Timm Kröger Eine stille Welt Novellen – Erster Band Inhalt Persönliches:     Zur Gesamtausgabe     Plattdeutsch oder Hochdeutsch,         wie lasse ich meine Bauern reden?     Klaus Groth Vorwort Dreschermelodien Auf der Heide Im Moor Die Roßtrappe von Neudorf Die Justiz auf Irrwegen Er soll dein Herr sein! Ein Butenmensch Mit dem Hammer Im Knickweg Anna und Elsa und deren Kinder Kaspar Wie Jörn Hölk den Teufel zitierte Eine Geschichte, die man nicht zu glauben braucht Wenn einer abstehende Ohren hat An der Pforte des Glücks Ein Wanderlied Hein Wieck, eine Stall- und Scheunengeschichte Persönliches Zur Gesamtausgabe Sparrenwerk alter Bauernhäuser ... Wenn ein Winddruck auf dem Rethdach liegt, beginnt ein Wiegen und Rauschen, man kann, vorausgesetzt, daß einem die alten Kasten lieb sind, ihre Sprache deuten. »Ein Jahrhundert«, so raunt es, »dauert unser Leben, wenn es hoch kommt, etwas mehr. Und dann ist das Ende da, aber davon ist nicht zu reden ... der Welt Lauf. – Nur ein paar eichene Balken, doppelt zäh und stark vor Alter, Ruß und Rauch, wird man, so hoffen wir, für gut genug gehalten, dem einzufügen, was über unserer Herdstätte neu entsteht.« Ich stehe vor einem Lebensabschnitt, worin die uns zugemessenen Jahre beschlossen zu sein pflegen. Wind und Wetter liegen zuweilen schwer auf dem Dach, ich philosophiere daher wie ein altes Bauernhaus, hoffe auf ein paar Bretter und Balken und – sammle. Ich schrieb keine Dramen, keine großen, ein Weltbild vorstellen sollenden Romane, und veröffentlichte kaum Gedichte. Indem ich mich von nichts anderem als von dem leiten ließ, was mich seelisch trieb, wurde ich das, was man vielleicht einen Spezialisten der Heimatnovelle nennen darf.   Ich heiße, was ich geschaffen habe, › Novelle ‹, wohl wissend, daß der Name anfechtbar ist. Wäre es mir an erster Stelle um Genauigkeit zu tun, so müßte ich vielleicht sagen: ›Novellen, Skizzen und Erzählungen‹ – oder, da die Begriffe ›Novelle‹ und ›Skizze‹ verwaschene Formen angenommen haben, schlichtweg ›Erzählungen‹ oder › Geschichten ‹. Ich habe aber davon abgesehen, weil ich nun mal mit der aufgeklebten Marke › Novellist ‹ bekannt geworden bin. Auch würde es doch wohl nicht so recht stimmen, denn das, was ich bringe, will ebensosehr wegen seiner Form und in dem Wie der lyrischen Verzierungen gewürdigt sein, wie in dem Was des Geschehens. Aber ich gebe zu, daß der Name anfechtbar erscheinen kann, möchte diesem Zugeständnis jedoch ein Fragezeichen, eine Einschränkung, hinzufügen. Denn das, was man früher etwa nach den Erklärungen von Goethe und Paul Heyse unter ›Novelle‹ verstand, versteht die moderne Dichtung doch wohl nicht mehr darunter. Früher war bei epischen Dichtungen die Darstellung der Erscheinungen außerhalb der Helden (äußerer Raum) die Hauptsache, neuerdings ist die Wiedergabe des Innenlebens (innerer Raum), sind die psychologischen Vorgänge ebenso wichtig geworden, wenn nicht noch wichtiger, und möglicherweise entsprechen meine ›Novellen‹ einigermaßen dieser modernen Anforderung. Daher bleibe ich, den Kometenschweif ›Novellen, Skizzen und Erzählungen‹ vorweg ablehnend, bei der Bezeichnung ›Novellen.‹   Der Versuchung, die bessernde Hand anzulegen, habe ich im allgemeinen widerstanden, in der Regel beschränkte ich mich darauf, gewisse Zwischenzeichen zu entfernen, womit ich früher dem Vortrag und dem Verständnis meiner Leser goldene Brücken habe bauen wollen. Denn nun ist das Vertrauen zu meiner Gemeinde in ebendemselben Maße gewachsen, wie meine Vorliebe für Gedankenstriche und Punkte gemindert. Ganz habe ich aber meiner Absicht nicht treu bleiben können. » Sturm und Stille « (in Band 2) mußte durch eine räumlich unerhebliche Einschaltung eine bessere Motivierung der Handlung erhalten, » Der Einzige und seine Liebe « (in Band 5) bedurfte der bessernden oder vielmehr der umarbeitenden Hand, ein Teil des Schlußkapitels in » Um den Wegzoll « (im selben Band) konnte in der alten Form nicht weiter passieren, und endlich war im » Schulmeister von Handewitt « (ebenfalls in Band 5) zu versuchen, die Darstellung einer Szene flüssiger zu gestalten.   Ohne Absicht und Vorsatz mich treiben lassend, wohin der Strom meiner Sehnsucht wollte, bin ich Heimatdichter geworden. Den zumal früher über die Heimatdichtung ausgegossenen Spott habe ich leicht ertragen. Ich konnte es, ich befand mich in guter Gesellschaft: Klaus Groth, Theodor Storm, Johann Hinrich Fehrs, Fritz Reuter, Jeremias Gotthelf, Gottfried Keller und Wilhelm Raabe können als Heimatdichter angesprochen werden; Peter Rosegger rechne ich auch dazu, von vielen anderen zu geschweigen. Heimatkunst ist überhaupt eine alte Kunst, nichts Neues. Sie kann auch nicht aussterben, es müßte denn zuvor jede Sehnsucht nach , es müßten alle Erinnerungen an Heimat und Jugend und Kindheit in uns ausgetilgt worden sein. Früher lehrte man, daß echte Kunst keinen außerhalb ihrer selbst liegenden Zweck zu tragen vermöge, und ich denke, daß der Satz noch immer Gültigkeit hat. Der Künstler will Genuß bereiten, das heißt edlen künstlerischen Genuß, und nichts als das. Dieser Genuß kann und wird freilich in dem Kreis der Empfangenden eine Veredelung der Gesinnung und möglicherweise in weiterer Folge auch ihrer Taten zur Folge haben; von der Zweckbestimmung des Künstlers wird das aber nicht mehr umschlossen. Alles das gilt zumal für den Dichter. Er schreitet wie ein Gott durch die Lande. Öfters verwandelt sich ein Wort seines Mundes in Gold, die reich zu machen, welche zu suchen und zu finden wissen; er selbst aber weiß nichts davon, will nichts davon wissen. Unbekümmert zieht er seine Straßen den tönenden Wettgesängen seiner Sonnen entgegen. Die Poesie verträgt keinen außerhalb ihrer selbst liegenden Zweck. Hiergegen verstoßen die Heimatdichter, die ihre Schöpfungen wie Traktätchen behandeln, als Prediger der Heimatliebe auftreten, um ausgesprochenerweise Andere zu derselben Gesinnung zu bekehren. Insofern dieser Fehler von Einzelnen nicht vermieden sein sollte und der Tadel unserer Gegner sich hiergegen richtet, halte ich ihn für berechtigt. Als wesentliches Merkmal der Heimatdichtung oder Heimatkunst erkenne ich ihre Gebundenheit an einen Ort oder an eine bestimmte Landschaft mit Unterstreichung der in dieser Umwelt hervortretenden Eigenart bei Menschen sowohl wie bei der Natur. Im übrigen wird das ganze Gebiet dichterischer Darstellung von ihr so gut wie von anderer Dichtkunst ausgenutzt. Ein echter Heimatdichter wird seine Gestalten mit klarer Hervorhebung scharfer Charakterköpfe nicht weniger ins Typische und Allgemeinmenschliche hinaufheben wie ein Romanschreiber, der sich vorgesetzt hat, eine Welt an uns vorüberrollen zu lassen; und mit demselben Recht wie jeder andere Dichter klopft auch der Heimatdichter mit allen unlösbaren Fragen der Warum und Wie und Wohin an die Tore des Ewigen. Nur in einem Punkte legen die meisten sich Beschränkung auf: sie lehnen es ab, in den Stürmen der Zeit die Rolle von Kämpfern zu übernehmen. Und hier läuft, wie mir scheint, der Strich, der uns von den Ganzmodernen scheidet, die just hierin, im Fanfarenton neuer Bestrebungen, die Aufgabe der Dichtkunst erblicken. Die Heimatkunst verächtlich über die Achsel ansehend, geben sie ihr das Merkmal der Philisterenge und spotten über die Poesie des Glücks im Winkel. Nach unserm Dafürhalten durchaus mit Unrecht. Sie nehmen an, die Ideen ihrer Zeitdichtungen seien für uns zu groß, und ahnen nicht, daß sie uns zu klein erscheinen. Ich möchte nicht mißverstanden werden und füge deshalb hinzu, daß selbstverständlich auch ein noch unausgegorenes Parteiverlangen Gegenstand künstlerischer Darstellung sein kann, wenn es dem Dichter gelingt, die Unruhe der Zeit in einer darüber schwebenden künstlerischen Ruhe aufzulösen; freilich ein absolut ewig Gültiges wird sich in solcher Dichtung auch im günstigsten Fall kaum ausdrücken lassen. Alles, was Altmeister Goethe derzeit über das politische Gedicht gesagt hat, gilt auch hier, wir dürfen in dem nachfolgenden Zitat dreist für ›politisches Gedicht‹ ›Zeitdichtung‹ setzen und es für unsere Ansicht in Anspruch nehmen. »Ein politisches Gedicht«, sagt er, »ist überhaupt im glücklichsten Fall immer nur als Organ einer einzelnen Nation und in den meisten Fällen als Organ einer gewissen Partei zu betrachten.« Und weiter: »Auch ein politisches Gedicht ist immer nur als Produkt eines gewissen Zeitzustandes anzusehen, der aber vorübergeht und dem Gedicht für die Folge denjenigen Wert nimmt, den es vom Gegenstand hat.« Wir lehnen also ab, Partei zu nehmen, dabei wohl wissend, daß alle Bestrebungen in letztem Grunde einen berechtigten Kern haben, sowohl die auf Neuerung bedachten wie die auf tunlichste Erhaltung des Bestehenden gerichteten. Und wenn es gelänge – jedem Versuch in diesem Sinne bezeugen wir unsere aufrichtige Hochachtung – wenn es gelänge, die Einheit aller zur Darstellung zu bringen, wir würden darin den Gipfel der Gegenwartskunst erblicken. Leider zeigt sich jetzt noch kein befriedigendes Bild. Wir möchten es ungeheuren Bruchstellen vergleichen, die einem Schüler auf die Tafel geschrieben sind, damit er den Generalnenner finde. Er kann ihn nicht finden, die Berechnung wächst in ein Unermeßliches von Ziffern und Zahlen. Da erscheinen Rechenmeister eben so viele wie Bruchstellen, und jeder erklärt eine Grundzahl der aufgegebenen Brüche für den Generalnenner, in dem jede Größe aufgehe, jeder Rechenmeister aber einen anderen. Bei diesem Kriege aller gegen alle tun wir nicht mit, da steigen wir lieber mit Faust hinab zu den Müttern, als den Hütern der ewigen unvergänglichen Ideen, oder fliegen hinauf zu Ihm, der am großen Webstuhl des Alls sitzt und seine Weberschiffchen schießen läßt.   Noch eine Frage möchten wir streifen: Wer verbirgt sich in dem Ich einer Icherzählung, insbesondere meiner in erster Person gegebenen Novellen? Wer aus einem Leid ein Lied, will sagen eine Dichtung, macht, kann das in erster Person tun, kann seine Bekenntnisse aber auch einer dritten Person beilegen, denn an sich ist es gleichgültig, ob man sich in erster oder in dritter Person einführt, wie denn auch umgekehrt eine Icherzählung mit einem Bekenntnis oder auch nur mit einem Erleben des Verfassers gar nichts zu tun zu haben braucht. Zuzugeben aber ist, daß für sogenannte Konfessionen die Ichform die frischeste und natürlichste, weil ungebrochene, und für alle Erzählungen, worin seelische Vorgänge einen breiten Raum einnehmen, am besten geeignet ist. Sie hat zugleich den Vorzug, daß sie die Wissensquelle des Dichters beständig vorzeigt, was nach den geheimnisvollen Gesetzen des künstlerischen Genießens hier und da notwendig ist. Sie gibt für den Verlauf der Handlung einen festen Leiter, da der Verfasser nichts erzählen kann, was er nicht angeblich selbst erlebt hat oder ihm sonst zur Kunde gekommen ist. Das sind Binsenwahrheiten, ich werfe sie leicht hin, um hinsichtlich meiner eigenen Geschichten zu der Bitte zu gelangen, nicht zu vergessen, daß ich dichte und keine Denkwürdigkeiten schreibe, daß der Rückschluß auf das zugrunde liegende Tatsächliche mit Vorsicht zu machen ist, zu welcher Bitte ich nach gelegentlichen Bemerkungen meiner verehrten Rezensenten Veranlassung zu haben glaube. In erster Linie berichte ich jedenfalls rein künstlerisches Erleben. Das gilt auch von dem, was ich von Fritz Twisselmann erzähle, den man gewöhnlich für mein pures Alter Ego hält. Ich sage freilich in »Heimkehr«: »Der Fritz Twisselmann bin ich selbst«, habe aber dadurch keine vollständige Personeneinheit mit mir selbst herstellen wollen. An sich sollte er nur als das »Ich« in den Erzählungen des Bandes vorgestellt sein, das nach obigen Bemerkungen nicht der Verfasser zu sein braucht, wenn auch die Annahme einer seelischen Zwillingsbruderschaft mit ihm berechtigt und begründet ist.   In meiner Sammlung beschränke ich mich auf Novellen, kaum noch im Zweifel darüber, daß darin alles beschlossen ist, was bislang von mir aufbewahrungswert erscheint. In den ersten fünf Bänden wird man in neuer Anordnung und in neuer Aufmachung das finden, was die bisher erschienenen zwölf Bändchen umfaßten, dazu neun neue, bisher nicht in Buchform veröffentlichte Stücke. Nachfolgen werden im sechsten Band zwei umfangreichere neue Novellen: » Daniel Dark « und » Dem unbekannten Gott «. Ich hätte meine Dichtungen gern in chronologischer Folge ihres Entstehens gebracht, es ist das auch nicht ganz außer acht gelassen worden. Es durchzuführen war bei meiner Arbeitsweise, wo die Nach- und Umarbeitungen sich öfters durch Jahre erstrecken, nicht möglich. Ich will aber versuchen, in Vorbemerkungen zu den einzelnen Bänden die Zeit anzudeuten, wohin ich die Entstehung verlegen zu müssen glaube. Das soll freilich nur einen ganz allgemeinen Erinnerungswert bedeuten, da ich, wenigstens jetzt, verhindert bin, mir die zur Ermittelung der richtigen Zeit erforderliche Mühe aufzulegen. Leichter als nach der Zeit schien mir eine Ordnung nach dem Ideeninhalt, und ich glaube gerade dadurch das beste Hilfsmittel demjenigen an die Hand zu geben, der sich etwa für meine Entwicklung interessiert. Die den einzelnen Bänden gegebenen, beziehentlich ihnen belassenen Titel mögen dabei ein Hilfsmittel sein.   Wie soll ich meine Bauern reden lassen, plattdeutsch oder hochdeutsch? Hierüber schickte ich derzeit meiner Novelle »Des Reiches Kommen« einige Bemerkungen voran. Ich lasse sie auch jetzt wegen ihrer grundlegenden Bedeutung folgen.   Folgen lasse ich auch meinen Aufsatz » Klaus Groth, ein Gedenkblatt «. Er mag als eine Art Widmung an die Manen des großen plattdeutschen Lyrikers hingenommen werden.   Endlich – Abtragung einer alten Schuld. Mein Freund, der Schriftsteller Jacob Bödewadt, hat bei dem Werk alle Mühen der Herausgeberschaft übernommen. Das sei ihm an dieser Stelle von Herzen gedankt.   Kiel, im Oktober 1913 Timm Kröger Plattdeutsch oder Hochdeutsch, wie lasse ich meine Bauern reden? Wie lasse ich meine Helden reden, wenn ich, hochdeutsch schreibend, aus einer Welt erzähle, in der man plattdeutsch spricht, zumal die eingeführten Personen plattdeutsch sprechen? Der Wunsch und die Aufgabe treuer Wirklichkeitswiedergabe drängt darauf hin, die Leute im Buch so reden zu lassen, wie sie im Leben tun, also – plattdeutsch. Plattdeutsch reden zu lassen. Meinetwegen auch schlesisch und schwäbisch, wenn das Stück in Schlesien oder in Schwaben spielt. Das Plattdeutsche nenne ich, weil die Not des Plattdeutschen mir am nächsten liegt. Mir, dem niederdeutschen Bauerngeschichtenschreiber, brennt das Plattdeutsch meiner Gestalten auf den Fingernägeln. Wie soll ich es machen? Soll ich meine Bauern plattdeutsch reden lassen?   Wäre es des Erzählers vornehmste Aufgabe, mit allen Mitteln der literarischen Photographie und Phonetik möglichst getreue Bilder eines innerlich gesehenen Vorgangs zu schaffen, dann wäre die Sache nicht fraglich. Dann müßten Erzählungen wie die, die ich im Auge habe, in zwei Sprachen geschrieben werden: der Dialog plattdeutsch, die Umrahmung, das Verbindende hochdeutsch. Das ist auch die Weise vieler, vielleicht der meisten Erzähler. Daß der einheitliche Eindruck ihrer Schöpfungen dadurch beeinträchtigt wird, daß diese bunt und gesprenkelt erscheinen, übersehen sie ja sicherlich nicht, setzen sich aber darüber hinweg. Das Gebot des Realismus steht ihnen höher als das Gesetz der Einheitlichkeit. Auch das können sie nicht verkennen, daß ein Teil der Leser, an die sie sich wenden, sprachliche Schwierigkeiten zu überwinden hat, sich den in der Mundart geschriebenen Teil anzueignen, und daß die Feinheiten des Plattdeutschen von vielen nicht verstanden werden. Auch der Schaden muß durch die überzeugendere Realistik, die man vermeintlich erreicht, gedeckt werden. Hie Realismus, hie Einheitlichkeit: restlos geht die Gleichung nicht auf – ein Abfinden bleibt. Und dabei handelt es sich um Gründe und Gegengründe, die im Boden des Geschmacks wurzeln, mithin dem Unwägbaren und Unmeßbaren angehören. Ich habe also, wie jeder, das Recht der eigenen Meinung. Und meine Meinung hat sich nach langem Schwanken dahin befestigt, daß ich die im Leben plattdeutsch sprechenden Bauern im Buch hochdeutsch reden lasse.   Zunächst stelle ich mich auf den Standpunkt des Lesers und frage ihn: Was ist dein Recht, was möchtest du am liebsten? Und da finde ich: Der Leser hat das Recht, Genuß zu verlangen, selbstverständlich einen künstlerischen Genuß, aber doch immerhin eine Freude und zwar, soweit es möglich ist, eine durch keine Mühe beeinträchtigte. In gewissem Sinne hat das Aufschreiben einer erdichteten Geschichte doch nur den Zweck und keinen anderen als den, dem Leser diesen Genuß zu verschaffen. Versteht man die Mundart leicht, dann bleibt immer noch das Bedenken, daß man im Gehirn Umschaltungen vornehmen muß, um bald Hochdeutsches, bald Plattdeutsches entgegenzunehmen. Selten ist aber alles so gut bestellt, selten hat ein Leser beim Plattdeutschen einen verhältnismäßig mühelosen, also ebenso selten einen ganz reinen Genuß. Und das Gesprenkelte der Darstellung ist unter allen Umständen in Abzug zu bringen. Man schelte diese Betrachtung nicht kleinlich. Der Leser soll die Ruhe und das Behagen haben, das ein wirkliches Kunstwerk gibt und nur dies geben kann. Ein wirkliches Kunstwerk hat aber etwas von Schmetterlingsflügeln an sich, denen der Duft abstäubt, wenn man sie greift. In diesem Fall: wenn der Leser sich an eine Wendung, an eine dem Verständnis und dem Gefallen nicht ganz eingehende Stelle stößt, dann ist die Blüte des Gefallens zerstoben. Und noch ein Grundbedenken gegen die unverbrüchliche Treue der Wirklichkeitswiedergabe: Ich bin Realist oder bemühe mich doch, es zu sein, ein Fanatiker dieser Richtung bin ich aber nicht. Muß denn alles durch Platte und Phonograph festgehalten werden? Gewinnt nicht manche Äußerung in einem zwar unwirklicheren, aber dafür dem Leser vertrauteren Gewand? Wenn ich literarische Kunst genieße, so soll meine Illusion kein Vergessen sein. Im Gegenteil, ich will mir bewußt bleiben, daß ich nicht die Dinge selbst sehe, sondern ihre Abbilder erblicke, wie sie sich in der Vision des Dichters darstellen. Was mir erzählt wird, will ich durch den wellentreibenden Duft, der an hellen Sommertagen über die Felder zieht, wahrnehmen. Ein zartes Blau der Ferne soll für und für Dinge und Personen umweben.   Wo der Dichter Tatsachen erzählt, hat er manche Mittel, diese Wirkung hervorzubringen, wo er Gespräche mitteilt, fördert die Übertragung ins Hochdeutsche sie in vielen Fällen. Vor allen Dingen das »Wie« der hochdeutschen Wiedergabe. Ich bin der Ansicht, plattdeutsche Helden sollen zwar hochdeutsch sprechen, sie sollen es aber in einer Weise tun, daß der Leser den plattdeutschen Grundton heraushört. Die Worte müssen danach gewählt sein, der Aufbau der Sätze muß plattdeutsch sein, die Gedanken und ihre Verbindungen auch. Ein Leser, der plattdeutsch versteht, muß sich in den Irrtum einlullen können, daß er Plattdeutsches höre oder lese. Und je vollständiger dies dem Dichter gelingt, desto mehr wird er auch der Kunst gerecht, den poetischen Sommerduft um seine Gestalten zu spinnen. Bekanntlich sind die von den Evangelisten mitgeteilten Reden unsers Religionsstifters nicht in der uns überlieferten griechischen Sprachform, sondern, soweit sie überhaupt echt sind, in aramäischer Mundart gesprochen worden. Der Theologe Harnack braucht einmal das Bild, die griechische Sprache ruhe wie ein Schleier darüber, das Aramäische schimmere überall durch. Und das ist das, was ich für die hochdeutschen Äußerungen der plattdeutschen Bauern erreicht sehen möchte. Wie soll der Dichter das machen? Selbstverständlich muß er sich erst in plattdeutscher Sprache von seinen Figuren das sagen lassen, was sie vorzutragen haben. Das muß er festhalten und dann Wort für Wort recht getreu mit plattdeutschen Wendungen (sind sie im Hochdeutschen mit dem Anhauch von Unschuld ungebräuchlich und fehlerhaft: um so besser!) übertragen. Bei längeren Auseinandersetzungen leistet die indirekte Redeweise vortreffliche Dienste. Da läßt sich noch mehr als bei direkter Wiedergabe der Unterton schaffen, aus dem man den Plattdeutschen heraushört. Der Leser soll herausfühlen, daß er Plattdeutsche vor sich hat. Zweckmäßig ist es, ihn hieran dann und wann durch kurzen Trommelschlag zu erinnern. Meine Trommelschläge sind – plattdeutsch wiedergegebene Bemerkungen der Bauern, grob und kahl, ohne ersichtlichen Grund, in den hochdeutschen Text hineingestellt ... und zwar auf Kosten des für ein paar Sekunden in die Brüche gehenden Gesetzes der Einheit. ... Wenn der Verfasser Takt hat, dann wird er wissen, wann und wie oft er es tun darf. Zu lang dürfen die Einschiebsel nicht sein. Der Leser soll darüber hinwegkommen wie ein Waghals, der über Eisschollen springt. Eigentlich ist sein Gewicht zu schwer für die Scholle, aber bevor diese dazu kommt zu zerbrechen, schwingt er sich schon über andere. Bevor dem Leser recht zum Bewußtsein kommt, daß der Dichter an dem Gesetz der Einheitlichkeit frevelt, hat er den Fuß schon wieder auf festem, schriftdeutschem Boden.   Zum Schluß ein Vorbehalt, der vielleicht ungesagt bleiben könnte: Was ich ausgeführt habe, kann sich nur auf Erzählungen beziehen, die nicht wesentlich humoristisch wirken wollen und ein Hauptmittel ihres Humors gerade in der Aufzeichnung der in der Mundart enthaltenen oder doch durch sie schärfer beleuchteten Komik erblicken. Selbstverständlich wird der Verfasser solcher Erzählungen auf die unverfälschte und unübertragene Wiedergabe der Reden nicht verzichten können, und ebensowenig wird der Leser darauf verzichten wollen. In einigen Fällen dieser Art wird es sich freilich empfehlen, die ganze Geschichte in plattdeutscher Sprache vorzutragen. Klaus Groth Als ich noch jung war und von einem Lied und Gedicht persönliche seelische Vorteile erwartete: Erlösung von einem mir allein gehörigen Leid, Aufweichung von innerlich Verhärtetem oder auch Wach-machen, Zum-tönen-bringen einer bisher heimlichen, kaum eingestandenen Freude – da ich, mit einem Wort, noch nichts von der Objektivität wußte, die für höchst persönliche Seelennöte kein Gehör hat, da klang mir von allen Quickbornliedern des Altmeisters Klaus Groth keines so schön wie das frohe, im sicheren Besitz der Geliebten aufjubelnde »Min Anna is en Ros' so rot.« Min Anna is en Ros' so rot, Min Anna is min Blom, Min Anna is en Swölk to Fot, Min Anna is as Melk un Blot, As Appel oppen Bom. De Vullmach hett en Appelgarn Un Rosen inne Strat; De Vullmach kann sin Rosen wahrn, De Vullmach kann sin Appeln arn: Min Anna is min Staat! Se is min Staat, se is min Freid Un allens alltomal, Un wenn de Wind de Rosen weiht, Un wenn de Wind de Appeln sleit, Se fallt mi nich hendal. Se fallt ni af, se fallt ni hin, Se hett son frischen Mot; So blöht min Hart, so blöht min Sinn, Min Anna blift de Blom derin Bet an min seli Dod. Ich war also noch sehr jung, aber lange dauerte es doch nicht, da begann ich selbst, an dem Mitleid, das ich mir zollte, herumzuzerren. Das Leben kam und half und reutete den größten Teil hinweg. Und als das meiste weggereutet war, da wollte ich die Gedichte des »Quickborn« anders lesen, es gelang mir aber nur halb. Zwar fand ich Edelsteine in dem unvergleichlichen Gedichtbuch, deren Leuchten mein Annalied sogar überstrahlte, aber die Vorliebe für das Annalied sproßte noch immer auf. Ja, ich will ehrlich sein, noch jetzt spüre ich etwas wie Streicheln und Kosen und höre Liebesworte, wenn ich meinen »Quickborn« hernehme und die Blätter bei dem Triumphgesang der Annahymne auseinanderfallen.   Es war im Herbst 1863, da sah ich den Dichter selbst. Ich war ziemlich unverfälscht vom Lande her nach Kiel gekommen, um mich allmählich in einen Kandidaten der Gelehrsamkeit zu mausern. Im Düsternbrooker Weg begegnete mir und einem mich begleitenden Freunde eines Tags ein hochgewachsener Herr in einem schwarzen Rock. Ich erinnere mich, daß der Mann im besten Mannesalter stand, frische Farben zeigte und weiches, volles Haar hatte, ich meine: dunkles. »Da kommt Klaus Groth, der Dichter vom »Quickborn««, sagte mein Begleiter. Wir zogen unsere Kappen und erhielten dafür Gegengruß und ein freundliches Lächeln. Seitdem zog ich immer Hut oder Mütze, wenn ich Klaus Groth in den Weg lief. Und immer dachte ich dabei an das Annalied. Und wenn ich an dies Lied dachte, füllte das Weh nach meinem Dorf, nach Acker und Feld und Wald und der Schmerz um noch etwas die weichen Rinnsale meiner Seele. Ich trug aber immer einen Gewinn von solcher Begegnung heim. Mir war, als liege eine Art Dichterweihe auf meinem Haupt. Groths persönliche Bekanntschaft zu machen, mich ihm zu nähern, der Gedanke kam selbstverständlich gar nicht auf. Gegenteilig – schließlich begann ich meine Berechtigung, vor ihm den Hut zu ziehen anzuzweifeln und schlich nun still vorüber.   Und wieder vergingen Jahre. Das Leben wirbelte mich, trieb mich nach verschiedenen Universitätsstädten und später als Beamten durch die Provinzen des preußischen Staats. Erst im Jahre 1892, als ich mich den Fünfzigern näherte, kam ich zum dauernden Aufenthalt nach des Dichters Wohnsitz, nach Kiel zurück. Ich war inzwischen selbst Schriftsteller geworden, hatte ein paar Bücher geschrieben, die bei der Kritik Anerkennung gefunden hatten, bei dem Publikum aber unter den Tisch gefallen waren. Nach dem ersten halben Jahr nahm ich dort Wohnung, wo ich noch jetzt hause, nicht weit vom Klaus-Groth-Platz und von dem bescheidenen, daselbst an der Ausmündung des Schwanenwegs belegenen Landhaus des Dichters. Ihn selbst erblickte ich selten. Am häufigsten geschah es noch, wenn ich vom Hafen her den Schwanenweg herauf ging, an der Dornenhecke des Grothschen Gartens entlang. Die Hecke war so unerzogen, so wild aufgewachsen, daß sie sogar die durch das Lied »Min Port« berühmt gewordene Gartenpforte für den Kommenden so lange verdeckte, bis er auf ihrer Höhe angekommen war. Eines Tags schrak ich ordentlich zusammen – unmittelbar vor mir lehnte der alte Klaus Groth über seine Pforte und musterte mich mit seinem klaren grauen Auge. In dieser Stellung traf ich den Altmeister wiederholt, und angesichts seines Auges nahm ich mir wieder die Freiheit, den Hut zu lüften. In meinen Jahren hätte ich Heimweh und ähnliche durch kein greifbares Ding gerechtfertigte Gefühle längst abtun sollen, hätte das sonst auch getan, nun aber, ich konnte mir nicht helfen, wollte wieder was aufkommen. Aber der Posaunenjubelton des Annaliedes brach durch die weinerliche Sehnsucht siegreich hindurch. Einmal führte mich ein geschäftlicher Gang persönlich zu dem Dichter. Das brachte uns aber nicht näher. Der Dichter war nicht ganz wohl, das, was die Veranlassung meines Besuches gewesen, war in wenigen Minuten erledigt, unnötig durfte ich nicht verweilen. Die Flügelpforten klappten rasch wieder hinter mir zusammen, aus ihrem Ton hörte ich aber eine tröstliche Verheißung heraus. Aber die Linden im Klaus-Groth-Garten grünten und blühten und warfen im Herbst ihr Jahresgold hin und taten es mehrere male, und immer noch hatte die alte Gartenpforte die mir gegebene Verheißung nicht eingelöst.   Im Herbst 1897 erschien mein Buch: »Die Wohnung des Glücks«. Da entschloß ich mich kurz und schickte es dem Dichter »als Nachbar vom Klaus-Groth-Platz« zum Zeichen der Verehrung. Schon nach wenigen Tagen erhielt ich ein überaus liebenswürdiges und anerkennendes Schreiben, und gleich darauf machte ich meinen Besuch. Ich ging, ich wills gestehen, nicht wenig gehoben durch die Pforte und gehörte seitdem zu dem engeren Kreise, der sich zur Dämmerstunde um den Alten in der »Kajüte« versammelte. Seine Kajüte nannte er bekanntlich sein kleines, direkt mit dem Garten verbundenes Zimmer im Erdgeschoß, das er zu seinem Lieblingsaufenthalt erkoren hatte. »Nicht da«, rief der Dichter, als ich bei meinem ersten Besuch, seiner Bitte folgend, mich setzen wollte und dafür einen am Fenster stehenden Stuhl zu wählen im Begriff war. »Nicht da, da springt Ihnen der Papagei auf den Kopf.« Nun erst sah ich einen großen grünen Philosophen auf seiner Stange. Er schnatterte in seiner Gaumensprache etwas, was ich dahin deutete, er halte sich allerdings für berechtigt, den am Fenster sitzenden Leuten auf den Kopf zu springen. Ich respektierte alte Gebräuche und setzte mich in den von meinem Wirt freundlichst angebotenen Korbstuhl. So atmete ich als alternder Mann denn doch noch Höhenluft und saß dem Patriarchen (Klaus Groth stand im 79. Lebensjahr), dem Vater der neueren plattdeutschen Literatur, dem Dichter des Annaliedes, gegenüber. Mit einer Art Stolz und doch in einer Stimmung, die nicht frei von Mitleid mit mir und mit meiner ins Grab gesunkenen Jugend war. Aber, was wußte Klaus Groth davon, was sein Annalied mir, gerade mir, gewesen war? Er hatte »ein ganzes Heer von ewigen Liedern gedichtet«, darunter bessere als mein Annalied. Er hatte sie nicht für mich, er hatte sie für Tausende und Millionen gedichtet, und hatte Tausenden und Abertausenden ein anderes Leid, als das mir gehörige, vom Herzen weggedichtet. Was verschlug ihm mein Jugendschmerz? Und schließlich was denn? Ich war jetzt ja selbst ein mit objektivem mitleidslosen Maßstab ausgerüsteter Beurteiler. Klaus Groth war ein vortrefflicher Plauderer, ein meisterhafter Erzähler, er sparte seinen Besuchern die Mühe, verlegen zu werden. Er hatte sich eine wunderbare Frische bewahrt, nicht nur die geistige, denn, von häufig auftretenden Erkältungskrankheiten abgesehen, war er ein rüstiger Alter. Jedenfalls zeigten seine geistigen Fähigkeiten nirgends ein Nachlassen. Natur hatte ein Meisterstück hergestellt, als sie den Heider Müllerssohn schuf. Sein Verstand, sein Gedächtnis, sein Humor und seine Laune, alles war erster Klasse freilich manchmal auch sein Zorn. Aber wenn der mal einkehrte, so kam er doch nur ein als Gast, der kein Hausrecht in seinem Herzen besaß. Und Humor und Laune, im ungünstigsten Fall Satire, waren die, die die Tür schließlich hinter ihm zumachten. Ich vermute, daß ich zum ersten mal im November 1897 in der Kajüte ›schummerte‹. Am 1. Juni 1899 starb Groth, nachdem er seit Begehung seines 80. Geburtstages (24. April 1899) gekränkelt hatte. Ich möchte die Zeit nicht missen, wo ich seinen Umgang und auch seine Zuneigung genoß. In trauten Gesprächen, meistens in Gesellschaft anderer Freunde, nicht selten aber auch allein. Da saß er in seinem Stuhl, eine hohe Gestalt – ein mehr an die Sachsen- als an die Friesenart erinnernder Charakterkopf, gern erzählend, nie um Stoff verlegen, ihn immer beherrschend, in plastischer, dem Gesprächston angemessener Darstellung immer und immer wieder aus seinen Erinnerungen heraufholend – aus seiner Jugend, von seinen Reisen, von berühmten Zeitgenossen, aber auch über Tagesereignisse und über wissenschaftliche Fragen Ansichten austauschend. Er starb an seinem 80. Geburtstag; das heißt, an den Folgen der Mühen und Strapazen, die er sich auferlegt hatte, um den Glückwünschen seiner zahlreichen Verehrer gerecht zu werden. Einmal tauchte noch während seiner Krankheit die Hoffnung auf, daß er es überwinden werde, aber der Ausblick erwies sich als trügerisch. Aber unter dem Lichtstrahl dieser Hoffnung sah ich ihn zum letzten mal. Ein heller, sonniger und warmer Tag der letzten Hälfte des Mai. Der Kranke war nach seinem Garten hinausgegangen, da fand ich ihn. Als das Klipp-Klapp der Pforte meine Ankunft meldete, sah er auf. Er stand an der Ecke seines Hauses im Glanz der Abendsonne, und niemals vergesse ich es, wie seine hohe und noch immer ungebeugte, wenn auch am Stock gestützte Gestalt sich gegen den Versöhnungsglanz des vergehenden Tages abhob. »Es wird noch mal wieder besser werden, lieber Freund«, sagte er. »Und wenn nicht, dann geh ich schlafen – dor is denn ok nix bi.« Ich dachte gleich, vielleicht ist es doch sein Letztes, sah mich noch einmal um und erhob grüßend den Hut. Da stand er. Drüben blühten rote Rosen. Ich dachte an das Annalied. Als ich durch die Pforte ging und den Fallriegel über die Flügel legte, da ging der Alte vorsichtig in seine Kajüte hinein ... Um zu schlafen. Nach wenigen Tagen war er nicht mehr, und nach weiterer kurzer Frist begleiteten wir ihn, als man den Sarg mit großem Gepränge aus seiner Pforte hinaus trug. »Un wenn de Port toletzt mal knarrt, Denn is't, wenn man mi rutdregen ward. Un denn vœr en Annern geit se as nu, Un he röppt to en Anner, wenn se geit: Dat büst Du! Un de hier plant hett un sett de Port, Em drogen se rut an en stillen Ort.« Eine stille Welt Bilder und Geschichten aus Moor und Heide Vorwort Die erste Ausgabe meines Novellenbandes » Eine stille Welt « erschien 1891, eine andere 1902, die letzte 1905. Die zweite unterschied sich von der ersten, elf Stücke enthaltenden dadurch, daß die beiden Skizzen »Träume« und »Der kluge Hektor und der dumme Johann« weggelassen wurden und an ihre Stelle zwei andere »Mein Amulett« und »Steffen Fürchtegotts Hypothek« traten. In der dritten Ausgabe fehlte wieder »Mein Amulett«, da diese Erzählung nach anderer Bearbeitung im Buche »Heimkehr« (jetzt in Band 4 dieser Gesamtausgabe: »Wege nach dem Glück«) unter der Marke »Wie ich zu einer Köstbraut kam« Verwendung fand. Die gegenwärtige Ausgabe stellt die Skizze »Antäos« sowie »Steffen Fürchtegotts Hypothek« zurück, überträgt die Skizze »Wohin?« nach Band 6 (»Dem unbekannten Gott«, gibt die barocke Humoreske »Der kluge Hektor ...« hier in völlig neuer Bearbeitung unter der Marke »Eine Geschichte, die man nicht zu glauben braucht« wieder und bringt die übrig gebliebenen sieben Erzählungen der ursprünglichen »Stillen Welt« ohne wesentliche Änderungen, mit ihnen auch »Die Roßtrappe von Neudorf«. » Die Roßtrappe von Neudorf « ist die älteste meiner erhaltenen literarischen Arbeiten, im Jahre 1886 entstanden. Ich suchte sie derzeit an unsere Familienblätter zu verhökern, indes vergeblich, so daß ich an meinem Talent verzweifelte. Erst als ich im Jahre 1888 Liliencron naher kennen gelernt hatte und von ihm wegen dieser Skizze über Gebühr gelobt worden war, gelang es mir, sie durch seine Vermittlung in der von Conrad geleiteten »Gesellschaft« unterzubringen, wo ich sie im Winter 1888 gedruckt las. Dies ist denn für mich Veranlassung geworden, mich weiter dem literarischen Schaffen zu widmen und zunächst Mitarbeiter auch anderer Organe der Neuen zu werden, für andere dagegen, mich einstweilen den Stürmern und Drängern zuzuzählen. Abgesehen von der »Roßtrappe« sind die Stücke der alten »Stillen Welt« in den Jahren 1888/1890 geschrieben. Diesen sind hier nun acht andere hinzugefügt worden, von denen fünf aus anderen alten Novellenbänden herübergenommen worden sind. » Er soll dein Herr sein! « (1902), » Wenn einer abstehende Ohren hat « (1904), » Anna und Else und deren Kinder « (1905) und » Ein Butenmensch « (1906) las man bisher im »Buch der guten Leute«, die kleine Erzählung » Mit dem Hammer « (1904/5) im gleichnamigen früheren Skizzenband. Neu, das heißt: in Buchform bisher noch nicht veröffentlicht, sind » Ein Wanderlied « (1908), » Im Knickweg « (1908/9), » Wie Jörn Hölk den Teufel zitierte « (1912) und in gewissem Sinne auch » Eine Geschichte, die man nicht zu glauben braucht « (1889 und 1903). » Hein Wieck « hat in den Jahren 1896/98 die erste Fassung erhalten, ist als Buch »Hein Wieck und andere Geschichten« zuerst 1899 erschienen, und zur gegenwärtigen Form im Jahre 1905 umgearbeitet worden. Timm Kröger Dreschermelodien Ein Fünfziger bin ich, mehr nicht, und schon erinnert die Farbe meines Haares an die weiße Winterlandschaft draußen. Aber ich fühle mich bei Kräften, finde auch das Leben erträglicher, als es mir in der Jugend erschienen ist. Stille Spaziergänge an ruhigen Wintertagen, wenn der Himmel seinen Schneemantel über die Baumspitzen meines geliebten Stadtwaldes schleift, liebe ich vor allem. Drei Grad Kälte bei ruhiger Luft, in weicher, warmer Wolle, das ist die richtige Wärme. Von meinem Häuschen gehe ich dicht an der großen Platane, die im Sommer ihren breiten Schatten zum Ärger meiner alten Haushälterin auf die Erdbeerbeete wirft, daran vorbei, aus der Gartenpforte direkt in den Wald. Mit kräftiger Handkrücke schreite ich über die von keinem gemeinen Niederschlag beeinträchtigte Vornehmheit des gefrorenen Bodens. Die weißkörnigen Kristalle, die mit angenehmem Knistern unter meinem Fuß zerplatzen, der von überhängenden Ästen über die reinlichen Waldwege geschüttete Rauhreif, das gelbrote Eichenlaub, die satten Farben der Rotbuche – wie liebe ich das alles! Trete ich ins Freie, dann nimmt mich eine weite, mit zerstreuten Gehöften bedeckte Ebene auf – eine stille, verschlafene Landschaft. Weit ab tobt die Stadt, müde und schwer stiegt eine Krähe über das Feld, setzt sich in einen frostigen Wipfel und späht nach Raub und Atzung aus. Der Weg teilt sich. Gewöhnlich gehe ich links. An dieser Seite wogt der geschäftige Lärm. Die Turmuhr kündet – zunächst im feierlichen Halbklang der Schläge vier den Ablauf einer Vollstunde anzukündigen, dann elf gewichtige, kräftige, entschiedene, jeden Widerspruch ausschließende, peinlich genau ins Ohr gezählt. Ein breiter, brummiger, zuletzt kurz abgebrochener Nachklang als Bestätigung des schattenhaft aus dem Nebel drohenden langen Gesellen, der endgültig versichert, die elfte Frühstunde sei wirklich vollendet und daran solle keine Macht der Welt was ändern. Seit Jahren dasselbe Bild. Doch nein, nicht ganz das gleiche. Früher hörte ich die lustige Musik der Dreschflegel vom Dorfe her. Jetzt summt und raucht in jedem Herbste, sobald der Wind über die Stoppeln zu wehen beginnt, vor den Bauernhöfen die unvermeidliche Dampfdreschmaschine; jetzt kreisen vor jedem Scheunentor in den aufgewühlten Ameisenhaufen geschäftigter Leute ruhelose Räder und Riemen. Staub, Qualm und Stroh! Und in der Dorfschenke, die sich roh, schmuck- und gardinenlos der Straße darstellt, sehe ich fremde, oft rothaarige Arbeiter mit Strohgefaser in Bart und Haar, kartenspielend, Bierseidel wie Steinkrüge aneinander stoßend. Ich sehe den dicken Wirt. Pustend bringt er den ihm klebrig von den Fingern tropfenden Kognak. Heute aber ist ein besonderer Tag. Das erfrischende Klingklang der Handdrescher schlägt an mein Ohr. Kaum wage ich meinem zwar alten, aber noch zuverlässigen Auge die Sünde wider den Zeitgeist zu glauben. Klipp-klapp! Duff-duff! Wie kräftig das klingt, drollig lustig und drollig wehmütig! Ich wiege im Weitergehen das Haupt nach der urwüchsigen Melodie der Arbeit, im Geiste sehe ich der Dreschergruppe scharf umrissenes Bild. Klipp-klapp! Duff-duff! Wenn das erste Paar anschlägt: sanft hell und leicht auf strotzende Ährenköpfe (wuchtige Schläge zermalmen die Körner), genügt der Stoß des elastischen Handgelenks, die Werkzeuge kreisen nicht höher als die Hilgen der seitwärts belegenen Pferdeställe. Wie anders, wenn der Drescher im vollen Stroh arbeitet und das Werkzeug unter dem Druck der hocherhobenen, muskulösen Arme niederwuchtet! Der keulenartige Klapper stürmt hinauf bis zur Bodendecke der Tenne, verharrt dort wie ein aufblitzender Gedanke, dann reißt ihn des Armes Nerv in die Tiefe. Und gierig blinkt im Sprung das weiße Eschenholz. Noch höre ich das milde zeitweilige ›Kling-klang‹, dann mischt sich genau im Halbstrich des Taktes das zweite Paar mit dunklerer Klangfarbe in den Reigen, endlich hastet im Sechsteltakt die lustige Melodie. Der Dreschflegel ist ein feines Instrument, vornehm wie die Geige. Es offenbart die Persönlichkeit des Künstlers, ist es gleich ein plumpes Holz. Da gleicht kein Schlag dem anderen, und vollendeter Zusammenklang im scheinbaren Wirrwarr. Das alles freilich fühlt nur der Kenner. Dessen Ohr aber erlauscht die Eigenart aller Künstler. Das ist ein Diskurs, den er mit steigendem Interesse verfolgt: behaupten, bestreiten, beistimmen, widerlegen, einschränken, erweitern – eine Erörterung, die in den tiefsten Schacht seines Empfindens dringt, und jeder Redner ein Künstler. Erst ergießt sich der Strom des Vortrages mit ruhiger Kraft, dann in rollendem Glanz flammenden Zornes, verwoben, gehemmt, getragen von der Entgegnung ebenbürtiger Meister. Ich schwelge. Bei den leichten Schlägen ist das Gespräch munter und trostreich, aber von finstrer Tatkraft, was auf der Garben Mitte niedersaust. Jene Klänge scheinen sich tändelnd zu nähern, ab und zu hascht ein lieblicher nach uns im neckischen Frohmut. Aber dumpf entweicht er wieder und grollt ärger denn je vor Rache und Zorn. Nun arbeiten die Werkzeuge mit gesteigerter, düsterer Gewalt. Und jählings Stille! In tiefster Erbitterung. Der Gewalt Raum und Atem zu verschaffen.   Das helle Klipp-klapp, das dumpfe Duff-duff! Was für Erinnerungen weckt dieser Ton! Es ist lange her, da kannte ich einen jungen Burschen, der den Flegel zu führen verstand wie einer. Und wenn man bei dem widerspenstigen Buchweizen die doppelt halsstarrige Mitte abstäubte, dort, wo das dunkle stöhnende Buff-buff! vom Eschenholz widerklingt, wo den braunen Gesellen die Schweißperlen auf der nackten Brust blinken, dann setzte er seinen Stolz darin, daß sein Flegelschlag ebenso wuchtig auf die Tenne stürze, wie der Hieb des starken Großknechts, der neben ihm durch Stroh und Distel bis auf den harten Estrich schlug. Aber es wurde nicht immer gedroschen. Feldarbeiten füllten die Sommertage aus, es kamen sonnige Tage, wo mein junger Freund hinter der Herde im grünen Grase lag. Ja, es gab Tage, wo er der grauen Fessel der Arbeit überhaupt ledig war, wo ihm Flegelgeklapper nur als Generalnenner der Arbeit wie aus weiter Ferne vor den Ohren lärmte. Bei solchem Müßiggang verlor er seinen Frieden und fand, so glaubte er, sein Glück. Sein Bruder, der nach Landessitte und Landesrecht bestimmt war, den Hof zu übernehmen, hatte sich verlobt. Die ganze Familie fuhr zum Besuch nach den künftigen Schwiegereltern, die Mühle und Hof in der Niederung des Bruchlandes besaßen, hinüber. Da der Hof in einer Talmulde lag, so gewahrte Steffen ihn erst, als der Wagen sich aus den hohen Knicken herausarbeitete. Und plötzlich lag eine Idylle vor ihm. Drüben am Teich der stattliche Hof mit dem mächtigen Wohngebäude und den lindenbeschatteten Wohnräumen, im blanken Wasser widergespiegelt das grüne Tafelwerk der Wände, das leuchtende Rot ihrer Ziegel; die Brücke unter den Rädern dumpf rollend und dröhnend, ein stäubendes Mühlrad und im Hintergrunde der weite, in der Frühlingssonne strahlende strotzende Wald. Er drückte manche Hände, als der Wagen vor der Haustür im Schatten hielt. Alle waren beisammen: das noch rüstige Ehepaar, die schlanke Braut Lisbeth, die hurtig mit dem Verlobten in traulicher Zwiesprache verschwand, die freundliche Jugendgestalt seines Altersgenossen Hinrich, und noch ein blutjunges, süßes Geschöpf, ein liebes, blasses, von gelben Sommersprossen leicht betupftes Gesichtchen, dessen Köpfchen schlicht gescheiteltes, aber dichtes Haar bedeckte. Ein blondes Haar mit jenem leichten gelbroten Anflug, den mein Freund und auch ich (wir beide sind darin gleich) so sehr lieben. Und die Lippen, sie dünken meinem Freunde noch jetzt zart und weich gelagert, wie die Reime eines lyrischen Gedichtes. Sie wurden schon am ersten Tage gute Kameraden, und das blieb den anderen kein Geheimnis. Hinrich neckte: »Hurra, wi wöllt Doppelhochtied fiern, Max und Lisbeth, Steffen und Marie!« Das gab viel Gelächter. »Ja, ja, dat weer 'n Spannwark, dat weern Passers.« Aber der Scherz klang im Kopfschütteln der Alten aus. Es ginge wohl, aber es gehe doch nicht. Steffen sei zu jung, und einen Hof müßten sie doch auch haben. Und der Gedanke, daß er keinen Hof habe und daß er deshalb mit ihm und der Marie nichts werden könne, beeinträchtigte Steffens Freude an der rotblonden Schönheit sehr. Aber alle Wehmut hinderte ihn nicht, noch an demselben Tag der Marie zu versichern, daß sie gut sei und daß er sie sehr lieb habe. Das geschah, als der hinterlistige Hinrich, mit dem Jagdgewehr im Anschlag, im tiefsten Dickicht hinter struppigem Dorn wie eine Waldtaube gurrte, um liebestolle Täuberiche in Schußweite zu locken, nachdem sein Wink die Begleiter in das Versteck des Unterholzes verbannt hatte. Jenes Bekenntnis war wider die Abrede unverbrüchlichen Schweigens; die falsche Waldtaube unterbrach daher für einen Augenblick ihren heuchlerischen Ruf durch ein scharf gezischtes, zorniges »St!« Da wars still; nur fröhliche Syringen und ein Buchfinke beobachteten altklug den Gehorsam der Gemaßregelten, als unser von keinem falschen Lockruf bedrohtes Taubenpaar, bedeckt von der freundlichen Verschwiegenheit blühender Ranken, im langen Kuß sein junges Glück vergrub.   Am folgenden Tag wurde auf dem Heidehof gedroschen. Die Witterung hatte sich zu einer verläßlichen Wärme entwickelt; das Vieh war früher, als man hatte erwarten können, auf die Weide gekommen – da mußten die letzten Hafergarben, weil sie als Rauhfutter nicht mehr verwendet werden konnten, ausgedroschen werden. Bei dem Dreschen hat der Flegel allein das Wort, nur wenn das Stroh aufgeschüttet wird, wenn neue Garben gelegt werden, rinnt der Strom der Unterhaltung. Karsten erzählte vom Vaterbruder, der bei dem Ältervater des jetzigen Besitzers auf der Mühle gedient hatte, Klaus war persönlich bei dem gegenwärtigen Herrn im Dienst als Hofjunge gewesen und war daraus entlaufen. Beide wühlten in der Familienchronik der Müllerfamilie und schätzten jedes einzelne Feld des Hofes ab. Der Wald sei groß und wertvoll, die Ländereien nach Westerborstel zu guter Roggenboden – aber was an der Feldmark von Elsfleth liege, damit wehe der Wind, wenn er stürmisch aus dem Osten komme. Mein Freund sagte gar nichts. Das junge Herz war ihm zu voll, das Antlitz der Blonden schwebte über allem Stroh und über allem landwirtschaftlichen Gerede. Er gehörte zu jenen Naturen, die mit vollem Herzen entweder sehr viel und laut reden oder (und das traf in den meisten Fällen zu) ganz still sind. Dafür nannte er jenen geheimen Zauber sein eigen, dem die lauten und geheimen Stimmen der Natur dienstbar sind, auf daß sie teilnehmen an seinem Leid und an seiner Freude. Wenn die Garbenlage geordnet war, wenn man die Flegel vom Balken nahm, wenn das helle Klipp-klapp! das dumpfe Buff-buff! sich ablösten, dann war es für ihn nicht mehr der Klang vom Eschenholz, was rhythmisch auf und ab wogte, es war vielmehr der Dolmetsch der Empfindungen, die er seinen Gefährten andichtete, und auch in den eigenen Händen wurde der Holzstock zum melodiösen Instrument. Es entfaltete sogar große Beredsamkeit und verwickelte die Geräte seiner Mitdrescher in lebhafte Gespräche. So trug es im hellen Kling-klang vor, wie unser Freund die Marie begrüßt hatte. Als er ihre zarten Farben beschrieb, antwortete lebhaftes Echo. Karsten sprach in seiner Flegelsprache davon, auch er liebe blasse, rotblonde Geschöpfe und habe Verständnis für den Reiz leuchtender Sommersprossen unter blauen Kinderaugen. Die andern waren mehr für gesunde, rote Gesichter, Klaus machte sich keinen Pfifferling aus Sommersprossen und roten Haaren: ein rotes, volles, dralles Ding mit Armen wie Blutwürste, das sei sein Geschmack. Und in diesem Fach, drosch er selbstbewußt hinzu, sei er nicht nur Liebhaber, sondern ein gewiegter und erfahrener Kenner. Nun verriet auch unser Freund sein kleines, bisher nur den Syringen und einem gewissen Buchfink bekanntes Geheimnis. Wuchtig klang es von der Garben Mitte Buff-buff! Aber in heiteren Tönen verwob sich damit in nimmersatter Umarmung und hellem Kling-klang das altbewährte Motiv: ›Ich bin dir gut, ich hab dich lieb.‹ Vor ihm und neben ihm hastete unermüdlich die melodiöse Erklärung, daß es Frühling sei, sonniger, warmer Liebesfrühling. ›Er hat sie lieb‹ jauchzte das blinkende Gerät des freundlichen Bartel und überschlug sich vor Vergnügen. ›Sie ist ihm gut‹ versicherte der ehrenwerte Schlag des Johann. An den herzlichen Glückwunsch aller Dreschflegel schloß sich Klaus an, allerdings mit dem Vorbehalt, daß er für seine Person es vorziehe, viele Mädchen ein wenig, anstatt eines überschwänglich zu lieben. Dann ging es an ein Verarbeiten der Bedenken, die mein Freund seinen Kameraden vortrug. Den fehlenden Hof hielten alle Dreschflegel für Unsinn. Gegen die engherzige Behandlung der Liebe, gegen die Ungerechtigkeit der Anerbenschaft erklärten sich alle Geräte, zumal Klaus mit einer Wucht, die jeden Widerspruch ausschloß.   Meinem jungen Freunde hat kein Ereignis jemals wieder ein solches Erstaunen über sich selbst abgenötigt, wie seine erste Liebe. Das war wie eine über ihn gekommene fremde Gewalt. Bei dem ersten Blick, den ihr Auge erwidert, ja verzehrt hatte, war ihm bewußt gewesen, daß er an dies Auge sein Lebenlang denken werde. Noch mehr war er über seinen Mut erstaunt. Es schien ihm schier unglaublich, daß er einen Mädchenmund geküßt habe. Der stille Bursche sann über diesen Vorgang tief nach, am meisten aber darüber, wie er den zum Heiraten erforderlichen Hof beschaffen könne, bevor ihm sein Mädchen, das ihn in der Heiratsfähigkeit zu überholen droht und bald begehrt sein wird von einem andern weggenommen werde. Über allem Nachdenken kam ihm die frische Tatkraft abhanden. Vor Denken waren seine Gedanken niemals bei der Sache. Im Genuß der Lippen seines Mädchens freute er sich nicht so sehr über die ihm gewährte Gunst wie auf die Einsamkeit seines Heidehofs, wo er über Marie, ihre lieben Züge, über das rote Gold ihrer Haare, über ihre weichen Lippen tief und wunschlos nachdenken wolle. Dafür wurde er dann in den langen Zeiten, wo er sie nicht sah, (nach Verdienst) von der Begleiterscheinung jeder erotischen Zuneigung, der Sehnsucht, mit ausgesuchten Qualen bestraft. Es fehlte meinem Freunde das Bewußtsein, daß er Rechte habe, daß sein Schöpfer ihm für Wünsche und Triebe, die er bei sich vorgefunden, aber nicht bestellt hatte, verpflichtet sei. Ihm war das Eia-Popeia der Entsagung zu sehr ins Blut gegangen. Im Genießen glücklich sein? Wahnsinniger Gedanke! Glücklich sein in der Liebe zum Weibe? Zwiefach moralischer Wahnwitz! So war mein junger Freund ein armer, von seelischer Verkümmerung schwer bedrohter Sünder. Denn was er dachte, dachte er ganz geheim. Das Eschenholz mußte viel offenbaren, was der Ergießung harrte. Von all den seinen Stimmen, womit die Natur auf ihn einredete, ging nichts so tief in seine Seele wie dessen Weise. War aber der letzte Schlag verklungen, war auch der Zauber dahin. Karsten und Johann und Bartel und Jasper und Klaus pflegten sich ein Endchen Kautabak zu genehmigen und dann das Stroh so schlicht und recht aufzuschütteln, wie ein Drescher, der nichts von dem Leid und der Freude einer Herzensliebe weiß, zu tun pflegt.   Dem Frühling folgte ein schwüler Sommer und ein nasser, trüber Herbst. Die bleiche Lisbeth begann zu hüsteln sie war arg erkältet. Aber eine Braut darf nicht krank sein, es ist zu störend, paßt auch nicht zum bräutlichen Gesicht. Man muß es zu überwinden versuchen, dann wirds schon gehen. Die Sitte verlangt, daß eine Braut der Welt ihr Glück und den Mann ihrer Wahl zeigt, es ist schön, Braut sein und beneidet, auf Kirchweih und Jahrmärkten, auf Hochzeiten und Bällen in geschenktem Geschmeide glänzen. Aber im November ging es nicht mehr. Da war sie ernsthaft krank, Ruhe zu empfehlen. Jawohl, Ruhe! Es kamen Fiebernächte und Fieberträume ... Auswurf ... große Schwäche. – Der Frühling soll helfen! Aber bevor noch die erste Lerche auf der Mühlenkoppel trillerte, kroch der kalte Tod an der Kranken herauf. Gleichzeitig von den Fuß- und Fingerspitzen kletterte die kalte Erstarrung nach dem Herzen hinan. Max hielt sie bis zum letzten Verröcheln im Arm. Sie wollte reden, konnte aber nicht mehr. »Lieber! ... Marie ....« Der Knochenmann schloß ihr die lallenden Lippen.   Damals standen die altväterlichen, freundnachbarlichen Verbindungen, die jetzt sogar auf dem Lande in voller Auflösung begriffen sind, noch in voller Blüte. Zumal die ungeschriebene, auf dem Wege der Überlieferung von Geschlecht zu Geschlecht fortgepflanzte Sippengenossenschaft der ›Ploog‹ bildete noch immer die Sargfolge bei Trauerfällen. Zur Zeit der grundlosen Wege aus einem wirklichen Bedürfnis hervorgegangen, wobei es sich darum handelte, bei weit entfernten Friedhöfen die zur Leichenbeförderung erforderlichen Gespanne aufzutreiben, zeigte sie, nach ihrer Umwandlung in eine Gemeinschaft wechselseitiger Ehrenpflichten, die Erscheinung eines schönen nachbarlichen Verhältnisses. Die Ploog vertrat in der allgemeinen Schwermut den frischen Mut zum Leben. Auch bei den tränenreichsten Todesfällen war sie, wenn noch der Trauerzug langsam dahinschaukelte, beschäftigt, die von der Unabwendbaren zerschnittenen Fäden neu anzuknüpfen. Nach beendigter Feier knatterten die Fuhrwerke in scharfem, frischem Trabe der Heimat zu. Der Magen verlangte sein Recht. Die Totenmahlzeit (›Gräff‹) darf nicht anders als üppig und reichlich sein. Die Ploog hat die Aufgabe (das verlangt die Schicklichkeit), das heitere, fröhliche Element an der Tafel zu vertreten. Sie muß sich gegenseitig necken, hänseln und – lachen. Nicht nur lächeln, nein, sie muß lachen, im befreienden Brustton laut lachen, als sei es die allergewöhnlichste Sache, einen Lieben im Sand des Kirchhofs zu verscharren. Nichts ist so ansteckend wie das Lachen eines guten, wohlmeinenden Gesichts. Daher wurde die Tafel fast immer in einer Stimmung aufgehoben, die sich zur warmen Heiterkeit steigerte und im versöhnten Aufblick zum Leben ausklang. Schon bei den Trauerfeierlichkeiten sollte es in der Ploog verhandelt worden sein, daß Max die Marie heiraten werde. Eigentlich selbstverständlich: die Braut war ihm gestorben, eine Frau mußte er haben, weil er den Hof übernahm. Eine Schwester der Braut war da, zwar noch etwas jung, aber doch heiratsfähig – es konnte nicht anders werden. Auch sollte Liesbeth es auf ihrem Totenbett ›bestellt‹ haben. Ob dabei jemand wohl an unseren Freund dachte? Wir glauben kaum. Diejenigen, die etwas von seiner Schwärmerei ahnten, kannten jedenfalls nicht ihre Tiefe. Zu diesen dürfte der Bruder vor allen Dingen gehört haben. Selbstverständlich handelte es sich nur um eine Kinderei. Er, der Erbe des Hofes, und der liebe, dumme Junge, fast noch ein Knabe! Im allgemeinen hat der Landmann wenig Achtung vor den Träumen seiner Jugend. Kindereien finden bei ihm nicht viel Rücksicht. Und Kinderei ist alles, was seinem Verständnis, weil seiner Vorstellungskraft, entfallen ist, mag es auch früher seine Pulse in stürmische Bewegung versetzt haben. Es ist nun einmal so: wen das Leben hart und rücksichtslos drischt, der arbeitet auch an seinem Teil mit hartem, rücksichtslosem Flegel.   Das Gerücht von der bevorstehenden Verlobung verbreitete sich. Es sollte angeblich nur das Trauerjahr abgewartet werden, sie öffentlich zu erklären. Nur ihm, den es am meisten anging, verbarg man es. Aber er atmete wie in Gewitterschwüle. Vieles war wunderlich, darunter die sich häufenden Besuche seines Bruders auf dem Mühlenhof. Einmal, zweimal, dreimal klapperte es verdächtig vom Dreschflegel des Klaus her. Auch das Verhalten von Marie war anders. Sie hatte viel an ihm zu tadeln, an seiner Zurückhaltung, an seiner Unbeholfenheit. Einmal stellte sie ihm gar Max und sein frisches Wesen als Muster hin. Bei einer Besorgung, die er in der Stadt machte fiel es ihm endlich von den Augen. Überall fragte man, wann die Hochzeit seines Bruders mit Marie (die Verlobung wurde als selbstverständlich angesehen) stattfinden werde. Als er es das erste mal vernahm (er war bei dem Kaufmann Ehmsen zum Familienkaffeetisch herangezogen), hätte er beinahe den Tassenkopf fallen lassen. So sehr hatte er sich erschrocken. Trotz des weichen Stuhls, in dem er sich strecken durfte, und trotz des guten Kaffees fühlte er sich namenlos unglücklich. In seinem Gehirn drosch der Teufel eine eigene Dreschermelodie. Das hastete, klippte und klappte auf dem ganzen Weg nach der Mühle. Unser armer Freund hatte sich kurz und gut entschlossen, diesen Umweg zumachen. Weshalb? Zu ihr, in ihre Nähe – Licht, Luft, Lösung! Und der Böse in seinem Kopfe fiedelte und drosch. Alles, was die Ploog schon vor einem Jahre so verständig erwogen hatte, brachte er in Verse und machte dazu eine hübsche Musik. Mit kicherndem Hohn zeigte er die Ungleichheit beider Liebhaber. Er, der schüchterne Junge, und Max – lächerlich! Der Teufel wandte sich in direkter Anrede an ihn und nannte ihn ›Kollege‹. – »Kollege, was kannst du bieten, armes Kerlchen du?« Den Kehrreim des Spottgesangs kicherte er in hohem Diskant: ›Wo du nicht bist, Herr Organist, da schweigen alle Flöten.‹ Und nun fing er an zu sticheln auf seine Blödigkeit, auf seine Weichheit, auf seine Schwäche; er bemängelte seinen Gang, seine Haltung, seine Manieren, seinen Anzug. Diesem Kapitel widmete er mehrere Strophen: ›Ik weer ok mal in Beiderwand to Köst ...‹ begann die eine, ›witte Hoor un krumme Näs!‹ die andere. In dem Walde trieb es ihn nach dem Versteck, wo er einst unter blühenden Syringen geküßt hatte. Und auch diese Andacht begleitete der Musikant mit parodistischem Couplet. Das sprang und wendete sich in kurzem, gehacktem ›Klipp-klapp‹. Der eine küßt sie, der andere kriegt sie ... das war das wiederkehrende Motiv.   Der Ärmste kam nicht zur Sammlung. Seine Fassung war dahin, als er die alten Stätten des Glücks aufsuchte. Im Walde dämmerte der Oktobernachmittag, rotes und gelbes Laub fiel, es ruschelte unter seinen Sohlen. Eigentlich hatte er die Syringen, die sich so neidlos gefreut hatten wiedersehen wollen; aber welche Torheit, Syringen im Oktober! Auch der Buchfink, der sich damals die Geschichte so genau betrachtet hatte, als wolle er im Vogel-Kasino einen Vortrag halten »Über die Technik der Menschenkinder beim Schnäbeln«, war nicht anwesend. Anstatt dessen hämmerte ein bunter Specht an den Bäumen. Der prosaische Kerl dachte nur an seine Arbeit und Nahrung, und bei dem Anblick des langen Schnabels mußte Steffen unwillkürlich denken, dem hätte auch der lehrreichste Vortrag nicht gedient, und ob er überhaupt imstande sei, mit solchem Ungeheuer seine Eheliebste zu schnäbeln, sei zu bezweifeln. So ungefähr waren die Betrachtungen, die das Geräusch eines schwer beladenen Bauernwagens störte, der auf der holprigen, neben dem Waldessaum daherlaufenden Landstraße fuhr. An den kurzen, metallenen Stößen der Wagenachsen erkannte Steffen den väterlichen Mühlenwagen (seines Wissens gab es ein zweites Lastfuhrwerk mit stählernen Achsen in der Gegend nicht); das Leitpferd prustete: es war das selbstzufriedene Niesen der alten braunen Liese. Nun wußte er, wer ihm zuvorgekommen war. Zwischen den Wagenstößen hörte er die Stimme des Bruders in freundlich gelaunter Unterhaltung und das frische Auflachen, das sie hervorrief. Steffen kannte dies reizvolle, verschleierte Lachen.   Er war ein Anhänger jener sonderbaren Auffassung, die dafür hält, daß Empfindungsäußerungen etwas bedeuten sollten. Ein wunderlicher Kauz, der er war, klang ihm das fröhliche Lachen im Ohr, er konnte es aber nicht zusammenreimen mit einem Briefchen, das ihm am nächsten Tage zugesteckt wurde und folgendermaßen lautete: »Teurer, liebster Steffen! Die ganze Nacht habe ich geweint, und noch immer fließen meine Tränen. Lieber Freund, Geliebter, kannst Du mir vergeben, daß ich Dich verlasse? Es soll nicht sein, was wir beide gehofft haben. Gestern habe ich Max mein Wort gegeben. Er ist so lieb und gut, und meine Eltern wollen es so gerne, und in der Bibel steht, der Eltern Segen bauet den Kindern Häuser, der Vater Fluch reißet sie nieder. Da kann ich nicht anders. Du wirst es auch gewiß einsehen, Du hast ja ein so sanftes und himmlisches Herz, lieber Steffen, und ich weiß, daß Du mir vergeben wirst. Er hat Dich auch lieb, nur weiß er nicht, daß wir uns, sozusagen, einig waren. Und bist ja auch noch zu jung zum Heiraten, sagt Mutter, und darum, Lieber, sei gut und vergiß, daß wir uns so nahe gestanden haben, vergiß Deine Liebe zu mir und bleibe in Freundschaft, wie ich in Freundschaft verbleibe Deine Schwägerin Marie.« Das gab ein Geklapper, Geschwatze und Geklatsche unter den Dreschflegeln, und das Lied von der Falschheit der Weiber nahm kein Ende. Klaus konnte mit einem gewissen Recht auf seine frühere Äußerung verweisen, daß den mit zarten Sommersprossen Betupften so wenig zu trauen sei wie den blutwürstigen Weiblichkeiten, während Karsten einräumen mußte, sich in der Marie geirrt zu haben, was er sich übrigens zur Ehre anrechne. Johann meinte, man solle der Geschichte keine übermäßige Wichtigkeit beilegen. Ähnliches komme in den besten Familien vor. Steffen schwang seinen Dreschflegel nur noch mechanisch, er rang nicht mehr um die führende Stimme in dem Konzert. Die trostvollen Betrachtungen vermochten ihn nicht zu trösten, den pessimistischen Erwägungen gegenüber fand sein Werkzeug keinen Mut zu energischer Verwahrung. Dessen Klang zerstob in dem mächtigen Dreiklang, und mit ihm zerstob und zerflatterte seine Hoffnung – aber nicht seine Liebe. Auf der Heide Links an der Straße begrüßte die Reisenden ein in Grün und Blüten halb vergrabenes, durch Durchfahrt und Futterkrippen als Wirtshaus gekennzeichnetes Anwesen. Die Durchfahrt befand sich in einem dem Hauptgebäude vorgezogenen Kreuzbau, und auf ihn stützte sich das grübelnde Giebelantlitz. Vielleicht dachte es an die Kosten der offenbar notwendigen Hauptreparatur seiner Ställe und Scheuern, jedenfalls blinzelte es widerwillig und verdrossen nach dem raschen Fuhrwerk, dessen sanftes Rollen es aus seinen Träumereien aufgestört hatte. Das Leitpferd jenes Fuhrwerks hieß Lisch und war eine braune, verständige, würdige Matrone, ein erfahrenes Rößlein. Erfahrene Rößlein unterdrücken bei dem Anblick von Futterkrippen selten den Versuch, Stimmung für einen Imbiß zu erwecken. So bog auch Lisch kühn nach links, die Bemühungen und Zurufe eines kleinen Blondkopfes, der auf ihrem Rücken die ersten Reitübungen machte und mit dem Wirtshausbesuch nicht einverstanden war, zwar gut- und gleichmütig, aber mit gründlicher Nichtachtung entgegennehmend. Es war ein Glück, daß der Wagenlenker aus seinen Träumen von Superphosphat und Thomasschlacke aufgerüttelt wurde und noch rechtzeitig die dunklen Wege des Lasters kreuzen konnte. Ein kurzes Anziehen des rechten Zügels, ein halb warnender, halb strafender Peitschenhieb führte Mutter Lisch auf den Weg der Tugend, diesmal die breite Heerstraße der Chaussee, sanft zurück. »Du schullst di wat schamen«, strafpredigte Karsten das Leitpferd an; »von Lotte will ik nix seggn, de is jung und jiddig; aber du büst in vernünftigen Jahren. Scham schust di wat, weest dat!« Die Gemaßregelte machte eine Bewegung, als wollte sie antworten: »Wat schall ik dorto seggn? Ques du man to!« Sie hob, Karsten zum Hohn, graziös den Schweif, Lotte machte einige alberne Sprünge; sie wollte offenbar Karstens Ansicht von ihrem jugendlichen Übermut bestätigen. Das Gefährt rollte rasch dahin. Es trug den Doktor Peter Holm, seine Gattin und seinen Sohn, die Karsten Wrich, der Großknecht seines Bruders, vom Bahnhof abholte. Lisch und Karsten hatten sich vollständig ausgesöhnt. Die Rosse hatten an der Fahrt ebensoviel Vergnügen wie die Reisenden, und die Frische der Jugend teilte sich von Lotte den alten Gliedern der Lisch mit. Sie blickten sich mit verstohlener Vertraulichkeit an, bissen sich neckend in die Mähnen, schüttelten schäumend das Gebiß, und weiter und weiter ging es, mit rüstigem Aufschlag der Hufen auf den Granit der Chaussee. In dem Knattern und Schütteln erstarb die Unterhaltung, aber um so inniger suchte Doktor Peter der neben ihm sitzenden Frau durch warmen Händedruck zu versichern, daß seine herzliche Zuneigung zur Familie auch diese Reise überdauere. Es flogen rechts und flogen links vorüber auf den dichtbewachsenen Knickwällen des nordischen Flachlandes dunkel belaubte Erlen, schillernde Silberpappeln, nickende Haselsträuche und starre Stechpalmen, der Blütenschnee des Weißdornes, die licht rosa angehauchten Heckenrosen. Es eilten und zögerten in abnehmender Schnelle die im Hintergrunde auftauchenden Häuser und Höfe, Wiesen und Anger, Gebüschgruppen und alleinstehende Eichen, diese mit wirrem Haar in grüner Waldwiese, vor Gram ob ihrer Vereinsamung zerrauft. »Sie spielen Greifen«, klang es vom Pferde her. Und in der Tat, die Flucht der Landschaft rings umher erinnerte an Greifen und Verstecken. Die junge Frau lächelte ihrem Liebling zu. Mutterfreude warf Sonnenschein über die sanften Züge der schönen Frau und riß den Gatten zu stürmischer Zärtlichkeit hin. Er küßte ihre Lippen, die dunkle Haarpracht, die von ihr bedeckte reine Stirn und das treue Auge, in dem die zuversichtliche Frage nicht erstarb: ›Liebst du mich?‹ Und als er alle diese Herrlichkeiten unter den Augen grüner, glotzäugiger Giebel, stattlicher Strohdächer, unter dem hämischen Antlitz schwarzer, qualmiger Rauchhäuser wirklich küßte, lag Verwunderung in den Mienen der ersteren und scheinheilige Empörung in dem hinterhältigen Ausdruck der letzteren, denn so was war auf dem Dorf nicht der Brauch. Das mußte bei alten und jungen Häusern Anstoß erregen. Der blaue Himmel aber nahm die Bezeugung dieses trefflichen Einvernehmens gut auf. Seinen schönsten Duft legte er auf die Landschaft, als das Gefährt die Chaussee verließ, in eine weite Heide einbog und nunmehr im weichen Sande mahlte, wiegte, schaukelte. Der Gesang des ächzenden und knarrenden Riemen- und Federzeugs war gesättigt von Schmerz, Verzicht, Schluchzen und Tränen, aber aus weiter Ferne klang es wie leises, verhaltenes, frohes Gelächter alter, lieber Verwandten und Freunde. Karsten ließ seine zur Vernunft und Ehrbarkeit zurückgekehrten Pferde verschnaufen, die Frau Doktor nestelte an ihrer Frisur, die Spuren der ehelichen Zärtlichkeit zu beseitigen. Dann steckte sie Kamm und Bürste ein. Ihr Blick umfaßte die braune, von grünen Gebüschgruppen besprenkelte Ebene, um leuchtend zu dem glücklichen Auge des Gatten zurückzukehren. »Sag mal, Liebster, ob die öde Heide wohl schon mal eine so verliebte Ehefrau gesehen hat?« Ein zweiter Zärtlichkeitserguß ging hernieder. Seine Arme senkten sich zwar vor der schalkhaften Abwehr der bedrohten Frau, um so heftiger aber prasselte ein Handkuß auf die schlanken Finger. Da drehte sich Karsten um. Er hatte auf die Dungkraft der blühenden Lupinen, woraus Bienengesumm und Honiggeruch herüberwallte, reden wollen, aber es kam nicht zu diesem nützlichen Gespräch. Der Handkuß machte ihn sprachlos. So was Verrücktes hatte er noch nicht gesehen. Das war ihm wunderlich und dünkte ihn albern. Er machte sofort Kehrt und räsonierte bei dem erquicklicheren Anblick von Lisch und Lotte in sich hinein: ›Ne, son Stadtlüd! He düd sin Fru op de Hänn. Wat schall dat, un wat heet dat? Ob se sik ni schamt?‹ Doktor Holm schämte sich nicht. »Vor allen Dingen«, knüpfte er an die Worte seiner Frau an, »einen im Besitze seines Frauchens so glücklichen Ehemann sah die Heide noch nicht, und niemals eine so beglückende, nette Frau. Aber schilt mir nicht meine Heide! Sie ist die Heimat, die ich liebe. Ihre Unendlichkeit befreit unsere Seele, wie das Meer, ohne uns zu erschrecken. Denn sie ist treu und ehrlich, die öde, verkannte Heide. Ist nicht dies Gefährt die lieblichste Gondel, die uns sicher über braune Wellenhügel dem Hafen zuführt? Und möchtest du den duftigen Gesang fröhlicher Lerchen mit dem melancholischen Gekreisch traniger Seevögel vertauschen? Dorthin, wo am Rande des Horizonts Umrisse von Wäldern und Dörfern erscheinen, zeigt der Bugspriet unseres Bootes. Dort klappern meines elterlichen Hauses Teller in Kammer und Keller, und in der Küche dreht sich fröhlich der Spieß, uns das Beste zu spenden. Und winkt es nicht aus bläulichem, sonnendurchflutetem Duft zu uns herüber, wie freundliches Willkommen lieber Bekannten? Nein, Liebste, schilt mir nicht meine Heide. Im Sonnenglanz spricht sie von Frieden und Glück und Behagen, und im Sturm, ja im Sturm und Regen, da predigt sie Verzicht und Entsagung.« »Im Sturm predigt sie also Verzicht und Entsagung? Hat sie auch dir gepredigt, Peter?« Der Doktor hatte sich warm geredet. Seine Eheliebste mußte ihm die Stirn glätten. »Ei, ei«, scherzte sie. »Du warst noch jung, Peter, als du zur Stadt kamst. Was kann ein junger Mann für Kummer haben, wenn nicht ein Frauenzimmer dabei ist! – Du lachst, du errötest, ich trafs. Nun sollst du aber auch alles sagen, du liebeskranker und auf der Heide gesundeter Schwärmer. Ich weiß noch so wenig von deiner Jugend. Erzähle mir von ihr und von den Entsagungspredigten deiner Heide. Erzähle mir auf die Gefahr hin, daß ich den Hermelin auf meinen Schultern als verblichene Ware erkenne. Ich will nicht eifersüchtig sein. Um meine Herrschaft ist mir nicht bange. Also beichte deinem besten Freunde.« Und er beichtete: »Vernimm also«, räusperte er sich ... Inzwischen verfolgte das Gefährt seinen Weg – immer in weichem, gelbem Sand. Die Heide bedeckte altes, knorriges und verkrüppeltes, junges Eichengestrüpp. Nur selten gleißte das Gold blühender Lupinen. Vom Westen hurtig herauf schlüpften kühlende Winde, um im Gestrüpp schnell zu verrauschen. Von dort schickte die salzige Meerflut erfrischenden Gruß, und nach dort wendeten mächtige Hünengräber ihre von tausendjährigen Träumen verschleierte, rätselhafte Stirn. ›Immer langsam voran!‹ sangen und knarrten die Räder und Achsen zur Verzweiflung des ungeduldigen Knaben. Schon längst hatte er auf dem Kutschersitz neben Karsten Platz genommen, ihn in ein Gespräch verwickelt, wer die Eichen gepflanzt habe, weshalb man sie gepflanzt habe und ob der Ohm viele Pferde habe, und Füllen, Kaninchen und Hühner? .. Und immer noch Heide und kein Ende. Einmal durchschnitt man ein in wasserreicher Talsenkung belegenes Dorf; da schien sie vorüber. Aber so schien es auch nur. Denn der Weg führte zum Dorf hinaus, hinaus auf die Heide. Vor den Reisenden entfaltete sich das alte Bild. Nur dunkel entsann man sich der Bauernhöfe, die im Schatten mächtiger Eichen am Bache gelagert hatten, und der behaglich in Apfelblüte, Bienengesumm und Honiggeruch blinzelnden Katen. Wie eines Traumbildes gedachte man der Frauen, die im Türrahmen staunend erstarrt waren, die Linke auf die Hüfte gestemmt, mit der Rechte die Augen beschattend. Verklungen war das Heer bellender Hunde, der Hofhunde, die wie das Korps der Rache über die Wälle gebrochen waren, und die Meute der Kläffer, die gerngroß dem Wagen nachgeprahlt hatten. An den Kutschersitz schlug die Erzählung wie ein dumpfes, gleichförmiges und gleichgültiges Gemurmel. Nur auf der Heide stellte sich ab und zu ein junges, neugieriges, krummes Bäumchen hinter seinen gnomenhaften, verkrüppelten Großeltern auf die Fußspitzen und reckte Knospe und Blatt lauschend empor. Aber unter der Berührung eines menschlichen Auges tauchte es kichernd hinter den breiten Rücken seiner Ahnen, um in köstlicher Einsamkeit in kindlicher, grundloser Fröhlichkeit zu lachen und zu lauschen. Das Gelände warf hinter dem Dorf eine breite Welle, die von dem unterirdischen Seismos bei dem Formen des Landstriches aus dem Urschlamm gehoben worden war – ein Augenblicksscherz ohne künstlerische Absicht, eine mäßige Kraftprobe des ungefügen Riesen. Aber die weite Aussicht von dem Wogenkamm erfreute das Herz unserer Freunde. Karsten hielt an und zerriß rücksichtslos den Faden des Gesprächs. Der Peitschenstiel fuhr nach rechts und zitterte wie die Magnetnadel um einen am äußersten Horizont auftauchenden dunklen Punkt, der eine Häuser- und Gebüschwolke darstellen konnte. Das sei Holdorf, erklärte er, und das – der Peitschenstiel hielt so ziemlich die Wagenrichtung, etwas nach links hinüber – das sei Neudorf, oder wenigstens der zum Hofe seines Bauern gehörige Wald. Der im Talgrunde an den Wiesen belegene Ort sei nicht sichtbar; nur den Kirchturm und den Scheunengiebel des Hofes sehe man über die Heide. Er machte weitläufige Versuche, den Kirchturm im weiten Gesichtsfelde festzustellen, mußte sie aber als hoffnungslos aufgeben. Als Lisch sich wieder in Bewegung setzte, erklang aus den Achsen und Federn wieder die alte, die liebevolle Melodie.   »Vernimm also«, hatte Peter wichtig begonnen. Bei seiner Erzählung hob ihn das Bewußtsein, etwas mitzuteilen, dessen Mitteilung sich lohne. Die Schicksale seiner Knabenjahre kamen ihm gewaltig vor, obgleich wir in Überzeugungsform beschwören können, daß auch anderswo solche Geschichten vorkommen, daß auch andern Leuten Ähnliches begegnet. Hätte er nicht eine so gläubige und verliebte Frau gehabt und wäre die Heide ringsumher nicht gar so unschuldsvoll neugierig gewesen, der Doktor Peter würde sich ganz gewiß mit seinen Sachen blamiert haben. Sie aber glaubten alle wunder was zu hören, ja sie vermeinten schier Offenbarungen entgegenzunehmen. Der Erzähler hatte auch das Gefühl, als ob seine Beichte ein wichtiges Ding sei. So fuhren sie in einer Art priesterlicher Stimmung daher. Der Erzähler war bis zu den Jünglingsjahren im Dorf verblieben. Seine Jugend gehörte der Heide und den Heidedörfern ganz allein an, und keine Erinnerungen an Stadt- und Gelehrtenschulen schwächten das Andenken an das heimatliche Glück. Der hohe, braune Heiderücken, der Mutterboden seines Geschlechts, gehört immer mit dazu, wenn etwas erlebt worden war. Im Laufe des ehelichen Bekenntnisses wuchs ein Hügel aus der Ebene auf. Das war der Rest eines unförmlichen, mit Eichen bestandenen Ringwalles. Die Überlieferung verlegte hierher die alte Burg der Herren ›zum Keller‹. Frau Doktor konnte den Punkt nicht finden, Karsten mußte noch einmal halten, damit die Lage festgelegt wurde. Denn ›vom Keller‹ erzählte der Doktor. Dorthin hatte die lärmende Jugend im tosenden Räuberspiele getobt; dort hatte der träumerische Peter auf weiten, einsamen Streifzügen Rast gehalten, um die Früchte eines heimlichen Verhältnisses, das er zur Leihbibliothek des nächsten Städtchens unterhielt, ungestört zu genießen. Die berühmte Geschichte des Räuberhauptmanns »Eugen von Waldenhorst, des lebendig Begrabenen« war unter der Weste hervorgezogen worden. Er hatte sich oft in schaurigen Burgverließen unter Schlangen und Kröten befunden, war aber immer auf wunderbare Weise gerettet worden. Dann hatte er das Buch des großen Eugen weg- und sich selber auf den Rücken gelegt, hatte die Riesen betrachtet und gefragt, ob auch sie so schöne Geschichten, Geschichten von Lebendigbegrabenwerden und von Räuberhauptleuten wüßten. So was hatten sich die alten Gesellen denn doch nicht fragen lassen wollen. Es hatte ein Knarren und ein Rauschen begonnen, von Burgfräulein und Rittern und Räubern hatten sie geschwärmt, von Hifthorn und Eschensplittern und Kampfspielen, nach Behauptung der alten Herren viel wunderbarer als alles, was in dem Buche stehe. Jene Sachen seien überdies erlogen, sie aber stünden für die Wahrhaftigkeit ihrer Erzählungen ein. Denn sie sagten nichts, was sie nicht selbst gesehen hätten. Peter aber glaubte den alten Burschen nur halb und wollte ganz besonders nicht wahr haben, daß seine Räubergeschichten erdacht seien und sich nirgends ereignet hatten. Sie waren gedruckt, und ihre Helden herrlich und kräftig und tapfer, hauptsächlich Eugen von Waldenhorst. Ihm gefiel alles an diesen Geschichten, nur die Wichtigkeit, die darin schönen Weibern beigelegt wurde, die verstand er nicht. Dies Gehabe und Getue wegen ein Paar schöner Augen, dies Himmel-und-Erde-in-Bewegung-setzen, um ihren Besitz zu erlangen oder wiederzuerlangen, wenn er in Verlust geraten war, dieser schnöde Eigennutz, der jedem andern den Mitbesitz mißgönnte, dies weibische Flennen und Sehnen, wenn der Held seine Liebe nicht im Arm hatte, dies Übermaß von Seligkeit und Verzweiflung – Peter konnte nur sagen: es war lächerlich und langweilig. Eine Zeitlang hielt er es noch aus, dann überschlug er alle Liebesszenen und stieß erst wie ein Geier wieder nieder, wenn die Degen klirrten und die Büchsen knallten. Was kaufte er sich für das Glück der Liebe, Gott bewahre ihn davor! Er litt nicht an dieser Krankheit. Er prüfte sich und stellte seine Gesundheit fest. Seine gesamte Mädchenbekanntschaft mußte aufmarschieren. Von allen Freundinnen sah er am liebsten Christine mit dem kastanienbraunen, gefallsüchtigen Haarzopf. Sehr gern vertiefte er sich auch in die Züge der stillen Abel, um sich an dem süßen Schnitt des Mundes zu erfreuen und an dem wunderlichen Naturspiel, daß der eine Augenstern blau war und der andere braun. Beide Mädchen waren übrigens älter als er und kümmerten sich nicht viel um ihn. Nur die wilde braune Hummel Emma, die überfiel ihn einmal (wars Ernst, wars Scherz?) mit Umarmung. Das war gewiß angenehm, aber er hatte keine Zeit, sich auf die Haltung zu besinnen, die ein Mann in solcher Lage annehmen muß. So kam es denn, daß er schalt und schimpfte, sobald er die Lippen frei bekam, sich mithin bei einer Gunsterweisung, deren Vorstellung andere junge Leute trocken niederschlucken macht, so unverständig wie möglich benahm. Die alle waren nette Mädchen, aber seine Seele füllten sie nicht aus. Er würde nicht verzweifeln, wenn sie ihn nicht zum Gatten erwählten. Es stand fest, er war nicht verliebt. Auf die Unabhängigkeit seines sechzehnjährigen Herzens bildete er sich nicht wenig ein. Er wurde hochmütig. Aber Hochmut kommt vor dem Fall.   Der Wagen bewegte sich auf der Höhe von Holdorf. Holdorf selbst liegt ziemlich weit von der Fahrstraße gegen Morgen hin. Seine Höfe und Häuser hoben sich in Schattenrissen von einer langgestreckten, grauen und ruhigen Wolkenwand ab. Aber darüber in lichter Höhe sah man im weißgetürmten Wolkensaal Gestalten, bei deren Deutung Peter unheimlich viel Phantasie verriet. Die Wolkenhäupter mußten sich nach seinem Gefallen formen und richten. Erst sollten sie eine Götterversammlung sein, die sich über Peter Holms Erlebnisse auf der Holdorfer Gilde lustig mache. Der unnütze Geselle mit dem Bogen, behauptete er, sei auch dabei. Er schleife Pfeilspitzen zu neuen Untaten. Dann war es die Gildefeier selbst, was drüben in den Wolken tose. Er sah die Paare im Tanze wirbeln, hoch oben strich ein weißbärtiger Alter die Baßgeige. Aber wie sehr auch Peter die Ansprüche an die Folgsamkeit seiner Gattin steigerte: es ging nicht über ihren Gehorsam und nicht über ihre Liebe.   In Holdorf war Gilde, und mit Wilhelm zusammen ging er dahin er ein gewöhnlicher Gast, Wilhelm durch eine Joppe über das niedrige Gildengewürm emporgehoben. Und Wilhelm wußte, was ihm stand. Auf der Dorfstraße von Holdorf gurrte ein lustiges Volk flüchtiger Schürzen auf. Eine weiße, eine dunkle, eine stahlblau und gelb geringelte, wie glatte Schlangenhaut schillernd. Und alle drei waren lang, breit, bauschig, ließen nur einen schmalen Streifen der Wollröcke mit den hineingewebten schmalen Seidenstreifen frei und umspannten gedrungene Taillen fröhlicher Mädchen. Wilhelm eröffnete aus seinen braunen Augen ein Bombardement, die lieben Kinder erwiderten mit einer Salve und ballten sich in schwesterlichen Armverschlingungen zu einem Knäuel siamesischer Drillinge zusammen, dem Festhause zukichernd. Einem König gleich zog Wilhelm ein durch das große Tor auf die Hausdiele. Dort hing unter der von Leinen überspannten Heuluke das Holzgestell des Kranzes, das mit vier Talglichtern versehen war, vergraben in Blumen, Grün, Flittergold und bunten Eiern. Kuhkrippen und Pferderaufen waren mit Fähnchen bedeckt, aber der schönste Schmuck war eine Reihe junger Mädchen, die in Hufeisenform drei Wände der Diele umrahmte. Wie lieblich Farbe um Farbe wechselte, wie reizend die neidlose Ruhe, die ihrer Macht unbewußte Demut, die den verführerischen Fleischton der runden Arme in den Gewändern vergrub! Ein Gemisch von Wohl- und Stallgeruch, der Dampf von Zigarren erfüllte den Raum und erzeugte in Peter eine feierliche Stimmung. Wilhelm deutete mit der Berechnung eines Bühnenkünstlers seine Erscheinung aus. Der Ruf des Staatskleides war schon durch das vor ihnen hergetriebene Völkchen in den Tanzboden gelangt. Während Peter eintrat, zeigte Wilhelm sich auf dem sonnbeglänzten Hofplatz vor dem Eingang. Es galt zunächst mehr die Vorstellungskraft anzuregen, als das Auge zu laben. Sodann hoben sich Umrisse und Farbe im Türrahmen ab. Zwei Murmelwellen des Entzückens flossen von beiden Hufeisenenden durch das Schürzenmeer. Und im Brennpunkt saß ein Mädchen, dessen Schönheit unseren Freund überwältigte, das den Jüngling so krank machte, wie nur jemals ein Knabe auf der Heide krank gewesen ist. Peter hatte die Gewohnheit, seine Leiden an ewigen Größen zu messen. »O, Liebe«, rief er aus, »gepriesenes und gescholtenes, aber immer verkanntes Gefühl! Lobredner und Lästerer, die deinen Ursprung in unserer erdgeborenen Person suchen, weg, es sind Priester, deiner nicht würdig! Deine Wonnen und Schmerzen sind Geschenk und Prüfungen des Weltgeistes, sie sind nur halb unser eigenes Wohl und Weh!« Wenn Peter in diesem Tone sprach, dann war es ihm heiliger Ernst, nun hatte seine Frau einen Anhalt für den Grad der Verliebtheit, die Peter so offen gestand. »Ja, Frau«, sagte er, »ich liebte sie. Es verwirklichte sich alles, was ich gelesen hatte. Ich liebte sie auf den ersten Blick. Als mein Auge ihre Erscheinung erfaßt hatte, da wußte ich, daß mein Geschick erfüllt sei, daß auch ich weinen und flennen müsse, wenn sie nicht mir und mir allein gehören werde. Ich liebte – liebte ihre Figur, ich liebte auch das in ehrengelben Falten herabfließende Gewand, war doch jede Falte ein Teil von ihr. Es umarmte, es schützte, es schmückte den lieblichen Leib, es hob die prächtige Figur aus Druck und Enge. Sie sproß wie ein schlanker junger Eschenstamm. Ich weiß kaum noch, war ihr Haar blond oder brünett? Frag nach Augen, frag nach Gesicht: ich sag, ich weiß nicht. Die stumme Sprache ihrer in allen Schlag- und Sonnenlichtern spielenden Miene riß mich hin, raunte mir zu, über die Köpfe der Menge hinweg, durch Zigarrendunst und Qualm hindurch: Komm, küsse mich!« – Ich haschte nach ihren Augen – unsre Blicke begegneten sich. Es leuchtete in ihrem Antlitz auf. War das die Liebe ihrer Seele? O über den tückischen Kobold! Jetzt rächte sich der Liebesgott wegen Verspottung seiner romanhaften Jünger. Jetzt schlug er mich selbst mit der göttlichen Blindheit, mit der Unfähigkeit, folgerecht zu denken, und was ich sonst Liebenswürdiges dem Burschen nachgeredet hatte. An der Diele unter den Hilgen standen die Kühe und sahen naiv und verwundert ins Gewühl. Und auf den Hilgen im Heu, hinter einem Ständer, stand er selbst. Ich habe seine Locken gesehen und sein schadenfrohes Gesicht. ›Hab ich dich endlich!‹ stand darin. Ich hörte das Klingen der Sehne, das Schwirren des Pfeils. Mein Herz zuckte im leisen Weh, es lag mir schwer in der Brust. Ja, das war die verhöhnte, die verspottete Liebe! Die Musik begann; die Musik rauschte und lockte, aber die Saaldiele blieb leer. Zwei Minuten lang blieb sie leer, dann schritt der Joppenträger Wilhelm hervor und wählte – meine Liebe. Ihr Blick schien was zu suchen, als sie ihre Hand auf seinen Arm legte. Es folgte dichtes Gewühl, und das Ährengold ging von Hand zu Hand. Meine Augen verfolgten sie. Wie wand sich ihr gelbes Kleid durch die Paare! Und wenn die aufgestaute Menge jeden Ausweg zu versperren schien, siegend und fröhlich schaffte es Bahn. In den Pausen sah ich meinen Freund, glühend vor Lust, Aufregung und Grog. »Weshalb tanzest du nicht? Und wie du aussiehst! Als ob dir der Kohl verhagelt! Du, die Gelbe, Anna von Leesen, prachtvoll, was? Und wie sie tanzt!« Da bot ich meinen Mut auf. Als ich über den Tanzboden schritt, grüßte mich ihr Auge. Aber zwischen Lipp und Kelchesrand ... sie wurde mir von einem Knecht weggeschnappt. Der robuste Bursche schlug mit einer Sicherheit, die mir fast übernatürlich vorkam, von unbändiger Lust mit dem Hacken auf den Brettersaal. Der Rheinländer ›Jule, wasch dich, putz dich, kämm dich schön!‹ machte aus der Menge ein schwingendes Chaos. Das war ein Juchzen und Jauchzen, der Tanzboden dröhnte, und darüber die alberne Klarinette. Mich ergriff ein tiefes Weh. Dies rohe Lustigsein, dies Fröhlichsein um jeden Preis! Mir klangs wie die Sage von einem schönern Stern, nach dem man sich in Sehnsucht verzehrt. »Wir sind vergnügt und habens gar nicht nötig«, erklang ein Singsang irgendwoher aus den Räumen des Hauses. Jawohl! Für das Singen und Springen entfiel jeder Grund. Wenn ich ganz verzweifelte, tröstete mich merkwürdigerweise am ehesten die Vorstellung von der Größe der Welt. Auch jetzt flog ich in den unendlichen Raum. Die Erde rollte schweigend um die Sonne. Und in Holdorf vergaß man Himmel und Erde im tobenden Tanz. »Wir sind vergnügt und habens gar nicht nötig!« Die Klarinette rief, bei Klarinettenklang hab ich immer ein weinerliches Gefühl. Heute zumal versenkte sie mich in ein Meer von Weh. Ich entfernte mich still aus dem lärmenden Hause, vergrub mich in die Gebüschgruppen des Gartens, saß auf einsamer Bank und weinte ob meiner jungen Liebe, so heftig und heiß, wie nur je der berühmte weiland Eugen von Waldenhorst, ,der lebendig Begrabene', geweint hatte. Ich schämte mich meiner Tränen nicht, denn auch Eugen hatte geweint und war ein größerer Räuber als ich. Hier im Westen, Geliebte! Die alten Fichten! Sie machen verdutzte Gesichter. Ists nicht, als ob sie uns verwundert nachsehen, als glaubten sie mich wiederzuerkennen, trauten aber ihren Augen nicht? Sie neigen ihre von Weststürmen gebeugten Kronen dem Sonnenaufgang zu, die eine ein Regenschirm mit geknickter Rippe, die andere ein Künstler, dem der Sturm die Mähne über die Stirn geworfen hat. Bei ihnen brach ich am folgenden Tage den weichen Acker mit dem Pflug. Zwischen dem Pflüger und seinen Rossen waltet das Verhältnis der Vertraulichkeit. Der Zuruf des Hüh! und Hoh! klingt zu den Pferden sanft und väterlich hinüber; dafür nicken sie ihm bei der Wendung mit kindlich ergebenem Gruß. Und gleichförmig wendet sich der Faden kollernder Ackerschollen über der Pflugschar blinkende Scheibe. Ich hatte zu denken und zu sinnen. Welch ein Tag lag hinter mir, und welch eine Nacht! Musik vor den Ohren und trunkner Gesang, und in der Brust ein krankes, ein sehnsüchtiges und doch so fröhlich es Herz. Die Gildenfeier hatte einen besseren Ausgang gehabt, als der Anfang versprochen. Ich hatte die Unfreiheit doch noch abgeschüttelt und mich der Gefeierten genähert. Sie war meine Gildenbraut geworden, und am Schluß hatte ich sie nach Hause gebracht. Was für eine Nacht, was für ein Morgen! Mitternacht war längst vorüber, das Lichtstümpfchen in ihrer Kammer erloschen, ich aber saß noch immer schwärmend in ihrem Garten, nach ihrem Fensterchen sehend, die Sterne anrufend, bis sie verglühten. Auf der Dachfirst schwatzten die Stare, Nachttau tropfte von Blatt und Baum, ein leiser Wind kühlte Wange und Stirn, löschte aber nicht die Glut ihrer Küsse von meinen Lippen. Ich war noch zur Stelle, als der heraufsteigende Morgen den ersten Lichtschimmer auf die Fensterreihe warf. Ironisch glitzerte es über das vieläugige, verwitterte Haus, und in den Giebeln leuchtete es wie Spott über meine erste, meine junge, meine arglose Liebe.   Natürlich behielt das alte Haus recht. Anna ist die Frau meines Freundes Wilhelm; seit der Holdorfer Gildefeier verfloß etwa ein Jahr, da war die Verlobung fertig. Es lagen mancherlei Gründe dafür vor, daß es so kommen mußte, aber ich will davon schweigen und von dem, was mich innerlich bewegte, nur so viel sagen, daß mir sogar die Lage der Erdachse im Weltenraum gleichgültig geworden war. Ich glaubte kaum noch daran, daß die Erde sich überhaupt bewege. Meine Gedanken standen still, still stand auch die Erde. Pastor Nissen in Holdorf hat das Brautpaar aufgeboten. Wie ich bezeugen kann, geschah es nach Vorschrift und Ordnung, war ich doch selbst zugegen. Als er den Segen des Allmächtigen auf das zukünftige Ehepaar herabflehte, da litt es mich nicht mehr. Ich stand auf. Und wenn ich auch störte und wenn ich auch auffiel, ich mußte hinaus. Zu Boden gedrückt unter den Blicken eines Kirchspiels, ging ich den langen Steig entlang, verließ die Kirche und schritt hinaus auf die Heide. Wie viele Seelen besitzt der Mensch wohl? Als ich die Dorfstraße entlang ging, dachte ich daran, daß der Weg gebessert werden müsse, daß es jetzt eile, die Buchweizensaat zu bestellen, daß der Pastor Nissen einen Höcker auf der Nase habe und eigentlich ein häßlicher Mann sei, daß Kaiser Napoleon nichts tauge, daß ich sehr hungrig sei, Lammfleisch mit Kohl aber vorzüglich schmecke. Daneben der Gedanke, daß noch niemals ein Mensch so unglücklich gewesen sei wie ich, und daß ich mich von Rechts wegen totschießen sollte. Die Gedanken trieben allerlei Unfug, schossen Purzelbäume, blickten sich verwundert an, brachen in Weinen aus und erstickten dann in berstendem Gelächter. Und den Gedanken entsprach mein Gebaren. Ich fühlte meine Augen übergehen und fuhr mit dem Ärmel über mein Gesicht. Dann kicherte ich leise in mich hinein. Und als ich auf der Heide stand, kam es mir widersinnig vor, mich wegen einer Sache zu grämen, die kein Gram ändere, ein Mädchen besitzen zu wollen, das einen andern vorziehe. Die angeerbte Verständigkeit erwachte, und Anna, die Einzige, wurde zu einem Mädchen wie andere mehr, verwandelte sich in eine meßbare Größe. Als ich auf der Heide stand, zwischen Neudorf und Holdorf bei meinem Fichten, dem Regenschirm und dem Künstlerhaar im Lupinenfeld, nahm die Erde ihre Drehung und Bewegung wieder auf. Erst langsam, jankend und seufzend, als wäre die Achse eingerostet – dann schnell und schneller, als ob viel versäumt und nachzuholen sei. Und ich stand auf der drehenden, fliegenden Erde zwischen Neudorf und Holdorf auf der Heide, kreiste mit ihr um die Sonne, und die Sonne durchflog mit uns und allen Trabanten den unendlichen, den ewigen Raum. Und auf der Sonne thronte Gottvater, lächelte gütig und nickte mir zu. So fand ich mich wieder. In Regen und Wind. Der Sturm knackte in Fichten und Föhren und rauschte im niedrigen Eichengestrüpp. Der Regen gischte mir ins Gesicht (so war es mir recht), grauer Wolkenschleier verhüllte Heide und Wald und Moor und Brook. Die Wohnungen der Menschen versanken! ... O köstliche Einsamkeit!   Dorf und Kirche lagen vor den Reisenden. Der Wagen schaukelte im Sand, von dem Heiderücken hinab langsam zu Tal. Aber noch einmal mußte Karsten halten. Das Doktorpaar sah nach der Heide zurück, nach den windzerfaserten Kronen der alten Fichten. Im Moor Es ist eine ansprechende Fernsicht, die sich von der halbinselartig in die Niederung vorgeschobenen Hochfläche der Dorfsgemarkung darbietet. Unser Auge schweift über weite von glitzernden Kanälen und Gräben durchzogene Wiesen; es überfliegt große, graubraune, düstere Moore und dringt hinüber zu den in blauer Ferne verdämmernden Heideflächen des dithmarsischen Landes. Wenn es zwischen dornigen Knicken und buschigen Hecken die Wege zur Wiese hinabgleitet, so duftet es wie Gras und Heu wieder zu uns her, und in der Seele brichts hervor, das lang verhaltene Heimweh nach Heumachen und Torfstich, nach dem Rauschen blanker Sensen im saftgeschwollenen Gras, nachdem Flattern weißer Leinenschürzen frischer, brauner Dirnen. Wie der Rechen fliegt, wenn sie die Grasschwaden gewandt zerschlagen! Gern durchmesse ich den vielfarbigen Schmuck der Steppenflora. Da nicken in luftiger Brise weißflaumige Wollgräser und hochgestielte hochmütige Blumen in Purpurfarben. Sie neigen kommender Luftwelle, erheben sich aber um so stolzer bei fließender über das Gold niedrig geborener, im Grase halb vergrabener Blüter. Die gefiederten Trapper sind mir freundlich gesinnt, bis auf den Kiebitz. Das ist ein zorniger Vogel, zumal in der Brütezeit und in der Hegezeit der Nestlinge. Herausfordernd klingt sein halb gezischter, halb gekreischter Kehllaut, und zudringlich umkreisen mich seine angriffslustigen Scharen, wenn ich mich mit ihm durch Nachäffung seines Geschreis auf den Neckfuß zu stellen versuche. Die Himmelsziege und ihren meckernden Laut liebe ich sehr. Bald hämmert der flüchtige Vogel aus blauer Luft, bald erklingt der eigenartig ironische Laut wie aus dem Röhricht schwarzer, quirlender Sümpfe. Von der Steppe her gewahrt man nicht mehr die versunkenen Hochflächen; der Blick fliegt unaufgehalten bis zum Erz des Himmelsgewölbes, das auf der Ebene zu ruhen scheint. Wir frohlocken; rüttelt doch der gedrückte Menschengeist bei dem Anblick von Unendlichkeiten an den Fesseln seiner natürlichen Freiheit. Aber zugleich leiden wir, vor Sehnsucht leiden wir nach den seligen, blauenden Gefilden. Am Horizonte lagert es wie dunkler Saum aufsteigender Nacht. Das sind die Hochmoore des Meckelmoores im Sonnenaufgang, des Reitmoores im Sonnenuntergang – düstere Wildnisse, wo der Fuß des Wanderers selten die Tiere der Niederung aufscheucht. Der Charakter der Landschaft ist schwermütig. Was an Blumen ringsum uns anlacht, gedeiht auf feuchter Moorwiese. Und wie der Charakter der Landschaft, so auch der ihrer Bewohner. Ihre Augen sind ernst und melancholisch; aber gar listig und lustig zwinkern sie mit den Wimpern. Und ganz besonders listig zwinkern die Augen, die uns aus alten, über Wiesen und Mooren brauenden Sagen und Märchen anblicken – grobe Schalksgeschichten von ungefügem Schnitt und grobem Witz. Zumal der arme, alte + + + ,der alte Herr, den man nicht gern bei seinem ehrlichen Namen nennt, wird arg verspottet. Vor vielen Tausenden und Millionen Jahren war im Reitmoor, so sagt man, der Schlund einer allen Anforderungen entsprechenden und bis auf die letzte Ofengabel vortrefflich eingerichteten Hölle. Sie war gut geheizt, und der Böse lebte dort im Vorhofe mit Großmama und Großpapa behaglich, wie in seiner Backstube der Bäcker, während ein zahlreicher Troß gutgeschulter Dämonen in Nebenräumen unterbracht war. Um den Betrieb der Hölle zu beginnen, fehlte es aber an verdammten Seelen. Vermutlich hatte die Schöpfung es erst bis zu den Wirbeltieren gebracht; noch existierte nicht das vernünftige, daher schuldbeladene Wesen – der Mensch. Um diese Zeit soll die Hochfläche der beiden Moore entstanden sein. Im plattdeutschen Wortverstande heißt Merkelmoor ›Zankmoor‹. Dort haben sich der Teufel und seine Großmutter arg gezankt, aber zum Schluß ist der Streit bei einem gemeinschaftlichen Teufelsbrei harmonisch ausgeklungen. Den lieblichen Breigeruch, so berichtet die Sage, trug ein stürmischer Ost zum Reitmoor, wo der alte Großpapa zurückgeblieben war, hinüber. Und der Duft drang in die Hölle. Da reckte der Alte die bockbeinige Ungestalt zum Ausgang empor, und, auftauchend aus dem Schlund der Hölle, zu dem gefürsteten Enkel hinüber klang der heiße Höllenbrodem seines Atems: ›Brei, Breil‹ Der Teufel fühlte ein menschliches Rühren und warf mit dem großen Ausgabelöffel die eine Hälfte ihm zu. Dort klatschte sie nieder, wo jetzt das Reitmoor starrt, als ein übrig gelassener, widerlicher Rest. Zwischen Reitmoor und Meckelmoor, schlicht und recht in der Mitte, ruht, wie ein Tropfen Unglück auf grüner Wiese, die kleine Hochmoorparzelle des Viertelhufners Fedder Sievers, Gemarkung Haale, Kartenblatt 1, Parzellennummer 14 des Königlichen Katasteramts und Kreises Rendsburg. Ihr unterhöhlter östlicher Rand bildet das überhängende Ufer einer stillbewegten, tiefgründigen, schilf- und röhrichtumrahmten Flußwindung. Das ist ein im Fluge des dämonischen Wurfs abgelöster Tropfen, und ›Düwelsdroppen‹ heißt die Moorfläche im Volksmunde sowohl wie in den Listen des Katasters und im Grundbuch des Amtsgerichts bis auf den heutigen Tag. Noch in den letzten Jahrhunderten hat man den Teufel im Reitmoor gesehen. Der alte Hans Tödt, der es mir erzählte, hatte die Geschichte von Jürgen Thun. Jürgen ist in meinen Kinderjahren zu seinen Vätern abberufen. Er hat sich auf seine Großmutter berufen, die es von ihrem Vater erfahren hatte. Dessen Kuhhirte hat mit dem Bösen im Reitmoor selbst gesprochen. Schon damals war der Teufel ein verhutzeltes graues, faltiges Männchen. Schweif und Pferdehuf waren nicht zu erkennen, denn er trug Stiefel und einen langen, vielgeflickten Rock, und wenn er Hörner besaß, so waren sie von einer hohen, grauen, wollenen Mütze bedeckt. Traurig saß der Teufel, eine dürre, dicke Binse rauchend, am Rande einer Moorkuhle und schlenkerte mit den in die Tiefe hinabhängenden, mageren, krümmen Beinchen. Er war verdrießlich, klagte über Erkältung und hüstelte. Es fehle ihm, hat er gesagt, Tabak und Schnaps, er rauche Schilf und Binsen und trinke Moorwasser. Das Höllenfeuer schwele nur noch so und von Seelen keine Spur. Im Winter friere ihn abscheulich. Seine Dämonen hätten sich enttäufelt, um sich in eine Art Wiesengötter zu verwandeln und Liebesfeuer anzufachen. Sie seien die Urheber von dem, was sich im Schatten der Heu- und Torfdiemen ereigne. Das Teufelsein habe er herzlich satt; vielleicht gebe er das Geschäft ganz auf, werde ein vernünftiger und ehrlicher Mensch. Bei dem Abschiede hat er den Kuhhirten um eine milde Gabe gebeten. Leider konnte sie dem armen Teufel nicht gewährt werden, denn der Kuhhirte hatte selbst kein Geld. So weit der Bericht von Jürgen Thun. Wenn man den weiteren Mitteilungen Glauben schenken darf, dann hat der bedauernswerte Höllenfürst seinen Entschluß ausgeführt. Hans Tödt behauptet, der Teufel diene in Seefeld bei Hans Vierth als Tagelöhner, heiße Jens Jensen, trete mit dem linken Fuß kurz und habe ein altes, verwittertes, verdrießliches, gutmütiges Gesicht. Zwei warzenartige Erhöhungen liegen, so sagt er, auf dem blank polierten Schädel. Auch jetzt bildet eine Wollmütze seine regelmäßige Kopfbedeckung, und Sonntags trägt er einen langen Rock. Jens Jensen, früher Satan, konnte es bei dem Bau des Nordostsee-Kanals im Reitmoor nicht mehr aushalten. Bei den Vorarbeiten ging die Alte mit einem Vermessungsbeamten durch und nahm den alten kindischen Großvater mit. Das Reitmoor ist zum Teil mit Sandschichten bedeckt und die Hölle bei der Gelegenheit verschüttet. Ich will nicht unterlassen, zu bemerken, daß ich für Tödt nicht einstehe. Im Dorf hält man ihn für einen Hans Quast, Jens Jensen sah ich mit keinem Auge. Dessen wunderbare Bekehrungsgeschichte will mir nicht in den Sinn, aber an des Teufels Begegnung mit dem Kuhhirten wage ich nicht zu zweifeln. Denn es ist Tatsache, daß auf Wiesen und Mooren bei Männlein und Fräulein der Herzenszunder leicht entflammt. Und wenn der dörrende Sommer seine wallenden Schleier auf die Steppen legt, dann sieht ein Sonntagsauge die Wiesen- und Moorgötter von flockiger Wolke herabgleiten, wo immer der Wurf des Geschosses sich lohnt. Doch nimmer schaut der Getroffene den Urheber denn der göttliche Schalk trägt eine Tarnkappe und schlägt seine Opfer mit Blindheit.   So warf der Bezirksgott des Düwelsdroppens im Frühling beim Torfstich sein Geschoß nach Bartel und Anna, die beide bei Fedder Sievers dienten. Aber er streifte sie nur. Der Pfeil ritzte dem Bartel die Brust und verklang sodann an dem Stahlgerät, das die Form eines langgestreckten, plattgedrückten, zweischneidigen Herzens hat und den eigentümlichen Namen Torfseele führt. Geräuschlos und sanft zerschnitt diese die in grauen Jahrhunderten aufgespeicherten Konserven der Torfmoose, wenn die kundige Hand des Bartel die zum Abbau bestimmte Grubenwand absteckte und mit wuchtigen Schlägen die Breite der Sodenziegel in gleichmäßigen Querschnitten bestimmte. Dann wurde es von dem breiten, behäbigen Eisen des Torfspatens, der die vorgeformten Soden über den Rand der Grube hob, abgelöst. Anna hatte die feuchten, klebrigen Ziegel in niedrigen, den Kartenhäusern gleichenden Haufen aufzustapeln, der dörrenden Sonne, den trocknenden Winden zuliebe. Vor Arbeit gewahrte sie kaum den Stoß vor ihr Schnürleibchen; aber mit Gefallen gedachte sie der Wohlgestalt des Bartel. Und Bartel stützt die Linke auf den Spaten, während die Rechte sein Herz, die Augen aber das Annchen suchten – ihm selbst nicht klar, weshalb? Bei der wichtigsten Handlung, die der Bauer kennt, an der Mittagstafel war Bartel Nachbar der Anna. Oben am Tisch Fedder Sievers, der Bauer, dann folgten die Frau, der Großknecht, dann Anna, endlich Bartel. Wenn in der Tischversammlung dem Herrn der Welt der übliche Dank durch stumme Andacht bedächtiger Händefaltung fünfzehn Sekunden lang, während der Hunger an Magen und Eingeweiden nagte, dargebracht worden war, schwang der Bauer den Holzlöffel in die dampfende Schüssel. Dann kamen die Frau, der Großknecht, das Dienstmädchen Anna, und wenn endlich Bartel den köstlichen Bissen über den Rand gehoben, tauchte der Bauer wieder den Löffel mit dem Gleichmaß eines Uhrwerks, ohne Hast und Rast, über das ragende Ufer des mächtigen irdenen Gefäßes. Seit dem Torfstich bemerkte Bartel, was er früher kaum gesehen hatte, daß die Anna ein frisches, dralles Ding war, eines mit goldblondem Haar, blauen, freundlichen Augen und frischen Lippen. Und sein Blick ruhte oft und gern auf ihr. Wenn sie die Hände zum Tischgebet faltete so war seine Andacht dem Himmel wenig und dem was auf dem Tisch dampfte und duftete, nur halb zugewendet. Er fand Muße, zu beobachten, wie sie in ihrem Schoße die Daumenmühle machte, wobei er die Geschmeidigkeit der kreisenden kleinen Daumen höchlichst bewunderte. Die schienen ihm etwas Menschliches, eine von ihrer Trägerin getrennte Persönlichkeit zu besitzen. Der Nagel saß den Däumchen kokett auf der Stirn, sie blickten ihn fröhlich an, wie Kinder im Karussell, wenn sie hinabsanken, und neckisch, wenn sie emporstiegen. Er verliebte sich ordentlich in die artigen Dingerchen. Und weil er dem vermeintlichen Gesicht dieser Däumchen eine Familienähnlichkeit mit seiner Nachbarin andichtete, so übertrug er das Interesse für sie auf Anna selbst. Was alles sich in fünfzehn Sekunden beobachten läßt! Von den Daumen glitt sein Auge über die kleine rote, zerarbeitete, so feste und doch so weiche Hand, über das Handgelenk und den Arm hinauf, soweit nur das kurzärmelige Miederchen es gestattete. Wenn die Daumen mahlten so dehnten sich spielend und spannend viele feine Sehnen, Nerven und Äderchen unter der braunen Haut der nackten Arme, bis zum köstlichen, runden Weiß, das unter den Ärmeln verführerisch, ahnunggrauend hervorlugte. So wurde er aus Liebe zur Anna anatomischer Liebhaber, der biedere Bartel. – Über eine andere Empfindung fehlte ihm selbst die bündigste Klarheit. Weshalb badete er den Löffel an derselben Stelle, wo noch die Wellen des von Anna gehobenen nachkräuselten? Anna schien sich hinter einer kleinen, runden Stirn die Antwort auf diese Frage zu geben. Denn wenn der Bauer nach alter Gewohnheit bei dem Einführen seiner Suppe in die entsagungsvoll gefalteten Lippen die Augen schloß, und die Frau sich vorbeugte, um einen flüchtigen Knödel zu erhaschen, dann leuchtete dem Bartel das sonnige Gesichtchen der Anna mit den frischen Lippen, als wären sie so bereit wie geeignet, ihm etwas Liebes anzutun. Was war das für ein eigentümlicher Bartel! In der Gesellschaft anderer mit ihr froh und heiter und unbefangen, war er bei ihr allein einsilbig, rot und errötend ohne Ursache, steif und hölzern, die Hände auf die Hüften gestemmt – der leibhaftige Lebkuchenmann, nur daß diesem das brennende Herz mit dem dazu gehörigen Sprüchlein auf die Brust geleimt war, während Bartel Herz und flammende Liebe in der Brust trug. Einmal leitete er ein Gespräch mit Anna ein, preßte in fliegender Röte ihr braunes Händchen noch tausendmal röter und brauner. Er habe ihr was zu sagen. Aber die Mitteilung blieb aus. »Nichts, ich machte Spaß«, preßte er wenig spaßhaft hervor und ›schlug sich seitwärts in die Gebüsche‹. Ein ander mal bat er die Anna in sichtlicher Verlegenheit um einen kleinen Dienst. Es handelte sich darum, an der Innenseite seiner geflockten und geflickten Weste eine Tasche anzubringen. »Wozu?« forschte die Anna. Bartel fing an zu stottern. »Ich meinte, ich wollte«, log er offensichtlich, »ich wollte meine Anschreibereien darin aufbewahren.« Daß Bartel für den Bauer wirtschaftliche Aufzeichnungen zu machen hatte, war richtig. Aber Anna glaubte nicht an diesen Zweck. Es lag ein eigentümliches Lächeln auf ihren Lippen, als sie den Auftrag ausführte. Sie trennte das Westenfutter in der Höhe Mitte und legte einen Saum um den Spalt. Da war viel Platz für Erntelisten und Anschreibereien. Seitdem schien sich die Buchführung zu verwickeln. Das war nicht mehr die doppelte, das mußte eine drei- und vierfache sein. Des Abends nach vollendetem Tagewerk, wenn die Rosse im warmen Stall ihr Futter rupften, saß Bartel, der Futterknecht, auf der Diele bei kärglicher Öllampe über seine Erntelisten gebeugt, und selbst während der Mittagspause sah man ihn mit Papier und Bleistift in schwerer Sorge sinnen. Die Buchführung verursachte ihm Mühe und Kummer. Oder war es die aufkeimende Saat verschämter Neigung, die zu buchen er sich bemühte? Schrieb er bei nächtlicher Lampe den Kummer, der ihn beim Torfstich getroffen? Bartel war zur Ruhe gegangen und – schlief. Nach dem Befehl von Fedder Sievers sollte er am folgenden Morgen in aller Frühe mit Anna zum Hochringen des Torfs. Und diejenige Seele, die im Schlaf den Unfug verübt, den wir als Traum bezeichnen, war bei der Arbeit. Bartel mußte in seinem Bett das Ächzen und Stöhnen besorgen, während sie, die Seele, einen schweren, hoch aufgestapelten Karren Torf zum Hochdiemen den Anna zur Kuppe wölbte, hinabschob. »Anna, der Torf ist nicht trocken«, behauptete Bartel gerade, als eine nur dürftig bekleidete Gestalt die über eine Stuhllehne gehängte Weste entführte. »Der Torf ist naß«, wiederholte Bartel mit so lebhaftem Schnalzen und Schlucken, als klebe ihm der feuchte Torf am Gaumen. Anna, sie war die Gestalt, erschrak, faßte sich aber, als ihr ein dem Aufwinden einer Ankerkette vergleichbares Geräusch entgegenfauchte. Dadurch schien der Träumer ausdrücken zu wollen, entweder daß er seine Ansicht über den Torf geändert habe, oder daß er es im Schnarchen mit jedem, wer es auch sei, aufnehme. Nun las Anna bei nächtlicher Lampe, was sie oder vielmehr der Moorkobold angerichtet hatte. Ein Wust von halb und ganz zerknüllten Zetteln, Zettelchen und Bögen, deren Inhalt mit Fedder Sievers Roggen nichts zu tun hatte. Bartel war Schriftsteller geworden und – o weh! – ein schöngeistiger. Der Entwurf eines Liebesbriefes lag in zwanzigfacher, stets veränderter, nicht immer verbesserter Auflage vor ihrem Auge. Die Handschrift war grob und ungefügig, aber sie teilte ihr das Wesentliche in nicht mißzuverstehenden Worten; er liebte sie herzlich. Gemeinsam war allen Entwürfen die Anrede: »Vielgeliebste Anna! Ein Umstand nötigt mir die Feder Anzugreifen ...«; der Schluß: »Ich verbleibe mit Achtung Dein Dir Liebender Freund ...«; endlich die Notiz: »Ich muß den Brief besser machen.« Der Bezirksgott des Teufelstropfens hatte ihn empfindlich getroffen: das brennende, verzehrende Gift seiner Pfeilspitze saß in Bartels Herzkammer. Deshalb war Bartel nicht allein prosaischer Schriftsteller, sondern auch Dichter, und die schönste Perle seiner Lyrik hätte Anna bald mit dem kleinen Zettel, der sich in die Ecke des ungeheuren Raumes zurückgezogen hatte, übersehen: »Deine Lippen Mal zu küssen. Dafür gäb ich tausend Nüssen.« Eine elegische Ausströmung auf der Rückseite: »Wie ist die Welt so Unglücklich!« Anna hat uns nicht verraten, welchen Eindruck die Kundgebung dieser Gefühle auf sie machte. Unangenehmer Art war er wohl nicht, denn sie lächelte, und denselben Lippen, deren Kuß ersehnt wurde, entfloh das gelassene, große Wort: »Dummer Junge!« Am folgenden Morgen, als Bartel sich den Schlaf aus den Augen rieb, um sich Klarheit darüber zu verschaffen, daß er allein mit Anna zum Torfhochring gehe, fand er die Weste am gewohnten Ort und in gewohnter Lage. Wie immer diente der gedrehte Knopf des Stuhles dem rechten Armloch als Haken, während die linke Brusthälfte mit dem Archiv sowie der Westenrücken, worauf ein quadratischer und zwei lange Flicken zu bemerken waren, herunterhängend mit dem Zipfel den Estrich des Bodens berührten.   Ich liebe die Natur, mehr Träumer als vorwitziger Forscher. Ich liebe, was im grünen Gras zirpt, was sich dort bläht, was hüpft und was fliegt, ohne mich viel um Namen und Klassen zu kümmern. Duft und Farbe, Staubfäden und Kelch der Blüter zergliedere und zerfasere ich nach keinem System. Nimmer trage ich das Mordgewehr über grüner, grausamer Joppe und nimmer den Angelschaft in tötender Hand. Mit schlichtem Stab geh ich zum Flusse hinab und nur die Ruder des Nachens beschwingt mein friedlicher Arm. Es mögen wild sich Parteien und Staaten bekriegen, in meinen Sumpf dringt nicht ihr rohes Geschrei. Es ruht sich sanft auf schwankendem Kahn, wenn der anmutig gewundene Strom ihn dahertreibt oder wenn er unter der überhängenden Moorfläche vor Anker liegt; wie wohl, wenn zitternde Wärme über der Steppe brütet und das muntere Volk der Mäher, fromme, weidende Herden, Himmel und Erde, wie in wallender, wogender See vergräbt! Dann tauchen sie auf, meine Gefährtinnen, allerliebste Geister, die im flüsternden Riedgras wohnen: blonde, sanfte, schmachtende Gestalten mit weißen, blaßroten Lippen (wenn sie mir ins Ohr tuscheln, habe ich die Empfindung eines überaus angenehmen Kitzels), hübsche Teufelinnen, die im Schilfe rauschen, gesund, rotbackig (sie bersten stets vor Tollheit und Lachen, und von ihren Lippen plätschert unaufhörlich der Strom unsinniger Redereien), artige Nymphen, die glucksenden Sümpfen entsteigen, wie feuchte Moorerde duftet es aus langem, dunklem Haar, worin sich allerlei zackiges Scherengewächs verfängt. Sie alle haben süße, verschlafene Gesichter, und ich hüte mich wohl, ihnen den Halbschlaf aus den abgrundtiefen Augen zu reiben. Wir sind beisammen. Es duftet die Erika, die Ebene flimmert; im Schatten des Torfdiemens, wo Bartel und Anna ihren Mittagsschlaf halten, zittert die von Torf und Speck- und Brotgeruch erfüllte Luft. Wir lugten über das Ufer, das Pärchen zu beobachten, aber auch den Kobold, der hinter dem Diemen mit rosigem Däumchen die Scheide des Pfeiles prüfte, auf den Bogen legte und – zielte. Der entteufelte Liebesgott machte eine angenehme Figur, war ein Bürschchen in dunkler Taschenausgabe, das schwarze, wollige Haar und das gebogene Näschen standen ihm gut, und gut mochte auch die reizende Tarnkappe von Moorheide, die am Köcher hing, zu diesem Krauskopf passen. Noch immer stand er und – zielte, entsandte aber nicht das Geschoß. Er tat es gar in den Köcher zurück, bedeckte sein Haupt mit der Kappe und vereinigte die torfgeschwärzten Händen der beiden jungen im Netze ihrer Träume zappelnden Menschenkinder. »Wozu«, hörten wir ihn murmeln, »noch einen Pfeil? Es sind teure Zeiten, und man muß sparen«. Dann entführte ihn der flüchtige Strahl zur flockigen Wolke. Aus der Höhe wendete er sein Haupt. Das tat auch ich, und mit mir das neugierige Volk. Die Schilfgöttin, deren Größe nicht reichte, hatte ich schon längst aufhocken lassen. Wir alle warfen unsere Blicke. Und sieh! Endlich kam dem guten Bartel die Offenbarung, was man einem Mädchen hinter Torfdiemen von Rechts wegen schuldig ist. Endlich ermannte er sich zu Umarmung und Kuß. Und sie umschlang ihn mit braunen, verbrannten Armen. Uns schien, sie sagte: »Du dummer, du süßer Junge, du!« Die Roßtrappe von Neudorf Das Gehöft Neudorf ist bisher nicht berühmt und nicht merkwürdig, aber es besitzt ein Plätzchen, das sich zur Berühmtheit und zur Merkwürdigkeit entwickelt. Da liegt es, das kleine Gut, zwischen Acker und Wiese, Wald und Heide. Ein Fluß windet sich in träger Verdrossenheit durch die Ebene. Das Gleichmaß seiner an schilf-, weiden- und erlenumflorten Ufern vorübergrollenden Wellen wird nur einmal durch eine Bodenerhebung gestört. Unweit des Hofes durchschneidet er den Chimborasso von Neudorf. Dessen abgedachte Kuppe überragt als ein steil abfallendes Plateau den Wasserspiegel um nahezu sechs Fuß; von ihrer Ebene überbrückt der Blick den im eingeengten Bett lebhafter vorüber plätschernden Strom. An sich ist es nicht großartig und auch nicht schrecklich. Aber ganz Neudorf nennt im Hinblick auf die Ereignisse, deren Schauplatz dieser Hügel war, die Tiefe des Stromes eine grausige, seine Breite trotz der Stromenge eine ungeheure. Denn hier ist die ›Roßtrappe von Neudorf‹. Hier gelang der unvergleichliche Sprung, von dem Jung und Alt sagt und singt. Hier sitzt die altersgraue Muse von Neudorf, verwitterte Runenschrift im Antlitz, die Spindel in der Hand, und spinnt und spinnt um die Höhe das Gespinnst goldener Sage. Ihre Kreise will ich nicht stören. Sie redet eine einschmeichelndere Sprache als die Geschichte. Ich unternehme es, mit dem elektrischen Licht geschichtlicher Forschung die außerordentlichen Begebenheiten aufzuhellen, aber mich verläßt nicht das Bewußtsein, daß die Geschichte auch hier der Sage erliegen wird. Klaus hieß er, und Nachtwächter war er. Dies Amt legte ihm die Verpflichtung auf, allnächtlich einen Rundgang durch das Anwesen zu machen. Ein Wächter hat etwas Heldenhaftes; wir verbinden mit ihm die Vorstellung reckenhaften Mutes. Allein unser Held war kein Held. Denn, als er Gelegenheit hatte, seinen Mut zu zeigen, bewies er wohl Gewandtheit, aber keinen Mut; als er verpflichtet war, seine Lanze zum Angriff zu schwingen, machte er von ihr einen ungewöhnlichen Gebrauch. Sein beständiger Begleiter war Nero – ein Wesen mit hündischen Eigenschaften und Neigungen. Eine gelbweiße Färbung bedeckte das halblange, seidenweiche Haar des ansehnlichen Tieres. Nero war bescheiden und dem Gebieter ergeben. In der Hundewelt aber erregte er gemischte Gefühle. Dem schönen Geschlecht war er Löwe, ihm gegenüber wendete er mehr Galanterie auf, als für seinen Ruf ratsam war; der Herrenhundewelt dagegen war er Stutzer, »die widerwärtige Erscheinung eines sogenannten schönen Mannes.«   Klaus und Nero befanden sich auf dem Pfade der Pflicht. Sie versahen ihr Wächteramt auf dem von niedrigen Wällen umgürteten Hofplatz. Eine schöne Nacht, in gleicher Weise einladend zum Schwärmen und Philosophieren wie zu galanten Abenteuern. Klaus hatte keine Neigung zur Philosophie und keine Auffassung für die Liebe. Darin unterschied er sich von seinem Begleiter. Klaus hatte nicht einmal Gehör für die Liebe. Musik rechnete er zu den Geräuschen, und wenn er dafür bezahlen sollte, zu den unangenehmen. Nachtigallenschlag und Schweinegrunzen klangen ihm ungefähr gleich. Als der Gatte der Frau Nachtigall ein Flitterwochenlied anstimmte, glaubte Klaus ein Ferkel in Erstickungsnöten. Er horchte. Er ärgerte sich, als er wahrgenommen, daß er einem Vogelsang seine Aufmerksamkeit geschenkt hatte. Sein Gefühl für Würde war fein und empfindlich. Das Himmelsgewölbe erstrahlte in der Pracht funkelndern Fixsterne. Die Welten der Milchstraße durchzogen die Hemisphäre in den bekannten Linien. Dem Auge winkten aus abgrundtiefen Weiten fern und ferner ewige Sterne. Ein heller Stern blinzelte unserm Klaus direkt in die Augen: ›Du baumlanger Klaus, wie winzig bist du, und wie klein ist deine Erde!‹ Der Wächter verstand ihn nicht. Es flog durch seine Erinnerung eine verschollene Sage, jeder Stern trage den verklärten Leib eines Verstorbenen durch den Äther. Er maß das Lichtpünktchen geringschätzig mit seinem Auge. Der Gedanke, daß er, der baumlange Klaus, auf diesem Strahl, diesem Nichts, dessen aufgeblasenes Dasein er auszublasen sich getraue, wenn er nur herankönne, durch die Lüfte reite, erregte seine Heiterkeit. Die Vorstellung war zu albern. Er lachte. Sein Lachen war ein Gemisch von Poltern und Wiehern. Seine Lachsalve war weit und breit bekannt. Darin tat es ihm keiner gleich. So lachen fünfmalhunderttausend Teufel, wenn ein Edler in die unreinen Begierden schattenhafter Jahrtausende zurückfällt. O, dieses Lachen! Wenn es sich den Schwingungen der Brust entrang, echoten die benachbarten Partien seines ansehnlichen Leibes. Das Lachen hatte viele Eigentümlichkeiten, aber die wiehernde Klangfarbe war die hervorstechendste. Der Hofschmied Thomsen nannte ihn deshalb das ›Roß‹, und die Bevölkerung von Neudorf erhob diese Bezeichnung zu einem allgemein bekannten Necknamen unseres Klaus. Auch der Stern lächelte; es war ein überlegenes, ironisches Lächeln, wie es einem Himmelslicht erster Größe zukommt. Von dem Lachen unseres Klaus wiederhallten Winkel und Erker. Die tönerne Flora des Herrenhauses lachte hell und silbern, die Giebel der Wirtschaftshäuser grob und dumpf und derb, ein wenig roh, mit rückhaltslosem, bäurischem Behagen. Der Heuschober hielt sich den umfangreichen Leib, der Ziehbrunnen stemmte in schüttelnder Lache die Hand in die Hüfte. Es war unvorsichtig von dem Wächter, so zu lachen. Denn wenn sich jetzt jemand auf unerlaubten Wegen befand, so wußte er, daß der schreckliche Wächter nahe. Dann war es Zeit, auf Rettung bedacht zu sein. Und sieh!   Und sieh! Warf sich nicht eine dunkle Gestalt mit kräftigem Schwung aus dem Fenster des Erdgeschosses? Das ist kein fadenscheiniger Schatten der Phantasie. Die Pflicht ruft, edler Klaus! Im Zentrum der Gefahr, da wehen deine Banner! Hei, wie blitzte das Auge unseres Helden! Nicht wahr, wir sehen ihn mit eingelegter Lanze den frechen Dieb zu Boden rennen, wir hören den Überwundenen um Schonung flehen? So hätte es sollen sein, so war es leider nicht. Wohl raste der Wächter, aber er raste in wilder Flucht. Über den Hofplatz donnerten seine Fußtritte, den das Gehöft umgürtenden Wall überflog er in wilder Hast. Gelang es ihm, das Flüßchen zu passieren, so schien die Gefahr vorüber. Wie sprengte der Ritter vom Roß durch die Gefilde, näher und näher dem rettenden Strom! Jählings erstürmt er die Wände des Hügels; der Spiegel des Stromes blitzt vor ihm auf. Wohl grauste ihm ob der schwindelnden Tiefe – sah er nicht im Fluge ein Totengesicht im rauschenden Strom? –aber er schöpfte zum grausigen Sprunge aus der Blässe der Furcht den blühenden Mut. Nun zeigte es sich wozu der Wächter eine Lanze trägt. Sie fand in dem zähen Boden des Flußbettes das Zentrum desjenigen Kreises, in dessen Tangente der kühne Wächter dem jenseitigen Ufer zuflog und es glücklich erreichte. Er war gerettet.   Nero beteiligte sich nicht an dieser Flucht. An die Wandung seiner Brust klopfte ein von Liebe erfülltes Herz und erleichterte ihm das Verständnis der Lage. Er erkannte in dem verfolgten Verfolger einen alten Bekannten, eine unmittelbare Eingebung zeigte ihm im Herzen des Jünglings die ihm wohlbekannten Pfeile des Flurschützen Amor. Er war ein teilnehmender Freund, eine verständnisvolle, schöne Seele. Das versicherten das kluge, treue Auge, die schalkhaft zurückgelegten Behänge, der wedelnde, lange, buschige Schweif. Und nicht allein von Nero war die Flucht bemerkt. Zwei Augen hatten der wilden Jagd im Anfang sorgenvoll, dann erheitert nachgeblickt. Der große Fixstern lächelte diesem Doppelgestirn freundlich zu, ohne Überlegenheit, ohne Spott und ohne Ironie. Leuchtete doch aus diesem Augenpaar eine Liebe, unvergänglich wie sein eigner Glanz.   Ob Nero geplaudert? Ob die Mitspielenden das Bühnengeheimnis verletzt? Es ist unaufgeklärt, wie und wo. Genug das kleine Abenteuer wurde bekannt und machte die Runde. Gehen wir den verschlungenen Pfaden der dichtenden Volksseele nach. Leider wandelte sie auch hier, wie so oft, den Lästergang der Verleumdung. Unserm Helden wurde etwas nachgesagt, wovor ihn Alter und eheliches Joch hätten schützen sollen. Friech Thomsen, Satiriker von Neudorf, der als Geselle den Harz durchwandert hatte, bevor er Hofschmied wurde, ließ seiner Spottlust freie Bahn. Von ihm wurde die denkwürdige Stätte, wo Klaus den Fluß übersprang, mit anzüglicher Beziehung auf den Necknamen unseres Helden zuerst als ›Roßtrappe‹ bezeichnet. Und so heißt sie bis auf den heutigen Tag. Friech Thomsen zeigte Fremden und Einheimischen Spuren von Riesenfüßen, die Klaus dem Boden unvergänglich aufgedrückt haben soll, daneben die Spuren eines Pferdehufs, zurückgelassen von dem Bösen, als er unsern Helden gejagt. Dunkle Gerüchte, daß Klaus sich auf Wegen befunden, die in gleicher Weise von Recht und Sitte verboten sind, wurden von ihm genährt. Das alles ist schon lange her, und Freund Hein hat dem bösen Friech den losen Mund geschlossen. Unser Held ist dem Schmerze gekränkter Ehre entrückt. »Was im Lied soll ewig leben, muß im Leben untergehn.« Auch von Klaus mußte die letzte Spur seines Erdendaseins getilgt sein, bevor die Muse von Neudorf auf dem Hügel am Flusse die Maschen ihres Gewebes einschlug. Erst die Zeit verleiht einer Sage Zauber und Anmut. Und die Muse von Neudorf arbeitet langsam und bedächtig. Noch ist ihr Werk nur halb vollendet. Erst den künftigen Geschlechtern wird Klaus ein reckenhafter Jüngling sein, der durch Todesverachtung die Geliebte des Herzens von dem hartherzigen Hofbauern erringt. Er bricht, so wird die Sage weiter berichten, am rettenden Ufer sterbend zusammen, und Sie sucht vor den Augen des in wildem Schmerz aufschreienden Vaters den Tod in den Wellen. Das ist dann die vollendete Roßtrappensage von Neudorf, bekannt im ganzen Land. Aber niemand wird singen und sagen von unserer mit dem nüchternen Griffel des Historikers aufgezeichneten Geschichte. Niemand wird fragen nach der geschichtlichen Grundlage der Roßtrappensage. Die Justiz auf Irrwegen Wir hatten prächtig gegessen, sahen verjüngt, verschönt und satt, die meisten auch wohlgenährt aus, von heiterer Entschlossenheit, wie Männer, denen es auf einen Bissen nicht ankommt. Und aus unseren Augen leuchtete sonnig und mild das Funkelgold von Rüdesheimer Berg. Bei Kaffee und Zigarre ebbte das Gespräch zu allgemeiner Unterhaltung ab und wendete sich einem Gegenstande zu, den man zur Zeit bei uns nicht fand: der Schüchternheit und Befangenheit. Doktor M... trennte beide Begriffe mit scharfem Schnitt. Die Schüchternheit entspringe der Bescheidenheit, die Befangenheit, behauptete er, dem Selbstbewußtsein. Der Schüchterne sei geneigt, die eigene Persönlichkeit im Verhältnis zu fremden zu unterschätzen; der Befangene ermangele dagegen des seinem Selbstbewußtsein entsprechenden Selbstvertrauens. Er verliere die Sicherheit unter dem Drucke des Gefühls, daß er sich nicht auf der Höhe des von ihm selbst geforderten tadellosen Verhaltens, das er sich im allgemeinen beimesse, befinde. Die Sätze erregten einen Wirbelwind von Debatten. Angegriffen, verteidigt, ihre Richtigkeit bedingt zugegeben, ihre Unrichtigkeit bedingt behauptet. Es fand sich nicht das › Quos ego ‹ der überlegenen Persönlichkeit, aber man gruppierte sich um den Gerichtsrat:   Eine Geschichte darf ich sie kaum nennen, begann er, eigentlich ist es nur ein Unfall, der mir bei meinem ersten Ausflug, und ein Irrtum der der hohen Justiz begegnete. Aber vielleicht ist das kleine Abenteuer geeignet für unsere Frage ›schätzbares Material‹ zu liefern. Ich greife in meine Jugend zurück, in die Zeit, als unsere gemeinschaftliche holsteinische Heimat unter der väterlichen Herrschaft des Dänenkönigs stand und ungemein wenig regiert wurde, auf jene ehrwürdige Zeit, wo unsere Amtmänner ihre Vorladungen erließen in dem Herrscherstil der Majestät: »Ich, der Königl. Amtmann zu M., Freiherr Friedrich Theodor Bode v. Bodenstein, befehle und gebiete Dir hiermit, daß Du vor mir am dritten Juni dieses Jahres, vormittag elf Uhr, im Königl. Amthause hierselbst erscheinst, um zu vernehmen, was mit Dir zu reden. Durch diese auf pergamentartigem Papier gedruckte Formel wurde ich als junger Knabe vorgeladen, Zeugnis abzulegen. Die Sache hatte meinen Eltern viel Verdruß bereitet. An einem Sonntag nachmittag (Vater war im Kartenklub, Mutter auf Besuch, Mädchen und Knechte pürschten sich gegenseitig in Wald und Feld nach), da war der Sekretär in unserer Wohnstube erbrochen und, was vor den Augen lag, mitgenommen worden. Dunkle, verdächtige Äußerungen, die der übel beleumundete Franz Froböse mir gegenüber getan, führten auf die Spur des Täters. Im Besitz von Franz fand man die entwendeten Sachen – Uhr und Geld; er sah seiner Bestrafung im Amtsgefängnis entgegen. Mit der Auszeichnung, die mir durch die Vorladung widerfuhr, begann für mich eine neue Ära. Schon die Zustellung durch den uniformierten Beamten machte gewaltigen Eindruck. Hans, Hans! Wenn schon der Glanz des Dieners dein Auge blendet, wird es das gleißende Gold des Amtmanns ertragen? Als ich die Empfangsbescheinigung vollzog, fühlte ich mich von einer großen Zukunft angeweht. ›Hans Harms.‹ Diese Schriftzüge waren das Ergebnis einer Bemühung, worin ich das Beste meines Könnens niederlegte. Ich bezweifelte nicht, dadurch die Bewunderung des Amtmanns zu erregen. ›Welche Handschrift!‹ hörte ich sein staunendes Ah. Als ich das Papier dem Boten zurückgab, stand für jeden, der überhaupt nur lesen wollte, in meiner Miene geschrieben: ›Was sagt ihr zu dieser Leistung?‹ Aber der Beamte wollte nicht lesen, er prüfte geschäftlich die Handschrift und schob sie kühl in seine Mappe. Die Ladung lautete an den »Herrn Hans Harms in Neudorf«. »Zu vernehmen, was mit dir zu reden«. Wie geheimnisvoll! Eine Unterredung des »Herrn« Hans Harms in Neudorf mit dem Königlichen Amtmann, Freiherrn Friedrich Theodor Bode v. Bodenstein, diese Unterredung ein Glied in der Kette zur Überführung eines Verbrechers. Wie hob mich dieser Glanz aus dem Dunkel, wie hoch über meine Mitschüler! Und in Zukunft wird Hans Harms bei dem Schulunterricht ein lebendiges Beispiel bei der Lehre vom gerichtlichen Zeugnis darstellen. ›Der Hans, der kennt die Pflichten eines gerichtlichen Zeugen‹, hörte ich den Lehrer erklären. Ja der Hans! Ich betrachtete mich im Spiegel und fand meine Stirn hoch, frei und bedeutend. In den folgenden Nächten neckten mich lebhafte Träume. Die Szene wechselte wie die Gestalt des Amtmannes, er glich nacheinander meiner Großmutter, dem alten Schullehrer und unserem Hunde Waldmann, dann nahm er die Cäsarenzüge des großen Napoleon an. Der Ton einer Schalmei flatterte durch die Szene, aber über dem Ganzen schwebte mein eigenes, siegreiches, beredtes Wort. Das feste Gefüge meines, wie mir schien, gereimten Vortrags trug die Seele in köstlicher Selbstzufriedenheit empor. Zum ersten mal das Vollbringen dem Können entsprechend. Im Traume, im Traume, versteht sich, aber wenn auch nur im Traum: es war ein beglückendes Gefühl. Ich machte häufig ein bißchen Ikarusflug. Wenn ich im grünen Gras auf dem Rücken lag, so flog ich durch sonnendurchflutete Himmelsräume, in meiner Seele erklangen die Weisen zukünftiger Gesänge. Aber zu anderen Zeiten beseelte mich mehr Entsagung als Ehrgeiz: nur einmal im städtischen Anzug von Hans Timm und Thöm bewundert werden, und dann, wenn es sein müßte, in Frieden zur ewigen Ruh. Es läßt sich prachtvoll großtun, wenn man daheim ist bei Vater und Mutter in altgewohnter, lieber Umgebung, aber in der Fremde wurde es den Hänschen wie den Petern noch immer schwer ums Herz. So entsprach denn auch meine Haltung draußen dem Frohmute daheim keineswegs, und ich wußte mit der Welt so wenig anzufangen, wie die Welt mit Hans Harms. Ja, als die aufgehende Sonne des entscheidungsvollen Tages ihre Strahlen über meine junge Stirn ergoß, da pochte allgemach in meiner Seele die Angst. Einigermaßen war ich aber noch in Fassung, als ich meinen schweren Gang begann; hegte ich doch in meiner Tasche einen Tröster, der über viele Erdensorgen hinweghebt: Geld. »Du bist schon groß«, hatte mein verständiger Vater gesagt, »nicht früh genug kann man seine Kraft erproben. Geh mit diesem treuen Helfer!« In meine Hand hatte sich etwas Hartes gesenkt, sechs Hamburger Schillinge waren darin. Sechs Hamburger Schillinge, die wogen manches Ungemach auf. Der junge Tag war schön. In der Dorfsgemarkung kannte ich jeden Arbeiter, der im taufrischen Felde die dampfende Pflugfurche zog. Alles arbeitete, als sei der Tag an dem Hans Harms mit dem Amtmann reden werde, ein Tag wie ein anderer, kein Tag, der gewissermaßen die Ordnung der Welt durchbrach. Das enttäuschte zwar, aber es beruhigte doch. Zunächst beherrschte mich noch mehr Aufregung als Befangenheit. Aber es war schon die Aufregung einer gesteigerten Tätigkeit meiner Nerven. Mein Interesse galt den gleichgültigsten Dingen. Und sie bewahrt mein Gedächtnis bis auf den heutigen Tag. Bei Tete Tetens wurde gebacken. Der Bauer schob das Brot in den Ofen, in Hemdsärmeln, und ich bemerkte, daß die hintere Westenwand am linken Schulterknochen in Form eines verschobenen Rechtecks mit einem dunklen Stück geflickt war, das sich auf der gebleichten Westenwand scharf abhob. Merkwürdigerweise konnte ich nicht von dem Gedanken los, ob der Flicken wohl aus demselben Stück sei, wie die Westenwand. – Peter Ruge begegnete mir in blanker Jacke mit einem Leiterwagen, worauf ein halbgefüllter, vorschriftswidrig im Knoten anstatt in einer Schleife zugebundener Sack von zweifelhafter Reinlichkeit lag. Dem Handpferd fehlte das Beiband, ein Hufeisen klirrte. Erglänzte die Jacke in des Fettes blinkender Kruste oder in der Jugend strahlender Schöne? Ich kam über eine Brücke: die ›krumme Au‹, ein rasches Gewässer, das ein grünes Wiesental durchfloß und die heimische Gemarkung begrenzte. Dann ging es lange durch Heide und Tannen. Nun erst war ich ein aus der Heimat gerissener Knabe. Dabei tiefe, beklemmende Stille einer unbarmherzigen Natur. Aus dem Rauschen des Windes entnahm ich die Mahnung, daß hienieden nicht alles Freude und Scherz sei, daß es vielmehr schrecklich ernste Sachen gebe, z. B. gerichtliche Verhöre, »zu vernehmen, was mit dir zu reden.« Schadenfroh bestätigten das unbekannte Schäker im Dickicht und auch die Grille gab notgedrungen, so zirpte sie, zu, daß das was für sich habe. Ich weiß nicht, wie lange ich ging; es kamen Dörfer, Äcker kamen, es kam wieder Wald, und endlich tauchte die Stadt auf. Zuerst der lang aufgeschossene Turm, in dessen düsterem Antlitz ich eine Wiederholung der von Wind und Wald gehörten trüben Auffassung las, dann das hohe, graue, mit gebietender Gewalt hervortretende Amthaus, das mir das Blut in die trüben Augen trieb. Und als ich die Höhe der gewellten Ebene erreicht hatte, lag die Stadt frei vor meinem Blick. Wie betrübte mich der Dächer herzloser Wirrwarr, worin das Auge keinen Punkt fand, der zum Verweilen einlud! Die Dächer, wie waren sie rot und prächtig und eben deshalb abscheulich, wie blinkte es aus blitzenden Scheiben herüber: hier kommt man nicht durch mit bäurischem Benehmen, hier verlangt man seines Wesen und seine Manier. Nur an der Küste des Häusermeeres blickten schlichte Strohdächer behäbig, gleichmütig ins freie Feld. Es erfrischte und stärkte mich ihr linder Trost. Es ist nicht so schlimm, grüßten sie zu mir herüber, ihr Menschen seid alle Gottes gleiche Kinder. Aber vor der Stadt klopfte mir doch wieder das bange, kleine Herz, und in den dort auslaufenden Promenaden ließ ich mich auf einer Bank nieder, mich zu sammeln. Vergebliche Hoffnung! Es näherten sich leichtfüßige Stadtjungen. »Du«, vernahm ich, »den Rudolf kann man nicht mehr einladen. Denke dir, gestern steckte er in Gegenwart meiner Schwestern die Hand in die Hose.« Meine Hände flogen mit raschem Ruck aus der Tiefe, wo sie verbotenerweise geruht. Erst hingen sie schlaff von der Achsel, dann kreuzte ich sie napoleonisch über die Brust, endlich faltete ich sie wie zum Gebet. Aber es war keine Andacht, was sich in der Tiefe meines Gemüts vorwurfsvoll regte. Weshalb, o schaffende Natur, verliehst du uns nicht ein Futteral für die Arme, wenn es unschicklich ist, sie in künstlichen Taschen zu hegen? Die Knaben bewegten sich im städtischen Anzug an mir vorüber, mich streifte ein flüchtiger Blick, worin ich die Gesinnung vollständigster Wurstigkeit las. Wie edel dachten diese vornehmen Söhne, daß sie mich nicht verhöhnten, was ich, so schien mir, so vollauf verdiente! Ihr elastischer Schritt war mir eine hohe Leistung, die mich mit viel Bewunderung und etwas Neid erfüllte. Und wie leicht und luftig der Anzug! Ich steckte in schwarzer, schwerer Beiderwand, war in einen engen Rock von der Mutter mit Hilfe der Schwestern gezwängt, daß alle Nähte geknackt hatten. Und dann meine Stiefel! Die waren mit Fett getränkt. Über die Bestandteile dieses Fetts wagte ich nicht nachzudenken. Dahin mein Selbstvertrauen, und mein Mut dahin. Und doch rechtfertigte die Bürgerschaft der Stadt, in die ich einzog, meine Beklommenheit eigentlich nicht, denn sie zeichnete sich wohl durch einen gewissen behäbigen Müßiggang, nicht aber durch seine Gewohnheiten aus, und Gestalten, die bestimmt schienen, ein Wässerchen in Karlsbad oder Marienbad zu trinken, sah man nicht selten. Sie zerfiel in zwei Klassen: die eine verschänkte Bier, die andere trank Bier; zur letzteren konnten auch die Honoratioren und die Handwerker gezählt werden. Ja, die Gastwirte selbst waren fleißige Kunden ihres eigenen Geschäfts und einiger benachbarter Wirtschaften, so daß die erste Klasse eigentlich zur zweiten gehörte, welcher Umstand meine Einteilung vollständig über den Haufen wirft. Wie mißlich ist es doch mit jedem System bestellt! Einen Sechsling wollte ich verzehren und dafür ein Glas Bier, das im Dorf nicht mehr kostete, kaufen, aber die Auswahl des Lokals machte Schwierigkeiten, alle waren zu fein, keines entsprach dem Ideal der Schäbigkeit, die zu Beiderwand und Schmierstiefeln paßte. Zwei Kellerwirtschaften gingen allenfalls. Widerwärtig war aber die Bezeichnung ›Tunnel‹ und ›Halle‹, da solche Namen auf gleißnerisch verborgene Vornehmheit hindeuteten. Ich entschied mich für den ›Tunnel‹. Aber wie fest auch mein Entschluß gewesen war: ich hatte nicht das Herz, als ich den Luxus von Kattungardinen an den Fenstern bemerkte. Das trieb mich zur ›Halle‹, aber – die ›Halle‹ hatte weiße Gardinen. So machte ich denn wieder kehrt; aber neue Hindernisse. Der Tunnelwirt tauschte soeben auf seiner Kellertreppe Verbeugungen mit einem vorübergehenden Herrn aus. Ich sah betroffen auf meine eigene dürftige Gestalt. Wenn man im ›Tunnel‹ solche Verbeugungen macht, dann passest du nicht hinein, Hans! Ich wandte zum letzten mal meinen Schritt und verschwand in der Tür der ›Halle‹. Noch höre ich mit schrecklicher Deutlichkeit den hellen Klang der Haustürschelle, den tiefen Ton der Gaststubentür. So ungefähr muß wohl dem Delinquenten das Armesünderglöckchen läuten. Und das Gefühl, unglaublich vermessen zu sein, trug ich mit hinein. Der Anblick, der sich mir darbot, war auch kein tröstlicher, denn die äußere Einfachheit war nur das Aushängeschild geheuchelter Schäbigkeit gewesen, dazu bestimmt, so werte Gäste, wie Hans Harms aus Neudorf, ins Netz zu locken. Denn im Keller umgab mich – es war niederträchtig – eine beklemmende Feinheit. Blumig goldene Tapeten bedeckten die Wände, der Kronleuchter, einem ungeheuren Prachtfalter vergleichbar, senkte sich von der Decke; schwellende, weiche Sofas, Blitzen von Goldrahmen hinüber und herüber, und der Hallenwirt von überwältigender Vornehmheit, den jungen Gast mit gelassenem Staunen betrachtend. Aber indem vollen Klang seiner Stimme lag die großmütige Versicherung, daß er entschlossen sei, seine Überlegenheit nicht zu mißbrauchen. »Was steht zu Diensten?« Ich wagte den feinen Mann wegen eines Sechslings nicht zu bemühen. »Zwei Glas Bier«, war meine Antwort. »Sollen es Seidel sein?« In der Dorfschenke wurde das übliche Braunbier in Gläsern verschenkt, und ich wußte nichts von Seideln, war daher in Verlegenheit. Ich zerschnitt den Knoten. »Ja«, antwortete ich. Jetzt zollte der Wirt mir unverhohlen Bewunderung. Seine nächste Frage lautete: »Bayrisch?« Neue Verlegenheit. Ich quälte hervor: »Ja.« In dem Augenblick hätte ich mir auch Strychnin gefallen lassen. »Für dich allein?« Der Wirt brachte, ohne die Antwort abzuwarten, zwei schäumende Schoppen. »Du bist ein unternehmender Junge«, bemerkte er väterlich. »Wenn dir nur nichts passiert. Setz dich aufs Sofa!« Ich setzte mich ins Sofa, denn es war selbstverständlich, daß ich einem so feinen Mann gehorchte. Aber mit Entsetzen sah ich die beiden Schoppen. Wie gern wär ich geflohen aus der schrecklichen ›Halle‹! Jedoch die Pflicht gebot, das schien mir wiederum selbstverständlich, beide Kelche zu leeren, und selbstverständlich war es, daß zwei so große Gläser Bier nicht bloß einen Schilling kosten könnten. Und beklommen fragte ich nach dem Preise. »Vier Schillinge, mein Sohn.« Also der größte Teil meines Vermögens! Ich holte es aus der Tiefe der Tasche und zahlte. Ich begann zu schlürfen und zu nippen und zu trinken, und es war merkwürdig, wie sich meine Vorstellung von der Umwelt änderte. Schon beim ersten Schoppen war die angestaunte Eleganz nicht mehr einwandsfrei. Ich bemerkte rauchgeschwärzte Zimmerdecken, abgetretene Fußböden, verschimmelte Tapeten. An Stuhl und Sofa hatte der Zahn der Zeit genagt. Der Anzug des eben noch bewunderten Wirts erweckte in mir eine ähnliche Betrachtung, wie die blanke Jacke des Peter Ruge heute früh, und seine Manier war die eines Schenkwirts. Ich erinnerte mich, daß der Ehrgeiz des Hans Harms über den Bierkrug eines Gastwirts hinausstrebe. Und was war denn schließlich auch Großes mit der bevorstehenden Vernehmung? Wahrscheinlich gewann meine Stimmung neuen Aufschwung, als ich die etwas verwelkte Blüte des zweiten Schoppens brach. Denn die nachfolgenden Ereignisse blickten mich mit verschleierten Augen an. Ich erinnere Bruchstücke einer Unterhaltung, die ich mit dem Wirt führte, auch ist mir, als ob mir noch einmal der Strahl des Fasses gesummt hätte. Auch darin irre ich mich nicht, daß ich schließlich von dem freundlichen Vater der Herberge aus dem Lokal gedrängt wurde und das Unglück hatte, meine ganze Länge auf der Straße am Boden zu messen. Wie hätte mich dieser Unfall noch vor einer Stunde gedemütigt! Jetzt focht er mich nicht weiter an. Und im Amthause? Das Gesicht des Franz taucht vor mir auf und die würdige Gestalt des alten Amtmanns, Freiherrn Friedrich Theodor Bode v. Bodenstein. Es schläft in mir die Vorstellung, als ob Franz barsch, ich aber freundlich behandelt worden sei, daß ich über Verdienst gelobt worden, in glücklicher Stimmung und Mittelpunkt des Interesses gewesen. Aber dann kam das Elend, kamen Jammer und Not! Im tiefsten Unglück schwang sich mein Denken zur Andacht auf. Aber wenn die Not am höchsten, ist die Hilfe am nächsten. Ich erhielt Erleichterung, ein bleierner, tiefer Schlaf nahm mein Bewußtsein hinweg; ein Wiegen, Rollen, Schütteln, das Geräusch eines mich forttragenden Gefährts – Erwachen in Neudorf. Dort wurde ich aus einer Mietskutsche in die Arme meiner besorgten Eltern gehoben. Der Amtmann lasse grüßen, bestellte der Fuhrmann, die Hitze und die Aufregung hätten den Knaben unwohl gemacht, aber es habe nichts auf sich. Und es hatte nichts auf sich. Einen ganzen Tag im wunderschönen Monat Juni ließ mich die Mutter nicht aus dem warmen Wandbett. Zu dem Jammer meiner Lage häufte sich das Weh warmer Decken, diese mit Federn achtbarer Gänse bis zum Platzen gestopft. Es gab Fliedertee, soviel ich nur mochte, aber ich mochte nicht viel. Es vergingen, ich weiß nicht, wie viele Jahre. Da arbeitete ich als Gerichtsassessor bei dem Kreisgericht, dem das Archiv des Amtshauses, seiner Ladungsformulare und Akten zur Aufbewahrung überwiesen worden waren. Wollte ich die Akten des berühmten Falles Froböse noch einsehen, so wurde es Zeit. So ganz einfach war es zwar nicht, aber mit Hilfe des alten Sekretärs fand ich ein staubiges, vergilbtes Aktenstück: ›Untersuchungsakten wider den Dienstjungen Franz Froböse in Neudorf wegen Einbruchsdiebstahls.‹ Nun konnte ich mich von der Sorge befreien, ob ich etwa im Verhör ›Dummheiten‹ gemacht. Das war nun zwar nicht der Fall, aber ich fand doch etwas Überraschendes – den Begleitbericht des Amtmannes bei Übersendung der Akten an das Obergericht. »Es sei gestattet«, las ich, »auf die Wichtigkeit der Aussage des Hans Harms hinzuweisen. Mußte das Zeugnis auch wegen Eidesunmündigkeit des Komparenten unbeschworen bleiben, so ist es doch mit einer solchen Klarheit und Festigkeit erstattet, daß sie bei dieser Jugend und Unerfahrenheit überraschen muß. Daher ist es ein sehr beachtenswertes Beweismittel. Bei dem Inkulpaten dürfte der Grundsatz › Malitia supplet aetatem ‹ Platz greifen, bei dem Zeugen Hans Harms aber der andere, daß sachliche Glaubwürdigkeit Eid und Eidesmündigkeit ersetzt. Dabei darf ein sehr charakteristischer Umstand nicht verschwiegen bleiben. Hans Harms war von den heiligen Pflichten eines Zeugen so hingerissen, daß er nach dem Abschluß des Verhörs einem von Erbrechen begleiteten Unwohlsein unterlag. Das Übel trat so heftig auf, daß er durch Mietfuhrwerk nach seiner Heimat Neudorf geschafft werden mußte. Indem wir die von uns berichtigte Fuhrkostenrechnung im Betrage von sieben Kurant Mark und acht Schillingen anschließen, bitten wir pflichtgemäß, unserer Kasse diesen Betrag aus der Rezeptur des königlichen Obergerichtes zum Fonds der Zeugengebühren zu erstatten«. Er soll dein Herr sein! Ich übernahm, – erzählte der Pastor – von meinem Amtsvorgänger den Gebrauch, eine sogenannte kleine Kirche am Mittwoch vormittag zu halten, und traf darin keine Änderung. Eltern, deren Mittel eine Haustaufe nicht zuließen, brachten ihre Neugeborenen zur Aufnahme in die christliche Kirche; kleine Leute, die stille Hochzeit machen wollten, ließen sich trauen; Kirchspielskinder, die etwas mit ihrem Seelsorger zu beraten hatten, fanden sich ein; dazu manche, die anfangs aus Neugierde gekommen waren, dann aber daran Gefallen gefunden hatten, mitten in der Woche mit frommem Händefalten Einkehr bei sich zu halten ... So fehlte uns selten eine andächtige Zuhörerschaft bei unseren kleinen kirchlichen Festen. Solche Stunden frommer Predigt, milden Zuspruchs lagen hinter mir. Ich hatte getauft, hatte alten Leuten das heilige Abendmahl gegeben, zwei Ehen hatte ich auch eingesegnet. Das eine Paar waren junge Menschen aus dem Westerteil des Kirchspiels, die anderen Hinrich Rump und Elsbeth geborene Butenberg aus Österwohld. Ihr Dorf lag weit weg, ziemlich an der Grenze meines Reichs, aber Hinrich und Elsbeth kannte ich schon länger und kannte sie ganz gut. Er war ein Mann in kleinen netten Verhältnissen, besaß ein eigenes Häuschen und Garten und Acker und Wiese, hielt jedoch kein eigenes Gespann. Die Frau war gestorben, mehrere unerwachsene Kinder bildeten ihre Hinterlassenschaft, Wiederverheiratung war zweckmäßig und geboten. Sein Auge war auf die reife Jungfer Elsbeth Butenberg gefallen. Die war groß und stark und arbeitsam und hatte tausend Mark in der Sparkasse. Zur Probe hatte er sie als Haushälterin genommen, nun war die Probe bestanden – nun heiratete er sie. Hinrich Rump trat als ein untersetzter Mann im Beiderwandanzug vor den Traualtar. Sein gelbrotes Gesicht hatte etwas Lederartiges; es sprach von Arbeit und von der Freude, Geld zu verdienen. Von anderer Freude sprach es nicht. Die derbe Elsbeth mit langem, starkem Kinn war größer als ihr Mann. Auch sie war eine Arbeitsbiene, wie man nur wünschen mochte. Aber dabei lebte um den Mund doch ein launiger Zug. Und wenn man ihrem Auge glauben durfte, so hegte sie viel derbe Lebenslust in ihrem etwas dürftig geratenen Busen. Einen Ausdruck hatte diese Lebenslust freilich bei der feierlichen Eingehung der Ehe nicht gefunden. Ich sah keinen Schmuck, kein Band, das auf eine besondere Stimmung hinwies. Es wuchs auch nicht das kümmerlichste Blümchen in Elsbeths Haar. Sie trug schwarzen Spenzer und einen eigengemachten roten Rock. Im allgemeinen darf man sagen: Jeder liegt, wie er sich bettet. Als die Eheleute Rump sich vor dem Altar die Hände gaben, dachte ich: Hinrich und Elsbeth werden sich gut betten. In meiner kleinen Ansprache wies ich jedem seinen Platz an, die äußere Herrschaft ihm, die Hauptsorge um das Haus und um die Kinder ihr. Das war mein Mittwochvormittag. Nachmittags pflegte ich mir zur Kaffeestunde eine Zigarre zu gewähren. Die blaue, einsame, dünne, reinliche Wolke im klaren Stübchen, Mokkaduft, ein Stündchen ruhigen Nachdenkens: das war mir immer ein hochwillkommenes Glück. Aber diesmal wars gefehlt. Die Zigarre hatte ich eben angesteckt, da fuhr ein Stuhlwagen am Pastorat vor: der Landmann Ferdinand Wiese bat mich zu einer Nottaufe nach seinem Dorf, und nach einem halben Stündchen rumpelte ich über das Pflaster. Der Weg führt gleich hinter dem Weichbild des Orts auf die Heide, hinauf auf den sogenannten Viert. Der ist eine von Westen kommende Bodenwelle. Als unser Herrgott sie schuf, hat sie die Absicht gehabt, in die vor ihr ausgebreitete Moor- und Wiesenniederung hinabzugischen, ist aber plötzlich beim Aufbranden erstarrt. Es wehte ein milder, grauer Wind. Das heißt: grau waren die Wolken, die über den Viert zogen, und grau war der Himmel, der über ihm stand. Aber Himmel und Wolken waren hoch (es fielen keine Niederschläge), und dünn und hellsichtig war die Luft, überall am Rande blaue Sehnsuchtswälder und blaue Sehnsuchtsberge, überall der nordische, der wuchtige und doch so milde Ernst. Wäre die Heiloh nicht so einsam, sie wäre nicht so groß ... Zwei Leute (sie sahen wie Pünktchen aus) gingen über die kahle Fläche, langsam auf der Höhe hin. Meine Rosse prusteten und arbeiteten wacker, nun war auch ich oben und sah ins weite Land. Moore und Wiesen, flach wie ein Billard, oder eher wie ein Binnensee, den kein Sturmwind drückt. Und ganz in der Tiefe an der Himmelswand etwas Gestrecktes, was Langes, etwas mit dunkleren Tinten Gefärbtes. Bäume können es sein und Büsche. Aber Häuser, die sich hinter Bäumen und Büschen verbergen, können es auch sein. Es kann sogar ein ganzes Dorf sein. Und ich weiß: es ist ein ganzes Dorf. Es ist die Heimat von Hinrich und Elsbeth Rump. Ich komme den Punkten näher: es sind Hinrich und Elsbeth. Eben marschierten sie noch im Gänsemarsch. Hinrich voran, Elsbeth hinterher; nun stehen sie und stehen gegeneinander gekehrt. Sie haben es wichtig, sie sehen mich nicht. Und mein Wagen fährt im weichen Sand. Es verdecken mich Weidenbüsche, ich komme ganz nahe heran. Sie eifern, sie sprechen, sie streiten. Was streiten sie? »Brr!« befahl ich. »Brr!« – Wir hielten. Die Eheleute Rump standen vor mir. Hinrich trug ein rotes Bündel unter dem linken Arm. Es mochte ein Handkäse sein oder so etwas, das er sich gekauft hatte. Den Dornstock hält er in der Rechten. Elsbeth hat den roten Rock um den Kopf geschlagen und steckt darin wie ein Muscheltier im Gehäuse. Erst verstand ich nicht recht, was sie sprachen. Die Pferde warm zu unruhig. Aber von Fahren und Düngerfahren war die Rede. Dann wurde es still bei uns; nun hörte man deutlicher. »Hest ni hört, wat de Paster seggt hett?« fragte Hinrich. »Wat hett he denn seggt?« »Er soll dein Herr sein! hett he seggt!« Was Elsbeth antwortete, verstand ich nicht. »Dat hest ni hört?« eiferte Hinrich. »Der Mann« – und nun sprach Hinrich hochdeutsch, jede einzelne Silbe auf Stelzen stellend: »Der Mann, hett he seggt, is nach Gottes Wort das Haupt von die Ehe, und die Frau is em ünnerdan. Denn, so hat Gott gesagt, er soll dein Herr sein! – Dat hett uns de Paster dütli verklart. Un dat wullt ni hört hebbn?« Hinrich war ganz ärgerlich. »Dor weet ik nir af«, erwiderte die verstockte Elsbeth. »Ja, denn helpt dat ni«, entgegnete Hinrich, »denn wüllt wi gliks weller trügg un em fragen.« Er machte wirklich Kehrt. Es war Zeit, einzugreifen: »Guten Tag, Rump!« Hinrich erstaunte, faßte sich aber schnell. »Dat dröppt sik god, Paster. Ik wull jüst to Se.« Und nun trug Hinrich mir vor, was ich schon zum Teil, aber doch nur zum Teil wußte. Es folgte eine Art Anklage gegen seine Frau. Sie sei zu weltlich, es sei ihr nicht recht gewesen, daß er nicht Nachbars Wagen erbeten, daß sie zu Fuß zur Trauung gekommen seien. So was schicke sich nicht, habe sie gemeint. Weshalb solle sich das nicht schicken? Und warum sollten sie fahren? Waren sie nicht beide gesund und stark? »Mist und Korn und Heu, die müssen gefahren werden. Aber Menschen aus unserem Stande doch nur, wenn sie krank sind.« Vornehme Leute, Kirchspielvögte, Pastoren, Doktoren, das sei ganz was anderes. Aber er und seine Frau seien keine Pastoren und auch keine Doktors. Und nun bestreite sie ihm gar, daß ich gesagt, der Mann solle nach Gottes Willen der Herr sein. Inzwischen war auch Elsbeth, immer mit übergeschlagenem Rock, herangekommen. Hinrich sah ernst, aber in Elisabeths Gesicht spielte so allerlei herum. »Ja, Herr Paster, nu leggn Se uns dat ut von dat ›Er soll dein Herr sein.‹ Un nacher dörf ik ok villicht mal 'n Wort seggn.« Es kam mir wunderlich vor, mitten auf dem Viert eine Art Predigt zu halten. Aber es ließ sich nicht gut umgehen. Und wie kann dabei eine Entheiligung in Frage kommen? Man kann Gott aller Orten und auf mancherlei Weise dienen. Ich predigte daher gerade nicht, aber ich hielt doch den Eheleuten Rump einen Vortrag, den man meinetwegen auch als Predigt bezeichnen mag. Die Pferde waren wieder an den Weidenbusch herangerückt und pflückten sich Büschel und Zweige. Ferdinand Wiese saß auf dem Vorderstuhl des Federwagens und griente, ich auf dem Herrenstuhl des hochgebauten Gefährts und redete, Hinrich und Elsbeth standen am Trittbrett und hörten zu. »Mutt ik den Rock dallaten, Herr Paster?« hatte die frische Elsbeth vorher gefragt. »Or ward de Per ok bang?« hatte sie sich an Ferdinand gewandt. Elsbeth konnte ihre Röcke behalten, wo sie waren, und die Pferde wurden auch nicht bang. Ja, was sagte ich denn? Dasselbe wie am Traualtar, ein bißchen bestimmter vielleicht und zugespitzter. Ich gab zu, ich hätte gesagt: ›Er soll dein Herr sein‹. Aber es komme darauf an, wie es zu verstehen sei. Liebe und Eintracht und so weiter machten die Frage, wer der Herr sei, fast überflüssig, und selbstverständlich müsse, wenn gar keine Verständigung möglich sei, ein Wille entscheiden. Im Zweifel sei das des Mannes Wille. Aber dieser Wille dürfe kein Mißbrauch gesetzlicher Rechte sein, es müsse ein vernünftiger Wille sein. Ich kam dann noch einmal auf die bevorzugte Stellung der Frau im Hause, auf ihren ganz hervorragenden Anteil an den Sorgen und auf ihre Verdienste um das Behagen. Das bringe es mit sich, daß der Frau auch entsprechender Einfluß eingeräumt werde. Ich meinte, es sei wohl Wahres an dem Wort: der Mann Herr des Hauses, die Frau Herr im Hause. Elsbeth schien zufrieden. Jedesmal, wenn ich den Namen Gottes genannt, hatte sie geknickst, und wenn ich bei den Frauen Vorzüge anerkannt, hatte sie auch geknickst. Hinrich sagte in seiner trockenen Weise: »Süh, so, süh! So is bat also. Denn dank ik ok vermal, denn bün ik jo in Rechen un doch in Unrechen.« Elsbeth aber erbat sich das Wort: »Dörf ik nu min Wör seggn?« Sie durfte und tat. Es war nichts Schlimmes, was sie gegen ihren Hinrich vorbrachte. Und in der Form hielt sie an sich. Sie war ja eine kluge und ruhige Frau. Sie tadelte, daß ihr Mann für gar nichts Sinn habe als für Arbeit. Alles und alles, was nicht Arbeit, sei nach seiner Auffassung vom Übel. Sie scheue wahrhaftig keine Mühe, aber was zuviel sei, sei zuviel. So habe er nicht dulden wollen, daß sie zu ihrem Hochzeitstage auch nur eine Blume anstecke. Nachbarn hätten Fuhrwerk angeboten, der ärmste und kleinste Inste fahre zur Trauung, wieviel mehr habe ein Eigenkätner Anspruch darauf. Aber nein, nicht durchzusetzen! »Und nun, Herr Pastor will er noch heute nachmittag an unserem Ehrentage mit Hans Rüg sein Pferden vier Fuder Mist zur Koppel bringen. Und ich wollte so gern bißchen vergnügten Tag daraus machen, an den man mit Liebe denkt.« Das sagte die große Frau. Derb und stark wie Mensch gewordene Arbeit stand sie an meinem Rad. Nun augenzwinkerte diese Arbeit, sie wollte mir noch was unter vier Augen anvertrauen. Ich bat Hinrich, mir eine gelbe Blume zu pflücken, die zwanzig Schritt vor uns in der Heide wuchs. Hinrich war arglos, ich war ein Pastor, Hinrich ging, so fadenscheinig auch mein Vorwand war. Da schüttete Elsbeth den Bodensatz ihres Gemütes aus. Auf dem Dorfe halte man dafür, zur Hochzeit gehöre ein Trunk. So sei es immer gewesen. Und ein Bräutigam, der sich nicht betrinke, das sei nichts. Das sei nicht gut. Hinrich habe den Tag geheim gehalten, sie aber habe es den Nachbarn doch verraten. »O, Herr Paster«, bat Elsbeth, »wenn Se darto wat don konn!« Ja, was ein Seelsorger nicht alles soll! So, wie Elsbeth sichs vielleicht gedacht hatte, konnte und durfte ichs nun freilich nicht. Aber eine eindringliche Vorstellung an Hinrich richten, nicht nur dem täglichen Erwerb nachzugehen, sondern auch der Freude ihr Recht zu geben, ihn zu erinnern, daß alles seine Zeit habe: Hochzeit feiern und Mist fahren, und daß selbst unser Herr Jesus Christus eine Hochzeit, auf der es lustig hergegangen sei, besucht habe – das durfte ich, das konnte ich sagen und tun. Ich nahm Hinrich und Elsbeth mit auf den Wagen. Hinrich saß bei Ferdinand, Elsbeth (sie mußte aber vorher ihre Muschel zerstören) erhielt Platz neben mir. Sie sollten zu Wagen in ihr Dorf einziehen, wie sichs für Hochzeitsleute schickt. Es ist ein wundervoller Abstieg vom Viert nach den Wiesen und Moordörfern. Eine große Ortschaft (sie liegt mit ihren erdfarbenen Strohdächern im grau-braunen Gelände, wie ein Volk Feldhühner im Stoppelfeld), wird erst sichtbar, wenn die Straße sich an dem Bergabhang zu Tal senkt. Und überall der köstliche Geruch ehrlicher Heide. Die letzten Ausläufer des Höhenzugs bedeckt frisches Laub. Ein herrlicher Wald. Eichen sinds von dem zähen Schlag, die auf magerem Boden stehen, ihre Wurzeln aber um so tiefer hinabführen. Da ist ein so eigentümlicher Duft von Treue und Stärke. Es liegt mir immer wie Geruch von wildem Honig und Heimatserde, wenn ich Eichen sehe. Wenn möglich noch mehr der Liebe erweckt die Buche – der frische, der liebliche und doch so stattliche Baum. Was die Buche auslöst, davon ein ander mal. Am Boden der Ebene treten die Moore zurück, die Wiesen von Herden buntscheckiger Rinder belebt. Träge und lang und gebogen windet sich der Damm. Die blauen Sehnsuchtswälder lösen sich allmählich in Ansiedlungen auf, man unterscheidet Häuser, dann hat man das Dorf vor Augen. Im weichen Sand geht es langsam zum Dorf hinab. In einem Hecktor tauchen zwei Max- und Moritzgesichter auf, gewahren Hinrich und Elsbeth und kratzen hinter dem Knick im vollen Lauf davon. Als Elsbeth das sah, kriegte sie Ferdinand bei der Jacke: »Fernand, hol dat Lei betjn stramm, dor kann wat passeern.« Was sie damit meinte, wurde klar, als wir die Häuser erreichten. Da knallten Flinten rechts und knallten Flinten links. Da warf man Töpfe und Schüsseln gegen die Wagenspeichen und an das Hinterdeck, da standen Männer und Frauen und Kinder, namentlich Kinder auf der Straße, und alle riefen mit groben Stimmen, mit Falsettstimmen, mit feinen Stimmen: »Hoch dat Brudpaar!« Auf einer Ziehharmonika machte man herzzerreißende Musik, bei Hans Ruge trat der Bauer mit Flaschen und Gläsern heran und verteilte Getränke. Daß der Wagen einen kirchlichen Würdenträger, wie meine Wenigkeit, berge, wurde jetzt erst bekannt. Ich bat, das in Anbetracht der außerordentlichen Verhältnisse zu übersehen, unter der Bedingung, daß man auf meine Teilnahme am Trunk nicht rechne. Man war damit zufrieden, man lachte, man entschuldigte sich, aber die Fröhlichkeit dauerte fort. Vom Trinken war ich also befreit, aber Ferdinand trank und Elsbeth trank auch. Und Hinrich – schüchtern und zögernd, einmal nippte er, einmal trank er. Ja, ich kann es bezeugen: auch er trank. Vor Hinrich Rumps Kate standen drei Nachbarfrauen in Sonntagskleidern, und drei reinlich im Sonntagsstaat gekleidete Kinder. Eine Fahne flatterte hoch vom Dach. Ich hörte noch, wie die Frauen nötigten: Weinsuppe sollte es geben, und Braten, und dann einen Kaffee wie nie. Die Kinder schrien: »Dor kommt Moder und Vader« und hingen der neuen Moder an der Schürze. Das mochte ich ganz besonders gern leiden. »Na, Hinnerk! Wo ward mit de veer Föder Mist?« »Ja, wo ward warrn, Herr Paster! Wat 'n Welt! Ik glöv warrafti, se is ut Spor.« Bis Ferdinand Wieses Dorf war es noch eine halbe Stunde. Und als ich getauft hatte, machte ich Krankenbesuche und fand überall Freunde. Dämmerung fiel schon ins Land, als ich wieder auf den Wagen stieg. Wie ich an Hinrich Rumps Kate vorüberfuhr, war es dunkel. Von Hans Ruges Stube her schwammen melancholische Töne der Ziehharmonika und an den hellen Fenstern sah ich schwingende Schatten. Dort feierte man Hinrich Rumps Hochzeit mit Tanz. »Paß auf, Ferdinand, fahr den Mann nicht über!« Ein kleiner untersetzter Mann ging oder schwankte vielmehr am Straßensteig entlang. Und, wenn mich nicht alles trog, war das der Bräutigam oder vielmehr der junge Ehemann Hinrich Rump. Ich hatte niemals gehört, daß Hinrich Rump singen könne. Beim Gottesdienst war freilich ab und zu ein rauher Schluchzer durch die Noten wie ein Wildschwein durch die Treiber gebrochen. Ich hatte niemals herauskriegen können, wer das sei. Nun weiß ich es: es ist Hinrich Rump gewesen. Denn meine Ohren haben es am Hochzeitsabend gehört. Hinrich Rump kann singen, Hinrich Rump sang im Schluchzerton. Hinrich Rump ist das Wildschwein. Aber was sang er? Was in aller Welt kann Hinrich Rump gesungen haben? Hinrich Rump sang: Und ich vertausch die Heirat nicht Für eine Million. Schaut mir mein Weib nur ins Gesicht, So bin ich glücklich schon. Und als er ausgesungen hatte, rief er: »Elsbeth!« Ganz zart und versoffen rief er nach seiner Frau. Ich bat, die Pferde anzutreiben. Auf Hinrichs Liebeserklärungen war ich nicht neugierig. Nach einem Jahre sagte Elsbeth für die kleine Kirche eine Taufe an. »Nun, wie stehts?« Die Eheleute Rump, erfuhr ich, waren namenlos glücklich. Und ich sollte meinen Teil dazu beigetragen haben. »Wir sollen wohl glücklich werden«, fügte Mutter Elsbeth hinzu. »Denn am Hochzeitsabend hat Hinrich sich einen ›Bums‹ angetrunken, wie er nsch gar nicht dagewesen ist. Die ganze Nacht nicht nach Hause gekommen. In Hans Ruges Heudiemen gelegen und immer gesungen: ›Und ich vertausch die Heirat nicht für eine Million!‹ – »Aber«, setzte Elsbeth energisch hinzu: »Nu hört dat op. So wat is man eenmal. Nacher sachten un eben. Dor bün ik de Fru för, dor paß ik för up!« »Ja, Frau Rump, dann sind Sie wohl gar sein Herr?« »A ne, Herr Paster. Dat is all to Schick. ›Er soll dein Herr sein.‹ Un he is Herr, wo heet dat na? he is Herr des Hauses.« »Und im Hause? Wer ist der Herr im Hause?« Da lachte sie. »Ja, Herr Paster, dat is all in Ordnung«, antwortete Elsbeth. Sie lachte ganz diplomatisch, die starke, die hinterlistige Frau. Ein Butenmensch Wie ist der Wiesenplan so weit und luftig, wie duftet das Heu, wie ist der Rasen so grün! Und von lebendigen Punkten braun gesprenkelt erscheint er, wenn die Ernte abgefahren ist und die Kühe hinausgetrieben sind. Sultan einer Herde ist der Stier. Und im Frauenharem brummt und eifert er wacker umher. Er hat Nerven und Ehrgeiz und kann es schwer ertragen, daß auf der andern Seite des Grabens Kühe weiden, die einem andern Stall zugehören. Der Nachbarsultan ist in gleicher Lage. So stehen die beiden Haremsmonarchen am Graben und brüllen sich an und schimpfen sich in ihrer Bullensprache dumme Jungen, ›denen die Nässe hinter den Ohren noch nicht getrocknet sei durch den Staub der Erfahrung.‹ So drückte sich der selige Glasbrenner einstmals aus. In trockenen Zeiten flimmert die Hitze über der Steppe und lügt am Himmel eingebildete Seen und trügt eingebildete Wellen unserm Auge vor. Das Grabenwasser hat sie rein ausgetrunken. Wo sonst der Springstaken grundlos im blasigen Moor versank, kann sich jetzt ein Viehsultan hinein und auf der anderen Seite wieder herausarbeiten. Von Moor und Schmutz bedeckt, aber unzähmbaren Mut ›in zottiger Hochbrust‹, steht er auf feindlichem Gelände und senkt die Stirn und kratzt und wirft Rasenstücke hinter sich und über sich und verkündet dem Nachbar tosend, er müsse ihn für eine feige Memme halten, wenn er sich jetzt nicht stelle. Der denkt nun gar nicht daran, sich zu drücken. Noch einmal brüllen sie sich ihre Verachtung ins Gesicht, dann stoßen die Dickköpfe wie Ambosse aufeinander. Nachmittags kommt der Hirt. »Holla! Was ist das für einer?« Er weidet friedlich neben dem rechtmäßigen Sultan. »Wer ist das? Das ist nicht unser, das ist Hans Vollerts Bulle, der ist ausgestiegen. Warte mal, Schlingel!« Es ist auffallend. Die Kämpfer, sie bluten beide, aber jetzt sind sie friedlich. Sie haben ihre Kräfte gemessen, sie sind miteinander fertig, sie sind gewissermaßen Freunde geworden: ›sie sind miteinander auf der Weide gewesen.‹ Wenn zwei Knechte, die sich schon lange rieben, schließlich aneinander geraten und sich verprügeln, so sagt man: ›sie kamen zusammen auf die Weide.‹ »Laß sie man«, spricht der Bauer, »das ist das beste. Nun wird Ruhe werden. Laß sie man mal zusammen auf die Weide kommen.« Ich erinnere mich noch ganz gut, wie Thies Scheel und August Böteführ zusammen auf die Weide gekommen sind. Ich selbst habe es freilich nicht erlebt, aber Hinrich Heuk, dessen Vater das Erntebier ›eingenommen‹ hatte, hat es in der Schule erzählt. Wir wunderten uns, und das ganze Dorf wunderte sich, daß August Böteführ Sieger geblieben war. Groß und stark war er wohl, aber blöde und ungewandt, und Thies Scheel war ein Schlanker. Aber, was war mit August Böteführ? Am Wald lag eine kleine Kate mit moosgrünem Dach. Im Giebelhuck wohnte ein Eulenpaar und zu ebener Erde der Weber Jochen Steen. Jochen Steen starb; die Eulenfamilie sah dem Wegfahren des Sargs mit großer Gemütsruhe zu. Das war im Herbst gewesen, als der Wald sein bestes braunes Kleid trug. Für einige Zeit blieb die moosgrüne Kate ganz leer. Ein Pfahl am Hecktor tat kund, daß sie von Gerichts wegen verkauft werden solle. Dem Eulenvater war das einerlei, er war der Meinung, daß sein Wohnungsrecht auch als ein im Grundbuch nicht eingetragenes wirksam bleibe. Der Winter ging vorüber, die Nachtigall im Apfelbaum und die im Wald fingen an zu schlagen und von Liebe zu schwärmen. Das Unterholz war schon grün, aus den Wipfeln rauschte die Verheißung zukünftigen, vollen, gesättigten Laubes. Und mitten im Nachtigallenschlag kam ein Flüttgutszug quer durch den Wald. Das war der Neubauer, der die Kate gekauft hatte. Die Dorfleute holten ihn und seine Sachen vom nächsten Bahnhof ab. Das war in der Gegend der Brauch, im übrigen nahm man an ihm nur mäßigen Anteil. Denn der Neubauer war ein Butenmensch. Ein Butenmensch ist kein Vollmensch, wenn auch immer noch besser als ein Städter. Eigentliche Vollmenschen sind nur die aus dem Dorfe, im abgeschwächten Sinne die aus dem Kirchspiel und was so am Wege zur Stadt liegt. Was weiter her kommt, ist Butenmensch. Und der Neubauer kam unverantwortlich weit her, jenseits der großen Eisenbahnen, wo die Seen anfangen, aus dem Distrikt der Adligen, der lebendigen Barone und Grafen, die man bei uns noch niemals gesehen hat, auch nicht zu sehen verlangt, an deren Dasein man kaum glaubt. Der Neubauer und seine Frau saßen auf einem kleinen, dünnspeichigen Wagen. Sie sahen einfach und arbeitsam aus. Hinter ihrem Wagenstuhl auf einem Strohsack saß ihr Sohn, August Böteführ. Die Neubauer haben Namen gehabt, die bei uns ganz ungebräuchlich gewesen sind. Rudolf und Emma haben sie geheißen. Aber das ist uns nur halb zum Bewußtsein gekommen. Sie sind in der alten Kate gar nicht warm geworden. Mit ihnen ist ein Würgengel eingezogen, den die Fuhrleute nicht, wohl aber die Augen der Eulenmutter im Giebel, denen die Sehergabe für die Ideen der Dinge im verhaßten beißenden Tageslicht gegeben ist, gesehen haben. ›Hu, hu‹, hat sie gesagt, ›das ist nichts Gutes!‹ Und war auch nichts Gutes, es war eine Krankheit. Und die Krankheit hat die beiden fleißigen Neubauern, die Butenmenschen, aufs Lager geworfen. Es ist ein Mann mit einem dicken Mantel, der Doktor ist durchs Hecktor gefahren, es ist eine Schwester der Frau aus dem Adeligen zugereist gekommen, die Kranken zu pflegen, und schließlich sind zwei rote Leiterwagen auf die kleine Hofstelle gebogen. Und die Leiterwagen haben zwei schwarze Sarge und einen weinenden Knaben aufgenommen und sind dann aus dem Hecktor hinaus und in den Wald hineingefahren. Nun hat sich das Gericht wieder der moosgrünen Kate angenommen. Es ist lange darüber gesprochen worden, ob sie verkauft oder verpachtet werde. Sie wurde, um dem richtigen Erben für alle Fälle erhalten zu bleiben, verpachtet. Der kleine Junge erhielt in dem Bauern Klaus Pries einen Pflegevater und Vormund, Klaus Pries wollte ihn zur Einsegnung bringen. Die Leute sagten: »So gut, wie eine Waise aufgehoben werden kann, ist er aufgehoben – Klaus Pries ist ein guter Mann.« Klaus Pries war wirklich ein guter Mann, und eines Tages brachte Frau Pries den Knaben zur Schule. Es war eine einklassige Dorfschule. Der Lehrer bejahrt, ein bißchen bequem – eisgrau, eine gutmütige Seele. Siebzig Kinder mögen es gewesen sein, Knaben und Mädchen zusammen, die hatte er unter seiner Obhut. Durchweg waren sie blond, nur wenige von bräunlichem Schlage, ganz schwarz nur die von der Familie der Scheel. In unserer Schule haben wir alle, wenn man das Bild gelten lassen will, dünne, gewöhnliche, gewissermaßen blonde Namen. Auch die der Erwachsenen sind blond. Jörn heißen sie und Johann und Hans und Peter und Hinrich und Mars und Klaas und Thies oder ähnlich, ganz hausbacken, höchstens noch Timm und Jochen. Die Steffen, die Stoffer, die Bartel, die Jens, die Hödt streifen schon die Grenze des Erlaubten. Was darüber hinausgeht, ist ganz gewiß von Übel. Es liefen da zwar einige herum, die Friedrich und Heinrich hießen, ja sogar ein Gottfried. Die wurden aber auch danach angesehen. Die Namen waren zu fein, zu hochdeutsch, zu städtisch, da lag Hochmut und Besserseinwollen, da lag Pose und Dünkel darin. Die entfernten sich von der schlichten Knickhagennatur unseres Dorfes. Otto, Emil, Rudolf, Wilhelm – so was kam nicht vor. Und wenn sie jemals auftauchen sollten, nun, dann wird man diese ›Bunten‹ behandeln, wie sies verdienen. Als der Neue abgeliefert wurde, saß der Schulmeister dort, wo er meistens saß, wenn er nichts Besonderes zu tun hatte, in der Ecke an der Tür nach seinem Zimmer, und tat das, was er meistens in den ruhigen Stunden seines Lehramts tat, er rauchte. »Sieh«, sagte der Schulmeister, »da kommt unser neuer Kamerad.« Er streckte, ohne sich zu erheben, die Hand aus. »Komm mal her. Nun, wo setzen wir dich hin? Was kannst du und was weißt du? Sag mal das Vaterunser auf!« Der Junge wollte anfangen, konnte aber nicht, die Silben mußten sich erst durch einen Krampf in Schlund und Kiefer hindurcharbeiten; er stotterte vor Verlegenheit, wobei das »Va« zu einem Wechselbalg von sechs Silben wurde. Die mitleidslose Klasse lachte hell auf. »Still!« befahl der Lehrer. »Ihr sollt euch schämen«, fügte er hinzu, als eine kleine Kicherwelle auf die mittleren Bänke hinüberschlug. Das Vaterunser verlief just nicht glänzend, aber der Lehrer tröstete den Knaben und gab ihm einen Platz zu unterst auf der dritten Bank. Und dann kam Religionsunterricht. Die Klasse erfuhr, daß man Gott über alles und seinen Nächsten wie sich selbst lieben solle. Die Armen, die Hilflosen, die Waisen wurden der Nächstenliebe ganz besonders empfohlen. Auch ein Fremder sei, erklärte der Lehrer mit deutlicher Bezugnahme auf den Neuen, im gewissen Sinne ein Hilfloser, dem man in Liebe und Freundlichkeit begegnen müsse. Nach der Religionsstunde wurde ›schön geschrieben‹. Der Neue hatte noch kein Schönschreibebuch, er schrieb vorläufig auf der Tafel ›schön‹. Er saß neben Thies Scheel. Thies Scheel war ein Knabe von der frechen Sorte, ein Mitleidloser, sah mit kleinen spitzen, braunen Augen auch danach aus. »Wosaken heets du?« fragte er seinen Nachbar. »August«, antwortete dieser ganz leise. »August?« fragte Thies Scheel weiter, sprach aber mit der Hebung auf der zweiten Silbe. »Das ist ja gar kein Menschenname. Im August ists warm und wird Korn gemäht, und wir Jungs gehen alle vor der großen Hungerharke.« August wußte darauf nichts zu sagen. »Wosaken heets du sünst na?« »August Böteführ«. antwortete der Unglückliche. Thies Scheel lachte so laut, wie er glaubte in der Schreibstube lachen zu dürfen. August Böteführ war ein zu lächerlicher Name! Im Dorf, da hatte man vernünftige, anständige Familiennamen, aber nicht so wie: ›Mach Feuer an!‹ Man hieß Wieben oder Sievers oder Scheel oder Thun oder Vollstedt oder Franzen oder so ähnlich. Aber Böteführ war gar kein Name, das war schon mehr ein Verbrechen, eine verbrecherische Aufforderung, Brand zu stiften und Feuer anzulegen. Thies Scheel warf die Feder unter die Bank und sich selbst hinterdrein, saß dort in einem Wald von Knabenbeinen und prustete sich aus. »August«, kam es, immer mit der Hebung auf der zweiten Silbe, aus diesem Wald herauf, »Jung, bötst Füer, ünnern Teeketel or in Backahm?« Am zweiten Tag war Thies noch witziger geworden. Er machte aus seinem Schreibheft ein Rohr und pustete hinein. Das sollte ein Feuerpustrohr versinnbildlichen und seinem Nachbarn die Unzulässigkeit seines Namens zu Gemüte führen. Am dritten Tage waren die drei obersten Bänke alle miteinander witzig. Als August das Schulzimmer betrat, waren etwa zwanzig papierene Feuerpuster in Tätigkeit. Thies Scheel mähte ein eingebildetes Korn ab und klagte darüber, daß es im August so warm sei. Und was tat der langaufgeschossene, kräftige August Böteführ? Schlug er die albernen Tröpfe, wie sichs gebührte, rechts und links an die Ohren? Wir müssen leider berichten, daß er sich so unzweckmäßig, so unmännlich und so töricht wie nur möglich benahm. Er saß auf seinem Platz und konnte die Schlechtigkeit und Grausamkeit der Jungen, denen er nichts zuleide getan hatte, nicht begreifen. Und vergoß Tränen darob. Ja, er flennte. Vor allen Dingen aber weinte er über sich, über seine Verlassenheit, weinte über sein verlorenes Glück. Und die Bilder seiner Jugend traten vor ihn hin. Der blaue See seines Dorfes, die am Seestrand hingelagerten Häuschen, die ragenden Buchen der hochgelegenen Waldkoppel. Er dachte an die gelben Haare der Tochter seines Gartennachbarn. Mit ihr zusammen hatte er seine Schiffchen ausgerüstet und ins wilde Wasser geschickt. Warens auch nur grobe Klufthölzer mit aufgesteckter Federpose als Mast und Segel, wie steuerten sie tapfer durch Binsen und Gras, bis ... ja nun ... bis sie sich schließlich doch festfuhren und mit dem großen Sodhaken wieder flottgemacht werden mußten. Einmal war er mit der Blonden zusammen dem frommen Schuster in die Äpfel gestiegen. Der fromme Schuster hatte sie ertappt und das Strafgericht des Himmels vorausgesagt. Nun war es gekommen. Denn dies mit dem Namen, der keinem recht war, war sicherlich die Strafe des Himmels. Der Krug geht zu Wasser, bis er bricht. Am vierten Tag wurde Thies Scheel vom Schulmeister ertappt. »Wo ist Thies Scheel?« fragte er in die Klasse hinein. Thies saß wieder unter der Bank und machte seine Sachen. »Ich seh Thies nicht.« Und mit langen Schritten und langem Arm holte er sich den nichtsnutzigen Schlingel am Ohr heraus. »Daß du verschrobener Jung nicht ruhig auf der Bank sitzen kannst! Was hattest da unten?« Verstocktes Schweigen. »Willst wohl sagen?« Er zog ihn am Ohr. Schweigen, womöglich noch verstockter. »Sag du, mein Jung«, wandte er sich an August, »was war?« Da faßte August Böteführ sich ein Herz. »Mein Name ist ihm nicht recht, mein Name ist allen nicht recht.« Nun begann ein Examen, eine Art Untersuchung, wodurch der Tatbestand einigermaßen geklärt wurde; es folgte selbstverständlich Bestrafung von Thies und eine Strafrede an die Klasse, die einen armen, fremden Jungen etwas entgelten lassen wolle, wofür er nichts könne, was übrigens auch nur ›verschrobenen‹ (verschroben war ein Lieblingsausdruck des Schulmeisters), lediglich und allein verschrobenen Jungen lächerlich erscheinen könne. Das Verhältnis unseres Freundes August Böteführ zur Klasse aber wurde durch des Schulmeisters Eintreten keineswegs verbessert, im Gegenteil: wesentlich verschlechtert. August Böteführ galt nicht nur für einen lächerlichen Namen, sondern bezeichnete auch einen Jungen, der, weil er ›nachgesagt hatte‹, keine gute Behandlung verdiene. Die Lage würde für August ganz unerträglich geworden sein, wenn der Schulmeister ihn nicht wenigstens aus der Nachbarschaft von Thies Scheel entfernt hätte. August Böteführ verlebte bis zu seiner Konfirmation ein paar ungemütliche Jahre in der Schule und hatte auch nach seiner Einsegnung nicht viele Freunde, und Thies Scheel blieb sein Widerpart für und für. August Böteführ galt für ›hintersinnig‹, für einen, der besondere Gedanken habe. Und er hatte auch seine besonderen Gedanken, er dachte an den blauen See, an die blauen Wellen, und vor allen Dingen dachte er an seiner Freundin gelbe Haare. So verging eine lange Zeit. August Böteführ wurde ein großer, starker Knecht. Und blieb auch nach seiner Einsegnung bei Klaus Pries in Dienst.   Damals banden noch Vertrauen und Ergebenheit Bauern und Gesinde aneinander. Streitigkeiten kamen selten, und Streitigkeiten, die zu Gericht führten, ganz selten vor. Ging aber eine Sache förmlich zum Prozeß, so saß das Dorf schon vor dem Richter zu Gericht und urteilte die Sache ab. Eines Tages flog es über Hecke und Zaun: Trina Siepen, die bei Klaus Butenschön diene, sei ihrem Bauern fremd geworden und zu ihren Eltern gegangen. Den verdienten Lohn hatte sie zurückgewiesen, nun wollte sie Klaus Butenschön hierauf und auf ein Vierteljahrslohn und Viertelsjahrskostgeld verklagen. Das Verhältnis war schon lange nicht mehr so gut gewesen wie zu Anfang. Trina Siepen, die sich als Großhirn vermietet hatte, war zu sehr, wie man zu sagen pflegt, ›mit der Ehre geprügelt‹. »Trina«, hat Klaus Butenschön zu ihr gesagt, »da steht ein leerer Pferdeeimer am Sodschlengel, hol ihn flink mal rein.« Aber Trina hat ›brutt‹ geantwortet: »Das ist Jungsarbeit.« »Ja, Trina«, hat Klaus entgegnet, »wenn es Jungsarbeit ist, dann ist es nicht zu schwer für eine Großdirn.« Aber Trina, die gerade Milch durchs Sieb gegossen, hat ihren Eimer mehr hingeschmissen als gestellt (es hat ordentlich geklirrt), hat die Hände in die Seite gestemmt und hat so recht nasweis gesagt: »Für Jungsarbeit habe ich mich nicht vermietet.« Da ist Klaus Butenschön aufgebracht worden und hat gesagt: »Trina, wenn du nicht tun willst, was ich dir sage, dann kannst du gehn.« »Das ist mir recht«, hat Trina gesagt. Und beide sind darauf in die Wohnstube gegangen, um es mit dem Lohn in Richtigkeit zu machen. Beim Aufzählen des Lohnes hat sich nun herausgestellt, daß Klaus Butenschön Trina Siepen mit verdientem Lohne abfinden wollte, weil sie eingewilligt habe zu gehen, daß Trina Siepen aber noch Lohn und Kostgeld für ein Vierteljahr beanspruchte, wie die Gesindeordnung vorschrieb, weil sie einseitig entlassen sei. Klaus Butenschön hat das nicht wahr haben wollen, Trina ist auf ihrem Stück geblieben, hat dem Bauern den abgezählten Verdienstlohn zurückgeschoben, hat gesagt, sie werde schon ihr Recht kriegen, und hat, als sie hinausgegangen ist, die Tür hinter sich zugeballert. Die Bauern gaben Trina Siepen unrecht und die meisten Dienstboten konnten ihr nicht recht geben, alle haben aber ihr Benehmen verurteilt. Alle haben aber auch gefragt: »Wo kriegt Klaus Blutenschön eine andere Großdirn her?« Aber Klaus Butenschön bekam gleich eine wieder. »Er hat das Mädchen einer kürzlich in Embüren verstorbenen Witfrau gemietet«, hieß es. Und zwei Tage darauf: »Die Neue von Klaus Butenschön ist ein großes, schlankes, hübsches Mädchen, hat aber einen ganz wunderlichen Namen.« Die ihn gehört hatten, hatten ihn vergessen, sie wußten aber, es sei ein schnakscher und katerbunter und spreche sich so weich und süß aus wie ein Strahl Sirup aus der Kruke. »August«, sagte um dieselbe Zeit Klaus Pries zu seinem Knecht, »August«, sagte er, »Klaus Butenschön will morgen zur Stadt fahren. Frag mal, ob ich mitfahren kann und wenn ich kann, wann es losgeht.« August traf bei Klaus Butenschön ein großes, blondes, hübsches Mädchen auf der Diele. »Soll vielmals grüßen von meinem Bauern Klaus Pries, ob Bauer Butenschön morgen zur Stadt fahre und ob Klaus wohl mit aufsitzen könne und wann es losgehe.« Das Mädchen wurde, als August den Mund öffnete, rot und weiß und es durchfuhr sie wie ein Schlag. Und den Sprecher sah sie verwundert an. Dann antwortete sie hastig: »Will fragen«, stellte den Besen rasch in die Ecke und ging an August vorbei in die Stube zum Bauern. Zwei Worte hatte sie nur gesprochen, aber August wußte selbst nicht, wie es kam, Klang und Stimme erinnerten ihn an Nachtigallenschlag und an die blaue Seekühle seiner Heimat. Das Mädchen war wirklich hübsch. Sie hatte eine breite weiße Schürze vorgebunden, die breiten Bänder schlenkerten, als sie davonging, so kokett, so weiß, so weiblich, so reinlich über die Röcke. Sie riefen in dem Beschauer einen nicht ausgedachten Gedanken, den Dämmerungszustand einer Erinnerung hervor. Sie wiegte sich beim Gehen ein wenig in den Hüften wie nach frommen Rhythmen. Leise und sanft verklang das tonlose Lied in den Kräuselwellen der Taille, die Rockfalten gaben sie an August weiter. Der blöde Bauernknecht befand sich zum ersten mal in einer Art Verzückung einer lediglich durch Anschauung hervorgerufenen Freude. Und dann stand sie wieder vor ihm, blond im Haar, blau im Auge. Schnell und schüchtern lief sein Blick einmal hinauf, einmal hinab. Er wußte nicht, wie die Person da vor ihm es eigentlich machte, aber er wußte genau: er hörte die Nachtigall wieder, die hinter seines Vaters Backofen im Apfelbaum geschlagen, als er noch klein war. Vor ihm rauschte wieder der See, und auf hochgeschwungener Koppel fand er auch seine Buchen wieder, die ragenden, einander überragenden Buchen und ihre lachenden Häupter. »Der Bauer lasse grüßen«, bestellte das Mädchen, und wieder traf unsern blöden Freund der Stimme seliger Klang. »Es sei alles in Ordnung«, sagte sie, »Klaus Pries könne mitfahren, um sechs Uhr gehe es los.« August Böteführ dankte. Er wagte nicht noch mal das Auge aufzuschlagen, er wollte es nicht mit der Herrlichkeit, die vor ihm stand, verwöhnen. »Adjüs«, sagte er und ging. Darauf rief es hinter ihm her und traf ihn ins Herz. »August! August Böteführ, kennst du mich nicht? Alma ist mein Name, Alma Nothammer ist mein Vor- und Zuname.« In Augusts Kopf schlug ein ganzes Heer von Nachtigallen. Er hielt die hübsche Alma Nothammer an beiden Händen und riß sie an sich und schüttelte sie nach Kräften. »Alma, wie groß, wie nett du geworden bist!« Eigentlich hatte er sagen wollen: ›wie schmuck, wie schön du geworden bist!‹ Aber das getraute er sich nicht, es dünkte ihn eine Barbarei und Grobheit, ihr so was ins Gesicht zu sagen. »Du bei Klaus Butenschön? Sag, wie kommst du hierher?« Alma fing an, zu erzählen, aber kurz war es nicht abzutun. Die Mutter war gestorben, sie war zu einer Tante gekommen, die in Tappendorf wohnte. Und die Tante war mit Jörn Vollert in Embüren bekannt gewesen, und nach der Konfirmation war sie zu Frau Vollert in Dienst gekommen. Sie standen noch immer auf Klaus Butenschöns Diele. Alma Nothammer sollte die Diele abfegen und dann melken gehen, und bei Klaus Pries wollte er heute abend noch ein Fuder Mengfutter für die Kälber holen. Die Geschichte auf der Diele zu erzählen, dazu reichte die Zeit und auch die Diele nicht. Sich alle kleinen Erlebnisse mitzuteilen und die von ihnen in den letzten zehn Jahren gedachten Gedanken, wenn auch nur die hauptsächlichsten, zu sagen ... zu überdenken, was alles passiert sei, seitdem sie dem Schuster in die Äpfel gestiegen waren, dazu wäre selbst Klaus Butenschöns Scheune zu klein gewesen. »Wir wollens in Ruhe machen«, sagte Alma Nothammer, »nach Feierabend und an einer Stelle, wo wir ganz allein sind.« Und sie bestimmte die Stelle, die zum Stelldichein vor allen Dingen geeignet ist. Hinter Klaus Butenschöns alter Scheune (die große neue ist ihr in Kreuzform vorgebaut), da steht eine Fliederesche mit prächtigen Dolden. Es ist eine Bank darunter, und auf der Bank ist es still und lauschig. Ein schmaler, aber dichter Zaun von Holundergebüsch nach der inneren, von jungen Tannenstämmchen nach der Koppelseite wacht über den Frieden. Klaus Butenschön und Frau hatten vor, nach dem Abendessen auf Besuch zu gehen. Das Jungvolk trank bei Lischen Timm eine verwettete halbe Flasche. Alma Nothammer und August Böteführ werden unter der Fliederesche ungestört sein.   Unter der Fliederesche hat August Böteführ das Küssen gelernt, unter der Fliederesche hat er die Heimat, wenigstens das Schönste seiner Heimat, wiedergefunden. »Sag mal, August«, fragte Alma, »wie heißt der Knecht, der bei Jörn Peters dient? Rotes Gesicht hat er und schwarze Haare und krummen Nacken.« »Thies Scheel heißt er.« »Weißt du, August, dem hab ich gestern einen an den Kopf gegeben.« Alma Nothammer sagte das, als sei es eine höchst gewöhnliche Sache, Thies Scheel einen an den Kopf zu geben. Unseren August Böteführ packte Verwunderung und Entsetzen. Verwunderung, weil das schöne Mädchen und Einenan-den-Kopf-geben sich in seiner Vorstellung gar nicht deckten; Entsetzen, weil nun gar Thies Scheel der Geschlagene sein sollte. »Du hast Thies Scheel einen an den Kopf gegeben?« Er betrachtete die kleine, kräftige, schlagfertige Hand mit starrem Staunen. »Ja, das hab ich getan. Und ich war im Recht. Alle Mädchen haben das Recht, sich zu wehren, wenn man sie anfaßt.« Und sie erzählte. Es sei gestern abend gewesen. Sie habe einen Eimer Wasser aus dem Brunnen gezogen und beide Hände an der Brunnenstange gehabt. Da sei jemand hinter ihr auf den Hof gekommen. Sie habe es wohl gehört, sich aber nichts dabei gedacht. Plötzlich sei sie umarmt und auf den Nacken geküßt worden. Rasch entschlossen habe sie Stange und Wassereimer fahren lassen. Die seien in den Brunnenschacht hinab, ihre Rechte aber auf die Backe des Angreifers nieder gesaust. Nun erst habe sie gesehen, wer es gewesen. »Kröte!« habe er geschrien. Wer weiß, was noch passiert sein würde, wäre nicht der Bauer Butenschön aus der Stalltür getreten. Da sei der Knecht mit seinem krummen Nacken schnell weggelaufen. »Das wird er dir nie vergessen.« »Dann mag ers im Gedächtnis behalten.« »O Alma, da gehören wir ganz zusammen. Denn Thies ist mir auch nicht grün.« Und nun erzählte August seine Leiden, die Widerwärtigkeiten, die ihm als Butenmensch in der Schule und im Dorfe erwachsen waren. Mit seiner Duldermiene fand August bei dem frischen Mädchen keinen Beifall. »Sei kein Bangbüx, August!« sagte sie. Nun wuchs auch August der Mut, und er behielt ihn den ganzen Abend. Als er seine Kammer aufsuchte, besah er zum ersten mal seine Hände, seine zum Fassen, zum Halten, zum Greifen und, wenn es sein mußte, zum Schlagen bärenmäßig eingerichteten Hände. Er wunderte sich, daß er bisher so wenig Respekt vor diesen Händen gehabt habe.   Das Erntebier stand bevor. Man sagte, die beiden Butenmenschen wollten es auch besuchen. Die Sonne ist untergegangen. Weißer Vollmondschein webt auf Weg und Steg. Es läuft ein Fußsteig von der Landstraße über Schröders Koppel nach dem Höker. Zwei dunkle Gestalten bewegen sich darauf in entgegengesetzter Richtung, die eine kommt vom Höker, die andere will dahin. »Godn Abend, Johann!« – »Godn Abend, Thies!« Es wird festgestellt, der eine hat Tabak geholt, der andere will Tabak holen. Und dann kommt die Rede auf das Erntebier. »Du«, sagt Johann, »August Böteführ will auch hin.« »Was du sagst!« »Und denk, August hat 'ne Braut.« »Spaß, wie heißt sie denn?« »Die Hübsche bei Klaus...« »Bei...« »Ja, das neue Mädchen bei Klaus Butenschön.« Thies lacht, er lacht nicht ganz frei. Er fühlt ein Brennen auf der Backe. »Weißt auch, was sie fürn Namen hat?« »Nein.« »Alma Nothammer.« Und nun lacht Thies Scheel voll und frei. August Böteführ, August Feuerbrand und Alma Löscheimer. Das ist ein Spaß. Der Höker ist in seiner Warenstube gewesen, einen Kaffeesack auszupacken. Er hat Thies Scheel hell über Schröders Koppel hinweg lachen hören.   Ein Tag vor dem Erntebier. Klaus Pries und sein Knecht gehen mit Reckwerk nach den Wiesen, einen wasserlosen Graben einzuhegen. Die Stiere stehen schon einige Tage davor und brüllen. Da begegnet ihnen Thies Scheel und macht seine alten Geschichten: eine hohle Hand macht er und fängt an zu pusten. Und duckt sich krumm und tut mit den Armen, als wenn er mähe. August Böteführ kümmert sich nicht darum, er besieht seine Hände. Unten auf der Wiese hat es weiter gebrüllt. Einen Augenblick wars still, nun klingt es wieder stärker. Und siehe, des Nachbars Bulle ist hinüber und... sieh, oh sich!... da stoßen die Köpfe aufeinander. Klaus Pries dreht sich nach seinem Knecht um. Und sagt und zeigt mit krummem Finger über die Achsel auf Thies: »Ich glaube, du tätest auch gut«, sagt er, »mal mit dem auf die Weide zu gehen.«   Und im Erntebier ist er mit ihm zusammen auf die Weide gegangen. Er ist Sieger geblieben, Hinrich Heuk hats gesehen. Thies hat seinen alten Trick versucht, hat den Nacken krumm gemacht und den krummen Nacken seinem Gegner zwischen die Beine zwängen wollen. Aber darauf ist August gefaßt gewesen. Klaus Pries hat schon gesagt, was Thies für Züge an sich habe. Mit seinen Händen hat er ihn gefaßt, mit seinen großen Händen gehoben (Thies hat kein Bein an die Erde gekriegt), er hat ihn auf die Diele gelegt und mit seinen großen Butenmenschhänden hat er ihn zugedeckt, wie nur je ein Dorfmensch zugedeckt worden ist. Und den Thies hat er von Zeit zu Zeit gefragt: »Hast nun genug?« Und ›Iitsch! jitsch!‹ haben seine großen Hände gesagt und sind wie Keulen und Hammer hinabgestürzt in Thies Scheels Gesicht. ›Iitsch, jitsch‹, hat es gesagt, ›acht Jahr hab ich für dich gespart, Thies. Nun geb ich reichlich. Alles dein, dir kommt es zu, davon hab ich noch eine ganze Masse.‹ Endlich hat Alma Nothammer ihren August am Ärmel gezupft und hat gesagt: »Laß gut sein, August, er hat genug.« »Das kleine Mädchen meint, du solltest dich zufrieden geben und sagen: es ist genug. Ich mein es auch. Nur diesen noch – jitsch! Der ist für einen gewissen Kuß beim Sodbrunnen. Nun, was meinst, willst sagen: ,es ist genug«, oder gefällt dirs so gut, daß du nimmer satt wirst?« Die Umstehenden haben sich ins Mittel gelegt, Thies Scheel hat sich denn auch für besiegt und zufrieden erklärt. Da hat August Böteführ den Unglücks-Thies losgelassen. Acht Tage hatte Thies im Bett gelegen, und drei Tage hat er gefüttert werden müssen, so verschwollen ist er gewesen. Feuerpusterohr hat er aber nicht wieder gemacht. Er hatte an dem Erntebiertanz genug, es gelüstete ihn nicht, noch einmal mit dem Butenmenschen August Böteführ auf die Weide zu kommen. Der Eulenvater in der moosgrünen Kate, der sich über nichts mehr wundert, hielt es auch nicht für nötig, darüber nachzudenken, ob überhaupt etwas geschehe. Da war nun die Eulenmutter ganz anders. Es war für sie ein großer Tag, als die Pächtersfamilie aus dem Hecktor hinaus und der Eigner August Böteführ mit seiner jungen Frau einzog. ,Ist das ein Glück«, sagte sie zu ihrem Alten, ,ich meine, was ist für ein Glück mit den beiden jungen Leuten!« Die Vögel im Walde erzählten einander, wie die junge Frau lachen könne, das Nachtigallmännchen im Apfelbaum war ganz hin. Nicht wahr', fragte er seine Frau, ,ich hab heuer viel mehr Metall in der Kehle, und so voll wie jetzt waren meine Schlager noch nie. Sag selbst, waren meine Schluchzer jemals so schön, so schmelzend, von solcher Tiefe? Das macht das Lachen, das Singen, das macht das lustige Gesicht, die gelben Haare machens, die Kate macht es und hier herum so jung und fröhlich zwitschert und grünt. Mit dem Hammer Es war im Frühjahr nach dem großen Krieg; ein heißes Verlangen nach Frieden und Freude lag auf der rheinischen Landschaft. Die Gebirgszüge unseres Vaterlandes liefen hurtig, wie die Sehnsucht, an den zurückkehrenden Soldaten vorüber. Aber auch der große Vogel, der sie in Horizontale und langgestreckt überflog, strebte heimweherfüllt nach Norden. Ein reisender Storch. Wie immer, flog er allein voraus, der Gattin die Stätte zu bereiten. Die war noch in der sonnigen Provence. Heimweh hatte er nach seiner Sommerheimat, dem im Norden belegenen Wiesendorf. Er hatte vor, sich unterwegs nicht aufzuhalten; er wollte auch nur das notwendigste Futter einnehmen, als er sich auf eine Wiese hinabließ. Neben ihm strudelte und rollte ein großer Fluß, er kannte ihn – es war der Vater Rhein. Ein Soldat kam des Weges her, ein kräftiger Mann. Daran, wie er die Linke fallen ließ, ersah man, daß er gewohnt war, die Kraft seiner Muskeln voll auszunutzen. An der rechten hing ein junges, hübsches Frauenzimmer, fast ein Kind. Sie plauderten, der eine in harter norddeutscher Aussprache (man hörte ihm den Plattdeutschen an), die andere im lustigen rheinisch-fränkischen Dialekt. Plötzlich stockte das Gespräch, der Soldat beantwortete die an ihn gerichtete Frage nicht, er starrte auf den im Gras watenden Vogel. Es war ein wunderliches Exemplar– das rechte Bein ganz schwarz. »Wat in aller Welt!« brach der Plattdeutsche los. »Dat is jo Swartfoot von Jakob Johannsen sin Kohhus!« Es war wirklich Swartfoot, derselbe, der im Heimatsdorf des Soldaten Peter Stolten auf Jakob Johannsens Kuhhaus wohnte. Als junger Knirps war er aus dem Nest gefallen und von dem Bauern, bei dem seine Eltern wohnten, wieder hinaufgebracht worden; dort hatte man ihm das Bein mit schwarzem Lederlappen umnäht, zum Spaß und um ihn wieder zu erkennen. Jeder im Dorf kannte ihn, er hieß allgemein: Adebar Swartfoot.   Nach wenigen Tagen stand Swartfoot neben seinem Nest. Auch in Peter Stoltens Heimatsdorf wollte es Frühling werden, aber es war schon wärmer gewesen als augenblicklich, wo es wieder ganz rauh geworden. Swartfoot war frisch aus dem Äther zur Kuhhausfirst in den schönsten Schraubenwindungen herabgestiegen. Nun stand er auf seinem roten Bein, fröstelte und überlegte. Im allgemeinen war er nicht unzufrieden: die große, unübersehbare Wiesenfläche, das weite, schwarze Moor – bewährte Jagdgründe, noch immer am alten Fleck und gleich bei der Hand. Auch das Nest einigermaßen; aber zu machen und auszubessern gab es immer. Er dachte nach, aber nicht mehr lange. Das schwarze Bein kam aus dem Federsack heraus, nun stand er auf beiden Füßen. Kopf und Hals machten eine heftige Bewegung, erst nach hinten und dann nach vorn. Zischen und Fauchen ... und dann ... ja, dann klapperte er. Er hielt es für Pflicht, seine Ankunft zu melden. Kinderjubelgeschrei antwortete. Mehrere kleine Menschen zeigten und groelten »Adebar Langbehn, hest min Vader ok hangn sehn?« Der Bauer brachte Kompost nach den Wiesen. Als sein Hausstorch klapperte, fuhr er gerade aus dem Hecktor. Einen Augenblick hielt er die Pferde an, beschattete seine Augen und sah hinauf, Lächeln im Gesicht. Das Dienstmädchen Wieb (sie trug Müll nach dem Dunghaufen) setzte die Mulde nieder, lief an die Hecke, die nach dem Garten ging, und sagte zu einer anderen, die schwarze Erde grub: »Deern, Gret, kiek mal: de Adebar! Deern, wat ward wi fuul düss' Sommer.« Beide Mädchen lachten über die Aussicht. Es ist ein alter Volksglaube, daß man faul oder fleißig sein wird, je nachdem man den Storch zuerst stehen oder fliegen sieht. »Un all de Schötteln!« erwiderte Gret. Wer den Storch beim ersten Mal klappern hört, wirft viel Steingut entzwei. Swartfoot klapperte. Als er ausgeklappert hatte, fing er an, Dornen zu schleppen und weiche Polster, und baute und dachte an seine Frau, wie sie sich freuen werde, wenn sie alles so hübsch bereit finde. Erst gegen Abend flog er nach dem Moor hinunter, ein einfaches Abendbrot einzunehmen. Was der junge Schmied Peter Stolten aus dem Krieg mitbrachte, darüber verwunderte sich das ganze Dorf. Mütter und junge Mädchen ärgerten sich sogar. Aber nur ein wenig. Bei uns auf dem Lande tut man das immer nur ganz wenig. Man wunderte und ärgerte sich über die junge Frau, die Peter Stolten mitbrachte, da sie zur heimischen Art so gar nicht paßte. Sie war schmuck, das gab man zu, blutjung und braun. Und ihr Haar voll und weich und reich. Aber das alles brachte die Natur auch daheim fertig, wenn sie sich vorgenommen hatte, was Nettes zu machen... Lustig waren ihre Augen. Eine so sanfte Fröhlichkeit kannte man sonst im Dorfe nicht. Und dann die Sprache. Selbstverständlich hochdeutsch. Aber was für ein Hochdeutsch! Nicht unser Buchhochdeutsch, das wir Plattdeutschen immer ein bißchen trabend und hochbeinig, ein wenig pedantisch sprechen, so etwa, wie ein Gaul mit Hahnentritt seine Schritte macht – nein, ganz anders. Bei Kathinka war es eine Art Vogelsprache. Das zwitscherte und zirpte und schnaterte, warf die Silben und Wörter durcheinander und ineinander, biß hier den Kopf und dort das Ende ab, kugelte alles rund umeinander. Und das mit einer Geschwindigkeit, daß die Heimischen nur halb verstanden. Sie dachten mit ihrer gründlichen Leitung noch über das vierte Wort nach, wenn sie schon beim achten war. Sie machte aus ›nicht‹ ›nit‹, sprach von ›gar arg‹ und ›gar viel‹ und brauchte Wörter, wobei man sich nichts denken konnte, zum Beispiel: ›gelle?‹ Aus Frankreich war sie selbstverständlich nicht her, sie war irgendwo her, wo unseren deutschen Brüdern das Blut rascher durch die Adern fließt; man nannte sie aber überall die Fransche Stolten. Was war sie für ein lustiges, leichtsinniges, gutmütiges, über den Erdboden hinflatterndes Geschöpf! Ein trällernder Sopran, ein die Erfahrung und ihre Lehren nicht kennendes, in den Tag hineinlebendes großes Kind war sie. Wirklich ein Kind. Wenn sie nur nicht von den Bergen, von den Reben, von ihrer Heimat, von den fröhlichen Menschen, die sie da unten zurückgelassen hat, als sie ihrem Peter folgte, träumen wird ... Das wilde, schwarze Moor und die weiten Wiesen, die frische Seekühle, die der Westwind bringt, die braven, trockenen Menschen, die Einsamkeit, die das Dorf umlagert – ja, Fransche Stolten, ob es dir nicht doch einmal auf die Seele fallen wird? ... Gleich bei ihrer Ankunft wollte sie eine Ahnung davon beschatten, aber die luftige Weite, die gelben Blumen, die Butterblumen, die auf den Wiesen wuchsen, die Hundsblumen am Wegknüll, die großen, braunen am Moordamm, machten das Seelchen gleich wieder hurtig und frisch. Vor der Schmiedswohnung wartete, als Peter kam, der alte Stolten auf seinen Sohn. Die alte Mutter lebte nicht mehr. Midde Franzen, eine junge Verwandte, führte den Hausstand. Sie und der Alte wollten nach Eckermanns Kate ziehen, die sie gemietet hatten. Zwei Tonnen Land waren dabei, da hatten sie was zu tun. Im Hause der Stolten wohnte seit einem Jahrhundert das Geschlecht der Dorfschmiede; es verstand sich ganz von selbst, daß der Alte den Hammer in die Hände seines Peter legte. Bis zum heutigen Tage hatte der Alte auf den Ambos gepocht. Morgen wird das ›Pincke-panck!‹ beginnen, von junger Hand gespielt, morgen wird die Esse wieder glühen und der Blasebalg seufzen. Die Schmiede lag hinter Jakob Johannsens Garten. Mit Jakob Johannsen hatte sie immer gute Nachbarschaft gehalten, Jakob Johannsens Wagen holte auch den Krieger und die junge Frau vom Bahnhof ab. Auf dem Kuhhaus, so scharf auf der Spitze, wie es nur anging, stand Swartfoot und sah hinab. Umarmungen fanden von seiten der Eingeborenen vor der Schmiede nicht statt; das machen die Männer mit einem Händedruck, die Mütter und Schwiegermütter und Schwestern gleichfalls mit der Hand und dann mit der Schürze ab, die sie an die Nase führen. Aber die Fremde, die Braune flog mit ihrem ›gell?‹ und ›nit wahr?‹ dem Alten und der Midde an den Hals und küßte sie ab. Die Umarmten und Geküßten machten dazu ein Gesicht, ein ganz klein bißchen dumm, als ob ihnen der Verstand still stehe, waren aber freundlich und nett. Die Frauensleute flogen und trippelten voraus ins Haus, der Alte folgte mit seinem Peter bedächtig und langsam. »Du«, sagte der Vater, »dat mit bat Düdden, dat is bi ehr to Hus wull so Mod?« »Ja, Vadder, dat is dat.« »Je, jo«, nickkopfte der alte Schmied, »hev ik mi so dacht.« Swartfoot hatte würdevoll zugesehen. Als alle hineingegangen waren, sagte er zu seiner Frau (er war nämlich nicht mehr Strohwitwer, seine Frau saß neben ihm im Nest): »Du«, sagte er (das heißt: eigentlich klapperte er es, aber leise, war es doch ein Familiengespräch), »du«, klapperte er leise, »die junge Frau sieht gut aus. Der fischen wir mal was. Ob wirs schon heuer tun oder bis zum andern Jahr anstehen lassen? was meinst du?« Die Störchin war aber gar nicht aufgelegt. Sie war verdrießlich, rüttelte sich und warf etwas aus dem Nest. »Du bist mir der rechte«, grollte sie. »Immer für andere. Und wir brauchen selbst Jahr für Jahr vier Kinder.«   In dem Jahr reiste Swartfoot nach Ägypten ab, ohne für Fransche Stolten was gefischt zu haben. Er stellte sich freilich im folgenden Jahre pünktlich wieder ein, ließ aber den ganzen Sommer verstreichen und fischte für die Schmiedsfrau nichts. Die kleine, hübsche Schmiedsfrau. ... Sie war stiller geworden, sie sprach ein Mischmasch von Plattdeutsch und Hochdeutsch, sie hatte noch immer braune, sanfte Augen, und diese Augen lachten noch immer viel, sie kannten aber auch Tränen. Ihren Peter liebte sie herzlich, aber mit der heimischen Art konnte sie nicht so zurechtkommen, wie sie gewünscht hätte. So wurde es wieder Herbst, und die Störche (es wohnten nach den Wiesen hin viele im Dorf) sammelten sich zu ihren Übungsflügen. Swartfoot war der beste Flieger. Er hatte Leitung und Vorsitz in ihren Versammlungen. Seine Schraubenwindungen in den Äther hinauf waren berühmt. In diesem Herbst übte er und ließ seine Scharen üben, fleißiger als je. Er flog ... flog ... allen voran. Kopf, Hals und Leib bildeten eine tadellose Horizontale, seine Schwingen eine kaum gewellte Ebene. Er flog mit einem Wort – entzückend. Die Schmiedsfrau sah es, und Sehnsucht zog in ihr Herz. Es war stille, blaue Luft. Das leise Säuseln, das man hörte, war kein Wind. Es war Heimweh der Natur, Sehnsucht war es nach reinem, nach ungetrübtem Glück. In ihrem Gärtchen hinter der Schmiede stand sie und sah hinauf. ›Pincke-panck‹ kam es von der Schmiede her. Sie sah hinauf ... die Hand als Dach über den Augen. Wie die weißen Wolken sich türmten und das tiefe Blau sich in das Meer der Ewigkeit ergoß! Und wolkenhoch der Störche Schwarm. Still und stumm, um die Achse der Heimat kreisend. Staunend sah es das in die Fremde verschlagene, nun zur jungen Frau gewordene Kind. Je länger sie sah, desto mehr gewöhnten sich die Augen und immer tiefer sah sie hinein. Und ganz oben am Weltendach – ein Gedanke, ein Punkt. Da hing, da schwebte, da flog der stolze Flieger.... Adebar Swartfoot. Was alles mögen seine Augen gesehen haben! Der zimbrischen Halbinsel langgestreckten Arm bis zum Finger von Skagen hinauf, Land und Wasser im Osten und im Westen ein unendliches Meer. ›Pincke-panck!‹ Es klang leise und sein, das kleine, klingende ›Pincke-panck‹. Sie wußte, Peter machte Hufnägel, das war leichte Arbeit, Spielerei für ihn. Ein leichter Hammer fällt auf den Ambos: ›pincke-panck!‹ Und selten faucht und seufzt der grobe, der pustende Blasebalg in die Kohlen. Freilich, wenn grobe Sachen geschmiedet werden, Pflugschare, oder auch nur Hufeisen, da ists anders. Beschlägt Peter einen schweren Bauwagen, dann können die Hammer kaum wuchtig genug auf das rote Eisen fallen. »Thinka!« (Peter nennt sie immer Thinka) »Thinka, flink die Schürze vor!« Dann hatte sie den rauschenden Lederschurz vorgebunden, ihrem Peter ›vorzuschlagen‹, mit ihm zusammen im Takt das grobe Eisen gehämmert. Peter lacht immer, wenn sie im Lederschurz steckt. »Bachstelze im Küraß« nennt er sie. Und lacht sie aus, wenn sie den Hammer hebt. Sie tut es mit beiden Händen, und das sieht so reizend hilflos aus. So mag Peter seine Frau gern sehen. Der grobe Schmidt hat, wenn seine Thinka den Hammer hebt, immer so merkwürdige Gelüste, das kleine Frauchen abzuküssen. Sie will das nicht, Frauen wollen ja immer nicht, was ihr Herz begehrt, oder tun wenigstens so. Sie will also nicht und läuft im schweren, knatternden Leder davon, tritt darauf und fällt. Nun hat er den von seinem Küraß erdrückten Vogel. Nun macht er seine Drohung wahr und geht als gewissenloser, von Kohle und Ruß starrender Räuber nach dem Amboß zurück und macht ›pincke-panck‹. Und sie hat einen Schnurrbart und muß säubern und waschen .... ›Pincke-panck, pincke-panck!‹ An das alles dachte sie, als sie nach den Störchen sah. Und – seufzte. ›Bei mir zu Haus, im stillen Tal, sind die Weinberge geschlossen. Vater tritt sein Amt als Weinhüter an. Die Trauben reifen auf den Bergen, und Mutter pflückt für die Küche im Gärtchen hinter der Hütte. Der Felsen steigt steil auf. Er beschattet den hellen Fleck, sonst wäre dieser viel mehr wert. Und das Fritzchen hütet die Ziegen am Hang. Zehn Schritt von unserem Haus fällt der Fluß über das Rad der Sägemühle. Wenns einem neu ist, hört mans noch im Zimmer. Aber nach ein paar Tagen weiß man nichts mehr davon, dann hat man sich gewöhnt ... Da kann kein Storch hinsehen. Es ist zu weit. Vielleicht hundert Meilen ... Hundert Meilen ... Ach, ich armes Kind!‹ Noch immer stand Peter am Amboß und schmiedete. Aber sein ›pincke-panck!‹ klang anders als vorher. Er machte keine Hufnägel mehr, er schmiedete seiner Frau ein Plätteisen, versuchte es jedenfalls. Da mußte er alle Kraft und alle Kunst zusammennehmen. Da gab es dumpfe Schläge. Zuweilen grübelte er über sein Werk, dann zitterte der Hammer in seiner Hand auf der Stahlplatte springend nach. Es war ein bebendes, kleines, elastisches, allgemach verhallendes Geräusch. Es klang wie das Heimweh, das seines jungen Weibes Brust beschwerte. Er faßte nach dem Handgriff des Blasebalges, die Kohlen aufzuglühen. Da umarmte ihn hinterrücks seine Frau. Weinend und schluchzend. Und weinend und schluchzend lag sie an seiner rußigen Schmiedsbrust: »Ach, du guts Peterchen, du, ich hab so viel Bange und Sehnsucht nach Muttern.«   Den ganzen Tag hatte das gute Peterchen viel zu trösten. Es war nicht ganz leicht, das Wetter zu bessern. Schließlich lachte seine Thinka zwar wieder, aber das alte Lachen war es nicht, und wenn sie ihren Peter mit den braunen Augen ansah, so stand darin, so ganz sicher seien sie des Weinens noch immer nicht. Er freute sich (und sie tat es noch mehr) auf den Abend, wo sie einander gehören wollten. Da wurde Peter unerwartet nach einem Nachbargut geholt. Viel vor Mitternacht konnte er nicht zurück sein, und sie war nun ganz allein. Sie fürchtete sich vor dem Alleinsein, sie ging nach dem Hause des Schwiegervaters. Aber das war gefehlt. Midde hatte Kopfweh und lag zu Bett, der Alte suchte auch mit der Sonne sein Lager auf und hatte nichts einzuwenden, als Kathinka sich zum Gehen anschickte. Sie setzte sich vor ihrer Haustür auf die Bank und fing an zu stricken. Dämmerung fiel ins Land. Wie Erinnerung weich und still und sanft, ohne Laut und ohne äußere Gebärden. Vom feuchten Wiesenplan stieg Nebel auf. Die junge Schmiedsfrau saß vor der Tür und sah hinein. Wolkig und weiß wie ein Meer erloschener Vergangenheit lagen Moor und Wiese da. Kathinka war sich nicht klar: trug sie in der Brust ein fröhliches, trug sie ein wehes und schluchzendes Herz. Und ringsherum Stille. Erst eine kleine, eine bescheidene, eine aufhorchende Stille, dann eine andere, die immer größer, immer tiefer, immer unerbittlicher der jungen Frau Herz belagerte. Aus dem Nebel, von den Wiesen kam es her. Kathinka fror, Kathinka erschauerte, und ihr war, als ob sogar die zwischen Schmiede und Johannsens Kuhhaus stehende Eiche, deren krause Linien der Abendhimmel scharf in ihr Auge warf, sich schüttele, abzuwehren, was sie umschlich. Aus dem Abend wurde Nacht, eine von blitzenden Sternen erhellte Nacht. Das Kind aus der Fremde lag im Bett und weinte, als Peter endlich . . endlich ... nach Hause kam. Er nahm sie in die Arme und legte sie, als wäre sie wirklich ein Kind, an sein Herz. Dort lag sie lange. Lange lag sie schluchzend und weinend, sich nicht trösten lassen wollend, ihren Schmerz liebend, so lag sie an seiner Brust. Und über ihnen im Sternenschein ballten und spitzten sich die Formen von Dach und Giebel. Das Dach entschlossen, jedem zu wehren, der den von ihm bewachten Frieden störe. Der Giebel in stiller, fröhlicher, gesammelter Laune. Die Störchin auf dem Kuhhaus schlief fest, sie hat es gar nicht bemerkt, daß ihr Gatte noch spät nach dem Sumpf flog. Gegen Schluß des Jahres fing man an, davon zu reden, und am Beginn des nächsten Jahres wußte man es: das Geschlecht der Dorfschmiede scheint gesichert: die junge Frau ist guter Hoffnung. Und als der Frühling kam, da faßte sich die geheime Trägerin der Schmiedszukunft ein Herz, fiel ihrem Peter um den Hals und sprach in ihrem rheinisch-plattdeutschen Kauderwelsch: »Peterchen« (so etwa sagte sie), »Peterchen, wenn ich mein Muttchen und den Vater und 's Fritzchen in diesem Leben noch wiedersehen soll, dann wirds Zeit. Den Dorfschmied kriegen wir! Ja, ich hoffe, es wird noch eine tüchtige Reihe junger Schmiedsgesellen nachkommen. Kindermütter können nicht mehr fort, jetzt kann ichs noch, aber es muß gleich sein. Gell? Wenn Peterchen mir Urlaub gäbe? Nit wahr? Er hat seine Kathinka lieb, er wirds tun. Mit Midde hab ich gesprochen, die will nach dem Rechten sehen, so lange ich weg bin.« »Ja«, erwiderte Peter, alles schön. Aber's Geld. Sollen wir gleich von der Sparkasse wieder nehmen, was wir erst hingebracht haben?« »'s Geld?« frohlockte die Rheintochter. »Hast gar nit gsehn? Der Postbote hats gebracht. Sieh her! Das hat guts Mütterchen geschickt.« Sie schlug mit einem artig klingenden Beutelchen auf den Tisch, »'s Mütterchen sehnt sich nach Kathinka; deshalb hat sies geschickt. Sie hat ein Zicklein verkauft. Und's Fritzchen hat auch dazu gegeben, was er beim Sägemüller verdient hat. Denn auch er sehnt sich gar viel. Und der Vater – nun, der sagt grad nit viel, aber nach Kathinka bangen tut er auch.« Da war Peter gefangen. »Denn helpt dat jo wull ni«, sagte der brave Schmied. »Dann muß ich wohl Ja und Amen sagen. Aber, Frau, das mache ich zur Bedingung, den Dorfschmied bringst mir heil nach Haus! Das soll ein Hiesiger und kein rheinischer Windhund werden.« Jakob Johannsen nahm sie mit nach dem Bahnhof. Peter war unabkömmlich, er konnte sie nicht begleiten. Des Bauern vierjähriger blonder Klaus stieg zu ihr auf den Wagenstuhl. Die Pferde prusteten, aber noch standen sie. Jakob war nicht parat. 132 »Bringst mi wat mit, Fransche?« fragte der kleine Klaus. Fransche Stolten fing an zu erzählen, was sie alles mitbringen wolle: Wein und Reben und Bilder, Bilder von Bergen und Burgen ... Und dann ... Sie lachte und wiegte ein erdichtetes Wickelkind auf den Armen. »Vielleicht so was. Da kannst du mit spielen, Klaus!« »Kinder bringt Storch Swartfoot«, erwiderte Klaus altklug. »Und Swartfoot ist hier und nicht da, wo du hingehst.« Swartfoot war wirklich zur Stelle. Er war vor kurzem aus Ägypten angelangt, stand auf dem Kuhhaus, wichtig und mit einem Gesicht... mit einer Würde...na! Die Luft voller Lerchenjubel, die Wiesen voller Brutgesänge der Sumpf- und Watvögel. Wie fuhr sie so fröhlich dahin, die Fransche Kathinka, die Fransche Stolten! Und sollte doch das Dorf und die Wiesen nicht wiedersehen. Kurz vor der Chaussee windet sich der Weg aus hohen Knicken heraus (es geht über die sogenannte Windberger Höhe) und fällt dann scharf auf die Kunststraße. Da! Kathinka wurde blaß und griff nach dem Herzen. »O«, rief sie... »guts Peterchen, ich glaub, ich komm nit wieder. Mir wirds halt nit gut geh«. Mir steht was bevor.« Von Jakob Johannsens Lippen rollte ein scharfes »Brr!«, er straffte die Zügel. So brachte er den Wagen zum Stehen. Und hielt. Wortlos. Aber der Kleine rief einmal über das andere: »Was ist das?« Man wäre auf ein Haar in einen Leichenzug hineingefahren. Ein über und über mit Blumen und Kränzen bedeckter Sarg. Dahinter eine Schule mit dünnem Chorgesang: »Begrabt den Leib in seiner Gruft«. Der Geistliche ...Die Leidtragenden ... Und dahinter Gefolge zu Fuß ... Wagen ... Ein langer Zug. Seit Fransche Stoltens Reise waren wenige Wochen verflossen. Da sah man Schneider Storm, der in dem Postort wohnte, durchs Dorf nach der Schmiede gehen. Schneider Storm war der Telegramm- und Expreßbote. Gleich darauf eilte Peter Stolten zu Jakob Johannsen und bat um etwas Geld. Er hatte es nicht gleich im Hause, mußte aber sofort reisen. Es seien schlechte Nachrichten von Kathinka eingelaufen. Vierzehn Tage blieb er weg, kam dann ohne seine Frau und mit einem Wickelkind im Arm. Er hatte sie noch lebend getroffen; sie hatte ihn auch noch erkannt. Peter und die Sterbende in der kleinen Kammer. Nur das Rauschen des Gebirgsbaches... das Brausen der Sägemühle durchs Fensterchen quellend. »O, du guts Peterchen«, hat sie gesagt, »du mußt's Kindchen gar arg lieb haben!« »Ja«, hat Peter geantwortet. »Und darfst ihm nit nachtragen, weils ein kleins Mädchen und ka Schmied ist.« »Ich werde es lieben wie mein Leben«, hat Peter wiederholt. »Sie ist braun, wie ich, und lustig wird sie auch, Peter.« »Um so mehr will ich sie lieben, wie dich«, hat Peter beteuert. Er saß an ihrem Lager wie ein rechter Holste, wortlos, tränenlos. Der Strom sprach an seiner statt, vom Mühlenrad tropfte das Weinen seines Grams. Fluß und Sägemühle vergruben all sein Weh. Nun kam er mit dem Kind zurück. Der Alte gab seine Pachtung auf und zog wieder nach der Schmiede. Midde wollte den Hausstand führen und dem armen Würmchen Mutter sein. Von Anfang an lag es wie Lachen um die wundervoll aufgeblühte Kinderschnippe. Ein grober Schmied im Lederschurz, und solche Verstellung! Wie ein Hauptgeselle der Unterirdischen, wie ein in den Feuerschlünden wohnender Dämon, ja, wie der alte Donnergott selbst, so tobte und schlug und hämmerte und formte Peter vor der glühenden Esse das in Glut gebändigte Eisen. Die schweren Hämmer warf er, wie nur je ein feuerschnaubender Schmied getan. Und die nackten, harten Muskeln waren der Gewalt und Vernichtung froh. Wo aber waren Lederschurz und Härte, wo waren Zorn und Eifer, wo, mit einem Wort, der Grobe, wenn er sein Kindchen auf Schmiedsarme nahm! In der Linken trug er sie über die Schwelle der Schmiede, in die Rechte nahm er den kleinsten, den feinsten, den hellsten Hammer und machte das ›Pincke-panck!‹ auf eisernem Block. Das Kindchen spitzte die Ohren, als vernehme es ein schon oft gehörtes Lied. Und Peter selbst war ganz in Andacht versunken. Dieser scharfe, springende Ton war es gewesen, der ihr Herz und Zunge gelöst hatte. ›Pincke-panck!‹ Er hatte sie nicht mehr, aber ihr Abbild hielt er im Arm. Im Knickweg Ein blanklackierter Stuhlwagen, zwei prustende, wohlgenährte Falben davor, ein Bauernehepaar, sonntäglich angezogen darauf, er mit einem schwarzen Hut und sie mit einem weißen Hut und roten Blumen, vergnügte Gesichter – offenbar auf freundschaftlicher Besuchsfahrt. Ja, auf Verwandtenbesuch. Hans Tank hat eine kleine Landstelle, worauf zwei Pferde gehalten werden, für die es aber nicht einmal im Sommer immer zu tun gibt, zumal im Frühling nach Einbringung der Saat und Ausfahren der Komposterde und vor dem Surren der Sensen im Wiesengras. Darüber hat er oft geklagt. »Ich verdien' jeden Tag meine Kost«, hat er gesagt, »die Gelben sollten es billig auch«. Und Heuer ist wieder die freie Zeit gekommen. Überall ist es frisch und grün aufgesproßt; die Gelben haben im Wischhof geweidet, dabei den Kühen das beste Gras weggenommen, und gestern zur Zeit der Mittagshitze sind Hans und Anna an den Falben, die einander die Fliegen abjagten, vorübergegangen, und Hans hat wieder davon angefangen, daß die Pferde nichts verdienten und den Kühen das beste Futter wegfräßen. Da hat Anna einen Augenblick nachgedacht und gesagt: »Weißt was, Hans? Wir haben immer in Kisdorf besuchen wollen. Nun tun wirs und fahren mit eigenem Fuhrwerk hin, spannen die Gelben an und nehmen einen tüchtigen Futtersack mit. Nicht wahr? Dann brauchen wir kein Eisenbahngeld auszugeben, und sparen den Kühen das Gras«. In Kisdorf hatte Anna eine Schwester wohnen. Es war weit weg, im Segebergischen, aber Jahr für Jahr besuchten sich die Schwäger mit ihren Frauen, indem sie eine Stunde zu Fuß nach der Bahn gingen, zwei Stunden darin saßen und eine halbe Stunde mit dem Wagen des zu besuchenden Gastgebers fuhren. Nun sollte die ganze Tour mit eigenem Wagen gemacht werden, das komme nicht viel teurer und sei nebenbei ein groß Pläsier. Hans ist das erst wunderlich vorgekommen, aber dann hat es ihm eingeleuchtet. Und deshalb finden wir ihn und seine Frau auf der Landstraße. Das Wetter ist fest geblieben. Zwei und eine halbe Stunde sind sie schon unterwegs, einmal haben sie Rast gemacht. Im Krug zum Föhrdener Pohl haben die Falben Futter und einen Eimer Wasser bekommen, nun zuckeln sie wieder behäbig auf sandiger, aber nicht zu loser Straße zwischen Hecken dahin. Und der Frühling schaute auf den Wagen und auf die, die darin saßen; lachend sah er auf sie herab, mit glühender Liebe als Sonne aus erhabener Höhe, in Gestalt weißgetürmter Wolken aus hoffnungsseligem Blau und überall verstohlen durch die Büsche des Wegknicks. Dem Bauer wurde ganz übermütig zu Sinn. Nicht oft empfand er die Wohltat des Müßigganges. »Wer alle Tage so tun könnte wie heute«, frohlockte und seufzte er. »Wer es so haben könnte, jeden Tag auf Besuchswagen sitzen, die Federn janken lassen, den Futtersack hinterm Wagenstuhl, Geld in der Tasche, an den meisten Wirtshäusern vorbei, bei einigen ankehren, schäumendes Bier trinken und dann weiter in die schöne, große Gotteswelt hinein, durch Dörfer hindurch, die man gar nicht kennt, wo man die Häuser vor Kirsch- und Apfelblüten kaum sieht, Lerchen überm Kopf und Drosseln zur Seite – ja, wer es immer so haben könnte!« »Das wäre wohl zuviel«, meinte Anna. »Wir haben es zu Haus für Alltag doch auch ganz gut. Ist es nicht so, Hans?« »Nu ja, schlimm haben wirs nicht, aber wenn man daheim ist, kommt man vor Arbeit nicht zu sich selbst, ich nicht und du auch nicht. Und wenn mans auch gar nicht nötig hat, man hats nicht gelernt, faul auf der Bank zu liegen.« Er sprach noch mehreres in der Art. Sagen wollte er, daß das Pflichtgefühl ihn zu Hause nicht zu der reinen Freude der nichts wollenden, nichts wünschenden Stunden, die ihn jetzt so warm durchriesele, gelangen lasse. Seine Frau stieß ihn neckisch mit dem Ellbogen. »Jedes Jahr mal mit den Gelben nach Kisdorf, ist das gar nichts?« Hans Zank antwortete nicht, er konnte nicht gleich mit sich darüber einig werden, ob er noch mehr vom Leben zu verlangen berechtigt sei. Da fing seine Frau wieder an: »Fahr mal an den Knick heran, ich will ein paar von den Blumen abreißen, die riechen so stark, und der Saft schmeckt so süß.« Ihr Mann konnte gar nicht riechen, aber er tat so, wie Anna wollte, und Anna pflückte im Vorbeifahren einen kleinen Strauß von Geißblattblüten und -blättern. »Die mag ich so gern, sie sehen aus wie Hände, die was Liebes tun wollen. Ist es nicht so, als ob ein Engelskind die Fingerlein ausstrecke, Glück zu geben oder zu empfangen? Sieh mal, Hans!« Hans besah die Blumenhände eine Weile und zeigte dann auf einen weit und kratzig und dabei frisch und weich in den Weg hineingeschwungenen, buntbesäten Heckenrosenstrauch. »Ich mag die lieber«, sagte er und lächelte seine Frau mit einem Anflug von schämiger Blödheit an. »Die haben Ähnlichkeit mit dir.« Anna lachte. »Du tünst, Hans!« antwortete sie. Den Vorwurf nahm er schweigend hin. Wenn er dergleichen sagte, wie eben, wenn solche Gedanken herausplatzten (er hatte sie öfters), dann mußte er immer, nicht nur von Anna, auch von anderen hören, daß er tüne, daß er Unsinn spreche. Da glaubte er es denn auch selbst. Wo gab es auch im Dorfe oder sonst auf der Welt wohl einen Mann, der Blumengesichter und Frauengesichter verglich? Und nun war es wieder geschehen. Verstohlen schaute er auf seine Frau. Als er sie vor sieben Jahren genommen hatte, da war sie noch nicht so braun verbrannt gewesen und noch nicht so voll und noch nicht so rund, da hatte sie feiner ausgesehen, und deshalb war er gerade darauf gekommen, sie mit einer Heckenrose zu vergleichen. Nun paßte das nicht mehr so wie damals, sie war zu viel ohne Hut in der Sonne gegangen, hatte auch viel gebuttert und gearbeitet. Aber ihr blauer Augenaufschlag, ihr voller, gläubiger Blick gab (dabei mußte er bleiben), ihr Gesicht sagte etwas, was er in dem Blumengesicht der Heckenrose wiederfand. Zu Hause hätte er wohl nicht so gesprochen; hier aber, weit weg vom Haus, im fremden Heckenweg, in fremder Natur; in voller Freiheit, wo alles abfiel, was sonst immer in ihm pochte und heischte, hier war es doch anders; gerade nun und gerade hier glaubte er das, was er gesagt, gut verantworten zu können. »Lat scheeten!« dachte er und fuhr in den blühenden Frühling hinein. Es war ein milder, sonniger Tag, und unserm Hans wurde im dicken Bauernzeug ganz warm. Die Hufe der sanft trabenden Gelben warfen Staub auf, nicht viel, aber doch etwas. ,Der ganze Tag liegt vor uns', dachte Hans, ,vier Stunden noch, dann haben wirs. Warum die Gelben quälen?' Er ließ die Pferde im Schritt gehen, steckte die Peitsche ein und lehnte sich mit Behagen zurück. Da fragte Anna: »Weeßt, wokeen du lik sühst?« »Nä, wokeen denn?« »Als Vater und Mutter erst vier Wochen im Dorf wohnten und ich dich zum ersten mal sah, wie du zu Vater kamst und bestelltest, daß die weiße Kuh im Moorgraben liege, da sahst du aus wie 'ne grüne Nuß, und eigentlich mochte ich Wilhelm Haupt, der jeden Tag mit mir rum jachterte, lieber leiden. Da warst du noch grün, nun aber bist du ganz braun und reif geworden.« »Holl din Mund!« Er lachte laut und legte seine große Hand auf ihre Lippen. »Holl din Mund!« wiederholte er, »nu tünst du mehr as ik.« Ausdrücklich verwahrte Anna sich nicht, im stillen aber dachte sie: stimmen tut es doch. Was für ein Unterschied zwischen damals und jetzt! Damals ein unreifer, grüner, schlandriger Junge; mager wie ein Reck – und nun? Er ist voller und fester und brauner geworden. Auch das Haar sieht dunkler aus, nur nach der Nackengegend hin, wo die Mütze nicht mehr reicht, hat die Sonne es hell gemacht, am dunkelsten ist es in der Mitte. Aber das alte gute Gesicht damals und heute. Es war so, wie sie dachte. Als sie Hans kennen lernte, mochte sie sein Äußeres eigentlich nicht. In dem Punkt konnte er sich mit Wilhelm Haupt, der so volles braunes Haar hatte und braune Augen, nicht messen, aber sie hatte ihn sonst so gern. Er war so gut und so fröhlich bei allem Ernst, während aus Wilhelm Haupts Munde immer nur Spaßiges, zu viel Spaßiges kam. Schade freilich war es, daß so schwer an Hans heranzukommen war. Verliebtheit sprach aus seinem Wesen, aber er war so blöde, so unfrei, es war nichts mit ihm zu machen. Koketterien und Ermunterungen – alles prallte ab. Schließlich mußte sie ihn aufgeben und, damit ihr nur nicht alle Felle wegtrieben, Wilhelm Haupt Hoffnung machen. Das half, denn da legte Hans los, da schrieb er wenigstens einen Brief, über den Schwester Stine, die jetzt in Kisdorf wohnt, damals so viel gelacht hat, daß sie, um die so heiß geworben wurde, ernstlich bös werden mußte: »Ein Umstand nötigt mich, die Feder Anzufassen. Mit Betrübtem Herzen mache ich Dich mein Innres auf, ich wollte es so gern Mündlich sagen, aber ich kann es nich –« Und so weiter. Und als sie ihm den folgenden Tag in Peter Hödts Schmidts Redder begegnete, sagte er kein Wort. Eine Weile wartete sie, was wohl kommen werde, aber wie sie sah, daß nichts komme, wie er mit bebenden Lippen vor ihr stand, da machte sie der Sache ein Ende, fiel ihm um den Hals und sagte: »Ja, Hans, ik will dat.« So nahm sie ihn. Und wenn er noch einen Tag länger mit dem Brief gewartet hätte, dann hätte Wilhelm Haupt sie gekriegt; durch Schwester Stine hatte er schon sagen lassen, daß er Sonntag kommen wolle, das Jawort zu holen. Erst hat Wilhelm Haupt sich geärgert, soweit ein Mann wie Wilhelm sich überhaupt ärgern kann, dann aber hat er sich gefunden und die schmucke Wiebke Iff genommen. Und im Grunde passen Wilhelm Haupt und Wiebke Haupt, früher Wiebke Iff, auch viel besser zusammen. Sie wohnen im Nachbardorf und oft treffen sie sich nicht mit Hans und Anna, aber wenn – dann spaßt Wilhelm immer, daß Hans ihm zuvorgekommen sei, und tut es sogar, wenn seine Frau dabei ist. Und dann lacht Wiebke noch mehr als er und schlägt ihn mit beiden Händen in den Nacken, und Wilhelm macht sich krumm, und immer ist dann großer Spaß und groß Gelächter. »Holl din Mund«, hatte Hans zu Anna gesagt, als sie behauptet, er sei eine Nuß. »Holl din Mund, du –« Er hatte seine große Hand auf ihren Mund gelegt. Aber das genügte nicht, unter der Hand sagte sie in einem fort: »Es ist doch wahr, und ich tüne nicht.« Da half es nicht, da mußte er die Falben gehen lassen, wie sie wollten, und das Leitseil um die ,Toppen' der Wagentrommel winden, da mußte er es tun, nämlich seine Frau in beide Arme nehmen und sie küssen. Und da der Mund noch immer weiter pappelte, mußte er es so stark machen, daß er es nicht mehr konnte. An beiden Seiten des Weges ein hoher Knick. Und die Falben immer langsam im Gleise, immer im Schritt. Und es wäre alles in Ordnung gewesen, wenn der Weg nicht eine Biegung gemacht und um die Biegung herum nicht ein flott jagender Wagen, ein Leiterwagen, entgegen gefahren wäre. »Hollt, stopp!« schrie der Fuhrmann. Da ließ Hans seine Anna, rollte mit rascher Hand die Leine vom Toppen und zog sie scharf an und brachte die Gelben zum Stehen, just früh genug, einen Zusammenstoß zu verhüten. »Dar gung na eben god«, kam es von dem anderen Gefährt. Und dann eine volle Lache – »Ha, ha, Jung, Hans Tank, büst du dat? – Wat hev ik sehn? Ja, ja, dat kummt vun de Liebe!« Es war ein stattlicher, brauner Mann, einer mit leuchtenden Augen und mit einem Gebiß, das auch leuchtete, aus Mund und Bart herausleuchtete, eine frische, blonde, kichernde Frau saß prall neben ihm auf dem Sitzbrett. Und beide Wagen hielten, Seite an Seite. Der braune Mann noch immer lachend und sich aufs Knie schlagend. »Deern, Anna, dor hest awer'n Hitzigen kregen! So dull harr 'k ni kunnt.« Und zu seiner Frau gewendet, sagte Wilhelm Haupt: »Wieb! Wenn ik Anna Witten kregen harr, in der Hinsicht, wat Küssen un Ficheln anbedräpt, dor glöv 'k, weer ik god ut wesen.« Hans fand vor Scham kein Wort; alles hatten Wilhelm Haupt und seine Frau mit angesehen. Anna aber faßte sich rasch, lachte und sagte: »Kommt bi ol Lüd mal mit vör. Bi ju ok wiß. Is ni so, Wieb?« »O, ja«, entgegnete Wieb, »all Vierteljahr mal. Awer to Hus. Bi Peer un Wagen, bat kennt wi ni.« Aber das konnte der ehrliche Wilhelm nicht hingehen lassen. »Ni bi Per und Wagen? Un vergangn Week, as wi Gras för de Kalwer holn deen? Wat passeer do? – Nä, Wicb. all wat rech is.« »Dor weern keen Peer vör.« »Un Himmelfahrt, as wi vunt Ringrieden keem? Weern dor do ok keen Peer vör?« »Ja, do..« »Ümmer bi de Wahrheit bliewen, Fru, wenn 't ok swar fallt! All Vierteljahr? Mehr ni? Kanns da beswörn?« »Na, dat kann 'k ni«, gestand Frau Wieb. »Awer, wenn 'k de kregen harr«, und Wilhelm Haupt zeigte mit Hand und Peitsche nach Anna, »dor weer keen Dag hingahn ...« Das Weitere verschluckte er und steckte den Kopf zwischen die Schultern, denn Wieb trommelte ihren kräftigsten Marsch auf seinem Rücken. »Hest ok son Wievstück, Hans?« fragte er dabei zwischen Lachen und Prusten. »Wer wece, wat kommt, Wilhelm? So spaßte man, dann kam ein halb ernsthaftes Gespräch, worin Auskunft über Ziel der Fahrten gegeben wurde. Und darauf verabschiedete man sich, die Wagenlenker hoben die Peitsche. »Dat mutt 'k seggn«, lobte Wilhelm, »'n Staat is't mit ju beidn achter de Gelen. Awer, Anna, Passers weern wi ok warn, dat harr sik ok god makt mit di un mi.« Frau Wieb fing wieder an zu trommeln und Hans entgegnete: »Schön harr sik dat makt, awer beter is beter.« Beide Wagen kamen in Bewegung. Bei dem Gelächter drang Wiebs helle Stimme noch einmal durch: »Dat schall wahr bliewen, beter is beter.« Anna wendete sich um. Wieb trommelte wieder. Wilhelms Kopf war nur angedeutet, so krumm und ›ducknackt‹ saß er, aber aus dem Schütteln, aus allem merkte man, so ein Spaß, das war was für ihn: vor Lachen wußte er sich nicht zu lassen. Anna und Elsa und deren Kinder Eine Schweinegeschichte l Rasche Winde, auf der Reise von England nach Gotland, summen für und für über Klaus Riepers Hofstelle. Schweinestalle und Rinnsteine und Dunggruben riechen nicht nach Rosen, aber daraus macht man sich nichts, das ist nun mal mit Ställen vermacht. Eine ganze Reihe von Türen und Luken. Dahinten schlafen die Borstenträger, die Rüsseltiere, die Speckbringer, die »Feck, Feck«, die Franzosen. »Oui« können sie sagen und »neuf« und, wie sies machen, klingt beides dumpf und schwer. Aber wenn man sie beim Ohr faßt, dann singen sie, dann kommt reine Klangfülle aus runden, fetten Kehlen. Rauchende Leute sind gute Leute; Klaus Rieper in seiner Stube rauchte, Klaus Rieper war guter Gesinnung. Schane aber, seine Frau, schälte Kartoffeln und führte eine scharfe Klinge. Den runden Dingern schälte sie freilich nur die Haut herunter, ihre Freundin jedoch, Nachbarin Stine Klasen, mußte Haut und Ehre und Ansehen und Reputation in der blauen Küchenschürze lassen. Was die sich wohl einbilde! Prahle im Dorf herum und tue, wie eine Gräfin und sei doch auf einer Art Schlachterkarren gekommen. Packenträger sei ihr Vater gewesen und zugewandert – woher? wisse kein Mensch. Nach ihrem Tatergesicht vielleicht daher, wo die Mausefallkerle wohnen. Nun, dafür könne sie ja nicht, und davon sei denn auch nicht zu reden. Aber von wegen des Prahlens, da solle sies noch mal ordentlich haben. »Dat ol gele Minsch!« So redete die blonde, wohlgenährte Frau; Kartoffeln, die zu groß waren und sich deshalb nicht gut kochten, schnitt sie halb durch, und Keimaugen bohrte sie mitleidslos mit ihrem Mordwerkzeug aus. Der rauchende Klaus Rieper sagte: »Lat ehr, Schane! Se hett dor jo Lust to, un uns schadt dat ni.– Awer nu komm man mal mit nan Swinsstall, wie wüllt sehn, ob 't bald Farken givt.« Rauhes Märzwetter stieß noch immer, wo die Schweine wohnten, gegen Tür und Luke, aber im Stall selbst war es warm. Es war ein großer Raum mit vielen Verschlägen. Links die Stallungen für Hornvieh, rechts die für Schweine. In den beiden am Westende lag je eine Schweinemutter, die ihrer Stunde, nicht des Abgestochenwerdens, sondern der Niederkunft entgegensah. Klaus ging mit Schane die Reihe längs und sagte, als sie vor den Wochenbettsställen standen: »Ik bün nieschieri, wakeen toeerst kommt, un woveel se bringt.« Die Schweinemütter kümmerten sich nicht um ihren Herrn; ihr Frühstück hatten sie, nun lagen sie hoch oben an Trog und Wand im weichen Stroh und grunzten und schnarchten und ließen sichs wohl sein. Der Bauer liebte seine Schweine, er hatte ihnen Namen gegeben, Else und Anna hatte er sie genannt. Else, jetzt etwas angeschmuddelt, war in ihrer Jugend ganz weiß und blond gewesen, wie die von Brabant. Anna hatte immer einen dunkleren Teint gehabt, sah recht schwärzlich aus und zeigte an beiden Hinterschenkeln je einen dunkeln Fleck. »Anna is de smuckste«, sagte der Bauer zu seiner Frau. Aber diese antwortete: »De Speck vun de witten is söter, ik mag se ok leewer liden.« Am folgenden Tag kam der Bauer nicht in den Stall, aber der Futterknecht rief ihn. Beide Schweinemütter waren dabei, die Zahl der Rüsseltiere des Hofes zu vergrößern. Und das Geschäft ging glatt vonstatten. Else warf vier, Anna drei junge Ferkel. Es war nicht genug, aber dafür waren die Kinder kreuzfidel und die Mütter den Umständen nach wohl. Elses Kinder alle zart und weiß wie Federdaunen, Annas hatten dunklere Schatten, eines sogar schwarze Flecken am Hinterteil. Aber Lebenslust zeigten die weißen wie die dunklen, nach wenig Tagen schon kannte jedes Ding den Milchzitz, auf den es Anspruch hatte, sog auch mit der den Schweinekindern eigentümlichen Inbrunst daran. Das Schmatzen hörte man noch dort, wo das Jungvieh schmauchend verdaute und widerkaute. Alle Ferkel haben, wie ich Unkundigen, wenn es solche geben sollte, mitteile, heitere, wie Pfropfenzieher gewundene Ringelschwänzchen. Bei Annas Scheckigen war er ganz besonders gelungen: lang, zart, geschmeidig und doch stark, mit kräftigem Bogen, am Ende ein reizendes Haarbüschelchen. Anna war stolz darauf. In der die Ställe trennenden Bohlenwand war eine Ritze. Durch diese Ritze unterhielt sie sich mit Else (den Menschen klangs wie Grunzen, es war aber hochfeine Schweinesprache) und suchte sich herauszureden, daß sie nur drei Junge habe. Und das mache gar nichts, sagte sie. Ihre Kinder seien so hübsch und süß, wie es noch keine gegeben habe. Eines sei sogar ein Bunter. Und ein Schwänzchen habe es, das übertreffe schier alles. Else antwortete etwas empfindlich. Auch ihre Kinder seien nicht von Pappe. Weiß die Haut und blond das Haar, rosenrot die kleinen Schnuten und blau die Augen. Und der Jüngste ... nun, es frage sich noch, wer von allen sieben das hübscheste Schwänzchen habe. Die Mütter ereiferten sich, die Kinder mußten vor der Ritze Parademarsch machen und die Schwänzchen kräuseln – der Streit blieb unentschieden. Man werde ja sehen, wenn der Bauer zum ersten Sonnenschweinebad austreibe. Aber die Reihe der durchreisenden Winde riß gar nicht ab; das Wetter blieb rauh, Else und Anna waren damit zufrieden und grunzten vergnügt im Stall. Zur Futterstunde wurde die Gesellschaft munter, sonst verschliefen sie einen großen Teil des Tages im gelben Stroh. Es kamen aber auch Stunden, wo die Mütter wachten und aus ihrem Leben erzählten. Else war auf dem Hof groß geworden, sie erzählte von ihren Geschwistern. Viele waren auf eigene Weise abhanden gekommen, mehrfach in Verbindung mit dem Erscheinen eines freundlichen Mannes in weißer Schürze. Männer in weißen Schürzen holen, so glaubt man in Schweinekreisen, die ab, die zu Sängern ausgebildet werden sollen. Sie, Else, habe auch wohl Lust gehabt und auch Stimme, sei aber doch geblieben, was sie war. Beneidet aber habe sie drei von ihren Geschwistern; die seien auf hohen Wagen davongefahren ... jawohl, von Haus und Hof gefahren, hinaus in die weite Welt! Die alte Sau war ganz begeistert. »Mir ist es nicht beschieden gewesen. Aber euch, meine Kinder, sollen günstigere Sterne scheinen.« Die Sprecherin hob, in Wallung gekommen, den Kopf und schlug sich die Behänge um die Backen. »Hinauf auf den Wagen, das sei euer Ziel! Man wird an Schwanz und Ohren gehobenen, ein bißchen weh tut es. Das mag wahr sein, dafür schreit man. Das hat nichts zu bedeuten. Was will das bedeuten, wenn man in die Welt hinausfährt?« »Kinder,« erzahlte Anna in dem andern Verschlag, »ich bin eine rechtschaffene Sau. Die nebenan bildet sich ein, auch eine zu sein. Und eine Sau ist sie, das soll ihr nicht bestritten werden, aber mit mir an einem Tage gar nicht zu nennen. Seht mich an! Ich bin dunkel angehaucht und am Hinterteil habe ich zwei kleine Flecke. Ich bin eine schöne Sau, aber die ... blond und charakterlos von oben bis unten, blond und charakterlos, alle ihre Kinder. Was seid ihr dagegen für süße Geschöpfe! – Ich habe euch lieb«, schloß Anna, sie erhob sich mühsam und grunzend. Die treuen Mutteraugen waren von den nach vorne fallenden Ohrlappen etwas verhängt, aber welche Seele wohnte in diesem verschleierten Blick! Sie sah ihre Kinder mit quellender Zärtlichkeit an: »Ich bin euch gut, Kinder!« wiederholte sie, grunzte und legte sich nieder. Ihr Atem ging regelmäßig und ruhig, als ob sie schlafe. Aber sie schlief nicht, ihr Kopf kam wieder ein wenig hoch, und sie hub wieder zu reden an: »Hat die (ich meine die da drüben) hat die was erlebt? Nichts hat sie erlebt. In diesem Stall ist sie geboren und daraus kaum herausgekommen. Aber ich, ich habe in einer anderen Gegend die Luft eines anderen Stalles geatmet. Ich bin in einem Haus zur Welt gekommen, das weit weg ist. Genau kann ich nicht sagen, wie weit, aber es ist sehr weit. Als junges Schweinekind bin ich in einen Sack gesteckt worden. Jawohl, in einen Sack! Ja, du mein Wickelschwänzchen, merk dirs! Deine Mutter ist in einen Sack gesteckt worden. Denn das passiert nur ganz ausgezeichneten Ferkeln. Im Sack war es dunkel, und bequem lag ich auch nicht. Gequiekt habe ich den ganzen Weg. Das machte mir aber nichts aus, eine Ehre war es für eure Mutter. Mütter können ihre Kinder nicht immer bei sich behalten; es wird mir ein großer Schmerz sein, euch wegzugeben. Meine arme Mama hats auch erfahren müssen. Aber es kommt nicht auf die Mütter, auf euer Wohl kommt es an. Möchtet ihr alle in den Sack kommen! Das ist mein Wunsch.« Klaus Rieper schlarrte just den Schweinesteig herauf. Die letzten Worte hatte er noch gehört, aber nicht verstanden, er hielts für gewöhnliches Grunzen. Da kam auch Schane, und beider Gesichter sahen in die Ställe. Else und ihre Kinder und Anna und ihre Kinder wurden aufgestört und mußten Paradeschritt machen. Klaus war selbst in den Stall gestiegen und hatte die Alten roh mit dem Fuß in die Flanken gestoßen. Nun stand er wieder im Steig vor dem Verschlag und musterte die Schweinemütter. »De ward to old, Schane, dat's keen Geschäft. Wenn de Farken vun Titt sünd, wüllt wi s' massen, un ton Winter ward s' inslacht.« »Ja«, entgegnete Schane, »dat's wullt das best. Betjn vel dicken Speck. Awer vun dicke Blöck kann man afsniden, un blivt na ümmer wat na.« »Hest recht, Fru!« »Ja, Klas, un wenn wi denn twe vun de Farken fett makt un slacht, un twe vun de günt Siet (du weets, vun vergangn Jahr) denn hebbt wi so vel, as wi brukt. De annern fief verköpt wi. Wi slacht awer vun de witten, de smeckt beter.« »So schallt warrn. Awer twe kriggt Kassen Wewer un Hinrich Tank as Puttfarken, se hebbt mi dorüm angahn. In veer Weken künnt se s' in Sack mitnehm.« So standen Bauer und Bäuerin vor der blonden Else Stall. Klaus hatte den Müttern ein frisches Bund Stroh geschüttet. Else lag darin an der Wand und grunzte, die Kleinen aber spielten in den gelben Halmen, verkrochen sich, kamen wieder hervor, ließen ihre Ringelschwänzchen spielen, tollten und quiekten, machten viel Unsinn und sahen etwas dreist und etwas dumm und neugierig und ein bißchen unverschämt die Bäuerin an. Die nahm es aber nicht übel, fing vielmehr auch an, zu kosen und zu scherzen, quiekte auch, so gut sie konnte, und machte Feck, Feck. Aber in Gedanken salzte sie dabei die zarten, weißen Brüste ihrer Lieblinge ein und füllte Schwarzsauertöpfe mit deren Blut. Es war eine falsche, blutdürstige Schane, die in den Schweinestall guckte.   Endlich trieb Klaus Rieper Säue und Ferkel in die Sonne. Warm und groß und gelb stand sie (die Sonne) am Himmel, die Obstgärten, nebenan bildeten ein einziges Dach von Blüten. Die kleinen Schweine hatten es noch niemals gesehen, die Alten hatten es vergessen. So war es allen zusammen neu. Zwei große, eben konfirmierte Knaben (Schanes Peter und der gelben Stine Hein) liefen als Hüter mit den Ferkeln um die Wette voran, die Schweinemütter folgten bedächtig Schulter an Schulter dem Trupp langsam nach. Und hinter den Schweinemüttern kamen noch zwei Mütter: Schane Rieper und Stine Klasen. Stine war bei Schane zum Besuch, Schweineaustreiben machte ihr Spaß, deshalb ging sie mit ihrer Freundin hinterdrein. Die Schweinemütter rieben ihre Nasen an jedem Pflasterstein, die Menschenmütter an ihrer Schürze. Die Schweinemütter grunzten sich einander was zu, und die Menschenmütter taten es auch und unterhielten sich. Der Schweinemütter fette schlenkrige Körper wackelten hin und her, und so war es auch bei Schane und Stine. Stine prahlte von ihrem Hein, was das für ein Wunderkind sei, daß er zum Pastor auf Stunden komme und auf den Postmeister studieren wolle. Mit Peter sei es ja was anderes, da tue Schane ganz recht, ihn beim Bauern zu lassen. »Schane, ik segg, jedvereen na sin Gaben, man mutt de Kinner so bruken, as de leewe Gott fe givt.« Stines Hochmut machte Schane geradezu übel. Sie wollte es dem gelen Tater geben, wie sichs gehörte, fand aber nicht die Worte. Über eine kleine, nette Bosheit brachte sie es nicht hinaus. »Ja, Stine«, sagte sie, »un denn kommt darup an, wo de Ümstänn sünd, ob man nödi hett, sin Sohn studeern to laten.« Die kleine Herde watschelte aus dem Hecktor, gleich dahinter ging der Weg zum Teich hinab. Es war ein kleiner Teich. Das Gelände fiel, auf der den Müttern gegenüberliegenden Seite wurde das Wasser durch einen tüchtigen Damm zusammengehalten. Wie die Schweinemütter hinuntergingen, standen die beiden Ferkel mit den Ringelschwänzchen (der Scheckige, Annas Sohn, und der Weiße, Elses Junge) auf dem Damm sich gegenüber. Eine kräftige Nachmittagssonne lag auf dem Körperteil, um den die Mütter sich gezankt hatten, auf ihren Schwänzchen. Ein herrlicher Schmuck, das mußte man sagen. Ihr umgewendetes, nur wenig verwaschenes Bild kehrte sich aus dem Wasser den eitlen Schweinemüttern mit einer gewissen Verklärung doppelt schöner her. »Nein, Else«, fing Anna an, »sieh doch mal hin! Ich meine unsere beiden mit den Schwänzchen. Das mußt du doch sagen, mein Schecke ist viel hübscher, und die Ringelschwänzchen sind gar nicht miteinander zu vergleichen. O, was ist das für ein süßes Ferkelchen!« Aber Else verteidigte ihre Brut. »Das tut wohl die Mutterliebe, teure Anna! Ich kann es wirklich und wahrhaftig nicht finden, daß dein Kleiner (er ist ja ganz niedlich) hübscher ist, als meiner. Und das Ringelschwänzchen meines Jungen gefällt mir nun erst gar besser. Wie die Windungen scheinbar zu ihrem Ausgangspunkt zurückkehren, dann aber durch kühne Bohrbewegungen ins Weite führen. Das hat Schwung!« »Ja, Else«, entgegnete Anna, »zu viel Schwung! Wenn er nur nichts davon verliert.« Hein und Peter standen am Teich und disputierten. »Pflügen tu ich keine Furche«, erklärte Hein, »und mähen erst recht nicht. Ik warr Postmeister.« »Dat is ok wat rechs«, schalt Peter, »Postmeister is gar nix, awer in de Ballrotswisch gans rüm 'n Swatt meien, dat is wat!« Die beiden Ringelschwänze, der Scheckige und der Weiße, noch immer auf dem Damm, stritten auch. Aber es ging leise, ganz leise quiekend ab, wie mans von artigen Ferkeln verlangen kann. Des einen Ideal war, bei Schwanz und Ohr auf den Wagen gehoben zu werden und davon zu fahren, des andern, in einem Sack weggetragen zu werden. 2 Was man in der Jugend begehrt, hat man im Alter die Fülle. Das ist der Trost, der unsern jungen, die Schranken ihres Könnens und Dürfens so schmerzlich empfindenden Menschenkindern mit auf den Weg gegeben wird, es ist aber auch die ihnen und uns Alten vorgehaltene Notwendigkeit seelischen Verzichts auf restlose Erfüllung. Zuweilen wird die Erfüllung kaum noch gewünscht, wenn sie schließlich einkehrt. In der Regel läßt sie sich kahl und schal und abgeblaßt an. Was man in der Jugend begehrt, hat man im Alter die Fülle. Und da ist es bei Menschenkindern doch noch anders als bei Anna und Else und deren Kindern. Wir Menschen können doch wenigstens die Klinke zu der Tür in die Hand nehmen, wohinter wir unserer Wünsche Ziel vermuten. Schweine aber können das nicht, die müssen einfach warten ... darauf warten, was ihnen beschert wird. Und sie tun es auch als echte Fatalisten, schnarchend und grunzend, grunzend im gelben Stroh tun sies und träumen und warten, was da wohl kommt: Der Mann mit der weißen Schürze? Oder der Sack, in den sie gesteckt werden? Vielleicht gar der Wagen auf dem sie in die weite Welt fahren? Kassen Weber und Hinrich Tank hatten ihre Puttfarken erhalten, einige Schweinchen waren von dem Schürzenmann zur Gesangsakademie berufen worden, die beiden Wickelschwänzchen und ihre Mütter und ein Töchterchen der blonden Else waren noch zu Hause. Als es Winter geworden, als Schnee gefallen, Frost gekommen war, als die Landstraße den schönsten Knüppeldamm hergab, da legte Klaus Rieper die Schweinetralle auf einen roten Leiterwagen, ließ ihn in den Koben schieben, die Wickelschwänze hinaufheben, und fuhr dann selbst mit ihnen zur Stadt. So war der Blonde am Ziel der von ihm für und für im gelben Stroh geträumten Hoffnungen. Während der Fahrt kümmerten er und sein schwärzlicher Kollege sich nicht umeinander. Was war aber auch aus den schlanken Kindern, die auf dem Teichdamm ihre Ideale ausgetauscht hatten, geworden und was aus ihrem Schmuck? Die Weichheit der Büschel, der Schwung war dahin, die Schwänzchen kräuselten sich nur noch wie ausgestoßene, verhungerte, ins Ungemessene gewachsene Trichinen vor der Fettschicht prächtiger Schweineschinken. Die Schweinchen waren nicht mehr so quietschvergnügt, sie waren ernst, beinahe mürrisch geworden, sie waren kurzatmig, dick, fett und aufgedunsen. Das mußte einen Grund haben und hatte auch einen. Ich klage hiermit Schane Rieper an, die unnatürliche Fettsucht vorsätzlich durch überstürzte Fütterung herbeigeführt zu haben. Beide waren froh, als die Fahrt ein Ende hatte. In einem Koben wurden sie abgeladen, da kamen Leute, die sie kniffen und befühlten, sie mußten über eine Waage gehen, sie erhielten ein Zeichen und eine Nummer und kamen endlich in einen heißen, stänkerigen, nach Wasserdampf und Schweineborsten riechenden Raum. Dort beschnüffelten sie sich und hielten dann ihre Nase eine Weile nachdenklich und kraus nach oben. Die Nase erzählte ihnen Heimatsgerüche und längst, ach wie lange schon, vergrabene Geschichten von Gras und Klee und Sonnenschein, von Wärme, Blütenduft und Vogelsang und von dem blanken Wasserspiegel eines Teiches. »Haben wir uns nicht mal gesehen?« fragte der Scheckige. »Es kommt mir so vor«, war die Antwort. »Nicht wahr, beim Teich?« »Das ist wohl so. Und nun ... ?« »Ja ... nun ... ?« Weiter kamen sie nicht. Der Boden wich unter ihren Füßen, sie verschwanden in einer Versenkung.   Von den Ringelschwanzschweinejünglingen ist niemals wieder Kunde geworden. Klaus Rieper war ganz unbekümmert um das Schicksal seiner Lieblinge. Er hatte, als er nach Hause fuhr, zehn Mark mehr in der Tasche, als er sich ausgerechnet hatte. Das machte ihn gut gelaunt. Der Hausschlachter der Gegend saß mit auf. Morgen geht es den Müttern an die Kehle, übermorgen den Schweinchen von Kassen Weber und Hinrich Tank. Elses blonde Tochter, die junge Frau Katrin, blieb dann allein im heimischen Stall zurück. Sie war von Klaus und Schane für Mutterfreuden ausersehen, auch schon guter Hoffnung. Klaus war neugierig, wieviel sie bringen werde, und ob es ein Geschäft sei, sie länger als Sau liegen zu lassen. »Wat kost de Speck?« fragte ein junger Bursche, der auch mitfuhr und tapfer rauchte. Das war Hein Klasen; er war durchs Postexamen gefallen und reiste nach seinem Dorf zurück. Vom Studieren wollte er nichts mehr wissen, er wollte Bauer werden und nichts anderes. Er war voll Eifer und sprach den ganzen Weg von Landwirtschaft. »Wat kost hunnert Pund rein Speck?« fragte er. Kaspar »Herein!« – Und in mein Sprechzimmer trat eine Erscheinung mit dem gelassenen Wesen unserer nordischen Bauerfrauen. Ihr Anliegen war eine Klage. Die Nachbarin hatte das Gerücht im Dorfe verbreitet, daß sie eine Hexe sei, und von diesem Verdacht wünschte sie sich vor Gericht zu reinigen. Ein nicht gewöhnlicher Fall: die Augustsonne eines Jahres das die Zeit rasch abhaspelte, um mit dem neunzehnten Jahrhundert zu Ende zu kommen, warf ihr Licht auf die Rolläden meiner Fenster, und eine so lieb und nett aussehende Frau begehrte meinen Rechtsbeistand, zu beweisen, daß sie keine Hexe sei. Freilich! Ein Körnchen Wahrheit lagert auch die trübste Verleumdung ab, und vor zehn bis zwanzig Jahren mochte die Frau Grete mit ihren schönen, dunklen Augen in gewissem Sinne eine Hexe gewesen sein. Aber gegenwärtige Klage war aller Empfindsamkeit bar: jetzt sollten diese fröhlichen Augen es verschuldet haben, daß die Nachbann sich eine Woche vergeblich bemüht hatte, gelbe Butter aus weißer Milch zu schlagen. Sie konnte nicht ›abbuttern‹, und das beruht immer auf ›bösem Blick‹. Ein ›kluge‹, in Zaubereien wohlerfahrener Mann hatte das herausgekriegt, und am folgenden Mittag, zwischen zwölf und ein Uhr, begann das Räuchern und Beschwören, stillschweigend und bei verschlossenen Türen, der unbekannten Hexe zur unerträglichen Qual. Nun mußte sie sich unter irgend einem Vorwande einstellen, und der bei Hexen gebräuchlichste ist das Leihen eines Hausrats. Alles war eingetroffen, denn Frau Grete war erschienen. Vorschriftsmäßig hatte sie dreimal das Haus umkreist, bevor sie an die verschlossene Tür gepocht. Und als sie Einlaß erhalten, hatte sie von der immer gefälligen Nachbarin ein Mehlsieb erbeten. Ihre schwarze Hauskatze hatte sie begleitet. Als sie das Anliegen vorbrachte, spann und schnurrte Mieze um ihre Röcke. Es war kein Zweifel mehr, sie war eine Hexe schlimmster Art. Und mit entsetztem Gesicht gewährte die Nachbarin das heimlich dreimal bekreuzte Sieb. Sobald sich die Tür hinter der Unholden geschlossen, ging die Nachbarin an die Säuberung ihres Heims. Einen Besen, den Stiel voran, warf sie aus der großen Dielentür, heilige Asche aus Eichenholz hinterdrein, ferner eine Handvoll Salz und etwas Kartoffelschale. Sie bekreuzte die Schwelle der Haustür und der Küchentür, rief den Heiland Jesus Christus und alle guten Geister an, wobei sie dreimal auf den Herd spuckte. Und dann strömte sie das grausige Geheimnis frisch und warm in den Busen ihrer Nachbarin aus. Daß der Zauber gebrochen durch die Entlarvung der Hexe und Säuberung des Heims gebrochen war, unterlag gar keinem Zweifel. Und so verhielt es sich. Während die Mutter den Ruf der Grete als Hexe begründete, hob ihre Tochter unter Furcht und Freude schöne gelbe Butter aus der so lange widerspenstig gewesenen Butterkanne, hob sie mit einem großen schwarzen Schleef. Dann flog es von Haustür zu Haustür, die Dorfstraße entlang, daß Grete eine Hexe sei. »Wundert mich gar nicht«, erklärte die runzelige Maleen, »wundert mich nicht im geringsten. Man siehts ja ihrem Auge an. Das funkelt und blitzt wie Katzenaugen im Mai.« »Nun weiß man doch, woher so eine das Geld nimmt zu Mieder und Rock«, bemerkte die schmierige Gesche. »Es ist Hexengold, aus den Ladenkassen der Kaufleute heraus fliegt es in die Hand der Unholden zurück.« »Es ist doch gut« zog Anna das Fazit, »daß es kluge Leute gibt, die Hexen fest machen können.« »O wie gut«, wiederholte der Chor und wendete sich dem klugen Mann des Dorfes den eine Schar Verehrerinnen umringte, zu. »Mit Gottesfurcht und Gottvertrauen kann man es weit bringen, kann man die Höllenmächte bezwingen. Gott ist in den Schwachen mächtig«, erwiderte der Belobte salbungsvoll. Er löste sich von der Gruppe und ging, die Hände auf dem Rücken gefaltet, die Dorfstraße entlang, um sich von den auf den Türschwellen hockenden Weibern nach Herzenslust bewundern und beglückwünschen zu lassen. Er war doch ein großer Mann, der kluge Klaus.   Noch lange saß ich im Sorgenstuhl und ersann mir nach persönlichem Gefallen die Geschichte zu meinem Fall. Und von dem kleinen Satan, der mich verlassen hatte, wandte ich mich anderen Teufeln und Hexenmeistern zu. Spuk- und Teufelsgeschichten höre ich gern. Ich erkenne in dieser wunderlichen Vermummung den schönen naiven Heidenglauben meiner Vorfahren. So oft ich seinen spärlichen Spuren begegne, bade ich mich in dem frischen Odem des alten deutschen Waldes, worin Wodan gnädig die Opfer unserer Väter entgegennahm. ›Kommst du, alter Freund?‹ Richtig, da kommt sie, die Seele meiner besten Jugendbekanntschaft – Kaspar Wulf kommt als Geist. Nicht allen Geistern wird im Himmel gestattet, zu spuken, zumal am hellen Tage; Kaspar aber bekommt Urlaub, so oft er will. Wenn er mich besucht, macht er von dem Vorrecht der Geister, durch verschlossene Türen zu schreiten, Gebrauch; unhörbar, schattenhaft, auf groben Holzklötzen. ›Recht so, wir wollen plaudern, von alten Zeiten wollen wir sprechen, von deinem Erdenwallen und von den schwarzen Künsten, die du triebst. Setz dich, alter Freund!‹ Kaspar läßt sich behaglich in meinen weichsten Sessel gleiten und stützt sein Geisterkinn in eine schemenhafte Hand. Sein Leib ist Strahlenleib, die von guter Hand gestickte Schutzdecke des Stuhls scheint hindurch, ich erkenne das Muster. In dem Garten der ewigen Bienenstöcke (Kaspar war ein sehr irdischer Bienenwirt) hat er sein gutmütiges, von den seinen Falten der Schalksschläue durchzogenes Gesicht behalten. So plaudern wir, das heißt: ich plaudere von seinen alten Streichen, er nickt dazu und bei den besten Stellen kichert er geschmeichelt in sich hinein. Die Spukpolizei des Jenseits hat ihre Launen, das Sprechen ist dem lieben Gespenst im Diesseits verboten.   Die Augustsonne meinte es ebenso ehrlich wie heute und schien auf heiße Erntefelder herab; da kam ich als junger Knabe zum ersten mal in die Hütte des Erzzauberers Kaspar. Er besaß nahe bei unserem Gehöft eine kleine Räucherkate (von dem Giebel wieherte der alte, heilige Pferdekopf herab) und einen dicht eingehegten Garten, worin er ausgedehnte Bienenzucht und Obstkultur betrieb. Oberflächlich betrachtet, konnte unser Held das richtige Abbild des arbeitsamen, bäurischen Junggesellen gelten, der der alten, den Hausstand führenden Lene gegenüber seine Unabhängigkeit zu wahren wußte, daher – zuweilen, nicht zu oft – länger in der Schenke bei Schnaps, Bier und Karten verweilte, als die mit ehelicher Erlaubnis beurlaubten Ehemänner. Das Unterscheidende sah man dieser untersetzten Gestalt mit dem ruhigen Wesen nicht an den Rockschößen an. In dem Gesicht, wo heitere Verschmitztheit durch gelassene Züge brach, lag das Faustische, Dämonische. Denn er hatte eine nähere Beziehung zur Geisterwelt gesucht und endlich mit Hilfe des altbewährten Zauberbuchs »Faustens Höllenzwang« gefunden. Daß Kaspar ein Zauberer sei, galt für eine ausgemachte Sache. Aber ob es gute, ob böse Geister seien, ob es gar der Leibhaftige sei, mit dem er verbunden, darüber hörte man verschiedene Meinungen. Diejenigen, die der Ansicht waren, daß Kaspar seine Seele verschrieben habe, beriefen sich auf eine bogenförmige Narbe am rechten Nasenflügel, die eine mit scharfer Kralle geritzte Verwundung sein konnte. Das sei das Kennzeichen derjenigen Hexenmeister, die dem Bösen verfallen, der Hieb der Teufelskralle, gewissermaßen sein Handschlag, wenn ein Bündnis zustande gekommen. Es geschehe nicht, zu verletzen, sondern um ein Zeichen aufzudrücken. Der Schlachter bezeichnet ja auch die zunächst für fette Weide bestimmte Ware. Aber Kaspars Wesen sprach nicht für diese Auffassung. Er ging wie ein Unschuldiger einher. Wenn man andeutete, daß der Fliegen- und Insektengott ihm mehr Macht über seine Geschöpfe gegeben habe als andern Bienenwärtern, dann lächelte er seiner, als man dem alten Kerl hätte zutrauen sollen. Und Tatsache war, daß er besonders reiche Honigernten hatte. Er nahte sich den Bienen ohne Schutzmaske, sie bedeckten scharenweise seine lederartigen Hände, bis er sie abschüttelte. Die letzten pflegte er mit linder Hand abzusammeln und auf die Trallen vor dem Eingang zum Mutterstock zu setzen. Wenn er aus dem Bienengehege schritt, gab ihm ein dichter Schwärm summendes Geleite, bis er abwinkte. Dann tanzte die Schar gehorsam nach den heimischen Stöcken. In den langen, schattigen Reihen seiner Obstbäume bogen sich die Aste unter strotzenden Früchten. Aber wie lebhaft auch die Dorfjugend die Ansicht betätigte, daß ein maßvolles Naschen verbotener Frucht mehr Sache des Mutes als des Unrechtes und ohne Zweifel lobenswert sei, wenn man sich nur nicht ertappen lasse: Kaspars Früchte blieben unangerührt, sintemal man überzeugt war, daß er Apfeldiebe durch Zaubersprüche binden könne. Man wußte ferner, daß Kaspar zuweilen als Katze, zuweilen als Werwolf umgehe und andere Leute zu Pudeln machen könne. Auf offener Landstraße rief er Überschwemmungen als Augenblendwerk hervor. Kaspar machte aus seinen Künsten kein Hehl. Wenn er an die komischen Szenen bei den Überschwemmungen dachte, schüttelte er sich vor Lachen. Wenn so ein gespenstischer Strom den Weg entlang schäumt, zieht alles Stiefel und Strümpfe aus, einige lassen sogar die Hosen fallen und gehen nackt im bloßen Hemd. Die Frauenzimmer schürzen sich bis übers Knie. Die langsam durch das vermeintliche Wasser watenden Zugtiere recken die Hälse, schnauben und sind gierig und durstig, aber das. gespenstische Naß kriecht vor ihren Nüstern in den Erdboden zurück. Wenn Kaspar wollte, dann konnte er auch Zaubertränke geben, die jeden vor den Leuten und namentlich vor dem andern Geschlecht schön und angenehm machten. Und wenn er selbst, so sagte er, nur ein Tröpfchen nahm, dann grämten sich viele Herzchen um den Zaubermann. Aber Kaspar mußte doch wohl einen maßvollen Gebrauch davon machen. Wohl behauptete jemand hier und dort, daß er eine Katze gesehen, die er für Kaspar gehalten, die sicherlich auch Kaspar gewesen sei, aber an dem Nachweise fehlt es noch immer. Auch wurde von diesem und jenem gesagt, daß er in erbärmlicher Lage mit gefülltem Obstsack als Apfeldieb im Banne von Kaspars Sprüchen auf dem Baum betroffen worden sei, aber unzweifelhafte Bestätigung lag auch hier nicht vor. Kaspars Andeutungen, die die Vorgänge im allgemeinen zu bestätigen schienen, vermieden vorsichtig alle Einzelheiten. Niemals endlich hat man in Erfahrung gebracht, daß jemand bei einer von Kaspar hervorgerufenen gespenstischen Überschwemmung mitbeteiligt gewesen sei, und keine junge Dirne hat sich darauf besinnen können, daß der alte Kaspar ihr begehrenswert erschienen wäre. In hilder Erntezeit half er bei meinem Vater aus. Ob der Gewinn aus der Arbeit des Hexenmeisters gerade groß gewesen, darf ich bezweifeln, denn wo sich nur die Gelegenheit bot, bildeten sich um Kaspar hinter Knicken und am Grabenrand Gruppen, die, auf Harken und Forken gestützt oder am Grabenrand sitzend, an des Hexenmeisters unheimlich beredtem Munde hingen. Was hülfe es, damit hinterm Berg zu halten, daß auch ich meine Pflicht vergessen habe? Stimmte Kaspar die Unterhaltung auf den Gespensterton, so erinnerte ich nur noch dunkel, daß man den Roggen einernten müsse, bevor er Brot gebe, daß man das Heu bergen müsse, bevor es als Winterfutter Verwendung finden könne. Unter Kornblumen und Roggengarben tat Kaspar mit seiner Zauberei groß. Er verstand sich auf die im Verkehr mit Gespenstern üblichen Umgangsformen aus dem ff, die waren ihm geläufig. Er wußte, daß man einem Geiste nicht die Hand reichen dürfe, sondern höchstens den Rockzipfel. Die Geisterhand versengt, was sie berührt, wie ein aus dem Kohlenfeuer gezogenes weißglühendes Eisen. Einmal, so erzählte er, hatten er und seine Haushälterin Not mit einem verbrannten Zipfel seines Kollers. Das war der Händedruck des verstorbenen Jochen, der als Knecht auf unserm Hof gedient hatte, dort verstorben war und nachher in den Mitternachtsstunden als Geist bei den Ställen und Scheunen umging, namentlich in dem hinter der alten Scheune befindlichen Holunder- und Tannengebüsch, wo der Kehrichthaufen von Töpfen und Glasscherben aufgehäuft war. Kaspar fragte den Geist schließlich, warum er hier herumspuke, über welche Frage der arme Jochen sich so erfreut zeigte, daß er sich mit Geisterhand eine Zähre der Rührung aus dem Auge strich. Er erschien in der alten Gestalt und Kleidung, trug die rote geflickte Weste, die er immer beim Futtern getragen hatte, und die blaue Futterschürze mit den Messingbändern. Der Mond aber schien durch Körper, Weste und Schürze hindurch.–Der verstorbene Krischan Popp, hat Jochen geantwortet, den er häufig in der Ewigkeit treffe, habe ihn bei dem lieben Gott wegen dreizehn Schillinge verklagt, die Krischan einmal bei ihrem Erdenwallen auf der Neudorfer Korngilde an Grog für ihn ausgelegt habe. Das Urteil sei dahin gegangen, daß er die Bezahlung dieser Schuld zum Kirchenarmenblock in Neudorf veranlassen und so lange spuken solle, bis diese Sache geordnet sei. Kaspar würde ihm die Ruhe geben, wenn er den Betrag für ihn zum Block einlege. Das versprach denn der gutmütige Kaspar zu tun, fragte dabei nicht einmal nach Deckung. Zur Bekräftigung forderte Jochen den Händedruck. Der erfahrene Kaspar reichte ihm aber nur den Zipfel seiner Jacke, der unter dem Griff der Geisterhand mit lebhafter, blauer Flamme verbrannte. »Aber noch zweimal suchte mich der Geist in meinem Hause auf...« So weit war die Erzählung vorgeschritten, als die Gruppe auseinanderstob mit dem Rufe: »Der Bauer, der Bauer!« Die ernste Gestalt meines Vaters war durch das Hektor der Koppel aufgetaucht, und wir harkten und forkten, als wenn vom Wetter die Rede gewesen wäre. Ruheloser kann auch Jochens Geist nicht vor Berichtigung der dreizehn Schillinge gewesen sein, als ich war. Was hatte der Geist wohl von Kaspar weiter gewollt? Schon auf dem Heimwege wurde meine Neugier befriedigt. Ich lag mit dem Hexenmeister zusammen im Roggenstroh der letzten schwankenden Fuhre. Er kaute mit ruhigem Schelmengesicht an einem Halm. Das erste Mal habe der nur zur Gespensterstunde spuken dürfende Jochen ihn verfehlt, weil auch er die Neudorfer Korngilde besucht habe, das zweite Mal habe er ihn im Bett angetroffen. Jochen habe den vergeßlichen Kaspar an die Ausführung seines Versprechens zu erinnern sich erlauben wollen. Damals habe denn auch Jochen von ihm die endgültige und auch prompt eingelöste Zusage, die Sache am folgenden Tage zu besorgen, erhalten. Bei der nächsten Wäsche sei Kaspars Haushälterin aus Ärger und Erstaunen nicht herausgekommen, als sie Kaspars Hemd mit abgesengtem Vorderzipfel in der Wäschelade fand. Seitdem war Kaspar ein Gegenstand meiner Furcht und meiner Verehrung; aber Liebe und Verehrung überwogen meine Furcht. »Meine schwarze Kunst«, versicherte Kaspar, »ist eine Gott wohlgefällige. Die mir verliehene Macht stammt von guten, nicht von unsauberen Geistern her«. Ich besuchte ihn so oft, wie ich konnte, und weidete mich im Dunstkreis dieses gutgearteten Faust. Als echter Hexenmeister besaß er ein Heer von Katzen. Wenn ich sein verräuchertes Häuschen durch die Dielendoppeltür unter dem sächsischen Pferdekopf betrat, empfingen sie mich mit Miauen, die braungeräucherte Bodenleiter lebhaft herunterkollernd. Dabei schnellte ab und zu der Gedanke in mir auf, ob wohl alle Tiere ehrliche Katzen seien, oder ob es nicht vielmehr dem Hexenmeister gefallen habe, Katzengestalt anzunehmen. Aufmerksam lauschte ich auf den Schritt der Geschwänzten (man kann nämlich das Schuhwerk ihres Trägers heraushören). Aber an Leichtfüßigkeit ließen sie nichts zu wünschen übrig, ihre Sprünge waren bis zur Unhörbarkeit leise und sanft. Und in der Stube traf ich denn auch den Hexenmeister in Person auf seiner großen, dunkel gestrichenen, immer verschlossenen Lade. »Am liebsten sitze ich hier«, pflegte er zu sagen, wenn er mich einlud, hinter dem Ofen auf dem kunstvoll gedrehten Lehnstuhl, worauf ein buntes, stark verblichenes Stuhlkissen lag, Platz zu nehmen. Und ich saß dort gern; wie prächtig konnte man die Arme auflegen und mit den Händen die schön geschweiften Ausläufer (man nennt sie Kröpfe) umfassen! Wie oft habe ich die betrachtet! Sie sahen so wunderlich aus, so dunkel, so schwarz, als seien sie verbrannt und versengt. Fragte ich Kaspar: »Weshalb?« so machte er ein ernstes und wichtiges Gesicht und wich aus. »Am liebsten sitze ich hier«, wiederholte er und nahm auf seiner Lade Platz, »denn meine Truhe verschließt das Buch, das alle Siegel löst, Faustens Höllenzwang. Es ist nicht gut, daß Unkundige das Buch lesen. Man kommt an Stellen, wo Erscheinungen auftreten, deren Schrecklichkeit Nichteingeweihten den Verstand kostet. Da ist zum Beispiel ... Keine Namen nennen«, unterbrach er sich, »es ist gegen unser Gesetz.« Seine Katzen waren groß und glutäugig. Und alle hörten ihm aufs Wort. Es waren gehorsame Tiere. Auch mit mir freundeten sie sich an. Schnurrend rieben sie sich an meinen Waden, und wenn ich sie streichelte, spannen sie mit aufgerichteten Schwänzchen und betrachteten die Feuerfunken, die aus ihren weichen Pelzen knisterten. »Es gehört viel Verstand dazu und Unerschrockenheit«, beteuerte Kaspar, »zu meiner Kunst. Und wer nicht Geistesgegenwart besitzt, befasse sich nicht damit.« Dies darzulegen, erzählte er sein Abenteuer mit dem Geist des Mörders Franz Moor. Franz Moor hatte vor vielen, vielen Jahren in einem kühlen, von Erlen bewachsenen Grunde, den die Landstraße nach der Stadt durchschnitt, einen Schneider erschlagen und war dafür, wie sichs gebührte, auf demselben Fleck durch die Schärfe des Schwertes gerichtet worden. Lange Zeit zeigte noch der auf einen Pfahl genagelte Kopf der Nachwelt zum heilsamen Abscheu seine weißen, bleckenden Zähne und seine gebleichten Knochen, bis Wind und Wetter, die ehrsamen Raben und endlich eine humane Polizei beseitigten, was noch übrig war. Der Armesündernagel war aber nicht mehr da, wahrscheinlich von einem Verehrer der edlen Hexerei gestohlen, wie denn jedem Fachmann bekannt ist, daß der von Einem, der es mit dem Hexen ernst nimmt, gar nicht zu entbehren ist. Die Augen des Erzählers zwinkerten listig nach seiner Truhe; ich war nicht mehr im Zweifel, wer der... Finder, will ich sagen, des unheimlichen Nagels war. Aber seitdem, so lautete der Vortrag weiter, ritt der Übermut den Franz Moor, und den friedlichsten Passanten der Landstraße spielte er die ärgsten Possen. Er machte die Pferde scheu, indem er in Gestalt eines Pudels, dem ein Feuerstrahl aus den Nüstern ging, im Wagengleise liegend, die schnaubenden und sich bäumenden Pferde anknurrte. Bald hockte er mit Zentnerschwere auf Fuhrwerken der Reisenden oder auf den Schultern der Fußgänger. Bald lag er im Graben in Gestalt eines verunglückten, unschuldigen Kalbes, das nach Hilfe blökte. Und wenn mitleidige Seelen sich Stunden hindurch abgemüht hatten, das kleine, wunderlicherweise wie Blei gewichtige Geschöpf aus dem Sumpf zu ziehen, lachte das Kalbsgeschöpf aus voller Kehle, daß der Retter davonstob. Diesen Geist hat Kaspar, als er mit dem Fuhrwerk meines Vaters Obst und Gemüse nach der Stadt gefahren und am dunklen Herbstabend durch den Erlengrund zurückgekehrt war, in Übermut zum Mitfahren eingeladen, welcher Aufforderung der nicht ganz vollständige Franz (seinen Kopf hat er nämlich unterm Arm getragen) nachgekommen ist. Unbequem war es ... ja ... aber meinen Kaspar hat es nicht geniert. Als gewiegter Hexenmeister hat er gewußt, wie man die Herren der Hölle behandelt. Nachdem er die schnaubenden Rosse durch ein versöhnliches Brr! beruhigt, ist er abgestiegen, hat ein Rad von der Achse gelöst und auf den Wagen gelegt. Nach Geisterregel und Geistergesetz mußte nunmehr das gefoppte Gespenst anstatt des Rades die Achse tragen. Reichlich zwei Stunden hat die wunderliche Fahrt, nicht zum Vergnügen des armen Franz, gedauert. Das Lachen ist ihm vergangen, sein jämmerliches Gestöhn und Geächze ist vom Hintergestell erklungen. Und wenn der Wagen durch die tief ausgefahrenen Geleise und Regenpfützen gestoßen und geschaukelt hat, ist ein herzzerbrechendes Schluchzen und Weinen erklungen. Kurz und gut, der Zustand des Gespenstes ist bei ihrer Ankunft ein so erbärmlicher gewesen, daß Kaspar den armen Geist zur Erholung nach seinem Häuschen eingeladen hat. »Dort in der Ecke, junger Freund, auf dem Lehnstuhl, dort, wo du jetzt sitzest, saß Franz. Just so, wie du, legte er die Arme auf die Lehne und versengte mit seinen Höllenhänden die Kröpfe. Auf demselben Kissen saß er drei Tage lang und drei Nächte.« Mit gesträubtem Haar sprang ich von meinem Sitz. Die ›Dönschentür‹ schlug ich hinter mir zu, daß es dröhnte. Aber noch auf der dunkeln Diele hielt mich der Hexenmeister am Westenknopf, um mir mitzuteilen, daß der Geist nicht habe weichen wollen, daß der Höllenzwang ihn, Kaspar, vollständig im Stich gelassen habe, als er den lästigen Eindringling vor die Tür zu setzen entschlossen gewesen sei, und daß es erst dem geistlichen Zuspruch des verstorbenen Pastors Schmidt nach eindringlicher, dreitägiger Beschwörung gelungen sei, den Geist zum Verlassen des Lokals zu bewegen. Aber über die Grenze seines Pfarramts, die durch den Pulser Viert laufe, habe auch der Priester keine Gewalt gehabt. So sei denn nur übrig geblieben, das Gespenst an der Gemarkungsgrenze, im Weidengebüsch eines Sumpfes einzubannen.   Diese Geschichte verleidete mir den Hexenmeister. Ein Gefühl des Grauens packte mich, wenn ich seine Räucherkate sah. Und selbst als ich gefaßter geworden, erschien Kaspar mir nicht mehr in günstigem Licht. Entweder, so folgerte ich, ein ganz entsetzlicher Mensch, oder einer, der sich herausnimmt, unpassenden Spaß zu machen. Ich zog Erkundigungen ein. Die Wahrheit war nicht zu ermitteln. Es hatte seine Richtigkeit damit, daß der Geist des besagten Franz vor fünfzig Jahren seinen Wohnsitz vom Ellernbrook nach dem Pulser Viert verlegt hatte. Das war geschehen, als man die Chaussee durch seinen alten Wohnsitz gebaut und die Erlenbüsche mit Stumpf und Stiel ausgerodet hatte. Alte Weiber, die ich befragte, fanden den Entschluß unter diesen Umständen begreiflich und für ein Gespenst auch verständig. Von Franz Moors Besuch bei Kaspar wußte kein Mensch, auch die dreitägige Bannung durch den verstorbenen Pastor Schmidt war allen unbekannt. Die Annahme, daß man es mit einer Erfindung Kaspars zu tun habe, war kaum abzuweisen. Es hatte ihm gefallen, mir was aufzubinden. Ich ging nicht mehr zu ihm. Trafen wir uns zufällig, so sprachen wir über Ernte, Wetter und dergleichen. Und allmählich gewöhnte ich mir ein überlegenes Lächeln an, wenn von Geistern und Hexen die Rede war. Schließlich aber begab ich mich doch noch mal wieder nach Kaspars Burg. Geschah es auch im Auftrage des Vaters, eine Bestellung auszurichten, so hatte ich doch auch selbst, ehrlich gestanden, wieder Sehnsucht nach dem Hexenhaus und seinem Meister. Es war ein sonniger Herbsttag. Ich suchte den Meister im Garten und trat durch die offene Pforte in den von seidenen Herbstfäden übersponnenen Frieden ein. Es roch nach Brombeeren, die an Sträuchern hingen, nach würzigem Öl der Nüsse, die an breitblattrigen Haseln in zierlichen Schalen bräunten. Von Obstsorten reiften nur noch wenige der Sonne entgegen. Die Südwand des Hauses war mit Wein bedeckt, schwere Trauben kochten in der Herbstsonne in sattem Grün. Lustige Ranken kletterten auf moosigem Strohdach kühn zur First hinan. Bei dem Nachbarn wurde Flachs aus der Sonne gebrochen. Eifriges, fleißiges Knattern; im Garten selbst aber war es ruhig und still. Nur ab und zu flog ein leises, hackendes Geräusch durch die Laubgänge. Der Buntspecht suchte die Bäume im Garten ab. Der Bienen schläfriges Gesumm quoll über die Umzäunung ihres Geheges, und ein irgendwo gemurmeltes Gespräch schlug leise, gleichmäßige Wellen. Diesem Gespräch ging ich nach und fand die alte, zahnlose Lene. Sie war allein und redete mit sich selbst. Vielleicht murmelte sie Hexensprüche, vielleicht lobte sie die Rüben, die sie am Griff der roten Karre klopfend abstäubte. Im Garten war Kaspar nicht, also hinein ins Haus! Die Dielentür stand sperrangelweit offen, aber die Kate schien leer. Die Herbstsonne zeichnete den Türrahmen in hellem Glanz auf dem Lehmestrich; gegenüber schwelte auf dem Sachsenherd ein Holzfeuer. Der blaue Rauch, strich aus den Öffnungen des Schwibbogens, an der von Ruß glänzend schwarz gewichsten Bretterbodendecke entlang an einigen einsamen Würsten vorbei, zum größten Teil aus der Dielentür, zum kleineren durch Bodenluke und Heuboden aus dem Giebel. Das Häuschen schmauchte sein Nachmittagspfeifchen in aller Behaglichkeit. Die leuchtenden Augen meiner geschwänzten Freunde auf dem Heuboden sah ich durch die Luke, als ich über die Diele schritt. In der Stube war niemand. Nur eine Katzenseele. Ein mir unbekanntes, großes Tier, eine Katze mit blutroter Zeichnung am Kopf. Sie drückte sich lauernd in die Ecke. Und blinzelte. .. boshaft ... spöttisch, ... als ob sie Mühe habe, etwas Belustigendes zurückzudämmen. Die alte Wanduhr ging – tick... tack – räusperte sich, rasselte und schlug die zweite Nachmittagsstunde. Und hinter dem Beilegeofen noch immer der gespenstische Stuhl mit der versengten Lehne. An der alten Ladentruhe, mir fiel die Ähnlichkeit mit einem Sarge auf, steckte der Schlüssel, und auf dem Deckel lag aufgeschlagen ein in schwarzer Tintenteufelsfarbe gebundenes Buch, die am Nasenbügel mit Garn umwundene Hornbrille des Meisters als Lesezeichen darin – kein Zweifel: Faustens Höllenzwang, das Geheimnis aller Geheimnisse! Ich schlug es auf, mit Grauen. Ich las mit Grauen, aber ich las ... Die Brille lag in dem Kapitel von der Verfassung des Höllenreichs ... Gewöhnlich hält man den Teufel für einen unumschränkten Selbstherrscher. Ich bin auf Grund der mir gewordenen Offenbarung in der Lage, dieser grundfalschen Ansicht entgegenzutreten. Luzifer führt freilich den Titel Kaiser, ist eigentlich aber nur der Vorsitzende eines Dreimännerkollegiums, in dessen Händen die ,Exekutive' liegt. Beelzebub und Astarot sind Beisitzer. Und selbst die Gewalt dieser drei Herren ist durch eine ständische Vertretung der Untertanen stark beschränkt. Die Uniform hat auch in der Hölle den Vorrang, das Militär ist Stütze und Fels der Ordnung, man kann, staatsrechtlich ausgedrückt, die Hölle vielleicht als Militärmonarchie bezeichnen. Hinter der Verfassung kam das Hauptstück ,Beschwörungen'. Darin kam ich nicht weit, denn an der Spitze stand eine Warnung, die mich hinderte. Wer weiterlesen wolle, durfte das nur unter Bedingungen so verwickelter Art tun, daß ich sie nicht erfüllen konnte. Und wenn mans auch nur an einem Pünktchen fehlen lasse, dann ... Ich verzichtete ganz gern, mir war schon bei der Verfassung nicht mehr recht. Die Haare taten mir weh und kamen, ohne daß ichs befahl, in die Höhe, im Rückgrat war es auch nicht in Ordnung. Und in der Stube... die Luft, wie war alles so schwer und drückend und schwül...! Wie war es so schwül und so wunderlich! Und was ist das? .. Lachte da jemand? Am Ofen das schwarze Tier, es leckt die Pfoten und blinzelt mich an. Wie es in dem Katzenauge blitzt und glüht! Blutfleck auf dem Schädel. Da lacht es wieder, und – o Grauen! – im Katzenkopf erkenne ich die Züge des Meisters, sehe am Nasenflügel den Handschlag des Bösen. Nun war kein Halten mehr. Hinweg, hinweg, die Diele entlang, zum Hause hinaus! Das Ungeheuer ist langsambedächtig aus dem Wege geschritten, und – schauderhaft! – es geht in Holzpantoffeln, deutlich höre ich das Aufschlagen der Klötze. Und über meine wahnsinnige Flucht ergoß sich hinter mir ein lautes, aus dem Kehlkopf an den Gaumen hinaufgestoßenes Kichern. Ich kannte dies Lachen, Kaspars wohlbekanntes, feines, überlegenes Wiehern. Ich sah mich um: nun lehnte der Hexenmeister in menschlicher Gestalt über die Halbtür und winkte und lachte. Der verborgenste Kuhstall unserer vielverschlungenen Ställe und Scheuern nahm mich auf. Dort rupften unschuldige, mir wohlbekannte Kälber, wovon ich ganz sicher wußte, daß sie das seien, wofür sie sich ausgaben, nämlich Kälber und nichts als Kälber, harmlos und genügsam ihr Heu. Den ganzen Tag wagte ich mich nicht hervor, schüttete Stunde auf Stunde den ehrlichen Tieren grünes Gras und graues Heu. Aber wie oft ich auch die Futterdiele mit meinen Schritten maß, beständig hörte ich hinter mir das spöttische, tief aus dem Kehlkopf kommende Kichern. Und als ich mir ein Herz faßte und mich umwandte, empfing ich von unsichtbarer Hand einen fühlbaren Katzenkopf. Der Schmerz war kein eingebildeter, wenn auch die vermeintliche Unsichtbarkeit auf Irrtum beruhte. Denn hinter mir stand im hellen Zorn der über mein Ausbleiben erboste Vater: »Also hier finde ich dich, Faulpelz!« Ja, guter Kaspar, so pflegtest du deinen jungen Freund zu foppen. Aber wir wurden doch wieder gute Kameraden und sind es noch jetzt. Im Dorfe verstand uns niemand, wir aber verstanden uns. So soll es, wenn ich mal folge, auch im ewigen Immenhagen sein! »Nicht wahr? Her mit der Hand, alter Kerl!« Ich streckte meine Rechte aus, aber das gute Gespenst faßte sie nicht. Es war unwillig über seinen ungelehrigen Schüler, strich über die Teufelsnarbe und wies auf das breite Lineal meines Schreibpults. Ich verstand. Das Lineal reichte ich ihm als verlängerten Arm, unter seinem Drucke verflackerte es in blauer Flamme. Im Büro wurde es laut. Der Vorsteher verhandelte mit einem Bauern über einen von ihm gewünschten schleunigen Arrest. Seines Schuldners Bienenstöcke und Obsternte sollten gepfändet werden. Gefahr sei im Verzüge! Kaspar schüttelte sein Gespenstergesicht, sah mich mitleidig an, erhob sich, schlürfte unhörbar zur Tür und verschwand durch die eichenen Bohlen. Honiggeruch erfüllte mein Zimmer den ganzen Tag. Wie Jörn Hölk den Teufel zitierte Auf hohem Gelände muß man meistens tief graben, um zu den Quellen lebendigen Wassers zu gelangen; wenn wir alt geworden sind, müssen wir brav schürfen, zu unserer Jugend zu kommen. Denn breit und tief liegt des Lebens Schutt zwischen uns und ihr. Wohl dem, der den Brunnenschacht immer frei und offen gehalten hat, der kann, wenns ihn gelüstet, sein Eimerchen hinabrollen lassen, zu sehen, was es bringt. Ich tu es öfters, denn ich habe eine noch unverschüttete Quelle. Und ist sie auch nur klein und nichts als klar und rein, sie gehört mir doch zu. Lassen wir also das Eimerchen hinab. Der lange schwingende Schacht rollt runde und dumpfe und hohle Geräusche zu uns herauf. Nun fallt das Gefäß auf den Born und gluckst und schlürft und trinkt. Und nun wiegen wir das Ding in der Hand; unsere Augen gehen darüber hin; was wohl drin ist? Zuweilen kommt Sonderbares herauf... Als ich ein junger Knabe war, in dem Alter, wo man zum ersten mal die Augen vom Spielkram abwendet und in die Weite, wenn auch nur in die nächste, richtet, da fielen mir in unserm Dorf alte Männer auf, die in besonderer Tracht einhergingen. Keine Mützen, nein: Filzhüte mit breitem Rand; keine langen Beinkleider, nein: kurze Hosen mit silbernen Kniespangen, die Westen rund um den Leib herum aus gefärbter, meistens rotgefärbter Wolle gestrickt, kurze Jacken mit großen Silberknöpfen, das Haar lang über Nacken und Jackenkragen hängend. Da sie wohl alle in Rauchhäusern wohnten, verbreiteten sie immer eine Art Schinken- und Rauchfleischgeruch. Es waren Leute, die die Achtziger erreicht hatten. Geboren waren sie zu einer Zeit, wo der alte Fritz noch lebte. Den Napoleonwirrwarr hatten sie als Zuschauer in ihrer Dorfloge mitgemacht und sich dabei eingebildet, eigentlich würde er nur aufgeführt, damit Leute im Dorf, wie sie, auch ein bißchen Unterhaltung hätten. Leider war ihnen der Wirrwarr schließlich doch noch mit Krieg und Kosaken auf den Leib gerückt. Aber es war vorübergegangen, und der in frischer Jugend gesammelte Eindruck war nachhaltiger geblieben als die Kosakennot. Und wenn die Kniehosen Geschichten und Anekdoten aus der großen Welt erzählten, dann war der alte Fritz ihr Held und nicht Napoleon. So gingen sie mit krummen Knien, langen mannshohen Stöcken (einer Art Bergstöcke) und langen Schritten durch unser Dorf, und ich war der Meinung, so zu sein, wie sie, sei das Privilegium der Achtzigjährigen. Ich fragte Mutter, ob Vater auch, wenn er achtzig Jahre alt geworden sei, lange Haare und kurze Hosen und kurze Jacken und rote Westen und breite Filzhüte tragen müsse. Sie lachte und nannte mich ein dummes Kerlchen. Grüne Jungen waren im Dorf, die lachten über die kurzen »Büxen«. Das tat ich nicht, ich hatte großen Respekt vor ihnen, und besonders vor Jörn Hölk. Was hatte Jörn Hölk aber auch für ein Auge unter seinem breiten, weichen Filz! Die Ränder dieses Auges freilich gerötet (das kam vom Herdrauch des Hauses, es ist die Krankheit der Leute, die im Rauchhaus wohnen), aber das Auge so schlau, so grau, so klug, ein helles Fenster vor einem hellen Kopf. Und in den Ecken dieses Fensters einer, der Spaß liebt, freilich öfters versteckten Spaß, so daß man nicht gleich sieht, wie der Herr vom Hause gesinnt ist. Seine Stimme war hoch und fein, aber das paßte zu ihm. Grünschnabel wagten sich an ihn nicht heran. Denn er stand in dem Ruf, mehr zu können, als »recht Wort«. Er habe, sagte man, das sogenannte »schwarze Buch«, den »Höllenzwang« von Dr. Faust, demselben, der dem Teufel seine Seele verschrieb und dafür ein großer Zaubermann wurde. Und durch Faustens Zauberbuch sei Jörn Hölk selbst ein kleiner Meister über heimliche und unheimliche Kräfte geworden, einige sagten gar, über den Fürsten der Hölle selbst. Es war in den Jahren, wo der Gebrauch des künstlichen oder fremden Düngers aufkam, zuerst als Guano. Am Heckloch der Koppeln pflegten die Knechte beim Streuen den letzten Rest ihres Sacks auszuschütten, was zur Folge hatte, daß die Saat dort besonders grün und kräftig aufsproß. Und wenn dann später die Schwere der Ähren die Halme beugte, auch wohl ein tüchtiger Regen kam, dann legte sich das Korn flach auf den Boden. Ich kannte das nicht, fragte daher unsern Großknecht, wie das komme. Kassen war einer, der es faustdick hinter den Ohren hatte, er musterte und antwortete: »Dor hett Jörn Hölk den Düwel ßiteert«, womit mein Wissen kaum bereichert, wohl aber meine Einbildungskraft aufgestachelt wurde. Die Jahre liefen, und ich wurde aus dem, was man so nennt: »as ik son Jung weer«, ein wirklicher großer Junge. Die Zeit lief, und wenn Jörn, wie man sagte, den Teufel tanzen lassen konnte, so mußte er schließlich doch selbst in die Ewigkeit abtanzen. Er war ein guter Mann gewesen, wenn er auch die Welt mit seinem Zauberkram zum besten gehabt hatte. »Spaß mutt sin«, das war der Grundton des Temperaments meiner Dörfler, und Spaß hatte er den Leuten gemacht. Als »große Leiche« brachte man ihn nach dem Friedhof, der Totengräber füllte gleich die Grube auf, das Gefolge ging an seine Tagesgeschäfte – Jörn Hölk schien vergessen. Nicht lange, und auf seinem Grab sproßte ein Grün auf, wie wenn ein halbes Dutzend leerer Guanosäcke darauf ausgeschüttet worden wäre. Aber ganz vergessen war er doch nicht. An langen Winterabenden beim »Tranküsel« sprach man noch öfter von Jörn Hölk und seiner schwarzen Kunst. Wenn man, so hieß es, in dem Zauberbuch liest, dann kommen Ungetüme aller Art zu einem in die Stube. Aber man braucht die Worte nur rückwärts zu lesen, dann gehen sie, wie sie gekommen sind, und können einem nichts anhaben. Ich glaubte... ich weiß nicht recht, ob ich glaubte oder nicht. Aber immer wieder stieß ich auf den Schnack: »Wo das Korn liegt, hat Jörn Hölk den Teufel zitiert.« Wenn ein Getreidefeld gar üppig stand, hieß es; »Ganz schön, ik bün man bang, Jörn Hölk un de Düwel kamt dor na mank.« Und wo das Korn lag, schmunzelte man: »Süh süh, de ol Jörn!« Was das wohl zu bedeuten habe? Und wieder fragte ich Kassen. Kassen musterte noch hinterhältiger, hatte es noch dicker hinter den Ohren, und antwortete: »Dor muß din Hans-Ohm na fragen, de weet dor mehr vun.« Mein Hans-Ohm war ein herzlieber Mensch, gelernter Schneider, nun aber schon lange Landmann. Er war ein herzlieber Mensch, hatte braunes Haar, sammetbraune und sammetweiche Augen und eine Nase darunter, die was bedeutete. Erzählen konnte er – besser als ein Buch. Bevor er anfing, rief er die Extrareserve seiner Tabakspfeife auf und hüllte sich in Rauchwolken. Mir war dann immer, als stehe ein reicher Mann mit großem Geldbeutel vor mir, klimpere darin mit den Talern und sei im Begriff, mich königlich zu beschenken. Um das hohe Ackerland meines Dorfes breitete sich ein weites Wiesental, unübersehbare Moore schlossen sich daran, eine große Natur, die nicht nachließ mit ihrem Ruf: »Laßt das Kleine, denkt große Gedanken!« Im Westen und Osten buchtenreiche Höhen, im Norden die Grassteppe wie ein uferloses Meer. Hans-Ohm und ich waren unterwegs nach den Wiesen. Wir wollten sehen, wie der Graswuchs sich anlasse. Weshalb sollten wir nicht? Ein schöner Maitag, Sonntag war es auch, und alles verklärt in blauem Dunst und Duft der Ferne. Von den Wiesen herauf Geruch von Blumen und Gras und zukünftigem Heu, ein weiches, sanftes Grün ringsum, leuchtende Goldfarbe wunderbarer kleiner Sonnen hineingewirkt. Unser Weg lief an den landesüblichen Knickhagen hin, an den Hecktoren der Koppeln vorbei. Hans-Ohm und ich, er mit Handstock und Pfeife, ich mit einer Haselgerte. Ich mußte doch Disteln und Brennesseln und in deren Ermangelung Kälberkropf und Löwenzahn bekriegen. Bei einem Jungen gehts ja nicht anders. Das Wetter war wundervoll. Ich sehe bei solcher Luft immer nackte Engel auf weißen Wolken liegen, auf großen Posaunentuthörnern ihre Freude ins Weltall zu blasen. In unserm Dorf lebte damals ein am Alten und Hergebrachten hängendes Geschlecht. Die Bauernstellen gingen selten in fremde Hand. Vor uns der Hof ›Indewisch‹ hart an den Wiesen, in einer Viertelstunde zu erreichen, seit Menschengedenken der Familie Storm zu eigen. Auch auf der Hölkschen Stelle ist wieder ein Jörn Hölk, Enkelkind des Alten, eine ihm gehörige Koppel liegt hier am Wege. Hans-Ohm und ich gucken über den Schlagbaum, zu sehen, wie der Roggen steht. Und wieder ein Fleck, wo es mächtig aufsprießt, einer, wo nach dem Schnack Jörn Hölk den Teufel zitiert hat. Und die alte Neugier steigt in mir auf. Hans-Ohm weiß davon Bescheid, hat Kassen gesagt. Ob ich ihn frage? Und ehe ich mich dessen versehe, ist es geschehen: »Ohm, Kassen sagt, du weißt darum Bescheid.« Ohm war ein herzlieber Mann: nun wurde mir sein Gesicht aber doch bedenklich. Mitten im besten Paffen hielt er an, die Pfeife lässig an den Zähnen, wurde rot und verdrossen... Es dauerte aber nicht lange, dann ebbte es ab. Noch einen Augenblick: der Humor brach durch, Ohm fing wieder an zu rauchen, und auf seiner Stirn heller Sonnenschein. »Wenn Kassen das sagt«, erwiderte er, »dann muß wohl was dran sein. Möchtest es wissen?« Das wollte ich zu gern. »Ich seh auch nicht ein, weshalb ichs nicht mal erzählen soll. Dann wollen wir hingehen, wo es geschehen ist.« Er öffnete den Schlagbaum, wir gingen hinein in die Koppel, Hans-Ohm voran, im Knickgraben längs. Nach ein paar Schritten stieß ein anderer Wall im rechten Winkel darauf, wir waren in einer lauschigen Ecke. Über uns in voller Blüte ein dichter Dornbusch, ein weißer Riesenblumenstrauß. Er ging tief herab, und Bienen summten darin. »Sieh«, sagte Ohm. »Nicht viel anders, als dazumal. So und so viele Male ist er abgeknickt, aber immer wieder da und immer dichter. – Und die Haseln auch«, fuhr er, sich weiter umsehend, fort. »Haben sich gewehrt wie der Dorn, die Triebe lebendig wie am jungen Stamm.« Wir lagen am Wall. »Du willst wissen, wie es gekommen ist? Was ist da viel zu erzählen. Ein toller Spaß von Jörn, 'ne Dummheit von mir: Dreißig Jahre wird es her sein, und um Ende der Zwanziger herum muß es gewesen sein. Ich hatte mich als Schneider im Dorf gesetzt, war aber noch jung und kalbig, noch nicht ganz trocken hinter den Ohren und kam den Weg hier entlang, eine neue Beiderwandhose für Jochen Storm (so hieß der Bauer von Indewisch) abzuliefern. Ich trug sie, fein in Steifpapier eingepackt, unterm Arm. Storm war als Taufpate von seinem Schwager in Wöhrden zum Kindsbier gebeten. Um elf Uhr mußte er reiten, ich hatte reichlich Zeit, denn noch war es nicht acht. Die Uhr war kaum acht in der Frühe, aber die Luft dick und schwül und schwer und broddig, die Natur und die Menschen, alles sah schläfrig aus. Der Rademacher Johann Harbs stand, als ich an seiner Kate vorbeiging, vor der Tür und »hujahnte«. Er meinte, es gebe noch ein Gewitter »vun Dag«. Aber es sei ein Glück, daß es nicht mehr über »sore Tilgen« komme. Dem stimmte ich bei, denn einem über kahle Baume gehenden Gewitter folgen, nach einem bewährten Bauernsprichwort, Kälte und ein spätes Frühjahr nach. Hier bei Jörn Hölks Hecktor begegnete mir Krischan Kaak. Er wohnte in der kleinen Kate, die man drüben am Moor sieht. Wir kannten uns und sprachen ein paar Worte miteinander, wie es auf dem Dorf Sitte ist. Auf einmal ruft hier aus der Koppel heraus eine hohe Stimme, ich erkenne sie, es ist Jörn Hölks Stimme, die ruft: »Büst du dat, min Hans?« »Ja, Jörn-Ohm!« antwortete ich. »Ah«, kam es wieder, »wenn ji utsnackt hebbt, denn komm her! Wüllt betjen klönen, Hans!« Jörn Hölk war nun ja, wie du weißt, ein ganz verteufelter Kerl zum Schnacken. Für Jörn Hölks Geschichten ließ ich gar mein Leibgericht stehen, und von mir hielt er viel. Wo er mich traf, hieß es: »Wollen uns was erzählen!« Als er so in mein Gespräch mit Krischan Kaak hineinfiel, lachte dieser: »Gah man«, sagte er. »Bün aflöst, gegen Jörn kann 'k ni an.« Er ging, und ich stieg zu Jörn Hölk übers Heck. Jörn hatte Zeit, ich auch, bis elf Uhr war noch lange hin. Er pflügte zur Buchweizensaat, also tief. Einmal hatte er herumgepflügt, weiter war er noch nicht gekommen. Pflug und Pferde standen im Stück, die zweite Furche war angelegt. Der Pflüger aber lag, wie wir jetzt liegen. »Wie sich das prächtig trifft«, rief er mir entgegen, »wie sichs hier prächtig liegt. Komm flink her, wollen uns was erzählen. Und das, was du unterm Arm hast, leg man auf den Wall untern Dorn.« Das tat ich denn auch und erzählte ihm dabei, wer die Hose haben und was heute noch darin geschehen solle. »Das ist ja noch lange hin!« antwortete Jörn. Wir lagen am Wall, und die Pferde, ein Schimmel und ein Fuchs, standen vorm Pflug, faul und lässig wie wir. Und Jörn fing an zu erzählen. Der Fuchs und der Schimmel hatten es wohl schon öfters vernommen, hörten aber geduldig zu, mit hängenden Köpfen und krummen Hacken. Und mitunter rückte mein Schimmel sein wertes Achtergestell ein wenig beiseite und legte etwas nieder, was höllisch gut für Land ist, worin Buchweizen gesät werden soll. Und der Fuchs wollte nicht nachstehen und machte es wie der Schimmel. Und Spatzengezwitscher dankbarer Vögel flog durch unsern Dorn. Ich spaßte mit Jörn über den Fuchs und den Schimmel: »de wüllt nix vun bin Geschichten weeten, de glövt dor ni an.« »Glövt dat ni?« rief Jörn. »Dor hest awer ni den richtigen Perverstand. Dat heet so vel as: Jungedi, dat is 'n Geschicht!« Und er erzählte weiter, wir sahen noch mit halbblinden Augen nach den Pferden hin, unsere bessere Hälfte war nicht da, die war bei Jörn Hölks Geschichten. Und das ging wie der Wasserfall einer Mühle. Das rauscht und wallt und fließt über das Wehr und wird nicht alle. Jörn war ja Spökel- und Geistermann. Da dauerte es nicht lange, da waren wir bei Gespenstern und Geistern. Ich habe dem lieben Jörn nicht alles geglaubt, denn was er erzählte, war ›lögenhafti to vertelln‹ und ›swar to glöben.‹ Aber das war mir einerlei. Das muß einerlei sein bei Sachen, die nur zur Freude und zum Zeitvertreib erzählt werden.« Hans Ohm unterbrach seine Geschichte, um mir eine Lehre einzuprägen. »Junge«, sagte er, »hüte dich vor Leuten, die nur wahre Geschichten hören wollen, auch wenn es sich um solche handelt, wie die von Jörn. Es ist mir immer ärgerlich, wenn da Leute aufstehen und sagen: das glauben wir nicht. Vor denen nimm dich in acht! Erzähl ihnen keine Geschichten, sie sinds nicht wert. Die meint die Bibel, wenn sie sagt, man solle Perlen nicht mang die Säue werfen. Und nett und schön war« fuhr er fort, »was Jörn erzählte. Von dem Brudermörder, der auf dem Pulser Viert umgeht, den Kopf unterm Arm. Von der Spinnfrau im Haaler Grund, vom lachenden Kalb in Namlosbeck, von dem Geist im Kuhhaus von Indewisch und was sonst an Gespenstergeschichten bei uns gang und gäbe ist, von Vorwanken und so weiter. Andere erzählen das auch, aber der Ton, wie er es herausbrachte, sein listiges, dann musterndes, dann finsteres Gesicht, das Drum und Dran, das gehörte dem alten Jörn allein zu. Ich rechnete mich freilich nicht zu den Leuten, an die man keine Geschichten wegschmeißen darf, aber alles glauben tat auch ich nicht. Wie weit, das wußte ich selbst nicht recht. Geschichten kamen vor – wenn ich die im Düstern gehört hätte, wären mir die Gräsen über den Rücken gekrochen. Nun aber war es Tag, Schimmel und Fuchs standen vor uns und wiederholten mehrfach ihr ›dausend noch en mal‹, oder ›das glauben wir nicht‹. Ich wußte ja nicht, wie sie das meinten, hatte ja nicht den richtigen Pferdeverstand; es war mir auch einerlei, jedenfalls düngten sie den Acker. Die Zeit verging. Aber was ging uns beide, die wir in der Ecke am Knickwall lagen und Geschichten erzählten, was ging uns die Zeit an? Und was die Buchweizensaat und was die Hose von Jochen Storm? Es ist ja just der Zweck solcher Geschichten, den Strom der Zeit aufzustauen, uns irgendwo hinzuführen, wo es gar nicht so was gibt, was man Zeit nennt .... Über uns im Dorn und neben uns an Kälberkropf und Heckenrosen fing es an zu flüstern und zu sausen, ein Geräusch, wie wenn Flittergold geschüttelt wird. Das waren die großen, glänzenden grünblauen und rostbraunen Flieger, die wir im Dorf Speckschuster nennen. Sie kommen, wenns schwül ist und die Luft schwer. Wir kümmerten uns nicht darum, wir erzählten Geschichten .... Die Luft war bleiern und schwer, am Himmel begann ein Ziehen und Zerren, Wolken von eckigen Formen, andere weißgrau und zerfasert .... Zum Arbeiten war das Wetter nicht, es reichte aber zum Erzählen, also erzählten wir. Jörn war der Mann des schwarzen Buchs, wir kamen denn auch auf den Fürsten der Hölle. Ich sah meinen Jörn prüfend an. Also das war der Mann, dem Musjö Satan zu Willen war oder doch sein sollte? Und ich faßte mir ein Herz und fragte, ob es wahr sei, daß er das schwarze Buch habe. – Ja, antwortete er, das habe er. – Ob es das von Dr. Faust sei? – Ja, das sei es. – Ob es Faustens Höllenzwang heiße? – Ja, so heiße es. – Ob das der Faust sei, der sich dem Bösen verschrieben. – Ja, das sei er. Und wiederum spitzte Schimmel das Ohr und tat darauf das, was er schon mehrmals getan hatte. Fuchs wollte es nachmachen, hatte aber einstweilen ausverkauft. »Warum sollte ich das Buch nicht haben?« wiederholte Jörn. »Gibt das viel Gewalt?« »Und ob!« Er zog Rolltabak aus der Tasche und nahm ein tüchtiges Ende. »Bist ihm über?« »Wem? »Nun ihm, den man nicht gern bei Namen nennt, den mit Hörnern ...?« »... und Pferdehuf«, ergänzte Jörn. Kannst den Teufel gern bei Namen nennen. Der ist so bang vor mir, hat schon vor mir auf den Knien gelegen, der ist froh wenn ich ihn in Ruhe lasse!« Und wieder sah ich den Mann, vor dem der Teufel Bange hatte, vor dem der auf den Knien lag, verloren von der Seite an. Er war vielleicht sechzig Jahre alt, sah aber jünger aus. Stramm und rund umschloß ihn die kurze Hose und die Jacke. Und die großen Metallknöpfe daran glänzten. Aber sein Gesicht (du kennst es nur vom Alltag her) lag ganz in Düsternis. Ich lugte nach etwas Spaß aus, fand ihn aber nicht. Da machte ich selbst eine überlegene Miene und lächelte ein bißchen ungläubig über die Angst des Höllenfürsten hin. Jörn Hölk deutete es richtig. »Glaubst das nicht«? fragte er. »Ich weiß nicht«, antwortete ich. »Willst ihn sehen?« »Wen?« »Den Teufel.« »Kannst ihn bringen?« »Das kann ich. Willst ihn sehen?« »Wie kommt er denn?» »Wie du willst. Willst ihn sehen? »Ja, aber dann soll er zu Pferde kommen.« »Gut!« Jörn machte Anstalt sich zu erheben, fragte mich aber nochmal mit finsterm Gesicht: »Sehen willst ihn also?« Ich biß die Zähne zusammen: »Ja.« Jörn Hölk stand auf seinen Füßen. »Dann will ich ihn bringen. – Aber nein!« unterbrach er sich, die Falten des guten Alltagsgesichts legten sich über die finstere Maske. »Es ist besser, wir lassen es. Du bist jung, ich weiß nicht, ob du den Schreck verwindest. Und dann deine Seele und ihre Seligkeit! Eine Grenze hat meine Macht ja auch. Wenn er dich mit sich nähme! Wie könnte ich deiner armen Mutter jemals wieder vor Augen kommen! Es ist besser, wir lassen es.« Ein gelbliches Tabaksgeschoß flog in großem Bogen. Das war eine Dummheit von Jörn, ein Schlag daneben. Ich hatte tüchtig Angst gehabt, nun aber schwoll mir wieder der Kamm, nun hörte ich den lieben Jörn in weichen Schuhen gehen. Er konnte den Teufel gar nicht bringen nichts war gewisser als das! »Mit dem Schreck«, erwiderte ich keck, »will ich mich schon abfinden und auf meine Seele passen. Laß ihn man ruhig kommen!« »Schön«, antwortete Jörn Hölk kurz. Finsternis deckte wieder sein Angesicht, Wetterwolken seine Stirn, seine Stimme bekam eine tiefe, unreine Lage. »Du bist ein mündiger Mensch, ich bin nicht schuld, wenn was passiert.« Aus der Tasche seiner kurzen Hosen entnahm er ein Messer, öffnete es und schickte sich an, in den Knick zu steigen, hielt aber noch einmal an, und sagte: »Sehen willst ihn also? Ich weiß nicht, ob ich wieder frage. Noch ist es Zeit!« »Ja«, antwortete ich, das Herz schlug mir dabei bis zum Halse. Jörn Hölk ging, das Messer in der Hand, ein paar Schritte auf das Ackerland, verbeugte sich gegen Sonnenaufgang und murmelte etwas. Es waren wohl Zaubersprüche. Und machte seinen Diener gegen Mittag und Abend und Mitternacht und murmelte etwas in einen nicht vorhandenen Bart. Natürlich wieder Zaubersprüche. Und stieg in den Haselbusch (an dem Geräusch merkte ich, daß er Schößlinge schneide) und kam vom Wall herunter, eine ganze Reihe, ein Dutzend vielleicht, davon in der Hand. Und setzte sich hin und machte Stöcke daraus; und spitzte die Stöcke zu und schälte allen die Borke herunter, allen bis auf einem, der sie behielt. Und steckte darauf die zwölf Stöcke in den Acker in Eiform, doch so, daß es vorne offen blieb. An der Öffnung stak der nicht abgeschälte Stock. Die zwölf Stöcke erklärte er, seien die Jünger des Heilands, die weißen die guten, der schwarze der Verräter Judas Ischariot. Bei Judas Ischariot reite der Teufel hinein. Der Teufel! Bei Judas Ischariot reitet er hinein ... Wie Jörn das so sagte und dabei so finster und so ernst und bei allem so gleichmütig! »Wie sieht er aus?« fragte ich. Jörn Hölk machte ein Gesicht, als verkehre er jeden Abend mit dem Teufel in der Schummerstunde. »Nicht besonders«, antwortete er. »Gnäterswart ist das Pferd, und Feuer geht aus den Nüstern. Und der, der darauf sitzt, feuerrot sein Wams. Erst meint man, es sei Zeug, aber bald sieht man. Flammen sinds, woraus es gemacht ist, Flammen der Hölle.« Als Jörn Hölk das sagte, versuchte mein Haar die Mütze zu heben, aber ich faßte mich. »Wo kommt er denn eigentlich her?« fragte ich. »Das wirst du sehen. Wenn ich kommandiere: ›Eins ...‹ und so weiter und dann ›Drei!‹ sage, dann kommt er. Unten ist ja die Hölle, da kommt er her, da tut sich die Erde auf. Feuer schlägt aus dem Riß, dreimal höher als unser Kirchturm. Es loht auf, sinkt zusammen, ein Knall wie aus fünfhundert Kanonen – Rauch und Schwefelgestank, und aus Rauch und Schwefelgestank reitet er heraus. Auf seinem Kopf zischende Schlangen. So hast ihn dir auch wohl gedacht.« Ich wollte antworten ... was, weiß ich nicht mehr. Da rollte ein Donnerschlag über uns am Himmel dahin. Ich fühlte, ich war weiß im Gesicht. »Was ist das, Jörn?« Aber für und für gleichmütig, mit seinem Geistergesicht antwortete Jörn Hölk: »Was solls sein? Gewitter ist es. Gewitter geht immer vorweg. Ohne das tut ers nicht. Wir stehen ja mit ihm in Verbindung, ›Rapport‹ nennt man das. Sein erster Ruf und erster Wutschrei. Er bereitet sein kommen vor und läßt den Schwarzen satteln. – Hättest dus anders gedacht?« »O«, rief ich. Ich muß wohl mit allen Anzeichen des Schreckens vor dem Meister gestanden haben. »Was ist denn, was hast du?« fragte er. Hinterm Wall im Weg war ein Pferd in brausendem Galopp in der Richtung nach dem Dorf dahergestürmt. Dumpf und langsam verhallten die Hufschläge. »Das!« rief ich. »Man weiter nichts«, antwortete Jörn und nahm ein Priemchen. Seine Ruhe und sein Priemchen waren fürchterlich. »Das? Das ist des Teufels Stafettenbote, Adjutant nennt man das, die Horde der Schrecken aufzustören. Ich vergaß: die Todsünden heulen in Tiergestalt hinter dem Bösen her, und des Himmels Wolken widerhallen von Wehklagen der Engel. Das ist immer so, hat aber nichts zu sagen.« »Dann wäre also alles in der Reihe«, fuhr er fort. »Wir müssen nur noch die Pferde sichern, und dann kann es losgehen. Die Pferde müssen weg, die finden wir sonst tot auf dem Platz wieder. Wollen mit ihnen nach Peter Wessels Koppel hinüberreiten. In der Ecke nach Klaus Wieben hin wächst dichter Busch, da binden wir sie an. Und wenn ich kommandiere, die Ohren mußt du mit beiden Händen zuhalten. Sonst bricht dir der Kopf entzwei. Ja, sonst erträgst du den Knall und den Lärm nicht« wiederholte er. Er machte einen Schritt nach den Pferden hin, drehte sich aber noch einmal ganz beiläufig, als wisse er meine bejahende Antwort vorweg, nach mir um mit den Worten: »Sehen willst ihn also?« »Nein, nein, will nicht! Jörn bester Jörn, laß ihn in der Hölle!« Jörn tat überrascht. »Willst nicht?« Ich konnte nur wiederholen: »Nein, nein!« Ich zitterte dabei wie Espenlaub. Jörn war oder schien verdrießlich. »Und all die Anstalten, und all die schönen Stöcke?« In dem Unwillensblick des Kreises waren alle zwölf Jünger beschlossen. »Ja, so ist die Jugend. Erst da gehts himmelhoch mit dem Wort und dem Mut, aber bei dem Letzten da ists zu Ende. Aber ich glaube auch, es ist das Beste, wir lassen es. Ich riet ja gleich ab.« Das Gewitter kam auf, Jörn fing an, die Apostel aus der Erde zu ziehen, und ich tat ein gleiches. Der arme Judas Ischariot, er war ein ganz dünnes Kerlchen. Jörn sah nach seiner Uhr. »Wollte Jochen Storm nicht«, fragte er, »um elf Uhr in dem, was unter dem Dorn liegt, zum Kindsbier?« »Ja.« »Es ist halb zwölf.« »Donner«, fluchte ich mitten im Gewitter. »Und bei mir ist es Mittag«, fuhr Jörn fort. Er fing an, die Stränge der Pferde zu lösen. »Einmal herumgepflügt, viel hats nicht gebracht. Aber das, was Schimmel und Fuchs zurücklassen, ist auch was wert.« Als er das sagte, liefen alle Schalksgeister meines guten Jörn wieder über sein Gesicht. Ja, was Fuchs und Schimmel geleistet hatten, war erstaunlich. Man fütterte die Pferde nach dem Grundsatz ›die Masse muß es bringen‹ mit Strohhäcksel, worunter etwas Hafer, dazu mit Roggenmehl, was das Gedärme geräumig macht. Aber so was! Der Schimmel und der Fuchs mußten Unglaubliches zu sich genommen haben, mußten unbekannte, geheime Räume in ihrem Innern bergen. Es hätte ein Segen für den Buchweizen werden können, wenn es gut und rechtzeitig gebreitet worden wäre. Aber Jörn war ein lässiger Bauer, er hat nicht für die Ausnutzung des Schatzes gesorgt. Die köstliche Kraft ist auf dem kleinen Fleck, wo sie hingefallen war, verpufft. Wo Fuchs und Schimmel gestanden haben, ist der Buchweizen mächtig aufgekommen; als im Sommer schwerer Regen gefallen, hat er sich gelegt, und so ist ein Fleck entstanden, wo nach dem Dorfschnack Jörn Hölk und der Teufel zu Gange gewesen sind. »Donner!« hatte ich gesagt, trotz aufdrohenden Wetters. Der Himmel blauschwarz, die ersten Tropfen fielen. Und unter Donner und Blitz und Regen eilte ich, meine Hose unterm Arm, in der Richtung nach Indewisch. Ein Reiter krabatschte hinter mir her und rief und schalt: »Verdreihte Snider! Ik lur und lur, un he kommt ni. Ik to Per na sin Hus. Is all sied halwi acht mit de Büx ünnerwegens.« Jochen Storm war es auf schäumendem Roß. »Wat hett dat to bedüden?« Ich stammerte was, ich glaube, ich stammerte was von Jörn Hölks Beschwörung. »Lat den Düwel Düwel sin! Her mit de Büx!« Er nahm mir das Paket weg. Und lachte. Er war ein guter Jochen, einer, der alles zum besten kehrte: »Un dat arme unschülli Kind kriggt wegen ju Düwelskram sin Nam en Stünn later.« Lachend sprengte er mit der Büx davon.   Ohm und ich waren auf dem Heimweg, vor uns gen Norden die wogende unübersehbare Grassteppe, uferlos wie das Meer. Nur ein paar Waldoasen am Horizont auftauchend, fernen Inselchen vergleichbar, wenn unser Schifflein im Weltmeer schwimmt. Und überall der große Ruf der Natur: ›Denkt große Gedanken, laßt die kleinen, die kriechenden, ich bin die Güte.‹ »Hans Ohm«, fragte ich, »gibt es einen Teufel?« »Ich weiß nicht, kann mirs aber nicht recht denken« antwortete er. »Warum nicht?« »Der Teufel ist unsers Herrgotts Widerspiel. Warum sollte der Herrgott sein Widerspiel machen?« Ich wollte erwidern: »Aber es gibt doch auch Böses in der Welt«, tat es aber nicht, und Hans Ohm ließ auch das Thema fallen, fing dagegen vom Kleeheu an, ob es heuer wohl gut einkommen werde. Wir fühlten wohl Beide, daß das Lied von Gott und Teufel hohe Noten habe und daß wir so hoch nicht singen könnten. Eine Geschichte, die man nicht zu glauben braucht So gar weit ist es nicht, sagt ›dat Vertelln‹, das ich benutze, nicht so sehr weit ... Eine Tagereise lang und ein lustiger Traum ... dann, ja dann ist man da ... nämlich bei Krischan Simpelmann ... Immer südwärts bis zum Grenzzaun des Märchenlandes, dann links um und der Nase nach. Man erreicht eine Stadt, die durchschreitet man. Dahinter ist eine Heide. Da geht man hinüber. Dann kommt ein Wald. Hinter dem Wald ... da wohnt Krischan Simpelmann. Krischan Simpelmann hat mal ›auf den Advokaten studiert‹ und ist so klug geworden, daß er, um die Professoren nicht zu beschämen, davon absah, Examen zu machen. So blieb er weise und dabei ledig und unabhängig. Was ich erzähle, war einmal ... Ich weiß nicht, wann.   Krischan Simpelmann hatte einen Knecht, der hieß Johann, einen Hund, der hieß Hektor, eine Köchin, die hieß ... Aber mit dem Namen der Köchin wollen wir uns nicht beschweren, denn für unsere Geschichte ist er ohne Bedeutung. Krischan Simpelmann hielt sich und seinen Johann nicht für dumm – bewahre! – seinen Vierfüßler indessen für weiser als beide. »Johann«, pflegte er zu sagen, »Hektor, der ist uns über. Es ist schade, daß er nicht sprechen kann. Wenn der reden könnte, äh, äh! – der würde erzählen!« Hektor legte bei solchem Lob seine kalte Nasenspitze in die hohle Hand seines Herrn, nieste und wedelte Staub und Papierschnitzel mit seinem schönen Schweif unter das Sofa. Johann, dummer als Hektor, aber Meister der Sprache, antwortete: »Das ist so, er ist der Klügste von uns allen.« Johann fuhr alle Monate zur Stadt und Hektor begleitete ihn; er hatte, wenn Johann seine Gänge machte, das Fuhrwerk zu bewachen. Einmal kehrte der ehrliche Johann ohne Hektor zurück. Ich will gleich sagen, weshalb: der ehrliche Johann hatte Hektor um teuren Preis verkauft, das Geld in seine Tasche gesteckt und einen Plan ausgegrübelt, wie er seinen Herrn darum betrügen könne. Wie treuherzig sah er aus, als er nach Hause gekommen und sein Herr nach Hektor fragte, wie treu und ehrlich sah der gute Johann aus! Eine Minute lang griente er und lachte und hustete und kratzte sich den Kopf. Eine halbe Minute lang konnte er nur herausbringen: »Es ist zu narrsch!« »Was ist narrsch?« fragte Krischan Simpelmann. »Ich mags kaum sagen. Was es alles gibt! – Hektor lernts Studieren. »Was ist das für ein Drœnschnack?« »Nichtwahr, es hört sich an ... man weiß nicht, wie mans nennen soll?« »Johann, sprich!« »Ja, Herr« ... und nun gings los: Hunde, kluge Hunde ... man kanns kaum glauben. Man unterrichtet sie, kluge Hunde lernen sprechen. Hohe Schulen gibts jetzt für sie, Hundeakademien. So eine ist jetzt in der Stadt. Der oberste von den Professoren sei ihm auf dem Markt begegnet. Und wie er Hektor gesehen, habe er gleich geschrien: ›Das ist einer, der kanns. Mann, wo haben sie den Hund her? Den müssen sie mir geben, der muß auf die Akademie!‹ ... Ich wollte nicht«, fuhr Johann fort, »aber der redete und redete. Ich konnte mich nicht bergen ... Schließlich habe ich Hektor weggegeben ... zur Probe auf vier Wochen. Ich mußte es, er tat Gewalt. Kosten wird es übrigens nichts, die Akademie setzt ihre Ehre darin, ihn zu bilden. Sie will aus Hektor was machen, was sich aufweisen läßt.« Krischan Simpelmann war entsetzt. Er wollte Johann unterbrechen, aber er konnte nicht, er war zu verstört. Als er aber hörte, es sei nur auf vier Wochen und kosten werde es nichts, da erholte er sich etwas, da trat Verwunderung an die Stelle des Zorns. Und schließlich konnte er rufen: »Aber, Johann, ohne mich zu fragen?« »Ja«, erwiderte Johann, »ich hätte es ja auch nicht getan, aber der Professor ist ein guter Freund von Ihnen. Ich sagte zu ihm: ich dürfe es nicht tun ohne meinen Herrn. Da fragte der Professor: ›Wer ist denn Ihr Herr?‹ Und da sagte ich: ,Krischan Simpelmann heißt er, und er hat auf den Advokaten studiert, und ist sehr klug‹ Da lachte der alte Professor hell auf: ›Krischan Simpelmann? Na, das ist ja mein alter, lieber Freund! Das ist ja mein lieber Krischan. Mit Krischan hab ich auf der Bierbank gesessen ... mit dem hab ich zusammen ...‹ (Johann dämpfte seine Stimme und näherte sich dem Ohr seines Herrn) ›mit dem hab' ich zusammen im Rinnstein gelegen!‹ flüsterte er.« »Na, na«, warf Simpelmann ein, und wurde rot, »das soll Spaß sein ... und ist es auch. Aber dreist ist es doch. Wie heißt denn der Professor?« Johann schlug sich erst vor den Kopf und dann aufs Knie. »Ja, wie hieß er noch? B.... Mit B fings an. Ich kann nicht darauf kommen, aber es wird mir einfallen. ... Warten Sie man. ... Nu, gleichviel. Er sagte: ›Grüßen Sie den man von mir, Krischan Simpelmann wird nichts dagegen haben, da wird nichts im Wege sein. In vier Wochen kriegt er seinen Hektor wieder und wie wird er ihn wieder erhalten!‹« Was blieb Krischan Simpelmann übrig? Er fügte sich: ›Vier Wochen mag Hektor studieren. In vier Wochen sehe ich ihn wieder ...‹   Es vergingen vier Wochen. »Denk an Hektor!« rief der Herr ihm nach, als Johann zur Stadt fuhr. Johann kam aber ohne Hektor zurück. Er ging gleich zum Herrn. »Nein, Herr Simpelmann!« fing er an ... »Sie tun mir 'n Gefallen, wenn Sie auf mich und die Professoren schelten. Ich habe auf den ganzen Weg auch auf mich und die Professoren gescholten. Sie haben mir Gewalt angetan, ich habe unsern Hektor nicht mitgekriegt. Hektor, sagen die Professoren, ist ein Hund ...klug, gar nicht auszudenken, wie klug! Der müsse weiter lernen, da werde was Großes aus. Ihn jetzt wegnehmen, nein, das gehe wirklich nicht!« Simpelmann war verdrießlich. »Johann, was du für Sachen machst! ... Es ist ja doch rein zu toll.« »Ist es auch«, gestand Johann. »Gewissermaßen«, setzte er hinzu. Dies Zugeständnis, war es auch eingeschränkt, besänftigte. »Hat er denn was gelernt, kann er schon buchstabieren?« »Buchstabieren?« rief, nein, schrie Johann .... »Buchstabieren? Schön buchstabieren! Räsonnieren kann er wie 'n Advokat und predigen kann er wie 'n Pastor. Und ein Benehmen hat er, einen Anstand! Ich sagte zuletzt auch ›Sie‹ zu ihm. Und dabei ganz freundlich und einfach. Er sagte ›Johann‹ und ›Du‹ zu mir und erkundigte sich nach allen. Hoch spricht er, und Platt kann er auch schnacken. ›Zu der Wissenschaft‹, sagte er zu mir ›hab ich einen höllischen Trieb, da liegt was drin. Studieren ist meine größte Freude.‹ Dabei wies er auf seine Bücher und sagte: ›Hier wohnt mein Glück. Ich bin gutes Muts und selten übermannt mich Heimweh. Aber vorige Nacht habe ich doch viel geweint, ich mußte immer an unsern guten Krischan Simpelmann denken. Still davon!‹ Hektor wischte sich über die Augen.« »Wischte sich über die Augen?« fragte Simpelmann verwundert. »Womit denn?« »Nu«, erwiderte Johann, »mit der Vorderhand.« »So ... so ... mit der Hand.« Simpelmann erstaunte. »Gut hat Hektor es«, fing Johann wieder an. »Er aß Knochensuppe mit Reis und Klößen und trank Rotwein dazu.« »Er trank Rotwein?« »Ja, Rotwein ...« »Das muß er sich bei uns abgewöhnen.« »Ja, wenn das man geht.« »Muß gehen!« entschied Simpelmann und kratzte sich den Kopf. »Vier Wochen mags noch hingehen, dann soll Hektor nach Haus.«   Und wieder verging ein Monat. Zur nächsten Reise erhielt Johann unbedingte Order – Johann brachte Hektor nicht mit. Er sah aus wie ein geständiger Verbrecher: »Herr, Herr was müssen Sie von mir denken! Aber hören Sie! Oder befehlen Sie? – Dann gehe ich gleich zurück! Seien Sie nur nicht zu böse! Ich konnte nicht.« Simpelmann seufzte: »Was werde ich wieder erfahren?« »Nichts Gutes, Herr! Hektor will nicht zurück. Hektor hat beschlossen, sein Leben lang bei der Wissenschaft zu bleiben. Die Professoren haben mir gesagt, Hektor sei klüger als sie alle, er müsse und solle Professor werden, man habe schon eine Professur der ... es war was mit Vieh ... der ... der Philosophie ... ja, so hieß es ... der Philosophie für ihn eingerichtet.« Da wurde Krischan Simpelmann ganz wild: »Wem gehört Hektor... mir oder der Akademie?« schrie er. »Er soll nach Haus ... unter allen Umständen!« »Ja« erwiderte der gefaßte Johann, »ich hab mir gleich gedacht, daß Sie das sagen würden. Ich will denn auch hingehen und ihn holen. Man muß sehen, wie mans anfängt. Ohne Polizei wirds schwer halten, und Kreuz und Leiden wirds auch hier geben.« »Kreuz und Leiden?« fragte Simpelmann. »Ja wohl, Herr... leider... leider. Hektor ist nicht mehr der alte Hektor. Ach, du meine Güte, was ist aus unserm Hektor geworden!« Johann dampfte seine Stimme und trat dicht heran. »Herr Simpelmann, ich glaub, es wäre ganz gut, Sie ließen den alten Hund, wo er ist. Darf ich sagen?« »Was denn?« »Ich glaube, Hektor trinkt. Heute war er jedenfalls dun und ganz verrückt. Er nötigte mich auf seine Stube. Und wissen Sie, was er da sagte? Ich mags gar nicht kund tun. Hektor ist ein Säufer und ein schlechter Kerl. Er sagte auf einmal: ›Was macht denn nun eigentlich der alte Sünder Krischan Simpelmann?‹ Da meinte er Sie mit! ›Ist der alte Kerl‹, sagte Hektor, ›noch immer son Damenfreund?‹« Krischan Simpelmann hatte bisher gestanden. Als Johann das gesagt hatte, setzte er sich wie beklommen. »Ja«, fuhr Johann fort, »das sagte Hektor. Und dann sagte er weiter: ›Mag der Alte die Kleine, die die Wäsche macht, de lütt smuck Dörten, mag er die noch immer gern leiden?‹ Da wurde ich zornig, ›Hektor‹, schalt ich, ›das ist nicht in Ordnung, daß Sie solche Lügen an den Tag bringen. Unser alter, ehrwürdiger Kahlkopf‹ ... ich wollte sagen ... nun. Sie wissen wohl, was ich sagen wollte. Ich kam nicht zu Ende... Hektor schrie: ›Schweig still, schweig still! Ehrwürdiger Kahlkopf...?!‹ Hektor lachte, er konnte vor Lachen nicht sprechen. Sie hätten mal hören sollen, wie er lachte.... Als er zu Atem gekommen, belferte es nur so: ›Lügen? Jawohl, schöne Lügen! Ich will dir sagen, der alte ehrwürdige Kahlkopf ist ein großer Schweinigel!‹ Da brauste ich hell auf«, fuhr Johann fort, »denn das war zu viel, da wurde ich wütend. Da wären Sie selbst wütend geworden, sich so was sagen zu lassen. – ›Professor Hektor‹, rief ich, ›lassen Sie sich das von dem ollen ehrlichen Johann sagen: das ist nicht allein nicht in Ordnung, das ist lumpig, das ist gemein! Ich bisse mir eher die Zunge ab. als daß ich so was von meinem Herrn sagte. Und so ganz aus den Pfoten gesogen! Professor Hektor, ich wollte, Sie hätten niemals die Zunge rühren gelernt, das ist zu toll, unsers guten Herrn Ruf und Ehr' ...‹ Als mir das herausgefahren war«, fuhr Johann fort, »da wurde Hektor ernst und nüchtern und lachte nicht mehr. ›Johann‹, sagte er zu mir, ›das ist viel gesagt. Ich will dies verzeihen, weils aus gutem Herzen kommt. Du meinst, was du sagst, kannst es auch nicht wissen, hast auch nichts gesehen. Bist ein Mensch, vor Menschen nimmt man sich in acht. Aber ich war ein Hund, vor dem man sich nicht in acht nimmt. Ich versichere dich, ich hab gesehen, was ich sage, und ich kann verantworten, was ich sage.‹« Krischan Simpelmann sah vor sich nieder, seine Hand die auf der Tischplatte lag, fing an zu zittern. Johann bemerkte es nicht, er erzählte: »›Früher‹, sagte Hektor, ›früher hat er von mir gesagt, ich sei klüger als ihr beide; mir fehle, hat er gesagt, nur die Sprache, was zu erzählen. Nun kann ich schnacken und werde schnacken, und wenn ich nach Hause komme, soll er was zu hören kriegen.. Zum Beispiel...‹« Johann machte mit der Hand ein Sprachrohr. Krischan Simpelmann mußte sich die abscheulichste Verleumdung ins Ohr blasen lassen, die je ein Hund ausgesprochen hat. »Genug!« erwiderte der und winkte heftig ab, »ein betrunkener Hund kann viel reden.« »Es ist zum Weinen«, beteuerte Johann und sah weich und wässerig drein. Krischan Simpelmann hämmerte nervös mit den Fingernägeln auf die Tischplatte, erst heftig, dann weniger heftig und endlich ganz leise. Dann hämmerte er gar nicht mehr, erhob sich und stützte die Hand auf den Tisch. Und stand hoch und feierlich da. »Einen eigenen Lehrstuhl der Philosophie?« fragte er, »Hektor wird Professor?« »Ein ganz tüchtiger und ordentlicher«, bestätigte Johann. Krischan Simpelmanns Rechte suchte den Brustlatz der Weste. Krischan Simpelmann war ganz Milde und Würde: »Es sei ferne von mir, meinem Hektor Steine vor die Räder zu wälzen. Ich vergebe, ich verzichte. Hektor soll der Wissenschaft erhalten bleiben!« Links vom Märchenland, hinter der Stadt, über die Heide hinweg, am Wald, da wohnt Krischan Simpelmann. Er hat studiert und nur deshalb kein Examen gemacht, weil er die Examinatoren nicht beschämen wollte. Wenn einer abstehende Ohren hat Johann war der ewige Kuhknecht auf Twisselmannshof, kurz gewachsen, seine Beine nicht lang, da ließ sich leicht Schritt halten, nur Fritz, der jüngste aller Twisselmänner. konnte es nicht, der war selbst dazu zu klein. Johann Kuhknecht wollte nach den Wiesen hinunter, Fritz hielt er an der Hand, Fritz lief im Zuckeltrab neben ihm her. Bei Lischen Lindemanns Kate, genannt Ziegelkate, sahen sie die junge Eignerin im Schatten des Apfelbaumes und im Glanz weißroter Apfelblüten am Sodschlengel, wie man bei uns eine Brunneneinfriedigung nennt, Stange und Ziehbaum tief hinabgedrückt. Als sie des Kuhknechts ansichtig wurde, ließ sie den Baum in die Höhe gehen, den leeren Schlüssel der Stange am Haken einschnappen, lachte und sagte: »Johann, denk doch mal! Ist mir niemals passiert, heute aber fällt mir der Eimer in den Brunnen und ich kann ihn nicht wiederkriegen, bin schon eine halbe Stunde dabei, ich weiß nicht, was ich machen soll. Der Grapen muß zu Feuer, und ich habe kein Wasser. Ein paar mal denk ich, nun wirds, aber immer glippt er wieder ab.« »I, Lischen«, antwortete Johann, ließ Fritz los, krempelte die Ärmel auf und spuckte in die Hände. »Den müssen wir holen, das sollte doch mit dem Satan zugehen, wenn wir den nicht kriegen könnten!« Er und Lischen sahen beide über das Geländer in den Schacht. »Sieh, Johann, da nach dem grünen Moosstein hin, da schwimmt er. – Si.. si.. das ist recht, ... T... t. . das wird ... t. ... das Seel glippt wieder ab. – Aber nu! Ja, das mein ich, so muß man es machen. Da hast du ihn. – Mit Mannsleut, das ist doch eine andere Sache.« Johann sah stolz aus, er bog sich tief hinein und zog Eimer und Stange herauf. »Man weiter nichts«, prahlte der kleine Mann. »Den wollten wir schon kriegen.« Er nahm den vollen Eimer aus dem Schlüssel, hakte die Stange auf und gab das Gefäß der wieder und wieder dankenden Lischen. Aber der Eimer stand gleich darauf auf dem Rasen, und Lischen und Johann schnackten. So gar eilig schien es mit dem Essenkochen doch nicht zu sein, Lischen und Johann schnackten sich fest. Fritz hatte während der Hilfeleistung versucht, von hinten über den Sodschlengel zu sehen, es war nicht gegangen, er konnte nicht reichen, der Boden fiel dort nach den Büschen zu ab. Nun stand der Kleine aber vorne auf dem Trittstein und sah in den aus großen Findlingen aufgesetzten Sod. Oben wuchs Brunnenkresse, nachher sah man nur Steine und Moos bis unten hin, wo das Wasser aufglänzte. Und zwar ruhig aufglänzte, denn die von Johann geschlagenen kleinen Wellen hatten sich bereits gelegt, und das Wasser war eben und glatt wie ein richtiger Spiegel. Lischen und Johann schnackten und schnackten sich fest, da rief Fritz, noch immer in den Brunnen hineinsehend: »Wat hev ik vör grote Ohrn!« Lischen sah flüchtig hin und sprach weiter, Fritz rief es noch mal, da antwortete sie: »Lütt sünd se jüst ni, awer dat geit doch na.« »Nä, kiek mal her, Lischen, int Water sünd se na mal so grot.« »Wenn du son grote Ohrn hest, denn nimm di man vör den swarten Kerl in acht«, warf Johann hin, und gleich darauf sahen drei Menschen in den Brunnen hinab, und das tiefe, dunkle Wasser spiegelte drei Gesichter wieder. Links von Fritz war das Gesicht von Johann Kuhknecht, nicht mehr jung, aber gut und gutmütig, tief im Mützendeckel sitzend, wildes, durch keine übertünchte Höflichkeit und durch kein Kämmen gebändigtes Haar darunter hervorquellend. Zur rechten Hand ein junges, frisches, fröhliches, hübsches, Gesicht, mit braunen Augen und braunem Haar, kleine, eng ansitzende Ohren und allerliebste Grübchen in den Backen. In der Mitte unser Fritz: rote, frische, gesunde Backen, blaue Augen und sehr helles Haar. Eggert Schneider hatte ihn erst beim Kopf gehabt, das heißt: das Haar mit der Schneiderschere kahl weggeschoren, nun war es kaum zu sehen. Die Ohren waren nicht klein und lagen nicht eng am Kopf, nun er kahl war, standen sie noch weiter ab, und die Sonne, die glatt und genau am blanken Dach der Ziegelkate vorüberstrich, um Fritz Twisselmanns Kopf zu treffen, schien hindurch. Da wurden sogar die feinen Blutadern im Läppchen sichtbar, und unten im Brunnen sahen sie ganz rot und noch mal so groß aus, wie sie waren. »Jung, Fritz«, rief Lischen, »geh rasch weg, sonst kommt der große, schwarze Kerl und zieht dich in den Sod.« »Ach, was sollte er man nicht«, prahlte Fritz, trat aber vom Trittstein und Brunnen zurück. Es ist ein alter Volksglaube, daß auf dem Grund der Brunnen große, schwarze Männer wohnen, die immer auf der Lauer liegen, kleine Kinder hineinzureißen. Gefährlich ist es besonders für die mit abstehenden Ohren, denn danach greifen sie am liebsten. Einige Mütter kleben und binden die Ohrläppchen daher auch gleich am Kopf fest, damit sie sich besser gewöhnen. Der Eimer Wasser stand noch immer auf dem Rasen, blieb aber jetzt nur noch kurze Zeit, denn Johann und Lischen waren im Begriff, ihren Schnack zu beenden. Und Fritz wartete auf den Abschied, beide Hände an den Ohren. Und dann nahm Lischen ihren Eimer, und Johann und Fritz gingen weiter. Sie kamen an Nissens Hofstelle vorbei. Ein gelber Köter Packan bellte sie an, Fritz wollte schreien, Johann aber sagte, er habe immer geglaubt, daß Fritz ein Junge sei, nun aber sehe er, daß er darin verkehrt gewesen und daß er ein kleines Mädchen an der Hand habe. »Mach ihn man bang«, riet er, »dann läuft der große gelbe Hund weg.« Da trat Fritz sehr stark mit dem Fuß auf die Erde, und Packan war nicht mehr hinter ihm. Das kam freilich nicht von dem festen Blick und von dem festen Tritt des kleinen Fritz (Packan hat es nicht mal gesehen) sondern es kam davon, daß Packan ein Hund von Charakter und einer von festen Grundsätzen war. Grundsatz aber war es bei ihm, die an seinem Hof vorbeigehenden Fremden nicht weiter als bis zum zweiten Prellstein wegzubellen. Er war schon dabei gewesen, den Stein zu beschnuppern, als Fritz auch ein Charakter wurde und den Tritt trat.   Im ganzen Dorf webte um diese Zeit der Duft der Heuernte; wo die Wiesen nahe waren, schwoll er immer stärker an. Und die Luft füllte sich mit den Gerüchen der Sättigung und der Freude. Noch waren die Knicke hoch, allmählich aber wurden sie dünn und niedrig, dann hörten sie ganz auf, und dafür kamen Gräben. Johann und Fritz waren auf den Wiesen, und wie nach Lösung einer Spiralfeder schnellte ihr Blick über die schier unübersehbare Ebene hinweg. Fritz wußte nicht genau, ob es hier unten schon mal gewesen sei, jedenfalls war ihm alles neu. Neu und so ganz anders als zwischen den Hecken und Wällen. Alles so weit und frei, der Himmel so hoch und die Sonne so golden. Nicht weiter, als ein Großer werfen kann, ging ein Storch im Gras und fing Frösche, zwei andere flogen stolz und ruhig mit scharf ausgezackten Flügeln nach Abend hin. Andere große Vögel, sie sahen grau aus und Johann nannte sie Fischreiher, wateten in einem Morast, nicht so nahebei wie der Storch, der die Frösche jagte, aber noch gut zu erkennen. Und überall in der Luft ein Geschwärm und Gezirp. Nach der Gegend hin, wo abends die Sonne untergeht, ein dunkler Rand, wie Johann Kuhknecht erklärte: das große Reitmoor, das bis an die Häuser von Oldenbüttel reiche. Die geraden, grünen Wiesen ringsum, und an allen Enden und Ecken der grünen, geraden Wiesen Menschen und Leben und Arbeit, Gespanne und Wagen zum Heuladen, Schnitter zum Mähen und hier und da bunte Herden. »Das ist Jungvieh«, erklärte Johann. »Einige Wiesen legt man gleich in Weide für das Jungvolk, die andern sind für die Milchkühe, aber die kommen erst her, wenn das Heu weg ist und das Ettgrön wächst.« »Dor is en gans Regiment Kerls«, rief Fritz. Nach Süden hin sah man ein Dutzend Mäher und viele weiße Mädchenschürzen hinterdrein. Die weißen Hemdärmel der Mäher führten die Sensen in Takt und Schlag, so taten auch die Rechen der Dirnen. Johann geberdete sich, als ob ihm alles gehöre. »Dat sünd uns' Lüd, sünd all Twisselmannslüd«, erklärte er stolz. »Kiek, Fritz, dat is de Au!« Fritz sah nur einen langen Strich – weit weg und endlos, nach Mitternacht hin sich verlierend. Von dem tiefen ... tiefen Fluß, der durch das Wiesenland läuft, hatte der junge Knabe viel gehört und immer wie von etwas Unheimlichem und Gefährlichem. Peter Grön war darin ertrunken und Mars Mordhorst auch. Er konnte nicht einsehen, inwiefern der dunkle Strich ein Fluß sein könne. Die Au sei, erklärte Johann, an beiden Seiten mit Schilf und Binsen bewachsen, da seien Kattkühlen (Rohrkeulen) und Wasserrosen dazwischen, und der tiefe Strom trage große Schiffe. »Sieh, Fritz, da ist eines, es hat rote Segel auf.« So war es. Es wird ein Torfewer gewesen sein, aber es war ein Schiff mit voller Takelage und vollen Segeln. In der Einsamkeit der Wiesen, in die Luft aufgereckt, nahm es sich riesenhaft aus und tat, als ob es fliegen wolle. Etwas Ähnliches hatte der junge Knabe noch niemals gesehen, deshalb war sein Herz noch mehr für alle Wunder und Sagen, die Johann ausstreute, empfänglich. Moor- und Wasserfrauen sind hier überall in den Gräben, in den Moorkuhlen und in der Au. Kleine Jungs können sich nur in acht nehmen, zumal die mit weitabstehenden Ohren da greifen sie nach hin, just wie die Sodmänner tun. »Was sie mit den kleinen Knaben machen? – Ja, erst haben die es gut, die Frauen halten viel von Kindern und küssen sie fast tot. Aber allmählich, wie sie groß wachsen, werden sie schwarz. Und wenn sie groß und schwarz geworden sind, dann kommen sie als Sodleute in die Hausbrunnen und müssen selbst nach kleinen Kindern, die weitabstehende Ohren haben, greifen.« Gläubig und halb ungläubig hörte Fritz zu. Er wollte wissen, wie die Frauen aussähen. »Daß sie naß sind, kannst dir wohl denken, an Haar und Augen sind sie braun und dunkel, Zeug haben sie gar nicht an, sonst aber sehen sie ganz nett aus as .. as ... (Johann suchte nach einem Vergleich) ... nu as und so auf ne Art wie Lischen Lindemann.« ›Wie Lischen Lindemann, das ist nicht schlimm‹, dachte Fritz. ›Lischen hat einen süßen Mund und Kuhlen hat sie in den Backen, und von ihr geküßt werden, das geht an. Wenn das wahr ist, dann kann es so arg bei den Weibern im Grund nicht sein. »Kattkühlen wachsen immer da, wo es anfängt tief zu werden«, erklärte Johann, »und die Frauen sorgen dafür, daß sie da sind, damit kleine Jungs hineinwaten, die sie dann beim Bein oder bei den Ohren fassen können. Und mit den Blumen im Wasser ist es auch nicht anders. Und wenn es anfängt im Schilf zu rauschen und zu sausen, das ist nichts als Locken der Moorfrau im Grund. Und das alles ist List von den Weibern im Wasser.« »Sehen sie alle aus wie Lischen Lindemann?« »Ja, das tun sie wohl, das heißt: so auf die Art.« »Das ist fein!« antwortete Fritz. »Ja, das ist wohl so weit gut, nur ein kleiner Unterschied ist dabei, ihre Arme und Beine und Hände und Füße sind anders als bei Lischen. Das sind keine wie bei Menschen, sondern so wie bei Fröschen!« Fritz sah den alten Johann entsetzt an. »Son Arme und Beine, wie Poggen haben?« »Ja, das ist so. Naß sind sie und glitschig und dann mit Schwimmhaut zwischen den Fingern und Zehen, und so auch das andere all. Und das kriegt ein Junge, der Sodmann wird, auch.« Das Kind machte eine angewiderte Miene. »Ba.. pfui!« sagte es. »Ja, so is dat.« Der gleichmütige Johann griff in die Westentasche, holte eine Blechschachtel hervor und entnahm ihr eine Prise Kautabak. Und schob sie mit einer Ruhe in seinen Mund, als sei bei dem, was er erzähle, nichts zu verwundern. »Das kann ich nicht glauben.« »Dann läßt du es bleiben. Ich sollte nicht wissen, wie das mit den Moorweibern ist?« »Dann will ich mit ihnen gar nichts zu tun haben.« »Da tust du auch sehr klug an.«   Fritz Twisselmann mußte recht lange neben Johann Kuhknecht hertraben, und schließlich taten ihm die Beine weh. Erst hielt der Weg sich auf einem festen, zu beiden Seiten von Gräben eingefaßten Damm, dann kroch man durch Schlagbäume und ging an einem kleinen Moor vorbei, an dessen Ausläufern Wollgras wuchs. Das sah hübsch aus. »Da ist Watte hingeweht!« rief Fritz. Darauf kam ein schmaler Fußsteig, der durch langes, noch nicht gemähtes Gras führte. Dieser Steig endigte an einer Bretterhütte, und die Bretterhütte stand dicht an der sogenannten Au. Je weiter sie in die Ebene hineingeschritten waren, um so höher war die Sonne heraufgekommen, um so höher und leuchtender war der Himmel geworden, klein und immer kleiner aber Fritz Twisselmann. Was er sah und hörte: es waren lauter Wunder, und »ringsum sah er sich von Wundern umgeben.« Und weil er sich von lauter Wundern umgeben sah, wunderte Fritz Twisselmann sich über nichts mehr. Die Tageshitze erwärmte die von der langen Trockenheit ausgedörrte Wiesenfläche, ließ die Luft in den Hitzwellen wie in einem Hohlspiegel zerfließen und die Gegenstände, die man in der Ferne sah, auch. »Dat is de Hitt, de spelt«, erklärte Johann. Fritz sah es zum ersten mal, und bei einer spielenden Wärme konnte er sich nicht viel denken. Es war ein Ding mehr, das sich nicht in seine Verstellungen einfügte, er ließ es dabei, er peinigte Johann nicht einmal mit einem Warum. Und in den Wärmewellen webte nach Morgen hin ein Wald in Duft, ebendaher schlug etwas Dumpfes, Pochendes an Fritzens Ohr. Das wenigstens kannte er: »Dat bullert, Johann!« Aber auch das stimmte nicht. »Nein«, erklärte Johann, »das ist kein Gewitter. Das ist die Artillerie, die macht Manöver auf dem Kamp bei Rendsburg.« Und wieder fielen die kurzen, unwirschen Schläge. Und wieder hatte Johann recht, denn keine Wolke stand an dem in Sonne und Licht und blauer Luft webenden Himmel. Ein Wunder war auch vor allen Dingen der breite Fluß. Für den Kleinen war das Bild neu und war es auch groß. Wie der Strom seine Wogen wälzte, wie diese inmitten der breiten Schilf- und Binsenstraße aufglänzten, wie sie sich in geschmeidigen Windungen in dem nimmer aufhörenden Wiesental, soweit man sah, herumwarfen! Wunder ringsum. Im blauen Himmel unsichtbare, Honigwaben verheißende, Freude und Sättigung summende Insektenschwärme, und die Luft so still und ruhig. Als Johann sein Pfeifchen anzündete und ein Streichholz am Knie rieb, brauchte er nicht einmal das Flämmchen zu schützen. So fest schlief der Wind, und doch rauschte die Flußfrau in Schilf und Rohr und wiegte ein paar Rohrkeulen ganz sachte hin und her. Fritz fühlte wohl den Versucher, aber er griff nach seinen Ohren und beschloß zu überwinden, beschloß, Kattkühlen Kattkühlen sein zu lassen und Wasserrosen und Binsen ebenso, er hatte keine Lust, Sodmann zu werden. »Merkst was?« bemerkte Johann und ließ den Deckel seiner Pfeife einknipsen. »Sie wollen was von dir, die Weiber da unten.« »Da können sie lange lauern«, antwortete Fritz. »Natürlich. Und ich bin ja auch in der Nähe.« Quer durch die Wiese zog sich eine alte Einfriedigung, dazu bestimmt, einen Teil für die Herde abzusperren, die demnächst die Nachweide haben wird. Johann holte Beil und Hammer und Bohrer und Kneifzange und Nägel aus der Hütte und fing an, die aus der Lage gewichenen Latten wieder zurecht zu rücken. Erst stand Fritz dabei und sah zu, dann fing er an zu gähnen und legte sich nieder. Der Marsch war für seine jungen Glieder zu lang gewesen. Da brachte Johann ihn nach der Hütte und schob ihm seine eigene Jacke unter den Kopf. »Schlaf, mein Jung«, sagte er, »damit du nachher wieder frisch bist! Der Weg zurück ist noch ebenso lang wie her.«   Durch eine Dachfuge fiel ein feiner Sonnenstrahl; von so hellem Gold hatte Fritz es noch nie gesehen, und auch die Ätherstäubchen, die darin kreisten, noch niemals so durchsichtig duftig und blau. Und Johann nagelte Latten, das hörte er, die Hammerschläge klangen kraftvoll zu ihm her. Fritz fühlte sich köstlich allein, fühlte sich in der Hütte so vollständig Herr und Eigner seiner Person, sein Wünschen und sein Wollen war in angenehmer, zerfließender Lösung. Und dabei hatte er das Gefühl, daß Johann ganz nahe sei und nicht zulassen werde, daß ihm ein Leid geschehe. Nun fingen auch die Kanonen wieder an, das gab so viel zu denken, von der Au her kam ein Geräusch, wie wenn ein Stein hineingeworfen worden sei, in Schilf und Binsen rauschte es wieder auf; und dann wurde es ganz still. Fritz vernahm nur noch das Sausen und Singen der Sommerwärme vor seinen Ohren ... Die waren groß und standen weit vom Kopf, und Sodmann und Moorfrau greifen danach ..... Das war das letzte, was er dachte. Fritz Twisselmann schlief.   Er hatte noch nicht lange geschlafen, da steckte Lischen Lindemann ihren Kopf zur Tür herein und kam dann selbst in voller Person, eine gelbe Wasserrose im Haar. »Gib sie mir!« rief Fritz, er war halb wach. »Komm mit nach der Au, da sind ganz viele. Da hab ich diese auch gepflückt.« »Und ich habe dich im Wasser plumpsen gehört. »Siehst du!« »Sind da auch Kattkühlen?« »Ein ganzer Berg. Komm man mit!« »Auch Binsen?« »Ein Wald voll, und groß und dick sind sie wie zwei Peitschenstiele.« »Hältst mich fest, daß die Wasserweiber mir nichts tun können?« »Ich laß dich nicht los!« »Ist es ganz gewiß?« »So gewiß ich Lischen Lindemann heiße.« »Dann will ich.« »Das ist recht, komm man!« Wie sie ins Freie traten, dachte und sagte Fritz noch mal: »Meine Ohren!« Aber Lischen lachte ihn aus. »Ich schlag die alten Weiber auf die Froschhände.« Aber noch war Fritz bedenklich. »Johann sagt, Moor- und Wasserfrauen sehen aus wie du. Bist du auch wirklich Lischen von der Ziegelkate?« Lischen lachte und lachte, daß Fritz Twisselmann anfing, sich über seine Dummheit zu schämen. »Bin ich denn ein Pogg? Hab ich denn Froschhände und Froschfüße?« Und sie umarmte den Knaben und küßte ihn. »Du riechst nach Fischen!« »Red nicht!« »Und dein Rocksaum ist ganz naß. »Hab ja die Rose gepflückt, hab ja im Wasser geplanscht. Da soll man wohl naß werden.« Als sie aus der Hüttentür geschritten waren, gingen sie nahe an Johann Kuhknecht vorbei. Johann Kuhknecht hämmerte noch immer; Johann Kuhknecht sah sie aber nicht. Und als sie am Flußufer standen, verbeugten sich Schilf und Ried, und im Strom schnellte hier und da etwas Weißes, etwas Strahlendes, etwas an einen jungen Frauenleib Gemahnendes auf. »Soll ich mal was sagen, Lischen?« »Sag!« »Ich hab eine Wasserfrau gesehen, sie hatte ein weißes Gesicht und eine weiße Haut und das Haar hing ihr naß und lang und schwarz im Nacken herab.« Lischen lachte wieder, aber es war ein ganz anderes Lachen als das bei der Ziegelkate und als das eben gehörte. Und weil es so fremd klang, wäre Fritz gern am Ufer geblieben, aber Lischen zog ihn, und so wateten sie ins Wasser hinein. Erst war es seicht, und klar und kühl lief es über Fritz Twisselmanns Fuß. Was war das? Er sah, daß er nackend war. Und auch Lischen hatte nichts mehr am Leib. »Lischen, du hast ja gar kein Zeug an!« Ihre Füße waren bis zum Leib im Wasser, die sah er nicht, und die Arme hielt sie hinterm Rücken. »Was soll ich mit Zeug im Wasser? Ich bin doch ein Wassermensch.« »Weh, o weh, du bist nicht Lischen Lindemann!« »Ich bin die, die ich bin, und nun hab ich dich und nun lasse ich dich nicht.« Fritz Twisselmann fühlte nasse, kalte Hände an seinen Ohren, Fritz Twisselmann fühlte sich von nassen, kalten, glitschigen, fischigen Froscharmen umschlungen. »Hurra!« schrie das Fischweib. »Ich hab ein Menschenkind, das lasse ich nicht wieder, hurra, hurra! Ich habe wieder was zu küssen und zu herzen.« Er wollte schreien, aber Lippen, die nach Fischen und Fröschen und Binsen und Tang schmeckten, küßten ihn. Er dachte ans Ufer zu springen und wegzulaufen, aber es ging nicht, denn er sah sich mitten im Strom und in der Tiefe. Er war mitten in der Tiefe, und um ihn herum regte sich die Ungestalt vieler Glieder, um ihn herum war fischiges, fettiges Auflachen und Gluhern. Das kam von den Flußfrauen, von denen eine ganze Menge umherschwamm. Und alle wollten ihn streicheln und alle wollten ihn küssen. Fritz Twisselmann wollte schreien, konnte aber nicht, denn immer hing ein fischig stinkendes Fischfräulein an seinem Mund. Er hatte keinen Mund mehr, den Mund hatten sie ihm gestohlen, er hatte kaum noch Augen, um sich zu schauen. So viel aber sah er: im Grund ging es tief hinab, ihm schien, ebenso tief, wie der Himmel hoch ist. Und in dem tiefen umgestülpten Himmel wimmelte es ganz schwarz von Ungetier. Aber zuletzt sah er, es waren Menschenkinder wie er, kleine und große, und alle mehr oder weniger schwarz mit einem Ansatz von Schwimmhaut zwischen Fingern und Zehen, einige als Sodmänner allenfalls schon verwendbar, andere noch zu jung und zu klein. Und sie schossen von unten herauf und wollten alle nach Fritzens Ohren greifen. Und die Wasserfrau, die ihn geholt hatte, sagte, das seien nichts als Übungen, da brauche er nicht bange zu sein. Aber da war ein angehender Sodmann mit einem alten Gesicht und einer bekannt klingenden Stimme, der griff, daß es weh tat. »Da brauchst du dich nicht darum zu bekümmern«, sagte die Wasserfrau, »das meint er gar nicht so.« Fritz Twisselmann aber glaubte ihr kein Wort mehr, Fritz Twisselmann schlug die Froschweiber auf Arme und Hände, ja er schlug sie sogar auf den Mund, er riß sich los und riß sich nach oben und wollte schreien und schrie und – erwachte. »Junge, ja!« Johann Kuhknecht stand in der Hütte an Fritz Twisselmanns Lager. »Junge, du hast aber 'n Schlaf. Da muß man ja die Ohren halb abreißen, ehe es fleckt. Aber nun komm flink, nun wollen wir nach Haus.«   Auf seine geträumten Heldentaten war Fritz Twisselmann so stolz, daß er sich nicht einmal vor Packan fürchtete und schon vor der Nissenschen Hofstelle fest auftrat. Packan respektierte das und wagte sich nicht von der Diele. Lischen Lindemann war, als Fritz und Johann an der Ziegelkate anlangten, bei der Bleiche, setzte aber die Gießkanne hin und schnackte ein wenig. Fritz schnoberte mit krauser Nase an ihren Röcken herum, ob sie auch nach Fischen rieche und ob der Rocksaum wohl naß sei. Aber weder das eine noch das andere. Sie war doch wohl die echte Lischen, die braune, die mit Kuhlen in den Backen. »Fritz, was bis du für ein süßer Junge!« Sie hob den Kleinen in die Höhe und küßte ihn auf den Mund. An der Pforte des Glücks Die Straße von Westen nach unsrer Stadt führt durch eine weite, wüstenähnliche Ebene. Zwar ist sie fruchtbar und grün, diese Wüste, und in ihren saftgeschwollenen Triften ärgern sich Tag für Tag gescheckte Rinder über den Talg, der sie beim Gehen drückt und sie asthmatisch beklemmt; aber eine Wüste ist sie immerhin. Rechts und links in gemessener Zurückhaltung von der gemeinen Chaussee, in burgähnlicher Vornehmheit, lagern Gehöfte hinter tiefen Wassergräben und hohen Bäumen. Man träume stundenlang im schaukelnden Wagen und öffne die Augen: dieselben stattlichen Rinder beanspruchen die Bewunderung entzückter Schlächter, und am Horizonte drehen sich stets die Flügel einer Windmühle. Vor einem Jahrzehnt noch war der Ort durch keine Schiene mit der großen Welt verbunden. Um so stolzer war man auf die Klinkerchaussee, die in gewandtem Bogen fünf deutsche Meilen lang das Grasmeer bis zur nächsten Eisenbahnstation durchschnitt; stolz war man auch auf die gelben Postkutschen, die zweimal täglich, am heißen Mittag und in kühler Gespensterstunde, vom Westen her über das Pflaster humpelten. In der Regel wehte neben dem gelben Marterkasten am Mittag ein sonniger, wie Seewasser und Schlick anmutender Westwind her, in gleichem Schritt mit dem Wagen. Wie eine klatschende Marktfrau schwatzte er mit den an entengrünen Hofgräben stehenden Pappeln, trollte dann aber rasch der rumpelnd weiter gefahrenen Postkutsche nach, wisperte und klapperte an Türen und Fenstern und war bald wieder mit seiner Liebhaberei beschäftigt, dem Postillon die blonden, wassergekämmten, unter dem Stephanshut hervorquellenden Strähnen zu zerzausen. Das Städtchen liegt nicht in der Ebene, sondern auf dem Geestboden, dicht an der einstmaligen Meeresküste, die sich noch jetzt ziemlich steil zur grünen Marsch hinabsenkt. Und wenn der West mit dem alten Marterkasten zusammen in den Ort hineinfuhr, komplizierte sich seine Beimischung von Meerwasser und Schlick zu einer Dreiheit. Denn von dem ehemaligen Heideboden sammelte er einen feinen, sandigen Staub und jagte nun diese herrliche Mischung in unbestechlicher Unparteilichkeit durch Haupt- und Nebenstraßen, in die Wohnungen des Landrats und des Direktors so gut wie in die der Bürger, der Hilfslehrer und Probekandidaten der gelehrten Schule. Als ich einst ›vom Lande her‹ in die in meinen Augen so große und prächtige Stadt einzog und von dem alten Gymnasialdirektor, von Konrektor und Subrektor auf den Akkusativ mit dem Infinitiv, und was sonst eine Aufnahmeprüfung an Fußangeln verbirgt, geprüft wurde, um dann als Quartaner unter die ›Gelehrten‹ versetzt zu werden, hatte ich mit Unwillen bemerkt, daß der Staub selbst in die Wohnungen des Rektors und der ›Böcke‹ eindringe. Später, als ich dort selbst ›Bock‹ war und einem nachwachsenden Geschlecht alles mir angetane Leid vergalt, machte ich die gleiche Erfahrung, ohne darüber in Unwillen zu geraten. Ja, als ich nunmehr, aus der gräulichen Verpackung der Postkutsche losgeschnürt, an meinen blinzelnden Augen erfahren mußte, daß der Staub einen außerordentlichen Professor und Doktor nicht verschonte, hüllte sich meine klassisch gebildete Seele in das gelassene Gewand der Stoiker. Wie mit dem Staub, so war es auch im übrigen so ziemlich beim alten –. Noch immer die alte, breite, von dem Grün der Kastanien umsäumte Hauptstraße. Sie mochte damals, als die ersten Katen in der Heide errichtet wurden, ein breit gewundener Weg gewesen sein, mit zahllosen Rillen und Geleisen, worunter armselige Bauerkarren nach Wind und Wetter, Nässe und Dürre ihre Wahl trafen. Die weit zurücktretenden Häuserzeilen verliefen noch jetzt in unregelmäßig geschüttelten gewundenen Linien, sie schlängelten sich noch immer nach den Wagenspuren des einsamen Heidewegs, und selbst die noch zu meiner Zeit von dem Verschönerungsverein ins Leben gerufenen Lindenpromenaden machten gehorsam die Windungen mit, die vor Jahrhunderten, vielleicht vor einem Jahrtausend, zum ersten mal eine Handelskarawane durch die lautlose, nächtliche Heide zog. Vielleicht schreckten dort, wo jetzt der Schatten eines wohlgepflegten Gartens, meinem Gasthof gegenüber, lockt, vermeintliche Unholde des langen, gespenstischen Ginstergesträuchs die Geleitsmannschaft, deren Stahlpanzer zwar den Geschossen der Feinde, aber nicht der abergläubischen Furcht Eingang verwehrte. Meine Blicke verloren sich in den Garten und in das Haus, dem er zugehörte. Ein altertümliches Gebäude mit einem nach dem Garten ausgebauten neuen Seitenflügel. Eine von blühendem Gerank belebte Plattform, die mit dem Garten durch eine breite Freitreppe, mit dem Saal durch eine Glastüre verbunden war. Die schön gerundete Krone einer Rotbuche beherrschte die mit gefälligen Farben und Ziersträuchern geschmückte Anlage.   Eine Stunde später sah man mich, frisch gewaschen und gebürstet, aus dem Gasthause über die Straße schreiten, und gleich darauf schellte die Glocke des alten Hauses meine Ankunft durch den weitläufigen Bau. Der wichtige Ton fand in dem Empfangsflur einen kräftigen Resonanzboden, und als ich die Tür ins Schloß drückte, lief der volle Glockenton die Treppenstufen hinauf in geheimnisvolle Räume. Von dort aus dem Gartenflügel antwortete der fragend verwunderte Schlag einer Schwarzwälderuhr. In alten lieben Kindermärchen tändeln junge Schäfer einen Tag mit schönen Elfen; bei Mondenschein zieht der begnadete Hirt ein in den Zauberpalast, bei Mondenschein tritt er aus dem lieblichen Gehege, und siehe! inzwischen ist die Zeit um sieben Jahre weitergerückt, und der Knabe von gestern hat Kraft und Gestalt eines Jünglings. Immermann läßt den armen Klosterschüler, jahrein, jahraus, während eines unendlichen Zeitraums dem schnarchenden Meister des Eibenzweiges die Höhle stopfen. Als eisgraues Männchen bricht er die Verzauberung, und dessenungeachtet schreitet er an demselben Peter-Paul-Tage mit dem mißfarbenen Stecken aus dem Wald, an dem er den Ritter Konrad am Waldessaum verließ, ja, er trifft noch diesen Gefährten mit der rosigen Prinzessin und dem roten Wein im Waldesschatten. Und wäre man noch so sehr gegen Zauberei gefeit: in wenigen Minuten kann die rückwärts gewendete Seele lange Jahre durchleben. So zum Beispiel, wenn man, seiner Herzensdame Reverenz zu erzeigen, klopfenden Herzens auf prächtigem Hausflur des vom Klingel- und Glockenzeug aufgestörten Hauses verweilt und das Erscheinen einer Person erwartet, die den Besuch den gnädigen Damen zu melden erbötig ist. Bei meinem Eintritt war mir gewesen, als ob irgendwo hoch oben ein Dachfenster klang, und von oben kam es wie Rauschen und Schlürfen. Dann hörte ich nichts mehr ... Ich wartete ... In den wenigen Jahren meiner Abwesenheit hatten das Haus und der Garten, alles, was mit dem Fleck in Zusammenhang stand mir im Sinn gelegen. Wie oft hatte ich sein Grün im flutenden Sonnenlicht gesehen, wie oft die verliebten Zitronenfalter vor der Rotbuche, und auf dunklen Päonien die grünen, seidengeflügelten Libellen! Jetzt plagte mich eine wunderliche Ungeduld, das alles wieder mit leiblichen Augen zu schauen. Und während ich noch den Hut in behandschuhten Händen drehte, hatte ich schon in Gedanken die ganze Familie begrüßt: die Dame des Hauses mit ihren klugen Augen, die Töchter, alle schlank, hübsch, fröhlich, liebenswürdig, edle Vertreter eines frischen Geschlechts. Von hier hatte ich den Sonnenschein mitgenommen, und Jahre hindurch, als ich nach einer Lebensstellung rang, hatte er mich getreulich begleitet. Und jetzt sollte ich sie wiedersehen, die meinem Leben Sonne und Stern gewesen war. Plötzlich (ich steh noch immer und drehe meinen Hut) was ist ... welch wunderliche Vorstellung steigt in mir auf! Ich sehe den Weltenwerkmeister, wie er meine Auserwählte schuf. Die Seele entnahm er einer Vorratskammer, wo die Qualität Ia lagerte, und unter den besten aller Seelen wühlte er wählerisch umher, bis er die sanfteste, edelste und uneigennützigste fand. Beflügelte Amoretten hauchten den Zauber der Anmut über sie; der liebe Gott rieb sich schöpfungsfreudig die Hände und gelobte, der Menschheit ein Meisterwerk zu stiften. Der Augen dunkle, sanfte Glut entfachte er durch seinen göttlichen Atem, über ihrer reinen, dulderhaft geneigten Stirn ließ er die schwarze, glänzende Haarpracht hervorbrechen. Und in dem heiteren, gewinnenden Lächeln der Schmelz blinkender Zähne. Die Seele war fertig und noch immer stand ich auf dem Flur des großen Hauses. Was hatte mich hergeführt? Wollte ich mich mit liebenswürdigen Damen über das Wetter unterhalten, oder frischweg meine ganze Doktoren- und Professorenherrlichkeit der Verehrten zu Füßen legen? Ertappte ich mich auf solchen Gedanken, so schien es mir ausgesuchte Tollheit. Ich sah ihr liebes Gesicht sich halb in Zorn, halb in Verlegenheit verschleiern, was mich zu solchem Unterfangen berechtige. Äußerlich war unsere Bekanntschaft ja eine flüchtige. Ein Höflichkeitsbesuch in feierlicher Angströhre, bei meiner Abreise ein Abschiedsbesuch. Das letzte mal hatte ich die Damen verfehlt, und die Visitenkarte allein hatte bezeugt, wie der Doktor sich seiner gesellschaftlichen Verpflichtungen gegen die Familie erinnert habe. Bei einem Besuch, den ich den stickenden und häkelnden Damen unter der Rotbuche angesichts der blühenden Päonien geschenkt, hatte ich mit ihr über Literatur, Kunst und Gegend gesprochen, auf einem Ball mit ihr getanzt und eine Unterhaltung über die Hitze im Saale und über das Wetter geführt. War das alles? – Ja, und nein. – Nein, wenn man einen langen Kotillon mitrechnet, durch dessen Touren sie mich mit viel Geduld geführt hat. Tanzen war wohl meine starke Seite nicht, um so mehr freute ich mich über die Güte und Nachsicht, die ich in ihren lieben Augen las. Ich fand nicht das erlösende Wort. Sie war reich, vielumworben und schön, sicherlich auch ein verwöhntes Kind. Mir aber fehlte alles, was begehrenswert war. Ich fand auch nicht den Mut, ihr aus der Entfernung darüber Aufklärung zu geben, daß mein armes Herz nun schon so lange in lichterloher Feuersbrunst stehe und doch – ein neues Berufungswunder – nicht verbrenne. Nun aber hatte ich wie aus Himmelssphären den Ruf gehört, ich müsse ihr Mann werden, ich müsse sie sanft zur Sparsamkeit erziehen. So gebieterisch hatte ichs vernommen, daß ich nicht mehr widerstehen konnte. Die ärgste Not des Lebens war abgeschüttelt – nun war etwas in mir erwacht, das nach Selbstvertrauen ausgesehen hatte. Freilich, während der Reise war es schon erheblich verblaßt. Wie ein Träumer hatte ich mich von Station zu Station treiben lassen . . zu ihr, und wenn ich mich genau besann, so war das Beste an meiner Zuversicht die tröstliche Freiheit gewesen, noch von ihrem Hausflur hinweg die Flucht ergreifen zu können, fort mit meiner Sehnsucht, mit meiner Liebe, im Besitz meiner Freiheit, aber in dem Bewußtsein, ein unaussprechlicher Esel zu sein. Und als ich nun allein auf dem Hausflur stand, wurde ich ganz feige. ›Was tust du, was beginnst du? Du unterstehst dich, glücklich werden zu wollen? Du bist ein Verwegener, ein Verruchter. Flieh, o flieh! Noch ist es Zeit, noch trennt dich die Bodendecke von dem Gewand, dessen geheimnisvolles Knistern aus den Frauengemächern kommt .... Schon bewegt sichs aufs Treppenhaus zu .... Noch bist du unbemerkt. Flieh, flieh! Wenn du bleibst, findet dein Leben neue Nahrung, dem Glück aber bleibst du ferner, als je.‹ Meine Hand wandte sich zum Türgriff. Halt!! Es war zu spät: Sie selbst glitt langsam die Stufen herab. Schöner, größer denn je, in reinen, hellen Sommerfarben. Noch immer beugte sich unter der dunklen Pracht ihres Scheitels die sanfte, ergebungsvolle Stirn. Ein frisches, gütiges Lächeln rief alle Wiegengeschenke wach, die ihr die Genien der Anmut am Schöpfungstage verliehen hatten. »Herr Doktor, wie schön, daß Sie an Ihre alten Freunde denken!« Und beide Hände streckt sie mir entgegen. Meine Lippen berührten verwegen ihre Hand. Es war eine weiße vornehme, duftende Hand.   Seit jenem Tage ist ein Jahrzehnt vergangen. Jetzt bin ich Gatte und Vater, und zwar ein glücklicher. Da trippelt mein Hänschen und sinnt und summt. Auch er ist, fürchte ich, ein kleiner Phantast. Denn Gesellschaft zum Spielen braucht er nicht, in seiner Einbildung hat er tausend Mitspieler. Der wird auch vier Jahre an der Pforte des Glücks harren, bevor er das Wörtchen, das sie sprengt, zu sprechen gewagt. Da hockt mein Lieschen und näht für ihre Puppe eine ganz kleine, mit Watte gefütterte Jacke. Aus den langen Wimpern der Puppenmama bricht der gleiche dunkle Strahl, durch den mich ihre Mutter in den Sand streckte. Auch meine Frau zog – so erzählte mir die Mutter – ihre Puppen immer warm an, fast zu warm, just wie sie jetzt ihre Kinder zu warm kleidet. Und dort am Fenster sitzt sie selbst in unwandelbarer Schönheit und stopft (es ist rührend) sie stopft die Ellenbogen ihres Gatten, genau ausgedrückt: seines Hausrocks Ellbogen. Ich habe die üble Gewohnheit, die Arme aufzustützen, wenn ich im Anblick meines Weibchens das Kinn in beide Hände vergrabe. Aber oft trage ich nicht länger mein Glück. Zu ihren Füßen kniee ich und verberge mein Gesicht in den Falten ihres Gewandes. Und dann küsse ich wieder Lippen, Augen und Stirn – und meine Hand (sie darf es, und noch mehr darf sie, meine grobe, große, ehemännliche Hand), meine Hand wühlt in der aufgelösten Flut ihres Haares. Das alles darf ich – und ernte gar noch Lächeln und Dank: »So ... so ... Guter, Lieber, nun ists genug!« Genug? Ich wortreicher Darstellung meiner Liebe tue ich mir nimmer genug. Der abgegriffenen Redensarten schäme ich mich, und sagen können, wie man liebt, weshalb man liebt, wurde noch keinem gewährt. Aber solch stotternder Gefühlsausbruch rief auch heute ein freundliches Lächeln hervor. »Du bist ein Schmeichler«, entgegnete sie, »und, was schlimmer, ich fürchte, du bist ein Phantast und Dichter. Es ist ja alles nicht wahr, was du da Überschwengliches von mir redest! Ich bin eine Hausmutter, eine Frau, die ihre Pflicht tut, vor allen Dingen Kinder und Mann bestopft und beflickt.« Und eifriger senkt sich die Nadel in meine schäbigen Ellenbogen. »Ein Dichter?« bemerke ich. »Ich fürchte, nein, aber ein Phantast vielleicht. Weißt du, daß ich zugegen war, als der Schöpfer für mich, den Professor und Doktor, das ihm bestimmte Weibchen, wie es jetzt stopfend vor mir sitzt, erschuf?« Und nun erzahlte ich ihr mein Gesicht vom Korridor ihres Vaterhauses. Wie der liebe Gott in der Seelenvorratskammer wühlte und wählte, wie er wichtig und feierlich tat bei dem Werk. In dem geschäftigen, befriedigten Händereiben des Meisters (ich rollte die Hohlflachen umeinander wie der Spielmatador die Kegelkugel), übertrieb ich, fürchte ich, ein wenig. War ich einmal im Bekennen, so brachen alle Gedanken, die mich auf meinem schweren Gang erfüllt hatten, hervor. Die Minuten an der Pforte des Glücks durchlebte ich noch einmal. Auf den Zügen meiner Zuhörerin lag liebenswürdiger Spott. »O, ihr leichtsinnigen, oberflächlichen Männer«, begann sie. »Da werden den Mädchen Eigenschaften angedichtet, deren Vorhandensein die Maske geheimnisvoll weissagen soll, und diesem Idol, nicht uns, wird dann geopfert und Weihrauch gestreut, bis der Priester alle Klarheit eingebüßt hat. Bekommt ihr nur eine halbwegs tüchtige Frau: es ist euer Glück, nicht euer Verdienst. Denn die Zukünftige wirklich kennen lernen, das lohnt nicht. Ob ich eine gute Mutter abgäbe, ob eine gute, sparsame Hausfrau, die mit den knappen Mitteln zu wirtschaften versteht, für Mann und Kind nähe, stopfe, flicke, für des Leibes Nahrung und Notdurft in Küche und Keller sorge – von allen diesen Dingen schwiegen wohlweislich meine schwarzen Augen wie meine weißen Zähne. Aber danach fragt kein verliebter deutscher Professor.« »Doch ein klein bißchen«, beteuerte ich. »Ich dachte es mir so reizend, wenn ich meine kleine verwöhnte, meine verschwenderische Frau, denn dafür hielt ich dich, ein wenig zur Ökonomie ermahnen müßte. Und dann, so stellte ich mir vor, sahst du zu mir auf wie zu deinem Gott, und wurdest sparsam, mir zuliebe.« Meine Frau ließ ihre Arbeit und meine vielgestopften Ellenbogen in Ruhe, gerade so lange wie nötig war, um aufzulachen. »Umgekehrt wurde ein Schuh daraus, werter Herr Gemahl, alles umgekehrt bis auf die göttliche Verehrung, die ich nicht beanspruche, vielmehr dir, Hausstandssachen ausgenommen, stets darbringen werde. Nein, du bist ein treuer, ein lieber, aber zu komischer Mann. Ich halte den unpraktischen, in der Harmonie der Sphären, aber nicht auf der profanen Erde heimischen Professor in wirtschaftlichen Fragen ein wenig, ein ganz klein wenig nur im Zaum, und der Professor träumt von Gardinenpredigten, die er seiner zukünftigen Frau wegen Verschwendung zu halten beabsichtigt! Träumer und dreimal Phantast! Daß du auf deinem feierlichen Gang zu uns herüber von mir beobachtet worden bist, davon hast du, Überirdischer, natürlich noch jetzt keine Ahnung. So wisse denn: ich sah dich und wußte gleich, daß es unser gemeinsames Schicksal sei, was so peinlich gebürstet unter der Angströhre daherging. Ich stand oben in der Wäscheplättkammer. Meine vornehmen Hände steckten in Amidam und Waschseife. Aber ich war praktisch und durchaus nicht bestürzt. Meinen ideallosen Anzug rasch wie eine verschlissene Schlangenhaut abgestreift, hurtig in mein weißes Hauskleid geschlüpft, den verehrten Herrn Professor zu begrüßen. Und mein Herz hatte mich nicht betrogen. Ich nahm ihn, den lieben guten Schwärmer, wie Figura zeigt.« Sie hing an meinem Halse. »Aber ob ich es getan, wenn ich gewußt, was er von meiner Hausmutterschaft halte?« Ein Wanderlied Hügel steige ich hinauf, sein Haupt hat glatte Kuppelform, schon langst hat es den Kommenden – angelacht, hätte ich bald gesagt. Aber das gäbe nicht die rechte Anschauung von des Berges Würde, von seinem Ernst. Angelacht hat er mich nicht, er hat nur nach mir hingesehen, wie ein Starker tut, dem die Herablassung die Lippen kräuselt, wenn er mit kleinem Kruppzeug zu schaffen hat. Und beim Hinsehn schaute er gutmütig aus und sprach die Worte: ›So ist es recht, komm nur sachte herauf, setz deine Sohlen dreist auf meinen Kopf; ich werde es gerne leiden, und dir wird es eine Freude sein. Bin ich doch nicht nur eine berühmte Wasserscheide zwischen Stör und Eider, sondern auch ein Aussichtspunkt über die Stätten, die dir gegeben haben, was du hast, und dich zu dem gemacht haben, was du bist.‹ Ich kam vom Osten meines schmalen, meerumrauschten Vaterlandes von Holsteins Osten, um den allgemach eine umfangreiche Bädekerliteratur anschwillt. »War es dort schön?« fragt man, und ich antworte: »Ja, schön war das Land der in sanften Wellen hinrauschenden Felder, das Land der hochgetürmten Wälder, der hinfliegenden Hügel und nachrauschenden Seen, der blanken, blauen, immer melancholisch schauenden und doch immer hoffnungsseligen Seen. Auch der Gesang der allgegenwärtigen Natur in Laub und Schilf gefiel mir gut, es ist nur schade, daß ich die Melodie nicht nachsummen kann. Ich kann es nicht, weil mir doch etwas fehlte. Genau weiß ich nicht, was; nach meiner Empfindung war Frau Natur im Osten zu gut angezogen. Landschaften erinnern mich immer an Frauen, und ich mag diese lieber im Hauskleid als im Ballkleid. So ging mirs schon, als ich jung war, so geht es mir noch jetzt, da ich alt bin. Und zuweilen finde ich sie sogar entzückend, wenn sie in schaler Arbeitshülle stecken.   Einmal, zehn Jahre mögen verflossen sein, sah ich eine Magd, die einen Keller gescheuert hatte und nun schnell über die Straße zum Krämer eilte. Sie war naß, sie troff, sie war schmutzig, lief in Holzpantoffeln, mit aufgebundenen Röcken, mit nackten, von allen Spuren der Arbeit bedeckten Armen, die Hände noch immer zum Scheuern gekrallt, das reiche, braune, aufgeflirrte Haar wild um den schönen, jungen, über das ganze Gesicht lachenden Kopf. So flog sie durch das Gewühl der Straße. Wenn du nun ein Maler wärst! dachte ich. Wenn du auch nur eine Kamera hättest und das Bildchen knipsen könntest! Du bist und hast aber keins von beiden, grab um so tiefer in dein Gedächtnis ein, was deine Augen sehen. Denn es ist über alles Maß köstlich, und wundervoll ist es. Schon die Selbstironie, die in dem Gesichtchen herumkichert: ›Ich weiß‹, steht darin, ›daß sich das nicht gehört. Eigentlich müßte ich erst hinauf in meine Kammer gegangen sein, mich zu waschen und zurechtzumachen, vor allen Dingen das Haar, eine reine Schürze vorzubinden, vielleicht gar ein Körbchen zu nehmen, eine gestickte Decke darüber zu tun, und dann sein ordentlich hinübergehn, das halbe Pfund Seife und die Soda, die mir fehlen, zu holen. – Ach was! – Da habe ich keine Zeit zu, ich muß fertig werden, ich mache mir nichts daraus, ich springe hinüber, wie ich bin, steige aus Dreck und Wasser, klebend, schmutzig, und lache den Leuten ins Gesicht.‹ Wenn ich jung gewesen wäre, und wenn es sich geschickt hätte, dann hätte ich das frische Menschenkind gestellt und zu ihm gesagt: »Jungfer, Sie sind zu schön, ich muß Sie küssen. So viel Zeit hats doch wohl mit der Seife.« Jetzt hätte ich wenigstens gern den Hut vor ihr gezogen: ›Hochachtung!‹ Ich wußte aber, daß das nicht sein darf. Es ging nicht, aber freuen durfte ich mich doch, um ein frisches Bild reicher geworden zu sein. Und dabei mußte ich immer an Philine denken, wie sie zum ersten mal mit Wilhelm Meister zusammentraf. Ihr Frisierjäckchen war nicht ganz sauber, und das gab ihr ein so hausmütterliches Aussehen.   Ich war dabei, etwas von dem Eindruck mitzuteilen, den schöne und gute und sanfte Frauen auf mich im Werkeltagskleide machen. Wenn ich sie im Putz, wenn ich sie in Prachtgewändern sehe, habe ich immer das Gefühl, als sei ich bestohlen worden, als sei mir etwas genommen worden, als sei das Herz meiner Freundinnen auf einmal schlechter und hochmütiger geworden, als stehe etwas zwischen uns. So behaupten meine Augen, und auch mein Herz sagt, daß das so sei. Ähnlich geht es mir mit der Natur im Osten unseres Landes. Ich habe immer den Eindruck großer Toilette. Und dabei geht sie nicht mal in Gesellschaft, sondern sitzt in der guten Stube allein mit ihrem Staat. Für den angelegten Putz sieht es zu leer und einsam bei ihr aus. Es sind zu wenig Menschen da. Wenn ich sage: zu wenig Menschen, so rechne ich die Bier trinkenden, Butterbrot essenden, die lustigen und lärmenden Touristen nicht dazu. Die gibt es genug, und doch ist das Landschaftsbild tot. Denn ich vermisse Häuser und Dächer von glücklich sein sollenden, den üppigen Boden bebauenden, zu ihm gehörenden Menschen. Es gibt Landschaften, die ihre Schönheit verlieren, wenn die Einsamkeit fehlt. Was wäre die windverwehte Heide ohne sie? Was das Unheil brütende Moor ohne Verödung? Was wäre ein am Rande von Wald und Heide belegenes Häuschen, wenn es nicht so verlassen und einsam in die Welt hinausgestellt wäre? Küchenrauch schwelt aus Dach und Fenster und erzählt von Bratkartoffeln und Milchreis und von genügsamen sich daran gütlich tuenden Leuten. Da paßt die Einsamkeit hin, nicht aber in die Kulturgärten strotzenden Segens. Da will ich bunt hingestreuten Reichtum lachender, reicher, fröhlicher Dörfer.   Nun stehe ich oben auf meinem Berg und sehe nach meiner Heimat hin und schaue die von meinem Herzen begehrten Dächer und Häuser, sehe ein reich besetztes Land. Die dunklen Farben herrschen vor, aber in der Mitte des Bildes strahlt es wie ein von rotem Mohn gefülltes Beet. Aber der Mohn löst sich in Häuser und Ziegeldächer auf, es ist ein mir wohlbekanntes Kirchdorf, das vor vielen Jahren abgebrannt und mit harter Bedachung wieder aufgebaut worden ist. Seitdem glänzen die Dächer im schönsten Rot. Wie es aus Gärten und Büschen und Bäumen herausleuchtet! Ein paar Neubauten sind heraufgewachsen, die Schiefer tragen. Tot und häßlich, schwarz gestrichenen Särgen gleich, stehen sie mitten in der Blüte des Vergessens. Ziegeldächer im Grünen sehen gut aus, aber noch besser gefallen mir Strohdächer, die auch hier am Rand des Ortsweichbildes heraufgrüßen. Und sie gemahnen mich schier an Mutterhand und Liebe. Breit und gesegnet, alles in sich aufnehmen wollend, reichen sie tief hinab, und Bescheidenheit und Ehrlichkeit und Heimatliebe – alles liegt darin, Klugheit schaut aus den Giebeln. Der Turm des Ortes ist nicht ganz fertig geworden, er hat ein Notdach bekommen, sein Hahn sieht stolz nach den Dörfern hin, die keine Kirche haben. Er hat aber keinen Grund, sich zu blähen. Denn ein Dorf, das einen Pastor, eine Kirche, daher auch einen Jahrmarkt und eine Tierschau und viele Schenken, viel zu viele besitzt, ein solches Dorf ist eine halbe Stadt. Richtige Dörfer haben das alles nicht, in richtigen Dörfern ist es vielmehr eine Art Fest, wenn man das Gespann der Schwarzen ins neue Sielengeschirr legt und nach den roten Dächern hin ›to Kark und to Mark‹ fährt. Da liegen sie rechts und links vom Turmhahn am Bache – hingewürfelt, an Wälder angelehnt, groß und volkreich. Große Hufen, eine noch mächtiger als die andere, und alles in Freiheit und groß und gelassen, Dächer und Brandmauern gegeneinander und hintereinander vorschiebend. Wie liebe ich sie! Die Dörfer auf unserm Mittelrücken des vom Ural kommenden und nach Skagens Spitze hinauflaufenden Höhenzuges und die auf seinen Abdachungen. Und wie liebe ich seinen freien, selbstherrlichen, selbstbewußten Bauern! Eine Kutsche rollt am Hofe vorbei, der Bauer steht am Weg und forkt Dünger auf den Wagen und bleibt dabei, obgleich er einen ihm bekannten ›Großen‹ in dem Reisenden erkennt. Sein wackerer Tolk bellt, wie es sich gehört, hinterdrein. Er forkt weiter und hält sich für ein nichts Geringeres als der gelangweilte Hochwohlgeborne in der von Tolk noch immer verfolgten Kalesche. Der Eigenbauer des Mittelrückens hat nichts von Salonhöflichkeiten an sich, er ist sogar ein wenig geradezu, aber gern gebe ich dafür die dienstergebene Höflichkeit des Pachtbauern im Osten, der in der Furcht seines Gutsherrn erzogen ist und die Mütze so hübsch zu rücken versteht. Wie grob und schwer schreiten wir im Westen dagegen aus! Voll Selbstvertrauen und Stolz. Und wenn wir die kleinen, in den Falten des Geländes verschwindenden Häusergruppen der östlichen Pachtbauern als Dörfer bezeichnen, dann tun wir es in dem Bewußtsein, daß wir gnädig und nachsichtig sind und eigentlich nicht nötig haben, den Hüttenkram dafür gelten zu lassen.   Und nun wandelt mein Fuß auf der Erde, die zu meinem Heimatsdorf gehört, auf der halben Quadratmeile, worauf es hingestreut ist. Vor vielen, vielen Jahren, als alles Wald war, da kamen, sagt man, Ansiedler, bauten Blockhäuser, schlugen einen Zaun um ihr Besitztum, schoben ihn immer weiter gegen den Wald vor und hörten erst auf, als sie dem Nachbarn ins Gehege kamen. Unter Eichen gedeihen andere Menschen als unter Erlen, hier andere als im enggebauten Dorf. Einsam und doch nicht vereinsamt, sitzt jeder auf seiner Scholle, selbstgenügsam und unabhängig, vielleicht ein bißchen zu sehr. Ich bin wahrscheinlich ebenso, hat mich doch die Erde dieses Dorfes geboren. Und wenn ich sie berühre, überströmt mich eine Fülle von Wärme. Mich überströmt Wärme, und wenn man das Heimweh nennen will, so soll es mir recht sein. Ich glaube wirklich, das Weh um die Natur ist dabei mit im Spiel. Denn ich weiß, wie schlimm sie daran ist. Ich bin der Hüter der Geheimnisse ihrer Liebe und ihrer Schmerzen. Sie ist, ich wills sagen, ein fühlendes, ein lebendiges Wesen, wie ich selbst. Wir sind durch den ›Sündenfall der Geburt‹ Schicksalsgenossen geworden, ›in grobe Häute genäht‹, sie wie ich, und bemüht, sie wieder abzustreifen. Wenn die letzte Hülle fällt (Sterben heißt man es gemeiniglich, Weise aber nennen es Auferstehung) dann sind wir wieder eins, wie von Ewigkeit her. Die Natur meiner Heimat und ich ... Wir tragen gleiches Leid, doch ist mein Los das bessere. Die Larve wird bei mir früher platzen, die Flügel werden mich jünger emportragen. Und dann: ›Mir gab ein Gott zu sagen, was ich leide‹ – aber dich, arme Natur, schlug er mit Stummheil. Die Sprache der Zungen und Worte versagte man dir, es blieb dir nur die stumme Gebärde. Wir aber kennen uns, ich verstehe deine Gedanken, und ins Tagebuch meiner stillen Stunden schrieb ichs hinein, mit hartem Griffel–ein wenig von deiner Freude und viel von deinem Leid.   Ein schwarzer Köter bellt mich an, ein gelber Hahn kräht vom Mist. Ich bin an einem Kreuzweg angelangt, wo ein halbes Dutzend Häuser zusammengedrängt ist, ein kleines Dorf im Dorf. Bis zu meines Vaters Hof sind jetzt nur noch wenige Minuten. Und breit liegt er vor mir im Grünen. Am Rande ist junges Baumgelichter heraufgewachsen, das kennt mich nicht und kümmert sich nicht um mich. Aber die vor der Haustür stehenden Großen, die Buchen und Linden grüßen mich mit stillen Neigen. Guten Tag, ihr Alten! Es kommt ein müder Mann. Hein Wieck, eine Stall- und Scheunengeschichte 1 Das Dorf ist am östlichen Saum eines Waldgeheges belegen, die Landstraße, die hindurch führt, ist ziemlich gewunden, so daß die Bäume bald nah, bald fern sind und man nur an wenigen Stellen tiefer in die grüne Waldeinsamkeit hineinsieht. Der Kirchort ist auf der andern Seite. Dahin leitet ein Weg um den Forst herum, denn durch den Wald selbst ist der Wagenverkehr nicht erlaubt, da darf man nur gehen. Aber auch dafür sind die guten Untertanen dankbar, denn in dem schönen Eichen- und Buchenwald ist es herrlich. Friede bedeckt mit tiefem Schweigen eine halbe Geviertmeile einsamen Glücks. Nach Einsamkeit, Glück und Frieden siehts auch im Dorf aus. Die Häuser kümmern sich nicht um die Welt, sie sehen hinten weg in die Gärten und Wischhöfe, der Landstraße kehren sie Dielentür und Stallende zu, was ihnen vom Wege her ein heiter verschmitztes Aussehen gibt – just, als ob die Giebelgesichter sich ihrer Dachbodengeheimnisse erfreuten. Dachbodenstille!... Es ist ein heller, warmer Tag, wir wollen hinaufklettern und sehen, was es damit auf sich hat. Und wir liegen auf dem Rücken im Heu hingestreckt, warten der Wunder und lachen der Sonne, die durch den herzförmigen Giebelausschnitt einen feinen, goldenen Strahl in die dämmernde Stille schickt. Es ist richtig, da sitzt sie, da sitzt die Stille in Person und spinnt. ES ist ein großes, schönes Weib, sie hat strahlende Augen und jenes tiefschwarze, elektrisch geladene Haar, woraus die Funken knistern, wenn eine liebende Hand darüber streicht. Ihr Kleid ist aus halbwelken Blumen, gelben Ranunkeln, braunen Distelköpfen und aus Heu zusammengenestelt – ich meine jenes weiche, sonnenhafte Heu, das auf hohen Sandadern inmitten morastiger Wiesen geerntet wird. Die Schöne sitzt im Lattengerüst auf dem Hahnenbalken und spinnt... summ, summ!... auf einem großen schemenhaften Gespensterspinnrad von dem gelben Heu einen Faden, in allen Farben schimmernd, wie der Einschlag ihres Gewands. Eine kleine niedliche Katze ist schmeichelnd im Kleid der Herrin vergraben, man sieht nur das saubere Köpfchen; eine andere, ein großes schwarzes Tier, ein Ungetüm mit leuchtenden Pupillen, hockt neben ihr frei auf dem Balken und leckt sich die Lippen mit roter, blutdürstiger Zunge. Laßt mich ein wenig von einem lieben Jungen erzählen, der die Dachbodenstille kannte. Er war des Ortswächters und Dachdeckers Jasper Wieck und seiner Frau Wieb gebornen Reimers einziger Sohn; in des Vaters Kate, ›Ellernbusch‹ genannt, wuchs er auf. Früh dachte er darüber nach, wie er sein Leben einrichte. Er hatte wahrgenommen, daß alle Leute etwas waren, und sah ein, daß auch er etwas werden müsse. Am liebsten wäre er Hofbesitzer geworden wie Harm Kühl, aber daran hinderte ihn, wie die Mutter sagte, das liebe Geld, oder vielmehr der Mangel daran. Nun wollte er Bettler werden. Da kam ein alter Mann nach dem Ellernbusch, der Stühm hieß, und noch einer, der Stopp genannt wurde. Beide bettelten, Stühm mit Gesang, Stopp ohne Musik. Stühm hatte früher einen großen Bauernhof gehabt, Stopp sollte studiert und dann das Uhrmachergeschäft erlernt haben. Nun trieben sich beide an warmen Sommertagen auf den Dörfern umher, verschwanden im Winter und erschienen wieder mit dem Schwirren der ersten Lerche. Heini legte sich die Frage vor, ob er erst studieren, dann Uhrmachen lernen und darauf betteln wolle. Am liebsten wollte er mit Gesang betteln. Aber die Mutter sagte: »Pfui, betteln? Betteln ist gar nicht nett.« Da gab er den Plan, Stopp oder Stühm zu werden, auf. Nun wollte er Butterkerl werden. ›Butterkerle‹ nannte man die Handelsleute, die bei den Bauern Butter aufkauften, in Hamburg absetzten und dafür Kolonialwaren wieder ›herunterbrachten‹. Im Ellernbusch sprach Balster vor, ein Optimist und mittelgroßer Mann in gelbem Leder, etwas fett und fettig, wie es das Geschäft mit sich bringt. Er fuhr auf einem blauen Wagen, worüber auf Reifenrippen ein angeblich weißes Laken gespannt war. Auf dem Ganzen lag ein gewisser Glanz, wobei nicht allein der eigentümlich blänkernde Schwanz des großen schwarzen Pferdes, sondern auch Balsters gelbe Lederhose beteiligt war. Denn auch in dieser Lederhose spiegelte sich, namentlich in der Gegend sprossender Formenfülle, eine freundliche Sonne. Balster kam alle drei Wochen vorgefahren, trompetete dem gut eingefahrnen Schwarzen sein Brr! zu, warf die Zügel lässig über die Wagenleiste, sprang flink mit Bütte und Besemer vom Wagen und fragte: »Wieb, wovel hest?« Manches hatte Heini an Balster auszusetzen, aber Butterkerl wollte er doch werden. Er hatte es Balster versprochen und außerdem fuhr er, wenn er Butterkerl wurde, nach Hamburg und kriegte ein schwarzes, blänkerndes Pferd. Aber wieder mußte er seinen Entschluß ändern, nachdem er gesehen, wie Balster seine Butter verlud. Nun wußte er auch, weshalb des Schwarzen Schwanz so glänzte und woher die freundlichen Lichterscheinungen in Balsters Beinkleid kamen. So blieb alles im Ungewissen. Bei Gorg Bünz (Georg war sein Spielkamerad) war von Anfang an alles klar, der wollte Zimmermann werden wie sein Vater; Hein Wieck dagegen spielte und sinnierte in den Tag hinein. Als sein Alter die First von Harm Kühls Kuhhaus mit neuen Soden belegte, nahm er seinen Sohn mal mit hinauf. Die Freiheit, die Reinheit, die Verklärung der Höhe gefiel unserm Heini, die Erhabenheit machte ihn stolz, nun wollte er Dachdecker werden wie sein Vater. Aber Jasper sagte. »Das ist heutzutage kein Geschäft mehr. Zimmermann sollst werden, dann kommst auch hinauf.« Damit war Hein denn auch zufrieden.   Wenn die Dorfkinder aus der Schule kamen, mußten sie bei der Gehegpforte an der krummen Eiche vorbei. Platz und Eiche standen in hohem Ansehen. Ein kleiner, rascher Bach kam aus dem Gehege, umgabelte ein Dreieck, die Buchen des Waldes setzten sich auf diesem Wegstück fort, große Steinfindlinge, worauf gut zu sitzen war, lagen umher. Quell- und Waldeskühle ringsum, und die krumme Eiche in der Mitte. Sie trug gerade über den größten Steinen ihre Krone empor. Keiner wußte, wie es gekommen, daß sie so krumm war. Mächtig und stark und dick war ihr Stamm, mit großer Gewalt löste er sich aus dem Knorrennetz der Wurzeln, rankte, einem unförmlichen Schlinggewächs vergleichbar, erst über den Erdboden hin und machte dann seinen Bogen (›den gibts nicht wieder‹, sagte Gorg Bünz), strebte in die Höhe und wurde ein mächtiger Baum. Die Kinder saßen auf der krummen Eiche. Gorg Bünz fing aber eines Tages an, darauf herum zu reiten, daran zu hämmern, zu klopfen, zu messen, den Bogen zu bewundern, und kam schließlich damit heraus, sobald er Zimmermann geworden, wollte er die Eiche kaufen, entzweisägen und zu Felgen für Wassermühlen verarbeiten. Damit lasse sich viel Geld verdienen, sagte er. »Dat schast ni!« schrie ihn sein Zukunftskollege Hein Wieck an. »Dor hest du gor nix awer to seggn«, erwiderte Gorg. So kamen sie in Streit und prügelten sich. Sie waren noch im besten Prügeln, als der Großknecht von Harm Kühl, Tete Tietgens, des Weges kam. Er trennte sie, wie man ein paar Köter, die sich verbissen haben, trennt. Er nahm sie landesüblich beide am Ohr. »Was habt ihr?« fragte er. Die Kinder erzählten durcheinander, endlich hatte er es raus. »Da hat Hein ganz recht«, entschied er. »Was du willst, Gorg, ist 'n dummer Streich. Die Eiche bleibt, wo sie ist.«   Den längsten Schulweg hatten Hein Wieck und die Zwillingsschwestern Antje und Rieke Kühl, Töchter des Hofbesitzers Harm Kühl vom Holm; die drei gingen meistens miteinander nach Haus. Antje hatte blondes Haar, Rieke war dunkler, lebhafter. Beim Holm schlugen Hofhunde an, wenn Heim vorüber ging. Der Holm war anders als die andern Häuser – großzügiger, eindrucksvoller, der Holm war ein großer Hof. Da kam erst eine Eichenallee; dann um den Hofplatz, um Viehhaus und Scheune herum Eschen, vor der Haustür (der Holm sah ausnahmsweise nach der Straße hin) am Weg waren wieder Eichen. Die Ellernbuschkate lag noch zwei Minuten weiter, sie schob ihre Pflaumenbüsche in das Ellerngestrüpp des Geheges hinein, auf dem Wall am Weg wuchsen Schlehen, das Hausdach war niedrig, zwei Dachstühle steckten auf halber Höhe, die Wände waren weiß gekalkt; vor der sogenannten Blangdær (Seitentür) reckte sich ein steifer, hochmütiger Sodbaum. 2 Antje und Ricke und Hein wurden zusammen konfirmiert. Wenn Hein Wiecks Mutter am Leben geblieben wäre, dann wäre er wohl gleich Zimmermann geworden. Aber die Mutter war krank, schon lange krank und starb gerade in den Tagen, wo ihr Sohn ins Leben hineingehen sollte. Es war Hein Wiecks schwerste Stunde. Es geschah in der Nacht, Hein war allein bei ihr (der Vater versah sein Wächteramt), als sie verschied. »Ich hab die Großmutter gesehen«, hat die Kranke plötzlich gerufen, »sie stand in der Tür und winkte, kam mich zu holen. – Es muß geschieden sein, mein Hein. Um den Vater sorge ich nicht, aber dich mache der liebe Gott glücklich und brav, ich werde ihn hart darum angehn.« Und Hein Wieck hatte einen wunderbaren Traum. Er sah und hörte, wie der Herrgott in der Höhe dem Friedensengel Befehl erteilte, seiner Mutter Ewiges von dem bresthaften Leib zu lösen, sah den leuchtenden Boten durch die Weltenräume fliegen, sah ihn in den Birkenspitzen des großes Geheges niedergehen, den Friedenszweig brechen, durch die Wände der Kate kommen, sich über die Kranke beugen und ihr Unsterbliches hinwegnehmen. Frau Wieb war tot. Zu lange gab man dem tatenlosen Schmerz nicht Raum. Schon an der Bahre wurde von seinem Vater und den Eheleuten Kühl der Beschluß gefaßt, mit der Zimmerei sei es nur so ... so ..., einstweilen solle Hein als Kuhjunge nach dem Holm in Dienst. Harm Kühl und seine Frau hatten eine allzeit offene Hand. Zwischen Holm und Ellernbusch war je und je gute Nachbarschaft gewesen; Harm und Grete richteten auch jetzt der Frau Wieb auf ihre Kosten ein ›ehrsames und christliches Begräbnis‹ her und ließen die Leiche durch eine Hauspredigt in der weißgekalkten Stube einsegnen. Die Tellerkrause des Geistlichen nahm einen großen Teil von Heins Aufmerksamkeit in Anspruch. Der Redner pflanzte pathetisch die Weidenschößlinge der Hoffnung auf, er hielt der Frau Wieb ihre Tugenden vor und dachte herzlich und warm des mutterlosen Hein. Die Weiber sahen im Verlaufe der in sonorem Tonflusse daher rauschenden Rede mehr und mehr ein, wie viel sie an Frau Wieb verloren hatten, wie gut sie gewesen sei, was Hein verloren habe, wie die unerforschlichen Wege des lieben Gottes unter allen Umständen zu loben seien, und je fester diese Überzeugung Wurzel schlug, um so heftiger und erlösender strömten die Tränen, am untröstlichsten vor dem Herde in der Küche. In dem Stübchen stand der etwas lang und mager geratene, mäßig gerührte Harm vor dem Ofen, und hinter dem Beileger seine still verweinte Frau, den verwaisten Knaben, den sie in ihre Obhut zu nehmen gelobt hatte, an der Hand. Sie sah in ihrem schwarzen Spenster milde, hübsch und nett aus. Der Witwer nahm am Kopfende des Sarges die Tröstungen der Religion entgegen. Aber auf der Diele, vor der geöffneten Stubentür, drängte Kopf an Kopf die schwarzgekleidete Schar der Nachbarsleute; Tischler Ehler Horn lehnte trocken und dürr in seiner Arbeitsschürze am Backtrog, den Hammer in der herabhängenden Rechten, Nägel in der Linken. Gleich nach der Rede schloß er den Sarg. Mit jedem Hammerschlag befestigte sich in dem jungen Hein die bestimmte Zuversicht, daß seine Mutter jetzt ein Geist sei, wo mit er die Vorstellung weißer, wallender Gewänder und mächtiger Flügel verband. Darüber war er bis zum Jauchzen froh, so viel Mühe er sich auch gab, sein Gesicht der Umgebung anzupassen.   Wie groß erschienen die kleinen Räume, als die Zeit ihren Werktagsschritt wieder angenommen hatte! Um so lieber gab unser Freund seinen Gedanken Urlaub zum Besuch des Schauplatzes seiner Zukunft. Es war von jeher für ihn ein besondrer Tag gewesen, wenn man ihm Eintritt in die Ställe und Böden vergönnt hatte. Im Kuhhaus streckten sich an den Futterdielen stöhnend und kauernd fünfzig behäbige Rinder. Und wenn die Futterstunde gekommen war, so schmausten sie ein so köstlich duftendes Heu, daß jedem Wiederkäuer der Mund wässern mußte. Nach diesem Vorgericht rollten die mit Wasser und Rapsbrei gefüllten Räderkrippen vorüber, damit den werten Kostgängern der kühle Trunk nicht fehle. Es folgte die Hauptschüssel: gebrühter Hafer und gedämpfte Kleie, darauf eine frische Lage Heu und der Schluß des ansehnlichen Speisezettels: eine saubere Schütte Roggenstroh. Wenn Hein das Viehhaus besucht hatte, so hatten ihn Antje und Rieke fast immer begleitet. Auch ein ganz kleines Nesthäkchen war mitgetrippelt: Tine, sehr spielbedürftig, ein Gesichtchen, worauf das Geheimnis ihrer zukünftigen weiblichen Erscheinung noch nicht geschrieben war. Sie zeigten ihm alle Herrlichkeiten der weiten Behausung. Vor dem in klirrenden Ketten wohlverwahrten Stier entspann sich dann eine Unterhaltung: ob er wohl tausend Pfund ziehen, eine Hauswand einrennen könne, ob der starke Hinrich Brandt ihn wohl im Nasenring zu halten vermöge – Gespräche, die ihr Gegenstand mit finstrer, gerunzelter Stirn anhörte. Die große Menge Kälber war wegen ihrer possierlichen Frechheit und Schüchternheit eine Quelle unversiegbarer Heiterkeit. Sie schleckten Milch von den Daumen und warfen sich, wenn der letzte Tropfen genossen war, mit großen, erschrockenen, wimperlosen Augen furchtsam in die Halsklaben zurück. In dem Haupthause war die große Tenne, und darüber auf dem Boden die Körnerfrucht des Hofs. Der Flügel, der als Kuhhaus diente, war rechtwinklig angebaut, und hieran schloß sich wiederum, gleichlaufend mit dem Haupthause, der Heustall. In diesem zumal war bei allen Besuchen ein lustiges Leben gewesen. War der Raum im Herbst zum Pressen voll, so begann der Heurupfer vom Viehhause aus seine Minierarbeit, schuf erst eine Höhle und dann ein Gewölbe. War er dagegen im Frühling bis auf eine weiche Bodenlage leer, so kletterte die kleine Gesellschaft zum Hahnengiebel an Sparren und Latten hinauf, betrachtete sich die Welt vom Eulenloch aus einem höhern Gesichtspunkt und sprang hoch von Bau- und Querbalken ins weiche Heu hinab, daß Schürzchen und Röckchen flogen. Man war schon eher Vogel als Mensch, die Luft sauste an den Ohrmuscheln vorüber, die Schwerkraft war überwunden. Diese Lust schien unsagbar, aber die schlummernde Poesie des Heubodens wurde doch erst durch den Zauber der Einsamkeit geweckt, wenn Hein sich allein in Stall und Boden hinaufstahl. Durch das Giebelloch flogen zwitschernde Rotkehlchen, eine Fliege zu haschen, und zierliche Schwalben, vertrauensselig ihr Nestchen an den Lattenrand zu kleben. Die dem blöden Begehren entrückte Welt kehrte duftverklärt dem erhabnen Beschauer, dem kein trüber Erdendunst den Frieden verkümmerte, ihr Antlitz zu. Vor dem Eulenloch im Stall und Kuhhaus zankten sich Sperlinge, dort schwebten Käuze ihren geräuschlosen, geisterhaften Flug; aus dunkelm brauendem Spalt an der Dachschrägung funkelten die Augen des Haustigers, der in vielen Prachtgeschöpfen auf den weiten Böden sein Räuberhandwerk trieb. Durch die summende Stille ging ein tiefes Atmen der allgegenwärtigen Frau Natur. Sie hing am Dachsparren, schaukelte sich auf dem Hahnenbalken, Traumgestalten brütend. Hein erinnerte sich des Hausgeistes, der hier, wie man sagte, sein Wesen treibe, des kleinen, zwei Hände hohen Kobolds mit dem roten Mützchen. Der Kuhkönig Henn behauptete, ihm jeden Mittag das Essen auf die Hilgen zu stellen, und vor nicht langer Zeit erst waren die alten Leute weggestorben, die ihn noch im Eulenloch gesehen, wie er sein Süppchen verspeiste. Da, da! – ein kleiner, leichter, ruschelnder Schritt, ein Grummeln und Murmeln. Und die gespenstische Rotkappe stieg von dem Kuhhaus her, in Selbstgespräch und Sinnen verloren, langsam über die aufgerollten Heuwülste ... Dieser Hausgeist war für Hein viel wert, ja, wenn sein Gefühl angenehm erregt war, glaubte er wirklich, ihn gesehen zu haben. Es war nicht die unwesentlichste Masche in dem Schleier, den er um den Ort seiner Sehnsucht wob. Und nun gar das Muster aller Originale, der Herr der Räume: Henn Kuhkönig. Der Hof hielt alles fest, was dort hinflog und nur ein bißchen Wurzel faßte. Henn aber war sein ältestes Zubehör. Als blutjunger Mensch aus fernem Kirchspiel dorthin verschlagen, ohne Angehörige und ohne anderen Ballast als leere Taschen, war er jetzt ein Knirps reiferen Alters und gab seit Jahren auf die Frage nach seinem Geburtstag den Bescheid, er werde beim nächsten Backen Fünfzig. Er kannte jede Kuh aus dem Herzensgrunde, redete große Abhandlungen über die Charaktereigentümlichkeiten von Hattkopp und Wittfot, schlief inmitten seiner kettenklirrenden Herde, erwachte aber bei jedem verdächtigen Stöhnen, ja er kannte jedes Tier an Stimme und Tonfall. Seine Kammer war die Rückwand der Haferdarre, in der im Winter ein ewiges Feuer schwelte, das den kleinen Raum angenehm miterwärmte. Nach Feierabend war große Gesellschaft, der Wirt zum Erzählen glaublicher und unglaublicher Geschichten aufgelegt, eingehüllt in den Nimbus seiner Bekanntschaft mit dem Hausgeist ... Es war nicht zu sagen, welch glänzende Zukunft Hein vor sich sah. Wem mußte nicht das Herz höher schlagen bei der Aussicht, Kuhjunge auf dem Holm zu werden? Er leistete bei sich feierliche Schwüre: er wollte ein Kuhknecht werden, wie die Sonne noch keinen beschienen habe. Gemach, Hein Wieck, gemach – noch zwei Wochen Geduld! Noch ist Georg Bünz (er kam ein Jahr früher aus der Schule) der glückliche Inhaber des Postens: erst in vierzehn Tagen wird das Schiff, das den Überflüssigen nach Amerika entführt, die Anker lichten. Georg hat seine Pläne gegen die krumme Eiche verschoben, er will sein Glück jenseits des großen Wassers versuchen. Georg und Hein – wunderliche Spielarten des Bauernschlags! Beide ziehen Wechsel auf die Zukunft. Aber wie anders malt sie sich im Kopf von Georg! Wie man aus Begeisterung Kuhknecht sein könne, das begriff er nicht, das war eine Phantasiesprache, deren Symbole er nicht verstand. Er schwärmte für Amerika und Freiheit: man ziehe nicht die Mütze vor Kirchspielvogt und Pastor, man schmöke in der feinsten Stube, und wem das nicht gefalle, dem schlage man die Fenster ein. So gehe es in Amerika zu. An stillen Abenden machte er die Dorfstraße durch Vergewaltigung seiner Kehle unsicher: »Jetzt ist die Zeit und die Stunde da, wir reisen nach Amerika.« Er nannte das – singen.   Endlich fuhr der mit Tannen geschmückte rote Leiterwagen auf den vom Regen durchweichten Wegen mit einem halben Dutzend erregter lärmender Leute langsam aus dem Dorf, beladen mit den Wünschen der Zurückbleibenden für die Reisenden, mit ihren Grüßen für die Angehörigen drüben. Georg leistete im Schreien und Singen das Äußerste. Man sollte noch lange davon sagen, mit welch unbändigem Mut Georg Bünz hinübergegangen, was für ein höllischer Kerl der Georg überhaupt gewesen sei. Die jungen Dirns, die in Fisteltönen geschwelgt hatten, stellten zuerst ihren Gesang ein: Krischan hat der Anna eine Geldknippe geschenkt, Klaas will Mine einen Brief schreiben, künftiges Jahr kommt er ganz gewiß nach, dann hat er sich soviel verdient. Midde hat von Peter ein Bild bekommen, sie will sich in Hamburg abnehmen lassen. Peters Vater will nicht, daß er auswandert. Man muß warten, der Alte wird sich gewiß besinnen. Längere Pause im Gespräch. »Deern, wat hest du för kole Hänn!« Sie rücken in den kunstvollsten Armverschlingungen zusammen. Bei Mädchenempfindungen ist Liebe immer mit im Spiel. Während die Mütter, die Frauensleute überhaupt, in ihre Schürzen weinten, die Männer aber, wie sichs schickt, ehern und ehrenfest ihre Pfeifen schmauchten, verfolgte Hein den Wagen vom höchsten Scheunengiebel seines Bauern aus und beobachtete, wie er sich am Walde entlang bewegte, bis er hinter den Bäumen verschwand. Hein war in frohmütiger und weicher Stimmung. Was für ein Tag! Noch heute abend! Lene Mellersch, die dem Vater den kleinen Hausstand führte, packte schon seine Sachen. Kriechend bewegte er sich auf der obern Garbenlage unter der Dachfirst, ein ahnungsfrohes Herz unter der Leinenweste. Am mittlern Dachsparren ließ er sich hart am Strohdach hinabgleiten. So gelangte er auf den Hilgenboden über der Kornkammer; eine kurze Leiter führte auf die Scheunendiele. Spinngewebe, Staub und Stroh bedeckten Weste und Haar, zehn Finger kämmten die blonden Strähnen, zwei Hände klopften und putzten an Weste und Höschen: Hein Wieck war wieder sein. Lene Mellersch brachte seine Ausrüstung: Hemden, zwei Westen, zwei Beinkleider, Überhemden, Strümpfe, Holzklötze, Holzstiefel, ein Paar lederne Stiefel, eine Tuchmütze, eine Wollmütze. Grete Kühl hatte die Ausstattung ihres Pfleglings hergerichtet und beaufsichtigte ihre Verpackung. Es war ein riesengroßes, rotes Tuch, das das Meiste aufnahm. Lene band es kunstgerecht zusammen; in der Mitte präsentierte sich der Kampf der Schleswig-Holsteiner bei Kolding. Die Rauchwolken der Kanonenschlünde hingen wie Federsäcke in der Luft. Bevor Lene die Zipfel verknotete, erschien der Vater und schob ein schwarzes Gesangbuch mit Goldschnitt, das seine Wieb einstmals zur Konfirmation erhalten hatte, in das Bündel hinein. Er wollte der Gabe eine Rede hinzufügen, brachte es aber nicht über ein mühsames »von din seli Moder« hinaus. Und Hein ging mit der Schlacht bei Kolding hinüber zum Hof, auf Schleichwegen, die kürzeste Linie zum Kuhhaus. Am hintern Schlagbaum, der den wilden, über den Acker führenden Richtsteg auffing, stand ein blondes Mädchen. Es war Antje. »Hest op mi lurt?« »Ja«, sagte sie und lachte. Hein wollte auch lachen, wurde aber (warum? wußte er nicht) plötzlich verlegen, machte noch einen Versuch, der auch nicht gelang, und sah mit verschleierten Augen auf das anmutige Geschöpf. Über der Schlacht von Kolding faltete er die Hände und hielt sie mit allem, was darin war, vor seinen Leib, ohne auf die Anmut seiner Pose zu achten. Als Antje ihren Spielkameraden verlegen sah, vergaß sie auch ihre Haltung, machte eine Art Kinderschnippe, löste ihr Schürzchen und band die andre Seite vor. Es war eine peinliche Geschichte. Da rief die Mutter: »Antje, Antje!« Und Antje flog. Von diesem Augenblick sah unser Freund Antjes Züge und hatte das Gefühl der Schwere in der Gegend, wo unser Herz pocht. Es trat akut auf, wird aber, wie wir fürchten ihn chronisch beschweren. Er litt schon daran, als er seine Siebensachen in der Kammer des Kuhkönigs unterbrachte und das Gesangbuch ohne Umstände in dessen Lade legte, als er gleich darauf einen Heubesen ergriff und sich dem Kuhkönig zur Verfügung stellte. Beim Abendessen lugte er vom Gesindetisch verstohlen zum Familientisch hinüber, aber es dauerte lange, bevor er einen Blick auffing. Einen zweiten bekam er nicht, er war auch mit dem einen zufrieden. Er aß Aufgebratenes (sein Leibgericht), aber er wurde sich dessen vor Liebe nur halb bewußt. So war Hein Weck in zwiefache Bande geschlagen, er stand im Dienste des Hofbauern, war aber auch Hofjunge der Leidenschaft, die man Liebe nennt. Die übermütige Rieke zeigte ihm auf der Gabel jeden aufgespießten Bratkloß, ehe sie ihn verspeiste; Frau Gretes allgegenwärtiger Blick machte aber dieser Unschicklichkeit ein Ende. 3 Gemessenen Schrittes in hergebrachter Rangordnung verließ man nach dem Essen die Stube, der neue Kuhjunge, in der Gesindehierarchie als Dienstmann unterster Stufe, an letzter Stelle. Als er, dem Strom folgend, über den Vorplatz ging, hörte er seinen Namen: »Hein!« Er kam aus der Spalte der leise aufgeklinkten Haustür – Riekes Stimme: »Hein, komm flink mal her!« Er folgte der Aufforderung und fand sich draußen im Dunkel des Herbstabends unter Eichen. Es war rauh und windig geworden, es rauschte und fegte durch die vom Herbst abgegrasten Kronen, riesenhafte Äste ächzten und stöhnten unter den Stößen einer ungestümen Windsbraut. Hein sah nichts, fühlte dann aber die warmen Hände Riekes. »Da such!« Ein Stoß schnellte ihn, ehe er sichs versah, in der Richtung auf einen rabenschwarzen Punkt, den er als Bank erkannte, und ließ ihn fortstolpern auf ein Wesen, das dort Platz genommen hatte. In halb fallender Bewegung umarmte er eine mit weicher Wolle bekleidete Gestalt. Es war Antje. Er fühlte ihren Atem, ihre Nähe und fühlte ihre Lippen auf seinem Mund. Die durchtriebene Rieke sah und hörte nichts oder tat wenigstens so. Sie klappte mit der Hängepforte, die vom Vorgarten nach der Straße führte: »Was macht ihr, weshalb kommt ihr nicht, wir wollen spielen.« Dann ließ sie die Pforte los, stieß ihre Schwester weg und hing nun anstatt ihrer an Hein Wiecks Hals. »Ich will auch was von ihm haben«, sagte sie und gab Hein auch einen Kuß. Dann hörte er ein Kichern, die Haustür schlug zu, und Hein Wieck war allein. Und der kleine Kuhknecht sah zu den Bäumen, die sich am düstern Nachthimmel reckten, empor und maß ihre Größe. Er dachte darüber, was ihm passiert war, nach und fühlte sich. Nun war er ein ganzer Mann. Von Stolz und doppelseitiger Liebe gebläht, schlich er ins Haus, durch die Vordiele, über die dunkle Dreschdiele, dem Kuhhause zu. Wie hatte er sich auf den ersten Abend in der Kuhkammer gefreut, wie schal erschienen ihm jetzt die Genüsse, die er sich versprechen durfte! Wie liebesweh hatte ihm noch vor einer Stunde das Herz in der Brust gelegen, wie liebesstolz pochte und hämmerte es jetzt da drinnen! Wie Lichtschein einer Feuersäule glaubte er es vor sich hergehn zu sehen, als er durch die Dunkelheit der großen Diele nach dem Kuhhaus tastete. Es mußte wohl der Glanz sein, der von seinen Augen ausging. Andächtig führte er die Hand an die eignen Lippen, die noch heute abend in Speck gebratne Klöße und dann Milchgrütze gegessen hatten, nun aber durch zwei Bräute geweiht waren. Was für Mädchen! Ein engelgleiches Geschöpf, die Krone alles Seins! Ihretwegen allein hätte es gelohnt, die schöne Welt zu erschaffen. – Das dachte er, war aber in Zweifel, ob er Antje oder Rieke damit meine. So trat er, der jüngste Kuhjunge, in die Kuhkammer und nahm auf einem lehnenlosen Brettstuhl Platz. Unter dem Balken hing eine im Glasgehäuse wohlverwahrte Stalllaterne, eine Öllampe, rauchende Männer und bunte Pfeifenquäste, stopfende Mädchen und nackte, rote Arme beleuchtend. Weiße Wände warfen den Widerschein in verschwiegne Ecken, die traute Zuflucht aller im Dunkeln nistenden Schattengeister. Der Kuhkönig hatte sich von jeher zu dem Grundsatz bekannt, daß er eine Pfeife Tabak und einen Stuhl jedem Menschen schuldig sei. So durfte denn rauchen, was eine Pfeife hatte, den Stoff lieferte er. Wo man raucht, da ist Friede, sagt schon ein altes Sprichwort. Wenn der Rauch sich bläulich in des Zimmers Dunstkreis lagert, dann glätten sich die Wogen des Zorns, und die Brandung schweigt. Das Meer des Lebens wirft nur noch plaudernde, plätschernde Wellen an des Ufers Sand. Der Wogenbrecher bricht als Sorgenbrecher auch des Lebens Kümmernisse. Reiche dem Zornhaften das Pfeifenrohr, zwinge ihn nieder auf die Lade deiner Kammer: er wird still und fromm wie ein Lamm. Mögen sich auch die ersten Züge noch stoßweise über die unmutigen Lippen entladen, allmählich streichts ihm doch die Falten aus Stirn und Gesicht, bald dampft er harmlos, wie eine Räucherkate aus dem Eulenloch wohl an schönen Sommerabenden schwelt, wenn die Hausmutter Kartoffeln in sprickelndem Fett röstet und bräunt. Da sitzt der cholerische Thoms, Bullerjahn des Hofes; er ist der zweite Knecht, der im Sommer die Garben in die Luke forkt und im Winter wieder auf die Tenne hinabschleudert. Er raucht in friedlicher Stille, wie ein Türke mit rotem Fez. Und sieh ihn an, den sanguinischen Pferdeknecht Peter! Die Rauchwolke umgibt sein heiteres Gesicht, einer blauen Aureole gleich. Und ihn, den phlegmatischen Großknecht Tete: wie ruhig, wie überlegen, wie maßvoll er die Wolke dem Munde entströmen läßt! Schon das Äußere der Pfeife läßt die ihr beiwohnende hohe sittliche Bedeutung ahnen. Es ist das Instrument des Friedens, mag es (so lieben es die Alten) kurz und knollig den kleinen Feuerherd unter die Nase schieben, mag es sich (so ziehen die Jungen vor) im langen überlegnen Rohr, worin es die tollste Hitze und das schärfste Nikotin zurückläßt, behaglich in der Linken strecken. Eine farbige Quaste an dem geschmeidigen Ende ist ein nie fehlender Schmuck, um so anheimelnder, je verschlissener seine Farben, je abgenutzter sein Gewebe ist, da es um so kräftiger davon Zeugnis gibt, wie oft es den Inhaber glücklich gesehen hat. Die kleine Gesellschaft begleitete die Auswanderer auf ihrer Reise nach der neuen Welt. Henn Kuhkönig hatte gleich nach der Konfirmation, so behauptete er, eine große Fahrt als Schiffsjunge mitgemacht, Tete war ein Jahr drüben gewesen. Der schwarze Rolf, der Klabautermann, die weiten Ebenen des Westens zogen Schattenbildern gleich dahin. Das brachte Henn auf den Hausgeist. Er erzählte von einem Knecht Jochen, einem Tunichtgut, wie der vor vielen Jahren dem Puck, der damals noch seine Mittagsgrütze friedlich im Eulenloch verzehrt habe, hinterrücks einen Stoß versetzt, daß das Kerlchen die Giebelseite hinuntergekollert sei. Aber bei dem Aufschlagen auf den Erdboden sei es nur ein Büschel Heu gewesen. Auch von Pucks Rache wußte Henn zu berichten. Es sei nämlich bald darauf dem eben vorübergehenden, nichts ahnenden Jochen das irdene Eßnäpfchen vom Eulenloch her an den Kopf geworfen worden, daß die Scherben umhergeflogen seien, und Jochen wie tot dagelegen habe, während die Rotkappe sich die Seiten vor Lachen gehalten. Hiervon habe sich Jochen nur langsam erholt, am Kinnbacken habe die Wunde sich gar nicht schließen, gar nicht verheilen wollen. Erst im Traumgesicht habe Jochen die Weisung erhalten, eine Hand voll Heu aus dem Stall zu ziehen und so viele male einen Napf zum Eulenloch hinaufzutragen, als Fasern in dem Büschel wären. Das habe er getan, und von Stund an sei es besser geworden, und mit dem letzten Aufstieg sei die Wunde vollständig verharscht und der Kobold begütigt gewesen. Gesehen aber habe ihn seitdem kein Mensch mehr, auch der Erzähler erblicke nur dann und wann die Glutaugen, wenn er das Näpfchen auf die Hilgen stelle. Als die Köchin lachend einwandte, ob das nicht der schwarze Kater Hans sein könne, und ob Hans nicht auch bei dem Ausessen des Napfes beteiligt sein möge, wurde der Erzähler ernst und unwillig: »So«, rief er mit erhobner Stimme, »das meint so ne dumme Deern! Sag mal, klopft denn auch der Kater Hans nachts, wenn ein Tier in Not ist, an meine Bettlade, leise und hohl mit seinen Knöcheln, Silja?... so... just so?...« Henn machte ein unheimliches Gesicht und klopfte so geisterhaft hohl und dumpf, daß alle Mädchen, auch die Zweiflerin Silja, erst vor Schreck laut aufschrieen und sich dann lachend umarmten. Henn aber erhob sich ruhig von der Lade, pustete seine Pfeife aus und holte oben von einem Regal seinen Tabakkasten herunter, um sie von neuem zu füllen. 4 Dieser Tabakkasten war eigentlich ein alter Topfhut und Hein Wiecks persönlicher Feind. Ursprünglich hat er dessen Großvater Dierk Reimers zugehört und Dierk Reimers hat ihn einmal auf dem Kopf gehabt, als er Hein Wieck auf die Finger schlug. Hein Wieck war nämlich noch klein und lag in der Wiege und schrie. Da kam Opapa und befahl: »Wullt du still wesen!« und schlug, als Hein weiter lärmte, ihn mit der Rute auf die Finger. Hein wehrte ab und stieß dabei auf den rauhen Hut. Merkwürdigerweise übertrug er seinen Groll nicht auf den alten Mann, sondern auf den Hut. Er schrie, so bald er das Gestell sah. Die Mutter hat es nach des Großvaters Tod an Henn verschenkt, bei Henn war es zu Ehren gekommen und ein Tabakskasten geworden. Hein Wieck war guter Laune. In mildem Vergessen und Vergeben versuchte er die steil emporstrebenden Haare seines Feindes glatt zu streichen. War es auch erfolglos, der sittliche Wert ist, Gott sei Dank, nicht von dem Nutzen unseres Tuns abhängig, Hein wird, wenn der Paradieseswächter Petrus einstmals sein Konto aufschlägt, auch diese Liebestat in seinem Haben finden. Es war ein rührendes Wiedersehen. Der alte, an der frühern Feindseligkeit unsers Freundes ganz unschuldige Hut hatte niemals dergleichen, was man Haß nennt, gekannt. Er liebte alle und war freigebig gegen alle; immer mit Petum optimum gefüllt, gab er jedem, just wie sein Herr. So gereichte es ihm zur besonderen Befriedigung, als Henn nicht allein seine eigne Pfeife stopfte und anzündete, sondern auch ein zweites Friedensinstrument, das er von der Wand nahm, gleichfalls von dickem Schlag, bedächtig aus seinem Vorrat füllte und dann seinem Kuhjungen Hein Wieck reichte, dabei ein Reibholz nehmend, ein Bein hebend und seinem Kuhjungen die Dienste eines Luzifers leistend. »So, Hein, nu büst Knecht, nu kanns ok mal smoken.« Alle sahen den ersten Zügen, die Hein tat, mit Interesse zu, dann ließ man den Strom der Geschichten wieder fließen. Hein war nicht ganz bei der Sache, das Abenteuer mit den beiden Bräuten lag noch breit in seinem Bewußtsein, und die ihm durch die Pfeife angetane Ehre hob mächtig seinen Stolz. Was bei den alten Deutschen die Umgürtung des Jünglings mit dem Schwert, wenn er zu seinen Jahren gekommen war, gewesen ist, das ist jetzt die Darbietung der Tabakpfeife an den Jüngling im Kreise Erwachsener. In der Kuhkammer spuckte man beim Rauchen aus, das taten alle, aber wie, darauf kam es an. Der Raucher, dem das Erzählen Kunst und nicht nur Unterhaltung ist, wird selten Künstler im Spucken werden. Er läßt es in zwanglosen Pausen auf die Steinfliesen fallen und zerreibt es nachdenklich mit den Holzpantoffeln, während die Zuhörer sich in Kunststücken versuchen. Henn war Künstler im Erzählen, nicht im Spucken; auf diesem Gebiet erschienen seine Leistungen unserm Hein nicht erstrebenswert. Dagegen hätte er es gern Tete nachgemacht, der mit kräftiger Unterlippe seine Geschosse in schönem Bogen auf die Spitze eines Stiefelknechts warf. Aber Heins Versuch fiel schlecht aus. Schon eher gelang, was der Pferdeknecht Peter mit beneidenswerter Hingabe tat, nämlich – durch die Zähne spritzen. Die Fixigkeit war wirklich erstaunlich. Als Peter nun gar blauen Rauch durch die Nase blies und dann mit den Lippen eine Ringelwolke hauchte, da fühlte Hein sich klein und sah ein, daß er noch viel zu lernen habe. Aber er leistete auf seinem Brettstuhl einen heiligen Schwur. Er, der zukünftige Kuhknecht erster Klasse, wollte es auch im Rauchen und Spucken zur Meisterschaft bringen. Er hoffte, es Tete noch mal gleich zu tun, ja er wollte dereinst noch schönere Ringelwölkchen blasen als Peter. So paffte er in seiner Selbstherrlichkeit mit vollen Zügen und war – glücklich. Über das Dasein der Hausgeister und Klabautermänner kam die Kuhkammer noch nicht gleich zur Ruhe. Dann erzählte Tete von der Seekrankheit, von dem unsagbaren Weh, das das Übel in Kopf und Magen anhäufe. Hein ließ das Dasein der Dämonen dahingestellt, aber an die Seekrankheit glaubte er. Denn etwas Ähnliches erfuhr er gerade am eigenen Leibe. Alle Erscheinungen, die man auf dem Holm schon als Ergebnis der ersten Rauchstunde kannte, wiederholten sich: das leise Weglegen der Pfeife, das zage Ziehen, als Henn sich teilnehmend erkundigte, ob Hein etwa kein Feuer mehr habe, das nochmalige entschiedene Weglegen, das Hinauswanken aus der Kammer in voller Verstörung. In der zutreffenden Voraussetzung, daß der eigene dunkle Drang ihn schon die richtigen Pfade führen werde, legte man ihm keine Hindernisse in den Weg, fand es auch in Ordnung, daß er sich, leichenblaß zurückgekehrt, ohne Umstände in die Bettkiste legte. Er war auf dem Standpunkte vollständiger Wurstigkeit angelangt. Das Gelächter der gutmütigen Spötter störte ihn nicht. Er fand sogar, daß die von Tabakgeistern in seinem Gehirn angerichtete Empörung alles Herzweh heile. Der Lächerlichkeit seiner Krankheit war er sich bewußt, durch den Nebel seiner jammervollen Lage sah er zwei liebe Augenpaare, aber selbst in diesen Augen war wenig Mitleid. Endlich verlief sich der Schwarm, und in der Kammer wurde es still. Henn nahm die Laterne vom Balken und leuchtete im Kuhhause ab, wie er es allabendlich vor dem Schlafengehn tat. Dann legte er sich zur Ruh und begann sofort zu schnarchen. Aus dem Kuhhause das einförmige Brummen der Rinder, das Klirren und Rasseln der in ihren Ketten sich behaglich reckenden schläfrigen Kühe, weiter aus den Pferdeställen der Rosse dumpfe Stöße. Hein hörte, wie sein Vater von der Straße her die Stunde abrief. Die spärlichen Herbstblätter der Silberpappeln rasselten und rauschten im blasenden Ungestüm des Windes, und in ihren Wipfeln schrackelten die Elstern. Und dann kam ein Schlaf, der keine Erinnerungen zurückließ.   Zuweilen war ihm, als wenn Meister Henn ihn beim Namen rufe. Dann hörte er es sogar ganz deutlich, fühlte auch die Hand seines Herrn, der ihn an der Nase zog. Es half kein Zaudern mehr, er öffnete die Augen und fand Henn, der ihn zum Aufstehen mahnte. Es war Futterzeit, und im Stalle brüllten viele hungrige Kuhmäuler. Und Henn führte seinen Lehrling vor den Heustall und öffnete dessen Doppeltür. Sie verband den Kuhstall mit dem Unterraum jenes Nebengebäudes. Henn und Hein standen vor einer gepreßten Heuwand. Einem Taschenspieler gleich holte der Herr dieser Räume einen blanken, mit spitzem und glänzendem Widerhaken versehenen Heurupfer daraus hervor und hieß unsern Freund sich, umgekehrt wie der Held des Pfannkuchenbergs, in die Wand hineinarbeiten. Und Hein ging frisch ans Werk, denn es war eine seiner würdige Aufgabe, gehörte zu den von ihm übernommenen Pflichten. Schon am ersten Tage bewegte er sich in einer kleinen Höhle. Aber die Heuhaufen waren doch fester zusammengepreßt, als er für seine jungen Kräfte wünschen konnte, es kostete manchen Tropfen Schweiß, den Bedarf des Tages zu liefern. Aber mit dem Druck verringerte sich auch die aufzuwendende Anstrengung, was ihn veranlaßte, auf die Ausgestaltung seiner Höhle nach oben Bedacht zu nehmen. Und schließlich wurde die Höhle zu einem nach oben wachsenden Schornstein, worin er nach Art der Kaminkehrer auf und ab steigen konnte. Am drittem Tage lief der Luftschacht in die Spitze des Heubodens unter dem Dachfirst aus, und nun fand er es, aller Kuhknechtsbegeisterung zum Trotz, bequemer, das Heu hinunter zu werfen, als es unten mühsam loszurupfen. Die Jugend ist eben unverständig, und Hein war jung. Seit einigen Tagen spielte er abends mit den Kindern Mühlenspiel und Karten. Wie von ungefähr gerieten die Karten unter den Tisch, und unter der Platte stießen ebenso unversehens die Köpfe von Antje und Hein zusammen. In fliegender Eile teilte er ihr seine Erfindung mit. Und sieh! Als Hein am folgenden Tage durch seinen Spalt aus der Unterwelt auftauchte, stieg von der Hausdiele her auf demselben mühsamen Weg, den einst die gespenstische Rotkappe genommen hatte, ein blondes Mädchen daher. Es war Antje, und Hein freute sich sehr. Da kicherte es von den Heuwülsten her und ein zweites kleines Mädchen zeigte ihr lachendes, von dunkelm Haar eingerahmtes Gesichtchen. Ricke war ihrer Schwester nachgeschlichen. 5 Einige Tage später. Harm hatte eine Unterredung mit seiner Frau gehabt, und bei dieser Unterredung war beschlossen worden, das ewige Gezerre und Gejachter zwischen Hein, Antje und Ricke müsse aufhören, da sie zu groß für solche Spielereien seien – Reimer Witt von Obendeich, einziger Erbe eines schönen, schuldenfreien Marschhofes, der seinen Besuch angekündigt habe, sei gut aufzunehmen, da manche Anzeichen dafür sprächen, daß diesem Besuch ein tieferer Zweck zum Grunde liege. In diese Beschlüsse fiel eine alarmierende Neuigkeit, die der kleinen Tine entschlüpfte: »Und sie laufen immer auf den Heuboden und helfen Hein Heu rupfen, und jeden Tag tun sie das.« »Tine«, sagte Harm, »das ist doch wohl nicht gut möglich!« Aber da erst legte Tine los. Wenn man von der Küche nach dem Kuhhaus geht, kommt man an der Pumpe vorbei nach dem Kattengang. Der Kattengang ist eine dunkle Ecke, vom Kattengang aus wollte Tine etwas gesehen haben, was ganz unglaublich klang. In dem Augenblick kam Kuhhenn auffällig ernst in die Stube. »Uns Weert, He mutt mal mitkam«, sagte er. »Was is denn los?« fragte Harm. »Dat ward He sehn«, erwiderte Henn und war schon unterwegs.   Wie es kam, daß der Kuhkönig Henn den Unfug seines Untergebnen so spät entdeckte? In der Zeit, wenn Hein sein Heu auf so neue und originelle Art rupfte, hatte er bei der Haferdarre zu tun gehabt. Weshalb er Anzeige machte? Das hatte ihm keinen kleinen Kampf gekostet. Als er den von Hein gebauten Luftschacht herausgefunden und nunmehr eine Erklärung dafür hatte, wie wacker der Junge sein Quantum Futter zu liefern verstehe und wie das Heu so staubig und ungelockert auf die Diele komme, da war er noch entschlossen gewesen, die Sache im Disziplinarwege zu erledigen. Dabei hatte er die kurzen Arme gereckt und bedeutungsvoll in die Hände gespuckt. Als er aber an den hellen Mädchenstimmen erkannt hatte, in welcher Gesellschaft der Taugenichts da oben sei, da schien ihm die Sache ernster, da hielt er sich für verpflichtet, Harm, der doch der nächste dazu sei, einzuweihen und das Ergebnis der mündlichen oder auch tätlichen Verhandlung vor dieser Instanz abzuwarten. Die Gegend in den weiten Hallen des Kuhstalls, wo der Brunnen der Dickmilch (das Volk der Borstentiere, dessen Lebenszweck darin besteht, sich mästen zu lassen, wird daraus getränkt) und die Wasserpumpe (daraus ergießt sich der lautere und reine Quell für das Viehzeug) – der Platz, wo die sind, wurde von Henn für geeignet gehalten, seinen Bericht zu erstatten. So erfuhr Harm vor dem Kattengang das, was ihm freilich seit der Anklage der kleinen Tine nichts Neues, aber doch als Bestätigung einer fast sichern Vermutung von Wert war. Und auch in diesem kritischen Augenblick verlor er seine Ruhe nicht, wenn auch nicht verschwiegen werden soll, daß er seine langen Glieder ein ganz wenig rascher als gewöhnlich in der Richtung nach dem Heustall bewegte, um zunächst den Tatbestand durch Beaugenscheinigung von unten festzustellen.   Von allen Menschen sind es gerade die stolzesten und die demütigsten, die die Anschauung anspricht, daß ein vorher bestimmtes Schicksal ihren Lebensweg, dessen Freuden und dessen Leiden, regele. Napoleon erkannte in dem Konventsbeschluß, worin die hohe Körperschaft ihn um seine Hilfe ersuchte, sein Schicksal, ja das Schicksal eines ganzen Jahrhunderts. Und die Person, die die erste Anregung zu der Wahl des Deichhauptmanns Bismarck für den Provinziallandtag gegeben hat, stellt mit ebenso gutem Grunde ein nicht minder bedeutendes Schicksal dar. Auch unserm Hein Wieck ist es immer so gewesen, als ob damals sein Schicksal über die Fliesen der Futterdiele geschlürft wäre. Es hatte sich in zwei Personen zerlegt, von denen die eine eine blaue Drillichhose über kurzen, krummen Beinen trug, während die andre ihre Schicksalsbeine von erklecklicher Länge mit einer schwarzen Beiderwandhose bedeckt hatte. Das Drillichschicksal blieb auch nach Besichtigung des Luftschachts in den untern Regionen vor der Tür des Heustalls als Wache, während die Beiderwandhose in die Bodenräume hinaufstieg und sich mühsam nach dem Heustall durchschlug. Das Schicksal hat eine wandlungsfähige Hand. Es kann dir lind und leise über das Gesicht streichen und dich in dem Glauben bestärken, daß du ein vortrefflicher Junge seiest und daß es dir nicht schlecht gehn könne. Es kann aber auch vorkommen (und gewisse Leute behaupten, es komme häufiger vor als das andre), daß es dich ganz unsanft faßt, so wie man es nur bei den allernichtsnutzigsten Burschen macht. Ja, und nicht selten soll diese Hand ganz ungebildet unzart und roh in unsre Seligkeiten gerade dann hineingreifen, wenn man die Seraphime siebenter Sphärenordnung die Loblieder vor dem Thron des Ewigen singen hört. Und dann wirst du beim Kragen genommen und aus dem lichten Vorhofe des strahlenden Himmels in die Dämmrung des allerirdischsten Kuhstalls zurückgeführt. Hast du, verehrter Leser, jemals einen Luftschacht durch einen Heuhaufen getrieben? Hast du jemals köstliche Stunden in der Spitze der Dachschrägung unmittelbar unter der hohen Sodenfirst zubringen dürfen, in der Zuversicht, für alle Menschengeschöpfe unauffindbar, unerreichbar zu sein? Und hast du dabei gar die Gesellschaft von zwei jungen Kindern gehabt? Du suchst auszuweichen. Einen Heuschornstein hast du niemals gebaut, auf dem Heuboden bist du überhaupt noch nicht gewesen. Aber darauf werde es nicht ankommen, meint deine Weisheit, und sonst seiest du in Sachen des Stelldicheins wohl erfahren. Aber ich entgegne: Hast du keine Erfahrungen im Heu, so wirst du dich bescheiden müssen. Fehlt dieser Umstand, so verliert dein Wissen (dein Wort sonst in Ehren) allen Wert. Denn freilich kommt es justement auf das Heu an. Wer hat nicht von ihnen gehört, den Überirdischen, den Wiesen- und Moorgöttern, die keinen größern Spaß kennen, als junge Menschenherzen in Liebe zu entflammen? Unsichtbare Kobolde sinds, und ihr unsichtbares Bäuchlein halten sie vor Lachen, wenn es ihnen gelingt, ein Pärchen im Heudiemen zu lagern. Aber im Winter starrt das Gelände der Wiesen von Eis und Schnee und Kälte, dann kommt kein Bursche, kein Dirnchen dahin. Was bleibt den Ärmsten übrig, als dem Heu nachzuziehen? Werfen drei Menschenkinder in größern, mangelhaft gelockerten Bündeln so viel Heu in die Unterwelt, wie ein Kuhjunge von Rechts wegen mit seinem blanken Instrument von unten her aus dem festen Heuhaufen losrupfen sollte, so ist die Arbeit bald getan. Dann gibt es Plauderstündchen. Zu dreien saßen sie vor eben demselben Hahnengiebel, wo Puckchen einstmals diniert hatte, von Gewissensbissen wenig belästigt. Hatte man das Plaudern satt, so balgte man sich wohl in aller Freundschaft im weichen Heu. Und die von den Wiesen her in ihre Winterquartiere eingewanderten Unsichtbaren saßen auf Balken und Latten und lachten ein unhörbares und unsichtbares Lachen. So was war ihre Augenweide.   In den ersten Tagen hatte Hein noch häufig nach der Unterwelt hinabgehorcht. Aber niemals hatte er etwas anderes vernommen als das Summen und Weben der Stille, das leise Rasseln und Klingen der Kuhketten, das Atmen und Schnauben der behaglich wiederkäuenden Herde. Und er mußte schon ziemlich tief in den Schacht hinabsteigen, um auch nur diese Laute zu vernehmen. Wie oft hatte sich das junge Volk der drei in aller Freundschaft gebalgt! Es war aber noch immer unentschieden, ob Hein stark genug sei, beide Schwestern selbander in das Heu zu strecken. Aber heute blieb er Sieger. Ihr Unsichtbaren im Hahnengiebel und auf Querbalken, schöne liebenswürdige Töchter der Natur und ihrer gras- und blumenreichen Wiesen – ihr hättet die leichtsinnigen Kinder gern gewarnt, aber es war gerade kein geeignetes Medium zur Hand. Es ist kein Heckenzaun, was die Irdischen und Überirdischen trennt. Die Mauerpforte dreht sich nur in einer Richtung, sie erlaubt nur ein Hinaus, kein Herein. Mit Entsetzen hattet ihr schon längst den Wirt des Hofes, Harm Kühl, gesehen, wie er auf seiner beschwerlichen Reise durch die Dachfirst des Kuhhauses; die nur ein Kriechen gestattete, nahte. »Das gilt nicht«, hatte Ricke gesagt. Das Nachdenken darüber, was sie wohl damit eigentlich meine, verschob Hein Wieck auf einen andern Augenblick. Er hatte dazu einen tief empfundenen Grund: er fühlte nämlich eine kräftig zugreifende Hand an seinem Ohrzipfel. Man konnte erwarten, daß nunmehr eine schreckliche Szene gefolgt sei. Und es ist wahr: Hein hat angenehmere Lebenslagen in seiner Erinnerung, als die war, worin er sich sah. Wer aber annimmt, daß es die Weise von Harm Kühl war, zu lärmen und zu toben, auf seine liederlichen Töchter zu fluchen, der ist in die Wesenseigenschaften des Besitzers vom Holm noch nicht genügend eingeweiht. Er sah ein, daß er es hier mit Dummenjungenstreichen und Kindereseleien zu tun habe, die man nicht zu wichtig behandeln dürfe. Heftiges Aufbrausen war ihm überhaupt nicht eigen, er hielt es mehr mit einer ernsten Haltung, die den Eindruck des Augenblicks überdaure. Den Jungen hatte er sich sofort beim Ohr genommen, und zwar mit einer Innigkeit, die für die Dauer dieser Behandlung sprach. Aus seinem Gesicht leuchtete so etwas wie Zufriedenheit mit dem Schöpfer, weil er bei den Ohrzipfeln der Dienstjungen auf eine angemessene Länge Bedacht zu nehmen pflege. Mit Vergnügen erinnerte er sich in diesem Augenblick an den umfangreichen Ohrlappen von Gorg Bünz und erfreute sich zugleich an dem, was er jetzt zwischen Daumen und Zeigefinger der rechten Hand hielt. Denn auch dies bot genügend Stoff für eindringliche Mahnung und war ausgezeichnet durch die Sammetweichheit blonder Jugend. Woran sonst, mußte er denken, woran könnte man wohl ungezogene Jungen, die am liebsten mit affenartiger Behendigkeit in die Unterwelt schlüpfen, halten, wenn nicht am Ohr? Zu den Töchtern sagte er nur das eine: »Weg mit euch, erwartet mich bei Mutter!« was zur Folge hatte, daß der bekannte Schacht sie lautlos verschlang. Nun sah Hein sich seinem Bauern allein gegenüber, und der Ernst seiner Lage schien ihm dadurch wesentlich erhöht. Harm Kühl war von der langen Bodenreise mit Staub und Spinngewebe bedeckt. Hein aber sah nicht allein dies und seinen roten, erregten Kopf, er fühlte nicht nur die strafende Hand, sondern er wußte in einer Art somnambuler Vision auch, wie er selbst aussah. Seine kleine Mannsfigur, die sich in den blanken, blauen Leinenhosen stocksteif reckte und streckte, so, wie es dem Herrn seines Ohrs gefiel, sein eignes, in diesem Augenblick nichts weniger als kluges Gesicht standen deutlich vor seinem innern Auge. Seine Armesündermiene, worin jede Linie ein Bußgebet sprach, fühlte er gleichfalls. Er wußte, daß aus seinen Augen eindringlich die Bitte um Milde und Erbarmen sprach und daß darin das Zugeständnis zu lesen war, er dürfe sich nicht über Ungerechtigkeit beklagen, wenn man ihn noch heute abend auf dem großen Küchenherde vom Holm röste und brate. Aber schon die ersten Worte von Harm Kühl konnten ihn darüber beruhigen, daß ihm der Scheiterhaufen erspart bleibe. Was ihm bevorstehe, deutete Harm nur an – in dunkeln Ausdrücken. Er wolle mit Heins Vater sprechen, zum Kuhjungen sei er durchaus nicht zu gebrauchen. Er mußte hören, daß er ein infamer Taugenichts sei. »Ich will dich lehren, meine Töchter auf den Heuboden locken!« Es wurde die Vermutung ausgesprochen, daß er seinem wackern Vater und seiner im Grabe ruhenden Mutter Schande machen werde. Hein dachte an die Todesstunde seiner Mutter, er dachte daran, daß sie selbst ihm Segenswünsche erteilt habe, die nur der brave Mensch verdient. Und nun zweifelte er an seiner Tugend und sah sich schon in einem tiefen Abgrund. Wie verlangend blickte er nach der lichten Höhe empor, worin er, damals ein Tugendbeflissener, noch vor wenigen Tagen geweilt hatte. Und er hatte sich unterfangen, ein Kuhknecht zu werden, vortrefflicher sogar als Kuhkönig Henn? Er wurde weich und wäre noch mehr gerührt gewesen, wenn Harm nur nicht so schändlich an seinem Ohr gezogen hätte. Die folgende Bußpredigt fiel aber in die Seele eines Zerknirschten. Er vernahm, was er eigentlich schon dunkel geahnt hatte, daß es ganz ungehörig sei, Heu von oben abzuwerfen, und daß nur ein ganz durchtriebener, fauler Junge auf solche Streiche kommen könne. Dazu habe der liebe Gott justement die Kuhjungen erschaffen, daß sie das Heu mit äußerster Mühe losarbeiten, damit jede Faser locker und lose werde wie Federdaunen. Und nun wurde es ihm bestätigt, daß staubiges Heu selbst die tüchtigste Kuh krank machen könne. Hein gab ihm in allem Recht und tat wiederum bei sich Schwüre, wenn auch jetzt nicht in der lustigen Verfassung, wie vor einigen Tagen auf seinem Brettstuhl. Damals hatte er ein besserer Raucher werden wollen, jetzt wollte er nur noch ein besserer Mensch werden. Aber unter einem Vorbehalt. Die Antje – oder war es die Rieke? (er wußte wirklich nicht, in welche er am meisten verliebt war) – wenn er sie auch nicht mehr auf den Heuboden nehmen wolle ... niemals! – ganz wolle er die ... die er liebe – sei es nun Antje, sei es Rieke – nicht lassen. Wenn Harm das von ihm verlange, dann könne die Silja ihn nur sofort lebendig braten. Über seine Lippen kam kein Wort, Er äußerte seinem Bauern gegenüber nicht einmal den so innig gehegten Wunsch, Harm möge seiner Lust, ihn am Ohr zu ziehen, genug getan haben. Er war an der Stelle empfindlicher, als andere Kuhjungen sein mochten. Endlich war der Herr vom Holm auch dieser Meinung und ließ ab, worauf Hein sich mit brennendem Ohrzipfel lautlos, ebenso wie Antje und Rieke es getan hatten, nach unten fallen ließ.   Harm schritt den Heuboden noch einmal bedächtig ab, sah aus dem Eulenloch, dann stieg auch er vorsichtig durch den Schacht in die Unterwelt und ging durch das Kuhhaus über die Futterdiele. Henn, der seinen Kühen Heu vorfegte, sah ihm von hinten mit der Ruhe eines guten Gewissens nach und sprach bei sich: ›Ich habe meine Schuldigkeit getan, nun, Harm, tu du die deine, sieh zu, wie du mit den Übeltätern zurecht kommst!‹ Und wenn der Anblick seines Herrn ihn nicht zu andern Gedanken veranlaßte, so hatte er von seinem Standpunkte aus recht. Sah man Harms lange, magere und eckige Gestalt ohne Rock, in den blau gestreiften Ärmeln des Überhemds, in schwarzer Beiderwandhose und schwarzer Beiderwandweste, worin der Rückenteil aus hellblauem Batist bestand, über die Fliesen gehn, und sah man die Falten mit jedem Schritt jetzt rechts, dann links von dem Schnittpunkt der langen Beine her langsam kommen und über den beschriebenen Batist in leichten Kräuselwellen langsam vergehn, so sagte das solchen Betrachtern, wie Henn es war, nur, daß Harm sich Zeit lasse. Aber für uns, denen die Herzen der Helden aufgeschlagene Bücher sind, stellen diese Kräuselwellen den Widerschein lieber Erinnerungen dar – Erinnerungen im Herzen des Herrn vom Holm, goldne Klänge des Glücks, die er in stillem Gedenken über die Futterdiele trägt. Er hielt den Kopf etwas rechts geneigt, wie immer, und sah von hinten so trocken aus wie immer. Aber wenn wir ihn überholen und ihm ins Gesicht sehen, so gewahren wir ein Lächeln wie jungen Frühlingstag auf seinem Gesicht – ja in der Gegend der Dickmilchtonne glauben wir ein fast fröhliches Summen zu vernehmen. Wir täuschen uns nicht, wenn wir annehmen, daß diesem Summen eine Gedächtnisfeier zu Grunde liegt, die die Seele des wackern Harm in Schwingung versetzt. Und dieses fast zu einer Art von Gesang gewandelte Summen und alles das, was damit zusammenhängt, wollen wir als zu unserer Geschichte gehörig einschalten, wollen in einem eigens dazu bestimmten Kapitel dem wunderlichen Gebaren unsers Harm und der Geschichte dieses Gebarens nachgehen. 6 Es war im zweiten Jahrzehnt unsers alternden Jahrhunderts, als die über den Erdball dahingegangenen Stürme im Dorfe nachträglich eine kleine Revolution in der Kleiderordnung nach sich zogen. Bis dahin hatte sich die Kniehose noch immer siegreich behauptet, nun aber wollte die lange Hose (sansculotte) ihres Sieges, der dem alten Europa soviel Blut gekostet hatte, froh werden. Die Alten blieben bei ihren Kniehosen mit den Silberschnallen, bei ihren gleichmäßig rund herumgestrickten, farbigen Wollwesten und den großen Rundhüten; die Jungen aber waren Anhänger der langen Hosen, der Westen mit dem Rückenteil aus Batist und der nüchternen Mützen. Nach der Lehre der Optimisten verbleibt dem Guten und Wahren stets und überall der Sieg. Da nun die lange Hose und die Mütze die Herrschaft behalten haben, so darf man, wenn die Welt wirklich weise und gut eingerichtet ist, dann darf man – nicht wahr? – annehmen, daß sie der alten Tracht gegenüber einen Fortschritt an Schönheit und an Brauchbarkeit darstellen. Wir wollen uns indes in diesen Kleiderstreit nicht mischen. Der damalige Besitzer von Holm, der alte Detlev Kühl, den nun schon lange die Erde deckt, hielt tapfer an der alten Tracht fest und sah es auch nicht gern, daß die Jugend sich hiervon losmache. Die Kniehose, der Rundhut und (was wir ganz vergessen haben, hervorzuheben) vor allen Dingen das lang getragene, wallende Haar waren ihm so heilig wie die Symbole seines religiösen Bekenntnisses. Er hatte nur einen einzigen Sohn: Harm. Und dieser war im Grunde seines Herzens ein Neuerer, ein Absalom, jedoch einer mit Vorliebe für kurze Haare. Wahrscheinlich hätte er es kaum gewagt, sich die Haare schneiden zu lassen, wenn nicht seine Mutter im Geheimen eine Revolutionärin gewesen wäre. Die Erlaubnis zu den langen Hosen wurde dem Alten schließlich halb abgetrotzt, halb abgeschmeichelt; an den langen Haaren aber hielt der Vater beharrlich fest. Da verschworen sich Mutter und Sohn. Das lange Haar fiel unter dem Schermesser von Jürgen Weber. Nach dem Ratschluß der Mutter sollte Harm, der, in der Regel mit Feldarbeiten beschäftigt, seinem Vater eigentlich nur bei den Mahlzeiten unter die Augen kam, sollte Harm also auch bei Tisch die Mütze auf dem Kopf behalten, damit man über die Angst des ersten Tages hinwegkomme. Dieser Entschluß der Frau Kühl, die sonst für eine kluge Frau gehalten worden ist, spricht nicht gerade für ihre Schlauheit. Denn wenn Harm auch am Leutetisch saß, so geschah doch das, was unter diesen Umständen nicht ausbleiben konnte. Der Alte erhob sich, nachdem er scharf von seinem Tisch nach der Mütze hinübergeäugt hatte, während des Essens, nahm seinem Harm die Mütze mit zwei Fingern vom Kopf und hielt sie senkrecht über den Geschornen. Die Verachtung, der Hohn, der in seiner Miene lag, läßt sich nur malen, nicht erzählen. Er stellte den Filius in Gegenwart des gesamten Gesindes arg bloß: »Wat hev ik doch förn Hans Narr von Sohn«, sagte er, »keen Spier (keine Strähne) op den barden (bloßen) Kopp!« Dann ließ er die Mütze dahin zurückfallen, woher er sie genommen hatte. Harm war groß geworden und stand im Jünglingsalter. Alltags trug er noch immer die ersten ihm angemessenen langen Beinkleider und mußte sie solange tragen, bis sie kein Flicken mehr vertrugen. Reichten sie auch immer noch weiter als bis zu den Waden, so waren sie doch offenbar zu kurz geworden. Schon dieser Umstand weckte nach den Grundsätzen, daß gleiche Lebenslagen Seelenannäherung befördern, Liebe und Mitgefühl in seiner Brust für die Tochter des Kätners Dierck Reimers von Ellernbusch. Denn auch sie wurde angehalten, Röcke aufzutragen, die einstmals lang genug gewesen waren. Die Holzpantoffeln des jungen Harm hielten die über ihnen hängenden Hosensäume für ein unerreichbares Ideal und taten recht daran, wuchs doch das Schienbein des Harm immer länger aus den besagten Säumen heraus. Wieb war etwas besser daran, denn ihre große, weite und lange Schürze hatte den guten Willen, die kurzen Röcke zu bedecken und ihrer Länge drei Zoll hinzuzudichten. Harm war aschblond und zu mager, um für schön gehalten werden zu können; Wieb hatte schwarze Augen und Haare und galt für hübsch. Sie waren miteinander zur Schule gegangen. Die Äpfel und Birnen von Holm und von Ellernbusch waren getreulich ausgetauscht worden. Mitunter hatten sich die beiden erzürnt, meistens aber hatten sie sich gut vertragen. Im Winter hatten sie sich mit Schneebällen geworfen, und abends war der etwas hartlernende Harm nach dem Ellernbusch hinüber gegangen, um sich von Wieb den Katechismus und die Bibelverse überhören zu lassen. Sie waren, obgleich Harm zwei Jahr älter war, ungefähr zu gleicher Zeit eingesegnet worden. Wenn sie sich sahen, so sagte Harm: »Wieb?« – und Wieb sagte: »Harm?« – was soviel bedeutete wie: Guten Tag, Harm, guten Tag, Wieb! Wir sind beide froh, uns wiederzusehen, denn wir können uns gut leiden. Beim Ringreiten kam es zur Erklärung. Nun wollten sie sich auch in Zukunft angehören und sich allein treffen. Der Winkel hinter der alten Hofscheune am Hausteich schien unserm Harm dazu passend. Er bestimmte also diesen Fleck zum Stelldichein. So ein junger Harm hat seine eigenen Ansichten. Wenn er in Holzpantoffeln, in zu kurzen Beinkleidern auf einem krummen Holunderstamm sitzt, seine Liebe, die eine Küchenschürze trägt und deren Röcke zu kurz geraten sind, im Arm, ist er kapabel, so ein schwarzhaariges Dirnchen lieber zu haben als seine Tante, die lange Röcke trägt. Er ist imstande, für seine Wieb und ihre Liebe den Triumph gering zu achten, im Ringreiten den ersten Preis zu erringen oder in vierundzwanzig Stunden zwei Tagewerk Wiesen abzumähen. Ja, für so etwas Liebes gibt er leichten Herzens den Genuß dahin, dickgeschmierte Butterbröte zu dünner Buttermilchgrütze zu essen, auch wenn die Köchin ihr mit einer Kanne süßen Rahms einen Geschmack gegeben hat, den man kennen muß, um ihn für möglich zu halten. Aber Rauhreif und heimliches Liebesglück werden nicht drei Tage alt. Es war das dritte mal, wo die beiden, die in ihren Kleidern zu kurz gekommen waren, sich dafür in der Liebe hinter dem Steinwall entschädigten, als Detlev Kühl plötzlich, wie aus dem Boden gewachsen, vor ihnen stand, im vollen Schmuck des Rundhuts, der langen Haare und der Kniehosen. Er kam nicht aus der Fassung und ließ die Pfeife nicht aus dem Munde, aber schimpfen konnte er mit dieser Pfeife im Munde ganz tüchtig: »Krötenzeug, liederliches Frauenzimmer, Ungeratener« – und so weiter. Wieb stob davon, daß die lange Schürze im Mondschein flatterte, Harm war durch einen kleinen Umstand verhindert, ihrem Beispiel zu folgen: denn sein Alter hielt ihn just so, wie er heute Hein Wieck gehalten hatte, kräftig am Ohrzipfel, dabei fett aus der Kehle knarrend: »Hat ja kein Haar aufm Kopf, da muß man hingreifen, wo so ein unnützer Junge zu packen ist.« Und am Ohr wurde der lange magere Harm mit seinen kurzen Beinkleidern, mit der neumodischen Mütze über den Hofplatz hinübergeführt, hinein in das Haus, über die große Diele, vorbei an den Gesindeschlafbetten, deren Insassen mit etwas Schrecken, viel Belustigung und treffsicherer Ahnung diesem Strafgericht zusahen. Und weiter ging es direkt vor das Bett der Mutter. Hier bekam Harm endlich den brennenden und schmerzenden Ohrzipfel frei. »Da hast du deinen neumodischen Jungen«, grollte Detlev Kühl mit seiner Hälfte. Er hatte entschieden Lust, alles auf die kurzen Haare zu schieben und anzunehmen, daß Harm seine Liebeshändel nicht angeknüpft hätte, wenn Jürgen Webers Schermesser nicht über sein Haupt gekommen wäre. »Da hast du den neumodischen Schlingel«, wiederholte er. »Mit der Kätnerstochter freit der dumme Junge hinter der Scheune. Das hast du nun davon!«   An das alles dachte Harm Kühl, als er an der Dickmilchtonne vorübersummte. Beim Ohr hatte ihn einstmals sein Alter gefaßt, so hatte er seinen Dienstjungen heute gehabt, seinen Dienstjungen, den leiblichen Sohn seiner Jugendliebe. Dem alten trocknen Harm wurde wieder weich und warm. Sie umsäuseln ihn wieder mit ihrem Frieden, die Frühlingsabende im Holundergebüsch der alten Scheune vom Holm. Noch loht es schwach im Westen, wo die Sonne versank, und schon steht, wie es sich bei einem rechten Stelldichein gehört, der gute deutsche Mond am Himmel. Sein weißer Glanz liegt auf den düstern Hängen der schweigenden Nachtgebüsche, die ihr Blättergewirr bis auf den Steinwall hinabtauchen. Und was sie umschließen, ist das köstlichste Geheimnis, das je ein Holunder umschloß. Ein Flüstern, ein Murmeln, ein Seufzen. Der starke Duft der Blütensträuche beschwert die jungen Herzen mit der bohrenden Sehnsucht einer Liebe, die sich nicht genug tun zu können vermeint und doch so köstlich erfüllt im Arm gehalten wird. Die Bienen haben längst ihre Stöcke aufgesucht, verstummt ist das Tagesgesumm im Blumenkelch der weißen Dolden, Riesenmücken arbeiten mit lächerlich langen Gliedern über die Kleidung der beiden seligen Menschenkinder oder summen durch die grüngoldne Dämmerung. Und in dem Hausteich zu den Füßen der Glücklichen das unermüdliche Lärmen der Frösche. Kennt ihr das türkische Märchen? Ein Sultan heischt Wunder von seinem Weisen. Der führt ihn inmitten seiner Großen an eine Wassertonne und ersucht ihn, sein Haupt einzutauchen. Der neugierige Sultan tut das. Aber mit dem Eintauchen ist die Welt, ist er selbst verwandelt. Er sieht sich an den Fuß eines Berges an den Meeresstrand versetzt. Voller Grimm über den Zauber des Meisters. Mit Mühe findet er einige Waldarbeiter, die ihm den Weg nach der nächsten Stadt zeigen. Dort nimmt er Wohnung und heiratet nach verschiedenen Abenteuern eine Frau von großer Schönheit. Sie schenkt ihm sieben Söhne und sieben Töchter, Jahre um Jahre vergehn, endlos fließt die Zeit. Dann verarmt er völlig, er muß sich als Lastträger ernähren. Finstere Schwermut beschattet sein Gemüt. Eines Tages geht er ans Meer und grübelt über sein Mißgeschick nach. Zum ersten male empfindet er das Bedürfnis, sich nach frommen muhammedanischen Gebräuchen zu waschen und zu baden. Er legt die Kleider ab und taucht in die Flut. Und, o Wunder! wie er das Haupt aus den Wellen zu heben vermeint, sieht er sich im Hof seines Palastes neben der Wassertonne, neben seinen Bezieren und dem Zauberer. Furchtbar entladet sich sein Zorn. Wie er ihn so lange habe in Knechtschaft schmachten lassen können! Aber ruhig beweist der Meister durch das Zeugnis der Anwesenden, daß der Sultan sich nicht vom Flecke bewegt hat, und daß seit dem Untertauchen des hohen Hauptes noch keine zwei Sekunden verflossen sind. Von dem Kuhstall durch den Rundbau, wo die brave, dunkelbraune Lisch die Buttermaschine am geduldigen Göpel dreht, über die Hausflur bis zur Wohnstube waren nicht mehr als dreimal zehn Schritte. Und Harm durchmaß diese Räume ohne Aufenthalt, wenn auch ohne besondere Eile, den Kopf schief, mit Daumen und Langfinger knipsend. Aber als er die Türklinke hinter sich zugedrückt hatte, waren die langen Jahre seiner Jugend, ihre Freuden und Torheiten wieder an ihm vorübergezogen. Und in frohmütig weicher Stimmung stand er vor seiner Grete. 7 Unser Freund Hein wurde an dem Tage und auch an dem folgenden Tage das Gefühl nicht los, daß ihm ein großes Unglück, eine nie gehörte Blamage passiert sei, daß ihm ein Schandfleck anhafte, den er niemals wieder abwaschen könne. Er spürte in den Mienen seiner Hausgenossen, und überall sah er oder glaubte er ein vielsagendes, ironisches und mitleidiges Lächeln zu sehen. Am meisten aber fürchtete er das Frauenzimmervolk in der Küche. Den armen Würmern drinnen wird eine schöne. Rede gehalten worden sein, das Kleinmädchen Witten horcht immer an den Türen – wer weiß, vielleicht hat sie alles mit angehört. Und ob der Henn es sich wird versagen können, eine so seltene Geschichte zu erzählen? Es schien fast ausgeschlossen, daß die Sache dem Gesinde geheim bleiben werde. Des Nachmittags wurde in der Küche gevespert. Henn und die andern Knechte aßen zuerst, während Hein die Wache im Kuhhaus hatte. Er bekam nachher mit den Dienstmädchen zusammen. Die Aschenkiste am Herd war sein Platz. Die Vesper war ihm immer eine Erholung gewesen, die er nicht gern mißte. Wenn er sich beim Kuhstriegeln zu sehr darüber zergrübelt hatte, wie es mit ihm und seinen Bräuten wohl werden möge, legte die frische Heiterkeit der immer lachenden Mädchen sich wie – nun, um naturalistisch zu dichten: wie Ölverband auf sein vor Liebe wundes Herz. Heute aber ging er in großer Angst und mit einer gewissen Todesverachtung dahin. Wenn irgendwo, das war ihm klar, so hatte er bei der Dirnengesellschaft Schlimmes zu befürchten. Der Empfang weissagte nichts Gutes, da bei seinem Eintritt eine lustige, von schallendem Gelächter begleitete Unterhaltung plötzlich verstummte. Von ihm war also die Rede gewesen. Wenn auch alle mit verdächtigem Eifer bemüht waren, seinem Blick auszuweichen, so erwischte er doch in dem Funkelauge der Abel blanken Spott. Silja schien ihn nicht zu bemerken, wohl aber bemerkte Hein den Rippenstoß, den sie von Abel erhielt. Und selbst die stille Elsbeth biß sich auf die Lippen, als sie seinen Kaffeetopf füllte. Und nun gar das Gesicht der niedlichen, in ihren Tassenkopf hineinkichernden Witten. Ein gedämpftes Flüstern, Kichern und Gluhern ging durch die Gruppe der Mädchen. Er konnte kaum noch daran zweifeln, daß dieser Empfang mit seinem Unglück, mit seiner Blamage zusammenhänge, und als man nun gar eine offenbar nach seinem Fall erfundene Geschichte von einem liebestollen Knecht ohne rechten Übergang im lautem Ton zu erzählen anfing, da wußte er es. Und auf seiner Aschenkiste dachte er über die Grausamkeit der Weiber nach. In seiner Vorstellung saß er übrigens gar nicht auf der Aschenkiste, aß auch kein Schwarzkäsebutterbrot – nein, er war Indianern in die Hände gefallen, er war an den Marterpfahl gebunden und mußte sehen, wie man Pfeil auf Pfeil auf ihn abschoß. Er war sehr verlegen, war aber auch sehr zornig und bedauerte im stillen, diesen Zorn gegen die netten Mädchen nicht entfalten zu mögen. »So ein dummer Junge«, kritisierte man den Helden. »Dumm oder nicht, küssen, das verstand er«, wurde erwidert, nach Heins Meinung war es die anzügliche Abel. Hein hatte darüber keine klare Erinnerung und kann nichts beschwören, aber daß darauf die Köchin vom Holm, die runde Silja (Tete war ihr erklärter Schatz) vor der Aschenkiste stand und den Gequälten anlachte, steht so fest, als sei es beeidigt. »Was sagst du denn dazu, mein Heini? Du sollst es ja auch so nett können. Gib mir ein Pröbchen!« »So gut wie Tete mach ichs doch nicht.« Aber Silja wollte den Unterschied kennen lernen, Hein solle nicht widerwärtig sein ihr einen Gefallen tun. Tete mache es ganz gut, aber sein Bart täte so weh. Sie streichelte ihm die Wangen. Hein wurde heftig und bog den Kopf so weit zurück, wie es die Wand erlaubte. Da hatte er das Spiel verloren. Nun erst zeigte sich, in welche Gesellschaft er geraten war; nun tagte es, daß eine durch Komplott verbundene Rotte von Mädchenröcken in der Küche vesperte. Es folgte eine tolle Szene. Dürften wir unserm Geschmack folgen: wir würden sie nicht mitteilen. Aber wir erinnern uns, daß unser Amt als Erzähler uns die Pflicht auferlegt, uns und andre zum besten der Wahrheit in der uns allen gemeinsamen sittlichen und ästhetischen Empfindung zu betrüben. Aber alle Einzelheiten festzustellen, kann uns nicht zugemutet werden, nur das erfordert die Gerechtigkeit, außer Zweifel zu lassen: Silja hat angefangen. Sie hatte es von vornherein auf Falschheit abgesehen. Mit der Versicherung, sie nehme, was man nicht gebe, gestohlene Pflaumen schmeckten erst gar süß, umschlang sie ihn und küßte ihn auf den Mund. Das wirkte wie ein Signal und weckte unverhohlene Umsturzbestrebungen. Von mehreren Mädchenstimmen wurde gerechte und gleiche Verteilung der Güter verlangt, als ob der Bande das mit Recht zugekommen wäre, was sie jetzt nahm. Es war nicht Silja allein, nein – alle, Abel, Witten, ja selbst Elsbeth gingen zum Angriff über, und Hein wurde von vier jungen Weibern zu gleicher Zeit umarmt und geküßt. Es war nicht nur Heuchelei, wenn Hein empört tat und, so bald er einen Gedankenstrich frei bekam, schrecklich drohte. Allerdings wissen wir nichts von Anstrengungen, diese Drohungen zu verwirklichen. Daran verhinderte ihn außer einer sehr innigen Umschlingung von vier und mehr Armen das Bewußtsein, daß er bei diesem Raubzug eigentlich doch nur scheinbar der leidende Teil sein. Hein war nicht klassisch gebildet, mußte daher auf den schlangenumwundnen Laokoon, den wir Gelehrten unter solchen Umständen ganz gewiß beschworen hatten, Verzicht leisten. Er wollte auch den Marterpfahl nicht ganz missen. Aber was jetzt auf ihn geworfen wurde, schien ihm eher Blumen als Pfeilen zu gleichen. Und schließlich kam über ihn eine Art humoristischer Stimmung, die ihn veranlaßte, die Vorteile seiner Lage auszunutzen, indem er nicht allein empfing, sondern auch zurückgab. So entwickelte sich ein ganz lustiges Gefecht, wobei Hein mehr Küsse einheimste, als mancher von uns sein Leben lang erhält. Bekanntlich ist keine Freiheit so wild, daß sie sich nicht alsbald unter ihre eignen Gesetze stellt. So kam denn auch in das Durcheinander eine Art Ordnung und Reihenfolge. Hein verhielt sich dabei gleichgültig, der Eifer seiner Verehrerinnen sprach dafür, daß alle daran kommen würden; er ließ sich alles ohne tiefere Herzensteilnahme gefallen, nur bei Elsbeth, die ihn an Antje oder Rieke – ja, wer von beiden war nun eigentlich seine Hauptbraut? erinnerte, legte er eine Art Gesinnung hinein. Silja hat schon längst den Grützgrapen über den Feuerhaken hängen sollen, die Dielenuhr hat zum Melken gemahnt, und auf Hein wird wohl Henn nachgerade warten. Das alles wurde vergessen, denn alle Beteiligten waren bei der Sache. Die Klinke an der nach der Wohnstube führenden Tür bewegte sich, keiner merkte es. Die Tür öffnete sich, keiner sah es. Im Türrahmen erschienen drei Gesichter, keiner nahm sie und den Schrecken auf den beiden jungen, den Zorn auf dem ältern wahr, auch das nicht, daß die beiden jungen zurückgeschoben und die Tür sachte angelehnt wurde. Es war ein Traumzustand, worin sich die Gruppe in der Gegend der Aschenkiste befand. Jedes Mädchen stand unter der Vorstellung, daß sie nicht den Stalljungen, sondern eine Person umarme, die sie lieber habe als Hein Wieck. Mit einem Wort: alle waren geistesabwesend und erwachten erst, als die Hausfrau vor ihnen stand und mit hartem Wort die Seelen der Nachtwandler in ihre Behausung zurückrief. »Ich bin doch neugierig«, sagte sie mit der Sicherheit einer Hausfrau, die um so ruhiger erscheint, je mehr Anlaß vorhanden ist, die Ruhe zu verlieren, »ich bin doch neugierig, wie weit man die Schamlosigkeit in meinem Hause treiben wird?« Das fegte alles Lebendige hinweg, als wäre eine Bombe eingeschlagen. Nach drei Sekunden war Grete Kühl geborne Otzen allein in der Küche. Nur der Grapen stand auf dem Herd neben dem Feuerrost, verraten und verlassen und dennoch ungekränkt. Dieser eiserne Dienstmann gehörte zu den Stillerfahrenen. Die Hänge ließ er schlaff herabhängen, ergeben, mit der Torheit der Welt vertraut. Will man einen Versuch machen, seine Miene in Worte zu fassen, so übersetze ich: ›Ja, Ja, Greten, das ist nun mal so. Das ist der Lauf der Welt. Jugend hat keine Tugend. So war es, als wir beide noch im Glanze ihrer Schöne strahlten, und besser ist es seitdem auch nicht geworden.‹ 8 Ich weiß nicht, was die Hausfrau angestellt hat, das Dirnszeug zum Anhören der Strafpredigt dingfest zu machen. Aber das weiß ich: als sie das Schreckliche noch einmal überdachte, wurde ihr einen Augenblick schwarz vor den Augen. Und auch das ist mir bekannt, daß sie den Hein, der sich in seiner Herzensangst gleich nach dem Abfüttern in die Bettlade verkrochen hatte, persönlich aufsuchte. Sie stand in der Kuhkammer und hielt einem tief unter der Bettdecke vergrabenen, hoch aufgebauschten Bündel die Untaten vor, die das Etwas verübt haben sollte. Der wackere Vater Jasper wurde als Muster aufgestellt, zu seinem glänzenden Tugendschild war die schwarze Bosheit ihres Schützlings ein schlimmer Gegensatz. Der Schatten seiner seligen Mutter, ja selbst der alte Dierck wurde heraufbeschworen. Über ihrer eignen Rede wurde sie gerührt, auch über die Bettdecke liefen die Falten der Seelenbewegung. Grete flehte die Bettdecke an, sich der Reue und Besserung nicht zu verschließen, den breiten Weg, der zu keinem guten Ende führe, zu verlassen. Sie weinte heftig in ihre Schürze hinein. Es handle sich um Wichtigeres, als um sein leibliches Wohl – sein Seelenheil stehe auf dem Spiel. Ja, sie zitterte vor ihrer eignen Verantwortung, wenn der ewige Richter ihr derdereinst die Frage vorlegen werde: ›Wo ist Hein Wieck? Wo ist der, den die selige Wieb in deine Hände befohlen hat?‹ Dem Bündel war es bei diesem Teil am unbehaglichsten; lebhafter zuckte es über das blaugewürfelte Deckenmuster, und einen Augenblick erschien am Fußende die große Zehe des Übeltäters mit einem unglaublich langen Nagel. Grete fragte in das Bett hinein, ob Hein Besserung versprechen und sich gegen alle Versuchungen des Bösen mit den Mitteln, die nur das zuversichtliche Gottvertrauen an die Hand gebe, wappnen wolle – eine Apostrophe, die zur Folge hatte, daß sich eine kleine, schmutzige Kuhjungenhand hervorreckte, von der Gretes Rechte die feierliche Zusage entgegennahm. Damit war der feierliche Teil der Unterredung zu Ende. Der Bußpredigerin Aufgabe war erledigt, die Hausfrau, deren Blick nichts Ungehöriges entgeht, hatte noch ein Wort zu sagen. Sie schlug die Decke von unten her zurück und stellte zwei Füße, nicht übermäßig sauber, und deren lange Nägel bloß. »Aber das sag ich dir, Hein«, schalt sie, »daß du mir morgen gleich die Nägel schneidest! Da kann kein Strumpf bei heil bleiben. Und wir haben auf dem Holm noch andres zu tun, als deine Strümpfe stopfen.«   Wir wollen den Herzensanteil, den wir an dem Jammer der Töchter des Hauses nehmen, nicht aufrühren, wenngleich nicht verschwiegen werden kann, daß beide, Antje und Rieke, steinerweichend weinten. Antje war ganz Trostlosigkeit mit der Richtung eines wilden Hasses gegen Hein und alle Welt. Und die Drohungen, die sie gegen ihren Geliebten äußerte, waren eines bisher doch nicht unliebenswürdigen Mädchens ganz unwürdig und kennzeichneten sich durch die Entlegenheit ihrer Richtung und ihres Inhalts sofort als die Eselsbrücke einer Eifersucht, die in dem Bestreben dem Gegenstand ihrer Liebe etwas anzuhängen, bankerott geworden war. Sie wollte nämlich ihrem Vater sagen, daß Hein die Kühe immer durch Schimpfworte beleidige, und daß er zu Hattkopp ›Uhlenspegel‹ sage. Die Ricke weinte nicht vor Wut, sondern aus Mitleid. Aus Mitleid mit Antje, mit Hein und aus Mitleid mit sich selbst. Sie war nicht so egoistisch wie ihre Schwester. Ihren Tränen fehlte nicht das Erlösende, das Befreiende, das Herzentlastende. Sie umarmte ihre Schwester und suchte zu trösten. Hein habe keine Schuld. Er sei ein Opfer der Übermacht geworden, und nur mit Gewalt sei es gelungen, ihm das zu nehmen, was er jedenfalls freiwillig nicht hergegeben haben würde.   Inzwischen stand Harm in der Wohnstube und stopfte sich eine Pfeife. ›Das ist ja ein kleiner Satanskerl!‹ redete er in sich hinein. ›Vor diesem sechzehnjährigen Bengel sind nicht meine Töchter, ist kein Weibsbild im Hause sicher. Wer hatte das gedacht, daß Wieb so einen Ausbund in die Welt setzen werde! Und nun gar mein ruhiger trockner Ehrenjasper. Merkwürdig! Hein war doch sonst immer ein ruhiger, guter, fleißiger Junge. Ganz unbegreiflich, das Sprichwort von den stillen Wassern hat, wies scheint, Grund. Muß doch mal zu Jasper.‹ Die Pfeife brannte. Harm erstickte die letzten Funken seines Fidibus mit der Rechten am eisernen Beileger, stopfte mit dem linken Daumen den glimmenden Tabak im Pfeifenkopf fest, verschloß den silbernen Deckel und schritt dampfend zum Ellernbusch hinüber.   Nach einem Stündchen erschienen Harm und Jasper beide in der Kuhkammer. Hein hatte sich dessen nicht versehen und fand keine Zeit, unter die Decke zu verschwinden. Und schließlich hielt er es sogar für ein Stück Helden- und Wagemut, ohne Visier und Rüstung das zu erwarten, was ihm beschert sein werde. Harm nahm zunächst das Wort. Aber, was er vorbrachte, war ein abgeschwächter Aufguß des von seiner Frau gekochten Gerichts. Denn das bleibt bestehn für und für: in der Kunst des Scheltens, eines Scheltens, wobei der Scheltende, ohne sich zu erhitzen, eine eindringliche Wirkung erzielt – in dieser Kunst sind uns die Frauen überlegen. Neu war unserm Hein nur die Ankündigung, daß er den Verkehr mit Antje und Rieke endgültig verscherzt habe, daß er auch tunlichst von dem weiblichen Gesinde werde abgesondert werden müssen, und daß man, um diesen Erfolg um so sicherer zu erreichen, seine Strafversetzung nach dem Pferdestall als Pferdeknecht beschlossen habe. Ihn dauernd in der glänzenden Laufbahn eines Stalljungen zu belassen, gehe bei solchem Betragen auch nicht an. Zum Frühjahr werde er bei dem Onkel als Zimmermann in die Lehre gegeben werden. Hein fand das alles natürlich. Auch war es eine von ihm vorausgesehene Zugabe, als sein Alter, der sonst so wortkarge Jasper, ebenfalls zu schelten begann. Daß er mit seiner Rede nicht zustande kommen werde, das wußte Hein im voraus, und auch Jasper sah bald ein, daß das Redenhalten seine Sache nicht sei, daß er auf diesem Felde keine Lorbeern ernten werde. Es war nur halb Zorn auf Hein, ebenso sehr Zorn auf seine Verlegenheit, als er sich in eine Wut hinein redete und stammelte, die ihm glücklicherweise gestattete, das nachzuholen, was er von Anfang an hätte tun sollen, weil es das Natürlichste und Nächstliegende war. Wer weiß, ob er aber überhaupt darauf gekommen wäre wenn nicht der weiche Ohrlappen unsers Helden sich rosig und breit auf dem blaugewürfelten Kissen präsentiert hätte. Nun erkannte Jasper jedenfalls seine erzieherische Pflicht als strafender Vater, endlich nahm er das Ding zwischen Daumen, Zeige- und Langfinger der rechten Hand und knüllte, zerrte und zog es. Und bei dieser Beschäftigung brachte es sein Mundwerk begreiflicherweise nur noch zu einem mehr aus den zusammengepreßten Zähnen gepreßten und gezischten als gesprochnen, sozusagen zusammengepreßten Auszug dessen, was er hatte sagen wollen. »Ik will di wisen ik will di lehren«, zischte und sagte der wortarme Jasper in endloser Wiederholung, und bei jedem »wisen«, bei jedem »lehren« zog er das vielgeprüfte Ohrläppchen seines ungeratnen Filius, dem er beim Abschied noch zwei Backenstreiche schenkte.   Hein fühlte sich gedemütigt vor den Menschen, er fühlte sich vereinsamt und suchte daher Anschluß bei Wesen, vor denen er sich nicht zu schämen brauchte. Den Kuhstall und die Kühe hatte er verlassen müssen, dafür war er Schutzherr der Pferde geworden. Diese neuen Freunde mußten ihm viel ersetzen, denn auch Hein Wieck kam auf den Gedanken, daß die Ereignisse der letzten Tage auf das Verhältnis zu seinen zwei Bräuten nicht einflußlos sein könnten. Mit Rieke – da war vielleicht Hoffnung, aber mit Antje (die sah ihn gar nicht mehr) war es sicherlich ganz aus. Rieke hatte ihn doch angesehen, einmal sogar angelacht. Hein mochte jetzt Rieke viel lieber als Antje. Und das war ganz natürlich, er hätte ja blind sein müssen, hätte er nicht gesehen, daß diese schwarzen Augen schöner waren als die blauen, daß um diesen Mund mehr Güte lag, als er bei Antje jemals gesehen hatte. Das tat ihm wohl, aber trotzdem wollte er sich nicht beruhigen lassen; noch liebte er seinen Kummer mehr als Riekes Trost. Traurig schlang er die Arme um den Hals der alten Pferdemutter Lisch und beklagte sich bei ihr in so bewegten Worten, daß der hellbraune Jochen im Nachbarverschlage eifersüchtig wurde und auf den Steinboden stampfte. Bei ihnen fühlte er sich geborgen, sonst nirgends. Seine Geschichten waren Dorfgespräch geworden; vor Scham wagte er den Menschen nicht ins Gesicht zu sehen, und in seiner Brust hatte sichs wie die Zentnerlast einer schweren Schuld angehäuft. Woher dieses fürchterliche Schuldgefühl? Hätte er gestohlen gehabt – es hätte nicht schlimmer sein können. So recht wußte er selbst nicht den Grund, aber er fühlte sich tief in Schuld. Er sah sich als Träger einer Schuld, und zwar einer ihn lächerlich machenden Schuld, ganz besonders dann, wenn die Gefühle der religiösen Scheu in ihm emporschossen, wie es zum Beispiel bei den Predigten, die Harm Kühl am Sonntagvormittag der versammelten Hausgenossenschaft vorlas, geschah. Auf seinem freigewählten Armesünderstuhl in der Ecke hinter den Dienstmädchen, die so züchtig dasaßen, als hätte es niemals einen Kußkampf in der Küche gegeben, preßte er beim Vaterunser die gefalteten Hände in Reue fest zusammen. Als einmal das Gleichnis von dem hartherzigen Schuldner-Gläubiger behandelt wurde, der die Nachsicht seines Herrn in großem Maßstab erfuhr, aber sein eignes Guthaben unerbittlich eintrieb, geriet er (die Beziehungen des Gleichnisses zu seiner Vergangenheit konnte er selbst nicht entdecken) in eine krankhafte Zerknirschung. Und diese Zerknirschung löste sich in einem feierlichen Gelöbnis auf. Er wollte aller Welt, und der Antje besonders, alles Unrecht, allen zukünftigen Widersachern jede zukünftige Unbill vergeben, er wollte niemals ein Gedenkbuch der bösen Vergeltung in seinem Gedächtnis auflegen, er gelobte sich für alle Zeiten jeden Groll, der ihm die Reinheit der Seele verdüstern könnte, wegzuwischen. Dieses Gelöbnis trug seine von keinem unaufrichtigen Vorbehalt getrübte Menschenliebe hinauf zum Himmel, wo in stillen Nächten der Sterne stummes Heer verglüht, er senkte es aber auch hinab zu den Lieben, die im Kirchhofssande verscharrt waren. Als Sühne bot er es allen Menschen, derer er jemals im Groll gedacht haben könnte. Alle geflügelten Boten seiner Gedanken hatten die Weisung, Liebe zu bieten und Verzeihung zu erflehen, und ein inbrünstiges Gebet flog hinauf zum Himmelsdach, die verklärte Mutter möge ihm doch ein Zeichen geben, daß sie im Gefilde der Seligen seiner noch in Liebe gedenke. Es wallte heiß in ihm auf. Zum ersten mal vermißte er die weiche Mutterhand. Was hätte er dafür gegeben, striche sie noch einmal lind über sein Gesicht, hörte er noch einmal die glockenreine Stimme ihrer Liebe: »Guter Hein!« Der Klang ihrer letzten Worte: ›Bleib brav, mein Sohn, ich werde den himmlischen Vater hart darum angehn‹ – lag ihm noch im Ohr. Er fühlte sich einsam, verlassen, von aller Welt gemieden, zum ersten mal so eigentlich mutterlos, ja aller Liebe bar. Kaum war er noch Herr seiner Bewegung. Er stand auf, zur großen Mißbilligung von Grete, die ihn erstaunt ansah, und klinkte leise die Tür auf, als Harm eben mit Amen die gottesdienstliche Handlung schloß. Nach wenigen Sekunden war er im Stall. Hier stützte er seinen Kopf der Mutter Lisch in die Flanke und wollte schier vor Schluchzen vergehn. Lisch setzte ihre Rute sachte in Bewegung, Hein hörte das pfeifende Geräusch und fühlte dann den langen Schweif über Haar und Rücken gleiten. War es auch keine Mutterhand, es war doch immerhin das Liebeszeichen einer lebendigen Seele. Mancher hätte was an solcher Liebkosung auszusetzen gehabt, für Hein machte das nichts aus. Lisch und Hein, Hein und Lisch verstanden sich. Er hing an ihrem Halse und befreite seine Seele in dem erlösenden Strom heißer Tränen. Es war ganz still. Sie hörten nur das Rollen der Halfterstricke in den Krampen, das Schaben, wenn sich ein Rößlein die Schulter putzt, das Aufschlagen der Eisenhufen, womit die Rosse ihre Langeweile töten, und das Stampfen des eifersüchtigen Jochen. Irgend woher im Hause erklangen sonntägliche Stimmen. Aus der Gegend der Vordiele hob sich plötzlich das Organ des Großknechts deutlich ab: »Wo stickt wul de Jung? He harr mi en Pund Tobak haln konnt.« Dann ging die Tür nach dem Garten; es schlarrte jemand in Holzpantoffeln über das Steinpflaster; Tete holte selbst seinen Tabak.   Als Hein am folgenden Morgen erwachte, beleuchtete er mit der Laterne eine alte Kiste, die am Fußende seines Bettes stand. Mit einer gewissen Andacht setzte er sich auf den Deckel. Es hatte ihm geträumt, daß seine Mutter dort gesessen und ihn getröstet habe – Lachen um den Mund. War das das erbetene Zeichen? Wieder im Besitze seines Gleichmuts und seines Gleichgewichts nahm Hein die Wassertrage vom Haken, legte sie auf die Schulter, hängte die Eimer in die Ketten und ging nach dem Brunnen, die Pferde zu tränken. 9 Der Herbst war dahin. Der Winter hatte seinen Einzug gehalten, ja war schon im Abzug. Der Frühling kam, und mit seinem Kommen nahte der Zeitpunkt, wo Hein den Hof verlassen sollte. Wenn ein Wagen des Hofs von einer Geschäftsfuhre spät nach Hause zurückgekehrt war, was häufig vorkam, dann war es Sache des Pferdejungen gewesen, die hungrigen Tiere satt zu machen. Die übliche Futtermethode erforderte mehrere Stunden. Dann saß er, während die andern schliefen, allein bis Mitternacht und darüber bei einer dürftigen Tranlampe auf der großen Diele und hörte auf das Brausen der Stürme, die an der Dielentür rüttelten, auf das Kreischen der Windfahne, die um ihre Achse geworfen wurde, auf die Regengüsse, die auf den Hofplatz herab rauschten. Er liebte so wildes Wetter. Reimer Witt war bald nach Heins Strafversetzung wie ein Meteor auf den Hof niedergegangen. Sein Vater, der reiche Marschbauer, in der Kutsche, er selbst hoch zu Bock – ein schmucker Junge, mit krausen Locken, groß gewachsen, hoch und hochmütig. Mit großer Sicherheit hatte er die glänzend schwarzen Rappen in blinkendem Geschirr vor das Hoftor gelenkt und dort mit einem Ruck zum Stehn gebracht. Ein widerwärtiges Schicksal hatte gewollt, daß Hein gerade die Pferdeställe ausmistete und vor Reimer Witt von Obendeich unebenbürtig aussah. Er war von dem Glanz des kommenden Neuen so hingenommen gewesen, daß Antje, die den Vetter mit Vater und Mutter und Geschwistern empfing, ja gewissermaßen mit offnen Armen empfing, ihm barsch befehlen mußte: »Hein, spann de Per ut.« Nach seiner Erinnerung war das nach seiner Verfehlung das erste Wort, das er von Antje vernahm. Und dann kamen die ersten warmen Tage. Heins Habseligkeiten waren mit dem Mühlenwagen vom Holm mitgenommen worden und schon in den Händen seines zukünftigen Meisters. Was noch übrig war, wird das rote Tuch mit der Schlacht von Kolding auch nicht zur Hälfte füllen. Es ist grade passend, von Hein unter den Arm genommen zu werden, wenn er morgen zu Fuß durch den Wald geht.   Er war früh zu Bett gegangen, aber der Schlaf floh seine Augen. Ein frischer Wind war aufgekommen, der fegte durch die Eschen, sein Klagelied verstummte erst am Sodbrunnen, dessen Schwengel unaufhörlich gegen den Haken, womit ihn die Hebestange am Geländer festhielt, lökte. Im Hausgiebel klirrte leise, aber immerzu, eine Scheibe. Im Dachraum über der Bodenluke stöhnten allerlei Windgeister. Sie hatten die Aufgabe, das Lattenwerk zu heben, und konnten es nicht. Die Tage alle, die er auf dem Holm zugebracht hatte, machten vor Hein zum Abschied ihre Aufwartung. Er fand sich um die Hoffnungen, womit er auf dem Holm eingezogen war, betrogen. Seine himmelstürmenden Pläne von einem Kuhknecht erster Klasse – sie waren dahin. Sein Gelöbnis, Ringelwolken zu blasen, durch die Zähne zu spritzen, auf drei Schritt einen Stiefelknecht zu treffen – wo war die Zuversicht geblieben, die ihn zu diesem Wagnis veranlaßt hatte? Mit Wehmut dachte er an alle, die er verlassen mußte, hauptsächlich an Rieke. Und dann folgte eine Reihe Vierfüßler, bevor er sich auf die übrigen Menschen besann: Hattkopp, Wittkopp, Bulle Peter, die Kälber seiner Bekanntschaft und eine Menge ausgezeichneter Kuhpersönlichkeiten. Da waren der Leutnant, der Major und andre Offiziere, die beim Austreiben die Dienste der Gehilfen leisteten. Vor allen Dingen Bonapatt, der der ganzen Trift voranzog, und zwar mit einem Gesicht, als trage er die Fahne von Arcole. Kam die Rede auf Bonapatt, so erzählte Henn die Geschichte dieses Helden, die allerdings ein wenig von der historisch beglaubigten Geschichte abwich: Bonapatt war, sagte Henn, anfangs Schuster, ist aber aus der Lehre entlaufen. Von dem alten Fritz, der auch in der Herde einen Namensvetter hatte pflegte der Tagelöhner Klaus Köster Anekdoten zu erzählen. Da war ferner in der Herde Meister Voß mit dem feinsten Spürsinn für fette Weide, der Lumpenfritz, ausgestattet mit der Kennerschaft für Wäsche, die er vom Zaun zu fressen liebte. Aber mit der Klugheit, mit der Gefühlswärme und Gefühlstiefe seiner Pferde konnten sich die Kühe nicht messen. Der im hellbraunen Kleide glänzende Hans war ein Roß von großem Mut und viel Feuer. Wenn er auf seinen Reisen zur Stadt vor dem leichten Staatswagen andre Fuhrwerke überholte, warf er die Mähne über den schön geschwungenen Hals, das stolze Wiehern befriedigten Ehrgeizes erschütterte seine Flanken. Aber wehe! wenn er vor einen schwer beladenen Wagen gespannt war und von flotten Schwarmgeistern überholt wurde. Dann war es ein fast menschlicher Schrei des Zorns, was seine Brust erbeben machte, das Weh eines stolzen Herzens, eine so unerträgliche Demütigung über sich ergehen lassen zu müssen. Jochen blieb sein ganzes Leben lang ein Spielkind, das sich mit Hein auf den Neckfuß stellte und auf seine Gunstbezeugung überaus eifersüchtig war. Ich will nicht alle nennen, derer Hein bei seinem Weggange gedachte, aber über die alte, uns nicht mehr unbekannte Pferdemutter Lisch, die dem Hofe zehn Kinder geschenkt hatte, muß ich doch ein kräftig Wörtlein reden. Wegen ihrer matronenhaften Würde führte sie den Namen ›Mutter.‹ Wo für einen Ausflug Ruhe und Besonnenheit nötig war, wo es sich um die Aufwendung eines außergewöhnlichen Nachdenkens handelte, da war keine Frage: Mutter Lisch kam in die Sielen. Sie entnahm mehr aus Andeutungen, als ein dummer Junge aus ausdrücklichen Befehlen. Legte man ihr Kornsäcke auf, so ging sie zur Mühle. Die Kinder hatte sie, als sie noch klein waren, Tag für Tag nach der Schule getragen und war ohne Führer zurückgegangen. In ihrem feinen Instinkt hatte sie eine unanfechtbare Uhr. Auf den Glockenschlag hatte sie sich bei der Schule wieder eingestellt, um die Kleinen aufsitzen zu lassen. Und niemals verlor sie ihren ruhigen Gang. Sie ging wie ein gutes Gewissen einher, sicher, unbeirrt von den vorwitzigen Kapriolen böser Jungen, zielbewußt und rücksichtsvoll, bei der Sache und doch gut und gütig, wie es eine Kreatur ist, in deren Brust ein braves Herz schlägt, wo ein edles Gemüt die Wünsche anderer würdigt und liebt und fördert. Die Halfter rasseln hinter der Bretterwand, die Hufe der lieben Geschöpfe stampfen. Zum letzten mal, für lange Zeit zum letzten mal hört Hein diese Musik.   Wenn Hein abends die letzte Häckselmulde in die Krippen gefüllt und das Heu auf die Raufen geforkt hat, geht auch er zur Ruhe. Bei seinem Lämpchen, das aus einem farbigen Dunstkreis seinen Bretterverschlag beleuchtet, entkleidet er sich. Dann löscht er das Licht aus und erwartet den Schlaf. Und so lange er noch seiner Sinne Meister ist, lauscht er auf die tiefe Stille, die ihn umringt, auf all die Stimmen, die die Nacht in ihrem Schoße birgt. Wie viele male hat ihr Zauber seine Seele umgarnt! Die Kammer ist durch keine Decke von der Schrägung des Rethdachs getrennt. Wie oft sind die kleinen Schneelawinen über seinem Haupte tosend dahingerollt und dumpf zur Erde gestürzt! Wie oft hat der Sturm die Luftsäulen in den Feueressen zum Schwingen gebracht in dunkelm, gemütlichem Plauderbaß, in keifendem, drohendem Heulton, je nachdem der Maurer die Orgelpfeifen des Windes gestimmt hat. Ganz still wird es in den freien, weiten Räumen eines großen Bauernhofes niemals; irgend woher dringt immer irgendein Geräusch, sei es ein einzelner Ton oder ein Gewirr von Tönen. Dort klappt etwas – es kann eine Luke sein; es klirrt etwas – vielleicht ein Fensterscheibchen, das nur noch lose im Blei sitzt. Jetzt ist es, als ob jemand auf Holzpantoffeln hinter den Schweineställen auf und ab geht. Es kann viele Ursachen haben. Wenn dabei eine Tür jankt, so wird der Wind sein Spiel mit der Pforte vor dem Koben treiben und den Holzblock, der zum Verschluß dient, über das Steinpflaster schleifen. Das klingt just wie Pantinengeräusch. – Bewegte sich nicht die Wage, die auf der Diele am Balken hängt? Jawohl, die Schale stieß vernehmlich auf die Steinfliesen. Und ein behender, in der Stille der Nacht verhallender Schritt. Du folgerst: es war ein Kätzchen, das ein auf die Schale versprengtes Krümchen erhaschte. – Horch! ... Eine Tür ... ganz leise ... eine Tür in der Gegend der Leutekammern. Wie Menschenatem ging es über die Diele, weither klappte ein Pantöffelchen. Kein Zweifel – das war er selbst .... ich meine den kleinen Gott mit den süßen Gifttränken. All diese Geräusche vernimmst du, wenn dein Bewußtsein noch ganz der Tageserfahrung angehört. Du hörst sie, du gibst dir über ihren Ursprung Rechenschaft, der Verstand streckt seine Fangarme aus und macht sie dingfest, erörtert ihre Klangfarbe, ihre Stärke, stellt ihr Wesen fest. Aber die Nacht, die stets rätselhafte, die ewig brütende, sendet neue Geräusche aus, flüsternde, tappende, aus Mondschein und Nebel gewobene, die für das grobe Netz deines Verstandes zu fein sind. Der müht sich zwar nach Kräften, aber es gelingt ihm nicht mehr. Das verdrießt den Nimmersatt, er brummt ... brummt etwas von Dummheit, und was sich nicht beweisen lasse, bestehe nicht. Verstimmt schließt er die Augen, öffnet sie noch einmal ... und ganz müde beinahe zum dritten mal ... dann nimmt ihn der Schlaf hinweg ... Der Verstand schläft. Gott sei gedankt! ›Gott sei Dank‹, wiederholt ein wohlklingendes Stimmchen, ›er schnarcht, wir können herauf‹. Und dann wirds lebendig ... heitere, ungenierte Laute, Laute mit dem weichen Liebesklang junger Weiber. ›Der trockne Gesell‹ (sie meinen den Verstand) ›wird noch mal an seinem eignen Dasein zweifeln. Gottlob, daß er hin ist, der unausstehliche Schulmeister! Er schläft, er schnarcht ... wenn nur nicht die Ankerkette reißt!‹ Zwei Frauenzimmer sind lachend aus der Versenkung heraufgekommen, ich weiß nicht wie, aber sie sind da. Wir wollen sie Traumgöttin und Phantasie nennen. Sie sehen gut aus und haben zierliche Fittiche an den Schultern. Wie Tautropfen in Nebelmaschen glitzert es um Schultern und Hüften. Am Fußende der Bettstelle machen sie einen Knicks vor Hein Wieck. ›Gestatten Herr Wieck eine kleine Vorstellung? Wird nichts kosten.‹ Und Herr Wieck wälzt sich auf die andre Seite und kaut mit den Kinnbacken, was so viel bedeutet wie: ›Wenn es wirklich nichts kostet, meine Damen, dann bitte ich die Liebenswürdigkeit zu haben.‹ ›Wir laden deine Jugend zum Besuch ein. Sind Sies zufrieden, Herr Wieck ?‹ Herr Wieck kaut, Herr Wieck ists zufrieden. Und Heins Jugend kommt, auf den Strahlen des Vollmonds, der heraufgekommen ist und den jungen Wind gebändigt hat. Leicht und verwegen schreitet sie durch das Giebelfenster auf den Dachboden und tapp! ... tapp! die Leiter herab. Sie hat glänzende Augen und braune Haare. ›Wer bist du?‹ ›Ich bin deine Jugend.‹ ›Was für ein Ding hast du in der Hand? Es leuchtet wie Hoffnung im Elend.‹ Hein Wieck ist ein Somnambuler und spricht gewählt wie ein solcher. ›Es ist Symbol der Erinnerung und Spiegel des Kommenden.‹ ›Darf ich schauen?‹ ›Was für eine Frage, Hein? Ich kam, dirs zu zeigen.‹ So träumte Hein Wieck ...   ›Wunderlich‹, dachte er am frühen Morgen, als er sein letztes Hemd in die Schlacht von Kolding schnürte. ›Ich sah mich in der Wiege. Die Sonne schien durch unsern kahlen Schlehdorn, ich griff nach den Strahlen und nach den tanzenden Lichtstäubchen. Vater schwenkte mich hoch, und Mutter ließ mich auf ihrem breiten Schoß springen. Während sie mir das Hemdchen überzog, griff ich nach den langen schwarzen Flechten.‹ Was der Spiegel des Kommenden ihm gezeigt hatte, das verriet Hein nicht einmal den vier Wänden seiner Kammer. Aber er mußte lachen, wenn er daran dachte – immer lachen. 10 Wir finden den künftigen Zimmermann auf dem Stamm der krummen Eiche. Der Abschied war überstanden, der Abschied vom Ellernbusch und vom Holm, von den vernünftigen und den unvernünftigen Geschöpfen, Mutter Lisch hatte er nicht im Stall getroffen. Im Ellernbusch, wo Schlachtfest gewesen, war das rote Tuch mit einer Grützwurst, im Holm mit Schinkenbutterbrot und mit der Warnung vor dem breiten Weg von Grete bepackt worden. »Ümmers Heu von ünnern plücken, ni von baben afsmiten«, hatte Harm hinzugefügt, um einzuschärfen, man müsse sich das Leben nicht zu leicht machen, das Recht zum Dasein vielmehr Tag für Tag erarbeiten. Antje hatte die Töchter des Meisters grüßen lassen und Hein eingeladen, nicht am Holm vorbeizugehen, wenn er im Erlenbusch besuche; Tine hatte darauf gebrannt, ihre neueste Wissensbereicherung, daß feine Leute beim Abschiednehmen Tücher schwenken, an den Mann zu bringen. Ihr Kattunschürzchen hatte schon bei der Heckpforte im Winde geflattert, bevor Hein noch aus der Haustür getreten war. Nach Ricke hatte man im ganzen Haus gerufen, sie aber nicht gefunden. Wie geht das zu? ›Es wird sich aufklären‹, dachte Hein, als er ging. Er wollte sich nicht betrügen, er hatte zu Gutes geträumt. Als Hein auf der krummen Eiche saß, überlegte er, ob er die Grützwurst oder das Schinkenbutterbrot in Angriff nehmen solle, entschied sich für die Wurst und dachte beim Essen an Rieke, an Gorg Bünz und an dessen Pläne. Die Eiche wehte und rauschte, die Eiche sprach von ihrem Alter, von ihrer Kraft, von ihrer Lust, noch ein weiteres Jahrhundert den Menschenkindern Freude zu machen – Hein war aber im Augenblick zu sehr Zimmermann, er verstand die Eiche nicht. Er warf die Augen hinauf und warf sie hinunter, er dachte an das Wasserrad bei der Wassermühle zu Hohenau (es war groß und gebogen, und das Wasser tropfte immer herab); es wäre gar nicht so übel, dachte er, die Eiche zu zerschneiden. Das wird aber Schweiß kosten, dachte er hinzu. War er mal beim Sägen, so zersägte er gleich in Gedanken den halben Wald. Das alles war aber nur ein Sinnen, das obenauf lag. Als die Wurst zu Ende und Hein Wieck über den Steinsteg geschritten war, wurde der Zimmermann wieder stumm. Aus allen Wipfeln rauschte die Lehre der Freiheit, der Unabhängigkeit, der zwecklosen Freude, die die einsame Waldnatur beglückt, und Heins Seele sog diese Lehren begierig ein. Hatte bei der Krummen der liebliche Lärm der Vögel seine Gedanken noch mit dem, was draußen lag, verknüpft, so warf ihn die erhabene Stille des Waldes auf die letzten Linien seines Wesens zurück. In vollem, behaglichem Sinnen schlenderte er dahin, meistens auf dem Fahrdamm, zuweilen Richtwegen folgend, die sich in die Einsamkeit verloren. Nur ein Kundiger durfte diesen Jägersteigen trauen. Und er war ein Kundiger. Erst, wenn ihn das Gebüsch von allen Seiten deckte, fühlte er sich im Besitz seiner selbst. So stolz und einsam machte ihn die Stunde. Wo der schattige Grund mit friedevollen Anemonen bedeckt war, wo die weißen Sternblumen am Grabenrande blühten, verspürte er Lust, alle zu pflücken, sie mitzunehmen in die Zukunft, die so unbekannt und dämmernd vor ihm lag, als Urkunde dafür, daß der heimische Wald ihn froh und glücklich gesehen habe. Er sammelte und sammelte. Er hatte die Hände voll, und immer neue Zeugen seines Glücks leuchteten auf. Das geduldige rote Tuch mußte wieder heran, bis ihm der Greuel der Verwüstung, womit er die Natur betrübte, weh tat, und er reuevoll zurückgab, was er genommen hatte. Freilich die Jugend der Mitgenommenen war gebrochen. Nur so viel der Sturmriemen seiner Mütze zu halten vermochte, wollte er nicht entbehren. Die Geschichten seiner Großmutter von dem Schneiderlein, das in die Welt zieht und eine Königstochter freit, kamen ihm in den Sinn. Für die Königstochter, falls sie ihm begegnen sollte, mußte er doch einen Blumenstrauß zur Hand haben. Die Pforte bei der Krummen hat eine Schwesterpforte. Sie ist am andern Waldende, dort, wo der Walddamm mit der Landstraße, die das Gehege im großen Bogen umgangen hat, zusammenkommt. Man sieht die Gebäude der einen halben Büchsenschuß zurücktretenden Försterei, die von der zusammenhängenden Masse der Bäume losgelöst ist, während die berühmte Baumschule noch innerhalb der Waldeinfriedigung liegt. Von dieser Anlage ist allerhand Märchenhaftes bekannt. Ein künstlicher Weiher ist dort, in dessen Wasser sich ringsum traumverloren graue, gramvolle Weiden spiegeln; auf der abgesägten Spitze einer Buche ist eine förmliche Laube hergezimmert mit richtigem Bretterboden und gehörigen Holzbänken. Und wenn auch ein Verbot am Pfahl angeheftet ist, und wenn es auch eigentlich nicht sein soll, so wird die einsame Anlage doch viel von Neugierigen, ohne daß ihnen etwas geschähe, besucht. In der Laube saß Hein Wieck eine ganze Weile. Durch den sauber im Laube ausgeschnittnen Eingangsbogen sieht er das Ziel seiner Reise, das stattliche Kirchdorf, das auf den Kamm eines weit durch das Gelände dahinlaufenden Wellenbergs hingewürfelt ist. In der Mitte der altertümliche Turm – ein eigensinniges Mauerviereck, das keine Neigung zur Verjüngung zeigt, mit einer Spitze, deren Pagodenform einem Notdach ähnlich sieht. Und rechts wie links, von den Abhängen herabgleitend, das Gemenge der Häuser, die dunklen Farben der Strohdächer, die sich nur wenig von der mütterlichen Erde abheben, dazwischen Ziegelbauten, hellrot, dunkelrot, rot in allen Abstufungen, ein überaus farbenfrohes Bild. Zwei Windmühlen, die dem Turm an Höhe nichts vorausgönnen, recken ihre Riesenarme, als schämten sie sich der langen, schlaffen Winterruhe, und winken dem jungen Zimmerer in der Buchenlaube zu: ›Komm, Hein, komm! Hier ist gut sein, hier baut sichs gut Hütten.‹ Gehörte das, und der Weg, der hartnäckig über alle Unebenheiten des Bodens auf die Mühlen zustrebt, nicht zu seinem Traumgesicht? ›Ist mir nicht, als ob ichs heute oder gestern oder vorgestern schon einmal gesehen, just so gesehen hätte?‹ Er stieg die alte, gewundene Holztreppe, die auf den Erdboden führte, hinab. Etwas Frohmütiges, etwas Tröstendes klang in dem alten Holz nach. Die Gedanken unsers Freundes vermochten sich nicht aus den traumhaften Erinnerungen zu lösen und wollten es auch nicht. In dieser Stimmung stand er vor der grünen Pforte, so schaute er auf die Landstraße, die ihn führen sollte und in der Verlängerung des Waldwegs lag. Hein Wieck dachte an sein Glück, das so verheißungsvoll in seiner Brust lag, und nahm entschlossen den Steg.   »Hi–a–a–a« – Pferdewiehern. Es war ein liebevolles, vorwurfsvolles, es war das Wiehern, womit eine Mutterstute ihr Fohlen ruft, ein Ruf der Liebe und Sehnsucht, ein Stoß, der Flanken und Nüstern in kräftig aufgeworfenen, darauf sanft abfließenden Wellen erbeben macht. Dem ersten Ausbruch folgen andre, die sich in weichender Bewegung abschwächen, wie ein Pendel, das aus dem Gleichgewicht gebracht, wohl noch länger über den Ruhepunkt hinüber und herüber schwingt. Hein Wieck sah auf. – »Hi–a–a–a!« – ›Nun wirds Tag‹, dachte Hein, ›das klingt ja wie Lisch!‹ Und richtig, da steht sie, dicht an den Knick gedrückt. Hein hing am Hals der Treuen. »Tausend nochmal. Wo und wie in aller Welt? Ordentlich gezäumt, und mit der alten Weihnachtswolldecke und mit Steigbügeln. Klug und gescheit bist du, das sagt jeder, aber daß du das allein fertig gebracht hast, machst du mir nicht weis!« Lisch verzehrte einen Erlenzweig, den sie vom Knick gepflückt hatte, und sah stolz und liebreich auf ihren Freund. Plötzlich– denkt euch! –plötzlich hielt ihm jemand hinterrücks beide Augen mit warmen, weichen Händen zu. Ein Helles Lachen. »Rate, wer ist das?« »Rieke, Rieke!« »Ja, Hein, ich bins.« »Ho, ho!« sagte Lisch. Aber die beiden jungen Menschenkinder kümmerten sich nicht um Lisch, sie lagen sich in den Armen. Das war es also, ja so ungefähr hatte ers schon heute Nacht im Zukunftsspiegel gesehen. So ein süßes Ding im Arm zu haben, ihm nach Herzenslust zärtlich tun. Und wenn es ihm genug schien, hielt er sie mit beiden Armen von sich, sah in ihr Gesicht, in ihre Augen und warf sie dann wieder an seine Brust. »Hi hi!« sagte Lisch. »Ich bin gleich – wo Decke und Zaum war, wußte ich doch – ich bin gleich ...« »Süße, liebe Rieke!« unterbrach sie Hein. »Bin gleich weggeritten«, fuhr Ricke, sobald es anging, fort, »dir hier aufzulauern. Du hast uns aber lange warten lassen.« »Hast mich denn lieb, Ricke?« »Über alles, Hein!« »Und Vater und Mutter?« »Die sollen nichts erfahren.« Zunächst verzehrten sie (will sagen: Rieke, Lisch und Hein) das Butterbrot, das Grete Kühl geborne Otzen in die Schlacht von Kolding geschoben hatte, darauf wurde das Tuch am Bug der Mutter Lisch festgeknotet, und dann hob Hein das buchstäblich am Wegrande gefundene Glück auf die geduldige Lisch und saß selbst hinten auf. So wollten sie eine Strecke zusammen reisen, dann sollte Ricke auf Lisch zurückreiten. Sie ritten langsam hinauf, den Mühlen entgegen. Die Mühlen waren außer sich. Sie konnten den Augenblick nicht erwarten, so was Komisches in der Nähe zu sehen, und warfen ihre Arme in drolliger Ungeduld durch die Luft. Sie hielten den Hein für den Schneidersmann, der eine Königstochter gewonnen habe, und diese Annahme traf wirklich zu. Eine wunderliche Tracht und ein pendelndes rotes Tuch trug die alte Lisch. Es war ein einsamer Weg und es begegnete ihnen kein Mensch. Aber sie ritten ehrbar und ruhig des Wegs. Nur einmal, als eines der einsamen, stillen, von Dornen und Büschen eingefaßten Redder, deren Windungen so viel verbergen, in die Straße einmündete, da glaubte Lisch einen leisen Ruck im Zaum zu verspüren, der ihr befahl, einzubiegen. Und die Brave gehorchte und stampfte mit ihrem ruhigen unbeirrten Schritt in die köstliche Einsamkeit so weit hinein, wie nötig war, um mit allem, was sie trug, zwischen den Knickhagen zu verschwinden. Dann stand sie still, gleichmütig, verschwiegen, als sei es das allergewöhnlichste Ding, was sich auf ihrem Rücken ereigne, saftige Weidenzweige verzehrend, die sie vom Knick riß. Auch bedurfte es nicht des Erbebens ihrer Flanken: kein Hü! und Ho! störte die Stille, die die Gruppe umfing. So dumm waren doch auch Hein und Rieke nicht, daß sie nicht gewußt hätten, wozu verlorene, weltabgeschiedene Redder eigentlich da sind. 11 Die Zeit, die Zeit – Natur, Natur! Die Zeit lief und die Natur blieb die gleiche. Im Winter Regen, Frost und Schnee, im Sommer Regen und Sonnenschein, im Frühling Wärme und Kälte, und im Spätherbst Stürme. Sie kamen, wie immer, von Westen – daher, wo das schwarze unwirtliche Moor brütet. Sie fuhren mit groben Zornreden drein, wo sich aber der von den Wänden zurückgestoßene Wind in den Erkern fängt, beweinten sie in weichen Klageliedern ihr ungestümes Temperament. Durch die rasselnden Schilfstauden der Bruchwiesen, über die kahlen Ackerfelder ging ihr Brauseschritt. Aus den Wischhöfen brachen sie hervor und überfielen Gärten und Häuser. Um die Hofstellen begann ein mächtiges Rauschen und Wehen, aber der Wald, der alte, gefestete, der sich all der Stämme getröstet, die seine weite Flächen bedecken, nahm sie gelassen auf seinen breiten Rücken. Der Ellernbusch liegt geschützt. Er duckt sich hinter sein Baumgestrüpp und läßt die Winde tosen. Der Schlehenstrauch ist vollends verholzt; es muß schon mächtig daher wuchten, was sein verstaubtes Haupt in Bewegung bringt. Der alte Hebebaum am Sodbrunnen verstockt und erstarrt je länger je mehr und blickt mit Verachtung auf die haltlosen Pappeln, die sich hinter dem Viehhaus vom Holm mit allen Kennzeichen der Zerknirschung vor dem scheltenden Winde beuge. Für sie mag sich die Haltung der Demut schicken, ihm aber, dem stets Unveränderlichen, vermag selbst die windigste Weide keine Verbeugung nachzusagen. So ein hölzerner Geselle kümmert sich nicht um Winde und kehrt sich nicht an die Menschen. Wenn die Stange ihn herabzieht, so bewegt er sich seines Erachtens nur deshalb in dieser Richtung, weil es ihm so paßt. Noch niemals ist es ihm in den Sinn gekommen, daß auch das als Verbeugung aufgefaßt werden könne, und daß er im Grunde nur fremden Zwecken diene. So hat er denn auch nicht bemerkt, daß der alte Jasper tot ist, daß Tante Lene den Ellernbusch verlassen, und daß es eigentlich eine ganz neue, fremde Sippe ist, die seine Dienste in Anspruch nimmt. Er weiß, mit einem Wort, nichts davon, daß der Ellernbusch verkauft ist und daß sein Besitzer nicht mehr einer vom Stamme Wieck ist.   Hinter dem Dorfteich stehen vielgeprüfte Weidenstümpfe, über die alle fünf Jahre das Reißmesser kommt. Trotz alledem treiben sie noch immer Schößlinge, gut für Flöten und Schalmeien, für Wünschelruten und Spielpferde. Und dann der Teich selbst! Als Gorg Bünz noch auf dem Holm diente, ritt er im Trab zur Schwemme hinein, die blanken Wasserfunken stoben und glänzten in der Sonne. Die gewagten Jodler des großen Amerikaners: »Ha ... o ... hoi!« Wie das klang! Feingestimmte, dünne Regenlüfte trugen das unbekümmerte Wohlbehagen des Sängers durchs Dorf. »Ha ... o ... hoi!« Noch lag der Sonnenglanz auf dem Saum des Gehegs, hinter dem Moor ging der große Feuerball zur Rüste, sein rotes Licht verglühte auf dem breiten Scheunendach von Michel Voß und lohte an den Fenstern von Johann Ehler auf. »Holla! Hoi!« Vom Hofe Holm trieb man die Kühe zur Nacht in die Bruchwiesen, Hauptmann brüllte im Baß, Major im Tenor; man hörte den gleichmäßigen Lockruf von Henn: »Ka .... komm! – Ka .... komm!« und ab und zu den vollen Knall seiner Peitsche.   Der Großknecht Tete hat seine Silja geheiratet und ist wieder ausgewandert, diesmal nach Brasilien. Als wohlhabend gewordener Mann kam er auf Besuch, fragte in der Stadt nach Wagen und Post, fand aber eine Eisenbahn vor. In dem Ort mit den Mühlen stieg er aus. Da hatte sich viel verändert. Dicht an der Bahn ragte ein Schornstein auf, da war Holzhandel und Sägerei. »Wem gehört das?« fragte er den Bahnhofswirt. Dieser war früher Pferdeknecht auf dem Holm gewesen, er hieß Peter. »Den kennst du«, erwiderte Peter, »Hein Wieck heißt er.« Tete hatte sich von Peter den heimischen Grog bestellt und sah freundlich auf das heiße, gelbe Getränk. »Sieh, sieh!« summte Tete. »Der Jung, der Hein.« Er nippte an dem Glas und lobte den Rum. »Hat er, ich meine Hein, eine Frau?« fragte er wieder. »Wohl hat er eine Frau. Die kennst du auch, Harm Kühls Tochter.« Wieder summte Tete ... »Die helle oder die schwarze?« »Die schwarze, die Rieke, die ist Hein Wiecks Frau.« »Das war der Teufel!« erwiderte der Brasilianer. »Dann will ich doch mal vorsprechen.« »Das tu ja, die werden sich freuen.«   Rieke kannte den schwarzbraunen Fremden nicht. Um so eifriger wurde sie, als Tete sich vorstellte. »Tete, Tete ... was du sagst! ... Wie du braun geworden bist!« »Das wird man in Brasil!.« »Wie wird Hein sich freuen! Er ist in der Sägerei, ich schicke.« Riekes Augen haben noch immer die dunkle Mahagonifarbe. In den Röcken der Mutter versteckt sich ein allerliebstes, schwarzbraunes Dirnchen. Einem zukünftigen unternehmenden Holzhändler beut sie unbefangen die Mutterbrust. Tete fragte hin und her. Der Vater (eigentlich, glaube ich, ist es die Mutter) habe sich schwer entschlossen, abzutreten und der Antje und Reimer den Hof zu geben. »Tine ist verlobt und wird einen Marschbauern heiraten. Der alte Kuhkönig Henn ist vorige Woche gestorben, das ganze Dorf folgte.« Rieke stand auf, schritt, das Jüngste auf dem Arm, ans Fenster und zeigte den Weg nach dem Friedhof. »Links über die Wiesen, den Fußsteig entlang zur kleinen Pforte. Das Grab ist gleich rechter Hand. Es liegen noch Kränze auf dem Hügel.« »Und Hein? Kann er gut rauchen?« Rieke sah auf ihre saubern Gardinen, auf die blanken Dielen. »Ringelwolken kann er, durch die Zähne darf er nicht spritzen, ausspucken darf er überhaupt nicht.« Sie lachte. »Ja, in den Stuben habe ich das Wort«, setzte sie hinzu. »Das ist wahr«, bemerkte jemand hinter ihr. Es war ein sehniger Mann in kleidsamer Geschäftsjoppe, und unbemerkt war er ins Zimmer getreten – Hein Wieck. Ein Mann, dem man es gleich ansah, daß er die Stiefelknechte in Ruhe lasse. Ein Schnurrbart verbarg das Beste seiner Lippen, aber was man davon sah, hatte noch immer Rundung und Weichheit. Tete hatte das Wort, Tete mußte von Brasilien erzählen. Und dann zeigte Hein sein Haus und sein Geschäft; im Maschinenraum ging er unter lärmenden Rädern mit demselben Hochgefühl einher, wie einstmal sein früherer Meister Henn im Kuhhause. Die Maschinen stockten und schnurrten auf seinen Fingerdruck, auf die Bewegung einer Kurbel, ja zuweilen schien es, als gehorchten sie seinem einfachen Wort. Er erklärte das Ineinandergreifen der Hebel und Kräfte, die sein ausgeklügelte Einrichtung des Werks. Der Liebe und der Herrschaft voll ruhte seine Hand bald auf diesem, bald auf jenem Gestänge. Als sie ins Freie traten, führte ein Knecht gerade eine kleine, fest und sicher auftretende, dunkelbraune Stute ins Sägehaus. Tete stand still. »Wenn ich nicht nachrechnete, daß die alte Pferdemutter jetzt wenigstens ihre fünfundvierzig haben müßte, dann würde ich sagen: Mutter Lisch.« Hein lachte. »Nein, Lisch ist es nicht, aber es gehört zur Sippe, ein Enkelkind. Ja, ja, Lisch«, fuhr er fort, »ich habe sie immer als Trägerin meines Glücks angesehen. Als Vater Harm schließlich seine Einwilligung zu unsrer Verbindung erteilt hatte, gelobte ich, der Alten das Gnadenbrot zu reichen. Und so ist es geschehen. Sie war zuletzt blind und taub, man riet mir, ein Ende zu machen, aber ich bin dem natürlichen Verfall nicht in den Weg getreten.« Im Sägehaus lag ein trotziger, eigentümlich gebogener, an Wipfel und an Ästen gekappter Baumstamm auf dem Sägebock. »Hein, die sieht wie die krumme Eiche aus.« »Ist sie auch, und morgen wird sie zersägt«. »Was Hein? Die Krumme? Du die Krumme? Höre ich recht?« »Ja, Tete, du hörtest recht. Daß sie zersägt wird, zersägt werden muß, tut mir leid. Daß ich es tu und daß es sich so fügt, freut mich. Was ist zu machen? Die Wegeverwaltung und die Bahngesellschaft hatten sich geeinigt, daß just dort der Bahnhof sein und die krumme Eiche fallen müsse. Nun, da sah ichs ein: Georg Bünz war im Recht, und ich war im Unrecht. Denn siehst du, ich müßte unter Vormundschaft gestellt werden, wenn ich nicht meinen Vorteil herausschlüge. Denke dir, Tete, die dummen Kerls! Denke dir, man hat die krumme Eiche nach Kubikmetern verkauft! Einen Stamm dieser Stärke und dieser Biegung, wie er vielleicht auf deutscher Erde nicht wieder vorkommt, geeignet für Wasserturbinen wie kein zweiter, so ein Kunstwerk der Natur – nach Kubikmetern! Bei den hohen Herren verzog ich keine Miene, aber in mein Hauptbuch hinein habe ich kräftig gelacht. Die krumme Eiche ist gestern mit unsrer Klingelbahn angelangt, und morgen wird sie entzwei gesägt. Das ist nicht zu ändern. Sieh dir den Mann mal an, den im blauen Kittel! Er steht an der Hühnersteige, großer, schwarzer Kerl ... jetzt spricht er mit Riete. Das ist mein Sägemeister Georg Bünz. Er versteht sein Geschäft und hält auf Ordnung in meinem Betrieb. Aber auf eignen Füßen – das geht nicht, das ging nicht. Er verträgt die Freiheit nicht. Drüben hat es ihm auch nicht gelingen wollen. Und nun, Tete, in den Garten! Unser heimischer Wald streckt sich prächtig am Horizont hin, und gerade jetzt muß das Abendrot hinter ihm aufleuchten. So ein Anblick, ein guter Tropfen im Glas, meine kleine Hausmutter und ein alter guter Bekannter zur Seite, das ist Glück. Komm!« Die Riete war schon voran, man hörte Klirren von Gläsern und Flaschen auf wiegendem Teebrett.   Um sechs Uhr morgens begann es. Nun schlug die Stunde der Krummen. Mit feingestimmter, schneidender Klage setzte es ein, aber mehr und mehr klang es in einem vergebenden Dulderlied aus. Hat mein Sein ein Recht auf Fortdauer in dieser Form? Was ist daran gelegen? Wo die Maschine in dem weichen Fluß der Holzfasern arbeitete, da überwog dies milde, alles duldende Lied. Aber ha, wo die Liebe zum Leben in verborgnen Knästen und Knoten verdichtet war, schrillte es in schmerzhafter Empörung auf. Aber über den Protest fraßen die Stahlzähne rücksichtslos und unerbitterlich hinweg. Und dann wogte wieder die alte die trostvolle Melodie.