Die Entdeckung des Erdballs Kühne Fahrten zu Wasser und zu Lande Bearbeitet von Wilhelm Cremer Mit zahlreichen Illustrationen nach alten Kupfern und Holzschnitten Originalzeichnungen von Oscar Theuer Wikingerschiff Altertum und Mittelalter. Lange Zeit, bevor noch die ersten geschichtlichen Ueberlieferungen aus dem Dunkel menschlicher Vergangenheit auftauchen, hat es schon auf der Erde einen ausgedehnten Handelsverkehr gegeben, sind wagelustige Seeleute ohne Kompass und Karten über weite und stürmische Meere gefahren, haben kühne Kaufleute durch die Sonnenglut der Wüsten und die eisigen Schrecken der Gebirgsländer ihren Weg gefunden. Kulturen sind entstanden, die ihre Beziehungen über ganze Erdteile ausgedehnt haben, und sie sind wieder vergangen, ohne dass von ihnen kaum mehr als ein Name übriggeblieben ist. Grosse Völkerstämme sind von ihren Wohnsitzen vertrieben worden und kämpfend in weite Fernen gewandert. Sie haben Länder verwüstet und Staaten zerstört und sind dann selbst wieder die Begründer neuer Staaten geworden. Und zu allen Zeiten haben sie mit ihren Nachbarn Tauschverkehr und Handel getrieben. Was irgendein Land an Schätzen und Kostbarkeiten, an nützlichen und wertvollen Erzeugnissen bot, das wurde auch ausgeführt und auf Lasttieren oder Schiffen bis zu den fernsten Punkten der Erde geleitet. Dabei müssen schon in diesen vorgeschichtlichen Zeiten ganz erstaunlich kühne und weite Seereisen gemacht worden sein, soweit wir uns nach den Funden der Archäologen ein Urteil erlauben dürfen. Wir wundern uns noch heute über die Kühnheit der Normannen, die schon ein halbes Jahrtausend vor Kolumbus auf ihren offenen Booten Nordamerika entdeckt und eine Zeitlang besiedelt haben. Aber bereits unendlich viel früher hat es vielleicht Beziehungen zwischen Afrika und Südamerika gegeben. Anders lassen sich die peruanischen Pyramiden und die sonstigen Uebereinstimmungen mit der ägyptischen Kultur, ebenso wie die dortigen Nachbildungen von Elefanten, nicht erklären. Die ältesten geschichtlichen Nachrichten über die Erdkunde verdanken wir griechischen Schriftstellern, und ein griechischer Dichter, Homer, hat uns auch die erste Landkarte gegeben. Es war der im 18. Gesang der Ilias beschriebene Schild des Achilles, auf dem der ganze Umkreis der damals bekannten Welt abgebildet war. Homer dachte sich die Erde als eine runde, rings vom Okeanos umflossene Scheibe. Die Sonne stieg des Morgens aus dem Okeanosfluss im Osten empor, tauchte abends im Westen wieder hinein und wurde während der Nacht auf einem goldenen Wunderschiff um die finstere Nordhälfte herum nach Osten zurückgebracht. Der Mittelpunkt der Erdscheibe war natürlich Griechenland mit dem Olymp. Durch das Schwarze, das Aegäische und das Mittelländische Meer wurde die Erde in zwei Teile geteilt, in eine nördliche Hälfte, die sich in das Dunkel der Kimmerier verlor, und in eine hellere südliche, die hauptsächlich Afrika umfasste, das im Altertum Libyen genannt wurde. Im Westen bildete die Strasse von Gibraltar, damals schon die Säulen des Herkules genannt, die Grenzen der Welt; der Osten ging bis Kolchis. Genau beschrieben werden nur Griechenland und ein Teil Kleinasiens. Italien war Homer unbekannt, doch erwähnt er Aegypten mit dem hunderttorigen Theben und die handeltreibenden Phönikier. Die Erde nach Herodot. Erst allmählich vergrösserten sich die geographischen Kenntnisse der Griechen, und um 450 v. Chr. bereiste dann Herodot Vorderasien, Nordafrika mit Aegypten und Skythien und beschrieb nach eigenen Anschauungen und genauen Erkundigungen die damals bekannten Länder. Auch für Herodot, dessen Weltbild so wesentlich grösser ist als das der homerischen Zeit, ist Europa der grösste Erdteil, der die ganze nördliche Erdhälfte einnimmt. Die Nord- und Ostgrenzen Europas kennt er nicht. Wohl aber kennt er Spanien, Italien, Thrakien und als grössten europäischen Fluss den Ister, die heutige Donau. Auch das heutige Südrussland, das Land der Skythen, beschreibt er. Asien kennt er bis Indien ziemlich genau, und er schildert schon Arabien. Seine Hauptdarstellung von Asien aber gilt dem damals sehr ausgedehnten Persien. Nach Afrika reiste er zu Schiff über das Mittelmeer und durchforschte recht gründlich Aegypten, das er südlich bis zur Stadt Elefantine besuchte. Er beschreibt das Wunderland, seine Bauten und seine Kultur ausführlich und erzählt auch, dass etwa um das Jahr 600 v. Chr. der König Necho von Aegypten durch phönikische Seeleute Afrika vom Roten Meer aus umsegeln liess. Diese Phönikier segelten nach Süden, und wenn es Herbst wurde, gingen sie ans Land und besäten ein Feld. Erst wenn sie dann eingeerntet hatten, fuhren sie weiter, so dass sie im dritten Jahre durch die Säulen des Herkules wieder nach Aegypten zurückkamen. Dabei erzählten sie, dass sie bei der Umsegelung Afrikas die Sonne im Norden gesehen hätten, was Herodot ganz und gar nicht glauben will. Uns aber ist gerade diese Angabe ein Beweis, dass sie sich wirklich auf der Südhälfte der Erde befunden haben. Westwärts kam Herodot wahrscheinlich bis nach Karthago, so dass er also diese Teile Afrikas aus eigener Anschauung schildert. Was er aber über die Völker südlich der Libyschen Wüste sagt, die er Aethiopier nennt, das ist mit allen möglichen Fabeln der Zeit geschmückt und zum Teil sehr phantastisch. Karthago, ursprünglich eine phönikische Kolonie, war damals die Beherrscherin des Mittelländischen Meeres und hatte auf den grösseren Inseln und in Spanien Kolonien. Die Karthager besassen keine Scheu vor den Säulen des Herkules und drangen kühn in den Atlantischen Ozean vor bis zum heutigen Irland. Wie gross ihr Unternehmungsgeist war, zeigen zwei Entdeckungsreisen, die gerade zur Zeit Herodots von ihnen unternommen wurden: die Reise Hannos an der Westküste Afrikas entlang und die Himilkos nach den Nordküsten von Europa. Der kurze Bericht Hannos ist in einer griechischen Uebersetzung erhalten geblieben und so interessant, dass man das Wichtigste daraus mitteilen muss. Mit 60 Fahrzeugen, auf denen sich 30 000 Männer und Frauen befunden haben sollen, fuhr Hanno durch die Strasse von Gibraltar nach Süden und gründete nach zweitägiger Fahrt eine Stadt, die er Thymiaterion nannte. Er umsegelte dann das Libysche Vorgebirge Soloe, gründete an der Küste noch mehrere Städte und gelangte schliesslich an die Insel Kerne (wahrscheinlich eine der Kap-Verde-Inseln oder die Insel Arguia). »Von da aus«, heisst es in dem Bericht, »fuhren wir in einen grossen und breiten Fluss hinein, der voll von Krokodilen und Flusspferden war. Darauf segelten wir nach Süden an einer Küste entlang, die von Aethiopiern bewohnt war. Sie flohen bei unserer Annäherung, und unsere lixitischen Dolmetscher verstanden ihre Sprache nicht. Am zwölften Tage erreichten wir grosse Berge, die mit wohlriechenden Bäumen von verschiedenen Farben bedeckt waren, und befanden uns nach zwei anderen Tagereisen in einem sehr grossen Meerbusen, an den eine Ebene stiess. Wir folgten seinen Küsten und trafen eine grosse Insel, die einen salzigen See enthielt. Hier landeten wir, sahen aber bei Tage nichts als Wälder. Bei Nacht jedoch bemerkten wir das Leuchten unzähliger Feuer und hörten ein mit schrecklichem Geschrei vermischtes Getöse von Pauken, Zimbeln und Flöten. Wir entsetzten uns darüber, und unsere Wahrsager befahlen uns, eiligst diese Insel zu verlassen. Wir segelten hierauf an einer glühenden, aber nach Wohlgerüchen duftenden Küste entlang, von der überall Feuerströme in das Meer stürzten. Der Boden war so heiss, dass man nicht darüber gehen konnte. Wir verliessen daher schnell diese Gegend, und die folgenden vier Tage, während wir auf offener See waren, schien uns das Land jede Nacht mit Flammen bedeckt zu sein. Mitten unter diesen Feuern aber war eins, das die anderen weit überragte und bis an die Sterne zu reichen schien. Doch sahen wir am Tage nichts als einen sehr hohen Berg, den man den Wagen der Götter nannte. Drei Tage lang fuhren wir an diesen Feuerströmen vorbei und kamen dann in einen Meerbusen, der das Südhorn hiess. In diesem Busen lag wieder eine Insel mit einem See und in dem See eine zweite Insel, die von wilden Menschen bewohnt war. Es gab im ganzen weit mehr Weiber darauf als Männer. Sie waren über und über mit Haaren bewachsen, und unsere Dolmetscher nannten sie Gorillas. Von den Männern konnten wir trotz unserer Bemühungen keinen einzigen ergreifen; sie entflohen über Schluchten hinweg und verteidigten sich mit Steinwürfen. Indes fingen wir drei Weiber, aber da sie ihre Bande zerrissen und uns mit ihren Zähnen angriffen und zerfleischten, töteten wir sie und zogen ihnen die Haut ab, die wir mit nach Karthago brachten. Mangel an Nahrung hinderte uns, weiter zu reisen, und wir kehrten zurück.« Dieser Bericht hat schon die alten Griechen sehr interessiert. Der Fluss mit den Krokodilen und Nilpferden war wahrscheinlich der Senegal, der Götterwagen mit seinem nächtlich lodernden Feuer der Vulkan von Teneriffa. Auch hat der Gorilla, der grosse afrikanische Menschenaffe, nach diesem Bericht seinen Namen erhalten. Ueber die Fahrt des Admirals Himilko nach dem Norden haben wir nur eine sehr späte, poetisch ausgeschmückte Beschreibung des römischen Dichters Avienus aus dem 4. Jahrhundert der christlichen Zeitrechnung. Die Karthager verstanden es nämlich, wie schon ihre Vorfahren, die Phöniker, ihre Handelsverbindungen in Dunkel einzuhüllen. Besonders suchten sie fremde Nationen davon abzuschrecken, sich durch die Säulen des Herkules hindurchzuwagen, indem sie allerlei Fabelgeschichten über die Schrecken des Atlantischen Ozeans verbreiteten. Jedenfalls erhielten sich diese Märchen noch bis in die Zeit der Römer. Wie seltsam übrigens die Vorstellung selbst der griechischen Gelehrten über die Gestalt der Erde gewesen ist, ergibt sich aus folgender Zusammenstellung. Homer (und auch noch Herodot) betrachtete die Erde als eine runde Scheibe, Anaximander als eine Walze, Leukippus als eine Trommel und Heraklit als einen Kahn. Eudoxus hielt die Erde für ein längliches Viereck, Xenophanes für einen hohen Berg, Anaximenes für einen Tisch und Pythagoras für einen Würfel. Erst Aristoteles, der Lehrer Alexanders des Grossen, schloss aus dem runden Schatten, den die Erde bei einer Mondfinsternis wirft, und auch aus anderen Gründen auf die Kugelgestalt unseres Planeten. Archimedes war der erste, der diese auch schon den ägyptischen Priestern bekannte Kugelgestalt in sein Lehrsystem aufnahm, und Aristarch behauptete schon fast 300 Jahre v. Chr. die Umdrehung der Erde um die Sonne. Doch hielt sich daneben immer noch die Ansicht, dass die Erde eine runde Scheibe sei; die christliche Kirche verdammte dann später die Lehre von den Gegenfüsslern, und Kolumbus hatte lange Zeit schwer gegen diese Ansicht zu kämpfen, bis schliesslich die erste Weltumseglung durch Magalhaes allen Zweifeln an der Kugelgestalt der Erde ein Ende machte. Für die Griechen, und überhaupt für die wissenschaftliche Forschung, begann mit den Eroberungszügen Alexanders eine neue Zeit. Der Sohn des makedonischen Königs Philipp fühlte schon in früher Jugend den Beruf in sich, ein Welteroberer zu werden. Als er von dem Philosophen Klearchos hörte, es gäbe noch unendlich viele Welten und auch der Mond sei von Menschen bewohnt, da weinte er, weil er diese Welten doch nicht alle erobern konnte. Vor allem wirkten auf ihn die Schriften des griechischen Arztes Ktesias, der siebzehn Jahre lang Leibarzt am Hofe des Perserkönigs Artaxerxes gewesen ist und sehr viel über asiatische Völker, besonders über die Inder, geschrieben hat. Für Ktesias war Indien ein Wunderland mit märchenhaften Schätzen und fabelhaften Tieren, und seine phantasievollen Schilderungen haben sicherlich noch die Einbildungskraft der Portugiesen und Spanier auf ihren Entdeckungsfahrten beeinflusst. Die Eroberungsreisen Alexanders des Grossen stehen in der Geschichte ganz einzig da. In zehn Jahren unterwarf er nicht nur das weitausgedehnte und mächtige Reich der Perser, drang im Osten bis in Indien hinein und eroberte im Westen Aegypten, sondern er erschloss auch alle diese Länder auf Jahrhunderte hinaus der griechischen Kultur, er brachte lange unterdrückte Völker zu neuem Leben und leistete unendlich viel für die Wissenschaft. Sein Heer wurde durch einen ganzen Stab von Feldmessern, Astronomen, Mathematikern und Naturforschern begleitet, die alles, was ihnen bemerkenswert erschien, aufzeichnen mussten. Ueberall wurden griechische Kolonien und Städte gegründet. Lateinische Schriftsteller haben 70 Städte mit dem Namen Alexandria gezählt, von denen noch heute die grössere Hälfte besteht, nur dass die Namen sich zum Teil sehr verändert haben. Alexander liess auch das Indische Meer bereisen, und sein Seefeldherr Nearchos untersuchte auf einer fünfmonatigen Küstenfahrt den Weg von der Mündung des Indus bis zur Mündung des Euphrat. Für seinen Lehrer Aristoteles liess Alexander sorgfältig alles Interessante aus der Naturgeschichte sammeln und ermöglichte ihm dadurch einen grossen Teil seiner wissenschaftlichen Arbeiten. Sehr früh, schon mit 32 Jahren, starb Alexander in Babylon, aber sein Werk war in der Hauptsache getan, und seine Nachfolger, die Diadochen, die sich in das gewaltige Reich teilten, sorgten auch weiterhin für die Ausbreitung der griechischen Kultur. Durch ganz Vorderasien bis nach Indien wurden Heeres- und Handelsstrassen angelegt, und vor allem waren es die Ptolemäer in Aegypten, die Alexandria an der Nilmündung zur Herrin über das Mittelländische und Rote Meer und auch zugleich zu einem Mittelpunkt des damaligen wissenschaftlichen Lebens machten. Die Stadt wurde der grösste Handelsplatz der Welt, so dass die Ptolemäer in den 300 Jahren ihrer Herrschaft ungeheure Schätze ansammeln konnten. In der Alexandrinischen Bibliothek wurde alles gesammelt, was es überhaupt an wissenschaftlichen Schätzen im Altertum gab, und das Museion entwickelte sich zu einer Universität und Lehrstätte von nie wieder erreichter Höhe, die die grössten Denker und Dichter jener Zeit vereinigte. Eratosthenes, der Vorsteher der Bibliothek, ein grosser Astronom und Mathematiker, gab als erster ein vollständiges, systematisches Lehrbuch der Geographie heraus, das vier Jahrhunderte lang von grösster Bedeutung blieb. Er versuchte auch als erster durch eine genaue Gradmessung den Umfang der Erde festzustellen und gab eine sehr wichtige Weltkarte heraus. Allerdings nahm er fälschlich an, dass sich Asien viel weiter nach Osten erstrecke, als es tatsächlich der Fall war, ein Irrtum, der auch später nicht berichtigt wurde und noch im 15. nachchristlichen Jahrhundert eine Rolle spielte. Jedenfalls hätte sich Kolumbus niemals über den Ozean gewagt, wenn er gewusst hätte, wie gross die Entfernung von der Küste Europas bis zur Ostküste Asiens war. Um 150 n. Chr. hat dann Hipparchos vor allem auch die astronomischen Kenntnisse seiner Zeit bereichert und zuerst auch eine nach Länge und Breite in Gradnetze eingeteilte Sternkarte entworfen, durch die man zugleich jeden Punkt auf der Erde mathematisch festlegen konnte. Inzwischen war aber eine neue Macht in die Weltgeschichte eingetreten. Rom, das Herodot nicht einmal dem Namen nach erwähnt, ein armer, kriegerischer Räuberstaat ohne Kultur und ohne Handelsgeist, aber von einer gewaltigen Herrschsucht erfüllt, eroberte allmählich Italien und besiegte und zerstörte dann Karthago und damit ein altes und wichtiges Handelszentrum für das westliche Europa. Zu derselben Zeit wurde auch Griechenland unterworfen und Korinth mit seinen Tempelbauten und Kunstschätzen in Schutt und Asche gelegt. Die Römer haben weder den Handel Karthagos ersetzen können, noch die Kultur der Griechen weitergeführt. Auf dem Meer breitete sich Seeräuberei aus und in alle Länder der bekannten Welt drang die zerstörende Macht der Legionen. Nirgendwo haben die Römer bei ihren Eroberungszügen wissenschaftliche Zwecke verfolgt, aber mit der Ausbreitung ihrer Weltmacht begannen sie aus praktischen Gründen Vermessungen ihres Besitzes vorzunehmen und Karten aufzuzeichnen, die die Ortschaften und die Länge der Wege enthielten. Als Geographen der römischen Zeit sind vor allem zu nennen: Strabo, der im Anfang der christlichen Zeitrechnung eine vollständige Erdkunde in 17 Bänden schrieb und viele Länder aus eigener Anschauung schilderte, und dann Claudius Ptolemäus in der Mitte des zweiten Jahrhunderts, dessen astronomisches System erst von Kopernikus gestürzt wurde. Weltkarte des Ptolemäus. 150 n. Chr. Ptolomäus, der in griechischer Sprache schrieb, hat ein mathematisch-astronomisches und ein achtbändiges geographisches Werk hinterlassen. Seine »Astronomia« schildert die Erde als eine Kugel und als den Mittelpunkt des Weltalls, um den sich Sonne, Planeten und Fixsterne drehen. Seine »Geographia« gibt ein durch Längen- und Breitengrade abgeteiltes Erdbild. Im Norden enden seine Kenntnisse mit Jütland. Schweden und Norwegen nennt er nicht. Von dem fernen Osten weiss er ebenfalls nichts und lässt das Land östlich vom Ganges nach Süden abbiegen und dann westlich zurück sich mit Afrika verbinden, so dass der Indische Ozean ein Binnensee wird. Auch er machte wie seine Vorgänger auf seinen Karten den Fehler, die Längengrade stark auseinanderzuziehen, so dass von der Westküste Europas bis zur Ostküste Asiens gar kein so weiter Weg mehr blieb. Jedenfalls gibt aber Ptolomäus in seiner Erdkunde das umfassendste Wissen des Altertums, und für mehr als ein Jahrtausend stützten sich alle weiteren Forschungen auf die Grundlage, die er gegeben hatte. Das römische Weltreich zerstörte sich allmählich selbst. Es zehrte nur von fremden Kulturen, es plünderte die fernsten Länder aus und verarmte dabei innerlich und äusserlich. Aus den Katakomben stiegen dann die Christen herauf und brachten einen neuen Glauben; über die Alpen kamen die Germanen mit ihrer jungen Kraft und ihren grossen Entwicklungsmöglichkeiten für die Zukunft. Das Mittelalter begann. Zunächst erscheint alles ein einziger, ungeheurer Rückschritt zu sein. Länder und Städte waren zerstört und verwüstet. Das Christentum, das den Blick der Menschen auf ein jenseitiges Leben gerichtet hielt, verachtete die Wissenschaft der Heiden und machte die Bibel zur Grundlage aller Erkenntnis. Da in der Bibel nichts von einer Kugelgestalt der Erde stand, so wurde die Lehre von den Antipoden als ketzerisch und sinnlos verdammt, und man stellte sich sogar anfangs meist die Erde als eine viereckige Fläche vor, die nach dem Vorbild der israelitischen Stiftshütte erbaut war. Später ging man aber doch lieber zu dem runden Bild der Erde über und schilderte sie als Scheibe, weil ja in der Bibel nicht nur von den vier Ecken der Erde die Rede war, sondern noch häufiger von dem Erdkreis. Im Mittelpunkte lag jetzt Jerusalem, Asien nahm die östliche Hälfte, Europa das nordwestliche Viertel und Afrika das südwestliche Viertel ein. Im übrigen waren diese mittelalterlichen, sogenannten Radkarten ausserordentlich primitiv, wie überhaupt alles, was das Altertum an geographischem Wissen gesammelt hatte, erloschen schien. Um so kritikloser nahm man alles Fabelhafte, ja selbst die sinnlosesten Wundergeschichten aus der Vergangenheit auf. Zwei weit voneinander entfernten Völkern, den Normannen und den Arabern, ist es zu verdanken, dass die geographischen Forschungen trotzdem fortgesetzt wurden. Die Normannen tauchen schon sehr früh in der Geschichte als äusserst kühne Freibeuter und Seehelden auf und griffen bereits zu den römischen Zeiten die englischen und niederländischen Küsten an. Ihre Heimat war der ganze skandinavische Norden, aber sie dehnten ihre Raub- und Eroberungszüge fast über ganz Europa aus. Jedenfalls beherrschten sie die ganze Ostsee mit den anliegenden Ländern und drangen tief in das heutige Russland hinein. Früh schon eroberten sie England und Irland, und im neunten Jahrhundert zogen sie mit einer Flotte an die fränkische Küste und weit in das Land hinein. Ebenso griffen sie Spanien und Italien an und eroberten 857 Pisa. Gegen das Ende des zehnten Jahrhunderts entdeckten sie Grönland, das sie besiedelten und vierhundert Jahre lang bewohnten. Sie erbauten dort Städte und hatten Bischöfe, die anstatt des Peterspfennigs an den päpstlichen Stuhl 2600 Pfund Walrosszähne bezahlten. Ende des vierzehnten Jahrhunderts gingen diese Ansiedlungen wieder zugrunde, doch hat man später die Ruinen ihrer Häuser und Kirchen an der südwestlichen und westlichen Küste Grönlands gefunden. Zu bedauern ist der Untergang dieser normannischen Kolonie vor allem deshalb, weil damit zugleich auch eine andere Entdeckung und Besiedlung in Vergessenheit geriet. Ein Isländer Björn war im Jahre 1001 auf einer Fahrt nach Grönland von einem Sturm weit nach Südwesten getrieben worden und bemerkte ein flaches, mit Holz bewachsenes Land, das wir heute Amerika nennen. Nach seinen Angaben ist er vielleicht bis in die Gegend des heutigen New York gelangt. Jedenfalls entflammte seine Erzählung, als er zurückgekehrt war, den Ehrgeiz Leifs, des Sohnes von Erich dem Roten, der die grönländische Kolonie einst begründet hatte. Leif rüstete sofort ein Schiff aus und steuerte der amerikanischen Küste entlang nach Süden. Er kam zunächst nach Helluland, dem heutigen Labrador, dann nach Markland oder Waldland, dem heutigen Neuschottland, und blieb schliesslich in einer Gegend, die er Winland nannte, weil dort so viel wilder Wein wuchs. Sein Gefährte, der Deutsche Tyrker, der aus dem Weinland stammte, erkannte sofort die Rebe. Bald sahen die Normannen auch einige Eingeborene, von kleiner Statur, die sie Skrälinger (d. h. Abschnittsel oder Zwerge) nannten. Es waren das keine Indianer, sondern in Seehundsfelle gehüllte Eskimos, die auf schmalen, ledernen Kähnen heranfuhren. Jedenfalls haben sich die Indianer erst später in diesen Gegenden ausgebreitet und die Eskimos verjagt. Das in der Nähe des heutigen New York gelegene Winland wurde 126 Jahre lang wegen des Handels mit Pelzwerk besucht. Dann verschwindet alle Kunde davon, und man weiss nur noch, dass 1121 ein Bischof Erich sich von Grönland dorthin begab, um seine noch heidnischen Landsleute zum Christentum zu bekehren. Wichtiger als die Normannen sind die Araber für die Ausbreitung der Erdkunde geworden. Von seiner Begründung im Jahre 622 ab hat der Mohammedanismus sich wie ein Flugfeuer über Nordafrika und Asien verbreitet und sprang dann später auch im Westen und Osten nach Europa hinüber. Mit dem Schwert in der Hand zerstörten die Sendboten der neuen Religion die alten Kulturen, aber sie gründeten auch überall neue, blühende Staaten und belebten einen weit ausgedehnten Handelsverkehr, der bis nach China ging. Vor allem hatten sie eine grosse Veranlagung für wissenschaftliche Studien, und indem sie an die Forschungen der Griechen anknüpften, brachten sie es in der Geographie, der Mathematik, der Philosophie und Medizin zu hervorragenden Leistungen. Aber auch in der Dichtung und Baukunst haben sie eine hohe Blüte erreicht. Von Ptolemäus übernahmen sie die Lehre von der Kugelgestalt der Erde und ergänzten dann die Karten der Alexandriner durch ihre eigenen Entdeckungen. Die Zahl der arabischen geographischen Schriften ist überraschend gross; das darin ausgedrückte Wissen übertrifft weit das des griechisch-römischen Altertums. In Asien kannten sie den ganzen Westen, Süden und Osten bis nach Nordchina hinauf, so dass ihnen nur der grösste Teil von Sibirien unbekannt blieb. Nach dem Norden von Asien verlegten sie, ebenso wie die Christen, das fabelhafte finstere Land des Gog und Magog, von wo nach der Lehre der Bibel am jüngsten Tage das Verderben kommen sollte. Von Europa erwähnen sie sogar alle Länder des Nordostens, Dänemark, Norwegen, Schweden, Finnland, und hatten Handelsverbindungen die Wolga hinauf durch ganz Russland. Auch im Westen reisten sie bis zu den Faröer-Inseln. Am besten kannten sie Afrika. Sie besiedelten nicht nur den ganzen Norden bis zum Atlantischen Ozean, sondern drangen auch durch die grosse Wüste in die Negerstaaten Zentralafrikas hinein. Sie kannten genau die Staaten zwischen dem Senegal und dem Niger und an der Ostküste Afrikas hatten sie Kolonien bis über die Insel Madagaskar hinaus, die sie die Mondinsel nannten. Alle diese Entdeckungen und Forschungen hatten auch für die christlichen Völker einen grossen Wert. In dem von den Arabern beherrschten Spanien entstanden grosse Universitäten und zahlreiche, kostbare Bibliotheken, und vom achten bis dreizehnten Jahrhundert strömten die europäischen Gelehrten und Studenten nach Cordoba, Granada und Sevilla, um sich hier das griechisch-arabische Wissen anzueignen und es in ihre Heimat zu verpflanzen. Hierdurch und durch die Handelsbeziehungen, die sich im Verlaufe der Kreuzzüge mit dem Orient entwickelten, entstanden in Europa allmählich freiere Anschauungen und ein reges Interesse für ferne Länder, das dann später im Zeitalter der Entdeckungen und Erfindungen so reiche Früchte tragen sollte. Dazwischen aber lag die Blüte der italienischen Handelsstädte und die grösste Landreise des Mittelalters überhaupt: die Reise des Marco Polo. Die Reisen des Marco Polo. Im Jahre 1260 reisten die Brüder Maffeo und Nicolo Polo, zwei Kaufherren und Patrizier des damals sehr mächtigen Venedig, mit einem reich beladenen Kauffahrteischiff nach Konstantinopel, wo der Kaiser Balduin regierte. Von dort fuhren sie durch das Schwarze Meer nach der Krim und wurden durch Kriegswirren über die Wolga nach Buchara verschlagen, wo sie sich drei Jahre aufhielten. Ein Gesandter des Khans von Persien, der zum Grosskhan der Tataren Kublai reisen wollte, veranlasste sie wegen ihrer Sprachkenntnisse, ihn zu begleiten, und sie schlossen sich ihm an, da zurzeit wegen der Unsicherheit der Wege an eine Rückkehr in die Heimat doch nicht zu denken war. Kublai, der inzwischen den Titel eines Kaisers von China angenommen und seine Residenz von Karakorum nach Peking verlegt hatte, empfing die Europäer sehr wohlwollend. Er beschenkte sie bei ihrer Rückkehr reichlich und gab ihnen eine Botschaft an den Papst mit, worin er diesen bat, ihm hundert kluge und in der Religion erfahrene Männer zu schicken, die das Christentum in China verbreiten sollten. Als Pass überreichte er den Reisenden eine goldene Platte mit dem kaiserlichen Wappen, die ihnen auch überall den Weg erleichterte. Immerhin wurden sie durch Ueberschwemmungen und andere Hindernisse häufig aufgehalten, so dass die Rückreise länger als drei Jahre dauerte. Als die Gebrüder Polo nach neunjähriger Abwesenheit wieder in Europa anlangten, erfuhren sie, dass der Papst gerade gestorben war, und es dauerte fast zwei Jahre, bis Gregor X. zu seinem Nachfolger gewählt wurde. Dieser gab ihnen Briefe und reiche Geschenke an den Grosskhan mit, aber statt der hundert gelehrten Männer nur zwei Mönche, die noch dazu in Armenien, als sie von einem kriegerischen Zuge des Sultans von Babylon hörten, den Mut verloren und umkehrten. Die Polos aber, die diesmal Nicolos Sohn, den siebzehnjährigen Marco, bei sich hatten, schlugen sich mutig durch und erreichten nach drei und einem halben Jahr Peking, wo sie von Kublai wieder mit grossen Ehren empfangen wurden. Besonders zog Marco Polo die Aufmerksamkeit des Kaisers in so hohem Masse auf sich, dass ihn dieser zu seinem Ehrenbegleiter ernannte und ihm häufig die wichtigsten Gesandtschaften und Aufträge gab, die Marco alle zu grosser Zufriedenheit seines Herrn ausführte. Marco Polo. Nach dem Gemälde in der Galerie Badia in Rom. Auf seinen vielen Reisen erwarb sich Polo eine sehr genaue Kenntnis Chinas und der angrenzenden Länder, was ihm später für die Beschreibung seiner Erlebnisse zugute kam. Endlich, als die Venezianer schon über zwanzig Jahr am mongolischen Hofe gewesen waren, baten sie um Erlaubnis, in ihre Heimat zurückkehren zu dürfen. Der Grosskhan wollte sie anfangs durchaus nicht ziehen lassen, willigte aber doch schliesslich in ihre Bitten ein, wobei er Marco den Auftrag gab, eine kaiserliche Prinzessin dem Khan von Persien als Braut zuzuführen. Wie man zu Marco Polos Zeiten in Asien reiste. Nach einem alten Holzschnitt. Auf vierzehn, wohlbewaffneten viermastigen Schiffen reiste die Abordnung, die reiche Schätze mit sich führte, unter der Führung Marco Polos ab. Die Seefahrt war eine wahre Odyssee. Unter schweren Stürmen erreichten sie nach drei Monaten Java, wo sie durch widrige Winde fünf Monate zurückgehalten wurden. Endlich gelangten sie über Ceylon nach dem Persischen Meerbusen und begleiteten die Prinzessin an den Hof des Khans. Dann reisten sie zu Lande weiter und gelangten nach vielen Gefahren und Mühen nach Trapezunt am Schwarzen Meer, von wo sie über Konstantinopel im Jahre 1295 ihre Heimat wieder erreichten. In Venedig waren sie inzwischen längst für tot gehalten worden und ihre Verwandten hatten sie schon beerbt und ihr Haus in Besitz genommen. Niemand wollte sie anfangs wiedererkennen, und es wird erzählt, dass sie erst durch ihre ungeheuren Schätze an Edelsteinen, die sie in China gesammelt hatten, die Venezianer überzeugen konnten. Jedenfalls wurden sie nachher wegen ihres Reichtums und ihrer Kenntnisse hoch geehrt, und als kurz darauf ein Krieg mit Genua ausbrach, erhielt Marco den Oberbefehl über eine Galeere. In der nun folgenden Seeschlacht wurde die venezianische Flotte geschlagen und Marco geriet in Gefangenschaft. Auch von den Genuesen wurde er sehr achtungsvoll behandelt und im Gefängnis zu Genua konnte er in aller Ruhe sein berühmtes Buch verfassen. Marco Polos Reisebeschreibung ist das wichtigste Entdeckungswerk des Mittelalters. Leider ist es nicht ganz chronologisch angelegt; es vermischt persönliche Erfahrungen mit fremden Berichten und lässt durchaus nicht sicher erkennen, wie eigentlich die Reiseroute der Venezianer verlaufen ist. Dafür bringt es aber wirklich interessante Einzelheiten und schildert die einzelnen ostasiatischen Länder mit einer Genauigkeit, die für die damalige Zeit erstaunlich ist. Das Buch berichtet zunächst von verschiedenen Völkerschaften Armeniens und erwähnt den Berg Ararat. Auf diesem hohen Berge war es, wo nach dem allgemeinen Glauben des Mittelalters, den auch Polo teilt, Noahs Arche nach dem Verströmen der Sintflut stehen blieb. Dann berichtet er offenbar von einer Petroleumquelle: Nördlich von dem Lande findet man eine starke Quelle, aus welcher eine Flüssigkeit, dem Oele ähnlich, hervorströmt. Sie ist nicht zum Genuss geeignet, aber sehr verwendbar zum Verbrennen und zu manchem anderen Gebrauche. Von Zeit zu Zeit kommen benachbarte Völker hierher und versehen sich in solchen Mengen damit, dass sie ganze Schiffe damit anfüllen. Trotzdem kann die Quelle durch diesen Abgang nie erschöpft werden. Südlich vom Kaspischen Meer, westlich vom heutigen Teheran, kam er an die Residenz des berühmten und gefürchteten Alten vom Berge, des Grossmeisters der Ordensverbindung der Assassinen. Man hat lange Zeit die Angaben Polos für ein Märchen gehalten, neuere Forschungen haben sie aber bestätigt. Er erzählt über den Alten der Gebirge: Dieser Fürst mit allen seinen Untertanen verehrte den Mahomed und beging ganz eigene Niederträchtigkeiten. Er versammelte allerlei Banditen, die man gewöhnlich Totschläger hiess, und durch diese rasenden Halunken liess er alle diejenigen töten, deren Dasein ihm ein Anstoss war. Auf diese Art brachte er oft die ganze Gegend in Furcht und Schrecken. Auf eine sonderbare Art verstand er es auch, seine Anhänger oder Würgeengel sich ergeben zu machen. Er besass ein sehr schönes, zwischen hohen Bergen verstecktes Tal. Dieses liess er in einen bezaubernden Garten, reich an allen Früchten und Bäumen, verwandeln. Wundervolle Paläste standen darin, die mit dem kostbarsten Hausgerät und den seltensten Gemälden ausgeschmückt waren. Springbrunnen gab es, die von Wein, Milch und Honig strömten. Man vernahm überall die lieblichste Musik, und erlebte die herrlichsten Tänze und Freudespiele. Mit einem Wort, es fehlte an nichts, um diesen Ort für den schönsten der Erde, für das Paradies selbst zu halten. Wenn nun der Alte, dessen Name Ala-Eddin war, Jünglinge für seinen Dienst begeistern wollte, so liess er sie durch einen Schlaftrunk betäuben und in den Garten bringen, wo sie einige Tage in einem Uebermass der Lust verlebten. Dann wurden sie aufs neue betäubt und zurückgebracht und konnten sich nun kaum über den Verlust des Paradieses trösten. Das war der Augenblick, den der Alte erwartet hatte. Er machte die Betrogenen glauben, dass er ein Prophet Gottes sei. »Hört mich an«, rief er ihnen zu, »und beruhigt euch! Wenn ihr bereit seid, euch furchtlos allen Gefahren des Todes preiszugeben, wenn ihr alle meine Befehle treulich erfüllt, dann verspreche ich euch, dass ihr bald und auf immer diese Freuden geniessen sollt, von denen ihr schon einen Vorgeschmack erhalten habt.« Auf diese Art betrachteten diese Elenden den Tod als ein wahres Gut und waren gern bereit, sich dem Tyrannen aufzuopfern. Dieser aber benutzte sie, um ganze Gegenden zu verheeren und den Einwohnern Entsetzen einzujagen. Um solchen Schrecken zu entgehen, unterwarfen sich ganze Völker mit ihren Fürsten dem Alten vom Berge. Diese Assassinen, die auch auf dem Libanon hausten und von dort aus die Kreuzfahrer in Schrecken setzten, wurden dann von den Tataren besiegt und zu vielen Tausenden mit ihrem letzten Fürsten Rocu-Eddin, dem Sohn des Alten vom Berge, hingerichtet. Der mörderische Orden verschwand dann allmählich, aber man sieht heute noch die Ruinen ihrer Schlösser. Von Nordpersien aus zogen die Reisenden durch die Bucharei nach der Pamir-Hochebene. Unterwegs kamen sie durch ein Land Balascia, wo es ausserordentlich viele Ballasrubinen und Lapislazuli gab. Die dortigen Fürsten hielten sich für Nachkommen Alexanders des Grossen. Sie hatten eine besondere Pferderasse, die man wegen ihrer harten Hufe selbst auf dem felsigsten Boden nie zu beschlagen brauchte und die von Buzephalus abstammen sollten. Auf dem Pamir-Plateau gab es zahlreiche wilde Schafe von besonderer Grösse, aus deren langen Hörnern die Hirten alle Arten von Schüsseln und Gefässen anfertigten. Auch war es so kalt, dass das Feuer gar nicht hell brannte und es sehr schwer war, Speisen zum Kochen zu bringen. Diese Beobachtung Polos ist übrigens auch durch moderne Forscher bestätigt worden. Als er von diesen unwirtlichen Höhen heruntergestiegen war, sah er nach dem Mittelpunkt von Asien hin die fruchtbaren und blühenden Ebenen von Kaschgar, ein dem grossen Khan unterworfenes Königreich. Die Hauptstadt Samarkand war damals ausserordentlich reich, mit festen Schlössern besetzt und von herrlichen Gärten und Ländereien umgeben, in welchen Wein und Früchte edelster Art wuchsen. Die Polos aber wandten sich nach Osten und gelangten nach vielen Mühseligkeiten an den Rand der Wüste Gobi, wo damals eine grosse Stadt Lop lag. Hier pflegten die Reisenden Maultiere und Kamele für den Transport durch das Sandmeer einzukaufen und sich auch mit Lebensmitteln und Wasservorräten zu versehen, denn es gab unterwegs nur wenige Quellen. Polo, der die Wüste an einer schmalen Stelle durchschritt, aber dazu auch so noch dreissig Tage gebrauchte, berichtet von nächtlichen Sinnestäuschungen, denen Reisende in der Wüste unterlagen, was übrigens auch andere Forscher bestätigen. Er schreibt sie dem Blendwerk böser Geister zu und sagt, die Reisenden müssten sehr auf der Hut sein, dass sie sich dabei nicht von der Karawane trennten oder gar zurückblieben. Denn nichts ist leichter, als dass sie in den vielen Bergen und Sandwolken sich verirren, und nichts gewöhnlicher, als dass die Dämonen sie mit nachahmenden Stimmen Bekannter von einem Ort zum andern nach sich ziehen und sie endlich ins Verderben locken. In der Luft vernimmt man zuweilen auch musikalische Instrumente, die meist den Klang von Tamburins haben, oder man sieht herannahende Reiterscharen und hört deutlich das Klirren der Waffen. Jedenfalls war der Weg durch diese Wüste mit grossen Gefahren verknüpft. Jenseits der Wüste kam Polo in ein Land Hamil, wo eine ausgedehnte Gastfreundschaft Sitte war. Wenn ein Fremder hier Unterkunft suchte, so empfängt ihn der Hausvater aufs freundlichste und befiehlt seinem Weibe und seiner Familie, für ihn die möglichste Sorgfalt zu tragen, ihm zu gehorchen und ihn in dem Hause zu lassen, solange es ihm darin gefällt. Er selbst bezieht indes eine andere Wohnung und kehrt nicht früher zu den Seinigen zurück, bis der Fremdling sein Haus wieder verlassen hat. In der Zwischenzeit gehorcht die Hausfrau ihrem Gaste, als wenn es ihr eigener Gatte wäre. Die Einwohner sagen, eine solche Gastfreundschaft sei der Wille der Götter, und schreiben ihr ihren Wohlstand und die Fruchtbarkeit ihrer Felder zu. In einer anderen Gegend herrschte die Gewohnheit, dass, wenn ein Mann auf einer Reise über zwanzig Tage ausblieb, seine Frau nach Belieben einen anderen heiraten konnte, in welchem Falle sich dann die heimkehrenden Männer auch mit anderen Frauen nach ihrer Wahl vermählten. In der Provinz Tschintschitales fand Polo Bergwerke, aus denen ein unverbrennlicher Stoff gewonnen wurde, den er Salamander nennt. Es war das aber der damals in Europa völlig unbekannte Asbest und man hielt lange Zeit diese Erzählung für eine Fabel. In der Stadt Kantschou verblieben die Reisenden ein ganzes Jahr. Die Bewohner waren zum Teil Christen, wie überhaupt das Christentum in den älteren Zeiten bis weit nach China verbreitet war und erst später wieder ausgerottet wurde. Von Kantschou aus wurden sie durch Abgesandte des Kaisers Kublai abgeholt und über die chinesische Grenzstadt Hsining nach einer langen Reise bis in seine Residenz geleitet. Kublai-Khan, Grosskhan der Tataren, der Schützer Marco Polos. Nach einem chinesischen Holzschnitt. Marco Polo beschreibt sehr ausführlich die Sitten und Gebräuche der Tataren und lobt ihren kriegerischen Mut, ihre Einfachheit und ihren Fleiss. Sie ernähren sich, so erzählt er, von den gröbsten Speisen; ihre gewöhnlichsten Gerichte sind Fleisch, Milch und Käse. Sie essen aber auch das Fleisch unreiner Tiere und neben dem Pferdefleisch steht bei ihnen das Fleisch gewisser Schlangen in grossem Rufe. Sie trinken die Milch der Pferde und wissen sie dergestalt zuzubereiten, dass man sie für blanken Wein hält, und der Geschmack ist auch wirklich sehr angenehm. Dieses Getränk heisst bei ihnen Kumys. Die Tataren sind nicht weichlich, nicht weibisch und keineswegs an Vergnügungen gewöhnt. Dagegen sind sie wenig empfindlich gegen den Mangel, und oft genug kommt es vor, dass sie monatelang nichts geniessen als Stutenmilch und rohes Fleisch. Selbst ihre Pferde kennen während der Kriege kein anderes Futter als Gras. Sie glauben auch an einen Gott, der die ganze Welt regiert, und beten zu ihm. Für ihre Kinder, ihre Herden und ihre Früchte aber beten sie zu einem Götzen, dessen Bild in jedem Hause steht. Stets, bevor sie essen, schmieren sie in den Mund des Götzenbildes, das gewöhnlich mit einem Weib und mit Kindern abgebildet ist, vom Fettesten, was sie haben. Ebenso sind sie fest von der Seelenwanderung überzeugt, und wenn einer ihrer Grossfürsten gestorben ist und sein Leichnam nach alter Sitte in das Altai-Gebirge überführt wird, so töten die Begleiter unterwegs alles, was ihnen begegnet, indem sie den Unglücklichen zurufen: »Geht und dienet in der anderen Welt unserem Herrn und Fürsten!« Auch alle Pferde, die ihnen begegnen, werden erdrosselt, und sie glauben bestimmt, dass diese Menschen und Pferde sofort in den Dienst des Toten eintreten. Als die Leiche des Vaters von Kaiser Kublai nach seinem Grabe geführt wurde, tötete man unterwegs zwanzigtausend Menschen. Kublai, der Grosskhan der Tataren und Kaiser von China, war ein schöner, gut gebauter Mann von mittlerer Grösse, mit einem offenen, blühenden Gesicht, grossen Augen und wohlgebildeter Nase. Er besass vier rechtmässige Frauen, von denen jede im Palaste ihren eigenen Hofstaat hatte, und wohl hundert Nebenfrauen, die unter den schönsten und bestgebildeten Mädchen besonders für ihn ausgewählt wurden. Von seinen rechtmässigen Frauen hatte er nicht weniger als zweiundzwanzig Kinder. Seine Residenzstadt war Kambalu, das heutige Peking. Im Sommer aber, zur Jagdzeit, zog er nach Handu, dem heutigen Tschöng-tö, wo er einen verschwenderisch mit Marmor und Gold ausgestatteten Palast besass. Nahe dabei befand sich ein mit einer Mauer umgebener Park von fünfzehn Meilen im Umkreis. Hier wurden Hirsche, Damhirsche, Rehböcke und Falken gehalten und der Grosskhan ging hier oft auf die Jagd. Er jagte zu Pferde und führte dabei einen abgerichteten Leoparden mit sich. In der Mitte des Parks erhob sich ein aus Rohr erbautes Lusthaus, das aussen und innen vergoldet war und mit den schönsten Gemälden ausgeschmückt war. Es konnte leicht auseinander genommen und an einem anderen Platz wieder aufgebaut werden und war wie ein Zelt durch zweihundert seidene Stricke befestigt. Der Grosskhan wohnte hier im Juni, Juli und August. Am 21. August ging er, bevor er seinen Winterpalast bezog, nach einem zu religiösen Feiern bestimmten Ort, um hier das grosse Milchopfer darzubringen. Er besass wohl über zehntausend weisse Stuten, und alle Milch, die an diesem Tage von ihnen gemolken wurde, versprengte er über die Erde, damit die Götter sie tränken und ihm und seiner Familie gewogen seien. Während der Wintermonate, Dezember, Januar und Februar, wohnte er in seiner Residenzstadt Kambalu, eigentlich Khanbaligh, mongolisch für »Stadt des Khans«. Der Name Peking entstand erst im fünfzehnten Jahrhundert. Polo beschreibt genau die Anlage der Tatarenstadt, die, wie heute noch, ein grosses Viereck bildete. Jede Seite war sechs Meilen lang und hatte drei Tore, vor denen dann noch von Kaufleuten und Fremden bewohnte Vorstädte lagen. Der eigentliche Palast des Khans war mit einer dreifachen Mauer umgeben und von verschwenderischer Pracht. Auch waren hier grosse Schätze aufgestapelt. Es ist fast unglaublich, welch eine Menge von Kaufmannsgütern täglich nach Kambalu gebracht wurden. Polo meinte, sie dürften für den Bedarf der ganzen Welt hinreichen. Vorzüglich brachte man dorthin Edelsteine, Perlen, Seide und indische Gewürze, und es verging nicht ein einziger Tag, wo die fremden Kaufleute nicht wenigstens tausend Wagen allein voll Seide brachten, aus denen man dort alle möglichen Stoffe webte. Die Verwaltung des damaligen Chinas scheint ebenfalls auf bedeutender Höhe gewesen zu sein. Das ungeheure Reich war in 34 Provinzen eingeteilt. Grosse Strassen gingen von der Hauptstadt nach allen Richtungen, an denen sich in Abständen von zwanzig bis dreissig Meilen Poststationen und Unterkünfte befanden. Magazine waren angelegt, um bei Missernten die ärmere Bevölkerung zu ernähren. Als Geld dienten keinerlei Metallmünzen, sondern eine Art von Papiergeld, das in Kambalu aus Baumfasern hergestellt wurde und neben dem Siegel des Khans die Wertangabe enthielt. Nachahmungen und Gebrauch von anderen Münzsorten waren bei Todesstrafe verboten, auch war es untersagt, ausländisches Geld einzuführen. Jedenfalls bestritt der Khan mit diesem Geld alle Staatsausgaben und sammelte selbst ungeheure Reichtümer an. Unter den vielen Wundern, die Marco Polo in China vorfand, waren auch die damals in Europa noch nicht bekannten Kohlen. In China, so erzählt er, gräbt man eine schwarze Steinart aus den Bergen, die im Feuer ebenso wie das Holz brennt und, wenn sie einmal in Brand ist, ausserordentlich lange fortglimmt. Denn brennt man diese Steine des Abends an, so dauert ihr Feuer bis zum anderen Tage fort. Als Ersatz für den Wein gab es ein sehr gutes Getränk, das aus Reis und verschiedenen wohlriechenden Dingen hergestellt war. Polo fand es lieblicher als den Wein selbst, auch wurden diejenigen, die zuviel tranken, sehr schnell dadurch berauscht. Die grösste Stadt Chinas war übrigens damals immer noch die frühere Hauptstadt Quinsai, jetzt Hangtschou. Der Name Quinsai bedeutete soviel wie Stadt des Himmels, und Marco Polo schildert sie als ein wahres Paradies. Der Umfang dieser Stadt betrug hundert Meilen. In ihr befanden sich zwölftausend steinerne Brücken, deren Bogen so hoch waren, dass unter ihnen die grössten Schiffe mit ausgespannten Segeln fahren konnten. Sie war ähnlich wie Venedig auf einem Sumpf gebaut und das Seewasser drang durch Kanäle überall hin. Man schätzte damals die Zahl der Bewohner Quinsais auf 600 000 Familien, jede aus dem Hausvater, der Mutter, den Kindern und dem Dienstgesinde bestehend. Es gab über dreitausend Bäder in der Stadt, denn Reinlichkeit und Körperpflege setzten die Bewohner über alles. Polo erwähnt auch, dass die Stadt eine christliche Kirche hatte; sie gehörte den Nestorianern. Die Einkünfte, die der Grosskhan aus Quinsai und seiner Umgebung zog, schätzt Marco Polo auf über 15 Millionen Goldgulden jährlich. Ueber Japan, das er die Insel Zipangu (Nippon) nennt, ist Marco Polo weniger gut unterrichtet. Er hält die Einwohner für Mohammedaner. Die Insel, so erzählt er, erzeugt Gold in grossen Mengen, doch erlaubt der König nicht, dass etwas davon aus dem Lande herauskommt. Deshalb gibt es auch keinen Handelsverkehr nach Zipangu. Der König bewohnt einen prächtigen Palast, dessen Dach aus echten Goldplatten besteht, so wie man in Europa ein Prachtgebäude mit Blei oder Kupfer deckt. Auch die Höfe und Zimmer sind von diesem edlen Metall bedeckt. Das Land ist überreich an grossen Perlen, auch Edelsteine anderer Art findet man häufig. Marco Polo berichtet auch von einem verunglückten Versuch Kublais, sich Zipangus zu bemächtigen. Im letzten Teil seines Buches beschreibt der Venezianer Indien und die südöstlichen Inseln. Von den indischen Schiffen sagt er, dass sie aus Tannenholz gemacht sind und nur ein Verdeck haben, auf dem sich etwa vierzig Baracken für Kaufleute befinden. Jedes Schiff hat ein Steuerruder, vier Maste und vier Segel. Grosse Schiffe können zweihundert Menschen fassen, ausserdem aber noch sechstausend Kisten Pfeffer. Ferner führen sie noch kleine Schaluppen mit sich, um sich in Notfällen helfen zu können. Der Grosskhan hatte auch versucht, das Königreich Ziamba (das heutige Siam und Anam) zu erobern. Der Versuch misslang aber, jedoch willigte Ziamba ein, dem Grosskhan jährlich zwanzig seiner schönsten Elefanten zu schicken. Südöstlich von Ziamba liegt Java, worunter Polo wahrscheinlich Borneo versteht. Man findet auf dieser Insel Pfeffer im Ueberfluss. Ferner Muskatnüsse, Gewürze, Galgant und andere Spezereien. Sie wird des Handels wegen stark besucht, denn die fremden Kaufleute gewinnen viel an den Waren, die sie von dort ausführen. Jenseits der malaiischen Halbinsel besuchte Polo das jetzige Sumatra, das er Klein-Java nannte. Hier war es, wo er auf seiner Rückreise mit seinen zweitausend Begleitern fünf Monate wegen widriger Winde liegen musste und sich durch Blockhäuser und Gräben gegen Angriffe schützte. Die Insel Ceylon überschätzt er den damaligen geographischen Begriffen nach in ihrer Grösse ganz gewaltig. Er nennt sie eine der schönsten Inseln der Welt, auf der man viele Rubine, Saphire, Topase, Amethyste und andere Edelsteine findet. Der König der Insel besitzt einen Rubin, den man für den kostbarsten in der ganzen Welt hält, denn seine Länge beträgt drei flache Hände und seine Dicke drei Finger. Er brennt wie das hellste Feuer und ist ganz ohne Makel. Sechzig Meilen von Ceylon liegt die Provinz Maabar (das heutige Malabar) im Südwesten Indiens. Hier werden an gewissen Stellen, wo das Meer sehr heiss ist, viele Perlen gefischt. Kaufleute kommen hierher mit grösseren und kleineren Schiffen, lassen Menschen in das Meer tauchen und die Perlenmuscheln auffischen. In diesem Meeresarm hausen auch grosse Fische (Haifische), die mit Leichtigkeit einen Menschen verschlingen können, doch schützt man sich gegen sie durch Magier, die die Fische beschwören können. Die Bewohner gehen alle nackt, auch der König, doch trägt er ein goldenes Halsband, das mit Saphiren, Smaragden, Rubinen und anderen Edelsteinen besetzt ist. Auch eine seidene Schnur mit Perlen hängt ihm um den Hals, und er betet danach zu seinen Götzen wie mit einem Rosenkranz. An jedem Arme und an jedem Beine trägt er drei goldene, mit Diamanten besetzte Ringe. Selbst seine Fusszehen und Finger sind mit kostbaren Ringen geziert. Die Zahl seiner Weiber ist etwa fünfhundert. Marco Polo ist der erste gewesen, der über das eigentliche Indien nach wirklicher Anschauung berichtet und mit den bis dahin immer noch geglaubten phantastischen Märchen aus der Zeit Alexanders des Grossen aufgeräumt hat. Er beschreibt die freiwillige Witwenverbrennung und die hohe moralische Kultur der Brahmanen. Von den Brahmanen sagt er, dass sie die Lüge verabscheuen, die Vielweiberei hassen sowie das Stehlen und den Ehebruch. Sie bedienen sich weder des Weins noch des Fleisches; auch schonen sie das Leben aller Tiere. Zur Zeit Polos muss auch die Seeräuberei sehr stark in den indischen Gewässern geherrscht haben. Die Seeräuber hatten ihre Weiber und Kinder bei sich und lebten den ganzen Sommer über auf dem Meere, wo sie die engen Pässe verschlossen, so dass ihnen selten ein Schiff entging. Man nahm aber den Schiffen nur die Ladung ab und liess die Mannschaft unbehelligt. Es wird dann die Ostküste Afrikas beschrieben. Ganz im Süden liegt die grosse Insel Madagaskar, eine der grössten und wichtigsten Inseln der Welt, die ungeheuer fruchtbar ist und einen ausgebreiteten Handel betreibt. In Sansibar fand er die eigentlichen Neger und beschreibt sie als sehr hässlich mit ihrem grossen Mund und den breiten, aufgestülpten Nasenlöchern. Er erzählt auch von einem Wundertier, das Giraffe hiess. Es ist mit einem drei Fuss langen Hals versehen, hat vorn weit längere Füsse als hinten, einen kleinen Kopf und ist auffallend gefärbt. Das Tier ist sanft und schadet keiner Seele. Abasia nennt Polo das heutige Abessinien. Es ist ein grosser Landstrich, der sieben selbständige Königreiche umfasste, von denen vier christlicher und drei mohammedanischer Religion waren. Die Provinz Aden hatte schon damals mit ihrem ausgezeichneten Hafen einen ausgedehnten Handelsverkehr. Die Kaufleute von Alexandria kamen hierher und bezogen die orientalischen Güter, um sie nach dem Nil überzuführen. Damit schliesst das Reisewerk Marco Polos. Es hat wie kein anderes Buch auf die nachfolgenden Jahrhunderte einen entscheidenden Einfluss ausgeübt, und vieles von dem, was er berichtet hat, konnte erst in unseren Tagen durch die wissenschaftlichen Forschungen bestätigt werden. Christoph Kolumbus. Christoph Kolumbus. Wie sich einst im alten Griechenland sieben Städte um den Ruhm stritten, die Geburtsstätte Homers zu sein, so stritten sich zahlreiche Ortschaften, meist in der Umgebung von Genua, um die Ehre, die Vaterstadt des Christoph Kolumbus zu sein. Wahrscheinlich wurde er in Genua oder in dem benachbarten Savona geboren (er selbst hat sich als Genuesen bezeichnet), und zwar im Jahre 1446 oder 1456. Das genaue Geburtsdatum wird wohl niemals ermittelt werden. Schon frühzeitig ging er auf die See, war aber daneben immer bestrebt, sich ein umfassendes Wissen anzueignen. Als Seemann kam er jedenfalls nach Afrika und im Norden bis nach England. Die Erzählung, er habe auch eine Nordlandfahrt bis über Island hinaus gemacht, wird jetzt für eine Fabel gehalten, und es ist auch sehr unwahrscheinlich, dass er etwas von der Normannensiedlung in Nordamerika erfahren hat. Immerhin führte er ein ziemlich abenteuerliches Jugendleben, bis er nach Portugal kam und durch die Heirat mit einem adligen Fräulein aus italienischem Geschlecht in ruhigere Bahnen geriet. Kolumbus war ganz und gar ein Kind seiner Zeit, ja, er steckte noch mehr als viele seiner Zeitgenossen tief in den Anschauungen des Mittelalters. Er war keiner von den führenden Geistern, die mit grossen Gedanken ihrem Jahrhundert vorausgehen, und nichts lag ihm ferner, als der Menschheit einen neuen Erdteil zu entdecken. Bis zu seinem Tode hat er das von ihm gefundene Land für den Osten Asiens gehalten, und nur der alte Irrtum, der die Entfernung zwischen der Westküste Europas und dem Zipangu Marco Polos bedeutend unterschätzte, hat ihn schliesslich zu seinen kühnen Fahrten veranlasst. Aber er besass den für seine Zeit grossen Mut, das, was auch andere theoretisch für möglich hielten, in die Wirklichkeit umzusetzen. Er hat, nachdem er einmal den Gedanken der Kugelgestalt der Erde angenommen hatte, diesen Gedanken klar und richtig zu Ende gedacht, und schliesslich mit grosser Zähigkeit und Willenskraft alle Hindernisse überwunden, die sich ihm entgegenstellten. Zuerst wandte er sich an König Johann II. von Portugal mit dem Vorschlag, drei Schiffe über das Meer nach den Ländern zu führen, deren Reichtümer und hohe Kultur Marco Polo so verlockend geschildert hatte. Der König legte den Plan seinen Räten vor, die sich aber ablehnend aussprachen. Trotzdem wäre der König aber vielleicht auf den Vorschlag des Kolumbus eingegangen, wenn dieser nicht ganz ungeheuerliche Forderungen gestellt hätte, wodurch sich die Verhandlungen zerschlugen. Da Kolumbus in Portugal in einen üblen Rechtshandel geriet, verliess er heimlich das Land und ging als Flüchtling in das benachbarte Spanien. Er führte seinen Sohn Diego mit sich, dessen Mutter bei dessen Geburt gestorben war. Aber auch in Spanien hatte Kolumbus anfangs kein Glück, trotzdem König Ferdinand von Aragonien und die Königin Isabella von Kastilien, die ihre beiden Reiche miteinander vereinigt hatten, seinem Plan durchaus geneigt waren. Aber Spanien kämpfte damals noch im Süden gegen die Mauren und fürchtete sich vor Verwicklungen mit Portugal. Dazu kam noch, dass eine Kommission von Gelehrten sich gegen Kolumbus erklärte. Man schob daher die Sache einstweilen noch hinaus und setzte Kolumbus ein kleines Wartegeld aus. Diese Wartezeit dauerte drei Jahre, und Kolumbus befand sich schon auf der Reise, um sich nach Frankreich einzuschiffen und dort oder in England seinen Plan zu verwirklichen, als es im letzten Augenblick seinen Gönnern gelang, eine Entscheidung zu seinen Gunsten zu erlangen. Granada, das letzte Bollwerk der Mohammedaner war gefallen, und in der nun folgenden freudigen Stimmung bewilligte man alle Forderungen des Kolumbus: Die Erhebung in den Adelsstand, den Rang eines Vizekönigs der neuentdeckten Länder und ein Zehntel aller Kroneinkünfte. Am 3. August 1492 verliess Kolumbus mit drei Schiffen und hundertzwanzig Mann den kleinen Hafen Palos. Er selbst befehligte das Admiralschiff »Sante Maria«, Martin Alonso Pinzon die »Pinta« und sein Bruder Vicente Yañez das kleinste Schiff, die »Niña«. Das Geschwader fuhr zunächst nach den unter spanischer Oberhoheit stehenden Kanarischen Inseln, wo es vier Wochen liegen musste, weil schon eines der durchaus nicht seetüchtigen Fahrzeuge einer grösseren Reparatur bedürftig war. Endlich am 6. September fuhren die Spanier weiter und segelten von da ab unverändert genau nach Westen, ohne dass sie über einen Monat lang irgend etwas anderes sahen als Himmel und Wasser. Kolumbus wählte diese Linie, weil er hoffte, auf ihr genau das Zipangu Marco Polos zu erreichen; er wusste aber nicht, dass er auf diese Weise gerade die grösste Breitenstrecke des Atlantischen Ozeans durchfuhr. Wäre er über die Kap-Verde-Inseln gefahren, so hätte er sich seinen Weg um ein Drittel verkürzt. Dafür aber wehte unaufhörlich ein günstiger Ostwind, der sogenannte Nordpassat, wie überhaupt die ganze Fahrt sehr viel Glück mit dem Wetter hatte. Einem wirklichen Sturm wären die drei alten, halb offenen Schiffe kaum gewachsen gewesen. Den Mannschaften war aber gerade dieser anhaltende günstige Wind unheimlich, da sie befürchteten, keinen Wind für die Rückreise zu haben. Darum freute sich Kolumbus, als sich am 22. September Gegenwind erhob, weil er jetzt seine Leute beruhigen konnte. Ueberhaupt war es sein Bestreben, immerfort die Stimmung zu heben. So gab er den Mannschaften täglich die zurückgelegte Strecke geringer an, als sie wirklich war, damit die Länge des Weges sie nicht in Schrecken versetzte, und er hob jedes Anzeichen hervor, das irgendwie auf Landnähe deutete, z.B. das Erscheinen von Vogelschwärmen oder die Auffischung von Landpflanzen. Christoph Kolumbus. Gemälde im Marineministerium in Madrid. Im ganzen genommen, war die Stimmung der Schiffsleute gar nicht so ungünstig, wie man später behauptet hat. Alle Erzählungen von einer beabsichtigten Meuterei sind erfunden, ebenso die Geschichte von einer Abmachung mit der unzufriedenen Mannschaft, nach drei Tagen umzukehren, falls bis dahin kein Land entdeckt worden sei. Einige Unruhe entstand erst, als die Schiffe am 16. September in die Zone des sogenannten Sargassomeeres gelangten, das mit ausgedehnten Feldern von treibendem Seetang bedeckt war. Doch gewöhnte man sich bald daran. Von diesem Tage an war immerfort mildes Wetter, und die Morgen waren so lieblich wie im andalusischen April, so dass man nur das Schlagen der Nachtigallen vermisste. Eine grössere Bestürzung entstand, als man am 17. September entdeckte, dass die Magnetnadeln nach Westen abwichen. Kolumbus erklärte das durch eine Drehung des Polarsterns. Bald kamen immer mehr Anzeichen nahen Landes, die Stimmung war heiter und die Schiffe suchten Vorsprung voneinander zu bekommen, um zuerst das Land zu entdecken. Denn die Regenten von Spanien hatten dem, der zuerst das Land sah, eine Leibrente von 10 000 Maravedis ausgesetzt. Am 7. Oktober entschloss sich Kolumbus, eine südwestliche Richtung einzuschlagen, weil er in dieser Richtung Land vermutete. Hätte er die alte Richtung beibehalten, dann wäre er vielleicht auf die Halbinsel Florida, also nach Nordamerika, gelangt. So aber stiess er am 12. Oktober auf eine kleine Insel, die zur Gruppe der Bahamainseln gehört. Es ist, wie man annimmt, die Watlinginsel gewesen. Kolumbus nannte sie San Salvador, bei den Eingeborenen hiess sie Guanahani. Es war ein Matrose auf der leichteren und darum vorausfahrenden »Pinta«, der morgens um zwei Uhr das Land erblickte. Kolumbus aber, der sich von der Leibrente verlocken liess, der vielleicht auch nicht zugeben wollte, dass ein anderer den Ruhm haben sollte, vor ihm das Land erblickt zu haben, behauptete, er hätte vier Stunden früher schon ein Licht auf der Insel gesehen, und setzte es später durch, dass ihm der Preis zugesprochen wurde, während der arme Matrose leer ausging. Diese Habgier (denn die Geschichte mit dem Licht ist sehr unglaubwürdig) hat ihm viel Feindschaft zugetragen. Sobald der Tag angebrochen war, landete Kolumbus mit seinen Unterführern in einem bewaffneten Boote und ergriff feierlich Besitz von der Insel. Um das Vertrauen der Eingeborenen zu gewinnen, schenkte er ihnen bunte Mützen, Glöckchen und Schnüre mit farbigen Glasperlen, wofür sie Papageien, Wurfspiesse und Knäuel Baumwollgarn gaben. Sie schienen einfache, arglose und eher bedürftige Naturkinder zu sein, doch erregte es bald die Habgier der Spanier, dass einige von ihnen kleine Stückchen Gold in der durchbohrten Nasenwand trugen. Auf die Frage, woher sie das Gold hätten, wiesen sie nach Süden. Auch auf den benachbarten kleinen Inseln fand man ähnliche Verhältnisse, überall wohnten arme, friedliche Eingeborene, und die Goldausbeute war sehr gering. Auch auf der Insel Kuba war es nicht viel besser, obgleich diesmal Kolumbus fest überzeugt war, die Insel Zipangu gefunden zu haben, und zwei Boten ausschickte, die bis zum Grosskhan vordringen sollten. Diese gelangten auch bis zum König der Insel, der sie gastfreundlich aufnahm, erkannten aber bald, dass dies unmöglich der Grosskhan oder sonst ein bedeutender Fürst sein könnte, und kehrten wieder zurück. Was diesen beiden Spaniern am meisten auffiel, war, dass alle Eingeborenen, auch die Frauen, zusammengerollte trockene Blätter im Munde hatten, die an einem Ende angezündet waren. Den Rauch zogen sie in sich ein und bliesen ihn in dicken Wolken wieder aus. Diese Rollen nannten sie Tabacos. Oestlich von Kuba, auf der Insel Haiti, fand Kolumbus eine etwas anders geartete Bevölkerung, vor denen die Kubaner grosse Angst hatten, da sie Menschenfresser seien. Sie nannten sie Kariba, woraus, da Kolumbus Kaniba verstand, der Name Kannibalen für Menschenfresser entstanden ist. Auch hier waren die Bewohner sehr freundlich und gaben gern ihren Goldschmuck für wertlosen Tand hin. An der Nordküste von Haiti hatte Kolumbus das Unglück, dass sein Admiralschiff auf eine Sandbank geriet und nicht mehr gerettet werden konnte. Doch halfen ihm die Indianer, alle gestrandete Habe ans Ufer zu tragen, ohne dabei auch nur eine Kleinigkeit zu entwenden. Gerade an dieser Stelle war nun der Goldhandel besonders einträglich, und Kolumbus beschloss, aus den Ueberresten der »Santa Maria« hier einen durch einen Graben geschützten Turm zu errichten und eine Kolonie anzulegen, die er La Navidad nannte. Vierzig tüchtige Leute, die mit Mundvorräten für ein Jahr, mit dem Rest der Tauschwaren, mit reichlichen Waffen und einem Boot für Küstenfahrten versehen waren, wurden zurückgelassen, und Kolumbus hoffte, dass sie in Jahresfrist einen grossen Schatz an Gold ansammeln würden. Inzwischen war der ältere Pinzon mit der »Pinta« ohne Erlaubnis davongefahren, um selbständige Entdeckungsfahrten zu machen, so dass Kolumbus fürchtete, er würde auf eigene Faust nach Europa zurückkehren, um ihn anzuschwärzen. Am 6. Januar stellte sich aber die »Pinta«, die ziemliche Goldschätze gesammelt hatte, wieder ein, und Pinzon, der sein Entweichen als unfreiwillig entschuldigte, erzählte von der angeblich sehr goldreichen Insel Jamaika und von einem im Westen liegenden Festland, wo Völker wohnten, die Kleider trügen. Hiermit war zweifellos Yukatan gemeint, aber die beiden spanischen Schiffe befanden sich in einem so schlechten Zustande, dass alle weiteren Entdeckungsfahrten aufgegeben werden mussten und man zufrieden sein konnte, wenn man überhaupt damit die Heimat erreichte. Am 16. Januar wurde deshalb die Rückfahrt angetreten. Kolumbus wählte hierfür eine mehr nördlich gelegene Linie, die ungefähr in der Höhe der Azoren verlief, und wiederum hatte er das Glück eines günstigen Windes und andauernd schönen Wetters. Erst, als schon fast die Azoren erreicht waren, schlug die Witterung um, und es erhob sich ein solcher Sturm, dass die Schiffe zum zweiten Male getrennt wurden und die kleine »Niña« in die grösste Gefahr geriet. In der Nacht vom 14. auf den 15. Februar verzweifelte der Admiral an der Rettung und steckte einen versiegelten Reisebericht in eine Tonne, die er heimlich, ohne dass die Seeleute es merkten, ins Meer warf. Aber der Sturm ging endlich vorüber, und am 17. Februar konnte er bei der Insel Santa Maria auf den Azoren vor Anker gehen. Nach allerlei Misshelligkeiten mit der portugiesischen Besatzung konnte er sich bis zum 24. Februar hier halten und fuhr dann weiter, um aufs neue in einen furchtbaren Sturm zu geraten, der das Schiff fast vernichtete. Mit genauer Not gelangte er in einen portugiesischen Hafen, und der König Johann II. gewährte ihm eine sehr huldreiche Audienz. Bald konnte die »Niña« von neuem in See gehen, um dann am 15. März 1493 unter ungeheurem Jubel der ganzen Bevölkerung auf der Reede von Palos einzulaufen. An demselben Tage gelangte auch Pinzon auf der »Pinta« an. Kolumbus hat die Nebenbuhlerschaft dieses Mannes sehr gefürchtet, jedoch starb der Spanier bald nach seiner Rückkehr. In einem wahren Triumphzug zog der Entdecker nunmehr über Sevilla nach Barcelona, wo die Majestäten gerade residierten. Voran gingen die mitgebrachten sechs Indianer, dann folgten Schiffsmannschaften, die in offenen Körben goldene Schmuckgeräte, ferner Pfeffer und andere Gewürze und viele farbenprächtige Papageien trugen, und schliesslich folgte Kolumbus zu Pferde, umgeben von seiner Ritterschaft. Der Empfang durch das Königspaar war der Höhepunkt seines Lebens, die Belohnung für das jahrelange Warten und zähe Durchhalten. Beim Hofe stand er in höchster Gunst, und sofort wurde die Rüstung eines neuen Geschwaders begonnen. Der neuernannte Papst Alexander VI. erteilte der spanischen Krone die Oberherrschaft über alle im Westen gelegenen Länder und Inseln und schlichtete damit fürs erste den Streit mit Portugal, dem der Osten gehören sollte. Für die zweite Reise wurden nicht weniger als siebzehn Schiffe ausgerüstet und 1 500 Menschen eingeschifft, unter denen sich Seeleute, Soldaten, Handwerker und Abenteurer aller Art befanden. Aber auch andalusische Adlige und eine Schar von Missionaren wurden mitgenommen. Ausser mit Pferden, Rindern, Schweinen und Schafen versah man sich aber auch mit Saatgetreide aller Art und mit Zuckerrohr, um in dem neuen Lande, das man immer noch für Ostasien hielt, spanische Kolonien anzulegen. Leider nahm man auch Hunde mit, die zur Menschenjagd abgerichtet waren, denn Kolumbus dachte bereits daran, einen Sklavenhandel mit den Eingeborenen zu beginnen. Am 25. September verliess die Flotte Cadiz und hielt sich vom 1. bis zum 13. Oktober auf den Kanarischen Inseln auf, um ihre Vorräte zu ergänzen. Kolumbus wählte jetzt eine mehr südliche Linie und gelangte nach einer ungewöhnlich glücklichen Fahrt schon am 3. November vor der Insel Dominika in den Kleinen Antillen an. Da er aber hier keinen passenden Hafen fand, landete er auf dem benachbarten Maria Galenta und zwei Tage später auf Guadeloupe. Alle diese Inseln waren von menschenfressenden Kariben bewohnt, die besonders Raubzüge nach dem westlich gelegenen Puerto Rico unternahmen. Auf Guadeloupe fanden die Spanier zu ihrer grossen Verwunderung das Trümmerstück eines europäischen Schiffes, das nur durch Meeresströmungen hierher geführt sein konnte. Kolumbus fuhr nach längerem Aufenthalt an der Nordküste von Puerto Rico vorbei auf Haiti zu und erreichte am 27. November spät abends die Stelle, wo die mit so vielen Hoffnungen begründete Festung Navidad lag. Er liess durch Kanonenschüsse seine Ankunft melden, erhielt aber keine Antwort, und am nächsten Morgen fand er nur die verbrannten Trümmer der Ansiedlung. Die Spanier waren bis zum letzten Mann getötet worden, hatten aber ihr Schicksal selbst verdient, indem sie, von ihrer Habsucht getrieben, allerlei Raubzüge unternommen und sich auch gegenseitig befehdet hatten. Kolumbus gründete nun an einer anderen Stelle eine Stadt mit Namen Isabella, die heute nicht mehr existiert. Aber auch diese Kolonie wollte nicht gedeihen; es brach Fieber aus und bald herrschte Nahrungsmangel, da viele Vorräte schon auf der Ueberfahrt durch Nachlässigkeit verdorben waren. Kolumbus selbst erkrankte, und die Ansiedler, die goldene Schätze zu finden gehofft hatten, waren alle unzufrieden. Zum Glück fand man im Innern der Insel goldhaltigen Flusssand, und der Admiral, der überzeugt war, dass der Boden grosse Schätze bergen müsste, schickte ihn als Ersatz für die versprochenen und nicht gefundenen Reichtümer mit einem Teil der Flotte nach Spanien zurück. Am 24. April brach dann Kolumbus mit drei Schiffen zu neuen Entdeckungsfahrten auf. Dass Haiti das Zipangu Marco Polos, das heutige Japan, sei, stand für ihn fest, und er wollte sich nur davon überzeugen, ob Kuba ein Stück des asiatischen Festlandes sei. Dann sollten von neuem die reichen Städte Chinas besucht und die Rückreise durch das Rote Meer über Alexandrien gemacht werden. Kolumbus hielt das für sehr leicht, da er sich ja schon im Indischen Ozean glaubte, und wollte sogar im Notfalle um die kürzlich entdeckte Südspitze Afrikas herumsegeln, um so als erster Weltumsegler heimzukehren. Er fuhr diesmal an der Südküste Kubas entlang, von Osten nach Westen. Dabei besuchte er Jamaika, das er aber bald wieder verliess, weil er kein Gold vorfand. Bei einer Landung auf Kuba vernahm Kolumbus zum zweiten Male die Kunde von einem westlich gelegenen Lande, in dem die Einwohner Kleider trügen, aber auch diesmal beachtete er sie nicht. Nur zwei Tagereisen vor der Westspitze Kubas machte er halt, und da das Land sich hier wieder etwas nach Süden wandte, schwand ihm der letzte Zweifel an dem Festlandcharakter Kubas. Wäre er noch ein wenig weiter gefahren, so hätte er Kuba als Insel erkannt und vielleicht das mexikanische Festland entdeckt. Alle weiteren Reisepläne mussten jetzt übrigens aufgegeben werden. Die Schiffe wurden leck, und Kolumbus, der durch die fortgesetzten Ueberanstrengungen erschöpft war, erkrankte so schwer, dass seine Offiziere zweifelten, ob sie den von häufigen Ohnmächten Befallenen lebendig heimbrächten. Auf dem nächsten Wege fuhren die drei Schiffe nach Isabella zurück, das sie am 29. September erreichten. Hier fand er unerwarteterweise seinen Bruder Bartolomeo, einen tüchtigen Seemann und willensstarken Charakter, der inzwischen beim spanischen Hofe einen guten Eindruck gemacht hatte und mit Lebensmitteln und drei Schiffen nach Haiti geschickt worden war. Kolumbus ernannte ihn zum Vizegouverneur und fand so Musse, sich von seiner Krankheit zu erholen. Inzwischen wurden aber die Verhältnisse in der neuen Kolonie immer ungünstiger, und es gab heftige Kämpfe mit den einheimischen Fürsten. Zwar siegten die Spanier durch ihre überlegenen Waffen, durch ihre Reiterei und ihre Bluthunde, doch wurde die Unzufriedenheit auch unter den Spaniern von Tag zu Tag grösser. Schliesslich entschloss sich Kolumbus, mit zwei in Isabella neu erbauten Schiffen nach Spanien zurückzukehren, um am Hofe seine Widersacher zu bekämpfen, die immer zahlreicher gegen ihn auftraten. Die Rückfahrt verzögerte sich durch Gegenwinde derart, dass auf den Schiffen Hungersnot ausbrach und die Matrosen vorschlugen, die mitgenommenen dreissig Indianer zu verzehren oder sie wenigstens als unnütze Esser über Bord zu werfen. Zum Glück sah man am nächsten Morgen die portugiesische Küste und fuhr nach Süden, bis man am 11. Juni 1496 in Cadiz einlief. Kolumbus begab sich nach Burgos, wo gerade seine Gönnerin, die Königin Isabella, residierte. Sie bewies ihm zwar das alte Wohlwollen und bestätigte ihm aufs neue seine Privilegien. Aber der glänzende Ruhm, der ihn nach seiner ersten Rückkehr umgeben hatte, war doch dahin. Er hatte auch wohl etwas reichlich viel versprochen und Haiti das neue Ophir genannt. Als nun die märchenhaften Goldschätze ausblieben und viele Auswanderer enttäuscht und verbittert heimkehrten, da wandte sich die öffentliche Meinung immer mehr gegen ihn, besonders da man ihm auch mit einigem Recht Grausamkeit gegen seine Untergebenen und Habgier vorwarf. So dauerte es zwei Jahre, bis er eine neue Reise machen konnte. Am 30. Mai 1498 verliess er mit sechs Schiffen Spanien, landete am 19. Juni auf den Kanarischen Inseln und schickte dann drei Schiffe direkt nach Haiti, während er mit den übrigen einen mehr südlichen Kurs einschlug. Sein Plan war eigentlich, bis zum Aequator vorzustossen und auf dieser Linie nach Westen zu fahren. Er erreichte auch die Kap-Verde-Inseln und ging von da über den 10. Breitegrad nach Westen. Am 13. Juli geriet er in die Zone der äquatorialen Windstillen. Es regte sich auch nicht der leiseste Windhauch, und die Hitze wurde so unerträglich, dass sich niemand mehr in die unteren Schiffsräume getraute. Die abergläubischen Mannschaften verloren allen Mut und dachten an die Erzählungen von einer feurigen Zone. Am 19. Juli war die tropische Glut aufs höchste gestiegen, schliesslich gelangte man aber doch in eine Zone der Passatwinde, und am 1. August erblickte man, als schon Wassermangel auf den Schiffen eingetreten war, die Insel Trinidad. Südlich davon sah man eine andere Küste, die man ebenfalls für eine Insel hielt, ohne zu ahnen, dass es die Küste von Südamerika war. Bald aber ahnte Kolumbus angesichts der gewaltigen Süsswassermengen, die das Stromdelta des Orinoko gegen ihn aussandte, dass er wohl doch ein grosses Land vor sich haben müsste. Trotzdem betrat er die Küste nicht, sondern segelte an ihr entlang nach Norden. Bei dieser Gelegenheit entdeckte man auch einige Pfahlbaudörfer, und da das an Venedig erinnerte, entstand der Name Venezuela. Er hatte nicht viel Zeit, sich um diese Gegenden zu bekümmern, denn es drängte ihn, nach Haiti zurückzukehren, da er sich wegen der Zustände dieser Kolonie viele Besorgnisse machte. Und seine Besorgnisse waren nur zu sehr berechtigt. Bei seiner Abreise im Jahre 1496 hatte er seinem Bruder Bartolomeo den Befehl gegeben, im Süden eine neue Stadt zu gründen. Bartolomeo hatte auch diese neue Stadt, die den Namen Santo Domingo erhielt, erbaut. Inzwischen war aber die Hälfte der weissen Bevölkerung der Insel, über 300 Menschen, an Fieber gestorben. Die bedrückten Einwohner wehrten sich in verzweifelten Kämpfen, und unter Führung von Francisco Roldan empörte sich der grösste Teil der Spanier gegen den Vizekönig. Zwar gelang es Kolumbus durch Nachgiebigkeit, den Aufstand für eine Weile zu dämpfen. Aber die Verhältnisse wurden auf die Dauer immer schlimmer. Schliesslich entsandte die Königin zur Schlichtung der Streitigkeiten einen Bevollmächtigten, Francisco de Bobadilla, der sich sofort nach seiner Ankunft auf die Seite Roldans stellte und durch Versprechungen die bisher treu gebliebenen Truppen auf seine Seite brachte. Bobadilla liess Kolumbus nach dessen Ankunft in Santo Domingo sofort verhaften und ohne jedes Verhör in Ketten legen. Kolumbus wurde mit seinem Bruder und seinem Sohn Diego an Bord eines Schiffes gebracht und zur Aburteilung nach Spanien gesandt. Unterwegs wurde er schonend behandelt und sollte sofort die Ketten ablegen. Aber Kolumbus weigerte sich, denn er war entschlossen, in Ketten vor der Königin zu erscheinen, um sie zu beschämen. Das Königspaar fühlte auch das Unrecht, das sie dem grossen Manne angetan, gab sofort den Befehl, ihn von seinen Fesseln zu befreien, und versprach ihm volle Genugtuung. Bobadilla wurde wieder abgerufen, der Empörer Roldan gefangengesetzt. Aber trotzdem erhielt Kolumbus nicht mehr die Verwaltung der Kolonie, für die er auch keine besondere Begabung gezeigt hatte, wohl aber überliess man ihm auf sein Anerbieten wieder vier Schiffe zu einer neuen Entdeckungsfahrt, die er auch am 9. Mai 1502 antrat. Inzwischen waren in den letzten Jahren grosse geographische Entdeckungen gemacht worden. Vasco da Gama hatte um die Südspitze Afrikas herum Indien erreicht und der Portugiese Cabral Brasilien entdeckt. Kolumbus brannte nun danach, das eigentliche China und Indien, das irgendwie westlich von den durch ihn gefundenen Inseln liegen musste, aufzufinden. Mit günstigem Passatwind fuhr er von den Kanarischen Inseln in gerader Linie nach Martinique, das er am 15. Juni erreichte. Obgleich das Königspaar ihm verboten hatte, auf der Hinfahrt Santo Domingo zu besuchen, konnte er sich doch nicht enthalten, dorthin zu fahren, um sich den Ansiedlern, von denen er in Ketten geschieden war, aufs neue als Admiral zu zeigen. Er zog sich dadurch aber nur eine neue Demütigung zu, denn als er am 29. Juni vor Santo Domingo erschien, verbot ihm Ovando einzulaufen. Vor einem Sturm barg sich Kolumbus in einem kleinen Hafen und segelte dann durch das Inselmeer südlich von Kuba nach Westen und später scharf nach Südwesten in den Golf von Honduras hinein, wo er am 30. Juli die Koralleninsel Guanaja entdeckte. Zum dritten Male stiess er hier auf Nachrichten und Spuren höherer Kultur der Festlandbewohner, und wenn er ihnen gefolgt wäre, hätte er Yucatan und vielleicht Mexiko entdeckt. Statt dessen kehrte das Geschwader nach Osten um, weil die Eingeborenen ihnen dort eine Goldküste verheissen hatten. Kolumbus entdeckte das nördliche und östliche Vorgebirge von Honduras und fuhr dann nach Süden an der heutigen Mosquitoküste und weiterhin an Costa Rica vorbei. Ueberall tauschten die Küstenbewohner gern ihren Goldschmuck aus. Er erfuhr hier auch zuerst vom Stillen Ozean, aber er hielt das Wasser, das jenseits des Isthmus liegen sollte, für den Meerbusen von Bengalen, wie er überhaupt hartnäckig alle neu gefundenen Länder in irgendwelche indische umwandelte. Kolumbus entdeckte noch Veragua und den Golf von Darien. Er fand auch viel Gold, so dass er schon eine neue Niederlassung gründen wollte. Aber die Eingeborenen bedrängten die Spanier so stark, dass diese trotz ihrer Tapferkeit ihre Pläne aufgeben mussten. Dazu kam noch, dass der Zustand der Schiffe sich durch Stürme derartig verschlechterte, dass man schleunigst auf die Rückkehr bedacht sein musste. Ein Schiff musste bei Puerto Belo den Wellen überlassen werden, da es von Würmern leck gebohrt war. Mit den beiden übrigen gelangte Kolumbus am 10. Mai an die Südküste von Kuba und von da an die Nordküste Jamaikas, wo er die beiden letzten Schiffe, die man durch noch so angestrengtes Pumpen nicht mehr über Wasser halten konnte, auf den Strand laufen liess. Auf indianischen Barken sandte er Boten nach Haiti, die nach vielen Mühen dort anlangten. Aber sie mussten noch ein ganzes Jahr warten, bis ein Rettungsschiff ausgesandt werden konnte. Inzwischen hatten sich die Spanier schon gegen den wieder erkrankten Kolumbus empört, und die Eingeborenen wollten ihm keine Lebensmittel mehr liefern, bis der Admiral ihnen durch die Vorheransage einer Mondfinsternis den Zorn der Götter verkündete und so ihre abergläubische Furcht erregte. Am 28. Juni wurden die Spanier endlich abgeholt, und am 12. September 1504 verliess Kolumbus als armer Schiffbrüchiger auf einem fremden Schiff die von ihm entdeckte neue Welt, die er nicht mehr betreten sollte. Am 7. November erreichte er Spanien, und 19 Tage später starb seine Beschützerin, die Königin Isabella, ohne dass er sie vorher noch einmal sehen konnte. Vergebens erinnerte Kolumbus den König Fernando an die ihm gemachten Versprechungen. Man versagte ihm zwar nicht die äusseren Ehrungen, kümmerte sich aber wenig um seine Ansprüche. Zwar ist Kolumbus nicht in Armut gestorben, wie die Sage lange Zeit behauptet hat. Im Gegenteil, er hatte es verstanden, sich ein sehr ansehnliches Vermögen zu verschaffen, aber der Kummer untergrub schnell seine durch Anstrengungen geschwächte Gesundheit, und verlassen von seinen früheren Freunden starb er fast unbeachtet am 21. Mai 1506 in Valladolid. Seine Leiche wurde zuerst in dem Franziskanerkloster von Valladolid beigesetzt, dann in einem Kloster bei Sevilla. Doch brachte man 1 537 seine sterblichen Reste nach Santo Domingo, um sie 1 796 in den Dom von Habana zu überführen. Bis zu seinem Tode hat er nie erfahren, dass er einen neuen Weltteil entdeckt hatte. Die vier Reisen des Kolumbus. Vasco da Gama. Als sich mit dem zu Ende gehenden Mittelalter die italienischen Handelsstaaten entwickelten, fanden sie den Weg nach Indien in doppelter Weise versperrt: zu Lande durch hohe Gebirge und ausgedehnte Wüsteneien, zu Wasser durch die Macht der Mohammedaner, die in Alexandria den Schlüssel zum Roten Meer und damit zum Indischen Ozean besassen. Aber aus Indien, worunter man damals alle Länder zwischen Japan und Madagaskar verstand, kamen alle Schätze und Kostbarkeiten, Gold und Edelsteine, Gewürze und Spezereien, und immer dringender wurde das Verlangen, auf einem anderen Wege an die Quelle dieses fabelhaften Reichtums zu gelangen. Das Nächstliegende schien der Weg nach Westen über das Weltmeer zu sein, da man jetzt doch schon allgemein von der Kugelgestalt der Erde überzeugt war und den Umfang dieses Globus bedeutend unterschätzte. Trotzdem wurde dieses Wagnis erst verhältnismässig spät unternommen, als Toscanelli eine Erdkarte entworfen und damit Kolumbus den Weg über den Atlantischen Ozean fest vorgezeichnet hatte. Früher gelang die Umschiffung Afrikas, aber sie gelang nicht auf einmal, sondern es dauerte fast ein Jahrhundert stückweisen Vorwärtstastens, bis die Portugiesen um das Kap der Guten Hoffnung herum in das Indische Meer gelangten. Der Bahnbrecher aller dieser Unternehmungen, derjenige, der seine Landsleute erst zu Seeleuten erzog, war der im Jahre 1394 geborene Prinz Heinrich, genannt der Seefahrer. Vor Ceuta hatte er gegen die Mauren gekämpft, und hier kam ihm wohl der Gedanke, eine Handelsverbindung mit den südlich der Sahara wohnenden Völkern zu suchen. Aber die Portugiesen waren damals erst furchtsame Küstenfahrer, die das Land nie aus den Augen liessen. Die Grenze der ihnen bekannten Welt lag bei dem Kap Bojador, südöstlich von den Kanarischen Inseln, wo eine Landzunge sich weit unter Wasser mit Riffen und Untiefen in das Meer hinausschob, so dass die See brandend und schäumend sich darüber hinwälzte und alle Schiffe mit dem Untergang bedrohte. Eine Umgehung nach Westen aber wagte man nicht, weil man an die aus dem Altertum überlieferte Sage von dem zähflüssigen Meer der Dunkelheit glaubte, in welchem jedes Schiff einfach festgehalten würde. Dazu kam, dass im Jahre 1291 zwei Galeeren aus Genua an der Westküste Afrikas nach dem Süden gefahren waren, von denen man nie wieder etwas vernommen hatte. Sebastian Münsters Karte von Afrika aus dem Jahre 1544. Erst im Jahre 1434 beschloss ein junger Edelmann namens Gil Eannes, der sich durch eine Unbesonnenheit die Gunst des Prinzen Heinrich verscherzt hatte, um dies wieder gutzumachen, das gefährliche Kap zu umschiffen. Es gelang ihm wirklich, und er brachte dem Infanten in irdenen Geschirren Santa-Maria-Rosen mit, zum Beweise, dass auch in dieser heissen Zone, vor der man sich so fürchtete, noch Blumen wüchsen. Von jetzt ab drangen die Portugiesen Jahr für Jahr weiter vor, betrieben aber, was damals für ganz selbstverständlich galt, Sklavenhandel und schreckten nicht vor Menschenjagden mit abgerichteten Bluthunden und vor dem Foltern der Eingeborenen zurück. Auch der Prinz Heinrich, der die Schiffe ausrüstete, hatte seinen Anteil an dem Verdienst aus der Sklavenbeute. Die wichtigste Entdeckung jener Zeit machte übrigens Diaz Dias, als er im Jahre 1445 am Senegal vorbei bis zum Kap Verde, dem grünen Vorgebirge, gelangte. Aristoteles und nach ihm Ptolemäus hatten die Gegend innerhalb der Wendekreise wegen der Hitze für völlig unbewohnbar erklärt, und diese Ansicht war in den wissenschaftlichen Kreisen Europas zu einem Dogma geworden. Nun aber trafen die Portugiesen gerade hier mächtige Bäume, wie sie sie nie gesehen hatten, die Affenbrotbäume, und an den Flüssen Senegal und Gambia zahlreiche Negerstämme. Damit war die Autorität des Aristoteles erschüttert und der Weg zu weiteren Entdeckungen frei geworden. Auch der alte Glaube, dass der Indische Ozean ein Binnensee sei und dass es eine Landverbindung zwischen Südafrika und Ostasien gäbe, verlor sich immer mehr. Als dann die Portugiesen zehn Jahre später bis zu der Stelle kamen, wo sich die afrikanische Küste nach Osten umbog, glaubten sie ernsthaft, von hier einen Weg nach Indien finden zu können. Nach dem Tode Heinrichs des Seefahrers im Jahre 1460 begann der Entdeckungseifer sich etwas zu legen. Der König Alfonso V. dachte jetzt mehr an Eroberungen in Marokko, besonders da die Schiffsexpeditionen grosse Summen verschlangen und Prinz Heinrich nur Schulden hinterlassen hatte, und er verpachtete den Handel in Guiana an Kaufleute. Ebenso ging er auch nicht auf den Plan des gelehrten Italieners Toscanelli ein, der ihm eine Karte des Atlantischen Ozeans mit den eingezeichneten Ostküsten Asiens überreichte und ihm den einfachen Weg nach Westen über den Ozean empfahl. Anders wurde es in Portugal erst, als Joao II. im Jahre 1481 den Thron bestieg und sofort zwölf Schiffe nach Guinea schickte, wo er eine feste Niederlassung einrichtete. Dann sandte er zweimal Diego Cao auf Entdeckungen aus, im Jahre 1482 und 1484, und dieser kam auch bis an die heutige Walfischbai. Auf seiner zweiten Fahrt begleitete ihn der später wegen seiner astronomischen Kenntnisse so berühmt gewordene Nürnberger Martin Behaim. Kaum war Cao zurückgekehrt, so lief auch schon im Jahre 1486 ein neues Geschwader unter Bartolomeo Diaz aus, der südlich bis zur St.-Helena-Bai im Kapland vordrang, dann aber durch Stürme weit nach Westen auf die hohe See hinaus verschlagen wurde, so dass er sich erst wieder nach dreizehn Tagen zurückfand und Afrika gerade inmitten der nach Osten verlaufenden Südküste erreichte. Er fuhr noch nach Osten bis über die Algoa-Bai hinaus, wo jetzt Port Elisabeth liegt, musste dann aber umkehren, da die erschöpften Matrosen sich weigerten weiterzufahren. Doch konnte Diaz noch feststellen, dass die Küste sich hier wieder nach Norden wandte. Auf der Rückreise kam er auch an dem südlichsten Punkt von Afrika vorbei, den er das Kap der Stürme nannte. Der König änderte aber später den Namen und nannte es das Kap der Guten Hoffnung, weil man jetzt die Hoffnung hatte, Indien bald zu erreichen. Aber es sollte noch zehn Jahre dauern, bis dieses Ziel erreicht wurde, und der König Joao, der im Jahre 1495 starb, sollte es nicht mehr erleben. Erst sein Nachfolger Manoel, den die Geschichte den Glücklichen genannt hat und der sein Land in seinem grössten Glanze sehen durfte, rüstete unter Vasco da Gama die Expedition aus, die die grosse Aufgabe zur Lösung brachte. Der König wurde auch dazu getrieben durch die inzwischen erfolgte Entdeckung Amerikas, die natürlich trotz der Vermittlung des Papstes eine dauernde Spannung zwischen den beiden stammverwandten Staaten erzeugte. Vasco da Gama, der Entdecker des Seeweges nach Ostindien, wurde um 1469 als Sohn eines angesehenen portugiesischen Edelmannes in dem Städtchen Sines geboren. Ueber seine Jugend wissen wir gar nichts, doch liegt ein Bericht vor, nach dem er im Jahre 1492 bei einem Streit zwischen Portugal und Frankreich ein Seeunternehmen im Auftrage des Königs Joao II. zu dessen vollster Zufriedenheit durchführte. Auch über die Gründe, warum man ihn zum Führer der Entdeckungsfahrt nach Indien machte, liegen nur sich widersprechende Mitteilungen vor. Das Geschwader bestand aus vier kleinen Schiffen, denn für eine Küstenfahrt in unbekannten Meeren konnte man Schiffe mit grossem Tiefgang nicht gut verwenden. Die Mannschaft war 150 Köpfe stark, unter denen sich Dolmetscher für das Arabische und für die Bantusprache befanden. Unter Vasco da Gama kommandierten sein Bruder Paolo, ferner Nicolao Coelho. Die Ausfahrt fand wahrscheinlich am 8. Juli 1497 statt. Vasco da Gama. Nach dem Leben gezeichnet. Miniaturmalerei in dem Manuskript von Pedro Barretto. Anfangs ging die Fahrt ziemlich schnell vonstatten, doch wurde das Geschwader durch nächtliches stürmisches Wetter bald zerstreut und fand sich erst an den Kap-Verde-Inseln wieder zusammen. Die Portugiesen landeten auf der grössten der Inseln, auf Santiago, um ihre Rahen auszubessern und Fleisch, Wasser und Holz einzunehmen. Am 3. August stachen sie wieder in See. Um die widrigen Windströmungen der Guineaküste zu vermeiden, hielt sich das Geschwader jetzt weit von Afrika entfernt, so dass es sogar der brasilianischen Küste ziemlich nahe kam, und fuhr dann erst wieder nach Südosten, bis man am 4. November, die Küste des westlichen Kaplandes sah und in der St.-Helena-Bai vor Anker ging. Die Bevölkerung, die die Portugiesen hier trafen, waren ärmliche Buschmänner, die mit Fellen bekleidet waren und sich von Robben- und Gazellenfleisch sowie von Pflanzenwurzeln nährten. Die ihnen vorgelegten Waren: Zimt, Gewürznelken, Gold und Edelsteine kannten sie gar nicht. Am 16. November wurde die Weiterfahrt angetreten, am 18. kam das Kap der Guten Hoffnung in Sicht, doch dauerte es wegen des Gegenwindes vier Tage, bis das kleine Geschwader daran vorübersegeln konnte, und drei Tage später landete man in der heutigen Mosselbucht, wo zehn Jahre früher Diaz einen Wappenpfeiler am Lande aufgestellt hatte. Die hier wohnenden Hottentotten stellten sich anfänglich sehr freundschaftlich, doch kam es bald zu Zwistigkeiten. Auf einer kleinen Insel in der Bucht gab es unendlich viele Seelöwen und Pinguine. Hier wurde ein Schiff, das Proviantschiff, wie es bei der Ausreise befohlen war, verbrannt, und mit den drei übrigen fuhr man am 7. Dezember weiter. Am Weihnachtstage gelangte man nach Port Natal, das nach diesem Tage (dies natalis domini, der Geburtstag des Herrn) benannt ist, aber da Gama segelte jetzt unentwegt weiter und landete erst, als ihn der Mangel an Trinkwasser dazu zwang, am 11. Januar nördlich von der Bucht von Lourenço Marquez. Die hier wohnenden Bantuneger nahmen sie freundlich auf, doch hielten sich die Portugiesen nur vier Tage hier auf und gelangten am 22. Januar in die Mündung des Zambesistromes, wo zur Ausbesserung der Schiffe ein Aufenthalt von einem Monat nötig wurde. Hier trafen die Portugiesen zuerst Anzeichen einer von Norden kommenden Handelskultur, und einer von den Negern teilte ihnen durch Zeichen mit, dass er schon einmal solche grossen Schiffe gesehen habe. Leider aber war das Klima in diesen sumpfigen, feuchtheissen Niederungen sehr ungesund, und es erkrankten auch viele Mannschaften an Skorbut. Am 24. Februar fuhren die Portugiesen nach Nordosten weiter und gelangten am 1. März in die Bucht von Mosambik. Hier hatten die Araber eine Stadt gebaut, und die Portugiesen kamen zuerst in direkte Berührung mit ihrer Handelskultur. Vier maurische Schiffe lagen im Hafen, die Gold, Silber, Gewürznelken, Pfeffer und Ingwer führten, ferner silberne Ringe mit Edelsteinen, Perlen und Rubinen. Auch die Eingeborenen des Landes trugen diese Schmuckstücke. Hier war es auch, wo die Portugiesen zuerst genauere Nachrichten von dem sagenhaften Reich des christlichen Erzpriesters Johannes erhielten, worunter Abessinien zu verstehen ist. Der Scheich der Ansiedlung nahm die Fremden anfangs freundlich auf. Als er aber merkte, dass sie keine Mohammedaner waren, beschloss er, sich ihrer Schiffe zu bemächtigen; ein Plan, der durch einen Lotsen den Portugiesen verraten wurde. Vasco da Gama liess sofort die Anker lichten und zog sich nach der kleinen Insel San Jorge zurück, als schon seine Boote von schwer bewaffneten arabischen Schiffen angegriffen wurden. Immerhin genügten ein paar Kanonenschüsse, um die Mauren in die Flucht zu jagen, wie denn überhaupt die europäischen Schiffe den schwerfälligen arabischen weit überlegen waren. Da Gama wollte nun weitersegeln, musste aber wegen widriger Winde nach San Jorge zurückkehren und war, als er jetzt Wasser einholte und angegriffen wurde, gezwungen, die arabische Stadt zu bombardieren. Erst Ende März konnte er bei mattem Winde weiterfahren. Am 7. April gelangte das Geschwader zu der Stadt Mombasa, wo es aber vorsichtigerweise nicht einlief und nur mit Mühe neuen Ueberfallsversuchen entging. Es segelte deshalb weiter und warf am 14. April vor Malindi Anker. Hier fanden die Portugiesen zum ersten Male eine wirklich ehrliche und freundliche Aufnahme, und da Gama schloss mit dem Scheich ein Freundschaftsbündnis, das sich auch späterhin bewährt hat. Im Hafen lagen vier indische Schiffe, deren Besatzung Christen, wahrscheinlich sogenannte Thomaschristen, waren, von denen es nach den Berichten Marco Polos in ganz Ostasien, auch in China, viele gegeben hat. Jedenfalls kamen sie auf die portugiesischen Schiffe und verrichteten vor einem Altarbild ihre Andacht, wobei sie Gewürznelken und Pfeffer opferten. Am 24. April verliess Vasco da Gama, nachdem die Schiffe ausgebessert und mit allem Nötigen versehen waren, Malindi und gelangte, geführt durch einen Lotsen, den ihnen der König mitgegeben hatte, in 23 Tagen glücklich an die Westküste von Vorderindien. Während der ganzen Fahrt währte der günstige Südwestmonsum, und mit dem Ueberschreiten des Aequators wurde auch für die Seeleute der freundliche Polarstern wieder sichtbar. Es war die Malabarküste, die die Portugiesen erblickten, und am 20. Mai 1498 gingen sie zwei Meilen nördlich von Calicut vor Anker, womit das eigentliche Ziel der Reise, Indien, erreicht war. Calicut, das einen grossen Teil der Westküste beherrschte, war ein wichtiger Knotenpunkt des arabisch-indischen Seehandels, wo Waren und Schätze aller Art zusammenströmten. Vor allem gab es hier Gewürznelken von den Molukken, Muskatnüsse, Zimtrinde von Ceylon, Pfeffer, der an der Malabarküste selbst wuchs, und Kampfer von den Sundainseln. Aber auch Perlen und Edelsteine wurden hier gehandelt. Dieser ganze Handel lag in den Händen der Araber, die mit Recht in den Portugiesen ihre Todfeinde sahen und ihnen hier wie auch anderswo mit allen Mitteln entgegentraten. Da Gama musste deshalb bestrebt sein, die Gunst des einheimischen Rajahs zu gewinnen, der als nichtmohammedanischer Indier natürlich ganz andere Interessen hatte. Uebrigens trafen die Portugiesen an der Malabarküste überall uralte Gemeinden von Thomaschristen, weshalb sie auch glaubten, Calicut sei eine christliche Stadt. Ja, als man sie in einen brahmanischen Tempel führte, hielten sie ein kleines Bild für das der Mutter Gottes und die vielarmigen, hässlichen Götzen mit lang hervorstehenden Zähnen für fremdartige Heilige. Vasco da Gama wurde vom Rajah zuerst freundlich empfangen, aber die europäischen Geschenke, die er übergeben wollte, imponierten den Indern gar nicht, da man in diesem goldarmen Lande nur nach Gold begierig war und davon durch die reichen arabischen Händler genügend erhielt. Dazu kam, dass die Mauren die Hofbeamten bestachen und eine Verschwörung gegen die verhassten Fremden anzettelten, die aber zunächst noch nicht offen zum Ausbruch kam. Einstweilen konnten die Portugiesen, wenn auch mit grosser Vorsicht, Handel treiben, und es bedurfte der ganzen Energie Vasco da Gamas, um sich gegen die intrigierenden Araber ohne offene Feindseligkeiten zu behaupten. Im August aber kam es doch dazu, und der Rajah liess plötzlich die portugiesische Faktorei in Calicut besetzen and die an Land befindlichen Portugiesen festnehmen. Zum Glück erfuhr da Gama alles dies rechtzeitig, und da es ihm gelang, mehrere vornehme Inder als Geiseln aufzugreifen, so lenkte der Rajah ein und er gab die Gefangenen mit den Waren zurück. Am 29. August fuhr Vasco da Gama wieder ab, wurde aber von einer Flotte von 70 bewaffneten Sambuken verfolgt, die er jedoch durch Kanonenschüsse mit leichter Mühe zerstreute. Die Portugiesen fuhren an der Küste entlang langsam nach Norden, wo sie am Küstenstreifen Kanara wiederholt landeten und von den Bewohnern mit Lebensmitteln beschenkt wurden. Auf einer kleinen Insel wurden die Schiffe gründlich ausgebessert und nach einem neuen, ebenfalls missglückten Anschlag der Mauren konnte am 5. Oktober die Ueberfahrt nach Ostafrika angetreten werden. Diese Rückfahrt nach Ostafrika sollte das Schlimmste bringen, was den Portugiesen auf der ganzen Expedition begegnete. Wegen häufiger Gegenwinde und Windstillen brauchten sie fast drei Monate, um über den Indischen Ozean zu kommen, und bald brach der Skorbut in einem solchen Masse aus, dass dreissig Mann daran starben und fast alle erkrankten. Das Zahnfleisch schwoll ihnen an, dass sie nicht mehr essen konnten, und grosse Geschwüre bedeckten den Körper. Auf jedem Schiff waren nur noch sieben oder acht Mann, die Dienst tun konnten, und auch diese waren nicht gesund. Schliesslich brach eine Meuterei aus, denn die Leute wollten nach Indien zurück, und Vasco da Gama musste die rebellischen Steuerleute in Ketten legen. Zuletzt aber drehte sich doch der Wind und brachte die Verzweifelten in sechs Tagen ans Land. Es war die Somaliküste, und die maurische Stadt, die sie am 2. Januar 1499 sahen, war das im 10. Jahrhundert gegründete Mogdischu. Niemand wusste übrigens, unter welchem Breitegrad man sich befand, und so fuhr man jetzt bei günstigem Wind tagsüber an der Küste entlang nach Süden und warf nachts die Anker aus, damit man nicht an Malinde vorbeifahren konnte. Endlich, am 7. Januar, wurde dort gelandet. Der Empfang war überaus herzlich, und der Scheich versorgte die Portugiesen sofort reichlich mit frischen Lebensmitteln. Trotzdem starben hier während eines fünftägigen Aufenthaltes noch viele an Skorbut. Am 12. Januar fuhr man weiter und an Mombasa vorbei, um etwas südlich davon das Schiff »Raphael« zu verbrennen, da die Mannschaften nicht mehr zur Bedienung von drei Schiffen ausreichten. Natürlich wurde alles Wertvolle, besonders die eingetauschten Waren, auf die beiden anderen Schiffe verteilt. Dann ging die Fahrt weiter an der von Mauren bewohnten Insel Sansibar vorbei und am 1. Februar wurde an einer kleinen Insel vor Mosambik gelandet und ein Wappenpfeiler aufgestellt. Anfang März gelangte das Geschwader in die Bucht San Braz und nahm einen neuntägigen Aufenthalt, um Wasser und Lebensmittel aufzunehmen. Schon am 20. Februar wurde das Kap der Guten Hoffnung umsegelt und nun ging es in sehr schneller und günstiger Fahrt nach Nordwesten. Am 25. April wurden durch einen Sturm die beiden Schiffe getrennt. Das eine setzte unter Nicolao Coelho seine Fahrt nach Portugal fort, wo es am 10. Juli anlangte. Vasco da Gama aber musste in Santiago auf den Kap-Verde-Inseln landen und verlor auf den Azoren durch den Tod seinen kranken Bruder Paolo, den er dort beisetzte. Er kam dann anfangs September in Lissabon an. Von allen seinen Begleitern sahen nur 55 die Heimat wieder. Hundert Jahre hatten die Portugiesen zäh um die Erreichung des Seeweges nach Indien gekämpft, Vasco da Gamas denkwürdige Fahrt brachte sie ans Ziel. Der Erfolg war glänzend. Die mitgebrachten Gewürze deckten durch ihren Erlös nicht nur alle Unkosten, sondern brachten dem König grosse Gewinne. Die Pfefferpreise sanken sofort auf ein Drittel, und die Venezianer, die bisher den europäischen Gewürzhandel in den Händen hatten, gerieten in grosse Erregung. Vor allem aber begann jetzt der schnelle Verfall des arabischen Handels und der Monopolstellung Alexandrias, das bisher an Zöllen ungeheure Gewinne erzielt hatte. Portugal aber ging seinem höchsten Glanz entgegen. Vasco da Gama wurde vom König reichlich belohnt und mit Ehren überhäuft. Er wurde mit zwei Städten belehnt und dann später in den Grafenstand erhoben. Wohl aus politischen Gründen erhielt er aber nicht den Oberbefehl über die beiden nun folgenden Expeditionen nach Indien, denn man wollte ihn nicht zu mächtig werden lassen. Doch erzielten die beiden Flotten, die 1500 und 1501 nach Indien abgingen, nicht so günstige Erfolge als die erste, wenn sie auch die portugiesische Macht verstärkten. Erst 1502 griff man wieder auf da Gama zurück und schickte ihn mit einer Flotte von drei Geschwadern nach Ostindien. Das grösste Geschwader von zehn Schiffen stand unter dem Oberbefehl des Admirals; das zweite war fünf Schiffe stark und sollte im Indischen Ozean kreuzen, um den arabischen Handel nach dem Roten Meer zu zerstören. Es wurde von Vicente Sodré, einem Oheim Vasco da Gamas, befehligt. Beide Geschwader fuhren am 10. Februar 1502 von Lissabon ab. Das dritte, das ebenfalls fünf Schiffe zählte und von einem Neffen des Admirals, Estevao da Gama, geführt wurde, folgte am 1. April. Die neue Expedition hatte einen ausgesprochen kriegerischen Zweck. Auf der Fahrt an der Ostküste Afrikas besuchte da Gama das damals in grossem Handelsruf stehende Sofala, an dem er das erstemal vorübergefahren war, und unterwarf dann die mächtige Inselstadt Quiloa, die ihm einen grossen Goldtribut zahlen musste. Auf der kurzen Ueberfahrt durch den Indischen Ozean in der ersten Hälfte des August erkrankte wieder ein Drittel der Mannschaften an Skorbut, und viele starben daran. Nachdem die Portugiesen Holz und Wasser eingeholt und sich etwas erholt hatten, begannen sie nun die Jagd nach arabischen Kaufleuten. Dabei fiel ihnen Ende September ein grosses, schätzereiches Pilgerschiff mit etwa 240 Menschen, das nach Mekka unterwegs war, in die Hände. Vasco da Gama liess sich die Waffen und alle vorhandenen Waren ausliefern, was ein paar Tage dauerte. Dann aber gab er den Befehl, das ganze Schiff mit allem, was darauf war, zu verbrennen. Die Araber kämpften verzweifelt um ihr Leben und suchten zu entfliehen, die Frauen streckten den grausamen Europäern ihre Kinder entgegen, aber der Admiral liess sich nicht erweichen. Nur zwanzig Knaben verschonte er und liess sie später nach Portugal bringen, wo sie Mönche wurden. Alle übrigen verbrannten mit dem Schiff. Diese kaltblütig durchgeführte, durch nichts erzwungene Gewalttat wirft ein sehr böses Licht auf den Charakter des sonst so grossen Entdeckers. Westliche Hälfte des Erdglobus von Martin Behaim. (Die Fahnen bedeuten die portugiesischen Entdeckungen.) Im übrigen zeigte er jetzt immer mehr, dass er nunmehr der Herr war. Am 30. Oktober kam das Geschwader vor Calicut an, und da Gama forderte sofort, dass sämtliche Mauren aus der Stadt ausgewiesen wurden. Als das nicht geschah, liess er vierunddreissig Malabaren an den Rahen seiner Schiffe aufhängen und die Stadt bombardieren. Nachdem er noch ein Schiff genommen und es seiner Ladung beraubt hatte, verbrannte er es und fuhr südwärts nach Cochin, wo er grosse Ladungen Waren aufnahm. Auch in anderen Hafenplätzen fand er reiche Beute, so dass er am 20. Februar 1503 bereits die Rückfahrt antreten konnte. Er fuhr diesmal von Cannanore direkt über den Ozean nach Mosambik, das er Mitte April erreichte, und dann bei ungünstigem Wetter, aber ohne Schiffsverlust, weiter, so dass er am 11. Oktober in Lissabon ankam. Oestliche Hälfte des Erdglobus von Martin Behaim. (Die Fahnen bedeuten die portugiesischen Entdeckungen.) Der kaufmännische Erfolg übertraf diesmal noch bei weitem den der ersten Fahrt, und der Gesamtwert der Ladung wurde auf eine Million Dukaten in Gold geschätzt. Den Löwenanteil an dem Erlös hatte der König, doch soll auch da Gama 35 000 bis 40 000 Dukaten verdient haben. Jedenfalls wurde er hochgeehrt und erhielt ein Jahresgehalt ausgesetzt, das auch auf seine Nachkommen überging. In den folgenden Jahren dehnte sich die portugiesische Macht im Indischen Ozean immer weiter aus und erreicht ihren Höhepunkt unter dem kühnen Alfonso d'Albuquerque. Die noch heute portugiesische Festung Goa wurde nach starkem Blutvergiessen gestürmt, die Inselstadt Ormuz und 1511 Malakka, die wichtigste Handelsstadt des südöstlichen Asiens, erobert. Mit Malakka hatte Portugal den ganzen Gewürzhandel, der von den Molukken kam, in den Händen. Zwar misslang ein Anschlag auf Aden, doch wurde der Sitz des ganzen Perlenhandels, das am Eingang des Persischen Golfs gelegene Ormuz, genommen. Ueberall entstanden portugiesische Festungen, und als Albuquerque 1515 starb, war der arabische Handel vernichtet. Auch auf Ceylon, das den besten Zimt hervorbrachte, wurde eine befestigte Station errichtet. Mit dem Anwachsen der Macht entwickelte sich aber auch die Korruption, und allerlei Missstände machten sich breit. Als daher 1521 der König Manoel gestorben war, entschloss sich sein Sohn und Nachfolger Joao III., noch einmal den alten Vasco da Gama hinauszusenden, damit er dort Ordnung schaffe. Der Admiral war trotz seines hohen Alters bereit, nach zwanzigjähriger Ruhe noch einmal die Fahrt nach Indien zu machen, und wurde feierlich zum Vizekönig ernannt. Mit zweien seiner Söhne und vierzehn oder fünfzehn Schiffen verliess er am 9. April 1524 Lissabon und fuhr bis Mosambik ohne jeden Unfall. Dann aber begann stürmisches Wetter, drei Schiffe scheiterten und der Skorbut wütete unter der Mannschaft. Auf einem Schiff meuterte die Besatzung und ging auf Abenteuer aus, nachdem sie den Kapitän erschlagen hatte. Im September traf die Flotte in der Hauptstadt Goa ein, wo da Gama einen missliebigen Statthalter absetzte, sich aber auch sonst durch seine Strenge bei den Soldaten verhasst machte. Im übrigen entfaltete er eine rastlose Tätigkeit und vertilgte überall rücksichtslos die tiefeingerissene Korruption. Aber seine geschwächte Gesundheit war diesen Aufregungen und Anstrengungen nicht gewachsen, und am 25. Dezember 1524 erlag er dem Klima. Seine Leiche wurde später nach Europa übergeführt. Das portugiesische Kolonialreich, das er mit erobern half, sollte nicht von langer Dauer sein. Zwar gelang 1538 noch einmal ein glänzender Seesieg über die Türken bei Diu, aber die Kraft des kleinen Portugals verblutete sich doch allmählich an seiner viel zu grossen Aufgabe. Als dann im Jahre 1580 Philipp II. von Spanien Portugal eroberte, verfielen schnell die Kolonien, und auch die Wiederherstellung der nationalen Unabhängigkeit im Jahre 1640 konnte wenig mehr für die Zukunft retten. Fernando Cortez. Auf den von Kolumbus entdeckten Antillen-Inseln hatten die Spanier nicht die erwarteten grossen Goldschätze gefunden, und die nackten Eingeborenen, die man doch für Inder hielt, entsprachen so gar nicht den Berichten Marco Polos über die hohe Kultur und den Reichtum Ostasiens. Etwas anders wurde es, als Fernandez de Cordoba 1517 auf der Halbinsel Yukatan landete und hier grosse, wohlgebaute Städte mit steinernen Häusern und schönen Tempeln fand. Diego Velasquez, der damals den Oberbefehl über die Insel hatte, schickte seinen Neffen Juan de Grijalva mit vier Schiffen aus, um das neue Land weiter zu erforschen. Grijalva segelte an der Küste entlang nach Westen und kam so an das Gebiet von Mexiko, wo die Spanier für allerlei billigen Tand ziemlich reiche Goldschätze eintauschten, was ihre Habgier nicht wenig erregte. Doch drang Grijalva nirgendwo tiefer in das Land ein, weshalb auch Velasquez wenig mit seinen Erfolgen zufrieden war. Sofort nach Grijalvas Rückkehr liess er eine neue und grössere Expedition ausrüsten und übertrug diesmal den Oberbefehl dem tatkräftigen Fernando Cortez. Cortez, der 1485 zu Medellin in Estremadura geboren war und in früher Jugend in Salamanka die Rechte studiert hatte, war 1504 nach Amerika gegangen. 1511 nahm ihn Velasquez als Sekretär mit nach Kuba. Sofort nach seiner Ernennung zum Kommandanten betrieb er mit grosser Energie die Vorbereitungen zu seiner Ausfahrt. Aber schon, bevor er abreisen konnte, wurde er von Neidern heftig angefeindet, so dass der ewig misstrauische Velasquez ihm die Leitung wieder abnehmen wollte und schliesslich sogar den Befehl gab, Cortez zu verhaften. Dieser aber kam dem allen zuvor, indem er kurz entschlossen am 10. Februar 1519 mit seiner Flotte den Hafen Santiago de Cuba verliess und nach Westen davonsegelte. Er hatte elf Schiffe, etwas über 500 Soldaten, 110 Matrosen, 16 Pferde und 14 Geschütze bei sich, also eine Macht, die in gar keinem Verhältnis stand zu dem ungeheuren und kriegsstarken Reich, das er erobern wollte. Er fuhr zunächst nach der vor Yukatan liegenden Insel Cozumel, wo er sein kleines Heer sorgfältig musterte und Schiessübungen veranstaltete, sich aber mit den Eingeborenen auf guten Fuss stellte. Am 4. März ging die Fahrt weiter um die Halbinsel Yukatan herum bis an die Mündung des Rio Grivalja, die am 12. März erreicht wurde. Hier hatte Cortez heftige Kämpfe mit den Eingeborenen, schloss aber schliesslich Frieden mit ihnen. Er erhielt von ihnen allerlei Geschenke, unter anderem auch zwanzig Frauen, von denen eine, die sich später taufen liess und Donna Marina genannt wurde, auf Cortez einen grossen und wohltätigen Einfluss ausübte und ihm als Dolmetscher wertvolle Dienste leistete. Ferdinand Cortez. Kupferstich von Carmona. Am 21. April 1519 betraten die Spanier in San Jan d'Ulloa bei Vera Cruz den Boden Mexikos. Schon eine halbe Stunde, nachdem die Schiffe ihre Anker aufgeworfen hatten, kamen Abgesandte der Eingeborenen, um sich nach den Absichten der Fremdlinge zu erkundigen, und nach wenigen Tagen erschien der Statthalter selbst mit allerlei Geschenken von Montezuma, dem mächtigen Kaiser von Mexiko. Dieser Statthalter führte Maler bei sich, die Cortez' Züge, Gestalt und Kleidung, seine Offiziere und Soldaten, die Donna Marina, die beiden Hunde, die Geschütze und Kugeln, kurz alles, was sie sahen, für ihren Gebieter sehr naturgetreu abzeichneten. Cortez liess ihnen auch ein Reitermanöver vorführen, worüber sie sehr staunten und es ebenfalls aufzeichneten. Sie glaubten, Pferd und Reiter seien nur ein Wesen, und als nun gar die Geschütze abgefeuert wurden und mit mächtigem Knall die schweren Steinkugeln über die Sandhügel hinflogen, waren sie fest davon überzeugt, es hier mit überirdischen Wesen, wenn nicht gar mit Göttern zu tun zu haben. Dazu kam, dass in diesem Lande die Sage herrschte, dass einst weisse Männer von Osten kommen und das Land erobern würden. Montezuma tat nun das Törichste, was er tun konnte, er versuchte, durch Freigebigkeit die Spanier zu überreden, das Land freiwillig zu verlassen, und schickte eine Gesandtschaft an Cortez mit mehr als hundert Lastträgern, die riesige Goldschätze und Kostbarkeiten brachten. Darunter waren zwei schwere Scheiben, so gross wie Wagenräder, die eine aus reinem Gold, die andere aus Silber, ferner eine Sturmhaube voller Goldkörner, wie man sie in den Bergwerken gewinnt, woran die Spanier sahen, dass es im Lande Goldgruben geben müsste. Es gab Tierfiguren aus Gold, Halsketten und Ohrgehänge, mit Smaragden, Rubinen und Perlen besetzt, und alle Arten von wertvollen Schmucksachen. Schliesslich auch dreissig Päcke baumwollener Stoffe mit bunten Federn durchwirkt und glänzender und feiner als Seide. Aber der Anblick dieser Schätze wirkte nur aufreizend auf die habgierigen Spanier, die jetzt erst recht entschlossen waren, noch mehr davon zu erwerben. Darum bedankte sich Cortez sehr höflich und gab auch ein geringes Gegengeschenk, erklärte aber auf die Bitte der Gesandten, umzukehren, da eine Zusammenkunft mit Montezuma nicht stattfinden könnte, dass er im Auftrage seines Kaisers eigens aus fernen Ländern gekommen sei, um dem grossen Montezuma seine Aufwartung zu machen, und deshalb nicht zurückkehren dürfte. Bevor aber Cortez zu seinem Zuge auf die Hauptstadt aufbrechen konnte, entstand eine Verschwörung der Anhänger des Velasquez gegen ihn, die er mit Festigkeit und Klugheit unterdrückte. Er sandte dann ein Schiff mit einer Meldung von allem bisher Erreichten direkt nach Spanien an den Kaiser Karl und verstand es, die Reichtümer von Mexiko in den glänzendsten Farben zu schildern. Hierauf liess er sämtliche Schiffe, die im Hafen der von ihm gegründeten Stadt Vera Cruz lagen, verbrennen, um seinen Soldaten zu zeigen, dass es von nun an für sie kein Zurück mehr gäbe. Mit feurigen Worten wusste er ihren Mut zu entflammen, so dass ihm alle begeistert zustimmten. Er hatte übrigens alles Bewegliche und irgendwie Brauchbare vorher von den Schiffen aufs Land bringen lassen, und die alten und marschunfähigen Seeleute blieben in einer von ihm angelegten kleinen Festung als Besatzung zurück. Eine ungeheure Aufgabe stand nun Cortez bevor, zu deren Bewältigung nicht nur eine fast tollkühne Verwegenheit, sondern auch eine ungewöhnliche Klugheit gehörte. Das wurde den Spaniern bald klar, als sie auf ihrem Vormarsch nach der Hauptstadt in das Gebiet der Tlascalaner gerieten. Dieser kriegerische Indianerstamm war von den Mexikanern unterjocht, aber doch nicht ganz bezwungen worden, wenn er auch keine offene Auflehnung mehr gegen sie wagte. Als Tribut musste er jährlich eine Menge Jünglinge und Jungfrauen opfern, die in den Tempeln der Stadt Mexiko den Göttern geopfert wurden. Trotzdem wollten die Tlascalaner anfangs durchaus nichts von den Spaniern wissen und bekämpften sie aufs heftigste. Das kleine Häuflein Europäer verteidigte sich mutig und fügte seinen Gegnern grosse Verluste bei. Aber es kam auch selbst allmählich in grosse Not; fast alle waren verwundet, und die ganze Truppe litt an Nahrungsmangel. Schliesslich waren die Soldaten so verzagt, dass sie davon sprachen, wieder umzukehren, und Cortez vorhielten, selbst Alexander der Grosse würde unter solchen Umständen nicht mehr weiter marschiert sein. Doch Cortez verlor nicht einen Augenblick seinen Mut und seine Kaltblütigkeit. Immer bestrebt, den Indianern die Ueberlegenheit seiner Waffen zu beweisen und zugleich ihre abergläubische Furcht vor den göttergleichen Fremdlingen zu wahren, warb er doch mit grosser Ausdauer um ihre Freundschaft und ihr Vertrauen, indem er alle Gefangenen gut behandelte und sie mit Geschenken versehen als Boten zu ihnen zurücksandte. Schliesslich in der höchsten Not siegte bei den Tlascalanern die Friedenspartei, und da sie auch einsahen, dass sie an dem unbesiegbaren Cortez eine Hilfe gegen Montezuma hätten, schlossen sie mit ihm ein Bündnis, das sie dann auch ehrlich hielten. Cortez zog nun als Freund der Tlascalaner in ihre Hauptstadt ein, wo er siebzehn Tage rastete und genauere Nachrichten über Montezuma und seine Macht erhielt. Dieser Fürst hatte dreissig zinsbare Häuptlinge unter sich, von denen jeder seine hunderttausend bewaffnete Krieger stellen konnte. Auch war die Stadt Mexiko oder Tenochtitlan, wie sie bei den Indianern hiess, wohlbefestigt und infolge ihrer günstigen natürlichen Lage mit Gewalt kaum zu erobern. Die Kultur und der Reichtum Mexikos mussten auf einer hohen Stufe stehen, denn schon in Tlascala fanden die Spanier volkreiche Städte mit steinernen Häusern, mit Badeanstalten und Barbierstuben. Was sie aber mit Grauen und Entsetzen erfüllte, waren die Menschenopfer, die in allen Orten in den Tempeln dargebracht wurden. Ueberall trieften die Wände und Altäre der Götzentempel von frischem Menschenblut, ebenso wie die Opfersteine und die Messer aus Feuerstein. Den meisten Leichnamen fehlten die Arme und Beine, die von den Indianern verspeist waren. Die Opfer wurden hier wie im Reiche Montezumas in der Weise dargebracht, dass die Priester den wehrlosen, gefesselten Gefangenen die Brust aufschnitten und das noch zuckende Herz herausrissen. An allen Orten fanden die Spanier auch grosse Holzkäfige, in denen die Gefangenen für den Opfertod gemästet wurden. Cortez bekämpfte überall diese grausame Sitte, merkte aber, dass die Indianer heimlich immer wieder dazu zurückkehrten, weil sie das für eine Pflicht ihren Göttern gegenüber hielten. In der Nähe von Tlascala war der feuerspeiende Berg Popocatepetl, vor dem die Indianer eine abergläubische Angst hatten. Cortez aber schickte einen Hauptmann mit zwei Soldaten hin, die auch den Berg bis zum Krater erstiegen, trotz Erdbeben und Feuerregen. Von oben sahen sie zuerst die in einer Entfernung von zwölf Stunden liegende Stadt Mexiko und den See, worin sie erbaut war. An diesem Berge befanden sich Salpeter und Schwefel, was Cortez sehr zustatten kam, da er sich daraus später frische Munition bereiten konnte. Unterdessen wurde Montezuma, der über die ernsthaften Veranstaltungen, die Cortez zu seinem Vormarsch traf, wohl unterrichtet war, immer verzagter und kleinmütiger. Noch einmal versuchte er, die Spanier in der Stadt Cholulla in einen Hinterhalt zu locken, um sie zu vernichten, aber dieser Anschlag misslang vollständig und dreitausend Bewohner der Stadt wurden niedergemetzelt, so dass der Ruf von der Unbesiegbarkeit der Weissen sich erst recht ausbreitete. Montezuma erhielt jetzt von seinen Priestern den Rat, die Fremden in Mexiko einzulassen, da er sie dort mit leichter Mühe vernichten könnte. Er sandte Cortez daher seinen Neffen Cacamatzin in einem prachtvollen Aufzuge zur Begrüssung entgegen. Cacamatzin sass in einem reichen Tragsessel, dem grüne Federn, Laubwerk von Gold und Silber und viele Edelsteine ein glänzendes Ansehen gaben, und wurde von acht Häuptlingen getragen. Sie hoben ihn beim Eintreffen des Zuges aus dem Sessel und kehrten erst den Boden rein, den er betreten musste. Die Begrüssung mit Cortez war sehr freundlich, und dann setzte sich der Zug der Spanier im Verein mit den Mexikanern unter dem Zusammenströmen der ganzen Bevölkerung in Bewegung. Mit den Spaniern zogen als Verbündete 6 000 Tlascalaner. Auf einer geraden Strasse, die acht Schritte breit war, ging es nun auf Mexiko zu. Je näher sie an die Stadt herankamen, desto grösser wurde das Gedränge der Neugierigen, und der kleine Trupp von 450 Mann verschwand fast unter den vielen Tausenden. Aber auch das Staunen der Spanier wuchs immer mehr, und sie glaubten sich in ein Märchenland hineinversetzt, als die Türme, die Häuser und Tempel der inmitten des Sees gelegenen Stadt auftauchten. Kurz vor Mexiko lief ein gepflasterter Damm über den See, und der Eingang in die Stadt war durch Befestigungen, Tore und eine Zugbrücke geschützt. Kaum waren die Spanier hineinmarschiert, da kam ihnen in einem glänzenden Aufzuge Montezuma entgegen. Er wurde in einem von Gold und Kostbarkeiten glänzenden Sessel getragen, und die Pracht seiner Kleidung übertraf jede Vorstellung. Er war ungefähr vierzig Jahre alt, von schlankem Körperbau und majestätischem Aussehen. Auf dem Kopfe trug er eine Art goldner Mitra, ein mit Gold sowie Perlen und Edelsteinen bedeckter Mantel hing ihm über den Schultern und seine sandalenartigen Schuhe waren ebenfalls von Gold. Cortez ging ihm mit einer tiefen Verneigung entgegen, die Montezuma nach der Sitte seines Landes erwiderte. Dann tauschten sie Geschenke aus und wechselten höfliche Begrüssungsworte, worauf Montezuma einige Fürsten seiner Begleitung anwies, die Spanier in ihr Quartier zu geleiten. Es war am 8. November 1519, als Cortez in die Stadt Mexiko einrückte, und der steinerne Palast, den er als Wohnung erhielt, war gross genug, um die ganze spanische Armee zu fassen. Axayacatl, der Vater Montezumas, hatte ihn einst erbaut und prachtvoll eingerichtet. Montezuma empfing Cortez wieder am Eingang und geleitete ihn dann zu einem reichlichen Mahl, an dem alle Spanier teilnahmen. Nach dem Essen hatte der Monarch eine Unterredung mit Cortez und sagte ihm, er wüsste aus alten Weissagungen, dass einst die Nachkommen eines nach Osten gezogenen grossen Herrschers wieder zurückkehren würden, um ihren rechtmässigen Besitz einzunehmen und neue Gesetze einzuführen. Er habe sich überzeugt, dass der Kaiser Karl dieser Nachkomme sei, und er wolle alles tun, um ihn zu ehren. Cortez antwortete ihm in wohlgesetzten Worten und erzählte von der Macht seines Kaisers, der nur das Beste der Mexikaner wolle. Am folgenden Tage erhielt Cortez eine Audienz im Palaste des Kaisers. Dieses Gebäude hatte dreissig Tore und eine Unmenge von Sälen und Zimmern. Die Wände waren mit Stoff bezogen und mit Tapeten und Pelzwerk geschmückt, die Fussböden mit Matten belegt; die aus Zypressen- und Zedernholz hergestellten Decken zeigten kunstvolles Schnitzwerk. Im Thronsaal war alles mit Gold und Silber überzogen. Einige Tage später führte Montezuma den Cortez und einige seiner vornehmsten Offiziere in den Haupttempel, um ihnen dessen Herrlichkeiten zu zeigen. 114 Stufen führten zum Tempel empor. Oben erblickten die Spanier eine Plattform, die zum Schlachten der armen Opfer diente. Alles war voll Blut, und vor einem grossen Götzenbild in Drachengestalt und anderen hässlichen Figuren lagen mehrere Opfersteine. Doch hatte man von dieser Höhe aus eine wundervolle Aussicht über die ganze Stadt und ihre Umgebung. Der See wimmelte von Fahrzeugen, und auf einem grossen Marktplatz sah man ein dichtes Menschengewühl. Cortez liess sich nun das Innere des Tempels zeigen. Vor dem Bilde des Kriegsgottes Huitzilopotchli, das von Gold, Perlen und Edelsteinen strotzte, brannten auf einem Rauchbecken die Herzen von den gerade an diesem Tage geopferten Indianern. Daneben stand Tetzeatlepoca, der Gott der Unterwelt, der über die Seelen der Gestorbenen gebot. In einem anderen Tempelgebäude befand sich das Bild des Quetzalcoatl, des Gottes der Fruchtbarkeit. Ueberall roch es in widerlicher Weise nach Blut, und Cortez konnte seinen Abscheu nicht verbergen, worüber sich die Priester sehr erregten. Kurz darauf erhielt Cortez, der während der ganzen Zeit seine Vorsicht nicht ausser acht gelassen hatte, die Nachricht, dass Indianer, wahrscheinlich im Auftrage von Montezuma, die kleine Besatzung in Vera Cruz angegriffen und dabei deren Anführer, Juan de Arguello, getötet hätten. Auf Befehl Montezumas sei dann dessen Kopf im ganzen Land herumgeschickt worden, um den Indianern zu zeigen, dass die Spanier wirkliche Menschen und sterblich seien. Cortez, der wohl wusste, in welcher gefährlichen Lage er in Mexiko war, verlor nicht den Mut. Mit einigen seiner getreuesten und erfahrensten Offiziere liess er sich bei Montezuma melden und warf diesem Hinterlist und Verrat vor. Der Monarch versicherte seine Unschuld und gab sofort den Befehl, die schuldigen Anführer der Indianer zu verhaften. Cortez tat so, als glaubte er ihm, verlangte aber der Sicherheit willen, dass der Kaiser auf einige Zeit in seinem Palaste Wohnung bezöge, wo er im übrigen ungestört und in allen Ehren seine Regierungsgeschäfte weiter ausüben könnte. Montezuma empfand sofort das Schimpfliche, das für ihn in einer solchen Aufforderung lag, und weigerte sich mit zorniger Entrüstung, doch machte das auf die entschlossenen Spanier keinen Eindruck. Einer von ihnen rief ungeduldig: »Wozu so viele Worte? Hier gibt es nur eine Wahl. Entweder geht er gutwillig mit, oder er fällt durch unsere Schwerter. Unser Leben steht auf dem Spiel und wird nur durch ihn gesichert!« Da wurde Montezuma von Furcht erfasst und tat, was die Spanier verlangten. In seiner Sänfte liess er sich in das Quartier der Spanier bringen, und seinen Untertanen, die ihn befreien wollten, redete er zu, es sei der Wille des Gottes Huitzilopotchli, dass er eine Weile in dem spanischen Palast wohne. Cortez brauchte jetzt die Feindschaft der Mexikaner nicht mehr so sehr zu fürchten. Er hatte ihren Fürsten in der Gewalt und beherrschte sie dadurch. Zunächst liess er sich den Statthalter ausliefern, der die Schuld an der Tötung Arguellos trug, und ihn vor seinem Palast verbrennen. Da der Verhaftete gestanden hatte, dass ihn Montezuma zur Ermordung der Spanier angestiftet hatte, so wurde auch der Kaiser für eine Weile in Fesseln gelegt. Er durfte erst nach der Hinrichtung des Statthalters die Fesseln wieder ablegen. Ausserdem musste Montezuma den Kaiser Karl als den Oberherrn des Landes anerkennen und sich verpflichten, einen regelmässigen Tribut zu zahlen. Um diese Zeit erfuhr Cortez, dass Velasquez eine neue Expedition von 18 Schiffen, auf denen sich 400 Fussgänger, 85 Reiter und 12 Kanonen befanden, nach Mexiko gesandt habe. Sie war bereits in Vera Cruz gelandet und befand sich mit ihrem Führer Narvaez, der den Befehl hatte, Cortez gefangenzunehmen und nach Kuba zurückzuschicken, auf dem Wege nach der Hauptstadt. Cortez bedachte sich keinen Augenblick, sondern fasste den kühnen Entschluss, dem neuen Feinde entgegenzugehen. Er liess die Hälfte seiner Truppen und sämtliche Kanonen in der Hauptstadt zurück und marschierte mit nur 266 Mann auf Narvaez los. Dieser hatte geprahlt, er würde dem Empörer die Ohren abschneiden und sie zum Frühstück verspeisen. Aber Cortez überfiel ihn am 24. Mai 1520 während der Nacht in seinem Lager bei Zempoalu und nahm ihn gefangen, worauf sämtliche Spanier zu Cortez übergingen. Auch die Schiffskapitäne mussten Cortez Treue schwören und sich verpflichten, mit der ganzen Flotte ihm zu Dienst zu sein. Aber gerade während des grössten Siegesjubels kamen böse Nachrichten aus der Hauptstadt. Die Spanier hatten in Cortez' Abwesenheit unter den Mexikanern ein grosses Blutbad angerichtet und diese dadurch zu einer verzweifelten Empörung getrieben. Cortez kehrte mit seinen verstärkten Truppen sofort nach Mexiko zurück, wo die Verhältnisse mit jedem Tage schlimmer wurden. Zwar gelang es ihm, den Feinden grosse Verluste beizubringen und den Opfertempel zu erstürmen und in Brand zu stecken, aber er war im Grunde jetzt nur noch ein Belagerter in seinem Palast, und seine Lage wurde bald unhaltbar. Da veranlasste er Montezuma, noch einmal vom Turme des Palastes aus zu der Menge zu reden. In königlicher Pracht erschien der unglückliche Fürst vor seinen Untertanen, die auch in gewohnter Ehrfurcht vor ihm auf die Knie fielen. Als er aber die Spanier seine Freunde nannte, ertönten laute Schmährufe, und plötzlich trafen ihn Steinwürfe und Pfeilschüsse. Schwer verwundet wurde er in den Palast zurückgebracht, wo er jede Hilfeleistung zurückwies und bald darauf starb. Cortez übergab die Leiche Montezumas den Mexikanern, damit sie ihn ehrenvoll bestatteten, und knüpfte zugleich mit ihnen Verhandlungen an, um die Stadt verlassen zu können. Aber sie wiesen seine Waffenstillstandsgesuche höhnisch zurück, und Cortez blieb nichts übrig, als den Versuch eines nächtlichen Durchbruchs über die schmalen Dämme und halbverbrannten Brücken zu wagen. Was als Anteil an Gold und Kostbarkeiten dem Kaiser gehörte, liess er sechs Pferden und achtzig Tlascalanern aufladen; von dem übrigen konnten die Soldaten so viel nehmen, als sie nur tragen mochten. Auch hatte er eine bewegliche Brücke gezimmert, die über die Kanäle gelegt werden konnte, wo etwa die anderen Brücken verbrannt waren. Es war am 1. Juli 1520. Die Nacht war finster und regnerisch, und vor Mitternacht begann der Abmarsch. Die mitgebrachte Brücke bewährte sich zunächst sehr gut, und ein grosser Teil der Truppen war schon hinüber, ehe die Indianer etwas von dem Fluchtversuch merkten. Dann aber brach das Sturmgeheul los, und ungeheure Scharen stürzten sich auf die Spanier. Die Brücke schlug schliesslich um, und nun begann ein wildes Gemetzel. Der ganze See war mit Kähnen bedeckt, und auf den engen Dämmen und im Wasser wurde verzweifelt gekämpft. Nur ein kleiner Bruchteil der Spanier schlug sich in dieser Nacht mit dreiundzwanzig Pferden durch. Doch hatten sie keine Geschütze und kein Pulver mehr und sehr wenig Armbrüste. Und sie nannten die Nacht, in der sie solche Not erlitten, die Nacht der Trübsal. Auch waren hundert Spanier, die sich nicht mehr durchschlagen konnten, in einen Tempel geflohen, wo sie sich festsetzten und drei Tage gegen die ganze Bevölkerung der Stadt kämpften. Erst der Hunger zwang sie zur Uebergabe, und sie wurden alle den Göttern des Landes geopfert. Der weitere Rückzug vollzog sich in guter Ordnung, aber am nächsten Tage stiessen die Spanier auf ein gewaltiges Heer. Es war der Kern der Kriegsmacht der Mexikaner in der Stärke von hunderttausend Mann, die ihnen den Rückzug abschneiden und sie vernichten wollten. Aber Cortez kannte keine Furcht. Mit dem Feldgeschrei: Santiago! Santiago! warfen sich die Spanier gegen den Feind. Voran sprengten die Reiter, die überall die Reihen durchbrachen, und es begann ein wildes Blutbad, das aber zunächst keine Entscheidung brachte. Schliesslich bemerkte Cortez den feindlichen Feldherrn mit der kaiserlichen Standarte. Mit seinen Reitern stürzte er sofort auf ihn los, der Feldherr wurde getötet und die Fahne erobert. Nun verloren die Mexikaner den Mut und ergriffen die Flucht, noch lange verfolgt von den spanischen Reitern. Auch die befreundeten Tlascala-Indianer kämpften sehr tapfer. Cortez zog sich nun nach Tlascala zurück, wo er aufs beste aufgenommen wurde und Ruhe und Pflege für seine Verwundeten fand. Dann aber nahm er mit grosser Umsicht und Zähigkeit die kriegerische Tätigkeit gegen die Mexikaner wieder auf. Die Tlascalaner stellten ihm tüchtige Hilfstruppen, dazu kamen aber auch frische Mannschaften, die auf die Nachricht von den mexikanischen Schätzen in Schiffen von Kuba ankamen und durch Cortez in seine Dienste gestellt wurden. Nachdem er sich nun überall im Lande in grosses Ansehen gesetzt und die Mexikaner an vielen Punkten zurückgeschlagen hatte, setzte er sich endlich am 28. Dezember 1520 zum zweiten Male auf die Hauptstadt in Bewegung. Sein Heer war wieder auf 600 Fussgänger und 40 Reiter angewachsen, und er führte diesmal 50 000 Indianer mit sich. Auch hatte er im Gebirge dreizehn kleine Schiffe herstellen lassen, um damit die mexikanischen Kähne zu zerstören. Ueberall unterwarfen sich jetzt die kleineren Städte, Guatimozin aber, der neugewählte Herrscher der Mexikaner, rüstete sich zur verzweifelten Gegenwehr. Im März kamen noch vier Schiffe aus Spanien an, die eine Menge Waffen und Pulver sowie 200 Soldaten und 80 Pferde brachten, und nun konnte Cortez wirklich zur Belagerung schreiten, die im Mai 1521 begann. Vorher hatte er noch die mexikanischen Truppen, die sich ihm vor den Toren entgegenstellten, mit leichter Mühe geschlagen. Die Belagerung begann mit einem Seegefecht, in welchem Cortez mit seinen Schiffen die vielen Tausende von mexikanischen Kähnen angriff, doch waren die darauffolgenden Kämpfe sehr schwierig, und Schritt für Schritt musste der Weg über die schmalen Dämme erobert werden. Die Spanier schnitten die Zufuhr der Lebensmittel und vor allem die Süsswasserleitung ab, so dass die Mexikaner in grosse Not gerieten, weil der See nur Salzwasser enthielt. Endlich gelang es den Spaniern, von allen Seiten in die Stadt einzudringen, und am 13. August wurde die Stadt vollständig erstürmt und der junge Kaiser Guatimozin mit seiner Gemahlin nach einem vergeblichen Fluchtversuch gefangengenommen. Das Gemetzel in der eroberten Stadt war furchtbar, und bald war jeder Winkel von Leichengeruch erfüllt. Cortez, der einen Bericht an Kaiser Karl V. senden wollte, suchte vergebens nach den Schätzen des Kaisers Guatimozin und liess diesen, nebst einigen Fürstlichkeiten auf die Folter spannen. Schliesslich musste er ihnen aber doch glauben, dass sie die Schätze in den See versenkt hatten. Mit dem Fall der Hauptstadt war das Schicksal des Landes besiegelt. Cortez sorgte nun für die Befestigung der spanischen Herrschaft und stellte die durch die Belagerung fast ganz zerstörte Stadt wieder her. Ueberall unterdrückte er die Sitte der Menschenopfer und führte Ordnung und ruhiges Leben herbei. Kaiser Karl aber ernannte ihn einstweilen zum Statthalter und Generalkapitän von Mexiko, das damals den Namen Neuspanien trug. Doch sollte Cortez nicht in Frieden die Früchte seiner Tätigkeit ernten. Seine Feinde und Neider suchten ihn auf alle Weise beim Kaiser zu verleumden. Schliesslich blieb dem Eroberer von Mexiko nichts anderes übrig, als sich persönlich zu verteidigen, und er schiffte sich im Jahre 1527 nach Spanien ein. Dort wurde er anfangs vom Kaiser mit grosser Auszeichnung empfangen, erhielt aber nicht die erbetene dauernde Statthalterschaft von Neuspanien und geriet später ziemlich in Ungnade. Wohl aber schloss man mit ihm einen Vertrag, dass er in dem Meer westlich von Mittelamerika, damals das Südmeer genannt, auf Entdeckungen ausgehen sollte, und sagte ihm einen Anteil am Gewinne zu. Cortez, der sich in Spanien vermählt hatte, fuhr 1530 mit seiner Frau nach Mexiko, wo er ein Geschwader ausrüstete, und zur Erwerbung Kaliforniens, dessen Südspitze er entdeckte, einen grossen Teil seines Vermögens verwendete. Wohl, um eine Entschädigung für seine Verluste zu erhalten, machte er 1540 eine neue Reise nach Spanien, wo er den Kaiser auf einem Kriegszug nach Algier begleitete. Später geriet er bei Hofe ganz in Ungnade; die Rückkehr nach Amerika wurde ihm verweigert, und er war schon entschlossen, seinem undankbaren Vaterland ganz den Rücken zu kehren, als er an einem Fieber erkrankte und am 2. Dezember 1547 bei Sevilla starb. Medaille mit dem Bildnis von Fernando Cortez. Berliner Staatliches Münzkabinett. Francisco Pizarro. Wohin auch Spanier in dem neuentdeckten Lande gelangten, überall fragten sie nach dem kostbaren gelben Metall, nach dem heissbegehrten Gold. Und überall wiesen die Indianer zur Antwort nach dem Süden und Südwesten. Zuerst erhielt der Spanier Balboa eine etwas genauere Kunde von diesem geheimnisvollen Goldland. Auf seinem Entdeckungszuge nach dem Stillen Ozean hatte ihm ein Indianer von einem im Süden gelegenen Lande erzählt, in welchem man aus goldenen Schüsseln esse und aus goldenen Bechern trinke. Balboa wäre auch sicherlich nach diesem schätzereichen Land aufgebrochen, wenn ihn nicht die Eifersucht spanischer Machthaber daran verhindert hätte. Und so blieb es einem anderen vorbehalten, das Inkareich in Peru zu entdecken und zu erobern. Francisco Pizarro wurde um das Jahr 1475 zu Trujillo in Spanien geboren. Er war von allerniederster Herkunft und wuchs ohne jede Erziehung, ohne Schule heran, um schon früh Verwendung als Schweinehirt zu finden. Auch soll er später niemals weder lesen noch schreiben gelernt haben. Aber in dem kräftigen, etwas rohen Burschen lebte ein Feuergeist, der nach Taten dürstete, und eines Tages entlief er seinem Dienst, um Soldat zu werden. Als Soldat kam er denn auch nach Amerika, wo er sich durch Tapferkeit und Unerschrockenheit auszeichnete und später Hojeda und Balboa auf ihren Fahrten nach der Landenge von Panama und der Westküste von Südamerika begleitete. Er erwarb sich ein hübsches Vermögen und wurde dann Statthalter der neugegründeten Niederlassung in Panama. Hier war es, wo ihn schliesslich die immer bestimmter auftretenden Gerüchte von einem Goldland im Süden bewogen, eine Expedition auf eigene Faust dorthin zu unternehmen. In Diego Almagro fand er einen gleichgestimmten Genossen, und ein wohlhabender Priester Hernando de Luque erbot sich, das nötige Geld vorzustrecken. Neunundvierzig Jahre alt, fuhr Pizarro im Herbst 1524 mit einem Schiff nach dem Süden ab. Almagro und Luque wollten ihm folgen. Aber diese Versuchsfahrt wurde vom Unglück verfolgt. Zehn Tage lang wütete ein heftiger Sturm, der beinahe das Schiff vernichtete, und dann brach Hungersnot aus, so dass die verzweifelten Mannschaften verlangten, nach Panama zurückgebracht zu werden. Pizarro blieb nichts übrig, als diejenigen, die es wünschten, zurückzuschicken. Bei dieser Gelegenheit zeigte er seine ganze Heldengrösse. Er zog mit seinem Schwert eine Linie von Osten nach Westen und sprach: »Hier, der südliche Weg führt nach Peru mit seinen Schätzen, der nördliche aber nach Panama mit seiner Armut. Nun wählt, ich gehe nach Süden!« Aber nur dreizehn Männer, deren Namen die spanische Geschichte aufbewahrt hat, folgten ihm. Pizarro blieb nun vorläufig auf der Küsteninsel Gorgona am Westrande von Kolumbien, bis Almagro ihm in einem kleinen Schiff einige neue Mannschaften zuführen konnte. Jetzt konnte er weiter nach Süden vordringen und gelangte zu der peruanischen Stadt Tumbez am Südrande des Golfs von Guayaquil, wo die Eingeborenen ihnen reichliche Lebensmittel gaben und sehr freundlich und zutraulich waren. Die Stadt war mit drei Mauerringen umgeben, der Tempel mit goldenen und silbernen Platten belegt. Dann ging die Fahrt weiter bis zu der Stadt Santa, an der Mündung des Bergstroms Huaraz. Hier kehrte Pizarro um. An eine Eroberung des offenbar sehr grossen und volksreichen Landes war bei seinen geringen Streitkräften nicht zu denken, aber er hatte genug an Gold und anderen Schätzen gesehen, um zu erkennen, welche Bedeutung der Besitz dieses Landes für die spanische Krone haben müsste. Kaum war er daher nach Panama zurückgekehrt, da entschloss er sich, selbst nach Europa zu fahren, um von Kaiser Karl die Mittel zu einer neuen und grösseren Expedition nach dem Goldland zu erlangen. Der Ruf seiner Entdeckungen lief ihm schon voraus, und obgleich er bei seiner Landung in Spanien wegen einer Schuld verhaftet wurde, befreite man ihn sofort wieder, und er eilte nach Toledo, wo sich Karl V. aufhielt. Pizarro gewann am Hofe durch seine stolze Gestalt und sein feuriges Wesen allgemeine Bewunderung. Er erhielt vom Kaiser den Orden von St. Jago und die Statthalterschaft von Neukastilien, wie Peru genannt werden sollte. Almagro wurde nur zum Befehlshaber der Festung Tumbez, Luque zum Bischof von Tumbez ernannt. Pizarro besuchte auch seine Heimat und fand dort vier Brüder vor, die er alle mit nach Amerika nahm. Irgendeine Geldunterstützung leistete die Krone nicht, doch bewirkte die Gunst des Hofes, dass Pizarro sich jetzt alles Nötige leicht verschaffen konnte, und am 28. Januar 1531 segelte er in Begleitung seiner Brüder und Almagros von Panama aus mit drei Schiffen nach dem Süden. Er hatte 180 Fussgänger, 37 Reiter und einige Kanonen bei sich, also eine Macht, die ungefähr so gross war, wie die des Cortez, als er gegen Mexiko marschierte. Die Fahrt über das Meer war bekannt, und so ging es ohne grösseren Aufenthalt bis zum Golf von Guayaquil. Auf der Insel Puna fanden die Spanier freundliche Aufnahme und warteten wegen der beginnenden Regenzeit auf weitere Truppennachschübe aus Panama, die auch nicht ausblieben. Hier und in der nahegelegenen Stadt Tumbez erfuhr Cortez, dass in dem grossen Inkareiche, welches, langgestreckt, an der Westküste lag, ein Bürgerkrieg ausgebrochen wäre. Der letzte Herrscher von Peru, Huayna Cagac, hatte das Land unter seine beiden Söhne geteilt, die auch von 1525 bis 1530 friedlich nebeneinander regierten, der ältere Huaskar, in dem südlich gelegenen Cuzco, der jüngere Sohn Atahuallpa in Quito. Atahuallpa aber strebte nach Alleinherrschaft, überfiel seinen Bruder und setzte ihn in Cuzco gefangen. Die Anhänger Huaskars aber verfolgte er auf alle Weise. Pizarro warf sich in kluger Weise zum Schützer der verfolgten Partner auf und gewann dadurch sofort eine grosse Anhängerschaft. Kämpfende Indianer. Nach einem alten Stich. Er drang kühn in die Hochpässe vor und stiess bei der Stadt Caxamalca auf ein grosses, wohl 50 000 Mann starkes Indianerheer, bei dem sich auch der Inka Atahuallpa befand. Da die mit Mauern umgebene Stadt selbst verlassen war, bezog Pizarro dort sein Quartier und fasste nun den verwegenen Plan, den Inka in einen Hinterhalt zu locken, um sich seiner Person zu bemächtigen. Er sandte seinen Bruder Hernando mit 35 Reitern in das feindliche Lager und liess Atahuallpa zu einer Unterredung nach Caxamalca einladen. Zum ersten Male sahen diese Indianer die Weissen, die sie für Söhne der Sonne hielten, und staunten sogar die Pferde als göttliche Wesen an. Atahuallpa wagte es deshalb nicht, die Einladung auszuschlagen, und versprach am nächsten Tage nach der Stadt zu kommen. Er kam auch nach Caxamalca, aber mit seinem ganzen Heer. Die erste Abteilung bestand aus 12 000 Soldaten, die kupferne Keulen mit spitzen Nägeln trugen. Die zweite Abteilung war mit Wurfspiessen und Lederlassos bewaffnet, die dritte Schar kam mit schweren Lanzen. In der Mitte des Heeres befand sich der Fürst, von einer Menge Weiber begleitet, die das Gepäck trugen. Er war in seiner höchsten Pracht gekleidet und sass, von Juwelen überladen, in einer mit Gold ausgelegten und mit Federn überdachten Sänfte, die von den Grossen seines Reiches getragen wurde. Auf dem Marktplatz trat ihm Pizarro entgegen. Er hatte Musketiere in einen Hinterhalt gelegt, die Kanonen so aufgestellt, dass sie die Stadttore bestrichen und seine Reiterei in Schwadronen geteilt. Er selbst war von einer Leibwache von 20 Schildträgern umgeben und sandte dem Inka einen Dominikanermönch namens Valverde, der ihm mit Kreuz und Bibel in der Hand eine Rede über das Christentum hielt. Der Inka stiess die Bibel verächtlich von sich, und der Mönch, entrüstet über eine solche Gotteslästerung, erhob das Kreuz und rief nach Rache. Dies war das Signal zum Angriff. Auf ein Zeichen Pizarros erdröhnten die Trommeln, schmetterten die Trompeten, und ein allgemeines Schiessen von Kanonen, Gewehren und Armbrüsten erhob sich gegen die Indianer. Die Reiterei stürzte vor und durchbrach die kaiserliche Leibgarde. Es erfolgte ein wildes Gemetzel, in welchem 2 000 Indianer fielen, aber nicht ein einziger Spanier. Pizarro stürzte sich auf die Sänfte, riss den Inka beim Kleide und nahm ihn gefangen. Als die Indianer dies sahen, ergriffen sie die Flucht. Der unglückliche Fürst begann nun mit den Spaniern um ein Lösegeld zu unterhandeln. Er erbot sich schliesslich, da er die Goldgier seiner Feinde kannte, das Zimmer, in dem er sich befand, so hoch mit Gold und Silber auszufüllen, wie er seine ausgestreckte Hand emporrecken konnte. Das Zimmer war aber mehr als sieben Meter lang und fünf Meter breit. Pizarro schickte nun drei seiner Soldaten mit den Boten des Inka aus, um die versprochenen Schätze herbeizuholen. Das meiste Gold war in den Tempeln aufgehäuft, und den Priestern wurde befohlen, alles nach Caxamalca zu schicken. Auf dem langen Wege bis zur Hauptstadt Cuzco wurden die spanischen Einnehmer mit göttlichen Ehren behandelt. Allmählich häufte sich dann das Gold in dem Zimmer höher und höher, aber Pizarro dachte keinen Augenblick daran, seinen Gefangenen frei zu geben. Inzwischen hatte sich der gefangene Bruder des Inka Huaskar an Pizarro gewandt, um durch ihn seine Freiheit zu erlangen, und war deshalb durch die Anhänger Atahuallpas ermordet worden. Pizarro benutzte diese Gelegenheit, nachdem das ganze Lösegeld herbeigeschafft war, Atahuallpa wegen Götzendienst und Brudermord den Prozess zu machen, und der Inka wurde auch zum Verbrennungstode verurteilt. In der Nacht wurde er auf den Marktplatz von Caxamalca geführt und auf dem Scheiterhaufen an einen Pfahl gebunden. Im letzten Augenblick gab man ihm den Rat, sich taufen zu lassen, um dadurch eine mildere Todesart zu erreichen. Er willigte auch in die Taufe ein, die sofort vollzogen wurde, worauf ihn der Henker erdrosselte. Der Tod Atahuallpas machte der Selbständigkeit des riesigen Landes ein Ende. Zwar reisten jetzt viele Spanier mit ihrem Anteil an der Goldbeute nach Hause, aber gerade ihre Erzählung von den ungeheuren Schätzen des Sonnenlandes zog immer neue Scharen von Abenteurern nach Peru. Pizarro setzte einen Knaben, ein Schattenbild der kaiserlichen Würde, auf den Thron und marschierte unter schwachem Widerstand nach der Hauptstadt Cuzco, wo er am 15. November 1532 einmarschierte. Die Einwohner waren geflüchtet und hatten vieles Wertvolle mitgenommen. Dennoch fanden die Spanier dort unermessliche Schätze. Sie staunten übrigens über die Grösse der Stadt, die 400 000 Einwohner hatte, und über die Pracht der Häuser und Tempel, der Strassen und Brücken. Das Wundervollste aber war der Sonnentempel, ein ungeheurer viereckiger Bau, der von einer Mauer umgeben war, die ganz mit Goldblech ausgeschlagen war. Auch die Türen und Wände des Tempels selbst waren mit Gold bekleidet und mit riesigen Edelsteinen geschmückt. Den Anteil, den jeder Soldat bekam, war riesig. Pizarro gründete dann im Tale des Rimacflusses die Stadt Lima und machte sie zu seiner Residenz und zur Hauptstadt des ganzen Landes. Er begann jetzt, die Verwaltung in spanischer Weise einzurichten, erbaute Kirchen und Klöster und bewies bei der Einrichtung der Justizverwaltung, der Steuereintreibung, der Anlegung von Bergwerken eine staatsmännische Begabung, die ihm keiner zugetraut hätte. Aber nun brach zwischen Pizarro und Almagro ein Streit wegen der Verteilung der Beute aus. Almagro war, nicht ohne Schuld Pizarros, bisher bei allen Ehren und Aemtern übergangen worden. Jetzt hatte ihm Karl V. erlaubt, sich im südlichen Peru ein eigenes Reich zu erobern, und er beanspruchte nach der Gründung Limas Cuzco als seine Hauptstadt. Aber Pizarro gab nichts heraus, was er in den Händen hatte, und so liess sich Almagro schliesslich überreden, mit 500 Mann eine Expedition nach dem unbekannten Süden zu unternehmen. Er überstieg die eisigen Höhen der Kordilleren und drang unter grossen Mühsalen bis fast bis zum 30. Grade südlicher Breite vor. Aber überall fand er nur elende Indianerdörfer und keine Spur von Gold noch von sonstigen Schätzen. Schliesslich kehrte er am Strand entlang wieder um und gelangte nach Peru bis an die von Pizarro gegründete Stadt Arequipa. Hier erfuhr er, dass inzwischen ein allgemeiner Aufstand der Indianer ausgebrochen war, die in Cuzco zwei Brüder Pizarros eingeschlossen hatten. Almagro marschierte sofort auf Cuzco zu und entsetzte die Stadt, nahm aber die Brüder Pizarro gefangen. Er blieb nun ruhig in Cuzco, das er als sein Eigentum betrachtete, und schloss mit Pizarro einen Vertrag, wobei er ihm die Brüder herausgab. Aber Pizarro war kein Mann, der sich durch Verträge und Versprechungen für gebunden hielt. Sobald er sich der Indianer sicher fühlte und neue Verstärkungen herangezogen hatte, marschierte er auf Cuzco los. Der kranke Almagro wurde geschlagen und auf der Flucht gefangengenommen. Pizarro liess dann den 64 Jahre alten Mann im Jahre 1538 wegen Landesverrats zum Tode verurteilen und heimlich im Kerker erdrosseln. Nun hatte sich der Eroberer seines einzigen Nebenbuhlers entledigt, aber er sollte nicht lange die Früchte dieses Sieges geniessen. Zwar dehnte er seine Herrschaft noch weiter aus und eroberte einen Teil von Chile. Ferner ging einer seiner Hauptleute, Francisco de Orellano, in Ecuador über die Anden nach Osten, um das Zimtland zu suchen. Er geriet an den Rio Napo, einen Nebenfluss des Amazonenstroms, fuhr ihn hinab und dann immer weiter, weil er nicht mehr zurückkonnte, bis er so auf dem Amazonenstrom bis an den Atlantischen Ozean geriet. Von da kehrte er nach Spanien zurück und wurde wegen der von ihm erlebten Gefahren und Abenteuer viel bewundert. Inzwischen hatte Pizarro seinen Bruder Hernando, den eigentlichen Mörder Almagros, 1539 mit reichen Schätzen nach Spanien geschickt, wo aber auch die Gegenpartei schon einen Vertreter hatte. Hernando wurde festgenommen und schmachtete bis 1560 im Gefängnis. In Peru bildete sich inzwischen unter den Anhängern des toten Almagros eine Verschwörung. Am 26. Juni 1541 drangen 18 Verschworene um die Mittagsstunde mit gezogenen Schwertern in den Palast Pizarros in Lima und schrien: »Tod dem Tyrannen!« Pizarro ergriff sofort Schwert und Schild und wehrte sich tapfer, wurde aber durch einen Stich in den Hals getötet. Sterbend malte er noch mit seinem Blut ein Kreuz auf die Erde. Nach seinem Tode entstanden neue Unruhen und Parteikämpfe. Gonzalo, ein Bruder Pizarros, warf sich zum Diktator auf, wurde aber später besiegt und hingerichtet. Aber es dauerte lange Zeit, bis sich das Land von den Verwüstungen erholte, die die gold- und beutedurstigen Spanier jener Zeit dort angerichtet hatten. Waren sie doch kaum viel besser als wüste Räuberbanden, die manchmal in geradezu sinnloser Weise die herrlichsten Bauten zerstörten und damit eine hohe Kultur vernichteten. Die erste Erdumseglung durch Magalhaes. Ferdinand Magalhaes. Kolumbus und seine unmittelbaren Nachfolger konnten immer noch an dem Glauben festhalten, dass die von ihnen gefundenen Länder zum Osten Asiens gehörten. Aber seitdem die Portugiesen Brasilien entdeckt und als ein grosses Festland erkannt hatten, vor allem aber seit der mutige spanische Abenteurer Vasco Nuñez de Balboa die Landenge von Panama überschritten und am 25. September 1513 zum ersten Male den Stillen Ozean, den er Mar del Sur nannte, erblickt hatte, seitdem musste auch der Gedanke auftauchen, dass das neugefundene, vermeintliche Indien ein Weltteil für sich sei, den man ebenso wie Afrika umsegeln könnte, um auf diese Weise nach dem wirklichen Indien zu gelangen. Der Gedanke einer Weltumsegelung, den auch Kolumbus in einer naiven Weise gehegt hatte, beschäftigte damals viele Köpfe, aber erst Magalhaes war es vorbehalten, ihn in die Wirklichkeit umzusetzen. Fernao da Magalhaes wurde um das Jahr 1480 als Sohn eines portugiesischen Edelmannes geboren und kam der Sitte gemäss früh an den Hof, wo er eine sorgfältige Erziehung erhielt. Einer seiner Lehrer war wahrscheinlich auch der hervorragende Astronom Martin Behaim, der in portugiesischen Diensten stand und das höchste wissenschaftliche Ansehen genoss. Schon frühzeitig regte sich in Magalhaes die Sehnsucht nach fremden Ländern und abenteuerlichen Entdeckungen, und im Jahre 1505 schloss er sich der grossen Expedition des ersten indischen Vizekönigs Francisco d'Almeida an, der mit 22 Schiffen Afrika umsegelte und überall im Indischen Ozean feste Stützpunkte für den portugiesischen Handel anlegte. In den nun folgenden heftigen und wechselreichen Kämpfen und Seegefechten zeichnete sich auch der junge Magalhaes aus und wurde mehrfach verwundet. Im Jahre 1510 übernahm der tapfere Alfonso d'Albuquerque auf ein königliches Dekret hin den Oberbefehl. Er eroberte nach wilden Kämpfen das noch heute portugiesische Goa und dann die für den Gewürzhandel wichtige Stadt Malakka, auf der gleichnamigen Halbinsel, die unter dem Namen des Goldenen Chersonesos einen so fabelhaften Ruf genoss. Magalhaes, der inzwischen den Rang eines Kapitäns erlangt hatte, kehrte 1512 nach Portugal zurück. Er hatte sich durch seine Offenherzigkeit den mächtigen Albuquerque zum Feinde gemacht, und dieser gab beim König ein sehr ungünstiges Urteil über ihn ab. Magalhaes fühlte sich bald bei Hofe zurückgesetzt, besonders, als er nach einer Expedition in Nordafrika in den Jahren 1513 und 1514, der er sich angeschlossen hatte, für seine Verdienste statt Anerkennung nur Anfeindungen fand. Fernao da Magalhães. Kupferstich von Ferd. Selma. Magalhaes, der die ganzen Jahre über unablässig geographische Studien getrieben hatte und darin grössere Kenntnisse besass als irgendein Zeitgenosse, beschäftigte sich immer eindringlicher mit dem Gedanken eines westlichen Weges nach Indien um die Südspitze Amerikas herum. Von einem gewaltigen Ehrgeiz verzehrt, im Bewusstsein seines inneren Wertes, beschloss er endlich, seiner erzwungenen Tatenlosigkeit ein Ende zu machen und in spanische Dienste zu treten. Am 20. Oktober 1517 langte er in Sevilla an, gerade einen Monat später, nachdem Karl V. den spanischen Boden betreten hatte. Durch seinen Briefwechsel mit spanischen Gelehrten ging dem Portugiesen ein guter Ruf voraus, und es wurde ihm leicht, bei dem jungen Monarchen Gehör zu finden. Bei den Verhandlungen gab es einen sehr wichtigen Punkt ab, dass Magalhaes behauptete, die Molukken und andere Inseln, durch die Portugal so kostbare Gewürze bezog, gehörten eigentlich zur spanischen Erdhälfte, wie es Papst Alexander VI. bestimmt hatte. Die Trennungslinie nämlich im Atlantischen Ozean, die man zwischen dem portugiesischen Osten und dem spanischen Westen gezogen hatte, war so weit westlich genommen worden, dass Brasilien noch zum Osten, also zu Portugal, gehörte und dementsprechend der Bereich der spanischen Welthälfte sich wahrscheinlich weit nach Ostindien hinein erstrecken musste. Magalhaes erbot sich nun, einen westlichen Weg nach den Molukken zu finden, und wusste alle Einwände, die man ihm entgegensetzte, zu zerstreuen. Karl V. empfing 1518 Magalhaes in feierlicher Audienz und bewilligte ihm sehr günstige Bedingungen für seine Entdeckungsfahrt, zu der er fünf Schiffe ausrüsten liess. Inzwischen begriffen die Portugiesen die Wichtigkeit des Unternehmens. Sie versuchten Magalhaes unter grossen Versprechungen zu bewegen, nach Portugal zurückzukehren, und als ihnen das nicht gelang, intrigierten sie mit allen Mitteln gegen ihn, ohne aber Erfolg zu haben. Magalhaes hatte auch bei der Ausrüstung der Schiffe viele Misshelligkeiten mit den spanischen Behörden und mit seinen Unterführern, so dass sich die Abfahrt des Geschwaders bis zum 10. August 1519 verzögerte. Er selbst hatte die Oberleitung und den Befehl über das Admiralschiff »Trinidad«. Unter ihm stand als Generalinspektor Juan de Cartagena, der zugleich das Schiff »San Antonio« befehligte. Louis de Mendoza war Schatzmeister und Kapitän der »Victoria«, Gaspar de Queseda Kapitän der »Concepción« und Juan Rodriguez Serrano, der ebenfalls ein Portugiese war, Kapitän der »Santiago«. Unter den übrigen Offizieren war vor allem zu nennen der Schiffsmeister Juan Sebastian del Cano, der später nach dem Tode Magalhaes die Expedition mit dem letzten übriggebliebenen Schiff zu Ende führen sollte. Ferner befand sich noch ein Italiener Antonio Pigafetta an Bord, dem wir das einzige uns erhaltene Tagebuch über diese denkwürdigste aller Reisen verdanken. Er hat auch 23 Tafeln über die besuchten Inseln aufgezeichnet, die von einer staunenswerten Genauigkeit sind. Am 10. August verliess die Flotte Sevilla und fuhr den Guadalquivir hinab, um am 20. September vom Hafen San Lucar aus in See zu stechen. Die Bemannung war 265 Mann stark. Schon an den Kanarischen Inseln zeigte sich die Anmassung einiger Offiziere gegen den landfremden und deshalb verhassten Oberführer, die dieser aber energisch zurückwies. Besonders war es Juan de Cartagena, der verlangte, dass der Oberführer sich mit den anderen Kapitänen über den einzuschlagenden Kurs beraten musste. Magalhaes liess ihn verhaften und sogar wie einen gewöhnlichen Matrosen ein paar Tage lang in einen Bock spannen. Das Geschwader fuhr in südlicher Richtung an der Westküste Afrikas vorbei. Die Fahrt ging wegen schlechten Wetters und widriger Winde nur langsam vorwärts, so dass schon Angst entstand, dass Proviant und die Wasservorräte könnten nicht ausreichen. Mitte November wurde der Aequator überschritten und der Kurs nach Südwesten gelenkt, so dass schon am 29. November die Küste von Brasilien in Sicht kam und man am 13. Dezember in einer geräumigen Bucht, an der jetzt Rio de Janeiro liegt, vor Anker gehen konnte. Die Spanier begannen einen einträglichen Tauschhandel mit den Eingeborenen, die für die Feinde durch einen merkwürdigen Zufall sehr eingenommen waren. Es herrschte nämlich seit zwei Monaten eine grosse Dürre im Lande, und da eben im Augenblick der Ankunft der Schiffe Regen fiel, so schrieben sie das den Spaniern zu. Während diese am Lande eine Messe hielten, wohnten sie dieser stillschweigend bei, und als sie die Schaluppen sahen, die von den Seiten der Schiffe ins Wasser gelassen wurden, glaubten sie, das seien die Kinder der grossen Schiffe und sie würden von diesen genährt. Magalhaes blieb hier 13 Tage und ging am 27. Dezember wieder unter Segel, reichlich versehen mit Geflügel, Früchten und anderen Lebensmitteln, um nach Südwesten, immer die Küste genau rekognoszierend, weiterzufahren. Am 10. Januar 1520 gelangte er in das Süsswasser des mächtigen Rio de Solis, der nachher Rio de la Plata genannt wurde, wo er anfangs hoffte, eine Durchfahrt nach den Molukken zu finden, da er das Wasser zunächst nicht für einen Fluss, sondern für eine Durchfahrt hielt. Pigafetta erzählt: »Hier wohnen die Kannibalen oder Menschenfresser. Einer von ihnen, in eine Ziegenhaut gekleidet, der an Gestalt einem Riesen und an Stimme einem Stiere glich, kam auf unser Schiff, um seinen Gefährten Mut einzuflössen. Diese aber flohen vom Ufer mit ihren Habseligkeiten ins Innere.« Magalhaes schenkte ihm ein leinenes Hemd und ein Vorhemdchen von rotem Tuch, die er beide anzog. Als man ihm einen silbernen Becher zeigte, sagte er, dass sich viel von solchem Metall im Lande befände. Am anderen Morgen stieg er ans Ufer und kam nicht wieder. Magalhaes fuhr nun weiter und suchte in jeder Bucht nach einer Einfahrt. Am 24. Januar entdeckte er so die Bai de San Matias, und am 27. Januar traf er zwei Felseninseln, die ganz voller Pinguine und Seelöwen war. Die Pinguine nennt Pigafetta Fettgänse. Man sammelte in einer Stunde einen reichen Vorrat von ihnen als Proviant für die Schiffe. Bald darauf brachen heftige Stürme aus, und da sich der südliche Winter nahte, der dort im April begann, so beschloss der Generalkapitän in der sehr schönen Bai von San Julian zu überwintern. Bei der Nachricht einer Ueberwinterung begannen die Matrosen zu murren, und am nächsten Tage brach eine offene Empörung der Magalhaes feindlich gesinnten Offiziere aus. Dieser aber bewies, trotzdem die Empörer in grosser Ueberzahl waren, eine eiserne Energie, und es gelang ihm, die Rädelsführer gefangenzunehmen und die Mannschaften zum Gehorsam zu bringen. Juan de Cartagena wurde mit einem mitschuldigen Priester am Strande ausgesetzt, Mendoza und Queseda hingerichtet. Mehr als 40 Matrosen wurden zum Tode verurteilt, dann aber begnadigt, da sich Magalhaes nicht durch zu grosse Strenge verhasst machen wollte. Am 3. Mai sandte der Generalkapitän, da der Winter seinem Ende entgegenging, das Schiff »Santiago« unter Führung von Juan Serrano nach Süden, um die Küste nach einer Durchfahrt abzusuchen. Am 22. Mai wurde aber das Schiff von einem wilden Sturm erfasst und 10 Meilen südlich von dem Rio Santa Cruz an die felsige Küste geworfen. Wie durch ein Wunder und unter grosser Mühe retteten sich die Mannschaften an das Ufer, wo sie als einzige Nahrung Muscheln vorfanden. Zwei Matrosen gelangten zu Lande zu der Flotte zurück, worauf Magalhaes den anderen Nahrungsmittel zusandte, und sie, da die See nicht befahrbar schien, nach grossen Strapazen ebenfalls zu Lande sich wieder nach San Julian zurückfanden. Zwei Monate vergingen, ohne dass die Spanier irgendeinen Einwohner des Landes sahen, so dass sie es schon für unbewohnt hielten. Eines Tages aber stand vor ihnen ein Indianer von riesenhafter Grösse. Er war fast nackt und sang und tanzte zugleich auf dem Sande des Ufers. Nach seinen Gesten schien er zu glauben, dass die Fremden vom Himmel herabgekommen seien, und da er gut behandelt wurde, holte er seine Gefährten herbei, unter denen sich auch ihre überaus plumpen Frauen befanden, die von ihnen wie eine Art Lasttiere behandelt wurden. Bei ihnen sahen die Spanier auch das Guanaco, eine Art Lama. Es hatte Kopf und Ohren eines Maultieres, den Leib eines Kamels, die Beine eines Hirsches und einen Pferdeschweif. Auch wieherte es wie ein Pferd. Es kamen nun öfters einige von den riesenhaften Wilden, und Magalhaes nahm zwei von ihnen mit List gefangen, um sie nach Europa zu bringen. Er nannte sie Patagonier (Grossfüssler). Am 24. August verliess das Geschwader den Hafen und lief dann, vom Sturm dazu gezwungen, in den von Serrano entdeckten Fluss Santa Cruz ein, wo es sich fast zwei Monate aufhielt und Holz und Wasser einnahm. Am 18. Oktober wurde trotz schlechten Wetters und widrigen Windes die Fahrt fortgesetzt und am 19. ein Kap erreicht, das Magalhaes das Kap der 11 000 Jungfrauen nannte, weil er es am Tage der heiligen Ursula entdeckt hatte. Niemand ahnte etwas davon, dass hier der Eingang zu der langgesuchten westlichen Durchfahrt war, und nach einer oberflächlichen Untersuchung war wohl die ganze Schiffsmannschaft überzeugt, dass es zwecklos sei, in der geräumigen Bucht noch weitere Forschungen anzustellen. Aber der zähe Magalhaes schickte zwei Schiffe aus, von denen das eine auch die äusserst schmale Durchfahrt fand und nach zwei Tagen mit der Nachricht zurückkam, dass es hier wahrscheinlich eine wirkliche Meerenge gäbe. Magalhaes war nun fest davon überzeugt, die Durchfahrt nach den Molukken gefunden zu haben. Er hielt eine Beratung mit seinen Offizieren ab, bei der festgestellt wurde, dass noch für drei Monate Nahrungsmittel vorhanden waren. Fast alle waren guten Mutes, und nur der Pilot Esteban Gomez von dem Schiff »San Antonio« war der Meinung, es sei klug, jetzt nach Spanien zurückzukehren und später mit einer neuen Flotte und frischer Mannschaft die Durchfahrt zu wagen. Magalhaes aber erwiderte, selbst wenn er wüsste, dass er das Leder vom Segelwerk der Schiffe essen müsste, so würde er doch durch die Strasse hindurchfahren, um dem Kaiser sein gegebenes Wort zu halten. Und er gab den Befehl, dass bei Todesstrafe niemand mehr von einer Rückfahrt reden dürfte. Am 1. November segelte das ganze Geschwader in die Meerenge hinein. Wegen der vielen Feuer, die man des Nachts an der südlichen Küste sah, gab man diesem Lande den Namen Feuerland. Beim Weitersegeln erblickte man einen nach Südosten verlaufenden Seitenkanal, und das Schiff »San Antonio« wurde ausgeschickt, ihn zu durchforschen. Aber der Steuermann Esteban Gomez benutzte diese Gelegenheit, um mit dem Schiffe zu desertieren und nach Spanien zurückzukehren, wobei er den eigentlichen Kapitän, einen Portugiesen, gefangennahm. Nach sechstägigem vergeblichen Warten setzte Magalhaes mit den drei ihm verbliebenen Schiffen und einer Besatzung von 177 Mann, seine Reise fort, indem er sich immer an der nördlichen Küste hielt, und nach einer Fahrt von 20 Tagen gelangte er, ohne unterwegs ein menschliches Wesen bemerkt zu haben, an den Ozean, den er dann später Mar pazifico, das Stille Meer, nannte. Mit Freuden sahen die Spanier, dass die Küste von jetzt ab nach Norden verlief, und segelten nun vom 28. November bis zum 18. Dezember, wo sie den 30. Breitegrad erreichten, in dieser Richtung. Dann aber liessen sie den Kontinent rechts liegen und steuerten kühn in das ungeheure Meer hinein, das wohl bis dahin noch nie von einem Schiffe durchfahren war. Eine unendliche Einsamkeit umgab sie, kein Land, keine Insel zeigte sich den verlangenden Blicken. Nur des Nachts sahen sie fünf sehr stark glänzende, hell leuchtende Sterne, die genau in der Form eines Kreuzes standen, und zogen aus diesem Sternbild des Kreuzes einen grossen Trost. Drei Monate und zwanzig Tage segelte die kleine Flotte durch den gewaltigen Ozean, und ein böses Missgeschick wollte es, dass die Spanier bei ihrer Fahrt keiner der so zahlreichen, fruchtbaren Inselgruppen begegneten und nur ein paar kleine, unbewohnte Inselchen sahen. Dazu kam noch, dass sie während der ganzen Zeit ja keine frische Nahrung hatten. Der Zwieback, den sie assen, war kein Brot mehr, sondern Staub mit Würmern vermischt und stank unerträglich nach dem Unrat der Mäuse. Auch das Wasser war ganz faulig geworden. Um nicht Hungers zu sterben, weichte man Lederstücke auf und briet sie. Oft waren auch die Leute genötigt, Sägespäne zu essen, und selbst die Mäuse, die sonst dem Menschen so widrig sind, wurden eine kostbare Speise und mit einem halben Dukaten das Stück bezahlt. Das grösste Uebel aber war der Skorbut, durch den das Zahnfleisch in den oberen und unteren Kinnladen so schwoll, dass es die Zähne bedeckte und der Kranke keine Nahrung mehr zu sich nehmen konnte. Neunzehn Mann starben daran, auch der patagonische Riese und ein Brasilianer. Ausserdem lagen wohl 30 Mann schwer krank danieder. Am 26. Februar wurde der Aequator überschritten, und endlich am 6. März erblickten die Spanier eine Gruppe von bewohnten, fruchtbaren Inseln mit Kokospalmen, Bananenbäumen und Zuckerrohrfeldern. Magalhaes wollte an der grössten Lebensmittel und Erfrischungen einhandeln, aber die Einwohner waren so diebisch, dass sie alles entwendeten, was ihnen in die Finger fiel; ja sie verstanden es sogar, ein am Heck eines Schiffes befestigtes Boot zu entwenden. Magalhaes, der die Inseln deshalb die Diebes- oder Ladroneninseln nannte (jetzt heissen sie meist Marianen), war gezwungen, mit Gewalt gegen sie vorzugehen und 40 bis 50 ihrer Häuser zu verbrennen, ehe er sein Boot zurückerhielt. Er fuhr jetzt weiter nach dem Westen hin und sah nach sechstägiger Fahrt, am 16. März, ein gebirgiges, fruchtbares Land aus dem Meere auftauchen, die zu den Philippinen gehörige Insel Samar, landete aber an einer kleinen davorliegenden unbewohnten Insel, um Wasser einzunehmen und seinen Kranken Erholung zu gönnen. Schon nach zwei Tagen kam eine Barke mit Eingeborenen, die Palmwein, Bananen und Kokosnüsse mitbrachten und mit allerlei Kleinigkeiten beschenkt wurden. Sie schienen sehr wohlhabend zu sein, trugen goldene Armspangen und goldbeschlagene Speere. Magalhaes segelte nun weiter durch die Inselgruppe, die er nach dem Sohne Karls V. Philippinen benannte, und fuhr am 7. April in den Hafen der Insel Cebu ein, wo er sich mit dem Könige in ein gutes Einvernehmen setzte, so dass dieser sich mit 400 seiner Untertanen taufen liess und ein Freundschaftsbündnis mit den Spaniern schloss. Magalhaes schenkte ihm als Zeichen seiner Würde einen Sessel von rotem Samt und erhielt kostbare goldene Gegengeschenke. Ueberhaupt bildete sich bald ein lebhafter Tauschhandel, wobei die Spanier viel Gold ansammeln konnten. Dicht vor Cebu lag eine kleine Insel Mactan, deren Häuptling Zula Magalhaes um Hilfe gegen einen anderen Häuptling bat. Der General fuhr um Mitternacht mit drei Schaluppen und sechzig Mann in Panzern und Helmen ab, gefolgt von dem christlichen König, der tausend Bewaffnete bei sich hatte. Wegen der Klippen und Untiefen konnten sich die Schaluppen nicht ganz dem Ufer nähern, 49 Spanier sprangen deshalb ins Wasser und wateten ans Land, während elf zur Bedeckung der Fahrzeuge zurückblieben. Die Insulaner waren etwa 1 500 Mann stark und griffen die Spanier von drei Seiten gleichzeitig auf das wütendste an. Sie bedrängten sie in ihrer ungünstigen Lage auch dermassen, dass schliesslich Magalhaes seinen Leuten den Befehl gab, sich langsam und in guter Ordnung zurückzuziehen. Leider ergriff aber jetzt in der Uebereilung der grösste Teil die Flucht, und nur sieben bis acht Mann blieben um den General, worauf die Insulaner jetzt das kleine Häuflein von allen Seiten umdrängten und mit ihren Pfeilen besonders auf den General schossen. Eine Stunde lang dauerte dieser ungleiche Kampf. Schliesslich versetzte einer der Insulaner dem schon verwundeten Magalhaes einen so heftigen Säbelhieb in das linke Bein, dass er aufs Gesicht fiel. In demselben Augenblick warfen sich alle über ihn und schlugen und stachen auf ihn ein. So starb am 27. April 1521 dieser grosse und tapfere Mann, in einem Augenblicke, als er die Hauptschwierigkeiten seines Unternehmens überwunden hatte und dicht vor seinem Triumphe stand, die gesuchten Molukkeninseln zu erreichen. Der getaufte König hätte ihn vielleicht retten können, aber Magalhaes hatte ihm ausdrücklich verboten, in den Kampf, dessen Schwierigkeit er nicht ahnte, einzugreifen. Jetzt aber deckte er wenigstens den Rückzug nach den Schiffen. Nachdem die Spanier vergebens versucht hatten, den Körper des Magalhaes und der übrigen Toten herauszubekommen, holten sie ihre Waren von der Insel Cebu auf die Schiffe und wählten zwei Befehlshaber, Duarte Barbosa und Juan Serrano. Nun aber sollte ein neues Unheil über die Spanier kommen. Der christlich gewordene König liess sich von dem abgefallenen Dolmetscher Magalhaes' und den übrigen Häuptlingen zu einem Anschlag auf die Schiffe verleiten und lud die neuen Befehlshaber mit ihren Leuten ein, zu einem Gastmahl zu kommen, bei dem er ihnen ein kostbares Geschenk für den König von Spanien übergeben wollte. 24 Spanier folgten der Einladung und kamen alle ums Leben, ohne dass die Uebriggebliebenen auf den Schiffen ihnen helfen konnten. Die Spanier hielten es für geraten, schleunigst davon zu segeln. Sie waren jetzt sehr niedergeschlagen, und da auch ihre Zahl auf 108 zusammengeschmolzen war, unter denen es viele Kranke und Verwundete gab, so liessen sie das schlechteste Schiff, die »Concepción«, in Flammen aufgehen, nachdem sie alles, was irgend brauchbar war, auf die beiden anderen Schiffe verteilt hatten. Zum Befehlshaber und Kapitän der »Trinidad« wählten sie den Obersteuermann Juan Carvalho und zum Kapitän der »Vittoria« Gonzale Gomez d'Espinosa. Die beiden Schiffe schlugen eine südliche Richtung ein, fuhren an der Insel Negros vorbei, bis sie nach allerlei Abenteuern nach der langgestreckten Insel Palawan gerieten, wo sie sich reichlich mit Nahrungsmitteln versehen konnten. Es war hierfür aber auch hohe Zeit, denn die Mannschaften waren so ausgehungert, dass sie mehrmals nahe daran waren, ihre Schiffe zu verlassen und auf irgendeine Insel zu gehen, um dort ihre Tage zu verbringen. Mit dem Könige schlossen sie eine Art Freundschaftsbündnis und gelangten dann Anfang Juli mit Hilfe eines auf Palawan befindlichen maurischen Piloten nach Borneo, wo sie sich in der Nähe der Stadt Borneo (jetzt Brunei) vor Anker legten. Die Spanier gingen mit Geschenken für den König ans Land und wurden auf Elefanten in dessen Palast geleitet. Sie erhielten auch Gegengeschenke und die Erlaubnis, in der Stadt Handel zu treiben. Dann aber kam es zu Zwistigkeiten. Die Spanier nahmen mehrere kleine Schiffe, sogenannte Dschunken, mussten aber zwei Mann in der Gewalt der Feinde zurücklassen. Auf Borneo erhielten sie auch genaue Auskunft über die Molukken und den direkten Reiseweg dorthin. Zunächst aber fuhren sie noch einmal ein Stück auf ihrem alten Weg zurück und suchten einen stillen Platz, wo sie ihre Schiffe ausbessern konnten, die in einen üblen Zustand geraten waren. Unterwegs eroberten sie eine Piroge, die mit mehr als 30 000 Kokosnüssen beladen war. Am 15. August fanden sie eine kleine Insel mit einem passenden Hafen, brauchten aber 42 Tage zum Ausbessern der Schiffe. Auf der Insel fanden sie grosse wilde Schweine, Krokodile und riesige Schildkröten. Am meisten erstaunten sie über umherwandelnde lebendige Blätter, heuschreckenartige Insekten, die mit ihren seltsam geformten Flügeln in täuschender Weise Blättern ähnelten. Bevor sie weiterreisten, setzten sie Juan Carvalho ab, wählten Espinosa zum Oberbefehlshaber und zum Kapitän der »Vittoria« Juan Sebastian del Cano. Auf hoher See nahmen sie wieder eine Dschunke, deren grosse Vorräte sie plünderten. Ausserdem liessen sie sich für die Gefangenen von der Insel Palawan viele Lebensmittel liefern. Sie fuhren durch die Jolo- oder Suluinseln und von da weiter nach Südosten, bis sie anfangs November die Sangiinseln erreichten und am 6. November 1521 das Ziel ihrer Reise, die Molukken, erblickten. Ihre Freude war unendlich, und am 8. November liefen sie in den Hafen der Insel Tidore ein. Auch hier schlossen sie mit dem mohammedanischen König Freundschaft und erfuhren, dass der Portugiese Serrao, ein Freund Magalhaes', mit dem dieser in Briefwechsel gestanden hatte, acht Monate vor ihrer Ankunft gestorben war. Sie begannen nun einen sehr vorteilhaften Handel, vor allem mit Gewürznelken, mit denen sie ihre Schiffe förmlich beluden, und waren im ganzen als Feinde der Portugiesen sehr beliebt und angesehen. Trotzdem hatten es die Spanier eilig, wieder in die Heimat zu kommen, und am 18. Dezember wollte man abreisen, als im letzten Augenblick bemerkt wurde, dass die schwerbeladene »Trinidad« ein starkes Leck hatte, dessen Ort die eingeborenen Taucher auf keine Weise ermitteln konnten. Schliesslich beschloss man, dass die »Vittoria« allein weiterfahren sollte, während die »Trinidad« den Schaden ausbessern und dann nach Osten fahren sollte, um über den Stillen Ozean hinweg, die Landenge von Darien, das heutige Panama, zu erreichen. Das Schiff erreichte aber sein Ziel nicht, sondern kehrte nach kurzer Fahrt nach Tidora zurück, wo es später von den Portugiesen genommen wurde. Aelteste Karte zur Fahrt Magalhaes Am 21. Dezember 1521 verliess das Schiff »Vittoria« die Molukken unter dem Oberbefehl von Juan Sebastian del Cano mit einer Besatzung von 47 Seeleuten und 13 Indiern und mit einer kostbaren Ladung von ungefähr 35 000 kg Gewürznelken, Zimt, Muskatnüssen und dergleichen. Es fuhr an vielen kleinen Inseln vorbei und ankerte am 24. Dezember an der Ostküste der grossen Insel Borneo, wo es Ueberfluss an Lebensmitteln gab. Am 25. Januar 1522 landeten die Spanier auf der Insel Timor, wo sie allerlei Nachrichten und Märchen über die Sundainseln und China erfuhren. Aber aus Furcht vor den Portugiesen liessen sie die Inseln Java und Sumatra rechts liegen und nahmen einen südwestlichen Kurs, direkt nach der Südspitze Afrikas hin. Am 11. Februar hatten sie Timor verlassen, am 9. März erhob sich ein furchtbarer Sturm, der sie zwang, eine Woche lang alle Segel einzuziehen. Am 18. März sahen sie die Insel Neu-Amsterdam, konnten aber wegen des Unwetters nicht landen und fuhren weiter, bis sie am 8. Mai Afrika zu Gesicht bekamen, wo sie 512 Seemeilen vom Kap der Guten Hoffnung auf zwei Tage vor Anker gingen. Vergebens suchten sie die Küste ab nach Nahrungsmitteln. Wochenlang musste dann das Schiff gegen die Stürme ankämpfen, ehe es ihm gelang, am 19. Mai um das furchtbare Kap herumzukommen. Nun ging es zwei Monate lang immerzu nordwärts und während dieser Zeit wurde der Nahrungsmangel so gross, dass 22 Mann von der Besatzung an Entkräftung starben. Endlich erreichte man die Kap-Verde-Inseln und ging am 9. Juli in Santiago vor Anker. Um bei den feindlichen Portugiesen, denen die Inseln gehörten, keinen Verdacht zu erregen, gaben die Leute, die mit der Schaluppe ans Land geschickt wurden, an, sie seien von Amerika her verschlagen worden. Die Portugiesen glaubten das auch, und sie erhielten gegen Waren zweimal die Schaluppe voll Reis. Bei dieser Gelegenheit erfuhren die Spanier auch, dass es an dem Tage, ein Donnerstag sei, während es nach ihrer Berechnung erst Mittwoch sein konnte. Erst später machte man sich klar, dass in ihrer Rechnung kein Fehler war, dass sie aber mit der Sonne einmal um die ganze Ende gefahren waren und daher einen Sonnenauf- und -untergang weniger erlebt hatten. Als die Spanier das Boot zum dritten Male ans Land schickten, kam es nicht zurück; sie argwöhnten sofort Verrat und gingen schleunigst unter Segel. Später erfuhren sie, dass ein Matrose wirklich das Geheimnis verraten hatte. Am 6. September endlich langte das Schiff glücklich in dem spanischen Hafen San Lucar an, aber von den 60 Mann, mit denen es die Molukken verlassen hatte, waren nur noch 18 übriggeblieben, und auch diese waren zum grössten Teil krank. Der Eindruck, den die glückliche Vollendung der Expedition machte, war ein ungeheurer. Alle Welt staunte über ihre Erlebnisse, und der Kaiser Karl beschenkte alle Teilnehmer. Besonders wurde del Cano geehrt, der eine lebenslängliche Pension erhielt und den stolzen Wappenspruch: »Primus circumdedisti me«, »als Erster hast du mich umsegelt«. Der Erlös der mitgebrachten Gewürzfracht war so bedeutend, dass alle Unkosten der ganzen Expedition dadurch gedeckt wurden und die spanische Krone noch einen erheblichen Gewinn hatte. Francis Drake. Fracis Drake. Die beiden Völker, die nach einer Entscheidung des päpstlichen Stuhles sich in die Herrschaft über die nichteuropäische Welt teilen durften, haben nicht viel Segen aus ihrer Monopolstellung geerntet. Zuerst brach Portugal zusammen, das innerhalb eines Jahrhunderts seine Volkskraft in heldenhaften Kämpfen in Asien erschöpfte und sein grosses Kolonialreich als herrenlose Beute den Holländern und Engländern überliess. Aber auch Spanien, dem in Mexiko und Peru fast unerschöpfliche Minen zugefallen waren, verlor allmählich jede Tatkraft, und als seine stolze »Armada« auf der Fahrt gegen England ein Opfer der Stürme geworden war, war es mit seiner Seeherrschaft für immer vorbei, seine überseeischen Häfen waren schutzlos jedem Angriff preisgegeben. Der Kampf der Engländer gegen die spanischen Kolonien war im Anfang wenig mehr als Seeräuberei. Angesehene Londoner Kaufleute rüsteten auf eigene Kosten Kaperflotten aus, die den Spaniern möglichst grossen Schaden antun sollten. Die Gewinne, die dabei gemacht wurden, waren in einzelnen Fällen ungeheuer gross und die kühnen Kapitäne, denen solche Handstreiche gelangen, wurden wie Nationalhelden gefeiert. Später bildeten sich dann in den amerikanischen Gewässern ganze Seeräuberverbindungen, die Flibustier und Bukanier, die, heimlich von den Engländern und Franzosen unterstützt, hauptsächlich gegen die Spanier kämpften und ihre Gold- und Silberschiffe abfingen. Schliesslich wagten sich Frachtschiffe nur noch unter dem Schutz von Kriegsschiffen über den Ozean. Auch zu Lande gingen die Flibustier vor. Sie belagerten und eroberten grosse Hafenstädte und plünderten sie aus, wobei sie vor den grössten Grausamkeiten, wie dem Foltern der Einwohner, nicht zurückschreckten, um vergrabene oder versteckte Schätze zu erlangen. Der Flibustier John Morgan marschierte sogar über den Isthmus von Panama. Alle Bewohner, auch die Frauen und Kinder, wurden dabei unter unmenschlichen Grausamkeiten hingeschlachtet, Morgan aber erhielt für diese Heldentat von König Karl II. von England den Adelstitel. Unter den ersten englischen Seehelden und Abenteurern ist wohl niemand in seinem Vaterlande so populär geworden und bis auf den heutigen Tag geblieben als Sir Francis Drake, der erste englische Weltumsegler, dem man lange Zeit auch die Einführung der Kartoffeln in Europa zuschrieb. Er wurde wahrscheinlich im Jahre 1540 in Crowndale bei Tavistock (auch der Geburtsort ist nicht ganz sicher), als Sohn eines Matrosen geboren. Früh kam er zur See und war schon mit 18 Jahren Zahlmeister auf einem Schiffe, das nach Spanien Handel trieb. In seinem zwanzigsten Lebensjahre beteiligte er sich an einer Expedition unter der Leitung von Sir John Hawkins nach Guinea und erhielt schon zwei Jahre später das Kommando über ein Schiff, die »Judith«. Im Mexikanischen Meerbusen tat er sich dann sehr gegen die Spanier hervor und kehrte ruhmbedeckt nach England zurück. Kaum in London angelangt, fasste er den Plan zu einem Seezuge gegen die Spanier in Westindien. Es fanden sich auch viele Freiwillige, und er machte in den Jahren 1570 und 1571 zwei Ausfahrten, die aber keine grossen Ergebnisse zeitigten. Erst eine dritte Fahrt im folgenden Jahre brachte ihm reiche Goldschätze, die er sehr freigebig mit seinen Untergebenen teilte. Sein Beutezug erregte aber in England grosses Aufsehen, so dass sich die Königin Elisabeth, der er vorgestellt wurde, für ihn interessierte und ihm ihre Unterstützung lieh. Immerhin dauerte es bis zum Jahre 1577, ehe er zu der grossen Fahrt ausreisen konnte, die ihn wider seinen Willen um die ganze Erde herumführen und seinen Namen für alle Zeiten berühmt machen sollte. Fünf Schiffe hatte er zusammengebracht, die mit 164 auserlesenen Seeleuten bemannt waren. Drakes Plan war sofort, durch die Magalhaes-Strasse nach der Westküste von Amerika zu fahren und dort den Spaniern möglichst grossen Abbruch zu tun, doch erfuhren die Matrosen nicht eher etwas von dieser Absicht, bis das Geschwader bereits Brasilien erreicht hatte. Am 15. November 1577 fuhr Drake von Plymouth ab, musste aber wegen stürmischer Witterung noch einmal umkehren und bis zum 13. Dezember in Falmouth bleiben. Schon am 27. Dezember ging das Geschwader vor Mogador an der marokkanischen Küste vor Anker, wo die schon vorbereiteten kleinen Pinassen oder Jagdschiffe ausgerüstet wurden. Am 17. Januar gelangte Drake an das Capo Blanco, nachdem er unterwegs einige spanische Schiffe gekapert hatte. Als er am 31. Januar an St. Jago auf den Kap-Verde-Inseln vorbeikam, wurde er von den Portugiesen beschossen und nahm ihnen dafür ein mit Wein beladenes Schiff ab. Die Mannschaft setzte er an den Strand und behielt nur den Steuermann Nuno de Sylva, der ihm wegen seiner Kenntnisse der amerikanischen Küsten sehr nützlich wurde. Um diese Zeit entstand ein Streit zwischen einem Offizier namens Doughty und dem Bruder des Admirals, dem Hauptmann Thomas Drake; ein Vorfall, der später zur Hinrichtung des Doughty führen sollte. Am 5. April erkannte man die Küste von Brasilien und fuhr ohne grosse Erlebnisse nach Süden bis an die St.-Julians- Bai in Patagonien, wo auch Magalhaes gelandet war. Hier wurde ein längerer Aufenthalt genommen, und hier war es, wo Drake an dem ihm immer mehr verhasst gewordenen Doughty Rache nahm. Er stellte den völlig unschuldigen Mann vor ein Scheintribunal, bestätigte das Todesurteil und liess ihn enthaupten. Diese Handlung lässt sich in keiner Weise entschuldigen, sie war nicht besser als ein Mord und hat Drakes Namen für immer mit Schande bedeckt. Die Flotte war inzwischen auf drei Schiffe herabgesunken, weil eins abgetakelt werden musste und das andere sich im Sturm verloren hatte und nach England zurückgekehrt war. Drake verliess den Hafen und segelte am 20. August in die Magalhaes-Strasse hinein, die er in der auffallend kurzen Zeit von sechzehn Tagen durchfuhr. Sein Plan war, nunmehr direkt nach Norden zu fahren, doch wurde er im Stillen Ozean plötzlich von einem solchen Sturm erfasst, dass das ganze Geschwader zersprengt wurde. Einen ganzen Monat lang wütete der Sturm, und Drakes Schiff wurde weit nach Süden verschlagen, ohne dass er aber irgendwie eine Spur von dem grossen Südkontinent fand, an den man damals allgemein glaubte. Nach langem Umherirren konnte er wieder seine Fahrt nach Norden richten und segelte bis zum 30. Grad südlicher Breite, wo er die Küste seinen Schiffen als Sammelpunkt bestimmt hatte. Aber er fand die verlorenen Schiffe nicht wieder und beschloss nun, allein gegen die spanischen Häfen vorzugehen. Der erste Streich gelang ihm im Hafen von Valparaiso in der Nähe von Santiago. Die Spanier hielten die Fremden anfänglich für ihre Freunde und versorgten sie freigebig mit Wein und Lebensmitteln. Als sie dann aber ihren Irrtum gewahrten, ergriffen sie, ohne sich zu verteidigen, die Flucht, und Drake fand so viel Beute, dass er drei Tage brauchte, um alles wegzuschleppen. Er nahm hier auch ein weinbeladenes Schiff, das ausserdem für 60 000 Pesos Gold an Bord hatte. In einer Bucht erbaute Drake nunmehr eine Pinasse, um damit Reeden und Häfen zu überfallen, und fuhr dann weiter. In einem Hafen namens Sarcipaxa stiessen sie auf einen Spanier, der neben einem Schatz von Silberbarren im Werte von viertausend Dukaten eingeschlafen war. Ohne diesen Hüter auch nur zu wecken, brachten sie den Schatz in Sicherheit. Ferner gelang es ihnen an dieser Küste, acht Pakos oder peruanische Lamas, die hier als Lasttiere benutzt wurden und von denen jedes einen Zentner Silber in ledernen Säcken trug, zu erwischen und ihnen das Metall abzunehmen. Am 7. Februar 1579 kamen sie nach Arica im Süden von Peru, wo sie drei kleine Schiffe mit 57 Klumpen Silber ohne Mühe wegnahmen, da die Mannschaften gerade ans Land gegangen waren. Die Stadt selbst wagte Drake aber doch nicht anzugreifen. Von da ging es weiter nordwärts nach Lima, wo eine Menge spanischer Schiffe mit reicher Ladung im Hafen lag. Die Besatzungen waren den Engländern weit überlegen, wagten aber bei dem plötzlichen Ueberfall keinen Widerstand und sahen verzweifelt zu, wie ihnen ihr Eigentum genommen wurde. Aber sein Glück diente ihm nur dazu, nunmehr noch grössere Unternehmungen zu wagen. Weil er Nachricht bekam, dass das reich befrachtete Schiff »Cacafuego« vor drei Tagen von Lima nach Payta am Nordende von Peru abgefahren war, beschloss er, ihm nachzufahren. Von Payta war es aber schon in der Richtung nach Panama weitergefahren, und Drake holte es erst am 1. März auf hoher See ein. Das Schiff, das keinen Ueberfall vermutete, strich auch fast ohne Widerstand die Segel. Es enthielt eine solche Menge Schätze, dass die Mannschaft bis zum 6. März vollauf zu tun hatte, alles auf Drakes Schiff zu tragen. Die Engländer erbeuteten hier eine unermessliche Menge von Juwelen, dreizehn Kisten voll neugeprägten Goldes, achtzig Pfund Rohgold, eine Menge Silbergeschirr von getriebener Arbeit und sechs Tonnen unverarbeiteten Silbers. Inzwischen hatte der Statthalter von Lima drei Schiffe mit Kanonen und 200 Mann ausgerüstet, die Drake verfolgen sollten. Sie kamen aber zu spät und kehrten, ohne ihn gefunden zu haben, nach Süden um, worauf sie nach der Magalhaes- Strasse segelten, um ihm dort den Rückweg zu verlegen. Aber das Glück begünstigte Drake auch weiterhin, er nahm noch verschiedene Schiffe, überfiel Hafenplätze und hatte schliesslich sein Schiff so voll mit Schätzen und Reichtümern, dass nichts mehr hineinging. Die Mannschaften wollten jetzt zurückkehren, aber Drake wusste, dass ihm der Weg um Südamerika herum verlegt war, und beschloss nun, um Nordamerika herumzufahren, da er hier auch eine Durchfahrt, ähnlich wie es die Magalhaes-Strasse war, vermutete. Auf einer kleinen Insel an der Küste von Mittelamerika besserte er sein Schiff aus, nahm Wasser und Holz ein und schickte sich dann an, die nordwestliche Durchfahrt zu suchen. Er gelangte auch bis zum 43. Grad nördlicher Breite, kehrte dann aber, von der zunehmenden Kälte gezwungen, wieder um und entschloss sich nun, kühn nach den Molukken zu steuern und um die Südspitze von Afrika herum seinen Heimweg zu suchen. Vorher ging er noch einmal, am 13. Juni, an Land, und zwar in der Gegend nördlich vom heutigen San Francisco. Er nahm das Land feierlich für seine Königin Elisabeth in Besitz, und die Eingeborenen, die die Engländer wohl für Gottheiten hielten, erwiesen ihnen die tiefste Verehrung. Drake, der bis zum 23. Juli dort blieb und sein Schiff instand setzte, nannte das Land Neu-Albion. Die Engländer steuerten jetzt westwärts und bekamen nicht eher wieder Land zu sehen, bis sie am 30. September, also nach einer Fahrt von 68 Tagen, die Ladronen erreichten. Die Einwohner, die anfangs sehr freundlich waren, wurden allmählich ziemlich anmassend, so dass Drake, um ihnen Respekt einzuflössen, seine Artillerie abfeuern liess. Am 3. November kamen die Molukken in Sicht, und die Engländer gingen bei Ternate vor Anker. Der König der Insel, dem Drake einen Samtmantel geschenkt hatte, besuchte ihn mit grossem Prunk auf dem Schiffe und wurde mit einer Artilleriesalve und Musik empfangen. Er war reich mit Gold und Edelsteinen geschmückt und hatte eine Leibwache, von der einige Soldaten schon Gewehre trugen. Auch ein Chinese kam an Bord, der wegen eines Verbrechens verbannt war und erst wieder in seine Heimat zurückkehren durfte, wenn er einen Bericht mitbrachte, der seinem Lande zum Ruhme und zum Nutzen gereichte. Einer der Engländer erzählte ihm nun die merkwürdigsten Erlebnisse der Reise, und der Chinese bedankte sich sehr, denn er war sicher, jetzt in China mit Ehren wieder aufgenommen zu werden. Drake handelte vier bis fünf Tonnen Gewürznelken ein und segelte am 9. November nach Süden weiter, bis er an eine anmutige, waldreiche Insel kam, wo er in aller Ruhe sein Schiff ausbesserte, das wirklich in keinem guten Zustand war. Die Engländer fanden hier grosse leuchtende Insekten, ähnlich wie unsere Johanniswürmchen, in grossen Mengen und konnten sich an den reichlichen Baumfrüchten und an Schildkrötenfleisch erquicken. Sie segelten dann durch allerlei kleine Inseln hindurch und liefen auch einmal auf eine Klippe auf, ohne dass aber das Schiff leck geworden wäre. Mit einiger Mühe konnten sie sich losmachen und den geringen Schaden ausbessern. Drake legte auch auf Java an, wo er sich mit Vorräten versah. Inzwischen begannen aber seine Mannschaften immer unzufriedener zu werden und verlangten dringend, nunmehr auf dem kürzesten Wege nach Hause zu fahren. Drakes Abenteuerlust war eigentlich noch gar nicht gestillt, aber er sah sich gezwungen, dem Verlangen seiner Leute nachzugeben. Er fuhr also direkt nach Südwesten, umsegelte, ohne die gefürchteten Stürme zu erleiden, am 15. Juni das Kap der Guten Hoffnung und gelangte dann glücklich nach Sierra Leone, wo er zwei Tage blieb. Am 11. September kam er nach der Insel Ferro, und am 26. September 1580 landete er glücklich und wohlbehalten im Hafen von Plymouth. Fast drei Jahre war Drake unterwegs gewesen und brachte nun geradezu unermessliche Schätze mit. Mit Windeseile verbreitete sich die Nachricht von seiner Heimkehr und seinen Erfolgen, und sein Ruhm stieg von Tag zu Tag. Zwar gab es Feinde, die ihn für einen Seeräuber erklärten, da ja England damals gar nicht im Krieg mit Spanien stand, und der spanische Abgesandte nannte ihn sogar den grössten Räuberhauptmann in der bekannten und unbekannten Welt. Aber die Freunde Drakes verteidigten ihn, und die Königin, die anfänglich aus diplomatischen Gründen sich zurückgehalten hatte, besuchte ihn am 4. April 1581 auf seinem Schiff, liess sich von ihm bewirten und versetzte ihn in den Adelstand. Ueberhaupt nahm die ganze öffentliche Meinung jetzt für ihn Partei, sein Schiff wurde jahrelang als eine nationale Merkwürdigkeit angestaunt, und als es zerfiel, machte man aus dem Material einen Armsessel, der noch heute an der Universität Oxford zu sehen ist. Drake erwies sich auch später als ein hervorragender Seeheld. Im Jahre 1585 unternahm er als Leiter einer Flotte einen Seezug nach Westindien, auf dem Santiago, Santo Domingo, Cartagena in Columbien und andere Städte genommen wurden. Zwei Jahre später wurde er mit einer Flotte nach Lissabon beordert. Da er aber unterwegs erfuhr, die Spanier wollten in Cadiz eine Flotte gegen England ausrüsten, fuhr er ohne weiteres in diesen Hafen und verbrannte eine Anzahl Schiffe, die zusammen zehntausend Tonnen gross waren, mit allen ihren Kriegs- und Munitionsvorräten. Es war das für die Spanier ein schwerer Schlag. Im Jahre 1588 wurde Sir Francis Drake Vizeadmiral der englischen Flotte und tat sich rühmlich gegen die spanische Armada hervor. Auch später war er unermüdlich tätig, neue Unternehmungen gegen die Spanier anzuzetteln, so dass diesen schon sein blosser Name furchtbar wurde. Am 28. Januar 1596 starb er auf einer Kriegsfahrt, die der Panama-Halbinsel galt, auf seinem Schiffe nach kurzer Krankheit und wurde auch im Meere begraben. Als Seefahrer hatte er zu seinen Lebzeiten nicht seinesgleichen, wenn er auch als eigentlicher Entdecker ohne hervorragende Bedeutung geblieben ist. Die englische Nation sieht noch heute in ihm einen ihrer grössten Helden trotz seines Seeräubertums, und seine Abenteuer sind in vielen populären Darstellungen verbreitet. James Cook. Mit dem Gelingen der ersten Weltumsegelung, die an den Namen des Ferdinand Magalhaes geknüpft ist, begann eine neue Zeit. Für die Menschen des Altertums und des Mittelalters umspannte der Bereich, den sie die Welt nannten, nur einen sehr kleinen Abschnitt der Erde. Jenseits der Grenzen dieses Landteiles lag alles in einem undurchdringlichen Dunkel. Nun aber lichtete sich das Weltbild, die Gedanken umflogen die ganze Erde, das Unbekannte verlor seine Schrecken, und es bildete sich, wenigstens in der Idee, so etwas wie eine Kulturgemeinschaft der ganzen Menschheit. Die Zahl der Entdeckungsreisen nahm immer mehr zu, und fast alle Nationen Europas beteiligten sich daran. Hatte das eigentliche Zeitalter der Entdeckungen die grossen Linien vorgezeichnet, so erforschte man jetzt die Einzelheiten. War der Durst nach Gold und sonstigen Schätzen die Triebfeder der ersten grossen Seefahrten gewesen, so traten bei den germanischen Völkern, die die lateinischen ablösten, neben den Handelsinteressen allmählich auch immer mehr die wissenschaftlichen in den Vordergrund, um dann später im neunzehnten Jahrhundert ihren Höhepunkt zu finden. James Cook. Der erste wissenschaftliche Forschungsreisende im modernen Sinne und sicherlich auch der grösste Seefahrer und Entdecker aller Zeiten war der Engländer James Cook, der am 27. Oktober 1728 in dem Dorfe Marton in Yorkshire als Sohn eines armen Bauernknechts geboren wurde. James war das vierte von neun Kindern, er besuchte die Pfarrschule und kam mit dreizehn Jahren zu einem Krämer in die Lehre. Lange hielt er es aber hier nicht aus, er entfloh und ging auf ein Küstenschiff, das zwischen Newcastle und London handelte. Sieben Jahre war er hier in der Küstenschiffahrt tätig, arbeitete aber mit einem eisernen Fleiss daran, sich alle Kenntnisse zu erwerben, die ihm für den seemännischen Beruf von Nutzen sein konnten, und es gelang ihm auch, langsam weiterzukommen. Als im Frühjahr 1755 Feindseligkeiten zwischen England und Frankreich ausbrachen, meldete er sich als Freiwilliger zur Kriegsmarine, wo er sich durch Tüchtigkeit und Energie auszeichnete und bald Schiffsmeister wurde. Als er sich 1759 im Kampf gegen Quebeck einen Namen gemacht hatte, erhielt er den ehrenvollen Auftrag, die Küsten von Neufundland aufzunehmen und vor allem die Mündung des Lorenzstromes zu untersuchen. Die Karte, die Cook bei dieser Gelegenheit zeichnete, war von einer Genauigkeit, wie man sie bisher noch nicht kannte. Seine Kenntnisse in der praktischen Astronomie bewies er damals durch eine sehr exakte Beobachtung einer Sonnenfinsternis, die die wissenschaftlichen Kreise auf ihn aufmerksam machte. Nun sah man in jener Zeit mit grosser Spannung einem astronomischen Ereignis entgegen, das am 3. Juni 1769 eintreten musste und von grosser Wichtigkeit für die Berechnung der Entfernung zwischen Sonne und Erde war, nämlich einem Durchgang der Venus vor der Sonnenscheibe, der sich später erst wieder in den Jahren 1874 und 1882 wiederholt hat. Die englische Regierung beschloss, zu dem rein wissenschaftlichen Zweck der Beobachtung dieses Durchganges das Schiff »Endeavour« (Die Bemühung) nach der Insel Tahiti zu entsenden und gab dem inzwischen zum Schiffsleutnant ernannten Cook den Oberbefehl über die Expedition. Neben dem Astronomen Green befanden sich auf dem Schiff der reiche und gelehrte wissenschaftliche Mäzen Sir Josef Banks und der Schwede Daniel Solander, ein Schüler Linnés. Die ganze Schiffsmannschaft mit Einschluss der Offiziere und Gelehrten belief sich auf 85 Personen. Die Abfahrt von Plymouth fand am 26. August 1768 statt. Cook hatte den Auftrag bekommen, ausser seinen astronomischen Beobachtungen auch sonst Entdeckungsfahrten nach dem Süden zu machen. Vor allem sollte er versuchen, etwas Näheres von dem rätselhaften südlichen Kontinent zu erfahren, an den man immer noch in wissenschaftlichen Kreisen fest glaubte, weil man der Ansicht war, dass ohne ihn das Gleichgewicht der Erde in Unordnung geraten müsse. Ohne jeden Unfall erreichte Cook Patagonien, wo er an der Mündung des Flusses Deseado ankerte und seinen Leuten eine kleine Erholung gönnte. Dann aber ging es weiter, und zwar fuhr er nicht durch die Magalhaes-Strasse, sondern südlich des Feuerlandes um das Kap Horn herum. Er hatte zufällig für seine Fahrt die günstigste Jahreszeit erwählt und blieb von den sonst hier immer wütenden furchtbaren Stürmen ganz verschont. Da er für sein Eintreffen auf Tahiti noch genügend Zeit hatte, so machte er jetzt zunächst einen scharfen Vorstoss nach Süden und gelangte auch bis über den 60. Breitegrad hinaus, ohne aber eine Spur von dem Land zu entdecken, das andere Seefahrer in diesen Gegenden gesehen haben wollten. Zu lange dauernden Forschungen reichte die Zeit nicht aus, und Cook wandte sich nunmehr nach Nordwesten, so dass er am 11. April 1769 Tahiti oder Otahiti, wie es damals meist genannt wurde, erreichte. Unterwegs war er an verschiedenen Inseln der Paumotugruppe vorbeigekommen, ohne aber irgendwo zu landen. Die harmlosen Einwohner, deren milder, freundlicher Charakter der ganzen Inselgruppe den Namen Gesellschaftsinseln gegeben hat, nahmen ihre weissen Gäste sehr zuvorkommend auf. Sie halfen ihnen sogar freiwillig bei der Errichtung eines Forts, und ihr einziger Fehler war ihr Hang zu kleinen Diebereien, der sich aus dem vollständigen Fehlen jeden Eigentumsbegriffes erklärte. Die Insel war ja so fruchtbar und hatte ein so mildes, gesundes Klima, dass es hier keine Arbeit und Sorgen und fast gar keine Krankheiten gab. Die Nahrung bestand aus Fischen und Früchten, die im Uebermass vorhanden waren, eigentliche Fleischspeisen wurden selten genossen. Sie tranken ausser Kokosmilch nur Wasser, auch hatten sie einen Widerwillen gegen berauschende Getränke, gegen Tabak und scharfe Gewürze. Sie waren glücklich wie Kinder, lebten für den Augenblick, ohne an die Zukunft zu denken, und belustigten sich mit Musik und Tanz. Feuerländer in ihrer Hütte. Kupfer in Cooks Reisewerk. Cook zeigte sich auf der Insel als ein sehr kluger Befehlshaber. Er befahl, die Eingeborenen zwar mit grosser Vorsicht, aber auch mit grosser Nachgiebigkeit und Milde zu behandeln. Während sich nun die Astronomen auf ihre bevorstehende Beobachtung einrichteten, durchforschten die Botaniker und Zoologen das Innere der Insel, und Cook selbst fuhr mit einem Boot um die ganze Insel herum, um von ihr und den benachbarten Inseln genaue Karten zu entwerfen. Als Cook nach vierwöchigem Aufenthalt weiter fuhr, war das Verhältnis zu den Eingeborenen noch ungetrübt, und ein angesehener, kenntnisreicher Tahitier namens Tugia, eine Art Priester, entschloss sich, die Fremden auf der Weiterfahrt zu begleiten. Er hatte einen dreizehnjährigen Knaben als Begleiter und Diener bei sich und wurde den Engländern später als Erklärer und Dolmetsch sehr nützlich. Cook durchforschte zunächst die übrigen Gesellschaftsinseln, musste dann auf einer davon, der Insel Ulietra, einen längeren Aufenthalt nehmen, da die »Endeavour« durch eins der unzähligen Korallenriffe ein grosses Leck bekommen hatte und daher ausgebessert werden musste. Die Verhältnisse auf allen diesen Inseln waren ähnlich wie die auf Tahiti, auch hier wurden die Fremden durch die freundlichen Eingeborenen mit Tänzen und Spielen empfangen. Am 9. August verliess das Schiff die Inselgruppe und segelte nun scharf nach Süden, um diesen bisher noch von keinem europäischen Forscher durchfahrenen Teil des Stillen Ozeans zu erforschen und das erwartete Südland, die Terra Australis, wovon dann Australien seinen Namen erhielt, zu entdecken. Dabei entdeckte er die kleine Insel Rurutu in der Tubuaigruppe, mit deren Bewohnern sich der Tahitier Tugia wohl verständigen konnte. Doch kam es zu keiner Landung, da sich die Insulaner sehr feindlich zeigten und Cook jedem Blutvergiessen aus dem Wege gehen wollte. Er drang nun bis über den 40. Breitegrad vor, entdeckte aber nirgends eine Spur von Land. Gern wäre er weiter nach Süden gefahren, aber die Witterung wurde so ungünstig, dass er fürchtete, sein Schiff würde bei weiterem Vordringen zu Schaden kommen. Deshalb beschloss er, nach Westen zu steuern, wo das von dem Holländer Abel Tasman 1642 entdeckte Neuseeland liegen musste. Er entdeckte es auch am 6. Oktober und landete zwei Tage später in einer Bucht, die er die Armutsbucht nannte. Schon hier kam es gleich nach einer Bootslandung zu einem Zusammenstoss mit den Eingeborenen, die sich erst zurückzogen, als einer von ihnen erschossen wurde. Auch an anderen Punkten dieser grossen Doppelinsel ereigneten sich Zusammenstösse. Die Einwohner waren überall sehr kriegerisch und huldigten dem Kannibalismus. Sobald sich ein Landungsboot etwas zu weit von dem schützenden Schiff entfernt hatte, stiessen sie plötzlich von allen Seiten, oft auf riesig langen Kriegskanus, heran, um die kleine Besatzung niederzumetzeln. Manchmal wurde das nur durch ein Wunder verhütet. Trotzdem fuhr Cook langsam von der Ostseite um die Nordspitze nach der Westseite und nahm überall mit grosser Genauigkeit die Küstenlinie mit allen Einbuchtungen und Vorsprüngen auf. Wo er hierbei in freundlicheren Verkehr mit den Eingeborenen gelangen konnte, versäumte er nicht, über die Natur des Landes und den Charakter und die Sitten der Bewohner sorgfältige Beobachtungen zu machen. Er entdeckte und durchfuhr auch den nach ihm benannten Cook-Kanal, der Neuseeland in zwei Teile teilt. Dann umfuhr er die Südküste und nahm auch die dort vorgelagerten kleinen Inseln auf. Am liebsten wäre Cook von Neuseeland aus noch einmal nach Süden vorgestossen, aber der Zustand des Schiffes gestattete das nicht. So segelte er denn nach Nordwesten auf die Küste des australischen Festlandes zu, dessen Südostecke er auch am 19. April 1770 erreichte. Es galt nun die Ostküste von Australien, das damals Neuholland genannt wurde, genau aufzunehmen, und dies erwies sich als eine sehr schwierige und gefährliche Arbeit. Vor allem zeigte es sich, dass hier die ganze Küste von Korallenriffen und -bänken bedeckt war, und hundertmal geriet die »Endeavour« in Gefahr zu scheitern. Aber Cook liess sich nicht abschrecken, immerzu nordwärts fahrend, die Linie der Küste, die Lage der Inselchen, Untiefen und Klippen aufzuzeichnen. Bei der Stelle, wo heute Sydney liegt, landete Cook in einer Bucht, die er nach dem Reichtum an ganz fremdartigen und wunderlichen Gewächsen die Botanybucht nannte. Die naturwissenschaftliche Ausbeute war hier sehr gross, man entdeckte fast 400 neue Pflanzenarten und begegnete dabei auch zum ersten Male den Australnegern. Auf der Weiterfahrt nahmen die Korallenriffe immer mehr zu, und am 10. Juni geriet das Schiff bei einem Kap, das seitdem das Tribulationskap, das Kap der Trübsal, heisst, auf eine verborgene Klippe und erhielt ein solches Leck, dass es unmöglich schien, das Schiff durch Pumpen lange über Wasser zu halten und alle bereits das Schlimmste befürchteten. Die losgerissenen Planken schwammen um das Schiff herum, und man warf fünfzig Tonnen Gewicht aus, um es zu erleichtern. Schliesslich gelang es, ein mit grossen Mengen Werg und Wolle benähtes Segeltuch über das Leck zu ziehen, wo der Druck des Wassers die Masse in die Oeffnung hineinpresste, und mit vieler Mühe wurde das Schiff in einen Hafen geschleppt, an der Mündung des Endeavourflusses, wo es ausgebessert werden konnte. Hierbei erkannte man, dass ein grosses Stück des Korallenriffs abgebrochen war und in dem Leck festsass. Ohne diesen merkwürdigen Zufall wäre das Schiff sicherlich sofort gesunken. Cook nahm die ganze Ostküste Australiens nebst allen dazu gehörigen Inseln als Eigentum des Königs Georg III. in Besitz und nannte das Land Neusüdwales. Fünf Monate hatten seine Untersuchungen gedauert, und er fuhr jetzt durch die schon 1542 von dem Spanier Bernard della Torre entdeckte und nach diesem benannte Torres-Strasse zwischen Australien und Neuguinea durch und kehrte ohne weitere Entdeckungsfahrten über Batavia, wo er sich drei Monate aufhalten musste und mehrere seiner Gefährten verlor, um das Kap der Guten Hoffnung nach England zurück. Am 11. Juni 1771 traf er dort nach einer Abwesenheit von fast drei Jahren wieder ein. Die Rückkehr der kühnen Forscher wurde in ganz England mit grosser nationaler Begeisterung begrüsst. Cook, der Führer der Expedition, wurde überall, wo er sich blicken liess, mit Beifallsbezeugungen überschüttet, und Georg III. empfing ihn im St.-James-Palast, wo er dem König ein Tagebuch der Reise mit erläuternden Karten und Zeichnungen überreichen durfte. Im August wurde er zum Kapitän der Flotte befördert. Obgleich nun der Glaube an den grossen Südkontinent durch Cooks zweimaligen Vorstoss arg erschüttert war, so entschloss man sich doch jetzt in England zu einer besonderen Expedition, die diese Frage endgültig entscheiden sollte. Wieder wollten Banks und Solander sich als wissenschaftliche Forscher anschliessen, traten dann aber zurück, weil sowohl die Admiralität wie Cook auf ihre Wünsche für die Ausrüstung keine Rücksicht nahmen. An ihre Stelle traten zwei Deutsche, ein kurländischer armer Landpfarrer von grosser naturwissenschaftlicher Begabung, Johann Reinhold Forster, und sein damals erst siebzehnjähriger Sohn Johann Georg, der später durch seine Schriften dieser Reise einen welthistorischen Ruf verleihen sollte. Ferner ging noch ein geschickter Zeichner mit, ein Schweizer namens Weber, und am Kap der Guten Hoffnung, wohin sich die Fahrt zunächst richten sollte, wurde der verdiente schwedische Naturforscher Dr. Andreas Sparrmann, ein Schüler Linnés, auf Forsters Wunsch aufgenommen. Johann Georg Forster Mit zwei Schiffen, der »Resolution«, die er selbst befehligte, und der »Adventure«, die unter der Leitung des Schiffsmeisters Tobias Furneaux stand, hatte er am 13. Juli 1772 England verlassen und segelte nunmehr im November seinem Auftrag gemäss mutig von der Südspitze Afrikas aus nach Süden, wobei er bis über den 67. Breitegrad vordrang, also weiter nach dem Südpol zu gelangte, als je ein anderer Seefahrer. Aber die Kälte nahm so rasch zu, dass er schon im 51. Breitegrade auf ausgedehnter Eisfelder geriet und beständig Gefahr lief, an den hohen Eisbergen zu scheitern, besonders weil so häufig dichter Nebel herrschte. Das ganze Schiff war mit einer dicken Eiskruste überzogen, und manchmal mussten die Matrosen bis zur Erschöpfung mit blutenden Händen arbeiten. Aber alles blieb guten Mutes, auch die Naturforscher, die hier sehr wichtige Beobachtungen machten. Einmal hatte der jüngere Forster mit einem kleinen Ruderboot ohne Segel das Schiff verlassen, um Wärmemessungen vorzunehmen, als sich ein dichter Nebel auf das Meer herabsenkte, so dass er bald die beiden Schiffe aus den Augen verlor. Eine Weile ruderte das kleine Boot umher, ohne sich zurückzufinden. Es hatte keine Nahrungsmittel, war rings von Eisschollen umgeben, und in dem dichten Nebel konnte man keine Bootslänge weit sehen. Schliesslich blieb es ruhig liegen, in der Hoffnung, dass die Schiffe sich nicht allzuweit entfernen würden. Nach längerer Zeit hörte Forster dann plötzlich die Schiffsglocke der »Adventure«, und das kleine Boot gelangte glücklich wieder zurück. Vier Monate lang war Cook in diesen Gewässern hin und her gekreuzt, ohne eine Spur von Land zu finden. Am 8. Februar kam noch hinzu, dass die beiden Schiffe im Nebel auseinandergerieten und sich hier nicht wieder finden konnten. Der Mut der Mannschaften auf der »Resolution« sank immer mehr, und so entschloss sich Cook, für dieses Jahr umzukehren. Er nahm seinen Weg nach Nordosten auf den Stillen Ozean zu und gelangte am 26. März nach Neuseeland, wo er sechs Wochen vor Anker ging, um das Schiff auszubessern und den vielen kranken Mannschaften Gelegenheit zur Erholung zu geben. Von Neuseeland wollte er nach Tahiti, stiess aber in der Cook-Strasse zu allgemeiner grosser Freude auf die »Adventure«, die ebenfalls auf Neuseeland Schutz gesucht hatte und schon längere Zeit ankerte. Vereint konnten jetzt beide Schiffe nach den Gesellschaftsinseln fahren, wo sie, nachdem sie unterwegs noch einige Inseln entdeckt hatten, wieder auf Tahiti landeten. Auch Forster erschien diese Insel wie ein Paradies. Wenn man prüfe, so meinte er, worin das Glück dieser Welt eigentlich bestehe, so würde man schwerlich beneidenswertere Völker finden. Kein Wunder, dass Cook auf seinen Reisen immer wieder hierhin zurückkehrte. Im September 1773 wurden die Gesellschaftsinseln verlassen, und die Schiffe segelten wieder nach Neuseeland, wobei sie unterwegs die Freundschaftinseln entdeckten, die jetzt meist Tonga-Inseln genannt werden. Dann aber ging es wieder nach dem Süden, diesmal inmitten des Stillen Ozeans. Zweimal drang Cook jetzt über den südlichen Polarkreis hinaus, bis ihm gewaltige Eisfelder den Weg versperrten. Und wiederum wurden in dem dichten Nebel, der jetzt so häufig die Expedition überfiel, die beiden Schiffe voneinander getrennt, diesmal für die ganze Dauer der Entdeckungsfahrt. Aber von Land war auch hier nichts zu sehen, soweit Cook auch vordrang, überall sah er nur eine von Eisbergen bedeckte Wasserwüste. Schliesslich musste er umkehren. Viele seiner Leute erkrankten, zuletzt auch in bedenklichem Masse Cook selbst, so dass man sogar für sein Leben fürchtete. Ein Hund, der von der Insel Tahiti mitgenommen war, wurde in Ermangelung von sonstigem frischen Fleisch geschlachtet, um dem Kranken Fleischbrühe zu verschaffen. Und allmählich gelang es, Cook wieder herzustellen. Geschwisterpaar aus Neuseeland. Er fuhr dann nordostwärts nach der einsamen Osterinsel, auch Rapa-Nui genannt, und von da nordwestlich nach den Marquesasinseln, die er genau bestimmte. Auf seiner langen Fahrt nach Westen durch die Freundschaftsinseln hindurch stiess er dann auf die grosse Gruppe der Neuen Hebriden, die er alle umschiffte und mit Häfen und Umrissen in Karten eintrug. Auch die grössere Insel Neukaledonien wurde am 4. September entdeckt, und jetzt ging es wieder südwärts, zunächst nach Neuseeland, wo er sich einige Wochen Ruhe gönnte, um seine Schiffe instand zu setzen und seinen Matrosen Erholung zu geben. Noch einmal stiess er jetzt nach Süden vor, lenkte dann aber nach Osten, um, von heftigen Weststürmen getrieben, die riesiggrosse Strecke bis zur Südspitze Amerikas in wenigen Wochen zurückzulegen. Er fuhr jetzt dicht am Kap Horn vorbei und entdeckte dann südöstlich davon unter dem 60. südlichen Breitegrad das Sandwichland, das nicht mit dem ebenfalls Sandwichinseln genannten Hawai-Archipel verwechselt werden darf. Von hier aus fuhr er wieder nach Norden und kehrte nach dreijähriger Abwesenheit am 13. Juli 1775 wieder nach England zurück. Die Ergebnisse der zweiten Weltreise Cooks waren noch grösser und bedeutungsvoller als die der ersten und wurden weit über England hinaus anerkannt. Vor allem ist die Reise durch das ausgezeichnete Buch, das J. R. Forster darüber schrieb, in weitesten Kreisen bekannt geworden. Die beiden Forster, die für ihre grossen Verdienste von der englischen Regierung später in schmählicher Weise behandelt wurden, sind übrigens die ersten Vertreter der naturwissenschaftlichen Reiseforschung, die ja später besonders durch Humboldts und Darwins Reisen so wichtige Ergebnisse erzielt hat. Waren es bisher Entdeckungsaufgaben im Süden des Erdballs gewesen, die man Cook anvertraut hatte, so tauchte jetzt der alte Plan wieder auf, eine nördliche Durchfahrt nach Japan und China aufzufinden. Schon im Jahre 1745 hatte das englische Parlament für die Entdeckung einer Durchfahrt um das nördliche Amerika eine Prämie von 20 000 Pfund Sterling ausgesetzt, und jetzt wurden demjenigen, der sich dem Nordpol bis auf etwa einen Grad nähern würde, 5000 Pfund zugesichert. Cook erhielt nunmehr den Auftrag, um das südliche Afrika und Australien in den Stillen Ozean hineinzusegeln und dann nördlich bis zur Beringstrasse zu fahren, um von dort einen Weg durch das nördliche Eismeer zu suchen und Amerika oder Asien zu umfahren. Schon im Februar 1776, also kaum ein halbes Jahr nach seiner Rückkehr, begann man mit der Ausrüstung der »Resolution«, und am 12. Juli verliess Cook England. Ein zweites Schiff unter Kapitän Clarke stiess am Kap der Guten Hoffnung zu ihm. Die Bemannung bestand diesmal fast ausschliesslich aus Seeleuten; die grossen Männer der Wissenschaft, die durch das Verhalten des Lord Sandwich, des Chefs der Admiralität, gekränkt waren, hielten sich zurück. Auch mochte wohl Cook selber, der bei all seinen nautischen Kenntnissen sonst wenig Verständnis für wissenschaftliche Dinge hatte, und der sich nur wohl fühlte in der Gesellschaft einfacher Matrosen, innerlich froh sein, dass er nicht mehr auf geistig ihm überlegene Menschen Rücksicht zu nehmen brauchte. Jedenfalls zeigte er auf dieser dritten Reise den Eingeborenen gegenüber manchmal ein wenig kluges, ja rohes Benehmen, was ihm dann auch das Leben kosten sollte. Vom Kap der Guten Hoffnung fuhren die beiden Schiffe zunächst nach den nackten und öden Kergueleninseln, deren Küsten und Häfen bestimmt wurden. Cook hätte sie am liebsten Verzweiflungsinseln genannt, so trostlos sahen sie aus. In gerader Richtung ging es nun im Januar 1777 zu der 1642 durch Abel Tasman entdeckten grossen Insel Tasmanien, die auch Cook noch für einen Teil von Australien hielt. Sie wurde damals Vandiemensland genannt. Die Bassstrasse, die die Insel vom Festlande trennt, ist erst später aufgefunden worden. Im Dezember ging es dann nach Norden. Am Weihnachtstage wurde die einsam gelegene Weihnachtsinsel entdeckt und bald darauf, am 18. Januar 1778, die berühmten, für Cook selbst später so verhängnisvollen Sandwichinseln, die ja jetzt allgemein Hawaiinseln genannt werden. Cook begnügte sich für diesmal damit, die Lage der Inseln, die übrigens schon im Jahre 1527 von strandenden Spaniern entdeckt und dann 1555 von Juan Gaetano wiedergefunden waren, genau festzustellen, und gab ihnen nach seinem Gönner, dem Admiral Sandwich, ihren Namen. Er segelte jetzt nach Nordosten weiter, um das von Drake entdeckte Neu-Albion, die Westküste von Nordamerika, zu erreichen. Am 7. März erreichte er in der Gegend des Kaps Mendocine Land und fuhr nun nordwärts, bis er, von Stürmen und Nebeln bedrängt, in der Nootkabucht auf der Insel Vancouver vor Anker ging. Niemand hatte erwartet, dass die Küste hier so weit nach Westen ging, denn die Aufzeichnungen Drakes waren ja nichts weniger als zuverlässig gewesen. Beim weiteren Nordwärtsfahren zwang ihn das stürmische Wetter, sich weiter von dem klippenreichen Ufer entfernt zu halten, so dass er es erst wieder fast beim 60. nördlichen Breitengrad erreichte. Dann aber folgte er unter genauen Messungen und Berechnungen der Küstenlinie und liess sich auch nicht beirren, als sie plötzlich ganz nach Westen und dann sogar nach Südwesten verlief. So entdeckte er die Halbinsel Alaska und an deren äusserster Spitze anschliessend die Inselgruppe der Aleuten, wo er auf der Insel Unalasehka Anker warf. Hier begegneten die Engländer zum erstenmal den Bewohnern der Nordpolarwelt, den Eskimos, die sich ihnen sehr freundlich und hilfreich erwiesen und durch ihre Erzählungen bei Cook grosse Hoffnungen auf das Gelingen der Durchfahrt erweckten. Er fand auch auf den Inseln russische Pelzjäger und begriff sofort, welche Bedeutung der Pelzhandel vielleicht für die Engländer haben könnte. Unter grossen Erwartungen nahm er seine Nordfahrt wieder auf, indem er der Nordküste der Halbinsel Alaska folgte, die ganze grosse Bristolbai und dann die Kuskoquimbai aufnahm und durch die Nelsonstrasse in den Nortonsund segelte. Endlich wurde der westlichste Punkt von Amerika, das Vorgebirge des Prinzen von Wales, umfahren: die Einfahrt in das Nordpolarmeer war erreicht. Fünfzig Jahre früher hatte schon der Däne Vitus Bering, der in russischen Diensten stand, festgestellt, dass hier eine Meerenge Asien und Amerika trennte. Sie trägt, ebenso wie das südlich davon befindliche Meer, noch heute seinen Namen. Cook aber drang als Erster weiter nach Norden vor, freilich ohne grossen Erfolg zu haben. Er gelangte bis über den 70. Breitengrad hinaus, wo ihm hohe, unbewegliche Eismauern jedes Vorwärtsdringen verwehrten. Auch trat Mangel an Nahrungsmitteln auf, und die Matrosen begannen sich von Robben und Seekälbern zu ernähren. Diese Seetiere waren allerdings in ungeheueren Herden vorhanden, und gerade Cooks Schilderungen haben dazu beigetragen, dass hier im Beringsmeer später ungeheure Schlächtereien an den wehrlosen Robben verübt wurden. Am interessantesten waren den Engländern die Walrosse. Sie lagen zu vielen Hunderten auf dem Eise, zusammengedrängt wie die Schweine, und brüllten so laut, dass sie bei Nacht oder Nebel die Schiffe auf die Nähe des Eises aufmerksam machten, noch ehe es erblickt werden konnte. Niemals fand man eine ganze Herde schlafend, einige waren stets auf der Lauer und weckten die anderen, sowie sich ein Boot näherte. Im Nu waren sie dann alle wach, beeilten sich aber nur selten zu entfliehen, ehe der erste Schuss gefallen war. Dann aber wälzten sie sich in wilder Flucht eins über das andere ins Meer, und wenn ein angeschossenes Tier nicht sofort tot liegen blieb, so ging es gewöhnlich verloren. Die Walrosse kamen den Engländern gar nicht so gefährlich vor, wie man sie oft geschildert hatte, und sahen schrecklicher aus, als sie waren. Doch verteidigte ein Muttertier sein Junges bis aufs äusserste, und auch das Junge verliess die Mutter nicht nach dem Tode, so dass es eine leichte Beute wurde, wenn erst die Mutter erschossen war. Cook beschloss nun, während der kalten Jahreszeit nach Süden zu gehen und im nächsten Sommer einen erneuten Vorstoss in das Eismeer zu machen. Inzwischen wollte er die auf der Hinfahrt entdeckten Sandwichinseln erforschen. Anfangs November 1778 erreichte er die Inselgruppe und am 17. Januar 1779 ging er auf der grössten Insel Hawai in dem Hafen, den die Eingeborenen Kealakeakua nannten, vor Anker. Zu ihrem Staunen entdeckten die Engländer, dass die Eingeborenen fast die gleiche Sprache und ganz ähnliche Sitten wie die ziemlich weit entfernten Tahitianer hatten. Auch sie kamen den Fremden sehr arglos und freundlich entgegen und schleppten bereitwillig Nahrungsmittel herbei. Cook selbst hielten sie anfangs für eine sagenhafte, zurückgekehrte Gottheit und erwiesen ihm dementsprechende Ehren. Die Engländer liessen es sich auch hier nach den Strapazen und Entbehrungen des Polarmeeres wohl sein und labten sich an Schweinebraten und reichlichem Obst. Cook konnte die beiden Schiffe mit neuem Pökelfleisch versehen, und noch am Vorabend der Abreise, die auf den 4. Februar festgesetzt war, liess der König eine ganze Schweineherde herbeitreiben, damit es den Weissen nicht an frischem Fleische fehlen sollte. Nun aber kam der von den Engländern selbst verschuldete Umschwung. Am 4. Februar hatten die Schiffe den Hafen verlassen, wurden aber auf der See von einem solchen Sturm überfallen, dass sie mit argen Beschädigungen zurückkehren mussten, um ausgebessert zu werden. Zu ihrem Staunen bemerkten jetzt die Engländer bald, dass die Einwohner ihre bisherige Zutraulichkeit aufgegeben hatten und ihnen überall scheu auswichen. Am Strand liess sich überhaupt niemand sehen, und es schien, als ob die Insel umgekommen wäre. Der Grund lag aber weniger in den rohen Ausschreitungen, die sich Cook und die Matrosen gegen die Insulaner hatten zuschulden kommen lassen, als in der Rücksichtslosigkeit, mit der Cook überall die religiösen Gefühle der Eingeborenen verletzte und schliesslich die Umzäunung ihres Nationalheiligtums als Brennholz wegschleppen liess. Es gab nun immer mehr Unruhen, und ein europäisches Boot wurde von den erzürnten Eingeborenen heimlich weggenommen und versteckt. Um dieses Boot wiederzuerlangen, zog Cook mit einer bewaffneten Abteilung ans Land und war, ohne direkt belästigt zu werden, bis zur Hütte des Königs vorgedrungen, um diesen mit Güte oder Gewalt zu bewegen, als Geisel auf sein Schiff zu kommen. Der König war auch dazu bereit, wurde aber durch die Vornehmsten seiner Untertanen zurückgehalten, so dass sich Cook langsam nach dem Ufer zurückziehen musste. Trotzdem wäre noch alles gut gegangen, wenn man nicht von den englischen Booten aus auf einige Kähne der Eingeborenen geschossen und dabei einen Häuptling von hohem Range getötet hätte. Dadurch brach am Land eine Panik aus und die erschreckten Insulaner fielen über Cook und seine Begleiter her. Solange Cook den Eingeborenen sein Gesicht zuwandte, wagte keiner, sich an ihm zu vergreifen. Als er sich aber umdrehte, traf ihn von hinten ein Dolchstoss in den Schultern, so dass er tot zu Boden stürzte. Dies geschah am 14. Februar 1779, morgens 8 Uhr. Der Leichnam des grossen Seehelden wurde wahrscheinlich aus Aberglaube in viele Stücke zerschnitten, die man an einzelne Häuptlinge verteilte. Doch bat schon am nächsten Tag der König um Frieden, und es gelang, wenigstens einen Teil der Ueberreste wieder herbeizuschaffen, die dann im Meere bestattet wurden. Die beiden Schiffe segelten nun unter dem Befehl Clarkes nochmals nach Norden, konnten aber nichts ausrichten, und Clarke starb in Kamschatka infolge der Strapazen. Unter Führung des Leutnants Gore kehrte daher die Expedition über China und das Kap der Guten Hoffnung nach England zurück, wo sie am 22. August 1780 nach mehr als vierjähriger Abwesenheit wieder eintraf. Mit Cook starb ein Seefahrer, der die grössten geographischen Rätsel seiner Zeit gelöst und überall das Dunkel gelichtet hat, das vorher über den Meereswegen lag. Nach ihm konnten zwischen dem 70. nördlichen und dem 70. südlichen Breitengrad keine grösseren Entdeckungen mehr gemacht werden, der Erdball war nunmehr, wenigstens zur See, von einem bis zum anderen Ende bekannt. Mit Cook geht auch die Zeit der Romantik des Seefahrerlebens zu Ende, das Meer verlor immer mehr seine Schrecken, aber es verlor auch seine Wunder und Fabeln, mit denen es die Phantasie alter Völker ausgestattet hatte. Das 19. Jahrhundert der exaktwissenschaftlichen Forschung begann. A Seelöwe, B Anta oder Tapir, C Paradiesvogel, D Pinguine, E Fliegender Fisch, F Guanako. Seltsame Tiere Südamerikas. Aus Carlo Amorettis Reise. 1800. Naturwissenschaftliche Forschungsreisen. Das zu Ende gehende 18. Jahrhundert stand in hohem Masse unter dem Einfluss der Ideen von Jean Jacques Rousseau, und daher begreift man auch den tiefen Eindruck, den Georg Forsters gefühlvolle Schilderung seiner Weltreise, vor allem sein Idyll von Tahiti, auf die europäische Leserschaft machte. Früher hatte man in dem Wilden nur eine Art Tier gesehen, das man jagen und in die Sklaverei verkaufen konnte. Jetzt ging man in dem Ueberschwang eines schwärmerischen Naturgefühls so weit, in der Welt dieser einfachen Naturkinder etwas von dem verlorenen Paradies zu sehen und sich nach dem Glück solcher unberührten Zustände zu sehnen. Aber auch für alles andere, was zur Natur gehörte, für Pflanzen, Tiere und Mineralien, für alle Geheimnisse der belebten und unbelebten Welt, begann sich diese geistig so regsame Zeit zu interessieren. Hatte die Römer die Herrschsucht, die Spanier und Portugiesen der Hunger nach Gold und Schätzen, die Engländer der Handelstrieb zu Entdeckungen geführt, so trat jetzt mit dem Beginn des 19. Jahrhunderts der wissenschaftliche Forschergeist in den Vordergrund, und neben der Geographie war es vor allem die Naturkunde, die ihre kühnen und uneigennützigen Pioniere bis in die entlegensten Winkel der Erde sandte. In erster Linie waren es Deutsche, die jetzt immer mehr in den Vordergrund traten, und unter ihnen wohl als der bedeutendste Alexander von Humboldt. Geboren am 14. September 1769, gestorben am 6. Mai 1859, widmete er sein reiches neunzigjähriges Leben von früher Jugend an wissenschaftlicher Forschung, in der er es zu überragenden Erfolgen brachte. Er genoss, wie sein zwei Jahre älterer Bruder Wilhelm, der ein bedeutender Staats- und Sprachwissenschaftler wurde, eine sehr sorgfältige Privaterziehung, ohne jemals eine öffentliche Schule zu besuchen. Auf der Universität erwarb er sich in kurzer Zeit ein sehr vielseitiges Wissen, und seine frühzeitigen geologischen, botanischen und physiologischen Schriften machten seinen Namen bald über Deutschlands Grenzen hinaus in wissenschaftlichen Kreisen bekannt. Er war in gleich genialer Weise für die Mathematik, für die Geographie, für die Botanik wie für die Ethnographie veranlagt, und auf jedem Gebiete hat er später Hervorragendes geschaffen und neue Bahnen gewiesen. Alexander v. Humboldt. Radierung nach dem Leben vom Jahre 1853. Humboldts Jugendsehnsucht war das Reisen, und zwar wollte er vor allem Aegypten besuchen und erforschen. Aber wegen der am Ende des Jahrhunderts herrschenden Kriegswirren wurde aus diesen Plänen nichts, wohl aber hatte er einen anderen Erfolg. Auf einer Reise nach Spanien wurde er in Madrid als ein bereits weltberühmter Gelehrter dem spanischen Königspaar vorgestellt und erhielt die Erlaubnis, die amerikanischen Kolonien zu besuchen, die man sonst sorgfältig vor jedem Fremden verschlossen hielt. Humboldt entschloss sich, mit dem Botaniker Aimé Bonpland, den er in Paris kennengelernt hatte, diese Reise zu machen, und übernahm für sich und seinen Gefährten die ganzen Kosten, was ihn ein Drittel seines nicht unbeträchtlichen Vermögens kostete. Am 5. Juni 1799 verliessen die beiden den Hafen von Coruña, um schon auf den Kanarischen Inseln ihre geologischen und botanischen Studien zu beginnen, indem sie den berühmten, 3720 Meter hohen Pik von Teneriffa erstiegen, an dessen Abhängen sie je nach der Höhe alle Vegetationszonen der Welt beobachten konnten. Am 16. Juli landeten sie in Cumana in Venezuela und verfolgten dort die Spuren eines furchtbaren Erdbebens, das anderthalb Jahre früher die Stadt und die Umgegend zerstört hatte. Sie besuchten hier die berühmte Höhle von Guacharo, die von unendlichen Scharen eines gespensterhaften, etwa hühnergrossen Nachtvogels bewohnt war. Mit einem fürchterlichen Geschrei umschwebten die von den Fackeln der Indianer aufgeschreckten Vögel die Köpfe der Besucher. Schliesslich gelangte Humboldt in der Höhle bis an einen Wasserfall, doch waren die Indianer weder durch Bitten noch durch Versprechungen zu bewegen, noch weiter vorzudringen, da sie glaubten, dass weiter hinaus in der Grotte die Geister ihrer Vorväter wohnten. Von Cumana fuhren die Reisenden, nachdem sie noch ein Erdbeben erlebt hatten, nach der Hauptstadt Caracas, wo sie aber nicht lange verweilten, da es sie drängte, das Stromgebiet des gewaltigen Orinoko zu besuchen. Ein Jesuitenpater hatte berichtet, es gäbe eine kanalartige Verbindung zwischen dem Orinoko und dem Gebiet des Amazonenstroms. Diese allen sonstigen geographischen Erfahrungen widersprechende Erscheinung wollte Humboldt erforschen, und es ist ihm dann auch tatsächlich gelungen, die Verbindung der beiden Ströme aufzufinden und genau festzulegen. Ueber Calabaza, wo sie die Zitteraale kennenlernten, die mit ihren Schlägen selbst grosse Tiere, wie badende Pferde und Krokodile, betäubten, zogen die Reisenden nach Süden bis nach San Fernando am Apure, einem Nebenfluss des Orinoko. Hier waren sie in einem wahren Tierparadies. Sie sahen riesige Jaguare, die grösser als indische Tiger waren, gewaltige, bis fünf Meter lange Krokodile, die den Fluss bedeckten, und ungeheure Scharen von heulenden Affen. Die Luft war von Schwärmen aufgescheuchter Vögel erfüllt, und vor Insekten aller Art konnte man sich kaum retten. In dem Fluss gab es auch kleine, nur handlange Fische, die von den Eingeborenen wegen ihrer Blutgierigkeit Kariben genannt wurden, weil sie badenden Menschen Stücke Fleisch aus dem Leibe rissen. In Gegenden, wo sie häufig waren, wagte niemand ins Wasser zu gehen. Aehnliche Verhältnisse fanden sie beim Hinauffahren auf dem Orinoko, der rings von undurchdringlichen Tropenwäldern umgeben war. Die Indianer standen hier übrigens auf einer sehr niedrigen Kulturstufe und lebten meist von Ameisen, aber auch von Menschenfleisch. Auch das berüchtigte, schnell wirkende Pfeilgift Curare wurde hier aus einer Schlingpflanze zubereitet. Nachdem Humboldt sein Ziel, die Erforschung der Wasserverbindung mit dem Amazonenstrom, erreicht hatte, kehrte er wieder nach Cumana zurück. Er besuchte jetzt mit seinem Gefährten Haiti, Jamaika und Cuba, wo er sich mit Kartenaufnahmen und astronomischen Beobachtungen beschäftigte und die Zuckerfabrikation studierte. Im März 1801 fuhren die beiden Freunde nach Columbien, wo sie in Cartagena landeten, um sich über den Magdalenenstrom nach Bogota zu begeben und von dort die Hochebene von Quito zu ersteigen. Humboldt lernte jetzt die Kordilleren in ihrer grössten Schönheit und Erhabenheit kennen. Nirgendwo in der Welt gibt es so tiefe Schluchten, so steile Abhänge, und oft wurden die Reisenden von Erstaunen und Schaudern ergriffen, wenn ihr Weg an ungeheuren Abgründen vorbeiführte. Aber sie wählten gerade die am wenigsten betretenen und gefährlichsten Pfade, weil hier auch die Schönheit der Natur am gewaltigsten war. In Quito blieben sie fast ein ganzes Jahr, um die Denkmäler des Landes, seinen Pflanzenreichtum und den Bau seiner riesigen Berge und Vulkane zu erforschen. Im Monat Mai 1802 unternahm Humboldt die Besteigung des 5940 Meter hohen Cotopaxi, des grössten aller noch tätigen Vulkane der Anden, der mit seinen häufigen Ausbrüchen riesige Felsenstücke und Schlackenmassen in die benachbarten Täler wirft. Im Jahre 1738 erhoben sich seine Flammen fast 1000 Meter hoch über seinem Krater, und im Jahre 1744 vernahm man das Getöse seiner Ausbrüche bis zu der mitten in Columbien liegenden Stadt Honda hin. Auch Humboldt hörte bei einem Ausbruch im Jahre 1803, als er sich gerade in der doch weit entfernten Hafenstadt Guayaquil aufhielt, Tag und Nacht den unterirdischen Donner, der einem starken Geschützschiessen glich. Der Cotopaxi, der südöstlich von Quito liegt, ist unstreitig auch der schönste aller Gipfel der Anden. Er hat die Gestalt eines vollkommenen Kegels und ist mit ungeheuren Schneeschichten bedeckt, die nach Untergang der Sonne noch in blendendem Glanz schimmern, wenn in den Tälern schon tiefe Finsternis herrscht. Humboldt erreichte übrigens nicht den Kraterrand, dessen Ersteigung er für unmöglich hielt. Am 23. Juni 1802 bestiegen die Reisenden endlich den 6310 Meter hohen Chimborazo, den man damals für den höchsten Berg der ganzen Welt hielt. Tatsächlich wird er von dem Mount Everest im Himalajagebirge ja um zweieinhalbtausend Meter übertroffen. Humboldt suchte auf einer schmalen Leiste, welche auf dem südlichen Abhang mitten aus dem Schnee emporsteigt, auf den Gipfel zu gelangen. Er kam trotz der fürchterlichen Kälte weiter als alle, die vor ihm dieses Wagnis versucht hatten, nämlich bis zu einer wahrscheinlichen Höhe von 5350 Meter. An dieser Stelle, wo ihm wegen der Dünnheit der Luft das Blut aus Augen, Lippen und Zahnfleisch floss, machte er Beobachtungen über die Neigung der Magnetnadel. Humboldts ursprünglicher Plan war es, sich in Peru einer Expedition anzuschliessen, die über die Philippinen nach Ceylon gehen sollte, doch verfehlte er diesen Anschluss, da die Expedition einen anderen Weg eingeschlagen hatte. Er entschloss sich nunmehr, von Quito nach Lima zu wandern und dabei das Quellgebiet des Amazonenstroms zu erforschen. Bei der Uebersteigung der Anden hatte er Gelegenheit, die grossartigen Ueberreste der alten peruanischen Kunststrasse der Inkas in Augenschein zu nehmen, die über die tausend bis zweitausend Meter hohen Porphyrgipfel von Cusco nach Assuay führte. Er besuchte die hochliegenden Silberbergwerke von Hualguayok und die Ruinen der alten Indianerstadt Mansiche, in der Nähe von Truxillo, mit ihren rätselhaften Pyramiden. Als er im Oktober 1802 von dem westlichen Abhang der Anden nach Lima hinabstieg, sah er zum ersten Male den Stillen Ozean. Anfang 1803 fuhr Humboldt nach Mexiko, damals noch Neu-Spanien genannt, wo er in Acapulco landete. Er blieb über ein Jahr in diesem Lande und beschäftigte sich vor allem mit Vulkanstudien, ohne aber die Erforschung der alten Kulturen und das Sammeln der Pflanzen, dem besonders Bonpland oblag, ausser acht zu lassen. Im Sommer 1804 segelten die beiden über Kuba nach den Vereinigten Staaten. In Washington wurden sie vom Präsidenten Jefferson empfangen und als Grössen wissenschaftlicher Forschung gefeiert. Am 3. August 1804 landeten sie nach mehr als fünfjähriger Abwesenheit in Bordeaux. Der wissenschaftliche Erfolg dieser Reisen war ungeheuer gross, trotzdem ein kleiner Teil der Sammlungen infolge eines Schiffbruches verlorenging. Ueber 6000 neue Pflanzenarten waren entdeckt worden, was damals viel heissen wollte, da die Wissenschaft um die Mitte des achtzehnten Jahrhunderts überhaupt erst 8000 verschiedene Pflanzen kannte. Humboldts wissenschaftliches Werk über seine Reise, das in französischer Sprache geschrieben wurde und auch in Paris herauskam, hatte nicht weniger als dreissig Bände und verschlang fast sein ganzes Vermögen. Im Jahre 1827 kehrte er nach Berlin zurück, wo er sein berühmtes Werk, den Kosmos, schrieb und von da ab als Universitätslehrer tätig blieb. An der Schwelle des Alters unternahm er noch einmal eine Reise nach Sibirien, die aber wissenschaftlich ohne die Bedeutung der früheren blieb. Als er 1859 starb, war er fast verarmt. Sein Tod rief in der ganzen gebildeten Welt grosse Teilnahme hervor. Im Anschluss an die Forschungsreise Humboldts darf man wohl die wissenschaftlich weniger bedeutenden, aber doch sehr interessanten Abenteuer einer Weltreise des Dichters Adalbert von Chamisso erwähnen. Geboren am 27. Januar 1781 auf Schloss Boncourt in der Champagne, wurde er schon als Kind durch die Revolutionswirren nach Berlin verschlagen. Obgleich er seinem Gefühl nach ein Deutscher war, mochte er doch später nicht gegen das Frankreich Napoleons kämpfen und ergriff mit Freuden die Gelegenheit, sich 1815 als Botaniker einer russischen Forschungsexpedition anzuschliessen. Der Leiter der Expedition war der Kapitän Otto von Kotzebue, ein Sohn des bekannten Lustspieldichters und russischen Staatsrats August von Kotzebue. Die Expedition sollte auf dem russischen Kriegsschiff »Rurik« durch das Beringsmeer eine Durchfahrt um Nordamerika suchen. Leider war aber der junge Kotzebue absolut nicht geeignet, ein solches Unternehmen durchzuführen. Er hatte keine Energie, um über sein halbwildes Schiffsvolk Herr zu werden, und war selbst von einer so krassen Unbildung und geistigen Roheit, dass er nicht einmal begriff, was wissenschaftliche Forschung war. Er protestierte gegen das unnütze Sammeln von naturwissenschaftlichen Dingen, für die der Schiffsraum nicht zur Verfügung stände, und warf mühsam erworbene botanische Sammlungen Chamissos einfach über Bord. Ebenso nahm er ihm sein Mammutelfenbein weg, um damit gelegentlich ein Biwakfeuer zu unterhalten. Aber gerade dem Dichter verdankt es Kotzebue, dass durch dessen Reisebericht die ganze Expedition sehr berühmt wurde. Adalbert von Chamisso. Chamisso bestieg in Kopenhagen den »Rurik«, der am 17. August 1815 von dort über Plymouth nach Teneriffa und dann über den Ozean nach Brasilien fuhr. Im Januar 1816 ging es um das Kap Horn herum in den Stillen Ozean und nach einem Besuch in Chile nordostwärts durch die Marquesas-Inseln nach den Marshall-Inseln, deren äusserste Reihe, die Ratack-Inseln, Mitte Mai erreicht wurde. Hier hielt Kotzebue sich aber zunächst nicht lange auf. Er wollte für diesen Sommer einen Probevorstoss nach dem Eismeer machen, um dort einen passenden Hafen zu finden. 1817 sollte es dann auf einer neuen Nordfahrt weiter gehen. Dieser Hafen wurde auch in dem Kotzebue-Sund gefunden, dann aber ging das Schiff über die Aleuten-Insel Unalaschka wieder nach Süden und fuhr über San Francisco nach den Hawai-Inseln. Dort besuchten die Reisenden den alten Häuptling Kamehameha den Grossen, den man den Napoleon der Südsee genannt hat. Er hatte sämtliche Inseln der Gruppe unter seiner Herrschaft vereinigt und Handel und Verwaltung geradezu mustergültig eingerichtet. Seine Nachfolger herrschten bis 1893, in welchem Jahre die Ausrufung der Republik erfolgte, der sich dann 1897 die Vereinigung mit den Vereinigten Staaten anschloss. Der »Rurik« fuhr nach diesem Besuch wieder nach den Ratack-Inseln, wo er sich von Januar bis März 1817 aufhielt. Hier lernte Chamisso einen Eingeborenen kennen, der sich der Expedition anschloss, einen merkwürdigen Menschen, namens Kadu, mit dem der deutsche Dichter bald eine wirkliche Freundschaft schloss. Kadu fuhr auch kühn mit, als es dann wieder nach dem eisigen Norden ging, und gab seinem europäischen Freund durch seine Kenntnisse ganz unschätzbare Aufschlüsse über die Ethnographie der australischen Inseln. Als die Expedition über die Aleuten-Inseln hinaus war, erklärte am 12. Juli 1817 plötzlich der Kapitän von Kotzebue unter der nichtigen Begründung, er fühle sich krank, seinen Entschluss, die Reise aufzugeben, und befahl einfach die Rückfahrt. Auf Hawai wurden die Russen wieder vom König empfangen, und am 31. Oktober gelangten sie zum drittenmal nach den Radack-Inseln, wo Kadu, der anfangs mit nach Europa fahren wollte, sich nun doch entschloss, zurückzubleiben. Die weitere Rückfahrt ging über die Philippinen und das Kap der Guten Hoffnung. Am 17. Oktober gelangte der Dichter in Swinemünde wieder auf deutschen Boden. Wenn man auch seine Reise nicht zu den eigentlichen Entdeckungsreisen zählen kann, so hat doch Chamisso eine ganze Reihe wichtiger Einzelbeobachtungen für die Wissenschaft geleistet und vor allem sehr Wertvolles über die Psychologie der Inselbewohner in seinem sehr schönen, auch heute noch lesenswerten Reisebericht gegeben. Neben Humboldt muss in der Reihe der naturwissenschaftlichen Reiseforscher vor allem Charles Darwin genannt werden, dem seine fast fünfjährige überseeische Reise ja erst die Anregungen und Unterlagen für die späteren Theorien über die Entwicklungsgeschichte der Tiere und Pflanzen gegeben hat. Darwin wurde am 12. Februar 1809 in Shrawsbury geboren, wo sein Vater ein geachteter und sehr beliebter Arzt war. Auch er sollte eigentlich dem Beruf seines Vaters folgen, fühlte sich aber nicht recht geeignet dazu und studierte dann eine Weile Theologie, bis ein Geistlicher namens Henslow, der zugleich Botaniker war, in ihm Talent zum Naturforscher zu entdecken glaubte und seine Studien auf dieses Gebiet lenkte. Henslow war es auch, der den zweiundzwanzigjährigen Darwin für eine wissenschaftliche Expedition empfahl, die mit dem Schiff »Beagle« (auf deutsch Spürhund) in Südamerika und dann im Stillen Ozean Forschungen anstellen sollte. Der Führer der Expedition, der sehr begabte Fitz Roy, hatte eigentlich wenig Vertrauen zu der Energie und den Fähigkeiten des jungen, schmächtigen Studenten, nahm ihn aber auf Henslows Empfehlung schliesslich doch auf, um dann an ihm eine angenehme Ueberraschung zu erleben. Zwar ein richtiger Seebär ist Darwin nie geworden, und die Seekrankheit wurde er die ganze Zeit über, die die Reise dauerte, nicht los. Aber gerade deshalb ergriff er jede Gelegenheit, um ans Land zu kommen, und während das Schiff manchmal monatelang an den Küsten kreuzen musste, um schwierige Vermessungen vorzunehmen, machte Darwin kühne Vorstösse ins Innere des Landes, von denen er immer mit einer grossen Ausbeute naturwissenschaftlicher Funde und Entdeckungen zurückkehrte. Bald merkte auch der selbst scharf beobachtende Kapitän des »Beagle« an den vorgelesenen Stellen von Darwins Tagebuch, welch ein hervorragender Forschergeist in diesem bescheidenen jungen Menschen steckte, und als drei Jahre nach der Rückkehr der Expedition dieses Tagebuch veröffentlicht wurde, da erregte es sofort das grösste Aufsehen. Noch heute gilt das Buch, das unter dem Titel »Reise eines Naturforschers um die Welt« verbreitet wurde, neben dem Humboldtschen für das beste Reisewerk dieser Art. Am 27. Dezember 1831 verliess der »Beagle« Devonport und erreichte am 16. Januar 1832 Teneriffa, wo aber das Schiff wegen der Choleragefahr nicht Anker werfen durfte. Aber der Anblick des riesenhohen Pik von Teneriffa gab dem jungen Darwin doch einen unvergesslichen Eindruck. Dafür landete er dann am 16. Januar auf einer der Kap-Verde-Inseln und erging sich zum erstenmal in einem Hain von Kokospalmen. Auch machte er hier seine ersten naturwissenschaftlichen Studien. Schon am 29. Februar wurde San Salvador oder Bahia in Brasilien erreicht, das von einer tropischen Urwaldüppigkeit umgeben war, aber auch dem Besucher ein tropisches Unwetter mit einem alles erweichenden Regen bescherte. Es begann nunmehr die eigentliche Arbeit des »Beagle«, der drei Jahre lang an der südamerikanischen Küste kreuzte und überall Messungen aufnahm, wobei das Feuerland längere Zeit den Mittelpunkt bildete. Darwin entfernte sich dabei öfters auf Wochen von dem Schiff, um zu Lande Forschungsreisen zu unternehmen. In Rio de Janeiro, wo er am 4. April landete, schloss er sich einem Engländer an, der zu Pferde seine hundert Meilen von der Hauptstadt entfernte Besitzung besuchte. Darwin fand die eingeborenen Portugiesen allgemein sehr ungastlich und schmutzig, auch waren sie sehr grausam gegen ihre Negersklaven. Die Pferde wurden unterwegs während der Nacht manchmal von einer blutsaugenden grossen Fledermaus überfallen, dem sogenanten Vampir. Im Juli fuhr Darwin von Rio de Janeiro bis zur Mündung des Rio Negro in Argentinien und machte dort wieder einen Abstecher ins Land hinein, der ihn nach Buenos Aires führte. Auf einer kahlen Hochebene fand er einen einzelstehenden Baum, den die Indianer den Altar des Gottes Wallichu nannten. Sie erwiesen dem Baum göttliche Ehren und hingen als Gaben Zigarren, Brot, Fleisch u. dgl. an zahllosen Fäden daran auf. Die europäischen Gauchos pflegten übrigens diesen Opferbaum, sobald die Indianer fort waren, heimlich seiner Schätze zu berauben. Am Rio Colorado hatte Darwin Gelegenheit, eine kleine Armee des Generals Rosas zu bewundern, ein spitzbübisches banditenartiges Gemisch von Negern, Indianern und halbblütigen Spaniern, und traf dann selbst mit diesem sehr einflussreichen Manne zusammen, der in dem von Indianeraufständen bedrohten Land ein ziemlich unbeschränktes Regiment führte. In der Gegend von Bahia Blanca in dem Tonboden der Pampasebene entdeckte Darwin Ueberreste von ausgestorbenen Riesentieren, wie dem Megatherium, dem Riesenfaultier, und einem nashorngrossen Gürteltier, ferner zur Ueberraschung der Wissenschaft eine ausgestorbene Pferdeart und einen vorhistorischen Elefanten. Einmal schoss Darwins Begleiter einen Strauss, und als das Tier schon geschlachtet, gekocht und gegessen war, entdeckte man an den Federn, dass es eine ganz neue, seltene Art war, die später Rhea Darwini genannt wurde. Auch auf dem Wege von Buenos Aires nach Santa Fé fand Darwin wieder viele Fossilien und stellte die Verwandtschaft dieser ausgestorbenen Tiere mit denen, die man in der Alten Welt ausgegraben hatte, fest. Er glaubte, dass sie über Sibirien und Nordamerika in die südlichen Länder gekommen seien. In dieser Gegend wurde übrigens der junge Forscher in eine Militärrevolution verwickelt und war kurze Zeit Gefangener eines Rebellengenerals, bis er auf einem Paketboot schliesslich nach Montevideo entwischen konnte. Im April 1834 legte sich das Schiff in Santa Cruz in Patagonien vor Anker, und der Kapitän Fitz Roy beteiligte sich an einer mehrwöchigen Bootexpedition, den Santa-Cruz-Fluss hinauf bis zu den schneebedeckten Anden, wo Darwin einen Kondor schoss. Ueberall war die Gegend sehr einförmig und tierarm, auch von Indianern wurden nur Spuren entdeckt. Bei einem Besuch auf den Falklandinseln fand Darwin zahlreiche Scharen verwildeter Pferde und Rinder und einen einheimischen wolfartigen Fuchs, den es nur auf diesen Inseln gibt. Ende 1832, Anfang 1833 und dann noch einmal im Frühjahr 1834 wurde Tierra del Fungo, das Feuerland, durchforscht. Die sehr hässlichen und buntbemalten Eingeborenen, deren Aussehen Darwin mit dem der Teufel in der Oper »Freischütz« vergleicht, kamen gestikulierend herbei und bettelten um Geschenke, besonders um Messer. Vor den Gewehren hatten sie eine Heidenangst und weigerten sich, sie auch nur anzurühren. Sie lebten von Muscheln, deren Schalen an ihren armseligen Wohnstätten zu kleinen Bergen aufgehäuft waren. Wurde ein Seehund getötet oder entdeckte man gar den schwimmenden Leichnam eines faulenden Walfischs, so war das für sie ein Festtag. Oft hatten sie Hungersnot, und dann töteten sie die alten Frauen, um sie zu verzehren, während sie die Hunde, die sie beim Otternfang gebrauchten, noch schonten. Die Frauen waren überhaupt nicht viel mehr als die Sklaven ihrer Männer, die sehr roh und im Kriege auch Menschenfresser waren. Südlich von Kap Horn hatte der »Beagle« gewaltige Stürme auszuhalten und wurde einmal nach Süden abgetrieben. Auf der Rückfahrt landete er am Eingang des von Osten nach Westen gehenden schmalen Beagle-Kanals. Kapitän Fitz Roy hatte nämlich auf einer früheren Expedition drei Feuerländer mitgenommen, die er jetzt in ihrer Heimat wieder ans Land bringen wollte. Zugleich sollte sich hier ein Missionar namens Matthews ansiedeln. An der Landungsstelle wurden Wigwams gebaut und Gärten gegraben. Die Eingeborenen waren sehr freundlich, tanzten und lachten und stahlen im übrigen, was sie erwischen konnten. Während die Boote dann den Kanal noch durchforschten, blieb der Missionar zurück. Aber bei der Rückkehr fand man ihn schon in Lebensgefahr, die Feuerländer hatten ihn regelrecht ausgeplündert und ihm gedroht, ihn nackt auszuziehen. Kapitän Fitz Roy musste ihn deshalb schleunigst wieder an Bord nehmen und brachte ihn später nach Neuseeland, wo sein Bruder ebenfalls Missionar war. Im Sommer verliess der »Beagle« durch die Magalhaes-Strasse endgültig die östliche Seite von Südamerika und fuhr in den Stillen Ozean hinein. Am 23. Juli ankerte er in der Bucht von Valparaiso, dem Haupthafen Chiles, von wo man den höchsten Berg der Anden, den riesenhaften Vulkan von Aconcagua erblicken konnte. Darwin machte von hier einen Aufstieg in das Hochgebirge. Auf der später besuchten Insel Chiloe erlebte er am 20. Februar 1835 ein heftiges Erdbeben, wie es selbst die Einwohner in der Stärke nie erfahren hatten. In Concepcion am Festland stand kein Haus mehr, und es wurden 70 Dörfer in Chile zerstört. Darwin fand Concepcion und das benachbarte Talcahuano als wirre Trümmerhaufen. Trotzdem verunglückten kaum hundert Menschen, da alles beim ersten Stoss ins Freie gelaufen war. In den Ruinen brach dann Feuer aus, und überall wurde geplündert. Im Mai überstieg Darwin von Santiago aus die Kordilleren, wobei er hohe und gefährliche Alpenpässe bewältigen musste. Ueberall machte er geologische Studien, und sein Tagebuch preist die unendlich weite, wundervolle Aussicht. Dann fuhr er nach Lima, der Hauptstadt von Peru, in deren Hafen Callao das Schiff sechs Wochen blieb und wieder einmal das Vergnügen einer südamerikanischen Militärrevolution genoss. Im September 1835 verliess die Expedition endgültig die Festlandküste und segelte nach der genau auf dem Aequator liegenden Gruppe der Galapagosinseln. Obgleich diese zehn vulkanischen Inseln schon weit im Stillen Ozean liegen, gehören sie doch geologisch noch zu Amerika, und Darwin fand hier eine ganz seltsame Tierwelt, die zwar amerikanische Grundformen zeigte, sich aber in Einzelheiten ganz verändert und sogar auf den verschiedenen Inseln noch verschiedene Varietäten gebildet hatte. Diese Galapagosinseln wurden für Darwins Ansichten sehr wichtig, denn hier entstand nach seiner eigenen späteren Aussage zuerst in ihm die Idee der Veränderlichkeit der Arten, die Grundlage seiner Entwicklungstheorie. Im Oktober fuhr der »Beagle« nach Westen und erreichte am 15. November die klassische Insel Tahiti. Darwin fand die Eingeborenen sehr verändert gegen die Zeit, da Cook zum ersten Male dorthin kam. Missionare hatten das Christentum eingeführt und Flötenspiel und Tanz, aber auch Kriege und Kindermorde abgeschafft. Das Idyll von Tahiti, das die ersten Europäer so entzückt hatte, war verschwunden, die Eingeborenen waren moralischer geworden, stahlen weniger, handelten aber sehr raffiniert und wollten als Bezahlung nur Geld haben, das einige in grossen Summen aufhäuften. Am 26. November fuhr das Schiff wieder ab und erreichte am 19. Dezember Neuseeland. Am 30. Dezember fuhr es weiter nach Australien, wo es am 12. Januar 1836 im Hafen von Sydney landete. Auf einer Landexpedition wurde Darwin zu einer Känguruhjagd eingeladen, bei der er aber weder ein Känguruh noch einen wilden Hund, einen Dingo, zu sehen bekam. Doch erbeutete er ein Exemplar des berühmten, rätselhaften Schnabeltiers, von dem man damals noch nicht wusste, dass es Eier legte. Es folgte dann noch ein Besuch auf Tasmanien, und Mitte März verliess das Schiff Australien, um einen Abstecher nach den Keeling- oder Kokosinseln im Indischen Ozean zu machen. Diese Inseln waren aus Korallen gebildete Atolle, wie es deren ja so viele im Stillen Ozean gibt. Bisher hatte man alle diese Inselgebilde für unterseeische Krater gehalten mit Korallenaufbau. Darwin aber enträtselte ihre Entstehung, indem er sie für Umrisse langsam versunkener Inseln erklärte, auf denen die Korallentiere, die immer eine gewisse Meerestiefe zum Leben brauchen, sich nach und nach weiter emporbauen. Der »Beagle«, der sich ja jetzt schon auf der Rückfahrt befand, lief dann noch die Insel Mauritius, das Kap der Guten Hoffnung und St. Helena an und war am 2. Oktober 1836 wieder in England. Die beiden klassischen naturwissenschaftlichen Reisen, die Humboldt und Darwin unternahmen, und ihre noch heute sehr wichtigen Reiseschilderungen haben die folgenden Generationen der Naturforscher aufs stärkste angeregt. Der Engländer Alfred Russel Wallace, der Mitbegründer der modernen Entwicklungstheorie, verbrachte lange Jahre, immerzu wundervolle Sammlerschätze anhäufend, auf dem Malaiischen Archipel, der Heimat des Orang-Utans und des allzuherrlichen, aber gerade darum dem Untergang geweihten Paradiesvogels. Ebenso hat der Vater der modernen Tierkunde, Alfred Edmund Brehm, grosse Forschungsreisen gemacht und sehr interessante Bücher darüber geschrieben. Der dunkle Erdteil. Das 19. Jahrhundert hat Afrika den dunklen Erdteil genannt, und es dauerte in der Tat bis in die siebziger Jahre hinein, ehe das Innere dieses grossen Festlandes seine hartnäckig verschlossenen Geheimnisse auftat. Dabei haben gerade in Afrika die ältesten historischen Kulturen bestanden. Die Pharaonen kannten das Gebiet der Nilquellen, die Phöniker hatten Beziehungen zu den Negerstaaten südlich von der Sahara, und vollends die arabischen Kaufleute durchzogen die ganze Nordhälfte des Erdteils. Aber die seefahrenden europäischen Völker haben alle wenig Interesse für den grossen afrikanischen Koloss gehabt. Sie suchten nach Schätzen und Abenteuern, sie durchforschten die fernsten Meere und liessen den insel- und hafenarmen schwarzen Erdteil unbeachtet, so dass sie von ihm beim Beginn des vorigen Jahrhunderts wenig mehr als seine Umrisse kannten. Fetisch aus Zentralafrika Anders wurde es erst, als in London zu wissenschaftlichen Forschungszwecken die Afrikanische Gesellschaft gegründet wurde, die zunächst im Jahre 1795 den schottischen Arzt Mungo Park aussandte, um das Gebiet des oberen Niger zu erkundigen. Mungo Park fuhr zur Mündung des Gambia in Senegambien und dann den Fluss hinauf nach Pisania, wo er seine kleine Expedition ausrüstete. Am 2. Dezember 1795 trat er mit nur wenigen Begleitern seine Reise an, fand aber bald, dass er den Charakter der Neger nicht kannte, die furchtsam und zugleich habgierig waren und bei der geringsten Gefahr unter Mitnahme von Gegenständen entliefen. Trotzdem drang er mutig vor, überschritt die Wasserscheide zwischen Gambia und Senegal und erkannte bald, dass zwischen den Senegalländern und dem Nigergebiet eine hohe Gebirgsgrenze liegen musste. Wegen ausgebrochener Kriegswirren konnte er nicht direkt nach dem Niger zu marschieren, sondern musste einen Umweg nach Norden bis an den Rand der grossen Wüste machen, wo er in das Gebiet fanatischer Mauren geriet. Der König Ali von Ludamar hielt ihn vier Monate in einer überaus harten Gefangenschaft fest. Aller seiner Habseligkeiten beraubt, ohne Diener und Gefährten, gelang es ihm endlich, als sein Tod schon beschlossen war, heimlich zu fliehen und sich mittels eines Taschenkompasses einen Weg durch die Wildnis zu bahnen. Nach unsäglichen Gefahren und Entbehrungen glückte es ihm, sich bis an den Niger durchzuschlagen, womit er das eigentliche Ziel seiner Reise nun doch erreicht hatte. Aber er war jetzt vollständig ausgeplündert und ganz auf die Gutherzigkeit der Neger angewiesen. Noch eine Strecke weit folgte er dem Lauf des gewaltigen Flusses, indem er sich auf der linken Seite hielt und die rechts gelegene Hauptstadt Segou- Sikoro wegen der dort verkehrenden Araber vermied. Gern wäre er bis Timbuktu vorgedrungen, aber die Regenzeit hatte begonnen und drohte das Land weithin in einen See zu verwandeln. Dann hätte er nur noch auf Kähnen fahren können, und das war ihm bei seiner Mittellosigkeit nicht möglich. Ausserdem brach er jetzt körperlich vollständig zusammen, und wenn sich nicht mitleidige Menschen seiner angenommen und ihn monatelang gepflegt hätten, dann wäre er wohl kaum wieder aufgekommen. Als er allmählich wieder von seiner schweren Krankheit genesen war, konnte er sich einer grossen Negerkarawane anschliessen und gelangte endlich am 1. Juni 1797 nach achtzehnmonatiger Abwesenheit wieder am Gambia an, wo man ihn längst für tot gehalten hatte. Mungo Park hat dann 1805 noch eine zweite, besser ausgerüstete Expedition nach dem Nigergebiet unternommen. Er erreichte auch nach grossen Strapazen, wobei von 43 Begleitern 35 unterwegs starben, den Fluss und zimmerte hier ein Boot, um auf diesem womöglich bis zur Mündung hinabzufahren. Auf dieser Fahrt litt er sehr unter der Verfolgung der von den Arabern aufgehetzten Eingeborenen. Seine letzten Begleiter fielen einer nach dem anderen und zuletzt wurde er selbst ermordet. Ein ähnliches Schicksal erlitt schliesslich sein Nachfolger, ein Deutscher aus Hildesheim namens Friedrich Hornemann, obgleich er in der Maske eines mohammedanischen Kaufmanns reiste. Er durchquerte von Kairo aus, ebenfalls im Auftrage der englischen Afrikanischen Gesellschaft, die Libysche Wüste und gelangte schliesslich nach Tripolis. Von dort zog er über Mursuk nach dem Niger, verriet sich aber wohl durch eine Unvorsichtigkeit und wurde im Jahre 1801 erschlagen. In den nun folgenden Jahren versuchte eine grosse Anzahl von Forschern den Sudan und die Sahara zu durchqueren, wobei man allmählich über den Lauf der Flüsse und die sonstigen geographischen Verhältnisse immer genauere Vorstellungen bekam. Besonders nach der Eroberung Algiers durch Frankreich im Jahre 1830 wurde das Interesse Europas sehr stark auf das nördliche innere Afrika gelenkt. Merkwürdigerweise waren es Deutsche, die sich in diesen durch mohammedanischen Fanatismus sehr gefährlichen Gebieten besonders betätigten und durch ihre wissenschaftliche Ergebnisse alles früher Erreichte in den Schatten stellten. An der Spitze von allen steht Heinrich Barth, der grosse klassische Erforscher des Sudans, der in seinen mehr als fünfjährigen Reisen die Probleme des inneren Nordafrika glänzend gelöst hat. Er wurde am 16. Februar 1821 in Hamburg geboren, und betrat 1845 zum ersten Male den Boden Nordafrikas, um hier an der Küste archäologische und geographische Studien zu machen. Ende 1849 beteiligte er sich an einer englischen Expedition unter der Leitung von James Richardson, der sich dann noch Barths Freund Dr. Overweg anschloss. Der Plan der auf mehrere Jahre berechneten Reise war, wichtige innerafrikanische Königreiche zur Anknüpfung von Handelsbeziehungen aufzusuchen, und Barth gelang es nach dem Tode seiner Begleiter, die wissenschaftlich so bedeutende Expedition zu einem erfolgreichen Ende zu führen. Die Reise ging über Tunis und Tripolis, wo es einen längeren Aufenthalt gab, dann nach Mursuk, wo die Schwierigkeiten durch Intrigen und Erpressungen der Mohammedaner begannen. Immer wieder musste sich die Karawane durch Aufgabe von Waren ihren Durchzug erkämpfen. Am 4. September 1849 wurde Tintellust, die Hauptstadt des Reiches Air oder Asben, erreicht, wo sie von dem König nach Ueberreichung eines Geschenkes gut empfangen wurden. Barth machte von hier einen Ausflug nach der alten und bedeutenden Stadt Agades und blieb in dieser, noch nie von einem Christen besuchten Stadt drei Wochen. Nach seiner Rückkehr brach die Karawane am 6. November auf und kam am 7. Januar 1850 in Taghelel an. Von hier wollten die Forscher nach Osten abbiegen, um Kuka am Tsadsee zu erreichen, doch war schon früher verabredet worden, auf drei getrennten Wegen auf dieses Ziel loszugehen. Während Richardson direkt nach Kuka ging, marschierte Barth zunächst nach Südwesten und gelangte über Tessaua nach Katsena. Hier gab es wieder Schwierigkeiten, weil der Fürst nicht mit dem Geschenk zufrieden war, und ähnlich erging es ihm in dem grossen Handelszentrum Kano, wo seine schwarzen Diener, die er nicht mehr bezahlen konnte, immer unverschämter wurden. Ausserdem erkrankte er noch an einem Fieber. Trotzdem verliess ihn nicht der Mut, und er gelangte nach allerlei Abenteuern am 2. April 1851 in Kuka an dem grossen Tsadsee an. Schon vorher hatte er erfahren, dass Richardson infolge der Anstrengungen der Reise erkrankt und unweit von der Hauptstadt gestorben war. Overweg, der über Sinder gereist war, traf am 7. Mai ein. Vom Tsadsee aus machten nun die beiden Forscher wiederholte Reisen in südlicher und östlicher Richtung. Dabei wurde in Jola der Benue, ein Nebenfluss des Niger, erreicht und dessen Ursprung festgestellt. Aber auch Dr. Overweg erkrankte in dem ungünstigen Klima und starb schliesslich am 27. September. Dr. Barth hatte anfangs beabsichtigt, auch noch das Ostufer des Tsadsees zu erforschen, doch verleidete ihn der Tod seines Gefährten den Aufenthalt in der Gegend, und er brach ungesäumt auf, um neue Länder zu sehen und mit neuen Menschen in Berührung zu kommen. Eine aus Europa eingetroffene Geldsendung hatte ihm erlaubt, seine Schulden zu bezahlen, und so ritt er jetzt wieder nach Westen über Sinder nach Sokoto, der Hauptstadt des gleichnamigen Landes, wo er sich mit dem Sultan gut zu stellen wusste. Dann ging es weiter auf den Niger zu, dessen Bett er am 20. Juni 1852 bei der Stadt Say erreichte. Barth entschloss sich jetzt, die Reise bis nach Timbuktu fortzusetzen, was ursprünglich gar nicht in seiner Absicht gelegen hatte. Dabei musste er, um die fanatischen Mohammedaner zu täuschen, unterwegs in der Rolle eines vornehmen Arabers auftreten und nannte sich Scherif Abd el Kerim e Schami. Bisher hatten noch alle Europäer mit Ausnahme eines Franzosen, der geschickt die Rolle eines Arabers durchgeführt hatte, bei dem Besuche von Timbuktu, dieser fast sagenhaften Königin der Wüste, wie man die Stadt nannte, das Leben eingebüsst. Barth wagte ihn aber doch. Unterwegs wurde er von seinem Führer in gemeinster Weise bestohlen, und als er in Timbuktu ankam, geriet er bald in die schlimmste Lebensgefahr, da man an einigen fremdartigen Gegenständen in Barths Gepäck erriet oder wenigstens vermutete, dass er ein Christ sei. Der Scheich El Bakay stand zwar auf Barths Seite, aber die Untertanen drohten mit einem Aufstand und forderten den Tod des Fremden. Monatelang war der deutsche Forscher wenig mehr als ein Gefangener und schwebte fortwährend in Lebensgefahr. Endlich am 18. Mai 1854 schlug für ihn die Stunde der Erlösung, und er konnte in Begleitung des Scheichs die für ihn beinahe verhängnisvoll gewordene Gegend verlassen. Der edelmütige Scheich gab ihm Empfehlungsbriefe und ausreichende Schutzmannschaften mit. Von Say aus zog Barth wieder nach Osten. Er hatte bereits erfahren, dass die englische Regierung zu seiner Unterstützung einen jungen Deutschen, Dr. Eduard Vogel, entsandt habe, und erlebte nun unvermutet auf dem Wege nach Kuka, als er sich in der Stadt Bundi befand, ein Zusammentreffen mit seinem Landsmann. Gemeinsam zogen sie nunmehr nach Kuka, wo sie mehrere Wochen verbrachten. Dann verabschiedeten sie sich voneinander, Dr. Vogel, um eine Expedition anzutreten, die ihm einen baldigen Tod bringen sollte, Dr. Barth, um wieder nach Hause zu reisen. Diese Heimreise verlief schneller und besser, als er gedacht hatte. Am 5. Mai 1855 verliess er Kuka, um schon am 20. Juni Mursuk und am 27 August Tripolis zu erreichen. Dr. Vogel aber wurde von einem tragischen Geschick ereilt. Nachdem er eine Zeitlang das Tsadseegebiet erforscht hatte, brach er nach Osten auf und wurde anfangs 1856 auf Befehl des Sultans von Wadai infolge einer Anzeige fanatischer Mohammedaner in grausamer Weise ermordet. Was Barth für die Durchforschung des nördlichen Afrikas getan hat, leistete der Schotte Dr. David Livingstone für die Südhälfte. Er wurde am 19. März 1813 in der Nähe von Glasgow in ganz ärmlichen Verhältnissen geboren und musste schon mit zehn Jahren in einer Spinnerei arbeiten. Mit eiserner Willenskraft studierte er des Nachts und bereitete sich so, immer dabei schwer arbeitend, auf seinen selbstgewählten Beruf vor, einmal als Missionar in fremde Länder zu gehen. Endlich hatte er sein Ziel erreicht und wurde im Jahre 1840 nach Südafrika geschickt, nachdem er nicht nur Theologie studiert, sondern auch sein Examen als Arzt gemacht hatte. Er war anfangs im Kapland als Gehilfe des englischen Missionars Moffat tätig, dessen Tochter er bald heiratete. Im Jahre 1845 beschloss Livingstone, weiter ins Innere zu ziehen, und gelangte bis an den Rand der Kalahariwüste, wo er mit dem einflussreichen Betschuanenhäuptling Setschele Freundschaft schloss. 1849 durchquerte er die Wüste und gelangte bis an den Ngamisee, wo er ebenfalls freundlich aufgenommen wurde und zwei Jahre als Missionar tätig war. Diese Erfolge gaben ihm den Mut zu grösseren Entdeckungsreisen, die seinen Namen bald berühmt machen sollten. 1851 ging er auf eine Einladung von Sebitoane, dem Häuptling der Makololo, durch die Kalahariwüste nach Sescheke; an einem grossen Fluss, den die Eingeborenen Liambai nannten, der aber weiter nichts als der Oberlauf des Sambesi war. Die Reise war sehr mühsam gewesen, da Livingstone seine Familie, Frau und Kinder, bei sich hatte, die unter den Strapazen der Wüstenwanderung doppelt litten. Schon am zweiten Tag hatte der mitgenommene Führer die Richtung verloren und flüchtete dann, da er eine Strafe fürchtete. Das letzte Wasser ging zur Neige, und es gelang nicht, eine Quelle zu finden. Ein See, an den man gelangte, erwies sich als stark salzhaltig. In der höchsten Not, als schon alle fast verschmachtet waren, kam Livingstone auf den Einfall, seine mitgenommenen Zugochsen freizulassen, und diese Tiere rannten auch stürmisch davon, bis sie an einen Fluss gelangten. Einige Reiter waren ihnen gefolgt, und so wurde die Karawane gerettet. Dann gab es grosse Verluste durch die in der Kalahariwüste so häufige giftige Tsetsefliege, an deren Stichen der grösste Teil des Zugviehs starb. Glücklicherweise leistete in Linyanii am Tschobefluss der Häuptling Sebitoane ihnen herzliche Hilfe und stellte eine grössere Anzahl Ochsen zur Verfügung, so dass Livingstone nach einer Weile weiterziehen und den Sambesi- Oberlauf als erster Weisser erreichen konnte. Zufrieden mit diesem Ergebnis kehrte er auf demselben Wege, wie er gekommen war, nach Kapstadt zurück, schickte seine Familie nach England zur Erholung und rüstete sich zu einer neuen Expedition. Wieder ging er in das Reich Sebitoanes, der aber inzwischen gestorben war. Sein Sohn Sekeletu erwies sich als ebenso freundlich gesinnt, wie es sein Vater gewesen war, und gab dem Engländer eine ganze Flottille von 33 Kähnen mit, um so den Liambai oder Sambesi hinaufzufahren. Der Fluss ging unablässig nach Norden in das Reich der Lunda hinein und wurde von diesen Liba genannt. Livingstone verfolgte ihn bis zum Quellengebiet, wandte sich dann nach Nordwesten und überschritt den Oberlauf des Kwango, eines Nebenflusses des Kongos. Am 31. Mai 1854 erreichte er in Loanda die Küste des Atlantischen Ozeans. Trotzdem er nun von den erlittenen Strapazen sehr entkräftet war, gönnte er sich nur eine kurze Erholung und begann dann den Rückmarsch. Wieder überschritt er den Kwango, geriet dann aber.durch die Habgier der Neger und ihrer Häuptlinge bald in eine üble Lage, da er die immer erneuten Geschenkforderungen auf die Dauer nicht befriedigen konnte. Seine Habe schmolz immer mehr zusammen, und schliesslich musste er sich mit seinen Leuten, überall um Nahrung bettelnd, durchschlagen. Manchmal verlor er ganz den Mut, gelangte dann aber nach zweijähriger Abwesenheit schliesslich doch noch glücklich in Linyanii an, wo er festlich empfangen wurde. Nun aber liess es ihm keine Ruhe, auch den Unterlauf des Liambai, in dem er mit Recht den Sambesi vermutete, zu erforschen. Bald war er wieder unterwegs, und schon nach kurzer Zeit gelangte er an gewaltige Wasserfälle, die er Viktoriafälle nannte. Immer mächtiger wurde jetzt der Strom, der noch verschiedene majestätische Fälle zeigte. Von Norden kam noch der starke Nebenfluss Schire, und dann ging es endlich in das Delta des Sambesiflusses hinein, dessen Mündung am 20. Mai 1856 bei Quelimane erreicht wurde. Nach einem Besuch in England sehen wir Livingstone schon 1858 wieder unterwegs nach neuen Entdeckungen, diesmal im Auftrag der englischen Regierung. Er sollte den Unterlauf des Sambesi näher erforschen und nahm einen zerlegbaren Dampfer mit, der erst in Quelimane zusammengesetzt wurde. Livingstone fuhr diesmal den Schirefluss hinauf und stellte fest, dass dieser ein Ausfluss des langgestreckten Nyassasees war, dessen Ufer er als erster Europäer am 16. September 1859 erreichte. Südöstlich davon entdeckte er auch den kleineren Schirwasee. Er drang nun nördlich bis zum Rovumafluss vor und folgte seinem Laufe bis zur Mündung. Im Jahre 1864 war Livingstone wieder in England, beschloss aber sofort eine neue Fahrt zu machen, diesmal mit dem ehrgeizigen Plan, das ganze mittelafrikanische Seengebiet zu erforschen und die Wasserscheiden zwischen Nil, Kongo und Sambesi festzustellen. 1866 langte er an der Mündung des Rovuma an, dessen Lauf er bis zum Nyassasee folgte. Aber diesmal sollte er nicht wieder so viel Glück haben wie früher. Seine Träger erwiesen sich als unzuverlässig und desertierten, und am Nyassasee verliessen ihn auch die meisten, die noch treu geblieben waren. Die ersten entflohenen Träger hatten inzwischen an der Küste das Gerücht verbreitet, Livingstone sei ermordet worden. Sofort entschloss man sich in England zu einer Expedition, die Näheres über den Forscher erkunden sollte, und diese Expedition unter Dr. Edward Young erreichte ebenfalls den Nyassasee, konnte aber nur feststellen, dass Livingstone noch am Leben sei. Er war nämlich inzwischen am Westrand des Sees nach Norden marschiert, doch kam seitdem keine weitere Nachricht über seine Schicksale, so dass man bald in Europa weder wusste, wo er sich befand, noch ob er überhaupt am Leben sei. Auch der Versuch einer zweiten Expedition, ihn aufzufinden, verlief ohne jedes Ergebnis. Da entschloss sich 1869 Gordon Bennett, der Eigentümer der amerikanischen Zeitung »New York Herald«, seinen Berichterstatter Henry M. Stanley, der sich gerade in Madrid befand, nach Afrika zu schicken, um nach Livingstone zu suchen, und überwies ihm unbeschränkte Geldmittel. Stanley, der eigentlich von einer Tropenforschung nicht die geringste Ahnung hatte, schiffte sich trotzdem sofort nach Sansibar ein, rüstete dort eine grosse Expedition aus und marschierte am 21. März in nordwestlicher Richtung in das Innere. Glücklich gelangte er auch in das Reich Unyamwesi, wo er eine Zeitlang in einen Krieg der Araber gegen einen Negerkönig verwickelt wurde. Er musste mehrere Schlachten mitmachen, entwich dann aber und erfuhr auf dem Zuge nach dem Tanganjikasee, dass sich dort ein weisser Mann aufhalte. Das konnte nur Livingstone sein. In der Tat befand sich hier der englische Forscher, und zwar in einer sehr üblen Lage. Er war, nachdem er den Nyassasee verlassen hatte, im April 1867 an das Südende des Tanganjikasees gelangt. Dann hatte er, sich westlich und südlich wendend, den Mwerusee und den Bangweolosee und deren Zuflüsse studiert, die er für Nilquellen hielt, ohne zu ahnen, dass er sich im Stromgebiet des Kongo befand. Er kehrte schliesslich an den Tanganjikasee zurück, an dessen Ostseite, in Udjidji, er sich ein Standquartier einrichtete. Hier erkrankte er schwer und hatte, als er sich wieder besser fühlte und einen neuen Abstecher unternahm, das Unglück, seine ganzen Warenvorräte zu verlieren. So war er von allen Mitteln entblösst am 23. Oktober 1871 gerade wieder in Udjidji angekommen, als wenige Tage später im Augenblick der höchsten Not Stanley ankam und ihm Rettung und Vorräte brachte. Stanleys Reise zur Aufsuchung Livingstones. Die Freude war auf beiden Seiten sehr gross. Livingstone erfuhr, was inzwischen in der Welt geschehen war, und machte dann mit dem amerikanischen Journalisten eine gemeinsame Fahrt über den Nordteil des Sees. Am 27. Dezember trat Stanley die Rückreise an. Livingstone aber ging wieder nach Udjidji, wo er auf neue Vorräte wartete, die im August 1872 von Sansibar aus eintrafen. Der unermüdliche Forscher machte sich nun sofort wieder auf den Weg und zog um die Südspitze des Sees herum noch einmal nach dem Bangweolosee, immer bedacht, die hier vermuteten Nilquellen zu finden. Aber diese Entdeckung, die er ja auch an einer falschen Stelle suchte, war ihm nicht mehr beschieden. Seine durch die langjährigen Strapazen untergrabene Gesundheit brach ganz zusammen. Sein Zustand wurde schlimmer und schlimmer und am 4. Mai 1873 starb er südlich vom Bangweolosee an der Ruhr. Seine treuen Diener brachten mit beispielloser Aufopferung seine Leiche auf einem gefährlichen Wege nach Sansibar, von wo sie nach England überführt wurde. Natürlich waren in den langen Jahren, die Livingstones Entdeckertätigkeit umfasste, auch andere Forscher tätig, um das Dunkel, das noch über dem Inneren Afrikas lag, zu lichten. Vor allem sind hier zwei Deutsche zu nennen, Gerhard Rohlfs und Gustav Nachtigal. Dr. Gerhard Rohlfs, der am 14. April 1831 in Vegesack bei Bremen geboren wurde, hat ein ausserordentlich bewegtes und abenteuerliches Leben geführt. 1855 ging er nach Algier zur Fremdenlegion, wo er als Militärarzt an den Kämpfen gegen die Kabylen teilnahm. 1862 wagte er in der Maske eines zum Islam übergetretenen Christen, einen Streifzug durch Marokko. Er überschritt den Atlas, drang als erster Europäer in die Oase Tafilelt ein und gelangte schon ein Jahr später durch die Wüste Sahara bis nach Tuat. Im Jahre 1865 begann er dann seine grosse Reise, die ihn von der Nordküste Afrikas bis an die Küste von Guinea brachte. Am 20. Mai verliess er Tripolis und reiste über Mursuk, wo er sich längere Zeit aufhielt, in schnurgerader Richtung nach Kuka am Tsadsee. Er traf dort im Juli 1866 ein und blieb bis zum Ende des Jahres, nachdem er sich mit dem Sultan, der ihn anfänglich sehr kühl behandelte, befreundet hatte. Auf der weiteren Reise geriet die Karawane noch einmal in grosse Gefahr durch den Angriff einer betrunkenen Dorfbevölkerung, aber schliesslich gelangte Rohlfs doch in südwestlicher Richtung über Jakuba und Keffi nach Lokodje, wo der Benuefluss in den Niger fliesst. Hier traf er sogar schon eine englische Faktorei an und langte dann am 20. Mai 1867 in Lagos an. Seine Wanderung war eine der grössten, die überhaupt bis dahin unternommen waren. Auch in späteren Jahren hat Rohlfs noch eine Reihe von Expeditionen ausgeführt, die aber nicht die grosse Bedeutung der früheren hatten. Ein grossangelegtes Unternehmen 1879 über die Kufra-Oasen durch die Libysche Wüste nach Wadai misslang, da die Expedition schon in der Oase Kufra infolge der Treulosigkeit der dortigen Araber vollständig ausgeplündert wurde. Rohlfs und seine Begleiter retteten mit Mühe ihr Leben. Dr. Gustav Nachtigal, geboren am 23. Februar 1834 in Eichstedt bei Stendal, dessen Reisen wissenschaftlich bedeutender als die Dr. Rohlfs sind, war eigentlich nur eines beginnenden Lungenleidens wegen nach Tunis in Nordafrika gegangen, wo er sechs Jahre als Arzt lebte und völlig gesundete. Ein Zufall führte ihn 1868 mit Dr. Rohlfs zusammen, der jemand suchte, um Geschenke des Königs von Preussen an den Sultan von Bornu zu überbringen, und Nachtigal überredete, den Auftrag durchzuführen. Bis Mursuk ging Nachtigals Reise leicht vonstatten, dann aber wollte er einen Abstecher nach Tibesti in das Gebiet der sehr räuberischen Tubu machen. Er liess sich auch durch keine Warnungen abhalten und brach, nachdem er seine wertvollsten Vorräte in Mursuk in sichere Hut gegeben hatte, nach Tibesti auf. Das leichtsinnige Unternehmen brachte ihn schnell in die grösste Lebensgefahr. Um den Beduinen zu entgehen, schlug er wenig begangene Pfade ein, wurde nur durch ein Wunder vom Tode des Verschmachtens gerettet und gelangte schliesslich unter endlosen Strapazen nach Bardai, um hier sofort vollständig ausgeplündert zu werden. Der ihm zugedachten Ermordung entging er mit genauer Not durch eine schleunige waghalsige Flucht. Der deutsche Forscher schloss sich nunmehr auf dem Wege von Mursuk nach Kuka einer grossen Karawane an, die am 18. April 1870 Mursuk verliess und am 5. Juni in der Hauptstadt von Bornu anlangte. Hier überreichte Nachtigal seine reichen Geschenke dem Sultan, aber sein Wunsch, nunmehr, wie er es beabsichtigt hatte, nach Wadai zu ziehen, war wegen der dort herrschenden Kriegswirren nicht möglich. Doch konnte er dafür 1871 einen Abstecher nach Nordosten unternehmen und gelangte nach Borku, von wo erst anfangs des Jahres 1873 wieder nach Kuka zurückkehrte. Nunmehr durfte er aber endlich an seinen Plan denken und einen Zug nach dem Westen unternehmen. Mit Empfehlungsbriefen des Sultans versehen, überschritt er den Scharifluss und kam bald in südöstlicher Richtung in Gebiete, die nicht mehr mohammedanisch, sondern heidnisch waren. Die Neger waren hier sehr primitiv und flohen beim Herannahen der Karawane, die sie für eine Räuberbande hielten, in die Wälder. In Begleitung des Königs Abbu Sekkin, der mit dem Scheich von Bornu in Freundschaft stand, aber von den Wadais entthront war, musste er eine Sklavenjagd auf heidnische Bagirnu mitmachen, die auf riesengrossen Bäumen festungsartige Häuser besassen. Diese Bäume waren an sich unersteigbar, aber gegen die Feuerwaffen der Angreifer boten sie keinen Schutz. Nachtigal widerte eine solche Sklavenjagd sehr an und er war froh, als er die Gegend verlassen und nach Kuka wieder zurückkehren konnte. Erst im Jahre 1873 wurde die Reise durch das Gebiet der Wadai möglich. Mit Empfehlungen des Sultans von Bornu gelangte er ungefährdet nach Abesche, wo ihn der kriegerische Sultan Ali verhältnismässig freundlich aufnahm. Im Januar 1874 zog er weiter durch Dar Fur und Kordofan, erreichte den Nil bei Chartum und gelangte flussabwärts am 22. November 1874 glücklich nach Kairo. Ebenfalls ein sehr bedeutender Forscher war der Deutsche Dr. Georg Schweinfurth, der sich vor allem um das Gebiet des oberen Nils bemüht hat. Schon 1864 hatte er das Nildelta in Unterägypten besucht, war dann flussaufwärts gezogen und schliesslich nach Abessinien gekommen. 1868 ging er mit einem mächtigen Elfenbeinhändler Mohammed Abd-es-Sammat von Chartum aus den Nil hinauf in das Innere Afrikas. Unterwegs hatten sie viel durch die Nachstellungen der Schilluks zu leiden, eines sehr räuberischen Volksstammes, der manchmal auf Tausenden von Kähnen den Leuten Sammats auflauerte, aber schliesslich doch keinen offenen Angriff gegen den überlegen bewaffneten Sammat wagte. Bei 9 Grad südlicher Breite gelangte man in die Sumpfregion des Nils, der hier so dicht mit Papyrusgebüschen besetzt war, dass die Barken sich nur mit Mühe durch enge Kanäle und Risse hindurchzwängen konnten. Endlich gelangten die Reisenden auf dem Bahr-el-Ghasal nach Meschra-er-Rek, wo sie einen Monat blieben, um Träger zu erwarten. Am 25. März 1869 brach die 500 Mann starke Karawane wieder auf. Dr. Schweinfurth hatte 70 Träger zur Verfügung, auch wurden ihm mehrere Reitesel angeboten. Er zog es aber vor, die grosse Wanderung lieber zu Fuss zu machen, weil er unterwegs fortwährend die Wege beobachten und Pflanzen untersuchen musste. Er hat dies auch durchgesetzt und ist die ganzen 2 ¼ Jahre ausschliesslich zu Fuss gegangen. Vorläufig ging der Marsch aber nur bis zu der nahegelegenen Hauptseriba, dem stark befestigten Dorfe Djur Ghattas. Hier quartierte sich Schweinfurth sieben Monate ein und machte zahllose Ausflüge nach den ringsum verstreuten kleineren Seriben des Elfenbeinhändlers. Ende Januar 1870 zog der Forscher mit Abd-es-Sammat und fast 800 Mann Begleitung in das Gebiet der kannibalischen Niam-Niam. Dieser grosse abschreckend aussehende Volksstamm erwies sich aber dank der Autorität, die der mächtige Abd-es-Sammat genoss, als sehr freundlich gegen die Ankömmlinge, und der Häuptling Nganje schloss mit dem wunderbaren weissen Mann Schweinfurth, dem ersten Europäer, den er überhaupt sah, besondere Freundschaft. Diesen aber trieb es weiter; er überschritt als erster Forscher von Norden her das Quellgebiet des Nils und erreichte am 19. März 1870 einen Fluss, der seine Wasser in einer allen bisher gesehenen Flüssen entgegengesetzten Richtung von Osten nach Westen trieb. Es war der Uëlle, der zum Stromgebiet des Kongo gehörte, was Schweinfurth allerdings damals nicht wissen konnte. Hier befand sich das Gebiet der Monbuttu, die noch schlimmere Kannibalen als die Niam-Niam waren. Schweinfurth wurde dem Könige Munsa vorgestellt, einem phantastisch aufgeputzten Menschen von abstossenden Gesichtszügen, und hielt sich vier Wochen in seiner Residenz auf. In dieser Gegend lernte er auch das Zwergvolk der Akka kennen. Schon die alten Griechen wussten von afrikanischen Zwergvölkern und sogar bereits bei Homer werden die Pygmäen am Okeanos erwähnt, aber man hatte diese Nachrichten, wie so vieles andere, für Fabeln gehalten. Schweinfurth erkannte die Zwerge als einen besonderen, sehr primitiven Volksstamm, konnte aber nicht weiter in ihr Land eindringen, weil König Munsa hierzu die Erlaubnis verweigerte. Es musste deshalb die Rückreise angetreten werden, die auch ohne weitere Gefährdung gelang. Leider verlor er dabei durch eine Feuersbrunst einen grossen Teil seiner fast unersetzlichen Sammlung. Am 27. Juli 1871 traf er wohlbehalten in Chartum ein. Der vereinigten Arbeit aller dieser Forscher gelang es allmählich, die Rätsel des dunklen Erdteils immer mehr aufzuhellen, aber ein Hauptproblem blieb noch übrig, die Erforschung des Stromgebiets des gewaltigen Kongo, über dessen Verlauf man gar nichts wusste. Zwar hatte der Engländer Verney Lovett Cameron 1873 den aus dem Tanganjikasee abfliessenden Lukuga als Zufluss zum Lualaba und damit als zum Kongosystem gehörend erkannt, und er gelangte auch vom Lualaba, nach Westen ziehend, glücklich im Jahre 1875 bei Benguela an den Atlantischen Ozean, so dass er zum ersten Male das mittlere Afrika von Osten nach Westen durchquerte, aber die Lösung des Kongoproblems sollte erst in glänzender Weise Stanley gelingen. Der amerikanische Journalist, der sich durch seine schnelle Auffindung Livingstones einen grossen Ruf erworben hatte, begann seine Durchquerung Afrikas am 17. November 1874 von Sansibar aus. Seine grosse, mehr als 300 Mann starke Karawane führte für Fluss- und Seefahrten ein transportables, in fünf Teile zerlegbares Boot, die »Lady Alice«, mit sich. Zunächst zog er in westlicher Richtung bis in das Ugogogebiet, wo er in grosse Ernährungsschwierigkeiten geriet, so dass mehrere Teilnehmer und auch einer der drei weissen Begleiter infolge der Entbehrungen starben. Auf dem Weitermarsch wurde das Lager durch feindselige Stämme überfallen und verlor einmal in einem Kampf 24 Mann. Der Marsch ging nunmehr nach Norden durch das Reich Iramba. In Usukuma kam man in fruchtbarere Gegenden, und am 27. Februar 1875 wurde das Südufer des grossen Victoria-Nyansa- Sees erreicht. Hier wurde die »Lady Alice« seefertig gemacht, und während die beiden Weissen, Francis Pocock und Frederik Barker, mit dem Lager zurückblieben, machte Stanley mit 15 Begleitern eine Bootsfahrt um den See herum, die mit grossen Gefahren verknüpft war. Am Nordufer wurde er als Gast zu dem mächtigen Kaiser Mtesa von Uganda geleitet, der ihn mit grossem Pomp empfing und ihm das Versprechen abnahm, mit seiner Expedition wieder zurückzukommen. Am 5. Mai langte Stanley, der unterwegs beinahe ermordet worden wäre, wieder im Lager an und erfuhr, dass inzwischen auch der Europäer Barker dem Klima erlegen war, so dass als einziger weisser Begleiter Pocock blieb. Nach einer längeren Pause, die durch eine Erkrankung Stanleys hervorgerufen war, begann dieser Kanus zu sammeln, um darauf seine Karawane nach Uganda überzusetzen. Unterwegs hatte er noch einen siegreichen Kampf mit einem sehr feindseligen Negerstamm, gelangte aber glücklich am Ziel an. Henry Morton Stanley Zwei Monate blieb er am Hofe Mtésas, entdeckte dann den Albert-Edward-See und wandte sich nunmehr nach Süden zum Tanganjikasee. Am 27. Mai 1876 langte er wieder in Udjidji an, wo er 1872 mit Livingstone zusammengetroffen war. Auch diesmal machte er mit wenigen Begleitern eine Rundfahrt um den See, die 57 Tage dauerte. Im August setzte er sich aufs neue in Bewegung und wanderte auf das Kongogebiet zu. Am 26. Oktober erreichte er Nyangwe, den äussersten Punkt Livingstones am Lualabe. Unterwegs war er auf eine grosse Karawane gestossen, die unter Leitung eines sehr intelligenten und mächtigen Arabers, Tippu- Tib, stand. Die beiden Männer fassten schnell Zutrauen zueinander und Stanley schloss mit dem Araber einen Vertrag ab, dass dieser ihn mit seiner Armee von 700 Mann 60 Tagemärsche weit begleiten sollte. Anfang November brach die so entstandene grosse Karawane von Nyangwe auf und zog den Fluss entlang nach Norden. Schon nach kurzer Zeit gelangte sie in das dichteste Urwaldgebiet, das mit seinem sumpfigen Boden dem Vordringen fast unüberwindliche Hindernisse entgegenstellte. Ein Teil der Reisenden fuhr auf Kanus, ein anderer Teil musste zu Fuss folgen. Dabei wurden sie fortwährend von den wilden Negerstämmen angegriffen, denen sie förmliche Schlachten liefern mussten. Schliesslich erklärte Tippu-Tib, er könnte es seinen Leuten nicht länger zumuten, nach den furchtbaren Verlusten in den sicheren Tod zu marschieren. Stanley musste ihn ziehen lassen, er bezahlte und blieb nun allein mit einem kleinen Häuflein Menschen in dem dichten Urwald zurück. Die Bootfahrt, die bisher verhältnismässig glatt vor sich gegangen war, wurde nun aber durch den Fluss selbst gefährlich, denn die Karawane gelangte in das Gebiet der sogenannten Stanley-Fälle. Immer wieder mussten inmitten kannibalischer, feindseliger Negerstämme die Kähne über Land transportiert werden, was nicht ohne Verluste abging. Und als die sieben grossen Stanley-Fälle überwunden waren, wurde Stanley Mitte Februar 1877 von über 60 schwerbewaffneten Kanus angegriffen, mit denen es einen für den Amerikaner siegreichen Kampf gab, der dann zu einem Friedensschluss führte. Aber der Fluss wurde immer unfreundlicher und am 3. Juni verlor Stanley auch seinen letzten weissen Gefährten, der bei dem Versuch, ein gefährdetes Kanu zu retten, ertrank. Jetzt verzweifelte Stanley selber und auch seine mutlosen Neger weigerten sich, weiter vorzudringen. Sie flohen in die Wälder und Stanley musste eine förmliche Jagd veranstalten, um die Halbverhungerten wieder zurückzuholen. Mit fast übermenschlicher Zähigkeit arbeiteten sie sich schliesslich weiter, da eine Rückkehr ja auf jeden Fall unmöglich war. Die Verhältnisse wurden immer schlimmer, je mehr sie sich schliesslich der westlichen Küste näherten. Halbverhungert erreichten die Tapferen, als sie schon fast jede Hoffnung aufgegeben hatten, eine Station, die nur drei Tagereisen von Borna entfernt war, brachen aber hier ganz zusammen. Doch gelang es Stanley, einen Brief nach Borna zu senden, und bald kam ihnen eine kleine Armee mit reichen Vorräten entgegen, so dass sie glücklich an die Küste gelangen konnten. Am 21. August 1877 erreichte Stanley mit dem Rest seiner Expedition auf einem Dampfer St. Paolo de Loanda. Fast alle waren schwer krank. Um die Südspitze Afrikas herum kehrte er dann wieder nach Sansibar zurück, nachdem ihm eine der grössten Forschungsreisen aller Zeiten glänzend gelungen war. Die Geographie Afrikas war jetzt in grossen Linien festgelegt und es begannen nunmehr, besonders in den achtziger Jahren, die Einzelforschungen. Vor allem brachte das Auftreten Deutschlands als Kolonialmacht ein schnelleres Tempo in die Aufteilung des schwarzen Erdteils hinein, was natürlich dazu führte, dass die einzelnen Mächte bestrebt waren, die ihnen gehörenden Gebiete nun auch genauer zu erforschen. Dabei wurden noch zahlreiche Entdeckungen gemacht. Das Denkmal Wissmanns Von deutschen Afrikareisenden sind vor allem zu nennen Wissmann und Pogge, die 1880 das Stromgebiet des zum Kongo gehörenden Kassai erforschten, worauf Wissmann dann allein mit wenigen Begleitern nach Osten zog und über Nyangwe und Udjidji glücklich nach Sansibar gelangte. Auch Emin Pascha, der mehr ein sorgfältiger Einzelforscher war und 1892 ein so tragisches Ende fand, war ja ein Deutscher und Dr. Karl Peters entfaltete eine aufopferungsvolle Tätigkeit für das deutsche ostafrikanische Kolonialgebiet. Mohammedanisches Pilgerfest Im Herzen Asiens. Auch Asien hat noch am Beginn des neunzehnten Jahrhunderts grosse Landstrecken gehabt, die nie von eines Europäers Fuss betreten waren, und bis in die unmittelbare Gegenwart hinein haben die Entdeckungsreisen angedauert. Die ersten zuverlässigen Nachrichten über das Innere Asiens sind ja durch Marco Polo zu uns gekommen, aber dann brachen wieder alle Beziehungen ab, und erst die Eroberungskriege der Portugiesen und später die kühnen Einbrüche der Kosaken in Sibirien leiteten die wirkliche Erforschung des Festlandes ein. Es war eine kleine Schar von Kosaken, die, im Jahre 1578 vor der Rache Iwans des Schrecklichen flüchtend, unter Führung ihres Hetmanns Jermak das Uralgebirge überstieg und am Zusammenfluss des Tobol und Irtysch durch ihre überlegenen Waffen ein grosses Heer des Kuthumkhans besiegte. Nach der Eroberung Sobirs, das jetzt Tobolsk heisst, konnte Jermak dem Zaren 2400 Zobelfelle schicken und ihm das eroberte Land anbieten. Er wurde natürlich in Gnaden wieder aufgenommen, und nun begann ein überraschend schneller Eroberungszug, der die Russen in weniger als hundert Jahren bis an die Ostküste Asiens brachte. Ueberall erbauten sie hölzerne Festungen, die dann schnell zu blühenden Städten heranwuchsen. Im Jahre 1600 entstand Turinsk, 1609 Tomsk, 1619 Jennisseisk, 1632 Jakutsk, und 1633 wurde Kamtschatka erreicht. Dabei drangen auch die Kosaken mutig nach Norden und Süden vor. Sie erforschten die eisige Nordküste und schickten ihre Gesandtschaften bis nach Peking. Vor allem war es der ungeheure Pelzreichtum des Landes, der die Russen vorwärtstrieb, während die wissenschaftliche Erforschung erst später im achtzehnten Jahrhundert folgte. Der in russischen Diensten stehende Däne Bering drang 1728 bis in die nach ihm benannte Strasse vor, die deutschen Gelehrten Johann Georg Gmelin, Gerhard Friedrich Müller und Georg Wilhelm Steller durchforschten 1733 bis 1737 das Innere des Landes. Vor allem waren es Gmelins wissenschaftliche Arbeiten, die zum erstenmal die natürlichen Verhältnisse des ungeheuren Festlandes klarlegten. In seine Fusstapfen drang Peter Simon Pallas, ebenfalls ein Deutscher, der von 1768 bis 1777 Sibirien durchreiste und eingehende Forschungen veranstaltete. Auch im 19. Jahrhundert waren meistens Deutsche als Forscher in Sibirien tätig. Adolf Ermann führte 1828 bis 1830 eine grössere Expedition aus und erforschte zum Schlusse sehr genau Kamtschatka; Alexander von Humboldt bereiste West- und Südsibirien, und Alexander Theodor von Middendorf durchzog die nördlichen Randländer. In Vorderasien bot vor allem die grosse Halbinsel Arabien allen Versuchen, sie zu durchforschen, den grössten Widerstand. Die Schwierigkeiten lagen aber weniger in dem wüstenartigen Charakter des Landes als in dem religiösen Fanatismus seiner Bewohner, die jeden Besuch eines Nichtmuselmanns als todeswürdiges Verbrechen betrachteten. Das Allergefährlichste war aber für europäische Reisende ein Besuch in Mekka, dem grössten Heiligtum der Mohammedaner, und gerade darum wurde er immer wieder in Verkleidungen versucht. Der erste Forscher, der wohl in die Stadt eindrang, war der Schweizer Johann Ludwig Burckhardt. Nachdem er die mohammedanischen Sitten und Gebräuche gründlich studiert hatte, nahm er den Namen Scheich Ibrahim an und schloss sich 1814 unter der Maske eines indisch-arabischen Kaufmanns einer ägyptischen Pilgerkarawane an. Er ist auch glücklich in die heilige Stadt hineingelangt und hat sie ausführlich beschrieben. Er fand hübsche, oft dreistöckige Häuser und prachtvolle Moscheen. Das angeblich so herrliche, heilkräftige Wasser des berühmten alten Brunnens der Hagar war aber ein übelriechendes, widerliches Getränk. Auch wurden alle Pilger durch die Einheimischen in arger Weise geprellt und ausgebeutet. Burckhardt blieb vier Monate in Mekka und gelangte dann über Medina wieder nach Kairo. Wichtiger für die Forschung wurde eine sehr waghalsige Reise des deutschen Forschers Adolf von Wrede, der 1843 Hadramaut, das südliche Arabien, durchwanderte. Zum Glück beherrschte er den ägyptischen Dialekt des Arabischen wie seine Muttersprache und sah mit seinen dunklen Augen und Haaren auch sonst wie ein Aegypter aus. Unter dem Vorwand, infolge eines Gelübdes das Grab des Propheten Hud besuchen zu wollen, drang er von der Hafenstadt Makalla kühn in das Land ein, nachdem er sich durch einen feierlichen Vertrag in den Schutz eines einheimischen Beduinenstammes begeben hatte, deren Leute ihm als Führer dienten. Bald schöpften diese Führer übrigens Verdacht in bezug auf die Nationalität ihres Schützlings und fingen an, ihn sehr unfreundlich zu behandeln, doch gelangte er unter allerlei Fährlichkeiten nach Choraybe im Wadi Doan, wo er längeren Aufenthalt nahm. Er wanderte von hier nach allen möglichen Heiligengräbern, in Wirklichkeit waren es Forschungsreisen. Auf einem solchen Ausflug wurde er einmal von einer Karawane von dreitausend Beduinen festgehalten, die ihn für einen Ungläubigen erklärten. Man misshandelte ihn und war schon dabei, ihn als einen Kafir, einen Ungläubigen, zu steinigen, als im letzten Augenblick der Scheich dazu kam. Dieser stellte mit ihm ein genaues Examen an und erklärte ihn nachher für einen frommen Muselmann. Sofort schlug die Stimmung der Beduinen um, die nun alles taten, um die vorherigen Ausschreitungen wieder gutzumachen. Auf der eigentlichen Reise zum Grabe des Propheten Hud geriet er in noch grössere Gefahr. Eine Menge Pilger schrie ihn an, er sei ein Spion der Farenghi, der Franken. Er wurde vom Kamel herabgerissen und unter Misshandlungen gefesselt zum Scheich gebracht. Mit Mühe erreichten seine Beschützer, dass der allgemeinen Forderung, ihn sofort hinzurichten, nicht nachgegeben wurde. Ueber seine deutschen Notizen staunte man bei der Untersuchung sehr, doch gab er sie für Türkisch aus, was man ihm glaubte, da man diese Schrift nicht kannte. Schliesslich erging das Urteil dahin, dass ihm alles fortgenommen und er durch Führer ans Meer gebracht werden sollte. Alles Bitten und Gegenreden half nichts, doch erhielt er in Makalla vom dortigen Sultan eine kleine Summe, so dass er zu Schiff nach Aden fahren konnte. Hier nahmen ihn die Engländer freundlich auf und ermöglichten ihm die Rückkehr nach Europa. Ein grosser Arabienforscher war auch der Engländer Richard Francis Burton, der 1853 als afghanischer Moslem von Suez aus Medina und Mekka besuchte. Burton hat auch später noch grosse Reisen durch Amerika, Afrika und Kleinasien gemacht. Wie gefährlich ein Besuch in Mekka werden konnte, das sollte 1860 Heinrich von Maltzan kennenlernen. Er war des Arabischen nicht vollständig mächtig und hatte sich als Algerier ausgegeben, wobei er natürlich gerade die Gesellschaft der Algerier sorgfältig vermied. Glücklich überstand er alle Strapazen und Gefahren der Reise, als er in Mekka in einem Bade von Algeriern als Ausländer erkannt wurde. Man erklärte ihn für einen christlichen französischen Spion, doch gelang es ihm, dank der orientalischen Langsamkeit der Algerier, die ihn ruhig im Bade wähnten, sich heimlich davon zu machen und mit Hinterlassung seines ganzen Gepäcks nach dem Hafenort Dschidda zu entfliehen. Zum Glück lag ein nach Bombay bestimmter englischer Dampfer dort, auf dem er sich retten konnte. Auch das grosse chinesische Reich war lange Zeit ein verschlossenes Land gewesen, erst im Jahre 1842 wurden fünf Freihäfen eröffnet und allmählich begann jetzt auch die Aufschliessung des Innern. Die bedeutsamste von allen Forschungsreisen durch China hat der deutsche Gelehrte Ferdinand Freiherr von Richthofen unternommen, der ganz China mit Ausnahme des südlichsten Teils durchzogen und der europäischen Wissenschaft erschlossen hat. Seine Wanderungen dauerten von 1868 bis 1872 und brachten eine genaue Beschreibung sowohl der geographischen Beschaffenheit des Landes als auch der wirtschaftlichen und kulturellen Verhältnisse seiner Bewohner. Zu allerletzt ist das eigentliche Herz von Asien, das Hochgebirgsland Tibet erforscht worden, obgleich auch heute noch lange nicht von einem Offenstehen seiner Grenzen gesprochen werden kann. Schon die Natur verwehrt den Eintritt in dieses Land, das im Süden den Himalaja in sich birgt und im Norden und in der Mitte immer noch durchschnittlich 5000 Meter hoch liegt. So bildet es eine natürliche Festung, die ausserdem von seinen Bewohnern sorgfältig vor allen Fremden abgeschlossen wird. In früheren Zeiten waren die Tibetaner gar nicht so fremdenfeindlich. Vor 200 Jahren lebten katholische Missionare in der Hauptstadt Lhassa und noch 1844 sind die französischen Geistlichen Huc und Gabet dorthin gelangt. Dann aber erfuhren die Tibetaner, dass Indien und Zentralasien von den Europäern erobert sei, und befürchteten nun ein ähnliches Schicksal. Seitdem wurden mehrere Forscher in Tibet ermordet, andere mussten ohne Erfolg wieder umkehren. Teilerfolge errangen nur 1856 die deutschen Gebrüder Schlagintweit, die von Süden aus den Himalaja und Karakorum überstiegen, und der russische General Przewalskij, der 1878 von Nordosten her in Tibet eindrang und bis 250 Kilometer vor Lhassa gelangte. Erst beim Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts gelang es dem Schweden Sven Hedin, das Land in vierzehnjähriger Arbeit auf immer wieder neu begonnenen Expeditionen zu erforschen und dabei auch das Quellgebiet der indischen Riesenströme festzulegen. Sven von Hedin, der am 19. Februar 1865 in Stockholm geboren wurde, ist zweifellos der bedeutendste jetzt lebende Reiseforscher, und die Bücher, die er über seine zahlreichen Reisen geschrieben hat, werden dauernden Wert behalten. Bekannt ist seine ausgesprochene Vorliebe für Deutschland, zu dessen Gunsten er während des Weltkrieges wiederholt seine Stimme erhoben hat. Wie gross die Strapazen und Gefahren auf seinen zentralasiatischen Wanderungen waren, zeigt ein Abenteuer, das er 1915 in Ostturkestan in der Wüste des Tarimbeckens erlebte. Die Reise durch diese Wüste war 300 Kilometer lang und bald stellte sich heraus, dass der Führer statt für zehn Tage nur für zwei Tage Wasser eingefüllt hatte, weil er glaubte, unterwegs schon irgendwo Wasser graben zu können. Dieses stellte sich aber als ein Irrtum heraus, und bald mussten zwei von den acht Kamelen und ein Teil des Gepäcks zurückgelassen werden. Sven Hedin Einige Tage später fand sich, dass der Diener Kasim und ein anderer, halbtot vor Durst, den letzten Rest des Wassers ausgetrunken hatten. Nur noch etwas ranziges Pflanzenöl war vorhanden. Sie schlachteten nun einen Hahn und tranken sein Blut, aber als sie dann ein Schaf schlachteten, roch sein Blut so widerwärtig, dass nicht einmal die Hunde es anrührten. Der Führer verlor schliesslich den Verstand, stopfte sich Sand in den Mund und glaubte, es sei Wasser. Nachts um zwölf verliessen Sven Hedin und Kasim, die letzten, die sich noch weiter schleppen konnten, die übrigen, um Wasser zu suchen. Den ganzen nächsten Tag zogen sie durch die Wüste, bis sie am übernächsten Tag einen grünen Tamariskenstrauch erblickten, dessen saftige Nadeln sie wie Tiere kauten. Abends fanden sie Pappeln, deren Blätter aber sehr bitter waren. Sie wollten hier nach Wasser graben, waren aber zu schwach dazu. Noch einen Tag schleppten sie sich dahin, dann sahen sie im Osten eine dunkle Linie. Das musste der Uferwald des Flusses Chotan-Darja sein. Aber sie konnten nur noch kriechen. In einem Wald brach Kasim zusammen und gab keine Antwort mehr. Zehn Stunden lag auch Sven Hedin da, dann raffte er sich noch einmal auf und kroch auf Händen und Füssen dahin, bis er an das Flussbett kam und es zu seinem Entsetzen ausgetrocknet fand. Das Bett war zwei Kilometer breit, und er wollte es durchforschen, irgendwo musste doch ein Wassertümpel sein. Mit übermenschlicher Willenskraft schleppte er sich weiter, bis in seiner letzten Verzweiflung eine wilde Ente plätschernd aufsprang und er gleich darauf an einen Tümpel frischen Wassers geriet. Langsam kehrten durch das Wasser seine Lebenskräfte zurück, er füllte seine langen Stiefel mit Wasser, erreichte glücklich Kasim und erhielt sogar seine ganzen Aufzeichnungen und seine Reisekasse wieder, da sein Diener Islam Bei durch eine Karawane gerettet wurde und die Sachen mitbrachte. Alle anderen aber und seine sämtliche Tiere waren inzwischen umgekommen. Vier Jahre später befand sich Hedin auf dem gleichen Wege nach Tibet, diesmal aber zog er nicht durch die Wüste, sondern durchschritt Ostturkestan auf dem Wasserwege, indem er den Fluss Tarim hinabfuhr, der sich in den See Lop-Nor ergiesst. Hier waren Herden von wilden Kamelen, die schneller liefen als der afrikanische Strauss und aller Verfolgung durch Pferde spotteten. Von dem See Lop-Nor zog Sven Hedin nach Süden, um womöglich Lhassa zu erreichen. Das nördliche Drittel fand er fast unbewohnt; einmal reiste er hier drei Monate lang und einmal einundachtzig Tage, ohne auch nur einen einzigen Menschen zu finden. Im mittleren Teil gab es einzelne Hirten, die mit ihren Schaf- und Yakherden umherwanderten. Erst im Süden, wo zwei bis drei Millionen Menschen wohnen, findet man neben den Hirten auch feste Ansiedler. Hier wird in den tiefen Flusstälern, besonders am Brahmaputra, auch Gerste gebaut, und es gibt sogar einzelne Städte, von denen Lhassa und Schigatze die grössten sind. Die Tibetaner sind Anhänger der Lamareligion, einer Abart des Buddhismus; sie haben zahlreiche Klöster, deren Priester und Mönche alle Lama genannt werden. Der mächtigste ist der Dalai-Lama in Lhassa, dann folgt der Taschi-Lama in Taschilungo, einem grossen Kloster bei Schigatze. Als Sven Hedin im Jahre 1901 zum drittenmal versuchte, vom See Lop-Nor nach Lhassa vorzudringen, ging er mit zwei mongolischen Begleitern, ebenfalls als Mongole verkleidet. Er hatte ausgezeichnete Waffen, fünf Maulesel, vier Pferde und sonst nur das notwendigste Gepäck bei sich. Da viele Mongolen alljährlich zum Dalai-Lama pilgern, wollte er auch als Pilger dorthin gelangen. Sven Hedin in Tibet Anfangs ging die Fahrt ziemlich gut vonstatten, wenn auch den falschen Pilgern zwei Pferde gestohlen wurden. Schon waren sie auf der Hauptstrasse nach Lhassa, als sie plötzlich von Bewaffneten angehalten wurden. Sie erfuhren, dass das Herannahen einer europäischen Karawane gemeldet war, und man argwöhnte, einer von den dreien könnte ein Weisser sein. Eine Weile waren sie in ihrem Zelt Gefangene, dann trat ihnen Ramba Bombo, ein tibetanischer Würdenträger, entgegen, der ihnen höflich, aber entschieden ansagte, er würde ihnen den Hals abschneiden lassen, wenn sie noch einen Schritt in der Richtung auf Lhassa machten. Zwei Tage wehrte sich Sven Hedin gegen diesen Beschluss, musste dann aber umkehren und erreichte nach endlosen Umwegen seine im Norden zurückgelassene Hauptkarawane. Ein Versuch, nunmehr mit diesem ganzen Trupp vorzugehen, misslang ebenfalls. Der Forscher wurde eingekreist und musste in militärischer Begleitung nach Westen über die indische Grenze nach Leh abziehen. Im Jahre 1906 hat dann Sven Hedin einen neuen Versuch gemacht, von dieser Stadt Leh, der Hauptstadt der Provinz Ladakh, aus mit 27 Mann Begleitung und hundert Pferden und Mauleseln in Tibet einzudringen. Solange sie durch Nordtibet marschierten, sahen sie keinen Menschen, in südlicheren Gegenden traf er tibetanische Jäger und Nomaden, denen er zehn Yaks und Schafe abkaufte. Nach halbjähriger Wanderung gelangten sie an den Oberlauf des Brahmaputra, und eine Tagereise vor Schigatze, der zweiten Hauptstadt des Landes, machten sie halt. Die Tibetaner hatten ihnen diesmal keine Schwierigkeiten gemacht, weil inzwischen im Jahre 1904 die Engländer eine gewaltsame Expedition mit indischen Truppen und Maschinengewehren nach Lhassa unternommen hatten, bei der Tausende von Tibetanern umgekommen waren. Deshalb wagten diese wohl nicht, etwas gegen den Fremden zu unternehmen, und er wurde sogar von dem Taschi-Lama empfangen. Sven Hedin besuchte ihn in dem grossen Kloster Taschi-lungo, in dem 3800 Mönche lebten. Dieses Kloster war eine kleine Stadt von Heiligtümern mit vergoldeten Kupferdächern und Grabkapellen verstorbener Taschi-Lamas. Der jetzige war 27 Jahre alt und schon als kleines Kind zu seiner Würde aufgestiegen. Er war weit und breit wegen seiner Gelehrsamkeit und Heiligkeit berühmt, und Tausende von Pilgern warteten stundenlang, um von ihm gesegnet zu werden. Der schwedische Forscher hat auch auf dieser Fahrt Lhassa nicht besucht, er verzichtete darauf, da diese Stadt inzwischen ja durch die Engländer nach ihrem Heereszug sehr genau beschrieben war, doch wurde gerade die letzte Expedition durch die geographischen Entdeckungen Sven Hedins besonders wichtig und fruchtbringend, denn er erforschte die Quellen des Indus und des Brahmaputra und fand den Transhimalaja. Beechey-Insel mit den Gräbern der drei Matrosen. (Franklins erstes Winterquartier 1845/46.) Die nordwestliche und nordöstliche Durchfahrt. Die reichen Entdeckungen der Portugiesen und Spanier veranlassten schon früh die anderen europäischen Nationen, sich eigene Wege nach dem noch immer rätselhaften Indien zu suchen. Ein in England lebender Italiener Giovanni Caboto (anglisiert lautet sein Name Johann Cabot), der wohl noch die Ueberlieferungen aus der Normannenzeit kannte, fuhr im Jahre 1497 im Auftrage König Heinrichs VII. mit seinem Sohne Sebastian nach Nordwesten und landete am 24. Juni an der Küste von Labrador nördlich von der Belle-Isle-Strasse. Er fuhr bis zum Eingang der Hudsonstrasse nach Norden und entdeckte dort reiche Fischgründe. Auf einer zweiten Fahrt im folgenden Jahr befuhr er die mehr südlich gelegene Küste, wahrscheinlich bis Florida. Jedenfalls finden wir dann seit 1504 bretonische Schiffer zahlreich an den Neufundlandbänken und an der Mündung des St. Lorenz-Stromes. Inzwischen erkannte man immer mehr, dass Amerika ein besonderer Erdteil sei, und es lag nahe, statt des weiten Weges um das Kap Hörn den näheren einer nördlichen Umschiffung zu suchen, um so die Durchfahrt in den Stillen Ozean zu finden. Und so tauchten allmählich die beiden grossen Probleme auf, die erst im neunzehnten Jahrhundert gelöst werden sollten, das Problem der nordwestlichen Durchfahrt um Nordamerika herum und das der nordöstlichen Durchfahrt an der sibirischen Küste vorbei. Vor allem war es die nordwestliche Durchfahrt, die trotz aller Enttäuschung immer wieder aufs neue als Ziel lockte und bald vom Atlantischen Ozean, bald von der Beringstrasse aus versucht wurde. Aber die ersten Versuche, an der Labradorküste weiter nach Norden vorzudringen, scheiterten alle, und erst dem englischen Seefahrer Martin Frobischer gelang es, auf seinen drei Reisen in den Jahren 1576 bis 1578 die Hudsonstrasse und die Frobischerbai zu entdecken und auch Westgrönland zu berühren. Grösseren Erfolg hatte dann John Davis, der 1585 zum erstenmal nach Norden segelte und dabei die Ostküste Grönlands entdeckte, die er Desolationland, das Land der Trostlosigkeit, nannte. Er fuhr südlich um Grönland herum und erreichte die Küste von Cumberland an der Ostküste von Baffinsland. Im Jahre 1587 fuhr er an der Westküste Grönlands vorbei bis über den 72. Breitengrad hinaus, wo ihn die Eismassen zum Umkehren zwangen. Er war es, der zuerst die Eskimos kennenlernte und ihre Verwandtschaft mit den Mongolen erkannte. Er wies auch auf den ungeheuren Reichtum dieser Meere an Walfischen, Robben und Walrossen hin, ein Reichtum, der dann von den Engländern lebhaft ausgebeutet wurde. Der Nachfolger von Davis war Henry Hudson, der im Jahre 1609 die breite Mündung des Hudsonflusses beim heutigen New York entdeckte und befuhr, da er sie für eine Meerenge hielt. 1610 fuhr er nach Norden und in die Hudsonstrasse hinein, immerzu nach Westen, bis er an das Kap Wolstenholme geriet, wo die Küste scharf nach Süden abbog. Er war in die grosse Hudsonbai gelangt und sah zu seinem Staunen ein unübersehbares, eisfreies Meer vor sich. Natürlich zweifelte er nicht, den Zugang zum Stillen Ozean gefunden zu haben. Er segelte an der Küste entlang nach Süden, fand aber dann den Weg im Süden und später auch im Westen durch Land versperrt, und entdeckte zu seinem Schrecken, dass der schnell herannahende Winter ihm den Rückweg abschnitt. Nun waren damals die Schiffe durchaus nicht darauf eingerichtet, die Schrecken einer Polarüberwinterung zu ertragen. Auch auf Hudsons Schiff, das einfror, entstanden Krankheiten und Hungersnot, so dass im Frühjahr 1611, als das Schiff wieder auftaute, die Mannschaften meuterten und Hudson mit seinem Sohn und acht Matrosen in einem offenen Boot aussetzten. Man hat nie wieder etwas von dem kühnen Seefahrer gehört. Eine Hilfsexpedition, die 1612 abgesandt wurde, kam ohne Erfolg zurück. Immerhin glaubte man in der Hudsonstrasse die Einfahrt in den Stillen Ozean gefunden au haben, und so segelten schon 1614 Robert Bylot und William Baffin wieder dorthin. Sie gelangten an der Southamptoninsel vorbei bis in das Foxbecken, und auf einer zweiten Reise im Jahre 1616 fuhren sie durch die Davisstrasse in die Baffinsbai bis zum Smithsund im 78. Breitengrad hinauf. Auf der Rückreise entdeckten sie den Lancastersund, den sie aber für unbefahrbar hielten. Baffin hat später erklärt, die ganze Nordwestdurchfahrt sei praktisch unmöglich, und die Erfahrung hat ihm nur zu sehr recht gegeben. Seitdem stockten hier alle weiteren Versuche volle zweihundert Jahre lang. Erst im Jahre 1818 begannen wieder die Expeditionen zur Entdeckung der nordwestlichen Durchfahrt, nachdem dafür von der englischen Regierung ein Preis von 400 000 Mark ausgesetzt war. In diesem Jahr fuhr John Ross mit zwei ausgezeichneten Schiffen in die Baffinsbai hinein, erreichte auch den Lancastersund, kehrte dann aber wieder um, trotz des Widerspruchs seines Unterführers Edward Parry, da er die Strasse für einen Binnensee hielt. In England war man mit seiner schnellen Rückkehr wenig zufrieden und schickte schon 1819 Parry noch einmal mit zwei Schiffen aus, der auch durch den Lancastersund und die Barrowstrasse bis zur Melville-Insel und Banksland vordrang. Auf der Melville-Insel überwinterte er und kehrte im nächsten Sommer, reich an Erfolgen, zurück. Zwei weitere Reisen 1821 und 1824 verliefen weniger ergebnisreich. Doch durchforschte er das Foxbecken und entdeckte die Fury- und Heklastrasse. In den Jahren 1829 bis 1833 endlich erfolgte eine neue Reise von John Ross, auf der ihn sein Neffe James Clarke Ross begleitete. Sie gelangten nach King-Williams-Land und Boothia Felix und entdeckten hier am 1. Juni 1831 bei Kap Adelaide den magnetischen Nordpol, wo die freischwebende Magnetnadel sich mit der Nordspitze senkrecht nach unten stellte. Der magnetische Nordpol war also zwanzig Breitengrade von dem astronomischen Nordpol entfernt. Zwei Jahre sass hier John Ross mit seinem Schiff im Eise eingefroren und gelangte erst unter grossen Strapazen auf Booten in die Baffinsbai, wo er von einem Walfischfänger aufgenommen und so nach Hause gebracht wurde. Sir John Ross In der Geschichte der Polarforschung folgt nun ein tragisches, aber zugleich sehr interessantes Kapitel, der Untergang der Franklinschen Expedition, die viele Jahre lang die Kulturwelt in Spannung und Aufregung versetzte. Der am 16. April 1786 geborene John Franklin hatte sich zunächst an Landexpeditionen beteiligt, die den Kupferminenfluss und später den Mackenziefluss hinabführten und mit furchtbaren Entbehrungen verknüpft waren. Jedenfalls lernte man dadurch aber den westlichen Teil der amerikanischen Nordküste kennen, und die Hoffnung, die gesuchte Nordwestdurchfahrt zu finden, stieg. So übertrug man dann Franklin im Jahre 1845 den Oberbefehl über eine grosse Schiffsexpedition, die durch die Barrowstrasse nach Westen durchdringen sollte. Am 26. Mai verliess er mit zwei ausgezeichneten, mit Dampfmaschinen versehenen Schiffen und 158 Mann London. Alles war im voraus von dem Erfolg der Expedition überzeugt, und doch sollte niemand von allen Teilnehmern zurückkehren, ja es sollten noch weitere acht Schiffe mit ihren Besatzungen, die man später nachsandte, zugrunde gehen. Am 16. August traf Franklin in der Baffinsbai Walflschfänger, denen er einen Bericht mitgab; von diesem Tage an ist er verschollen. Als man drei Jahre lang nichts mehr von der Expedition gehört hatte, begannen die Nachforschungen, die bald mit solcher Energie durchgeführt wurden, dass jeder Winkel der dortigen Meere abgesucht wurde und die ganze Inselwelt genau bekannt wurde. Schon 1848 gingen vier Expeditionen ab, die zum Teil sogar vom Stillen Ozean aus über die Beringstrasse vorstiessen, weil man überzeugt war, Franklin habe bereits sein Hauptziel erreicht. Aber alle kehrten ohne Ergebnis zurück. 1850 setzte die englische Regierung einen Preis von 400 000 Mark für die Rettung der Expedition aus, und auch die Gattin Franklins stiftete einen Preis für Nachrichten über den Verbleib der Forscher. Wiederum ging eine Reihe von Schiffen ab, um sowohl vom Westen wie vom Osten nach der Gegend der Barrowstrasse vorzudringen, und diesmal beteiligten sich auch Amerikaner daran. Das einzige Ergebnis war die Auffindung eines Winterquartiers Franklins auf der kleinen Beecheyinsel mit drei Gräbern. Aus den ganzen Verhältnissen ging aber hervor, dass sich die Expedition hier in keiner Übeln oder gefährlichen Lage befunden hatte und wahrscheinlich von hier hoffnungsvoll nach ihrer Ueberwinterung weitergefahren war. Doch zeigte keine Spur die Richtung ihrer weiteren Fahrt. Die Nachricht von dieser Entdeckung erregte in England grosses Aufsehen, und aufs neue wurden Rettungsexpeditionen ausgesandt, die aber alle ohne Ergebnisse zurückkehrten. Erst 1854 stiess der Polarforscher Rae am Kupferminenfluss auf Eskimos, die mitteilten, im Jahre 1850 seien am Grossen Fischfluss weisse Männer mit Booten über Land gezogen und an Hunger und Entkräftung gestorben. Die beiden letzten hätte man weinend auf einem Berge sitzen gesehen, bis sie starben. Da Rae von den Eskimos Gegenstände kaufte, die zweifellos von den verschollenen Schiffen stammten, so musste man annehmen, dass die Mannschaften die Schiffe verlassen und eine Rettung zu Lande versucht hatten. Sir John Franklin. Nach einem gleichzeitigen Stahlstich. Die englische Admiralität weigerte sich aber jetzt, noch weitere Mittel für eine neue Rettungsexpedition herzugeben, und so rüstete Franklins Gattin mit ihrem letzten Vermögensrest einen kleinen Schraubendampfer »Fox« aus unter der Leitung des Kapitäns Mac Clintock. Diesem gelang es endlich, das Schicksal der Verunglückten aufzuklären. Auf der Insel King- Williams-Land fand er nicht nur Schiffsreste aller Art und viele Skelette, sondern auch unter einem Steinhaufen ein Dokument, aus dem hervorging, dass Franklin schon am 11. Juni 1847 gestorben war, und dass die Uebriggebliebenen beschlossen hatten, auf Booten den Grossen Fischfluss hinaufzufahren. Was dann weiter geschah, konnte nicht mehr festgestellt werden, doch müssen alle in der Umgegend umgekommen sein. Immerhin hat die Suche nach Franklin das Ergebnis gehabt, dass Mac Clure dabei vom Westen aus durch die Prince-of- Wales-Strasse zur Melville-Insel vordrang und dann über die Barrowßtrasse und den Lancastersund nach England gelangte, also das Problem der nordwestlichen Durchfahrt löste. Praktisch hatte aber die Durchfahrt keinen Wert. In viel späterer Zeit gelang es erst R. Amundsen, den Weg in umgekehrter Richtung zurückzulegen. Er brach 1903 mit einem ganz kleinen Schiff von nur acht Mann Besatzung auf, überwinterte zweimal auf der King-Williams-Insel und zum drittenmal auf der Herschelinsel nordwestlich von der Mündung des Mackenziestromes, um dann im Herbst 1906 an der Beringstrasse anzukommen. – Sebastian Cabot, der Entdecker Neufundlands, Das zweite Problem, das der nordöstlichen Durchfahrt, ging wie das der nordwestlichen Durchfahrt von Sebastian Cabot aus. Nach seinen Plänen liefen im Jahre 1553 drei englische Schiffe nach Nordosten aus unter der Leitung von Hugh Willoughby, Richard Chancellor und William Jefferson. Am Nordkap wurden die Schiffe durch einen furchtbaren Sturm voneinander getrennt, zwei froren dann an der Küste Lapplands ein und gerieten in die Schrecken des arktischen Winters, auf die sie gar nicht vorbereitet waren. Es gab weder Pelze auf den Schiffen noch genügendes Feuerungsmaterial, und so kamen alle Matrosen elend um. Russische Schiffer fanden im nächsten Frühjahr die eingefrorenen Schiffe, aber von der Besatzung wurde nie wieder etwas gehört. Mehr Glück hatte Chancellor, der mit seinem Schiff in das Weisse Meer gelangte und an der Mündung der Dwina, wo jetzt Archangelsk liegt, landete. Die Engländer, die anfangs glaubten, schon in Indien zu sein, wurden vom Zaren nach Moskau eingeladen und knüpften dort Handelsverbindungen an. Im nächsten Frühjahr kehrten sie mit ihrem Schiff wohlbehalten wieder nach England zurück. Im Jahre 1550 gelangte Stephan Burrough bis nach Nowaja Semlja, fand aber das Karische Tor durch Eismassen verstopft, so dass er die gesuchte Mündung des Ob nicht erreichte. Bis in das Karische Meer hinein gelangten erst 1580 Arthur Pet und Charles Jackmann, die aber dann auch durch Eismauern gezwungen wurden umzukehren. Den Engländern folgten bald die Holländer, die ebenfalls nach einer neuen Seeverbindung mit China und Japan suchten. Nach einigen missglückten Versuchen kam es 1596 zu einer sehr interessanten Expedition, die durch die Teilnahme von Willem Barentsz wichtig für die Polarforschung wurde. Am 20. Mai hatten die beiden Schiffe Amsterdam verlassen, am 19. Juni entdeckten sie, immer nordwärts fahrend, die Bäreninsel und am 29. Juni Spitzbergen, das sie aber für einen Teil Grönlands hielten. Weiter nach Norden vorzudringen wurden sie durch die dichten Eisschranken gehindert. Die Schiffe trennten sich nun, und Barentsz fuhr nach Osten durch die nach ihm so benannte Barentszsee bis zur Nordspitze von Nowaja Semlja, die er umsegelte. Dann aber wurde er in einer Bucht, die heute noch Barentsz-Eishafen heisst, durch Schollen eingeschlossen, so dass schliesslich das Schiff sogar durch die Eispressung ganz aus dem Wasser emporgehoben wurde. Alle Vorräte mussten schleunigst ans Land gerettet werden, und aus angeschwemmtem Treibholz erbaute Barentsz ein festes Blockhaus, in dem die Holländer unter grossen Entbehrungen durch den Winter kamen. Im Frühling zimmerten sie mit vieler Mühe zwei offene Barken zurecht, aber erst am 23. Juni konnten sie damit den Hafen verlassen. Barentsz war schon so hinfällig, dass man ihn ins Boot tragen musste, und am 30. Juni starb er auf einer Eisscholle, auf der sie Rast gemacht hatten. Wochenlang irrten die Schiffbrüchigen nun inmitten des Treibeises umher und wurden endlich durch zwei russische Schiffe, die hier auf Walfische jagten, aufgenommen. Glücklich gelangten sie so nach Kola an der Lapplandküste und später auf einem holländischen Schiff in die Heimat. Merkwürdigerweise ist das Winterhaus, das Barentsz auf Nowaja Semlja errichtet hat, im Jahre 1871, also 275 Jahre später, durch den Norweger Elling Carlsen wieder aufgefunden worden. Zahlreiche Gegenstände daraus stehen jetzt im Marinemuseum im Haag. Das Suchen nach einer Durchfahrt durch das sibirische Eismeer geriet nun ganz ins Stocken und kam erst wieder im Anfang des 18. Jahrhunderts in Fluss. Es war damals die Frage entstanden, ob nicht Amerika und Asien im Norden zusammenhingen, und auf einen Befehl, den Peter der Grosse noch auf seinem Sterbebette gab, reiste der Däne Veit Bering 1725 von Petersburg durch Sibirien nach Ochotsk am Ochotskischen Meer und ging von dort unter Segel. Es gelang ihm auch, im Jahre 1741 bis an die nach ihm so benannte Beringstrasse heranzukommen und so die Frage zu lösen, dann aber unterlag er den erlittenen Anstrengungen auf der Beringsinsel bei Kamtschatka. James Cook hat dann ja diese Entdeckung 1778 vollendet. Immerhin war man aber besonders in der ersten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts von der Unmöglichkeit einer nordöstlichen Durchfahrt fest überzeugt, und erst in den sechziger und siebziger Jahren entdeckten Wal- und Robbenjäger, dass in den westsibirischen Meeren im Spätsommer eine ziemlich eisfreie Wasserfläche war. Die Erfahrungen dieser praktischen Schiffer benutzte dann Adolf Erik von Nordenskjöld, geboren am 18. November 1832 zu Helsingfors, um im Jahre 1878 das Wagnis noch einmal zu unternehmen und es glücklich durchzuführen. Nordenskjöld war Wissenschaftler und lebte als Professor der Geologie in Stockholm. Aber er hatte wiederholt Expeditionen nach Spitzbergen mitgemacht, war in Grönland gewesen und 1875 mit einem kleinen Segler durch das Karische Meer bis zum Ob und Jenissei gelangt. 1876 wiederholte er diese Fahrt mit einem Dampfer, fuhr den Jenissei hinauf und machte wichtige naturwissenschaftliche Funde, unter denen sich auch zahlreiche Mammutreste befanden. Endlich am 25. Juli 1876 verliess er mit vier Dampfern den Hafen von Karlskrona und erreichte ohne jede Schwierigkeit am 6. August die Jenisseimündung. Hier blieben zwei Schiffe, die nur zu Handelszwecken mitgefahren waren, zurück, und Nordenskjöld fuhr vier Tage später mit den beiden anderen, der »Vega« und der »Lena«, weiter. Das Vordringen wurde bald durch sehr nebliges Wetter und mächtige Eisfelder erschwert, und unaufhörlich musste die Dampfpfeife in Tätigkeit gesetzt werden, damit sich die beiden Schiffe nicht verloren. Trotzdem erreichte man am 19. August das erste Ziel, die nördlichste Spitze der Alten Welt, Das Kap Tscheljuskin an der Taimyrhalbinsel war erreicht, und die festlich beflaggten Schiffe ankerten hier in einer kleinen Bucht, um eine genaue astronomische Ortsbestimmung aufzunehmen. Am 28. August wurde das Mündungsdelta der Lena erreicht, wo bestimmungsgemäss auch der kleinere Dampfer »Lena« zurückblieb, um den Fluss hinaufzufahren, während jetzt Nordenskjöld mit der »Vega« allein weiterfuhr. Am 29. August wurden schon die Neusibirischen Inseln erreicht, die so reich an Mammutzähnen und Tierknochen sind und russischen Elfenbeinjägern auch heute noch eine grosse Beute geben. Die Versuchung, hier zu landen, war sehr stark, aber Nordenskjöld befürchtete zu sehr die Gefahr des Einfrierens und musste deshalb weiterfahren. Am 3. September wurden die Bäreninseln passiert, dann aber begann der Kampf mit dem Eis. Besonders schwierig war die Umschiffung des Kaps Baranow; bei Kap Jakan und am Nordkap gab es mehrtägigen Aufenthalt durch Packeis. Aber das Schiff drang doch immer weiter nach Osten vor, bis es endlich am 28. September zwischen der Koliutschinbai und dem Kap Serdze Kaman durch das Eis gezwungen wurde, das Winterlager zu beziehen. Zu der Ueberwinterung entschloss sich Nordenskjöld nur mit sehr schwerem Herzen, denn er befand sich ja dicht vor der Einfahrt in die Beringstrasse, und ihm entging so der Triumph, in einer Schiffahrtssaison die Durchfahrt vollendet zu haben. 295 Tage sollte die Ueberwinterung dauern, wobei die Temperatur manchmal auf -46 Grad Celsius sank. Endlich am 18. Juli 1879 setzte sich das Eis in Bewegung, und bereits am 20. Juli wurde das Kap Daschnew, die östlichste Spitze von Asien, erreicht. Die Nordostdurchfahrt war vollbracht, und am 2. September meldete der Telegraph in Europa, dass das Schiff glücklich in Yokohama in Japan angelangt war. Es fuhr dann durch den Suezkanal nach Europa, wo Nordenskjöld nach London und Paris reiste und überall glänzend gefeiert wurde. Am 24. März 1880 brachte er das Schiff nach Stockholm, ohne dass ein einziger Mann von der Besatzung verlorengegangen war. Uebrigens hatte diese glückliche Fahrt noch ein trauriges Nachspiel. Da man nämlich während der langen Ueberwinterung der »Vega« nichts von ihr hörte, wurden mehrere Hilfsexpeditionen ausgesandt, die aber allesamt verunglückten. Am tragischsten war das Schicksal der Expedition, die James Gordon Bennett, der Besitzer des amerikanischen Weltblattes »New York Herald«, ausrüsten liess. In seinem Auftrag verliess der Kapitän de Long auf dem schönen Dampfer »Jeannette« mit 32 Mann Besatzung Ende Juni 1879 San Francisco, ergänzte auf Alaska seine Kohlenvorräte und gelangte am 19. August in die Koliutschinbai, wo er durch Tschuktschen erfuhr, dass Nordenskjöld, der hier überwintert habe, bereits nach der Beringstrasse weitergefahren sei. Die Tschuktschen zeigten dabei auch mehrere, ihnen von Nordenskjöld überlassene Gegenstände. Der Kapitän de Long war nun überzeugt, dass er Nordenskjöld nicht mehr zu helfen brauchte. Er fuhr deshalb nach Westen weiter und wurde schon am 24. August ganz von Eis eingeschlossen. 21 Monate blieb das Schiff nun eingefroren. Am 7. Januar 1880 erhielt es ein grosses Leck, trieb aber im Eise immer weiter und sank schliesslich am 12. Juni 1881 etwa 1000 Werst von der Küste entfernt. In drei Booten fuhren die noch immer vollzähligen Mannschaften nach Süden auf das Lenadelta zu, bis sie durch Stürme getrennt wurden. Ein Boot unter dem Ingenieur Melville fand auch wirklich den Ostarm der Lena. Die Mannschaften mit ihrem Führer gelangten dann unter grossen Mühseligkeiten nach Bulun und später nach Irkutsk. Von dem zweiten Boot unter Leutnant Chipp hat man nie wieder etwas erfahren, es hat wohl gar nicht erst das Land erreicht. Das dritte Boot, in dem der Kapitän de Long, Dr. Ambler und zwölf Matrosen fuhren, landete in der Nähe des Nordarmes der Lena. Das Wasser war hier so niedrig, dass eine Bootfahrt unmöglich war, und so beschlossen die Schiffbrüchigen, zu Fuss nach dem 800 Werst entfernten Bulun zu wandern. Sie hatten aber nur für wenige Tage Lebensmittel, und ihre Kleidung passte gar nicht zu der furchtbaren Kälte. Trotzdem marschierten sie mutig vorwärts, erschlafften aber bald vollständig. Zwei Matrosen wurden vorausgeschickt. Sie marschierten 23 Tage, ohne auf einen Menschen zu stossen, und ernährten sich von zwei Rebhühnern, die sie unterwegs schössen. Drei Jakuten, die von einem Jagdausflug heimkehrten, fanden sie dann und brachten sie nach Bulun. Hier kam aber auch Melville am 3. November an, und da er durch die Matrosen den Weg de Longs erfuhr, suchte er sie auf, fand aber nur ihre Leichen. Sie hatten Stücke verbrannten Pelzwerks in den Taschen, an dem sie in ihrem Hunger gezehrt hatten. Ihre Hände waren alle mehr oder weniger verbrannt, als ob sie noch sterbend um ein Feuer gesessen und sich zu nahe herangedrängt hätten. Bei dem Kapitän de Long fand man ein Tagebuch, das am 1. Oktober, also 110 Tage nach dem Verlassen des Schiffes begann und am 30. Oktober schloss. Es schilderte das allmähliche Verhungern und Sterben der bis zum letzten Augenblick tapferen Männer. Im Herbst 1881 wurde übrigens von Amerika aus ein neues Schiff, der Dampfer »Rodgers«, unter Führung von Leutnant Berry ausgesandt, der de Long suchen sollte. Auch dieses Schiff ging unter, die Mannschaft wurde aber durch Tschuktschen aufgenommen und gerettet.   Die Eroberung des Nordpols. Neben dem Problem einer nördlichen Durchfahrt stand immer das viel schwierigere der Erreichung des Nordpols. Zwar hatte man anfangs auch hierin nur einen direkten Weg nach dem Stillen Ozean gesehen und sich über die Eisverhältnisse des hohen Nordens keine grossen Gedanken gemacht. Besonders zur Zeit der Franklin-Sucher war man fest davon überzeugt, dass sich jenseits der dichten nordamerikanischen Inselwelt ein freies Meer befinden müsste, dessen Zugang nur durch eine Packeiskette gesperrt sei, doch sollte dieser Eroberungskampf erst im neunzehnten Jahrhundert beginnen. Im Jahre 1853 war Dr. Elisha Kane von New York aus durch die Baffinsbai und den Smithsund nach Norden vorgestossen und auf Schlitten bis über den 82. Breitengrad gelangt, und er hatte durch die Beobachtung der dortigen reichen Tierwelt geschlossen, dass sich nördlich von Grönland eisfreies Meer befinden müsste. Auch der amerikanische Arzt Dr. Isaak Israel Hayes, der 1860 den Spuren Kanes folgte, war der gleichen Ansicht. Ein dritter Amerikaner, der auf diesem Wege vorzudringen suchte, war dann Charles Francis Hall, dem die amerikanische Regierung im Jahre 1871 den ausgezeichnet ausgerüsteten Dampfer »Polaris« zur Verfügung stellte. Auf dem Schiff befanden sich auch zwei deutsche Wissenschaftler, der Arzt Dr. Emil Bessels und der Meteorologe Friedrich Meyer. Die »Polaris« verliess am 29. Juni New York und erreichte am 4. September mit über 82 Grad nördlicher Breite den höchsten Punkt, den je ein Schiff erreicht hatte. Dann aber musste sie vor den Eismassen umkehren und gelangte mit grosser Not an der Nordostküste Grönlands in der Polarisbai in Hallsland in ein Winterquartier. Auch in dieser Höhe wurden noch Spuren von Eskimos gefunden, und an Tieren, wie Eisbären, Moschusochsen, Füchsen und Lemmingen war kein Mangel. Die Amerikaner erforschten nun auf Schlittenexpeditionen den sogenannten Robinsonkanal und entdeckten, dass nördlich davon die Küste nach Osten und Westen zurückwich und dass hier das freie Meer begann. Infolge der Strapazen erkrankte aber Hall bald und starb am 7. November 1871. Sein Nachfolger, Kapitän Buddington, versuchte im Sommer 1872 vergebens, noch weiter vorzudringen und entschloss sich deshalb zur Umkehr, besonders, da das Schiff schwer beschädigt war. Am 12. August begann die sehr schwierige Rückfahrt, auf der das Schiff durch das Packeis so sehr litt, dass man beschloss, es zu verlassen. Am 15. September begann man die Vorräte, Boote und Instrumente auf eine gewaltige Eisscholle in Sicherheit zu bringen, um auf dieser nach dem Süden zu treiben. Mitten bei dieser Arbeit brach das Eis, und ein Teil der Mannschaften, 19 Personen, unter ihnen 9 Eskimos, die gerade auf der Scholle waren, wurden von dem Schiffe getrennt, das spurlos im Eisnebel verschwand. Für beide Teile, die jede Hoffnung auf Rettung aufgaben, begann nun ein furchtbares Drama. In der schlimmsten Lage befanden sich die Männer auf der Eisscholle, die nur wenig Nahrungsmittel und zwei Säcke Kohlen hatten, und unter den furchtbaren Entbehrungen immer mehr dahinsiechten. Ende November erlegte einer der Eskimos ein paar Robben, deren Fleisch sie über das Schlimmste hinwegbrachte. So verging der Winter, und am 1. April 1872 begann ein furchbarer Sturm, der die Eisscholle fast ganz zertrümmerte, so dass sich die Schiffbrüchigen in das eigentlich nur für sechs Personen bestimmte Boot begeben mussten. Es war aber so überladen, dass nicht nur Bettzeug, sondern auch Mundvorrat über Bord geworfen werden musste. Dabei stieg das Wasser im Boot, und es wurde die höchste Zeit, dass man eine neue Scholle fand, auf die man sich rettete. Nunmehr begann eine furchtbare Schollenfahrt. Mitte April waren alle Vorräte verzehrt, und Fell und Leder wurden zu Delikatessen. Die Scholle aber trieb an der Küste von Labrador entlang, immer weiter nach Süden. Endlich Ende April begegneten sie einem Neufundländer Robbendampfer, der sie nach siebenmonatiger Eisfahrt aufnahm, so dass sie alle 19 lebend nach Washington zurückkamen. Die »Polaris« wurde inzwischen von dem Sturm erfasst und nach zwei Tagen im Smithsund in der Nähe der Littletoninseln ans Land geworfen. Die Bemannung baute sich ein Haus und im nächsten Frühjahr aus den Trümmern der festgefrorenen »Polaris« zwei Boote. Am 17. Juni brach das Eis auf, und nach zwanzigtägiger Fahrt wurden sie glücklich von einem schottischen Walfischfänger aufgenommen, der sie mit nach Schottland nahm. Auf der »Polaris« waren Deutsche als Wissenschaftler, Ingenieure und Matrosen tätig gewesen, nun aber begann die Zeit, da Deutschland selbständig Expeditionen aussandte, für die der deutsche Geograph Dr. August Petermann lange Zeit eindringlich geworben hatte. Trotz aller Hindernisse setzte er es durch, dass von 1868 an eine Reihe deutscher Expeditionen nach Norden ging, die aber nach seinem Plan nicht westlich, sondern östlich von Grönland vorstiessen und dadurch wissenschaftlich sehr wertvoll wurden. Die erste deutsche Expedition wurde von Karl Koldewey geführt, der 1868 mit dem kleinen Dampfer »Germania«, der nur mit dreizehn Leuten bemannt war, nach Spitzbergen fuhr und dort die Hinlogenstrasse erforschte. Nach Norden drang er dann bis über den 80. Breitengrad vor, konnte aber nicht Nordgrönland erreichen und kehrte wegen der ungünstigen Eisverhältnisse noch im selben Jahre wieder um. Aufregender verlief schon die zweite Expedition, die am 15. Juni 1869 von Bremerhaven aus abging. Sie bestand wieder aus dem Dampfer »Germania« mit Kapitän Koldewey und dem Segler »Hansa« mit dem Kapitän Fr. Hegemann. Schon Mitte Juli gelangte man auf dem 74. Breitengrad in eine schwere Eisströmung, an deren Rande infolge des dichten Nebels die beiden Schiffe voneinander getrennt wurden. Schlimm erging es nun der »Hansa«, die nach Westen getrieben wurde. An der Küste von Ostgrönland wurde sie dermassen von den Schollen zusammengepresst, dass den Mannschaften Ende September nichts mehr übrigblieb, als alle Vorräte schleunigst auf eine Eisscholle zu retten. Aus Kohlenziegeln wurde ein Haus gebaut und mit Brennmaterialien und Lebensmitteln gut ausgestattet. Ende Oktober entstand plötzlich ein Sturm; das Schiff wurde von dem Eise zerdrückt und versank, so dass die Leute der »Hansa« nunmehr auf ihre Eisscholle angewiesen waren, die ihre Rettung, aber auch ihr Sarg werden konnte. Das Eisfeld trieb allmählich nach Süden, immer an der Ostküste von Grönland entlang, die man wohl sah, aber niemals erreichen konnte. An Nahrungsmitteln war kein Mangel, gelegentlich schoss man sogar einige Eisbären, und so vergingen Weihnachten und Neujahr, bis am 2. Januar 1870 nach einem furchtbaren Schneesturm fast die Hälfte der Scholle abbrach und schon wenige Tage später der Rest gerade unter dem Hause entzweibrach. Drei Tage blieben die Schiffbrüchigen ohne Obdach auf der jetzt sehr klein gewordenen Scholle, dann konnten sie aus den mühsam geretteten Ueberresten ihres Hauses sich ein neues, bedeutend kleineres bauen, in dem aber von irgendwelchem Komfort keine Rede mehr war. Die Scholle nahm jetzt immer mehr ab, und es war ein Glück, dass das Wetter nunmehr sehr schön blieb, denn einem wirklichen Sturm hätte sie nicht mehr widerstanden. Der Untergang der »Hansa«, der zweiten deutschen Nordpolexpedition, unter Koldewey und Hegemann. Holzschnitt von 1871. Nach der Schilderung des Augenzeugen Gustav C. Laube, des Geologen der Expedition. Anfang Mai musste das Wagnis unternommen werden, sich in die drei geretteten Boote zu begeben. Jetzt trat bald ein empfindlicher Nahrungsmangel ein, noch einmal wurden sie im Eis eingeschlossen und mussten ihre schweren Boote mühsam darunter wegziehen, um in freies Wasser zu gelangen. Endlich am 13. Juni landeten die vierzehn Schiffbrüchigen an der Südspitze Grönlands bei Kap Farvel in der Eskimoansiedlung Friedrichstal, wo sie zu ihrer Freude von zwei deutschen Herrnhuter Missionaren begrüsst wurden. Nach achtmonatiger Schollen- und Bootfahrt waren sie glücklich gerettet. Eine dänische Brigg nahm sie dann wieder mit nach Hause. Besser hatte es der Dampfer »Germania« gehabt. Er arbeitete sich durch das Eis nach Norden durch, erreichte an der Ostküste Grönlands, in der Nähe der Shannon-Insel, seinen nördlichsten Punkt und überwinterte auf der Sabine-Insel. Bis zum Frühjahr wurden ausgedehnte Schlittenpartien gemacht, doch mussten die Schlitten, da es keine Hunde gab, von den Menschen selbst gezogen werden. Jedenfalls haben Koldewey und sein Gefährte Leutnant Payer den grossen Küstenstreifen, den sie dann König-Wilhelm-Land nannten, genau durchforscht und auf der Karte festgelegt. Sie entdeckten dabei auch den weit in das Land hineingehenden Kaiser-Franz-Josef-Fjord und fanden auf der Kuhn-Insel sehr wichtige und wertvolle Kohlenlager. Im Herbst 1870 gelangte das Schiff wieder nach Bremerhaven. Es folgte nun 1872 die österreichische Nordpolexpedition auf dem Dampfer »Tegetthoff«, die von Julius Payer und Karl Weyprecht geführt wurde und am 13. Juni von Bremerhaven aus in See ging. Der Reiseplan war, zwischen Spitzbergen und Nowaja Semlja nach Norden vorzustossen. Aber schon bald traf ein schweres Missgeschick den Dampfer, der Ende August unter dem 75. nördlichen Breitengrad von Eis umschlossen wurde und darin festfror. Alle Versuche, das Schiff durch Sprengungen und Eissägen zu befreien, misslangen. Im Gegenteil, es wurde bald durch die Schollen in die Höhe gehoben und musste nun 425 Tage als Gefangener des Eisfeldes, ein Spiel des Windes und der Meereströmungen, dahintreiben. Dieses Eisfeld trieb immerzu nach Nordosten, so dass es aussah, als würde man nach Sibirien geraten. Vom August ab ging aber die Richtung direkt nach Norden, und am 30. August 1873 entdeckte man unter stürmischen Jubelrufen Land, das dann Kaiser-Franz-Josef-Land genannt wurde. Die Eisscholle trieb nun immerzu an der Küste dieses Landes vorbei, ohne dass man eine Landung hätte wagen können. Ende Oktober lag man endlich dicht am Lande, aber nun begann die Polarnacht, die hier 125 Tage dauerte. Die Reise des Dampfers »Tegetthoff«. Erst im Monat März begann Payer eine zweimonatige Schlittenreise und durchforschte das neuentdeckte Land nach allen Richtungen, wobei aber die grosse Gefahr vorlag, dass inzwischen die Eisscholle mit dem Schiff davontreiben konnte. Payer stiess bei dieser Schlittenfahrt bis über den 82. Breitengrad nach Norden vor. Nach der Rückkehr beschloss er, das Schiff, dessen Lage inzwischen rettungslos geworden war, zu verlassen und sich auf vier Booten und vier Schlitten einen Weg nach dem Süden zu suchen. Am 20. Mai 1874 verliessen die Oesterreicher das Schiff und arbeiteten sich 96 Tage lang, bald auf Schlitten und Booten, bald auf Schollen fahrend, nach Süden. Am 14. August gelangten sie in das freie Meer und vier Tage später an die einsame Küste von Nowaja Semlja, wo sie gerade zur rechten Zeit ankamen, da sie hier schon ihre letzten Rationen verteilen mussten und den Hungertod vor Augen sahen. Mit donnerndem Hurra fuhren sie an dem Kap Britwin vorüber, und zu ihrem grossen Glück stiessen sie hier auf zwei verspätete russische Fischerschiffe, von denen sie gegen Entgelt nach dem norwegischen Hafen von Vardö gebracht wurden. In Deutschland hatte man die Expedition schon für verloren gehalten, der Jubel bei ihrer Rückkehr war unbeschreiblich. Jedenfalls war die Entdeckung des Franz-Josef-Landes ein grosser Erfolg und ist auch für die späteren Nordpolfahrten sehr wichtig geworden. Die nun folgenden Jahre brachten keine bedeutenden Entdeckungen mehr, und erst dem kühnen Norweger Frithjof Nansen, wohl dem grössten aller Nordpolhelden, blieb es vorbehalten, das Problem seiner Lösung näherzubringen. Nansen wurde am 10. Oktober 1861 auf einem Gut in der Nähe von Christiania als Sohn eines Rechtsanwalts geboren. 1880 begann er Zoologie zu studieren, machte aber schon 1882 eine Fahrt auf einem Seehundsfänger nach dem Eismeer. Früh kam er auf die Idee, Grönland zu erforschen und es auf Schneeschuhen zu durchmessen, und mit ungeheurer Willenskraft brachte er die kühne Fahrt auch zu Wege. Am 8. Mai 1888 fuhr er zur Ostküste Grönlands hinüber, erreichte sie aber wegen der schwierigen Eisverhältnisse erst im September. Mit wenigen Begleitern und geringem Proviant, bei einer Temperatur, die sich andauernd auf über 30 Grad Kälte hielt, durchschritt er dann in nur zwölf Tagen Grönland von Osten nach Westen und bereicherte das Wissen über Grönland durch viele Einzelfahrten. Als er an der Westküste kein Schiff fand, blieb er den Winter über mit seinen Gefährten bei den Eskimos und kehrte im Mai des folgenden Jahres in die Heimat zurück. Schon wenige Jahre später finden wir Nansen mit dem Plan einer direkten Nordpolreise beschäftigt, die er auf eine von allen früheren abweichende Art durchführen wollte. Ueberreste von dem Schiff »Jeanette« des Amerikaners de Long, das bei den Neusibirischen Inseln untergegangen war, hatte man an der Südküste von Grönland wiedergefunden. Sie mussten also durch eine Meeresströmung nördlich vom Franz-Josef-Land, vielleicht sogar über den Nordpol hinweg, hierher getrieben worden sein. Auch hatte man Holzwaffen von ostsibirischen Eskimostämmen in Grönland wieder gefunden, so dass es für Nansen feststand, es musste eine Meeresströmung von der Beringstrasse über den Pol nach der Grönländischen See geben. Frithjof Nansen Er beschloss, sich mit dieser Strömung über den Pol treiben zu lassen. Nötig dafür waren nur ein Schiff, das auch den stärksten Eisdruck aushielt, und Boote für den äussersten Notfall. Ein solches Schiff, das erst eigens für ihn erbaut wurde, war der »Fram«, der durch seine glatte runde Form und seine ungewöhnliche Stärke vom Eis wohl emporgehoben, aber nicht seitlich zerdrückt werden konnte. Der »Fram« war Segelschiff und Dampfer zugleich und hatte einen Kohlenvorrat für drei Jahre. Ausser Nansen befanden sich nur zwölf auserlesene und erprobte Männer darauf, unter ihnen als Kapitän Otto Sverdrup, der Nansen schon nach Grönland begleitet hatte, und als Leutnant Hjalmar Johansen. Am 24. Juni 1893 verliess der »Fram« Christiania, um über Vardö am 29. Juli die Jugor-Strasse an der Nordspitze Russlands zu erreichen, wo er 34 sibirische Schlittenhunde an Bord nahm, die man schon vorher dort hatte bereitstellen lassen. Nansen fuhr nun unter ungünstigem Wetter, oft unter starkem Eisgang, an der sibirischen Küste vorbei. Am 20. August landete er an den Kjellmanns-Inseln, wo Bären und Renntiere geschossen wurden, und am 15. September traf er an der Mündung des Olenekflusses, westlich vom Lenadelta, ein, wo ein zweites Rudel von 26 ostsibirischen Schlittenhunden auf ihn wartete. Nunmehr ging die Fahrt scharf nach Nordosten auf die Neusibirischen Inseln zu, deren westlichste am 18. September passiert wurde, und schon zwei Tage später gelangte Nansen an eine feste Eisfläche, wo er sich an einem Eisblock festlegte und in kurzer Zeit eingefroren war. Anfangs trieb das Eis auch unaufhörlich nach Norden, dann aber kam Gegenwind und es ging wieder eine Weile zurück, bis ein neuer Wetterumschlag die Polrichtung wieder herbeiführte. Nansens Theorie von einer nach Norden gehenden Meeresströmung war also richtig gewesen, nur zeigte sich bald, dass die Strömung nicht genau über den Pol ging, sondern diesseits davon nach Westen. Ungefähr vom 84. Grad ab wendete sie sich nach Westen. Das ganze Jahr 1894 trieb das Schiff so langsam in dem dicken Eis weiter und wurde auch manchmal etwas nach Süden abgetrieben. Weihnachten 1894 befand man sich auf dem 84. Breitengrad, als der »Fram« seine stärkste Probe bestehen musste. Das Eis, in dem er stak, war 10 m dick, wie durch Bohrungen festgestellt wurde. Darüber aber wälzten sich von allen Seiten ungeheure Eismassen gegen das Schiff und bauten sich turmhoch auf, so dass alle befürchten mussten, das Schiff würde darunter zermalmt und begraben. Es wurden daher Vorräte aller Art hinausgeschafft und alle schliefen nur noch in Kleidern, um in jeder Minute das Schiff verlassen zu können. Aber der »Fram« war stärker, als irgendjemand gedacht hatte. Obgleich er unter dem Druck bedenklich krachte, wurde er unversehrt emporgehoben und konnte sich frei machen. Nansen sah nun ein, dass die Drift das Schiff nicht weiter nach Norden führen würde, sondern dass es noch im Sommer 1895 in der Gegend von Spitzbergen ankommen musste. Er beschloss daher, den »Fram« dem Kapitän Sverdrup zu übergeben und mit Leutnant Johansen im Schlitten nach Norden zu fahren. Es war dies ein sehr gefährliches Unternehmen, denn eine Rückkehr nach dem Schiff gab es natürlich nicht mehr, und die beiden Teilnehmer wussten, wie sehr sie ihr Leben aufs Spiel setzten. Nach einer verunglückten Abfahrt am 26. Februar, von der sie nach vier Tagen zurückkehrten, verliessen die beiden Männer am 14. März 1895 mit drei Schlitten, auf denen zwei geräumige Kajaks verstaut waren, und 28 Hunden endgültig das Schiff. Sie hatten für sich für drei Monate Proviant mitgenommen, für die Hunde für einen Monat. Anfangs ging die Fahrt rüstig vorwärts, und schon am 22. März waren 85 Grad nördlicher Breite überschritten. Aber dann wehte ein heftiger Nordwind, das Eis trieb nach Süden, und es war fast unmöglich, die Schlitten über die aufgetürmten Eisschollen vorwärts zu schleppen. Anfang April, nach dem 86 Grad und 14 Minuten erreicht waren, beschlossen sie umzukehren, da ein weiteres Vordringen unmöglich erschien, und schlugen nun eine südliche Richtung nach Franz-Josef-Land ein. Seit drei Wochen stand die Temperatur 40 Grad unter Null, die Lebensmittel wurden knapp, und ein Hund nach dem anderen musste geschlachtet werden. Im Juni war das Eis so dünn, dass es immer wieder brach; auch waren nur noch wenige Hunde vorhanden. Aber unter furchtbaren Anstrengungen ging es unaufhaltsam nach Süden, wo nach ihrer Berechnung das von Payer entdeckte Petermann- Land liegen musste. Am 22. Juni kam Land in Sicht, und auf dem Eis schossen sie einige Bären, die ihnen frisches Fleisch gaben. Um mit ihren Kajaks auf die entdeckten Inseln hinüberzufahren, mussten sie jetzt die beiden letzten Hunde erschiessen und auf dem Treibeis zurücklassen. Am 12. August verschwand der Nebel, und sie sahen jetzt im Westen und Südwesten eine ganze Kette von Inseln. Mühsam schleppten und paddelten sie sich nun in südwestlicher Richtung weiter, immer auf Spitzbergen zu, wo sie hoffen konnten, Walrossjäger zu finden, die sie nach Hause brachten. Schliesslich aber sahen sie ein, dass es schon zu spät war, Spitzbergen in diesem Jahr noch zu erreichen, und entschlossen sich, hier zu überwintern. Da sie keine Vorräte mehr hatten, mussten sie sich durch Schiessen von Bären und Walrossen Fleisch und Fett für Feuerung und Licht verschaffen. Aus Bärenfellen wurde ein gemeinsamer Schlafsack gemacht, aus Steinen und Erde ein Haus errichtet, dessen Decke aus Walrosshäuten bestand. So verbrachten sie leidlich den Winter. Von November bis März blieben auch die Bären aus, nur noch Polarfüchse erschienen des Nachts und knabberten wie Ratten an ihren gefrorenen Vorräten. Im Frühjahr, als schon die Vögel erschienen, brachen sie wieder auf, nachdem sie sich aus ihren Decken neue Kleidungsstücke angefertigt hatten. Die alten waren durch Fett und Schmutz ganz unbrauchbar geworden. Mit Bärenfleisch versehen, setzten sich die beiden Männer am 19. Mai 1896 in südlicher Richtung in Bewegung und erreichten am 23. Mai offenes Wasser. Von jetzt ab ging es abwechselnd auf den Kajaks und dann wieder auf Schlitten über das Eis weiter, doch war gerade diese Fahrt sehr gefährlich, und einmal musste Nansen den durch einen Sturmwind losgerissenen Kajaks über das eisige Meer nachschwimmen, um sie mit Aufbietung seiner letzten Kräfte noch zu erreichen. Ein andermal wären sie fast bei einem Abenteuer mit einem Walross ertrunken. Doch die Rettung sollte näher sein, als sie dachten. Eines Morgens, es war am 17. Juni, hörte Nansen durch das Geschrei der Seevögel Laute, die ihm wie Hundegebell vorkamen. Sofort schnallte er seine Schneeschuhe an, und als er sich der Küste näherte, sah er einen Mann auf sich zukommen. Es war Frederick Jackson, der Führer einer englischen Expedition, die hier zur Untersuchung von Franz-Josef-Land schon seit zwei Jahren ein festes Quartier aufgeschlagen hatte, das mit reichen Vorräten versehen war. Das Erstaunen über dieses wunderbare Zusammentreffen war auf beiden Seiten gleich gross, und Nansen und sein Begleiter, die vom Rauch des Trans, von Fett und Blut, wie Neger aussahen, wurden in herzlicher Gastfreundschaft aufgenommen. Am 7. August holte ein Dampfer die beiden ab und brachte sie in sechs Tagen nach Vardö, wo sie erfuhren, dass der »Fam« noch immer nicht gelandet sei. Kapitän Sverdrup war inzwischen mit dem Schiff inmitten der Eismassen langsam weiter westwärts getrieben. Ende März 1895 brach zwar das Eis, aber der »Fram« konnte sich nicht herausarbeiten und fror schon im August wieder fest. Im Mai 1896 begann sich das Eis von neuem zu lösen und von Juli ab mühte sich Sverdrup, durch Sprengungen aus der Umklammerung herauszukommen. Diese Arbeit war sehr mühsam und dauerte einen ganzen Monat, bis am 13. August das Schiff endlich die offene See erreichte. Vergebens forschte Sverdrup nun auf Spitzbergen nach Nansen, niemand hatte von diesem etwas gehört, und so beschloss er, Norwegen anzulaufen und dann nach Franz-Josef- Land zu fahren. Am 20. August lief er in einem kleinen Hafen bei Hammerfest ein, und wenige Tage darauf konnte er sich in Tromsö mit Nansen und Johansen begrüssen. Die waghalsige Expedition war zu einem glücklichen Ende gekommen, wenn sie auch ihr eigentliches Ziel, den Nordpol, nicht erreicht hatte. Noch während sich Nansen auf seiner Fahrt befand, richtete sich das Interesse der Welt auf ein neues Unternehmen, auf den Plan Salomon August Andrées, den Pol von Spitzbergen aus in einem Luftballon zu erreichen. Andrée wurde am 18. Oktober 1854 in Grenna in Schweden geboren. Er war Ingenieur und nahm schon 1882 an einer schwedischen Expedition nach Spitzbergen teil. Seit 1892 beschäftigte er sich mit wissenschaftlichen Ballonfahrten, und es gelang ihm, ernsthafte Forscherkreise für seine Idee, den Pol im Ballon zu erreichen, zu gewinnen. Auf der kleinen Däneninsel nordwestlich von Spitzbergen wurde eine grosse Halle für den in Paris angefertigten Ballon »Adler« errichtet, und der 16. August 1896 wurde für die Abfahrt bestimmt. Alles war auch zur rechten Zeit fertig, doch konnte die Abfahrt nicht stattfinden, da der erwartete und unbedingt zum Gelingen erforderliche Südwind ausblieb. Schliesslich entschloss sich Andree, für dieses Jahr seinen Plan aufzugeben, und sandte den Ballon noch einmal nach Paris, wo neue Verbesserungen an ihm vorgenommen wurden. Im nächsten Frühjahr arbeitete Andrée schon wieder an der Ballonhalle, die vergrössert werden musste. Der Ballon war diesmal für alle erdenkliche Unglücksfälle vorbereitet, er enthielt ein leichtes Boot für eine Landung auf dem Wasser und einen Schlitten für eine Landung auf dem Eis. Am 11. Juli entschloss sich Andrée, da ein günstiger Südwind wehte, mit seinen beiden Begleitern Strindberg und Fränkel das Wagnis zu unternehmen. Der Aufstieg verlief nicht ganz glücklich, wichtige Schleppseile waren in der Halle liegen geblieben und ein Windstoss drückte den Ballon noch einmal nach unten, so dass die Gondel ins Wasser tauchte. Die Insasssen warfen schnell Ballast aus, und der Ballon stieg nun stolz in die Höhe um bald am nördlichsten Horizont zu verschwinden. Es war nachmittags drei Uhr, und von diesem Augenblick an hat nie wieder jemand etwas von den Luftfahrern gesehen. Anfangs war man zwar froher Hoffnung, weil man eine von Andrée am 13. Juli ausgesandte Taube schoss, die meldete, dass auf dem Ballon alles wohl war. Dann aber blieb jede Nachricht aus, und erst zwei Jahre später wurde eine Schwimmboje aufgefunden, die nur eine Bestätigung der Brieftaubennachricht enthielt. Noch einmal, im Jahre 1907, hat der amerikanische Journalist Wellmann den Versuch gemacht, den kühnen Versuch Andrées zu wiederholen. Nach zweijährigen Vorbereitungen stieg er endlich im September 1907 auf, wurde aber schon nach Stunden, vielleicht zu seinem Glück, auf einen Gletscher niedergetrieben. Er sowohl wie seine Begleiter konnten gerettet werden. Nansen vor seinem Expeditionsschiff »Fram«, das später noch auf Amundsens Südpolexpedition und 1924 auf der nordamerikanischen Nordpolfahrt Verwendung fand. Die Erfolge Nansens wurden in den seiner Expedition folgenden Jahren nur von einem italienischen Unternehmen übertroffen, das im Jahr 1900 unter dem Herzog der Abruzzen auf dem Schiff »Stella Polare« nach Norden ging. Das Schiff fand bis weit über das Franz-Josef-Land hinaus ungewöhnlich günstige Eisverhältnisse und überwinterte im nördlichsten Teil dieser Inselgruppe. Unter Führung des Marineoffiziers Cagni gelang es, bis 86 Grad 33 Minuten vorzustossen, doch hatten diese Unternehmer ungeheure Gefahren und Entbehrungen zu ertragen. Das grosse Ziel, die wirkliche Erreichung des Nordpols, sollte erst, und zwar am 6. April 1909, der zähen Energie des amerikanischen Schiffsoffiziers Robert E. Peary gelingen. Peary ist am 6. Mai 1856 in Cresson in Pennsylvanien geboren worden. Er war Ingenieur und arbeitete in seinen jüngeren Jahren am Nikaraguakanal. Schon im Jahre 1891 ging er mit einer amerikanischen Schiffsexpedition über den Smithsund nach Norden. Die Fahrt dauerte vom 6. Juni bis 31. August und brachte reiche wissenschaftliche Erfolge. Auch Pearys Frau nahm an dieser Reise teil. Von da ab machte er unermüdlich immer neue Reisen, durchquerte den Nordteil von Grönland und kam auf seinen Vorstössen dem Pol immer näher. Am 7. Juli 1908 begann die letzte, entscheidende Reise, die den grossen Erfolg bringen sollte, auf dem erprobten Dampfer »Roosevelt«. Die Methode seines Vordringens bestand darin, im frühen Frühjahr Depots vorzuschieben, dann Hilfsabteilungen mitzunehmen, die beim Transport der Vorräte halfen und später mit den weniger guten Hunden zurückblieben. Peary, der im August 1908 in Etah in Nordgrönland angelangt war, nahm dort und später Eskimos auf, von denen ihn im ganzen 22 Männer, 17 Frauen und auch zahlreiche Kinder begleiteten. Ausserdem hatten sie 236 Hunde. Bei Kap Sheridan überwinterte er und trieb noch im Herbst Vorräte bis Kap Kolumbia, der Nordspitze von Grantland, vor. Im Frühjahr verlegte Peary sein Quartier dorthin mit 59 Eskimos, 7 Mitgliedern der Expedition, 140 Hunden und 23 Schlitten. Peary bei seiner Ausreise. Am 1. März 1909 begann der Vormarsch, wobei der Engländer Kapitän Bartlett voranfuhr. Am vierten Tage holte ihn Peary ein, offenes Wasser hatte den anderen aufgehalten, und die ganze Expedition musste eine Woche lang liegen bleiben. Am 5. März tauchte zum erstenmal seit fünf Monaten die Sonne für einen Augenblick auf, am 11. konnte man die inzwischen zugefrorene Wasserrinne überschreiten, und dann ging es bei 59 Grad Kälte ziemlich schnell vorwärts, so dass am 22. März eine nördliche Breite von 86 Grad erreicht wurden. Hier entging die Expedition ganz knapp einer Katastrophe, da plötzlich das Eis gerade unter einem Rastlager zerriss und Hunde und Schlitten nur mühsam auf eine Eisscholle gerettet werden konnten. Am 2. April, bei einer Breite von fast 88 Grad, trennte sich Peary von seinem letzten weissen Begleiter und nahm nur einen Neger Henson und vier Eskimos mit. Da ein Witterungsumschlag leicht den Zweck der Expedition gefährdet und ihn auch in Lebensgefahr gebracht hätte, beschloss Peary, nunmehr in Gewaltmärschen vorzugehen. Am zweiten Tag wurde auch der Neger mit drei Eskimos zurückgelassen, und nur der Eskimo Ootam machte den letzten Marsch mit, der nach zwölfstündiger Dauer eine Messung erlaubte, die 89 Grad 57 Minuten ergab. Peary blieb hier 30 Stunden und ging, um ganz sicher zu sein, noch einige Meilen über das Ziel hinaus. Er hisste auf dem Nordpol die amerikanische Flagge und legte Berichte nieder, die das Treibeis natürlich entführt hat. Bei einer Sondierung der Meerestiefe konnte bei 9000 Fuss kein Grund gefunden werden. Die Rückreise verlief schnell. In 16 Tagen wurde die Küste westlich von Kap Kolumbia erreicht, am 27. April war Peary wieder an Bord seines Schiffes, das aber erst am 18. Juli sich vom Eise lösen und abdampfen konnte. Von der Labradorküste aus konnte er dann am 16. September in einer drahtlosen Depesche die Eroberung des Pols nach New York melden. Uebrigens sollte diese Eroberung noch ein eigenartiges Nachspiel haben. Schon vor der Rückkehr Pearys war der Amerikaner Cook von einer Polarreise zurückgekehrt und telegraphierte von Grönland in alle Welt hinaus, er habe den Nordpol erreicht. Ein dänisches Schiff brachte ihn nach Kopenhagen, wo er vom König empfangen und von allen wissenschaftlichen Kreisen begeistert gefeiert wurde. In diesen Jubel hinein kam die Nachricht von der Heimkehr des wirklichen Nordpolentdeckers, der Cook sofort heftig angriff und einen Schwindler nannte. In der Tat stellte sich dann bald heraus, dass Cook für seine Anwesenheit am Pol nicht die geringsten wissenschaftlichen Belege erbringen konnte, und er verschwand denn auch später aus der Oeffentlichkeit, als ihm auch in bezug auf eine von ihm behauptete frühere Besteigung eines Gebirges in Alaska offenbarer Betrug nachgewiesen wurde. Die Nordpolentdeckung Pearys ist dagegen von der Wissenschaft allgemein anerkannt worden. Junge Grönländerin. Die Entschleierung des Südpols. Georg von Neumayer , der wissenschaftliche Vorkämpfer der deutschen Südpolarforschung Im ganzen Mittelalter und in der neueren Zeit bis weit in die Mitte des achtzehnten Jahrhunderts hinein war man von der Existenz eines grossen zusammenhängenden Südlandes fest überzeugt. Diese Ansicht war uralt, sie ging eigentlich auf die Griechen zurück, die in dem Glauben, dass das feste Land auf der Erde überwiegen müsste, den Indischen Ozean zu einem Binnensee machten und auf ihren Karten Südafrika nach Osten umbogen, bis es Indien erreichte. Der klassische Vertreter dieser Theorie, Ptolemäus, übertrug durch die Autorität seines wissenschaftlichen Rufes diese Ansicht auch auf die Araber, von denen sie wieder die seefahrenden Nationen des mittelalterlichen Europas übernahmen. Als man nun später das Kap der Guten Hoffnung und das Kap Horn umschiffte, gab man nicht etwa die Südlandsidee auf, sondern machte dieses phantastische Südland zu einem selbständigen riesigen Festland, das südlich von Afrika und Amerika die ganze Erde bedecken sollte, um den angehäuften Ländermassen der nordischen Erdhälfte ein Gleichgewicht zu bieten. Auf allen Karten wurde dieses Land recht deutlich abgebildet und mit Buchten und Flüssen und vielen Namen versehen. Der erste Vorstoss nach Süden geschah schon sehr früh, nämlich im Anfang des sechszehnten Jahrhunderts. Auf seiner Seefahrt, die zur Entdeckung Brasiliens führte, war Cabral 1502 nach Süden ins offene Meer gefahren und sah unter dem 50. südlichen Breitengrad Land. Er wurde dann aber durch Kälte und stürmisches Wetter zur Umkehr veranlasst, vielleicht hatte er die Inselgruppe Südgeorgien gesehen. Fast ein Jahrhundert später, im Jahre 1599, wurde ein holländisches Schiff unter Dirk Gerritsz westlich der Magalhaes-Strasse durch einen Sturm nach Süden verschlagen und erreichte angeblich den 64. Breitengrad, wo es ein felsiges Land sichtete. Selbst der Holländer Abel Tasman, der 1642 ganz Australien umfuhr und es so als Insel feststellte, war doch der festen Ansicht, dass das von ihm entdeckte Tasmanien, ebenso wie Neuseeland, Ausläufer des grossen Südkontinents seien. In der nun folgenden Zeit wurden zwar zahlreiche Versuche gemacht, über den 60. Breitengrad nach Süden vorzustossen, ohne dass man aber bemerkenswerte Ergebnisse erzielte. Im Jahre 1739 entdeckte eine französische Expedition unter Lozier Bouvet die Bouvet-Insel unter 54 Grad südlicher Breite, und 1772 fand der Bretagner Kerguelen die nach ihm benannte Insel, die er aber für eine Festlandspitze hielt, bis sie drei Jahre später von Cook umsegelt wurde. Mit Cooks kühnen Reisen begann für die Südpolarforschung eine neue Zeit. 1774 war er bis über den 71. Breitengrad vorgedrungen, ohne aber auf Land zu stossen, und hatte dadurch die Theorie von dem grossen zusammenhängenden Südlande arg erschüttert. Immerhin dauerte es aber bis in die zwanziger Jahre des neunzehnten Jahrhunderts, ehe man seinen Spuren wieder folgte und erfolgreich gegen die von ihm entdeckten Eisbarrieren ankämpfte. Cook hatte ein weiteres Vordringen gegen den Südpol für unausführbar und auch für gänzlich zwecklos erklärt, ein Ausspruch, der in den nächsten Jahrzehnten viele Forscher abschreckte, bis es im Jahre 1820 und 1821 einer russischen Expedition unter Fabian Gottlieb von Bellingshausen gelang, an sechs Stellen über den Polarkreis hinauszudringen und die Peterinsel und das Alexanderland zu entdecken. Fast gleichzeitig gelang es einem englischen Robbenschläger James Weddell, südlich der Sandwichinseln viel weiter als Cook gegen den Pol vorzudringen. Er gelangte im Jahre 1823 in dem nach ihm benannten Meere bis über den 74. Breitengrad und wurde nur durch den Zustand seiner Schiffe zur Umkehr veranlasst, obgleich die See völlig eisfrei war. Er brachte zuerst die wichtige Nachricht, dass man nach Durchbrechung des Treibeisgürtels in ein fast eisfreies Meer gelangen könnte, in welchem es Scharen von Walfischen und Schwärme von Vögeln gäbe. Die nächste grosse und sehr ergebnisreiche Südreise unternahm John Biscoe, ebenfalls ein englischer Walfänger, in den Jahren 1830 bis 1832 mit zwei kleinen Schiffen. Er entdeckte nahe bei Alexanderland die Biscoe-Inseln und das erst später so benannte Grahamsland. Seine Schiffe waren aber in einem so schlechten Zustande, dass er sich nur mit Mühe wieder aus dem Eise herausarbeitete und dann auf der Heimkehr noch eins verlor. In diese Zeit fällt auch die phantasievolle Fahrt des Amerikaners Morrell, eines Vorgängers seines Landmanns und angeblichen Nordpolentdeckers Cook, dessen ganze Südpolarreise sich später als von Anfang bis zu Ende erfunden herausstellte. 1838 segelte John Balleng von Neuseeland aus schnurgerade nach Süden und entdeckte die nach ihm benannten Inseln. Um nicht vom Eise erdrückt zu werden, bog er dann nach Westen ab und stellte an verschiedenen Stellen von Wilkes- Land unzweifelhaftes Küstenland fest. Im Jahre 1840 befand sich ein französischer Erdumsegler Dumont d'Urville in den antarktischen Gewässern. Er stiess wiederholt nach Süden vor und entdeckte ebenfalls vorspringende Punkte von Wilkes-Land. Der Amerikaner Charles Wilke erreichte es dann, dass der ganze Küstenstreifen südlich von Australien nach ihm benannt wurde, obgleich er auf seiner Fahrt im Jahre 1840 das Land wegen der ungeheuren Meeresbrandung gar nicht betreten konnte. Jedenfalls erkannte er den ganzen Landstreifen als Küste eines Festlandes, so dass jetzt zum ersten Male die Idee von einem polaren Südland feste Gestalt bekam, allerdings in einem viel kleineren Masse, als man es jahrhundertelang gedacht hatte. Die wissenschaftlich wichtigste Südpolexpedition jener Zeit war aber die des 1800 in London geborenen James Clark Ross, des Neffen des Nordpolfahrers John Ross. James Ross hatte sich seit 1819 als Polarforscher betätigt und den magnetischen Nordpol entdeckt. Jetzt sollte er sich mit den beiden Schiffen »Erebus« und »Terror« im südlichen Eismeer betätigen. Ross befand sich auf dem »Erebus«, während der »Terror« von Francis Crozier geleitet wurde. Im September 1839 verliessen die beiden Schiffe, die auf Anregung der deutschen Gelehrten Gauss und Alexander v. Humboldt hauptsächlich erdmagnetische Forschungen im Süden anstellen sollten, England. Mehr als ein volles Jahr verging damit, an verschiedenen wichtigen Punkten, auf St: Helena, am Kap der Guten Hoffnung, in Tasmanien und auf einer der im südlichen Indischen Ozean gelegenen Crozetinseln magnetische Stationen zu errichten. Am 12. November 1840 fuhren sie von Hobart auf Tasmanien ab, berührten die Auckland- und Campbell-Inseln und begegneten, scharf nach Süden fahrend, um die Jahreswende dem nordwärts treibenden Packeisgürtel. In einem neuntägigen, sehr gefährlichen Kampf durchbrachen sie die sich gegeneinander schiebenden, bald zusammenfrierenden, bald sich wieder lösenden Schollen und erreichten unter dem 64. Breitengrad wieder eisfreies Meer. Am 8. Januar 1841 wurde zuerst Land erblickt, eine majestätische Gebirgslandschaft mit hohen, in die Wolken hineinragenden Bergen. Die steile Küste war von einer furchtbaren Brandung umtobt, so dass jede Annäherung unmöglich war. Ross folgte nun der Küste, die bei Kap Adare nach Süden umbog und ihm ein weiteres Vordringen nach dem Pol hin ermöglichte. Das Wetter war sehr günstig und gestattete zahlreiche Bergmessungen. Der höchste Berg, der 4500 Meter hoch war, wurde Mount Melbourne, das ganze Land Viktorialand genannt. Nirgendwo sah man die geringste Spur von Pflanzenleben, wohl aber ungeheure Scharen von zum Teil sehr farbenprächtigen Polarvögeln, unter ihnen den Riesenpinguin. Bis zum 79. Grad gelangte Ross und sah hier den 3750 Meter hohen, tätigen Vulkan Erebus und den daneben liegenden, etwas kleineren, erloschenen Terror. Ein weiteres Vordringen wurde jetzt durch eine riesenhafte Eismauer verhindert. Vergebens folgte er ihrem Rand nach Osten, nirgendwo fand er eine Oeffnung, so dass er gezwungen war, für diesmal umzukehren und die grosse Bucht, die nach ihm Rossmeer genannt wurde, zu verlassen, besonders, da er hier keinen Hafen zum Ueberwintern fand. Im März 1841 gelangte er wieder nach Tasmanien. Noch im November desselben Jahres finden wir den kühnen Polarhelden wieder auf der Fahrt nach dem Süden. Er hoffte diesmal, auf demselben Wege neue Entdeckungen zu machen, begegnete aber von Anfang an den grössten Hindernissen. Am 1. Januar 1842 passierte er den Polarkreis, aber er fand jetzt nicht nur bedeutend grössere Eismassen, sondern auch ein sehr ungünstiges Wetter. Am 19. Januar erhob sich ein solcher Sturm, dass die Steuerruder beider Schiffe fast ganz zerstört wurden. Die Expedition geriet in die grösste Gefahr, gelangte aber Anfang Februar unter 68 Grad südlicher Breite in offenes Wasser und konnte ihren Weg fortsetzen. Doch gelang es nicht, weitere Entdeckungen als im Vorjahre zu machen; im März begann die Rückfahrt, die noch grössere Gefahren als die Hinfahrt brachte, so dass die Schiffe nur durch die äusserste Energie ihrer Führer und der Mannschaften dem Untergang entgingen. Sie konnten aber diesmal nicht wieder nach Tasmanien gelangen, sondern wurden durch die Stürme nordostwärts getrieben und gelangten am Kap Hörn vorbei nach Port Louis auf den Falklandinseln. Immerhin hatte Ross auf dieser zweiten Fahrt seinen südlichsten Punkt mit 78 Grad 10 Minuten südlicher Breite erreicht. Auf den Falklandinseln, wo er nach 138tägiger Fahrt am 6. April 1842 eintraf, überwinterte er. Mit der im Dezember desselben Jahres eintretenden wärmeren Witterung begann er aber auch schon seine dritte Ausfahrt, die diesmal die Polargegend von der entgegengesetzten Seite anfasste. Zunächst bemühte er sich, die schon früher entdeckten Inselgruppen jenseits der Südshetlandsinseln wieder aufzufinden, was ihm auch mit Leichtigkeit gelang. Er berichtigte ihre Lage und arbeitete sich dann durch den Packeisgürtel durch, konnte aber hier nicht über den 71. Breitengrad hinauskommen. Ross fuhr daher nach Nordosten, versuchte auf dem Wege, den Weddell 1823 gewählt hatte, noch einen Vorstoss, der ihn aber auch nicht viel weiter brachte. Im März 1843 entschloss er sich zur Umkehr nach den Falklandinseln, und im Herbst erreichte er glücklich England. Mit der Rückkehr von James Ross tritt eine lange Pause in der Geschichte der Südpolarforschung ein, die erst wieder in den siebziger Jahren ihr Ende finden sollte. Es begann dann allmählich der lange, zähe Kampf um die Entschleierung der Antarktis, der dann im Jahre 1911 seinen vollen Erfolg finden sollte. Von drei Seiten wurde dieser Kampf geführt: von der Inselgruppe aus, die südlich vom Kap Horn sich um das Grahamland gruppierte, vom Viktorialand mit der von Ross entdeckten, weit vorgeschobenen Bucht und schliesslich vom Wilkeland aus. Die Gegend des Grahamlandes war insofern günstig gelegen, weil sie so nahe an bewohnte Gegenden wie die Falklandinseln und das Feuerland heranstiess. Im Anfang der siebziger Jahre hat der Deutsche Eduard Dallmann diese Gegend recht genau erforscht, und als später die Wal- und Robbenfänger in den nordischen Gewässern eine immer geringere Tierwelt fanden, wandten sie sich dem Süden zu und fanden gerade in der Nähe dieses Archipels recht ergiebige Fangplätze, so dass sie auch gleichzeitig für seine Erforschung mit sorgten. Wissenschaftliche Entdeckungen machten dann 1893 in diesen Gebieten die Kapitäne Larsen und Evenson. 1897 sandte Belgien eine wissenschaftliche Expedition unter Adrian de Gerlache nach Grahamland. Sein Schiff »Belgica« fror hier 1898 fest und machte unfreiwillig die erste Ueberwinterung im antarktischen Gebiet durch. Erst im Frühjahr 1899 konnte es sich frei machen und nach Europa zurückkehren. Im Jahre 1901 ging dann eine schwedische Expedition unter Otto Nordenskjöld auf dem Schiff »Antarctic« dorthin ab. Im Februar 1902 liess sich Nordenskjöld mit fünf Begleitern auf Louis-Philippe-Land aussetzen, um auf Schlitten nach dem Süden vorzustossen und dabei zu überwintern. Die Ueberwinterung ging auch ohne Unglück vor sich, aber im Herbst 1902, als der südliche Winter zu Ende ging, kam das Schiff, das ihn abholen sollte, nicht heran. Es hatte den südlichen Winter (unseren Sommer) mit Untersuchungen auf den Falklandinseln und Südgeorgien verbracht, aber als es jetzt Nordenskjöld abholen wollte, geriet es in sehr schwierige Eisverhältnisse und konnte sich nur sehr mühsam fortarbeiten. Da entschloss sich der Offizier Anderssen, mit einem Matrosen das Schiff am 29. Dezember 1902 zu verlassen und Nordenskjöld auf dem Landwege zu erreichen. Aber auch diese kleine Expedition erreichte ihr Ziel nicht und musste nordöstlich von Nordenskjölds Quartier überwintern. Das Schiff hatte inzwischen Ende 1902 die Joinville-Insel umfahren, blieb dann aber im Eise stecken und wurde am 12. Februar 1903 vollständig zerdrückt. Doch gelang es der Mannschaft, sich zu retten und günstige Winterquartiere zu finden. So lag also die Expedition in drei getrennten Gruppen im Eise fest, vorläufig ohne Kenntnis voneinander und ohne sich retten zu können. Inzwischen fing man in Europa an, über das Schicksal der »Antarctic« besorgt zu werden, und als der Sommer 1903 ohne Nachrichten verlief, wurde im Juli ein Entsatzschiff von Stockholm abgesandt. Aber auch die argentinische Regierung entschloss sich zu einer Rettungsexpedition. Sie sandte am 1. November das Kanonenboot »Uruguay« ab, das schon acht Tage später in Louis-Philippe-Land ankam, wo es alle Expeditionsteilnehmer, denen inzwischen die Vereinigung gelungen war, wohlbehalten antraf. Auf dem Kanonenboot wurde auch die Heimfahrt angetreten, und da alle wissenschaftlichen Instrumente und Beobachtungen gerettet waren, hatte die Expedition doch einen grossen Erfolg. Viel weiter als im Grahamland kam man natürlich im Viktorialand vorwärts, wo schon Ross den 78. Breitengrad überschritten hatte. Der Naturforscher Carsten Egebert Borchgrevink war auf einem ebenfalls »Antarctic« genannten Dampfer 1894 bis 1895 zum Viktorialande gelangt, dessen Küste er als Erster betrat und von der er auch Pflanzen und Gesteinsproben mitbrachte. 1899 überwinterte er hier auf einer zweiten Fahrt, drang 1900 zu Schiff bis zu den Vulkanen Erebus und Terror vor und erreichte auf einer Schlittenfahrt 78 Grad 50 Minuten, so dass Ross' südlichster Punkt jetzt zum erstenmal geschlagen wurde. Borchgrevinks Erfolg trug sehr dazu bei, dass man sich in England entschloss, unter dem Kapitän H. S. Scott mit dem Dampfer »Discovery« eine sehr gut ausgerüstete Expedition auf dem gleichen Wege vorzusenden. Im Sommer 1901 verliess Scott England und drang Ende Dezember von Neuseeland aus nach Süden vor. Am 4. Januar 1902 wurde der Polarkreis überschritten, am 9. konnte bei Kap Adare eine Landung vorgenommen werden. Dann ging es bei ungewöhnlich günstigem Wetter nach Süden bis zu den beiden Vulkanen, wo ein Winterhafen entdeckt wurde. Vorläufig fuhr aber Scott noch in östlicher Richtung weiter und entdeckte Ende Januar das 1000 Meter hoch liegende König-Eduard-VII.-Land. Dann folgte, da die Witterung ungünstig wurde, die Rückfahrt nach Westen, und am 8. Februar wurde das Schiff südlich vom Vulkan Erebus bei Kap Armitage festgelegt. Es folgten jetzt sehr erfolgreiche Schlittenreisen, trotzdem sämtliche Hunde versagten. Kapitän Scott gelangte auf einer Schlittenreise, die von November 1902 bis Februar 1903 dauerte, bis über den 82. Breitengrad hinaus. Am 23. Januar traf ein Entsatzschiff ein, der »Morning« unter Leutnant Colbeck. Die eingefrorene »Discovery« war aber mehrere Kilometer breit mit einer Eisschicht umgeben, und so mussten die Vorräte auf Schlitten hinübergebracht werden. Der »Morning« nahm dann noch die Kranken mit und fuhr mit den Berichten nach Neuseeland, während die »Discovery« unbeweglich liegen blieb. Endlich kamen im Februar 1904 zwei Dampfer bei der »Discovery« an und befreiten sie durch Dynamitsprengungen, so dass alle wohlbehalten nach Hause kamen. Die »Gauss« im Südpolareis. Im gleichen Jahr mit der Scott-Expedition ging auch eine deutsche unter Erich von Drygalski auf dem Dampfer »Gauss« nach dem Südpolarland ab. Sie verliess am 11. August 1901 Kiel und fuhr zunächst zu den Kerguelen-Inseln, wo eine wissenschaftliche Beobachtungsstation angelegt wurde. Am 31. Januar 1902 fuhr der »Gauss« direkt nach Süden, stellte fest, dass das von Wilke gefundene Terminationsland an der Stelle gar nicht existierte, entdeckte dafür aber am 20. Februar unter dem Polarkreis eine Küste, die Drygalski Kaiser-Wilhelm-II.-Land nannte. Drygalski wandte sich nun nach Westen, fror aber schon am 22. Februar unter 66½ Grad südlicher Breite in der Posadowski-Bucht ein. Die kalte Jahreszeit wurde mit Schlittenreisen und wissenschaftlichen Beobachtungen verbracht, bis das Schiff am 28. Februar 1903 wieder freikam und durch Strömungen aus dem Packeis hinausgedrängt wurde. Im März machte Drygalski noch einmal einen Versuch, nach Süden zu kommen. Da er aber kein passendes Winterquartier fand, wandte er sich endgültig heimwärts. Am 1. Juni wurde Kapland erreicht. In England hatte man sich nach den Erfolgen der Scottschen Expedition überzeugt, dass Viktorialand die günstigste Stelle zu einem südlichen Vordringen sei, und schon im Jahre 1907 sandte man eine neue Expedition unter dem Leutnant Ernest Shackleton, einem früheren Begleiter von Kapitän Scott, nach der Antarktis aus. Dieser fuhr auf dem Schiff »Nimrod« in das Ross-Meer, wo er auf König-Eduard-VII.-Land überwintern wollte. Da er aber dorthin nicht gelangen konnte, liess er sich am Erebus mit seinem wissenschaftlichen Stab und den nötigen Mannschaften absetzen, während das Schiff zunächst zurückfuhr. Shackleton erstieg im März 1908 den Erebus und begann im August mit seinen Schlittenreisen, auf denen Depots immer weiter nach Süden vorgeschoben wurden. Am 29. Oktober begann der Aufbruch zum endgültigen Südvorstoss, auf dem eine Hilfsexpedition noch eine Strecke weit mitfuhr. Ueber einen gewaltigen Gletscher wurde das Inlandseis erstiegen und am 4. Januar 1909 auf einem 2700 Meter hochliegenden Punkt die höchste südliche Breite mit 88 Grad 23 Minuten erreicht.Die Fahrt war sehr mühsam und schwierig, auch die Rückfahrt bot noch grosse Gefahren und erst am 4. März wurde das Winterquartier wieder erreicht. Auch die Entdeckung des magnetischen Südpols gelang der Expedition. Eine Abteilung unter Professor David stellte ihn in einer 122tägigen Schlittenreise am 16. Januar 1909 in 72 Grad 25 Minuten südlicher Breite und 154 Grad östlicher Länge fest. Shackleton auf der Ausreise So konnte Shackleton im Sommer 1909 mit grossem Jubel begrüsst in England wieder eintreffen. Shackleton war dem Pol sehr nahe gekommen, das eigentliche Ziel aber erreichte kurz darauf der Norweger Roald Amundsen. Amundsen hatte eigentlich gar keine Südpolfahrt geplant, sondern wollte mit Nansens altem Schiff, dem »Fram«, eine Wiederholung von dessen Fahrt machen. Die Drift sollte vier bis fünf Jahre dauern, und um eine höhere nördliche Breite zu erreichen, beabsichtigte er, von der Beringsstrasse aus abzufahren. Am 7. Juni 1910 verliess die Expedition Norwegen, um bald darauf aus Madeira die überraschende Nachricht in die Heimat zu senden, dass sich Amundsen entschlossen habe, vor Beginn der Drift zuerst noch einen Vorstoss nach dem Südpol zu machen. Der »Fram« sollte ihn in der Antarktis zur Ueberwinterung ans Land setzen und bis Ende 1911 ozeanische Studien machen. Im Januar 1911 fand auch die Landung an der Küste von König-Eduard-VII.-Land in der sogenannten Walfischbai statt. Vor Beginn des südlichen Winters wurden Proviantdepots vorgeschoben, die unter 80, 81 und 82 Grad südlicher Breite errichtet wurden. Alle Depots wurden durch Flaggen gut gekennzeichnet, und dann kehrten alle Teilnehmer wieder in das Winterquartier zurück. Im Oktober, als der südliche Frühling kam, begannen die Schlittenexpeditionen. Mit vier Begleitern, vier Schlitten und 52 Hunden brach Amundsen am 18. Oktober zu seinem Vorstoss auf. Am 23. Oktober wurde das erste Depot erreicht, am 31. das zweite und am 5. November das dritte Depot auf 82 Grad nördlicher Breite. Das Eis war fortdauernd für die Schlittenfahrt günstig, so dass schon am 11. November eine Breite von 86 Grad erreicht wurde. Nun aber wurde das Gelände sehr schwierig, und es musste einmal ein Gletscher von 2740 Meter überschritten werden. Erst als am 8. Dezember der 88. Grad erreicht war, wurde das Eis wieder besser. Am 14. Dezember 1911 wurde der Pol erreicht; er liegt in einer Höhe von 3200 Meter auf einem Plateau von König-Haakon-VII.-Land. Amundsen errichtete auf dem Pol ein kleines Haus aus Eisblöcken, an dem er die norwegische Flagge aufhisste, und kehrte Ende Dezember wieder um, nachdem er sorgfältige Messungen veranstaltet hatte. Der Rückweg ging leicht vonstatten; er war durch Marken gesichert, so dass Amundsen am 25. Januar 1912 in seinem Winterquartier eintreffen konnte. Hier holte ihn dann der »Fram« ab und brachte ihn über Tasmanien nach Hause. Amundsen auf dem Südpol.