Sodom und Gomorrha. ›Lieber, junger Freund‹, sagte er, ›was wissen Sie von den Wegen der Vorsehung. Ihr Glaube aber rührt mich, und da Sie, der Sie als Werkzeug auserwählt wurden, für den Weichensteller bitten, so will ich nicht dawider sein‹. – Er zeichnete zwanzig Kronen – und bekam den Rest von den Zichorieaktien.« »Haben Sie ihm auch von dem Philosophen erzählt?« »Natürlich, und er sagte, es würde ihn interessieren, Sie kennen zu lernen.« In dem Faltennetz zuckte ein Lächeln, dem Johan Lind nicht widerstehen konnte. Der junge Mann gefiel ihm, trotz seines überlegenen Umganges mit unergründlichen Dingen. »Aber hören Sie mal, fast hätte ich das Wichtigste vergessen!« Massen beugte sich vor und faßte Johan Lind vertraulich am Rockkragen. Sie wissen doch, daß der alte Jakob krank ist?« »Ich habe es heute morgen in der Zeitung gelesen. Er ist also nicht mit zur Konferenz gereist.« »Nein!« Massens Augen weiteten sich. »Was ist denn los?« Massen zögerte einen Augenblick, meinte dann aber, daß er einem Philosophen anvertrauen konnte, wovon die ganze Börse sprach. »Sie wissen wohl, daß Welten und Jakob seit vielen Jahren miteinander im Kampfe liegen. Nicht? – Es ist eine alte Streitsache zwischen ihnen und ihren Banken. Welten kann keine Juden leiden und hält sie nieder, wo er kann. – der alte Jakob aber hat trotzdem über ihn gesiegt. Man sagt, er habe erfahren, daß Glarby, der Sekretär der Fondsbörse, aus dem Archiv Papiere von Weltens alten Aktienemissionen besitzt, die nicht ans Tageslicht sollen. Nun wollte Jakob um jeden Preis mit zur Konferenz, es war eine Ehrensache für ihn. Welten aber hatte die Regierung auf seiner Seite. Was tut Jakob? Er kauft Glarby, der von Welten bei einer Beförderung übergangen worden ist, gewinnt ihn durch dreißigtausend Kronen in guten Papieren und indem er ihm das Amt eines Sekretärs beim Komitee verschafft. Welten aber bekommt einen Wink, er möge sich zurückziehen, falls er seine alten Papiere nicht in der Zeitung abgedruckt sehen will. Er konnte nichts anderes tun, als sich mit Grippe zu Bett zu legen.« »Und jetzt liegt Jakob zu Bett?« »Ja, wenn das nicht Nemesis ist!« »Durch das Eisenbahnunglück hat er sich die Erkältung zugezogen?« »Erkältung! – Er hat einen Nervenchok, wissen Sie das nicht?« Massen sieht ihn mißbilligend an. Wo hat dieser Mann seine Augen? Na, er ist Philosoph. »Er ist nicht wieder an der Börse gewesen, kommt nicht in die Bank, empfängt nur unschädliche Rangpersonen und Damen aus Wohltätigkeitsvereinen.« »Warum?« »Der Bank wegen. Sein Verstand ist nämlich nur in Geschäftssachen verwirrt, über andere Dinge spricht er ebenso vernünftig wie Sie und ich. Die Wohltätigen läßt man zu ihm, damit sie nachher erzählen können, Herr Etatsrat sei so frisch wie ein Fisch im Wasser, nur etwas müde.« »Dann können wir auch seine Unterschrift bekommen. Es ist ja eine private Sache.« »Sie vielleicht – ich nicht.« »Warum nicht?« »Weil ich Geschäftsmann bin. Ich werde nicht empfangen, wenn mein Anliegen auch noch so privat ist. Sehen Sie, das wollte ich Ihnen schreiben: den alten Jakob müssen Sie auf Ihre Kappe nehmen.« »Ich?« »Ja – Sie – Philosoph. Keiner traut Ihnen Geschäftsinteressen zu.« In Massens Maske spielte ein Schelm. Er wehrt sich dagegen, Johan Lind aber, der alte Karikaturenzeichner, der die Kehrseite der menschlichen Gesichter studiert hat, bis er schließlich nichts anderes mehr sah, merkt es und es belustigt ihn. »Ich soll also den alten Jakob behandeln?« sagt er gutmütig. »Ja!« Massen reibt sich die Hände und strahlt. »Ich bin riesig gespannt, was er Ihnen sagen wird.« »Ich soll also auskundschaften, wie es eigentlich mit seinem Verstand steht?« sagt Johan Lind so vor sich hin. Massen wirft ihm einen hastigen Blick zu; darauf bricht er in sein lautes Knabengelächter aus, beugt sich vor und legt seine Hand auf Johan Linds Schulter. »Ja – ha – ja. so ist's gemeint!« »Vielleicht könnte man ein gutes Börsengeschäft daraus machen?« »Ha, ha – Philosoph, Sie kennen die Menschen!« Johan Lind weiß nicht, ob er sich ärgern oder amüsieren soll; aber er kann dem Knabenlachen des andern nicht widerstehen, es ist aufrichtig und schlau zugleich. »Wenn ich nun aber meine Weisheit für mich behalte?« »Das werden Sie nicht tun –« Massen wird plötzlich ernst. Er legt die Hand offen aufs Knie – jetzt macht er ein Angebot. »Ich bin willig, mit Ihnen zu teilen, ohne Beitrag von Ihrer Seite, verstehen Sie? So viel Vertrauen habe ich zu Ihrem scharfen Blick. Wenn Sie glauben, daß der Alte sich erholt, dann haußen wir ihn; die Aktien der Bank stehen in 127, das ist furchtbar niedrig. Und wenn Sie glauben, daß er sich nicht erholt, dann baissen wir ihn. Sie werden sehen, wie der Kurs herunterrasselt, wenn der alte Jakob versagt.« »Sie sind ein begnadeter Spieler,« sagt Johan Lind bewundernd. »Schlagen Sie ein? Jeder ist seines Glückes Schmied.« sagt Massen und lacht übermütig. Er hält seine Hand zum Einschlag bereit. »Nein,« sagt Johan Lind ernst und erhebt sich zum Aufbruch. »Ich spekuliere nicht in Menschen.« »Wozu sind Sie denn Philosoph, Mann?« sagt Massen eifrig. Johan Lind sieht ihn verblüfft an. Einen Augenblick nur, dann muß er lachen. Er ist drauf und dran, die angebotene Hand zu nehmen, besinnt sich dann aber eines Besseren. »Nein,« sagt er und schüttelt den Kopf, »ich bin kein Spieler. Sie aber sollen die Auskunft bekommen, und dann können Sie meinetwegen damit machen, was Sie wollen.« »Ich danke Ihnen!« Es folgt ein Händedruck, herzlich und echt. – »Ich werde schon eine Gelegenheit finden, mich Ihnen erkenntlich zu zeigen.« »Wenn der alte Jakob unterschrieben hat, haben wir dann alle beisammen? Es darf keiner fehlen, sonst meint der arme Weichensteller, daß er sich vor diesem am Tage des letzten Gerichtes verantworten muß.« Massen sieht die Liste durch. »Ja, alle die, die etwas bedeuten. Das heißt, es war noch ein vornehmer Russe dabei, dem der Graf einen Platz in seinem Automobil gab, außer der Baronesse und dem Propst, – sie sprach neulich von ihm. ›Mein Gott‹, sagte sie, das war Rasse! – Er hat im Hotel ›Phönix‹ gewohnt, ist aber abgereist, und niemand weiß, wohin. Gott hab' ihn selig.« »Es ist kein Ernst in ihm,« dachte Johan Lind, als er auf die Straße kam. Natürlich. Sonst hätte er nicht die Notbremse gezogen. Glück und Einfalt wandern zusammen. Auch mein Los ward gezogen, aber nur, um einen armen Sklaven samt seiner Familie ins Unglück zu stürzen. Ich bat um Aufschub, vergaß aber nach dem Preis zu fragen. Ich, der Philosoph, wie Massen sagt. Glaubte ich, daß man etwas umsonst bekommt? Mein Gott, was ist der Sinn des Ganzen? Er bleibt stehen und starrt vor sich hin, während das Blut ihm zu Kopfe steigt. Daß er es nicht lassen kann, über Unergründliches zu grübeln! XII. Die Aerzte sagten, daß der alte Jakob an traumatischer Neurose leide. Nervenschwächung nach einer Erschütterung. Auf der Börse sagte man, daß er den Verstand verloren habe. Vielleicht kam es auf dasselbe heraus. Fremdwörter können zweideutig sein. Vielleicht wußte nur Jakobs ältliche Tochter Bescheid, die sein Haus führte und ihn pflegte, wenn er seinen Schnupfen hatte, seit er Witwer geworden war. Sie hatte sicher gehört, was der alte Jakob in der Dämmerstunde mit seinem Gott sprach, wenn er in dem großen Ohrenstuhl mit dem Roßhaarbezug saß, der schon seinem Vater gehört hatte und von wo aus er im Fensterspiegel den ganzen Marktplatz überblicken konnte. Tante Esther liebte ihren Vater, war stolz auf ihn. Es betrübte sie tief, daß er nie mehr zu ihr sagte: »Kümmre dich um deine eigenen Sachen, Esther, davon verstehen Frauenzimmer nichts!« – Nicht ein einzigesmal seit jener furchtbaren Nacht hatte er es gesagt. Bisweilen war solch angstvoller Blick in seinen Augen, daß es sie jammerte: dann nickte er vor sich hin und hob die Hände, als ob er in der Synagoge sei. So stand es um Aaron Samuel Jakob, der seit Jahren der gefürchtetste und gehaßteste Mann an der Börse war. Wenn er fiel, fielen viele mit ihm! – Tante Esther flehte zu Gott, daß er ihren Mund behüten möge. Die Nichten und Neffen standen bescheiden in der Vorhalle und flüsterten, als ob ein Toter im Hause sei. Ob sie Onkel Aaron wenigstens nicht einmal sehen dürften. Tante Esther aber schlug ihnen die Tür vor der Nase zu. Dann aber begannen die Papiere zu fallen, eines nach dem anderen. Direktoren und alte vornehme Aufsichtsratsmitglieder telephonierten an, man konnte sie nicht ohne weiteres abfertigen. Der Oberrabbiner machte einen Besuch mit schwarzen Handschuhen. Die Aktien der Bank, die in 137 gestanden hatten, fielen langsam auf 125, und gerade in diesen Aktien war Tante Esthers Geld angelegt. Die Hände zitterten ihr, wenn sie daran dachte, wie Weltens Bank und seine Geschöpfe die Lage für sich ausnützen würden. Sie ließ sich von dem Diener Zeitungen besorgen, und als eine Zeitung, die alle Börsenleute auf dem Nachhausewege kauften, eine Notiz brachte, daß zu der hartnäckigen Erkältung Komplikationen hinzugetreten seien, sorgte sie dafür. daß die Zeitung am nächsten Tage eins Notiz brachte, aus bester Quelle: daß Etatsrat Jakob in der Besserung sei und seine Tätigkeit in allernächster Zeit wieder aufnehmen werde. Und da war es, daß Tante Esther, nach Beratung mit Dr. Levi, allen die Tür öffnete, die ihren Vater besuchen wollten. Nur keine Geschäftsleute – so lautete die Verordnung des Arztes. Der alte Jakob wurde hübsch zurecht gemacht. Er ließ sich willig in den Stuhl setzen, sprach von Wind und Wetter und der Synagoge und fragte nach den Kindern – sein Gedächtnis war ungeschwächt. Er hatte noch genug Verstand, besonders am Vormittag, um einzusehen, daß er es der Bank wegen tun müsse. Onkel Aaron war keine eigentliche Veränderung anzusehen, nur daß er etwas blasser und gleichsam etwas gedankenvoller war. Wenn Tante Esther, die auf seinen Blick achtete, ihren Nichten und Neffen ein Zeichen gab, daß der Onkel müde sei, dann empfahlen sie sich eiligst, froh und gehoben über den Besuch. Man brauchte nicht zu verkaufen, der Alte würde es schon machen, nur etwas Ruhe hatte er nötig. Das erzählten sie allen, die es hören wollten, – und ganz richtig, der Kurs ging wieder in die Höhe. Aber nicht nur die Familie durfte den alten Jakob besuchen, das konnte falsch gedeutet werden. Als die Besuche der Nichten und Neffen gut vonstatten gegangen waren, durften auch die Vorstände der Wohltätigkeitsvereine kommen und wie sonst ihren Bericht abstatten, damit sie erzählen konnten, wie frisch das Gedächtnis des Etatsrates sich erhalten habe und wie unverändert sein Interesse sei. Sie durften einige Minuten allein bei ihm bleiben, wenn Tante Esther ihn zuerst in Augenschein genommen hatte, doch stets nur am Vormittag und unter der Bedingung, daß sie nicht von Bank oder Geschäften sprachen. Johan Lind gab seine Karte ab und sagte: »Wohltätigkeitsangelegenheit«. wie Massen ihm eingeschärft hatte. Ein kleiner, geschäftiger Diener musterte ihn mit seinen blanken Eichhörnchenaugen und bat ihn, zu warten, während er mit der Karte hineinging. Fräulein Esther war nicht im Wohnzimmer, und das Stubenmädchen wußte nicht, ob sie bei der Wirtschafterin auf dem Boden, oder bei der Mamsell im Keller, oder beim Gärtner im Treibhaus sei. Darum öffnete der Diener die Tür zu einem hohen, hellen Zimmer, und bat Johan Lind, einzutreten. Er ging über den tiefen, weichen Teppich, der jeden Laut seiner Schritte erstickte. Er sah sich um und warf einen Blick auf die dunkelgrauen Wände. Ueber einem alten Empiresofa, mit Schränken zu beiden Seiten, fiel sein Auge auf ein Bild, das ihm bekannt erschien. Es war eine Federzeichnung auf grauem Karton, in einem breiten, dunklen Mahagonirahmen. Johan Lind setzte seinen Kneifer auf. Es durchzuckte ihn, er konnte es nicht glauben. In der einen Ecke stand das kleine verschlungene J.S., Paris und die Jahreszahl. Er sah das Zimmer wieder vor sich, mit dem Oberlicht, den goldenen Leisten und den Watteau-Kopien über den Türen – die Mont-Parnasse-Mansarde, wo er fünf Jahre gewohnt hatte, als das J. S. weltbekannt geworden war. Wie kam dieses Bild, das er haßte und dessen er sich schämte, hierher? Noch jetzt, nach so vielen Jahren, stieg ihm beim Anblick desselben die Schamröte ins Gesicht. Es war in den Tagen gleich nach dem Urteilsspruch gewesen. Der Redakteur war selbst zu ihm gekommen und hatte sich wie ein Rasender gebärdet: Eine gemeine Judashandlung sei begangen worden; die Generäle sollten ihre Tat büßen; kein anderer könne diese Zeichnung machen. Er hatte sich geweigert, wollte nichts mit der Sache zu tun haben. Der kleine eifrige Jude aber drang in ihn, bot ihm die höchsten Preise und zeigte ihm Bilder von den Generälen und dem »Judas«. Ach, da war Stoff genug zu militärischen Pharisäern. Von dem »Judas« war ihm nichts Böses bekannt, er glaubte nicht einmal, daß er ein Verräter sei: aber das Ganze reizte ihn als Karikatur, und nie war ihm eine Arbeit so hoch bezahlt worden. Sie tat ihre Wirkung, ging durch ganz Europa. – später aber, als er erkannte, wen er für Geld unglücklich gemacht hatte, verkaufte er das Original an den Buckligen in Saints-pères : er konnte den Anblick des Bildes nicht mehr ertragen. Und jetzt hing es hier. Da standen die Generäle und ihre Helfershelfer zwischen den Säulen vor dem Gerichtssaal. Sie blickten verächtlich hinter dem Mann her, der mit seinen dreißig Silbertalern die Treppe hinuntereilte: der Nationalist, der große Phantast, der für seinen Glauben starb. Einer von den Generälen wandte sich ärgerlich an seinen Untergebenen, einen Hauptmann, der stramm stand: »Sie hätten ihn billiger haben können. Wo einer gekreuzigt werden soll, findet sich stets ein Judas, der ihn verrät.« stand unter dem Bilde. Im Hintergrund brach Dreyfus, der von Soldaten vorwärtsgetrieben wurde, unter dem Kreuz zusammen. »Warum sehen Sie das Bild so an?« hörte er eine alte, mißtrauische Stimme hinter sich. Er drehte sich um und sah ein welkes Gesicht, mit seltsam abwesendem Blick hinter großen runden Brillengläsern. Er erkannte ihn sofort; dieser selbe Blick starrte an jenem Abend auf der Landstraße aus dem Auto. Der alte Jakob wartet auf Antwort; er sieht bald das Bild, bald den Betrachter an. »Ich habe den Zeichner gekannt,« sagt Johan Lind zurückhaltend. »Sieh mal einer an.« sagt der Alte und wirft von neuem einen Blick auf das Bild. »Dies ist das Original. Würden Sie mir vielleicht sagen, Herr Etatsrat, woher Sie es haben?« Der Alte trippelt auf und nieder, während er sich alter Tage erinnert. »Anselm Levy in Paris hatte es an seiner Wand hängen und schenkte es mir. Ich hatte ihm einen Dienst geleistet.« Er liest den Text unter dem Bilde halblaut vor sich hin. »Ja – ja – das ist wahr!« sagt er, nickt und versinkt in Gedanken. »Man hätte ihn nicht kreuzigen sollen,« sagt er, »das war ein Fehler. Man hätte ihn reden lassen sollen, bis das Volk, seiner überdrüssig geworden wäre. So etwas dauert seine Zeit, dann fällt es von selbst zu Boden.« »Wie meinen Sie das, Herr Etatsrat?« fragt Johan Lind; der Alte aber achtet seiner nicht. »Es war ein Fehler mit den Dreitausend,« fährt er fort, während er den Kopf schüttelt und die Hände so seltsam auf und nieder bewegt, »es sickert doch durch, und dann sagt der Plebs: ›der Hehler ist nicht besser als der Stehler‹ – oder, was der Sprichwörter sonst sind.« Er legt seine mageren, steifen Finger belehrend auf Johan Linds Rockärmel. »Man kann es den Leuten ruhig überlassen, sich selbst zugrunde zu richten.« Er senkt die Stimme und fährt vertraulich fort: »Sehen Sie, Welten ist ja im Grunde ein anständiger Mensch. Und was hätte er uns auf die Dauer schaden können? Ich sage Ihnen, es war ein Fehler mit den Dreitausend. Außerdem war der Preis viel zu hoch!« Und dann flüstert er mit bebenden Lippen: »Darum hat der Herr seine Hand auf mich gelegt. Gerade, als ich an das Bild dort dachte, kam der Stoß.« Der Alte sinkt in die Knie, seine Hände zittern. »Entsetzlich ist des Herren Zorn!« flüstert er und reibt seine steifen Finger gegeneinander. »Jetzt aber habe ich Buße getan. Ich habe Welten statt meiner reisen lassen; das ist meine Buße.« Und dann flüstert er, als ob Gott es nicht hören sollte: »Aber ich habe an Meyer in London telegraphiert, daß er sich der Sache des Russen annehmen soll.« »Welches Russen?« »Der uns die Namen der Schurken verschafft hat, die in ganz Europa ausgesandt sind, um uns zu betrügen, – den ich gekauft hatte, damit er uns zur Konferenz begleiten und den Betrug offen darlegen sollte. Ich frage Sie, warum sollen wir nicht unser Geld bekommen? – Haben wir nicht Milliarden in russischen Papieren? – Aber solange dieses Räuberpack regiert, sind sie nicht einmal einen Fidibus wert.« Er flüstert mit einem pfiffigen Lächeln: »Er war mit im Zuge, er saß im Nebenabteil, aber ich kannte ihn nicht. Sehen Sie, davon wußte Welten nichts, davon weiß niemand etwas außer dem alten Jakob. Jetzt aber habe ich Meyer in London telegraphiert, er solle sich der Sache annehmen, wenn sie an die Reihe kommt.« Er reibt sich die Hände und blickt sich stolz um. Da fällt sein Blick auf das Bild, und er wird wieder bußfertig. »Ja, ja,« sagt er. »ich habe meine Hände beschmutzt. Der Sekretär aber, der das Silbergeld nahm, mag sich aufhängen, ebenso wie der andere – er ist nichts besseres wert.« Er macht eine Bewegung mit seinen steifen Händen, als ob er ihn von sich schieben wollte, während er Johan Lind mit seinen geistesabwesenden Augen anblickt. Plötzlich aber geht ein Schimmer von Mißtrauen und Angst über das welke Gesicht. »Was wollen Sie eigentlich?« fragt er unwillig. »Ich wollte Sie um Ihre Unterschrift bitten, Herr Etatsrat, und um eine Geldunterstützung.« »Ich kenne Sie nicht,« sagt er und kehrt sich ab. »Sie müssen sich an das Bureau des Vereins wenden, damit Ihre Verhältnisse untersucht werden. Vorher gebe ich nichts.« »Es ist nicht für mich. Ich bin selbst Wohltäter,« sagt Johan Lind und lächelt. »Ich möchte Sie nur um Ihre Zustimmung bitten, Herr Etatsrat.« »Wozu?« Der alte Jakob kehrt sich ihm wieder zu und spitzt seine dünnen Lippen, als ob er ihn und seine Angelegenheit beschnüffeln wollte. »Ich vertrete die Sache des armen Weichenstellers, der die Weiche verkehrt gestellt hat, weil er überanstrengt war. Er ist ganz gebrochen, und jetzt wollen die Leute, die im Zuge waren, sich seiner erbarmen und ihm eine Erklärung geben, daß sie ihm ihr Vertrauen nicht entziehen und mit einer Unterstützung unter die Arme greifen. Er hat acht Kinder und eine todkranke Frau und wird seine Stellung verlieren.« Der alte Jakob starrt ihn sprachlos an. Dann trippelt er ganz nahe an Johan Lind heran und zischt ihm ins Gesicht: »Sind Sie verrückt, Mann? Er hat natürlich Silbergeld bekommen, ebenso wie der andere. Vielleicht ist er von Welten bestochen worden. Mag er sich aufhängen. Sagen Sie ihm das von mir.« »Wir wollen unsere Hände nicht noch mehr beschmutzen!« sagt Johan Lind ernst und hält den Blick des Alten fest; er führt ihn mit sich zu dem Bild an der Wand. »Sehen Sie das Bild dort,« sagt er. Dann nach einem kurzen Schweigen: »Der Mann, der es zeichnete, hatte die unglückselige Veranlagung, die Kehrseite von allen Dingen zu sehen.« Der Alte versteht ihn nicht, aber er hört zu, und das Bild schreckt ihn von neuem. »Ich habe ihn gekannt,« sagt Johan Lind, »und ich weiß, daß er dies Bild bitter bereut hat. Denn sehen Sie, Herr Etatsrat, er hat seine Hände daran beschmutzt. Der Mann dort auf dem Bilde war kein Judas und hatte kein Silbergeld bekommen, er war ein ehrenwerter Mann, der für seinen Glauben starb.« Johan Lind sieht die Angst im Gesicht des Alten und wartet einen Augenblick, bevor er fortfährt. Als Jakob nickt und die Hände hebt, sagt er: »Als seine Unschuld festgestellt war, wurde eine Adresse für ihn gemacht. Und der Mann, der das Bild gezeichnet und seine Hände dabei beschmutzt hatte, beeilte sich, seine Unterschrift zu geben, um den Herrn unsern Gott, der ein eifriger Gott ist, zu versöhnen.« »Hat er das wirklich getan?« sagt der alte Jakob und bewegt seine steifen Finger auf und nieder, als ob er beten wollte. »Wurden seine Hände dadurch rein?« flüsterte er kurz darauf. »Ja,« sagt Johan Lind und flüstert unwillkürlich wie der alte Jakob, »das glaube ich. Jedenfalls bekam er eine Frist, sie zu waschen. Denn jemand zog die Notbremse und hielt die Hand des Herrn zurück.« »Sieh einer an!« sagt der Alte und atmet erleichtert auf. Darauf wendet er sich zu Johan Lind um, spreizt seine steifen Finger auf seinem Aermel und sagt belehrend: »Er hat recht getan. Ich will auch unterschreiben. Her mit dem Papier.« Johan Lind faltet das Papier auseinander und reicht ihm seine Feder. Der Alte schreibt mit zitternder Hand seinen bekannten Namenszug. Bevor er damit fertig ist, geht eine Tür, und eine kleine, schwarz gekleidete Dame kommt eilfertig auf ihn zu, während ihre stechenden, schwarzen Augen Johan Lind mit einem drohenden Blick mustern. »Entschuldigen Sie, mein Herr,« sagt Tante Esther mit zornbebender Stimme, »wissen Sie nicht, daß der Etatsrat sich nicht mit geschäftlichen Dingen abgeben darf?« »Es ist ein privates Anliegen,« sagt Johan Lind, faltet das Papier zusammen, grüßt und geht durch die Tür, durch die er hereingekommen war, hinaus. Er sah noch, wie die kleine Dame den Etatsrat unter dem Arm faßte, und hörte den Alten zanken, während er an ihrer Seite dahintrippelte: »Kümmre dich um deine eigenen Angelegenheiten, Esther, – davon verstehen Frauenzimmer nichts!« Tante Esther bekam Tränen in die Augen. Er erholt sich, dachte sie und gab dem alten Arm, so dicht an ihrem treuen Herzen, einen liebevollen Druck. Johan Lind sah zu den hohen Fenstern hinauf und dachte an sein Bild, sein ungerechtes Bild, das dort an der Wand hing und den vom Schicksal getroffenen Mann mahnte. So wirkt also Seele auf Seele, dachte er; die Hand, die die Nadel führt, ahnt nicht, in was sie ritzt. Er blieb stehen und starrte vor sich hin. War das vielleicht der Sinn? Hatte die Hand des Weichenstellers nur den falschen Griff getan, damit eine andere Weichenstellung stattfinden konnte, eine, die sich im ganzen Lande fühlbar machte, sollte Welten über Jakob, seine Sache über Jakobs Sache siegen? Oder war es auf den Russen abgesehen gewesen? Sollte er mit seinem heimlichen Wissen nicht zur Konferenz kommen? – Sollte der Auflösung nicht Einhalt getan werden? Und er hatte einen Augenblick gedacht, daß es sich um seinen eigenen kleinen privaten Fall handelte, jetzt sah er ein, daß da noch viele andere Dinge waren, von denen er nichts geahnt hatte. Kaum hatte man einen Faden gefunden und war ihm ein Stück Wegs gefolgt, schon fand sich ein anderer, der einen neuen Weg wies. Warum konnte er die Grübeleien nicht von sich abschütteln? Es war wie eine Zwangsvorstellung. Aber das Bild – das Bild, das an der Wand hing? Johan Lind fühlte sich bis ins Tiefste beunruhigt und eilte nach Hause. XIII. Johan Lind beschloß, Massen nichts von dem Zustand des alten Jakob zu sagen. Es wäre Mißbrauch des Vertrauens. Unrecht gegen einen vom Schicksal betroffenen Menschen. Als er Massen den Bogen gab, prüfte dieser die Unterschrift genau. Sie war etwas zittrig, sonst aber war an dem bekannten Namenszug keine Veränderung zu sehen. »Wozu raten Sie mir?« fragte er schelmisch, »soll ich eine Hausse oder Baisse arrangieren?« »Ich bin kein Spieler,« sagte Johan Lind kurz. »Wir hatten es doch so verabredet.« Massen sah gekränkt aus. Er maß das Zimmer mit langen Schritten, die Hände verdrießlich in den Seitentaschen. Darauf zündete er sich eine Zigarette an, warf sich in den Klubsessel, der seinem Gast gegenüberstand und sah ihn mit verheißungsvollen Augen an. »Sie ahnen nicht, was ich für eine Neuigkeit für Sie habe.« Johan Lind erwiderte seinen Blick, verriet aber keine Neugierde. Was fehlt dem trockenen Gesellen, dachte Massen ungeduldig; dann aber platzte er heraus: »Ich habe einen Verein gebildet, das heißt, zusammen mit der Baronesse und dem Propst, die Idee aber ist von mir.« Er richtete sich auf, rieb sich die Hände und erzählte eifrig: »Einen philantropischen Verein, der Leuten helfen soll, die unverschuldet Ursache zum Unglück anderer geworden sind. Ist das nicht etwas ganz Neues?« Johan Lind sagte nichts, sah Massen nur an. »Den Geschädigten wird geholfen, aber an den Unglückseligen, der den Schaden verursacht hat und sich über sein unverschuldetes Schicksal zu Tode grämt; denkt niemand.« »Soll das in die Zeitung kommen,« sagte Johan Lind mit einem seinen Lächeln. »Selbstverständlich!« Es zuckte verwegen in Massens Faltennetz; dann aber besann er sich und sagte verdrießlich: »Es ist gar nicht zum Lachen. Uebrigens haben Sie ja neulich schon etwas Aehnliches vorgeschlagen.« »Das ist wahr. Wer ladet dazu ein?« »Die Baronesse und der Propst und ich und dann dieser Journalist Jensen, der durch das Unglück berühmt geworden ist, der soll die Pressepropaganda in die Hand nehmen.« »Dazu waren alle gleich bereit?« »Mehr als das, sie waren begeistert! Der Propst nannte es einen edlen Gedanken, die Baronesse sagte ›Mein Gott‹ und war gerührt. Sie aber möchten wir auch dafür gewinnen. Sie haben ihn ja entdeckt.« »Wen?« »Den Weichensteller mit seiner Frau und den acht Kindern. Wenn Sie beitreten, sind wir gerade fünf, das ist die richtige Zahl für ein Komitee.« »Vielen Dank. Und wer soll Mitglied werden?« »Alle diejenigen, die die Adresse unterschrieben und Geld gegeben haben. Feine Sache, was?« Massen rieb sich die Hände und lachte offen. »Sie sollen sehen, keiner gibt uns einen Korb; denn es wird vornehm sein, dem Verein beizutreten, –und trotzdem demokratisch; Leute aus allen Klassen werden vertreten sein.« Johan Lind betrachtete grübelnd das frohe Gesicht ihm gegenüber, mit der sorglosen Verschmitztheit. »Und wie soll das Kind heißen?« Massen sprang auf und ging mit großen Schritten über den Teppich. »›Die Notbremse‹! Was sagen Sie dazu?« »Nicht übel. Was meinen die anderen dazu?« »Die anderen kennen ihn noch nicht. Die Baronesse wollte den Verein ›Die Auserwählten‹ nennen.« »Das ist viel gesagt.« »Ja, nicht wahr, etwas großspurig?« »Vielleicht. Viele sind berufen, aber wenige auserwählt.« »Das meine ich auch. Jensen hatte einen bescheideneren Vorschlag. Er meinte, wir sollten uns einfach ›Die Geretteten‹ nennen.« »Und der Propst?« »Der macht's nicht billig.« Massen lachte herzlich und rieb sich die Hände. »Er will, daß wir uns ›Die Begnadigten‹ nennen sollen.« »Hört! Hört!« »Wir machen uns lächerlich.« Johan Lind sagte nichts; aber er sah so ernst aus, daß Massen ihm anmerkte, er sänne auf etwas Besseres. »Ich kann Ihnen ansehen, Sie Philosoph, daß Sie sich etwas ausgedacht haben. Heraus damit.« Johan Lind sah ihn fest an und sagte ernst: »Ich schlage vor: ›Die bedingt Begnadigten‹.« Massen sah ihn von der Seite an. »Bedingt begnadigt, das klingt, als ob man etwas ausgefressen hat und eine Frist bekommt, in der man sich bessern soll.« Massen blickte Johan Lind geradeswegs in die grauen Augen. Und da war es wieder, was er schon neulich bemerkt hatte, so etwas wie ein Hinterhalt. Als ob er etwas wüßte, was kein anderer wußte, womit er aber nicht herausrücken wollte, obgleich es furchtbar wichtig war. Massen konnte sich von diesen merkwürdigen Augen nicht losreißen. Von ihm kann man etwas lernen, dachte er und fühlte den seltsamen Wunsch, ihn bei sich zu behalten. Er beugte sich vor und legte seine Hände auf Johan Linds Schultern. »Wissen Sie, was Sie sollen?« sagte er ernst. »Sie sollen Vorsitzender werden. Denn Sie wissen, wie alle Dinge von innen aussehen. Ohne Sie wird nur Geschäft und Großtuerei aus der Sache.« Massen sprach immer ganz impulsiv. Ueberlegung kannte er nicht. Johan Lind lehnte sich in den Stuhl zurück und blickte verwirrt auf. Redet er wie Kinder, die nicht wissen, was sie sagen? Hatte er, Johan Lind, hier wirklich eine Mission? Aber er war ja selbst nur ein »Bedingt Begnadigter«, ein Suchender. Kann ein Blinder einen anderen Blinden sehend machen? Er suchte in Massens blanken Augen einen Schimmer von dem eigentlichen Menschen. Aber er sah nur Massen, Massen mit dem Faltennetz unter dem linken Auge, der stets zuzugreifen verstand. Konnte er zu einer heimlichen Botschaft gebraucht worden sein? Massen nimmt die Hände von seinen Schultern. Johan Lind sieht seine Enttäuschung und sagt: »Ich will es mir überlegen.« »Was ist da zu überlegen?« sagt Massen ärgerlich. »Die Idee stammt ja ursprünglich von Ihnen.« »Habe ich je von einem Verein gesprochen?« »Verein –«, sagte Massen wegwerfend, »das ist ja nur der zweite Schritt, aber der erste, die Hilfe für den armen Weichensteller, stammt doch von Ihnen.« »Ach, Sie Spieler,« sagt Johan Lind zornig und steht auf. »Sie sind gewohnt, im Blinden zu tappen. Ich aber muß erst wissen, was dahinter steckt.« »Es steckt nichts dahinter!« Massen sieht ihn verdrießlich an. »Ist es verdächtig, daß ich Sie zum Vorsitzenden machen will. Es ist ja ein Ehrenposten.« Johan Lind antwortet nicht. Er starrt gedankenverloren auf die Lilien in der Goldledertapete; plötzlich aber wird er durch etwas Gedämpftes, Innerliches in Massens Stimme gefesselt. »Oder finden Sie es vielleicht verdächtig,« hört er ihn sagen, »daß ich gern mit Ihnen zusammen arbeiten möchte, um Sie näher kennen zu lernen, Sie Philosoph? Sie sagen so viel, worüber man nachdenken muß; bisweilen scheint es mir nämlich selbst, als ob ich das Leben zu leicht nähme –« Das letzte war nur wie ein Murmeln, Johan Lind aber hat es doch gehört. »Dank!« sagt er und faßt schnell Massens schmale gepflegte Hand. Darauf eilt er zur Tür, dreht sich noch einmal um und sagt: »Sie haben mich mißverstanden. Ich habe nicht Sie im Verdacht, es handelt sich um etwas ganz anderes. Lassen Sie mir Zeit, ich werde mir die Sache überlegen.« XIV. Gerda kämpft noch immer mit ihrer Liebe zu Johannes. Wenn sie stark ist, singt sie und öffnet alle Fenster, um den neuen Tag hereinzulassen, während sie aufräumt. Bisweilen aber fällt es sie aus dem Hinterhalt an. Sie öffnet den Nähkasten, – da lauert er auf sie in einem Fingerhut, den er ihr einst schenkte. Das offene Fenster, das beim Winde in den Angeln knarrt, blitzt bisweilen wie das Fenster seiner Werkstatt. – sie dreht unwillkürlich den Kopf, ob sie sein Profil drüben im Schatten auf der anderen Seite des Hofes sehen kann. Hat er sie erst einmal überlistet, nimmt er sie im Sturm und durchsaust sie, bis sie sich weinend niederwirft, und erst wenn die Rathausuhr schlägt und es höchste Zeit ist, das Abendessen zu bereiten, faßt sie sich wieder. Es gibt Tage, wo sie meint, daß sie nicht genug für Johan Lind ist, daß er, der sie rettete, als alles in der Welt ihr gleichgültig geworden war, mehr fordert; doch kann sie nicht klug aus ihm werden. Bisweilen ist ein Ausdruck in seinen jungen Augen, wenn er sich unbeachtet glaubt, als ob er sie in seine Arme nehmen und ihr Mann sein möchte. Eines Nachts, als sie nicht schlafen kann und mit heißem Kopf und brennenden Händen daliegt, hat sie die Empfindung, als ob er nebenan auf sie warte. Sie stellt sich vor. daß sie an seinem Bett steht und zu ihm sagt: Nimm mich, damit ich für dich sein kann, was ich für Johannes sein wollte, du verdienst es. Sie wundert sich und sie schämt sich dieses Gedankens ein wenig. Er verlangt nie etwas von ihr, ist immer nur gut und dankbar. Wenn er sie mit Blick und Handdruck begehrte, würde sie scheu werden und sich in sich selbst zurückziehen. Nein, nein. Liebe fühlt sie nicht für ihn. Sie fühlt sich nur so grenzenlos gering, wenn sie daran denkt, daß sie verschmäht worden ist. Denn sie weiß, wie viel sie geben könnte. Ach, einen anderen statt seiner glücklich zu machen. Das wäre Vergeltung, und er hätte es nicht besser verdient. Ihm sagen zu können, wenn er käme: Sieh, was du für immer verloren hast. Wenn er dann aber bereuen, wenn es um seinen Mund beben und seine Augen voll und dunkel werden würden, dann, ja dann könnte sie vielleicht alles vergessen. Nein, nein, sie will nicht zu Johan Lind hineingehen, sie weiß auch, daß sie es gar nicht könnte , sie will ihn, der so gut gegen sie gewesen ist, nicht betrügen. Warum kann ich dich nicht vergessen, Johannes, warum muß ich um dich leiden? Warum kann ich keinen anderen statt deiner glücklich machen? Gerda warf sich hin und her, bis der Schlaf sich ihrer erbarmte. Am nächsten Morgen bat sie Johan Lind, ihr zu kaufen, was sie zu ihrer früheren Beschäftigung brauchte. »Ich habe zu wenig zu tun,« sagt sie und fühlt, daß ihr die Röte in die Wangen steigt; sie wendet ihr Gesicht ab und wischt verlegen einige Stäubchen vom Stuhlrücken. »Hast du keine Bücher, die ich für dich einbinden kann?« »Gewiß, Kind.« Er hat viele Bücher, die eingebunden werden müssen. Seltsam, daß er noch nie daran gedacht hat. Sie muß lächeln. Er durchschaut sie immer. Sie langweilt sich, dachte Johan Lind, als er in dem Plüschsessel saß, den Kopf gegen die gehäkelte Decke gelehnt. Eines Morgens stand in der Zeitung, daß Börsenmakler Adolf Massen, der mit der Notbremse, und der philosophische Nachtwanderer, Rentier Lind, eine Adresse und eine Geldsammlung zugunsten des schwer getroffenen Weichenstellers arrangiert hätten. Die Adresse war abgedruckt und die Namen aller derjenigen, die unterschrieben und Geld gegeben hatten. Gerda, die zeitig aufgestanden war, hörte die Zeitung in den Briefkasten fallen. Sie pflegte sie zu durchfliegen, bevor sie sich an ihre Buchbinderarbeit begab. Gleich, als sie die Zeitung entfaltete, fiel ihr Blick auf die Adresse. Wie festlich sie aussah, und dort stand auch ihr eigener Name gedruckt. Er stand nach dem Alphabet, zwischen einem Gutsbesitzer und einem Marineoffizier a.D., es konnte nicht seiner sein. Sie las es Johan Lind, der noch beim Ankleiden war, durch die geschlossene Tür vor. Johan Lind wußte, daß die Adresse in diesen Tagen in der Zeitung stehen würde, und hatte sich vorbehalten, dem Weichensteller die frohe Nachricht zu überbringen. Massen hatte allerdings gemeint, das Komitee solle in pleno mit seiner neuen Limousine – 40 Pferdekräfte – hinausfahren und einige feierliche und bewegte Worte dazu sprechen. Geschmeidig aber wie er von Natur war, beugte er sich dem Vater der Idee. »Willst du mit hinaus?« fragte Johan Lind durch die Tür. »Ja, gern!« sagte Gerda und war froh. Vor einigen Tagen hatte sie davon gesprochen, daß sie sich nach dem Kinde umsehen wollte: Johan Lind aber war dagegen gewesen. »Es kommen so viele Neugierige,« hatte er gesagt. Aus der Stadt kommt ein Zug, der Rauch des niedrigen Schor_nsteins wird schwarz und dick über die Wagen zurückgewirbelt. Die Maschine stöhnt, um die letzte Steigung vor dem Bahnhof zu überwinden. Lind und Gerda stehen wartend neben dem Schlagbaum. Das Wetter ist milde. Die Felder dampfen wie schweißige Pferdeflanken. In den Niederungen liegen Flächen von grauem Schnee, als ob ein ungeheures Tier aus der Eiszeit schnüffelnd über die dampfende Erde geschlendert sei und hier und dort etwas verloren habe. Der Zug verbirgt das Bahnwärterhaus. Aber sie können sehen, wie die Reisenden im Zug sich aus den Fenstern beugen, um auf das kleine Haus mit dem großen Schicksal, von dem sie in der Morgenzeitung gelesen haben, herabzusehen. Sie sollten nur wissen, denkt Johan Lind bei sich, daß der »philosophische Nachtwanderer« hier steht, mit der Adresse in der Tasche. Wenn Sankt Peter die Zeitung nur noch nicht gelesen hat, denkt er und eilt an der verwitterten Weißdornhecke hinter dem Schlagbaum vorbei. Gerda steht still, um Atem zu schöpfen. »Die Neuigkeit läuft uns ja nicht davon!« sagt sie. Sein Blick fällt auf die Weiche, wo die Schienen zum Damm abbiegen; und die Erinnerung an jene Nacht steht so lebendig vor ihm, daß sein Herz heftig zu schlagen beginnt. Brachte ich damals Unglück, so bringe ich heute Rettung, denkt er. Sie klopften an die Tür. Niemand antwortet. Sie öffnen die Tür, und dort steht Emmeline mit dem runden Rücken und der spitzen Nase mitten im Zimmer, und wringt den Scheuerlappen über einem Eimer aus. Als sie Geräusch hört, dreht sie sich um, ängstlich wie ein Hase, und der Schreck treibt ihr das Blut in die braunen Backen. Die beiden Aeltesten sind in der Schule, und die Kleinen spielen draußen auf dem Hof, darum wollte sie die Gelegenheit benutzen, um den Fußboden ordentlich aufzuscheuern. Die Fenster hat sie weit aufgesperrt und die kranke Mutter gut zugedeckt. Tisch und Stühle sind zur Seite gerückt. Im Bett rührt sich etwas. Ein leises Wimmern ist zu hören, das ist das Jüngste. Emmeline vergißt zu grüßen. »Vater ist drüben bei dem neuen Weichensteller,« sagt sie, »ich will ihn holen.« Sie bringt den Scheuerlappen beiseite und schließt das Fenster. »Wie geht es deiner Mutter?« flüstert Johan Lind und wirft einen verstohlenen Blick auf das lebende Bettuch. Das Mädchen überlegt einen Augenblick mit altklugen Augen. »Ich weiß nicht,« sagt sie vorsichtig, »der Doktor spricht sich nie aus.« Er kann ihr ansehen, daß sie an das Versprechen denkt, das er ihrer Mutter gegeben hat; aber sie wagt nicht zu fragen. Er streicht ihr über das wirre Haar und ist drauf und dran, mit seiner Neuigkeit herauszuplatzen. Da ertönen die schweren Schritte, die er nicht vergessen kann, und in der Tür steht Sankt Peter mit dem Haarschopf in der Stirn und der Narbe und allen Runzeln. Er scheint kleiner und magerer geworden zu sein. Sein Anzug umschlottert ihn. Die Dienstmütze hat er mit einer alten Radfahrmütze vertauscht, und Johan Lind erinnert sich, daß ein neuer Beamter jetzt seinen alten Platz im Blockhaus ausfüllt. Wie müde, ach, wie müde sieht er aus! Er nimmt Johan Linds ausgestreckte Hand, während seine schweren Augen von ihm zu Gerda wandern, als ob sie sagen wollten: Was bringst du uns heute? »Das junge Mädchen führt mir das Haus,« sagt Johan Lind vorstellend. Gerda streckt ihm die Hand hin, aber Sankt Peter sieht sie nicht, er ist auf dem Wege zum Bett, um das Bettuch vom Gesicht seiner Frau zu ziehen. »Ich hatte Mutter zugedeckt, weil ich das Fenster aufgemacht habe.« erklärt Emmeline und wirft ihren Kopf in den Nacken. Das Tuch wird zurückgeschlagen und auf dem Kissen liegt das weiße Gesicht, nach aufwärts gewandt, im Kranz der farblosen Flechten. Die Lider wölben sich dunkel über den eingefallenen Augen; die offenen Lippen bewegen sich leise beim Atmen. In ihrem linken Arm liegt der Säugling und reibt sein rotes Näschen mit gespreizten Fingern; als er Licht merkt, heftet er seine dunklen Augen auf die Fremden. Johan Lind fühlt Gerdas Hand auf seinem Arm. »Wie süß« flüstert sie, sie sieht nur das Kind. Als ob die Worte das Herz der Frau berührt hätten, öffnen sich die Lider langsam; sie wendet den Kopf und erkennt Johan Lind. In ihrem matten Blick glüht eine Frage auf, und ihre Lippen verziehen sich zu einem lautlosen Gruß. Johan Lind legt seine Hand auf den Ehering, wie er es tat, als er ihr das Versprechen gab. Er erinnert sich des Lächelns ihrer Augen, das das Zimmer erhellte, und begreift, daß sie auf ihn gewartet hat, um sich zur Ruhe legen zu dürfen. Er fühlt, wie es ihm brennend heiß in die Augen steigt und bringt kein Wort über die Lippen. »Es geht ihr nicht gut,« klingt Sankt Peters müde Stimme an sein Ohr, während seine Hand das Kopfkissen zurechtrückt, »sie will keine Nahrung zu sich nehmen.« Auch er denkt an das Versprechen, aber er fragt nicht, denn er hat nie daran geglaubt. Er glaubt an nichts mehr; auf seinem alten Platz steht ein neuer Mann. Johan Lind findet die Strafe bitter. Er legt die Hand auf seinen Aermel und sagt: »Sie sollen sehen, jetzt wird alles gut, denn ich habe eine große Neuigkeit.« Damit zieht er das Blatt aus der Tasche und zeigt es der Frau und Sankt Peter und Emmeline. Er liest vor, aber langsam, denn die Stimme will ihm versagen. Er zeigt die Namen, sie sind alle da. Sankt Peter nimmt das Blatt. Seine schweren Augen lesen die Adresse wieder und wieder. Dann beginnt es in seinen Runzeln zu zucken, seine Hand senkt sich auf die Stirn seiner Frau und ihre Augen begegnen sich. Am Fußende des Bettes aber steht Emmeline und schluckt und schnupft. Sie hat ihre spitze Nase in die Bettdecke vergraben und weint sich die ängstliche Erwartung aus ihrem kleinen, geprüften Herzen heraus. Der Säugling aber findet, daß man ihn vernachlässigt und fängt an zu weinen. Gerda nimmt ihn, hebt ihn in ihren Armen hoch, – und seht, er schweigt und blickt erstaunt in ihre klaren Augen. Keiner sagt etwas, allen fehlt es an Worten. Und was sollte auch gesagt werden? Wenn das Herz plötzlich vor Freude überfließt, heißt es lachen. Sankt Peter aber hat das Lachen verlernt. Weinen hat er nie gekonnt. Hätte er es gekonnt, wären seine Augen nicht so schwer, seine Runzeln nicht so starr geworden. Und die Frau ist zu schwach, sie hat weder Kräfte zum Lachen, noch zum Weinen mehr. Lächeln aber kann sie noch, seht, da ist es wieder das Lächeln, das durch das Zimmer leuchtete. Die Morgenröte ist da – tief seufzt es in ihr. Sie dreht den Kopf, als ob sie sich so recht bequem zurechtlegen möchte. Die Stube ist wie verwandelt. Der König und seine Gemahlin sehen sich unter ihrem goldenen Hochzeitskranze an und kommen sich armselig vor, weil sie nur aus Pappe sind und nicht mitlächeln können. Als Johan Lind wieder Herr seiner Stimme geworden ist und weiterlesen kann, kommt das Wunderbare, das niemand fassen kann. Sankt Peter streicht sich über die Stirn und will es selbst lesen, einmal, zweimal, und noch immer kann er es nicht glauben: daß alle diese Menschen, denen der Tod gewiß war, als seine Hand fehlgriff, daß sie ihn nicht nur von aller Schuld freisprechen, sondern ihr Teil dazu beitragen wollen, daß es ihm gut geht und seine Frau wieder gesund wird, damit es dem Säugling, den das junge Mädchen mit den guten Augen auf dem Arm hält, und Jörgen und Peter und Hans und Kathinka und Hansigne und dem kleinen Peter Magnus an nichts fehlen soll. Wo sind sie nur alle? Draußen im Hof. Soll er sie holen? Ach nein, sie würden es doch nicht verstehen. »Jetzt wirst du wieder gesund, Mutter.« sagt Sankt Peter und beugt sich herab, als ob er die weißen Lippen küssen wollte. Aber er tut es nicht, kommt gar nicht auf den Gedanken, es ist nicht Brauch zwischen ihnen. Johan Lind sieht den Blick in ihren Augen und denkt bei sich: So also sieht das große Gefühl aus, das nicht sterben kann. So hat er es doch einmal zu sehen bekommen. Gerda aber sieht es nicht; sie hat nur Augen für das Kind. Es sperrt das Mäulchen weit auf, fuchtelt mit den Händen und kneift die Augen zusammen. Das bedeutet Lächeln. »Ich wollte, es wäre meines!« sagt sie und herzt das Kind. Nein danke. Kaffee wollen sie nicht. Die Familie soll allein sein mit ihrer Freude und ihrem Kummer. Sankt Peter verspricht, daß er morgen früh um acht Uhr Johan Lind abholen will, um mit ihm zu Börsenmakler Massen zu gehen. Johan Lind nimmt die Hand, die fehlgegriffen hat, in die seine. Sankt Peter blickt lange mit schweren Augen darauf nieder, bevor er die richtigen Worte findet. »Es ist nicht des Geldes wegen,« sagt er, »man kann ja noch arbeiten. Aber auf die Adresse hat meine Frau gewartet. Darum sage ich schönen Dank!« Darauf verabschieden sie sich. Als sie sich auf der Landstraße nach dem kleinen, grauen Haus mit dem seltsamen Schicksal umwenden, steht Sankt Peter vor seiner Tür und sieht ihnen nach, und Emmeline steht neben ihm. Der Wind hat ihr dünnes Kleid gefaßt, und als Gerda winkt, bedenkt sie sich einen Augenblick – sie versteht sich nicht recht darauf –, dann aber wirft sie ihre beiden mageren Arme in die Höhe, so hoch sie reichen kann, und Peter und Hans und Kathinka und der kleine Peter Magnus, die herbeigelaufen sind, sehen es zu ihrem Erstaunen, und im nächsten Augenblick gehen all' die kleinen schmutzigen Arme wie Signalflaggen in die Höhe. »Glaubst du, daß sie leben kann?« fragte Gerda. Johan Lind betrachtete sie aufmerksam. Wie doch alle Dinge verwickelt sind! Drinnen liegt eine Frau und dankt, daß sie jetzt ruhig sterben kann. Draußen stehen Menschen und freuen sich, daß sie sich nun endlich erholen wird. Und neben ihm geht Gerda und wünscht ihr Ende, damit sie ihr Kind bekommen kann. Sein eigenes Herz aber war zerrissen, weil er mit jedem einzelnen fühlte und in ihre Schicksale eingegriffen hatte. Schließlich antwortete er auf ihre Frage: »Ich glaube, du wirst das Kind bekommen.« Gerda errötete und sah ihn mit schuldbewußten Augen an, als ob sie ihn um Entschuldigung bitten müßte. Und ein seltsames Gefühl durchzuckte ihn: Ist sie dennoch die Meine? Keiner von ihnen sprach; sie dachten beide an die Nacht, als sie hier zum ersten Male gingen. So nah waren sie sich noch nie, und doch war etwas da, das sie beständig trennte. War der Mann, der sie verschmähte, zurückgekehrt und ging er unsichtbar zwischen ihnen? Oder wagte Johan Lind nicht nach dem zu greifen, was ihm gehörte? »Sieh mal,« sagte Gerda und zeigte auf ein Haus, »dort tranken wir an jenem Morgen Kaffee, und ich schlief ein, den Kopf auf dem Tisch.« »Ja, dort war es.« Er sieht die gekreuzten Billardqueues, und dort ist der Bursche, der die Stufen fegte. Er steht wieder am Fenster und schläft mit offenen Augen. Bald hatten sie die Stadt erreicht. »Ich bin so hungrig!« sagte sie. Er dachte, wie einförmig ihr Leben war, ein Tag wie der andere. Und es würde spät werden, bevor sie nach Hause kamen. »Wir wollen in einem Restaurant essen.« Er führte sie in ein hübsches Restaurant, sie aßen und tranken gut und hörten Musik. So wurden sie beide vergnügt; und als sie durch die stille Danmarksgade nach Hause gingen, tanzte Gerda im Mondschein mit ihrem Schatten, und er summte dazu. XV. Zwischen den Fenstern in ihrem Wohnzimmer hängt ein Spiegel über einer niedrigen Konsole. Dort steht sie und spiegelt sich, als sie nach Hause gekommen sind. Er hat seinen Ulster über einen Stuhlrücken gehängt und die Gaskrone angezündet. Sie probiert, ob sie die Korallenkette, die Johannes ihr geschenkt hat, fest um den Hals tragen soll – wie sie es bei einer Dame im Restaurant gesehen hat –, oder ob sie über den Ausschnitt hängen soll. Er begegnet ihrem Blick im Spiegel, – und bevor er es selbst weiß, hat er den Arm um ihre Schulter gelegt und hebt ihren Kopf zu sich hinauf. Als er sich aber vorbeugt, um sie zu küssen, wird er von einem erstaunten Blick in ihren Augen zurückgehalten. Sie wehrt sich nicht, der Blick aber schiebt ihn von sich, erschrocken, betrübt, bittend. Seine Arme senken sich, als ob er sich an etwas vergriffen habe. Die Wirklichkeit, kalt, grau und armselig, verscheucht einen Traum. Wie konnte er sich einbilden, daß er etwas anderes für sie war, als die Planke für den Ertrinkenden. Sein Gemüt zieht sich so seltsam zusammen, als ob etwas, das in seinem Innern geschmolzen war, plötzlich wieder gefröre. Er setzt sich müde, sie aber bleibt hoch aufgerichtet stehen, mit großen Augen, die Hand um die Kehle. »Jetzt bin ich wieder ein alter Mann,« sagt er und nickt ihr beruhigend zu. Da reißt sie sich die Korallenkette vom Halse, wirft sie auf den Tisch, beugt sich hastig herab, umfaßt seinen Kopf und küßt ihn. Jetzt blickt er erstaunt auf. Er sieht, daß sie die Augen schließt, ihre Lider beben wie in Angst. Er schiebt sie behutsam von sich, sitzt einen Augenblick und sieht auf sein Leben zurück. Sie hat sich auf den anderen Stuhl gesetzt, das Gesicht in seinen Ulster vergraben, der über der Lehne hängt. Er sieht, daß sie weint. Aber er hat einen Trost bereit. »Du – Gerda – Johannes hat sich nach dir erkundigt. Ich hätte es dir schon früher sagen sollen.« »Ach,« – sie schüttelt trotzig den Kopf – »das ist es gar nicht! Warum aber kann ich dich, der du so gut gegen mich bist, nicht lieben?« Sie hebt den Kopf und sieht ihn hilflos an, mit verweinten Augen. »Weil man nur den lieben kann, der für einen bestimmt ist.« »Nein,« sagt sie trotzig und trocknet sich die Augen, »das ist vorbei. Wenn du nicht gewesen wärest, hätte ich mich erhängen, oder an den ersten besten auf der Straße verkaufen können. Er hat mich ja verschmäht.« Johan Lind überlegt. Da ist der Zwangsgedanke wieder; ohne daß er es weiß, hat er ihn überlistet. »Ich sollte das Werkzeug sein.« »Wozu?« Sein Blick sucht in weiter Ferne. »Ich alter Karikaturenzeichner sollte verhindern, daß die Kehrseite deines Lebens nach außen kam.« Sein Blick fällt auf die Kette, die auf dem Tisch liegt. Er nimmt sie und befestigt sie um ihren Hals. Sie versteht ihn nicht. Plötzlich aber hebt sie den Kopf und erstarrt wie ein überraschtes Tier im Walde. Mit offenem Munde lauscht sie zum Fenster. Jetzt hört er es auch. Ein Signal, zwei lange und zwei kurze Pfiffe. Sie stürzt ans Fenster und kämpft mit der Gardine. »Was ist das?« fragt er. »Er ist es!« flüstert sie, und endlich findet sie die Schnur. Als der, den sie eben erst verleugnete, unten auf der Straße das alte Signal flötete, war sie sofort bereit. Von der stillen Straße klingt eine gedämpfte Stimme herauf. Johan Lind kann nicht hören, was sie sagt; er hört nur, daß Gerda aus vollem Herzen ja, ja antwortet. Das Fenster wird geschlossen, die Gardine zugezogen. Gerda eilt mit roten Backen zur Gangtür. Schritte auf der Treppe – ein Murmeln im Dunkeln, bei dem Johan Linds Herz mitschlägt – eine Stille, die den Augenblick fast sprengt –, und in der Tür steht ein junger, breitschultriger Mann, die Mütze in der einen und eine Handtasche in der anderen Hand. Er hat dunkles, kurzgeschnittenes Haar, tiefliegende, schwerblickende Augen, einen Knabenmund, stark, gut und doch schwermütig. Er ist so groß, daß er fast den ganzen Türrahmen füllt, seine Hände sind groß und grob. Dort steht er und vergißt zu grüßen, während er zu ergründen versucht, was es für ein Mann ist, bei dem Gerda wohnt. »Guten Abend!« Johan Lind streckt ihm seine Hand hin, der andere legt die seine zögernd hinein. »Sie sind Johannes?« sagt Johan Lind und lächelt, während Gerda klopfenden Herzens neben dem runden Tisch vorm Sofa steht und es den beiden überläßt, sich zurechtzufinden. »Johannes – und wie weiter?« fragt Johan Lind; seinen Nachnamen hat er nie gehört. »Zischler.« Der Blick des jungen Mannes hat etwas Gewinnendes, etwas, das Johan Lind an den Weichensteller erinnert, er ist dunkel, als ob seine Seele in Not sei, und plötzlich sieht er, wie es um den hübschen, jungen Burschen, der dort gegen die Tür lehnt, bestellt ist. Er ist übermannt. Auf der niedrigen, breiten Stirn spiegeln sich die Schweißperlen im Licht der Gaskrone, und die hängenden Schultern scheinen sich gegen etwas zu stemmen, das ihn in die Knie gezwungen hat. Er ist drauf und dran, umzusinken. »Der Name klingt fremdländisch.« sagt Johan Lind, um das Schweigen zu brechen. Der junge Mann antwortet nicht. Vielleicht hat er seine Worte gar nicht gehört. »Aber Sie sind ja auch aus Rußland.« »Meine Mutter war Dänin.« »Ich weiß.« Jetzt hat auch Gerda es gesehen. »Was fehlt dir?« fragt sie angstvoll und legt ihre Hand auf Johannes' Arm. Er blickt von ihr zu Johan Lind. Seine Augen fragen: Wer ist er? Was machst du bei ihm? Johan Lind versteht. Er schiebt einen Stuhl hin. »Nehmen Sie Platz,« sagt er, »sind Sie nicht hungrig? Soll Gerda Ihnen etwas zu essen bringen?« »Nein, danke.« Er kommt nicht näher. Kann er sich nicht dazu bequemen – oder fürchtet er, daß seine Knie ihn nicht tragen werden? Johan Lind überlegte einen Augenblick. Dann blickt er in die gequälten Augen und beantwortet ihre Frage: »Gerda führt mir das Haus. Wir trafen uns auf der Eisenbahnstation. Sie –« Gerda weiß, was jetzt kommen wird. Sie war verlassen von dem, den sie liebte, wird er sagen. Aber Johannes dauert sie, er sieht so leidend aus. »Wie hast du mich gefunden?« unterbricht sie schnell und zieht ihn zum Stuhl. »Ich habe deinen Namen heute morgen in der Zeitung gelesen.« »Haben Sie sich neulich nicht auch bei dem Journalisten Jensen erkundigt?« sagt Johan Lind in leichtem Tone. Die dunklen Augen sehen hastig auf, als fürchteten sie einen Hinterhalt. »Ja.« Gerda kann es nicht länger ertragen, er sieht so verändert aus. Sie will seinen Kopf zwischen ihre Hände nehmen und sagen, daß alles vergessen sein soll. Zu fragen wagt sie nicht. Daß sie alles zu wissen verlangte, hat sie ja damals getrennt. Er muß es ihr von selbst sagen. So ist er. Da fällt ihr Blick auf den alten, braunen Handkoffer, der seiner Mutter gehörte, den er neben den Stuhl gestellt hat, und die Angst schlägt über sie zusammen. »Willst du fort?« Er wagt ihrem Blick nicht zu begegnen, sieht mit gesenkten Lidern vor sich nieder. Das junge Gesicht erstarrt wie eine Maske. Nur der Mund bebt von angestrengter Selbstbeherrschung. Gerda sitzt hochaufgerichtet im Sofa, den Kopf vorgebeugt und starrt den Mann, der sie verschmähte, aus großen blassen Augen an. Das Blut entweicht aus ihrem Gesicht, ihre Lippen werden weiß. Johan Lind will aufspringen und sagen: Unsinn – Kinderstreiche – er reist natürlich nicht fort; aber er kann nicht. Das junge Gesicht dort lügt nicht. »Warum,« flüstert Gerda. Keine Antwort. Vielleicht wagt er die bebenden Lippen nicht zu öffnen, aus Angst, daß er dann alles sagen muß. Während sie sitzt und den Mann anstarrt, der nur gekommen ist, um sie von neuem zu verlassen, denkt sie, wie oft sie sich gelobt hat, ihn zu vergessen. Sie preßt die Lider zusammen, sie will nicht weinen. Der furchtbare Kampf hilft ihrem Trotz. Soll sie zu Johan Lind gehen, die Arme um seinen Hals legen, und zu dem anderen sagen: reise nur, ich habe dich längst des anderen wegen, der mich aufgenommen hat, als du mich verschmähtest, vergessen, ich habe ihm all das gegeben, was ich dir zu geben bereit war. Reise nur und laß dich nie wieder sehen. Ob er dann nicht aufsehen, alles Schwere von sich abwerfen und bleiben – bleiben würde? Und alles sollte vergessen sein. Johan Lind weiß, was in ihr vorgeht. Er beugt sich vor und legt seine Hand auf Johannes' Schulter. »Wenn ich störe, bin ich gern bereit, in mein Zimmer zu gehen.« Johannes schüttelt abwehrend den Kopf, als fürchte er ein Alleinseins mit ihr mehr als alles andere. »Ich liebe Gerda, als ob sie mein Kind wäre, und was Sie ihr und mir sagen, ist so gut aufgehoben, als ob Sie es Gott gesagt hätten.« »Gerda!« Johannes streckt ihr über den Tisch hinüber seine Hand hin. Als er aber ihrem Blick begegnet, zieht er sie entsetzt zurück. Er sitzt eine Weile und seufzt vor sich hin, wie ein Kind, das keine Tränen mehr hat. Darauf wendet er sich an Johan Lind. »Ich wollte nur wissen, wie es ihr geht, sie noch einmal sehen.« Dann steht er langsam auf und sieht sich im Zimmer um. Sein Blick begegnet dem Johan Linds. Ich kann nicht anders handeln, sagt dieser Blick, seien sie gut gegen sie und haben sie Dank dafür, sagt der Blick. Auch Gerda hat sich erhoben, ohne daß sie es selbst weiß. Sie steht mit vorgeschobenem Kopf, als ob sie auf dem Sprunge sei. Und sie ist es auch, aber noch in diesem Augenblick weiß sie nicht, weshalb. Will sie sich vor ihm niederwerfen und ihn anflehen zu bleiben, weil sie nicht ohne ihn leben kann, oder will sie ihm zurufen: geh, ich verschmähe dich, wie du mich verschmäht hast, um dann verzweifelt zusammenzubrechen, wenn die Tür sich hinter ihm geschlossen hat. Es läutet draußen an der Haustür. »Gott sei Dank!« denkt Johan Lind und ist der Unterbrechung froh. Er geht hinaus, um zu öffnen. Es ist ein Arbeiter, der es eilig hat. »Ich sollte von dem Weichensteller Andresen grüßen und diesen Brief abgeben.« Bevor Johan Lind noch Zeit gehabt hat zu fragen, ist er schon wieder fort. Als er den Brief in seiner Hand hält, weiß er, daß er ein Unglück enthält. »Er ist von dem Weichensteller,« sagt er zu Gerda. Sie versteht ihn nicht, es ist kein Platz dafür in ihrem Gehirn. Auch sieht sie nicht, daß seine Hand zittert. Als er den Brief gelesen hat, behält er ihn in der Hand und bricht wortlos zusammen. Jetzt sieht sie, daß sein Mund bebt, daß er nach dem Stuhl tastet und sich setzt. Auch Johannes sieht es. Er beugt sich vor, als ob er über seine Schulter hinweg den Brief lesen wollte; aber er tut es nicht. »Was ist geschehen?« Johan Lind faßt sich und liest vor: »Ich teile Ihnen mit, daß ich morgen nicht kommen kann, denn meine Frau ist heute nachmittag gestorben, und ich will ihr folgen. Sie können mich in dem großen Mergelgrab auf Hans Jensens Feld finden. Meine Kinder sollen ihren Vater nicht hängen sehen. Ich möchte Sie bitten, sich der sieben Kinder anzunehmen. Geld genug ist ja da. Das achte soll Ihr Fräulein haben, wenn sie will, sie sagte neulich: Ich wollte, es wäre meins. Leben Sie wohl alle beide und alle Menschen, die es gut mit uns gemeint haben. Aber es sollte nicht sein. Amen. Peter Magnus Andresen.« Keiner von ihnen sagt etwas, was sollen Worte, wenn bereits alles gesagt ist? »Ich hatte nicht genug mit meinen eignen Angelegenheiten,« seufzt es in Johan Linds Herzen. Er ist tief unter einer Schuld gebeugt, und weiß doch nicht, was er Böses getan hat. Was war das? Der junge Mann, der neben ihm steht, hat sich über den Stuhl geworfen. Dort liegt er, seine schweren Arme auf dem Tisch. »Ich hab es getan,« schreit er auf, »ich habe die Weiche umgestellt.« Der ganze junge Körper wird von Schluchzen geschüttelt. Johan Lind versteht ihn nicht. Dann aber ist es, als ob eine Bürde von seinen eigenen Schultern genommen würde. Eine unsagbare Erleichterung durchrieselt ihn: Ich habe keine Schuld. Nur einen Augenblick. Dann wandern seine Augen von dem Schluchzenden zu Gerda, die ihre Arme nach ihm ausgestreckt und seinen Nacken mit ihren heißen Händen umklammert hat. Er sieht das Entsetzen in ihren Augen und denkt nicht mehr an sich. »Mein ist die Schuld,« schluchzt die junge verquälte Seele, »ich habe sie beide getötet.« XVI. Johannes ist fort. Johan Lind hat ihn gehen lassen, er hat die Verantwortung auf sich genommen. Wenn der Weichensteller nicht tot gewesen wäre, hätte der Täter sich melden müssen, damit Sankt Peter seinen Seelenfrieden zurückerhalten hätte. Jetzt wäre es umsonst. Nachdem Johan Lind alles erfahren hatte, begriff er. daß auch Johannes ein unfreiwilliges Werkzeug gewesen war, und er verurteilte ihn zu bedingter Begnadigung. Im selben Augenblick beschloß er, daß er sich zum Vorsitzenden des Vereins für die Unglücklichen wählen lassen wollte; er war ja bereits im Amt. Johan Lind hatte den jungen Mann lieb gewonnen, wie er dort vor ihm gesessen und sein Herz und Leben vor ihm offenbart hatte. Seine Verzweiflung jammerte ihn. Er begriff, was er gelitten hatte und welche Erlösung es für ihn gewesen wäre, hätte er seinem eigenen Leben ein Ende machen können. Der »hinkende Teufel« aber, wie Gerda ihn zu nennen pflegte, in dessen Gewalt er geraten war, hatte ihn durch seinen Eid wie in einem Schraubstock festgehalten! Der hinkende Teufel hatte den Plan gelegt. Er war eines Abends mit den Bahnarbeitern längs des Dammes gegangen und hatte mit ihnen über den geplanten Streik gesprochen, sie gingen am Blockhaus vorbei, als Sankt Peter gerade die Weiche stellte. Da er Mechaniker war, wunderte er sich über das altmodische System, und der Gedanke kam ihm, daß hier der richtige Ort für die Tat sei. Er selbst aber konnte den Plan nicht ausführen, weil er hinkte; man hätte ihn wiedererkannt und festgenommen und mit ihm wären alle anderen verloren gewesen. Der Schlag, der gegen den Russen geführt werden sollte, der mit im Zuge war, mußte wie ein Unglücksfall wirken. Wie sollten sie sonst den Verräter unschädlich machen, der sich ihr Vertrauen erschlichen und ihrer aller Namen aufgeschrieben hatte, – nicht auf einem Stück Papier, das gestohlen werden und gegen ihn zeugen konnte, sondern in seinem stummen Herzen – den Verräter, der bereit gewesen war, ihr Werk am grünen Tisch der Konferenz auszuliefern. Wie konnten sie sein Wissen zunichte machen, ohne daß eine menschliche Spur, ein menschlicher Vorsatz sie verriet? Wie ein Zufall mußte es wirken. Die vielen Unschuldigen konnten nicht gerettet werden: die kleinere Sache mußte der größeren wegen geopfert werden. Der »hinkende Teufel« aber veranlaßte die Kameraden, daß sie in derselben Nacht streikten, damit der herabstürzende Zug sie nicht treffen sollte. Der hinkende Teufel hatte bei Johannes' Mutter als Pensionär in Petersburg gewohnt. Er hatte Johannes' Vater gekannt, der deutschen Ursprungs und einem reinen Herzen, stets von der Regierung verdächtigt, den Ausweisungsbefehl überm Kopf. Er war bei ihm zur Schule gegangen und hatte zu ihm aufgesehen. Und als Johannes' Vater während der Revolution getötet wurde, war er dem Jungen ein Vormund, seiner Mutter ein Freund gewesen und hatte ihr mit Rat und Tat beigestanden. Als der Krieg kam. hatte der hinkende Teufel ihnen geholfen, sich außer Landes in die Heimat seiner Mutter zu schmuggeln, so daß Johannes dem Militärdienst entging, – er war damals sechzehn Jahre alt gewesen und sprach dänisch wie seine Muttersprache. Der hinkende Teufel aber mußte mit in den Krieg, bis die alte Regierung unter der Revolution zusammenbrach. Eines schönen Tages war er in Kopenhagen aufgetaucht, hatte Johannes' Mutter aufgesucht und war wie ehemals ihr Pensionär geworden. Er war durch einen Schuß in die Hüfte beim Kampf in den masurischen Sümpfen lahm geworden: sonst war er noch ganz der Alte, immer Feuer und Flamme, treu im Guten, wie in Bösen. Johannes war in Kopenhagen bei einem Mechaniker in die Lehre gekommen; das war auch das Fach des hinkenden Teufels. Und als er nach Kopenhagen kam, verschaffte Johannes ihm Arbeit in der Werkstatt, wo er selbst arbeitete. Der hinkende Teufel erzählte von den alten Kameraden in Rußland, die nach Dunkelwerden zu Johannes' Vater gekommen und hinter verschlossenen Fensterläden vertraulich beisammen gesessen hatten. Mehrere davon waren im Krieg gefallen, die übrigen waren auf Veranlassung des hinkenden Teufels nach Dänemark ausgewandert. Sie kamen, einer nach dem anderen, fanden Arbeit in ihrem Fach und erlernten die Landessprache. Abends versammelten sie sich beim hinkenden Teufel, so viele die enge Stube fassen konnte. Johannes begriff trotz seiner Jugend, daß eine gemeinsame Aufgabe sie zusammen führte. Auch seine Mutter hatte viel mit ihnen zu besprechen, doch wollte sie nicht, daß ihr Junge in die Sache hineingezogen wurde. Johannes wußte wohl, daß es nur zu seinem Besten sein sollte, dennoch kränkte es ihn, denn waren sie nicht allesamt seine Freunde, die er von klein auf gekannt hatte, warum durfte er nicht Gutes und Böses mit ihnen teilen? Er wurde verdrießlich und ging seine eigenen Wege. Da war es, daß er auf Gerda aufmerksam wurde, und sie wurde alles für ihn, er lebte nur in ihr. Er verheimlichte seine neue Bekanntschaft seiner Mutter, er brachte es nicht übers Herz, sie wissen zu lassen, daß er für eine andere lebte. Mutter und Sohn waren bisher unzertrennbar gewesen, – außer in den Jahren, als der Leutnant bei ihnen wohnte. Schön war der Leutnant gewesen in seiner vornehmen Uniform, jung und lebenslustig. Johannes hatte ihn mit großen Augen betrachtet und sich gewünscht wie er zu sein, wenn er einst groß wurde. Und trotzdem konnte er ihn nicht leiden. Der Leutnant pflegte abends bei ihnen im Zimmer zu sitzen, und die Mutter sprach so vertraulich mit ihm, wie mit keinem anderen. Wenn Johannes zu Bett gebracht war, konnte er sie flüstern und lachen hören. Und er weinte sich vor Eifersucht in den Schlaf. Eines Nachts erwachte er dadurch, daß er seine Mutter mit dem Leutnant nach Hause kommen hörte, sie waren im Theater gewesen – die Tür zu Mutters Zimmer stand offen. Er sah, daß der Leutnant ihren Kopf in seine Hände nahm. Sie fuhr zur Seite und guckte ängstlich zu seinem Bett hinüber, wahrscheinlich hatte er durch eine Bewegung verraten, daß er wach war. Von jenem Augenblick an haßte er den Leutnant. Auch der hinkende Teufel war eifersüchtig. Der Leutnant sah auf ihn herab, weil er ungekämmtes Haar und schmutzige Nägel hatte. Die beiden konnten nicht zusammen im Zimmer sein, ohne daß es Streit gab. Fast hätte es ein Zerwürfnis zwischen dem hinkenden Teufel und Johannes' Mutter gegeben. Eines Tages war der Leutnant verschwunden. Ein Brief kam und ein Soldat holte seine Sachen, das war alles. Die Mutter verbarg ihren Schmerz, ihre verweinten Augen aber konnte sie nicht verbergen. Der Name des Leutnants wurde nicht mehr genannt, und langsam kehrte das alte vertrauliche Verhältnis zwischen Mutter und Sohn und ihrem Freund zurück. Darum schien ihm auch seine Liebe zu Gerda wie eine Treulosigkeit. Als er sie aber erst einmal verschwiegen hatte, konnte er sich nicht entschließen, davon zu sprechen. Seine Mutter ahnte wohl etwas, wollte aber nicht fragen. Er versuchte sich selbst einzureden, daß sie an seinem Schweigen Schuld sei, hatte sie ihn nicht aus der Gemeinschaft der Freunde hinausgedrängt? Wenn er sich erhob, um seinen Abendspaziergang zu machen, wie er vorgab, dann folgte ihr Blick ihm zur Tür. Er fühlte ihn schmerzhaft im Rücken, bis er bei Gerda war; dann war alles vergessen. Dann starb seine Mutter. Eine Lungenentzündung in dem nassen Frühjahr machte ihrem Leben ein Ende. Als sie dalag, mit einem Zug um ihren verstummten Mund, als ob sie jetzt alles wüßte, da fiel er neben ihr nieder und weinte, als ob ihm das Herz brechen sollte. Von jetzt ab konnte er nicht zu Gerda gehen, ohne daß er meinte, seine Mutter gehe neben ihm und fragte, warum sie nicht an ihrem Glück Anteil haben dürfe? Der hinkende Teufel trauerte mit Johannes. Der gemeinsame Kummer band sie wieder fest zusammen. Und jetzt endlich weihte er den jüngeren Freund ganz in den Kreis der Freunde ein. Johannes erfuhr, was seinem Vater, was all den alten Kameraden, die in seinem Kindheitsheim verkehrten, widerfahren war, was sie gelitten, wofür sie gekämpft hatten. Er war empört und setzte sich von nun an noch eifriger für die Genugtuung ein, als der hinkende Teufel. Er erfuhr Dinge, die ihm den Schlaf raubten. Es war wie eine Einweihung, es war wie eine Besessenheit. Gerda aber durfte nichts davon wissen, und um sich nicht zu verraten, es war so schwer, ihr etwas zu verbergen, blieb er ganz fort; ihre Begegnungen wurden seltener und seltener. Da, eines Tages tauchte der Leutnant aus Petersburg zwischen ihnen auf, der Leutnant, den er gehaßt und gleichzeitig bewundert hatte. Die Revolution hatte ihn seines ganzen Vermögens beraubt; nur das Leben hatte er behalten dürfen, unter der Bedingung. daß er als Spion für die neuen Machthaber in die Fremde gehen wollte. Sein Name und seine gesellschaftliche Stellung gaben ihm Zutritt bei den Vornehmsten und Wohlhabendsten der landesflüchtigen Russen, die er ausspionieren sollte, und Dänemark wurde sein Arbeitsfeld. Seine Papiere waren in Ordnung, die Instruktionen klipp und klar, der hinkende Teufel konnte nicht an ihrer Echtheit zweifeln und mußte sich beugen. Der Leutnant wurde in die Pläne der Revolutionäre eingeweiht und arbeitete Hand in Hand mit ihnen. Heimlich aber ließ der hinkende Teufel ihn nicht aus dem Auge, und eines Abends vertraute er Johannes an, daß er seiner Sache ganz sicher sei: der Leutnant war ein Verräter; man hatte ihn gekauft, mit zur Konferenz zu reisen, um ihrer aller Namen und Pläne zu verraten. In jener Nacht gelobten sie einander, daß der Leutnant sterben sollte. Als aber der hinkende Teufel seinen Plan Johannes vorlegte, da versagte Johannes. Das brachte er nicht fertig, er konnte nicht die vielen Unschuldigen des einen Schuldigen wegen opfern. Er lehnte es rundweg ab. Da verlor der hinkende Teufel die Besinnung. Wollte er eine Sache im Stich lassen, für die alle gekämpft und gelitten hatten? Wußte er nicht, daß man ihn durch diese heilige Handlung, die man von ihm verlangte, eine Ehre erwies? Wieviele Tausend Unschuldige waren nicht von denjenigen geopfert worden, die diesen Mann gekauft hatten? Wußte er nicht, daß der Leutnant seine Mutter verführt und dann verlassen hatte? Wollte er seine Mutter nicht rächen? In seinem unbändigen Zorn verriet er Johannes alles, was er von seinem Ursprung wußte: daß er nicht der Sohn des Schullehrers, sondern die Frucht einer Verführung sei. Mit einem Kind unterm Herzen war seine Mutter nach Rußland gekommen, um ihre Schande zu verbergen. Die Familie, bei der sie in Dienst war, jagte sie davon, als man ihren Zustand entdeckte. Da machte sie Zischlers Bekanntschaft, der der Sohn eines Verbannten, eines der Märtyrer aus Sibirien war, und sie heiratete ihn, um ihrem Kinde einen Namen zu geben. Als aber Zischler starb, wer hatte sich da ihrer und ihres Kindes angenommen? Niemand anderes als die Unglücklichen, die Verbannten, die Geopferten. »Ich habe mich eurer angenommen, ich, der ich selbst der uneheliche Sohn eines Hofjunkers und eines Kammermädchens bin, im Hause eines Generals gezeugt. Ich kam in einer Entbindungsanstalt zur Welt, und meine Mutter wurde Hunderte von Meilen weit fortgeschickt, damit sie den jungen Herrn nicht wieder in Versuchung führen sollte. Ich habe sie nie gekannt. Du siehst also, daß du zu uns gehörst. Willst du deine Mutter rächen oder willst du deinen Eid brechen?« Da versprach Johannes, daß er seine Pflicht tun wollte und er schrieb Gerda den Abschiedsbrief. Er tat, was der hinkende Teufel von ihm verlangt hatte. Er schlich sich zur Weiche und drehte den Handgriff. Der Zug kam mit Getöse näher, er sah die Laternen in der Ferne und den roten Atem der Lokomotive, – da hörte er im selben Augenblick eine Frau im Wärterhaus schreien und stürzte wie besessen über die Felder davon, hielt nicht inne, bis er die breite Landstraße erreicht hatte. Als es aber getan war, da sah er, daß Gott das Unglück abgewendet hatte, und als er durch die Zeitung erfuhr, daß die Frau, die er liebte, zusammen mit den anderen von seiner Hand getötet worden wäre, da gingen ihm die Augen auf für das Entsetzliche, das er hatte tun wollen. Aus allen Ecken starrte es ihn an. Der Weichensteller verfolgte ihn. Wäre der Zug nicht gerettet worden, er hätte sich mit den anderen zusammen getötet. Da hatte er eines Morgens in der Zeitung gelesen, daß dem Weichensteller Genugtuung geschehen und er aus Not und Armut gerettet worden sei. Das war der erste Lichtschimmer, und er schöpfte Hoffnung. daß es auch für ihn eine Gnade gäbe. Er sah ein, daß er sich dem hinkenden Teufel und seinem Kreis fernhalten mußte und beschloß zu fliehen. Erst aber wollte er Gerda noch einmal sehen, um sich zu überzeugen, daß sie keine Not litt, und um ihre Verzeihung bitten. Während der hinkende Teufel zur Arbeit gegangen war, hatte er sich fortgeschlichen. Nichts nahm er mit, um sich nicht zu verraten. Nur die Erinnerungen an seine Mutter, die wenigen Sachen, die sie geliebt und hinterlassen, hatte er in ihre alte braune Handtasche gepackt, die unter seinem Bett stand. Er wollte sie Gerda geben, damit sie sie für ihn aufbewahrte; er hatte ja keinen anderen Menschen. Gerda hatte sie in Empfang genommen. Bilder und Papiere und Briefe. Sie hatte ihm verziehen und geweint, als ob das Herz ihr brechen sollte. Und Johannes war fortgegangen. Spät in der Nacht war er von ihnen gegangen. Bedingt begnadigt. Sie hatte ihn hinunterbegleitet und war lange unten geblieben. Johan Lind hatte gehört, wie die Tür ins Schloß fiel, und schwere Schritte sich auf der stillen Straße entfernten. Als Gerda heraufkam, hatten ihre Augen keine Tränen mehr, sie konnte nicht mehr weinen. Er streichelte ihr die Wange. Sie nahm seine Hand, küßte sie und ging still in ihr Zimmer. Johan Lind blieb am Tisch sitzen, schlafen konnte er nicht. Er dachte, wieviel Sorge und Kummer er sich über Dinge gemacht hatte, an denen er keine Schuld trug. Er war also gar nicht Schuld gewesen an dem Schicksal des armen Weichenstellers. Er war gar nicht der Unglücksvogel gewesen. Mehrmals hatte wohl eine geheime Stimme ihm mitten in seiner Unruhe zugeflüstert: Hirngespinste, Wahnsinn. Er lauschte dem Wogengang in seinem Gemüt und dachte, wann es wohl ruhiger werden würde in seinem Sinn. Draußen aber war alles still. Da erklangen ferne, tiefe Töne; es war die Rathausuhr, die ihren Psalm spielte. »Jetzt ist es Morgen!« sagte er laut und erhob sich mechanisch. Da stieß er mit dem Ellenbogen gegen ein Paket Briefe, die Johannes auf den Tisch gelegt hatte. – die Erinnerungen an seine Mutter. Er beugte sich, um sie aufzuheben. Als er sie in der Hand hielt, sah er eine Zeichnung dazwischen. Ein ganz verblichenes Blatt. Er hielt es ans Licht. Die Zeichnung stellte einen Lebemann vor beim Champagner, der, den Arm um den nackten Hals einer überwundenen Frau, die Hand nach der Rechnung ausstreckt, die der Tod als Kellner verkleidet, ihm präsentiert. In der Ecke stand »An Lisa«. Da begriff Johan Lind, und er fiel nieder und verbarg sein Angesicht in den Händen. Ende.