Nataly von Eschstruth Der Irrgeist des Schlosses Roman   Dritte Auflage. Viertes und fünftes Tausend Hermann Costenoble Jena 1892 301 Seiten Erstausgabe: Berliner Verlag-Comptoir 1886 301 Seiten     Meiner lieben Freundin Fräulein Natalie Kalnaß von Kalnassy zur Erinnerung an fröhliche, in einem alten »Gespensterschloß« verlebte Stunden Die Verfasserin     1. Die Blüthe fiel, mir blieb der scharfe Dorn, Noch immer aus der Wunde quillt das Blut; Es sind das Weh, die Sehnsucht und der Zorn Mein einzig Gut. Geibel. Es war im Juni. Blendende Sonnenglut lag auf dem weit gedehnten Häuserkomplex der Kadettenanstalt, flimmernd, wie ein unabsehbares Strahlennetz, welches mit tausend feinen Goldmaschen Himmel und Erde umsponnen hält. Die jungen Gartenanlagen standen matt und welk, einzelne Schmetterlinge hingen an den Blumen, und die Fliegen blitzten wie übermüthige Gedanken durch die Luft, ebenso bunt und schillernd wie der Sonnenstaub, in welchem sie sich tummelten. Hinter dem Hauptgebäude dehnte sich der Reitplatz aus, da war Schatten. »Durch die Mitte der Bahn changirt!« klang die Summe des unterrichtenden Kavallerieoffiziers. Er ließ die Reitpeitsche sinken, stemmte die Arme in beide Seiten und ließ die erhitzten Pferde an sich vorüber defiliren. Mit glühendem Gesicht führten die jungen Reiter das Manöver aus, mit fast peinlicher Genauigkeit, und dennoch war kein einziger bei der Sache. Zur Seite des Platzes nämlich, dicht an der Barrière, stand ein kleiner Kreis sehr eleganter Zuschauer; die hohe, imposante Gestalt eines Herrn mit dem Band des eisernen Kreuzes im Knopfloch, mit weißem Schnurrbart und hellen Handschuhen, und ihm zur Seite die Frau Majorin, seine Gemahlin, klein, korpulent, mit der Lorgnette vor den Augen. »Dagmar!« wandte sie sich plötzlich mit strengem Blick zur Seite, »geh' von dem Geländer herunter! Du bist nicht allein hier!« Dagmar war ein Backfischchen, graziös, kokett, von Kopf bis zu Füßen rosa. Die kleine Nase mit ihrem kecken, aufwärts strebenden Spitzchen wandte sich halb zur Seite. »Da unten sehe ich nichts, Tante!« rief sie mit leicht gefaltetem Mündchen, »und Frieda und Herr von Sangers stehen ja vor mir!« Und ohne nur die mindeste Notiz von dem mißbilligenden Gesicht der Majorin zu nehmen, rückte sie sich noch übermüthiger auf ihrem Sitz zurecht und warf die wilden Kraushaare in den Nacken zurück. »Sagen Sie mir doch, Herr von Sangers, wer ist jener entsetzlich häßliche Mensch dort auf dem Schimmel!« lachte sie plötzlich laut auf, ihre tiefdunkeln Augen zu dem jungen Kürassieroffizier hebend, welcher lächelnd mit dem Blick der Richtung folgte, die ihm die kleine Hand ungenirt angab, »nein, das ist ja haarsträubend! Wie eine Leiche sieht er aus und hängt auf dem Pferde wie ein Hampelmann! Hahaha! Fritz!« Und sie wandte sich jäh zu einem rothwangigen, zehnjährigen Knaben zurück, welcher dicht hinter ihr stand: »Daß Du mir niemals solch einen Ritter von der traurigen Gestalt abgiebst, sonst verleugne ich Dich bei Gott vor aller Welt!« »Da kannst Du ruhig sein, Dagmar!« schüttelte Fritz mit wegwerfendem Naserümpfen den Kopf, »ich glaube, wir Beide reiten jetzt schon besser wie all' die Kerls da zusammen!« »Aber Kinder, bitte, menagirt Euch!« wandte sich die Majorin mit strafendem Blicke um, und auch Frieda schüttelte ganz verlegen ihr achtzehnjähriges Blondköpfchen und sagte in entschuldigendem Flüsterton zu Herrn von Sangers: »Die beiden Kleinen sind gar zu wild, das kommt von dem ewigen Landaufenthalt bei uns; ich bin recht bange, wie Fritz sich hier einleben wird!« Der schöne Offizier strich lächelnd seinen glänzenden Schnurrbart. »Unbesorgt, mein gnädiges Fräulein, lassen Sie den kleinen Vetter erst ein paar Monate bei uns sein, und Sie werden Ihre Freude erleben, welche Wunder das Kadettenkorps bewirkt. – Wie befahlen Sie, Fräulein Dagmar?« »Ich befahl, daß Sie mir nun endlich sagen, wer jenes junge Scheusal auf dem Schimmel ist!« klang es mit grausamer Betonung von den frischen Lippen und Dagmar zupfte kokett an der dunkelrothen Rose, welche, weithin leuchtend, in ihrem Knopfloch stak, »jetzt kommt er eben hier angeritten, der dritte – heiliger Laurentius, wenn er doch einmal herunterfiele!« Und mit hellem Gelächter strich sie das schwere Haar aus der Stirn und hämmerte ausgelassen mit dem spitzen Stiefelhacken gegen die hölzerne Barrière. »Bitte, nicht so laut, Fräulein Dagmar!« raunte ihr Sangers mit leichtgefalteter Stirn zu, »Graf Echtersloh ist unser zukünftiger Moltke, klug, strebsam, sehr brav und tüchtig.« »Aber häßlich! Häßlich über alle Begriffe!« Laut und scharf klang die Stimme Dagmars über den Platz, ein spöttischer Ausdruck umspielte ihre rothen Lippen, fest und groß hafteten ihre Augen auf dem Gesicht des Kadetten, ein fast herausfordernd trotzig moquanter Blick, welcher jedoch den Zauber des pikanten Gesichts eher erhöhte als vernichtete. Wie von einem Dolch getroffen schrak Graf Echtersloh empor, momentan ruhte Auge in Auge, jeder Blutstropfen wich aus seinen an und für sich schon sehr bleichen, großgeschnittenen Zügen, starr wie das Antlitz eines Todten schaute er zu ihr herüber. »In abgekürztem Tempo Galopp – Marsch!« klang das Kommando des Offiziers dicht neben ihm. Der Schimmel zuckt auf, mit jäher Bewegung setzt er sich in das rasche Tempo seiner Vorgänger, und Graf Echtersloh, überrascht, verwirrt, wie aus tiefem Traum erwachend, sucht schwankend die Balance zu halten – umsonst, mit schneller Wendung kündigt der Schimmel den Gehorsam und sein Reiter fliegt vornüber in schwerem Sturz aus dem Sattel. »Nun haben Sie ja Ihren Willen gehabt, Fräulein Dagmar,« flüsterte Sangers zwischen den Zähnen, und ein fast finsterer Blick streift die Kleine, welche momentan leicht erbleichend auf das herrenlos dahintrabende Pferd starrt. »Das hätte leicht recht schlimm ablaufen können. Aber Gott sei Dank, unser braver Selektaner scheint sich nicht erheblich verletzt zu haben! Sie scheinen sehr viel Gewicht auf das Aeußere zu legen, Fräulein von der Ropp, für Sie existirt nur die Schönheit?« »Natürlich!« Dagmar warf ihr reizendes Köpfchen in den Nacken: »Es giebt drei Dinge auf der Welt, welche mir verhaßt sind: Kälte, Dunkelheit und häßliche Gesichter, und wenn Ihr Graf Echtersloh auch ein wahrer Ausbund von Klugheit und Geist wäre, er ist für meine Begriffe ein Monstrum von Häßlichkeit, und das genügt, um ihn für mich aus dem Register der Existirenden zu streichen!« »Du übertreibst, Dagmar,« warf Frieda mild ein, »es ist nur seine auffallend bleiche Gesichtsfarbe, welche ihn auf den ersten Blick unschön erscheinen läßt, seine einzelnen Züge sind nicht häßlich, im Gegentheil, sie sind fast zu regelmäßig ausgeprägt für das hagere Gesicht!« »Gesicht! Wie kann man einen solchen Todtenkopf nur Gesicht nennen!« zuckte die Kleine geringschätzend die Achseln, »wenn nicht seine zwei großen Räderaugen darin flammten, wäre es eine Wachsmaske, puh, und diese Augen, ich finde sie schrecklich, seht doch, wie er jetzt wieder hierher starrt, als ob er mich verschlingen wollte!« »Ist Graf Echtersloh leidend?« fragte Frieda teilnehmend. »Nein, mein gnädiges Fräulein, aber zu übertrieben fleißig,« nickte Sangers mit freundlichem Blick auf den Genannten, »die jungen Leute präpariren sich für das Offiziersexamen, und ich hoffe, daß die unermüdlichen Studien Echterslohs alsdann ihre glänzenden Früchte tragen!« – Major von der Ropp besichtigte mit viel Interesse die innere Einrichtung der gewaltigen. Gebäude; er schritt an der Seite des Kommandanten, und es drehte sich die Unterhaltung der Herren hauptsächlich um den angemeldeten Kadetten Fritz, welcher heute von seinem Vormund mit dem zukünftigen Aufenthalt bekannt gemacht wurde. Dagmar und Fritz von der Ropp waren Geschwister, früh verwaist und bei dem Onkel Major auf einsamem Landgut erzogen, beide aufgewachsen in zügelloser Freiheit, welche sich hartnäckig gegen alles sträubte, was nur im mindesten einem Zwange ähnlich sah. »Nun sieh Dir mal an, Dagmar, Rettige, Brod und Bier giebts hier zum Abendessen!« raunte Fritz ins Ohr der Schwester, mit fast feindseligem Blick den gewaltigen Saal überfliegend, in welchem, eng gedeckt, Tafel an Tafel zusammenstand, »das ist ja scheußlich, das esse ich nicht, und wenn sie sich auf den Kopf stellen!» Dagmar war neugierig an die langen Eßtische getreten. »Wer sitzt denn hier unten vor, Herr von Sangers?« rief sie über die Schulter. »Ein Selektaner, um die jüngeren zu überwachen!« war die kurze Antwort. »Von denen, die vorhin ritten?« »Ja!« Ein jäher Gedanke blitzte durch das Köpfchen der kleinen Dame, ebenso übermüthig und keck wie all seine tollen Geschwister. Unbemerkt blieb sie ein paar Schritte zurück, löste schnell die Rose aus ihrem Knopfloch und legte sie heimlich unter die erste beste Selektanerserviette. »Der soll sich mal wundern, der dieses Abendessen findet!« dachte sie, »ich wette, er macht ein sentimentales Gedicht darauf! Wenns nur nicht das Monstrum ist, dessen Verse würden gewiß ebenso häßlich sein, wie sein Gesicht, pfui, wenn ich nur an den Menschen denke!« Und Dagmar drehte sich auf den Hacken um und zog das Näschen kraus; im nächsten Augenblick gab es schon wieder anderes zu sehen und zu denken. Und als nach einer halben Stunde die Equipage mit Majors nach Berlin zurücksauste, da träumte Dagmar bereits von dem Vergnügungsregister der nächsten Tage, und hatte Rose und Kadettenkorps längst vergessen. Droben an einem Fenster des Korpsgebäudes aber lehnte ein bleiches, schmerzbewegtes Antlitz und murmelte mit zuckenden Lippen: »Häßlich! Häßlich über alle Begriffe!« Und an den dunkeln Wimpern zitterte es feucht und rollte langsam, fast unbewußt über die eingefallene Wange. Eine rothe Rose lag in seiner Hand und stets von neuem kehrte sein Blick zu ihr zurück, dann wars wie ein seliges Aufflammen in dem ernsten Gesicht und er nickte leise und träumend vor sich hin, »und dennoch ist es ihre Rose, ich kenne sie ja aus Tausenden heraus! Warum hat sie mir gerade diese Blüthe auf den Teller gelegt? Aus Mitleid! Es thut ihr leid, daß ich weiß, wie bitter häßlich sie mich findet!« – Und der Mondschein huschte durch die Scheibe und küßte die rothe Blume in seiner Hand, da sah sie so mild und lieblich aus, und that dem Auge nicht mehr so weh wie im hellen Sonnenbrand auf dem Reitplatz draußen. »Wie kann ich Dich ewig so frisch und schön erhalten, kleine Rose?!« flüsterte der Jüngling, »daß Du nicht stirbst und vergehst wie Deine Schwestern?« – – »Bist Du schon fertig mit Deinen Arbeiten, Echtersloh?« fragte jemand hinter ihm. Er schaute wirr auf. »Arbeiten? Ich arbeite nicht!« »Du wolltest ja Deine Mathematik heute Abend noch vornehmen!« fuhr der Andere erstaunt fort. Wie geistesabwesend starrte ihn Echtersloh an. »Das hat ja Zeit! Mathematik? Was ist Mathematik? Zähle zusammen wie viel Wunder ein Rosenkelch birgt, wie viel grausame Worte zwei rothe Lippen sagen können, wie viel Elend schon ein häßlich Gesicht in der Welt gestiftet hat, dann hast Du die Mathematik, und wenn Du sie nicht hast, dann vielleicht etwas Anderes, den Wahnsinn!« Und Echtersloh lachte gell auf, und schritt hastig aus der Thür. * Monate vergingen. »Echtersloh ist verrückt geworden!« flüsterten sich die Kadetten in die Ohren, wichen ihm scheu aus und nickten sich nur verständnißvoll zu, wenn der junge Mann, schwankend wie in tiefem Traum, einsam einherschritt, leise vor sich hinlächelnd, oder die Stirn in schwere Falten gelegt, als grüble er über Unergründliches. – Echtersloh arbeitete nicht mehr, er sah seine Bücher nicht mehr an, er lachte geheimnißvoll, wenn seine Kameraden fragten, was er oft so heimlich an dem Fenster treibe. »Ich finde mich selber!« antwortete er kurz. Die Lehrer schüttelten die Köpfe und redeten ihm ernst in das Gewissen: »Arbeiten Sie, Echtersloh, es sind nur noch wenige Wochen bis zu dem Examen!« Aber der Graf hörte nicht. Sangers nahm ihn bei Seite und beschwor ihn, Aufschluß über sein seltsam verändertes Wesen zu geben. Er meinte es gut mit ihm, er hatte ihn aufrichtig lieb. Der junge Mensch ward roth und verlegen, redete wirres Zeug, und stotterte mit angstvollem Blick: »Ich kann nicht Offizier werden, ich weiß es jetzt!« »Sollte ihm der Sturz von dem Pferde geschadet haben, ist es möglich, daß der Unglückliche eine Gehirnerschütterung erlitten hat?« fragte man den Arzt. Dieser untersuchte den vermeintlich Kranken, beobachtete ihn scharf und entgegnete kopfschüttelnd: »Er ist ebenso gesund wie früher, aber dennoch scheint er an der fixen Idee zu leiden, kein Offizier werden zu wollen!« Das Examen kam; Echtersloh, der Stolz des ganzen Korps – fiel durch. Er lächelte und athmete auf: »Ich muß heim!« rief er mit ausgebreiteten Armen. Wohin? Zu seiner Stiefmutter in die Residenz? Nimmermehr! »Nach Casgamala, in das liebe Ruinenschloß! Da ist's still und ruhig, da giebt es weite wunderliche Gärten voll blühender Rosen, zerfallene Säulen und modernde Pracht, da bin ich ganz allein, nur das Mondlicht huscht durch die bunten Scheiben und leuchtet mir, da will ich arbeiten!« 2. Und Nebelbilder steigen, wohl aus der Erd' hervor. Und tanzen lust'gen Reigen in wunderlichem Chor, Und blaue Funken brennen, an jedem Blatt und Reis, Und rothe Lichter rennen, in irrem, wirrem Kreis. Aus dem Lied: »Aus alten Märchen winkt es. « Zum Teufel, Laubmann, man sieht nicht die Hand vor Augen in dieser Dunkelheit! Das ist ja ein Geholpere und Gestoße, als führen wir auf einer Wüste von Felsblöcken, anstatt auf königlicher Chaussee! Wo sind wir eigentlich? Ich glaube, Alter, überall anders, nur nicht auf dem richtigen Wege!« »Auf dem Wege sind wir schon, Ew. Gnaden, aber 's geht hier halt ein bissel übers Geröll, eh' wir in die Haide kommen, und da ist's halt schon besser, ein bissel vorsichtig zu fahren, denn wenn man in solch' stockdunkler Nacht lustig drauf los kutschirt, dann könnt's halt ein bissel umkippen, Ew. Gnaden!« Ein leiser Fluch war die Antwort, dann herrschte abermals Stille. Erde und Himmel verschwammen im schwarzen Dunkel, kein Stern, kein Mondstrahl beleuchtete den Weg, nur die letzte, halb erloschene Laterne, welche Laubmann an die Deichselspitze des leichten Cabriolets gebunden hatte, warf hie und da einen unsichern Flackerschein über den tief ausgewaschenen Feldweg, dessen steinbesäete Furchen das Gefährt wie auf Meereswogen schwanken ließ. Zu beiden Seiten dehnte sich flache Ebene aus, sehr selten unterbrochen durch eine verwilderte Brombeerhecke, welche, wie ein schwarzer Klumpen, mit abenteuerlichsten Formen im Nebelmeer auftauchte. Im Wagen blitzt ein Streichholz auf, eine weiße, ringgeschmückte Hand hebt es empor, um eine neue Cigarre in Brand zu stecken. Es ist ein schönes Männergesicht, welches die rothe Flamme momentan beleuchtet. Ein schwarzes Bärtchen kräuselt sich keck auf der Oberlippe, zwei große stolze Augen leuchten unter regelmäßig gewölbten Brauen, Wangen und Kinn sind halb verdeckt durch den emporgeschlagenen Kragen eines Offizierpaletots. »Jetzt sind wir halt auf der Haide, Herr Graf,« wandte sich Laubmann von seinem hohen Kutschersitz zurück, »nun braucht's noch ein bissel Geduld, und wir sind wieder auf der Chaussee, dann ist's halt noch ein' Pfeif Tabak lang und wir sehen Casgamala vor uns!« Der junge Offizier strich ein zweites Streichholz an und sah nach der Uhr. »Dreiviertel auf elf schon! Wir kommen nicht vor Mitternacht an, Alter!« antwortete er ungeduldig, »hol' der Satan Eure verdammten Steppen hier, die kaum einen Fahrweg, geschweige eine Eisenbahn aufzuweisen haben!« »Bscht! – wenn der Herr Graf so gnädig sein wollten und lieber nicht so laut hier fluchen!« wandte sich der Kutscher mit scheuem Flüsterton zurück, »wir sind halt auf der Haide jetzt, Ew. Gnaden, und da muß man ein bissel vorsichtig sein, möchte auch Ew. Gnaden gar nicht rathen, sich hier so scharf umzuschauen; man sieht oft mehr, als man halt wünscht und ei'm lieb ist!« Graf Echtersloh lachte laut auf. »Ich glaube bei Gott, alter Maulwurf, Er will mich ein »bissel« graulich machen!« rief er, übermüthig die Arme auf die Barrière des Kutscherbockes legend, »es spukt wohl hier, Laubmann, he?« Der Alte nickte geheimnißvoll. »Und was für ein gespenstiges Wesen hat sein Reich auf dieser Haide aufgeschlagen, wenn man fragen darf? Wenn es eine ideale Fee voll Zauber und Schönheit ist, soll sie mir jederzeit auf meinem Boden willkommen sein, der Frau Venus erlasse ich sogar Steuer und Miethzins!« Sein helles Lachen hallte laut über die Haide und weckte fern über dem Moor ein paar melancholische Unkenstimmen, der Wind pfiff durch das struppige Ginsterkraut und raschelte in den langen Schlehdornzweigen, welche am Straßenhang in dichten Büschen wucherten. Laubmann zog den Mantel hoch über die Ohren und schaute nicht rechts noch links. »Was es für ein Spuk ist, der hier umgeht, weiß halt kein Mensch zu sagen, Herr Graf,« murmelte er fast grimmig in den Bart, »aber sie nennen ihn den Irrgeist von Casgamala!« »Alle Wetter! Irrgeist von Casgamala! Wenn der Träger dem Namen entspricht, so ist es wenigstens ein poetisches Ungeheuer, das etwas auf wohllautende Visitenkarten gießt! Hm – und in welcher Weise macht sich besagtes Wesen ohne Fleisch und Blut bemerklich?« Der Alte schauderte unter dem Klang der leichtfertigen Männerstimme neben ihm. »Der Irrgeist von Casgamala ist halt nur ein Licht, Ew. Gnaden!« flüsterte er. »Ein Licht?!« Laubmann bejahte. »Eine grellrothe Feuerflamme, welche urplötzlich vor einem auftaucht und Augen und Sinne blendet; das Vieh ist tagelang wie im Dusel hinterher, wenn's sie gesehen hat, und die Menschen – ja, die zittern halt an allen Gliedern, weil es stets ein Unglück giebt, wenn sich der Geist blicken läßt!« Hol ihn der Henker! Na, und Er sagt, Laubmann, hier auf der Haide treibe sich der freche Geselle herum?« Der Gefragte neigte sich dicht zu dem Ohr seines jungen Herrn. »Nicht allein hier, Herr Graf, überall spukt er herum! Im Schlosse selber, im Park, auf der Haide hier, und vornehmlich bei recht dunkeln stürmischen Nächten in der Nähe der Marmorbrüche. Dort links, wir werden gleich hinkommen! Es war eigentlich lange Jahre Ruhe, man kannte den Irrgeist von Casgamala halt nur wie eine Sage im Dorf, denn seit der alte Herr Graf gestorben waren und deren Frau Mutter sich nie mehr um das Schloß bekümmert hat, von der Residenz aus, da ist alles zerfallen und vermodert bei uns, und wenn nicht der lahme Christoph, der Kastellan, den die Frau Exzellenz-Gräfin ins Schloß gesetzt hat, hie und da in den Spinnstuben die Geschichte von dem gespenstigen Lichte erzählte, dann hätte halt keine Seele mehr an den Spuk gedacht, Ew. Gnaden! Wie aber eines schönen Tages dero gnädigster Herr Bruder aus dem Kadettenkorps zurückkam und sich in den alten zerfallenen Thurm im Park einlogirte, und kein Mensch aus dem sonderbaren Wesen des Herrn Grafen klug wurde, da fing urplötzlich auch wieder der Spuk an, und seit den sieben Jahren ist wohl kaum eine Woche oder höchstens ein Monat vergangen, daß nicht die rothe Flamme überall umhergehuscht wäre!« »Mein Bruder Desider wohnt also nicht im Schlosse selbst?« fragte Graf Echtersloh nachdenklich. »Nein, Ew. Gnaden; wie schon gesagt, er kam eines schönen Tages an, suchte sich den alten Lebrecht, seines Vaters ehemaligen Kammerdiener im Dorfe auf, ließ sich das Schloß aufschließen und durchwanderte schweigend alle Zimmer, dann streifte er mit dem Lebrecht kreuz und quer durch den Park, ließ sich den alten Thurm oder Kiosk, wie man's heißt, öffnen und blieb wohl eine halb Stunde lang darin. Dann wurden ein paar Zimmerleute aus dem Dorfe geholt, die haben einen Tag lang darin umher rumort und hierauf ist keine Menschenseele wieder in den Park gekommen. Der Graf hat ein Gitter mitten durch ihn hingezogen, das die Anlagen samt dem Kiosk von dem modernen Schloßgarten trennt und dahinter hat er nun gehaust, Tag für Tag mit dem alten Lebrecht zusammen, ohne daß ein Menschenauge mal bei ihm hätte hinein schauen dürfen.« »Seltsam! Mein Stiefbruder ist eben verrückt! Er hatte das Unglück im Cadettencorps von dem Pferde zu stürzen und sich das Gehirn zu erschüttern –« »Halten zu Gnaden, Herr Graf, er redet aber ganz vernünftig und bei Sinnen. Hie und da ist er mal ein paar Arbeitern auf dem Felde begegnet, und die konnten gar nicht genug rühmen, wie gut und freundlich Graf Desider mit ihnen gesprochen hat, ein bissel seltsam ist er wohl schon, das mag sein, aber –« »Unsinn! Mein Bruder ist unheilbar geisteskrank!« unterbrach Graf Lothar fast barsch, »das beste Zeugniß dafür ist wohl sein ganzes Gebahren, welches mit gesundem Menschenverstand nichts mehr gemein hat. Meine Mutter hat mir bis jetzt nur sehr flüchtige Mittheilungen über ihn gemacht, da der liebenswürdige Sohn in den ganzen drei Monaten ihrer Anwesenheit kaum fünf Minuten Zeit für sie gehabt hat. Er ist verschollen und vergessen in seiner Einsamkeit, und ich halte es darum für meine Pflicht, mich selber von dem ganzen Stand der Dinge zu überzeugen. Desiders Unzurechnungsfähigkeit macht mich zum Majoratsherrn und Haupt der Familie!« Es lag ein scharfer Klang in der Stimme des schönen Offiziers und die Worte: »Mein Bruder ist unheilbar geisteskrank« trugen den Charakter eines Befehles, da gab es kein Widersprechen mehr. »Bewohnt meine Mutter das ganze Schloß?« fuhr er nach kurzer Pause fort, den Rest der glimmenden Cigarre mit nachlässiger Handbewegung über den Wagenschlag auf den Weg schlendernd: »Sie schrieb mir, daß das ganze Gebäude bedeutender Reparaturen bedürfe!« »Das bedarfs halt schon, Ew. Gnaden, der linke Schloßflügel ist nahezu am Zusammenfallen und wenn ihm nicht bald ein bissel aufgeholfen wird, dann dauerts nicht lange mehr, und er schaut ebenso wackelig drein, wie die alten Gemäuer, die noch rings im Parke stehn! Die Frau Gräfin Mutter bewohnt den ganzen Neubau und auf Wunsch der Comtesse Dolores sind auch die versiegelten Zimmer geöffnet, welche zu der Kapelle führen!« Graf Lothar lachte leise und ironisch auf: »Natürlich, die Kapelle, die hat meine fromme Schwester zuerst ausgefegt! Es giebt doch recht viele Heiligenbilder und Betschemel darin und grausige Fegefeuer, welche die gläubigen Seelen nach Möglichkeit ängstigen?« Der alte Mann verstand nicht den frivolen Spott in der Frage des Grafen, er nickte eifrig mit dem Kopf und schien froh zu sein, das Gespräch auf ein weniger gefährliches Thema gelenkt zu sehen. »Das will ich meinen, Ew. Gnaden, wie ein wahres Schmuckkästchen schaut die kleine Kirche aus. Rings an den Wänden vergoldete Bilder, Märtyrer und edle Herren und Frauen aus dem Geschlecht der Grafen von Echtersloh mit vielerlei Wappen und Waffen darum her, und hohen Denksteinen von Marmor, immer da, wo der Sarg in der Gruft darunter steht. Nur ein einziges Schild ist umgekehrt und mit einem schwarzen Vorhang bedeckt, da soll kein Mensch hinter schauen, Ew. Gnaden, weils der Grabstein der schönen Gräfin Casga ist!« fuhr er mit gedämpftem Flüsterton fort, »der Christian hats aber doch einmal gethan, na – und da sah er eben – der Herr wissen doch –!« »Gar nichts weiß ich, Alter! – am Ende gar meine schöne Ahnfrau selber?« Laubmann hob die Hand an den Mund und blickte sich scheu um. »Gott behüte, Ew. Gnaden, aber eine hohe Feuerflamme, welche auf den schwarzen Grund gemalt ist, und über deren Spitze eine rothe Rose schwebt, das ist eben der Irrgeist von Casgamala, und darum sind auch die Rosen und die Flammen zum Schicksal der Grafen von Echtersloh geworden!« Graf Lothar lachte schallend auf. »Der Irrgeist von Casgamala! Gut, daß Du mich wieder an den interessanten Gesellen erinnerst, Laubmann! Du sagtest vorhin, wir seien nicht mehr weit von den Marmorbrüchen entfernt, he? wie lange dauert es noch, bis wir hinkommen?« »Still, Herr Lieutenant, bei allem, was Ihnen lieb ist, hier dicht zur Seite sind sie schon, wir fahren halt eben daran vorüber.« Der Alte legte wie beschwörend seine zitternde Hand auf den Arm des jungen Offiziers, »treiben Sie keinen Scherz damit, Graf Lothar, erst wenn man den Schaden hat, wird man klug, sagt's Sprichwort!« »Hasenfuß Er!« spottete Graf Echtersloh mit lauter Stimme, »eine Schande ist's, daß solch ein alter Kerl noch an blödsinnige Ammenmärchen glaubt, mein Bruder scheint Ihn angesteckt zu haben mit seiner Verrücktheit! Aufgepaßt, Monsieur Graukopf! Ich will Ihm beweisen, daß der Irrgeist von Casgamala nur in den Köpfen dummer Bauern spukt!« Und sich hoch im Wagen emporstellend, rief Graf Lothar mit übermüthiger Stimme durch Wind und Haideland in die schwarze Nacht hinaus: »Irrgeist von Casgamala, Engel oder Teufel, Flamme oder Rose, süßes Weib oder greulicher Unhold, heran zu mir und neige Dich vor Deinem zukünftigen Meister, dem Erben und Majoratsherrn von Casgamala, Grafen Lothar von Echtersloh!« Schauerlich hallte es durch die Dunkelheit, der Wind sauste um den Wagen und die Gräser am Wege raschelten auf, Laubmann aber saß bleich wie der Tod auf seinem Kutscherbock und umklammerte mit zitternden Händen die Zügel. »Schläfst Du, Irrgeist von Casgamala?!« donnerte die Stimme Lothars abermals durch den Sturm, »heran. Du frecher Geselle – – ha! – – was ist das?!« Wie ein Blitz stammte es urplötzlich durch die Dunkelheit, dicht vor dem Wagen glühte ein grelles Licht auf, flackernd in blutigem Roth, und die ganze Gegend in blendende Helle tauchend, als stünde der frivole Geisterbeschwörer auf lohendem Feuerthron. Einen Augenblick – dann schlug die Finsternis wieder über ihm zusammen. Mit wahnwitzigem Aufschrei war Laubmann auf die Erde herab gesprungen, um das Gesicht auf dem Erdboden zu bergen, Lothar aber stand starr, mit weit aufgerissenen Augen im Wagen, stumm, unfähig sich zu rühren; doch nur eine Sekunde lang, dann stieg der Apfelschimmel mit schnaubenden Nüstern pfeilgrad in die Luft und raste wie von Furien gepeitscht über das weite Feld ... Nach wenig Minuten biegt der Weg scharf in die Chaussee ein. Lothar neigt sich schwankend vor und hascht nach den Zügeln ... umsonst – der Mond bricht jäh durch die Wolken – dort – kaum zwanzig Schritte noch, ragen die Marmorbrüche und senken sich mit schwarzer Untiefe hinab – schnurgerade auf sie zu donnert das Gefährt, Funken sprühen unter den Hufen des dahinstürmenden Thieres. Schwindel erfaßt den jungen Offizier, er schwingt sich über den Wagenrand und will hernieder springen, da krachen auch schon die Räder an aufgethürmtem Felsgeröll, schnaufend bricht der Schimmel in die Kniee und schleudert das leichte Gefährt schmetternd gegen die scharfen Marmorblöcke. – – 3. Und suchst Du Deinen Trauten so geh zum Waldesgrund, wo zwischen Moos und Steinen die rothen Nelken weinen, da liegt er todeswund! Altes Lied. Gräfin Echtersloh schlug das Romanbuch zu und warf es klatschend auf den Tisch, ein ärgerlicher Blick streifte die Uhr, welche soeben mit zwölf langzitternden Schlägen Mitternacht verkündete. »Es ist unbegreiflich, wo sie bleiben!« klang es in harten, wenig sympathischen Tönen von den blassen Lippen, welche sich knapp und schmal über die außergewöhnlich starken Vorderzähne legten, so knapp, daß das grelle Weiß beständig hervorleuchtete und dem Gesicht der alten Dame einen ungewöhnlich scharfen Ausdruck verlieh. »Eben schlägt es zwölf und der Zug kommt bereits um sechs Uhr in Bierach an; ich finde es unbegreiflich rücksichtslos von Lothar, uns so lange warten zu lassen, um so mehr als er weiß, wie sehr ich mich auf seine Ankunft freue!« Momentan herrschte Schweigen, dann fuhr die Gräfin im gereizten Tone fort: »Nun? hält es keine von Euch der Mühe werth, mir zu antworten? Wie die Stockfische sitzt Ihr stundenlang am Tisch und kümmert Euch viel darum, ob sich Eure Mutter ängstigt oder nicht! O Du ewiges Schicksal, warum strafst Du mich mit lauter theilnahmlosen Kindern, die für nichts Sinn und Interesse haben als für ihr eigenes liebes Ich.« Und Excellenz warf den gewaltigen Fächer, welchen sie nervös auf- und zugeklappt, mit einem Ausdruck tiefster Verachtung zu dem Romanbande auf den Tisch. Comtesse Dolores hob langsam ihr blasses Gesicht: »Was sollen wir denn antworten, Mutter? Du fragst seit drei Stunden ununterbrochen dasselbe,« klang es in fast dumpfem Tone, »vorhin schlug es elf, jetzt Mitternacht, es wird vielleicht auch noch ein Uhr werden, bis der Bruder kommt. Abwarten und geduldig sein, das ist nun einmal die Bestimmung des Christen, ob hier oder dort,« und Dolores hob langsam die magere Hand zum Himmel und fügte salbungsvoll hinzu: »Wer beharret bis ans Ende, der wird selig!« Ein fast feindseliger Blick aus den hellen Augen der Gräfin streifte die Sprecherin: »Amen!« persiflirte sie, mit hohnvoller Kopfneigung, die Hände über der Brust kreuzend, »danke gehorsamst für den erbaulichen Vortrag, Hochwürden! Es ist doch wirklich etwas werth, wenn man fromme Töchter hat!« fuhr sie mit schneidendem Auflachen fort, »man kann dann wenigstens erleben, daß das Ei der Henne geisttödtende Wiederholungen in der Unterhaltung reprimandirt! O Himmel, warum bin ich unglückliches Weib dazu verdammt, mein bischen Leben in dieser Einöde zwischen Tugendspiegeln und Verrückten zu verkümmern. Gebetbücher und Altardecken, das ist die Augenweide, welche mir hier geboten wird, jede Minute ist vergeudet, welche ich in diesem lebendigen Grabe aushalten muß, und wie kurz ist solch ein Menschenleben verflattert!« »Und wie ernst ist die Stunde, in welcher wir über dieses nichtige Dasein abrechnen müssen!« Comtesse Dolores ließ die schwarzsammtne Decke sinken, auf deren Mitte sie mit Goldfaden Kreuz und Pokal stickte und richtete ihr graues Auge scharf auf die Mutter: »Ich dächte, Du hattest Dein Leben genossen, Mama; mehr vielleicht, als Du verantworten kannst!« Die Gräfin schnellte von ihrem Sitz empor und ballte die weiße Hand auf der Sessellehne. »Das wagst Du mir, mir, Deiner Mutter, zu sagen??!« rang es sich fast zischend von den schmalen Lippen. »Unerhört! Verlaß dieses Zimmer, elende Komödiantin, komm mir nicht wieder unter die Augen, oder – beim ewigen Himmel, ich vergesse mich und lehre Dich mit diesen Händen die Demuth, welche ein Kind den Eltern schuldet! Du erdreistest Dich, mich zur Rechenschaft zu ziehen, Du –« »Genug der Worte, Mutter, ereifere Dich nicht!« schnitt die monotone Stimme der Comtesse einen weiteren Ausbruch der Heftigkeit ab. Hoch und schmal stand ihre hagere Gestalt im Lampenschein, umflossen von eintönig grauen Wollenfalten, schlicht und schmucklos wie das Gewand einer Nonne. »Du zürnst mir als Tochter, ich vergebe Dir als Jüngerin des Herrn! Du zeihst mich der Pflichtvergessenheit und weisest mich in die Schranken kindlicher Demuth, ich aber entgegne Dir, daß jetzt nur die Christin zur Christin, die Magd Gottes zu ihrer Glaubensschwester spricht! Ich durchschaue Dich, Mutter, und sehe die breiten Wege der Hoffahrt und Eitelkeit, welche Du wandelst, ich habe den eiteln Tand und Flitter mit eignen Augen gesehen, welcher unser Vermögen untergraben hat! Ich lernte den Glanz verachten, hinter dessen grinsender Larve die ewige Nacht lauert. Wo wanderten die Banknoten und Goldrollen hin in der Residenz? Auf den Markt vergänglichen Plunders, auf den grünen Tisch des Lasters, welchen tückische Freunde auf das Parquet der eleganten Welt schoben! Wer hat dort gesessen und Unsummen in den Pfuhl der Hölle gestreut? Du! – wer hat Pariser Sammet und Seide kommen lassen? Du! Wer hat sich selber die Schlinge um den Hals geworfen und auf den Pfad gesteuert, welcher in dieser Einsamkeit hier endete? Du! – und darum ertrage auch Dein Schicksal mit Geduld und Ergebung und danke dem ewigen Himmel, daß er Dich nicht schwerer heimgesucht hat! Du nennst mich verrückt und scheinheilig? Was bleibt mir anders übrig als der Himmel, wenn mir meine eigene Mutter die ehrliche Existenz in der Welt untergraben hat! Du hast Deine Kinder um ihr Leben betrogen! Und Dir dies frei und rückhaltslos in das Gesicht zu sagen, das ist die einzige Rache, die ihnen dafür geblieben ist!« Es lag eine grausame Ruhe in der Stimme der jungen Dame und der erbarmungslose Blick der Augen wirkte wie lähmend auf die Sinne der Gräfin. Mit nervös zuckenden Gliedern sank sie in die Sesselpolster zurück. »Sie mordet mich mit ihrem Wahnsinn!« klang es erschöpft von ihren Lippen. »Und das ist der Dank für all' meine Liebe und Aufopferung. Was ich gethan habe, that ich für meine Kinder, um Euch mit dem vollen Glanz Eures Namens in die Welt einzuführen, gab ich alles dahin, was ich besaß, viel warf ich in die Wagschale des Lebens, in der Hoffnung, viel dafür zu gewinnen; um meine Töchter glänzend zu versorgen, machte ich mich selbst zur Bettlerin und das ist der Dank, das Mitleid, welches ich ernte!« »Nein Mutter, ich kenne kein Mitleid mehr!« erwiderte Dolores kalt, »wenigstens nicht für Feigheit. Warum versuchst Du es, Deine Schuld jetzt auf uns zu wälzen in der sinnlosesten Weise, über welche jedermann nur lachen kann? Jesabell und mich hast Du in die Welt geführt, nachdem unsere Finanzen bereits ruinirt waren. Ich habe zwei Jahre getanzt, meine arme Schwester nur einen einzigen kurzen Winter, in welchem bereits die zahllosen Rechnungen und Deine gereizte Stimmung ein jedes Vergnügen vergällten; Jesabell ist jetzt achtzehn Jahre alt, unser Vermögen aber haben die ersten zehn Jahre Deiner Wittwenschaft verschlungen, in welchen wir noch vergessen in dem Stift erzogen wurden und es nur aus Deinen flüchtigen Briefen erfuhren, wie himmlisch es sei, zu leben und zu genießen.« Eine leidenschaftliche Bitterkeit klang durch die monotone Stimme des jungen Mädchens, die Gräfin aber preßte mit schneidendem Lachen die Hände gegen die Ohren. »Genug, Dolores, genug; warum mußt Du armes Kind in einem Zeitalter leben, welches den öffentlichen Pranger abgeschafft hat und den Kindern nur noch die Zunge gelassen hat, um die eigene Mutter zu geißeln, o Lothar – Lothar, mein Liebling, warum kommst Du mir nicht zu Hilfe!« und Gräfin Echtersloh warf ihr Gesicht auf die Polster und brach in konvulsivisches Schluchzen aus. Regungslos stand Dolores und blickte auf sie herab, ein kühles Lächeln neigte ihre Mundwinkel, dann setzte sie sich gelassen wieder nieder und fuhr fort, die Goldfäden durch den schweren Sammet zu ziehn. Ihr gegenüber aber erhob sich hastig eine junge Dame und trat an den Sessel der Gräfin. »Mama, liebe Mama, weine doch nicht!« bat eine weiche Stimme, und Jesabell neigt ihr rosiges Gesichtchen zu der Wange der alten Dame, »daß es doch auch ewig zu solchen Scenen zwischen Euch beiden kommen muß, kein Tag vergeht mehr, ohne daß Ihr Euch veruneinigt.« »Du hast es ja selber gehört, Kind, wie Dolores mich gereizt hat!« fuhr Excellenz empor. »Ich konnte sie nicht unterbrechen, Mama, weil ich über der Wirthschaftsabrechnung saß und alle meine Gedanken zusammenhalten mußte! Du kennst ja die strengen Ansichten der Schwester und darfst nicht alles so peinlich auffassen, Ihr versteht Euch nun einmal nicht.« »Das weiß Gott!« seufzte Gräfin Echtersloh mit feindseligem Blick auf die bewegungslosen Züge ihrer Aeltesten. »Und nun seid wieder gut zusammen und schmollt nicht Tage lang. Was soll Lothar sagen, wenn er Euch in solcher Stimmung antrifft, es verleidet ihm ja von vornherein seinen ganzen Aufenthalt hier!« Die Gräfin zog ein Flacon aus der Tasche und netzte sich die Schläfen mit Eau der Cologne »Was hast Du eben gethan, Jesabell?« fragte sie ruhiger, »Wirthschaftsrechnung durchgesehn, hörte ich recht?« Das reizende Gesichtchen der Comtesse erglühte bis lief unter die schwarzen Haarlocken. »Ja, Mama, ich habe die Führung des Haushaltes selber übernommen, seit die Mamsell fort ist,« sagte sie leichthin, »es läßt sich manches viel sparsamer einrichten und außerdem macht es mir auch viel Vergnügen.« Die Gräfin seufzte auf. »Du selber die Wirthschaft führen? Mon Dieu , es ist entsetzlich – eine Comtesse Echtersloh!« rief sie, den Fächer hastig vor dem Gesicht auf und nieder bewegend. »So weit mußte es also kommen! Und die Mamsell? Was fällt der Person denn ein, uns zu verlassen?« »Sie hat seit einem Jahre keinen Lohn bekommen, Mama!« flüsterte das junge Mädchen mit geneigtem Haupt, »und da sich doch schließlich jeder selbst der Nächste ist, so hat sie uns gekündigt!« »Natürlich, was kann man auch anders von solchem Gesindel erwarten!« Die Lippen der Excellenz kräuselten sich verächtlich. »Von Anhänglichkeit ist da keine Rede, und wie viel Güte hat die Person von mir genossen! Wenn ich allein bedenke, all die kostbaren Toiletten, die ich ihr in der Residenz schenkte, hier auf dem Lande würde ich sie ruhig weiter getragen haben, bei Hofe war es nicht möglich. Was würde ich jetzt darum geben, wenn ich meinen Sammetrock mit der französischen Stickerei noch hätte, damals schenkte ich ihn fort, weil meine Jungfer einen kleinen Flecken mit Benzin gereinigt hatte und der Geruch mir so unbeschreiblich odiös war,« und die Gräfin überflog mit schnellem Blick ihre fadenscheinige Seidenrobe, welche mit unechten Spitzen garnirt war. »Nun, Gott sei Dank, Kinderchen, in vierzehn Tagen gehen wieder neue Zinsen ein, und wenn Lothar kommt und hoffentlich dem verrückten Menschen im Kiosk drüben den Majoratsherrn abgewinnt, dann hat es vollends ein Ende mit all unserer Noth, dann gießt Fortuna noch einmal ihr Füllhorn über uns aus.« »Gott soll mich bewahren, jemals dieses Sündengeld zu berühren!« klang es frostig von Dolores herüber. Ein spöttischer Seitenblick war die einzige Antwort der Mutter, Excellenz war plötzlich guter Laune. »Reiche mir einmal den Karton von der Kommode, liebe Jesabell!« rief sie mit scharfer Betonung dem jungen Mädchen nach, welches an den Flügel trat und ihn öffnete. »Laß jetzt Dein Spielen, ich wünsche nachher mit Dir Patience zu legen. Ah, da ist ja die Sendung, Gerson wird hoffentlich auch Deine Zufriedenheit erwerben!« und Gräfin Echtersloh schlug die Seidenpapiere auseinander und entfaltete zwei köstliche Weiße Spitzenshawls. »Herrlich! excellent!« rief sie mit leuchtenden Augen, die glänzenden Falten über dem dunklen Tischteppich zusammenraffend, so daß sich die weißen Seidendessins noch mehr hervorhoben, »und denke Dir, Lieb, beide Fichus zusammen nur einhundertzwanzig Mark, das ist doch ein Spottpreis, man darf es wirklich gar nicht bei andern Menschen sagen.« »Einhundertzwanzig Mark?« wiederholte Comtesse Dolores wie mit Grabesstimme, »für ein paar Tüllfetzen, die hier auf dem Lande im Schrank vergilben werden? Das nenne ich ein Sündengeld, dafür hättest Du lieber die dringendste Forderung Deiner Modistin befriedigen sollen.« »Das nächste Mal werde ich Dich um Rath fragen, meine Tochter!« Die Lippen der Gräfin schürzten sich noch höher über die Zähne, »apropos, Jesabell, die Sachen hier sind bereits bezahlt, ich habe das Geld sofort mit der Bestellung eingesandt.« »Und wo hattest Du das Geld her, Mama?« Dolores richtete die grauen Augen durchdringend auf das Antlitz der Gefragten, »es waren vor acht Tagen noch sieben Mark in unserer Kasse.« »Hattest Du gespart, Mamachen?« Jesabell zwang sich zu einem heiteren Ton, um die beißende Schärfe der Schwester zu mildern, »oder hast Du hier vielleicht einen: »Sesam, Sesam öffne Dich« entdeckt, in welchem noch unermessene Schätze ruhen?« Die Gräfin lächelte. »Nein, Kleine, das könnte höchstens der Kiosk des Majoratsherrn sein, in welchem allerdings das Vermögen der Echterslohs schlummert; aber dahinein dringt kein Sterblicher, am wenigsten Deine Mutter! Woher ich das Geld habe, geht keine naseweise Fragerin etwas an, wenigstens ist es mir noch unbekannt, daß Fräulein Dolores zu meinem Vormund eingesetzt ist.« Um die Lippen der jungen Dame zuckte es, aber sie neigte schweigend das blonde Haupt und zog ruhig die Nadel durch den Sammet – voller und leuchtender trat das Kreuz daraus hervor, und auf seinem Stamm begann Dolores die Worte einzusticken: »Nehmt auf euch Sein Joch und lernet von Ihm.« »Gieb die Karten herüber, Jesabell, wir wollen eine Patience legen, ob Lothar bald kommen wird,« rief Excellenz über den Tisch, und preßte das Battisttuch gegen den geöffneten Mund; sie begann mit der Zeit müde zu werden. Die Lampe brannte mit gedämpftem Licht auf dem runden Tische von Ebenholz, einen unsichern Schein über das Thurmzimmer werfend, welches die Gräfin zu ihrem Boudoir bestimmt hatte. – Hohe, mit schwerem Damast bekleidete Wände trugen den kostbaren Plafond, über welchen sich ein kunstvoll gearbeitetes, von der Zeit allerdings in seinen Farben gedunkeltes Netz üppigster Blumengewinde zog, an allen vier Ecken aus goldenem Füllhorn strömend, welches pausbäckige Engel lächelnd über die Lockenköpfchen emporhielten. Korrespondirend mit Decke und Wandbekleidung war das überaus werthvolle Mobiliar, dessen gefällige Formen den Geschmack der Renaissancezeit verriethen, dunkelgrüne Atlaspolster, deren aufsteigende Lehnen in ovalen Medaillons zierlichste Pastellmalerei zeigten. Fast plump und geschmacklos in dieser Umgebung nahm sich der moderne Flügel aus, welcher mit seinem polirten Dreieck weit in das Zimmer ragte, fremd und absonderlich, wie ein Stück nüchterne Kultur, welches ein Sturmwind in einen Märchenwinkel verschlagen. – Es war aber der ausdrückliche Befehl der Gräfin gewesen, ihr geliebtes Instrument in nächster Nähe zu wissen, denn welch eine Zerstreuung war ihr noch in dieser Einöde geblieben, als wie die weiß glänzenden Tasten, welchen sie allerdings auch mit Meisterschaft die vollen Klänge entlockte. Gräfin Echtersloh besaß nur dieses einzige Talent, aber sie hatte es gewissenhaft ausgebildet, und wenn die langen, ringgeschmückten und sehr knöchernen Finger über die Tasten glitten, wühlend in brausenden Akkorden, und wiederum leise, schmachtende Melodien darauf hervorlockend, dann verstummte ringsum das Zischeln und Höhnen, und die boshafte Menge hatte es vergessen, daß jenes Weib vor dem Klavier die Gräfin Echtersloh sei, daß die Brillanten an ihrem Halse falsch, der schleppende Atlas um sie her noch nicht bezahlt war ... Die Zeiten aber waren vorbei, wo Frau Leontine im Glanz von hundert Flammen an den Flügel geführt wurde, wo Seine Königliche Hoheit selber ihr den Arm bot, und dann sich schweigend an das Instrument lehnte, um ein Antlitz zu studiren, in welchem man keinen einzigen Zug schön nennen konnte, und welches dennoch der Magnet eines jeglichen Festes war, die Sonne, um welche das Sternenheer der Jeunesse dorée kreiste! Gräfin Leontine wollte schön sein, und darum war sie es auch. Was die Natur versagte, ersetzte die Kunst, was nicht versteckt werden konnte, brillirte unter der Glasur einer zauberischen Liebenswürdigkeit, welche unterstützt von Geist und Grazie das Wunder vollbrachte, die junge Wittwe als gefeiertste Schönheit der Residenz gelten zu lassen. – Man umschwärmte sie, suchte ihre witzsprühende Unterhaltung, bewunderte die oft raffinirte Pracht ihrer Toilette, sagte sich voll tiefster Ueberzeugung, daß die schöne Gräfin recht kokett sei, und weder ihre Augen, noch ihr Mund Anspruch auf Schönheit machen könnten, dennoch küßte man ihr die kleinen Hände und dachte: »Alle Welt verehrt sie, und die große Menge hat immer recht, allons donc , schwimmen wir also mit dem Strom!« – Jahre lang flatterte die strahlende Erscheinung Leontinens über das Parquet der Residenz, sie lachte, tanzte und amüsirte sich, und wenn die Revenuen nicht Schritt halten wollten mit all' den enormen Ausgaben, dann griff sie zum Kapital, und als dieses mehr und mehr zusammenschmolz, da ließ sie Rechnungen schreiben. O selige Nächte, wenn die Gräfin von Spiel und Tanz zurückkam, Seide und Crêpewogen um sie her, Orangenduft und Goldstaub, und wenn sie dann auf den Klaviersessel niedersank, das Haupt in süßem Traum zurückgeneigt, die dunkle Haarespracht noch zusammengehalten von entblätterndem Kranze, und nun in die Tasten griff, um ein süßes Bild der Erinnerung in Tönen zu malen, zusammengewebt aus den Triumphen der letzten Stunden, aus Haß und Liebe, Hangen und Bangen, tausend Räthseln eines leidenschaftlichen Weiberherzens! – – Ja, das war eine wonnige Zeit, das waren die Tage der Rosen! ... und was ist von ihnen übrig geblieben? ... Dort in dem einsamen Thurmzimmer von Casgamala, geduldet nur auf dem Grund und Boden des gehaßten Stiefsohnes, sitzt Gräfin Leontine und flucht ihrem Schicksal. Ihr Scheitel ist ergraut unter Enttäuschung und hereinbrechender Roth, dennoch wiegt sich auf ihm ein koquetter Spitzenaufschlag mit rosa Bandschleifchen, und auf dem Toilettentisch versteckt sich ein kleines Flacon fast erröthend hinter dem Lavoir: »Haarfärbemittel« steht voll echt deutscher Ungeschliffenheit darauf. – Hager und gezerrt erscheinen die einzelnen Züge ihres Gesichtes, wie vergilbtes Pergament zieht sich die Haut darüber, namentlich seit letzter Zeit, wo Puder und Rouge allzu großer Luxus für diese Einöde und das verständnislose Bauernvolk sind, und die Zähne, welche man früher zwischen den purpurnen Lippen bewunderte und sie vorwitzige kleine Perlen nannte, die starren jetzt unangenehm aus dem blassen Mund, ebenso unschön wie der scharfe Blick des Auges, in welchem sich die ganze Erbitterung eines tief enttäuschten Gemüthes spiegelt. Dennoch wollen die Lippen noch immer lächeln, und die hageren Schultern drapiren sich gar zu gern mit duftigen Spitzen, auch jetzt zittern Bandschleifen und Blonden darum her, und an der eingesunkenen Brust leuchten drei grellfarbige Nelken. Gräfin Echtersloh ist Mutter von drei Kindern, Dolores, Lothar und Jesabell. Lothar, ihr Stolz, ihr Liebling! Er steht bei den Garde-Dragonern in der Residenz, schön wie ein Gott, flott und übermüthig wie ein echter Sohn der Frau Leontine: »Mein Helios!« nennt ihn die entzückte Mutter. Mit ihm harmonirt sie vollständig, seine Passionen sind die ihren, seine Ansichten sind das Echo der eigenen, in der Schönheit des Sohnes lebt das Andenken der Mutter noch einmal auf. – Warum mußte Lothar der zweitgeborne Sohn sein? Warum stellt das Schicksal jenen häßlichen verrückten Menschen im Kiosk als widerwärtiges Hemmniß auf seinen triumphreichen Lebensweg, ihm durch diese verschollene Existenz das Majorat entziehend, in dessen Schooß der Segen des Reichthums schlummert? – Desider hat ja ein bedeutendes mütterliches Vermögen, warum wird gerade er noch mit all' diesen Glücksgütern überschüttet, er, der wie ein Todter zwischen Ruinen und einsamen Wäldern lebt? – – – Oh, nur Geduld mein Lothar, mein Liebling, es ist noch nicht aller Tage Abend! Dolores wird gehaßt von ihrer Mutter; wie Feuer und Wasser stehen sich beide Frauen gegenüber. Wie kommt Gräfin Leontine überhaupt zu einer solchen Tochter? – Es ist unfaßlich; starr und streng wandelt die Comtesse ihren Weg. Ihr Auge ist grau und erbarmungslos, ihre Lippen kennen keine Schonung, wie ein steinernes Bildnis sieht sie aus, auf dessen junge Stirn das Schicksal ein unheimliches Mal gezeichnet: dicht verwachsene Augenbogen, hinter deren scharfer Wölbung Haß und maßlose Erbitterung wohnen. – Dolores ist fanatische Katholikin; stundenlang liegt sie in der Grabkapelle auf den Knien und murmelt Gebete, ein graues Wollenkleid, lang und schmucklos wie ein Talar, fließt in weichen Falten von ihren Hüften, zur Seite schaukelt sich der Rosenkranz, und weiche Sohlen machen ihren Gang unhörbar, als schwebe sie wie die Frau Sorge aus der Fabel, über den Weg ihrer Mitmenschen. In schlichten Scheiteln legt sich das aschblonde Haar an ihre Schläfen, und verschlingt sich am Hinterkopf zum spärlichen kleinen Knoten, welchen Bruder Lothar zum Amüsement der Gräfin, »das heilige Zwiebelchen« getauft hat. – Lothars Witze sind oft unbezahlbar! Comtesse Jesabell, die jüngste der drei Geschwister, war der Liebling des so früh geschiedenen Vaters. – Dunkellockiges Haar umrahmt ihr rosiges Gesichtchen, so frisch und lieblich wie eine jung erschlossene Knospe, um welche die ersten Sonnenstrahlen zittern, zwei große rehbraune Augen leuchten darin, umrahmt von seidenweichen Wimpern, welche ihre langen Schatten auf den Sammet der Wangen malen. – Seit kurzer Zeit jedoch liegt oft eine ernste Wolke auf der klaren Stirn, das Mündchen faltet sich seufzend und redet so klug und überlegt, als hätte es sein Lebenlang wie ein kleines Hausmütterchen über Butter, Eier und Wirthschaftssorgen verhandelt. – O hätte nur die Frau Gräfin Mutter zeitweise hinab in das kühle Milchgewölbe schauen können, um es mit Nervenschütteln anzusehen, wie ihre jüngste Tochter im hoch geschürzten Kattunkleidchen und Druckschürze zwischen den spärlichen Vorräthen hantirt und die Tragkörbe der braven Mutter Laubmann mit geschickten Händchen füllend, endlich einen flehenden Blick in das runde Gesicht der Alten wirft, um ihr geheimnißvoll zuzuflüstern: »Aber vorsichtig, Sibylle, daß ja kein Mensch merkt, daß ich etwas auf dem Markte verkaufen lasse – gieb es in Gottes Namen noch um einen Groschen billiger hin, wie das letzte Mal, nur bring' Geld heim, Sibylle, ich weiß ja sonst nicht wie ich auskommen soll! ...« Und welcher Jubel, wenn Frau Sibylle dann zurück kommt aus der Stadt, schmunzelnd ihr schmales Lederbeutelchen in die Hand Jesabells schüttelt und, mit wohlgefälligem Nicken berichtet: »Hier, meine liebe gnädige Comtesse, heute sind's noch fünfzig Pfennige mehr wie das letzte Mal!« Fünfzig Pfennige, welcher Reichthum! Dafür bezahlte Jesabell sofort das letzte Paar Tauben im Dorf, welches Gräfin-Mutter jüngst zum Frühstück befohlen hatte. – Jetzt sitzt sie neben Frau Leontine im Thurmboudoir und mischt die Karten. »Es will absolut nicht aufgehen, Mama!« sagte sie endlich aufblickend, »wir haben alle Patiencen durchprobirt, weißt Du, was ich glaube?« – die Gräfin schaute sie fragend an – »Lothar kommt heute überhaupt nicht und Laubmann bleibt auf der Station bis zu dem Frühzug! Es ist gleich ein Uhr; ich dächte, Du gingest jetzt zur Ruhe, Mama, und begrüßest den Bruder lieber morgen mit frischen Kräften! Dolores und ich können ja noch ein Weilchen hier bleiben!« Gräfin-Mutter nickte schläfrig: »Du hast recht, petite , es ist eine schreckliche Zumuthung, dieses: Warten, und ich hoffe, Lothar ist nicht so rücksichtslos es zu verlangen! Ich werde denn in mein Schlaf-Zimmer gehen – schelle der Lore, daß sie mir behilflich ist!« Jesabell erhob sich und schritt zu der Thür. Noch aber legten sich ihre schlanken Finger nicht auf die Klinke, als die schweren Eichenflügel auch schon hastig aufgestoßen wurden, und Frau Sibylle Laubmann leichenblaß auf der Schwelle stand, hinter ihr erschien Lore mit gerungenen Händen. »Ach, Frau Gräfin, ach du allmächtiger Gott!« – rang es sich mühsam von den Lippen der korpulenten kleinen Frau – »ach dieser Schrecken, dieses Unglück! – o du heiliger Clemens, ich glaube, mich rührt noch nachträglich der Schlag! – Und jeglichen Respekt hintansetzend sank Sibylle auf den nächsten Stuhl, die Arme in die Hüften gestützt, mit weit geöffneten Augen Luft schnappend. Jesabell wich erschrocken zurück. – »Was ist geschehen, Sibylle? Um alles in der Welt, ist ein Unglück passirt?« – Und mit zwei Schritten stand sie neben der Kutscherfrau, und umklammerte ihren Arm – »komm' zu Dir Sibylle, ich beschwöre Dich« – »Ach Frau Gräfin ... ach gnädigste Comtesse ...« Dolores hatte sich langsam erhoben, sie wandte sich von der Mutter zurück, welche zitternd, regungslos in ihrem Sessel verharrte – »Sie bringt eine Hiobspost, Frau Laubmann!« sagte sie mit steinernen Zügen, »Ihr Mann und Lothar haben ein Mißgeschick gehabt – der Wagen ist zerbrochen?« »Ach, wenn's nur das wäre – Comtesse – ach der unglückliche Herr Graf – so jung noch ... und doch schon ...« Und Sibylle schlug die breiten Hände vor das Gesicht und schluchzte herzzerreißend. Wie elektrisirt sprang die Gräfin empor. – »Mein Sohn, mein Lothar?« – schrie sie gellend auf – »er ist todt, Sibylle – sage – er ist todt!« – und sie wühlte die Finger in ihr toupirtes Haupthaar und lief wie eine Irrsinnige im Zimmer auf und nieder. »Todt?! das wolle Gott verhüten!« – Jesabell faßte beschwörend die kleine Frau an beiden Schultern – »Sprich, Sibylle, martere uns nicht länger!« Dolores regte sich nicht, nur ihre Äugen folgten mit fast ironischem Blick der Excellenz, welche mit theatralisch verzweifeltem Wehklagen auf der Causeuse zusammengesunken war. »Eben kommt mein Mann ...« beginnt Sibylle mit stockender Stimme – »ganz urplötzlich ... ich sitze gerade und flicke ihm noch seine alte graue Jacke zurecht ... und denke gerade so in meinen dummen Gedanken, na jetzt wird ja der Wagen bald kommen ... und du lieber Gott ... welche Freude ... wenn der junge Herr Lieutenant erst im Haus ist ... dann giebt es ein bischen Leben hier ... und die Frau Excellenz ... wird dann so alle Kinder um sich haben ... und ... und ...« »Laubmann kam allein?« fragte Jesabell mit bleichen Lippen – »schnell doch, Sibylle ... warum denn allein? »Und wie ich das also gerade eben denke, da poltert etwas auf dem Gang draußen und tappt gegen die Thüre wie ein Betrunkener ... und wie ich schon ganz erschrocken aufschreien will ... da steht auch schon mein Alter auf der Schwelle ... ach du mein Herr Jesus, wie sah der aus! – Zerfetzt und über und über mit Schmutz bespritzt, und keine Mütze mehr auf dem Kopf, und so weiß, als wäre kein Blutstropfen mehr in dem ganzen Gesicht drin ... Und da schwankt er nur noch so auf sein Bett zu und stöhnt wie ein Sterbender ... ›Sibylle ... lauf in's Schloß ... der junge Graf‹ ... –« Frau Laubmann hielt abermals inne und schlug die steife Kattunschürze knisternd vor die überströmenden Augen. »Was ist mit ihm? – er ist todt!« gellte es von den Lippen Leontinens. »Ach Frau Gräfin ... der junge Herr hat es ja nicht gewußt mit dem Irrgeist von Casgamala, und da hat er seinen Scherz machen wollen und hat sich im Wagen aufgestellt und ihn ganz laut in die Nacht beschworen, daß er ihm erscheinen solle! Und kaum, daß er nur das Wort über die Lippen gebracht hat, da blitzt es auch schon vor ihnen auf, so grell und schauerlich, daß man es gar nicht beschreiben kann! – Mein Alter hat gerade noch so viel Zeit gehabt aus dem Wagen zu springen, dann ist aber der Schimmel auch schon wie toll und wild querfeldein gerast, direkt auf die Steinbrüche zu ... ach du mein Herr Jesus ... wo mag der arme Lieutenant jetzt liegen!« ... Und Lore und Frau Laubmann erhoben a tempo ein solch klägliches Schluchzen, daß selbst der Angstschrei der Gräfin davon übertönt wurde. »Er hat den Irrgeist beschworen?« fragte Dolores kalt. »Dann hat er seinen gerechten Lohn empfangen, der leichtsinnige Patron!« – Und sie faßte gelassen ihre Stickerei zusammen und wandte sich zur Thür. »Fühllose Schlange!« knirschte es zwischen Leontinens Zähnen. Jesabell vertrat der Schwester erregt den Weg. »Wo willst Du hin, Dolores? – Wir müssen hinaus und den Bruder suchen!« – rief sie mit thränengefüllten Augen – »wer weiß, wo der Unglückliche mit zerbrochenen Gliedern liegt!« »Da, wo ihn die Vergeltung hingeschleudert hat!« klang es voll grausamer Härte zurück, »geht hin und seht, ob ihr den Leib noch retten könnt, ihr Kleingläubigen; ich werde versuchen, ob ich die Seele dem Himmelreich erhalten kann, ich werde für den gewissenlosen Spötter – beten!« – Und die Comtesse wandte sich ab und verschwand lautlos durch die Thür. »Es ist unglaublich!« stöhnte die Gräfin mit geballter Hand, Jesabell aber richtete sich resolut in die Höhe. »So wollen wir ihn allein suchen, Mama!« rief sie hastig, »schnell, Lore, lauf hinüber zu dem Pächter und klopf ihn heraus! Es soll sofort ein Wagen angespannt werden, und wenn Herr Kirschner selber mitfahren wollte, so wären wir zu großem Dank verpflichtet!« Lore stürmte mit dickverweinten Augen davon und Frau Laubmann sprang ebenfalls eifrig von ihrem Stuhl empor. »Ich habe es bereits dem Christian gesagt, Comtesse,« rief sie, das niedergesunkene Kopftuch wieder unter dem Kinn schlingend, »er hat schon Alarm gemacht auf dem Hofe! Wenn nur mein Alter mit könnte, aber Du lieber Heiland, der liegt ja wie ein Stück Holz und regt sich nicht! Der Schreck ist ihm zu gewaltig in die Knochen gefahren, und dann hat er fast ein und eine halbe Stunde die Kreuz und die Quer in der Dunkelheit herumgesucht, bis er den rechten Weg hierher gefunden hat!« »Ich hole mir einen Shawl, Mama,« rief Jesabell erregt, »was darf ich Dir mitbringen? Die Nacht ist kühl und stürmisch!« Die Gräfin schnellte momentan aus ihren Polstern empor. »Ich? Ich soll doch etwa jetzt in meinem nervösen Zustand nicht mit in die Nacht hinaus? Jetzt, wo all' meine Glieder wie im Fieber zittern? Du bist rücksichtslos genug, es mir zuzumuthen, Jesabell!« Und Frau Leontine sank wieder wehklagend auf die Causeuse zurück. »Gieb mir mein Flacon, es dreht sich mir alles im Kreise wie eine Ohnmacht! oh, Mon Dieu , es ist zu viel für mich unglückliches Weib! Jesabell, wenn wir jetzt Lothar verloren hätten, all' meine Pläne wären vernichtet, das Majorat fällt an den Vetter – und wir – o mein Gott, es ist garnicht auszudenken, verloren, für ewige Zeiten der Armuth preisgegeben!« Die Comtesse wandte sich fast ungestüm zurück. »Wie ist es nur möglich, Mama, daß Du jetzt an uns denken kannst, wo der unglückliche Bruder vielleicht mit dem Tode ringt!« rief sie außer sich, »wenn Du mich nicht begleiten willst, gehe ich allein! Sei einmal etwas resolut, Mama, beiße die Zähne zusammen, hier ist Dein Flacon, suche allein fertig zu werden, unsere Hilfe gehört Lothar!« »Ja, hilf ihm, petite , hilf ihm!« hauchte Excellenz matt, »ich kann nicht mit, der Anblick eines Verwundeten ist mir unerträglich, ich habe noch nie einen Todten gesehen. Aber ich bitte Dich, Jesabell, wenn er wirklich schon eine Leiche ist, laß ihn in das Pachterhaus schaffen, nicht hierher in das Schloß, sonst habe ich keine ruhige Minute mehr!« Die junge Comtesse preßte die Lippen zusammen, Sibylle aber richtete ihre robuste Figur stramm empor und maß die Gräfin mit fast feindseligem Blick. »Wenn die Excellenz Gräfin Sie nicht begleiten will, liebes Fräulein Bellachen, dann müssen Sie schon erlauben, daß ich mit Ihnen gehe, denn so mutterseelenallein kann doch eine junge Dame mit dem Mannsvolk vom Pachthof nicht in den Nebel hinaus! Holen Sie sich schnell ein Tuch herbei, ich stecke indeß noch eine Laterne an und dann wollen wir in Gottes Namen sehen, wo wir den jungen Herrn finden werden!« – Sie schob das junge Mädchen am Arme mit sich durch die Thür und drückte ihr hastig die kleine Hand. »Um Sie sollte es mir leid sein, wenn er in den Marmorbrüchen läg', Comtesse, die beiden andern aber« – und sie wies grimmig mit dem Daumen nach dem Zimmer zurück, »die verdienten's, daß Graf Lothar ins Pachthaus getragen würde!« 4. Im tiefen Waldesdunkel Da steht ein altes Schloß: Ein Bild vergangener Zeiten, War prächtig einst und groß Doch heute ist's zerfallen. Und Raben hausen drin, Die schönen alten Hallen Sind wie die Zeit dahin! Bernard Nun läßt der Himmel seine Purpurgluten In vollen Strömen um die Trümmer fluten Und von den Zinnen seh ich Epheuranken, Vergänglichkeit, Dein grünes Wappen schwanken. Geibel . Die Mittagssonne strahlte über Casgamala. Wie ein fremdes, wunderliches Felsennest hing das grüne Gemäuer auf dem plateauartigen Vorsprung des Bergkammes, welcher jäh zu dem Flachland abfallend, seine pittoresken Granitformen scharf gegen die blau verschwimmende Himmelsluft abzeichnete. Weit vor ihm dehnte sich die Ebene aus, öd' und einsam, wechselnd zwischen rothschimmernder Haide und endlos gedehnten Waldungen, deren dunkle Färbung der ganzen Gegend einen düsteren, fast melancholischen Charakter verlieh. Plötzlich aber von dem Gebirgszug begrenzt, dessen gewaltige Felsmassen wild und klüftig emporragten, ein schwindelnder Horst dem Geier, eine rauhe Wiege dem tobenden Bergwasser, welches brausend aus enger Kluft hervorschießt. Hoch überragt von zackigen Firnen liegt Casgamala, ein Räthsel dem Wanderer, eine verwehte Blüthe spanischer Herrlichkeit, welche fern an deutscher Bergwand Wurzel geschlagen. Rings umher athmet deutsches Leben, weht deutsche Luft und strahlt der deutsche Himmel, Casgamala aber steht fremd und unverstanden inmitten und wartet gleich dem verzauberten Dornröschen auf den heißen Liebeskuß seines Erretters, um noch einmal in lang versunkener Märchenpracht aufleben zu können. Es ist sehr selten, daß ein Fremder durch diese Gegend streift, es müßte denn gerad' einer von den tausend wunderlichen Gelehrten sein, welcher hinauf in die Felsen klettert und allerlei Kraut und Pflänzlein zwischen dem Geröll hervorsticht; wenn er aber tagelang über die Haide, durch eintönigen Wald und flache Felder gefahren ist und nun endlich die majestätischen Riesenhäupter vor sich zum Himmel ragen sieht, dann richtet er sein Glas plötzlich ganz erstaunt auf einen weiß schimmernden Punkt, und je näher er kommt, desto größer wird sein Interesse, bis es sich endlich in Worten kund giebt. »Ist das ein Schloß oder eine Ruine da oben?« fragt er den Kutscher, und der nimmt für einen Augenblick die Pfeife aus dem Munde und entgegnet in seiner lakonischen Weise: »Das ist halt Casgamala, Ew. Gnaden!« »Casgamala? Welch sonderbarer Name, wie kommt der urplötzlich in diese deutsche Einöde?« Und der Wißbegierige nimmt sein Reisebuch zur Hand und schlägt auf: »Casgamala, altes Schloß auf der östlichen Seite des †††Gebirges (zum Theil Ruine); 600 Fuß über dem Meeresspiegel, vermuthlich aus dem dreizehnten Jahrhundert, mit theilweise restaurirtem Neubau verschiedener Jahrhunderte, Überresten orientalischer Bauten und Parkanlagen, worunter bemerkenswerth ein Obelisk mit spanischer Inschrift, sowie eine noch wohlerhaltene Eklesia verschiedenartigster Skulptur und Deckenmalerei. Das Schloß ist im Besitz des Grafen von Echtersloh, unbewohnt.« Das war alles, was in dem alten Schriftchen zu finden war. Entweder fuhr der Reisende unbekümmert weiter, oder er machte den kleinen Umweg über Casgamala, ließ sich von dem lahmen Kastellan treppauf und treppab führen, hörte kopfschüttelnd das »Märchen von der schönen Gräfin, dem Irrgeist des Schlosses,« wandelte staunend durch die wunderliche Gartenwildniß voll rankender Rosen, gestürzter Säulen und wuchernden Unkrauts und athmete auf, wenn sich endlich wieder das rostige Eisengitter hinter ihm schloß. Umzittert von der Sonne Liegt morsch der Kirch' Gestein, Geöffnet sind die Grüfte, Zerstreut liegt das Gebein. Einst durftest stolz Du prunken, Bild der Vergangenheit, Verfallen und versunken – Das ist der Fluch der Zeit! – Etwas höher am Gebirge, kaum zwanzig Minuten entfernt liegen die Ruinen eines Klosters. Dahin kommt wohl nie eine Menschenseele, nur der Steinmarder springt im Mondenschein über die ausgewaschenen Fliesen und Fledermäuse kreisen um das modernde Gestein. Wenn die Sonne darüber steht und ihre blendenden Strahlen hinab in die feuchten Gewölbe tauchen oder neugierig um den letzten Überrest des ehemaligen Kreuzganges spielen, an dessen nördlicher Wand ein paar Steinbilder starren, mit todten Augen und zerbrochenen Gliedern, in deren gemeißelten Vertiefungen grünliches Moos wuchert, dann reckt sich wohl auch hie und da ein schillerndes Köpfchen mit klugen Rubinaugen aus den Rissen und Spalten, lugt vorsichtig ringsum und klettert dann, den schlanken Eidechsenleib behende nach sich ziehend, über Geröll und Wurzeln hin in den warmen Sonnenschein, welcher so verlockend auf den grauen Statuen glüht. Ernste, steife Mönchsgestalten sind es, mit faltigen Gewändern und hoher Bischofsmütze, im Arm die Bibel oder den Hirtenstab, zu Füßen die tiefgravirte Gedenktafel, vor deren lateinischen Räthseln die Dorfkinder oft still stehen und die kleinen Köpfe schütteln. Ja, die Dorfkinder sind noch die besten Freunde von den stummen Gesellen im Kreuzgang, wenngleich sie sich auch nur in großer Schar in das alte Gemäuer wagen, um in dem Schatten der Trümmer eine kurze Weile auszuruhen. – Wie lieblich sitzt es sich zur Mittagsstunde auf den verwitterten Blöcken und Marmorsäulen, am Arm das Körbchen voll duftender Waldbeeren, voll bunter Glöckchen und zierlicher Farrenblätter, zu Häupten den hochgespannten Sommerhimmel, und vor den Blicken die weite Thalebene, dahingestreckt bis an den blauen Horizont, lauter Haide, Steppe und Nadelwald, selten ein schmaler Goldstreifen wogenden Getreides. Direkt zu Füßen liegt Casgamala in seinem Zauberschlafe, hohe majestätische Hallen, durch deren spitzgewölbte Fenster der Himmel schaut, ragende Thürme mit zackig gebrochenen Häuptern, aus welchen das grüne Gesträuch herniederhängt, leise vom Wind bewegt, als wolle es dem wuchernden Epheu winken, welcher seit Jahrhunderten schon mit sehnsüchtigen Ranken zu ihm emporstrebt. Rechts zur Seite erhebt sich der Neubau, mit massiven Quadermauern und blinkenden Fensterscheiben, röthlich schimmernd im Sonnenlicht, und gekrönt von runden Eckthürmen, welche fest und trotzig an allen vier Seiten emporragen. Zwei uralte Gemäuer schließen sich ihm an der westlichen Seite an, schwankend zwischen Verfall und Bestehen, bemoost und überschattet von den dunkeln Lindenkronen, welche im Schloßhof vor grauen Jahren von der Hand eines Echtersloh als unscheinbare Reislein in den Boden gesenkt wurden. Dieser Theil des Schlosses sah übel aus, finster und unheimlich, zum Theil durch den letzten zerstörenden Brand geschwärzt und eingeäschert, dennoch war er noch nicht Ruine. Eine Reihe saalartiger Gemächer zog sich durch den ersten Stock, wenig möblirt, manche sogar völlig unwohnbar gemacht durch die hohen Schutthaufen, welche niederfallender Mörtel und Kalk auf dem schwärzlichen Parkett gebildet hatten; schwere Moderluft wehte darin und die kostbaren alten Brokatstoffe auf Möbeln und Wänden hingen zerfetzt und schimmelnd an dem wurmstichigen Gehölz hernieder. Hier hatte jedes einzelne Zimmer seine Geschichte, jedes einzelne seinen besonderen Spuk, welcher nächtlich darin hauste und schleppenden Schrittes die Stufen niederstieg bis in die grausigen Verließe, an deren Steinpfeilern noch eiserne Halsringe und Ketten von der Grausamkeit der guten alten Zeit erzählten! O ja, Casgamala hatte schon viel gesehen und erlebt auf seinem steilen Bergeshang. Da war gleich rechts am Eingang dieses verrufenen Schloßflügels die große kellerartige Halle, von Säulen getragen und durch tiefgehöhlte Fenster spärlich erhellt, in welcher die Grafen von Echtersloh vor grauen Jahren Gericht über ihre Leibeigenen hielten, ein strenges, unerbittliches Gericht! Noch jetzt führte eine enge Wendeltreppe direkt in die Gewölbe hinab, deren furchtbare Finsterniß manch unglückliches Opfer verschlungen hatte. Wehe dem vorwitzigen Sterblichen, welcher sich um Mitternacht allein in diesen Raum wagt, er hört ein Wimmern und Stöhnen, ein Aechzen und Seufzen und klagenden Hilfeschrei, um ihn her huscht es wie dunkle Schatten und die Stufen herauf rasselt und klirrt es, eine dumpfe Stimme spricht das »Zeter über die vermaledeite Hexe!« und splitternd bricht der Stab. Droben im ersten Stock, das dritte Zimmer! Die Wand ist mit bräunlichen Eichenplatten getäfelt, ein mächtiger Kachelofen ragt noch empor, sonst ist alles leer, blind und staubig darin. Um die zwölfte Stunde aber prangt inmitten eine kleine, reichgedeckte Tafel voll gewaltiger Humpen und Kannen, drum her johlt und lacht es, tolle, übermüthige Kriegsgesellen mit Stulpstiefeln, Sporen und Koller. »Wer weiß, ob wir morgen noch leben, d'rum laßt uns heute lustig sein!« ruft der kleine Feldherr mit dem Knebelbart und den stechenden Grauäuglein, »die verfluchten Brandenburger haben uns genug Freudenfeuer dazu angesteckt!« Und er faßt den Humpen mit beiden Händen und setzt ihn an. »Nieder mit Brandenburg!« lallen ihm die weinschweren Zungen nach. Da klirrt es leise auf der Treppe, die schwere Thüre fliegt krachend auf und helle Schwerter blitzen darin. »Verrath! Verrath!« schreit es gellend auf, wilder, kurzer Kampf um Ehre und Leben, und der rothe Wein fließt über die Dielen und das rothe Blut mischt sich darein, und unter dem Tisch liegt der Mann mit dem Federhut und der goldenen Kette auf der Brust, mit klaffender Stirnwunde und dem zerbrochenen Degen in der Hand. »Heil dem Hause Oesterreich!« hat die erbleichende Lippe geseufzt. Und weiter. Hörst Du nicht das geheimnißvolle Rascheln und Kichern auf dem langen Korridor? Da kniet ein alter hagerer Mann mit wirrem Haupthaar auf den eingesunkenen Dielen, ein grauer, pelzbesetzter Schlafrock hängt lässig um ihn her, knochige ringgeschmückte Finger halten den Scheuerwisch und fegen und reiben mit zitternder Hast das morsche Holz. Ein dunkler Flecken zeichnet sich darauf ab, und je mehr der Alte scheuert, desto röther tritt er hervor: »Hihihi!« kichert der zahnlose Mund, »jetzt ist er gleich fort. Alles fort, keine Spur mehr! Dann soll noch Einer kommen und sagen, meine Kugel hätte den frechen Gesellen getroffen – hihihi! Beweist mir's! Der Fleck ist fort, alles fort, weiß wie Schnee.« Die hohe Wendeltreppe herab rauscht es wie seidene Frauengewänder, röthlicher Lichtschein flackert über Flur und Wand und lautlos schwebt es näher, ... der Irrgeist von Casgamala. Ein bleiches, dämonisch schönes Weib, einen goldenen Stirnreif in dem langwallenden Lockenhaar, mit starrem Lächeln auf der Lippe und glühender Leidenschaft im Auge. Langsam wandelt sie durch die lange Flucht der Zimmer, die Thüren fliegen ächzend aus ihren rostigen Riegeln, die Schlösser weichen dem leisen Wink ihrer Weißen Hand und hoch empor hält sie eine kleine Lampe, deren Docht eine rothe spitze Feuerflamme brennt. Hinab in den Hof schreitet die unheimliche Wandlerin, geradeaus durch die geschwärzten Mauertrümmer, tief in den Park. Achtlos gleitet ihr Fuß über Ranken und wucherndes Gestrüpp, das breite Gitter an den Parkanlagen des Grafen Desider weicht scheu aus seinen Angeln, Gräfin Casga schreitet hinein in die blühende Rosenpracht, vor ihr her zuckt die rothe Flamme. Starr richtet sich ihr Blick auf den Kiosk, ihre Lippen beben und verzerren sich, wildes, wahnwitziges Hohnlachen gellt durch die Nacht, dann schwebt sie plötzlich nicht mehr, nein, sie rast wie ein Dämon durch Wald und Haide. hinab zu den Marmorbrüchen. Dann hört man ihre seidenen Gewänder flattern, und das rothe Licht glüht auf und wird größer und immer größer, gnade Gott dem einsamen Wanderer, welcher jetzt den Weg des Irrgeists kreuzt. – – ————— Noch immer waren die grünseidenen Fenstervorhänge im Zimmer des Grafen Lothar hernieder gelassen. Er selber lag in dem hohen Himmelbett, bleich und krank noch, mit breiter Binde um das dunkellockige Haupt und einer kaum vernarbten Wunde auf der Stirn. »Jesabell,« bat er endlich mit leichtem Unmuth in der Stimme, »laß doch endlich ein wenig Luft und Licht in diese Krankenhöhle, ich ersticke unter den modrigen Vorhängen, und mit Euren infamen Arzneipullen bleibt mir erst recht vom Halse, ich habe keine Lust, mich von diesem verrückten Landquacksalber zu Tode kuriren zu lassen!« Seine schlanke Hand griff ungeduldig in die schweren Damastfalten der Bettgardine und schlug sie zur Seite. Die Comtesse erhob sich und trat lächelnd zu dem Bruder. »Nun, all' Deine Wünsche sind ja das beste Zeichen für Deine Genesung, Lothar!« rief sie fröhlich, »und ich will die letzte sein, welche Dir den lieben Sonnenschein da draußen vorenthält! Fühlst Du Dich wirklich wohler heute?« Sie faßte mit ernstem Gesichtchen seine Hand, »o ja, das Fieber ist fast ganz weg, und Deine Lippen fangen schon wieder an recht hübsch roth zu werden; Gott sei Lob und Dank, daß wir wieder soweit sind!« Sie strich ihm liebkosend das schwere Haar aus der Stirn, einen langen innigen Blick auf das schöne Gesicht des Kranken heftend. »Du thust ja, als hätte ich am Tod gelegen, Schwesterchen,« entgegnete er milder, »Schnacken, so leicht stirbt sich's nicht, und zum Trotz Eures verfluchten Irrgeistes stehe ich mich recht leidlich mit Dame Fortuna. Nun mach' aber die Fenster auf!« Jesabell schritt schnell an die hohen Spiegelscheiben und zog behutsam die verblichenen Rouleaux in die Höhe, Strahl um Strahl des hellen Sonnenlichtes fiel in das Zimmer, erst auf das dunkle Getäfel des Fußbodens, dann empor auf Möbel und Wände, bis endlich die ganze Stube in strahlenden Glanz getaucht schien. Lothar richtete sich stöhnend auf. Sein Blick flog fast neugierig durch das alterthümliche Gemach und haftete endlich auf der schlanken Gestalt des jungen Mädchens, welche sich liebreizend in dieser grellen Beleuchtung von dem tiefblauen Himmel im Hintergrund abzeichnete. »Sieh mal ein Mensch an, wie groß unser Nesthäkchen geworden ist!« rief er mit blinzelnden Augen. »Auf Ehre, Jesabell, ich habe bei der bisherigen Finsterniß noch gar nicht bemerken können, wie – ähnlich wir beide uns sehen!« Und Graf Lothar lachte leise auf und stützte den Kopf in die Hand, das junge Mädchen aber erglühte bis auf den weißen Nacken und öffnete die hohen Fensterflügel; herrlicher Duft quoll von dem Rosengarten herauf und der frische Luftzug ließ die leichten Stirnlöckchen der Comtesse erzittern. »Komm einmal näher, Du brünettes Gretchen!« fuhr Lothar mit bedeckter Stimme fort, »und laß Dich in der Nähe betrachten. Parbleu , ich glaube wahrhaftig, ich habe meinem reizenden Pflegemütterchen noch nicht einmal zum schuldigen Dank die Hand geküßt« – er zog die weißen Finger der Schwester chevaleresk an die Lippen – »und muß mich erst von dem Sonnenschein aufmerksam machen lassen, welch' ein geschmackloser Krautjunker bereits aus mir hier in diesem Krähenhorst geworden ist! Nimm Platz, petite , ich möchte mir recht viel von Dir erzählen lassen!« Jesabell gehorchte. Sie schlang die Hände um das Knie, schüttelte die dunkeln Locken zurück und lachte die eigene Befangenheit weg. »Das würde ein Kunststück sein, lieber Bruder, und umgekehrt wohl richtiger. Du kommst aus der Residenz, aus der lustigen bunten Welt voll Neuigkeiten, und ich bin hier seit fünf Monaten das einzige achtzehnjährige Wesen auf vier Meilen Umkreis!« Lothar drehte den glänzenden Schnurrbart, sein Blick ruhte unverwandt auf ihrem rosigen Gesichtchen. »Armes, kleines Ding,« murmelte er, »nur getrost, es soll bald wieder anders werden. Hm – sag' mal, wie geht es denn eigentlich mit der Alten bei solchen Verhältnissen? Wohl meistens bös Wetter auf Zollern?« »Mama?« Die Comtesse seufzte leise auf, »sie fügt sich mit geballten Händen in das Unvermeidliche, besser eigentlich, als wir je zu glauben wagten; ja, ich bin überzeugt, daß sie ganz glücklich hier sein könnte, wenn –« »Nun? Nur weiter im Text, ma belle !« »Wenn Dolores nur etwas mehr mit ihr sympathisiren wollte! Aber statt sich zu bessern, wird das Verhältniß von Tag zu Tag gereizter, sie brauchen kaum fünf Minuten zusammen zu sein, so bricht auch schon die Feindschaft in hellen Flammen aus!« Lothars weiße Stirn faltete sich. »Dolores ist das Kuckucksei in unserm friedlichen Familienkreis,« sagte er scharf, »sie scheint mir ebenfalls reif zu sein, um mit dem verrückten Herrn Bruder im Kiosk die gemeinschaftliche Reise in der Zwangsjacke anzutreten; ich entsinne mich so dunkel, während meiner Fieberträume ein graues Gespenst hier am Bett gesehen zu haben, mit scharfen regungslosen Augen, war das etwa meine hochgeborene älteste Fräulein Schwester?« Jesabell nickte leicht erröthend. »Ganz recht, sie war einmal hier, um jenes Heiligenbild über Deinem Haupte aufzuhängen, sonst war sie –« »Meistens in der Kapelle, um für den verlorenen Sohn zu beten?« unterbrach sie der junge Offizier mit schallendem Auflachen, dann sich ächzend wieder in den Kissen zurecht rückend, fuhr er fast höhnisch fort: »Ich danke für die Bemühungen der frommen Dame und hoffe auch ohne das Ja und Amen der guten Leute da oben im Leben fertig zu werden! Ihre Märtyrerfratzen mag sie sich selber übers Bett hängen, ich huldige vor der Hand noch dem illustrirten Couplet!« Und er hob die abgemagerte Hand, riß das kleine Bild der heiligen Barbara mit hastigem Griffe von der Wand und schleuderte es zerknittert weit in das Zimmer hinein. Jesabell sprang mit leisem Schreckensschrei empor. »Um Gottes Willen. Lothar, was thust Du?« rief sie, es aufnehmend und sorgsam wieder glättend, »willst Du Dir Dolores zeitlebens zur Feindin machen? Sie wird die Vernichtung dieses Bildes als persönliche Beleidigung auffassen!« »Wenn ihr das Plaisir macht, warum nicht?« Lothar zerpflückte gelassen die köstliche Rose, welche in einem Kelchglas neben dem Bett stand, »ich werde nie ein Hehl daraus machen, daß mir bigotte Weiber noch verhaßter sind wie Kreuzspinnen! – Hat es nicht eben an die Thür geklopft? – Herein!« Die Comtesse sprang auf und öffnete die breiten Flügel. »Ah, Mama! Das ist schön, daß Du kommst, Lothar ist vor Kurzem aufgewacht und befindet sich Gott Lob recht wohl heute!« » Quelle chance !« Und Gräfin Mutter huschte mit strahlendem Lächeln in das Zimmer, geräuschvoll die Stühle und Sessel fortstoßend, um sich alsdann mit heiterstem Gruß über den Kranken zu neigen. » Bon jour , mein Liebling, mein Lothar!« rief sie, seine Stirn und Lippen hastig küssend, »es geht Dir besser, Du kannst Besuche empfangen? O, das ist ja herrlich, mein Augapfel, charmant! Und die Fenster habt Ihr endlich geöffnet? Ja, das ist ein Segen, Kinder, das war sehr recht! Nun ist es wenigstens wieder hell und frisch hier, nicht mehr diese entsetzliche Krankendämmerung und Zimmerluft! Jetzt werde ich öfters zu Dir kommen, mein Junge, jetzt ist es mir behaglicher hier! Und Jesabell? Wie geht es Dir, petite ? Ja, ja, ein bischen bleich und die Augen trübe! Das kommt von den Nachtwachen, pauvre ange !« Und Frau Leontine warf sich in den Sessel, welchen sie mit wenig Vorsicht neben Lothars Bett gerollt hatte, und entfaltete mit kurzem Aufathmen ihren gewaltigen Fächer: »Ich bringe eine excellente Neuigkeit, Kinder, ja, ja, mein Junge, eine Neuigkeit für Dich!« Und sie blinzelte dem jungen Grafen neckisch zu, »aber erst rathet einmal, welches neunte Weltwunder soeben passirt ist, darauf kommt Ihr, glaub' ich, alle Beide nicht!« »Für mich? – Neuigkeiten?« gähnte Lothar wenig interessirt, »Schuß Clavigo! was ist's denn, Mama?« Die Gräfin richtete sich empor und ein unsagbar spöttisches Lächeln flog über die hageren Züge. »Erstlich eine Nachfrage nach Deinem Befinden, darling !« entgegnete sie lebhaft, »von einer Persönlichkeit, deren plötzliches Interesse amüsant wäre, würde es nicht ridicule sein. Eben ging ich auf der Terrasse auf und nieder, als plötzlich ein alter Mensch mit weißem Kopf und sehr wenig devotem Wesen an mich herantritt. »Ich komme im Auftrage des Herrn Grafen Echtersloh, um nach dem Herrn Lieutenant zu fragen!« brummt er mich an, mit ein paar Augen, als wolle er mich beißen dazu. Hahaha; es ist zum Todtlachen, Herr Desider fängt urplötzlich an, sich für das Leben und Treiben im Schlosse hier zu interessiren.« »Du irrst, Mama!« unterbrach Jesabell mit mildem Ernst, »der Bruder hat mehr Antheil genommen, als Ihr beiden glauben mögt. Schon in jener Nacht, als wir Lothar in den Steinbrüchen fanden, begegnete er uns auf der Chaussee im Jagdanzug, und da er die Ursache unserer nächtlichen Fahrt vernahm, schloß er sich sofort uns an, und half Lothar suchen. Wenn ich an den Tagen darauf in den Garten ging, und zufällig in die Nähe des Gitters kam, dann stand regelmäßig der alte Lebrecht an irgend einem Bosquet und fragte in Desiders Namen nach dem Befinden des Kranken. Einmal begegnete ich sogar dem Bruder selbst« – die Stimme der Comtesse steigerte sich und ihr Auge blitzte, hochaufgerichtet stand sie neben dem Lager des jungen Offiziers, »und die Art und Weise, wie er zu mir sprach, wie viel Antheil er an uns allen nahm, sein ganzes, freundliches Wesen, das hat jenes Bild zusammengeschlagen, welches ich mir im Geist so abschreckend von dem Verrückten gemalt hatte. Desider macht nicht den Eindruck eines Mannes, welcher Eurer Ansicht nach in ein Irrenhaus gehört. Ein Sonderling mag er sein, ja sogar ein recht großer Sonderling, seine Gedanken aber sind ebenso klar und bestimmt wie die unsern, und ich freue mich auf den Augenblick, wo Ihr ihn persönlich kennen lernt und Euch am besten davon überzeugen werdet!« Ein unbeschreiblicher Ausdruck lagerte auf den Zügen der Gräfin. »Was Du nicht sagst, petite !« lachte sie gezwungen auf, »es scheint ja, als hätte der unheimliche Mensch große Sympathien bei Dir erworben. Ein für alle Mal, Jesabell« – die Stimme Leontinens ward hoch und schrill – »verbiete ich Dir dergleichen Ansichten zu äußern, deren Tragweite so ein Gänschen wie Du gar nicht ermessen kann. Wie wagst Du überhaupt Dir ein Urtheil anzumaßen, welches kein Mensch von Dir verlangt und der Meinung Deiner ganzen Familie die Spitze bietet. Bedenke, daß die Welt kein lieberes Handwerk betreibt, als ein möglichst schiefes Licht auf ihre Mitmenschen zu werfen, wie viel mehr, wenn ein naseweises kleines Fräulein mit vorwitzigen Reden Veranlassung dazu giebt.« »Auf alle Fälle würde der Herr Graf sehr entzückt sein, wenn er ahnte, welch allerliebste Fürsprecherin sich hier um ihn verdient macht!« lachte Lothar voll beißenden Hohns auf, ein scharfer Blick streifte das erglühende Gesichtchen der Comtesse, »da dieses Thema aber durchaus keiner Debatten mehr bedarf, so ersuche ich Dich vielmehr, verehrtestes Schwesterchen, mir ein Glas Wasser zu besorgen.« Ohne ein Wort zu entgegnen, höchste Bestürzung im Antlitz, verschwand das junge Mädchen hinter der Thür. Kaum hatten sich die schweren Flügel hinter ihr geschlossen, als sich Lothar mit Anstrengung in den Kissen aufrichtete. Ein fast diabolischer Zug entstellte seine schönen Züge. »Mama!« flüsterte er zwischen den Zähnen, »Jesabell wird nie ihren Vater verleugnen, sie hat sein weiches, sentimentales Gemüth geerbt, das taugt schlecht in unsere Situation. Auf alle Fälle empfehle ich Dir dringend an, sie nie auch nur das Mindeste von unseren Plänen errathen zu lassen; sie wäre im Stande, mit einem einzigen unvorsichtigen Wort alles zu verderben.« Die Gräfin ließ finster ihr Haupt auf die Brust sinken. »An Deinen Schwestern wirst Du nie eine Stütze haben, mein Sohn,« sagte sie ingrimmig, »Dolores sowohl wie die Kleine werden gegen uns sein, wenn die Katastrophe da ist, die eine aus Malice und Widerspruch, die andere aus übertriebener Gutmüthigkeit. Dennoch bin ich der Hoffnung, daß Jesabell sich sehr von Dir beeinflussen lassen wird; sie ist au fond ein lenksamer, milder Charakter, und wohl auch noch zu naiv, um über die Handlungen ihrer Mutter ernstlich nachzudenken. Machen wir jedoch andere Erfahrungen an ihr, so wird es Mittel und Wege geben, um sie noch rechtzeitig von Casgamala zu entfernen.« Lothar reichte der Gräfin die Hand entgegen. »Ich verlasse mich vollkommen auf Dich, Mama, Du weißt, welche Versprechungen ich Dir gemacht habe; dieselben zu erfüllen wird mir Ehrensache und freudige Pflicht sein. Ihr verkehrt gar nicht mit Desider?« »Nein, er hat mich mit einem einzigen Besuch beehrt, und hierauf sein Gitter abermals verschlossen, als müsse er sich vor den Dieben hüten.« Lothar lachte laut auf. »Excellent! Nun, und welchen Eindruck hat Dir der Herr Graf bei diesem kurzen Besuch gemacht?« Leontine zuckte mit schnellem Aufblick die Schultern. »Sehr reservirt, kühl, trotzdem mit aller verwandtschaftlichen Courtoisie, etwas steif und linkisch – aber verrückt durchaus nicht!« Sie hatte sich dicht zu dem Ohr des jungen Offiziers geneigt, und ihr blasses Gesicht hatte bei den letzten Worten einen abschreckenden häßlichen Ausdruck. »Hm, aber was nicht ist, kann noch werden? Meinst Du nicht auch?« »Wenn man das Mäntelchen richtig zu drehen versteht, warum nicht? Es kommt nur darauf an, wer diesmal der Düpirte ist. Nur unbesorgt, vor der Hand halten wir noch das Heft in der Hand, Lothar.« »Aber Vorsicht, Mama, Vorsicht!« und der Kranke legte gleichzeitig den Finger auf den Mund und wies dann nach der Thür, hinter welcher Jesabells leichter Schritt wieder hörbar wurde. Gräfin Mutter lehnte sich mit dem heitersten Lächeln in den Sessel zurück und zog einen Brief aus der Tasche, Lothar schloß wie ermattet die Augen und griff hastig nach dem Glas, welches ihm die Comtesse auf weißem Teller präsentirte. »Nun setz' Dich zu uns, Bellachen!« nickte Excellenz mit gnädigem Lächeln, »hör mit an, welch' eine Freude ich für meine beiden Lieblingskinder heimlich ausgedacht habe. Kennst Du diese Schrift, petite ?« Sie hielt dem jungen Mädchen das überaus elegante Couvert entgegen, auf dessen Rückseite ein pomphaft buntes Monogramm unter siebenpunktiger Krone prangte. Mit leisem Freudengeschrei griff Jesabell nach dem weißen Blatte. »Von Dagmar! o bitte, gieb mir, Mama!« Die Gräfin zog den Brief lächelnd zurück. »Nur Geduld, mon ange , diesmal ist die Adresse an Ihre Excellenz Frau Gräfin Echtersloh gerichtet!« »Ein Brief von Fräulein von der Ropp, Mama?!« Lothar richtete sich wie elektrisirt empor und starrte die alte Dame mit weitgeöffneten Augen an, eine jähe Blutwelle ergoß sich über seine bleichen Züge. »Ganz recht, von Dagmar von der Ropp!« lächelte Frau Leontine selbstgefällig, einen leisen Schlag mit dem duftenden Papier gegen die Wange des Kranken führend, »nicht wahr, das interessirt Dich, mein Junge? Aber nun hör' erst, was mir das liebe Mädchen schreibt.« »Laß mich selber lesen, Mutter, ich bitte darum!« klang es hastig von seinen Lippen, und schon hatte er den Brief in Händen und entfaltete ihn erregt. »Was schreibt sie denn, Mamachen?« schmeichelte Jesabell, sich über den Sessel der Gräfin neigend, und athemlos die Züge des Lesenden studirend, »Neuigkeiten aus der Residenz?« »Noch besseres als das!« Und Excellenz entfaltete abermals den Fächer, um ihn langsam vor der Brust auf und nieder zu bewegen. Mit gespanntem Ausdruck haftete ihr Blick an Lothars Gesicht. Plötzlich klang ein lauter Jubelschrei durch das Zimmer, der junge Offizier schwenkte den Brief übermüthig in der Luft, ergriff stürmisch die Hände der Gräfin, und zog die Überraschte zu sich herab in die Arme. »Sie kommt hierher, Mama! auf Ehre, sie kommt! Das hast Du brav gemacht, Du allerklügste kleine Excellenz Du!« und Lothar warf Jesabell lachend den Brief zu, »da, lies selber, petite , was Deine zukünftige Schwägerin für allerliebste Briefe schreibt!« »Dagmar kommt! – meine Schwägerin?« stotterte die Comtesse glühend roth, »Lothar, lieber, guter Lothar, könnte es denn wirklich möglich sein?« Die Gräfin war wieder tief athmend in ihre Polster zurückgesunken. »Still. Kinder, ich bitte Euch, nicht so laut.« lachte sie. »unser zärtliches Geheimniß weiß ja sonst das ganze Schloß! Aber, Gott sei Dank, mein Schlachtplan scheint geglückt zu sein, Dagmar hat meine Einladung in dieses verzauberte Märchenreich gnädigst angenommen; das ist mir das beste und sicherste Zeichen, daß sie doch nicht so ganz ungestraft in die dunkeln Augen meines lieben Dragoners hier geschaut hat. Nun Scherz bei Seite, Kinder, jetzt heißt es ernstlich über die Situation nachgedacht, um ihr gleich von vorn herein jede günstige Seite abzugewinnen. Warum soll ich ein Hehl aus meinem Wunsche machen, Dagmar mit Lothar zu verloben? Die Kleine ist sehr reich, in einem Jahre mündig und unumschränkte Herrin ihres Vermögens, dabei recht hübsch, recht amüsant, allerdings auch ziemlich verwöhnt, n' importe ! Ich wüßte momentan keine bessere Frau für Dich. Die umworbene kleine Prinzessin zu erobern, wird für den schönsten Offizier der Residenz Kinderspiel sein, und wie tief ihr Interesse für Dich bereits Wurzel geschlagen hat, beweist am besten, daß sie den hiesigen Aufenthalt einer Badereise nach Ostende vorzieht.« »Im großen Ganzen habe ich ihr eigentlich gar nicht so toll den Hof gemacht. Mama!« lachte Lothar, seine Bartspitzen drehend, »ich wollte die Kleine etwas reizen dadurch, Tant mieux , wenn es bereits so guten Erfolg hatte! Hahaha, ich weiß so ziemlich, wie die Weiber behandelt sein sollen, und wenn Eure Einöde hier nicht schon aus Langeweile verliebt macht, dann will ich meinen kleinen Finger verwettet haben!« »Ach, diese Einöde!« seufzte plötzlich Jesabell erschrocken auf, »wie wird Dagmar in unsere bescheidenen Verhältnisse hier passen? Bedenke doch, Mama, wie wenig Bedienung wir haben, wie unser Mittagstisch so einfach ist, wie gar keine Abwechslung und Unterhaltung wir dem anspruchsvollen Residenzkinde bieten können!« »In dieser Beziehung beurtheilst Du die Kleine vielleicht falsch, liebe Schwester,« zuckte Lothar gleichgültig die Achseln. »Fräulein von der Ropp ist auf dem Lande groß geworden und lebte nur die letzten zwei Winter in der Residenz; übrigens, sind denn die Verhältnisse hier wirklich so pauvre , daß man nicht einmal Gäste laden kann?« Die Gräfin richtete sich resolut in die Höhe. » Bêtise !« sagte sie mit scharfer Stimme, »Dagmar mit allem Komfort hier zu bewirthen, wird meine Sorge sein! Der alte Christian wird in Livree gesteckt, ebenso kann Laubmann gleichzeitig als Kutscher und Jäger figuriren. Sibylle hat sich als meine Kammerfrau zu geriren, Lore, als einzig gewandter und routinirter Ueberrest unserer alten Herrlichkeit, wird Dagmar bedienen. Eine perfekte Köchin werden wir allerdings für die paar Wochen kommen lassen müssen, ebenso verschiedene Konserven und Delikatessen, Mon Dieu , ein paar Kisten mit Wein und Konfekt werden wohl auch noch zu erschwingen sein, und wenn es gilt, einen guten Fang zu thun, so darf man auch die Unkosten nicht scheuen. Das ganze Schloß, seine Einrichtung und Umgebung macht ja einen äußerst gediegenen Eindruck, nun, und schließlich wird es die kleine Ropp selbstverständlich finden, daß man sich eine »Landidylle« nicht durch moderne Schwülstigkeit beeinträchtigt. Wir finden es selber äußerst originell und amüsant, einmal eine kleine Robinsonade auf diesem Felsennest aufzuführen!« »Natürlich, Mama, das ist selbstverständlich!« nickte Lothar mit blasirter Nonchalance. »Es kommt ja stets darauf an, wie eine gewisse Sache beleuchtet wird. Und wie steht es mit kleinen fêtes champê tres ? Man könnte bengalische Feuer, Wasserfahrten, Waldparthien arrangiren, vielleicht mal eine italienische Nacht, wenn ich die Absicht habe, mich zu erklären – – , gar keine nennenswerthe Nachbarschaft da, he?« »Nachbarschaft genug, wenn auch etwas entfernt!« seufzte Frau Leontine leicht auf, »alter, sehr reicher Landesadel, bei welchem ich mich natürlich in meiner jetzigen Lage nicht zu präsentieren wagte. Nun ist das etwas Anderes.« Gräfin Echtersloh richtete sich entschlossen auf, »noch heute werden Jesabell und ich nach Schloß Gralsdorf zu Baron von Friesacks fahren und Dich und Dolores mit Kranksein entschuldigen. Morgen geht es dann nach Rohrbach, übermorgen zu Graf Leuchtenbergs; wir müssen entschieden unsere Visiten absolvirt haben, ehe Dagmar kommt.« – Gräfin Echtersloh erhob sich. – »Ich werde sofort meine Toilette wählen, petite , nach Tisch kann Laubmann anspannen. – Bon jour, mon ange !« Und sie neigte die Lippen auf Lothars Stirne, »versuche jetzt wieder zu schlafen, damit Du gegen Abend wieder eine Stunde aufstehen kannst; bis Dagmar kommt, mußt Du ganz gesund sein, mein Liebling!« Lothar küßte ihre Hand. »Ich fühle mich ganz wohl, Mamachen, und werde mich sogar schon nach der Siesta erheben. Glück auf Eure Fahrt, und vergiß nicht, mich zu exkusiren. Wo ist Dolores eigentlich?« Die Lippen der Gräfin zuckten in malitiösem Lächeln. »Die hat frommen Besuch, mein Sohn, der Pater Rupert hält ihr Vortrag über das Fegefeuer!« Und mit schrillem Lachen wandte sie sich zur Thür. »Lerne nur erst noch einmal den Katechismus auswendig, ehe Du Dich in diese geheiligte Atmosphäre begiebst, darling , der Rosenkranz wird Dir als einem reuigen Lamm von Hochwürden selber umgehängt!« Und sie klopfte Jesabell im Vorbeischreiten auf die Wange und verschwand hinter der Portiere. – »Halleluja!« sang ihr Lothar mit frivolstem Gelächter nach. 5. »Hält in der Hand den Sommerhut, Und duldet still der Sonne Glut, Und weiß nicht, was beginnen.« Jesabell schritt in tiefen Gedanken durch den abendstillen Schloßpark. Glühend roth sank der Sonnenball in der westlichen Thalebene, eine grelle, flammende Beleuchtung über das alte Gemäuer und die lautlosen Wipfel gießend, als seien sie in ein Meer von Gold und Purpur getaucht. Droben in dem terrassenartigen Garten zog sich eine halbzerfallene ehemalige Brüstung hin; jäh am senkrechten Abgrund stieg sie auf, mit bemoostem Gestein hinabschauend, wo sich der wilde Gebirgsbach mit schäumenden Wellen seine Bahn brach. Breite Epheuranken hingen über die Crenelirung, durchwachsen von der schlanken Waldrebe, und hie und da sogar lieblich geschmückt durch einen Strauch Heckenrosen, welche unbehindert ihr Gezweig über die Granitblöcke breiteten. Jesabell setzte sich sinnend auf die Mauer nieder und ließ den Blick über das üppige Gemälde schweifen, welches sich vor ihr in voller Farbenpracht entrollte; sie hatte den Sommerhut an den Arm gehängt und duldete achtlos, daß der leichte Lufthauch um die weiße Stirn wehte. Dicht zur Seite erhob sich das dunkle Eisengitter, welches den Kiosk und seine verwilderten Gartenanlagen von dem Schloß und Park trennte. Die Comtesse hatte ihm den Rücken gewandt und dachte mit geneigtem Haupt über die letzten Tage nach, welche so viel Veränderung in dem stillen Schloß mit sich gebracht hatten. Wie wird das glänzende Gebäude bestehen, welches die Gräfin und Lothar mit leichtsinnigen Händen aufbauten, voll bunter Bilder und gleißender Illusionen, unter welchen ein fundamentloser Boden schwankte? Eine namenlose Angst preßte plötzlich ihr junges Herz zusammen und mit tiefem Aufseufzen hob sie die dunkeln Augen zum Himmel empor: »Hilf Du uns, Du lieber Vater droben!« »Welch ein tiefer Seufzer! Darf man fragen, wohin er flog, Jesabell?« erklang plötzlich eine sonore Männerstimme hinter ihr, und die Rosenzweige raschelten, als würden sie von einer starken Hand zur Seite geschoben. Das junge Mädchen schrak empor und wandte sich hastig um, glühendes Roth der Verlegenheit lohte über die klare Kinderstirn. »Bruder Desider! Hast Du es von dem Irrgeist gelernt, urplötzlich aus der Erde zu steigen?« Und lächelnd trat sie einen Schritt vor und reichte ihm die Hand entgegen, »welch seltene Freude, Dich einmal zu sehen!« Graf Echtersloh faßte die schmalen Finger mit festem Druck. »Eine Freude? Ist es Dir wahrlich eine Freude mir zu begegnen, Schwesterchen, oder bringst Du nur ein paar schöne Worte aus der Residenz mit, um für den Einsiedler auf Casgamala eine höfliche Redensart bereit zu haben?« Jesabell blickte voll zu ihm empor und schüttelte treuherzig das Köpfchen. »Nein, Desider, wahrlich nicht! Im Gegentheil, ich möchte Dir einmal so recht zeigen, wie gut ich es im Herzen mit Dir meine, und wie glücklich ich sein würde, dürfte ich Dir im wahren Sinne des Wortes eine Schwester sein.« Leises Roth stieg in die Wangen des jungen Mannes, er trat hastig zu der Mauer und setzte sich auf die moosbewachsenen Steine nieder. »Bist Du das nicht schon?« fragte er ohne aufzublicken, »Du nanntest mich ja stets Bruder, Jesabell, Du verleugnetest mich noch nie!« »Nein, aber Du mich!« Die Comtesse nahm ihren alten Platz ihm gegenüber wieder ein und wies mit leisem Vorwurf auf das hohe Eisengitter, »dort, jene starren trotzigen Stäbe und Riegel drängen sich zwischen unsere Herzen, und die Scheidewand, welche Du so auffällig zwischen Neubau und Kiosk gezogen hast, wohl schon in einer Vorahnung auf seine jetzigen Eindringlinge, die trennt auch unsichtbar den Sohn von der Familie, und jeder Schlüssel, der sich voll eisiger Abwehr in den Schlössern dreht, der zerreißt zu gleicher Zeit das letzte schwache Band der Liebe, das Dich bis jetzt an uns gefesselt hielt!« Graf Desider neigte düster das Haupt, sein gewaltiger breitrandiger Strohhut hüllte Stirn und Augen in tiefen Schatten und gab dem Antlitz dadurch wohl unwillkürlich schon ein ernsteres Aussehen. »Du weißt ja, Jesabell, wie ich mit der Mutter stehe!« sagte er gepreßt, »sie hat mir niemals zärtliche Gefühle entgegengebracht und keine von mir verlangt, sie hat nie ein Hehl daraus gemacht, daß sie den Stiefsohn haßt, den Erstgeborenen, welcher dem eigenen Kind durch die Rechte der Natur das Majorat abgewonnen hatte. Es ist in mir zu Fleisch und Blut geworden, Gräfin Echtersloh als meine Feindin zu betrachten! Schrick nicht empor, Schwesterchen, Dir soll es nie ein Vorwurf sein, Du warst des Vaters Liebling, Du hast jenen einen, edlen Tropfen seines Blutes geerbt, seine milde Güte zu mir!« – Graf Desider zog den Hut von der erhitzten Stirn und athmete tief auf, wie schimmerndes Gold fiel sein reiches Blondhaar in die Stirne und zum ersten Male schaute Jesabell in seine Augen. O, welch' wunderbare Augen waren das! Und wie sich jetzt dieser ernste, traurige Blick auf ihr Antlitz heftete und der junge Mann ihr seine Hand entgegenbot, mit den leisen, fast flehenden Worten: »Und um unseres Vaters willen, bleibe mir auch gut!« – Da brauste es voll niegekannter Innigkeit durch ihre Seele und seine Hand fest in die ihren schließend, hob sich das rosige Gesichtchen. »Ja, Desider, ich will es, so wahr mir Gott helfe!« rief sie mit glühenden Wangen, »ich habe Dich lieb und weiß, daß Du meiner Seele näher stehst, als all' die Menschen im Schlosse drüben, welchen mich das Schicksal durch seine natürlichsten Bande so eng verkettet hat! Mag Lothar immerhin sagen, daß unsere Züge sich ähnlich sehen, unsere Gedanken sind so verschieden wie Tag und Nacht, und wenn die Mutter mir auch schmeichelnd versichert, ich sei ihre Lieblingstochter und ein Stück von ihrem Herzen, eins drängt sich dennoch schroff und kühl zwischen uns, das Bild meines Vaters, dessen liebe Augen mich plötzlich wieder anschauen, dessen Stimme wieder zu mir spricht, dessen treue Hände ich wieder hier in den meinen halten darf, dessen Ebenbild Du bist, Desider, und dessen Schutz und Liebe mir in Dir wiedergeschenkt sind, wie ich es fühle, jetzt, in diesem Augenblick!« Und in schmerzlicher Leidenschaft schlang sie den Arm um seinen Nacken und schaute mit thränenfeuchten Augen zu ihm auf. »Und wenn sie auch Alle sagen, Du wärest ein Sonderling, und wenn kein Mensch Dein Thun und Handeln begreifen kann, ich zweifle nicht an Dir, ich blicke in Deine Augen und weiß es, daß all' die Worte jener Menschen gelogen haben!« Ein Beben durchflog die hohe Gestalt des Grafen, mit zitternder Hand bog er das lockige Köpfchen zurück und schaute in die reinen Züge, wie ein Dürstender, welcher sich endlich an dem süßen Quell der Treue und Aufrichtigkeit satt trinken will. »Du sagst mir viel, Kind,« entgegnete er leise, »mehr, als Du vielleicht willst, mehr, als wie mir nach dieser langen Zeit der Einsamkeit gut ist, Gott segne Dich für jedes liebes Wort.« Jesabell richtete sich empor und lächelte: »Deine Einsamkeit soll nun ein Ende haben, Bruder, wir wollen uns oft sehen jetzt, und wenn Du nicht zu uns in das Schloß kommen willst, so kennst Du ja nun meinen Lieblingsplatz hier, auf dieser Mauer sitze ich jeden Abend.« »Und wenn ich mich nach einem freundlichen Worte sehne, so komme ich zu meinem Schwesterchen?« Das junge Mädchen nickte heiter. »Wir haben einander noch viel zu erzählen, Desider, bedenke, wie lange wir im Leben getrennt waren!« Hand in Hand saßen die beiden schönen Gestalten in dem purpurnen Abendschein, so verschieden und dennoch geistig in voller Harmonie; die kleinen Epheuranken schaukelten im Winde und der gelbe Mauerpfeffer schmiegte sich um die schlanken Finger Echterslohs, welche sich mechanisch auf das bröckelnde Gestein stützten. Noch hatte er das Haupt nicht wieder bedeckt und seine Züge zeichneten sich scharf gegen das strahlende Firmament ab. »Wie geht es Lothar?« fragte er nach kurzer Pause. »Besser, er ist heute für den ganzen Nachmittag aufgestanden; wirst Du gar nicht einmal persönlich nach ihm sehen?« Fast bittend blickte Jesabell empor. Graf Echtersloh drückte mit hastiger Bewegung wieder den Hut auf das Haupt. »Ich selber? Du verlangst viel. Kind!« Er sprach fast herb. »Lothar und ich haben uns niemals nahe gestanden, er möchte meine Annährung falsch auslegen!« Die Comtesse richtete sich mit jähem Entschluß empor. »Der Aeltere, der Klügere und – Bessere bietet stets zuerst die Hand zur Versöhnung!« sagte sie mild, »und dieser Bessere bist Du, Desider! Und noch ein anderer Grund,« fuhr sie zögernd fort, »welcher Dir wohl ebenso wenig gleichgültig sein kann, wie mir und jenen Andern im Schlosse drüben, der ist folgender: In den nächsten Tagen erwarten wir Besuch aus der Residenz. Die Verhältnisse hier sind wunderlich genug, Bruder, um sie auch noch durch unser Zerwürfniß bis zur Unerträglichkeit zu steigern. Man hat in letzter Zeit genug den Namen Echtersloh zerfleischt und ich fürchte, Lothar wird auch noch dafür sorgen, ihn in der Leute Mund zu bringen. Laß die Welt drum nicht auch noch in das Elend unserer vier Mauern schauen, wo sich der Sohn von der Mutter, der Bruder von den Geschwistern durch ein eisernes Gitter trennt. Die Welt hält Dich für einen Sonderling, Desider, aber sie soll sich überzeugen, daß sie Dir Unrecht gethan hat!« Ueber das ernste Gesicht des Majoratsherrn flog ein schnelles Lächeln. »Wie klug doch meine kleine Schwester ist!« sagte er fast heiter, »und wie schwer, ihrer lieben Stimme zu widerstehen. Wohlan, Jesabell, ich werde Dir und unserm alten Namen zu Liebe in das Schloß zu den Deinen gehn. Wen erwartet ihr?« »Eine Pensionsfreundin von mir, Fräulein, Dagmar von der Ropp – o ich freue mich unendlich darauf!« Es war gut, daß in diesem Augenblick der Hut der jungen Dame von der Mauer glitt und seitwärts in die Rosenranken fiel. Jesabell neigte sich ihm nach und gewahrte nicht, wie Desider emporschrak bei dem Klang dieses Namens, todtenbleich, wie von einem Dolch getroffen. Regungslos verharrte er einen Augenblick, seine Brust rang mühsam nach Athem. »Dagmar von der Ropp?« wiederholte er endlich wie ein Träumender, »hat sie einen Bruder, der Kadett war?« »Ja gewiß, der Fritz!« lachte die Comtesse leicht auf, »ein tolles Bürschchen, der nach einem halben Jahr bereits aus dem Corps fortgeschickt wurde und jetzt in holländischen Diensten in Ostindien steckt, warum? kennst Du sie vielleicht?« Graf Echtersloh erhob sich fast ungestüm. »Ich muß jetzt zurück, Jesabell, ich habe noch zu thun, verzeih, mir!« stotterte er hastig, ihr die Hand entgegen reichend, »die Sonne geht wundervoll unter, wir werden morgen gutes Wetter haben!« und dabei rückte er den Hut so tief in die Stirn, daß kaum noch Nase, Lippen und Kinn unter dem breiten Rand zu sehen waren; aber die Lippen waren bleich und zitterten. Jesabell schaute erstaunt empor. »So eilig plötzlich? Leb wohl, Bruder! und –« sie hielt seine Hand fest und sah ihn flehend an, »nicht wahr, Du kommst zu uns ins Schloß?« In maßloser Verwirrung schaute Desider unter sich, »hatte ich es Dir schon versprochen?« »Ganz gewiß, eben im Augenblick!« Die schlanke Gestalt des Grafen richtete sich hoch und stolz auf, ein finsterer, fast trotziger Zug lagerte auf dem bleichen Antlitz. »Dann werde ich mein Wort auch halten. Auf Wiedersehen, Jesabell!« und mit festen Schritten ging er durch Ranken und Gestein, durch die blühenden Gebüsche an dem eisernen Gitter entlang. Das junge Mädchen aber schaute ihm kopfschüttelnd nach. »Sonderbar, was trieb ihn so plötzlich fort? warum war er mit einem Male wie umgewandelt? Ob er vielleicht Fritz gekannt hat, ihn wegen seines Leichtsinnes haßte? Da geht er mit großen, hastigen Schritten davon, als brenne der Boden unter seinen Füßen, nicht einmal schaut er zurück, und wenn ich jetzt eine Fremde wäre, dann würde ich sagen: »ja, er ist doch ein wunderlicher Mensch!« So aber bin ich seine Schwester und getreue Freundin, die überzeugt ist, daß alles, was ihn in andern Augen verrückt erscheinen läßt, dennoch einen tief geheimen Grund und Ursache hat!« und damit stand die Comtesse auf, hing den Hut wieder an den Arm und schritt langsam durch den Park zurück, dicht neben der Mauer her. Ihr zur Seite führte der Fahrweg nach Casgamala empor. Leichter Hufschlag klang an ihr Ohr. »Es lebe was auf Erden stolzirt in grüner Tracht!« wurde dazu gepfiffen, und neugierig trat das junge Mädchen wieder an die Brüstung zurück, bog vorsichtig die duftigen Fliederzweige auseinander und schaute hinab. Ein junger Jägersmann ritt gemächlich den Berg hinauf. Die Büchse hing über seiner Schulter, ein knappes, dunkelgrünes Jagdkleid war über der Brust in breitem Revers aufgeschlagen, und auf dem hellblonden, an den Seiten leicht gekrausten Haar saß keck der weiche Filzhut mit dem hohen Spielhahn. Er klopfte seine kurze Pfeife aus, und steckte sie zurück in die Tasche, dann warf er den Kopf in den Nacken und zuckte aufmunternd die Zügel. Wie zufällig streift sein Blick das Mauergebüsch, um plötzlich überrascht an reizendstem Bild zu haften: ein dunkles Lockenköpfchen, welches neugierig durch die blühenden Zweige lugt. Jesabell blickt verwirrt zu ihm nieder, zu diesem frischen Jünglingsgesicht, welches ihr mit den lustigsten Blauaugen entgegen lacht, sie sieht, wie er den Hut zieht und ihn mit übermüthigem Gruß ihr entgegen schwenkt, da schrickt sie glühend zurück und die Zweige schlagen Blüthen streuend über dem moosigen Gestein zusammen. Das Rößlein auf der Landstraße aber griff munter aus und von der nächsten Wegbiegung schallte es noch einmal zu ihr herüber: »Es lebe was auf Erden stolzirt in grüner Tracht!« 6. Es kam die Jungfrau und der Mann des Nachts bei ihrer Herberg an. Hartmann von Aue . In ein Gewebe wanden die Götter Freud' und Schmerz sie webten und erfanden ein armes Menschenherz. Herder . Dagmar von der Ropp war auf Schloß Casgamala angelangt. Mit großen, neugierig forschenden Augen war sie an Lothars Arm die breite Freitreppe emporgeschritten, hatte in heiterem Willkommensgruß die zärtliche Umarmung der Gräfin Mutter erwiedert, und trat alsdann in Jesabells Begleitung in ihr reizend ausgestattetes Boudoir, durch dessen weit geöffnete Bogenfenster das grüne Weinlaub schwankte. »O Gott, wie himmlisch ist es bei Euch!« jauchzte die junge Dame, ihren eleganten Shawl auf den nächsten Sessel werfend, hastig in die tiefe Mauernische tretend, um die schlanken Hände in das üppige Gerank zu stecken, »wie glücklich werde ich mich hier fühlen, süße Bella, in dieser zauberischen Einsamkeit, in welcher man ohne Glaceehandschuhe durch Wald und Flur streifen kann. Jetzt soll es ein lustiges Leben auf Casgamala geben, dessen Parole die goldene Freiheit heißt!« Und Dagmar schlang den Arm um den Nacken der Freundin und küßte sie innig auf den Mund, dann wandte sie sich zu den eintretenden Dienstboten zurück und ordnete das Aufstellen ihrer Koffer an. »Erst will ich mich ein bischen menschlich machen, Schatz!« lachte sie dann heiter, »es war eine schreckliche Fahrt bis hierher, an welche ich zeitlebens denken werde. Ihr wohnt ja am Ende der Welt und namentlich das letzte Stück Wegs auf dem Wagen wollte gar kein Ende nehmen!« Und Dagmar trat vor den hohen Spiegel, nahm das leichte Sommerhütchen achtlos von dem Kopf und fuhr mit den Fingern auflockernd durch das dunkle Haar, welches sich in genialem Gelock über der weißen Stirn aufbaute. Jesabell saß während dessen auf dem Fensterbrette und schlang die gefalteten Hände um das Knie, tausend Fragen hatte sie zu thun, und das reizende kleine Wesen vor dem Spiegel plätscherte im frischen Quellwasser, stäubte Puder und Parfüm und erzählte mit übermüthigem Lachen von den jüngsten Neuigkeiten der Residenz, von der Ministerin, welche bei der letzten Matinee eine ganz skandalöse safrangelbe Robe getragen hatte, durch welche ihr, bei der auffallenden Magerkeit, der Spitzname »Sahara,« geworden sei. Ferner von dem jungen Baron Bartow, dessen berühmte »Miß Lurlei« bei dem letzten Rennen gestürzt sei – er selber starb leider nach zwei Stunden, aber das Pferd ist Gott sei Dank gerettet –; von Comtesse Erna, dieser überspannten Roman-Heldin, deren Verlobung natürlich wieder zurückging, wie alle Welt längst vorausgesehen hatte, und von so tausenderlei anderen Dingen, welche namentlich Gräfin Mutter drunten kolossal interessiren werden. Dagmar zog einen frischen Fliederzweig aus der Vase und steckte ihn zum Schluß ihrer Toilette nachlässig niederhängend in das volle Haar, dann nahm sie Jesabells Arm und zog sie mit sich zur Thür zurück. Auf der weiten Flurhalle kam ihnen Lothar entgegen. Er trug Civil und eine Rosenknospe im Knopfloch. »Wie lange haben wir Sie entbehren müssen, mein gnädiges Fräulein!« lächelte er chevaleresk, den Arm der jungen Dame wie in selbstverständlichem Ritterdienst auf den seinen legend. »Wissen Sie nicht, daß ein jeder Augenblick, welchen Jesabell Sie uns entzieht, ein schwerer Diebstahl an der Sonne Casgamalas ist?« Dagmar blickte neckisch zu dem schönen Mann empor. »Gut gebrüllt, Löwe!« lachte sie leise, »die Sonne dieser Felseneinsamkeit wird für solch elegante Schmeicheleien stets den vollen Glanz ihrer Huld über Sie ergießen, apropos, Sie sehen recht blaß aus, wollen Sie sich am Ende gar interessant machen?« Ein sprechender Blick flammte zu ihr nieder. »Wie nun, wenn ich Ihnen mit der bekannten Thatsache antworte, daß die Sehnsucht bleiche Wangen macht?« »Dann würde es vor allen Ding nothwendig sein, erst die verrätherische Narbe an der Stirn zu übermalen,« lachte Dagmar, das Köpfchen in den Nacken werfend, »denn es mag die Sehnsucht noch so schneidend sein, solch' tiefe Schmarren zeichnet sie unmöglich auf das Antlitz ihrer Opfer. Jetzt beichten Sie, wessen krummer Säbel verübte dieses Attentat?« »Mein Gegner stand mir in der Geisterstunde gegenüber, und der Preis, um welchen wir stritten, war das Glück dieser nächsten Wochen, welches mir selbst bleiche Geister neiden!« »Wie geheimnißvoll das klingt, bester Graf!« zuckte Fräulein von der Ropp die Achseln, »wollen Sie mich mit diesem dunkeln Sibyllenspruch abspeisen?« »Was verlangen Sie zu hören?« »Den Namen Ihres Feindes!« Lothar blieb stehen, der Blick seines dunklen Auges senkte sich langsam in den ihren und über die schönen Züge flog ein schnelles, wundersames Lächeln. »Mein Feind, Fräulein Dagmar? Gut daß ich aus Ihrem Munde diese unbewußte Warnung höre, mein Feind ist – der Irrgeist von Casgamala!« Noch klang das Wort an der gewölbten Decke des Korridors wieder, und ehe das junge Mädchen die frischen Lippen zu einer neugierigen Frage öffnen konnte, schrak sie auch schon mit leisem Schreckenslaut zurück und klammerte sich an den Arm des schönen Offiziers, welcher gleich ihr in momentaner Bestürzung zur Seite wich. Direkt vor ihnen, jäh um die Ecke des Treppenhauses biegend, stand eine hohe, graue Gestalt, den Rosenkranz in den mageren Fingern und die bleichen Lippen halb geöffnet, um Gebete zu murmeln. Ein scharfer Blick streifte die beiden jungen Leute und die grauen Augen starr auf des Bruders Antlitz geheftet, trat sie lautlos noch einen Schritt näher. »Der Irrgeist von Casgamala wird noch andere Furchen durch Dein Antlitz, noch andere Striche durch Deine Rechnungen und Deine Pläne ziehn!« klang es voll unheimlicher Ruhe zu ihm nieder, »hüte Dich vor ihm!« und das Haupt langsam nach Dagmar wendend, fuhr Comtesse Dolores mit erhobener Stimme fort, »Casgamala und seine geheimnißvollen Mächte heißen Sie willkommen, Fräulein von der Ropp, was Sie sehen, ist Schein und Larve, was Sie treten, ist der schwanke Boden eines Vulkans, darunter die wilden Flammen des Entsetzens wühlen, was Sie hören ist der Todesseufzer eines entwürdigten Geschlechts! Wohl Ihnen, wenn Sie jenen einzigen Fels im Sturm erkennen und zu ihm sich halten, zum Irrgeist von Casgamala!« Noch ein durchbohrender Blick, und Dolores schwebte lautlos vorüber, um in dem Schatten des langen Säulenganges zu verschwinden. »Dolores! War das Dolores?« fragte Dagmar fröstelnd. »Mein Gott, welch' wunderliche Begrüßung!« und sie zog Lothar stürmisch mit sich fort, als fürchte sie, jene farblose Gestalt könne zurückkehren und ihr abermals den Weg vertreten. Da kam wieder Leben in die erstarrten Glieder des jungen Grafen, ein ungestümes Leben, welches in haßfunkelnden Blicken aus seinen Augen brach. »Es ist unglaublich, empörend!« rang es sich durch seine knirschenden Zähne, »ich bitte tausendmal um Vergebung für das Betragen einer – Überspannten, Fräulein von der Ropp! Meine Schwester ist leider seit letzter Zeit völlig unberechenbar, und jene religiöse Schwärmerei, welche bereits in der Residenz begann, hat hier ein fast beängstigendes Stadium erreicht! Ich begreife nicht, Jesabell, wie Ihr die Arme so ohne jeglichen ärztlichen Beistand hier dulden könnt, noch heut am Tage werde ich mit Mama darüber Rücksprache nehmen!« Comtesse Echtersloh neigte schweigend das Köpfchen, Dagmar aber schüttelte lachend das Haar aus der Stirn. »Brr, wie gräulich sah sie aus, wie eine Nonne, welche eben aus dem Grabe steigt. Aber ich entsinne mich gar wohl, daß sie bereits während des letzten Winter's in der Residenz einen horriblen Geschmack entwickelte, immer Grau in Grau, und mit ihren hundertundfünfzig Betbücher ärgerten wir sie ja damals schon. Nun machen Sie aber, bitte, nicht mehr solch bitterböses Gesicht conte mio , es wird mir sonst bange in Ihrer Nähe. Wie kann Sie wohl ein Mene tekel aus dem Mund eines Wesens irritiren, dessen Gedanken nur noch in der Welt wirrer Phantasien kreisen!« »Jene sinnlosen Worte lassen mich kalt, mein gnädiges Fräulein, und würden es auch bei Gott nicht werth sein, sich nur einen Augenblick Skrupel darüber zu machen. Aber die taktlose Art und Weise meiner Schwester Ihnen gegenüber, sowie ihr ganzes Wesen, welches die Copie einer Cassandra schien, läßt mich bitter beklagen, es versäumt zu haben, meine Gäste vor solchen Willkommengrüßen zu bewahren!« Und Lothar riß mit noch immer tief gefalteter Stirne die breiten Thürflügel auf und ließ die jungen Damen voran auf die Veranda treten, woselbst Gräfin Mutter ihre »Lieblinge« erwartete. Dagmar neigte ihr Köpfchen dicht zu der Schulter des schönen Mannes und blickte mit glänzenden Augen zu ihm empor. »Wenn das Ihre einzige Sorge ist, so trösten Sie sich, cher ami , wir wollen Comtesse Dolores beweisen, daß sich die Macht des Irrgeistes wohl über die todten Mauern dieses Schlosses, niemals aber über die Herzen ihrer lebensfrohen Kinder erstreckt!« Und sie zog schnell ihre Hand aus der seinen und eilte mit ausgebreiteten Armen auf Ihre Excellenz zu, um unter übermüthigem Lachen ihr »urkomisches Rencontre« mit der »Sancta Dolores« zu erzählen. Darüber waren nun schon zwei Tage vergangen, und zum Entzücken Leontinens fühlte sich die kleine Prinzessin »wie im Himmel« bei ihnen. Schon am nächsten Tage wanderten die jungen Leute durch Schloß, Ruine und Park, und mit den Handschuhen und eleganten Toiletten ließ Dagmar das verwöhnte Stadtkind droben in ihrem Zimmer zurück, um mit verwehtem Haar und glühenden Wangen durch diese herrliche Wildniß zu streifen. Kaum konnten Lothar und Jesabell mit ihren übermüthigen Wanderungen Schritt halten und als Fräulein von der Ropp sogar erklärte, den alten gebrechlichen Eulenthurm besteigen zu wollen, da schüttelte Jesabell energisch den Kopf, und hatte ihr Leben lieber als die schöne Aussicht droben. Graf Echtersloh aber jauchzte ihr Beifall zu, und versprach ihr ein für allemal seine getreuen Ritterdienste, gälte es selbst bis hinauf zu den schwindelnden Bergfirnen zu klimmen, um das Abendroth mit kühnen Fingern von dem Himmel zu stehlen! – Ein stolzer strahlender Blick aus den großen Schwarzaugen war sein Lohn und die beseligende Gewißheit, jene schlanke Gestalt halten und stützen zu dürfen, allein mit ihr zu sein zwischen Himmel und Erde. Wieder glühte das Abendroth an dem Himmel. Droben auf den alten Klosterruinen spielten seine zaubrischen Lichter und umwoben mit einem Goldnetz die beiden Mädchengestalten, welche Arm in Arm auf den Steintrümmern vor dem verfallenen Kreuzgang saßen. Dagmar hatte den Hut neben sich in das Gras geworfen und schüttelte ungeduldig das dunkellockige Haar zurück, welches durch das wilde Laufen und Klettern lang aufgelöst über Nacken und Rücken wallte. Das Sonnenlicht säumte das jugendschöne Haupt mit strahlendem Golde und floß rosig über das weißgestickte Sommerkleid, welches in einfacher Eleganz, schon schmiegsam und zerknittert durch das Tragen, um die zierliche Figur bauschte. Auf ihrem Schooß hatte sie Farren und Waldglocken gesammelt, um sie jetzt mit launigen Fingerchen zu zerpflücken, oder sie spielend über den Mauerrand in die waldige Tiefe zu zerstreuen, es war nun einmal ihre Natur, im Vorbeieilen die Blüten und Gräser abzupflücken, um sich eine kurze Weile an ihrer Pracht zu freuen, und sie dann überdrüssig unter die kleinen Füße zu treten. Blumen und Männerherzen, wozu waren sie wohl sonst auf der Welt! Jesabell saß schweigend und spähte aufmerksam in die Gegend hinab, interessirter wie gewöhnlich hing ihr Blick an der breiten Chaussee, welche sich von hier aus in weitem Bogen an dem Schloßberg überschauen ließ. Dagmar aber musterte mit lebhaftem Interesse die weiten Parkanlagen, welche sich direkt zu ihren Füßen am Berg hinaufzogen. »Ei, petite , was ist das für ein wunderliches Gitter mitten durch den Garten hin?« rief sie plötzlich, »ist das etwa die Grenze Deines Bruders, von dessen Menschenhaß Deine Mama gestern sprach?« – Und Dagmar lachte hell auf und reckte neugierig das schlanke Hälschen. »Grenze?« wiederholte Jesabell mit leichtem Unmuth, »einer solchen bedarf es zwischen Desider und uns nicht! Bis dahin reicht sein spezielles Besitzthum, und jener graue Thurm mit den zwei runden Seitenbauten ist der Kiosk, in welchem er schon seit Jahren wohnt!« »Wo denn? – dort hinter den Bäumen? o wie schade, daß man ihn nicht ganz sehen kann!« und Fräulein von der Ropp zuckte abermals lachend die Schultern, »ich möchte gern einmal sehen, wie es bei einem Verrückten aussieht!« Die Comtesse schrak mit finsterm Blick empor. »Dagmar!« rief sie hastig, »beleidige meinen Bruder nicht! Wie kommst Du zu der verletzenden Idee, ihn verrückt zu nennen?!« Mit großen Augen blickte sie die Gefragte an. »Weißt Du das nicht?« verwunderte sie sich, die weißen Händchen zusammenschlagend, »Deine Mama und Lothar haben es mir erst heute Morgen wieder erzählt, daß er vollständig ...« und dabei tippte sie mit unverkennbarer Geste an die Stirn – »unzurechnungsfähig ist. Auch in der Residenz weiß es alle Welt! Mon Dieu , das ist doch eine alte Geschichte!« fuhr sie leichthin fort, – »ich habe es damals selber mit angesehen im Cadettencorps, wie er auf den Kopf fiel, – pauvre garçon , er war so bodenlos häßlich, Jesabell, daß er mir nicht einmal leid that!« Und die junge Dame verschränkte muthwillig die Arme auf dem Rücken und lachte silberhell auf. »Ist er noch immer solch ein Ausbund von Unschönheit, Liebchen? dann will ich ihm morgen einen Condolenzbrief schreiben!« Alles Blut trat aus Jesabells Wangen, unwillig wich sie von der frivolen Spötterin zurück. »Ich hatte Dich nie für so herzlos gehalten, Dagmar,« entgegnete sie herb, »und niemals für so oberflächlich, einem schändlichen Altweiberklatsch Glauben zu schenken und ihn sogar noch weiter zu tragen. Mein Bruder ist weder geisteskrank, noch seit jenem Sturz von dem Pferde körperlich leidend, und seine Marotte, hier in der Einsamkeit zu leben, fußt einfach auf seiner großen Vorliebe für dieses Schloß. Auch ist er passionirter Jäger und kann seinem Vergnügen hier auf eigenem Grund und Boden am besten huldigen.« Abermals starrte sie Dagmar mit weit geöffneten Augen an. »Aber Kind, ich begreife Dich gar nicht!« rief sie fast ärgerlich, »Dein Bruder erzählte es aus freien Stücken allen Leuten, Deine Mama betrauert ihn öffentlich als unheilbar geisteskrank und Du willst mir plötzlich alles ableugnen! Da werde ein anderer klug daraus!« Dunkle Glut flammte über das Gesichtchen der Comtesse. »Dagmar,« sagte sie weich und leise, »ich weiß es leider, daß man so hart über Desider urtheilt, aber trotzdem theile ich die Ansicht der Menge nicht, ich kenne meinen Bruder und habe ihn lieb. Wenn Du mir also nicht bitter wehthun willst, dann sprich in meiner Gegenwart nicht so hart und herzlos über ihn, denn ein jedes gehässige Wort gegen ihn trifft mein Herz!« Jesabell schwieg erschrocken und wandte schnell den Kopf zurück, es hatte dicht hinter ihnen wie knirschendes Geröll geklungen. »Es wird ein Vogel aufgeflogen sein, oder eine Eidechse hat geraschelt!« meinte Fräulein von der Ropp, dann blickte sie nachdenkend vor sich nieder. »Verkehrt denn dieser seltsame Herr Desider gar nicht bei Euch im Schloß?« fragte sie .nach einer kleinen Pause. »Am Tage vor Deiner Ankunft war er zuletzt drüben,« nickte die Comtesse, »er kommt selten, namentlich jetzt wird er sich vor dem lustigen Leben und Treiben bei uns scheuen!« »So ängstlich? ... Mein Gott wie unmodern! ... Na sag' mal Kindchen, und häßlich ist er noch immer?!« »Das mußt Du selbst beurtheilen, ich kenne Deinen Geschmack nicht!« »Gleicht er jetzt etwa Lothar?« »Auch nicht die mindeste Spur!« Dagmar rümpfte das Naschen und lächelte verächtlich. »Dann werde ich mich nie für ihn interessiren, denn für mich existirt nur eine solch glühende, sprühende Schönheit wie die Deines jüngsten Bruders!« »Wie leichtfertig geurtheilt!« »Meinst Du? ... vielleicht doch nicht so sehr als Du denkst! Blick Dich um in der Natur – Alles was häßlich ist, ist giftig und verderblich, häßlich ist die Nacht, die Freundin des Verbrechens, häßlich ist die schwarze Wolke, welche Donner und Blitz im Schooße trägt, häßlich ist die Schlange, häßlich die Kälte, deren rauher Athem jegliches Leben mordet, – aber schön ist der junge Tag, schön ist die liebe Sonne und ihr heißer Kuß, schön sind alle Thiere, welche nützen und beglücken; und darum sage ich: »Schöne Menschen sind gut und brav, die Häßlichen aber sind die Kinder der tückischen Finsterniß!« Ein ernster, leuchtender Blick traf sie aus dem Auge der jungen Comtesse. »Wohlan, Dagmar, Du stellst mir die Natur als Spiegel vor und darum will auch ich Dir nur mit einem einzigen Beispiel aus diesem selben Buche der ewigen Gottesschöpfung antworten! Welche Schalen bergen den süßesten Kern? die, welche am härtesten, am bittersten und am rauhesten scheinen! Und Gott sei Lob und Dank, daß es eine milde, versöhnende Nacht giebt, um all' die Wunden zu heilen, welche des Tages blendende Helle schlägt!« Dagmar schüttelte die Haare zurück und blickte halb erstaunt, halb amüsirt in das erregte Gesicht der Comtesse. »Du hast immer so fabelhaft altkluge Worte, Jesabell,« sagte sie, mit dem spitzen Stiefelhacken gegen das morsche Gestein hämmernd, »und wenn man mit Dir anfängt zu debattiren, heißt es, das Lexikon in der Tasche haben! Passons là dessus , heute bin ich denkfaul und kuriren kannst Du mich doch nicht, Liebchen, Lothar ist schön und Desider ist häßlich, damit punktum! Nun möchte ich aber um alles in der Welt wissen, wo unser Ritter ohne Furcht und Tadel bleiben mag, eine Uhr habe ich nicht mit und der Sonne nach müßte er längst von seiner Visite zurück sein; siehst Du ihn noch nicht auf der Chaussee, Jesabell?« Die Genannte bog das Köpfchen vor und schaute eifrig in das Thal hinab, doch ehe sie noch die Lippen zu einer leicht verstimmten Verneinung öffnen konnte, klang fern aus dem Park herauf ein übermüthiger Jodler, welcher bei seinem letzten hohen Ton merkwürdig ins Schwanken gerieth. »Da ist er! – Das ist Lothar!« – lachte Dagmar wie elektrisirt auf, – Grâce à Dieu , wie falsch er singt!« – und sie hielt sich die kleinen Hände scherzend vor die Ohren, »jetzt noch einmal! – hörst Du? ... Hahaha! Die Stimme kenne ich doch unter Tausenden heraus!« – und sie sprang empor, legte die rosigen Finger an die Lippen und antwortete mit glockenheller Stimme; wie Musik so rein und melodisch zogen die weichen Klänge durch die stille Luft. »Dagmar! ... Holdiho! ... Dagmar!« schallte es schon etwas näher zurück, und die junge Dame warf keck das Näschen zurück und wandte sich lachend zu ihrer Gefährtin, »soll ich ihn mal ärgern, weil er so frech ist und »Dagmar« ruft?« und ohne eine Antwort abzuwarten, neigte sie sich über die Mauer und sang in schmachtenden, fast seelenvollen Tönen: »Desider!« Lang zog und hallte es über die stillen Wipfel, leise verklingend wie ein sehnsuchtsvoller Seufzer und getragen von dem leichten Luftzug, welcher momentan über die blühenden Rosen strich. »Was raschelt denn nur hier hinter den Steinen?« wandte sich die Comtesse jetzt jäh zurück, noch die volle Bestürzung in den Zügen, welche Dagmars Kühnheit ihr geweckt hatte, – »eben fielen wieder ein paar Kalkstücke und dort in dem Kreuzgang neben dem alten Steinbild in der Wand wirbelt Staub auf!« Fräulein von der Ropp schaute nach der angegebenen Richtung. »Vögel werden es sein, oder am Ende gar Mäuse,« entgegnete sie gleichgültig, um dann sofort wieder lebhafter fortzufahren. »Siehst Du? ... jetzt ist er ruhig! Wie schade, daß ich sein erstauntes Gesicht nicht sehen konnte! ... Schnell, Jesabell, setz' Dich wieder ganz still hierher auf die Marmorblöcke, wir thuen natürlich, als wären wirs nicht gewesen!« und Dagmar riß eifrig ein paar Epheuranken und wilde Rosenzweige von der Mauer und schlang sie mit geschickten Händen zum Kranz. »Ein bischen putzen wollen wir uns aber für dieses Wiedersehen,« fuhr sie nach kleiner Pause fort, als Gräfin Echtersloh gedankenvoll gehorchte, »da, hier hast Du auch ein paar Blüthen, steck' sie Dir ins Haar, lieber Schatz!« und damit flog schon ein Strauß Waldglocken in den Schooß der Comtesse, während Dagmar selber ihr Kränzchen emporhob und es voll reizender Natürlichkeit durch das lose Gelock schlang. »Steht's mir gut?« fragte sie, den feinen Hals kokett nach allen Seiten drehend, und in Jesabells Augen eine entzückte Antwort lesend, setzte sie sich noch graziöser zwischen den nickenden Farrenblättern zurecht, lehnte das Köpfchen gegen die moosigen Steine zurück und schaute mit glänzendem Blick in den Himmel. Kaum waren zehn Minuten vergangen, da saß zu ihren Füßen die schlanke Gestalt des jungen Offiziers, und zwei Augen glühten zu ihr empor, daß selbst der verwöhnten kleinen Zauberin der Residenz das Blut heiß in die Wangen stieg. »Warum riefen Sie vorhin, ›Desider!‹ Fräulein von der Ropp?« fragte der schöne Mann, sich noch näher zu ihr neigend. »Wollten Sie mich ärgern?« Dagmar lachte hell auf und nickte. »Als ob Sie mich nicht schon genug quälten! Wie aber, wenn ich mich rächen würde?« »Sie?« ... Dagmar schob die Arme neckisch unter den Kopf und blickte fast spöttisch zu ihm nieder, »wie wollen Sie das anfangen, wenn man fragen darf?!« »Die Liebe macht erfinderisch! Viel schöner würde es aber sein, wenn Sie mich wieder versöhnten, anstatt es zu einem Akt der Verzweiflung kommen zu lassen!« – Lothar hatte seine Stimme gedämpft und blickte schnell zu Jesabell hinüber, welche wieder seitwärts an der Mauerbiegung stand, um in das Thal hinab zu spähen. »Versöhnen?« Dagmar zog hastig eine Heckenrose aus dem Strauße an ihrer Brust und warf sie neckend gegen seine geneigte Wange. »Ich erlaube Ihnen, meine Farben zu tragen!« Lothar drückte die Blüte mit sprechendem Blick an die Lippen und befestigte sie alsdann an seiner Brust. »Leben und Tod für das Zeichen meiner Dame! Und nun werden Sie mich niemals wieder mit dem verrückten Menschen aus dem Kiosk alteriren?« Noch verharrte Graf Echtersloh in der knieenden Stellung, welche er soeben eingenommen, er zog den Hut von dem lockigen Haar und schleuderte ihn zur Seite auf die Steinfließen, mit purpurnem Glanz flutete die Abendsonne um sein ideales Haupt. »Nein, niemals wieder!« klang es lachend von den Lippen der jungen Dame, ihr Blick hing wie gebannt an seinem dunklen Auge, »er ist ja so häßlich!« »Schwören Sie es mir!« Erschrocken sprang Dagmar auf. »Haben Sie gehört? Eben hat es ganz deutlich hier hinter mir geseufzt! Hier aus dem alten Steinbild klang es, – Graf Echtersloh, ich fürchte mich!« Und Fräulein von der Ropp klammerte sich mit angstvollem Zittern an den Arm Lothars, welcher sich gleich ihr hastig von den Steinen erhoben hatte. »Gehört habe ich auch etwas!« sagte er kopfschüttelnd, mit festen Schritten auf das alte Steinbild im Kreuzgang zuschreitend, um es aufmerksam zu betrachten; »aber es schien mir eher hier aus dem hohen Mörtelhaufen zu klingen, vielleicht steckt ein Marder unter den Steinen!« und er stieß mit dem Fuß gegen das knirschende Geröll. »Ah, es wird der Wind gewesen sein, bei hellem Sonnenschein kann es doch unmöglich spuken,« und er setzte sich lachend wieder nieder, »es müßten denn die alten Mönchsgesellen drunten aus tiefem Schlaf erwacht sein und ahnen welch' reizender kleiner Schmetterling über ihre Gräber flattert!« »Es hat schon vorhin ein paar Mal geraschelt!« beharrte Dagmar mit scheuem Umblick. Lothar zog ihre kleine Hand an die Lippen. »Der Irrgeist von Casgamala beneidet mich vielleicht!« flüsterte er, mit wundersamem Ausdruck in den Zügen, »und kommt nun hierher, um mit seinem gespenstigen Seufzen abermals meinen Weg zu kreuzen.« »Der Irrgeist von Casgamala?« unterbrach Dagmar, ihre Hand schnell aus der seinen lösend, »jene häßliche Flamme, welche an diesen rothen Narben schuld ist? ... o wie hasse ich sie darum!« »Dagmar!« – abermals faßte er ihre beiden Hände und zog sie an die Brust – «lassen Sie mich für dieses Wort meinen Dank sagen! Den Irrgeist hassen – heißt mich ...« Die junge Dame sprang laut lachend empor und flüchtete sich einige Schritte von ihm zurück. »Nicht weiter, Graf von Echtersloh, bei meinem heiligen Zorn!« rief sie mit brennenden Wangen, »Sie wissen, daß Ihnen die Sentimentalität durchaus nicht wohl zu Gesicht steht! Und wenn Sie noch einmal so aus dem Stegreif meine Hand küssen, dann ...« »Dann? ...« Lothar drehte keck seinen dunklen Schnurrbart und warf einen zärtlichen Blick auf die Heckenrose an seiner Brust. »Dann rette ich mich zu dem Irrgeist von Casgamala!« fuhr sie übermüthig fort, und mit schnellem Schritt zu dem steinernen Bischof im Kreuzgang tretend, löste sie den Kranz aus ihrem Haar, schlang ihn um das starre, bemooste Marmorhaupt und schmiegte sich mit allerliebster Koketterie an die Brust der ernsten Mönchsgestalt. »Hier, Du braver alter Gesell, Du wirst aus dem Grabe steigen, um eine Lanze für mich zu brechen, wenn die modernen Ritter in Dragoneruniform zu kühn werden wollen! Und Du wirst dieses Kränzlein dem Irrgeist von Casgamala bringen und ihm sagen, »Dagmar von der Ropp sendet Dir ihren Gruß und läßt Dir verkünden: »wähle zwischen Rosen und Dornen hier! Ihr Haß, wenn Du noch einmal die Wege ihres Freundes Lothar kreuzest, und ihre Liebe, wenn Du als freundlicher Schutzgeist über diesem Schloß und seinen Bewohnern wachst!« – – Und mit übermüthigem Lachen stellte sich die Sprecherin auf die Fußspitzen, lehnte momentan ihr glühendes Gesichtchen gegen die graue Wange des Kirchenfürsten und warf einen neckischen Blick nach dem jungen Offizier, welcher mit gekreuzten Armen an der Mauer lehnte. »Sie treiben ein gefährliches Spiel, Fräulein Dagmar,« rief er mit schnellem Lächeln, glauben Sie, ich würde dem Irrgeist diesen Kranz ruhig überlassen?« »Wehe ihm, wenn er sich denselben rauben läßt!« »So schüren Sie den Kampf zwischen uns, anstatt ihn zu enden?« Lothars Stimme klang dumpf und grollend. Dagmar schaute jäh auf, ihr Auge blitzte. »Ja, ich schüre ihn!« rief sie lebhaft, »laßt sehen, wer Sieger bleibt, Liebe oder Haß, Schönheit oder Häßlichkeit, die gespenstige Flamme in den Steinbrüchen, oder Helios, der leuchtende Gott der Sonne! Jene Narben auf Ihrer Stirne sind der Fehdehandschuh des Irrgeistes, zwei Feinde können nicht Herr auf einer Scholle sein, er wird weichen oder Sie! Und nun frisch auf zum Kampfe, ihr beiden gewaltigen Helden, der Kranz ist schon geflochten, welchen ich dem Sieger mit eigenen Händen um die Stirne winden werde, meinen Kranz!« Und Dagmar schüttelte das wilde Haar aus der Stirne und blickte lachend in Lothars Antlitz, mit blutigrothen Strahlengarben wogte der letzte Sonnengruß um ihre schneeige Gestalt, welche, schlank und duftig wie wehendes Sommergewölk, vor dem alten Steinbild über bemoosten Trümmern schwebte. Nie war Dagmar reizender gewesen, als in diesem Moment und Lothars Blick hing voll begehrlicher Gluth an den rothen Lippen, welche im tollen Scherz ahnungslos den Funken in das Pulver schleuderten und an einem Fundament rüttelten, auf welchem schon Jahre lang der morsche Bau des Friedens schwankte. Wird sein Grundstein erschüttert, bersten die Mauern, um sich selber im eigenen Sturze zu zermalmen. Tiefer und tiefer sanken die Schatten, und fern im waldigen Schloßpark verklangen die heiteren Stimmen der drei jungen Leute. Droben in der Klosterruine ward es still und einsam, und Dagmars Blumen lagen zertreten und welk auf dem gefurchten Sandsteinboden umher. Plötzlich dringt ein leise knirschender Ton durch den gewölbten Kreuzgang, feine Staubwolken wirbeln auf und jener breite Riß dort an dem schräggestellten Grabstein auf der Erde weicht ächzend auseinander, breit und immer breiter gähnt der dunkle Spalt, das lose Erdreich rollt an beiden Seiten nieder, der Mörtel bröckelt ab und die starren Grashalme biegen sich zitternd vor den quetschenden Steinplatten. Eine lange, schmale Oeffnung reißt sich in die Fließen, der alte Grabstein weicht langsam zurück und zwischen seinen scharfen Marmorkanten erhebt sich langsam ein menschliches Haupt, Schultern und Brust folgen ihm und leisen Schrittes steigt die hohe Gestalt des Grafen Desider auf enger Treppe empor, lautlos und grau, wie ein stolzer Schatten, welcher um Mitternacht aus seiner Gruft steigt. Er steht still und legt momentan die weiße Hand über die Augen, als müsse er sich erst an das Licht gewöhnen, welches noch in falbem Abglanz um die Ruinen zittert, dann schreitet er langsam zu dem alten Steinbild in der Mauer und schaut mit gefurchter Stirn zu ihm auf. – Graf Echtersloh ist sehr bleich, sein langes Blondhaar hängt wirr um Stirn und Schultern, und tiefer wie gewöhnlich senken sich die Schatten um seine ernsten Augen. Mit fester Hand nimmt er den Epheu- und Rosenkranz von dem Haupte des stummen Gesellen und blickt finster darauf nieder. – »So öffne denn Deine kalten Lippen, ehrwürdiger Freund, und entledige Dich Deines Auftrages,« murmelte er, »Rosen oder Dornen sollst Du mir bieten, Haß oder Liebe, – wohlan, ich wage den Kampf und wähle mir die Dornen zum Bannerzeichen!« – und Desider trat in jäher Leidenschaft einen Schritt vor und preßte den kleinen Kranz gegen die Brust, – »Deinen Kranz hast Du zum Preise gesetzt, Dagmar, Deine Rosen abermals in meine Hand gelegt, damit sie zum zweiten Mal den Wendepunkt meines Lebens bilden und jenes Schwert in meine Hand drücken, welches einmal doch die Bande zwischen mir und ihm zerschlagen muß, ob früher oder später! – Der Sieg wird mein sein, Deinen Lohn aber halte ich schon in Händen und einen andern begehre ich nicht! – Ja, der Irrgeist von Casgamala wird über diesem Schloß wachen, anders aber, als Deine Seele ahnen mag, und die Flamme, welche die Gerechtigkeit entzündet, wird selbst den Helios in den Staub herniederschlagen!« – Und [dann] wandte sich Graf Echtersloh zurück und schaute zu dem Schlosse herab, über welchem die Schatten höher und höher zusammenschlugen; hoch und stolz richtete sich seine schlanke Gestalt empor, und den kleinen Kranz voll feierlichen Ernstes empor haltend, klang es leise, kaum hörbar von seinen Lippen: »Der Irrgeist von Casgamala hat von seinem Eigenthum Besitz genommen, wohlan, Lothar, komm! – wag' es und entreiße mir den Kranz!« Still blieb es über den dunkeln Wipfeln, nur in den Ruinen zirpte es und flatterte mit schwerfälligem Flügel durch die ersten Mondstrahlen, welche noch bleich und lichtlos wie zitternder Nebel um das Gestein wehten. Lautlos verschwand die Gestalt des Grafen in dem düstern Erdspalt, die beiden Marmorsteine fügten sich knirschend über ihm zusammen, die rauhen Riedhalme schnellten wieder aus dem rieselnden Staub empor und glatt und regungslos lag die Grabstätte in dem Kreuzgang, als hätte sie nie eine menschliche Hand aus ihrem langen Schlummer gestört. »Esto mihi in dominum protectorem«, Ps. 31,3, glänzte in halb verwischten Buchstaben darauf, und der alte Bischof starrte mit tobten Augen vor sich nieder in die stille Nacht. 7. Der Vollmond schwebt im Osten. Am alten Geisterthurm, flimmt bläulich im bemoosten Gestein der Feuerwurm. Auf der Terrasse vor dem Schloß war der Thee eingenommen. Noch saß Gräfin Echtersloh im Kreise ihrer Kinder an dem von Silbergeschirr blitzenden Tisch, auf welchen mit gedämpfter Kuppel die Lampe brannte, behaglich zurückgelehnt in ihrem Fauteuil, schweigend die kleine Runde überblickend, welche so elegant, so durchaus » crême de la crême « ein reizendes Souvenir aus alter Zeit schien, wo Frau Leontine noch den Glanz des alten Hauses so unvergleichlich zu repräsentiren wußte. Laubmann stand in geringer Entfernung an der geöffneten Salonthür, eingezwängt in viel zu knappe Livree, welche sich goldschimmernd um seine robuste Figur spannte und auf der Brust über der rothen Weste offen stand, deren von Motten angefressene obere Hälfte sorgfältig von Frau Sybillens bester Spitzenbarbe überhangen war. Ganz vorschriftsmäßig war es allerdings nicht, aber die Noth macht erfinderisch, und im allgemeinen sah der Alte doch recht manierlich aus. Hinter dem grauen Eulenthurm stieg der Mond empor, mit silbernem Licht das prächtige Schloß und die sich anschließenden Ruinen überstrahlend und einen zarten Schleier um die dunklen Baumwipfel webend, fein und schimmernd wie demantner Nebel, und dennoch nicht intensiv genug, um die tiefen Schatten zu lösen. Weiche, schmeichelnde Sommerluft wehte um die weißen Steinfiguren zu beiden Seiten der Freitreppe, die süßen Rosendüfte von den nahen Beeten herübertragend, und geheimnißvoll in dem großblättrigen Pfeifenlaub und den Clematisranken flüsternd, welche in üppigster Pracht wie wogende Jalousien zwischen den einzelnen Säulen über das Terrassengitter herniederhingen. »Sie fürchten sich also vor Gespenstern, mein gnädiges Fräulein?« fuhr Lothar in dem begonnenen Gespräch fort und stäubte mit lässiger Bewegung die Cigarette ab, welche er als Schutz gegen die lästigen Mücken und Nachtschwärmer in Brand gesetzt hatte, »dann möchte ich fast vorschlagen, eine Promenade durch den alten Schloßbau zu machen, um Ihnen zu beweisen, welch' eine interessante Species unser Felsennest davon aufweisen kann. Soll ich Ihnen einmal erzählen, was für seltsamen Gesellen wir vielleicht begegnen würden?« Mit leisem Aufschrei wich Dagmar zurück und hielt sich beide Hände vor die Ohren. »Nein, das werden Sie bleiben lassen, Graf Lothar!« rief sie eigensinnig, »Sie wissen, daß ich sonst vor Angst kein Auge zuthun kann, und die ganze Nacht an Ihre gräßlichen Geschichten denken muß! Ich dächte, es wäre gerade genug, daß ich in jedem dunkeln Winkel den Irrgeist von Casgamala zu sehen glaube, ich zittere bei dem Gedanken an die rothe Feuerflamme!« Comtesse Dolores sah auf, ein schneller, scharfer Blick flog über die junge Dame, welche sich bei den letzten Worten an Gräfin Mutter schmiegte und die schönen Schultern schaudernd empor zog. »Lassen Sie sich nicht ängstigen, Herzchen!« lächelte Frau Leontine liebkosend. »Die Männer lieben furchtsame Frauen, um ihnen als starker Schutz desto unentbehrlicher zu erscheinen!« »Nicht ganz so egoistisch, Mama!« Der junge Offizier lachte leise auf, »viel eher selbstlos, denn durch meine Neckerei verscherze ich mir manche idyllische Partie mit Fräulein Dagmar durch Nebel und Mondschein. Was aber den Irrgeist anbelangt, so hoffe ich Sie recht bald beruhigen zu können und Ihnen den Kranz wieder zu Füßen zu legen, welchen kecke Hände von dem alten Steinbild im Kloster droben gestohlen haben; man merkt, daß Casgamala bis jetzt eines energischen Herrn entbehrt hat, sobald aber der wunderliche und höchst fragliche Spuk seinen Herrn und Meister findet, wird es nicht schwer halten, ihm die Maske abzureißen.« »Erkläre Dich deutlicher!« Dolores heftete ihr graues Auge durchdringend auf sein Antlitz, ihre Stimme klang wie dumpfe Drohung. »Fraglicher Spuk? – Glauben Sie denn nicht daran?« rief Fräulein von der Ropp hastig näher rückend, »o bitte, was wissen Sie davon, erzählen Sie, Graf!« »Vor der Hand leider noch nichts Bestimmtes, aber ich hoffe meiner Sache bald sicher zu sein, Fräulein Dagmar!« entgegnete Graf Echtersloh mit spöttisch geschürzten Lippen, »und bis dahin erlaube ich mir, Ihnen meine Vermuthung auszusprechen – der Irrgeist von Casgamala ist ein infames Possenspiel, hinter dessen uraltem Privilegium sich ein ganz modernes Gaunerstückchen versteckt. Ich habe mich unter der Hand genau orientirt und hoffe bald schon ein interessantes Geheimniß zu enthüllen; der Erfolg meines Planes mag das schmeichelhafteste Lob für den Scharfblick Deines Sohnes sein, chère maman !« »Und was vermuthest Du also?« Die Stimme der Comtesse Dolores zitterte vor nervöser Erregung. »Ich vermuthe« – Lothar dämpfte unwillkürlich sein Organ und neigte sich näher zu den Damen, welche in lebhaftester Spannung die Worte von seinen Lippen lasen, »daß der Irrgeist von Casgamala ein Dieb ist!« Ein leiser einstimmiger Aufschrei der Ueberraschung war die Antwort. »Ein Dieb?« Comtesse Dolores zuckte spöttisch die Achseln. »Lächerlich!« murmelte sie zwischen den Zähnen, und nahm von neuem ihre Arbeit empor, um mechanisch weiter zu sticken. »Ich bitte Dich um alles in der Welt, darling , wie kommst Du auf diese abenteuerliche Idee!« lächelte Frau Leontine ungläubig, »bis jetzt hat man noch nie eine Stecknadel im Schlosse vermißt!« »Weil langfingerige Herren in der Regel noblere Passionen haben, als wie für Toilettenkissen!« lachte der junge Graf mit überlegenem Blick, »auch möchten einem Irrgeist von Casgamala mit Fleisch und Blut wohl die Riegel und Schlösser dieser trutzlichen Feste etwas unbequem sein. Nein, Mama, die Feuerflamme hat sich ein anderes Terrain zu ihrem Wirkungskreise ausgewählt und auch wahrlich keinen schlechten Geschmack dabei verrathen!« »Und das wäre?« hob Dolores ironisch den Kopf. »Die Marmorbrüche!« »Um Gotteswillen, es ist doch nicht etwa eine Räuberhöhle da?« rief Dagmar ganz bleich vor Schrecken. Gräfin Mutter legte beruhigend den Arm um sie, Lothar aber drehte leise lachend den Schnurrbart. »Eine Räuberhöhle, mein gnädigstes Fräulein, und Casgamalas reizendste Perle noch nicht geraubt, um darin als moderne »Armida-Dagmar« eines Rinaldos Königin zu sein? Schon dieser Beweis mag Ihnen für die Nichtigkeit einer solchen Vermuthung Bürge leisten. Aber Scherz bei Seite, meine Damen, ich bin im wahren Sinne des Wortes überzeugt, daß schon seit vielen Jahren ein höchst dreister Marmordiebstahl in den Haidebrüchen ausgeführt wird. Leute, welche der Feuerflamme daselbst begegneten, haben öfters ein dumpfes Knallen und Donnern in der Tiefe gehört und dies natürlich für die furchtbaren Anzeichen jenes unheimlichen Geistes gehalten; sind hierauf die Arbeiter am nächsten Morgen zur Stelle gekommen. so waren sie entsetzt über die Verwüstung, welche sich ihren Blicken bot, breite Marmorquadern waren aus dem Fels gerissen, unzählige kleine Trümmer bedeckten den Boden und in der Regel fehlten die besten und werthvollsten Blöcke, welche von den Löhnern bereits zum Versandt gerichtet und behauen waren. Nie jedoch mehr als wie ein, höchstens zwei Stück. Spuren von irgendwelcher Art des Transportes hat man nie entdeckt. Da, eines Tages fand der Inspektor nach wieder einer Nacht jenes räthselhaften Donners, deutliche Anzeichen einer Sprengarbeit im Felsen, und glücklich einen Beweis in Händen zu haben, meldete er es sofort meinem Bruder Desider. Derselbe sah sich die Sache an, zuckte die Achseln, ließ ein paar angstzitternde Wachen aufstellen, kündigte nach ein paar Wochen dem verblüfften Inspektor, lohnte die Arbeiter ab, und ließ jene kostbaren, ergiebigen Brüche brach liegen, ohne sich jemals wieder mit einem Wort danach zu erkundigen.« »Unglaublich! ist der Mensch denn vollständig toll geworden?« schrie Gräfin Mutter mit schriller Stimme auf, »welch' eine Unsumme birgt solch' ein einziger Schacht und wie viel Tausende könnte man daraus schöpfen! Es ist bei Gott hohe Zeit, Lothar, daß Du dieser unverzeihlichen Wirtschaft hier einmal die nöthige Grenze steckst!« Jesabell seufzte leise auf, der junge Offizier aber fuhr mit zurückgeworfenem Haupte fort: »Seit sich der Herr Graf nun so gar nicht mehr um sein Eigentum kümmert, knallt und rumort es munter in der Tiefe fort, die rothe Flamme treibt ungestört ihr Wesen auf der Haide und hätte ihr Meisterstücklein gemacht, wenn ein gewisser Dragoneroffizier mit zersplittertem Schädel zwischen den Blöcken drunten läge –« »Graf Lothar!« schauderte Dagmar mit angstvoll erhobener Hand. »Und dem Irrgeist von Casgamala sowohl das Feld hätte räumen, als wie ihm auch den süßen kleinen Epheukranz hätte überlassen müssen!« Der schöne Mann neigte sich näher zu dem jungen Mädchen hin und blickte sie lächelnd mit seinen dunklen Augen an. »So aber ist ihm dieser Geniestreich mißglückt und das Signal gegeben, den Kampf auf Tod und Leben zu wagen; die Marmorbrüche sind nur das Mittel zum Zweck, denn an einen Streit um ein paar welke Blumenranken glaubt heut' zu Tage die Welt nicht mehr!« Dagmar biß sich auf die Lippen und hämmerte mit ihrem geschlossenen Fächer gegen die runde Tischplatte, Frau Leontine aber hob plötzlich ihr gedankenvolles Haupt und richtete sich resolut empor. »Hast Du schon mit Desider über diese Angelegenheit gesprochen, Lothar?« »Nein, Mama, – wozu auch?!« »Ich wünsche, daß dies jedoch geschieht und zwar in meiner Gegenwart, – verstanden? ... ah ... sieh doch, Jesabell ... kommt er nicht eben über den Platz dort? Lupus in fabula , das wäre ja wie gerufen!« Und Excellenz nestelte hastig die Lorgnette aus ihrem Kleid und hielt sie vor die Augen. »Ja natürlich, – das ist Desider!« – Graf Echtersloh stieß den Stuhl zurück und trat an die Ballustrade der Veranda, um über den freien Platz zu spähen, welcher sich, hell vom Monde beschienen, vor dem Schloß ausdehnte, auch Jesabell und Dagmar hatten sich lebhaft erhoben und lehnten sich in das blühende Gerank. – »Ach bitte, rufen Sie ihn hierher, Graf Lothar!« bat Dagmar eifrig, »ich möchte Ihren berühmten Bruder doch auch einmal kennen lernen!« »Wir werden nicht viel Ehre mit dieser Bekanntschaft einlegen, gnädiges Fräulein!« seufzte der junge Offizier, mit leichter Bewegung seiner Hand, dann beugte er sich weiter vor und rief in die stille Nacht hinaus: »Desider! – bitte, auf ein Wort!« Ueber den Kiesweg schritt eine hohe Gestalt, welche sich bei dem Klang dieser Stimme zurückwandte und stehen blieb, noch fiel der Schatten des nahen Fliedergebüsches über Haupt und Schultern und ließ die Contouren in tiefem Grau verschwimmen. »Desider!« wiederholte Graf Echtersloh, mit dem Taschentuch winkend, und jetzt löste sich auch die Figur des Gerufenen völlig aus dem Dunkel und trat mit festen, schnellen Schritten über den knirschenden Kies. »Wie groß er ist! Und wie stattlich!« sagte Dagmar leise in das Ohr der Freundin, »so stellte ich ihn mir gar nicht vor!« »Es ist auch sechs Jahre her, daß Du ihn sahst!« entgegnete die Comtesse ebenso. »Sechs Jahre schon? Unmöglich!« »Desider war neunzehn Jahre, wie er aus dem Corps entlassen wurde, und jetzt hat er seinen fünfundzwanzigsten Geburtstag gefeiert!« »Und ich war damals dreizehn schöne Lenze alt ... mein Gott, ja ... es stimmt, ich weiß gar nicht, welch' alte Jungfer bereits aus mir geworden ist!« Und Fräulein von der Ropp kicherte leise auf und warf sich wieder in ihren Sessel zurück, um mit neugierigen Augen über den entfalteten Fächer hinweg nach der Terrassentreppe zu blinzeln, auf welcher bereits der Schritt Desiders widerklang. Einen Augenblick noch und zwischen den Säulen stand der Majoratsherr von Casgamala, sich leicht und kurz gegen die Damen verneigend, dann sich zu Graf Lothar wendend, welcher ihm etwas steif und förmlich entgegentrat. Die Brüder reichten sich in flüchtigem Gruß die Hand. Das Lampenlicht warf seinen Schein über die beiden Männer, welche einander gegenüberstanden, noch um Handbreite ragte das Haupt Desiders über den lockigen Scheitel des Jüngeren, und fast hünenhaft erschien seine markige Gestalt neben der feinen, schmiegsam schlanken Figur des jungen Offiziers. »Verzeih', daß ich Dich aufhalte, Bruder!« lächelte Lothar mit leichter Geste nach dem nächsten Sessel, »es bleibt uns jedoch nichts anderes übrig, als ein nächtlicher Ueberfall, wenn wir Dich einmal bei uns sehen wollen; aber Pardon – darf ich die Herrschaften bekannt machen: mein Bruder Desider – Fräulein von der Ropp!« Graf Echtersloh verbeugte sich etwas linkisch und allzu hastig, leicht den breitkrämpigen Strohhut lüftend, um ihn alsdann sofort wieder tief in die Stirne zu drücken, Dagmar begnügte sich, das Nasenspitzchen gnädig zu neigen. Sie lag noch ebenso nachlässig in ihrem Fauteuil wie vorher, nur der breite Fächer bewegte sich leicht klappernd auf und nieder. »Guten Abend, mon ami !« nickte Gräfin Mutter mit süßlichem Lächeln, ihm ihre Hand zum Kuß entgegen reichend, »wir haben uns mehrere Tage nicht gesehen, Casgamala hat unterdessen einen lieben Gast erhalten!« Desider trat zu ihrer Excellenz heran und zog die mageren Finger an die Lippen. »Ich habe bereits mit Freude davon gehört, gnädigste Mutter, und hoffe, daß durch die Anwesenheit des Fräulein von der Ropp Ihr hiesiger Aufenthalt eine angenehme Abwechslung erleidet. Sie haben sich vollständig von der anstrengenden Krankenpflege des Bruders erholt?« Dagmar hatte unwillkürlich bei dem Klang seiner sonoren Stimme aufgeschaut, noch immer haftete ihr erstaunter Blick an seinem Haupte, als wolle er es versuchen, unter den tief schattenden Hutrand zu dringen, Frau Leontine aber lehnte den Kopf leidend zurück und seufzte leise auf. »Ja, diese Pflege und ihre Anstrengungen wollen erst mit der Zeit überwunden sein, mon cher , man merkt, daß das Alter kommt, selbst die kleinste Misère dieses Lebens erschöpft mich!« Und sie hob die weiße Hand, um die krausen Stirnlöckchen noch tiefer über die verrätherischen Hautfalten zu ziehen. »Ich bedauere von Herzen –« entgegnete Graf Echtersloh, sich auf den dargeschobenen Sessel stützend, dann jäh abbrechend, wandte er sich hastig zu Lothar. »Du wünschest eine Auskunft zu haben, wenn ich nicht irre, Bruder, darf ich Dir vielleicht in Dein Zimmer folgen?« Lothar blies ein paar bläuliche Dampfringel und warf sich in einen Sessel. » Not at all , Verehrtester, darüber können wir ebensogut in Damengesellschaft verhandeln, bitte nimm Platz, und frag Jesabell, ob sie vielleicht noch eine Tasse Thee in der Kanne hat!« »Ich danke!« lehnte Desider sehr entschieden ab, »meine Zeit ist knapp gemessen, ich bin soeben auf dem Wege, einen Arbeiter zu besuchen, welcher das Unglück hatte, sich bei der Dreschmaschine schwer zu verletzen!« »Du selbst willst zu ihm gehen?« warf Frau Leontine mit ironischem Nasenrümpfen ein, » Mon Dieu , Desider, das wird die Leute verwöhnen! Wozu hat man denn seine Bedienung!« Und sie wandte sich achselzuckend zu Dagmar, als wollte sie sagen: »Da sieht man wieder, wie verrückt er ist!« Graf Echtersloh richtete sich hoch empor. »Ich gehe selber zu dem Verwundeten, weil ich es für meine Pflicht erachte, Frau Mutter!« entgegnete er kalt, »außerdem halte ich es für unmöglich, mich durch einen Lakai vertreten zu lassen. Du wünschest also von mir, Lothar?« Wieder hatte Dagmar jäh empor geschaut, der Fächer lag plötzlich regungslos in ihrer Hand, und unwillkürlich fast richtete sie sich empor, der junge Offizier an ihrer Seite jedoch warf mit leisem Auflachen den Kopf zurück. »Du spielst Dich auf den Menschenfreund und kannst doch nicht jenes hochmüthige blaue Blutströpflein der Grafen Echtersloh in Deinen Adern verleugnen!« entgegnete er spöttisch »ein barmherziger Samariter in Glacéhandschuhen. Eh bien , dieses Thema bringt uns sofort auf meine Frage, deren mysteriöses Räthsel Du hoffentlich die Güte hast mir zu lösen! Du wirst es begreiflich finden, wenn ich mich für ein Wesen interessire, welches vor wenig Tagen ein Attentat auf mein Leben machte und mir beinahe zum Willkommen in der Heimath den Hals gebrochen hätte. Ich meine den Irrgeist von Casgamala, welcher auf höchst sonderbare Weise hier in der Gegend sein Wesen treibt.« Graf Lothar klemmte ein goldenes Pince-nez auf die Nase und blickte seinen Bruder herausfordernd an. »Ich verlange von Dir Aufklärung über diesen Gesellen.« Desider lächelte und entgegnete: »Rechnest Du mich vielleicht unter die Geisterbeschwörer? ›Es giebt zwischen Himmel und Erde viele Dinge, von welchem sich unsere Schulweisheit nichts träumen läßt‹, sagt Englands großer Dichter.« »Und mit dieser wohlklingenden Phrase giebst Du Dich zufrieden und setzest sie selber als Motto über die empörenden frechen Umtriebe, welche unter dem Deckmäntelchen einer gespenstigen Flamme, im guten Vertrauen auf die gräflich Echtersloh'sche Spukgeist-Pietät, hier in Scene gesetzt werden?« Desider zuckte die Achseln. »Willst Du es vielleicht versuchen, gegen eine Familientradition anzukämpfen, welche schon seit Jahrhunderten ihr Recht auf diesem Grund und Boden geltend macht? Ich, für meine Person, achte die alte Herrschaft des Irrgeists von Casgamala.« Ein schallendes Auflachen unterbrach ihn, Lothar warf sich in seinen Sessel zurück und ein fast impertinenter Ausdruck beherrschte seine schönen Züge. »Sage lieber, ich fürchte sie!« rief er voll beißenden Spottes, »und überlasse dem unheimlichen Herrn lieber die Marmorbrüche ganz und gar als Rente, ehe ich es wage, sein heiliges Privilegium anzutasten. Es ist ja auch viel bequemer, die Hände zurückzuziehen, im Kiosk behaglich Romane zu schmökern und türkische Pfeifen zu rauchen, und sich die amüsante kleine Feuerflamme auf der Nase herumtanzen zu lassen! Wie gut magst Du doch bei dem liebenswürdigen Spuke angeschrieben sein, Dich hat er wohl noch niemals in die Marmorbrüche herunter schmettern wollen, he?« Und der junge Offizier stemmte die Arme in die Seite und maß den Gefragten mit fast verletzendem Blick. Tiefe Gluth stieg langsam in die Wange des Majoratsherr, die Hand, welche sich auf den Sessel stützte, erzitterte. »Was meinst Du mit der Rente aus den Marmorbrüchen?« fragte er dumpf. Gräfin Echtersloh warf Lothar einen ermuthigenden Blick zu. »Ich meine Deine unverzeihliche Art und Weise, mit dieser Goldquelle zu wirthschaften!« fuhr der Dragoner gereizt auf, »anstatt jenem dreisten Marmordiebe nachzuspüren und seinem frechen Handwerk ein Ziel zu setzen, kündigst Du dem Inspektor, lohnst die Leute ab und überlässest das Terrain in gottesfürchtigem Vertrauen der Großmuth eines Gauners!« Graf Desider trat noch tiefer in den Schatten zurück, es war unmöglich, den Effekt dieser Worte in seinen Zügen zu studiren. »Wer hat Dir diese erstaunlichen Mittheilungen gemacht, Lothar?« fragte er kurz. »Erstaunlich? Befremden sie Dich etwa?« umging der Genannte geschickt die heikle Klippe, »ist es etwa Lüge, daß Du den Beamten fortgeschickt hast?« »Durchaus nicht.« »Aha! und welchen Grund hattest Du dafür?« »Einen stichhaltigen und jedenfalls triftigen!« Stolz und kalt klangen die Worte durch die tiefe Stille. Lothar biß sich auf die Lippe. »Und warum bleiben die Brüche auch jetzt noch unbearbeitet?« »Weil sie erschöpft sind.« »Erschöpft? Unmöglich!« »Den wenigen Marmor, welchen sie noch halten, beabsichtige ich, für die hiesigen Bauten zu verwenden, falls der alte Theil des Schlosses einer Renovirung bedarf.« »Und bis dahin lässest Du die besten Blöcke ruhig herausstehlen?« Ein hohnvoller Zug umspielte abermals die Mundwinkel des jungen Mannes. »Und wenn ich es nun thäte?« Desider kreuzte die Arme und blickte gelassen zu dem Bruder nieder. »Dann würdest Du Dich nicht wundern dürfen, wenn sich etwas thatkräftigere Hände dieser Angelegenheit annehmen werden; laut Papas Testament ist der Majoratsherr von Casgamala verpflichtet, einen gewissen Theil des jährlichen Einkommens, speziell der zum Schloß gehörigen Ländereien und Waldungen an seine Geschwister auszuzahlen, und es ist in Folge dessen keine Bagatelle für meine Schwestern und mich, ob die Marmorbrüche ihre Rente hierzu abwerfen oder nicht. Außerdem sichert mir ein Codicill besagten Testamentes, vom Tage meiner Vermählung an« – Lothar wandte sich lächelnd gegen Dagmar, »das Domicilrecht auf hiesigem Schlosse, und die Baarauszahlung jener Summe, welche zur Ausstattung, eventuell Kautionsleistung meiner Schwestern bestimmt ist.« Dagmar senkte ihr Köpfchen hinter den Fächer, Desider aber zuckte empor und starrte mit plötzlichem Verstehen auf die beiden jungen Leute, deren Sessel wohl nicht aus Zufall so selbstverständlich nahe an den Familientisch zusammengestellt waren. »Gewiß,« entgegnete er hastig, – »ganz recht, Bruder – ich weiß davon – und es sei ferne von mir, auch nur einen Buchstaben an diesem Vermächtniß zu verletzen –« er reichte ihm mit schneller Bewegung die Rechte, »nimm Du die Angelegenheit in die Hand – ich werde mich nicht viel darum kümmern können – vielleicht unternehme ich eine längere Reise – aber die Steinbrüche – nun wohl, Du magst auch darüber bestimmen – ihre Zeit ist um. Wenn Du mich vielleicht noch sprechen willst – bestimme mir ein Rendezvous – im Park – oder droben im Kloster, es ist jetzt sehr lebhaft hier im Schloß.« – Und Graf Echtersloh verstummte, riß den Hut herab und verneigte sich vor den Damen. Ein kurzer Blick in Jesabells Augen, und er stürmte die steinernen Stufen hernieder, als brenne plötzlich der Boden unter seinen Füßen. »Nun bitte ich Euch um Himmelswillen, Kinder, ist er nicht vollständig gestört?« rief Gräfin Mutter, die Hände voll schaudernder Abwehr hebend, »diese Unruhe und wirren Reden, und der unstäte Blick, der urplötzlich so starr und stechend sein kann, daß man sich fürchten möchte! Ich beschwöre Dich bei meiner Liebe, Lothar, laß Dich nicht mit ihm auf einsame Unterredungen ein, der Gedanke allein ist unheimlich und macht mir Nervenzucken!« Der junge Offizier lachte leise auf und warf in fast knabenhafter Prahlerei den Kopf zurück. »Unbesorgt, m'amour , ich bin schon mit andern fertig geworden, als wie mit diesem armen Tölpel, welcher über seine eigenen Gliedmaßen stolpert, außerdem halte ich ihn wohl für einen geisteskranken, aber doch nicht direkt bösartigen Menschen!« Jesabell verschlang mit schmerzlichem Blick zum Himmel die Hände. Sie stand noch immer an dem Weinlaub der Ballustrade, und zog sich mehr und mehr in sein Dunkel zurück, um die Thränen zu verbergen, welche unaufhaltsam über die erbleichten Wangen rollten. Dolores aber legte die Arbeit nieder, neigte sich in ihren Sessel zurück und ließ ihren kalten Blick unverwandt auf Lothars Antlitz ruhen. »Auf alle Fälle wichtig und angenehm ist es mir,« fuhr Graf Echtersloh mit erhobener Stimme und sehr scharfer Betonung fort, »daß mir Desider hier vor Zeugen die Vollmacht gab zu handeln, um unsere Vermögensangelegenheit eigenhändig zu ordnen; kann ich Dich wohl ein paar Augenblicke sprechen, Mama, ich hätte eine Frage zwischen uns klar zu legen!« Gräfin Mutter erhob sich mit erstaunlicher Hast; sie legte ihren Arm in den des Sohnes und nickte ihm mit verständnißvollem Lächeln zu. Nie war wohl Frau Leontine häßlicher gewesen, als in diesem Augenblick. »Apropos, Fräulein Dagmar, wie gefiel Ihnen mein interessanter Bruder?« wandte sich der junge Offizier noch einmal zurück, und Fräulein von der Ropp dehnte gelangweilt die Arme und sagte gleichgiltig: »Er hat entsetzlich lange Lisztlocken und trägt einen abscheulichen Hut; wenn ich nicht irre, hatte er aber Handschuhe an!« und leise auflachend fügte sie hinzu, »bedanken Sie sich bei mir, ich finde, daß er Ihnen absolut nicht ähnlich sieht!« »Küß' die Hand, bellissima ! Sehr bald auf Wiedersehn!« und sichtlich amüsirt verschwanden Mutter und Sohn im Gartensalon. Auch Dagmar erhob sich, und schritt langsam die mondhelle Terrasse entlang; drunten an der Florastatue blieb sie stehen und lauschte in die stille Nacht hinaus. Das silberne Licht umfloß ihr reizendes Gesicht und die blühenden Zweige schmeichelten um die kleinen Hände, welche sie gedankenlos herab an das Geländer zogen. »Er hat mich ein paar Mal angeseh'n – lange angeseh'n – was er wohl für Augen hat?« Dolores schob den Sessel zurück und trat zu Jesabell in den Schatten der Clematis. Sie neigte sich dicht zu dem Ohr der Schwester und legte die Hand schwer auf ihren Arm. »Hältst Du ihn auch für verrückt?« klang es leise, fast zischend zu der jungen Comtesse nieder. Jesabell schrak empor. »Ich – mein Gott –« »Antworte! lüge nicht!« flüsterte es mit herrischer Stimme, »hältst Du ihn für geisteskrank?« Da legte das junge Mädchen die Hand auf das Herz und blickte in das Gesicht der Fragerin empor: »Nein, Dolores, so wahr mir Gott helfe!« sagte sie klar und ruhig. Da fühlte sie ihre Hand mit jäher Hast ergriffen und gedrückt. »Brav, Kind; bleib dabei.« Und Dolores lachte auf, ein unheimliches kurzes Lachen. »Da drinnen im Gartensalon halten sie jetzt ein Halsgericht und theilen den Pelz, ehe sie den Bären haben. Harr' aus. Kleine, der Irrgeist von Casgamala ist noch nicht in's Grab gestiegen und jene dort werden's einst mit Zittern und Zagen erkennen: daß es doch noch Dinge zwischen Himmel und Erde giebt, von denen sie sich nichts träumen lassen!« Und abermals ein kurzer, leidenschaftlicher Händedruck, zwei flammende Augen hefteten sich sekundenlang fest auf ihr Antlitz. »Desider zu uns und wir zu ihm!« murmelte es wie beschwörend, und hastig wandte sich Dolores zurück und eilte lautlos die breite Treppe hinab in den Park. 8. Ein Vöglein singt, ein andres lauscht, Fliegt näher ohne Bangen. Und giebt, vom süßen Lied berauscht, Dem Sänger sich gefangen. Frau Sibylle stand in dem hohen Milchgewölbe und rahmte geschäftig ein paar irdene Schüsseln ab, um die dicke Milch für den Gesindetisch hinauf zu schicken; neben ihr, auf umgestülpter Waschbutte, saß Comtesse Jesabell und blickte trübselig vor sich nieder. »Du meinst also wirklich, Sibylle, wir müßten einen Gang mehr einschieben, wenn Lothar morgen ein paar Kameraden aus der nächsten Garnison mitbringt? Ist es unbedingt nöthig, Sibylle, können wir uns gar nicht mit dem Truthahn allein behelfen? Die letzten Tage haben entsetzlich viel Geld gekostet!« Und das junge Mädchen seufzte tief auf und heftete einen angstvoll fragenden Blick auf das geröthete Gesicht der kleinen Frau. Mutter Sibylle stemmte momentan überlegend beide Arme in die Seiten. »Ne, ne, Fräulein Bellachen, es geht nicht anders!« schüttelte sie endlich energisch den Kopf, »es gäbe ja einen Heidenspektakel bei der Frau Gräfin und dem Herrn Lieutenant! Noch dazu wenn die verwöhnten Bürschchen, die Musjö Husaren kommen und nachher die Nase über uns rümpfen wollten, wenn nicht alles hier zuginge wie in einem Grafenhaus! Wenn's nicht langt, soll ich borgen, sagt der Herr Bruder, und die Frau Excellenz stimmte ihm bei! Sehen Sie, liebe Comtesse, wie die kleine Hexe, die Fräulein Dagmar, hier in's Haus gekommen ist, da ging die tolle Wirthschaft los, da mußte alle Tage gesotten und gebraten werden und so und soviel Dienerschaft, und die feine Köchin aus der Stadt, die hier im Hause kommandirt, als wüchsen bei uns die Schmalztöpfe wie die Disteln im Feld. Ich habe gleich gesagt: das thut nicht gut, das nimmt noch ein böses Ende, und das Stadtprinzeßchen ist schuld daran! Na, weinen Sie nur nicht, Fräulein Bellachen, Sie thun mir ja in der Seele leid und brauchen sich auch Ihr Lebtag keine Vorwürfe zu machen, aber jetzt heißt's: mitgegangen, mitgehangen, und wer einmal A sagt muß auch B sagen! Es giebt noch ein Zwischengericht morgen, damit basta,« und Frau Laubmann klatschte vergnüglich mit dem breiten Holzlöffel auf den Milchnapf und nickte ihrer jungen Herrin ermuthigend zu. »Aber was denn, Sibylle? Viel kosten darf es nicht, denn so lange wir es vermeiden können, dürfen keine Schulden gemacht werden!« »Das versteht sich, Comteßchen! Und die Mamsell Köchin darf auch nicht merken, wie wir uns hier die Köpfe zerbrechen! Na, wie wär' es denn, wenn wir ein Fricassée von Täubchen vorher machten?« Jesabell schüttelte sinnend den Kopf. »Zweimal Geflügel geht nicht, und eine Mehlspeise paßt nicht – aber halt, Sibylle, ich habe einen herrlichen Gedanken!« und sie sprang jubelnd empor und faßte die corpulente kleine Frau an beiden Schultern, »Sibylle, giebt es nicht in dem Merlwasser Fische?« »Um Gottes Willen, Fräulein Bellachen – Fische!« »Giebt's welche?« »Dicksatt! Aber flink sind sie, und ehe man sie im Topfe hat, wollen sie gefangen sein, hier versteht's kein Mensch so recht.« »Ich versuche es! Ich angele!« jauchzte Comtesse Echtersloh mit freudestrahlenden Augen, griff zu dem Hut und zupfte ihr rosa Kattunkleidchen wieder glatt; »ich gehe hinüber zum Pächter und frage ihn, der muß mir auch eine Gerte abschneiden, und nun Adieu, Sibylle, halt' mir den Daumen, daß die Forellchen beißen!« und hastig die Thränen von den lachenden Wangen wischend, stürmte sie die Steintreppe empor in den Hof. Mit schnellen Schritten ging es durch den alten Schloßbau und die Gartenanlagen, hinüber zu den entfernter gelegenen Wirthschaftsgebäuden, welche mit rothen Dächern durch dunkelschattige Kastanienwipfel blickten. Im Hofe war es während der Morgenstunden still. Das bunte Hühnervolk tummelte sich um einen Wagen voll hochgethürmter Getreidegarben, die Tauben sonnten sich auf der spitzen Dachfirst, und Lisson, der gewaltige Hofrüde, lag träge vor seinem Hunde-Haus, den gelben Kopf auf die ausgestreckten Vorderpfoten geduckt und schläfrig nach den verhaßten Puten schielend, welche so stolz und selbstbewußt auf den Steinfließen vor der Pachthaustreppe umherstolzirten. Fern am Brunnentrog scheuerte eine rotharmige Magd an ein paar Backtrögen, und Mamsell Mine, die wohlbeleibte Beherrscherin dieses friedlichen Reiches, trat soeben aus dem Gemüsegarten, ein Sträußlein Petersilie und Suppengrün in Händen. Jesabell trat ihr hastig entgegen. »Grüß Gott, Mamsell! ist der Pächter daheim?« Mine hielt die breite Hand schirmend über die Augen. »Na, schön willkommen, Comtesse! Lassen sich auch 'mal wieder bei uns blicken? recht so! Ist jetzt immer viel Leben im Schloß drüben, hab's von der Laubmannen gehört! Der Herr Kirschner? ja, daheim ist er schon, Fräulein Bellachen, aber in der Baumschule hinten, hat zu thun da! Wissen Sie den Weg? hier durch den Garten, immer gradaus, am Fohlengatter vorbei! – Guten Tag, Herr von Malzhoff! na, auch wieder da, bei der Hitze? Treten Sie nur ein, ich komme sofort!« Jesabell hatte sich hastig zur Seite gewandt und schlug tief erglühend die Augen nieder, neben ihr klang Hufschlag und von schäumendem Fuchs herab grüßte der junge Jägersmann, welcher ihr damals an der Gartenmauer den Hut entgegengeschwenkt hatte. »Danke, Mamsell, kann mich heute gar nicht aufhalten, ich muß direkt zum Herrn Grafen und dann wieder retour! Heda, Heinrich, nimm mir 'mal das Pferd ab!« und damit schwang er sich behende aus dem Sattel, warf dem heranspringenden Knecht die Zügel zu und klopfte mit der Reitgerte den Staub von dem grünen Jägeranzug, »Grüßen Sie Kirschner von mir, Mine, und sagen Sie, er soll's nicht übel nehmen, wenn ich heute keine Station mache, das nächste Mal desto länger! Adieu!« Noch einen langen, sprechenden Blick in das geneigte Gesichtchen der Comtesse, und der junge Forstmann schritt spornklirrend über das Pflaster zurück. »Wer war das, Mamsell?« fragte Jesabell hastig, als seine schlanke Gestalt hinter dem Thor verschwunden war, »sagten Sie nicht Malzhoff?« »Ganz recht, Fräulein, der Herr von Malzhoff; ein lustiges junges Blut, brav und ehrlich wie kein Zweiter, aber arm wie eine Kirchenmaus, hat drum auch in die Forstdienste beim Herrn Grafen Desider treten müssen. Ja, ja, es geht oft ganz wunderlich zu in der Welt, die Alten verprassen's und die Kinder müssen sich bei fremden Leuten herumschinden! Na, auf Wiedersehen denn, ich würde Sie ein Endchen begleiten, Comtesse, aber hier die Petersilie will noch gehackt sein! Adieu denn!« »Adieu, Mamsell, danke für die Auskunft! Und Jesabell nickte ihr freundlich zu und trat durch die niedere Gitterthür in den Blumengarten. Malzhoff aber blieb auf halbem Wege stehen und dachte nach. Ihm entgegen kamen ein paar Mäherinnen mit duftigen Lasten auf dem Kopf. »Heda, Liese! dienst Du im Pachthof?« Die Arbeiterin blieb stehen und starrte ihn blöde an. »Ja, Herr Förster!« klang es endlich aus dem breitgezogenen Mund. »Sage mal, Du wandelndes Grünfutter, kennst Du die junge Dame, die jetzt dort ist; schwarze Haare hat sie, und einen runden Hut auf, und wenn ich nicht irre, ein rosa Kleid mit unten so 'was Besetztem drauf, na, kennst Du die?« Liese lachte. »Ach, der Herr Förster meinen wohl die Fräulein Malchen, die jetzt bei der alten Frau Kirschnern zum Besuch ist? Ja, die hat schwarze Haare und kommt aus der Stadt und hat eine erschrecklich hohe Singstimme, Lehrerin soll sie sein!« »Schon gut! schon gut! Also richtig Fräulein Malchen! Na, grüß Gott, ihr Leute, kommt's wohl über!« * Wenn man ein Stück die gewundene Fahrstraße am Schloßberg hinabgeht, dann steht man plötzlich auf einer breiten Holzbrücke, unter deren gewölbten Bogen das grüne Merlewasser hinwogt, ruhig und langsam schon und müde von dem tollen Tanz über Felsen und Geröll, durch welche es sich vom Gebirg herab mühsam seine Bahn brechen mußte. Zu beiden Seiten zieht sich Gebüsch und Laubwald, über welchen die hohen Felszacken aufsteigen, deren abgedachte östliche Hälfte die stolzen Mauern von Casgamala trägt. Hier sollte es viel Fische geben, hatte Herr Kirschner gesagt, und darum saß nun Jesabell oben auf der Brücke. Das ausgewaschene Kattunkleid hatte sie vorsorglich zusammengezogen und eine Fliege an der altersschwachen Angel des Pächters befestigt, welche von Zeit und Motten so arg zugerichtet war, daß es einer vollen Fischnaivetät bedurfte, um daran anzubeißen. Soeben wollte die junge Dame ihr fragliches Werkzeug in das Wasser hinabwerfen, als ein fester Schritt die Brückenbohlen leicht erzittern ließ. Die Comtesse schrak empor. »Bruder Desider, o mein Gott, wie kommst Du hierher?!« Statt aller Antwort trat Graf Echtersloh hastig zu der Erglühenden heran und wies auf die schwanke Gerte in ihrer Hand. »Du angelst, Jesabell, und hier an offener Landstraße?« Die Comtesse senkte verlegen das Köpfchen. »Es soll hier die meisten Fische geben, Desider – und – und« – sie stockte in rathloser Verwirrung. »Warum läßt Du dies Geschäft nicht durch die Dienstboten besorgen. Ist es gar Liebhaberei von Dir?« Jesabell blickte mit ängstlichen Augen auf. »Nein, Desider!« sagte sie treuherzig, »es ist einzig ein Nothbehelf. Wir erwarten heute Abend und morgen Mittag Gäste, und da wir wegen des Küchenzettels in Verlegenheit waren, so wollte ich mein Heil mit der Angel versuchen; es ist nur eine Liebenswürdigkeit von Herrn Kirschner, mir das Fischen hier zu gestatten, da er das ganze Merlewasser bis auf drei Stunden hinab gepachtet hat!« Graf Echtersloh stützte sich auf das hölzerne Brückengeländer: »Warum holt Ihr die Fische nicht aus der Stadt, Schwester, wenn Ihr welche braucht? Es ist mir fatal, von einem quasi Untergebenen ein solches Geschenk anzunehmen!« Das junge Mädchen schwieg verlegen, Desider aber fuhr mit ernstem Blick etwas leiser fort: »Ist es Dir vielleicht zu theuer, ein paar Forellen zu kaufen, Kind? Oft habe ich mich schon gewundert, wenn ich einen Blick auf das seltsame Mosaik von Aufwand und Aermlichkeit warf, mit welchem Casgamala jetzt gepflastert ist! das großartige Auftreten der Mutter sowohl wie Lothars paßt wenig zu dem zusammengeflickten Haushalt, in welchem jede dienende Kraft nur geborgt ist. Daß die Mutter in der Residenz sehr verschwendet hat, weiß ich, sie kam ja darum her in diese Einsamkeit, um ihre zerrütteten Finanzen wieder zu ordnen, daß es aber so schlimm bei ihr steht, daß ihre Tochter eigenhändig angelt, um ein paar Thaler in der Küche zu sparen, das habe ich nicht gewußt!« Desider neigte sich zu dem schweigenden Mädchen hernieder, und legte die Hand zärtlich auf den lockigen Scheitel. »Du bist eine brave, edle Seele, Jesabell, und wenn es auch eine unwürdige Rolle ist, welche Du hier so opfermüthig vertrittst, sie steht Dir dennoch wohl an und zeigt mir, daß es auch unter den modernen Weibern voll Oberflächlichkeit noch edle Ausnahmen giebt. Warum aber kommst Du nicht zu mir, Du wunderliches Kind, warum forderst Du nicht des Bruders Hilfe, wenn Dein liebes Köpfchen sich so sorgenvoll um Mittel und Wege quält? Ist meine Jesabell doch eine Gräfin Echtersloh, die lieber mit eigenen Händen ihr Brod verdient, anstatt es von mir zu erbitten?« Die Gefragte war aufgestanden, sie schmiegte sich an die hohe Gestalt des Bruders. »Ja, schelte mich, Bruder, daß ich kindisches Ding mich geschämt habe, unser Elend zu bekennen! Wie konnte ich zu Dir kommen und sagen: wenn auch Mama in Sammt und Seide spazieren fährt, so fehlt uns doch Salz und Brod im Hause! Alles ist Schein bei uns, ein morsches Gebäude von Flittergold, welches der nächste Windstoß in den Staub wirbelt! Und dennoch sind wir nicht ganz so leichtsinnig, als Du glauben magst, Desider! Wir hoffen durch dieses letzte Opfer des Hauses früheren Wohlstand wieder zu erkaufen, ist Dagmar erst unsere Schwägerin, so hat alle Noth ein Ende, denn sie ist sehr reich!« Graf Echtersloh zuckte leise zusammen und wandte sich hastig zur Seite, um einen kleinen Kiesel mit der Fußspitze in das Wasser hinabzustoßen. »Dagmar wird Lothars Frau werden?« fragte er gepreßt. Die Comtesse nickte eifrig. »Wir hoffen es sehnlichst. Das Ropp'sche Vermögen wird Lothar und die Mutter retten!« »Also ein kluges Geschäft! Liebt denn Fräulein von der Ropp Deinen Bruder?« Jesabell zögerte momentan. »Ja, ich glaube es. Sie findet ihn sehr schön, und mehr verlangt sie ja nicht von einem Manne, um ihm anzugehören. Dagmar ist ein seltsames Wesen, ich habe sie stets für recht leichtfertig und charakterlos gehalten, manchmal aber glaube ich, es steckt doch eine große und schöne Seele unter dieser Schmetterlingshülle. Weißt Du, was ich wünschte? Lothar wäre Dir an Geist und Charakter gleich, dann würde diese Seele gewiß aufs herrlichste zum Licht gelockt!« Desider wandte sich fast ungestüm zurück, seine Züge waren tief ernst. »Ein Glück, daß Lothar und ich wie Tag und Nacht sind, wäre er mir ähnlich, so möchte sie ihn am Ende hassen, anstatt lieben, und das wäre traurig für die Rechnung des klugen Bruders.« Die Stimme des jungen Mannes war von nie gehörter Bitterkeit durchdrungen. Und als Jesabell empor in seine Augen blickte, da sah sie ein seltenes Feuer darin lohen; gewiß, eine solche Spekulation von Seiten Lothars mußte ja diesen rechtlichen Charakter empören. »Jesabell,« fuhr er nach kurzer Pause ruhiger fort, »ich wünsche nicht, daß bei Anwesenheit des Fräulein von der Ropp irgend etwas in Casgamala mangele, noch ist der Glanz des Hauses Echtersloh nicht so weit erloschen, daß er die Glossen einer verwöhnten Dame geduldig ertragen muß. Hier – nimm diese Scheine, Kind, mehr habe ich im Augenblick nicht bei mir, aber ich werde Dir noch diesen Abend eine Summe zustellen, mit welcher Du wirthschaften kannst, wie es sich für eine Gräfin Echtersloh geziemt. Hier, und nun Gott befohlen, mein braves Schwesterchen!« Die Comtesse stieß einen leisen Schrei der Ueberraschung aus, als sie einen Blick auf die Banknoten in ihrer Hand warf. »Allmächtiger Gott, Desider, dieses viele Geld – Du hast Dich geirrt.« Der junge Mann schüttelte ihr mit trübem Lächeln die Hand. »Keine Worte weiter, Kleine – auf Wiedersehen!« und damit wandte er sich kurz zur Seite und schritt festen Schrittes über die Brücke in den nahen Wald hinein. Noch einen Augenblick stand das junge Mädchen und starrte wie im Traum auf ihren Reichthum herab, ein Jubelschrei zitterte durch die sonnige Himmelsluft und mit glühenden Wangen barg sie die köstlichen Papierstreifen auf der Brust. Dann hob sie die Arme in lachendem Uebermuth, breitete sie weit aus und schüttelte die dunkeln Locken in den Nacken. »Aber angeln muß ich doch noch einmal, sonst lacht mich Kirschner aus, wenn ich mit leeren Händen komme!« dachte sie, nahm schnell die lange Ruthe herauf und setzte sich auf ihren Platz zurück. »Der Mai ist gekommen,     die Bäume schlagen aus!« sang sie aus voller Kehle, bewegte die Angel im Takte danach und schleuderte die zerrupfte Fliege in das Wasser hinab. »Da bleibe wer Lust hat,     mit Sorgen zu Haus! Wie die Wolken wandern     am himmlischen Zelt, So steht mir der Sinn     in die weite, weite Welt!« »Nein, es beißt noch immer nichts!« Jesabell stand auf und setzte sich ein Stückchen weiter davon nieder. »Frisch auf denn, frisch auf,     im hellen Sonnenstrahl, Wohl über die Berge,     wohl über das tiefe Thal.« »Die Fliege muß doch wohl gar zu schlecht sein! Richtig, da sieht ja der ganze Haken heraus!« Die Comtesse nestelte sie singend los und versuchte es mit einer andern, welche der Vorgängerin erschreckend ähnlich sah. Auch das half nichts. Vielleicht nach einem Weilchen, zum Angeln gehört ja viel Geduld; und so sang sie mit schallender Stimme weiter: »Da singet und jauchzet     das Herz zum Himmelszelt, Wie bist Du so schön doch,     Du weite, weite Welt!« »Ja! das finden die Forellen auch, namentlich wenn Sie ihnen so etwas schönes vorsingen, Fräulein,« klang es plötzlich dicht neben ihr, und jäh emporschreckend starrte Jesabell in das lachende Gesicht des jungen Jägersmannes, welcher auf dem weichen Sandboden bis dicht an die Brücke herangeritten war. »Wie lange gedenken Sie denn noch hier zu sitzen und im Takte Fliegen zu werfen? Wenn Sie so weiter singen, beißt gewiß in vierzehn Tagen noch kein Schwanz an!« und damit ritt er abermals einen Schritt naher. »Sie angeln doch mit Fliegen, Fräulein?« Das junge Mädchen blickte schüchtern auf. »Ja, es sind sogar Maifliegen, wie Herr Kirschner sagt!« »Na' da haben wirs! Die Fische haben auch ihren Kalender und wissen, daß im Juni die Maifliegen schon zähe geworden sind! Warten Sie mal, ich werde Ihnen die Geschichte gleich zurecht machen!« und ehe sich's Jesabell versah, war der schmucke Waidmann schon zur Erde gesprungen, schlang die Zügel um das Geländer und nahm dann ohne weiteres ihre Gerte zur Hand. »Die Fliegen sind schon sehr alt!« sagte die Comtesse wie entschuldigend, es war ihr, als müsse sie doch anstandshalber etwas entgegnen. »Ja, die sehen allerdings aus, als hätte Vater Noah schon damit aus der Arche heraus gehäkelt! Hier an diesem Wasser kriegen Sie überhaupt nichts auf solche Manier, da müssen Sie Würmer nehmen!« »Würmer?« rief Jesabell entsetzt; »nein, die kann ich nicht anfassen!« »Na, ein bischen zappeln thun sie wohl, aber man gewöhnt sich an alles! Hier ist ja ein großer Stein, da wirds wohl einige auf Vorrath geben!« »O nein! spießen Sie ja nicht die armen Thiere auf!« wehrte sie mit erhobenen Händen. »Das kann ich nicht mit ansehen, das ist grausam!« »Na, denn nicht! Aber ein paar Nachtschnuren könnten wir vielleicht stellen?« »Nachtschnuren, was ist das?« »Angeln, die am Abend gelegt werden und an denen man am andern Morgen vielleicht hier und da mal einen Aal findet, wenn sich der Racker nämlich nicht abgedreht hat, heißt das!« »Ach ja, das ist schön, das wollen wir thun! Hier von der Brücke aus?« »Nein, da muß ich ans Ufer. »Aha, da sitzt ja so ein schneckenfetter Monsieur unter dem Stein!« und Malzhoff hob einen langen Regenwurm in die Höhe, »den können wir vielleicht brauchen.« »Zur Nachtangel?« »Nein, jetzt! Hier mit diesem morschen Faden können Sie keine Aale fangen, Fräulein! Ich will Ihnen mal was sagen, ich habe zu Hause eine famose Angel und auch ein paar Krebsteller, die werde ich Ihnen 'mal borgen!« »Sie sind sehr freundlich! Wo sind Sie denn zu Hause?« »Zwei Stunden von hier, auf dem Forstrevier Höhnewald, ich bin Unterförster beim Graf Echtersloh!« »Sie sind Herr von Malzhoff? und kommen öfters nach Casgamala?« Der junge Mann hatte die Angel wieder zurecht gemacht und warf sie in den Fluß, er lehnte sich auf das Geländer und blickte das junge Mädchen mit seinen blauen Augen vergnügt an. »Früher ja, jetzt sehr selten, nur wenn ich muß! Seit den letzten drei Monaten, wo sich die Frau Gräfin und die gnädigsten Comtessen da oben einlogirt haben, verspüre ich keinen Appetit mehr, in diese vornehme Atmosphäre hineinzugerathen, da bin ich höchstens mal bei Kirschner eingekehrt!« Jesabell blickte sehr betroffen auf. »Sie kennen die Gräfin nicht?« »Nein, Gott sei Dank!« er lachte frisch auf. »Warum Gott sei Dank!« stotterte die Comtesse tief erglühend, »sind Ihnen die Herrschaften etwa nicht sympathisch?« Malzhoff machte ein verschmitztes Gesicht. »Na, Ihnen kann ich's ja ehrlich sagen, Fräulein, nein, ich mache mir gar nichts aus dieser ganzen Gesellschaft! Graf Desider ist ein lieber, prächtiger Mann, aber die Weibsleute sind doch eine wie die andere, ich kann solche vornehme, zimperliche Prinzeßchen nicht ausstehen. Und wenn's auch schon recht viele Jahre her ist, so vergesse ich doch die Comtessen Hochfeld nicht, wie sie zu Wagen und Pferd durch unsere kleine Garnison sausten und Schuld daran waren, daß mein seliger Vater als armer Lieutenant zum Kapital seines Vermögens griff, um mit jenen verschwenderischen Regimentsdamen gleichen Schritt zu halten – ah bah, das sind halt vergangene Zeiten, aber mein Groll gegen die eleganten Frauenzimmer ist nicht vergangen, und darum reite ich lieber in einem weiten Bogen um Casgamala, ehe ich seinen hochmüthigen Bewohnerinnen in den Weg laufe.« »Und das sagen Sie mir alles so offen und ehrlich in's Gesicht?« klang es kaum hörbar von Jesabells tief erbleichten Lippen. Die junge Dame wagte kaum den Blick zu erheben, und jenes kurze, scharfe Bild der Comtessen Hochfeld, welches der junge Jäger so erbarmungslos entrollte, ließ ihr das Herz in dem Gedanken stille stehen, daß es ihre eigene Mutter gewesen, welche zu dem Ruin dieser Familie beigetragen. Malzhoff lachte. »Ja, ich bin recht unvorsichtig, daß ich nicht erst angefragt habe, ob Sie nicht am Ende eine gute Freundin der Gräfinnen Echtersloh sind. Fräulein Jesabell soll ja öfters in das Pächtershaus herüberkommen und noch die leidlichste der Damen sein, aber nein« – und der junge Mann blickte ihr treuherzig in die Augen, »ich kann es mir nicht denken, daß Sie einfaches, schlichtes Mädchen Wohlgefallen an dem Leben und Treiben des Schlosses finden können! Gestern habe ich aus Zufall den Grafen Lothar mit einer Fräulein Dagmar um die Wette über die Haide reiten sehen und bei mir gedacht: Gott soll Dich 'mal vor solch' einem Weibe bewahren!« Mit immer wachsendem Erstaunen blickte die Comtesse in das frische Gesicht des Sprechers. »Ja wissen Sie denn eigentlich, wer ich bin?« fragte sie zaghaft, die Blättchen der weißen Johannisblume in das Wasser hinabstreuend, um schnell eine zweite an dem grünbuschigen Brückenrain zu brechen. »Sie scheinen mich zu verkennen!« »O nein, Fräulein Malchen, ich weiß ganz genau, daß Sie die Nichte des wackeren Freund Kirschner sind!« lachte Malzhoff mit fast schalkhaftem Kompliment; »wie ich Sie vorhin im Hof gesehen habe, dachte ich es mir gleich, und als ich sicherheitshalber noch fragte, bekam ich es bestätigt, wie ich Sie aber gar singen hörte vorhin, da blieb mir absolut kein Zweifel mehr.« Einen Augenblick starrte ihn Jesabell in tödtlichster Verlegenheit an, dann aber zuckte es auch um ihren Mund wie verhaltenes Lachen und mit reizendem Schelmenblick erwiderte sie seine Verneigung. »Wenn Sie Ihrer Sache allerdings so vollkommen sicher sind, darf ich nicht widersprechen, sondern kann mich höchstens für das liebenswürdige Interesse bedanken, welches Sie mir entgegen gebracht haben! Aber ein recht unvorsichtiger Mensch sind Sie doch, wenn ich nun nicht Fräulein Malchen, sondern womöglich gar eine Comtesse Echtersloh in persona gewesen wäre?« Malzhoff schüttelte lächelnd den Kopf und maß mit fast verlegenem Blick ihr einfaches Kattunkleidchen. »Dann würden Sie gewiß anders aussehen, Fräulein,« sagte er treuherzig. »Die alte Gräfin ist eine geborene Hochfeld, und in der Regel fallen die Aepfel nicht weit vom Stamme. Eine Comtesse Echtersloh kann nicht angeln, das erlauben schon die Glacéhandschuhe und seidenen Schleppkleider nicht. Aber nun Gott befohlen, Fräulein, ich muß mich sputen, daß ich heim komme. Nichts für ungut, wenn Sie etwa viel im Schloß sind, ich bin leider ein Mensch der immer ausspricht was er denkt. Aber die Nachtschnuren? Wie wird's damit?« Sie sah ihn zweifelnd an. »Ich verstehe dergleichen gar nicht, Herr von Malzhoff,« schüttelte sie das Köpfchen, »das beste wird sein, ich trage »Onkel« Kirschner die Angel zurück und schenke den armen Fischen und Regenwürmern das Leben!« »Davon wird Ihr Küchenzettel nicht sehr entzückt sein!« Der junge Jäger warf die Büchse über die Schulter und löste die Zügel seines Pferdes von dem Buchenast, und darum will ich Ihnen einen Vorschlag machen! Ich besorge Ihnen alles her zur Stelle und morgen Nachmittag legen wir hier bei der Brücke die Schnuren; haben Sie Zeit?« Jesabell ward sehr roth. »Morgen? – um sechs oder sieben Uhr?« »Ich kann Sie ja vielleicht am Pachthof abholen!« »Nein, nein! das nicht!« rief die Comtesse sehr hastig, und abermals ergossen sich heiße Blutwellen über ihr reizendes Gesichtchen, »ich werde hierher kommen, wenn auch nur für ganz kurze Zeit. Kommen Sie nicht auf den Pachthof, wenn Sie mir einen Gefallen thun wollen, ich bitte Sie darum!« »Ei warum?« »Fragen Sie nicht und erfüllen Sie meinen Wunsch,« bat das junge Mädchen sehr verlegen, »ich würde es Ihnen großen Dank wissen.« »Und wie lange nicht?« fragte er niedergeschlagen. »Zwei Wochen, dann mögen Sie meinetwegen jeden Tag kommen!« »Ich verspreche es, aber nur unter der Bedingung, daß ich Sie morgen hier an der Brücke sehe! Wenn Sie nicht da sind, quartiere ich mich Ihnen zur Strafe vierzehn Tage lang bei Freund Kirschner ein!« Jesabell schaute zu Boden. »Ich werde kommen, ganz gewiß. Und nun Adieu und vielen Dank für Ihre Hilfe!« Malzhoff stand vor ihr und blickte sie schweigend an, auch er ward plötzlich ganz befangen und unsicher, langsam hob er die Hand zum Hut. »Auf Wiedersehen, Fräulein Malchen, um sechs Uhr!« sagte er, legte die Hand auf den Nacken seines Pferdes und schaute ihr nach, wie sie mit schnellem Gruß davon eilte, den Weg zwischen schwankendem Waldesgrün empor. Dann schwang er sich in den Sattel und ritt sachte zu. Noch einmal wandte er den Kopf und seltsam, zu gleicher Zeit stand auch das junge Mädchen an der Wegbiegung zögernd still, drehte sich zurück und schaute ihm nach. Da zog er abermals den Hut und winkte ihr zu. »Es lebe was auf Erden stolzirt in grüner Tracht!« jubelte es durch den sonnigen Buchenhain, und Jesabell hob die weiße Hand und grüßte lächelnd wieder: »Die Felder und die Wälder, die Jäger und die Jagd!« 9. Sie sangen von Marmorbildern, Von Gärten, die überm Gestein In dämmernden Landen verwildern, Palästen im Mondenschein. Eichendorff . Gräfin Mutter promenirte mit Dagmar und Lothar in den kurzgeschorenen Taxusgängen des Parkes, welche sich am südlichen Bergabhang hinzogen und durch die bogenartig ausgeschnittenen Fenstercoulissen die Aussicht auf das Panorama des Flachlandes gewährten, welches in duftigem Sonnennebel weit gestreckt zu Füßen Casgamalas lag. »Hier also wirst Du die Lampions anbringen lassen, Lothar?« fragte Excellenz, den schwarzen Spitzenshawl etwas tiefer von den Schultern sinken lassend, »der Platz ist gut gewählt und wird sicherlich viel von den Herrschaften frequentirt werden!« »Wenn das Wetter morgen Abend anhält und unser schönes Fest nicht verregnen läßt!« nickte der junge Offizier. »Bis jetzt hat sich alles fast beängstigend günstig arrangirt, keine einzige Absage, keine einzige verspätete Kiste aus der Residenz, der Koch weder krank noch verhindert, ein förmlich feudales Trompetercorps in blauen Husarenröcken, nun noch die hohe Genehmigung des Jupiter pluvius und die Fackeln Casgamalas können entzündet werden!« Einen Augenblick herrschte Schweigen, Frau Leontine lächelte in angenehmsten Gedanken, und Dagmar schrieb mit ihrem Sonnenschirm mechanisch Figuren in den Sand, plötzlich blickte sie auf. »Wird Graf Desider auch erscheinen?« fragte sie kurz. Lothar sah sie erstaunt an. »Desider? Grâce à Dieu , ich hoffe doch nein! Eingeladen habe ich ihn nicht, aus dem einfachen Grunde, weil er seit jenem Abend auf der Terrasse völlig wie vom Erdboden verschwunden scheint, ich soll doch dem eigensinnigen Patron nicht noch nachlaufen, um mir eine gnädige Absage zu holen!« »Dennoch fürchte ich, wird es ein Gerede geben wenn sich der Majoratsherr von unserem Feste ausschließt,« warf Gräfin Mutter nachdenklich ein, »um der Leute willen sollte es mir lieb sein, wenn er sich in unserm Kreise zeigte!« »Willst Du es übernehmen, ihn aufzufordern, chère maman ?« »Auf eine schriftliche Einladung sagt er ab, und ihn in dem Kiosk aufzusuchen, hat ja der galante Herr Sohn selbst seiner Mutter verboten!« Die Gräfin zuckte mißmuthig die Achseln. »Es scheint, als wolle er sich in das Renommee eines verzauberten Prinzen bringen!« Dagmar schaute mit glänzenden Augen auf. «Es darf Niemand in den Kiosk? Mon Dieu , wie interessant das klingt! so interessant, daß es mich noch mehr wie jedes andere Verbot reizt, ihm entgegen zu handeln! Wissen Sie etwas Neues, liebe Tante Leontine? Ich lade Graf Desider persönlich ein! Ich gehe selber in den Kiosk und sehe einmal nach, was der Märchenprinz für Blaubartkünste darin treibt, vielleicht entdecken wir einen zweiten Sebastian Faust in ihm und für Geld und gute Worte giebt er uns womöglich ein paar Taschenspielerkunststückchen morgen Abend zum besten!« Dagmar lachte hell auf und warf die Haare in den Nacken, der übermüthige Trotz stand dem kleinen Mund ganz allerliebst. Auch Lothar stimmte ihr aus voller Kehle bei. »Sie wollen in den Kiosk, Fräulein Dagmar? Bitte tausendmal um Vergebung, ich traue Ihnen viel Courage zu, aber eine solche Mission gestatten keine Damennerven! Kennen Sie nicht die Geschichte von dem Menschenfresser, dessen größte Delikatesse schöne Mädchenaugen waren? Wer weiß, ob jener unheimliche Gesell da drüben nicht einer gleichen Passion huldigt?« Dagmar biß sich auf die Lippen. »Ich werde Ihnen zeigen, wie viel Muth ich habe, Graf Lothar, denn nun gehe ich erst recht!« sagte sie kurz. Lothar verneigte sich chevaleresk. »Eine Gelegenheit mehr Sie zu bewundern, meine Gnädigste! Aber gestatten Sie noch eine Bemerkung, welche vielleicht recht wenig galant klingen mag: Glauben Sie vielleicht, mein Bruder wüßte solch' ein Opfer zu würdigen und litt an derselben Schwäche wie andere Männer, solch' reizendem Boten gegenüber machtlos zu sein? Ich fürchte, selbst Ihre dunkeln Blicke gleiten kraftlos an diesem Sohn der Wildniß ab, und ich würde jegliche Wette eingehen, daß Ihre Einladung ebenso erfolglos sein wird, wie die unsere, denn sein Haß ist größer als seine Galanterie!« Dagmar war tiefer in den Schalten des Taxus zurückgetreten, ihr Gesicht war jäh erbleicht und namenlose Gereiztheit sprühte aus den schwarzen Augen. »Er soll und wird kommen!« rief sie mit bebenden Lippen, »ich habe es mir jetzt in den Kopf gesetzt, und es würde bei Gott das erste Mal sein, daß ich meinen Willen nicht durchsetzte! Sie wollen wetten, Graf Echtersloh? Wohlan, wetten wir; was gilt der Eintritt Ihres Bruders in den Ballsaal?« Mit zurückgeworfenem Haupte hoch aufgerichtet, stand Fräulein von der Ropp vor dem jungen Offizier, ein fast leichtfertiges Lächeln zuckte um den schönen Mund. »Zwölf Flaschen Sect!« rief Lothar frivol, »mehr gilt mir selbst die Wette über den besten Gaul nicht!« »Zwölf Flaschen Sect!« wiederholte Dagmar mit starrem Blick des Triumphes, »gut, so wetten wir um zwölf Flaschen Sect! Und nun Adieu, ich werde jetzt auf Aventiure ausziehn!« »Apropos, mein gnädiges Fräulein, der Sect muß selbstverständlich kredenzt werden!« lachte Lothar, sich dichter zu ihr neigend. »Ich opfere den Göttern für meinen Sieg!« Dagmar maß ihn schweigend mit kurzem Blick, und ihre Hand fast heftig aus den Fingern der Gräfin reißend, welche sie kopfschüttelnd zurückhalten wollte, stürmte sie mit glühenden Wangen den Taxusgang hinab, direkt durch den kleinen Eichenhain nach der Gitterthür des alten Gartentheils. Die Sonne stand schon hinter den hohen Eichenkronen und warf flimmernde Lichter auf den moosigen Boden, zwischen dessen knorrigen Baumwurzeln die bunten Waldglöckchen nickten. Dagmar blieb einen Augenblick stehen, und preßte die Hand auf das klopfende Herz, der eilige Gang hatte ihr glühende Röthe in die Wangen getrieben. Vor ihr erhob sich schwarz und ernst das hohe Eisengitter mit seiner wunderlich verschnörkelten Thür, in deren Mitte zwei Löwenköpfe grimmig die Zähne fletschten und die beiden mächtigen Riegel bewachten, welche sich an Ketten quer über die breiten Flügel legten. Dieses Thor hatte früher den Eulenthurm von dem alten Schloßbau getrennt, war jedoch von Graf Desider aus der zerfallenen Mauer gelöst und hierher in den Park versetzt worden. Dagmar zog mit beiden Händen die schwere Metallstange zurück und öffnete beherzt das Thor, welches kreischend auf dem Kiessand in seinen Angeln zurückwich. Sie lehnte es hinter sich wieder an, und schritt nach kurzem Umblick auf die hohe Fichtengruppe zu, hinter welcher die grünlich schillernde Kioskkuppel sichtbar wurde. Mit großen, erstaunten Augen blickte das junge Mädchen umher; da lagen im hellen Sonnenschein die gestürzten weißen Marmorbilder, überflutet von einer Last wild wuchernder Rosen, welche sich um die zersplitterten Sockel wanden. Dort ragt ein wunderlich fremder Strauch empor, glutrothe Blüten hängen bis tief auf den verwilderten Boden herab, darunter liegt eine Sphynx, überdeckt noch von dem dürren Eichenast, welchen der Sturm herab gerissen und welcher im Fall den linken Flügel des mythischen Ungeheuers zerschmetterte. Und weiter geht Dagmar über die ausgewaschenen Wege, auf welchen Gras und Unkraut, Dornen und Disteln ungestört ihre Wurzeln geschlagen, ein stachlicher Cactus steht zur Seite, und nicht weit davon ein paar vertrocknete gelbe Cedern, und hinter diesen erhebt sich plötzlich eine schlanke Palmenart, dicht neben den Ruinen der Ecclesia, deren einzig wohlerhaltene Rückwand im grellen Sonnenlicht aus den dunkeln Gebüschen ragt. Dagmar geht neugierig ein paar Schritte über den Rasen und staunt den mächtigen Obelisk an, welcher auf kahlem Sand schwarz und düster emporragt. Er trägt eine spanische Inschrift. »Casga Mala« ist das einzige Wort, welches die junge Dame enträthseln kann. Alles ist wirr und wüst um sie her, wie das verzauberte Reich eines schlafenden Dornröschens, denn Rosen wuchern und blühen aller Wegen, in allen Farben, allen Arten und Gestaltungen. Da endlich tauchen die bunten Mosaikmauern des Kioskes vor ihr auf. Todtenstille war's umher, nur in den hohen Rothbuchen zwitscherte ein Vogel und strich mit glänzenden Schwingen über die Dachkuppel in den Wald hinein. Rings um den Thurmbau erhoben sich dunkle Fichten, und einzelne Platanen versteckten den niederen Anbau, welcher sich nach Westen hin an den wunderlich geformten Thurm anschloß. Hohe, gewölbte Fenster mit bunten Glasscheiben zierten die Front, in der Mitte durch eine kunstvoll gehauene Sonne unterbrochen, deren grelle Farben im Lauf der Zeit jedoch fast gänzlich erbleicht waren. Darüber schimmerten abermals die einst golden gewesenen Lettern einer spanischen Inschrift, und von köstlichen Sculpturen getragen erhob sich der gewölbte Vorbau, auf vier schlanke Säulen gestützt, welche in Form von buntblättrigen Palmen aus je fünf breitgehörnten Büffelköpfen emporstiegen. Wenige ausgetretene Marmorstufen führten zu der schmalen Vorhalle empor, von welcher man durch eine sichtbar stark restaurirte Thür in das Innere des Thurmes eintrat. Ein freier Kiesplatz breitete sich davor aus, begrenzt von den düstern Coulissen der Cedern und Taxus, und geschmückt in seiner Mitte von den spärlichen Ueberresten eines Bassins, an dessen rothgeadertem Steinrand noch halbzerschlagene Delphine ruhten. Regungslos stand Dagmar und schaute auf das seltsame Bild, welches trotz seines verwahrlosten Zustandes einen wunderbaren Zauber schwermüthigster Poesie athmete. Hier also in diesen buntschimmernden, grünbemoosten Mauern hauste der Mann mit der so eigenthümlich klaren, stolzen Stimme, der Menschenfeind Echtersloh, welcher selbst ihrer Bitte ein unerschütterliches »Nein!« entgegenschleudern wird. Dagmar athmete tief auf und starrte zu den Fenstern empor. Sie waren weit geöffnet, und ein damastartiger Purpurvorhang hing lässig zurückgeschlagen über das bröckelnde Gesims. Noch immer war es grabesstill. Da plötzlich klang ein leises wunderliches Klingen an ihr Ohr, fein wie Silber, in kurzen regelmäßigen Schlägen, und dann ein kurzes Poltern, und abermals ein Picken und Hämmern, so klar und melodisch, als ob krystallene Becher klängen! Athemlos lauschte das junge Mädchen. Magnetisch zogen sie die geheimnißvollen Töne an, Schritt um Schritt ging sie näher, lautlos die Stufen empor, über die Vorhalle bis zu der halbgeöffneten Thür. Da neigte sie sich vor, um zaghaft zu öffnen – durch die Spalte sieht sie die hohe Gestalt des Grafen stehen, vor ihm aber ... da knirscht die Thür in den Angeln, Desider schrickt zurück und starrt auf die Gestalt des jungen Mädchens, welche von Sonnenlicht umfluthet in der Thür steht! – Ein Laut fast ärgerlicher Ueberraschung – mit hastiger Bewegung wirft er ein weißes Leinentuch über das noch durch seine hohe Gestalt völlig verdeckte Räthsel, und mit hastigen Schritten tritt er ihr entgegen. Dagmar war erschrocken zurückgewichen, er folgte ihr in die Säulenhalle und warf die Thür hinter sich in das Schloß. »Fräulein von der Ropp!« sagte er mit kurzer Verneigung, »verzeihen Sie, daß ich vor lauter Eifer bei der Arbeit Ihr Kommen überhörte. Sie sind in dem Park irre gegangen und wollen nach dem Heimweg fragen, gestatten Sie, daß ich Ihnen denselben zeige!« – Es lag eine eigenthümliche kurze Härte in seiner Stimme, und die höfliche Geste, mit welcher er bat, ihm die Treppe voran hinab zu schreiten, trug fast das Gepräge eines Befehls. Auch er trat jetzt in das helle Sonnenlicht, und mit bebenden Lippen stand Dagmar vor ihm und starrte in sein Antlitz empor. Das blonde Haar fiel wie schimmerndes Gold um die weiße Stirn; zwei blaue Augen blitzten zu ihr nieder. »Darf ich bitten, mein gnädiges Fräulein, ich führe Sie!« wiederholte der Graf mit aufsteigender Röthe in den Wangen, als Dagmar regungslos verharrte, und die kleinen Hände krampfhaft um die Bänder ihres Strohhutes klammerte, welcher sich leicht bei dieser Bewegung vor ihren Knieen schaukelte. »Verzeihen Sie, Graf Echtersloh, ich habe mich nicht geirrt, ich wollte Sie aufsuchen, wollte zu Ihnen in den Kiosk!« stotterte sie endlich nach Fassung ringend, sein Blick, welcher wie gebannt auf ihren Zügen ruhte, trieb ihr pochende Glut in die Schläfen. »Zu mir? Sie kommen zu mir?« Desider wich einen Schritt zurück, als könne er den Sinn dieser Worte gar nicht fassen, wie ein schnelles, verklärendes Leuchten zog es über die bleichen Züge. »Ja, zu Ihnen, Graf, ich – ich habe einen Auftrag, welchen ich hier ausrichten soll!« Eine Wolke zog über seine Stirn und scheuchte das schnelle Lächeln, stumm trat er zu einem hochgeschnitzten Armsessel, welcher, wie es schien, vor einen kleinen Theetisch in die Halle geschoben war, und rollte ihn mit höflicher Geste der jungen Dame zu. »Ein Auftrag, mein gnädiges Fräulein, und damit belästigte man Sie? Warum wenden sich die Betreffenden nicht direkt an mich?« Dagmar blieb wie ein schüchternes Kind neben dem dargebotenen Sitz stehen, fast angstvoll hoben sich die kecken Augen bei dem Klang seiner ernsten Stimme. »Ich habe mich falsch ausgedrückt – oder Sie mißverstehen mich, Herr Graf, es ist mehr eine Bitte, welche ich Ihnen auszusprechen habe – –« »Eine Bitte?!« »Allerdings auch im Namen Ihrer Angehörigen,« fuhr Fräulein von der Ropp beherzter fort, sie begann sich allmählich in ihre Situation zu finden, »ich komme nämlich als Herold der Göttin Fröhlichkeit zu Ihnen, um Sie für ein heiteres Fest zu gewinnen, welches Exzellenz mir zu Ehren in Casgamala morgen Abend veranstalten wird. Es kommt fast die ganze Nachbarschaft, und da sollte es uns allen herzlich leid thun, wenn Sie, als Haupt der Familie nicht zugegen sein würden!« Mit wachsendem Erstaunen hatte Desider ihren Worten gelauscht. Leichte Röthe schimmerte über die schmalen Schläfen und halb zur Seite gewandt blickte er mit leicht gefalteten Brauen auf die lückenhafte Mosaik des Fußbodens hernieder. »Meine Mutter weiß, daß ich derartige Feste nicht liebe,« sagte er leiser wie erst, »ich wünsche jede Geselligkeit zu meiden!« »Und werden Sie nicht mir zu Ehren einmal eine Ausnahme machen, Graf Echtersloh?« bat das junge Mädchen so weich und schüchtern, wie wohl noch niemand je zuvor ein Wort von diesen Lippen gehört hatte; sie fühlte, daß es jetzt Zeit sei, einen Trumpf auszuspielen. »Ich bin darum selber zu Ihnen gekommen, weil ich überzeugt war, daß Sie einer Dame keine abschlägige Antwort geben werden!« Einen Augenblick sah Desider scharf in dieses reizende Gesicht, es war, als wolle er jeden einzelnen dieser Züge in seine Seele bannen, dann trat er plötzlich jäh zurück und verneigte sich hastig und kurz. »Sie sollen sich nicht darin getäuscht haben, mein gnädiges Fräulein, ich werde kommen. Aber vorher noch eine Frage. Haben Sie es gewünscht, daß ich zugegen sein soll, oder fürchtet meine Mutter nur die neugierigen Fragen der verleumderischen Welt?« Dagmar sah tödtlich verlegen empor. »Aber ich bitte Sie, wie kann das –« »Sagen Sie die Wahrheit. Fräulein von der Ropp!« lächelte der junge Mann fast bitter, »warum wollen Sie mir ausweichen? Ihre Augen strafen Ihre Zunge Lügen, wenn sie anders reden will, als wie Sie denken! Was zögern Sie? Es fällt Ihnen doch sonst nicht schwer, Ihre Ansicht auszusprechen, wenn dieselbe auch noch so tiefe Wunden schlägt. Meine Mutter wünscht meine Anwesenheit, nur sie allein?!« Dagmar preßte die Lippen zusammen, ein flammender Blick brach aus ihren Augen. »Ja!« sagte sie kurz, voll ungestümen Trotzes. »Ganz natürlich und gerechtfertigt!« Desider kreuzte gelassen die Arme über der Brust und lehnte sich gegen die Säule zurück. »Wie kommt es aber, daß gerade Sie zur Botin abgesandt worden sind, Baronesse, ich hätte nie geglaubt, daß Sie sich zu derartigen Missionen hergeben würden.« Das junge Mädchen zuckte empor. Welch' unsagbarer Ausdruck lag in der stolzen Stimme dieses Mannes, welch' empörende Keckheit, sie hier zu behandeln wie ein Schulkind! In den dunklen Augen blitzte ihr gekränkter Stolz, die ganze Heftigkeit ihres Charakters zitterte durch die hastig hervorgestoßenen Worte. »Warum ich mich dazu hergab? Durchaus nicht etwa, weil es mir befohlen wurde, sondern weil ich es wollte, ich ganz allein! Glauben Sie, ich machte mich zum Werkzeug von anderer Leute Plänen? ich reichte meine Hand, um fremde Intriguen auszuspinnen? O, wie schlecht kennen Sie Dagmar von der Ropp! Nein, weil ich es wollte, weil ich meinen Willen durchsetzen mußte, darum kam ich her!« »Sie? Also war es dennoch Ihr Wille, Fräulein Dagmar, warum leugneten Sie es zuerst ab?« Der Majoratsherr von Casgamala trat hastig naher und blickte leuchtenden Auges zu ihr nieder. »So schickte Sie meine Mutter nicht – so –« Dagmar wich zurück, mit fast wildem Triumph schüttelte sie den Kopf. »O glauben Sie nicht, Graf Echtersloh, daß ich mich jetzt mit unverdientem Lobe brüsten werde, Sie sagen ja selber, daß ich nicht lügen könne, sondern lieber bittere Wahrheit sage! Wohlan, so hören Sie denn diese Wahrheit, die auch jetzt ihre Wunden schlagen wird, Sie forderten sie selber heraus! Ja wohl, ich bin aus freiem Antrieb hierher gekommen, nicht jedoch, weil ich mich nach Ihrer Gesellschaft gesehnt hätte, sondern aus eitel Hoffahrt und Uebermuth, weil ich mehr kennen wollte wie andere Leute, weil ich mich damit rühmen wollte, den Sonderling Echtersloh in einen Ballsaal gelockt zu haben! Das war der Grund und die Ursache meiner Einladung, nicht Ihnen galt sie, sondern meiner Eitelkeit!« Dagmar trat abermals einen Schritt zurück und warf herausfordernd den Kopf in den Nacken. »Um zwölf Flaschen Sect habe ich mit Graf Lothar gewettet, ob es mir gelingen würde, eine Zusage von Ihnen zurück zu bringen, zwölf Flaschen Sect, Sie können sich selber geschmeichelt fühlen, Herr Graf, denn über ein Rennpferd selbst wettet Ihr Bruder kaum höher!« und tief aufathmend hielt sie einen Moment inne, um dann ruhiger fortzufahren. »Meine Wette ist verloren, Graf Echtersloh, aber einen Triumph habe ich dafür gefeiert, den, Ihnen bewiesen zu haben, daß mir die Wahrheit dennoch höher gilt als meine Eitelkeit!« Und Dagmar wandte sich mit kurzem Gruß zurück und trat zu der Treppe. Mit schnellem Schritt stand Desider neben ihr und hielt sie sanft zurück. Er war sehr bleich, aber es war keine Spur von Erregung in seinen Zügen zu lesen, er lächelte sogar. »Sie irren, mein gnädiges Fräulein,« sagte er leise und weich, »Sie haben Ihre Wette gewonnen, denn ich bitte Sie, meiner Mutter zu bestellen, daß ich auf jeden Fall von der Erlaubniß Gebrauch machen werde, ihr Gast zu sein!« Betroffen schaute die junge Dame empor. »Sie wollen dennoch kommen, jetzt, wo ich Sie so sehr beleidigt habe?« »Die Wahrheit beleidigt nie; im Gegentheil, die Gewißheit, zwölf Flaschen Sect werth zu sein, ist viel werth für einen Menschen, welcher sich selber gar nichts schätzt! Dennoch halten auch Sie mich jetzt für besser, als wie ich bin, umsonst ist nichts auf der Welt, selbst Ihre gewonnene Wette nicht, ich verlange eine Belohnung für mein Kommen!« Fräulein von der Ropp senkte das lockige Köpfchen tief auf die Brust. Eine solche Aufnahme ihrer rücksichtslosen Offenheit hatte sie nicht erwartet, und ärgerlich in dem Gefühl, abermals durch ihn beschämt zu werden, nagten ihre weißen Zähne unmuthig die Lippe. »Reden Sie nicht in solch' liebenswürdigem Ton zu mir, Graf Echtersloh!« sagte sie trotzig »Ich habe Sie beleidigen wollen, weil Sie mich zuerst gekränkt haben und meine Heftigkeit reizten, wir sind also quitt.« »Schon einmal versicherte ich Ihnen, daß mich Ihre Eröffnungen nicht im mindesten verletzt haben, Baronesse, und da Sie leider die Absicht haben, sich an mir rächen zu wollen, so muß ich schon bitten, dies auf eine andere Weise zu thun! Warum ziehen Sie Ihre Einladung nicht zurück, da Sie doch sehen, daß es mir jetzt Freude macht, das Fest meiner Mutter zu besuchen?« »Weil diese Rache kleinlich sein würde! Sie sprachen übrigens vorhin von einer Belohnung, welche Sie für Ihr Kommen verlangen, vielleicht den Pflichttheil der zwölf Flaschen Sect?« Desider schien den Spott zu überhören; er lehnte sich abermals mit dem gleichgiltigsten Gesicht der Welt auf die Treppenrampe und blickte über die Sprecherin hinweg in das dunkle Platanenlaub. »Wenn Sie jetzt zurückkommen zu meinem Bruder und ihm mit kochendem Grimm im Herzen sagen müssen: Sie haben recht gehabt, Graf Lothar, selbst meine Bitte ist an diesem ungeschliffenen Einsiedler im Kiosk machtlos abgeglitten, mein Einfluß reicht nicht um einen Atom weiter wie der Euere, und zum ersten Mal im Leben hat Dagmar von der Ropp einsehen müssen, daß es doch noch einen Willen auf der Erde giebt, welcher dem ihren seine Schranke setzt. Dann höre ich bereits das schallende Gelächter des flotten Lieutenants, sehe seine sarkastische Verneigung und den Blick, welcher bei jedem neuen Glase Sect versichert, daß ihn lange nichts so erfreut hat, als wie diese Niederlage; welche ihm zwölf Flaschen Champagner eingetragen! Wie denken Sie sich diese Situation, mein gnädiges Fräulein?!« »Empörend genug, um von Ihnen ausgemalt zu werden!« Dagmars Athem flog und die kleinen Hände schlossen sich krampfhaft, Desider aber fuhr ruhig fort: »Es liegt in meiner Macht, Sie davor zu schützen, Ihnen jenen stolzen, königlichen Triumph zu bereiten, vor meinen Bruder zu treten und zu sagen: der Sieg ist mein und mein Wille ist durchgesetzt, wie er es bisher stets gewesen! Was für Euch eine Unmöglichkeit war, gelang einem einzigen Blick meiner Augen, was Ihr als Danaidenarbeit verwarft, vollbrachte ein einziges meiner kleinen Worte und darum, mein Herr Graf, bitte ich um Ihren Arm, es dürstet mich nach einem Glase Sect! Wie würde Ihnen dieser Ausgang der Wette gefallen, Fräulein Dagmar?« Das junge Mädchen wandte fast heftig den Kopf und blickte mit blitzendem Auge zu ihm empor. »Die Belohnung muß groß sein, wenn sie Ihnen das Opfer ersetzen soll, mich triumphiren zu sehen!« »Groß bis zur Selbstverleugnung, und klein wie eine alltägliche Form der Geselligkeit, ich verlange nur einen Beweis von Ihnen, daß Ihr Stolz und Muth größer ist, als Ihr Scheu vor dem Spotte giftiger Zungen!« Dagmar stützte sich fest auf das Postament der Säule, einem steinernen Bilde gleich stand sie vor ihm. Die Abendsonne wob ein schimmerndes Goldnetz um das Haupt des Grafen, welches ernst und stolz, ein Bild der Kraft und Hoheit, unter dem gewölbten Portale lehnte, sein Auge ruhte in dem ihren, und wie eine zauberische Gewalt wirkte dieser feste Blick, das Herz des jungen Mädchens erzitterte unter ihm. »Und was verlangen Sie von mir?« rang es sich endlich von ihren Lippen. »Den ersten Tanz!« Er sagte es langsam und laut, keine Wimper zuckte in seinem Gesicht. Wie ein Schauer rieselte es durch ihre Glieder. – »Den ersten Tanz?« »Versagen Sie ihn mir? Ueberlegen Sie, noch ist es Zeit! Bedenken Sie dieses Flüstern und Lächeln, dieses Spötteln und Kichern rings im Ballsaal, wenn der verrückte Graf mit Fräulein von der Ropp den Ball eröffnet! Ganz allein werden wir das erste Mal durch den Saal tanzen, alle Augen werden uns sehen, alle Zungen es kritisiren, und es findet sich nicht leicht ein Zweiter, der noch schlechter tanzt wie ich! Damit werfen Sie der ganzen Welt den Fehdehandschuh hin und die giftigen Pfeile der Bosheit, welche über mich geschleudert werden, die treffen erbarmungslos auch Sie! Wollen Sie mit mir tanzen?« Er war einen Schritt näher getreten, und sein bleiches Antlitz zeigte die Qual, welche er selber unter seinen erbarmungslosen Worten erduldete. Dagmar antwortete nicht, ihre Pulse flogen, und vor ihren Augen tanzten wirre Bilder voll Spott und zischelnder Worte, da hob sie jäh den Blick, wollte in wilder Flucht davonstürmen – und blieb wie gebannt unter der Gewalt seines Auges stehen. In leidenschaftlicher Hast preßte sie die Hände gegen die Brust und hob entschlossen das Haupt. »Verliere ich meine Wette, so ist es nur ein Einziger, dessen Spott ich ertragen muß, tanze ich aber mit Ihnen, so fordere ich die ganze Gesellschaft heraus! Ermessen Sie selbst die Ungleichheit dieser Wahl, und erkennen Sie, wie wenig mir selbst das Urtheil der Menge gilt, kann ich ein Unrecht an Ihnen dadurch abbüßen! Wohlan, Graf Echtersloh, die Welt soll mich mit Ihnen tanzen sehen und ihre scharfen Stacheln entweder in der Spitze brechen, oder sie zwischen uns austheilen – der erste Tanz sei Ihnen!« Ein Glanz strahlender Glückseligkeit flog über sein ernstes Antlitz. »Ich danke Ihnen, Fräulein von der Ropp, und verlasse mich auf Ihr Wort – jener erste Tanz ist mein erster Sieg, welchen Sie mir neidlos gönnen mögen, er wird theuer genug erkauft sein!« Wie ein gehetztes Wild stürmte Dagmar durch den Garten davon, zurück durch das Gitter, tief hinein in die neuen Anlagen. Da stand in dichter verwachsener Laube eine kleine Moosbank, darauf warf sie sich nieder und drückte das brennende Antlitz in die Hände. »Meine Wette habe ich gewonnen und meinen Willen verloren; er ist der erste Mann, dem ich mich beugen mußte, und darum hasse ich ihn!« Und brennende Thränen rannen über die rosigen Wangen, und jede einzelne von ihnen sagte in ohnmächtigem Trotz: »Ich hasse ihn!« 10. Ich darf Dich nicht lieben, und kann Dich nicht hassen, Ich darf Dich nicht halten, und kann Dich nicht lassen, O, sage, wie lös' ich den bitteren Streit? Casgamala strahlte in festlichem Glanze. Wie eine Krone flammender Lichter hob sich der mächtige Bau von den schwarzen Gebirgsmassen ab, zeitweilig von der Glut bengalischer Feuer übergossen, welche Graf Lothar in den Ruinen des alten Schlosses abbrennen ließ. In den äußerst geschmackvoll erhellten Laubgängen des Parkes wogte die elegante Welt des Landadels, mit neugierigen Blicken selbst die fernsten Winkel dieses geheimnißvollen Felsennestes durchspähend, welches endlich einmal seine geheimnißvollen Pforten öffnete, um der gespannten Menge unter feenhaftem Glanze ein Bild aus tausend und einer Nacht zu entrollen. In kleinen Gruppen stand man zusammen, flüsterte sich in die Ohren und zuckte verblüfft die Achseln. Man hielt in der Umgegend nicht viel von den Finanzen der Gräfin, war hier hergekommen in der Ueberzeugung, eine mühselig herausstaffirte Menage, maskirte Dürftigkeit vorzufinden, und stand geblendet vor einer nahezu fürstlichen Pracht, welche wohl nie ihres Gleichen in der Gegend gefunden. Die alte Herrlichkeit schien wieder aus ihrem Grabe gestiegen zu sein, um in geheimnißvollem Blenden aus allen Fugen und Ritzen zu schauen, wie dereinst, wo Casgamala, der Stern einer üppigen Ritterschaft, sein Wahrzeichen, die lohende Feuerflamme, als jauchzendes »Evoe!« auf die Söller gepflanzt. – O, Graf Echtersloh war ein würdiger Sohn seiner Väter, und ein Fest, welches er arrangirte, machte nicht leicht Fiasco. Auch jetzt blitzten seine Epaulettes im Zickzack durch den Schwarm der Gäste, und er hatte für jedermann einige schmeichelhafte Worte, einen verbindlichen Händedruck in Bereitschaft. – Schon intonirten die ersten Tanzklänge aus dem köstlich geschmückten Rittersaal hernieder, und Gräfin Mutter nahm den Arm des stattlichen Kammerherrn von Helfen, um den älteren Herrschaften voran aus dem Gartensalon in die oberen Festräume zu schreiten. Dagmar und Jesabell standen noch an der breiten Freitreppe der Terrasse, ringsum eine Schaar junger Cavaliere, welche die Tanzkarte belagerten. Graf Lothar trat hastig in die geöffnete Thür und eilte die breiten Stufen hinab. »Sie gestatten, mein gnädiges Fräulein, daß ich Sie in den Saal führe,« wandte er sich zu Dagmar, »ich schätze mich glücklich, den Ball mit Ihnen eröffnen zu dürfen!« Er stand in dem Glanz der vielarmigen Girandolen, welche seine schlanke Gestalt in der so äußerst eleganten Uniform wie auf goldenem Hintergrund abzeichneten, nie hatte der junge Kriegsgott wohl schöner ausgesehen als wie in diesem Augenblick, und es entging Dagmar nicht, welchen Blick unverhohlenen Entzückens die zwei unzertrennlichen Cousinen von Helfen, welche soeben innig umschlungen herantraten, à tempo zu dem jungen Offizier emporwarfen. Einen Moment krampfte sich ihr Herz in zorniger Aufwallung gegen Desider, dann warf sie das Köpfchen zurück und sagte achselzuckend: »Bedaure, Graf Lothar, ich bin bereits zu dem ersten Tanze engagirt.« »Engagirt?« Lothar trat einen Schritt näher, als traue er seinen Ohren nicht. »Von wem, wenn ich fragen darf, Baronesse?« »Von demjenigen, welchem als ältestem Sohne des Hauses das Recht zusteht, den Ball zu eröffnen, Graf Desider!« Ein lautes, schallendes Auflachen hallte an der Terrasse wieder, Lothar schlug die Hände zusammen und bog seine schlanke Gestalt in sichtbarster Belustigung. »Excellenter Witz, Fräulein Dagmar, süperbe!« rief er ganz athemlos, »aber bitte eilen Sie sich, man wird schon warten!« – Und abermals bot er ihr seinen Arm, während die anderen Herren gehorsam in sein Gelächter einstimmten. Dagmar trat stolz zurück. »Ich scherze nicht, Graf Echtersloh, sondern werde diesen Tanz entweder mit Ihrem Bruder, oder gar nicht tanzen!« »Ha, ha, ha! Wird denn der Graf überhaupt heute Abend zugegen sein?« lachte der junge Herr von Boyen näselnd auf, sein hellgelbes Haupt auf den schmalen Schultern wiegend, »wir dachten, er würde unsichtbar bleiben!« »O nein, messieurs , mein Bruder wird uns die Ehre schenken!« zuckte Lothar mit glimmendem Haß im Blick die Schultern, dann lächelte er plötzlich wie im aufflackernden Verstehen. »Ah! jetzt wird es mir klar! Natürlich, ich begreife vollkommen, Fräulein Dagmar!« – Er wandte sich und neigte sich vertraulich zu ihrem Ohr, »das war die Belohnung. welche sich der Blaubart für sein Kommen bei Ihnen ausbat. Nicht blöde, bei Gott! Aber ich finde, da hätten Sie lieber Ihre Wette verloren geben sollen, als sich in den Augen Aller zum Gespött zu machen!« – – Und sich wieder laut zu den Umstehenden wendend, fuhr er mit dem alten verbindlichen Lächeln fort: »Darf ich bitten zu engagiren und zu folgen, meine Herren? Eben sehe ich meinen Bruder dort in den Garten kommen, wir werden also sofort tanzen können!« – Und sich vor einem Fräulein von Helfen chevaleresk verneigend, bot er ihr den Arm und führte sie »zu einem Tänzer« in den Saal hinauf. Die andern folgten mit etwas langen Gesichtern und heimlichem Blick ironischen Einverständnisses. Dagmar blieb mit hoch erhobenem Haupte stehen, und ließ die Paare an sich vorüber schreiten, Jesabell drückte ihr verstohlen die Hand. Ihr entgegen von der andern Seite klang Desiders eiliger Schritt. Dagmar lehnte sich auf das Postament einer Dioskurengruppe und erwartete ihn; über ihrem Haupte schaukelten sich die bunten Lampions und warfen einen milden Lichtschein über die Gestalt der jungen Dame, welche umwogt von Spitzen und Diamantflor, wie ein liebreizendes Feenbild aus der zauberischen Umgebung tauchte. Graf Echtersloh trat schnell zu ihr heran. »Sie sind noch allein hier im Garten, Baronesse? Droben ertönen schon die Walzerklänge?« Dagmar blickte finster empor. »Und mein Tänzer scheint zögern zu wollen, bis sie verklungen sind.« »Haben Sie auf mich gewartet? Mein gnädiges Fräulein, Sie beschämen mich, und lassen mich doppelt für eine kleine Grausamkeit büßen, welche ich an Ihnen begangen habe! Halten Sie mich wahrlich für so herzlos, daß ich eine Libelle an die schwerfälligen Flügel eines Nachtfalters ketten wollte? Jener qualvolle Gedanke, mit mir tanzen zu müssen, war fast vierundzwanzig Stunden lang eine grausame Strafe für den kleinen Gifttropfen, welchen mir Ihre Worte gestern in das Herz geträufelt. Und damit Sie sehen, wie gern ich auch Milde übe, so gebe ich Sie frei und führe Sie an die Seite eines würdigeren Tänzers! Darf ich um Ihren Arm bitten?« Dagmar verharrte regungslos. »Sie geben mich frei? Wie aber, wenn ich Sie nun nicht frei gebe? Sie haben mich engagirt und ich beharre auf meinem Walzer!« »Sie sind großmüthig, und ich danke Ihnen für Ihre Güte, aber ich bin nicht schlecht genug, um sie zu mißbrauchen! Hören Sie? Droben rufen schon die Flöten und Geigen nach Ihnen –« »Sie thun es vergeblich, wenn mein Tänzer seiner Verpflichtung nicht nachkommen will!« Dagmar trat in das helle Licht und blickte mit glänzenden Augen zu ihm empor. »Sammeln Sie keine feurigen Kohlen auf mein Haupt, machen Sie es mir nicht so schwer, gut zu sein!« Seine Stimme zitterte und er trat fast heftig einen Schritt näher. »Ich kann Sie nicht zum Gespötte der Welt machen, Fräulein Dagmar, ich kann es nicht!« »Die Welt ist mir gleichgiltig, ein Tanz mit Ihnen ist aber mein Anrecht, kraft Ihres Wortes. Und darum hören Sie, Graf Echtersloh: ich schwöre Ihnen bei allem was mir heilig ist, daß ich keinen Schritt heute Abend tanzen werde, wenn Sie dieses Wort nicht halten!« Und Fräulein von der Ropp hob die weiße Hand zum Schwur, blendendes Licht floß um sie her, und das Geschmeide blitzte an dem schlanken Arm. »Auf diese Erklärung giebt es wohl keine Antwort mehr!« murmelte Desider, verneigte sich stumm und legte ihre Rechte auf seinen Arm. Noch wallte ein langer, dunkler Mantel um seine hohe Gestalt und, ein seltsames Paar, wie einst Licht und Schatten in dem Märchen verklungener Poesie, stiegen sie schweigend die steinernen Stufen empor. Brausende Klänge und das Gewirr der animirten Stimmen tönte ihnen aus dem Ballsaal entgegen, ein Diener sprang herzu und nahm den Mantel von der Schulter des Grafen. Dagmar schaute mit scheuem Blick an ihm empor, schwarz und ernst stand seine hohe Gestalt vor ihr, den blitzenden Stern des Johanniterordens auf der Brust. Das blonde Haar war leicht gekürzt, fiel aber noch immer in vollen, natürlichen Wellen in Stirn und Nacken, ein kalter, fast strenger Zug lag auf dem schmalen Gesicht. Stumm trat er mit seiner Tänzerin in die weitgeöffnete Saalthür und überflog mit einem ruhigen Blick die Menge, noch einmal neigte er sich zu Dagmar nieder. »Mein Bruder lehnt allein neben dem Sessel seiner Mutter, gnädiges Fräulein, noch ist es Zeit, ihn durch einen Wink an Ihre Seite zu rufen! Sehen Sie in all' diese neugierigen Gesichter, und opfern Sie Ihr heutiges Vergnügen nicht einer Großmuth, welche ich nicht verdient habe!« Ein Lächeln flog über das Gesicht der jungen Dame. »Zögern Sie nicht länger, Graf, ich kann es kaum erwarten, bis wir tanzen werden!« Und sich fest auf seinen Arm stützend, schritt sie stolz erhobenen Hauptes an seiner Seite in den Saal. Wie mit einem Zauberschlag verstummte das heitere Gesumme der Stimmen, aller Augen richteten sich auf den Majoratsherrn von Casgamala und seine reizende Tänzerin, die Lorgnetten und Kneifer flogen blitzend auf die Nasen, und dann durchlief ein leises, unheimlich anhaltendes Flüstern den Saal. Wie ein kalter Schauer wehte es durch das Herz des jungen Mädchens, ihr Herzschlag schien still zu stehen in dem Fegefeuer dieses Augenblicks. O hätte sie umkehren können, hätte sie an Lothars Arm durch diese spähenden Spaliere schreiten, oder Casgamalas nie mit einem Blick gesehen! Desider fühlte ihren Arm erzittern, fast unwillkürlich schloß er ihn fester an seine Brust und sein Blick traf das Auge Dagmars, da war es, als ströme plötzlich ein neuer Muth durch ihre verzagte Seele, eine süße Gewißheit, daß der Arm, welcher sie so sicher und fest in die Brandung dieser Menschenflut geführt, auch stark und muthig wie kein anderer war, sie empor zu halten. Lächelnd, triumphirend wie die Königin dieses Festes schritt sie weiter. Graf Echtersloh trat zu dem Sessel seiner Mutter, begrüßte mit stummer Verneigung die nächstsitzenden älteren Herrschaften, und bat Lothar, ihn bekannt zu machen; einige Augenblicke förmlicher Konversation, dann brausten auf ein Zeichen Lothars die ersten Walzerklänge durch den Saal. »Man kann Ihnen gratuliren, er sieht doch etwas besser aus, als ich fürchtete!« flüsterte der junge Offizier mit vertraulichem Lächeln in Dagmars Ohr, trat zurück, und überließ die junge Dame ihrem Tänzer. Allein, verfolgt von all' den kritisirenden Blicken tanzten sie durch den weiten Saal. Mit klopfendem Herzen that Dagmar den ersten Schritt, aber fest und sicher von seinem Arm geführt, an seiner Brust geborgen, schien sie auf den Klängen dahinzuschweben, glühend, fiebernd in nie gekannter Erregung. Abermals zog ein leises Flüstern durch den Saal, aber diesmal klang es in Dagmars Ohren wie das Murmeln heimlicher Bewunderung, und mit stolzem Blick schaute sie über die Menge, als wollte sie sagen: »Seht uns nur an: Sucht euch ein zweites Paar wie wir eines sind!« – »Graf Desider tanzt ja süperbe!« flüsterte die alte Frau von Eckberth mit nickendem Blumenschmuck auf dem Kopf, der Gräfin Mutter zu, und Frau Leontine lächelte sauersüß. »Ja, ja, ganz manierlich, ich bin überrascht. Aber Lothar tanzt doch bedeutend eleganter!« »Selbstverständlich, Excellenz, mein Gott, wie kann man unter diesen Brüdern überhaupt Vergleiche anstellen!« In buntem Schwarm flatterten nun auch die anderen Paare über das Parquet, ein üppiges, farbenhelles Bild, schwebende Sterne an dem Himmel des Glückes, welchen Fortuna aus schillernden Seifenblasen über ein paar kurze Stunden spannt. Desider führte seine Tänzerin in den Nebensaal und stützte sich auf die hochgeschnitzte Sessellehne neben dem Divanplatz der jungen Dame. Sein Gesicht war auch jetzt noch von jener gleichgültigen Ruhe, welche Dagmar schon längst verdrossen hatte. Und von jenen höflichen galanten Worten, wie sie Lothar stets zu hunderten seiner Partnerin zuflüsterte, schien der Einsiedler aus dem Kiosk auch nicht die mindeste Ahnung zu haben, kaum daß er ein paar ceremonielle Dankesworte bei dem Schluß des Tanzes gesagt hatte. Alle kleinen Teufel gekränkter Eitelkeit spukten durch das Köpfchen der Baronesse und blitzten aus den dunkeln Augen, welche so gern die Triumphe ihrer Schönheit feierten; mit zauberischem Lächeln lehnte sie sich zurück und blickte zu ihm empor. »Warum sagen Sie mir, Sie könnten nicht tanzen, wenn man ein solcher Meister des Walzers ist, wie Sie?« fragte sie schelmisch. »Wollten Sie mich vielleicht nur abschrecken damit?« »Nein, nur meinen Racheplan um einen feinen Schachzug bereichern! Ich weiß, daß es keine quälenderen Gedanken für eine junge Dame giebt, als den, sich mit einem schlechten Tänzer produziren zu müssen!« »Ich hätte Sie nicht für so grausam gehalten!« »Sie scheinen mich überhaupt für besser zu halten, als ich bin, und werden dadurch Ihrer Maxime untreu!« Sein Blick ruhte ernst und fest auf ihrem fragenden Gesichtchen. »Meiner Maxime? In wie fern das?« »Alles was gut ist muß schön sein, häßliche Menschen aber sind die Kinder der tückischen Finsterniß!« Desider sprach mit schwerer Betonung, fast schien es, als zucke feine Ironie um seine Lippen. Betroffen schaute Dagmar. auf, diese Worte hatte sie einmal gesagt, aber sie wußte nicht mehr wo. »Woher wissen Sie, daß ich dieser Ansicht bin, wer hat Ihnen das wieder gesagt?« fragte sie fast heftig. »Die Kinder der Finsterniß stehen meist mit übernatürlichen Kräften in Verbindung, welche ihre unsichtbaren Ohren selbst in die geheimsten Confidenzen junger Damen erstrecken!« »Aha, der Irrgeist von Casgamala!« Dagmar wich fast scheu zurück. »Natürlich, wenn Sie solche Verbündete haben, darf man sich über nichts mehr wundern. Aber warum zählen Sie sich unter die Bösen, halten Sie sich gar für häßlich?« Ein fast schalkhafter Blick zuckte aus seinen ernsten Augen .»O nein, ich finde mich noch eben so bildschön, wie dereinst im Kadettenkorps, als ich von dem Pferde fiel. Aber ich muß einen falschen Geschmack gehabt haben, denn andere Leute zählten mich damals gradeswegs zu den » Monstres .« Und da ich mir nicht den Luxus eines Spiegels gestatte, so muß ich leider die Aussage dieser anderen Menschen für competent halten.« Dagmar erglühte bis auf den weißen Nacken und neigte das Haupt tief auf die Brust, eine dunkelrothe Rose fiel aus ihrem Haar und glitt auf den Teppich; Desider neigte sich und hob sie auf, mit höflicher Verneigung legte er sie in ihre Hand zurück. Lothar würde im gleichen Falle mit tausend galanten Worten um diese Blüte gebeten haben, um sie als theures Andenken an diese Stunde im Portefeuille auf der Brust zu tragen, Desider aber stattete sie mit dem gleichgiltigsten Gesicht der Welt zurück. Dagmar biß sich leicht auf die Lippe, dann lachte sie übermüthig auf und bewegte den Fächer lebhaft in den kleinen Händen. »Sie haben keinen Spiegel? Das glaube ich nicht!« »Und darf man fragen, warum?« »Weil Sie heute ganz anders frisirt sind wie sonst!« Er lächelte amüsirt. »Mein getreuer Scherasmin Lebrecht verlangt nicht, daß ich mich während seiner Kunststücke im geschliffenem Glas betrachte.« Kurze Pause, dann richtete sich Dagmar lebhaft auf und blickte voll zu ihm empor, es war ein bezaubernder Blick, welcher in seine tiefste Seele zu tauchen schien. »Graf Echtersloh,« sagte sie schnell, »gestern und auch heute versicherten Sie mich, daß dieser Walzer eine Großmuth meinerseits gewesen sei, und wenn es im Grunde auch nur Eigensinn war, welcher mich auf mein Recht bestehen ließ, so lasse ich dennoch Ihre Ansicht gelten, um jetzt das Blatt wenden zu können, und revanche pour Pavia zu fordern!« »Revanche?« »Heißt so viel als eine Belohnung für die Großmuth, mit Ihnen den Ball eröffnet zu haben!« Desider lächelte. »Fordern Sie, mein gnädiges Fräulein, verlangen Sie die Unterthänigkeit des Irrgeistes?« »Wenigstens für kurze Augenblicke seine scharfen Ohren, oder besser, seine gewaltige Hand, welche Schloß und Riegel öffnet und Geheimnisse enthüllt, welche Ihre Hände unter undurchdringlichem Schleier verstecken!« Der Majoratsherr von Casgamala sah sie fragend an. Dagmar aber fuhr mit reizender Schalkhaftigkeit fort: »Alle jungen Damen sind neugierig, Graf, ich auch! Räthsel und Geheimnisse sind eine Qual für mich, eine Marter, welche mir Tag und Nacht keine Ruhe läßt und meinen Eigensinn leicht bis zur trotzigen Waghalsigkeit steigert; kein Mittel ist mir zu kühn, um die mystischen Nebel zu zerteilen! Gestern nun, als ich zu dem Kiosk kam, hörte ich ein gar wunderliches Klingen und Klopfen durch das Fenster schallen, ein Ton, welcher mich mit unerklärlicher Gewalt zu Ihrer Thür lockte und mich Ihre hohe Gestalt sehen ließ, welche sich als fatale Coulisse vor ein weißes Geheimniß schob, das Sie so hastig bei meinem Anblick mit einem Tuch bedecken! Was war es, Graf?« Glühendes Roth flammte über die Stirne des jungen Mannes, um alsdann einer fahlen Blässe zu weichen, welche sich fast unheimlich über die finstern Züge legte. Wie in beschwörender Abwehr hob er die schmale Hand. »Fragen Sie nicht, Baronesse, jenen Schleier wird nie ein lebend Wesen lüften!« »Auch ich nicht, die der ganzen Gesellschaft trotzte, um Ihnen einen Wunsch zu erfüllen?« Ein leidenschaftlicher Blick flammte aus den schwarzen Augen zu ihm auf, Dagmar erhob sich und trat einen Schritt näher, die rothe Rose fiel auf den Teppich nieder und entblätterte. »Auch Sie nicht, Fräulein von der Ropp, Sie am allerwenigsten!« Die Stimme des Grafen klang dumpf, regungslos waren seine Züge. Einen Moment knitterten die kleinen Hände die glitzernde Seidengaze, die junge Dame biß sich in jäh aufwallender Heftigkeit auf die Lippe, dann schien ein anderer Gedanke durch das Köpfchen zu zucken. Mit unwiderstehlichem Liebreiz faltete sie die kleinen Hände über der Brust, trat leise näher und hob mit flehendem Blick die Augen; keine Silbe sagte sie, aber unter den schwarzen Wimpern leuchtete eine ganze Welt voll bittender Worte zu ihm auf. Desiders Brust arbeitete in namenloser Aufregung, fast heftig schüttelte er das Haupt und sich zu ihr nieder beugend, flüsterte er: »Haben Sie noch nicht von dem verschleierten Bild zu Saïs gehört, dessen Anblick der unberufene Späher mit dem Leben bezahlen muß? O, glauben Sie mir Fräulein von der Ropp, diese Bilder sind noch nicht alle von der Welt verschwunden. Und wenn auch jenes Räthsel im Kiosk nicht Ihr Herzblut als Sühne verlangen würde, es träufelte dennoch ein furchtbares Gift in Ihre Seele, und hätte Sie bis jetzt die Neugierde nicht schlafen lassen, nach jener Stunde ließe es vielleicht Ihr Gewissen nicht mehr zu!« Und beschwörend die Hand des jungen Mädchens fassend, um sie in fast schmerzendem Druck in der seinen zu pressen, fuhr er in leidenschaftlicher Steigerung fort: »Geloben Sie mir, nicht nach jenem Klingen und Klopfen zu forschen, zu schweigen gegen jedermann, zu Ihrem und zu meinem Heil!« Ein entsetzter Blick traf sein Auge, Dagmar wich zitternd vor ihm zurück und hob abwehrend die Hände. »Gehen Sie, Graf, ich fürchte mich vor Ihnen!« Jähe Bestürzung malte sich in seinen Zügen und trieb ihm pochende Glut in die Schläfen. »Fräulein Dagmar,« sagte er weich, so weich und herzlich, wie es das junge Mädchen nie bei seiner sonoren Stimme für möglich gehalten, »halten Sie mich für einen Mann, welcher schlechte Geheimnisse vor der Welt zu bergen hat? Sehen Sie mir in das Auge und fragen Sie sich, ob es wie ein böses Gewissen darin flackert! Noch trage ich den Stern dieses edlen Ordens auf der Brust, und glauben Sie mir, Baronesse, trübte seinen Glanz auch nur der leiseste Hauch der Zweifelhaftigkeit, es wäre zum letzten Mal gewesen, daß sich sein Band um meinen Nacken schlang! Frei und furchtlos blicke ich empor, nicht vor Gott und nicht vor den Menschen brauche ich die Wimpern zu senken, jedermann der es zur Rettung meiner Ehre verlangen würde, soll die weißen Tücher von dem Geheimniß des Kiosk heben, nur Sie nicht, Fräulein von der Ropp – nur Sie allein nicht!« Tief aufathmend wich er zurück. »Also soll es eine Beleidigung für mich sein? Sie wollen mich kränken, und gerade darum, weil Sie wissen, daß ich die Einzige bin, welche darum weiß, soll ich die Einzige sein, welche der ganzen Welt nachstehen soll?« Dagmars Lippen bebten und Thränen heftiger Erbitterung zitterten an den Wimpern, trotzig warf sie den Kopf in den Nacken. »Das habe ich nicht verdient um Sie, Graf, und darum zum letzten Mal: wollen Sie mein Freund bleiben, so nehmen Sie diese Kränkung zurück!« Ein ernster Blick traf ihr Auge. »Wir werden Freunde bleiben, wenn Sie nicht auf Ihrem Willen bestehen, gnädiges Fräulein, ich kann und darf Ihre Neugier nicht befriedigen, glauben Sie es mir; verlangen Sie alles, was in der Kraft eines Mannes steht, welchem die Ritterlichkeit gegen eine Dame so hoch gilt, als der gute Klang seines Namens, nur jenes eine nicht, nicht die Offenbarung jenes Geheimnisses!« »Und nur dieses will ich wissen, Graf Echtersloh!« rief Dagmar außer sich, »und ich schwöre es Ihnen zu, daß ich es doch erfahren werde, daß ich es durchsetze, daß ich – –« Hoch und ernst stand er vor ihr, regungslos ruhte sein Auge in dem ihren und wie gebannt verstummte Dagmar unter diesem magischen Blick. »Bei dem Heile Ihrer Seele, Baronesse, thun Sie es nicht!« sprach er klanglos zu ihr nieder, »denn in jenem Augenblick, wo Sie die Schleier herabziehen, reißen Sie für ewige Zeiten eine gähnende Kluft zwischen uns auf, zersplittern Sie leichtfertig das Glück eines Menschen und zerstören die Ruhe seiner Seele, welche wohl schon genug durch den Uebermuth erbarmungsloser Worte gelitten hat. Von jener Stunde an, wo Sie mit kühnem Griff die Schranken des Kiosk herniederbrechen, bin ich todt für Sie, und zum letzten Mal im Leben haben wir einander gegenüber gestanden.« Desider sprach mit schwerer Betonung; kalt trat er von ihr zurück. »Die Thüren des Thurmes werden Tag und Nacht unverschlossen bleiben, unbewacht steht sein Inneres, und der einzige Schutz meines Geheimnisses ist ein weißes Leinentuch, dennoch werde ich ohne Sorge durch Wald und Flur streifen, denn mein Glauben an Sie ist größer, als die Angst um den Frieden meiner Seele!« Und Graf Echtersloh verneigte sich ruhig und ernst, überließ seine Tänzerin dem soeben hereineilenden Bruder, und schritt langsam durch das Boudoir in die angrenzenden Salons. 11. »So behüt di Gott herztausiger Schatz, Du siehst mi nimmer mehr! –« Volkslied . Die Büffets waren eröffnet und wie ein Bienenschwarm wogten die diensteifrigen Kavaliere und hungernden Väter um diese »Tischlein deck Dich,« welche auf breiten Marmorplatten oder hochgeschnitzten Pyramidenbauten die leckeren Wunder aller Erdtheile feil zu bieten schienen. Je nach dem nun der rosige Mund der erwählten Dame »süß oder sauer« gewünscht hatte, baute es sich duftend auf den Tellern zusammen, und gleich Hermann dem Raben flatterten die schwarzen Frackzipfel oder kokett abstehenden Uniformschöße durch die Menge und Länge des Saales zurück, um in traulichem Plaudereckchen neben Schleppen und Fächern des heiß erstrittenen Gutes froh zu werden. Jesabell benutzte einen günstigen Augenblick, um sich reich mit Konfekt und duftigem Obst beladen aus dem Saal zu stehlen, und gleich einer gütigen Fee den Kindern der Frau Sibylle diese Kostbarkeiten auf die Bettchen zu schütten. Eilig stieg sie die eiserne Freitreppe hinab, auf deren Eckpfeilern die mächtigen, pechgefüllten Steinurnen zum Himmel lohten, um ihr grellrothes Flackerlicht über die schlanke Gestalt zu gießen, welche in duftiger Balltoilette, rosig und seidenknisternd über die Stufen schwebte. »Was der Tausend, Fräulein Malchen!« klang es plötzlich dicht neben ihr hinter den laubigen Fliederbüschen hervor und schnell wie der Gedanke folgte schon der Stimme die schmucke Gestalt Malzhoff's, welcher mit zwei Schritten neben der jungen Dame stand. »Ist's denn die Möglichkeit, Fräulein Malchen zum großen Zauberfest im Schlosse! Ne, hören Sie mal, das hätte ich nicht von Ihnen gedacht!« Erschrocken war die Comtesse zurückgewichen, jetzt lachte sie leise auf, baute geschickt die Düte voll Pfirsichen noch auf den linken Arm und reichte dann dem jungen Mann die Hand entgegen. »Herr von Malzhoff, das nenne ich eine Ueberraschung und hier im Garten, hinter den Büschen verstecken Sie sich in hinterlistiger Weise? Gestatten Sie, daß ich Ihnen gleich Ihr: »das hätte ich nicht von Ihnen gedacht!« mit schönstem Knix zurückgebe?« »Verstecken? Eben im Augenblick komme ich dort den Weg herauf, gerade noch zur rechten Zeit, um Sie abzufangen! Denken Sie vielleicht, ich ging in's Schloß, wenn es nicht dringend nötig wäre? Und heute gar, wo Graf Lothar der ganzen Umgegend ein großes X für ein U vormalen möchte! Nein, Fräulein Malchen, wenn nicht in Clausthal ein halber Morgen Wald lichterloh in Flammen stünde, wäre ich, weiß Gott, nicht hier!« »Ein Waldbrand? Um Gottes Willen – in Clausthal?« Malzhoff schlug mit der Reitgerte gegen den hohen Jagdstiefel. »Ja gewiß, aber Sie brauchen weiter nicht zu erschrecken, bis hierher kommt's nicht. Wir haben schon Militär geholt und alles abgegraben, da mag sich's denn in der Mitte in Gottes Namen ausbrennen. Aber dem Grafen muß ich es doch melden, noch dazu es in Clausthal ist, seinem Lieblingsrevier, wo die besten Hirsche stehen! Hm, Sie sehen ja wunderschön aus, Fräulein Malchen, ganz wie ein zuckerner Christengel!« Und mit zärtlich musterndem Blick schritt er um sie herum, um sich auch den Anblick der Schleppe zu gönnen. »Aber halten thut das Zeug nicht, wie Spinnewebe so fein!« »Gefallen thut's Ihnen aber doch?!« Mit reizender Grazie wandte Jesabell das Köpfchen über die Schulter und streckte den kleinen Fuß in das Bereich des Flammenscheins, »sehen Sie mal, Goldkäferschuh!« »'s ist die Möglichkeit! die werden gut theuer gewesen sein, was? Aber hübsch aussehen thut's – weil Sie nämlich drin stecken, Fräulein Malchen, denn an Ihnen gefällt mir eben alles!« Ein seliges Lächeln huschte über das Gesichtchen der Comtesse, sie wollte sich hastig zu ihm wenden um in den blauen Augen zu lesen, ob dies Kompliment auch ehrlich gemeint, sei, die Pfirsichen aber schienen längst auf die Vergeßlichkeit der jungen Dame gewartet zu haben und rollten nun, diese schnelle Bewegung benutzend, über den weißen Arm auf den Kiesweg hernieder. »Brr! hiergeblieben, meine Herrschaften!« Und mit schnellen Schritten folgte Malzhoff den Deserteuren, um sie wieder einzusammeln und behutsam auf Jesabells Arm zurückzuliefern. »Wenn die hier liegen bleiben sollen, Fräulein Malchen, dürfen Sie sich nicht von der Stelle rühren, sonst giebt's Muß! Heiliger Gott! Sie haben aber gut eingehamstert, wollen Sie etwa die Frau Gräfin bankerott machen, durch diesen Raubzug?« Das junge Mädchen lachte. »Dafür hat's noch keine Gefahr! Aber nehmen Sie mir mal die Früchte wieder ab, ich habe keine Lust, etwa Statue hier zu stehen! Ich muß jetzt zu Laubmanns hinüber und den Kleinen Wort halten.« »Aha! diese glücklichen Kleinen, mich hat noch keine einzige junge Dame so gefüttert!« Und der Jägersmann seufzte mit wahrer Kraftaufwendung: »na, dann geben Sie die Dinger her, ich werde Sie Ihnen tragen!« »Sie wollen mit?« »Natürlich!« Ohne weiteres nahm er die Früchte wieder zur Hand und wandte sich nach dem Garten. Schweigend schritten sie nebeneinander her, der Mond trat hinter den Wolken hervor und zitterte mit silbernem Licht über Jesabells reizende Gestalt, weiß wie Schnee hoben sich Hals und Arme aus dem rosa Flor und mit leuchtenden Augen blieb Malzhoff abermals stehen und sah sie an. »Fräulein Malchen – ich –« »Warum bleiben Sie denn stehen? So kommen Sie doch!« »Nein, ich komme nicht, da drüben ist ja schon das Palais Laubmann!« Und voll unwiderstehlicher Komik schüttelte er den Kopf; »ich muß Sie erst noch eine Weile betrachten, so wunderlich wie in diesem Augenblick ist es mir noch niemals zu Muthe gewesen! Ich weiß gar nicht, ob es wirklich nur das Kleid ist, was mir so in den Kopf steigt, oder die Goldkäferschuhe, oder das Mondlicht, das einen verliebten Gesellen so wie so schon weich und träumerisch stimmt! Aber zu Kopf steigt mir etwas, Fräulein Malchen, weil es im Herzen nämlich schon gar keinen Platz mehr hat, und weil – weil ich eben ganz toll und blind und verrückt bin seit einiger Zeit. Nein, ich wollte sagen – weil –« und Malzhoff preßte die Hände gegen die Brust – »weil es eben einmal heraus muß, daß ich Sie ganz rasend liebe, Fräulein Malchen, und nun schlagen Sie mich todt aber ich kann nicht anders!« Jesabell neigte das reizende Köpfchen und preßte die Zuckerdüte noch fester gegen das hochklopfende Herz. »Todtschlagen? Ist es denn ein solches Verbrechen, mir gut zu sein, Herr von Malzhoff?« »Nein, süßes Malchen, ein Verbrechen wäre es höchstens, wenn ich jetzt dem heißen Drang meines Herzens folgte und Sie mit sammt Ihren Pfirsichen, an das Herz drückte, es wäre der Tod der Pfirsichen, des Goldkleides, der Zuckerdüte – kurzum, machen Sie keinen Massenmörder aus mir, sondern schütten Sie in Gottes Namen Ihren süßen Segen über die Sibyllischen Sprößlinge im Gartenhaus und dann kommen Sie schnell wieder in meine Arme und sagen Sie mit einem tüchtigen Verlobungskuß, daß Sie mich auch lieb haben!« »Einem Verlobungskuß?« jubelte die Comtesse mit leuchtenden Augen, »so soll ich wirklich Ihre Braut sein?« Der junge Jäger breitete in ungestümer Glückseligkeit beide Arme aus. »Sechs Wochen lang meine Braut und dann die Frau Revierförsterin von Gottes Gnaden!« rief er sehr entschieden, »und Kirschner wird Brautführer! Dann aber, mein lieber, kleiner Schatz,« und Malzhoff trat hastig näher und legte stürmisch – Pfirsiche und Confect vergessend –, den Arm um ihre schlanke Gestalt, »dann nennst Du mich Du und Sacha , wie mein gutes, russisches Mütterchen den Flachskopf Alexander auch ruft, also Malchen! sieh mir in die Augen hinein, hast Du mich lieb, willst Du mich haben?« »Ja, Sacha, ich habe Dich lieb!« flüsterten ihre rothen Lippen leise erbebend; »aber ehe Du Dich mir verlobst, lerne mich erst kennen! Ich bin ein armes Mädchen, ohne Vermögen –« »Darum heirathest Du einen reichen Mann, der Revierförster ist und außer seiner Büchse, seinem Gaul und Jagdhund gerade genug hat und verdient, um eine Frau mit bescheidenen Ansprüchen ernähren zu können!« In diesem Augenblick erknirschte hinter ihnen der Kies unter hastigen Schritten, wie aus der Erde gewachsen stand Sibyllens korpulente Gestalt, scharf um die Ecke biegend, vor beiden, um mit lautem aufkreischendem »Josef Maria!« zurückzuprallen. »Ach, Sibylle! um Gottes Willen ruhig!« rief Jesabell, nicht minder erschrocken auf die kleine Frau zueilend. »Ich bin es ja nur und Herr von Malzhoff, Sibylle!« »Gott erbarme sich, wie haben Sie mich entsetzt, in Ihrem hellen Kleid, alle Heiligen, ich glaubte ja nicht anders, als an den Irrgeist,« keuchte die Alte unter gutmüthigem Lachen, »aber liebstes Comteßchen, um die jetzige Zeit hier –« »Ich wollte zu Deinen Kleinen und das versprochene Naschwerk bringen,« unterbrach die junge Dame mit bangem Blick auf Malzhoff. »Comtesse selber? Ist die Möglichkeit! Jetzt mitten aus dem Fest heraus, wo droben schon wieder flott getanzt wird?« Starr wie ein steinernes Bild stand der junge Jäger und schaute mit unheimlich großen Augen in Jesabells geneigtes Antlitz, langsam trat er von ihr zurück an die Seite Sibyllens. »Sie nennen jene Dame Comtesse, Frau Laubmann,« sagte er tonlos, »ist sie etwa nicht die Nichte des Herrn Kirschner?« »Nichte des Herrn Kirschner? Gott behüte, die war bloß zwei Wochen lang hier, aber – kennen Sie unsere Comtesse Jesabell nicht? Sie sprachen ja –« »Comtesse Jesabell!« wie ein Aufschrei gellte es durch die stille Nacht, der junge Mann schlug beide Hände vor das Gesicht und taumelte einen Schritt zurück, »sie, – sie ist Comtesse Echtersloh!« Pfirsiche und Confect rollten über den Kiesboden, mit angstvoller Hast die Arme nach ihm hebend, stürmte Jesabell an der Wirthschafterin vorüber an Sachas Seite, um seinen Arm flehend zu umklammern. »Sacha – lieber Sacha, sei mir nicht böse, – ich kann ja nichts dafür, daß ich es bin!« rief sie flehend. – Er blickte auf, bleich und verstört, löste sanft ihre Hände und trat zurück. »Sie haben ein gewissenloses Spiel mit einem Herzen getrieben, Gräfin, einem Herzen, welches Sie treu, lauter und innig liebte! Eine übermüthige Laune ließ Sie die Kluft zwischen uns mit harmloser Maske überbrücken, und da sie herniedergerissen ward, versank mein junges Lebensglück in ihrer Tiefe. Leben Sie wohl, Comtesse, und verzeihen Sie meine Kühnheit, mit welcher ich eine Gräfin Echtersloh niemals belästigt hätte!» Er verneigte sich kurz, ein langer unaussprechlicher Blick in ihr Auge, und seine Schritte klangen über den Kies, um die stattliche Gestalt hinter den Goldregenbüschen verschwinden zu lassen. »Sibylle!« mit leisem Aufschluchzen sank Jesabell an den Hals der kleinen Frau und barg das bleiche Antlitz an ihrer Brust, leises Zittern flog über die schöne Gestalt, und Thränen und welke Rosenblätter aus dem Ballkranz rieselten lautlos in Spitzen und Crèpeflor hernieder. Mit zuckenden Lippen streichelte die treue Magd das Köpfchen ihres Lieblings. »Armes, armes Fräulein Sie,« flüsterte sie erbittert, »was haben Sie dem Schicksal gethan, daß es Sie um der Sünden Anderer willen verfolgt!« – »Der Fluch der Echterslohs!« murmelte das junge Mädchen voll düsterer Leidenschaft, »die Feuerflamme verzehrt das Glück, verbrennts zu Asche und Staub!« – Droben aber, aus den strahlenden Fenstern des Ballsaales klangen die brausenden Weisen des Tanzes, Graf Lothar – raste einen Galopp. 12. Wo willst mich denn hinführen? Ach Gott, was hast gedacht wohl in der finstern Nacht? Aus dem Wunderhorn . Dagmar hatte sich von Graf Lothar in den kleinen Salon führen lassen, dessen weitgeöffnete Thüren den freien Blick auf die Terrasse gewährten, dicht umwachsen von lauschigem Grün, in welchem die einzelnen rothen Lampions schaukelten, um die offene Halle in magisches Dämmerlicht zu kleiden. Die junge Dame lag in dem niederen Sessel, weich und graziös wie eine leuchtende Blüthe, welche sich in dunkles Laub schmiegt. Blendend weiß zeichnete sich der schlanke Nacken und Arm von dem gesättigten Roth der Sammetpolster ab, und wie goldiges Gewölk glitzerten die Kleiderfalten darüber hin, um sich in langer Schleppe auf dem dunkeln Teppich zu verlieren. Lothar saß auf niederem Tabouret an ihrer Seite. Er ließ die seidenen Sesselquasten mechanisch durch seine Finger gleiten und neigte das schöne Haupt in den Nacken zurück, um seinen anerkannt unwiderstehlich schwärmerischen Blick voll auf dem reizenden Gesicht seines vis-à-vis ruhen zu lassen. »So wollen Sie mir also eine Bitte erfüllen, Graf Lothar?« fragte Dagmar mit erhobener Stimme. »Wie können Sie überhaupt daran zweifeln Baronesse,« entgegnete Lothars melodische Stimme fast vorwurfsvoll. »Sie wissen, daß Sie über mein Gut und Blut zu verfügen haben!« » Eh bien ! Nachher soll droben die alte Klosterruine bengalisch beleuchtet werden, mit Feuerwerk und dem gekrönten Namenszug des gräflich Echtersloh'schen Hauses, so viel ich weiß; – ist dem so?« » C'est ça , meine Gnädigste.« – »Nun, so hören Sie mich an, Graf. Ich habe eine herrliche Idee: Vernahmen Sie nicht, wie man vorhin Tante Leontine bestürmte, Aufschluß über die räthselhafte Spukgestalt des Irrgeistes zu geben? Sie schildert dieselbe als ein wunderholdes, ruhelos irrendes Weib, dessen Anblick den Herzensfrieden der Männer koste – ha ha ha! ich denke es mir außerordentlich amüsant, so etliche Krautjunker, wie Herrn von Boyen oder Monsieur de Eicher zitternd vor Angst, Neugierde und Liebe – das Hasenpanier ergreifen zu sehen, und darum kam mir folgende Idee: Wir beide stehlen uns jetzt heimlich zur Ruine – ich nehme ein weißes Laken und einen wallenden Schleier mit, Sie sorgen für die spukhafte Feuerflamme, welche mittelst einer jener hundert Pechfackeln von der Mauerdekoration hergestellt wird, und in dem Moment, wo der Name Echtersloh erlischt, erscheine ich droben auf der Ruine in dem zweiten Bogenfenster, oder besser noch, ich versuche über die Mauerreste hinweg zu schreiten, als weiße schemenhafte Gestalt, welche in dem grellen Licht doppelt schauerlich aussehen wird!« »Bravo! ausgezeichnete Idee!« jubelte Lothar ungestüm aufspringend, »ich helfe Ihnen, Dagmar, wenn ich jetzt Ihre kleinen Hände küssen darf!« Und schon hatte er sich geneigt, um seinen Worten die That folgen zu lassen. Sie litt es mit schnellem Lächeln, dann erhob sie sich gleichfalls. »So lassen Sie uns unbemerkt zu entkommen suchen, Graf, ich vertraue mich Ihrem ritterlichen Schutze an!« Er legte ihre Hand auf seinen Arm und neigte sich tief zu ihr nieder. »Sie werden beschützt sein, Baronesse,« flüsterte er. »Wehe irdischer und überirdischer Macht, welche es wagen wollte, diese kleine Hand aus der Meinen zu reißen, – ich habe Ihnen viel, sehr viel in der einsamen Ruine droben zu sagen!« Einen Augenblick schien Dagmars Fuß zurückzuschrecken, als sei die Schwelle, welche sie überschreiten solle, feuriges Eisen, und der schwarze Schatten, welcher vor ihren Augen wogte, wuchs zu einer hohen, stolzen Männergestalt, welche sich mit finsterem Blick, stumm und drohend vor diese Schwelle drängte. Lächerlich, was wollte er, dieser seltsame, unheimliche Gesell, welcher starr und zäh wie ein ungefüger Eichstamm den schönen Händen trotzte, deren eigensinniges Spiel es nun einmal war, alles, was da hoch und stolz war, in den Staub vor ihre Füße niederzubeugen? Sie warf in finsterm Trotz das Haupt zurück, und schritt gelassen an Lothars Arm durch die Thür. Einige Minuten später löste sich eine dunkle Gestalt aus dem buschigen Laub der Terrasse. Desider schritt eilig über die ausgetretenen Mosaiksterne des Estrichs, blieb einen Augenblick wie in schwerem Kampfe an dem Kreuzweg der Parkanlagen stehen und ließ den Blick über die strahlende Schloßfront gleiten. Dann wandte er sich kurz entschlossen zur Seite und verfolgte den dunkeln Weg, welcher durch die Gitterthüre zu dem Kiosk führt. Droben in den Klosterruinen herrschte reges Leben. Die Arbeiter waren soeben dabei, die letzte Hand an die Vorbereitungen der Illumination zu legen, und die Leitern parat zu stellen, mittelst welcher die Buntfeuer und der Namenszug auf dem hohen Gemäuer entzündet werden sollten. Dagmar schritt an Lothars Arm über das knirschende Geröll, die duftige Schleppe über den Arm geschlagen und sorgfältig die ebensten Steine für die weißen Atlasschuhchen aussuchend. Den Schleier hatte sie bereits schützend über das lockige Haar geschlungen, während der junge Mann an ihrer Seite das weiße Damasttuch der Gespenstertoilette trug. »Wir sind etwas früh gekommen, Baronesse!« sagte er mit schnellem Umblick, »man arbeitet noch an den Arrangements und ist im Stande, uns Mörtel und Kalk in die Augen zu streuen! Tant mieux , so werden wir uns für die kurze Zeit in den Kreuzgang zurückziehen und den edlen Handwerkern nicht zürnen, wenn sie uns in diesem reizenden Idyll etwas warten lassen!« Mechanisch folgte ihm Dagmar über die moosigen Fliesen und setzte sich mit nachdenklichem Umblick auf einen der gestürzten Säulenrümpfe; etliche Schritte zur Seite brannte eine Pechfackel und warf ihr rothes Licht über die Grabsteinbilder des Erdbodens, entfernter am Gemäuer versuchten zwei Arbeiter in das Bogenfenster zu klettern, um zwei bengalische Flammen darin zu befestigen. »Sehen Sie, jenes Fenster hatte ich in Gedanken, Graf!« rief Dagmar mit lebhaft erhobener Hand, »aber eben sehe ich, daß der Erdwall von hier aus bis fast an die höchsten Mauerspitzen ragt, welche von der westlichen Seite, also dem Gesichtspunkte des Publikums aus, wie senkrecht, schwindelndhohe Ruinen emporragen! Lassen Sie mich versuchen da oben zu gehen! Der Effekt wird außerordentlich sein, denn von drunten wird es aussehen, als schwebte ich in der Luft über dem haltlosen Gestein!« und Fräulein von der Ropp erhob sich eifrig, um mit leichten Schritten den Trümmerwall emporzusteigen. Graf Lothar blieb an ihrer Seite. Gewandt und mühelos sprang er von Stein zu Stein, die junge Dame mit einer Sicherheit stützend und nach sich ziehend, als schreite er auf ebenstem Parquet. Seine schlanke Gestalt konnte wohl niemals vortheilhafter zur Geltung kommen, als im Einklang dieser geschmeidigen Bewegungen, welche ihm, vereint mit dem leichten Windhauch, die dunkeln Haarwellen tiefer auf die weiße Stirne senkten. Dagmars Blick haftete sinnend an diesen schönen Zügen, aus welchen ihr just dieselben dunkel feurigen Augen entgegen leuchteten, welche sie so oft träumend im Antlitz ihres Ideals gesehen – und dennoch tauchten neben diesen blitzenden Sternen zwei andere Augen empor, tief ernst und blau, flammend in stolzem Zorn – welch' eine dämonische Gewalt drängt ihr denn stets das Bild dieses gehaßten Mannes neben die sonnige Erscheinung des Bruders? – Lothar ist der helle, wolkenlose Sommerhimmel, dessen lachende Sonnenstrahlen die Rosen aus der Knospe küssen, Desider aber ist die düstere Gewitterwolke, deren Schatten sich erdrückend darüber wirft, deren gewaltiger Majestät die Sonne weichen muß, und deren Blitz die Rose unbarmherzig niederschlägt. Sie schritten probend über das wankende Gestein, umflossen von silbernem Mondlicht. Der Wind strich um die Ruine und spielte mit Dagmars flatterndem Schleier, fröstelnd zog sie ihn fester um sich her. »Es geht prächtig, unser Streich wird ein Meisterwerk,« sagte sie hastig, »davon werden die aristokratischen Spießbürger noch lange reden! Aber es ist kühl hier oben, kehren wir um!« Langsam schritten sie zurück, es war kein weiter Weg. Lothar schloß den Arm des jungen Mädchens fester an sich, ja er legte den seinen sogar schirmend um ihre schlanke Gestalt, als das lose Erdreich unter den kleinen Füßen nachgab. »Unbesorgt, Fräulein Dagmar, ich halte Sie fest und sicher!« sagte er mit wundersam erregter Stimme, »und so wie ich Sie jetzt über die versunkene Pracht Casgamalas leite, so möchte ich Sie wohl fortan immer führen, durch das ganze Leben. Sie waren drunten im Kreuzgang angekommen, rother Fackelschein zuckte über Dagmars bleiches Gesicht. »Die versunkene Pracht Casgamalas!« wiederholte sie ausweichend, »wie viel Glück und Herzeleid mag unter diesen grauen Steinen begraben liegen!« Sie zog ihre Hand nicht aus der seinen, es lag wie eine dumpfe Resignation in ihrer Haltung, welche sich bewußt ist, daß es einmal doch so kommen muß, früher oder später. »Und wie nun, Dagmar, wenn dieses Glück urplötzlich wieder aus allen Fugen und Ritzen empor flammte, überschüttend mit seinem süßen Zauber die zwei jungen Herzen, deren Geheimniß so heilig gehütet wurde, bis das zaubermächtigste Wort des Weltalls seine Siegel löst, in dem innigen, heißen Geständnis; – ich habe Dich so lieb!?« Der junge Offizier hat ihre beiden Hände gefaßt: tief zu ihr geneigt wiederholte er mit brennendem Blick in das gesenkte Antlitz, flüsternd, flehend leidenschaftlich: »Ich habe Dich so lieb!« »Und wenn diese todten Steine auch ihr Glück neidlos über uns ergießen wollten, würde er es sich denn so willig entreißen lassen, er, der das größte Anrecht darauf hat, der Irrgeist von Casgamala?« Dagmar versuchte mit bleichen Lippen zu scherzen, aber kaum war ihnen der unheimliche Name entschlüpft, als sie mit gellendem Schrei des Entsetzens und mit angstvoll erhobenen Händen gegen das graue Gemäuer zurücktaumelte. Auch Lothar wich mit jähem Laut der Ueberraschung zur Seite, stieren Blickes in das grelle Licht starrend, dessen plötzliches Aufblitzen ihn blendete und seine Glieder erbeben ließ. Wie hervorgezaubert aus dem grauen Gestein tauchte, nur wenige Schritte von ihnen entfernt, das unheimliche Wahrzeichen des Irrgeistes empor, scharfes, weiß blendendes Licht. Es war unmöglich, die Konturen einer Flamme zu unterscheiden, und dennoch verharrte das Licht regungslos auf einem Punkte, um den ganzen Kreuzgang für einige Sekunden tageshell zu beleuchten. Gespenstisch traten die alten Mönchsbilder aus ihren Nischen hervor, jäh aufgeschreckt flatterten zwei Käuzchen schreiend aus den Mauerrissen; dann war es vorbei, tiefe schwarze Nacht deckte momentan die Ruine, bis sich das Auge allmählich wieder an das matte Fackellicht gewöhnte. »Tod und Teufel – kommen Sie zu sich, Dagmar – ein infames Possenspiel, aber frappirend, bei Gott – stützen Sie sich auf meinen Arm, ich werde Sie hinab zum Schloß führen!« stotterte Lothar hastig, neigte sich zu ihr nieder und flüsterte mit schnellem Umblick: »Sagen Sie nichts, es ist sonst keine Seele mehr hier zu halten, das Volk ist abergläubisch bis zum Wahnwitz!« Dagmar richtete sich langsam, schwerathmend auf, ihre großen, weitgeöffneten Augen schweiften glanzlos über die zerfallenen Mauern, nicht angstvoll, sondern todternst, wie über dem ganzen Antlitz eine fast starre Ruhe lag. »Der Irrgeist von Casgamala!« sagte sie tonlos, »sein Licht glüht noch durch meine Seele, klar, gewaltig, zauberhaft, ich fürchte mich nicht, Graf Lothar! Warum wollen Sie so hastig fort? Lassen Sie mich erst völlig sehen, damit ich völlig glauben kann, überzeugen Sie mich, daß es nicht Menschenwerk, sondern ein Strahl aus jener Welt des Lichtes war, dessen Riegel nur Geisterhände lösen können!« Und Dagmar wandte den Kopf nach dem schmalen Kiesweg, welchen soeben wieder einige Arbeiter empor stiegen. »Rufen Sie die Leute herzu, Graf, wir wollen den Kreuzgang durchsuchen. Lothar blickte zweifelnd in das Antlitz der Sprechenden, welches urplötzlich so ganz verwandelt, stolz entschlossen zu ihm aufschaute. »Wie Sie wünschen, Dagmar!« Dann rief er mit kurzem Befehl die Männer herzu. »Ich habe mein Armband hier in der Ruine verloren, leuchten Sie mit einer Fackel voran und lassen Sie uns suchen!« bat Fräulein von der Ropp, und diensteifrig hoben sich sofort zwei nervige Fäuste, um die nächste Fackel aus dem Gestein zu lösen. »Hierher, lassen Sie uns durch die Grabsteine gehen; wollen Sie uns nicht begleiten, Graf?« Lothar biß sich auf die Lippe, er zauderte. »Ich halte Ihr Beginnen für nutzlos, Dagmar, lassen Sie uns morgen bei Tage hergehen! Der Fackelschein ist so unsicher und das Gemäuer ringsum, namentlich nach jener Seite zu, sehr gebrechlich.« »Ich fürchte mich nicht!« wiederholte die junge Dame mit durchdringendem Blick; es war, als spiele plötzlich ein leises, ironisches Lächeln um die schmalen Lippen, »lassen Sie mich getrost allein gehen und erfüllen Sie während dessen Ihre Pflichten, die Gäste hier an dem Thor zu erwarten, in fünf Minuten bin ich wieder zurück,« und sie wandte sich hastig um und trat zu dem Arbeiter, welcher bereits zu dem ersten Steinbild geschritten war. »Welche Zumuthung, Baronesse, ich verlasse Sie nicht,« und mit unmuthigem Achselzucken folgte er der jungen Dame, welche geneigten Hauptes den Grabstein umschritt und aufmerksam jede leiseste Spur auf dem Erdboden beobachtete. »Hier war es,« murmelte sie, »und kein Stäubchen zeugt von einem menschlichen Fuß, welcher zur Seite mindestens die Halme geknickt haben würde – gehen wir weiter!« Sie fühlte einen eisigen Schauer durch ihr Herz wehen, das rothe Fackellicht tanzte gespenstisch aus dem Steinboden und der Wind sauste durch die geborstene Rückwand des Ganges, um kühl über ihre Stirn zu streichen. Lothar hämmerte mit dem Stiefelabsatz unwirsch gegen den bröckelnden Marmor der Pfeiler. »Hier endet der Weg. Rechts die kahlen, hochaufsteigenden Wände der ehemaligen Sacristei, links eine niedere Mauer, welche schwindelnden Abgrund begrenzt, leuchten Sie über die Brüstung, tief und schwarz, da klimmt kein Mensch hinab!« »Das gnädige Fräulein glauben, das Armband sei etwa gestohlen?« »Mir schien es vorhin, als hätte ich Schritte hinter mir gehört.« Der alte Arbeiter schüttelte versichernd den grauen Kopf. »Das ist unmöglich, Fräulein, von hier aus kann selbst keine Katze in den Kreuzgang, und seit heute Nachmittag schon arbeite ich mit dem Friedel an dem Namensschild über dem Thor, da ist keine Seele hier herein geschlichen, müßte uns sonst auch soeben begegnet sein, wir kommen ja vom Ausgang her!« »Sie haben Recht, Alter, ich täusche mich wohl. Nun, so muß es heute dabei bewenden, möglich auch, daß ich die Spange drunten im Garten verlor!« Und Dagmar wandte sich zurück und schritt, in tiefes Sinnen verloren, über das moosige Gestein. – Dann zog sie langsam den Schleier von dem Kopf: »Der Irrgeist wartet selber seines Amtes, Graf Echtersloh, ich denke unsere Komödie ist überflüssig.« – ————— Die Mehrzahl der Gäste war abgefahren, nur einzelne Herren und die Husarenoffiziere blieben noch in dem Rauchzimmer bei dem Schlummerpunsch zusammen. Dagmar stand droben in ihrem Zimmer und löste mechanisch den Kranz aus ihrem Haar, ein hoher Spiegel warf ihre strahlende Gestalt zurück und zeigte ihr ein bleiches, sinnendes Antlitz. War sie es wirklich? Noch zuckte ein grelles Licht vor ihren Augen. Zittern schüttelte ihre Glieder und ließ ihren Herzschlag stocken. Ja, sie hatte den Irrgeist gesehen und sein Blitz hatte sie ins Herz getroffen, sein unheimlicher Zauber sie ergriffen, das Unheil heftete sich von nun an an ihre Sohlen und – ja, war es denn nicht schon über sie hereingebrochen? Ihr Glück war vernichtet, wie ein zweischneidiges Schwert war die Flamme des Irrgeistes zwischen zwei Herzen gezückt, um die Bande zu zerschmettern, welche sie soeben für Zeit und Leben verbinden sollte – und nicht genug mit dem, es schien, als habe das grelle Licht einen Schleier von ihren Augen gezogen, um ihr plötzlich die Gestalt des erwählten Mannes in nüchterner Wahrheit zu zeigen. Der Zauber seiner Schönheit war mit der Leichenblässe kindischer Furcht entschwunden, und als er mit finsterem Blick des Mißmuthes ihr dennoch folgte, stumm, grollend, unfähig seine Verstimmung zu bemeistern, da zerriß es wie ein Nebelbild vor Dagmars Seele, und sie wußte, daß ihr Ideal für ewige Zeit zersplittert war. Unwillkürlich dachte sie sich Desider an seine Stelle. Diese gewaltige Brust würde nicht vor dem Wahrzeichen seines Hauses zurückgeschreckt sein, sein Fuß hätte kein unsicheres Gestein gefürchtet, seine Hand hätte die ihre nicht launisch freigegeben – Desider! – sie will ja nicht an ihn denken, nein, sie will's nicht. – Da klopft es leise an der Thür. Dagmar schreckt aus ihren Träumen auf und lauscht. »Wer ist da?« »Ich, Dolores, öffnen Sie!« Der Klang der dumpfen Stimme weht wie Grabesluft durch das Herz des jungen Mädchens, zögernd tritt sie zur Thür und schiebt den Riegel bei Seite. »Sie, Comtesse? Was um alles in der Welt führt Sie zur jetzigen Stunde zu mir ?« »Meine Menschenfreundlichkeit!« Die graue Gestalt steht in dem Thürrahmen, ein brennendes Licht in der Hand. »Nehmen Sie ein Tuch um und folgen Sie mir, ich will Sie noch in die Komödie führen!« Ein scharfes Lächeln läßt ihre Zähne aufleuchten, befehlerisch weist sie auf den Shawl über der Sessellehne. Staunend gehorcht Dagmar. »In eine Komödie?« fragt sie schüchtern, »ich verstehe Sie nicht, Dolores!« »Aber Sie werden verstehen lernen!« lächelt die seltsame Besucherin mit glimmendem Blick, »und hoffentlich noch mehr, als meine gute Absicht; kommen Sie, ich gedenke Ihnen eine rechte Freude zu bereiten!« Sie wandte sich und schritt lautlos über den langen Corridor voran. »So muß der Irrgeist aussehen,« dachte Dagmar unwillkürlich. Durch eine Reihe unbekannter Zimmer führte sie die Comtesse, dann ging es ein paar Stufen hinab, sie standen im engen, lichtlosen Alkoven. – Dolores wandte sich zurück. »Stille jetzt, gehen Sie auf den Zehen – und keinen Laut mehr!« befahl sie kurz. Ein jähes Grauen schnürte Dagmars Kehle zusammen, sie nickte nur stumm und regte sich nicht. Comtesse Echtersloh trat an das dunkle Holzgetäfel und sah einen Augenblick spähend darüber hin, dann drückte sie leicht gegen einen Nagelknopf, und lautlos wichen die schweren Nußbaumquadrate zurück, um einen schmalen Spalt frei zu geben. Laute, verworrene Stimmen schallten ihnen entgegen. Gläserklirren und übermüthiges Gelächter. Dolores schob die Holztafeln behutsam noch weiter zurück, glitt leise durch die geheimnißvolle Thür und winkte Fräulein von der Ropp zu folgen. Klopfenden Herzens betrat Dagmar einen ganz schmalen, niederen Tapetengang, welcher nach beiden Seiten eine lange Flucht von Zimmern begrenzen mußte, fast erschreckend nahe klang der wüste Lärm vor ihnen. Dolores faßte ihre Hand und zog das junge Mädchen vor ein offenes Astloch, welches den freien Blick in ein Zimmer gewährte. Ein sardonisches Lächeln spielte um ihre blassen Lippen, und sich dicht zu Dagmars Ohr neigend, flüsterte sie: »Nun sehen Sie sich einmal Ihren zukünftigen Herrn Gatten ohne Maske an!« Athemlos starrte Dagmar in das ihr wohlbekannte Büffetzimmer, in dessen Mitte ein großer Tisch gerückt war, um welchen die jungen Herren in außerordentlich animirter Stimmung lagerten. Karten, Gold und Banknoten bedeckten die Platte, und Graf Lothar, die qualmende Cigarre zwischen den Lippen, saß obenan und leitete das Spiel. Sein Gesicht war dunkelgeröthet, das Haar hing ihm wirr und feucht tief in die Stirn; er lachte laut und unbändig, und die Augen flackerten wie im Fieber. Ein Zug der leidenschaftlichsten Zügellosigkeit entstellte das Gesicht, und die ganze Art und Weise seines Trinkens, Spielens und Fluchens trug das Gepräge außerordentlicher Rohheit, Graf Lothar fühlte den hitzigen Wein in seinen Adern glühen. Ihm zur Seite saß der englische Gutsbesitzer Charles Reginald Dickens, eine korpulente, biederbe Fallstafffigur mit breitknochigem Gesicht und strotzendem Geldbeutel, »C. R. Dickens« stand auf seinen Visitenkarten. Lothar hatte gewonnen, er leerte sein Glas bis auf den Grund, neigte sich zur Seite und schlug den Engländer cordial klatschend auf den breiten Rücken. »Sie sind ein ganz verfluchter Kerl, mein guter C. R. Dickens!« lachte er übermüthig, »aber ein Lump, wenn Sie jetzt nicht den doppelten Einsatz wagen! Herr C. R. Dickens ist ein Gentleman, messieurs , und darum wollen wir ihn auch in corpore Mister »C. R. Dickens« nennen, damit er doch etwas vor seinen Namen bekommt, ha ha ha – ich bin nicht an so kahle Titel gewöhnt, mein edler C. R. Dickens, und nun schießen Sie los, Clavigo – 500 Mark auf die Coeurdame – hazard – pour vous – pour moi !« » All right – auf 500 Mark – ich gehe los!« und Mister Dickens verzog keine Miene. » Pour vous – pour moi – pour vous – diantre !« und Lothars Züge verzerrten sich zu gewaltsamen Grinsen – »die Coeurdame verläßt mich – hol sie der Geier!« C. R. Dickens strich gelassen sein Geld ein, ein Goldstück glitt durch seine Finger und rollte auf den Fußboden, er beugte sich, um es aufzuheben. »Ha ha ha!« schrie Lothar überlaut, »der Gentleman sucht seine Heller zusammen, attention , meine Herren, es ist Cavalierspflicht ihm zu solcher Arbeit zu leuchten!« Und mit frivolem Lachen griff er zu einem Hundertmarkschein, rollte ihn zusammen und entzündete ihn gleich einem Fidibus am offenen Licht. – »Gestatten Sie, mein wackerer C. R. Dickens, daß ich Ihre Mühe unterstütze?« Brüllendes Gelächter der Anwesenden begleitete diese letzten Worte; aus einer Fensternische aber trat lautlos eine hohe, schwarze Gestalt, ein Blick maßloser Verachtung flammte auf den Bruder herab, dann wandte sich Desider und schritt unbemerkt aus dem Zimmer. Auch Dagmar wich mit farblosen Wangen von ihrem Lauscherposten zurück, ihr blitzender Blick traf das Antlitz der Comtesse, welche mit gekreuzten Armen regungslos an der Thürspalte lehnte. Sie trat in den Alkoven zurück, und Fräulein von der Ropp folgte wankenden Schritts. »Nun? – Gefällt er Ihnen?« lächelten die schmalen Lippen triumphirend. »Ein nettes Früchtchen, nicht wahr? Und was man noch zu solchem Betragen wissen muß, um es erst völlig würdigen zu können,« fuhr sie leiser, voll unsagbaren Hohnes fort, »mein Herr Bruder zehrt jetzt schon von der reichen Mitgift seiner dereinstigen Frau. Denn er selber, Fräulein von der Ropp, nennt nichts mehr auf der Welt sein eigen, als den Leichtsinn und die Schuldscheine, welche bereits den letzten Heller seines Vermögens verschlungen haben und welchem, mit Hilfe der Frau Mutter, auch dasjenige seiner Schwestern gefolgt ist, gleichviel, ob ihr Glück darüber zu Grunde ging!« Dolores athmete tief auf, ein wildes Feuer glühte in ihrem Auge, dann war es, als streife eine kühle Hand über ihr Gesicht. »Und nun kommen Sie, Kleine, Sie werden mit einer schlaflosen Nacht die Ruhe Ihres ganzen Lebens erkaufen.« Wie ein Wirbel brauste es durch Dagmars Seele, fast ungestüm griff sie nach beiden Händen der Comtesse und preßte sie leidenschaftlich in den ihren. »Dolores, warum wüthest Du so unnatürlich gegen Dein eigen Fleisch und Blut? Auch Du bist eine Echtersloh –« »Die keinen Tropfen dieses Blutes jemals verleugnen wird! Eine Echtersloh , Dagmar, ja, die bin ich, Lothar aber und die Mutter sind die giftigen Parasiten, welche den stolzen Stammbaum unseres Hauses zu verderben drohen! Noch blüht ein markiger Zweig dieser Eiche, lauter und treu und ungefälschten Blutes, er ist die letzte Hoffnung meines Hauses und auch ihn umstricken schon die vernichtenden Fäden schmarotzerischer Falschheit. Und gerade darum, Dagmar, weil ich mit Leib und Seele eine Echtersloh bin, darum zerschlage ich die Wurzeln jenes Genistes und opfere sie dem edlen Zweige unseres Geschlechts!« Dolores stand hoch und frei vor dem jungen Mädchen, eiserne Entschlossenheit leuchtete von der klaren Stirne, und veredelt in stolzer Begeisterung, war es wundersam, welche Aehnlichkeit mit Desider plötzlich aus diesem Antlitz sprach. Mit glänzenden Augen schaute Dagmar zu ihr empor, unbewußt fast, einer jähen Eingebung folgend, zog sie die schmalen Finger der Comtesse an die Lippen und flüsterte mit stockendem Herzschlag: »Ja, Dolores – hilf ihm – schütze Du den echten Stamm der Echtersloh!« 13. Was kommst Du bei nächtlicher Weile durchwühlen das alte Gestein? Und förderst herauf aus den Gräbern nur Staub und Todtengebein? Adalb. von Chamisso. Fräulein von der Ropp hatte einen seltsamen Fund gethan. Glühendes Verlangen, das verhüllte Grabmal des Irrgeistes zu schauen, hatte sie in Begleitung der beiden Comtessen in die Schloßkapelle geführt, und nun stand sie vor dem wunderlichen Stein, auf dessen umgekehrtem Wappenschild eine rothe Feuerflamme und eine geknickte Purpurrose zu schauen war. Seltsame Symbole, durch keinen Buchstaben erklärt, nur der Name »Casga-Mala« stand in goldenen Lettern darunter eingegraben – Casga-Mala? wer war sie? Kein Stammbaum wies ihren Namen auf, denn als im Jahre 1802 eine Feuersbrunst den orientalischen und mittelsten Theil des Schlosses zerstört hatte, waren die Chroniken und Familienurkunden bis auf wenige ein Raub der Flammen geworden. Wohl erzählte sich die Tradition, daß ein Graf Echtersloh dereinst im Gesandtschaftsdienst des Kaisers gen Spanien gezogen sei dort ein wunderholdes Weib gefreit habe, »Casga-Mala« genannt, zu Ehren welcher er seinen alten Rittersitz habe durch einen neuen Bau verherrlichen lassen, ganz im spanischen Stile ausgeführt, und zum großen Neid der deutschen Ritterschaft. Wer kann aber solchen Dingen glauben? Ja, wären nicht die Trümmer der versunkenen Herrlichkeit die beredtesten Zeugen dieses Ammenmärchens gewesen, es wäre längst mit seiner zauberischen Heldin zu Moder und Staub zerfallen! Dagmar stand vor dem Grabstein, ernst und sinnend. Sie löste die rothe Rose aus ihrem Gürtel und wollte sie als pietätvolle Gabe an den Rand des Schildes stecken, der dornige Stengel wollte nicht festhalten, und als ihn die junge Dame mit festerem Druck zwischen die Fugen zwängen wollte, da begann das Schild sich zu regen, gab den rosigen Fingern nach und drehte sich leicht knarrend zur Seite. Ein hohler Raum ward sichtbar, und als Jesabell und Dolores staunend näher traten und Dagmar mit zitternder Hast das wurmstichige Holz noch weiter in seinen Angeln bewegte, da offenbarte es sich plötzlich, daß das umgekehrte Wappenschild eine Art Drehscheibe war, hinter welcher sich ein schmales Gefach befand. Fiebernd vor Erregung schauten die Mädchen hinein, ein schwarzer, silberbeschlagener kleiner Kasten stand darin, ein rostiges Schloß umspannte noch mit festen Riegeln seinen Deckel, sonst ringsum nur ein feiner, knirschender Staub versunkener Jahrhunderte. Dagmar trug ihren kostbaren Fund hastig hinauf in das Boudoir der Gräfin, in welchem Lothar neben dem Schreibtisch seiner Mutter im Sessel lag und die feine Cigarette zwischen den Fingern drehte. Er sprang empor und eilte den jungen Damen chevaleresk entgegen, er schien ganz der Alte gegen Dagmar, fast noch vertraulicher wie gestern Abend, als er ihr zum Schluß des Balles die Hand küßte und den Irrgeist einen neidischen Gesellen nannte, welcher ihn um eine süße Antwort gebracht hatte! Er warte noch immer darauf. Der geheimnißvolle Kasten erregte einen Sturm lebhaftester Neugierde. »Die Familiendiamanten!« jauchzte Gräfin Mutter außer sich vor Entzücken, zwei brennend rothe Flecken traten auf die spitzen Backenknochen und die mageren Hände reckten sich voll gierigen Eifers nach dem antiken Geheimniß. »Wart's ab, m'amour , erst laß mich aufmachen!« wehrte Lothar mit fast nervöser Hast, »die Familiendiamanten, bei Gott, das wäre kein schlechtes Körnlein, welches Fräulein Dagmar da aus dem Staube gescharrt hätte, aber, mille diantres , das kleine Satansding ist ja wie zugemauert, besorge 'mal das starke Tranchirmesser her, Jesabell, wollen sehen, ob es zum Brecheisen taugt, oder halt, wart' petite , ich werde erst meinen Champagnerbrecher probiren!« »Sie wollen das Schloß sprengen, Graf Lothar?« fragte Fräulein von der Ropp befremdet, »wie schade für das kunstvolle, alte Werkchen! Ein Schlosser würde es gewiß unbeschädigt öffnen!« »Um alsdann der ganzen Welt unsern kostbaren Fund auf die Nase zu hängen, meine Gnädigste?« Lothar lachte scharf auf, »das würde zum mindesten sehr christlich einfältig von uns sein. Denn so lange wir das Geheimniß bewahren, bleibt sein goldener Segen uns allein, an die große Glocke aber geschlagen, würde sowohl Desider, wie Vetter Magnus und Fritz Anspruch erheben und ich hege für keinen der drei Herren eine solch' opfermüthige Liebe, daß ich ihrem Goldstrom noch weitere Quellen zuleiten möchte.« »Ganz richtig, darling ! Mon Dieu , was liegt jenen Millionären an ein paar blanken Steinchen und uns sind sie lieb und werth, schon um des Angedenkens der Ahnfrauen willen, deren Souvenirs man ja heilig halten soll!« Und Gräfin Mutter kräuselte die Lippen zu heuchlerischem Lächeln und rückte näher zu dem jungen Offizier heran, unter dessen gewaltsamen Anstrengungen der Deckel des Kastens splitternd auseinander barst. Dolores streifte die Mutter mit ironischem Blick. »Heilig halten, indem man sie so schnell wie möglich in klingende Münze umwandelt!« warf sie schonungslos ein, »jenes köstliche Rubinhalsband, welches König Gustav Adolfs unglückliche Gemahlin meiner Ahne eigenhändig um den Nacken gelegt haben soll, erklärtest Du ja für unmodernen Trödel, um es mitsammt den werthvollen ausländischen Orden des Großvaters einem Trödler feil zu geben!« »Schweig giftige Zunge!« fuhr Frau Leontine in bissigstem Tone auf, »wenn man für die modernen Ansprüche seiner Fräulein Töchter alte Erbstücke opfern muß, so finde ich dies traurig genug, und unerhört, daß dessen vor fremden Ohren Erwähnung gethan wird!« »Ansprüche der Fräulein Töchter!« Dolores' Blick flammte voll bitterer Verachtung über das farblose Gesicht der Gräfin. »Für das Rubinhalsband machte die Frau Generalin von Echtersloh eine Reise nach Italien, und die Ordensdiamanten mußten die Schulden des Sohnes decken, welcher sonst schimpflich von der Presse gejagt worden wäre!« Lothar hatte sich erhoben, seine Lippen bebten vor Zorn. »Noch ein Wort, Schwester, und Du zwingst mich, Mittel zu ergreifen, welche energisch genug sein werden, um dem blödsinnigen Geschwätz einer alten Jungfer Schranken zu setzen! Alterire Dich nicht, theuerste Mama, Du weißt ja, daß man Nachsicht mit ihrer kranken Vernunft haben muß! Hier, laß uns lieber den Schleier von dem Geheimniß des Irrgeistes ziehen!« Mit schnellem Schritt trat Dolores an den Tisch und legte die schmale Hand mit festem Druck auf den Deckel des Kastens, kein Blutstropfen kreiste in ihrem Gesicht, wie ein steinernes Bild, stolz und starr stand sie Mutter und Bruder gegenüber. »Halt!« klang es dumpf von ihren Lippen, »ehe der Deckel fällt, meinen Schwur! Was dieser Kasten auch enthalten möge, werth und unwerth, sein Inhalt wird nicht eher berührt, als bis der Majoratsherr von Casgamala, mein Bruder Desider, zur Stelle ist. Und ich erkläre jedermann vor Gott und aller Welt als einen ehrlosen Dieb , wenn nicht mit diesem Fund nach Fug und Recht verfahren, sondern der Pflichttheil der Verwandten unterschlagen und verheimlicht wird!« Schnell wie der Gedanke riß sie den Deckel fort. »Pergamente. Gott sei Lob und Dank!« Ein allgemeines »Ah!« des Erstaunens, der bittersten Enttäuschung flog durch die kleine Runde. »Pergamente?« schrie Lothar mit heiserer Stimme, »ha ha ha, Ihr Füllhorn schüttet respektable Schätze über uns, Dagmar! Pergamente, so wahr ich lebe, Pergamente! Na, Mama, laß Dich die Brillanten nicht allzusehr auf den Nacken drücken!« Und er warf sich in den Sessel zurück, schlug mit der flachen Hand klatschend auf die Tischplatte und brach abermals in ein convulsivisches Gelächter aus. Die Gräfin hielt regungslos die Sessellehne umklammert, fahle Blässe lag auf dem unschönen Gesicht und die schmalen Lippen schimmerten fast bläulich. »Excellenter Scherz, et tant de bruit pour une omelette !« rief sie mit mißglücktem Versuch zu scherzen. »Um ein paar gelber Papiere willen ließ sich Comtesse Dolores zu einer meisterlichen Leistung der Comédie tragi-comique hinreißen! Klascht ihr Bravo, lieben Kinder, es war ein würdiges Vorspiel zu der vermuthlichen Liebesgeschichte der Dame Casga-Mala!« und sie verneigte den Kopf verächtlich gegen den schwarzen Kasten. » Voyons donc , was enthält die Chatulle?« Dolores hielt dieselbe in Händen und nahm die Schriften vorsichtig heraus. »Heilige Souvenirs unsrer Ahnen!« entgegnete sie spottend, neigte sich zum Licht und las nicht ohne Mühe die wunderlich verschnörkelten Buchstaben. »Curriculum vitae.« »An meine Leibeserben und Kindeskinder, die Nachkommen des gräflichen Geschlechtes von Echtersloh als eine Beichte und Buße schwerer Schuld.« »Lest und vergebt ihr um der ewigen Barmherzigkeit eures Gottes willen.« »Casga-Mala, die gratia comitissa Echterslohe; piae memoriae. Natus die XXV. mensis Julii MCCCXVIII. Denatus die XX. mensis Octobris MCCCCLXXVIII anno dom. Lugent illustrissimi. Qui sunt relicti quinque liberi Moestissimi. In madatum avocatorium Jordanus Desiderius von Echterlohe« Sie wandte das Schriftstück um und betrachtete das große, unverletzte schwarze Wachssiegel, welches die Pergamente schloß. »Der Aufschrift nach haben wir eine Biographie der Gräfin Casga-Mala zu erwarten!« sagte sie ruhig, »ich werde mit Eurer Genehmigung Desider für heute Abend zu uns herüber bitten lassen, um diese Blätter im Familienkreise vorzulesen!« » Pardon , wenn ich mich unterstehe, diese ordre du jour in einer Kleinigkeit zu ändern.« warf Lothar ironisch ein. »Heute Abend beabsichtige ich zu meinen Kameraden in die Garnison zu fahren und bedaure, nicht rücksichtsvoll genug zu sein, um mein Vergnügen Deinen Befehlen zu unterjochen; falls Dir Dein Betschemel Urlaub giebt, bestelle doch den Herrn Bruder zum Kaffee auf die Terrasse!« Gräfin Mutter kicherte impertinent auf, Dolores aber zuckte mit keiner Wimper. »Ich habe niemals Rücksichten von Dir erwartet, noch solche erfahren,« entgegnete sie kalt, »und es durch Dein leuchtendes Beispiel gelernt, mit gleicher Münze zurückzuzahlen! Gewiß werde ich Desider auch zum Nachmittag bitten können, denn mein Betschemel ist weniger despotisch wie Dein Spieltisch, mich kettet keine Ehrenschuld daran!« Vernichtend ruhte ihr graues Auge auf seinen fahlen Zügen, dann nahm Comtesse Echtersloh gelassen die schwarze Chatulle in den Arm und schritt ohne weiteren Gruß aus dem Salon. In der Thür glitt der Deckel von dem Kasten und fiel auf die Schwelle nieder. Lothar sprang herzu, hob ihn auf und neigte sich mit outrirter Devotion vor der grauen Gestalt. »An diese Stunde sollst Du mir gedenken, Natter!« raunte er haßfunkelnden Blickes in ihr Ohr, dann lachte er auf und fügte laut hinzu: »Also sammelt ein Cavalier und galanter Bruder feurige Kohlen auf das Haupt seiner Verleumderin!« 14. Jene Tage sind vorüber – Jene Flammen sind verglüht. Roquette . Man hatte sich auf der Terrasse versammelt. Es war erdrückend heiß, kein Luftzug regte sich und wenn man empor zu dem tiefblauen Himmel schaute, schien die Luft zu blitzen und zu zittern, so klar und sonnendurchglüht war sie. Dagmar und Jesabell trugen weiße Kleider. Beide waren bleicher wie sonst, Dagmar schaute ernst und sinnend in das wirre Blättergerank zu ihrer Seite, Jesabells Züge trugen das Gepräge eines tiefen, heimlichen Seelenschmerzes, welcher auch über die dunklen Augen einen Schleier breitete, als thauten unermüdliche Thränen darüber hin. Die blaßrosa Akazienblüten, welche Lothar mit »Lebensgefahr« in dem alten Schloßhof gebrochen hatte, hingen schlaff und welk in den dunklen Haarwellen des Fräulein von der Ropp, und Desiders Blick folgte den zarten Blättchen, welche wie Schneeflocken über die Schulter der jungen Dame rieselten. Er saß seitwärts in niederem Fauteuil, das Haupt gegen die kühlen Blätter des blühenden Oleanders zurückgeneigt, die edelgeformte Hand lässig über die Lehne gelegt, ein Bild natürlicher, vornehmer Ruhe. Lothar hatte zwischen ihm und Gräfin Mutter Platz genommen. Er entfaltete die Pergamente und begann auf Wunsch des Bruders deren Inhalt vorzutragen. » Nach der geborth Christi vnssers herren, Dushend vierhundert vnd sefen vnde achtigshten jare, zwischen pfingsthen vnd ostern, Donerstage nach dem sunntage Jubilate, hadt es – « »Um Gottes Willen, Lothar, ich verstehe kein Wort!« rief Frau Leontine fast ärgerlich dazwischen, »ist vielleicht das ganze Dokument in dieser Art geschrieben, dann bitte ich dringend, es erst übersetzen zu lassen!« Lothar zuckte leicht die Achseln. »Fangen wir mal auf der nächsten Seite an!« entgegnete er gelangweilt. » Ik, Jordanus, Desiderius echterslove, bekenne oppenbair in dussem bref vor alle den de oen zehen horen, edir lesen, dat ik opgelaten hebbe myner alter motter ane Eydlesten, to sriefen all dusser dinge for sin gotishus adire ere nakommenlinge – « »Unmöglich, Lothar, hör auf!« unterbrach Excellenz mit nervöser Gereiztheit denen monotonen Vortrag, »ich ertrage solche Lektüre nicht: Entweder gebt mir die sentimentale Lebensgeschichte jener Dame in Modernem Hochdeutsch zum besten oder verschont mich ganz damit!« »Erlaube einen Augenblick, Lothar!« bat Desider sich aufrichtend und die Hand nach den Pergamenten ausstreckend, »ich habe mich während der letzten Jahre viel mit unserm alten Archiv beschäftigt, vielleicht ist es mir möglich, jene Schrift im Lesen in verständlicheres Deutsch zu übersetzen, Sie gestatten einen Versuch, gnädigste Mutter?« »Ohne Frage! Beginne, mein Sohn!« nickte die Gräfin mit überraschtem Aufblick, »es sollte mir lieb sein, wenn uns dadurch die Einmischung fremder Weisheit erspart bliebe.« Desider sah die Blätter flüchtig durch. »Falls es die Herrschaften zufrieden sind, beginne ich sofort mit der eigentlichen Geschichte, welche der Enkel der Gräfin Casga-Mala, Jordanus Desiderius von Echtersloh, nach dem Tode der alten Dame, auf dringenden Wunsch derselben zu Papier gebracht hat. Er selber spricht es in der Vorrede aus, daß seine Großmutter, welche Jahre lang geisteskrank gewesen, in ihren letzten Lebenstagen das völlige Bewußtsein wiedererlangt habe und ihm in dieser Zeit ihre Leidensgeschichte erzählte, um sich und ihr Gewissen zu beruhigen. Nach ihrer eigenen Verordnung sollten diese Schriften in einem Geheimfach zu Häupten ihres Grabmonumentes geborgen werden, bis sich hoffentlich dereinst die ferne Hand eines Enkels jenes umgekehrten Schildes erbarmen und somit das Vermächtniß seiner Ahnfrau empfangen werde.« Desiders Blick schweifte momentan über das Blatt hinweg und ruhte fest auf Dagmars lieblichem Antlitz, jähes Roth flammte darüber hin und das alte Pergament knisterte seltsam zwischen den Fingern des Grafen. »Auf das Haupt dieser unbekannten barmherzigen Seele,« fuhr er leiser fort, »fleht der Irrgeist von Casgamala des Himmels vollsten Segen herab und er grüßt sie mit folgenden Worten: » Da Ersame vnnd Erbare burgern auff Casga-Mala, ter du dieshe dingt gesehn, gehoredt vnd helffen voreinigen hast, woneder In eynem fernde Jahre, dichte soll der Lybe HERRE fullkommenen gliks gedeihen latenn, dat alle dusse vorgeschreuen stuke, punkte vnnd artikele sampt vnnd bissunderenn dich nichte bedreujen, sunder soll dich laten seyn de Lichte Gottsengel vor vns, vnnd vnse vilgenanntem Haushe! « Wieder senkte sich Desiders Blick in die dunkeln Augen der jungen Baronesse, und Dagmars Herz schien still zu stehen unter dem Ausdruck, welcher diesen Blick beseelte. Auch Dolores hatte für einen Augenblick das Haupt von ihrer Arbeit gehoben, sein starrte fassungslos in Dagmars glühendes Gesicht, sie sah Desiders Blick – schnelles Zittern flog um den schmalen Mund und verklärte in jähem Lächeln die ernsten Züge, dann neigte sie das Antlitz noch tiefer über die schwarze Altardecke und regte keine Wimper mehr. Desider aber las: 15. »Du sprichst von Zeiten, die vergangen sind!« Schiller Ich bin eine Fremde hier, eine Spanierin; man nennt mich Casga-Mala. In Granada war ich jung, in Cadix glücklich. Man sagt, ich sei schön gewesen, nannte mich »die Gebenedeite« und klatschte mir jubelnden Beifall, wenn ich sang und tanzte. Wer mein Ahnherr gewesen, weiß ich nicht. Bredjje, das braune Weib mit dem rothen Kopftuch und den klingenden Münzketten zog mit mir durchs Land, sie diente mir wie einer Prinzessin, sie stachelte meinen Eigensinn, sie nickte zu meinen tollen Streichen. »Täubchen,« sagte sie zu mir, wenn wir auf irrer Wanderschaft in alter Ruine rasteten, »schau Dich um, dies alles ist Dein! Dieser Estrich hat das Blut Deiner Ahnen getrunken, diese Wände haben unter ihrem gewaltigen Wort gezittert, diese Gräber haben ihr Gebein und ihr Gedächtniß verschlungen! Was aber blieb von den Mächtigen der Welt? Selbst der Staub nicht, den ihr Fuß zertreten!« Und sie legte mir den rostigen Brunnenreif um die Stirn, rollte mir bröckelnden Marmor unter die Füße und neigte sich vor meiner Majestät. Wer war ich? Ich wußte es nicht. Ein Lied aber sang sie mir stets, zum Schlaf, zum Tanz, zum Trost, sie kannte wohl kein anderes. Es sprach von der alten Pracht der Maurenfürsten, von Liebe, Noth und Tod des Ebn Serradsch, des kühnen Abencerragen, dessen Blut geflossen und dessen Kinder bettelnd durch ihr eigen Land ziehen. Ich war eine Heidin, ich spottete der Christengötter, ich brauchte keine Religion, denn ich war glücklich. Da kam ich nach Granada und besiegelte mein Verhängniß. Ich kannte ihn nicht, den finstern Fremdling, dessen Blick mich wie ein böser Dämon verfolgte, ich fürchtete ihn, ich floh seine Nähe. Groß war er, hoch und stolz, seine Sprache klang wie Wettergrollen und in seinem Auge blitzte es von Stolz und Leidenschaft, er war ein Graf von Echtersloh. Aber wunderbar, ich bebte wenn er kam, und ich weinte, wenn er ging, ich lachte nicht mehr, sondern seufzte, ich wollte ihn hassen und liebte ihn. Ich ward sein Weib. Glücklich war ich, kurze Zeit so glücklich, wie ich nachher lange, bange Jahre zu Tode unglücklich ward. Er führte mich fort durch weites, fremdes Land nach seiner deutschen Heimat, hierher, wo es so kalt und öde war, so grabesstill und traurig, kein Lied, kein Sang, nur hohe, trotzige Mauern, welche mich wie ein Grab umschlossen und mir das Lächeln von den Lippen streiften. Wie ein gefangener Vogel saß ich bleich und scheu in der Burg, einsam, wenn Ruppertus auf seinen Jagdzügen Tage lang fern blieb, und fremd und unverstanden, wenn prunkende Gäste bei uns vorsprachen. Ruppert liebte mich. Wer kann den seltenen Mann beschreiben? Eine Thräne in meinem Auge ließ ihn zittern und um ein Lächeln von mir hätte er wohl sein Herzblut gegeben, wäre es gefordert worden; aber dabei war er wild und ungefüg' wie das tolle Bergwasser, leidenschaftlich bis zur Raserei und mild und gut wie ein schuldlos Kinderherz; ihn sollte ich lieben, ihn allein auf Gottes Welt und er wird den Staub vor meinen Füßen küssen! Groß und selbstlos war seine Liebe! Mit unsagbarer Mühe ließ er mir den orientalischen Garten und den Kiosk bauen, er streute das Geld mit vollen Händen aus, um das Schönste und Herrlichste für mich zu erlangen, Unsummen verschwendete er, um hier auf dem deutschen Bergriesen ein süßes Märchenland spanischer Herrlichkeit erblühen zu lassen. Murmelnde Wasser und blühende Haine, Rosen und Myrthen, weiße Steinbilder und lauschige Grotten, und ich war die Königin dieses Paradieses, lächelnd vor seinen Augen und vergehend vor Jammer und Heimweh in meiner Einsamkeit. Meine treue Bredjje war gestorben; ich war ganz allein. Mein Gatte verschloß mich in die Einsamkeit des Kiosks, wahnsinnige Eifersucht vergiftete sein Herz, seitdem ich angefangen hatte, die deutsche Sprache zu erlernen und mich nach dem Umgang heiterer Menschen sehnte: er hatte mir ein Paradies geschaffen, um es zu einer Hölle qualvollster Verlassenheit zu gestalten. Ich ward Mutter eines Sohnes, und noch einmal schien des Glückes strahlende Sonne über meinem Haupte zu stehen, Ruppertus' ganze, heiße Liebe schüttete ihr Füllhorn der Seligkeit über Mutter und Kind, nichts trübte mehr unser Glück, als jener eine Umstand: daß ich noch Heidin war. Dicht bei dem Schlosse, welches mein Gatte mir zur Ehre Casga-Mala genannt hatte, stand seitwärts am östlichen Bergabhang ein Kloster. Innige Freundschaft verband die Grafen Echtersloh mit seinen frommen Brüdern, und es war von altersher bestimmt, daß der jüngste Sohn des Hauses, falls mehrere Grafen auf der Burg geboren wurden, die Rüstung mit der Kutte tauschte, um als Prior des Klosters die weltliche Macht seiner Familie durch den allgewaltigen Segen des Kreuzes aufs energischste zu unterstützen. In jenes Kloster ritt nun mein Gemahl hinauf und bat die geistlichen Herren um ihren Beistand, seiner reumüthigen Gemahlin die Pforten ewiger Seligkeit zu erschließen und sie nach vorangegangener Taufe in den Bund der allein seligmachenden Kirche aufzunehmen. Lange schon bestand zwischen Burg und Kloster ein geheimer, unterirdischer Gang, welcher oftmals die Spitzen der Kirche und Ritterschaft zu wichtiger Berathung in Kriegszeiten vereinigt hatte; jetzt nun wurde dieses Gewölbe bei nächtlicher Weile dem Kiosk zugänglich gemacht und seine düsteren Steinstufen empor schritt die hohe Gestalt des Priors, gefolgt von einem Priester, welcher von nun an mein Lehrer in der christlichen Religion sein sollte. Er war ein schlanker junger Mann, dieser Pater Benedictus, mit flammend schwarzen Augen, welche ernst und tief durchgeistet aus den bleichen Zügen schauten, glühender Fanatismus malte sich darin, und wenn er die schmalen Lippen zur Rede öffnete, so klang es wie leises, harmonisches Säuseln, anwachsend zu Sturm und Brausen gipfelnd in dem Donner gewaltigster Kraft und Ueberzeugung. Mein Mann ritt wieder viel in die Wälder hinaus, der heiße Sommerhimmel glühte über Casgamala und ich war einsamer denn je. Tiefe, haltlose Sehnsucht übermannte mich und fraß in heimlichem Gram an meinem Herzen. Ruppertus aber schaute finster auf meine bleichen Wangen und glaubte es nicht, daß nur meinem fernen Heimatlande die Thränen galten, welche heimlich ihre Furchen hineingegraben. Da begab sich ein seltsames Wunder. Zum Andenken an den unvergeßlichen Zauber der Alhambra hatte ich am Tage meines Scheidens einen Rosenzweig in ihrem mondhellen Garten gebrochen, pflanzte ihn sorgsam in einen kleinen Scherben, und meine treue Bredjje wartete und pflegte ihn, als trüge sie mit diesem schlanken Reislein die ganze Pracht und Herrlichkeit Hispaniens in meine neue Heimat. Vor dem Kiosk, neben murmelnden Wassern hatten wir das Stämmchen eingesenkt und nun trieb und keimte es empor, entfaltete Blätter und Zweige zu stolzer Krone, aber keine einzige Knospe schaute daraus hervor, die Rose blühte nicht. Bredjje war todt, mein Sohn geboren, und plötzlich brach eine schwellende Knospe aus dem dunkeln Laub, purpurrot durchleuchtet, die erste und die einzige am ganzen Stamm. Ruppertus hielt mich in seinem Arm und blickte lächelnd darauf hernieder. »Und was wird mein süßes Weib mit dieser Zauberblüte beginnen?« fragte er. Ich blickte voll zu ihm auf: »Demjenigen Wesen, welches mir das Liebste, das Höchste und Herrlichste auf dieser Welt sein wird, soll diese Rose geopfert sein!« sprach ich feierlich. Da küßte er mich und schwieg, aber in seinem Auge glühte es seltsam und meine Hand schmerzte mich, so leidenschaftlich preßte er sie in der seinen. Pater Benedictus kam oft, er dehnte seine Lehrstunden weit über die Zeit hinaus, und wenn er vor mir unter den blühenden Büschen, oder am hohen, enthüllten Fenster des Kiosks saß, mir in gewaltigen, in süßen und wunderseligen Worten das Heil der ewigen Seligkeit verkündete, dann faltete ich wohl mit feuchten Augen die Hände, drückte das Gesicht tief in die Polster meines Ruhelagers und lauschte dem Klang seiner Stimme, wie eine wonnige Verheißung, welche: »Frieden! Frieden! Frieden!« in unsere schmerzzerrissene Seele flüstert. Oft war Ruppertus alsdann zwischen uns getreten, plötzlich, unerwartet, mit gekreuzten Armen und loderndem Blick. – Die Purpurrose brach auf, voll, glühend, duftberauschend, schön wie keine zweite Blüte im weiten Rund; an demselben Tage kniete ich vor dem gekreuzigten Heiland, preßte meine Lippen auf die Rechte des Mönches und bekannte mit brennender Seele: »Ja, ich glaube!« Benedictus aber war bleicher denn je, legte seine zitternde Hand auf mein Haupt und segnete mich als junge Christin, welcher noch heute das geweihte Wasser die reine Stirn küssen sollte. » Sancta Maria,! Mater Dei! ora pro nobis peccatoribus, nunc, et in hora mortis nostrae! Dominus tecum, amen! « sprach er mit seiner ruhigen, klaren Stimme, und wie im Traume erhob ich mich, meine Seele war so licht und glückerfüllt wie nie zuvor; zum Himmel auf fühlte ich mich gehoben durch zauberische Gewalt, und mein ganzes Wesen und Sein war zerschmolzen in zitternder Erkenntniß höchster Vollendung und göttlicher Vollkommenheit. »Ja, Maria, Du reine Magd, Du gnadenerfüllte Mutter des Heiles, Du bist es, zu der mein Herz verlangt, Du bist es die ich liebe, wie nichts auf dieser armseligen Welt, darum nimm es hin, das theuerste Kleinod, welches ich rein und makellos in Deine Hände legen kann, meine Rose!« Und ehe Benedictus mir folgen konnte, war ich hinausgeeilt, brach meine Rose, drückte sie heiß und inbrünstig an meine Lippen: »Erflehe mir Liebe, Glück und Segen für die Meinen!« Ich wandte mich zurück, reichte sie dem Mönch und sprach: »Hier nimm mein Liebstes was ich habe, und leg' es droben an dem Altare der Maria nieder!« Benedictus ging, er trug die Rose in der Hand. Noch kniee ich betend neben der Wiege meines Kindes, da dringt ein Schrei an mein Ohr, ein leiser, furchtbarer Schrei. Ich will kurz sein, helfe mir Gott! Draußen liegt Benedictus von dem Degen meines Gatten durchbohrt, die rothe Rose trinkt sein Herzblut, bis sie die Füße meines Gatten in dem Staub zermalmen, mein Herzschlag steht still, ich sehe nur feurige, fratzenhafte Zeichen durch die Luft tanzen. » Ave Maria , getaufte Närrin Du! Da, sieh den Christenglauben, der seine Eifersucht im Blut der Priester kühlt!« zischt und dröhnt es mir vor den Ohren, ein furchtbarer Schmerz will Leib und Seele auseinanderreißen, und dann wird's schwarz, ganz schwarz um mich her. Meine Enkelkinder haben mir jetzt gesagt, seit jener Stunde sei ich ein geisteskrankes Weib gewesen; sie lügen, ich weiß es besser. Ein Weib war ich, dessen Glaube, dessen Liebe von blutigen Wellen verschlungen war, dessen ganzes Dasein nur noch ein Wunsch und Athemzug beseelte, das fibernde Verlangen, zu rächen, zu hassen, wo ich erst so innig geliebt hatte. Es war eine stürmische, furchtbare Nacht. Der Wind sauste um den Schloßthurm und trieb schwarze Wolken vor den Mond, im Walde ächzte es wie Angst- und Sterbelieder. Ruppertus war auf der Jagd, er hatte die rebellischen Mönche besiegt, ihr Kloster war in Rauch und Flammen aufgegangen, was lag ihm an dem Bannfluch des Papstes? Casgamala war eine trutzige Veste, ein himmelhoher Markstein inmitten einer meilenweit öden dicht bewaldeten Gegend. Eine halbe Stunde von der Burg lag die Haide und in ihrer Mitte senkten sich jähe, klaftertiefe Steinbrüche hinab, aus welchen der Marmor des Kiosks gehauen war, darein hatte sich mancher Wanderer, manches Roß und Gefährt verloren, und darum hatte sich ein frommer Klausner an ihrem Rande angesiedelt, der hielt auf Kosten des Grafen ein Lichtlein aufgestellt, flackernden Kienspahn oder ein Kohlenfeuer, damit man es schon von ferne sah und einen Umweg nehmen konnte. Diese Brüche mußte mein Gemahl heute passiren. Leise schlich ich mich hinaus, furchtlos durch Nacht und Sturm, hin zu der Haide. Richtig, da brennt das Feuer! Lautlos schleiche ich näher, der rothe Flammenschein beleuchtet die zusammengesunkene Gestalt des Alten, er schläft! Meine Sinne wirbeln, der Teufel tobt in meinem Herzen. Behutsam raffe ich ein brennendes Holzscheit auf, dämme die übrigen Flammen aus, und jage in wilder Flucht mit meiner Fackel weit ab, jenseits zum Rand der Untiefe. Mit zitternden Händen, verblendet in hohnlachender Wuth, trage ich das trockene Reisig zusammen, an der gefährlichsten Stelle häufe ich es auf und entzünde ich es, hei! wie es grell durch die schwarze Nacht blitzt! Da klingt es: »Hussa!« von dem Walde drüben, ich presse die Hände gegen die Brust und fletsche in satanischem Lachen die Zähne gegen den Verhaßten. Pferdehufe klingen an mein Ohr, Lachen und Johlen, lautes Gekläff der Meute. Näher, immer näher kommen sie – ich schüre wild das Feuer auf, drüben am Rande des Abgrundes sehe ich meines Gatten Schimmel leuchten, allen voran. Da klingt ein lauter Schrei an mein Ohr, der Klausner erwacht und überblickt das Unheil: »Zurück!« schreit er auf – zu spät! schon schnauft es an ihm vorbei. »Tod und Teufel!« gellt es zu mir herüber, ein wildes Rollen, Aufschlagen und Dröhnen in die Tiefe, dann ist es still, todtenstill. Von jenem Augenblicke an liegt es wie ein grauer Nebel über meinem Dasein, ich habe keine Erinnerung mehr an die Jahre, welche schattenhaft an mir vorüberzogen. Nur jener Stunde entsinne ich mich noch klar, jener furchtbaren Stunde, wo die zerschmetterte Leiche Ruppertus' durch das finstere Burgthor getragen wurde, wo ich mein Kind in wilder Leidenschaft an die Brust drückte und ihm scheu in das verständnißlose Ohr flüsterte: »Sein eigen Weib hat ihn in die Untiefe gelockt, sein eigen Weib hat sein theures Blut vergossen, und dennoch hat sie ihn so sehr geliebt!« Man wich mir aus in der Burg, und ich selber floh in verzehrender Angst den ernsten Blick der Menschen, unstät, rastlos wanderte ich durch die öden Gärten Casgamalas, ich hatte keine Thränen und Klagen, mein Herz war todt, meine Seele gemordet. Zwei Schwestern meines Mannes wurden geschickt, sich des verwaisten Knaben anzunehmen, und wenn ich jene schwarzen, hohen Frauengestalten an der Wiege meines Lieblings sah, dann floh ich zitternd zurück, hinab in die verwilderten Rosen und ich riß mit gellem Lachen ihre Blüten in den Staub und peitschte mich mit den Dornen blutig. Nur die Nacht war meine Freundin. Von ihrem schwarzen Schleier verborgen huschte ich an die Kissen meines Kindes, belauschte den Schlummer des Knaben, des heranwachsenden Jünglings, des Mannes! Dann aber, wenn ich mich an seinen lieben Zügen satt geschaut hatte, dann erwachte die wilde Sehnsucht nach Ruppertus in meinem Herzen, wirre Nebelbilder schwammen vor meinen Augen, ich hörte wieder den Sturm um das Schloß brausen, hörte die kläffende Meute des Geliebten im Hofe, und zitternd in namenloser Angst, sein geliebtes Leben zu retten, stürmte ich mit dem brennenden Licht in die Nacht hinaus, durch Park und Haide seinen Namen jammernd: »Zurück Ruppertus, zurück von den Steinbrüchen!« Graf Desider ließ die Pergamente sinken. »Soweit ihre eigene Erzählung, zum Schluß folgt noch ein kurzer Nachtrag des Schreibers, Jordanus Desiderius, welcher die barmherzigen Seelen bittet, jenes unglückliche Weib nicht zu richten, sondern ein Vater-Unser für ihren Frieden zu sprechen, damit sie Ruhe im Grabe finden möge. Dies also war die Geschichte des Irrgeistes von Casgamala!« »Und wem er erscheint, dem bringt seine rothe Feuerflamme nur Unheil und Noth?« fragte Dagmar ohne aufzuschauen. Desider sah ernst in ihr bleiches Antlitz. »Man sagt es, gnädiges Fräulein,« entgegnete er mit schwerer Betonung, »darum haben wir uns vor ihm zu hüten, wollte er aber Ihnen erscheinen, auf deren Haupt er selber des Himmels Segen herabfleht, dann würde es nur zu Ihrem Heile sein, denn Ihnen lächelt des Irrgeistes Schutz!« 16. Die schrecklichste der Möglichkeiten malt ihr die Phantasie mit warmen Farben vor, umsonst bemüht sie sich, mit ihrer Furcht zu streiten. Wieland . Dagmar von der Ropp hatte soeben einen Brief an ihren Onkel abgesandt, welcher die überraschende Nachricht enthielt, daß die junge Dame bereits in drei oder vier Tagen von Casgamala abreisen werde, um der Familie des Pflegevaters in das Seebad zu folgen. Alle Aufklärungen hatte sie mündlich versprochen, der Hauptgrund ihrer plötzlichen Abreise sei ein andauerndes Unwohlsein, welches auf diesem entlegenen Felsennest für sie selber, wie ihre Umgebung zu lästig sei. Und wer die Baronesse jetzt mit tiefgeneigtem Haupte stehen sah, der hielt diese Aussage gewißlich für keine Ausrede. Dagmar war auffallend bleich, ein Zug nervöser Erregtheit lagerte um den kleinen Mund und der Blick der dunklen, sonst so lachenden Augen, welcher jetzt regungslos und feucht verschwimmend in das flüsternde Gezweig starrt, der schien von heimlichen, bitter empfundenen Thränen zu erzählen. Unter dem Fenster dehnte sich die Terrasse, leise Schritte klangen empor und Dagmar schrak zusammen bei dem Klang einer Stimme, deren Flüstern deutlich zu verstehen ist. »Auf einen Augenblick, maman !« sagte Lothar eifrig, »ich habe von dem Kiosk zu erzählen!« Wie gebannt steht Dagmar und lauscht, die Hände gegen die schnell athmende Brust gepreßt. »Du willst mir Confidenzen machen und bestellst dabei das Frühstück sammt Deinem entsetzlichen Mister Dickens hierher auf die Terrasse? Wie ungeschickt gewählt, mon ange , Du weißt, daß ich derartige Angelegenheiten gern in Ruhe mit Dir erörtere!« Und Dagmar hörte nun, wie sich Ihre Excellenz in einen Rohrsessel fallen läßt und den Fächer klappernd auf und nieder bewegt. »Weder Dejeuner noch Dickens werden uns momentan hier stören, ich erwarte beide erst in einer Viertelstunde,« lachte Lothar, sich ebenfalls setzend »der gemästete englische Krautjunker zählt erst seine Banknoten droben zusammen, um sie mir nachher als Dessert zu überreichen. Wir werden hier unsern Handel abschließen, ich habe vorhin die Ländereien mit dem wackeren Beef umfahren, ihn alles bis auf die Eingeweide beschnubbern lassen, ha ha ha, ich glaube wahrhaftig, m'amour , der Kerl hätte am liebsten die einzelnen Körner in den Halmen gezählt!« »Krämerseele!« schüttelte sich Frau Leontine mit hochgezogenen Schultern. »Verzeihen wir es ihm, Mister C. R. Dickens bezahlt wenigstens gräfliches Gut mit gräflichen Pfunden, er handelte nicht.« »So seid Ihr einig?« »Bis auf den Abschluß. Die Vorwerke Rübelsdorf und Groß-Ulmstedt werden wohl nachher bei einer Flasche Johannisberger – flöten gehen!« und Lothar warf sich mit untergeschlagenen Armen zurück und zeigte die blendenden Zähne. »Und der Mensch im Kiosk weiß gar nichts von dem ganzen Verkauf?« sagte Gräfin Echtersloh mit unsicherer Stimme, »ich fürchte, mein Liebling, Deine Selbstständigkeit war hier zu groß!« »Gab mir Herr Desider nicht vor Zeugen die Vollmacht, hier in Casgamala nach Gutdünken zu schalten?« Die Stimme des jungen Offiziers klang barsch und er zog seinen Stuhl knirschend über die Steinplatten, dichter zu der Mutter heran. »Außerdem wird sich der saubere Bursche seine Schollen leichter wieder zusammenkaufen können, als wir es ahnen, Mama,« fuhr er gedämpfter fort, »ich bin einem Geheimniß des schlauen Herrn auf der Spur, welches ihm eventuell den – Hals brechen kann!« Leises, diabolisches Lachen schallte zu dem Fenster empor, an welchem Fräulein von der Ropp mit todtbleichen Wangen, athemlos vorgebeugt, lehnte, Gräfin Mutter aber umklammerte den Arm des schönen Mannes und flüsterte fast keuchend vor Aufregung: »Rede Lothar, ich beschwöre Dich!« »Hör' an, m'amour ! Wir wissen, daß Desider ein enormes fast fürstliches Vermögen hat, die Welt findet es natürlich, denn der verrückte Gesell schlägt ja die Zinsen sorgsam zum Kapital und wenn er Sonntags einen Braten essen will, dann geht er auf das Feld und schießt sich einen Hasen, vielleicht auch, daß sich mal ein mitleidiges Feldhuhn, welches nichts kostet, auf seinen Tisch verirrt, im Brunnen giebt es gesundes Wasser und die Kartoffeln läßt der liebe Gott auf dem Felde wachsen, außerdem freie Wohnung und von Sonne und Mond unentgeltliche Beleuchtung – da muß ja der größte Lump ein Millionär werden. So kalkulirt das Publikum, ich schaute hinter die Coulissen und weiß es bester!« »Zur Sache, zur Sache!!« »Immer Geduld, meine gnädigste Gräfin! Gestern Abend trieb mich ein plötzliches Verlangen, einen Blick in das mysteriöse Reich meines Herrn Bruders zu werfen, um mir den absoluten Beherrscher dieser tausend und einen Nacht einmal ohne den obligaten Turban der Unnahbarkeit zu betrachten. Todtenstille rings. Von den Tannen gedeckt erreiche ich das Gebüsch vis-à-vis des Thurmes und höre plötzlich ein seltsames Geräusch durch das offene Fenster klirren. Ein Picken und Hämmern, Aufschlagen und Knirschen, dann wieder minutenlange Stille, bis jene leisen Töne, hell wie klingendes Gold, abermals an mein Ohr schlugen. Hierauf eine längere Pause, es schien mir, als würde ein schwerer Gegenstand mühsam fortgeschoben. Zu gleicher Zeit öffnete sich die Thür nach der Vorhalle und Graf Desider von Echtersloh, in weiter grobleinener Arbeiterblouse, sage Arbeiterblouse, Mama! eine elegante kleine Feile in der Hand, tritt auf die Schwelle. »Lebrecht!« ruft er, »komm und hilf mir Nummer drei aus dem Gewölbe herauf schaffen!« Der alte, grauköpfige Hallunke, den ich jetzt erst an dem halb gedeckten Theetisch in der Vorhalle bemerkte, kriecht mit unterthänigem Bückling näher. »So soll's wohl dennoch an Gottes Sonnenlicht kommen, Herr Graf?« wackelt er mit dem Kopf, »wenn nun das Fräulein wieder hier herein schneit und die ganze Bescheerung entdeckt, der Herr Graf überlebten's ja nicht!« »Unbesorgt, Alter, sie kommt nicht. Außerdem brauche ich die Platte nur wenige Stunden, ich möchte den neuesten Abdruck vergleichen, er scheint mir noch nicht täuschend genug!« und er schritt dem alten Fuchs voran in den Thurm. Nun, Mama, was sagst Du zu dieser Entdeckung?« » Mon Dieu , Lothar, ich verstehe nicht – es ist unfaßlich, was könnte er mit diesen dunklen Worten gemeint haben?!« »Mama, überlege einmal! Es klang wie das leise Arbeiten einer Maschine, die Arbeiterblouse, die Feile in seiner Hand – »man könnte entdecken – ich brauche die Platte um den neuesten Abdruck zu vergleichen – und schließlich – noch nicht täuschend genug« – nun bitte ich Dich, um Gottes Willen, beste Mutter, fällt es Dir nicht wie Schuppen von den Augen?!« Mit leisem Schrei der Ueberraschung fuhr Frau Leontine empor. »Lothar, ich beschwöre Dich – Du glaubst doch nicht etwa, daß Desider ein –« »Bst! bei allen Teufeln!« und die Hand des jungen Mannes preßte sich auf die Lippen Ihrer Excellenz, dann neigte er sich nach schnellem Umblick dicht zu dem Ohr der alten Dame und fuhr fast zischend fort: »ein Falschmünzer ist! Du hast es errathen, Mama!« So leise das Wort auch geflüstert war, Dagmar hatte seinen furchtbaren Klang dennoch mit stockendem Herzschlag erlauscht, mit einem erstickten Laut der Verzweiflung taumelte sie von dem Fenster zurück, preßte die Hände gegen die Schläfen und wankte dennoch wieder an die offenen Flügel zurück, um kraftlos daran niederzusinken. Das Haupt auf das kalte Marmorgesims gelehnt, lauschte sie regungslos dem Todesurtheil ihres Glaubens an die Menschheit. »Unbesorgt, Mama, ich werde mich überzeugen und müßte ich gleich dem Dieb in der Nacht in den Kiosk dringen, ich will dem saubern Heuchler die Larve von dem Gesicht reißen, und wenn er seinen Einzug in dem Zuchthause hält, dann feiert der neue Majoratsherr auf Casgamala ein glänzendes Hochzeitsfest! Halt uns den Daumen, gnädigste Gräfin, ob Narrenhaus oder vergitterte Fenster, es kann uns ja gleichgiltig sein, wie er uns das Feld räumt!« Wie schwarze Schatten schwamm es vor den Augen Dagmars, die zitternden Hände sanken schlaff hernieder und das bleiche Antlitz neigte sich in tiefer Ohnmacht. Lautes Sprechen summte vor ihren Ohren und ließ sie langsam die umnachteten Augen aufschlagen, noch war sie allein in ihrem Zimmer, frische Luft strich durch das Fenster und trug den Klang einer stolzen, wohlbekannten Männerstimme zu ihr herauf. Leises Zittern durchlief ihre Glieder, sie richtete sich wankend auf und stützte sich auf das breite Fensterbrett, Graf Desider stand auf der Terrasse, er sprach ernst und ruhig. Dagmar neigte sich zaghaft vor und warf einen scheuen Blick hernieder. Hoch aufgerichtet sah sie seine königliche Gestalt, der knappe Jagdanzug hob sich vortheilhaft von der weißen Säule, tief ernst und dennoch ohne jeglichen Zug zorniger Erregung blickte das edle Antlitz! Lothar stand, auf seinen Sessel gelehnt, sprühenden Haß im Auge, unschlüssig, völlig rathlos zernagten seine weißen Zähne die Lippe. Völlig gelassen an seiner Seite Mister Dickens, noch die Serviette in der rothgearbeiteten Hand. Dagmar fühlte ihre Kniee zittern, lautlos ließ sie sich auf den nächsten Sessel nieder, stützte das ernste, um Jahre gealtert scheinende Haupt in die Hand und verharrte regungslos. »Wie bereits gesagt, Herr Dickens,« hörte sie Desider fortführen, »beruht der Verkauf der Ländereien lediglich auf einem Irrthum; mein Bruder muß mich mißverstanden haben, ich wollte die Besitzung des Grafen R. ankaufen, um sie im Verein mit den beiden fraglichen Vorwerken als selbstständiges Rittergut zu verpachten, und übertrug die Erledigung dieser Angelegenheit Graf Lothar –« »Erlaube –« »Dieser Irrthum ist bei meinem Bruder durch die vielen festlichen Zerstreuungen der letzten Tage leicht entschuldigt.« schnitt der Majoratsherr die gereizte Einwendung des jungen Offiziers energisch ab, »ich bedaure nur, daß Sie unnöthiger Weise Ihre Zeit der Besichtigung der Grundstücke opfern mußten, welche ich Ihnen gewiß erspart hätte, wäre mir rechtzeitig Meldung von der ganzen Angelegenheit gemacht worden.« »O bitte, war exceedingly interessant, ich lieben zu sehen gutes Erdboden, und ich haben always Zeit für das!« »Ihre Liebenswürdigkeit verpflichtet mich! So haben Sie also die Güte, Mister Dickens, die Sache als erledigt zu betrachten, und sorgen dafür, die kleine Zerstreutheit, respective Gedächtnißschwäche meines Bruders der Gesellschaft vorzuenthalten. Irren ist menschlich. Darf ich mir erlauben, das Frühstück der Herren zu theilen und ein specielles Glas auf Ihr Wohl als Gutsnachbar zu leeren?« »Ich bin Ihnen sehr verbindlich, Mylord, aber ich muß schlagen aus Ihren freundlichen invitation für das Mal, wenn es nichts ist mit unsere business ; ich werde gehen directly retour, zu ändern meine gemachten Plans, always hope zu seien Ihre gute Nachbar, und halten bereit ein Glas of champagn , zu trinken mit Ihnen auf beste Wohlsein!« Und Fräulein von der Ropp hörte die Stühle auf den Steinplatten knirschen, noch ein verbindliches Lebewohl und witzelnde Selbstanklagen Lothars, dann verhallten die Schritte der drei Herren in dem Gartensalon. Dagmar regte sich nicht. Minuten vergingen, endlich hörte sie abermals die Stimme des Majoratsherrn, sie klang mild und herzlich, aber dennoch barg sie einen ernsten Vorwurf. »Warum willst Du mich noch mit banalen Ausreden täuschen, Lothar! Sind wir uns in der That so fremd geworden, daß Du lieber ein Stück unseres unbescholtenen Namens mit dem verkauften Grundbesitz aus unserm Marke reißt, ehe Du mir offen und ehrlich, mit dem vollen Vertrauen, wie es ein Bruder dem andern schuldet, bekennst: »Ich habe Schulden, Desider, hilf mir mit Geld oder gutem Rath, den Leichtsinn meiner jungen Jahre wieder gut machen!« – Glaubst Du, Lothar, ich hätte Dich mit leeren Händen gehen lassen? – Gewiß nicht, ich würde Dir von Herzen gern nach Kräften geholfen und als Rückzahlung nur eins gefordert haben: den ehrlichen Handschlag und das Wort eines Ehrenmannes, von Stund an nach Deinen Verhältnissen zu leben, den Tollkopf mit dem letzten Schuldschein zu Grabe zu legen und endlich ein wahrer solider Echtersloh zu sein! – Du hast leichtsinnig gehaust, Bruder« »Genug der Beleidigungen, Du hast keinen Schulknaben vor Dir, der einen Hofmeister braucht!« – Lothars Fuß stampfte den Boden, seine Stimme bebte vor Zorn. »Lothar!« Weich und ruhig klang es zu Dagmar auf, »mißverstehe mich nicht, ich meine es gut mit Dir und halte es für meine Pflicht, Dir in diesem Augenblick die Wahrheit zu sagen! Ich habe kein Recht dazu, ich weiß es, es sei denn das Recht der aufrichtigen Bruderliebe! – Die Wege, die Du gehst, sind glatt und schlüpfrig, der Halt, den Du suchst, ist trügerischer Schein, dessen Irrwischflamme Dich tief und tiefer in den Sumpf lockt, bis er unter Deinen Füßen zusammenbricht und keine Rückkehr mehr möglich ist. Denke an unsern Vater, Lothar, an die blindvertrauende Liebe Deiner Mutter, laß es mit dem flotten Leben aus sein! Sag' mir, wieviel Schulden Du hast, ich bezahle sie, nenne mir Deine Feinde, ich helfe sie besiegen, aber gelobe mir auch ein Anderer zu werden, zu unseres Hauses und zu Deiner eigenen Seele Heil!« Tiefe Stille herrschte, dann hörte es Dagmar zwischen den Zähnen murmeln: »Ich verspreche es!« »Gott helfe Dir, dies Ehrenwort zu halten. Wie hoch belaufen sich Deine Schulden?« Lothar zögerte mit der Antwort. »Mein Gott, es ist gar nicht so toll, eine Bagatelle, weiß der Kuckuck, wie viel das Residenzleben verschlingt – ich habe das Meiste bei Aaron in Berlin stehen.« »Die Summe! Nenne mir die Adressen Deiner Gläubiger und gieb mir ungefähr die Höhe ihrer Forderungen an, ich werde direkt mit ihnen verhandeln.« »Könnte ich das nicht selber besorgen? Die Leute –« »Nein, ich übersende die Gelder; wie viel ist es?« »Auf Heller und Pfennig kann ich es Dir bei Gott nicht so herbeten, es ist zersplittert, hier und da mal eine Kleinigkeit, in Bausch und Bogen beträgt das ganze vielleicht – nun vielleicht achtzigtausend Thaler, mehr wohl nicht.« Dagmar hatte sich unwillkürlich emporgerichtet und schaute verstohlen auf Desider herab, er stand halb abgewendet, nur sein Profil zeichnete sich gegen das Weinlaub ab. Keine Miene regte sich in dem bleichen Antlitz, nur tiefer kummervoller Ernst prägte sich darauf aus. »Achtzigtausend Thaler, die Summe ist hoch für kaum zwei Jahre Residenzleben, sie mögen bunt genug gewesen sein. Dennoch opfere ich Dir einen Theil meiner ersparten Zinsen, ich bezahle die Schuld. Schicke mir die Wechsel, sie sollen quittirt werden, aber ehe ich sie in Deine Hände zurücklege, verlange ich eine andere Unterschrift von Dir, ohne Tinte und Griffel, das Ehrenwort eines Mannes, von Stund an Spieltisch und tolle Gelage zu meiden und die Zinsen dieser achtzigtausend Thaler an mich abzutragen, in dem neuen, makellosen Glanz unseres alten Namens.« »Ich gebe es,« klang die heisere Stimme des jungen Offiziers, »mag es denn mit der Jugend abgeschlossen sein!« »Ist denn das Glück der Jugend nur durch eine Kette wüster Vergnügungen und Ausschweifungen bedingt? Ich bin auch jung, Lothar, die schönsten Jahre des Lebens liegen hinter mir, welche nichts Anderes gebracht als Arbeit und stille sorgenvolle Tage, welche dahingerollt in tiefster Einsamkeit, und welche mich dennoch glücklich gemacht haben und durch ihr Andenken zeitlebens beglücken werden, denn in all' dieser Zeit wüßte ich keine Stunde zu nennen, der ich mich zu schämen hatte oder welche ich bereuen müßte, und daß auch Dein Leben sich von heute ab dieser Art gestalte, gebe der allgütige Gott im Himmel!« Desider hatte sehr ernst gesprochen, es zitterte ein seltsam milder Glanz durch seine melodische Stimme, und Dagmar preßte die Hände gegen das stürmende Herz und neigte sich leise vor; einen Augenblick noch sah sie seine edlen, leichterregten Züge, dann gab der Majoratsherr die Hand des Bruders frei und trat zurück: »So gehe ich, Lothar, so Gott will, um Dir Glück und – Jugend zu erretten!« Hoch und sicher schritt er die Treppe hinab, blieb momentan zögernd in dem hellen Sonnenlicht stehen und verschwand alsdann hinter den goldgesäumten Cedernboskets. Dagmars Blick kehrte zu Lothar zurück. Starr und finster glühte sein schwarzes Auge dem Scheidenden nach, trotzig zuckte das schöne Haupt in den Nacken zurück und der Ausdruck, welcher die Züge beherrschte, wandelte dieselben zu einem haßentstellten Zerrbild. Leiser Fluch klang zwischen den Zähnen, und mit geballter Hand wandte er sich zurück zu dem Frühstückstisch, um sein Glas Madeira in hitzigem Zug hinabzustürzen. Dagmar wich schaudernd zurück, drückte die kalten Hände an die fiebernde Stirn und murmelte starren Blicks: »Er haßt ihn und wird ihn vernichten, das furchtbare Geheimniß liegt in seiner Hand; und dennoch ist dieser Mann mit dem stolzen Angesicht, mit dem lautern Herzen und den redlichen Worten wahrlich ein Verbrecher? Nein! nein! Und tausendmal nein!« rang es sich wie ein gellender Aufschrei von ihren Lippen, und die Arme weit ausgebreitet, das Angesicht nach dem Kiosk gewandt, richtete sie sich stolz empor: »Und wollte Dich die ganze Welt verleumden und alle an Dir zweifeln, Desider, ich glaube an Dich !« 17. Und als ich kam ins Polenland, Ein' wunderhübsche Gräfin fand, So schön, 's ist nicht zu glauben! Altes Lied . O Du, wie warst Du einst so rein und wahr. Wie schön Dein Antlitz, Dein Auge wie klar! Nun glüht aus Deinem Blick ein wundes Herz Und um die bleichen Lippen zuckt der Schmerz. Adelheid von Stolterfoth . Der Morgen hatte so frisch und lockend in Jesabells Stübchen gelacht, daß die Comtesse, tief aufseufzend, die feuchten Perlen von den Wimpern getrocknet und leise hinab in den Garten gestiegen war, um ernst und traurig zwischen den duftigen Beeten hinzuschreiten, gedankenlos hinauf zu ihrem Lieblingsplätzchen, der Mauerbrüstung an der Fahrstraße. Mit verschlungenen Händen saß sie zwischen den Flieder- und Rosenbüschen, welche ihre abgeblühten Zweige so dicht und zärtlich um sie her neigten, als könne ihr scheuer Kuß auf den bleichen Wangen dieses sinnende Herzeleid trösten. Regungslos starrte das junge Mädchen auf den breiten Fahrweg hernieder, und tausend liebe, beseligende Erinnerungen stiegen auf, um Bilder des ersten Sehens, des ersten Verstehens vor ihrem geistigen Auge zu malen. Jesabell glaubte noch immer die frische Melodie zu hören, mit welcher der junge Jägersmann ihr seinen Hut entgegengeschwenkt: »Es lebe, was auf Erden stolzirt in grüner Tracht, die Felder und die Wälder, die Jäger und die Jagd!« Und wie sie leise die Worte zwischen den Lippen summte und mit glücklichem Aufleuchten die schönen Augen zu den treibenden Lämmerwölkchen hob, da hallte es leise und gedämpft durch das Laubholz zu ihr herauf, langgezogene schwermüthige Hornklänge welche von dem Winde getragen, wie Seufzer der Sehnsucht um ihr Angesicht wehten. Die junge Comtesse regte sich nicht, mit vorgeneigtem Haupte starrte sie in das flüsternde Gezweig. »So behüt, Dich Gott, herztausiger Schatz, Du siehst mich nimmermehr!« klagte das Jagdhorn näher und näher kommend, bis sein Gruß im zitternden Hauche erstarb. Bleich wie der Tod verharrte Jesabell. Da klang es wie Hufschlag auf der Straße, langsam, sehr langsam näherte er sich, und um die nächste Waldecke biegt endlich ein Reiter, Schritt um Schritt geht es bergauf – Malzhoff. Sein Haupt ist tief gesenkt, um Jahre gereift scheint das ernste Antlitz, und eine trübe Wolke lagert auf der Stirn. Näher und näher trägt ihn das Roß, unverwandt ruht Jesabells Auge auf seinen veränderten Zügen. Da steigt eine Meise jubelnd zum blauen Himmel, und als der Blick des jungen Jägers ihr folgt, zuckt er jäh empor, glühendes Roth jagt über Stirn und Wangen, um sofort wieder einer fahlen Blässe zu weichen. Aus den Fliederbüschen schaut ihn ein Antlitz an, ein süßes, heißgeliebtes Antlitz, und zwei weiße Händchen legen sich auf eine schweratmende Brust, und wie ein qualvoller Aufschrei zittert es aus den bleichen Lippen zu ihm nieder: »Sascha!« Malzhoff starrt zu ihr empor, in diese flehenden Augen, darin die Thränen glänzen; in maßloser Leidenschaft breitet er die Arme nach ihr aus, reißt das Roß herum, um an die Mauer zu stürmen und beißt jäh entschlossen, finstern Blicks die Zähne zusammen, senkt die Sporen in die Weichen des Goldfuchses und sprengt, ohne einen Blick zurückzuwerfen, in wilder Hast den Weg hinan. Krampfhaftes Schluchzen schüttelt die schlanke Gestalt Jesabells, das Haupt auf die Arme geneigt, bricht sie an der Mauer in die Knie und bittere Thränen voll namenlosen Wehes drohen ihr junges Herz zu brechen. Da legt sich eine Hand auf ihre Schulter, »Jesabell!« klingt es mild und weich zu ihr hernieder. Mit verstörtem Blick schreckt sie empor. »Desider!« ringt es sich wie ein erleichterter Seufzer von ihren Lippen, und sie richtet sich wankend empor, schlingt die Arme in zitternder Aufregung um seinen Nacken und birgt das weinende Gesicht an seiner Brust. Wortlos führt sie Graf Echtersloh zu der niederen Moosbank am Wege. »Du weinst?« fragt er leise, ihr Köpfchen noch fester an seine Brust schließend, »wer darf diese lieben Sterne trüben, deren sonniges Lachen meine einzige Lust war? Was fehlt Dir, Schwesterchen?« Sie schüttelt stumm das Haupt, Schluchzen ist die Antwort. »So weine, Kind! Weine dich aus! Glücklich, wer noch Thränen hat, die Qual aus seinem Herzen zu spülen, mit dem Herzblut strömt auch das Gift aus der Wunde, und hat der heiße Strom sich müde geperlt, dann heilt und vernarbt auch das klaffende Weh! Jesabell, wer hat Dich so tief betrübt?« Glühendes Roth fluthete über das geneigte Antlitz. »Du bist so gut, Du herzlieber Bruder, Du hast genug am eignen Leid zu tragen, laß mir das meine ungetheilt!« Er bog das liebliche Köpfchen sanft zurück und sah ernst in ihre Augen. »Schau Dich um, Kind! Siehst Du dort die zerfallene Mauer an der Rosenhecke? Da schlangst Du vor kurzer Zeit die Arme um meinen Nacken, sahst mir voll und vertrauend in das Antlitz und sagtest mit tiefster Ueberzeugung: »Du bist das Ebenbild meines guten Vaters, Desider, und ich weiß, daß ich in Dir all' seine Liebe und Treue wiedergefunden habe!« Glaubst Du nun, Jesabell, ein Vater sähe das Herzeleid seines Lieblings mit an, ohne nach dem Warum und Weshalb zu fragen, einzig, weil er genug am eignen Weh zu tragen meint? Nimmermehr! Deine Schmerzen sind auch die meinen, und liegt es in Menschenkraft, sie zu heilen, dann fühle ich auch genug des treuesten, väterlichen Opfermuthes in mir, um Dein Glück, durch all mein Gut und Blut zu erkaufen!« Ein leiser, zärtlicher Händedruck, ein feuchter Dankesblick ist ihre Antwort, dann neigt sie das Haupt noch tiefer auf die Brust und flüstert: »So laß mich Dir alles sagen. Desider, alles, was mich in wenigen Tagen so hoch beglückt und so namenlos elend gemacht hat.« Und zögernd, scheu und kaum verständlich in ihrer leisen Hast ringen sich die Worte von den Lippen der jungen Comtesse das Geständniß ihrer Liebe, das fröhliche, seltsame Finden und das qualvolle Erwachen aus süßem Traum. Der Majoratsherr von Casgamala lauscht voll lächelnden Erstaunens, er nickt still vor sich hin, und in den ernsten Augen glänzt es hell und fröhlich auf, wie ein Sonnenstrahl, welcher aus düstern Wolken bricht, um den weinenden Blütenglocken drunten auf der Aue tröstend zuzulächeln! »Geduld, ihr Kleinen! Das Wetter hat sich ausgetobt und auf Regen folgt Sonnenschein!« Jesabell schwieg. »Das ist ein seltsames Zusammentreffen Schwesterchen!« sagte er fast heiter, »die Mutter war an dem Ruin der Malzhoffs schuld, brachte durch ihre schönen Augen Unheil und Kummer in das Herz und Haus derselben, und die Tochter stiehlt sich in die Seele des letzten jenes Geschlechts, um all das Unrecht wieder gut zu machen. Das ist eine schöne Vergeltung, Jesabell, und weil das Schicksal immer gerecht ist, so vertraue ihm und auch mir und sei versichert, daß noch alles gut werden wird. – Du sagst, Malzhoff sei soeben in den Pachthof geritten?« Das junge Mädchen bejahte mit rosigem Hoffnungsschimmer in dem lieblichen Antlitz. »So komm, Kleine, begleite mich zu dem Kiosk und laß uns dann das Nähere noch besprechen; ich kenne Malzhoff als eine frische, ehrliche, goldgetreue Seele, und es sollte mir nicht unlieb sein, könnte ich auf meinen Jagdzügen im Forsthaus bei einer niedlichen, kleinen Frau Sascha einkehren!« – Er lachte fast lustig auf, erhob sich schnell und legte den Arm des tief erglühenden Mädchens in den seinen. »So laß uns gehen, damit wir einmal die gütige Vorsehung spielen!« Und der Wind flüsterte in den Zweigen und küßte zwei Mädchenaugen, welche durch Thränen zu dem stattlichen Mann an ihrer Seite emporlächelten; das Gitter wich langsam zurück, aus Rosen und wildem Gerank tauchten die weißen Steinbilder, hoben die zerbrochenen Arme zum Gruß und beneideten den Schmetterling, welcher sich gleich schillerndem Traum vor dem schönen Paare wiegt. Auf der niedern Moosbank zur Seite des Kiosk, dicht unter dem weit geöffneten Fenster der Vorhalle, und versteckt fast unter tiefhangendem Rosmaringesträuch und Goldregen saß Jesabell und lauschte athemlos den einzelnen Worten, welche gedämpft zu ihr herniederschallten. Vor wenig Minuten war Malzhoff die verwitterten Treppenstufen zu dem Thurmbau emporgestiegen, mit tief geneigtem Haupt, ohne rechts und links zu blicken, und jetzt stand er mit hochgerötheten Wangen vor dem Majoratsherrn von Casgamala, welcher vor niederm Holztisch sitzend, ein paar Schriften durchsah und unterzeichnete. Dann blickte er empor, faltete die Blätter zusammen und reichte sie dem jungen Revierförster zurück. »Hier, Malzhoff, die Papiere sind in Ordnung. Für den nächsten Holztermin werde ich mich vertreten lassen, am liebsten durch Sie selbst, der Forstort Schwarzkessel ist zu weit, um in einem Tage hin und wieder zurückzureiten. Und nun noch etwas in privater Angelegenheit.« – Desider schob die Papiere zurück und legte die Feder auf das Schreibzeug. »Herr Graf kommen meinem Wunsche zuvor,« warf der junge Jäger hastig ein, »ich kam heute mit einer Bitte hierher.« Desider sah schnell empor. »Das lobe ich mir, bekennen Sie also Farbe, mein edler Nimrod!« Malzhoffs Antlitz war bleich, tiefernst. »Ich wollte Sie um meine Entlastung bitten, Herr Graf,« sagte er mit fester, wenn auch tonloser Stimme. Echterlohs lächelnde Züge verwandelten sich in momentane Bestürzung, dann huschte abermals ein fast schalkhaftes Zucken um seine Lippen. »Entlassung? Potz Element noch eins, ist das etwa die schuldige Danksagung, daß ich den jungen Herrn vor wenig Wochen zu meinem Revierförster avanciren ließ? Ich hätte der grünen Farbe mehr Beständigkeit zugetraut!« Malzhoff sah düster in das Auge des Sprechers »Jene Beförderung war nicht Verdienst, sondern einzig Edelmuth Ihrerseits, Herr Graf, welcher an den Kindern gut machen will, was an den Eltern gefehlt wurde, glauben Sie nicht, daß ich Ihre Güte darin unterschätzt hatte.« »Ich habe schon oft vergeblich versucht, dieser Ansicht zu widersprechen« – Desider sprach mild gütig – »und ich hoffe, Ihnen schon manchen Beweis geliefert zu haben, daß nicht Ihre Stellung, sondern Ihre Persönlichkeit meine Sympathie und mein Vertrauen erweckte. Genug davon. – Sie werden sich in einer neuen Anstellung verbessern?« »Noch weiß ich nicht, wo mich das Schicksal hin verschlagen wird!« – Eine düstere Wolke zog über Alexanders Stirn. »Das wissen Sie noch nicht? Was zum Teufel treibt Sie denn aus meinem Dienst, wenn nicht eine lockende Zukunft?« »Das Verhängniß, Graf!« »Auf düstere Stichworte verstehe ich mich nicht, Malzhoff, schenken Sie mir reinen Wein ein, wenn Sie mich Ihres Vertrauens werth halten!« Echtersloh hatte sich erhoben; es lag eine fast lachende Heiterkeit in seinem Blick, welcher seltsam mit der verstörten Miene des jungen Jägers kontrastirte. »Ihr Interesse kann mir nur schmeichelhaft sein,« entgegnete Malzhoff, den Blick zur Erde gerichtet, »und ich denke, daß ich mich der Ursache nicht zu schämen habe, welche mich aus der gewohnten Bahn reißt, ich liebe , Graf, und da mein Mädchen mir für ewig unerreichbar, da es mir eine Qual, eine Unmöglichkeit ist, ihren Anblick länger zu ertragen, wenn sie nicht mein eigen, so hält's mich nimmer länger hier, ich muß fort!« »Und was wird aus Ihrer alten Mutter, wenn der Sohn die Flinte ins Korn wirft und sie nicht mehr unterstützen kann?« »Gott sei Dank habe ich noch zwei gesunde Arme, Herr Graf, welche bereit sind, zu arbeiten und zu schaffen spät und früh, nur nicht mehr hier.« – Malzhoffs Auge blitzte, er warf das Haupt trotzig zurück und Desiders Auge streifte voll Wohlgefallen diese markige Gestalt, welche frisch und muthig in das unsichere Leben hinausstrebte, welche ein warmes Nest für ein trostlos Umherziehen hinwarf, um des ungefügen Herzens willen! – Er trat einen Schritt näher und legte die Hand fest auf die Schulter Alexanders. »Und was wird aus jenem Mädchen, welches Freund Hitzkopf so unbarmherzig verlassen will?« Malzhoffs Haupt sank tief auf die Brust zurück. »Sie wird mich ebenso leicht vergessen, als wie sie ein übermüthig Spiel mit mir getrieben,« seufzte er leise auf. »Das ist ein hartes Urtheil, wenn sich die junge Dame allerdings eine solche Treulosigkeit zu Schulden kommen ließ, so verdient sie keine bessere Behandlung!« – Desider sprach sehr entschieden, aber es schien, als sei es ihm doch nicht Ernst mit seinen Worten. Malzhoff brauste mit jäher Heftigkeit auf. »Treulos? Nein, das war sie nicht, Herr Graf, im Gegentheil, sie war so hold, so lieb und engelsgut, daß ich den Staub von ihren Füßen küssen möchte, und wenn sie mich hinterging, so war es einzig meine Schuld, denn ich habe durch unbesonnene Reden das arme Kind eingeschüchtert und sie verhindert, ihre wahren Verhältnisse zu bekennen!« »So! Dann erlauben Sie wohl, daß ich Sie aus tiefster Ueberzeugung für ein junges Ungeheuer halte, welches eine Schuldlose für die eigenen Vergehen leiden läßt?!« – Desider bemühte sich, empört das Haupt zu schütteln, aber aus seinem Auge blitzte der verräterische Schalk. Betroffen schaute Alexander auf. »Mein Vergehen? Sie wissen die Sache sonderbar zu drehen, Herr Graf, oder ich habe mich unklar ausgesprochen. – Es ist wohl möglich, daß ich mich in meiner ersten Erbitterung zu einem allzu strengen Urtheil über die Geliebte hinreißen ließ, denn im Grunde genommen sind es ja nur die Verhältnisse, welche uns für ewige Zeiten trennen!« »Also die Verhältnisse! Wer zwei gesunde Arme hat, welche früh und spät arbeiten, welche den Kampf mit der ganzen Welt wagen wollen, der sollte sich von ein paar Verhältnissen zurückschrecken lassen? Das läßt mich zu der Ueberzeugung kommen, daß Sie die Betreffende durchaus nicht aufrichtig lieben, und ein Mädchen, welches an der Seite eines geliebten Mannes vor ein paar Entbehrungen und Hindernissen zurückschreckt, das liebt diesen Mann ebenso wenig. Seien Sie also vernünftig, Malzhoff, schlagen Sie sich die ganze Sache aus dem Kopf und bleiben Sie ruhig mein wohlbestallter Revierförster!« Dunkle Glut trat auf die Stirn des jungen Jägers, fast feindselig blitzten seine Augen zu dem Sprecher hinüber. »Wir sollten uns nicht aufrichtig lieben? Sie würde vor einem Leben voll Arbeit und Mühseligkeiten zurückschrecken, sie, die einfache, goldgetreue, herrliche Mädchenseele? O, daß ich es Ihnen nicht beweisen kann, Herr Graf, wie nichtig Ihre Voraussetzungen sind, wie bitter unrecht Sie den treuesten Gefühlen gethan!« »Und nichts könnte mir lieber sein, bester Malzhoff, als wie mich in dieser Beziehung überführen zu lassen!« nickte der Majoratsherr von Casgamala voll aufrichtigsten Interesses, dann drehte er gelassen den blonden Schnurrbart und griff nach einer Cigarre, Malzhoff gleichfalls präsentirend. »Aber passons là dessus , wir streiten uns ja um Kaisersbart und versäumen unsere kostbare Zeit. Sie kündigen mir also, mein Herr Förster, und ich nehme diese Kündigung an; ja ich setze hinzu, daß ich Ihnen beinahe damit zuvorgekommen wäre!« »Herr Graf – welch' eine Veranlassung ...« stotterte der junge Jäger betroffen zurückweichend; Desider aber fuhr unbeirrt fort: »Sie verlassen meinen Dienst hauptsächlich aus dem Grunde, soweit wie möglich von Casgamala entfernt zu sein, das kommt mir sehr gelegen. Sie wissen, daß ich Ihnen voll und ganz vertraue, Malzhoff, lassen Sie sich mit einem neuen Posten belehnen, welcher Ihnen der beste Beweis meiner Sympathie sein mag und welcher Sie weit genug von hier entfernt. Ich stehe in Verhandlung wegen eines Gutskaufes, hier lesen Sie, die Herrschaft Sondrau in Thüringen kommt unter den Hammer –« »Sondrau?« Mit zitternden Fingern griff Malzhoff nach dem dargereichten Schriftstück, »unser altes, ehrwürdiges Familiengut bereits zum zweiten Male seit meines Vaters Tod in fremden Händen.« »Ihr Familiengut, ganz recht; ich wußte es.« – Echtersloh trat einen Schritt näher und faßte voll herzlicher Innigkeit die Hände des düsterschauenden Mannes. »Malzhoff, wollen Sie mir einen Dienst erweisen? Reisen Sie in Ihre Heimat, kaufen Sie Sondrau für meine Schwester, Gräfin Jesabell von Echtersloh, und übernehmen Sie es, der Verwalter des Gutes zu sein, welcher die Interessen der jungen Herrin treulich wahren wird, um so mehr, als Jesabell das Thüringer Schloß bewohnen wird!« Wie von einem Schlage getroffen, taumelte Alexander zurück. »Für Gräfin Jesabell? Sie wird in Sondrau wohnen? – Dann kann ich es nie mit einem Fuß betreten, Graf, denn – so wissen Sie – es ist ja Jesabell, die ich so innig liebe!« – Und Malzhoff schlug die Hand vor das glühende Antlitz und wandte sich in höchster Erregung zur Thür. Mit sanfter Gewalt hielt ihn Desider zurück – »Sie sagen, meine Schwester erwidere Ihre Gefühle? Wie nun wenn ich sie segnete und dem Himmel dankte, daß er auf diesem glücklichsten aller Wege Sondrau seinem eigentlichen Herrn und Gebieter zurückerstattet und dem Hause Echtersloh endlich Gelegenheit giebt, ein altes Unrecht an Ihnen abzubüßen?« »Dem Hause Echtersloh!« rief Alexander bitter, »hätte mir Jesabell nicht ihren wahren Namen verschwiegen, ich hätte niemals ein Geständniß gewagt – und gewollt! Ich bin arm, bin im Dienste des Hauses, habe außer meinem Namen nichts zu bieten, und ich kenne die Ansprüche des Hochfeld'schen Stolzes, welcher eine mittellose Ehe eine »Mesalliance« nennt. Verlangen Sie im Ernst, Herr Graf, daß ich mich zu meinem Unglück noch von seiner Stifterin demüthigen lassen soll? O glauben Sie, ich hätte niemals Ihr Brot gegessen, wenn ich gewußt hätte, wer Ihre Mutter sei! Als ich es bei der Ankunft der Gräfin in Casgamala erfuhr, da war es zu spät, da wußte ich, daß Sie ein Ehrenmann sind, und ich sah jenes Gitter im Park, ein stummes, aber furchtbares Zeichen, welch' ein Abgrund Casgamala und den Kiosk trennt, und darum blieb ich, Herr Graf, dem Feind meiner Feindin zu dienen!« Jähe Glut flammte über Desiders Stirn. »Das Gitter wird fallen, Malzhoff, wenn es solch' unverantwortliche Anklage in die Welt geschleudert, mag es traurig genug sein, wenn Herz und Seele geschieden sind, vor den Augen der Menge soll das Wappenschild wenigstens die Kluft bedecken, welche das Schicksal nun einmal zwischen dort und hier gerissen hat. – Sie hassen meine Mutter und lieben ihre Tochter, soll die Unschuldige für ein Vergehen büßen, welches durch die Jahre bereits verwischt und vergessen ist, soll immer noch der Dämon des Zwiespalts jenen milden Engel zurückdrängen, welcher durch Liebe und nur durch Liebe das Vergangene sühnen will? – Sie wollen mir ja beweisen, Malzhoff, wie treu und redlich Ihre Gefühle sind, wohlan, jetzt können Sie es, zeigen Sie mir, daß die Liebe noch mächtiger ist, als der Haß!« Er reichte ihm mit treuem Blick die Hand entgegen, und in übermächtiger Erregung schlug Alexander ein, fahle Blässe zog über sein Antlitz und wich der tiefen Glut, welche in unaussprechlichem Glück aus seinem Auge strahlte. »Aber Gräfin Leontine?« murmelte er unschlüssig. »Sie wird den Besitzer von Sondrau gern und freudig als Schwiegersohn aufnehmen, denn in ihren Augen kaufe nicht ich, sondern Sie das Gut, Malzhoff, und außerdem ist nicht meine Stiefmutter, sondern ein alter braver Onkel der Vormund meiner Geschwister. Auch Jesabell wird in dem Glauben bleiben, daß Sondrau das Besitzthum ihres Gatten sei. – Und nun, Alexander, wollen Sie mich denn gar nicht fragen, wo Sie Jesabell finden werden, um einen großen, großen Umweg um die Treulose machen zu können?« Desider lächelte, er zog den jungen Jäger zu dem Fenster und wies schweigend auf die Moosbank in dem Goldregengebüsch. Dann trat er lautlos zurück. In aufwallender Empfindung wandte sich Malzhoff, faßte die Hand Desiders in heißem, leidenschaftlichem Druck und sah ihm fest in die Augen. »Ich danke Ihnen, Graf, Gott segne Sie für diese Stunde!« Und er schritt mit fiebernder Eile zur Thür. Die Sonne schimmerte über die tiefhangenden Blütenzweige und säumte das liebliche Mädchenhaupt mit zitterndem Golde, die Hände in dem Schoß gefaltet, starrt Jesabell nach der Kioskthür, auf die schlanke Gestalt, welche hastig darin erscheint, welche sporenklirrend ihr entgegeneilt, um mit weitgeöffneten Armen an dem flüsterndem Gebüsch stehen zu bleiben. – »Sascha!« »Jesabell!« – und er stürmt mit leidenschaftlichem Jubel näher, preßt ihre Hände an Brust und Lippen und wiederholt leise mit tiefinnigem Blick der Liebe: »Jesabell!« An dem Kioskfenster verschwindet ein blondes Männerhaupt; mit lächelndem Blick hat Desider das junge Paar geschaut, welches in lautlosem Entzücken den ersten Kuß heilig ernster Liebe tauscht, es zuckt um seine Lippen wie wehmuthvolles Herzeleid, langsam tritt er zu seinem Geheimniß, hebt mechanisch seine Schleier und versinkt in schmerzlich süßen Traum. 18. Ich weiß, ich hatte viel verschuldet, Doch nicht so viel, als Du gemeint. Geibel . Dagmar schritt durch die Gartenanlagen um Jesabell aufzusuchen. Mit strahlendem Lächeln hatte ihr die Freundin ein paar räthselhafte Worte namenloser Glückseligkeit in das Ohr geflüstert, als beide junge Mädchen nach Tisch neben der Gräfin Mutter auf der Terrasse standen, um Lothars übermüthige Reiterstücklein zu bewundern, welche er auf einem »erwetteten« Goldfuchs vor dem Schlosse producirte. Dann war Jesabell bei der ersten günstigen Gelegenheit wie ein ungeduldig Vöglein davon geflattert, und Dagmar konnte nur in der Richtung folgen, in welcher sie das helle Sommerkleid zuletzt hatte durch die Büsche leuchten sehen. Jetzt sah sie die Comtesse an der Mauer stehen, welche Park und Fahrstraße trennt, tief herabgebeugt, um einen blühenden Akazienzweig auf einem grünen Jägerhut zu befestigen. Dagmar traut ihren Augen nicht, lautlos schreitet sie näher, um in stillem, lächelndem Staunen jenes holde Räthsel zu lösen: Jesabell plaudert Hand in Hand mit dem jungen Malzhoff! Schweigend ungesehen wendet sie sich ab und enteilt auf moosigem Pfad. Das Herz blutet ihr und erträgt nicht den Anblick jenes jungen Glückes; weit hinein in die Einsamkeit des flüsternden Waldes lenkt sie ihre Schritte. Die Sonne glüht durch das buschige Eichenlaub, buntschimmernde Insekten tanzen über den blumigen Waldboden, und wie schillernder Goldstaub wirbelt die Libelle von dem nahen Quell herüber. Dagmars ernster Blick streift durch den zauberischen Sommerwald, gedankenvoll folgt sie dem felsigen Pfad, welcher steil an dem Berg emporführt. Brombeeren ranken sich über das Gestein und klammern sich an ihren Kleidersaum, stachliger Wachholder verwundet die rosigen Finger, welche ihn im schnellen Vorübergehen streifen, und süßer einschmeichelnder Duft weht aus dem nahen Gebüsch herüber, durch welches die schlanke Waldrebe ihre Ranken geflochten. Mechanisch bricht Dagmar die Blüthen zum Strauß und steckt sie an die Brust. Höher und höher steigt sie, endlich lichtet sich der Wald, Mauertrümmer ragen vor ihr auf und jäh überrascht tritt die junge Baronesse in die Klosterruine, deren sonniger Kreuzgang breit vor ihr liegt. Wie schön schaut sichs auf Casgamala herab! Sinnend setzt sich Dagmar auf die Mauerbrüstung, faltet die Hände um das Knie und senkt das Haupt in tiefen Gedanken, regungslos – weltvergessen. Ueber das Gebirge steigen schwarze Wolkenmassen, höher und höher ballen sie sich wie wogende Meerfluth, leises Grollen zieht durch die schwüle Luft. Die Sonne versteckt sich, ein scharfer Luftzug streicht jäh um die grauen Mauern und läßt Dagmars rosige Bandschleifen hoch aufflattern, das junge Mädchen schaut empor und athmet voll Wonne die frische Luft, erstaunt fliegt ihr Blick über Ruine und Wald, welche plötzlich im tiefen Schatten hinter ihr liegen; gleichzeitig fühlt sie kühle Tropfen in ihr Antlitz schlagen. Ueberrascht erhebt sie sich, um mit jähem Aufschrei die Hände vor die Augen zu schlagen, ein greller Blitz zuckt vor ihr durch die schwarze Wolkenwand. Dagmar rafft ihren Hut empor und wendet sich hastig zum Gehen, schon aber stürzt der Regen mit fast unglaublicher Gewalt hernieder und rathlos flüchtet sie sich in den schützenden Kreuzgang. Dunkel wie die Nacht wird es um sie her, mit donnerartigem Getöse braust der Regen hernieder, blitzt und kracht es in den Lüften, und wie mit einem Zauberschlag gleicht der Klosterhof einem schäumenden See. »Das ist ein Wolkenbruch!« zuckte es durch Dagmars erregte Seele, bleich und zitternd klammert sie sich an das alte Mönchsbild, welches einst ihren Kranz getragen, und schließt die Augen in fassungslosem Grauen. Wilder und wilder stürmt das Wetter, Dagmars Glieder beben vor Frost und Entsetzen, und mit gellendem Hilfeschrei sinkt sie kraftlos zwischen den Grabsteinen zusammen. Da ist es ihr plötzlich, als höre sie ein leises Geräusch hinter sich, mit fahlen Wangen starrt sie auf die graue Marmorplatte, auf dieselbe, über welcher jüngst die gespenstige Flamme geschwebt hatte – und, nein, es ist kein Traum – das junge Mädchen sieht deutlich wie sich der Stein langsam hebt, wie ein schmaler klaffender Spalt sichtbar wird, und mit lautem Schrei des Entsetzens springt sie empor und jagt wie ein gehetztes Wild in das Unwetter hinaus, in zügelloser Hast den steinigen Parkpfad hinab. Um sie her braust das Wasser, welches wie entfesselte Bäche das steile Geröll herniederstürzt, die Zweige schlagen ihr in das Gesicht und durchnässen Haar und Kleider, aber Dagmar achtet dessen nicht, fiebernd vor Aufregung stürmt sie weiter. Da schrickt sie jäh zurück. Durch das Wasser aus dem Boden gewühlt sperrt angeschwemmtes Gesträuch den Weg, zur Rechten der schroff abfallende Felsen, zur Linken das weit geöffnete Gitterthor Desiders! Dagmar verschlingt die Hände in rathlosem Kampf, höher und höher schwillt das Wasser um sie her, und von der Verzweiflung getrieben stürmt sie durch das Thor. Wenige Schritte vor ihr schimmert der Kiosk durch die Bäume, und zu ihren Füßen schäumt gleich einem reißenden Bach das wilde Bergwasser. »Hilfe!« klingt es todtenmatt von ihren bleichen Lippen und mit wankenden Knieen taumelt Dagmar gegen die Flut. Da wird das Gebüsch hastig getheilt. »Gnädiges Fräulein! Gott erbarme sich!« ruft ein weißhaariger Alter in hohen Wasserstiefeln, »einen Augenblick Geduld, ich komme schon!« und Lebrecht arbeitet sich durch den gurgelnden Schwall, faßt die Halbohnmächtige mit nervigen Armen und trägt sie ohne Frage in den Kiosk. Mit angstvoll geöffneten Augen sträubt sich die Baronesse einzutreten. »Ist der Graf daheim?« fragt sie athemlos. »Nein, gnädiges Fräulein, er ist nicht daheim!« Und der Alte leitet sie sorglich in den weichen Polsterstuhl, streicht ängstlich mit der schwieligen Hand über die nassen Kleiderfalten und überlegt einen Augenblick. »Wir haben da so einige uralte Stücke liegen, Baronesse!« sagte er endlich mit vergnügtem Gesicht, »ein paar Weiberröcke, die der Herr Graf aus dem alten Schloß mit herüber genommen hat, der Rarität wegen, die werde ich holen, damit Sie das nasse Zeug von dem Körper kriegen!« Dagmar will ihm wehren, aber ihre Zähne schlagen vor Kälte zusammen und die kleinen Hände sind starr wie Eis, sie nickt dem Alten dankend zu und schließt in tiefer Ermattung die Augen. Nach wenigen Augenblicken kehrt Lebrecht zurück, über seinem Arm rauscht köstlicher pelzverbrämter Brokat, in seiner Hand flimmert ein Paar wunderlicher, goldgestickter Pantöffelchen, wie sie wohl die Ahnfrau droben auf dem glatten Schloßparquet getragen hat. »So nun machen Sie sich warm, gnädiges Fräulein, ich koche derweil einen Schluck Thee im Vorzimmer, damit Sie wieder Leben in die starren Knöchelchen bekommen!« Und mit fast zärtlichem Blick faßt der Alte die kleinen Hände, um sie einen Augenblick sanft zwischen den seinen zu reiben. »Großer Gott, wie arg Ihnen das bischen Wasser zugesetzt hat!« und dabei nickte er ihr noch einmal freundlich zu und geht zur Thür. Auf der Schwelle wendet er sich zurück: »Der Herr Graf kommt vor Abend nicht zurück, Baronesse!« sagt er mit seltsamem Zwinkern um die weißbuschigen Augenbrauen, »Sie brauchen also nicht in Sorge sein, soviel ich weiß, ist er für Graf Lothar in die Stadt gefahren, um ein paar Papiere in Ordnung zu bringen!« und er faßt die Thürklinke und geht hinaus. Dagmar athmet auf und erhebt sich, mit fast kindlichem Interesse betrachtet sie die wunderliche Maskerade, welche Lebrecht neben sie auf den Stuhl niedergelegt hat, ein leises Grausen überkommt sie beim Anblick dieser verblichenen Herrlichkeit: »Schlüpft nicht am Ende gar der Irrgeist nächtlich in dieses knisternde Gewand, um seine ruhelosen Wanderungen durch Schloß und Park anzutreten?« Dagmar schrickt zurück; ein scheuer Blick huscht zum Fenster, gegen welches der Sturm die unaufhörlichen Regenfluten peitscht, und tief seufzend, jäh entschlossen tritt sie hinter die schnell gelöste Damastgardine, um ihre nassen Kleider mit dem Prachtgewand der Ahnfrau zu vertauschen. Die Taille läßt sich nach Belieben weit und eng schnüren, sie paßt vortrefflich und der Pelz schmiegt sich köstlich warm um den schlanken Mädchenhals, aber die einstige Trägerin dieser Garderobe muß eine fürstlich hohe Gestalt gewesen sein, die schweren Seidenfalten liegen gleich einer Schleppe vor ihren Füßen. Dagmar lächelt und weiß sich zu helfen, ein paar Nadeln raffen den Stoff zu beiden Seiten und geben die kleinen Füße frei, welche bereits in die gewirkten Pantöffelchen geschlüpft sind. Die junge Dame betrachtet sich amüsirt, unwillkürlich huscht ihr Blick nach der Wand, um das seltsame Bild im Spiegel zu schauen, vergeblich, der Besitzer des Kiosk ist nicht eitel. Langsam schreitet Dagmar zu dem Lehnstuhl zurück und schmiegt sich tief in seine Polster, es ist so dämmerig und todtenstill in der saalartigen Halle, an den Wänden hängen Waffen und Thierfelle, alte Helme und zerhauene Schilder, und über dem Sims des gebrechlichen, vielfach unschön geflickten Wandgetäfels prangen wunderliche Vasen und Steinfiguren, uralt und modern, bunt durch einander gewürfelte Herrlichkeiten, welche dem ganzen Zimmer den Anstrich eines Antiquitätenladens geben. Auch die Folianten, Chroniken und zersetzten Pergamente fehlen nicht auf wurmstichigen Gestell neben dem Kamin. Und mitten unter diesem seltsamen Geruch saß eine junge Dame im geschnitzten Lehnsessel mit modern frisirtem Köpfchen und hundertjährigem Schleppkleid, wie eine verzauberte Prinzessin im Dornröschenschloß. Da wird leise an die Thür geklopft, Lebrecht bringt auf gemaltem Porzellan die Tasse Thee für das gnädige Fräulein. Er betrachtet sie lächelnd, nickt ihr freundlich zu und bedauert die bleichen Wangen, welche noch immer »recht schlimm erkaltet« dreinschauen. Dagmar dankt mit herzlichen Worten für seine Fürsorge, nimmt hastig einen wärmenden Schluck und weist traurig nach dem Fenster. »Es regnet noch unverändert fort, Herr Lebrecht! Der Kiosk liegt in einem See, welcher mich gefangen hält und im Schloß werden sie sich um mich ängstigen!« »Ist mir für die schon lange recht!« zuckte Lebrecht trocken die Achseln, »warum lassen sie solch' ein junges Fräulein allein in den Wald laufen!« Dagmar senkt den Kopf. »Ich habe niemand Anzeige von meinem Spaziergang gemacht, Lebrecht, ich bin nach der Art böser Kinder durchgegangen.« »So! Dann konnte Ihnen der Schreck auch nichts schaden, und war eine gute Lehre für alle Zeit!« nickte der Alte mit väterlichem Schmunzeln, »da wird es ja nun ein gutes Lamento drüben im Neubau sein und dem alten Lebrecht nichts anderes übrig bleiben als durchzuwaten und den Postillon zu spielen. Fürchten brauchen Sie sich nicht, wenn ich Sie allein lasse, Baronesse, der Himmel hat für gute Wassergräben um diese Festung gesorgt, und in fünfzehn Minuten bin ich wieder zurück, halte mich, bei Gott nicht länger wie nöthig drüben auf!« »Lebrecht! wenn nun der Graf zurückkommt währenddessen!« Dagmar sprang empor und hielt den Alten angstvoll zurück. »Dann sehen Sie ihn noch lange nicht Fräulein!« schüttelte der Getreue zuversichtlich das buschige Haupt. »Graf Desider kommt selten durch diese Halle, er geht zumeist durch jene Seitenpforte in sein Arbeitszimmer nebenan, wo er so emsig beschäftigt ist, daß ich oft Mühe habe, ihn zum Essen herauszuklopfen! Unbesorgt, Sie werden ungestört bleiben!« Und damit hing er den dunklen Mantel um die Schultern, zog einen altersschwachen Regenschirm aus der Ecke und schritt zur Thür, »bei solchem Wetter kann uns der liebe Herrgott ein Dach über dem Kopf nicht übelnehmen!« nickte er treuherzig, wies einladend mit dem Daumen auf den Nebentisch, wo Theekanne und Zuckerdose standen, und verschwand hinter der Thür. Regungslos stand Dagmar und starrte nach der Seitenthür, welche Lebrecht als zu dem »Arbeitszimmer,« gehörig bezeichnet hatte! hier also war der Schauplatz seiner geheimnißvollen Thätigkeit, hier hinter der gebrechlichen Thür stand jenes verschleierte Räthsel, welches ihr Auge niemals schauen durfte, welches Lothar an das Tageslicht ziehen wollte, um den Bruder als Entehrten, als Verbrecher dem Zuchthause preiszugeben! Fieberschauer schüttelten die schlanke Gestalt des jungen Mädchens; alle Qual und Herzensangst erwachten aufs neue, dieser furchtbare Kampf zwischen Glauben und Mißtrauen, welche ihre Seele mit nagendem Gift erfüllt hatte! Ein Blick in dieses Nebenzimmer, und jeder Zweifel war gelöst, ein Blick hinter die weißen Schleier, und seine Ehre war gerettet. Dagmar trat in jäher Leidenschaft einen Schritt vor, sie hebt die Hand nach der Thürklinke und läßt sie langsam wieder sinken. Hoch und stolz richtet sie sich empor. »Mein Glauben an Sie ist größer, als die Angst um mein Lebensglück!« hatte Desider einst zu ihr gesagt, sie hörte seine ernste Stimme, sah seine traurigen Augen und sie warf das Haupt in den Nacken und lächelte mit verklärtem Blick: »Gleiches um Gleiches, Desider! Du hast an mich geglaubt, ohne Grund und Ursache zu einem Zweifel zu haben, ich aber will an Dich glauben, da selbst der eigene Bruder Deine Ehre steinigt!« Und sie trat mit festen Schritten zu dem Fenster und blickte hinaus. Da sah sie plötzlich, wie das Gebüsch sich leise regte, ein Arm, ein Haupt taucht daraus hervor und schaut sich spähend um – Lothar! Ein kalter Schauder weht durch Dagmars Herz, wie mit einem Zauberschlag tönen die Worte des Erbärmlichen vor ihren Ohren: »Und müßte ich gleich dem Dieb in der Nacht in den Kiosk schleichen, ich will sein Geheimniß erforschen!« Schwindelnde Angst erfaßt die Seele des jungen Mädchens, jene Hand dort im Gebüsch hebt sich mit blinkendem Dolch, um den Todesstoß auf des Bruders Ehre und Freiheit zu thun, wenige Minuten und Desider ist verloren, für ewige Zeit der Schande preisgegeben, ein Verbrecher vor aller Welt! Schwarze Schatten fliegen vor ihrem Blick, sie preßt ihre Hände gegen das wehe Herz und erkennt es in den Qualen ihrer Todesangst, daß sie ihn liebt, den sie zu hassen meinte, den verspotteten, verfehmten, bedräuten Mann! Graf Lothar schleicht behutsam am Rande des Gebüsches, um eine Stelle zu erspähen, wo das schwellende Wasser den geeignetsten Durchpaß gewährt. Dagmars Herzschlag stockt, sie sieht, wie sein lauernder Blick die Front des Kiosk überfliegt, wie er versuchend den Fuß in das Wasser setzt, um seine Tiefe zu messen. Da faßt Verzweiflung die Seele des jungen Weibes, ihrer nicht mehr mächtig stürmt sie zu der Nebenthür, das gefährdete Geheimniß des Geliebten mit dem eignen Leib zu decken, ihre Hand faßt das Schloß, sie stößt die Thür zurück und taumelt jenem Räthsel entgegen welches sich, mit weißen Tüchern behangen, jäh vor ihr erhebt. Vor ihren Füßen liegt Feile und Meißel, die Verräther seiner geheimnißvollen Schuld und mit leisem Aufschrei schlingt Dagmar die Arme um die weißen Tücher, um das Entsetzliche in den fernsten Winkel des Gemaches zu retten. Da fühlt sie es eiskalt unter ihren Händen – von der jähen Bewegung gleiten die Hüllen herab, und wie gelähmt weicht Dagmar zurück, fassungslos, kaum ihren Augen trauend. Vor ihr erheben sich auf dunklem Sockel ein schimmernd weißes Marmorbild, ein Mädchenkopf voll zauberischer Schönheit, eine Rose an der Brust und einen Epheukranz im Haar – Dagmar von der Ropp! Die Hände gefaltet, überwältigt von unaussprechlichen Gefühlen steht das junge Mädchen vor dem eigenen Bild, starrt auf die beiden Statuen, welche am Fuße des Sockels eilig mit unter die Tücher geschoben scheinen – wieder und wieder ihr Angesicht. Da knirscht hinter ihr eine Thür in den Angeln, ein leiser Schrei der Empörung schlägt an ihr Ohr und mit schnellem Schritt steht er vor ihr – Desider. Stumm schaut Dagmar empor in sein todtenbleiches Angesicht, die Worte versagen ihr unter dem flammenden Blick, welcher zornig, fast verachtend auf sie niederglüht, mit leidenschaftlicher Erbitterung faßt Graf Echtersloh den schweren Hammer und läßt ihn zerschmetternd auf das schöne Marmorhaupt herniederwuchten. Mit zitterndem Angstruf fällt ihm Dagmar in den Arm, er aber schüttelt sie von sich, wie ein giftiges Insekt. »Zurück!« .ruft er mit donnerndem Zorn in der Stimme, »mein Glauben an Sie ist zerschmettert, wie dieses Zeichen meines armseligen Herzens, das lange Jahre hindurch seine Götzenbilder voll blutenden Wehes gemeißelt hat! Ich flehte Sie an, bei dem Heil meiner Seele, jene Schleier nicht zu zerreißen, welche einen Abgrund überbrücken, dessen Kluft unsere Wege für alle Zeiten trennen würde, Ihre Neugierde war aber größer als mein Glauben an ein edles Weiberherz, und auf den Trümmern meines Glückes erkenne ich, auf welch' schwankenden Grund ich es gebaut!« Mit leidenschaftlichster Erregung trat er einen Schritt gegen die zitternde Mädchengestalt vor, welche in flehender Betheuerung die Hände zu ihm erhob, und warf das edle Haupt stolz in den Nacken zurück. »Hier, jener Marmor hat Ihnen das Geheimniß meiner Seele verrathen, gehen Sie hin, Fräulein von der Ropp, künden Sie es der Welt mit spöttischem Lachen als neueste Verrücktheit des Grafen Echtersloh, daß er lange Jahre hindurch ein Weib geliebt, welches einst verachtend den schönen Kopf von ihm wandte, mit den herzlosen Worten: »Häßlich! häßlich über alle Begriffe!« Mit jäher Bewegung faßte er Dagmars Hand und preßte sie mit fast schmerzendem Druck in der seinen. »Ja, Dagmar, ich habe Sie geliebt, mehr wie mein Herzblut, habe Sie zu dem Schicksal meines Lebens gemacht, das mich hinaus in diese wilde Einsamkeit getrieben, um in qualvollem Ringen nach der Kunst zu streben, das geliebte Antlitz in dem Marmor nachzubilden, der ebenso kalt, ebenso fühllos ist, wie das Herz und die Seele, welche sich dahinter birgt! Sie, Dagmar, waren der höchste Schmerz und das höchste Glück meines Lebens, meine Liebe zu Ihnen nahm mir Alles, Jugend, Lebensstellung, Achtung der Welt, welche mich einen Verrückten nennt, aber sie gab mir auch das Schönste und Herrlichste , meine Kunst . Jene Rose, welche mir Ihr Uebermuth dereinst auf den Teller gelegt, habe ich versucht in Wachs, in Holz, in Stein nachzubilden, erst ein einzelnes Blättlein, dann die ganze Rose, dann das Angesicht seiner Geberin; und wie mit Zaubermacht fielen die Schleier von meinen Augen, ich erkannte mein Talent, welches mir den Meißel heiliger machte, denn das Schwert in der Hand! Dennoch war es nur ein Auge, eine Stirn, ein Lächeln, welches ich zu bilden wußte, ein liebes, spottendes, erbarmungsloses Angesicht, das Ihre, Dagmar! Das ist vorbei für alle Ewigkeit! Sie selber rissen mit kindischer Neugierde den Abgrund auf, welcher von Stund' an unsere Wege scheidet, ich habe Sie geliebt, Dagmar, mit der ganzen tiefinnigen Leidenschaft meines Herzens, jetzt angesichts dieses enthüllten Bildes – verachte ich Sie!« Und vernichtend in hoheitsvollem Stolz wandte er sich ab, von ihrer regungslosen Gestalt, welche mit dumpfem Aufschrei an dem Sockel der Statue zusammenbrach. »Nicht aus Neugierde, Graf Echtersloh!« rang es sich verzweifelt von ihren Lippen, »nicht aus Neugierde!« Er hob abwehrend die Hand, ein wehes, schmerzliches Lächeln zuckte um seine bleichen Lippen: »Dann aus Mißtrauen oder Eigensinn, Fräulein von der Ropp,« sagte er leise; wie gebannt hing sein Auge an ihrer seltsam schönen Erscheinung und seine Stimme zitterte, als er fortfuhr. »Ich weiß, daß ich von jeher Ihr Spott gewesen, Sie haben mich verachtet, um meiner Häßlichkeit willen, und weil ja ein häßlicher Mensch zu allem Bösen fähig ist, so mußte sich hinter den weißen Tüchern auch ein verdammenswerthes Geheimniß bergen! Lachen Sie, Fräulein von der Ropp, daß es nur eine überspannte Schwärmerei eines – Verrückten war!« Und Desider fuhr hastig mit der Hand über die Augen, wandte sich kurz ab und verschwand mit schnellen Schritten hinter der Thür. Laute Stimmen klangen in der Vorhalle, Lebrecht und Lothar wollten die junge Baronesse in den Neubau herüberholen, sie traten ein, mit leisem Ruf der Ueberraschung starrte der schöne Offizier auf das enthüllte Geheimniß, Lebrecht aber hob mit finsterem Blick die leblose Gestalt Dagmars auf die Arme und trug sie schweigend nach dem Neubau hinüber. 19. Ist's Gottes Werk, so wird's bestehen, Ist's Menschenwerk, wird's untergehen! Alter Spruch . Jesabell drückte Dagmars bleiches Haupt an die Brust und küßte sie auf die Lippen. »Fühlst Du Dich jetzt wohler, liebes Herz?« fragte sie zärtlich, und Fräulein von der Ropp lächelte ein lügnerisches »Ja!« und versank wieder in ihr träumerisches Schweigen. Da öffnete sich hastig die Thür und Dolores trat ein. »Laß mich einen Augenblick mit Dagmar allein, Kleine!« sagte sie mit ungewohnter Erregung, neigte sich dicht zu dem Ohr der jungen Dame hernieder und flüsterte, noch ehe sie die Thür völlig hinter Jesabell geschlossen: »Sind Sie stark genug, Dagmar, einen schändlichen Anschlag, ein Bubenstück Lothars vereiteln zu helfen?« Wie von einem Dolch getroffen sprang die junge Baronesse empor, ihr Auge blitzte und die kleinen Hände ballten sich. »Einen Anschlag gegen ihn, gegen Desider?« rief sie mit fliegendem Athem, »ich folge Ihnen, Dolores, ich fühle mich stärker und muthiger denn je!« Die Comtesse reichte ihr mit kurzem Druck die Hand und sah ihr fest in die Augen. »Ich wußte es, Dagmar, Ihnen kann ich vertrauen, auf Sie verlasse ich mich, kommen Sie schnell!« Sie griff nach dem schwarzen Shawl, welcher die Füße der jungen Dame bedeckt hatte, hing ihn über den Arm und zog Dagmar mit sich fort, »wir werden ihn vielleicht nöthig haben!« sagte sie kurz, »es steigt ein neues Wetter herauf, der gestrige Wolkenbruch war nur das Vorspiel zu einer Tragödie, welche heute mit Donner und Blitz zünden wird!« Wieder schritten die beiden Frauen durch jene Gemächer und Gänge, welche sie in der Ballnacht jüngst durcheilt hatten, vor dem Tapetengang hielt Dolores momentan inne. »Seien Sie stark, Dagmar, Desiders Lebensheil liegt in Ihrer Hand!« Sie öffnete lautlos die schmale Pforte und huschte wie ein grauer Schatten in den dunkeln Geheimgang voran. Vor einer Kaminöffnung blieb sie stehen, zog Fräulein von der Ropp fest in ihre Arme und deutete schweigend hinab. Athemlos lauschten sie. Gedämpftes Sprechen hallte deutlich empor, Lothars Stimme. »Es giebt keine Wahl mehr, Mutter!« sprach er zwischen den Zähnen, »entweder Er – oder ich! Sein Geheimniß war elende Bildhauerei, auf die Ropp ist kein Verlaß mehr, sie liebt mich nicht, und am ersten des nächsten Monats laufen meine Wechsel ab, welche mir kein Mensch mehr verlängert!« »Desider bezahlt sie ja doch, Liebling!« klang Leontinens Stimme schrill und sehr erregt, »er hat ja bereits die Summe nach Berlin gesandt!« Kurzes Auflachen unterbrach sie. »Die Großmuth meines Herrn Bruders ist nicht weit her, Mutter, er ahnt nicht die wahre Höhe meiner Schulden und fiel fast in Ohnmacht, als ich ihm den kleinsten Posten bei Aaron nannte, da verging mir die Lust, ihm weitere Confidenzen, zu machen!« » Grâce à Dieu ! noch mehr?!« Ihre Excellenz athmete schwer auf, »wir müssen neues Kapital aufnehmen, um Zeit zu gewinnen!« »Umsonst, Mutter!« Lothars Stimme klang furchtbar, »Du ahnst nicht den ganzen Sachverhalt. Warum soll ich ihn länger verhehlen? Einmal muß es ja doch heraus. Du schriebst damals so zuversichtlich über Desiders geistigen Zustand, daß ich überzeugt war, es mit einem völlig Verrückten zu thun zu haben; wie sehr wir uns in dem heuchlerischen Burschen geirrt, weißt Du selbst. Ich hatte mir die hiesigen Verhältnisse anders gedacht als sie sind. Ich hatte Desider bereits gestrichen in Gedanken, und darum ließ ich mich in einer Stunde höchster Bedrängniß hinreißen, Ehrenscheine auf Desiders Namen auszustellen.« Ein leiser, erschreckter Aufschrei der Gräfin Mutter unterbrach ihn, Lothar aber fuhr mit fast rüder Trockenheit fort: »Ich habe also Wechsel gefälscht, verehrte Mama, und nehme an, daß Du verstehst, was diese paar Worte sagen. In sechs Tage sind sie fällig, die Folgen unausbleiblich, meine Ehre, meine Existenz verloren.« »Gott erbarme sich! Lothar, mein Herzenskind, was sollen wir beginnen?!« jammerte Leontine außer sich. »Einer von uns beiden Brüdern ist zu viel auf der Welt!« klang es in dumpfer, unheimlicher Betonung von den Lippen des schönen Mannes, »Einer muß weichen, wähle zwischen ihm und mir!« »Lothar!« gellte es drunten auf, und Dagmar klammerte sich in zitterndem Entsetzen an den Arm der Comtesse. »Muth!« flüsterte Dolores. »Die Flucht nützt mir nichts, denn ein Leben voll Entbehrungen ertrage ich nicht,« fuhr Lothar heftig fort, »und meine Ehre kann ich nicht mehr retten, ohne Majoratsherr auf Casgamala zu sein. Soll ich mir also eine Kugel durch den Kopf jagen, um jenem blödsinnigen Burschen seinen Marmorfratzen zu erhalten? Bei allen Teufeln, nein! Du hast die Karten gemischt, Mutter, habe nur auch den Muth den großen Trumpf auszuspielen!« »Lothar, was willst Du thun? Um Gotteswillen laß mich aus dem Spiel!« kreischte Frau Leontine außer sich, »ich wasche meine Hände in Unschuld, ich habe kein Theil daran!« »Nein, Mutter, ich bin Gott sei Dank Manns genug, um die Hilfe eines Weibes entbehren zu können!« »Bedenke die Folgen, Lothar, Du würfelst um Leben und Tod!« »Und bestelle mir die Musik und Illumination von Freund Petrus!« lachte Lothar gezwungen auf, »ich werde schlau genug sein, nur den Weg anzugeben, welchen ein hilfsbereiter Blitz nehmen soll!« »Sprich deutlicher, foltere mich nicht länger!« »Was bedarf es mehr der Deutlichkeit, Mutter? Würde es unglaublich sein, daß in jenen schwarzen Wolken ein Funken ruht, welcher in das geheiligte Dach des Kiosk schlägt? Der alte Lebrecht ist in das Dorf hinab, der Majoratsherr von Casgamala meißelt ahnungslos seine Steinbilder, und was der Blitz freiwillig versäumt, besorgt eine Patrone Dynamit desto prompter. Ruhe, Mutter!« fuhr er befehlerisch auf, »kein weibisches Lamentiren jetzt, wo unser aller Existenz an schwachem Faden hängt, ihn oder mich? Hörst Du die Antwort droben? Jener Donner ist der Herold eines gewaltigen Wetterschlags! Leb wohl, Mutter, und bei Deinem und meinem Leben – schweige!« »Lothar!« schrie es drunten verzweifelt auf, Dolores aber zog die zitternde Freundin schnell entschlossen mit sich fort, warf ihr den Shawl um die Schultern und das bleiche Antlitz und flüsterte: »Jetzt schnell in den Kiosk, um die Blitze aufzufangen!« Schon sauste der Wind durch die Parkwipfel und zerrte an den Gewändern der beiden schlanken Frauengestalten, welche wie ein gehetztes Wild auf heimlichem Pfad dahineilten. Starre Entschlossenheit, strahlender Muth leuchtete von Dagmars reiner Stirn, und nie hatte Dolores dieses Antlitz schöner gesehen, als in diesem Augenblick durchgeisteter Vollendung. Dagmar schlug die großen Augen in ernster Frage auf. »Du mußt Desider sehr lieben und Lothar tödtlich hassen, Dolores, warum?!« Die Comtesse blieb einen Moment stehen, ihr kalter Blick senkte sich voll unheimlicher Starrheit auf die Fragerin. »Ja, ich hasse Lothar!« sprach sie hart und deutlich, »ich hasse ihn und vernichte sein Glück, wie er ehemals das meine! Dagmar!« Ein jähes Zucken flog über das seltsame Gesicht und brach in leidenschaftlicher Glut aus den grauen Augen. »Weißt Du, wie es thut, wenn man Einen so von ganzer Seele liebt, wenn man wieder geliebt wird und sich Bilder unendlicher Glückseligkeit malt? Und wenn man vor seine Mutter tritt und bittet: »Gieb mir mein väterliches Erbe, damit ich mein Glück erkaufen kann! – O dreimal glücklich das Kind, welches dann eine gewissenhafte Mutter hat. Die meinige war eine Betrügerin, Dagmar! Jesabell und ich waren zu Bettlerinnen geworden, weil Graf Lothar unser Vermögen am Spieltisch und Champagnerbuffet verjubelt hatte! Es war ein armer Offizier, dem ich mich verlobt hatte, Lothar nannte ihn einen Lump, wurde gefordert von ihm und erschoß meinen Bräutigam im Duell.« Dolores athmete tief auf, glühende Röthe jagte über ihre Stirn und die Hände ballten sich über der Brust: »Damals schwur ich Rache für mein Lebensglück, und heute nehme ich sie! komm, Dagmar! – frisch auf!« Und in wilder Hast zog die unheimliche Sprecherin sie weiter mit sich fort durch die Büsche und den morastigen Boden. Ferner Donner rollte, ein matter Blitz züngelte durch die Wolken, und der Sturm pfiff durch die Aeste. Der Kiosk tauchte vor ihnen auf. »Hier ist der Nebeneingang, das Gebüsch deckt uns bis an die Treppe –« abermals blieb die Comtesse stehen, sah Dagmar scharf und prüfend in die Augen und faßte ihre Hände. »Du liebst Desider!« sagte sie kurz. Dagmar hob stolz das bleiche Antlitz. »Du sagst es!« bekannte sie freimüthig. »So geh und rette ihn!« »Du folgst mir nicht?« »Nein! Gott beschütze Euch Beide, leb' wohl!« Dagmar drückte die Hand der Sprecherin erregt in der ihren. »Du hast bis jetzt als treue Vorsehung über seinem Haupte gewacht, warum im letzten Augenblick den Sieg einer Fremden allein gönnen?« »Weil ich einen lichten Engel senden will, das Glück des Hauses Echtersloh aufs neue zu begründen! Deine Mission ist Frieden und Versöhnung, mir genügt es »Rache« zu schauen – mein Werk ist vollbracht, Du sollst es krönen, Dagmar!« Und Dolores neigte sich, nahm den schönen Mädchenkopf zwischen die Hände und drückte einen heftigen heißen Segenskuß auf die klare Stirn. »Wir scheiden für ewig, Kind,« sagte sie tonlos, »grüße den Desider,« und sie wandte sich kurz um und schritt mit hastigen Schritten zurück, in Sturm und Wetter hinaus. Einen Augenblick schaute ihr Dagmar noch nach, wie das graue Nonnengewand als letzter Gruß durch die Büsche flatterte, dann preßte sie die Hand entschlossen auf das Herz und stieg die grauen Stufen zu dem Kiosk empor. 20. Die Liebe zwinget Weib und Mann, kein Wunder liegt darin, da sie den Himmel zwingen kann, – warum nicht Menschensinn? Reinmar von Zweier . Unheimliche Ruhe lag über dem Kiosk; Dagmars Herz klopfte zum Zerspringen vor Aufregung, Scheu und Todesangst. Hastig trat sie in die Vorhalle, sie war öde und düster wie ein Grab, mit fahlem Aufzucken flackerte ein Blitz über die bunt eingelegten Wände und der purpurne Vorhang hob sich im Schatten der Pfeiler, wie die düstere Schwinge, welche das Unheil an der Schulter trägt. Die Angst trieb Dagmar mit hastigen Schritten weiter, schon hörte sie im Geiste die Wände und Säulen mit dumpfem Getöse bersten, um das blonde Männerhaupt in heimtückischem Sturze zu zermalmen, dessen wundersame Augen ihre ganze Seele in ein wogendes Meer der Liebe und Verzweiflung gewandelt. Sie riß die Thüre auf und stürmte mit lautem Ruf des Entsetzens in das Arbeitszimmer: »Graf Desider.« hallte es höhnend an dem gewölbten Plafond wieder, und noch einmal wiederholt sie mit bleichen Lippen: »Graf Desider!« Da öffnet sich die Nebenthür, seine hohe, regungslose Gestalt steht auf der Schwelle. »Fräulein von der Ropp, – Sie?!« Mit weitgeöffneten Augen, aus welchen der Muth der Verzweiflung leuchtet, eilt sie ihm entgegen, umklammert seine Hand mit kalten, zitternden Fingern und zieht ihn ungestüm zur Thür. »Kommen Sie! fliehen Sie, ehe es zu spät ist.« Er hält ihre Hand fest und steht unbeweglich. »Fliehen? warum soll ich fliehen, Dagmar, ich verstehe Sie nicht?« Ihr Blick fliegt voll namenlosen Grauens durch den öden Raum, auf dessen Parquetgetäfel noch unberührt die weißen Marmorsplitter liegen, abermals zuckt ein Blitz hernieder und taucht das zertrümmerte Steinbild in grelles Licht. »Sehen Sie nicht, wie das Wetter näher kommt?« ruft sie schaudernd. »Um Gottes Barmherzigkeit willen, folgen Sie mir! retten Sie sich!« »Sie fiebern, Baronesse!« sagt er voll milder Besorgniß, ihre bebenden Hände frei gebend, »Sie sind krank und aufgeregt! Setzen Sie sich nieder, beruhigen Sie sich, der Kiosk hat gute Blitzableiter und schon manches Wetter glücklich überstanden!« Dagmar schüttelt energisch das Haupt, sie zwingt sich zur Ruhe: »Halten Sie mich nicht für irrsinnig. Graf, ich spreche in furchtbarer Gewißheit zu Ihnen. Droben die Blitze, die Gottes Hand schleudert, werden niemals das Haupt eines Gerechten treffen, aber jene furchtbaren Funken, die das Verbrechen unter ihnen in Nacht und Heimlichkeit entzündet, die verschlingen erbarmungslos ihr Opfer, ohne zu fragen: ist es des Todes schuldig!« Und mit einem Blick der Verzweiflung hebt Dagmar die gefalteten Hände. »Man will Sie verderben, Graf Desider!« Er schüttelt mit ungläubigem und doch aufschreckendem Erstaunen das Haupt. »Undenkbar, ich habe keine Feinde, Fräulein Dagmar!« sagte er mit leise zitternder Stimme, »erklären Sie sich!« »Nun denn – so helfe mir Gott!« ruft sie außer sich, »ich schwöre es Ihnen, daß Ihr eigener Bruder, Graf Lothar von Echtersloh, unter dem Deckmantel jenes heranziehenden Wetters den Kiosk in die Luft sprengen will, um durch Ihren Tod den Folgen einer Wechselfälschung zu entgehen!« »Herr mein Gott!« mit dumpfem Laut des Schmerzes schlägt Desider die Hände vor das bleiche Angesicht. »Und nun kommen Sie! – kommen Sie, Graf! Der Boden schwankt unter unsern Füßen!« Ihre Stimme ruft ihn wieder zu sich, langsam sinkt die Hand von dem ernsten, gramdurchfurchten Angesicht. »Wo wollen Sie mich hinretten, Dagmar?« ruft er voll bitteren Wehes, »hinaus in eine Welt voll Falschheit und Bruderhaß, in ein Leben voll ruheloser Wanderung und heimlichen Herzeleids, einsam, verlassen von Gott und der Welt, was soll der Verfehmte unter der bunten Menge! Gehen Sie, Dagmar, retten Sie Ihr liebes, junges Leben dem beseligenden Andenken, einem Unglücklichen die letzte Lebensstunde durch Ihre Barmherzigkeit versüßt zu haben! Haben Sie Dank für Ihr Kommen, Dagmar, Gott segne Sie dafür! Und wenn Sie mir das Sterben lieb machen wollen, dann sagen Sie mir zum Lebewohl, daß Sie die gestrige Stunde« er wies auf die Marmorsplitter – »vergessen und vergeben wollen!« Er reichte ihr mit wehem Lächeln die Hand, Dagmar aber umklammerte sie mit leidenschaftlicher Erregung. »Nein – Sie sollen – Sie dürfen nicht sterben, Graf, auf meinen Knieen beschwöre ich Sie, verlassen Sie den Kiosk!« Es war ein Schrei der Todesangst, welcher zu ihm aufgellte, zu seinen Füßen lag das liebreizende Weib und hob die gerungenen Hände zu ihm empor. »Dagmar!« rang es sich von Desiders Lippen, schwindelnde Glut brauste durch seine Seele und ließ die starke Brust um Athem ringen. »Warum wollen Sie mich mit Zaubermacht an ein Leben ketten, welches mir ja doch für ewige Zeiten nur ein hoffnungsloses Grab ist? Ich liebe Sie, Dagmar, und werde nie von dieser unseligen Leidenschaft lassen können. Haben Sie darum zum ersten und letzten Male Erbarmen für mich, lassen Sie mich jetzt, in diesem Augenblicke sterben, wo das Leben mir den schönsten Scheidegruß gesandt!« Dagmar richtete sich hoch und jäh entschlossen auf. Milde, wundersame Klarheit leuchtete ihr schönes Antlitz, veredelt in stolzem Todesmuth, in rührendster Innigkeit und Liebe strahlten die dunklen Augensterne zu ihm auf. »Wohlan denn!« sagte sie ruhig, fast lächelnd, »wenn Du sterben willst, so nimm mich mit hinab in das Reich der Vergessenheit, Desider, denn ohne Dich ist kein Glück mehr für mich auf dieser Welt, ich liebe Dich – und liebe Dich so namenlos, daß selbst der Tod an Deiner Brust kein Schreckniß ist!« Da erzitterte der starke Mann, er beugte die Knie vor ihrer holdseligen Gestalt und barg das Antlitz in den dunklen Kleiderfalten, Worte kannte er nicht für so viel blendende Glückseligkeit, und dann brauste ein Sturm durch seine Seele, flammend wie der Blitz am Himmel droben, voll donnernder Gewalt der Leidenschaft, welche ihn emporriß, um die Geliebte an die Brust zu schließen, um einen Kuß auf diese Lippen zu drücken, welche zweimal das Urtheil seines Lebens gesprochen: »häßlich über alle Begriffe,« und »treu bis in den Tod!« Eine niegekannte Seligkeit brauste durch seine Sinne. »Und nun, da ich das Leben alles Lebens errungen habe, soll ich von ihm scheiden? Nimmermehr, Dagmar! O, Du goldenes, sonniges Leben, wie bist Du mir so unendlich werth geworden! Draußen stürmt und tobt es, näher und näher zucken die verderbenden Blitze, folge mir, Geliebte, damit ich Dein geliebtes Haupt vor ihnen hüten kann!« Und Desider umschlingt ihre bebende Gestalt, um sie mit sich fort zur Thür zu ziehen. Er legt die Hand auf das Schloß, er rüttelt mit Gewalt an der schweren Thür, umsonst, sie ist von außen verschlossen. Ein leiser Schrei klingt von Dagmars Lippen: »Wir sind verloren, Desider, eingeschlossen, gefangen in unserm Grab!« »Gott wird uns helfen!« entgegnete Graf Echtersloh hastig, mit blitzendem Auge, er zieht das junge Weib ungestüm mit sich fort zur Seitenthür, auch sie ist verschlossen. »Nun denn, zu Hilfe Du Irrgeist von Casgamala!« ruft er jäh entschlossen, hebt Dagmar mit starken Armen empor an seine Brust, stürmt mit ihr in das kleine Schlafkabinet zur Seite und reißt eine graue Steinplatte aus den knirschenden Fugen, eine dunkle Oeffnung zeigt sich, feuchte, steinerne Stufen, welche in die Tiefe führen. Schaudernd schlingt Dagmar die Arme um seinen Hals und schließt scheu die Augen, fest und angstvoll schmiegt sie sich an ihn und Desider küßt ihren lockigen Scheitel und redet ihr Muth ein. »Noch wenige Stufen, wenige Schritte in dem Kreuzgang vorwärts und wir sind gerettet, Geliebte!« sagte er, hastig weiter eilend; dumpf hallen seine Schritte wieder, und schwere, modrige Kellerluft streift die erhitzten Stirnen. Endlich steht er still, er athmet tief auf. »Die Gefahr ist vorüber, Dagmar, bis hierher reicht die Macht des Sprengstoffes nicht!« sagt er, sie voll leidenschaftlicher Zärtlichkeit an sich schließend, »jetzt will ich für Licht sorgen, damit Du dieses unterirdische Reich schauen kannst!« Und er läßt sie sanft aus den Armen gleiten, führt sie an der Hand einen Schritt zur Seite und entzündet ein Streichholz. Ein leiser Schrei der Ueberraschung entschlüpft den Lippen der jungen Baronesse, um sie her stehen in langen Reihen viel ernste, weiße Marmorgestalten und wie Desider jetzt zu einer kleinen, wunderlichen Laterne greift und einen unscheinbaren Faden in derselben entzündet, da schlägt Dagmar in jähem Entsetzen die Hände vor das erbleichende Antlitz. »Der Irrgeist von Casgamala!« ruft sie zurücktaumelnd, geblendet von dem übermächtigen Lichtglanz, welcher ihr aus dem Glase entgegen quillt. »Ja, Dagmar, hier steht der Irrgeist vor Dir!« lächelt Desider, »nun schau Dir den unheimlichen Gesellen an, dessen unschuldige Lampe, Dank moderner Wissenschaft, bei den nächtlichen Arbeiten in den Steinbrüchen geleuchtet, um die abergläubischen Gemüther der ganzen Umgegend durch harmlosen Spuk fern zu halten! Fürchtest Du Dich noch immer vor der gespenstigen Flamme, nun, da Du weißt, wessen Hand sie führt?« Mit glückstrahlendem Lächeln schmiegt sich Dagmar an seine hohe Gestalt. »Der Irrgeist von Casgamala hat dieses Feuer nicht umsonst geschürt, es hat mir zuerst Herz und Seele in zaubermächtige Glut versetzt!« Und sie schaut sich voll ernsten, feierlichen Entzückens in dem niederen Gewölbe um, aus dessen Dunkel die weißen Figuren wie feuriger Schnee tauchen, es sind sämmtlich Mädchengestalten, Rosen in der Hand oder an der Brust, spottende, lachende, übermüthige Gesichter, gleich reizend und sich ähnlich – Dagmar von der Ropp. Da neigt die lebenswarme Schwester am Arm des Majoratsherrn das bleiche, schmerzgeläuterte Antlitz vor diesen stummen Zeugen jahrelangen Herzeleids, und Desider sieht, wie helle Tropfen an den Wimpern glänzen, eine stumme, aber tiefinnige Buße dieses stolzen Weiberherzens. Leise küßt er die weinenden Augen und ihm däucht, der lichte, weitgeöffnete Himmel wölbe sich über seinem Haupt, Glocken läuten, und Vögel jubeln durch die flimmernde Luft, und seine blinden Augen öffnen sich und schauen zum ersten Mal das Glück auf dieser Welt. Und er führt Dagmar weiter und weiter durch das nächtliche Gewölbe und erzählt ihr, daß durch diesen Gang einst der junge Mönch das Evangelium zur Gräfin Casgamala in den Kiosk getragen, daß diese Treppen und Stufen empor zu dem alten Kloster führen und unter dem marmornen Mönchsbild münden, aus welchem ihr in jener verhängnißvollen Ballnacht diese Flamme hier entgegenglühte, zu ihrem und zu seinem Heile! Und Dagmar lauscht mit glänzenden Augen und berichtet von dem Kampf zwischen Liebe und Haß, welcher seit jener Nacht ihr Herz durchtobte, von den Qualen der letzten Tage, von Lothars Verdacht und von ihrer thörichten Sorge um sein Geheimniß. Und Desider erkennt, wie ungerecht er jenes zarte Herz verdammt, wie jähzornig und nutzlos er das marmorne Haupt der Geliebten zerschmettert. Und so steigen sie Arm in Arm die modernden Stufen empor, die Blendlaterne glüht vor ihnen her und die grauen Mauern lauschen schlaftrunken den süßen Worten ewiger Liebe, welche wie ein Märchenhauch an ihnen vorüberziehen. Ueber ihnen aber tobt Sturm und Wetter und ballt seine verderbenden Wolken über dem herrenlosen Kiosk. Zu gleicher Zeit hallten flüchtige Schritte durch den sturmgepeitschten Wald; den Weg, welcher zu der Klosterruine emporführt, eilte eine Männergestalt empor, wie ein schlanker, dunkler Schatten zwischen Felsen und Buschwerk durchgleitend, keuchend, rastlos und ungestüm. Der Blitz zischt durch die Wolken und taucht den seltsamen Wanderer in gespenstiges Licht, Graf Lothar schließt unwillkürlich die Augen und prallt zurück, seine Hand klammert sich an das niederhängende Strauchwerk und der Regen trieft von dem dunkellockigen unbedeckten Haupt über Gesicht und Schultern, Lothar beachtet es nicht. Wie von Furien gehetzt stürmt er vorwärts, der Klosterruine entgegen. Sein Antlitz ist fahl und gezerrt, unstätes Leben flackert aus den dunklen Augen, oft schrickt er zusammen und wendet scheu das Haupt, um hinab in das Thal zu lauschen, und abermals strebt er mit fiebernden Pulsen vorwärts. Endlich steht er droben; Sturm und Wetter tobt um die grauen Ruinen, in dem Wald krachen die Aeste zur Erde, braust das geschwellte Bergwasser über zerrissenes Gestein, Lothar aber eilt achtlos durch Klostergang und Grabsteine, hin zu jenem bröckelnden Fensterbogen, welcher seine moosigen Mauern über der schroff abfallenden Untiefe erhebt, aus deren waldigen Wipfeln die Kuppel des Kiosk taucht, wenn Blitz und Donner das Gewölk zerreißen. Es ist der einzige Platz in der Ruine, von welchem der Kiosk zu überblicken ist, und der junge Graf, welcher neulich erst vor der Gebrechlichkeit dieses Gemäuers gewarnt, schwingt sich mit starrem Blick, fieberndster Spannung auf das Gestein, neigt lauschend den Kopf und schaut hinab. Es ist tiefe Dämmerung, das Unwetter hat die Nacht noch schneller heraufkommen lassen, und wie der Sturm durch die Ruine pfeift, wie es raschelt, kracht und tost und die aufgeschreckten Nachtvögel mit heiserem Schrei über seinem Haupte schwirren, da fühlt Lothar kalte Schauer über seinen Rücken rieseln. Das böse Gewissen, die jäh auftauchende Erinnerung an sein Erlebniß mit Dagmar in dem Gemäuer hier droben, seine überreizte Phantasie, welche bereits das blutige Haupt Desiders schaut, treiben ihm kalte Tropfen auf die Stirn und der gläserne Blick fliegt in namenlosem Grauen über die dunklen Grabsteine, welche dicht neben ihm aus den Trümmern ragen. Er hört im Geiste den gellenden Angstschrei Dagmars, der Verräterin, deren Stimme er durch die Kioskthür erlauscht hatte, er sieht das verstörte Gesicht des Bruders, wenn er die Gefangenschaft entdecken und voll Todesqualen in seinem schrecklichen Gefängniß ausharren muß – vielleicht retten sie sich? – Unmöglich! durch die Fenster gelingt keine Flucht, denn das Wasser hat sich manneshoch um das Gebäude gestaut und jene Seitenpforte, der einzige hochgelegene Ausweg ist schwerbolig und gut verriegelt, sie sind verloren; und er, seine Ehre, sein Vermögen ist gerettet! Lothar duckt sich mit verzerrtem Gesicht in den Fensterbogen, er will lachen, aber es gelingt ihm nicht, wenige Sekunden noch, der Thurm drunten berstet in Millionen Trümmern auseinander, und der Majoratsherr von Casgamala steigt triumphirend herab, um sein Erbe anzutreten. Und wie nun, wenn es eine Vergeltung giebt? Wie nun, wenn jener unheimliche Spuk dennoch durch diese Mauern huscht, um seine grauenhafte Flamme dem Brudermörder vergeltend durch das Herz zu glühen? Bleiches Entsetzen faßt den schönen Mann; er fühlt seine Zähne in wahnwitzigem Grauen zusammenschlagen, und wie er mit stierem Blick das Haupt nach der gespenstischen Steinplatte wendet, aus welcher in jener Ballnacht der Irrgeist emporgestiegen, da sieht er plötzlich, wie der Stein sich regt und hebt, wie er aus seinen Fugen strebt – wie – Ein furchtbarer Aufschrei gellt durch die momentane Stille des Wetters, die Arme zur schaudernden Abwehr erhoben, das verstörte Gesicht mit dem zerzausten Haar gegen das nasse Gemäuer drückend, scheint Lothar jäh erblindet unter dem Blitz einer auftauchenden Flamme, und wie er die stieren Augen gewaltsam zum Schauen zwingt, da däucht es ihm, als stiege eine hohe, fahle Gestalt aus dem Grabe, das regungslose Auge auf ihn gerichtet. »Der Irrgeist von Casgamala!« ringt es sich halb erstickt vor Grauen von seinen Lippen, mit ungestümer Bewegung will er zurückweichen, wirft sich mit voller Wucht gegen das morsche Gestein und stürzt unter dumpfem Krachen und Poltern, begraben unter ihm in die nächtige Tiefe hinab. In demselben Augenblick zuckt ein Blitz, rollt ein Wetterschlag über Casgamala, gedämpfter Knall tönt von dem Kiosk empor, grelle, züngelnde Flammen lohen aus der Kuppel, und roth durchglühte Dampfwolken wirbeln auf. Desider und Dagmar aber sind auf die Kniee gesunken, ein kleiner, welker Epheukranz knistert in den Händen des Majoratsherrn, und ihn voll schaudernder Demuth an dem alten Mönchsbild niederlegend flüstert Desider: »Der Kampf ist geendet, einer von uns Beiden mußte weichen, und Gott selber hat gerichtet.« Dann schloß er das bebende Weib in die Arme und eilte mit ihr von der Unheilsstätte in sein väterliches Schloß hernieder, um dem Verunglückten, falls es möglich, noch Hilfe zu bringen. Aus dem Kiosk aber schlugen die vernichtenden Flammen und verzehrten mit der alten Herrlichkeit auch das Weh und Herzeleid, welches als unheilvolles Erbe der Ahnfrau mit den spanischen Mauern verwachsen war. 21. Und nun riß mich Gott, der muthig mich weckte zur Freude, Frisch in das Leben hinein, Hoffnung und Glaube ging mit, Und ich beschaute die Städte und Länder und Sitten der Menschen. Hatt' ich ja lange genug einsam mich selbst nur geschaut! E. M. Arndt . Wieder war es Sommer geworden, die Sonne strahlte am Himmel, die Erde duftete aus tausend holdseligen Blüthenkelchen, und die Herzen der Menschen öffneten sich weit, um Liebe, Licht und Glückseligkeit, Gott dankend, in sich aufzunehmen. Zwischen lieblichen Bergen gelegen, überschüttet von paradiesischer Schönheit, und gerühmt wegen seiner heilsamen Quellen, liegt die Perle der europäischen Bäder. Alle Nationen geben sich hier ein Rendezvous, alle Eleganz, alle Schönheit, Verkommenheit und Leichtlebigkeit des neunzehnten Jahrhunderts hält hier seinen pikanten Jahrmarkt, Musikklänge schmeicheln dazwischen, purpurdekorirte Säle laden die Jugend zu Spiel und Tanz und die alte Ruine schaute ernsthaft von ihrem Berggipfel hernieder und summt aus melancholischen Aeolsharfen den ewigen Refrain der Vergänglichkeit. Folgt man den lauschigen Promenadenwegen, zu deren Seite ein silberhelles Flüßchen sprudelt, so sieht man auf mäßiger Anhöhe, versteckt fast unter schattenden Baumwipfeln und umgeben von terrassenartigen Parkanlagen, eine schimmernd weiße Villa leuchten, über deren gewölbtem Thorbogen in goldenen Buchstaben der Name prangt: »Villa Monbonheur.« Neben dem übermüthigen Springbrunnen ragen zwei köstliche Marmorgruppen, deren weibliche Köpfe eine wunderbare Aehnlichkeit mit der jungen Herrin dieser Besitzung haben, welche jüngst am Arm ihres Mannes über die blumengeschmückte Schwelle geschritten ist. »Ein schönes, interessantes Paar!« sagt man von ihnen, und wenn der junge Gatte mit glückstrahlendem Lächeln durch die wogende Menschenmenge schreitet, dann folgt mancher Blick seiner eleganten Gestalt, und die junge Frau an seinem Arm würde eifersüchtig werden, könnte sie das Urtheil manches schönen Mundes über die »köstlichen Augen« hören. Aber Dagmar hörte eben nicht auf die Menschen. Sie ist vollkommen glücklich, sie tauscht mit keiner Kaiserin, sie ist ein lächelndes, sinniges, minnigliches Weib geworden. Desider hatte sie sofort am andern Morgen jener unglücklichen Katastrophe in Casgamala nach der Residenz zurückgebracht, er folgte auch der Braut nach dem Quellbad, wohin ein hartnäckiges Knieleiden des Onkel Major die ganze Familie von der Ropp geführt hatte. Und entzückt von der himmlischen Lage hatte das junge Paar beschlossen, sich Hierselbst anzukaufen, um den ersten Sommeraufenthalt ihrer jungen Ehe in »Deutschlands Paradies« zu nehmen. Desider dachte ungern an Casgamala zurück. Der Tod Lothars hatte furchtbar in sämmtliche Verhältnisse eingegriffen, und hatte man Casgamala früher schon ein unheimliches Schloß genannt, jetzt konnte man es mit vollem Fug und Recht, denn seine Mauern beherbergten eine Wahnsinnige. Als man Lothars kaum mehr kenntliche Leiche zur Gräfin Mutter in den Neubau trug, als Graf Desider mit ernstem, furchtbarem Vorwurf in ihr Auge sah, lebend und glücklicher denn je, als Dolores voll kalter Härte auf die Todtenbahre wies und in das Ohr der Excellenz raunte: »Mein ist die Rache, ich will vergelten! spricht der Herr.« Da war die alte Dame mit gellendem Lachen zurückgetaumelt. »Helios, mein Sonnengott!« und sie schüttelte seine erkalteten Arme und rief voll Ungeduld: »Was liegst Du und schläfst? Was bedeckst Du Dein Gesicht? Spute Dich! An die Arbeit, ehe das Wetter vorüberzieht!« Und als der Todte sich nicht regte, ließ sie schaudernd die starren Hände fahren. »Er ist es ja gar nicht, mein Lothar! Er wartet ja drüben in meinem Zimmer und will mir erzählen, wie alles geglückt ist!« flüsterte sie mit irrem Blick zu Dagmar auf, und lautlos floh sie durch die lange Zimmerreihe, hin in ihr Boudoir, da hing das lebensgroße Oelbild ihres Abgottes. Gräfin Mutter schmiegte sich an ihn, streichelte seine Hände und Wangen und nickte ihm zärtlich zu: »Mein Helios, mein Sonnengott!« So brach der Wahnsinn aus, und so blieb er bis auf den heutigen Tag. Unverändert sitzt die alte Dame vor dem Bild ihres Lieblings, sie spricht mit ihm, leise, heimlich flüsternd, schreibt Briefe an Berliner Wucherer und liest sie ihm vor, ob er's so zufrieden ist. Sie zehrt dahin wie ein Schatten, kaum hat sie noch Kraft sich zu erheben, und so sinkt sie oft ohnmächtig in die Polster zurück mit einem lächelnden: »Helios! mein Sonnengott!« Dieser Wahnsinn ist nicht gefährlich, darum läßt man die Kranke den kurzen Rest ihrer Tage ungetrübt in dem einsamen Felsenschloß verleben. Die getreue Sybille und zwei Wärterinnen hat Graf Desider mit ihrer Pflege betraut, denn Kinder hat Ihre Excellenz nicht mehr und verlangt auch nicht nach ihnen. Comtesse Dolores reiste noch an demselben Tage, an welchem des Kiosk in Rauch und Flammen aufging, nach einem benachbarten Frauenkloster ab, wo sie bereits den Schleier der Himmelsbräute trägt. Jesabell verlebte noch einige Wochen stillen Friedens bei ihrer Schwiegermutter, einer milden, kränklichen Dame, in der benachbarten Kreisstadt, bis Alexander sein Stammgut neu erworben und beide Frauen zu glückseligem Beisammenwohnen in die lieblichen Fluren Thüringens abholte. Das war eine weite, weite Trennung von Casgamala. Jesabell blüht in ihrem jungen Glück empor wie eine Rose, und als Desider und Dagmar auf der Hochzeitsreise das geliebte Paar überraschten, fanden sie den jungen Gutsherrn und sein Weibchen auf der Parkbrücke, eine Angel wohl in der Hand, aber noch keine einzige Forelle im Korb, denn Jesabell betrachtet dieses Vergnügen einzig als eine heitere Erinnerung an vergangene Zeit, und so oft Alexander die schillernde Fliege über die Wellen tanzen läßt, singt sie um die Wette mit den himmelauffliegenden Vöglein: »Es lebe, was auf Erden     stolzirt in grüner Tracht, Die Wälder und die Felder,     die Jäger und die Jagd!« Und Sascha? Er wirft glückselig die Angel zu dem leeren Korb und singt aus vollstem Herzen mit! – Ueber »die Perle der deutschen Bäder« wogt schimmerndes Abendgold und färbt die weißen Figuren auf dem Dach der Villa Monbonheur mit rosigem Wiederschein. Auf dem Balkon aber steht Arm in Arm Dagmar und Desider, um den weichen Musikklängen zu lauschen, welche von dem Kurhaus wie schwärmerisches Echo emporschallen. Desider hat seinem jungen Weibe einen Zeitungsbericht vorgelesen, welcher die neueste Ausstellung plastischer Kunstwerke in B. bespricht. Lob und Bewunderung wird einer weiblichen Marmorstatue von außerordentlicher Schönheit zu Theil, deren Meister sich hinter dem bescheidenen Pseudonym » D. E. « versteckt. Es ist das erste Mal, daß Graf Desider auf Dagmars Wunsch mit seinen Werken in die Oeffentlichkeit tritt. Und wenn auch jene herrlichen Bildwerke längst aus dem dunklen Geheimgang des Kiosks an Gottes helles Sonnenlicht gerettet wurden und meistens als Geschenke, oder eigene liebe Erinnerung, die Freude und Bewunderung der Menschheit sind, so wird doch erst dieser erste Erfolg den jungen Künstler bestimmen, weitere Werke zu schaffen, um sie der Oeffentlichkeit zu übergeben. Strahlendes Lächeln flog über Dagmars reizendes Gesicht, sie bricht mit weißen Händen die Lorbeerzweige aus dem Blumenschmuck des Balkons, schlingt sie geschickt zum Kranze und drückt ihn auf das blonde Haupt des Geliebten, dann neigt sie das Köpfchen zurück und blickt ihn lange stumm und glückversunken an. »Häßlich! häßlich über alle Begriffe!« persiflirt Graf Echtersloh neckend, die junge Frau aber schlingt in leidenschaftlicher Zärtlichkeit die Arme um seinen Nacken und flüstert mit feuchtem Blick: »Aber treu bis in den Tod!« * Und in diesem Augenblick wurde das junge Paar überrascht – von der Verfasserin!   Ende .