Georges Ohnet Die lichtscheue Dame – Erster Band 1902 Erstes Kapitel. Mit noch röterem Gesicht als sonst und gefurchter Stirne ging der Kriegsminister, an seinem Schnurrbart kauend, in seinem Arbeitszimmer auf und ab. Die Fieberhaftigkeit, womit er seinen Kneifer zwischen den Fingern drehte, verhieß dem zunächst vor ihm Erscheinenden keinen freundlichen Empfang, und die Offiziere mochten diese Wetterzeichen und ihre Ursachen kennen, denn in den anstoßenden Amtszimmern herrschte tiefe Stille; nur die Vögel im Garten vor den Fenstern wagten es, die Einsamkeit des Gewaltigen durch ihr keckes Zwitschern und Flattern zu stören. Nach kurzem Hin- und Herstürmen schien dem Minister die Geduld vollends ausgegangen zu sein, und er eilte an den Kamin, um auf die elektrische Klingel zu drücken. Mit besorgter Miene trat der Bureaudiener ein. »Ist der Oberst Vallenot zurückgekehrt?« fragte der Minister in einem Ton, wie er etwa das Kommando: »Gewehr in die Hand! Zur Attacke!« gegeben haben wurde. Der Diener beugte und krümmte sich, als ob er am liebsten unter dem Fußteppich verschwunden wäre, und gab mit tonloser Stimme zur Antwort: »Euer Excellenz ... ich weiß es wirklich nicht ... ich will nachfragen ...« Des Ministers Züge färbten sich bläulich; gleich einer platzenden Granate kam der erste Fluch über seine Lippen, dann ein zweiter, ein dritter, der aber verlorene Liebesmühe war, denn der Diener hatte sich schon verflüchtigt und die Thüre hinter sich zugezogen. »Was dieser verdammte Vallenot nur treiben mag die ganze Zeit, die er fort ist?« brummte der Minister, seinen zornigen Spaziergang fortsetzend. »Nett bedient ist man, hol's ...« Er hatte keine Muße, sich weiter Luft zu machen, denn die Thüre flog auf und dieses Mal erschien der Bureaudiener mit strahlender Miene, um vernehmlich zu melden: »Der Herr Oberst Vallenot.« Ein großer, schlanker Mann, etwa fünfzig Jahre alt, mit blauen Augen und blondem Schnurrbart, trat rasch ein und begann nach einer Verbeugung vor dem Vorgesetzten in zuversichtlich vertraulichem Tone: »Excellenz scheinen ungeduldig geworden zu sein? Der Offizier vom Dienst hat mich schon an der Hausthüre abgepaßt ... die Sache war eben nicht kurz zu erledigen, ist vielmehr sehr langwierig, und ich habe meine Zeit wahrlich nicht vergeudet ...« »Zur Sache!« fiel ihm der Minister ungeduldig ins Wort, »Sie kommen von Vanves?« »Ja. Excellenz.« »Allein?« »Nein, ich hatte einen von unseren Agenten mitgenommen, den gewandtesten, über den wir verfügen. Excellenz hatten zwar nicht Befehl dazu gegeben, aber ich habe mich auf eigene Verantwortung des Mannes bedient ...« »Was ich gutheiße, vorausgesetzt, daß Sie des Mannes sicher sind.« »Soweit man der Menschen überhaupt sicher sein kann. Es ist ein ehemaliger Unteroffizier, dem ich überdies den wahren Zweck meiner Untersuchung nicht enthüllt habe. Von dem, was uns eigentlich besorgt macht, weiß er nichts, vielmehr muß er einfach annehmen, daß er mir bei der Aufklärung der Ursachen eines noch rätselhaften Unglücksfalles an die Hand gehen soll. Nach dieser Seite hin sind wir vollständig gedeckt ...« »Nun, und das Ergebnis Ihrer Nachforschungen?« »Wenn Excellenz gestatten, möchte ich das Geschehnis unter zwei Gesichtspunkten betrachten, einerseits die greifbaren Thatsachen, andererseits deren psychologische Ursachen entfalten ... der Fall ist nämlich verwickelter, als Excellenz zuerst annahmen, und ich fürchte, daß mein Bericht Excellenz eher mehr in Zweifel stürzen, als Ihre Unruhe beschwichtigen wird.« »Alle Wetter!« Der Minister ließ sich, das Kinn in die Hand gestützt, an seinem Schreibtisch nieder und bedeutete dem Oberst, in einem Lehnstuhl ihm gegenüber Platz zu nehmen. »Beginnen Sie ... ich höre.« »Das vom General von Trémont bewohnte Haus liegt oberhalb des Dorfes Vanves in geringer Entfernung vom Fort, so daß die Schildwache des Forts zuerst Alarmzeichen gegeben und die Besatzung die ersten Versuche zur Löschung des Brandes gemacht hat. Von dem ganzen Gebäude ist sozusagen nichts übrig geblieben. Die Explosion der im Laboratorium angehäuften Sprengstoffe hat selbst die Fundamente aufgewühlt und furchtbare Wirkungen hervorgebracht. Man hat in einer Entfernung von zwei Kilometern noch zersprengte Steine aufgefunden, und die anstoßenden Gärten, meist Gemüsezüchtern gehörend, sind übersät mit Trümmern. Wenn Häuser in der Nachbarschaft gestanden hätten, wäre das Unglück unübersehbar ...« »Kurz gesagt, die bekannten Wirkungen des Melinits?« unterbrach ihn der Minister. »O nein, Excellenz, ungleich stärkere! Nehmen Sie die hundertfache Wirkung des Pulvers an, womit wir unsere Granaten laden, dann mag etwa die Sprengkraft herauskommen, die den im Laboratorium des Generals von Trémont entdeckten Zündstoffen innewohnte ...« Der Minister nickte mit dem Kopf. »Ja, ja ... derartiges hat er mir gesagt, als ich ihn das letzte Mal in der Sitzung der Artilleriekommission sah. Er war einer Entdeckung auf der Spur, die unseren Geschützen eine derartige Überlegenheit gesichert hätte, daß wir auf lange Zeit des Sieges Gebieter geworden wären. Der Widerstand gegen uns würde so furchtbare, mit unfehlbarer Sicherheit eintretende Verwüstungen zur Folge gehabt haben, daß unsere militärische Stellung fast unangreifbar zu nennen sein würde. Liegt hierin die Ursache der Katastrophe?« »Excellenz nehmen also an, daß Neid und Bosheit dem Ereignis nicht fern stehen?« »Ich nehme gar nichts an und vermute alles. Wenn Sie mich von den Thatsachen unterrichtet haben werden, können wir erst Folgerungen ziehen. Fahren Sie fort!« »Den Anordnungen des Ministeriums gemäß fanden wir bei unserer Ankunft schon einen um das ganze Besitztum gezogenen Kordon von Truppen vor; außerhalb dieser Kette eine wohl aus drei- bis vierhundert Köpfen bestehende Menge neugieriger, schwatzender Landleute und dazu etliche zwanzig Zeitungsberichterstatter, die zu Wagen oder Fahrrad herbeigeeilt waren und allein mehr Lärm verursacht hatten, als alle übrigen Anwesenden miteinander. Sie waren sehr empört, daß man ihnen den Zutritt zur Unglücksstätte, in die noch qualmenden Trümmer des Anwesens verweigerte, aber ein schneidiger junger Leutnant, der den Ordnungsdienst leitete, wies alle ihre Klagen und Ansprüche mit militärischer Schroffheit ab. Wir können also darauf rechnen, daß die Presse ein Zetergeschrei erheben wird, aber vor taktlosen Mitteilungen sind wir gesichert, und das ist immerhin etwas. Innerhalb des Truppenkordons befand sich niemand als der Sekretär des Polizeipräsidenten, der Staatsanwalt und der Vorstand der Sicherheitswache. Mein Agent und ich trafen zu günstiger Stunde ein, man fing eben an, den Augenschein aufzunehmen.« »Wo? Im Haus selbst?« »Auf der Stätte, wo das Haus gestanden hat, Excellenz, die jetzt nur noch das Bild eines gähnenden Schlundes bot, auf dessen Grund man noch den gemauerten Keller unterschied und eine von ausgelaufenem Wein herrührende rote Lache. Das Gewölbe war vollständig eingestürzt, von den Treppenstufen nichts mehr zu erblicken, die Steine waren in taubeneigroße Brocken zerrieben worden, eine Zerbröckelung, wie ich sie nicht für möglich gehalten hätte! Ein schauderhafter Anblick! Durch eine unerklärliche Laune der Explosionskraft war eine Wand stehen geblieben, die Wand der Waschküche, und in den Eisenstäben des darin enthaltenen schmalen Fensterchens sah man einen Fetzen Stoff hängen. Wir alle hatten diese Beobachtung fast gleichzeitig gemacht. Der Sicherheitsbeamte war der erste, der sich vorsichtig dem Einsturz drohenden Gemäuer näherte. Mit der Spitze seines hocherhobenen Stockes rührte er an dem formlosen Klumpen zwischen den Gitterstäben, brachte ihn zu Fall, griff mit einem Ruf der Ueberraschung danach und kam rasch damit zurück, den Gegenstand vor uns auszubreiten. Es war ein noch mit Hemd- und Rockärmel bekleideter, überm Ellbogen abgeschnittener, blutüberströmter Arm, samt einer geschwärzten, nahezu verkohlten Hand.« »Außerordentlich seltsam!« rief der Minister. »Der Eindruck war furchtbar unheimlich,« fuhr der Oberst fort. »Ich habe wahrhaftig Tote genug auf dem Schlachtfeld, Schwerverwundete in den Ambulanzen gesehen, aber nichts hat mir je einen Eindruck gemacht wie dieser Männerarm, der da vor uns auf einem Stein lag als einzige Spur einer Tragödie, die wir zu verfolgen und zu ergründen suchen. Der Staatsanwalt fand am ehesten seine Kaltblütigkeit wieder und bemerkte: Mein Herr, wir haben hier ein wichtiges Beweismittel ... dieser Arm ist augenscheinlich durch die Gewalt der Explosion abgerissen und zwischen die Gitterstäbe geschleudert worden. Aber wem hat er angehört? Ist es der Arm des unglücklichen Generals? »›Der General war ja nicht der einzige Hausbewohner,‹ gab der Sicherheitsbeamte zu bedenken, ›er hatte einen Diener und eine Köchin. Mit der brauchen mir uns nicht zu beschäftigen, denn es ist zweifellos ein Männerarm, entweder der des Generals oder seines Dieners‹ – ›Wenn es nicht ...‹ es war unser Agent, der mit dieser abgerissenen Bemerkung zum erstenmal etwas sagte. – ›Bitte, fahren Sie fort,‹ mahnte der Staatsanwalt, sich zu ihm wendend. – ›Wenn der Arm nicht dem Urheber der Katastrophe selbst entrissen wurde.‹« »Aha! Der Bursche setzt also auch von Anfang an die Wahrscheinlichkeit eines Verbrechens voraus?« »Allerdings, Excellenz, und er beugte sich bei diesen Worten ganz dicht über die verkohlte Hand, um sie mit größter Aufmerksamkeit zu untersuchen. Mit äußerster Vorsicht hob er die einzelnen Finger und zog mit einiger Anstrengung vom vierten einen Ring, den keiner von uns bemerkt hatte. ›Wenn dieser Ring Eigentum des Generals war,‹ rief er, seinen Fund triumphierend in die Höhe haltend, ›wissen wir, woran wir sind. Wenn nicht, so besitzen wir darin einen unschätzbaren Fingerzeig, der uns in die Möglichkeit versetzen wird, den Fall zu entwirren.‹« »Einen Ring! Ich entsinne mich nicht, je einen Ring an Trémonts Hand gesehen zu haben ... ich mochte sogar darauf schwören, daß er niemals in irgend welcher Form Juwelen trug, am allerwenigsten Ringe. Für einen Mann, der von früh bis spät mit Säuren hantiert, wäre es ja auch ein Unding gewesen, Ringe zu tragen, kein Metall hätte ja den Reagenzien, womit er arbeiten mußte, Widerstand geleistet. ... Was für ein Ring war es denn, Vallenot?« »Ein Trauring, Excellenz. Nachdem man Schmutz und Blut mit einem Stück Handschuhleder abgerieben hatte, kam das Gold ganz blank zum Vorschein. Unser Agent drehte den Reif hin und her und öffnete ihn durch einen Druck des Fingernagels: er bestand aus zwei durch eine Feder geschlossenen Hälften. ›Sehen Sie her, meine Herren!‹ rief er. ›An der Innenseite sind Buchstaben eingeschnitten. Was auch erfolgen mag, ein Beweismittel haben wir!‹« »Der Bursche scheint wirklich sehr brauchbar zu sein, Vallenot,« bemerkte der Minister. »Soweit ich die Sache übersehe, ist er der einzige, der uns gefördert und Scharfsinn gezeigt hat. Man muß ihm eine Belohnung zukommen lassen.« »Wir sind noch nicht zu Ende, Excellenz. Hören Sie weiter! Der Staatsanwalt hatte nach dem Ring gegriffen und sah ihn sich genau an, dann steckte er ihn mit den Worten: ›Das werden wir später untersuchen,‹ gelassen in seine Westentasche. Ich muß sagen, dieses eigenmächtige Verfahren, das uns so jählings um den Gegenstand unserer Neugierde brachte, hatte etwas Verblüffendes, und wir alle sperrten, wie man zu sagen pflegt, Mund und Nase auf. Bei näherer Ueberlegung muß man indes zugeben, daß es vielleicht richtig war, es der richterlichen Untersuchung vorzubehalten, was an Aufklärung von diesem Beweisstück ausgehen mag, und nicht etwa Dinge von entscheidender Wichtigkeit allzufrüh in die Oeffentlichkeit dringen zu lassen. Indes die Vorsicht des Staatsanwalts sollte bald zu Schanden werden! Unser Agent, der seine Untersuchung des abgerissenen Arms fleißig fortgesetzt hatte, schob im selben Augenblick die beiden Aermel zurück, um das Fleisch bloßzulegen, und was jetzt zu Tage trat, konnte unseren Blicken nicht entzogen werden! Auf dem Unterarm war über der Handwurzel in bläulicher Tättowierung ein flammendes Herz sichtbar, das die Umschrift ›Hans und Mina‹ trug, darunter das deutsche Wort: ›Immer‹. »›Meine Herren‹ sagte der Staatsanwalt, seinen Kneifer zurechtrückend, ›ich ersuche Sie dringend, über diese Entdeckung Stillschweigen zu bewahren. Ein unvorsichtig hingeworfenes und weitergetragenes Wort könnte die unheilvollsten Folgen haben. Möglich, daß wir es mit einem anarchistischen Attentat, möglich, daß wir es mit einem Eingriff des Auslands zu thun haben ... der Fall nimmt ja gänzlich unvorhergesehene Dimensionen an. Daß ein Verbrechen vorliegt, ist im höchsten Grade wahrscheinlich.‹« »Donnerwetter! Das ist ja eine verteufelte Geschichte, finden Sie nicht, Vallenot? Am Ende sollte man den Senatspräsidenten benachrichtigen ...« »Das hat der Sekretär des Polizeipräsidenten ohne Zweifel bereits gethan, Excellenz. Er hat nämlich nach dieser Wendung den Abschluß des Augenscheins nicht abgewartet, sondern ist sofort im Wagen nach dem Beauvauplatz gefahren.« »Die Hauptsache ist jetzt, Dummheiten der Presse zu verhüten. Falls wir mit dem Ausland ein Hühnchen zu pflücken bekämen – und über Trémonts Versuche wurden in ganz Europa Mutmaßungen aufgestellt – so ist es von höchster Wichtigkeit, daß keinerlei Warnungsruf hinausdringt, ehe wir die Urheber dieses verbrecherischen Versuchs in Händen haben.« »Das war unser aller erster Gedanke, Excellenz, und wir haben daher sofort die nötigen Maßregeln getroffen. Die öffentliche Meinung muß unbedingt auf eine falsche Fährte gelenkt werden. Dafür erschien uns die Annahme einer zufälligen Katastrophe am geeignetsten, und wir beschlossen auf der Stelle, sämtliche Mitteilungen an die Presse in diesem Sinn zu halten. General von Trémont muß als eine Art von Sonderling hingestellt werden, der sich zu industriellen Zwecken mit chemischen Versuchen abgab und durch eigene Unvorsichtigkeit den Unglücksfall herbeiführte, der ihm das Leben kosten sollte.« »Mein armer Trémont! Ein so ernsthafter, vornehmer Gelehrter! Aber freilich ... die Rücksicht auf das Staatswohl geht jeder anderen vor. Sauer wird es mir aber, zur Verdächtigung eines so alten, braven Kameraden beizutragen.« »Uebereilen Sie sich nicht mit Mitgefühl, Excellenz,« fiel ihm der Oberst lächelnd ins Wort. »Es stehen Ihnen noch Überraschungen bevor, die Ihre Trauer vielleicht abschwächen werden ...« »Was wollen Sie mir weismachen?« brauste der alte Soldat auf. »Sie werden einen Jugendfreund und Kriegskameraden wohl nicht bei mir anschwärzen wollen?« »Gott behüte mich davor, Excellenz! Ich werde mich darauf beschränken, Sie über die Thatsachen zu unterrichten, deren Erforschung mir auferlegt wurde. Wenn ich Ihnen peinliche Eröffnungen zu machen habe, so denken Sie ja viel zu gerecht, um mich dafür verantwortlich zu machen ...« »Was haben diese Vorbereitungen zu bedeuten? Sprechen Sie frei heraus, Oberst, und sagen Sie mir alles!« »Das ist ja meine Absicht, Excellenz. Der Sekretär des Polizeipräsidenten hatte es also eben übernommen, den vor Ungeduld vergehenden, ungebärdigen Berichterstattern, die nur durch den Truppenkordon von der Unglücksstätte ferngehalten wurden, die zwischen uns verabredete Lesart des Falles zu unterbreiten, und den Minister des Innern vorläufig zu benachrichtigen, daß unter Umständen von der Pariser Polizei Gebrauch gemacht werden müßte, als in der Richtung des Dorfes Lärm und Unruhe entstanden. Man hörte Geschrei, einzelne Rufe, und schon wollte der Offizier eine Wache abschicken, als sich ein Mann mit Gewalt zwischen den Soldaten durchdrängte und bloßen Kopfs, mit verzerrten Zügen auf uns zugestürzt kam. »›Mein Herr! Ach mein Gott, mein guter General!‹ schrie er in wahrer Verzweiflung. ›Ja, was ist denn mit dem Haus geschehen? Kein Stein mehr auf dem anderen!‹ Jetzt stand er still, sank wie gebrochen auf einen Trümmerhaufen und fing bitterlich zu schluchzen an. Wir umstanden ihn schweigend, gerührt von seinem Jammer, bestürzt von seinen Worten, neuer wichtiger Enthüllungen gewärtig. »›Wer sind Sie denn, guter Freund?‹ fragte der Staatsanwalt. »Der Mann hob den Kopf und wischte die Augen. Wir sahen jetzt erst das biedere, verständige Gesicht. »›Der Bursche des Generals Trémont, sein Diener seit zwanzig Jahren! Ach, wenn ich dagewesen wäre, hätte das Unglück vielleicht verhütet werden, oder ich hätte wenigstens mit meinem Herrn sterben können!‹« »Aha, das war Baudoin!« rief der Minister. »Der wackere Bursche ist mit dem Leben davongekommen! Das trifft sich glücklich! Durch ihn werden wir am ehesten etwas erfahren!« »Allerdings, nur daß Excellenz den Inhalt seiner Mitteilungen vielleicht anders gewünscht hätten!« »Wieso? Wie wäre das möglich?« »Urteilen Sie selbst! Am Tag vorher war der General gegen sechs Uhr abends nach einem im Laboratorium verbrachten Arbeitstag in seinem Garten spazieren gegangen, als der Telegraphenbote von Vanves eine Depesche brachte. Der General las sie, ging gesenkten Hauptes, wie in tiefem Nachdenken, eine Weile auf und ab, dann rief er Baudoin und sagte ihm: ›Du fährst sofort nach Paris! Ich habe dringende Bestellungen bei meinem Drogisten am Sorbonneplatz zu machen. Du übergibst ihm meinen Brief und gehst dann zu Herrn Baradier, um ihm meine Grüße zu bestellen ... darauf kannst du zu Nacht essen, auch ins Theater gehen ... ich gebe dir einen Franken zum Eintrittsgeld ... morgen früh erst kannst du das Bestellte beim Drogisten abholen und kommst dann sofort damit nach Hause.‹ »Baudoin, der genau wußte, daß ihm keine Widerrede zukam, sagte sich, der General wolle ihn für zwölf Stunden aus dem Hause haben. Das verdroß den Mann, weil es sich, wie er sagt, nicht zum erstenmal und immer in gleicher Weise zutrug – ein Telegramm kommt, und er muß das Haus räumen! Die Köchin wurde nie in dieser Weise entfernt, ohne Zweifel, weil der General ihr weniger mißtraute und weil sie die Gewohnheit hatte, sehr zeitig ins Bett zu gehen, wodurch von ihrer Seite keine Ueberraschung zu fürchten war. Der General hatte demnach von Zeit zu Zeit das Bedürfnis, allein zu sein, und nahm sich die Mühe, sogar den treuen Diener zu entfernen, auf dessen Ergebenheit er doch unbedingt zählen durfte. Warum? Diese Frage beschäftigte und ärgerte den wackeren Burschen, der seine Verstimmung so wenig zu verhehlen wußte, daß der General noch hinzufügte: ›Was hast du denn? Es ist dir nicht genehm, daß ich dich nach Paris schicke und dir ein Vergnügen gönne?‹ – ›Am Vergnügen liegt mir viel weniger,‹ gab ihm Baudoin zur Antwort, ›als an meinem Dienst.‹ – ›Und zu deinem Dienst gehört, daß du meinen Befehl ausführst. Mit den gefährlichen Stoffen, die ich zu meiner Arbeit brauche, kann nicht jeder umgehen, auch möchte ich den Auftrag an meinen Freund Baradier mündlich bestellt haben ... das genügt! Morgen früh brauche ich dich, heute abend nicht.‹ – ›Zu Befehl, Herr General.‹ »Das war ihre Unterredung, Baudoin konnte sich aber nicht dabei beruhigen, ihn wurmte die Geschichte sehr. So ging er denn noch in die Küche, um herauszubringen, ob während seiner letzten Abwesenheit nichts Besonderes im Haus vorgefallen sei, und die Köchin zu fragen, ob der General gespeist habe wie sonst, ob er nach Tisch in den Garten oder auf sein Arbeitszimmer und wann er zu Bett gegangen sei, kurz, ob sie nichts Auffälliges bemerkt habe. »Die Person versicherte indes, gar nichts bemerkt zu haben, und war sehr verwundert über seine Fragen. Baudoin sah ein, daß sie meilenweit entfernt war von irgend welchem Argwohn und drang nicht weiter in sie, aber trotzdem ihm sonst der Wille seines Herrn Gesetz war, entschloß er sich, gerade aus Liebe zu ihm, sein Geheiß nicht buchstäblich zu befolgen. Er machte sich reisefertig, nahm die Aufträge und Briefe seines Herrn in Empfang, verabschiedete sich und ging auch wirklich zur Bahn, aber nur um in einer kleinen Kneipe in der Nähe des Bahnhofs zu Abend zu essen und nach Einbruch der Dämmerung zurückzukehren. In den Garten wagte er sich nicht, aus Furcht, von dem General entdeckt zu werden, aber er schlich sich in einen angrenzenden Gemüsegarten, dessen Besitzer sein Freund war, und verbarg sich in einer kleinen Hütte, die zur Aufbewahrung von Gartengeräten diente. »Von dort aus konnte er den Zugang zur Villa vollständig überblicken und sich auch im Schutz einer dichten Hecke bis an den Garten des Generals schleichen. Er machte sich's Oberst Vallenot verstummte. Nur die Vögel, die in den großen Bäumen zwitscherten, unterbrachen die tiefe Stille, die im Zimmer herrschte. Den Kopf in die Hand gestützt, blieb der Minister längere Zeit in Nachdenken versunken. »Die Umstände sind höchst befremdlich,« sagte er endlich mit einem Seufzer, »und ohne Zweifel ist hier des Rätsels Lösung zu suchen. Diese zwei Unbekannten, die nächtlicherweile heimlich zu Trémont kommen, wovon der Mann ein Ausländer ist, und deren Besuch diese furchtbare Explosion zur Folge hat – wie soll man sich das zusammenreimen? Verbrechen oder Zufall? Und wenn Verbrechen, was kann die Triebfeder sein?« Er stand auf und trat ans Fenster, dann setzte er sich wieder an seinen vorigen Platz und sah den Oberst fragend an. »Und nachdem Baudoin diese Aussage gemacht hatte, was erfolgte dann noch?« »Man hatte weitere Mannschaft aus der Festung herbeschieden, Excellenz, und die Leute mußten unter Aufsicht der Polizei eine gründliche Untersuchung der Trümmer vornehmen. Sie blieb indes ganz ohne Ergebnis. Die Zerstörung war eine vollständige: mit Ausnahme jener Zwischenwand war auch kein Stein auf dem anderen, kein Gegenstand erhalten geblieben. Doch entdeckte man nach zweistündigem Durchwühlen der Schuttmassen, denen ein ausgesprochener Dunst von Knallsalzen entströmte, eine eiserne Truhe. Die Scharniere waren ausgehoben, und der Boden tausendfach durchlöchert, wie ein Sieb, gerade als ob man ihn mit einem Bohrer mühsam bearbeitet hätte.« »Das ist eine Wirkung der Sprengung,« unterbrach der Minister den Berichterstatter. »Sie wissen ja, daß bei unseren Shrapnels auch derartige Brüche vorkommen. Jedenfalls ist die Erscheinung beachtenswert, denn möglicherweise ist die Explosion gerade vom Inneren dieser Truhe ausgegangen. Sie ist doch aufbewahrt worden?« »Sie wurde dem Staatsanwalt übergeben.« »Möglicherweise muß das Kriegsministerium sie zurückfordern, um Untersuchungen über die Natur des Sprengstoffs anstellen zu lassen. Aber fahren Sie nur fort! Was ist aus dem Wagen geworden, der vor dem Thore hielt?« »Der Wagen muß vor Ausbruch der Explosion abgefahren sein, denn es hat sich nirgends eine Spur davon vorgefunden. Auf Nachfrage erhielt man von der Oktroistelle die Auskunft, daß ein zweispänniges Coupé gegen elf Uhr nach Paris zurückgekehrt ist. Der Angestellte, der die üblichen Förmlichkeiten zu erledigen hatte, erinnerte sich deutlich, daß auf seine Frage: ›Haben Sie Steuerbares?‹ eine Frauenstimme die Antwort gab: ›Nichts.‹ Die Wache vom Fort gibt an, daß die Explosion gegen drei Uhr morgens stattgefunden habe.« »Demnach wäre also der Mann mit der ausländischen Betonung nach Abfahrt des Wagens zurückgeblieben?« »Das ist außerordentlich wahrscheinlich.« »Sie wissen es nicht gewiß?« »Ich habe den Schluß der Aufnahme nicht abgewartet, um Ihnen rascher berichten zu können, was ich wußte, habe aber den Agenten dort gelassen mit dem Auftrag, ins Ministerium zu eilen, sobald die Sache zum Abschluß gebracht wäre.« »Am Ende ist er schon hier? Klingeln Sie doch!« Der Oberst drückte auf den Klingelknopf. »Ist Laforêt gekommen?« fragte er den sofort erscheinenden Diener. »Soeben kommt er an.« »Führen Sie ihn her.« Ein fester Tritt, eine mit Vorsicht zugeklinkte Thüre, ein lautes Räuspern, und der Agent stand in stramm militärischer Haltung vor seinen Vorgesetzten. Der Minister sah sich das ehrliche, mannhafte Gesicht prüfend an und sagte dann in befehlendem Ton: »Der Herr Oberst hat mir berichtet, was vor seiner Abreise von Vanves festgestellt war, ergänzen Sie den Bericht ... nehmen Sie doch Platz, Vallenot.« »Excellenz, ich will ohne Umschweife die wichtigste Entdeckung voranschicken,« sagte Laforêt. »Die Leiche des Generals von Trémont ist gefunden worden.« »Unter den Trümmern?« rief der Oberst. »Nein, Herr Oberst, im Garten. Man hatte sich nur mit dem Haus und den Schuttmassen beschäftigt, solange Herr Oberst da waren. Später durchforschte man das Gebüsch im Garten und fand unmittelbar bei dem kleinen Gitterthor der Gartenmauer die Leiche des Generals.« »Wie! Bis dorthin soll ihn die Sprengung geschleudert haben?« »Der General ist nicht durch die Explosion getötet, nicht fortgeschleudert worden, er wurde durch einen Messerstich, der am linken Schlüsselbein eindrang, getötet. Als die Explosion stattfand, war er längst tot, und ohne Zweifel ist sein Mörder auch deren Urheber.« »Der Mann mit der ausländischen Betonung?« »Der Begleiter der Dame, die vom General ›Baronin‹ genannt wurde?« Der Agent zuckte nicht mit der Wimper bei diesen hastigen Fragen. Nach kurzer Ueberlegung sagte er ruhig: »Ja, derselbe, der seinen Arm in den Trümmern zurückgelassen, der nur durch ein Wunder beim Aufbrechen der Truhe dem Tod entging, der Mann Namens Hans.« »Ja, worauf begründen Sie denn die Annahme, daß er überhaupt dem Tod entgangen sei?« fragte der Minister. »Darauf, daß ich seine Spur außerhalb des Gartens verfolgen konnte, auf der Landstraße, die er mit seinem Blut begoß. Der Mann muß eine unerhörte Willensstärke gehabt haben, um sich, verstümmelt wie er war, zu retten, ins offene Feld zu flüchten und vermutlich irgend einen Gemüsekarren aufzutreiben, der ihn in der Frühe nach Paris brachte. ... Doch das ist eine Untersuchung für sich, eine Fährte, der man nachspüren muß.« »Ihrer Ueberzeugung nach ist es also der Begleiter der Dame, der den General getötet hat?« »Ja, Excellenz, und zwar höchst wahrscheinlich in dem Augenblick, als der General die Dame zum Wagen führte. Zwei Schritt vom Thor ist die That ausgeführt worden. Der Weg ist zerstampft, wie wenn ein Kampf stattgefunden hätte, und die Leiche lag im Gebüsch. Man sieht deutlich, wie sie hineingeschleppt worden ist, die Beine haben Streifen im Sand gezogen ... möglich, daß die Frau dabei geholfen hat. Jedenfalls ist sie davongefahren, nachdem der Mord begangen war, der Mann aber geblieben. Er hat den General seiner Schlüssel beraubt, die er immer bei sich trug, und die nirgends aufgefunden werden können. Auch Uhr und Brieftasche hat er ihm genommen, wohl um einen Raubmord vorzutäuschen, darauf ist er ins Haus gegangen und hat sich im Laboratorium ans Werk gemacht ... nur ums Laboratorium war es ihm zu thun.« »Woraus schließen Sie das?« »Aus Aeußerungen des Dieners Baudoin. Kürzlich sei der General aus dem Laboratorium heruntergekommen, als Baudoin gerade sein Zimmer in Ordnung brachte. Händereibend sei er hin und her gegangen und habe dabei halblaut vor sich hingebrummt: ›Dieses Mal halt ich's, das Glück! Wir wollen nur sehen, was Hans für Augen machen wird!‹ Der General hatte sich in der Woche vorher förmlich verbissen gehabt in einen Versuch, der zuerst fehlgeschlagen war, wovon er aber Großes erwartete ... schon einigemal hatte er seinen Diener unter irgend einem Vorwand entfernt, jedenfalls um bei Nacht geheimnisvolle Besuche zu empfangen.« »Gut, nehmen wir an, daß Ihre Voraussetzungen richtig sind,« sagte der Minister, von der lebhaften Darstellung gefangen genommen. »Aber welche Rolle schreiben Sie der Dame zu?« »Die ist am leichtesten zu erklären, Excellenz, und dafür haben wir mehr Anzeichen und Beweise, als nötig wären,« versetzte der Agent. »Wir sind vollständig berechtigt, an ein Liebesabenteuer zu glauben. Des Herrn Generals Schwäche für die Frauen ist bekannt, und wir dürfen ohne weiteres annehmen, daß er dieser zum Opfer gefallen ist. Von den Arbeiten des Generals weiß ich nichts, über die Versuche, die er in seinem Laboratorium anstellte, bin ich nicht unterrichtet, aber die Zeitungen haben sich des öfteren damit beschäftigt. General von Trémont war Mitglied der Akademie der Wissenschaften und hatte einen weitverbreiteten Ruf als Gelehrter. »Setzen wir also voraus, daß Herr von Trémont eine Entdeckung gemacht habe, die für die Zukunft der europäischen Heere bedeutungsvoll gewesen wäre und daß irgend eine der Mächte sich darüber zu unterrichten, ja die Entdeckung an sich zu bringen gewünscht habe? Nun gut ... daß die Frauen gerade in unserem Land schon oft wichtige Rollen als politische Unterhändler gespielt haben, wissen wir ja nur zu wohl! Der General war trotz seiner Jahre ein Mann galanter Abenteuer ... man führt ihm also, scheinbar zufällig, eine junge, schöne, geistreiche Dame zu, und er verliebt sich. Allein die Dame wird überwacht, sie muß sehr vorsichtig sein, Rücksichten nehmen, ist nicht in der Lage, ihren Anbeter bei sich zu empfangen ... folglich muß sie zum General kommen. Ein gefälliger Freund, ein Verwandter, vielleicht ein Bruder, leistet Hilfe, begleitet die Schöne, knüpft, um einen eifersüchtigen Ehemann zu täuschen, unterm Deckmantel wissenschaftlicher Interessen, Verkehr mit dem General an, und wählend der ältliche Liebhaber im siebenten Himmel schwebt, schnüffelt der gefällige Begleiter alles aus, stellt geschickte Fragen und erschleicht sich das Vertrauen des Mannes, dem er solchen Dienst leistet. Die Liebe schläfert die Furcht ein, ein süßes Lächeln läßt alle Vorsicht vergessen, und eines schönen Abends stellt sich das unbekannte Paar wieder bei dem General ein, der ohne Zweifel seiner großen Entdeckung sicher geworden ist. Die Frau sucht ihm das Geheimnis zu entlocken, es gelingt ihr aber nicht, der Mann entschließt sich zum Aeußersten, der General fällt. Die Mitschuldige entflieht, der Mörder bemächtigt sich der Schlüssel, durchsucht das Laboratorium, will die Truhe erbrechen, worin der geheimnisvolle Schatz geborgen ist, allein die furchtbare Sprengmasse, mit der er nicht umzugehen versteht, rächt ihren Schöpfer und vernichtet das Geheimnis ihrer Herstellung zugleich mit dem Räuber, der danach trachtet. Auf diese Weise können wir uns den Vorgang lückenlos zusammenreimen, Excellenz, aber ich verhehle mir gar nicht, daß dies eben nur eine Vermutung, eine Lesart ist – es mögen ihrer mehrere, wenn auch kaum wahrscheinlichere aufgestellt werden. Gewißheit haben wir vorläufig nur darüber, daß der General von Trémomt ermordet wurde, und zwar durch eine der beiden Personen, die heute nacht in der Villa empfangen worden sind, und daß die Explosion, die später eintrat als der Mord, durch die Unvorsichtigkeit des Mannes Namens Hans entstand, sowie daß dieser dabei schwer verwundet wurde.« Der Minister und Oberst Vallenot tauschten einen Blick aus, dann sagte die Excellenz: »Ich danke Ihnen, Laforêt. Beschäftigen Sie sich bis zu neuem Auftrag nicht mehr mit dem Fall, der jetzt in den Händen der bürgerlichen Justiz liegt. Wenn wir ergänzende Nachforschungen nötig haben, werde ich Sie damit betrauen. Vorläufig sind Sie entlassen. Hüten Sie sich wohl, auch nur ein Wort über die Angelegenheit zu verlieren.« Laforêt verbeugte sich, grüßte militärisch und verließ das Zimmer in ebenso ruhiger Haltung, wie er eingetreten war. Die beiden Offiziere sahen sich schweigend an; jeder war auf seine Weise mit den Einzelheiten der Tragödie beschäftigt, deren thatsächliche Aufklärung die psychologische Erklärung wenig förderte. Die Schuldigen, der Mann wie die Frau, waren offenbar mit solcher Umsicht verfahren, daß auf ihre Entdeckung kaum zu rechnen war, nur der abgerissene Arm bot einen Anhaltspunkt. Der Verwundete konnte ja unmöglich weit gekommen sein, vielleicht daß er unterwegs erschöpft liegen geblieben war, vielleicht daß Nachfragen auf dem Gemüsemarkt, in den Hallen, auf seine Spur führen würden. Ohne Zweifel war die Polizei schon in voller Thätigkeit und hatte ihre feinsten Spürnasen in Bewegung gesetzt. »Ein Teufelskerl, dieser Trémont!« warf der Minister hin. »Wissen Sie denn, daß er älter war als ich, Vallenot? Er hat als Brigadegeneral, noch ehe die Altersgrenze erreicht war, seinen Abschied genommen, um sich ungehemmter seinen wissenschaftlichen Untersuchungen widmen zu können, und zwar weil er Geld brauchte. Die Weiber – ach mein Bester, man ahnt gar nicht, welche Plage sie für den Offizier sind! Alle großen und kleinen Dummheiten, verpfuschten Carrieren und Selbstmorde vom Leutnant bis zum Feldmarschall haben die Weiber auf dem Gewissen!« »Sehr richtig, Excellenz,« stimmte der Oberst bei. »Gerade auf diesen Punkt wollte ich kommen, als ich zu Anfang meines Berichtes die Bemerkung machte, daß wir uns nach Erwägung der festgestellen Thatsachen mit ihren inneren Beweggründen zu beschäftigen haben werden. Wir haben einen Mord, höchst wahrscheinlich einen Raubversuch und ein durch Sprengstoffe zerstörtes Haus, aber aus welchen Ursachen sind all diese verbrecherischen Handlungen hervorgegangen?« »Da liegt der Hund begraben! Ich verstehe wohl, was Sie denken ... Sie vermuten mehr als ein gewöhnliches Verbrechen, eine sehr heikle, sehr komplizierte, ja sehr gefährliche, weitverzweigte Geschichte ...« »Allerdings, Excellenz, schon weil wir in solchen Fällen die Hände nicht frei haben, durch Diplomatie und Politik im Vorgehen gegen die Schuldigen gehemmt sind, mitunter auch durch ganz unerwartete Teilhaberschaft an dem Verbrechen, eine Teilhaberschaft, die wir zu schonen, zu umgehen, und schließlich frei ausgehen zu lassen gezwungen sind. Darf ich Ihnen die Fälle aufzählen, Excellenz, worin wir im Lauf der letzten Jahre nichts ausrichten konnten?« »Sie meinen Spionage und Verrat?« »Ja, Excellenz.« »Nicht nötig, ich weiß so ziemlich, was in Ihren Archiven aufgespeichert ist. Seit wann sind Sie im Kriegsministerium, Vallenot?« »Seit zehn Jahren, Excellenz, freilich mit mehrfacher Unterbrechung durch Frontdienst. Ich wurde in verschiedenen Abteilungen verwendet und kenne jetzt so ziemlich alle. Ununterbrochen werden wir trotz aller Abwehr vom Ausland mit einer Vermessenheit, Waghalsigkeit und Beharrlichkeit ohnegleichen ausgeplündert, und immer waren es Frauen, die uns die schwersten Schädigungen zufügten. Sobald dieser Baudoin von der nächtlich erscheinenden Dame anfing, haben denn auch meine Gedanken eine ganz bestimmte Richtung eingeschlagen.« »Erklären Sie sich!« »Excellenz, diese geheimnisvolle Unbekannte, die, Tod und Verderben hinterlassend, verschwunden ist, tritt nicht zum erstenmal in unseren Gesichtskreis, dafür möchte ich gutstehen! Ihr Verfahren ist immer dasselbe – sie wirft ihre Netze aus nach dem Mann, den sie im Besitz eines wichtigen Geheimnisses weiß oder glaubt, verführt ihn, treibt ihn zum Wahnsinn und zum Verrat. Hat sie ihm entlockt, was sie wissen wollte, so wirft sie ihn zur Seite wie ein lästig gewordenes Spielzeug. Ihren Erfolgen nach zu urteilen, muß sie eine mächtige Verderberin sein, der so leicht keiner widersteht. Sie weiß das Gift ihrer Liebe wohl abzuwägen und geschickt einzuträufeln, die edelsten Geister, die strengsten Gewissen, die tapfersten Seelen erliegen dem Zauber. Erinnern Sie sich des unglücklichen Cominges, der sich eines schönen Tages erschossen hat, ohne daß je bekannt geworden wäre, was ihn dazu trieb? Die Frau war aufgetaucht, Cominges war ihr Sklave geworden – ein Teil unserer Mobilisierungspläne war verraten. Cominges hat vor seinem Tod mit heiligem Eid versichert, die Pläne seien aus seinem Haus gestohlen worden, während er bei ihr gewesen sei. Er hatte das Unrecht begangen, diese Pläne mit sich in seine Wohnung zu nehmen, und das noch größere, davon zu sprechen ... der arme Bursche hatte an seine Geliebte geglaubt! Er war ein Ehrenmann, ein braver Soldat gewesen – ein Pistolenschuß war das Ende vom Lied.« »Und wie hieß die Dame?« »Frau Ferranti. Sie hatte ihren Verkehr mit Cominges in tiefstes Geheimnis gehüllt, angeblich aus Rücksicht auf ihre Verwandten, trotzdem hatte einer unserer Agenten sie gekannt. Sechs Monate darauf starb er – es war ein Unglücksfall. Er fuhr eines Abends von Auteuil herein, und zwar saß er auf dem Verdeck des Wagens; später wurde im Tunnel seine Leiche aufgefunden, es hieß er müsse sich zu weit vorgebeugt haben und abgestürzt sein. »Das Jahr darauf ließ sich der kleine Hauptmann Fontenailles, ein reizender Mensch, der uns allen ans Herz gewachsen war, durch eine Frau, die keiner von uns kannte, und die man daher die ›Lichtscheue‹ getauft hatte, sogar verlocken, den Schlüssel der Chiffreschrift herzugeben. Sobald es gethan war, erkannte er die Tragweite seines Vergehens und vertraute sich dem Regimentskommandeur an, der seine Unvorsichtigkeit durch rasche Abänderung der Zeichen wieder gut machte. Fontenailles nahm am Feldzug in Tonkin teil und fand einen ehrlichen Soldatentod.« »Und das soll immer ein und dieselbe Frau gewesen sein?« »Die Kameraden waren der Meinung, daß Cominges' Frau Ferranti und Fontenailles' ›Lichtscheue‹ die nämliche Person sei, gesehen hatte sie ja keiner. Auch in der Gibson, die in der Luftschiffergeschichte eine so verhängnisvolle Rolle gespielt hat, glaubt man sie zu erkennen, und wie manche Fälle sind gar nicht oder höchst unvollständig bekannt geworden. Immer dieselbe Lichtscheue, mit demselben Verfahren: Verführung, Verrat, hinter ihr Zusammenbruch, Blut und Thränen.« »Und seit wann übt denn die Dame dieses niedliche Handwerk aus?« »Seit mindestens zehn Jahren, Excellenz, und in keiner ihrer Gestalten hat man sie je fassen können. Nach vollbrachter That taucht sie unter und ist verschwunden. Sie gleicht dem Aal, der sich in den Schlamm verkriecht, bis das Wasser wieder ruhig geworden ist, und weiß jede Verbindung abzuschneiden. Excellenz werden sehen, daß wir abermals im Dunkeln tappen. Eine Zeitlang wird man suchen und forschen, dann wird der Eifer nachlassen und schließlich kommt das Aktenfascikel zur Ruhe, höchstens daß die Verwundung des Mitschuldigen uns diesmal auf die Strümpfe helfen könnte. Wenn wir nur den geringsten Anhaltspunkt haben, so werde ich alles daran setzen, daß wir in diesem Fall unseren Zweck erreichen, schon um unsere armen Kameraden zu rächen.« »Und die Wiederholung derartiger Unfälle zu vermeiden, denn Sie werden mir zugeben, Vallenot, daß es eine starke Zumutung ist, dem Ausland unsere wichtigsten Geheimnisse preiszugeben, als ob sie auf dem offenen Markt zu haben wären!« »Wir sind zwar über die des Auslands auch recht wohl unterrichtet.« bemerkte Vallenot mit minder entrüsteter Miene. »Im ganzen heißt es auf diesem Gebiet: wie du mir, so ich dir, und so war es von jeher. Während sich Rußland im Jahre 1812 die Armeeliste des Kaisers zu verschaffen wußte, schickte Caulaincourt die Kupferplatten der russischen Karten an Napoleon ... ich greife auf geschichtliche Thatsachen zurück, um nicht an die jüngste Vergangenheit zu rühren, aber bei Licht besehen, sind unsere wichtigen Geheimnisse eben keine solchen, und wenn unsere Aussichten im Kriegsfall nur auf Geheimhaltung der Mobilisierung beruhten ...« »Vor allen Dingen müßte man eben die Presse unterdrücken können,« brummte der Minister. »Und das kann man eben nicht! In diesem Fall aber haben wir ein Reinigungswerk auszuführen, und da muß man alles aufbieten ...« »Vorläufig ist das Sache der bürgerlichen Gerichte.« »Offiziell, ja, Excellenz, wir können aber in aller Stille auch unser Möglichstes thun ...« »Ach Vallenot! Die Moral von der Geschichte ist, daß die Offiziere zu viel Liebschaften haben!« »Wenn Excellenz ein Mittel wissen, dagegen reglementsmäßig vorzugehen, soll's mich freuen,« sagte der Oberst lachend. »Dieser alte Trémont! Mit sechzig Jahren! Allerdings hätte man ihm höchstens fünfzig zugetraut, so stramm und frisch und elastisch war er. Und in welcher Lage er wohl seine Tochter zurückläßt?« »General Trémont war Witwer?« »Längst, das ist ein mildernder Umstand für ihn! Aber er hat eine Tochter, noch in der Klosterschule, achtzehn Jahre alt, ohne Mitgift. Zum Glück ist ja Baradier da ...« »Vom Bankhaus Baradier \& Graff?« »Ja. Er hat den Krieg von 1870 mitgemacht, ein in der Wolle gefärbter Patriot, kann ich Ihnen sagen. Sein Sohn Marcel, ein prächtiger Junge, der Chemie studiert hat, pflegte viel mit Trémont zu arbeiten. Marcel befaßte sich zwar hauptsächlich mit Pflanzen und mineralischen Farbstoffen, weil sein Vater ausgedehnte Wollspinnereien besitzt, aber das Laboratorium des Generals stand ihm offen und er hatte sicher Einblick in dessen Arbeiten. Durch diesen jungen Mann würde man am ehesten etwas darüber erfahren können.« »Diese Baradiers sind sehr reich?« »Ungeheuer. Ein sicher gestelltes Vermögen, das durch die Bank und die Spinnerei fortwährend Zuwachs erhält. Graff, Baradiers Schwager, ist hauptsächlich an der Börse thätig, Baradier selbst mehr Fabrikant, beide arbeiten von früh bis spät, und die Millionen häufen sich trotz der Nebenbuhlerschaft des Hauses Lichtenbach, das der Bank am liebsten den Garaus machen würde.« »Konkurrenzneid?« »Mehr als das, persönlicher Haß, dessen Wurzeln weit zurückreichen und sorgfältig genährt werden. Man erzählt sich, Lichtenbach habe Graffs Schwester heiraten wollen und könne es nie verwinden, daß Graff sie ihm verweigert und Baradier gegeben habe, kurz zwischen den beiden Familien muß mancherlei vorgefallen sein, was sie unversöhnlich macht.« »Aber ein Zusammenhang zwischen diesen Feindseligkeiten und der Ermordung des Generals Trémont ist nicht anzunehmen?« »Unmöglich! Lichtenbach ist ein eifriger Katholik, der der orleanistischen Partei angehört, und verbrecherischer Handlungen unfähig. Was könnte ihm überdies an Trémonts Leben oder Tod liegen?« »Könnten die Entdeckungen des Generals nicht von großem geschäftlichen Wert sein für das Haus Lichtenbach?« »Ohne Zweifel! Aber wir wissen, daß Trémont in letzter Zeit hauptsächlich an der Herstellung von Sprengstoffen gearbeitet hat, deren verheerende Wirkung Sie ja leider gesehen haben.... Allerdings könnte dieses Pulver ja auch in der Industrie Verwendung finden: bei Bergwerken, Erdarbeiten, Tunnelbohrungen würde es vielleicht das Dynamit ersetzt haben. Trémont wußte auch sehr wohl, daß es Reichtum bedeutete, aber nun ist ja die ganze Erfindung samt ihren zukünftigen Früchten in Rauch aufgegangen.« »Vorausgesetzt, daß der junge Baradier nicht in das Geheimnis der Herstellung eingeweiht ist.« »Alle Wetter! Das ist eine Idee!« Es schlug drei Uhr. Der Minister stand auf und griff nach Hut, Stock und Handschuhen. »Excellenz gehen aus?« »Ja, ich möchte die ganze Sache mit Baradier besprechen. Frau Baradier nahm immer besonderen Anteil an Trémonts Tochter, und ich möchte dem jungen Mädchen meine Teilnahme persönlich aussprechen. Ihr Vater stand mir sehr nah; schon auf der Schulbank saßen wir beisammen und er war mein Kriegskamerad in Mexiko und bei Metz. Ein braver Soldat war er, der den Tod auf dem Schlachtfeld wohl verdient hätte! Aber das sind so Schicksalstücken und keiner kann sich seine Todesart herauslesen! Auf morgen, Vallenot! Falls Sie Neues erfahren, telephonieren Sie mir.« Der Oberst begleitete seinen Vorgesetzten bis zur Haupttreppe und kehrte dann in seine eigene Amtsstube zurück. Zweites Kapitel. In einem alten Patrizierhaus der Provencerstraße, das im Hintergrund eines geräumigen Hofes steht, ist seit länger als fünfzig Jahren das Bankgeschäft von Baradier \& Graff eingerichtet. Infolge des Krieges von 1870 hat sich in der Geschäftswelt die Bezeichnung Elsaß-Lothringische Bank dafür eingebürgert, ja man nennt sie kurzweg die Lothringerin«. Baradier \& Graff führen diesen Namen nicht als Firma, aber der patriotische und deutschfeindliche Anstrich, der ihrem Geschäft dadurch verliehen wird, ist ihnen willkommen und schmeichelhaft, denn sie sind persönlich eifrige und ehrliche Patrioten, die seit dem Ausgang des Krieges Metz nicht wieder betreten haben. Andererseits mochten sie sich aber auch nicht von ihrem Grundeigentum trennen, und so haben sie denn auch auf deutschem Gebiet festen Fuß behalten. Baradier ist ein Mann von fünfundfünfzig Jahren, untersetzt, zur Fettleibigkeit neigend, mit stark gerötetem, fröhlichem Gesicht und hellen blauen Augen; Graff ist groß und schlank, er trägt die langen dunklen Haare schlicht hinters Ohr zurückgekämmt, das bartlose Gesicht hat einen fast abstoßend verschlossenen Ausdruck. Wie im Aeußeren, so sind diese beiden Associés auch im Wesen vollständige Gegensätze, denn der zuvorkommende, lebenslustige Baradier ist ein herrischer, nüchterner Geschäftsmann; der steife, frostige Graff hat die Empfindlichkeit und Erregbarkeit einer Dichterseele. Man kann sich kein besseres Gespann denken. Der Phantasie des einen legt die Besonnenheit des anderen Zügel an, der herrische Sinn des einen wird durch die wohlwollende Milde des anderen gemäßigt. In der Geschäftswelt ist die glückliche Verschmelzung dieser Gegensätze auch wohl bekannt, und nie verläßt ein Kunde, der bei Baradier abgewiesen wurde, das Haus, ohne noch bei Graff vorzusprechen, seine Vermittelung nachzusuchen und das tröstliche Wort: »Lassen Sie mich nur machen; ich werde schon dafür sorgen!« als Balsam auf die Wunde gelegt zu bekommen, worauf dann in der Regel ein für beide Teile befriedigendes Abkommen zu stande kommt. Lange Erfahrung hat nämlich die beiden Geschäftsfreunde gelehrt, die Verschiedenheit ihrer Veranlagung selbst auszunützen, und Baradier gibt sich das Ansehen, alles entzwei zu schlagen, in der Gewißheit, daß Graff ein Vergnügen daran finden wird, den Schaden zu kitten. Baradier ist Familienvater; er hat einen Sohn von sechsundzwanzig und eine Tochter von achtzehn Jahren. Beide Kinder sind von der Mutter trefflich erzogen. Der gefühlvolle, schwermütige Graff ist Junggeselle geblieben und schickt sich an, der prächtigste Erbonkel in ganz Frankreich zu werden, wie sein Neffe Marcel oft im Uebermut sagt. Er liebt die Kinder seiner Schwester, als ob sie sein eigenes Fleisch und Blut wären, und so oft Marcel einen dummen Streich macht, sucht er beim Onkel Hilfe, weil der Vater so schwer »weichgibt«. Vater und Sohn sind leider nicht immer voneinander erbaut: der im Reichtum aufgewachsene Sproß, der früh erfahren hat, welcher Handelswert seinem Namen innewohnt, führt sich nicht immer zur Zufriedenheit der Seinigen auf. »Nichts Ernstliches!« sagt indes der Onkel Graff. »Es handelt sich ja nur um Geld.« So beurteilt der schweigsame, bedürfnislose Mann, der außer für seinen Haushalt nur für wohlthätige Zwecke Geld braucht, die Schulden, die sich der junge Marcel von Zeit zu Zeit durch ihn bezahlen läßt. So oft er ihn des Abends nach dem Essen aufsucht, weiß Onkel Graff, was die Uhr geschlagen hat. Er macht dann ein noch schwermütigeres Gesicht als gewöhnlich, vergräbt sich ganz in seinen Lehnstuhl und fragt mit hohler Stimme: »Und was noch?« Während dann der junge Mann sein Mißgeschick schildert, Verluste auf dem Rennplatz oder am Spieltisch, Ausgaben für irgend eine entzückende kleine Sängerin, die ihm ein steinreicher Ausländer streitig macht, betrachtet sich der Onkel den Neffen, ohne im geringsten seinen Bekenntnissen zu folgen. »Ein reizender Bursche,« denkt er bei sich. »Wie sollte ein Mensch, der so aussieht, keine Dummheiten machen? Natürlich reißt man sich um ihn, und weshalb sollte er sich ein Vergnügen versagen? Wozu würden denn Baradier \& Graff den lieben langen Tag rechnen, wozu die Börsen von London, Petersburg und Berlin überwachen, von der Pariser gar nicht zu reden, wenn dieser bildhübsche, elegante, geistvolle, vornehme junge Mensch sich nicht amüsieren könnte, indes sie arbeiten? Genieße du nur, was dein Onkel nie genossen hat und nicht zu genießen verstünde, sei du der Prinz und laß ihn das Geld schaffen! Laß dich küssen von den hübschen Mädchen, von denen er geträumt hat, um in ihrer Gegenwart linkisch und verlegen zu verstummen. Zeige dich auf dem Rennplatz und wetteifere in Pferden und Wagen mit den Söhnen der ersten Häuser, deine Mittel, die Mittel des Hauses Baradier \& Graff, erlauben dir das. Nur übertreibe nichts, um deiner Gesundheit willen, und mache deinem alten Onkel immer die Freude, daß er es sei, der dir Dienste leistet!« Derlei Gedanken ließ der Onkel Graff aber beileibe nicht laut werden, er sagte vielmehr in dem lothringischen Tonfall, den er nie losgeworden war: »Mein lieber Marcel, du bist ein Schaf! Läßt dir von geriebenen Gaunern und Dirnen das Fell über die Ohren ziehen! So führt man sich nicht auf, wenn man der Sohn von Baradier \& Graff ist! Wenn dein Vater solche Geschichten erführe, da bekämst du nette Dinge zu hören! Und was soll ich ihm sagen, wenn er mir den Vorwurf macht, deinen Leichtsinn zu unterstützen? Er hat vollkommen recht und ich begehe ein Unrecht, wenn ich dir Geld gebe, das du so thöricht verbrauchst. Ist dir vielleicht erinnerlich, wieviel du seit Neujahr von mir erhalten hast?« Damit macht er Miene, in seinen Büchern nachzuschlagen, und dann ruft Marcel erschrocken und abbittend: »Onkel Graff! Es ist ganz gewiß zum letztenmal, daß ich ...« »Wenn's nur nicht immer das letzte Mal wäre! Aber was soll man machen? Ist sie denn gar so hübsch, hm, mein Freund?« Dann stimmt Marcel einen verliebten Lobgesang auf die jeweilige Dame seines Herzens an; der Onkel wird gerührt und gibt ihm, was er haben will. Wenn aber Marcel Baradier auch dumme Streiche machte, so versäumte er deshalb doch die Arbeit nicht, und darin lag die Entschuldigung für Onkel Graffs Schwäche. Durch seine ungewöhnliche Begabung hatte es der junge Mensch ohne Anstrengung sehr weit gebracht im Studium. Er war einer jener widerstandsfähigen und ausdauernden Blonden der Ostmark, die Frankreich von jeher seine besten Soldaten geliefert hat. Ihn hatte die Laufbahn des Offiziers nicht gelockt, obwohl ihn der General von Trémont gern als Artilleristen gesehen hätte. Trémonts Laboratorium zog ihn mehr an, als dessen Uniform, und unter Leitung des väterlichen Freundes hatte er interessante Versuche mit mineralischen Farben angestellt, die den Vater in die angenehme Lage versetzten, mit Stolz sagen zu können: »In unserer Fabrik werden Färbverfahren angewendet, die mein Sohn erfunden hat und die unser ausschließliches Eigentum sind.« Das war denn auch die Waffe, die der Onkel tapfer schwang, so oft es galt, Marcel zu verteidigen. »Du weißt ja selbst,« sagte er dann zu seinem Schwager, »daß dein Sohn ein höchst begabter Mensch ist und daß ihm die Fabrik viel verdankt.« »Wenn er nur dabei auch vernünftig werden wollte!« polterte dann Baradier. »An der Begabung fehlt's freilich nicht, aber am Willen, sie richtig anzuwenden. Der Schlingel arbeitet einen Monat im Jahr, um während der übrigen elf zu faulenzen!« Seit einiger Zeit schien Marcel indes vernünftiger zu werden, oder vielmehr seine Arbeiten fesselten ihn derart, daß er keine Zeit zu dummen Streichen hatte. Er blieb des Abends meist zu Hause, ja, er hatte sogar seinen Klub aufgegeben, und wäre er nicht am Sonntag zu den Rennen gefahren, hätte man ihn für einen bekehrten Sünder halten können. Baradier wie Graff beobachteten diese Wandlung mit heimlichem Staunen, der Vater mit Spannung, der Onkel mit Besorgnis. »Bei diesem Jungen müßt Ihr auf merkwürdige Anwandlungen gefaßt sein,« hatte der General Trémont gesagt, als beide ihm ihre Beobachtungen vorgetragen hatten, »denn er ist eben ein ungewöhnlicher Mensch. Außerordentlich talentvoll! Zur Zeit beschäftigt er sich mit Herstellung farbiger Photographieen und bereits hat er wirklich überraschende Erfolge erzielt. Laßt ihn gewähren und ungestört seinen Weg gehen, der kommt schon ans Ziel!« Das war für Graff ein Triumph gewesen und für den Vater eine große Genugthuung. Marcel selbst war sich nicht einmal bewußt, daß er den Seinigen Rätsel zu raten gab; er war fast ein Fremdling in Paris geworden. Seit drei Wochen hielt er sich in der väterlichen Fabrik von Ars nahe bei Troyes auf und erschien nur hin und wider, um die Mutter flüchtig zu begrüßen und gleich nach Vanves zu eilen, wo er dem General über seine Arbeiten berichtete. Es waren köstliche Stunden, wenn der alte Chemiker und der junge Erfinder ihre Erfahrungen und Beobachtungen austauschten, um dann beim Frühstück auch über die Frauen zu plaudern. Dem General, dessen Herz so jung und feurig geblieben war wie das seines Schülers, konnte Marcel alles anvertrauen, und der väterliche Freund beneidete ihn im stillen um seine Jugend und freute sich der Kraft und Klugheit dieses jungen Menschen, der für den Genuß gleich befähigt war wie für den Ernst der Arbeit. Trotz der Gewitterwolken, die Marcels Leichtsinn gelegentlich an ihrem Horizont aufsteigen ließ, wäre das Leben für die Baradiers und für Graff sonnig und friedlich dahingeflossen, hätte das Schicksal ihnen nicht die Lichtenbachs in den Weg gestellt. Der Chef des Hauses, Elias Lichtenbach, war der Sohn eines jüdischen Alteisenhändlers in Passy-sur-Moselle und hatte zugleich mit Graff die Schule in Metz besucht. Graffs Vater, ein Bierbrauer, hatte mit dem alten Lichtenbach in einer gewissen Geschäftsverbindung gestanden, indem er zersprungene Gläser, Faßreifen und alte Fässer an ihn verkaufte und den Juden, den er für sehr arm hielt, gern ein Sümmchen verdienen ließ. Moses Lichtenbach war eine ganz Metz vertraute Erscheinung gewesen, wenn er neben seinem alten Schimmel durch die Straßen gezogen war, um die Waren verschiedenster Gattung auf seinen Karren zu laden. Er war eine Art von Lumpensammler im großen und befreite die Hausfrauen von jeglichem Geräte und Geschirr, das, dienstuntauglich geworden, den Platz versperrte. Viel zahlte er natürlich nicht, aber geschenkt nahm er auch nichts, und wenn man beinahe beschämt ihm zersprungene Ofenroste, geborstene Töpfe, zerfetzte Teppiche, abgebrochene Schippen, ja altes Packstroh mitgab und ihm den Vorschlag machte, daß er dieses Gerümpel als Lohn fürs Fortfahren behalten solle, so erwiderte er: »Nein, nein. Jedes Ding hat seinen Wert, ich zahle nicht viel, aber ich zahle!« Darein setzte er nun einmal seinen Stolz, die Geschäftsehre, und wer ihn achselzuckend für einen Narren erklärte, der sich mit Unbrauchbarem belaste, war sehr im Irrtum. Für Moses hatte wirklich jedes Ding seinen Wert gehabt, was man inne ward, als er nach dem Krieg Metz verließ und in Parts in der Chaussee d'Antinstraße ein Lädchen aufthat. über dessen Thüre zu lesen stand: »Lichtenbach, Wechsler.« In diesem bescheidenen Lokal fing der Alteisenhändler von Passy an, statt rostiger Nägel und Scherben, bares Geld umzusetzen. Dieser Umgestaltung seines Gewerbes waren freilich große Ereignisse vorangegangen. Die ersten Kanonenschüsse bei Forbach waren für die meisten, die im Weichbild von Metz wohnten, das Zeichen zum Aufbruch gewesen, nur die unlöslich mit dem Boden verwachsenen Gärtner und Bauern waren auf ihrer Scholle geblieben. Wer Bewegungsfreiheit hatte, flüchtete sich und seine Siebensachen in die Städte, auf allen Landstraßen wimmelte es von Möbelwagen, Karren und Herden. Die meisten Flüchtlinge zogen sich ins Innere von Frankreich, Moses Lichtenbach dagegen ging dem Feind entgegen. Er war, allen unnützen Kram in seinen Vorratskammern in Passy zurücklassend, mit sechs sorgfältig verdeckten Leiterwagen in Metz eingezogen und hatte sich mit seiner Frau und seinem Sohn Elias in einem kleinen Haus nahe bei der Kathedrale eingerichtet. Man hatte ihn wohlwollend aufgenommen, war er doch jung und alt bekannt. Einige Witzbolde meinten, der Vater Moses werde wohl deutsche Granatsplitter aufkaufen wollen und sei deshalb in die Stadt gezogen, sie täuschten sich aber, nach altem Eisen stand sein Sinn jetzt nicht. Er sah voraus, daß dieser wichtige Posten ernstlich belagert und ernstlich verteidigt werden würde, wobei die Lebensmittel für die Einwohnerschaft bald knapp werden mußten, und sagte sich, daß wer dann mit Eßwaren zur Stelle sei, ein glänzendes Geschäft machen könne. Darum hatte er einen Teil seines Bargelds zum Ankauf von Branntwein, Kaffee, Zucker, Rauchfleisch und Salz verwendet, diese Vorräte auf seinen sechs Leiterwagen in die Stadt geschafft und sorgfältig in seinem Keller verstaut. Die lothringische Jugend zog mittlerweile in hellen Scharen ins Feld. Auch wer noch nicht militärpflichtig war, meldete sich als Freiwilliger, das alte kriegerische Blut pochte heiß in den jungen französischen Herzen. Auch der Sohn des Bierbrauers Graff hatte sich gestellt und kam eben mit seiner Kokarde am Hut vom Rathaus, als er auf Elias Lichtenbach stieß, der mit der Pfeife im Mund über den Marktplatz ging. Wenn der alte Moses früher vor Graffs Thüre gehalten hatte, um Alteisen aufzuladen oder die Felle der Hasen einzuhandeln, die Graff am Sonntag zu schießen pflegte, so hatten die beiden Knaben manch liebes Mal miteinander gespielt. Der kleine Anton hatte Elias mitgenommen in den Garten, wo sie zu Frau Graffs großem Aerger miteinander über die unreifen Trauben hergefallen waren. Sehr beliebt war auch das Spiel mit Murmeln gewesen, und Elias hatte sich dabei nur schwer geärgert, daß es ihm nie gelang, seine Glaskugeln gegen Antons Achatmurmeln auszutauschen. Alle anderen Jungen in der Stadt wußte er stets zu übervorteilen, aber dieser Anton war so gerieben, daß er ihm einmal einen zerbrochenen alten Kindersäbel gegen sechs nagelneue Marmormurmeln aufgehängt hatte! Das war für Lichtenbachs Sohn eine schmerzliche Niederlage gewesen. Allerdings war an diesem Tag Graffs Schwester Katharina zugegen und Elias hatte sich bemüht, ihr durch ungewohnte Großmut zu gefallen. In so jungen Jahren hatte sie schon die Macht gehabt, dieses Knabenherz zu verwirren. Als Elias den Spiel- und späteren Schulkameraden im Vollgefühl seiner patriotischen That einherschreiten sah, hatte er die Pfeife aus dem Mund genommen und gefragt: »Wohin denn so stolz, Anton?« »Nach Chalons. Dort trete ich ins 27. Infanterieregiment ein.« »Was? Du hast dich einstellen lassen?« »Wie alle jungen Leute meines Alters. Thust du es etwa nicht?« »Ich weiß nicht ... mein Vater hat noch nichts gesagt...« »Muß dir dein Vater erst sagen, was deine Pflicht ist?« »Ja, weißt du, er wird mich eben im Geschäft brauchen,« hatte Elias, sich verlegen den Kopf krauend, zur Antwort gegeben. »Frankreich braucht dich auch und für den Augenblick mehr als das Geschäft.« »Ich bin erst Neunzehn ...« »Und ich noch nicht Zwanzig!« »Du hast nicht unrecht, ich werde mit meinem Vater sprechen.« »Falls ich dich nicht mehr sehen sollte, leb wohl!« »Ich wünsche dir Glück.« Innerlich bewegter, als er es je gewesen, war Elias spornstreichs nach Hause gegangen, wo er den alten Moses im Keller traf. Dieser zog seinen Branntwein auf Flaschen ab, die er eigenhändig spülte, wobei in jeder ein viertel Liter Wasser zurückblieb, was vielleicht der einzige Zweck dieser Reinlichkeitsübung war. »Koste einmal diesen Cognac,« rief der Vater seinem Sohn und Erben entgegen, indem er ihm ein Gläschen hinstreckte, »er ist wirklich gut! In einiger Zeit wird man gerne zwölf Franken für das Liter zahlen, dann sind wir die einzigen, die ihn umsonst trinken, mein Junge!« »Du vielleicht, Vater, ich nicht ...« »Wieso nicht? Was soll das heißen?« »Weil ich wohl nicht mehr bei dir sein werde, wenn der Preis so hoch gestiegen sein wird.« »Und wo wirst du denn sein, wenn man fragen darf?« »Wo alle jungen Männer sind – im Feld.« »Im Feld, Elias? Ja, wozu denn?« »Um das Vaterland zu verteidigen, wie alle.« Der Vater Moses starrte seinen Sohn beim Schein der Kellerlampe entsetzt an: so etwas Verblüffendes war ihm noch nie vorgekommen. »Was für ein Land?« »Frankreich, worin ich lebe, aufgewachsen bin, dessen Sprache ich rede, dem all unsere Kunden, all meine Freunde angehören.« Der Vater Lichtenbach schüttelte schweigend den Kopf. »Mein Junge,« entgegnete er in schneidendem Ton, »wir treiben hier unser Geschäft, wir sind nicht hier geboren. Ich stamme aus Hannover, deine Mutter aus Baden; als du zur Welt kamst, hielten wir uns in Genf auf, du bist nirgends militärpflichtig und kannst thun und lassen, was dir gefällt. Wir sind Deutsche von Geburt, Franzosen durchs Geschäft, wir gehören aber keiner Partei an und können nichts Besseres thun, als weit vom Schuß bleiben, wenn sie einander niederknallen. Was hätten wir dabei zu gewinnen? Du die Wunden, wir den Jammer! Und wenn Elias Lichtenbach sich als Soldat verkleiden und totschießen ließe und der alte Moses einsam sterben müßte, was hätte denn die Welt davon? Weiß unsereiner auch nur, weshalb diese Leute einander in Stücke reißen? Wissen sie es selbst? Was haben dir die Deutschen zuleid gethan, daß du sie bekämpfen willst? Was werden dir die Franzosen dafür zahlen, daß du sie verteidigst?« »Aber Vater, alle jungen Leute ziehen fort! Morgen werden nur noch die Krüppel und Kranken zu Hause sein und auf mich werden die Leute mit den Fingern deuten!« »Aha!« sagte Vater Moses mit einem Seufzer. »Du hast Ehrgefühl! Das kommt von den Schulen, wo man so viel Aufhebens von der Ehre macht! Merke dir's fürs ganze Leben, mein Sohn, diese Geschichten von Ruhm und Ehre sind hohles Geschwätz! Die Ehre besteht nur darin, zu bezahlen, was man schuldig ist, und einzufordern, was man ausstehen hat, alles andere ist Schwindel, das darfst du deinem alten Vater glauben! Die patriotischen Legenden werden nur erfunden, damit sich die Menschen, die Marseillaise singend, willig zur Schlachtbank führen lassen, zu Gunsten der Fürsten oder des Staats füttert man die Menschheit mit Phrasen, aber wer klug ist, geht nicht auf den Leim, denn hinterher haben all die Halunken, die sich selbst wohl geschont und die anderen vorwärts getrieben haben, nicht einmal ein Wort des Mitleids für sie übrig. Ich kenne die Welt, habe viel im Leben gesehen und kann dir nur sagen – hüte dich vor der Begeisterung. Sie ist das Gefährlichste und Erlogenste, was es auf der Welt gibt.« Dann trat tiefe Stille ein in dem Keller. Rötlicher Lichtschein fiel da und dort flackernd auf die Gesichter der beiden Männer, das Glucksen des Branntweins, der durch den Faßhahn in die Flaschen lief, war der einzige Laut, der sich vernehmen ließ, und die Stille, Kühle und Dunkelheit wirkten merkwürdig niederschlagend auf das kriegerische Feuer des jungen Elias. Nach einer Weile fing der Vater wieder zu reden an. »Ich begreife übrigens, daß du nicht als einziger von deinen Altersgenossen hier bleiben magst, und darum sollst du auch gehen. Du hast aber Besseres zu thun, als deine Haut zu Markt zu tragen oder die der anderen zu gerben. In kurzer Zeit wird Lothringen so gut wie das Elsaß vollständig vom Feind besetzt sein, und es wird sehr schwierig werden, das Heer zu verköstigen, das französische nämlich, denn dem siegreichen deutschen wird nichts abgehen. Die Aufgabe ist, nach der Seite von Chalons gegen Paris hin Lebensmittel aufzuspeichern. Du bist noch nicht volljährig, bist niemand Dienst schuldig, und kannst überdies Frankreich viel wichtigere Dienste leisten, als wenn du die Muskete trügest, wie diese Schafsköpfe. Ich will dir einen Beweis meines Vertrauens geben und Gelegenheit, deine Fähigkeiten zu zeigen. Komm... leuchte mir ....« Moses ging in die fernste Ecke des Kellers, schob zwei Fässer beiseite, grub mit einem Spaten ein Loch in die Erde und legte den Deckel einer eisenbeschlagenen Kiste bloß. Mit Anstrengung hob er sie heraus, zog einen Schlüsselbund aus der Tasche, schloß auf und ließ seinen Sohn hineinblicken. Die Kiste war mit sorgfältig geordneten Geldrollen gefüllt. Der Vater riß eine davon auf und goß den Inhalt in die hohle Hand des Sohnes; es waren Zwanzigfrankenstücke in Gold. »Hier liegen vierzigtausend Franken in Gold,« erklärte er. »Du bist kräftig genug, die Kiste zu tragen. Morgen früh fährst du mit dem ersten Zug nach Troyes, deponierst dein Geld auf Baradiers Bank, läßt dir aber keine Banknoten oder Wechsel dafür geben – das Gold wird bald rar werden und du steckst dann das Agio ein. Mit dem Kapital, das ich dir zur Verfügung stelle, kaufst du Vieh und bietest der Militärverwaltung Fleischlieferungen an. Die durch den Einzug des Feindes hervorgerufene Störung der Landwirtschaft macht, daß Vieh jetzt schon mit fünfundsiebzig Prozent Verlust verkauft werden muß, und die Schwierigkeit der Truppenverköstigung wird für den Wiederverkäufer eine Preissteigerung von hundert Prozent Gewinn zur Folge haben. Begreifst du den Handel? Richte dich nach dieser Annahme, dann wirst du der Armee tausendmal mehr nützen, als wenn du dich von einem dummen Feldwebel drillen ließest; du ziehst so gut wie alle anderen in den Kampf fürs Vaterland. Versäume nicht, das heute abend im Bierhaus auszuposaunen!« »Wenn man mich aber fragt, in welches Regiment ich eintrete?« »So sagst du, ich bin einberufen nach Rethel, dort wird man mich einem Regiment zuteilen.« Lichtenbachs doppeltes Unternehmen gelang, wie alle auf einfacher Rechnung beruhenden Spekulationen zu gelingen pflegen. In der belagerten, von Truppen wimmelnden Stadt Metz gingen die Preise alsbald in die Höhe, das Salz, dem Moses am wenigsten zugetraut hatte, bereitete ihm eine sehr angenehme Ueberraschung, indem es teurer bezahlt wurde, als der Zucker, denn der Mangel an Salz war für die Soldaten, die ohnedies nur mit Widerwillen Pferdefleisch aßen, sehr empfindlich. Auch der reichlich gekaufte Cognac trug gehörig Geld ein, und doch fühlte sich der Vater Moses nicht getröstet über das Ausbleiben jeglicher Nachricht von seinem Sohn. Der letzte Brief von Elias hatte am Tag vor der Schlacht bei Colombey-Nouilly seine Ankunft in Paris gemeldet. Er hatte dreißigtausend Franken im Bankhaus Baradier in Troyes hinterlassen, und war im Begriff, sich nach Orleans zu wenden, weil er die Sicherheit von Paris für gefährdet hielt. Er hatte fünftausend Hammel in die Stadt geliefert, wollte aber das Geschäft mit der Regierung nicht fortsetzen, weil er sie »zu engherzig und peinlich genau« fand. Seit diesem 14. August war jede Kunde ausgeblieben, und wenn der Vater Moses in schlaflosen Nächten den Donner der Geschütze hörte, quälten ihn schwere Sorgen. Er sagte sich, wie jung und unerfahren der Sohn doch sei, wie leicht er sich bestehlen lassen könnte, und daß die Summe, die er ihm anvertraut habe, zwanzig Jahre harter Arbeit, ständigen Wanderns neben Roß und Karren auf den staubigen oder schmutzigen Landstraßen Lothringens darstelle. Andere Väter hatten freilich andere Sorgen, und wenn seine Kunden und Nachbarn bange Fragen austauschten nach ihren Söhnen, die vielleicht verwundet, vielleicht längst tot waren, so konnte er mit ungleich größerer Ruhe zugeben, daß er vom seinigen auch ohne Nachricht sei. Eines Abends kamen viele Ambulanzwagen in die Stadt, und eine größere Anzahl Verwundeter wurde gerade in den Häusern um die Kathedrale her einquartiert und in Privatpflege gegeben, da in den Spitälern längst kein Bett mehr frei war und alle Staatsgebäude in Lazarette verwandelt waren. Bei Moses Lichtenbach trugen die Wärter einen Füsilierhauptmann herein, zu Graff kam ein Artillerieoffizier, ein Herr von Trémont, der beim Rückzug seiner Batterie eine Kugel in den Oberschenkel erhalten hatte. Die Pflege des Verwundeten, die Sorge um ihn waren für Graff eine glückliche Ablenkung von der Angst um den eigenen Sohn, die ihn manchmal dem Wahnsinn nahe brachte. Das Bild des prächtigen jungen Mannes und heldenhaften Offiziers, der jetzt in seinem Haus unter zärtlicher Pflege rasch wieder zu Kräften kam, stimmte ihn zuversichtlicher, hoffnungsvoller. Warum sollte es seinem Anton, wenn er überhaupt verwundet war, nicht auch ergehen wie diesem Herrn von Trémont? Den hatte man von weither hilflos und schwach in sein Haus gebracht, und nach sechs Wochen würde er wieder frisch und gesund sein! Trémonts Genesung erschien ihm als ein gutes Omen für seinen Sohn, er konnte wieder hoffen, sich freuen. Sobald der Verwundete das Bett verlassen durfte, saß er des Abends bei seinen Wirten und Pflegern und erzählte ihnen viel von seinen Feldzügen in Algier und Mexiko und setzte ihnen auseinander, daß seiner Ansicht nach Deutschlands bessere Heeresorganisation und vor allem die Ueberlegenheit des Kriegsmaterials die Ursachen der französischen Niederlage seien. Nach Abschluß des Krieges müsse man ernstlich an die Arbeit gehen, neue Geschütze und vor allem anderes Pulver herstellen. Er erklärte ihnen klar und verständlich, welche Hilfsmittel die moderne Chemie biete, und wie heutzutage nur wissenschaftliche Ueberlegenheit den Sieg verleihe. Die Belagerung nahm ein Ende, die Tapferen, die Metz so gern bis zum letzten Blutstropfen verteidigt haben würden, mußten sich lebend dem Feind ergeben, die vom Hunger überwundenen Fahnen wurden als Siegestrophäen nach Deutschland gebracht. Dann fiel Paris, dann mußte Frankreich seinen letzten Truppen, die nicht todes- aber kampfesmüde im blutigen Schnee zerstreut waren, selbst Einhalt gebieten. Nach und nach trafen Nachrichten, Briefe ein, bald Trauer, bald Freude verbreitend. Viele von den braven Jungen, die so stolz und freudig ausgezogen waren, kamen nicht wieder, viele kehrten hohläugig und gedrückt aus der Gefangenschaft zurück, manche blieben lebenslang kränklich oder Krüppel. Als die Familie Graff eines Morgens mit ihrem nahezu genesenen Pflegling beim Frühstück saß, ging die Hausthüre und die Treppe erdröhnte unter einem raschen Schritt, der Vater, Mutter und die junge Katharina seltsam berührte. Keines sprach ein Wort, aber alle lauschten angestrengt – wer konnte so ins Haus hereinstürmen und ohne sich mit Fragen aufzuhalten, je vier Stufen auf einmal nehmend, die Treppe herauf? Sie hatten den Gedanken noch nicht zu Ende gedacht, als die Thüre aufsprang und ein großer junger Mensch, bärtig, mager, beinahe unheimlich anzusehen, vor ihnen stand, dem die hellen Thränen über die Wangen liefen. »Vater! Katharina ...Mama!« Die Stimme, die war nicht unkenntlich geworden, und der mit so viel Angst und Not herbeigesehnte Sohn wurde unter Freudenrufen und Schluchzen umarmt, geküßt, mit Fragen bestürmt, von den Seinigen und allen Dienstboten umringt, während Hauptmann von Trémont gerührt zusah. »Habe ich einen Hunger!« waren die ersten Worte, die Anton sprach und womit er sich aus den umschlingenden Armen befreite. Dabei ruhte sein Blick mit der Gier eines Schiffbrüchigen auf den Kaffeetassen und dem Gugelhopf. Nun bediente man ihn natürlich so eifrig und wollte ihn derart stopfen, daß er schließlich um Gnade bitten mußte. Und dann ging es an ein Fragen und Erzählen, das kein Ende nehmen wollte. Anton hatte sich nach der Schlacht von Sedan, woran er teilgenommen hatte, in den Norden geflüchtet und war zu Faidherbes Corps gestoßen, in dem er den ganzen Feldzug mitgemacht hatte. Drei Monate war er in kein Bett gekommen, hatte bei Pont-Noyolles, Bapaume und St. Quentin im Feuer gestanden, ohne jedoch verwundet zu werden. Er war Feldwebel geworden, hatte aber das Soldatenhandwerk so gründlich satt bekommen, als die Seinigen nur wünschen konnten. Trémont befragte den jungen Soldaten über alle Einzelheiten des Feldzugs der Nordarmee, und Anton konnte kein Ende finden im Lob der Tugenden ihres besonnenen, unermüdlichen Führers Faidherbe, in Schilderung der Tapferkeit aller Kameraden, besonders eines jungen Freiwilligen, Namens Franz Baradier, dem Sohn eines Bankiers in Troyes, der ihm am Abend des Tags von Bapaume, wo er mit einem Dutzend Leuten in einem brennenden Bauernhaus umzingelt worden war, das Leben gerettet hatte. »Er hat mir versprochen, mich zu besuchen,« setzte er hinzu. »Ihr werdet dann selbst sehen, was für ein prächtiger Mensch er ist!« »Dein Lebensretter! Wie soll uns der willkommen sein! Aber laß dich einmal recht ansehen, mein armes Kind! Wenn ich dir auf der Straße begegnet hätte, ich wäre dir aus dem Wege gegangen – wie ein Bandit siehst du aus!« Den ganzen Tag über ging's im Graffschen Hause aus und ein wie in einem Taubenschlag. Verwandte, Freunde und Kunden, alle wollten Glück wünschen, den heimgekehrten Sohn sehen und bewundern; er mußte die Episode vom Abend von Bapaume wohl hundertmal erzählen und der sonst so mäßige Vater Graff mußte in seiner Herzensfreude so vielen Bescheid trinken, daß er zuletzt etwas schwindelig wurde. Am Tag darauf sollte das Stadtviertel schon wieder ein Ereignis erleben; Elias Lichtenbach kam nämlich in einem hübschen Wagen angerasselt. Er sah ungemein frisch und munter und behäbig aus und begab sich, kaum daß er die Seinigen begrüßt hatte, auf die Kommandantur, um mit den deutschen Behörden zu verhandeln. Rasch verbreitete sich das Gerücht, daß der Sohn des alten Moses im Auftrag der Regierung von Bordeaux gekommen und eine einflußreiche Persönlichkeit geworden sei. Es handelte sich in der That um einen Abschluß über Proviantlieferungen von der Ostgrenze her, und da man Lichtenbachs Geschäftskenntnis, seine Umsicht und Geschmeidigkeit schätzen gelernt hatte, war er mit dem Auftrag betraut worden, die Unterhandlung mit dem feindlichen Hauptquartier zu führen. So erschien er denn in Metz, ausgerüstet mit Vollmachten und großem Selbstbewußtsein, auf die von Kampf und Entbehrung erschöpften, über ihre Niederlage knirschenden Mitbürger stolz herabsehend. Die Neugier rührte sich alsbald. Woher kam denn dieser Elias so frisch, rundlich und blühend? Alle, die mit ihm ausgezogen waren, sahen gedrückt und hohlwangig aus, er allein war heiter und vortrefflich genährt. Man forschte nach, erfuhr aber von amtlicher Seite, daß Herr Lichtenbach dem Land große Dienste geleistet habe und sich im französischen Hauptquartier des größten Wohlwollens erfreue. Was für Dienste? fragte man jetzt. Darüber konnte der junge Baradier, der richtig zum Besuch seines Kriegskameraden Graff in Metz eintraf, einigen Aufschluß geben. Der blauäugige, blonde »Sergeant Baradier«, mit dem frischen roten Gesicht und dem energischen, offenen Wesen, gefiel den Metzern außerordentlich und war nach vierundzwanzig Stunden ganz zu Hause bei den wackeren Leutchen. Mit Trémont hatte er sofort Freundschaft geschlossen, und sein Vorschlag, alle in die Heimat zurückgekehrten Freiwilligen von Metz zu einem Bankett zu vereinigen, fand großen Anklang. Elias Lichtenbach hatte die Vermessenheit, sich in aller Ruhe wie die anderen zur Teilnahme daran zu melden und zur festgesetzten Stunde im Gasthof zu erscheinen. Allein man bereitete ihm einen frostigen Empfang. Von allen Anwesenden wußte man, trotzdem sie in Zivil waren, da die deutschen Behörden das Tragen der Uniform verboten hatten, woher sie kamen, in welchem Regiment sie gedient hatten, bei welchen Gefechten sie verwundet worden waren, nur Elias gab höchst unbestimmte Auskunft. Wenn man ihn hörte, war er einfach überall gewesen, bei der Armee von Chanzy, bei Bourbakis Corps, im Lager von Conlie und in der Nähe Garibaldis, er mußte wirklich die Gabe haben, allgegenwärtig zu sein, allein der Sergeant Baradier wußte seine Teilnahme am Feldzug etwas deutlicher zu beleuchten. »Sind Sie denn nicht der Herr Lichtenbach, der mit dem Bankhaus Baradier in Troyes Geschäfte gemacht hat?« fragte er plötzlich. »Nicht derselbe Lichtenbach, der in den Ardennen Hammel aufgekauft und sie über die belgische Grenze nach Frankreich geschafft hat?« »Allerdings,« gab Elias mit einigem Mißtrauen zu. »Nun, dann ist es ja nicht zu verwundern, daß Sie auf dem ganzen Kriegsschauplatz herumkamen. Sie haben ja überall auf Rechnung der Militärverwaltung Fleisch gekauft.« Elias wurde bleich und schien sich sehr unbehaglich zu fühlen. »Ich mache Ihnen das wahrhaftig nicht zum Vorwurf,« setzte Baradier hinzu, »ich stelle nur die Thatsachen fest. Die Herren schienen mir über Ihre Rolle im Krieg im unklaren zu sein, und da möchte ich sie aufklären. Herr Lichtenbach ist auf seine Weise auch ein Patriot; statt am Kampf teilzunehmen, hat er zur Ernährung unserer Truppen beigetragen, eine sehr nützliche, ja rühmliche Leistung.« »Wobei ich mein Leben ebensogut aufs Spiel setzte, wie alle anderen,« rief Elias gereizt. »Wenn ich den Deutschen in die Hände gefallen wäre, würden sie mich kriegsrechtlich erschossen haben.« »Es ist sogar auffallend, daß Sie so ungestört durch ihre Linien kamen, denn Mangel an Vorsicht kann man den Deutschen nicht vorwerfen. Die gute Aufnahme, die Sie dort fanden, könnte einem zu denken geben ...« »Was wollen Sie damit sagen?« brauste Elias auf. »Genau das, was ich sage,« versetzte Baradier kühl, »Wenn Sie aber noch mehr hören wollen, so füge ich hinzu, daß außer Schußweite bleiben, während die anderen sich schlagen; am warmen Ofen sitzen und gut speisen, während sie vor Kälte und Hunger vergehen; das Unglück des Landes als eine Gelegenheit zu guten Geschäften benützen, eben noch keinen Anspruch auf den Ruhm eines Helden begründet.« »Sie beleidigen mich!« »Ich bin bereit, Ihnen Genugthuung zu geben.« »Gut! Sie sollen von mir hören!« »Nicht so laut! Sie wissen ja, wo ich zu finden bin. Ich wohne bei Herrn Graff und bin der Sohn des Bankiers Baradier in Troyes. Für heute nichts mehr von der Sache.« Elias sah sich vollständig vereinsamt, alle kehrten ihm den Rücken zu. Mit einem haßerfüllten Blick auf seinen Gegner verließ er den Saal, im Hinausgehen aber hörte er Graff noch ausrufen: »Jetzt, da wir unter uns Patrioten sind, bringe ich mein Glas dem Vaterland!« Baradier wartete am nächsten Morgen mit Trémont und Graff auf die Schritte, die der Gegner thun würde, aber nichts erfolgte. Der vorsichtige Elias schien im Frieden wie im Krieg gerne »weit vom Schuß« zu bleiben, dagegen wurden dem Bankier Baradier in Troyes unversehens zwanzig Mann Hessen ins Quartier gelegt, der Vater Graff wurde dreimal vorgeladen, um sich über angebliche Schmähungen der deutschen Armee zu rechtfertigen, und der junge Baradier erhielt den Befehl, binnen zwölf Stunden Metz zu verlassen. Diese Vermehrung der Kriegslasten für Baradiers Haus konnte ja ein Zufall sein, die Ausweisung seines Sohnes vielleicht eine Folge des Banketts, wobei sich die Köpfe mehr als nötig erhitzt hatten, allein der Vater Graff war und blieb der Ueberzeugung, daß der Sohn seines Nachbars Lichtenbach ein Agent des Feindes sei und ihn ganz einfach verdächtigt und denunziert habe. Elias versäumte trotzdem nie, ihn auf der Straße mit ganz besonderer Hochachtung zu grüßen, und wo er sich Anton gefällig erweisen konnte, geschah es. Der milde, in sich gekehrte Sohn des Hauses Graff ging indes dem einstigen Spielgefährten so viel als thunlich aus dem Wege; daß er nicht offen den Verkehr mit ihm abbrach, entsprang nur seiner allen Gewaltsamkeiten abholden Gemütsanlage. Er war bei gelegentlichem Zusammentreffen so wortkarg als möglich und ging auf keine Geschäftsverbindung mit Elias ein. Das Haus Graff pflegte Schafwolle im großen zu kaufen und an die Spinnereien in der Champagne und den Ardennen abzusetzen, und die Baradiers, die in Ars eine große Spinnerei eingerichtet hatten, gehörten zu seinen besten Kunden. Elias, der jetzt das väterliche Geschäft sehr ausdehnte und Handel jeder Art vermittelte, hatte den Graffs häufig deutsche Wolle zum Kauf angeboten, war aber immer abgewiesen worden. Trotz des sichtlichen Uebelwollens, das ihm dadurch gezeigt wurde, ließ Elias sich nicht abschrecken und kam mit der Zähigkeit, die zu den Tugenden seiner Rasse gehört, von Zeit zu Zeit wieder, um Vater und Sohn Graff in ein Geschäft zu verwickeln. Bei einem dieser unerwünschten Besuche traf er Katharina Graff, die zwei Jahre in einer der besten Erziehungsanstalten von Nancy gewesen war, im Garten, wo er ihren Bruder erwarten wollte. Das kleine Mädchen von ehedem hatte sich zu einer großen, schlanken jungen Dame mit dunklen Augen, blondem Haar und leuchtenden Farben entwickelt, deren Schönheit den Nachbarssohn förmlich verblüffte. Er wagte nicht, sie anzureden, sondern ging mit stummer Verbeugung vorüber, daheim aber erzählte er dem Vater von dieser Begegnung, schilderte diese mit alttestamentlichem Schwung und verglich sie mit Jakobs Begegnung der Rahel am Brunnen. Auch verhehlte er ihm nicht, daß er sich ins Herz getroffen fühle und um die schöne Katharina werben wolle, und müßte er den Graffs sieben Jahre dienen wie Jakob um Rahel. Der Vater Moses machte ihn darauf aufmerksam, daß die Graffs, abgesehen von der Verstimmung, die sie seit der Kriegszeit gezeigt hätten, nie und nimmer einen Juden als Schwiegersohn annehmen würden, Elias aber entgegnete, daß seine Religion nicht seine Haut sei und er sich leicht von ihr trennen könne. Sein Uebertritt werde von der katholischen Kirche mit Freuden begrüßt werden, und jetzt, wo Metz eine deutsche Stadt sei, würden die Graffs sehr übel daran thun, ihm die Zwistigkeiten der Kriegszeit ins Wachs zu drücken. Ueberdies habe er viel zu viel Geld verdient, um nicht überall willkommen zu sein, einem Freier, der mit zweiundzwanzig Jahren viermalhunderttausend Franken auf den Tisch legen könne, wenn der Ehevertrag unterzeichnet werde, weise man nirgends die Thüre. Der alte Lichtenbach, der etwas tiefer blickte, weissagte zwar dem Sohn nichts Gutes, hatte aber gegen den Religionswechsel an sich nichts einzuwenden, denn er hielt ihn selbst für zeitgemäß und praktisch. Er stellte ihm aber vor, daß er weder als Christ noch als Jude die Hand des Fräulein Graff erringen und nur die Mißachtung der eigenen Glaubensgenossen davontragen werde. Allein er richtete nichts aus mit dieser Vorstellung, denn Elias war ein Mann von eisernem Willen. Er setzte die Geistlichkeit in großes Erstaunen durch seinen Entschluß, erbaute sie durch seinen frommen Eifer, gewann sie durch seine Freigebigkeit und wußte mit großem Geschick die vornehme und kirchlich gesinnte Einwohnerschaft günstig für sich zu stimmen. Zur Stunde, wo in den eroberten Provinzen der deutsche Protestantismus in Widerspruch mit der katholischen Kirche trat und diese den Gedanken der Nationalität und der Rachepläne auf ihre Fahne schrieb, wurde Lichtenbachs Uebertritt zu einem politischen Ereignis. Wäre der Statthalter nicht ganz genau unterrichtet gewesen über die wahren Gesinnungen von Vater und Sohn Lichtenbach, so hätte er sich vielleicht entrüsten können, nun erhob er gerade nur so viel Einsprache, um die Vaterlandsliebe des neuen Christen durch einen leisen Schimmer von Märtyrertum zu verklären. Hätte man ihn weniger genau gekannt, Elias wäre geradezu ein Liebling der Stadt geworden. Nichtsdestoweniger wies die Familie Graff seine Werbung aufs schroffste zurück, und um die Kränkung noch empfindlicher zu machen, wurde die schöne Katharina schon ein paar Monate darauf die Frau des »Sergeanten« Baradier. Zu gleicher Zeit erfuhr man, daß die Graffs Metz verlassen würden; Anton folgte seinem Schwager nach Paris und trat in das dorthin verpflanzte Bankhaus ein, das nun die Firma Baradier \& Graff führte. Das waren der Enttäuschungen und Aufregungen zu viele für Elias. Er konnte nicht mehr schlafen, die blühenden Farben verschwanden von seinem Gesicht, und als er vollends den Graffs begegnen mußte, wie sie, von einem ganzen Zug liebender Freunde begleitet, zum Zweck ihrer Übersiedelung auf den Bahnhof gingen, befiel ihn, sobald er heimgekehrt war, im Ladenstübchen des Vaters eine tiefe Ohnmacht. Furchtbar erschrocken brachte der alte Moses seinen Sohn zu Bett und schickte nach dem Arzt, der ihm unverhohlen erklärte, der Bekehrte habe alle Aussicht, seine Seele nächstens in den Schoß der alleinseligmachenden Kirche befehlen zu können. Ein heftiges Fieber kam zum Ausbruch, und in seinen Fieberphantasieen hatte es der Kranke ausschließlich mit Ein- und Verkäufen zu fabelhaften Preisen zu thun, die alle Geschäftszweige berührten, worin er während des Krieges thätig gewesen war. Staunend hörte ihn der alte Moses Fleisch, Mehl, Schuhwerk, Stoffe. Munition, Cigarren, Geschütze, Zucker einhandeln und losschlagen, und dazwischen hinein war so viel von Extrazugaben, Provision, Trinkgeldern und Schmierereien die Rede, daß der Vater einen interessanten Einblick bekam in die krummen Wege, die dieser Vaterlandsfreund gewandelt war. Wenn Elias annähernd zur Besinnung kam, so stieß er wilde Schmähungen und Drohungen gegen Baradier und Graff aus, und beruhigte sich nur, wenn der Vater immer wieder beschwichtigend sagte: »Jawohl, Elias, du wirst dich rächen an diesen Tröpfen! Du wirst sie zu Grunde richten, zermalmen!« Dann huschte wohl ein befriedigtes Lächeln über die Züge des Kranken, und er konnte ein paar Stunden schlafen, um etwas gekräftigt zu erwachen. Bei ihm war es der Haß, der den Willen zum Leben spornte und vielleicht seine Rettung war. Rachepläne flackerten ohne Unterlaß in dem fieberglühenden Gehirn auf, und als der Arzt zu seiner eigenen Ueberraschung die Lebensgefahr für überwunden erklären konnte, waren die ersten Worte des Genesenden: »Recht so! Das Glück hätte es gar zu gut gemeint mit Baradier \& Graff, wenn ich gestorben wäre!« Diesen machte vorläufig ihr Gegner gar keine Sorge, ja sie ließen sich nichts träumen von den Rachegelüsten, die sie hervorgerufen hatten. Die beiden jungen Männer hatten in Paris das Bankhaus eines Onkels Baradier übernommen, der sich als reicher Mann vom Geschäft zurückzog, und beaufsichtigten in besonnener Weise die Arbeit von etlichen zwanzig Angestellten, die in dem stattlichen Haus der Provencerstraße von früh bis spät an ihren Pulten saßen. Sie hatten ihre Geschäfte mit Umsicht ausgedehnt, die Spinnereien beibehalten und vermehrt. Marcel Baradier und ein Schwesterchen Amalie waren zur Welt gekommen und diese in Liebe einige Familie kannte keine Anfechtung, bis Elias Lichtenbach nach dem Tod des alten Moses gleichfalls nach Paris übersiedelte. Eine merkwürdige Veränderung war mit dem Mann vor sich gegangen, von dem blühenden, stattlichen, ruhmredigen Elias war keine Spur geblieben. Als Baradier ihn zum erstenmal auf der Börse traf, mußte er sich den Namen sagen lassen, denn er hätte Lichtenbach nicht wiedererkannt. Ein hagerer Mann mit gewölbten Schultern und gemessenem Auftreten, kahler Stirne und kaltem Blick trat ihm entgegen, sogar die Stimme klang anders als früher. Er sprach nur das Allernötigste, gab beim Händedruck nur die äußersten Fingerspitzen und blieb auch bei den wichtigsten Nachrichten kalt und gelassen. Die hinter einer goldenen Brille versteckten Augen verrieten niemals Erregung, höchstens entstand ein gewisses Zucken in den Kinnladen, das seinem Gesicht einen wilden, grausamen Ausdruck verlieh. Die erste Berührung zwischen den Häusern Baradier \& Graff und Lichtenbach war bedeutungsvoll. Elias schädigte die Gegner an einem kurzen Vormittag durch einen an der Börse von Troyes abgeschlossenen Verkauf ungarischer Rohwolle um dreihunderttausend Franken. Das war das erste Wetterleuchten, das ihr Verhältnis klarstellte. Von nun an wußte das Haus Baradier, daß der Feind auf der Lauer lag, um jede Schwäche auszunützen; glatte Form und geschäftlicher Anstand täuschten nicht über vorbedachte Tücke. Baradier \& Graff fühlten sich auf Schritt und Tritt beobachtet, und dieser lautlose Kampf, der ihren Widerstand weckte, erwies sich fruchtbar für beide Teile. Die steten Angriffe machten äußerste Vorsicht nötig, nichts durfte dem Zufall anheimgestellt bleiben, der Feind war mächtig und gefährlich. Als Lehensmann der ultramontanen Partei und unerbittlicher Lenker der monarchistisch-klerikalen Zeitung »Die weiße Helmzier«, die er aus eigenen Mitteln unterhielt, hatte sich Lichtenbach Zugang in die abgeschlossensten Kreise des alten Adels errungen, und die herbe Würde seines Auftretens, wie die Kühnheit seiner Vorschläge hatten ihm in Kreisen, die sonst nur am Priester Kraft und Beharrlichkeit kennen lernen, großes Ansehen verschafft. Er hatte im Elsaß eine Frau genommen, die aber bald gestorben war; sein einziges Kind ließ er bei den Schwestern vom Herzen Jesu aufs allerkirchlichste erziehen, kurz er war das Urbild des Konvertiten, der christlicher sein will als der Papst selbst. Natürlich war er auch monarchistischer als der König und beunruhigte die vertraute Umgebung des Prätendenten häufig genug durch einen Kampfeseifer, der nicht davor zurückscheute, die Partei zur entscheidenden That anzufeuern, während diese Herren doch ganz damit zufrieden waren, die Märtyrerrolle im Salon zu spielen, und durchaus nicht geneigt, für einen mehr als fraglichen Versuch einer Wiederherstellung des Königtums ihre Haut zu Markte zu tragen. Aber wenn Lichtenbach auch manchen unheimlich war, so wurde er darum nicht minder verwöhnt und verhätschelt und sein Einfluß in der vornehmen Welt war um so mächtiger, als er in tiefster Verschwiegenheit ausgeübt wurde. Den großen im Niedergang begriffenen Familien leistete er unschätzbare finanzielle Dienste, und statt in den Fehler zu verfallen, seine Geldmacht gegen die nun einmal bestehende Regierung ins Feld zu führen, war er sehr vielseitig in seinen Unternehmungen, hatte bei jedem großen Syndikat in ganz Europa die Hand im Spiel und wußte vermittelst des um ihn gesammelten Kapitals die verschiedensten Spekulationen in Fluß zu bringen, wobei er immer der Gewinnende war und namentlich auch anderen Gewinn zuschanzte. Scheinbar war er persönlich bedürfnislos und trieb die Einfachheit seines äußeren Lebens sehr weit. Er bewohnte mit seiner aus Lothringen stammenden, besser deutsch als französisch redenden Dienerschaft ein finsteres, schweigsames, altes Herrenhaus in der Barbey de Jouystraße, gab niemals Gesellschaften, ging aber jeden Abend aus, um Whist zu spielen, worin seine einzige Zerstreuung zu bestehen schien. Seine Geschäftsräume befanden sich der Börse gegenüber in zwei Stockwerken eines neuen Hauses der Vierten-Septemberstraße; dort allein war er zu sprechen selbst für seine vornehmsten Geschäftsfreunde. Die Thore seines Wohnhauses thaten sich äußerst selten für einen anderen Wagen als sein eigenes Coupé auf, und er selbst ging häufig zu Fuß, in gebeugter Haltung in sich versunken dahinschreitend, als ob er seine Schritte zählte. Trotzdem er erst fünfundvierzig Jahre alt war, hörte man nie etwas von Beziehungen zu Frauen, denen er auch in Gesellschaft fast scheu auswich, als ob ihm das ganze Geschlecht Furcht einflöße. Die kleine Herzogin von Berry, die er als ihr Bankier wieder flott gemacht und in den Stand gesetzt hatte, ihre Schulden zu bezahlen, hatte einmal einer Freundin gegenüber geäußert: »Ich muß wirklich herausbringen, wie man eigentlich daran ist mit dem guten Lichtenbach! Seine Zurückhaltung Frauen gegenüber hat geradezu etwas Demütigendes – ist er ein Heiliger, oder traut er sich nicht, zu, uns zu gefallen?« In einigen Gesellschaften hatte sie dann angesichts all ihrer Freunde heftig mit Lichtenbach kokettiert, er war aber nicht aufgetaut. Jählings hatte sie das kecke Spiel eingestellt und auf neckische Fragen gab sie nur ausweichend zur Antwort: »Da ist nichts zu machen! Es war verlorene Liebesmüh!« Man beobachtete jedoch mit der Zeit, daß die Lebensführung der jungen Frau sich auffallend veränderte, daß sie großen Aufwand machen konnte und daß ihr Vermögen zu wachsen schien, je weniger sie gesellschaftlich mit ihrem Bankier verkehrte. Dieselbe Erscheinung fiel noch bei mehreren Damen der höchsten Gesellschaft, und zwar immer den jüngsten und hübschesten, auf. Lichtenbach aber blieb gleich schweigsam, finster und kalt, betrieb seine Spekulationen an allen Enden der Welt, war der Ratgeber des Prinzen, der geistige Urheber seiner Zeitung und der geschworene Feind von Baradier \& Graff, wie von allen, die mit jenem Haus in Verbindung standen. Dieser Haß sollte offenbar nur mit seinem Leben erlöschen. Drittes Kapitel. Mit jugendlicher Raschheit stieg der Kriegsminister in der Provencerstraße aus seinem Wagen, schritt über den Hof, betrat die Geschäftsräume und fragte mit seiner Kommandostimme: »Herr Baradier zu sprechen?« Unwillkürlich nahm der Bankdiener eine militärische Haltung an, schlug die Hacken zusammen und erwiderte mit der Hand an der Hosennaht: »Zu Befehl, Excellenz, Ich werde Euer Excellenz melden.« Damit machte er kehrt, während der Minister ungeduldig im Vorzimmer auf und ab ging, wo hinter Glasscheiben aufgesteckte Depeschen die Kurse aller Börsen von Europa kundgaben. Rasch ging eine Thür auf und ein beleibter, rotbackiger Herr kam mit ausgestreckten Händen hereingestürzt. »Sie, Excellenz! Sie bemühen sich selbst! Bitte ... hier in mein Privatzimmer ...« Schon war auch Graff dort erschienen, und kaum daß die Thüre nach dem Vorsaal zugezogen worden war, begann der Minister: »Ach, meine armen Freunde! Was mußten wir erleben!« »Ach,« sagte Graff, dem Minister einen Lehnstuhl hinschiebend, »wir sind noch gar nicht zur Besinnung gekommen... bitte, Platz zu nehmen, Excellenz!« »Durch wen haben Sie die Nachricht erhalten?« »Durch Baudoin, der die letzte Nacht in unserem Haus geschlafen hatte und heute nachmittag ganz außer sich mit der Schreckensbotschaft zu uns kam. Wie soll man sich erklären, was dahinter steckt? Die Umstände, unter denen die Katastrophe stattfand, sind ja noch gräßlicher als das Unglück an und für sich. Mein Schwager und ich zerbrechen uns den Kopf, fragen und beraten, ohne das grauenhafte Rätsel lösen zu können.« »Wenn nur Marcel hier wäre!« warf Graff seufzend dazwischen. »Der könnte uns am ehesten aufklären. Er kannte Trémonts häusliches Leben so genau, seine Gewohnheiten, Liebhabereien, Schwächen ...« »Seine Schwächen?« wiederholte der Minister fragend. »Sie denken an eine Frau?« »Ja. Excellenz, leider.« »Sie fassen die Sache rein persönlich, von der Gemütsseite auf,« erwiderte der Minister in bestimmtem Ton, »wir haben uns aber nicht mit dieser flüchtigen Liebschaft zu befassen, uns beschäftigen ernstere Dinge als ein galantes Abenteuer. Eine Frau spielt freilich darin mit, leider, muß auch ich sagen, aber sie war nur das vielleicht unbewußte Werkzeug eines sorgfältig ausgedachten, kühn ausgeführten Unternehmens ...« »Das welchen Zweck verfolgt hätte?« warf Varadier ein. »Reden wir ganz offen, Excellenz, werfen wir all unsere Vermutungen zusammen, um vielleicht Licht in die Sache zu bringen.« »Welchen Zweck man verfolgt hat? Das ist doch klar! Trémonts Erfindung war Zweck und Ziel des Verbrechens, und ich bin überzeugt, daß bei dem verabscheuungswürdigen Versuch, der uns einen teuren Freund, einen hervorragenden Gelehrten kostete, das Ausland die Hand im Spiel hat. Das ist meine Ueberzeugung, die ich aber selbstverständlich nur im Vertrauen auf Ihre Verschwiegenheit, nur hier lautwerden lasse.« Eine Stille trat ein. Baradier und Graff tauschten fragende, sorgenvolle Blicke, allein der ungestüme Baradier konnte die Gedanken, die ihn Umtrieben, nicht auf die Dauer für sich behalten. »Und mir, Excellenz, wir glauben in dem gegen unseren Freund geführten Streich eine Hand zu erkennen, die gleichzeitig ihn und uns treffen wollte, einen Feind, dessen Haß ...« »Baradier,« fiel ihm Grass ins Wort, »du bist zu hastig und gehst zu weit! Wie kannst du es nur wagen, derartige Aeußerungen lautwerden zu lassen, ohne irgend einen festen Anhaltspunkt dafür zu haben?« »Ach was, du bist ein Hasenfuß!« brauste Baradier auf. »Von deinen ewigen Bedenken geknebelt! Zum Kuckuck damit! Ich wittere Verrat! Ich fühle, daß ich auf der richtigen Spur bin, wenn ich's auch nicht beweisen kann! Ich ... laß mich nur reden! Ich gehe jede Wette ein, daß Lichtenbach dahinter steckt!« »Du hast kein Recht, eine solche Anklage auszusprechen!« rief Graff aufspringend. »Wie kannst du einen Mann, der sich weder im Geschäft, noch im Privatleben eigentliches Unrecht zu schulden kommen ließ, der Teilhaberschaft an einem Verbrechen zeihen, einzig und allein, weil er unser Feind ist? Das ist empörend, sinnlos, ungerecht im höchsten Grad.« Baradier rannte wutschnaubend im Zimmer hin und her, dann sagte er mit halb erstickter Stimme: »Excellenz, so zanken wir uns jetzt seit zwei Stunden, mein Schwager und ich, und doch weiß er mir nichts entgegenzuhalten, als daß ich ungerecht sei! Als ob man sich mit Abwägen von Recht und Unrecht befassen könnte, wenn eine innere Stimme, wenn unser Instinkt uns sagt: ›Der hat's gethan!‹ Zwar hat man ihn nicht dabei ertappt, denn er hat sich wohl gehütet, die Maske zu lüften, man hat ihn nirgends erwischt, kann ihn nicht packen, wird ihn vielleicht nie erwischen und trotzdem weiß man, er und kein anderer hat den Streich geführt und zwar weil sein Vorteil wie sein Haß ihn dazu trieben! Es ist nicht auszuhalten mit diesem Graff! Sein Rechtssinn, seine Menschlichkeit, sein Edelmut machen ihn zuweilen einfach verbohrt!« Trotz der ernsten Stimmung mußten die also Angeredeten einfach lachen, und Graff verbeugte sich mit einem humoristischen »Danke für die Artigkeit!« »Sprechen Sie sich deutlicher aus, Baradier,« sagte der Minister, bestrebt, die Gemüter zu beschwichtigen. »Gefühle und Ahnungen sind, wie Ihr Schwager mit Recht sagt, ungenügend, um eine Anklage zu begründen. Vermutungen führen zu Nachforschungen, und erst wenn man der That auf die Spur gekommen ist, schreitet man zur Anklage. Uebrigens will ich Sie darauf aufmerksam machen, daß der Fall in den Händen des Staatsanwalts liegt, daß die Untersuchung eingeleitet ist und daß, wenn Sie Beweise ...« »Beweise liefern kann ich nicht! Ihnen gegenüber bin ich rückhaltlos offen, dem Untersuchungsrichter dagegen würde ich meine Gedanken nicht offenbaren!« »Da haben wir's!« sagte Graff triumphierend. »Was habe ich gesagt?« »Ich würde nur dann damit hervortreten, wenn Entdeckungen gemacht würden, die meine rein psychologischen Mutmaßungen durch greifbare Thatsachen ergänzen und bestätigen würden. Glauben Sie aber ja nicht, daß ich damit meine Anklage widerrufe ... ich werde suchen, und wenn ich finde ...« »Du wirst eben nichts finden, und selbst wenn dein Verdacht richtig wäre, so hätten wir es mit einem hundertfach überlegenen Gegner zu thun.« »Das müßte mir erst gezeigt werden!« »Sie sprechen doch von Lichtenbach, dem großen Unternehmer, dem Schoßkind der monarchistisch-klerikalen Partei?« »Von demselben.« »Und den halten Sie eines Verbrechens für fähig?« »Ich traue ihm jedes zu.« »Es ist Ihnen doch bekannt, daß er großen Einfluß im Ministerium hat und alles erreicht, was er will?« »Er hat überall Einfluß und setzt alles durch.« »Aber welches Interesse hätte er denn daran, einen Mann wie Trémont umgarnen und verschwinden zu lassen?« »Bedenken Sie doch, was Trémont herzustellen versuchte, Excellenz! Lichtenbach steht an der Spitze des französischen Syndikats für Ausbeutung der Bergwerke, er ist in Rußland, Oesterreich und Spanien am Bergbau beteiligt. Ein leicht zu handhabender Sprengstoff, dessen Wirkungen genau zu berechnen sind und dessen Herstellung billig ist, wäre dafür von ungeheurem Wert, und diese Vorzüge hat der General vor sechs Monaten in einer Mitteilung an die Akademie der Wissenschaften für seine Erfindung in Anspruch genommen – genügt das nicht, um die Begehrlichkeit eines Geschäftsmannes zu reizen, der ohne Unterlaß nach neuen Erwerbsquellen sucht? Von verschiedenen Seiten waren schon glänzende Anerbietungen an Trémont gelangt, aber nur ein englisches Haus hatte geradezu Unterhandlungen anknüpfen wollen, worauf Trémont indes nicht einging. Er hat damals mir und Graff gegenüber offen die Absicht kundgegeben, eine ausschließlich französische Gesellschaft zur Ausbeutung seiner Erfindung zu gründen, es war sein Ehrgeiz, daß nur das eigene Volk Gewinn aus seiner Arbeit ziehen sollte.« »Mein wackerer Freund! Das sieht ihm ähnlich!« »Er wußte ganz genau, daß er Gelegenheit haben würde, ein reicher Mann zu werden, und er freute sich dessen, aber ausländisches Geld sollte nichts damit zu schaffen haben. Gleichzeitig war er ja auch einem Schießpulver auf der Spur, und er wollte das Handelsunternehmen nicht ins Leben rufen, ehe er der Regierung die für Kriegszwecke wichtige Erfindung vorgelegt haben würde. ›Beide Erfindungen sollen zugleich vor die Welt treten,‹ pflegte er zu sagen, ›die eine, die uns reich, und die andere, die uns wehrhaft macht. Um der Macht willen, die ich unserem Heer verleihe, wird man mir zu gute halten, daß ich auch meinen persönlichen Vorteil wahre‹« »Gewiß. Es sind ja schon insgeheim Versuche angestellt worden mit Trémonts Schießpulver. Ich selbst habe mich wie alle beteiligten Offiziere von seiner unerhörten Zerstörungskraft überzeugt. Gegen eine Artillerie, deren Geschütze mit diesem Pulver gearbeitet hätten, wäre jeder Widerstand vergeblich gewesen. Die Tragweite wie die Durchschlagskraft waren erstaunlich, und das alles ist dahin! Ein schwerer Verlust für Frankreich!« Um Graffs schwermütigen Mund spielte ein geheimes Lächeln und mit gesenktem Blick warf er die Frage hin: »Wer weiß?« »Was wollen Sie damit sagen?« »Daß wir nicht wissen, ob das Geheimnis des Generals thatsächlich verloren ist ... es könnte ja sein, daß jemand eine Abschrift seiner Rezepte besäße.« »Und wer könnte das sein?« fragte der Minister gespannt. »Mein Neffe.« »Marcel? Hat er Ihnen davon erzählt?« »Es ist erst acht Tage her.« Baradier war sehr bleich geworden bei dieser Mitteilung. »Unglücksmensch!« rief er seinem Schwager zu. »Laß davon keine Silbe verlauten, laß es niemand ahnen oder erraten. Man hat Trémont umgebracht, willst du, daß man auch meinen Sohn ermorde?« »Aber Baradier! Da hätte ich Ihnen mehr Mut zugetraut!« rief der Minister. »Sind Sie der Mann, sich vor Ihrem eigenen Schatten zu fürchten? Wenn Ihre Hypothese richtig ist – und ich bin sehr geneigt, daran zu glauben – bilden Sie sich denn ein, die Leute, die jenen Streich geführt haben, könnten ohne weiteres einen zweiten führen wollen? Nein, nein, wir sind jetzt auf unserer Hut, und wir haben Zeit vor uns – was zum Teufel wäre da zu fürchten? Vorläufig haben sich die Urheber des Attentats in ihre Mauslöcher zurückgezogen, denn sie wissen ja, daß die Polizei hinter ihnen her ist. Da können Sie ruhig sein und sich offen aussprechen.« »Excellenz, wenn der Besitz dieses Geheimnisses dem General Trémont, den man doch nur berauben wollte, das Leben gekostet hat, was wird dann Marcel Baradier dafür bezahlen, angenommen, daß unser aller Todfeind das grausame Unternehmen leitet? Hätte man Trémont das Rezept stehlen können, man würde sein Leben geschont haben, Marcel hat kein Erbarmen zu erwarten, weil man in ihm Graff und mich, weil man seine Mutter vernichten kann!« »Wir werden ihn zu schützen wissen,« sagte Graff mit bebender Stimme. »Ich bin ein friedlicher Mann, aber ich fühle mich jeder Gewaltthat fähig, wenn man meinem Neffen etwas anhaben will.« »Sie werden es begreiflich finden,« bemerkte der Minister, »daß ich der Polizei, da nichts auf die von Ihnen vermutete Fährte weist, einen Wink geben werde,« »Die Vorsicht gebietet, das zu unterlassen,« fiel ihm Baradier rasch ins Wort. »Wenn meine Voraussetzung zutrifft, wenn Lichtenbach der Urheber des schrecklichen Wagnisses ist, so wissen wir im voraus, daß nichts zu erreichen sein wird. Er und seine Helfershelfer sind jedenfalls vollständig gedeckt; die Frau, die man offenbar als Lockvogel benützt hatte, wird verschwunden sein, der Mann, der seinen Arm dahinten lassen mußte, wird in irgend einem versteckten Winkel, vielleicht im Ausland, sorgfältig gepflegt und geheilt werden, und der Kutscher, der die Herrschaften nach Vanves gebracht hat, ist ohne Zweifel ein Spießgeselle der Bande. Man wird nichts herausbringen, Excellenz, und der Untersuchungsrichter mag sich darauf gefaßt machen, daß der Fascikel mit dem Fall Trémont in der Registratur Ruhe finden wird.« »Das ist auch meine Meinung, aber ein Grund, die Untersuchung lässig zu betreiben, ist es nicht. Wenn Lichtenbach überwacht wird, ist immerhin die Möglichkeit vorhanden, daß sich Beweise finden – doch sprechen mir jetzt von anderem. Der General Trémont hinterläßt seine Tochter ohne jede Stütze ...« »Verzeihen Sie, Excellenz, was an uns liegt, sie zu stützen und zu trösten, wird geschehen.« »Ja, lieber Freund, ich weiß, daß die arme Kleine auf Sie zählen kann, aber sie ist auch ohne Vermögen. Trémont war kein reicher Mann, das Landhaus, in das er sich zurückgezogen hatte, war fast sein einziger Besitz.« »Darüber beruhigen Sie sich nur, Excellenz! Dem jungen Mädchen wird nichts abgehen. Meine Frau hat sie heute in aller Frühe aus dem Kloster in unser Haus gebracht, sie soll die Gefährtin meiner Tochter bleiben und wird ebenso behandelt werden, als ob sie meinen Namen trüge.« »Immerhin werde ich darauf antragen, daß ihr der Staat eine Pension aussetzt.« »Wie Sie für gut finden, Excellenz. Nötig ist es nicht, aber diese Fürsorge wird Ihnen eine Befriedigung sein. Ich übernehme Fräulein von Trémonts Zukunft und werde für sie sorgen wie für ein eigenes Kind.« »Kann ich sie sprechen? Ist sie im Stande, einen Besuch anzunehmen?« »Sie ist sehr traurig, aber ruhig. Graff wird sie benachrichtigen.« Graff ging und Baradier trat so dicht auf den Minister zu, als ob er fürchtete, die Wände könnten seine Worte weiter tragen. »Unter vier Augen, Excellenz – würden Sie auf den Besitz des von Trémont erfundenen Verfahrens großen Wert legen?« »Den allergrößten! Wer es unserem Land zu verschaffen wüßte, würde Frankreich einen großen Dienst leisten.« Baradier wurde sehr ernst. »Excellenz,« versetzte er gesenkten Hauptes, aber in entschlossenem Ton, »ich hänge an meinem Vaterland, ich habe für Frankreich mitgekämpft, bis zur letzten Stunde, all die Meinigen, die Lothringer sind, haben ihre Heimat aufgegeben, um nicht unter den Siegern zu wohnen. Wenn das Vaterland mein Leben forderte, ich würde es ohne Zögern opfern, aber ich werde ihm noch mehr geben, ich werde das Leben meines Sohnes aufs Spiel setzen. Wenn Marcel das Geheimnis des Generals kennt, so verbürge ich mich dafür, daß der Staat es haben soll.« Ein Freudenstrahl leuchtete in den Augen des alten Soldaten auf, sein Schnurrbart zuckte und seine Stimme bebte als er, Baradier die Hand hinstreckend, einfach sagte: »Sie sind ein wackerer Mann! Ich danke Ihnen!« Da in diesem Augenblick die Thüre aufging, mußte er seine Erregung bezwingen. Von Graff gefolgt, trat Frau Baradier mit ihrem Schützling über die Schwelle. Ihre schlanke, hohe Gestalt war unverändert geblieben, wenn auch Silberfäden das reiche blonde Haar durchzogen; der leuchtende klare Blick, die frischen Lippen erinnerten noch stark an das junge Mädchen, das einst Lichtenbach eine Leidenschaft eingeflößt hatte. Das schmächtige Fräulein von Trémont in dem schwarzen klösterlichen Gewand mit dem jungen Gesicht, das seinem Leid fast verwundert ins Auge sah, hatte allen Jugendreiz ihrer sechzehn Jahre. Schüchtern, aber nicht linkisch trat sie dem Freund ihres Vaters entgegen, doch bei den ersten Worten, die er an sie richtete, füllten sich ihre dunklen Augen mit Thränen, die langsam über die schmalen, bräunlichen Wangen rollten. Mit schmerzlicher Genugthuung lauschte sie seinen Worten der Teilnahme und des warmen Lobes für den so jäh Verschwundenen, und das gesenkte Köpfchen drückte wehmütige Ergebung in das Leid und Weh des Lebens aus, das so plötzlich für sie begonnen hatte. Sie hatte ihn ja leider wenig gekannt, diesen Vater. Früh verwitwet, war er genötigt gewesen, die Sorge für sein Kind den milden frommen Schwestern zu überlassen, und sie hatte die Freuden der Häuslichkeit kaum kennen gelernt. Von der Mutter war ihr nur eine verschwommene Erinnerung geblieben; wie ein verblaßtes Pastell stand das liebe Bild vor ihrer Seele. Wie oft machte Genoveva nicht den Versuch, sich die Stimme ihrer Mutter zurückzurufen, und wie traurig war sie, daß es ihr von Jahr zu Jahr weniger gelang! Nie hatte ihr junges Herz die Wonne erfahren, sich von Zärtlichkeit umgeben zu fühlen. Einsam unter Fremden, so wohlwollend und weise sie auch sein mochten, das war ihr Schicksal gewesen, und nun hatte der Tod auch das lockere Band, das sie mit dem Vater verknüpfte, jäh abgerissen. Und wie grauenerregend war dieses Ende, welch entsetzliche Vorstellungen von Blut und Gewaltthat drängten sich nicht in ihre Trauer und störten gewaltsam die Weihe des Todes! Nicht einmal der Trost blieb ihr, daß der Beweinte eines friedlichen Todes gestorben sei. Er war Soldat gewesen und nicht auf dem Schlachtfeld gefallen, nicht als Gelehrter ein Opfer seines Forschungstriebs geworden, sondern feig und heimtückisch von Banditen ermordet worden. Sie hörte, wie der Minister sie seines Schutzes versicherte, sie dankte ihm auch, in abgebrochenen Worten stammelnd, für seine Güte, aber blind vor Thränen verließ sie an Frau Baradiers Arm das Zimmer, trostloser als sie es betreten hatte – die Teilnahme, die man ihr entgegenbrachte, hatte ihr erst die ganze Tragweite ihres Verlustes enthüllt. Mit schwerem Herzen verabschiedete sich auch der Minister von den Freunden, die ihn durchs Vorzimmer geleiteten, wo sich ihm Trémonts Diener in den Weg stellte. Wohlwollend betrachtete sich der General das charaktervolle und kluge Gesicht des alten Soldaten. »Mein armer Baudion!« sprach er ihn freundlich an. »Das ist ein großes Unglück.« »Eine große Scheußlichkeit, Excellenz!« »Hätte er dich nicht fortgeschickt gehabt, das ganze Unheil hätte nicht entstehen können.« »Wenn ich so sagen darf, Excellenz, die Schürzen haben wieder einmal alles zu Grund gerichtet.« »Davon zu reden ist jetzt nicht am Platz!« »Verzeihen, Excellenz, ich will meinem Herrn selig auch ganz gewiß nichts Uebles nachreden, aber wenn man das Frauenzimmer nicht aufspürt, das alles eingefädelt hat, so wird man nichts herausbringen und mein General wird nicht gerächt werden.« »Ja, kennst du denn diese Person?« »Ach du liebe Zeit! Wenn ich sie gekannt hätte, wäre ich jetzt auch tot!« Die drei Herren tauschten einen Blick aus. Was Baudoin da sagte, war eine so unverhohlene Bestätigung von Baradiers Befürchtungen für seinen Sohn, daß die drohende unheimliche Gewalt der Unbekannten dem Minister beängstigend vor die Seele trat. Er und seine Amtsvorgänger hatten sie ja zur Genüge kennen gelernt, diese Abenteurerinnen, die immer auf dem Sprung sind, ein Wagnis zu bestehen, eine Intrigue anzuzetteln, ein Geheimnis an sich zu reißen. Er hätte sie an den Fingern herzählen können, diese Namen, von solchen an, die Schacher treiben mit Orden, bis zu denen, die Aktenschränke durchstöbern, und alle Erfahrungen der Vergangenheit, die ganze Unzahl begangener Unbesonnenheiten, nachgewiesener Thorheiten standen vor ihm auf, als Belege für die Richtigkeit dessen, was der unbefangene redliche Baudoin geäußert hatte. »Ja, wie meinst du denn, daß man die Person ausfindig machen könne, wenn niemand sie gekannt hat als der Verstorbene?« fragte er den treuen Diener. »Ich habe ihre Stimme gehört, Excellenz, gestern abend habe ich sie gehört und ich würde sie wiedererkennen ...« »Ach, mein armer Junge! Eine Stimme, von der man ein einziges Mal ein paar flüchtige Worte gehört hat, ist ein schwacher Anhaltspunkt, um eine solche Anklage zu erheben! Weißt du nicht, daß Stimmen sich so ähneln können, daß selbst nahe Angehörige sie miteinander verwechseln? Wenn du sonst kein Beweismittel hast, mein guter Baudoin, wirst du am besten thun, dich ruhig zu verhalten!« »Das wird sich ja zeigen, Excellenz.« »Du beharrst auf deiner Idee?« »Jawohl, Excellenz.« »Nun, so versuch's eben! Ich möchte übrigens gerne etwas für dich thun. Du warst ein guter Soldat und treuer Diener, dein Herr würde sicher gewünscht haben, daß ich mich deiner annehme. Möchtest du als Bureaudiener auf dem Ministerium eintreten?« »Ich danke, Excellenz. Herr Baradier hat mir schon eine Stellung in seinem Haus angeboten und ich habe sie angenommen, aber wenn Excellenz sehr gnädig sein wollten ...« »Nun denn! Heraus mit der Sprache!« »Würden Excellenz mir sagen, wie der Agent heißt, der mit dem Herrn Oberst beim Augenschein war? Der Mann kam mir findig und gerieben vor ... mit dem möchte ich reden.« »Er heißt Laforêt, aber du mußt diesen Namen für dich behalten. Es ist ein Beweis von Vertrauen, daß ich ihn dir nenne, bekannt darf er nicht werden.« »Excellenz können sich auf mich verlassen, ich kann schweigen.« »Abgemacht! Laß dir's gut gehen!« Der Minister schüttelte den beiden Herren die Hände und stieg in seinen Wagen. Baradier wie Graff hatten sich vorgenommen, mit Baudoin zu sprechen, er war aber verschwunden, als sie ins Vorzimmer zurückkehrten. Kaum daß er den Namen des Agenten erfahren hatte, war er über die Dienerschaftstreppe aus dem Haus und ins Ministerium geeilt, wo er schon bei der Schildwache mit Erkundigungen anfing. Als alter Soldat wußte er sich zu helfen, und eine Ordonnanz gab ihm im Vorplatz Bescheid, in welchen Flügel des Gebäudes er sich zu wenden habe: quer über den Hof, Treppe A . Dort hatte ihn aber der Thürsteher aufgehalten, denn ohne Weisung könne er niemand die Amtsräume betreten lassen. Baudoin hatte keine vorzuzeigen, er müsse sie sich erst verschaffen. »Ich möchte ja nur Herrn Laforêt sprechen.« Der Thürsteher sah ihn mißtrauisch an und sagte: »Herrn Laforêt? Der ist nicht im Ministerium zu treffen. Gehen Sie in seine Privatwohnung.« »Und wo ist die?« »Danach können Sie sich anderswo erkundigen.« Baudoin merkte wohl, daß dem Mann untersagt war, Auskunft zu geben, und daß dagegen nichts auszurichten war, wußte er. So grüßte er denn, dankte und ging. An einer Straßenecke, dem Ministerium fast gegenüber, fiel ihm ein kleines Café auf und er ging hinein, um sich seine weiteren Schritte zu überlegen, vielleicht auch hier etwas zu erfahren. Im ersten Saal befand sich ein Ringspiel, und vier Herren, kleine Kaufleute aus der Nachbarschaft, vergnügten sich damit, wobei der Wirt wohlgefällig zusah. Im anstoßenden Raum rollten Billardkugeln. Vom Billard selbst sah man nur eine Ecke, aber die Spieler wurden abwechselnd unter der offenen Thüre sichtbar und die Partie hatte eine ganze Anzahl von Zuschauern angelockt, vielleicht daß eine Wette dabei zum Austrag kam. »Sie wünschen?« fragte der Kellner. »Ein Glas Bier ... aber sagen Sie, findet hier ein Preisspiel statt?« »Nicht gerade das, aber wir haben ausgezeichnete Spieler. Einige Herren vom Ministerium kommen jeden Abend ... und Herr Trousset, der Vizedirektor, könnte es mit den abgefeimtesten Spielern von Paris, ja auch mit ausländischen aufnehmen.« »Wahrhaftig? Darf man zusehen?« »Ich werde dem Herrn das Bier in den Billardsaal bringen.« Baudoin trat ein. Der tiefe, nach rückwärts gelegene Raum enthielt zwei Billards, dazwischen standen kleine Tischchen und Bänke. An dem einen Billard wurde die Carambolagepartie ausgefochten, die etliche zwanzig Zuschauer fesselte, am anderen ging eine Kegelpartie vor sich. Baudoin suchte sich einen Platz aus und sah sich um. Der eine von den Spielern war ein beleibter Bruder Lustig, der seine eigenen Stöße und die des Gegners unermüdlich mit sehr abgedroschenen Witzen begleitete, die in der Provinz vielleicht noch gangbar sein mochten, der andere, ein großer magerer, einsilbiger Mann, war der gesuchte Laforêt in Person. »Glück muß der Mensch haben!« entfuhr es Baudoin zur Verwunderung eines Tischnachbarn. Vor dessen neugierigem Blick verstummte er, steckte sich eine Cigarette an und schlürfte den Schaum von seinem Bierglas. Der dicke Witzbold rief unter Augenzwinkern seinem Gegner zu: »Die Kugeln sind im Kessel ... die schöne Amerikanerin ist unser!« Darauf führte er eine Reihe von siebzehn Stößen aus, fehlte aber beim achtzehnten. Laforêt griff gelassen wieder nach dem Queue, erreichte aber nur fünf Points, der Gegner schnalzte mit der Zunge. »Ich spiele aus fünfzehn, mein Sohn – ich glaube, Sie können an Ihre Familie schreiben!« Er trug mit Leichtigkeit den Sieg davon, zog die Hemdärmel herunter, die er bis zum Ellbogen aufgestülpt hatte, fuhr in seinen Rock und streckte dem Besiegten treuherzig die Hand hin. »Sie tragen mir's doch nicht nach?« »Alle Achtung vor Ihrem Spiel, Herr Trousset«, sagte Laforêt. »Ich hoffe, mich demnächst herausbeißen zu können.« »Ich stehe immer zu Diensten,« Mit dem gleichgültigsten Gesicht von der Welt trat Lafortêt jetzt an Baudoins Tisch, indem er dem Kellner zurief: »Einen Bittern!« »Suchen Sie mich?« fragte er den Diener des Generals halblaut. »Ja. Sie haben mich erkannt?« »Gesichter erkennen ist ja mein Handwerk. Etwas Neues?« »Nein, aber ich möchte mit Ihnen sprechen.« »Gut!« Die Zuschauer zogen sich allmählich in den besser erleuchteten vorderen Saal nach der Straße, die Spieler am anderen Billard setzten ihre Kegelpartie fort, so waren Baudoin und Laforêt bald ungestört. »Sie können es hier thun, kein Mensch achtet auf uns. Fangen Sie nur an!« »Gut, Herr Laforêt! Die Sache ist die – als ich Sie heute früh unter all den Herren sah, kam mir's vor, als ob Sie einer wären, der nicht leicht von etwas abläßt und auf den man sich verlassen kann, wenn man ein heikles oder gefährliches Geschäft zu erledigen hat ... habe ich recht gesehen?« »Ich will's meinen.« »Vielleicht täusche ich mich, aber mir kommt's vor, als ob Sie in andern Schuhen steckten als die eigentlichen Polizisten, die nur im Dienste handeln? Wie soll ich nur sagen? – Sie kamen mir vor, wie einer, der die Sache aus Liebhaberei betreibt und nur nach seinem Belieben Auskunft gibt, der daher auch mehr Freiheit hat, auf eigene Faust einen Entschluß zu fassen ...« »Wenn Sie sich wegen der Geschichte in Vanves an mich wenden wollen,« schnitt ihm Laforêt das Wort ab, »so muß ich Ihnen gleich sagen, daß ich von meinen Vorgesetzten den Befehl habe, mich nicht weiter damit zu befassen. Die Untersuchung ist jetzt Sache der Staatsanwaltschaft ... man darf einander nicht ins Gehege kommen. Bis auf weiteres wird das Kriegsministerium sich jeder Einmischung enthalten.« »Wenn ich Sie aber um Rat bäte?« »Rat kann man ja immer geben.« »Nun denn! Die Polizei fahndet jetzt auf die Urheber des Verbrechens, dem mein Herr zum Opfer gefallen ist. Ich möchte aber nicht die Hände in den Schoß legen, sondern meinerseits auch etwas thun.« »Wer hindert Sie daran?« »Niemand, aber ich weiß nicht, wie ich's angreifen soll, man wird nicht im Handumdrehen Jäger. Wo soll ich die Sache anpacken?« »Ueberlegen wir's uns! Hatte der General Familie?« »Eine Tochter.« »In deren Interesse es nicht gelegen hätte, ihn verschwinden zu lassen?« »Ganz und gar nicht, im Gegenteil.« »Wußten Sie von einer Geliebten?« »Ja und nein, er war so mißtrauisch! Die Frau, die ihn besuchte, kam nur bei Nacht und jedesmal hat er mich fortgeschickt.« »Sie meinen die Frau von gestern abend?« »Ja.« »Ist Ihnen bekannt, daß er Feinde gehabt hätte?« »Nein.« »Hatte irgend jemand Grund, ihm schaden zu wollen?« »In gewissem Sinn, ja.« »Worauf gründet Ihr Verdacht?« »Auf persönlichen Beobachtungen, die mir ein Freund meines seligen Herrn bestätigt hat.« »Ein vertrauenswürdiger Mann?« »Unbedingt!« »Dann muß also dieser Fährte nachgespürt werden.« »Wenn Sie wüßten, auf welche Schwierigkeiten ich da stoße!« »Das ist ja das Schöne an der Sache! Einen Kohlenhändler fassen, der sein Weib mit einem Holzscheit erschlagen, oder einen Friseur erwischen, der seiner Geliebten mit dem Rasiermesser den Hals abgeschnitten hat, ist einfach langweilig! Was uns begeistert, ist der Kampf, die Notwendigkeit, Scharfsinn, Erfindungskraft aufzuwenden! Ein Polizist muß Phantasie haben – wenn unsereiner einen Roman liest, muß er über die Zahmheit der Herren lachen.« »Sie sind eben Fachmann und ich nicht, ich bin nicht einmal neugierig, mich gelüstet's nie, zu erfahren, was ich nicht zu wissen brauche. Wenn mir's nicht am Herzen fräße, daß mein guter Herr hingeschlachtet worden ist, ich würde mich wohl hüten, meine Nase in fremde Angelegenheiten zu stecken, aber meinen General rächen, das ist mir wie ein Befehl, den er mir hinterlassen hätte! Wenn er im Augenblick, als ihn der Streich traf, noch bei Besinnung war, so hat er denken müssen: ›Wenn Baudoin da wäre! Der würde mich verteidigen!‹ Sie sehen also, ich muß seine Mörder auftreiben – vorher finde ich keine Ruhe im Leben.« Laforêt sah sich den Mann nachdenklich an. »Sie sind ein wackerer Geselle,« sagte er überlegend, »aber Sie haben nicht das Zeug, eine so verwickelte Geschichte zu ergründen, falls es überhaupt möglich sein sollte. Sie werden alles verpfuschen, indem Sie die Leute, denen Sie mißtrauen, aufmerksam machen. Rühren Sie sich lieber gar nicht! Warten Sie ab! Geduld ist die erste Tugend, die der Fahnder haben muß, die Zeit ein unschätzbarer Bundesgenosse. Zuerst ist jeder Verbrecher ängstlich und vorsichtig, nach und nach aber fühlt er sich sicherer, seine Vorsicht läßt nach, er wagt sich wieder hervor, wagt sich an ein neues Unternehmen – dann muß man ihn fassen. Statt einen Feldzug zu eröffnen, bleiben Sie lieber ganz unthätig. Wenn Sie es mit einflußreichen, entschlossenen Leuten zu thun haben, so können Sie sich darauf verlassen, daß Sie ihrerseits sorgfältig überwacht werden. Das Interesse der Betreffenden fordert ja solche Maßregeln. Sie erreichen viel mehr, wenn Sie die Gegner von Ihrer Harmlosigkeit überzeugen, als wenn Sie ohne rechte Grundlage Schritte gegen sie thun. Gehen Sie ruhig Ihren Geschäften nach, bitten Sie auch die Freunde, die Ihren Verdacht teilen und den General rächen möchten, ruhig zuzuwarten und der Sache ihren Lauf zu lassen. Es ist mit Sicherheit anzunehmen, daß irgend ein Vorkommnis Ihnen eine Handhabe liefern wird – dann heißt es handeln, zugreifen! Wenn Sie mich nötig haben, so treffen Sie mich gegen fünf Uhr nachmittags regelmäßig in diesem Lokal. Vielleicht, daß mein Vorgesetzter mir erlauben wird, für Sie zu arbeiten.« Baudoin stand auf. »Ich werde Ihren Rat befolgen, und wenn Sie mir etwas mitzuteilen haben sollten, so bin ich bei Baradier \& Graff zu finden.« »Bei den Bankiers in der Provencerstraße?« »Gewiß.« »So? Hm ... unser alter Herr ist vorhin auch dort gewesen, sein Kutscher hat mir's gesagt... Gut! Wenn die Zeit da ist, soll alles zum Klappen kommen. Guten Abend!« Die beiden Männer schüttelten sich die Hände und Baudoin kehrte ins Haus Baradier zurück, wo Marcel auf ein Telegramm hin eben von Ars angekommen war. Sein Vater und sein Onkel hatten sich mit ihm zu einer ernsten Beratung eingeschlossen, an der nicht einmal die Mutter teilnehmen durfte. In dem stillen Arbeitszimmer auf und ab gehend, gab Marcel kurzen Bescheid auf die an ihn gerichteten Fragen. Der große, schlanke Mensch mit seinen blauen Augen und dem blonden Schnurrbart bot das Urbild eines kräftigen Lothringers dar, eine prächtige Erscheinung, auf der Onkel Graffs Blicke mit stiller Wonne ruhten. »Also was hat dir Trémont bei deinem letzten Besuch gesagt?« »Damals haben wir von wissenschaftlichen Dingen nur die Anilinuntersuchungen besprochen,« »Nicht sein Pulver?« »Das Ergebnis seiner Versuche damit hatte er mir früher schon anvertraut, und ich war, wie er selbst, der Ansicht, daß die Erfindung im wesentlichen fertig sei. Es handelte sich nur noch um einige Handgriffe zur Erleichterung der Herstellung.« »Und du kanntest die Rezepte?« »Längst! Ich kenne sie alle!« »Du wärest in der Lage, sie wieder zusammenzustellen?« »Ohne jede Schwierigkeit sogar.« »Also genau, was ich fürchtete!« rief Baradier erregt. »Fürchten? Ja, das ist doch gerade ein großes Glück für alle Welt. Für Genoveva, der dadurch ein Vermögen gesichert ist, für die Armee, die das Trémontsche Pulver erhalten wird, und nicht zum mindesten für das Gedächtnis unseres Freundes, dessen Name fortleben wird durch seine ruhmvolle Erfindung,« »Und ich, mein Sohn,« fiel Baradier mit bebender Stimme ein, »ich beschwöre dich um unserer und um deiner selbst willen, kein Wort von dem, was du uns eben geoffenbart hast, anderen gegenüber zu verraten. Dein Leben steht auf dem Spiel! Solange Trémonts Mörder nicht entdeckt, verhaftet und bestraft worden sind, ist keiner seines Lebens sicher, der auch nur im Verdacht stehen kann, sein Geheimnis zu besitzen. Nur um seiner Erfindung habhaft zu werden, hat man ihn ermordet. Ich flehe dich an, ängstlich geheim zu halten, daß du eingeweiht warst in seine ...« »Beruhige dich nur, Papa,« versetzte der junge Mann lächelnd, »außer dir und dem Onkel weiß kein Mensch darum, und auf den Dächern werde ich's nicht ausschreien. Ebensowenig aber verzichte ich darauf, die Erfindung zu passender Zeit zur Geltung zu bringen, selbst wenn Gefahren damit verknüpft sein sollten.« »Darin geben wir dir recht, aber warten wir diese passende Zeit ab! Und nun laß uns weiter hören! Trémont war dir gegenüber sehr mitteilsam, auch über sein Privatleben. ... Er hat gern den Schwerenöter gespielt und dir von seinen Abenteuern erzählt ...« »Ja, das war sein schwacher Punkt! Im Herzen war er ein junger Leutnant geblieben und von einer Entzündbarkeit ohnegleichen! Im Nu war er immer wieder verliebt, und ich mußte ihm manchmal förmlich den Text lesen. Er war entschieden der Leichtfertigere von uns beiden!« »Das will viel heißen,« brummte Baradier. »Ja, als Beispiel des Guten für christliche Kinder spiele ich mich ja nicht auf,« gab Marcel lachend zu. »In der letzten Zeit hatte er dir aber nichts anzuvertrauen?« »Nein. Er war zurückhaltender als sonst und schien mir innerlich in Anspruch genommen zu sein. Vielleicht, daß man ihm besondere Verschwiegenheit auferlegt hatte und er sich dazu verpflichtet glaubte. Trotzdem warf er wieder einmal nach dem Frühstück sein gewohntes: ,Ich sage dir, eine entzückende kleine Frau!' hin, wobei er sich schmunzelnd die Hände rieb. Sie waren stets entzückende kleine Frauen, wer sie auch sein mochten! Putzmacherinnen, Tänzerinnen, Bürgersfrauen oder Dirnen, entzückend waren sie, eine wie die andere. Ehrlich gesagt, war mir dieser Liebeshunger bei einem Mann von sechzig Jahren ein wenig widerlich, und ich forderte seine Bekenntnisse nie heraus, weil ihre greisenhafte Ueberschwenglichkeit mir für seinen vornehmen, klaren Geist etwas Verletzendes hatte. Als er dann in letzter Zeit verschwiegen sein wollte, gab ich ihm keinen Anlaß zu sprechen, denn es war mir lieb, die Geschichte nicht hören zu müssen.« »Schade! Es wäre wohl die einzig wertvolle darunter gewesen.« »So trifft sich's ja immer.« »Und du erinnerst dich nicht, daß er von neuen männlichen Bekanntschaften gesprochen, Namen genannt hätte?« »Er erzählte mir von einem fremden Gelehrten, mit dem er in Beziehung getreten war und den er für etwas Außerordentliches hielt. Dabei hatte er den Verdacht, daß sein Freund Nihilist sei, was ihn einigermaßen beunruhigte, im übrigen aber zollte er dem Mann die höchste Anerkennung« »Es war ein Russe.« »Ich weiß es nicht. Er nannte ihn Hans ...« »Hans!« rief Baradier ungestüm. »Das ist ja der Mann, dem der Arm abgerissen wurde! Auf dem Arm selbst fand man den Namen Hans eintättowiert, und auf einem Ring, den er am Finger trug, steht er auch ... das ist der erste Lichtstrahl, der ins Dunkel fällt. Also der General kannte diesen Hans? Hans ist aber doch ein deutscher Name?« »Nur ein Vorname, allerdings ein deutscher, doch sind ja bekanntlich viele Russen deutschen Ursprungs. Wenn der in Frage stehende Hans thatsächlich der Urheber der Katastrophe ist, so hat er sich natürlich nur in der Absicht, das Geheimnis an sich zu bringen, bei dem General eingeführt ... aber wie kann er zur Kenntnis gelangt sein, daß eine Entdeckung vorhanden war, die der General doch sorglich geheim hielt?« Graff, der bisher kein Wort gesprochen hatte und den Reden von Vater und Sohn mit träumerischem Sinnen gefolgt war, bat mit einer Handbewegung um Schweigen und begann langsam, als ob er das zarte Gewebe eines erst entstehenden Gedankengangs festhalten müßte: ›Ihr verirrt euch! Die Triebfedern, denen die Urheber des Verbrechens – ein einzelner war es ja entschieden nicht! – gehorcht haben, sind viel verwickelterer und höherer Art, als ihr annehmt. Ihr sucht entweder gemeine Diebe, die sich eine nutzbare Entdeckung aneignen wollten, oder Anarchisten, die ein mächtiges Zerstörungsmittel wittern. Das ist viel zu niedrig: wir haben es mit Verbrechern höherer Gattung zu thun. Daß sie sich die Mühe machten, Trémont nach der Ermordung auszuplündern, beweist, daß sie falsche Vorstellungen erwecken wollten. Wenn man ein Haus zu plündern vorhat, hält man sich nicht mit einer Taschenuhr und einer Börse auf. Das geheimnisvolle Gebaren der Thäter entspricht dem Wesen politischer Verschwörer und was der Ausführung der That insbesondere das Gepräge eines politischen Anschlags verleiht, ist die Mitwirkung einer Frau. Seit einem Jahrhundert sind alle Intriguen auswärtiger Politik bei uns durch Frauen geleitet worden. »Meine Auffassung ist in Kürze die folgende. Ein Staat oder auch mehrere europäische Staaten hatten Kenntnis von Trémonts Studien und Versuchen. Möglich, daß seine eigenen Mitteilungen an die Akademie hinreichend waren, die Aufmerksamkeit darauf zu lenken. Sofort wurden Mittel und Wege gesucht, sein Vertrauen zu erschleichen, in seine Häuslichkeit zu dringen. Man hat sich über die Lebensweise unseres Freundes unterrichtet, seinen Hang zu Liebesabenteuern ermittelt. Eine hübsche, gewandte junge Frau wurde ausgesandt, und wußte bald einen Verkehr zwischen Trémont und diesem Meister ›Hans‹ zu vermitteln, der natürlich kein Russe ist, sondern vermutlich aus Baden stammt. Die Frau ist eine Spionin und steht im Sold unserer Feinde. Als es dem von ihr eingeführten Hans nicht gelang, sich Trémonts Geheimnisse durch List zu verschaffen, ging er zur Gewalt über, aber ihr dürft überzeugt sein, daß der Streich in weit höherem Auftrage geführt wurde, als bis jetzt angenommen wird. Ihr vermutet einen Lichtenbach hinter der Scene – glaubt ihr, daß die Unbekannte und der sogenannte Hans um seinetwillen ein so gefährliches Spiel gewagt hätten? Das hieße denn doch die Bedeutung des Mannes überschätzen! Der Auftraggeber ist höheren Orts zu suchen oder vielmehr besser nicht zu suchen, da er ja doch nicht zu finden sein wird.« »Ich will deine Hypothese nicht unbedingt verwerfen,« versetzte Baradier. »Du bist ein Phantast, der oft genug Gespenster sieht, aber in dem vorliegenden Fall wäre es kühn, dir die Möglichkeit deiner Mutmaßungen zu bestreiten. Möglich ist sogar, daß wir beide recht haben, du und ich, und gewiß ist, daß die Urheber der verwegenen That Leute sind, die vor nichts zurückschrecken. Seien wir also auf unserer Hut und legen wir vorläufig keinerlei Mißtrauen an den Tag. Wir wollen ruhig weiterleben nach unseren Gewohnheiten und uns wenigstens scheinbar jeder Beteiligung an der gerichtlichen Untersuchung enthalten. Erreicht sie ihr Ziel, so können wir uns als Unbeteiligte dessen freuen, findet die Polizei nichts, so ist es immer noch Zeit, ihr einen Wink zu geben. Meiner Ansicht nach sind geschickte und kaltblütige Verbrecher fast nie auffindbar, nur Unvorsichtigkeiten liefern die Schuldigen aus. Sobald sie anfangen, sich nicht mehr für verfolgt und gefährdet zu halten, dann läßt sich viel eher eine Unbesonnenheit erwarten, die auf ihre Spur führt. Also gedulden wir uns und schweigen wir, das ist die vorsichtigste und zugleich zweckmäßigste Taktik. Marcel wird nach Ars zurückfahren ...« »Nicht ehe ich Genoveva Trémont gesehen habe!« »Versteht sich. Du bist heute abend bei Tisch, schläfst im Hause und fährst morgen mit dem Frühzug. Deine Mutter und dein Onkel werden seelenvergnügt sein, wenn sie dich ein wenig haben können.« »Und mein Vater nicht?« fragte der junge Mann lächelnd. »Und dein Vater auch! Ich führe dich jetzt zur Mutter hinauf – Graff, du wirst noch aufs Bureau gehen?« »Bis die Unterschriften erledigt sind. Dann gehe ich heim, werde aber zu Tisch kommen.« Vater und Sohn gingen über eine Privattreppe in die Wohnräume hinauf, wo sie zu ihrer Ueberraschung im Vorsaal einen fremden Bedienten vorfanden, der wartend auf einer Bank saß. »Die Mutter scheint Besuch zu haben,« bemerkte Baradier. »Merkwürdig – sie hat doch heute nicht Empfangstag.« Die beiden Herren traten durch einen Seitengang in Frau Baradiers kleines Empfangszimmer und fanden diese am Fenster sitzend, eine Stickerei in der Hand, aber mit müßigen Fingern ihren Gedanken nachhängend. »Du bist hier?« rief Baradier verwundert, »Ich glaubte, du habest Besuch zu empfangen?« »Der Besuch gilt nicht mir.« »Nicht dir? Und nicht Amalie? Also wohl Fräulein von Trémont?« »Allerdings,« versetzte Frau Baradier beinahe verlegen. »Aber was hast du denn nur?« fragte der Bankier, aufmerksam werdend. »Es scheint irgend etwas Ungewöhnliches vorzugehen im Hause, sag mir doch ...« »Ja, dieser Besuch ist ungewöhnlich, sehr merkwürdig sogar! Eine Schulfreundin von Genoveva kam eigens vom Kloster her, um unserem lieben Gast Teilnahme zu beweisen, und sie mußte allein kommen, das heißt von einem vertrauten Diener begleitet, weil ihr Vater unser Haus nicht wohl betreten könnte ...« Baradiers Gesicht färbte sich dunkelrot, seine Brauen zuckten. »Also ist es ...« Seine Frau ließ ihn nicht ausreden: sie verständigte sich mit ihm durch einen raschen Blick. »Ja, es ist Fräulein Lichtenbach.« Ein Schweigen trat ein. Marcel umarmte jetzt erst die Mutter und konnte dabei den Blick nicht vom Vater verwenden, der, vor dem Kamin stehend, offenbar bestrebt war, sich diesen auffallenden Schritt der Tochter seines Gegners und dessen Tragweite zurechtzulegen. »Wie ist sie denn, diese Fräulein Lichtenbach?« fragte Marcel. »Ich gestehe dir, daß ich sie nicht recht angesehen habe,« erwiderte die Mutter, »die Meldung ihres Besuches hatte mich ein wenig verblüfft. Amalie und Genoveva waren bei mir, und nachdem der Besuch eingetreten war, ließ ich die jungen Mädchen allein. So viel ich bemerkt habe, ist sie groß und hübsch gewachsen, aufgefallen ist mir die Stimme, eine helle, süße, einschmeichelnde Stimme,« »Die hat sie nicht vom Vater,« brummte Baradier. »Und wie lang ist sie denn schon hier?« »Eine halbe Stunde oder länger,« »Und meine Schwester sitzt als dritte im Bunde dabei?« »Sie hätte nicht wohl verschwinden können, das hätte einem Zurschautragen von Gehässigkeit ähnlich gesehen, das nicht am Platz wäre. Ich will auch hoffen, daß Kinder die Feindschaften der Eltern nicht notwendig als Erbteil übernehmen müssen ...« »Aber Mama, das wäre gegen alles poetische Herkommen! Denke doch nur an Romeo und Julia! Was sollte aus den Dichtern werden, wenn man ihnen den vererbten Haß nähme? Der gehört zum eisernen Inventar der Romantik! Berauben wir sie nicht, ihr Rüstzeug nimmt überhaupt von Jahr zu Jahr ab!« Baradier, der seine Gedanken ausgesponnen hatte, ohne auf die Warte des Sohnes zu achten, sagte halblaut vor sich hin: »Was will sie hier? Wozu hat er sie hergeschickt oder wenigstens herkommen lassen?« »Soll ich sie fragen, Papa?« sagte Marcel übermütig. »Verschone mich mit Witzen,« rief Baradier gereizt. »Die Sache ist kein Scherz!« »O, ich weiß, es wird hier überhaupt nicht gescherzt! Aber nehmt mir's nicht übel, ihr scheint mir aus der Mücke einen Elefanten zu machen! Meine Mutter ist blaß, du glühst vor Zorn, alles, weil ein junges Mädchen ihre Schulfreundin besuchen und trösten will! Ist das wirklich etwas so Unerhörtes?« Baradier warf dem Sohn einen ärgerlichen Blick zu und versetzte mürrisch: »Du bist ein Grünschnabel! Laß mich zufrieden! Ueber Dinge, die man nicht versteht, soll man nicht reden!« Marcel verbeugte sich mit spöttischer Unterwürfigkeit. »Du bist zu liebenswürdig, Papa, danke!« Baradiers Zorn sollte nicht zu weiterem Ausbruch kommen; die Thüre des anstoßenden Zimmers war leise geöffnet worden und Amalie stand auf der Schwelle. »Mama,« rief sie herein, »Fräulein Lichtenbach möchte sich von dir verabschieden, ehe sie geht.« »Scheint ja gute Manieren zu haben, das Fräulein,« bemerkte Marcel leise. »Gehst du hinein, Mama? Ich begleite dich ... ich muß wissen, wie sie aussieht.« »Du bleibst hier, Marcel,« raunte Baradier dem Sohne wütend zu, »ich verbiete dir ...« Aber Marcel war schon mit leisem Auflachen hinter der Mutter aus der Thüre geschlüpft. »Er wird seiner Lebtage nicht vernünftig werden,« stöhnte Baradier, sich plötzlich allein sehend. Mit einem Seufzer ließ er sich auf dem Sitz am Fenster nieder, den seine Frau eben verlassen hatte, und lauschte unwillkürlich dem Klang der verschiedenen Stimmen, der aus dem Nebenzimmer hereindrang. Auf den ersten Blick bemerkte Marcel, daß Fräulein Lichtenbach eine vornehme Erscheinung war und ein sanftes, angenehmes Gesicht hatte. Bei näherer Betrachtung sagte er sich, daß sie nicht eigentlich hübsch zu nennen sei, denn die Züge waren ganz unregelmäßig, doch war der Blick ihrer hellblauen Augen, die lautere Güte und Offenheit strahlten, sehr fesselnd. Sie hatte sich erhoben und stand schlank und kerzengerade in dem schwarzen Schulkleid mit dem blauen Band auf der Brust vor Frau Baradier, die ihr den Sohn vorstellte. Sie begrüßte ihn mit einer anmutigen Kopfneigung und sagte dann mit ihrer wohlklingenden Stimme: »Gnädige Frau, ich hätte nicht gehen mögen, ohne Ihnen für Ihre gütige Aufnahme zu danken. Fräulein von Trémont ist mir sehr teuer, wir haben seit einem Jahr ausschließlich miteinander gelebt, und ich empfinde ihr Unglück, als ob es mich selbst betroffen hätte... Mir ist es ein großer Schmerz, von ihr getrennt zu werden, aber ein großer Trost, sie bei Freunden zu wissen, die sie lieben. ... Ich hoffe, Sie werden ihr auch gestatten, von mir zu sprechen, damit sie mich nicht zu schnell vergißt ... vielleicht wird sich die Neigung, die sie für mich hat, auch Ihnen ein wenig mitteilen ...« Marcel stand ganz umfangen vom Zauber der Stimme, womit diese demütigen Worte gesprochen wurden, als die klaren Augen plötzlich mit leuchtendem Blick die seinigen trafen. Er gab den Blick feurig zurück, vielleicht sogar etwas keck, denn die Lider senkten sich jählings und leise Röte glitt über das offene Gesicht des jungen Mädchens, das vor diesem Blick erbebt war. »Ich danke Ihnen für die freundlichen Gesinnungen, die Sie für unsere liebe Genoveva und uns selbst aussprechen,« erwiderte Frau Baradier jetzt. »Seien Sie versichert, daß wir ihren Gefühlen keinen Zwang auferlegen werden.« Fräulein Lichtenbach verbeugte sich, nickte Amalie freundlich zu und erschrak sichtlich, als Marcel mit einer Verbeugung sagte: »Gnädiges Fräulein gestatten, daß ich Sie begleite.« Er hielt die Flügelthüre für sie auf, folgte ihr in den Vorsaal, ergriff den schwarzen Umhang, den sie dort gelassen hatte, und legte ihn um ihre Schultern, Angesichts der etwas bestürzten Mutter und Schwester begleitete er sie auch die Treppe hinunter, während ihr Diener hinter ihnen herging. Sie hatten dann den weiten Hof zu überschreiten und Marcel begann zutraulich zu plaudern. »Nach Fräulein von Trémonts Abreise wird Ihnen das Leben im Kloster wohl ein wenig traurig vorkommen, gnädiges Fräulein?« »O ... ich hoffe, daß Genoveva mich nicht vergessen und mich zuweilen besuchen wird ...« »Und Sie selbst werden wohl auch nicht mehr lange bei den Schwestern bleiben?« »Ich ... ich habe nur meinen Vater ... gerade wie es bei Genoveva war ... Sie findet nun in Frau Baradier eine Mutter, ich aber ...« Das junge Mädchen vollendete den Satz nicht, aber Marcel ergänzte ihn im stillen und verstand ihre ernste Traurigkeit wohl. »Ich werde einsam sein, wie ich's meine ganze Kindheit über gewesen bin,« dachte sie. »Meine Jugend wird zwischen kahlen Klostermauern verfließen, unter pedantischer Aufsicht der Schwestern, die ja verehrungswürdig und gut sind, aber nicht im stand, mir den Hauch warmer Liebe zu geben, den ich so nötig hatte, um glücklich zu sein. Meine Freundin verläßt mich und mit ihr alles, was mir das Leben fröhlich gemacht hat.« Das war so wehmütig und wurde so ergeben getragen, daß Marcel sich bewegt fühlte. Er betrachtete sich das junge Geschöpf an seiner Seite mit aufrichtiger Teilnahme, und als sie an dem Coupé angekommen waren, dessen Schlag der voraneilende Diener aufriß, sagte er mit Wärme: »Sie dürfen überzeugt sein, daß Genoveva von Trémont Sie nicht vergessen wird, gnädiges Fräulein ...« Sein Blick ruhte fest auf Fräulein Lichtenbachs Zügen, die im hellen Tageslicht der Straße noch seiner und mädchenhafter wirkten, und er setzte mit einer tiefen Verbeugung leiser hinzu: »Ich glaube, Sie gehören zu denen, die keiner so leicht vergißt.« Fräulein Lichtenbach neigte lächelnd den Kopf, sagte dem Diener: »Nach Hause!« und stieg ein. Während der Bediente auf den Bock stieg und der Kutscher die Zügel faßte, wechselten die beiden kein Wort mehr, aber Marcel blieb bloßen Hauptes auf dem Fußsteig der Provencerstraße stehen und blickte durchs Wagenfenster zu dem jungen Mädchen hinein, das er heute zum erstenmal gesehen hatte und das ihm so schlicht, wahr und rührend erschien. Sie hielt den Kopf gesenkt, aber das Lächeln, womit sie ihn gegrüßt hatte, schwand nicht von ihren Lippen. Jetzt setzte sich der Wagen in Bewegung und der Zauber war gebrochen. »Schade um die Tochter, wenn der Vater wirklich ein solches Scheusal ist, denn die Tochter ist entzückend,« dachte Marcel, indem er jetzt wieder über den Hof ging, und als er an die Hausthüre trat, überlegte er: »Schließlich kann sie doch wahrhaftig nichts dafür, daß sie diesen Vater hat, und ist nicht verantwortlich für seine Handlungen.« An der Thüre des väterlichen Arbeitszimmers war er indes zu der abschließenden Erwägung gelangt: »Was kümmert's mich! Es ist außerordentlich wahrscheinlich, daß ich und diese junge Dame nie mehr zusammentreffen werden ... mag sie also sein, wie sie will.« Trotzdem ließ sich bei ihm der Eindruck nicht verwischen, daß Fräulein Lichtenbach, die Tochter des Todfeindes von Baradier \& Graff, eine eigenartige Persönlichkeit sei, die nie und nirgends unbemerkt bleiben würde. »Da bist du endlich!« begrüßte ihn der Vater, der ihn mit Ungeduld erwartet hatte. »Du machst ja große Umstände mit dieser kleinen Person! Was würdest du denn thun, wenn wir eine Prinzessin zu Besuch hätten?« »Genau dasselbe, Papa,« versetzte der junge Mann gelassen. »Wirst du vielleicht die Güte haben, mir zu erklären, was dich zu einem solchen Aufwand von Höflichkeit der Tochter unseres Todfeindes gegenüber veranlaßt?« »Vielleicht gerade der Umstand, daß sie die Tochter deines Gegners ist.« »Das mag äußerst ritterlich gedacht sein, mir aber kommt's einfach albern vor!« »Hast du im Sinn, Frauen in geschäftliche Händel hereinzuziehen?« »Ich möchte wohl sehen, wie Lichtenbach deine Mutter oder deine Schwester behandeln würde, wenn sie ihm je in die Hände liefen!« »Hoffen wir, das nicht zu erleben! Aber wenn Lichtenbach deiner Ansicht nach einer Rüpelhaftigkeit fähig wäre, so folgt doch nicht daraus, daß man im Hause Baradier \& Graff auch ungehobelt sein muß. Frage nur den Onkel, was er davon hält.« »Ach, dein Onkel ist ein Schmachtlappen und mit schönem Gefühl bekämpft man einen Satan wie Lichtenbach nicht. Ich zerbreche mir nur den Kopf, in welcher Absicht er seine Tochter hergeschickt haben mag ... daß er es war, der diesen Besuch veranlaßt hat, steht für mich fest. Jedenfalls wollte er uns mit dieser Aeußerung von Teilnahme und Zärtlichkeit für Fräulein von Trémont Sand in die Augen streuen, aber gerade diese Schaustellung von Mitgefühl ist mir verdächtig. ... Ich sage dir, dieser Lichtenbach hat die Hand im Spiel! Ich lasse mir's nicht nehmen! Sein Haß, wie sein geschäftlicher Vorteil treiben ihn dazu, aber wie es beweisen?« »Die Untersuchung ist ja eingeleitet.« »Ach was, die Gerichte! Bringen die denn je ein Verbrechen an den Tag? Weißt du, was der Senator Barentin, der im Kassationshof für den ersten Kriminalisten gilt, mir erst neulich gesagt hat? Auf hundert Fälle kommen höchstens fünfundzwanzig, wo man die Schuldigen erwischt, und dann geschieht es meist zufällig, durch Unbesonnenheiten, die der Verbrecher begeht. Reiche Leute, die kaltblütig sind, die eine gewisse Macht in Händen haben, ihre Schritte klug berechnen, gehen immer ungestraft aus.« »Mein lieber Vater, wenn der ganze in Bewegung gesetzte Apparat der Gerechtigkeit mit seinen Schutzleuten, Fahndern, Staatsanwälten und Richtern nicht im stande ist, einen Mörder zu entdecken, wie sollten Baradier \& Graff es fertigbringen? Unmögliches muß man sich nicht zumuten und etwas Philosophie ist wohl angebracht im Leben. Wir werden die Wirkung des Verbrechens aufheben, soweit es in unseren Kräften steht, du, indem du Fräulein von Trémont unter deinen Schutz nimmst; die Mutter, indem sie ihr Liebe und Heimat gibt; ich, indem ich ihr das Vermögen verschaffe, das ihr Vater erworben haben würde, und fürs übrige lassen wir den lieben Gott sorgen!« »Den lieben Gott sorgen lassen – nein, laß lieber den Teufel schalten und walten,« murrte Baradier. »Vergiß wenigstens nie, was ich dir sage, Marcel! In das Zerwürfnis zwischen Lichtenbach und deinem Onkel ist Trémont hineingezogen worden, und auch ich sowohl als deine Mutter haben darunter zu leiden. Lichtenbach ist einer von den rachsüchtigen Menschen, die jede Schuld einfordern, und sei es erst vom Sohn oder vom Enkel, Jetzt hat er Trémont getroffen, aber auch an uns wird die Reihe kommen ...« »Nein, Vater, an keinen von uns wird sie kommen,« entgegnete Marcel ernst und bestimmt, »denn ich schwöre dir, bei der ersten Drohung, dem ersten Wetterleuchten, würde ich vor Lichtenbach hintreten und ein für allemal Abrechnung mit ihm halten!« Frisch rasiert und mit höchster Sorgfalt gekleidet erschien der Onkel Graff wieder in seines Schwagers Zimmer. Baradier machte seinem Sohn ein Zeichen, das Gespräch abzubrechen, und alle drei gingen in die Wohnräume hinauf. Viertes Kapitel. In seinem Privatzimmer mit der strengen, frostigen, grau bemalten Holztäfelung saß Elias Lichtenbach vor einem geräumigen Schreibtisch im Stil Ludwigs XIV. und unterhielt sich halblaut, als ob er Lauscher zu fürchten gehabt hätte, mit einem Priester, der, nachlässig hingestreckt, in einem tiefen Lehnstuhl mehr lag als saß. Der letzte Sonnenstrahl des Tages, der durch den breiten Kreuzstock hereinfiel, beleuchtete den knochigen Kopf des Bankiers mit dem ergrauenden Haar, den vorstehenden Augen, den sorgfältig rasierten Lippen und dem harten, ungütigen Ausdruck aufs deutlichste. Das war nicht mehr der kraftstrotzende, vollsaftige Elias von ehedem, Mühe und Arbeit hatten seine Jugend aufgezehrt und die Stirne gefurcht. Die vorstehenden Backenknochen, die jetzt noch härter und sehr abgemagert waren, verliehen dem Gesicht etwas Unheimliches: man wurde dabei an ein gewaltiges Raubtier erinnert. Die behaarten langen Hände, die auf der Platte des Schreibtisches lagen, verrieten eine unmäßige Geldgier. Sein Gegenüber war ein junger, weltläufiger Priester mit feinem, angenehmem Gesicht. Ein Anflug südländischen Tonfalls verlieh seiner Stimme eine klangvolle Fröhlichkeit, die Lichtenbach immer wieder zu dämpfen suchte. »Die Sache wird prächtig werden,« versicherte der junge Priester. »Das Gelände, das wir ins Auge gefaßt haben, ist augenblicklich fast wertlos, denn es besteht aus Heideland und Moorgrund. Die Erwerbung wird unter Ihrem Namen erfolgen und sobald ein Erbpachtvertrag mit Ihnen abgeschlossen sein wird, soll der Bau in Angriff genommen werden. Dazu werden wir einen Vorschuß von dreihunderttausend Franken nötig haben ...« »Das hat keinen Anstand,« fiel Lichtenbach ein. »Ich habe Leute zur Hand, die willig das Geld vorstrecken ...« »Und brauchen gar nicht weit danach zu suchen?« bemerkte der junge Priester, indem er auf die mächtige Tischplatte hinschielte, worauf Lichtenbachs gierige Hände ruhten. »Nein, Herr Abbé, weit nicht, aber hier liegt dieses Geld nicht.... Mein Grundsatz ist, nur auf sofort umsetzbare Werte Geld zu leihen, und der Plan, den Sie mir da entwickeln, bietet vorläufig noch keine genügende Sicherheit. Das hat aber nichts auf sich. Schaffen werde ich das Kapital.« »Ja, und das ist die Hauptsache für uns. Indes, wir möchten nur mit Ihnen persönlich zu verkehren und abzurechnen haben. Die Herren sind nicht geneigt, dem nächsten Besten Vertrauen zu schenken ... Ihrer sind sie sicher, aber auf Unbekannte würden sie es schwerlich ausdehnen.« »Die Herren werden es wie bisher ausschließlich mit mir zu thun haben,« versicherte Lichtenbach fast unterwürfig. »Ich weiß, was ich den Herren schuldig bin, und Sie werden mich zu jeder Zeit dienstbereit finden.« »Also denn ... sobald die Grundstücke erworben und uns zur Verfügung gestellt sein werden, soll es an die Arbeit gehen. Wir lassen sofort Bohrungen anstellen, die uns Ort und Stelle der Erzlager, wovon ich Ihnen sprach, zeigen werden, und dann wird sich der Wert von Grund und Boden rasch verzehnfachen. Sie werden dann einen Teil des Grundstücks wieder verkaufen und dadurch wird sich die Anstalt unseres Ordens bezahlt machen, ohne daß wir den Säckel aufzuknüpfen brauchen.« »Wenn die Erzlager so ergiebig sind, wie Sie mir sagen, so wird die einer Aktiengesellschaft übertragene Ausbeutung auf Jahre hinaus schönen Zins abwerfen.« »Darauf rechnet ja Monseigneur! Das schließt er mit Sicherheit aus den Berechnungen des Technikers, der in unserem Auftrag die Untersuchungen vorgenommen hat. Ach – wir brauchen ja auch Geld, sehr viel Geld, um unser Werk richtig durchzuführen,« bemerkte der junge Priester seufzend. »Die Religion wird mit einer solchen Heftigkeit angegriffen und bedrängt, daß wir verloren wären, wollten wir sie nur beschützen. Wir müssen den Kampf ins Feindesland tragen ...« »Das ist ganz meine Meinung, Herr Abbé, und Sie werden sich überzeugt haben, daß meine Zeitung sie eifrig vertritt.« »Gewiß, gewiß, Sie arbeiten tüchtig vor. Schade nur, daß die ›Weiße Helmzier‹ nicht nur ideale Ziele verfolgt und sich so viel mit Spekulationen und Unternehmungen befaßt, Ihre Spalten riechen zu stark nach der Börse.« »Herr Abbé,« fiel ihm Lichtenbach schroff ins Wort, »nicht jeder hat die Kunst erlernt, Geschäfte zu machen, ohne Geschäftsmann zu scheinen. Ich werde aber bei den Herren in die Schule gehen.« »Nur nicht den Jesuiten spielen, mein lieber Lichtenbach,« warf der junge Geistliche in leichtfertigem Ton hin. »Wir wissen ja Ihre Dienste wohl zu schätzen, dafür haben Sie schon manche Beweise erhalten und werden ihrer immer mehr erfahren. ... Ach, da fällt mir ein, was hat es denn mit dem Verwundeten auf sich, den wir gestern in Iffy aufgenommen haben? Er war hübsch zugerichtet, der arme Teufel, und berief sich auf Sie ...« Elias war erdfahl geworden. Mit erschrockener Gebärde flüsterte er: »Nicht so laut, Herr Abbé! Leise, wenn ich bitten darf! Kein Mensch darf ahnen ...« »Ach! Wie Sie die Fassung verloren haben! Beruhigen Sie sich nur! Außer dem Herrn Superior und mir weiß niemand von dem Unglücklichen ... viel anvertraut hat er aber uns auch nicht, denn er war zu erschöpft von der Anstrengung, sich bis vor unsere Thüre zu schleppen. Es war ein Uhr morgens, die ganze Brüderschaft in der Frühmette, man konnte daher den Verwundeten ungesehen in den Eingangspavillon bringen. Uebrigens war es auch hohe Zeit: sobald er ins Bett gebracht war, verlor er das Bewußtsein.« »Wer pflegt ihn?« »Unser Superior selbst. Er hat gründliche Kenntnisse in der Heilkunde und überdies war der Arm durch ein heißes Aetzmittel so säuberlich abgetrennt, daß es sich nur um einen Verband handelte. Der Mann hat einen großartigen Heldenmut bewiesen! Jetzt liegt er im Fieber und redet irr.« »Wovon spricht er?« »Von ganz merkwürdigen Dingen, die nicht recht zusammengehören. Es ist gleichzeitig von einem verschanzten Feldlager in den Vogesen und von einem ganz unerhört wirksamen Schießpulver die Rede ... und es handelt sich darum, den Plan des Feldlagers und das Geheimnis der Pulverfabrikation zu entdecken.« »Nennt er Namen?« »Er spricht häufig von einer Frau, die er bald Sophia, bald ›die Baronin‹ nennt. Abwechselnd holt er ihren Rat ein, gibt ihr Befehle, verfährt sehr hart mit ihr, ja beschimpft sie. Allem nach muß sie seine Gehilfin bei einem lichtscheuen Werk sein.« »Hat er sich deutlicher darüber ausgesprochen?« »Nein, seine Gedanken verwirren sich rasch wieder und man gewinnt keine Klarheit aus seinen Erzählungen. Uebrigens ist heute noch niemand in seine Nähe gekommen als der Bruder Pförtner und unser Superior, Sie haben also nichts zu fürchten.« Elias atmete erleichtert auf. »Glauben Sie mir, Herr Abbé, daß ich für meine Person überhaupt nichts zu fürchten habe, aber sehr viel für andere.... Ich bin, wie Sie wissen, in große internationale Unternehmungen verwickelt, und die meiner Obhut unterstellten Interessen betreffen nicht nur ungeheure Kapitalien, sondern auch unzählige Menschenleben. Es ist also meine Pflicht, äußerste Vorsicht anzuwenden.« Der junge Priester sah sehr ernst drein, als er mit abweisender Gebärde entgegnete: »Davon will ich nichts hören, Herr Lichtenbach. Die Herren sind, wie Ihnen bekannt ist, französisch, nur französisch gesinnt. Was jenseits der Grenzen vor sich geht, ist ihnen gänzlich fremd, um nicht zu sagen verhaßt. Außerhalb Frankreichs, das wir mit tiefer, erleuchteter Liebe umfassen und von umstürzlerischer Verderbnis retten wollen, anerkennen wir nur den Papst, den Beherrscher aller katholischen Christen und unser Oberhaupt, dem wir blindlings gehorchen. Behalten Sie Ihre Geheimnisse für sich, Herr Lichtenbach, wir werden sie um Ihrer Dienste willen achten und schonen. Aber erwarten Sie von uns keinerlei Unterstützung, die zum Erfolg von Unternehmungen beitrüge, die andere Zwecke verfolgen, als die Aufgaben, denen wir uns geweiht haben, die Monarchie und die Religion. In allem übrigen verhalten wir uns neutral, das ist das Aeußerste, was wir Ihnen zugestehen können.« »Sind Sie beauftragt, mir das zu erklären?« fragte Lichtenbach beklommen. »Nein, mein lieber Herr Lichtenbach, ich bin nur beauftragt, den Ankauf der Grundstücke mit Ihnen zu besprechen.« »Ich danke Ihnen, Herr Abbé. Wollen Sie den Herren mitteilen, daß ich morgen einen Vertrauensmann nach Grasse schicken und das Geschäft abschließen werde, so daß der Besitz vor Ablauf des Monats angetreten werden kann.« »Ganz einverstanden.« Der junge Priester erhob sich, blieb aber zögernd stehen und bemerkte in beiläufigem Ton: »Fast hätte ich's vergessen ... haben Sie auch von dem entsetzlichen Unglück gehört, das sich in Vanves zugetragen hat? Die Erschütterung durch die Explosion war auch bei uns in Issy noch fühlbar. Haben Sie den General von Trémont nicht gekannt?« Lichtenbach wand und krümmte sich förmlich, als er stotternd zur Antwort gab: »Doch, Herr Abbé ... gekannt habe ich ihn ... es ist indes schon lange her ...« »Scheint ein ganz gefährlicher Sonderling gewesen zu sein, der sich in chemische Versuche verbissen hatte, die notwendig früher oder später seinen Tod herbeiführen mußten. Uebrigens, wenn man dem Gerede der Leute Glauben schenken kann, ein Mann von zweifelhafter Sittlichkeit, trotz seines hohen Alters noch niedrigen Ausschweifungen ergeben; also kein Verlust für die Menschheit. ... Es heißt, er sei ermordet und bestohlen worden, ehe das Haus in die Luft sprang ... das kommt davon, wenn man mit Pulver spielt! Nun leben Sie wohl, mein lieber Lichtenbach, und auf Wiedersehen! Wenn Sie den Verwundeten besuchen möchten, so lassen Sie mich's wissen. Ich werde Sie ganz insgeheim zu ihm führen.« Ohne auf diesen Vorschlag einzugehen, geleitete Lichtenbach seinen Besuch mit zur Schau getragener demütiger Unterwürfigkeit zur breiten Haupttreppe. Dort verbeugte er sich mit den Worten: »Versichern Sie die Herren meiner tiefsten Ergebenheit, Herr Abbé,« vor dem jungen Mann wie vor einem Gebieter. »Schön, schön! Die Herren sind davon überzeugt,« sagte der Abbé leichthin, stieg langsam die Stufen hinab und verschwand. Nachdenklich kehrte Lichtenbach in sein Arbeitszimmer zurück, wo jetzt tiefe Dämmerung herrschte. In dem Lehnstuhl, worin der Abbé gesessen hatte, ruhte jetzt eine weibliche Gestalt und eine helle jugendliche Stimme sagte: »Bei Ihnen ist's ja finster wie in einem Backofen, Lichtenbach, erleuchten Sie mich doch ein wenig!« »Was? Sie hier, Baronin?« rief der Bankier erfreut. »Jawohl, soeben gekommen. Das war doch der kleine Abbé von Escayrac, der eben von Ihnen wegging?« Lichtenbach hatte das elektrische Licht aufgedreht; von der Höhe der Zimmerdecke strahlte goldschimmerndes Licht auf den unangemeldet erschienenen Gast, den Lichtenbach »Baronin« nannte. Es war eine blonde junge Frau von großer Schönheit mit stolzem Gesichtsschnitt, blauen Augen, kluger Stirne, aber um die schmalen roten Lippen und in dem stark ausgebildeten Kinn lag ein Zug von Härte, Die Dame war höchst elegant in Schwarz gekleidet und ein schwarzes Spitzenhütchen hob den rotgoldenen Schimmer ihrer Haare. Die zierlichen Füße steckten in schwarzen Lackstiefelchen. »Sind Sie schon länger hier?« fragte Lichtenbach mit Besorgnis »Wie ich Ihnen schon sagte, eben gekommen. Ihr Diener hat mich ins Empfangszimmer geführt, und als ich Ihren Besuch gehen hörte, bin ich hier herüber gegangen. Beruhigen Sie sich, gehorcht habe ich nicht.« »Als ob ich Ihnen mißtraute!« »Gewiß mißtrauen Sie mir, wie aller Welt! Ich mache es Ihnen auch gar nicht zum Vorwurf; man muß vorsichtig sein. Von mir freilich haben Sie nichts zu fürchten, ich aber auch nichts von Ihnen!« »O Baronin! Sie wissen, daß ich Ihnen mit Leib und Seele ergeben bin!« rief Lichtenbach feurig. »Gewiß, gewiß – und wie gern hätten Sie, daß dieses Verhältnis auf Gegenseitigkeit beruhte!« rief die junge Frau mit spöttischem Lächeln. Elias' bleiche Züge überzogen sich mit flammender Röte. Auf die Baronin zutretend, ergriff er ihre Hand und drückte sie zärtlich. »Wenn Sie nur wollten, Sophia ...« Sie entzog ihm ihre Hand, warf den kleinen Kopf zurück und sage verächtlich: »Ich will aber nicht!« »Werden Sie nie wollen?« »Wer kann das wissen? Wenn ich einmal sehr übel dran bin wie eure Damen der großen Welt, werde ich vielleicht auch am Geldschrank anklopfen.... Würden Sie mir Geld geben, Lichtenbach, wenn ich's nötig hätte?« Sie sah den Bankier bei diesen Worten mit dämonischem Lächeln und verheißendem Blick an. Das Wort Geld hatte ihn sofort wieder zu sich gebracht. Er legte die lange Tatze auf das Knie der hübschen Frau und sagte gelassen: »Alles werde ich Ihnen geben, was Sie brauchen.« »Das heißt viel auf sich nehmen! Hüten Sie sich... übrigens können Sie mir's ruhig versprechen, die Zeit ist noch nicht da.« Sie rückte bei diesen Worten zur Seite, um sich der vertraulichen Berührung zu entziehen. »Ach Sophia!« sagte Lichtenbach mit einem Seufzer. »Sie sind eine entsetzliche Kokette! Männer toll zu machen, ist Ihre höchste Lust.« »Meine Lust? Sie reden irre, Lichtenbach! Haben Sie je erlebt, daß ich mich um einen Mann bemüht hätte, ohne daß meine Interessen es geboten hätten? Man könnte wirklich meinen, Sie kennten mich gar nicht, daß Sie mir solche läppischen Dinge sagen,« »Ach, ich kenne Sie sehr wohl, Sophia! Genauer als Sie ahnen, denn es gibt Episoden in Ihrem noch so kurzen und so erstaunlich ausgefüllten Leben, die Sie mit Vorliebe in ein wohlthätiges Dunkel hüllen, das mir aber nicht undurchdringlich blieb. Sie sind sehr gewandt, sehr keck, sehr gewitzigt, aber ich bin hartnäckig und geduldig. Ich habe Witterung für das, was mir zu wissen nützlich sein kann, und weiß es zu erfahren. Demnach weiß ich genau, was Sie jetzt sind, Frau Baronin Grodsko, ich weiß aber auch, was Sie vordem waren.« Ein lauernder Blick zuckte in Sophias Augen auf und ihre Lippen verzogen sich in Bitterkeit; ihr Gesicht zeigte in diesem Augenblick einen Ausdruck abschreckender Bosheit. Vermessen sah sie dem Bankier in die Augen und sagte trockenen Tones: »So, so! Erzählen Sie mir doch die Geschichte! Ich bin sehr neugierig, was man Ihnen über mich zugetragen hat. Ist es Wahrheit, so will ich sie Ihnen ehrlich bekennen, sind es Lügen, so können Sie Ihren Zuträgern den Laufpaß geben. Wenn man Spione besoldet, müssen sie wenigstens zuverlässig und geschickt sein.« »Die meinen täuschen mich nie. Mich zu belügen, würde sich schlecht lohnen.« »Wir werden ja sehen. Also denn?« »Also denn ... ehe Sie die Frau des Barons Elmer Grodsko wurden, eines magyarischen Edelmannes, der sich mit seiner Familie überworfen hat wegen dieser Heirat, haben Sie auf dem Belgrader Theater gesungen und getanzt und zwar als Mitglied einer durchziehenden Truppe, die unter Leitung eines Walachen stand, der, halb Gaukler, halb Bandit, Ihr Liebhaber zu sein schien. Dort hat Baron Elmer, der von Varna zurückkam, Sie gesehen, sich in Sie verliebt und Sie, nachdem er den Meister Escovico, der mit einem Dolch auf ihn losging, mit dem Revolver niedergeknallt hatte, richtig entführt.« »Das ist alles, was Sie wissen?« sagte die junge Frau wegwerfend. »Nicht weiter zurück, als bis zum Theater in Belgrad und der Geschichte mit Escovico reicht Ihre Wissenschaft? Wohl der Mühe wert, solch ein Aufhebens davon zu machen!« »O bitte, ich verfahre nur chronologisch und kann viel weiter zurückgreifen, wenn Sie es wünschen – etwa bis zu dem seltsamen, geheimnisvollen Tod einer Frau Ferranti, einer sehr wohlthätigen Dame in Triest, die Sie halbverhungert auf der Straße aufgelesen und in ihren Dienst genommen hat. Sie waren damals sechzehn Jahre alt. Ihre Wohlthäterin hatte einen Sohn. Am Tag, als seine Mutter starb – man nahm allgemein an, sie sei vergiftet worden, doch fehlte es an Beweisen – reiste der junge Ferranti mit Ihnen ab, sämtliches Bargeld, die umsetzbaren Wertpapiere und den Schmuck der Verstorbenen in der Tasche. ... Ob Sie oder er die Tasse Thee gereicht haben, die Frau Ferranti vor dem Einschlafen getrunken hat, um nicht wieder zu erwachen ...« »Mein Gott! Weder ich, noch er! Eine alte Dienerin that's, die zwanzig Jahre im Haus gewesen war. Die Person hat übrigens ein Geständnis abgelegt, doch hat man sie, weil gar keine Beweise vorlagen, weder gegen sie noch sonst jemand, wieder auf freien Fuß gesetzt.« »Was Sie betrifft, Sie waren ja um diese Zeit samt Ihrem Liebsten in Venedig und haben ein lustiges Leben geführt. Eine nette Art hatte er, die Mutter zu betrauern, dieser junge Ferranti! Im Café Florian auf dem Markusplatz geschah es dann, daß der junge Tölpel in betrunkenem Zustand mit einem österreichischen Major Händel anfing. Dieser stieß ihm anderen Tags am Lido sechs Zoll Eisen in den Leib, woran er starb.« »Das ist richtig! Der arme Ferranti! Er war ein reizendes Kerlchen, walzte entzückend, war aber dem Absinth gar zu ergeben. Der hat ihn umgebracht, nicht die ›Stoccata‹ des Majors Brüzelow ... ein schöner Mann übrigens, der seine Schnurrbartenden im Nacken zusammenbinden konnte, aber dumm wie sein Säbel und nicht minder gefährlich.... Er hat mich aus Venedig vertrieben, wo mir's doch so gut gefiel! Ich konnte ja mit keinem Herrn ein Wort sprechen, ohne daß er ihn gefordert hätte, die ganze Stadt würde er gespießt haben, und so mußte ich denn wohl oder übel abreisen...« »Was nebenbei der österreichischen Polizei auch wünschenswert war, oder nicht?« »Ich habe die ›Tedeschi‹ nie ausstehen können, und sie haben meine Gefühle von jeher erwidert!« »Noch jetzt ist Ihnen die Rückkehr nach Oesterreich untersagt?« »Daran ist dieser Esel von Grodsko schuld!« »Was ist denn aus diesem vortrefflichen Grodsko geworden, der um Ihrer schönen Augen willen seine Mutter im Jammer zur Grube fahren ließ?« »Dieser vortreffliche Grodsko lebt im Sommer in Wien, im Winter in Monte Carlo. Winter wie Sommer spielt er, um sich zu zerstreuen, und trinkt, um sich über seine Verluste zu trösten.« »Verliert er denn regelmäßig?« »Deshalb trinkt er ja immer.« »Das waren also, soweit ich zu rechnen verstehe, schon mehrere Leichname, die Sie in Ihrem Soll haben, meine schöne Freundin, Verzweiflung, Herzeleid und Schande beiseite gelassen. Wirklich ein reiches Leben, wenn man die Dreißig noch nicht erreicht hat!« »Achtundzwanzig war ich letzte Woche,« verbesserte die Baronin kühl. »Sie schreiten über die Menschen weg, wie über einen Fußteppich, um Ihre Ziele: Luxus, Genuß, Herrschaft zu erreichen. Und heute stehen Sie da, glänzender, mächtiger, angebeteter als je, weil Ihr Wille vor keinem Hindernis zurückweicht und Ihr Gewissen zu allem bereit ist. Stimmt's?« Sie sah Lichtenbach vermessen an, zog ein ciseliertes silbernes Cigarettenetui aus der Tasche, steckte mit größter Gelassenheit eine türkische Cigarette an, blies den Rauch in die Luft und erwiderte dann mit sanfter Stimme: »Es stimmt, aber es genügt nicht. Ich bin noch weit mehr zu fürchten, als Sie sagen – Sie wissen es auch ganz gut, wollen aber meinen Unwillen nicht erregen und schildern mich deshalb nicht so, wie ich thatsächlich bin. Darin haben Sie unrecht. Meine Verachtung der Menschheit ist derart, daß es mich nicht im geringsten verletzt, wenn Sie offen aussprechen, ich wolle einfach Gewinn aus ihr ziehen, wie der Kaufmann aus seiner Ware. Die Männer sind für mich nicht wichtiger oder interessanter, als zur Schlachtbank bestimmtes Vieh. Sie sind dazu da, mich zu ernähren und zu bereichern, dafür mühen sie sich und dafür sterben sie. Es scheint dies offenbar ihre Bestimmung zu sein, denn keiner vermag ja sich ihr zu entziehen, und sobald einer verschwunden ist, tritt ein anderer an seine Stelle. Sie werden sagen, ich sei eine Verderberin. Es mag so sein. Es gibt in der ganzen Welt Wesen, die zur Arbeit, zum Leiden, zur Aufopferung geschaffen sind, wie es andere gibt, die unwiderruflich der Faulheit, der Selbstsucht, dem Lebensgenuß frönen; die Natur bringt die einen so gut hervor wie die anderen. Der Naturtrieb führt die einen zur Knechtschaft, die anderen zur Tyrannei, es entstehen Aussauger und Ausgesaugte, Raubtiere und Schlachttiere. Darin liegt eigentlich die einzige naturgemäße Klasseneinteilung, finden Sie nicht? Sehen Sie sich nur um im Leben, Lichtenbach. Sie finden allerorten die nämliche Erscheinung – eine Herde von Nullen, die von einem Verwegenen gelenkt, ausgesogen, geprellt werden! Wollen Sie mir's zum Vorwurf machen, daß ich zu den Aussaugern gehöre, wie Sie zu den Betrügern? Wir sind von einer Partie, mein Bester, nur daß ich die Verwegenheit habe, es auszusprechen, Sie die Heuchelei, es zu vertuschen. Wir steuern aufs gleiche Ziel zu, auf die Ausbeutung der Menschheit zu unserem Nutzen und Vergnügen. So ist's! Wenn Sie es bestreiten wollen, so widerlegen Sie mich – Sie haben das Wort!« Sie hatte in gleichmäßigem, gedämpftem Ton gesprochen, und der Gegensatz der sanften Stimme und des reizenden Mundes zur Scheußlichkeit der ausgesprochenen Theorieen erhöhte deren Wirkung so sehr, daß Lichtenbach, der sich doch schwerlich viel Illusionen über seine schöne und unheimliche Partnerin machte, einen Augenblick die Fassung verloren hatte. Er war ja kein Mann der Gewissensskrupel, dieser Schacherer mit jeder Ware, der seine Laufbahn damit begonnen hatte das bedrängte Vaterland zu prellen, und der seither fortfuhr auf Not und Elend, gesellschaftliche Schäden und menschliche Schuld zu spekulieren, aber hier stand er einer Geistesverwandten gegenüber, die noch kühner, noch rücksichtsloser, vielleicht noch gefährlicher war als er, und er wog in Gedanken die Gefahren, worin sie ihn verwickeln konnte, gegen die Vorteile ab, die sie ihm verhieß. Ein wundervolles Werkzeug war sie ja, diese hübsche, schlaue, gewissenlose Frau, von der er wußte, was sie leisten konnte, aber so weit wie sie wollte er ohne Druck der Notwendigkeit doch nicht gehen. Er war ja reich, er hatte die Macht. Die Abenteurerlaufbahn, die einer Baronin Sophia die einzige sichere Erwerbsquelle bot, war für ihn außer Frage. Ein Mann, der morgen Abgeordneter, möglicherweise Minister sein kann, und eine kosmopolitische Landstreicherin, die Schmutz und Blut zu Geld macht, haben sehr verschiedene Geschäftszweige und Geschäftsrücksichten. Lichtenbach wurde wieder kaltblütig und besonnen; er hatte die Unterredung mit ausreichenden Thorheiten eröffnet, nun galt es, die Vertraulichkeit der schönen Sophia zu dämpfen und ihr begreiflich zu machen, daß zwischen ihm und ihr eine aus Millionen und Verantwortlichkeiten aufgerichtete Schranke bestand. »Alles in allem, liebe Baronin,« begann er, »liegt viel Wahres in Ihren Worten, wenn der Ausdruck auch etwas ... sagen wir exotisch ist. Sie haben die pomphafte, deklamatorische Weltverachtung des Morgenlandes, man kann, was Sie mir eben vortrugen, viel einfacher und kürzer in die Worte zusammenfassen, daß die Ungleichheit der Menschen von alters her vorhanden war und immer vorhanden sein wird. Es gibt einmal Dummköpfe und Schlauköpfe! Daß die ersteren von den letzeren beherrscht und ausgenützt werden, geschieht unterm Schutz des Gesetzes und der Aufsicht der Polizei. Ihre Weltanschauung aber läßt Gesetz und Polizei etwas zu sehr beiseite, und ich möchte Ihnen dringend empfehlen, mehr damit zu rechnen. Sie sind nun einmal wichtige Faktoren in den gesellschaftlichen Problemen, die zu lösen Ihre Lebensaufgabe ist, und wenn Sie achtlos daran vorübergehen, könnte sich's bös bestrafen und die Rechnung würde nicht stimmen.« Sie lachte wegwerfend. »Die kleinen Fische bleiben im Netz hängen, die großen zerreißen es und sind frei. Ich fürchte nichts und niemand – nur mich selbst. Ich allein bin im stande, mir zu schaden, aber ich werde mich wohl hüten.« »Augenblicklich ja, aber es gab auch schon Stunden, wo Sie Ihrer selbst nicht so sicher waren. Man hat mir erzählt, daß vor zwei Jahren in London ...« Sophia wurde ernst, eine tiefe Falte erschien auf ihrer Stirn. Die Cigarette ins Kaminfeuer schleudernd, versetzte sie mit ganz veränderter Stimme: »Ja, damals habe ich Dummheiten gemacht. Ich war verliebt, und durch die Liebe wird die Frau so dumm wie der Mann.« »Es war ein Schauspieler, wenn ich mich nicht täusche ... der schöne Stevenson ...« »Ja, Richard Stevenson, Irvings Nebenbuhler.« »Sie waren rasend verliebt und er hat Sie mit einem kleinen Ballettmädchen von der Alhambra hintergangen. Da haben Sie das Mädchen eines Abends an Bord einer Jacht gelockt, die Sie gemietet hatten, und die auf der Themse lag. Seither hat man nichts wieder von dem jungen Ding gehört ...« »Ach! Die Anekdote kennen Sie auch? Sie sind wirklich gut unterrichtet! Und wissen Sie auch, daß Stevenson, dem ich in einem Wutanfall erklärte, er werde die schmutzige Dirne nicht wiedersehen, seinen Stock erhob und auf mich losschlug, daß ich für tot liegen blieb?« »Jedenfalls den Stock, den ihm der Prinz von Wales zum Geschenk gemacht hatte? Das war immerhin ehrenvoll! Und gleichwohl saßen Sie zwei Tage nachher im Empiretheater, um Ihrem unhöflichen Geliebten vom ersten Rang aus rasend Beifall zu klatschen?« »Ja, denn ich habe den Elenden geliebt, wie ich Liebe verstehe ... geliebt wie die Pantherinnen, die, von ihren Männchen blutig geschlagen, sich selbst zu Tode beißen. Das ist glücklicherweise vorüber; ich bin ruhig geworden.« »Ruhig?« rief Lichtenbach lachend. »Ja, was machen Sie denn mit dem schönen Cesare Agostini?« »Ach! Der ist mein Spielzeug ... man kann doch nicht so einsam leben, muß doch jemand haben, mit dem man sich beschäftigt ... Cesare ist eine Zerstreuung, keine Leidenschaft.« »Ein ziemlich kostbares Spielzeug, nicht?« »Unglaublich! Diese Italiener verschlingen Geld, es ist nicht zu sagen! Dieser weiß es sich zu verschaffen, und es auszugeben, versteht er noch zehnmal besser. Erstens spielt er, und dann ist er nicht im stande, einen hübschen Ring zu sehen, ohne ihn gleich zu kaufen, aber er hat auch Tugenden und Talente. Er schießt meisterlich Pistolen und führt den Degen wie ein Fechtmeister.« »Also ein Bravo, ganz einfach?« »Der Ihnen zu Diensten steht, Verehrtester, wenn Sie einen großen Herrn verschwinden lassen wollen!« »Er ist unerschrocken?« »Namentlich treffsicher. Bedienen Sie sich doch seiner! Sie werden zufrieden sein.« Lichtenbachs Miene wurde finster, wie immer, wenn man das Gespräch auf Dinge brachte, wovon er nichts hören mochte, und er sagte in abweisendem Ton: »Sehr verbunden, aber in der Tragödie arbeite ich nicht mit, mir genügt die Komödie.« »In dieser Behauptung gefallen Sie sich! Sie gehören zu den sauberen Heiligen, die Missethaten ersinnen und ausführen lassen und sich dann die Hände in Unschuld waschen. Wollen Sie etwa auch an der Tragödie von Vanves nicht ›mitgearbeitet‹ haben?« Dieses Mal wurde Elias ernstlich böse. »Schweigen Sie! Was fällt Ihnen ein, das so laut hinauszuschreien? Sind wir etwa allein im Hause?« Sophia lachte hell auf. »Nein, Sie machen mir wirklich Spaß, mein Bester! Seit einer Stunde erzählen Sie ohne allen Rückhalt Geschichten über mich, und wenn ich die leiseste Anspielung auf Ihre Thaten mache, wollen Sie gleich aus der Haut fahren! Sie wollen mich bloßstellen, aber selbst nicht bloßgestellt werden? Sehr ritterlich!« »Meine Tochter ist hier, und ich möchte nicht ...« »Daß sie das wahre Gesicht des Papas kennen lernte? Denn Sie sind ein Scheusal, Lichtenbach, eines von jener allerschlimmsten Sorte, die den Schein wahren will und sogar Mitschuldigen gegenüber ...glauben Sie denn wirklich, mir Sand in die Augen streuen zu können? Bei mir richtet Ihr Jesuitismus nichts aus, ich kenne Ihre Verkommenheit! Es lebt kein verworfenerer Mensch unter der Sonne als Sie, und Sie wollen sich einen ehrbaren Anstrich geben!« Bis in die Lippen erblaßt vor Wut und Furcht, erhob Lichtenbach stehend die Hände. »Baronin! Wollen Sie mich ganz außer mir bringen?« »Nein, der Anblick wäre zu häßlich! Bleiben Sie, wer Sie sind, der gute, redliche Lichtenbach! Sie sehen, wie rücksichtsvoll ich bin, ich rede ganz leise, ich flüstere nur noch... neigen Sie mir Ihr Ohr zu! Ich muß heute abend hunderttausend Franken haben, um Hans fortschaffen zu können und nach Genf bringen zu lassen. Er wird die Reise aushalten... Cesare hat ihn gesehen...« »Sie glauben, daß er mit dem Leben davonkommt?« fragte Lichtenbach. »Ja. Das paßt Ihnen wohl nicht? Sie möchten ihn los sein? Beruhigen Sie sich! Er ist der Mann, eher seine eigene Zunge zu verschlucken, wie die Neger, als einen Genossen zu verraten! Ueberdies – was weiß er denn? Nichts, als daß Ihre Interessen mit den unseligen Hand in Hand gingen und daß Sie uns für das Rezept des industriell verwendbaren Sprengstoffs die gleiche Summe bezahlt haben würden, wie unsere Auftraggeber für das Schießpulver.... Der Streich ist mißlungen, Hans verstümmelt, aber Sie sind sicher vor jedem Verdacht, und das haben Sie mir zu danken....« Sie machte eine Pause und sah Elias fest an, ehe sie hinzusetzte: »Es kostet hunderttausend Franken Entschädigung ....« »Entschädigung?« »Ja, feilschen sie nicht! Man hat Ihnen den General Trémont aus dem Weg geräumt, den Sie haßten. Wieviel würden Sie für Baradier \& Graff bezahlen?« »Nichts! Nichts!« stöhnte Lichtenbach. »Wie reden Sie denn nur? Welcher Gedanken zeihen Sie mich? Ich, ich sollte den Tod des Generals Trémont gewünscht haben, ich sollte den Herren Baradier \& Graff Uebles ansinnen? Wie kommen Sie auf solche Gedanken? Leiden Sie an Wahnvorstellungen? Baradier \& Graff sind allerdings meine Feinde, die mir Böses gethan haben, aber ich und ein Verbrechen ...niemals! Niemals! In der Nachricht von ihrem Tod würde ich eine Gnade der Vorsehung erblicken, das ist richtig, aber ihren letzten Augenblick nur um einen Tag, eine Stunde, eine Minute beschleunigen ...ich ... bei Gott dem Allmächtigen ...« »... dem Gott Abrahams, Jakobs und Moses'! Jawohl, mein guter vortrefflicher Renegat, mein wackerer alter Lichtenbach,« warf die Baronin mit unsäglicher Verachtung hin. »Jawohl, die Gnade der Vorsehung – die Vorsehung ist für Sie in der Baronin Grodzko verkörpert! – wollen Sie mit Dank hinnehmen, ohne sich den Anschein zu geben, als hätten Sie diese Vorsehung in Bewegung gesetzt. Immer Heuchelei! Sie verlangen nichts, Sie nehmen nur alles an! Schön und gut – die ›Vorsehung‹ wird Sie auch ohne Gebete erhören!« »Baronin! Stellen Sie mich ums Himmels willen nicht bloß! Handeln Sie nicht ohne Auftrag!« »Aha! Sie sind ja ganz fassungslos vor Angst! Sie erinnern mich stark an den alten Trémont, als ich nach Tisch seine Chemikalien in die Hand nahm ... er war so verliebt, der gute Mann, und in Todesangst um mich! ›Rühren Sie dies nicht an ... rühren Sie gar nichts an ... es könnte Ihr Tod sein!‹ rief er immerzu, während ich doch nur einen Wachsabdruck von dem Schloß der eisernen Truhe machte, die Hans dann allerdings geöffnet hat, die ihm aber den Arm abschnitt ... Ach, und für nichts und wieder nichts! Diese Truhe hat durch ihre Explosion das Geheimnis den Flammen übergeben, aber einer hat es ja geteilt und besitzt es noch. Ich muß es finden und, auf welche Weise es auch sei, in meine Hand bekommen.« »Was hat man Ihnen denn für die Auslieferung versprochen?« Sophia sah Lichtenbach lachend ins Gesicht. »Wie Sie neugierig sind! Seien Sie ganz ruhig. Abgesehen von der Berufsehre, – und man gibt nicht gern zu, daß eine Mission von solcher Bedeutung gescheitert ist – wird das Wagnis die Mühe lohnen! Einstweilen geben Sie meine hunderttausend Franken her – hm?« Lichtenbach zog eine Schublade auf, nahm zehn Pakete Banknoten heraus und hielt sie der Baronin hin. »Danke. Sagen Sie einmal, Lichtenbach, was würden Sie für ein Gesicht dazu machen, wenn der junge Marcel Baradier die Rezepte des alten Trémont besäße?« »Was?« rief Lichtenbach, mit plötzlicher Lebhaftigkeit in die Höhe fahrend. »Wie kommen Sie auf den Gedanken? Was führt Sie zu dieser Vermutung?« »Aha! Der Menschenfresser wittert einen Leckerbissen! Sie sehen ja ganz verjüngt aus! So denke ich mir Sie, wenn eines von den rosigen, wohlriechenden Dämchen der großen Welt hier ist, die Ihrem Geldschrank so gern ein persönliches Opfer bringen.« »Baronin! Sie spannen mich auf die Folter.« »So sieht's aus, aber ich sage nichts mehr, als daß Sie ein alter Rappeltopf sind. Niemals haben Sie solche Augen gemacht, wenn Sie mich Ihrer Liebe versicherten ... ja, der Haß, der Haß! Nicht wahr, Lichtenbach, der Haß ist ein viel stärkeres Gefühl als die Liebe?« Er gab keine Antwort, für ihn war alles versunken und verschwunden bis auf die Möglichkeit, die ihm Sophia so jählings vorgeführt hatte. Wenn der Sohn seines Todfeindes das so leidenschaftlich mit solchen Mitteln gesuchte Geheimnis in Verwahrung hätte? Wenn ihm das Schicksal die Genugthuung aufgespart hätte, mit einem Schlag die Verhaßten zu vernichten und ihnen ein Vermögen zu entreißen? »Worauf gründet sich Ihre Vermutung, der General habe den jungen Baradier ins Vertrauen gezogen?« fragte er ungestüm. »Darauf, daß sie viel miteinander verkehrt haben und der junge Mann ausnahmsweise Zutritt in Trémonts Laboratorium hatte. Ich weiß, daß Marcel sogar dort gearbeitet hat und daß Trémont große Stücke auf ihn hielt. Der Erfinder hat ja bei mir geplaudert. So verschwiegen, zugeknöpft und ängstlich ein Mann sein mag, es kommt unfehlbar eine Stunde, wo er seinem Herzen Luft machen muß. Einem Mann, auch dem besten Freund gegenüber, würde Trémont nie ein Wort von seinen Plänen verraten haben, denn er war mißtrauisch und verschlagen wie ein Fuchs, aber wenn er nach Tisch, mit einer guten Cigarre zwischen den Zähnen, bei mir saß, und ich ihn mit einem gewissen Blick ansah, da überkam ihn der Drang, vor mir zu glänzen, mich zu blenden. Jugend und Schönheit konnte er nicht ins Feld führen, also wollte er mir durch seinen Geist Eindruck machen. In dieser Stimmung hat er vereinzelte Aeußerungen fallen lassen, die in einem guten Gedächtnis bewahrt und klug aneinander gereiht, mir die Gewißheit geben ....« »Also wäre nicht alles verloren?« »Verloren ist nie etwas!« »Und was werden Sie jetzt beginnen, Baronin?« »Das erfahren Sie, sobald es mir von Nutzen sein wird, es Ihnen zu sagen.« »Sie haben kein Vertrauen zu mir?« »Können Sie etwa Anspruch erheben auf mein Vertrauen? Ich kenne Sie, mein Guter! Sie stehen mir bei genau bis zu dem Tag, wo Sie es vorteilhafter finden, mich zu verderben.« »Ich!« »Ja Sie, Elias Lichtenbach. Aber das macht mir nichts aus ... ich halte Sie in Händen.« »Und Sie hoffen auf Erfolg?« »Diese Hoffnung habe ich immer ... sehen Sie mich doch nur an!« Und sie warf sich mit einer Bewegung verführerischer Anmut im Stuhl zurück, ihren reizenden Wuchs voll zur Geltung bringend, sie lächelte, und ihre Augen, ihre Lippen hatten einen solchen Ausdruck leidenschaftlicher Glut, daß es Lichtenbach heiß überlief. Wer sollte dieses berückende Geschöpf nicht begehren? Und wer sie begehrte, wie konnte der ihrem Zauber widerstehen? Sie überschätzte ihre Macht nicht, sie konnte jeden Mann zu ihrem Sklaven machen. Sie war die Zauberin, die Gier und Leidenschaft entfachte und den zur Raserei getriebenen Mann der Schande, dem Verbrechen zuführte. »Ja, Ihnen wird alles gelingen, was Sie unternehmen,« flüsterte Lichtenbach, von ihrem Reiz gefangen. »Keine Uebertreibungen! Unfehlbar siege auch ich nicht, das haben Sie ja erlebt, Trémont ist mir entschlüpft. Aber was ein menschliches Wesen in diesem Kampf leisten kann, werde ich leisten, haben Sie also Vertrauen und warten Sie ruhig ab.« Wagenrollen und Pferdegetrappel unterm Thorbogen des Hauses verkündeten Fräulein Lichtenbachs Heimkehr. »Meine Tochter kommt nach Hause,« sagte der Bankier. »Sie ist gegenwärtig bei Ihnen?« »Ja, sie wollte der Totenmesse für den General Trémont beiwohnen, mit dessen Tochter sie sehr befreundet ist.« Ein Lächeln zuckte um die Lippen der Baronin. »Zufall oder Vorsichtsmaßregel?« »Zufall,« versetzte Lichtenbach in eisigem Ton. »Die beiden jungen Mädchen haben sich im Kloster aneinander angeschlossen.« »Und Sie haben nichts gegen diese Freundschaft einzuwenden?« »Ich lasse meiner Tochter immer den Willen.« »Ja richtig, daran habe ich nicht gedacht – Sie sind ja ein guter Vater! Das ist das letzte Zugeständnis, das Sie der Menschlichkeit machen, also auch der einzige Punkt, wo Sie verwundbar sind – nehmen Sie sich in acht!« »Meine Tochter ist ein Engel, der für mich betet. Ich habe nichts zu fürchten – sie ist so sanft, verständig und anmutig, wie ihre Mutter war.« »Und hält Sie für einen braven, guten, redlichen Familienpapa? Wenn man ihr eines Tages die Augen offnen wollte?« Elias richtete sich in drohender Haltung auf. »Wer könnte das thun?« »Einer von Ihren Feinden; Sie haben ihrer nicht wenige – vielleicht auch ein Freund. Die Welt ist ja so schlecht!« »Wehe ihm!« sagte Lichtenbach mit dumpfer Stimme. »Er würde es zu büßen haben.« Die Baronin erhob sich, blieb aber zögernd stehen. »Kann ich Ihre Fräulein Tochter begrüßen, ehe ich gehe?« Lichtenbach sah sie fest an und sagte dann hart: »Nein.« »Und weshalb nicht?« »Weil es überflüssig wäre.« »Glauben Sie, daß ich Ihre Tochter verderben könnte, wenn ich zehn Worte mit ihr redete?« »Vielleicht.« »Bravo! Nun sind Sie doch einmal ehrlich!« Lichtenbach richtete seine mächtige Gestalt hoch auf, um der Baronin alle Beleidigungen, die sie ihm seit einer Stunde gesagt hatte, mit einem einzigen Wort heimzuzahlen. »Marianne Lichtenbach soll mit der Baronin Grodsko nichts gemein haben und nicht mit ihr in Berührung kommen.« Sophia schüttelte lächelnd den Kopf. »Wie Sie wollen! Jeder nach seinem Geschmack! Auf Wiedersehen.« Sie wollte zur Zimmerthüre hinausgehen, aber Lichtenbach vertrat ihr den Weg und zeigte auf eine teppichverhängte Seitenthüre. »Hier hinaus! Gehen Sie diese Treppe hinunter, da begegnen Sie niemand!« sagte er. »Es werden doch keine Versenkungen unten sein, durch die man ins Burgverließ stürzt?« fragte die Baronin lachend. »Nein. Sie kommen nur an der Pförtnerstube vorüber.« »Leben Sie wohl und nichts für ungut, Lichtenbach.« »Keine Rede! Sie tragen ja den Beweis meiner Duldsamkeit in Banknoten bei sich! Auf Wiedersehen!« Die Baronin verschwand und Lichtenbach setzte sich gedankenvoll vor seinen Schreibtisch. So genau er die dämonische Frau auch kannte, kalt ließ sie ihn nie, ihr Zauber reizte ihn immer wieder. Ein leises Pochen an der Thüre riß ihn aus seiner Versunkenheit; er ging hin und öffnete, und als die Tochter vor ihm stand, huschte ein Freudenschimmer über die finsteren Züge. »Ich störe dich doch nicht?« fragte das junge Mädchen ein wenig befangen. »Nie, mein Liebling! Ist dein Besuch gut abgelaufen?« »Gewiß, Papa. Ich habe vortreffliche Menschen kennen gelernt!« Lichtenbach schwieg und starrte auf den Fußboden; er hätte nicht haben mögen, daß sein Kind jetzt in seine Augen gesehen hätte. »Bei allem Leid ist Genoveva glücklich zu preisen, weil sie solche Freunde hat! Frau Baradier ist eine ganz ideale Frau, und sie wird das arme, liebe Mädchen ganz bei sich behalten. So schmerzlich mir auch ihr Abschied vom Kloster ist, weil er uns auseinander reißt, freue ich mich doch, sie in so liebewarmer Umgebung zu wissen. Da wird sie aufleben!« »Wie gut du bist, mein Kind!« »Wer würde solches Unglück nicht mitfühlen! Kann einem Kind Entsetzlicheres begegnen, als die Eltern zu verlieren? Und wenn man, wie sie und ich, keine Mutter mehr hat....« Die Stimme des jungen Mädchens bebte und in ihren Augen blinkten Thränen. Lichtenbach war bewegt, starrte aber unverwandt auf den Bodenteppich. »Diese Uebereinstimmung unserer Verhältnisse hat ja Genoveva und mich vom ersten Tage an zu einander gezogen,« fuhr sie fort. »Gemeinsames Leid war der Ursprung unserer Freundschaft. Uns war, als müßten wir einander besonders liebhaben, weil jede von uns weniger Liebe genossen hatte, als andere Mädchen, und wir beide mit so besonderer Innigkeit an unseren Vätern hingen! Der ihrige scheint ein großer Gelehrter gewesen zu sein – hast du ihn nicht gekannt?« Jetzt mußte Lichtenbach sprechen. »Nein,« versetzte er mit unsicherer Stimme, »Nur vom Hörensagen.« »Er war ein naher Freund von Herrn Baradier und der Pate seines Sohnes Marcel ... sie trauern alle um ihn.« Lichtenbachs gesenkte Lider hoben sich plötzlich und ein durchdringender Blick flog zu dem jungen Mädchen hinüber. »Woher weißt du das?« »Von Fräulein Baradier und Genoveva,« »Du hast mit Fräulein Baradier gesprochen?« »Und mit ihrer Mutter.« »Vielleicht auch mit dem Sohn, hm ....« Die Herbheit, womit Lichtenbach diese Frage hinwarf, fing an, die Tochter zu beunruhigen. »Papa,« sagte sie betroffen, »ich muß sagen, daß alle ganz reizend gegen mich waren. Herr Marcel Baradier hat mich sogar bis auf die Straße begleitet und in den Wagen gehoben ... ist das nicht ganz natürlich?« »Versteht sich, versteht sich, ganz natürlich! Aber erzähle mir doch genau, was gesprochen wurde. War etwa von mir die Rede?« »Nein, Papa, dein Name wurde gar nicht genannt. Das hat mich sogar ein wenig gewundert, denn die Baradiers müßten dich doch eigentlich kennen ... ihr stammt doch aus derselben Stadt?« »Ja, mein Kind, wir stammen aus derselben Stadt und haben sie kurz nacheinander verlassen, indes ... um sehr verschiedene Wege einzuschlagen. Es wird wohl besser sein, wenn ich es dir sage, wir standen gerade in der Heimat schlecht miteinander. Zwischen meinem Vater und der Familie Graff hatte es Zerwürfnisse gegeben und Graff ist Baradiers Schwager....« »Aber Papa, das ist ja schon so lange her, daß der Zwist sicher längst vergessen ist.« »Nein, mein Kind,« entgegnete Lichtenbach beinahe feierlich, »es vergißt sich nichts!« »So willst du Genovevas Freunden nicht wohl?« »Hätte ich dich zu ihnen gehen lassen, wenn dem so wäre?« »Dann wären sie es, die dir übel wollten? Das wäre sicher ungerecht, denn du bist ja die Güte selbst, aber vielleicht ist's nur ein Mißverständnis. Ihr kennt euch nicht genug....« »Doch, mein Kind, wir kennen uns recht gut und seit langer Zeit, und sind uns von jeher feindlich gegenüber gestanden. Du bist nun ein erwachsenes Mädchen und mußt einen Begriff davon bekommen, was dir im Leben bevorsteht. Ich muß dir leider sagen, daß du von seiten der Baradiers und Graffs nichts Gutes zu erwarten hast und auf deiner Hut sein mußt, wo und wann du mit ihnen zusammentriffst. Es war längst mein Vorsatz, dich eines Tages über die Verhältnisse aufzuklären, die vererbte Feindschaft zwischen uns geschaffen haben, und es geschieht am besten sofort. Damit du mir nie den Vorwurf machen kannst, ich hätte dir einen Teil der Wahrheit unterschlagen, habe ich dir gestattet, das Haus zu betreten, worin Fräulein von Trémont Zuflucht gefunden hat. Nu hast auf diese Weise Gelegenheit gehabt, die Baradiers zu sehen und dich zu überzeugen, daß ich ihnen auf gleichem Fuß gegenübertreten kann. »Dein Großvater Lichtenbach hat viel gelitten durch diese Leute. Er war ein braver, tüchtiger Mann, der sich aus bescheidenen Anfängen emporgearbeitet hat und dem sie viele Demütigungen und Leiden bereiteten. Auch über mich haben sie, als ich noch ein armseliger kleiner Handelsmann war, Verleumdungen ausgestreut, so häßlich man sie nur erdenken kann, aber ich habe ihnen gehörig heimgeleuchtet und sie ihren Hochmut gegen meinen alten Vater büßen lassen. Das alles hat sich noch in Lothringen und vor deiner Geburt abgespielt, ist also, wie du vorhin sagtest, lange her. Allein solche Kirchspielsstreitigkeiten hinterlassen unausrottbare Verstimmungen, was man in der Kindheit und Jugend durchgemacht hat, prägt sich dem Gemüt viel tiefer ein, als die Erfahrungen des reiferen Alters. Baradier \& Graff sind nach Paris übergesiedelt, einige Jahre nach ihnen ich auch, doch das Leben hat uns getrennt, so gut als ob ein Weltmeer zwischen uns läge ... in dieser großen Stadt ist man von Straße zu Straße, von Stadtviertel zu Stadtviertel weiter voneinander entfernt, als von Land zu Land. Vergessen haben wir einander deshalb nicht. Das Haus Baradier \& Graff ist für das Haus Lichtenbach der Erbfeind. Das merke dir wohl, mein Kind, und richte dein Benehmen danach ein, unter welchen Umständen du auch mit diesen Leuten in Berührung kommen magst.« Marianne sah den Vater ängstlich und ungewiß an. »Ja, Papa, willst du denn, daß ich den alten Streit fortsetze?« »Gott behüte! Ich habe dich viel zu lieb, um deine Ruhe zu gefährden, und werde alles aufbieten, dich vor schmerzlichen Erfahrungen zu schützen, aber ich hielt es für nötig, dir die Augen zu öffnen, damit du gegebenen Falls die Ursachen gewisser Ereignisse und den Wert gewisser Worte beurteilen kannst. Die Sorge für deine Sicherheit und dein Glück darfst du getrost deinem Vater anheimstellen!« »So werde ich also nicht mehr mit Genoveva verkehren können?« »Warum denn nicht? Wenn du sie nicht mehr besuchst, weshalb sollte sie nicht zu dir kommen?« »Ich werde ja im Kloster sein ....« »Doch nicht immer!« Das junge Mädchen sah den Vater mit zärtlich bittendem Blick an. »Ach, wenn du mich bei dir behalten wolltest, Papa! Wie glücklich wäre ich dann!« Lichtenbachs Züge zeigten eine seltene Weichheit und Freudigkeit. »Was solltest du bei mir machen, Kind?« fragte er freundlich. »Dein Haus führen, Papa! Es käme deinem Haushalt sehr zu statten, glaube mir ... ich will mir ja keinen Tadel erlauben, aber siehst du, eine Frau würde dieses herrliche Haus nicht in solch frostigem, ungemütlichem Zustand lassen! Mit so wenigem könnte man die Zimmer wohnlich machen, und du würdest dich viel behaglicher fühlen daheim. Dann hättest du dich auch um nichts mehr zu bekümmern, außer um deine Geschäfte, und alles ginge wie am Schnürchen. Es ist ja auch gar nicht Sache des Mannes, Dienstboten zu leiten ... und würde dir's nicht wohl thun, von Liebe umgeben zu sein, die nichts anderes will, als dich pflegen und erfreuen? Ich bin jetzt achtzehn Jahre alt, und im Kloster wissen sie gar nicht mehr, was sie mich lehren sollen .... ich werde wohl bald Unterricht geben müssen, nur um meine Zeit auszufüllen, aber um Hilfslehrerin bei den Schwestern vom Herzen Jesu zu sein, bin ich doch nicht auf der Welt? Du hast eine Tochter und sollst sie für dich haben, nicht für andere Leute – weshalb verzichtest du auf ihre Dienste?« Sie hatte die Arme um den Vater geschlungen bei diesen Worten, schmiegte sich an ihn und drückte ihn zärtlich an sich, und Lichtenbachs Vaterherz fühlte sich wohlig erwärmt von dieser kindlichen Zärtlichkeit. Der harte, ruchlose, begehrliche Mann wurde weich und großmütig unterm Blick seines Kindes. »Ob ich nicht eine große Unbesonnenheit begehe, wenn ich dir nachgebe?« sagte er seufzend vor sich hin. »Um wehrhaft und sicher auszuschreiten, muß man allein gehen ...« »Aber wovor hast du denn Angst, Papa? Man könnte ja denken, du wärest von lauernden Feinden umlagert. Ist denn das Leben so voll von Gefahren und bietet die Gesellschaft keinen Schutz?« »Für solche die einfältigen Sinnes sind, ist nirgends Gefahr und nirgends Angst,« versetzte Elias lächelnd. »Sie sehen und merken nichts! Für den, der sehen und beobachten gelernt hat, ist allerorten Gefahr und Besorgnis. Denke an das Meer! Wenn du zum erstenmal davor stehst, siehst du nichts als eine tiefblaue Fläche, worin sich der Himmel spiegelt, die der Wind kräuselt und worauf schlanke Boote sich schaukeln. Beuge dich aber darüber, daß dein Blick die Oberfläche durchdringt, und du wirst scharfe, zackige Riffe entdecken, die du nicht vermutet hast, entsetzliche Untiere auf der Lauer liegen sehen. Wracke und Trümmer, die kläglichen Ueberreste von Schiff und Schiffern werden dir beweisen, daß der Gefahren gar viele sind, daß unaufhörlich Tod und Verderben lauern und man ohne Unterlaß auf seiner Hut sein muß. So ist es auch in der Gesellschaft, wo du dich sicher wähnst, so im Leben, das dir leicht dünkt, die Oberfläche ist eben und lockend, der Untergrund schreckenerregend. Aber sei ruhig, dein Vater ist da, über dich zu wachen. An seiner Seite bist du sicher vor jeder Gefahr, und wenn dein Herz dich treibt, in meinem Haus zu bleiben, das dein Haus ist, so folge ihm ... deine Nähe wird der Sonnenschein meiner alten Tage sein.« Mit einem Freudenruf warf sich Marianne an die Brust des Vaters. Etwas beschämt über die ihm so ungewohnte rührsame Stimmung und die Freude, die er daran fand, setzte Lichtenbach in geschäftlichem, trockenem Tone hinzu: »Das wäre abgemacht! Ich werde all deine Habseligkeiten aus dem Kloster holen lassen und du kannst dich gleich heute häuslich hier einrichten.« »Meine Habseligkeiten? Lieber Papa, es wird wohl kaum der Mühe lohnen, sie herschaffen zu lassen. Die Schwestern können sie besser verwenden für ihre Armen ... nur kleine Andenken, Dinge, woran Erinnerungen hängen, möcht' ich haben ... und dann gibst du mir doch auch Geld, Väterchen, viel Geld, daß ich den vortrefflichen Frauen, die mich erzogen haben, ein schönes Geschenk für die Armenkasse machen kann?« »Du bist ein reiches Mädchen, mein Liebling,« sagte Elias lächelnd. »Dein mütterliches Vermögen, das ich mit Erfolg im Geschäft arbeiten ließ, fällt dir jetzt zu ... ich werde dir die Abrechnung vorlegen.« Marianne reckte sich an der hohen Gestalt des Vaters hinauf, küßte ihn und sagte: »Da hast du die Quittung!« Fünftes Kapitel. In seinem grün tapezierten, mit Eichenholzmöbeln eingerichteten Zimmer, dessen Fenster auf den Seinequai hinausging, nahm der schöne Herr Mayeur als Untersuchungsrichter den Bericht eines Geheimpolizisten entgegen, dem die Nachforschungen über den Fall in Vanves übertragen waren. Der Gerichtsschreiber brachte gähnend und geistesabwesend die Notizen zu Papier, und der Untersuchungsrichter selbst war sehr übel gelaunt. Er war ein Mann, der das Vertrauen der Staatsanwaltschaft genoß, dem man mit Vorliebe die Fälle übertrug, die das Publikum interessierten, und er hatte sich dabei gewöhnt, mit ziemlich mäßigem Kraftaufwand große Wirkungen zu erzielen. Der Zufall schien mit Herrn Mayeur im Bunde zu sein, die Beweise waren ihm immer spielend wie durch Zauberkraft in die Hände gelaufen, und man führte ihn in juristischen Kreisen als den Untersuchungsrichter an, der immer Glück habe. An dieses Glück gewöhnt, hatte er den Fall Trémont mit siegesgewissem, zuversichtlichem Lächeln übernommen. »Die dummen Tölpel werden wir bald in der Schlinge haben!« hatte sein Schreiber händereibend mit einem gewissen herablassenden Mitleid für die Schuldigen bemerkt. Aber es ging diesmal nicht so rasch mit der Schlinge. Seit vollen acht Tagen vermehrte Mayeur die Nachforschungen, lud Zeugen auf Zeugen vor, entsandte Spürnase um Spürnase, rief andere Richter zur Mitwirkung an, aber alles führte zu nichts. Er tappte nach seinem eigenen Ausspruch in einem dichten Nebel herum, der sich an keiner Stelle lichten wollte. Jeden Abend ließ ihn der Staatsanwalt rufen und fragte, seine Papiere ordnend, in verschmitztem Ton: »Nun, Herr Mayeur, woran sind wir jetzt?« Und der an Sieg und Ruhm Gewöhnte mußte immer wieder zur Antwort geben: »Auf der Suche, nicht auf der Fährte, Herr Staatsanwalt!« »Verfluchtes Pech! Jetzt ist schon eine Woche verstrichen seit dem Attentat, da werden Ihre Aussichten immer schlechter ... frische Spuren entdeckt man leichter als verwehte. Je mehr Zeit vergeht, auf desto mehr falsche Fährten wird man gewiesen, die Witterung läßt nach, unser anfangs sicheres Gefühl trübt sich. Das ist sehr schlimm! Ich hatte wirklich bessere Erfolge von Ihnen erwartet, Herr Mayeur. Sie sind sonst scharfsichtiger ....« »Aber wo nichts zu sehen ist, nützen die besten Augen nichts, Herr Staatsanwalt! In dieser verfluchten Geschichte zeigt sich einfach nichts, rein nichts.« »Wieso nichts? Sie haben den Leichnam des Ermordeten, ein zertrümmertes Haus, den abgerissenen Arm des Mörders! Was geschieht denn mit diesem Arm? Der ist doch verräterisch genug!« »Augenblicklich befindet er sich im Kälteapparat,« gab Mayeur brummig zurück, »das geschieht mit ihm! Aber Leichnam, Ruine, Arm, alles was Sie mir da herzählen, teilen mir rein nichts mit, es sind Beweise, aber man kann nichts damit anfangen. Es ist, als ob böse Geister über den Ort hingefegt wären, Tod, Zerstörung und Verstümmelung hinterlassend und in nichts verschwindend! Man möchte mit dem Kopf gegen die Wände rennen!« »Nur sachte, Mayeur, Ruinen haben wir ja schon!« lenkte der Staatsanwalt lächelnd ein. Und Ihren Kopf haben Sie recht nötig, um die Untersuchung zu Ende zu führen. Sie müssen zäh und hartnäckig sein, Ausdauer haben; der Erfolg hat Sie verwöhnt, jetzt dürfen Sie sich vom Mißerfolg nicht entmutigen lassen. Ein einziger Augenblick kann ja die ganze Wahrheit an den Tag bringen.« Was für den Untersuchungsrichter die Pein ins Unleidliche steigerte, war das Bewußtsein, daß alle Kollegen heimlich die größte Freude an seinem Mißgeschick hatten. Er fühlte, wie die rote Robe des Gerichtsrats, nach der er schon die Hand ausgestreckt hatte, durch diesen verabscheuungswürdigen Fall Trémont wieder in unabsehbare Ferne rückte. Ein Richter, der in einer so wichtigen Untersuchung nichts herausgebracht hatte, konnte nicht mehr auf eine außergewöhnliche Laufbahn rechnen, nur auf Grund auffallender Erfolge hätte man ihn über die Vordermänner hinweg so rasch befördern können. So saß Herr Mayeur denn heute, den Rücken gegen das Licht gekehrt, gesenkten Hauptes in seiner Amtsstube und richtete verdrossenen Tones die nötigen Fragen den zur Beruhigung seines Gewissens abermals ausgesandten Geheimpolizisten, der wie alle ohne Ergebnis zurückkam, und sein Schreiber renkte sich beinahe die Kinnladen aus mit Gähnen. »Also weder in dem Steinbruch, noch in den Gemüsegärten, noch auf der Straße nach Paris hat sich die geringste Spur des Verwundeten nachweisen lassen?« »Nein, Herr Untersuchungsrichter! Ich habe alle Wirtshäuser besucht, wo die Steinbrecher und Gemüsegärtner der Gegend einkehren, keiner aber konnte mir auch nur den geringsten Aufschluß geben. Man sollte annehmen, der Mörder sei bei der Explosion vollständig vernichtet worden.« »Das kann man eben nicht annehmen, da sich seine Spur dreihundert Meter weit von der Unglücksstätte deutlich verfolgen läßt, bis am Rand eines Feldes das sehr sichtbare Blutrinnsal plötzlich verschwindet .... Hat er an dieser Stelle die Mitschuldigen getroffen, die ihn erwarteten? Hat man ihn von da an weiter getragen? Und auf welche Weise? Und wohin? Immer dasselbe undurchdringliche Dunkel!« »Die Urheber des Verbrechens sind keine gewerbsmäßigen Einbrecher, obwohl der General seiner Wertgegenstande beraubt wurde. In unserer Kundschaft sind sie darum nicht zu finden, und daher kommen die außerordentlichen Schwierigkeiten.« Der Richter winkte ihm ungeduldig, zu schweigen, denn er wußte bis zum Ueberdruß genau, was nun folgen würde. An dem blonden Kinnbart ziehend und den Schnurrbart hinaufdrehend, stieß er einen tiefen Seufzer aus und sagte dann: »Sie können sich zurückziehen! Schicken Sie mir den Diener des Generals, mit Namen Baudoin herein, den ich wieder vorgeladen habe.« Der Polizist verbeugte sich und ging hinaus. Gleich darauf erschien das unternehmende, pfiffige Gesicht des ehemaligen Burschen unter der Thüre. Baudoin stand mit dem Gerichtsschreiber schon auf ganz vertrautem Fuß und dieser nickte ihm freundlich zu, während der Richter mürrisch sagte: »Setzen Sie sich, Baudoin. Ich habe Sie noch einmal herbemüht, um einige Einzelheiten, die mir bis jetzt noch unverständlich sind, mit Ihnen durchzusprechen.« »Herr Richter, von Mühe ist bei mir gar nicht die Rede, wenn sich's um meinen verstorbenen Herrn handelt, ich stehe Ihnen zur Verfügung so oft Sie wollen, und wenn ich Ihnen wirklich helfen könnte bei Ihrer Aufgabe, wäre niemand glücklicher darüber, als ich!« Herr Mayeur rückte ärgerlich an seiner Krawatte; wie sollte dieser Bediente eine Aufgabe erledigen helfen, mit der er, der berühmte Mayeur, nicht zu stände kam? Zu allem Aerger hin mußte er sich auch noch das Mitleid der Zeugen gefallen lassen und der Schreiber schien sich obendrein an dieser Demütigung seines Vorgesetzten zu werden. Der Mann hatte sich schon viel über das Selbstbewußtsein des Vorgesetzten geärgert, der seinen Untergebenen immer als Dummkopf behandelte, nun fand er, daß eine gehörige Schlappe dem Herrn Mayeur ganz gut bekommen und ihn vielleicht zu rücksichtsvollerer Behandlung des Nebenmenschen veranlassen würde. »Aergere dich nur, mein Bester, tobe, rase, das fördert deine Untersuchung um kein Haar,« dachte der Gerichtsschreiber mit abermaligem verzweifeltem Gähnen. »War die Frau, die Sie am Abend des Verbrechens aus dem Wagen steigen sahen, groß oder klein?« begann der Untersuchungsrichter mit Würde. »Eher groß als klein, da sie aber in einen faltigen Mantel gehüllt war, konnte ich die Figur nicht so recht unterscheiden. Nach der Art, wie sie ausstieg, möchte ich behaupten, daß sie schlank war.« »Und ihr Begleiter?« »O, den habe ich genau gesehen! Ein kräftiger Mann mit dichtem Bart, heller Hautfarbe und grobem Gesicht. Er trug einen einfarbigen dunkelgrauen Anzug und einen etwas helleren Filzhut; der Sprache nach war er entschieden ein Ausländer. ...« »Nehmen Sie an, daß es derselbe Mann war, den Ihr Herr ›Hans‹ nannte?« unterbrach ihn der Richter. »Es kann gar kein anderer gewesen sein! Der General nahm sonst nie Besuch an, bis auf seine Freunde, die Herren Baradier und Graff, und die Leute, die verschiedenemal des Abends in die Villa kamen, müssen ein nettes Gesindel gewesen sein, daß er mich ums Leben nicht in der Nähe bleiben ließ!« »Wie erklären Sie sich denn die von dem General angewendete Vorsichtsmaßregel, Sie fortzuschicken?« »Aus seiner Angst, ich könnte Lunte riechen und die Kniffe des Frauenzimmers und ihres Spießgesellen durchschauen.« »Sie sind also der Meinung, daß ein Liebeshandel des Pudels Kern war?« »Scheinbar, ja.« »Und in Wirklichkeit?« »Hat man dem General seine neue Erfindung; Pulver zu machen, stehlen wollen.« »Da wäre also die Frau nur eine Mittelsperson gewesen?« »Eine Mittelsperson, nein! Man wußte sehr genau, daß der General niemals auf ein Handelsgeschäft eingegangen wäre, aber ein Köder war sie. Gesehen habe ich sie ja nicht, die Person, aber gerochen ... jedesmal, wenn sie dagewesen ist, war das Zimmer des Generals ganz erfüllt von einem Wohlgeruch, ach, einem ganz besonders süßen Duft, der einem ordentlich zu Kopfe stieg ... unter hundert Wohlgerüchen würde ich den wiedererkennen! Und die Stimme dieser Frau, die war gerade so einschmeichelnd und verführerisch wie der Geruch. Ach, mein armer Herr! Wenn er sie erwartete, die nichtsnutzige Person, stampfte er vor Ungeduld und wurde bald rot, bald blaß ... man hat's ordentlich gespürt, wie ihn die Sehnsucht umtrieb, und sie wußte es wohl, sie kannte ihre Macht! Sie hätten nur hören sollen, wie sie beim letztenmal, als er ihr sagte, wie lang er schon auf ihren Besuch gehofft und wie er gefürchtet habe, sie könnte nicht Wort halten, zur Antwort gab: ›Wie konnten Sie nur zweifeln, General?‹ Und dann trug er sie fast aus dem Wagen wie eine angebetete Herrin! Sehen Sie, Herr Richter, diese Frau, die war einfach zu allem fähig – einen braven Mann mit einem feurigen Herzen wie mein General toll zu machen, ihn mit Blicken und ihrem Lächeln zu vergiften und ihn kaltblütig totschlagen zu lassen aus Gründen, die ich nicht kenne .... Und was den Mann betrifft, diesen Hans, der war einfach das Werkzeug zur Ausführung ihrer Pläne. Unterrichtet muß er ja gewesen sein, denn der General hielt etwas auf sein Urteil und konnte mit ihm über seine Entdeckungen sprechen, aber er gehörte ganz gewiß nicht zu den vornehmen Leuten wie sie, er war ein plumper, sogar ein gemeiner Mensch, und wenn ihn das Frauenzimmer nicht so umgarnt gehabt hätte, mein General, der so vornehm und heikel war, hätte nie an solch einem Kerl Gefallen gefunden.« »Und Sie hatten nie Gelegenheit, etwa durch die zurückgebliebene Köchin zu erfahren, was an jenem Abend nach Ihrer Abreise in der Villa vorging?« »Die Köchin war eine sehr beschränkte Person, die außer ihrem Herd nie viel gesehen und gehört hat. Deshalb war ja der General vor ihr nicht auf seiner Hut! Sie hat die Frau verschiedenemal gesehen und mir wenigstens sagen können, daß sie ein Wunder von Schönheit sei, jung, dunkelhaarig, mit Augen, die sie selbst und andere Leute um die ewige Seligkeit bringen werden. Sie habe mit dem General in einer fremden Sprache gesprochen ... nun sprach Herr von Trémont nur englisch und französisch ...« »Und hat die Köchin aus dem Benehmen des Generals und seines Gastes mit Sicherheit auf ein Liebesverhältnis geschlossen?« »Ach, Herr Richter, daß sie meines Herrn Geliebte war, dafür stehe ich gut! Das vorletzte Mal, als mein Herr mich auch fortgeschickt hatte, habe ich am anderen Morgen beim Reinmachen in des Herrn Zimmer Haarnadeln auf dem Bodenteppich gefunden ... unterm Plaudern wird sie die schwerlich verloren haben!« »War Ihr Herr ein reicher Mann?« »Nein, Herr Richter, sein Vermögen war bescheiden, es trug etwa zwanzigtausend Franken Jahreszins, aber seine Entdeckungen waren Goldes wert, und auf diese hatte es das Gesindel abgesehen. ... Vermutlich hat der Begleiter im Laboratorium meines Herrn Schriftlichkeiten durchstöbert und seine Chemikalien beschnüffelt, während sie bei ihm im Zimmer war.« »Sie haben nie einen Brief, einen Zettel gefunden, der über seine Beziehungen zu dieser Frau Aufschluß gegeben hätte?« »Niemals!« »Was ist denn aus den Telegrammen geworden, die der General jedesmal vor ihrer Ankunft erhielt?« »Die hat er eigenhändig verbrannt, ich hab's mit angesehen. Ach, der wackere Mann war von peinlichster Vorsicht, nur um seine schöne Baronin nicht bloßzustellen! Er hat sie ja, weiß Gott, angebetet! Wie ein junges Bürschlein zitterte und bebte er beim Gedanken, daß sie kommen werde!« »Und doch hat er ihr sein wissenschaftliches Geheimnis nicht preisgegeben!« »Weil er sein Geheimnis für Frankreich bewahrte,« versetzte Baudoin mit tiefem Ernst. »Wie oft habe ich ihn sagen hören, wenn er recht zufrieden war mit einem gelungenen Experiment: »Mein alter Baudoin, wenn unsere Artillerie einmal dieses Pulver hat, brauchen wir keinen Feind mehr zu fürchten!« Er war ja wahrhaftig vernarrt in die Frau, liebte sie leidenschaftlich, aber sein Land ging ihm doch noch darüber, und hätte er zwischen Frankreich und ihr wählen müssen, er würde sich nicht besonnen haben. Das ist ja auch sicherlich der Grund, weshalb er sterben mußte. Weil man ihm sein Geheimnis nicht freiwillig entlocken konnte, hat man's ihm mit Gewalt nehmen wollen.« Der Schreiber gähnte jetzt nicht mehr; er folgte Baudoins Worten, die er zu Protokoll nahm, mit Spannung und Teilnahme. Nur kurze Notizen wurden zu Papier gebracht, denn es war wohl das dritte Mal, daß Mayeur sich die Angaben des treuen Burschen wiederholen ließ, immer in der Hoffnung, in seinen Worten einen neuen Sinn zu entdecken, der ihn der Wahrheit auf die Spur bringen würde. Und nichts bekam er zu hören als diese Liebesgeschichte, deren Tragweite er nicht beurteilen konnte. War es ein Streich internationaler Politik? Spionenarbeit? Oder ganz einfach ein versuchter Diebstahl, der einem Handelsartikel von großer Zukunft galt? An welche Hypothese sich der Richter auch halten mochte, immer blieben die Ursachen in gleiches Dunkel gehüllt, die Einzelheiten unerkennbar, das Geheimnis, das seine Laufbahn gefährdete und ihn zur Verzweiflung trieb, undurchdringlich. Mit einem Ausdruck von Erschöpfung zerrte er an seinem Bart, indem er seufzend fagte: »Ja, die Schuldigen haben sich wohl vorgesehen! Der General tot, die Köchin tot und Sie waren vom Schauplatz des Unglücks entfernt. Der Mann, dem der Arm abgeschnitten wurde, ist verschwunden, als ob die Erde sich aufgethan hätte, ihn zu verschlingen, und die unbekannte Dame lacht sich ins Fäustchen über unsere Nachforschungen!« Baudoin zuckte die Achseln. »Herr Richter – solange wir die suchen, bleibt sie in ihrem Schlupfwinkel und alle Mühe ist vergeblich. Wenn die Sache mich anginge, wüßte ich schon, wie ich's machen würde.« Mayeur war so geknickt, daß er den unberufenen Ratgeber nicht von der Hand wies, sondern gespannt ansah. Wenn er, der für seine Kombinationsgabe und seinen erfinderischen Geist berühmte Untersuchungsrichter, nicht mehr aus und ein wußte, nicht mehr wußte, wo den Hebel ansetzen, so maßte sich ein einfacher Zeuge an, die Lage zu überschauen und den Ausweg zu finden, das war ein starkes Stück, und Mayeurs erste Regung war denn auch gewesen, die ganze Ueberlegenheit seiner Amtsgewalt herauszukehren und dem armen Teufel zu sagen, er möge sich um seine eigenen Angelegenheiten bekümmern. Dann aber hatte er sich gesagt, es sei ja immer noch Zeit, den Mann zu zerschmettern, wenn er erst seine Weisheit gehört hatte. Um also seinem Ansehen nichts zu vergeben, fragte er in möglichst spöttischem Ton: »Und darf ich bitten, Baudoin – wie würden Sie's denn machen?« »Ach, verzeihen Sie nur, Herr Richter ... es ist ja vielleicht eine Dummheit, was ich mir so denke, aber wenn ich diese Untersuchung zu besorgen hätte, würde ich mich einfach für eine Weile tot stellen. Statt die Polizei in allen Himmelsrichtungen herumzujagen, statt bei allen Militär- und Zivilbehörden Umfrage zu halten, würde ich mich scheinbar gar nicht darum kümmern, ja ich würde das Gerücht aussprengen, das Verfahren sei eingestellt, und etwas anderes vornehmen. Sie wissen doch, wie's auf einem Speicher zugeht, wo viele Mäuse sind? Macht man die Thüre auf – husch, sind alle in ihren Löchern! Bleibt man aber ein Weilchen unbeweglich stehen, so strecken sie die Köpfe heraus, wagen sich vor und krabbeln wieder herum wie vordem ... nun denn, so glaube ich, daß es bei den Leuten, die wir suchen, auch zuginge. Verzeihen Sie mir, Herr Richter, daß ich mich in Ihre Sache einmische, es geschieht nur, weil ich darauf versessen bin, das Gesindel zu fangen, das meinen Herrn umgebracht hat. Wenn ich dazu etwas beitragen könnte, wäre ich der glücklichste Mensch unter der Sonne!« Mayeur sah den Ratgeber nicht mehr herablassend an, sondern nickte ihm ganz freundlich zu. Der Bursche hatte ihm ja im Handumdrehen gezeigt, wie er sich mit Ehren aus der Verlegenheit ziehen könnte, die ihm diese verwünschte Geschichte bereitete. Wenn ihn heute abend der Staatsanwalt wieder rufen ließ, um in seinem höhnischen Ton zu fragen: »Nun, Herr Mayeur, woran sind wir?« brauchte er nicht mehr durch das ewige: »Auf der Suche, nicht auf der Fährte« seine Hilflosigkeit und seinen Mangel an Erfindungsgeist einzugestehen, sondern konnte ihm zur Antwort geben: »Der Fall ist von Anfang an unrichtig behandelt worden und ich beabsichtige, das Verfahren von einem ganz anderen Gesichtspunkt aus neu einzuleiten. Wir haben es mit überlegenen Gegnern zu thun, es muß von der Schablone abgegangen werden.« Dann würde er nicht mehr dastehen wie der Schwächling, dem man eine Last aufgebürdet hat, der er nicht gewachsen ist, sondern einen ehrenvollen Abgang und damit Zeit gewinnen, und das war die Hauptsache. »Diesen Kunstgriff anzuwenden, bleibt uns immer noch übrig,« versetzte Mayeur, wieder ganz Würde und Steifheit. »Vorläufig stehen mir noch viele Mittel zur Verfügung, um Licht in die Sache zu bringen.« Die Feder im Mund, kicherte der Gerichtsschreiber unverhohlen. Eine Dreistigkeit hatte er doch, dieser Mayeur, nicht zu glauben! Während er geradezu verzweifelt war und gar keinen Einfall hatte, von den Schuldigen gefoppt und genarrt wurde, ohne daß er eine Ahnung gehabt hätte, wo er sie suchen sollte, setzte er sich noch auf den hohen Gaul und behauptete, »Licht« in die Sache bringen zu können! Licht! Das war ja zum Wälzen! Baudoin zuzwinkernd, rüttelte der Mann geräuschvoll an seinem Pult. Mayeur mochte die hämische Kritik seines Untergebenen fühlen, denn er sagte rasch: »Wollen Sie einmal nachsehen, ob der Herr Oberst Ballenot vom Kriegsministerium hier ist.« Der Schreiber stand auf, reckte sich und wies Baudoin ein Cigarettenetui, als wolle er ihm sagen, der Befehl komme ihm gerade recht, um eine Cigarette rauchen zu können, dann ging er hinaus. Sobald er fort war, stand Mayeur auf und verriegelte die Thüre. Dann trat er vor Baudoin hin und sagte: »Ich wollte von dem, was mich beschäftigt, nur unter vier Augen mit Ihnen sprechen, denn in einer so heiklen Sache kann ein unvorsichtiges Wort alles verderben. Sie haben mir vorhin einen Rat gegeben, der unter Umständen brauchbar sein kann, aber das, was Sie eigentlich denken, haben Sie mir vorenthalten. Sie sind besser unterrichtet, als es bisher den Anschein hatte! Möglicherweise haben Sie ja nur Verdacht, aber jedenfalls sind Sie fest entschlossen, der Gerechtigkeit in die Hände zu arbeiten und die Mörder Ihres Herrn energisch zu verfolgen. Weshalb vertrauen Sie sich mir nicht rückhaltlos an? Ich wage ein hohes Spiel, verhelfen Sie mir zum Gewinn! Schließlich haben wir ja doch ein und dasselbe Ziel ... also denn, heraus mit der Sprache, Baudoin – Sie glauben ein Mittel zu haben, die Missethäter zu entdecken?« Baudoin sah dem Untersuchungsrichter fest in die Augen und gewann die Ueberzeugung, daß Herr Mayeur von leidenschaftlichem Eifer glühe. Er sagte sich also, daß er in ihm einen Bundesgenossen habe, der durch sein Amtsgeheimnis gebunden sei zu schweigen, und so entschloß er sich zum Reden. »Nun denn, ja! Ich glaube wenigstens ein Mittel zu haben, um den Halunken auf die Spur zu kommen.« »Und welches?« »Geben Sie mir zuerst Ihr Wort, daß die Sache ganz unter uns bleiben wird.« »Aber ...« der Richter wollte Verwahrung einlegen. »Entweder, oder,« erklärte Baudoin kurz angebunden. »Ich trage meine Haut zu Markte bei der Sache, und auch andere nehmen große Gefahren auf sich ... wenn Sie mir nicht Ihr Ehrenwort geben, bei keiner Menschenseele, wer es auch sei, ein Wort davon verlauten zu lassen, so schweige ich.« »Auch meinen Vorgesetzten darf ich nicht ins Vertrauen ziehen?« »Nicht einmal unsern Herrgott! Keine Silbe zu keinem Menschen! Ist das abgemacht? Habe ich Ihr Wort darauf?« »Sie haben es, nun aber ...« »Ja nun! Wie ich Ihnen schon angedeutet habe, hatte der General nur einen Freund, mit dem er seine gelehrten Experimente besprach, einen jungen Mann, den er wie einen eigenen Sohn ansah, den jungen Baradier ... und ich ... ich habe Gründe anzunehmen, daß Herr Marcel die Rezepte meines verstorbenen Herrn besitzt. Wenn die Strauchdiebe, die wir suchen, auch nur die leiseste Witterung von dieser Möglichkeit haben, so kann's wohl sein, daß sie den Streich, der diesmal nicht zum Ziel geführt hat, noch einmal unternehmen, und zwar werden sie ans Werk gehen, sobald sie sich nicht mehr beobachtet und verfolgt glauben. Dann hat meine Stunde geschlagen! Durch seinen Vater lasse ich mich als Diener bei Herrn Marcel anstellen, und dann hänge ich mich an ihn wie eine Klette. Ich habe obendrein einen Kameraden, der in solchen Geschäften gewitzt ist, und den ich gleich mit anstelle, und wir beide werden uns dann auf die Lauer legen und scharf aufpassen. Zettelt die Gaunerbande etwas an, so lassen wir ihr Zeit, die Fäden zu spannen, und greifen erst ein, wenn's not thut, das ist mein Plan, und darum habe ich mir vorhin herausgenommen, ein scheinbares Fallenlassen der Untersuchung vorzuschlagen. Daß man sich bei so abgefeimten Schurken auf das Schlimmste gefaßt machen muß, ist ja klar, und deshalb möchte ich wenigstens, daß etwas dabei herauskäme, und zu dem Ende mußte ich Ihr Wort haben, daß Sie schweigen. Jetzt bitte ich, daß der Herr Richter mir ein wenig unter die Arme greift, und Sie dürfen sich darauf verlassen, daß wir Sie benachrichtigen werden, sobald das Brot im Ofen ist und Sie es nur noch siedend heiß herauszuziehen brauchen.« Mayeur überlegte sich die Sache noch ein Weilchen, dann sagte er: »Diese Art vorzugehen läuft juristischem Brauch zuwider, aber die Lage ist auch eine außergewöhnliche und ans Ziel müssen wir kommen, gleichviel auf welchem Wege. Ich bin überzeugt, daß wir es mit Verbrechern zu thun haben, die zum Aeußersten entschlossen und keine Neulinge in ihrem Handwerk sind – möglicherweise können wir eine ganze Bande aufheben. Machen Sie also den geplanten Versuch, und wenn Sie auf Schwierigkeiten stoßen, wenden Sie sich an mich, daß ich Ihnen Hilfskräfte zur Verfügung stelle. Wenn Sie mir nur das letzte Endchen des Fadens aufweisen, den Knoten finde ich dann schon.« »Sehr gut, Sie dürfen ruhig sein. Sobald's an der Zeit sein wird, bekommen Sie Nachricht ... stille ... der Schreiber kommt ...« Es hatte in der That an die verschlossene Thüre gepocht, und der Richter ging hin, sie zu öffnen. Im Halbdunkel des Flurs erkannte er die schlanke soldatische Gestalt des Oberst Ballenot, der heute Zivil trug. »Ei, Herr Oberst! Wenn ich bitten darf – treten Sie ein und nehmen Sie Platz,« sagte Mayeur verbindlich. Dann wandte er sich zu Baudoin: »Sie können sich jetzt zurückziehen, Bauduin. Ich werde Sie in nächster Zeit wohl nicht mehr nötig haben, falls Sie aber verreisen, hinterlassen Sie bei Herrn Baradier Ihre Adresse, damit eine etwaige Vorladung Sie jederzeit erreicht.« Baudoin verbeugte sich vor dem Richter, grüßte den Oberst militärisch und ging hinaus. Mit dem sonnigsten Lächeln wandte sich jetzt der Richter seinem Besuch zu; daß er verstimmt und entmutigt war, sollte ja niemand inne werden. »Der Herr Kriegsminister befindet sich wohl? Hat ja gestern in der Kammer eine inhaltreiche, schneidige Rede gehalten...« »Jawohl, man hätte ihm gern eins ans Bein gegeben, aber er ist der Mann, sich zu wehren, und nimmt kein Blatt vor den Mund, womit man im Parlament immer Eindruck macht.« » Imperatoria brevitas ,« näselte der Richter, um nach einer Weile mit ganz anderem Gesichtsausdruck in honigsüßem Ton zu fragen: »Und was für ein Ergebnis haben seine Nachforschungen?« »Dasselbe wie die Ihrigen!« warf der Oberst trocken hin. »Ach! Wir rücken also nicht vom Fleck?« fragte Mayeur lächelnd. »Doch, aber nach rückwärts, wie mir scheint ... nehmen Sie mir's nicht übel.« »Es ist ganz richtig, wenigstens dem äußeren Schein nach,« sagte Mayeur mit überlegener Miene. »Nur dem Schein nach? Sollten Sie etwas herausgebracht haben?« rief Ballenot gespannt. »Geduld, Geduld! Ich kann mich vorläufig nicht aussprechen. Sie werden Ueberraschungen erleben!« »Donnerwetter, das käme uns sehr erwünscht, besonders für unseren Alten! Die Geschichte sitzt ihm auf die Nerven, daß es nicht sehr lieblich für uns ist. Er kommt gar nicht mehr aus dem Zorn heraus, man muß ihn behandeln wie ein schalloses Ei.« »Kommen wir auf Ihre Anfragen im Ausland zurück ... was haben diese ergeben?« »Gewißheit, daß der Dreibund nicht daran beteiligt ist, wenn der Versuch, sich der Erfindung zu bemächtigen, überhaupt vom Ausland ausgeht. Alle unsere Gewährsmänner sind einig in diesem Punkt. Seit der letzten Spionenepisode haben die verbündeten Regierungen ihren Agenten die größte Zurückhaltung auferlegt. Wenn überhaupt die Politik hineinspielt, so kann der Versuch nur auf englische Rechnung gemacht worden sein. Es ist Ihnen wohl bekannt, daß die Engländer sehr veraltetes Geschützmaterial haben und sie nun alles aufbieten, zeitgemäße Ausrüstung zu schaffen. Da es diesen Krämerseelen viel näher liegt, Erfindungen zu kaufen, als zu machen, scheint es uns nicht unmöglich, daß der Auftrag von dort ausging. Selbstverständlich würden sie die Mittel, deren man sich bedient hat, mit Entrüstung verleugnen, der Schein gilt ja dort alles. Man kann so schlecht sein, als man will, wenn man nur äußerlich ehrbar auftritt; sie nennen das Anstand, wir Heuchelei ... doch das gehört nicht zur Sache, entschuldigen Sie ...« »Bitte sehr. Alles zusammengefaßt, haben Sie eben auch Vermutungen und keine Beweise?« »Keinen einzigen. Es gibt in Paris oder in Frankreich ein halbes Dutzend Frauen, die von Badeort zu Badeort ein Wanderleben führen und internationale Intriguen leiten. Jede einzelne davon könnte man eigentlich im Verdacht haben, die Baronin im Falle Trémont gewesen zu sein, aber die einen befanden sich außerhalb von Paris, die anderen waren streng überwacht. Außerdem bilden die meisten einen Teil unseres Gegen-Spionagecorps und würden uns gewarnt haben, obwohl sie auch im Sold des Auslands stehen. Nach dieser Seite hin ist gar nichts herauszubringen. Was nun den »Hans« betrifft, so meldet uns ein geheimer Polizeibericht aus Lausanne, daß in Genf ein Verwundeter mit abgenommenem Arm eingetroffen sei. Der Mann ist ein Deutscher, Namens Fichter, stammt aus Baden und wurde in einer Drahtzieherei bei Besançon verstümmelt. Gleichzeitig kann er nicht im Jura und in Vanves gewesen sein, andererseits stimmt die Personalbeschreibung merkwürdig mit den Angaben des Dieners Baudoin überein. Wenn Fichter der Gesuchte wäre, müßte der Besitzer dieser Drahtzieherei falsche Zeugnisse ausgestellt haben, oder zwischen zwei Amputierten hatte unterwegs ein Rollenaustausch stattfinden müssen ... beides ist höchst unwahrscheinlich. Sie sehen also, wir tappen nach wie vor im Dunkeln.« »Ja, ja, ja,« meckerte der Richter mit so geistesabwesender Miene, daß der Oberst mißtrauisch wurde. »Die Sache scheint Sie sehr kühl zu lassen!« bemerkte er. »Man soll sich nie aufregen; das führt zu gar nichts.« »Sie geben die Hoffnung also nicht auf?« »Ich müßte nicht, weshalb!« »Das muß ich sagen ...« »Nein, nein,« fuhr Mayeur in dem gleichgültigen Ton fort, der den Oberst so stutzig machte, »im Augenblick, wo man alles verloren gibt, stellt sich in der Regel der Erfolg ein.« »Wenn man Glück hat. Das scheint in der Gerichtsbarkeit öfter vorzukommen als beim Militär ... wenn wir Grouchy erwarten, kommt immer Blücher!« »Das werden wir ja sehen.« »Was haben Sie vor?« »Die Sache für einige Zeit einschlafen zu lassen. Sie ist noch nicht spruchreif.« »Das heißt mit anderen Worten, sie wird in der Registratur begraben?« »Vorläufig, ja.« »Auferstehen wird sie schwerlich! Sie geben sie auf.« Der Richter sah Ballenot ernsthaft ins Gesicht und sagte zur großen Verblüffung seines Schreibers beinahe demütig: »Wenn kein neuer Zwischenfall hinzutritt, müssen wir sie in der That aufgeben.« »Soll ich den Minister davon in Kenntnis setzen?« »Ich bitte darum und bitte den Ausdruck meiner vollen Ergebenheit beizufügen. Ich wollte mein Bestes thun, aber Unmögliches gelingt nicht. Uebrigens halte ich noch nicht alles für verloren ... wir werden später sehen ...« Der Oberst erhob sich, etwas bestürzt über diesen unerwarteten Bescheid. »Ein netter Auftrag, den Sie mir da anhängen,« bemerkte er kopfschüttelnd. »Damit werde ich aufgenommen werden wie der Hund, der ins Kegelspiel rennt.« »Ach, um Sie ist mir's nicht bange, Sie stehen ja sehr in Gunst. Ich muß mich jetzt zum Generalstaatsanwalt verfügen, der wird nicht wettern, aber höhnen. Doch was liegt daran? Warten mir den Ausgang ab ... wer zuletzt lacht, lacht am besten.« Damit schüttelte er dem Oberst die Hand, geleitete ihn über den Vorplatz und kehrte in seine Amtsstube zurück, um verschiedene Schriftstücke zu unterzeichnen, die ihm der Schreiber vorlegte. Diesen trieb die Neugierde derart um, daß er sich nicht enthalten konnte, zu fragen: »Also die Sache ist wirklich abgethan? Herr Mayeur, werden Sie den Fall nicht weiter verfolgen?« »Unmögliches zu vollbringen, muß man sich nicht in den Kopf setzen,« warf Mayeur gelassen hin. »Ohne Gerüste baut man kein Haus auf. Die Akten enthalten rein gar nichts, was der Untersuchung die Wege wiese, und aus der Luft zu greifen, was ich nicht weiß, dazu bin ich nicht der Mann. Selbst aus bestimmten Beweisen die richtigen Schlüsse zu ziehen, ist nicht leicht ...« Der Schreiber lächelte seinen Gebieter mitleidig an. Solange dieser Selbstvertrauen und Siegesgewißheit zur Schau getragen hatte, war er ihm höchst tadelnswert erschienen, jetzt, da er sich bescheiden und ehrlich gab, flößte er ihm Verachtung ein. Ein armseliger Mensch, der im Glück ein Großmaul war und bei der ersten Schwierigkeit die Flinte ins Korn warf! »Ordnen Sie die Akten in meine Mappe,« fuhr Mayeur fort. »Ich werde sie selbst mitnehmen zum Staatsanwalt. Dann können Sie gehen, es ist fünf Uhr ... auf morgen.« Der Oberst Vallenot fuhr mittlerweile in einer Droschke nach dem Ministerium zurück. Als er ins Vorzimmer des Ministers trat, stieß er auf Baudoin, der eben aus dessen Arbeitszimmer kam. »Sie haben Excellenz gesprochen?« fragte er ihn. »Ja, Herr Oberst.« »Ist wohl nicht rosiger Laune, hm?« »Doch, doch, Herr Oberst. Aber Herr Oberst müssen sich beeilen, wenn Sie Excellenz noch sprechen wollen.« »Will der Minister ausgehen?« »Excellenz wollen, glaube ich, noch in die Kammer.« »Sie hatten wohl ein Bittgesuch vorzubringen, Baudoin?« »Nein, Herr Oberst, ich wollte mit Excellenz über die Sache meines verstorbenen Generals sprechen.« »So, so! Und von welchem Gesichtspunkt aus?« »Von dem Gesichtspunkt aus, daß diese Schlafmütze von Untersuchungsrichter nicht vorwärts kommt und offenbar im Sinn hat, die Geschichte stecken zu lassen.« »Das haben Sie dem Minister gesagt?« »Es ist noch keine fünf Minuten her.« »Und wie hat er's aufgenommen?« »Er hat einen Pfiff hören lassen und dann gesagt: ›Schließlich ist's vielleicht am besten‹« Der Oberst sah den Burschen prüfend an, als ob er sich vergewissern wollte, daß man sich nicht über ihn lustig mache, und zog dann die Schultern in die Höhe wie jemand, der rein nicht mehr weiß, woran er ist. »Schön, schön!« sagte er ärgerlich. »Wenn's so steht, reden wir überhaupt nicht mehr davon. Mir ist's entschieden auch am liebsten! Wenn Sie irgend etwas brauchen von uns, Baudoin,« setzte er, dem alten Soldaten freundlich zunickend, hinzu, »so wenden Sie sich nur an mich. Wir alle sind Trémonts Freunde gewesen.« Und vor sich hinbrummend: »Alle Welt scheint mir den Kopf verloren zu haben,« ging der Oberst weiter. Baudoin entfernte sich über die Haupttreppe und ging, nachdem er den Pförtner begrüßt hatte, in das kleine Kaffeehaus gegenüber, wo Laforét, sein Gläschen Absinth vor sich, einigen sehr hitzigen Billardspielern mit väterlichem Wohlwollen zusah und dabei mit der Pfeife im Mund einem kleinen Rentier aus der Nachbarschaft Gehör schenkte, der ihm sein Hauskreuz vortrug. »Ach, Herr Laforêt, eine Frau, die nie zu Hause bleibt, und der man nicht Geld genug geben kann – ich sage Ihnen, wenn sie die Gewölbe einer Bank zur Verfügung hätte, die würden auch leer! Und sagt man nur ein Wort, so erhebt sie ein Zetergeschrei, daß alle Mietsleute im Haus zusammenlaufen. ... Keine Magd bleibt, denn sie will keinen Lohn zahlen und traktiert die Leute mit Ohrfeigen! Schon mehrmals bin ich vor den Friedensrichter geladen worden wegen ihrer Dienstbotenhändel! Zur Hölle macht sie mir das Leben!« »Lassen Sie sich scheiden,« lautete Laforêts kurzer Rat. »Ja, wenn unser Vermögen nur nicht zum größten Teil von ihrer Seite käme!« »Dann müssen Sie eben die Frau ertragen.« »Ich kann aber nicht mehr.« »Dann behandeln Sie die Dame, wie sie ihre Dienstmädchen behandelt, geben Sie ihr Ohrfeigen.« »Hat sich was! Die würde sie mir mit Zinsen heimzahlen. Dies hier ist der einzige Ort, wo ich ein bißchen Ruhe habe,« sagte der Unglückliche, mit einem Seufzer aufstehend. »Das ist immerhin etwas ... auf Wiedersehen, mein werter Herr. Wenn ich Ihnen nützlich sein kann, so verfügen Sie nur über mich.« Baudoin hatte sich neben Laforêt gesetzt, der sich nun zu ihm hinneigte. »Gibt's was Neues?« »Ja, ich brauche Sie. Aber wir wollen nicht hier bleiben.« Der Agent stand auf, griff nach seinem Stock, nickte als Stammgast, der aufschreiben läßt, der Kassiererin zu und führte Baudoin mit sich fort. »Wohin gehen wir?« »An einen Ort, wo wir weder gesehen, noch gehört werden können, kommen Sie nur.« Sie schlugen die Richtung nach der Seine ein, und am Damm angelangt, wies Laforêt seinem Begleiter eine kleine Treppe, die zum Wasser hinunter führte: in der Nähe eines Schilderhäuschens für den Brücken- und Straßenaufseher bot sich auf einem Haufen Pflastersteine ein bequemer Sitz. Im Schatten der alten Ulmen, die ihre knorrigen Aeste über den schlammigen, rasch dahineilenden Fluß streckten, ließen sie sich nieder. Ihnen gegenüber am anderen Ufer breitete sich das dichte Grün des Tuileriengartens aus, fünfzig Schritte zu ihrer Linken verluden kleine Handelsleute Flußsand, die geschäftigen kleinen Seinedampfer huschten mit ihren Fahrgästen stromauf und -ab, und das Wagengerassel auf der Straße zu ihren Häupten dämpfte den Klang der Stimmen. »Hier sind wir sicher, daß höchstens die Vögel uns belauschen können,« bemerkte Laforêt. »Ich empfehle Ihnen den Platz, wenn Sie mit irgend jemand Geheimnisse zu besprechen haben. Nicht einmal Angler gibt es hier; die suchen die Südseite, weil die Fische dort besser anbeißen ... weshalb weiß niemand, aber es ist so. Und jetzt schießen sie los.« »Nun gut. Nach vollen drei Wochen reinen Zeitverlusts muß der Untersuchungsrichter zugeben, daß er nicht mehr weiß, als am ersten Tag. Es ist sonnenklar, daß der arme Mann aus eigener Kraft nichts herausbringt, aber wenn man auch den Geriebensten aufstellte, er wird auch nicht viel Ehre einlegen mit dem Fall. Man führt einfach einen Schlag ins Wasser und die Herrschaften sind untergetaucht. Alles ist verschwunden und Schatten fängt keiner! Des Pudels Kern ist, daß unser Herr Richter die Geschichte stecken läßt, wodurch ich frei werde und hingehen kann, wo ich will, statt mich in den Vorzimmern des Justizpalasts herumzudrücken. Natürlich reise ich ab.« »So! Und wohin?« »Zum jungen Herrn Baradier, der sich auf der Fabrik in der Nähe von Troyes in der Champagne aufhält. Das Nest heißt Ars; es hat heiße alkalische Quellen, die im Sommer von vielen Kranken benutzt werden.« »Wollen Sie etwa Ihren Kummer wegbaden?« »Nein, aber den jungen Herrn bewachen. Seit ich in Herrn Baradiers Dienst bin, habe ich mancherlei erfahren, namentlich daß der Vater genau weiß, daß sein Sohn thatsächlich die Rezepte meines verstorbenen Generals besitzt, und man sich also an ihn halten muß, um ihrer habhaft zu werden. Ich glaube, daß Herr Baradier viel darum gäbe, wenn sein Sohn nie einen Fuß ins Laboratorium des Generals gesetzt hätte, aber was geschehen ist, ist geschehen, und nun gilt's einfach, den jungen Herrn zu schützen. Dieses Amt ist mir anvertraut worden. Herr Baradier hat mir gesagt: ›Baudoin, ich habe nur den einzigen Sohn, und wenn der Schlingel auch schon gehörige Dummheiten gemacht hat, hänge ich doch sehr an ihm, was du begreifen wirst. Ich will folglich nicht, daß ihm Uebles zustoße, und sobald du hier weg kannst, wirst du dich zu ihm verfügen und ihm nicht mehr von der Seite gehen.« »Aber warum vergräbt sich dieser reiche, junge, lebenslustige, verhätschelte Familiensohn in dem Provinznest, statt in Paris zu bleiben?« »Aus verschiedenen Gründen. Der durchschlagendste ist wohl, daß der Papa es für zuträglicher hält, daß er in Ars ist und nicht in Paris. Auf dem Land ist einer viel leichter zu hüten, da sieht man von allen Seiten dazu! Und nach dem, was ich so gehört habe, muß Herr Marcel unlängst recht dumme Streiche gemacht haben, einer sehr schönen Frau zuliebe. Auf solche Familiensöhne haben sie's ja abgesehen, diese Frauenzimmer, und er ist also in gelinder Strafverbannung; sein Vater hat ihm den Brotkorb höher gehängt, und ohne seinen Onkel Graff säße unser Erbe so ziemlich auf dem Trockenen. Ferner hat der junge Herr auch seine Anwandlungen und hat sich zur Zeit darauf verlegt, ein neues chemisches Verfahren für das Färben der Wolle herauszukriegen. Bei allem Leichtsinn soll er nämlich sehr tüchtig sein in der Wissenschaft, und die Arbeit liegt ihm gegenwärtig mehr am Herzen als Zerstreuungen.« »Scheint ja ein Original zu sein!« »Und der beste Mensch unter der Sonne! Freigebig, warmherzig, heiter, gar nicht eingebildet... er wird Ihnen gefallen!« »Ja, soll ich ihn denn kennen lernen?« »Ganz gewiß.« »Und auf welche Weise?« »Das werde ich Ihnen gleich sagen. Sobald ich wußte, daß ich ruhig abreisen kann, lief ich aufs Ministerium, um es dem Herrn Minister zu melden. Ich habe ihm auseinandergesetzt, was ich vorhabe, und habe ihn im Interesse der Sache gebeten, Sie nach Ars berufen zu dürfen, sobald ich Sie nötig habe ...« »Dazu würde ich einen Urlaub haben müssen.« »Den haben Sie. Der Oberst Ballenot hat schon Auftrag gegeben, den Militärpaß auszustellen. Sie können ihn jederzeit abholen.« »Gut! Und was werde ich dann zu thun bekommen?« »Das werden die Umstände ergeben. Ich für mein Teil, sehen Sie, ich habe einmal die Idee, daß die Geschichte, der mein armer General zum Opfer fiel, nur das Vorspiel eines großen Schauerstücks war. Es werden noch schlimmere Dinge geschehen, und wir haben die Pflicht, bei Zeiten dafür zu sorgen, daß sie den braven Leuten, auf die man es abgesehen hat, nicht zum Verhängnis werden. Es steht Großes auf dem Spiel und wir werden unsere Nasen in sehr schmierige Dinge stecken müssen, aber schließlich kann man sich ja nachher waschen. Nur gewinnen muß man's! Da fällt mir ein, können Sie sich verkleiden, sich ein anderes Gesicht machen?« Laforêt lächelte. »Beruhigen Sie sich darüber. Wenn Sie mir ein Stelldichein geben, werde ich pünktlich zur Stelle sein, ob Sie mich aber erkennen werden, ist sehr die Frage.« »Das ist recht, das müssen wir haben! Ich bin nämlich sehr ungeschickt in allem, was Komödie spielen heißt, und wenn's gilt, eine Rolle zu übernehmen, darf man sich nicht auf mich verlassen. Meine eigene, als Wachhund, hoffe ich aber mit Ehren durchzuführen.« »Gut. Damit wäre alles im reinen?« »Ich glaube. Wenn ich Ihnen Nachricht zu geben habe, adressiere ich den Brief ans Ministerium.« »Auf Wiedersehen also!« »Auf baldiges!« Laforêt wandte sich der Dominiquestraße zu. Baudoin kehrte über die Richelieustraße und die Boulevards in sein Bankhaus zurück. Baradier und Graff waren in ihrem gemeinsamen Arbeitszimmer, wo ihnen der Kassierer die kleinen Wechsel auf ausständige Gelder zur Unterzeichnung vorlegte. Ein Papier ums andere hinreichend, plauderte der vertraute Beamte halblaut mit seinen Vorgesetzten. »Wissen die Herren, daß die Aktiengesellschaft für ›Industrielle Sprengstoffe‹, an deren Spitze Herr Lichtenbach steht, bedeutend wackelt? Die Aktien sind rasend gefallen. Es heißt, eine amerikanische Gesellschaft setze ihnen so stark zu,« »Ja, ich weiß davon,« sagte Graff. »Die Amerikaner haben eine Masse gefunden, deren Zusammensetzung sehr einfach und um fünfzig Prozent billiger ist als Dynamit. Sie haben schon bedeutende Bestellungen für Australien und Südafrika, und daher geht's mit der Gesellschaft Lichtenbach abwärts. Seit einem Jahr schon bereitet sich die Sache vor,« »Beruhigen Sie sich nur, Bernard,« warf Baradier hin. »Lichtenbach kommt dabei sicher nicht zu kurz, nur die Aktionäre, er hat sich jedenfalls vorgesehen! – Noch mehr Unterschriften?« »Nein, Herr Baradier.« »Dann sperren Sie Ihre Kasse zu und gehen Sie. Auf morgen!« »Guten Abend, meine Herren.« »Siehst du's jetzt?« begann Baradier, sobald er mit seinem Schwager allein war. »Wer so viel weiß, wie wir wissen, hat damit den unumstößlichen Beweis, daß es sich bei Trémonts Mord ebenso um den Raub seines industriellen, wie seines militärischen Geheimnisses gehandelt hat. Siehst du jetzt ein, daß es gerade für Lichtenbach von großem Wert gewesen wäre und noch sein würde, in Besitz einer Sprengmasse zu kommen, die noch billiger ist als die der amerikanischen Konkurrenz und bei hundertfach kleinerem Volumen ebenso wirksam? Denn darin liegt, wie mir Marcel auseinandersetzte, die wesentliche Bedeutung von Trémonts Rezept. Wäre Lichtenbach, auf welche Weise es auch sei, in dessen Besitz gelangt, so hätte er nur ein Patent anzumelden gebraucht, und mittlerweile die fast entwerteten Aktien unter der Hand aufkaufen lassen können. Dann würde er das Herstellungsverfahren an die neu gegründete Gesellschaft verkauft und Millionen eingesackt haben – vom zukünftigen Ertrag des Artikels gar nicht zu reden.« »Ja, das wäre ein hübscher Schachzug und Lichtenbachs würdig gewesen! Den Gewinn aus dem Schießpulver hätte er seinen Helfershelfern dann leichten Herzens überlassen können, denn das wäre im Vergleich zu dem Handelsartikel eine Kleinigkeit gewesen. Der Staat hat die Gewohnheit, die Menschenfreunde, die ihm die Mittel zum Massenmord liefern, sehr mäßig zu bezahlen!« »Darüber täuschest du dich! Marcel sagt, daß Trémonts Erfindung ganz verheerende Wirkungen hat. Der Stoff soll seiner Zusammensetzung nach unerhörte Kraft haben und nicht einmal im Wasser erlöschen.« »Wie griechisches Feuer?« »Aehnlich ja, etwa wie ein heutiges Geschütz den Schlüsselbüchsen des sechzehnten Jahrhunderts ähnlich sieht! Mit diesem Sprengstoff geladene und durch einen fein berechenbaren Mechanismus entladbare Torpedos wären im stande, ein Kriegsschiff binnen einer Sekunde in eine Flammensäule zu verwandeln.« »Damit wäre ja alle Überlegenheit zur See hinfällig!« »Aha! Du begreifst endlich: und nun sage mir, lieber Freund, wo der Besitzer eines solchen Geheimnisses noch Sicherheit finden kann. Der Staat müßte ja von Heiligen regiert werden, der nicht alle Hebel ansetzen würde, um sich die ungeheuerliche Macht zu verschaffen, alle Feinde zu vernichten, alle Nebenbuhler zu überflügeln! Deshalb mußte Trémont sterben und deshalb flieht mich der Schlaf, – daß mein Sohn mit ihm gearbeitet hat, wissen viele, und viele mögen vermuten, daß er den geheimnisvollen Träger von Zerstörung und Herrschaft in Händen hält!« »Schicke ihn auf Reisen ... ins Ausland.« »Da wäre ja die Gefahr noch größer! Nein, nein, er ist verhältnismäßig am sichersten daheim unter Menschen, die uns kennen. Ach, ich wollte, er hätte sich dieser schweren Bürde entledigt! Ich habe ihn angefleht, zum Minister zu gehen und Trémonts Vorschriften bei ihm niederzulegen. Dann hätte man in allen Zeitungen lesen können, Marcel Baradier habe der technischen Kommission des Kriegsministeriums die Aufzeichnungen des Generals von Trémont übergeben, und er wäre entlastet gewesen und hätte ruhig seine Wege gehen können! Weißt du, was er mir entgegnet hat?« »Nein! Laß hören!« »Ganz gelassen und heiter gab er mir zur Antwort: »Lieber Vater, Trémonts Pulver hat noch gewisse Verbesserungen nötig. Ich weiß, was er damit vorhatte, er hat es mir genau erklärt, ich werde also die Experimente fortsetzen, und erst, wenn das Tüpfelchen auf dem i sitzt, werde ich seinem deutlich ausgesprochenen Willen gemäß das Schießpulver dem Staat übergeben und selbst eine Aktiengesellschaft zur Herstellung der industriellen Sprengmasse gründen, die seiner Tochter ein großes Vermögen schaffen wird.« »Der Junge ist rein des Teufels!« rief Graff bewegt. »Er muß doch begreifen, was auf dem Spiel steht!« »An mir hat's nicht gefehlt, ich habe mich heiser geredet, es ihm nur auseinander zu setzen, aber er ist ein echter Lothringer, ein Eisenkopf! All meinen Vorstellungen hat er unerschütterlichen Widerstand geleistet. ›Ich allein kann die Sache durchführen, wie sich's gehört,‹ hat er mir entgegnet. ›Uebergebe ich das Schießpulver der technischen Kommission, so geht einer von den Springinsfelden her, führt die letzte Verbesserung aus und reißt den Ruhm an sich – vorausgesetzt, daß er die ganze Erfindung nicht durch abgeschmackte Zuthaten verhunzt, was noch wahrscheinlicher ist. Und wenn ich von dem Handelsprodukt den Mund aufthue, ehe ich mir alle nötige Sicherheit verschafft habe, so ist es im Handumdrehen gestohlen, und Trémonts Tochter kann betteln gehen. Aus all diesen Gründen und dem weiteren, daß mir die Sache Spaß macht, werde ich nicht darauf verzichten, das begonnene Werk persönlich und allein zu Ende zu führen.‹ – ›Aber wenn es dein Leben kostet?‹ habe ich ihm vorgehalten. – ›Ist mein Leben denn so kostbar, Papa?‹ war seine Antwort. ›Du sagst ja immer, daß ich ein Nichtsnutz sei, der dich um Hab und Gut, ja demnächst um Ehre und guten Namen bringe ... dann sei doch froh, wenn du den undankbaren, verlorenen Sohn loswirst!‹« »Siehst du! Siehst du!« rief Graff. »Das kommt von deiner Harte gegen dieses Kind! Tu hast immer nur Vorwürfe und Tadel für ihn gehabt, wie kannst du da erwarten, daß er auf dich hört?« »Sei so gut und verschone mich mit Predigten!« schrie Baradier, den die innere Angst ganz blaß machte. »Ich trage schwer genug an dem, was mir widerfährt! Du darfst mir nicht etwa die Verantwortung dafür aufbürden! Ich habe Marcel so lieb wie du, wenn ich ihn auch nicht immer mit Samthandschuhen anfasse und bewundere und ihm die Taschen mit Geld vollstopfe! Wenn er nur dich als Mentor gehabt hätte, da wären wir jetzt nett daran! Du hast ihn immer nur in seinen schlechten Anlagen bestärkt, an allen dummen Streichen, die er gemacht hat, bist du schuld!« »Versteht sich, versteht sich! Ich habe ihn verführt, ich habe ihm ein schlechtes Beispiel gegeben! Alle Welt weiß ja, daß ich sein böser Geist, sein Verderber war! Wahrhaftig, Baradier, man könnte sich fragen, ob du nicht verrückt wirst.« Baradier rannte aufgeregt durchs Zimmer, trat dann auf seinen Schwager zu und legte ihm die Hand auf die Schulter. »Du hast ganz recht, Graff,« sagte er mit bebender Stimme. »Ich verliere wirklich manchmal den Kopf – verzeih mir nur. Die Unruhe bringt mich ganz aus dem Geleise! Wir haben nur diesen einen Jungen, Graff – was würde aus uns, wenn das Schicksal es wollte ...« Graff fuhr heftig auf. »Schweig'! Man darf den Teufel nicht an die Wand malen! Nicht einmal andeuten darf man Möglichkeiten wie diese! Aber trotz allem kann ich Marcel nicht tadeln, daß er durchführen will, was ihm als Pflicht gilt. Er wäre weder ein Baradier noch ein Graff, wenn er anders handelte, und er ist ein wackerer Junge! An uns ist's, ihn zu überwachen und gegen seine eigenen Unbesonnenheiten in Schutz zu nehmen.« In diesem Augenblick wurde zweimal an die Thüre geklopft. Baradier eilte, sie zu öffnen, und Baudoin erschien auf der Schwelle. »Du kommst wie gerufen, tritt nur ein ... und vor allen Dingen, wie stehen die Dinge im Justizpalast?« »Auf Null, Herr Baradier. Der Untersuchungsrichter findet nichts, die Thäter sind verschwunden, als ob sie der Wind davongewirbelt hätte.« »Und darum?« »Darum gibt der Untersuchungsrichter die Hoffnung auf, stellt die Nachforschungen ein und läßt die Geschichte im Sand verlaufen.« »Ein geistreicher Ausweg! Ist er selbst darauf verfallen?« »Nein, Herr Baradier.« »Nun, welcher Schafskopf hat ihm denn die Idee eingeblasen?« »Ich, Herr Baradier.« »Alle Achtung, Baudoin! Du bist ja ein netter Kerl! Nun werden die Halunken, die deinen Herrn umgebracht haben, ungestraft bleiben und sich von neuem an die Arbeit machen!« »Darauf rechne ich.« »Aber Marcel! Esel, der du bist, denke doch an meinen Sohn! Was soll denn aus dem werden? »An den denke ich ausschließlich. Ich bin jetzt frei und werde mit Ihrer Erlaubnis heute noch abreisen. Um Mitternacht bin ich dann in Ars. Die Nachricht von der Einstellung des Verfahrens wird erst übermorgen in den Zeitungen stehen, bis dahin habe ich meinen Nachtdienst da unten schon eingerichtet, und ich gebe Ihnen mein Wort darauf, daß Herrn Marcel kein Härchen gekrümmt werden soll – jedenfalls müßte man mich vorher totgeschlagen haben.« »Das ist ja außerordentlich beruhigend,« brummte Baradier. »Aber freilich – was soll man mit einem eigensinnigen Burschen wie mein Sohn anfangen? Wo er auch sein mag, in Gefahr ist er immer! Das verfluchte Pulver! Wenn es dem Feind, gegen den man's anwendet, so verderblich ist wie seinen Erfindern, so werden im nächsten Krieg nicht viel Menschen übrig bleiben.« Baudoin ließ den väterlichen Groll ohne Widerrede über sich ergehen, denn er sah ein, daß Baradier von seinem Standpunkt aus recht hatte. Aber was konnte er mehr thun, als sich mit Leib und Seele zum Schutz des möglicherweise so schwer Bedrohten hingeben? Als Baradier seiner Verstimmung Luft gemacht hatte und sich ganz erschöpft niedersetzte, nahm Graff das Wort. »Die Suppe ist einmal eingebrockt und muß nun auch ausgelöffelt werden,« sagte er. »Die Hauptsache ist nur, daß man sich nicht damit vergiftet. Die Lage der Dinge ist doch nicht dieselbe wie im Fall des Generals, denn wir sind gewarnt und auf unserer Hut. Mit Besonnenheit und Umsicht kann viel verhütet werden. Kommt Zeit, kommt Rat.« »Bist du mit deinen sinnlosen Sprichwörtern bald fertig?« rief Baradier, den des Schwagers Zuversicht aufs neue außer Rand und Band brachte. »Statt der schönen Redensarten muß man Baudoin Vollmacht geben, die Polizei anzurufen, sobald sich in Marcels Nähe etwas Verdächtiges zeigt. Ich habe mehr Vertrauen in den Schutz der Waffen, als den der Vorsehung!« »Wenn du nur derlei Abgeschmacktheiten vorzubringen hast, würdest du besser thun, zu schweigen und mich reden zu lassen. Marcel soll an seiner Arbeit bleiben – je eher er damit fertig wird, desto eher ist er außer Gefahr. Bis dahin vertraue ich ihn deiner Obhut an, Baudoin.« »Sie können es auch, Herr Graff. Ich verbürge mich für seine Sicherheit! Und ich stütze mich dabei einzig und allein auf mich selbst! Ich lasse mir einen Gehilfen kommen, der allein zehn Schutzleute aufwiegt, aber mehr sage ich nicht, Sie müssen mir alles anvertrauen.« »Ja, das wollen wir!« rief Baradier schnell umgestimmt. »Dann ist's gut!« sagte Baudoin, sich die Hände reibend. »Haben Sie etwas zu bestellen an Herrn Marcel?« »Er soll vernünftig sein und an uns denken, die wir ihn über alles lieben. ... Hast du denn auch Geld zu deiner Reise, Baudoin?« »Ich habe, was ich brauche, Herr Graff, danke schön. Auf Wiedersehen, meine Herren ... Ihr ergebener Diener.« Er grüßte und ging, indes die beiden Schwäger schweigsam, in trüben Gedanken zurückblieben. Nach einer Weile erhob sich Graff mit den Worten: »Es wird kein Unheil geschehen, ich fühle es, ich bin dessen gewiß. Du weißt, daß mich mein Gefühl nie täuscht. So oft im Geschäft etwas schief gegangen ist, habe ich ein deutliches Vorgefühl davon gehabt. Beruhige dich, Baradier, wir werden nicht Schiffbruch erleiden.« »Geb's der Himmel,« versetzte der Vater sorgenvoll. »Sobald ein Weib die Hand im Spiel hat, ist bei Marcel nichts vorauszusagen. Ja, wenn sich's um dich handelte oder um mich, da könnte man ruhig sein, aber dieser junge Tollkopf.« »Die Alten sind auch nicht immer die Weisesten, siehe Trémont!« »Nun denn – stellen wir's Gott anheim,« sagte Baradier, seinem Schwager die Hand hinstreckend. »Und noch eins, mein Alter – zanken wir uns nicht mehr! Es hilft zu nichts und thut uns beiden weh!« »Ach was, mich kannst du zausen, wie du willst,« rief Graff gerührt. »Wenn dir's wohlthut, deinen Kropf zu leeren, mir schadet's nichts! Aber hüte dich, deiner Frau etwas zu sagen, sie soll sich nicht auch noch quälen.« Dann traten sie aus dem Bureau und sahen eben noch, wie Baudoin ganz unternehmend und vergnüglich mit seiner Reisetasche über den Hof ging. Sechstes Kapitel. Ars ist ein Städtchen von sechstausend Seelen, das sich, von dem bescheidenen Barsefluß durchrieselt, vier Meilen von Troyes an die Hügel lehnt, die der Wald von Bossicant mit seinen dunklen Fichten krönt. Die Eisenbahn durchschneidet das Thal, um die Erzlager von Vandoeuvre und die Steinbrüche von Bar mit der Welt in Verbindung zu setzen; im Süden ziehen sich auf mergelhaltiger Anhöhe Weinberge hin, und die reichen Quellen von Ars mit seinen Badeanstalten liegen einen Kilometer vom eigentlichen Städtchen an der Straße nach Lusigny. Nach Erzen grabend, wo keine zu finden waren, hatte ein Ingenieur Namens Révérend die alkalischen und eisenhaltigen Quellen entdeckt, die ganz gut mit den Wassern von Plombières und Aix den Wettbewerb aufnehmen könnten. Aber Ars ist zu nah bei Paris, als daß Kranke an die Heilkraft seiner Quellen glauben mochten, auch haben die wenigen Gastwirte noch nicht gelernt, Kurgäste auszubeuten. So gehen denn meist kleine Leute hin, und nur auf der Anhöhe am Waldrand finden sich ein paar zwischen Bäumen versteckte Villen, die allsommerlich wohlhabendere Kranke aufnehmen. Es sind bescheidene, ruhig gelegene Landhäuser, die dem Naturfreund die Nachbarschaft des einsamen, sonndurchglitzerten Waldes zu bieten haben. Die Fabrik von Baradier \& Graff liegt am Fluß selbst, der mit seinem raschen Gefäll die Dynamomaschine treibt, die das Anwesen mit Kraft und Licht versieht. Das Wohnhaus ist durch einen weiten Hof und einen schönen Garten von der Spinnerei getrennt, die Landstraße von Vandoeuvre führt am Garten vorüber und jenseits der Straße liegen ausgedehnte Vieh- und Pferdeweiden, vom Eisenbahngeleise der Linie durchschnitten, die über Chaumont zur deutschen Grenze führt. Ars ist als Arbeiterplatz nicht unbedeutend; Bergwerke und Steinbrüche beschäftigen den männlichen Teil der Bevölkerung der Umgegend. Die Spinnerei von Baradier \& Graff gibt zweihundert Männern, hundert Frauen und sehr vielen Kindern Arbeit, welch letztere als »Anhefter« bei den Webstühlen verwendet werden. Die Spinnerei steht unter der Leitung eines Herrn Cardez, eines Lothringers aus Metz, der mit den Fabrikbesitzern hierher übersiedelte, sich hier verheiratete, aber früh Witwer wurde. Er ist ein pflichtgetreuer Mann, der trefflich für seine Arbeiter sorgt, aber, schweigsam und schwerfällig von Natur, strenge, militärische Ordnung in den Werkstätten hält. Von seinen zwei Söhnen ist der eine Offizier, der andere Unterdirektor in der Gießerei von La Barre. Cardez ist ein wackerer, aber kein umgänglicher Mann, Marcel Baradier, der ihn als kleiner Junge schon kannte und immer etwas respektwidrig den Bären zu nennen pflegte, steht gut mit ihm, soweit es bei dem Gegensatz der Naturen möglich ist, ja er hat ihn sogar trotz aller Neckereien gern, und der »Bär« achtet den Sohn des Hauses, obwohl ihm sein Leichtsinn und seine Spottlust zuwider sind. Der mit der Gleichmäßigkeit einer Maschine arbeitende treffliche Direktor und der geistreiche junge Gelehrte verhalten sich etwa zu einander, wie Pascal, der Erfinder des Schiebkarrens, zu dem Arbeiter, der diesen jahraus jahrein schieben muß. Die beiden Männer könnten jahrelang miteinander verkehren und leben, ohne daß irgend welche Feindseligkeit hervorträte, sie sind, wie Marcel lachend bemerkt, entgegengesetzte Pole. Cardez sieht es nicht sehr gern, wenn sich Marcel in den Werkstätten aufhält, weil er sagt, seine Gegenwart bringe Unruhe in die Arbeiter: der junge Herr leihe den Klagen und Anforderungen der Leute ein zu williges Ohr, und das störe die strenge dienstliche Ordnung. Der Bär wird dann brummiger als je und zieht darüber los, daß man den bösen Geist der Arbeiter auch noch bestärke. Gegen Marcels chemische Untersuchungen über Farbstoffe verhält sich Cardez ungläubig. Er findet nicht nötig, Dinge anders zu machen, die man seit Jahren und mit bestem Erfolg so und so gemacht hat, und die eigene Färberei hält er für überflüssig. Die Rohgespinste, die man seit Jahren in der Fabrik herstellt und für die man sicheren Absatz hat, genügten vollständig, den Betrieb einträglich zu machen, Neuerungen kosteten schweres Geld und brächten seiner Ansicht nach nichts ein, als Mühe und Unruhe, Das am Ausgang des Gartens dicht am Wasser in einem eigenen kleinen Gebäude eingerichtete Laboratorium ist deshalb auch die Zielscheibe seines Witzes, »Herrn Marcels Kapernaum« hat er es getauft. Bei seinem diesmaligen Aufenthalt in Ars ließ sich Marcel ganz gegen seine Gewohnheit wenig in den Werkstätten blicken; er saß fast den ganzen Tag in seinem Kapernaum, wo er nach Cardez' Ausspruch irgend einen chemischen Sudelbrei kochte. War er dann mit der Arbeit fertig, so hing Marcel die Flinte über die Schulter, pfiff seinem Hund und durchstreifte die Wälder. Baradier \& Graff hatten nach und nach dreihundert Hektar Boden erworben, meist Brachfeld und Waldungen, die sehr malerisch und ziemlich wildreich waren, und das hügelige Gelände bot reizende Ausblicke über das hübsche Barsethal fast bis nach Troyes. Einzelne Strecken des Waldes von Bossicant erinnern durch ihre Wildheit, den bräunlichen trockenen Heideboden sehr an die schottische Hochebene. Auf halber Höhe des Hohlwegs, der von Ars auf den Bergrücken führt, steht ganz unter Bäumen versteckt eine im Schweizer Holzstil erbaute kleine Villa, die als roter Punkt aus dem dichten Grün aufragt. Das Häuschen steht in der Regel leer und schweigsam da, denn es ist zu entfernt vom Bad und zu tief im Wald versteckt, um sehr begehrt zu sein; eines Morgens aber beobachtete Marcel mit Erstaunen, daß die Fensterläden geöffnet waren und daß eine Dienerin die Stufen des Altans abkehrte. Das zierliche Mädchen, das fast etwas Vornehmes hatte, stammte offenbar nicht aus der Gegend: ohne Zweifel war sie die Jungfer irgend einer leidenden Dame, die hier eine Bade- und Luftkur gebrauchen wollte. Marcel war nicht neugierig und ging schweigend vorüber; er hatte die frühen Morgenstunden mit schwierigen und anstrengenden Berechnungen verbracht und wollte zu seiner Erholung auf die Hasenjagd gehen. Als er die Höhe erreichte, war es drei Uhr geworden. Er schlenderte lässig dahin, denn es war ihm mehr um Ausruhen als um Anstrengung zu thun; als aber sein Hund, ein untersetzter, auf Hasen dressierter Vorstehhund, Laut gab, regte sich doch einige Jagdlust. Zwei Patronen in den Lauf schiebend, ging er bis auf die abfallende Seite des Bergrückens, wo sich die Hasen in einem Dickicht von Gestrüpp und welkem Gras umhertrieben, bis ein sehr feister Rammler sich entschloß, eine gegenüberliegende Böschung von etwa dreißig Metern zu nehmen. Marcel legte an, zielte, der Schuß ging los und Meister Langohr kugelte die Anhöhe hinab ins Dickicht, woher er gekommen war. Der Hund war nicht fern; er kam, nahm das braune Kapuzinerlein am Genick, ließ es wieder los, um fester zuzufassen, und trug es in seinen kräftigen Kinnladen triumphierend dem Herrn zu. Marcel nahm ihm seine Last ab, steckte die Beute in eine leichte Jagdtasche, die er umgehängt trug, und hielt sich nun für berechtigt, der Ruhe zu pflegen. Nachdem er seine Flinte entladen hatte, ließ er sich am Fuß einer hohen Tanne nieder und blickte träumerisch auf den bläulichen Höhenzug im fernen Osten. Eine wohlige Schwere der Glieder kam in der sonndurchglühten Waldesstille über ihn, und die Gedanken schweiften wie vom Körper gelöst ungehindert umher. Er sah das Haus in der Provencerstraße vor sich, wo Vater und Onkel so oft über ihn in Streit gerieten, das Wohnzimmer der Mutter, wo seine Schwester mit einer Stickerei friedlich neben der schwarzgekleideten Genoveva Trémont saß. Dann tauchte ein anderes Bild vor ihm auf: eine hübsche Rotblonde sauste in einem eleganten Viktoriawagen mit feurigen Pferden an ihm vorüber. Er sah, wie sie ihm zulächelte, verstand wohl, daß sie ihm mit ihrem Sonnenschirm ein Zeichen gab, sie aufzusuchen, aber er schüttelte nur wehmütig den Kopf. Dann hörte er die zugleich spöttisch und zärtlich klingende Stimme derjenigen, nach der er sich sehnte: »Wie, mein Guter? Es ist aus? Man sieht dich nicht mehr? Deine Familie hat uns einen Strich durch die Rechnung gemacht, selbst der Onkel Graff hat bestimmt erklärt, daß er seine Kasse verschlossen halte? Ja, was soll denn werden, wenn Familiensöhne wie du nicht mehr ungehemmt ihren Neigungen folgen können und wegen lumpiger hunderttausend Franken Gefahr laufen, verflucht und enterbt zu werden? Das Leben floß dir doch sanft und fröhlich dahin an meiner Seite, du hieltest die Zeit nicht für verloren und ich, ich hatte dich sehr lieb, denn du bist ein reizender Junge, dabei sehr freigebig und sehr närrisch. Jetzt ist Lord Audley, dem du mich damals streitig machtest, mein Herr und Gebieter, mein Leben ist gerade wie vorher. höchstens ein wenig glänzender, denn mein Engländer ist Herr seines Vermögens und kann es ohne Einsprache und Nergeleien ausgeben. Ich bewohne immer noch den kleinen Palast an der Kleberstraße, wo mir so süße Stunden verlebten; die Frau, die meine Nägel pflegt, kommt immer noch jeden Freitag und überbringt mir nicht sehr ehrbare Anträge von hübschen Jungen, die von mir geliebt sein möchten. Da mir Lord Audley gleichgültig ist, bin ich jetzt dafür zu sprechen und hintergehe meinen Insulaner, was zu deiner Zeit nicht vorkam. Es war sehr unrecht von dir, mich zu verlassen, mein Aeffchen, denn ich fand dich so reizend, daß ich heute wieder artig würde, wenn du zurückkehrtest! Aber du bist fern – dein Vater hat deine Schulden bezahlt, die nicht eben bescheiden waren, und du hast ihm versprochen, von nun an so ernsthaft zu sein wie seine Rechnungsbücher! Also denn, fahr wohl, mein Freund! Frauen müssen viel Geld haben, selbst wenn sie euch lieben, denn von der Luft kann man nicht leben.« Und der Wagen sauste davon und war um die nächste Straßenecke verschwunden. Das Anschlagen seines Hundes, der sich neben ihn hingestreckt hatte, riß Marcel aus seinen Träumen. Er zwinkerte mit den Augen, so blendend war das Sonnenlicht. Ein trippelnder Schritt auf dürrem Laub erregte seine Aufmerksamkeit, und sich umdrehend, sah er auf einem schmalen Fußweg einen winzigen Seidenpinscher herankommen, dem eine zierliche Bandschleife tief in die Augen hing. Hinter dem Hündchen kam eine schwarzgekleidete Dame langsam daher. Marcel hatte nicht Zeit, die Unbekannte näher zu betrachten, denn mit der unbewußten Tollkühnheit, womit sich eine Ratte auf den Tiger stürzt, hatte der Miniaturhund unter wütendem Gekläff seinen Vorstehhund angesprungen. Eine sanfte Stimme rief: »Bob!« aber es war zu spät, Marcels Hund war aufgefahren und hatte den verwegenen kleinen Gegner mit einem Stoß seiner breiten Brust in den Sand gestreckt. »Bob! Um Gottes willen!« rief die Spaziergängerin zu Tod erschrocken, indem sie leichtfüßig zur Stätte des Unheils flog. Marcel hörte den Klageruf, sah zwei herrliche Augen in einem todesblassen erschrockenen Gesicht leuchten und warf sich ohne Besinnen über seinen eigenen Hund her, den er am Genick aufhob und beiseite schleuderte. Dann griff er nach dem Seidenhündchen, das am ganzen Leib zitterte, aber bis auf seine zerstörte Frisur und verschobene Bandschleife heil und ganz war, und hielt es der Dame lächelnd entgegen. »Beruhigen Sie sich, gnädige Frau! Ihr wildes Tier ist unversehrt! Es war aber hohe Zeit zu seiner Rettung ... entschuldigen Sie uns gütigst und bedenken Sie, daß wir nicht die Angreifer waren.« Die Dame hatte das Hündchen zärtlich auf den Arm genommen, strich ihm die seidenweichen Haare zurecht und hielt ihm eine kleine Strafpredigt. » O che bestia! « sagte sie. » Una mosca che vorrebbe vorare un lupo! « Marcel hatte während dieses Erziehungsversuchs Muße, ihre Erscheinung zu betrachten, und die liebliche Schönheit der Fremden berührte ihn mit seltsamem Reiz. Das feine Oval des Gesichts war eingerahmt von hängenden Scheiteln aschblonden Haares, dazu hatte sie dunkle Augen, schön geschwungene, kirschrote Lippen. Die Dame war ganz in schwarzen Krepp gehüllt, sichtlich Witwentrauer, so mädchenhaft und kindlich auch Gestalt und Gesichtsausdruck waren. Jetzt blickte sie zu Marcel auf und sagte mit ruhiger Anmut: »Tausend Dank, mein Herr, für die Hilfe in der Not! Mich dauert ihr braver Hund, der vollständig in seinem Recht war und eine unverdiente Züchtigung bekommen hat.« »Mein ungeschlachter Jagdgenosse hat ein dickes Fell und ist an Dornen gewöhnt, kein Vergleich mit diesem reizenden kleinen Spielzeug! Doch ich würde sehr bedauern, Ihren Spaziergang gestört zu haben. ... Sie können ihn ruhig fortsetzen, ich werde meinen Hund an die Leine nehmen.« Die junge Frau neigte dankend das Köpfchen. »Ich fürchte, daß wir beide Eindringlinge sind und Sie der Hausherr ... bitte, entschuldigen Sie mich! Ich bin hier fremd, bin erst vorgestern mit meinem Bruder angekommen, und da konnte ich mich noch nicht unterrichten, was erlaubt und was verboten ist.« »Auf diesem Grund und Boden ist alles erlaubt, was Ihnen Freude macht, gnädige Frau! Sie bewohnen ohne Zweifel die kleine Villa am Abhang?« »Allerdings ...« »Dann ist das Ihr gegebener Spaziergang! Diese Wälder werden im allgemeinen wenig besucht, Sie werden ungestört darin sein ... selbstverständlich stehen sie Ihnen offen ...« Sie sagte etwas befangen: »Sehr liebenswürdig« und ging mit anmutigem Gruß langsam weiter, wobei ihre geschmeidige, zarte Gestalt entzückend zur Geltung kam. Marcel sah ihr eine Weile unverwandt nach, dann pfiff er seinem Hund und fuhr ihm liebkosend über den Kopf, um ihn über die rauhe Behandlung von vorhin zu trösten. Nachdenklich ging er hierauf nach Hause, verzehrte seine einsame Mahlzeit, rauchte seine Cigarre im Garten und legte sich um neun Uhr zu Bett, um friedlich zu schlafen und nicht einmal von der hübschen Rotblonden zu träumen, die ihm so teuer zu stehen gekommen war und nach der er sich doch manchmal zurücksehnte. Am anderen Morgen ging er nicht aus, sondern blieb im Laboratorium an seiner Arbeit. Plötzlich ging die Thüre auf und Baudoin erschien. »Sie hier?« sagte Marcel etwas verwundert. »Wohl von meinem Vater hergeschickt?« »Ja, Herr Marcel, ich bringe ein ganzes Schock zärtlicher Grüße von der gesamten Familie. Im übrigen bleibe ich jetzt bei Ihnen.« »Wozu?« »Um Sie zu bedienen.« »So, so, mein guter Baudoin! Das ist gar nicht so übel und am Ende recht angebracht: die Leute hier sind ja ganz wacker, aber was Sauberkeit betrifft recht genügsam.« »Das werden wir schon machen!« Baudoin sah sich im Laboratorium um, betrachtete sich die Geräte auf dem Arbeitstisch und die Retorten mit ihren Kupferspiralen auf dem Ofen. »Hier arbeiten Sie also, Herr Marcel? Und wer räumt denn auf?« »Niemand, ich lasse keinen Menschen herein.« »Das sieht man! Nun, ich werde Ihre Instrumente in Ordnung halten, denn ich weiß ja, wie man mit derlei Sachen umzugehen hat. Beschäftigen Sie sich mit den Arbeiten meines Generals?« »Seit meiner Rückkehr von Paris nicht, weil ich von anderem in Anspruch genommen wurde, ich hoffe aber bald wieder Zeit dafür zu haben. Dann ist mir's besonders lieb, daß Sie hier sind, denn Sie können mir an die Hand gehen, wenn ich Hilfe nötig habe. Sehen Sie einmal her, Baudoin, da sind grüne, rötliche und blaue Farbstoffe, die ich in jüngster Zeit hergestellt habe, und womit man Wolle ganz unveränderlich färben kann.« Er ließ die in satten harmonischen Tönen gefärbten Wollsträhne durch die Finger gleiten und hielt sie ins helle Sonnenlicht. »Ihr armer General war's, der mich zu diesen Arbeiten angefeuert hat! Ach, wenn er selbst sich begnügt hätte, im Dienste unserer Industrie thätig zu sein, hätten wir ihn heute noch frisch und lebendig unter uns, und obendrein wäre er ein reicher Mann! Aber das war ihm zu niedrig, er wollte dem Vaterland, dem Staat dienen und ihm sein Bestes geben.« »Ja, Herr Marcel, das hatte er sich in seiner Dienstzeit so angewöhnt.« »Nn» denn, Baudoin, richte dich vorläufig nur häuslich ein. Gleich heute abend kannst du dann deinen Dienst antreten.« Marcel blieb im Laboratorium, aber sehr fleißig war er heute nicht, es war, als ob eine innere Unruhe ihn erfüllt und von der Arbeit abgezogen hätte. Er setzte sich in einen ledernen Lehnsessel, den er gern den Alchimistenstuhl nannte, und sah mit verträumten Augen durchs offene Fenster hinüber zu der sonnbeglänzten Anhöhe, als ob er erwartet hätte, jeden Augenblick eine schwarzgekleidete Frauengestalt in einer der Lichtungen auftauchen zu sehen. Aber die Entfernung ist groß, die Wälder sind verschwiegen und so verstrich die Zeit ohne Erlebnis, wie ohne Arbeit, bis es fünf Uhr schlug. Dann ging Marcel in den Garten hinunter, wanderte an den Rosenbeeten entlang und blieb am Ufer des Flusses stehen, wo er mit großem Ernst in dem krystallklaren Wasser einen Hecht beobachtete, der auf rasch dahinschießende dunkle Rotäugchen Jagd machte, die sich von Zeit zu Zeit, um dem Verfolger zu entrinnen, wie silberne Pfeile durch die Luft schnellten. Die Glocke am Eingang des Gartens entriß ihn diesen Beobachtungen, und aufblickend sah er einen hochgewachsenen, mit ausgesuchter Sorgfalt gekleideten jungen Mann in Begleitung des Pförtners auf sich zuschreiten. Es war ein auffallend hübscher Mensch mit blauen Augen und gebranntem Schnurrbart über lachenden Lippen. Im Herankommen zog er den Hut und sagte mit überaus höflichem Gruß in singendem, den Italiener verratendem Tonfall: »Habe ich das Vergnügen, Herrn Marcel Baradier zu sprechen?« »Gewiß,« erwiderte Marcel, den Fremden plötzlich mit gesteigerter Teilnahme ins Auge fassend, »Und was verschafft mir die Ehre?« Der junge Mann überzeugte sich durch einen raschen Seitenblick, daß der Pförtner auf seinen Posten zurückgekehrt war, und sagte dann leichthin und doch mit einem gewissen Hochmut: »Gestatten Sie, daß ich mich selbst vorstelle – Graf Cesare Agostini, Fürst von Briviesca. Ich habe mit meiner Schwester die kleine Villa ›Waldhaus‹ bezogen und möchte Ihnen danken für die Freundlichkeit, die Sie ihr gestern beim Spaziergang erwiesen haben.« »Sehr freundlich, obwohl ich mir gar keiner Verdienste bewußt bin, Herr Graf!« rief Marcel. »Der Zufall führte mich mit Ihrer Frau Schwester zusammen, die fremd in der Gegend ist. Sie schien mir in trauriger Stimmung zu sein und die Einsamkeit zu suchen, ich konnte also nichts Besseres thun, als so weit es in meiner Macht stand, diesem Wunsch entgegenzukommen, das ist alles!« Der Graf verbeugte sich abermals. Sein hübsches Gesicht zeigte einen bekümmerten Ausdruck, als er in klagendem Tone hinzusetzte: »Sie haben recht gesehen, meine Schwester ist sehr unglücklich. Sie hat sich bei der Pflege ihres Mannes, der bedeutend älter war als sie, fast aufgerieben, und mußte doch den Schmerz erleben, ihn vor einiger Zeit zu verlieren. Zur Wiederherstellung ihrer Gesundheit hat sie die Ruhe und Stille dieses Thales aufgesucht ... auch die Heilquelle von Ars wurde ihr sehr empfohlen, aber was sie hauptsächlich nötig hat, ist frische Luft nach monatelanger Haft im Krankenzimmer ... Eine sehr traurige Sache ... sehr traurig ...« warf der Italiener mehrmals kopfschüttelnd hin. »Und Sie kommen aus Italien mit Ihrer Frau Schwester?« fragte Marcel. »Doch nicht. Meine Schwester, Frau von Bignola, lebte bisher in Paris, wo ich erst kürzlich mit ihr zusammengetroffen bin,« versetzte der Graf. »Wir werden später in Neapel dauernd Wohnung nehmen, aber nicht vor Herbst ... ach, alles ist sehr traurig ... sehr schmerzlich ...« Da der Italiener keine Eile zu haben schien, und Marcel gerne erfuhr, was er ihm erzählen konnte, führte er seinen Gast zu einer Laube, die Schutz vor der Sonne und ländlich gebaute Sitze bot. »Wollen Sie nicht Platz nehmen, wenn ich bitten darf ...« Der Graf warf sich ohne Umstände in einen Lehnstuhl aus roh gefügten Baumasten, zog ein goldenes Cigarettenetui aus der Tasche und bot es Marcel hin. »Eine Cigarette?« »Mit Vergnügen.« Sie fingen zu rauchen an, und der Tabak schien den Italiener noch mitteilsamer zu stimmen. »Die Villa, die meine Schwester sich ausgesucht hat, liegt sehr einsam ... die Gegend ist doch sicher?« »Vollständig. Ihre Frau Schwester kann unbesorgt überall spazieren gehen!« »Freut mich zu hören, um so mehr, als ich nicht lange bei ihr bleiben kann. Meine Geschäfte rufen mich nach Paris zurück und es ist mir ein unbehaglicher Gedanke, sie allein hier zu lassen mit ihrer Jungfer, die mir ganz fremd ist. Sind immer so wenig Kurgäste in Ars?« »Um diese Zeit des Jahres gar keine. Die Badezeit fängt nicht vor Juni an und jetzt haben wir erst April. In zwei Monaten werden sich die Gasthäuser schon füllen und dann wimmeln die Straßen von den altmodischen Landkutschen der Umgegend, für mich gewöhnlich das Zeichen, aufzubrechen.« »Sie leben nicht das ganze Jahr über hier?« »O nein, nur in oft sehr großen Zwischenräumen halte ich mich hier auf. Ich lebe in Paris, hierher führen mich nur Geschäfte ...« »Sie haben eine bedeutende Fabrik hier?« »Eine der größten in diesem Bezirk. Mein Großvater hat sie begründet, hier ist die Wiege unseres Geschlechts und der Ursprung unseres Vermögens. Darum wollte mein Vater auch, obwohl er selbst Bankier ist, die Spinnerei und Weberei nie aufgeben und widmet ihr fortwährend seine Aufmerksamkeit, trotzdem er viel bedeutendere Interessen auf anderem Gebiet verfolgt.« »Und da hat er Ihnen die Leitung dieser Industrie übertragen?« »Doch nicht, es ist ein Fachmann dafür angestellt, der eigentlich Direktor und Vertreter meines Vaters ist. Ich bin hier nichts als der Sohn des Hauses und greife in keiner Weise in den Geschäftsbetrieb ein, dagegen habe ich mir ein Laboratorium eingerichtet, und da ich einigermaßen Chemiker bin, mache ich hier meine Experimente. ... Alle Welt wird Ihnen aber sagen, daß ich nur Dilettant und keineswegs ernsthaft zu nehmen sei, auch werden Sie zu hören bekommen, daß die Materialien zu meinen Experimenten bedeutend mehr Geld kosteten, als diese je eintrügen!« Er lachte harmlos-fröhlich bei diesen Worten und der Italiener fiel herzhaft ein. »Ach, die Familiensöhne,« bemerkte er in seinem singenden Ton, »die werden immer falsch beurteilt! Es ist wirklich schwer, als ernsthafter Arbeiter anerkannt zu werden, wenn man reich ist. Die Leute gehen davon aus, daß, wer nicht verdienen müsse, wohl auch nicht dazu fähig wäre, und doch wüßte ich nicht, weshalb ein reicher Mann nicht auch Talent oder Genie haben sollte.« »Ich bitte Sie, Graf, was sollte dann aus den armen Teufeln werden?« rief Marcel übermütig. »Sie reden so leichthin von Ihren Arbeiten,« sagte der Graf mit einer verbindlichen Handbewegung, »und doch sind sie wahrscheinlich höchst interessant?« »Soweit man die Experimente eines Färbers interessant nennen mag. Ich lasse Wollsträhne in Farben einweichen und suche die Farbwerte unveränderlich zu fixieren, damit aus solchen Garnen gewebte Stoffe in Zukunft nicht mehr in Wind oder Regen die Farbe andern – abschießen ist der landläufige Ausdruck, Die Möbelstoffe oder Wandbehänge, die heutzutage im Handel sind, verspeist der erste Sonnenstrahl zum Frühstück – ein heller Morgen und die Pracht ist dahin! Die alten Stoffe dagegen, die hielten stand, sie dauern heute noch, folglich hatten unserer Vorfahren Färbmittel, die den unseligen überlegen sind, trotzdem wir in der Chemie so große Fortschritte gemacht haben ... das beschäftigt mich und dem möchte ich abhelfen; wie Sie sehen, eine sehr nüchterne und keineswegs Genie fordernde Thätigkeit!« »Der Stein der Weisen ist es freilich nicht, aber jede wissenschaftliche Forschung hat ihren Wert.... Haben Sie schon befriedigende Ergebnisse erreicht?« Marcel machte eine humoristische Verbeugung. »Ich würdige Ihre Liebenswürdigkeit vollkommen! Sie wollen mich an meiner schwachen Seite fassen, Herr Graf! Sie denken: ›Erfinder reden immer gern von ihren Werken, und ich kann diesen jungen Mann nicht besser für seine Artigkeit gegen meine Schwester belohnen, als indem ich ihm dazu Gelegenheit gebe!‹ Wenn ich nun Ihre Wißbegierde ernst nähme und Ihnen meine Proben zeigen wollte, wären Sie übel daran!« Der Blick des Italieners verdüsterte sich; er senkte das Haupt und erwiderte in schwermütigem Ton: »Es ist mir wirklich schmerzlich, daß Sie nicht an meine Aufrichtigkeit glauben, Herr Baradier. Was Sie mir bisher sagten, hat mich in hohem Maße interessiert. Ich bin vielleicht weniger oberflächlich als viele von Ihren Landsleuten, und da Sie mir nicht genügendes Verständnis für Ihre Arbeiten zutrauen, möchte ich wirklich um die Gunst bitten, sie besichtigen zu dürfen. Vorausgesetzt natürlich, daß nicht alles ein Scherz war, den ich mißverstanden hätte ... die Feinheiten Ihrer Sprache entziehen sich manchmal meinem Verständnis, wofür ich um Nachsicht bitte!« »Keine Rede! Es war mir vollkommener Ernst,« versicherte Marcel wohlgelaunt, »und ich bin auch immer noch der Meinung, daß die Gewährung Ihres Wunsches eine Strafe für Ihre Neugierde sein wird! Da Sie aber mit einiger Beharrlichkeit darauf dringen, bitte ich, mir zu folgen ... meine Werkstatt soll Ihnen aufgethan werden!« »Herzlichen Dank!« rief Cesare. »Ich fürchtete schon, Sie gekränkt zu haben!« »Und womit? Sie würden sich am Ende wunder was vorstellen, wenn ich Ihnen meine bescheidenen Herrlichkeiten nicht zeigen wollte.... Nehmen Sie sich nur in acht, daß Sie nicht schmutzig werden; ein Schmuckkästchen ist meine Behausung nicht.« Er öffnete die Thüre und ließ den Grafen vorantreten in das getäferte Arbeitszimmer, das ans Laboratorium stieß. Cesare stieg das Blut ins Gesicht; er sah sich mit gespanntester Aufmerksamkeit um. Auf einem an die Wand gerückten Schreibtisch lag ein ungeordneter Haufen mit Zahlen und chemischen Formeln bekritzelter Blätter, in einer halb herausgezogenen Schublade sah man Kapseln und Dosen von verschiedener Gestalt und Farbe, die sorgfältig mit Aufschriften versehen waren. Ein schwerer eichener Tisch trug eine Reihe von geschliffenen Glasflaschen, deren Inhalt als Schwefelsäure, Nitro-Benzin, Pikrinsäure und eine Reihe von chlorsauren Verbindungen bezeichnet war. »Diese Stoffe verwenden Sie aber doch nicht zur Herstellung von Farben?« bemerkte der Italiener, auf den Tisch deutend. »Nein,« erwiderte Marcel ausweichend, »die brauche ich zu anderen Versuchen.« Als er seinen Gast mit ausgestreckter Hand auf eine der Phiolen zugehen sah, setzte er rasch hinzu: »Bitte, nicht anfassen, das ist gefährlich.... Wenn Sie zufällig den Inhalt ausschütteten, könnte es uns beiden schlecht bekommen... treten Sie lieber hier ein.« Er öffnete die Thüre zum Laboratorium und wies dein Grafen seinen Alchimistenstuhl am Fenster an. »So, hier können Sie sogar rauchen, hier hat's keine Gefahr,« sagte Marcel, »da können wir weder verbrennen, noch in die Luft gesprengt werden!« »Im anstoßenden Zimmer dagegen?« »Da könnte ein leichtsinnig weggeworfenes Streichholz die ganze Fabrik in die Luft sprengen und uns beide desgleichen.« » Diavolo! Da werde ich das Rauchen lieber auch hier unterlassen! Ich möchte mich nicht gern durchs Dach empfehlen!« Geduldig ließ sich der Graf Marcels gefärbte Wollproben vorlegen; er folgte auch scheinbar mit gespannter Aufmerksamkeit den erklärenden Worten, aber der unstete Blick, der immer wieder unter den halbgeschlossenen Lidern hervorschoß und suchend umherschweifte, verriet, daß seine Gedanken bei »den anderen Versuchen« verweilten, wovon Marcel gesprochen hatte. Aber nichts im ganzen Laboratorium schien sich auf die Arbeit zu beziehen, die so gefährliches Material verlangte. »Sie müssen mir von diesen tief und leuchtend gefärbten Fäden etwas mitgeben,« sagte der Italiener. »Meine Schwester stickt wunderbar ... es wird sie in ihrer Einsamkeit aufheitern, irgend ein schönes Kunstwerk daraus entstehen zu lassen, an dem Sie dann das Zusammenwirken Ihrer Farben studieren können.« »Wenn Sie gestatten, werde ich ihr die Wolle selbst bringen,« erklärte Marcel eifrig. »Wie Sie wollen ... gegen fünf Uhr nachmittags sind wir immer von unseren Spaziergängen zurück und bleiben dann zu Hause. Nur muß es bald geschehen, wenn Sie mich noch treffen wollen, denn ich reise in den nächsten Tagen ...« »Paßt es Ihnen morgen?« »Gewiß ... also morgen!« Der Italiener stand auf und beugte sich zum Fenster hinaus. »Ach, Sie sind ja dicht überm Fluß ... Sie könnten vom Fenster aus angeln! Fürchten Sie nicht, daß man auf diesem Weg bei Ihnen einsteigen könnte? Ein paar Landstreicher brauchten nur mit dem Boot hier anzulegen ...« »Das ist ein Einfall! Wer sollte darauf verfallen? Und was wäre hier zu suchen? Einfach nichts! Das weiß man in der Umgegend auch genau, und überdies sind die Leute grundehrlich.« »So? Und in der Fabrik haben Sie keine fremden Arbeiter?« »Selten. Ein paar Belgier oder Luxemburger höchstens. Wir vermeiden es, so viel wir können, denn die fremden Arbeiter sind viel schwieriger.« »Sie wohnen aber doch nicht in diesem Gartenhaus, schlafen nicht hier?« »Nein, es ist gar keine Wohnung da. Dieses Erdgeschoß und ein Dachstuhl, das ist alles. Ich bewohne das kleine Haus der Direktorswohnung gegenüber. Es ist nicht groß, aber sehr behaglich: mein Onkel Graff hat jahrelang darin gewohnt ...« »Wie glücklich Sie sind, solche Familienbeziehungen zu haben,« bemerkte Cesare mit schwermütigem Blick. »Meine Schwester und ich stehen ganz allein. Von den Briviescas scheiden mich alte Familienzwistigkeiten, und mein Schwager hatte gar keine Verwandte. So müssen wir fest zusammenhalten und einander alles sein.« »Ihre Frau Schwester ist ja so jung, sie kann sich wieder verheiraten.« »Sie denkt nicht daran! Nach allem, was sie in ihrer ersten Ehe durchgemacht hat, will sie nur noch Ruhe und Frieden haben.... Ach, wie hat sie gelitten! Der unglückselige Vignola, ein gebrochener, kranker Mann, war von einer wahnsinnigen Eifersucht! Nicht für eine Stunde durfte sich die Frau von ihm entfernen, denn sobald er sie nicht vor Augen hatte, war er wie ein Rasender. Bei seinem Tod hat er ihr ja ein großes Vermögen hinterlassen, aber das ist ein schlechter Ersatz für eine so traurige Jugend. ... Doch lassen wir das ruhen! Friede seiner Asche!« »Ihre Frau Schwester hat kein Kind?« »Nein, das ist der große Schmerz ihres Lebens.« Das Bild der schlanken schwarzen Frauengestalt, die so einsam und traurig durch den Wald streifte, trat vor Marcels Seele. Sie kam ihm gar zu hübsch vor, um über den Tod eines alten Gatten untröstlich zu sein! Wie alt sie nur sein mochte? Allerhöchstens Fünfundzwanzig. Und nichts kennen gelernt vom Leben als Schmerz und Traurigkeit! Cesare verabschiedete sich jetzt und Marcel begleitete ihn durch den Garten, an dessen Thor sie mit herzlichem Händedruck schieden. »Auf morgen also, Herr Graf! Empfehlen Sie mich inzwischen Ihrer Frau Schwester.« Marcel war im Begriff, ins Fabrikgebäude zu gehen, als ihm Cardez, der Bär, mit rotem Kopf und finster zusammengezogenen Brauen entgegenkam. »Ach, Herr Marcel! Ich wollte eben zu Ihnen. Es gibt allerhand Aerger und ich bin nur froh, daß Sie gerade hier sind und sich und die Firma persönlich davon unterrichten können.« »Ja, was ist denn los?« »Die Färber und die Wollkartätscher fordern kürzere Arbeitszeit und drohen mit einem Streit.« »Donnerwetter! Das sind Neuigkeiten!« »So ganz aus blauem Himmel kommen sie nicht. Schon seit drei Wochen wird über der Geschichte gebrütet. Ich wußte wohl, was im Werk war, hoffte aber, der Sommer mit seiner langen Tageszeit werde uns die Möglichkeit geben, die Leute allmählich wieder zur Vernunft zu bringen. Aber fehlgeschossen! Nun heißt es nicht nur kürzere Arbeitszeit, sondern auch noch Lohnerhöhung.« »Und ist der Anspruch berechtigt?« Der Direktor steifte sich, wie eine Dogge die zum Sprung ausholt, und warf seinem jungen Herrn einen entrüsteten Blick zu. »Sind die Ansprüche der Arbeiter je berechtigt? Diese Leute haben nur eine Losung – so wenig Arbeit und so viel Lohn als möglich.« »Nun, dieses Verlangen haben sie mit allen Menschen gemein,« versetzte Marcel gelassen. »Ach, Herr Marcel, so etwas sollten Sie gar nicht in den Mund nehmen, das können Sie den ›Führern‹ überlassen!« »Warum denn?« »Weil wir mit Volksbeglückungsideen und Gewähren bald nicht mehr Herr im Hause sein würden, überhaupt nicht mehr drin, sondern vor die Thüre gesetzt.« Marcel sah den Beamten ernsthaft an. »Ich bin ganz entgegengesetzter Meinung, Herr Cardez. Meine Ueberzeugung ist, daß wir bessere Arbeiter hätten, wenn wir sie als Mitarbeiter, als Teilhaber am Geschäft behandelten. Wir hätten bessere Leistungen und willigeren Gehorsam. Zwischen Kapital und Arbeit herrscht ein großes Mißverständnis; sie stehen einander feindlich gegenüber, statt als Bundesgenossen Hand in Hand zu gehen.« »Aha! Da haben wir den Sozialismus!« »Nein, sondern ganz einfach den Kollektivismus.« »Und wissen Sie auch,« fragte Cardez, den jungen Mann spöttisch ansehend, »was die eigentliche Ursache der Aufsässigkeit unserer Färber ist?« »Die eigentliche Ursache? Ja, die sprechen sie doch mit ihren Forderungen aus?« »Nein, der Arbeiter, für den Sie so besorgt sind, ist immer doppelzüngig; was er eigentlich denkt, soll man nie erfahren, aber ich weiß, daß bei ihren geheimen Zusammenkünften Reden gehalten werden gegen die Neuerungen, die Sie erfinden; diese erregen Anstoß.« »Das ist ja blödsinnig!« »Ich hab's Ihnen ja vorhergesagt,« brummte der Bär triumphierend. »Das ist ein Verfahren, das noch keiner begreift, nun heißt's, der eigentliche Zweck davon sei, die Handarbeit und folglich die Zahl der Arbeiter zu beschränken. Deshalb drängen sie jetzt zum Streit, um die Arbeitsstunden so zu vermindern, daß die Arbeiterzahl gleich bleiben müßte.« »Die Leute sind vollständig falsch berichtet! Wenn man ihnen die Sache ordentlich erklärte, würden sie es leicht begreifen. Sie würden dann einsehen, daß die von mir eingeleitete Vervollkommnung des Fabrikats nicht ihr Schaden, sondern ihr Nutzen ist.« »Das werden sie nie zugeben!« »Wenn ich's ihnen aber beweise?«^ »So beweisen ihre Führer das Gegenteil!« »Durch wen werden sie denn aufgehetzt?« »Durch die Belgier.« »So entlassen Sie diese Belgier.« »Das wäre jetzt eine große Unvorsichtigkeit. Für den Augenblick ist's besser, Geduld zu zeigen, zu unterhandeln und eine friedliche Uebereinkunft anzubahnen. Diese Leute sind Wallonen, und wenn sie ein Gläschen Schnaps mehr im Leib haben, als sie vertragen können, so hat man das Aeußerste zu befürchten. Ein Belgier war's auch, der voriges Jahr seinem Werkführer das Messer in den Leib stieß! Sie sind tüchtig in der Arbeit, aber wilde Teufel. Uebrigens ist die Gefahr noch keine unmittelbare, man muß nur gut aufpassen. Wenn Sie eine Versammlung abhalten und mit den Leuten reden wollen, werden Sie ja sehen, was zu machen ist,« setzte Cardez, in sich hineinkichernd, hinzu. Marcel wußte sehr wohl, daß der Bär ihm gegenüber auf seine lange Erfahrung pochte, daß er im stillen dachte: »Versuch's nur, du Grünschnabel, laufe dir die Hörner ab an diesem Volk, du wirst schon noch deine Erfahrungen machen. Halte ihnen schöne Reden, setze ihnen erbaulich auseinander, daß es ihr Vorteil ist, fleißig und artig zu arbeiten, damit du am Ende des Jahres eine schöne Dividende einstreichen kannst, während sie, gerade ihr Auskommen haben. Versuch's nur, ihre Zustimmung und ihren Beifall davonzutragen! Nachher kannst du mir erzählen, was du erreicht hast. Solang du ihnen nicht die Fabrik schenkst und Betriebskapital dazu, ihnen vielleicht sogar die Dividende versprichst, wird's mit der Zufriedenheit nicht weit her sein!« Marcel wollte deshalb nicht länger mit Cardez streiten. Er erkannte auch, wie richtig es war, das Ansehen und die Macht des Direktors im Augenblick der Gefahr ja nicht zu schwächen, vielmehr ihn kräftig zu unterstützen, um den Schwierigkeiten vorzubeugen. »Seien Sie überzeugt, Herr Cardez,« sagte er, »daß ich alles thun werde, Ihnen zu helfen. Sie brauchen mir nur den Weg zu weisen. Wir fassen die Arbeiterfrage ja wohl etwas verschieden auf, aber wenn das Haus in Flammen steht, muß man sich nicht über die Vorzüge der verschiedenen Löschsysteme zanken, sondern in Anwendung bringen, was man zur Hand hat! Treffen Sie also die Maßregeln, die Sie für angezeigt halten. Haben Sie meinem Vater schon Mitteilung gemacht?« »Gewiß nicht! Es ist nicht meine Art, die Herren mit den Schwierigkeiten des inneren Betriebs zu belästigen. Dazu haben wir noch Zeit, wenn die Lage wirklich bedenklich werden sollte!« »Sehr richtig! Warten wir's also ab.« Um dieselbe Zeit kehrte Cesare Agostini in das Schweizerhaus zurück. Er durchschritt das Vorgärtchen und trat in das zu ebener Erde gelegene Wohnzimmer, wo die junge Dame in Trauer auf einem Ruhebett lag und einen Roman durchblätterte. Die sinkende Sonne fiel durchs Fenster herein und übergoß das Gesicht der Lesenden mit goldenem Schimmer. Sie war heute nicht die schwermütige, mädchenhafte Witwe, die Marcel im Wald hatte wandeln sehen; das hochgekämmte Haar brachte die stolze Verwegenheit des Profils zum Ausdruck, der Blick war hell und scharf, die roten Lippen lachten. Beim Geräusch von Cesares Schritten sprang die junge Frau, ihr Buch wegschleudernd, rasch auf. »Da bist du ja, caro mio !« rief sie ihm fröhlich entgegen. »Was hast du ausgerichtet? Bist du befriedigt?« »Ueber die Maßen! Unser Tauber hebt von selbst die Flügel, um dir ins Garn zu flattern. Den Burschen zu rupfen ist noch kein großer Triumph!« »Daraus mache ich mir gar nichts!« rief Sophia, hell auflachend. »Ich will nur mein Ziel erreichen, nach Ruhm lechze ich nicht! Du hältst also den Boden für günstig?« »Und wie! Man hat hier nicht viele Zerstreuungen, und dein Erscheinen im Walde hat seinen Eindruck nicht verfehlt.« »Er wird also kommen?« »Gleich morgen, um mich noch zu treffen ... ich habe ihm nämlich gesagt, daß ich abreisen müsse. Dann hast du freie Hand und kannst deine Kunst zeigen. Sieh zu, daß die Geschichte klappt, du hast es diesmal nötig, dich herauszubeißen.« » Caro mio , daß sie das letzte Mal nicht geklappt hat, daran war nur Hans mit seinem dummen Eigensinn schuld! Hätte er mich nach meinem Willen verfahren lassen, der alte General würde mir seine Rezepte auf einem silbernen Teller zu Füßen gelegt haben, aber Hans war zu hastig, zu gewaltthätig, und da hat Trémont trotz aller Verliebtheit Verdacht geschöpft. Verdammte Geschichte, die Hans seinen Arm gekostet hat und uns alle um ein Haar ins Verderben gestürzt hatte! Das Allerschönste daran ist, daß der General Hans selbst seine Truhe gezeigt – eine von Fichets schönen, feuerfesten Truhen mit den Sicherheitsschlössern, die so rein nichts nützen! – und dabei gesagt hat: ›Sehen Sie, mein Lieber, dieser Verschluß kann ohne meinen Willen von niemand geöffnet werden. Hier halte ich all meine Geheimnisse verwahrt, wer den Deckel heben könnte, wäre im Besitz all meiner Rezepte und Berechnungen, aber wer ihn nicht zu heben versteht, kann dabei sein Leben einbüßen!‹ Hat man je so etwas erlebt? Und wie Recht hatte er nicht, der alte Trémont! Er hatte seine Truhe zu einer Art von Brandbombe gemacht, man mußte damit umzugehen wissen. Hans hat das auch wohl begriffen, er war sogar vorsichtig und hat die Truhe auf die Stufen zur Terrasse geschafft, dort hat er sich mit der Mechanik herumgeschlagen. Ach, caro mio ! Ich war schon innerhalb von Paris mit meinem Wagen, aber die Explosion war so gewaltig, daß die Erde bebte und die Coupéfenster klirrten. ... Ich sagte mir sofort: ›Da hat unser Hans alles entzwei geschlagen!‹ Aber daß es wirklich so wäre, glaubte ich doch nicht. Es ist geradezu ein Rätsel, wie Hans, dem es ja gelungen war, das Schloß zu öffnen, und der nun zwanzig Meter davon, platt an der Erde liegend, mittels eines Strickes den Deckel hob – er hatte ja mit Recht irgend eine Teufelei erwartet! – nicht in Stücke gerissen wurde!« »Wie konnte denn aber die Explosion entstehen, wenn das Schloß regelrecht geöffnet war?« »Beim Heben des Deckels. Ob die Truhe umgestürzt ist? Sie war doch sehr schwer, ... Ob irgend ein Trick dabei war, wie man sie beim Oeffnen hätte aufstellen müssen, damit sich die Masse nicht entzünde? Ob ein Uhrwerk darin angebracht war, das sie unter bestimmten Umständen in Brand setzte? Das sind nur Vermutungen, Gewißheit aber ist, daß in einer Sekunde die Truhe, die Rezepte, das Haus, sein Arm und unsere Hoffnungen zunichte wurden. Kein Mensch außer Hans hätte die Willenskraft und Geistesgegenwart gehabt, die jetzt nötig waren, sollte er nicht entdeckt werden von den Leuten, die im Nu von allen Seiten herbeigestürzt kamen! Und du kannst dir denken, daß mir nicht sehr wohl in meinem Haus war, solange ich ihn nicht in Sicherheit wußte.« »Das will ich meinen! Aber du bist eine Frau, die den Kopf nie verliert, Sophia, ebenso kühn als geschickt. ... Jetzt gilt es, eine Niederlage auszumerzen und diesem albernen Muttersöhnchen das Maul zu stopfen.« »Darauf kannst du dich verlassen! Das Jüngelchen kam mir übrigens ganz niedlich vor.« »Er ist nicht übel ... laß dir's aber nicht etwa einfallen, dich zu verlieben!« »Weil ich so viel übrige Zeit für solche Lappalien habe?« warf Sophia lachend hin. »Und meinst du denn, es wäre so leicht, dich auszustechen, Cesare?« Der Italiener zuckte die Achseln. »Du hast so sonderbare Launen, Sophia! Was nicht leicht ist, reizt dich doch in der Regel.« »Eifersucht ... zwischen dir und mir, Cesare?« sagte Sophia mit spöttischem Vorwurf. »Ich dächte, wir beide waren über uns gegenseitig zu sehr im klaren. Werde ich etwa eifersüchtig sein an dem Tag, wo ich dich mit dem Millionenmädchen, der kleinen Lichtenbach, verheirate? Was macht es mir aus, ob du mit einer anderen lebst, so lange dein Herz mein sein wird? Wirst du etwa Trübsal blasen wollen, wenn ich meine ganze Persönlichkeit einsetzen muß, um von dem jungen Marcel zu erlangen, was er besitzt und namentlich was nicht sein Eigentum ist? Meine Schönheit, Teuerster, die ist ein Kapital, woraus man die höchsten Zinsen ziehen muß, die zu haben sind ... die Hauptsache ist, daß die Dividende dir zufällt! Im übrigen mache du die Augen zu und lasse mir freie Hand, es würde dich auch gar nichts nützen, wolltest du es anders halten. Du weißt sehr genau, daß ich meiner Lebtage nur nach meinem Gefallen gehandelt habe, und zwar Gebietern gegenüber, die weit mehr zu fürchten waren, als du!« »So rege dich doch nicht so auf, Sophia! Wenn ich dich weiterreden ließe, kämst du mir nächstens mit Drohungen! Weiß Gott, daß du deinen eigenen Kopf hast!« »Jawohl und für den Augenblick habe ich nichts anderes im Kopf, als den jungen Baradier einzusacken.« »Der arme Tropf! Er wird dir's fast zu leicht machen!« »Wie rührend! Du bemitleidest ihn wohl gar?« Beide lachten übermütig, dann fragte Sophia: »Du hast seine Wohnung gesehen?« »Gewiß, er machte gar keine Schwierigkeiten, mich in sein Laboratorium zu führen.« »Hast du irgend etwas Besonderes bemerkt?« »Sehr viel Spinnweben, einen Haufen zerbrochener Fläschchen und Gefäße mit Farbstoffen, worin Wollproben eingeweicht waren.« »Nichts, was mit dem Pulver in Beziehung stände?« »Nichts, das heißt in einem anderen Raum machte mich unser junger Mann liebevoll darauf aufmerksam, daß die Berührung irgend einer von den Glasflaschen, die auf dem Tisch standen, eine Katastrophe herbeiführen könnte. Dort hantiert er also mit den Bestandteilen des Pulvers oder hält diese versteckt, während im eigentlichen Laboratorium nichts Verdächtiges ist. Er hat mir sogar Erlaubnis erteilt, dort zu rauchen ...« »Gut, daß man's weiß.« »Hast du im Sinn, hinzugehen?« »Ich habe nichts im Sinn und alles ... weiß man je vorher, mit welchen Mitteln man einen Plan ausführen wird? Die Weisheit besteht eben darin, ihrer viele zur Hand zu haben, damit man nie in Verlegenheit kommt. Ich habe mich verpflichtet, die Erfindung des Generals von Trémont an mich zu bringen. Dabei steht für mich nicht nur Geld, sondern auch Ehre auf dem Spiel, und ich gebe die Möglichkeit eines Mißerfolges einfach nicht zu. Unsere Freunde im Ausland würden mich für ein unbrauchbares Werkzeug halten, wenn mir die That nicht gelänge, und du weißt, was ihre Unterstützung für mich bedeutet. So lang sie ihren Einfluß zu meinen Gunsten geltend machen, wird sich Grodsko fernhalten und sich nicht um mich kümmern. Bin ich heute schutzlos, so rechnet er mit mir ab, und Gott weiß, daß ich viel auf dem Kerbholz habe!« Cesare sah die junge Frau mit leisem Staunen an. »Du ... du bist ja beinahe bewegt, Sophia? Den fürchtest du also, diesen einen?« »Du weißt, daß ich niemand fürchte auf der weiten Welt,« versetzte sie mit großem Ernst, »aber vor ihm graut mir. Besonders wenn er nüchtern ist ...« »Was, wie ich höre, selten vorkommt! Trinkt er aus Lust am Trinken?« »Nein. Er will vergessen ...« »Dich?« »Vielleicht ...« »Er hat dich leidenschaftlich geliebt?« »Wie alle.« »Wie lang hast du ihn nicht mehr gesehen?« »Mehrere Jahre.« »Und er lebt die ganze Zeit in Monte Carlo?« »Nur im Winter. Im Sommer ist er in Wien.« »Und er trinkt in Wien wie in Monte Carlo?« »Und spielt. Das Trinken stört ihn nicht beim Spiel, seine Gedanken umnebeln sich nie.« »Und er gewinnt?« »Häufig, aber was will das für ihn heißen?« »Ist er so reich, daß ihn der Gewinn kalt läßt? Der Glückliche!« »Grodsko ist Eigentümer einer ganzen Provinz in Mähren, er besitzt Wälder, Berge, Dörfer. Diese Wälder liefern das schönste Fichtenholz in ganz Europa, die Berge sind durchwühlt wie Maulwurfshaufen und bergen Zinn und Kupfer, Wenn Grodsko die Einwohnerschaft seiner Dörfer rekrutierte, könnte er im Kriegsfall zwei ganze Regimenter stellen.« »Und diesen Nabob hast du verlassen?« »Einem Jungen zuliebe, der nichts hatte, als sein frisches Gesicht!« »Und was hat Grodsko dazu gesagt?« »Gesagt? Nichts! Er hat uns verfolgt, eingeholt und mir den hübschen Burschen niedergeschossen.« »Und du?« »Ich war schon jenseits der Grenze, wo ich meinen Liebsten erwartete.« »Und statt seiner kam Grodsko?« »Ja – Grodsko kam.« »Und was war die Folge?« »Eine Auseinandersetzung, in deren Verlauf er die Hand gegen mich zu erheben wagte. Da stieß ich ihm eines von den Messern in den Arm, die vom Frühstück her noch auf dem Tisch lagen.« »Reizende Umgangsformen! Hielt er das für eine Wiederherstellung seiner Ehre?« »Nein. Er knebelte mich und brachte mich in seinem Wagen nach Wien zurück. Dort gelang es mir, ihm zu entwischen mit Hilfe von Einflüssen, gegen die er nichts ausrichten konnte ... ich habe sie teuer bezahlen müssen, meine Freiheit, aber von dem Tag an hatte ich ihn nicht mehr zu fürchten und konnte ungehemmt nach meinem Gefallen die Welt durchstreifen.« »Und wer ist denn die großmächtige Persönlichkeit, die dir diesen Dienst erwies?« Sophia sah ihren schönen Freund spöttisch an, dann schnalzte sie mit den Fingern, daß es klang wie Kastagnettengeklapper. »Wenn dich jemand danach fragt, sage nur, du wissest es nicht.« »Halt du kein Vertrauen zu mir, Sophia?« »Ich traue keinem Menschen, kaum mir selbst! Du solltest mir Dank wissen für meinen Freimut! Ich könnte dir ja Geschichten erzählen, dir vorfabeln, der Polizeipräsident habe mir die Thür aufgeschlossen, oder ein Erzherzog oder ein fremder Botschafter ... oder alle drei miteinander! Dessen kannst du jedenfalls gewiß sein, daß ich Verpflichtungen auf mich genommen habe und meinen Befreiern Dienst für Dienst zahle.« »Dann haben sie jedenfalls ein gutes Geschäft gemacht, welche Verpflichtungen du auch gegen sie haben magst. Eine Verbündete wie du! Wo in der Welt fände man eine, die dich aufwiegt? Du bist ein Genie der Verführung, ich glaube nicht, daß auch nur ein Gewissen die Kraft hätte, dir zu widerstehen! Was du auch unternehmen magst, um Menschen zu berücken und zu verführen, es wird dir gelingen! Eine große und eine unheimliche, furchtbare Macht.« Sophia lächelte bitter: ein drohender Ausdruck erschien auf den ernsten Zügen. »Meine Kraft beruht auf meiner Menschenverachtung,« sagte sie. »Ich halte jeden zu jedem fähig ... man muß nur das richtige Mittel finden, ihn dazu zu treiben. Die Tapfersten habe ich im Angesicht des Todes feige zittern sehen vor der Vorstellung, daß alle Freuden und Genüsse für sie vorüber seien; Fanatiker des Ehrgefühls habe ich im Kampf mit der Not des täglichen Lebens mürbe werden und schamlose Zugeständnisse machen sehen. Um aus einem ehrlichen Mann einen Dieb zu machen, genügt ein Frauenlächeln; um den mildesten, sanftesten Menschen blutdürstig zu stimmen, braucht man nur die Eifersucht in ihm zu erwecken. Die armen Schlucker, die diese Erde bevölkern, wissen nicht einmal, wer ihre Handlungen bestimmt, sie bewegen sich wie Marionetten an Schnürchen, die von kühneren Händen gehalten und gezogen werden, und vollbringen, je nachdem ein Fingerdruck geübt wird, die erhabensten oder die schmählichsten Thaten. Unter allgemeiner Bewunderung erheben sie sich bis in den Himmel, oder wälzen sich in Schmutz und Blut, daß alles mit Grauen und Empörung vor ihnen entweicht. Und was war zum einen wie zum anderen nötig? Ein günstiger oder ein verderblicher Einfluß, ein Schnürchen, das nach der guten oder der schlechten Seite gezogen wurde, und der Mensch, das unverantwortliche Werkzeug eines Schicksals, das er erleidet und nicht gestalten kann, wird Held oder Verbrecher genannt, gekrönt oder gestäupt!« »Aber die Tugend, Sophia, die Liebe zum Guten?« »Zufälligkeiten, mein Freund, woraus man keine allgemeinen Schlüsse ziehen darf. Die meisten Menschen bleiben tugendhaft, weil sie keine Gelegenheit haben, Schurken zu werden, aber zweifle ja nicht, daß sie es leicht hätten werden können und zwar ausbündige! Die menschliche Natur, Cesare, ist ein fruchtbarer Boden für Laster und Verbrechen, es kommt nur darauf an, was man aussäet. Ich bin, wie du gesagt hast, eine, die Samen streut und unter deren Hand die Verderbnis üppig ins Kraut schießt. Jetzt werde ich den jungen Marcel Baradier als Versuchsfeld benützen!« »Wohl bekomm's ihm!« »Wenn er sich begnügt hätte, Fabrikant oder Bankier zu sein, wäre ihm nichts von alledem zugestoßen, was ihm jetzt bevorsteht, er hätte ruhig und vergnüglich leben können. Nun hat er sich aber mit Chemie befaßt, und darin liegt sein Verhängnis.« Die Sonne hatte sich hinter den Berg verzogen, das kleine Zimmer lag in tiefer Dämmerung. Sophia und Cesare konnten ihre Züge nicht mehr deutlich unterscheiden und auch die Stimmen klangen wie gedämpft durch die Dunkelheit. »Jetzt hatten wir Weisheit genug geschwatzt,« sagte die junge Frau aufstehend. »Doch was beweist man damit? Es sind leere Worte! Das Glück ist nicht den Grübelnden, sondern den Handelnden hold.« Siebentes Kapitel. Seit den vierzehn Tagen, die er in Ars war, hatte Baudoin zu seinem Befremden beobachtet, daß Marcels gelassene Ruhe einer außerordentlichen Unruhe gewichen war. Der junge Mann, der anfangs den größten Teil des Tages im Laboratorium mit Arbeit oder mit Träumen zugebracht hatte, fing plötzlich an, gleich nach dem Frühstück auszugehen, um vor Abend oder sinkender Nacht nicht heimzukommen. Das Laboratorium war verödet, Cardez Alleinherrscher in den Werkstätten. Ein noch bedeutsameres Anzeichen war, daß Marcels Erscheinung sich verwandelt hatte, wie seine Lebensgewohnheiten. Keine Lodenjoppe, kein weicher Filzhut, keine derben Schuhe mehr, dagegen eine zwar einfache, aber sorgfältig berechnete Eleganz. Sogar sein Gesicht war anders geworden: die Augen leuchteten, die Lippen waren voll Frisch,: und Beweglichkeit, selbst die Stimme klangvoller, und Baudoin sagte sich bald: »Dahinter steckt eine Frau!« Er hatte ja diese Anzeichen bei seinem General kennen gelernt! Er kannte die Anspannung der Nerven, die erhöhte innere Wärme, die in jeder einzelnen Bewegung zum Ausdruck kommt: er mußte, was dieses leise, vergnügte Vorsichhinpfeifen, der dröhnende Schritt voll gesteigerten Selbstgefühls, die eroberungslustige Haltung besagen wollten! Ja, ja, es war eine Frau! Daran war gar nicht zu zweifeln, und nun legte sich Baudoin auf die Lauer. Wo zum Kuckuck hatte denn sein Herr in diesem weltfernen Nest die Gelegenheit aufgetrieben, in Flammen zu geraten? Das mußte mit Klugheit erforscht werden. Baudoin hatte schon länger die Bekanntschaft des Wirts vom Goldenen Löwen gemacht, eines einstigen Kochs, jetzt Inhaber des ersten Gasthofs von Ars, der gedient hatte und am Sonntag ein blau und gelbes Bändchen im Knopfloch trug, das er sich in Tonkin geholt hatte. Baudoin konnte leicht einen Bitteren bei ihm trinken und sich den Stadtklatsch erzählen lassen. Er fragte dabei, ob Fremde in der Gegend seien, ob er selbst neue Gäste habe, ob auch hübsche Frauen in der Stadt zu treffen seien. Der Wirt gab ihm auf alle Fragen bündigen Bescheid, und Baudoin wußte bald, daß nichts, was im Goldenen Löwen oder in den anderen Wirtshäusern aus und ein ging im Verdacht stehen konnte, Marcel Baradier zu beunruhigen. Die ausschweifendste Phantasie hätte keiner dieser Damen so etwas zutrauen können! Der Goldene Löwe beherbergte zwar jetzt vier Familien, aber alle miteinander hatten kein Familienglied aufzuweisen, das jemand hätte den Kopf verdrehen können, und das Städtchen hatte noch keine Erscheinung gesehen, die anziehend genug gewesen wäre, den Sohn des Hauses Baradier Graff zu fesseln. Man mußte sich also in der Umgegend umsehen. »Die Villa am Wald droben,« sagte der Wirt, »ist jetzt auch bewohnt. Ein junger Herr und eine Dame sind eingezogen. Beide sind in tiefer Trauer, kommen nie ins Städtchen und leben ganz zurückgezogen. Ein paarmal haben sie den Wagen bestellt, um Ausflüge zu machen. Die junge Dame ist noch gar nie nach Ars hereingekommen, und ich könnte Ihnen wahrhaftig nicht sagen, ob sie schön oder häßlich ist. Mein Kutscher, der die beiden fuhr, sagt, sie seien sehr traurig, sehr höflich und sagten »Sie« zu einander, er meint aber, sie seien Bruder und Schwester. Jedenfalls sind es keine Franzosen.« Mehr konnte Baudoin nicht erfahren, aber es genügte auch, und er nahm sich vor, die Spaziergänge seines Herrn und deren Ziel aus der Ferne zu verfolgen. Daß die junge Dame betrübt war und Trauer trug, erschien ihm als kein genügender Abschreckungsgrund für Verliebtheit, im Gegenteil! Gegen Leute, die Bruder und Schwester und obendrein Ausländer waren, hatte Baudoin von vornherein ein gewisses Mißtrauen. »Ich kann Ihnen etwas Neues erzählen von den Leutchen in der Villa,« sagte sein Freund am Tag darauf. »Der junge Herr ist heute früh abgereist. Er hat einen Wagen verlangt, um nach der Bahn zu fahren; mein Kutscher, der das Gepäck aufgeben mußte, sagt, es sei nach Paris eingeschrieben worden. Die junge Dame ist also jetzt allein.« Baudoin beobachtete, daß sein Herr an diesem Tag noch später heimkam als sonst, und an dem Rock, den Marcel ablegte, entdeckte er Spuren von Moos, als ob sein Träger im Wald gelegen hätte. Am anderen Tag ging Marcel gegen zwei Uhr aus. Baudoin, der schon alle Vorbereitungen zur Ueberwachung getroffen hatte, war vor ihm weggegangen und hatte sich im Gärtchen einer kleinen Kneipe vor dem Thore niedergelassen, wo er die Straße, die von Ars zum Wald von Bossicant hinaufführte, weithin überblicken konnte. Nach einer halben Stunde sah er seinen Herrn, den Stock unterm Arm, in grauem Sommeranzug mit Handschuhen und Strohhut rüstig ausschreitend vorübergehen. Er sah blühend aus und seine Augen leuchteten. »Du suchst deine Liebste, mein Freund!« dachte Baudoin, »Zum Botanisieren würdest du nicht so beschwingt hinschreiten!« Er ließ ihn einen ansehnlichen Vorsprung gewinnen und schlug dann den nämlichen Weg ein. Wirklich ging Marcel in die Villa. Vor acht Tagen war er Frau von Vignola vorgestellt worden und seit dieser Zeit hatte sich sein ganzes Leben umgestaltet. Er hatte weder seine Chemie, noch die Fabrik, noch die Seinigen im Kopf. Außer der entzückenden Italienerin war für ihn nichts mehr auf der Welt. Wenn der Onkel Graff seinen Neffen gesehen hätte, würde er geseufzt haben: »Wieder einmal ins Garn gegangen!« denn er kannte den Fieberzustand zur Genüge, der Marcel unfähig machte, an etwas anderes zu denken, als an seine Schöne, und fähig zu jeder Thorheit, um in ihren Besitz zu gelangen. Eine besondere Erscheinungsform der Liebe bei diesem entzündbaren jungen Mann war die umsichtige Zähigkeit, womit er seine Eroberungen betrieb. Er war Ingenieur und Mathematiker auch in der Leidenschaft; er übersah keinen Vorteil, nützte jede Möglichkeit aus, um vorwärts zu kommen, und betrieb das Hofmachen nach allen Regeln der Belagerungskunst. »Das Schöne an der Sache ist,« pflegte der Onkel Graff zu sagen, »daß er über jeder neuen Liebe die vorangegangenen vollständig vergißt. Er kann ehrlich schwören, daß die jeweilige Dame die schönste der ganzen Welt und die einzige sei, die er je angebetet habe.« Diese Gattung von Verliebten ist die gefährlichste, denn bei ihr nimmt die Illusionsfähigkeit nicht ab und die Erinnerung früher begangener Thorheiten schützt sie nie davor, neue zu begehen. Frau von Vignola hatte nur einen halben, unter den Augen des »Bruders« verlebten Tag gebraucht, um sich des jungen Mannes vollständig zu bemächtigen. Sie hatte sich bei dieser Gelegenheit so lieblich und sittsam, so keusch und einschmeichelnd gegeben, daß selbst Cesare, der die Leistungsfähigkeit der hochbegabten Schauspielerin doch ermessen konnte, geradezu verblüfft gewesen war. Die Kunst der Täuschung auf diese Höhe getrieben, wird zur Genialität, und der schöne Italiener, dem große ästhetische Genußfähigkeit innewohnte, hatte das Verfahren seiner angeblichen Schwester mit Bewunderung verfolgt. Die zwei Stunden, die Marcel in der Villa zubrachte, waren ihm wie ein Traum verflogen, und er hatte sich anstandshalber empfehlen müssen, als er kaum angekommen zu sein glaubte. Frau von Vignola hatte sich freilich auch auf die Bitte ihres Bruders ans Klavier gesetzt und mit einer tiefen, ergreifenden Stimme, als echte große Künstlerin dalmatinische Volkslieder vorgetragen. Marcel, der sehr musikalisch war, hatte alsbald die Begleitung übernommen und ihr alle Noten, die er in Ars hatte, zur Ausfüllung der einsamen Abende zur Verfügung gestellt. Auf seine Bitte hatte Cesare die Abreise ein wenig aufgeschoben, und man hatte am Nachmittag darauf einen gemeinsamen Ausflug in die Wälder von Bossicant unternommen, war auf schmalen sonnigen Pfaden gewandelt, hatte die frische Luft der Berghöhe eingeatmet und sich, vertraulich plaudernd, unter den Bäumen gelagert. »Sehen Sie, wie gut ihr die Zerstreuung bekommt,« hatte Cesare am Abend heimlich zu Marcel gesagt, indem er ihn auf die rosig angehauchte Haut der Schwester aufmerksam machte. »Ach, wenn sie nur jeden Tag auf ein paar Stunden ihre traurigen Gedanken loswerden könnte, dann würde sie bald wieder gesund genug sein, um sie ganz zu verabschieden!« »So reisen Sie doch nicht ab! Bleiben Sie bei ihr!« »Ach, ich bin's nicht, der ihr Zerstreuung verschafft,« warf der schöne Italiener hin, schien aber die Aeußerung selbst unvorsichtig zu finden, denn er setzte rasch hinzu: »Fremde wirken ja immer glücklicher ein auf Gemütskrankheiten, als Angehörige, die immer um uns sind und selbst darunter leiden.« »Aber eigentlich krank ist ihre Frau Schwester doch nicht! Sehen Sie nur, wie leicht und elastisch sie vor uns hergeht.« »Ja, so lang die Nervenerregung vorhält. Heute abend wird der Rückschlag eintreten, eine derartige Erschöpfung und Schwermut, daß ich ihr kein Wort mehr entlocken kann.« »Wenn Sie mir das Recht dazu erteilen und Ihre Frau Schwester es mir gestatten wollte, würde ich ihr mit größtem Vergnügen Gesellschaft leisten.« »Wie danke ich Ihnen diese Güte!« rief der Italiener, Marcels beide Hände mit Ueberschwänglichkeit schüttelnd. »Allein Sie muten sich zu viel zu ... die arme Anetta würde Ihre Geduld auf eine harte Probe stellen! Sie ist ein launisches Kind ... Sie kennen sie noch nicht ...« Sie konnten nicht weiter reden, denn Frau von Vignola, die voraus gegangen war, blieb plötzlich stehen und sah sich nach den beiden Herren um. »Wird hier eine Verschwörung angezettelt?« fragte sie mit einem durchdringenden Blick. »Der Graf Cesare tritt mir für die Zeit seiner Abwesenheit seine brüderliche Gewalt ab,« erwiderte Marcel fröhlich, »und macht mich für Ihren Gemütszustand verantwortlich. Ich habe also von morgen an Aufsicht zu führen über Ihre Stimmungen, und deshalb müssen Sie sich meiner Tyrannei unterwerfen.« Ihr Gesicht war sehr ernst, als sie mit der tiefen, einnehmenden Stimme erwiderte: »Er hat recht, man darf mich nicht mir selbst überlassen! Sobald ich allein bin, kommen die schwarzen Gedanken und mein Kopf arbeitet bis zum Zerspringen ... seien Sie mir ein Freund! Cesare wird so bald als möglich zurückkommen, dann können wir wieder durch die Wälder streifen ... einstweilen besuchen Sie mich in der Villa, wo Sie immer willkommen sein werden.« Nun war der Graf abgereist, und Marcel ging, wie ihm geheißen worden war, in die Villa. Je näher er dem Haus kam, desto mehr beschleunigte er den Schritt. Er beeilte sich so, daß ihm das Blut in die Wangen stieg, er hätte Flügel haben mögen, um die seiner Harrende früher zu erreichen. Ein paar Schritte von der Villa hielt er jedoch plötzlich im Laufen inne; er hatte aus der Ferne schon Frau von Vignolas Stimme gehört, die sich über dem einsamen Garten hinschwang. Die Fremde sang in ihrem Wohnzimmer, dessen Fenster offen standen, und die Kunst und tiefe Empfindung, womit sie das leidenschaftliche Liebeslied betonte, riefen in Marcel ein Gefühl brennender Eifersucht wach. Es war die Kantilene aus den »Zigeunern« von Marackzy, dem großen ungarischen Künstler, der im Vollbesitz seines Talents und Ruhms an gebrochenem Herzen starb. »Komm an mein duftend Lippenpaar Im Welken erbebende Rose; Von Liebesthränen feucht und schwer Pflücke den Kuß, dessen Flamme Lodernd mein Herz mit dem deinen vereint, Daß wir ... Der Gesang brach jählings ab, wie von Schluchzen erstickt. Es war Marcel, als ob das Herz der Sängerin selbst zerrissen würde von einem geheimnisvollen Weh, und nicht länger an sich haltend, stürzte er durch den Garten ins Haus. Frau von Vignola saß noch am Klavier; das schöne blonde Haupt in die Hände gelegt, weinte sie bitterlich. Bei diesem Anblick entfuhr Marcel ein Schmerzenslaut, der die junge Frau auffahren ließ. Sie schüttelte den Kopf, als ob sie beschämt wäre, in dieser Verfassung überrascht worden zu sein, und streckte ihm die Hand entgegen. »Verzeihen Sie ... ich sollte nie singen, wenn ich allein bin ... diese Melodieen wecken zu schmerzliche Erinnerungen und bringen mich um alle Fassung ...« »Mein Gott ... sprechen Sie sich doch aus ... erleichtern Sie Ihr Herz ... oder haben Sie kein Vertrauen zu mir?« »Nein, nein! Verlangen Sie das nicht!« Sie schloß das Klavier und zwang sich zu einer heiteren Miene. »Wir wollen überhaupt gar nicht von mir reden, dagegen von Ihnen.« Sie sah ihn jetzt erst recht an und fuhr mit liebevollem Vorwurf fort: »Wie erhitzt Sie sind! Sie sind zu schnell gegangen, und der Weg ist so furchtbar steil! Wenn Sie nicht vernünftiger sind, werde ich Sie auch zanken müssen. Bleiben wir nicht im Zimmer, es ist hier zu kühl für Sie, gehen wir lieber in den Garten.« Gehorsam folgte er ihr und sie gingen auf den schmalen Kieswegen hin und her, um sich dann unter blühendem Fliedergesträuch niederzulassen und in seinem duftenden Schatten über alles Mögliche zu sprechen, nur nicht über das, was ihre Gedanken erfüllte. Baudoin hatte mittlerweile seinen Herrn nicht aus den Augen verloren, und sobald Marcel in die Villa getreten war, hatte er sich mit Vorsicht nähergeschlichen. Frau von Vignolas Gesang hatte kurz nach Marcels Erscheinen aufgehört, Baudoin hatte deshalb nichts davon vernommen. Er hütete sich wohl, offen am Haus vorüberzugehen, sondern schlug einen kleinen Fußweg ein, der längs der Gartenmauer aufwärts führte zu einem mit großen Bäumen bestandenen Vorsprung des Hügelrückens, Im Schutz des Dickichts stieg Baudoin hinauf und von oben, durch einen Busch gedeckt, konnte er den größten Teil des Gartens überblicken. Das Fliedergebüsch, in dessen Schatten Anetta und Marcel plauderten, stand unmittelbar am Fuß seines erhöhten Beobachtungspostens, und die beiden Gestalten, die ihm den Rücken zukehrten, waren keine dreißig Meter von ihm entfernt. »Wer das verdammte Frauenzimmer nur sein mag?« überlegte Baudoin. »Sie ist kohlschwarz angezogen, scheint aber jung zu sein, und die Figur ist reizend. Herr Marcel muß doch eine Spürnase haben wie ein Fuchs; der wittert auch die jungen Hühner. Kaum daß in diesem gottverlassenen Nest, noch ehe die Badegäste eingerückt sind, eine Schürze auftaucht, ist er wie der Habicht darauf los! Scheint schon ganz zu Hause hier, und doch ist's kaum acht Tage her, daß die ersten Anzeichen zu merken waren. Der junge Mann vertrödelt seine Zeit nicht ... oder sollte man ihm den Zugang leicht gemacht haben und die Förmlichkeiten abgekürzt? Was hat denn die landfremde Person überhaupt hier zu suchen und wie kommt sie dazu, gleich mit Herrn Marcel anzubändeln? Wovon sie nur so eifrig reden mögen da unten vor meinen Augen? Von Geschäften einmal sicherlich nicht, also wohl von Liebe! Von etwas anderem kann zwischen der hübschen Frau und meinem flotten Herrn überhaupt nicht die Rede sein! Ja die Liebe, die ist wie die Lockspeise an der Angel. Der Fisch sieht nur den Leckerbissen und den Haken spürt er erst, wenn er ihm im Hals sitzt.« Während Baudoin derlei Betrachtungen anstellte, plauderten die beiden unter ihm eifrig weiter. Sie saßen ruhig und unbeweglich beisammen, nicht einmal der Klang der Stimmen drang zu dem Lauscher herauf. Eine Stunde mochte schon verstrichen sein, als sie sich erhoben; jetzt wandte die junge Frau dem Späher ihr Gesicht zu, und Baudoin konnte nicht umhin, sie mit Bewunderung anzusehen, etwas Schöneres hatte er noch selten im Leben erblickt! Zugleich aber mußte er sich eingestehen, daß er sie noch nie gesehen hatte. Wie hätte er auch irgend eine Ähnlichkeit entdecken sollen? Die »Andere«, die von Vanves, hatte er ja überhaupt nur in der Dunkelheit, nur von der Seite gesehen, ein Wiedererkennen war somit so gut als ausgeschlossen. Er hatte ja auch nie andere Kennzeichen für sie anzugeben vermocht, als das Parfüm, das sie gebrauchte und den Klang ihrer Stimme, der ihm noch im Ohr zu liegen schien. »Wenn ich die da nur sprechen hören könnte!« dachte er. »Nur drei Worte, dann wäre ich meiner Sache sicher.« Wie ein freudiger Schreck überlief es ihn jetzt hinter seinem Busch; das langsam dahinwandelnde Paar hatte den äußeren Gartenweg eingeschlagen, der dicht an der Mauer hin und in einer Entfernung von zehn Schritten an seinem Versteck vorüber führte. Ohne zu ahnen, daß sie beobachtet wurden, kamen sie, sich fortwährend unterhaltend, langsam näher, und der alte Soldat erwartete sie mit klopfendem Herzen und gespitzten Ohren, wie ein Jäger, der auf dem Anstand liegt. Es flimmerte ihm vor den Augen, aber sein Gehör war durch höchste Anspannung verschärft, und er verstand deutlich, wie Marcel sagte: »Und denken Sie jetzt, da Sie frei sind, nicht daran, die früheren Pläne wieder aufzunehmen?« Mit einer wohllautenden, einschmeichelnden Stimme und italienischem Tonfall versetzte die Frau: »Wozu? Jetzt bin ich alt ... siebenundzwanzig Jahre ... mein Leben ist abgeschlossen. Künstlerische Erfolge hätten keinen Reiz mehr für mich. Auf einem Theater singen, öffentlich allen Blicken preisgegeben ... o nein, nein, daran ist gar nicht zu denken.« »Und doch würden Sie große Triumphe feiern!« »Wer würde sich ihrer freuen?« Sie gingen vorüber. Baudoin mochte seine Erinnerungen noch so eifrig wachrufen, sein Gedächtnis durchstöbern, wie er wollte – nein, die junge Frau in Trauer hatte weder dieselbe Stimme, noch dieselbe Aussprache wie jene andere, jene, die Tod und Verderben brachte. Er sah die beiden Gestalten im Haus verschwinden, gleich darauf hörte er Klavierspiel und dann erhob sich die reine, warme, zu Herzen dringende Stimme der jungen Frau und sanfte Melodieen zogen über den schweigenden Wald. Gedankenvoll und beunruhigt kehrte Baudoin nach Ars zurück. Als er am Postamt vorüberkam, ging er hinein und schrieb das folgende Telegramm auf: »Laforêt Kriegsministerium Paris. Kommen Sie nach Ars bei Trones. Fragen Sie in der Fabrik nach Baudoin.« Er bezahlte, wohnte noch dem Abgang seiner Botschaft bei und ging dann etwas erleichtert nach Hause. Um sieben Uhr kam Marcel. Während der Mahlzeit sprach er kein Wort und nachher zog er sich sofort ins Laboratorium zurück, wo ihn Baudoin bis spät in die Nacht auf und ab gehen hörte. Frau von Vignola sah um diese Zeit mit einer türkischen Cigarette zwischen den hübschen Zähnen in ihrem kleinen Salon und legte sich unter Beihilfe ihrer Jungfer Karten. Das Mädchen, das Sophia seit zehn Jahren mehr als Vertraute denn als Dienerin um sich hatte, war ein kleines braunes Geschöpf, dürr und verbrannt wie ein südlicher Fels. Sie hieß Milona, wurde aber Milo genannt. In einem Zigeunerlager in den Karpathen geboren, war sie von ihrer Mutter, die im Graben der Landstraße gestorben war, mit zwölf Jahren im äußersten Elend zurückgelassen worden, einem Elend, das um so größer war, als ein Gauner der Truppe sich in das frühreife Mädchen verliebt hatte und sie zudringlich verfolgte. Sophia, die ihr Abenteurerleben überallhin führte, war im Hof eines Gasthofs in Triest Zeuge einer mit blitzenden Messern verdeutlichten Auseinandersetzung zwischen Milona und ihrem stürmischen Liebhaber geworden. Die Kleine hielt dem Zigeuner, der sie zwingen wollte, ihm zu folgen, mutig Widerpart und gab auf die in der Gaunersprache herausgesprudelten Drohungen nur ein entschlossenes Nein und einen verwegenen Blick zur Antwort. Die ganze Landstreicherbande, das einzige, was Milona als Familie kannte, unterstützte die Ansprüche des jungen Banditen, aber Milona blieb bei ihrer Weigerung, bis der Anführer der Gruppe, mit seinem wallenden grauen Bart und dem gelockten weißen Haupthaar, ein Patriarchentypus, dessen Hauptamt aber der Hühnerdiebstahl in den Dörfern war, auf das Kind einzureden begann. Sophia, die oben an einem Fenster saß, freute sich des Schauspiels und folgte ihm mit einer gewissen Teilnahme für das stolze Kind, das die Launen des Mannes nicht tragen wollte. Offenbar verstand sie die Sprache der Leute, denn die bilderreichen Redewendungen entlockten der vornehmen Dame öfters ein Lächeln. »Milona,« begann der ehrwürdige Hühnerdieb, »du handelst nicht, wie du solltest. Du weisest Zambó, zurück, der dich liebt und der ein Kind unseres Volkes ist, nur weil du dem kleinen ungarischen Husaren Gehör schenkst, der dir nachgereist ist und dir schöne Worte sagt. Und doch weißt du, daß er ein Hund ist, ein Feind der Unsrigen, der dich nehmen und wegwerfen wird, ohne deine Liebe auch nur zu belohnen. Mir hat deine Mutter dich anvertraut, ich habe dich ernährt, ich habe dich gelehrt, Karten legen, in der Hand lesen und Liebestränke brauen. Willst du mir's mit Undank lohnen? Willst du nicht die Frau meines Großneffen Zambó werden?« »Ich liebe ihn nicht,« sagte das Mädchen trocken. »Aber er liebt dich.« »Das ist mir einerlei.« »Und er wird dich töten, wenn du ihm widerstehst.« »Das laß meine Sache sein!« »Willst du denn unsere Truppe verlassen?« »Ja. Ich hab's satt, von gestohlenem Brot zu leben und in Lumpen zu gehen.« »Dann bezahle für deine Freiheit.« »Ich habe ja kein Geld, aber wartet's nur ab, der Husar wird mir die Hände mit Gold füllen.« Bei diesen Worten wollte sich der schwarze Zambó auf das Kind stürzen. »Das soll dein letztes Wort gewesen sein!« heulte er, ein langes Messer schwingend. Jetzt ließ aber die Baronin Sophia einen Pfiff ertönen, der sofort die Aufmerksamkeit der ganzen Truppe erregte. In der eigenen Sprache der Leute rief sie hinunter: »Nun ist's genug! Ich werde die Polizei holen lassen! Heda, Alter ... du forderst Geld für das Kind?« »Ja, Euer Gnaden.« »Wie viel?« »Zwanzig Dukaten in Gold.« »Galgenstrick!« »Um weniger lasse ich sie nicht ziehen, Euer Gnaden.« Ein Beutel flog herunter, gerade auf den Alten zu, der ihn mit der Gewandtheit eines Jongleurs auffing. Er zählte den Inhalt und verbeugte sich, die Hand aufs Herz drückend. »Danke deiner edlen Wohlthäterin, Milona! Sie hat für dich bezahlt, du bist frei!« »Komm herauf, Kleine!« rief Sophia. Milona flog ungesäumt unter lauten Verwünschungen ihres abgeblitzten Liebhabers ins Haus und die Treppe hinauf. Das Fenster der Baronin wurde geschlossen, während sämtliche Zigeuner mit lautem Geschrei und übertriebenen Gebärden dem wutschnaubenden Zambó klar zu machen suchten, daß Gold eine viel größere Seltenheit sei als Mädchen, und daß, wenn sein Herz leer bleibe, doch die Kasse voll sei. Von dieser ersten Begegnung an hatte sich Milona mit Leib und Seele ihrer Herrin ergeben. Sie hing ihr mit wilder Leidenschaft an, war ihre Gehilfin in Haß und Liebe geworden und kannte, bis auf die großen Geheimnisse, die Sophia niemand anvertraute, alle Verhältnisse ihrer Befreierin. Sophia blies ein Rauchwölkchen hinaus und blickte unschlüssig auf ihre Karten. »Herz-König, Pik-Neune, Kreuz-Bube,« sagte Milona, die einzelnen Karten mit der Fingerspitze berührend, »dann wieder Kreuz-Dame, Herz-Bube, Pik-Sieben ... immer die nämliche Antwort... Sie werden's nicht zu stände bringen!« Sophia heftete die schönen, kühnen Augen auf die Vertraute und sagte mit ihrer natürlichen Stimme, die einen ganz anderen Klang hatte, als die zur italienischen Betonung verwendete: »Ich muß mein Ziel aber erreichen ... hörst du, Milo, es muß sein!« »Wollen Sie die Probe mit dem Wasserglas machen?« »Ja, die haben wir schon lange nicht mehr gemacht.« Milona ergriff einen Blumenkelch aus Krystall, warf den Strauß, der darin stand zu Boden und löschte alle Kerzen aus bis auf eine. Dann stellte sie den Krystallkelch so auf den Tisch, daß er von hinten beleuchtet wurde, zog eine der langen goldenen Nadeln, womit ihr Haar aufgesteckt war, heraus, stieg auf ein niederes Stühlchen und fing, einen wunderlichen Gesang anstimmend, mit der Nadel im Wasser zu rühren an. In dem vom Lichtschein durchstrahlten Gefäß bildeten sich kleine, in Regenbogenfarben schimmernde Strudel und beide Frauen verfolgten mit gespannten Blicken die gebrochenen Linien, die leuchtenden Bläschen und Spiralen, die der goldene Stiel im Wasser erzeugte. »Wasser ist Geheimnis und Angst,« sang Milona dabei, »Licht ist Gewißheit und Wahrheit. Das Licht durchdringe das Wasser und entreiße ihm seine Geheimnisse ... drehe dich, Nadel, leuchte, Licht, teile dich. Wasser ...« »Sieh her, Milona, sieh nur!« rief Sophia aufgeregt. »Das Wasser wird rot! In den Furchen, die deine Nadel zieht, schimmert's wie Blut!« »Blut ist Kraft und ist Leben,« sang Milona weiter. »Das Blut des Gehirns ist Sieg, Herzblut ist Liebe. Drehe dich, Nadel! Röte dich. Blut! Gib Sieg und gib Liebe!« Sophia, die in der halben Dunkelheit vor dem Tisch kniete, starrte mit gierigen, angstvollen Blicken auf das Glas, worin das Wasser unterm Druck der Nadel im Kerzenschein sprudelte. »Jetzt sieh wieder her! Sieh nur her!« rief sie. »Das Wasser wird smaragdgrün!« »Smaragd ist Hoffnung und Hoffnung ist die Wonne des Lebens. ... Drehe dich, Nadel! Wasser leuchte grün, grün wie die Augen der Sirenen, die uns nachziehen bis in den Tod.« Jetzt zog Milona die Nadel heraus. Das Wasser hörte auf sich zu drehen und zu sprudeln, es nahm zuerst einen grauen Ton an und wurde dann ganz dunkel. »Milo!« rief Sophia ganz fassungslos. »Jetzt ist das Wasser schwarz! Das verkündet Trauer. ... Sag mir, wer sterben wird.« Ohne eine Antwort zu geben, steckte die Dienerin die Kerzen wieder an, nahm das Krystallglas und goß das Wasser zum Fenster hinaus, wobei sie heftig in den dunklen Garten spuckte. »Es sterbe, wer Sie hindern will!« sagte sie mit feierlichem Ernst. »Das Schicksal verkündigt Liebe, Glück und Tod; Sie haben das Recht, Ihr begonnenes Unternehmen aufzugeben. Die Karten sagen, daß es nicht gelingen wird, das Wasser kündet Tod! Aber wessen Tod? Das können wir nicht wissen ... halten Sie ein, so lange es noch Zeit ist.« Sophia ging schweigend im Zimmer auf und ab, bis sie plötzlich vor Milona stehen blieb. »Glaubst du an deine eigenen Weissagungen?« »Ja.« »Hast du in allen Fällen erlebt, daß sie sich erfüllen?« »Ja.« »Hat der alte Mann, der dich in Triest an mich verlauft hat und der dich in den Karten, im Wasser und im Feuer lesen lehrte, auch an seine Kunst geglaubt?« »Ja.« »Hat er je, hast du je erlebt, daß Menschen, denen Unheil prophezeit wurde, ihre Unternehmungen deshalb aufgegeben hätten?« »Wenn diese Unternehmungen wichtig und gefahrvoll waren, niemals!« »Das heißt also, daß kühne Seelen der Vorsicht nie Gehör schenken und das Schicksal meistern wollen?« »Ja. so ist's.« Sophia steckte sich eine Cigarette an. »Wozu denn die Ueberlegenheit des Denkens, die Unverrückbarkeit der Vorsätze, die Unbeugsamkeit des Mutes, wenn man sich abschrecken ließe wie der Alltagsmensch? Interessant, Milo, ist ja nur, was schwierig, gefährlich, nahezu unmöglich ist! Soll man ein Leben führen wie der Spießbürger, wenn man eine Herrscherseele hat? Nein! Auch um den Preis persönlicher Sicherheit muß man seinen angeborenen Trieben folgen, seinen Willen offenbaren. Du kennst mich, Milo, du weißt, daß nichts mich aufhält, wenn ich einmal einen Entschluß gefaßt habe – wie hast du mir nur vorhin sagen mögen, ich solle einhalten, es sei noch Zeit?« »Wenn Sie so fest entschlossen sind,« versetzte Milona ernst, »warum befragen Sie dann die Karten, warum entlocken Sie dem Wasser sein Geheimnis?« »Ein richtiger Einwurf, Milo,« gab Sophia lächelnd zu, »Aber siehst du, Kleine, der Mensch bleibt Mensch, mit anderen Worten, der Bangigkeit und dem Aberglauben zugänglich! Weißt du nicht, daß Aerzte, die doch die Unzulänglichkeit und Ohnmacht ihrer Kunst genau kennen, andere Aerzte zu Hilfe rufen, wenn sie selbst krank sind? Das sind Zugeständnisse an die menschliche Schwachheit, Milo, die auch der macht, der sonst frei davon ist.« »Und all diese Schicksalsfragen geschahen zu Ehren des jungen Menschen, der alle Tage hierher kommt, den Agostini ins Haus gebracht hat?« »Agostini, wie du etwas respektwidrig sagst, hat mir den jungen Mann ins Haus gebracht, weil ich ihm Auftrag dazu gegeben hatte – weißt du nicht, daß er mir ohne Widerspruch gehorcht?« »O, widersprechen thut er nie, aber daß er eines Tages zu gehorchen aufhörte, wäre nicht unmöglich!« »Er steht nun einmal nicht in Gnade bei dir, der arme Cesare!« bemerkte Sophia heiter. »Er ist falsch und ist feig ... wenn der einmal einen Streich gegen Sie führt, geschieht's hinterrücks.« »Er liebt mich doch!« »Und Sie, lieben Sie ihn denn?« »Vielleicht ... gewiß ist's nicht. Weshalb nennst du ihn feig? Er hat sich doch in Palermo tapfer geschlagen gegen den Marchese Velverani ...« »Weil er sich an Kraft und Gewandtheit überlegen wußte, und weil ihn der Marchese im Angesicht von fünfzig Personen des Falschspielens bezichtigt und geohrfeigt hatte! Recht hatte er ja, Agostini betrügt!« »Das wird keiner mehr laut zu sagen wagen, nachdem es einem Menschen das Leben gekostet hat. Und dann spricht sehr dagegen, daß er ja fortwährend verliert.« »Wovon Sie ein Lied zu singen wissen!« »Ach! Was sollte ich mit meinem Geld anfangen, wenn er mir's nicht abnähme?« »Das ist richtig! Geld ist dazu da, unsere Launen zu befriedigen, sonst hat es keinen Wert. An und für sich ist's häßlich, es muß uns Freuden schaffen, sonst ist es nicht kostbarer als die Kieselsteine auf dem Weg. Wird der junge Mann, der jetzt zu uns kommt, Ihnen Geld geben oder von Ihnen Geld bekommen?« »Ich glaube nicht, daß er Geld annähme,« sagte Sophia lachend. »Du bist eine echte Barbarin, Milo, nur die Gemeinheit ist dir selbstverständlich! Es gibt nämlich auch anständige, ehrliche Menschen, Kleine, denen man nicht abkaufen kann, was man von ihnen haben will ... die muß man verführen.« »Deshalb singen Sie immer, wenn er da ist? Sie werden ihn toll machen, wie all die anderen, – er sieht doch sehr nett aus und so sanft!« »Ja, er ist ein reizender Mensch, aber für mich ein Feind, Milo. Wenn er entdeckte, wer ich bin und was ich suche, wäre ich in großer Gefahr.« »So hat ihn also Agostini zu seinem Verderben hergeführt?« »So etwas Derartiges.« »Und er liebt Sie schon?« »Rasend.« »Hat er's Ihnen gesagt?« »Noch nicht, aber ich brauche nur ein Wort zu sagen, nur eine Bewegung zu machen und er liegt zu meinen Füßen.« »Ja, Ihre Macht über die Männer ist unwiderstehlich, aber hüten Sie sich! Einmal wird der Tag kommen, wo Sie selbst gefangen sind, und das wird furchtbar werden!« »Ich habe geliebt, du weißt es ja. Die Liebe hat mir nichts mehr zu offenbaren und daher keine Gefahren mehr für mich.« »Sie haben geliebt, ja, mit der Phantasie, auch mit den Sinnen, aber noch nie mit dem Herzen.« »Was weißt du davon?« »Ich weiß, daß Ihr Herz nie gefangen war, denn alle, die Sie liebten, sind Ihre Opfer geworden. Die echte, reine Liebe wird nicht zum Henker, sie beschützt den Geliebten und bringt ihm Opfer. Aber Sie haben es bisher ja auch nur mit Abenteurern zu thun gehabt, denen nur ihr Recht widerfuhr, wenn man sie behandelte, wie sie andere behandeln. Wenn Sie einmal den Agostini vor die Thür setzen, rufen Sie mich, daß ich ihm aufmache ... es soll von Herzen gern geschehen!« »Der Tag ist noch nicht da ...« »Thut mir leid!« Sophia schüttelte müde den Kopf und Milona wußte, daß sie mit ihrem Geplauder nicht weiter gehen durfte. »Ich werde jetzt alle Läden schließen,« sagte sie. »Braucht mich die Herrin noch?« »Nein, du kannst überall auslöschen. Ich will einen Brief schreiben ... wenn ich hinaufgehe, hörst du mich ja.« Sophia setzte sich an den Schreibtisch, rückte sich eine elegante, mit der Freiherrnkrone verzierte Mappe zurecht und begann mit energischen, männlichen Schriftzügen auf stark duftendes Briefpapier zu schreiben: »Mein lieber Cesare! Ich habe die Zeit seit Deiner Abreise wohl ausgenützt und hoffe, daß Du auch nicht müßig warst; laß mich bald hören, wie Deine Sache in Beziehung auf die Lichtenbachs sich macht. Hier steht die Leidenschaft in Blüte! Unser Jüngling kam heute überschwenglich lyrisch angehaucht hier an und überraschte mich beim Singen ... mit Thränen in der Stimme! Ich hatte nämlich Milona auf Wache gestellt und mir seine Ankunft melden lassen, dann habe ich ihm die große Verzweiflungsscene mit glänzendem Erfolg vorgespielt. Der Anblick meiner Thränen versetzte ihn in wildes Weh ... Du weißt ja, daß ich weinen kann, wie ich will, und daß es mich kleidet. Wie gern würde er mir die Thränen von den seidenen Wimpern geküßt haben, wie's in Romanen heißt, aber er war so wie so schon genügend berauscht, und man muß die Steigerungen weise verteilen. Weil Liebeserklärungen unter freiem Himmel erschwert sind, führte ich ihn hinaus auf die Bank unterm Fliederbusch und brachte ihn zum Plaudern. Er ist ein wahres Kind, von einer Einfalt, die unsereins aus dem Konzept bringt, und von einer Arglosigkeit, daß man fast lachen muß. Ueber so viel Unschuld zu triumphieren, ist wirklich keine Kunst, dieses Lamm wird sich willig zum Opfer bieten. Uebrigens thut mir die Ruhe in diesem weltverlorenen Nest wohl, und Langeweile habe ich keinen Augenblick. Es ist lang her, daß ich Zeit hatte, mich auf mich selbst zu besinnen ... mein abenteuerliches Leben riß mich ja im Wirbel dahin, und nun kommen mir Gedanken, die mich selbst überraschen. Ich fürchte, daß die Genüsse und Freuden, die Befriedigung, der ich von jeher nachgejagt habe, nur eine Seite des Lebens ausmachen und daß es noch ein anderes Gesicht hat, das ich nicht kenne und das viel schöner, viel verlockender zu sein scheint. Als mir der junge Marcel heute nachmittag so rührend zart und zärtlich von Vater, Mutter und Schwester erzählte, ist mir das Herz ein wenig schwer geworden. Lauter gute, anständige Menschen! Sie lieben einander und sind glücklich dabei, jedes würde dem anderen die größten Opfer bringen. Es gibt nichts Einfacheres, Rechtlicheres und Einförmigeres als ihr Leben, und sie sind unbestreitbar glücklich dabei! »Dieses Lamm von Marcel ist in seiner Familie das räudige Schäflein! Von Zeit zu Zeit bedroht ihn der Vater mit seinem Fluch, weil er beim Baccarat Pech gehabt oder für ein anspruchsvolles Dämchen zu tief in die Kasse gegriffen hat, dann ist das gute Kind acht Tage lang krank vor Jammer und sperrt sich selbst in Ars ein, wie ein Anachoret in der Wüste. Zur Buße arbeitet er dann im Laboratorium, ißt eine erbärmliche Küche und streitet sich mit dem Fabrikdirektor herum, der ein unangenehmer Patron sein muß. Diesen Zeiten der Zerknirschung verdankt er die interessanten Entdeckungen über Farbstoffe und andere industrielle Geschichten, die wirklich Wert zu haben scheinen und die er mir für meinen Geschmack etwas zu weitläufig erklärt. »Aber das ist einerlei, er ist ein reizender Mensch und hat Feuer. Kannst Du Dir vorstellen, daß er mich nach meinem Alter gefragt hat? Der arme Kleine! Ich bin älter als er! Es würde mich gar nicht wundernehmen, wenn er mit dem Gedanken umginge, mich zu heiraten! Cesare, laß einmal schnell standesamtliche Papiere für ›Frau von Vignola‹ ausstellen, denn man kann, so wie die Sachen laufen, nicht wissen, was geschieht! Das ist natürlich nur Scherz, Liebster ... was ich Dir von dem armen Jungen erzähle, braucht Dich wahrlich nicht in Harnisch zu bringen. Ich führe ihn an einem Fädchen, das er weder spürt noch sieht, zur unbedingten Unterwerfung, und wenn er mir seine Geheimnisse anvertraut haben wird, was bisher noch alle thaten, bei denen ich's darauf anlegte, werde ich verschwinden, und wenn Frau von Vignola den Kreppschleier abgeworfen hat, wird nur noch die Baronin Sophia zu sehen sein, in der mein schmachtender Liebhaber schwerlich die elegische Witwe wieder erkennen wird, der er jetzt zu Füßen liegt. Du siehst, ich betreibe mein Geschäft, ohne mich dabei zu langweilen. Es ist mir gar nicht zuwider und ich hoffe, daß Dir's beim Deinigen ebenso ergeht. Die kleine Lichtenbach ist eine Erzmillionärin, da kann man sich mit dem »Ich liebe Sie!« schon ein bißchen Mühe geben. Tausend Küsse, Cesare! Sempre t'adorerò. Sophia.« Sie siegelte, ein Gähnen unterdrückend, den Brief, nahm eine frische Cigarette und schickte sich an, in ihr Schlafzimmer hinaufzugehen, als drei leichte Schläge an den Fensterladen sie erschreckten. Mit gefurchter Stirne blieb sie lauschend stehen, bis nach kurzer Zeit sich das Pochen wiederholte. Jetzt zog Sophia eine Schublade auf, nahm einen Revolver heraus, öffnete das Fenster und fragte in ihrer italienischen Betonung durch den noch geschlossenen Laden: »Wer ist da?« »Ich bin's, Hans ... keine Angst, Sophia,« erwiderte eine dumpfe Stimme. Sie wurde ein wenig blaß, legte aber ruhig den Revolver an seinen alten Platz und ging schweigend hinaus, um geräuschlos den Riegel an der Hausthüre zurückzuschieben. Ein hochgewachsener Mann schob sich herein, und sie führte ihn ins Wohnzimmer, das sie sorgfältig hinter sich abschloß: weder er noch sie hatte dabei ein Wort gesprochen. Der Mann warf den Filzhut ab und das Lampenlicht fiel hell auf ein verwegenes, rohes Gesicht. Der Mann war groß, breitschulterig, eine Athletengestalt, ein rötlicher Bart verdeckte die untere Hälfte des Gesichts. Er setzte sich, und die grünlichen Augen hefteten sich mit durchdringendem Blick auf Sophia. »Wer ist bei Ihnen im Haus?« »Milona.« »Und wo ist Agostini?« »In Paris. Woher kommen Sie?« »Aus Genf. Lichtenbach hat mir Ihre Adresse geschickt.« »Wie kamen Sie herein?« »Ueber die Mauer.« »Mit dem verwundeten Arm?« »Mein Arm ist heil.« Er streckte ihn mit einem drohenden Lächeln aus. Es war ein vollständiger Arm, die Hand daran steckte im Handschuh. »Recht geschickte Mechaniker, diese Schweizer. Sie haben mir einen beweglichen Unterarm angefertigt, der alles leistet, was ein natürlicher thut. Die Hand ist aus Stahl, die nimmt's mit einem amerikanischen Preisboxer auf. Ein Schlag damit kann einen kräftigen Mann niederstrecken, Sophia. Und doch,« setzte er seufzend hinzu, »war mir mein alter Arm lieber. Der wird mir ihn nie ersetzen, aber die mich verstümmelt haben, werden die Früchte ihres Thuns auch nicht ins Paradies mitnehmen. Sie sollen mir mein Fleisch und Blut bezahlen!« Das Gesicht war unheimlich anzusehen bei diesen Worten, die er zähneknirschend hervorstieß. »Haben Sie sich nicht im voraus bezahlt gemacht?« entgegnete Sophia ernst. »Als Ihnen das Unglück zustieß, war der General Trémont schon tot ... vielleicht war es seine Rache!« »Der Teufel soll ihn am Spieß braten, den alten Eisenkopf! Er brauchte ja nur herauszurücken, als Sie so manierlich nach dem Geheimnis seiner Truhe fragten, so wäre von alledem nichts geschehen!« »Sie waren's, der die Geschichte überstürzt hat, Hans! Sie haben durch Ihre Gewaltthätigkeit all meine Anschläge zunichte gemacht. Hätten Sie mir noch acht Tage Zeit gelassen, der Alte würde mir sein Geheimnis, seine Ehre und alles übrige ausgeliefert haben. Ihr Dazwischentreten hat ihn scheu gemacht, er schüttelte den Bann ab, und alles war verloren!« »Zum Henker, machen Sie mir auch noch Vorwürfe? Der Mißgriff ist mich teuer genug zu stehen gekommen. Wie weit sind Sie denn hier?« »Wenn Sie mich ungestört nach meinem Ermessen handeln lassen, wird alles gelingen.« »Gut, gut! Handeln Sie nur! Ich meinerseits werde noch eine kleine Nebenhandlung spielen lassen, die nicht unnützlich sein und Lichtenbach viel Spaß machen wird.« »Um was handelt es sich?« »Um einen Putsch, den die Arbeiter in der Fabrik in Scene setzen sollen!« »Sie machen immer noch in Sozialismus?« »Mehr als je. Dort liegt die Zukunft. Die urteilslose rohe Masse in den Händen von ein paar kühnen Führern, die sich die Weltherrschaft aneignen werden!« »Auf wie lange?« »Lang genug, um diese verfaulte, morsche Gesellschaft mit Stumpf und Stil auszurotten!« »Und was an ihre Stelle zu setzen?« »Das, das ist das Geheimnis der Zeit, die Revolution wird's offenbaren.« »Ich hasse Ihre Anschauungen und alle, die sie unterstützen ...« »Weiß ich, weiß ich,« fiel ihr Hans mit rohem Auflachen ins Wort. »Sie sind eine große Dame, eine Aristokratin, Sophia, und die Gleichheit paßt nicht in Ihren Kram. Sie brauchen Luxus, Glanz, überragende Stellung ... und wer sagt denn, daß mir Ihnen das alles nicht auch geben würden? Wir wollen nur die herunterdrücken, die über uns stehen ... haben Sie je eine Herde ohne Hirten und Hund marschieren sehen? Wie sollten denn Völker ohne Oberhaupt leben? Befohlen muß werden, und wir müssen jenen die Macht entreißen, die sie kraft alter Vorurteile in Händen halten. Weil ihre Vorrechte uns nicht zu gute kommen, behaupten wir, Vorrechte überhaupt aufzuheben, doch sobald die Macht einmal in unseren Händen ist, wird es Feuer und Schwert brauchen, Ströme von Blut kosten, sie uns wieder zu entreißen, und wer sollte dann den Versuch wagen? Nur die Revolutionäre haben Thatkraft, weil die Leidenschaft sie fortreißt, die Revolution ist das einzige Mittel, rasch vom Fleck zu kommen. Heute bin ich nichts, morgen will ich alles sein; was mir im Weg steht, renne ich um. Das ist kurz und deutlich gesagt, was unsere Apostel der Menschenrechte in verworrenen Phrasen vortragen; sie lieben nur sich, haben nur sich im Auge, und das genügt auch!« »Sie sind also einfach Banditen,« sagte Sophia lachend, »und Sie sind auch ein solcher! Aber wissen Sie, Hans, ganz so leicht, wie Sie glauben, lassen sich die anderen das Heft nicht aus der Hand winden ... hüten Sie sich. Sie haben allerlei Dinge erfunden zu ihrem Schutz, zum Beispiel die Polizei, die ganz nett arbeitet. Was wollen Sie denn eigentlich diesen armen Baradiers anhaben?« »Seit vierzehn Tagen lasse ich die Arbeiter der Fabrik durch meine Leute in die Kur nehmen, lasse Stimmung machen, und dann soll das Oberste zu unterst gekehrt werden in der Bude. Das wird die Herren Baradier \& Graff in Atem erhalten, in Anspruch nehmen ... sie beschäftigen sich jetzt etwas zu viel mit uns und haben offene Augen. Ich kann mir nicht denken, wer diese Schwerenöter aufklärt, aber es scheint mir, daß sie Lichtenbachs Spiel durchschauen, als ob alles in der Zeitung stünde.« »Lichtenbach ist feig, daraus gehen immer wieder Dummheiten hervor. Ich habe jetzt Cesare zu ihm geschickt, der ihn einerseits überwachen soll, andererseits sich um die Tochter bemühen, aber wer keinen Mut hat, dem flößt man ihn auch nicht ein.« »So viel ich höre, waren die Aktien der Sprengstoffgesellschaft, dank der von Lichtenbach eingeleiteten Manöver so tief gefallen, daß der Rückkauf des ganzen Plunders unter den günstigsten Umständen hätte geschehen können, aber mit einemmal fing die Nachbörse ohne ersichtlichen Grund zu kaufen an und die Aktien sind riesig in die Höhe geschnellt. Lichtenbach hat stramm festgehalten, aber er hatte es mit einem stärkeren Gegner zu thun, und hat dieses Mal bei der Liquidation die Suppe, die er eingebrockt hatte, selbst auslöffeln müssen ... sie war gepfeffert! Nach und nach erfuhr man, daß Baradier \& Grass mit einer großen Anzahl von Aktionären der bedrohten Gesellschaft ein Syndikat gegründet haben, um der vollständigen Entwertung des Objekts entgegen zu arbeiten. In Geschäftskreisen geht das Gerücht, daß die Gesellschaft dank einem neuen Patent – hören Sie wohl, Sophia? – glänzende Aussichten für die Zukunft habe ... das heißt also unmittelbare Konkurrenz für Lichtenbach und ein Schlag ins Gesicht für unsere Sache. Der Krieg ist eröffnet, man muß ihn führen und den Sieg davon tragen. Deshalb bin ich hier, denn ihr scheint mir ein wenig viel Zeit zu vertrödeln und gar zu viel Umstände zu machen.« »Keine Gewaltstreiche dieses Mal, Hans, das bitte ich mir aus!« entgegnete Sophia mit Bestimmtheit. »Wir sind im richtigen Geleise und es soll nicht noch einmal alles verdorben werden. Sie haben nur noch einen Arm zu verlieren, mein Bester, gehen Sie haushälterisch damit um.« »Sie sind ja sehr heiter, Sophia,« knurrte Hans mit zornverzerrten Zügen. »Daß ich nur noch einen Arm habe, ist nur zu richtig, aber beruhigen Sie sich, es ist ein tüchtiger, und wehe dem, der in seinen Bereich kommt!« »Sie wollen sich also bei mir aufhalten?« »Mit Ihrer Erlaubnis, ja.« »Das kann mir sehr unbequem werden ...« »Ohne Sorge! Ich gehe nur bei Nacht aus; ich bin nicht der Mann des hellen Tageslichts, mit der Finsternis stehe ich auf besserem Fuß. Gehen Sie Ihrem Geschäft nach; ich besorge das meinige. Ich brauche nichts von Ihnen als eine Dachstube, wo ich schreiben und den Tag über schlafen kann. Außer Milona darf niemand um meine Anwesenheit wissen ... auf das Mädchen kann man sich ja verlassen.« »Vorausgesetzt, daß man mir nicht schaden will!« »Und wer zum Teufel dächte daran? Ich jedenfalls nicht ... so lange wir Hand in Hand gehen.« Die beiden tauschten einen Blick aus, worin die Erinnerung gemeinsamer Schuld lag, Sophia wandte sich zuerst ab, doch mit einer zustimmenden Gebärde. »Folgen Sie mir denn.« Sie öffnete die Thüre und führte den Mann, den sie zu fürchten wie zu hassen schien, die Treppe hinauf. Schluß des ersten Bandes.