Karl Gjellerup Der goldene Zweig Dichtung und Novellenkranz aus der Zeit des Kaisers Tiberius Buch des Asylrechtes Wie bei winterndem Frost manchmal in den Wäldern die Mistel Grünt mit erneuetem Laub, das nicht ihr eigener Stamm sä't, Und hochrotes Gewächs um die rundlichen Äste herumschlingt: Also war das Gebild von dem goldenen Sproß an der dunkeln Steineich'. – Vergilius Änëis VI 205 ff. Erstes Kapitel Dianas Tempel und ihr Spiegel Der Tempelgiebel, von starken dorischen Säulen getragen, leuchtet hell und warm zwischen den Zypressen hervor, die zu beiden Seiten Wache halten. Hoch oben über ihm, aus gelblodernden Ginstersträuchern und niedrigem Bergwald emporstrebend, spannt eine Pinie mittels geschnörkelten Geästes ihren dunkeln Nadelschirm aus gegen die seligtiefe Bläue des sommerlichen Mittagshimmels. Ein Olivenhain steigt seewärts hinunter. Ein unentwirrbares Durcheinander von Bäumen. Viele drehen sich gleich schlanken Dryadengestalten in schwebender Tanzstellung und reichen mit ausgestreckten Armen einander die blätterfingerigen Hände; unten gespalten, treten andere mit gespreizten Beinen den feierlichen Reigen. Knorrig, verwachsen, mit verrenkten Gliedern purzeln gnomenartige Gebilde vorwärts. Einige winden sich schlangenhaft in die Höhe; und es sind welche da, die mit geschwollenen, warzigen Drachenleibern sich bäuchlings hinwälzen oder wie in jähem Schrecken sich rückwärts emporbäumen. Überall aber in diesem Wirrsal von Stämmen und Ästen eines verzauberten Circe-Haines glitzert und funkelt das Wasser. Es ist wie launenhafte Konstellationen heiterer und flüchtiger Tagesgestirne, die sich unaufhörlich entzünden und erlöschen. Das federleichte Laubgewebe der Wipfel aber zeichnet seinen Rand silberig auf die Fläche des Sees, der in seinen Waldkrater eingebettet dunkelglänzend daliegt, gleich einem grünen Edelstein. Einen solchen fassen wohl kunstfertige Menschenhände in Gold. Hier aber scheint die Natur es umgekehrt zu halten. Denn mitten in diese smaragdene Platte ist ein goldenes Kleinod eingelagert – ein Märcheneiland des verzauberten Sees. Vor Dianas Tempel betrachten zwei Männer den Spiegel Dianas, oder vielmehr jenes leuchtende Goldwunder, ein Schmuckstück aus den Meisterhänden des Hephästos, welches die Waldgöttin auf ihren Spiegel von sich gelegt hat. Der eine ist ein bärtiger Greis von herkulischem Körperbau. Er trägt eine priesterliche Kopfbinde und ist mit dem leinenen Gewand der Dianadiener angetan. Dieser steht hart am Abhang. Auf dem unbedeckten Kopfe des anderen kräuselt sich jugendlich schwarzes Haar. Er trägt einen blauen, etwas verschossenen und zerlumpten Arbeitskittel. Der Jüngling sitzt im Schatten eines mächtigen Ölbaumes, der mitten zwischen dem Felsrande und den Stufen des Tempelperistyles wächst. Zweites Kapitel Der heilige Baum Uralt der Tempel, uralt der Ölbaum. Wer würde durch den Anblick dieses Baumes nicht an jenen erinnert, in dessen Höhlung der göttliche Dulder, an der Phäakeninsel gestrandet, Schutz suchte und fand: – ›Könnten doch dort zwei Männer, ja drei, im Gewitter sich bergen, Mitten im Winter sogar, wenn am ungestümsten die Stürme.‹ Dieser wahrlich gibt jenem an Größe nichts nach. An Alter aber auch nicht, falls der Odysseusbaum noch am Ufer der Phäakeninsel grünt. Denn siehe: dort im Giebel ist mit archaischer Kunst eine Gruppe gebildet. Ein Jüngling in griechischem Gewand trägt eine Bildsäule; vor ihm ist eine Priesterin stehen geblieben und zeigt auf den Grund. Unter ihnen steht mit schiefen, unregelmäßigen griechischen Buchstaben: ORESTES IPHIGENEIA Zwischen den Beiden aber, das ganze Giebelbild in zwei Hälften trennend, ist der Stamm eines Ölbaumes dargestellt, an dessen Formen man leicht das getreue Ebenbild unseres Baumes erkennt. Knorrig, geborsten, unten gänzlich gespalten, mit beiden Beinen vielfüßig auseinandertretend: so drachenhaft ungetümlich, wie er hier in Holz, das so hart wie Stein anmutet, von der Natur gebildet ist, steht er dort oben im Giebel von Künstlerhand in Stein gemeißelt. Wuchs er also schon hier, als einst das hohe Geschwisterpaar, wie es scheint, dies Heiligtum dem geretteten Artemisbild stiftete, dann mußte er gleichzeitig mit Odysseus' Phäakenbaum das goldige Licht Helios' getrunken haben, und die Stürme, die Poseidon aus allen Himmelsgegenden erweckte, um das Schiff des Vielverschlagenen zu zerschmettern, hatten durch seine altehrwürdige Krone gebraust. Uralt das Heiligtum – urälter noch der Baum, selber ein Heiligtum. Als solcher ist er gekennzeichnet durch die kreisförmige Einhegung: eine niedrige Mauer, aus unregelmäßigen Felssteinen zusammengefügt und mit marmorner Fassung versehen. Nach dem See zu öffnet sich die Ringmauer, und hier hat sich der Jüngling auf die eine Ecke, wie auf eine hohe Bank, gesetzt. Ebenso wie der Greis hat er die rechte Hand vor die Brauen gehoben. Denn der hellgraue Schatten des Ölbaumes ist durchbrochen und unstet bewegt. Zwischen Daumen und Zeigefinger hält die beschattende Hand einen Zweig. Allein dieser Zweig kann nicht vom Baume herstammen. Gerte und Blätter sind aus purem Gold. Drittes Kapitel Die fremde Weise Die Beiden spähen nicht nur, sie lauschen. Töne schweben auf dem lauen Winde von drüben her. Hat auch der Binnensee seine Sirenen-Insel? Aber die eine Stimme des Zweigesanges ist männlich – so tief und voll wie die andere klar und leuchtend ist. Liebkosend umschlingen und umspielen sie einander und die schlichte Melodie, wie das Schlangenpaar sich selbst und den Hermesstab. Und beschwingt wie dieser, scheint die wundersam geheimnisvolle Weise von weit, weit hergeflogen zu sein; ein fremder Vogel, dessen Märchennest in keinem Pinien- oder Zypressenwipfel schwebt, auf keinem Ölzweig sich wiegt; aus einem anderen Himmelsstrich stammend als diesem der tiefen, gesättigten Bläue. »Meine Augen sind nicht mehr was sie waren,« seufzt der Alte, die Rechte von den Brauen hinuntersinken lassend. – »Deine sind jung. Kannst du sie sehen?« »Sicherlich ... Siehst du den purpurnen Fleck mittschiffs? Das ist der Thron.« »Als ob ich nicht die Einrichtung der goldenen Galeere kennte! Den Thron seh' ich schon.« »Nun wohl. Die mächtige Gestalt des Tiberius ist tief in die Kissen zurückgesunken. Vor ihm steht das singende Paar. Jetzt dreht sie den Kopf – der Haarknoten leuchtet – er muß so golden sein wie irgendein Zierat der Galeere.« Der Alte hat wieder seine Brauen mit der Hand beschattet, schüttelt aber mißmutig den grauen Kopf. »Damit mag es seine Richtigkeit haben, wenn ich's auch nicht gewahr werde. Denn ich sehe den goldigen Lockenkopf des Kindes noch vor mir. Ein lieblicheres Mägdlein konnte niemand erblicken als die Kleine, wie sie bei Germanicus' Triumph an der Hand der hehren Thusnelda einhertrippelte. Ich werde den Anblick nicht leicht vergessen, denn jenes Schauspiel war das letzte, das Rom mir geboten hat. Schon in den nächsten Tagen schloß dies Gefängnis sich um mich.« Er schweigt eine kurze Weile. »Vierzehn Jahre sind's her. Sie mag jetzt zu einer schönen Jungfrau herangewachsen sein.« »Hochgewachsen ist sie und gerade wie eine Säule.« »Wie ihre Muhme Thusnelda. Wer sie nicht gesehen, hat nur die Hälfte der Weiblichkeit geschaut, nicht die andere, die goldhaarige und, mich dünkt, die edelste. Kein Wunder, daß Arminius gänzlich wild wurde und Waffen aus der Erde stampfte, als der alte schlaue Segestes sie uns überlieferte.« »Segestes war für einen Germanen ein edler Mann, sagt man.« »Er war uns treu. Aber ein böser Streich bleibt es doch, seine eigene Tochter und die Gattin des großen Arminius, von dem sie ein Kind unterm Herzen trug, uns auszuliefern, damit sie beim Triumphzuge vor dem Wagen des Germanicus einherschreiten könne. Und bei Jupiter, stolzer ging keine Königin in ihrem eigenen Schloßhof, als sie durch die Straßen Roms.« »Die glorreichste Trophäe, die der Bezwinger Germaniens heimbringen konnte.« Der Alte lacht, rauh und höhnisch. »›Bezwinger Germaniens‹ – darüber wüßten wohl die Beiden drüben ein anderes Lied zu singen – ein Lied vom Befreier Arminius, wie es vom Teutoburger Wald bis zum Ufer des Rhenus klingt. Doch lassen wir den Römern ihren Wahn und ihre Triumphzüge ... Wer mag wohl aber der sein, der seine Stimme mit der ihrigen mischt? Sicherlich ein Germanensproß.« »Es wird ein gewisser Segismundus sein, ein Fürstensohn aus dem Lande der Chatten, der hier als Geisel lebt. Man hat viel von seiner herrlichen Stimme gesprochen. Er steht hoch in Gunst bei Sejanus. Man sagt, dieser habe ihn für eine hohe Stellung in Aussicht genommen. Er werde sich mit seiner Hilfe eine besondere germanische Leibgarde bilden. Denn die Germanen sind treu.« »Treu sind sie ... und ihre Frauen auch.« Bei diesen Worten hebt und senkt ein tiefer Seufzer die mächtigen, etwas gebeugten Schultern des Greises. »Wer er auch sein möge, gern möchte ich stehen wo er steht und dieser Thusnelda Aug' in Auge blicken, wenn sie ihrer hehren Muhme und Namensschwester ähnlich sieht.« Viertes Kapitel Also sprach Germania Die Gestalt des weißgekleideten Alten zeichnet sich massig gegen den Spiegel Dianas und die Bergrunde, deren waldige Halden sich mit weichem purpurnem Dunst umhauchen. Ein Zipfel des Priestermantels verdeckt einen Teil der Galeere. Der junge Mann verläßt seinen Sitz und tritt auf den schweigenden Greis zu, den er nicht durch laute Anrede in seinen Gedanken stören mag. Da liegt es nun wieder frei vor seinem Blick, das seltsam glänzende Seegebilde: – die goldene Galeere des Cäsar. Lang hingestreckt, Terrasse über Terrasse hoch aufgebaut, mit schimmernden Gallerien, Geländern und Bildsäulen, mit purpurnen Sitzbänken und seidenen Sonnensegeln, mit Springbrunnen, Vignen und Reihen blühender Bäumchen – eher eine schwimmende Villa denn ein verankertes Schiff zu nennen. Dies wunderbare Amphibiewesen, das eine Weile verstummt war, findet seine Stimme wieder: jene Doppelstimme, die so wenig seinen eigenen üppigen Geist atmet. Bald düster schwebend, bald sehnsuchtsvoll anschwellend, dann mit jauchzendem Aufschwung sich erhebend, dringt der Gesang herüber. »Ich möchte wohl wissen, was sie singen,« hebt der Jüngling an. »Wild und schaurig genug klingt es. Mich wundert's, was der Princeps für Freude daran findet, wenn er auch selber herber und finsterer Natur ist.« »Was sie singen? Sie sangen und singen von Siegesgöttinnen, die über finstere Wälder nordwärts flogen; von dem großen Schmied, der eine der flüchtigen Schar freite; von seiner Gefangenschaft und Lähmung; von der Rache, die er in seiner Waldschmiede an dem Tyrannen nahm, und von den wunderbaren Flügeln, die er wie unser Dädalus sich schuf, um sich aus dem Gefängnis zu erheben und mit seiner Siegesgöttin vereint selig davon zu schweben – davon singen sie.« Der Jüngling lacht. »Nun, wenn auch deine Augen schwach wurden, dein Gehör scheint wahrlich gut genug zu sein.« »Nein, nein, junger Mann, ich schwatze dir nichts vor. Ich kenne nur die Weise. Manches Mal habe ich sie am Lagerfeuer gehört, wenn die Eichenwälder Germaniens dazu brausten. Und das ist die Freude, die der Princeps daran findet; denn auch er hat jener Weise gelauscht, als sein Haar noch dicht und dunkel um die Schläfen lag, wie das meine es tat.« Verwundert blickt der Jüngling ihn an. »Wie, Ehrwürdiger! du bist mit Tiberius in Germanien gewesen?« »Und mit seinem Bruder vorher. Ja, ich war der Lagerpräfekt des Drusus, als dieser gegen die Elbe vorrückte.« »Ist es möglich! Man erzählt seltsame Dinge von diesem Feldzug, bei welchem er seinen Tod fand.« »Gewißlich nichts seltsameres, als was sich wirklich zutrug. Nie vergess' ich des Tages, als der Feldherr blaß und verstört in das Zelt trat, das unfern des Flusses aufgeschlagen war. Matt und stöhnend sank er auf sein Lager und erzählte mir, wie er einsam das Ufer entlang gegangen war, um auszumitteln, wo ein Brückenschlag am besten zu bewerkstelligen sei. Da erschien am jenseitigen Ufer ein Riesenweib und winkte ihm warnend zu und watete bis zur Mitte des Stromes hinaus und rief: ›Wohin Drusus? Könnt ihr Römer denn nirgends eurer Ländergier eine Schranke setzen? Zurück! Das Ende deiner Taten und deines Lebens ist nahe.‹ Also sprach Germania, und wahr hatte sie prophezeit, selber die Prophezeiung erfüllend, wie ich denke. Noch an demselben Tage brachen wir das Lager ab, und bevor wir den Rhenus erreichten, war der Feldherr hin. Schon vorher jedoch war Tiberius aus Italien eingetroffen, um den Oberbefehl an Stelle des Erkrankten zu übernehmen und um nun dem Leichnam des geliebten Bruders das Geleite bis Rom zu geben.« »Ist es wahr, was man mir gesagt hat, daß Tiberius den ganzen Weg vom Rhenus bis Rom, über die schneeigen Alpen, vor der Bahre zu Fuß einher schritt?« »So wahr, wie daß wir beide hier stehn. Nachts schliefen wir in demselben Zelt, Lager an Lager, und sprachen viel von den hohen Kriegstugenden des Verstorbenen. Ja, vor Wenigen hat der sonst so Verschlossene wohl sein Herz ausgeschüttet wie vor mir, denn er hatte meine Liebe zu Drusus erkannt und gesehen, wie sorgsam ich des Sterbenden pflegte! Er hat mir das nie vergessen – auch nicht, als er die höchste Stelle der Welt eingenommen hatte.« Mit der größten Verwunderung blickt der Jüngling den Greis an, den er unwillkürlich am Arm ergreift: »Aber so sage mir denn: wenn du ein solcher Freund des Tiberius bist – wie kommt es, daß du dich hierher hast flüchten müssen?« Bitter lächelt der Alte und schüttelt den Kopf mit der priesterlichen Binde: »Wie das kommt? Du wirst es jetzt bald erfahren. Es gibt Verbrechen – da hilft auch die Freundschaft des Weltherrschers nicht. Nein! mich konnte nur der goldene Zweig beschützen, den du in der Hand hältst. Und nur zu gut hat er mich beschützt. Nur zu lange, ach, gar zu lange lebe ich in seinem Schatten!« Fünftes Kapitel Das wahre Land Es ist ein scheu forschender Blick, mit dem der Jüngling den Greis betrachtet. Worte und Wesen des Alten sind ihm wenig geheuer. Jener aber ist zu tief in seine Gedanken versunken, um den Eindruck seines Stoßseufzers zu beachten oder auch nur zu bemerken. Der Gesang von drüben hört auf. Er bricht ab in einem hohen, wilden Jauchzen. Es ist wie der Schrei eines Adlerpaares, das in Wolken verschwindet. So sonderbar wirkt die plötzlich eintretende Stille, daß der Jüngling sich unwillkürlich umsieht, als ob etwas Sichtbares aus der Landschaft verschwunden wäre. Ob der Alte das Verstummen des Liedes bemerkt? Unbeweglich, mit finster gerunzelten Brauen, blickt dieser vor sich nieder. Dem jugendlichen Gemüt wird das Schweigen peinlich. »So bist du also in jenem schrecklichen Lande gewesen.« Eine Weile verstreicht, bis der Greis ihn groß ansieht: – »Was sprachst du von einem schrecklichen Lande?« »Ich meine, du bist also mit jenem Germanien vertraut, das nach allem, was man davon hört – von seinen Wäldern und Stürmen und grauem Himmel und Kälte – gar ein schreckliches Land sein muß.« »Schrecklich? Ein Land der Männer, das wahre Land, sag' ich dir.« In plötzlicher Erregung packt er mit der rechten Hand den verdutzten Jüngling am Arm, mit der linken auf die Wasserfläche hinunter zeigend: »Sieh dort diesen See – –« Aber mit einer beschwörenden Handbewegung kehrt der Andere sich schaudernd ab, daß kein Blinken des Wassers zwischen den Olivenstämmen seinen Blick fangen kann. »O, sprich nicht vom See!« Nur ein paar Dutzend Schritte von ihrem Standpunkt entfernt springt ein nackter Felsblock weit hervor, ganz über das Seeufer hinausragend. ›Der Opfersprung‹ wird er genannt. Daß der erschrockene Jüngling bei dessen flüchtigem Anblick unwillkürlich seine Augen zumacht, kann das grausige Erinnerungsbild nicht ausschließen, wie die Priester dort im Mondlicht einen schwarzgekleideten Mann aus ihrer Mitte nach dem überhängenden Felsrand drängen und hinunterstoßen. Die an die Ohren gepreßten Hände bannen nicht den dämonisch-gespenstigen Nachhall des Schreies und des Aufschlagens des Körpers auf das platschende Wasser tief unten. Aber der grimme Greis vor ihm hat nur ein kurzes, geringschätziges Lachen für sein Entsetzen übrig. »O, daran denkst du –? An das, was der See verbirgt? An deinen Besiegten, den wir hinunterstürzten.? Aber das ist nichts! ... Nein, wenn du erst so weit bist, daß du ihn beneidest ; daß du dem Augenblick fluchst, wo du diesen goldenen Zweig berührtest, den du jetzt als Sieger hältst; daß du auf deinen Knien die Göttin anflehst, der nächste, der ihn pflückt, möge dein Besieger werden und dich zum Opfer weihen, auf daß du Ruhe finden mögest in dem kristallenen Grab: – ja, dann blicke hinunter auf diesen strahlenden Spiegel der Waldgöttin; herum auf seine lachenden, blühenden Gestade, seine schimmernden Berggipfel und silberleuchtenden Ölhaine; hinauf in seine ambrosische Himmelskuppel; hinüber nach seinem goldenen Wunder, jenem schwimmenden Palast, wo der Weltherrscher in seiner Herrlichkeit thront – – Lüge, Lüge, Lüge – Alles eine einzige fluchbeladene gleißnerische Lüge!« So gewaltsam ist dieser Ausbruch, so seltsam erhaben die Miene und Haltung des Redners, daß sein Zuhörer ihn nur sprachlos anstaunen kann. In etwas ruhigerem Ton, aber noch immer sichtbar tief bewegt, fährt der Greis fort: »Frage nur ihn , den Herrn der Welt drüben auf seinem purpurnen Pfühle, während der Gesang der Beiden noch in seinem Ohre widerhallt: frage ihn, ob er nicht diesen seinen geliebten Aricia-See, diesen Aufenthalt für selige Götter, wie es scheint, gern und willig dahingäbe für die endlosen Wälder Germaniens mit ihren sturmdurchrauschten Eichen, ihren grauen Himmeln, ihren freien Männern und dazu seine dreißig Jahre, schwarzen Haare und von Blut noch unbefleckten Hände, die Hände eines Kriegers, die nur das Blut stolzer wehrhafter Feinde gerötet hat? Frage ihn, vielleicht wird dir Gelegenheit geboten. Denn Tiberius hat wenigstens früher es nicht verschmäht, diesen Tempel als Gastfreund zu besuchen. Gerade heute, in der Vollmondnacht, feiern wir das mittsommerliche Feuerfest der Vestalischen Diana, das ihn wohl herlocken könnte, wie es dies schon mehr als einmal getan hat. Doch du brauchst ihn nicht zu fragen. Du kannst mir glauben, mir, der ich dir gut rate: Flieh, Jüngling, flieh diesen Ort, während es noch Zeit ist, bevor nicht ein furchtbarer Eid dich sicherer hier fesselt als die Speere der Tempelwache.« »Fliehen! Bist du von Sinnen, Alter? Ich fliehen, nachdem ich mit so vielen Gefahren den sicheren Zufluchtsort erreicht habe? Im Kampf auf Leben und Tod habe ich mir das Asylrecht erworben, und jetzt fliehen?« Der finstere, fast drohende Ausdruck des Greises weicht allmählich einem bitter-wehmütigen, während er den verwirrten und entsetzten Jüngling betrachtet, der ihm schließlich noch in seiner Verzweiflung zuruft: »Und wenn ich auch flüchten wollte, wohin – wohin in aller Welt soll ich mich wenden?« »›Wohin in aller Welt,‹« wiederholt der Greis mit nachdenklichem Kopfschütteln. »Wahrlich, mit der Frage magst du nicht so unrecht haben. Wer in der Welt bleibt, mag schließlich hier so gut wie sonstwo aufgehoben sein. Ist doch dies unheilige Heiligtum so recht ein Abbild und ein Sinnbild der Welt. Denn in seinen Bezirk kommen wir nur durch ein begangenes Verbrechen. Und durch ein solches, oder einen bösen Fehltritt sind wir auch in diese Welt hinein geraten, um hier jene im Vordasein begangene Sünde zu büßen, wie uns alle die Weisen lehren, und wie jedermann Tag für Tag an sich selber erfahren und immer tiefer begreifen kann. Und gleichwie unsere vordaseinliche Seele, als sie, durch ihren Schicksalsdrang getrieben, in diese Welt trat, nicht wußte, wohin sie ging und in welche Gesellschaft sie sich begab: also weiß auch der Flüchtling, der nach dem goldenen Zweig greift, nicht, was das für eine Priesterschaft ist, in deren Reihe er Schutz sucht. Du, mein Sohn, wirst es nunmehr erfahren, denn, in der Tat, die Zeit der Flucht ist um.« Sechstes Kapitel Die elfenbeinerne Pforte Ein laut schallender, eherner Klang, der die letzten Worte des greisen herkulischen Priesters begleitet, veranlaßt den Jüngling sich umzuwenden. Hinter dem Säulengang hat sich die bronzene Doppeltür der Tempelzelle geöffnet. Der Oberpriester, an der goldenen Kopfbinde erkennbar, tritt heraus. Ihm folgen neun Priester. Der Alte geht auf den heiligen Baum zu und stellt sich innerhalb der Einhegung. Der Jüngling folgt ihm und nimmt auf seine Anweisung seinen Stand gerade vor dem mächtigen, knorrigen und gespaltenen Baumstamm. Vor ihm, mitten in der Öffnung bleibt der Oberpriester stehen. »Die Stunde,« hebt er an, »ist jetzt gekommen, wo du in das Mysterium dieses Heiligtums eingeweiht und in unseren Kreis aufgenommen werden sollst. Wisse denn, daß der goldene Zweig, den du in begnadeten Händen hältst, kein anderer ist als jener, den einst Äneas auf das Geheiß der Cumäischen Sibylle im dunklen Haine des Aornos von der Steineiche brach und wodurch ihm die Unterwelt geöffnet wurde, wie dir ja wohlbekannt ist aus dem hehren Liede, welches die Musen dem göttlichen Sohn Mantuas eingaben. Ja wenn nicht ein unerbittliches Fatum Vergilius vor der Zeit in jenes Elysium hinweggerafft hätte, von welchem er uns in unsterblichen Versen Kunde gegeben, so würde er die Änëis würdig beschlossen und gekrönt haben, indem er jene Begebenheit besungen hätte, die das Geheimwissen unserer Priesterschaft ausmacht. Denn er, der Sänger und Prophet, hätte sie gewißlich im Geiste erschaut. Er hätte uns erzählt, wie Äneas, nachdem er den Krieg siegreich beendet und seine Herrschaft fest gegründet hatte, nun, von einer Gottheit im Innern bewegt, daran dachte, dem goldenen Zweig ein würdiges Heiligtum zu stiften. Du wirst mich fragen, wie der fromme Held auf diesen Gedanken kommen konnte, da er doch gar nicht mehr den goldenen Zweig besaß, vielmehr denselben über die Schwelle der Elysiumspforte geheftet hatte. Hierauf ist meine Antwort folgende: Wenn der Liebling der Kamönen, Horatius Flaccus, uns verrät, daß der gute Homeros bisweilen schläft, so zeigt es sich hier, daß sein eigener guter Freund, dem er ein nicht unwürdiger Nebenbuhler war, daß, sage ich, Vergilius nicht nur geschlafen sondern auch recht töricht geträumt hat, als er jene Stelle niederschrieb. Denn hätte der fromme Sprößling des Anchises und der Venus seinen schützenden Goldzweig mitten in der Unterwelt von sich gelegt, so wäre er nimmermehr aus derselben herausgekommen; folglich wäre das Julische Geschlecht nie entstanden; folglich – und dies ist die allersonderbarste Folge – wäre die Änëis nie gedichtet worden; so daß selbstmörderischere Zeilen nie vom Rohre dem Papier anvertraut wurden. Ja wenn wir hören, daß der göttliche Sänger mit seiner Dichtung – diesem Stolz des römischen Volkes – unzufrieden war, ja, daß er sogar beim Nahen des Todes daran dachte, sie zu vernichten: so wollen wir dies nicht mit törichten Grammatikern daraus erklären, daß sie einige unvollendete Verse enthält. Sicher ist der Grund in jener verunglückten Stelle zu suchen; sei es nun, daß er den Fehler klar erkannte und doch keine Zeit fand, um ihn wieder gut zu machen; sei es, daß nur ein dumpfes Gefühl der Unzufriedenheit in seinem Geiste zurückgeblieben war. Ja, ich gehe noch einen Schritt weiter und behaupte, daß im Gedichte selbst, ja sogar gerade am Schlusse jenes berühmten Gesanges, den er selber dem entzückten Augustus vorgetragen hat, eine Spur der richtigen Selbsterkenntnis des Dichters zu finden ist; wo sie allerdings als eine rätselhafte, von niemand verstandene Hieroglyphe steht. Denn offenbar weiß der Sänger nun nicht, wie er seinen Helden, den er des Zauberzweiges beraubt hat, wieder aus der Unterwelt ans Licht kommen lassen soll, und tut dies in verschämter Eile, ja auf eine anscheinend recht ungeschickte, in Wahrheit aber höchst sinnvolle Weise; wie wir ja wissen, daß die Dichter in ihrem höchsten Schaffen mit einer Art göttlichen Wahnsinnes zu Werke gehen und am besten dichten, wenn sie selber nicht wissen was sie schreiben. So läßt er denn seinen Helden zur elfenbeinernen Pforte hinaus. Diese hat nun aber, wie wir wissen und wie auch Vergilius ausdrücklich selber wiederholt, lediglich die Bestimmung, sich den falschen Träumen zu öffnen – wie die hörnerne den Wahrheitsträumen –, wenn sie nach der Oberwelt gesandt werden, um die Sterblichen zu täuschen. Durch diese Pforte also schiebt unser Sänger seinen des Zweiges beraubten Helden sachte ab – gleich einem falschen Traum! Jahrhundertelang werden nun die Grammatiker sich über diese Stelle die Köpfe zerbrechen und sehr gelehrte und spitzfindige Erklärungen dieser Unbegreiflichkeit aufstellen. Du, o Jüngling weißt nun, warum Vergilius so schreiben mußte. Wie ich dir sagte: er hatte geschlafen – den Homerischen Schlaf – und geträumt, und sein Traum war ein falscher. Ich aber will dir Wahres künden.« Siebentes Kapitel Der letzte Gesang der Änëis »Wäre es nun Vergilius vergönnt gewesen, sein unsterbliches Werk zu vollenden, so hätte er jene Stelle gestrichen, und Äneas wäre mit Hilfe des goldenen Zweiges aus der Unterwelt hinausgegangen, wie er hineingegangen war. Im letzten Gesang aber hätte der Sänger uns erzählt, wie eine Gottheit den Äneas antrieb – denn ohne das konnte er ja nichts vornehmen – dem Zweige ein Heiligtum zu stiften. Da war es ihm nun aber klar, daß in einer Stadt dazu nicht die Stelle wäre, und er verließ die Mauern. Aber auch in der Ebene schien ihm keine Stätte sich zum Heim des Waldsprosses zu eignen; so durchwanderte er die Ebene auf das blaue Waldgebirge zu und stieg in dieses hinauf. Auch zweifelte er nie, in welcher Richtung er gehen sollte, denn wo die Gabelung einer Schlucht ihm die Wahl offen ließ, bewegte sich der Zweig, den er in der Hand hielt, und zeigte ihm seinen Weg, den er bei Nacht beleuchtete. So wandelte Äneas Tage und Nächte durch die tiefen Wälder, bis sich endlich das Dickicht vor ihm lichtete und er auf diesen Fleck heraustrat. Mit Entzücken betrachtete er den Seespiegel, der in den Strahlen der Mittagssonne funkelte, wie er es jetzt tut; mit Ehrfurcht begrüßte er den mächtigen Ölbaum, dessen Schatten uns jetzt umhüllt, und fühlte den goldenen Zweig in seiner Hand sich rühren. Unter dem Baume aber gewahrte er einen Jüngling und eine Jungfrau, deren verschwisterte Züge ihre hellenische Herkunft zu erkennen gaben, und zwischen den beiden, an den Stamm gelehnt, das in Holz geschnitzte Bild einer Göttin. Noch stand er von diesem Anblick betroffen da, als der Jüngling mit gezücktem Schwert aufsprang und mit dem Ausruf: »Dort kommt das Opfer« auf ihn losstürzen wollte, von der Jungfrau aber zurückgehalten wurde. ›Was wehrst du mir, Iphigeneia?‹ rief jener. ›Sprachst du nicht selber vom Opfer? und schicken die Götter nicht diesen, wie sie manchen Fremden an der taurischen Küste der strengen Artemis schickten?‹ ›Wohl schicken sie uns diesen,‹ sprach die Jungfrau, die ein priesterliches Gewand trug, ›jedoch nicht als Opfer. Siehst du nicht, Orestes, das wunderbare göttliche Wahrzeichen, das ihn schützt?‹ Vor dem goldenen Zweig, den Äneas ihnen entgegenstreckte, ließ Orestes sein erhobenes Schwert sinken. ›Wer bist du, Fremder? und was führt dich hierher?‹ fragte die Jungfrau. ›Da ihr Euch genannt habt, möget Ihr auch meinen Namen kennen lernen, wenn er auch nicht freundlich klingen mag in den Ohren der Kinder des Agamemnon. Wisset, daß Äneas, der Sohn des Anchises, vor Euch steht.‹ Beim Namen des Trojaners zuckte das Schwert wieder in der Hand des finster dreinblickenden Jünglings, aber die Schwester hielt ihn wieder zurück. ›Und was führt dich hierher, Trojaner,‹ fragte sie, ›nach einer Stelle, die wir schon für unsere Göttin in Besitz nahmen?‹ ›Das Land gehört mir, so weit und breit ich streifen mag,‹ antwortete der Beherrscher Latiums, ›und eher muß ich fragen, wie es kommt, daß ich dir hier begegne. Denn viele Jahre sind's her, daß wir in Ilion hörten, dein Vater, der Völkerfürst, habe dich in Aulis, wo die Flotte der gegen uns gerüsteten Achäer durch Gegenwind zurückgehalten wurde, der erzürnten Artemis zum Opfer gebracht.‹ »›Du hast Falsches und Wahres gehört von dem Tag in Aulis, dem das Unglück unseres Hauses entstammt. Denn als ich schon bekränzt vor dem Altar stand, um dem Opfermesser zu fallen, entführte mich Artemis in einer Wolke nach ihrem Heiligtum an der wilden ungastlichen Küste Tauriens, dessen Priesterin ich ward. Meine Mutter aber faßte einen Haß gegen den Vater, der um des Kriegszuges willen ihre Tochter geopfert, und verband sich mit Ägisthos. Als dann nach dem Fall Ilions, den du wohl selber erlebt hast, Agamemnon nach Argos zurückkehrte, ward er von seiner Gattin und ihrem Geliebten erschlagen. Ihm entstand ein Rächer in seinem Sohn, den du hier vor dir siehst. Vom Fluch der erschlagenen Mutter getroffen und von den Erinnyen verfolgt, streifte er friedlos umher, und der Sturm warf ihn an die Küste Tauriens. König Thoas brachte mir ihn, dem Gebrauch gemäß, damit ich ihn opfern solle. Ich aber erkannte und befreite ihn. Thoas fiel von dem Schwerte des Orestes, und wir flüchteten in einem Schifflein, das Bild der Göttin mit uns nehmend. Es gab uns günstigen Wind, der uns jedoch an den ersehnten Gestaden des Hellas vorbeiführte und uns an der Ostküste Italiens landete. So wanderten wir denn, Orestes das schützende Bild tragend, landeinwärts. Zweimal wechselte der Mond, die himmlische Gestalt unserer Göttin, sein Gesicht, während wir wanderten, und nirgends wurde es uns gegeben zu ruhen, bis wir diese Stelle erreichten. Da vernahm ich im Rauschen dieses Ölbaumes die Stimme der Göttin: ›Dies ist mein Spiegel, hier sei meine Ruhestätte.‹ Wir stellten sofort das Bild in den Schatten des Baumes und überlegten uns, wie wir ihm ein Heiligtum errichten könnten und durch welche Opfergabe die Stelle zunächst der Göttin zu weihen sei; und noch während wir dies berieten, erschienst du, von der Göttin uns zur Hilfe geschickt, wie ich weiß. Denn den goldenen Zweig, den du in der Hand trägst, habe ich im Traume erschaut. So erzähle du uns nun, wie dein Fuß von den fernen trojanischen Küsten hierher geleitet wurde.‹ ›Schon einmal,‹ hub Äneas an, ›habe ich auf das Geheiß einer hehren Königin den unaussprechlichen Schmerz erneuert, indem ich den Fall des hohen Ilions berichtete. Diese furchtbaren Geschicke, deren ich ein großer Teil war, würden wohl selbst den Kindern des harten Agamemnon Zähren entlocken, wollte ich sie ausführlich schildern. Doch genug sei es zu sagen, daß in jener Schreckensnacht, als durch schändlichen Betrug Ilion in die Hände der Danaer fiel, ich aus der brennenden Stadt die Penaten und meinen alten Vater trug: dieser starb mir nach langen Irrfahrten am fernen öden Gestade dahin; jene brachte ich endlich wohlbehalten nach der verheißenen italischen Küste, ihnen hier ein neues Troja zu gründen. Bei Cumae gelandet, drang ich in die furchtbare Kluft, wo die Sibylle ihren Aufenthalt hat. Denn mich trieb ein unwiderstehliches Verlangen, in die Unterwelt hinunterzusteigen, um noch einmal meinen teuren Vater Anchises zu sehen und von seinen Lippen Wahrsagungen zu hören. Die Sibylle aber hieß mich, im tiefsten Walddickicht den goldenen Zweig zu gewinnen, der allein mir Eingang ins verbotene Reich schaffen könne. Ein Taubenpaar, von der göttlichen Mutter gesandt, führte mich zu der Steineiche, mit deren schwärzlichem Laub der Zauberzweig seinen Goldglanz mischte, und willig gab er meinem Griffe nach. Ihn in der Hand und die Seherin zur Seite durchwanderte ich die schweigsamen Schatten, das verödete Reich und die verlassenen Sitze des Pluto. Dort sah ich den dreiköpfigen Cerberus, den grimmen Charon und die stygischen Gewässer, den flammenden Phlegethon, die eiserne Höllenburg und zahllose Greuel, die zu nennen meine Lippen sich sträuben. Aber auf der Asphodelenwiese Elysiums schaute ich den hehren Erzeuger und lauschte noch einmal der väterlichen Stimme, die mir Zukünftiges offenbarte und meine Seele erstärkte. Dem Lichte der Oberwelt zurückgegeben, erreichte ich mit meinem schnellsegelnden Schiff die Mündung des Tiberstromes, und nach langen schweren Kämpfen gewann ich mir die Braut und das Reich, in welchem einst mein Geschlecht bis zur Weltherrschaft emporblühen wird. Denn also weissagte mir's der Vater, indem er mir unter den noch ungeborenen Seelen, die wie Bienenschwärme auf blumiger Wiese das Ufer der Lethe umsummten, die Gestalten jener Männer zeigte, die den Ruhm des Dardanischen Stammes bis zu den Sternen emportragen werden. Dann aber trieb es mich unwiderstehlich, dem wundervollen Goldzweig, dieser Wünschelrute meines Geistes, die mir so treu gedient, ein Heiligtum zu stiften, und auf der Suche nach einer würdigen Stelle kam ich hierher.‹ ›So sind wir uns in der Fremde begegnet,‹ sprach Iphigeneia, ›wir Kinder zweier feindlicher Völker und Geschlechter. Wir Geschwister, die der Zerstörer Ilions erzeugte, du, der flüchtige Sohn des zerstörten Ilions; – wir, die Sprößlinge eines versunkenen Hauses, du der Gründer eines Hauses, dessen Zinnen die Welt überragen werden – hier, in der Fremde begegnen wir uns, nicht ohne göttliche Fügung.‹ ›Gewißlich nicht,‹ entgegnete Äneas, ›denn des ist kein Zweifel, daß die nächtige mondgekrönte Hekate durch meine Hand ihrer Schwester, der mit der Mondsichel glänzenden Diana, diesen Goldzweig schickt, ein Weihgeschenk aus dem Avernischen Hain der Waldgöttin. Das Heiligtum, das Ihr Diana hier stiften wollt, helfe ich Euch errichten. Wohlerfahrene Männer lasse ich herkommen, Steine des Gebirges zu brechen und einen herrlichen Tempel zu bauen. Zunächst aber will ich das Weihgeschenk anbringen, wo es hingehört. Denn schon regt sich der Zweig in meiner Hand, sehnsuchtsvoll, sein neues Heim zu finden in dieser Baumkrone, aus welcher du selber, edle Jungfrau, die göttliche Stimme vernahmst.‹ Mit diesen Worten stieg er auf diese wie eine Drachenpfote hervortretende Wurzel und bohrte die Spitze der Gerte in jenen Ast hinein. Willig wucherte die göttliche Mistel sich an; wie einst mit dem dunkelgrünen Steineichenlaub mischte sie jetzt ihr goldiges Laub mit den silbrigen Ölblättern und freute sich sichtbar, funkelnd und aufleuchtend wie erfrischt, so daß sein Strahl durch das Tageslicht brach wie sonst durch das Nachtdunkel und über die herben Züge des am Stamme lehnenden Dianabildes spielte, sie zu einem beifälligen Lächeln belebend. Durch diesen Anblick beglückt, sprach der fromme Held: – ›Und wie mich dieser goldene Zweig heil durch die Schrecknisse der Unterwelt geführt und mich auch hier, wo mich der Tod bedrohte, beschirmt hat, so leuchte er auch fürderhin dem Schutzsuchenden zum Heil! Ein Asylrecht will ich diesem Heiligtum verleihen. Wer hier seine Zuflucht nimmt und den goldenen Zweig vom Baume bricht, wie ich es in dem Avernischen Haine tat – welches Verbrechen er auch begangen haben möge, gegen die rächende Hand irdischer Gerichtsbarkeit sei er gefeit! Als Priester dieses Heiligtums lebe er den Rest seiner Tage, sein Leben sei der Göttin geweiht!‹ ›Sein Leben sei der Göttin geweiht!‹ wiederholte der finstere Orestes, um dessen Brauen selbst im Glanze des goldenen Zweiges der Flügelschatten der Erinnyen schwebte: – ›So sei es! zwölf Priester verlangt Artemis, wie die zwölf wechselnden Gesichter ihres Mondes. So kann niemand hinzukommen. Wer also den Zweig bricht, der kämpfe um die Priesterschaft mit dem, den die Göttin durch das Los dazu bestimmt. Derjenige von den beiden, der im Ringkampf unterliegt, werde in den See gestürzt, ein Opfer der Göttin!‹ Kaum hatte Orestes diese Worte ausgesprochen, da rauschte es mächtig durch den breiten Baumwipfel. ›Die Stimme der Göttin vernehme ich,‹ rief die begeisterte Iphigeneia – ›Artemis hat das Gelübde und die Stiftung dieses Asylheiligtumes angenommen.‹« Achtes Kapitel Zum ritualen Beschluß »Also belehrt,« schließt der Oberpriester, »tritt nun, o Jüngling, die errungene Priesterschaft an. Mir aber übergib den goldenen Zweig, damit ich ihn wieder dem heiligen Baume einimpfe, dem nächsten Schutzsuchenden zum Heile.« Mit tiefer Verneigung reicht der Neuling den Zweig dem Oberpriester. Dieser berührt mit seiner Stirn das goldene Laub. Nachdem er so das göttliche Wahrzeichen ehrfurchtsvoll begrüßt und angebetet hat, besteigt er die Wurzel, die einst den frommen Äneas trug, und während die Priester vor der Einhegung niederknien und alte Weihsprüche murmeln, befestigt er mit kundiger Hand die Wundermistel am leicht erreichbaren Aste. Und herabsteigend spricht der Oberpriester: – »Solange der goldene Zweig, den Äneas im Avernischen Haine pflückte, an diesem Baume wuchernd, von Siegerhand zu Siegerhand geht und der Besiegte im heiligen See als ein Opfer ertränkt wird, so lange grünt und gedeiht dieser Ölbaum. Solange dieser Ölbaum grünt und gedeiht, so lange steht dieser Tempel. Solange dieser Tempel steht, so lange bleibt das Dianabild, das Orestes und Iphigeneia von der taurischen Küste hierherbrachten, unversehrt. Solange dies Dianabild unversehrt bleibt, so lange wächst und blüht das Geschlecht, das gepflanzt wurde von Äneas, welcher dem Bilde dies Heiligtum stiftete – wächst und erhebt seine Krone weltbeschattend bis zum Sternenhimmel und bekränzt sich goldig, wie dieser Baum. Solange das Geschlecht des Äneas wächst und blüht, so lange steht Rom. Solange Rom steht, so lange steht die Welt. Dies ist der Geheimsinn, dies die innewohnende Kraft dieses hochheiligen Ritus.« Buch der Beichte Im hehren Argonautenkreise War jeder brav nach seiner eignen Weise. Goethe, Faust II. Erstes Kapitel Die Satzung der Beichte Auf der obersten Stufe des Peristyls haben die Priester sich aufgestellt, vor jeder Säule und in jedem Zwischenraume je einer. Nur die letzte Ecksäule nach links bleibt unbesetzt. So stehen zehn Priester in einer Reihe da. Der Neuling und sein herkulischer Freund, der als wachehabender Priester vor den Stufen stehen bleibt, vollenden die heilige Zwölfzahl der Priesterschaft. Wie der Jüngling nun diese Zehn so aufgereiht vor sich sieht, von dem vollen Sonnenlichte bestrahlt, drängt sich ihm der Gedanke auf, daß er noch nie eine solche Versammlung von Spitzbubengesichtern und Galgenvogelmasken gesehen habe. Die Worte des Alten, daß man, wenn man in diesen Tempel eintrete, sowenig wie beim Eintreten in diese Welt wisse, in welche Gesellschaft man geriete, erhalten eine unheimliche Bedeutung. Es wäre schwierig zu sagen, welchem von den Zehn man den Preis für äußerlich zutage tretende Schurkenhaftigkeit zuerteilen solle. Hätte er sich aber entscheiden müssen, würde er wohl den Oberpriester, einen bartlosen Fünfziger von mittlerer Größe, solchermaßen ausgezeichnet haben. Dieser steht gerade in der Mitte, im dunkeln Rahmen der offenen Tür zur Zelle. Drinnen flackert bisweilen das Altarfeuer auf, und in seinem Scheine schimmern die steifen Gliedmaßen der Göttin hervor, in altem schwarz und blank gewordenen Holz gebildet. Der Oberpriester – primus inter pares – bricht zuerst das feierliche Schweigen. »Bevor du, o unbekannter Jüngling, über diese Schwelle trittst, den bindenden Eid ablegst und mit dem Gewande dieser hochheiligen Priesterschaft bekleidet wirst, gebieten unsere Satzungen, daß wir dich kennen lernen, und du uns. Nicht begehren wir deinen Namen und Herkunft zu wissen. Denn welchen Namen auch einer draußen in der Welt getragen hat, ob durch eigene Tugenden von Fama ausposaunt oder klanglos, ob von seinen Vorfahren in die Annalen Roms eingeschrieben oder ahnenlos, ob patrizisch oder plebejisch, ob römisch, griechisch oder barbarisch – jener Name wird beim Eintreten in diese geweihte Schar abgestreift und zurückgelassen. Nicht darf er in diesem geheiligten Bezirk ertönen. Dafür aber bekommt der nunmehr Namenlose einen neuen, heiligen, ihm angemessenen Namen. Diesen dir zu erteilen, damit ich dich rite zum Eintreten auffordern kann, ist unsere Obliegenheit. Erzähle uns also, welche Tat dich in den Hain und nach dem Tempel der taurischen Diana geführt hat. Aber hüte dich wohl, o Jüngling, daß du uns nur die reine Wahrheit sagst. Wähne nicht töricht, du könntest uns hinters Licht führen mittelst falscher Reden, wie sie draußen in der Welt solche führen. Wisse, daß in diesem Heiligtums die Wahrheit lebt; nur sie kann hier gedeihen. Keine Tat ist so schwarz, sie darf sich hier bekennen. Nur die Lüge und die Schamhaftigkeit sind der herben Göttin verhaßt. Und sieh –« Der Oberpriester wendet sich und zeigt hinein auf das im Flatterlicht aus dem Dunkel hervorschimmernde Standbild, und die Priester verneigen sich murmelnd – »Sieh, die Göttin lauscht drinnen in ihrer Zelle. Kein Wort wird ihr verloren gehen, und unnachsichtig straft sie den Frevler, der es wagen würde, durch die geringste Beschönigung seiner Taten ihr keusches Ohr zu beleidigen. Sprich, Jüngling, du bist gewarnt!« Solchermaßen angeredet räuspert sich der Jüngling mit sichtlicher Befangenheit: »Ehrwürdige Väter –« Es fällt ihm schwer diese zwei Worte hervorzubringen. Sie wollen ihm durchaus in der Kehle stecken bleiben, obwohl er durch Niederschlagen der Augen sich dem unmittelbaren Anblicke dieser Väter entzieht. »Auch unaufgefordert –« fahrt er dann nach der schwierigen captatio benevolentiae schon zungenfertiger fort – »hätte ich Euch berichtet, was mich hierher geführt. Damit Ihr seht, daß Ihr keinen Unwürdigen in Euren Kreis aufnehmet, daß nichts, was Schande mit sich führt, kein Verbrechen mich dazu trieb, in diesem weitberühmten Heiligtume das Asylrecht zu suchen. Ja nicht einmal einen Fehltritt wird man das wohl billig nennen können, sondern lediglich die Unvorsichtigkeit der unerfahrenen, gutgläubigen Jugend, in welcher Ihr wohl gar das Zeichen einer edlen Gesinnung erkennen werdet.« Höchst zufrieden mit dieser rhetorischen Leistung als Einleitung hemmt der Jüngling seinen nunmehr glatt dahinrieselnden Redefluß, um den Zuhörern Zeit für ein aufmunterndes Beifallsmurmeln zu gönnen. Ein solches erfolgt denn auch, jedoch von verdächtigem Klang. Verstohlen blickt er auf. Es will ihn bedünken, als ob eine leise Welle fast höhnischer Heiterkeit die Reihe der ehrwürdigen Väter durchflute. »Du hast, o Jüngling,« nimmt der Oberpriester das Wort, »in der Tat unsere Erwartung, Neues und Unvermutetes zu hören, durch eine wohlgesetzte Einleitung aufs Höchste gespannt. – Also erzähle!« Zweites Kapitel Die Beichte des Telemachos »Meine Worte, ehrwürdige Väter, haben Euch hoffentlich schon davon überzeugt, daß ich nicht etwa ein entlaufener Sklave bin, wofür Ihr mich wohl halten könntet, angesichts dieses schlechten Gewandes. Es ist in der Tat das eines meiner Sklaven, deren ich viele besitze, oder vielmehr besaß. Denn ich entstamme einer reichbegüterten Senatorenfamilie. Sie gehörte zu den treuesten Anhängern der Partei des Germanicus. Wenn nun auch der immer drohende Untergang dieses erlauchten Hauses einen Schatten über uns alle warf, so genoß ich nichtsdestoweniger meine Jugend in geselligem Verkehr mit Freunden und Altersgenossen meines Standes. Zu diesem Kreise gehörte etwa seit dem Anfange des Jahres auch ein gewisser Longinus, der älter als wir anderen war. Er gewann sehr bald unser Vertrauen durch seine schwärmerische Verehrung für die unglückliche Gemahlin des Germanicus. Er wußte viel Empörendes von dem traurigen Zustand Agrippinas in der Verbannung zu erzählen; denn dafür schien er eine geheime Quelle zu haben, die ich jetzt wohl erraten kann. Daß er bei solcher Gesinnung, so wenig wie wir alle, gut auf Sejanus zu sprechen war, versteht sich von selber. In der Tat waren es einige sehr freimütige Äußerungen über dessen höchste Ehrung, das Konsulat mit Tiberius selber zu teilen, die uns zuerst näher zusammenbrachten. Nun begab es sich vor einigen Wochen, daß ich eine Anzahl meiner vertrautesten Freunde zu Tisch hatte. Als wir den Gerichten hinlänglich zugesprochen hatten und schön bekränzt dalagen, hieß ich die aufwartenden Sklaven hinausgehen, damit wir uns frei über politische Sachen unterhalten könnten. Sofort kam die wichtigste Tagesneuigkeit zur Sprache, daß der Princeps Capreä verlassen habe und unterwegs nach Rom sei; wie man sogar wissen wollte, um wieder bleibend dort Aufenthalt zu nehmen. Viele versprachen sich daraus das Heil des Staates, indem sie alles Böse, was in den letzten Jahren geschehen war, auf Sejanus schoben, der in Abwesenheit des Princeps nach Belieben schaltete und waltete. Auch Longinus, der natürlich nicht fehlte, sprach sich in diesem Sinne aus. Er wollte wissen, Sejanus rüste sich, dem Tiberius nach Campanien entgegenzuziehen, ungewiß um ihn herzubringen oder um ihn abzuhalten. Denn beides könne seinen Plänen dienen; ersteres zumal, wenn ihm daran läge, den letzten Germanicus-Sproß Cajus, der sich ja im Gefolge des Princeps befand, in seine Gewalt zu bekommen. Ich selber stimmte ihm darin vollkommen bei. Sejanus, rief ich, trachte nur danach, selber Princeps zu werden und alle aus dem Wege zu räumen, die zwischen ihm und seinem Ziele stünden. Deshalb sei auch Drusus Sohn des Tiberius. gewiß keines natürlichen Todes gestorben. Longinus nickte bedeutungsvoll über seiner Weinschale und gab zu verstehen, daß er mehr wisse als er sagen möchte. Als man aber von allen Seiten auf ihn eindrang, gestand er, seine Gründe zu haben, diesem Gerüchte Glauben zu schenken, besonders da er es nun auch durch mich bestätigt fände. Hierdurch aufgemuntert behauptete ich, es könne kein Zweifel bestehen, Sejanus habe die Livilla Drusus' Gemahlin. verführt und die beiden hätten Drusus ermordet, höchst wahrscheinlich mit Hilfe des Arztes Eudemus, der ihm schleichendes Gift beigebracht. »So starb,« rief ich, »der Sohn des Princeps durch ruchlose Hand. O welch tragischer Anblick, der alternde Tiberius, der – nichtsahnend – in dem Mörder seines einzigen Sohnes und Erben seinen besten Freund sieht! Nero ist dahin, Drusus Germanicus Nero und Drusus, Söhne des Germanicus und der Agrippina. verschmachtet im Gefängnis, und der Würger streckt jetzt die Hand aus nach dem letzten Opfer, Cajus Cäsar, den sie Caligula nennen nach den Soldatenstiefeln, mit denen angetan ihn einst die hehre Mutter den Legionen zeigte. Unter den Augen des Princeps wird er erzogen, zum Nachfolger bestimmt – wie sollte jenes Ungeheuer nicht alles daran setzen, ihn aus dem Wege zu räumen? Aber man muß ihm zuvorkommen! Sejanus muß gestürzt werden, bevor nicht die letzte Hoffnung einer Welt an der Bahre dieses edlen Jünglings weint!« Mit solchen beredten Worten riß ich sie alle zur Begeisterung hin. Longinus jedoch, obwohl zustimmend, gemahnte uns an die ungeheuren Schwierigkeiten, die ein solches hochlöbliches Vorhaben fast unausführbar erscheinen ließen. Denn selbst wenn man auch die klarsten Beweise für die Schuld des Sejanus in Händen hätte, wie solle man sie dem Princeps vorlegen? Wenn er auch jetzt seine unzugängliche Felseninsel verlassen habe und insofern nicht so unnahbar sei wie sonst, ja selbst wenn er sich dauernd wieder in Rom niederließe, so ginge ja doch der Weg zu seinem Ohre nur durch Sejanus selber. Ja, wenn man jemand für die gute Sache gewinnen könnte, der durch Sejanus den Zutritt zum Princeps hätte! »Höre mich, Freund Longinus!« rief ich dann, erregt von meinem Lager aufspringend, »gewiß hat mir ein Gott das eingegeben, was gerade durch diese deine Worte mir in den Sinn kam. Hast du mir nicht noch gestern von einem jungen Germanen erzählt, den Sejanus für einen hohen Posten bei der Prätorianergarde ausersehen habe?« »Du meinst den Geisel der Chatten, Segismundus.« »Gewiß. Und von ihm sagtest du, daß er ein redlicher junger Mann sei und dem Tiberius sehr ergeben.« »Das ist er in der Tat, obwohl vielleicht nur, weil dieser dem Germanicus gebot, die Germanen in Frieden zu lassen, und ihn sogar nach Syrien schickte, als Germanicus' Sinnen und Trachten auf große Feldzüge gegen die Cherusker gerichtet war.« »Was auch der Grund sein mag,« versetzte ich, »er ist der Gesuchte. Denn du ergingst dich dabei auch in Lobreden über die wundervolle Stimme, die diesem Barbaren gegeben ist.« Daß aber Longinus dabei nicht übertrieben hatte, davon habt Ihr, ehrwürdige Väter, Euch selber überzeugen können, da diese herrliche Stimme soeben von der goldenen Galeere, wo er mit einer Landsmännin zusammen dem Princeps vorsang, herübergedrungen ist. »Nun ist es,« fuhr ich fort, »männiglich bekannt, daß Tiberius, wie fast alle schwermütigen und verschlossenen, ja finsteren Naturen, die ja schon insofern etwas Barbarisches an sich haben, für die Musik, die von jeher eine barbarische Kunst war, eine große Vorliebe hegt; daß Töne sozusagen den eisernen Ring, der um sein Herz geschmiedet ist, weich wie einen Gürtel machen und sein Gemüt aus seiner Starrheit erlösen. Das, denk' ich, wird aber noch in erhöhtem Grade gelten, wenn es sich um Lieder eines Germanen handelt, die ihm seine Jugend zurückrufen und das Bild seines geliebten Bruders Drusus ihm vormalen werden. Somit kann es nicht allzu schwierig sein, dem Segismundus beim Princeps Zutritt zu verschaffen.« »O,« meinte Longinus, »dies wird sich ohnehin von selber machen. Denn daß Sejanus sich vorbereitet, dem Princeps entgegenzureisen, erfuhr ich gerade heute von Segismundus selber, der mitgehen soll und sich darauf sehr freute.« »Nun,« rief ich, »da ist aber auch keine Zeit zu verlieren, um ihn für unsere Sache zu gewinnen und ihn von der Schuld des Sejanus zu überzeugen, sowie von den Gefahren, die Tiberius und dem jungen Cajus Cäsar durch den verräterischen Prätorianerpräfekten drohen. Du mußt also, lieber Longinus, eine Zusammenkunft mit diesem edlen Barbaren veranstalten, daß wir ihn kennen lernen und er unter unseren Einfluß kommt – denn, glaube mir, seine Stimme ist der Weg zum Ohre des Tiberius.« Dies versprach Longinus unter eifrigem Eingehen auf meinen Gedanken, der in der Tat unsere ganze Runde zur Begeisterung hinriß. In unserer gehobenen Feststimmung sahen wir schon den Erfolg eine Sache krönen, die so edel war, daß alle Götter, die Rom hold sind, sie fördern mußten. Feierlich goß ich am Hausaltar die Libation aus für Venus genetrix , die Schutzgöttin des Cäsarenhauses. Niemand rief lauter ›Pereat Sejanus, vivat Cajus Cäsar!‹ als Longinus. Dieser hatte freilich, seiner Gewohnheit entgegen, dem Weine tüchtig zugesprochen, so daß wir ihn nach Hause bringen mußten. Am nächsten Nachmittag trat mein bester Freund, der sich natürlich auch an meinem Festmahle beteiligt hatte, blassen Gesichtes und verstörten Wesens in meine Geheimkammer. Soeben habe ihm ein Freigelassener des Sejanus, dem er kürzlich einen Dienst erwiesen, die Mitteilung gemacht, Longinus sei vor wenigen Stunden bei Sejanus gewesen und habe mit ihm eine geheime Unterredung gehabt. Das klang nun allerdings höchst sonderbar und nicht wenig beunruhigend. Wir eilten beide nach der Wohnung des Longinus, wo wir ihn im Bette mit nassen Tüchern um den Kopf liegend fanden, an den Folgen unseres Gelages leidend, oder vielmehr an einer Erkältung, die er sich beim Nachhause-gebracht-werden zugezogen hatte. Nach der Aussage seines Sklaven hatte er das Zimmer den ganzen Tag nicht verlassen. Wir beruhigten uns also bei der Annahme, der Freigelassene habe Longinus, den er nicht näher kannte, mit einem Anderen verwechselt, was um so leichter geschehen konnte, da unser Freund kein sehr ungewöhnliches Äußere besaß. Sein Erkältungsfieber zeigte sich von hartnäckiger Art, so daß es zu der verabredeten Begegnung mir dem jungen Germanen nicht kam. Dieser verließ außerdem nach ein paar Wochen die Stadt und zwar in der Gefolgschaft des Sejanus, als dieser dem Tiberius entgegenreiste. Mir hatten uns unterdessen sehr beruhigt. Vollends die Abreise des allmächtigen Mannes, ohne daß bis dahin etwas geschehen wäre, zeigte uns die Grundlosigkeit unserer Bestürzung, so daß wir Longinus gegenüber, unseres Mißtrauens wegen, ein schlechtes Gewissen hatten. Dieser beklagte übrigens nicht weniger als wir, daß Segismundus nun ohne von uns erleuchtet worden zu sein dem Tiberius entgegen gereist sei, und vielleicht eine sehr wichtige Gelegenheit unbenutzt vorübergegangen wäre. So kam denn der vorgestrige Tag heran. Ich befand mich in den Thermen Agrippas und lag nach dem Bade wohl geknetet und eingeölt, mit einer Satire des Horatius angenehm mich unterhaltend, als einer meiner Sklaven, der nur gewöhnlichen Hof und Gartendienst versah, mir aber besonders ergeben war, eiligst hereintrat. Seine Mienen zeigten so deutlich, daß etwas Schlimmes geschehen sei, daß ich sofort von meinem Lager aufsprang und die Rolle von mir warf. Unser Haus war von Prätorianern umzingelt und besetzt. Nur durch einen Zufall war es ihm gelungen, unbemerkt durch eine Gartentür zu entkommen, um mich zu warnen. Was es zu bedeuten hatte, konnte er zwar nicht wissen; ich aber sah nur zu genau, daß ich verloren sei, wenn ich nicht entkäme. Aber wohin? Da fiel mir dieser berühmte Dianatempel ein. Konnte ich ihn erreichen, war ich sicher. Ich wechselte Kleider mit dem getreuen Sklaven. Mittels einer Salbe schmutzten wir den unteren Teil meines Gesichtes zu, als ob er ein paar Tage lang des Rasierens hätte entbehren müssen. So notdürftig vermummt, schlich ich durch entlegene Gassen nach einem Häuschen in der Suburra, wo die Mutter jenes Sklaven wohnte, und verbarg mich dort, bis die Dämmerung eintrat. Unter ihrem Schleier entkam ich aus der Stadt und erreichte das Albanergebirge, wo ich mich tagsüber in einer Höhle aufhielt, die mir von Jagdausflügen bekannt war, um dann, wie ihr wißt, mit dem aufgehenden Monde das heißersehnte Asyl zu erreichen.« Der angehende Dianapriester schweigt. »Mir haben dich nun kennen gelernt, o Telemachos,« sagt der Oberpriester, und sich rechts und links an die Priesterschaft wendend, fährt er fort: »Denn unter diesem Namen können wir vielleicht den Neuling in unseren Kreis aufnehmen. Mir wenigstens scheint er ein ebensolches Stück sancta simplicitas zu sein wie jener berühmte Jüngling, der sicherlich schon in den ersten Gesängen des Epos elend zugrunde gegangen wäre, wenn nicht die immer einen anderen Entschluß fassende blauäugige Athene zu seinen Gunsten ein Wunder nach dem anderen gewirkt hätte. Habe ich in diesem Punkte die Zustimmung der Priesterschaft?« »Telemachos sei sein Name,« murmelt der Chorus. »Nunmehr gebieten unsere Satzungen, daß auch du, o Telemachos, nach derselben Maßgabe uns, deine Genossen in diesem heiligen Priesteramte, kennenlernst; wobei denn ich als König des Haines und Oberpriester des Heiligtums den Anfang zu machen habe. Drittes Kapitel. Beichte des Demosthenes. Wenn auch dein Bericht, o Telemachos, uns alle tief ergriffen und höchlichst erbaut hat, so doch gewißlich niemand so sehr wie mich. Habe ich doch dadurch ganz unerwartet von meinem Freunde Longinus das Neueste erfahren und ersehe daraus, daß er grünt und blüht. Denn ohne Zweifel ist er jetzt schon im Besitze des ihm wegen seiner Bemühungen zukommenden Teiles deines Vermögens, welches, wie ich mit Freude vernahm, bedeutend war. Ja, obwohl von verschiedenem Alter – denn Longinus war reichlich zehn Jahre jünger als ich – und von sehr verschiedener Begabung – verbanden uns gleiche Charaktereigenschaften und Neigungen, besonders aber auch die Begeisterung für unseren gemeinsamen Beruf. Dieser war, wie dein Scharfsinn dir zweifelsohne sagt, das Angebertum. Denn da wir beide unbegütert waren und auch keiner von uns Lust verspürte, auf die Genüsse des Lebens zu verzichten, die eine wohlgefüllte Börse fordern, wurde unsere natürliche Zuflucht jenes Erbrecht des Quiriten, das Palladium der römischen Freiheit: das Recht, gegen jedweden Mitbürger Klage anzustrengen und je nach dem Falle einen Teil der über ihn verhängten Geldbuße oder seines eingezogenen Vermögens einzustecken. Eine Lobrede auf dies ehrwürdige Gewerbe zu halten, scheint mir überflüssig, da es männiglich bekannt ist, daß es sogar für den unsterblichen Julius die erste Sprosse der goldenen Leiter wurde, die ihn nicht nur auf den höchsten Gipfel der Welt sondern ins Reich der Götter führte. Denn jeder weiß, daß Cäsar zuerst durch seine Anklagen gegen Dolabella und Antonius die öffentliche Aufmerksamkeit auf sich lenkte, obwohl er beide Gerichtssachen verlor. Ich wurde zwar durch meine erste Anklage nicht so bekannt, aber ich gewann die Sache, was immerhin das wichtigste ist. Es war bei dieser Gelegenheit, daß ich Longinus kennen und schätzen lernte; denn ich hatte ihn als einen wichtigen Zeugen in einem Sabinernest ausfindig gemacht und ihn auf eigene Kosten nach Rom kommen lassen wo es ihm so sehr gefiel, daß er sich entschloß, dort zu bleiben, zumal ich, der ich seine seltenen Fähigkeiten bald entdeckte, ihm eifrig zuredete. Er wurde in der Tat zuerst mein Schüler, dann mein Genosse. Innerhalb unseres gemeinsamen Feldes verfolgten wir ein jeder seinen eigenen, ihm besonders angemessenen Weg. Wie es nämlich beim edlen Waidwerk, in dem du dich ja auskennst, der Fall ist, daß der eine Hund mit der Nase in der Luft der Fährte nachgeht der andere aber dem Wild auf dem Schweiß folgt so jagten wir beide auf ganz verschiedene Weisen, die sich aber gegenseitig wundervoll in die Hände spielten. Meine Naturgabe war eine außerordentliche Beredsamkeit, die bei der oratorischen Erziehung der Quiriten bald Gelegenheit bekam Aufmerksamkeit zu wecken und schließlich, schulmäßig ausgebildet, zur höchsten Vollendung gedieh; weshalb ich denn auch in diesem erlauchten Kreise unter dem Namen Demosthenes gehe. Ich darf in der Tat wohl sagen, daß der Angeklagte, gegen den ich meine Redegabe ins Feld führte, schon so gut wie verloren war. Ich befand mich dann so recht in meinem Elemente. Ging es mir doch umgekehrt wie dem Tiberius. Denn von ihm ist es ja bekannt, daß er im allgemeinen nur beschwerlich spricht, ja gleichsam mit den Worten zu ringen hat; daß hingegen sein Vortrag frei, ja fließend wird, sobald es gilt, jemandem zu Hilfe zu kommen. Mein Redefluß schwoll aber nie mächtiger und unwiderstehlicher, als wenn es sich darum handelte, jemand in Unglück zu stürzen, ihn ums Leben oder um die Freiheit zu bringen – jedenfalls um sein Vermögen, was für mich, der ich daran Teil bekam, der einzige wirkliche Zweck war. Longinus kennst du ja selber und weißt also, daß er das Wort sehr wenig in seiner Gewalt hat. Die Aufgabe, die er sich ausersehen hatte und für die er wunderbar ausgerüstet war, bestand nun darin, Leute ausfindig zu machen, die er durch allerlei Schliche, indem er ihr Vertrauen gewann, auf Wege der Schuld locken konnte oder wenigstens auf so schlüpferige Pfade, daß man sie von dort aus auf die Anklagebank bringen konnte. Hatte er die Sache so weit gefördert, zog er sich bescheidentlich zurück, den Rest Anderen überlassend, und zwar gewöhnlich mir. Höchstens erschien er noch als Zeuge, sehr widerwillig, so daß man Alles aus ihm herausziehen und -zwacken, ja manchmal durch Drohungen herausquetschen mußte; wodurch aber sein Zeugnis nur um so belastender für den armen Freund wirkte, den er so gern schonen möchte. Er war gleichsam der Hund, der das Wild aufspürte, ich aber derjenige, welcher die schon von Diana Nemesensis angeschossene Beute stellte und zur Strecke brachte. So gewannen wir zusammen manche schwierige und dreiste Jagd und teilten mehr als einen fetten Braten. Wir würden dies höchst wahrscheinlich noch heute tun, wo er also einen ganzen Rudel aufgestöbert hat; denn ich hege keinen Zweifel, daß deine Freunde jetzt größtenteils in Verwahrung sitzen, und was er aus deinem Vermögen erbeutet, wird nicht das einzige bleiben, das ihm dieser glänzend geglückte Streich einbringt. Ja, gewiß würde auch ich dabei meinen schönen Teil einstreichen; denn, wie gesagt, noch heute würden wir zusammen die Kunst treiben, wenn nicht schon vor mehreren Jahren sich das ne quid nimis an mir bewährt hätte. Mein Weizen blühte nämlich in unserer für das Angebertum günstigen Zeit so üppig, daß ich selber in jene Schicht einrückte, deren glücklicher Vermögenszustand die Augen der Angeber in gefährlicher Weise auf sich ziehen. Dabei war ich leicht verwundbar. Denn es ist bekannt, daß Tiberius gegen die Erheber falscher Anklagen sehr streng vorgeht. Auch wird man verstehen, daß nicht Alle, die ich zu Fall gebracht, so schuldig waren, wie ich sie hatte erscheinen lassen. Denn das eben ist ja der Triumph der Beredsamkeit, während es auch dem geringeren Talente gelingt, den Schuldigen zu überführen. Meinen Berufsgenossen war dies kein Geheimnis, aber gerade von ihrer Seite war ich keines Angriffes gewärtig. Als nun aber ein paar Bösewichter – wie es solche in jedem Berufe gibt – übereinkamen, mich zu verderben, war es kaum zu verwundern, daß sie versuchten, Longinus für diesen Plan zu gewinnen. Denn niemand war so vertraut wie er mit den Wegen, die mich zu meinen Reichtümern geführt hatten. Auch mochten sie wohl in Erfahrung gebracht haben, daß er wegen einer etwas kostspieligen Liebschaft gerade zur Zeit sich in Geldverlegenheit befände. In der Tat ließ Longinus willig genug sich mit ihnen ein. Dieser außerordentliche Geist begriff jedoch sofort, daß er, wenn er allein vorginge, mir nicht weniger als sich selber dienen könne. Zuerst bearbeitete er mich mit anonymen Erpressungsbriefen, und als er mich dadurch hinlänglich heiß gemacht hatte, fand er sich persönlich ein. Als er mir die Sachlage ganz klar darlegte, sah ich sofort, daß ich ein verlorener Mann sei. So wurden wir denn bald handelseinig. Ich überließ ihm einen größeren Teil meines Vermögens, als er bestenfalls im Verein mit den Anderen hätte gewinnen können. Dafür hielt er seine Genossen hin und setzte in unauffälliger Weise den Rest meines Vermögens in Edelsteine um, die ich in einen Gürtel genäht auf meinem Körper verbergen konnte. Und so kam ich denn, alles Meinige bei mir tragend, unverfolgt hier an. Du meinst nun vielleicht, o Telemachos, daß mein Schatz mir an diesem Orte nicht viel nützen könnte. Aber darin irrst du dich gewaltig. Denn über meine oratorische Ausbildung hatte ich von jeher meine athletische schmählich vernachlässigt. Wäre ich nun mit leeren Händen nach dem Heiligtume gekommen, so hätte ich nicht die geringste Aussicht gehabt, mir hier eine Freistätte zu erobern. Denn wer auch immer aus der damaligen Priesterschaft mein Gegner geworden wäre, er hätte mich sicherlich besiegt, und ich wäre von jenem Felsen aus in den See hinuntergestürzt worden. Nunmehr aber hat der unerhört reiche Opferschatz, den ich aus dem Jagdgebiete der Diana Nemesensis der Diana Nemorensis überbrachte, unterstützt durch meine überwältigende Beredsamkeit, das strenge Tempelrecht gebogen. Dabei kam mir allerdings noch der Glücksfall zustatten, daß der Oberpriester, Rex Nemorensis , soeben an Fieber erkrankt war. Ohne diesen nun der Unannehmlichkeit eines Ringkampfes auszusetzen, in dem er wohl Sieger geblieben, der jedoch seiner Gesundheit unzuträglich gewesen wäre, wurde ihm ein kaltes Bad im See bereitet, wodurch ihn gewiß das Fieber verließ. Steht doch, seit Musa den Augustus heilte, die Kaltwasserkur im höchsten Ansehen und ist durchaus hoffähig. Wonach jener Hainkönig nicht mehr gesehen ward, und ich an seine Stelle trat. In dieser Eigenschaft habe ich als Erster gesprochen und fordere nunmehr Rhadamanthus auf, den Reigen weiter zu führen.« Viertes Kapitel Die Beichte des Rhadamanthus »›Grausam waltet allhier, den Gnosus gebar, Rhadamanthus –‹« also hebt mit einem Vers der Änëis der dem Oberpriester am nächsten Stehende an, der jenen an Alter wenig übertreffen mochte. Seine Gesichtszüge, die bis jetzt dem Neuling mit denen des »Hainkönigs« an Gemeinheit zu wetteifern schienen, überboten sie nunmehr beim Sprechen sogar um ein beträchtliches. »Mit diesem erhabenen Namen hat mich nämlich das Priesterkollegium beehrt, dieweil ich ein Richter in der Oberwelt war, wie Rhadamanthus in der Unterwelt. Wenn übrigens er über Tote, ich jedoch über Lebende das Urteil zu fällen hatte, so mag ja die Ehre auf seiner Seite sein, der Vorteil aber jedenfalls auf der meinigen. Denn die Toten bringen nichts mit – nicht einmal einen schäbigen Obol unter der Zunge; denn diesen haben sie ja schon Charon als Fährlohn ausgehändigt, wenn sie vor dem Richterstuhl des Rhadamanthus erscheinen. Die Lebenden hingegen bringen einem weisen Richter manchmal sehr viel mit, wovon ich ein Liedlein zu singen wüßte. Dank dieser lobwürdigen Eigenschaft der Lebenden war mein Amt höchst einträglich, und zwar besonders während der letzten Jahre des Augustus, da der alternde und kranke Princeps beim besten und schlimmsten Willen nicht in der Lage war, sich ins einzelne hineinzumischen; so daß die Rechtspflege leidliche Freiheit genoß. Ich gestehe aber, daß mir etwas ungemütlich zumute wurde, als Tiberius mit seiner sattsam bekannten sogenannten altrömischen Gesinnung und seinen wenig zeitgemäßen Anschauungen die Zügel des Regimentes ergriff. Doch beruhigte ich mich ziemlich bald, als ich sah, daß seine Gegner im Innern und noch mehr die äußeren Schwierigkeiten, vor allem die germanischen Dinge ihm vollauf zu schaffen gaben; und bald ging Alles wieder in gewohnter Sicherheit und so vortrefflich wie je zuvor. Es war in seinem vierten Regierungsjahre, daß vor meinem Tribunal sich eine bedeutende, für mich sehr denkwürdige Gerichtsverhandlung abspielte. Was soll ich dich viel mit Einzelheiten belästigen, da du doch mit der Technik unserer Jurisprudenz wohl wenig vertraut bist. Genug sei es zu sagen, daß es sich um einen großen Vermögensprozeß handelte, und daß die Sachlage ungemein klar lag. Das Recht war ebenso gewiß auf der einen Seite, wie mein Vorteil auf der anderen. Dies aus dem sehr einfachen Grunde, daß die erstere Partei, im Bewußtsein ihres einleuchtenden Rechtes, gar nicht an Bestechung dachte; die gegnerische aber sehr. Gewiß wird es dein Interesse erhöhen, wenn ich dir sage, daß derjenige, der mir im Namen dieser bedachtsamen Prozedierenden ein höchst überzeugendes Angebot machte, kein anderer als dein Freund Longinus war, der sich also auch hieran beteiligte, wiewohl es keine Kriminalsache war und also mit Angebertum nichts zu tun hatte. In dieses schwierige Fach hat er sich wohl erst später hineingelebt; denn er war damals noch sehr jung und behandelte die heikle Frage mit einer Schüchternheit, die mir wirklich Spaß machte. Für einen Anfänger zeigte er immerhin bedeutendes Geschick, so daß ich mir dachte, er könne schon seinen Weg machen und ich würde wohl nicht das Letzte von ihm gesehen haben – eine Erwartung, die sich freilich nicht erfüllen sollte; wenigstens bis jetzt nicht. Nach dem was ich aber heute gehört habe, könnte sie sich wohl noch hier erfüllen; zumal wenn sich das Gerücht bestätigt, daß Tiberius sein selbstgewähltes Exil auf Capreä aufgibt und nach Rom zurückkehrt. Gewiß würde Longinus in diesem Kreise eine gute Aufnahme finden. Um nun zu jener denkwürdigsten aller meiner Amtshandlungen zurückzukehren, so zog die Verhandlung sich recht lange hin, obwohl die Sache so einfach lag, daß kein Zweifel möglich war. Ich hatte zwei Senatoren zu Tisch geladen, und der Tag neigte sich. Mit wachsender Unruhe erfüllte mich der Gedanke an die mächtige Muräne, die zwar nicht mit Sklavenfleisch, aber doch mit leckreren Sachen als mancher Quirit gemästet war, und die, wenn sich die Eßzeit hinausschöbe, Gefahr lief, ganz zusammengekocht auf den Tisch zu kommen – ein nicht auszudenkendes Unglück; denn beide Senatoren waren noch größere Feinschmecker als ich selber. Während mir nun dies im Kopfe herumging, fiel mein Blick zufällig auf eine dunkle Ecke des Gerichtssaales. Dort saß, von allen Andern abgesondert, eine hohe, gänzlich verhüllte Gestalt. So parzenhaft sah sie aus, daß mir ordentlich ganz unheimlich zumute wurde – doch wurde auch dies warnende Gefühl bald von dem quälenden Gedanken an meine arme, immer mehr bedrohte Muräne überwältigt. Ich hielt dies nicht länger aus. Kurzer Hand erklärte ich mich für hinlänglich unterrichtet und das Zeugenverhör für abgeschlossen. Als ich mit lauter, von dem Muränegedanken erregter Stimme den Anfangssatz meines Urteils, aus dem das Endergebnis schon deutlich hervorlugte, gesprochen hatte, fiel mein Blick irgendwie wieder auf jene verhüllte Gestalt. Die saß aber nicht mehr in der dunkeln Ecke, sondern stand nur wenige Schritte von mir entfernt, wo sie noch höher aussah. Im Schatten des über die Stirn herabhängenden Mantelsaumes blitzte ein feuriges Augenpaar mich an. Nun lief es mir kalt den Rücken hinunter, als ob das Reich der Hekate ein Gespenst als Zeugen heraufgeschickt hätte – ein meines zukünftigen Namens wenig würdiges Schaudern, da wohl Rhadamanthus sich wenig vor Gespenstern fürchtet. Die Pause benutzend, die so entstand, sagte die Gestalt mit ruhiger Stimme: »Ich habe ein Zeugnis abzulegen, das vielleicht imstande ist, die Wagschalen anders einzustellen.« Nun fuhr ich ihn aber wütend an: wie er es wagen dürfe, die Gerichtsverhandlung zu stören und als Zeuge auftreten zu wollen, nachdem ich ausdrücklich das Zeugenverhör für geschlossen erklärt habe? Er möge sich unverzüglich fortverfügen und froh sein, wenn ich ihn nicht verhaften ließe. Statt aller Antwort trat er ganz dicht an mich heran, beugte sich vor und lüftete mit einer weißen, feinen Hand den oberen Mantelsaum, indem er gleichzeitig einige Falten, die das untere Gesicht verhüllten, herabsinken ließ. Hätte ich die Züge der Gorgo vor mir geschaut – mehr zu Stein hätte ich auch nicht werden können. Diese breiten Schläfen, das wie in Marmor fein gemeißelte Kinn, die geschlängelten Lippen: – hatte ich zwar den Tiberius nur in einigem Abstand gesehen, aus Statuen und Büsten war mir das Gesicht so bekannt wie mein eigenes. Wer sein eigenes Gesicht erblickt, außer im Spiegel, der stirbt, sagt ja das Volk. Wahrlich, daß ich nicht dort auf meinem Richterstuhle vor Schreck starb, ist zum Verwundern. Zum Bewundern aber ist es gewißlich, daß ich mich hinlänglich fassen konnte, um mit Würde zu erklären, nach dem was mir der neue Zeuge zugeflüstert habe, sei allerdings sein Zeugnis geeignet, der Sache eine andere Wendung zu geben; weshalb ich nach einer Pause von einer Viertelstunde die Gerichtsverhandlung wieder aufnehmen und zu Ende führen wolle. Nach diesen Worten erhob ich mich und verließ den Saal. Vor der Tür des Gerichtsgebäudes scharrten meine Pferde ungeduldig den Boden, um mich fliegenden Hufes zu meiner Muräne zu führen. Ich hatte jedoch für diese keine Gedanken mehr übrig, sondern meine Absicht war, sofort ein warmes Bad zu nehmen und mir die Adern zu öffnen. Jedoch schon an der nächsten Straßenecke besann ich mich eines Besseren und hieß den Kutscher die Via Appia hinausfahren, was die Pferde nur laufen konnten; indem ich vorgab, einen Freund, der seine Villa bei Aricia hatte, in dringender Angelegenheit sprechen zu müssen. Als wir am Grabmale der Caecilia Metella vorüberflogen, tat ich das Gelübde, wenn ich das Asyl erreichte und meinen Platz eroberte, für die Summe, die ich in der Gestalt kostbarer Ringe an mir trug, dem Tempel ein Standbild des Mannes zu stiften, dem seine Priesterschaft mein Eintreten in den erlauchten Kreis der Zwölfe verdankte. Diese Statue wirst du wohl schon in der westlichen Ala bewundert haben. Vielleicht befremdet es dich, Tiberius dort in jugendlichen Jahren dargestellt zu sehen, wie ich ihn doch in jenem Augenblick nicht sah und überhaupt nicht gesehen habe. Gerade deshalb aber, junger Freund, ließ ich den Künstler ihn so darstellen, indem ich meinte, eine Berechtigung zu dieser Rücksichtnahme auf eigene Gefühle zu haben. Ob aber der Bildhauer die Ähnlichkeit des jungen Tiberius treffend in Marmor gebildet habe, wird Freund Verres dir am besten sagen können.« Bei diesen Worten nickt er lächelnd seinem Nebenmann zu. Dieser, ein bärtiger Greis, der dem herkulischen Freunde des Telemachos an Alter nichts nachgibt, ihm sonst aber so unähnlich wie nur möglich ist, nickt bestätigend zurück und nimmt dann das Wort. Fünftes Kapitel Beichte des Verres »Ja, ganz so steht Tiberius in meiner Erinnerung, allerdings in Feldherrnrüstung, denn anders hab' ich ihn nie gesehen. Freilich wirst du es kaum glauben, Neuling – denn die Jugend hat in diesem Punkte wenig Einbildungskraft – aber ich, der ich jetzt zu dir spreche, war damals ein rüstiger und wagehalsiger Soldat. Was man nun auch sonst gegen Tiberius einwenden mag, wenige werden bestreiten, daß er – die Verdienste des Agrippa unbeschadet – der größte Feldherr seit dem göttlichen Julius und daß er sich in militärischen Dingen auskennt. Kein Wunder also, daß Tiberius damals – ich sage es ohne falsche Bescheidenheit geradeaus wie es ist – für meine glänzende Tapferkeit, meinen Pflichteifer und meine Fähigkeit, ohne Zögern den richtigen Entschluß zu fassen, ein offenes Auge besaß. Mehr als einmal hat er den jungen Centurio – denn als solcher diente ich unter ihm – vor der versammelten Legion durch ehrende Ansprache ausgezeichnet, ja, als ein Muster zur Nachahmung hingestellt. So sehr galt ich als der ausgesprochene Liebling des Feldherrn, daß der Neid, der sich überall dem Verdienste anheftet, sich auch an das meinige heranwagte, dadurch jedoch nur zeigte, wie hoch ich in der Gunst des Tiberius stand. Ich überspringe den Rest meiner militärischen Laufbahn, die nicht ohne ihre Enttäuschungen wie auch nicht ohne ihre Triumphe war. Kurz, ich kann alles in allem mit Horatius sagen »et militavi non sine gloria«, und ich bin nicht wie er bei Philippi ohne meinen Schild davongelaufen, vielmehr – – doch lassen wir das! Mit den Jahren trat ich in den Verwaltungsdienst über, wo Augustus mich in der Toga nicht weniger schätzen lernte als ich dem Tiberius im Waffenkleid wert geworden war. In vorgerücktem Alter wurde ich dann vom Senat als Statthalter nach dem Osten geschickt. Hier habe ich denn, wie du dir wohl denken kannst, mir meinen Namen Verres verdient. Denn da sich für meinen Fall in den Epen oder sonst in der klassischen Dichtung kein Beispiel fand, wollten meine priesterlichen Amtsgenossen mich wenigstens durch einen geschichtlich berühmten Namen auszeichnen. Doch muß ich ausdrücklich bemerken, daß ich nie einen römischen Bürger habe kreuzigen lassen. In dieser Beziehung weise ich den Vergleich weit von mir. Im übrigen verhielt es sich damit auf folgende Weise. Die mir zugeteilte Provinz war reich, ja üppig, gleichmäßig von Natur und Kultur gesegnet. Sie war wie ein gedeckter Tisch, und du kannst mir glauben, ich war entschlossen, nicht hungrig aufzustehen. Kurz, ich genoß und gedieh in allen Richtungen. Selbst meine Körperlichkeit wurde behäbig und rundlich, nicht wie du jetzt mich siehst. Dies ist das einzige, was ich gegen diesen sonst so vorzüglichen Aufenthalt habe. Nicht daß unsere Tafel gerade ärmlich bestellt wäre, du wirst dich bald vom Entgegengesetzten überzeugen. Nur schade, daß man sich deren Genüssen nicht so ganz vorbehaltlos hingeben kann. Dem lieben Leben zuliebe muß man wohl oder übel darauf bedacht sein, sich kampffähig und einigermaßen in athletischem Zustande zu erhalten. Daß ich solche Rücksichten noch nehmen müsse, daran dachte ich freilich in meiner Statthalterschaft nicht. Vielmehr meinte ich damals auf immer meine Waffen im Tempel der Üppigkeit an die Wand gehängt zu haben. So standen also meine Sachen, als die nicht unerwartete Nachricht von der Verewigung des Augustus und dem Regierungsantritt des Tiberius kam. Sofort ließ ich eine große Kiste mit Weinen der ausgesuchtesten Örtlichkeiten und Jahrgänge sorgfältig verpacken und an den neuen Princeps abgehen, von einem Schreiben begleitet, in welchem ich meinen Gefühlen bei dieser außerordentlichen Gelegenheit Ausdruck gab – schlicht und einfach, wie's einem alten Soldaten ums Herz ist. Ich redete ihn nicht gerade mit seinem alten Spitznamen ›Biberius‹ an, denn so nannten wir Legionäre ihn, weil es uns wohl bekannt war, daß er gern einen Becher guten Weines leerte – nicht unehrerbietig, da seien die Götter vor! sondern wie's der Soldatenhumor halt so mit sich bringt; wovon man ja bei den Triumphzügen noch ganz andere Sachen zu hören bekommt. Wie gesagt, ich nannte ihn nicht so, aber ich erlaubte mir doch eine feine Anspielung auf diesen Legionär-Scherz. Nun, auf diese Sendung erfolgte keine Antwort. Ich will nicht leugnen, daß dies Schweigen allerhöchsterseits eine kleine Enttäuschung war. Na, schließlich sagte ich mir, je länger der Ruhm, um so kürzer das Gedächtnis; bisweilen dachte ich auch: schließlich hat er mir meinen verdeckten ›Biberius‹ doch etwas übel genommen. So gingen ein paar Jahre dahin. Ich trug mich schon mit dem Gedanken, den herannahenden Geburtstag des Tiberius zur Veranlassung einer neuen Sendung zu machen, – versteht sich ohne Anspielung und diesmal in der unverfänglichen Gestalt köstlicher Früchte, wie man sie in Rom nicht bekommt: als eines schönen Tages eine große Briefschaft mit dem cäsarischen Siegel einlief. Wie schlug mein Herz so hoch, als ich dies Schreiben in den Händen hielt! ›Ha!‹ rief ich – ›der brave Biberius! Er vergißt einen alten Kameraden nicht! Vielleicht gar eine Einladung zu Hofe! Wer weiß, er ruft mich gar, um mir in Rom ein hohes Amt anzuvertrauen; als Präfekt der Prätorianer zu enden, wäre ganz mein Fall. Er kennt ja meine hohen militärischen Fähigkeiten. Schließlich versauert man doch in der Provinz.‹ In solcher Stimmung öffnete ich den Brief. Sein Wortlaut war dieser: – ›Ich hörte einst Folgendes. Ein Verwundeter lag am Wege und wurde von einem Fliegenschwarm gequält. Ein Vorübergehender wollte die Fliegen vertreiben. Jener indes wehrte ihm ab und sagte: ›Wenn diese Fliegen sich am Blute gesättigt haben, belästigen sie mich nicht mehr viel, kommen aber neue, die noch nach Blut dursten, so geht die Qual von neuem an. Also laß diese ruhig sitzen.‹ Demgemäß war meine Regel die, die Statthalter möglichst lange in ihren Provinzen zu belassen. Es gibt jedoch auch Mückenschwärme, die sich nimmer satt saugen. Solchen gegenüber wäre diese Regel unangebracht. Leider scheinst du mir zu diesen zu gehören. Du bist aber zum Hirten bestellt, um die Schafe zu scheren, nicht um sie zu schinden. Da du von je mehr als schwerfällig von Begriff warst, möchte ich dir diesen Unterschied mündlich erklären. Weshalb ich dir Urlaub auf unbestimmte Zeit bewillige und dich deinen Amtspflichten enthebe, dich in Rom erwartend.‹ Da hatte ich nun meine Einladung nach dem Hofe! Schweren Herzens ging ich an Bord und ließ Kurs nach Italien setzen. Unterwegs hatten wir das Unglück, daß in einem Sturm das Ruder zerbrach und das Schiff auch anderweitig beschädigt wurde, so daß wir fast ein paar Wochen lang in einem griechischen Hafen liegen mußten, um das Fahrzeug wieder seetüchtig zu machen. Als wir nun endlich in den Hafen von Brundisium einliefen, bemerkten wir dort eine kleine Galeere, die der Schiffer an ihren Abzeichen sofort als ein Fahrzeug aus dem Seehafen in meiner Provinz, den wir selber verlassen hatten, erkannte. Dabei stieg mir ein gewisser unheimlicher Verdacht auf. Ich zog Erkundigungen ein und erfuhr, daß dies Schiff eine volle Woche hier läge und daß die Reisenden – acht Männer waren es – ohne auch nur eine Stunde zu verlieren ihre Reise fortgesetzt hatten. Schon den ersten, den man mir beschrieb, erkannte ich leicht an seinem roten Haar und an seiner gebrochenen Nase, die deutlich von einem vor Jahren erlittenen Unfall sprach. Es war dies ein Gutsbesitzer aus der Nähe meiner Hauptstadt. Er hatte eine sehr bedeutende Summe von einem Geldmanne geliehen, mit dem auch ich des öfteren Geschäfte machte. Viele nannten ihn einen Wucherer; er nahm aber jedenfalls keine höheren Zinsen, als der ehrenhafte Brutus, nämlich nicht ganz fünfzig vom Hundert – das heißt nicht von mir, sondern gerade von jenem Gutsbesitzer. Dieser gab nun aber vor, auch solche mäßige Abgabe nicht bezahlen zu können, und sein verzweifelter Gläubiger wandte sich an mich. Da die Gerechtigkeit seiner Forderung mir nicht zweifelhaft war, und er außerdem in seiner Freigebigkeit mir die Hälfte der einzutreibenden Summe versprach, stellte ich ihm einen Centurio mit ein paar Dutzend Soldaten zur Verfügung. Der Centurio quartierte sich mit seiner Mannschaft bei dem Gutsbesitzer ein, und es dauerte kaum einen Monat, bis dieser seine Schuld auf den letzten Sesterz bezahlt hatte. Von diesem Monat soll seine gebrochene Nase herstammen; man sprach auch von zu großen Liebenswürdigkeiten seiner Frau und seinen Töchtern gegenüber. Das sind indessen Privaterlebnisse, mit denen ich keinen Grund hatte, mich abzugeben. Die Hauptsache war, daß der Gläubiger sein Guthaben erhielt. So hatte ich wenigstens drüben in meiner Provinz gedacht. Hier in Brundisium stiegen allerdings andere Erwägungen bei mir auf. Es stellte sich immer dringlicher ein Zweifel ein, ob der Imperator mit dieser Verwendung seiner Soldaten ganz einverstanden sein würde. Denn Tiberius ist, wie schon bemerkt, ein großer Feldherr und hat sein Heer fest in der Hand; aber er ist auch in militärischen Dingen skrupelhaft genau, ja ich nehme keinen Anstand zu sagen: geradezu kleinlich. Dort, im Hafen von Brundisium, auf und ab gehend, kam ich bei dieser Vorstellung bald so weit, daß ich gern die ganze Schuld des Gutsbesitzers und außerdem noch eine Buße für die gebrochene Nase bezahlt hätte – nebst einer solchen für etwaige soldatisch bedingte Familien-Unzuträglichkeiten – wenn damit diese ganze unregelmäßige Militärsache aus der Welt zu bringen wäre. Auf solche Weise beunruhigt rastete ich nicht, bis ich festgestellt hatte, wer die übrigen sieben wohl sein könnten. Sie waren mir nur zu wohlbekannt, und ich ihnen. Es waren in der Tat Leute, die von ihrem einseitigen und beschränkten Untertanstandpunkte aus wohl meinen mochten, Grund zur Klage über mich zu haben – kurz: geschundene Schafe. Einige darunter waren mit Männern verwandt oder befreundet, die sich allerdings nicht über mich beklagen konnten, weil es für meine eigenen Zwecke nötig gewesen war, sie in einem Gefängnis umkommen zu lassen. Durch unseren Unfall hatte nun diese gefährliche Gesellschaft einen entschiedenen Vorsprung erhalten und sicherlich beim Tiberius schon ihre Beschwerden vorgebracht. Diese Entdeckung lag mir beim Weiterreisen schwer im Magen. Manches Beispiel scharfer Bestrafung solcher Statthalter-Hirten, über welche ihre geschundenen Schafe Klage geführt, fiel mir ein, zumal aus neuester Zeit, unter Tiberius selber. Vorher hatte mich das wenig angefochten. Als ein alter Kriegskamerad des Princeps hatte ich mich mehr als sicher gefühlt. Nun fing die Sache an, ein anderes Aussehen zu bekommen, und dies Aussehen wurde bedenklicher mit jeder Meile, um die ich mich der Höhle des Löwen näherte. Würden meine Spuren nur einwärts führen? oder müßte ich auf irgendeiner öden Insel, an irgendeinem ungastlichen Gestade meine Tage in Verbannung beenden? Diese Gedanken setzten mir so zu, daß ich in einem förmlichen Fieberzustand hier in der Gegend der Wälder von Aricia ankam. War doch kaum noch eine Tagereise übrig! Denn etwas anderes ist es, in eine Schlacht zu gehen oder eine Sturmleiter zu beschreiten; etwas ganz anderes einem erzürnten Tiberius gegenüberzutreten. Ich überlegte mir eben, daß es in dieser Lage wohlgetan wäre, irgendeiner mächtigen Gottheit eine hübsche Opfergabe darzubieten. Siehe, da schimmerten die Säulen eines Tempels über den See mir entgegen – eben dieselben, zwischen denen ich jetzt stehe. Sofort gab ich meinen Entschluß kund, diesem Heiligtum einen Besuch abzustatten. Der Führer erzählte mir, was für eine eigentümliche Bewandtnis es mit demselben habe; wobei ich mich denn auch erinnerte, schon längst davon gehört zu haben. Nun, war das nicht wie gerade für mich geschaffen? Mit einem Priester auf Leben und Tod zu kämpfen – pah – was war das für einen alten Soldaten? Kurz: »ich kam, sah, siegte,« wie der göttliche Julius schrieb oder: – ›Freudigen Mutes das Äußerste wagend, Leben und Priesterschaft, beides gewinnend, Greift er mit Siegerhand goldenen Zweig‹ – wie unser Pindaros singt in der herrlichen Ode, die alsbald bei deiner Einweihung ertönen wird.« Sechstes Kapitel Beichte des Pindaros Ja, jenen göttlichen Thebaner habe ich mir zum Vorbild genommen,« ruft, den solchermaßen hingeworfenen Ball aufnehmend, sein Nachbar, ein Mann in seinen kräftigsten Jahren, dessen Gesichtszüge – zumal die Nase – syrisches Blut verraten. »Auch habe ich in der Tat den Sieger in unserem altehrwürdigen Ringkampfe besungen, ob mit oder ohne Gunst der Muse wirst du selber bald hören. Sonst jedoch übertrug ich den hohen Stil und den feurigen Schwung des Pindaros vom Gebiete des Siegeshymnus auf das der Totenklage. Denn mein Gemüt lockte nicht so sehr der schimmernde Glanz des Lorbeerhaines als vielmehr der tiefe Schatten der Zypressen es an sich zog. Auch darf ich sagen, daß diese sonst fruchtlosen Bäume meinem Poetengang manche Frucht gespendet haben und daß ich nicht umsonst gesungen. Wo Zähren fließen, werden Sesterzen flüssig, wenn auch selten zehntausend für die Zeile, wie bekanntlich die zur Ohnmacht gerührte Octavia dem Sänger der Änëis für die schon deshalb mit Recht berühmte Marcellus-Stelle im sechsten Gesang bezahlte. In dieser Beziehung kann ich mich freilich mit dem Mantuaner nicht messen, wiewohl wir das Gemeinsame haben, daß auch meine am besten bezahlten Verse einem Trauerfall im Cäsarenhause zuzuschreiben sind. Als nämlich Rom, ja die ganze Welt an der verfrühten Bahre des Germanicus weinte, gaben mir die Kamönen ein Trauercarmen ein, das sich bald einiger Beliebtheit erfreute, so daß Tiberius sich veranlaßt sah, mir eine Summe zu überreichen, die im Verhältnis zu der, womit jene zwanzig Zeilen belohnt wurden, zwar recht mäßig zu nennen, im Vergleich mit allen andern, die meine florumhüllte Leier mir herbeigesungen hatte, aber sehr bedeutend war. ›Nicht für deine Verse, die schlecht sind, sondern für deinen Willen, der gut war,‹ sagte er dabei wie es ja seine leidige Gewohnheit ist, durch sein unliebsames Wesen selbst Wohltaten zu versauern. So kam ich dadurch zeitweilig auf einen grünen Zweig. Wenig ahnte es mir damals, daß die nächste verwandte Veranlassung zur Trauerdichtung größten Stils mich zum goldenen bringen und mich lebenslänglich versorgen sollte. Hiermit hatte es folgende Bewandtnis. Meine einzige Schwester war verheiratet mit einem Landsmann von mir, den du, o Telemachos, schon genannt hast: nämlich Eudemus, dem Leibarzte des Drusus. Wahrlich eine hohe Stellung! war doch der zukünftige Herrscher dieses ungeheuren Weltreiches seiner Fürsorge anvertraut. Freilich war Drusus ein kräftiger Mann von starker Konstitution, und wenn er sich auch einigen Ausschweifungen hingab und besonders auf jenen von Verres erwähnten Beinamen seines Vaters ein volles Erbrecht hatte, so konnte es doch für einen tüchtigen Arzt, und ein solcher war mein Schwager, keine gar zu schwierige Sache sein das teure Leben gegen etwaige Rückschläge solcher übermütigen Lebensäußerungen zu schützen. Bedenkt man nun, wie wichtig für die Bürger die Sicherheit der Regierungsfolge ist, wie jedes Infragestellen derselben das blutige Gespenst der Bürgerkriege heraufbeschwor, so konnte Eudemus der Dankbarkeit der Welt versichert sein; ja wie jenem Antonius Musa, der Augustus heilte, würde man ihm wohl gar ein Standbild neben dem Äskulaps errichten und ihm Opfer darbringen. An solchen stolzen Zukunftsträumen berauschte sich meine Schwester, die eine gute Seele war, aber nicht ohne ihre weiblichen Schwächen. Nun wirst du dich sicherlich der Zeit besinnen, da ein Gerücht von einer Krankheit des Drusus zuerst die Bevölkerung Roms etwas beunruhigte. Nur ein wenig allerdings; schien es sich doch lediglich um ein Erkältungsfieber zu handeln. Immerhin war dadurch meinem Schwager eine treffliche Gelegenheit geboten, sein Geschick in das beste Licht zu setzen. Natürlich machte ich alsbald meiner Schwester einen Besuch und brachte die Krankheit des Drusus auf die Bahn. Eine sonderbare Befangenheit, die mir sofort beim Eintreten in ihrem ganzen Wesen aufgefallen war, wuchs bei diesem Gespräche zusehends. Schließlich brach sie in Tränen aus und nannte sich die unglücklichste Frau in Rom. Betroffen drang ich auf sie ein, und nachdem ich ihr bei der großen Mutter und bei Adonis zugeschworen hatte, niemandem auch nur eine Silbe von dem, was sie mir anvertrauen wollte, zu sagen, gab sie ihrem von Angst und Sorge zusammengepreßten Herzen Luft. Es geschah zuweilen, daß Eudemus in der Nacht, durch lebhafte Träume beunruhigt, gleich einem Fieberkranken Namen, Worte, ja ganze Sätze vor sich hin murmelte. So war es in den letzten Wochen des öfteren gewesen. Aus diesen wilden Reden und Ausrufen hatte meine Schwester erfahren, daß er im Begriffe sei, mittels eines schleichenden Giftes, das er allein kannte, den Drusus umzubringen; dazu angestiftet von der Gattin des Drusus und von Sejanus, ihrem Buhlen. Du siehst also, o Telemachos, daß du mit dem Verdacht, den du bei deinem letzten Gastmahl aussprachst, vollkommen im Rechte warst. In höchst erregtem Gemütszustand erreichte ich meine Behausung, die von dem Esquilin-Viertel, in welchem meine Schwester wohnte, weit entfernt und recht ärmlicher Beschaffenheit war. Denn der Wohlstand, der mit dem Germanicus-Gedicht sich eingestellt hatte, war längst dahin. Seit vielen Jahren nährte ich mein Herdfeuer nur noch mit Reisig und Gezweig der Cypressen, kaum daß ab und zu ein tüchtiger Ast abfiel, vom Kernholz gänzlich zu schweigen. Nun – hier bot sich ein voller Stamm dar, dick genug, um eine ganze Stieropferflamme zu unterhalten! In dieser Beleuchtung sah ich das Geständnis, das meine tödlich erschrockene Schwester mir abgelegt hatte. Setzte mich dies Geheimnis denn nicht in den stand, jenen ersten Glücksfall noch weit zu überbieten? Würden mir aus der Schatzkammer des Tiberius nicht jetzt Denaren für Sesterzen zufließen? Damals galt das Trauerlied dem Neffen und Adoptivsohn, hier dem wirklichen Sohn. Und nur ich wußte darum – zumal gerade jetzt ein großer Fortschritt im Befinden des Drusus gemeldet wurde, wodurch andere etwaige Trauerpoeten, die sich auf dieser Spur befinden mochten, von der Fährte abgeführt wurden; während ich zu gut unterrichtet war, um mich durch solche Schwankungen, ja anscheinende Genesungsperioden, die Eudemus vorsichtshalber gebrauchte, irreführen zu lassen. So daß ich vor allen Mitbewerbern einen nicht mehr einzuholenden Vorsprung bekommen hatte. Ein solcher Vorsprung ist aber schon fast Gewinn. Es ist nämlich, o Telemachos, eine schwierige Sache, ein echtes und rechtes Trauercarmen zu verfassen. Dazu muß sehr vieles erfunden und gar manches erforscht werden, allerlei mythologische und historische Beziehungen, wozu eben Zeit gehört. Nun ist aber gerade Eile in höchstem Grade geboten, von wegen der Mitbewerber. Denn hat erst einer den Verstorbenen einigermaßen besungen und die Hinterbliebenen zu Tränen gerührt – und wenn es auch unechte wären – ach, da ist schon alle Mühe dahin, und wenn Einem auch alle neun Musen beistünden, man wird nur kargen Lohn davontragen. Ich konnte mich nun aber mit Ruhe und Fleiß an die Arbeit machen, das Lieblingswort des göttlichen Augustus »Eile mit Weile« zur Losung nehmend. So brachte ich denn auch, schon während Drusus noch immer nur an einer hartnäckigen aber keineswegs lebensgefährlichen Krankheit darniederzuliegen schien, ein wirklich sehr großartiges Kunstpoem zustande. Die ganze Ahnenreihe der stolzen Claudier, von ihrer Wiege im Sabinerneste bis hinab zur Bahre des germanischen Drusus am Rhenus stand da trauernd um das Totenlager. Da sah man den blinden Appius, wie er sich in den Senat tragen ließ, um gegen den schändlichen Frieden mit Pyrrhus zu stimmen; hier besiegte Claudius Nero den furchtbaren Hasdrubal; dort warf – als erheiternde Episode – der stolze, selbst die Orakel verachtende Claudius Pulcher unter der Sicilianischen Küste, vom hohen Schiffsbord aus die heiligen Hühner ins Meer, damit sie »saufen könnten, wenn sie nicht fressen wollten«. Auch war jene Claudia nicht vergessen, die mit ihrem Gürtel das Schifflein, welches das Bild der großen Mutter trug, von der Sandbank in der Tibermündung los zog, laut die Götter bittend, sie möchten ihr, als Zeichen ihres keuschen Wandels, die Kraft zu diesem frommen Werk verleihen. Du kannst dir denken, daß ich, der Sohn Syriens, diese Gelegenheit zum Preis der Kybele nicht unbenutzt vorübergehen ließ. Diese keusche Claudia hatte ich sehr wirkungsvoll am Fußende des Sterbelagers angebracht, wo sie niedergesunken war, laut schluchzend über den vorzeitigen Untergang so vieler Tugenden. Alsdann erschienen, auf diesen Ruf herbeieilend, in wunderbaren allegorischen Figuren, durch sinnfällige Attribute gekennzeichnet, die ganze Reihe der sogenannten altrömischen Tugenden: Tapferkeit, Fleiß, Sparsamkeit, Keuschheit, Maßhalten beim Erfolg, Unerschütterlichkeit im Unglück, Frömmigkeit den Göttern, Pietät den Eltern gegenüber und dergleichen mehr. Dies war so recht auf den Geschmack des Altertumschwärmers Tiberius gemünzt, dem zuliebe denn auch die Sparsamkeit ganz besonders herausgestrichen war. Nur versäumte ich nicht, sie sagen zu lassen, ihr Gebot möge überall befolgt werden, nur nicht wo es sich darum handelte, einen lieben Verstorbenen zu ehren oder gar den hehren Sänger, der seine Tugenden würdig besungen, zu belohnen; denn hier räume sie gern der Freigebigkeit, ja sogar der Verschwendung den Platz. Daß nicht nur alle olympischen Götter und Göttinnen von ihren goldenen Stühlen hinunterblickten, sondern auch die meisten ausländischen Gottheiten – Kybele vor allen – an der Trauer teilnahmen, brauche ich kaum ausdrücklich zu erwähnen. Kurz, es war an nichts gespart, und das Ganze war in der Tat höchst prachtvoll geraten. Auch feilte ich mit unablässigem Fleiß an meinen Versen, ja konnte mir darin gar nicht genug tun. Nicht zum zweiten Male durfte es ja geschehen, daß Tiberius meine Verse schlecht schalt. Um nun hier ganz sicher zu gehen, entschloß ich mich zu einem etwas gewagten Schritt. Ich hatte nämlich einen Freund, der zwar selber keine Verse dichtete, aber ein so gewiegter Kenner war, daß sein Ohr wie ein Goldgewicht kundgab, ob eine Silbe um eine Feder leichter oder schwerer wöge, und wie ein Meßstab dir sagte, ob ein Vokal ein Viertel länger oder kürzer sei, als erlaubt war; nie hatte er einen Hiatus überhört, noch war die versteckteste Kakaphonie je unbemerkt an ihm vorbeigeschlüpft. Kurz, eher mochte es wohl einer sündhaften oder nur gemeinen Seele gelingen, am Richterstuhl des unterweltlichen Rhadamanthus vorüber in die Gefilde der Seligen zu gelangen, als einem auch nur im geringsten fehlerhaften Verse seinem Tadel zu entgehen. Zu diesem seltenen Manne trug ich also mein Gedicht. Er fand es überaus lobenswert, zeigte mir jedoch nicht wenige Verse, die verbesserungsbedürftig wären. Nun machten wir uns gemeinsam daran, diese mit äußerster Sorgfalt abzufeilen, und so ist wohl in der lateinischen Sprache nie etwas Vollkommeneres entstanden, als dies Gedicht war, als wir die Arbeit zu seiner Zufriedenheit vollendet hatten. Aber ach, wohl habe ich Grund mit unserem Demosthenes die Wahrheit jenes warnenden Spruches »Ne quid nimis!« anzuerkennen. Mein Gedicht war nunmehr zu gut geraten. Denn mein Freund war jetzt darüber so entzückt, daß er nicht umhin konnte, diesem und jenem von dem wundervollen Totencarmen auf den immer noch nicht verstorbenen Drusus zu reden. So erfuhr sogar auch der Senat von diesem Wunderwerk. Nun ist es dir ja bekannt genug, mit welch sklavischer Kriecherei diese erlauchte Körperschaft keine Gelegenheit unbenutzt läßt, dem Tiberius, der sie so herzlich verachtet, daß er selten die Curie verläßt, ohne »o diese Sklavenseelen« zu murmeln, ihre allerunterwürfigste Ergebenheit zu versichern. Wie sollte also der Senat hier nicht den allervortrefflichsten Vorwand erblicken, um seiner Gesinnungstüchtigkeit den beredesten und überzeugendsten Ausdruck zu geben? Welches Thema für die Ciceros von heute, diese patriotische und Cäsar-anbetende Entrüstung, weil ein armer Poet Vorschußlorbeeren auf einen Trauerfall im Herrscherhause nähme! Übel wäre es mir ergangen, hätte ich nicht von einem Gönner im Senate unter der Hand die Mitteilung erhalten, daß ein Prozeß wegen eines Majestätsverbrechens über meinem Kopfe schwebe. In der Tat, meine Gefahr war groß, ja tödlich. Zwar konnte Tiberius diesmal meine Verse nicht schlecht nennen; um so fraglicher war es jedoch andererseits, ob er ›meinen Willen gut‹ finden würde. Das Schrecklichste jedoch war, daß gerade jetzt sich wirklich die Nachricht vom Tode des Drusus verbreitete. Welcher Verdacht konnte nicht jetzt entstehen? Würde man nicht fragen: wie kommt es denn, daß unter allen Dichtern Roms gerade dieser den tödlichen Ausgang dieser Krankheit so sicher voraussah? gerade dieser, der Schwager des Arztes, dem das teure Leben anvertraut war? – Welche Untersuchungen mußten da folgen, welche Entdeckungen konnten da gemacht werden? Solche Erwägungen gaben den Ausschlag und führten mich hierher. Daß es aber schon deutlich in den Sternen geschrieben stünde, ich solle meine Dichterbahn auf echte Pindarische Weise nicht mit Trauergesängen sondern mit Preisliedern auf den Sieger im Ringkampf des Aricianischen Dianahaines beschließen, das wird dir der Alte des Euripides sagen.« Siebentes Kapitel Die Beichte des Alten des Euripides »›Komm, Alter, hervor aus deinem Gemach! Wie nennt sich der Stern, der dort hinzieht? Seirios; er schwebt noch im Mittel der Bahn Beim Siebengestirn, an der Bärin zunächst.‹ Es ist dir ja nicht unbekannt, o Telemachos, der so ungewöhnlich lebhaft bewegte Anfang von ›Iphigeneia in Aulis‹. Nicht anders pflegte Tiberius mich aus meiner ärmlichen Wohnung in Rhodos zur Beobachtung der Himmelserscheinungen herauszurufen, wenn ich viel lieber den Schlaf genossen hätte, der auch ein hartes Lager umschwebt. Denn nicht jedem ist es gegeben, wie jener Mann von Eisen den Körper ganz in der Gewalt zu haben und ihn immer dem Geiste untertan zu machen. Aus diesem Grunde haben meine Mitbrüder in dieser hochehrwürdigen Priesterschaft mich »den Alten des Euripides« benannt; und so muß ich denn, keines Eigennamens mich erfreuend, mich darein finden als eine untergeordnete persona dramatis dir vorgestellt zu werden. Das liegt nun freilich vor deiner Zeit, aber gehört hast du doch davon – welcher Römer hätte das nicht? – wie Tiberius um die Mitte seiner dreißiger Jahre sein Leben mehr und mehr durch das Treiben der Gegner verbittert sah, an deren Spitze seine eigene Frau, die Tochter des Augustus, stand. Noch mehr aber wurde er, wie man sagt, angeekelt durch das Wesen eben dieser schönen und lasterhaften Julia, die ihm durch das herrische Gebot des allmächtigen Stiefvaters aufgezwungen wurde, so daß er sich um ihretwillen von einer geliebten Gattin hatte trennen müssen. Wie er es dann nicht mehr aushielt, sondern in äußerstem Widerwillen plötzlich alle seine Ämter niederlegte, um sich ins Privatleben zurückzuziehen, was ihm Augustus erst erlaubte, als Tiberius sich schon vier Tage lang aller Nahrung enthalten hatte. Damals wurde von nichts anderem gesprochen, zumal bei uns auf Rhodos, nachdem es verlautet hatte, daß Tiberius zum Aufenthalt sich keine andere Stelle ausersehen habe, als unser eigenes Eiland, vielleicht, jenes von Freund Verres erwähnten militärischen Beinamens eingedenk, durch den bei uns wachsenden unvergleichlichen Wein angelockt. Ist doch Rhodos recht eigentlich der Weinmarkt der Welt. ›Mögen das herrliche Rhodos sie preisen und auch Mytilene –‹ in diesem berühmten Vers denkt Horatius beim Nennen gerade dieser beiden Inseln gewiß an Tiberius und Agrippa. Als dieser in ähnlicher politischer Mißstimmung sich nach Mytilene zurückzog, hatte das bei uns nicht wenig Neid gegen die Rivalinsel erweckt; jetzt war die Freude groß, weil wir dieser den Rang abgelaufen hatten. Denn Tiberius war doch noch eine andere Größe als Agrippa, möge dieser nun auch die Schlachten des Augustus noch so ruhmreich geschlagen haben; ich stimme da mit Freund Verres völlig überein. Nun, unter allen Rhodensern war gewiß niemand eifriger als ich, alles über diese Sache zu erfragen, wozu ich freilich meine guten Gründe hatte. Es war eine bekannte Sache, daß Tiberius immer der himmlischen Wissenschaft der Sternkunde zugetan gewesen war. Bisher hatten Kriegszüge und Staatsgeschäfte ihm nur wenig Zeit gelassen, sich dieser edlen Neigung hinzugeben; es stand aber zu erwarten, daß er sein unfreiwilliges Otium dazu benutzen würde, das Versäumte mit Eifer nachzuholen. Hierzu bot ihm gerade Rhodos gute Gelegenheit. Denn es waren da mehrere Astronomen, einige sogar von weitverbreitetem Ruhm; zu welchen ich mich freilich keineswegs rechnen konnte, denn ich war damals noch sehr jung. Nun war es aber für einen Sterndeuter keine ganz unbedenkliche Sache, sich mit Tiberius einzulassen, der in Ungnade, ja fast einem Verbannten gleich zu achten war, wie ja sogar sein Leben öfters in Gefahr schwebte. Denn es ist bekannt, daß einmal ein Ritter beim Weine dem Cajus Cäsar in Chios vorschlug, nach Rhodos hinüberzufahren und ihm den Kopf des Verbannten zu bringen. Die beiden von Augustus und den Römern vergötterten Prinzen Cajus und Lucius Cajus und Lucius Cäsar, Stiefsöhne des Tiberius, Söhne der Julia aus ihrer ersten Ehe mit dem Feldherrn Agrippa, beide von Augustus adoptiert. standen zwischen ihm und dem Thron, und Augustus war oft sehr krank. Wie leicht konnte man also unter solchen Umständen den Verdacht auf sich ziehen, man sei dem Tiberius behilflich, in den Sternen nach erwünschten Todesfällen im Herrscherhause zu forschen! Von jeher stand aber auf solche Forschungen die Todesstrafe. Eben deshalb hielten sich jene Sternkundigen fern, ja scheuten den Tiberius wie einen Aussätzigen. Wodurch sie zeigten, daß sie trotz alles Ruhmes, dessen sie genossen, dennoch in ihrer göttlichen Wissenschaft nur Pfuscher waren. Denn mir hatten die Sterne schon gesagt, daß Tiberius als Weltherrscher enden würde – und daß dem Prinzenpaare nur noch eine kurze Jahrreihe beschieden sei. Dies schloß nun zwar nicht aus, daß der Sterndeuter des Verbannten schon in der nächsten Zeit wegen verbotener Forschung hingerichtet würde. Da jedoch mein eigener Stern in nicht ungünstiger Verbindung mit dem des Tiberius stand und mir überhaupt ein langes Leben verhieß, so war ich entschlossen, es daraufhin zu wagen. Mehr als sieben Jahre lebte ich denn im vertrautesten Verkehr mit Tiberius, den ich in die himmlische Wissenschaft einweihte, nur die letzten Geheimnisse mir selber vorbehaltend, damit er nicht wähnen solle, er könne meiner entraten. Wie er dann, als der einzige Mann, der zum Regieren befähigt war, wieder in Gunst kam, hielt ich mich, während des Hinsiechens des Augustus, auf Rhodos zurück, verbotenen Forschungen eifrig ergeben. Sobald aber Tiberius die Zügel, die der Hand des alten Meisters entglitten und die ihm die Sterne längst verhießen, ergriffen hatte, und die ersten Schwierigkeiten, die einen Regierungswechsel begleiten, überwunden waren, erachtete ich meine Zeit als gekommen und begab mich nach Rom. Hier wurde ich von dem Herrscher sehr freundlich empfangen. Seine Pflichten ließen ihm freilich wenig Zeit übrig, sich dem Studium zu widmen; um so angenehmer war es ihm aber, sich gelegentlich mit mir darüber unterhalten zu können und ab und zu daran teilzunehmen. Er ließ mir eine Wohnung auf dem Esquilin anweisen, wo ich mir eine leidliche Sternwarte einrichten konnte, und setzte mir ein Jahresgehalt aus, das zwar mäßig war, mich aber doch vor aller Not sollte sichern können. Sollte können, aber es nicht konnte. Denn Rom ist ein kostspieliger Aufenthalt, was ein Provinziale, der nach der Welthauptstadt übersiedelt und sich nun von ihren zahllosen Verlockungen umgeben sieht, recht bald entdecken wird. Ich kam mit dem Gelde nicht aus. Tiberius bewilligte mir eine kleine Zulage, jedoch nicht ohne eine Ermahnungsrede zu halten: wie ein Mann, der in der höchsten Wissenschaft lebt, in der Auffindung und Betrachtung ihrer eigenen Gesetze seine einzige würdige Freude finden solle, in der gemeinen Wirklichkeit hingegen mit wenig auskommen könne. So daß ich nicht umhin kann, denen recht zu geben, die ihn knauserig nennen. Nun, möge man auch mit dem Haupt unter den Sternen sein, der Fuß bleibt auf der Erde, und hier hatte ich mehr und mehr das Bedürfnis, auf einem großen Fuß zu leben. So steckte ich nach ein paar Jahren tief in Schulden. Diese bezahlte Tiberius zwar, gab mir aber dabei recht deutlich zu verstehen, daß dies das letztemal sei. Ich versuchte zwar mich einzuschränken, aber nach Jahren hatte meine Schuldenlast sich wieder hoch aufgetürmt. So mußte ich mich nach anderen Einnahmequellen, und zwar nach ergiebigen, umsehen. Eine solche eröffnete sich von selber: von den Feinden des Tiberius wurde mir ein glänzendes Angebot gemacht. Zwar gehörtest du, o Telemachos, selbst zur Partei des Germanicus-Hauses, jedoch, wie mich bedünken will, nur zu ihrer unschuldigen Außenseite. Ihr eigentliches Streben ging aber, wie ich dir sagen muß, entschieden in hochverräterischer Richtung. Mit Recht sagte Tiberius zu Agrippina: »Meine Tochter, du glaubst unrecht zu leiden, wenn du nicht herrschen kannst.« Sie dachte in der Tat an nichts anderes als daran, zur Macht zu kommen. Da es durch den Gatten nicht gelungen war, sollte es durch einen der Söhne geschehen. Aber was stand darüber in den Sternen geschrieben? und was wußten diese von der Lebensdauer des ihr verhaßten Tiberius zu sagen, dessen Tod die unerläßliche Vorbedingung war? Diese Fragen beschäftigten auf das lebhafteste sie und ihren ganzen Anhang, das heißt das halbe Rom und mehr. Man hatte in Erfahrung gebracht, daß ich, der Astrologe des Tiberius, mich in den größten Geldverlegenheiten befände. Dem Angebot, das man mir machte, hätte ich selbst unter weniger verzweifelten Umständen schwerlich widerstehen können. In dem ersten Punkte konnte ich mit gutem Gewissen der Agrippina nach dem Willen reden. Denn wenn ich die Zeichen richtig gedeutet, so muß ich heute wie damals des Glaubens sein, daß einer ihrer Söhne den Thron besteigen werde – ich, der ich aus dem Osten komme, scheue mich nicht, geradeaus diesen Ausdruck zu gebrauchen. Und zwar glaube ich, daß es der von dir, o Telemachos, mit so großer Begeisterung erwähnte Cajus sein wird, den sie Caligula nennen. Dagegen bezweifle ich sehr, daß dies des Heransehnens wert sei, da ich vielmehr meine, erforscht zu haben, daß er eines der größten Scheusäler werden wird, das die Welt gesehen hat. Diesen Teil meiner Voraussicht verbarg ich freilich der zärtlichen Mutter. Wann aber würde das geschehen? Auch in diesem Punkte redete ich ihr nach dem Willen, freilich mit sehr schlechtem Gewissen. Was hätte aber der erstere genützt, wenn ich hinzugefügt hätte, Tiberius würde das höchste Greisenalter erreichen? Das Scheusal hätte mir Agrippina vielleicht verziehen, aber diesen Zusatz nicht. Zärtliche Mutter, wie sie war, kam es ihr doch vor allem darauf an, selber zu herrschen. Daß der kleine Soldatenstiefel einmal nach ihrem Tode vom Thron aus seine Sohle den Kriechern zum Lecken darbieten werde, wäre ihr ein geringer Trost gewesen. Also versicherte ich ihr, daß die Sterne dem Tiberius nur noch ein paar Jahre gäben. Ich schwamm nun in Gold, aber die Freude war nicht von Dauer. Ich wurde verhaftet. Die Sache war entdeckt. Zeugen wurden gestellt, mein hartnäckiges Leugnen nützte nichts, ich wurde zum Tode verurteilt. Tiberius war wütend, besonders weil ich der Agrippina das Entgegengesetzte vorausgesagt von dem, was ich ihm versichert hatte: ich habe mit der höchsten Wissenschaft Spott getrieben! Von ihm war also keine Gnade zu erhoffen. Du wirst mir sagen, ich hätte dennoch guten Mutes sein können, da ich aus den Sternen doch meine eigene Lebensdauer kennen müsse. Es ist jedoch bekannt, daß während der Astrologe bei allen Anderen klar sieht, es für ihn mit großen Schwierigkeiten verbunden ist, sein eigenes Schicksal in den Sternen zu lesen; was dem zu entsprechen scheint, daß der Mensch nach außen klar sieht, nach innen sich aber alles verdunkelt. So fühlte ich mich denn hier keineswegs sicher. Ich glaubte zwar, von hohem Alter in ruhiger wenn auch nicht ganz unbedrohter Lage gelesen zu haben – konnte mich jedoch darin irren. Zu meinem Glück war der Gefängniswärter ein Mann, der die hohe Wissenschaft ebenso sehr wie Tiberius verehrte, nicht aber wie er jeden Tag Gelegenheit hatte, die Sterne um Rat zu fragen. Er behandelte mich mit der größten Ehrerbietung und erleichterte meine Gefangenschaft auf jede Weise; dafür wollte er nun herzensgern sein Horoskop gestellt haben. Ich tat ihm den Gefallen und offenbarte ihm, es sei durch eine seltsame Kreuzung der Sternenbahnen so verfügt, daß seine Sterbestunde mit der meinigen genau zusammenfalle. Nun flehte mich der Mann, ein braver Familienversorger, weinend an, doch ja mein teures Leben zu retten, und stellte mir behufs dessen die offene Gefängnistür zur Verfügung. Auch diesen Gefallen tat ich ihm, wie du siehst. Herzlich hoffe ich, daß meine Prophezeiung sich bewährt, so daß jene offene Tür nicht für ihn der Eingang zum Hades wurde, sondern er noch heute so gut lebt, wie ich es tue. Vor etwa zwei Monaten wird er dann freilich wohl sein Leben gefährdet gefühlt haben; denn da erkrankte ich auf bedrohliche Art. Die bewährte Kunst unseres Äsculapius hat mich jedoch heil durchgebracht.« Achtes Kapitel Beichte der Triumvirn »Diesen göttlichen Namen,« – hebt der zur Rechten des Oberpriesters Stehende an, ein kleiner Mann mit spitzem grauen Bart, stechenden Augen unter schwarzen Brauen und einer langen Hethitennase, – »habe ich mir redlich verdient, denn mancher ist mir einen Hahn schuldig geworden, sowohl, gleich unserem Euripideischen Alten, in gewöhnlichem Sinne des Wortes, als auch im tieferen Sokratischen Sinne, weil ich sie von dieser ganzen Lebenskrankheit erlöst habe. In der Tat genoß ich einst eines nicht geringen Rufes in der römischen Gesellschaft, ja ich hatte sogar begründete Hoffnung, der Leibarzt des Princeps zu werden. Dazu war ich nämlich von einem befreundeten Berufsgenossen und Landsmann angelegentlichst vorgeschlagen. Dieser war aber kein anderer als der hier schon ein paarmal erwähnte Eudemus. Da er, wie wir wissen, der Leibarzt des Drusus war, konnte er selbstverständlich nicht selber diesen Posten übernehmen und empfahl mich sehr dringend dem Tiberius. Dieser grobe Mensch – denn wäre er auch zehnmal Weltherrscher und Großkönig, wie wir Orientalen sagen (freilich ohne daß er es Wort haben will), so nenne ich ihn doch als erklärten Feind unseres göttlichen Standes, dieses Hortes der Bildung und des menschlichen Fortschrittes, einen groben, bäuerischen, ja recht eigentlich barbarischen Menschen – Tiberius also gab ihm zur Antwort: »Wer sein dreißigstes Jahr erreicht hat und noch nicht weiß, was seinem Körper zuträglich ist und was nicht, der ist ein Tor und verdient schon, den Ärzten in die Hände zu fallen.« Mit diesem Worte, das in Rom stadtbekannt wurde, erledigte er die Sache, sei es nun, daß sein eigentlicher Grund, keinen Arzt haben zu wollen, sein bekannter, auch vom Euripideischen Alten gerügter Geiz war; sei es, daß sein ebenso bekanntes Mißtrauen, insbesondere aber sein Vorurteil gegen gewisse, von uns Ärzten verwendete Arcana, ihn dazu bewegt haben. In diesem Zusammenhange muß ich nun eine Äußerung unseres Pindaros berichtigen. Er sagte nämlich, daß ein solches von Eudemus bei seiner Behandlung des Fiebers des Drusus verwendete Arcanum – er nannte es aber mit der unwissenschaftlichen Bezeichnung »Gift« – dem Eudemus allein bekannt gewesen sei. Dies ist jedoch ein großer Irrtum. Wir beide waren nicht nur Landsleute, sondern auch Studiengenossen, und jenes Mittel war mir so bekannt wie ihm. Ich habe es denn auch mit der besten Wirkung benutzt bei Krankheiten, die in ihrem Verlauf ähnliche Symptome aufwiesen, wie die des Drusus. Von drei solchen Aufsehen erregenden Fällen, die in einer und derselben Familie auftraten, wird dir gewiß ›der Neffe‹ das Nähere mitteilen.« »So nennen sie nämlich mich,« fährt sein Nebenmann, ein jämmerliches Gesicht schneidend, fort, »und ich weiß wirklich nicht, wie der Alte des Euripides sich über seinen Rollenamen beschweren will, wenn ich sogar mit einer bloßen Bezeichnung wie ›Neffe‹ fürlieb nehmen muß. Aber freilich war es wohl kaum möglich, in Mythen und Heldensagen einen passenden Namen für mich aufzufinden. Denn wo gibt es wohl dort einen, der in verhältnismäßig kurzer Zeit das Schicksal hatte, drei Oheime begraben zu müssen? In der Tat machten diese drei Todesfälle etwas Aufsehen, wie Äsculapius, der meine Oheime behandelte, schon erwähnt hat. Es wurde sogar von Gift – jener ›unwissenschaftlichen‹ Bezeichnung – gesprochen. Daß jemand von ihnen sich aber selber das Leben genommen hätte, darf als ausgeschlossen gelten, da sie alle steinreich waren und sich einer guten Gesundheit erfreuten, so daß sie gewiß gern länger gelebt hätten. Nun weiß ich freilich wohl, daß man in Rom vielfach gesagt hat, ich habe sie alle drei mit Hilfe des Äsculapius vergiftet, um sie zu beerben. Wie völlig dies aber aus der Luft gegriffen sein muß, wird dir einleuchten, wenn ich dir anvertraue, daß ich zwei von ihnen gar nicht beerbt haben würde, wenn nicht mein Freund Lepidus dagewesen wäre.« »›Lepidus‹,« sagt der drittletzte der Reihe, »ja, das ist nun freilich ein Eigenname, und doch eigentlich der ärgste Spott, so daß ich nicht weiß, ob der namenlose Neffe, von dem Euripideischen Alten gänzlich zu schweigen, besser davon gekommen sei als ich. Weil sie uns nämlich ›die Triumvirn‹ nannten, haben sie mir diesen Namen gegeben. Wäre es wenigstens Marcus Antonius oder Cäsar Octavianus gewesen, so hätte ich mir das gefallen lassen – aber Lepidus, ich bitte dich! Nun, ich war eben der dritte Triumvir, und so mußte ich mich dem Lepidus anbequemen. Damit hat es nun allerdings seine Richtigkeit, daß es kaum möglich wäre, in unseren Epen oder sonstigen Sagendichtungen einen für mich geeigneten Namen aufzutreiben. Denn die dort vorkommenden Personen sind zwar lauter großmächtige Helden; aber sie waren doch im Grunde genommen alle miteinander Barbaren, und von keinem einzigen hört man, daß er sich der Schreibkunst gewidmet hätte. Diese war aber eben mein Fach, in welchem ich es so weit trieb, daß es wohl in ganz Rom meinesgleichen nicht gab, wenn es sich darum handelte, ein wichtiges Dokument schön aufzusetzen oder genau abzuschreiben. Ich sehe dir's an, o Telemachos, daß du meinst, dies sei eben keine schwierige Kunst und könne auch kaum sehr einträglich sein. Dies mag ja auch zutreffen, wenn man sie im gewöhnlichen Sinne ausübt. Ich aber faßte sie in einem freien und großzügigen Stil auf, wodurch ich ihr eine ganz neue Bedeutung gab. Wenn ich vom »genauen Abschreiben« sprach, so meinte ich dies nicht dem elenden Buchstaben, sondern dem Sinne nach. Wo also dieser nicht deutlich zum Ausdrucke gekommen war, half ich gewissenhaft nach; wo er gar offensichtlich entstellt worden, stellte ich durch geniale Konjektur den ursprünglich beabsichtigten und somit echten Text her. Diese Methode brachte ich besonders Testamenten gegenüber in Anwendung und konnte dadurch zu wiederholten Malen dem Neffen zu seinem Rechte verhelfen. Diese meine Kunst blühte besonders zu Lebzeiten des Augustus. Ich versäumte nämlich nie, in solchen der nachbessernden Hand bedürftigen Testamenten, den Erblasser – wie es in der Tat seine Untertanenpflicht und Schuldigkeit als reicher Mann war – eine nicht unbedeutende Summe dem Augustus vermachen zu lassen. Solche Testamente wurden aber nie auf ihre sogenannte »Echtheit« sehr genau untersucht. Gänzlich änderte sich jedoch die Sachlage, als Tiberius Princeps wurde. Es ist dir ja nicht unbekannt, daß er, dem der großartige Zug des Augustus gänzlich abging, es Privatleuten, die nicht zu seinen Verwandten oder nächsten Freunden gehörten, ausdrücklich verbot, ihm Vermächtnisse zu machen. Durch diese unsinnige Bestimmung war mir also meine hauptsächlichste Einnahmequelle weggenommen. Von da ab arbeitete ich unter der größten Gefahr, die schließlich so dringend wurde, daß ich mich blutenden Herzens entschloß, meine geliebte Kunst, die mich so lange reichlich, ja glänzend ernährt hatte, mit dieser Priesterschaft zu vertauschen, in deren Reihe die Zwillinge damals erst kürzlich eingetreten waren. Mein gutes Glück ließ keinen von ihnen ausgelost werden, denn Briareos hätte mich durch seine gewalttätige Kraft, Hermes durch seine schlaue, schlichegewohnte Behendigkeit sicherlich niedergerungen.« Neuntes Kapitel Beichte der Zwillinge »Wenn unsere Satzungen es nicht verböten, unsere einst in der Welt getragenen Namen zu nennen,« hebt sein Nachbar, ein stämmiger Mann mit struppigem Bart an, »so würde dir der meinige sehr wohl bekannt sein, ja ich denke sogar, er würde bei dir, o Telemachos, liebliche Erinnerungen an die Kinderstube erwecken. Denn die Ammen hatten die Gewohnheit, mit ihm unartige Kinder einzuschüchtern. Er war der Schrecken des Albanergebirges, ja reichte bis zu den Mauern Roms. Auch für mich wurde die Herrschaft des Tiberius verhängnisvoll. Er schwur, daß er dem Räuberwesen ein Ende machen und meinen Kopf sehen wollte. Beides hat er gehalten; letzteres freilich erst hier, wo er sich jedoch damit begnügen mußte, ihn auf meinen Schultern zu sehen.« »Ich war,« nimmt der letzte in dieser Reihe das Wort, für Rom selber ungefähr was Briareos für seine Umgebung. Nur daß ich es nicht plump-gewalttätig und mörderisch, wie er, trieb, sondern immer fein diebisch, wozu weniger Muskelkraft gehört, aber höhere Geistesfähigkeiten erforderlich sind. So wirst du wohl des öfteren meinen weltlichen Namen gehört haben, aber ich darf mir nicht damit schmeicheln, daß er dir schon in der Kinderstube, aus Ammenmund ertönend, einen heilsamen Schrecken eingejagt habe. Denn wir nächtigen Nachfolger des Hermes erfreuen uns ja nicht einer solchen Popularität, wie die Räuber es tun. Gebirgspfade, Felshöhlen und tiefe Wälder, Waffen, Blut, Geschrei und Flammen brennender Gehöfte – solche Dinge machen ja einen ganz anderen Eindruck auf die Einbildungskraft als unsere in der Stille verübten Taten, und die Menge ist immer nur für die groben Wirkungen empfänglich. Auch kann ich kein solches großmächtiges Cäsarwort über meine Wirksamkeit und meinen Kopf anführen. Aber das Regiment des Tiberius war deshalb nicht weniger verhängnisvoll für mich als für Briareos. Denn er führte eine so strenge Ordnung ein, und die Stadtwache mußte sich nach und nach an eine solche Wachsamkeit gewöhnen, daß das Pflaster Roms schließlich ebenso sehr unter meinen Sohlen brannte, als die Gebirgspfade unter denen des Räuberhauptmanns, und das Heiligtum der Diana die gemeinsame Heimstätte für zwei Jäger wurde, die beide, so verschieden auch ihre Jagdweisen waren, im Zeichen ihres gehörnten Mondes gepirscht hatten.« Zehntes Kapitel Beichte des Herkules »Nun, Herkules,« ertönt nach kurzer Pause die Stimme des Oberpriesters: – »Hermes hat gesprochen. Die Reihe ist an dir. Warum zögerst du?« Der Freund des Neulings, der greise Priester, dessen gigantische Körperformen hinlänglich seinen Namen erklären, hat die ganze Zeit regungslos dagestanden, den Kopf gesenkt, so daß der weiße Bart auf der breiten Brust ruhte. Nun erhebt er das Haupt, wie aus einem schweren Traum erwachend. »Ja, sie haben alle gesprochen. Rief ich dir nicht zu: ›Flieh, Jüngling, flieh, eh' es zu spät?‹ Sagte ich dir nicht, du wüßtest nicht, in welche Gesellschaft du geraten seist? Jetzt weißt du es. Aber von der verruchtesten Tat hast du noch nicht gehört. Der fluchwürdigste Verbrecher dieser Bande spricht erst jetzt zu dir. Schau dir diese Hände an! Mit ihnen hab' ich sie erwürgt, die Zarte, die Liebliche, das Licht meiner Augen, meine Fulvia, mein angetrautes Weib. Schuldig? O, sage nicht, daß sie schuldig war! Ich, ich allein war der Schuldige! Wie konnte ich ihr junges Leben an das meinige ketten, das sich schon dem Greisenalter näherte? Wie durfte ich hoffen, daß sie, die blühende Jungfrau, den Alternden lieben, sich meinem barschen Wesen anbequemen würde? Und keine Schonung! Sie nicht zu Worte kommen zu lassen! Fluch über meinen Jähzorn! Fluch über die wahnsinnige Kraft dieser meiner Fäuste! Fluch über den Wüterich, an dem der Tod vorüberschreitet, vom Zorne der Götter getrieben, denen seine Buße noch nicht genügte!« Unter der Wucht seiner Selbstanklage und Selbstverurteilung zusammenbrechend, stürzt der Riesenkörper des Alten jählings nieder und bleibt mitten zwischen den Stufen des Peristyls und der Einhegung des heiligen Baumes liegen. Buch der sterbenden Götter Der Hauptmann aber, der dabei stand, gegen ihm über, und sah, daß er mit solchem Geschrei verschied, sprach er: Wahrlich, dieser Mensch ist Gottes Sohn gewesen. Marcus XV, 39 Erstes Kapitel Divo Tiberio Auf dem Vorplatze des Tempels ist der Alte als wachehabender Priester allein zurückgeblieben. Die Bronzetüren des Peristyls sind geschlossen. Aus dem Innern der Zelle ertönt vielstimmiger Gesang – bald tief murmelnd, bald mächtig anschwellend. Einen zufällig Anwesenden würde dieser unsichtbare Chor aus dem Heiligtume wohl feierlich gestimmt haben, ebenso wie ihn der Anblick des walderfüllten Bergkessels mit seinem schimmernden Seespiegel zur Anbetung der Naturschönheit hingerissen hätte. Dem Alten ist das eine so gleichgültig wie das andere. Bei seiner gewohnheitsmäßigen langsamen Wanderung ist er vor einem offenen, halbkreisförmigen Bau stehen geblieben, der den Vorplatz zur Rechten nahe am Abhange abschließt. Auf dem bunten Mosaikboden steht ein bronzener Dreifuß. Dahinter erhebt sich auf niedrigem Sockel ein überlebensgroßes Marmorstandbild. Von diesem Standbild des Tiberius hatte Rhadamanthus gesprochen. Ein leichtes Gewand verhüllt den Oberkörper und fällt über den linken, im Ellenbogen gekrümmten Arm herab. Das unbedeckte jugendliche Haupt ist etwas nach oben gerichtet. Unter der breiten Stirn, die geschaffen erscheint, um von den freien Winden umspielt zu werden, schauen die Augen in die weite Ferne, als ob sie ein unendliches Ziel locke, und man weiß nicht, ob das Lächeln schmerzlich oder sieghaft ist, das die überaus fein geschnittenen Lippen umspielt. Lange ist der Alte in Betrachtung der wohlbekannten Züge versunken. Und nach der Gewohnheit des innerlich und äußerlich Einsamen spricht er zu dem Bilde des vergötterten Jugendfreundes: »Soll ich hier vor deinem Altar niederknien, Tiberius? Und warum nicht? Denn was ist mir diese Diana des Haines, was die Nymphe Egeria, was der Baumgott Virbius, daß ich vor ihren Schreinen mich niederwerfen sollte? Warum nicht vielmehr vor dem deinen? Bist du doch ein Gott wie sie, ja höher als sie, wenn man dem Senat glaubt. Zwar, du hast den Vätern, die dir Tempel und Bilder weihten, gesagt: ›Ich bekenne vor Euch und wünsche, daß auch die Nachwelt dies Bekenntnis im Gedächtnis behält: ich bin ein Mensch, erfülle Menschenpflichten und lasse mir daran genügen, meinen Platz als Princeps zu erfüllen. Die Nachwelt erweist meinem Gedächtnis Ehre genug, wenn sie von mir glaubt, daß ich unerschrocken in Gefahren und unbekümmert um üble Nachrede war, wo es das Wohl des Ganzen galt. Das sind die Tempel, die ich mir in Euren Herzen errichten möchte, das sind die herrlichsten bleibenden Standbilder.‹ Ja, so sprachest du, und gerade weil du kein Gott sein willst, knie ich vor dir. Denn was sind mir die Götter, daß ich mich vor ihnen niederwerfe? Und vor etwas muß der Mensch knien in einer Stunde wie dieser. Wo ist das Heiligtum, wo er hineintreten sollte, wenn nicht in seinem eigenen Innern? Wo ist das göttliche Wesen, zu dem er beten kann, wenn nicht in seinem eigenen Selbst? So will ich denn vor dir knien und zu dir beten, Tiberius, denn du stehst hier als meine eigene Jugend vor mir – als jene Zeit mit dem ungetrübten weitsuchenden Sternenblick, mit dem Morgenwind in den Locken und mit der Sonnenaufgangsröte auf der Stirn, mit den hoffnungatmenden Lippen, mit dem nimmermüden Schritte und mit den allumfangenden Armen. Längst, ach längst ist sie dahingestorben! Nur ihr Grabmal erhebt sich noch unverwittert in meinem sonst so öden Herzen. Ja, mir ist, als stünde sie hier leibhaftig vor mir, als lausche sie mit deinem Ohre von Stein dem Gebete, das ich ihr zuflüstern möchte – meinem Gebete um Erlösung für mein armes, verbrecherisches, fluchbeladenes, dem Unheiligtum verschriebenes, nie enden wollendes Greisenalter!« Zweites Kapitel Die Begegnung Nur ein paar Minuten hat der Alte, auf dem Mosaikboden der Tiberiusnische kniend, sich der tiefen Andacht und inneren Sammlung hingegeben, als seine Einsamkeit, ohne daß er es bemerkt, gestört wird. Über dem Rande des Abhanges taucht ein sonnenblinkender Helm und der wettergebräunte Kopf darunter empor, und dann die eisenbedeckten Schultern. Bald steht die ganze stattliche Gestalt eines Legionär-Centurios dort, wo ein Fußpfad von der Felsplatte hinab führt. Der Krieger atmet tief nach dem steilen Aufstieg. Er nimmt den Helm ab und wischt sich mit einem Tuch die Schweißtropfen von der Stirn, diese ist durch einen roten Querstrich in eine helle und eine dunkle Hälfte geteilt. Dann blickt er sich um. Der Ölbaum in seiner Mauereinhegung fällt ihm vor allem auf. Nicht nur durch die Größe seiner Krone und die urwüchsigen Formen seines knorrigen Stammes. Der gelbe Glanz des wuchernden Goldzweiges, der aus dem grauen Laub hervorbricht, fesselt sofort sein Auge. Er mag wohl von diesem Wunder schon gehört haben. Dahinter steht der Tempel, geschlossen, stumm – denn der Gesang in der Zelle hat aufgehört. Sein Blick sucht die Runde ab. Hier und dort schimmert ein Altar oder eine Nymphenstatue zwischen den Stämmen der Zypressen hervor. Aber er wird kein lebendiges Wesen gewahr. Ein paar Schritte vortretend, bemerkt er in dem halbkreisförmigen Bau das Marmorstandbild mit den wohlbekannten Zügen. Wie bei dem Klang einer Tuba schüttelt sein Körper die Schlaffheit ab, die ihm von dem ermüdenden Aufstiege her noch anhaftet. In straffer Haltung tritt er elastischen Schrittes auf die Nische zu, um dem Bilde des Imperators die schuldige Huldigung darzubringen. Dabei kann er den Blick von diesen Zügen nicht abwenden. ›Wie schön war er,‹ denkt er – ›schöner, weil geistiger, als der bewunderte Augustus. Wie schön muß er gewesen sein, und wie hat die Welt ihn zugerichtet, diese Welt, die er verachtet und beherrscht!‹ Erst als er die Stufe betreten will, bemerkt er den Priester, der am Dreifuß vor dem Standbilde kniet. Der Alte hat die näher kommenden Fußtritte vernommen. Unmutig erhebt er sich und wendet sich gegen den Eintretenden. Ihre Blicke begegnen sich und bohren sich ineinander. Dieselbe Überraschung des Wiedererkennens spiegelt sich auf beiden Gesichtern. Der Centurio macht einen Schritt vorwärts, streckt die Arme aus und läßt sie wieder sinken. »Titus –! Nein – ja doch! ist's möglich?« »Titus Sempronius Rufus – ja, möge der Name auch hier verpönt sein, so hieß ich einst in der Welt. Ja, Marcus, ich bin's. Und sei mir willkommen! Denn dich hat eine Gottheit hergeschickt. Mein Gebet hat Gehör gefunden. Endlich, endlich ist die Erlösung da!« Mit einem heftigen Griff entblößt er die Brust. »Zieh dein Schwert, Marcus! Stoß zu! Räche den Tod deiner Schwester an ihrem Mörder!« »So ist es denn wirklich wahr, was viele meinten und was ich nimmer glauben wollte: – du hast die arme Fulvia getötet?« Der Kopf des Alten sinkt auf seine Brust. »Du hast's gehört. Stoß zu!« Aber der Centurio Marcus macht keine Miene, dieser seltsamen Aufforderung nachzukommen. Seine Stimme ist ebenso mild wie traurig, als er spricht: »Ich sollte dich töten, Titus ... jetzt, nach all der Zeit? Was für Unbegreifliches auch damals durch den Einfluß böser Götter geschehen sein mag – was mußt du nicht gelitten haben in all den Jahren? Wenn ich auch nur davon hörte, so würde ich das wissen. Nun ich vor dir stehe, sollte ich dir's nicht ansehen?« »Ja, ich habe viel gelitten – und lange ... ach, so lange! Und ich glaubte, es sei jetzt vorüber. Als ich dich sah, Marcus, war ich überzeugt, die Erlösungsstunde sei nun endlich gekommen.« »Und so wolltest du dann deine Last auf meine Schultern abwälzen, Titus? Die Schwester hast du getötet – sagst du, und ich muß es glauben, soll nun deshalb auch der Bruder zum Verbrecher und eines Priestermordes schuldig werden?« Mit einem überraschten, fast verschämten Ausdruck blickt Rufus den Schwager an. »Priestermord –? In diesem Lichte sah ich's nicht. Mir ist so wenig priesterlich zumute, Marcus. Doch du magst recht haben, ich hätte mehr an dich selber denken sollen. Ich sah in dir nur das Schwert ... Du konntest also nicht glauben, daß ich ihr Mörder wäre?« Der Centurio schüttelt den Kopf. »Ich hörte auch zuerst nur, daß sie tot – offenbar erwürgt – im Garten gefunden wurde. Und das war schon lange danach – da dachte ich an alles andere als an deine Täterschaft – nur an deine Trauer, deinen unersetzlichen Verlust. Wußte ich doch, daß du sie auf den Händen trugst.« Rufus seufzt aus Herzenstiefe. Aber wie plötzlich erwachend, schlägt er die Augen auf und blickt den Schwager scharf an. »Was sagst du da? Erst lange danach erfuhrst du das? und auch nur ihren Tod? Du warst doch aber zur Stelle ... Das Lager war ja nur eine Stunde von der Villa entfernt.« »Gewiß. Aber wir zogen nach dem Osten.« »Ich besinne mich darauf. Gleich nach dem Triumphe solltet ihr nach Syrien abgehen.« »Wir bekamen unerwartet früh den Befehl. So müssen wir, wie ich ausgerechnet habe, gerade am Morgen nach der Schreckenstat aufgebrochen sein. Erst in einem Städtchen mitten in Syrien erhielt ich die Nachricht von dem gewaltsamen Tode Fulvias, und erst viel später noch, irgendwo im Libanon, wo wir lagerten als einer aus Rom zum Heere stieß, erfuhr ich, daß du gleichzeitig verschwunden warst. Man glaubte allgemein, du hättest sie in einem Anfalle von Eifersuchtswut umgebracht und dich dann im Tiberstrom ertränkt; der floß ja fast unmittelbar am Garten vorüber, er war gerade damals sehr voll und reißend, so daß es nicht wunder nahm, wenn deine Leiche nicht gefunden wurde. Ich jedoch dachte mir immer, daß Räuber, die sich damals ja öfters bis an die Tore Roms wagten, dich auf einer einsamen Wanderung überfallen und ermordet hätten; denn im Vertrauen auf deine Körperkraft gingst du oft recht unvorsichtig deines Weges. In diesem Glauben habe ich bis zur Stunde gelebt. Nun aber erzähle mir, wie sich das Gräßliche zutrug und durch welche Verblendung dich irgendeine zürnende Gottheit zu einer solchen Tat verleitete. Denn mich dünkt, daß ich ein Recht habe, es zu erfahren.« »Das hast du, Marcus. So schwer es mir fällt ... denn nur Einem habe ich das Ganze gesagt – diesem da.« Seine Hand, die sichtbar zittert, zeigt nach dem Standbilde des Tiberius. »Als er noch in Rom war, suchte er öfters Erholung auf der goldenen Galeere des Ariciasees. Einmal lud er sich hier im Tempel zu Gaste ein. Es war zu der Zeit, wo er bei so vielen Tempeln des Reiches das verderbliche Asylrecht aufhob. Er wollte sehen, was für Gesindel sich hier zusammengefunden hätte. Da fand er nun mich, den Jugendfreund, wie er mich gnädig nannte, den schon längst Totgeglaubten. Da vertraute ich ihm alles an – ich dachte nicht, daß meine Lippen zum zweitenmal diese Qual erneuern müßten. Und doch tat es mir damals gut; vielleicht wird es mir auch heute zum Segen gereichen. Komm, setzen wir uns zu seinen Füßen. Drinnen sind sie dabei, einem Neuling die Priesterweihe zu geben; sie werden uns lange Zeit nicht stören.« Und er leitet Marcus zu einer der beiden Marmorbänke hin, die an den Wänden der Nische angebracht sind. Drittes Kapitel Die Heirat des Rufus Eine geraume Weile verstreicht, bevor Rufus seinen Kopf aus den Händen erhebt. »Ich muß weit zurückgehen, um dir das begreiflich zu machen – nicht um jemand zu beschuldigen, am wenigsten die arme Fulvia – glaube das nicht –« »Sie war nicht schuldig! Sie hat dich nicht betrogen; ich kann mir das nicht denken!« Rufus' Hand legt sich beruhigend auf seine Schulter: »Höre mich ruhig an, Marcus. Ich sage nichts, um meine Schuld abzuschwächen – bei dem da, der die Unwahrheit und am meisten die Verstellung haßte, wozu die Welt ihn oft genötigt hat: ich will dir nur die Wahrheit sagen und nichts beschönigen. Das ist wohl das einzige Gute an diesem Ort, daß diese Untugend aus unserem Bezirke verscheucht ist, wenn auch die Wahrheit an dieser unheiligen Stätte zur Fratze der Schamlosigkeit wird.« Er schweigt fast eine Minute lang. Das Zusammenziehen seiner herabhängenden Brauen zeigt zur Genüge, wie schwer ihm das Sprechen fällt. »Du hast ja gewiß gehört, daß deine Mutter eine sehr nahe Freundin jener Julia war, – ich meine die ältere Julia, – die sein Unglück wurde.« Das betonte »sein« wird von einem unter den Brauen hervorschießenden, aufwärts nach dem Standbilde gerichteten Blicke begleitet. »Ihr Betragen in Rom, nachdem er sich nach Rhodos zurückgezogen hatte, war ja noch viel später Stadtgespräch, so daß es dir nicht unbekannt geblieben sein wird; obwohl du noch die Kinderschuh anhattest, als Augustus sich genötigt sah, die verhätschelte und mißratene Tochter in die Verbannung zu schicken. Deine Mutter war nun diejenige unter den vornehmen Damen Roms, die noch am ehesten die glänzende Rolle ihrer gefallenen Freundin im Gesellschaftsleben weiter spielte. Ihr Haus wurde der Sammelpunkt für die feine Welt und das neue Zeitgeschlecht, für die ganze Partei Julias, die ich kurzweg als die Anti-Tiberische bezeichnen will, für alles, was im Zeichen der Neuzeit lebte und webte und sich asiatischem Luxus und weichlicher Lebensverfeinerung hingab. Besonders gaben dort die Schöngeister den Ton an, an ihrer Spitze ihr Liebling Ovidius, der ihr dann auch in galanten Gedichten huldigte. Wohl traf ihn der Zorn Augustus' wegen all dieses sittenlockernden Wesens, und als der zweite Julia-Skandal ihn bloßstellte, mußte er in die Verbannung gehen; aber es waren da noch viele kleine Lichter, deren Glanz wohl kaum die Nachwelt erreichen mochte. Ich war Witwer, und mein Heim erschien mir verödet, als mich ein Freund, um mein Gemüt zu erheitern und mich zu zerstreuen, in diesen leichtlebigen, glänzenden Kreis einführte. Dieser übte bald einen starken Reiz auf mich aus, zumal deine Mutter, die sehr einnehmend sein konnte, mir mit der größten Zuvorkommenheit begegnete. Aber im Grunde meines Herzens fühlte ich wohl, daß ein fremder, feindlicher Geist mich dort anwehte und daß ich nicht da hineingehörte. Deutlich genug wurde mir das von Tiberius gesagt, der damals noch Mitregent war. »Was willst du denn dort?« fragte er dann meist. »Fühlst du denn nicht, daß alles, was uns sonst hehr und teuer war, von diesen Leuten zum alten Eisen geworfen, ja in den Schmutz gezogen wird? Unsere Catos und Cincinatusse, wie sie spötteln – führen sie diese Namen nicht immer im Munde, um sie zu sprichwörtlichen Lächerlichkeiten zu stempeln? Geh nicht mehr hin! Ernste Arbeit im Dienste des Gemeinwohles wird dir auf die Dauer besser zur Gemütsruhe und Heiterkeit verhelfen als all die leichtfertige Kurzweil dieser Gesellschaft. Wohl weiß ich, daß ihre Versemacher und ihre dirnenhaft geschminkten Frauenzimmer ein gar süßes Gift zusammenbrauen, o ich kenne das! Hüte dich, Rufus! wahre deine stolze Männlichkeit, trinke es nicht!« Ich sah wohl die Wahrheit solcher Rede ein. Aber ich hatte schon zuviel von dem süßen Gifte genossen. ›Es ist schon so, wie er sagt,‹ dachte ich, ›es ist ein blumenbedeckter Sumpf. Giftblumen sind es sonst mehr oder weniger, aber unter ihnen strahlt die reinste Lilie, die je dem gesündesten Boden entsproß.‹ Deine Schwester war mir zuerst nur ein holdes Kind gewesen. Nun war sie schon zur Jungfrau emporgeblüht. Ich konnte mich nicht mehr von dem Kreise losreißen, wo ich ihr begegnete. Du weißt, daß deine Eltern zwar einer vornehmen, aber keineswegs reichen Familie angehörten. Mit dem Aufwande, den deine Mutter machen mußte, um das rauschende Leben zu führen, das ihr so nötig wie die Luft zu sein schien, wurde es ihr immer schwieriger, die erforderlichen Mittel aufzutreiben. Ich aber war reich; in einer Zeit, wo so viele Senatoren durch die Nachwirkungen der Bürgerkriege verarmt waren, durfte ich sogar als sehr reich gelten. Von Hause aus begütert, hatte ich durch meine Frau noch ein zweites Vermögen erhalten. Mein Verhältnis zu Tiberius, der nun bald Princeps werden mußte – denn mit dem teuren Leben des Augustus ging es sichtlich zu Ende – war hinlänglich bekannt. Vielleicht gab es keine Familie in Rom, in der ich nicht als Schwiegersohn willkommen gewesen wäre; deiner Mutter vollends erschien ich als ein rettender Geist, und als solcher wurde ich in ihrem Hause behandelt. Auch die anderen Hausfreunde mußten sich auf diesen Ton einstellen. Man ergriff nun, wenn ich anwesend war, jede Gelegenheit, Tiberius, den sie in ihrem Herzen haßten, zu loben. Er habe ohne Zweifel seine Fehler, wie sie ja jeder Sterbliche hat – wenn anders man ihn diesen beizählen dürfe – und es sei schade, daß seine Anschauungen so überaus veraltet seien; aber sei er denn nicht der größte Feldherr und auch der einzige Staatsmann, wenn uns der göttliche Augustus verließe? Wie sehr habe dieser recht, wenn er immer den Vers des Ennius auf Tiberius anwendete: Ein Mann ganz allein hat wachend den Staat uns gerettet – und so weiter – Reden, die geführt wurden, um mich im Hause heimisch zu machen, zum Teil aber auch darauf berechnet waren, durch mich dem Tiberius zu Ohren zu kommen. Und deine Schwester – ach Marcus, ich war töricht genug, manchmal zu glauben, daß ihr klarer, sinniger Blick in mir trotz meiner schon ergrauten Haare und meines schwerfälligen Wesens etwas Tieferes und Echteres sähe als in den glänzenden jungen Männern, die sie umschwärmten.« »Nicht töricht, Titus. Ich schied ja freilich damals aus dem väterlichen Hause, um meinen ersten Kriegsdienst anzutreten – –« »Und wohl dir, daß du schon so jung aus jenem üppigen Dunstkreis hinauskamst, um in die strenge Männerschule der Kriegszucht zu gehen und darin zu bleiben!« »Gewiß war mir das gut! Ich hatte vielleicht schon zu viel in jener gefährlichen Luft geatmet. So wurde ich denn nicht Zeuge deines Freiens, noch eures Verkehrs in der unmittelbar vorhergehenden Zeit. Wohl aber weiß ich, wie hoch Fulvia dich schon schätzte, als ich noch zu Hause war. Keiner der jungen Laffen durfte sich in ihrer Gegenwart einen Scherz auf deine Kosten erlauben.« »Ja ja, ich glaube dir das gern. Aber töricht war ich doch, auf solch freundliches Wesen trügerische Hoffnungen zu bauen ... Nun, Tiberius sah bald, wie die Dinge lagen und redete mir ernstlich zu. Er sprach von meiner ersten Heirat, die in ruhigem Eheglück, an der Seite einer gleichgesinnten edlen Frau dahingeflossen war und von meinen Kindern, der Tochter, die gerade einen würdigen jungen Senator geheiratet hatte, den beiden Söhnen, die ihren soldatischen Dienst antraten: ich sei ihnen schuldig, wenn ich eine neue Ehe einginge – was er durchaus richtig finde – dafür zu sorgen, daß sich diese der ersten würdig gestalte. Dies würde ich, soweit es in menschlicher Macht stünde, tun, wenn ich mir meine Braut in einer der alten, treu gebliebenen Familien suchte, wo dieselben Hausgötter, die meinen eigenen Herd geschützt, heilig gehalten wurden. Auch sollte ich kein blutjunges Mädchen heimführen, da es doch genug begehrenswerte Witwen und geschiedene Frauen gebe und nur eine reifere Frau meinem ganzen Wesen angemessen sei. Anstatt auf den weisen Rat des Freundes zu hören, sah ich darin nur den Eigenwillen des Herrschers. ›Du willst mir nicht erlauben, auf meinem eigenen Wege das Glück zu suchen,‹ sagte ich. ›Wenn es nur dein eigener Weg wäre!‹ entgegnete er. Ein tiefes und wahres Wort, das leider ein verschlossenes Herz fand. Empfindlich verwundet durch die etwas schonungslose Art, in der er meine eitle Hoffnung, bei einer jungen, von der ganzen vornehmen römischen Jugend umworbenen Dame Gegenliebe zu erwecken, lächerlich gemacht hatte, ließ ich mich zu einer Äußerung hinreißen, die ich fast bereute, bevor sie noch ganz ausgesprochen war. Ich fragte ihn, ob er denn selber Grund habe, so zufrieden zu sein, in der Entscheidungsstunde seines Lebens auf die Stimme der Vernunft statt auf die seines Herzens gehört zu haben. Als er seiner ersten, geliebten Frau den Scheidebrief schrieb, um die leichtfertige Tochter des Augustus zu heiraten, habe er seine Liebe seinem Ehrgeiz geopfert. Das höchste Ziel menschlichen Ehrgeizes habe er jetzt erreicht: – sei er so sicher, die richtige Wahl getroffen zu haben? Ich erschrak, als ich diese dreiste Frage stellte. Sein Gesicht wurde blaß und starr wie Marmor. Er antwortete nicht, sondern verabschiedete mich mit einer Handbewegung, die besagte, daß er es aufgebe, mir zu helfen. So fand denn die Hochzeit statt. Mehr als ein Jahr genoß ich das ungetrübte Glück meines Wahnes. Dann kam die Zeit, wo mich unmerklich, aber immer dringlicher das Gefühl überschlich, als gleite meine Frau von mir weg. Unsere Ehe schien kinderlos zu bleiben. Aber das war es nicht. Nicht der Kindesgeist war es, der zwischen uns als Band fehlte. Der Geist der Mutter war's, der sich als Schranke zwischen uns stellte. Immer öfter war Fulvia im mütterlichen Hause zu finden, immer häufiger wurden die Besuche ihrer Mutter in dem meinigen. Als ob ich ihren vertrauten Gesprächen gelauscht hätte, so genau wußte ich, worauf diese mütterlichen Ermahnungen ausgingen: ›Hast du etwa einen alten, steinreichen Senator und Freund des Herrschers geheiratet, um dich mit ihm in einem Familienmausoleum zu begraben und eine römische Tugendmatrone alten Musters zu werden? Ich meine, du hast es getan, um in der glänzenden Gesellschaft den ersten Rang einzunehmen, der dir gebührt; um ganz Rom zu deinen Füßen zu haben, den Allerweltsreigen anzuführen auf dem Blumenpfad einer neuen, goldigen Friedenszeit.‹ Ich glaube sicher, daß Fulvia lange ihr Ohr gegen solche leichtfertige Rede verschloß; ich weiß aber auch, daß das mütterliche Gift ihr nach und nach ins Herz drang. Bald war sie wieder von ihrem ganzen Hofstaat und ihrer alten Leibgarde umgeben, wo man sie auch sah, im Theater oder Zirkus und bei öffentlichen Aufzügen, sowie im Hause der Mutter, ja sogar auch in meinem eigenen. Denn viele von diesen jungen Leuten gehörten ihrer großen Familie an, und diesen konnte ich nicht wohl mein Haus verschließen. Sie machten ihr in der auffälligsten Weise den Hof; denn daß sie jetzt eine verheiratete Frau war, bildete ja für diese Herrchen kein Hindernis, sondern stachelte sie vielmehr zu noch größerer Dreistigkeit auf. Unter ihnen war auch ein gewisser Varro. Er entstammte einer mäßig begüterten Ritterfamilie und hatte sich gerade damals einen kleinen Dichternamen geschaffen. Als echter Schüler des Ovidius war er ein Liebling deiner Mutter. Ich sehe sie noch ihm mit ihrem ringgeschmückten Finger drohen, als er sich rühmte, die ›Liebeskunst‹ des verbannten Meisters durch die Dreistigkeit eines Werkes, das er unter der Feder habe, nächstens in den Schatten stellen zu wollen. Den Namen meiner Frau mit einem solchen Mann in Verbindung gesetzt zu sehen, war mir besonders peinlich. Bei der Heirat hatte deine Mutter Fulvia eine griechische Sklavin mitgegeben, ein gescheites, in vielen Arbeiten und Künsten wohlbewandertes Mädchen, wie die Damen sie gern um sich haben – aber sie ist ja sogar deine Jugendgespielin gewesen, und du hast sie auch später in meinem Hause gesehen: wahrlich, du wirst die schöne Phöbe nicht ganz vergessen haben.« Hätte er seinen Schwager angesehen, würde ihm das brennende Rot, das durch die bronzefarbenen Wangen bis in die Schläfen hinaufschoß, auffällig genug gewesen sein. Aber zu trübe Gedanken beschäftigten ihn und senkten fast die Brauenbüsche über die Augen. »Nun wohl, dieses Geschöpf einer lächelnden jonischen Insel war mir bis in den Grund der Seele zuwider. Kein Zweifel, daß sie angestellt war, um der alten Herrin bei der neuen zu dienen und den mütterlichen Einfluß aufrecht zu erhalten, so daß, auch wenn die Mutter nicht anwesend war, ihre Stimme doch dem töchterlichen Ohre aus dem wohlklingenden griechischen Organ ertönte. O, nur zu wohl haben wir unsere Nemesis verdient, wenn wir betrogen und verraten werden, wir, die wir uns zu verfeinert dünken, um mit unserer ehrlichen italischen Dienerschaft zufrieden zu sein, und Luxuswesen aus dem Osten einführen: Griechen aller Stämme, Syrier, Ägypter und Äthiopier, um unseren lasterhaften Üppigkeiten und verzärtelten Lebensgewohnheiten zu dienen! Vom ersten Augenblick an sagte mir ein Gefühl, daß, wenn Unheil kommen solle, es durch dieses Griechenmädchen mit den katzenhaft einschmeichelnden Bewegungen käme. Und gekommen ist es – durch sie.« Bei diesen Worten fährt Marcus auf, wie durch einen plötzlichen und furchtbaren Gedankenblitz emporgescheucht – ein Ausruf, eine Frage drängt sich auf seine Lippen ... aber er sinkt wieder zurück, streicht sich abwehrend mit der Hand über die Stirn und lächelt sogar, wie einer, der sich selber bemitleidet, weil er vor einem gar zu sinnlosen Einfall erschrickt. Rufus ist noch immer zu tief in seine traurigen Erinnerungsbilder versunken, um diese Bewegung seines Zuhörers zu bemerken. Viertes Kapitel Beim Triumphe des Germanicus »Du besinnst dich gewiß noch, Marcus, auf den Pappelweg, der unseren Garten der Länge nach durchschnitt und unten an der Mauer bei der Bank endete, wo man die Aussicht über den Tiber nach den Weinbergen genoß. Auf diesem schönen Ruheplatz hatte ich eines Tages Fulvia zurückgelassen, würdig beschäftigt, wie ich wußte. Denn ich hatte ihr aus meiner Bücherei das vierte Buch der Oden des Horatius gebracht, mit dem Säcularfeier-Hymnus und den Lobgesängen auf Tiberius und Drusus. Ganz Rom bereitete sich gerade auf den Triumphzug des Germanicus vor, und Fulvia hatte zu meiner Freude den Wunsch geäußert, diese Oden zu lesen, die sie nur einmal bei einer Gelegenheit gehört hatte, an die sie mich zwar nicht zu erinnern brauchte; was sie jedoch auf die lieblichste Weise tat. Noch vor unserer Verlobung hatte ich nämlich einmal diese Oden zu mir gesteckt, als ich mich in das Haus ihrer Mutter begab, wo an diesem Tage gerade eine größere Gesellschaft versammelt war, um die jungen Tagespoeten ihre Machwerke vortragen zu hören. Als nun diese Küchlein der Literatur, unter denen sich Varro besonders hervortat, ihre fade und schlüpfrige Wonne und Liebessehnsucht ausgekräht hatten – zur größten Erbauung der Anwesenden –, zog ich meine Rolle aus den Brustfalten der Toga und bat um Gehör für Dichtungen einer anderen Art. Daraus trug ich denn diese ernsten patriotischen Gedichte vor, die ja keineswegs neu, aber in diesem Kreise, wo sie auch bei ihrer Entstehung wenig Beifall gefunden hatten, längst vergessen waren. Dies tat ich, wie sie mir jetzt sagte, keineswegs kunstgemäß, sondern recht schwerfällig den heroischen Rhythmus der Alcäischen Strophen meinen Zuhörern ins Ohr hineinhämmernd; dennoch tat ich es ihr zu Gefallen – worauf es allerdings ja auch allein abgesehen war –; und sie hatte mich von dem Tage an noch viel lieber. Dabei erhob sie sich auf die Fußspitzen, faßte mich an beiden Ohren und küßte mich, indem sie mich ihren lieben Brummbären aus den germanischen Wäldern nannte. Ganz erwärmt von ihrem Bilde, das mir noch lebendig vor Augen war: wie sie über die Rolle gebeugt auf der Bank saß, trat ich auf einen durch Lorbeer- und Myrtengebüsch sich schlängelnden Pfad in den Pappelgang, als Phöbe vorübersprang, offenbar in großer Eile, vom Hause aus geradeswegs nach jenem Sitzplatz zu gelangen. Ich rief sie zurück, denn ich mochte nicht, daß Fulvia jetzt durch eine nichtige Haushaltungsfrage gestört werden solle. Das mehr als befangene Wesen des Mädchens fiel mir auf, und es entging mir nicht, daß sie etwas im Kleide zu verstecken suchte. Ich zwang sie, es herauszugeben. Es war eine kleine Pergamentrolle, mit Schnur und Siegel zierlich verschlossen. Streng befragt, gestand sie nach vielen Umschweifen, Varro habe sie überredet, die Briefschaft meiner Frau zu übergeben. Ich sagte, daß ich's selber besorgen werde, und drohte ihr mit einer harten Strafe, wenn sie wieder auf solchen Wegen betroffen würde. Dann schickte ich sie ins Haus. Allein geblieben, brach ich das Siegel. Es war nicht, wie ich zuerst befürchtet, ein Liebesbrief, wohl aber ein offenbar an meine Frau gerichtetes Liebesgedicht. In welch anderer Stimmung ging ich jetzt zwischen den Pappelbäumen der Aussichtsbank zu. »Dies Gedicht,« sagte ich, indem ich Fulvia die Rolle reichte, »wird zwar zu deinem jetzigen Lesestoff nur wenig stimmen. Es ist aber notwendig, daß du dich sofort damit bekannt machst.« Und ich erzählte ihr, wie ich dazu gekommen war. Sie las das Gedicht, wurde blutrot und beschwor mich unter Tränen ihr's zu glauben, daß sie ihm auf keine Weise Veranlassung zu einer solchen Ungebührlichkeit gegeben habe. Ach, ich glaubte es ihr nur zu gern! Ich beruhigte sie. Ich kenne ja die Frechheit dieser jungen Männer, denen nichts heilig sei. Die Sache nehme ich selber in die Hand und würde sie in aller Ruhe ordnen – sie solle nie mehr etwas davon hören. Die warme Freude meines Herzens war freilich dahin, und ein Stachel blieb in meinem Gemüte zurück. Das Gedicht schickte ich dem Verfasser mit ein paar Zeilen zurück, die ihm mein Haus verboten. Zwei Tage danach setzten äthiopische Sklaven eine Sänfte mit meiner Schwiegermutter im Atrium nieder. Deine Mutter überfiel mich sofort mit lauten Vorwürfen wegen meines barbarischen Betragens ihrer Tochter, meines lächerlichen dem Varro gegenüber. Viele Ehemänner in den höchsten Kreisen Roms würden auf solch ein Gedicht, das ihre Frau zu einer Berühmtheit mache, stolz sein! Ich bedauerte, für solchen Ehrgeiz keinen Sinn zu haben und bestand darauf, daß ihm die Tür meines Hauses verschlossen bliebe. Ein Wort gab das andere. »Nächstens willst du wohl auch mir dein Haus verbieten!« rief sie. »Das wäre vielleicht das richtigste, was ich tun könnte,« versetzte ich. »O«, meinte sie spöttisch, »möglich, daß das meine Lebensrettung wäre! Denn in deinem bekannten Jähzorn drehst du mir sonst doch einmal das Genick um, wie es wohl gebräuchlich war bei den gepriesenen Altvordern, deinen Cincinatussen und Curtiussen und Mucius Scävolas und wie die vermoderten Gebeine alle heißen. Aber auch mit Lebensgefahr werde ich auf meinem Posten ausharren. Ich stehe zwischen dir und meiner Tochter. Es soll dir nicht gelingen, sie zu einer Sklavin veralteter Matronenpflichten zu erniedrigen – noch hat sie ja, der großen Mutter sei Dank! kein Kind geboren, auch dies Unglück kann noch kommen. Um so mehr soll sie aber jetzt ihr Leben genießen und nicht verbauern, weil Familienverhältnisse sie nötigten, einen groben, alten Geizhals, gleich deinem Freunde Tiberius, zu heiraten. So, nun geh' zu ihm und klage mich wegen Majestätsbeleidigung an. Er möge mich nach dem öden Gestade des Pontus Euxinus verbannen, wo der arme Ovidius noch seufzt, dann bist du mich ja los. Aber solange ich in Rom bin, werde ich schützend zwischen dir und meiner Tochter stehen.« Obwohl es in mir kochte, ließ ich in leidlicher Ruhe ihren Wortschwall über mich ergehen. Denn sie hatte nur zu sehr recht, daß sie zwischen mir und meiner Fulvia stünde. Dann erklärte ich ihr, ich ginge allerdings stehenden Fußes zum Princeps, aber nicht um sie zu verklagen. Wohl aber müsse ich so unhöflich sein, ihr wenigstens jetzt die Tür zu weisen. Denn ich könne nicht erlauben, daß Fulvia jetzt mit dieser Sache behelligt würde, die sie schon sehr angegriffen habe; und andererseits könne ich ihr auch nicht mehr Gesellschaft leisten, da Tiberius mich erwarte. Dies war kein leerer Vorwand. Sobald sich die Äthiopier mit ihrer Last entfernt hatten, ließ ich vorspannen und fuhr nach Rom zu Tiberius, der mich wegen der Festvorbereitungen hatte rufen lassen. Seit jenem Gespräche hatte sich zwischen mir und ihm nichts verändert. Die alte Herzlichkeit unserer Beziehungen war unwiderruflich dahin, wie es schien. Auf meine Beamtenlaufbahn konnte dies, seiner ganzen Gesinnung nach, nicht den geringsten Einfluß ausüben. Beim Besetzen der Posten hatte er lediglich das Staatswohl vor Augen. Nur einmal, als er einen neuen Censor morum ernannt hatte, sagte er mir, er habe für diese Vertrauensstellung zwar mich als den zweifelsohne Geeignetsten im Auge gehabt, habe jedoch davon abgesehen, da er befürchtete, ich könne bei meiner Amtsausübung gar leicht mit meinem neuen Kreise in Widerspruch geraten, ja es könnten sogar Familienstreitigkeiten für mich daraus entstehen. Er sagte dies vollkommen sachlich und ohne den geringsten spöttischen Ton. Auch sah ich ein, daß er nur zu sehr recht habe; und obwohl der Verlust dieser Ehrenstellung mich schmerzte, war ich gerührt über die zarte Bedachtsamkeit des Herrschers, worin sich noch die alte Freundschaft zeigte. Aber wie um alles Außeramtliche und Menschliche auszuschalten, fing er sofort an, mir auseinanderzusetzen, wie wichtig es für das Gemeinwohl wäre, daß gerade der Censor völlig freie Hände habe, ja daß sich nicht einmal der Verdacht regen könne, er liehe sich durch irgendwelche Rücksichten binden. Diesmal wollte er mir die Führerschaft einer Senatsabordnung an Germanicus übertragen – ohne Zweifel eine hohe Ehrenbezeugung. Damit sie jedoch nicht als persönliche Gunst erschiene, begann er sofort mir zu zeigen, daß ich der einzige sei, von dem die Rede sein könne, weil ich nicht nur alle anderen erforderlichen und erwünschten Eigenschaften besäße, sondern auch die unerläßliche, mit Germanien vertraut zu sein. Hierbei geriet er nun freilich aus der Scylla in die Charybdis. Denn als er von Germanien sprach und nicht wohl umhin konnte, unser Zusammensein dort zu berühren, kam ein verräterischer weicher Klang in seine Stimme, und ein Blick, der mir tief ins Herz drang, verirrte sich in sein großes, klares Auge. Sofort aber sprang er auf das Staatliche über und tadelte die Kriegslust des Germanicus, der nur darauf bedacht wäre, sich Feldherrnlorbeeren zu sammeln, ohne Rücksicht auf den wirklichen Nutzen des Staates. Deshalb habe er den Germanicus des Oberbefehls über die Rheinarmee enthoben und ihn nach Syrien geschickt, wo er keinen Schaden anrichten könne. Die Germanen solle man ihrem eigenen innern Hader überlassen, der umso sicherer ausbrechen würde, wenn sie kein Feind von außen bedrängte – wie es ja auch gekommen ist. In diesem Sinne müsse auch ich reden, wenn Germanicus etwa grollend von seiner Versetzung nach dem Osten zu sprechen anfinge. Von sehr verschiedenen Gemütsregungen tief bewegt, verließ ich Tiberius. Deutlich hatte ich ja gemerkt, wie ein altes Gefühl für mich noch im Grunde seiner Seele lebte, ja wie es sich bisweilen hervordrängte und zurückgebannt wurde. Und so würde es bei der Starrheit seines Charakters immer bleiben. Ja, wie hätte es auch anders sein können? Gerade weil er mir nicht gänzlich verloren gegangen war, wurde mir der Verlust so qualvoll deutlich. Die Freundschaft des Herrschers, des Weltherrschers – das war nicht wenig. Die Freundschaft des einzig seltenen Mannes, mit dem mich gemeinschaftliche Lebensanschauung und jugendliche Erinnerungen verbanden – das war mehr! Mehr noch als dies jedoch bedeutete die Freundschaft des Unfreundlichen, die Offenherzigkeit des Verschlossenen, dem nur in diesem Verhältnis noch ein Gefühlsquell jugendlicher Wärme sprang. Bitter fragte ich mich selber, ob mein Eheglück denn solcher Art sei, daß es jenes aufwöge. Ich kam mir selbst wie ein Fahnenflüchtiger vor. Ich klagte mich der Untreue an, weil ich diesen auf dem Gipfel der Welt stehenden Einsamsten der Einsamen verlassen hatte. In solcher Stimmung traf mich denn auch der Maitag, der Rom in einen Fieberrausch der Begeisterung versetzte. Meine Obliegenheiten machten mir es natürlich unmöglich, an der Seite Fulvias zu sein, und so war es nicht zu verhindern, daß sie das großartige Gepränge des Triumphzuges in der Gesellschaft ihrer Mutter genoß. Am Aufgange zum Kapitolium sah ich die Beiden in der ersten Reihe einer Tribüne sitzen – der ganze Hofstaat war da. Ein junger Mann beugte sich über Fulvia und sprach lebhaft zu ihr. An seinem Lockenkopf und an dem blauen Saum seiner Toga erkannte ich den Ritter Varro. Mit niedergeschlagenen Augen lauschte sie lächelnd seinen Worten. Mir schnürte sich bei diesem Anblick das Herz zusammen. Als sie den Kopf hob und zu mir herüber sah – denn die Abordnung des Senats, an deren Spitze ich ging, war jetzt bemerkt worden –, wandte ich mich an einen der Senatoren, als ob ich ihm etwas Wichtiges mitzuteilen hätte; denn ich konnte es nicht ertragen, jetzt mit ihr Blicke zu wechseln. Wenige Minuten später bot sich mir das unvergeßliche, erschütternde Schauspiel dar, wie Thusnelda vor dem Wagen des Triumphators einherschritt. Es ergriff mich sonderbar, und mir kam dabei der wunderliche Gedanke, daß eine Frauengestalt wie diese, mit ihrem Vater verfeindete Gattin des germanischen Heldenbefreiers ganz anders zu mir gepaßt hätte als die liebliche aber verzärtelte Fulvia, die noch am Gängelband ihrer Mutter ging. Diese Vorstellung, die ich nicht mehr los wurde, zeigte mir so recht anschaulich, wie sehr ich mich in meiner Wahl vergriffen hatte. Aber diese unfreiwillige Gegenüberstellung steigerte nur meine Sehnsucht nach Fulvia. Mochte ich mich immerhin vergriffen haben, so wollte ich es doch nicht vergebens getan haben! Hatte ich auch durch den Fehlgriff die Freundschaft und die Vertraulichkeit des einzigen Herrschers eingebüßt, um so weniger wollte ich um den Preis kommen! Ja, mochte auch im geheimen ihr Herz für einen jüngeren, glänzenderen, bald vielleicht mit Dichterlorbeeren bekränzten Mann pochen, noch war sie die Meine! Es kostete mich das größte Aufgebot an Selbstbeherrschung, um nicht das Zutrauen des Tiberius zuschanden zu machen. Denn während ich dem Germanicus die Glückwünsche und Huldigungen des Senats überbrachte, dachte ich nur daran, wann ich wohl würde hinauseilen können und Fulvia in meine Arme schließen, wann meine Hände wieder – – « Ein unartikulierter Schmerzenslaut, halb Schrei halb Stöhnen, unterbricht die Worte, und vornüber zusammensinkend, sitzt Rufus noch lange stumm da, bis er endlich Sammlung und Kraft findet, seine Beichte fortzusetzen. Fünftes Kapitel . Fulvias Tod. »Mancherlei Besprechungen, Senatssitzungen, Berichte an Tiberius, Festlichkeiten und Kulthandlungen hielten mich in fast ununterbrochener Reihe noch mehrere Tage in Rom zurück. Jeden Tag sandte ich eine Botschaft an Fulvia und vertröstete sie oder richtiger mich selber auf den folgenden Tag. Als ich mich endlich freimachen konnte und mein Wagen schon vor der Tür hielt, wurde ich noch von einem Senator aufgehalten, der mich – wie er sagte – in einer so dringenden Angelegenheit aufsuchte, daß ich ihn trotz aller Ungeduld nicht gut abweisen konnte. Von einem berüchtigten Angeber waren ihm die Beweise für den Ehebruch seiner Frau vorgelegt worden. Der Angeber erbot sich, das Geheimnis zu wahren, verlangte aber dafür eine beträchtliche Summe, die der verarmte Senator nicht imstande war zu zahlen. In seiner Not kam er nun mit der Bitte zu mir, ihm in dieser heiklen Sache auszuhelfen. Diese Bitte mußte ich ihm rundweg abschlagen. Er wisse ebenso gut wie ich, daß die lex Julia es ihm zur Bürgerpflicht mache, innerhalb sechzig Tagen seine Frau zu verklagen oder zu verstoßen. Von dieser Weigerung enttäuscht und erbittert, sagte mir der Senator, daß er sich gerade an mich gewendet habe, nicht nur meines Reichtums wegen, der es mir leicht mache, ihm zu helfen, sondern weil wir uns beide in demselben Boote befänden; denn das Verhältnis meiner Gattin zu Varro sei ja schon Stadtgespräch. Er wußte von jenem Gedichte, in dem Varro meine Fulvia unter einem angenommenen Namen besang, und das jetzt, wie er versicherte, in vielen Abschriften die Runde machte; aber auch noch ein neues Gedicht sei ihm gestern gezeigt worden, in dem der Poet sehr witzig über den Gatten spöttelte, der ihm das Tor verschlösse, während er doch eine offene Hintertür zur Geliebten habe ... Meine Dankesgefühle für diese Aufschlüsse müssen sich recht deutlich in meinem Gesicht gespiegelt haben; denn als ich ihn anblickte, verabschiedete er sich ebenso wortlos wie eilig. Ich warf mich in den Wagen. Ein wilder Sturm wütete in meinem Innern; ich vermochte kaum einen Gedanken festzuhalten außer dem einen: hinaus nach der Villa! Meine Freude auf das Wiedersehen war vergällt, meine Sehnsucht nicht vermindert. Nichts hatte meinen Glauben an die Treue Fulvias erschüttert. Was war denn geschehen, was ich nicht schon wußte? Ein frecher Dichterling hatte ein freches Spottgedicht geschrieben und geprahlt, er sei der Geliebte meiner Frau; er hatte ferner von der Hintertür gesprochen, die ihm zu ihr offen stünde. Was lag denn daran? Man wußte ja, wie diese Leute ihre licentia poetica auffassen. Aber daß mein guter Name und vor allem der Name meiner Frau in den Straßenschmutz gezogen, dem Schmunzeln, Kichern und Gelächter preisgegeben wurde – dieser Gedanke machte mich fast wahnsinnig. Nun, ihm würde ich das Handwerk schon legen, er sollte bald erfahren, mit wem er's zu tun habe. Zuerst aber Fulvia sehen! Ich wollte ihr nichts von diesem neuen Schimpf sagen, noch von dem Bekanntwerden des alten. Ich suchte keine Aussprache mit ihr. Eines treuen, innigen Blickes ihrer klaren Augen bedurfte ich, um alle Spukgestalten gänzlich zu vertreiben. Jener Kuß an der Bank brannte mir noch auf den Lippen. Würde sie mir wieder einen solchen zum Willkommen geben? Sie hatte mich am Fuße des Kapitols gesehen, obwohl sich unsere Augen nicht begegnet waren. Würde sie mir sagen, ich hätte würdig ausgesehen, als ich an der Spitze der Senatoren die Treppe hinabstieg, und sie sei auf ihren Mann stolz gewesen? Ein Blick, ein Kuß, ein Wort war ja alles was ich brauchte! Ich stürzte in das Haus, durcheilte die Räume; Fulvia war nirgends zu sehen. Eines der Mädchen sagte mir, meine Frau sei im Garten. Ich dachte an die Aussichtsbank – wie schön, sie gerade dort zu treffen! Die Strahlen der untergehenden Sonne erfüllten den Pappelgang und blendeten mich. Plötzlich fühlte ich mich festgehalten. Phöbe, die ich fast überrannt hatte, ergriff meine Toga. Mit zitternder Stimme beteuerte sie, meine Frau sei nicht an der Bank, nicht im Garten, sie sei schon ins Haus gegangen. Ich sah, daß sie log. Große Angst und Erregung sprachen aus ihren Zügen. Eine furchtbare Ahnung bemächtigte sich meiner. Ich stieß sie zur Seite und stürzte weiter. Nun sah ich eine Gestalt am Ende des Baumganges. Mit der Hand das Auge beschattend, blieb ich stehen. Es war Fulvia. Sie war nicht allein. Die andere Gestalt war die eines Mannes. Ich trete zur Seite und schleiche vorsichtig heran. Die Gestalten sind nicht mehr zu unterscheiden – eine einzige Gruppe. Ihr weißer Arm umschlingt einen schwarzen Krauskopf, der dunkelblaue Streifen einer Rittertoga schlängelt sich über das golddurchwirkte Pergamon-Gewand, das ich ihr zum Feste geschenkt hatte – kein Zweifel, es war keine Dirne aus dem Haushalt, es war die Herrin des Hauses selbst. Plötzlich reißt er sich aus ihren Armen und schwingt sich über die Mauer. Ich stürze vor – Blut vor den Augen. Fulvia wendet sich um – erblickt mich nur wenige schritte von sich entfernt, schreit laut auf – – – Dein Schwert, Marcus, dein Schwert! Haue sie mir ab, diese mörderischen Hände. Von ihrem furchtbaren Griff lag sie erwürgt, als ich wieder zu Sinnen kam!« Sechstes Kapitel. Fulvias Schuldlosigkeit. »Und sie war unschuldig.« Nach langem Schweigen tönen diese Worte dem alten Rufus mit der etwas bebenden Stimme des Marcus ans Ohr. Langsam, fast beschwerlich erhebt der greise Dianapriester den Blick unter den herabhängenden Brauenbüscheln und starrt seinen Schwager mit einem leeren Blick an, als ob er in Zweifel sei, ob er Marcus nicht oder dieser ihn nicht verstünde. Nach und nach merkt er, daß in den krampfhaft bewegten Zügen dieses trotz aller Wetterbräune todblassen Gesichtes sich etwas Neues und Unbekanntes zeigt, eine innere Qual, die nur zur Hälfte der Schreckenstat entstammt, die ihm soeben gebeichtet wurde. »Was meinst du? was hast du mir zu sagen, Marcus?« »Fulvia war unschuldig. Du warst nur schuldig in deinem Jähzorn und durch die furchtbare Kraft deiner Hände. Ich war der Schuldige.« Rufus antwortet nur mit einem müden Kopfschütteln, als ob er meine, der junge Schwager rede irre. »Mein frevelhafter Jugendleichtsinn – ein böser Dämon hat ihn in seine Hand genommen, um dies Verhängnis über uns zu bringen – ja auch über mich, denn ich werde mir das nie verzeihen, und ich habe am längsten daran zu tragen.« Diesmal erhebt Rufus den Kopf und blickt Marcus scharf an. Ganz irre Rede scheint dies doch nicht zu sein. »Du hattest recht geahnt, Titus, daß durch Phöbe Unheil kommen würde, und durch sie kam es, sagtest du. Ja, das ist so, aber nicht so wie du glaubst. Du meinst, sie hätte eine Begegnung zwischen Fulvia und Varro vermittelt und versucht, dich dann von den Beiden fernzuhalten. Nein, ich will dir erzählen, wie sie das Mittel wurde. Du hast recht, wenn du sagtest, ich hätte sie wohl kaum vergessen. Als ich der zur schönsten Jungfrau emporgeblühten kindlichen Gespielin in eurem Hause begegnete, entbrannte ich sofort in der heftigsten Liebe. Ihr leichtes jonisches Blut blieb bei der Werbung des jungen Legionärs nicht kühl. Ich selber war noch immer nicht früh genug der Luft des genußsüchtigen Hauses der Mutter entzogen worden und hatte schon fast vor dem Jünglingsalter allzu viele Ovidische und Catullische Verse mit begehrlichen Ohren aufgenommen, als daß ich jetzt viele Bedenklichkeiten gehegt oder daß die Ehrfurcht vor deinem Hausstande mich zurückgehalten hätte. Vielmehr sah ich in eurem herrlichen Garten am Tiberstrome nur die natürliche Heimstätte unserer Liebe, und ihr kurzes Glück blühte darin so feurig und besinnungslos wie seine wunderbaren Rosenhecken. Schwer wirst du es verstehen, daß nicht nur sinnliche Begierde sondern auch tiefere oder wenigstens innigere Gefühle mich an das Mädchen fesselten; aber ihr Reiz war so geheimnisvoll und eigen, daß Sinnenbestrickung und Herzensbezauberung sich untrennbar in einander flochten. So befiel mich denn bitterer Kummer, als wir in unserem Lager schon drei Tage nach dem Triumphzuge den Befehl bekamen, uns für den folgenden Tag bereit zu halten, nach Ostia zu rücken, um dort nach dem Osten eingeschifft zu werden. Ich ertrug den Gedanken kaum, daß ich nicht noch einmal meine Phöbe umarmen und ihr Lebewohl sagen sollte. In weniger als einer halben Stunde konnte mein schnelles Roß mich zu ihr tragen. Offenkundig in meinem Waffenkleide das Lager zu verlassen war freilich bei der strengen Manneszucht, die Germanicus bei aller Leutseligkeit aufrecht erhielt, ein gewagtes Unternehmen. Nun traf es sich aber gerade so, daß ein Freund ritterlichen Standes mich im Lager aufsuchte, um von mir Abschied zu nehmen. Es war nicht schwierig, ihn zu überreden mir seine Tunica und Toga zu überlassen und mit meinem Waffenkleid angetan im Zelte zu warten, bis ich, nach einer reichlichen Stunde, zurückkehren würde. Anstatt in den Hof zu reiten und zu tun, als ob ich meine Schwester sehen wolle, entschloß ich mich, zuerst mein Glück im Garten zu versuchen, wo Phöbe oft, besonders zu dieser Stunde, gegen Abend, bei den Blumen beschäftigt war. Die Gunst der Venus, wie ich damals glaubte, oder – wie ich jetzt annehmen muß – die Tücke dämonischer Mächte fügte es so, daß ich, schon als ich mich über die Gartenmauer schwang, mich Angesicht zu Angesicht mit meiner Phöbe befand; denn sie war gerade dabei, die Rosenstöcke hinter der Bank zu begießen. Es war mir nicht vergönnt, sie lange in meinen Armen zu halten. Unversehens wurden wir von Fulvia überrascht. Sie schalt Phöbe heftig und schickte sie ins Haus. Auch mich verschonte sie nicht mit Vorwürfen, weil ich so wenig Rücksicht auf die Würde ihres Hauses nehme. Der Gedanke, daß ich schon morgen nach dem fernen Osten zöge, um vielleicht in einem Partherkriege meine Gebeine in der Wüste zu lassen, erweichte sie jedoch bald, und sie gab sich in meinen Armen dem Schmerz des Abschieds hin, dessen schreckliche Mißdeutung sie mit ihrem Leben büßen sollte.« Siebentes Kapitel. Im Schatten der Todessehnsucht. Nach langem, qualvollen Schweigen erhebt der alte Rufus seine Stimme. »Man hat geglaubt, sagtest du, daß ich mich im Tiber ertränkt habe. Viel hat daran scheinbar nicht gefehlt. Ich stand schon auf dem unterspülten Uferrand, bereit, in die schwarzen Strudel hinunterzuspringen – doch mir versagte der Mut. Nicht fürchtete ich die gischtgeschwollenen Wogen, noch den Tod selber. Aber gar zu furchtbar war mir der Gedanke, noch frisch mit dieser gänzlich ungesühnten Mordtat beladen vor dem jenseitigen Gerichte zu erscheinen.« »Und dachtest du denn nicht an das irdische Gericht?« »Ach, das war es ja eben! Hätte ich nur meinen Kopf zum Block tragen können! Aber der irdische Richter würde mich ja freisprechen. Und wie konnte ich ihm die Wahrheit sagen? Wie konnte ich meine Fulvia anklagen, ihren geliebten Namen der Schande übergeben? Nein, für mich gab es nur das eine: – mich hier zu begraben, wo mich niemand finden würde, wo ich einsamer als in der tiefsten Wüsteneinsamkeit meiner Buße leben konnte. Aber ach, wie schwer, vor allem wie lang sie werden sollte, das wußte ich noch nicht, als ich hier Zuflucht nahm ... Wie oft stand ich dort auf jenem Felsenvorsprung und fragte mich, ob ich jetzt genug gelitten hätte, ob ich jetzt dem Begehr meines alten einsamen Herzens nachgeben dürfe und mich hinabstürzen in die lockende Tiefe, damit sie ihren grünen glasigen Schrein über mich und über mein Weh auf immer schlösse. Aber würde es denn auch auf immer sein? fragte dann mein Herz. Denn viele alte Weise lehren, daß der Tod die Toten ins Leben zurückstoße, so daß sie je nach ihren Taten zu neuen Prüfungen wiedergeboren werden. Und hat nicht der, den das Orakel den weisesten der Sterblichen nannte, noch am Tage seines Todes gesagt, die Menschen seien die Sklaven der Götter, und wie die menschlichen Herren zürnen, wenn ihre Sklaven weglaufen, so auch die Götter, wenn die Menschen, ohne gerufen worden zu sein, freiwillig das Leben verlassen? Wenn nun solche Zweifel und Bedenken sich regten, dann lehnte ich mich wohl dagegen auf: wer hat mich denn zum Sklaven der Götter gemacht? was haben sie mir Gutes getan, daß ich ihnen treu sein müßte? Soll man aber doch wiedergeboren werden, so kann man es ja darauf ankommen lassen. Wenn ich mich aber auch durch solche innere Aufruhrstimme befreit zu haben wähnte, so hielt mich doch immer noch eine geheime Macht zurück, ob innerer oder äußerer Art, warum und wozu, wußte ich nicht. Jetzt freilich weiß ich's.« »Und ist es denn in den vielen Jahren niemals geschehen, wenn ein Schutzsuchender sich jenen goldenen Zweig gepflückt hatte und nach den sonderbaren Satzungen dieses Heiligtums sich im Ringkampfe seine Priesterwürde und sein Asylrecht erkämpfen mußte – ist es denn nie geschehen, daß das Los dich zu seinem Gegner erkor, so daß dir Gelegenheit wurde, ohne eigenes Zutun, nur dadurch, daß du deine ungeheure Körperkraft zu seinem Verderben nicht voll einsetztest, den ersehnten Tod zu erreichen?« Rufus schüttelt bitter lächelnd den Kopf. »Ja freilich, einem solchen Flüchtling hätte die Glücksgöttin gelächelt, und gar leicht wäre er zu seinem Siegespreis gekommen. Ach, wie oft habe ich auf meinen Knien einsam die Schicksalsmächte, jedesmal wenn die Lose in die Urne gelegt wurden, gebeten, das Los auf mich fallen zu lassen – bis ich es aufgab, weil ich einsah, daß der Tod von mir nichts wissen wollte, denn ich hatte noch lange nicht genug gebüßt, so nämlich verstand ich es, wenn meine Hoffnung immer wieder und wieder getäuscht wurde. Ja, als gestern Nacht jener angekommen war, dem sie jetzt drinnen die Priesterweihe geben, und der Oberpriester in dem Rundtempelchen drüben im Lorbeergebüsche die Hand in die Urne tauchte, und alle Priester aufs höchste gespannt waren, stand ich völlig gleichgültig zur Seite; denn ich wußte ja, daß es mir nicht galt – und so war es auch. Und doch irrte ich mich andererseits, wie ich jetzt einsehe. Denn nicht deshalb wurde mir das befreiende Los vorenthalten, weil meine Buße noch nicht zu Ende war, sondern deshalb, weil ich nicht sterben durfte, bevor ich nicht die Botschaft hörte, die du mir jetzt gebracht hast. Und so danke ich jetzt der Schicksalshand, der ich gestern in gleichgültiger Verzweiflung nicht einmal mehr fluchen mochte, weil sie mein Los nicht aus der Urne zog.« »O Titus! Du nimmst mir einen Stein vom Herzen mit diesen Worten. Denn mir war vorher zumute, als ob ich jetzt, nachdem ich durch meinen jugendlichen Leichtsinn so unsagbares Unheil angestiftet, nun auch durch mein Bekenntnis dich ganz in den Abgrund selbstquälerischer Verzweiflung gestürzt hätte. Und doch ließ die Pflicht, das Andenken meiner armen Schwester zu reinigen, mir keine andere Wahl.« »Du hast mir damit eine größere Wohltat bereitet, als ich jemals von einem menschlichen Wesen erwarten durfte, Marcus. Wie du so plötzlich vor mir standest, begrüßte dich jubelnd mein Herz als Erlöser. Denn ein solcher bist du in der Tat, jedoch wie ganz anders als ich dachte! Jetzt segne ich deinen Mangel an Rachsucht, dem ich im ersten Augenblick bitter enttäuscht fluchte. Denn hättest du, wie ich hoffte, dein Schwert in mein Herz gestoßen und wäre ich so in meinem Wahn von hinnen geschieden, ohne daß du mir die Binde von den Augen gerissen – nimmermehr hätte ich Ruhe im Tode gefunden! so schaut mich nun freilich meine Missetat doppelt schwarz an. Daneben aber leuchtet gereinigt, im ursprünglichen Glanz der Unschuld, das Bild meiner Fulvia, und o, die Freude über diesen Anblick überstrahlt alles andere. Wie hätte ich je geglaubt, den Augenblick noch zu erleben, wo mir der Tod nicht die willkommenste aller Gaben wäre? Und einen solchen genieße ich jetzt. Willkommen heiße ich ihn zwar bald – noch heute, wenn er kommen will. Aber noch möchte ich einige kurze Stunden vor mir haben, um an Fulvia denken zu können, so wie sie jetzt vor mir steht, so wie du sie mir wiedergegeben hast.« »Möchtest du das noch recht lange tun können und darin deinen Frieden finden!« Mit einem milden, nachsichtigen Blicke schaut der Alte seinen Schwager an. »Du bist noch ein junger Mann, Marcus, da hat der Tod noch ein anderes Antlitz. Der Krieger blickt ihm gern in die Augen und blinzelt nicht. Aber mit freudigem Trotz: – ›komm nur an! nimm mich, wenn du kannst!‹ Nicht so der Alte, zumal wenn er wie ich im sehnsuchtsvollen Hinausspähen nach ihm ergraut ist: ›O komm bald! nimm mich mit von hier! Hebe die Atlaslast dieser Welt von meinen müden Schultern!‹ Denn keinen anderen Frieden konnte ich mir ja denken, als daß die Welle der Lethe über meinem Kopfe dahin rauschte, um die quälende Erinnerung wegzuspülen. Und in jenem kristallhellen smaragdgrünen Wasser des Dianaspiegels sah ich Tag um Tag die Letheische Welle mich locken. Aber wenn die Weisen recht haben, die von Pythagoras an gesagt haben, die Nacht des Todes sei nur der Übergang zu einem neuen Tag, da wäre freilich auch dort nicht der volle Frieden zu finden. Wie ich dir ja sagte: ich fühle, daß ich keine Ruhe im Tode gefunden hätte, wenn mir die Kunde verborgen geblieben wäre, die du mir brachtest. Dadurch habe ich aber bei lebendigem Leibe eine unverhoffte Friedenswonne gekostet. So mag es denn wohl sein, daß es eine Leidenserlösung gibt, die nicht in Tod und ewigem Vergessen besteht, sondern in verklärtem Leben und vervollkommnetem Wissen, so wenig ich dies auch fassen kann.« Marcus nickt ihm freundlich zu. Er hat diesen alten Schwager, den er bis jetzt kaum gekannt hat, recht lieb gewonnen und sieht ihn gern vom trüben Todesgedanken los kommen. Da er sich bewußt ist, kein Mann der Rede zu sein, legt er seine Hand auf die große adrige Faust des Greises, die die Rundung des marmornen Banksitzes umspannt, und sagt nur: »Wir können nicht alles fassen, Titus. Es ist erlaubt zu hoffen, wenn auch vieles rätselhaft bleibt.« »Ja rätselhaft! Und was ist wohl rätselhafter, als daß gerade das, wodurch meine Schuld ins Unabsehbare wächst, diese Schuld zu vermindern scheint? Nicht eine Schuldige, sehr zu Enschuldigende, habe ich erbarmungslos getötet – nein, eine Unschuldige habe ich in meiner Wut hingemordet! Und mir ist, als ob ihre Unschuld für meine Schuld aufkäme und sie tilgen wollte. Ist es denn so? – sind wir so tief verbunden, so inniglich im Unsichtbaren verflochten, daß unschuldiges Blut den Sünder entsühnen kann?« Den Schwager scheint diese grüblerische Frage sehr zu verwundern. Er macht eine unwillkürliche Bewegung und sieht den Greis betroffen an. Dieser lächelt. »Na, Marcus, meine Rede mag dir wohl wirr erscheinen. Solche Erfahrungen sind tief und eigenartig und lassen sich nicht leicht in Worte kleiden, die uns doch einzig zur Verfügung stehen.« »O nein, Titus, nicht das ist es, und deine Rede klingt mir nicht irre. Aber als ich dich so sprechen hörte, wollte es mir scheinen, als ob du dort hättest stehen sollen, wo ich vor kaum zwei Monaten stand.« »Und wo hast du denn gestanden? Dein Blick und deine Worte sind seltsam; sie lassen dies alte Herz so erwartungsvoll klopfen, als ob es noch etwas zu erwarten und zu hoffen haben könne.« »Ja, das mußt du mich wohl fragen. Und es fügt sich alles so seltsam ineinander – wie du selbst sehen wirst – daß wenn ich nicht dort gestanden hätte, ich jetzt auch nicht hier säße und du dann nimmer das erfahren hättest, was dir so zum Frieden gereicht. Wohlan, so werde ich dir denn ein Erlebnis von hoher und einziger Art erzählen, so gut ich kann, und das wird mangelhaft genug sein. Obgleich sich noch ein anderes daran schließt, das an sich so wunderbar und erschütternd ist, daß wohl wenige Sterbliche etwas Ähnliches aus eigener Erfahrung berichten können; im Vergleich mit jenem kommt mir jedoch dieses fast geringfügig und alltäglich vor. Achtes Kapitel Der Hauptmann Ich diente in den letzten Jahren unter Pontius Pilatus in Palästina. Dies kleine Judenvolk ist nun nicht nur die am meisten verachtete, sondern auch die unruhigste Nation. Alle Augenblicke treten dort religiös-politische Fanatiker auf, die der Menge den Haß gegen das menschliche Geschlecht, sofern es nicht beschnitten ist, predigen, und durch ihr Aufwiegeln die öffentliche Ordnung in Gefahr bringen. Kurz bevor ich ankam, hatte gerade der Fürst Herodes einen solchen Halbverrückten, der die Menschen taufte und ausrief, daß das Reich ihres Gottes bald kommen und die Herrschaft der Römer umwerfen würde, ergreifen und enthaupten lassen. Nun war einer seiner Jünger erstanden, der auch die Leute taufte und Jünger ausschickte, um zu taufen und das Herankommen des Gottesreiches zu verkünden und Wunder zu verrichten, wie er selber. Denn man sagte, und ich habe es von Augenzeugen gehört, daß er durch bloßes Händeauflegen langjährige Krankheiten heilte; sogar so starke göttliche Kräfte sollten ihm innewohnen, daß auch solche, die sich herangedrängt und nur sein Kleid berührt hatten, von ihrem Siechtum verlassen wurden. Dieser Jesus, wie er hieß, hatte bisher seine Wirksamkeit auf sein Heimatland beschränkt, eine entfernte nördliche Provinz, welche die Juden kaum noch als jüdisch gelten ließen. Nur mehr oder weniger verworrene und wohl auch recht übertriebene Gerüchte waren bis zu uns gedrungen. In diesem Frühjahr jedoch kam er mit einem Gefolge von vielen Jüngern nach Jerusalem, und zwar an einem jener großen Feste, deren die Juden so viele haben. Durch die Steigerung des religiösen Fanatismus, der bei diesem Volke nur durch eine schmale Grenze von dem politischen getrennt ist, verursachen sie immer mehr oder weniger Unruhe und bedeuten so eine stets erneute Gefahr. Weshalb denn auch Pilatus beim Herannahen eines solchen Festes jederzeit besorgt und übler Laune war, ja dem Tag fluchte, an dem ihn Tiberius in dies Wespennest geschickt hatte. Es sollte auch diesmal und zwar recht ernstlich so kommen. Der Prophet, dem ein so großer Ruf vorausging, wurde vom Volk, besonders von den niederen Klassen, mit großem Jubel empfangen. Auf einem Esel reitend durchzog er die Straßen, die Leute warfen ihre Kleider auf den Weg, schwenkten Palmzweige und nannten ihn ihren König, der von Gott geschickt sei, um sein Reich zu gründen. Dies bedeutete freilich nichts ganz Ungewöhnliches, denn solche Straßenumzüge machen überhaupt einen Bestandteil dieses Festes aus, das unseren Saturnalien sehr ähnelt, besonders wie sie im Heere in den Standorten unserer Legionen gefeiert werden; so daß ich es zuerst für eine Nachahmung derselben hielt, bis ich mich überzeugte, daß die Juden lange vor ihrer Bekanntschaft mit uns diese Gebräuche von den Persern und den Babyloniern übernommen haben. Diesmal bekam jedoch das Ganze ein ernsteres Aussehen. Der neue jüdische Saturnalienkönig verschaffte Pilatus einige sorgenvolle Stunden. Nicht ungern hörte er deshalb, daß die Priester und die geistliche Behörde der Juden über den Propheten und die an sein Auftreten sich knüpfenden Vorkommnisse ebenso ungehalten waren wie Pilatus selber. So sehr ihm sonst diese törichten religiösen Streitigkeiten der Juden verhaßt sein mußten, weil sich immer die Gefahr politischer Unruhen darin verbarg, so bequem schien ihm jetzt diese Spaltung zu kommen, die der Volkserregung einen Damm entgegensetzte, ohne daß er sich zu rühren brauchte. Sie nahm jedoch bald eine Schärfe an, die gerade das heraufzubeschwören drohte, was er am meisten fürchtete. Eines Tages nämlich schleppten die Priester und ihr Anhang Jesus vor sein Tribunal und verlangten stürmisch, er solle den Gotteslästerer und Aufrührer kreuzigen lassen. Dieser habe dem Volke verboten, dem Cäsar Steuern zu bezahlen; er habe gedroht, den Tempel abzubrechen, und er habe sogar – denn das schien das Schlimmste zu sein – sich selbst für den Sohn des höchsten Gottes erklärt. Denn für diesen hält dies Winkelvölkchen seinen eigenen Nationalgott, der es doch weder vor den Assyrern und Persern noch vor uns hat retten können. Diese Wendung der Sache war Pilatus höchst zuwider. Denn bei dem großen Anhang, den der Prophet in der Stadt zu besitzen schien, befürchtete er, die den Priestern gewährte Hinrichtung des Propheten könnte die Ursache eines Aufruhrs werden. Diese Befürchtung war, wie sich zeigte, unbegründet, und Pilatus hätte sich selbst davon überzeugen können. Mir wenigstens schien es, daß die große Menge, die vor dem Gerichtssaal lärmend den Kreuzestod dieses Jesus verlangte, wesentlich dieselbe war, die ihn noch vor wenigen Tagen umrubelt hatte.« »Und so wird es auch gewesen sein, Marcus; denn das war von je die Art des Pöbels.« »Durch ein kurzes Verhör überzeugte sich Pilatus, daß er nur einen recht harmlosen Schwärmer vor sich hatte. Freilich war er nicht wenig beleidigt, daß dieser Jesus ihn, der doch über Leben und Tod gebot, kaum einer Antwort würdigte, indem er auf seine Frage: ›Bist du der König der Juden?‹ nur entgegnete: ›Du sagst es.‹ Wenn dies nun auch einem Eingeständnis zur Hauptbeschuldigung der Juden gleichkam, so lag doch darin nichts Aufrührerisches, und Pilatus gedachte schon, sich durch ein recht sinnreiches quid pro quo aus der Sache zu ziehen. Den Propheten wollte er nach einer Geißelung mit der Mahnung laufen lassen, Jerusalem zu meiden. Die wütende Judenmenge aber, die offenbar Blut sehen wollte, meinte er dadurch zu befriedigen, daß er ihr einen schon zum Tode verurteilten Aufrührer überlieferte, damit sie mit diesem ihre blutigen Saturnalienspäße treiben könnten. Denn diese endeten damit, daß sie einen gewissen bösen Haman in der Gestalt eines Verbrechers, oder wenn ein solcher nicht zu haben war, einer Puppe, henkten. Zufällig hieß nun gerade jener Aufrührer auch Jesus, das ist Retter, Therapeut mit dem Zunamen »Sohn des Vaters«; wie ja auch der Prophet als der Sohn eines Gottvaters aufgetreten war. So schien das Fatum selber sie dazu bestimmt zu haben, gegeneinander ausgetauscht zu werden. Aber der Pöbelhaufe, den die Priesterschaft fest in der Hand hatte, schrie und tobte, wie nur ein orientalischer Pöbelhaufe schreien und toben kann: er wolle den falschen Propheten aus Galiläa und keinen anderen am Kreuze hängen sehen.« »Und Pilatus gab nach? Er war immer ein Mann ohne Rückgrat, wenn auch zuweilen gewalttätig.« »Ja, leider gab er nach, und ich erhielt den Befehl, mit einer Wache von ausgesuchten Soldaten Jesus mitsamt zwei Räubern vor der Stadt kreuzigen zu lassen ... Nun hatte ich diesen Menschen kaum noch gesehen, oder doch nur aus der Ferne und undeutlich, wie man jemand durch ein Gewirr von Armen und Tüchern und Palmenwedeln gewahr wird. Auch muß ich gestehen, daß ich trotz des vielen Geredes, das von ihm umlief, kein großes Begehr verspürt hatte, ihn zu sehen. Was war mir ein ungewaschener Wüstenprediger, mochte ihm auch ein Schwarm leichtgläubigen Gesindels noch so lärmend nachlaufen? Auch angenommen, er besäße einige Heilkräfte, so hatte ich keine Gebrechen, von denen ich mich durch Anfassen seines Gewandes zu befreien brauchte. So focht mich denn dieser Auftrag nicht sonderlich an. Als ich nun aber in die Gerichtshalle trat, da erschrak ich. Du kennst ja, o Titus, von Abbildungen her, den Zeuskopf des Phidias zu Olympia. Nun wohl, eben diesem sah er ähnlich. Schon die Umrahmung des Gesichts: das vom Scheitel glatt niederwallende Haar und der geteilte Bart, nur daß das Haar nicht goldig sondern schwarz war, wodurch die Gesichtsfarbe noch heller wurde und die edlen Züge wie in Elfenbein geschnitten schienen. Vor allem aber der Ausdruck, von dem man ja gesagt hat, daß wer Phidias' Zeus gesehen, nie mehr ganz unglücklich werden könnte. Da verstand ich denn, daß dieser Jesus auf viele einen so unwiderstehlichen Eindruck gemacht hatte, daß er ihnen als ein göttliches Wesen, ja gar als der Heiland der Welt vorgekommen war. Denn auch wir, o Titus, haben ja den Augustus als solchen verehrt. Diesen habe ich nur alt und von langer Krankheit mitgenommen gesehen, und selbst so war er anbetungswürdig; im Glanze seiner Jugend aber, wie er aus dem Weltbrand der Bürgerkriege siegreich und friedenbringend hervorging, muß er wohl dem Volke als ein göttliches Wesen vorgekommen sein: jedoch, nach seinen besten Bildnissen zu urteilen, mit jenem nicht vergleichbar. Und diesen Mann sollte ich wie einen gemeinen Verbrecher hinrichten lassen! Die Soldaten hatten ihm aber eine von Dornenzweigen geflochtene Krone aufgesetzt, einen verblichenen roten Mantel über die Schultern gelegt und ihm ein Rohr als Herrscherstab in die Hand gegeben; sie warfen sich vor ihm nieder und huldigten ihm spottweise als König. Dabei ahmten sie einen Festgebrauch der Juden nach und zwar unter großem Beifall der Menge, die sich vor dem Saal zusammendrängte. Denn die Juden pflegten irgendeine Person als König auszuschmücken, in Erinnerung an einen gewissen Mardochäus, der einmal das Judenvolk in Persien rettete und den der Großkönig durch solche Auszeichnung geehrt hatte. Noch mehr aber folgten die Soldaten dabei alten Saturnaliengebräuchen. Denn in Durustolum in Moesien wurde an diesem Feste ein Soldat ausgelost, der nun als Gott Saturnus in Königstracht nach Belieben schaltete und waltete und sich allen Genüssen frei hingeben durfte, bis er am dreißigsten Tage sich vor dem Altar die Gurgel durchschneiden mußte. Das Mummenkönigtum dieses Unglücklichen sollte von noch kürzerer Dauer sein. Aber wie verschieden dieser von jenem! Weit entfernt, daß solcher Aufputz und solche Narrenpossen ihn erniedrigten, dienten sie vielmehr als Folie für seine Geisteshoheit, so daß er als Saturnalienkönig wahrlich mehr als königlich aussah. Auch thronte nicht die gefühllose Ruhe des stoischen Weisen auf seiner Stirn, sondern die Hartherzigkeit und Bosheit der Menschen schmerzte ihn so tief, daß er, wie ich später erfuhr, bereit war, sein Blut als Sühnopfer für jene zu vergießen. Mein Dazwischentreten verkürzte ihm wenigstens diesen vielleicht bittersten Teil seines Leidens. Ich ließ die Menge davonjagen und verwies den Soldaten ihr Unwesen. Dann setzte sich bald der traurige Zug in Bewegung. Vor der Stadt, auf einer steinigen Anhöhe, welche die Schädelstätte genannt wurde, kreuzigten wir ihn zwischen den beiden Räubern. Da hörte ich denn, wie er laut für uns und für die schreiende Judenmenge – für seine Feinde – betete. ›Vater!‹ rief er – ›vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun.‹« »O, so hat er auch für mich gebetet« – ruft Rufus aus –, »auch ich wußte ja nicht, was ich tat! Auch ich war ja sein Feind, wenn er der Gute, der Gerechte war; denn ich habe der Ungerechtigkeit und dem Jähzorn gefröhnt und unschuldiges Blut vergossen. O ja, auch mir galt sein erhabenes Gebet! Doch weiter, Marcus, erzähle weiter von diesem Manne, den Platon vorausgeschaut hat, als er den Gerechten schilderte, der ins Gefängnis geworfen, gefoltert und zuletzt ans Marterholz gehängt würde, wenn er in dieser Welt erschiene. Laß mich alles von ihm hören!« »Nur wenig ist noch zu berichten, Titus. Über seinem Haupte war ein Täfelchen angebracht mit den Worten: ›Der König der Juden!‹. An dieser Inschrift nahmen nun die Priester großes Ärgernis, was ja auch zweifellos die Absicht des Pilatus war; sie redeten auf mich ein, die Worte zu ändern; höchstens könne doch dastehen: ›der sich König der Juden nannte‹. Ich sagte, daß Pilatus es eben so angeordnet habe; sie aber behaupteten, es müsse da ein Irrtum vorliegen, und es dürfe nicht so bleiben. Da das Geschrei nun gar kein Ende nehmen wollte, entschloß ich mich, selber dem Pilatus die Sache vorzutragen, umsomehr als mich dies eine Zeitlang von dieser traurigen Stelle entfernte. Daß irgendeine Unruhe entstehen könne, schien ausgeschlossen zu sein. Die Jünger des Jesus hatten sich offenbar geflüchtet, nur in der Ferne standen einige klagende Weiber, sonst waren nur die Priester und ihr Anhang zu sehen. Ich übergab also einem alten bewährten Soldaten den Befehl und ritt nach Jerusalem. Pilatus war etwas ungehalten, weil ich meinen Posten verlassen hatte, er beruhigte sich jedoch, als ich ihm meldete, daß nirgends das geringste Zeichen einer Volksbewegung zu spüren sei. Eine Botschaft, die ihm um so willkommener war, da eine seltsame und beängstigende Witterungs- und Himmelserscheinung die leicht bewegliche Menge in nicht unbedenkliche Erregung zu versetzen schien. Kurz nachdem die Kreuze errichtet worden waren, hatte sich nämlich der Himmel in die schwärzeste Wolkendecke gehüllt; jedoch damit nicht genug, die Sonne selbst schien ihren Glanz verloren zu haben, so trübe und unheimlich war das Licht, das den Horizont erfüllte. Ob dieses Frevels schien sich in der Tat der Zorn des Himmels über die sündige Erde zu senken. Diese Finsternis nahm noch zu, als ich mich zurückbegab, so daß es mir manchmal schwierig wurde, meinen Weg zu finden. Die Vögel flatterten unruhig und niedrig hin und her, und mein Pferd, das mich in manchem Gefecht furchtlos durch den Pfeilregen getragen hatte, zitterte und war über und über mit Schweiß bedeckt, als ich die Hinrichtungsstelle wieder erreichte. Hier übergab ich den Priestern die schroffe Antwort des Prokurators ›Was ich schrieb, schrieb ich‹ – womit sie sich denn zufrieden geben mußten. Der Kopf Jesu war auf die Brust gesunken, die Augen waren geschlossen; sein schrecklicher Schmerz schien in einen Zustand der Bewußtlosigkeit übergegangen zu sein. Es war nahe der neunten Stunde. Am Rande des Himmels war kaum noch ein trüber Schein wie ein rötlicher Ring unter den eisenschwarzen Wolken sichtbar, dieser schien sich nun bis auf die Spitzen der Kreuze herabzulassen. Plötzlich ertönte ein langgezogener von weitem daherrollender Donner, und die Erde erbebte unter uns, als ob sich ihre steinerne Rinde auftun wollte. Da hob Jesus den Kopf und schlug die Augen auf und blickte in die Höhe, so daß ich in der Dunkelheit deutlich die Augensterne leuchten sah, und seine Lippen öffneten sich. Er schrie laut auf. – Seine Stimme vereinte sich mit dem hinsterbenden Donnerklang. Dann sank der Kopf auf die eine Schulter nieder, und ein Zucken durchlief die Muskeln des Körpers. Ich wußte, daß er, obwohl er nur so kurze Zeit am Kreuze hing, seinen Geist aufgegeben hatte. Und ich rief laut: ›Wahrlich, dieser ist Gottes Sohn gewesen!‹« »O Marcus, Marcus! Da du das fühltest, wie konntest du denn jene Stätte verlassen? Mir ist, als hätte ich mit ausgebreiteten Armen dort liegen bleiben müssen, auf den Steinen dahingestreckt, die das Kreuz trugen, bis mein Leben diese alten Glieder verließ!« Rufus ist in seiner Erregung aufgesprungen und steht mächtig aufgerichtet vor dem Schwager, mit der rechten Hand dessen Schulter ergreifend. Der Centurio blickt mit einem halb beifälligen, halb entschuldigenden Lächeln zu ihm empor: »Sagte ich dir nicht, du hättest dort stehen sollen, wo ich stand? Aber du selbst sagtest, es sei bestimmt, daß du nicht sterben solltest, bevor du nicht das gehört hättest, was nur ich dir sagen konnte. Nun siehst du wohl ein, daß ich dort auf dem Schädelhügel bei Jerusalem nicht bleiben durfte. Und gerade jener Ausruf von mir wurde das Mittel, mich hierher zu dir zu schicken.« »Wie kam denn das, Marcus?« »Ich hatte jene Worte so unwillkürlich geäußert, daß ich von ihnen nichts wüßte, wenn nicht Pilatus mich ihretwegen zur Rede gestellt hätte. Denn nicht nur meine Soldaten hatten sie gehört, sondern auch die Priester und viele andere Juden, und diese führten heftige Klage gegen mich beim Prokurator, weil ich durch ein solches öffentliches Bekenntnis meine Pflicht verletzt, die Priesterschaft, ja die ganze jüdische Religion verhöhnt und dem Aberglauben der Volksmassen Vorschub geleistet hätte. Angesichts dieser neuen Erregung entschloß sich Pilatus, mich als einen Gegenstand des Anstoßes und der dauernden Veranlassung zu ewigen Reibungen aus dem Wege zu schaffen, und so schickte er mich schon am folgenden Tage fort, um Tiberius Bericht zu erstatten; denn er fürchtete auch, daß ihm jemand in nachteiligem Sinne zuvorkommen könne. In Rom angelangt, um nach Capreä zu reisen, erfuhr ich, daß Tiberius seine Felseninsel verlassen habe, um nach Rom zu kommen, und daß Sejanus im Begriffe stünde, ihm entgegenzuziehen. Ich schloß mich ihm also an, um den Princeps möglichst bald zu erreichen, und so wurde ich geradenwegs zu dir geführt.« Rufus nickt nachdenklich. »Ich sehe das! Es sollte so sein! Nur eins betrübt mich dabei. Auf diese Weise hast du über jenen Jesus nichts Näheres erfahren können, als was dir schon gerüchtweise zu Ohren gekommen war. Wärest du aber auch nur eine kurze Zeit drüben geblieben, so hättest du gewiß Nachforschungen über ihn und über seine Taten angestellt, besonders auch über seine Worte Zuverlässiges erfahren.« »Das hatte ich mir allerdings schon vorgenommen. Jedoch auch dafür wurde ohne mein Zutun gesorgt. Bei meiner Abreise gab mir nämlich Pilatus ein hochwichtiges Schriftstück mit. Es war eine Sammlung von Reden und Aussprüchen Jesu, die einer seiner Jünger zusammengestellt hatte. Ich habe sie während meiner Reise gründlich studiert, und so sah ich denn, daß Jesus seinen Jüngern gesagt hatte, er zöge nach Jerusalem, um seinen Leib als Opfer für die Welt darzubieten und sein Blut zur Tilgung der Sünden zu vergießen. Als du nun sagtest, daß du durch das, was ich dir mitgeteilt, nur um so schuldiger scheinest, und es dir doch sei, als ob Fulvias Unschuld für deine Schuld aufkäme; als du dich fragtest, ob wir so tief verbunden sind, daß das Blut des Unschuldigen den Sünder entsühnen könne: mußte mir da nicht der Gedanke kommen, du hättest dort stehen sollen, wo ich gestanden habe?« Rufus nickt: – »Und die Handschrift, Marcus? Du hast sie doch bei dir?« »Sie liegt drüben auf der goldenen Galeere. Denn Pilatus gab sie mir mit, um dem Tiberius die Worte des Herrn vorzulesen. Daraus ersähe er dann, daß solche Lehren und Ansichten, wenn sie allgemein würden und die Welt beherrschten, mit dem römischen Imperium unverträglich seien.« »Und hast du ihm schon daraus vorgelesen?« »Heute früh zum zweitenmal.« »Was hat denn Tiberius gesagt?« »Er lächelte mit seinem klügsten Lächeln, das halb boshaft halb mitleidig ist, und von dem niemand weiß, ob es der Sache oder der Welt im allgemeinen oder gar dem Lächelnden selbst gilt. Dann sagte er: ›Ja freilich, dieser Pilatus war nie ein Mann der Bücher, aber er ist doch ein kluger Kopf. Denn allerdings, wenn diese Ansichten allgemein würden und gar anfingen die Welt zu beherrschen, dann könnte dieser Galiläer wohl dem Cäsar gefährlich werden.‹ Dann aber nahm sein Gesicht einen anderen Ausdruck an, einen, den ich nie bei ihm gesehen habe, und er fügte ein gar seltsames Wort hinzu, das ich nicht verstand.« »Wie lautete denn das?« »Auch Einer,« sprach er, »zu dem der Gesang der Sirenen gedrungen ist.« Neuntes Kapitel Vom Tode des großen Pan »Wahrlich dieser ist Gottes Sohn gewesen« – wiederholt Rufus. Er steht, in tiefe Gedanken versunken, an das Fußstück der Tiberiusstatue gelehnt. Daß ein Gottessohn und ein Gott eines gewaltsamen Opfertodes stürbe, ist ihm keineswegs ein unerhörter Gedanke. War nicht Osiris ebenso gestorben? Und Dionysos und Attis und Adonis? Widerhallte nicht ganz Westasien im Frühjahr von dem Linos-Liede, von Jammer und Klage über den gestorbenen Gott und vom Jubel über seine Auferstehung – alljährlich, wenn der Adonisfluß zwischen seinen anemonenblühenden Ufern sein Wasser in Blut verwandelte, vom waldigen Libanon herströmend, wo das Wildschwein den jugendschönen Gott getötet hatte? Und wer hätte nicht von dem syrischen Byblos gehört mit seinem wundervollen Terrassen-Tempel, in dessen Kuppelhalle bei dem Priesterumzuge die Gestalt des Gottes sich von der goldenen Tragbahre erhob und unter Flöten- und Cymbelklängen emporschwebend in den Weihrauchwolken der Wölbung himmelwärts verschwand? Dieser neue Gottessohn Jesus, der Retter, der Heiland – reihte er sich nicht jenen sterbenden Gottheiten an? Obwohl von unvergleichlich höherer Art! Nicht umsonst ähnelte er ja Phidias' Zeus, wie der Sohn dem Vater, dem obersten Gott, und zwar nicht dem Himmelsgott des Volksglaubens, sondern jenem Zeus, von dem das »alte Wort« sagt: – ›Zeus ist Anfang und Mitte, in ihm ist alles beschlossen.‹ ›Tod und Auferstehung‹ – das war ja das Doppelzeichen, in dem alle diese Gottheiten des Osiristypus kreisten. Zweifelsohne war auch dieser Jesus auferstanden. Aber wiederum nicht wie jene. Denn diese Frühlingsgötter gaben ja ihr Leben dahin, um die Natur zu beleben, um ihr ihre eigenen Kräfte einzuflößen, mit ihrem Blut Flüße und Bäche zu schwellen, mit ihrem Leib die Erde zu befruchten. Sie erstehen sichtbar in Laub und Blumen und Früchten, und so mochten denn auch die Priester ihr Bildnis zur Erbauung der Menge sichtbar gen Himmel aufsteigen lassen. Dieser jedoch hatte seinen Leib als heilige Nahrung des Geistes dargebracht, sein Blut zur Tilgung der Sündenschuld der Menschheit vergossen. Ihm ziemte es, unsichtbar aufzuerstehen und sich mit dem göttlichen Urvater zu vereinigen. Kein Wunder also, wenn Marcus nur von seinem Tode, nicht aber von seiner Auferstehung zu berichten wußte. Wenn nicht – – ! Ja, wie war es – – ? Seine nervige Hand legt sich über die zusammengezogenen Brauen. Langsam erhebt sich sein Blick, der bis jetzt am Mosaikmuster des Fußbodens haftete, und klammert sich unwillkürlich, wie hilfesuchend, an das wettergebräunte Gesicht des Schwagers. Plötzlich flammt im klaren Auge des Alten ein freudiger Funke. »Du sagst doch, Marcus, du hättest noch etwas erlebt – etwas, was sogar die meisten für noch wundervoller halten würden, als das, wovon du mir erzählt und wodurch du mich so sehr erschüttert hast.« »Nicht nur das, Titus, sondern ich denke, fast alle würden erst dies als ein wirkliches und unzweifelhaftes Wunder ansehen. In dem anderen würden sie eben nur den Tod eines am Kreuze gestorbenen Menschen erkennen. Vielleicht eines unschuldigen, wohl gar eines edlen und auch bedeutenden Mannes, aber auch nicht mehr. Denn auch die Finsternis, der Donner und die Erschütterung der Erde ließen allenfalls eine natürliche Erklärung zu, wonach ja unsere Epikuräer gewiß nicht lange suchen würden. Dieser zweite Göttertod dagegen – –« »Ah! es handelte sich um einen Göttertod?« Etwas wie Enttäuschung klingt aus diesem Ausruf des Alten. »Um nichts Geringeres, Titus. Und das ereignete sich während meiner Reise. Das Schiff, womit ich von Cäsarea segelte, wurde durch stürmisches Wetter nordwärts verschlagen und mußte wegen der erlittenen Beschädigung in den Piräus einlaufen. Hier entschloß ich mich, es zu verlassen und auf gut Glück den Landweg nach Korinth einzuschlagen, wo ich dann auch glücklich ein Handelsschiff vorfand, das sich gerade zur Fahrt nach Brundisium vorbereitete. Mehrere Reisende benutzten wie ich diese Gelegenheit zur Überfahrt nach Italien, unter anderen ein alter Schulmeister. Mit diesem unterhielt ich mich lange, während wir die schöne Korinthische Meeresbucht durchsegelten. Helikon und Parnaß zur Rechten, zur Linken Akrokorinth mit seiner schimmernden Tempelkrone und das über Arkadiens Terrassen sich hinlagernde schneegipfelige Kyllene – lauter Götterberge, die uns viel Stoff zum Gespräche boten. Denn der Schulmeister war sehr bewandert in göttlichen Dingen, so daß es eine Lust und reiche Belehrung war, seinen Worten zu lauschen. Es war spät geworden, als wir die offene See gewannen. Niemand dachte aber daran, sein Lager aufzusuchen, so schön war die Nacht. Eine leichte Wolkendecke verbarg den Mond, aber sein Licht verbreitete sich hell über die sanftwogende Meeresfläche. Ernst und geheimnisvoll tauchten rings die felsigen Schattenrisse der Echinadischen Inseln hervor. Der Wind, der rechts von achtern stand, flaute ab, so daß die Segel gegen die Masten schlugen, zum großen Verdrusse des Schiffers, der schon davon sprach, zu den Rudern greifen zu müssen, da die Strömung uns unter die hohe Küste der Insel Naxae trieb. Man hatte sich auf dem Verdeck beim Wein versammelt, heitere Erzählungen und Späße wechselten ab mit Lachen, Saitenspiel und Gesang. Mir sagte dies laute Wesen nicht sehr zu. Mein Erlebnis in Jerusalem, das mir ohnedies nie lange aus dem Sinn kam, war durch das Gespräch mit dem Schulmeister noch lebendiger geworden. Ich dachte an Jesus, wo sein Geist wohl jetzt weile und ob er mein gedenke, denn er hatte mich des öfteren, noch während er am Kreuze hing, mit seinem tiefen Blick angesehen. Dem Schulmeister mochte die lustige Geselligkeit auch nicht recht zusagen, denn er verließ die anderen und setzte sich zu mir. Gar zu gern hätte ich nun diesem frommen und gelehrten Griechen jenes Erlebnis mitgeteilt; ich hielt mich aber nicht für berechtigt, auch nur das Geringste davon zu sagen, bevor ich nicht vor Tiberius selber stand. Während ich nun dies erwog, klang durch die stille Nachtluft ein Ruf – ein Name: Thamus! Wir waren unweit der Felsenküste, gerade da wo eine tiefe Waldschlucht ausmündete. Aus dieser schien der Ruf zu erschallen. Alle an Bord hatten ihn gehört. Gespräche und Saitenspiel verstummten. Auch die Schiffsleute, die gerade die Segel anders richteten, um zu versuchen noch einen Windhauch aufzufangen, stellten ihre geräuschvolle Arbeit ein. Alle lauschten. Zum zweitenmal klang es aus der Waldkluft laut herüber: Thamus! Alle waren aufgesprungen. Die höchste Verwunderung, ja der größte Schreck bemächtigten sich der Gemüter. Man sah einander an, man fragte – jedoch nur mit gedämpfter Stimme – was dies wohl bedeuten möge? Ob jemand hier diesen sonderbar klingenden Namen trüge? Die Reisenden kannten einander schon beim Namen, aber auch von den Seeleuten schien keiner so zu heißen, denn niemand gab Antwort. Als aber der Name zum dritten Mal und noch gebieterischer herüberklang, da kam vom Heck des Schiffes ein langer hagerer Mann gegangen. Es war der Steuermann, den ich schon früher bemerkt hatte und von dem mir der Schiffer gesagt hatte, daß er Ägypter sei und daß er das Ruder sehr geschickt führen könne. Er trat in den Stern des Schiffes, der landwärts gerichtet war, hielt die Höhlung der Hände vor den Mund und rief hinein: ›Hier bin ich, Thamus. Wer ruft mir?‹ Alsdann kam die Antwort noch machtvoller zurück: ›Wenn du nach Palodes kommst, dann verkünde dort, daß der große Pan gestorben ist.‹ Dann trat völlige Stille ein. Nur das Knarren der Rahen und das Klatschen der sich blähenden und straff gezogenen Segel ließ sich hören, und die Befehle des Schiffsherrn und die Rufe der Seeleute mischten sich darein, denn der Wind frischte wieder. Nun erhob sich ein lebhafter Streit unter uns Reisenden, ob man gut täte, diese Botschaft auszurichten. Es fehlte nicht an Leuten, die der Meinung waren, jemand habe sich einen unziemlichen Spaß mit uns erlaubt, und man würde sich nur lächerlich machen, wenn man eine so unsinnige Botschaft brächte und wohl gar zu solchem Zweck es unterließe, die günstige Brise auszunutzen. Diese letzte Rücksicht sprach beim Schiffsherrn sehr mit. Ich aber warnte ihn dringend vor den ernsten Folgen, die die Vernachlässigung eines solchen Göttergebotes nach sich ziehen könnte, und der wackere Schulmeister unterstützte mich so beredt, daß der Schiffer uns wenigstens versprach, falls der Wind nicht zu günstig wäre, Palodes anzulaufen. Es war um Mitternacht, als wir uns diesem Hafen näherten, und siehe, völlige Windstille trat ein. Die Stadt mit ihren Tempeln lag deutlich sichtbar vor uns, und so still, als ob sie ausgestorben wäre. Kein Laut fern und nah, außer dem sachten Geräusch des Wassers am Buge. Da stand nun der Steuermann wieder im Stern und rief durch die hohlen Hände hinein: – ›Höret was ich, Thamus der Ägypter, göttlichem Befehl gehorchend, euch kündige: Der große Pan ist gestorben!‹ Kaum aber hatte das Echo die letzten Worte zurückgebracht, da erhob sich auf der Insel ein Geschrei und Jammern, als ob eine unzählbare Menge in Trauerklagen ausgebrochen wäre. Diese erschütternden Laute erreichten uns noch, als wir uns mit vielem Knarren der Rahen und Geräusch der Segel von der Küste entfernten, denn ein frischer Landwind setzte sofort ein, und wir hatten von diesem Augenblick an eine überaus glückliche Fahrt. Der Schulmeister folgte mir nach Rom, wo ihn schon eine Botschaft des Tiberius erreicht haben wird, die ihm verbietet, die Stadt zu verlassen, bevor er nicht mit dem Princeps gesprochen habe. Ebenso ist Thamus aus Brundisium, wo das Schiff noch im Hafen liegen dürfte, hierher befohlen worden. Denn Tiberius will alles, was diese wichtige Sache betrifft, aufs genaueste feststellen. Wundern sollte es mich nicht, wenn Pilatus herübergerufen würde, denn meine beiden Berichte versetzten den Princeps in großes Staunen und beschäftigten ihn dauernd; ja mir schien, daß er sie irgendwie in geheime Verbindung setze oder auch eine solche rätselhafte Verbindung suche. Das mag nun allerdings auch davon herrühren, daß ich dies von Anfang an selber getan habe, so wenig es auch meinem bißchen Soldatenverstand gelingen wollte, einen solchen Zusammenhang herauszufinden. Ich blieb in der Tat auf dem Verdeck, als wir von dannen segelten, und hing solchen für mich viel zu tiefen Gedanken nach. Auch der Schulmeister konnte nicht schlafen und gesellte sich zu mir. Noch mehr als je zuvor bedauerte ich jetzt, ihm nichts von Jesus und seinem Kreuzestod sagen zu dürfen. Doch hoffte ich, daß auch so seine fromme und gelehrte Rede die sich natürlich von selber auf das, was wir soeben gemeinsam erlebt hatten, richtete, für die Lösung jenes Rätsels nicht ganz ohne Förderung bleiben würde. Er sprach von den Klagen über den gestorbenen Adonis, die ja auch ungefähr zu dieser Zeit durch ganz Westasien widerhallten, geradeso wie wir jetzt die Wehklage über Pan vernommen hatten; nur daß es freilich dort Menschen sind, die jammern, hier aber, wie wir ja alle wußten, göttliche Wesen und Naturgeister – ein Unterschied von furchtbarer Bedeutsamkeit. ›Du hast ja,‹ sagte er, ›im Lande der Juden gelebt, und so weißt du wohl, daß sie und die östlichen Völker Adonis ›Thammuz‹ nennen?‹ Ich bejahte das, denn ich hatte sogar selber im vorigen Jahre zu Bethlehem, einer kleinen Stadt nicht weit von Jerusalem, nach der ich wegen einiger Unruhen hingeschickt worden war, die Thammuzklage bei der dortigen Adonisgrotte gehört. Erst jetzt aber fiel es mir ein, daß unser ägyptischer Steuermann denselben Namen trug. ›Und ohne Zweifel,‹ sagte der Schulmeister, ›ist das auch der Grund, warum gerade er dazu auserkoren wurde. Denn ein großes Geheimnis und eine mächtige magische Kraft ruht wie in den Zahlen so auch in den Namen, die recht eigentlich die Siegel der Dinge sind. Wie begreiflich, daß es gleichsam Adonis selber sein mußte – Adonis-Osiris können wir sagen, denn der Mann kommt ja aus Ägypten, – der der Welt diese schreckliche Botschaft brachte. Aber merke dir folgendes, mein Sohn: daß Adonis-Osiris alljährlich dahinstirbt und wieder aufersteht, das ist verständlich, ja kann nicht anders sein. Denn er ist der Gott des Pflanzenlebens, dessen ganzes Sein ein ewiges Werden, ein fortwährend auf- und abwogendes Entstehen und Vergehen ist. Da mag denn sein Tod von den Menschen durch Klagelieder gefeiert werden, in deren Jammergeschrei sich schon das Aufjauchzen sicherer Hoffnung verbirgt. Der Tod des großen Pan ist jedoch etwas so Entsetzliches, daß darob wohl auch die Götter in Wehrufe und schluchzende Klagen ausbrechen mögen, wie wir soeben hörten. Ja, mir will es scheinen, als ob ein schon nahe bevorstehendes Weltende, das Vergehen dieser alten Erde in vernichtendem Feuer, wovon viele tiefe und fromme Geister schon längst gesprochen haben, sich uns in dieser Nacht angekündigt habe.‹ Ich sagte ihm, daß ich von solchen Erwartungen besonders viel im Judenlande gehört hätte, wo sie in derartigen wilden Prophezeiungen stark wären. Ja, ich wagte hinzuzufügen, daß wenn nicht ein Gelübde meine Lippen versiegelte, ich ihm von einem ähnlichen, noch ganz kürzlich stattgefundenen Erlebnis erzählen könnte, bei dem ich selber das Gefühl gehabt hätte, nun müsse der Himmel sich öffnen und diese ungerechte Erde in seinem Flammenzorn vertilgen. Der alte Schulmeister nickte nachdenklich, viel zu feinfühlend, um einen Versuch zu machen, mir mein Geheimnis zu entlocken. ›Ja ja,‹ sagte er, ›es mag wohl sein, daß diese Erwartungen wieder aufleben. Aber du bist zu jung, um die Zeit ihrer allgemeinen Blüte erlebt zu haben. Ja, das bin sogar ich selber, trotz meiner grauen Haare. Ich war noch ein Kind, als die ewigen Bürgerkriege zwar ihrem Abschluß sich näherten, aber ein Ende des Mordens und der Schrecken noch nicht zu erblicken war; trotzdem erinnere ich mich wohl – und der Eindruck ist mir unauslöschlich geblieben – wie die Leute den Weltbrand erwarteten und sich allerlei Himmelszeichen und sonstige Vorbedeutungen erzählten, die das Ende aller Dinge ankündigten. Als nun aber Augustus den Janustempel schloß und uns den Frieden auf Erden brachte, da sahen ja die meisten den Weltheiland in ihm und fingen an, sich dem Leben und der Hoffnung zuzuwenden. Ich aber habe es nie so ganz auf diese Weise betrachten können, mein Sohn! Denn ich sah nicht, daß die Menschen besser wurden, weil ihnen die Waffen genommen waren, so wenig wie ein Wolf besser wird, weil man ihm die Klauen beschneidet und einen Maulkorb anlegt. Sondern diese Übel liegen tiefer, als daß siegreiche Feldherrn und kluge Staatsmänner sie beheben könnten.‹ Unter solchen Gesprächen war die kurze Nacht verflossen. Beim aufsteigenden Morgengrauen bemerkten wir, daß an Backbord ein paar Inseln uns ganz nahe lagen. Ein großer runder Felsen erhob sich dunkel aus den mattleuchtenden flachen Dünungen. Dahinter zeigte sich blässer ein längerer Bergbogen. Plötzlich ergriff mich der Schulmeister am Arm. ›Ihr Götter!‹ rief er, ›sollte denn dies nicht Ithaka sein?‹ Ein Bootsmann, der mit einem Eimer an uns vorbeiging, nickte und zeigte hinüber. ›Ithaka.‹ ›Ist das alles Ithaka, oder gehört der hintere Berg zu einer anderen Insel?‹ fragte der Schulmeister. ›Ithaka. Alles Ithaka‹ antwortete der Mann und ging wieder dem Heck zu. Lange standen wir schweigend da, in den Anblick dieses verzauberten Eilands versunken. ›Wußte ich doch,‹ sprach dann der Schulmeister, ›daß wir nahe an Ithaka vorüberkommen mußten, wenn uns nicht ungünstige Winde ganz aus unserer Richtung vertrieben. Ich hatte mir selber geschworen, wie müde ich auch sei, kein Auge zu schließen, bis ich nicht die geheiligte Insel gesehen hätte. Und nun war mir dies doch durch jenes Erlebnis gänzlich aus der Erinnerung geschwunden, bis sich Ithaka selber zur rechten Zeit unseren Blicken zeigt. Und wie sehr habe ich unrecht gehabt, sie über Naxae zu vergessen! Mag auch Pan gestorben sein, Homer lebt, und wenn uns die ganze Götterwelt verließe, die göttliche Dichtung bleibt uns, solange wir atmen.‹ Die Gestalt der Insel hatte sich nach und nach verändert. Sie lag langgestreckt auf der See da, zwei bogenförmige Felsberge, durch eine tiefe, meerberührende Einsenkung getrennt. Die Strahlen der aufgehenden Sonne vergoldeten die beiden Gipfel. ›Sieh da!‹ rief der Schulmeister, ›erhebt sie sich nicht dort wie aus dem Meere der Ewigkeit, gleich einem Denkmal der Homerischen Dichtung, von der rosenfingerigen Eos zur Unsterblichkeit geweiht! Ein sinnfälliges Denkmal fürwahr: denn ist sie nicht anzusehen wie ein versteinerter Hexameter – jene rhythmische Doppelwelle mit der trennenden Cäsur in der Mitte? Aber ein gar sonderbarer Gedanke – oder soll ich es Ahnung nennen? – regt sich bei diesem Anblick in meinem Herzen. Wer weiß, ob es nicht geschehen mag, mein Sohn, wenn diese Welt doch zu einem langen Leben bestimmt sein sollte, daß einst späte Geschlechter wie wir auf dem Schiffsdeck stehen werden und mit denselben Gedanken nach jenem Inselbild hinüberblicken; der große Pan jedoch – ja nicht bloß er, sondern die ganze Olympische Götterwelt würde ihnen nur bekannt sein durch jene Homerische Dichtung, um deretwillen sie dieses Eiland verehren; sonst aber ist sie längst wie ein Traumbild verblichen, und eine neue Religion höherer Art hat ihre Stelle eingenommen.‹ Bei diesen denkwürdigen Worten regte sich nun auch in meinem Herzen ein ›gar sonderbarer Gedanke‹, den für eine Ahnung zu halten ich nicht wenig versucht bin: – der nämlich, ob ich vielleicht gar selber an der Geburtsstätte dieser neuen Religion gestanden habe. So fühlte ich mich zwar durch dies Gespräch gefördert; jene gesuchte Verbindung meiner beiden großen Erlebnisse hatte ich jedoch nicht gefunden.« »Und doch ist sie da, o Marcus, und ihr habt sie berührt. Du hast mir von dem Tode des Gottessohnes gesprochen, aber von Tod und Auferstehung des Adonis. Nun denn, der Tod des großen Pan – das ist die Auferstehung deines Jesu. Sieh dich um hier in diesem heiligen Haine. Welchen Gottheiten sind hier Altäre geweiht? Der Diana, dem Baumgott Virbius, der Nymphe Egeria, deren Gebirgsbach sich wie ein Schaumschleier in den See senkt; Äsculapius, der die Heilkräuter sprießen läßt, Hyacinthus, Faunus, Bacchus, Ceres, Priapus und noch anderen – einer großen Dienerschaft des großen Pan, die samt und sonders seines Todes stirbt. Jedoch nicht sie allein, sondern auch Neptunus und Amphitrite und Äolus – alles das ist der große Pan. So haben wir die Natur vergöttert. Sie wird jetzt entgöttert, damit nur ein Geistesgott die Herzen und Gemüter der Menschen zu ihrem Heil beherrschen möge – das ist die Auferstehung jenes Gottessohnes, und deshalb hattest du recht, als du seine Todesstätte eine Geburtsstätte nanntest.« »O Titus!« ruft Marcus, indem er aufspringt und die Hand des Greises ergreift, »du sagtest vorher; dir sei nicht priesterhaft zumute. Und doch stehst du jetzt als wahrer gotterfüllter Priester vor mir.« Buch des Germanen Ja, sie glauben, daß den Jungfrauen sogar etwas Heiliges und Prophetisches innewohne, und sie verachten weder ihre Ratschläge, noch sind sie gleichgültig gegen ihre Aussprüche. Tacitus, »Germanien«. Erstes Kapitel Die Botschaft des Tiberius Nochmals ertönen mit Gewalt die erzenen Türen, als ob der Janustempel selbst sich öffne. Der Oberpriester erscheint auf der Schwelle und steigt die Stufen mit einer Würde hinunter, die nicht verfehlt ihre Wirkung auf den Centurio auszuüben, als dieser nun mit Titus aus der Ala des Tiberius hervortritt. Nicht ohne innere mystische Ergriffenheit sieht er die Reihe der dicht hintereinander wandelnden, in lange weiße Gewänder gehüllten elf Priester auf sich zukommen. Dem einfachen Umzug ist eine feierliche Weihe eigen, welcher so manches Schauspiel dieser Welt sich in den Augen dessen anmaßt, der ihr wahres Wesen noch nicht erkannt hat. »Deine Wache, Herkules, ist zu Ende,« sagt der Oberpriester. »Rhadamanthus wird sie jetzt übernehmen.« Sein erstaunter Blick richtet sich fragend auf den kriegerischen Gast. Dieser verbeugt sich tief. »Tiberius Cäsar Augustus schickt mich hierher, Ehrwürdigster.« »Der Princeps des Reiches, der göttliche Augustus, dessen Heiligtum du in Begleitung des wachehabenden Priesters nach schuldiger Huldigung soeben verließest, sei gepriesen! Die Huld und der Schutz der Götter mögen auf seinem Haupte ruhen bleiben!« »Er sei gepriesen!« murmeln die Priester. »Huld und Schutz der Götter über ihn!« »Welche Botschaft schickt uns Cäsar durch dich?« »Seine Huld der ehrwürdigen Priesterschaft! Tiberius beabsichtigt heute gegen Abend dem Heiligtum der Diana des Aricianischen Haines einen Besuch abzustatten und an dem Feste teilzunehmen, das ihr in dieser Vollmondnacht mit vestalischem Feuerdienste feiert.« »Seit langen Jahren haben wir diese Ehre nicht genossen! Wie die Hauptstadt der Welt, so hat auch dieser Tempel nach der Sonne seiner Anwesenheit geschmachtet. Die Priesterschaft ist hochbeglückt. Tiberius Augustus ist uns willkommen!« »Willkommen – willkommen!« »Wir wollen, ihr Priester, dem Princeps ein Fest, so gut wie es in unserem Vermögen steht, bereiten. Jedenfalls hoffe ich, daß die Felsenkeller des Tempels einige Weine beherbergen, die nicht unwürdig sind, einem Augustus vorgesetzt zu werden. Was meinst du, Verres?« Eine Reihe Raubtierzähne grinst in dem struppigen Graubart des ehemaligen tapferen Soldaten und verdienstvollen Statthalters: »Ich meine, hochehrwürdigster Hainkönig, daß Bi– hm – Ti berius unseren Falerner der begeistertsten Verse des Horatius würdig finden wird, und daß er seinen militärischen Spitznamen, über den meine alte Soldatenzunge beinahe gestolpert wäre, daran bewähren wird.« Diese Erklärung zur Ehre ihres Kellers wird von der heiligen Brüderschaft mit schmunzelndem Beifall aufgenommen. »Gut! Du wirst uns also als Kellermeister Ehre machen und den besten Jahrgang auswählen. Rhadamanthus! Ich enthebe dich deiner Pflicht als wachehabender Priester, die Euripides Alter übernehmen wird. Du aber siehst nach, ob unser Fischteich ein paar Muränen enthält, die eine würdige Zuspeise zum Falerner abgeben werden, ferner überwache ihre Zubereitung, wobei du wenigstens nicht zu befürchten brauchst, daß ein ewiges Zeugenverhör sie gefährdet, in zerkochtem Zustand angerichtet zu werden. Daß die Früchte unseres Obstgartens den Gaben des Kellers und des Teiches nicht nachstehen, dies dem verwöhntesten Gaumen der Cäsarischen Haushaltung zu beweisen ist eine Aufgabe, die ich vertrauensvoll in die Hände Pindaros' lege, und für den Gemüsegarten wird Äsculapius denselben Dienst übernehmen.« Die vier Priester verbeugen sich und gehen sofort nach verschiedenen Richtungen ab, um ihres verantwortungsvollen Amtes zu walten. Dann wendet sich der Oberpriester an Marcus. »Wenn du dich nach der goldenen Galeere zurückbegibst, edler Krieger – –« »Tiberius befahl mir, seiner hier zu harren.« Mit huldreichem Lächeln und würdevoller Handbewegung bedeutet der Oberpriester dem Centurio, daß die Priesterschaft sich freue, ihn als Gast zu behalten. »Du wirst nach deiner Wache wohl jetzt ruhebedürftig sein, Hercules?« »Ich bin ans Wachen gewöhnt und spüre keine Müdigkeit,« antwortet Rufus, der sich nur danach sehnt, sein Gespräch mit Marcus fortzusetzen. »Um so besser. Dann bleibt unser Gast in deiner Obhut. Ich hoffe, daß die Zeit dir nicht lang fallen wird, Fremder. Unser geheiligter Bezirk verbirgt so manchen Kunstschatz, den anzusehen es sich wohl lohnt, wenn du auch den größten, das Standbild des Tiberius, schon kennst. Mich bitte ich entschuldigen zu wollen, da die Vorbereitungen zum Feste mich von dannen rufen.« Mit diesen Worten und einer priesterlichen Handbewegung wendet er sich dem Tempel zu. Titus legt seinen Arm um die Schulter des wiedergefundenen Schwagers und geleitet ihn in den Schatten des Zypressenhaines. Aber kaum hat dieser das Paar still und kühl umfangen, als ein erregtes Geschrei hinter ihnen sie veranlaßt, sich umzuwenden und zurückzueilen. Zweites Kapitel Die Hetzjagd Das Geschrei kommt von zwei Priestern – den Zwillingen – die am Felsrande stehen. Ihre eifrigen Geberden zeigen nach dem See. Schon bildet sich eine große Gruppe, denn von allen Seiten stürzen die Priester hinzu. Auch der Hainkönig hat mitten auf den Stufen Halt gemacht und beeilt sich, ohne jedoch durch Laufschritte sich seiner Würde zu begeben, die Stelle zu erreichen, von wo aus man offenbar etwas Hochwichtiges beobachten kann. »Auf der goldenen Galeere –« »Jemand überbord –« »Mehrere – drei –« »Nein! schon sechs –« »Ihn zu retten –« »Nein doch! sie verfolgen ihn – er flieht.« »Einige schwimmen dem Ufer zu.« »Sie holen ihn nimmer ein.« »Ein guter Schwimmer!« »Er kommt auf uns zu –« »Paßt auf! es geht um den goldenen Zweig!« Solche Rufe schwirren durcheinander, als Rufus und der Centurio sich der wild aufgeregten Gruppe nähern. Auf der smaragdenen Fläche des Dianaspiegels erscheinen in der Nähe der goldigen Terrassen der Galeere kleine glänzende Risse, wie breite Pfeilspitzen geformt – der vorderste, dem in einigem Abstand drei andere folgen, gleitet gerade auf die Zuschauer zu, die übrigen richten sich quer nach dem linken Ufer, das nur durch eine ziemlich schmale Wasserfläche von dem schwimmenden Palast getrennt ist. Jetzt sind schon einige Schwimmer an dem felsigen Gestade angelangt. Winzige Gestalten schwingen sich an herabhängenden Baumzweigen in die Höhe oder klimmen an Wurzeln und über Gestein empor. Sie verschwinden im Gebüsch, zeigen sich wieder – vorwärts über Stock und Stein. Auch die letzten sind jetzt am Lande. »Ob es ihnen wohl gelingt, ihn abzuschneiden?« »Das ist eher möglich, als daß ihn die anderen einholen.« Es sind die beiden Zwillinge, die ihre Meinungen austauschen. Die Zuhörer stimmen lebhaft der Meinung des Hermes zu. In höchster Spannung verfolgen die Priester die Jagd im und am See. Freilich auch mit sehr gemischten Gefühlen. Der natürlichen, allgemein menschlichen Teilnahme für den von so vielen Verfolgten stellt sich der Eigennutz mit der Erwägung entgegen, daß es sich offenbar um einen Feind handele, um einen neuen Bewerber des Priestertums, der jedem von ihnen um so bedrohlicher ist, wie er sich jetzt tüchtig zeigt; denn wer so schwimmt, wird gewiß kein mäßiger Ringer sein! »Ich wette fünf Denare gegen einen, daß sie ihn abschneiden,« ruft Hermes. »Angenommen!« Einstimmig von den beiden anwesenden Triumvirn. »Ich wette zehn gegen einen, daß ihn die Schwimmer nicht einholen,« bietet Euripides Alter. Aber niemand nimmt die Wette an. »Um das zu prophezeien, braucht man kein Sterndeuter zu sein,« meint Briareos. Der erste Schwimmer hat in der Tat schon mehr als die Hälfte der Strecke hinter sich. Zwischen ihm und seinen beiden Verfolgern – (der dritte hat die Jagd schon aufgegeben) – wächst jetzt der Abstand fast zusehends mit jedem weitausholenden Ruderschlage seiner Arme. Bei einem solchen tauchen Schultern und Kopf hoch aus der Flut; zu beiden Seiten blitzt der Stahl einer Schwertklinge, die er im Munde hält. Wenn jedoch das vorgestreckte Händepaar das Wasser wie ein Bootsteven teilt, verschwindet das Gesicht völlig, und eine goldige Mähne fließt auf den Wellen, als ob ein Löwe durch den See schwämme. »Der Flachskopf schwimmt wie eine Otter,« ruft der Neffe. »Und wie ein Bär wird er ringen, denk' ich,« meint Rufus grimmig. »Bei Zeus!« bricht Marcus aus, scharf unter der beschattenden Hand hinausspähend, – »das ist der Germane.« »Segismundus? Der Geisel der Chatten?« Verwundert blickt der Centurio sich um, als eine eifrige Hand bei dieser Frage seinen Arm ergreift. Es ist der jugendliche Priester. »So kennst du ihn, Priester?« fragt er zurück, seinerseits nun nicht weniger wißbegierig. »Wie ich höre, bist du erst gestern hier angekommen. Du hast den jungen Germanen in Rom gekannt? Was weißt du von ihm?« »Ich kenne ihn nicht, ich habe ihn nie gesehen. Wohl aber hörte ich viel von ihm. Ein gemeinsamer Bekannter wollte uns zu einem politischen Zweck sogar zusammenführen. Bist du aber auch sicher, daß er es ist?« »Kein anderer. Niemand sonst am Bord der Galeere hat solches Haar.« »Was kann aber geschehen sein, daß er flüchten und um sein Leben schwimmen muß? Hast du nichts bemerkt, was dies erklären könnte? Er muß sich schwer vergangen oder sich mächtige Feindschaft zugezogen haben.« Der Centurio schüttelt den Kopf. »Es ist mir ein völliges Rätsel. Ich war täglich in Sejanus' Gefolge mit ihm zusammen, von Rom bis nach Campanien und von dort hierher zurück. Ein prächtiger Jüngling mit offenem vertrauenerweckendem Wesen; und was mächtige Feindschaften betrifft, so war es deutlich zu merken, daß er bei Sejanus hoch in Gunst stand. Auf dem Rückweg aber schien er sich das Wohlwollen des Princeps erworben zu haben, dem er auch noch heute mit einer Landsmännin vorgesungen hat. Es muß sich in der Tat etwas völlig Überraschendes ereignet haben.« »Wir werden das wohl aus seinem eigenen Mund erfahren,« bemerkt Rufus. »Ja, er kommt gewiß hierher,« sagt Telemachos mit leichtem Schaudern. Seit der Centurio die Selbsteinladung des Tiberius überbracht hat, zweifelt der junge Priester kaum noch, daß er hier die Bekanntschaft mit dem jungen Germanen anknüpfen soll, was in Rom durch seine Flucht verhindert wurde – ein Zusammentreffen und Sichkreuzen der Umstände, das ihm sehr rätselhaft und bedeutungsvoll erscheint. Und jetzt geschieht es sogar früher, als er erwartet hatte, und noch dazu auf eine unheimlich drohende Weise. Kaum hat er sein Leben gerettet und die schützende Priesterschaft erworben, so scheint beides wieder in Frage gestellt zu werden. Gewinnt der Germanenjüngling den goldenen Zweig so kann ihn selbst ja schon heute das unbarmherzige Los so gut wie jeden anderen der Zwölfe treffen – und diesem Gegner aus dem sagenhaften Waldnebel Germaniens ist er nicht gewachsen! »Gewonnen!« ruft der Neffe. »Her mit den fünf Denaren!« fügt Lepidus hinzu. Denn der hellhaarige Schwimmer schwingt sich jetzt an einer langen Kieferwurzel auf den äußersten Felsblock des Ufers empor. Mit ein paar kräftigen Schwerthieben trennt er die Wurzel vom Stamme; dann schüttelt er seine nasse Mähne, wie ein großer Hund nach einem Bad, und fängt an, bergauf zu klimmen und zu springen. »Abwarten!« entgegnet Hermes und späht mit dem Fieberblick des Spielers nach links hinaus, wo sein altes Diebesauge zwischen Gestein und Gebüsch ein paar herannahende Gestalten entdeckt. Im dicken Geflecht der Stämme und Zweige des Olivenhaines, der über den steilen Abhang zwischen zerstreuten Felsblöcken hinabsteigt, sind nur seltene, teilweise und unsichere Schimmereindrücke des Germanen zu erhaschen; bis er endlich, über einen schräg hinaushängenden Ölbaum sich emporschwingend, auf einer ebenen Felsplatte steht, die sich nur einen Steinwurf entfernt und etwa dreißig Fuß unter dem Standpunkte der Priester befindet. Ein wild-schöner Anblick wie der eines gehetzten aus dem Dickicht hervorbrechenden Hirsches. Die durchnäßte, sich eng anschmiegende Tunica läßt jede Form der mächtigen Schultern und der breiten Brust deutlich erkennen. Da er beim Erklimmen der steilen Berghalde alle Augenblicke beide Hände gebraucht hat, steckt ihm das kurze Schwert noch im Munde: links von der elfenbeinernen Zahnreihe die in den Sonnenstrahlen blitzende Klinge, rechts das glitzernde Goldheft. Der kurze hellbraune Schnurrbart, der die Oberlippe beschattet, und die goldige, in nasser Schwere über die Schultern zurückflutende Haarmasse vollenden das fremdartige Aussehen und den Eindruck des Barbaren. Brust und Bauchmuskeln arbeiten gewaltsam, die Augen rollen. Er wirft einen Blick nach unten, wo seine Verfolger erst jetzt das Gestade erreichen, aber – dank seiner Besonnenheit – nicht denselben leichten Aufstieg über die beinahe senkrechten glatten Steine finden, der seine Flucht begünstigte. Dann beugt er sich vor, während seine beschatteten Augen den zu seiner Rechten aufsteigenden Bergwald durchspähen. In diesem haben jetzt nicht nur Hermes sondern auch die Gegenwettenden einige Verfolger entdeckt, von denen der eine schon in gefährlicher Nähe ist: ein großer Mann, einen Wurfspeer in der Faust, das kurze Schwert unter den rechten Arm gehängt; in Tunica, selbstverständlich ohne Toga – offenbar ein Prätorianer, und, wie es scheint, kein Gemeiner; denn Scheide und Griff des Schwertes sind reich verziert und der Gürtel aus Silber – was deutlich zu sehen ist, als er jetzt, sich hinter einem Baumstamm versteckend, regungslos dasteht. Aber der Germane hat ihn schon entdeckt. Mit schnellen Blicken schätzt er den Abstand, der ihn vom Gipfel, und den, der ihn vom Feinde trennt, und errät die Richtung des Pfades, dem dieser zu folgen hat. Kurz entschlossen reißt er das Schwert aus dem Mund. Er duckt sich tief und geht in langen, unregelmäßigen Sprüngen zum Angriffe vor. Mit erhobenem Speer erwartet ihn der Prätorianer. In diesem Gewirr von Ästen und Stämmen ist schlecht zielen auf einen beweglichen Gegner, der von den Kinderspielen her an alle Schliche eines Waldkampfes gewöhnt ist. Mehrmals holt der Prätorianer zum Wurfe aus und gibt es wieder auf, bis der Feind schon in bedrohlicher Nähe ist. Endlich blitzt der Speer durch die Luft. Er bleibt zitternd in einem Ölbaum stecken, während der Germane zur Seite springt. Was jetzt geschieht, geht so gedankenschnell vor sich, daß die Zuschauer kaum wissen, was sie gesehen haben, als der Prätorianer mit einem lauten Schrei sich am Boden wälzt, die Brust der Tunica vom hervorquellenden Blute gerötet. Zwei seiner Kameraden erscheinen in diesem Augenblick auf dem Kampfplatze. Der eine stürzt im Hervorspringen über eine Wurzel. Der andere kommt zum Wurf. Der Speer, von schwankenden Zweigen abgelenkt, fällt matt viele Schritte hinter dem Flüchtling zu Boden. Die lange atemlose Spannung will sich Luft machen. Natürliches Mitgefühl mit männlichem Geschick, das vom Glück gekrönt wird, siegt über den Eigennutz. Ein schallender Heilruf begrüßt den Germanenjüngling, als dieser sich auf die Felsplatte des Tempelvorplatzes heraufschwingt und im nächsten Nu innerhalb der Einhegung auf der hohen Wurzel des Ölbaumes steht, den goldenen Zweig in der Hand. Dann freilich durchschauert jeden – Rufus allein ausgenommen – das bange Gefühl: »welch ein Gegner!« Hermes aber wendet sich kaltblütig an die Triumvirn. »Bitte um zwei Denare. Abgeschnitten hat der Prätorianer ihn schon. Habe ich etwa gewettet, daß er ihn auch zur Strecke bringen würde?« Drittes Kapitel ›Favete linguis!‹ Von links, wo hinter der Felsplatte des »Opfersprunges« ein Pfad hinunter durch den Wald führt, stürmen fünf Prätorianer mit drohenden Speeren in den Fäusten herein. Sie finden vor dem Eingang zur Baumeinhegung schon die Gruppe der Priester, die ihnen mit erhobenen Händen abwehren. »Ausliefern! ... Den Flüchtling ausliefern! ... den Gefangenen! ... er ist unser!« »Unser ist er! ... er gehört der Göttin nach dem Tempelrecht.« »Kein Tempelrecht schützt einen solchen Verbrecher ... Er hat Tiberius ermorden wollen ... Er führte einen Schwertstoß nach ihm. Er ist von den Feinden Cäsars bestochen ... Ein Mordanschlag ... Er hat Sejanus verwundet ... Er hat unseren Centurio Scribonius erschlagen ... Rache! ... Zur Seite, Priester! ... Der Germane ist vogelfrei – liefert ihn aus!« Bei diesem Ansturm bleiben die Priester unerschütterlich, obwohl ihre Mienen und die Blicke, die sie miteinander tauschen, erkennen lassen, daß ihnen diese unerwartete Beschuldigung sehr bedenklich erscheint, so daß sie nicht recht wissen, wie sie sich zu verhalten haben. Hinter dieser lebendigen Mauer sitzt der Germane auf der Baumwurzel, den goldenen Zweig in der linken, das Schwert in der rechten Hand, tief atmend, lässig die Glieder ausruhend und anscheinend so unberührt von dem Streit, als ob es sich um die Befugnisfrage priesterlicher und militärischer Gewalt handle, die ihn nichts angeht. Noch zwei Prätorianer, ohne Speere, das gezückte Schwert in der Hand, stürzen herzu. Offenbar sind es die beiden, die dem Germanen nachschwammen. Sie haben den Umweg des Waldpfades gewählt, – sicherlich reichten ihre Kräfte nicht aus, um den letzten Abhang zum Tempel zu erklettern. Sie sind noch außer Atem, aber doch nicht so sehr, daß ihre Stimmen dem Wutgeschrei nicht frische Zufuhr gebracht hätten. »Wie? nicht die gestellte Beute ausliefern? ... Den Meuchelmörder beschützen? ... Seht euch vor, ihr Priester! ... Gehört ihr zu den Feinden Cäsars?« Aber der König des Haines streckt den Prätorianern die Hand mit einem so gebieterischen »Schweigt!« entgegen, daß eine gewisse Abdämpfung des Geschreis entsteht, hinlänglich genug um seiner alten Rhetorstimme Gehör zu sichern. »Als Ankläger tretet ihr auf, und ihr seid die Angeklagten. Was sag' ich – Angeklagte? Schuldig Befundene seid ihr – schuldig des Tempelfrevels. Auf eure Knie, fleht um Gnade, daß euch der Zorn der beleidigten Göttin nicht hinwegraffe!« Demosthenes weiß sehr wohl, daß wer nicht zu viel verlangt, auch Geringes nicht erreicht. Auf die Knie sinken die Prätorianer zwar nicht – obwohl der Priesterchor gebieterisch diese Bewegung verlangt; immerhin aber wirkt dies Umkehren des Spießes so verblüffend auf sie, daß nunmehr wirklich eine nur durch leises Murren unterbrochene Stille eintritt. »Dieser Schützling Dianas hat, sagt ihr, einen der eurigen erschlagen –« »Unseren Centurio – « »Cajus Scribonius –« »Ein besserer Soldat folgte nicht den Adlern Roms – « »Nun wohl. Wir haben das gesehen – « »Wir haben's gesehen!« bestätigt der Priester. »Es war ehrlicher Kampf – der Cenutrio wollte ihm den Weg verlegen – ihn trifft deshalb kein Tadel.« »Und das Schwert gegen den Princeps gezückt?« »Und Sejanus verwundet –« »Den Präfekten! den Befehlshaber!« »Was dieser Schutzsuchende vorher getan und wir nicht gesehen haben – –« »Nicht gesehen, nicht gesehen!« »Recht so, Ihr Brüder: nicht gesehen haben wir's, somit müssen wir's hören, und zwar, unseren Satzungen gemäß, von seinen eigenen Lippen.« »Unseren Satzungen – unseren heiligen Satzungen gemäß!« »Aber merkt euch das, Prätorianer: was es auch sein möge, dieser Mann hält den goldenen Zweig in der Hand. Er ist unantastbar!« »Unantastbar! Unverletzlich!« »Ihr aber, Prätorianer, seid der Tempelschändung schuldig!« »Schuldig, schuldig!« »Mit geschwungenen Speeren und entblößten Schwertern seid ihr auf geheiligten Grund eingedrungen, habt wilde Drohungen und Schmähungen ausgestoßen an heiliger Stelle, wo es heißt: ›Favete linguis! Procul este profani‹ « Schweiget (genau: begünstigt / die Opferhandlung / mit den Zungen!) Bleibet fern, ihr Unwürdigen! Und mächtig schwillt das Echo des Priesterchores: ›Favete linguis! Procul este profani‹ « Unschlüssig, nicht ohne einen Anflug abergläubischer Furcht schauen die Prätorianer einander an. Ihre Blicke sammeln sich, wie durch stummes Übereinkommen, um einen vierschrötigen Mann mit tief gefurchtem, bronzefarbigem Gesicht. Dieser fühlt, daß ihm die Pflicht der Entgegnung in Aller Namen obliegt. Aber Demosthenes ist sich seines Vorteils zu bewußt, um sich dessen so leicht zu begeben: »Dieser Flüchtling hat das Schwert auf den Princeps gezückt? Und auf mich, den geweihten Oberpriester der Diana, den König des Haines – sind nicht auf mich von wilden Söldlingen die Schwerter gezückt worden? Streckten sich nicht Speeresspitzen kaum in Armlänge meiner schutzlosen Brust entgegen?« »Tempelfrevel – Tempelfrevel!« »Niemand, Ehrwürdigster, hat daran gedacht – « »Die Speere nieder, die Schwerter eingesteckt! Die Waffen der Göttin zu Füßen niedergelegt! Ich, der König des Haines, kann euch nicht Gehör schenken, euch keine Antwort geben, solange ihr bewaffnet vor mir steht.« »Auch der Centurio ist bewaffnet,« entgegnet der Vierschrötige mürrisch, auf Marcus zeigend. »Diesen hat Cäsar mit freundlicher Botschaft hergeschickt. Er trägt sein Schwert als Schmuck und Abzeichen. Nichts lag ihm ferner, als es gegen die Priester Dianas zu ziehen! Dennoch will ich dir hierin willfahren. Edler Centurio, ich bitte dich, mir dein Schwert zur Verwahrung zu geben.« Ohne Zögern streift Marcus seinen Schwertriemen über den Kopf und reicht dem Oberpriester die Waffe. »Aber jener – der Verbrecher – auch er hat sein Schwert! Mit dem nackten Schwert in der Hand sitzt er da! – Die Klinge rot vom Blut des Scribonius – das Schwert des Sejanus – –« »Schützling Dianas, gib dein Schwert her!« Der Germane blickt nicht auf. Seine Faust ballt sich nur fester um den goldenen Griff, so daß die Knöchel weiß hervortreten. »Nun, dein Schwert, Germane! Wer den goldenen Zweig hält, braucht kein Schwert.« Die bartbeschattete Oberlippe kräuselt sich spöttisch: »Jene haben recht: – das Schwert ist blutig. Es taugt für die Hand eines Kriegers. Es würde eine Priesterhand entweihen. Das sei mir fern!« Aber der Centurio Marcus neigt sich über den marmornen Rand der Einhegung: »Segismundus, sieh! Jene sind bereit, die Waffen abzugeben. Sie warten nur auf dich. Komm – gib dein Schwert her! Der Oberpriester hat recht. Es ziemt sich so!« Nach kurzem, offenbar sehr schmerzlichem Zögern reicht der Germanenjüngling dem ihm bekannten Centurio das Schwert. Dieser bückt sich, reißt einen Grasbüschel aus, der am Fuße der Mauer wächst, reinigt die Klinge von den wenigen Bluttropfen, die noch daran kleben, und übergibt die Waffe dem Euripideischen Alten, der auf einen Wink des Oberpriesters die Wurfspieße und Hochwerter der Prätorianer gesammelt hat und nun, mit dieser wehrhaften Last beladen, zum Tempel hinaufgeht. »Wir sind jetzt, ehrwürdigster König des Haines, deiner Forderung nachgekommen,« hebt der vierschrötige Prätorianer an, dem diese Zwischenhandlung eine willkommene Muße geboten hat, um sich seine Rede zurechtzulegen. – »Wir stehen waffenlos – waffenloser in der Tat als jener Legionär: in bürgerlicher Tunica, nicht im eisenbeschlagnen Lederkoller stehen wir vor dir. Du kannst uns also anhören und Antwort geben.« »Rede. Die Priester Dianas hören dich.« »So meinen wir denn, daß kein Tempelrecht ein solches Verbrechen beschützen darf. Denn dieser hat, wie wir euch schon sagten, versucht, Tiberius zu ermorden. Nicht seine Schuld ist es wahrlich, wenn das Reich jetzt nicht ohne Oberhaupt ist. Kein Zweifel, daß dies von langer Hand vorbereitet war und von den Feinden des Princeps angestiftet wurde. Man kennt ja die Wut und die verräterischen Umtriebe der Agrippina und ihres zahlreichen Anhanges. Noch vorgestern ist, wie es dem Sejanus heute hier gemeldet wurde, eine ganze Bande Verschworener aus dieser Partei in Rom festgenommen worden. Leider ist der Haupträdelsführer entkommen. Er wurde zuletzt in den Bädern Agrippas gesehen, ist aber dann spurlos verschwunden; wiewohl man in Rom, wo er sich verborgen hält, noch hofft seiner habhaft zu werden.« Telemachos, der fühlt, daß er rot wird, sieht sich verstohlen um. Aber keiner der Priester blickt ihn an oder verzieht eine Miene. »Einer der Verhafteten hat sogar den Namen dieses Germanen genannt: Sie hätten vorgehabt sich mit ihm in Verbindung zu setzen. Offenbar sind ihnen nun aber andere ihrer Gesinnungsgenossen zuvorgekommen und haben diesen Fremdling gedungen. Nachdem er sich zuerst das Zutrauen des Sejanus und dann – vorzüglich durch seinen Gesang – das Wohlwollen des Tiberius gewonnen hatte, benützte er heute ganz plötzlich die günstige Gelegenheit, als Sejanus sein Schwert im Vorzimmer abgelegt hatte. Er bemächtigte sich dessen, stürzte in das angrenzende Gemach, wo der Princeps der Mittagsruhe pflegte, und führte einen Stoß gegen seine Brust, der tödlich gewesen wäre, wenn sich nicht der getreue Sejanus dazwischen geworfen hätte und so das teure Leben rettete, wobei er sich selber eine böse Wunde am Arme zuzog.« Dieser Bericht wird von der Priesterschaft mit sehr bedenklichen Mienen aufgenommen. Aber zur Verwunderung aller tritt Telemachos, der doch die größte Veranlassung hätte, sich im Hintergrund zu halten, dreist hervor und ergreift das Wort: »Ihr Brüder! Hier liegt ganz offenbar ein Irrtum und eine handgreifliche Mißdeutung vor, die richtig zu stellen nicht schwierig sein dürfte. Auch ich habe nämlich in Rom, als ich noch dem weltlichen Leben angehörte, von diesem Germanen Segismundus, dem Geisel der Chatten, vernommen. Und zwar war es gerade bekannt, daß er dem Princeps mit Leib und Seele ergeben sei, wie man mir sagte, und wie es mir auch durchaus glaubhaft erscheint, aus Dankbarkeit, weil Tiberius seinerzeit dem Germanicus verbot, Germanien wieder mit Krieg zu überziehen und ihn vielmehr nach Syrien schickte. Nun aber ist ja die Treue dieser Germanen sprichwörtlich. Dadurch schon wird diese Anklage sehr verdächtig, wo nicht gar hinfällig. Der Schluß des Berichtes klärt sogar, meiner Ansicht nach, den wirklichen Vorgang völlig auf. Zweifelsohne haben in Rom gewisse Kreise Segismundus vor Sejanus gewarnt, diesen als einen Verräter gegen seinen Herrn angegeben und dem Germanen gewisse ehrgeizige Pläne aufgedeckt, die dort allgemein dem schon fast allmächtigen Prätorianerpräfekten und Consul zugeschrieben werden. Auf solche Weise aufmerksam geworden, hat er dann wohl einen bösen Anschlag des Sejanus entdeckt und eingesehen, daß es hohe Zeit sei, ihm zuvorzukommen. Das Schwert, das der Präfekt wohl in böser Absicht bereit gelegt hatte, ergreift er, um ihn – nicht Tiberius, sondern Sejanus – zu töten, der jedoch durch eine behende Wendung mit einer Wunde am Arme davonkommt. Es ist begreiflich, daß Tiberius, der von nichts weiß, den Stoß gegen sich gerichtet glaubt. So erklärt sich der Vorfall vollkommen.« Telemachos schweigt. Er fühlt, daß er gut gesprochen hat, etwa wie Cicero für Roscius. Auch zollt er sich selber die Achtung, die jedermann dem braven Manne schuldig ist. Wäre es doch zu seinem eigenen Vorteil gewesen, wenn die Priester den Germanen ausgeliefert hätten. Dann hätte ihm von dieser Seite keine Gefahr gedroht. Er aber hat seine Pflicht getan! Dies Bewußtsein muß ihm genügen. Denn Beifall findet er nicht. Höchstens, daß der Centurio ihm einen zustimmenden Blick sendet. Die Priester getrauen sich nicht aufzublicken. Die Erklärung klingt nicht unwahrscheinlich. Nur macht sie den schwierigen Fall nicht leichter, eher noch zweifelhafter und zweischneidiger. Ein Anschlag auf das Leben des Sejanus ist ein kaum geringeres Verbrechen als einer auf das des Princeps; vielleicht sogar ein schwereres. Wer weiß? Möglich, daß Tiberius' Leben schon morgen nichts gilt, das des Sejanus alles. Hat der Präfekt, von seinen Prätorianern umgeben, nicht schon den alten Princeps in der Hand? Wenn er nun morgen selber der Princeps wäre! Wie würde es dann der Priesterschaft ergehen, die eine Mordtat leicht nähme, weil sie sich ›nur‹ gegen Sejanus, nicht gegen Tiberius gerichtet hat? ... Anderseits aber: wer würfe das Senkblei in das Herz des Tiberius? Hat der Anschlag wirklich Sejanus gegolten, könnte dann nicht der Zorn des Herrschers die Priesterschaft treffen, falls diese voreilig einen so ergebenen Diener Cäsars aufopferte? Bange Fragen. Ein flüchtiger Blick zeigt dem erfahrenen Hainkönig, daß sie in all den anderen priesterlichen Herzen widerhallen – mit Ausnahme von dem des sonderbaren Herkules, das zu alt und gleichgültig zu sein scheint, und von dem des Neulings, das zu jung und töricht ist, um ihre Tragweite zu fassen. Er schüttelt bedenklich den Kopf, in dem er einen forschenden Blick auf den Germanenjüngling wirft, der ohne sich umzusehen in wirklicher oder gut nachgeahmter Gleichgültigkeit dasitzt. Nur in seiner rechten Hand ist Ausdruck: sie hängt noch schlaff herab, als ob sie der verlorenen Waffe nachtrauere. »Du hörst, was diese von dir aussagen, Fremder. Was hast du darauf zu antworten?« »Sie sagen die Wahrheit.« »Wer? Die Prätorianer?« Der Germane nickt. »Ich wollte Tiberius töten.« Ein Wutgeschrei antwortet ihm. »Hört ihr? ... Er ist geständig ... Liefert ihn aus!« »Und auch der junge Priester hat wahr gesprochen.« »Wie? auch er?« Wiederum nickt der Germane ruhig. »Ja. Er war wohl unterrichtet. Ich bin Tiberius mit Leib und Seele ergeben.« Der Oberpriester schüttelt wieder den Kopf. »All dies war schon rätselhaft, nun ist es noch rätselhafter geworden. Doch du wirst uns ja jetzt das Rätsel lösen. Sag' uns also, was sich zugetragen hat.« Er weiß wohl, daß eine solche Aufforderung vor dem Ringkampf einen Bruch der Regel dieser Priesterschaft bedeutet. Aber die Sache ist so seltsam und von so bedenklicher Eigenart, daß er sich zu dieser Abweichung berechtigt fühlt. Auch verkündet ein gedämpftes Murmeln, daß ihm seine Priester eher für seine Eigenmächtigkeit dankbar sind, als daß sie dabei irgendein Bedenken hätten. Der Germane erhebt seinen Blick vom Boden und heftet ihn zum erstenmal aufmerksam auf das Gesicht des Oberpriesters. Von dort springt er zu dem des Hermes hinüber und macht dann die Runde durch alle Zwölf. Denn mit dem Euripideischen Alten sind soeben auch Verres, Pindaros, Rhadamanthus und Äsculapius, die ihren Auftrag vorläufig erfüllt haben, vom Tempel zurückgekehrt, begierig den neuen Gast zu sehen, der ihre Neugier ebenso reizt, wie er ihre Sicherheit bedroht. Befriedigt oder nicht kehrt der Blick des blauen Augenpaares zum Boden zurück. Die Lippen des Germanen bewegen sich nicht. »Nun? Die Priester Dianas erwarten die Lösung des Rätsels.« Antwort: ein seelenruhiges Kopfschütteln. »Wie? du willst uns nicht sagen, was sich zugetragen hat? Wie es kam, daß du, obwohl dem Tiberius ergeben, ihn ermorden wolltest?« »Warum sollt' ich?« »Warum? Weil dein Schicksal in unseren Händen liegt.« Der Germane lacht kurz auf. »Mein Schicksal läge in euren Händen? In diesen Händen liegt es! ... Ich kenne eure Satzungen. Wer den goldenen Zweig erreicht, muß mit einem von euch – wen das Los bestimmt – sich im Ringkampfe messen, so gewinnt er die Priesterschaft, und niemand kann ihm etwas anhaben.« » Wenn er gewinnt, mein Sohn!« Ein Lächeln leuchtet in den blauen Augen auf und macht die Spitzen des blonden Schnurrbartes zittern. »Ich habe geruht und bin bereit. Genug geredet. Das Los entscheide!« Achselzuckend wendet sich der Oberpriester an die Priester: »Nun, meine Brüder, so wollen wir denn, wiewohl nur ungenügend unterrichtet, in außerordentlicher Sitzung unter den Augen der Göttin über diesen sonderbaren Fall beraten.« Beifälliges Murmeln stimmt diesem Entschlusse zu, der es noch jedem ermöglicht, seine Meinung geltend zu machen. »Du, Herkules, wirst noch weiter für unseren edlen Gast sorgen.« Er blickt den jungen Priester an, der sich nur zögernd den anderen anschließt, und lächelt. Es mag ihm wünschenswert erscheinen, auch ihn von der Beratung fernzuhalten. »Du hast, o Telemachos, gar vortrefflich gesprochen, wenn du auch nicht ganz das Richtige trafst. Deine Worte haben dazu beigetragen, Licht in diese dunkle Sache zu bringen, du hast damit also schon deine Stimme abgegeben, so magst du dich unserem Herkules anschließen, an dessen Gesellschaft dich ja schon die gemeinschaftliche Nachtwache gewöhnt hat, und mithelfen, daß unserem Gast, in dem wir seinen Absender, den Princeps selbst verehren, die Zeit nicht zu lang werde.« Ehrerbietig neigt der Priesterjüngling den Kopf, sehr zufrieden, draußen bleiben zu dürfen, in unmittelbarer Nähe des jungen Germanen, dessen Bekanntschaft zu machen er nun einmal für seine Schicksalsbestimmung hält. Darauf wendet sich der Oberpriester an die unbequemen Eindringlinge, die unschlüssig und fast vergessen abseits stehen und eine halbfeindliche Gruppe bilden, die nicht unbewacht bleiben darf. »Ihr Prätorianer habt euch alle schwer versündigt und die Göttin tief beleidigt. Ihr müßt, mit ihrem Zorn beladen, euch aus ihrem geheiligten Bezirk entfernen oder Buße tun.« »Welche Buße wird gefordert, Ehrwürdigster?« »Auf der obersten Stufe vor dem Tempel müßt ihr knieend liegen, und die Gnade der Göttin anflehen, bis ich euch für entsühnt erkläre.« Eine kurze flüsternde Beratung findet statt. Ob nun die Furcht vor dem Zorn Dianas, wenn sie unentsühnt von dannen gehen, oder die vor dem Zorn des Sejanus, wenn sie ihre gestellte Beute verlassen, die Entscheidung bringt: jedenfalls erklären sie, die Buße leisten zu wollen, falls die Priester dafür einstehen, daß der Germane nicht flüchtet. »Keine Sorge! Die Tempelwache läßt jeden herein, niemand hinaus.« Beruhigt durch diese Erklärung folgen die Krieger den Priestern und liegen knieend vor dem Peristyl, während die neun weißbemäntelten Gestalten eine nach der andren im dunklen Tempelinnern verschwinden, wo das Altarfeuer ihr Vorbeischreiten beleuchtet. Der Euripideische Alte geht als Wachehabender zwischen Stufen und Baumeinhegung hin und her, wobei er wechselweise beide Parteien im Auge behält: die auf der obersten Stufe knieenden Prätorianer und den auf der Wurzel des Ölbaumes sitzenden Germanen, dessen goldlockiger Kopf über die Marmorbrüstung emportaucht. Viertes Kapitel Siegmund und Thusnelda »Warum wolltest du den Priestern nichts sagen, Segismundus?« fragt Marcus. »Sicher hätte das irgendwie zu deiner Entschuldigung beigetragen.« »Sie gefielen mir nicht!« ist die bündige Antwort des Germanen. »Und willst du es auch uns nicht sagen?« »Du, Centurio, bist Soldat. Der alte herkulische Priester sieht aus, als wäre er einst einer gewesen.« »Ich war einer.« »Gut. Und der junge Priester hat für mich gesprochen. Ja, euch möchte ich es wohl sagen.« »Tu' es! wir bitten darum.« »Du, Centurio, hast es ja gehört, wie ich heute vormittag mit meiner Landsmännin zusammen dem Tiberius vorsang.« »Auch wir haben das gehört,« unterbricht ihn Telemachos. »Wir wußten auch, wer die beiden waren, die drüben auf der goldenen Galeere sangen, denn ich habe längst von euch gehört.« »Wir wußten mehr als das,« sagt Rufus. »Mir wußten, was ihr sanget.« Ein Blick der Überraschung und des Zweifels funkelt aus den blauen Augen zu ihm hinüber. »Was sangen wir denn, Alter?« »Ihr sanget von dem gefangenen gelähmten Schmied, eurem Dädalus, der sich in der Waldschmiede heimlich Flügel schuf und Rache an dem König nahm und mit seiner Geliebten, der Siegesgöttin, davonflog.« Ein strahlendes Lächeln verbreitet sich über die Züge des Germanen. »Wenig ahnte es uns, daß unsere Stimmen auch nach diesem Tempel den Preis unseres Wieland tragen sollten. Du kanntest die Weise. Bist du etwa in Germanien gewesen?« »Ich war mit Tiberius dort.« »Und er liebt das Land,« fügt Telemachos hinzu, »liebt eure finsteren, sturmdurchbrausten Eichenwälder mehr als dies lachende Gestade. Germanien sei das wahre Land, sagt er, das Land der Männer.« Segismundus ist aufgesprungen. Er tritt an die Mauer heran und reicht Rufus seine Hand. Dieser nimmt sie nach kurzem, kaum bemerkbarem Zögern. »Ich hätte nicht die Hand gedrückt, die auf Tiberius das Schwert zückte, hättest du nicht selber gesagt, daß du ihm mit Leib und Seele ergeben bist. Ich weiß, wie man tötet, was man liebt. So bin ich begierig, junger Sprößling jenes wahren Landes, von deinen Lippen den Hergang zu vernehmen. Wahn und Jähzorn haben mich hierher gebracht, sie werden auch dich gefangen haben.« »Vom Wahn weiß ich nichts ... Jähzorn ziemt einem Manne, solange noch Jugendfeuer in seinen Adern brennt. Zorn und Liebe sind Zwillinge, singen unsere Barden; und so hab' ich's erfahren ...« Er nimmt Platz auf einer der vielen Wurzeln des riesigen Ölbaums, deren knorriges Gebilde nur ein paar Schritte von der Mauer entfernt eine breite, natürliche Sitzbank darbietet. Sein Haupt sinkt in die Hand des rechten, aufs Knie gestützten Armes; sein Blick haftet an dem lebendigen Schattenmuster, das die leise bewegten Blätter über die Steine der inneren Mauerfläche weben. Über die Brüstung gelehnt, harren die zwei Priester und der Centurio seiner Worte. »Es war zur Zeit der Saturnalien,« hebt er an, »als ich sie zuerst sah. Das geschah im Palaste des Präfekten ...« Er schweigt wieder eine Weile, atmet tief und scheint im Wirrsal lichter Erinnerungsbilder seiner Zuhörerschaft zu vergessen. »Ich weiß, daß du sein Günstling bist,« bemerkt Telemachos. »Magst du den Sejanus?« Ein entschiedenes Kopfschütteln gibt Antwort. »Das freut mich. Hörtest du vorhin, daß der Prätorianer sagte, in der Meldung, die heute an den Sejanus von seinen Schergen in Rom gekommen war, habe man deinen Namen mit gewissen Umtrieben der Partei des Germanicus in Verbindung gesetzt?« »Ich hörte es. Alles Lüge. Ich habe für Germanicus nichts übrig. Er hat mit Siegen über die Germanen geprahlt, die er nimmer davontrug.« »Ich verstehe das. Und doch war es keine Lüge. Jene Leute waren meine Freunde. Sie waren übereingekommen, mit dir Bekanntschaft zu machen. Du kennst einen gewissen Longinus?« Der Germane nickt. »Der sollte die Bekanntschaft vermitteln. Er hat uns alle verraten.« Wiederum nickt der Germane, als ob ihn das nicht sehr überrasche. »Ich habe ihm nichts anvertraut.« »Nichts? – Nun, wir erfuhren durch ihn auch nur, daß Sejanus dich mitnehmen wollte, als er dem Tiberius entgegenreiste, und daß er darauf rechnete, daß deine Germanenlieder den Princeps in gute Laune versetzen würden. Darauf bauten sie ihren Plan. Denn sie wußten, wie ich schon sagte, daß du dem Tiberius sehr ergeben bist. Sie wollten dich aber aufklären, damit du, wenn du erst das Ohr und das Wohlwollen des Tiberius gewonnen hättest, ihn vor Sejanus warnen solltest, der schon längst auf dem Pfade des Verräters wandelt.« Segismundus schüttelt den Kopf. »Da wären sie vor die unrechte Schmiede gekommen. In Wielands Waldschmiede werden Waffen und Flügel geschmiedet, nicht Ränke.« »Rachepläne freilich auch,« meint Rufus. »Rache ist heilig, heilig wie die Liebe.« »Auch um Rache handelt sich's,« sagt Telemachos – »und um die heiligste. Denn Sejanus hat den Sohn des Tiberius durch Gift ermorden lassen.« Das blaue Augenpaar blitzt ihm scharf entgegen. »Woher weißt du das, Priester?« Die Antwort zögert – bis es zu spät ist. Telemachos muß sich gestehen, daß er und seine Freunde vor wenigen Tagen in Rom diese Beschuldigung allerdings nur auf Vermutungen und Volksgerede gründeten. Wenn er nun auch heute durch den Schwager des Eudemus diese Vermutung bestätigt bekam, so kann er doch seinen Zeugen nicht vorführen. »Du weißt es nicht. Du vermutest es nur. Das ist böses Staatgerede. Für solche Dinge aber muß man Beweise haben. Sejanus ist kein guter Mensch, aber er ist ein tüchtiger Soldat. Sollte er Arges gegen den Imperator sinnen, so wäre das schon ein fluchwürdiges Verbrechen. Daß er aber gar den Sohn seines Wohltäters durch Gift ermordet hätte – das ist zu niedrig. Das mag ich nicht von ihm glauben.« »Es ist nicht nur Vermutung, Germane, ich weiß es. Mir kommt es wie eine Fügung der Götter vor, daß du hier deine Zuflucht suchen mußtest: als geschähe es, damit ich dir die Augen öffne ... Deshalb blieb ich auch so gern hier zurück. Aber freilich, welchen Zweck hätte das jetzt? Du wirst ja jetzt nimmermehr in die Lage kommen, Tiberius vor ihm zu warnen.« »Besser so – weit besser so, Priester! Zu solchen Diensten taug' ich nicht. Durch das Anklägertum, das bei euch Römern so beliebt ist, hätte ich nimmer mein Brot verdient. Aber wenn es wahr ist – doch ich glaube nicht daran – dann bedaure ich, daß Sejanus, wie sie sagen, nur eine Wunde davontrug und daß mein Schwert nicht sein Herz durchbohrte ... Obwohl es in seinem Hause war – daß ich sie – –« Er vollendet den Satz nicht, sein Blick verfängt sich wieder im Schattennetz am Gemäuer, und ein fast kindliches Lächeln umspielt seine Lippen. »Wie kam denn diese Thusnelda in das Haus des Prätorianerpräfekten?« fragt Rufus. Ein schnelles, freudiges Aufblicken der blauen Augen. »Du kennst ihren Namen, Alter, ihren herrlichen Namen, der in Germanien nie verklingen wird, den die Barden noch nach Jahrtausenden besingen werden! Sie hat ihn nach ihrer hehren Muhme, der Gattin des Heldenbefreiers. Mit ihr kam sie als Kind nach Rom, als der alte Verräter Segestes, dessen schwarze Seele die Götter in die tiefste Tiefe von Helas Reich verbannen mögen, seine eigene Tochter – o schimpflich für Germanenlippen es nur zu sagen! – seine eigene Tochter dem Germanicus auslieferte, damit sie den Triumphzug des Stolzen schmücke! An ihrer Hand ging die kleine Thusnelda durch die Straßen Roms – sie selbst hat mir's erzählt – – « »Und ich hab' es gesehen,« sagt Rufus. Mit einen Ausruf springt Segismundus auf. »Ja, er hat es gesehen, Germane, und er hat es nicht vergessen. Er sprach davon, als ihr sanget Ein liedlicheres Mägdlein konnte niemand sehen, sagte er, als die Kleine mit ihrem goldigen Lockenkopf, wie sie an der Hand der edlen Thusnelda einhertrippelte ...« Segismundus ist dicht an die niedrige Mauer herangetreten und packt Rufus am Arm. »Du hast sie damals gesehen? Dein altes Augenpaar verwahrt ein Bild, das ich niemandem gönne!« »Nein!« verbessert er sich, fast reuig, als ob er soeben den freundlichen greisen Priester eines unersetzlichen Kleinods hätte berauben wollen: – »Nein, nicht so, aber ich beneide dich darum. Ich möchte sie immer gesehen haben, ihre ganze Vergangenheit sollte die meine sein – – – Aber ihr versteht mich nicht. Ihr Römer liebt nicht wie wir Germanen! ... So hast du das Kind gesehen und es nimmer vergessen können!« Wohlwollend lächelnd nickt Rufus dem Jüngling zu, dessen lauteres Wesen ihn wie ein Hauch seiner jugendfernen Germanientage erfrischt: »Hier, in diesem Tempelgefängnis ist das Nichtvergessen keine Kunst.« »Und auch dies sagte er,« fügt der eifrige Telemachos hinzu, »als wir davon sprachen, wer wohl mit ihr sänge, und ich meinte, es müsse wohl der Geisel der Chatten sein: ›Wer es auch sein möge,‹ versetzte dann Herkules – so ist sein Priestername – ›gern möchte ich stehen, wo er steht und dieser Thusnelda Aug' in Auge blicken, wenn sie ihrer edlen Muhme ähnlich sieht.‹« »Sagtest du das, Alter?« ruft Segismundus und drückt die mächtige Hand des Greises zwischen den seinigen. »Sie tut's. O, ich wünschte, du könntest sie sehen! Ja, sie ähnelt der Gattin unseres Hermann, nur ist sie lieblicher als jene war; aber ebenso mutiger Gesinnung ... schon als Kind ... Mitten im schreienden und drohenden Römerpöbel hat sie sich nicht gefürchtet. ›Ich habe nicht mit den Wimpern gezuckt,‹ sagte sie. Hast du sie mit den Wimpern zucken sehen, Alter?« »Wie hätte ich das sehen können, wenn sie es selbst sagt! Aber wo ich mich befand, hat niemand geschrien und gedroht. Freilich, der Pöbel bleibt überall Pöbel.« »Wir haben keinen in Germanien.« »Paßt auf, daß er nicht kommt, wenn ihr die Wälder lichtet ... Nein, Siegmund – denn so nennst du dich ja zu Hause – ich hörte ringsum nur Stimmen der Rührung über die goldlockige Kleine, und ich vernahm, wie die vornehmste Frau Roms, die alte Livia Livia, Witwe des Augustus und Mutter des Tiberius. selber sagte, sie würde das reizende Kind zu sich nehmen und es erziehen lassen. Ob das wohl auch geschah? denn ich erlebte keine römischen Tage mehr.« »Gewiß. Livia nahm sie zu sich, und die alte, herrische Frau war immer gut zu ihr. Thusnelda erhielt eine sorgfältige Erziehung; in allen weiblichen Arbeiten, wie sie in der Familie des Augustus und des Tiberius fleißig gepflegt wurden, ist sie wohl bewandert. Als die Schönheit ihrer Stimme sich bemerkbar machte, wurde sie von einem griechischen Kitharöden und Sänger prächtig ausgebildet. Ihre Muhme hatte sie aber unsere eigenen wilden Weisen gelehrt, und diese vergaß sie so wenig wie unsere Sprache, so daß sie sofort mit mir zusammen singen konnte.« »Und als dann Livia starb?« fragt Telemachos. »Das ist wohl jetzt etwa zwei Jahre her –« »Ja, da hatte gerade Pulcheria, die Tochter des Sejanus, eine so warme Vorliebe für Thusnelda gefaßt, daß sie ihren Vater dazu überredete, sie zu ihrer Gespielin zu machen. Ich glaube aber, eine geheime Macht hat das so gefügt und der Pulcheria die Neigung eingegeben, weil es so bestimmt war, daß wir beide uns treffen sollten.« »Und hat dieselbe geheime Macht Thusnelda hierhergeführt, damit du versuchen solltest, den Tiberius zu erschlagen?« fragt Rufus. »Denn mir ahnt, daß wenn sie in Rom geblieben wäre, dies Unglück sich nicht ereignet hätte.« »Du hast recht darin, Alter,« antwortet Segismundus mit einem tiefen Seufzer. »Ich selber muß jetzt wünschen, daß Sejanus sie nicht mitgenommen hätte, so froh ich auch damals wurde, als ich von diesem Entschlusse hörte.« »Er ließ sie wohl zu dem Zwecke mitreisen, daß ihr zusammen dem Tiberius vorsingen solltet?« fragt Telemachos. »Gewiß, und es war Pulcheria, die ihn dazu vermochte. Denn als sie von der beabsichtigten Reise erfuhr, wurde sie von brennender Lust erfaßt mitzukommen, um Tiberius, von dem sie so viel gehört und den sie nie gesehen hatte, kennen zu lernen. Und so stellte sie ihrem Vater vor, wie viel größer die Wirkung sein würde, wenn wir beide zusammen sängen, als wenn ich es allein täte. Thusnelda aber konnte schicklicherweise nur im Gefolge Pulcherias mitreisen, während ich zu demjenigen des Präfekten gehörte. Dazu kam, daß Pulcheria eine Freundin von Julia, der Tochter des Drusus war, die sich auch gern anschließen mochte, um den Großvater wiederzusehen. Sejanus aber hatte seine eigenen Gründe, um Julia gern in seinem Reisegefolge zu sehen.« »Gründe, die jedem Römer wohlbekannt sind,« ruft Telemachos. »Denn wer weiß nicht, daß dieser Emporkömmling sich mit der Hoffnung trägt, die Tochter des Mannes, den er ermordet und der Frau, die er verführt hat, zu ehelichen, um so der Herrscherstellung näher zu kommen.« »Von dem Mord und der Verführung weiß ich nichts, noch von seinen Absichten auf den Thron. Aber offenbar ist es, daß er der Julia zugetan ist, und sie ihm.« »Wie sie alle. Die Frauen laufen ja alle diesem Scheusal nach.« »Nun, jedenfalls war das auch ein Grund, warum Sejanus diese Frauengesellschaft mitnahm. Die Sehnsucht Julias nach dem Großvater war der Vorwand. Ich Tor war nur zu glücklich über diese Anordnung, wodurch ich täglich auf längere Zeit mit Thusnelda zusammengeführt wurde und unser Verkehr die Freiheit des Reiselebens genoß. In Campanien begegneten wir dem Zuge des Tiberius. Schon nach wenigen Tagen mußte ich ihm vorsingen, und bald danach sangen wir zusammen, zu seiner großen Zufriedenheit. So wurden wir denn auch heute an Bord der goldnen Galeere zum Singen befohlen, wie ihr gehört habt. Danach ließ der Princeps Wein, Früchte und Backwerk auftragen. Als sich zuerst die Frauen entfernt hatten, brach Tiberius bald auf, um während der Mittagshitze auszuruhen; Sejanus folgte ihm, wie immer. Nun litt es mich auch nicht lange mehr bei dem Gelage. Bald fand ich einen Vorwand, mich in der Hoffnung zu entfernen, Thusnelda zu treffen. So eilte ich hinunter zum dritten Verdeck, wo sich die von Sejanus benutzten Räume befanden. Ich ging durch die lange, nach dem See zu offene Galerie, die ich noch von hier aus unterscheiden kann, mit ihren goldig-gerieften Cedersäulen – ungewiß, wohin ich mich wenden solle, meine Hoffnung erfüllt zu sehen. Da bemerkte ich in einer seitwärts gelegenen, mit Blumen geschmückten Grotte ein hellblaues, silberdurchwirktes Tuch, das über der elfenbeinernen Rückenlehne einer kleinen Sitzbank hing. Bei diesem Anblick pochte mein Herz ungestüm; es war ein Geschenk, das Tiberius der Thusnelda gemacht hatte, als sie zum erstenmal ihm vorsang. Ich trat ein. Auf einem Tischlein daneben lag eine Buchrolle, in der ich dieselbe wiedererkannte, aus der du, o Centurio, heute dem Tiberius vorgelesen hast.« »Das überrascht mich nicht,« sagt Marcus. »Höchst wahrscheinlich hast du nicht vergessen, daß auch Thusnelda dabei anwesend war. Als nun Tiberius mich hierherschickte, bat sie mich, ihr das Büchlein zu leihen. Viele Worte, sagte sie, hätten sie tief ergriffen, und die möchte sie sich gern wieder ins Gedächtnis rufen.« »Nun, ich dachte mir so etwas – jedenfalls zweifelte ich nicht, daß sie unlängst hier geweilt und gelesen hatte, um sich nur auf eine kurze Zeit zu entfernen. Wenn auch das nicht, müsse sie bald das kostbare Tuch vermissen und deshalb zurückkommen; denn man schickt niemand, um ein vergessenes Cäsarengeschenk zu holen. Hocherfreut setzte ich mich also auf die Bank und nahm das Buch zur Hand. Was konnte ich wohl besseres tun, um die Wartezeit zu vertreiben, als das zu lesen, was sie soeben weggelegt hatte und was vielleicht noch immer ihre Gedanken beschäftigte? Da las ich nun viele merkwürdige und gar tiefsinnige Worte, manches, was mir schwer zu fassen schien. Und da dachte ich: wäre nur Thusnelda hier, sie könnte mir das gewiß erklären. Zuletzt aber stieß ich auf eine Stelle, die für meinen einfachen Verstand wie geschaffen war. Da wurde erzählt, wie die Söldner und die Soldaten zum Heiligen kamen und ihn fragten, was sie tun sollten. Und er sagte zu den Zöllnern: ›Fordert nicht mehr denn gesetzt ist.‹ Und zu den Soldaten: ›Tut niemand Gewalt noch Unrecht, und lasset euch begnügen an eurem Solde.‹ Diese Worte wiederholte ich mehrmals, um mir sie einzuprägen, denn ich fand, daß sie gut waren und dachte: ›Dem Imperator wird diese Stelle gefallen.‹ Gerade in diesem Augenblick wurde die Stille durch einen gedämpften Schrei unterbrochen. Es war eine weibliche Stimme, die Stimme Thusneldas. Ich sprang auf und eilte in der Richtung des Lautes, der mein Blut siedeheiß und eiskalt durch die Adern jagte. Ein kurzer Gang führte mich in einen Raum, der eine Art Vorzimmer zu sein schien. Verschiedene Sachen lagen unordentlich umher; vorn auf einem Tische lag ein Schwert – ihr habt es in meiner Hand gesehen – die Prätorianer sagten, es sei das Schwert des Sejanus – wohl möglich! Ich ergriff es im Vorübereilen und riß die Tür zum nächsten Zimmer auf, aus dem wiederum ihre Stimme ertönte. Tiberius saß auf einer Ruhebank. In seinen Armen sträubte sich Thusnelda. Mir wurde schwarz vor den Augen. Ich sprang vor, um ihn zu durchbohren. Da stürzte, wie aus den Wolken fallend, Sejanus sich zwischen uns. Ich entsinne mich jetzt, daß er hinter einem Vorhang neben der Bank hervorgestürmt sein muß. Er wehrte den Stoß ab und wurde, wie wir hörten, verwundet. Thusnelda riß den Vorhang herunter, in dessen Falten er und Tiberius strauchelten, und zog mich mit sich fort. »›Fliehe, Unglücklicher!‹ rief sie, – ›rette dich!‹ Wir waren auf der Galerie – zwischen den Säulen glitzerte das grüne Wasser. Am anderen Ende stürzten schon auf den Ruf des Sejanus die Prätorianer heran. ›Schwimme um dein Leben! Nach dem Tempel!‹ rief sie, halb flehend, halb gebieterisch. Ehe ich zur Besinnung kam, war ich schon, ihren Ruf in meinen Ohren, unten im See, und schwamm, ihrem Befehl gehorchend, um mein Leben; denn ich hatte in diesem Augenblick keinen eigenen Willen.« Siegmund schweigt mit einem Seufzer, als ob er jetzt zu spät bereute, nicht lieber dort in der Galerie der goldenen Galeere sein Leben so teuer erkauft zu haben, wie das gute Schwert und seine stählernen Muskeln es ihm erlaubten. »Wahn!« ruft Rufus, – »wie ich sagte: Wahn und Jähzorn haben dich wie mich hierhergeführt.« Auch er seufzt tief, und alle vier schweigen eine Weile. »Während ich hier saß,« hebt dann der Germane an, »ist mir etwas immer wieder durch den Sinn gegangen. Auf dem Tischlein stand neben der Buchrolle eine Flasche aus feinem, goldverziertem Glas, zur Hälfte mit dunkelrotem Wein gefüllt. Jetzt besinne ich mich, daß auf dem Tische neben Tiberius ein Becher aus ähnlichem Glase mit einem Reste desselben Weines stand. Ich vermute, daß Sejanus zu ihr kam, als sie lesend da saß, und unter irgendeinem Vorwand sie mit diesem Becher Weines zu Tiberius geschickt hat. Wie hätte Sejanus auch sonst so nahe sein können, daß er auf das Geräusch meines Eintretens und vielleicht eines Aufschreies von mir oder von ihr sich sofort dazwischen werfen konnte?« »So wird es sich unzweifelhaft verhalten haben,« meint Telemachos. Auch Rufus nickt zustimmend: – »Das ist die Art solcher Männer, sich zum Kupplerdienst bei den höchsten Herren heranzudrängen, und es sollte mich nicht wundern, ob er von Anfang an – –« Die hellgellenden Töne einer Tuba aus überraschender Nähe unterbrechen plötzlich diese Betrachtungen. Fünftes Kapitel Ecce Cäsar! Die Gruppe am Ölbaum ist nicht die einzige, die durch den kriegerischen Klang emporgescheucht wird. Die vor dem Peristyl knieenden Prätorianer springen, in ihrer gezwungenen Andacht gestört, wie ein Mann empor, die erkennen ihre eigene Tuba und eilen ihrem Rufe nach. Diese eigenmächtige Beendigung ihrer Buße wird ihnen auch nicht vom Hainkönig vorgeworfen, der an der Spitze der Priesterschaft aus dem Tempel stürzt und dieselbe Richtung nimmt. Bald bleibt er jedoch stehen, um seine Priesterschar zu ordnen. Er sieht, daß es schon zu spät ist, den Eingang des Hainbezirkes zu erreichen. Etwa hundert Schritte hinter dem »Opfersprung« und ebensoviel Schritte abwärts läuft, stellenweise von Lorbeer- und Myrtengebüsch verborgen, die Mauer, die den Tempelgrund umgrenzt. Zwei bronzene Sphinxe bewachen den Eingang, sie haben soeben eine goldglänzende Sänfte durchgelassen, die, von sechs riesenhaften Negern getragen, sich den Abhang hinaufbewegt. Dagegen scheinen ihre emporgehobenen Tatzen einigen fast ebenso prächtigen sanften und einem großen Gefolge abzuwehren, das dichtgedrängt außerhalb der Maueröffnung sichtbar ist. Zwei Männer begleiten die Sänfte. Der links neben ihr schreitende – dem Insassen zur Rechten – ist ein kräftiger älterer Mann; das dichte, fast wollig gekräuselte Haar ist stark im Ergrauen begriffen. Eine etwas brutale männliche Schönheit zeichnet den stiernackigen Kopf aus. Die ganze Haltung und Miene ist militärisch, die Tracht aber bürgerlich. Es fällt auf, daß er die Toga nicht wie üblich trägt, so daß der rechte Arm frei ist; diesen hat er vielmehr in die Falten des weiten Kleidungsstückes eingehüllt, während der linke Arm, dessen Hand auf dem Rande der Sänfte leicht ruht, entblößt ist. Der breite Purpurstreifen, der die Toga umsäumt, zeigt, daß dieser Mann ein hoher Beamter des Reiches ist. Rechts geht mit schwerfälligen Schritten ein hochgewachsener Jüngling, in nachlässiger, etwas müder Haltung. Das schwarze Haar liegt sparsam um die hohe, aufdringlich vorspringende Stirn; dagegen ist der nackte rechte Arm, dessen Hand sich auf den Rand der Sänfte stützt, so behaart, daß es wundernimmt, warum er ihn nicht nach der Sitte vornehmer Stutzer mit Bimsstein abgerieben hat, zumal die Züge seines Untergesichtes fast weibisch weich sind. Auf der Höhe angelangt, von wo aus keine merkliche Steigung weiter bis zum Tempel ist, bleiben die schwarzen Träger stehen. Gestützt auf die eiligst dargebotene Schulter des älteren Mannes steigt der Insasse aus. Ein Greis, der seine beiden Begleiter fast überragt. so mächtig sind die Formen der Schulter und der Brust, die rechts von der purpurgesäumten Toga entblößt sind, daß der schön geformte Kopf, den er hoch trägt, auffallend klein erscheint. Die Züge sind edel geformt, das Kinn etwas spitz, die Nase oben stark gebogen, die Augen groß und dunkel. Die breite Stirn schmückt ein goldener Eichenkranz, dessen Band mit seinen Enden über die Schultern herabhängt. Von der anderen Seite der Sänfte ist der Jüngling schon herbeigeeilt und hofft mit übertrieben besorgter, fast weinerlicher Miene, daß die Bewegung den Alten nicht ermüdet habe. »Ermüdet, weil sechs Sklaven mich heraufgeschleppt haben!« »Aber nach dem Schrecken von heute?« Der Greis zuckt verächtlich die Achseln: »Als ob man nie zuvor ein nacktes Schwert gesehen hätte! ... Aber du selber, Cajus? Wie ist der Aufstieg deinen etwas schwächlichen Beinen bekommen?« Die Beine sind das väterliche Erbteil, auf das der Sohn des Germanicus am wenigsten stolz ist. Sein Gesicht verzieht sich wider seinen Willen; dann nehmen die Züge sofort, wie auf Befehl, einen süßlich dankbaren Ausdruck an. »Ich danke dir, Großohm! Es macht mich glücklich zu wissen, daß du dich so um mein Wohlbefinden kümmerst. O, nur eine geringe Müdigkeit in den Knien, die nichts zu bedeuten hat.« »Ja, ja, die Jugend von heute,« sagt der Greis zu dem älteren Mann, – »die Jugend von heute! Sie verträgt nicht viel, aber höflich ist sie, sehr höflich. Da können wir von ihr lernen, so hätte ich doch schon fragen sollen, ob deine Wunde dich nicht schmerzt und ob die Hitze sie nicht beim Aufstieg zum Brennen gebracht hat.« »Mein hoher Herr wird einen alten getreuen Soldaten nicht durch eine solche Frage betrüben. Als ob es mir nicht lieb wäre, eine Wunde zu spüren, die ich mir bei der Rettung eines so teuren Lebens zuzog! Ja, stütz dich nur auf meinen Arm, Herr! Der Grund ist hier recht uneben: Stütz dich nur fest! Auch wenn dieser linke Arm verwundet wäre und zwar noch schwerer als der rechte, – du würdest in deinem weiten Reiche für deine Herrschaft doch keine sichrere Stütze finden.« Anstatt jedoch dieser Aufforderung nachzukommen, wendet sich der Alte an den Jüngling, als ob er befürchtete, diesen, der etwas mürrisch dreinschaut, zurückgesetzt oder den anderen zu sehr bevorzugt zu haben – oder beides: – »Deinen Arm, Cajus! Laß den gebrechlichen Körper des Alten sich auf die Jugend stützen, wie es sich gebührt und wie die Natur es will. Auch möchte ich nicht ohne Not den Mann belasten, der heute für mich geblutet hat.« »Und o, wie beneide ich ihn darum!« ruft der Jüngling mit verzückter Miene. »O warum war es nicht mir vergönnt, in jenem Augenblick an deiner Seite zu sein!« »Beruhige dich, Cajus! Bei der Gelegenheit ziehe ich unseren Lucius vor.« Das hochfahrende Gesicht des Älteren, dessen etwas grobe Lippen schon recht höhnische Linien gezogen haben, leuchtet wieder in einer Weise auf, die es nicht gerade verschönert. Er ist im Begriff voran zu schreiten, als der vierschrötige bronzefarbige Prätorianer, den seine Kameraden in geringem Abstand begleiten, in dienstlicher Haltung vor ihm Halt macht und Bericht erstattet. Auch der Greis und der Jüngling bleiben stehen. Ersterer lauscht mit vorgeneigtem Kopfe. Die prachtvolle Breite von Stirn und Schläfen wird durch den Goldkranz ins Übermenschliche gesteigert und macht die Schmalheit des unteren Gesichtes mit seinem feingemeißelten Kinn noch auffälliger. Alle Züge sind regelmäßig und von edelstem Gepräge. Aber Sorgen und Kümmernisse von so bitterer Art und in so überreichlichem Maße, wie sie nur wenigen zuteil werden, haben mehr als die dahingeflossenen Jahre dieses Gesicht so mitgenommen, daß es wie ein schönes Marmorbild in verwittertem Zustand anmutet. Als der Prätorianer von der Buße auf den Tempelstufen berichtet, kräuseln sich seine schmalen, seltsam geschlängelten Lippen spöttisch, und ein kurzes Auflachen ertönt. Das blasse Gesicht des Jünglings errötet aber, als ob ihm eine Beleidigung widerfahren wäre, und er stampft ungeduldig: – »Diese Priester nehmen sich wahrlich viel heraus!« »Priester und Frauen tun das, Cajus. Nun, wir wollen sehen, wie dieser König des Haines dem Cäsar begegnet. Komm, Lucius!« Und er legt seine linke Hand auf die Schulter seines älteren soldatischen Begleiters. So sehen Telemachos und Rufus ihn herannahen – ein tragischer Anblick in ihren Augen: – Tiberius zwischen den beiden Zerrbildern seines Wesens: – Dem Soldaten ohne Treue und Pflichtbewußtsein – dem Herrscher ohne Ziel und ohne Selbstbeherrschung: – Lucius Älius Sejanus und Gajus Julius Cäsar, genannt Caligula. Sechstes Kapitel Caligulas Scharfblick »Ehrfurchtsvollen Willkommensgruß entbieten die Priester des Aricianischen Haines dem erhabenen, nur zu lange vermißten Gastfreund – –« »›Willkommen‹ und ›Gastfreund‹, darum handelt's sich jetzt nicht, Priester!« herrscht Tiberius den Hainkönig an. »Ich komme jetzt nicht als Gastfreund, was ihr sehr wohl wißt. Der Princeps, die beleidigte Majestät des römischen Reiches, steht vor euch.« »Die Götter mögen es verhüten, o Augustus! daß von dieser Stätte aus jemals eine Beleidigung dich träfe –!« »Es ist geschehen, und sie haben es nicht verhütet. Wie? Ein Wütender hat das Schwert auf diese Brust gezückt – er hat es vor euren Ohren eingestanden – und ihr beschützt ihn!« »Niemand kennt, o Augustus, unsere Satzungen und die Rechte dieses Heiligtums – die Weihe des goldenen Zweiges – besser als du, der du sie selbst unangetastet gelassen hast als du das Asylrecht so vieler Tempel ringsum im ganzen Reiche aufhobst.« »Gut, daß du mich daran erinnerst. Laßt euch das eine Warnung sein! Oder weshalb glaubt ihr wohl, daß ich gerade das eurige schonte?« »Brauchte es einen anderen Grund als die Ehrfurcht vor einem uralten Heiligtum, das von Äneas selbst, dem Stammvater der Cäsaren, gestiftet wurde?« »Dies allein hätte mich nimmer dazu bewegen können, in der unmittelbaren Nähe Roms eine Freistätte für jeden Verbrecher zu dulden, wenn nicht dieses Asylrecht durch seine eigenen Satzungen sich selber aufhöbe und unschädlich machte. Ist der Verbrecher dem Gesetze des Staates entflohen, durch das der Diana erreicht ihn über kurz oder lang die verdiente Todesstrafe.« »Vom Standpunkte des Herrschers aus ist diese Betrachtungsweise verständlich. Allein wir Priester Dianas haben einen hochgeschätzten Grund, zu glauben, daß wir uns auch der persönlichen Gunst des Tiberius rühmen dürfen. Denn hast du nicht, als die Sonne deiner Gegenwart noch die siebenhügelige Stadt beglückte und du dich so oft am Bord der goldenen Galeere in dieser gesegneten Umgebung von den Sorgen der Weltregierung erholtest – hast du, sage ich, o Augustus, dann nicht des öfteren der Priesterschaft der Diana Nemorensis deinen Besuch vergönnt und in ihrem Kreise das Trinkopfer der Gottheiten des Haines ausgegossen?« »Du hast recht, ehrwürdiger König des Haines. Wie hätte ich denn auch, bei so einzigartiger Nachbarschaft, mir die Freude des Verkehrs versagen können? Mit Recht sagst du, ich hätte in diesem Kreise Erholung von den schweren Regierungssorgen gesucht. Ein vielgeplagter Princeps der Republik, der notgedrungen so viel mit der trügerischen Welt zu tun hat und von lauter Larven umgeben ist, wahrlich, er muß es als eine Herzenslabung empfinden, an dem einzigen Ort im ganzen Reich – oder wenigstens doch in Rom und seiner Umgebung – einzukehren, wo er lauter ehrliche Leute findet ...« Ein leises beifälliges Murmeln der Priester nimmt diese Anerkennung dankbar an. ›In den Blumen verbirgt sich die Schlange,‹ scheinen ihnen die sich rätselhaft schlängelnden Lippen des Tiberius zuzulächeln, als er hinzufügt: »Oder man zeige mir eine andere ebenso große Versammlung von Leuten, die kein Hehl daraus machen, daß sie Schufte sind – alle miteinander Schufte – – einer ausgenommen.« Bei diesem Worte gleiten die großen, königlichen Augen freundlich funkelnd über Rufus' Gesicht und bleiben, zuerst stutzend, dann forschend an seinem Nebenmanne haften. Wenige nur halten diesen durchbohrenden Blick aus, und Telemachos macht keine Ausnahme von dieser Regel. Das Äußere des Jünglings scheint dem Princeps in hohem Grade aufzufallen, nicht aber sein Mißbehagen zu wecken: – »Mich dünkt freilich, daß da einer steht, der sich auch verirrt hat und wenig in diese Gesellschaft hineinpaßt.« Die Aufmerksamkeit aller Anwesenden hat sich auf den jungen Priester gerichtet. Aber niemand starrt ihn an wie Sejanus. Sein Stiernacken streckt sich vor. Die Adern seiner Schläfen schwellen, die kleinen stechenden Augen scheinen aus ihren Höhlen herauszuspringen. Unwillkürlich ergreift seine rechte Hand den Arm des Tiberius. »Deine Menschenkenntnis, o Augustus, ist weltbekannt. Deinen scharfen Blick fürchten die Übelgesinnten, denn er verbrennt die Larve und beleuchtet das wahre Gesicht. Wer möchte also sein Urteil dem deinigen entgegenstellen? Und ich gar, der ich nur ein Soldat bin, dessen einziges Verdienst sein Eifer in deinem Dienste ist – ? Und doch muß ich dir sagen: diesmal irrst du dich, wenn du jenen jungen Priester für besser als die anderen hältst. Er ist mir in Rom gezeigt worden, und ich erkenne ihn hier wieder. Du wirst die Meldung nicht vergessen haben, die uns heute aus Rom gebracht wurde: von den neuen Umtrieben der Agrippina-Partei und den Verhaftungen der Verschworenen. Der Haupträdelsführer freilich war entkommen; doch hoffte man seiner noch habhaft zu werden. Nun wohl: dieser ist's. Kein Zweifel, daß der heutige Mordanschlag damit zusammenhängt, da der Germane mit jener Bande in Verbindung stand und der junge Priester – wie dieser brave Soldat mir mitteilt« – er zeigt auf den vierschrötigen Prätorianer – »sich leidenschaftlich zu seinem Verteidiger aufgeworfen hat.« Das Gesicht des Tiberius umdüstert sich. Staatsverbrechen und Verschwörungen gehören nicht zu den Sachen, die er auf die leichte Achsel nimmt. Hingegen heitern sich die verdrossenen Züge des Cajus in demselben Maße auf, in dem die seines Großohms sich verfinstern, bis das Aufleuchten in schrillen Laut sich umsetzt und seine pfauenartige Stimme ertönt: »Dachte ich mir's doch gleich! Als ich diese Priesterschar durchmusterte, blieb mein Blick an jenem haften. Ich gäbe etwas darum, sagte ich zu mir selber, um zu wissen, was den hierher geführt hat. Er ist gewiß der schlimmste von allen! Der Alte neben ihm sieht mir zwar auch nicht geheuer aus – aber der junge, der ist ein Erzgauner! Nun, Sejanus! du sprichst von Menschenkenntnis – wie nennst du das? Aus zwölfen herausgefunden, und auf den ersten Blick, bei Zeus!« Dieser laute Ausbruch wirkt wie ein wolkenvertreibender Windstoß. Die Stirn des Tiberius glättet sich, als er dem jungen Mann väterlich auf die Schulter klopft: – »Dies ist in der Tat außerordentlich, Cajus. Wahrlich, wenn du einmal Princeps werden solltest, denn solche Sachen liegen zwischen den Knieen der Götter, dann möchte ich nicht der Mann sein, der, verräterische Gedanken im Herzen hegend, dir unter die Augen tritt.« Strahlend vor geckenhafter Zufriedenheit sieht Cajus Caligula sich im Kreise um. Er begegnet aber nirgends den bewundernden Blicken, die er erwartet, keiner zweifelt, daß der Jüngling, der recht bald Herrscher werden kann, den offenbaren Spott seines Ohms gar wohl bemerkt habe, und jeder hält es darum für das Sicherste, seine Augen sonst wohin zu richten, nur nicht auf ihn. Der zukünftige Beherrscher der Welt ist etwas enttäuscht, faßt aber den Vorfall auf andere Weise auf. Wer will denn gern seine innersten Gedanken lesen lassen? So mögen sie wohl alle ihre guten Gründe haben, seinem soeben bewährten Scharfblick zu entgehen. Da dieser Triumph sich nicht leicht überbieten läßt, benutzt er die eingetretene Pause, um sich zu entfernen. Denn seitdem er den Tempelbezirk betreten hat, plagt ihn die brennende Neugier, jenen geheimnisvollen goldenen Zweig, von dem er so viel hat reden hören, zu sehen, und zwar nicht am Baume sitzend, sondern in der Ausübung seines heiligen Berufs, in der Hand eines Flüchtlings, den er selbst gegen die Macht Cäsars beschützt; etwas, das er sich noch vor zwei Stunden, als er sich mächtig auf diesen Tempelbesuch freute, nicht hat träumen lassen. Mit einem kummervollen Blick schaut Tiberius dem zukünftigen Thronerben nach. Das wundervolle Hellsehen, mit dem Cajus frohlockend aus einer ganzen Verbrecherbande die beiden einzigen Ehrenmänner als Erzgauner herausgefunden hatte, konnte nicht umhin, Tiberius' Sinn für den Humor des Lebens zu erheitern. Allein diese Heiterkeit bekommt einen gar bitteren Nachgeschmack bei dem Gedanken, daß Gleiches Gleiches erkennt und anerkennt. ›Eine falsche Menschenbeurteilung,‹ denkt Tiberius, wäre bei Cajus schon bedenklich genug. Immerhin könnte sie mit der Zeit durch Erfahrung verbessert werden. Wie aber, wenn es sich um etwas ganz Anderes und weit Schlimmeres handelt? Wenn er sie in der Tat auf seine Weise ganz richtig erkennt, indem er meinen braven Rufus und diesen jungen Patrizier, der sich politisch vergangen haben mag, aber gewiß kein niedriger Mensch ist, von der übrigen Bande als das schlimmste Paar aussondert; aus dem einfachen Grunde, weil sie ihm am fremdartigsten erscheinen? Denn was mir ähnelt, ist gut, was mir unähnlich sieht, ist schlecht – anders versteht der gewöhnliche Mensch es nimmer. In diesem Fall werden ihn freilich die Jahre kein besseres Urteil lehren, sondern die falsche Wertung wird im Gegenteil immer geübter, sicherer, gefährlicher werden. Ist es doch leider nicht das erste Mal, daß meine böse Ahnung in seinen Zügen etwas vom geborenen Verbrecher las; und doch war er der einzige der Söhne des Germanicus, der in Frage kam. Ach, wie konnte doch das Geschlecht meines edlen Bruders so schnell verfallen? Wie kann doch Rom selbst so schnell, so unaufhaltsam verfallen? ... Wo eilt er nur jetzt hin? Auch das ist eine bedenkliche Eigenschaft, daß sein Geist nicht zwei Minuten lang bei derselben Sache verweilen kann. Ach – nach dem Ölbaum lenkt er seine Schritte. Dort seh' ich das Goldhaar des Germanen in der Sonne glänzen. Dieser Brausekopf, der mich sofort ins Jenseits befördern wollte, weil ich mich in fröhlicher Weinlaune seiner Geliebten gegenüber vergaß und einen Narren aus mir selber machte, so daß ich mich jetzt schämen muß; als ob ich nicht wüßte, daß eine solche Frau nicht so zu freien ist. Allerdings, sofort mein altes Herz durchbohren zu wollen – das war etwas stark! Aber fast mag ich ihn deshalb um so mehr. Das ist gerade einer der Fehler, die sich mit den Jahren in Tugenden umsetzen. Was will nur Cajus bei ihm? Dort sucht Gleiches nicht Gleiches! Die beiden nebeneinander zu sehen, tut mir im Innersten weh. Ja, könnte ich diesen Segismundus adoptieren! Statt dessen muß er noch heute sterben. Wäre Sejanus nicht dazwischen gekommen und hätte es in alle Welt hinausgerufen, so könnte es ja zwischen uns beiden bleiben. Aber so geht es nicht. Nein, er muß sterben, und Cajus muß das Reich erben. Wir sind in die Ketten des Schicksals geschmiedet. Was kommen will, kommt, es steht ja schon in den Sternen geschrieben.« Siebentes Kapitel Was auch in den Sternen geschrieben stand Endlich bricht Tiberius das Schweigen, das schon schwer auf allen lastet. »Du hast wohl getan, Lucius, mich auf diesen Umstand aufmerksam zu machen. Unermüdlich wachst du über die Sicherheit des Staates.« »›Die Konsuln mögen zusehen‹« – murmelt Sejanus, indem er mit selbstgefälligem Lächeln den Faltenwurf am Purpurrande seiner Toga ordnet. »Sehr wahr – wir werden zusehen. Indessen, ein vereinzelter Verschworener ist keiner. So denke ich also, wir können diesen jungen Priester hier, wo er in der Tat vereinzelt ist, belassen, ohne das Gemeinwohl sonderlich zu gefährden. Denn ohne Not möchte ich den Rechten dieses Heiligtums nicht zu nahe treten.« »Wie du befiehlst, Herr,« antwortet Sejanus unterwürfig, wiewohl er dabei eine etwas saure Miene macht. Die Priester aber atmen auf bei dieser gnädigen Entscheidung. Nunmehr versteinern sich jedoch die Züge des Herrschers: »Anders verhält es sich mit dem Germanen. Er hat einen Anschlag auf das Leben des Princeps gemacht, und alle hier und auf der Galeere wissen es. Für ein solches Verbrechen darf hier kein Schutz zu finden sein.« »Glaube nicht, o verehrungswürdiger Augustus,« entgegnet der Hainkönig, »daß die Dianapriester sich nicht der schwerwiegenden Bedeutung dieses Falles bewußt sind.« »Peinlich bewußt – kummervoll bewußt,« bestätigt der Priesterchor. »Wir haben deshalb in außerordentlicher Sitzung, nach Anrufung der göttlichen Gnade, des Rates gepflogen, wie wir wohl den gerechten Forderungen deines Zornes genügen können, ohne andererseits gegen die geheiligten Rechte unseres Heiligtumes zu verstoßen.« Eine ungeduldige Bewegung, die der Princeps mit der linken Hand macht, droht Einspruch zu erheben. Der Priesterchor sieht sich genötigt, »die geheiligten Rechte unseres Heiligtumes« warnend zu betonen. »Diese zu berücksichtigen,« fährt der Hainkönig mit weihevoller Rednerstimme fort, »war unsere Pflicht nicht weniger dir, o göttlicher Augustus, als der Göttin gegenüber. Denn du wirst des sibyllinischen Wortes nicht vergessen haben, das mit goldenen Lettern auf der bronzenen Tafel in unserem Allerheiligsten geschrieben steht: solange der goldene Zweig, durch die Hand des frommen Äneas diesem Ölbaum eingeimpft, immer neu gepflückt von Siegerhand zu Siegerhand geht, so lange wächst und blüht das Geschlecht, das gepflanzt wurde von Äneas, das Haus der Cäsaren.« »Lange wachse es und blühe, das Haus der Cäsaren!« »Durch eine offenbare Störung dieses heiligen Brauches würden wir dein eigenes Haus bedrohen, würden somit gerade die Gefahr heraufbeschwören, zu deren Abwehr du ja einzig und allein die Strafe des Gesetzes über das Haupt des Schuldigen verhängt wissen willst.« Der schlaue Priester weiß sehr wohl, daß Tiberius ebensoviel auf solche Sibyllenprophezeiungen gibt wie auf die goldene Schrift der Sterne. Auch sieht er sich in seinen Erwartungen nicht getäuscht. Die Züge des Tiberius sind nachdenklich, sogar etwas unruhig geworden. »Du wirst uns also, Augustus, nicht tadeln können, weil wir diese Sache nicht übers Knie gebrochen, sondern sie von allen Seiten uns angesehen haben.« »Gut. Und zu welchem weisen Entschluß ist denn die Priesterschaft gekommen?« »Deine Ankunft, Augustus, hat unsere Beratung unterbrochen. Indessen habe ich doch die Meinungen der meisten vernommen, und ich glaube schon, das Richtige zu sehen. Wenn du mir eine Unterredung unter vier Augen gewähren willst, so werde ich dir einen Ausweg aus dieser Schwierigkeit zeigen können, wodurch beide Rücksichten, die auf das Recht des Staates und die auf das Recht des Heiligtumes, gleichmäßig zur Geltung kommen.« Die Priester blicken sich gegenseitig mit überraschtem aber zugleich befreitem Ausdruck an. Keiner hat eine Ahnung, was wohl ihr kluger Häuptling im Sinne hat, aber seine Worte klingen vertrauenerweckend und die Hoffnung auf eine glückliche Lösung des Streitfalles richtet sie wieder auf. Denn sie haben alle vor dem Zorn des Princeps und des Sejanus gezittert, wenn sie den Flüchtling beschützten, der den ersteren hat töten wollen und den zweiten verwundet hat. Besonders erfüllte sie der Gedanke mit Schrecken, daß ein Senatserlaß das Asylrecht aufheben könnte, wodurch ihrem gemächlichen und reichlich versorgten, wenn auch von Todesgefahr nicht unbedrohten Dasein auf diesem gesegneten Erdenfleck ein jähes Ende bereitet sein würde. Andererseits ist keiner über die gläubige Angst erhaben, daß ein furchtsames Preisgeben des uralten Tempelrechtes irgendwie von der beleidigten Göttin an ihnen selbst heimgesucht werden könnte, so befanden sie sich zwischen der Rache Cäsars und der Dianas in bänglicher Schwebe und preisen jetzt in ihrem Herzen den Tag, wo der kluge Demosthenes den Weg zum Heiligtum fand und König des Haines wurde. »Nun wohl,« antwortet Tiberius, »das Gespräch unter vier Augen sei dir gewährt. Zeige den Weg.« Der König des Haines zögert nicht, dieser Aufforderung nachzukommen. Er lenkt seine Schritte nach der Ala des Tiberius, als dem geeignetsten Ort für dies wichtige Gespräch. Trotz der Eile, mit der er den Tempel verließ, hat er nicht versäumt, einen Priester – und zwar den Rhadamanthus, den Stifter der Tiberiusstatue – nach der Ala zu schicken, um auf dem Dreifuß ein Weihrauchopfer zu entfachen. So schreitet er seinem Ziele mit der Zuversicht einer fürsorglichen Hausfrau zu, die da weiß, daß sie beim Nachhausekommen auf dem Herd ein prasselndes Feuer vorfinden werde, an dem sie ihren Suppentopf zum Kochen bringen kann. – – – – Segismundus scheint nicht zu bemerken, daß jemand an die Einhegungsmauer herantritt, wo ihm diese am nächsten ist. Über die Brüstung vorgebeugt verschlingt Caligula mit weit aufgerissenen Augen den einzigartigen Anblick: Dort in der Hand des Flüchtlings, fast zum Greifen nahe, leuchtet in den schrägen Strahlen der Nachmittagssonne der weltberühmte goldene Zweig. Welche wundervollen geheimnisvollen Kräfte mögen sich mit diesem Goldglanz vereinen! Sicher ist es, daß er den Träger stich- und hiebfest macht. Anders kann Caligula es nicht begreifen. Wenn auch die Priester den Eingang versperrten, so hätten die Prätorianer ja sonst gar leicht den Flüchtling mit ihren Wurfspießen erlegen können. Aber sie wußten, daß diese wirkungslos an ihm abprallen würden, solange er den Zauberzweig in der Hand hielt. Wenn aber diese Kraft in dem Zweige wohnt, sollte dann nicht ein Teil davon in jedem Blatte leben? Könnte ich ihn nicht überreden, mir den Zweig zu reichen? Ich bräche dann unbemerkt ein oder zwei Blätter ab und trüge dieses Amulett Tag und Nacht auf der bloßen Brust. Es würde gewiß auch gegen Gift noch stärker sein als das, welches ich dem Ägypter abkaufte. Der kann mich auch betrogen haben, aber hier wäre kein Betrug möglich!« Diese Gedanken bewegen das Gemüt des Jünglings so stark, daß sein ganzer Körper wie von Fieberfrost geschüttelt wird, während seine Augen vor Gier nach dem geheimnisvollen Schatze brennen. Denn Cajus ist sehr besorgt um sein junges Leben. Er hegt nicht den geringsten Zweifel, daß der Gedanke, ihn aus dem Wege zu räumen, derjenige ist, womit Sejanus morgens aufsteht, und der, mit dem er abends zu Bett geht. Warum konnte auch dieser blöde Germane nicht dem Präfekten das böse Herz durchbohren, anstatt ihm nur eine Wunde am Arm beizubringen! »Germane!« Segismundus scheint nicht zu hören. »Weißt du, wer vor dir steht, Germane?« Er steht in Wirklichkeit neben dem Germanen, eher etwas hinter ihm. Aber Cajus, der viel auf seine Beredsamkeit und seine geschulte Ausdrucksweise gibt, findet »vor dir« wirkungsvoller und rhetorisch richtiger. »Weißt du, Germane, wer vor dir steht?« Der Barbar nimmt offenbar die Worte buchstäblich. Er blickt vor sich hin, sieht niemand und scheint auch nicht von Neugier geplagt zu sein. Die pfauenartige Stimme macht es vielleicht auch überflüssig, sich umzusehen. »Vor dir steht der Sohn des Mannes, der dein Volk unterjocht hat.« Unter dem hellen Schnurrbart regt sich ein Lächeln. Das Lächeln ist so verächtlich, daß es verschmäht sich sehen zu lassen, und sich willig von der Hand wegstreichen läßt. Das blasse Gesicht des Cajus rötet sich tief, seine Augen rollen, seine Stimme klingt noch schriller: – »Der Sohn des Germanicus – das ist noch wenig! Ich bin der zukünftige Herrscher der Welt! Ich werde einst Legionen aus der Erde stampfen können. Ich werde dein Germanien mit Soldaten überschwemmen, eure Dörfer verbrennen, deine Landsleute auf die Bäume hinaufjagen und sie von meinen kretischen Bogenschützen herunterschießen lassen wie Eichhörnchen.« Cajus zieht ein purpurnes Tuch aus den Brustfalten seiner Toga und wischt sich die Lippen, an denen sich Schaum angesetzt hat. »Nun weißt du, wer ich bin. Wenn du dein Volk lieb hast, tust du gut, mich nicht zu reizen. Du bist hier wie ein gestellter Hirsch, Germane. Die Koppel und die Jäger haben dich umstellt. Reiche mir den goldenen Zweig und ergib dich auf Gnade und Ungnade. Ich werde mich für dich verwenden. Aber zuerst den Zweig! Mein Ehrenwort, Germane, du wirst es nicht bereuen. Wenn du auch sterben mußt ... siehst du – du hast Tiberius töten wollen, da kann ich wohl dein Leben nicht schonen. Ich werde ja selber Princeps werden ... darauf muß Todesstrafe stehen. Aber sterben und sterben sind sehr verschiedene Dinge. Der mauretanische Henker ist mein guter Freund, ich brauche ihm nur ein Wort zu sagen: und er schlägt dir den Kopf so glatt ab, daß du es kaum spürst. Pah! was ist denn das? wie wenn ich eine Fliege totschlage – so! Eine, die mich gestochen hat, spieße ich auf einen Dorn. Ich weiß, wie ich sie aufspießen kann, so daß sie noch lange am Dorne zappelt. Dich wollen wir ans Kreuz hängen, wenn du dich nicht gutwillig ergibst und mir als Zeichen dafür den Zweig reichst, der dich jetzt beschützt. Weißt du, was das heißt, am Kreuze sterben, Germane?« Segismundus nickt. »Der Centurio las uns vor von dem, den sie in Jerusalem am Kreuze henkten.« Cajus schlägt eine laute, höhnische Lache auf. »O, an ihn denkst du! Ein Schwärmer und Schwächling. Er hat es kaum drei Stunden ausgehalten. Du aber mit deinem gestählten Körper – dem Körper eines Wilden, denn das seid ihr doch eigentlich – du wirst drei Tage lang hängen – stelle dir das vor, wie die Muskeln und Sehnen sich spannen, als ob sie aus dem Körper herausgezerrt würden – Minute für Minute, drei, vier Tage und Nächte lang. Es ist vorgekommen, sagt der Mauretaner, daß die Gekreuzigten einen zufällig vorbeigehenden Jäger anflehten, ihrem Leiden durch einen Pfeilschuß ein Ende zu machen – sie haben ihm zugerufen, daß er den geheimen Ort ihrer Raubschätze zu wissen bekäme als Lohn für einen solchen Pfeilschuß. Sie waren eben wahnsinnig vor Schmerzen, verstehst du? Bisweilen sinken sie in Ohnmacht, um so schrecklicher aber ist das Erwachen. Germane, ich schwöre dir, ich werde mich mit meinem Arzt zusammen tun, und er wird einen Stärkungstrank brauen, der dir eingeflößt wird, so daß du es noch länger aushalten mußt. Germane! wenn du mir nicht den goldnen Zweig als Zeichen der Übergabe reichst, will ich – – »Cajus!« Der zukünftige Weltherrscher zuckt zusammen wie ein Hund, den sein Herr von verbotenen Pfaden zurückruft. Er kennt diese Stimme und ihre Tonart ganz genau: noch bevor er sich umkehrt, weiß er, daß der Blick, mit dem ihn Tiberius betrachtet, ein höchst mißbilligender ist. »Laß den Flüchtling, Cajus. Du regst dich gar zu sehr auf. Ja, ja, ich seh' es deinem Gesicht an. Der gerechte Zorn über den Anschlag auf mein Leben und vielleicht über die Wunde, die dein Freund Sejanus sich dabei zuzog – all das hat dich zu sehr angegriffen ... Laß ihn!« »Befiehlst du, daß ich dir folge, Großohm?« »Jetzt nicht. Ich muß allein mit dem Oberpriester sprechen, sieh dich unterdessen im Tempelbezirk um. Bewundre die Kunstwerke. Nur nicht gerade mein Standbild in jener Ala. Denn es scheint, daß dieser Ehrwürdige mich gerade dorthin führt, als ein Opfer seiner Beredsamkeit, gleich jenen Gottheiten, von denen wir hören, daß sie sich selbst geopfert werden. Aber es gibt ringsum genug zu sehen – kunstvolle Altäre, Vasen und Votivbilder. Das wird dein Gemüt wieder ins Gleichgewicht bringen. Und du mußt dich schonen, damit du nicht einen Anfall deiner Fallsucht bekommst.« Und Tiberius schreitet weiter auf die Ala zu, an deren Eingang ihn der Hainkönig erwartet. Ungern verzichtet Caligula auf sein Vorhaben mit dem Germanen, so wenig befriedigend auch die bisherige Unterhandlung mit dem Träger des goldenen Zweiges verlaufen ist. Aber sein Gesicht, das während der Ansprache des Ohms und Adoptivvaters unter der schnell angelegten Maske demütiger Dankbarkeit verdrossen geblieben ist, leuchtet bei den letzten Worten stolz auf. Man kann ihm nicht gründlicher schmeicheln, als wenn man von seiner Fallsucht spricht. Litt doch auch sein großer Namensbruder in jüngeren Jahren an dieser Krankheit. Diese und der Name werden nicht die einzigen Ähnlichkeiten bleiben! Auch er wird ein großer Heerführer werden, ein Eroberer! ›Jener, den sie den göttlichen Julius nennen, weinte, als er jung war, weil Alexander ihm keine Taten übrig gelassen hatte, so möchte auch ich weinen – aber nein, ich will seinem Beispiel folgen. Wie er den Alexander, so werde ich ihn in den Schatten stellen. Er hat Gallien dem römischen Imperium einverleibt – aber jenseits des Meeres liegt Britannien – wo er kaum gelandet ist. Britannien dem Reiche einzuverleiben, ist ein meiner würdiges Ziel!‹ Es ist ein weltgeschichtlicher Augenblick. Hinter der kahlen herausgewölbten Stirn wird die Idee geboren, die zum berühmten Muschelsammeln am Gestade Galliens führen sollte, dem Höhepunkt des Britannienzuges Caligulas. Auch diese Tat muß in den Sternen geschrieben stehen, und gewiß hat der Euripideische Alte sie schon dort gelesen. Dieser wachehabende Priester folgt dem davonstolzierenden Caligula mit einem wenig bewundernden Blick und wendet sich dann an seinen jüngsten Amtsgenossen, der sich gerade von der entgegengesetzten Seite zusammen mit Herkules genähert hat: – »Nun, Telemachos! So hast du denn jetzt deinen Weltheiland gesehen. Begeisterst du dich noch immer dafür, Trinkopfer auszugießen und zu rufen: ›Es lebe Cajus Cäsar!‹? Oder gibst du den Sternen die Ehre, die mir, wie ich dir sagte, schon längst prophezeiten, daß wenig Heil von seinem Regierungsantritt zu erwarten ist?« Auf diese Frage bleibt der junge Priester die Antwort schuldig. Er verspürt durchaus keine Lust, dem Wachehabenden zu berichten, auf welche Weise Caligula seine Menschenkenntnis bekundet hat. Achtes Kapitel Weltherrscher und Hainkönig »Nun, Priester,« hebt Tiberius an, als er auf der Bank in der Ala Platz genommen hat, »was für Geheimnisse hast du mir also hier unter vier Augen anzuvertrauen?« »Zuerst, o Augustus,« entgegnet der Oberpriester, der vor ihm am Dreifuße stehen geblieben ist, – »etwas, das ich, wie du mir zugeben wirst, nicht wohl in der Gegenwart des Sejanus sagen konnte.« Tiberius fährt halb empor und blickt sich unwillkürlich um. »O nein, Lauscher sind hier nicht zu befürchten. Ich habe meinen Standpunkt gewählt, und dem wachehabenden Priester ist befohlen, scharf aufzupassen.« »Gut. Ich bin begierig zu hören, was der Präfekt nicht hören darf.« »Du wirst dann einsehen, daß du keinen Grund hast, uns Priestern zu zürnen, weil wir den Flüchtling nicht den Prätorianern auslieferten; sondern daß dies nur geschah, um nicht durch einen solchen voreiligen Schritt geheime Absichten, die du selber hegen könntest, zu durchkreuzen.« »Nun fängst du nach leidiger Priesterart an, in Rätseln zu reden.« »Die sind bald gelöst. Du mußt erfahren, o Augustus, daß jener junge Priester, dessen Gesicht dir gefiel und den Sejanus verklagte, sich in keine Verschwörung gegen dich eingelassen hat; wir wissen es besser. Er hat uns auch von dem Germanenjüngling erzählt, daß er dir mit Leib und Seele ergeben sei. Das hat dieser uns auch selber bestätigt, und ich muß sagen, er macht auf mich nicht den Eindruck, als ob er löge.« »Ich verstehe! Es hat euch verwirrt. Daß man das umbringen muß, was man liebt, konntest du nicht begreifen, Priester?« Das spöttische Lächeln, das die Lippen des Princeps kräuselt, warnt den Hainkönig, nicht zu fest auf dem betretenen unsicheren Grund weiterzuschreiten. »Das will ich nicht sagen,« entgegnet er vorsichtig, nicht willens, sich eine Blöße auf dem Gebiete der Menschenkenntnis zu geben. »In dem vorliegenden Fall aber, wo wir über den genauen Hergang nur unvollkommen, weil einseitig, unterrichtet waren, mußte dieser sonderbare Umstand uns jedenfalls zur Vorsicht stimmen.« Ein scharf aufblitzender, forschender Blick unterbricht ihn. »Einseitig unterrichtet, Priester? Hat denn der Germane nichts gesagt?« »Nur, daß die Prätorianer recht hätten: er habe dich mit dem Schwert angegriffen; das hat er allerdings freimütig bekannt. Aber gesetzt, er habe – ich komme gleich darauf – in geheimer Übereinstimmung mit dir gehandelt, dann hätte er uns gegenüber doch auch nicht anders reden können. Ja, er schien jenes Geständnis sogar dadurch wieder aufzuheben, daß er die Aussage des jungen Priesters bestätigte, er, Segismundus, sei dir mit Leib und Seele ergeben.« »Aber hat er denn nichts gesagt, um diesen anscheinenden Widerspruch aufzulösen? Hat er sich nicht verteidigt, nicht erzählt, wie es dazu kommen konnte?« »Nein, Augustus. Ich unterließ es nicht, ihn dazu aufzufordern, wiewohl ich streng genommen dadurch gegen unsere Satzungen verstieß. Aber er schwieg beharrlich.« Tiberius blickt nicht länger den Hainkönig an. Er hat genug erfahren. Eine leichte Röte färbt seine Wange, ein unhörbarer Befreiungsseufzer hebt und senkt seine breite Brust. ›Der Germane hat geschwiegen, obwohl er durch die Wahrheit sich selbst hätte rechtfertigen können, wenigstens insofern rechtfertigen, als daraus hervorging, er gehöre keiner politischen Verschwörung an. Dieser brave Jüngling hat mich den Priestern nicht preisgeben wollen. Mir selber bin ich heute zum Spott geworden, aber wenigstens nicht dieser Bande. Wahrlich, er muß mir noch immer sehr ergeben sein. Wie gern möchte ich ihn schonen! Aber ein Staatsoberhaupt kann nicht immer seiner Neigung folgen. Schade um ihn! Ein Jüngling, der so zu schweigen versteht, ist etwas wert!‹ Vergebens versucht der Hainkönig zu erraten, was für Gedanken sich jetzt zwischen diesen breit ausladenden Schläfen regen – innerhalb dieses verhängnisvollen Ringes des Herrscherkranzes, dessen krauses goldenes Eichenlaub in der Nachmittagssonne glitzert. Als der Blick sich noch immer nicht vom Boden lösen will, räuspert er sich vorsichtig und, durch ein gleichgültiges Aufblicken ermächtigt, fährt er fort: – »Du siehst also, Augustus, daß wir tatsächlich sehr einseitig unterrichtet sind. Somit war Vorsicht die Losung. Denn gesetzt, o Herr, – und jetzt komme ich auf das, was ich vorher kaum andeuten konnte – gesetzt, du hättest dich aus irgendeinem Grunde veranlaßt gesehen, deinen Diener Sejanus aus dem Wege zu räumen: welches Werkzeug konnte denn dazu tauglicher sein, als dieser dir so ergebene Barbar? Dann hätte der Angriff nicht dir , sondern dem Präfekten gegolten. Hätten wir nun unter solchen Umständen dieses Werkzeug, wofür du noch immer Gebrauch haben könntest, voreilig zerbrochen, indem wir den Germanenjüngling der Rache der Prätorianer preisgaben, so würden wir, denk ich, uns wenig Dank von dir verdient haben.« Tiberius' Augen haften noch immer am Mosaikboden als ob sich in den zierlichen Schnörkellinien des Blätterschmuckes irgendeine Geheimschrift verberge. Die Stille wird nur durch das leise Knistern der Räucherzweige auf dem Dreifuß unterbrochen. »Wie kann die Priesterschaft auf den Gedanken kommen, daß ich meinen Mitkonsul, den Sejanus, aus dem Wege räumen wolle –?« »Es ist vorgekommen, daß ein Konsul einem Mitkonsul nach dem Leben trachtete –« »Meinem alten Diener –« »Alte Diener können sich untreu zeigen und können zu mächtig werden.« Jetzt aber reißt sich der Blick vom Mosaikmuster los und trifft den Oberpriester scharf wie ein Pfeil: – »Priester! du bist Ankläger gewesen und scheinst auch hier dein altes Gewerbe ausüben zu wollen. Aber so geht das nicht, klagst du Sejanus an, oder klagst du ihn nicht an?« »Ich klage keinen an, Augustus.« »Aber ihr Priester wißt etwas von Sejanus.« Sein Blick wird noch durchbohrender, aber Demosthenes hält ihn aus. »Wie sollten wir etwas wissen, die wir weltabgeschieden hier im frommen Dienste der Göttin leben?« Tiberius' Blick verbirgt sich wieder im Mosaikmuster. ›Dieser schlaue Priester weicht einer geraden Antwort auf meine Frage aus. Ganz sicher weiß er etwas von Sejanus. Und er weiß von dem neuen jungen Priester, daß dieser sich in keine Verschwörung gegen mich eingelassen hat. Gegen wen also? Gegen Sejanus offenbar, der ihn mit allen Hunden hetzt. Und diese Verschworenen haben mit dem Germanenjüngling anknüpfen wollen, weil sie wußten, daß er mir ergeben sei ... Hm ... Dies sind sonderbare Zusammenhänge, die keineswegs zum Weiterreisen nach Rom einladen.‹ »Aber,« fährt der Hainkönig fort, »gerade, daß wir trotz solcher Weltentfremdung an jene Möglichkeit gedacht haben und Sorge trugen, selbst deinen geheimsten Plänen, wenn solche da wären, nicht im Wege zu stehen: das, denk' ich, verdient nicht Tadel sondern Anerkennung.« »Gut, nimm meine Anerkennung. Aber als ihr dann von mir selbst erfuhrt, daß es sich nicht so verhalte, daß die Prätorianer genau berichtet hatten, habt ihr noch immer die Übergabe des Flüchtlings verweigert.« »Verzeih einen Widerspruch, Augustus. Wie konnte ich das von dir erfahren, solange Sejanus neben dir stand? Eben deshalb habe ich um diese Unterredung gebeten.« »Nun, insofern hast du recht. Jetzt aber erfährst du es, und so nehme ich an, daß der Übergabe nichts entgegensteht.« »Nur jener Sibyllenspruch, der es nicht ratsam erscheinen läßt, dem Brauche des goldenen Zweiges einen Abbruch zu tun.« Tiberius macht eine ungeduldige Bewegung. »Unratsam, o Augustus, wegen des bedrohten Cäsarenhauses.« Der König des Haines steht hochaufgerichtet, die linke Hand auf den Rand des bronzenen Dreifußes gestützt. Links von ihm erhebt sich das marmorne Jugendbild desselben Herrschers, der ihn jetzt mit neu beginnendem Unmut anherrschen will; rechts steigt die hellblaue Weihrauchsäule in die Höhe, im Hindergrund lugt zwischen dunkelen Zypressenmauern im goldigen Glanze der Spätnachmittagssonne der wuchtige, säulengetragene Giebel des alten Tempels hervor. Schuft, der er nach der erst kürzlich abgegebenen Erklärung des Tiberius ist, weiß dieser König des Haines gelegentlich mit seinem Menschentum seine Schuftigkeit abzulegen. Er steht da als der Priester, der Hüter uralter geheimnisvoller Gebräuche, die kurzerhand zur Seite zu schieben, auch der Weltherrscher sich sträubt. »Du sagtest,« beginnt dieser zögernd und hält dann inne. Seine im Schoße ruhenden Hände machen mit den einander umkreisenden Fingern weiche, tastende Bewegungen, als ob sie sich darauf vorbereiteten, etwas Festes zu ergreifen. »Ich weiß nicht, irre ich mich? ... Du schienst mir recht zuversichtlich zu sein ... Du wolltest mir einen Ausweg zeigen, einen, der beiden Rücksichten, der auf die weltliche Gerechtigkeit und der auf das Tempelrecht, genügen würde.« »Ich weiß in der Tat einen solchen, o Augustus. Und auch der mußte im Geheimen dir mitgeteilt werden.« »So verstand ich dich ... Nun, wir sind hier allein ... Also sprich!« Der Hainkönig verneigt sich gehorsamst. Er ist aber sichtbar befangen. Diese gewohnheitsmäßige weiche Bewegung der weißen Finger des Cäsars wirkt immer unheimlich auf ihn. Demosthenes nimmt seine Zuflucht zu seinem alten, beschwichtigend einleitenden Redner-Husten: – »Herr. In dieser heiligen Priesterschaft befindet sich einer, der dir wohlbekannt ist. Herkules nennen wir ihn.« Tiberius nickt. Es ist ein Stutzen – und ein Stutzen unangenehmer Überraschung – in diesem Kopfnicken. Die Finger bewegen sich krampfhafter. »Die ungeheure Körperkraft, die ihm diesen Priesternamen verschaffte, ist auch der Grund, weshalb ich ihn hier nennen muß. Wisse denn, daß so oft auch das Los aus der Urne gezogen wurde, um zu bestimmen, wer von den Dianapriestern mit einem Eindringling und Besitzer des goldenen Zweiges ringen mußte, sein Los nie herausgekommen ist. Wenn dies geschah, war es offenbar, daß der Neuling von vornherein gar keine Aussicht hatte, und dies schien mir der Absicht der Göttin zuwiderzulaufen, die sicherlich auf frische Kräftezufuhr gerichtet ist. Nun könnte sie selber allerdings jedesmal aufs neue verhindern, daß sein Los gezogen würde: allein wozu hat sie des Priesters Hirn und Hand?« Die schmalen Lippen seines Zuhörers lächeln beißend. Die Finger kreisen noch immer, aber langsam, wie ein Mühlwerk, das im Begriff ist, still zu stehen. »Eine echt priesterliche Betrachtung. Und so tatest du lieber sein Los überhaupt nicht erst in die Urne?« Der Hainkönig neigt den Kopf mit dem milden Anflug eines Lächelns – gerade genug, um die Weisheit anzuerkennen, wodurch der Princeps der Republik sofort bemerkt, wie eine solche Sache gehandhabt wird. »Nun ist es zwar nicht so leicht, dafür zu sorgen, daß sein Los herauskommt. Jedoch da diesmal ausnahmsweise das Wohl des Heiligtums diesen Fall erheischt, so zweifle ich nicht, daß die Gottheit mir so weit beistehen wird, daß auch dies Kunststück mir gelingt.« »Bist du von Sinnen, Priester?« ruft Tiberius aufspringend. Seine Finger haben ihre Beute gefunden. Die linke Hand ergreift den Arm des Demosthenes. Die Kraft dieser linken Hand ist weltberühmt. Nur mit Mühe verbeißt der Priester einen Schmerzensausbruch. Er glaubt, nie mehr die freie Bewegung dieses für seine Amtshandlungen so wichtigen Gliedes wiederzugewinnen. »Was fällt dir ein! Weißt du, wenn ich dies Nest von Räubern und Dieben besuche, dann geschieht es nur, um die Stimme meines alten Rufus wieder zu hören und sein ehrliches Gesicht zu sehen, und aus keinem anderen Grunde! Und diesen alten Freund, den hohen Siebziger, soll ich gegen den wilden Germanenrecken wagen? Das wäre dein Ausweg?« »Das ist mein Ausweg,« erwidert der Hainkönig mit der Festigkeit der Verzweiflung. »Finde einen anderen, Priester!« »Es gibt keinen anderen, und wir können diesen ruhig wählen. Die ungeheure Körperkraft deines Freundes wirst du wohl kennen; wie wenig ihr aber die Jahre etwas anhaben konnten, davon machst du dir, wie mir scheint, keine Vorstellung. Noch gestern hatte ich einen Beweis davon. Hinten im Haine wird gebaut. Da liegen schwere Säulentrommeln aus Marmor, wohl zwei Fuß dick. Durch die Unachtsamkeit der Sklaven war die eine halb auf den Fußpfad gerollt. Herkules hob das Ding in die Höhe und wälzte es seitwärts, als ob es ein Holzklotz gewesen wäre. Wenn dir daran liegt, so wollen wir versuchen, ob der Germane die Trommel zurückbringt. Ich sage dir, er hat keine Aussicht gegen unseren Herkules.« Mit gerunzelten Brauen steht der Weltherrscher dem Hainkönig gegenüber. Wiederum hört man nur das leise Knistern des Feuers im Räucherwerk. »Nun, so sei es denn! Aber das sag' ich dir, Priester! Betrügst du mich oder irrst du dich: – nicht mein Rufus soll den Opfersprung machen, sondern du selber – und Rufus nehme ich mit mir nach Capreä. Nun weißt du es. Und nun – ziehe schnell sein Los, denn schon neigt sich die Sonne.« Neuntes Kapitel Treue »Germane!« Caligula hat gesehen, wie sein furchteinjagender Großohm den Blendenbau, in dem er sich mit dem Oberpriester zurückgezogen hatte, verläßt und sich entfernt, und benutzt sofort den günstigen Augenblick, um sich wieder an den Flüchtling heranzumachen. Denn ein neuer Gedanke hat sich seiner bemächtigt und läßt ihm keine Ruhe. »Ich bin's, Germane! Kehre dich nicht an das, was ich dir vorher sagte. Es war ja nicht mein Ernst ... Du sollst gar nicht sterben, wenn du mir nur den Zweig gibst. Ich werde mich für dich verwenden, ich vermag alles bei meinem Adoptivvater, ich brauche nur zu bitten. Und ich liebe dich ja, Segismundus – dich und Thusnelda – ich gönne sie dem Alten nicht. Du hast ganz recht getan, wenn du ihm mit dem Schwerte drohtest – ganz recht. O, ich liebe euch, denn ich liebe die Musik, die Gesangskunst ... Der Alte, o ja, er liebt auch die Musik; aber was ist das für eine Liebe? Er sieht es gern, daß ich mich mit dieser göttlichen Kunst beschäftige, denn er hofft, sie werde meine grausame Natur mildern, sagt er. Ha, ha! Was ahnt er von dem wilden Rausch, dem furchtbaren Entzücken der Töne! Ich bin eben Künstler, Sänger – alles was die Kitharöden mich lehren konnten, habe ich gelernt. Aber du hast etwas anderes – etwas, das nur ihr Barbaren habt – einen geheimen Zauber. Den Zauber mußt du mich lehren. Deshalb will ich dich retten. Hörst du, Germane? O, ich sehe, daß du hörst ... du verstehst ... ja das Leben ist süß, und ich rette es dir –!« In der Tat lauscht der Germane sichtbar, und ein seliges Lächeln breitet sich immer mehr über seine Züge. Caligula sieht, daß der Fisch in den Köder beißt. Er wird noch erregter, krampfhaft muß er sich an der Marmorbrüstung festklammern, sein ganzer Körper zittert, das sonst so blasse Gesicht wird feuerrot; die immer heiserer werdende Stimme keucht und überschlägt sich: – »Lehre mich deinen Zauberspruch hersagen, das Amulett zubereiten, das du auf der Brust trägst – und du sollst leben, ich schwöre dir's bei dem dreifachen Hermes! ... Nicht nur leben ... du sollst groß und mächtig werden ... Du gibst mir dein Geheimnis und machst mich zum größten Sänger ... o göttlicher Gedanke, der größte aller Sänger zu sein, größer als Orpheus! den wilden Zauber des Barbaren mit der sicheren Schulung, dem vollendeten letzten Schliff des Griechen zu vereinen ... auf der höchsten Zinne der Kunst zu stehen! Verhilf mir dazu, und das nackte Leben, das dir, wie ich sehe, so süß ist, soll deine geringste Belohnung sein. Ich mache dich reich, ich mache dich groß. Wenn ich Princeps bin, sollst du nach mir der Mächtigste auf Erden sein. Alle sollen dich beneiden – dich, meinen geliebten Segismundus. Auch Thusnelda sollst du haben, wir wollen sie beide haben, die Sangeszauberin. Hast du verstanden? O ja, du lächelst, ich sehe – du versprichst ... wie solltest du auch nicht? Leben und alle Herrlichkeiten der Welt! O mein Segismundus, gib mir ein Zeichen! Pflücke ein goldenes Blatt ab und wirf es mir zu ... nicht jetzt – sie könnten es sehen ... ja, sie kommen gerade hierher ... daß sie der Blitz! ... Aber ich kehre zurück – Mut, mein Segismundus!« – – – Marcus, der Centurio, und sein Schwager Rufus sind es, bei deren Herannahen der künftige Weltherrscher davonschleicht. Rufus hat an Stelle des Euripideischen Alten den Wachedienst freiwillig übernommen, damit dieser bei der Losung anwesend sein kann. Er selbst hegt keine Neugier; es ist ihm längst zur Gewohnheit geworden, sich bei dieser Gelegenheit als unbeteiligt anzusehen. Ihn trifft das Los ja nie; das eben ist sein Fluch. Segismundus, der seinen fürstlichen Besucher keines Blickes gewürdigt hat, sieht sofort auf, als die beiden Schwäger an der Einhegung stehen bleiben, und nickt ihnen freundlich wie alten Bekannten zu. »Du bist's, freundlicher Alter! Gut, daß ihr das Scheusal verscheuchtet, es ließ mir keine Ruhe. Und wo ist der junge Priester, der für mich sprach?« »Er hat sich mit den anderen in das Urnenhaus begeben.« Rufus zeigt nach einem Lorbeergebüsch rechts vom Tempel, wo ein kleiner Rundbau seine flache Kuppel erhebt. »Nach dem Urnenhaus? Warum blickst du mich dabei so traurig an, alter Mann?« »Dein Gegner wird jetzt ausgelost.« Segismundus zuckt die Achsel. »Meinst du, sie werden jemand auslosen, der mich wirft?« Rufus schüttelt den Kopf. »Der Gegner wird dich nicht bestehen.« »O, ich begreife. Du trauerst um einen Genossen, den du verlieren wirst.« »Ich traure um dich, der du mein Genosse wirst.« »Warum? Bin ich doch hierhergekommen, um mein Leben hier zu fristen.« Rufus streicht bedenklich seinen langen weißen Bart. »Die Frist wird dir zu lang werden.« »Wird sie mir zu lang, dann geh' ich.« »Die Tempelwache läßt jeden herein, niemand hinaus.« Wieder ein Achselzucken des Germanen. »Sei's um die Tempelwache,« sagt Rufus. »Mit deiner Kraft und Gewandtheit ist es möglich, daß sie dir kein unübersteigbares Hindernis wäre. Aber ein solches ist der furchtbare Eid.« »Der Eid? Und wenn ich ihn nicht schwöre?« »Das ist noch nicht vorgekommen. Aber wenn du den Eid verweigerst – siehst du die vorspringende Felsplatte dort – ›der Opfersprung‹ wird sie genannt – dort würden sie dich hinunterstürzen.« Segismundus hat sich erhoben, um dem Fingerzeige des Alten zu folgen. Er schüttelt den Kopf, als ob ihm diese Aussicht nicht gefiele. »Deshalb bin ich nicht hierhergekommen.« »Dann mußt du dich aber durch den Eid binden.« »Binden? Den Eid schwör' ich mir selber, mir selber halt' ich ihn.« Kopfschüttelnd betrachtet Rufus dies Stück trutziger Selbstherrlichkeit aus den Wäldern Germaniens. »So gibt's denn keinen Gott, der dich bindet? keinen, dem du dienst?« Eine Weile blickt Segismundus schweigend vor sich hin. Dann richtet sich das hellblaue Augenpaar nicht auf den Frager, sondern auf das bronzefarbige Soldatengesicht neben ihm. »Der da am Kreuze starb, Centurio – du sagtest von ihm, daß er Gottes Sohn sei.« »Das rief ich unwillkürlich aus, als er starb.« »Ist er Gottes Sohn, dann lebt er noch, selbst ein Gott und anders als die anderen. Ich sah Thusneldas Augen leuchten, als sie seinen Worten lauschte, die anders als die der anderen klingen. Auch bat sie sich von dir das Buch aus und hatte gerade darin gelesen, als das Furchtbare geschah, was uns auseinander riß. Ja mir ist, als habe sie das Buch neben ihrem Tuch für mich liegen lassen, damit auch ich lesen solle. Was ich ja auch tat. Viele sonderbare und gute Worte las ich, wie er sein Leben für andere hingeben wolle, und ich fühlte: dieser gekreuzigte Gott ist wahrlich anders als die anderen Götter alle. Da gedachte ich denn des Aufleuchtens ihres Auges. Wir Germanen aber meinen, daß der Frau und zumal der Jungfrau etwas Göttliches und Prophetisches innewohne. So denke ich mir, das Göttliche in ihr hat seine Göttlichkeit lebhaft erkannt. Ja vielleicht schaute ihr Geist in die Zukunft und sah, daß er unserem Volk viel Heil bringen wird.« »Und deshalb möchtest du dem gekreuzigten Heilande dienen?« fragt Marcus. Segismundus nickt langsam und nachdenklich. »Ich will dir sagen, wie ich's fühlte. Wäre ich dort gewesen mit einigen guten germanischen Degen, solchen wie meine Jugendgenossen waren: wir hätten ihn herausgehauen und die Judenpriester und ihren Pöbel niedergemacht und euren Pilatus dazu, der mir nicht viel wert scheint, und dich auch, wenn du Widerstand geleistet hättest, denn du führtest ja die Wache. Und ihm wäre ich treu geblieben.« »Ich glaub' es wohl,« sagt Rufus. »Denn treu seid ihr ja.« »Und doch wurdest du Tiberius untreu.« Der Germanenblick blitzt. »Wem war ich untreu, Centurio? Weißt du denn, was Thusnelda mir ist? Ich würde, wenn ich könnte, die Welt in Stücke schlagen, eher denn daß ein giftiger Lufthauch sie anwehen sollte! Die ganze Welt! – und der Weltherrscher, der sich selber untreu ist? Das ist es ja. Er war sich selber untreu. Das war nicht mein Tiberius, den ich da vor mir hatte. Nicht einmal seine edlen Züge waren es noch. Er möge mich leben lassen. Solange er sich selber treu bleibt, bleibe ich ihm treu.« »Und Thusnelda?« fragt Marcus. »Deine Treue hat nur dazu gedient, daß sie jetzt schutzlos und verlassen ist.« Segismundus schüttelt den Kopf. »Wer sich selber treu bleibt, ist nicht verlassen. Nichts kann sie zwingen. Ein Sprung vom Bord der Galeere macht sie frei. Sie und mich. Solange sie unter der Sonne bleibt, bleib' ich auch. Sie weiß, sie ist nicht verlassen. Sie schickte mich hierher und weiß, wo ich bin.« »Und du? Weißt du, wo sie jetzt ist?« Segismundus lächelt ruhig. »Sie ist hier, Centurio.« »Hier?« ruft Rufus ebenso ungläubig wie überrascht. Aber Marcus nickt bestätigend. »Ich würde es fühlen, wenn ich's nicht gehört hätte,« fährt Segismundus fort. »Aber ich hörte sie. Das Scheusal, das ihr Caligula nennt, störte mich – einen Augenblick war ich versucht, aufzuspringen und es zu erdrosseln – aber ich war geduldig, und ich hörte ihre Stimme wieder – wie man durch Rabengekrächze die Töne einer Drossel vernimmt. Sie ist draußen.« »Er hat recht,« sagt Marcus. »Vor dem Eingange halten die Sänften Pulcherias und Julias, und die Goldlockige sah ich im Gefolge.« Der Germane wirft den Kopf zurück und schüttelt seine goldig braune Löwenmähne. Seine Lippen öffnen sich, die Zähne glitzern unter dem Schnurrbart hervor. Ist es ein kurzes, aufjauchzendes Lachen – ein frohlockender Waldruf – ein siegesfroher Kampfschrei ...? Was es auch sei – ein Echo tönt ihm vom Eingange des Tempelhaines entgegen, leise aber erkennbar – Gruß und Gegengruß. Der letztere erstickt in einem aufgeregten Schwall murmelnder Stimmen. Er kommt von dem Gebüsche her, in dem sich der kleine Rundtempel des Urnenhauses verbirgt. Zehntes Kapitel Dianas Wahl Die goldene oberpriesterliche Kopfbinde glitzert zwischen den dunkelgrünen Zweigen des Lorbeergebüsches, durch das ein schmaler labyrinthisch gewundener Pfad nach dem Urnentempelchen hineinführt. Der Hainkönig tritt heraus. Begleitet von den zehn Priestern, die einer nach dem anderen erscheinen, kommt er geradeswegs auf die Gruppe am Baume zu. Das kann niemand wundernehmen, denn selbstverständlich muß er zuerst dem Träger des goldenen Zweiges mitteilen, mit wem er ringen soll. Aber groß ist das Staunen, als er sich nicht an den Germanen, sondern an Rufus wendet: – »Dich, o Herkules, hat die Göttin durch das Los auserkoren, um die Priesterschaft der Zwölfe gegen diesen Eindringling zu verteidigen. Den stärksten, ihren Herkules, den sie sonst nie in den Kampf schickt, hat sie erwählt, um zu zeigen, daß ihr Heiligtum für solche, die die Majestät des Principats in der geheiligten Person des Augustus mit der Waffe angreifen, kein Asyl werden darf.« Mit einem würdigen Kopfnicken nimmt Rufus die Botschaft auf. Es ist fast eine bewußtlose Bewegung. Denn noch kann er kaum fassen, was geschehen ist: so sehr ist ihm die Vorstellung, daß ihn die Auslosung nicht angeht, in Fleisch und Blut übergegangen. Es ist wie ein Wunder! Worum er so oft kniefällig gebeten hat, bis er in herber, bitterster Ergebung aufgehört hat es zu tun, – jetzt ist es geschehen! Dies ist die Erlösung, die Entsühnung! Oder verhält es sich, wie er vorher zu Marcus sagte: nicht der Zorn rächender Gottheiten hat das ersehnte Los in der Urne zurückgehalten, sondern eine gütige Vorsehung hat es getan, damit er nicht stürbe, ohne zuerst die Botschaft zu hören, mit der heute sein Schwager zu ihm kam – die Kunde von der Unschuld seiner Frau? Wie schön stimmt es hiermit überein, daß sofort der Befreier kam – den er verkehrterweise in Marcus begrüßt hatte. Dieser befreite ihn nur von dem falschen Wahn, in dessen Schatten er vierzehn lange Jahre dahingelebt hatte. Als nun aber damit der Zweck seines Bleibens in diesem Leben erfüllt ist, da kommt sofort der endliche Befreier, der ihm auch diese Atlaslast eines schuldigen Lebens von den müden Schultern heben soll. Wie Schuppen fällt es ihm jetzt von den Augen, und diese Augen leuchten auf in unsagbarer, dankerfüllter Freude. Und doch verbirgt sich in dem tiefen Grunde dieser Freude etwas wie eine leichte Enttäuschung – jene Enttäuschung, die unausbleiblich dem sicheren Besitz eines ersehnten Zieles auf der Ferse folgt, weil die Leidenschaft und Angst des Sehnens plötzlich dahin sind. So sehr ist Unsicherheit das Element des Sterblichen, daß vollkommene Gewißheit sogar dem Erwünschtesten etwas raubt. Was aber ist völlig gewiß außer dem Tod, den Rufus jetzt in der Hand hält?... Aber noch etwas. Hat er nicht vorher zu Marcus gesagt, er hieße noch heute den Tod willkommen, wenn dieser kommen wollte; einige kurze Stunden jedoch möchte er noch vor sich haben, um an seine Fulvia zu denken, so wie sie jetzt in ihrer Unschuld vor ihm steht? Aber diese Stunden sind ihm nicht vergönnt gewesen. Seitdem ist zu viel Neues und Unerwartetes auf ihn eingestürmt, als daß er so recht an sie hätte denken können. Zwar hat ihn während der ganzen Zeit ihre neubelebte Unschuldgestalt umschwebt, er ist sich ihrer Gegenwart hold bewußt gewesen; doch zum stillen, vertrauten Verkehr konnte es nicht kommen. Und jetzt, da ihm die Hauptsache gesichert ist, fühlt er, daß ihm diese Frist zum Auskosten seiner neuen Erkenntnis auch noch hätte vergönnt werden können. Doch nach dem Kampfe, wenn er nach kurzer Scheingegenwehr sich von dem Germanen hat werfen lassen, hat er noch geraume Weile, um sich dieser geistigen Gegenwart Fulvias ungestört hinzugeben. Droben über dem Tempelgiebel, gerade unter dem dunklen Pinienschirm schwebt die volle Mondscheibe so blaß und so duftig wie ein halbdurchsichtiges Wölkchen. Erst wenn sie der dunklen Nachtwölbung als ein fester Kristalldiskus eingefügt ist, der sein Licht über den ganzen Bergkessel ausgießt und seine Strahlen vom Spiegel der Göttin zurückwerfen läßt – erst dann kommt die feierliche Stunde, wo sich sein Grab öffnet. Ist es der Eingang zu einem neuen Leben, in welchem ihm seine Fulvia begegnet? Er hat sich nie mit diesem Gedanken abgegeben! war es ihm doch bis heute unmöglich, eine solche Begegnung herbeizusehnen. Jetzt freilich ist es anders. So alt sein Herz ist, so pocht es einen Augenblick fast jugendlich bei dieser Frage. Aber er will nicht bei etwas verweilen, was eine täuschende Vorspiegelung sein mag. Schon das Entrinnen aus dem Gefängnis dünkt ihn Gewinn genug. Marcus ist kaum weniger betroffen als er selber, so sehr hat die Überzeugung des Schwagers, daß ihn die Ziehung des Loses nichts angehe, sich seiner bemächtigt. Er muß mit Macht einen Ausruf des Entsetzens zurückdrängen. Hat Titus ihm nicht erzählt, daß er oft auf seinen Knien gebetet habe, das Los möge ihn treffen, und daß in diesem Falle der Neuling einen leichten Sieg gewinnen werde? So kann er denn über die Absicht des Alten nicht im Zweifel sein. Er blickt ihn forschend an und liest in den immer ruhiger und heiterer werdenden Zügen die Bestätigung; er wagt es aber nicht, ihn anzureden. Und noch einer ist schwer betroffen: der Germane. Auch sein Blick ruht traurig auf Rufus. So muß er nun diesem freundlichen Alten den Tod geben! Es sind doch Priester genug da, der eine schlimmer anzusehen als der andere, mit denen er hätte ringen können! Nur diesen und den jungen, der für ihn eingetreten ist, hätte er ausgeschlossen gewünscht. Und nun muß das Los gerade den Herkules treffen, wie ihn die Priester nennen, der in seinem hohen Alter schlechterdings ihm gegenüber keine Aussicht hat, mag auch der dumme Oberpriester auf die Körpergröße seines Herkules vertrauen! Aber alsbald wird er von dieser trüben Betrachtung durch den Hainkönig zurückgerufen, der jetzt in die Einhegung tritt. »Schützling der Göttin, du hast gehört, welchen Gegner Diana dir gegeben hat. Mache dich also zum Kampf bereit und überreiche mir den goldenen Zweig, der dich beschützt hat. Solltest du als Sieger aus dem Kampfe hervorgehen, so wirst du ihn wieder von mir empfahn, um ihn bis morgen zu hüten. Wenn die Sonne ihren höchsten Stand erreicht hat, ist die Zeit gekommen, wo er durch meine Hand zum Baum zurückkehren muß.« Der Germane übergibt ihm den Zweig, dessen goldener Glanz weithin leuchtet, als der Hainkönig nun, in die Öffnung der Einhegung tretend, ihn feierlich erhebt und durch die Luft schwingt: »Wachehabender Priester! walte deines Amtes.« Der Alte des Euripides, wenige Schritte von ihm bereitstehend, erhebt seine scharfe, gellende Stimme: – »Gebet Acht! Die Stunde ist da – die heilige Stunde des Haines! Gericht der Göttin. Habet Acht! Diana richtet im Ringkampf. Diana kürt ihren Priester! Diana wählt ihr Opfer! Entfernt euch! Diana ist nah. Blickt nicht hin! Diana schaut. Harret in heiligem Schweigen! Erwartet Dianas Ruf durch Priestermund! Habet Acht!« Elftes Kapitel Jacet Am heiligen Ölbaume sind die beiden Gegner allein mit dem Alten des Euripides. Die Priester haben sich in das Gebüsch des Urnentempelchens zurückgezogen. Auf der Felsplatte des »Opfersprunges« – zu weit entfernt, um dem Kampf folgen zu können – sind die Prätorianer mit ihrem Präfekten sichtbar. Marcus, der sich mit stummem Händedruck von Rufus getrennt hat, wollte die entgegengesetzte Richtung einschlagen. Der Sterndeuter hat ihm jedoch flüsternd mitgeteilt, daß Tiberius, der offenbar ungestört sein will, hier im Dickicht des Haines wandle, und so entschließt er sich denn, sich jener Gruppe zuzugesellen. Von dort her erschallt als letzte Störung die Pfauenstimme Caligulas. Mit hocherhobenen Händen eilt der Euripideische Alte dorthin, um mit einem »Favete linguis!« Ruhe zu gebieten, damit kein böses Omen den hochheiligen Diana-Brauch des nemorensischen Ringkampfes störe. Der zukünftige Weltherrscher, von dem der kundige Sterndeuter wohl wissen muß, daß er sich zehn Jahre später einen gewaltsamen Eingriff in die Rechte des Hainkönigs leisten werde – Cajus Caligula läßt sich einschüchtern; denn er fürchtet die gerunzelten Brauen des Sejanus. Als der wachehabende Priester von diesem amtlichen Gange zurückkehrt, hat Rufus sich schon seines priesterlichen Gewandes entledigt, und der Germane tritt soeben nackt aus der Einhegung hervor. ›Bei allen Zwölfen des Tierkreises,‹ sagt der Astrologengreis zu sich selber, – ›unser Herkules wird heute seine Kräfte nötig haben.‹ Mit Wohlgefallen betrachtet dieser Herkules die jugendliche nordische Kriegergestalt, die ihm entgegentritt: – ein würdiger Gegner! Keine Schande wenigstens für einen Fünfundsiebzigjährigen, wenn er der Kraft dieser stählernen Glieder zu unterliegen scheint. Hat es lange gewährt, so hat doch auch das Schicksal den Befreier gut ausgewählt! Er hätte sich selber keinen besseren wünschen können. Auch der Germane schaut mit staunender Bewunderung seinen Gegner an. Nicht mit Unrecht trägt dieser seinen Namen. Wie der Alte da vor ihm steht, scheint er ihm das Urbild jener Herkulesstatue zu sein, die das Atrium im Palaste des Sejanus schmückt. Es ist dieselbe müde schlummernde Kraft in den mächtigen Muskeln der Schultern, die sich soeben unter der ungeheuren Last der Himmelskugel des Atlas gebeugt haben mögen. ›Er sah stark aus in seinem Priestergewand, aber doch lange nicht so ! Mühelose Arbeit wird es nicht werden, diese Riesenglieder im Ringkampfe zur Strecke zu bringen. Ich bin herzlich froh darüber.‹ In der Tat lächelt der Germane, daß die Zähne unterm Schnurrbart hervorglänzen. Auch unter dem weißen Barte des Rufus erscheint ein Lächeln, jedoch nicht das stolze, kampffreudige Lächeln des Kriegers. Wunderlich mild, ja liebevoll leuchtet es in seinem Gesicht auf, so daß dem Germanenjüngling recht sonderbar zumute wird. Noch verwirrender jedoch wirkt es, als der Greis die Arme ausbreitet und mit einem herzlichen »Sei mir gegrüßt!« auf ihn zuschreitet. Mit einer schnellen Seitenwendung entzieht er sich der Umarmung. Rufus läßt die Hände sinken. Er lacht – launig und wohlwollend. »O nein, mein Sohn! mich brauchst du nicht zu fürchten.« »Wer sagt, daß ich dich fürchte?« »Du hast recht. Nicht fürchten – aber du brauchst mir auch nicht auszuweichen.« »Wenn der Bär unserer Wälder sich einem so naht, weicht der Verständige aus.« Dies Wort trifft. Rufus Kopf sinkt auf die Brust. ›Mein alter Brummbär aus den germanischen Wäldern‹ – hatte ihn nicht Fulvia einst in lieblicher Laune so genannt? Und wie tödlich ist ihr seine Umarmung geworden! Der Jüngling wird den völlig veränderten Ausdruck gewahr: ›Ich habe dem Alten wehe getan! Das darf nicht sein!‹ »Nichts für ungut, Alter. Bei uns Germanen ist der Vergleich eines kräftigen Mannes mit dem Bären kein Schimpf – im Gegenteil.« »Ich weiß das, Fürst der Chatten, ich weiß das wohl. Doch du hast meine Bewegung mißdeutet. Sie sollte den Kampf nicht anfangen. An meine Brust wollte ich dich drücken und dich recht herzlich begrüßen, ja dir danken vor dem Kampf – obwohl es nicht viel Kampf geben wird.« »Nicht? Ich denke doch. Aber keinen in Haß und Feindschaft, wenn du das meinst.« »Ich meine das, und noch viel mehr. Denn du gefielst mir vom ersten Augenblick an, und jetzt begrüße ich in dir meinen besten Freund, meinen Befreier, den lang ersehnten, den ich gern umarmen möchte ... Doch du mißtraust mir, Siegmund.« Der Germane blickt ihn forschend an. Es ist keine Frage: bei seiner schwerfälligen, massigen Körperkraft muß diesem alten Herkules daran gelegen sein, so bald wie möglich zu geschlossenem Ringen, Brust an Brust, zu kommen. So könnte dies gar wohl eine Kriegslist sein. Aber er überlegt sich: ›Wenn dieser alte Mann es ehrlich meint und ich mißtraue ihm, dann entehre ich mich selbst und stelle mich weit unter ihn.‹ Schließlich überwindet der Klang seines eigenen Namens, in echter unlateinisierter Form, so wie ihm dieser unter dem blauen italienischen Himmel nur von den Lippen Thusneldas entgegenklang, auch den letzten Rest von Bedenklichkeit. »Ich mißtraue dir nicht, Alter!« ruft er. Und der Chattenjüngling stürzt in die weitausgebreiteten Arme des herkulischen Greises. Der Euripideische Alte, der sich in einem passenden Abstand hält, in dem er zwar nicht die gewechselten Worte hören, wohl aber jede Bewegung beobachten kann, reibt sich die Hände beim Anblicke dieser Umarmung: ›Das hat er schlau gemacht, der Alte! nun hat er ihn fest! Jetzt kann ihn der junge nimmermehr durch Scheinangriffe und behende Drehungen ermüden und außer Atem bringen!‹ Aber zu seiner größten Verwunderung und Enttäuschung löst die Gruppe sich wieder auf. »Du nennst mich deinen Befreier, Ehrwürdiger,« sagt Siegmund, einen schritt zurücktretend, »und dankst mir! Wie soll ich das verstehen?« »Dreizehn lange Jahre und mehr, o Jüngling, sind verflossen, in denen ich, so oft einer den goldenen Zweig pflückte, gehofft und gebetet habe, das Los möge mich zu seinem Gegner bestimmen, damit ich mich von ihm besiegen lassen könne, um so aus diesem Gefängnis befreit zu werden. Denn kaum hatte ich mir hier meine Priesterstellung errungen, als ich es auch schon bereute. Meinem jämmerlichen Leben aber selbst ein Ende zu machen, dazu hielt ich mich nicht für berechtigt. Denn eine schwere Sünde lastete auf mir, und wenn das Los mir beharrlich auswich, so mußte ich darin die über mich verhängte Strafe der göttlichen Gerechtigkeit erkennen, die meine Buße noch immer nicht lang und hart genug fand; wie ich mir denn auch gestehen mußte, daß sie gar nicht hart genug werden konnte. So schien denn unendliche Trostlosigkeit meine Aussicht zu sein. Heute nun aber ist der Fluch von mir genommen. Das Los hat mich getroffen. Der alte Sklave des Zorns ist in Freiheit versetzt, das Tor des Gefängnisses steht ihm offen. Wie sollte ich dich also nicht dankbar als meinen Befreier begrüßen?« »Das ist schwer zu verstehen, ehrwürdiger Vater. Und doch machen deine Worte mir das Herz leichter, das mir schon recht schwer in der Brust lag, bei dem Gedanken, daß ich dir dein Leben nehmen müsse, um mein eigenes zu gewinnen. Schon haderte ich mit dem Schicksal, daß es gerade dich ausloste, der du mir von Anfang an so freundlich begegnet bist.« »So lerne daraus, nie mit dem Schicksal zu hadern, das eine Vorsehung, die weiter blickt als wir, gar weise fügt. Freue dich darüber, daß gerade du zu meiner Befreiung geschickt wirst, denn auch dafür den ich dankbar. Auch wenn ein Schwächling gekommen wäre, so hätte er freilich einen leichten Sieg davon getragen. Doch hätte dann Verdacht entstehen können, und die Gültigkeit der Entscheidung konnte von den Priestern in Frage gestellt werden. Auch will ich meine Schwäche gestehen, daß die Schande, die dadurch in den Augen der alten Genossen, unwürdig wie sie sind, über mich gekommen wäre, mir meine letzte Stunde verbittert hätte. Aber einem jungen Germanenrecken gegenüber wie dir muß es einem Greise erlaubt sein, den kürzeren zu ziehen. Niemand kann mich deshalb lästern, und niemand wird argwöhnen, daß ich meine Kräfte zurückhielt und so dir willig den Sieg schenkte.« »Aber das darfst du nicht tun!« ruft Siegmund, »das brauchst du nicht, und ich mag nicht als Geschenk empfangen, was ich mir nehmen kann. Wie? als du nackt hier vor mir standest und ich den Bau deiner Glieder und die ehernen Knäuel des Muskelgeflechtes sah, da freute ich mich, daß der Kampf doch nicht so mühelos werden würde, wie ich es bei deinem hohen Alter gefürchtet. Und diese Kampffreude soll mir jetzt genommen werden? Ich sollte nicht der eigenen Kraft, sondern deiner Lebensmüdigkeit mein Leben danken? Verstehe doch, daß gerade deshalb dein guter Stern mich hergeschickt hat, damit du, der du einst ein Krieger warst, nicht als letzte Handlung deines Lebens zu einem lügnerischen Scheinkampfe Zuflucht nehmen mußt. Auch dir ist noch zuletzt das freudige Hochgefühl des ernsten Männerkampfes beschieden! Komm nur heran, und biete deine ganze Kraft auf! Du brauchst nicht zu befürchten, die ersehnte Befreiung durch einen Sieg über Siegmund den Chatten zu verscherzen.« Mit väterlichem Wohlwollen blickt Rufus den Germanenjüngling an, der in seinem selbstherrlichen Stolz und seiner übermütigen Zuversicht ihm besser als je gefällt. Lächelnd schüttelt er den Kopf: »Wenn wir mit dem Schwert in der Hand einander gegenüber stünden, möchtest du recht haben. Denn ich habe schon eine Probe deiner Waffenkunst gesehen, und wenn ich auch seinerzeit mit der Klinge meinen Mann gestanden habe, so dürften meine Gelenke jetzt zu steif geworden sein und mir der Atem, deiner Behendigkeit gegenüber, bald ausgehen. Aber beim Ringen hast du keine Aussicht.« »Nicht? – Versuchen wir's!« Mit einem Raubtiersprung hat Siegmund die beiden Arme des Rufus gerade über den Ellenbogen gepackt. Das väterliche Lächeln leuchtet noch aus Rufus' Augen und umspielt seine Lippen, als er ein paar Schritte zurückgedrängt wird. Er freut sich über den Mut und die Kraft des Jünglings, die seine Erwartung noch übertrifft. Der Griff ist ehern, die Wucht des Anpralles übersteigt weit das Maß der Körpergröße. Aber auch Siegmund kommt bald, nach heftigen Anstrengungen, zu der Erkenntnis: dieser Greis ist doch noch stärker, als ich mir dachte! Weiter zurückdrängen läßt sich der Alte nicht, auch kaum seitwärts bewegen. Er steht angewurzelt am Boden, der uneben ist und wo jede unfreiwillige Bewegung einem geschickten Ringer gegenüber Gefahr in sich birgt. Aber ganz mühelos ist sein Feststehen nicht. Das Lächeln ist noch auf seinem Gesicht, aber nur um die Lippen, wo es erstarrt. Die Augen blicken scharf unter den herabgesenkten Brauen, die Stirnader schwillt. »Ich muß diesem Trotzkopf zeigen, daß er es nicht mit einem alten Gecken und eitlen Prahler zu tun hat, wenn ich sage, er habe keine Aussicht gegen mich im Ringkampf. So leicht darf ihm der Sieg nicht werden, daß er sich das einbildet; das bin ich mir selber und dem Stamm, aus dem ich komme, schuldig. Er soll fühlen, daß der Sieg ein Geschenk ist.« Und durch Aufraffen seiner Kräfte gelingt es ihm, Siegmund fast in die Knie zu zwingen. »So! Das genügt. Jetzt kann ich mich ohne Schande fällen lassen.« Aber kaum hat er das gedacht, als auch schon Siegmund sich seinem ein wenig gelockerten Griff entwunden hat und unter seinen Armen sich drehend ihn von der Seite mit wütender Gewalt umklammert. »Dieser Greis ist ja viel stärker als ich mir dachte! Nun, dann muß der alte Chattengriff heran! Ihm mußte noch jeder Fremde unterliegen.‹ Rufus fühlt einen plötzlichen Druck im Rücken und einen Stoß in der Kniekehle, der ihn zum Wanken bringt. Es ist aber, als ob durch diese Erschütterung eine Schleuße in ihm sich öffnete. Eine Kraftwelle durchflutet ihn vom Scheitel bis zu den Zehen, die sich in den Boden hineinbohren. Ein unwiderstehlicher Kraftstrom aus einem verschütteten Jungborn – und dieser Strom reißt gebieterisch alle Muskeln mit sich in altgewohnte Bahnen, wie der Wasserfall die Mühlräder in Bewegung setzt, daß sie ihr Werk verrichten ... Selber weiß er nicht, wie ihm geschieht. Ihm wird schwarz vor den Augen ... Und dann – Was ist dies? Rufus findet sich selber in stark vornübergebeugter Stellung und – – – unter ihm der Germane. Er sieht es und begreift es nicht. Neben ihm aber gellt der jauchzende Ruf des alten Sterndeuters: »Jacet«! Jacet, er liegt Buch des Kaisers When the Emperor Tiberius inquired of the grammarian what song the Sirens sang, he asked to prove his wit and was gratified when no man answered. N. Compton Leith, »Sirenica«. Erstes Kapitel. »Mögen alle Götter und Göttinnen – « Rufus schlägt die Hände vor das Gesicht. »Mein Jähzorn – mein alter, unheilbarer Zornmut! Und alles verloren! Schon am sicheren Ziel – das Ersehnte in der Hand – und verscherzt! Wahn und Zorn!« Er hört den Schrei nicht – einen verzweifelten Aufschrei, der von ferne wie ein Echo den Iacet-Ruf des Priesters begleitet. Aber der auf der Erde liegende Siegmund hört ihn. Unsagbarer Gram prägt sich in seinen Zügen, die in Betäubung versteinert waren. Der Klang jener Stimme aus dem Hintergrunde bringt ihn zum Bewußtsein. Was für ein Wunder ist geschehen? Das war keine menschliche Macht! Hat denn jener sich mit dem Namen des Halbgottes auch dessen Kraft angeeignet? Er sieht seinen Besieger vor sich stehen und hört ihn stöhnen. »Dieser Alte hat es ehrlich gemeint. Und ich – mir selber hab' ich es zu verdanken – und nun leidet meine Thusnelda!« Aber die herbeieilende Priesterschar verbirgt den Alten seinem Blick. Wie in einem bösen Traum hört Rufus ihre Freudenausbrüche, ihre Beglückwünschungen. Kaum bemerkt er, daß ihm das Priestergewand angelegt wird. »Wahn und Jähzorn – mein alter Fluch!« murmelt er händeringend vor sich hin. Plötzlich fühlt er sich kräftig umarmt. Eine altvertraute Stimme tönt an sein Ohr. »Rufus, Rufus! Die Götter seien gepriesen, daß ich dich wohlbehalten sehe! Was hab' ich nicht deinetwegen in der letzten halben Stunde ausgestanden! Ich ließ mich vom Oberpriester überreden – nie hätte ich ihm erlaubt, dich opfern zu lassen. Aber als ich allein hin und her ging – und es dauerte lange – da kamen die Befürchtungen: – könnte dir nicht im Kampfe selbst etwas zuleide geschehen? denn die Barbaren haben ihre Schliche. Nun, die Götter seien gepriesen – nicht wahr? Dir ist nichts geschehen?« Rufus drückt gerührt seine Hand und schüttelt den Kopf. »Mein Imperator! Du bist um den alten Rufus in Sorge gewesen? Ach, er war's nicht wert! Und wahrlich, nicht mit Absicht geschah es, daß mein altes nutzloses Leben sich aus Kosten dieses jungen behauptete.« »Sein Leben war verwirkt, denke nicht daran.« »Aber ich tu' es! ... O Jüngling, Jüngling! Warum ließest du dir nicht den Sieg schenken? Warum wolltest du ihn ertrotzen? Warum mußtest du den Bären in mir gewaltsam aus seinem langen Winterschlafe wecken?« Von der bewaffneten Tempelwache umgeben, steht Siegmund nur wenige Schritte entfernt von ihnen. Sein Kopf hat sich auf die Brust gesenkt, das Kinn ist in den schwarzen Falten des Totenmantels begraben, den man ihm schon umgeworfen hat. Er blickt nicht auf, sondern schüttelt nur mißmutig das Haupt: »Ich konnte nicht, guter Alter! ... Ich, ein Chattenfürst ... ein Jüngling gegen einen Greis ... die Ehre ... ich konnte nicht ... Es war töricht ... Verzeih mir!« »Verzeihen? Jüngling und Greis, beide gleich töricht, aber der Greis am tadelnswürdigsten! Wahn gegen Wahn, Zornmut wider Zornmut, und das Unglück ist da!« Verwundert blickt Tiberius seinen alten Freund an. Er begreift alles ... Schade, daß es mißlang! ›Der Jüngling wäre durch Gottesurteil unter die Priester gegangen. Den Oberpriester hätte ich von den Prätorianern in den See werfen lassen – Opfer genug für die Göttin – wie ich ihm ja versprach. Rufus hätte ich mit mir nach Capreä genommen. Das tu' ich so wie so!‹ Eine plötzliche Bewegung unter den Priestern ... Murmeln, Ausrufe ... Tiberius wendet sich. Thusnelda kniet zu seinen Füßen. »Gnade, Tiberius! Gnade! Laß Segismundus nicht sterben!« Mit einem Ausdruck der peinlichsten Überraschung ist Tiberius zurückgetreten. »Eine Frau hier!« herrscht er vorwurfsvoll die Priester an. »Sie hat sich hereingedrängt ... unbemerkt in der Verwirrung ... wir wissen nicht, Cäsar, wie sie an der Wache vorbeigeschlüpft ist.« Einige treten näher, um sie zu ergreifen und wegzuführen. Aber sie erfaßt den purpurnen Zaum von Tiberius' Toga. »Du kannst ihn nicht von diesen Priestern ermorden lassen, Tiberius!« »Er hat sich selber in ihre Hände begeben. Was kann ich tun?« »Alles! Du hast die Macht – du bist der Herrscher – du bist der Herr der Welt.« Ein etwas spöttisches aber durchaus nicht boshaftes Lächeln schlängelt sich über die beweglichen Lippen, als er hinzufügt: »Außer Germanien!« Aber die Bittende läßt sich zu keiner Schmeichelei verleiten. »Eurer römischen Welt, meine ich. Du bist ihr Herr – du kannst ihn retten.« Sein Lächeln wird bitterer, böser. »›Herr der Welt‹ – weil mir das Schicksal dies ungeheuerliche, widerspruchsvolle Amt auf die Schultern gewälzt hat: Princeps einer Republik, in der man mit einer Diogenesleuchte nicht zehn Männer fände, die würdig wären, Republikaner zu heißen. ›Herr der Welt!‹ nenne mich den Sklaven der Sklaven, und du hast es besser getroffen! – ein ›Herr‹, dessen Macht –« Er hält inne. Der ängstliche, flehende Blick Thusneldas erinnert ihn daran, daß dies Barbarenweib für römische Staatsrechtsfragen wenig Sinn habe. »Steh auf, Mädchen!« »Ich stehe nicht auf, bevor du mir sein Leben schenkst. Sieh ihn an, Tiberius – wie er, in den schwarzen Totenmantel gehüllt, als ein Opfer dasteht! Er kann nicht vor dir knieen, er ist ein Mann, ein Germane – der kann nicht knieen, so knie ich für uns beide. Nein, knieen kann er nicht, aber ich seh' ihm an, daß er bereut, wie ich weiß, daß du es tust – –« Die Brauen des Tiberius ziehen sich zusammen. Rufus macht eine unwillkürliche Bewegung, um die Sprecherin zu warnen. Wenn auch die Priester nicht gerade näher treten, möchte man doch darauf schwören, daß sie sichtbar die Ohren spitzen. Keiner von ihnen bedauert jetzt, daß dies Weib sich gegen alle Regeln in den heiligen Grund hereingedrängt hat: man wird jetzt zu wissen bekommen, was denn eigentlich auf der Galeere vorgefallen ist, – was wohl Tiberius zu bereuen hat! Aber ihre Hoffnung ist eben so schlecht begründet wie die Furcht des Rufus. Das angeborene Taktgefühl hat sie noch mehr als jene Handbewegung des Alten, die ihr nicht verborgen blieb, gewarnt, auch nur mit dem geringsten Wort in dieser gefährlichen Richtung weiter zu gehen. Das eine, womit sie die schmerzhafte Stelle berührte, hat genügt; sie hat die Wirkung gesehen, und sicher, daß sie nur Wahres gesagt hat, daß Tiberius nicht nur sein Betragen bereue sondern sich dessen schäme, fährt sie beredt und mit steigender Zuversicht fort: sie wisse ja, daß sein edles Herz keine Rachsucht hege, daß es ihn nicht nach dem Blute des Jünglings verlange, den die Götter auf einen Augenblick des Verstandes beraubt hatten, eines Jünglings, der immer nur mit Verehrung von dem Princeps sprach, schon auf der Reise von Rom nach Campanien, und noch mehr, als er dort den Herrscher kennen gelernt und Gelegenheit hatte, ihm seine heimatlichen Weisen vorzusingen und damit sogar die Huld des Cäsar zu gewinnen – – – Rufus wendet seinen Blick nicht von ihr ab. Wie ein Urbild jener blonden Hälfte der Weiblichkeit, von der er schon heute als von der edleren gesprochen hat, liegt ihr Gesicht offen vor ihm da, gleich einer Schreibtafel mit großen, schön geformten Schriftzügen, leicht zu lesen. Die breite, von goldenen Haarflechten gekrönte Stirn, darunter die klaren blauen Augen, die unerschrocken und doch ängstlich den Ausdruck des Herrschers zu deuten versuchen; die kurze, gerade Nase, die lieblich bewegten Lippen, das fast kindlich gerundete Kinn – all dies spricht ihn wundersam an. ›Dieser Siegmund hat recht: sie ähnelt ihrer hehren Muhme und Namensschwester, nur ist sie noch viel lieblicher. Jene starb hier in der Fremde, in der Gefangenschaft, gebrochenen Herzens. Muß es nun dieser ebenso ergehen, nachdem sie ihren einzigen Freund eines schrecklichen Todes hat sterben sehen, vor dem ihn auch ihre rührende Fürbitte nicht retten konnte? Da seien die Götter vor!‹ Tiberius' Brauen sind nicht mehr zusammengezogen, alles Lächeln – bitteres wie spöttisches – ist von seinen feinen Lippen verschwunden. Aber sein Gesicht ist eine undurchdringliche Maske geworden. Vergebens bemühen sich die Augen Thusneldas, diese Züge zu erforschen. Plötzlich wenden sie sich von ihm zu Rufus. »Alter Priester, der du Siegmund besiegtest! Du bist der Freund Cäsars. Ich sah, wie er dich umarmte. Sprich du für uns, denn du meinst es gut, ich sehe dir's an.« Der Blick dieser germanischen Mädchenaugen, der ihn so unerwartet trifft, dringt Rufus tief ins Herz. Seine eigenen Augen umschleiern sich, sie sehen doppelt: neben diesem von goldenem Haar gekrönten Frauenkopf erblickt er das gelblockige Kinderhaupt; neben der jungfräulichen, in reiche orientalische Stoffe gehüllten Gestalt schaut er die Kleine, wie sie in ihrem weißen Hemdchen an der Hand der fürstlichen Muhme durch die Gasse der Legionärsoldaten einhertrippelt. Die beiden einzigen Eindrücke, die er von demselben Wesen gehabt hat. Und zwischen diesen beiden liegt sein ganzes schuldbelastetes Greisenleben. Dort, jenseits des Einganges zu seinem unheiligen Priesterdasein im Schatten des goldenen Zweiges, die Lichterscheinung des Kindes, der kleinen Thusnelda, als der Genius der Schuldlosigkeit, aus der er auf immer schied; – hier, wo der Ausgang aus diesem Dasein hätte sein sollen, wenn nicht Wahn und Zornmut ihn übermannt hätten, die Jungfrau, die sein Wahn und Zornmut in so tiefe Not gestürzt hat, daß sie nun in ihm ihre einzige Hilfe sieht! Diese Gedanken bewegen ihn tief und mit erschütternder Gewalt. Aber er nickt Thusnelda nur freundlich zu und läßt seine Blicke sagen, wie willig er ist, seinen Einfluß geltend zu machen, um ihren Siegmund zu retten. Noch sucht er nach den Worten, die am sichersten auf seinen mächtigen Freund wirken können, als dieser sich mit einer plötzlichen Bewegung an Thusnelda wendet: – »Was ich mit euch Beiden tun soll, und ob ich überhaupt etwas tun soll, und ihn nicht einfach seinem Schicksal überlassen: mögen alle Götter und Göttinnen mich doppelt so grausam plagen, wie ich mich jetzt täglich und stündlich von ihnen geplagt fühle, wenn ich es weiß!« Zweites Kapitel Dianas Spiegel oder Capreä So unerwartet ist dieser Ausbruch, so heftig sind die plötzliche Wendung und die Handbewegungen, die ihn begleiten, daß Thusnelda im ersten Augenblick erschrickt. Dann aber hört sie durch diese fast drollig polternde Erregung immer deutlicher den Hoffnungston erklingen. Warum sollte sie es auch nicht, da doch die Priester denselben Ton, der für sie freilich einen wahren Schreckensklang hat, deutlich heraushören und, sichtbar beunruhigt, flüsternd – aber sehr schüchtern flüsternd – die Köpfe zusammenstecken. Dann tritt der König des Haines an ihn heran: – »Deine Worte, o Augustus, versetzen uns in Bestürzung. Du weißt nicht, was du mit diesem tun sollst, und ob du ihn nicht einfach seinem Schicksal überlassen sollst. Dies Schicksal aber müssen wir als besiegelt ansehen. Besiegelt durch altheiligen Brauch, an dem unser eigenes Schicksal hängt. Wir Zwölf, die Priesterschaft der Diana des Haines, sind durch ihn da; er ist unser Palladium. Dieser Tempel, unser Heim ist auf ihm gegründet. Ich rede für Haus und Heiligtum, für Herd und Altar! Als ich die hohe Gunst genoß, unter vier Augen mit dir zu sprechen in jener Ala, wo noch das Räucheropfer vor deiner Bildsäule brennt als ein Zeugnis, wie sehr du in diesem Heiligtum verehrt wirst: da zeigte ich dir einen Ausweg aus der schwierigen Lage, in die wir alle – du mit uns – durch diesen unerhörten Fall versetzt sind. Ich zeigte dir, wie fern es der Diana des Haines liegen müsse, einen Mann zu beschützen, der sich an deinem geheiligten Leben vergriffen hat. Ich legte dar, daß die Göttin sicherlich durch das Los einen Kämpfer küren würde, der imstande wäre, unsere Priesterschaft vor solcher Schmach zu bewahren, wie es die Aufnahme eines solchen Majestätsverbrechers in unseren Kreis sein würde. Ja, ich vermutete sogar, daß unser Herkules, den sie bis jetzt bei der Losziehung immer zurückgehalten hatte, und den ich für unüberwindlich hielt, dieser Kämpfer wäre. Und so ist es gekommen. Seine Unbesiegbarkeit, die du bezweifeltest, hat sich bewährt. Was ich voraussah, ist geschehen.« »Nicht wie du meintest, Priester! Nie bist du dem Tode näher gewesen als in dieser Stunde. Entsinnst du dich meines Wortes, das ich dir gab?« Der Oberpriester erblaßt. Die wenigen Sätze, die Siegmund und Rufus wechselten, sind ihm nicht entgangen. Er begreift, wie sehr er sich getäuscht hat, und wie leicht diese Täuschung für ihn hätte verhängnisvoll werden können. »Ich entsinne mich seiner wohl, Augustus. Hab' ich nun mit tödlicher Gefahr das Spiel gewonnen – nicht mein Spiel, sondern das der Göttin – so ist um so weniger Grund, sie und ihre Priesterschaft um den Preis des schuldigen Opfers zu bringen. Du gemahnst mich an dein Wort. An deinem Wort halte ich dich fest. Du gabst es mir angesichts deines eigenen göttlichen Bildes, indem du die Vollziehung des heiligen Ritus zugestandest. Hast du dich über mich zu beklagen? Habe ich nicht mein Teil redlich getan? Ich bin nur der König dieses Haines, du bist – wie diese Jungfrau sagt – der Herr der Welt. Aber über uns Beiden steht das Recht, dessen irdischer Wächter du bist. Bei ihm frage ich dich: Wenn ich auf der Vollziehung dieses heiligen Ritus bis zur letzten Opferhandlung bestehe – habe ich dann recht?« Die Antwort läßt auf sich warten. Sie erfolgt nicht an ihn. Tiberius wendet sich an Thusnelda. »Der Priester hat recht. Ich kann ihm sein Recht – das Tempelrecht – nicht vorenthalten.« Thusnelda erhebt sich. Alles Blut ist aus ihren Wangen gewichen. Jeder Glanz ist aus ihren Augen entflohen. Sie versteht wohl, daß nunmehr Bitten und Flehen vergeblich sind. Ja, es war Hoffnung da gewesen, fast mehr als Hoffnung. Und nun ist sie zerronnen, so gänzlich zerronnen, daß auch nicht das kümmerlichste Restchen übrig geblieben ist. »Nur eines kann ich für euch tun.« Schnell blickt Thusnelda auf – der Glanz ihrer Augen leuchtet auf. »Eines sagte ich. Zweierlei hab' ich zu bieten.« Zweierlei? aber was kann er – wenn er auch der Mächtigste auf Erden ist – was kann er für die Beiden tun, wenn diesem grausamen Tempelrecht Genüge getan werden soll? Was bedeutet das sphinxartige, trübselige Lächeln? Die Priester stellen sich bestürzt dieselbe Frage. Alle Augen hängen an diesen schmalen, geschlängelten Lippen. »Ich kenne die Priester schlecht, wenn sie nicht gern zwei Opfer statt eines annehmen. Liebst du deinen Landsmann, für den du bittest, so sehr, daß du von ihm nicht lassen willst, so soll ihn kein Priester aus deinen Armen reißen – aber du mußt ihm folgen. Brust an Brust sinkt ihr zusammen in den See.« Seine Augen sind, während er spricht, keinen Bruchteil einer Sekunde von ihrem Gesicht gewichen. Röte und Blässe fliegen darüber hin, die blauen Augen erweitern sich, als ob sie ein Traumgesicht hätten, der Atem hebt gewaltsam ihre Brust unter dem hellblauen silberdurchwirkten Tuch, dem Geschenk Cäsars. »Das ist das eine, was ich euch bieten kann. Keine geringe Gabe, däucht mich. Was sind die steinernen Pyramiden der Pharaonen gegen diesen kristallenen Behälter? Und einen Sarkophag gebe ich euch dazu, wie ihn noch kein König der Erde gehabt hat ... Das andere, was ich biete, ist nichts Geringeres. Willst du ihm nicht in den Spiegel der Diana folgen, dann, o Jungfrau, folge dem Cäsar nach Capreä.« Eine Welle der Überraschung, der Spannung und der Neugier geht durch die Gruppe ringsum, vom Oberpriester bis zum gemeinen Prätorianer. Caligula kann einen Ausruf nicht zurückhalten. Nur die beiden am nächsten Beteiligten, das Germanenpaar, scheinen von der Bewegung unberührt zu bleiben. »Du kennst mein Felseneiland, Thusnelda. Von dem Gestade Campaniens aus hast du seinen blauen Schatten auf der Kimmung schweben sehen – eine Insel der Seligen, scheint's; aber auch eine, wo Unselige wohnen können und versuchen, ihre Unseligkeit zu vergessen. Zwölf Villen erheben sich auf ihren Felsen, eine für jeden Monat des Jahres. Die auf der Ostspitze behalte ich mir vor. Von den anderen wähle, welche du willst. Du sollst darin als Herrin walten. Von Zeit zu Zeit wirst du mit den Tönen deiner Kithara, mit dem Klang deiner Stimme den alten Herrscher erfreuen, ihm die Sorgen der Weltregierung eine kurze Weile aus der Seele bannen. Das ist alles, was ich mir erbitte. Dies ist das zweite, was ich biete, und zwar nicht dir allein, sondern ebensowohl deinem Freunde: er weiß im Sterben, wozu er dich zurückläßt. Wahrlich zu keinem Sklavenlos! Möchte ich selber, wenn ich einst mein Haupt zur letzten Ruhe niederlege, es mit derselben Zuversicht für die Zukunft des Weltreiches tun können, wie Segismundus wegen deines Schicksals sterben kann!« Tiberius schweigt. Sein durchbohrender Blick erforscht das Gesicht Thusneldas, in deren Wangen das Blut emporschießt, während ihre blauen Augen den seinigen entgegenfunkeln. Schon wollten sich ihre Lippen zur Antwort öffnen, als Siegmunds Stimme neben ihr ertönt: – »Antworte nicht, Thusnelda – noch nicht! Du weißt nicht, was dir geboten wird.« »Hab' ich mich nicht deutlich genug ausgedrückt?« fragt Tiberius, ihn erstaunt und etwas mißtrauisch anblickend. »Deutlich genug, soweit deine Sprache ging. Doch das Wichtigste ließest du ungesagt.« Rufus bemerkt ein Stutzen bei seinem hohen Freunde; er selber blickt zweifelnd vom einen zum andern. Was meint der Germane? Will er Thusnelda gegen unlautere Absichten des Tiberius warnen? Scheinbar mag er Grund dazu haben; und doch fühlt Rufus, daß ein solcher Verdacht, den wohl alle im ganzen Kreise hegen mögen, ungerecht ist. »Tiberius,« fährt Siegmund mit feierlicher Stimme fort – »ich bin ein Mann des Todes. Einem solchen gönnst du wohl ein freies Wort. Denn frei muß ich jetzt sprechen, und zwar von dir sprechen.« Wachsendes Staunen und Unentschlossenheit irrt in dem finstern Blick, womit Tiberius den Germanenjüngling betrachtet. »Es sind königliche Geschenke, die du bietest, o Augustus, und wir danken dir dafür. Damit hast du aber Thusnelda vor eine Wahl auf Leben und Tod gestellt. Ist es dann nicht ihr Recht zu wissen, was ihr wirklich geboten wird? es ebenso genau zu wissen, wie du selber, der du das Angebot machst?« Rufus empfindet einen Schauer, als der Germane mit erhobener Stimme diese Frage an Tiberius richtet. Ist es das Frösteln beim Nahen der Abenddämmerung? Denn die Sonne hat den Bergkessel verlassen. Nur hoch oben trägt noch die Pinie einen rötlichen Schein in ihrem Gezweige und auf ihrem ausgespannten Nadelschirm. Unten hat sich Dianas Spiegel beschlagen, und ein violetter Dunst spinnt seine Fäden durch den Olivenwald. Oder strömt diese Kälte von dem Manne aus, an dessen Seite er steht? Tiberius hat sich in seiner vollen Höhe aufgerichtet. Seine Züge versteinern sich. Das Gesicht ist kalt, blaß und hart wie Marmor. So hat Rufus es einmal gesehen, als er den Freund fragte, ob er denn so sicher sei, die rechte Wahl getroffen zu haben, da er, zwischen Liebe und Ehrgeiz wählend, seiner Frau den Scheidebrief schrieb. Siegmund tritt dicht vor den Herrscher hin. »Von je hab' ich geglaubt, daß deine Seele nach Gerechtigkeit dürstet. Nichts hat mich daran irre gemacht; wiewohl manches, was in Rom unter der Leitung Sejanus' geschehen ist, mich hätte irre machen können. Bei diesem Glauben beschwöre ich dich – antworte mir, Tiberius: ist es Thusneldas Recht, klar zu sehen, wenn sie diese Wahl trifft, oder nicht?« Mit sichtbarer Anstrengung drängen sich die Worte durch die schmalen, bis zu einem strengen Strich zusammengepreßten Lippen, und die Stimme ist belegt, die antwortet: »Es ist ihr Recht. So rede, Germane!« Drittes Kapitel Ecce Tiberius »Eine königliche Villa mit Dienern und Dienerinnen hat dir Tiberius angeboten, Thusnelda,« hebt Siegmund an, »von sich selbst aber, von dem königlichen Mann, hat er geschwiegen. Und doch ist er dein, wenn du willst. Du bist fürstlichen Geblütes, wenn auch einem Barbarenvolk, wie sie es nennen, entstammt. Aber wenn du auch als die niedrigste Sklavin geboren wärest, was täte es ihm? Vor seinem Wink bestehen keine Unterschiede: was er erhöht, ist hoch, was er erniedrigt, niedrig. Er ist, wie du sagtest, der Herr der Welt. Zur Herrin der Welt, nicht zur Sklavin seiner Gelüste – wie diese glauben – will er dich machen, wenn du seine Gefährtin wirst. Wohl weiß ich, daß solche Herrlichkeit dich nicht lockt, und selbst die Macht nicht. Auch er weiß es, darum wirbt er nicht damit. Gerade weil er das weiß, will er es dir geben. Denn von herrschsüchtigen Frauen hat er genug gehabt. Drei solche, seine Mutter und zwei Schwiegertöchter, haben ihm das Leben vergällt. Dir aber wird durch ihn eine edle Herrschaft zufallen, weil du sie nicht begehrst.« Tiberius lacht, aber es ist ein gezwungenes Lachen: »Man muß gestehen,« wendet er sich an Rufus, »daß dieser Germane sich unsere Bildung gründlich angeeignet hat. Offenbar hat er seinen Platon gelesen und spielt auf dessen Ausspruch an, daß es mit dem Staate nicht gut werde, bevor nicht die zur Herrschaft kommen, die nicht herrschen mögen.« »Wahrlich,« fährt Siegmund, unbeirrt durch die Unterbrechung, zu Thusnelda gewendet fort, »wahrlich, ›zu keinem Sklavenschicksal würde dich dein Freund zurücklassen‹ – wohl durfte er das sagen, der gesonnen ist, dich so hoch zu erheben. Und doch mag dies dir von geringerem Werte scheinen als der Besitz seines Herzens, wenn du es sähest, so wie ich es sehe.« Dies Herz, – bebt es nicht in der Brust des Herrschers, als ob eine Sonde es unsanft berührte? Siegmund fühlt es gar wohl, und sein Blick, der unverwandt in dem Thusneldas geruht hat, richtet sich stetig und fest auf die bestürzten Züge des Tiberius, mit der Festigkeit des Arztes, der den Kranken einer schmerzhaften Behandlung unterziehen muß. Nur zögernd verläßt der bannende Blick dieser hellen Augen das in stummem Leid erstarrte Antlitz, als Siegmund nach kurzem, von Totenstille eingehegtem Schweigen, mit bewegter Stimme fortfährt: – »Ein vereinsamtes Herz, seitdem er, noch in jugendlichen Jahren, auf das Gebot des Augustus, sich von seiner geliebten Frau trennte. Ein alter Mann hat mir geschildert, wie er damals auf der Straße Tiberius von ungefähr seiner Frau begegnen sah. Wie Tiberius sie mit brennenden Augen anstarrte, einen langen sehnsuchtsvollen Blick ihr nachsandte und dann sein Haupt verhüllte. Von da an war sein Herz freud- und liebelos. Statt der geliebten Frau erhielt er die leichtfertige Tochter des Augustus zur Lebensgefährtin, die kein Hehl aus ihrer Gleichgültigkeit machte, sich offen an die Spitze seiner Gegner stellte und dabei ein so schamloses Leben führte, daß Augustus selber sie vor dem Senat verklagen und in die Verbannung schicken mußte. Zu diesem Augustus, dem Stiefvater, Schwiegervater und Herrscher, sah er mit Verehrung auf. Das taten alle; er aber, die geborene Herrschernatur, mit größerem Verständnis als alle anderen. Aber Gegenliebe fand er nicht. Immer wurden andere ihm vorgezogen, und als es zuletzt auch dem Blindesten, geschweige denn einem Augustus, klar sein mußte, daß er allein imstande sei, den Staat zu retten, wurde er nach langjähriger Ungnade nur widerwillig und mit Bedauern herangezogen, auf eine Weise, die sein empfindliches Herz aufs Tiefste verwunden mußte.« Wiederum richtet Siegmund seinen Blick auf den Herrscher, wie um sich zu versichern, daß dieser ihn nicht unterbrechen und die ihm erteilte Gewährung des freien Wortes zurücknehmen werde. Aber eine Statue scheint ihn eher unterbrechen zu können als Tiberius. Während des Schweigens ist die Stille ringsum womöglich noch lebloser als das erste Mal. Es ist als ob ein furchtbarer versteinernder Zauber von dieser Gestalt in den ganzen Kreis ausstrahlte, nur die beiden Germanen unberührt lassend. Nur zwischen diesen beiden findet noch Verkehr durch Worte und Mienen statt – Mienen, in denen sich ihre wachsende Ergriffenheit beständig unverhohlener widerspiegelt; Worte, die ihm immer dringlicher von den Lippen fließen: – »Die Herrschaft fiel ihm zu, aber er wußte, daß er alle gegen sich hatte, und dagegen gab es kein Heilmittel, weil es gerade seine herben Tugenden waren, die ihn verhaßt machten. Die Vornehmen grollten ihm, weil er die alte Zucht herstellen wollte, die Rom groß gemacht hatte, während sie selber verweichlicht und bis ins Mark verdorben waren; das gemeine Volk war ihm gram, weil er seinen rohen Trieben nicht schmeichelte. Mochte er auch, wenn eine Feuersbrunst die ärmlichen Häuser massenhaft vernichtete, aus eigenen Mitteln großmütig aushelfen – er blieb dem Pöbel doch ein Knauser, weil er ihm keine eitlen Schauspiele und blutigen Gladiatorenkämpfe gab. Bis er dann endlich, verbittert und angewidert, Rom sich selber und der harten Faust des Sejanus überließ und sich nach Capreä zurückzog, um in der wonnigen Natur Gemütsheilung zu suchen und von dort aus der weiten Welt der Provinzen den Segen einer gerechten Regierung angedeihen zu lassen ...« Fühlen jetzt auch andere als Rufus eine von Tiberius ausstrahlende Kälte? Der Kreis um ihn erweitert sich. Selbst Sejanus und Caligula rücken von ihm ab. Vollends die Priester – mit Ausnahme von Rufus – stehen scheu zur Seite. Es dünkt jeden gefährlich, seine Anwesenheit in Erinnerung zu bringen. Keiner mag Zeuge der Demütigung des Allmächtigen sein. Demütigung? Aber ist denn alles, was der Germane sagt, nicht ausgesuchtes Lob? Gerade das ist's ja! Keiner von ihnen, auch der Stumpfsinnigste, der nicht eine unbewußte Empfindung davon hätte, wie gerade ein solches Lob den stolzen Claudier Zoll für Zoll auf die Folter spannt. Gerade ein solches – denn gegen Lobhudeleien wie gegen Schmähungen ist er gepanzert; an beides ist er gewöhnt – nur nicht an die Wahrheit. Hände, die mit Fingern höhnisch auf ihn zeigen – Hände, die mit Dolchen mörderisch nach ihm zielen, die fechten ihn nicht an. Diese Hand jedoch, die behutsam aber mit sicherem Griffe den Schleier seines Lebens lüftet, seine heimlich blutenden Wunden, seine zerrissene Seele vor fremden Blicken entblößt – o wie schwer ist diese Hand zu ertragen! Gleichsam der Unleidlichkeit des stetigen Schmerzes nachgebend, macht Tiberius eine kleine Wendung. Dabei bemerkt er den leeren Raum, der sich um ihn gebildet hat. Nur Rufus ist bei ihm geblieben, und zwar so nahe, daß Tiberius bei dieser Drehung mit seiner linken Schulter die rechte des alten Freundes berührt. »Es ermüdet dich, Herr,« flüstert dieser. »Stütze dich fest auf meinen Arm – auf den alten Rufus!« Tiberius nickt. Und es ist ihm in diesem Augenblick ein Bedürfnis, sich leise zurückzulehnen und den stützenden Freundesarm an seiner Schulter zu fühlen. Er gibt sich um so unbedenklicher dem Wohlgefühl dieser vertraulichen Stellung hin, als er weiß, daß niemand sich erdreistet, ihn anzublicken. »In dieser Einsamkeit, auf der Zinne der Welt, ladet er dich ein, seine Gefährtin zu sein, Thusnelda,« fährt Siegmund fort. »Glanz und Herrlichkeit, Reichtum und Machtfülle locken dich nicht. Aber in einem Herzen wie deinem könnte der Schicksalsruf wohl Widerhall finden, einem wie dem seinen etwas von der Dankesschuld abzutragen, die ihm die Welt versagt hat; ihm endlich Licht und Wärme zu geben, die seinem ganzen Lebensweg fehlten. Du kannst es, du allein! Keine Frau, die dem verfaulten Römervolke entstammt, könnte die steinerne Rinde seines vereisten Gemütes sprengen und dessen befruchtende Quellen vom starren Banne befreien. Nur der Tochter Germaniens ist solche Zaubermacht verliehen. Nun aber bedenke, welche Glücksspende diese Quellen über die Weltwüste ergießen könnten! Von den Entschlüssen dieses einzigen Mannes hängt die Wohlfahrt von Millionen ab. Er will Gerechtigkeit – ich weiß es; aber wie so verschieden nimmt sich die Gerechtigkeit aus, wenn sie von einem mißtrauischen und verbitterten Gemüt gesucht wird – oder aber von einem versöhnten und erheiterten! Bist du dazu erwählt, wärmenden Sonnenschein über die letzten Jahre des größten Herrschers zu verbreiten – wer könnte dann wohl absehen, welcher Segen von dir über die Menschheit ausstrahlen wird? Späte Geschlechter werden dann noch deinen Namen preisen! Die zweite Thusnelda wird noch heller in der Welt leuchten als selbst die Thusnelda des großen Arminius!« Ein tiefer, nur dem Freundesohr vernehmbarer Seufzer entringt sich der Brust des Tiberius. Sein Antlitz ist noch blässer geworden. Erschien es vorher marmorn, so leuchtet es jetzt in dem fahlen Abendlichte geisterhaft durchsichtig wie eine Alabasterbüste. ›Wozu denn dies? Was will der Germane? Geht er wirklich ernstlich darauf aus, das Leben der Geliebten zu retten, sie davon abzuhalten, ihm zu folgen? Oder redet er nur so, weil er zu stolz ist, einen Vorteil zu benutzen, sie vielleicht unter einer falschen Voraussetzung mit in den Tod zu entführen? Will er sich selber und den anderen nur zeigen, daß, wenn er auch alles tut, um das Spiel zu verlieren, er es dennoch gewinnt? Muß er es nicht gewinnen? ... Ist bei ihr eine Spur des Schwankens, des Zweifels zu bemerken?‹ Abgewandt, gesenkten Kopfes, steht Thusnelda da. Siegmund tritt noch näher an sie heran, als ob er nicht eindringlich genug auf sie einreden könne. »Thusnelda! Ich gebiete über keine Redekunst, wie diese Römer, die eine Rhetorenschule durchgemacht haben. Ich bin Soldat, meine Worte sind schlicht und gerade; vielleicht gehen sie dir deshalb umsomehr zu Herzen. Frage dieses allein, lausche seiner innersten Stimme: ob es recht ist, wenn dir dein Schicksal solches anbietet, dein Leben wegzuwerfen, um deinem Freund in das frühzeitige Grab zu folgen, das Wahn und Jähzorn – wie dieser gute Priester sagt – ihm gruben. Ergreife dein Schicksalslos, überlasse mich dem meinigen! Auch so bin ich ja reich begnadet. Wie wahr spricht Tiberius, daß er mit diesem Angebot auch mir ein köstliches Geschenk reiche. Sterbend weiß ich, zu welch hohem Geschick ich dich zurücklasse – einem weit höheren, als er selber es zeigt. Und wenn es mich auch Seligkeit dünkt, in deinen Armen zu sterben – das leugne ich nicht, denn auch dies zu gestehen, gebeut die Gerechtigkeit –: wer mag entscheiden, ob es nicht besser für mich ist, im Todesaugenblick zu wissen, daß ich dich nicht mit in den Strudel ziehe? Mit dem letzten Gedanken mich dessen zu erinnern, daß ich dich zurückhielt, daß ich dich für einen so hohen Zweck, eine so edle Lebensführung gewonnen habe, ja, sogar daß meine Freveltat und der Tod, mit dem ich sie büße, unabsichtlich zum Mittel wurde, um solch eine erhabene Wendung deines Geschickes herbeizuführen. Reich' mir die Hand zum Abschied! Bleib' du im Leben, vom Sterbenden gesegnet, den Lebenden zum Heil!« Der Germanenjüngling schweigt. Totenstille ringsumher. Man hört, fern und nah, nur das leise, stetige Plätschern des Egeria-Baches, dessen Staubfall sich in den See ergießt. Vom Verdeck der goldenen Galeere aus hat Thusnelda heute vormittag an der Seite Siegmunds mit Entzücken das liebliche Naturschauspiel betrachtet, wie unfern des Tempels, mitten im Grün der Berghalde, der silberne Nymphenschleier in flammenhaft wechselnden Falten zum Spiegel der Diana herniederwallte, und zarte Regenbogenfarben sich spielend hineinwoben. Tagsüber ist hier das leise Geräusch wenig vernehmbar. Jetzt bei eintretender Nachtstille, drängt es sich auf. Ist es die Stimme der weisen Nymphe Egeria, die ihr unablässig ins Ohr flüstert? ›Du hast ihn gehört, nun horche auf mich, o Tochter Germaniens! Auch ich brauche keine Redekunst; meine Naturstimme rät dir gut. Diesen ›Opfersprung‹, vor dem dein Fleisch zurückbebt, – ich mache ihn tausend und abertausend Mal in jeder Sekunde seit tausend und abertausend Jahren. Ich sage dir: gar wonnig ist es zwischen Blumen und Gebüsch dahinzufließen, über blanke Steine zu rieseln, um moosige Felsstücke zu strudeln und zu schäumen: nicht weniger herrlich jedoch ist der Sprung ins Leere, die Erde zu verlassen, stäubend zu vergehen und jählings tief, tief hinabzustürzen in den funkelnden Spiegel der Göttin. Dich schaudert's? – Wahn – Wahn der Sterblichen – Sterbewahn! Streif' ihn ab! Folge ihm, folge mir! In den See hinab, in den See!‹ Noch immer Totenstille ringsum. Nur das leise Plätschern des Wasserfalles. Lauscht Thusnelda noch immer der Flüsterstimme Egerias? Sie hebt ihren Kopf. Ein Alabasterantlitz wie das, worauf ihr Blick sich richtet. Ein langer, trauriger Blick, voll milden, unsagbaren Mitleidens ... Dann wendet sie sich – langsam, nicht zögernd – dem Geliebten zu. Stumm verbirgt sich ihr goldenes Haupt in den schwarzen Brustfalten des Totenmantels. Viertes Kapitel Cäsar hat gesprochen Immer noch Totenstille. Leises Plätschern des Wasserfalles. Und endlich – endlich öffnen sich die schmalen geschlängelten Lippen des goldig bekränzten Alabasterkopfes. Auch die Stimme ist wie Alabaster, farblos klar, nicht als ob sie von Fleisch und Blut herrühre. Es ist wie wenn jemand im Zustande des Tempelschlafes spräche, im Banne einer Schicksalsgottheit. »Der Centurio, den Pilatus mir geschickt hat!« Marcus tritt hervor. »Zu Befehl, Imperator!« »Du nimmst sechs Prätorianer mit dir und führst die beiden nach der goldenen Galeere zurück.« Eine wortlose aber hörbare Bewegung unter den Priestern, ein Flattern und Rascheln der leinenen Gewänder. Offenkundige Bestürzung: – Wie? Den Germanen nach der Galeere – vom Tempelgrunde entfernen? Unbeeinflußt von dieser ersten Wirkung ihrer Worte fährt die traumhafte Alabasterstimme fort: »Du läßt die Galeere von unten bis oben hell erleuchten, wie wenn ich ein großes Festmahl gebe. Du wirst alles dazu schon vorbereitet finden, denn ich beabsichtigte, dies der nächtigen Tempelfeier zu Ehren zu tun. Dann läßt du die Galeere anbohren – der Baumeister wird dir kundige Werkleute geben – so daß sie im Verlauf einer halben Stunde versinken muß. Das Germanenpaar bleibt auf dem obersten Verdeck; alle anderen verlassen das Schiff. Du stattest mir sofort Bericht ab.« Der Tempeltraum ist zu Ende geträumt. Die Alabasterstimme schweigt. Totenstille – toter noch als vorher – und immer toter noch durch das leise Geräusch des in den See stetig versinkenden silbernen Nymphenkörpers: in die Tiefe hinab, in die Tiefe! Das Phantastisch-Furchtbare hat alle in der ganzen Runde gelähmt. Den Cajus freilich nur für einen Augenblick. Nicht nur das Grausige, noch viel mehr das ungeheuerlich Verschwenderische: die Versenkung dieses Weltwunders der Schiffsbaukunst mit den unermeßlichen Schätzen, den unzähligen Kunstwerken – diese Verwandlung der goldenen Galeere in ein Hinrichtungswerkzeug, um ein einziges Menschenpaar umzubringen: – diese Vorstellung facht einen glimmenden Wahnsinnsfunken in seinem Gehirn zu feurigem Ausbruch an. Er klatscht in die Hände. Selbst die Berghalden ringsum scheinen ob dieses unziemlichen Lautes entsetzt, da sie ihn eilends zurückschicken, als ob sie ihn nicht aufnehmen wollten. »Herrlich! wunderbar! ... Ein allervortrefflichstes Urteil, des größten Herrschers würdig! .. Was wäre denn der Tod, der plötzlich käme – vom Fels in den See hinabgestürzt? ... Nichts! ... Nein, langsam steigend – Stockwerk um Stockwerk – immer näher, immer drohender, verschlingender – bis an die Brust – bis in den vor Entsetzen offenen Mund ... und die Schwere des schätzebeladenen Schiffes, das sie unwiderstehlich hinunterzieht ... und der ungeheure Wirbel – prachtvoll! ... Aber festbinden muß man sie, mit starken Stricken an den Thron – –« »Gut, daß du mich daran erinnerst, Cajus. Sie werden nicht gebunden. Das Mädchen kann nicht schwimmen. Und wenn auch, sie würden nicht entfliehen. – Alles verstanden, Centurio?« »Zu Befehl, Imperator.« Doch die Unruhe der Priester hat sich zu flüsternder Bestürzung gesteigert: – Nicht vom ›Opfersprung‹ in den See gestürzt? – ist denn das ein Opfer? Wird die Göttin das annehmen? Wird sie nicht den verletzten heiligen Brauch rächen – an uns rächen? Fast von seinen Priestern vorgeschoben steht der König des Haines vor Tiberius. »Du weißt, Augustus, daß unser uralter heiliger Brauch, unsere hochheiligen Satzungen –« Ein Blick der großen schwarzen Augen trifft ihn. Sie sähen wie zwei tief in den Alabasterkopf gehöhlte Löcher aus, entzündete nicht der letzte Abendschein plötzlich funkelnde Glanzlichter in ihnen. Und die Stimme hat nichts Alabasterhaftes mehr. Sie ist stählern. Scharf wie ein Beilhieb schneidet sie jeden Widerspruch ab: – »Cäsar hat gesprochen.« Fünftes Kapitel Menas, der Galeerenführer Einsam sitzt Tiberius am Rande des Abhanges. Die Priester haben ihm einen Stuhl dort hingestellt. In diesen ist er zurückgesunken. Die vorgestreckten Hände umspannen die Ecken der breiten gebogenen Lehne, die ihn fast halbkreisförmig umschließt. Die Linke scheint das Eichenholz zerdrücken zu wollen. Das Kinn ruht auf der Brust. Die Augen sind unverwandt mitten in das Becken des Waldkessels gerichtet. Der Spiegel Dianas schimmert nur matt – als ein etwas hellerer Fleck – aus der purpurnen Tiefe hervor. Vollends vom Goldschmuck, der tagsüber auf seiner Fläche geglänzt hat, können diese spähenden Augen nichts entdecken. Das himmlische Wahrzeichen der keuschen Göttin reicht mit seinem Lichte nicht bis dort hinab; von den sich ringsum erhebenden waldigen Höhen, die der jungfräulichen Jägerin so lieb sind, wird es aufgefangen und eingesogen. Seine Strahlen, oft durch Baumwipfel getrennt und in Bündel gesammelt, schießen zur Rechten über die Schräge hinunter, als ob sie danach lechzten, sich in dem See zu kühlen. Sie kommen aber nicht so weit, sondern springen plötzlich auf das linke Ufer hinüber und baden die ganze Fülle der Laubmassen in ihrem Glanze, wenn sich nicht gerade eine Schlucht voll schwarzer Schatten hineingräbt. Von einer solchen sich abhebend, steht gespenstisch leuchtend die Schleiergestalt der Nymphe Egeria da, und ihre Stimme tönt rauschend herüber: »In die Tiefe hinab, in die Tiefe!« Und der Nymphenruf zieht hinab in die Tiefe all die Dryadenreigen, den Faunentanz, das Gewimmel von Fabelgetier dort zu seinen Füßen – alles, was bei nüchterner Tagesbeleuchtung Wurzeln und Stämme und Äste eines Olivenhaines sind und selbst dann wie ein verwunschener Wald scheint: trunken vom silbernen Zaubertrank, den die kristallene Schale dort oben überfließen läßt, scheint jetzt der ganze Bacchantenzug sich kopfüber in die Tiefe stürzen zu wollen. Zu wollen, aber nicht zu können; denn irgendein Zauber hat urplötzlich alle Bewegung gelähmt – derselbe zweifelsohne, der sie bis zum rasendsten Taumel gesteigert hat. Man glaubt, die Luft müsse noch kürzlich erfüllt gewesen sein von dem Klange der Syrinx, den Tönen der Doppelflöte, dem Schmettern der Becken und dem Klappern der Krotalen; und diese bacchische Musik sei dann plötzlich in einer alles bannenden Pause verstummt, habe sich in schweigenden Glanz verwandelt. Aber der Blick des einsamen Zuschauers verirrt sich nicht in das Wirrsal des Haines: achtlos gleitet er über das glitzernde Gewebe der Ölblätter hin; er versucht in die schattige Tiefe zu tauchen – auch er dem Nymphenruf gehorchend – als sei er selber ein Strahl, der das Gesuchte beleuchten könne. Und, in der Tat, man rühmt ja diesen großen Augen nach, daß ihre Sehkraft das Nachtdunkel zu durchdringen vermöge; als ob es der Natur ebenso schwer wie dem Menschenherzen fiele, diesem Herrscherblick ihre Geheimnisse zu verschleiern. Und gelingt ihm das Beleuchten des Gesuchten nicht? Zündet er nicht dort unten einen Funken – ja mehrere – an? Oder sind es nur Irrlichter, die sich dort so emsig hin und her bewegen? Jetzt sind es keine regsamen Lichter mehr. Eine Schnur von mattgoldenen Perlen ist ausgespannt: – das unterste, geschlossene Verdeck der Galeere ist erleuchtet. Dieser Anblick fesselt Tiberius zu sehr, als daß er die Fußtritte, die sich etwas zögernd nähern, vernommen hätte. Endlich veranlaßt ein dunkles Gefühl des Mißbehagens Tiberius, sich umzusehen. Die kräftige Gestalt des Sejanus steht ein paar Schritte rechts von ihm. »Zürne mir nicht, o Augustus« hebt dieser an, »wenn ich dich in tiefen Gedanken störe. Ich bin so dreist mich einzufinden, bevor du mich rufen ließest. Du wirst aber auch sehen, daß ich schon Vorbereitungen traf, um deine Gedanken auszuführen, die ich hoffentlich richtig erraten habe.« Tiberius blickt ihn verwundert an. Aber Sejanus hat sich – unzweifelhaft absichtlich – gegen das Mondlicht gestellt, so daß sein Gesicht in Schatten gehüllt ist und dessen Züge unleserlich bleiben, während er selber die des Herrschers vollbeleuchtet vor sich sieht. Sie drücken starkes Mißtrauen aus. »Du hättest meine geheimen Gedanken erraten?« »Urteile selbst, ob ich es habe, o Augustus! Von hier bis drüben« – er zeigt mit seinem freien linken Arm hinüber nach dem Felsgestade, wo dieses der goldenen Perlenschnur am nächsten ist: – »von hier bis drüben stehen Prätorianerposten in Rufabstand voneinander. Sprich ein Wort, und in weniger als einer Minute stößt da drüben ein Kahn vom Ufer, und wenn die anderen die angebohrte Galeere verlassen haben, entern meine Leute sie und entführen das Germanenpaar, wohin du befiehlst.« »So so! Das wären also meine geheimen Gedanken, die du so fein errietest!« Die Mondstrahlen zeigen deutlich genug die Lächellinien der geschlängelten Lippen. Der Ton der Stimme aber warnt Sejanus, daß der Grund nicht ganz sicher sei. »Wie könnt' ich, o Herr, daran zweifeln, daß du, als du dem Centurio den Befehl gabst, im Sinne hattest, diese gierigen Priester zu hintergehen und das Leben des herrlichen Mädchens – und wohl auch das des Jünglings – zu retten. Denn anscheinend wäre ja, was das Staatswohl betrifft, dem Gesetze Genüge getan, und dieser Chatte ist in der Tat ein sehr brauchbarer Soldat.« »Ein vortrefflicher Gedanke, gewiß! Und du erkennst ihn als den meinen? Meinen Befehl hast du aber nicht erwarten können, so sehr drängt es dich, mir deinen Diensteifer zu zeigen und mir eine Geliebte zuzuführen, die freilich lieber mit einem anderen sterben will, als an meinem Hofe zu leben und die höchste Stellung dort einzunehmen.« »Auf den Willen des Mädchens kommt es wenig an. Sie bleibt begehrenswert, denn ihr weißer Körper ist aus dem Stoff geknetet, den die Götter für die Wonne der Fürsten und Herrscher schufen – mehr noch: – für den Herrn der Welt, den göttlichen Augustus Tiberius! Mußten sie nicht für dich einen kostbareren Stoff wählen, als für die Könige und Satrapen? Und so griffen sie denn hinauf in den hohen Norden, das Land der Hyperboräer, wo Greifen das reinste Gold bewachen, dessen Glanz noch im Haare dieses Frauenbildes schimmert.« Tiberius lacht leise in sich hinein: – »Ei, du wirst ja ein wahrer Ovidius und übertreibst, wie die Dichter es immer tun. Denn das Chattenland ist freilich noch lange keine hyperboräische Gegend, da vielmehr Boreas in seinen Wäldern recht ungestüm haust. Ja ja, du verstehst dich auf diese Dinge und gönnst mir das Beste. Das hab' ich schon heute mittag gemerkt, als du dies holde Hyperboräerkind mit dem Rhodoswein zu mir in dein Ruhezimmer schicktest. Du warst fast übereifrig bemüht, Wünschen zuvorzukommen, die ich mir kaum selber gestand.« »Möge mir das öfters vergönnt sein! Möge es mir, als getreuem Diener meines Herrn, recht oft gelingen, dir die Hälfte des Weges zu ersparen!« »Lobenswert! Eine sehr rühmliche Gesinnung! Nur bei dieser Gelegenheit – – ja, mein guter Sejanus, hast du denn nie gehört, was Sextus Pompejus seinem Galeerenführer Menas bei einer ähnlichen Gelegenheit zur Antwort gab?« »Ich entsinne mich dessen nicht.« »Auch damals handelte es sich um eine Galeere, wenn auch keine goldene. Es war bei Misenum zur Zeit des Triumvirates. Pompejus gab meinem Vater, damals nur erst Cajus Cäsar Octavanius, und seinen beiden Mitregenten, Marcus Antonius und Lepidus, ein Gastmahl am Bord seiner Galeere. Als sie nun tafelten, nahm Menas Pompejus zur Seite und flüsterte ihm zu: ›Soll ich dich zum Herrn der Welt machen?‹ ›Wie würdest du das fertig bringen?‹ fragte Pompejus. Menas antwortete: ›Sage ein Wort, und ich lasse die Ankertaue kappen.‹ Da sprach Pompejus: ›Dies hättest du tun sollen, ohne mich erst zu befragen. Bei mir wäre das Verrat, bei dir getreuer Dienst.‹« Hätte das Mondlicht das Antlitz des Sejanus beleuchtet, so würde Tiberius gesehen haben, wie das Blut sich in die Wange, ja bis in die Schläfen ergoß. ›Sollte ich wohl gar,‹ fragt er sich, ›durch zu große Vorsicht mir die Gelegenheit haben entschlüpfen lassen, mir ein großes Verdienst zu verschaffen und vielleicht mit einem kühnen Griff das nächste Ziel meiner Wünsche, die Hand Julias, zu erlangen?‹ »Mich dünkt, o Augustus,« antwortete er etwas zögernd, »daß Pompejus seinem Flottenführer doch zu viel zumutete. Hier handelt es sich nicht einmal um Verrat, und dennoch würde ich mich nicht erkühnt haben, so eigenmächtig vorzugehen. Denn wer dürfte sich rühmen, deine innersten Gedanken zu erraten?« »Du hast den springenden Punkt nicht recht erfaßt, Sejanus. Menas hätte tun sollen, meinte sein Herr, was dieser auch nicht mit seinem geheimsten Gedanken gestreift hatte.« »Das mochte allenfalls bei einem Sextus Pompejus zu wagen sein, an dessen Gedanken nicht viel gelegen war. Bei einem Tiberius nimmermehr.« Der Herrscher nickt lächelnd: – »Da magst du recht haben. Weiß ich doch selber nicht, wie ich das aufgenommen hätte – was eben Pompejus wußte.« Sein Blick ruht auf dem See, auf der Galeere. Über der langen Schnur von mattgoldenen Perlen hat sich eine zweite gespannt, und darüber glitzert ein kurzes Muster wie von blank poliertem Gold – und verlängert sich schnell nach rechts: die Lampen einer offenen Galerie. Ja – wenn das geschähe! und noch könnte es geschehen! ›Man könnte die beiden in Nacht und Nebel nach Ostia schaffen und auf einem Schiffe nach dem Gestade der Belgier und dann den Rhenus aufwärts bis in ihr Vaterland. Niemand brauchte es zu erfahren – für die Welt wären sie mit der Galeere versunken. Sogar gute Staatskunst wäre es: ich würde ein treu ergebenes Fürstenpaar im Chattenlande haben.‹ Das wäre der Weg gewesen, wenn Sejanus gehandelt hätte – recht verschieden von dem, was sich der diensteifrige Mann gedacht hatte. Ja, wenn er gehandelt hätte! ›Aber es jetzt geschehen lassen – das kann ich nicht. Nicht in diesem Sinne hab' ich ja gesprochen. Und würde ich den beiden dadurch eine Wohltat erweisen? Die Zukunft ist unsicher, niemand kennt die Wege tückischer Götter. Der Sturm kann das Schiff an der Küste Hispanias zerschmettern – kann ihn ins Wellengrab stürzen und sie lebend hinwerfen an einem so unwirtlichen Gestade wie das der Taurischen Diana. Eine schöne Wohltat! Nein, sicher ist nur der Tod, und ein solcher Tod ist ein unvergleichliches Geschenk – unvergleichlich, denn es ist eines, das nicht das Schicksal in der Hand hält, sondern nur ich, den sie den Herrn der Welt nannte. Für diese bin ich's. Nein, da wird nicht hineingepfuscht!‹ So spricht Tiberius zu sich selbst. Und ist dies die ganze Sprache seines weitläuftigen Geistes? Erwacht nicht in dessen Hintergrunde das Echo jener geheimnisvollen Sibyllenstimme, die das Gedeihen des Cäsarenhauses von dem ungeschmälerten Fortbestehen des uralten Brauches abhängig macht, – erwacht es nicht, dies Echo, und murmelt mahnend, um seinen Entschluß zu beeinflussen? Spricht nicht auch die benachbarte Furcht mit, die beleidigte Diana könne für solchen hinterlistigen Verrat an ihrer Priesterschaft und ihrem Tempelrecht eine furchtbare Rache nehmen? Es sei denn, daß die Waldgöttin mit dem großen Pan, ihrem Herrn und Meister, gestorben wäre – aber wer weiß das? Gewiß regen sich solche Vorstellungen in den mystischen Untiefen seines Gemütes. Allein er blickt nicht da hinunter. Er will durchaus diese Handlung als eine Wohltat betrachten, so wie er sie selber – sogar mit einem Anfluge des Neides – fühlt. Denn auch der Gedanke huscht durch die Geheimnistiefe seiner Seele: ›Könnte ich mich jetzt an Bord der Galeere begeben und den beiden zugesellen! – Rufus begleitet mich gern. Das hieße in guter Gesellschaft endigen, die Welt dem Sejanus und dem Hainkönig überlassend – sie sind ihrer wert! ...‹ Und auch der düstere Gedanke kreuzt den Flug des ersteren: ›Nicht ein solches Ende haben dir die Sterne vorgeschrieben. Einsam, wie du gelebt, freundlos, von Verrätern umgeben, mußt du einst von dannen gehen. Und was würde ich denn drüben bei jenen sein? Ein ungeladener, unwillkommener Gast, ein Störer ihrer Zweisamkeit! Auch das nur ein schlechtes Hineinpfuschen in mein eigenes Werk! Oder gesetzt sogar – noch schlimmer! – daß ich ihnen willkommen wäre: daß sie glaubten, ich käme um sie zu begnadigen, und enttäuscht wären, weil ich käme, mit ihnen zu sterben! Denn die Lebensgier ist mächtig und bekommt bald die Oberhand im jungen Blut. Welche pfuscherhafte Komödie würde das sein! ... Ein ungeladener Gast! Und doch leuchtet sie drüben, meine goldene Galeere, als ob sie mich einlüde!‹ Die offene Galerie strahlt bis zum Ende in ihrem vollen Lichterglanz, als er spricht: – »Man sagt in Rom, ich sei grausam, Sejanus.« »Einige Übelgesinnte verleumden –« »Und neidisch.« »Gnädigster Herr –« »Ja, ja, ich weiß es wohl. Soll ich doch Germanicus wegen seiner geringen Erfolge in Germanien beneidet und deshalb seiner Laufbahn dort ein Ende gemacht haben. Daß mein Beweggrund das Wohl des Staates war, kann sich niemand denken. Sei's drum! Mag auch sein, daß solche Zungen nicht ganz unrecht haben. Vielleicht bin ich grausam. Möglich, daß der Neid in meiner Natur liegt oder durch meinen Lebensgang großgezogen worden ist. Aber so grausam und so neidisch bin ich nicht, daß ich jenen beiden da drüben ihr Glück nicht gönnte ... Du kannst deine Postenkette zurückziehen, Sejanus!« Der Prätorianerpräfekt beugt seinen sonst so steifen Nacken in hingebender Demut. »Wie du befiehlst, Augustus. Aber leid tut es mir, daß mir nicht das Los fiel, dir einen solchen Dienst zu leisten.« Über Tiberius' Lippen huscht ein seltsames hinterhaltiges Lächeln, das Sejanus wohl kennt und das ihn immer beunruhigt. »Deine Worte erinnern mich daran, daß ich noch in deiner Schuld wegen eines Dienstes bin, von dem du ein schmerzliches Andenken trägst. Du bist bestrebt gewesen, meine Gedanken zu lesen, meinen Wünschen zuvorzukommen. Laß mich ein Gleiches tun. Ich will dir eine Mitteilung machen, durch die sich dein geheimster Wunsch erfüllt.« »Mein Herr und Gebieter!« stammelt Sejanus und stürzt hervor, wie um sich Tiberius zu Füßen zu werfen. »Ist's möglich – deine hehre Tochter – ich darf hoffen –« Er will die Hand des Herrschers ergreifen, aber diese erhebt sich abwehrend. »Sejanus, ich warne dich. Du bist sehr hoch gestiegen, du hast viele Feinde. In das Haus Cäsars hineinzuheiraten, würde dir unversöhnliche Neider verschaffen ... Nein, das war es nicht. Rate noch einmal!« Der Präfekt beißt sich auf die Lippe. Das Blut hämmert in seiner Schläfe. Aber das Lächeln des Princeps hat etwas Hoffnungerweckendes. Er wagt es, das Wort auszusprechen. »So willst du mir die Tribunwürde – –« »Sejanus! hüte dich! Bedenke die mächtigen Feindschaften! Ich habe dich zu meinem Mitkonsul gemacht. Die tribunizische Gewalt würde dich tatsächlich zum Mitregenten machen. Ich sage nicht: schlage dir diesen Ehrgeiz aus dem Sinn, wie ich dir auch nicht die Hand Julias verweigere. Ich sage nur: dringe nicht auf etwas, was dir zum Bösen ausschlagen könnte ... Wir wollen nichts überstürzen. Dies will wohl erwogen sein ... Aber in der Tat, du rätst schlecht. Nennst du denn das geheime Wünsche, was längst Stadtgespräch Roms sein dürfte?« Sejanus' Stimme klingt kleinlaut und trotz aller Selbstbeherrschung ein wenig mürrisch, als er antwortet: »Ich muß es aufgeben, selber zu erraten, was die tiefe Weisheit des Tiberius ersonnen hat, um mich für eine Handlung zu belohnen, die durchaus keinen Lohn verdient. Welcher wohlgesinnte Bürger – und erst recht welcher Soldat – würde nicht gern sein Blut für dich vergießen?« »Auch habe ich nicht von Belohnung gesprochen. Meine Mitteilung soll nur eine erfreuliche Überraschung für dich sein. Ich gehe nicht nach Rom. Von hier aus kehre ich nach Capreä zurück.« Es ist sehr schade, daß der Schatten alle feinen Bewegungen im Gesichte des Präfekten so wirksam verhüllt. Denn – ist dies nun auch eine freudige Botschaft für ihn? Oder ist es wohl gar eine Enttäuschung? Hat er gefürchtet, durch die Anwesenheit des Herrschers in Rom an Macht einzubüßen? Oder hat er umgekehrt gehofft, ihn dort in seine Gewalt zu bekommen? .. Wie weit gehen die Pläne dieses Mannes? ... Der Hainkönig weiß offenbar etwas von den Geheimnissen des Sejanus; das war seinen Worten zu entnehmen. Ob wohl auch die anderen Priester dasselbe wissen? In dem Falle wäre das ein Grund mehr, Rufus mit nach Capreä zu nehmen. Ob erfreut oder enttäuscht, ist nicht zu ersehen. Eine solche Selbstbeherrschung ist an sich etwas Verdächtiges! »O Augustus, wie könnte es für mich erfreulich sein, zu erfahren, daß der beglückende Sonnenschein deiner Gegenwart uns verläßt?« »Der Mond kann zwar die Sonne nicht entbehren, aber er liebt ihre Gegenwart am Himmel nicht. Das ist unter Göttern so, wie viel mehr bei den Menschen! Denn zu den Göttern bist du ja noch nicht erhoben, wenn auch dein Standbild neben dem meinen am Altar unserer Freundschaft steht, wie Agrippas neben dem des Augustus ... Ja, ja, das ist menschlich, Sejanus, und ich verüble dir ein so natürliches Gefühl nicht. Hast du mir doch seinerzeit eifrig zugeredet, Rom zu verlassen und meinen Wohnsitz auf Capreä zu nehmen.« »Damals, o Herr, warst du von den Anstrengungen des Herrscheramtes sichtlich angegriffen, und ich hoffte, daß die frische Seeluft jener herrlichen Insel dir heilsam sein würde, wie sie weiland deinen göttlichen Vater, den ersten Augustus, so oft stärkte. Und so hat es sich ja, Äsculapius sei gepriesen! auch herausgestellt.« »Gewißlich! So sehr, daß ich mich schon nach ihrem balsamischen Odem zurücksehne. Es bleibt dabei. Hier trennen sich unsere Wege. Du gehst nach Rom zurück, die Ordnung in der Hauptstadt aufrecht zu erhalten. Deine Macht ist groß – mißbrauche sie nicht! Ich kehre nach meinem Felseneiland zurück, um von seinen Gipfeln aus die Provinzen zu regieren; wie ich hoffen darf, zu ihrem immer wachsenden Heil ... Mache also alles zum Aufbruch bereit.« »Es soll geschehen, Herr! Hast du noch weitere Befehle?« »Nur einen. Schicke mir Cajus her.« Sechstes Kapitel Kleopatras Perle überboten Weit braucht Sejanus nicht zu gehen, um sich dieses Auftrages zu entledigen. Er trifft in der Tat Caligula unverhofft – in fast verdächtiger Nähe ... Mit unverhohlener Freude empfängt Cajus Cäsar die Mitteilung des Tiberius. Er fürchtet sich vor Rom und liebt Capreä. Nach jenen meerbespülten Felsen kann Sejanus keine Prätorianer mit Mordanschlägen schicken. Mit hoher Genugtuung erfüllt ihn der Befehl, alle Vorbereitungen, die der so plötzlich veränderte Reiseplan nötig macht, zu überwachen und sie möglichst zu beschleunigen. Zeigt sich darin doch deutlich genug, daß der Ohm seinem Mitkonsul mißtraut. Die geheime Aufgabe, den stolzen Prätorianerpräfekten zu beaufsichtigen und sich davon zu überzeugen, daß die Trennung der Züge richtig eingeleitet werde, ja nötigenfalls seinen gefährlichen Nebenbuhler um die Gunst des Herrschers zu überlisten, das alles ist im höchsten Grade nach seinem Geschmack; umsomehr als er sich hier im Tempelbezirk einstweilen sicher fühlt, und die bald zu erwartende Rückkehr des ganz zuverlässigen Centurios Marcus und des bedeutenden kaiserlichen Gefolges ihm weitere Sicherheit gewährleistet. Sehr wenig sagt ihm hingegen der letzte Auftrag zu, sofort den alten weißbärtigen Priester, den sie Herkules nennen, und der mit dem Germanen gekämpft hat, herzuschicken. Er übernimmt den Auftrag ebenso unwillig, wie Sejanus wenige Minuten vorher den Befehl, Caligula zu rufen, vernommen hat – beide Male vorausgesehene Wirkungen, deren sichtbares Eintreten dem Herrscher eine kleine boshafte Freude bereitet. ›Was will nur der Ohm mit diesem Priester, vor dem ich ihn doch ausdrücklich gewarnt habe? Nun, der Priester bleibt ja im Heiligtume, und so hat das nicht allzuviel zu sagen. Dennoch gefällt es mir nicht.‹ Willkommen oder nicht – jedenfalls ist der Auftrag leicht ausgerichtet. Caligula will sich seinem ernsteren, verantwortungsvollen Geschäft zuwenden, als ein Blick in der Richtung des Sees seinen Fuß fesselt. Ja, er hält sogar unwillkürlich Rufus am Ärmel zurück. Denn sowenig das Äußere und das Wesen dieses alten Herkules seiner Natur zusagt, so ist es ihm doch lieb, jemand neben sich zu haben, dem er seine Erregung mitteilen kann. »Sieh dort, Priester – sieh!« Von unten bis oben erleuchtet, im vollen Lichterschmucke seiner sechs terrassenförmigen Verdecke; mit den langen Perlenschnüren der runden Fensterscheiben, mit dem glitzernden Muster von Lampen und widerstrahlenden Säulen; mit lohenden Fackeln, flammenden Altären und gluthauchenden Räucherpfannen: so schwimmt die goldene Galeere draußen, ein Märchenwunder anzusehen. Entspricht sie schon bei Tageslicht ihrem Namen, so scheint sie jetzt nicht aus gewöhnlichem Golde gebildet zu sein, sondern aus jenem, das da gehütet wird von den Klauen der Greifen im Lande der Hyperboräer. Und jener Fabelgegend entstammt ja auch der herrlichste Hort, den der schwimmende, gigantische Schatzschrein enthält, unsichtbar der Sonne und dem Monde und allen Lampen und Lichtern, verschlossen in der Brust des Paares, das drüben auf dem obersten kurzen Verdeck seines Schicksals harrt: das tiefe Geheimnis des Hyperboräischen Sangeszaubers , dessen Hüter die beiden Kinder Germaniens sind. Wird er sich noch einmal offenbaren, dieser Schatz, bevor er in die Tiefe versinkt mit allen den anderen, die mit ihm verglichen eitel Plunder sind? Ja, er wird sich offenbaren – zum letzten Mal! Die beiden werden noch singen! In der äußersten Not werden sie ihre mächtige Gottheit, deren geheimnisvolle Kraft sie durchströmt, beschwörend anrufen! Unvergleichlich schöner als je wird in der Todesangst ihre Doppelstimme, gleich der des Hyperboräischen Schwanes, des Apollinischen Vogels, ausatmend ertönen, bis sich die Fluten des heiligen Sees über dem Opfer schließen. »Hast du sie schon singen hören, Priester – die beiden Germanen? Ja? Heute um die Mittagsstunde? Freue dich! du wirst sie noch einmal hören – schöner noch, hundertfach schöner, glänzender, mit dem Goldglanz der untergehenden Sonne – noch mehr, denn die Sonne kehrt ja wieder –: mit der Glorie des Unersetzlichen! Aber freilich, was wirst du hören, was verstehen? Nur ich weiß ja, was es bedeutet! Nur ich allein werde sie begreifen, diese ungeheuerliche, diese wahrhaft göttliche Verschwendung! Was ist, gegen sie gehalten, Cleopatras Perle im Becher? Auskosten will ich sie bis zum letzten Tropfen, die qualvolle Lust, die sich im Wegwerfen des Unersetzlichen verbirgt, des einzigen Zaubers, dessen Besitz mich zum ersten Sänger der Welt gemacht hätte – größer als Orpheus, denn sein Sangeszauber war nur der thrakische – der mächtigste, den wir kannten – aber der ist nichts, nichts, sag' ich dir, mit dem germanischen verglichen!« Mit solch dämonischer Gewalt ergreift ihn diese Vorstellung, daß er den Priesterärmel loslassen muß, um sich am schlanken Stamm eines Lorbeerbaumes aufrechtzuerhalten, während ein Fallsuchtanfall seinen Körper vom Scheitel bis zur Sohle erschüttert und von seinen gischtfeuchten Lippen ein wildes Lachen losbricht. Im Ohre des ungeduldig davoneilenden Rufus hallt noch lange, böse Zukunftsahnungen erweckend, dieser entsetzliche Laut wider: – das Lachen des ausbrechenden Cäsarenwahnsinnes. Siebentes Kapitel Was die Sirenen sangen »Ja, Rufus, ich gehe von hier nach Capreä zurück.« »Nach dem, was du der Germanenjungfrau sagtest, hatte ich das schon gefürchtet.« »Weshalb gefürchtet ?« »Ich muß das um Roms willen bedauern.« »Schlecht geantwortet. Du hättest sagen müssen: ›Um meinetwillen bedaure ich's.‹ Worauf ich geantwortet hätte: ›Du gehst mit.‹ Sie wollte mir nicht folgen. Du aber mußt. Ich nehme keine Weigerung an. Auf jeden Priestereinwand erfolgt das Wort: ›Cäsar hat gesprochen.‹« Rufus neigt den Kopf. »Du bist sehr gütig, Cäsar.« »Von Güte ist keine Rede. Aber ich will etwas von dieser Reise haben. Die Wahl der Villen, die sie verschmähte, geb' ich auch dir. Es sei denn, daß du vorziehst, bei mir zu wohnen.« »Ich würde das gewißlich vorziehen.« »Gut. Mir auch lieber. Nur ein Bedenken ist da.« »Darf ich fragen, welches?« »Du darfst. Nach dem was ich heute sah und hörte, habe ich dich im Verdacht, daß du recht oft dort an eurem ›Opfersprunge‹ gestanden und den Schwindel hast auf dich wirken lassen und dich selbst gefragt, ob du nicht lieber nachgeben solltest und dich hinunterziehen lassen. Hab' ich recht?« »Du warst von je ein Herzenskenner, Herr!« »Nun – dies eben ist das Bedenken. Hier hast du dich freilich bis jetzt mannhaft der Schwindelversuchung entzogen. Aber der ›Opfersprung‹ bei meiner Lieblingsvilla auf der östlichen Spitze Capreäs ist ganz anders gefährlich – vielmal höher! Auch schaut man dort nicht in einen waldumfaßten Binnensee, sondern der Blick schweift über die grenzenlose Bläue des Meeres – nur an einer Stelle dämmert aus dem Dunst die Küste Italias hervor ... Ein paar rosige Felseninselchen sind dort vorgelagert, und einer meiner Grammatiker behauptet sogar, das seien die Inseln der Sirenen. Fast glaub' ich ihm, denn manchmal ist es, als tönten von dort drüben her sehnsuchterweckende Klänge, die einen hinausziehen wollen ins Unbegrenzte, Unendliche, Allesverschlingende. Kurz, eine sehr gefährliche Stelle. Du mußt mir in die Hand geloben, sie zu meiden.« »Keine Furcht! Ich bin ein alter Soldat. Ich verlasse meinen Imperator nicht.« »Das Wort genügt. Übrigens, am Ende sind die Sirenen verstummt; haben sich selber in den Abgrund gesungen und sind ertrunken. Denn dein Schwager hat dir wohl von seinem Erlebnis bei Palodes erzählt: daß der große Pan gestorben ist? Nun, ich denke, dem Herrn muß die Dienerschaft folgen, und vielleicht gehörten auch die Sirenen zu seinem Gefolge. Aber wer weiß, ob sie es tun? Man muß die Grammatiker fragen.« »Werden sie dir darauf besser antworten können, als damals, wie du sie fragtest, was wohl die Sirenen sangen?« »Ach, du besinnst dich noch darauf? Freilich, das konnten sie nicht beantworten. Denn sie hatten zwar alles gelesen, was über die Sirenen geschrieben worden ist, aber kein Ton des Sirenenliedes war je an ihr Ohr gedrungen.« »Und was hätten sie wohl gehört, wenn das geschehen wäre?« »Schwierig zu sagen, Rufus, schwierig zu sagen! Denn jeder hört das Lied anders, glaub' ich, und dennoch in einem gewissen Sinne dasselbe. Anders hat es Odysseus, der verschlagene Krieger, in der Stille des Meeresrauschens vernommen, anders der Argonaute Butes, ein frommer Athenepriester, der die Sirenen nur undeutlich durch mächtiges Saitenspiel hindurch zu hören bekam; denn Orpheus stand hoch im Stern des Schiffes und schlug die Leier mit Macht, um die Stimmen der Versucherinnen zu übertäuben. Dennoch aber sprang Butes vom Bord und schwamm den Singenden entgegen, und Odysseus hätte dasselbe getan, wäre er nicht an den Mast gebunden gewesen. Wenn ein Mann wie jener Galiläer – ja, dein Schwager hat dir wohl von ihm erzählt, den Pilatus hinrichten ließ?« »Gewiß. Und auch von deinem Ausspruch, den er nicht zu deuten wußte: ›Auch einer, zu dem das Lied der Sirenen gedrungen ist.‹ –« »So sagte ich. Nun, ein solcher träumt und schwärmt vom Reiche Gottes und spricht schöne und unmögliche Dinge darüber, so daß er selber und auch andere meinen, er sei Gottes Sohn; bis seine eigenen Glaubensgenossen daran Ärgernis nehmen und rufen: »Kreuzigt ihn!« Hört es ein Apelles, dann steigen, denk' ich mir, vor seinem innern Auge Bilder von so leuchtenden und zarten Farben auf, wie wir sie in der Perlmutterschale dämmern und schimmern und brennen und glühen sehen – Farben, wie sie noch nie mit Wachs vermischt und auf die Tafel gesetzt wurden. Und was wir von seiner Hände Werk kennen, ist nur ein matter Abglanz solcher Visionen. Aber selbst um diesen hervorzubringen hat er seine Seele in Sehnsucht verzehrt.« »Ich glaube, dich zu verstehen. Und wenn ein Horatius – –« »Ach, der gute Horatius! Ja, hätte der sie gehört, glaube mir, er hätte keinen Mäcenas gefunden. Keine Villa im Sabinergebirge – keinen Falerner im Keller – keine Bestellungen auf Säkularfeier-Oden seitens eines gnädigen Augustus – –« »Und wenn dieser Augustus selber – der geborene Herrscher – –« »Ja, Augustus!« »Du liebtest ihn,« bemerkt Rufus, der in dem Tone der Stimme, womit Tiberius den Namen seines Stiefvaters ausspricht, nicht nur Bitterkeit, sondern sogar ein wenig Geringschätzung zu vernehmen glaubt. »Und fand wenig Gegenliebe, wie der Germane eben so wahr wie schonungslos sagte.« »Um so mehr bedeutet es, daß du immer mit solcher Ehrfurcht zu ihm emporblicktest.« »Er war – wie du soeben sagtest – ein geborener Herrscher. Und du meinst, wenn ein solcher den Gesang der Sirenen vernimmt?« »Das eben meint' ich.« »Aber er ! O er hat sich wohl gehütet, und meine Mutter, Livia, die hat ihn noch sorgfältiger gehütet. Sie war eine fleißige Hausfrau und wußte: doppelt genäht hält besser; und so hat sie sich nicht damit begnügt, ihn an den Mast des Staatsschiffes festzubinden, sondern ihm auch noch die Ohren mit Wachs verstopft. Keinen Ton hat er gehört, und so konnte ihm manches gelingen, eigentlich alles ... Aber wie verhält sich's mit dem großen Julius? Sollte er nicht die Sirenen gehört haben, Rufus?« »Ich dächte, es sähe ihm nicht ähnlich, sich die Ohren zu verstopfen.« »Und wenn er sie gehört hat: wohl ihm, daß ihn rechtzeitig – kaum daß er sein Reich gegründet – die Dolche der Verschwörer trafen! Ich sage dir, sie waren mild und gütig, den Dolchen verglichen, die früh und spät die Eingeweide der Herrscherseele durchwühlen, die jenen Tönen gelauscht hat; in deren Tiefe sie das unendliche Traumbild des Weltreiches erweckten, eines Reiches der Gerechtigkeit, der Völkerbeglückung, eines Aufblühens der schon verblichenen Bürgertugenden unter seinem Szepter – einer Herrschaft – nicht über Sklavenseelen – nicht – –« Die Worte ersterben auf seinen murmelnden Lippen, sein Kopf sinkt vornüber in seine Hand, als ob der goldene Eichenkranz, der im Mondlichte seltsam glitzert, ihn niederdrücke. Innig ergriffen blickt Rufus auf ihn hinab. Die tiefe Tragik im Leben seines hohen Freundes hat sich in diesem Ausbruche deutlicher denn je enthüllt. Erst nach einer Weile wagt er es, das Schweigen mit leiser Stimme zu unterbrechen: – »Und doch kehrte Odysseus, der das Sirenenlied gehört hatte, zurück nach Ithaka und lebte dort im Frieden.« »Wissen wir das so sicher?« »Ich denke, Homeros gibt uns das deutlich genug zu verstehen.« »Aber er schlief bisweilen, der gute Homeros, und ist wohl am Ende des Werkes eingenickt. Nein, alter Freund, mir hat ein gelehrter Grammatiker etwas anderes erzählt, das mir weit mehr einleuchtet. Wie? Nachdem er auf dem Meere solchen Sehnsuchtstönen lauschte, hätte er dann noch ruhig zu Hause bleiben sollen, bei seiner Ehefrau, die denjenigen Freier heiraten wollte, der ihr das reichste Geschenk darbrachte, und die ihn wegen seines schlechten Mantels nicht einmal erkannte – was doch sein Hund tat –, o, da hat Homeros nicht geschlafen, als er vom Hunde Argos dichtete! Denke dir: zehn Jahre hat Odysseus der Heimat zugestrebt, und was war nun dort für ihn zu tun, nachdem er Strafgericht über die Freier gehalten und die ungetreuen Dienerinnen in einer Reihe hatte aufhängen lassen? War dies das Ende des kühnen Seeadlers, als ein Zaunkönig unter anderen auf seinem Inselchen zu sitzen und Streitigkeiten über einen gestohlenen Hammel oder einen gerückten Grenzstein zu schlichten? Nein, er lauschte jenen Klängen, die ihm im Ohr geblieben und ihn in die Weite zogen. Er stieß sein Schiff wieder in die Wellen, und mit wenig Getreuen spannte er die Segel westwärts, und noch jenseits der Säulen des Herkules lenkten sie den Kiel ins Unbekannte, Niebefahrene, immer der Bahn des Helios folgend, auf der Suche nach der Insel der Seligen. Und das weiß niemand, ob sie jenes Eiland erreichten, oder ob sie das Wellengrab verschlang, oder ob sie noch immer segeln, ewig ein ewig fliehendes Ziel verfolgend.« In der Lebhaftigkeit seiner Erzählung hat Tiberius sich gegen Rufus gewendet, der an seiner linken Seite, vom vollen Mondlichte beleuchtet, dasteht. Jetzt richtet er unwillkürlich seinen Blick westwärts, als ob er im Geiste den kühnen Seglern folgte. Draußen vollendet in diesem Augenblick die Galeere ihren Lichterschmuck. Vier schlanke, hochaufragende Dreifüße bezeichnen die Ecken des obersten, kürzesten Verdecks, das fast gänzlich vom Thron eingenommen wird. Sie tragen kupferne Räucherpfannen. Drei lodern schon; aus der vierten züngeln gerade jetzt goldige Flämmchen empor. Über den vier mächtigen Fanalen aber wölbt sich eine Wolke, die, von unten beleuchtet, wie eine rosige Kuppel den ganzen Lichterbau krönt. Sein Widerschein ergießt sich über die Seefläche. Bis hinein in das Geflecht der Äste und Stämme des Olivenhaines zu ihren Füßen, wo das Wasser vom nahen Egeriafalle in ewigem Zittern gehalten wird, flimmert und glitzert das fließende Gold. »Siehe, die beiden lenken jetzt meine goldene Galeere aus diesem stillen Ithaka-Hafen hinaus in den Ozean der Unendlichkeit. Wird er sie mit seinen Ewigkeitswellen verschlingen? Werden sie an der Insel der Seligen landen?« Rufus will etwas antworten, aber die erhobene linke Hand des Tiberius gebietet ihm Schweigen und Lauschen! In der Tat schwebt ein leise tönender Klang geisterhaft von jenem strahlenden Bilde herüber. Er schwillt an, zwei Stimmen treten aus ihm hervor – trennen sich – finden sich wieder – steigen innig vereint empor und erfüllen die ganze schweigende Runde mit ihrem jauchzenden Wohlklang. Caligula hat sich in seiner Erwartung nicht getäuscht! Es ist die wilde, herrliche Weise aus den Wäldern Germaniens, vom kundigen Schmiede, der sich Flügel schuf und sich aus dem Gefängnis emporschwang, mit seiner geliebten Schwanenjungfrau, seiner Siegesgöttin, zu lichten Höhen hinaufschwebend. Über die gefurchte Wange des alten Priesters rinnt eine Träne in die silberne Bartfülle hinab. Tief seufzt er auf: – »Germanengesang – Schwanengesang!« »Germanengesang – Sirenengesang!« ruft Tiberius. »Über solche hätte ich herrschen mögen!« Achtes Kapitel Ave Cäsar Imperator! Morituri te salutant. Aber die Galeere ist nicht das Einzige, das in prunkvollem Lichterglanz erstrahlt. Hinter ihnen und ringsum haben Tempel und Hain ein goldiges Festkleid angelegt, wie dies Heiligtum es bei solchen Gelegenheiten gewohnt ist. Denn die Verehrung des Feuers ist ein Hauptzug bei den Feierlichkeiten der Aricianischen Diana Nemorensis, die mit dem Namen Vesta ausgezeichnet wird; und gerade diese Nacht, mitten in der heißesten Jahreszeit, ist recht eigentlich diesem Dienste gewidmet. Rechts und links zwischen den Bäumen flammen Altäre, hier die schwellenden Marmorglieder einer Nymphe, dort die verzerrten Züge eines syrinxblasenden Pan aus dem Dunkel zu spukhaft bewegtem Leben hervorlockend. In einer Rosenlaube erglüht eine Vase wie eine orangefarbige Riesentulpe. Das Urnentempelchen gleicht einer architektonischen Konstellation glänzender Sterne, die in den Lorbeerhain herabgesunken ist; während gegenüber, auf der anderen Seite des heiligen Ölbaumes, in der Blende der Ala die jugendliche Marmorgestalt des göttlichen Tiberius von einer Strahlenkrone umgeben im Begriffe scheint, sich zu den Sternen zu erheben. Jedoch am prächtigsten leuchtet im Mittelpunkt des Ganzen der Dianatempel selber. Oben, an den Ecken des Giebels, wo statt der Akroterien zwei niedrige Dreifüße angebracht sind, lodern Pechpfannen, die ihre Flammen und beleuchteten Rauchsäulen kerzengerade durch die stille Luft senden – noch hoch über die ernsten Zypressenwipfel, die ringsum in ihrem Schein hervordämmern. Der Säulengang des Peristyls ist von silbernen Lampen hell erleuchtet, und durch die offenen Türen der Zelle dringt die trübere, rötlichere Glut des ewigen Feuers. Zu beiden Seiten der Stufen aber, lange Lichterflügel bildend, stehen fackeltragende Tempeldiener. Wo jedoch die Kunst des mittsommerlichen Feuerdienstes nicht hinreicht, hat die mittsommerliche Natur für die Weiterführung gesorgt: überall im Gebüsch und zwischen Bäumen schweben und weben unzählige Leuchtkäfer, gleich winzigen geflügelten Vestalämpchen, deren Millionen von Lichtpünktchen allmählich in einen sanftleuchtenden Nebel zusammenschmelzen der sich wiederum zuletzt in Mondglanz auflöst. Also begrüßt die Galeere den Hain, der Hain die Galeere. Auf den Tempelstufen sind die Priester versammelt, in ihrer Mitte der Hainkönig, der in der linken Hand den goldenen Zweig, in der rechten eine goldene, juwelbesetzte Opferschale hält. Faunartige Wesen, epheubekränzt und mit Tierfellen bekleidet, tragen Amphoren und silberne Kannen herbei. Rufus' Platz wäre offenbar dort, unter seinen Priestergenossen. Aber er fühlt sich schon vom Tempel losgelöst und bleibt an der Seite des Freundes und Herrn. Von links her erschallen feste und hurtige Schritte. Der Centurio Marcus tritt vor den Herrscher und verbeugt sich. »Deine Befehle, o Augustus, sind ausgeführt.« Tiberius neigt schweigend den Kopf. »Einen Gruß habe ich noch von den beiden auszurichten.« Wiederum neigt sich der goldbekränzte Kopf als Zeichen der Annahme. »›Tiberius‹, sagte der Germanenjüngling, ›liebt die Gladiatorenkämpfe nicht. Er ist ein Krieger und ehrt den heldenhaften Tod freier Männer auf der Walstatt. Daß Unfreie sich zur Lust des blutgierigen Pöbels abschlachten, erweckt seinen Abscheu. So ist er es nicht gewöhnt, vom Gladiatorenrufe begrüßt zu werden. Doch möge er ihn heute von uns als eine Danksagung empfahn. Wenn unsere Stimmen zu ihm hinübertönen, wolle er darin die Worte vernehmen: – ›Heil dir, Cäsar Imperator! Die da sterben sollen, grüßen dich!‹« Nochmals erglänzt im Mondscheine das goldene Eichenlaub bei der feierlichen Neigung des Kopfes. »Du kannst dich bei Cajus Cäsar melden, Centurio. Er weiß um meinen Willen.« Marcus verbeugt sich und tritt zurück. Bevor er sich aber entfernt, winkt er Rufus auf die Seite und drückt ihm etwas in die Hand: – »Dieser Schatz sollte mit den andern nicht untergehen. Du wirst ihn zu würdigen wissen.« Rufus sieht sich die Papierrolle an. Es ist das griechische Manuskript mit den Reden des Galiläers. – – Vor der Einhegung – ein paar Dutzend Schritte entfernt – steht der Hainkönig, von seinen Priestern umgeben. Er ist gerade im Begriff, den goldenen Zweig in die bis zum Rande gefüllte Opferschale zu tauchen, um mit Besprengung des Bodens das Trankopfer am heiligen Baume einzuleiten, als eine plötzliche Bewegung unter den Priestern ihn veranlaßt, sich umzuwenden. Auch Rufus und Marcus richten, von der allgemeinen Bewegung erfaßt, ihre Augen auf die Galeere hinüber. Eine Veränderung ist mit ihr vorgegangen. Die unterste Fensterreihe ist verschwunden. Von der nächsten sieht man nur die obere Hälfte – lauter Halbmonde ruhen dort auf dem Wasser. Und wieder ertönt von drüben der Zweigesang. Die innig vermählten Töne senden den Scheidegruß des Germanenpaares herüber: – Ave Cäsar Imperator! Neuntes Kapitel Das Ende der goldenen Galeere In der Ala des Tiberius hat Rufus einen ungestörten Zufluchtsort gefunden, wo es ihm der helle Schein der Lampen ermöglicht, sich mit seinem neuerworbenen Schatze bekannt zu machen. Dieser erscheint ihm als ein Vermächtnis jener beiden, die drüben dem Tode entgegensingen. Sie sind die letzten, die diese Worte gelesen haben. Und indem er sich darein vertieft, die Zeilen verschlingend, ist keinen Augenblick das Bild Siegmunds von ihm fern, jenes trutzigen Germanensprossen, der da meinte, er möchte wohl dem Gekreuzigten seine getreuen Dienste widmen, weil jener anders als die anderen Götter war. In der Tat, er ist anders! Alle seine Worte haben ein eigenes Gepräge, klingen voller, tragen ein unbekanntes Herrscherbild in ihr reines Metall geprägt – lauter neue Goldstücke, frisch von einer ewigen Münzstätte; Zinsgroschen für Gott, nicht für den Cäsar; ein Reichtum für jeden, der Schätze sammelt, die nicht von dieser Welt sind. Und während er andachtsvoll aus diesem Borne schöpft, fühlt er, wie sich immer tiefer ein großer Friede über ihn senkt – jene Galene , die »Meeresstille« des Gemütes, von der er bei den Stoikern so viel gehört, die seine leidenschaftlich bewegte Natur aber in der kalten, unerschütterlichen Ruhe jener Weltweisen nie hat finden können. Ein Hauch aus dem Reiche Gottes, das so verschieden ist von dem römischen Weltreich, dessen Vollendung er in seiner Jugend erlebte; dessen jetziger tragischer Träger sein alter und einziger Freund ist; dessen krampfhaftes Todeszucken er schaudernd ahnt, nachdem das Wahnsinnslachen Caligulas in seinem Ohr widerhallte. ›Gebet dem Cäsar was Cäsars ist, und Gott was Gottes ist.‹ ›Schöne und unmögliche Dinge‹ habe dieser Schwärmer, der den Tönen des Sirenenliedes vom Unendlichen lauschte, von einem Reiche Gottes gesprochen, sagte der Freund, selber ein Cäsar. Aber mit welch überlegener Besonnenheit trennt er hier nicht die beiden Sphären voneinander! Wie wohl kennt er die Erhabenheit der seinigen über der anderen und weiß was er zu bieten hat – Gaben, die kein Cäsar darreicht. ›Kommet zu mir alle, die ihr mühselig und beladen seid, und ich werde euch den Frieden geben.‹ – – »Ist dies nicht mir gesagt? – Denn wer war beladen wie ich? Beladen mit einer Schuldenlast, die alle dahinschleichenden Jahre nicht zu erleichtern, alle Reue und Zerknirschung nicht zu tilgen vermochten! War es, um dies zu erleben, um solche unerhörte Botschaft zu hören, daß eine innere Stimme mich davon zurückhielt, selber den Tod zu suchen, so sehr ich mich auch nach seinem kühlen Schatten sehnte? Was ich hier in Todessehnsucht jahraus, jahrein, Tag um Tag erhofft habe: Erlösung von meiner Qual – wird das mir nun vom Leben gewährt, von ihm, der da sagt: ›Ich bin das Leben‹, – von ihm, der sich für uns opferte, ›auf daß Viele leben mögen‹? ›Wer an mich glaubt, wird selig‹ – wie so zuversichtlich sagt er das! Und hier: ›Ich bin die Wahrheit ... Ich bin der Weg ... Ich bin der rechte Weinstock ... Ich bin der Baum des Lebens, der da goldig blühet mitten im Garten Gottes.‹ O, so halte ich hier in meiner Hand den echten goldenen Zweig, der ich vor vierzehn Jahren den falschen gepflückt habe, in dessen Schatten ich so lange zu meiner Verzweiflung dahinsiechte. Und von diesem laß' ich nimmermehr!« Zeit und Ort und Umgebung sind nicht für ihn da. Aber als er diese Worte laut vor sich hinspricht, bringt der Klang seiner eigenen Stimme ihn zurück zur Welt der Laute. Er vernimmt Murmeln und halberstickte Ausrufe. Eilig tritt er aus der Blende hinaus. Denn er besinnt sich auf die beiden draußen an Bord der Galeere. Von dieser leuchten nur noch die zwei obersten Verdecke. Die vier lodernden Flammenzeichen schwanken hin und her, schaukelnd, wie Masten im Seegang. Die Galeere legt sich auf die Seite, die ganze Fläche des Deckes mit seinen tausend Lampen und seinen Gebüschen von Kandelabern dem Blicke darbietend. Aus den Kupferpfannen der sich vornüber neigenden hohen Dreifüße ergießen sich Feuerströme, wie ein riesengroßes Trankopfer, in den zischenden See. Und noch einmal ertönt die Doppelstimme – der Germanengesang, der Schwanengesang. »O Heiland«, ruft Rufus, »erbarme dich ihrer Seelen um ihres Glaubens willen! Denn er wollte dir ja dienen – ihretwillen wollte er dir treu dienen!« Plötzlich hebt das Heck sich hoch in die Höhe. In einem Nu – wie mit dem Zwinkern des Auges – ist die ganze Lichterscheinung verschwunden. Unsichtbar verbirgt sich der noch soeben glänzende See im Schatten des Bergkessels. Sanft ruht das Mondlicht auf den Höhen der Halden. Totenstille ringsum. Alles scheint den Atem zu hemmen. Nur die Nymphenstimme des Egeriafalles säuselt ihr altes Lied: »In die Tiefe hinab!« Dann rauscht es durch das Dunkel steigend heran, und mit mächtigem Tosen bricht sich eine Flutwelle am steilen Felsufer ... Eine zweite, noch machtvoller anschwellend, braust das ganze Gestade entlang, sammelt sich, stürzt sich über das Gestein, schäumt auf, platscht und spritzt ... Eine dritte – sie vermischt sich mit der zurückflutenden Brandung ... Der ganze Seekessel kocht ... ... Eine Hand legt sich auf die Schulter des alten Rufus – er weiß, wer ihn berührt, noch bevor die Stimme an sein Ohr tönt: – »Komm, Rufus! Folge dem Freund ... Auf nach Capreä!«