Rudolf Lindau Liebesheiraten In meiner Jugend habe ich häufig, wenn auch niemals regelmäßig oder auf lange Zeit, ein Tagebuch geführt. – Mit den Jahren hatte sich jedoch auf diese Weise eine erhebliche Menge von Geschreibe angesammelt, das mir selbst, wenn ich darin las, ein getreues Bild meines Lebens bis etwa zu meinem zwanzigsten Jahre wiedergab – aber nur mir. Ein fremder Leser, meine nächsten Anverwandten mit inbegriffen, würde sich aus meinen Erzählungen und Beschreibungen ein falsches Bild gemacht haben, weniger von dem, was ich tatsächlich erlebt hatte, als von dem, was ich dabei empfunden zu haben vorgab. – Nach jenen Aufzeichnungen zu urteilen, hätte man mich nämlich für einen zur Schwermut geneigten jungen Mann halten müssen, während ich im Gegenteil, körperlich und geistig gesund, alle Freuden des Lebens, die ich erhaschen konnte, gedankenlos genoß und mich über die schweren Bekümmernisse der Jugend, die mir nicht erspart blieben, schnell und leicht hinwegzusetzen wußte. Ich wäre in meinem Tagebuche, wenn ich mich darin so geschildert hätte, wie ich war, als ein gutmütiger, etwas leichtsinniger junger Mann erschienen, der das Wohlwollen der Älteren verdiente und besaß; sicherlich nicht als ein schwermütiger, den Mondschein liebender Jüngling. – Weshalb ich mich als einen solchen darzustellen versuchte, kann ich nicht erklären; keinenfalls geschah es, um mich anderen gegenüber »interessant« zu machen, denn ich verwahrte mein Tagebuch als etwas ganz Geheimes, und weder Freund noch Freundin war es je gestattet, auch nur von dem kleinsten Teile seines Inhaltes Kenntnis zu nehmen. – Ich kann auch nicht sagen, daß ich mich selbst zu belügen versuchte, indem ich mir allerhand krankhafte Gefühle andichtete, denn ich wußte sehr wohl, daß ich dergleichen nie gehegt hatte – aber dieses »Dichten« hatte für mich einen geradezu unwiderstehlichen Reiz, namentlich in den Jahren von sechszehn bis neunzehn. – Dann verlor sich die Freude daran und mit ihr auch die Freude an meinem Tagebuche. – Seit meinem zwanzigsten Jahre habe ich nie wieder eine Zeile darin geschrieben, und als ich mich zehn Jahre später verlobt hatte und vor meiner Verheiratung eine gründliche Säuberung meiner Junggesellenwirtschaft vornahm, da wanderten auch mit vielen anderen Schriftstücken und Erinnerungen aus meiner Jugend all jene Tagebücher ins Feuer. Ich war gerade zu der Zeit jeglicher Empfindelei gründlich abhold, und die wenigen Seiten, die ich von jenen Aufzeichnungen damals wieder gelesen hatte, ehe ich sie den Flammen übergab, hatten mich mit einer gewissen Verstimmung gegen mich selbst, wie ich vor fünfzehn und zehn Jahren gewesen sein mußte, erfüllt. – Ich schämte mich förmlich meiner damaligen Unaufrichtigkeit mir selbst gegenüber und sagte mir, daß ich nie wieder ein Tagebuch führen würde. – Ich habe auch seit meinem zwanzigsten Jahre nicht wieder das Bedürfnis empfunden, unwahren Gefühlen, zu meinem eigenen Vergnügen, möglichst poetischen Ausdruck zu geben. Auch in meinen Briefen – Liebesbriefe selbstverständlich ausgenommen – bin ich seitdem, soviel ich mich erinnern kann, stets einfach und wahr geblieben. – Ich habe jener, wie ich übrigens glaube, keineswegs seltenen Eigentümlichkeit meiner Tagebücher nur erwähnt, um daran festzustellen, daß ich wohl imstande war, zwecklos unaufrichtig zu sein, und zwar so, daß ich bei dieser Unaufrichtigkeit doch auch wieder aufrichtig war: denn die falschen Gefühle, die ich mir andichtete, kamen ungerufen, und in dem Augenblicke wenigstens, da ich sie niederschrieb, waren sie der Ausdruck wahrer Empfindungen. Wenn ich heute in meine alte Gewohnheit, von mir selbst zu sprechen, zurückverfalle, so hat es damit eine ganz andere Bewandtnis, als mit jenen Tagebüchern. Ich gehorche nun nicht mehr einem jugendlich unklaren Mitteilungsbedürfnis: die bittere Not des Lebens hat mich verschwiegen gemacht; aber die Ereignisse der letzten zwei Jahre lassen mich nicht zur Ruhe kommen, und immer wieder tritt vor mein Gewissen die Frage, ob ich an ihnen schuldigen Teil genommen, ob ich mir unlautere Absichten, üble Taten vorzuwerfen habe. – Ich antworte darauf: »Nein! Ich bin unschuldig«; aber der Zweifel taucht trotzdem bald wieder nagend in mir auf. Ich versuche nun, diesem peinigenden Zustande ein Ende zu machen, indem ich mir die Möglichkeit schaffen will, jedesmal, wenn solch selbstquälerisches Grübeln mich überfällt, eine schriftliche Darstellung jener Ereignisse lesen zu können – eine Darstellung, von der ich weiß, daß sie gewissenhaft wahr ist, und aus der, hoffentlich zu meiner Beruhigung, hervorgehen wird, daß ich das Gute und Rechte gewollt, nichts Böses getan habe, und daß ich, ohne mein Verschulden, dahin gekommen bin, wo ich heute mutlos stehe. Ich hatte vier Geschwister: zwei Brüder und zwei Schwestern, sämtlich älter als ich. Als ich die Universität bezog, wohnte mein ältester, verheirateter Bruder Karl auf einem schönen Gute, das ihm mein Vater zur Verwaltung überlassen hatte, mein zweiter Bruder Lothar war Rittmeister in einem Garde-Kavallerie-Regiment, meine älteste Schwester Marie, die nach dem Tode meiner Mutter, welche ich in frühester Jugend verloren, meine erste Erziehung geleitet hatte und mich zärtlich liebte, war an einen höheren Verwaltungsbeamten verheiratet und lebte in der Provinz, meine zweite Schwester Elise endlich, drei Jahre älter als ich, ein bildhübsches Mädchen, kränklich, launenhaft, verzogen, stand auf dem Lande dem Hauswesen meines hochbetagten Vaters vor. Mein Verhältnis zu ihr war ein brüderlich gutes, wie wir überhaupt alle fünf in treuer verwandtschaftlicher Liebe zueinander hielten. Mein Vater war nach den Begriffen jener Zeit ein sehr reicher Gutsbesitzer und wußte nicht, was sparen, geschweige denn knausern hieß. – Es ging auf dem Lande hoch bei uns her: zahlreiche Dienerschaft, offenes Haus und offene Tafel für Verwandte und Freunde von nah und fern – Pferde, Wagen, Jagdmeuten! – Ich fand im väterlichen Schlosse alles, was mein Herz wünschen konnte, und auch in der Stadt, wo ich zuerst als Schüler in einer Pension mehrere Jahre zubrachte, dann als Student ein freies Leben führte, hatte ich mir nie Entbehrungen aufzuerlegen. Meine Forderungen um Geld, die bald, nachdem ich die Universität bezogen hatte, ziemlich häufig waren, wurden zwar nach einiger Zeit nicht mehr so zuvorkommend wie früher beantwortet, und die langen Briefe meines Vaters und meiner Schwester Elise, die ich übrigens immer nur sehr flüchtig las, enthielten häufig wenig mehr als gute Ratschläge, Vorwürfe und Ermahnungen – aber daneben auch stets den erbetenen Wechsel in gewünschter Höhe – und das war mir die Hauptsache und eigentlich das einzige, was mir aus jenen Briefen als etwas tatsächlich Angenehmes im Gedächtnis blieb. – Als ich aber einmal leichtsinnig gespielt und eine größere Summe Geldes verloren hatte, zauderte ich doch, meinem Vater ein offenes Geständnis abzulegen und schrieb an demselben Tage zugleich an meinen Vater und an meine drei ältesten Geschwister, an Marie, Karl und den Rittmeister, um mir einen sogenannten Vorschuß von ihnen zu erbitten. – Das Geld von meinem Vater und von meiner Schwester traf pünktlich ein, Karl schickte mir die Hälfte von dem, was ich verlangt hatte; Lothar aber fragte mich, ob ich bei Sinnen sei, wenn ich mir einbildete, daß ein jüngerer Garde-Kavallerie-Offizier ein Bankier sei, der Geld übrig und zum Verborgen habe. – Ich war in meinen Forderungen ehrlich gewesen: ich gebrauchte etwa 2000 Taler und hatte in einem jeden meiner vier Briefe um 500 Taler gebeten. Die unbefriedigenden Antworten meiner Brüder Karl und Lothar zwangen mich, mir irgendwo 750 Taler zu verschaffen, was mir übrigens bei dem guten Namen meines Vaters nicht schwer wurde. Bald darauf machte ich die etwas kostspielige Entdeckung, daß Geldborgen gegen Wechsel auf lange Sicht ungleich einfacher und bequemer sei, als Bittbriefe nach Hause zu schreiben, und während ich von meinem Vater dafür gelobt wurde, endlich ein etwas vernünftigeres Leben zu führen, lud ich eine Schuldenlast auf mich, die bei jeder Wechselerneuerung schwerer wurde, ohne daß sie mich jedoch empfindlich gedrückt hätte. Ich sagte mir, wenn ich an die Sache überhaupt dachte, ein gutes Examen – und das hoffte ich zu machen – würde meinen Vater versöhnlich stimmen und ihn veranlassen, meine Stellung vor meinem Eintritt in den Staatsdienst vollständig zu regeln. Daraufhin lebte ich sorgenlos in den Tag hinein und borgte rechts und links unverzagt und zu hohen Zinsen weiter. Meine Prüfung bestand ich ganz befriedigend, und als siebenundzwanzigjähriger Mann erhielt ich eine Anstellung, mit der ein kleines Gehalt verbunden war, in der ich nicht zu viel zu tun hatte und mich wohl befand. Mein Vater hatte inzwischen die Zulage, die er mir gewährte, noch erheblich erhöht, und ich würde mit dem Gelde, das nun zu meiner Verfügung stand, wohl auch sorgenlos ausgekommen sein – wenn die alten Sünden, die Schulden, nicht gewesen wären. Diese aber fingen mit der Zeit an, mich sehr zu quälen, während ich meine Absicht, meinem Vater die Lage, in der ich mich befand, offen darzulegen, noch nicht hatte ausführen können. Der alte Herr kränkelte nämlich seit einiger Zeit, und ich hatte ihn zu lieb, um ihn unter solchen Umständen mit Forderungen zu quälen, die ihn möglicherweise unangenehm aufgeregt haben würden, da er gar nicht darauf vorbereitet war. – Und dann starb mein guter Vater plötzlich. Es war mir und meinen Geschwistern noch vergönnt, als wir an dem Sterbebette standen, von ihm erkannt zu werden und von ihm Abschied nehmen zu können – aber am Abend schon waren die guten treuen Augen für immer geschlossen, und drei Tage später ruhte er auf dem alten Dorfkirchhofe neben meiner Mutter, von der ich keine Erinnerung bewahrt hatte, und die ihm vor einem Vierteljahrhundert aus diesem Leben in die Ewigkeit vorangegangen war. Die Eröffnung des Testaments verursachte im allgemeinen keine Überraschung, doch waren mein Bruder der Rittmeister, meine Schwester Marie und ich dadurch enttäuscht. Mein Vater hinterließ ein großes Vermögen, und es stellte sich heraus, daß er, trotz des Aufwandes, den er stets gemacht, nicht über seine Mittel gelebt hatte. Aber daraus zogen eigentlich mein ältester Bruder und meine Schwester Elise allein Vorteil. – Wir hatten immer gewußt, daß Karl das Majorat bekommen und der Haupterbe meines Vaters sein würde, und wir hatten das bei unserer Erziehung auch recht und billig gefunden; aber auf eine so große Vergünstigung, wie sie ihm durch das Testament zuteil wurde, hatte keiner von uns, auch Karl selbst wohl nicht, gerechnet. Eine Überraschung war es ferner, daß meine Schwester Elise mit einem doppelt so großen Anteil aus der Hinterlassenschaft bedacht worden war wie Marie, Lothar und ich. Sie war immer der erklärte Liebling meines Vaters gewesen; aber als Grund der Vergünstigung, die er ihr zuteil werden ließ, gab er nur ihren leidenden Gesundheitszustand an, wie er überhaupt in dem Testamente bemüht erschien, gewissermaßen zu entschuldigen, daß er zwei seiner Kinder so sehr vor den anderen drei ausgezeichnet hatte. Wir, die drei Geschädigten, verloren darüber kein Wort: wir waren in unbeschränkter Achtung vor unserem Vater und in zärtlicher Liebe zu ihm aufgewachsen, und keiner von uns maßte sich das Recht an, angesichts des Grabes, das sich soeben über ihm geschlossen hatte, seine letzten Willenserklärungen abfällig zu besprechen. Wir hätten uns dessen geschämt, und mich selbst kümmerte zunächst die Vorstellung mehr, daß mein Vater mich weniger geliebt zu haben schien als meine Geschwister Karl und Elise als der Gedanke, daß meine Stellung in der Welt, insofern sie von meinem Vermögen abhing, in Zukunft erheblich verringert sein würde. Aber auf lange Zeit konnte ich mich dieser Tatsache nicht verschließen. Meine Schulden, die lawinenartig angewachsen waren, hatten bei dem Tode meines Vaters die Summe von dreißigtausend Talern erreicht. – Mein Erbschaftsanteil betrug einhunderttausend Taler. Ich erhob denselben sofort, befriedigte meine sämtlichen Gläubiger und legte die siebzigtausend Taler, die mir übrig blieben, in sicheren Staatspapieren an. – Ich war bei all meinem Leichtsinn auf Kosten anderer ein guter Rechner, wenn es sich um meine Angelegenheiten handelte, und machte mir sogleich klar, daß ich, von etwaigen zukünftigen Gehaltserhöhungen, die noch in weiter Ferne lagen, Abstand genommen, fortan etwa dreitausend Taler jährlich zu verzehren haben würde. Dementsprechend richtete ich mich denn auch zunächst ein, und zwar so, daß mein Leben, nach außen hin wenigstens, dasselbe blieb, was es bis dahin gewesen war. – Ich hauste in einer bequemen Wohnung, die im besten Viertel der Stadt gelegen und mit guten Möbeln, Büchern und einigen Bildern – Geschenken meines Vaters und meiner Geschwister – vollgepfropft war; ein älteres Ehepaar, das viele Jahre im Dienste meines Vaters gestanden hatte, führte meine Wirtschaft in ordentlichster Weise, und mein Bruder, der Rittmeister, ein großer Pferdeliebhaber, guter Reiter und vorzüglicher Pferdekenner, machte sich eine Freude daraus, mir, so oft ich es verlangte, eines seiner Pferde – er besaß deren vier – zur Verfügung zu stellen. Es war mir nicht schwer geworden, dem unruhigen Leben zu entsagen, das ich seit meinem einundzwanzigsten Jahre geführt hatte. Der Anstand hatte mir geboten, mich nach dem Tode meines Vater eine Zeitlang von allen geselligen Vergnügungen fern zu halten, und mein aufrichtiger Schmerz über den Verlust, den ich erlitten, hatte mir dies leicht gemacht. – Ich wurde ein Musterbeamter, der durch seinen ernsten Fleiß die wohlwollende Aufmerksamkeit seiner Vorgesetzten auf sich zog: ich stand früh auf, ging früh zu Bett, aß allein zu Hause oder bei einem der zahlreichen Verwandten, die ich in Berlin besaß, war häufig mit meinem Bruder zusammen, dessen stets gutes Verhältnis zu mir sich dadurch noch gewissermaßen gebessert hatte, daß er in mir einen von dem verstorbenen Vater zurückgesetzten Leidensgenossen erblickte, und ich las viel, wenn auch hauptsächlich nur Romane. Dickens und Thackeray wurden meine Lieblinge, und ich schöpfte aus ihnen Verachtung für falsche Gefühlsschwelgerei, für Unwahrheit und Kleinlichkeit und anderseits Freude an Einfachheit, Aufrichtigkeit und selbstloser Hingebung für gute Menschen und gute Taten. Es war eine Zeit in meinem Leben, in der ich wohl ein, von den verschiedensten Gesichtspunkten aus, vollkommen achtungswerter Mensch war. Der Ernst in meinen Mienen und meinem ganzen Wesen, den ich zur Schau trug, war nicht erkünstelt, und ich selbst fand mich in wenigen Monaten sehr verändert im Vergleich zu dem, was ich früher gewesen war: erheblich gereift und gealtert. Eines Morgens ließ Lothar durch seinen Burschen anfragen – wie er das häufig tat – ob ich am Abend zu Hause bliebe: er würde dann zu mir kommen. Ich blieb zu Hause, und gegen neun Uhr erschien mein Bruder bei mir. Er war in seinem Regiment allgemein beliebt. Sein natürliches, einfaches, vornehmes Wesen, die Verbindlichkeit seiner Formen, seine herzgewinnende Freundlichkeit, dazu sein hübsches, kühnes, sorgloses Gesicht und sein gutes Aussehen in der koketten Uniform machten ihn zum ausgesprochenen Liebling einer jeden Gesellschaft, in der er sich bewegte. Ich kannte ihn sehr genau, und ich bemerkte, sobald er wenige Minuten bei mir gewesen war, daß er mir keinen seiner gewöhnlichen Besuche machte, sondern daß ihn etwas Besonderes zu mir führte. Er ging einige Male unruhig im Zimmer auf und ab und begann, ohne sich zu setzen, zu sprechen: »Was soll ich lange nach einer Einleitung suchen: ich habe dir etwas zu sagen und will dich um Rat fragen. – Ich beabsichtige mich zu verheiraten.« Er kam der Frage, die mir auf den Lippen schwellte, zuvor. »Mit Fräulein Natalie Ellrichs.« Nun blickte ich überrascht zu ihm auf, aber ich sagte kein Wort. Ich kannte die junge Dame, die er genannt hatte, nur ganz oberflächlich: ihre Familie gehörte nicht den Kreisen an, in denen ich lebte; aber ich hatte Fräulein Ellrichs verschiedene Male gesehen: im Theater, auf Rennplätzen und auf der Straße. Ich war ihr auch einmal, ich weiß nicht mehr bei welcher Gelegenheit, vorgestellt worden, und ich grüßte sie, wenn ich sie antraf; aber ich hatte niemals zwanzig Worte mit ihr gesprochen, und alles, was ich außer ihrem Aussehen von ihr wußte, war von Hörensagen. Fräulein Ellrichs mochte damals zwanzig oder einundzwanzig Jahre alt sein, sie war von kleiner, zierlicher Gestalt, eher hübsch als häßlich, sehr brünett und sah entschieden klug aus. Sie war die Tochter nicht gerade liebenswürdiger Eltern und galt für eine reiche Erbin. Man sagte, sie habe bereits ein halbes Dutzend oder mehr Freier abgewiesen, darunter einige sehr vornehme, weil sie nicht nur ihres Geldes wegen genommen sein wollte, und man schrieb ihr einige bissige Worte zu, bezüglich der »Käuflichkeit« ganzer Klassen des starken Geschlechts. Ihr Vater hatte sein Vermögen als Armeelieferant erworben und war mit zahlreichen Eigentümlichkeiten und Lächerlichkeiten des Emporkömmlings behaftet; – aber noch schlimmer als er, dem man eigentlich nur Ungezogenheit vorwerfen konnte, war die beschränkte Mutter mir ihren unglaublichen Ansichten von Vornehmheit. Sie wollte es den Höchstgestellten in der Gesellschaft an »Feinheit« gleichtun, und es gelang ihr auch bei ihrer hübschen Figur, ebenso gut und oft besser als viele der vornehmsten Frauen angezogen zu sein und auszusehen, auch war ihr Haus gut gehalten, und ihre »Diners« hatten einen wohlverdienten Ruf; aber ihre Unterhaltung, die in einem ebenso engen Schnürleib steckte wie sie selbst, war niederschlagend langweilig, ihre Sucht, hochgestellte Persönlichkeiten an sich zu fesseln, außerordentlich lästig, und ihre durchsichtige, zimperliche Vornehmtuerei geradezu beängstigend. Sie war im Grunde des Herzens vielleicht gar nicht unfreundlich, geschweige denn hart oder schlecht, aber das kam ebensowenig zum Vorschein wie irgend etwas, das natürlich an ihr war. Ihr ganzes Bestreben war darauf gerichtet, vornehm zu scheinen, und da sie nicht vornehm fühlte und dachte, so war alles an ihr unaufrichtig und künstlich: ihr Lächeln, wobei sie die gut gepflegten Zähne zeigte, wie ihr schwermütiger Blick beim Anhören einer Beethovenschen Symphonie, von der sie nicht mehr verstand als ein Mohikaner. – Die Leute waren in Berlin, das damals noch eine weit kleinere Stadt war, als es heute ist, allgemein bekannt. Es würde mir wohl nicht schwer geworden sein, mich bei ihnen einführen zu lassen, denn sie waren zweifelsohne sehr gastfreundlich, aber der Gedanke war mir gar nicht gekommen, nicht etwa weil mir das Haus nicht vornehm genug war, sondern weil ich so viel wie möglich dem Grundsatz getreu blieb, nur neue Bekanntschaften zu machen, die entweder angenehm oder nützlich waren. In Frau Ellrichs Gesellschaft versprach ich mir aber weder Vergnügen noch irgendwelchen Vorteil. »Mit Fräulein Natalie Ellrichs«, wiederholte Lothar, und dann setzte er sich rittlings auf einen Stuhl, der vor mir stand, stützte die Hände auf die Knie, kniff die Lippen zusammen und sah mich fragend fest an. – »Nun,« fuhr er nach einer kurzen Pause etwas ungeduldig fort, »was sagt du dazu?« »Ich bin sehr überrascht«, antwortete ich zögernd. »Unangenehm – natürlich!« »Das will ich nicht sagen. Einfach überrascht.« »Nun, dann erhole dich, bitte, möglichst schnell von deiner Überraschung, um mir sagen zu können, was du von der Sache denkst.« »Ist sie schon abgemacht?« »Nein, dann würde ich dich nicht mehr um Rat fragen; aber ziemlich weit vorgeschritten in der Tat – seit gestern abend.« »Die Sache hat zwei Seiten . . .« »Sie hat sogar viel mehr – aber darüber wollen wir nicht streiten. Voyons deine zwei Seiten.« »Fräulein Ellrichs soll sehr reich sein.« »So sagt man.« »Aber ihre Eltern . . .« »Die heirate ich nicht.« »Du heiratest in die Familie hinein; du wirst kaum umhin können, die Eltern mit in den Kauf zu nehmen.« »Das sehe ich nicht ein. Das würde ich später ganz davon abhängig machen, wie mir die Eltern gefallen würden.« »Hast du das Fräulein Ellrichs schon angedeutet?« »Bewahre! Wir sind noch nicht einmal verlobt. Wie sollten wir dazu kommen, gemeinschaftliche Zukunftspläne zu machen.« Ich wollte Zeit gewinnen, um zu überlegen. Ich empfand, nachdem ich meiner Überraschung Herr geworden war, eine tiefe seelische Verstimmung. – In unserer Familie war die Frage der Geldheiraten, so viel ich mich erinnerte, niemals erörtert worden. Wir wähnten uns alle reich genug, um Liebesheiraten machen zu können. Von diesem Gesichtspunkte aus hatten Karl eine Frau und Marie einen Mann gefunden, und beider Ehen waren glücklich. Man verachtete das Geld nicht etwa bei uns, aber man war doch sehr peinlich in der Wahl der Mittel, Geld zu erwerben. – Geld »erheiraten« stand nicht auf unserer Liste der empfehlenswerten Mittel, um reich zu werden. Mein Bruder Karl hatte in der Tat ein reiches Mädchen geheiratet – aber er war vollständig in sie verliebt gewesen, als er um sie geworben hatte, und ihre große Mitgift war in seinen und unser aller Augen nichts weiter als eine höchst willkommene Zugabe zu ihren sonstigen liebenswürdigen Eigenschaften gewesen. Karl würde um seine geliebte Ellen angehalten haben, auch wenn sie arm gewesen wäre. Ähnlich war es Marie mit ihrem Regierungspräsidenten ergangen, der schon als junger Referendar für das hübsche Kind geschwärmt hatte und von Hause aus ein sehr wohlhabender Mann war. Es fiel uns nicht schwer, da wir reich waren, oder ein jeder von uns sich reich wähnte, auf Geldheiraten etwas verächtlich herabzublicken, denn keiner von uns nahm damals wohl an, er werde jemals vor die Frage gestellt werden, ob er sich auf ein solches Unternehmen einlassen wolle oder nicht. »Willst du mir nicht zunächst erzählen,« fragte ich, um mich sammeln zu können, »wie weit du bereits gegangen bist, – wie die Sache in diesem Augenblick liegt?« »Das ist in wenigen Worten geschehen«, antwortete Lothar. »Ich kenne die Familie Ellrichs seit vielen Jahren, ich verkehre regelmäßig bei ihr seit etwa drei Monaten. Die Leute gefallen mir, wenigstens der Vater und die Tochter; auch die Mutter ist bei weitem nicht so schlimm, wie man erzählt: etwas langweilig und geziert – ja! aber herzensgut, grundehrlich – glaub' es mir. Der Vater ist eine wahre Perle, trotz der etwas rauhen Schale, in der er steckt, und seine kleinen Eitelkeiten sind nicht geeignet, die Achtung, die mir sein gerader, biederer Charakter einflößt, im geringsten zu vermindern. Natalie selbst aber ist das gescheiteste junge Mädchen, das ich überhaupt je in meinem Leben angetroffen habe. Ich kann mich stundenlang mit ihr unterhalten wie mit einem gebildeten, klugen Mann, und ich wünsche mir nie bessere Gesellschaft als die ihrige. Außerdem ist sie jung und hübsch, und ich glaube, sie hat mich ganz gern – obgleich ich mich darin irren kann, da sie viel zu wohlerzogen ist, als daß sie ihre etwaige Zuneigung zu einem Mann vorzeitig zu erkennen geben würde. Sie soll auch reich sein – sehr reich sogar – schön! Aber ich frage dich und jeden vernünftigen Menschen, ist das ein Grund, weshalb ich für ihre guten und liebenswürdigen Eigenschaften blind sein sollte? – Was in aller Welt ist gegen sie einzuwenden? Kannst du ihr gerechterweise einen Vorwurf daraus machen, daß ihr Vater nicht als reicher Mann geboren ist, sondern sein Vermögen durch Klugheit, Energie und ehrliche Arbeit erworben hat? Nicht der kleinste Makel haftet an dem Vermögen. Der alte Ellrichs erfreut sich des allerbesten Rufes in kaufmännischen Kreisen. Niemals habe ich gehört, und du wirst auch nie gehört haben, daß seine Ehrenhaftigkeit angezweifelt worden wäre. – Was kannst du gegen meine Wahl sagen? Ich frage dich!« »Ich finde gar nichts dagegen zu sagen,« antwortete ich kleinlaut, »wenn du die Sache so darstellst, aber . . .« »Nun, was aber . . .?« »Du darfst mir nicht böse werden, wenn ich dir aufrichtig meine Meinung sage.« »Um diese zu hören, bin ich zu dir gekommen. Also vorwärts! Bitte.« »Jedermann wird annehmen, daß Fräulein Ellrichs' Reichtum allein dich bei deiner Wahl beeinflußt hat – in andern Worten, daß du einfach eine Geldheirat machst.« »›Jedermann' ist ein boshaftes anonymes Wesen und mag annehmen, was er will. Schließlich würde es mir vielleicht genügen, wenn meine Handlungen nur meine eigene Billigung fänden; – aber ich gestehe, daß es mich freuen würde, auch deine und Mariens Zustimmung zu meinem Vorhaben zu erwerben. Also sprich mir nicht von ›Jedermann‹; sage mir einfach: was hast du gegen meine etwaige Vermählung mit Fräulein Ellrichs einzuwenden?« »Hast du sie wirklich lieb?« »Ich habe dir bereits gesagt, daß sie mir sehr gefällt.« »Würdest du um Fräulein Ellrichs anhalten, auch wenn sie arm wäre?« fragte ich zögernd. »Um ein armes Mädchen könnte ich mich in meiner Stellung überhaupt nicht bewerben. Das weiß keiner besser, als du es wissen kannst. Ich verstehe deshalb auch nicht, weshalb du die Frage an mich richtest. Die Sache ist ganz einfach: ich habe die Wahl, ob ich mich verheiraten oder ledig bleiben will. Ich möchte mich lieber verheiraten als ledig bleiben. Schön! In dem Falle habe ich aber nicht die Wahl zwischen armen und reichen Mädchen, sondern ich bin durch die Umstände darauf angewiesen, meine zukünftige Frau unter den reichen und wohlhabenden zu suchen. Von diesem aber kenne ich keine, die mir auch nur annähernd so gut gefiele wie Fräulein Ellrichs. Ergo : wähle ich Fräulein Ellrichs. – Was hast du dagegen zu sagen?« »Ich – gar nichts«, antwortete ich kleinlaut. »Aber die Sache gefällt dir nicht – du mißbilligst meine Handlungsweise?« »Ich kann dir wirklich nicht sogleich Bescheid geben«, antwortete ich entschiedener. »Es handelt sich um dein Lebensglück. Ich habe dich zu lieb, als daß ich da zu einer Frage, die du an mich richtest, leichtfertig ›ja‹ oder ›nein‹ sagen könnte. Ich werde auch über die Sache nicht ruhig nachdenken können, als bis ich allein bin. Ich bezweifle, daß meine Ansicht für dich maßgebend sein wird; aber wenn du sie hören willst, so mußt du schon bis morgen warten.« – Ich suchte nach Einwänden, um einem zu schnellen Entschlusse von ihm vorzubeugen. »Hast du dir überlegt, was aus deiner Laufbahn werden wird, wenn du Fräulein Ellrichs heiratest?« fragte ich. »Ja, so oberflächlich.« »Wirst du im Dienst bleiben?« »Ich denke doch.« »Glaubst du, daß man dich in deinem Regiment, in Berlin lassen wird?« »Das weiß ich nicht. Offen gesagt: ich bezweifle es beinah.« »Hast du Fräulein Ellrichs das gesagt oder angedeutet?« Lothar zuckte ungeduldig die Achseln: »Du hast augenscheinlich eine ganz falsche Ansicht von dem Verhältnis, in dem ich augenblicklich noch zu der jungen Dame stehe. Wie sollte ich bis jetzt dazu gekommen sein, gemeinschaftliche Zukunftspläne mit ihr zu machen? Es wäre übrigens eine ganz neue Art, sich um die Hand eines jungen Mädchens zu bewerben, wenn man ihre Entscheidung dadurch beeinflussen wollte, daß man ihr in beliebig schönen Worten sagte: ›Sie wissen, ma chère , daß ich mir meine Karriere verderbe, wenn ich Sie heirate, denn ich werde sodann wahrscheinlich nach Gumbinnen oder Stallupönen versetzt und dadurch gezwungen werden, meinen Abschied zu nehmen.‹ – Nein, lieber Hermann: was nach meiner etwaigen Vermählung mit Fräulein Ellrichs aus mir wird, muß ich späterer Sorge überlassen. Ich würde auch dann natürlich gern Soldat bleiben, aber wenn mir der Dienst durch unfreundliche Behandlung verleidet und ich dazu gedrängt würde, meinen Abschied zu nehmen, so würde ich mich nicht ungebührlich lange nötigen lassen – und es würde mir nicht das Herz brechen, aus der Armee auszutreten.« »Und was würdest du dann tun?« »Das weiß ich noch nicht.« Ich suchte nach neuen Vorwänden, ihn auf dem Wege, den er beschritten hatte, aufzuhalten: »Glaubst du nicht, daß du zunächst auch mit Karl sprechen solltest? Er ist jetzt das Haupt der Familie.« Da schoß ihm das Blut in das hübsche Gesicht, und seine Augen blitzten zornig. »Du irrst dich«, sagte er leise, und ich bemerkte, daß er eine große Anstrengung machte, um seine Heftigkeit nicht zum Ausbruche kommen zu lassen. – »Du irrst dich, wenn du glaubst, ich hielte mich für verpflichtet , mit irgend jemand über den Schritt zu beraten, den ich vorhabe. Ich bin zu dir gekommen, weil wir beide immer zusammengehalten haben, und weil es mich schmerzen würde, wenn meine Verheiratung mit Fräulein Ellrichs uns einander – wenn auch nur oberflächlich – entfremden sollte, auch mit Karl und meinen anderen Geschwistern lebe ich natürlich lieber in Frieden, als daß ich mich mit ihnen entzweie; aber niemand hat das Recht, darüber zu bestimmen, was ich tun und lassen soll. Ich habe mir die Sache auch von diesem Gesichtspunkte aus reiflich überlegt und bin zu der Überzeugung gelangt, daß es am besten sein wird, Karl mit der Mitteilung einer vollzogenen Tatsache gegenüberzutreten. Damit gehe ich Erörterungen aus dem Wege, die ganz unnützerweise eine Verstimmung zwischen ihm und mir herbeiführen könnten. Denn ich bin fest entschlossen, mich in der Frage meiner Verheiratung nicht von Karl beeinflussen, geschweige denn leiten zu lassen. Ich werde ihm seinerzeit meine Verlobung anzeigen. Gefällt ihm meine Braut, so wird mir das eine große Freude sein, und was in meiner Macht steht, sie ihm gefällig zu machen, soll gern geschehen. Will er sich aber nicht überzeugen lassen, mißbilligt er die Wahl, die ich getroffen habe, und zeigt er mir dies, so gräbt er damit einen Graben zwischen uns – und dann wird es auch ihm obliegen, wenn er nicht vorzieht, daß wir getrennt bleiben, später einmal die Brücke zu bauen, auf der wir uns wieder vereinigen könnten.« Ich saß stumm da. »Nun, und du?« fragte Lothar. Er war aufgestanden, als erwarte er nur eine Antwort, um ihr zu entnehmen, ob wir weiter im Leben nebeneinander hergehen oder uns trennen würden, und als sei er auf beides vorbereitet und werde sich in das eine wie in das andere zu finden wissen. Da faßte ich den Entschluß, ihm ein Geheimnis anzuvertrauen, das seit einigen Wochen all meine Gedanken beschäftige. Wenn es Lothar auch nicht zur Umkehr brachte, so machte es ihn vielleicht doch nachdenklich und bewahrte ihn vor einem übereilten Schritte. Ich hatte, wie ich bereits gesagt habe, während der stillen Zeit nach dem Tode meines Vaters vielfach bei einigen nahen Anverwandten verkehrt, die den Winter in Berlin zuzubringen pflegten. Bei einer alten verwitweten Tante, der Generalin von Nortorf, war ich mit Frau von Wehrenberg und deren Tochter Johanna zusammengetroffen, die ich beide seit meiner Kindheit kannte, aber seit vielen Jahren aus den Augen verloren hatte. Johanna erschien mir als das schönste und edelste Mädchen, das ich je in meinem Leben angetroffen hatte, und nachdem ich einige Male mit ihr gesprochen, versank ich mehr und mehr in Liebe zu ihr und sagte mir alsbald, daß es für mich kein größeres und kein anderes Glück mehr geben könne, als mit Johanna vereint durchs Leben zu gehen. Mein stummes, ehrerbietiges Wesen konnte dem schönen, klugen Mädchen nicht unbemerkt bleiben, und mit glücklichem Zusammenschauern glaubte ich an manchen kleinen Anzeichen zu erkennen, daß sie mich nicht zurückwies. Ich wartete, seit einigen Tagen bereits, nur auf eine Gelegenheit, ihr meine Liebe zu gestehen und sie um ihren Bescheid zu bitten. Der Gedanke, mich zunächst mit der Mutter zu verständigen, kam mir nicht. Ich erwartete mein Glück von Johanna und wollte es nur aus ihren Händen empfangen, es ihr allein schulden. Johanna war ganz arm. Das wußte ich genau; aber der Umstand kam bei mir nicht in Betracht. Ich fühlte den stolzen Mut der Jugend in mir, Johanna glücklich zu machen, auch wenn wir beide arm gewesen wären, was jedoch keineswegs der Fall war. Ich besaß dreitausend Taler Einkommen. Das war nicht viel, wenn ich ein ausschweifendes Leben führen wollte, wie ich es in meiner Jugend getan hatte – aber für Johanna, die mit ihrer Mutter kaum den dritten Teil von dem ausgeben konnte, was ich besaß, wäre das Leben, das ich ihr bieten konnte, beinahe ein reiches gewesen. »Setz' dich noch einen Augenblick nieder«, sagte ich zu Lothar. »Ich habe dir etwas über mich zu sagen.« Lothar setzte sich mürrisch, strich sich den langen Schnurrbart und sah mich ungeduldig an. Er erwartete augenscheinlich, daß ich ihm noch mit neuen Einwänden kommen würde, und war wohl im voraus fest entschlossen, denselben kein Gehör mehr zu leihen. Aber sobald ich angefangen hatte zu sprechen, veränderte sich sein Gesicht und nahm den unverkennbaren Ausdruck regster Teilnahme an. »Ich will mich nämlich ebenfalls verheiraten.« »Du?« »Ja, ich selbst. Was ist dabei zu erstaunen?« »Und mit wem, mein alter Hermann?« »Mit Johanna von Wehrenberg – wenn sie mich haben will. Denn gefragt habe ich sie noch nicht.« »Johanna? Die schöne, blonde Johanna? Du scherzst.« »Ich spreche in vollstem Ernste.« »Und wie weit bist du vorgegangen? Hast du deine Liebe bereits gestanden, bist du erhört worden, was sagte die Frau Mama dazu?« Ich teilte meinem Bruder in kurzen Worten die Sachlage mit und kam dann zugleich zu dem Punkte, der mich veranlaßt hatte, überhaupt von meinen Beziehungen zu Fräulein von Wehrenberg zu sprechen. »Du weißt ohne Zweifel, daß Fräulein von Wehrenberg kein Vermögen besitzt.« »Ich habe so etwas gehört.« »Nun, lieber Lothar, du hast mich um meine Meinung gefragt, ob du ein reiches Mädchen heiraten solltest; ich möchte jetzt hören, was du dazu zu sagen hast, daß ich mich mit der Absicht trage, ein armes Mädchen zu freien.« »Ja, lieber Freund – das ist Geschmacksache; dazu kann ich gar nichts sagen. Wenn › une chaumière et son coeur ‹ dir genügen, so sage ich: ›Heirate die schöne Johanna!‹ Meinen Segen dazu hast du; aber ich möchte dir doch raten, zunächst recht vernünftig zu prüfen, ob das, was du mit einem armen Mädchen besitzen würdest, auch genügen dürfte, um euch beide und was noch an Kindern hinzukommen könnte, glücklich zu machen. – Ich bin meiner Sache ganz sicher, daß ich, mit der geliebtesten und besten Frau der Welt und dreitausend Talern Einkommen, in einem Jahre unglücklich sein und meine Frau unglücklich machen würde. Du brauchst mir nicht zu beweisen, daß das höchst ungerecht ist – das sehe ich selbst ein – aber ein bißchen soll der Mensch doch mit Tatsachen und gegebenen Faktoren rechnen, und es ist nun einmal eine nicht fortzudisputierende Tatsache, daß ich, wie ich mich ziemlich genau kenne, absolut nicht in der Lage sein würde, die Kosten eines Hausstandes, in dem ich mich glücklich fühlen könnte, auch nur annähernd mit jener Summe zu bestreiten. Ich würde Schulden machen, meine Frau quälen und sie mich – und unser Liebesglück würde in kurzer Frist eines elenden Todes sterben. Da verzichte ich lieber ganz darauf . . . Du scheinst in bezug auf dich zu einem anderen Ergebnis gelangt zu sein. Du siehst dich augenscheinlich schon als würdigen pater familias in einer Wohnung, die vollkommen sein würde, wenn nicht ein Zimmer daran fehlte, mit der still waltenden, züchtigen Hausfrau zur Seite, blühenden Kindern an deinen Knien, und achtest der Geldsorgen, die kommen müssen, gering im Vergleich zu dem Glück, das du deinen Kindern und der Mutter deiner Kinder verdankst. – Wenn du dich dabei nur nicht verrechnetest, lieber Freund! Ich sehe den Tag kommen, wo du, angesichts der Sorgen, wie die Miete und die Schneiderrechnung für die Frau und das Schulgeld für die Kinder und Gott weiß, was noch für Ausgaben bezahlt werden sollen, mit Wehmut und Reue an die sorgenfreien, schönen Junggesellentage zurückdenken wirst. Jetzt magst du auch Sorgen haben – aber doch nur für dich selbst. Das ist nicht schlimm. Aber als Ehegatte und Vater werden dich die Sorgen um drei, vier, ein halbes Dutzend und vielleicht noch mehr quälen. Geldsorgen sind abscheuliche Sorgen! – Und wie glaubst du, daß Johanna solche Sorgen tragen würde, wenn sie mit dir teilen wollte? – Hm! . . . Ich mache mir in diesem Augenblick, wenn ich mir das stille, schöne Mädchen als sorgenvolle Hausfrau vorzustellen versuche, Gedanken über das Los ihres glücklichen Herrn und Gemahls, die für diesen nicht ganz beruhigend sind. Ich will der Auserwählten deines Herzens nicht zu nahe treten – aber ich glaube, sie könnte unter Umständen recht unbequem werden.« Es wurde mir nicht schwer, Lothar die Hohlheit seiner Beweisführung nachzuweisen. Mit dreitausend Talern ließ sich eben gut und sorgenfrei leben. Mein Bruder schüttelte mit überlegenem Lächeln das Haupt: er wollte sich einfach nicht überzeugen lassen. Ich gab die Erörterungen bald auf, um, meine ersten Gedanken wieder aufnehmend, zu sagen: »Du siehst, daß ich in bezug auf die Wahl der zukünftigen Frau andere Ansichten habe als du. Ich verspreche dir, alles was du mir gesagt hast, reiflich zu erwägen und keinen übereilten Schritt zu tun; da darf ich dich dann aber auch bitten, noch einmal über die wahrscheinlichen Folgen deiner etwaigen Vermählung mit Fräulein Ellrichs nachzudenken. Ich räume bereitwilligst ein, daß sie eine hübsche, kluge, ehrenwerte junge Dame ist, und ich füge hinzu, ohne damit den leisesten Spott zu verbinden, daß ihre Mitgift groß genug sein dürfte, um dein zukünftiges Leben von allen Geldsorgen frei zu machen; aber erwäge, ob das genügen wird, um alles zu ersetzen, dem du zu entsagen hättest, wenn du Fräulein Ellrichs zu deiner Frau machtest.« »Da sind wir also genau wieder so weit wie vor einer halben Stunde«, sagte Lothar, ein Gähnen unterdrückend. »Unser Programm für morgen lautet: ›Selbstprüfung und Überlegung‹ – hoch moralisch! Ich gedenke mit meinem Pensum gegen drei Viertel acht Uhr abends fertig zu sein. Dann werde ich wieder zu dir kommen, und wir könnten weiter beraten. Einstweilen: Gute Nacht! Ich bin nicht so wie du an geistige Arbeit gewöhnt, und unsere philosophische Unterhaltung hat mich müde gemacht. – Also auf morgen!« Als er gegangen war, versank ich in Nachdenken. Nur mit Entrüstung konnte ich mir seine Absicht, eine Geldheirat zu machen, und die leichtfertige Weise, in der er dies zu rechtfertigen versucht hatte, vergegenwärtigen. – Wie hatte ich mich so in Lothar täuschen können? War es möglich, daß er, der in meinem Geiste ein Vorbild edler, großherziger Ritterlichkeit gewesen war, sich zu einer Verbindung hinabwürdigen konnte, der in unverkennbarer Weise der Stempel einer Geldheirat aufgedrückt war? Alles, was er zur Erklärung, zur Verteidigung des von ihm beabsichtigten Schrittes gesagt hatte, war gänzlich wertlos in meinen Augen. Er bewarb sich um Fräulein Ellrichs keineswegs, weil sie jung, hübsch, klug, sondern einfach weil sie reich war; – und dabei schloß er die Augen über den schrecklichen Vater und die lächerliche Mutter. Um den Preis jenes Reichtums war er bereit, mit seiner ganzen Vergangenheit, seiner Laufbahn, seinen Kameraden, Bekannten, Freunden und Verwandten zu brechen! Man hat mir niemals nachsagen können, daß ich ein in Standesvorurteilen befangener Mann wäre. Jedes ordentliche, anständig erzogene Mädchen, ob reich oder arm, wäre mir als Schwägerin willkommen gewesen, wenn ich mir hätte sagen können, mein Bruder habe um sie geworben, weil er sie geliebt; aber es war unmöglich, daß Lothar Fräulein Ellrichs liebte. Er würde sich nie um sie gekümmert haben, wenn sie nicht reich gewesen wäre: ihr Geld allein war es, wonach er trachtete, und sie selbst nahm er als eine unvermeidliche Zugabe mit in den Kauf. Das fand ich schändlich – und je mehr ich darüber nachdachte, je erbärmlicher erschien es mir. Er verkaufte sich – im wahren Sinne des Wortes verkaufte er sich, Leib und Seele, an ein Mädchen, das reich genug war, um den Preis zu zahlen, zu dem er sich eingeschätzt hatte und feilbot. – Schändlich! Dann kehrten meine Gedanken zu Johanna zurück. – Es war meinem Bruder nicht gelungen, mich zu beunruhigen. Er war, wie ich ihn jetzt zu erkennen glaubte, gar nicht fähig, sich über eine würdige Ehe überhaupt eine Ansicht zu bilden. Er ahnte nicht, wie teuer ein geliebtes Mädchen einem Manne sein kann, wie gering dieser jedes Opfer anschlägt, das er sich auferlegen muß, um sie zur Seinen zu machen. »Eine Hütte und ihr Herz« hatte er spöttelnd gesagt. Ja, ihre Liebe allein würde genügen, mich glücklich zu machen! – Aber wie konnte Lothar das ahnen, er, der sich kühl überlegt hatte, ob Natalie Ellrichs auch wohl reich genug sei, um sein Werben um ihre Hand zu rechtfertigen. Ich brauchte mir nicht bis zum nächsten Abend zu überlegen, was ich zu tun habe. Meine Unterredung mit Lothar, seine kleinlichen Einwände hatten mich in meinem Vorsatz nur bestärkt. Morgen noch, wenn ich Johanna nur einige Minuten allein sprechen könnte, jedenfalls bei der ersten Gelegenheit – und die würde sich bald finden – wollte ich Johanna meine Liebe gestehen. Am nächsten Tage erhielt ich im Laufe des Nachmittags ein kurzes Schreiben meines Bruders, das etwa folgendermaßen lautete: »Die Sache hat sich schneller erledigt, als ich gestern glaubte. Ich habe mich soeben mit Fräulein Ellrichs verlobt. Du bist der erste, dem ich dies mitteile. Ich bezweifle, daß ich heute oder morgen Zeit finden werde, den anderen ausführlich zu schreiben. Du würdest mir einen Gefallen tun, wenn Du es übernehmen wolltest. Aber dann müßtest Du es noch heute tun, denn Karl könnte sich verletzt fühlen, wenn er meine Verlobung auf andere Weise als durch ein Mitglied der Familie erführe. Bist du selbst zu sehr in Anspruch genommen, um die drei Briefe schreiben zu können, so laß es mich wissen, und ich muß dann schon Zeit finden, die Sache selbst zu erledigen.« Ich hatte seit gestern kaum noch gehofft, daß es anders kommen würde, als es nun gekommen war, doch wurde meine Verstimmung gegen Lothar, angesichts der nunmehr vollzogenen Tatsache seiner Verlobung mit Fräulein Ellrichs, noch verstärkt; aber es war unnütz, dies jetzt noch zu zeigen, da das Geschehene dadurch nicht ungeschehen gemacht worden wäre, und so teilte ich Lothar mit, ich wünschte ihm herzlich Glück, und ich übernähme es, an Karl, Marie und Elise zu schreiben. Die Nachricht würde alle drei unangenehm überraschen, das nahm ich an. Als ich nachdenklich darüber von meinem Ministerium nach Hause ging, führte mich mein Weg an der Wohnung von Frau von Wehrenberg vorüber. Es war fünf Uhr: eine passende Stunde, wie ich wußte, um dort einen Besuch zu machen. Frau von Wehrenberg war ausgegangen, aber die Tochter fand ich zu Hause, und sie empfing mich. Das war auch früher schon bei ähnlichen Gelegenheiten geschehen, und Johanna begrüßte mich freundlich, ohne jede Befangenheit. Ich aber war so glücklich, sie allein anzutreffen, und zugleich so verlegen, wie ich von diesem günstigen Zufall Gebrauch machen sollte, daß ich zunächst vergeblich nach Worten suchte, um die Unterredung überhaupt zu beginnen. Johanna bemerkte dies sogleich: das nahm auch ihr die gewöhnliche Unbefangenheit, und so saßen wir uns einige Augenblicke stumm gegenüber. Ich blickte auf. Johanna saß mit niedergeschlagenen Augen vor mir; aber als fühlte sie, daß ich sie ansähe, hob ich jetzt die Lider, und unsere Blicke begegneten sich. – Oh, der Blick eines geliebten und liebenden Mädchens! Sanft, um Hilfe flehend, hingebend, und so zart und schüchtern und mädchenhaft ruhte er auf mir! Ich kann nicht beschreiben, was in nur vorging; aber plötzlich hatte ich Worte für das gefunden, was mich so tief bewegte. Und als ich zitternd die Rechte nach ihr ausstreckte, da reichte sie mir zögernd und doch wieder vertrauensvoll die schmale, weiße, kühle Hand, und ich wußte, daß mein Flehen erhört war, daß Johanna mir erlaubte, sie zu lieben, daß sie mich wieder liebte. Sie hatte noch kein Wort gesprochen; nun sagte sie leise, kaum hörbar: »Ich könnte meine Mutter nicht jetzt sogleich in Ihrer Gegenwart sehen. Ich werde heute abend mit ihr sprechen. Dann sollen Sie von mir hören.« Ich gehorchte dem Winke zu gehen, den sie mir damit gab. Ich erhob mich und reichte ihr die Hand, und als sie mir die ihrige gab, zog ich das geliebte Mädchen widerstandslos an meine Brust und küßte sie auf Stirn und Wange und küßte das weiche, seidene, helle Haar. Sie duldete es gesenkten Hauptes eine kurze Sekunde, dann trat sie schnell zurück und verließ das Gemach. Ich aber eilte, Jubel und Freude im Herzen, nach Hause. Dort erst fiel mir wieder ein, daß ich Lothar versprochen hatte, unseren Geschwistern seine Verlobung anzuzeigen. Das ernüchterte mich etwas, doch war es mir unmöglich, mich so eingehend mit der Angelegenheit zu beschäftigen, wie ich es unter anderen Umständen getan haben würde. Mein Brief an meine Schwester Marie war kurz. Ich beschränkte mich darauf, darin zu sagen, Lothar habe mir aufgetragen, ihr seine Verlobung mit Fräulein Natalie Ellrichs mitzuteilen, von dieser wisse ich im Augenblicke nicht mehr zu berichten, als daß sie jung und leidlich hübsch sei und für klug und für eine reiche Erbin gelte, sie sei das einzige Kind eines Rentiers, der sein Vermögen durch Armeelieferungen und Häuserspekulationen erworben habe und gegen oder für den ich nichts zu sagen wisse, da ich niemals ein Wort mit ihm gewechselt hätte, ich würde die Familie nun aber natürlich kennen lernen, und dann solle Marie Ausführlicheres von mir hören. In einer Nachschrift fragte ich, ob meine Schwester sich der Frau von Wehrenberg und deren Tochter Johanna erinnere, und was sie von beiden denke. An Karl schrieb ich etwas länger, aber der Inhalt meines Briefes war so ungefähr derselbe wie der des Schreibens an Marie; nur daß ich dem Briefe an meinen Bruder hinzufügte, er möchte, falls er die Verlobung Lothars mit Fräulein Ellrichs mißbillige, dies lieber nicht äußern: an der Sache selbst sei nun doch nichts mehr zu ändern, und sein Widerspruch dagegen würde nur zu einer Entzweiung mit Lothar führen. Das würde Karl aber doch sicherlich vermeiden wollen. Ich riete ihm, vorläufig Lothar einfach Glück zu wünschen und abzuwarten, wie ihm die neue Schwägerin gefiele, und danach zu bestimmen, welcher Art seine Beziehungen zu ihr werden sollten. – An Elise schrieb ich nicht besonders. Sie hatte ihre alte Wohnung im Schloß behalten, das Karl seit dem Tode des Vaters bezogen, und so konnte ich meinem Bruder auftragen, seiner Frau und unserer Schwester Elise die Verlobung Lothars mitzuteilen. Sobald ich die lästige Pflicht erfüllt, die meine Gedanken auf kurze Zeit von Johanna abgezogen hatte, ging all mein Denken wieder zu der Geliebten zurück, die mich so unbeschreiblich glücklich machen würde, und deren Glück fortan mein ganzes Leben geweiht sein sollte. Am nächsten Morgen wachte ich ungewöhnlich früh auf. Ich rief Franz, den alten Diener, und fragte, ob Briefe für mich angekommen seien. Nein! Nur die Zeitungen waren da. Was kümmerten mich Zeitungen? Zur gewöhnlichen Stunde begab ich mich nach meinem Büro. Ich war beunruhigt, noch keine Nachricht von Frau von Wehrenberg erhalten zu haben, aber ich sagte mir, daß die Mutter am vergangenen Abend eine ausführliche Unterredung mit Johanna gehabt und wohl noch keine Zeit gefunden haben würde, mir zu schreiben. Im Laufe des Nachmittags wurde mir der ungeduldig erwartete Brief endlich übergeben. Er enthielt nur wenige Zeilen. Frau von Wehrenberg bat mich, sie im Laufe des Abends zu einer bestimmten Stunde besuchen zu wollen. Ich las das kurze Schriftstück mehrere Male durch und erwägte jedes Wort, das darin stand. Der Brief enthielt nichts Unfreundliches: die Form, die Frau von Wehrenberg gewählt hatte, war nur tadellos höflich und entsprach der bei ähnlichen Mitteilungen gebräuchlichen. Doch verstimmte und beunruhigte mich der Brief. Ich sagte mir, daß wenn Frau von Wehrenberg meinem Vorhaben geneigt gewesen wäre, sie wohl einen herzlicheren Ton gefunden haben würde, um mich zu dem Besuche zu laden, der über mein Lebensglück entscheiden sollte. Als ich vor einigen Monaten, bald nach dem Tode meines Vaters, die alte Bekanntschaft mit Frau von Wehrenberg wieder erneuert hatte, da war sie meinen Annäherungsversuchen mit großer Herzlichkeit entgegengekommen, so daß ich mich bald zu den wenig zahlreichen Freunden ihres Hauses hatte zählen dürfen. Manch köstlichen Abend hatte ich dort allein mit der Mutter und Tochter verlebt, und oftmals war mir damals Gelegenheit geboten worden, mich ungestört mit Johanna unterhalten zu können. Seit einigen Wochen hatte sich das geändert; aber eigentümlicherweise war es mir nicht besonders aufgefallen. Jetzt dachte ich mit Beunruhigung daran. – Was mochte vorgefallen sein, um mir, wenn auch nur einen Teil des Wohlwollens und des Vertrauens zu entziehen, das Frau von Wehrenberg mir ursprünglich geschenkt hatte? Die Frau war mir niemals sympathisch gewesen, aber das hatte mich nicht sonderlich gestört, denn ich hatte nur selten etwas mit ihr zu tun gehabt. Ich begrüßte sie, wenn ich sie antraf, erkundigte mich nach ihrem Befinden, beantwortete einige gleichgültige Fragen, die sie an mich richtete, und setzte mich sodann zu Johanna, um im Gespräch mit dieser alles zu vergessen, was sich nicht auf sie und mich bezog. Manchmal hatte ich dann den kalten Blick bemerkt, mit dem die Mutter uns beide beobachtete; – aber ich hatte mir deswegen keine Sorgen gemacht. Frau von Wehrenberg konnte sich unmöglich darüber täuschen, welche Absichten mich so häufig in ihr Haus führten, und indem sie meine Besuche duldete, gab sie zu erkennen, daß sie mich in meinem Vorhaben nicht hindern wollte. Das genügte mir, sonst verlangte ich nichts von ihr, und ich war in meinem Herzen bereit, sie wie eine Mutter zu verehren, weil sie in mir ihren zukünftigen Schwiegersohn willkommen zu heißen schien. Sonst hatte ich keinen Grund, sie lieb zu gewinnen. Es bestand eine unverkennbare Ähnlichkeit zwischen Frau von Wehrenberg und ihrer Tochter; – aber ein hartes Leben voller Kummer und Sorgen hatte die Mutter, die ursprünglich so schön wie Johanna gewesen sein sollte – so erzählte mir wenigstens meine alte Tante, die Generalin von Nortorf – bis zur Häßlichkeit verändert. Ihr Haar hatte die lichte Farbe, den seidenen Glanz verloren und ein häßliches Gelb angenommen. Hart und steif, wie aus einem Stück, rahmte es in altmodischem, schlichtem Scheitel die wächserne Stirn ein und klebte an den eingefallenen Schläfen. Die Augen, die sie nach Art der Schwachsichtigen zusammenkniff, wenn sie jemand genau ansehen wollte, hatten ihren Glanz und ihre schöne Farbe verloren und blickten argwöhnisch, unruhig, die schmalen, geraden Lippen waren blutlos und streng geschlossen, und wenn sie sprach, so erschienen dahinter gelbliche, lange, unregelmäßige Zähne. Nur ihre feinen, schmalen weißen Hände waren noch von großer, vornehmer Schönheit, wennschon die Adern und Äderchen hier und da wie dicke Fäden darauf hervortraten. Diese Hände waren von eigentümlicher Weichheit und Zartheit. Wenn ich sie ergriff, um sie beim Gruß oder Abschied an meine Lippen zu führen, so war es mir, als zergingen sie gewissermaßen in der meinen. Sie erschienen gänzlich kraftlos; doch sah ich sie damit einmal ein schweres Möbel ohne bemerkbare Anstrengung in die Höhe heben. – Frau von Wehrenberg war groß und hager und trug seit dem Tode ihres Mannes, der als Major im Feldzuge von 1866 gefallen war, anspruchslose Trauergewänder. Ihre Ehe soll keine glückliche gewesen sein, und nach dem Tode des Mannes hatte die junge Witwe mit schweren Geldsorgen zu kämpfen gehabt, die sie verbittert und ihr Leben zu einem freudenlosen gemacht hatten. Jetzt lebte sie bescheiden und zurückgezogen von den Zinsen eines kleinen Vermögens, das ihr nach dem Tode ihres im Jahre 1873 verstorbenen Vaters zugefallen war, und von ihrer Pension als Majorswitwe. Sie hatte reiche Verwandte, die ich ebenfalls kannte, mit denen sie wenig verkehrte, und die ihr nachsagten, sie sei kalt, gehässig und neidisch. Ich habe nicht selten bemerkt, daß reiche Leute ihre armen Anverwandten hart beurteilen, und die Unfreundlichkeiten, die mir über Frau von Wehrenberg zu Ohren gekommen waren, hatten keinen besonderen Eindruck auf mich gemacht. Jetzt aber fiel mir das alles wieder ein. – Ich konnte es im Zimmer nicht mehr aushalten und verließ das Ministerium früher als gewöhnlich. Es war im Spätherbst. Ich irrte lange Zeit im Tiergarten umher, der mit seinen entlaubten Bäumen und mit gelben Blättern bedeckten Wegen und Seen mich noch trauriger und hoffnungsärmer stimmte. Ich versuchte vergebens, dagegen anzukämpfen, ich warf mir meine Mutlosigkeit vor, am Siege zu verzagen, noch ehe ich gekämpft hatte. Aber es half nichts: ich blieb traurig und niedergeschlagen. Gegen sechs Uhr nahm ich in meiner Wohnung mein übliches, einfaches Mittagsmahl ein, und gleich darauf wurde ich von großer Müdigkeit befallen, als hätte ich ein schweres Tagewerk verrichtet. Ich schlief fest ein. Als ich plötzlich erwachte, schlug mir das Herz. Mein erster Gedanke war, ich hätte die Zeit, mein Glück verschlafen. Ich bemerkte, nach der Uhr sehend, mit Erstaunen, daß ich nur einige Minuten die Augen geschlossen und die Besinnung verloren hatte. Ich zog mich an und begab mich langsam zu Fuß nach Frau von Wehrenbergs Wohnung. Es war etwa acht Uhr, als ich dort anlangte. Ich wurde sofort vorgelassen. Sobald ich mich gesetzt hatte, begann Frau von Wehrenberg in einer Weise zu sprechen, die mir zeigte, daß meine Befürchtungen gerechtfertigt waren, daß sie meinen Antrag nicht annahm. Dies verwirrte mich dermaßen, daß ich zunächst kaum verstand, was sie mir sagte; doch versuchte ich darauf zu antworten. Aber sie ließ mich anfänglich gar nicht zu Worte kommen. Mit der Zeit wurde mir ihrer Rede Sinn klar. Sie sprach ruhig und gelassen, als sagte sie etwas Auswendiggelerntes her, sie saß dabei kerzengerade, unbeweglich; nur von Zeit zu Zeit rieb sie sich die zarten Hände. – Sie fand es nicht in Ordnung, daß ich zuerst mit ihrer Tochter gesprochen hatte, anstatt mich mit meinem Antrag an sie, die Mutter, zu wenden. Sie gab mir, wenn auch nicht in klaren Worten, zu verstehen, daß ich durch mein Benehmen das Vertrauen, das sie mir geschenkt, gemißbraucht habe; – glücklicherweise hätte mein Verhalten aber keine bedenklichen Folgen gehabt, da Johanna sich selbstverständlich beeilt habe, ihrer Mutter einen getreuen Bericht von dem Vorgefallenen abzustatten. – »Einen getreuen Bericht, das heißt also auch einen vollständigen«, sagte sie mit Nachdruck und mich mit ihren zusammengekniffenen Augen scharf anblickend. Ich verstand, daß sie damit zu erkennen geben wollte, sie wüßte sehr wohl, Johanna habe meinen Kuß geduldet und mir dadurch das Geständnis ihrer Gegenliebe gemacht. »Ich will ganz offen zu Ihnen sprechen«, fuhr sie fort. »Ich gestehe, daß ich mich eine Zeitlang gern mit dem Gedanken vertraut gemacht habe, Sie könnten mein Sohn werden. Ich kenne Ihre ganze Familie, Ihre selige Mutter war meine beste Freundin, ich kenne Sie selbst seit Ihrer Geburt. Alles, was ich von Ihnen wußte, war mir eine Gewähr für das Glück meiner Tochter. Aber ich hatte Sie seit einer Reihe von Jahren aus den Augen verloren, Sie waren mir fremd geworden, und als ich sah, daß Sie sich um Johannas Liebe bewarben, da war es meine Pflicht, genaue Erkundigungen über Sie einzuziehen.« Sie machte eine Pause und rieb sich die Hände. Dann sagte sie mit harter, unfreundlicher Stimme: »Diese Erkundigungen sind sehr ungünstig für Sie ausgefallen – von meinem Gesichtspunkte aus, nur von meinem Gesichtspunkte aus. – Ich habe Ihnen keinen Vorwurf daraus zu machen, daß Sie ein Spieler sind, daß Sie ein Leben geführt haben, das ich, die ich nur wenig von der Welt kenne, als ein wüstes bezeichnen muß, daß Sie Schulden gemacht und einen Teil Ihres Vermögens bereits vergeudet hatten, noch ehe es in Ihren Besitz gelangt war. Das ist heute nur Ihre Sache und Sache ihrer Familie. Aber es wird meine Sache, wenn Sie mein Sohn werden wollen. Einem Manne mit Ihrer Vergangenheit kann ich das Glück meiner Tochter nicht anvertrauen.« Ich war einige Sekunden sprachlos. Ich hatte das Gefühl, daß mir bitteres Unrecht geschah. Ich hatte ein Leben geführt, wie Tausende es führten, niemals war mir der Gedanke gekommen, daß ich mich dadurch entwürdigt hätte. Frau v. Wehrenberg sagte, sie kenne die Welt nicht. Sie sprach eine bewußte Unwahrheit aus. Sie war im Gegenteil eine außergewöhnlich weltkluge Frau, und sie wußte sehr wohl, daß junge, reiche Leute mit guter Gesundheit und gutem Namen im allgemeinen nicht wie Heilige leben, sondern alle, mit seltenen und nicht einmal immer rühmlichen Ausnahmen, auf denselben Pfaden wandeln, die ich als junger Mann eingeschlagen hatte. Aber es war nicht üblich, jemand daraus ein Verbrechen zu machen. Man gestattete der Jugend »auszutoben«. Mein Vater, meine Geschwister, gesetzte Freunde, Gönner und Bekannte hatten es mir gestattet, ohne mir deswegen zu zürnen. Was sie von mir erwarteten, war, daß ich als Mann auf die Jugendtorheiten verzichten würde. Das war meine feste Absicht. Ich hatte den ernsten Willen, fortan mit Aufgebot aller meiner Kräfte meine Pflichten zu erfüllen und einem hohen Ziele, das ich mir gesteckt hatte, entgegenzustreben. Ich fand nur mühsam Worte, dies Frau v. Wehrenberg zu sagen. Der Blick, den sie auf mich richtete, während ich sprach, war nicht ermutigend, und ich kam mir unter demselben wie ein Schuldbewußter vor, der leere Entschuldigungen vorbringt, um das Urteil des Richters zu fälschen und zu seinen Gunsten zu beeinflussen. Sie hatte mich, ohne mich zu unterbrechen, sprechen lassen. Als ich endlich schwieg, unzufrieden mit dem, was ich gesagt hatte, aber unfähig, etwas Besseres zu finden, und von nagender Unruhe gepeinigt, da antwortete sie: »Ich beurteile Sie nicht hart; ich tadele auch die Nachsicht Ihrer Freunde nicht; aber mich können Ihre Erklärungen nicht umstimmen. Ihre Vergangenheit beunruhigt mich: ich würde gegen mein Gewissen handeln, wenn ich Ihnen das Schicksal meines Kindes anvertraute.« »Wollen Sie mich ohne jede Hoffnung entlassen?« fragte ich verzweifelnd. »Seien Sie nicht so streng, gnädige Frau, zerstören Sie nicht mit einem Schlage mein ganzes Lebensglück! Stellen Sie mich auf die Probe, verlangen Sie von mir, was Sie wollen! Ich fühle wohl, daß ich Ihrer Tochter nicht würdig bin; aber kein Mann auf Gottes Erdboden wird sich ihr Glück mit solchem Ernste, mit solcher Freudigkeit zur Aufgabe seines Lebens machen, wie ich es tun würde. Johanna weiß das, sie vertraut mir, sie darf mir vertrauen, sie wird für mich sprechen, sprechen Sie mit ihr.« Frau v. Wehrenberg saß eine Weile nachdenklich da. Ich glaubte sie durch mein Bitten bewegt zu haben und blickte sie ängstlich und erwartungsvoll an. – »Haben Sie Vertrauen zu mir, bitte, haben Sie Vertrauen, ich werde Sie nicht täuschen, ich könnte Sie nicht täuschen«, flehte ich. »Bei allem, was mir heilig ist, ich schwöre es Ihnen.« Sie hörte mich nicht. Ihre Gedanken waren mit etwas anderem beschäftigt, und als sie nun wieder zu sprechen begann, konnte ich zunächst kaum verstehen, was sie eigentlich bezweckte. Es waren lange, gewundene, unklare Phrasen, in denen sie sich ausdrückte. Ich habe davon nichts behalten, ich erinnere mich nur, mit welch großem Erstaunen mir nach und nach klar wurde, daß es der Geldpunkt war, den Frau v. Wehrenberg so eingehend erörterte. Sie sprach dabei nicht mehr von mir: sie stellte im allgemeinen fest, daß sie die Zukunft ihrer Tochter unter allen Umständen sichern wollte. Als sie auf diesem Punkte angelangt war, wurden ihre Ausdrücke wieder klar und bestimmt. »Ich weiß aus eigener, trauriger Erfahrung,« sagte sie, »wie elend das Dasein einer alleinstehenden, unbemittelten Frau ist. Ich will meine Tochter nicht der Gefahr aussetzen, daß ihr Leben eine Wiederholung des meinigen werde. Es soll wenigstens von den niederdrückendsten, erniedrigendsten aller Sorgen, den Geldsorgen, frei sein. Dazu kann ich selbst aber tatsächlich wenig beitragen, da ich nicht imstande bin, Johanna eine Mitgift zu geben, und da das kleine Erbe, das ihr nach meinem Tode zufällt, nicht genügen würde, ihr ein unabhängiges Dasein zu sichern. Darum muß ich von meinem zukünftigen Schwiegersohn verlangen, daß er meiner Tochter im Ehevertrage eine bestimmte Summe verschreibe, deren rechtmäßige Eigentümerin sie würde, während ihr Gemahl jeder Verfügung darüber in bindender Weise zu entsagen hätte.« Ich kann nicht beschreiben, wie peinlich es mich berührte, daß Frau v. Wehrenberg den Geldpunkt in dieser Weise in den Vordergrund schob. Ich bekenne, daß mich dies ihr gegenüber geradezu ungerecht machte, denn ich klagte sie in meinem Herzen an, ihre Tochter für eine gewisse Summe »verkaufen« zu wollen. – Meine Liebe, meine hohe Verehrung für Johanna sollten zu einem Geldhandel um ihren Besitz führen! – Aber ich durfte meine Gefühle nicht zu erkennen geben. Ich drängte sie zurück, ich sammelte mich schnell, und in denselben ruhigen Geschäftston verfallend, den Frau v. Wehrenberg angeschlagen hatte, sagte ich: »Wenn es zu Ihrer Beruhigung dienen kann, gnädige Frau, daß Ihre Tochter ein unabhängiges Vermögen besitze, so bin ich bereit zu tun, was in meinen Kräften steht, um Ihren Wünschen entgegenzukommen.« Ich zauderte zu sagen: »Was verlangen Sie?« – Ich konnte es nicht über die Lippen bringen, nach dem Preis zu fragen, um den ein geliebtes, reines Wesen von der Mutter feilgeboten wurde. Frau v. Wehrenberg war in dieser Beziehung vorurteilsfreier als ich, doch wurde es auch ihr augenscheinlich nicht leicht, den Kaufpreis zu nennen. Sie suchte wieder nach langen, unklaren Phrasen, um die Sache in möglichst milder Form einzuleiten: mein Vermögen wäre nicht groß, meine Vergangenheit rechtfertige die Befürchtung, daß ich es verlieren könne, ich müßte selbst einsehen, wie beruhigend es für sie – die Mutter – und auch für mich sein würde, wenn wir rechtzeitige Abmachungen träfen, die geeignet erschienen, Johannas Zukunft unter allen Umständen zu sichern. Dabei betonte sie ihre eigene Uneigennützigkeit. Sie habe genug, um zu leben, auch seien ihre Ansprüche der bescheidensten Art; aber wo es sich um ihre Tochter handele, da wollte sie sich lieber der Gefahr aussetzen, geldsüchtig zu erscheinen, als irgend etwas unterlassen, um Johanna eine sorgenfreie Zukunft zu sichern. Ich hörte ruhig zu. Die Rollen waren gewissermaßen vertauscht. Frau v. Wehrenberg war jetzt befangen und rieb sich in sichtlicher Verlegenheit die Hände, während ich ihr im Gefühl einer eigentümlichen Überlegenheit, der des Käufers zum Verkäufer, gegenüber saß; aber als ich bemerkte, daß sie das unangenehm empfand und übler Laune zu werden drohte, kam mir die Befürchtung, das »Geschäft« könne sich möglicherweise zerschlagen, wenn ich nicht größeres Entgegenkommen zeige. Das wollte ich um jeden Preis verhindern, und deshalb fiel ich Frau von Wehrenberg ins Wort, indem ich sagte: »Sie haben vollkommen recht, gnädige Frau. Alles, was aus Liebe für Johanna, aus Sorge um sie beabsichtigt wird, findet bei mir das vollste Verständnis. Lassen Sie uns also einfach zu den Tatsachen übergehen!« Sie konnte sich nicht überwinden tief aufzuatmen, wie jemand, der sich plötzlich von einer drückenden Last befreit fühlt. Ich bemühte mich zu verbergen, daß ich sie durchschaute und fuhr in zutraulichem Tone fort. »Mein Vermögen ist leider nicht so groß, wie ich es für Johanna wünschte. Ich darf, nach dem, was Sie soeben gesagt haben, vermuten, daß Sie das wissen. Ich besitze siebzigtausend Taler.« »Ich glaubte hundert«, unterbrach sie mich. Ich bin fest überzeugt, sie log, denn sie hatte sicherlich erfahren, daß meine ganze Erbschaft hunderttausend Taler betragen, und daß ich einen Teil davon zur Tilgung meiner Schulden verausgabt hatte. Aber ich behielt meine Gedanken für mich und erklärte einfach, auf welche Weise mein Vermögen bis auf siebzigtausend Taler zusammengeschmolzen sei. »Ah,« sagte sie, »Sie werden danach selbst einsehen, wie pflichtvergessen ich als Mutter handeln würde, wenn ich meine Tochter der Gefahr aussetzen wollte, einst, als Ihre Witwe, mittellos dazustehen und auf die Barmherzigkeit ihrer Verwandten und Freunde angewiesen zu sein.« Das war mir doch etwas zu stark! Ich antwortete etwas gereizt, daß ich achtundzwanzig Jahre alt und niemals in meinem Leben krank gewesen sei, und die Möglichkeit, daß meine zukünftige Frau Witwe werden könnte, doch wohl nicht sogleich ins Auge zu fassen habe. Sie lächelte überlegen. »Ja, so sind Sie! Vollständig sorglos! Da ist es, wenn es sich um meine Tochter handelt, doppelt meine Pflicht, alle, auch die entfernten Möglichkeiten zu erwägen. Mein Mann war nicht älter als Sie, als wir uns verheirateten – und ich bin seit fünfzehn Jahren Witwe!« – Sie erblaßte, und aus ihren weitgeöffneten Augen, die in die Leere starrten, blickte leidenschaftliche Bitterkeit. »Oh, wie elend, kummervoll, freudenlos ist mein Leben gewesen!« Ich fühlte, daß ich sie wieder beschwichtigen müßte. »Verzeihen Sie meine Bemerkung«, sagte ich. »Sie haben vollkommen recht. Johannas Zukunft muß unter allen Umständen gesichert werden. Bestimmen Sie selbst, auf welche Weise dies geschehen soll! Mein Vertrauen zu Ihrer Tochter ist ein unbegrenztes. Ich bin mit Freuden bereit, ihr alles, was ich besitze, zu Füßen zu legen. Ich werde mir dann einbilden können,« fügte ich lächelnd hinzu, denn ich wollte der Unterredung wie der einen harmloseren Ton geben, »ich hätte eine Geldheirat gemacht, und der Wohlstand unseres Hauses beruhte auf dem Vermögen meiner Frau.« »Sie gehen weiter, als ich verlange«, antwortete sie, ohne auf den versuchten Scherz einzugehen. »Johanna wird eines Tages dasjenige erhalten, worüber ich zu verfügen habe. Verschreiben Sie ihr etwa zwei Drittel Ihres Vermögens, fünfzigtausend Taler, das wird genügen.« Ich bin ein ziemlich guter Kopfrechner und brauchte keine Zeit, um mir klar zu machen, daß die zwanzigtausend Taler, die für mich übrig bleiben sollten, ein kleines Drittel meines Vermögens ausmachen würden; aber dieses Rechnen und Feilschen ekelte mich wahrhaftig an. »Ganz wie Sie befehlen«, sagte ich trocken. – Und darauf trat eine Pause ein, während wir uns beide verlegen und unfreundlich gegenüber saßen. Ich wußte nicht, wie ich das Gespräch wieder aufnehmen sollte, und Frau v. Wehrenberg ging es in dieser Beziehung anscheinend nicht besser als mir. Nach einer kleinen Weile erhob sie sich und sagte in müdem Tone: »Ich werde nun mit Johanna sprechen, und Sie sollen morgen von mir hören.« Damit reichte sie mir die Hand, die mir noch zarter und kälter als gewöhnlich vorkam, und ich fand mich verabschiedet. Erst als ich in der Straße war, kam mir der Gedanke, daß ich mein Ziel nun doch erreicht hätte. Das Gespräch zwischen Johanna und ihrer Mutter, das noch stattfinden sollte, war in meinen Augen nur eine Formsache. Johanna hatte mir gestern ihre Liebe gestanden und die Mutter mir soeben stillschweigend ihre Zustimmung zu meiner Verheiratung mit ihrer Tochter gegeben. So wenigstens glaubte ich das, was sie mir gesagt hatte, deuten zu können. Ich hätte nun glücklich sein sollen. Aber ich war es nicht. Die leidigen Verhandlungen über die Geldfrage hatten mir die Freude an meinem Erfolge verbittert. Es lag mir fern, Johanna dafür verantwortlich zu machen; ich dachte im Gegenteil daran, wie peinlich es ihr sein müßte, wenn sie erführe, ihre Mutter habe sie gewissermaßen verkauft, und ich sah meinem Zusammentreffen mit ihr mit einer gewissen Befangenheit entgegen. »Mein Glück fängt nicht glücklich an«, sagte ich mir. Traurig und niedergeschlagen schlich ich meiner Wohnung zu. Dort fand ich einen unfreundlichen Brief meines Bruders Lothar. Er fragte in augenscheinlich gereizter Stimmung, ob ich seinen Schwiegereltern die Ehre meines Besuches erweisen wollte oder nicht. Er hätte erwartet, daß ich dies gestern, spätestens heute tun würde. Schöbe ich die Angelegenheit noch länger auf, so müßte er dies als ein Zeichen betrachten, daß ich mit ihm zu brechen wünsche. Das sei meine Sache. Er seinerseits könne, um eine Entfremdung zu verhindern, nichts weiter tun, als mir mitteilen, daß ich ihn heute abend bis gegen elf Uhr bei seinen zukünftigen Schwiegereltern finden würde. Lothar hatte den Brief in meiner Wohnung geschrieben, nachdem Franz ihm gesagt, ich sei gegen acht Uhr ausgegangen, augenscheinlich um einen Besuch zu machen. Wo? – Das hatte der Diener nicht sagen können, da er es selbst nicht wußte. Es war zehn Uhr. – Ich befand mich gar nicht in der Stimmung, fremde Gesichter zu sehen; aber ich wollte Lothar nicht verletzen. Seine Empfindlichkeit war leicht zu erklären, und ich nahm ihm den gereizten Ton, in dem er mir geschrieben hatte, nicht übel. Ich verließ meine Wohnung sogleich wieder und begab mich nach dem Ellrichs'schen Hause. Lothar drückte mir, als ich in das Zimmer trat, die Hand so kräftig, daß es mich schmerzte. Er hatte mich wohl ungeduldig erwartet, kaum noch gehofft, daß ich kommen würde, und mein Erscheinen war ihm eine Freude und eine Erleichterung, weil es ihn unangenehmer Aufklärungen enthob, die er andernfalls seinen Schwiegereltern und seiner Braut hätte geben müssen. »Ich habe dich bereits entschuldigt«, sagte er halblaut, während er mich zu Herrn und Frau Ellrichs führte, die vor einem behaglichen Holzfeuer, das im Kamin flackerte, Platz genommen hatten. Was er erfunden haben mochte, um mein spätes Kommen zu beschönigen, wußte ich nicht. Jedenfalls hatte er mir dadurch mein erstes Zusammentreffen mit seinen zukünftigen Schwiegereltern erleichtert. Ich konnte mich damit begnügen, einige Worte zu murmeln, von denen »herzlichste Glückwünsche« die verständlichsten waren, und auf die Herr und Frau Ellrichs unter Verbeugungen und freundlichem Lächeln mit den üblichen Redensarten antworteten. Als ich mich setzen wollte, näherte sich mir Lothars Braut, aus einem dunkleren Teile des großen Zimmers hervortretend, in dem ich mich noch nicht umgesehen hatte. Ich ging ihr schnell entgegen, und da sie auf dem Wege zu mir zu zögern schien, so begegneten wir uns weit genug vom Kamine, wo die anderen saßen, um die Worte, mit denen sie mich begrüßte, dort unverständlich zu machen. Sie reichte mir die Hand und sagte leise: »Es freut mich, Sie zu sehen – mehr als ich es sagen kann. Es ist mein innigster Wunsch, wir möchten gute Freunde werden.« Ihre großen, schönen, dunklen Augen blickten dabei traurig. Es kam mir der Gedanke, als empfände sie es wie eine unverdiente Kränkung, sich mir gewissermaßen wie eine Bittende zu nähern. Traurigkeit bei einer Frau oder einem Kinde hat mich immer entwaffnet. – War es des armen Mädchens Schuld, wenn mein Bruder sie wegen ihres Geldes heiratete? Sie war so unschuldig an Lothars Eigennutz wie Johanna an dem ihrer Mutter. Nein – ich wenigstens wollte sie nicht dafür büßen lassen, daß Lothar sich bei seiner Verlobung mit ihr von Beweggründen hatte leiten lassen, die mir erbärmlich erschienen. Natalie hatte meine Teilnahme für sich gewonnen. Ich erwiderte herzlich den leisen Druck ihrer Hand und sagte aufrichtig: »Ich denke, wir müssen gute Freunde werden, wenn Sie mir wohl wollen, denn Sie sind mir, das fühle ich, lieb und wert.« Da leuchteten ihre Augen in so tiefem, warmem Glanze, daß es mich seltsam ergriff. In dem Augenblick trat Lothar zu uns. Er hatte wohl erkannt, daß unsere Begegnung eine freundliche gewesen war, und die innige Befriedigung, die er darüber empfand, war deutlich auf seinem Gesichte zu lesen. Er war bemüht, dies zu verbergen, und sagte in gleichgültigem Tone: »Ich habe Glückwünsche von zu Hause erhalten. Deine Briefe waren soeben eingetroffen.« Er übergab mir zwei Telegramme. Das von Marie und ihrem Manne war kurz und besagte wenig. – »Herzliche Glückwünsche Dir und Deiner Braut. Marie und Otto.« – Daraus konnte man lesen, was man wollte. – Aber Karl hatte nicht mit Worten gespart. Sein Telegramm war ein förmlicher Brief, in dem er Lothar in den wärmsten Ausdrücken, die eine innige Befriedigung zu erkennen gaben, zu seiner Verlobung Glück wünschte; auch empfahl er sich den neuen Anverwandten, deren persönliche Bekanntschaft er bald zu machen hoffte. Zum Schluß hieß es: »Elise trägt nur ihre Grüße und Glückwünsche auf.« Ich war sehr erfreut und etwas überrascht zu sehen, wie wohlwollend Karl sich der Verlobung gegenüberstellte. Daß er kein engherziger Mann war, hatte ich gewußt; aber doch immer geglaubt, er sei von sogenannten Standesvorurteilen befangen. Der Abend verlief ohne bemerkenswerten Zwischenfall. Herr und Frau Ellrichs waren beide sichtlich bestrebt, sich mir angenehm zu machen, Lothar gab sich Mühe, unbefangen zu erscheinen, was ihm aber nicht gelang, Natalie verhielt sich schweigsam. Ich betrachtete sie aufmerksam, was ich bei unseren früheren Begegnungen nicht getan hatte. Sie war an Schönheit mit Johanna nicht zu vergleichen, aber entschieden hübscher, »interessanter« möchte ich sagen, als ich mir vorgestellt hatte. Ihre kleine, überaus zierliche Gestalt kam in dem einfachen Kleide, das sie trug, vorteilhaft zur Geltung, und die dunklen, großen, sanft glänzenden Augen, von dichten Wimpern beschattet, waren sehr schön; aber »gefällig« war das Gesicht nicht zu nennen: dazu war der Ausdruck des sehr bleichen, von schwarzem Haar eingerahmten Antlitzes und des Mundes mit den schmalen, festgeschlossenen Lippen zu streng. Auffallend waren in dem Gesicht die feinen, langen, geraden Augenbrauen, die über der schmalen Nase beinahe zusammenwuchsen. Gegen elf Uhr gab mir Lothar ein nur von mir bemerktes Zeichen zum Aufbruch, worauf wir uns beide erhoben und verabschiedeten. Als wir in der Straße waren, sagte ich ihm, seine Braut habe mir sehr gefallen. Er antwortete: »Und du kennst sie noch nicht. Sie ist ein wahrhaft bedeutendes Mädchen, sie hat ein großes Herz und einen klaren Verstand. Du wirst mich eines Tages aufrichtiger beglückwünschen zu dem, was ich erreicht habe, als du es neulich abends getan hast.« Gleich darauf fing er an, sich nach Johanna zu erkundigen. – Wie es mit meiner Bewerbung stände? Ein Gefühl der Beschämung verhinderte mich, ihm den Inhalt meines Gespräches mit der Mutter mitzuteilen. Ich sagte ihm nur, ich hätte soeben bei Frau v. Wehrenberg um die Hand ihrer Tochter angehalten. Sie habe sich Bedenkzeit erbeten, und ich erwarte, ihre Antwort morgen zu empfangen. »Die ehrenwerte Dame ziert sich«, antwortete Lothar. »Sie wird natürlich mit beiden Händen zugreifen. Sie kann froh sein, ihre Tochter so gut loszuwerden. Arme Mädchen aus anständiger Familie, mit gewissen Ansprüchen, die für berechtigt gelten, sind eine Ware, für die nur wenig Käufer im Markte sind.« Das Wort »Käufer« berührte mich auf das peinlichste. Aber ich sagte kein Wort dazu. Lothar hatte recht: Frau v. Wehrenberg hatte ja ihre Tochter verkauft, für fünfzigtausend Taler, weil sie nicht mehr bekommen konnte. – Und ich war der Käufer. »Wenn ein anderer mehr geboten, hätte er sie bekommen«, sagte ich mir. – Ich kann gar nicht beschreiben, wie traurig und niedergeschlagen ich bald darauf, nachdem Lothar und ich uns vor der Tür meiner Wohnung getrennt hatten, das Lager suchte. – Und es hätte ein Tag des Glücks und des Triumphs für mich sein sollen, der Tag, an dem Frau v. Wehrenberg mir ihre Einwilligung zu meiner Verheiratung mit Johanna gegeben hatte. Am nächsten Morgen erhielt ich Briefe von meinen drei Geschwistern, denen ich Lothars Verlobung angezeigt hatte. Karl schrieb auch mir mit derselben ungekünstelten Freude, die ich schon aus seinem Telegramm an Lothar erkannt hatte. Er machte auch nicht die entfernteste Anspielung darauf, daß viele von Lothars Verwandten und Bekannten die Verbindung mit der Tochter des reich gewordenen Herrn Ellrichs als eine Mißheirat betrachten würden, sondern äußerte nur seine Befriedigung darüber, daß Lothar, von dem er so viel »Konduite« gar nicht zu erwarten gewagt hätte, sich bei der Wahl seiner zukünftigen Frau von seiner Vernunft habe leiten lassen. »Sie soll ja sehr reich sein, die zukünftige Schwägerin«, schrieb er. »Ich höre von mehreren Millionen munkeln. Ich kann Dir nicht sagen, wie sehr ich mich über die Verlobung freue, und ich begreife gar nicht, daß du über meine Gefühle in dieser Beziehung einen Zweifel hegen konntest.« Ich würde sehr erstaunt über diesen Brief gewesen sein, wenn ich nicht bereits durch Karls Telegramm an Lothar darauf vorbereitet gewesen wäre. Mariens Brief war in bezug auf Lothar so, wie ich ihn erwartet hatte: traurig und gut. Sie hätte meinem Bruder eine ganz andere Frau gewünscht. Natürlich! Aber sie hoffte, er würde die Wahl, die er getroffen, niemals bereuen, und er hätte selbstverständlich ihre herzlichsten Wünsche für sein Glück. »Du, lieber Hermann«, fuhr der Brief fort, »wirst nicht ein Mädchen ihres Geldes wegen nehmen. Ich bin dessen sicher. Dazu kenne ich Dich zu gut. Lieber, tausendmal lieber, sähe ich Dich ledig bleiben.« Dann beantwortete sie meine Frage in bezug auf Frau v. Wehrenberg und Johanna. Sie sprach unfreundlich von der Mutter. Sie nannte sie eine verbitterte, selbstsüchtige, neidische Frau, und in Mariens Munde, die ein Engel von Herzensgüte war, hätten mich diese Worte nachdenklich machen sollen. Aber ich ging, wennschon mit einer gewissen Verstimmung, darüber fort. Auch über Johanna sprach Maria sich keineswegs mit der Begeisterung aus, die ich erwartet hatte. »Sie ist sicherlich ein auffallend schönes Mädchen«, schrieb meine Schwester; »aber ich halte sie für unbedeutend, kalt und herzlos. Sie hat seit ihrer Kindheit kaum etwas anderes vernommen als die verbitterten Klagen und gehässigen Vorwürfe ihrer Mutter gegen die ganze Welt. Da ist es schwer, gut und weich zu bleiben, besonders wenn man geistig so unbedeutend ist wie Johanna.« An diesem Punkte ihres Briefes angelangt, schien Marie plötzlich den Grund meiner Anfrage über Frau v. Wehrenberg und Johanna erkannt zu haben. »Du wirst doch Johanna Wehrenberg nicht etwa heiraten?« fragte sie. »Ach nein! Ich irre mich sicherlich, wenn ich eine solche Befürchtung hege. Johanna paßt ganz und gar nicht für Dich. Sie würde Dich nie glücklich machen. Glaube es Deiner alten Schwester, die Frauenherzen besser kennt, als du sie kennen kannst. Beruhige mich über diesen Punkt! Schreibe mir sogleich, ich bitte Dich darum, weshalb Du Anteil an Frau von Wehrenberg und an Johanna nimmst!« Ich warf den Brief zornig beiseite. – Nein, über Johanna wollte ich mich von niemand belehren lassen. Die kannte ich besser als irgend jemand! Elisens Brief atmete geradezu leidenschaftliche Bitterkeit. Sie war »empört« über die von Lothar getroffene Wahl, sie verwahrte sich dagegen, jemals die Bekanntschaft der neuen Schwägerin und deren Familie zu machen, sie sprach mit Entrüstung über Karls Anschauungen. – »Karl hat nur eine Sorge, wenn er an Lothar denkt: daß dieser sich ruiniere. Hundertmal habe ich ihn darüber klagen hören. ›Ordentliche Wirtschaft‹, wie er es nennt, ist das erste, worauf er sieht. Er erblickte in Lothars Verheiratung mit einem reichen Mädchen das einfachste Mittel, daß Lothar seine alten Schulden bezahle und nicht in die Lage komme, neue zu machen. Das ist für Karl die Hauptsache; ob das Geld durch eine Geldheirat erworben werden wird, kümmert ihn nicht, und Ellen denkt genau so wie er. – ›Wenn nur Hermann auch eine so gute Heirat machen wollte‹, sagte sie, nachdem Karl uns Deinen Brief vorgelesen hatte. Ich erwiderte darauf, mit einiger Heftigkeit, so glaube ich, denn ich fühlte, wie mir das Blut dabei ins Gesicht stieg, ich hätte eine zu hohe Meinung von Deiner Ehrenhaftigkeit, um Dir Ähnliches zuzutrauen. – Karl und die sanfte Ellen hatten darauf keine andere Antwort, als daß sie mich auslachten. Aber ich will lieber verhöhnt werden, als mich Deiner schämen. – Es gibt nur zwei Frauen, von denen ein Mann Geld nehmen darf: von seiner Mutter und seiner Schwester. Ich bin reicher als du, und ich gebrauche weniger. Ich teile gern mit Dir! Und das wußte unser seliger Vater, als er mich vor Dir bevorzugte.« Die Briefe beschäftigten meine Gedanken so sehr, daß ich darüber meine eigenen Angelegenheiten eine Zeitlang vergaß, doch erbrach ich mit zitternder Hand einen Brief für mich, den ich auf meinem Pulte im Ministerium vorfand, und der, wie ich an der Handschrift auf dem Umschlage erkannte, von Frau v. Wehrenberg kam. Sie bat mich, sie um acht Uhr abends besuchen zu wollen. Das war alles. Kein Wort von Johanna. Aber ich war nicht mehr beunruhigt, die Sache erschien mir als geregelt, nachdem mir Frau v. Wehrenberg den Kaufpreis für ihre Tochter genannt, und ich mich bereit erklärt hatte, ihn zu zahlen. Ich war mir wohlbewußt, daß ich Frau v. Wehrenberg unrecht tat, indem ich so unfreundlich über sie dachte. – Ich hatte, wennschon ich noch ein junger Jurist war, doch genug praktische Erfahrung, um zu wissen, daß es keinem Dritten einfallen würde, Frau v. Wehrenberg wegen ihrer Sorge um die Zukunft ihrer Tochter zu tadeln. Die Sorge war eine natürliche, mochte anderen als eine lobenswerte erscheinen; aber mich hatte es erbittert, daß Frau v. Wehrenberg gewissermaßen einen Handel mit mir getrieben, indem sie mir ihre Tochter zuerst verweigert, sich später aber bereit erklärt hatte, sie mir zu geben, nachdem ich das Versprechen geleistet, Johanna fünfzigtausend Taler zu verschreiben. Ich war kein Kind mehr, ich wußte, daß »Geld« bei den meisten Heiratsverträgen eine große Rolle spielte; aber was mich empörte, war, daß Frau v. Wehrenberg die Geldfrage in einer Weise in den Vordergrund geschoben hatte, die Johanna als »Kaufobjekt« erscheinen ließ. Sie hatte mir, wenn auch nicht in dürren Worten, so doch klar und deutlich zu verstehen gegeben, daß ich für fünfzigtausend Taler ihre Tochter haben könne. Sonst nicht. »Mariens Urteil über Frau v. Wehrenberg ist jedenfalls richtig«, sagte ich mir; aber mein Glaube an Johanna blieb unerschüttert. – In dieser Beziehung erwartete mich eine peinliche Überraschung, die zwar nicht bis zur vollständigen Enttäuschung ging, mich aber doch sehr nachdenklich machte. Frau v. Wehrenbergs Zimmer war leer, als ich es betrat; gleich darauf wurde die Tür geöffnet, und Johanna erschien darin. Sie blieb dort stehen, die Augen zu Boden geschlagen, das Antlitz mit heißer Röte übergossen. Ich eilte auf sie zu und ergriff ihre beiden Hände, die sie mir überließ. »Johanna!« flüsterte ich, fragend, flehend. Da schlug sie die in feuchtem Glanze schimmernden Augen empor, und ich las darin das Versprechen alles Glückes, das ich ersehnte: das Versprechen ihrer Liebe. Ich hielt sie einige Sekunden wortlos in meinen Armen. Dann sagte sie leise: »Mein geliebter Hermann. Mama hat mir alles erzählt. Wie gut du bist. Wie kann ich dir danken!« Danken? Danken wofür? Für die fünfzigtausend Taler? Nein – das war nicht möglich! Aber ich wagte nicht zu fragen. Eine Antwort, wie ich sie fürchtete, würde mein Glück vernichtet haben. Wir blieben etwa eine Viertelstunde allein. Ich weiß nicht, wovon wir sprachen, ich weiß nur, daß ich in ihrem Anblick alles andere vergaß, als daß sie unbeschreiblich schön sei, daß sie mich liebte, daß ich sie lieben durfte, und daß sie mein sein würde. Die Stutzuhr schlug die halbe Stunde. Johanna erhob sich und entfernte sich einige Schritte von mir. »Mama wird sogleich kommen«, sagte sie. Und so war es auch. »Mama« trat in das Zimmer. Ich muß ihr die Gerechtigkeit widerfahren lassen, daß sie keineswegs den Versuch machte, eine sentimentale Komödie aufzuführen. Sie umarmte mich nicht, sie nannte mich nicht »ihren lieben Sohn«, sie vergoß keine Tränen: sie war kalt und gemessen, wie ich sie stets gekannt hatte, und kalt und gemessen reichte sie mir die Hand zum Kuß – und das, sowie einige leise Worte, die ich kaum verstand, und die wohl sagen mochten, sie hoffte, wir würden glücklich sein – war ihr Segen zu meiner Verlobung mit ihrer Tochter. Ich fühlte mich durchaus nicht herzlich zu ihr hingezogen, und ich empfand, daß ich der ruhigen Frau mit den gelben Haaren noch heute genau so fremd gegenüberstand, wie es gestern der Fall gewesen war, und wie es immer sein würde. Die Unterhaltung wollte nicht recht in Fluß kommen. Frau v. Wehrenberg gehörte zu den gesellschaftlich unbequemen Menschen, für die längere Gesprächspausen nichts Unbehagliches zu haben scheinen und die keinen Versuch machen, solche Pausen zu unterbrechen. Sie saß, ohne den Mund aufzutun, zwischen Johanna, die mir eingeschüchtert erschien, und mir, und ich hatte große Mühe, irgend etwas zu finden, um zu verhindern, daß die Unterhaltung ganz einschliefe. Von vertraulichem, freundlichem Aussprechen, wozu die Verlobung doch sicherlich hätte Anlaß geben können, war nicht die Rede. Ich hatte Lothars Verlobung mit Natalie Ellrichs nicht vergessen; aber eine gewisse Scheu hatte mich eine Zeitlang verhindert, dies heikle Thema zu berühren. In meiner Verlegenheit, etwas zu finden, was Frau v. Wehrenbergs Aufmerksamkeit fesseln könnte, sagte ich nun: »Ich habe ganz vergessen, Ihnen die große Familien-Neuigkeit mitzuteilen: mein Bruder Lothar hat sich mit Fräulein Natalie Ellrichs verlobt.« »Mit der Tochter des bekannten Armeelieferanten?« fragte Frau v. Wehrenberg.« »Ja.« »Lothar v. Nortorf will sich mit einem Fräulein Ellrichs vermählen? Ich kann es nicht glauben.« »Es ist aber so, und ich glaube, Lothar hat gar keine schlechte Wahl getroffen. Jedenfalls ist nicht nur er damit zufrieden, sondern auch mein Bruder Karl, der ihm bereits seine herzlichsten Glückwünsche gesandt hat und demnächst mit seiner Frau eintreffen dürfte, um die persönliche Bekanntschaft der neuen Anverwandten zu machen. »Da hat er mehr Eile, als ich haben werde«, antwortete Frau v. Wehrenberg trocken, und darauf blieb sie, gerade vor sich hinstarrend, stumm und steif sitzen. Johanna blickte in augenscheinlicher Verlegenheit zu Boden. »Ich könnte es nicht übers Herz bringen«, sagte ich ernst und bestimmt, »die Beziehungen zu meinem Bruder abzubrechen, und ich sehe nicht, wie sie mit ihm aufrecht zu erhalten wären, ohne daß Johanna die Bekanntschaft seiner zukünftigen Frau machte.« »Was Johanna als Ihre Frau tun will, ist ihre Sache; als meine Tochter wird sie die Familie Ellrichs nicht kennen lernen«, antwortete Frau v. Wehrenberg leise und anscheinend ruhig sprechend; doch war ihre Gereiztheit unverkennbar. Ich brauchte mich nicht lange zu besinnen, um mir klar zu machen, daß eine Antwort, wie sie auf diesen Angriff hätte erfolgen sollen, einen Streit zwischen mir und Frau v. Wehrenberg herbeigeführt haben würde – einen Streit, vielleicht einen Bruch. Darauf konnte ich es nicht ankommen lassen. »Ich hoffe,« sagte ich milde, »daß Sie sich mit der Zeit eine versöhnlichere Auffassung aneignen werden.« »Gestatten Sie mir, dies zu bezweifeln«, antwortete sie. Ich wußte nicht, was ich, da ich einen Streit um jeden Preis vermeiden wollte, darauf antworten sollte, und es trat eine peinliche Pause ein, die ich nicht anders unterbrechen konnte, als indem ich mich erhob, um mich zu verabschieden. »Wann darf ich morgen wiederkommen?« fragte ich. »Dies Haus ist jetzt das Ihrige«, antwortete Frau v. Wehrenberg. »Verabreden Sie sich mit Johanna; mir sind Sie jederzeit willkommen.« Und damit verließ sie das Gemach, nachdem sie mir in üblicher Weise die weiche Hand zum Kuß gereicht hatte. – Ich denke mir, sie mochte wohl fühlen, daß es auch in ihrem Interesse nicht geraten wäre, sich mit mir zu erzürnen, und sie wollte Johanna Gelegenheit geben, mich wieder zu versöhnen. Sobald sie gegangen war, trat Johanna auf mich zu, legte ihr Haupt auf meine Schulter und sagte zärtlich, einschmeichelnd: »Sei der Mutter nicht böse, lieber Hermann! Es wird ihr schwer, freundlich zu scheinen; aber sie meint es gut, sie ist im Herzen die beste Frau. Du hättest nur hören sollen, mit welcher Bewunderung sie gestern von deiner Generosität sprach.« Es war mir, als bekäme ich einen schmerzenden Stich. Mein Herz krampfte sich zusammen. »Generosität!« Johanna hatte kein deutsches Wort für das gefunden, was ich getan, indem ich mich erboten hatte, meiner zukünftigen Frau den größten Teil meines Vermögens zu schenken. »Generös« schien ihr die richtige Bezeichnung dafür zu sein, und sie hatte mir in warmen Worten dafür gedankt, an nichts anderes gedacht, als sie mich zum ersten Male als ihren verlobten Bräutigam begrüßt hatte. Ich taumelte einen Schritt zurück. Der Angstschweiß trat mir auf die Stirn. »Um Gottes willen – was fehlt dir?« rief Johanna bestürzt. Ich ermannte mich schnell; aber ich war der Verzweiflung nahe, ratlos. Wäre es nicht das Beste, ich sagte: »Johanna, ich habe mich in dir getäuscht. Gib mir meine Freiheit wieder!« Aber da fiel mein Blick auf sie, wie sie mit weitgeöffneten Augen, geängstigt bis zum Entsetzen vor mir stand, besorgt um mich! Und so unbeschreiblich schön, so wunderbar schön, ein Abbild alles Edlen, Guten, Reinen in der Menschheit! Nein, Johanna konnte nicht kleinlich fühlen. Ihre Mutter hatte versucht, ihr die eigene, niedrige Geldsucht einzuimpfen – aber die gesunde, reine Seele mußte das Gift schließlich abstoßen, wenn es auch einen Augenblick an ihr nagte. Was ich als Wahrheit zu erkennen wähnte, war nichts als oberflächlicher, trügerischer Schein. Nein, ich wollte nicht an Johanna zweifeln, ich durfte es nicht. Es wäre eine Versündigung an ihr gewesen! Ich drückte sie stürmisch an meine Brust. »O, Johanna, einzig Geliebte,« flüsterte ich, »sei mein guter Engel, rette mich!« »Dich retten?« fragte sie erstaunt. »Retten: wovon? Welches Unglück bedroht dich? Ich verstehe dich nicht. Du beunruhigst mich. Sprich!« »Laß nur!« sagte ich besänftigend. »Laß nur! Alles wird noch gut werden. Es muß ja gut werden, wenn du mich lieb hast, da ich dich über alles liebe. Sag' Johanna, hast du mich lieb, wirklich lieb?« »Ja, ich habe dich lieb, wirklich lieb, von ganzem Herzen lieb.« »Dann kann uns nichts und niemand etwas anhaben. Gute Nacht, geliebte Johanna. Auf morgen!« Sie ließ sich meinen Kuß gefallen und erwiderte ihn – aber so kalt, daß es mir auffiel. Mein Benehmen hatte sie befremdet, beängstigt: ich sah es an den unruhigen, forschenden Blicken, mit denen sie mich beobachtete. Endlich sagte sie mit einem tiefen Seufzer: »Versprich mir eins, lieber Hermann! Bitte, sei nie wieder so sonderbar, wie du es soeben warst! Du hast mich über alle Maßen geängstigt.« Es klang unbeschreiblich einfältig und ernüchternd. In meinem Leben waren mir noch viele unglückliche Stunden vorbehalten, aber die, welche ich verbrachte, als ich nach jenen Gesprächen mit Johanna und ihrer Mutter, grübelnd und mich selbst folternd, in den einsamen Wegen des dunkeln Tiergartens umherirrte, war eine der traurigsten.   Ich kann über die nächsten Monate kurz hinweggehen. Es ereignete sich während derselben nichts besonderes, nur daß sich mein Unglück allmählich und sicher vorbereitete. Mein Verhältnis zu Johanna änderte sich nicht, wurde kaum ein vertraulicheres, und ich fühlte, als unsere Hochzeit nahte, daß sie mir noch gerade so nah und so fern stand wie am Tage unserer Verlobung. Obgleich Frau v. Wehrenberg uns zahlreiche Stunden ungestörten Zusammenseins gegönnt, hatte ich mich mit Johanna doch kaum über irgendeine der Fragen, die mich besonders beschäftigten, vertraulich aussprechen können. Wir waren übereingekommen, daß wir uns in Nortorf, dem Stammsitz meiner Familie, den Karl mit Frau und Kindern und Elise bewohnten, verheiraten würden, der Tag der Vermählung war festgestellt, unsere Hochzeitsreise, mit Hilfe des »Reichs-Kursbuches« von Johanna auf das sorgfältigste ausgearbeitet worden, und ich wußte genau, welche Koffer und Kleider sie für die Reise mitnehmen würde. Wir studierten – sie mit nimmermüdem Eifer, ich mit täglich wachsender Ermüdung – die bewährtesten Reiseführer für die Länder und Städte, die wir besuchen wollten, und Johanna konnte mir aus dem Kopfe alle Gasthäuser hersagen, in denen wir absteigen, alle Seen, Berge, Tunnel, Bilder und Statuen nennen, die wir zu bewundern haben würden, auch hatten wir bereits eine Wohnung in Berlin gemietet und – auf dem Papier – bis in die kleinsten Einzelheiten eingerichtet. Aber damit war so ziemlich alles erschöpft, was wir untereinander besprochen hatten. Johanna zeigte für nichts anderes als für derartige Fragen Teilnahme, und ich war, wenn ich sie verließ, stets bemüht, dies zu erklären und zu entschuldigen. – »Marie hatte recht,« sagte ich mir, »Frau von Wehrenberg hat einen schlechten Einfluß auf ihre Tochter ausgeübt; aber im Grunde ist sie edel und gut, und sie ist noch so jung, daß diese Eigenschaften schließlich den Sieg über die kleinlichen Ansichten davontragen werden, die sie sich im steten Zusammensein mit ihrer Mutter angeeignet hat.« Gegen diese empfand ich einen tiefen Ingrimm, und ich fühlte, daß auch sie mir mit schwer verhaltener Feindschaft gegenüberstand. Mein Entschluß, die Trennung zwischen ihr und Johanna zu einer nahezu vollständigen zu machen, sobald diese meine Frau sein würde, stand fest. Die Gegenwart der Mutter würde mein Glück vergiftet haben. Ich wollte sie sogleich nach meiner Verheiratung lehren, unser Haus zu meiden. – Über Lothar und dessen Braut war zwischen Frau von Wehrenberg und mir seit dem Tage meiner Verlobung kein Wort mehr gewechselt worden. Ich fühlte, daß Frau v. Wehrenberg meinen Wünschen nicht geneigter geworden war, und einen unnütz unfreundlichen Wortwechsel mit ihr wollte ich vermeiden. Auch mit Johanna hatte ich die Frage nicht erledigen können, obgleich ich sie verschiedene Male berührt hatte. Aber Johanna hatte mich dann scheu angesehen und mich gebeten, die Sache vorläufig ruhen zu lassen. »Vorläufig – ja«, sagte ich eines Tages etwas gereizt; »aber wie denkst du dir die Sache später? Erwartest du von mir, daß ich mit meinem Bruder brechen soll, nur weil deine Mutter, von unberechtigten Vorurteilen befangen, in Fräulein Ellrichs keine Ebenbürtige erblicken will?« »Du bist recht hart gegen Mama«, sagte Johanna. »Lassen wir die Mama. Ich spreche von dir.« »Wozu quälst du mich mit Fragen, die doch erst viel später erledigt werden können? Weshalb willst du mich in offenen Widerspruch mit meiner Mutter setzen, deren unbedingte Autorität ich, heute noch, pflichtschuldig anzuerkennen habe.« Und als ich weiter in sie drang, um eine Erklärung bittend, begann sie zu weinen und nannte mich»lieblos«. Es war sehr traurig für mich; und ich konnte nichts dagegen tun. Johanna war keineswegs so beschränkt, wie Marie angenommen hatte. Sie besaß unter anderem eine hervorragende Kunst darin, Erörterungen, die ihr unbequem waren, aus dem Wege zu gehen. Wenn ich nach solchen Auseinandersetzungen des Abends meiner Wohnung zuschlich, sagte ich mir: »Liebeszwist. Das hat nichts zu bedeuten.« Aber ich fühlte, daß ich mich bemühte, mich mit solchen Worten zu täuschen, denn was uns bei derartigen Gelegenheiten entzweite, waren keine sogenannten › querelles d'amoureux ‹, und von »süßen Versöhnungen« war niemals die Rede. Doch kam mir noch nicht ernstlich der Gedanke, Johanna zu entsagen. Ich ahnte bereits, daß ich nicht glücklich mit ihr sein würde, aber ich war willen- und ratlos, Entschließungen zu fassen, um meinem Unglück rechtzeitig aus dem Wege zu gehen. Johanna nahm jeden Abend, wenn wir uns trennten, mit »kühler« Zärtlichkeit möchte ich sagen – aber doch zärtlich Abschied von mir. Das, was mich erregte, kränkte, verletzte – schien sie nicht zu berühren. Sie »schwebte« darüber mit einer Art kalter Überlegenheit. Konnte ich ihr eines Morgens, nachdem ich sie abends zuvor noch in meinen Armen gehalten hatte, schreiben oder sagen: »Liebe Johanna, wir passen nicht zueinander. Wir wollen ein jeder unsere Wege gehen.« Nein, das war unmöglich! Ich würde es als eine ehrlose Handlung betrachtet haben, hätte ich Johanna verlassen oder, wie die übliche Redensart geht, »sitzen lassen« wollen. Es ging nicht an. Ich mußte ausharren. Sie hatte mein Wort. Sie war meine verlobte Braut. Meine einzige Sorge mußte sein, sie glücklich zu machen, mit ihr glücklich zu werden. Alles andere war nach der Lage der Dinge ausgeschlossen. Es war ein trauriger Brautstand. Meine Klagen darüber würden daran nichts geändert haben: Johanna würde sie einfach nicht verstanden haben oder darüber mit der ihr eigenen »Superiorität«, die mich manchmal bis zur Verzweiflung brachte, fortgeschwebt sein. Doch fand ich stummes Verständnis für meinen wortlosen Schmerz – und zwar bei Natalie, der Braut meines Bruders. – Mein Verhältnis zu dieser hatte sich in kurzer Zeit zu einem wahrhaft freundschaftlichen gestaltet, und wennschon mein Herz Johanna gehörte und von Liebe zu Natalie bei mir selbstverständlich nicht die Rede sein konnte, so waren mir doch die Stunden, die ich in Gesellschaft der Braut meines Bruders verbrachte, wahrhafte Stunden der Erholung. Mit Herrn und Frau Ellrichs hatte ich mich nicht befreunden können. Meine häufigen Besuche und meine Freundlichkeit hatten Herrn Ellrichs in kurzer Zeit in belästigender Weise zutraulich gemacht. Er ermüdete mich mit sogenannten »komischen Geschichten«, die er in großer Anzahl in seinem Gedächtnis aufgespeichert hatte und mit einer Lebhaftigkeit der Stimme, des Gesichtsausdruckes und der Bewegungen vortrug, die mich geradezu beängstigte, nachdem ich beobachtet hatte, welch peinlichen Eindruck seine derartigen Vorträge auf Lothar und Natalie machten. Er war fortwährend bemüht, mich an seiner Seite in das öffentliche Leben zu ziehen. Bald sollte ich mit ihm in ein Theater oder Konzert gehen, bald in diesem oder jenem Speisehause mit ihm zu Mittag oder zu Abend essen. Er ging sogar in seiner Aufdringlichkeit so weit, mir eines Tages ein Darlehn anzubieten. »Junge Leute sind manchmal in Verlegenheit – kenne das – bin ja auch jung gewesen. Eintretenden Falles ganz zu Ihrer Verfügung. Keine Redensart. Wünschte, Sie stellten mich auf die Probe!« Ich verhielt mich all dem und vielem Ähnlichen gegenüber kühl ablehnend; aber Herr Ellrichs ließ sich keineswegs einschüchtern, sondern überraschte mich jeden Tag mit einer wahrhaft erstaunlichen Beharrlichkeit durch neue Vorschläge und unerwünschte Gefälligkeiten. Frau Ellrichs war zurückhaltend und dadurch weniger belästigend als ihr Gemahl; aber ihre Zierereien, das Gekünstelte, Unwahre jedes ihrer Worte, ihres ganzen Wesens, machte sie mir beinahe noch unangenehmer als den pöbelhaften Vater. Ich hatte manchmal geradezu Anfälle innerer Wut, wenn ich sie, schmachtend hingegossen, in tadelloser Toilette die blödesten Phrasen, von sanftem Augenaufschlag begleitet, säuselnd hervorbringen hörte. Es war mir ein unlösbares Rätsel, wie der Verbindung einer solchen Puppe, wie Frau Ellrichs, und eines solchen Tölpels wie des Herrn Ellrichs, eine Tochter wie Natalie hatte entspringen können: – ein einfaches, kluges, natürliches und taktvolles Mädchen. Sie war unausgesetzt bemüht, ihrer Eltern zahllose Geschmacklosigkeiten, für die sie das feinste Gefühl hatte, zu verbergen und zu bemänteln, und wennschon ihr dies bei der Plumpheit jener Geschmacklosigkeiten niemals ganz gelingen konnte, so hatten ihre Bemühungen, in meinen Augen wenigstens, etwas ungemein Rührendes, und ich verbarg in ihrer Gegenwart auf das sorgfältigste, daß mich die Roheit des Vaters und die Geziertheit der Mutter verletzten, daß ich sie überhaupt bemerkte. Ganz besonders gefiel mir an Natalie, daß ihr Auftreten es jedem wohlerzogenen Menschen unmöglich machte, in ihrer Gegenwart auch nur die leiseste spöttelnde Anspielung auf die unliebenswürdige Eigenart ihrer Eltern zu machen. Übrigens bestand zwischen diesen und Natalie das beste Verhältnis. Es war leicht zu erkennen, daß Herr und Frau Ellrichs ihre Natalie als einen Ausbund von Klugheit, Vornehmheit und Schönheit vergötterten, und daß sie ihre Eltern zärtlich liebte. Blind für deren Fehler konnte sie unmöglich sein, und ich wunderte mich zunächst, daß es ihr nicht gelungen war, den unangenehmen Leuten bessere Sitten beizubringen; dann aber sagte ich mir, daß Herr Ellrichs unheilbar roh, die Frau Gemahlin hoffnungslos unwahr sei, und daß die Tochter ihre Bemühungen, etwas zu bessern, wohl erst aufgegeben habe, als sie eingesehen, Abhilfe sei da unmöglich. Ich hatte meine Verlobung zunächst nur meinen Geschwistern angezeigt und von Elise herzliche Glückwünsche erhalten. Marie war nach ihren vorhergegangenen unfreundlichen Äußerungen über Johanna in Verlegenheit geraten, was sie mir nun sagen sollte. Ihre Herzensgüte und Liebe zu mir hatten ihr schließlich als richtig eingegeben zu schreiben, sie würde sich wohl in ihrem Urteil über meine Braut geirrt haben, sie wollte ihr mit dem herzlichen Wunsche entgegenkommen, sich mit ihr zu befreunden, und sie hoffte, eine liebe Anverwandte in ihr zu finden; mir wünschte sie alles Glück. Karls Teilnahme äußerte sich in kühler Weise. Elise hatte wohl recht: Geld nahm einen großen Platz in seinen Erwägungen ein. Von den Bedingungen, unter denen mir die Hand Johannas bewilligt worden war, hatte ich vorläufig noch nicht gesprochen, dagegen hatte ich Lothar, so schonend ich es vermochte, mitgeteilt, daß Frau v. Wehrenberg sich weigere, mit der Familie Ellrichs Beziehungen anzuknüpfen, und daß Johanna also erst als meine Frau Nataliens Bekanntschaft machen würde. Lothar stieg bei dieser Mitteilung das Blut ins Gesicht, aber da ich wiederholte, wie peinlich mir selbst Frau v. Wehrenbergs Haltung sei, und daß er Johanna oder mich nicht dafür verantwortlich machen dürfte, sagte er schließlich: »Ich würde Frau v. Wehrenberg niemals als einen Schmuck meines Hauses betrachtet haben und kann mich nur freuen, wenn sie uns die Ehre ihres Besuches nicht schenken will; die Hauptsache ist, daß wir – du und ich – nicht auseinander kommen, und das habe ich nicht zu befürchten. Es ist mir eine große Freude«, setzte er hinzu, »zu beobachten, daß es den Anschein hat, als ob du und Natalie gute Freunde werden würdet.« Lothar war nicht mehr so empfindlich, wie an dem Tage, als er mir zuerst von seiner Absicht gesprochen hatte, Natalie Ellrichs zu heiraten. Karls Haltung hatte ihn in der Annahme bestärkt, er tue damit etwas Vernünftiges, das keiner Rechtfertigung bedurfte. Natalie und ich waren in der Tat, wie Lothar bemerkt hatte, gute Freunde geworden. Ich kam damals nicht dazu, mir die Natur unserer Beziehungen klar zu machen, später erkannte ich, daß sie eigentümlicher Art gewesen waren. Wir konnten nämlich insofern gute Freunde genannt werden, als wir einer des anderen Gesellschaft aufsuchten, lange Stunden in Gesprächen verbrachten, uns niemals langweilten, wenn wir zusammen waren, und uns niemals zankten. Wir hatten über alles, worüber wir sprachen, verwandte Ansichten. Die Menschen, Bücher, Kunstwerke, die Natalie gefielen, waren nach meinem Geschmack; sie teilte meine Vorliebe für die See, meine Abneigung gegen das Auffällige, Geräuschvolle, und ich empfand in ihrer Nähe, wenn ich ihre sanfte, leise Stimme vernahm, ihrer ruhigen Rede lauschte, ein unbeschreibliches Wohlbehagen, ein Gefühl angenehmer Sicherheit, daß kein Mißton die Harmonie unseres Zusammenseins stören würde. Aber – und das war, wie ich erst später ernannte, – das Eigentümliche unserer guten Beziehungen: wir hatten niemals »vertrauliche« Unterhaltungen, und wir hätten das, was wir einander mit halblauter Stimme erzählten, öffentlich bekannt machen können, ohne daß dies irgend jemand, am wenigsten uns selbst, bloßgestellt haben würde. Doch unterhielten wir uns ungezwungen nur im Zwiegespräch; sobald ein dritter zu uns trat – ob Lothar, Herr oder Frau Ellrichs – versiegte unsere Rede, die kurz vorher noch so leicht geflossen war. Nichts wäre natürlicher gewesen, als daß ich über Johanna mit Natalie, sie über Lothar mit mir gesprochen hätte. Die Namen der beiden wurden selten von uns ausgesprochen; eine längere Unterhaltung über sie fand überhaupt niemals zwischen uns statt. Als der Tag meiner Vermählung nahte, überkam mich eine Traurigkeit, die so tief wurde, daß ich sie nicht mehr verbergen konnte. Freunde und Bekannte fragten mich, was mir fehle: ich sähe krank und elend aus. Nur Johanna und Frau v. Wehrenberg schienen für meinen leidenden Zustand blind zu sein; wenigstens richtete keine von ihnen je eine Frage über mein Befinden an mich. Es war mir klar geworden, daß ich mich in Johanna geirrt hatte. Sie war in vollem Maße, was man ein anständiges, wohlerzogenes junges Mädchen nennt – in dieser Beziehung stand sie makellos da; aber sie war kleinlich, engherzig und – ich konnte mich darüber nicht mehr täuschen – sie liebte mich nicht. Sie gab mir nicht etwa Grund zur Eifersucht – man kann auch ohne Liebe treu sein – aber ich hatte das sichere Gefühl, daß jeder andere an meinem Platze, d. h. jeder, den sie »mit Erlaubnis der Mama« als ihren zukünftigen Ehegemahl hätte »lieben« dürfen, ihrem kleinen Herzen ebenso nahe gestanden haben würde wie ich. Ich versuchte noch oftmals, mir einzureden, daß ich Johanna trotz allem, was mir an ihr mißfiel, liebte. Ich konnte sogar noch ganz ehrlich für sie »schwärmen« – aber es war doch nur ein Schwärmen in der Art meiner ehemaligen Tagebuch-Sentimentalität: gefälschte Ware, wenn ich sie auch selbst noch in kurzen Augenblicken für echt halten konnte. Die Verhandlungen mit dem Rechtsanwalt meiner zukünftigen Schwiegermutter über den Abschluß meines Ehevertrages waren nicht geeignet, meine Gemütsverfassung zu verbessern. Es war dem Herrn Justizrat, wie ich es mit Leichtigkeit erkannte, von Frau v. Wehrenberg eindringlichst ans Herz gelegt worden, das »Geschäft«, d. h. die Abtretung meiner fünfzigtausend Taler an Johanna – zu einem ganz sicheren zu machen, und der gewissenhafte Vertreter der Interessen meiner Braut hatte infolgedessen eine Urkunde aufgesetzt, als seien alle möglichen Schliche und Kniffe von mir zu befürchten, um auf unredliche Weise später wieder in den Besitz jenes Betrages zu gelangen. Es war mir peinlich, ich schämte mich, meinen Namen unter einen solchen Vertrag zu setzen. Was dachten die Leute von mir? Hielten sie mich für einen Abenteurer, einen Betrüger? Meine Entrüstung prallte ab an der eisigen Ruhe des Herrn Justizrats. – »Dieser Entwurf involviert keinen Verdacht gegen Ihre Ehrenhaftigkeit«, sagte er. »Es ist einfach ein bindender Vertrag, wie ihn, in ähnlichem Falle jeder gewissenhafte und sachverständige Jurist vorbereiten würde. Ich könnte daran ohne Pflichtverletzung nichts ändern. Aber wenn Sie es wünschen, werde ich Frau v. Wehrenberg Ihre Bedenken mitteilen, und wenn diese, im Vertrauen auf Ihre Ehrenhaftigkeit, die über jeden Zweifel erhaben ist, mit einem Scheinvertrag zufrieden ist oder überhaupt auf jeden Vertrag verzichtet und sich Ihr Wort genügen lassen will, die fünfzigtausend Taler Ihrer Frau Gemahlin niemals anzutasten oder zu gefährden, so habe ich nicht den geringsten Einwand dagegen zu erheben.« Ich war ergrimmt. Aber was konnte ich tun? Sollte ich bei der mißtrauischen Frau v. Wehrenberg und vielleicht auch in Johannas Augen als ein Mann dastehen, der sich von der Erfüllung eines gegebenen Versprechens zurückzuziehen bemüht war? – Ich gab meine Zustimmung zu dem Entwurf. Ich konnte nun auch nicht länger zögern, meine Geschwister mit den Bedingungen bekannt zu machen, unter denen Frau von Wehrenberg ihre Einwilligung zu meiner Vermählung mit ihrer Tochter gegeben hatte. Wie schwer wurden mir die Briefe, die ich an Karl, Elise und Marie schreiben mußte, und wie zögerte ich, als handele es sich ein Verbrechen zu bekennen, als ich Lothar mit dem Sachverhalt bekannt machte! Dieser nahm meine Mitteilung leichtfertig und überhaupt in einer Art auf, die mir in hohem Grade mißfiel. Er lächelte spöttisch. »Da machst du ja also auch eine Geldheirat«, sagte er; »nur, daß du der gebende Teil bist – was bei mir nicht der Fall ist. Ich gratuliere dazu, daß du in der Lage bist, dir einen solchen Luxus zu gönnen. Meine Mittel gestatten mir das nicht. Erlaube mir nur noch zu bemerken, daß – Schwiegermutter für Schwiegermutter – mir die meine, die du für lächerlich hältst und nicht ausstehen kannst, doch noch lieber ist als die deine.« Ich fühlte, daß mir die Zornesröte ins Gesicht stieg – aber ich schwieg. Was mich besonders verletzte, war, daß ich bei Lothar die Absicht zu erkennen glaubte, mich zu kränken, während ich, seit unserer letzten Unterredung vor seiner Verlobung, rücksichtsvoll auf jede Anspielung auf das, was mir an seiner Verlobung mit Fräulein Ellrichs mißfallen, zurückgehalten hatte. Von Karl erhielt ich eine kühle Empfangsanzeige meines Briefes. Sie enthielt keinen Vorwurf und kein Wort der Zustimmung. Die gute Marie war augenscheinlich beunruhigt; aber sie fügte sich in das Unvermeidliche. »Ich hoffe,« so schrieb sie, »Johannas Liebe wird dir das große Opfer vergelten, das du ihr bringst.« – Elise, die ich erst in letzter Zeit von einer mir bis dahin unbekannten »romantischen« Seite kennen gelernt hatte, lobte mich: »Du hast recht getan. Wie hoch stehst du über Lothar, an den ich nicht ohne Beschämung denken kann.« Ich muß hinzufügen, daß ich in meinen Briefen nicht gesagt hatte, Frau v. Wehrenberg habe die Verschreibung der fünfzigtausend Taler an ihre Tochter zur Bedingung meiner Vermählung mit dieser gemacht. Ich hatte die Geschichte im unklaren gelassen. Meine Geschwister mochten meiner Darstellung des Sachverhalts entnommen haben, ich hätte aus eigenem Antriebe, um die Zukunft Johannas sicherzustellen, dieser den größten Teil meines Vermögens verschrieben. Eine Last war mir durch die Auseinandersetzungen mit meinen Geschwistern vom Herzen genommen; – aber meine Stimmung hatte sich nicht gebessert. Meine Traurigkeit nahm täglich zu. Ich war der Verzweiflung nahe. Offenen Auges ging ich in mein Verderben. Warum brach ich nicht mit Johanna? Wäre es nicht besser gewesen für mich sowohl wie für sie? – Mochte sie das Geld, das ich ihr verschrieben hatte, behalten! Wenn sie mir nur mein Wort, meine Freiheit zurückgab. Aber mein »Gewissen machte einen Feigling« aus mir. Ich hatte nicht den Mut, mein Wort zurückzufordern. Und so kam der Vorabend der Abreise nach Nortorf, wo meine Vermählung mit Johanna stattfinden sollte. Lothar hatte seine Hochzeit auf einen Monat hinausgeschoben: er sagte mir mit verhaltenem Ingrimm, es geschähe dies, um es Frau v. Wehrenberg und Johanna leicht zu machen, ihm und seiner Braut, ohne Aufsehen zu erregen, aus dem Wege zu gehen. Ich erblickte in dieser Erklärung nur einen Vorwand. Der eigentliche Grund der Verzögerung blieb mir unbekannt. Es war zu Anfang des Frühlings. Der kurze Tag war wunderschön gewesen. Ich war stundenlang im Tiergarten umhergeirrt; aber das junge Grün, die laue Luft hatten mein gequältes Herz nicht mit Freude und Hoffnung gefüllt. Tiefe Schwermut war über mich gekommen. Ein altes schottisches Lied wollte mir nicht aus dem Sinn: »Auld Robin Gray« – »So I'll do my best, a good man to be!« »Ich will mein Bestes tun, Johanna glücklich zu machen!« sagte ich mir. – Der feste Wille, seine Pflicht zu tun, genügt nicht zum Glück, aber er bewahrt vor der Verzweiflung. – Dann befand ich mich wieder zu Hause, ohne zu wissen, wie ich dorthin gekommen war. Ich mußte noch zu Johanna gehen, um mich bis morgen von ihr zu verabschieden. Ich würde sie dann erst vor dem Altar wiedersehen. Ein Grauen überkam mich bei dem Gedanken, glücklich erscheinen zu müssen, wo ich mich so unglücklich fühlte. Aber es mußte sein! Ich machte mich auf den Weg zur Wohnung meiner Braut. Es war mir wie ein Gang zum Richtplatz. »Es muß sein! I'll do my best! « – Ich überschritt die Schwelle und stand in dem halbdunklen, alten Wohnzimmer. »Die gnädige Frau wird sogleich kommen« – meldete die Magd. »Sie hilft dem gnädigen Fräulein beim Einpacken.« Ich setzte mich an das offene Fenster. Das Wetter hatte sich nach Sonnenuntergang erheblich abgekühlt. Ich schauerte fröstelnd zusammen. Kein Licht und keine Wärme. Wie das Gemach, in dem ich mich befand, so erschien mir mein Leben. Dann vernahm ich Schritte: Frau v. Wehrenberg und Johanna traten gleichzeitig in das Zimmer. »Sie finden uns sehr beschäftigt«, sagte Frau von Wehrenberg. Es war ein deutlicher Wink, ich möchte mich bald wieder entfernen, und ich war gern bereit, ihm zu folgen. Ich wechselte noch einige flüchtige Worte mit Johanna, umarmte sie in Gegenwart ihrer Mutter, küßte dieser die weiche Hand, deren Berührung mir geradezu peinlich war, und dann stand ich wieder auf der Straße. Es war nun ganz dunkel geworden. Ich begab mich zu Natalie, um von ihr und ihren Eltern Abschied zu nehmen. Ich fand die drei in dem großen Empfangszimmer, in dem ich Natalie vor wenigen Monaten zum ersten Male als Braut meines Bruders begrüßt hatte. Es war meine Absicht, mich nur kurze Zeit aufzuhalten, und ich lehnte die Einladung, zum Abendessen zu bleiben, dankend ab. »Ich komme, um mich zu verabschieden«, sagte ich. »Ich gehe morgen nach Nortorf.« Herr und Frau Ellrichs waren unterrichtet und wünschten mir Glück. Sie waren dabei befangen, denn sie mußten sich peinlich dadurch berührt fühlen, daß man sie von der Teilnahme an einer bedeutenden Familienfeier, wie es meine Verheiratung war, ausgeschlossen hatte. Aber auch in dieser Beziehung waren sie wohl durch Lothar genügend in die Lage eingeweiht worden, um zu wissen, daß ich an der zugefügten Kränkung unschuldig war und sie bedauerte. Ihr Benehmen erschien freundlich, ich kann sogar sagen herzlich, soweit dies dem Vater bei seiner Plumpheit, der Mutter bei ihrem gezierten Wesen überhaupt möglich war. Natalie hatte noch kein Wort gesprochen. Ich hatte ihren Blick gesucht, aber sie hielt die Augen zu Boden geschlagen. Ich erhob mich und sagte Herrn und Frau Ellrichs Lebewohl. Dann reichte ich auch Natalie die Hand zum Abschied. Da hob sie die Lider, und ihre Augen hefteten sich mit einem Ausdruck auf mich, den ich nicht zu deuten vermochte und nicht beschreiben kann. »Setzen wir uns noch einen Augenblick auf die Veranda«, sagte sie. Meine Beziehungen zu ihr hatten sich im Laufe des Winters so gestaltet, daß diese Aufforderung weder für ihre Eltern noch für mich etwas Auffälliges haben konnte. Oftmals hatte ich mit ihr auf der, während der kalten Jahreszeit zu einem kleinen Treibhause eingerichteten Veranda gesessen und mich ungezwungen und ungestört mit ihr unterhalten, während Lothar mit seinem zukünftigen Schwiegervater in dem anstoßenden Wohnzimmer eine Partie Bézigue gespielt hatte und Frau Ellrichs, mit einem französischen Roman in der Hand, auf einem bequemen Sessel vor dem Kamin eingeschlummert war. Auf der Veranda befanden wir uns allein. Die Glastür, durch die man vom Wohnzimmer darauf trat, stand zwar offen, aber wenn wir nicht laut sprachen – was weder Nataliens noch meine Art war – so konnte man am Kamin, vor dem Herr und Frau Ellrichs saßen, kaum ein Wort von dem, was wir sprachen, verstehen. »Sie haben mir nichts mehr zu sagen?« fragte Natalie. »Mögen Sie glücklich werden, liebe Natalie«, antwortete ich. »Und bewahren Sie mir Ihre Freundschaft!« »Ist das alles?« Ihre Augen ruhten mit einem so eigentümlich ernsten und vorwurfsvollen Ausdruck aus mir, daß es mich verwirrte. Ich fand keine Antwort. »Warum sind Sie traurig?« fragte sie weiter. »Was fehlt Ihnen?« Sie sprach ganz leise, ihre Stimme klang heiser und streng. Ich blickte sie noch immer wortlos an. »Sie sind unglücklich . . .« Wieder eine kurze Pause. »Können Sie Ihrem Unglück nicht entgehen?« »Ich darf es nicht«, antwortete ich leise. »Sie dürfen es nicht?« fiel sie mir ins Wort. »Nein! Sie wagen es nicht!« Sie war mir nahe getreten. Ihre Augen funkelten. Ihr Gesicht war ganz weiß. »Haben Sie doch den Mut, nicht unglücklich werden zu wollen . . .« Und kaum vernehmlich leise fügte sie hinzu: »vielleicht noch glücklich zu werden.« Mich überfiel eine tödliche Angst. Es war, als stände ich vor einer furchtbaren Wahl. Wie ein Gespenst in einem bösen Traume erhob sich das Verbrechen unklar, grauenhaft vor meines Geistes Augen: Verrat an Braut und Bruder! Ich taumelte zurück. Angstschweiß perlte mir auf der Stirn. Sie betrachtete mich noch eine Sekunde, und dann sank sie auf einen Sessel und bedeckte sich das Gesicht mit beiden Händen. Ich wandte mich lautlos ab, trat wieder in das Empfangszimmer, vermochte es, mich anscheinend ruhig von Herrn und Frau Ellrichs zu verabschieden und verließ das Haus, ohne Natalie wiedergesehen zu haben. Als ich auf der Straße war, übermannte mich verzweifelter Schmerz, und ich mußte die Zähne zusammenbeißen, um nicht laut aufzuschreien.   Mein Benehmen an meinem Hochzeitstage war ein sehr auffälliges. Ich entnahm dies später einigen Bemerkungen meiner Geschwister. Ich selbst weiß nichts mehr davon. Ich wandelte wie in einem Traum. Ich soll sehr zerstreut gewesen sein und mit niemand gesprochen haben, auch nicht mit meiner Braut. Kein Mensch konnte sich mein Benehmen erklären, und ich wäre nicht imstande gewesen, eine Aufklärung zu geben, wenn man mich darüber befragt hätte. Aber man ließ mich in Ruhe. Ich habe eine dunkle Erinnerung, am Morgen, kurz vor der Hochzeit, mit meiner Schwester Marie in einem Zimmer des Schlosses zusammen gewesen zu sein. Ich hatte meinen Kopf auf ihre Schulter gebeugt und weinte, und sie sprach leise zu mir; aber ich verstand nicht, was sie sagte, oder ich habe es vergessen, auch weiß ich nicht mehr, wie ich dazu kam, zu weinen; aber ich bin ganz sicher, ihr nichts anvertraut zu haben. Keine Folter hätte mir damals mein Geheimnis entreißen können. – Dann sehe ich mich in der Dorfkirche, vor dem Altar, neben mir eine weiße Erscheinung: Johanna. Der Prediger hatte lange gesprochen, dann liest er etwas und richtet eine Frage an mich. Ich weiß, daß ich darauf »Ja« antworten mußte. Aber das Wort kommt mir nicht über die Lippen. Wie ein furchtbarer Alp drückt es auf meiner Brust. Ich mache übermenschliche Anstrengungen, und endlich entringt sich meinen Lippen ein kurzer, rauher Laut. Gleich darauf vernehme ich Johannas helle, klare Stimme: »Ja« – Orgeltöne und Glockengeläute summen mir in den Ohren, ich drücke Hände, die mir von allen Seiten gereicht werden. – Später sitze ich plötzlich vor einer reich besetzten Tafel, an der viel und laut gesprochen wird. Dann, nach langer Zeit, flüstert mir Marie einige Worte ins Ohr. Ich erhebe mich und schleiche, wie ein Verbrecher, aus dem Festsaal. Helles Gelächter schallt mir nach. Bald darauf bin ich mit Johanna in einem offenen Wagen, der uns zum Bahnhof fährt. Ein Zug braust heran und macht halt, wir nehmen darin Platz, mein Diener reicht mir einige Taschen und Decken in den Wagen, die Tür wird zugeschlagen, der Zug pfeift, und ich bin unterwegs – auf meiner Hochzeitsreise! »Was fehlt dir?« hörte ich Johanna fragen. Ich rieb mir eine Sekunde die Stirn. Ich kam endlich wieder zu mir. »Ich habe seit heute früh geradezu unerträgliche Kopfschmerzen. Aber ich fühle mich jetzt besser, ich werde bald ganz wohl sein.« »Mein armer Hermann«, sagte Johanna sanft. Sie legte ihre kühle, weiche Hand auf meine Stirn, und da traten mir große stille Tränen in die Augen, und es war mir, als ergösse sich damit mein Schmerz, und ich wäre erlöst von meiner stummen Pein. Ich schloß die Augen, und ich glaube, daß ich das Bewußtsein verlor und einschlief. Aber gleich darauf war ich wieder wach, und meine Lage stand mir klar vor Augen. Ich war mit dem Mädchen meiner Wahl vermählt. Es war meine erste Pflicht, sie glücklich zu machen, mein Recht zu versuchen, durch sie glücklich zu werden. Ich wollte mein Bestes dazu tun. – »I'll do my best!«   Während der ersten Wochen nach der Hochzeit zeigte sich Johanna von einer gleichmäßigen Liebenswürdigkeit, die sie meinem Herzen, das sich weit von ihr entfernt hatte, wieder näher rückte. Die alten Hoffnungen, die ich eine Zeitlang sorgfältigst gehütet hatte, die aber trotzdem zerstört worden waren, erwachten von neuem. Es war ja möglich, daß Johanna, von dem verderblichen Einfluß der Mutter befreit, sich als so edel und gut bewähren würde, wie ich es gewähnt, als ich um ihre Hand angehalten hatte. Der Gedanke machte mich glücklich, und es wurde mir leicht, mit dem schönen Wesen, an das mein Schicksal fortan gekettet war, innig und heiter zu verkehren. Kurz vor meiner Vermählung noch hatte ich mit wachsender Beängstigung daran gedacht, daß die Hochzeitsreise ein wochenlanges, stetes Zusammensein mit Johanna bedingen müßte. Wie würden wir, da wir in keiner geistigen Gemeinschaft lebten, die tödlich langen Stunden des Tages ausfüllen? Und ich grübelte, wie ich dies ohne zu große Pein für Johanna und für mich zu Werke bringen könnte. Es war nun aber alles ganz anders geworden, als ich gefürchtet hatte. Wenn Johanna mir in strahlender Schönheit, Zärtlichkeit in Wort und Blick entgegenkam, schlug mein Herz in Entzücken, und die Süße ihres Kusses berauschte mich. Die eisige Zurückhaltung des jungen Mädchens, die mich mißtrauisch gemacht und beängstigt hatte, war einer beglückenden Hingebung gewichen, und sie selbst war es, die jetzt die großen Mühen verspottete, die sie der Ausarbeitung unseres Reiseprogramms zugewandt hatte. Wir hielten uns in keiner Weise daran, und anstatt die Kunstschätze von Florenz, Rom und Neapel zu besuchen, saßen wir an einem der italienischen Seen, in einem stillen Orte, den der Frühling mit einer von Johanna nie geahnten Pracht schmückte. Traurig zählte sie die Tage, die uns von der unvermeidlichen Heimkehr nach Berlin trennten, und als der Vorabend unserer Abreise, zu schnell für ihr und mein Glück, gekommen war, warf sie sich weinend an meinen Hals und dankte mir für alles Liebe und Gute, das ich ihr erwiesen hätte. In Berlin empfing mich bei meiner Ankunft eine überraschende Nachricht. Lothar, von dem ich in Italien nur einmal einen kurzen Brief erhalten, als Antwort auf ein langes Schreiben, in dem ich ihm unser glückliches Leben geschildert hatte, schrieb mir aus Paris, seine Verlobung mit Fräulein Natalie Ellrichs sei zurückgegangen. Er erwähnte mit keiner Silbe, warum und wie dies geschehen sei, und er verwahrte sich im voraus dagegen, mir über diese Fragen, die natürlich sofort in mir aufstiegen, Rede und Antwort zu stehen. – »Das Thema ist kein erfreuliches,« schrieb er, »und es ist meine Absicht, darüber kein Wort mehr zu verlieren. Ich bitte Dich deshalb, die Sache in meiner Gegenwart nicht wieder zu erwähnen, auch erwarte ich keine Antwort von Dir auf diesen Brief, den Du übrigens Deiner Frau zu lesen geben kannst. Am liebsten wäre es mir, Du zeigtest mir dessen Empfang einfach telegraphisch an und betrachtetest damit die Geschichte als vollständig abgetan und aus der Welt. Diesen Wunsch habe ich auch Karl, Marie und Elise gegenüber ausgesprochen, und ich hoffe, daß er Berücksichtigung finden wird. – Ich habe einen dreimonatigen Urlaub erhalten. Ich bin mir noch nicht recht klar darüber, wo ich ihn verbringen werde. An der Riviera ist es jetzt zu heiß – vielleicht gehe ich nach England. Jedenfalls wirst Du von mir hören; aber beunruhige Dich nicht weiter, falls Du längere Zeit ohne Nachrichten von mir bleiben solltest! Es geht mir übrigens ganz gut.« Ich eilte sofort zu Johanna. Ich fand sie mit ihrer Mutter, die uns an der Eisenbahn abgeholt und mich in der ihr eigenen kühlen Weise begrüßt hatte. »Johanna,« sagte ich erregt, »auf dem Tisch fand ich einen Brief von Lothar. Denke dir, seine Verlobung mit Fräulein Ellrichs ist zurückgegangen.« »Mama hat es mir bereits gesagt«, antwortete Johanna ruhig. Ich warf einen fragenden Blick auf Frau v. Wehrenberg, aber diese blieb stumm, und ich sah wohl, daß sie mir unaufgefordert keine Auskunft geben würde. – »Wissen Sie, was vorgefallen ist?« fragte ich. »Nichts Bestimmtes.« »Darf ich fragen, was Sie wissen? Sie können sich denken, daß mich die Sache lebhaft interessiert.« »Die Leute erzählen sich allerlei darüber. Es ist ein ergiebiger Unterhaltungsstoff.« Ich wurde ungeduldig. Mein alter Haß gegen die Frau, der eine Zeitlang geschlummert hatte, erwachte wieder; aber ich beherrschte mich. »Nun, und was sagen die Leute?« »Fräulein Ellrichs soll sich geärgert haben, daß man sie und ihre Eltern nicht nach Nortorf zu Ihrer Hochzeit eingeladen hatte. Die Leute wollen wissen, sie hätte sich deswegen mit ihrem Bräutigam gezankt, und es wäre darüber zu einem Auftritt gekommen, an dem sich auch Herr und Frau Ellrichs beteiligt hätten. Am nächsten Morgen wäre Ihrem Bruder ein Absagebrief von Fräulein Ellrichs zugegangen, und als er darauf nach ihrem Hause geeilt, hätte er vom Pförtner den Bescheid erhalten, die Herrschaft sei vor zwei Stunden bereits abgereist und würde voraussichtlich erst zum Winter nach Berlin zurückkehren.« Frau v. Wehrenberg war nicht die Person, mit der ich mich über die Sache aussprechen konnte. Ich drang nicht weiter in sie. Jedenfalls würde ich von einer gesprächigen Tante oder Kusine bald alle bekannten Einzelheiten des Vorfalls erfahren: denn darin hatte meine Frau Schwiegermutter sicherlich recht, daß sie ihn als »einen ergiebigen Unterhaltungsstoff« bezeichnete. Johanna hatte während meines kurzen Wortwechsels mit ihrer Mutter stumm dagesessen. Ich blickte sie an. Ihre Augen, die noch vor wenigen Stunden meine Blicke liebevoll beantwortet hatten, blieben zu Boden geschlagen. Es kam mir vor, als sei Johanna plötzlich umgewandelt worden, als sei sie nun wieder dieselbe geworden, deren Wesen mich vor meiner Verheiratung so unglücklich gemacht hatte. Ich verließ die beiden Frauen und zog mich auf mein Zimmer zurück. Am Abend entfernte sich Frau v. Wehrenberg, und ich blieb allein mit Johanna, deren Freundlichkeit sogleich in der ungezwungensten Weise zurückkehrte. Wir verbrachten mehrere Stunden zusammen in angenehmer Unterhaltung über unsere Reise und über das Leben, das wir in Zukunft führen wollten. Ich vergaß schnell, daß Johanna so wenig Anteil an Lothars Schicksal zu erkennen gegeben und ich ihr dies übel genommen hatte, und dann schob ich ihre Zurückhaltung auf die erkältende Gegenwart der Mutter und entschuldigte ihr Benehmen. – Lothar hatte sich Johanna nie freundlich gezeigt, ihr keine Veranlassung gegeben, Zuneigung für ihn zu empfinden oder an den Tag zu legen. Ich hätte natürlich gewünscht, daß sich zwischen ihr und meinen Geschwistern ein wahrhaft freundliches Verhältnis gebildet hätte, aber ich durfte, um gerecht zu sein, nicht vergessen, daß auch mich, den Bruder, Lothars Verlobung mit der reichen Erbin zunächst peinlich berührt hatte. Ich konnte Johanna nicht verargen, daß ihre Gefühle für meinen Bruder keine freundlichen geworden waren. Die Tatsache, die ich beklagte, war durch Lothar verschuldet worden. Die nächsten Tage brachten noch keine Veränderung in meine Stimmung, und Johanna machte es mir leicht, freundlich und liebevoll zu sein. Sie nahm ihre Pflichten als Hausfrau sehr ernst – alles in unserer kleinen Wirtschaft war musterhaft gehalten – und sie empfing mich mit offenen Armen, wenn ich von meinem Büro arbeitsmüde nach Hause kam. Frau v. Wehrenberg sah ich selten, aber ich wußte, daß sie jeden Tag stundenlang bei Johanna verweilte. Es war mir nicht angenehm, aber ich wagte nicht, eine Bemerkung darüber zu machen. Ich konnte Johanna während des Tages keine Gesellschaft leisten, da ich von zehn bis fünf Uhr auf dem Ministerium beschäftigt war, und es erschien ganz in der Ordnung, daß Frau v. Wehrenberg die langen Stunden, die ihre Tochter in meiner Abwesenheit zu verbringen hatte, durch regelmäßige Besuche verkürzte. Manchmal, wenn ich zufällig etwas früher als gewöhnlich nach Hause kam, traf ich noch mit Frau v. Wehrenberg zusammen, aber wir wechselten bei solchen Gelegenheiten selten mehr als einige Worte miteinander. Gewöhnlich verabschiedete sie sich dann gleich von uns, was ich ihr nicht übel nehmen konnte, da ich wußte und sie mir verschiedene Male, um ihr schnelles Verschwinden zu entschuldigen, wiederholt hatte, daß sie um fünf Uhr ihre Mittagsmahlzeit einnehme. Eines Tages kam Elise auf einen Tag nach Berlin. Sie hatte einige Besorgungen zu machen und wollte am Abend nach Nortorf zurückkehren. Da sie mir ihre Ankunft telegraphisch angezeigt hatte, so holte ich sie von der Eisenbahn ab und sagte ihr, sie würde natürlich mit uns zu Mittag essen, falls sie sich nicht anderweitig versagt hätte. Elise war frei. Wir aßen um sechs Uhr zu drei zusammen, und um acht Uhr führten Johanna und ich Elise wieder zur Bahn. Ich hatte sie seit mehreren Monaten nicht gesehen, und wir hatten uns viel zu erzählen, namentlich auch über Lothar, von dem wir wußten, daß er von Paris nach England gegangen war und sich augenblicklich in einem Seebade aufhielt. Die Geschichte seiner Trennung von Fräulein Ellrichs war noch immer ein Geheimnis für uns. Das, was ich in Berlin und Elise in Nortorf darüber erfahren hatten, war nicht viel mehr, als mir Frau v. Wehrenberg am Tage meiner Rückkehr von unserer Hochzeitsreise erzählt hatte. Nachdem wir Elise bis zum Wagen geführt hatten und der Zug abgegangen war, traten Johanna und ich langsam den Rückweg nach unserer Wohnung an. Johanna ging stumm an meiner Seite. Eine Weile beachtete ich es nicht. Meine Gedanken waren noch mit dem beschäftigt, was ich von Elise gehört und ihr gesagt hatte; aber plötzlich fiel mir Johannas Schweigen auf. »Nun,« sagte ich, »du bist ja so still!« Sie antwortete nicht. »Fehlt dir etwas?« »Nein!« Der Ton, in dem sie das Wort herausstieß, war unfreundlich. »Doch«, sagte ich. »Du bist verstimmt. Ich kann es dir anhören. Ist irgend etwas vorgefallen, was dich geärgert hat?« »Nicht geärgert – gekränkt!« Nun war ich wirklich besorgt. »Was kann dich gekränkt haben? – Sage es mir!« Sie ließ sich noch eine Zeitlang bitten, immer kurz und schroff meine Aufforderung zu sprechen zurückweisend. Endlich kamen ihre Worte, bittere, unfreundliche Worte, die ich schmerzlich empfand. Zunächst warf sie mir vor, sie während der Anwesenheit meiner Schwester vollständig vernachlässigt, kein Wort mit ihr gesprochen zu haben. – »Sobald es sich um deine Brüder oder Schwestern handelt, existiert deine Frau überhaupt nicht mehr für dich. Ich habe mich vor Elise geschämt über die Behandlung, die ich mir von dir gefallen lassen muß.« Ich fühlte mich nicht ganz schuldfrei, denn ich hatte mich in der Tat während der letzten Stunden nur wenig um Johanna bekümmert, aber das war doch leicht zu erklären und, wie es mir schien, auch zu entschuldigen. Johanna wollte jedoch auf alles, was ich sagte, nicht hören. »Du findest es ganz natürlich, daß du dich deiner Schwester widmest, und ich erscheine, wenn sie da ist, als eine störende Dritte. Warum verargst du mir das Zusammensein mit meiner Mutter?« »Ich habe nie ein Wort darüber gesagt.« »Du haßt meine arme, gute Mama!« »Du irrst dich!« »Ich irre mich nicht. Kannst du behaupten, du hättest Mama lieb?« Johanna sprach so aufgeregt und unfreundlich, daß ich nun auch die Geduld verlor. »Ich habe den lebhaften Wunsch gehegt, mich mit deiner Mutter gut zu stellen; sie hat mein Entgegenkommen stets kalt zurückgewiesen. Ich erinnere mich nicht, je ein freundliches Wort von ihr gehört zu haben. Sie hat mich vom ersten Tage an argwöhnisch, feindlich behandelt. Sie hat das kühle Verhältnis geschaffen, das jetzt zwischen uns besteht. Ich frage dich, auf dein Gewissen: spricht sie mit dir freundlich über mich, gibt sie dir zu erkennen, daß sie mich lieb hat?« Johanna antwortete nicht. »Nun?« fragte ich. »Wir sprechen überhaupt sehr wenig von dir.« »Das ist keine Antwort, ich will dich aber nicht drängen, mir zu antworten. Ich weiß genug, um dir auf deine Bemerkung von vorhin antworten zu können: die Gefühle, die ich für deine Mutter hege, sind sehr freundschaftlich im Vergleich zu denen, die sie für mich zur Schau trägt.« Wir waren an unserer Wohnung angelangt. Johanna begab sich sogleich auf ihr Zimmer, wo sie längere Zeit verblieb. Als sie zu später Stunde wieder im gemeinschaftlichen Wohnzimmer erschien, zeigte nichts in ihren Worten und ihrem Wesen, daß etwas Unangenehmes zwischen uns vorgefallen sei. Sie sprach anscheinend ganz harmlos, von gleichgültigen Dingen. Im Laufe des Abends kam es zu einer Art stummer Versöhnung, und ich bat ihr im Geist die unfreundlichen Worte ab, die ich ihr über ihre Mutter gesagt hatte. Doch blieb in meinem Herzen eine gewisse Bitterkeit zurück. Ich erkannte wieder einmal, daß Johanna es mir nicht möglich machte, mich mit ihr »auszusprechen«. Von diesem Tage an trat langsam, stetig fortschreitend eine Veränderung in Johannas Benehmen mir gegenüber ein. Sie war noch immer ängstlich bedacht, alle ihre Pflichten als Hausfrau pünktlich zu erfüllen und gab mir keinen Grund, ihr Vorwürfe zu machen. Das, worüber ich klagte, worunter ich litt, war ihr Mangel an Herzlichkeit, Zutraulichkeit. Darüber mit ihr zu sprechen, wäre unnütz gewesen: sie würde mich verwundert angesehen, mich gar nicht verstanden haben. Sie fühlte sich, so glaube ich, keineswegs unglücklich. Sie fand in ihrer Verbindung mit mir alles, wonach ihr kleines Herz verlangte. – Nach und nach verfiel ich wieder in die trübe Stimmung vor meiner Hochzeit. Mein »eheliches Glück« hatte nicht ganz zwei Monate gewährt. Johanna, unter dem steten und wachsenden Einflusse ihrer Mutter entfremdete sich mir täglich mehr. Wir waren übereingekommen, Berlin während des Sommers nicht zu verlassen. Ich wollte nicht ohne zwingende Veranlassung um einen neuen Urlaub bitten, nachdem ich im Frühjahr mehrere Wochen vom Amte entfernt gewesen war; aber es gab noch einen anderen wichtigen Grund, weshalb ich nicht an Reisen denken wollte. Ich fing bereits an, Geldsorgen zu haben. Sie waren noch nicht schwer, aber sie drückten mich ungleich empfindlicher als ähnliche Sorgen vor meiner Verheiratung. Ich erinnerte mich der Unterredung mit Lothar, als er mir gesagt hatte, er würde selbst mit der geliebtesten Frau der Welt in einem Jahre unglücklich sein, wenn er nur dreitausend Taler Einkommen mit ihr zu verzehren hätte. Ich hatte das zynisch und ungerecht gefunden. Nun war ich kaum ein Vierteljahr verheiratet, und schon fing ich an, mir zu sagen, daß Lothar nicht ganz unrecht gehabt hätte. Es ist wahr, daß sich meine Ehe anders gestaltet, als ich zur Zeit jenes Gespräches mit meinem Bruder gehofft hatte. Johanna war, für mich wenigstens, keineswegs »die beste Frau der Welt«, und ich . . . ich liebte sie nicht mehr. Ich machte mir jetzt ganz klar, daß ich schon monatelang vor meiner Verheiratung aufgehört hatte, sie zu lieben. Das, was ich während der ersten Wochen nach unserer Verbindung noch für Liebe genommen hatte, war ein Sinnesrausch gewesen, in dem wir beide, Johanna und ich, gelebt hatten. Er war verraucht, und wir saßen uns mit erschrecklicher Nüchternheit gegenüber. Ich hatte im Einverständnis mit Johanna, bald nach unserer Rückkehr nach Berlin, angeordnet, um so wenig wie möglich an die meiner Frau verschriebenen fünfzigtausend Taler erinnert zu werden, daß die Zinsen dieser Summe, die ihr ausgezahlt wurden, dazu dienen sollten, den Haushalt zu bestreiten. Johanna, an das bescheidene Leben im Hause ihrer Mutter gewöhnt, hatte geglaubt, dazu seien die zweitausend und etlichen hundert Taler, die sie erhielt, mehr als genügend. »Ich übernehme es,« hatte sie damals lächelnd gesagt – sie war noch in der liebenswürdigsten Flitterwochenstimmung – »dich mit dieser Summe gut zu ernähren, glänzend zu erleuchten, befriedigend zu erwärmen, zu waschen und zu bedienen und mich selbst so anzuziehen, daß du dich meiner nicht zu schämen brauchst. – Einverstanden? Oder muß ich auch noch an Miete und Steuern und deine Garderobe denken?« »Nein«, hatte ich, ebenfalls lächelnd, geantwortet: »Miete, Steuern und mein Schuster und Schneider gehen auf meine Rechnung.« »Schön, mein Herr, dann sind wir einig. Sie werden mit Ihrem neuen Diener zufrieden sein.« Das war sehr hübsch – aber auf dem Wege nach dem Ministerium machte ich mir klar, daß ich mich verrechnet hatte. Es blieben mir persönlich an Zinsen und Gehalt nicht ganz zweitausend Taler. Ich hatte zuviel übernommen, indem ich mich erboten, damit für Miete, Steuern und für vieles andere zu sorgen, denn ich war erfahren genug, um zu wissen, daß »nicht-vorhergesehene Ausgaben« keineswegs außer Acht gelassen werden sollten. Namentlich durfte ich mir dies nicht gestatten, da ich mich als einen ganz guten Rechner, aber gleichzeitig herzlich schlechten Wirtschafter kannte. Knausern hatte ich nicht gelernt, und ich war nicht im geringsten dazu veranlagt. Der Gedanke, daß ich jetzt beginnen müsse, Ähnliches zu lernen, war mir sehr unangenehm. – »Wie fangen es die Leute an, die mit der Hälfte von dem, was wir besitzen, anständig auskommen?« – Ich richtete die Frage an mich, die mir, als ich um Johannas Hand anhielt, ganz überflüssig erschienen war, und fand keine Antwort darauf. An zwei große Reisen im Jahre durften Leute mit meinem Einkommen nicht denken. Das machte ich mir klar, und Johanna, mit der ich am Abend in diesem Sinne sprach, war ganz mit mir einverstanden. Sie meinte, der Sommer in dem vereinsamten Berlin werde sehr hübsch sein, er werde uns an die unvergeßlichen Tage am italienischen See erinnern. Das sollte nicht der Fall sein. So schön der Frühling gewesen war, so unfreundlich gestaltete sich der Sommer. Die großen Theater waren geschlossen, Gesellschaften, in denen Johanna Zerstreuung hätte finden können, gab es nicht, der Aufenthalt im Freien, Besuche von Konzerten und Ähnliches wurden durch das schlechte Wetter sehr eingeschränkt. Wir saßen uns während der Abende gähnend gegenüber, und ich zerbrach mir den Kopf, was ich wohl tun könnte, um über die tödliche Langeweile hinwegzukommen. Ich kam auf den Gedanken, ihr etwas vorzulesen; aber ich bemerkte bald, daß das, was mir gefiel, sie ermüdete. Sie gab sich redlich Mühe, die Augen aufzubehalten; aber sie fielen ihr zu, und sie schlief ein. Ich betrachtete sie, wie sie, sanft beleuchtet, unhörbar und doch tief atmend, in jugendlicher Herrlichkeit vor mir saß. Das vollendete Ebenmaß der Glieder, die Schönheit des Kopfes, die Feinheit der Haut, die üppige Fülle des hellen, seidenen Haares! Sie war entzückend! Es war wohl natürlich, daß ich sie geliebt hatte; aber ich liebte sie nicht mehr . . . Doch stand ich in demselben Augenblicke, als ich mir dies sagte, auf und küßte sie. Sie lächelte kindlich, und ohne die Augen zu öffnen umschlang sie mit weichen Armen meinen Nacken und drückte, noch schlaftrunken, einen heißen Kuß auf meine Lippen. Die Tage schlichen dahin. Bald darauf empfand ich es wie eine Erlösung, wenn die von mir gehaßte Frau v. Wehrenberg des Abends zu uns kam. Ich konnte dann Johanna mit ihrer Mutter allein lassen und begab mich unter irgendeinem Vorwand in mein kleines Zimmer, das am äußersten Ende der Wohnung gelegen war. Dort streckte ich mich am offenen Fenster auf einen Sessel aus und blickte trübsinnig in die dunkle Nacht. Ich war noch jung, ein langes Leben lag vor mir. War ich dazu verurteilt, es bis zum Ende in derselben Weise zu führen, wie seit einigen Wochen? Der Gedanke war mir unerträglich. Der Tod war besser als ein solches Leben. Ich sann und sann, was ich tun könnte, um mein Los zu verbessern. Ich sah keine Rettung. Mein Schicksal war an das einer schönen, tugendhaften Frau gekettet, die ich nicht liebte, und der ich nichts war als der Ehegatte, in einem recht engen Sinne des Wortes. Eines Tages, als ich auf dem Ministerium saß, wurde ich dort von meinem alten Diener aufgesucht. »Nun, was führt dich hierher?« fragte ich etwas verwundert. Der Mann hatte sich sorgfältig auf das vorbereitet, was er mir sagen wollte, und erzählte es in der kurzen, klaren Weise gut geschulter Diener. Er bat um seine Entlassung. Es überraschte mich nicht. Johannas unausgesetzte Klagen über ihn hatten mich darauf vorbereitet, daß er und seine Frau, die meinem verstorbenen Vater und mir so viele Jahre gut und treu gedient hatten, über kurz oder lang aus unserem Hause verschwinden würden. »Und weshalb willst du gehen?« fragte ich. »Ich kann es der gnädigen Frau nicht zu Danke machen«, antwortete er. »Und ich kann mich in meinen alten Tagen nicht mehr an Tadel gewöhnen. Meine Frau und ich haben eine kleine Pension von Ihrem seligen Herrn Vater, auch besitzen wir ein paar Taler, die wir uns während unserer langen Dienstjahre gespart haben, schlimmsten Falls würden unsere Kinder, die gut aufgehoben sind, für uns sorgen; aber es wird nicht nötig werden. Wir wollen uns nach Nortorf zurückziehen und dort das Ende unserer Tage abwarten.« Ich fragte nicht weiter. Was ich von dem alten Manne hätte erfahren können, würde meiner Erbitterung gegen Johanna nur neue Nahrung gegeben haben. Ich mußte mich davor in acht nehmen. Aber ich konnte es nicht übers Herz bringen, den Diener, den ich wie ein Erbstück aus dem Nachlaß meines Vaters übernommen habe, ohne weiteres gehen zu lassen. »Ich werde sehen, was ich für dich tun kann«, sagte ich. »Nein,« antwortete der Mann bestimmt und schüttelte den Kopf, »ich kann nicht bleiben.« »Du sollst auch gar nicht bleiben, alter Eigensinn! Aber du wirst mir doch Zeit geben, einen anderen Diener zu suchen.« »Wie Sie befehlen«, antwortete er beruhigt. »Und während der Zeit will ich nach Nortorf schreiben«, fuhr ich fort. »In dem großen Hause ist ja viel zu tun. Vielleicht könnten mein Bruder oder meine Schwester euch beide beschäftigen.« Da traten dem Manne die Tränen in die Augen. »Das wäre das größte Glück für mich und meine Frau«, sagte er. Nach Tisch erzählte ich Johanna, Franz habe mir gekündigt. »Das trifft sich ja vorzüglich«, antwortete sie. »Ich wollte dich schon bitten, ihn zu entlassen.« »Der Mann hat vierzig Jahre lang meinem Vater und mir gedient.« »Das merkt man. Er ist eben zu alt geworden, um noch ordentlich arbeiten zu können.« »Ich bin immer ganz zufrieden mit ihm gewesen.« »Junggesellen haben stets ausgezeichnete Diener. Das ist bekannt. Sie bekümmern sich einfach nicht um die Dienerschaft, und diese ist Herr im Hause. Franz, mit dem du so zufrieden warst, befriedigt mich durchaus nicht. Wenn er deine Kleider gebürstet und dein Zimmer ausgefegt hat, so möchte er Feierabend machen. Und dann ist er sehr teuer.« »Was willst du damit sagen?« »Nun, daß er sehr teuer ist . . .« Das Blut stieg mir ins Gesicht: »Du willst doch nicht die bewährte Ehrlichkeit des alten Mannes angreifen?« fragte ich entrüstet. Sie erkannte wohl, daß ich Franz besser verteidigen würde, als ich für mich selbst einzutreten pflegte. »Gott! Wie du dich immer gleich aufregen kannst!« sagte sie kühl und überlegen. »Die Ehrlichkeit des Mannes geht mich gar nichts an. Ich weiß schon dafür zu sorgen, daß ich nicht bestohlen werde. Ich sprach nur von dem teuren Lohn, den ich ihm und seiner Frau aus dem Wirtschaftsgelde auszuzahlen habe. Wir könnten dafür drei gute Diener haben, und ein halbwegs gewandtes Mädchen würde genügen, um alles zu tun, was ich von Franz und seiner Frau erwarte, und was die beiden alten Leute nicht zu Wege bringen.« Die Anspielung auf die großen Ausgaben aus dem Wirtschaftsgelde, ihrem Gelde, war mir peinlich, aber sie machte mich gleichzeitig verstummen. Einem Wortwechsel über diesen Punkt fühlte ich mich nicht gewachsen. Einige Wochen später trat ein neues Mädchen, das, wie ich zufällig erfuhr, von Frau v. Wehrenberg gemietet worden war, in unseren Dienst. Meine Schwester Elise hatte sich sofort erboten, Franz und seine Frau zu sich zu nehmen. »Sie werden nicht viel bei mir zu tun haben«, schrieb sie mir; »aber das ist ja desto besser für die alten Leute. Natürlich durften wir sie nicht einfach auf die Straße setzen. Es freut mich, für sie sorgen zu können. Sie sollen es nicht schlecht bei mir haben.« Ich konnte mich zunächst gar nicht daran gewöhnen, keine männliche Bedienung mehr zu haben. Zwanzigmal des Tages vermißte ich Franz, und dabei dachte ich stets mit Erbitterung daran, daß »das Glück«, Johanna mein nennen zu dürfen, es war, welches mir die Entbehrung der gewohnten Dienstleistungen auferlegte. Um diese Zeit empfing mein »Glück« einen neuen, empfindlichen Stoß. – Eines Abends, als Frau v. Wehrenberg meiner Frau Gesellschaft leistete und es mir dadurch gestattet war, mich in mein kleines Zimmer zu flüchten, fiel mein erster Blick, als ich an den Tisch trat, auf einen Brief, der dort für mich lag. Ich erkannte Johannas schöne englische Handschrift und zuckte heftig zusammen. Sie hatte mir noch niemals geschrieben, seitdem wir verheiratet waren. Ich hatte mit ihr gegessen, und wir hatten uns soeben verlassen. Was konnte sie mir zu schreiben haben? War auch ihr unser gemeinsames Leben unerträglich geworden, suchte sie eine Verständigung . . . einen Bruch? Ich zerriß den Umschlag und entfaltete demselben ein sorgfältig geschriebenes, langes Schriftstück. – »Lieber Hermann«, begann es, » les bons comptes font les bons amis – und da mir sehr daran liegt, daß wir gute Freunde bleiben, so wirst Du es in der Ordnung finden, wenn ich Dir heute eine kleine Rechnung übersende.« Ich las weiter. – Nein, ich kann nicht beschreiben, welche Gefühle mein Herz füllten. Johanna dachte gar nicht daran, über unser Leben zu klagen, sie verlangte weder eine Veränderung, noch drohte sie mit einem Bruch. Sie wollte nur eine klare »Abrechnung« mit mir: das war alles – » les bons comptes font les bons amis! « Sie erinnerte mich in ihrem Briefe daran, daß sie sich anheischig gemacht habe, aus dem Gelde., welches ihr zur Verfügung stand, gewisse, ganz bestimmte Ausgaben zu bestreiten; nun käme es in letzter Zeit häufig vor, daß darüber hinaus noch Anforderungen an ihre Börse gestellt würden. Wenn ich dies billige, so wolle sie kein Wort weiter darüber verlieren und versuchen, sich so einzurichten, daß ihr in jedem Monat noch eine kleine Summe für derartige unerwartete Ausgaben übrig bliebe; wolle ich aber an dem ursprünglichen Übereinkommen festhalten, so bäte sie mich, »nachstehende Rechnung zu prüfen und, wie es im Geschäftsstil heißt, nach Richtigbefund durch Zahlung gefälligst auszugleichen«. Die Mischung von fader Schöngeisterei und durchsichtigem Geiz, die den ganzen Brief kennzeichnete, empörte mich geradezu. Ich warf einen Blick auf »die Rechnung«. Johanna hatte hier und da ein paar Groschen für mich ausgegeben: für einen Dienstmann, eine Droschke, Briefporto und Ähnliches. Die ganze Geschichte belief sich auf zehn oder fünfzehn Taler und so und so viel Groschen und Pfennige! Darum der lange, geistreiche Brief! Ich zerriß ihn in kleine Stücke und warf ihn in den Papierkorb. Ich kann mich, wie ich bereits erzählt habe, unwillkürlich so zu sagen, in gewisse Stimmungen hineindenken und schreiben. Und so versetzte ich mich jetzt in stetig wachsende Verbitterung gegen Johanna. Davon legte ich mir aber zunächst nur in meinen einsamen Stunden Rechenschaft ab. Wenn ich in Gesellschaft meiner Frau war, beherrschte mich noch häufig ihre große Schönheit; auch war ich oftmals gern bemüht, sie zu zerstreuen, und es gelang mir auf diese Weise manchmal, mich selbst ganz gut zu unterhalten. Von Haß und Verbitterung gegen sie war dann nicht die Rede, so lange sie mich nicht durch Bemerkungen reizte, die mir die Trockenheit und Kleinheit ihres Herzens zeigten. Aber sobald ich allein war, drangen die Gefühle der Erbitterung gegen sie, gleich einer steigenden Flut, gewaltig, unwiderstehlich auf mich ein und brachten mich der Verzweiflung nahe. Dann warf ich mir auch die unverzeihliche Schwäche vor, mit der ich mich ihr noch oftmals näherte oder ihr zärtliches Entgegenkommen, durch das sie mich gelegentlich überraschte, erwiderte. Häufig nahm ich mir vor, sie kalt und zurückhaltend zu behandeln: sie sollte erkennen, daß ich aufgehört hatte, sie zu lieben, daß sie mir mißfiel. Aber diese Vorsätze kamen nicht zur Ausführung. Wenn sie mich liebevoll, Glück verheißend anblickte, wenn ihre weiche Hand mich zärtlich berührte, dann vergaß ich meinen Groll und sank in ihre Arme. Doch nagte auch in solchen Augenblicken verzehrenden Glückes der Gedanke an mir, daß ich sie und daß sie mich nicht liebte. Die Tage wurden kürzer, der Sommer neigte seinem Ende zu, es wurde Herbst, schöner, milder Herbst, nach dem freudelosen, rauhen Sommer. Er war dahin gegangen, ohne daß ich auf das Fortschreiten der Jahreszeit geachtet hatte. Traurige Stunden sind langsam, freudenleere, einförmige Monate fliegen dahin. Eines Morgens erhielt ich einen Brief aus Nortorf von meinem Bruder Karl. Er lud mich zur Jagd ein: ich sollte Johanna mitbringen, Marie und ihr Mann würden täglich erwartet, wenn ich nun mit meiner Frau ebenfalls kommen wollte, so sei die ganze Familie, bis auf Lothar, der eine Urlaubsverlängerung erhalten habe und noch in England sei, einmal wieder vollzählig in dem alten Hause versammelt. Ich war sogleich geneigt, die Einladung anzunehmen, ich sehnte mich darnach, wieder liebe Verwandte und Geschwister zu sehen. Aber als ich Johanna den Brief meines Bruders zu lesen gab, der die Einladung für sie und mich erhielt, sagte sie trocken: »Ich mag nicht gehen.« »Warum nicht?« »Ich verspreche mir kein Vergnügen von der Reise. Ich kenne deine Geschwister nur wenig, ich jage nicht, ich verstehe nichts von Landwirtschaft. Was soll ich in Nortorf? Ich befinde mich hier wohl und habe manches zu tun.« »Aber wäre es nicht gerade eine Gelegenheit, mit deinen neuen Verwandten besser bekannt zu werden?« »Es sind ihrer zu viele auf einmal. Ich besitze keine gesellschaftlichen Talente. Mit einem Bruder oder einer Schwester würde ich schon fertig werden – aber die ganze Familie! Es schüchtert mich ein. Laß mich hier! Geh allein! Du wirst dich auch ohne mich gut unterhalten, und ich gönne dir jedes Vergnügen.« Ich drang noch länger in sie; aber es nützte nichts. Sie wiederholte, sie zöge vor, zu Hause zu bleiben. Schließlich wurde sie ungeduldig: »Wenn du es befiehlst, so gehe ich mit dir; aber wenn du mir einen Gefallen tun willst, so laß mich hier.« Darauf wußte ich nichts mehr zu erwidern, und so reiste ich gegen Ende September allein nach Nortorf ab. Johanna würde mich nicht entbehren. Darüber brauchte ich mich nicht zu beunruhigen. Sie würde von morgens früh bis abends spät mit ihrer Mutter zusammen sein. Ich beglückwünschte mich, nicht zwischen den beiden zu sitzen. Johanna und ihre Mutter waren mir in dem Augenblicke gleich verhaßt. Es war mir, als hörte ich sie, kalt, ohne Zorn, ohne Liebe, herzlos über uns alle sprechen, am unfreundlichsten wohl über mich selbst. Nun freute ich mich, daß Johanna zu Hause geblieben war. Ich sehnte mich nach Freiheit, nach einem Feiertage.   In Nortorf wurde ich am Bahnhofe von meinen Schwestern empfangen. Zum ersten Male in meinem Leben bemerkte ich, wie schön sie eigentlich beide waren, wie sehr Vornehmheit der Gesinnungen, Güte des Herzens das Äußere veredeln. Ach, wenn Johannas kaltes, schönes Antlitz auch nur etwas von der selbstlosen Sorge um mich gehabt hätte, die aus den reinen, tiefen Augen Elisens und Mariens sprach! – Sie warfen sich einen kurzen, stummen Blick zu. Ich verstand ihn, als ob sie laut gesprochen hätten: »Wie traurig unser armer Bruder aussieht!« Aber sie sagten nichts darüber, nur war ihr Willkommengruß zärtlicher als gewöhnlich. Heuchlerinnen waren sie nicht. Sie brachten es nicht über die Lippen, ein Wort des Bedauerns über Johannas Nichterscheinen zu äußern. Franz, den Johanna und ihre Mutter aus meinem Hause getrieben hatten, und der die beiden Frauen dafür haßte, mochte sich, nach Art alter Diener, mit jener eigentümlichen Zurückhaltung, die mehr zu verstehen gibt, als sie klar ausspricht, über mein eheliches Leben geäußert haben, und Elisens kurzer Aufenthalt in Berlin hatte wohl genügt, um das freudenlose Bild zu vervollständigen, das die Schwestern sich davon machten. Es war mir, als hörte ich sie den alten Mann ausfragen, und als vernähme ich seine kurzen, klaren Antworten. Er hatte uns als Kinder auf den Armen getragen, und es bestand zwischen dem treuen Hausgenossen und uns jene altdeutsche Vertraulichkeit zwischen Herr und Diener, die man auch heute noch in einigen Familien findet. »Wie geht es Hermann?« »Nicht vom Besten, glaube ich.« »Was fehlt ihm?« »Wie kann Unsereins das wissen. Herr Hermann ist ein stiller Herr – seit seiner Verheiratung wenigstens.« »Ist seine Frau gut für ihn?« »Vor den Leuten hört man sie nie ein Wort lauter als das andere sprechen. Sie ist eine ordentliche Hausfrau. Sehr sparsam.« »Ich will wissen, Franz, ob Hermann glücklich ist.« »Das kann ich nicht sagen, das weiß ich nicht. Er sieht nicht so aus.« »Wie lebt er?« »Bis gegen fünf Uhr sieht man wenig von ihm. Dann kommt er nach Hause und bleibt eine Stunde in seinem Zimmer, wo er nicht gestört sein will. Um sechs Uhr wird gegessen, am Abend geht er mit der gnädigen Frau oder allein eine Stunde spazieren.« »Ist er heiter?« »Ich habe ihn seit seiner Verheiratung nie lachen hören. Die gnädige Frau auch nicht. Es ist ein stilles Haus.« »Und Frau v. Wehrenberg?« »Die ist wohl an allem Unglück schuld. Sobald der Herr den Rücken gekehrt hat, erscheint sie, und sie verschwindet erst wieder, wenn er zurückkommt.« »Aber was können die beiden Frauen gegen Hermann haben? Er ist doch gewiß nicht schlecht und hart.« »Er ist zu gut für die beiden anderen. Sie passen nicht zu ihm.« Was Marie und Elise zu solchen oder ähnlichen Reden denken mochten, war mir ganz klar. Sie mußten mich tief beklagen und schmerzliches Mitleid mit mir empfinden, und ihre Herzen waren sicherlich voller Bitterkeit für Johanna und deren Mutter. Ich verbrachte acht ruhige Tage in Nortorf. Meine Schwestern taten mir zu Liebe, was sie mir an den Augen absehen konnten. Ich kam mir vor wie ein Kranker, dem man jede Laune nachsieht, für den man zu jedem Opfer bereit ist, um ihm Freude zu machen, und diese Behandlung, so wohltuend sie auch war, füllte mein Herz mit unbeschreiblicher Wehmut. Sie war mir ein neuer Maßstab für die Größe meines Unglücks. – Karl war brüderlich herzlich wie immer, doch ging dies nicht so weit, daß er nicht auf den Jagden, die er veranstaltete, den besten Stand für sich selbst bewahrt hätte, erkundigte sich auf dem Heimwege darnach, wie ich mit meinem Gelde auskäme, schien etwas besorgt, als ich ihm sagte, ich müßte mich einschränken, beruhigte sich aber wieder, nachdem er von mir gehört hatte, daß ich keine Schulden habe. »Nun, und wenn Kinder kommen?« fragte er nach einer kleinen Pause. »Vorläufig ist dazu noch keine Aussicht.« »Hm, –« Von meiner Niedergeschlagenheit bemerkte er nichts oder wollte nichts bemerken. Er sagte sich wahrscheinlich, ich hätte keinen Grund unglücklich zu sein, da ich eine Liebesheirat gemacht habe und mit meiner Frau leben könne, ohne Schulden zu machen. Auch Ellen machte sich meinetwegen sicherlich keine Sorge, und das war mir recht. Von meinen Schwestern konnte ich Mitleiden ohne Beschämung annehmen; von anderen hätte es mich verletzt. Mein Schwager, der Regierungspräsident, war durch Marie, die ihm eine treue, liebende Gattin war, in meine Gemütsverfassung eingeweiht worden. Er versuchte es, mir Lehren zu geben, die sicherlich gut gemeint, aber wertlos waren. Ich konnte es auch ohne seine Ratschläge fertig bekommen, mit Johanna in äußerem Frieden zu leben. Das war bei ihrer Ruhe nicht einmal schwierig. Das innere Glück, das ich im Zusammenleben mit einer geliebten Frau geträumt hatte, konnte mir der gute Regierungspräsident nicht geben. Das war überhaupt nicht mehr zu erreichen, seitdem ich mir von Johannas Kleinlichkeit und Herzlosigkeit Rechenschaft abgelegt hatte. Am Abend vor meiner Abreise von Nortorf suchte Elise eine Unterhaltung mit mir. »Du gehst nun wieder fort,« sagte sie, »und ich bleibe in Sorgen um dich zurück.« »Laß das nur: du kannst an meiner Lage nichts ändern.« Doch damit wollte sie sich nicht beruhigen. »Wenn es sich um etwas Vorübergehendes handelte,« fuhr sie fort, »so würde ich eine Anregung von dir abgewartet haben, um über deine Angelegenheiten zu sprechen; aber ich finde dich in einem Zustande andauernder Unbehaglichkeit, der mit jedem Tage schwerer, zuletzt unerträglich werden kann.« »Ich werde mich schon daran gewöhnen.« »Nein – du sollst dich nicht daran gewöhnen, unglücklich zu sein. Ich will dich glücklich sehen. Das ist auch zu meinem Glücke nötig.« »Du bist eine gute Schwester! Aber es läßt sich eben in der Sache nichts tun. Menschen müssen verbraucht werden, wie sie einmal sind. Ich kann Johanna nicht anders machen, als sie ist. Übrigens habe ich ihr keinen Vorwurf zu machen.« »Sie liebt dich nicht – sonst würdest du nicht unglücklich sein.« »Es gibt Millionen, die unglücklicher sind als ich.« »Das tröstet mich nicht. Ich will dich überhaupt nicht unglücklich wissen.« »Ja, das möchte ich auch ganz gern – zu deiner und meiner Beruhigung – aber ich weiß nicht, wie das zu machen wäre.« »Hast du jemals darüber nachgedacht?« »Nein.« »Das ist so recht Männerart: Glauben stark und mutig zu sein, wenn sie ohne zu klagen dulden.« »Würdest du es besser finden, wenn ich die Welt zum Vertrauten meiner Lage machte?« »Das tust du ja doch – ohne es zu wollen. Wissen Marie und ich nicht genau, was dir fehlt?« Ich antwortete nicht. Nach einer längeren Pause fuhr Elise leiser fort: »Glaubst du, daß Johanna dich lieb hat?« »Wozu die Frage?« »Beantworte sie zuerst, dann will ich sie dir erklären.« »Ich glaube überhaupt nicht, daß Johanna irgend jemand lieb haben kann. Sie hat ein kleines Herz. Sie ist eine gute Tochter; aber das beruht wohl mehr auf Erziehung als auf Gefühl.« »Sie würde dich wenig vermissen, wenn sie dich verlöre.« »Was willst du sagen?« Etwas wie zornige Erregung blitzte aus Elisens Augen. »Seitdem Franz mir von eurem Leben in Berlin erzählt hat, kann ich an nichts anderes mehr denken«, stieß sie hervor. »Ich habe mit Marie darüber gesprochen, und sie ist, seitdem sie dich hier gesehen hat, meiner Meinung. Du hast noch, so Gott nicht anders bestimmt, ein langes Leben vor dir. Ist es nötig, kann irgend jemand mit Recht von dir erwarten, daß du dich jetzt schon dem Unglück weihst.« – Sie sprach mit sichtbarer Befangenheit weiter: »Ich habe immer einen starken Widerwillen gegen geschiedene Männer und Frauen gehabt. Ich sage nicht leichtfertig, laß dich von Johanna scheiden. Der Gedanke war mir zunächst im höchsten Grade peinlich; aber, da ich klar eingesehen habe, daß du nur dadurch gerettet werden kannst, so habe ich versucht, mich damit vertraut zu machen – und es ist mir gelungen. Hätte Johanna dich lieb, so würde ich dir sagen, selbst wenn sie schlechter wäre, als sie ist: du mußt es mit ihr aushalten – bis zum Ende, du hast nicht das Recht, nachdem du sie aus eigenstem Antriebe, gegen unsere Wünsche, ja anscheinend gegen die ihrer Mutter, an dich für das Leben gebunden hast, ihr den Schmerz einer Trennung zuzufügen. Aber Johanna liebt dich nicht. Ich weiß es bestimmt; auch du täuschest dich nicht darüber. Sie wird dich kaum vermissen, wenn du gegangen bist, und sich in kurzer Frist über dein Verschwinden trösten. Du aber wirst als freier Mann noch glücklich werden können. Jedenfalls entrinnst du einem sicheren Unglück, indem du dich von Johanna trennst. Tu es, Hermann!« Ich war in hohem Grade überrascht. Der Gedanke, ich könne noch einmal ein neues Leben anfangen, nachdem ich mich an Johanna gebunden hatte, war mir seit meiner Verheiratung ebensowenig gekommen wie während meiner Verlobung, nachdem ich damals erkannt hatte, ich würde mit Johanna nicht glücklich werden. Ich hatte mich durch meine Ehre, ebenso wie durch die heilige Handlung der Trauung an Johanna gefesselt betrachtet. Und nun kam meine Schwester, ein frommes, zartfühlendes Wesen, dem alles Unehrenhafte ein Greuel war, und sprach von Scheidung! Ich wußte zuerst nicht, was ich davon denken sollte. Nachdem ich mich einigermaßen gesammelt hatte, sagte ich: »Ich will über das, was ich von dir gehört habe, nachdenken. Vergessen werde ich es sicher nicht; aber ich darf keinen schnellen Entschluß fassen. Wenn eine Scheidung zwischen Johanna und mir stattfinden kann, so darf dies nur geschehen, nicht allein wenn sie ihre Zustimmung dazu gibt, sondern wenn sie selbst den Wunsch einer Trennung hegt. Daran glaube ich aber nicht, wenn sie auch anscheinend keinen großen Wert auf das Zusammensein mit mir legt. Sie hat einen kleinen Gesichtskreis und sie hält darauf, daß innerhalb desselben alles in bester Ordnung ist. Sie wird es nicht ›in Ordnung‹ finden, sich von ihrem Manne scheiden zu lassen. Ich glaube dessen sicher zu sein. Gegen ihren Willen aber darf ich sie nicht verlassen. Ich darf nicht einmal versuchen, diesen Willen zu ändern. Ihn zu beugen – davon kann nicht die Rede sein.« »Du sprichst genau so, wie ich es erwartet hatte«, antwortete Elise. »Gott verhüte, daß ich je von dir verlangen sollte, etwas zu tun, was du nicht vor deinem Gewissen rechtfertigen könntest. Aber ich kann mir nicht denken, daß nicht auch Johanna, mit der Zeit, ihre Freiheit dem freudlosen Zusammensein mit dir vorziehen sollte. An dir ist es, den Augenblick, wenn er gekommen sein wird, zu deinem und ihrem Wohle zu benutzen. Das ist alles, was ich sagen wollte.« »Dann verstehen wir uns«, sagte ich nachdenklich, und damit endete die Unterhaltung. Am nächsten Nachmittage langte ich wieder in Berlin an. Johanna erwartete mich am Bahnhofe. Sie war tadellos in der Erfüllung derartiger kleiner Pflichten. Überhaupt welch berechtigten Vorwurf hätte ich ihr machen können? – Aber weder ihre Schönheit noch die Freundlichkeit, mit der sie mich begrüßte, berührten mich angenehm. Schön war sie für alle, die sie ansahen, und streng, unfreundlich nur Untergebenen gegenüber. Sonst hatte sie für jedermann, mit dem sie sprach, dieselbe ruhige Freundlichkeit, mit der sie mich willkommen hieß. Herzlichkeit, Liebe konnte sie nicht geben – die besaß sie nicht. Ich händigte einem Dienstmann mein Gepäck aus und begab mich mit Johanna nach unserer nahe gelegenen Wohnung. An der Ecke der Bellevue-Straße, wo der lebhafte Verkehr uns nötigte, einige Augenblicke still zu stehen, fuhr ein offener Wagen an uns vorüber, in dem zwei Damen saßen: Frau Ellrichs und Natalie. Ich erkannte sie erst etwas spät und grüßte hastig. »Wen grüßt du?« fragte Johanna. »Frau Ellrichs und ihre Tochter.« »Das würde ich an deiner Stelle nicht getan haben«, bemerkte Johanna trocken. »Ich sollte Frau Ellrichs, in deren Hause ich verkehrt habe, nicht grüßen?« fragte ich etwas gereizt. »Du hast in dem Hause verkehrt – aber du betrittst es nicht mehr und wirst es schwerlich je wieder betreten. Du befindest dich Frau Ellrichs gegenüber in einer Ausnahmestellung. Nach meinem Gefühl setzt dein Gruß sie in Verlegenheit. Sie muß ihn erwidern, um nicht unhöflich zu sein, aber es kann ihr unmöglich Freude machen, dadurch an ihre ehemaligen Beziehungen zu dir und deinem Bruder erinnert zu werden.« »Das ist ihre Sache«, antwortete ich mürrisch. »Meine Pflicht ist es, nicht unhöflich zu sein.« »Da bin ich nicht deiner Ansicht.« »Wir sind über verschiedene Punkte verschiedener Ansicht.« »Wie gereizt du bist! So habe ich dich noch nie gesehen.« »Aber übertreibe doch nicht, liebe Johanna! Ich habe keinen Grund, gereizt zu sein, und ich bin es auch nicht.« »Doch; du bist es – und es sollte mich auch eigentlich nicht überraschen.« »Ich verstehe dich nicht. Was willst du sagen?« »Deine Beziehungen zur Familie Ellrichs sind von jeher der Grund von Meinungsverschiedenheiten zwischen uns gewesen. Dein Haß gegen meine arme Mama rührt in erster Linie daher, daß sie nicht darein willigen wollte, mit den Leuten in freundschaftlichen Verkehr zu treten.« Wenn Frauen in dieser Weise zu streiten anfangen, so ist es immer am besten, den Wortwechsel nicht fortzusetzen. Ich wußte dies aus kurzer, bitterer Erfahrung – und schwieg. »Du siehst jetzt selber ein, daß ich recht habe«, sagte Johanna nach einer kleinen Pause. Auch darauf antwortete ich nicht, und wir erreichten unsere Wohnung, stumm und unfreundlich, getrennt nebeneinander herschreitend. – Und so wollte ich den noch langen Weg durchs Leben gehen! Wenige Tage später traf Lothar unerwartet in Berlin ein. Er suchte mich auf dem Ministerium auf, was sich dadurch erklärte, daß er mich dort während des Tages am sichersten zu finden wußte. Er war wettergebräunt und sah wohl und munter aus; aber es war in seinem Wesen etwas Befremdliches, was ich sofort empfand, ohne mir erklären zu können, worin es eigentlich bestand. Er erkundigte sich nach dem Befinden der Geschwister und meiner Frau, und antwortete mir auf meine Frage, daß er nunmehr, nach Beendigung seines langen Urlaubs, am nächsten Tage seinen Dienst wieder antreten werde. Darauf betrachtete er mich etwas aufmerksam und sagte in gleichgültigem Tone: »Ich finde, du siehst nicht sehr vergnügt aus. Wie bekommt dir die Ehe?« Ich fühlte mich nicht veranlaßt, mit vertraulichen Eröffnungen zu antworten, und erwiderte einfach, es ginge mir ganz gut. Darauf fragte ich ihn, ob er am Abend oder am nächsten Tage bei mir essen wollte. »Wenn du Wert darauf legst, so komme ich natürlich; sonst lieber nicht.« »Warum?« fragte ich unangenehm überrascht. »Ich habe das Gefühl, daß ich weder deiner Frau, noch deiner Schwiegermutter sonderlich sympathisch bin. Was wir beide uns zu sagen haben, können wir uns ebensogut bei mir oder an einem dritten Orte sagen.« »Ich würde es sehr bedauern, wenn du mein Haus meiden wolltest.« »Das liegt auch keineswegs in meiner Absicht. Ich werde deiner Frau noch heute meinen Antrittsbesuch machen; aber du weißt, sie hat sich mir gegenüber nicht freundlich benommen. Wir würden uns zu dreien steif und gelangweilt gegenübersitzen. Das hat doch eigentlich keinen Zweck.« »Nun, komm wenigstens einmal, in den ersten Tagen! Wir können dann eine längere Pause eintreten lassen.« »Wie du wünschst. Wenn es dir recht ist, werde ich aber die Einladung deiner Frau abwarten.« Dagegen konnte ich nichts einwenden. Als er gegangen war, wurde es mir peinlich klar, daß mir mein Bruder gewissermaßen fremd geworden war. Ich hatte ihm nicht ein Wort von dem gesagt, was mein Denken am meisten beschäftigte, und er hatte mir von sich selbst so gut wie nichts erzählt. Ich wußte aus seinem Munde, daß ihm das Leben in England gefallen und daß er dort mehrere angenehme Bekanntschaften gemacht habe – das war alles. Als ich am Abend nach Hause kam, sagte mir Johanna, Lothar habe ihr einen Besuch gemacht; er sei nur wenige Minuten geblieben. »Hast du ihn zum Essen eingeladen?« fragte ich. »Daran habe ich nicht gedacht.« »Nun, so schreibe ihm, bitte, und sage ihm, er möge selbst den Tag bestimmen, an dem er kommen wolle.« »Wenn du es wünschest, so werde ich es tun.« »Natürlich wünsche ich, meinen Bruder bei mir zu sehen.« Eine Pause trat ein. Johanna war nicht leichtfertig in ihren Reden: sie überlegte sich, was sie sagen wollte, besonders wenn es etwas Verletzendes war oder sein sollte. »Es ist dir noch nie eingefallen, Mama zum Essen einzuladen!« »Deine Mutter sitzt den ganzen Tag hier, und du kannst sie täglich zu Tisch haben, wenn es dir Spaß macht; übrigens habe ich verschiedene Male, wenn ich sie hier antraf, gefragt, ob sie nicht zum Essen bleiben wollte.« »Das ist keine Einladung, wie Mama das Recht hat, sie zu erwarten.« »Nun, dann sende ihr eine gedruckte Karte: ›Herr und Frau v. Nortorf bitten Frau v. Wehrenberg, ihnen die Ehre zu erweisen, morgen oder übermorgen, oder nächste Woche, oder in vierzehn Tagen bei ihnen zu speisen.‹ Das ist dann hoffentlich förmlich genug.« »Du willst mich kränken. Weshalb? Was habe ich dir getan? Warum willst du nicht meiner Mutter freundlich schreiben, wie ich deinem Bruder schreiben soll?« »Ich sehe, es gefällt dir nicht, Lothar einzuladen; aber ich kann dich zu meinem Bedauern nicht davon entbinden.« »Könnten wir nicht Mama bitten, ebenfalls zu kommen?« »Meinetwegen lade auch sie ein!« »Willst du es nicht tun? Eine kleine Aufmerksamkeit von dir würde Mama erfreuen.« »Deine Mutter hat niemals zu erkennen gegeben, daß ihr Aufmerksamkeiten von mir Freude machten; aber um der Sache ein Ende zu machen, werde ich ihr schreiben.« Das Mittagsmahl, das ich nach dieser Unterredung einnahm, mundete mir schlecht. Nichts mundete mir mehr in meinem Hause. Ich fühlte mich dort weniger heimisch als unter fremden Leuten. Ich atmete auf, wenn ich die Schwelle überschritten hatte und auf der Straße war. Einige Tage später aßen Frau v. Wehrenberg und Lothar bei uns. Wir saßen uns zu vieren stocksteif und einsilbig gegenüber. Meine wiederholten Versuche, eine Unterhaltung in Fluß zu bringen, scheiterten an dem eisigen Schweigen der beiden Frauen. – Meine Schwiegermutter konnte das Tabakrauchen nicht vertragen. Sie wäre nicht so vollkommen in ihrer Art gewesen, wie sie es war, wenn sie es geduldet hätte. Ihre Abneigung gegen das Rauchen bot mir einen erwünschten Vorwand, mich nach dem Essen mit Lothar in mein Zimmer zurückzuziehen. Als die Tür sich dort hinter uns geschlossen hatte, ließ sich Lothar auf einen Sessel fallen wie jemand, der recht müde ist; dann, nachdem er eine Zigarre in Brand gesteckt hatte, rieb er sich langsam die Hände und sah mich lächelnd an. »Eine sehr anregende Dame – die Frau Schwiegermama«, sagte er. »Ich kenne sie ja schon lange, aber so ausgelassen hatte ich sie mir kaum gedacht. – Ist sie immer so heiter?« Er erkannte wohl an meinem Schweigen, daß sein Scherzen mich verletzte; aber das war vielleicht sogar seine Absicht gewesen, denn er sprach gleich darauf in gleichgültigem Tone von anderen Dingen. – Ja, etwas Entfremdendes stand zwischen ihm und mir! Das war mein Bruder Lothar, der Freund und Vertraute meiner Vergangenheit, nicht mehr. Aber was hatte ihn mir entfremdet? – Ich dachte an meinen Abschied von Natalie. Was hatte es bedeuten sollen, als sie mir zugeraunt, ich sollte den Mut haben, nicht unglücklich – vielleicht noch sehr glücklich – zu werden? Ich fühlte mich sehr unglücklich. Ein brüderliches Wort Lothars würde genügt haben, um mich zu ihm zu ziehen, um ihm mein Herz öffnen. Aber er saß teilnahmslos vor mir, und nichts verriet, daß seine Gedanken mit etwas anderem beschäftigt waren als mit den nichtigen Sachen, die den Gegenstand seiner Unterhaltung bildeten. Lothar kehrte nach diesem ersten verunglückten Versuch, gesellschaftliche Beziehungen mit ihm anzuknüpfen, nicht wieder nach meinem Hause zurück. Ich konnte ihm nicht verdenken, daß er fortblieb, und wagte nicht, ihn wieder einzuladen. Er besuchte mich in längeren Zwischenräumen auf dem Ministerium, und ich gewöhnte mich daran, gelegentlich einen Abend mit ihm, sei es in seiner Wohnung, sei es in dem Klub, dem wir beide angehörten, zu verbringen; aber zu vertraulichen Unterhaltungen kam es niemals zwischen uns. Er vermied es sogar, so schien es mir, von meiner Frau und meinem häuslichen Leben zu sprechen, und er gestattete mir keinen Einblick in seine inneren Angelegenheiten. Unsere Unterhaltung drehte sich um die Verwandten in Nortorf, um Pferde, Jagd, Theater. Wir standen uns wie gute Bekannte, nicht wie Freunde oder nahe Blutsverwandte gegenüber, und ich empfand dies schmerzlich. Trotzdem zog es mich immer wieder zu ihm: jedes Zusammensein mit anderen war mir wie eine Oasis in der trostlosen Öde meines häuslichen Lebens. Mit der Zeit gewöhnte ich mich daran, in der Gesellschaft meiner früheren Bekannten Zerstreuung zu suchen. Zunächst tat ich dies jedoch nur selten. Es war anfangs nie ohne Befangenheit, daß ich mich nach dem Essen von Johanna verabschiedete: Ich glaubte mich gewissermaßen entschuldigen zu müssen, sie allein zu lassen, indem ich sagte, ich wolle meinen Bruder aufsuchen, oder ich habe mit diesem oder jenem irgend etwas zu besprechen. Sie sagte dazu nie ein Wort, auch fragte sie nicht, wann ich wieder nach Hause käme, doch ließ sie mir keineswegs unbeschränkte Freiheit, sondern wußte dafür zu sorgen, daß ich außerhalb des Hauses fortwährend an die Fesseln erinnert würde, die mich an sie banden. – Ich mochte nach Hause kommen, wann ich wollte, ob früh oder spät, Johanna wartete auf mich. Sie machte mir nie in Worten einen Vorwurf darüber, sie stundenlang sich selbst überlassen zu haben, aber die stumme Anklage blickte aus ihren schlaftrunkenen, strengen Augen. Ich bat sie wiederholt, sie möchte doch, wenn sie müde sei, zu Bette gehen, ohne meine Rückkehr abzuwarten. Sie antwortete mir darauf nur einmal: »Mama hatte auch die Gewohnheit, auf Papa zu warten.« Natürlich! – Mit der Zeit wurde ich verstockt. Ich wollte Johannas Müdigkeit nicht mehr sehen, die kalte Anklage ihres Blickes nicht mehr verstehen. Gegen das Ende des Winters hatte ich die regelmäßige Gewohnheit angenommen, jeden Abend auszugehen, und nur in seltenen Fällen kam ich vor Mitternacht wieder nach Hause. Noch einmal kam es darüber zwischen Johanna und mir zu einer Aussprache. Sie fragte mich eines Morgens, ehe ich mich auf das Ministerium begab, ob ich am Abend ausgehen würde. »Warum fragst du mich?« »Weil ich, wenn du ausgehen solltest, Mama besuchen würde.« »Ich verhindere dich nicht, zu deiner Mutter zu gehen.« Sie antwortete mit überlegener Zurechtweisung: »Du mußt die Sache nicht verdrehen, lieber Hermann. Ich beabsichtige nicht, dich zum Ausgehen zu veranlassen, um Mama besuchen zu können. Wenn du zufällig einmal zu Hause bleiben solltest, so würde ich dir mit Vergnügen Gesellschaft leisten. Du wirst es aber vielleicht natürlich finden, wenn du darüber überhaupt nachdenken willst, daß ich der Einsamkeit der langen Abende zu entrinnen wünsche. Darum allein fragte ich, ob du heute abend ausgehen würdest.« »Das weiß ich in diesem Augenblicke noch nicht.« »Kannst du es mir nicht bestimmt sagen? Ich möchte Mama benachrichtigen, ob sie mich erwarten soll oder nicht.« »Benachrichtige deine Mutter jedenfalls, daß du kommen wirst!« Eine kleine Pause. »Es wäre mir lieb, wenn du mir jeden Morgen sagen wolltest, ob du am Abend ausgehen wirst oder nicht.« »Das wäre eine lästige Pflicht, die ich mir auferlegte«, antwortete ich. »Ich weiß sehr häufig des Morgens noch nicht, was ich am Abend tun werde.« »Nun, du gehst doch jeden Abend aus.« »Dann brauche ich dir überhaupt nicht zu sagen, daß ich ausgehe. Ich werde dir jedesmal mitteilen, wenn ich bestimmt zu Hause bleiben will. Genügt dir das?« Es war wohl nicht genau, was sie gewollt hatte: sie hätte gewünscht, täglich wie eine Art Schuldbekenntnis von mir zu hören, ich beabsichtige, sie am Abend zu verlassen. Ich hatte mich dem aber nicht fügen wollen und die Frage so erledigt, wie es mir am bequemsten war. Es war ein kleiner Sieg, den ich errungen hatte, und sie wußte den Ärger über den vereitelten Triumph nur schlecht zu verbergen. »Dann darf ich mich nun also jeden Abend als frei betrachten?« fragte sie bitter. »Jeden Abend«, antwortete ich freundlich. Wir waren noch nicht ein Jahr verheiratet, und die Entfremdung zwischen uns war nun eine beinahe vollständige geworden. Wir sahen uns ganz regelmäßig dreimal am Tage: des Morgens beim ersten Frühstück, um sechs Uhr bei Tisch und des Abends, wenn ich nach Hause kam. Wir sprachen nur noch selten miteinander und niemals weder herzlich noch unfreundlich. Gesellschaft empfingen und besuchten wir nicht. Sie war in dieser Beziehung anspruchslos. Meine Freunde und Verwandten gefielen ihr nicht, und ihr Kreis, in dem ich mit Frau v. Wehrenberg hätte zusammentreffen müssen, war mir verhaßt. Von Zeit zu Zeit ging ich mit ihr in ein Theater oder Konzert. Das wurde dann immer des Morgens feierlich angezeigt. »Hättest du Lust, heute abend mit mir in die Oper zu gehen?« »Ich werde mich sehr freuen, mit dir in die Oper zu gehen.« »Dann wollen wir etwas früher essen, wenn es dir recht ist.« »Natürlich ist es mir recht . . . Wann kannst du frei sein?« »Sagen wir um ein halb sechs Uhr.« »Schön. Um halb sechs Uhr also!« Sie war tadellos und schrecklich! Ich faßte ihr gegenüber eine Abneigung, die mit jedem Tage wuchs, der selbst ihre guten Eigenschaften, ihre Pünktlichkeit, Ordnung, ja sogar ihre Schönheit fortwährend neue Nahrung gaben. Sie konnte nun tun, was sie wollte – es ärgerte mich. Aber ich hätte vergeblich nach einer Veranlassung gesucht, dies zu zeigen. – Doch kam es eines Abends ganz unerwartet zu einem Auftritt zwischen uns. Wir waren in ein Theater gegangen und dort, wie gewöhnlich, vor Aufzug des Vorhanges angekommen. Gegen Ende des ersten Aktes traten Frau Ellrichs und Natalie in eine Loge, der unserigen gegenüber. Die Sache ging möglichst geräuschlos vor sich und verursachte nur eine ganz geringfügige Störung: zwei oder drei Zuschauer hoben die Köpfe nach den Neuangekommenen – das war alles. Die beiden Damen nahmen gelassen Platz und unterzogen das Haus der üblichen kurzen Musterung. Ich hätte ihren Blicken nicht ausweichen können, ohne daß sie die Absicht bemerkt haben müßten, und ich grüßte höflich und ernst, als unsere Augen sich begegneten. Sie dankten in derselben Weise und wandten sich bald darauf dem Schauspiel zu. Johanna hatte sich nicht gerührt. Als der Vorhang gefallen war, wandte ich mich zu ihr und sagte leise: »Frau Ellrichs und ihre Tochter sitzen uns gerade gegenüber.« »Ich habe es wohl bemerkt. – Du hast sie ja sogleich begrüßt.« »Und sollte ich das etwa nicht tun?« »Ich habe dir meine Ansicht darüber bereits einmal gesagt. Ich an deiner Stelle würde es nicht tun.« »Es ist hier nicht der Ort, darüber zu streiten. Wir können es heute abend, zu Hause tun, wenn es dir Vergnügen macht.« »Du besitzt ein großes Talent in der Kunst, Fragen zu verschieben . . . Als ob ich angefangen hätte, von Frau und Fräulein Ellrichs zu sprechen. Die Leute interessieren mich ganz und gar nicht. Ich kenne sie nicht und mag sie nicht kennen lernen. Du warst es, der meine Aufmerksamkeit auf sie lenkte; und nun stellst du die Sache hin, als ob ich das Gespräch über sie angefangen hätte.« »Du scheinst heute wieder sehr heiterer Laune.« »Ich antworte dir in dem Tone, den du angeschlagen hast.« Johanna wollte immer das letzte Wort haben. Ich hatte mich daran gewöhnt und schwieg. Frau Ellrichs und Natalie verließen das Theater vor dem Schluß des Stückes, ohne daß ich Gelegenheit gehabt hätte, einen zweiten Gruß mit ihnen zu wechseln. Doch hatte ich Natalie, unbeachtet von ihr und ohne die Aufmerksamkeit ihrer Mutter oder Johannas zu erregen, beobachtet. Ich hatte sie immer ernst und still gekannt, und sie erschien mir in ihrem Aussehen und Wesen unverändert, seitdem ich ihr, am Vorabend meiner Abreise nach Nortorf, zum letzten Male die Hand gedrückt hatte. Es war mir, als hörte ich ihre Stimme wieder, ihre weiche, warme Stimme, so verschieden von dem harten, hellen Klang der Johannas. Der Gedanke daran verließ mich nicht auf der Fahrt nach Hause. Ich wechselte während derselben nur einige gleichgültige Worte mit Johanna. Nach einer längeren Pause, wenige Minuten ehe wir unsere Wohnung erreicht hatten, sagte Johanna plötzlich: »Ich erlasse dir, mich zukünftig wieder in ein Theater zu führen.« »Was soll das bedeuten?« »Es soll bedeuten, daß ich dir nicht ferner das Opfer auferlegen will, dich, ohne mir eine Freude zu bereiten, in meiner Gesellschaft zu langweilen.« Wir waren vor der Türe unseres Hauses angelangt. »Darüber können wir oben weiter sprechen.« »Ja. Wir können dann ebenfalls noch über Fräulein Ellrichs sprechen. Das war ja auch noch ein Vergnügen, das mir für heute abend vorbehalten bleiben sollte.« Ich stieg aus, bezahlte den Kutscher und folgte Johanna, die mir schnell vorausgegangen war. Ich hatte mir vorgenommen, den Abend ohne weitere unangenehme Auseinandersetzungen zu beschließen; aber das paßte Johanna nicht. Kaum hatten wir uns zum Tee niedergesetzt, als sie die vor der Türe abgebrochene Unterredung in leisem Tone, der aber von innerer, tiefer Erregung zeugte, wieder aufnahm. Es drängte sich mir sofort die Überzeugung auf, daß das, was sie sagte, reiflich vorbedacht, wahrscheinlich mit der Mutter verabredet worden war. Sie sprach in harten, bitteren Worten von dem freudelosen Leben, das meine Vernachlässigung ihr bereitete, sie zählte ihre häuslichen Tugenden auf: hatte ich über irgend etwas zu klagen? Vernachlässigte sie auch nur die kleinste ihrer Pflichten? Welchen Vorwurf konnte ich ihr machen? – Und was war ihr Lohn? Ich suchte Freuden außerhalb des Hauses, die sie nicht teilen konnte, von denen sie nichts wissen wollte, und während der wenigen Stunden unvermeidlichen Zusammenseins mit ihr war ich mürrisch, so empfindlich und gereizt, daß sie kaum noch wagte, ein Wort zu sagen, aus Furcht, einen Zornausbruch bei mir hervorzurufen. Jeder Vorwand zu einer Unfreundlichkeit sei mir erwünscht. Sie müsse fortwährend Vorwürfe über ihre Beziehungen zu ihrer Mutter hören, ich verdenke es ihr, daß sie nicht mit fremden Leuten, die ihr antipathisch seien, in Verbindung treten wolle. Sie sei nicht so kurzsichtig und verblendet, wie ich annehme, sie wisse wohl, daß mein heutiger Verdruß daher rühre, daß sie sich nicht beeilt habe, Frau und Fräulein Ellrichs zu begrüßen; – aber das werde sie niemals tun. Sie wisse mehr von meinen Beziehungen zu der ehemaligen Braut meines Bruders, als ich zu glauben schiene . . . . Da unterbrach ich sie: »Was sollen diese törichten Unterstellungen bedeuten? Ich verstehe sie nicht.« »Du verstehst sie sehr wohl.« »Ich gebe dir die Versicherung, daß ich sie ganz und gar nicht verstehe, und ich muß dich um Aufklärung bitten.« »Du willst nur einen neuen Vorwand haben, mir Unannehmlichkeiten zu sagen. Ich werde dir einen solchen Vorwand nicht geben.« Ich biß die Zähne zusammen und hielt einen Zornausbruch zurück; aber es kochte in mir. Ich wußte, daß es mir unmöglich sein würde, die klare Antwort von Johanna zu bekommen, die ich hören wollte; ich machte auch in dieser Beziehung keine Versuche, die ich im voraus vergeblich wußte, aber ich wollte mich nun auch einmal »aussprechen«. Der seit einem Jahre zurückgehaltene Zorn brach hervor: nicht laut, nicht lichterloh, aber doch ingrimmig und gewaltsam. Ich sprach so leise, wie sie gesprochen hatte: in unterdrücktem Flüsterton machte ich meinem gepreßten Herzen Luft. Ich hatte mich keineswegs darauf vorbereitet, und ich weiß nicht mehr, was ich sagte. Ich erinnere mich nur, daß ich schnell sprach, beredt, und daß meine Worte bitter, rücksichtslos waren, beleidigend für Johanna und ihre Mutter. – Johanna erschien zunächst überrascht, dann malte sich Bestürzung, ja Schrecken auf ihren Zügen. Ohne daß ich es bemerkt, hatte sie sich der Tür genähert, und plötzlich riß sie die selbe auf und war aus dem Zimmer verschwunden. Ich vernahm ihren eilenden Schritt, hörte wie eine Stubentür geöffnet und schnell und laut wieder geschlossen wurde – und dann wurde es ganz still. Mein Zorn war plötzlich geschwunden, eine Art ruhiger Befriedigung kam über mich, und ich sagte leise vor mich hin: »Es ist vollbracht!« Die Folgen dieses Auftrittes waren mannigfacher Art. Zunächst empfing ich am nächsten Tage einen Brief meiner Frau Schwiegermutter, die mich höflich bat, sie auf dem Heimwege vom Ministerium nach meiner Wohnung, vor dem Essen, wenn es mir möglich wäre, besuchen zu wollen. Ich hatte Zeit, mich auf diese Zusammenkunft vorzubereiten, die mir eine gewünschte Gelegenheit bot, mich auch Frau von Wehrenberg gegenüber einmal »auszusprechen«. – Sie empfing mich in dem wohlbekannten, ordentlichen, kalten Wohnzimmer, in dem ich Johanna meine Liebe gestanden und mit ihrer Mutter um den Preis gefeilscht hatte, für den sie mir ihr Kind überlassen wollte. Bittere, schwere Stunden hatte ich in dem Raum verlebt. Heute fühlte ich mich sorglos, fast wohlgemut. Es war mir, als ob die Stunde der Abrechnung mit Frau von Wehrenberg nahte. Und die Frau stand tief in meiner Schuld! Sie war mir schrecklich gewesen, solange ich Johanna geliebt hatte; aber seitdem mein Glück nicht mehr von Johannas Liebe abhing, besaß ihre Mutter keine Gewalt mehr über mich. Und ich freute mich des Gedankens, ihr dies zeigen zu können. Sie beobachtete mich zunächst mit einer gewissen Scheu, die mich ergötzte. Ich sagte mir sogleich, sie werde aus Johannas Schilderung des gestrigen Auftritts gefolgert haben, daß ich krankhaft erregt, möglicherweise geistig gestört sei. Die Geduld, die ich seit einem Jahre zur Schau getragen, hatte die beiden verwöhnt, und sie konnten sich den Ausbruch eines gesunden Zornes bei mir nur als etwas Krankhaftes vorstellen. Einen Augenblick kam mir der Gedanke, ob ich nicht, um die Komödie vollständig zu machen, nunmehr »den wilden Mann« spielen sollte; aber ich verwarf dies sofort wieder: es wäre ein unehrliches Mittel gewesen, mich von Johanna zu befreien. Ich durfte und wollte davon keinen Gebrauch machen. Mit eisiger Ruhe vernahm ich Frau von Wehrenbergs Klage über den gestrigen Auftritt. Mein Schweigen ermutigte sie zunächst. Ihre Worte gewannen an Schärfe und Bitterkeit; aber als ihre bewußten, ungerechten Übertreibungen und Verdrehungen auf keinen Widerspruch bei mir stießen, überkam sie augenscheinlich wieder großes Unbehagen. Sie stockte, hob von neuem an, machte eine längere Pause und fragte endlich entmutigt, bereits geschlagen, noch ehe ich den Kampf aufgenommen hatte, was ich zu dem zu sagen habe. Darauf erwiderte ich in kurzen, wohl überlegten Worten, was ich auf dem Herzen hatte. Ich brauchte mir keine Mühe zu geben, innere Erregung zu verbergen: ich fühlte mich, nach der in meinem Geiste vollzogenen Trennung von Johanna, vollständig ruhig. Das Glück, das ich mit Johanna zu finden gehofft hatte, war unwiederbringlich verloren. Nun konnte mich nichts mehr tief schmerzen, was von ihr kam. Sie behielt es in ihrer Gewalt, mich hie und da zu ärgern, leicht zu verletzten – aber kränken, tief verstimmen, unglücklich machen konnte sie mich nicht mehr. »Ich kann Ihr Bedauern über den gestrigen Vorfall nicht teilen«, sagte ich im gewöhnlichen, ruhigen Unterhaltungston. »Er hat Klarheit in mein Verhältnis zu Johanna gebracht . . . Ich gebe zu, daß dies Verhältnis kein erfreuliches ist; aber wenn Sie auch nicht eingestehen werden, daß dies Ihre Schuld ist, so werden Sie sich doch klar darüber sein, daß ich Ihnen und Johanna allein, Ihnen und Ihren Ratschlägen in erster Linie, die Verantwortlichkeit dafür zuschreibe.« Darauf gab ich in trockenen Worten die kurze Geschichte meiner Verlobung, Vermählung und unglücklichen Ehe. Ich war entschlossen, keine Rücksichten mehr zu nehmen gegenüber dem rücksichtslosen Egoismus meiner Frau und deren Mutter, und ich gebrauchte Ausdrücke, die jedes Zartgefühl verletzen mußten, die ich selbst heute, da jene Unterredung einer fernen Vergangenheit angehört, nur schwer mit meiner geistigen Veranlagung in Einklang bringen kann; aber ich war eben durch und durch verbittert, bis zur Gefühllosigkeit ergrimmt. Ich brachte es sogar über meine Lippen, von einem »schlechten Geschäfte« zu sprechen, das ich gemacht, als ich Johanna den größten Teil meines Vermögens verschrieben, mich gewissermaßen in ihre Abhängigkeit begeben hatte. Frau von Wehrenberg wurde kreideweiß. »Ihre Sprache ist empörend,« sagte sie, »eines Edelmannes unwürdig. Ich kann sie nicht ferner mit anhören.« »Ich habe diese Unterredung nicht gesucht«, erwiderte ich, »und es steht in Ihrer Macht, sie jeden Augenblick abzubrechen.« »Mein armes, unglückliches Kind!« rief Frau von Wehrenberg, und zum ersten Male klang wahres Gefühl aus ihrer Stimme. Aber mich konnte in dem Augenblick nichts rühren. Ich hatte mich in eine stille, ingrimmige Wut hineingedacht und geredet. »Ich bin schlechterdings nicht imstande, die Lage Ihrer Tochter beklagenswert zu finden«, sagte ich. »Ich bin kein Tyrann. Meine Frau hat nie schlechte Behandlung von mir erfahren und hat solche auch nicht zu befürchten. Sie steht an der Spitze einer kleinen, geordneten Wirtschaft, die sie mit genügenden Mitteln nach Gutdünken leitet. Ich bin ganz damit einverstanden, daß sich unsere Wege in derselben überhaupt nicht mehr kreuzen. Die Wohnung ist groß genug, um zu gestatten, daß jeder von uns darin für sich wohnt. Ich trinke meinen Kaffee ebensogern allein im meinem Zimmer als in Johannas mürrischer Gesellschaft. Ihr unfreundlicher Abschiedsgruß, der früher genügte, mich trübselig in mein Tagewerk zu schicken, und der mich seit einige Zeit erfreulicherweise gleichgültig läßt, wird mir nicht fehlen; ich bin auch bereit, allein zu essen und zu gestatten, daß Johanna ihre Mahlzeiten in Ihrer Gesellschaft einnimmt, und ich entbinde sie gern der Verpflichtung, die sie sich selbst auferlegt hat, jeden Abend meine Rückkehr abzuwarten. Diese Förmlichkeit hat sogar bei dem nunmehr zwischen uns bestehenden Verhältnis etwas Lächerliches. Aber ich äußere in dieser Beziehung keinen Wunsch. Wenn es Johanna Vergnügen macht, einen Teil der Nacht auf dem Sofa zuzubringen, so ist das ihre Sache. Ich will sie auch darin nicht stören; sie darf sich aber nicht einbilden, mir damit einen Beweis liebevoller Sorge und Aufmerksamkeit zu geben. Ich glaube vielmehr, daß sie mich damit ärgern will . . . aber auch das gelingt ihr nicht.« »Schrecklich – schrecklich!« murmelte Frau von Wehrenberg. »Höchst unerfreulich in der Tat; aber doch in erster Linie für mich, der ich in all meinen Erwartungen getäuscht worden bin. Sie haben keinen Grund, über ein Verhältnis zu klagen, das Sie allein geschaffen haben.« »Ich? Wieso?« »Das habe ich Ihnen bereits auseinandergesetzt. Wünschen Sie, daß ich es wiederhole?« »Sie haben mir in einer halben Stunde mehr Beleidigendes gesagt, mehr Kränkungen zugefügt, als ich in meinem ganzen Leben erfahren hatte. Sie haben sich einer wehrlosen Frau gegenüber in einer Weise benommen, die ich bei einem Edelmann für unmöglich gehalten hätte. Ich verzichte darauf, Ihre ungerechten Vorwürfe ein zweites Mal zu hören.« »Ich stellte mich einfach zu Ihrer Verfügung, um eine Frage zu beantworten, die Sie an mich gerichtet hatten. Was die ›Beleidigung der wehrlosen Frau‹ angeht, so gestatten Sie mir jedoch zu bemerken, daß ich Sie niemals angegriffen oder beleidigt, dagegen wiederholte Gelegenheit gehabt habe, mich gegen Ihre offenen oder versteckten Angriffe verteidigen zu müssen. Es klingt sehr beschämend für mich, wenn Sie sich als wehrlos darstellen und sagen, ich hätte meine Stärke gemißbraucht, um Sie zu beleidigen, aber glücklicherweise ist das nicht der Fall. In dem Kampfe, den ich seit dem Tage, an dem ich um Johannas Hand angehalten habe, mit Ihnen führen mußte, sind Sie der angreifende Teil, die Stärkere gewesen. Sie haben Ihre Stellung gemißbraucht, haben mich, wo und wie Sie konnten, gekränkt, haben das Herz Ihrer Tochter von mir abgewandt und mich unglücklich gemacht. Sie ernten, was Sie gesät, und haben kein Recht, darüber zu klagen, daß die Früchte, mit denen Sie mich allein vergiften wollten, auch für Sie und Ihre Tochter bitter sind. Und darum berühren mich Ihre unverdienten Vorwürfe durchaus nicht. Wären Sie mir eine gute Mutter gewesen, so hätten Sie in mir einen gehorsamen, liebevollen Sohn gefunden. Aber das haben Sie niemals auch nur einen Augenblick gewollt. Was sie eigentlich beabsichtigt haben, das habe ich nicht ergründen können. Bei Ihrer Klugheit hätten Sie, mit einiger Kenntnis meines Charakters voraussehen müssen, was nun eingetroffen ist. Ich kann mir den Irrtum, in dem Sie befangen gewesen sind, nur durch eine Vermutung erklären, die ich lieber nicht ausspreche.« »Sprechen Sie nur, ich bin auf alles vorbereitet.« »Sehr wohl: Sie sind die typische böse Schwiegermutter, die in dem Manne ihrer Tochter, die sie als ihr Eigentum betrachtet, einen Räuber erblickt. Sie haben mich von dem Tage an, da Sie mir Ihre Tochter überließen, sich von dieser trennen mußten, gehaßt, und Ihre Leidenschaft hat Ihren sonst so klaren Verstand verdunkelt, hat Sie blind gemacht und verkennen lassen, daß Sie mein Glück nicht zerstören, mich nicht kränken konnten, ohne auch Ihre Tochter zu verletzen, die durch unlösbare Bande mit mir verbunden ist.« Frau von Wehrenberg erhob sich langsam. Ihr weißes Gesicht war aschfahl. Es schien mir, als ob ihre hellen Augen dunkel geworden wären. Die erweiterten Pupillen glänzten darin wie schwarze, giftige Beeren. »Gottlob! Es sind keine unlösbaren Bande«, sagte sie heiser. »Aber nun ist es genug! Ich wünsche, Sie niemals wiederzusehen.« Sie wandte sich ab und verließ das Zimmer. Ich machte keinen Versuch, sie zurückzuhalten, und entfernte mich gleich darauf, befriedigt mit dem Ergebnis meiner Aussprache mit Frau von Wehrenberg. Ich empfand nicht einen Schatten von Reue darüber, ihr so feindlich entgegengetreten zu sein; nein, es gewahrte mir große Befriedigung, sie tief gekränkt zu haben. Und dann erfüllte es mein Herz mit Hoffnungen, die ich bis dahin kaum zu hegen gewagt, daß nun auch Frau von Wehrenberg – wie Elise es getan – auf die Möglichkeit meiner Trennung von Johanna und damit einer Wiedererlangung meiner Freiheit hingedeutet hatte. Aber ich blieb bei meinem Entschluß, meinerseits nichts zu tun; um ein solches Ereignis herbeizuführen. Johanna und Frau von Wehrenberg hatte meine Ehe zu einer unglücklichen gemacht; sie sollten, wenn auch nicht vor der Welt, so doch vor meinem Gewissen, der »schuldige Teil« sein, wenn es schließlich zu einer Scheidung kommen würde. Unsere gewöhnliche Essensstunde war vorüber, als ich nach Hause kam. In dem Maße, in dem sich Johanna mir entfremdet hatte, war es mir immer leichter geworden, in dem Umgang mit ihr alle äußeren Formen der Höflichkeit streng zu beobachten. Ich kann mir das Zeugnis ausstellen, daß mein Benehmen ihr gegenüber in dieser Beziehung tadellos war. So entschuldigte ich denn auch mein spätes Kommen: »Deine Mutter hatte mich zu sehen gewünscht. Unsere Unterredung hat etwas lange gedauert. Ich komme soeben von ihr. Entschuldige die Verspätung!« Johanna sah mich fragend an, aber ich fühlte mich nicht veranlaßt, ihr mehr zu sagen. Ich durfte annehmen, daß die Mutter ihr einen vollständigen Bericht über unsere Unterhaltung erstatten, der allein für Johanna maßgebend sein würde. Wir saßen uns bei Tische stumm gegenüber. Gleich nach dem Essen entfernte ich mich mit kurzem Gruß. Ich empfand nicht das Bedürfnis, mich mit Johanna auszusprechen, geschweige denn, mich mit ihr zu versöhnen. Mein Plan war gefaßt: meine und Johannas Wege sollten sich nicht wieder kreuzen; und auch da, wo sie sich unvermeidlich einander näherten, sollte keine Berührung mehr zwischen uns stattfinden. Als ich am Abend vom Klub heimkehrte, fragte ich mich unterwegs, ob Johanna mich wohl wie gewöhnlich erwarten würde. Im Vorzimmer war das Gas in üblicher, sparsamer Weise so abgedreht, daß nur schwache Dämmerung herrschte, gerade genügend, um mir meinen Leuchter zu zeigen, aus dem ein Kästchen mit Schwefelhölzern und ein kleiner Brief für mich lagen. Dieser lautete, ohne Überschrift: »Zehn Uhr abends. Deinem, meiner Mutter gegenüber ausgesprochenen Wunsche gemäß, gehe ich jetzt zu Bett, ohne Deine Rückkehr abzuwarten. Johanna.« Nein! die Frauen sollten mich nicht zum Haustyrannen stempeln! Ich antwortete auf die zwei Zeilen: »Liebe Johanna, ich habe Deiner Mutter gegenüber keinen Wunsch geäußert. Ich habe ihr nur gesagt, es erschiene mir überflüssig, daß Du des Abends auf meine Rückkehr wartetest, aber Du möchtest Dich in dieser Beziehung ganz von Deinem eigenen Gutdünken leiten lassen. Gute Nacht! Hermann.« Am nächsten Morgen wurde mir, nachdem ich mich angekleidet hatte, der Kaffee in mein Zimmer gebracht, und ich verließ das Haus, ohne Johanna gesehen zu haben. »Schön,« sagte ich mir, »das paßt mir ganz und gar.« Ich wollte zeigen, daß ich nicht nur den von Johanna getroffenen Maßregeln, unser Zusammensein auf ein kleines Maß zurückzuführen, keinen Widerstand entgegensetzte, sondern auch meinerseits geneigt war, dieses Maß noch zu verringern. Gegen zwölf Uhr schickte ich ihr einige Zeilen, in denen ich sie bat, zum Essen nicht auf mich zu warten: ich äße im Klub. Ich wollte erst noch hinzusetzen, ich wäre damit einverstanden, wenn sie ihre Mutter zu sich einlüde oder zu ihr ginge, aber nach einigem Überlegen unterließ ich dies. Ich wollte nicht den Schein erwecken, als ob ich annähme, daß Johanna meiner Erlaubnis bedürfe, um von der Freiheit, die ich ihr ließ, beliebigen Gebrauch zu machen. Ungehörige Ausschreitungen hatte ich nicht zu fürchten. Am Abend – keine Johanna. – Am nächsten Morgen – Kaffee in meinem Zimmer ohne Johanna. Aber später, als ich vom Ministerium zur üblichen Stunde heimkehrte, fand sie sich zum Essen ein. Ich wußte, daß ihr ganzes Verhalten, ihre Blicke, Bewegungen, Worte, auf Verabredungen mit ihrer Mutter, auf Berechnung beruhten, und ich beobachtete sie deshalb aufmerksam. Sie erschien ernst, kalt, ruhig, keinesfalls verdrießlich oder gereizt. – Desto besser! – Ich sagte ihr einige gleichgültige Worte etwa wie einer unbekannten Tischnachbarin an der gemeinschaftlichen Tafel eines Gasthofes, und sie antwortete darauf in demselben Tone, sichtlich bemüht, unbefangen zu erscheinen. Aber sie war es nicht, und ich erkannte es leicht. Sie war engherzig, kleinlich, kalt, aber ehrlich und wahr, keine Heuchlerin oder Schauspielerin. Der Zwang, den sie sich, den Weisungen ihrer Mutter gehorchend, auferlegte, um unbefangen zu erscheinen, peinigte sie. Ich glaube, ich hätte sie durch andauernde große Höflichkeit ganz außer Fassung bringen, sie veranlassen können, weinend aufzuspringen und das Zimmer zu verlassen, aber dazu wollte ich es nicht kommen lassen: nicht etwa aus Mitleiden mit ihr, sondern weil mir, nach Lage der Dinge, der Ton, der seit zwei Tagen zwischen uns herrschte, am meisten zusagte. Auch Johanna gewöhnte sich schnell daran, wobei ihr angeborener Trotz und Lieblosigkeit zu Hilfe kamen. Nachdem sie die Furcht, die ihr mein erster Zornausbruch eingeflößt, überwunden hatte, konnte sie, in kaltem Verdruß gegen mich, die Rolle der von mir losgelösten Frau, die sie mit ihrer Mutter einstudiert hatte, ohne Mühe in größter Vollkommenheit durchführen. Die Worte, die wir miteinander auswechselten, waren ohne jede vertrauliche Bedeutung. Wir sprachen vom Wetter, von Tagesereignissen, ja von Politik, von der sie nicht das Geringste verstand, und für die ich selbst mich nur wenig interessierte. Mitteilungen, auch geringfügiger Art, welche auf unser gemeinsames Leben, wie es durch das Gesetz geschaffen war, Bezug hatten, empfing ich auf schriftlichem Wege, und ich erledigte sie in derselben Weise: Der Mietskontrakt laufe am ersten Juli ab, ob er am ersten Januar gekündigt werden solle? – Antwort: ich sei mit der Wohnung zufrieden; wenn Johanna es aber nicht sei, so möge sie kündigen. – Sie beabsichtigte, eine andere Köchin zu nehmen. – Selbstverständlich, ganz einverstanden. – Mit der Zeit gewann ich dieser Art des Verkehrs einen gewissen Humor ab. Für Johanna war und blieb sie bitterer Ernst. – Ihre Mutter hatte, so viel ich wußte, die Füße nicht wieder in unsere Wohnung gesetzt, ich hatte sie wenigstens nicht wieder dort getroffen, noch war ich ihr zufällig auf der Straße begegnet; aber ich wußte, daß Johanna jeden Nachmittag und häufig auch den Abend bei ihrer Mutter zubrachte. Ich konnte mir so ungefähr denken, was dort gesprochen wurde. Ich hatte nur wenig vertraute Bekannte, und mein Bruder Lothar schien sich grundsätzlich nicht in meine Angelegenheiten mischen zu wollen, doch wurde mein Verhältnis zu Johanna bald überall bekannt, wo man überhaupt an ihrem oder meinem Schicksale Anteil nahm, und ich hatte somit keinen Grund, überrascht zu sein, als ich eines Tages einen Brief von Elise erhielt, der mich um Auskunft über die Vorgänge in meinem Hause bat, die – so schrieb sie – Stadtgespräch geworden wären. Ich gab ihr bereitwillig die gewünschte Auskunft, denn ich wußte, daß ich keinen besseren Freund als meine Schwester hatte; und darauf entspann sich ein regelmäßiger und ziemlich lebhafter Briefwechsel zwischen uns, in dem unter anderem die Frage meiner Trennung von Johanna wiederholt und eingehend erörtert wurde. Ich verharrte dabei auf dem ursprünglich von mir eingenommenen Standpunkte, daß ich es Johanna überlassen müsse, den Wunsch einer Trennung auszusprechen, und daß ich es für meine Pflicht hielte, sie in dieser Beziehung in keiner Weise, am allerwenigsten durch ungerechte oder unfreundliche Behandlung zu beeinflussen. – Elise mißbilligte meine »Schwäche«, wie sie das nannte, was ich einfach für die Gewissenhaftigkeit eines Ehrenmannes hielt, und behauptete, ich nähme viel zu große Rücksichten auf Johanna: sie sei deren nicht würdig. Und als ich sie deswegen ungerechtfertigter Gereiztheit gegen Johanna zieh und sie um eine Erklärung derselben bat, da kam sie mit wahrer Leidenschaftlichkeit auf die »unwürdigen« Bedingungen zu sprechen, unter denen sich meine Vermählung vollzogen hätte. »Ich habe keine Worte dafür,« schrieb sie, »daß ein Mädchen, ehe es sich entschließt, einem Manne ihre Hand zu reichen, von diesem verlangt, er solle ihr eine möglichst große Summe Geldes zum Geschenk machen. Ich habe niemals verstanden, daß dies allein nicht bereits genügt hat, Dich seinerzeit über den Charakter Deiner jetzigen Frau aufzuklären.« Ich versuchte, Johanna und gleichzeitig auch mich zu rechtfertigen. Ich schrieb, der geschäftliche Teil meiner Verbindung mit ihr sei das Werk ihrer Mutter gewesen, ich setzte meiner Schwester auch auseinander, daß Abmachungen, wodurch der zukünftigen Frau eine bestimmte Summe Geldes ausgesetzt wird, etwas Gebräuchliches seien und nirgends für unehrenhaft gälten; aber Elise wollte in dieser Beziehung keine Vernunft hören. »Gebrauch mag es sein«, schrieb sie zurück, »und diejenigen, die es tun, mögen darauf bedacht sein, daß man es für ehrenhaft halt. Mir erscheint es abscheulich, ebenso wie es mir abscheulich erschienen ist, daß Lothar eine Geldheirat machen wollte. Ich habe ihm das nie verziehen – doch ist er mein Bruder – und ich werde es sicherlich Deiner Frau nicht verzeihen, die mir eine Fremde war und eine Fremde geblieben ist. Hätte sie Dich glücklich gemacht, so würde ich Entschuldigungen für sie gesucht und wohl auch gefunden haben, aber wie die Sachen nun einmal liegen, sage ich mir, daß sie, ganz abgesehen von dem niedrigen Charakter des Geschäfts, das sie gemacht hat, jetzt nicht einmal die Verpflichtungen erfüllt, die sie bei ›Abschluß‹ desselben stillschweigend, weil selbstverständlich, eingegangen ist. Eine liebende Frau konnte sie Dir nie werden, wenn sie Dich nicht liebte – und es ist jetzt ganz klar und desto schlimmer für sie, daß sie dies nie getan hat; aber sie hätte Dir eine freundliche, aufmerksame Frau werden sollen, bemüht, Dir das Leben im Hause angenehm zu machen. Dazu war sie verpflichtet, dafür war sie bezahlt. – Ich kenne Männer, die reine Geldheiraten gemacht haben, aber sich seitdem eifrig bemüht zeigen, ihre Frauen glücklich zu machen. Denen kann ich das Geschäft, in dem ihre Person der Kaufpreis war, zur Not noch verzeihen, obgleich sie mir nie ganz sympathisch werden können. Andere, die mit dem Gelde, das sie durch Heirat eines reichen Mädchens erworben haben, ein flottes Vergnügungsleben führen, ohne sich mehr um ihre Frauen zu kümmern, als die Gesetze des Anstandes es unbedingt erheischen, die halte ich für unehrlich, denn sie geben nicht, was die Frau für ihr teures Geld zu erwarten berechtigt war. Ein solcher Mann sollte, nach meinen Ideen, aus der anständigen Gesellschaft ausgestoßen werden. – Und beinahe ebenso schlimm erscheint mir nun ein Mädchen, das eine Geldheirat macht, und gleich darauf, ohne Rücksicht auf ihre Verpflichtungen, lediglich darauf bedacht ist, nach ihrem eigenen Geschmack zu leben, sei es, daß sie sich putzt, in Gesellschaft, Theater, Konzerte, oder – wie Johanna es tut – zu ihrer Mutter läuft, ohne sich um das Wohlbefinden des Mannes zu kümmern, dem sie in erster Linie, in vielen Fällen ausschließlich, die Mittel verdankt, ihrem Vergnügen frönen zu können. Daß es sich dabei gewöhnlich um sogenannte ›erlaubte‹ Zerstreuungen handelt, ändert an der Sache in meinen Augen gar nichts. Ich bin nicht so beschränkt, daß ich sage, ein armer Mann soll niemals ein reiches Mädchen, ein armes Mädchen unter keiner Bedingung einen reichen Mann heiraten. Heiraten zwischen arm und reich sind im Gegenteil vollständig gerechtfertigt, sobald Geld dabei nicht den Ausschlag gibt. Laß ein armes Mädchen einen Millionär nehmen, wenn er ihr auch ohne seine Millionen als Mann gefällt, und umgekehrt. In solchem Falle ist Geld eine höchst angenehme ›Zugabe‹, gegen die kein vernünftiger Mensch das Geringste einzuwenden haben wird; aber wenn ein Mann seine zukünftige Frau ausschließlich unter den reichen Töchtern des Landes sucht, weil er sagt: ›eine arme Frau kann ich nicht ernähren, und ich wünsche eine reiche Frau, um auf diese bequeme Weise des Wohllebens teilhaftig zu werden, das Reichtum mit sich bringt‹, oder wenn ein Mädchen denkt: ›was soll mir ein armer Mann? Ich will mich putzen können, Reisen machen, Pferde und Wagen haben, bewundert und beneidet werden‹, sobald es sich – in einem Worte – um Geldheiraten handelt, so handelt es sich gleichzeitig um ein Geschäft, das beiden Teilen rein geschäftliche Verpflichtungen auferlegt: Geld und Wohlleben gegen Schönheit, Jugend, oder Stellung und Namen, kurz, gegen sozusagen persönliche Leistungen. Wo diese später fehlen, da findet eine unberechtigte Schädigung desjenigen statt, der Schönheit, Jugend, Stellung oder Namen kaufen wollte und dafür in barem Gelde bezahlt hatte. – Mir ist ein solcher Handel unter allen Umständen widerwärtig; aber ich bin, wie schon gesagt, bereit, ihn milde zu beurteilen, wenn das Geschäft ehrlich durchgeführt wird, das heißt, wenn der Teil, der Geld gezahlt hat, dafür empfängt, was er erwartet hatte und erwarten durfte; aber wenn von der anderen Seite diese Leistungen nicht erfolgen, so ist der – Mann oder Frau –, der seines Geldes wegen geheiratet worden ist, seiner Verpflichtungen gegenüber dem nichtzahlenden Schuldner ebenfalls enthoben. – Je mehr ich über die Sache nachdenke, desto widerlicher erscheint mir der Handel des Kaufens und sich Verkaufens, der unter dem wenig anstößigen Namen ›Vernunftheirat‹ gang und gäbe ist, seitdem die Menschheit besteht. Das hohe Alter macht ihn nicht ehrwürdiger und besser. Alle Untugenden und Verbrechen sind, gleichzeitig mit der Vernunftheirat – mit dem Menschen – zur Welt gekommen, und daß sie sich stets und häufig wiederholen, entschuldigt sie nicht. – Nenne mich überspannt, wenn du willst, sage, ich spräche mit der Unerfahrenheit eines Kindes, der krankhaften Empfindsamkeit einer alten Jungfer – ich weiß, im Grunde deines Herzens wirst du mir in vielen, wenn vielleicht auch nicht in allen Punkten zustimmen, und darum wiederhole ich: du hast keine Rücksichten auf Johanna zu nehmen, da diese dir pflichtvergessen gegenübersteht! – Mache Dich frei von ihr!« Elise hatte darin recht, daß ich in vielen Punkten ihrer Meinung war, aber ganz konnte ich mir dieselbe nicht aneignen. Ich fand noch immer Entschuldigungen für Johanna, und gerade, weil ich aufgehört hatte, sie zu lieben, mußten diese Entschuldigungen doppelten Wert für meine Entschließungen haben. Ich verblieb dabei, sie mit ruhiger, freundlicher Höflichkeit zu behandeln. – Und so lebten wir still und gleichgültig nebeneinander her. Auch das Weihnachtsfest, vor dem ich mich gefürchtet hatte, ging vorüber, ohne eine Versöhnung herbeigeführt zu haben: es vergrößerte vielmehr noch die Entfremdung, die sich zwischen mir und Johanna eingenistet hatte und machte sie zu einer vollständigen, unwiderruflichen. Am vierundzwanzigsten Dezember erhielt ich auf dem Ministerium einen kurzen Brief von Johanna: »Wenn Du nichts dagegen hast, so möchte ich den Heiligabend bei meiner Mutter verbringen.« Ich hatte nichts dagegen einzuwenden, ich atmete befreit auf, als ich die Mitteilung erhielt. Aber ich wußte nicht, was ich mit dem freien Abend anfangen sollte. Ein Gefühl der Beschämung hielt mich ab, in den Klub zu gehen und dadurch meine Vereinsamung offenkundig zu machen, auch den eigenen Dienstboten wollte ich mich aus demselben Grunde nicht zeigen. Ich ging jedoch gegen vier Uhr nach Hause – das war unverfänglich – und da mir der Gedanke kam, Johanna könnte in ihrer Knauserei unterlassen haben, das Dienstmädchen und die Köchin anständig zu beschenken, so ließ ich die beiden in das Wohnzimmer kommen und gab einer jeden von ihnen etwas Geld. Das hatten sie augenscheinlich nicht erwartet, denn sie dankten mir gleichzeitig freudig und überrascht. –»Die gnädige Frau hatte uns bereits reichlich beschenkt; der gnädige Herr sind zu gütig.« Ich blieb noch etwa eine halbe Stunde in der halbdunklen Wohnung, in der sich nichts rührte und regte, und dann schlich ich mich davon. Ich wanderte eine Zeitlang zwecklos durch die belebten, hell erleuchteten Straßen, dann kam mir der Gedanke an meinen Bruder: vielleicht war er ebenso allein wie ich. Ich hätte ihm schreiben, eine Verabredung für den Abend mit ihm treffen sollen. Aber den Gedanken wies ich sogleich wieder zurück. Etwas, worüber ich mir nicht klar Rechenschaft ablegte, verhinderte mich, ihn zum Vertrauten meines häuslichen Elends machen zu wollen. Und dabei fiel mir peinlich aufs Herz, wie fremd wir beide uns geworden waren. Seit Wochen hatte ich ihn einige Male flüchtig im Klub begrüßt und dort wenige Worte mit ihm gewechselt. Sonst hatte ich ihn überhaupt nicht gesehen. Weder in meiner Wohnung, noch auf meinem Büro, wo er früher noch gelegentlich zu erscheinen pflegte, hatte er sich blicken lassen, und meine wiederholten Versuche, ihn in seiner Wohnung anzutreffen, waren vergeblich gewesen. Und nun machte ich mir langsam klar, daß die Entfremdung zwischen uns, die ich seit dem ersten Tage seiner Rückkehr nach Berlin bemerkt hatte, durch sein Benehmen herbeigeführt worden war. Er hatte zuerst aufgehört, mir brüderliches Vertrauen zu schenken, ja, manchmal war es mir vorgekommen, als ob er mir zürnte. Aber weshalb? Von diesem Punkte wanderten meine Gedanken auf seine, seitdem wieder aufgelöste Verlobung und auf Natalie. Johanna hatte mir eines Tages im Zorn gesagt, sie wisse mehr von meinen Beziehungen zu der ehemaligen Braut meines Bruders, als ich zu glauben scheine. Was hatte sie damit sagen wollen? Was konnte sie wissen, da zwischen mir und Natalie nichts geschehen war, das ich zu verbergen gehabt hätte. – Ja, mein Herz war unruhig und gequält gewesen. Aber ich hatte ihm nicht erlaubt, laut zu sprechen. Ich hatte nicht hören wollen, was es, mir allein vernehmbar, sagte, daß ich Natalie und daß sie mich liebte. Siegreich war ich am Tage meines Abschiedes von der Braut meines Bruders aus der furchtbarsten Anfechtung meines Lebens hervorgegangen, und während der kurzen Wochen am italienischen See, als ich wähnte, Johanna liebe mich, hatte ich geglaubt, das unerwartete Glück, das sie mir schenkte, sei der Lohn meiner ehrenhaften Standhaftigkeit. – Was hatte mir Johanna in bezug auf Natalie vorzuwerfen, was Lothar? Aber ich fühlte, daß zwischen den beiden eine Gemeinsamkeit feindlicher Gefühle gegen mich bestand, die auf meine Beziehungen zu Natalie zurückzuführen war. Ähnliches hatte ich mir bereits an dem Tage gesagt, als Lothar mich, nach Beendigung seines langen Urlaubes, auf dem Ministerium begrüßt hatte und mir damals seine befremdliche und entfremdende Kälte aufgefallen war. Ich wiederholte es mir jetzt, aber klarer, deutlicher, und ich brachte, was ich früher nicht getan, Johanna in Verbindung mit Lothar. Es war ganz ausgeschlossen, daß die beiden sich gesehen, sich gewissermaßen gegen mich verschworen hatten. Aber beider Argwohn, gleich ungerecht und doch nicht ganz unbegründet, konnte aus ein und derselben Quelle fließen. Ich grübelte und grübelte, ohne zu einem Ergebnis kommen zu können. Kein Mensch wußte, daß ich Natalie geliebt, ich selbst hatte es früher nur undeutlich geahnt, gefürchtet; jetzt machte ich es mir klar, nachdem ich mich von Johanna losgesagt hatte, nachdem mein Herz wieder frei war, als hätte ich Johanna nie geliebt. Ich hatte mir nichts vorzuwerfen, und doch empfand ich etwas wie Gewissensbisse. Wäre ich nicht vielleicht milder Johanna gegenüber gewesen, wenn ich sie wahrhaft, einzig geliebt hätte? War es nicht etwa doch meine Schuld, daß die Verlobung zwischen Natalie und Lothar aufgelöst worden war? Ich hatte niemals Bestimmtes über die näheren Umstände dieser Auflösung erfahren können. Daß sie durch Natalie herbeigeführt worden war, darüber hegte ich keinen Zweifel; aber was hatte das junge Mädchen zu dem Entschlusse getrieben? – Man erzählte, der Verdruß, daß sie und ihre Eltern nicht zu meiner Hochzeit eingeladen worden seien, hätte zur Lösung der Verlobung geführt. Das konnte ich nicht glauben. Schon mehrere Wochen vor meiner Verheiratung war die Familie Ellrichs mit der Tatsache bekannt gemacht worden, daß die Hochzeit in Nortorf im engsten Familienkreise stattfinden solle, daß nur die Mutter der Braut und die Geschwister des Bräutigams daran teilnehmen würden. Zur weiteren Erklärung hatten wir, Lothar und ich, damals noch hinzugefügt, eine solche Einschränkung sei angeordnet worden aus Rücksicht auf Frau von Wehrenberg, die ursprünglich gewünscht hätte, daß die Vermählungsfeier in ihrem Hause stattfände. Nur wegen der ungenügenden räumlichen Verhältnisse der Wehrenbergschen Wohnung wäre davon Abstand genommen worden. – Natalie und ihre Eltern schienen damals durch diese Aufklärungen ganz beruhigt worden zu sein, und keiner von ihnen hatte Lothar oder mir gegenüber eine Silbe darüber geäußert. Nein, Nataliens Entschluß war durch andere Gründe herbeigeführt worden. Es wurde mir jetzt sonnenklar: Natalie hatte aufgehört, Lothar zu lieben, weil sie angefangen hatte, mich zu lieben, und während ich, durch ehrenhafte Rücksichten gebunden, mit offenen Augen in mein Verderben gegangen war, hatte sie, entschlossen sich nur dem geliebten Manne als Frau hinzugeben, mit Lothar gebrochen. – Aber wer konnte das außer ihr und mir wissen? Wer konnte das auch nur ahnen? Natalie war zu stolz, als daß sie das, was in ihrem Herzen vorging, einem anderen anvertraut hätte. Und doch konnte ich den Gedanken nicht verscheuchen, daß Johanna sowohl wie Lothar die wahren Beweggründe von Nataliens Handlung erkannt hatten. Nur aus diese Weise vermochte ich mir Johannas Äußerungen über meine Beziehungen zu Natalie und Lothars Haltung mir gegenüber zu erklären. – Ich sagte mir, daß ich mir recht unnütze Gedanken machte; aber ich konnte sie nicht verscheuchen. Der kurze Dezembertag war längst zu Ende, der »Heilige Abend« gekommen. Der Schnee fiel in großen, losen Flocken lässig zur Erde und bedeckte alles ringsumher mit seiner leichten, kalten Decke. In vielen Häusern leuchtete schon der Weihnachtsbaum. Meine Gedanken wanderten auf frühere, glücklichere Weihnachten zurück; aber nichts, was einer sentimentalen Rührung ähnlich gewesen wäre, bewegte mein Herz. Ernst, nachdenklich zog ich durch die belebten Straßen. Von Zeit zu Zeit blieb ich vor einem Schaufenster stehen, in dem Weihnachtsgeschenke verlockend ausgelegt waren. Sie reizten mich nicht. Ich hatte keinen zu erfreuen. Ich hatte den Dienstmädchen Geld gegeben. »Aufzubauen« hatte ich niemand etwas. – Plötzlich trat aus einem Laden, vor dem ich mich gerade aufhielt, ein Herr, der von dem Geschäftsführer höflich bis zur Tür geleitet wurde, und in dem ich, aber erst so spät, daß es mir nicht mehr möglich war, mich abzuwenden, Herrn Ellrichs erkannte. Er sah mich in demselben Augenblick. Von uns beiden war ich allein der Verlegene. Er streckte mir sogleich, mit der ihm eigenen Unbefangenheit, die Hand entgegen und rief im alten, lauten Tone: »Herr von Nortorf! Welch angenehme Überraschung! Ein unerwartetes Weihnachtsgeschenk! Seit einer Ewigkeit habe ich Sie nicht gesehen! Wie geht es Ihnen, mein werter Herr?« Es gibt Leute, die über die größten gesellschaftlichen Unannehmlichkeiten ohne jede Anstrengung hinwegkommen, sei es aus Philosophie, sei es aus Mangel an Zartgefühl. Herr Ellrichs gehörte jedenfalls zu diesen glücklichen Dickhäutern. Da brauchte ich mich auch nicht weiter darum zu kümmern, daß meine Beziehungen zu seinem Hause, nachdem sie der freundlichsten Art gewesen, durch einen peinlichen Zwischenfall plötzlich abgebrochen worden waren. Ich erwiderte Herrn Ellrichs kräftigen Händedruck, sagte ihm, ich befände mich ganz wohl, und dann fügte ich hinzu, ohne mir etwas dabei zu denken, einfach als höfliche Gegenerkundigung auf seine Anfrage nach meinem Befinden: »Und wie geht es Ihnen, Herr Ellrichs, und den verehrten Ihrigen?« »Ausgezeichnet, ganz gut, danke der gütigen Nachfrage.« Und plötzlich schien es ihm einzufallen, daß wir doch eigentlich in einem Verhältnis zueinander ständen, das sein herzliches Entgegenkommen kaum gerechtfertigt erscheinen ließ. Er wurde verlegen und wiederholte zerstreut: »Ausgezeichnet, vortrefflich, danke der gütigen Nachfrage.« Die Tür, vor der wir stehen geblieben waren, wurde geöffnet, und ein mit Paketen beladener Diener trat eilig auf die Straße. »Dort! In meinen Wagen!« rief ihm Herr Ellrichs zu. Die Unterbrechung kam ihm jedenfalls gelegen: »Entschuldigen Sie mich,« setzte er hinzu, sich wieder an mich wendend, »meine Tochter wartet auf mich, wie Sie sehen.« Er deutete über seine Schulter mit dem Daumen nach dem Fahrweg: »Sie wissen – Weihnachten – da hat man immer Eile . . . Aber hat mich sehr gefreut . . . Auf Wiedersehen!« Ich konnte nach meinem Gefühl nicht anders als mich umwenden, da Herr Ellrichs mir gesagt hatte, seine Tochter sitze in dem Wagen, der zwei Schritte hinter mir, dicht am Bürgersteig, Halt gemacht hatte. Und da, an der von dem Ladendiener geöffneten Tür, erblickte ich Natalie. Ich trat auf sie zu und, meinen Hut ziehend, murmelte ich einige Worte der Begrüßung. Ich verstand nicht, was sie leise darauf entgegnete, ich sah nur an der leichten Bewegung ihrer Lippen, daß sie gesprochen hatte. Ihre Augen ruhten dabei ruhig und ernst, aber nicht unfreundlich auf mir; und sie reichte mir nicht die Hand. Gleich darauf stieg Herr Ellrichs in den Wagen, wobei Natalie sich nach der anderen Seite hinübersetzte, um ihrem Vater Platz zu machen. Herr Ellrichs zog noch einmal höflich den Hut und winkte zum Abschied mit der Hand, die Tür wurde zugeschlagen und der Wagen rollte davon. Ich weiß nicht, wie lange ich unbeweglich an demselben Platze stehen blieb. Endlich ging ich langsam weiter. Auf einmal erblickte ich mich selbst in einem großen, hell erleuchteten Spiegel, der in einem der Schaufenster angebracht war. – Meine Kopfbedeckung und meine Kleider waren mit Schnee bedeckt und nicht weißer als mein abgehärmtes Gesicht. Und so, in meinem einsamen kalten Elend, hatte Natalie mich gesehen, an diesem Abend, da alles sich freuen, jeder Mensch im Kreise seiner Geliebten Freude geben und finden soll. Da wurde mir weich ums Herz, das wirre Grübeln und Denken, das mich ziellos durch die Straßen getrieben hatte, wich einem Gefühl schwerer Traurigkeit. Ich fühlte mich müde zum Sterben. Wenn ich nur erst aus dem hellen Lichte, dem lauten Treiben wäre! Da hielt vor mir eine Droschke. »Fahren Sie mich irgendwohin, weit weg von hier, wo es nur ruhig ist!« Der Kutscher sah mich verwundert an. »Hier ist ein Taler.« Der Mann zog seine ungeheuren Handschuhe aus und begann nach kleinem Gelde zu suchen. »Behalten Sie den Rest!« »Dafür werde ich gern ein Glas auf Ihr Wohl trinken. Man kann es heute abend gebrauchen, wenn man allein auf der Straße ist. Meinen Sie nicht auch?« Das Fuhrwerk setzte sich langsam in Bewegung. Die große Verkehrsstraße, in der wir uns befanden, war mit Gefährt aller Art überfüllt, und der Weg war holprig und schlecht. Es war noch nicht möglich gewesen, die im Laufe des Nachmittags gefallenen gewaltigen Massen Schnee zu beseitigen. – Schaufenster, Laternen, Leute, Wagen, Pferde, hier und da eine dunklere Straße zur Rechten und Linken glitten vor meinen Augen vorüber; dann wurde es ruhiger, einsamer, dunkler um mich her – endlich ganz still. Der Wagen hielt, der Kutscher stieg schwerfällig vom Bocke, machte eine weite Armbewegung, schüttelte den Schnee von seinem großen Mantel und öffnete sodann die Wagentür. »Hier ist es Ihnen wohl still genug«, sagte er. »Ja, hier ist es gut. Wo sind wir eigentlich? Ich habe nicht auf den Weg geachtet.« »Am Ende von Moabit. In der Brücken-Allee.« Mich fror. »Wissen Sie in der Nähe ein ruhiges Lokal, wo ich ein Glas Punsch bekommen könnte?« »Jawohl! Zwei Schritte von hier. Im Charlottenburger Hof. Der Mann hat auf . . . Soll ich Sie hinfahren oder kennen Sie den Weg?« »Fahren Sie mich nur dorthin. Und lassen Sie sich dann auch ein Glas für meine Rechnung geben. Es ist kalt geworden.« »Ja, bitter kalt!« Das große Gastzimmer war leer und nur spärlich erleuchtet. Der Kellner, der bald darauf hereintrat, machte verwunderte Augen, als er mich sah. Er führte mich in ein anderes kleines Zimmer, in dem es behaglich warm war, und nachdem er mir den Überrock und Hut abgenommen und im Vorzimmer aufgehängt hatte, braute er mir ein Glas Glühwein, an dem ich mir, während ich die heiße Flüssigkeit langsam herunterschlürfte, die starren Hände erwärmte. Nach wenigen Minuten trat der Kellner wieder in das Zimmer. »Der Kutscher fragt, ob er auf Sie warten soll?« »Das ist nicht nötig. Haben Sie ihm etwas zu trinken gegeben?« »Jawohl.« »Gut! dann mag er meinetwegen weiterfahren.« Darauf blieb ich allein, der einzige Gast in der großen Wirtschaft. Um mich herum war es still. Von Zeit zu Zeit vernahm ich Lachen und Sprechen aus einem anderen entfernteren Teile des weitläufigen Gebäudes. Nach geraumer Weile klingelte ich, bezahlte dem Kellner und entfernte mich. Es war noch früh: etwa neun Uhr. Die Ruhe in dem warmen Gastzimmer und das heiße Getränk hatten mir wohlgetan. Die große Müdigkeit, die mich in der Leipziger Straße überfallen hatte, war von mir gewichen und mit ihr auch der peinigende Zustand hilfloser Traurigkeit. Ich war wieder »normal«: freudenlos, aber nicht verzweifelnd. Nataliens Bild, wie sie so still und vornehm im Wagen gesessen hatte, wollte mir nicht aus dem Sinn. Ich versuchte, es zu verscheuchen, aber es kehrte immer wieder zurück. Was mußte sie von mir gedacht haben, als sie mich so jämmerlich vor sich stehen sah? Was hatte sie wohl auf meinen Gruß erwidert? Einige Schritte vor dem Ausgange des Seitenweges, der von der Charlottenburger Chaussee nach dem Charlottenburger Hofe führt, steht eine Ruhebank. Sie war, wie alles rings umher, dicht mit Schnee bedeckt. Auf der Bank saß eine Gestalt. Ich erkannte bei dem schwachen Lichte der Schneelandschaft einen zusammengekauerten Mann, dessen Kopf auf die Brust gesunken war, und der zu schlafen schien. Ich blieb vor ihm stehen. Er rührte sich nicht. Ich rief ihn an, ein-, zweimal. Dann legte ich leise die Hand auf seine Schulter. Er hob schnell den Kopf und war sogleich auf den Füßen: eine untersetzte Gestalt, ärmlich gekleidet. So viel konnte ich erkennen. »Was gibt's?« fragte der Mann barsch. »Sie werden erfrieren, wenn Sie hier einschlafen.« Er antwortete nicht. »Gehen Sie nach Hause.« »Nach Hause?« »Haben Sie kein Obdach?« »Nein.« »Soll ich Ihnen eins für heute nacht verschaffen?« – »Kommen Sie bis an jene Laterne«, fuhr ich fort, auf die nahe Landstraße deutend. »Ich kann Ihnen vielleicht genug geben, um einige Tage zu leben.« Er folgte mir stumm, schleppenden Fußes. Unter der Laterne blieb ich stehen und zog meine Börse aus der Tasche. Es war dies nicht etwa eine bedenkliche Handlung, denn die große Straße war von Fußgängern und Wagen genügend belebt, um den Mann, wenn er ein Verbrecher gewesen wäre, von einem Überfall abzuhalten. »Hier,« sagte ich, »nehmen Sie das!« Er streckte zögernd die Hand aus, eine rot gefrorene, schwielige Hand, die Hand eines Arbeiters. Er betrachtete lange, was ich hineingelegt hatte. »Ich bin kein Bettler,« sagte er leise, »aber es geht mir schlecht. Ich danke Ihnen!« Es war ein Mann von etwa fünfzig Jahren, so schien es mir, und sein mageres Gesicht trug keine Spuren von Laster oder Verwilderung. »Wie kamen Sie dazu, sich in der kalten Winternacht dort niederzusetzen?« fragte ich teilnehmend. »Sie waren schon halb eingeschlafen, als ich Sie anrief.« »Ja.« »Sie hätten erfrieren können.« »Ich wollte mich nur etwas ausruhen, ich war müde. Ich war den ganzen Tag umhergelaufen, Arbeit suchend.« »Im Tiergarten konnten Sie doch nicht hoffen, Arbeit zu finden.« »Nein.« »Nun, was wollten Sie dort?« Er sah mich unruhig an, er sprach nicht; aber ich las die Antwort in dem schmerzlichen Zucken der blutlosen Lippen und in dem scheuen Blick der müden, hoffnungslosen Augen. Sterben wollte der Mann! Tiefes Mitleiden ergriff mich. »Hier«, sagte ich. »Nehmen Sie auch dies.« Und ich gab ihm noch etwas mehr Geld. »Ich wünsche, daß es Ihnen bald besser gehen möge.« »Herr«, sagte er. Er atmete tief und laut. Es klang wie ein unterdrücktes Schluchzen. Mein Gesicht war von der Laterne hell beleuchtet. Er betrachtete es aufmerksam: »Ich werde Sie wiedererkennen, wenn ich Sie wieder antreffen sollte. – Ich danke Ihnen. – Gott segne Sie!« Er wandte sich kurz ab, dem Brandenburger Tor zu. Ich bemerkte jetzt erst, daß er hinkte. Er schlenkerte beim Gehen lebhaft mit den Armen und war sichtlich bemüht, sich rasch zu entfernen, aber er kam mit seinem lahmen Bein nur langsam vorwärts. Ich blickte ihm eine Weile nach. Dann begab ich mich durch die Hofjäger-Allee schnelleren Schrittes und leichteren Herzens nach meiner Wohnung. Ich war mit dem Abschluß des Abends, der so traurig begonnen hatte, zufrieden. Ich hatte nun auch noch meine Weihnachtsfreude gehabt! In meiner Wohnung rührte sich nichts. Ich ging auf den Fußspitzen den Gang hinunter, der, an Johannas Schlafzimmer und der Küche vorbei, nach den beiden kleineren Räumen führte, die von Johanna nicht mehr betreten wurden, und in denen ich mich zu Hause fühlen durfte. Die Küchentür stand halb offen. Das Hausmädchen, auf einem Stuhle sitzend, die häßlichen, roten Hände im Schoße ineinander gelegt, war fest eingeschlafen. »Johanna ist noch nicht zu Hause«, sagte ich mir. Ich fürchtete, sie könnte bei ihrer Rückkehr in meinem Zimmer nachsehen wollen, ob ich vor ihr heimgekehrt sei, und ich ging deshalb leise nach dem Vorzimmer zurück, wo ich das Gas etwas höher schrob und meinen Überrock so hinlegte, daß Johanna ihn beim Eintritt sogleich sehen mußte; dann schlich ich mich nach meinem Zimmer zurück, wo ich mich einriegelte. Ich wollte, wenn möglich, vermeiden, an jenem Abend mit Johanna zusammenzutreffen. Auf meinem Tisch lag ein kleines Paket »durch Eilboten abzugeben«, das während meiner Abwesenheit im Hause angekommen war. Es enthielt verschiedene hübsche kleine Sachen, die meine Schwestern mir mit einer Karte »Frohe Weihnachten« schickten. Es gab doch gottlob noch gute Menschen, die meiner in Liebe gedachten. Nach einer kleinen Weile – es mochte etwa zehn Uhr sein – wurde stark geklingelt. »Das wird Johanna sein«, sagte ich mir. Ich lauschte. Nichts regte sich. Es klingelte zum zweiten Male, lange und heftig. Ich trat leise aus meiner Stube und als ich bemerkte, daß in der Küche alles still blieb, ging ich hinein und weckte das Mädchen. »Öffnen Sie die Tür! Es hat schon zweimal geklingelt.« Sie erhob sich schnell und taumelte, noch schlaftrunken, der Eingangstür zu. Ehe sie dieselbe erreicht hatte, wurde von neuem ungeduldig geklingelt. Ich war bereits wieder in meinem Zimmer. »Nun! Warum öffnen Sie nicht?« hörte ich Johanna unfreundlich fragen. »Ich stehe seit einer Stunde vor der Tür.« »Ich war eingeschlafen, gnädige Frau.« »Sie schlafen immer, wenn man Sie gebraucht! Es ist wirklich nicht mehr zum Aushalten mit Ihnen!« »Welch gute, liebe, freundliche Frau ich doch habe«, sagte ich vor mich hin. Ich vernahm Johannas Schritt, der sich ihrem Zimmer näherte. »Ist der Herr schon zu Hause?« hörte ich sie weiter fragen. »Ja! Gnädige Frau.« Darauf wurde eine Tür geöffnet und geschlossen, und dann wurde es wieder still. »Nun«, dachte ich mir, »wird sich die gute Frau, nach vollbrachtem Tagewerke, das sie mürrisch begonnen und mit Schelten beschlossen hat, zur wohlverdienten Ruhe begeben, vortrefflich schlafen und morgen frisch und munter, mit klaren Augen und reinem Gewissen zu fortgesetztem fröhlichem Muckschen wieder erwachen! – Wie ist es möglich, daß ich dieses öde Herz, diesen kleinen Geist nicht rechtzeitig erkannt habe?« Am nächsten Morgen wurde mir der Kaffee in gewöhnlicher Weise auf mein Zimmer gebracht. Ich schloß daraus, daß Johanna auf meinen Gruß am ersten Feiertage verzichtete – was mir angenehm war – und ich verließ das Haus, ohne sie gesehen zu haben. Vom Ministerium aus, wo ich mich nur kurze Zeit aufhielt, schrieb ich Johanna, ich würde am ersten und zweiten Feiertage nicht zu Hause essen, sie möchte also nach ihrem Gefallen über sich verfügen. Ich erhielt keine schriftliche Antwort – hatte auch keine erwartet, der Bote meldete mir nur, er habe meinen Brief der »gnädigen Frau« selbst übergeben, und diese habe darauf gesagt: »Es wäre gut.« – »Sehr gut, in der Tat«, fügte ich in Gedanken hinzu. Es war helles, schönes Winterwetter. Ich verließ mein Büro. Unter den Linden wimmelte es von geputzten Leuten, mit geröteten, freundlichen Sonntagsgesichtern. Ich sah viele neue Mäntel, Muffen und Pelzmützen, die von jungen Mädchen, mit hellen, zufriedenen Augen zur Schau getragen wurden; die ehrbaren Eltern wanderten Arm in Arm hinter ihnen und freuten sich der leicht dahinschreitenden hübschen Kinder. – Da erblickte ich zu meiner Linken, inmitten des Weges zwischen der doppelten Lindenreihe, meinen armen Mann vom vergangenen Abend. Ich erkannte ihn zuerst an dem Schlenkern mit den Armen und dem humpelnden Gange. Er trug die dünnen Kleider von gestern und ging geschäftig, ohne nach rechts oder links zu blicken, seines Weges. Ich folgte ihm eine Strecke und in der Nähe des Kaiserlichen Palais überholte ich ihn. »Nun«, sagte ich, als ich neben ihm war. »Wie geht es heute morgen? Besser als gestern abend? Erkennen Sie mich?« »Oh . . . Herr . . . Sind Sie es!« Das elende, aber nicht häßliche Gesicht des Mannes leuchtete förmlich auf in Freude. »Frieren Sie nicht, in dem dünnen Anzuge?« »Nein, ich friere nie, wenn ich gehe. Ich bin lahm – wie Sie sehen. Ich habe mir vor zwei Jahren das Bein zerquetscht . . . In der Fabrik . . . Und da muß ich mit den Armen nachhelfen, wenn ich vom Flecke kommen will. Das hält warm!« Der Mann gefiel mir, er hatte ein gutes Gesicht. Und dann: daß ich ihm wohlgetan hatte, das machte mich ihm freundlich gesinnt. »Ein warmer Rock wird Ihnen nicht schaden«, sagte ich. »Kommen Sie am nächsten Sonntag früh um neun Uhr zu mir, und holen Sie ihn sich! Wie heißen Sie?« »Mertens, Herr – Friedrich Mertens.« »Was sind Sie?« »Maschinenarbeiter. Aber es will nicht mehr recht gehen . . . mit dem lahmen Bein . . . und Zeichnen habe ich nicht gelernt . . .« »Werden Sie meine Adresse behalten, wenn ich sie Ihnen sage?« »Ganz sicher, Herr!« Ich gab ihm meinen Namen und meine Wohnung. »Also Sonntag um neun Uhr.« »Sonntag, um neun Uhr, Herr von Nortorf. Sie sind sehr gütig.« Er hinkte weiter und noch schneller als zuvor: seine Arme flogen hin und her. Aber niemand hätte über den armen Krüppel mit dem stillen, geduldigen Gesichte lachen können. Ich hatte Johanna seit drei Tagen nicht gesehen. Ich befand mich dabei ganz wohl. Ich fürchtete mich vor dem ersten Wiederzusammentreffen mit ihr. Als ich am zweiten Feiertag abends gegen zwölf Uhr aus dem Klub nach Hause kam, fand ich auf dem Leuchter, dem gewöhnlichen » Poste-restante -Bureau« von Johannas Briefen, ein Schreiben für mich liegen. Ich erkannte schon an der Größe des Briefes und an dem Umstande, daß der Umschlag mit Siegellack verschlossen war, daß es sich nicht um eine der üblichen, kurzen Mitteilungen handeln konnte. Das Herz klopfte mir. Ich entledigte mich schnell meines Hutes und Überrockes und begab mich auf mein Zimmer. Dann öffnete ich den Brief: ein acht Seiten langes Dokument, geradlinig, sorgfältigst in Johannas schönster englischer Handschrift geschrieben. Es war darin kein Wort verbessert oder unterstrichen, alles kühl, gelassen, makellos in der äußeren Erscheinung, gerade wie Johanna selbst. Unterschrift: »Johanna von Nortorf, geb. von Wehrenberg«. Nicht: »Deine Johanna« wie früher oder »Johanna« wie in der letzten Zeit; nein, ohne Gruß, ohne ein überflüssiges Wort, einfach, aber vollständig: »Johanna von Nortorf, geb. von Wehrenberg«. Sogar der anspruchslose kleine »Schnörkel«, den Johanna unter ihrem Namen zu machen pflegte, fehlte. Es war ein Abschiedsbrief in bester Form, mit einer Überschrift: »Lieber Hermann!« Ich las das Schriftstück zuerst flüchtig, dann aufmerksam, jedes Wort wägend, von Anfang bis zu Ende durch. Bei einigen Stellen stieg mir das Blut ins Gesicht, und ich ballte die Fäuste, aber als ich alles gelesen hatte, wurde mir das Herz so voll vor Freude, daß ich mich erhob, unwillkürlich die Arme ausbreitete, tief aufatmete und laut vor mich hinsagte: »Gott sei Dank!« Der Brief war augenscheinlich das Ergebnis langer, reiflicher Überlegungen. Johanna hatte ihn nur abgeschrieben, die Verfasserin desselben war Frau von Wehrenberg, höchst wahrscheinlich hatte auch Justizrat Schlosser, der Rechtsbeistand und langjährige vertraute Freund ihres Hauses, derselbe, der meinen Heiratskontrakt mit Johanna aufgesetzt, dabei geholfen. Der Brief begann wie eine wissenschaftliche Abhandlung mit einer »Einleitung«. Darin hieß es, die letzten Tage – nämlich die Weihnachtstage – hätten in Johannas Herzen den schweren Entschluß gereift, einem Verhältnis ein Ende zu machen, dessen Schmach sie tief empfände, und das auch für mich ein unerfreuliches sein müsse. Sie erachte es als unnütz, hier anzuführen, teilweise zu wiederholen, durch welche Umstände dieses beklagenswerte Verhältnis herbeigeführt worden sei; aber es sei ihr Recht und ihre Pflicht, sich selbst gegenüber, noch einmal ausdrücklich festzustellen, daß sie keine, auch nur die kleinste Schuld dabei träfe. – Nun kam in großer Länge die mir bereits hinlänglich bekannte Aufzählung aller häuslichen Tugenden meiner lieben Frau. Sie erschien danach wie ein wahrer Engel; und das Eigentümliche war, daß sie bei diesem Selbstlob kaum übertrieb, geschweige denn eine Unwahrheit sagte. Ja, Johanna war durchaus eine sogenannte »anständige« Frau. Dagegen ließ sich nichts sagen, das Zeugnis hätte ich ihr jeden Augenblick ausstellen müssen. Sie hatte mir niemals Grund gegeben, auf sie eifersüchtig zu sein, sie hatte mit keiner lebenden Seele kokettiert, auch nicht mit mir, niemals auf die bewundernden Blicke geantwortet, die ihre Schönheit, wenn sie sich öffentlich zeigte, auf sich zog. Sie war weder putzsüchtig noch vergnügungssüchtig, sie kleidete sich einfach, nach meinem Geschmack, sie ging aus, wenn ich es vorschlug und wohin ich wünschte, sie war häuslich, sparsam, ordentlich, pünktlich, aufmerksam, einem jeden meiner Wünsche gefügig. Ja, sie verdiente einen ersten »Tugendpreis« – und daß sie mich nicht liebte, nie geliebt, daß sie mir, gehorsam der »Mama«, die Hand gereicht hatte, um eine Mustergattin zu werden, wie sie eine Mustertochter gewesen war, machte sie jenes Preises nicht weniger würdig. Nachdem dies in dem Briefe in einer Weise klargelegt war, die den Mann, der ein solches Kleinod von Frau nicht zu schätzen gewußt hatte, als ein Scheusal erscheinen ließ, hieß es nun weiter, »trotz allem Vorhergesagten, das Du sicherlich nicht in Abrede stellen wirst, hast Du aus Gründen, nach denen ich vorziehe, nicht weiter zu forschen, wenige Wochen nach unserer Verheiratung eine tiefe Abneigung gegen mich gefaßt, die gelegentlich in Zornausbrüchen, hauptsächlich aber in einer fortwährenden üblen Laune zutage getreten ist. Nichts im Hause fand Deinen Beifall, nie hörte ich ein freundliches Wort von Dir, wohl aber häufige und ungerechte Klagen, über die Entlassung eines Dieners, die Besuche meiner Mutter usw. usw.« Hier log Frau von Wehrenberg, und Johanna, welche die Lügen der Mutter säuberlich abgeschrieben hatte, log bewußt ebenfalls, aber das machte weiter nichts aus, ärgerte mich auch nur einen kurzen Augenblick; unangenehm berührte mich dagegen die Stelle von den geheimnisvollen Gründen meiner Abneigung, nach denen Johanna nicht weiter forschen wollte. Das war eine nur für mich, aber mir klar verständliche Anspielung auf meine Beziehungen zu Natalie. Doch ich las weiter. Es folgte mit vielen Einzelheiten eine Erzählung der »teuflischen Kunst«, mit der ich langsam, systematisch, die Bande, die mich an meine mir angetraute Frau fesseln sollten, erst gelockert, zuletzt gewaltsam zerrissen hatte. In einem Auftritt von unbeschreiblicher Heftigkeit, der sie in Todesangst aus meiner Nähe getrieben, hätte ich mich von ihr losgesagt; ihre unglückliche Mutter aber, die in natürlicher Sorge um das Wohl ihrer Tochter mit Heldenmut den Versuch gemacht, mich zu meiner Frau zurückzuführen, hätte für ihre Aufopferung Schmähungen der kränkendsten Art geerntet. Den Abschluß der Aufzählung meiner Übeltaten gab mein Verhalten während der Feiertage. »Drei Tage lang – und gerade jene drei Tage lang, die vor allem geeignet sind, gelockerte Familienbande wieder enger zu knüpfen – Tage, auf die ich gewartet hatte, in der leider getäuschten Hoffnung, sie würden eine Versöhnung herbeiführen, hast Du Dich im Hause nicht sehen lassen, wenigstens nicht vor mir. Meine weibliche Würde, mein Selbstgefühl empören sich gegen die Beleidigungen, mit denen Du mich überschüttest, meine gesellschaftliche Stellung, ja mein Ruf sind in Gefahr, darunter zu leiden, und ich habe die Zustimmung meiner unglücklichen Mutter, Schritte zu tun, um mich aus der elenden Lage zu befreien, in die Du mich, ohne das geringste Verschulden meinerseits, hineingetrieben hast.« Diese »Schritte«, die wohl der juristische Beirat vorgezeichnet hatte, waren folgende: Unser gemeinsamer Hausstand sollte aufgelöst werben, Johanna wollte zu ihrer Mutter zurückkehren, sie überließ es späteren Erwägungen, ob dies auf Grund eines gütlichen Übereinkommens oder einer gerichtlichen Entscheidung geschehen sollte. Sie fühle sich den Verhandlungen nicht gewachsen, die nötig sein würden, um dies in die Wege zu leiten, und der Herr Justizrat Dr.  Schlosser, den sie mit der Wahrnehmung ihrer Interessen beauftragt habe, werde zu dem Behuf mit mir oder dem Rechtsanwalt, den ich ihm namhaft machen würde, in Verbindung treten. Zum Schluß eine Bitte, wohl die letzte, die sie je an mich richten werde: wollte ich ihr gestatten, zur Wiederherstellung ihrer angegriffenen Gesundheit sogleich das Haus zu verlassen, in dem sie sich unglücklich fühlte, und zu ihrer Mutter zu ziehen? Sie werde dies jedoch nur mit meiner Erlaubnis tun, und sei, so schwer ihr dies auch werden würde, so lange unser gegenseitiges Verhältnis nicht neu geordnet, jeden Augenblick bereit, auf meinen Befehl zu mir zurückzukehren. Punktum. »Johanna von Nortorf, geb. von Wehrenberg.« Das Nächste, was ich tat, nachdem ich den ganzen Inhalt des langen Schriftstückes in mich aufgenommen hatte, war, zwei Zeilen an meine scheidende Frau zu schreiben: »Liebe Johanna, ich gebe Dir gern die Erlaubnis, zur Pflege Deiner Gesundheit zeitweilig zu Deiner Mutter zu ziehen und bei dieser bis auf weiteres zu wohnen. Die Erledigung der übrigen, in Deinem Briefe angeregten Punkte behalte ich mir für später vor. Mit besten Wünschen für Dein Wohl – Hermann.« Dann dachte ich über alles nach, was geschehen war und was demnächst wohl geschehen würde. Die von Johanna gegen mich erhobenen Anklagen berührten mich nur leicht. Ich wußte, daß sie im Grunde ungerecht waren, mein Gewissen sprach mich in dieser Beziehung vollständig frei, auch konnte ich mir sagen, geflissentlich nichts getan oder unterlassen zu haben, um Johanna zu dem Entschlusse zu treiben, eine Trennung vorzuschlagen. Was ich gewünscht hatte, war gekommen, gerade so wie ich es gewünscht hatte: ohne mein Dazutun, ohne mein Verschulden! Ich hatte mich nicht »mit teuflischer Kunst« von Johanna losgelöst, sie war mir durch ihre Lieblosigkeit verloren gegangen, und ich wünschte, sie nie wiederzufinden. In dieser Beziehung überkam mich plötzlich eine Befürchtung: Wenn jener Brief nur ein gewagtes Manöver war, das mich zum Nachgeben bringen sollte! – Frau von Wehrenberg mochte nicht vergessen haben, wie gefügig ich mich gezeigt, als es sich darum gehandelt hatte festzustellen, welche Summe Geldes ich Johanna bei meiner Verheiratung mit ihr verschreiben sollte. Sie mochte wähnen, daß, nachdem ich einen so großen Preis für ihre Tochter gezahlt hatte, ich sie nicht ohne weiteres aufgeben würde. Die Frau legte sich möglicherweise keine Rechenschaft ab von der vollständigen Wandlung, die in meinen Gefühlen Johanna gegenüber vorgegangen, und ihr Brief war auf meine Liebe, meine Schwäche berechnet. Sie meinte die Sache vielleicht gar nicht so ernst, wie ich sie nehmen wollte. Sie konnte geneigt sein nachzugeben, wenn sie erkannte, daß ich es nicht tun wollte. Bei dem Gedanken trat mir der Angstschweiß auf die Stirn. Nein! Ich hatte eine Zeitlang alles für verloren gehalten und mit diesem Gedanken leben können; aber jetzt, nachdem ich einen Augenblick gehofft hatte, meine Freiheit wieder zu erringen, wollte ich unter keinen Umständen in das kalte Gefängnis, das die Verbindung mit Johanna mir geschaffen hatte, zurückkehren. »Vorsicht! Ruhe!« sagte ich mir. Ich verbrachte eine schlaflose Nacht, immer daran denkend, was ich zu tun habe, um mich für alle Zeiten von Johanna zu befreien. Ich hatte ein Recht daran zu denken, jetzt, nachdem Johanna zuerst, ohne mein Verschulden, von Trennung gesprochen hatte. Am nächsten Morgen ging alles seinen gewohnten Gang. Ich verließ das Haus, ohne Johanna gesehen zu haben. Auf dem Ministerium erhielt ich im Laufe des Nachmittags eine kurze Mitteilung von ihr: »Ich danke für die Bereitwilligkeit, mit der Du meine Bitte berücksichtigt hast. Ich bin jetzt bei meiner Mutter. Die beiden Mädchen sind benachrichtigt, daß ich vorläufig nicht zurückkehre. Ich habe ihnen zum fünfzehnten Januar gekündigt und den Lohn bis dahin im voraus bezahlt. Sie haben nichts mehr zu fordern. Im kleinen Schreibtisch, den der beifolgende Schlüssel öffnet, findest du alle anderen Schlüssel. Johanna.« »Musterfrau bis zum letzten«, sagte ich mir. Der nächste Tag war ein Sonntag. Pünktlich um neun Uhr ließ sich Friedrich Mertens bei mir melden. Ich hatte ihn ganz vergessen. Er war frisch rasiert und sah ordentlich aus. Er hatte wirklich ein gutes Gesicht. Je mehr ich es kennen lernte, desto besser gefiel es mir. Ich suchte in meinem Kleiderschrank und fand bald unter meinen alten Sachen einen vollständigen Anzug. Mertens stand während der Zeit stumm da und so stramm, wie sein krankes Bein es gestattete. »Hier,« sagte ich, ihm die Sachen hinreichend, »es wird schon passen, wir sind so ziemlich einer Größe. Sie sind breitschultriger als ich; aber der Rock ist weit.« »Wie soll ich Ihnen danken, Herr?« »Sie brauchen mir gar nicht zu danken.« Er wandte sich zum Gehen. Es gefiel mir an dem Manne, daß er immer so kurz angebunden war. Und plötzlich kam mir ein Gedanke: »Warten Sie noch einen Augenblick«, sagte ich. »Wo sind Sie her?« »Aus Buckau bei Magdeburg.« »Was war Ihr Vater?« »Maschinenarbeiter.« »Lebt er noch?« »Nein! Meine Eltern sind vor vielen Jahren gestorben.« »Sind Sie verheiratet?« »Nein.« »Wie alt sind Sie?« »Achtunddreißig Jahre.« Er sah wenigstens zehn Jahre älter aus. »Haben Sie gedient?« »Beim vierten Artillerie-Regiment in Magdeburg.« »Und Sie sind also Maschinenarbeiter gewesen?« »Ja.« »Und seitdem Sie arbeitsunfähig geworden sind?« »Ich bekomme monatlich sechs Mark Unterstützung. Davon kann ich nicht leben; ich habe Arbeit gesucht, aber selten gefunden. Ich bin nicht so kräftig, wie ich aussehe.« Der Mann sah nicht kräftig aus. »Ich kann das lange Stehen nicht aushalten, ich kann auch nicht schwer tragen.« »Haben Sie Zeugnisse?« »Ja.« »Sind sie gut?« »Ich habe sie bei mir.« Er zog eine alte, große, lederne Brieftasche hervor und überreichte mir zwei Papiere, die ihm das Zeugnis eines fleißigen, ordentlichen Arbeiters ausstellten. In einer Fabrik hatte er vierzehn Jahre, in der anderen zwei – bis zu seinem Unfall – gearbeitet. »Ich bin, seitdem ich gedient habe, nur in den zwei Fabriken gewesen«, sagte er. »Die erste verließ ich, weil ich mich verbessern konnte. Wäre ich dort geblieben, so hätte man mir nach sechzehnjährigem Dienst mehr als sechs Mark monatliche Unterstützung gegeben; in der zweiten Fabrik war ich nur zwei Jahre, da hatte ich keine großen Ansprüche zu machen. Und dann: ich habe mir den Unfall durch Unvorsichtigkeit zugezogen. Man ist mir eigentlich gar nichts schuldig.« »Ich will Ihnen etwas sagen, Mertens. – Sie können doch Schuhe putzen und Kleider bürsten und des Morgens eine Tasse Kaffee kochen und ein Zimmer ausfegen und hier und da einen Weg machen?« »Ein alter Soldat, Herr!« »Wollen Sie bei mir in Dienst treten?« Eine Blutwelle schoß ihm in das blasse Gesicht, das jäh errötete. »Oh, Herr! Sie sollen einen treuen Diener an mir haben.« »Das ist dann abgemacht. Über den Lohn werden wir uns schon einigen. Sie können morgen früh antreten.« Es ist mir, wenn auch nicht oft, im Leben vergönnt gewesen, glückliche Gesichter zu sehen; aber ein glücklicheres als das von Friedrich Mertens, als er mit dicker Stimme sagte: »Dann kann ich wohl den Anzug gleich hier lassen?« habe ich nicht gesehen. Es war wie heller Sonnenschein, und es erwärmte mein Herz und machte mich leicht und froh. Im Laufe des Nachmittags entließ ich die Mädchen. Einige Taler befriedigten ohne jede Schwierigkeit gewisse Ansprüche auf Wohnung und Kost bis zum fünfzehnten Januar, die sie noch geltend machten. Und damit hatte ich vollständig aufgeräumt mit den Verhältnissen, in denen ich die elendste Zeit meines Lebens verbracht hatte. Als ich abends wieder nach Hause kam, durch alle Zimmer gehen konnte, ohne unangenehme Begegnungen zu machen, und die ganze Wohnung leer, ganz leer fand, da überkam mich ein Gefühl des Wohlseins, das ich nicht beschreiben kann. Ich bemerkte, daß Johanna sämtliche Sachen, die sozusagen als ihr »Privateigentum« bezeichnet werden konnten, mit fortgenommen hatte. Dazu hatte sie meinen Segen. Am nächsten Morgen trat Mertens an. Ich zeigte ihm sein Zimmer, gab ihm einige, auf seinen Dienst bezügliche Anweisungen und ließ ihn in der Wohnung zurück, als wäre er ein alter, erprobter Diener gewesen. Ich fühlte mich sicher, in meinem Vertrauen zu dem Manne nicht getäuscht zu werden. Die Unterhandlungen mit dem Rechtsanwalt meiner Frau nahmen einen schnellen Verlauf. Ich glaube, ich überraschte den Mann durch die ruhige Bereitwilligkeit, mit der ich auf seine Vorschläge einging. Dieselben waren, insofern sie Geldfragen betrafen, vom kleinlichsten Geiste eingegeben, so daß ich nicht umhin konnte, einige Male bitter lächelnd den Kopf zu schütteln. Der Herr Justizrat bewahrte dabei eisige Ruhe und schien davon nichts sehen zu wollen. Er begnügte sich damit, bei jedem Punkte, den er durch seine Fragen und meine Antworten als erledigt betrachten zu können glaubte, nach einer kurzen Wiederholung dessen, was verhandelt worden war, zu fragen: »Sie sind also einverstanden?«, worauf ich dann immer erwiderte: »Einverstanden!« Dann gingen wir geschäftsmäßig auf etwas anderes über. Der mit der Vertretung der Interessen meiner Frau betraute und in Ausübung seiner amtlichen Pflichten äußerst gewissenhafte Mann hatte sich in einem Taschenbuche alles, bis auf die geringfügigsten Einzelheiten, aufgeschrieben, worüber er mit mir unterhandeln wollte, so daß wir ohne Zeitverlust von einem Punkt zum andern übergehen konnten. Im Verlauf einer halben Stunde war zwischen ihm und mir alles zur anscheinend gegenseitigen Befriedigung geregelt. Die wichtigste Frage, die allen anderen vorangegangen, war natürlich die meines zukünftigen Verhältnisses zu Johanna gewesen, und bei dieser Frage allein, als der Herr Justizrat zunächst meine Vorschläge zu hören wünschte, hatte ich etwas »diplomatisiert«. Ich hatte ihm anscheinend unbefangen gesagt, wie meine Frau sich die Sache dächte. Sie hätte den Wunsch einer Lösung unseres bisherigen Verhältnisses zuerst geäußert, und da wäre es doch auch an ihr, darauf bezügliche Vorschläge zu machen. Aber Herr Dr.  Schlosser war, zu meiner Freude und Beruhigung, darauf vorbereitet, diese Frage klar und deutlich zu beantworten. Meine Frau – so glaubte er versichern zu können – wünschte, sich von mir scheiden zu lassen, unter der Bedingung selbstverständlich, daß sie der »klagende Teil« sei und ich mich damit einverstanden erklärte, zu tun, was nötig sein würde, um als der »schuldige« zu erscheinen. Ich wußte genau, wie ich mich zu benehmen hatte, um meine Frau »böswillig zu verlassen« und »schuldig« zu werden, aber ich hielt es für besser, nicht für so gut unterrichtet zu erscheinen, und bat um Aufklärungen, die mir der Herr Justizrat auch bereitwillig gab. Er fügte hinzu, er halte es für seine Pflicht, mich darauf aufmerksam zu machen, daß ich wohl daran tun würde, in der Sache nichts zu entscheiden, ohne auch meinerseits einen juristischen Beistand gewählt zu haben. Ich dankte ihm für den guten Rat, den ich zu befolgen versprach, und sagte ihm, mein Rechtsanwalt werde sich, voraussichtlich schon in den nächsten Tagen, mit ihm in Verbindung setzen. Ich machte ihm denselben auch sogleich namhaft: den Rechtsanwalt und Notar Herrn Dr.  Lebrecht, einen langjährigen, bewährten Freund von mir. Mit diesem hatte ich am Abend desselben Tages eine längere Unterredung, in der ich viele Unfreundlichkeiten zu hören bekam, die mich aber in keiner Weise verletzten. Lebrecht, der seinen angesehenen Kollegen respektlos »einen alten Fuchs« nannte, sagte, nachdem ich meinen Vortrag über die Verhandlungen mit Dr.  Schlosser beendet hatte, dieser habe mich gehörig »hineingelegt«, und gab mir zu bedenken, an den vorläufigen Abmachungen, die in keiner Weise einen bindenden Charakter trügen, dies und jenes zu ändern. Es sei ja unerlaubt, sich so vollständig »ausziehen« zu lassen, wie ich dies eingeräumt habe. »Ich kann nicht aus mein Wort zurückkommen, ich habe es einmal gegeben . . .« »Nein! Das hast du nicht getan. Eure Unterredung unter vier Augen ist, vorläufig noch, ohne jede Bedeutung. Überlasse es mir, darauf zurückzukommen, und sei überzeugt, daß Schlosser auch gar nichts anderes erwartet hat! Sein Rat, du solltest einen Advokaten konsultieren, war billig. Dahin mußte es unter allen Umständen kommen. Das wußte Schlosser sehr gut. Er hat dir Unschuldigen mit seiner Rechtschaffenheit imponieren wollen, und ich sehe, nicht ohne Verwunderung – denn du bist doch auch ein Stückchen Jurist –, daß ihm dies gelungen ist.« Darüber beruhigte ich meinen Freund, der geneigt schien, sich unnütz aufzuregen. Dr.  Schlosser, den ich durchaus nicht tadeln wollte, sich der ihm anvertrauten Sache so eifrig anzunehmen, hatte mich nicht getäuscht; aber ich war fest entschlossen, mich in dem widerwärtigen »Handel« mit meiner Frau übervorteilen zu lassen. Sie konnte alles bekommen, was sie verlangte, noch mehr, wenn sie darauf bestand, und ich machte es Lebrecht zur Freundschaftspflicht, sich in dieser Beziehung meine Anschauungen aneignen zu wollen. »Du mußt mir dies zu meiner Beruhigung fest versprechen«, sagte ich. »Ob ich einige tausend Taler ärmer oder reicher bin, ist mir ganz gleichgültig; aber ich lege den größten Wert darauf, meine zukünftige Ruhe hängt davon ab, mir stets sagen zu können, daß ich in meinen Beziehungen zu meiner Frau, vom ersten Anfang bis zum letzten Ende, der leidende, der betrogene Teil, wenn du willst, gewesen bin.« Lebrecht gab darauf nach; aber ich trennte mich erst von ihm, nachdem er mir dies fest versprochen und dies durch Handschlag bekräftigt hatte, ganz in meinem Sinne, den er voll erfaßt hatte, vorzugehen. »Meine Advokatenseele sträubt sich dagegen,« sagte er, »aber du hast mein Wort und kannst ruhig sein.« Fernere weitläufige Unterhandlungen in der Sache blieben mir erspart. Lebrecht nahm mir alles ab. Eines Tages teilte er mir mit, meine Frau habe die Klage auf Scheidung eingereicht, später legte er mir die von ihm aufgesetzte »Klagebeantwortung« vor, an der ich nicht ein Wort zu ändern fand, und dann sagte er mir, nun müsse ich mich in Geduld fassen, das Urteil würde schwerlich vor Herbst gefällt werden, es sei, wie ich wohl wüßte, althergebrachter und weiser Brauch, Ehescheidungsprozesse nicht übers Knie zu brechen, sondern in die Länge zu ziehen, »um den Parteien Zeit zu geben, sich noch eines anderen zu besinnen«. Ich lebte nun zurückgezogen und ohne mich anders als durch Lesen und Spazierengehen zu erholen und zu zerstreuen. Ich hatte, nach einem leichten Abkommen mit meinem Hauswirte, die alte Wohnung, die zu groß und zu teuer für mich war, verlassen und eine andere bezogen, die »am Ende der Welt«, wie meine Bekannten sagten, in einer neuen, stillen Straße, dem Westende des Tiergartens gelegen war. Ich hätte mich dort in meinen behaglichen Junggesellenmöbeln ruhig und wohl befinden sollen; doch war mein Befinden nicht vom besten. Ich schlief schlecht, aß nur wenig und fiel zusehends ab. Meine Kollegen bemerkten dies, aber sie erkundigten sich doch nur mit Zurückhaltung nach meiner Gesundheit. Es war natürlich bekannt geworden, daß ich von meiner Frau getrennt lebte, man wußte, daß sie sich von mir scheiden lassen wollte, und nahm vielleicht an, daß die mit einem solchen Prozesse verbundenen Unannehmlichkeiten, möglicherweise auch Herzenskummer an mir nagten. Ich hatte keine Veranlassung, fremde Menschen zu meinen Vertrauten zu machen, ich war nicht mitteilsam, aber ich begann damals, zu meiner eigenen Beruhigung, mich mit diesen Aufzeichnungen, der wahrheitsgetreuen Darstellung der Ereignisse der letzten zwei Jahre, zu beschäftigen; sonst war meine Schwester Elise die einzige Person, mit der ich mich, und zwar brieflich, über meine Lage aussprach. Sie hatte mich zu der Wendung, welche die Dinge zu nehmen versprachen, beglückwünscht und die von mir betreffs der geschäftlichen Fragen eingenommene Haltung vollständig gebilligt. Natürlich dürfte ich nicht darüber streiten, ob das Silber, Leinen und Tischzeug, dies oder jenes Möbel Johanna oder mir gehörte. Mochte sie nehmen, was ihr gefiel, wenn sie nur selbst mit allem, was an sie erinnerte, für alle Zeiten aus meinem Gesichtskreise verschwand! »Ich brauche Dir nicht zu sagen,« setzte sie hinzu, »daß ich keinen glücklicheren Gebrauch von meinem Gelde machen kann, als wenn ich Dir gebe, was Du davon haben willst. Ich bin reich und habe wenig Bedürfnisse. Von einer Schwester darf ein Bruder borgen oder nehmen, wie es ihm gefällt. Du weißt, wie ich in dieser Beziehung denke.« Aber ich geriet nicht in die Lage, von ihrem Anerbieten Gebrauch zu machen. Ich kam bei meiner zurückgezogenen Lebensweise mit dem Wenigen, was ich besaß, und mit meinem Gehalt leicht aus. Dies hatte ich zum großen Teil auch meinem neuen Diener zu verdanken. Mertens war ein Kleinod für mich. Er sorgte für mich nicht allein mit nie ermüdender Aufmerksamkeit, nein, mit Liebe möchte ich sagen. Er hatte in den ersten drei Tagen bis in alle Einzelheiten gelernt, was ich zu meiner persönlichen Bedienung von ihm verlangte. Meine Wohnung sah wie ein Schmuckkästchen aus. Ich glaube, er gebrauchte eine Viertelstunde, um ein Paar Stiefel zu putzen. Aber wie sie auch glänzten! Er hatte in früheren Jahren häufig seine Mahlzeiten selbst zubereiten müssen und besaß natürliche Anlagen zur Kochkunst; diese wußte er in geheimnisvoller Weise auszubilden. Als ich eines Tages angespannt nach Hause kam und ihm auftrug, aus einem benachbarten Speisehause etwas Essen für mich zu holen, fragte er schüchtern, ob ich es einmal mit seiner Küche versuchen wollte. Und als ich dies bejahte, bereitete er mir ein äußerst einfaches, aber gleichzeitig recht schmackhaftes kleines Mahl, das mir auf dem mit einem blendend weißen Tuche gedeckten Tische und mit dem schön geputzten alten Silberzeug besser mundete als die reichlichen Mahlzeiten, die ich seit Monaten im Klub einnahm. Von jenem Tage ab aß ich nun häufig zu Hause, und es schien Mertens große Freude zu machen, wenn er mir bei solchen Gelegenheiten eine »Überraschung« in Form einer neuen Schüssel, deren Fertigung er einer der Köchinnen im Hause abgelernt haben mochte, bereiten konnte. Ein Schmerz war es ihm, wenn ich appetitlos dasaß und die Schüsseln, wenig berührt, aus dem Speisezimmer nach der Küche zurückgetragen werden mußten. »Es ist wohl nicht gut?« fragte Mertens dann besorgt. »Es ist ganz gut, aber ich habe keinen Hunger.« »Sie sehen angegriffen aus. Sie sollten sich etwas Erholung gönnen.« Mertens hatte noch nicht gelernt, in der dritten Person zu seinem Herrn zu sprechen. Wenn es in meiner Absicht gelegen hätte, ihn zu entlassen, so würde ich ihm beigebracht haben, in welcher Form ein gutgeschulter Diener mit seinem Herrn zu sprechen hat; aber ich fühlte mich durch Mertens' vertraulichere Redeweise nicht verletzt und hätte ihm keine Lehren geben wollen, die die gesellschaftliche Entfernung zwischen uns größer, im Äußeren erkennbarer gemacht hätte, als sie es war. Mir war Mertens »respektvoll« genug, da er mir alles zuliebe tat, was er mir an den Augen absehen konnte, und da er in einer Weise zurückhaltend war, die mir dafür bürgte, daß ich niemals taktloser Vertraulichkeiten seinerseits gewärtig zu sein brauchte. Ich hatte ihn deswegen auch nicht in Livree gesteckt. Er bediente in einem von mir abgelegten Anzuge, den er sich irgendwo hatte passend machen lassen, und in dem er ordentlich und gut aussah. »Sie sehen angegriffen aus – Sie sollten sich etwas Erholung gönnen«, hatte mir Mertens eines Tages wieder einmal gesagt. Er war von den Leuten, die im alltäglichen Leben mit einer sehr geringen Zahl von Redensarten auskommen. Nach meiner Erfahrung sind derartige einfache Menschen gewöhnlich zuverlässig. Sie sagen bei der ersten Gelegenheit, was sie sagen wollen, und ändern daran im Wiederholungsfalle nichts. »Ja, Mertens, Sie haben recht. Ich bin müde. Ich will sehen, ob ich einen Urlaub bekommen kann.« Das war im Monat Juni, der in jenem Jahre ungewöhnlich warm auftrat. Ein vierwöchiger Urlaub wurde mir ohne weiteres bewilligt. Man sah mir wohl an, daß ich ihn gebrauchte. Meinen Reiseplan hatte ich bereits gemacht. Ich wollte zunächst nach Nortorf fahren und dort zwei oder drei Tage bleiben. Mertens sollte mich dorthin begleiten und in Nortorf zurückbleiben. Ich gedachte, ihn beim alten Franz in die Lehre zu geben, um von diesem in die Geheimnisse des »höheren Dienstes« eingeweiht zu werden. Ich kannte Franz, und ich kannte auch Mertens schon genügend, um sicher zu sein, daß sich die beiden gut vertragen würden. Von Nortorf wollte ich dann an die Nordsee gehen. Ich kannte dort von früher her einen entlegenen Ort, nach dem sich nur wenige Reisende oder Badegäste, und auch diese erst im Hochsommer, verirrten. Ich war sicher, dort keinen Bekannten anzutreffen, auch niemand, der sich hätte versucht fühlen können, Bekanntschaft mit mir anzuknüpfen, und ich wußte aus Erfahrung, daß ich in einem kleinen, reinlich gehaltenen Hause, hoch auf der Klippe, auf der sich ein Teil des Dorfes ausbreitete, gute Aufnahme finden würde. Peter Köhn, der Besitzer desselben, hatte mir auf meine telegraphische Anfrage bereits geantwortet, daß ich willkommen sein würde. Elise empfing mich in Nortorf mit offenen Armen und fing an zu weinen, als sie mich begrüßte; auch Karl und Ellen behandelten mich mit wohltuender Herzlichkeit. »Du solltest bei uns bleiben,« sagte Karl; »was willst du in dem kleinen Neste an der See anfangen, wo es um diese Zeit kaum etwas zu essen gibt? Laß Ellen für dich sorgen. Du schlotterst ja in deinen Kleidern! Hast du mit einem Doktor gesprochen? Was fehlt dir eigentlich?« Ich dankte: ich hatte nun einmal mein Herz darauf gesetzt, an die See zu gehen. Sie hatte mir noch immer gut getan. Ich durfte mich auch diesmal auf sie verlassen. Einen Arzt hatte ich nicht gesprochen. Es fehlte mir auch nichts Besonderes. Karl beruhigte sich nicht sogleich bei diesen Erklärungen, und er und Ellen kamen wiederholt freundschaftlich dringend auf ihre Einladung, bei ihnen zu bleiben, zurück. Aber ich sehnte mich nach vollständiger Ruhe, ich wollte ganz frei sein, und dazu mußte ich für Geld bei fremden Leuten wohnen. Die aufmerksamste Gastfreundschaft konnte mir nicht bieten, was ich finden wollte. – Ich gehörte nicht zu denen, die Zerstreuungen suchen, um einen Kummer zu betäuben, und die sich dabei gewöhnlich ganz gut vergnügen. Und ich hatte einen schweren Kummer, der mit derselben Stunde an mir zu nagen angefangen hatte, als die Hoffnung, ich werde meine Freiheit wieder gewinnen können, in mir erwacht war. Aber das durfte ich keiner lebenden Seele anvertrauen. Elise hatte eine Ahnung davon! Wie ich dies erfuhr, war eine große Überraschung und gleichzeitig eine Offenbarung für mich. Das Gespräch, das dahin führte, begann am Vorabend meiner Abreise im Parke, wo ich nach dem Essen einen Spaziergang mit Elisen unternommen hatte. Karl war, nach seiner Gewohnheit, über den kurz vor Tische angekommenen Zeitungen eingeschlafen, Ellen besorgte verschiedenes in der Wirtschaft und wollte später die Kinder zu Bett bringen. »Bist du sicher, keine Geldsorgen zu haben?« fragte mich Elise. »Ganz sicher!« »Aber du besitzst ja so gut wie nichts mehr, mein armer Bruder.« »Genug für meine jetzigen Bedürfnisse.« »Ja, aber später?« »Laß ›später‹ spätere Sorge sein, liebes Kind! ›Später‹ kommt manchmal gar nicht und ist außerdem für die meisten Menschen nicht sehr lang. Ja, wenn ich fünfhundert Jahre zu leben und heute darüber nachzudenken hätte, wie ich mich während der mir noch verbleibenden vierhundertundsiebzig Jahre durchschlagen sollte, ja, dann könnte ich mir auch Geldsorgen machen; aber das Leben ist ja kurz.« »Wie kannst du nur so sprechen? Du betrübst mich. Du bist jung und hast, so Gott will, noch ein langes Leben vor dir!« »Ich wollte dich nicht betrüben, liebe Liese. Aber was soll ich dir sagen? Du fragst mich, ob ich Geldsorgen habe, und da antwortete ich ›nein‹ und erkläre dir, daß ich auch keinen vernünftigen Grund sehe, mir welche zu machen.« »Aber was fehlt dir? Was macht dich krank und elend jetzt, da doch alles so viel besser zu werden verspricht, als wir vor kurzem noch hoffen durften?« »Ja, was mir fehlt«, sagte ich nachdenklich, und dabei seufzte ich unwillkürlich. »Was fehlt dir, Hermann? Sag' es mir, sage es deiner Schwester, die niemand auf der Welt so lieb hat wie dich, der du alles – verstehst du? – alles anvertrauen kann!« Was sollte das bedeuten? Ich schwieg. Wir waren auf einer Lichtung angelangt. Feierliche Ruhe lag über den alten Bäumen, die im bläulichen Lichte des Mondes schliefen. Kleine, in milden Opalfarben erglänzende Wolkenstreifen zogen langsam vor der am tiefen Himmel goldig leuchtenden Scheibe vorüber, sie sanft verschleiernd, ohne sie zu verdecken oder zu verdunkeln. »Es macht mich traurig, etwas Geheimes von dir zu wissen, ohne daß du es mir anvertraut hast«, fuhr Elise leise fort. »Es kommt mir vor wie Verrat an dir.« »Bitte,« sagte ich sanft und eindringlich, »bitte, erkläre mir, was du sagen willst. Du ahnst nicht, wie sehr mich deine dunkeln Worte beunruhigen.« Elise ließ sich nicht drängen. Sie sagte mir: »Sei nicht böse, wenn ich mich irre«, und dann erzählte sie, was außer ihr noch viele wußten, sicherlich Johanna und Lothar, und was mir nun Johannas Anspielungen aus mein Verhältnis zu Natalie und teilweise auch Lothars unfreundliche Haltung mir gegenüber erklärte. Ich hatte es nicht erfahren, Natalie, mit mir die Meistbeteiligte bei der Angelegenheit, wahrscheinlich auch nicht. Sonst wußte es »alle Welt«! Das geht gewöhnlich so. Aber, daß ich es nicht geahnt hatte! Es war doch so einfach! Eine aus dem Ellrichsschen Dienst entlassene Kammerjungfer hatte, als sie ihre Stellung nach einem Streite mit Frau Ellrichs verloren, vor geraumer Zeit bei ihrer neuen Herrschaft erzählt, die Verlobung zwischen Herrn von Nortorf und Fräulein Ellrichs sei zurückgegangen, weil Fräulein Ellrichs sich nachträglich in den Bruder ihres Bräutigams verliebt hätte. In der Küche habe man von nichts anderem gesprochen; die Herrschaften hätten es nicht sehen wollen, oder sie wären mit Blindheit geschlagen gewesen. Fräulein Natalie hätte sich gar nicht mehr um ihren Auserwählten gekümmert und nur Augen und Ohren für den andern gehabt, mit diesem sich stundenlang unterhalten, während der Bräutigam mit seinem zukünftigen Schwiegervater Karten gespielt hätte. Herr Lothar von Nortorf allein scheine in der Tat nichts von dem, was vor seinen Augen vorging, bemerkt zu haben. Er wäre seiner Eroberung wohl zu sicher gewesen, und er hätte seinen Bruder um so weniger beargwöhnen können, als dieser der verlobte Bräutigam einer andern gewesen wäre, mit der er sich auch schließlich bekanntlich verheiratet habe; aber das verhindere nicht, daß er seinerseits eine unverkennbare Zuneigung zur Braut seines Bruders gefaßt habe. Man hätte nur zu beobachten brauchen, wie die beiden sich ansahen! Nicht wie Bruder und Schwester. Nein, wie zwei richtig Verliebte! Wie Fräulein Natalie ihr Spiel zu gewinnen gedacht habe, wisse man nicht. Sie habe ihre eigene Vermählung immer hinausgeschoben; aber bald nach der Hochzeit Hermann von Nortorfs mit Fräulein von Wehrenberg sei es eines Tages zu einem heftigen Auftritte zwischen Fräulein Ellrichs und ihrer Mutter gekommen. Der Vater habe sich in die Sache gemischt und gegen die Mutter Partei für die Tochter genommen. Das Ende vom Liede sei gewesen, daß Fräulein Natalie unter einem Vorwande Streit mit ihrem Bräutigam gesucht und ihm am nächsten Morgen seinen Ring und seine Geschenke zurückgesandt habe. Fräulein Natalie sei darauf ganz schwermütig geworden, und ihre Eltern wären deshalb längere Zeit mit ihr auf Reisen gegangen. Elise erzählte mir dies mit ängstlicher Schonung. Ich mußte verschiedene Fragen an sie richten, um alle Aufklärung zu erhalten, die ich zu haben wünschte; und auch dann noch ließ Elise mich vieles mehr erraten, als aus ihren Mitteilungen klar verstehen. Sie selbst hatte die Geschichte erst lange nach meiner Verheiratung, während eines Besuches in Berlin, von einer unserer Kusinen, Klara von Nortorf erfahren, aber gleichzeitig gehört, daß die Angelegenheit eine Zeitlang Stadtgespräch gewesen war. Frau von Wehrenberg mußte selbstverständlich davon gehört haben, und es war mit Sicherheit anzunehmen, daß sie darüber mit ihrer Tochter gesprochen hatte; auch Lothar konnte die Sache sehr wohl zu Ohren gekommen sein. Auf welche Weise, wußte Elise nicht. Schwerlich hatte er sie aber bereits gekannt, als er der Familie die Auflösung seiner Verlobung mit Fräulein Natalie mitgeteilt, wahrscheinlich hatte er sie erst nach seiner Rückkehr nach Berlin erfahren. »Ich war vollständig verwirrt, als ich die Geschichte hörte«, fuhr Elise fort. »Meine erste Bewegung war, alles als niedrigen Dienstbotenklatsch in Abrede zu stellen. Klara ist nicht bösartig, wie du weißt, und hat immer große Stücke auf dich gehalten. Sie gab zu, daß in den Berichten der Kammerjungfer vieles verdreht und erlogen sein könnte, aber irgend etwas müßte doch wohl an der Sache gewesen sein, ganz aus der Luft hätte sie das Mädchen nicht greifen können. – Ich konnte an gar nichts anderes mehr denken. Da kam mir auch ins Gedächtnis zurück, wie du am Tage deiner Verheiratung ausgesehen hattest, und schließlich – sei mir nicht böse, wenn ich dich falsch beurteile – bin auch ich dazu gekommen, der Geschichte, teilweise wenigstens, Glauben beizumessen. Daß du nichts Schlechtes gewollt oder getan hast, weiß ich. Das brauchst du mir gar nicht zu sagen, dafür zeugt ja auch deine Verheiratung mit Johanna. Was in Fräulein Ellrichs Herzen vorgegangen, ist mir ganz gleichgültig. Ich kenne sie nicht und werde sie schwerlich kennen lernen. Das einzige, was mich kümmert, ist die Frage, ob du Fräulein Natalie geliebt hast, ob du sie noch liebst, und ob dies es ist und der Gedanke, daß du dich der ehemaligen Braut deines Bruders niemals wirst nähern können, was dich unglücklich macht?« Elise hatte mit sanfter, lieber Stimme gesprochen. Jetzt trat sie vor mich hin, das bleiche, edle Antlitz noch weißer und schöner im Lichte des Mondes, und sagte mit der innigen, einzigen Zärtlichkeit der älteren Schwester, die auch in dem Manne noch den »kleinen Bruder« liebt und vor Unheil bewahren möchte: »Sag mir, Hermann, was dich quält, sage es mir, mir kannst du doch alles vertrauen! Könnte ich dir je zürnen, selbst wenn du Unrecht getan hättest?« Ich war zu schwach, um schweigen zu können, und ich öffnete der treuen Schwester mein lange verschlossenes Herz und erkannte nun selbst erst, was es an Schmerz und Liebe barg. Ich sagte alles, was mich anging, ich verschwieg jedoch Nataliens letzte Worte bei meinem Abschied von ihr, denn sie offenbarten ein Geheimnis, das mir nicht angehörte. – Ja, ich hatte Natalie geliebt, ohne es zu wollen, lange Zeit, ohne es zu wissen, ich hatte nie gewagt, meine Gefühle für sie zu prüfen, ans helle Tageslicht zu ziehen, sie hatten in Geheimnis und Dunkel an meinem Herzen gefressen, den wuchernden, ersten Keimen einer tödlichen Krankheit gleich; als ich sie unwillig erkannt, da war schon mein ganzes Sein von ihr durchtränkt gewesen. Doch hatte ich auch dann noch dagegen gekämpft, mutig, ehrlich, mit all meinen Kräften, und kurze Zeit, während des Aufenthalts an den italienischen Seen, gehofft, als Sieger aus dem schweren Kampfe hervorzugehen. Ich hatte mein eigenes Glück nur im Glück Johannas finden wollen und mich diesem allein und ganz geweiht. Die Hoffnung zu gesunden, ehrlich glücklich zu werden, war an Johannas Herzlosigkeit zerschellt. – Oh, über die Leiden eines Ehrenmannes, der neben einer tugendhaften Frau leben muß, die nicht lieben kann, und die er aufgehört hat zu lieben! Wie kurz der Weg von erkaltender Liebe zur Gleichgültigkeit, zur tiefen Abneigung, zum ingrimmigen Haß! Und die Ohnmacht des Leidenden, der zehrende Gram, den er mit sich schleppen muß, während sie in der Kleinheit ihres Herzens wunschlos, erhaben neben ihm durchs Leben schreitet! Die Stimme versagte mir fast: »Ich bin sehr unglücklich gewesen, Elise!« »Mein armer Bruder!« Ich gebrauchte geraume Zeit, um mich einigermaßen wieder zu sammeln. Wir hatten uns auf einer Bank niedergelassen. Elise hielt meine Rechte zwischen ihren beiden Händen. Ich fuhr leise fort. Ich sprach von Natalie. Hatte ich es vermeiden können, zu ihr zurückzukehren in dem Maße, wie ich von Johanna abgestoßen wurde. Natalie war in ruhiger, herzgewinnender Weise edel und gut, sie hatte eine stille, doch unverkennbare Freude am Schönen und Großen, alles Niedrige war ihr fremd und unverständlich, Untergebenen gegenüber zeigte sie sich milde und nachsichtig, Gleichgestellten freundlich und verständig, und rührend war ihr Verhältnis zu den Eltern, deren beleidigende Schwächen sie in kindlicher Liebe und Dankbarkeit nicht sah. »Die Stunden, die ich in ihrer Gegenwart verlebt habe, die durch keinen unlauteren Gedanken getrübt wurden, waren die schönsten meines Lebens. Ich kann sie nie vergessen.« »Wie du sie liebst!« sagte Elise. »Ja! Und das ist mein Kummer; aber ich kann ihn tragen.« »Dazu helfe dir Gott!« Wir erhoben uns und traten den Weg nach Hause an. Nach einer Weile fragte ich Elisen, ob Karl und Ellen die Erzählung der Kammerjungfer kannten. »Ja.« »Was haben sie dazu gesagt?« »Karl kümmert sich, wie du weißt, wenig um das Gerede der Leute. ›Klatsch‹, hat er gesagt und nicht weiter davon sprechen hören wollen. Ich glaube, er denkt nicht mehr daran. Ellen hat so viel zu schaffen im Hause, mit den Kindern und der großen Wirtschaft, daß sie nicht leicht dazu kommt, sich um andere zu kümmern. Und dann ist sie gutmütig und hält auf die Familie, und glaubt nicht ohne weiteres Schlechtes von ihren Verwandten. Sie sagte nur: ›Der arme Hermann sollte mir leid tun, wenn es wirklich wahr wäre, was man von ihm sagt; aber es wird wohl verdreht und übertrieben sein. Schade ist es aber doch, daß Lothar die reiche Partie nicht gemacht hat. Karl sagte mir, Lothar könnte Geld recht nötig gebrauchen.‹ – Seitdem sind wir nicht wieder auf die Angelegenheit zurückgekommen.« »Und Marie?« »Ja, Marie! Der hat die Sache natürlich viel Sorgen gemacht – wie mir! Aber sie hat nie etwas Schlechtes von dir geglaubt. Du warst ja immer ihr Liebling und bist es geblieben.« Am nächsten Morgen verließ ich Nortorf. Wegen Mertens, der zurückblieb, konnte ich ruhig sein. Er hatte sich sofort mit Franz angefreundet, der sich seiner wie eines gelehrigen Schülers annahm, auf den der Meister dereinst stolz sein will. Ich freute mich, wie er bei Tische Mertens im Flüsterton oder mit den Augen anwies, dies oder jenes zu tun, und wie Mertens bemüht war, seine »Bildung« zu vervollständigen. Auch hatte er bereits am zweiten Tage gelernt, mich in der dritten Person anzureden. »Wie kommen Sie dazu?« fragte ich ihn. »Herr, Franz hat mir gesagt, das gehört sich.« Ich wollte die Autorität des Lehrers nicht untergraben und ließ Mertens sprechen, wie er es für recht hielt. – Aber mein armer Lahmer hatte auch Elisens Gunst gewonnen. Sie hatte mit ihm gesprochen, wie es ihre Art war, freundlich mit kleinen Leuten zu verkehren, und hatte mir dann gerührt erzählt, wie sehr ihr Mertens gefallen habe. »Sein Gesicht ist vertrauenerweckend, er hat gute, ehrliche Augen, und seine Art zu sprechen ist einfach und aufrichtig. Und er ist dir so dankbar, er sagt, du seist wie sein guter Engel, den der liebe Gott ihm in der Stunde seiner höchsten Not gesandt habe, um ihn zu retten.« Am Meere war es schön! Hell leuchtend, milde wärmend stand die Sonne am klaren Himmel, und sanft bewegt, still und friedlich, als wäre nicht mächtige Bewegung, Sturm und Unwetter ihr wahres Element, wölbte sich der ungeheure Rücken der großen, kalten, grauen See. Die Schiffer und Fischersleute schritten ruhig ihres Weges und gingen ernst ihrer harten Arbeit nach. Hier und da begrüßte mich der eine oder der andere, der mich von früheren Jahren her wiedererkennen mochte; aber die harten, strengen Gesichter mit den klaren, weitblickenden Augen und dem friesischen, schlichten, hellen Haar legen sich nicht leicht in freundliche Falten: würdevoll, kurz und ernst war der Gruß, der mir galt. Zwischen diesen ruhigen Menschen, deren schweigsame Gleichgültigkeit ich wie zartfühlende Rücksichtnahme auf meinen Zustand empfand, verbrachte ich meine Ferien. Das Wetter blieb nicht einförmig schön. Es kamen rauhe Tage als wie im Herbst, da es stürmte und regnete, und farblose Wolkengebilde, riesigen Ungeheuern gleich, in unübersehbarer, unergründlicher, tiefer Reihe am niedrigen Himmel daherzogen und am dunstigen Horizont das graue Meer in den gleichfarbigen Himmel hineinzuwachsen schien. Einige Schaluppen und schwere Fischerboote wiegten sich im kleinen Hafen in großen Bogen hinter Ankern und Bojen, nirgends war dann ein Segel zu erblicken, und die von schwerem Sturm aufgewühlte See schien allem Lebenden feind: furchtbar und öde. Dann war der Strand leer. Die Männer waren in den Schenken, einige gingen, in bedächtigem Gespräch, gelassenen Schrittes, selten die Länge des kleinen Hauses überschreitend, vor demselben auf und ab, die halbnackten Kinder, die sich an sonnigen Tagen lärmend am Ufer umhertrieben, saßen in den verwitterten, alten, festen Häusern des Dorfes, und ihre aufmerksamen Gesichter, die nach der Mutter schauten, erschienen gar lieblich an den kleinen Fenstern, zwischen blühenden Blumentöpfen, mit denen der Schiffer sein Haus zu schmücken liebt. Wenn mir eines – das mich als Geber von Kieseln, Peitschen und bunten Glaskugeln wiedererkannte – zunickte und dabei die milchweißen Zähnchen zeigte und mit den klaren blauen Augen vertraulich zwinkerte, als wollte es sagen. »Wir beide kennen uns – wir sind Freunde!«, dann fehlte mir die Sonne nicht, um mir das Herz warm zu machen. Bei jedem Wetter war ich, beinahe den ganzen Tag über, im Freien. – Auf dem Meere hat gutes oder schlechtes Wetter noch viel mehr zu bedeuten als auf dem Festlande; aber Sturm und Regen kümmern den Schiffer wenig, wenn er sein Fahrzeug im sichern Hafen weiß und selbst festen Boden unter den Füßen hat. Leuten, welche die See lieben, geht es wie dem Schiffer. Mir machten sogar Wind und Regen das Herz leichter als milder Sonnenschein; aber daran war wohl meine augenblickliche Gemütsverfassung schuld. Ich lebte wortkarg und einsam. Meine Wirtsleute waren schweigsame Menschen, und außer mit ihnen verkehrte ich mit niemand. Etliche Male machte ich mit Peter Köhn eine Abendpromenade: sie dauerte selten länger als eine halbe Stunde, während der wir auf dem zwanzig Schritt langen ausgetretenen Pflasterwege vor seiner Tür langsam und regelmäßig auf und niedergingen. Kamen wir in ein Gespräch, an dem Peter Köhn – die beiden Namen wurden stets angeführt, wenn man von ihm sprach, denn es gab sechs Köhns in dem kleinen Dorfe – besonderen Anteil nahm, so drehte er sich, mit mir sprechend, nicht um, sondern machte den kleinen Weg einmal vorwärts, einmal rückwärts gehend. – Häufig sprachen wir bei unseren Spaziergängen nur wenig, nachdem wir uns guten Abend geboten und einige Worte über das Wetter ausgetauscht hatten. Nach einer Weile längeren Schweigens sagte dann Peter Köhn gewöhnlich, seine kurze Pfeife ausklopfend: »Ja es wird Zeit sein heimzugehen: Katharina wartet wohl schon mit dem Tee. Gute Nacht, Herr von Nortorf.« Nicht selten kam es vor, daß ich den ganzen Tag so gut wie gar nicht sprach. »Guten Morgen« und »Gute Nacht« den Wirtsleuten, und »Schönes« oder »Schlimmes Wetter« einem Vorübergehenden, der mich begrüßt hatte – das war dann so ziemlich alles. Ich hätte am Abend die Worte zählen können, die ich seit frühem Morgen gesprochen hatte. Aber ich langweilte mich nicht, wennschon ich nicht etwa in Nachdenken oder Träumereien versunken war: ich war nicht traurig, ich fühlte mich zu matt, um traurig sein zu können, ich empfand auch nicht das Bedürfnis zu lesen oder zu schreiben. Der Tag ging dahin, ich wußte nicht wie – gleich der Nacht, im Schlaf oder Halbschlummer. Ostmals dachte ich wohl an Natalie, am häufigsten an unsere letzte Begegnung am Heilig' Abend, wo ich mir dann mein elendes Bild ausmalte und sie still und vornehm vor mir sah; aber meine Gedanken waren ohne Bitterkeit und wunschlos, da ich hoffnungslos war. Natalie schwebte mir vor als etwas sehr Liebliches – was mir nicht gehörte und nie gehören konnte. An Johanna dachte ich fast gar nicht. Ich fühlte mich geschieden von ihr, mochte das Gericht die Scheidung aussprechen oder nicht. Ich war entschlossen, nie wieder mit ihr zusammenzuleben: ich urteilte jetzt, nach meiner Kraftlosigkeit, wie elend sie mich gemacht hatte. Die Erzählung der Kammerjungfer ging mir manchmal durch den Kopf, und was Lothar davon wissen und glauben mochte. Jetzt verstand ich seine Kälte und Zurückhaltung; aber auch das beunruhigte mich nicht. Ich konnte an das alles denken, als ob es einen anderen anginge. Ich fühlte mich jedoch mit jedem Tage wohler. Ich erwachte nicht etwa zu neuem Leben, wie man sagt; aber die große Ruhe, der Aufenthalt in der reinen, frischen Luft wirkten wohltuend auf mich ein. Einsamkeit in einer großen Stadt, wie man sie so leicht finden kann, macht das Gemüt schwer, weil sie unnatürlich ist. Wo alles zum gemeinsamen Leben einlädt, da empfindet man es leicht wie eine Zurücksetzung, nicht daran teilzunehmen, auch wenn man sich freiwillig zurückgezogen hat; am Meere, wie im großen Walde oder im hohen Gebirge, ist Einsamkeit das Natürliche, und dort wirkt das große Schweigen wie eine kostbare, stillende Medizin. Als mein Urlaub seinem Ende nahte, bemächtigte sich meiner große Unruhe. Ich dachte mit Angst daran, daß ich nun bald wieder zu dem lauten Treiben der Großstadt zurückkehren müßte. Ich blickte auf das reine, weite Meer, das in dumpfem, tiefem Rauschen und Brausen die mächtige, erhabene Sprache der Natur beruhigend sprach, und ich sah im Geiste enge Straßen, in denen sich Menschen in geschäftiger Hast ungestüm drängten und stießen, und vernahm das schrille Pfeifen der Lokomotiven, das Rollen der Wagen, lautes Rufen, Lachen, Schreien, Schimpfen. Und in diesem Treiben und Lärmen sollte ich weiterleben! Aber ich mußte mich in das Allgemeine schicken. Ich verließ die See genügend gestärkt, um mein tägliches Leben in Berlin wieder aufnehmen zu können. – Mertens' Augen leuchteten vor Freude, als er mich wiedersah. Er sagte: »Ich hoffe, Herr von Nortorf befinden sich nun wieder ganz wohl.« – »Franzens Schule!« sagte ich mir. Der Sommer ging dahin. Der Herbst brachte mir einige unvermeidliche geschäftliche Auseinandersetzungen mit Lebrecht und später mit dem Gericht. Eines Tages schrieb mir Lebrecht, die Scheidung sei ausgesprochen, und bald darauf wurde mir auch das dahin lautende Urteil zugestellt. Ich las es nicht einmal durch. Es brachte mir nichts Neues, nichts, was mich jetzt noch erregen konnte. Ich war in meinem Herzen schon längst von Johanna geschieden; nun war festgestellt, daß ich der »schuldige Teil« sei und als solcher die Kosten der Scheidung zu tragen hätte. Auch darauf war ich vorbereitet. Ich begab mich zu Lebrecht, um mich bei ihm für seine Mühewaltung zu bedanken. »Darf ich dir gratulieren? Du siehst nicht danach aus. Fehlt dir etwas?« »Nichts Besonderes; aber es wird wohl einige Zeit dauern, ehe ich den Ärger und Verdruß des letzten Jahres überwunden habe.« »Das ist ganz natürlich, das kann ich mir denken . . . Was machst du des Abends gewöhnlich?« »Ich bin meistens zu Hause. Ich bin faul geworden.« »Das geht nicht; du mußt Leute sehen, dich zerstreuen. Ich werde dich in den nächsten Tagen abholen.« Ich wartete mehrere Tage, aber Lebrecht erschien nicht. Ich war ihm deswegen nicht böse. Er war ein alter Freund, auf den ich rechnen konnte, wenn ich seiner bedurfte; aber wir lebten in verschiedenen Kreisen und hatten uns seit vielen Jahren immer nur in langen Zwischenräumen und zufällig angetroffen. Ein Geschäft hatte uns zusammengebracht. Es war beendet, und er ging wieder seine Wege, die sich mit den meinen nicht kreuzten. Er hegte freundschaftliche Gefühle für mich, es hatte ihm leid getan, mich anscheinend niedergeschlagen zu sehen, und es war ihm in dem Augenblicke der Gedanke gekommen, mir behilflich zu sein, mich aufzurichten. Aber dann hatte er es wohl wieder vergessen. Er war nicht mein Arzt; aber ich konnte sicherlich auf ihn rechnen, wenn ich eines Rechtsbeistandes bedurfte. Es war wieder Winter geworden: Weihnachten. Ich hatte weder Natalie noch ihren Vater seit Heilig' Abend vorigen Jahres wiedergesehen, ich wußte nicht einmal, ob sie in Berlin waren. Ich hätte es mit Leichtigkeit feststellen können, aber ich war nicht neugierig, es zu erfahren. Was ging es mich an. Doch dachte ich oft an Natalie, und wenn ich des Abends zu Bett ging, so war sie gewöhnlich mein letzter Gedanke. Die Feiertage verbrachte ich in Nortorf. Ich hatte etwas unter den besorgten Blicken Elisens und den Erkundigungen Karls und Ellens nach meinem Befinden zu leiden – aber zu einer Aussprache mit Elisen wie im Sommer kam es nicht wieder. Sie verstand, ohne daß ich es zu sagen hatte, daß mir ein solches Gespräch peinlich gewesen sein würde. Als wir uns begrüßten, blickte sie mir gerade in die Augen und fragte: »Geht es dir besser?« Das sollte bedeuten: »Hast du deinen Kummer wegen Natalie überwunden?« Ich antwortete darauf: »Es geht mir langsam besser, ganz erträglich; und mit der Zeit hoffe ich ganz zu gesunden.« »Du siehst noch angegriffen aus.« »Ja, das ist einmal so, daran kann ich nichts ändern; aber ich empfinde keinerlei Schmerzen oder Unbehagen.« Später kamen wir nicht wieder auf die Frage meines Befindens zurück – was mir lieb war. »Warum ist Lothar nicht gekommen?« fragte ich Karl. »Ich hatte gehofft, hier mit ihm zusammenzutreffen. In Berlin sehe ich so gut wie nichts von ihm.« »Wir hatten ihn natürlich eingeladen. Er hat sich entschuldigt: ›Dringende Abhaltung‹. Was ein Rittmeister im Frieden während der Weihnachtstage wohl für ›dringende Abhaltung‹ haben kann? Offen gesagt: ich bin unzufrieden mit Lothar. Wir existieren gar nicht mehr für ihn. – Und du siehst ihn auch nicht, sagtest du?« »Höchst selten.« »Was mag er treiben?« Ich zuckte die Achseln. »Wenn er nur nicht spielt und Schulden macht«, fuhr Karl fort. Das tat er zu der Zeit nicht – aber das erfuhr ich erst später. Eines Abends, im Monat April, besuchte mich Lothar in meiner Wohnung. – Trotzdem wir uns wenig sahen, kannte er doch genug von meinem Leben, um zu wissen, daß man mit ziemlicher Sicherheit darauf rechnen konnte, mich des Abends zu Hause zu finden. Er sah wohl und hübsch aus, älter als seine Jahre, aber noch jung, und trug seine schmucke Uniform in einer Weise, um die er von vielen beneidet werden mochte. Er hatte mir eine wichtige Mitteilung zu machen. Das erkannte ich sofort bei aller Unbefangenheit, mit der er eintrat. Nach seiner guten Gewohnheit kam er ohne Umschweife auf das zu sprechen, was ihn zu mir führte. »Du kannst mir wieder einmal gratulieren«, sagte er. Ich wußte sofort, worum es sich handelte. Der Abend fiel mir ein, an dem er mir seine Verlobung mit Natalie angezeigt hatte. Ich wollte ihm erleichtern, was er mir zu sagen hätte: »Mit wem?« fragte ich lächelnd. »Mit Agnes von Böhlen«, antwortete er. Ich gratulierte ihm herzlich. Die Böhlens waren entfernte Verwandte von uns, sehr reiche Leute, die verdientermaßen überall in hohem Ansehen standen. Einer der jungen Böhlens war ein Regimentskamerad Lothars, der andere Legationssekretär an einer unserer auswärtigen Botschaften, Agnes, ein einfaches, hübsches, wohlerzogenes Mädchen, von dem man nur Gutes sagen konnte. Sie hätte mit ihrem Aussehen, Charakter, Namen und Familienanhang, auch ohne die bedeutende Mitgift, die sie zu erwarten hatte, für eine »gute Partie« gelten können. Das Geld war in diesem Falle eine höchst angenehme und annehmbare »Zugabe«, wie Elise in ihrem Briefe über Geldheiraten geschrieben hatte. »Ja«, sagte Lothar. »Diesmal glaube ich das Richtige gefunden zu haben. Du kennst ja Agnes. Ist sie nicht alles, was ein Mann sich wünschen kann?« Ich gab rückhaltlos meine Zustimmung. Lothar schwieg und blickte, leise mit den Hacken aufklopfend, vor sich hin. Er wollte mir noch etwas sagen, ich ahnte auch bereits, was es war, aber diesmal konnte ich ihm nicht zu Hilfe kommen. Plötzlich stand er auf und streckte mir die Hand entgegen: »Schlag ein, Hermann! Wir wollen wieder Freunde sein . . . wie früher. Ich habe dir wahrscheinlich unrecht getan: dann vergib es mir – und wenn du mir unrecht getan hast, so brauche ich das nicht zu vergeben, da es sich zu meinem Besten gewandt hat und ich dir heute dafür danken würde.« Ich legte meine Hand in die seine und sagte leise – aber ich war tief bewegt: »Ich habe dir wissentlich nie unrecht getan. Ich bin dir ein treuer Bruder gewesen.« »Das ist ganz sicher. Verzeihe mir! Solltest du mir in den Weg getreten sein, so war das ohne dein Verschulden. Daran habe ich auch nie gezweifelt. Aber wir wollen das nun alles vergessen sein lassen. Wir sind nun wieder, was wir früher waren: Freunde und Brüder!« Ich fühlte mich sehr glücklich; aber ich konnte es nicht zeigen. Lothar sprach nun von seinen eigenen Angelegenheiten, und ich hörte ihm aufmerksam zu. Seine Verheiratung, das war auch bereits festgesetzt worden, sollte in drei Monaten stattfinden. An Karl, Marie und Elise hatte er bereits telegraphiert. »Die werden große Augen gemacht haben«, meinte er. »Sie werden sich freuen«, sagte ich. »Gottlob. Sie haben allen Grund dazu!« Als er mich zu später Stunde verließ, sagte er: »Nun ist der gute Tag erst vollkommen für mich. Ich werde dich jetzt oft sehen. Ich muß auch für deine Gesundheit sorgen. Du siehst schlecht aus. Du weißt, meine Pferde sind zu deiner Verfügung. Auf Wiedersehen!« Als er gegangen war, trat ich vor den Spiegel und betrachtete mich aufmerksam. Ich hörte jetzt oft, daß ich »schlecht« aussähe. Es machte mich ungeduldig. Ich konnte doch nichts dafür oder dagegen! Ich lebte so ruhig und regelmäßig wie nur möglich. Mertens ließ mir jede denkbare Pflege angedeihen, und seine geduldigen Augen suchten in meinen Zügen zu lesen, womit er mir wohl Freude machen könnte: aber er störte mich wenigstens nicht durch Bemerkungen über mein Aussehen. Lothar wollte sich also verheiraten! Der Gedanke kam mir natürlich sogleich, daß dadurch das Hindernis, das mich von Natalie getrennt hatte, beseitigt war. Aber war ich ihr dadurch näher gerückt? Ich konnte es nicht erkennen. Ich konnte mir nicht einmal ausmalen, wie ich es ermöglichen sollte, mit ihr zusammenzutreffen. Wir hatten, so viel ich wußte, nicht einen einzigen gemeinschaftlichen Bekannten, und es konnte mir doch nicht in den Sinn kommen, ihr urplötzlich meine Aufwartung machen zu wollen. Sie blieb mir so fern wie immer – unerreichbar. Ich hatte mich an den Gedanken gewöhnt, daß Natalie mich geliebt habe. Aber was bürgte mir dafür, daß dies richtig war? Und wenn sie mich wirklich geliebt hatte , war das ein Grund, mich noch zu lieben? Wie hatte ich damals auf ihre Liebe, wenn diese jemals bestanden, geantwortet? – Ich hatte eine andere geheiratet! – Das war sicherlich genug gewesen, um jedes wärmere Gefühl, das sie möglicherweise für mich gehegt haben mochte, mit den Wurzeln aus ihrem Herzen zu reißen. Und ich dachte an unsere letzte Begegnung seit meiner Verheiratung. Am Heilig' Abend – vor fünfzehn Monaten! Was konnte seitdem nicht alles vorgefallen sein? Vielleicht war Natalie schon wieder verlobt – vielleicht verheiratet? Wie hätte ich es erfahren sollen, da ich überhaupt nur wenig Menschen sah, und niemanden, der sie kannte? Aber ich beschloß festzustellen, ob sie in Berlin sei. Ich ging, obschon es spät geworden war, nach dem Hause, das sie bewohnte. Die Fenster des Wohnzimmers waren erleuchtet. – Ich kannte genau die Stunde, zu der Frau Ellrichs mit ihrer Tochter eine Spazierfahrt zu machen pflegte. Ich wartete am nächsten Tage in der Nähe des Hauses an einer Stelle, wo ich in ganz unauffälliger Weise einen Blick in den Wagen werfen konnte, falls er erscheinen sollte. Er kam zur gewöhnlichen Stunde. Natalie und ihre Mutter saßen darin. Sie bemerkten mich nicht. Mir klopfte das Herz! Nun wußte ich, daß Fräulein Natalie Ellrichs im Hause ihrer Eltern in Berlin weilte. War ich ihr damit näher gerückt? Nicht um einen Schritt! Ich wollte mich nicht unnütz quälen und aufregen. Ich war mutlos. Ich ergab mich in mein Schicksal und kehrte nicht nach dem Ellrichsschen Hause zurück. Lothar besuchte mich jetzt häufiger – aber nicht oft. Er brachte jeden Abend in Gesellschaft seiner Braut zu. Das war natürlich. Ich konnte mich nicht darüber beklagen. Ich hatte einem großen Verlobungsmahl im Böhlenschen Hause beizuwohnen. Auch meine Geschwister – außer Marie, die weit von Berlin wohnte – waren dazu erschienen. Es wurden verschiedene Toaste ausgebracht, und alles ging herrlich vonstatten; aber ich fühlte mich unter Elisens sorgenvollen Blicken befangen. Sie machten mich ungeduldig. »Liebe Elise«, sagte ich. »Deine Augen fragen mich fortwährend, was mir fehlt. Laß das! Was soll ich dir antworten? Es ist doch nicht meine Schuld, wenn ich nicht so heiter sein kann, wie du es wünschest.« Aber als ich sah, daß ihre guten, treuen Augen feucht wurden, da bereute ich, sie durch meine unfreundlichen Worte verletzt zu haben. »Laß nur gut sein, Liese,« sagte ich, »und hab' mich lieb nach deiner Art! Es wird schon die richtige sein.« Sie lächelte liebevoll, wie nur Mutter oder Schwester dem Sohne oder Bruder zulächeln, und sagte: »Es ist nun bald ein Jahr her, seitdem du keinen längeren Urlaub genommen hast. Denkst du nicht wieder bald daran, dir Erholung zu gönnen? Das Meer hat dir im vorigen Jahre wohl getan! Und dann gib uns einige Tage in Nortorf! Etwas mehr als das letztemal. Du hast uns stiefmütterlich behandelt.« »Ja«, sagte ich. »Anfang Juni bin ich wieder bei euch.« »Und bring Mertens mit; der darf nicht fehlen. Wir haben ihn gern, und Franz und er sind gute Freunde geworden.«   Wenige Wochen später reiste ich nach Nortorf ab, und dort wurde ich sogleich nach meiner Ankunft krank, so krank, daß ich mich ins Bett legen und der Arzt gerufen werden mußte. Er kam. Nun gab es die übliche sorgfältige Untersuchung. An Herz und Lungen wurde aufmerksam gelauscht, und der Doktor sah dabei aus, als ob er sehr viel mehr erkenne, als er zu sagen für gut befinde. Was er schließlich sagte, war eben nur sehr wenig. Ein organisches Leiden war nicht vorhanden, ich war »heruntergekommen«; ja, das war das zutreffende Wort. »heruntergekommen« war ich, der Herzschlag war schwach; aber kein organischer Fehler – bewahre! etwas schwach war das Herz – augenblicklich. Vielleicht zu große geistige Anstrengungen oder seelische Aufregungen? Aber das durfte man nicht so gehen lassen, dagegen mußte im Gegenteil energisch vorgegangen werden, sonst konnte der Zustand bedenklicher werden. Bis jetzt lagen keine Symptome vor, die ernste Befürchtungen gerechtfertigt hätten. Aber der Zustand des Patienten mußte, wie gesagt, aufmerksam beobachtet, und es mußte der vorhandenen Schwäche entgegengearbeitet werden, um ein weiteres Umsichgreifen derselben zu verhindern. Zu dem Zwecke wurde verschiedenes verordnet: kleine Pülverchen, die sehr bitter waren, und eine braune Medizin, die einen widerlichen Geruch hatte, und ein eigens für mich zubereiteter Wein, guter, alter Malaga übrigens, von dem ich täglich zu ganz bestimmten Stunden dreimal ein Weinglas voll trinken sollte. Elise und Mertens sorgten dafür, daß die ärztlichen Vorschriften auf das gewissenhafteste ausgeführt wurden, und ich war ein geduldiger Kranker und nahm alles artig ein, was man mir reichte. Es wurde sonach der vorhandenen Schwäche nach allen Regeln der Kunst entgegengearbeitet; aber sie wollte sich doch nicht vertreiben lassen, sie war stärker als alle Medizinen, mit denen man gegen sie ankämpfte – und ich wurde täglich schwächer. Eines Morgens – ich lag nun schon länger als eine Woche im Bett – trat Elise in mein Zimmer und sagte mir mit einiger Verlegenheit, ich solle mich nicht wundern und es ihr nicht übel nehmen, wenn sie sich heute und morgen nicht bei mir sehen ließe. – »Klara bittet mich dringend, sie auf einen Tag zu besuchen. Es handelt sich um eine Heiratsangelegenheit in der Familie. Es soll vorläufig noch ein Geheimnis bleiben. – Du bist doch nicht neugierig . . .?« »Durchaus nicht.« »Nun, schön also. Sie bittet mich sehr zu kommen, und ich kann es ihr nicht gut abschlagen. Ellen und Mertens passen ja auf dich auf. Bist du böse, wenn ich gehe?« »Aber durchaus nicht. Wie sollte ich böse sein! Grüße Klara von mir und unterhalte dich gut!« Eine halbe Stunde später erschien sie wieder bei mir, diesmal reisefertig, um sich von mir zu verabschieden: »Du bist mir böse?« »Aber Lise!« »Nun also: auf Wiedersehen. Nimm recht ordentlich ein!« Am Abend des folgenden Tages kam sie zurück. »Nun wie ist es dir gegangen?« »Ganz gut!« »Nicht besser?« »Nein.« »Aber doch auch nicht schlechter?« »Nein. – Nun, und ist eure Heiratsgeschichte abgemacht?« »Noch nicht ganz; aber ich hoffe, es kommt in Ordnung. – Nur werde ich dich übermorgen noch einmal verlassen müssen. Aber das ist dann sicherlich das letztemal.« »Und darf man noch nicht wissen, um wen es sich handelt?« »Wenn ich das nächste Mal zurückkomme, sollst du es erfahren . . . natürlich, wenn alles in Ordnung kommt.« Ich fragte nicht weiter. Ich hatte eigentlich nur aus Höflichkeit Teilnahme gezeigt. Es kam alles in Ordnung; aber wie das geschah, erfuhr ich erst später. Elise hatte, wohl zum ersten Male in ihrem Leben, eine Unwahrheit gesagt, als sie mir angekündigt hatte, sie gehe zu Klara. Die Unwahrheit wird ihr sicherlich verziehen werden.   Elise hatte mich in ihrer besorgten Liebe für kränker gehalten, als ich wohl eigentlich war, und der Arzt, den sie nach seinem ersten Besuche auszuforschen versucht, hatte sie keineswegs beruhigt. Er hatte gefragt, ob ich etwa eine schmerzliche, seelische Aufregung gehabt habe. Elise, die dem Arzt nichts verschweigen zu dürfen glaubte, hatte von meiner Scheidung gesprochen. »Wann hat die stattgefunden? Ich frage nicht aus Neugierde, gnädiges Fräulein!« »Vor sechs Monaten.« »Das ist ja schon ziemlich lange her. Ihr Herr Bruder müßte seine Frau sehr geliebt haben, wenn er den Schmerz der Trennung von ihr heute noch nicht überwunden hätte.« »Glauben Sie, daß eine Wiedervereinigung mit ihr ihn heilen würde?« »Das kann ich unmöglich bestimmt versichern«, sagte der Arzt, augenscheinlich überrascht. Es erschien ihm doch wohl bedenklich, eine Wiederannäherung der geschiedenen Gatten anzuempfehlen. Es wäre ein gar zu gefährliches Experiment gewesen – und es konnte mißglücken! »Ich wollte nur sagen,« fuhr er laut fort, »daß, wenn es ein Herzenskummer sein sollte, der Ihren Herrn Bruder krank gemacht hat, die Krankheit durch Beseitigung des Kummers möglicherweise gehoben werden könnte. Aber ganz sicher ist kein Heilmittel, gnädiges Fräulein: das wird Ihnen jeder gewissenhafte Arzt sagen. Vorläufig wollen wir meine Medikamente wirken lassen.« Aber die Medikamente wirkten nicht, und immer fester wurde in Elisen die Überzeugung, daß es nur ein Mittel gäbe, um mich wieder gesund zu machen. – Sie war ein mutiges Mädchen, wo es sich um das Wohl derer handelte, die sie lieb hatte. Und seit dem Tode unseres Vaters war ich ihr das Liebste auf der Welt. Sie telegraphierte an Fräulein Natalie Ellrichs und bat diese um eine Zusammenkunft in Berlin. Die Antwort erfolgte umgehend: Natalie Ellrichs stellte sich Fräulein Elise von Nortorf zur Verfügung: diese möchte bestimmen, wann Fräulein Ellrichs die Ehre haben sollte, sie in der Wohnung ihrer Eltern zu empfangen. – Darauf reiste Elise nach Berlin. Was dort zwischen den beiden vorging – darüber fehlt mir ein klarer Bericht. Keine von ihnen schien sich später noch genau zu erinnern, was die eine oder die andere gesagt hatte. Nur so viel stand fest, daß in dieser ersten Zusammenkunft viel geweint worden war, und daß Elise und Natalie, nachdem sie sich verständigt hatten, als gute Freundinnen voneinander geschieden waren. Nataliens Eltern, die unter einem geheimnisvollen Schmerze, der an ihrer geliebten, einzigen Tochter nagte, ebenso litten wie Elise an meinem Kummer, waren zunächst im höchsten Grade überrascht gewesen, als Natalie ihnen mit großer Verlegenheit mitgeteilt hatte, Fräulein Elise von Nortorf habe für ihren Bruder Hermann um ihre Hand angehalten. Nach einer kleinen Weile, während der Frau Ellrichs sich nervös gefächelt, hatte Herr Ellrichs gerufen: »Für Hermann? Meinen Freund? Das habe ich mir immer gedacht! Der paßt auch viel besser für dich als sein Bruder. Ein prächtiger Mensch!« Und als darauf Natalie ihren Vater unter Tränen umarmt, da hatte sie gewonnene Sache gehabt. Er und Frau Ellrichs hatten nur nach vielem Hin- und Herreden noch den Wunsch ausgesprochen, daß die Angelegenheit möglichst still – am besten wohl auf dem Gute in Nortorf – zu Ende geführt werde, und daß bis dahin mit niemand darüber gesprochen werden sollte. Am selben Tage noch hatte Natalie meine Schwester ihren Eltern vorgestellt. Elise konnte von unwiderstehlicher Liebenswürdigkeit sein. Herr und Frau Ellrichs hatten allen ihren Vorschlägen zugestimmt. Diese waren etwas außergewöhnlich gewesen – aber meine Krankheit, die Notwendigkeit, mich gesund zu machen, hatte schließlich alle Bedenken beseitigt.   Ich lag im Bette und hielt ein Telegramm Elisens in der Hand. »Um drei Uhr bin ich bei dir. Bereite dich auf eine freudige Überraschung vor!« »Was sie mir wohl mitbringen wird?« fragte ich mich, und ich dachte an irgendeine Spielerei. – Ich war nicht neugierig und vergaß das Telegramm bald wieder. Gegen drei Uhr hörte ich den Wagen vorfahren und vernahm Elisens und Ellens Stimmen, ohne zu verstehen, was sie sagten. Es dauerte etwas lange, ehe Elise kam; aber ich wurde nicht ungeduldig. Es war ein schöner warmer Sommertag. Die Fenster des Zimmers, in dem ich lag, standen offen. Ich hörte die Vögel singen und das Rauschen der großen Bäume. Mir wurde feierlich zumute, und ich lag ganz still. Da hörte ich leise Schritte – dann wurde leise angeklopft. Die Türe öffnete sich, und darin erschienen zwei schlanke Frauengestalten. Die größere und ältere hielt die Hand der anderen, die einen halben Schritt hinter ihr stand, als scheute sie sich einzutreten. »Hermann!« sagte Elise. »Hier bringe ich dir deine Braut!« Und nun war alles gut.