Alexander Moszkowski Das Geheimnis der Sprache Aus Höhen und Tiefen der Ausdrucksformen 1923 Walther Rathenau zugeeignet. Inhaltsverzeichnis Verschwiegene Vorrede Die Sprache der Meister Ihr Feld ist die Welt Die werbende Kraft Auf den Spuren Talleyrands Sprachkrank Fremdes Sprachgut Grenzschutz der Sprache Kurzes und Längeres zur Sprachweisheit Eine Reise durch Verdeutschland Berlinfranzösisch und Parisberlinisch Der Vorkämpfer Pantheon und Ghetto Die Sprache der Neutöner Bunte Steine im Kaleidoskop Das dritte Ohr In einer Sackgasse Der Weg ins Freie Arten und Unarten Gespenster und Atome Abgebrochene Kristalle Der Wert der Illusion Ausklang Verschwiegene Vorrede Mit kleiner Veränderung eines bekannten Khalifenwortes wäre zu sagen: Wenn der Vorspruch dasselbe enthält wie das Buch, so ist er überflüssig; enthält er aber etwas anderes , so ist er schädlich. Denn das andere, als notwendige Ergänzung betrachtet, müßte eben auch im Buche stehen; wenn es dort fehlt, so wäre der Gegenstand ungenügend behandelt und seine Voranstellung würde den Fehler herausheben, bevor noch irgendwelcher Vorzug erkennbar werden könnte. Das wäre allerdings schädlich für das Buch und damit auch für die Sache, die es vertreten will. Aber, um gleich mit der Sprache herauszurücken: Es fehlt wirklich sehr viel; dies ganze Buch enthält nur eine Andeutung, die von keinem Vorspruch vervollständigt werden kann. Es handelt von unserer Sprache und ihren Erlebnissen in neuerer Zeit, also von unendlichen Dingen. Die Sprache erlebt an einem Tage mehr, als zehn dicke Bücher beschreiben können, und nichts anderes kann die einzelne Sprachschrift unternehmen, als den Blick des Lesers auf diese Geschehnisse einzustellen; in einer Zeit, da das Erleben der Sprache Eines ist mit dem Erleben des Volkes, da wir aus Sprach-Not und Sprach-Hoffnung unser eigenes Schicksal deuten. Denn hinter allen Betrachtungen steht ungeschrieben, aber stets mitgedacht das große, in die Zukunft weisende Signal von der deutschen Weltsprache, die uns mit geistiger Notwendigkeit zurückerobern wird, was uns die politische Notwendigkeit verlieren ließ. Es hat also keinen Sinn, das Vorhandene gegen das Fehlende abzuwägen, denn das Vorhandene ist eigentlich nur eine Absicht, und auch diese ist durch keinen Vorspruch zu verdeutlichen, sondern nur durch den Text des Buches. Anders ausgedrückt: dies ganze Buch ist ein Vorwort zu dem, was sich der Leser denken soll, wenn er sich seinen Inhalt angeeignet hat. Er wird zwischendurch mancherlei Einwände erheben, vielleicht nicht so viel als der Verfasser selbst. Denn je mehr man sich nachspürend mit den Erlebnissen der Sprache beschäftigt, desto häufiger gerät man in der Deutung der Vorgänge an unauflösliche Widersprüche. Durch diese muß man wagemutig hindurch, um überhaupt von der Stelle zu kommen zur Betrachtung und Deutung weiterer Erlebnisse. Und nur das eine möchte ich voraussagen: daß durch dieses Buch im Sprachhorizont des Lesers manche bedeutsame, vorher nicht vermutete Dinge auftauchen werden. Die Sprache der Meister Auf der Höhe seiner Weltmacht erklärte Kaiser Augustus: soweit auch seine Gewalt reiche, wäre er doch gänzlich außerstande, ein einziges lateinisches Wort zu schaffen. Dieses Geständnis ist geeignet, den Heutigen ein mitleidiges Lächeln zu entlocken. Wir schaffen in unserer Muttersprache Neuworte, soviel uns gutdünkt, die Vorsichtigen in bescheidener, die Wagemutigen in verstärkter Anzahl. Etliche Draufgänger haben sich in diese Beschäftigung geradezu berufsmäßig eingelebt: sie fabrizieren Worte, wie man einen Bedarfsartikel herstellt, auf Zeit, nach Dutzenden, verwenden sie im Eigenbetrieb und warten auf andere die sie ihnen abnehmen, was sich allerdings nicht sehr häufig ereignet. Immerhin, gegen den Bettler Augustus sind wir Krösusse an Ausdrucksformen geworden; der simpelste lyrische Neutöner erweitert die Sprachgrenzen tagtäglich und bringt uns mit erfreulicher Deutlichkeit zum Bewußtsein, daß nur ein bißchen Findigkeit dazu gehört, um im Deutschen die Möglichkeiten beliebig zu vervielfachen. Aber diese Erfreulichkeit wird von anderen Betrachtungen überschattet. Seltsam! die nämlichen Leute, die in der deutschen Sprache wie in einem Bergwerk hausen und fortwährend Edelstoffe aus ihr herausschaufeln, werden nicht müde, uns zu versichern, daß im Grunde genommen mit dieser Sprache nicht viel los sei. Hunderte von Genies und hohen Talenten hätten sich vom frühen Mittelalter bis zur Neuzeit daran versucht, damit abgequält, ohne daß dabei – vielleicht ein paar Gedichtbände abgerechnet – etwas Erbauliches herausgekommen. Schließlich müsse man doch eine Sprache nach der erdrückenden Übermenge ihrer Prosa bewerten, und da gelange man denn auf alle Weise zu dem betrüblichen Ergebnisse: Die deutsche Prosa ist die schlechteste der Welt! Und die das verkünden, sind nicht nur die Neuwortformler, die darauflos schuften, um dem Schrifttum endlich einmal den Grundstoff für eine verbesserte Sprache zu liefern. Nein, zu ihnen gesellt sich ein stattlicher Chor von Schriftkundigen, und diese stützen sich wiederum auf gewichtige Eideshelfer aus der großen Literatur selbst. Und wenn man aus den vorgelegten Zeugnissen das Wesentliche zusammenhält, so scheint allerdings das entsetzliche Urteil »die deutsche Prosa ist die schlechteste der Welt« wie ein unwiderlegbarer Grundsatz dazustehen. Dem gegenüber wird ein Bekenner, der das Gegenteil ausruft, nämlich: »Es gibt keine bessere Prosa als die deutsche!« einen recht schweren Stand haben. Und auf diese Schwierigkeit muß ich mich nunmehr einrichten. Ich will sie mir nicht leichtherzig verkleinern, etwa durch Verschweigung jener Zeugnisse. Sie im einzelnen aufzuzählen, ist freilich schon wegen ihrer Menge nicht durchführbar, allein den Hauptzeugen fest ins Angesicht zu blicken, erscheint als Pflichtgebot. Vorweg möchte ich bemerken: Es wird ein schlimmer Prozeß. Wenn sonst eine Heiligsprechung vorgenommen wurde, so geschah dies in Form eines kanonischen Verfahrens, bei dem ein Vertreter der Kirche als Advocatus diaboli aufzutreten hatte; als ein feindseliger Staatsanwalt, der alle Gegengründe häufte, um die Heiligsprechung zu hintertreiben. Hier nun handelt es sich für mich darum, nicht nur unserem Schrifttum, sondern auch ihrem Ausdrucksmittel, der deutschen Sprache, alle Ehren der Heiligung zuzusprechen; und statt des einen treten sie zu Dutzenden an den Gerichtstisch, die Teufelsadvokaten, von denen ein einziger ausreicht, um die Angelegenheit zu einer causa finita zu machen. Sollte ich den Prozeß vielleicht schon verloren haben, noch bevor ich anfange zu plädieren? Fast sieht es so aus. Denn der erste Gegenadvokat heißt Goethe! und der geht nicht zaghaft vor; er begnügt sich nicht mit einer gerichtsrednerischen Wendung, nein er schwingt sich aufs Flügelroß und reitet einen metrischen Sturmangriff gegen das Heiligzusprechende: »Nur ein einzig Talent bracht' ich der Meisterschaft nah', Deutsch zu schreiben. Und so verderb' ich unglücklicher Dichter In dem schlechtesten Stoff leider nun Leben und Kunst.« So steht es in den Venetianischen Epigrammen, so steht es in Stein gemeißelt auf den Tafeln der Kunstgeschichte. Man weiß, wie Goethe im allgemeinen über seine Hervorbringungen dachte; ungefähr so wie wir, die wir keinen stärkeren Beweis für die Macht und Pracht unserer Sprache kennen als eben ihn. Und dennoch! Mit der harten Tatsache muß man sich zunächst abfinden. Es hätte keinen Zweck, an den venetianischen Worten herumzuklauben, und wir würden uns selbst nur Sand in die Augen streuen, wenn wir etwa versuchten, in jene Verse etwas hinein-, aus ihnen etwas herauszuklügeln, woran ihr Urheber gar nicht gedacht hat; zumal er selbst, ebenfalls in diesen Epigrammen, mit der schärfsten Eindeutigkeit feststellt, dem Schicksal wäre es gelungen, aus ihm einen Dichter zu bilden, »Hätte die Sprache sich nicht unüberwindlich gezeigt.« Also klipp und klar: die Sprache, der unbildsame Stoff, ist schuld, daß er sich dazu verurteilt fühlte, Leben und Kunst zu verderben, die Grundabsicht seines Schicksals zu vereiteln. Und wenn nach eigenem Geständnis nicht einmal Goethes Fähigkeit ausreichte, um die Widerstände des spröden Stoffes zu überwinden, wessen dann sonst? dürfen wir überhaupt noch von olympischen Höhen unseres Schrifttums reden, wenn selbst er ein verunglückter Dichter blieb, ein verdorbener Verderber? Hier liegt auch ein Gutachten von Lessing vor, nicht so selbstklägerisch gefaßt, aber doch deutlich genug. Er bekundet, daß er seinen Laokoon ursprünglich in französischer Sprache habe schreiben wollen, da ihn, gegenüber den Fähigkeiten der deutschen, bohrendes Mißtrauen erfaßt hatte. Lessings Zweifel spricht Bände, allein, so möchten wir schon hier einschalten, der eine Band des deutschen Laokoon spricht auch, und zwar eine Sprache für sich. Als nächster Ankläger tritt Leibniz auf, außer zeitlicher Reihenfolge und dazu mit geringerer Beglaubigung; denn für das beste und tiefste, was er zu sagen hatte, brauchte er weder Deutsch noch sonst eine Sprache der Kunst und des Umgangs, sondern die abkürzenden Zeichen der Mathematik. Aber wenn die Gleichung »Denken gleich Sprechen« zu Recht besteht, so wird der Erkenntnistheoretiker Leibniz auch in unserer Frage mit gebührendem Respekt anzuhören sein. Seine Kundgebung klingt nicht sehr ermutigend für den Widerpart. Er mißt das deutsche Schrifttum am französischen mit dem Ergebnis: »Was oft bei uns für wohlgeschrieben geachtet wird, sei insgemein kaum dem zu vergleichen, so in Frankreich auf unterster Staffel steht«; was für Leibnizens Zeit auch stimmen mag und die Bezeichnung seiner Schrift von 1703 rechtfertigt: »Ermahnung an die Teutschen, ihren Verstand und Sprache besser zu üben.« Auch ihren Verstand, der sich noch rund hundert Jahre Zeit ließ, um seinen vollen Befähigungsnachweis zu erbringen; der ihn dann aber auch, so in den Lebenswerken des Kant und der Klassiker von Weimar, sehr schön erbracht hat. Immerhin, Leibnizens Anklage besteht und wird noch heute mit Erfolg verwertet, um die deutsche Prosa auf dem Sünderbänkchen festzuhalten. Der Unterschied der Jahrhunderte spielt dabei keine Rolle; denn – so argumentieren die Strafanwälte – wenn schon um 1700 eine so schlechte Zensur ergehen mußte, und wenn sie sich bis auf unsere Tage so oft wiederholte, so muß doch wohl tief im Innern ein Krebsschaden stecken; wir unterscheiden da nicht viel nach Zeitaltern, sondern sagen deutsche Prosa im allgemeinen und drücken dieser in riesigen Zeichen das Brandmal auf den breiten Buckel. So überspringen denn auch wir die Zeit, um einem weiteren Kläger das Wort zu geben: dem Dichterkomponisten Richard Wagner , genauer seinen Jüngern, durch deren Mund er sich verkündete. Die Apostel jener Tage, Hans von Wolzogen, Edmund von Hagen, Porges, die ihre Weihen auf Sinai-Wahnfried empfangen hatten, schlugen uns jahrelang das Schlagwort » Verrottung der deutschen Sprache « um die Ohren, und die Welt horchte hoch auf, denn sie glaubte die letzte Offenbarung Gott Wagners zu vernehmen. Und es war ja auch seine Stimme, seine Anklage, die mit gewohntem Radikalismus ganze Arbeit machte. Was verschlug es, daß damals noch Sprachkünstler blühten wie Heyse, Storm, Keller, Raabe, Scheffel, Bodenstedt, Gregorovius, Nietzsche, Helmholtz, Frenzel, Bulthaupt, Hanslick, daß Geibel noch nicht verklungen war, Hebbel im Neuklang mächtig emporwuchs?! Die Verrottung der deutschen Sprache blieb das Leitmotiv, in dem alle Fluch-, Drohungs- und Vernichtungsmotive des Meisters zu neuzeitlicher Fehde zusammentrafen. In den Bayreuther Blättern und in den verwandten Abhandlungen wurde aber neben dem Laster nicht nur der Teufel gemalt, sondern zur andern Seite der rettende Engel, der die »Errettung der deutschen Sprache«, zumal der Prosa, in mögliche Aussicht stellte. Man hatte nur nötig, allen überkommenen Idealen in Bußfertigkeit zu entsagen und sich in das Bayreuther Korrektionshaus zu begeben, um Deutsch zu lernen: eine aus Wagners Altersstil abgeleitete, stelzbeinige, in allen Satzfugen schlotternde, in den undenkbarsten Konstruktionen verrenkte Prosa. Aber die Autorität stand dahinter, Wagners Autorität, mit der Ansage: Sie haben jetzt gesehen, was wir können, – wenn Sie wollen, werden wir eine Sprach-Kunst haben! eine Vertröstung auf die Zukunft, eine Verwerfung der Sprach-Gegenwart und -Vergangenheit. Die Reihe der Ankläger könnte beliebig verlängert werden. Die Führer der neuen Sprachbewegung halten deren Kraftworte am Schnürchen bereit, und man braucht sie bloß abzulösen, um den ganzen Aufmarsch der trotzigen Anwälte sichtbar zu machen. Herder ist darin vertreten und Bürger, Schopenhauer und Nietzsche, Treitschke und – ja wer nicht? wer von den besten hätte nicht aus dem Zorn einer Stunde oder aus dem Zorn eines Lebens heraus die Sprache und die Wortführer verantwortlich gemacht für das Unbehagen des eigenen Schaffens? Sagen wir einfach: Jedermann hat so gedacht und geschrieben, besonders wenn Herr Jedermann in die Lage kam, mit der Sprache zu kämpfen und ihr mehr abzuverlangen, als sie ihm just hergeben mochte; was ja recht eigentlich das Los aller Könner war und ist. Und da ihm dann immer das Hemd näher saß als der Rock, die Muttersprache näher als irgend welche andere, so entlud sich naturgemäß sein Weheschrei gegen das kratzende Hemde. Leicht wird dann verallgemeinert, fast immer mit dem verschluckten Vorbehalte, daß er, der Weherufer, eigentlich doch der Einzige sei, der selbst mit dieser Sprache etwas anzufangen wüßte. So bei Wagner, so bei Nietzsche, wenn er behauptet, das »Schlecht-Schreiben würde in Deutschland als ein nationales Vorrecht behandelt«, wobei hinzuzudenken, daß Er, Nietzsche, auf solche nationale Vorrechte keine Ansprüche erhebe. Nur einer sei noch genannt, der alte Philander von Sittewald, Moscherosch, der uns besonders interessant wird, da er zu den Strafakten gleich die Fuchtel mitbringt: »Ihr böse Teutschen, – Man soll euch peutschen, – Daß ihr die Muttersprach' – So wenig acht'!« Damit könnten wir den Reigen, unter Vernachlässigung aller Zwischenglieder, vorläufig schließen. Die Kläger marschieren getrennt und schlagen vereint, gegen Sprachschlechtigkeit, die dem einen als Mißwachs, als Verhängnis, dem andern als sträflich erzeugte Luderei erscheint. Dieser entlädt seinen Groll gegen die Schreiber und Sprecher, jener schiebt die Schuld auf die Sprache an sich, die sonach nicht nur für uns dichtet und denkt, sondern uns auch häufig genug am Dichten und Denken verhindert; dieser will nur ein Urteil erzwingen, ohne sich um den Strafvollzug zu kümmern, jener will bütteln und stäupen, noch einer öffnet die Tür zum Besserungshaus; – alle sind darin einig, daß ein trostloser Zustand vorliegt, alle beziehen ihn auf ihre eigene Gegenwart, auf die Widrigkeiten, die ihnen aus deutscher Rede, deutscher Prosa entgegenströmten. Und nun wollen wir uns unseres Vorsatzes erinnern, eben dieser Rede und Schrift, eben dieser Deutsch-Prosa zu allen Weihen zu verhelfen, mit allem gebührenden Respekt vor den Advocatis diaboli, aber mit noch größerem Respekt vor den Rechtsansprüchen einer unschuldig Verklagten; die noch dazu, wie es in der alten Folterordnung heißt, so lange »ungütlich befragt« wurde, bis sie gegen sich selbst zeugte. Das Verzichtwort der Pythagorasschüler: ipse dixit, autos epha, darf nicht für uns entscheidend werden, um uns mit gebundener Vernunft der Autorität zu übergeben, selbst wenn der ipse Goethe oder Richard Wagner heißt. Denn am Ende aller Dinge sind auch sie nur Diener am Wort; hoch über ihnen steht das Wort selbst, die Sprache, so hoch, daß sie von keinem Angriff erreicht werden kann. Aber, sagte ich nicht soeben, sie hätte unter Zwang gegen sich gezeugt? Ja, auch das bleibt bestehen, denn sie ist so allmächtig, daß sie selbst den Anschein der Schwäche anzunehmen vermag; in irgend welcher Teilerscheinung, die wir dann fälschlich für das Ganze nehmen. Keine irdische Betrachtung reicht aus, um ihre Ganzheit zu erfassen; immer nur sind es Teilformen, die dem Urteil unterworfen werden, dem anthropomorphen Urteil, das irgend welche Bücher, einzeln oder zu Tausenden, für die Sprache nimmt; so wie wir ja auch Klassen von Pflanzen als giftig, von Tieren als schädlich bezeichnen. Aber auf die großen Einheiten der Pflanzen- und Tierwelt oder gar der organischen Natur übertragen, verlieren die Begriffe Gift und Schädlichkeit ihren Sinn, müßten ihn verlieren, selbst wenn alle Täler von Schierling und Skorpionen wimmelten. Der simpelste Verstand würde sich scheuen, einen Fehlschluß in dieser Richtung zu begehen. Und eben dieser Fehlschluß ereignet sich bei der Denkarbeit vorzüglicher Gehirne, wenn Angelegenheiten der Sprache zur Erörterung stehen. Keiner hat so eindringlich wie Goethe vor den Fallstricken der anthropomorphen Denkweise gewarnt, und keiner hat sich so willig von ihnen umgarnen lassen wie er. Er wäre nicht der Allumfasser gewesen, der er war, wenn nicht die Polarität zwischen Denkforscher und Dichter bei ihm zu größtmöglichem Ausdruck gekommen wäre. Die Sprache bezeichnet er als den »schlechtesten Stoff«, weil er sie im Augenblick des Grolls nur auf sich bezieht, ganz subjektiv, ganz anthropomorph, sie erscheint ihm, ganz wörtlich nach dem Zusammenhang, schlechter als jedes Ausdrucksmittel eines bildenden Künstlers, als Öl, Ton und Kupfer. Setzen wir einmal den Fall, Goethe hätte sich zu einem bedeutenden Bildhauer entwickelt und er wäre eines Tages von dem Mißverhältnis zwischen Wollen und Können überwältigt worden; in einer Stimmung, die Michelangelo aufstöhnen ließ, er wäre im höchsten Greisenalter eben erst dazu gelangt, die Anfangsgründe der Skulptur zu erfassen! So hätte er genau mit demselben Rechte auf den Marmor abwälzen dürfen, was er in seinem Falle als Schuld der Sprache ausrief. Wo ist der Unterschied? Der Vergleich ergibt nicht den geringsten, nur daß wir im Falle der Bildhauerei sofort merken, wo der Fehler sitzt; weil wir zwar alle in Sprache arbeiten, aber nur wenige von uns in Stein. Der Sonderfall beleuchtet den allgemeinen: das Material steht immer außer Schuld, es ist so hoch übergeordnet, daß kein Schuldbegriff zu ihm hinaufreicht. Auch diese Rangstellung ist schon von Michelangelo angedeutet worden: Non ha l'ottimo artista alcun concetto, – Ch'un marmo solo non in se conscriva – der beste Künstler hat keine Eingebung, die ein einzelner Marmorblock nicht in sich faßt. Das will sagen: Alle Vollendung liegt im Rohstoff beschlossen; die Begabung des Einzelnen zieht nur eine der Teilformen heraus, deren unendliche Gesamtheit der Stoff als das Genie aller Genies in sich trägt. Und man braucht nicht beim handgreiflichen Stoff stehen zu bleiben. Die Farbe des Malers erscheint schon vergeistigter als der Stein, denn sie ist ja nicht mehr bloße Substanz, Ölstoff, sondern Farbe an sich, Spektrum, zerlegter Lichtstrahl in aller Mannigfaltigkeit von Rot zum Violett. Aber wenn Goethe die substanzlose Sprache als Stoff für seine Gestaltung begreift, – wogegen gar nichts einzuwenden, – so liegt nichts im Wege, auch die substanzlose Farbe, das aufgelöste Licht, also den Inbegriff aller Sichtbarkeit als Stoff zu nehmen, aus dem der Maler seine Werke zu entwickeln hat. Und sonach hätte wiederum ein mißlauniger oder verzweifelter Künstler die Befugnis, die Lichterscheinungen zu bemängeln und auf die Farbigkeit der Natur zu schelten, weil ihm – siehe Lessing – auf dem langen Wege aus dem Auge durch den Arm in den Pinsel allzuviel verloren geht. Und dieses vermeintliche Recht tritt ja auch tatsächlich in Übung. Haben wir nicht Futuristen bestaunt, welche die vorhandene Farb-Natur als unkünstlerisch verwerfen? nicht expressionistische Aussprüche erlebt, in denen die von unseren Augen wahrgenommenen Erscheinungen der Wirklichkeit als Kunstgestümper der Schöpfung bemäkelt wurden? Nichts liegt solchen Bildnereien und Urteilen zugrunde, als die Ohnmacht des Kleinen gegenüber der Unermesslichkeit des Stoffes; nur dass hier der bis auf die äußerste Spitze getriebene Widersinn der Anklage ganz unverhüllt zu Tage tritt, mit der Wirkung, dass eine ins Delirium umschlagende Ohnmacht uns zum Gelächter reizt. Zu sehen ist jedem gegeben, zu fühlen nur wenigen, sagt Macchiavelli; er hätte hinzufügen können: mit dem Sprachgefühl zu fühlen nur den allerwenigsten. Darum bemerken wir den Widersinn in jenem Fall sofort, weil es sich um das Sehen handelt, um Bilder und gesehene Natur. Aber in Angelegenheiten der Sprache verbirgt sich der Widersinn für uns oft genug in ästhetischen Tiefen. Auch das Drama weiß davon zu erzählen. Wir stecken über und über in dramatischen Reformen, hören aber fast nie die Losung: laßt uns bessere Stücke schreiben, sondern in der Regel die umgekehrte Forderung: die Bühne muß emporgezogen, das Theater hinaufgepflanzt werden, womöglich bis zur Höhe gewisser Stücke, die dem Ideal des Reformers entsprechen. Widersinn. Die Bühne ist immer das Höchste, und jedes mögliche Schauspiel nur ein Teilversuch, diese Höhe zu ermessen. Was der Marmor für den Bildhauer, die Farbe für den Maler, die Sprache für den Dichter und Denker, das ist die Bühne für die Möglichkeiten des Darstellbaren, und seit Thespis war sie bereits der Inbegriff alles Denkbaren, was jemals bis in die entlegenste Zukunft auf ihr und durch sie wird Wirklichkeit werden können. Sie läßt sich weder hinaufziehen, noch tadeln, und zu irgend welchem Ankläger mag sie sprechen: nichts Geniales vermagst du zu schaffen, was nicht in mir schon vorgebildet vorhanden war. Letzten Endes berühren sich diese Fragen mit den Untersuchungen darüber, ob die Welt gut oder böse, die beste oder die schlechteste aller Welten sei, und wenn einer die Sprache gegen ihre Bemängler verteidigt, so kommt er sich etwa vor, wie der Verfasser einer Theodicee, einer Rechtfertigung Gottes, des Schöpfers, der gegen die Vorwürfe der von ihm Geschaffenen zu schützen wäre. Das Gleichnis stimmt auch in sofern, als auch hier, im Sprach-Falle, die Geschaffenen sich in Gedanken an die Stelle der Meisterkraft stellen und uns erzählen, dass sie die Sache wesentlich besser gemacht hätten. Und wen könnte man wohl als geeigneten Vertreter der Theodicee einsetzen? Ich denke doch, wiederum Leibniz, den wir vorher unter den Teufelsadvokaten erblickten, der aber doch als advocatus dei und der besten aller Welten noch berühmter geworden ist. Aber Leibniz würde einen Vorbehalt machen. Er könnte sich vielleicht entschließen, für die Allmacht der Sprache zu plädieren, mit der Einschränkung: die deutsche Sprache nicht inbegriffen; denn diese, so wie er sie vorfand, hat ihm wirklich nicht gefallen. An diesem Punkte scheint sich der Prozeß zu spalten. Wenn auch die Sprache als solche, die Menschensprache, außer Verfolgung gesetzt wird, so bleibt doch ein Teil von ihr, das Deutsche, um so schärfer belastet auf der Sünderbank. Ein Teil von ihr? Ist denn das richtig und die Annahme eines Teilverhältnisses überhaupt zulässig? Ich glaube, wir täten gut, diese mechanistische Auffassung ein für allemal auszuschalten. Die Menschensprache zerfällt nicht in Nationalsprachen und setzt sich nicht aus ihnen zusammen; ebensowenig wie sie in Konsonanten und Vokale oder in Formenlehre und Syntax zerfällt. Nein, alle Kultursprachen sind nur Profile ein und derselben Sprache, unablösbare Ansichten ein und desselben organischen Körpers, deren Verschiedenheit nicht auf Gegensätzen in sich, sondern auf unserer Stellung zum Gesamtkörper beruht. Schließlich kann Einer so recht doch nur in einer Sprache denken und dichten, aber das geographische Grenzmaß, an das er gebunden bleibt, verkürzt nicht die Unendlichkeit dessen, was ihm die eine Sprache öffnet; wie ja auch im Sinne Michelangelos »ein einzelner Marmorblock« schon alle möglichen Bildnererfindungen umschließt, in der gleichen Vollkommenheit und so restlos wie alle Marmorbrüche der Welt. Aber man kann sogar, ohne aus dem Beweis zu fallen, den Gegnern ein Zugeständnis machen, dergestalt, daß man von Sprache zu Sprache Unterschiede und Gegensätze zugibt. Denn darauf wollen doch die Meisten hinaus, wenn sie die deutsche Prosa mit ihren Rügen verfolgen. Wir wollen also, ohne uns darauf festzulegen und nur für eine kurze Strecke der Betrachtung, den Teilbegriff annehmen: die Menschensprache soll dementsprechend wie ein Reich in Provinzen zerfallen, und die Erfahrung soll gezeigt haben, daß viele Gedanken, Empfindungen, Zusammenhänge in anderen Reichsteilen besser, eindringlicher und vor allem reiner dargestellt werden, als in der deutschen Provinz. Da die Sprache etwas Tönendes ist, so können wir sie zwanglos mit anderen Klangerscheinungen in Vergleich setzen, am einfachsten mit der Musik selbst, mit dem Reich der Töne, das für alle jemals denkbare musikalische Gestaltung die notwendige und hinreichende Bedingung gibt. Dieses Universalreich mit seinen wahrnehmbaren Tonschwingungen vom tiefsten Baß bis zum höchsten Diskant entspricht in seinem unermeßlichen Ausdrucksreichtum der allgemeinen Menschensprache. Aus diesem Reich greife ich nunmehr im Sinne des Teilbegriffs eine Provinz heraus, sagen wir eine Oktave, die fortan unerbittlich begrenzt als das musikalische Ausdrucksgelände von einer engeren Menschengemeinschaft bestellt werden soll. Geometrisch genommen wäre das Feld höchstens auf den achten Teil zurückgegangen, aber keine Berechnung reicht aus, um festzustellen, wieviel kombinatorische Möglichkeiten dabei verlorengegangen sind. Unzählbaren Milliarden von Anordnungen im Gesamtreich stehen nur Reste gegenüber, die vergleichsweis zum Rang einer Dürftigkeit herabsinken. Aber diese Reste dürfen nicht unterschätzt werden, und bei einiger Überlegung im Zuge der musikalischen Logik begreift man, daß sie abermals eine Unendlichkeit darstellen. Jene Provinz, die eine Oktave, bietet nämlich ein verkleinertes Abbild des Ganzen und enthält, obschon mit sehr verkümmertem Wirkungsgrad, doch im Wesen alle Tongedanken, die in Motiv, Melodie, Modulation, selbst im Kontrapunkt auf der breiten Fläche aller acht Oktaven entwickelt werden können. Denkbar erscheint ein Musiker, dessen gesamte Gehöranlage auf so engen Bereich eingestellt wäre; der könnte die gesamte Musik in der Spanne einer Oktave erleben. Und im Grunde sind wir alle solche Musiker mit nur wenig erweitertem Empfindungsbereich. Wenn wir uns irgendwelche Tongebilde in der Erinnerung vergegenwärtigen, so wiederholt unser inneres Singorgan die Schwingungen in einem Tonfeld, das nur wenig über eine Oktave hinaus geht, die Breite zweier Oktaven wohl niemals erreicht. Wir projizieren es innerlich auf ein schmales Schwingefeld und können dabei doch alle Schönheiten eines großen Musikwerkes in der bloßen Vorstellung auskosten. Der Tonoktave entspricht in unserem Vergleich die Sprachprovinz. Und wir schließen: Trotz der durch scharfe Grenzen bedingten Enge bietet die Provinz, die Einzelsprache, alle Möglichkeit des Gedanken- und Empfindungsausdrucks, so gut wie alle Sprachen zusammengenommen; jede einzelne gibt ein Abbild der Weltrede und der Weltliteratur. Als Nebenschluß ergibt sich ferner, daß es nicht angeht, einer Provinz vor der anderen den Vorrang zuzugestehen. Die Oktaven sind gleichwertig, möge man sie auf Klang oder auf Rede beziehen. Man könnte vielleicht sagen, daß sich die deutsche Sprachoktave in der Baßlage, die des Franzosen oder Italieners in der Tenorlage befindet; wobei wir natürlich den Begriff der Tonhöhe nicht rein musikalisch, sondern als ein Merkmal des Ausdrucks überhaupt zu nehmen hätten. Aber das Tiefer oder Höher entscheidet nicht über den Wert, der vielmehr nur davon abhängt, was innerhalb der Oktave oder der Provinz vorgeht, was in ihr getönt, gedacht, geformt, ausgedrückt wird. Und das hängt wesentlich von den Meistern ab, die sich in ihr betätigen. Die Möglichkeiten für ihr Wirken sind überall dieselben, überall unendlich reich, und niemals kann es an der Einzelsprache liegen, wenn der Former in Verlegenheit gerät. Und wenn solch ein Former, wie etwa Leibniz oder Friedrich der Große, sich lieber auf Französisch ausdrückte, so lag das nicht am Deutsch ihrer Zeit, sondern daran, daß sie nicht imstande waren, ihr Ohr auf die Klangstufe dieser deutschen Oktave einzustellen. Da weht ein Einwand herüber aus dem Munde eines Deutschmeisters der jüngsten Tage. Er will das musikalische Gleichnis zwar nicht rundweg ablehnen, aber ich soll es nach anderer Richtung ausbauen: nicht nach Tonbereichen, sondern nach Instrumenten sei das Reich an die Nationen verteilt, und das deutsche Instrument sei entsetzlich verstimmt; wie ein Klavier, auf dem Stümper ohne Feingefühl des Anschlags allzulange getrommelt und mit den Fäusten geboxt haben. Merkst du denn nicht den Unterschied? so ruft mir der Deutschmeister entgegen; hörst du nicht, wie rein das französische Klavier klingt, wie verdorben und verludert das deutsche? und wenn du es hörst, so vernimmst du eben dasselbe, was uns peinigt und uns den Notschrei erpreßt, die deutsche Prosa sei die schlechteste der Welt. Nicht das Deutsch in seiner Urgestalt meinen wir, sondern den Zustand, in den es geraten, müssen wir bejammern; wie ihn schon der alte Philander bejammerte, der die bösen Teutschen auspeutschen wollte, weil sie ihre Muttersprache so verschindluderten, mit Welschworten verschmuddelten. Soll die deutsche Sprache nicht auf den botokudischen, hottentottischen Tiefstand der Unkultur herabsinken, so muß erst der Dreck aus dem Instrument herausgeblasen werden; dann wollen wir neue Klangsaiten einziehen, das Tastwerk richten, vor allem frisch stimmen und endlich versuchen, ob sich aus dem geretteten Werkzeug eine verbesserte Prosa herauskonzertieren läßt. Wiederum schrecke ich vor einem Zugeständnis nicht zurück, und ohne Umschweif bestätige ich, daß an Reinheit der Stimmung unser Instrument von den anderen Kultursprachen übertroffen wird. Ich erkläre aber, wie vorher, als wir von Höhe und Tiefe sprachen, daß auch die Reinheit und Unreinheit der Stimmung nicht das Geringste über den Wert entscheidet; und zwar aus demselben Erkenntnisgrunde: entscheidend bleibt nur das, was in den Klangbereichen vorgeht, wie der Geist die Klänge zu Gestaltungen fügt. Setzt einen Beethoven an das verstimmteste Spinett, und er vermag eine Eroica hervorzubringen; und in der Wiedergabe durch die elendeste Kapelle wird sie uns noch mehr zu sagen haben, als eine wasserklare Nichtigkeit in der Wiedergabe durch ein Glanzorchester. Ja, die Reinheit an sich ist noch keineswegs höchstes Gut und unverrückbare Lebensbedingung der Kunst, nicht einmal in klanglicher Hinsicht! Dem Musiker ist es bekannt, daß jede gute, brauchbare Stimmung nur durch Preisgabe der Reinheit zu gewinnen ist. Unsere gesamte Musik, soweit sie es mit gebundener Intonation zu tun hat, verlangt mit Notwendigkeit die sogenannte »Temperatur«, das heißt ein Tonsystem, das die akustische Reinheit in einem merklichen Grade opfert. Wer die absolute Reinheit durchsetzen will, der müßte auch die Obertöne und damit die Klangfarbe verbannen, mit dem Ergebnis, daß alle Tonwirkung sich bis ins äußerste verlangweiligen würde. Wir besitzen ein Instrument, das die Stellung des Puristen unter den Tonerzeugern behauptet: es ist die Stimmgabel ; rein im höchsten Grade, fast obertonfrei, erweist sie ihre vollkommene Unfähigkeit für künstlerische Betätigung. Von hier aus verfolge man die Parallele zwischen der Tonkunst und der Sprache, die gleichermaßen mit ihren Reizen an Obertönen, Schwebungen und Klangfarben hängen; und man wird erkennen, daß, ganz vorsichtig ausgedrückt, mit der Forderung nach Reinheit nicht das letzte Wort in Angelegenheiten der Sprache ausgesprochen ist. Gilt dies schon vom klanglichen Urstoff, vom Einzelton und Einzelwort, so wird die Beziehung noch viel sinnfälliger in der Betrachtung des Ausdrucks bestimmter Gedanken, bei deren Gestaltung es auf Logik, Erfindung und geistige Bedeutsamkeit ankommt. Ich verfolge das Gleichnis an einem bestimmten Beispiel der Hervorbringung, das durch lange Zeit zum Geschrei über »Verstimmtheit« Anlaß gegeben hat. Ließen wir vorher Beethoven seine Eroica an einem unreinen Instrument entwickeln, so wählen wir nunmehr einen noch für sich »verstimmten« Punkt aus dieser Symphonie selbst, zum Beweise dafür, daß es in höchsten Gebilden der Kunst auf Reinheit im überlieferten Sinne ganz und gar nicht ankommt. Ich meine die unter dem Namen »Cumulus« berühmte Stelle aus dem ersten Satze jener Symphonie, die allen Ohren zuerst so unrein, so außerhalb aller möglichen Stimmung erklang, daß man allgemein einen Irrtum des Verfassers oder einen Druckfehler annahm. »Infam falsch!« rief Beethovens Intimus Ries, der in der Probe neben dem Komponisten stand, und noch Richard Wagner war der Meinung, daß der Cumulus, die schreckliche Dissonanz, nicht stehen bleiben dürfe. Sie ist aber doch stehen geblieben, sieghaft, richtunggebend, und wie sie zuerst das Regulativ der Reinheit überwand, so hat sie für zahllose andere Cumulusse Raum geschaffen, die seitdem die Musik bevölkern. Mit der Sprachdissonanz steht es nicht anders. Sie kann verwerflich sein, wenn sie eben nichts anderes tut als dissonieren; wird uns dies aus dem Zusammenhang erwiesen, so wollen wir es mit den Reinlichkeits-Eiferern halten und uns für diesen Fall die Puristenkokarde an den Hut stecken. Rührt sie aber mit ihrer Verstimmtheit an Geheimnisse, rüttelt sie an knarrenden Torflügeln, so soll uns der Mißlaut nicht schrecken, und wir werden uns hüten, jenes »Infam falsch« nachzusprechen. Die geistige Höhe meiner Leser schützt mich wohl vor dem Verdacht, als wollte ich hier der Unreinheit ein Preislied singen. Aber ich weiß auch, daß mir dieser Vorwurf nicht erspart bleiben wird, und ich darf nicht annehmen, daß die bisher betonten Gründe ausreichen, um die Verfechter der blankgewaschenen Reinlichkeit zu entwaffnen. Das kann nur in einem Turnier von vielen Kampfgängen geschehen, und zu diesem wird sich in vorliegender Schrift ausreichende Gelegenheit bieten. Es erscheint mir indes erforderlich, mich schon in den einleitenden Anläufen mit dem Hauptschlagwort meiner Gegenkämpen auseinanderzusetzen. Sie gebrauchen es wie etwas Axiomatisches, wie einen Grundsatz der Mathematik. Reinheit! wer wagt dagegen den Mund aufzutun? Reinheit, – das Wort strahlt in unüberbietbarer Glaubhaftigkeit. Wie den leuchtenden Gral schwingen sie es zu Häupten, jeder ein Parsifal, durch Mitleid wissend; durch Mitleid mit der deutschen Prosa, wissend, daß nur sie die Sprache von ihrer Unreinheit zu erlösen vermöge. Aber was sie durch Mitleid nicht wissen, ist, daß der wirkliche Prosaschreiber, der Gedankenformer, in einer vollkommen reinen Sprache nicht zu leben vermag. Es ist mit der Sprache wie mit der Lufthülle, die uns umgibt. Wer jede Beimischung verwirft, wie kommt der über die Tatsache hinweg, daß der schädliche, der todbringende Stickstoff zu fast drei Vierteln der Atmosphäre beigemengt ist? Er müßte sagen: dieser infame Stickstoff muß heraus aus der Luft, wir wollen nur in gereinigter Hülle, in reinem Sauerstoff atmen! Versuche er's! Reinheit und Gediegenheit sind bedeutungsnahe Begriffe, also könnte man diese Betrachtung auch auf das Metallische ausdehnen. Gediegen kommt her von gedeihen, und so liegt die Frage nahe, ob unter allen Umständen Gedeihliches herauskomme, wenn das gediegene, reine Edelmetall verwendet wird. Die Natur antwortet darauf mit nein, ganz deutlich, und sie bezieht ihre Antwort auf den Fall, daß das Metall selbst Sprache gewinnt. Dies geschieht bei der Glocke, die sich gegen die Reinheit im Puristensinn wehrt. Goldklang, Silberklang – sehr schöne Worte der Lyrik, unbrauchbare im Vokabular der Glockensprache. Man hat es durch Versuche festgestellt, daß eine Glocke um so schlechter klingt, je »edler« sie metallurgisch wird. Nichts andres will sie haben, als Kupfer und das ordinäre Zinn, daß rein und voll die Stimme schalle, und sie verlegt sich aufs Mißtönen, wenn man ihr statt des Gemisches eine Gediegenheit aufreden will. Was in der Sprache das Zinn, das ist in der deutschen Prosa das Fremdwort. Man mag es als ordinär betrachten, gemessen am Wert des Heimatwortes, aber es ist zum Klang unentbehrlich. Derartige Erwägungen liegen freilich nicht im Gedankenzuge derer, die in allen Erwägungen mit einem Gesichtspunkt, mit einem Leitmotiv auskommen. Sie vergleichen zwei Prosa-Erzeugnisse A und B, ermitteln A als das reinere, B als das unreinere und zögern keinen Augenblick mit dem Werturteil: A ist höherwertig, B minderwertig. Über das absolute Gut und Böse kommen sie nicht hinaus. Mit dieser Einseitigkeit des Gesichtspunktes kann man aber beweisen was man will. Zum Beispiel: Die Lerche trillert schöner als der Adler, folglich ist die Lerche der übergeordnete Vogel. Die Rose besitzt nicht den Nährwert der Kartoffel, folglich ist die Kartoffel besser, die Rose schlechter. Quellwasser ist reiner als Ozeanwasser, folglich verdient die Quelle den Vorzug. Gar nicht anders verfahren sie, wenn sie Prosa gegen Prosa abmessen. Nur auf den einen Vergleichspunkt starren sie, und aus diesem springt ihnen der Weisheit letzter Schluß entgegen. Zum mindesten müßten sie sich doch fragen: wie kommt es denn eigentlich, daß gerade in Deutschland soviel schlimme Gesellen die Sprachübermacht gewonnen haben? wie kommt es, daß die mit allem Glanze der Heiligkeit umwobene Muttersprache so vielen Ketzern die Möglichkeit gegeben hat, sich an ihr zu versündigen? Wird die Frage so richtig gestellt, so gibt es nur eine einzige Antwort: das erklärt sich daraus, daß es nicht wahr ist. Wäre es nämlich wahr, so müßte noch ein anderes wahr sein, ein Ungeheuerliches: daß nirgends so schlecht gedacht wird als in Deutschland; denn Denken und Sprechen sind Eines, sind nur verschiedene Erscheinungsformen ein und desselben Vorganges. Es ist der Geist, der sich den Körper formt. Und wenn Buffons Ausspruch »le style c'est l'homme« in Gültigkeit besteht, so bedeutet er eine identische Gleichung mit vertauschbarem Rechts und Links. Der Mensch ist in dieser Betrachtung der Denker, sein Stil bietet den eindeutigen Ausdruck seines Denkens, beide sind getrennt weder zu preisen noch zu bemäkeln, und ist die Höhe des Denkens eindeutig festgestellt, so ist die Höhe des Stils dadurch mitbestimmt. Viele Große haben es ausgesprochen, viele Bescheidene es verständnisvoll nachgedacht und nachempfunden, daß nur der einen guten Stil schreibt, der etwas zu sagen hat; daß also der gute Stil, die gute Prosa an sich überhaupt gar keinen Vernunftinhalt besitzt. Der Satz bleibt vermöge jener Identität auch richtig, wenn man ihn so faßt: Jeder , der etwas zu sagen hat, findet dafür den guten Stil. Zur Beurteilung gehört freilich Einer, der den Stil nicht an einer Regel, an irgendwelchem Schema, an einer persönlichen Liebhaberei mißt, sondern am Gedanken, sofern er in der Lage ist, ihn mitzudenken. Ein Volk der Denker ist mithin ein Volk der Stilisten. Wer den Stil des Volkes benörgelt, daneben aber dessen Denkstärke gelten lassen möchte, verfällt einem unheilbaren Widersinn, denn er will Dinge trennen, die ewig untrennbar bleiben. Er stellt sich einmal auf die konvexe, einmal auf die konkave Seite der Kurve und fabelt von verschiedenen Krümmungen, findet die eine erhaben, die andere bedauerlich hohl, und ist nicht imstande, die verschiedenen Eindrücke zu der im Wesen der Dinge begründeten Einheit zusammenzufassen. Ginge er ganz folgerichtig vor, so müßte er zugleich mit der Prosa das Denken bestreiten. Lohnt es, diese Möglichkeit ernsthaft ins Auge zu fassen? Hat schon irgend ein Zurechnungsfähiger das Wort vom Volk der Denker zu erschüttern gewagt? Dieses Wort ist nicht als Selbstlob in die Welt gerufen worden, wurde vielmehr von einem englischen Sprachmeister (Bulwer) geprägt und ist in allen Variationen eines der kräftigsten Motive der Weltsymphonie geworden. In allen Stürmen des Weltkrieges wurde selbst von erbitterten Feinden aufrechterhalten, was vordem Mirabeau, Carlyle, die Staël, Dickens, Gobineau gepredigt hatten, am eindringlichsten Buckle in seinem berühmten Zivilisationswerk: »Die deutsche Literatur ist die erste in Europa; zweifellos haben die Deutschen seit der Mitte des achtzehnten Jahrhunderts eine größere Anzahl tiefer Denker hervorgebracht als irgend ein anderes Land, ich könnte vielleicht sagen, als alle anderen Länder zusammen genommen!« Diese Felsenschrift: Deutschland über alles, Deutschland an der Spitze aller Denkvölker, umschließt die Anerkennung des besten Stils, der besten Prosa; umschließt sie für jeden, der die Gleichsetzung von Denken und Sprache völlig begriffen hat. Wer dieses Prinzip leugnet, der tastet an der Außenfläche der Dinge herum, entschlägt sich aber des einzigen durchgreifenden Mittels, in die Tiefe der sprachlichen Erscheinungen zu dringen. Den Leugnern zuzuordnen sind die Nichtkenner des Prinzips, die große Zahl derer, die sich die Frage überhaupt noch niemals vorgelegt haben, geschweige denn ihren Grund ahnen, die im alten Trott der Betrachtung vermeinen, man könne Stil und Inhalt auseinanderlegen, wie den Stiel und die Klinge eines Messers. Was dabei herauskommt, das wollen wir an einem Muster erproben. Nirgends hat die amtliche, durch Autorität gestützte Sprachpflege so starken Ausdruck gefunden, als in Frankreich. In ihrer obersten Einrichtung, der französischen Akademie , war allzeit die Sprache selbst ausschlaggebend für Meinungen und Beschlüsse, die als die Offenbarungen eines sancti officii mit dem Anspruch der Unfehlbarkeit auftraten. Und man weiß ja, daß unsere privaten Sprachvögte ähnliche Regulative auch für Deutschland herbeiwünschen. Vierzig Unsterbliche gehörten allzeit zum Bestand dieser Körperschaft, deren Satzungen von Gelöbnissen für »Reinheit« und »Eloquenz« der Sprache troffen, während von Gedankenwucht und derlei Dingen neben der Sprache nicht weiter die Rede war. Und so vollzog sich das Geschick ganz folgerichtig: Die Geschichte der Unsterblichen enthält zugleich die Geschichte unsterblicher Lächerlichkeiten. An die Pforte dieses Institutes klopfte René Descartes, der Schöpfer der analytischen Geometrie, der einzige Vertreter systematischer Philosophie in Frankreich, ein Geistesheld, dessen Wort durch die Jahrhunderte dringt, durch die Jahrtausende dringen wird. Aber er verfügte nicht über das Kennwort, das den akademischen Bonzen geläufig und verständlich war. Er prallte an der Pforte ab, ist nicht in die Akademie aufgenommen worden. Das Programm wurde durchgeführt. Konnte man dort einen Pascal brauchen? einen Molière? – Draußen bleiben! hieß die Parole der Gewaltigen, deren Köpfe so voll von Sprache und Sprachregeln waren, daß für den Gedanken kein Platz mehr übrig blieb. Und man muß es ihnen zugestehen: sie hatten eine feine Witterung für störende Bedeutsamkeiten; sie verrammelten die Akademie gegen Diderot, gegen Larochefoucauld, gegen beide Rousseaus, gegen Beaumarchais, Lesage, Béranger, Balzac, Dumas, Lammenais, Théophile Gautier, die Goncourt, Flaubert, Michelet, Daudet, Emile Zola, sie blieben hübsch unter sich und wurden nicht müde, die Sprache zu pflegen, zu säubern, »eloquent« zu machen. Die wirklich Unsterblichen durften nicht in die Gesellschaft der »unsterblichen« Herrschaften auf den vierzig Fauteuils, die sich vielmehr durch Flachschreiber und Modegrößen ergänzten, durch Schriftsteller wie Pierre Loti, Lavedan, Capus, Richepin, Barrès, Hanotaux, Claretie, ferner durch den Herzog von Aumale, Joffre, von denen man erst am Tage der Wahl erfuhr, daß sie überhaupt etwas geschrieben hatten. Mit der Erklärung dieser Vorgänge durch Koterie und Cliquenwirtschaft kommt man nicht weit. Das Grundübel saß in der gedankenarmen Geistesverfassung der Körperschaft, die mit dem Schlagwort der Sprachreinheit auszukommen wähnte und niemals das Prinzip ergriff: daß eine Sprache für sich, ein Stil für sich gar nicht existiert. Einer bedächtigen Kritik mag es vorbehalten bleiben, zu bestimmtem Zweck den Stil in Prosa und Dichtung als etwas Besonderes zu betrachten, stets mit dem Bewußtsein des Vorläufigen, Einstweiligen; so wie man in der Wissenschaft Hilfslinien, Hilfskonstruktionen, Gerüste einführt, welche die Arbeit erleichtern, aber an sich keine Bedeutung besitzen und später getilgt oder abgebrochen werden müssen. Wer aber ein Werk, und nun gar ein Lebenswerk grundsätzlich zerschneiden will nach Stil und Inhalt, der gerät in die Rolle eines Ästhetikers, der in einem musikalischen Kunstwerk den Rhythmus von der Schöpfung abspalten möchte; das heißt, er faselt. Noch nie hat ein guter oder interessanter Rhythmus zu einem schlechten Tonwerk gehört, noch nie ein schlechter oder langweiliger Rhythmus zu einer in Erfindung bedeutsamen Komposition. So hat ein Gedankenwerk, ein Dichtungswerk, das etwas vorstellt, das zu uns spricht, weder einen guten Stil, noch einen schlechten, weder einen reinen noch einen unreinen, sondern immer nur seinen eignen, den notwendigen; es konnte keinen anderen Stil haben, als den, welchen es hat. Dieser Stil, die Schattenprojektion des Werkes auf eine besondere Betrachtungsebene, steht jenseits von allen Eigenschaftsworten und weiß von keinem Adjektiv. Er ist ebensowenig schön, häßlich, bedeutend, gemein, erhaben, niedrig, als man ihn viereckig, kuglig, metallisch, gasförmig, blau oder violett nennen dürfte. Tritt das Werk vollends als eine Offenbarung auf, als eine Erschütterung überlieferter Anschauungen, so kann nur ein Narr – oder ein Akademiker vom Schlage der vierzig Unsterblichen – dazu gelangen, seinen Stil gesondert zu prüfen und ihn gegebenenfalles als satzungswidrig zu bemäkeln. Wie es auch närrische Naturphilosophen gegeben hat, die gewisse Tier- und Landschaftsformen als unpassend und verfehlt verworfen haben. Im Grunde spukt auch hier der alte Anthropomorphismus, der sich mit großen Erscheinungen nach dem Maße seiner kleinen Menschlichkeit auseinandersetzt und an einem Vulkan zunächst das regelwidrige und störende wahrnimmt. Der Stil des Vulkans ist sein Ausbruch in lodernden Flammen, Stickgasen, Schlacken und Verwüstung. Dem betrachtenden Narren gefällt vielleicht das Feuerwerk, aber das übrige erscheint ihm als ein schwerer Verstoß gegen den Stil einer gesitteten Landschaft. Ein Berg soll nichts auswerfen, am allerwenigsten seine eigenen stinkenden Exkremente. Der Ausdrucksstil des Vulkans paßt ihm nicht. Dem getadelten Vulkan entspricht der abgelehnte Denker. Der ebenso beschränkte wie einflußreiche Kritiker wird uns immer entgegenhalten, daß er ja für die Größe der Erscheinung genügend Verständnis besitze; nur gegen seinen Ausdruck, seine Sprache, seinen Stil müsse er sich wehren. Er wolle sich äußerstenfalles sogar mit einer Eruption befreunden, nur müsse das Ausgeworfene nach dem Literaturkonfekt schmecken, an das seine Zunge gewöhnt sei. Der Grad der Torheit mag verschieden ausfallen nach dem sonstigen Bildungsgrad des Beurteilers. Aber eine Torheit wird und muß letzten Endes immer herauskommen, wo nur immer im großen zwischen der Sache an sich und ihrem Ausdruck, zwischen Denkart und Sprache unterschieden wird. Die Einsicht, daß sie unauflöslich in einander aufgehen, ist der Anfang der Sprachweisheit. Dieser Anfang ist mit Schwierigkeiten umschanzt, die wiederum selbst nur von einem Denker durchbrochen werden können. Aber manches Gehirn, das bisher nur mitdachte, was Schöngeister und stilglättende Regelfinder ihm vordachten, wird zu diesem Anfang gelangen können, wenn er sich nur entschließt, für eine kurze Zeit unser Prinzip als eine Arbeitshypothese anzunehmen; so, als ob es völlig erweisbar und erwiesen wäre. Schnell genug wird er merken, daß die Hypothese unter allen Voraussetzungen die einzige ist, die zur Wahrheit führt, und daß das Als Ob die Form der Wirklichkeit gewinnt. Ihm wird zumute werden wie einem Zeitgenossen des Kopernikus, den das erlösende Wort aus der alten Weltbetrachtung in die neue überführte, mit einem zuerst gewaltsamen, abenteuerlichen Denkakt. War der erste Ruck überwunden, so löste sich das Abenteuer zu einer Selbstverständlichkeit, welche fortan den Zwiespalt zwischen Erde und Welt aufhob. Auch in unserem Falle befreit der große Ruck von einem dualistischen Irrglauben, und mit der Überzeugung von der Einheit in Stil und Inhalt verschwinden tausend Unzuträglichkeiten und Beklemmungen aus der Literaturbetrachtung; tausend Dinge, die wie Geplänkel, Feuilleton und Katzbalgerei aussehen und nichts in einer umfassenden Wertung des großen Schrifttums zu suchen haben. Schlechter Stil? schlechte Prosa? gewiß, die können vorkommen, wie ja auch eine schlechte Gravitation vorkommt, in der Küche, wenn das Geschirr polternd zerbricht, oder auf der Straße bei Glatteis. Aber im Weltbau und im Literaturbau gibt es keine schlechte Gravitation und keinen schlechten Stil, sondern nur Kraft und Ausdrucksform, die in der Notwendigkeit wurzeln. In dem verwirrenden Spiel der Figuren von den kreisenden Planeten bis zu den wirbelnden Atomen, und gleicherweise in allen Bewegungen innerhalb der Schriftwelt gibt es nur eine richtende Gewalt, nur auf diese kommt es an. Nennt sie wie ihr wollt, aber seid euch dessen bewußt, daß sie nur für die zufällige Betrachtung, nicht aber als Wesenheit in Teilerscheinungen auseinanderfällt. In Anfang war das Wort, gleichgesetzt mit Sinn, Kraft und Tat, der schaffende Logos, und wie er im Anfang war, so ist er in der Gegenwartsmitte und wird es in der Zukunft sein. Gebührt dem deutschen Logos als schaffendem Sinn der höchste Rang, so ist damit die Stellung des deutschen Wortes, der Sprache, des Stils in Dichtung und Prosa eindeutig mitbestimmt. Nur in der Klippschule der Aesthetik wird es erlaubt sein, hundert minderwertige Beispiele an die Tafel zu schreiben und daraus abfällige Schlüsse auf das Ganze zu ziehen. Dieses Ganze ist die vereinigte Dichtung und Prosa unseres Schrifttumes, ist das Schrifttum selbst. Ein Begriff, so mächtig, so überwältigend, daß der Einzelne sich an ihn nur in dämmernden Ahnungen heranwagen darf. Aber contra principia negantem non est disputandum, – gegen einen, der die Grundlage leugnet, ist nicht zu disputieren. Es wäre ja möglich, daß einer die überragende Stellung des deutschen Schrifttums bestritte, um daran die Folgerung zu knüpfen: die deutsche Prosa taugt nicht viel. Mit solchem Kritiker würde sich der Streit erübrigen. Nur das Stoßgebet wäre am Platz, daß der heilige Geist der deutschen Literatur ihn erleuchte. Oder, was ganz dasselbe, der Geist der deutschen Sprache. Wird ihm einmal erst wirklich klar, wofür er angeblich kämpft und eifert, dann erlebt er auch seinen Tag von Damaskus; und er muß innewerden, daß nicht die Sprache durch ihn, sondern einzig er durch die Sprache erlöst werden kann. »Welche Sprache« – so sagte Börne – »darf sich mit der deutschen messen, welche andere ist so reich und mächtig, so mutig und anmutig, so schön und mild als unsere? Sie hat tausend Farben und tausend Schatten. Sie hat ein Wort für das kleinste Bedürfnis der Minute und ein Wort für das bodenlose Gefühl, das keine Ewigkeit ausschöpft. Sie ist stark in der Not, geschmeidig in Gefahren, schrecklich, wenn sie zürnt, weich in ihrem Mitleide und beweglich zu jedem Unternehmen. Sie ist die treue Dolmetscherin aller Sprachen.« Das ist eine schöne Paraphrase über unser Grundthema, denn nur dadurch ward unsere Sprache so reizvoll und umfassend, daß ihr vergönnt war, das tiefste aus deutschen Hirnen, das feinste aus deutschen Nerven auszusprechen, dadurch, daß sie eines war und ist mit dem deutschen Logos. Nichts da von Ursache und Wirkung, in einer Verkettung, wo uns alles als unlösliche Bedingtheit anspricht! Das Lob der Sprache ist das Lob der Literatur, und wer deren Inhalt auch nur ahnt, in dem muß das Preislied auch für die Sprache erklingen. Wer da behauptet, sie wäre entartet, der behauptet im selben Atem, das Schrifttum überhaupt wäre einer Mißbildung verfallen. Und da stehen tausend sprachlebendige Gegenzeugen auf, eine Ritterschaft des Geistes, wie sie noch nirgends und nie zuvor versammelt war. Und nicht als Worthelden treten sie in die Arena, sondern als Helden des Sinnes, der Geistigkeit, der Erfindung, der Gestaltung, der Gedankentiefe. Weit weisen sie es von sich, mit den Widersachern auf schulfuchserische Klaubereien über Einzelworte, Satzbildungen, Stilpflege einzugehen, als über Dinge, die in die Beiblätter der Literatur gehören. Wer deren Hauptteil zu lesen versteht, der weiß es oder sollte es lernen: Sie, die herrlichste von allen, sie als Gesamterscheinung, und damit auch alles, was ihr zugeordnet ist, wie Spiegelbild zum Bild, ihr Stil, ihre Prosa! Wird sie es bleiben? Darauf kann ich nicht mit einem blanken Ja oder Nein antworten. Sie wird es bleiben in aller Herrlichkeit, wenn wir längere Zeiträume voraussetzen. Inzwischen aber wird sie Jahre oder Jahrzehnte schwerer Gefahren durchmachen, denn es handelt sich bei denen, die von der heutigen elenden Prosa sprechen, nicht bloß um ein Urteil, sondern um eine Kampfansage. Indem sie vorgeben, die Sprachauswüchse, die Schlechtigkeit des Stils vernichten zu wollen, drängen sie die Sprache selbst in eine Krisis, die nicht von heute auf morgen überwunden werden kann. Man hat es ja auf andern Gebieten erlebt, was Gesundbeter anzurichten vermögen: niemals kurieren sie einen Kranken, aber manchem Gesunden haben sie eine Krankheit suggeriert; und der also Beeinflußte braucht immer längere Zeit, um sich von der Gesundbeterei zu erholen. In dieser Lage befindet sich gegenwärtig unser Schrifttum. Ihre Bedränger sind um so gefährlicher, als sie sich in gutem Glauben befinden und zudem über ein ungeheures Rüstzeug aus den Kammern der Beredsamkeit verfügen. Mit ihnen, mit ihren Rezepten und den Reinigungspulvern, die sie uns Schriftstellern eingeben wollen, werden wir uns ausführlich zu beschäftigen haben. In welchem Stil? das braucht nicht unsere Sorge zu sein, denn hier wird manches gesagt werden, was noch nicht gesagt worden ist! Ihr Feld ist die Welt Nationalismus ist der Gegensatz zum Kosmopolitismus, Internationalismus ist die Synthese von Kosmopolitismus und Nationalismus auf höherer Bewußtseinsstufe. Wir werden diesen Satz seinem Sinne nach zu erörtern haben und ihn überdies gleich im Eingang der Betrachtung als ein Versuchsmodell benützen. Ich stelle mir vor, er würde nicht nur von einem Deutschen gelesen, sondern dazu von einem nicht ganz ungebildeten Engländer, Italiener, Franzosen, Holländer, Skandinavier, überhaupt von irgend einem leidlich unterrichteten Manne aus aller Welt, der im gewöhnlichen Verlauf der Dinge keine Gelegenheit hat, über seine Muttersprache hinaus zu denken, zu reden und zu verstehen. Für mich unterliegt es keinem Zweifel, daß obiger Satz von allen seinen Lesern ohne sonderliche Schwierigkeit begriffen werden wird. Auf die Anerkennung seines Inhalts nach Richtig oder Falsch kommt es in diesem Zusammenhang nicht an, sondern nur auf das Verstehen an sich. Und dieses Verstehen wird sich nach kurzer Überlegung einstellen, da die Haupt- und Stichworte des Satzes sozusagen als Dolmetscher der übrigen Worte mit auftreten. Würfe der Satz seine deutsche Einkleidung ab, um französisches, englisches, italienisches, holländisches Gewand anzunehmen, so würde sich daran nichts ändern. Legt ihn in Französisch einem Griechen, in Holländisch einem Spanier, in Schwedisch einem Deutschen vor, – immer wird er nach seiner wesentlichen Bedeutung in wenigen Sekunden, höchstens Minuten erfaßt werden. Denn in jedem halbwegs intelligenten Menschen lebt etwas von einem Brugsch, Champollion oder Oppert, und jedes Eintasten in fremden Sprachstoff läßt sich der Arbeit vergleichen, die zur Entzifferung der Hieroglyphen und Keilschriften geführt hat. Es ist immer eine Art von Sprach-Algebra auf höherer oder geringerer Stufe, eine Art von Berechnung zur Ermittelung unbekannter Größen aus bekannten, bisweilen nur erahnten. Liegt gar nichts Bekanntes oder leicht zu Deutendes vor, dann freilich wird sich der Durchschnittskopf zu schnellem Verzicht gedrängt fühlen. Er versteht dann eben wirklich nichts und wendet sich mit einem »Kannitverstan« von dem dunkeln Satz in fremder Sprache. Aber mit einem gewissen Frohgefühl stößt er dann gelegentlich auf einen Satz wie den vorangestellten; einige Bestandteile darin blicken ihn vertraut an und erklären ihm mancherlei auch über ihren eigentlichen Wortkreis hinaus. Wie Laternen stehen sie im Dunkel der fremden Ausdrücke, und er müßte schon ein richtiger Stolprian sein, wenn er nicht imstande sein sollte, sich von einer Laterne zur nächsten zu helfen. Für uns Deutsche sind diese Glühflämmchen im deutschen Satze die »Fremdworte« im Gegensatz zu den Satznachbarn, denen wir die Heimatsberechtigung zuerkennen. Für alle andern, für die große Mehrheit mithin, liegt die Sache genau umgekehrt: unsere heimatberechtigten Ausdrücke sind ihnen die fremden, unsere fremden die Hausgenossen; da sie in ihrem Englisch, Französisch, Italienisch, Holländisch, Schwedisch, kurz überall denselben Umlaufswert besitzen, den sie bei uns haben müßten, haben sollten, wenn nicht der Unverstand am Werke wäre, die Hauptträger der internationalen, von Volk zu Volk reichenden Verständigung auszurotten. Erkennen wir dies in ganzer Tragweite der Wirkung, so müssen wir uns zum Angriff auf einen Ausdruck entschließen, der mehr Unheil angerichtet hat, als irgend einer seit der babylonischen Sprachverwirrung; es ist der Ausdruck: Fremdwort! Was durch die Silbe »Fremd« geächtet werden, als barbarum verschrieen werden soll, ist tatsächlich das der Barbarei, der verderblichen Abschließung, der vereinsamenden Chineserei Entgegenwirkende. Fort mit dem Ausdruck »Fremdwort« für die Worte, die überall verstanden werden, wo die Bildung eine Heimat hat! »Weltworte« sind sie mit hochbewertetem Kurs, wo nur in Ost und West gebildete Menschen mit einander reden! Wenn nach Menschenaltern die Kulturforscher auf die Strebungen der Gegenwart zurückblicken werden, in hundert, dreihundert oder fünfhundert Jahren, so wird sich ihnen für ihre Darstellung eine Tonart aufdrängen, wie uns, wenn wir von scholastischen, juridischen, theologischen Verirrungen des Mittelalters berichten, von vernunftfesselnder Haarspalterei am Wort, von Zunftzwang, Hexenglauben, Tortur und derlei angenehmen Dingen. Es ging eine Epidemie durchs Land, so werden sie sagen, deren Träger zwangsläufig so handelten, als ob sie Werte vernichten müßten. Sie zertrümmerten die Laternen auf dunklen Wegen, sprengten Brücken, zerstörten alle Verbindungsmittel, die aus der Enge ins Weite führten. Und sie glaubten ein vaterländisch Werk zu verrichten, wenn sie das Vaterland absperrten, wenn sie ihm Zufuhr und Ausfuhr unterbanden. Um aber ganz in der Gegenwart zu bleiben, so denken wir uns einen mit Schlagworten der Heimat um sich werfenden Eiferer, der folgendes Programm vor sich hertrüge: Kampf und Tod allem Internationalen! Der weitaus größte Teil der Menschheit mißt nach Metern und Kilometern, kehren wir zum Fuß, zur Elle, zur Wegstunde zurück, und erklären wir das in Welschland ausgebrütete Metersystem für undeutsch und unwürdig eines deutschen Mannes. Wir verwerfen und verfemen das Gramm und Kilogramm, die elektrischen Einheiten Volt, Ampere und Watt; wir verwerfen sogar das ganze Dezimalsystem, denn alles Dekadische ist von Indern und Arabern gekommen, und wir wollen deutsche Rechnung, die man nur in Deutschland versteht und sonst nirgends in der Welt. Die deutsche Stunde soll 57 Minuten zählen, oder 63 Minuten, aber nicht 60, denn soviel zählt die Stunde in der großen Welt, und die ist undeutsch. Briefe und Zeitungen ins Inland und Ausland? das paßt uns nicht, denn solcher Verkehr erinnert an den Weltpostverein, und diese Einrichtung ist international, also undeutsch, verächtlich und reif für unseren ausrottenden Zorn! – Dieser Werber würde Anhänger finden und völkische Gefolgschaft. Und im Grunde unterschiede sich seine Fanfare nur in der Tonart, nicht aber in der Melodie von der unserer Sprachbegrenzer: denn auch diese fordern die Preisgebung internationaler Errungenschaft, wie sie im Weltwort dem Weltverkehr und der Weltverständigung dient. Wir sind das Volk der Dichter und Denker, also abgestempelt in England, und in dieser Eigenschaft werden wir unsere Welthegemonie aufrecht zu erhalten haben. Während im siebzehnten und achtzehnten Jahrhundert das Schwergewicht in Frankreich und England ruhte, hat im neunzehnten Deutschland drei Viertel der geistigen Arbeit für Europa geleistet, und die Folgezeit soll diese Arbeit vertiefen und verbreitern. Hierzu brauchen wir eine Sprache, die sich nicht nach den nahegelegenen Kirchtürmen orientiert, sondern nach den Leuchttürmen des Wissens, der Forschung, der Geistigkeit. Man nenne mir eine Frage, die für uns wichtiger wäre! kann es eine größere geben als die der geistigen Weltstellung? Und trägt sie nicht ihre Antwort in sich, wenn wir sie nur richtig stellen, nämlich so, daß Geistigkeit und weltverständliche Sprachlichkeit in ihr als untrennbare Güter auftreten? Es könnte erstaunlich erscheinen, daß die Internationalität der Sprache vordem in den fachlichen Erörterungen über Weltverkehr eine so geringe Rolle gespielt hat, wenn es sich nicht eigentlich von selbst erklärte. Denn die deutsche Sprache war – bis der Große Krieg die Wandlung brachte – auf dem besten Wege, eine Weltsprache zu werden, aus sich heraus, aus eigener Sendung, ohne Verabredung und Festsetzung auf Konferenzen und Kongressen an grünen Tischen in Genf, Bern und im Haag. Um diese Festsetzungen aber kreiste vordem der Inhalt aller Fachschriften über Internationalität und deren möglichen weiteren Ausbau. Das Herz konnte einem weit werden, wenn man sie las und dabei verspürte, wie sich jenseits der Zeitergebnisse ahnungsvolle Fernsichten in ein goldenes Zeitalter öffneten. Mancher Blütentraum ist seitdem verflogen, und doch werden wir wieder an das anknüpfen müssen, was kenntnisreiche Männer auf Grund des Erreichten mit großzügigen Prognosen verkündeten. Ich denke hier vornehmlich an die Studie »Weltbürgertum, Nationalstaat und internationale Verständigung« , die Ludwig Stein ein Jahr vor Beginn des Weltkriegs veröffentlicht hat. Seine Ansagen, an nahen Zeiten gemessen, sind von der harten Wirklichkeit überrannt worden. Auf weite Zeiten gemessen, werden sie neue Gültigkeit gewinnen. So teilt das Auge des Propheten das Schicksal aller Augen, die ja von Natur aus auf teleskopische Leistungen eingestellt sind. Kein Auge dringt von der Berliner Behausung bis Magdeburg, aber ohne die geringste Schwierigkeit blickt es bis zum Polarstern, erkennt es vom Fenster aus das Sternbild der Leier und des Herkules. So haben die in der genannten Studie aufgestellten Scheinwerfer keine der von uns erlebten Kriegsbegebenheiten vorausbeleuchtet, keines jener Ereignisse, die in den vormaligen verheißungsvollen Bau der zwischenvölkischen Einrichtungen Bresche legten und sie scheinbar in den Grundfesten zerstörten. Desto klarer aber erhellten sie den Weg, der von der verflossenen schwarmgeisternden Weltbürgerlichkeit über die Ausschließlichkeit des Nationalstaates hinweg zum Internationalismus geführt haben. Aus dem Zuge jener Betrachtungen seien hier einige Linien lose nachgezeichnet. Sie erscheinen mir unentbehrlich zum vollen Verständnis dessen, was ich selbst über die Sendung unserer Muttersprache für eine künftige Völkerverständigung zu entwickeln habe. Schillers Ode »Seid umschlungen Millionen« und ihre Vertonung im Chorsatz der Neunten Symphonie bilden das klingende Leitmotiv einer Geistesverfassung, die im Aufklärungszeitalter als richtunggebend unter den Höchstgebildeten vorwaltete. Weltbürgertum, Kosmopolitismus hieß die Parole, die oft in flammenden Worten bekannt, immer gedacht und gefühlt, einem Kant, Herder, Goethe, Schiller, Fichte, Hegel, Hölderlin, Schelling, den Schlegel, der ganzen Frühromantik, als auf ein vermeintlich erreichbares Ideal weisend voraustönte. Daß einzelne dieser Männer sich in weiterer Entwicklung von der ursprünglichen Parole lossagten, um ihre Hoffnungen und Forderungen auf den Nationalstaat zu richten, ändert nichts an deren weitgespanntem Grundbekenntnis. Wir alle haben Ähnliches in der von uns durchmessenen großen Zeit, namentlich in ihrem Beginn, an zahlreichen Wortführern der öffentlichen Meinung erlebt, aus gleichen Ursachen, mit gleichen Wirkungen. Und gerade die Parallele aus beiden Zeiten kann uns befähigen, Schlüsse zu ziehen in eine Zukunft, die sich voraussichtlich lebhaft der Vergangenheit erinnern und an sie anknüpfen wird. Gewiß, Fichtes Reden an die deutsche Nation von 1808, und damit der ganze Fichte, wie er in ihnen und durch sie seine geschichtliche Figur erhalten hat, scheinen eher den Negativpol des positiv-kosmopolitischen Pols darzustellen. Aber der Gegensatz ist auch wirklich ein polarer, in dem Sinne, daß das Positive nicht etwa verschwindet, wenn uns das Negative als das Wesentliche gegenübertritt. Nein, es bleibt vorhanden, als Vorstufe, im Unterbewußtsein, und dort einer neuen Entladungsform gewärtig. Und wenn Fichte den Weltbürger ursprünglich ersehnt, später verleugnet, so ist der Sinn des Vorgangs: daß der Erdenbürger erst alle Segnung seines nationalen Staates in sich aufzunehmen hat, ehe er reif wird für das Glück eines Menschen, in dessen Inneren die Weltseele mitschwingt. Aber wenn er auch das Nationale wie eine brausende Glocke mit gestrafftem Arm trägt, in seiner Brust kommt ein anderer Ton nicht zum Schweigen, ein Ton wie Echo aus dem erträumten Menschheitsdom des Weltbürgertums. Noch bleibt er Nachhall des alten Ideals, wird nie Vorhall dessen, das da kommen soll. Fichte hat überwunden, aber die Erinnerung bleibt ihm lebendig; und fast gleichzeitig mit seinen großen Reden bekennt er sich in seinen »Patriotischen Dialogen« von 1807 zu dem Glauben, »daß der kräftigste und regsamste Patriot ebendarum der regsamste Weltbürger ist.« Patriotische Dialoge! – der ganze Titel besteht aus Fremdworten, das heißt Weltworten, die der Völkische von heute als undeutsch anprangert. Und vielleicht regt sich bei denselben Völkischen noch heute ein nachträglicher Groll gegen Fichte, weil er seine flammenden Reden nicht an das Volk, sondern an die deutsche »Nation« gerichtet hat. Auch in der Sprachform dieses Wortes liegt ein Nachklang des universellen Bekenntnisses, wie ferner Fichtes klares Gefühl dafür, daß er über die Volkheit hinaus eine im Kultursinn übergeordnete »Nation« aufzurufen hat. Mit diesem Vorbehalt im Titel spricht er freilich deutsch, blankes Deutsch zur großen Masse. Aber es fällt ihm nicht ein, sein Deutsch ebenso durchzusieben, wo er sich an den Gelehrten, den Künstler oder den Studienbeflissenen wendet; wie dies überhaupt noch keinem eingefallen ist, der Weltgültiges gedacht und ausgesprochen hat. Dieser sprachliche Kosmopolitismus blieb bei den Besten in Geltung, verbunden mit Strebungen, die unter voller Wahrung des nationalen Gedankens auf das neue Ziel der internationalen Verständigung hinauswollten; bei den Besten, die die Möglichkeit eines »dritten Reiches« erkannten, worin nationale Willensbildung und Verständigung von Volk zu Volk nicht mehr als Gegensätze, sondern als natürliche Ergänzungen aufzutreten hätten. Das neue Ziel lag nicht im Traumland oder Wolkenkuckucksheim. Es handelte sich nicht mehr darum, die Millionen zu umschlingen und die ganze Welt abzuküssen; wohl aber sollte versucht werden, die Reibungswiderstände zwischen den Völkern zu mindern und das Gemeinsame der Nationen zur Geltung zu bringen. Der Kosmopolitismus verhielt sich zur Internationalität wie die urväterische Postkutsche zum modernen Blitzzug, der neue Gedanke verzichtete auf die Begriffslyrik und Romantik des alten, um die Lebensmöglichkeiten zu steigern und den Widerspruch von nationaler Enge und technischer Weite aus der Welt zu schaffen. Die große Technik mit ihrer Überwindung von Raum und Zeit paßte weder in die schmale Umgrenzung des Nationalwillens, noch eignete sie sich mit ihren brutalen Kräften zur Verwirklichung der weltbürgerlichen Sentimentalität. So verblaßte der Kosmopolitismus mehr und mehr zu einem phantastischen Schemen, während der Internationalismus sich immer entschiedener als der Träger praktischer Wirklichkeitswerte offenbarte. Harte Notwendigkeiten traten auf, die sich ohne schwärmerisches Gesäusel elementarkräftig durchzusetzen wußten, über alle Grenzpfähle hinweg. In dichter Folge reihten sich Forderungen an Verwirklichungen auf zahlreichen Konferenzen und Kongressen, welche sich mit Weltpost, Arbeiterschutz, Bahnverkehr, Urheberrecht, Telegraphie, Luftrecht, Statistik, Wohlfahrtspflege und allen Gemeinsamkeiten der Wissenschaft und Kunst beschäftigten. Kaum ein Zweig geistiger Betätigung wäre zu finden, der nicht irgend wie versucht hätte, aus der großen Weltbestrahlung neue Triebe für sich zu gewinnen. Heutigentags, da die sengende Furie nur noch vereinzelte Wahrzeichen, wie das Rote Kreuz und den Nobelpreis, übrig gelassen hat, denken wir mit Wehmut zurück an so viele Kongreßergebnisse, Ausstellungen, Brücken von Amt zu Amt, von Akademie zu Akademie, an all die Bauten, die durch den Weltfriedenspalast im Haag ihren krönenden Abschluß erreichen sollten. Und gleichwohl wissen wir: nicht Utopien waren es, nicht leere Vergänglichkeiten, nicht ausgeträumte Wahngebilde. Nur das Zeitmaß, das wir für ihre unzerbrechliche Verwirklichung angesetzt hatten, war verfehlt. Was wir im Überschwang für die Generalprobe, wohl gar schon für die Aufführung genommen hatten, war tatsächlich nur die erste Lesung eines szenischen Entwurfs, der ins Feuer wandern mußte, weil einige dramatische Voraussetzungen nicht stimmten. Die Menschheit wird neue Proben ansetzen, und Aufgabe ihrer Dramaturgen wird es sein, den unzerstörbaren Kern des internationalen Werkes mit besserer dramatischer Motivierung herauszuarbeiten. Aber auch in dieser künftigen Ausarbeitung wird der Nationalgedanke seine volle Geltung behaupten müssen. Ihn herauslösen hieße in die alte Schwarmgeisterei zurückfallen, mit der sich die weltbürgerlichen Allumschlinger von Anno Tobak benebelten. In jener Studie, von der wir oben ausgingen, heißt es kurz und treffend: Der Kosmopolitismus ist der Utopismus des Internationalismus – Nationalismus ist der Gegensatz zum Kosmopolitismus, – Internationalismus ist die Synthese von Kosmopolitismus und Nationalismus auf höherer Bewußtseinsstufe. Wir hatten diesen Satz als Versuchsmodell vorangestellt, um vom Fremdwort zum »Weltwort« zu gelangen. Denn das Weltwort spielt in der Internationalität keine geringere Rolle, als irgend eine jener Gemeinsamkeiten, die wir vordem so hoch gepriesen hatten und in absehbarer Zukunft abermals preisen werden. Und warum wurde das bis jetzt so mangelhaft gewürdigt? Ohne Umschweif gesagt, so gar nicht erkannt? Wie kam es, daß so selten, – oder nie – ein Anwalt des Fremdwortes an einem jener grünen Tische Platz nahm, an denen Internationales gefördert und gefordert wurde? Das kam so: Es gibt natürlich eine Frage der internationalen Sprache. Sie fand auch ihre Beantwortung in Kunstgebilden, die unter den Namen Volapük, Esperanto, Ido bekanntgeworden sind, wenn, man will sogar berühmt. Das Esperanto zählt auf der Erde meines Wissens etwa eine Million Anhänger und Pfleger, das heißt also den fünfzehnten Teil eines Prozentes der Menschheit. Und wenn so Einer unter Fünfzehnhundert, sagen wir in Tokio, mit wiederum Einem unter Fünfzehnhundert, sagen wir in Köln, in Verbindung tritt, so können sie sich tatsächlich verständigen. Es geht aber mit den Geschäftsbriefen in Esperanto wie mit den Gespenstern: alle Welt redet von ihnen, aber keiner erblickt sie. Ich für meine Person muß gestehen, daß ich noch niemals den Vorzug gehabt habe, einen Esperanto-Brief zu Gesicht zu bekommen; und ich habe auch unter meinen Bekannten keinen einzigen, der mir vom Empfang solcher Esperantoschrift zu berichten vermocht hätte. Das wäre freilich noch kein Beweis gegen die Zukunft des Esperanto oder gegen die Möglichkeit einer Weltsprache überhaupt. Wohl aber darf daraus ein Wahrscheinlichkeitsschluß gezogen werden, und dieser Schluß deckt sich vortrefflich mit allen Überlegungen, welche die Sprache als ein organisch gewordenes und wachsendes begreifen. Stellt man das Organische dem Mechanischen gegenüber, das Lebendige dem Kunstprodukt, so sagt man sich von vornherein: selbst wenn es gelänge, die Pfleger des Esperanto auf zehn oder hundert Millionen zu bringen, so wird es sich immer noch zu einer wirklichen Sprache verhalten wie eine Papierattrappe zu einer Blume, wie eine Automatpuppe zu einem atmenden Menschen. Aber vielleicht könnte es eine Ersatz-Sprache werden, ein Sprach-Ersatz, wie wir ja so viele Ersätze besitzen, mit denen wir uns hindurchhelfen, obschon wir uns über ihre Minderwertigkeit gar nicht täuschen. Auch das ist in hohem Grade unwahrscheinlich. Und zwar aus dem einfachen Grunde, weil kein Verständiger sich mit dem Ersatz befreundet, wenn er das Echte haben kann. Wenn ein Unkundiger statt vier Wochen Esperanto zu üben, die nämlichen vier Wochen Englisch oder Französisch paukt, so wird er zwar von diesen Sprachen nur ein Minimum in Besitz bekommen, aber mit diesem Wenigen in der Welt sehr viel weiter reichen, als mit dem Höchstbesitz von Esperanto. Und außerdem, selbst jenes Minimum wird noch Sprache sein, unvollkommene, fehlerhafte, aber doch Sprache, nicht bloß flatus vocis und Zeichen auf Papier, während jede am Studiertisch ersonnene Kunstsprache nichts anderes sein und werden kann, als eine Summe von Signalen, in denen man wohl Gedachtes melden, aber nicht denken kann. Der schärfste Einwand gegen diese Ansicht leitet sich aus der Teilnahme großer Männer her; so war unter den früheren Cartesius und Leibniz, so ist unter den heutigen Wilhelm Ostwald Befürworter der Kunst-Weltsprache. Zwischen Leibniz und Ostwald liegen rund dritthalb Jahrhunderte. Ich kann natürlich nicht wissen, ob nicht nach weiterem Vierteljahrtausend abermals ein Bedeutender mit dem nämlichen Bekenntnis auftreten wird. Aber das eine weiß ich, daß dieser Kommende das Feld anders vorbereitet finden wird; nämlich dadurch, daß dann die Gebildeten sich ohne gekünstelte Umwege auf Grund ihrer wirklichen Sprachen werden verständigen wollen. Der Kommende wird dann nur noch nötig haben, den Weltworten als Dolmetschern die letzten Hindernisse aus dem Wege zu schaffen. Für uns Deutsche wiederholt sich hier derselbe Vorgang im Sprachlichen, der zuvor noch allgemeiner in der naturgesetzten Linie vom Weltbürgerlichen über das Nur-Nationale zum Mehr-als-Nationalen betrachtet wurde. Freilich müssen wir nunmehr die Zeiträume ganz anders abstecken und in die Entwicklung einlagern. Dem ersten wäre das edle Schrifttum unter Vorherrschaft der lateinischen Gelehrtensprache zuzuweisen, also vom ersten Auftreten der Humanisten bis etwa zum Ausgang des siebzehnten Jahrhunderts. Der Gedankenbildner und Gedankenverkünder brauchte kein erklügeltes Volapük oder Esperanto zur Mitteilung, das Latein war Weltsprache und bezeichnete in seiner universellen Geltung ein Weltbürgertum, das sich gar nicht in sehnsüchtigen Verschwommenheiten zu ergehen brauchte, da es seine restlose Erfüllung in sich barg. Mit Latein auf dem Katheder und Latein in der Abhandlung wurde man in Paris ebenso verstanden wie in Salamanca, Padua, Leiden und Utrecht, Prag, Nürnberg, Cambridge, Upsala; hätte man damals von einem Gelehrten gefordert, er sollte nur in seiner Muttersprache, für sein Land schreiben und sich im übrigen auf die Übersetzer vertrösten, so wäre ihm das so abenteuerlich vorgekommen, wie heute die Zumutung an einen Verleger erscheinen würde, er möge seine Zeitung nicht durch die Schnellpresse, sondern durch Handabschriften verbreiten. Jene Kosmopolis begann zu verfallen und erhielt ihren ersten klaffenden Riß, als der prächtige Magister Christian Thomasius (1687) an der Universität Leipzig seine akademischen Vorlesungen in deutscher Sprache ankündigte. Die Professorenzunft läutete Sturm und rief zum Kampf gegen den Vandalen, der es wagte, »das ehrliche schwarze Brett so zu beschimpfen und die Lingua latina als Lingua eruditorum hintan zu setzen.« Sie instrumentierten ihren Zorn mit denselben Kraftmitteln, mit denen die Zünftigen von heute aus genau entgegengesetzten Gründen und in genau entgegengesetzter Richtung brüllen. Wie heute das Deutsche, so sollte damals das Lateinische gerettet werden, beidemal von Leuten ohne Sinn für unaufhaltsame Naturnotwendigkeiten. Damals hieß die Notwendigkeit: Beginn des nationaldeutschen Zeitalters mit all seinen nachfolgenden Herrlichkeiten im Schrifttum. Und wiederum wird es unsere Aufgabe, die Zeichen zu deuten, um die Horizontdämmerung des Dritten Reiches zu erkennen, das unter voller Wahrung, ja sogar Mehrung des deutschen Besitzes, das übergeordnete internationale Sprachgut zur Geltung bringen soll. Nur um den Einteilungsgrund handelt es sich im Vergleich mit der zuvor behandelten Linie, nicht um die genaue Ausfüllung eines geschichtlichen Schemas mit bezifferten Jahren. Konnte die Tat des Thomasius noch als ein Grenzzeichen gelten zwischen Kosmopolis und dem Aufruf zur deutschen Sprachnation, so fehlt ein Zeichen von gleicher Eindringlichkeit für die künftige Gestaltung. In tausend Teilerscheinungen kündigt sie sich an, mitten im nationalen Flusse, der einem uns unbekannten Ziel zustrebt. Wir schwimmen in ihm mit der Strömung, wir spüren seine stetige Verbreiterung, und wir ahnen, daß er dermaleinst in einen Ozean münden wird. Da wir aber gern in der Erscheinungen Flucht Personen als Notbehelfe zur Orientierung verwenden, – so wie wir sagen: von Aristoteles bis Kant, – von Ptolemäus bis Kepler, – von Aeschylos bis Goethe, – so möchte ich hier, lediglich um für eine engere Zeitspanne dem Vergleichsbedürfnis zu genügen, die Ansage aufstellen: von Thomasius bis Nietzsche. Also als ein Wahrzeichen möchte ich den Weisen von Sils-Maria ansehen, mit allen erdenklichen Vorbehalten, aber in dem klaren Bewußtsein, daß jedenfalls an keinem andern das, worauf es hier ankommt, besser aufgezeigt werden könnte als an ihm. Denn was soll hier aufgezeigt werden? Ein Gegenwärtiges und Künftiges unserer Sprache; ein Umschwungspunkt, auf dem sie so reich geworden ist, daß sie sich fortan in verschiedenen Richtungen ausleben muß, da ein einziger Weg nicht mehr imstande wäre, ihrer Fülle Raum zu gewähren. Von dem rein nationalen Weg spaltet sich ein zweiter ab: der internationale. Nietzsche spricht bereits beide Sprachen, – Grund genug für die Unentwegten, um ihn mit ihrem inbrünstigen Hasse zu verfolgen. Denn für sie vermengselt sich das Weltbürgertum des verflossenen Latein mit der Fremdwörterei und mit der Sprache der höchsten Geistigkeit zu einem gestaltlosen Brei, als dessen Hauptanrührer sie eben den gewaltigen Sprachmeister Nietzsche betrachten; ihn, der in der Gegenwartssprache Unübertreffliches schuf und dabei hellhörig genug war, um Klänge einer ferneren Sprache aufzufangen, um Präludien zu Sprach-Fugen der Zukunft zu gestalten. Er schrieb beide Sprachen mit dem strengen Bewußtsein ihrer Trennung nach Wesen, Laut und Herkunft. Der Zarathustra, nach seiner eigenen in Scheindunkel gehaltenen Bezeichnung »Ein Buch für alle und keinen«, ist in Wahrheit ein Buch für alle, frei von Griechisch, Alt- und Neulatein; eine Werbung um die Gesamtheit trotz der Kriegsansage an jeden Einzelnen: »Wer den Leser kennt, der tut nichts mehr für den Leser. Noch ein Jahrhundert Leser, und der Geist selber wird stinken.« Daneben aber auch das herrliche Wort: »Von allem Geschriebenen liebe ich nur das, was einer mit seinem Blute schreibt. Schreibe mit Blut: und du wirst erfahren, daß Blut Geist ist.« Nietzsches Blutschrift im Zarathustra war für die Masse der Leser bestimmt, die er lästernd begehrte, denen er mit offenen Armen entgegen kam, daß sie sich ihm entgegenwürfen, um ihn zu begreifen. An dies Begreifen macht er weitgehende Zugeständnisse, weil er zu den deutschen Lesern spricht wie in einem lyrischen Gedicht, wie in einer Feldpredigt, die auf den Grundlinien verharren müssen, um nicht aus der Art zu fallen. Denkt man an den Nietzsche der anderen Schriften, so wird man von Ausdrücken und Wendungen im Zarathustra angesprochen, wie von Übersetzungen aus dem Weltsprachigen ins Deutsche. Er spricht von der Erde und ihren »Achtbarkeiten«, wo ihm an anderer Stelle das Wort »Dignitäten« loser auf der Feder gesessen hätte, vom »Irr-Schlunde«, wofür ihm sonst »Labyrinth« leichter entflossen wäre. Aber das Wesentliche bleibt, daß sich mit diesem Inhalt nur diese Ausdrucksweise vertrug, eine auf den Tiefpunkt des Anspruchs herabgeschraubte, dem Ausdruck vorzeitlicher Propheten genäherte Primitivsprache. Er kann auch anders, weil er im Grunde ein anderer ist . Bestimmt den Zarathustra eine gewollte und glänzend studierte Absichtlichkeit, so herrscht in seinen übrigen Prosaschriften er selbst mit seinem Feingefühl für die Sprachbedürfnisse der Zukunft, und wenn er in ihnen spricht, wie ihm der Schnabel gewachsen, so spricht er eine unverkennbar international gerichtete Sprache. Seine »Genealogie der Moral«, sein »Ressentiment«, sein »Hedonismus auf morbider Grundlage«, seine »Asketischen Ideale«, vor allem sein nie zu vergessendes »Pathos der Distanz« müßten als Zitatproben verhundertfacht werden, um nur den Vokabelschatz (natürlich nicht die leiseste Spur des Inhalts) in jenen Schriften anzudeuten. Aber alle Welt hat sie genossen, und niemand erwartet hierüber besondere Beweise. Nur eine einzige Stelle möchte ich erwähnen, wiederum als Lehrmodell für die Betrachtung, die den Ereignissen vorauseilt und aus Nöten und Wehen die Art künftiger Gestalten erraten möchte. Die Stelle steht in der Götzendämmerung, sie erläutert die Gegensatzbegriffe apollinisch und dionysisch, die Nietzsche in die Ästhetik eingeführt haben will, und lautet nach einem kurzen Auftakt über die dem Auge durch apollinischen Rausch zugewiesene Kraft der Vision: Der Maler, der Plastiker, der Epiker sind Visionäre par excellence . Es fällt mir nicht im entferntesten bei, diesen Satz selbst als ein Musterbeispiel für Sprachbehandlung anzupreisen. Wohl aber erscheint er mir als Mustermodell für unsere Erörterung, da ihm (wenn ich nur das erste Wort abtrenne) bereits alle Merkzeichen internationaler Prägung anhaften. Man muß mir dabei schon erlauben, die beiden französischen Worte als gleichwertig mit »per excellentiam« anzusehen, was gut klassisch ist und bei Seneca vorkommt. Auf die Tiefe oder Untiefe der Stelle und ihrer zahllosen Geschwister kommt es im Zuge dieser Ausführungen nicht an, vielmehr nur darauf, daß wir aus solchen Bildungen erkennen, wohin die Reise geht: nämlich zum Allgemeinverständlichen mit verminderter, zuletzt gänzlich aufgehobener Grenzsperre; und zwar in dem Verhältnis, daß die Weltworte: hier Plastiker, Epiker, Visionär, per excellentiam , um so stärker in den Dienst der Verständlichkeit eingespannt werden, je schwieriger der behandelte Gegenstand ist. Denn je schwieriger der Gegenstand, desto weniger ist er dazu bestimmt, auf ein Land, auf ein Volk beschränkt zu werden. Er will das Weltpublikum, und er erreicht es. Nicht auf dem Weg der reinen Latinität, wie ehedem, aber mit lateinischer und griechischer Hilfe, das heißt mit Weltworten, die sich dem Bau jeder Sprache leicht einfügen und sie weder vervolapüken, noch in der Entfaltung ihrer höchsten Reize hindern. Darin liegt das Geheimnis, und wenigen neben Nietzsche ist es geglückt, daran zu rühren. Denn die Vertreter der allerstrengsten Wissenschaften, die schon heute nahezu international schreiben, beanspruchen wohl kaum, als Aufsteller blendender Sprachschönheiten gewertet zu werden. Ich meine also: Der Zeitpunkt muß einmal eintreten, da jene durch Nietzsche bereits halbwegs vollzogene, auch sonst wahrnehmbare Gabelung der Sprache allgemein als unvermeidlich, naturnotwendig und damit als sprachgültig anerkannt werden wird. Der Gedanke hieran mag manchen erschrecken, der an der papierenen Formel Einheit und Gleichheit wie an einem eisernen Regulativ festhält. Aber wie jede Gleichheit in menschlichen Gestaltungen über einen gewissen Punkt hinausgeführt zu einem Unsinn wird, so verliert auch die Einheitlichkeit irgendwo ihre Daseinsmöglichkeit, und man wird sich entschließen müssen, sie irgendwann aufzugeben. Sie ist unverträglich mit der steigenden Entwicklung, mit den Reichtümern emporstrebender Organismen, wie denn alle Morphologie, die gesamte natürliche Schöpfungsgeschichte, nur von Abspaltungen, Gabelungen, Differenzierungen zu berichten weiß. Die einheitlich festgelegte Sprache läßt sich in Vergleich setzen mit der Einheitsschule, die sich vielleicht einrichten läßt mit einer Wissensmenge, die allen Köpfen ohne Unterschied zugeführt werden kann. Aber die Einheits-Universität ist ein Unding, da jede Fakultät eine Hochschule für sich bedeutet, nicht nur im Stoff, sondern auch im Ausdruck. Die Sprache des Juristen wird eine andere als die des Theologen, diese eine andere als die des Arztes, des Chemikers, des Mathematikers. Ja innerhalb der Einzelfächer vollziehen sich Spaltungen, die einem gelehrten Alexandriner, einem Lionardo, und noch einem Descartes oder dem Allumspanner Leibniz völlig unfaßbar gewesen wären. Der Funktionentheoretiker, der Geometer, der Zahlentheoretiker gehen ihre eigenen Wege, in den Nachbarfächern entwickeln sich Sondergebiete, deren Vertreter kaum noch Notiz von einander nehmen können; wir haben leuchtende Genies der Wissenschaft, die kein Examen im Nachbarfach bestehen, nicht einmal den Vorlesungen im nächsten Hörsaal folgen könnten. Nicht anders ist es auf den technischen Hochschulen. Ein hervorragender Lehrmeister der Technik entwarf mir ein Bild, das zum mindesten auf eine nahe Zukunft zutreffen wird: Zwischen dem Ingenieur, der Brücken oder Krane oder Turbinen behandelt, klaffen Abgründe. Der eine sieht in der ganzen Welt nur Krane, dem andern ist sie ein Konstruktionsplatz nur für Brücken, für den Dritten verwandelt sich die Mechanik aller Geschehnisse in Turbinendrehungen. Es wäre ein Wunder, wenn sich die Sprache allein dem Spaltungsprozeß entzöge, dem alle andern Geistigkeiten verfallen. Im Grunde genommen spaltet sie sich unter der Feder jedes Schaffenden, jedes Dichters, Wissenschaftlers, Zeitungsschreibers, und geschichtlich liegen ja aller Vielsprachigkeit der Erde Spaltungsprozesse zugrunde. Aber jede Landessprache für sich, vornehmlich das Deutsche, so meinen Viele, soll doch eine Einheit darstellen, soll sich möglichst auf nationale Ausdrucks- und Stilregeln festlegen, nach sprachlicher Monroe-Doktrin: Deutsch für die Deutschen. Vom Standpunkt des Staatsbürgers wäre dies ein höchst erstrebenswerter kategorischer Imperativ. Der Weltgeist fordert ein Anderes: Ihr Feld ist die Welt! Es hätte keinen Zweck, hier den Maßstab nach Gut und Böse anzulegen und etwa vom Standpunkt des Nur-Deutschen zu erklären: wenn sich jene schon heute wahrnehmbare Teilung nach völkisch und international als unwiderruflich vollziehen sollte, so wäre dies sehr schlimm für die Sprache, ein Unglück für uns! Das Moralische versteht sich immer von selbst, sagt der große Tübinger, und sein Satz gehört zu den umkehrbar richtigen: Was sich von selbst versteht, ist immer moralisch. Hier ist etwas Naturnotwendiges, Selbstverständliches, es gehört zur moralischen Ordnung der Dinge, ist also wohl kein Unglück. Auch kein Glück; eben nur Lebensbedingung, auf die wir uns einzurichten haben. War es ein Glück für die Schwalbe, daß sie Schwalbe wurde, nachdem sie in Vorzeiten Reptil war? oder ein Unglück für die Eidechse, daß sie Eidechse blieb? Weder das eine noch das andere vollzog sich an ihnen, sondern ein von der Natur gewolltes Gesetz. Und nur unser anthropomorpher Deutungstrieb verlockt uns, vom Glück der Schwalbe zu reden, weil sie fliegen kann. Immerhin könnte sich der Widerspruch melden: Die Eidechse genießt den Vorzug dauernden Erdgeruchs und unentwegter Bodenständigkeit; sie hat mehr Heimat. Auch die zukünftige Internationalsprache wird fliegen können; und das zugehörige Rein-Deutsch wird mehr Heimat besitzen. Beide werden nebeneinander bestehen, als zwei Notwendigkeiten, wie der Nationalismus und der Internationalismus. Kehren wir zum Vergleich mit den Stromläufen zurück, so wird es ihnen ergehen wie den Wasserläufen des Alpheus und der Arethusa im klassischen Lande. Scheinbar getrennt in ihren Flußbetten, bewahrten sie doch ihre Gemeinsamkeit, da man nichts in den einen schütten konnte, was man nicht bald nachher auch auf dem andern fluten sah. Arethusa beherbergt zudem eine lokale Nymphe, und an ihr mögen die Herren vom Sprachschutz ihre Verschönerungskünste treiben, soviel sie Lust haben; das wird dem Alpheus nichts schaden, der sich weniger ums Lokale bekümmert und ins offene Meer will. Soll ich den Vergleich noch weiter ausdehnen? Ich könnte dann in einen Bereich gelangen, wo alle Küstenhoheit aufhört und der Freiheit der Meere die volle, einer geographischen Begrenzung entrückte Freiheit der Sprache entspräche. Ja ich schrecke sogar vor dem Bekenntnis nicht zurück, daß ich unter Annahme sehr langer Zeiträume eine wirkliche Universalsprache für möglich halte; eine Einheitssprache, zu der neben anderen auch die international gerichtete Deutschsprache als eine Vorstufe hinführen würde. Der Wunsch nach einer Solchen hat nie aufgehört. Jede Lateinschule, jedes Gymnasium ist als ein kleiner, leiser Ansatz auf diesem Wunschwege zu betrachten, wie das Lallen eines Kindes, das beten will, und sich des Inhalts seines Gebetes noch nicht recht bewußt wird. Maupertuis, der Präsident der Akademie von Friedrich des Großen Gnaden, wollte eine Stadt begründen, in der ausschließlich lateinisch gesprochen werden sollte. Er, wie viele andere Forscher, so besonders Newton, unter den neueren Ernst Mach, vertreten die Ansicht, daß das Lateinische (selbstverständlich im Bunde mit dem Griechischen) vollkommen befähigt sei, allen fernsten und feinsten Entwicklungen moderner Gedanken und Begriffe zu folgen. Couturat hat über die Grundzüge einer Internationalsprache berichtet, die auf den wissenschaftlichen Kongressen 1900 zu Paris in Angriff genommen wurde und bis zur Bildung einer »Délégation pour l'Adoption d'une langue auxiliaire internationale« gediehen war. Blieben die Wünsche unerfüllt, so lag der Grund nicht in der Unerreichbarkeit des Zieles, sondern an dem Glauben, daß es anders als in der Selbstentwicklung der Sprachen erreicht werden könnte. Beschlüsse und Maßregeln sind schwächliche Werkzeuge solcher Aufgabe gegenüber. Wer mit Kanonen nach Spatzen schießt, kann immer noch den Spatz treffen, man soll aber nicht mit dem Blaserohr über die Alpen oder über den Ozean hinweg schießen wollen. Aber noch unter der Wirkung des Blaserohrs bleiben die Anstrengungen gewisser Verbände, die für unsere Muttersprache selbst fernes Neuland erobern möchten. Sie ahnen wohl, daß dies an sich erstrebenswert sei, und bedauern es demzufolge, daß die Welt sich noch nicht als Feld öffnen will, daß Geltungsbereich und Geltungswürdigkeit des Deutschen noch weit auseinanderklaffen. Und nun kommen sie mit Vorschlägen und Rezeptchen, denen man es auf den ersten Blick ansieht, daß sie weder feld tüchtig noch welt tüchtig, sondern dauernd untauglich sind. Ach, was haben die Herrn doch für ein kurzes Gedärm! Man kann keinen komischeren Kontrast ersinnen, als ihre Fragestellung und ihre Beantwortung. In der Frage werden die schwersten, nachdrücklichsten Themen angeschlagen: »Wie erleichtern wir den Fremden die Erlernung der deutschen Sprache? Wie bewahren wir die Auslandsdeutschen vor dem Verlust kostbaren Sprachgutes?« und man sollte meinen, daß sich in der Antwort doch irgend etwas Großzügiges, Weltgültiges befinden müßte. Weit gefehlt. Es erfolgen Anweisungen, die den Geist der Klippschule atmen, Rezepte und Hausmittelchen aus dem Gesichtskreis der Gouvernanten und Kaffeetanten: »man solle die großen Anfangsbuchstaben abschaffen! man solle mehr Antiqua- und weniger Frakturschrift verwenden! man vermeide beim Zeilenübergang unnötige Silbentrennungen!«, lauter brav ausgedachte Dinge, die den Weltgeist sehr interessieren würden, wenn seine ausführenden Organe lediglich aus Setzerlehrlingen bestünden. Gewiß spielt die Frage Antiqua oder Fraktur eine Rolle, aber sie tastet doch nur an der Außenfläche, ohne das Innere zu berühren. Im Innern steckt das lebendige Sprachmittel des Weltwortes, und man kann sich darauf verlassen, daß jene kleinen Rezepttüftler gerade das Weltwort verabscheuen, daß sie von ihm als dem eigentlichen Kettensprenger, Schrankenbrecher und Horizontweiter nichts wissen wollen. Wir haben es anders erkannt, in seiner Bedeutung für uns Gegenwärtige und ganz besonders in seiner Sendung für die Zukunft, in der das Dritte Reich der Internationalität beschlossen liegt. Wir glauben und wissen, daß der Kampf gegen das Weltwort, so dröhnend er heute klingen mag, einer literarischen Fernwelt wie ein Hauskrakehl vorkommen wird, oder wie ein Frosch-Mäuse-Krieg, in dem einige geblähte Frösche einige harmlose Wortmäuse erstachen. Das große Schrifttum hat damit nichts zu schaffen, erfährt kaum etwas von den Katzbalgereien um entbehrliche Ausdrücke in der Vulgärsprache und geht aufrecht seinen Weg zur allgemeinen Verständigung. Auf ihren Hochebenen kreist der Kampf um anderes als um lokaltümelnde Wortklaubereien, er kreist um die letzten Dinge des Unbegriffenen, die dem Menschenverstande unterworfen werden sollen. Mancher Volksgenosse mag sich wohl in den Zeiten des Niederbruchs einen neuen Fichte gewünscht haben, mit großer Geste und flammenden Worten. Aber stände er auf, gesättigt mit alter Inbrunst und zugleich hellhörig für die Stimmen der Zukunft, so würde er auch ein neues Programm entwickeln. Mit stärkster Betonung der Sprache, nicht nur als eines Kulturwerkzeugs für uns und unsere Nachfahren, sondern als des einzigen Machtfaktors, der uns in der Zeiten Verhängnis verblieb. Was uns die Fichtes kleineren Formates zu sagen haben, klingt zweifellos brav und erbaulich, macht ihrem guten Herzen und ihrer Überzeugungstreue alle Ehre. Nur reicht die Spannung ihrer Gedanken nicht über das Nächstliegende hinaus. »Für unser tiefgesunkenes Volk« – so etwa reden sie uns ins Gewissen – »ist die Belebung des Stolzes auf die eigene Sprache jetzt, wo es auf seine stammesreinsten Gebiete zusammengepfercht ist, eine der wesentlichsten Aufgaben. Deutsches Denken und deutsches Handeln, das sind die zwei Erfordernisse, die schon beim Kind in der Sprache gepflegt werden müssen. Seien wir uns in dieser schweren Stunde der Verluste des Köstlichen bewußt, was uns als gemeinsames Gut verblieb, was keine fremde Macht uns rauben kann. Gemeinsam bleibt uns die Sprache, die uns die Mutter lehrte.« Gewiß, das unterschreiben auch wir, allein mit dem Vorbehalt, daß es von den Forderungen der Zeit nur die leichtere, selbstverständlichere Hälfte ausspricht, die schwierigere Hälfte aber verschweigt. Der Sprachgeist selbst, der über allen Deutschen wehende, hat sein Programm schon weiter gefaßt. Habt ihr es nicht vernommen, wie unmittelbar mit der politischen Katastrophe ein internationales Brausen durch unsere Sprache ging, wie sie sich mit zahllosen Weltworten urplötzlich auf die Zukunft einstellte, zum großen Mißvergnügen für unsere Engbrüstler, die immer nur die nächste Wirkung spüren, niemals die fernste? Deutlich genug verkündete der deutsche Geist seine Hoffnung und seinen Anspruch auf Macht, die ihm aus keiner anderen Quelle mehr erfließen kann als aus der deutschen Universalsprache. Und nur mit diesem Programm vermöchte ein neuer Fichte zu wirken. Gebt der Sprache Mittel und Waffen zum Wettbewerb in der großen Welt! Schreibt weltverständlich, schafft deutsche Bücher ins Ausland, laßt den deutschen Gelehrten als Zurückeroberer deutschen Einflusses auftreten! Überzeugt euch davon, daß ein großer Forscher mit wissenschaftlichem Deutsch uns mehr Sympathien wiedergewinnen kann, als uns die schulmeisternden Barden in Jahrzehnten verlieren ließen! Unserer Sprache bleibt die Macht vorbehalten, wenn sie hinauswächst über die Urlaute, die uns die Mutter lehrte; wenn sie ihnen das hinzufügt, was allein die andere Mutter, die Alma mater Universitas auszusprechen vermag! Nur in den Niederungen der Sprache tobt noch der silbenstechende Kampf mit seinen sattsam bekannten Heerrufen. Ginge es nach gewissen Leuten, den als alten Deutschrittern verkleideten Dreinschlägern und Schlagadodros, so würde die deutsche Sprache, weit entfernt davon, ihr Weltziel zu erreichen, nicht einmal im heutigen Menschenverkehr den Wettbewerb mit Französisch und Englisch aushalten können. Denn ihre Konkurrenzfähigkeit beruht nächst ihrem Schwergehalt an Gedanken auf dem Weltwort als dem Erkennungszeichen ihrer Universalität. In Jahrhunderten hat das nationalsprachlich gewordene Weltwort dem Französischen und Englischen einen Vorsprung verschafft, und wer dessen Weite abgemessen hat, der kann nicht wollen, daß er sich noch vergrößere, vielmehr nur, daß er eingeholt werde. Ginge es nach den Ritterlingen, so schiede das Deutsch aus der Konkurrenz aus und sänke auf den Stand einer Provinzsprache, frei von Weltworten und frei von stolzen Ansprüchen. Das ist nicht die Freiheit, die wir meinen. Der Meister, der mit dem Blick auf die Grenzpfähle nach Beschränkung streben wollte, wäre nicht konzentriert, sondern beschränkt. Der Widerspruch löst sich dadurch, daß der Sprachmeister, sofern er Wissenschaft, höchste Bildung verkündet, schon im Sprachausdruck jede wie immer geartete Beschränkung abschüttelt. Er weiß, daß das Weltwort keinen Rückfall ins Scholastische und Mönchische bedeutet, sondern einen Fortschritt, keinen Hemmschuh am Deutschen, sondern eine bewegende Kraft. Hat ihn internationale Satzung vor unberechtigtem Nachdruck geschützt, so schützt ihn das Weltwort vor pedantischem Vordruck engbrüstiger Regeln, deren Urheber nichts von Freizügigkeit wissen. Unser Meister – er lebt glücklicherweise im überwältigenden Plural – kennt für sein Werk nur das Vorbild vom Vogelflug und Wolkenzug, und er gibt auf die Frage: wie erleichtern wir den Fremden das Erlernen der deutschen Sprache? nur die eine Antwort: durchs Weltwort! In ihm wird sich auf nationaler Grundlage die zweite Renaissance des Klassischen vollziehen, in gesteigerter Wirkung und erhöhter Schönheit einer Sprache, deren Feld die Welt sein wird! Die werbende Kraft Ein garstig Lied, pfui, ein statistisch Lied! die meisten Menschen hören es nicht gern pfeifen, da ihnen das Grundbekenntnis der Pythagoreer »das Wesen der Dinge ist die Zahl« noch nicht recht eingegangen ist. Zudem birgt die Statistik, sobald man einen bestimmten Beweisfall herausgreifen will, tatsächlich genug der Fußangeln und Fallstricke; besonders dann, wenn man keine Vorarbeit findet und darauf angewiesen ist, das Material auf allerhand Umwegen herbeizuschaffen. Es gibt drei Arten von Lügen: Die eine lügt zum Vergnügen, Als Notlüge wandert die zweite durch's Land, Die dritte wird »die Statistik« genannt. Und dennoch ist sie in vielen Fällen nicht zu entbehren, wenn man sich nur das eine klarmacht: Eine statistische Aufmachung kann zu Fehlschlüssen verleiten, die Verleugnung jeder Statistik muß Fehlschlüsse bewirken. Und ferner: Zwischen Unrichtigkeit und Falschheit bleibt immer noch ein Unterschied. Es handelt sich um Näherungswerte, welche die Wahrheit zwar nicht erreichen, aber doch die Richtung erkennen lassen, in der die Wahrheit zu finden sein könnte. Die Frage des gegenwärtigen Kapitels ist auf die werbende Kraft der Sprachbewegung gestellt, und wir wollen versuchen, mit aller gebotener Vorsicht, irgend einen zahlenmäßigen Ausdruck für diese Kraft zu gewinnen. Stellen wir uns in äußerster Verwegenheit vor: es wäre denkbar, es wäre möglich, die Zahl der heute umlaufenden Fremdworte festzustellen und mit der Zahl der Fremdworte zu vergleichen, wie sie vor zehn oder vor zwanzig Jahren umliefen: so besäßen wir ein Mittel, um das Kraftmaß der Bewegung zu erfassen. Das Verhältnis beider Zahlen würde uns zeigen: soviel Fremdworte sind verschwunden, das bedeutet so viel Prozent der Gesamtmasse, und in diesem Prozentsatz könnten wir das Maß der werbenden Leistung erblicken. Aber dieser Weg ist nicht beschreitbar. Kein Verfahren bietet eine Möglichkeit, auf solche Weise auch nur einen Zipfel der Statistik zu erhaschen. Wir versuchen es daher mit einer anderen Methode, die zwar nicht bis zum Ziel hinführt, aber es doch wenigstens für den Fernblick kenntlich macht. Vorerst legen wir uns die Zwischenfrage vor, was wohl zur Beurteilung der Sprachmasse wichtiger wäre: die Summe der Bücher oder die Summe der Zeitungen ? Liegt das Übergewicht, ganz im großen nach Masse und Zahl betrachtet, beim Buch oder beim periodisch erscheinenden Blatt? Hier ließen sich vielleicht irgendwelche brauchbare Verhältniszahlen gewinnen, während uns der bloße Gedanke, die von Mund zu Mund flutenden Gespräche nach Zahl und Maß zu werten, mit schauderndem Verzicht erfüllen muß. Selbstverständlich handelt es sich in der Frage: Buch oder Zeitung? durchaus nicht um Abwägungen im Sinne der Geistigkeit und der Kulturbedeutung. Hier kommt vorläufig nur der mechanisch abzusteckende Umfang in Betracht, und da ergibt schon der erste Rechnungsanlauf das Übergewicht, und zwar ein erdrückendes Übergewicht zugunsten der Zeitung. Führen wir eine Betrachtungsgröße ein: die Lese-Einheit , indem wir uns für unsern Zweck vorstellen, alles Gedruckte würde auch einmal gelesen. Die Lese-Einheit, entsprechend dem Druckinhalt eines durchschnittlichen Druckbogens, würde also die Wirkung darstellen, die diese Menge von Buchstaben, Worten, Sätzen auf einen Leser ausübt. Die Besonderheit dieser Wirkung braucht nicht erörtert zu werden. Sie möge ausfallen wie sie wolle, so wird sie bestimmt auch sprachliche Bestandteile enthalten, wird von der Sprechweise des Schreibers abhängen und sich in gewisser Weise an den Sprachsinn des Lesenden wenden. Sonach zerfällt alles, was gedruckt und gelesen wird, – sagen wir: in Deutschland während eines Jahres – nach seiner Bestimmung und Wirkung in eine endliche, aber zweifellos ungeheure Anzahl von Lese-Einheiten. Wie groß mag diese wohl sein? – Versuchen wir es, mit allen erdenklichen Vorbehalten durch Rechnung und Schätzung uns an die Summe heranzutasten. Eine Gewißheit steht am Anfang: Nach einer auf 1912 bezogenen statistischen Ermittlung erzeugte Deutschland als Jahresmenge rund 36 000 Werke in 53 000 000 Einzelbüchern, die zusammen eine Million Kilogramm Papier verschlangen. Die durchschnittliche Auflage des Einzelbuches hielt sich mithin auf der bescheidenen Höhe von ungefähr 1500 Exemplaren. Rechnet man den Bogen zu 25 Gramm, oder das Kilogramm Druckpapier zu 40 Bogen, so ergibt sich ferner, daß man in Übertreibung verfällt, wenn man die Bezeichnung »Werk« auf die Gesamterzeugung anwendet. Der durchschnittliche Umfang des Druckexemplares fällt mit etwa 3-4 Bogen winzig genug aus, und da sich doch in der Gesamtmenge auch genug Dickleiber und Wälzer befinden, so erreicht die überwiegende Zahl kaum das dürftigste Broschürenformat. Immerhin marschiert Deutschland mit der vollen Million Kilogramm Buchpapier und mit etwa 100 neuen »Büchern« pro Tag unter allen Ländern an der Spitze der Erzeugung; wir gelangen zu 60 Millionen Lese-Einheiten als Ausdruck dessen, was unser Buchmarkt den geistigen Verzehrern in einem Heilsjahr des Friedens anzubieten vermag. Aber ein ganz anderes Bild eröffnet sich, wenn wir statt des Buches die periodische Presse ins Auge fassen. Wir geraten in ein Gebiet der Ungeheuerlichkeiten, worin wir etwas nach Maß und Zahl Begreifliches nur mit Mühe festzuhalten vermögen. Es erscheint da geboten, aus der betäubenden Vielfältigkeit nur eine einzelne Erscheinung herauszugreifen, eines der großen Weltblätter, wie es vom Wirbel der hauptstädtischen Maschinen unablässig in die lesebedürftige Menschheit hinausgeschleudert wird. In dem von A. Fürst und mir herausgegebenen Buch der Tausend Wunder findet man Angaben über die hier obwaltenden Riesenverhältnisse, in denen die Ziffern zu Abenteuern und Orgien emporschnellen: Eines der erwähnten Großorgane mit einer Auflage von ¼ Million Exemplaren brauchte für eine gewöhnliche wochentägliche Morgenausgabe im Frieden (vor der Papiereinschränkung) durchschnittlich 130 Rollen Druckpapier in Gesamtlänge von 1 170 000 Metern. Für eine Sonntagsausgabe in der Weihnachtszeit wurden etwa 270 Rollen mit einer Papierlänge von 2 400 000 Metern verbraucht, was der Entfernung von Berlin bis Gibraltar entspricht. Mit der Länge des in einem Jahre verdruckten Papieres kann man den Erd-Äquator zehn Mal umwickeln, in Längsspannung des Streifens eine Verbindung zwischen unserm Planeten und dem Monde herstellen. Es sind Tagesausgaben gedruckt worden, die nach Buchstaben gemessen einen Band Schiller in der Cottaschen Ausgabe erreichten, vervielfältigt mit dem Multiplikator der Auflage, der das Typengewimmel bis zu unzählbaren Milliarden steigerte. Wie luftige Phantasiegebilde steigt es vor dem Betrachter auf, der sich trotzdem entschließen muß, einen ganz nüchternen Schluß zu ziehen; auf dem Wege liegen Rechnungen, deren Umständlichkeit wir ihm ersparen möchten; das vorläufige Ergebnis wird lauten, daß ein einziges dieser mit Milliarden und Weltkreisen spielenden Organe mehr Lese-Einheiten erzeugt, als der vereinigte Buchdruck im ganzen Reiche. Legt man Bogen neben Bogen, Quadratmeter neben Quadratmeter, so eilt die Zeitung im Gewaltschritt voraus und überflügelt den Wettbewerb aller Bücher, Jahr für Jahr um das Achtfache. Aber diese eine Zeitung steht doch nicht allein, sie ist nur ein Schwesterglied in einer unübersehbaren Kette von Tagesblättern und Zeitschriften. Unabweisbar wird somit die Annahme, daß der Zeitungsbetrieb als Ganzes mit einem Mehrheitsfaktor, der in die Hunderte gehen mag, über den Buchbetrieb hinausragt. Dieser schrumpft mit seinen für sich so imponierenden Lese-Einheiten zu einer Armseligkeit zusammen. Die hier nicht erörterten Zwischenrechnungen machen auf Genauigkeit keinen Anspruch. Aber ihre Fehlergrenzen bleiben erkennbar, und eine Umdeutung des Ergebnisses erscheint ausgeschlossen. Es verschlägt nichts, daß auch der eigentliche Buchdruck Gigantengewichte in seine Wagschale wirft; so der Verlag Reclam, der in den 50 Jahren von 1867 bis 1917 allein von Goethe–Schiller über 15 Millionen Bände über die Erde verbreitet hat, von altgriechischen und römischen Klassikern ½ Million, von philosophischer Literatur mehr als 5 Millionen, von geschichtlichen Werken über 6 Millionen, von Shakespeare 6, von Ibsen 4½ Millionen. Denn wir messen hier nicht Kulturwerte, sondern Lese-Einheiten, und jene Kulturmillionen der Universal-Bibliothek bleiben federleichtes Gewicht gegenüber der anderen Wagschale, in der sich die Ballen und Rollen ohne Pause zu kosmischer Höhe türmen. Man könnte noch tröstlich einwenden: die Zeitung verfliegt mit dem Tage, mit der Woche, das Buch bleibt bestehen, wird immer wieder gelesen, woraus sich dann die Forderung ergäbe, die Lese-Einheit des Buches müßte selbst in rein mechanischer Wägung mehrfach eingesetzt werden. Aber erstens bleibt in der Bücherflut das mehrfach gelesene Einzelstück auf die Minderheit beschränkt, und zweitens versieht die Zeitung ihre Lese-Einheit mit einem Kraftfaktor, der noch erheblich stärker wirkt als die Möglichkeit wiederholter Lesung. Das Wesen dieses Kraftfaktors ist die Überrumpelung durch die »Aktualität«. Ist die Zeitung auf den Tag eingestellt, so entfaltet sie in dieser kurzen Zeitspanne eine Wirkung, die sich zur längeren Buchwirkung verhält wie der Stoß zum Druck. Der kleinste Stoß vermag den größten Druck zu überwinden, oder wie Galilei sagt: die Kraft des Stoßes ist gegen die Kraft des Druckes unendlich groß . Wird dies als zutreffend erkannt, so ergibt sich abermals ein wesentliches Übergewicht der periodischen Presse, – immer, wie selbstverständlich, mechanisch genommen. Aber auf den mechanischen Vergleich kommt es hier an, denn wir wollten doch die »werbende Kraft« der bekannten Sprachbewegung prüfen und hierfür eine statistische, durch Zahl und Maß erreichbare Unterlage gewinnen. Genügend erwiesen ist nun wohl nach dieser langen Vorbereitung, daß man sich zu allererst im Zeitungswesen umzusehen hat, um über die werbende Kraft zu einiger Klarheit zu gelangen. Und das haben auch die Vorkämpfer der Bewegung mit voller, auf Instinkt beruhender Deutlichkeit herausgefühlt. Sie wissen wohl, daß aus der großen Buchmasse für sie nichts herauszuholen ist, und jedenfalls kein Triumph in Sachen ihres heiligen Krieges. Und wenigstens in dem Einen sollen sie Recht behalten: gelänge es ihnen darzutun, daß sie die Zeitungen zu ihrer Ansicht, zu ihrer Sprachweise bekehrt haben, wenn auch innerhalb enger Grenzen, dann wäre ihre werbende Kraft überhaupt eine über jeden Zweifel hinausgerückte Tatsache. Und sie könnten frohlockend über das Versagen dieser Kraft, der Buchmasse gegenüber, hinwegsehen, da ja, wie ermittelt, die Bücher mit ihren vergleichsweise verschwindenden Lese-Einheiten gar nicht in Betracht kommen. Aber seltsam! statt des Jubelrufes, den wir erwarten, stöhnt uns bewegliche Klage entgegen; Jammer auf der ganzen Linie der Sprachreiniger und Ausdrucksputzer: die Presse, die böse Presse! die haben wir nun durch soviele Jahre zu erziehen versucht, mit allen Mitteln der Überredung und Einschüchterung bearbeitet, und sie will durchaus nicht stubenrein werden; überall und dauernd kleckert sie ihr Gewelschtes umher, trotz aller Gouvernantenkunst, die wir auf Schriftleiter und Mitarbeiter verschwendet haben! Diese Klage läßt sich nachprüfen in hundert und aberhunderten von Blättern der verschiedensten Richtungen. Aber wir wollen besonders vorsichtig sein. Wir wählen unsern Prüfungsbeleg gar nicht aus dem Legionenreiche der Widerstrebenden, vielmehr aus Schriften und Organen, die nach ihrem eigenen Bekenntnis vollkommen auf dem Boden der »Bewegung« stehen, die nach ihren eigenen, nicht zu bezweifelnden, mit hundert Ausrufungszeichen in die Welt hinausgeworfenen Losungsworten durchaus entschlossen sind, für völkisch-reines Deutsch zu wirken. Auf ihren literarischen Beilagen und unter dem Strich werden die schärfsten Attacken gegen die Fremdwörtler geritten. Bösewichte, die es noch wagen, einzelne Worte wie etwa »Interesse« oder gar »Desinteressement« anzuwenden, werden herausgeholt, gestäupt, zur Warnung festgenagelt. Man erfährt bei solchen Gelegenheiten, wie vieler Übersetzungen solch ein Einzelwort fähig ist; ein rühriger Kollege hat allein für dieses verruchte »Interesse« neunhundert Verdeutschungen herausgerechnet. Gott, wie »interessant«! Und so geht es unentwegt in verschiedenen Teilen des Blattes, durch Nummern, durch Jahrgänge, – kein Zweifel, das Programm wird erfüllt, die werbende Kraft zeigt sich in Goliathstärke. Nur wirkt sie nicht bis über den Strich hinauf. Da, wo die Politik verhandelt wird, oben in Leitartikeln und ihren Anhängen, hört man von der ungeheuren Werbetrommel keinen Wirbel, nicht einmal ein säuselndes Echo. Während unten völkisch draufgegangen wird, daß die Späne fliegen, nehmen die Männer, die dem Blatt das eigentliche Gepräge geben, nicht die leiseste Notiz von ihrem eigenen Programm. Und wohlgemerkt, diese Männer sind sehr tüchtige Leute, die gut zu schreiben verstehen. Ich nehme mir irgend eine beliebige Nummer solcher alldeutschen Zeitung vor, und um der eignen Willkür gar keinen Spielraum zu lassen, die Nummer von heute , von dem Tage, da ich in diesem Buche bis zur Niederschrift der vorliegenden Zeilen gelangt bin. Es liegt mir daran, für dieses bestimmte Blatt eine Sonder-Statistik zu gewinnen, und der Leser möge mir glauben, daß ich von dem Ergebnis in diesem Augenblick noch gar nichts weiß. Ich betrachte also den heutigen Leitartikel dieses bestimmten Blattes und ziehe aus ihm der Reihe nach folgende Fremdworte: Demagoge, obligat, Kapital, moralisch, Kredit, Szene, demokratisch, Parlamentarismus, gratulieren, sozialdemokratisch, Interpellation, Skandal, Konservative, national, Organe, Rhetorik, taktisch, Heros, Kultur, Politik, ästhetisch, positiv, Opposition, Feuilleton, Stil, sophistisch, Dialektik, Agitatoren, pikant, akut, Situation, Effekt, kokettiert, Prophet, salvieren, kriminell, international, Propaganda, konsequent, radikal, revolutionär, pazifistisch, antimilitaristisch, Militärinstanzen, Appell, impressionistisch, ethisch, Nation, Plaidoyer, unlogisch, Resolution, Autorität, Partei, konzentriert, restitutio, Modell, elegisch, Zensur, Kritik). Einige Monate später erlebte man in dem nämlichen deutschvölkischen Blatte das sprachliche Musterbeispiel einer »parlamentarisch-demokratischen Kamarilla«, welche der Staatsmann XX »kreiert und gemanaget« hat. Das finde ich in einem einzigen Artikel (im Herbst 1917), und ich zähle darin, schon mit Ausschluß der gänzlich unvermeidlichen, also gering gerechnet, 50 Stück von der verpönten Sorte. Und nun sage mir einer, wo da eigentlich die werbende Kraft des Losungswortes stecken soll, das sie auf fliegenden Fahnen vor sich hertragen! Der Sprachgeist so eines Blattes übt sich in zwei Betätigungen: »vorne nickt er, und hinten pickt er.« Das Nicken bedeutet für mich die Bejahung einer kultivierten, mit den Hilfsmitteln der Neuzeit ausgerüsteten Sprache; der Hackeschnabel aber kann bei solcher Bewandtnis unmöglich eine werbende, sondern höchstens eine grotesk belustigende Wirkung äußern. Tatsächlich machen sich auch die Vorkämpfer der Bewegung bezüglich dieser Tragikomödie auf völkischer Zeitungsbühne keinen blauen Dunst vor, und sie sind ehrlich genug, ihren Mißerfolg teils mit polternder Entrüstung, teils mit elegischem Schluchzen einzugestehn. Einer ihrer Hauptmatadore geht darin noch weiter. Dieser ebenso gelehrte wie gewissenstüchtige, vor allem mit immenser Belesenheit ausgerüstete Herr schreibt: »Jeder Leser weiß so gut wie ich, daß es schwerlich eine einzige deutsche Zeitung mit 2 bis 3 Sätzen hintereinander in reindeutscher Sprache gibt. Die einzige Ausnahme, auf die ich aber nicht schwören will, ist an manchen Tagen die Kölnische Zeitung«; und an anderer Stelle bezeichnet er abermals die Kölnische Zeitung als »nahezu die einzige in Deutschland, die sich mit festem Willen und nicht erlahmender Ausdauer um reines Deutsch bemüht«. Machen wir wiederum die Probe aufs Exempel und genau wie vorher mit Ausschaltung jeder Willkür. Ich greife also nach irgend einer, nach der mir zunächst erreichbaren Nummer der Kölnischen Zeitung und finde darin in dichter Aufeinanderfolge: Trabant, genial, offensiv, Ruinen, Material, Kommission, provinzial, Organisation, kulturell, Maschine, Baracke, Transport, kolonial, Autowerte, Palais, reaktionär, Idee, Trikolore, Textil, Police, Interesse (mehrfach), Pointe, Restaurateur, amoureuse, Inszenierung, Tonnage, Novelle (im Sinne von Ergänzungsgesetz), Originalkadenz, Orchester, Ouvertüre, sympathisches Organ, intim, dramatisch, humoristisch, Romantik, Phantom, Milieu, Reformator, Phrase, Konzentration, Torso, politischer Koloß, Armee ... Das wären schon mehr als vierzig Unreinheiten in einer einzigen Nummer des »nahezu einzigen Blattes, das sich um reines Deutsch bemüht«. Wo wächst die Frucht dieser Bemühung? halt, – ich entdecke sie: das Wort »Publikum« wird auf diesen Spalten eifervoll vermieden und durch »Schaumenge« ersetzt. Das ist immerhin etwas und verlohnt die Ausbeute. Dagegen heißt es durchweg, »Telegramm« und nicht Drahtnachricht oder Drahtung, die sich doch soviele andere Zeitungen in neuester Zeit angewöhnt haben. Und eine Selbstanzeige aus dieser Ausgabe vom Herbst 1917 lautet gar wie folgt: Haben Sie etwas für die Armee oder Marine anzuzeigen? Dann benützen Sie dazu die Tagesausgabe der Kölnischen Zeitung für das Feld. Verlangen Sie Probenummer durch die bekannten Annoncen-Expeditionen oder unsere Geschäftsstelle. Die Expedition der Kölnischen Zeitung.     Ich dachte, das hieße jetzt »Vertriebs-« oder »Versandstelle« oder so ähnlich, und ein sprachreiner Schriftleiter hätte dafür zu sorgen, daß das Gespenst des Sankt Expeditus nicht wieder in seinen Räumen umherspuke. Aber da wohnt gar kein Schriftleiter, sondern die nämliche Nummer des Kölnischen Weltblattes bekennt sich – o popoi! – zu einem Chefredakteur! Des Weltalls ganzer Jammer faßt mich an. Da haben sie sich durch all die Jahre die Federn und die Lippen stumpf und wund zerarbeitet, um das vermaledeite Satanswort Redaktion hinauszujagen, und in der »nahezu einzigen« Kölnerin thront allen Teufelsbeschwörungen zum Trotz obenan ein Chefredakteur! Ich fürchte hier keine Falschdeutung, möchte aber, um auch irgendwelches zufällige Mißverständnis auszuschließen, besonders betonen, daß ich persönlich der Kölnischen Zeitung die größte Wertschätzung entgegenbringe. Sie galt und gilt mir als ein Organ, dem auch im Punkt der Sprachleistung eine Vorzugsstellung nicht bestritten werden darf. Und die vorstehende Aufstellung ihrer Fremdworte aus einer beliebigen Nummer bedeutet in meinen Augen nicht eine Belastung, sondern ein Guthaben; denn jene Liste, die sich durch zahllose andere ergänzen ließe, liefert eben den Beweis, daß sich das Blatt keinem einseitigen Banausentum überliefert hat. Aber wie steht nunmehr die Rechnung der Unentwegten, die mit ausdrücklicher Berufung auf das Weltblatt am Rhein ihr eigenes Guthaben veröffentlichen? Sie selbst erklären, daß sie nur diese eine Trumpfkarte in Händen haben, und diese Karte versagt, sobald sie auf den Tisch geworfen wird. Und auf diesem Tisch liegen Hunderte, Tausende anderer Schriften, die allesamt als Gegenwerte gerechnet werden müssen. Sie umfassen restlos das ganze zeitgenössische Schrifttum, das Millionenheer der Blätter, das für die werbende Kraft der Bewegung zu zeugen hätte, wenn sie nur überhaupt vorhanden wäre. Lückenlos schließt sich der Beweis zu dem Ergebnis: Diese werbende Kraft ist Null . Um den Beweis zu erhärten, vereinigen sich die Tatsachen mit den klagenden Geständnissen der zünftigen Deutschmeister. Die Zunftherren haben das Spiel verloren. Nie und nirgend in der Welt ist ein ähnlicher Wettbewerb erlebt worden. Tausende von Gewinnstichen mußten gemacht werden, und nicht ein einziger Stich ist ihnen zugefallen. Zu einem Wettrennen wurde ausgeholt, ohne daß sich die eine Partei von der Stelle zu rühren vermochte, während die andere im Sturmlauf übers Feld fegte. Wir hatten zuvor die Bücher von dem allgemeinen Schrifttum statistisch abzusondern versucht. Vielleicht war es eine mitleidige Regung, die uns hierzu bestimmte, denn im Hinblick auf das Buch, das Werk, den Einzeldruck, hätten die sprachmeisternden Herren noch schlechter als schlecht abgeschnitten. Eine Zeitung nimmt doch noch wenigstens Notiz von ihren Wünschen und Strebungen. In der ganzen Welt der eigentlichen Werke, der wissenschaftlichen wie der volkstümlichen, wird ihres Wesens nicht einmal ein Hauch verspürt. Grund genug für die Sprachputzer, um das ganze Heer der humanistisch gerichteten Buchschreiber mit ihrem inbrünstigen Haß zu verfolgen und insbesondere die Gelehrtensprache als giftiges Auslandsunkraut zu verschreien. Aber selbst wenn sie die Front der Buchschriftsteller so eingebeult hätten, wie sie sie tatsächlich unberührt ließen – denn Scheltworte sind unwirksam in diesem Gelände –, selbst dann läge noch kein Grund zu einem Triumphruf vor. Denn wir haben festgestellt, daß infolge ihres erdrückenden Übergewichts nur die Gesamtheit der Zeitungen als entscheidende Prüfungsunterlage angesehen werden darf. Und dies gilt nicht nur grobmechanisch. Denn die gesprochene Sprache ist das Spiegelbild der Zeitungssprache, oder genauer gesagt: Beide sind wechselseitige Abbilder. Es mag Leute geben, die wie ein Buch sprechen – das Volk spricht wie die Zeitung, zwar flüchtiger im Satzbau und immer im Verhältnis von »Rede zu Schreibe« – aber doch im wesentlichen mit den nämlichen Mitteln des Ausdrucks; wie dies auch bei der dauernden innigen Berührung von Blatt und Mensch gar nicht anders möglich ist. Dasselbe Leben pulst in beiden Körpern, im gedruckten, der sich zunächst dem Auge mitteilt, und im atmenden, der von Mund zum Ohr seine Botschaft sendet. Gelingt es, den Wirkungsgrad einer Kraft auf den einen Körper zu beurteilen, so können wir ohne Sorge vor Fehlschluß einen ähnlichen Wirkungsgrad auf den anderen Körper annehmen. Damit hätten wir den springenden Punkt erreicht; denn eine Untersuchung über die Werbekraft will schließlich deren Einfluß auf das Sprachganze in Druck und in Rede erfassen. Soll ich an diesem Punkte einlenken? Soll ich mich vor der Tatsache verbeugen, daß die Bewegung doch immerhin einiges geleistet, eine Anzahl entbehrlicher Fremdausdrücke mit Amtshilfe getilgt hat? Ich würde mich zu dieser Verbeugung gern entschließen, wenn ich mich nur davon überzeugen könnte, daß zur Erzielung solch bescheidenen Ergebnisses ein so umständlicher Apparat notwendig gewesen ist. Die Umformungen, die eine leichtflüssige Sprache erleidet, sind im Laufe der Jahrzehnte so gewaltig, daß ein paar Schock Fremdworte mehr oder minder darin keine Rolle spielen. Ein Mann wie Nietzsche läßt im Sprachreich tiefere Spuren als zehn Verbände mit vorgefaßtem Programm, und die summierten Umformungen, die sich im Strom der Tage wie von selbst entwickeln, verändern das Sprachgesicht weit gründlicher, als alle Massagen der Schönheitskünstler von Beruf. Man wird aber auch in der Annahme nicht fehlgehen, daß die Sprache selbst mit einem Trotzgeist ausgerüstet ist, der nur darauf lauert, seinen Abscheu vor Bevormundung zum Ausdruck zu bringen. Kraft dieses Trotzes nimmt sie in jeder Zeitspanne mehr Fremdworte in sich auf, als ihr von Verbänden und Behörden ausgeredet werden; es kann somit ein erkennbarer Saldo zugunsten unserer Sprachvögte gar nicht zutage treten. Sie selbst geben sich, wie schon erwähnt, hierüber gar keiner Täuschung hin, und wenn sie zetern, daß es keine Zeitung mit zwei bis drei Zeilen hintereinander in Reindeutsch gibt, so steckt dahinter noch etwas anderes: Nämlich das dumpfe Gefühl, daß ihr Geländeverlust im Sprachlichen am Ende gar größer sein könnte als ihr Geländegewinn. Wonach wir die werbende Kraft, die wir vorher als gleich Null bezeichneten, als noch unter Null anzusetzen hätten. Fehlt es sonach der gesamten Bewegung an einem gesunden Kern? Das behaupte ich keineswegs. Allein ich meine, daß dieser Kern von Anfang an eine falsche Lagerung erhalten hat, in der es ihm unmöglich wird, eine Frucht zu treiben. Oder mit anderem Gleichnisbild: Ein Teil unserer Reformer, die sich im Zeichen des Allgemeinen deutschen Sprachvereins zusammenfinden, segelt auf brauchbarem Fahrzeug mit gutem Winde, aber mit falschem Kompaß, und kann somit das Ziel nicht erreichen, sofern es durch die Forderung bezeichnet wird: Alles Schlechtdeutsch durch Gutdeutsch zu verdrängen. Wer möchte sich nicht zu dieser Losung bekennen? Aber ein anderes ist es, ein Ideal aufstellen, ein anderes, den Weg dahin finden. Der Kompaß muß an ein Ufer führen, das stilistisches Neuland werden kann, nicht aber in Jagdgründe zur Worthatz. Es ist gut, daß aus der Mitte jenes Vereins Stimmen vernehmlich werden, die dieser Auffassung der Dinge nahekommen. Manches regt sich da im Unterbewußtsein, was dereinst, zur Oberfläche aufsteigend, dem Sprachverein edlen Ertrag bringen wird. Aber solange das Deutsche nicht mit parnassischem Maß gemessen wird, sondern mit dem Bakel, solange zu ihrer Verschönung kein anderes Mittel wirken soll als Fleckseife, kann sich nichts Gedeihliches entwickeln. Vermag die werbende Kraft, wie bis heute, nicht über den Nullpunkt hinauszuklettern, so zeigt dies mit aller Deutlichkeit, daß die ganze Maschine trotz allen Getöses leerläuft, daß sich Gestänge drehen ohne Achsenlager und daß die Treibriemen ohne Nutzwirkung in der Luft schlottern. Denn die Werbefähigkeit und nichts außer ihr gibt das Maß für den Wert der Bestrebung, und an ihren Früchten sollt ihr sie erkennen! Auf den Spuren Talleyrands Es kommt nicht darauf an, wer zuerst den Satz geprägt hat: »Die Worte sind dem Menschen gegeben, um seine Gedanken zu verbergen.« Es wird gewöhnlich dem Talleyrand zugeschrieben, obschon auch andere mit gleichem Anspruch in Betracht kommen, Fouché, Voltaire, Young und lange zuvor Dionysius, Cato und Plutarch. Lassen wir ihn als Bekenntnis Talleyrands gelten, so hat er im sittlichen Sinne eine üble Bedeutung als grundsätzliche Rechtfertigung der Verlogenheit und der ränkevollen List. Entkleiden wir aber den Satz seiner Bosheit, so bleibt eine große Wahrheit bestehen: Denn die Worte verbergen allerdings unsere Gedanken, aus dem einfachen Grunde, weil sie gar nicht imstande sind, sie auszudrücken. Alle Schuld liegt bei den Worten, bei ihren Mängeln, ihrer Unzulänglichkeit, ihrer Minderzahl, bei Eigenschaften, die sie den Gedanken gegenüber gar keine andere Rolle spielen lassen als eine verhüllende, verfälschende, bestenfalls oberflächlich andeutende. Von diesem Mißverhältnis der Sprache und Gedanken wissen nur die wenigsten Menschen. Aber für alle Fragen, die uns hier beschäftigen, vor allem für die Frage der Sprachreinheit, Sprachgüte und Sprachtauglichkeit, ist die Kenntnis jener Wahrheit unerläßlich. Um den Schluß vorwegzunehmen: Unsere heutigen Sprachreiniger sind, ohne es zu wissen und selbstverständlich ohne irgend welche diplomatische Bosheit, doch die Vollstrecker des Talleyrandschen Satzes. Sie leisten das Erdenkliche darin, den Wortschatz mit Waffen zur Verhüllung, ja zur Zerstörung der Gedanken auszurüsten; sie nehmen ihm alle Möglichkeiten, den Gedanken wenigstens in brauchbarer Annäherung gerecht zu werden. Denn in erster Linie: Sie vermindern die Zahl der Worte, sie dezimieren die Worttruppen, die ohnehin, selbst mit Einschluß der Fremd- und Weltworte spärlich genug sind, um im Aufmarsch gegen die Unendlichkeit der Gedanken dem Ausdrucksbedürfnis genügen zu können. Die hervorragendsten Denker aller Zeiten haben dieses Mißverhältnis gefühlt, einige von ihnen haben es ausgesprochen, so John Locke in seinem grundlegenden Werke über den menschlichen Verstand: »Es würde nutzlos sein, alle die besonderen einfachen Ideen (Gedanken) aufzuzählen, die jedem Sinne angehören. In der Tat würde es aber auch, wenn wir es wollten, nicht möglich sein, weil den meisten Sinnen sehr viel mehr angehören, als wofür wir Namen (Worte) besitzen. Den mannigfaltigen Gerüchen z. B., deren es fast ebensoviele, wenn nicht mehr , als Arten von Körpern in der Welt gibt, fehlen fast durchweg die Namen, – die Worte. Duftig und stinkend genügen uns gewöhnlich zur Bezeichnung dieser Ideen, womit effektiv wenig mehr gesagt ist, als wenn man sie angenehm oder unangenehm nennt, obschon der Geruch einer Rose und eines Veilchens, die beide duften, wohl unterscheidbare Ideen sind. Kaum besser mit Namen versehen sind die verschiedenen Arten des Geschmacks, der uns durch unseren Gaumen Ideen zuführt. Süß, bitter, sauer, herb und salzig sind fast der ganze Vorrat an Eigenschaftsworten, die wir besitzen, um die zahllose Mannigfaltigkeit der Geschmacksempfindungen zu bezeichnen, die nicht nur aus so vielen Arten, sondern aus den verschiedenen Teilen derselben Pflanze, des nämlichen Tieres gewonnen werden. – Im Vergleich mit der endlosen Mannigfaltigkeit der Gedanken ist der Wörtervorrat so dürftig , daß Menschen, die für ihre Begriffe genau passende Ausdrücke nötig haben, selbst bei Anwendung der größten Vorsicht oft gezwungen sein werden, dasselbe Wort in etwas verschiedenem Sinn zu gebrauchen.« Das wurde im siebzehnten Jahrhundert geschrieben; zu einer Zeit, in der die Sprachkritik noch in den Windeln lag; und in einem Lande, dessen Sprachentfaltung in keiner Weise bedroht war. John Locke hatte sich nicht zu wehren. Aber es klingt wie eine Ansage an die bedrohte Zukunft eines anderen Volkes, wenn er in einem besonderen Kapitel schon durch die Überschrift die »Unübersetzbarkeit der Wörter« feststellt und damit auf den Verrat hinweist, den die Übersetzer um jeden Preis am Worte verüben: »Wenn wir verschiedene Sprachen genau vergleichen, so werden wir finden, daß, wenn sie auch Wörter haben, die den Wörterbüchern zufolge einander entsprechen sollen, doch unter dem Namen komplexer Ideen kaum einer von zehnen genau dieselbe Idee vertritt wie das Wort, womit er in den Wörterbüchern übersetzt wird.« Kaum einer von zehnen, sagt Locke, – und er denkt dabei an die wirklichen, an die notwendigen Bücher, welche die Brücke von Sprache zu Sprache schlagen; kaum einer von hundert, würde er geschrieben haben, hätte er die Künste eines neuzeitlichen Fremdwörterbuches vorausahnen können. Des Weiteren betont Locke die »Unvollkommenheit der Wörter«, die »Zweifelhaftigkeit ihrer Bedeutung«, immer unter dem Gesichtspunkte, daß die Erfordernisse der Ideen durch keine Sprache, am wenigsten durch eine Einzelsprache zu befriedigen sind. Auf die einfachste Grundform gebracht, besagt seine Lehre: Der Worte sind viel zu wenig; selbst dann zu wenig, wenn man alle Sprachen vereinigt in den Dienst der Ideen stellen könnte. Freilich nur für den, der sich mit den Schwierigkeiten des Ausdrucks herumzuschlagen hat. Der Kampf mit der Sprache ist das Los des Schriftstellers, sein Fluch und seine Wonne, und dieser Kampf beansprucht um so weiteres Feld, je weiter der Schriftsteller seine Gedanken zu spannen vermag. Der Landarbeiter, der niedere Handwerker, das Hausgesinde kämpft nicht mit der Sprache, sie kommen vollkommen aus, ja sie verbrauchen noch nicht einmal den zehnten Teil der Ausdrücke, die uns als Gemeingut gelten. Hier nur ein Beispiel, für dessen Richtigkeit ich mich auf eine Fußnote in der »Analyse der Empfindungen« von Ernst Mach berufe: Die Bauern im Marchfelde sagen, daß das Kochsalz »sauer« sei, weil ihnen der Ausdruck »salzig« nicht geläufig ist. Eines Tages – so stellen wir uns vor – tritt es dem besonders feinfühligen Bauer A. ins Bewußtsein, daß der Unterschied beim Schmecken von Salz und von Essig doch zu stark sei, um mit einunddemselben Wort überdeckt zu werden. Zudem ist er in der großen Stadt gewesen und hat dort gehört, daß die Leute einen Pökelhering als salzig bezeichnen. Da ihm dies einleuchtet, so bringt er den neugewonnenen Ausdruck in das Marchfeld zurück und verpflanzt ihn in seine mündlichen Äußerungen. Dies wird ihm vom Bauer B. nachdrücklich verwiesen. Die Reinheit der Sprache leide, wenn solche Fremdworte wie »salzig« aus der fernen Großstadt – dem Auslande – eingeschleppt würden. Auf den kleinen Unterschied in der Sinneswahrnehmung – (»die Nüankße«) – käme es nicht an, man solle sich rein: »völkisch« ausdrücken und das gute, alte, Marchfelder Wort sauer auch mit Bezug auf das Salz für vollkommen ausreichend erklären. Damit stellt sich der Bauer B. durchaus auf den Standpunkt der Puristen im weiteren Sinne. Er verwischt Unterschiede, vermindert die Zahl der möglichen Worte, und er kann in seiner Abwehr des Fremdländischen der Anhängerschaft sicher sein; nämlich in seinem Kreise, dem Kochsalz sauer schmeckt, und dessen Denkschärfe wahrscheinlich ebenso entwickelt ist wie seine Empfindungsfeinheit. Wo liegt die Grenze der Vereinfachung? Nahe genug am Nullpunkt. Und dies gilt nicht nur von den Einzelworten, sondern von der Grammatik, von der Sprache überhaupt. Man kann ausschalten, soviel man will, und es bleibt immer noch ein Rest übrig, der für die platte Verständigung ausreicht. Der substantivisch empfindende Malaie entbehrt nichts, wenn er auf das Zeitwort verzichtet. Er sagt nicht: »Der Mann wirft den Stein«, sondern: Der Wurf des Mannes ist ein Stein. Auf anderem primitiven Boden finden wir: »Mann-Wurf-Stein«, was ebensogut ausdrücken kann: der Mann will einen Stein werfen, als er hat ihn geworfen. Es kann sogar bedeuten: Sieh dich vor, suche Deckung, daß du nicht von dem Stein getroffen wirst, den der Mann dort drüben, der Feind, werfen wird. Wir besitzen Studien und Bücher über die Affensprache, deren Untersucher, Garner und Waterhouse, mit überflüssiger Umständlichkeit selbstverständliche Dinge ermitteln. Mit ein und derselben Lautäußerung bezeichnet der Gibbon und das Kapuzineräffchen: »Futter«, »Fressen«, die »Nuß«, den »Zucker«, »gib mir die Nuß«, »gib mir den Zucker«, »ich bin darauf begierig«, »es wird mir gut schmecken«. Ihr Wortvorrat ist nicht groß, aber ausgiebig, ein erheblicher Zweifel über das Gemeinte kann nicht aufkommen. In seinem Sinne äußert sich jedenfalls das Äffchen eindeutig und bestimmt, und es ist nicht einmal ausgeschlossen, daß eine verfeinerte Beobachtung dereinst Unterschiede in der Affenbezeichnung für Nuß und Zucker aufdecken wird. Aber höchstwahrscheinlich befindet sich im Wörterbuch des Äffchens keine Stelle für »Maus« und für »Fisch«; diese Worte mögen im Sprachschatz der Eule, der Katze und des Pelikans vorkommen; das geht den Affen nichts an; er hätte im gewöhnlichen Laufe seines täglichen Lebens alle Ursache, irgendwelchen Ausdruck für Maus oder Fisch zu den entbehrlichen Fremdworten zu rechnen. Auch die Menschen und sogar wir gebildete Menschen vereinfachen unter Umständen sehr stark, nämlich dann, wenn es darauf ankommt, möglichst kurz, schnell und billig Nachricht zu geben. Mit einem einzigen Kurzwort wird unter tausenden möglicher Empfänger ein einzelner ganz bestimmt als Adresse bezeichnet, und wenn dieser, etwa der Leiter einer Bank, wiederum nur das einzige Wort »Russenfläue« als Telegramm empfängt, so entziffert er ohne die geringste Schwierigkeit in der Sekunde einen komplizierten Vorgang an der Börse: den Verkaufsandrang in russischen Werten, die mangelnde Aufnahmefähigkeit und den hierdurch bedingten starken Kurssturz der betreffenden Papiere. Wenn ich von unterwegs nach Haus drahte: »Eintreffe Zoo sieben Minna Gepäck Suppe«, so wissen die Meinen sofort, was ich anzeige und wünsche: das Hausmädchen Minna soll sich um sieben Uhr am Bahnhof Zoologischer Garten einfinden, um mir bei der Fortbringung des Gepäcks behilflich zu sein, und ich erwarte zum Abendessen eine Suppe. Die Satzkonstruktion ist bis auf Null gemindert, die Wortzahl auf ein Mindestmaß herabgedrückt, die Verständlichkeit hat nicht gelitten. Wäre die Gedankensprache und die Schriftsprache nichts anderes als das Mittel der Verständigung im Sinne der Nachricht, so besäßen wir im Telegrammstil das Ideal des Ausdrucks. All die Mühseligkeiten, die wir im Dienste der Gedankenübertragung sonst durchzumachen haben, die unsern Sprachkampf darstellen, unsere Anstrengung, mit der endlichen Zahl der Worte der Unendlichkeit des Denkens beizukommen, fielen für uns fort. Wir hätten die schöne Einfachheit der nackten Meldung erreicht, wir wären einer Anforderung gerecht geworden, die in den Wahrspruch mündet: Simplex sigillum veri, – das Einfache ist das Kennzeichen des Wahren. Dieser Satz wird unerschüttert bleiben, nur daß wir eine andere Wahrheit als die einer Meldung, und eine andere Einfachheit als die eines verkürzten und verkümmerten Sprachschatzes im Auge haben. Denkt man sich die Gesamtheit des menschlichen Denkens als eine im Fluß begriffene Ebene ohne Ende, so schwimmen die Worte auf ihr als kreisförmige Inseln, die sich bisweilen berühren, weitaus öfter indes durch große Zwischenräume getrennt bleiben. So viele ihrer auch sind, – ihre Gesamtgröße stellt eine Winzigkeit dar im Verhältnis zur Größe des Denkfeldes. Das ist die Wahrheit. Neue Inseln bilden sich, alte verschwinden, werden überspült. All unser Ausdrucksbestreben richtet sich darauf, von je einer zur andern zu gelangen, da wir kein anderes Mittel besitzen, um das Denkfeld zu durchmessen. Wächst die Inselzahl, so wird uns eine Erleichterung, vermindert sie sich, eine Erschwerung. Das ist die Wahrheit, die einfache Wahrheit. Nichts ist einfacher als der Schluß, daß keine Inselzahl groß genug sein kann. Niemals kann sie ausreichend sein, denn von Tag zu Tage vergrößert sich der Umkreis des Denkfeldes. Und niemals ist es zu erhoffen, daß die Wortfläche auch nur annähernd das Ausmaß der Denkfläche erreichen könnte. Die Sprache des denkbar Höchstgebildeten besteht aus ungefähr 200 000 Worten. Mit Einschluß der Dialektworte, der Provinzialausdrücke und der übernommenen Fremdworte mögen es etwa 300 000 sein. Wer sich auf »Meldungen« beschränkt, wird mit einem winzigen Bruchteil dieser Menge auskommen; der Wilde mit einigen Hunderten, der Bauer, der Fischer, ja sogar der in einem bestimmten Geschäftskreis wirkende Telegrammabsender mit wenigen Tausenden. Aber die freie Menschenrede, das Schrifttum, die alle Geistigkeit überfliegende Literatur besteht nicht aus Meldungen, klebt nicht an Mitteilungen, die sich den Tatsächlichkeiten im gleichmäßigen Ablauf des Werktages anschließen. Und bei genügender Weitspannung des Horizontes muß der Sprecher und Schreiber an den Punkt gelangen, wo er selbst mit zwei- oder dreihunderttausend Worten die Entbehrung spürt. Und auf diesem Punkt angelangt wird er erkennen: jeder Versuch, die Zahl zu mindern, ist zugleich ein Versuch, Rede und Schrift auf die Tiefebene der »Meldung« herabzudrücken; und weiterhin: hat sich ein Weltwort auch nur in einem einzigen Fall als dienlich erwiesen, bringt es auch nur in einem einzigen Fall beim Hörer und Leser eine Saite in Schwingung, die sonst nicht getroffen und erregt wird, so ist dieses Wort überhaupt unübersetzbar und unentbehrlich. Aus der Strömung der Sprache einzelne Tropfen abfangen und ihnen das Mitströmen verbieten wollen, ist zwecklos und unmöglich. Der Tropfen wird aus dem Nebengerinnsel zu fließen anfangen, aus der Verdunstung sich niederschlagen, irgendwo wieder erscheinen. Der Verbieter ähnelt dem Handwerksburschen, der am Reifträger im Riesengebirge die Elbquelle mit der Hand zuhielt, damit sich die Leute in Hamburg über das Ausbleiben der Elbe wundern sollten. Wer nur über zehntausend Worte verfügt, mag sich damit reich vorkommen, verfünffacht sich sein Reichtum, so wird er Mangel empfinden. Und in dieser Stimmung kann er eine ferne Zukunft ahnen, in der ein Schriftsteller auf erhöhter Kulturstufe unsere Sprache von heute als dürftig im Worte und als primitiv belächeln wird. Im Grunde genommen ist jedes Wort ein Ersatz für das Vorgestellte, oder besser gesagt: ein Surrogat. Denn der Ersatz leistet mehr als das Surrogat, seine Ersatzstärke reicht weiter; sowie die Margarine einen Ersatz für Butter bietet, das Sacharin aber nur ein Surrogat für Zucker, da ihm eine Wesentlichkeit des Zuckers abgeht, der Nährgehalt. Sonach läßt sich das übersetzte Wort als ein Minderwert in zweiter Potenz ansehen, als das Surrogat eines Surrogates. Abgesehen von den sehr seltenen Fällen, in denen es dem Übersetzer gelingt, ein wirklich brauchbares Neuwort zu schaffen. In der überwiegenden Regel verfährt er anders: er bepackt ein längstvorhandenes deutsches Altwort mit einer neuen Bedeutung, lädt ihm eine Last auf, die es nicht zu tragen vermag, und belegt dabei ein Fremd-Surrogat mit dem Bann. An dessen Stelle erscheint nunmehr der Notbehelf eines Notbehelfs. Aber die Sprache selbst geht andere Wege. Sie ist wie die meisten Organismen mit einer solchen Fülle von Keimen ausgerüstet, daß sie jede Verkürzung und Minderung mit üppiger Mehrung beantwortet. Und nicht dadurch, daß sie auf Herrn Soundso wartet, der sich den Kopf zerbricht, wie er ein Neuwort formt, sondern sie schafft es aus sich heraus. Und auf das Reinvölkische kommt es ihr dabei nicht an. Sie stellt das fremdländische in den Dienst der Grundsprache, wenn nur eine Vermehrung der Ausdrucksmöglichkeiten dabei herauskommt, wenn sich nur aus der Summe aller Notbehelfe etwas entwickelt, das dem Behelf näher kommt. Die Sprache kennt die Grenzen ihrer Kraft, sie weiß, wie weit ihr allzeit der Gedanke voraus ist, und sie gibt sich alle erdenkliche Mühe, um ihn einzuholen. Ihre Nahrung nimmt sie unterwegs von den überhängenden Zweigen, deren Früchte sie abstreift, ohne viel nach dem Stammland der Gewächse zu fragen. An Warnungstafeln kehrt sie sich nicht, am allerwenigsten an Wegeverbote. Ihr ist erlaubt, was ihr gefällt, und am besten gefällt ihr der Weg mit freier Aussicht auf den Gedanken, als auf ein Ziel, das sie sich durch keinen Verbieter und Einschränker verhüllen und verdunkeln läßt. Sprachkrank Wer ist es? Wir oder die andern? Wir, groß geschrieben, die Sprecher und Schriftsteller, die sich einer Sprachklasse fühlen mit den Bedeutenden, die das deutsche Schrifttum geschaffen haben, oder die Doktoren, die uns heute beklopfen, behorchen und mit bekümmerter Miene feststellen, daß wir von einem schweren Leiden befallen, ja eigentlich unheilbar seien? Eine verzweifelte Gilde! Sie beschränkt sich nicht darauf, den Schreibern von Fach das schlimme Zeugnis auszustellen, sie faßt vielmehr ihr Urteil ganz allgemein und erklärt das ganze deutsche Volk für »sprachkrank«, für sprachverseucht, und in die Donner ihrer Entrüstung mischen sich elegische Mitleidstöne über die ungeheure Klinik von Memel bis Basel. Und nicht einem dieser Doktoren fällt es ein, zu fragen, ob denn der Begriff der Krankheit überhaupt statthaft sei angesichts eines Allgemeinzustands. Ein Mindestmaß des Nachdenkens müßte zu der Erkenntnis hinreichen, daß der Normalzustand, mag er erscheinen wie er wolle, sich als die Gesundheit darstellt, jedes Abweichen davon als die Krankheit. Wenn alle Menschen husten würden, so gehörte der Hustenreiz zu den notwendigen Lebensfunktionen, krank wäre nur derjenige, dem dieser Reiz und seine Befriedigung versagt bliebe; ihn müßte man kurieren, um ihn der Reihe der gesund Hustenden zuzuführen. Das Gesetz der großen Zahl liefert hier wie in so vielen Betrachtungen die allein gültige Entscheidung. Es geht nicht an, auszurufen: Du ganzes Volk bist falsch gefärbt, besitzest ein krankhaft entwickeltes Hautpigment, weil ich, der Beurteilende, eine andere Hautfarbe trage; ja nehmen wir, um auf den Sprachfall zurückzukommen, einen äußersten, unmöglichen Zustand: stellen wir uns vor, ein ganzes Volk stotterte; so wäre es ebenso töricht, ihm das Stottern austreiben zu wollen, als den Franzosen die Nasallaute oder den Holländern die rauhen Kehltöne. Im Stottervolk wäre der Nichstotterer der Ausdruckskranke, wie im Bereiche der Hunde der Einzelhund, der anstatt zu bellen, in Nachtigallentönen flötete oder wie ein Löwe brüllte oder wieherte oder quakte. Aber so ungefähr stellen sich die Doktoren ihre Stellung innerhalb der sprechenden und schreibenden Masse vor. Sie begrenzen die Krankheit freilich enger, verlegen ihren Herd in ein anderes Gehirnzentrum, aber sie kommen von der Täuschung nicht los, daß sie, die wenigen, den reinen Typus darstellen, die Norm, das Gesunde, die andern aber, die Millionen, den Lazarettfall. Grund genug für sie, um in ihrer Quacksalberei fortzufahren, die schon deshalb zu keinem Ergebnis führen kann, weil sie auf einen Widersinn hinauswill, nämlich auf die Leugnung des durchgreifenden Gesetzes von der großen Anzahl. In Wahrheit sind sie die Sprachkranken, mit deutlicher Verkümmerung gewisser Organe, die sich im großen Werdegang der Sprache als Empfänger und Fortbildner entwickelt und als unerläßlich erwiesen haben. Zu diesen Organen gehört der Sinn für die feinen Unterscheidungen in der unermeßlichen Vielfältigkeit der Begriffe; die hinausstrebt über die groben Einteilungen bis zum ahnungsvollen Erfassen verschwimmender Unterschiede in den begrifflichen Grenzgebieten. Wer in der Seelenlehre über die Anfangsgründe hinausgelangt ist, der kennt jenen dämmernden »Hof«, den Rand, den Saum, der sich kreisförmig über Worte und Begriffe lagert. Der bedeutende Philosoph William James hat ihn unter dem englischen Namen »fringe« in die Philosophie eingeführt und ausführlich behandelt. Fringe, zu deutsch Franse oder Franje, besagt, daß die bestimmten Bilder der landläufigen Psychologie nur den allerkleinsten Teil unseres tatsächlichen Seelenlebens ausmachen, daß fast jede unserer Vorstellungen im Strom des Bewußtseins von Begleiterscheinungen umgeben und gefärbt wird. Wie der Hof um den Mond, so lagern sich um Worte und Gedanken jene Säume mit all ihren wechselnden Unbestimmtheiten, welche die scheinbare Endlichkeit der Wortvorstellungen zur Unendlichkeit steigern. Die Ansicht der überlieferten Psychologie – sie wird sprachlich durch die Gilde der dokternden Pedanten vertreten – gleicht derjenigen, wonach ein Fluß lediglich aus so und sovielen Tonnen, Eimern, Krügen, Löffeln voll Wasser bestünde. Auch wenn diese Gefäße alle tatsächlich in dem Strom ständen, würde das freie Wasser doch fortfahren, zwischen ihnen hindurchzuströmen. Gerade dasjenige, was diesem freien Wasser im Bewußtsein entspricht, ist es, was jene Psychologen so standhaft übersehen. Jedes bestimmte Bild in unserem Geist wird von dem freien Wasser, das es umspült, benetzt und gefärbt. Das Bewußtsein wird in jedem Augenblick von etwas gefärbt und betont, was der greifbaren Gegenwart gar nicht angehört. In allen Vorstellungen waltet ein Hinüberklingen aus der Vergangenheit, ein Vorausklingen der Zukunft; das Symbol, unter dem jene Unter- und Obertöne sich ankündigen, ist jener Saum mit seinen verschwimmenden, niemals in Sprachgrenzen einzuzeichnenden Unendlichkeiten. Das im Kern sprachgesunde Volk besitzt zwar nicht diese Lehre, aber eine ahnungsvolle Erkenntnis von dem Vorhandensein der unermeßlichen Vielfältigkeit im Bereich der Vorstellungen, die nach Sprachausdruck streben. Es spürt, daß wir niemals zu viel, immer viel zu wenig Worte haben. Begierig greift es nach allen erdenklichen Ausdrücken, gleichviel aus welcher Sprache, wenn es nur irgendwie taugt, um einer der zahllosen Färbungen zu entsprechen. Überläßt man das Volk seinen sprachgesunden Trieben, so mehrt es von selbst seinen Wortschatz, eben weil es eine Ahnung von den Lichtern und Schatten besitzt, die in jedem Ausdruck hinein- und um jedes Wort herumspielen. Der dokternde Schulmeister bemerkt diese Färbungen, diese Höfe, Säume, Ränder nicht, ist gar nicht imstande, sie wahrzunehmen, denn seine Organe sind verkümmert, und diese Verkümmerung bedeutet seine Krankheit. Er ist von einer Art Taubheit befallen, von der Unempfindlichkeit gegen die tönende Schattierung. Wagt es einer aus dem Volke, von dieser zu reden, so hat der taube Sprachdoktor sofort eine geschriebene Zurechtweisung zur Hand, eine papierne Formel, des Inhalts: Schattierung – »Nüance« – ist Unsinn. Er hat eine wahre Wut darauf – die Wut des Eunuchen gegen das, was seinen mangelhaften Organen versagt ist – und geht zunächst darauf aus, dem Gesunden die Sache zu verekeln: er schreibt »Nüankße«, schreibt es so hundertmal, tausendmal, macht ein Plakat daraus, speichelt es an allen Ecken an und glaubt damit den Begriff der Schattierung totzumachen. Denn er weiß genau: bleibt die »Nüance« bestehen, läßt sich die Färbung nicht überpinseln, dann ist er verloren. Das ist er nun wirklich, denn jenes unendliche Farbenspiel in den Möglichkeiten und Erfordernissen des Ausdrucks läßt sich nicht hinwegdisputieren durch die holzpapiernen Gründe, die dem Sprachdoktor zur Verfügung stehen. Und aus welcher Truhe seiner Wissenschaft sollte er auch andere hernehmen, er, der in der Tendenz erstarrte, der nur die eine Truhe besitzt, vollgepfropft mit Rezepten zur Künstelei? Befragt sie nur einzeln, die Herren, prüft, wie oft bei ihnen die Beschaffenheit der Empfindung dem Maß ihres Wissens entspricht, und ihr werdet euer Wunder erleben. Gewiß, ihr werdet auch hier löbliche Ausnahmen entdecken, Kenntnisreiche, die nur durch die vorgefaßte Tendenz auf den falschen Strang gerieten. Vielleicht sind sie nur vorübergehend sprach-unpäßlich, nicht eigentlich sprachkrank, wie diejenigen der Gilde, deren Leiden im letzten Grunde auf ihrer »enzyklopädischen Unwissenheit« beruht. Fex wird sich zur Wehr setzen, weil er sich sehr gebildet vorkommt und sogar das Wort »Enzyklopädie« nach seiner zusammengesetzten Herkunft als einen überaus lästigen Ausländer nachzuweisen vermag. Er ruft mich also zur Ordnung und entzieht mir das Wort, das Fremdwort, denn man kann ja bekanntlich »alles übersetzen«! So übersetze er's mir, mit »Sachwörterbuch« oder wie immer, und ich werde geradewegs behaupten, daß der gute Sinn verschwindet und an seiner Stelle der blanke Blödsinn herauskommt. Es macht nämlich einen gewaltigen Unterschied aus, ob ich eine fertige eingebundene Enzyklopädie, z. B. ein Konversationslexikon, im Auge habe, oder ob ich auf den geschichtlich begründeten Allgemeinbegriff hinweisen will. Aber gerade darauf kommt es mir an, denn ich rede zu Leuten, denen das Wesen der enzyklopädischen Entwicklung aus platonischer Zeit über Diderot und d'Alembert hinweg bis zur Neuzeit bekannt ist, und bei denen ich das Wort nur anzuschlagen brauche, um das Mitklingen zahlreicher zugehöriger Vorstellungen zu veranlassen. Eine Seite Drucktext wäre nötig, um den Begriff »enzyklopädisches Wissen« zu umschreiben, und in fünf Seiten Drucktext könnte man den Sarkasmus »enzyklopädische Unwissenheit« noch nicht verdeutlichen; der trotzdem ganz klar und verständlich ist für einen, der ungefähr eine Ahnung vom Wesen der Sache besitzt. Besitzt er sie aber, so wird er von vornherein für ausgeschlossen erachten, einen derartigen höchst zusammengesetzten Begriff den Übersetzungs- Sportlern zur Verunstaltung auszuliefern. Da steht schon wieder so ein verbotener Ausdruck; verboten durch Verfügung der Unentwegten, die »Sport« noch nicht für genügend eingedeutscht erachten und dafür verlangen: Kraft-Leibesübung, Spiel, Freispiel, Liebhaberei, Zeitvertreib. Und wiederum werden die Anklänge und Mitklänge, die im Schattensaum des Wortes eingelagerten Färbungen und Töne von stumpfen Organen übersehen und überhört. Nämlich auf irgend einen Einzelsport (Rudern, Jagen, Rennen, Golf, Schach, Sammeln) wird zur Not irgend ein Aushilfswort passen, nur auf den Sport als Ganzes, als Allgemeines paßt kein einziges; weil eben das begriffliche Hinüberklingen verhindert wird. Wenn ich etwa das Briefmarken-, das Münzensammeln als einen Sport bezeichne, so will ich dadurch nicht einfach die Liebhaberei oder den Zeitvertreib ausdrücken, sondern ich will den Sammler und die Zielstrebigkeit seines Gebarens in Vergleich setzen mit dem Rennsportler, Rudersportler; er soll durch den Ausdruck etwas von der Ausdauer, von der Leidenschaft, Verbissenheit und sogar von der Muskelanstrengung des Mannes erhalten, der einer Leibesübung sportsmäßig huldigt. Sage ich also: »Übersetzungs-Sport«, so treffe ich damit eine Eigenheit und Tönung des Übersetzungsbetriebes, das ich sonst durch kein Ausdrucksmittel erreichen könnte, weil einzig der Gesamtbegriff in seinen Ausstrahlungen die Lichter entsendet, die meiner Absicht entsprechen. Es wäre ganz lohnend, mit einem Unentwegten auf die Reise zu gehn, möglichst weit in die Welt hinein; mancherlei würde sich da draußen freier darstellen als in der engen Umfriedigung des Hauses und der Heimat. Der zuvor gebrauchte Vergleich mit dem Sportsmann diene als Reisevorbereitung; wie ein Jäger schußbereit vor dem Wilde liegt, so knalle er hier nach Lust und Sport auf Fremdworte und bringe sie zur Strecke. Ich will ihm Prachtexemplare zutreiben, jenseits der Grenzen, jenseits Europas, – in den Tropen zum Beispiel. Erster Schuß: auf die »Tropen« selbst. Da liegen sie entseelt am Boden, werden ausgeweidet, und ihr Fell gelangt ins Museum der Sprachkunde, wo sie fortan nicht mehr Tropen heißen, sondern Wendekreise . Ganz einverstanden, obschon ein Unterschied zurückbleibt: die Wendekreise sind zwei Linien, die Tropen eine Gebietsfläche, zwischen ihnen also ein mehrdimensionales Gebilde. Der Unterschied dem Wortsinne nach ist zu gering, um sich dabei aufzuhalten. Aber die Tropen entsenden als Begriff wieder ein Strahlenbüschel mit Färbungen, die wir uns nicht fortwischen lassen wollen. Wir sagen: tropische Tierwelt, tropischer Pflanzenwuchs und spüren, daß von der Fülle des Ausdrucks etwas verloren geht, wenn wir – umständlich genug, denn Wendekreis hat kein Adjektiv – sagen sollen: »Zu den Wendekreisen gehörige Tierwelt, Wendekreis-Pflanzenwuchs.« Ist hier etwas Psychologisches eingetreten? Zweifellos. Denn der Wendekreis gibt uns wesentlich eine Erstreckung, einen geographischen Hinweis, etwas auf die Erdgeometrie bezügliches; während in »tropisch« bereits die Natur Stimme gewinnt und mitschwingt. Das Geometrische tritt etwas in den Hintergrund, die Üppigkeit und Glut werden fühlbar. Das Wort »tropisch« hat eine höhere Temperatur als jede auf »Wendekreis« zurückgreifende Übersetzung. Wir sprechen auch von »subtropischem« Gebiet, »subtropischer Vegetation« und meinen mit dieser nicht schlechthin die Pflanzengestaltung in einem bestimmten geometrisch abgeteilten Erdgürtel, sondern eine gewisse Glut und Pflanzenpracht, die an die tropische erinnert, ohne sie völlig zu erreichen. Nicht der Standort ist dabei die Hauptsache (etwa die Lage am Mittelländischen Meer), sondern die Unterstimme des Wortes, der Gefühlston; leise aber unverkennbar liegt in ihm die Andeutung vom südlichen Klima. Zugegeben oder nicht, – es hat sich ein neues Beutestück zum Abschuß gestellt, das Welschwort »Klima« , – der Unentwegte kann seinem Sport wieder obliegen. Wie? er zögert? Mann Gottes, zeige deine Künste, aber nicht deine Verlegenheit! Wahrhaftig, er scheint Lust zu haben, das Wort für »eingedeutscht« zu erklären. Damit soll er uns aber nicht durchkommen; denn warum dieses Wort und nicht auch tausend andere vom selben Sprachrang? Klima ist und bleibt unverändert griechisch, heißt wörtlich soviel als Neigung, Abflachung, hat seinen Bedeutungswandel durchgemacht und will sich heut zur Ruhe setzen. Also her mit der Weisheit aus den Tiefen der Ersatzbücherei! Sie lautet beim Stichwort Klima: »Himmelsstrich, Erdstrich, Himmelslage; Gegend; Witterungs- oder Luftverhältnisse oder -beschaffenheit, Himmel, Luft.« Soll man's erst diskutieren, daß hier aus der reichen Umsäumung des Begriffes immer nur einzelne Flecken herausgeholt werden, ohne daß deren Gesamtheit irgendwie erfaßt wird? Tatsächlich bedeutet Klima die Summe aller Eigenheiten eines Gebietes in Luft, Himmel, Wärme, Feuchtigkeit, die Vereinigung alles Meteorologischen einschließlich aller Einflüsse auf Tier- und Pflanzenleben. Zwei Erdpunkte können zur selben Zeit gleiches Klima haben und verschiedene Witterung, gleiche Witterung und verschiedenes Klima; über dem Kilimandscharo wölbt sich der afrikanische »Himmel«, sein Klima ist sibirisch. Einzig und allein das Wort »Klima«, gebildet aus der Abdachung der Erde vom Äquator nach den Polen, aus der »inclinatio coeli« , hat seit Polybios genügend Zeit gehabt, um die Fülle der meteorologischen Beziehungen in sich aufzunehmen, die uns heut vorschweben, wenn wir von klimatischen Dingen reden. Die Ersatzbrocken liefern Hinweise auf Begleiterscheinungen, niemals die Sache selbst. Soeben sprach ich von den Erd- Polen ; wie denkt der Unentwegte über eine Reise dahin? Wahrscheinlich wird er zunächst den Abbruch der sprachlichen Beziehung zu dem Griechenwort beantragen. Pol, Polos, von pelomai herkommend, läßt sich verdeutschen: »Drehpunkt«, »Angelpunkt«, und vom Standpunkt dessen, der die Erdbewegung ins Auge faßt, ist er ja auch nichts anderes. Unsere Pol-Expedition wird also eine Drehpunktsfahrt, wir geraten dabei ins Drehpunkts-Eis, und wenn wir in der Polregion einem Polarfuchs begegnen, so haben wir die Wahl, ihn Drehpunktsfuchs oder Angelpunktsfuchs zu nennen. Die langen Drehpunktsnächte vertreiben wir uns mit gelehrten Gesprächen, und mein Reisegenosse wird mir bei dieser Gelegenheit mitteilen, wie er die magnetischen, elektrischen »Pole«, oder gar wie er die Erscheinungen der optischen »Polarisation« in seine Drehpunktsmundart überträgt. Ob's ihm gelingen wird, steht dahin; ich wage zu zweifeln. Dagegen wird er schnell fertig mit dem Wort, sobald er daran geht, die umgebenden Erscheinungen im Gegensatz zu seinen Erlebnissen am Äquator zu bezeichnen. Denn der heißt unabänderlich der »Gleicher«, allenfalls die Gleicherlinie, oder auch kurz die »Linie«, wenn durch den Zusammenhang bereits feststeht, daß vom Äquator die Rede ist. Soweit ganz gut; aber der Äquator liefert auch ein schönes Adjektiv »äquatorial« , und das macht ihm das Hilfswort nicht nach; denn »gleicherhaft« oder »gleicherig« klänge doch übel. Nun wollen wir z. B. von den »Äquatorialströmen« sprechen und setzen für sie »Gleicherströme«. Sofort ist der Unsinn fertig. Denn in den Äquatorialströmen der Atmosphäre (die in der Meteorologie und besonders im Doveschen Gesetz eine Hauptrolle spielen) wird gerade die Un gleichheit hervorgehoben, mit stärkster Betonung des Wechsels, des Richtungsunterschiedes, also mit Verleugnung des Begriffes »gleich«. Das Äquatoriale bleibt nichtsdestoweniger in diesen Strömen bestehen; warum wohl? weil der »Äquator« ein Eigenname der Zone geworden ist, unabhängig von der gleichteilenden Eigenschaft der Linie, ein Eigenname, wie »Äquatoria« , die Provinz, wie »Ecuador« , der südamerikanische Staat, der volle fünf Breitengrade einschließt. Will unser Reisegenosse auch Ecuador verdeutschen? als Linie? das hätte genau soviel Sinn, als wollte er die Hauptstadt von Argentinien (»Silberstaat«) nicht mehr Buenos-Aires, sondern »Gute Lüfte«; als wollte er Veracruz »Wahrkreuz« oder die Insel Reunion »Wiedervereinigung« nennen. In jener hochnördlichen Zone erleben wir einen Orkan , oder wie der andere sagt: einen »heftigen Sturm« , eine »Windsbraut«. Er legt Wert auf das »heftig«, um damit anzudeuten, daß es »unheftige, sanfte« Stürme gebe. Die Entbehrlichkeit des Fremdwortes liegt auf der Hand, da es doch nur eine Steigerung im Grade ausspricht, und da ein Orkan tatsächlich nichts anderes ist als ein Sturm über die Windstärke 10 hinaus. Das leuchtet ohne weiteres ein; aber dann ist auch das Wort »Sturm« entbehrlich und sollte als überflüssiger Sprachballast abgeschafft werden; Hört ihr's wimmern hoch vom Turm? Das ist »heftiger Wind«! – und der Deutschmeister braucht nur die Stärke in Ziffern, allenfalls die Richtung anzugeben, um das ganze Register der Luftbewegungen auf das Einheitswort »Wind« zurückzuführen. Also fort mit dem »Orkan«, der gar kein Recht auf Eindeutschung besitzt, sintemalen er aus sehr übelbeleumundeter Gegend stammt; nämlich von den Karaiben, von denen er im siebzehnten Jahrhundert als ouragan, hurricane, orcaan nach Europa gedrungen ist. Haben wir es nötig, uns mit Worten zu beschweren, die uns die karaibischen Kannibalen vorgekaut haben? Wir sagen also »Wind«, stufen ihn nach Graden ab und übersehen leichtherzig, daß auch der »Wind« (lateinisch ventus ) einmal ein Fremdwort gewesen ist, denn das ist ja schon so furchtbar lange her! Bald darauf fesselt uns ein neues Phänomen , eine Erscheinung , die nicht nur erscheinungsmäßig, sondern geradezu »phänomenal« auf uns wirkt: wir entdecken einen Bergkegel, der sich so benimmt, daß uns gar nichts übrig bleibt, als ihm den Titel eines »Vulkans« zu verleihen. Aber mein Fahrtgenosse wehrt sich dagegen, die alte Mythologie in Anspruch zu nehmen, wo ihm doch das gute deutsche Wort zu Gebote steht: »feuerspeiender Berg«. Wiederum nichts einzuwenden, denn daß sein Wort, nach Silben gemessen, genau dreimal so lang ist, fällt nicht ins Gewicht. Nur tritt hier – wie in tausend andern Fällen – der Übelstand auf, daß das »Fremdwort« ein wunderschönes, stets gebrauchsfertiges Adjektiv hergibt, das Deutschwort aber keines; weil es nämlich in dem »feuerspeiend« bereits adjektivisch belastet ist. Wie hilft sich also der Herr? er schlägt nach, und er findet in seinem Sprach-Baedeker: Vulkanisch gleich glutflüssig, feuerflüssig, geschmolzen, gesintert, verglast. Gewiß, das sind Eigenschaftswörter, die eine Sinnbeziehung zum Vulkanischen aufweisen, aber ebenso zu einem Hochofen, zur Sonnensubstanz, zu einem Laboratorium. Wenn ich eine Persönlichkeit als »vulkanisch« bezeichnen will (z. B. Mirabeau, Cromwell oder einen Künstler wie Rubinstein), so liegt mir vor allem an der Bildhaftigkeit des Vergleiches, an der sinnfälligen Parallele mit einem wirklichen Vulkan. An die Naturerscheinung will ich anknüpfen mit ihren donnernden Eruptionen , mit ihrer überwältigenden Wirkung, mit ihrem Zusammenprall von hochlodernder Glut und wüster Schlacke, – ich sage »vulkanisch«, und das volle Bild steht vor dem Hörer und Leser, wie es vor dem Sprecher und Schreiber gestanden hat. Wieviel bliebe davon noch übrig, wenn ich von einem glutflüssigen Mirabeau, einem geschmolzenen Cromwell, einem versinterten oder verglasten Rubinstein reden wollte? Nichts als eine Unzulänglichkeit oder Torheit und dazu eine Verstärkung der Erkenntnis, daß es in der »Umsäumung« der Worte irdische und himmliche Dinge gibt, von denen sich die Schulweisheit der Schulfüchse nichts träumen läßt. Der Vulkan gibt uns Anlaß zur Erörterung gewisser geologischer und kosmologischer (die Erd- und Weltkunde betreffender) Fragen, und im Rückblick auf die Urzeiten geraten wir an das Chaos . Der Gefährte will Urgemisch sagen, und ich muß ihm darin Recht geben: das Wort ist gut und deckt sich ziemlich vollkommen mit dem, was die Menschheit seit Hesiod unter Chaos versteht, als der formlosen Masse, aus der die geordnete Welt, der Kosmos, hervorgegangen gedacht wird. Das »Chaos« hätte sonach seine Wortrolle ausgespielt. Oder doch nicht? Wie gestaltet sich denn die Sache, wenn ich von einem » politischen Chaos « reden will, etwa von dem Zustande, wie er in Rußland nach Beginn der Revolution herrschte? War das ein »staatliches Urgemisch«? aber nein, erklärt der andere, hier übersetze ich eben Chaos mit Wirrwarr, Wirrnis, Durcheinander, Wust, Unordnung. Wiederum sehr gut, sobald es sich nur darum handelt, ein bestimmtes Merkzeichen der Revolution zu treffen, das Regellose, Unübersichtliche, Verworrene der Staatsverhältnisse. Nun berühren sich aber die beiden Begriffsgebiete, und ihre Grenzen fließen ineinander. Ich suche ein Wort, das in einem Atem sowohl den staatlichen Wirrwarr bezeichnet, als auch den Urzustand der Welt, die Gärung der unendlichen Masse, aus der sich eine Zukunftswelt entwickeln, herauskristallisieren soll. Ich versuche die Kleinlichkeit des Begriffs »Wirrwarr« zu überwinden, indem ich an den größtmöglichen Vorgang, an Schöpfung und Weltgestaltung, anknüpfe. Kurzum, ich wünsche einen Ausdruck, der mir gleichzeitig, kurz und erschöpfend jenes Urgemisch, den brodelnden Anfangszustand in allen Himmelsräumen bezeichnet, und dazu den durcheinanderwirbelnden Wust in einem modernen Staatsgebilde. Und mit hohem Sprachpreise wäre derjenige zu krönen, der diesen Ausdruck findet oder erfindet. Aber die Sprachbäcker und -schlächter (so nannte Paul Schlenther diese Zunftmeister) brauchen sich keine Mühe zu geben; denn der gesuchte Ausdruck liegt fertig gebacken vor; und alle Akademien der Erde werden zum bewußten Zweck keinen besseren, kürzeren, umspannenderen finden als das Wort, von dem wir ausgingen: das Chaos ! und nur derjenige wird es leugnen, in dessen Kopf es »chaotisch« – urgemischlichverworren aussieht. Auf dem Wege vom Chaos zur Ordnung können sich »Katastrophen« ereignet haben; und an Katastrophen wird man denken müssen, wenn man eben wie wir auf unserer Weltfahrt den Ausbruch eines Vulkans erlebt hat. Es kann aber auch alles im Wege langsamer Entwicklung – Evolution – vor sich gegangen sein. Zwei große Lehren stehen einander gegenüber, die der Revolution und die der Evolution , wie sie von ihren Urhebern (Cuvier–Lyell) verkündet worden sind. Da bietet sich den Übersetzungskünstlern ein lohnendes Feld; für die allmählichen Übergänge haben wir selbst bereits den Ausdruck »Entwicklung« vorweggenommen; die »Katastrophe« verdeutscht sich in: Wendepunkt, Entscheidung, Verhängnis, Unglücksfall, Unfall, Massenunglück, Verderben, Untergang, Vernichtung, Einsturz usw. Und nun stehen wir vor derselben Schwierigkeit wie beim »Chaos«. Mir liegt daran, ein Gleichnis festzuhalten, ein Bild. Ich will etwa von einem Umsturz in Staat und Gesellschaft reden, aber nicht wie von einem Verhängnis anderer Art, wie von einem Eisenbahnunglück oder einer Fabrik-Explosion, sondern mit dem beabsichtigten Hinweis auf die große Theorie von den Erdkatastrophen, von den Revolutionen, die (nach Cuvier) das Gesicht des Planeten geformt haben. Und im Zusammenhang damit will ich die umbildende Entwicklung nennen, die sich in den Bahnen des stetig wirkenden Verfassungslebens ergibt, wiederum mit dem bewußten Hinweis auf die entsprechende Theorie von Lyell, Darwin und Spencer. Will ich das, so beabsichtige ich die Vorgänge aus der Tagesenge herauszuheben und sie in das Licht weltumspannender Lehren zu setzen. Und das erreiche ich so einfach wie sicher durch Anwendung der Worte: »Katastrophe«, »Revolution – Evolution«, die an sich gut übersetzbar sind und nur das, worauf es mir ankommt, in keine Übersetzung hinübernehmen können; nämlich den Anklang an die Forschung und an den Widerstreit unter den Erforschern des Weltgeschehens. Diese Betonungen gehen verloren. Es war angenommen worden, daß wir unsere Wanderung in den Tropen begannen, um sie weiterhin bis in die subarktische, arktische Zone auszudehnen; der Andere sagt bis ins vornördliche und hochnördliche Gebiet; was aber durchaus nicht dasselbe ist. Denn für einen in Sizilien Beheimateten liegt z. B. Pommern schon im Hochnördlichen, während ein Stockholmer von Algerien als von einer tiefsüdlichen Gegend sprechen wird, ohne dabei an Antarktis, Arktis oder Polarland zu denken. Ohne den »Pol« oder die Arktos (vom Sternbild des großen Bären) ist eben nicht auszukommen, wenn in diesem Zusammenhang eine Bestimmtheit erreicht werden soll. – Nach der Heimkehr vergegenwärtigen wir uns noch einmal die durchmessenen Strecken, indem wir sie auf der Landkarte und dem Globus aufsuchen oder nachzeichnen. Der Andere verschmäht den als Wort durch und durch welschen, weil reinlateinischen »Globus« und sagt dafür Kugel oder Erdkugel. Er schwankt dabei keinen Augenblick, denn die Übersetzung ist wörtlich genau, bis zur vollkommenen Eindeutigkeit. Was tut er also? er zeichnet die Linien, die er auf der »Erdkugel« zurückgelegt hat, auf der »Erdkugel« ein. Daß es sich in dem einen Fall um ein von Menschenhand hergestelltes verkleinertes Abbild handelt, und daß der Satz kindisch und läppisch wird, wenn man im »Globus« nur die Kugelform, nicht aber die Verkleinerung und das veranschaulichende Hilfsmittel übersetzt, kümmert ihn nicht. Ihm genügt es, daß er wieder einmal ein Wort mit welscher Bannware durch Kernschuß getroffen und versenkt hat. Wir haben die Reise über viele Breitengrade, aber nur über eine ganz geringe Anzahl von Weltworten ausgedehnt; und wir brauchen sie räumlich nicht zu verlängern, um bezüglich der Worte und ihrer Ersätze die hundertfache Menge zu erreichen. Im Rückblick ergibt sich durchweg, daß unser lieber Herr von der Reinigungszunft zwischen zwei Möglichkeiten pendelt: Er wird unklar und verschwommen, wo es auf die Deutlichkeit ankommt, und er nagelt sich auf einseitige Bestimmtheiten fest, wo uns das Verfließende und Schattierte als das Wesentliche, das eigentlich Wertvolle gilt. In diese Geheimnisse der Begriffs-Umsäumungen einzudringen ist ihm nicht gegeben; vermöchte er es, so würde er seine Zunft verlassen, wenn seine Ehrlichkeit nur halbwegs auf der Höhe seiner Hartnäckigkeit stünde. Wir haben versucht, an einigen Punkten den Schleier von jenen Geheimnissen zu lüften; wirklich nur an einigen Punkten, selbst wenn man die entsprechenden Betrachtungen an anderen Stellen dieses Buches dazuzählt. Ein Foliant wäre darüber zu schreiben, wenn man dem Bedeutungs- und Schönheitswert der »Umsäumungen«, der Begriffsränder, auch nur bis zum zehnten Teile gerecht werden wollte. Tatsächlich liegt in ihnen von den Herrlichkeiten unserer Bildungssprache soviel beschlossen, daß sich aus ihnen ein besonderer Kronschatz gewinnen und formen ließe; freilich nur von denen und für die, in deren geistiger Rüstkammer die Fähigkeit zu selbständiger Sprachkritik vertreten ist. Bei den Sprachbäckern fehlt sie. Aber ich nehme an, daß unter den Empfängern der vorliegenden Anregungen mehr als einer aus eigenem Nachdenken jenen Schattenspuren im unermeßlichen Gebiet nachgehen wird, ohne sich durch das Hohngeschrei von der »Nüankße« ins Bockshorn jagen zu lassen; und mit dem Vorsatz, sich aus der Fülle der Schattierungen all das dienstbar zu machen, was ihm die Nuancentöter rauben, hinausräuchern oder verekeln möchten. Fremdes Sprachgut Nur eine Minderzahl der Zeitgenossen besitzt eine zureichende Vorstellung davon, welche Fülle des Fremdländischen wir in unsern besten, scheinbar ganz grundwüchsigen Deutschworten bewahren; in welcher Unsumme von Verkettungen sich die Wurzeln durcheinanderweben, oft kaum verfolgbar, vielfach aber mit sicheren Spuren in entlegenes Erdreich. Keine Sorge, lieber Leser! Philologie im eigentlichen Sinne soll hier nicht getrieben werden. Nur eine kleine Liste möge sich entwickeln, die sich mit unserem Thema unmittelbar berührt. Den wirklichen Sprachkundigen wird sie nichts neues bieten, desto mehr Anregung aber der großen Mehrheit derjenigen, die noch niemals in solchem Wurzelwerk gewühlt haben. Und ich bin ziemlich sicher, daß von diesen wiederum eine ganze Anzahl schon während der Durchsicht dieser Liste einen Hauptschluß vorwegnehmen werden, nämlich den, daß es ganz unmöglich ist zu bestimmen: Was ist noch Fremdwort? Sehr unterhaltsam wird diese Liste nicht anmuten, namentlich nicht in ihren Anfängen. Sie ist auch gar nicht dazu bestimmt, hintereinander gelesen zu werden. Nehmt Stichproben daraus und vergleicht solche Proben mit anderen, die euch einfallen. Die Wirkung wird sich schon einstellen. Ehe wir beginnen, müssen noch einige Einschränkungen gemacht werden. Daß es sich nur um eine kurze Auswahl, weltenweit von jeder Vollständigkeit, handelt, wurde schon angedeutet. Eine weitere Verengung betrifft die Sprachgebiete, da hier vorerst nur die Zusammenhänge mit dem Lateinischen und Griechischen in Betracht kommen sollen. Und schließlich: Eine unbedingte Gewähr für die restlose Sicherheit aller Ableitungen kann nicht übernommen werden. In Einzelfällen werden nur Möglichkeiten gestreift. Das Wesentliche bleibt der Gesamtgrad der Wahrscheinlichkeit, der die Höhe der Sicherheit erreicht, auch wenn dies und das nur als Vermutung bestehen bliebe. Wer sich nach Vervollständigung sehnt, der steige in die Tiefen des germanistischen Schrifttums. Für den vorliegenden Zweck dienen vortrefflich die großen Werke von Fritz Mauthner und besonders das sehr übersichtliche Etymologische Wörterbuch von Friedrich Kluge. Es bedarf keines Seher- noch Späherblicks, um Worte wie Fenster, Achse, Nase, Acker ( ager ), Rose, Pille ( pilula ), Zepter, Weste ( vestis ) als lose verkappte Fremdlinge zu erkennen. Schlicht und treuherzig erweisen ihre Herkunft: Tempel, Silbe ( syllaba ), Salz, Frucht, Balsam (griechisch: balsamos ), Mutter, Engel ( angelus ), Altar, Bibel, Zelle ( cella ), Axe, Fabel, Makel, Flamme, Öl ( oleum ), Natur, Jubel, Regel, Larve, Pest ( pestis ), Grad, Gips ( gypsum ), Insel, haben, klar, Fasan ( Phasianus ), Falke, Laterne, Lilie, Salm, Libelle, Sack, Tafel ( tabella ), Wespe, Leier ( lyra ), Theater, Nebel, Pause, Palme; und das anscheinend grunddeutsche Schreibpapier, das ich in diesem Augenblick benütze, kommt her von papyrum und dient zum scribere , ist also eigentlich ein (manu-) »Script-Papyrum« . Diesen vollkommen durchsichtigen Wörtern gesellt sich eine Unzahl anderer, mit unschwer lesbarem, wenngleich nicht ganz so bekanntem und deutlichem Ursprungszeugnis. Ohne Rücksicht auf Zusammenhang, alphabetische Ordnung und ganz gewiß ohne die Absicht, auch nur eine annähernde Vollständigkeit zu erreichen, seien hier genannt: Die Pacht (von pactum, Pakt , verwandt mit pangere und Pax ) – der Mist (von mingere ) – die Pfalz und der Palast (von palatium ) – nackt (von nudus ) – die Pflanze (von planta ) – der Lattich (von lapatica ) – das Nest (von nidus ) – der Regen (von rigare ) – das Segel (von sagulum ) – der Pfahl (von palus ) – die Speise (von spesa ) – der Wust (von vastus ) – der Samt (von samitum ) – die Schraube (von scropha ) – waten (von vadere ) – die Turteltaube (von turtur ) – Spiegel und spähen (von speculum, speglum ) – Abt (von αββας abbas ) – Essig (von acetum ) – Büffel (von bufalus ) – Spargel (von asparagus ) – Galle (von χολή) – Kaninchen (von cuniculus ) – Kelter (von calcatorium ) – der Mantel (von mantellum ) – die Flotte (von flovitare ) – die Uhr (von hora ) – der Herold (von heraldus ) – der Riemen (von remus , nicht ganz sicher) – der Panzer (von pancerea ) – die Pfarre (von parochia ) – die Pfründe (von praebenda ) – der Schemel (von scabellum ) – die Darre (von torridus ) – der Turm (von turris ) – die Wanne (von vannus ) – Ohm (Maßeinheit, von άμη) – essen (έδομαι) – Erz, Eisen (von aes ) – Ohr (von auris ) – Becher (von bicarium , spät- und vulgärlateinisch, wie manche andere in diesen Ableitungen) – die Kette (von catena ) – die Zeder (von cedrus ) – der Teufel (von diabolus ) – kosten (von costare, constare ) – die Meile (von milia ) – Orden, ordnen (von ordo, ordinare ) – Name (von nomen ) – die Auster (von ostrea ) – die Lippe (von labium ) – der Kelch (von calix ), wobei wir feststellen können, daß in einem so volkstümlichen Auftakt wie »Zwischen Lipp' und Kelchesrand« beide Hauptwörter im Fremdklang schwingen. – Ferner: das Gras (von gramen ) – die Fee (von fatum ) – der Morast (von maragium ) – der Laie (von laicus ) – neigen (von nictare ) – lesen (von legere ) – die Orgel (von Organum ) – röcheln (von rugire ) – der Luchs (von λύγξ) – Kümmel (von cuminum ) – der Drache (von draco ) – die Messe (von missa ) – opfern (von oprare, operari , offere?) – fünf (von πέντε, aeolisch πέμπε) – Licht (von lucidus ) – die Marter (von martyr ) – der Erker (von arcora ) – die Axt (von ascia ) – der Mohr (von maurus ) – der Pfau (von pavo ) – Linnen (von linum , λίνον) – Aal (von anguilla ) – Eber (von aper ) – Bolle (von bulbus ) – Kiste (von cista ) – Greis (von γηραίος[?]) – Kreuz (von crux ) – verdammen (von damnare ) – Kupfer (von cyprium ) – Joch (von jugum ) – lallen (von lallare ) – Latz (von laqueus ) – Mord (von mittellateinisch mordrum , das auf mortuus zurückgeht) – Nuß (von nux ) – Nonne (von nonna; nonnus = der Mönch) – Platz (von πλατεία, platea ) – Fladen und platt (von πλατύς) – Bruder (von φράτηρ frater ) – Storch (von τόργος) – Esel (von asellus , Diminutivform von asinus) – Kamin (von caminum ) – Kampf (von campus , Schlachtfeld) – Kissen (von cussinus ) – Lache (von lacus ) – Narr (von nario ) – Flaum (von pluma ) – Pein und verpönen (von poena ) – kasteien (von castigare ) – Zentner (von centenarius ) – Koppel und kuppeln (von copulare ) – Kuckuck (von cuculus ) – Laube (von laubia ) – Minne (von μένος, memini, reminiscor ) – Meer und Marschland (von mare ) – Neffe (von nepos ) – Nichte (von neptis ) – Lehm und Leim (von limus ) – Meister (von magister ) – Werk (von έργον) – – was uns wiederum beweist, daß selbst das deutscheste vom Deutschen, das deutsche Sprichwort, nicht durchweg ohne Fremdanklang auskommt: »Wie der Meister, so das Werk«, beide Hauptwörter zurückführbar auf Wurzeln, die man heutzutage als »welsch« bezeichnet. Weiter: Mandel (von amandula ) – blond (von blundus ) – Burg, Bürger (von burgus, burguarius ) – Senf (von σίναπι, sinapis ) – Zucker (von saccharum ) – Donner (von τόνος, tonitrus ) – Raps (von rapicium ) – Ruder (von ratis ) – Prinz (von princeps ) – Linse (von lens ) – Pappel (von populus ) – Rock (von roccus ) – Runzel (von ruga ) – Scharlach (von scarlatum ) – Atem (von ατμός) – Wind (von ventus ) – Wanst (von venter ) – Ball (von βαλλίζω, werfen ) – Pokal (von βουκάλιον) – wahr (von verus ) – Fiedel (von vitula ) – Witwe (von vidua ) – Wein und Winzer (von vinum und vinitor ) – Kranich und Kran (von γέρανος, geranus ) – Veilchen (von viola ) – Wippe (von vibrare ) – wollen (von βούλομαι) – Knie (von γόνυ oder γνύξ) – Zeichen (von δει̃γμα) – Baldrian (von Valeriana ) – Dachs, Dackel (von taxo ) – tasten (von taxare ) – Stöpsel (von stuppa ) – Bischof (von episcopus ) – Ingwer (von zingiber ) – Leber (von ηπαρ) – Stoppel (von stupila ) – sputen und spazieren (von spatium ) – Seife, Saft (von sapo, sapor ) – Straße (von strata ) – Sarg und Schrein (von scrinium ) – Fell (von pellis ) – Pfeiler (von pila ) – Strudel (von stridere ) – Rad, rund (von rota, rotundus ) – Rübe, Rapunzel (von rapa ) – Teppich (von tapetum ) – Same (von semen ) – Strauß (von struthio ) – ranzig (von rancidus ) – Strippe (von stroppus ) – Pult (von pulpitum ) – mahnen (von monere ) – piepen (von pipare ) – der Rechen (von rogus ) – der Puls (von pulsare ) – das Reich (von [oder urverwandt mit] rex ) – die Grille (von γρύλλος) – Dattel (von δάκτυλος) – Dolde und Tal (von θόλος) – Planke (von planca ) – Pavian (von papio ) – Lauge und laben (von lavare ) – Mönch (von monachus ) – Löwe ( leo ) – Krabbe, Krebs (von κάραβος) – grunzen (von grunnire ) – starr (von στερεός) – Stuhl (von στήλη) – Büchse (von πύξις) – Stärke (von στέριχος) – flechten (von πλέκω) – räuspern (von respirare ?) – Pfaffe (von papas [πάπας]); eine andere, nicht sonderlich glaubhafte Ableitung will »Pfaffe« aus den Anfangsbuchstaben von p astor f idelis a nimarum f idelium zusammensetzen; so oder so, auf einen altklassischen Urbestand wird zurückgegriffen; und wir könnten gleich anschließen, daß das Wort »Urbestand« selbst auf die allerältesten Grundsilben ur (in urus, aurum, aurora , das biblische Aur רוא), und stâ in ιστάναι, stare, zurückgeht. Immer noch zu der Klasse der unschwer erkennbar gehören: bohren (von forare ) – irren (von errare ) – flennen (von flere ) – flackern (von flagrare ) – Flocke (von floccus ) – dauern (von durare ) – Griffel (von graphium , γράφειν) – Gaukler (von [?] joculator , Spaßmacher) – Hokuspokus (aus den Worten der Hostienweihe verderbt »hoc est corpus« ) – Der Sigrist (von sacrista ) – Sapperlot, sackerlot (von sacramentum ) – Der Kamin und die Kemenate (von caminus ) – Der Föhn (von favonius , der laue Westwind) – Die Glucke (von glocire , den Naturlaut der Henne hervorbringen) – Der Kolben (von globus , kugelförmiger Klumpen) – Kerker (von carcer ) – Pinsel (von penicillus ) – Pfanne (von patina , πατάνη) – Schuster (von (Schuh-) sutor ) – Fiedel (von fidicula =Saiteninstrument) – Entern (von intrare ) – Das Schiff (von [?] scyphus , Becher) – Petersilie (vom griechischen petroselinon ) – Skizze (von scida , ein abgerissener Streifen der Papierstaude, schedium , ein Stegreifgedicht) – Der Zoll (von tollere , wegnehmen, Abgabe erheben) – Treff (über französisch trèfle aus trifolium , Klee, Dreiblatt) – Weiher (von vivarium , Fischteich) Beiläufig bemerkt: In vereinzelten Fällen kann auch der umgekehrte Weg, das Eindringen aus dem Germanischen ins Lateinische, verfolgt werden. Hierfür eine größere Reihe aufzuzählen, wäre in diesem Zusammenhange zwecklos; ebenso wie es bedeutungslos erscheint, sich auf den philologischen Begriff der Wurzel als einer Ein silbigkeit festzulegen. Uns kommt es vielmehr nur darauf an, den Zusammenhang mit Ursprungsworten zu betonen, die hier in leicht verständlicher Bildlichkeit als Wurzel bezeichnet werden. – Daube (von duba ) – Glas (von glaesum ) – Fackel (von fax, facula ) – Fieber (von febris ) – Erbse (von ervum ) – stellen (von στέλλω) – stöhnen (von στένω) – Kufe und Kübel (von cupa, cupellus ) – Koch, Küche, kochen (von coquus, coquina, coquere ) – Kelter (von calcatorium ) – die Karausche (von coracinus ) – Stirn (von στέρνον) – die Stimme (von στόμα) – der Busch (von buscum ) – der Kampfer (von camphora ) – der Klang, klingen (von clangor, clango ) – Brief (von breve ) – Marke (von margo ) –, wonach auch die Briefmarke, wie oben das Schreibpapier sich einer leisen Beziehung zum Ausland nicht erwehren kann. Nicht ganz so einfach verhält es sich mit der Verzweigung der Wurzeln bei den nachstehenden Worten, von denen einige sogar den Rang interessanter Fälle beanspruchen. Wiederum soll aus einer unerschöpflichen Reihe nur eine engbegrenzte Auswahl geboten werden, und wiederum mit dem Vorbehalt, daß unsere erläuternde Silbe »von« nicht die Ausschließlichkeit der Abstammung behauptet. Es gibt da vielfach in der Entwicklung Nebenwege in Entlehnung, Anlehnung, Seiten- und Urverwandtschaft, Laut- und Bedeutungswandel; aber in der Grundtiefe des Stammes bleiben Fasern aus Latein und Griechisch nachweisbar, die manchem Überraschung bereiten mögen, wenn er sie zum ersten Mal bloßgelegt erblickt: Arzt wird hergeleitet von archiater , αρχιατρός (Hauptarzt, Erzarzt, besonders auch: königlicher Leibarzt); die Rangbezeichnung in »Arch..« übernahm für unser Wort das wesentliche in der Begriffsbestimmung. Vogt findet seinen Ursprung in advocatus , also in der Mittelsilbe des Wortes; der Bedeutungswandel geht von Sachwalter über Schutzherr zu Statthalter, Gerichtsbeamter, Schirmvogt. Pfingsten , von πεντηκοστή, pentekoste , wörtlich der fünfzigste Tag (d. h. nach der Darbringung der Erstlingsgarben). Pferd , vom spätlateinischen paraveredus , »das zum Dienst auf Nebenlinien bestimmte Postpferd«. Aus noch früherer Zeit wird poledros genannt, anklingend an πω̃λος, polos , und an das gleichbedeutende »Fohlen«. Eine Seitenlinie führt von poledros auf poletro, poledro (spanisch-italienisch), ein Marterwerkzeug von der Figur eines Pferdes, woraus das deutsche »Folter« entstanden ist. Armbrust hat nach eifriger Behauptung der Philologen nichts mit Arm und Brust des Schützen zu schaffen, leitet sich vielmehr ab von arcubalista , »Wurfbogen«; aber selbst wenn die reingermanische Zusammensetzung möglich wäre, blieb immer noch ein fremdländischer Rest haften, da »Arm« wahrscheinlich auf das altlateinische, dem Ovid wie Virgil geläufige armus = Oberarm zurückgeht. Brille ist entstanden aus beryllus , dem glasig glänzenden, für optische Zwecke verwendbaren Edelstein, heißt also eigentlich Berylle . Kunterbunt bedeutet ursprünglich »vielstimmig« und stammt aus contrapunct , das über die Zwischenstufe contrabund erst seit dem 15. Jahrhundert vereinzelt in gegenwärtiger Bedeutung auftritt. Bunt : vom mittellat. punctus , punktiert, gefleckt. Trichter ist eigentlich tractarius, trajectorium , ein Werkzeug, mit dem man aus einem Gefäß in ein anderes gießen, trajicere , kann. Impfen , entlehnt aus imputare , das ein verdorbenes amputare darstellt und sonach in der Tätigkeit wesentlich das Operative betont. Koller (als Krankheitsform) von χολέρα, cholera , Gallensucht. Erbe , von όρφανος, orbus , verwaist, vaterlos. Kirche von κυριακή (kyriak e ), ursprünglich der Sonntag, später das Haus des Herren. Nüchtern (in bestrittener, aber doch ganz einleuchtender Ableitung) von nocturnus, nächtlich. Abenteuer (Aventiure) von adventura aus advenire , sich ereignen. Westen (als Himmelsrichtung), wenn nicht geradlinig abstammend, so doch zusammenhängend mit ves-per, griech. hes-pera, Abend; die Richtung der abendlichen Sonne. Kirsche vom griech. kerasos, Kirschbaum, lat. cerasus. Lakritze, von γλυκύρριζα ( glüküriza ) aus γλυκύς – Süßwurzel. Bretzel, von bracellum, brachiolum, Armchen; Gebäck, dessen Figur der Armbiegung entspricht. Soldat, Söldner, Sold, von solidus, fest, gediegen; Solidu war eine Goldmünze etwa im Werte eines Dukatens; später im Begriff entwertet, in Abwandlung bis soldo , sou. – Der Soldat trägt einen Tornister, dessen Stammlinie bis ins Griechische geht: τάγιστρον, tagistron, Futtersack des Reiters, im Zusammenhang mit kanistron, Körbchen.– Des Soldaten Flinte, das mit Steinschloß versehene Gewehr, findet seinen urväterlichen Laut in πλίνθος, plinthos , ursprünglich Ziegelstein, weiterhin jeder Stein von rechtwinkligen Flächen. – Des Soldaten Stiefel hieß in Vorzeit ae-stivale, hing mit aestus, Sommerhitze, zusammen und bedeutete einen aus leichtem Leder hergestellten Sommerschuh. Kartaune gründet sich sprachlich auf eine Berechnung: es handelt sich um eine kleine Kanone, deren Geschoß nur ein Viertel des großen Belagerungsgeschosses wog; der vierte Teil, neulatein.: quartana, ergab Kartaune. Selbst die Pickelhaube ist nicht ganz so grunddeutsch, wie man vermuten könnte. Sie hängt mit Becken zusammen, spätlateinisch bacca, nach der eigentlichen Beckenform des Helmes; bacilletum = Helm. Versteift man sich aber auf die »Haube«, so gelangt man auf einem anderen Ast abermals ins Lateinische, da Haube auf Haupt und damit auf die Grundform caput zurückgeht. – Des Soldkriegers Fahne hieß einmal pannus , Tüchlein, und kommt schon bei den römischen Klassikern im Sinne eines wehenden Zeugstreifens vor; ( penna – die flaumige Fahne am Federkiel). – Des Söldners Knaster ist ein lateinisch-griechisches Gewächs, κάναστρον, canistrum , das in die lateinische pipa , deutsch Pfeife gestopft wird. Von den Wolken des canistrum eingehüllt spielt er Skat aus ex carta (charta), herausgelegte Karte. Ähnliche Ableitung im Französischen, so daß Skat und Écarté (von é-carter ) im Sprachsinne eigentlich dasselbe Spiel darstellen. Sein Trumpf-As zeigt zwei Urbestandteile, den Trumpf, von triumphus , und das as , die Eins. Im Krankheitsfall wird der Soldat untersucht vom Oberarzt , dessen Sprachgeschichte schon oben, bei »Arzt« berührt wurde; die Ergänzung Ober = über, von υπέρ, führt auf einen Hyperarchiater, wie der Doktor vielleicht heißen würde, wenn er in lautlicher Urgestalt zu uns gekommen wäre. Er verordnet ihm Rhabarber , der von radix barbara herkommt, in pflanzlicher Verwandtschaft mit Rettich und Radieschen, die das Grundwort radix leichter erkennen lassen. Wir brechen hier ab, vorläufig, und einfach deshalb, weil doch irgendwo ein Ende gemacht werden muß. Der Stoff selbst würde Fortsetzung bis ins Unendliche gestatten. Wir haben hier in der »radix barbara« wieder das Grundthema erreicht, die »fremdländische Wurzel«, von der wir in unsrer Betrachtung ausgingen. Man grabe, wo man will, überall stößt man im sprachlichen Erdreich auf solche Wurzeln; sie vermehren sich ins Unabsehbare, wenn man außer dem Latein und Griechisch noch die Herkünfte aus Italienisch, Französisch, Englisch, aus slawischen Sprachen usw. usw. in Betracht zieht. Ich stelle mir einen aufmerksamen, unverbildeten Leser vor, der vordem noch keine Gelegenheit hatte, derlei Zusammenhängen nachzuspüren, dem sonach die obige Liste einiges Neue und Belehrsame geboten haben mag. Und ich bin sicher, daß schon am ersten Drittel der Lehrstrecke jene Frage ihm ankam mit stetig wachsendem Fragezeichen: ja, wenn so viel im Deutschen entlehnt, aus Fremdkeim entwickelt ist, was ist dann noch wirkliches Fremdwort? wo ist die Grenze zu ziehen? Und die einzige Antwort, die man ihm mit guten Gewissen geben kann, lautet: es gibt keine Grenze, alles fließt, jeder Versuch, Abteilungsstriche einzuziehen in das Fließende, muß als aussichtslos und kindisch erscheinen. Tatsächlich zieht auch jeder unserer Reinigungsmeister die Grenze anders. Jeder läßt anderes gelten, lehnt sich gegen anderes auf. Es herrscht die reine Willkür und die unklare Gefühlswallung statt des sichtenden Verstandes. Alle zusammen wirtschaften freilich mit dem Begriff der »Eindeutschung«, aber über den Grad der Einbürgerung, der Eingedeutschtheit entscheidet jeder nach eigenem Gutdünken. Und keiner kann sich so recht vergegenwärtigen, was eigentlich mit dem Fremdwort vorgeht, wenn es bei uns einwandert, sich den Gepflogenheiten des Landes anpaßt, um schließlich ganz deutsch zu werden. Irgendwann in einem vergangenen Jahrhundert müssen diese Vorgänge stattgefunden, und jedes Fremdwort, als Vorläufer des späteren Gutdeutschwortes, muß einmal den kritischen Punkt überschritten haben. Kam es hinüber oder nicht? das ist die Einzelfrage. Durchgreifende Gewißheit aber ist: kein einziges wäre hinüber gekommen, wenn es schon damals die stirnrunzelnden Grenzwächter gegeben hätte, die Herrn Verbieterles, die den geschlossenen Sprachstaat verlangen und nichts hineinlassen, was nicht schon drin ist. Was sie heute betreiben, ist die Unterbindung dieses natürlichen Vorganges, der unserer Muttersprache so viele triebstarke Säfte zugeführt hat; eine Abschnürung der Triebe infolge mangelnder Überlegung und besonders infolge der Unfähigkeit, sich in die Sprachnotwendigkeiten anderer Menschen einzufühlen. Soll künftig nur die engere Empfindung entscheiden? ich verlange den Freipaß für die erweiterte, die ihr natürliches Recht schon zu Urväterzeit ausgeübt hat. Deine Eindeutschungsgrenze braucht nicht die meine zu sein. Wie wäre es dir, wenn ich dir das Wort »Orgel« untersagte, als ein verkapptes Fremdwort, das noch alle Fremdzeichen aus organon an sich trägt? du würdest wettern und toben, oder mich auslachen, und ganz mit Recht; denn die Orgel ist deutsch. Für mich ist aber »Organ« , als dem nämlichen organon entstammt, ebenfalls deutsch, und keiner braucht mir anzukommen, der es mir ausredet oder übersetzt. Das Wort »Apotheke« hat in sieben Jahrhunderten genügend Zeit gehabt, sich einzudeutschen; seit dem sechzehnten Jahrhundert ist es vollständig deutsch geworden, und niemand rüttelt an seiner völkischen Geltung. Immerhin ist es der Übersetzung fähig, und gerade diese: »Ablage« steht an Sinnigkeit weit zurück gegen andere »– – theken«. Wenn also Apotheke als einwandfrei erscheint, warum soll ich in Glyptothek, Pinakothek, Bibliothek, Kartothek und Hypothek lästige Ausländer erkennen? Dem Wort »Tinte« liegt das gleichbedeutende lateinische tincta , »Gefärbtes, Buntes« zugrunde. Aber Tinte ist deutsch, während Tinktur gezwungen wird, im Fremdwörterbuch Platz zu nehmen; weil der sprachliche Grenzstrich gerade so gezogen wird von Empfindern, denen die Endsilbe »–ur« eine Gänsehaut über den Leib jagt. Ich brauche nur den Grenzstrich anders zu legen, und siehe da, Tinktur wird ein brauchbares Deutschwort. »Prediger« ist nichts anderes als praedicator . Auf dem einen Entwickelungsaste hat sich praedicare zu predigen umgeformt, auf dem andern zu Prädikat . Ich habe Lust, die beiden Äste für gleichwertig zu halten, also ist »Prädikat« für mich eingedeutscht. Der Bonze will mir befehlen, dafür »Titel« zu sagen. Das kann ich tun, wenn ich will, und wenn ich nicht will, so erkläre ich ihm zum Trotz »Titel« = titulus für ein lateinisches Fremdwort. Der »Meister« gibt sich deutlich (siehe Seite 94) als »magister« zu erkennen. Aber der Meister wird mir erlaubt, der »Magister« verboten, während ich wiederum beim »Minister« freie Hand behalte. Wie nun, wenn mir der Magister höher stünde als der Minister, da ich bei dem einen das »magis«, das Plus, beim andern aber das »minus« hindurch höre? Aber auf solche Spitzfindigkeiten brauche ich mich gar nicht einzulassen; wenn mir im Zusammenhang »Magister« als geboten erscheint, so wird es für mich genau so Bestandteil deutscher Rede, wie Meister, und magistral genau so erlaubt, so wenig fremdwörtlerisch, wie meisterhaft . Stelle ich mich, wie natürlich, auf diese Empfindung ein, so erklingt mir auch unser Magistrat durchaus germanisch, oder mit dem Ausdruck der Anderen: als völkisch. Frux, fructus ist Frucht geworden in der substantivischen Linie, in der adjektivischen: frugal . Jenes wird mir erlaubt, dieses verboten; ein Rechtsgrund liegt nicht vor, nur ein willkürlicher Scheidestrich, den ich nicht anerkenne, und zwar umsoweniger, als mir in jeder Übersetzung von frugal der Anklang an die Frucht unterschlagen wird. Der Verbieter verzichtet auf diesen Anklang, ich halte ihn für notwendig, und wenn ich eine Kost, eine Mahlzeit als frugal bezeichne, so drücke ich mich genau so deutsch aus, wie der Übersetzer und noch dazu um einen Grad deutlicher. Die Endsilbe »– – – ung« wird in der Regel zum Hauptausweis und Freischein; ordo = ganz lateinisch; Ordnung = ganz deutsch; rex und regere = ganz lateinisch; Regierung = ganz deutsch. Hier stockt er schon, wer hilft ihm weiter fort? Er macht einen leisen Vorbehalt, er beginnt schon wieder Grenzstriche zu ziehen. Nämlich so: Das Wort Regierung gibt er mir allenfalls frei, das Zeitwort »regieren« aber schachtelt er in die Fremdkiste. Und das muß ich mitmachen, aller Sprachlogik zuwider, bloß weil eine Gilde es also beschlossen hat? Hand aufs Herz, lieber Gildenmensch, dir gilt auch die »Regierung« nicht als ganz sprachreinlich, trotz der Endsilbe »ung«; und du läßt sie nur stehen, weil du nicht weißt, wie du dir aus der Schwierigkeit heraushelfen sollst. Ich helfe mir anders; ich sage: Von rex und regere , die bis in »Reich« und »Recht« hineinstrahlen (siehe Seite 95), sind meinem Sprachgefühl auch die anderen Ableitungen zu deutschem Gruß willkommen, also Regierung, und regieren und – nehmen Sie's nur nicht übel, Herr Gildenmensch – sogar das Wort »Regiment« in der Staats- und Heeressprache. Populus , verkürzt poplus , und publicus haben sich zu Pöbel, populär und Publikum fortgesetzt. Der Bestimmer starrt auf die Endsilben, erklärt »–är« und »–um« als Bannware, während er »–el« gnädig durchgehen läßt. Also »Pöbel« wird von seinem Prisengericht freigegeben, »populär« und »Publikum« beschlagnahmt. Da bleibt nichts übrig als die Berufung an das Gericht des Menschenverstandes, der ja in diesem Falle auch der Verstand Lessings und Goethes gewesen ist; denn beide brauchen zu unzähligen Malen »Publikum« ohne Schmuggelabsicht wie ein selbstverständliches Deutschwort. Aber populär kann man doch übersetzen in »volkstümlich«, »volksverständlich«; gewiß, so wie man jedes grunddeutsche Wort auch noch übersetzen, d. h. durch eines von ähnlicher Bedeutung ersetzen kann (z. B. Pferd durch Gaul, wobei man im Augenblick übersieht, daß Pferd von paraveredus und Gaul von caballus herkommt; wie man ferner auch übersieht, daß in »volksverständlich« möglicherweise schon wieder eine fremde Wurzel steckt, nämlich volk von volgus, vulgus) . Aber vielleicht hat ein künftiger Heißsporn das Glück, die Form »populehr« für allgemeine Aufnahme durchzudrücken; wobei das lehrhafte zur Geltung käme und der verhaßte Welschklang aus populus in Vergessenheit geraten könnte. Kartaune geht, wie wir oben sahen, als quartana auf quartus zurück; wie auch das Quartal , die Schulklasse Quarta , der Quartaner , das Quartett , das Quartier . Kartaune hat sich der Form nach stärker gewandelt, Quartal usw. haben den Sinn der Grundform treuer bewahrt. Das ist nämlich in vielen Fällen das Entscheidende: erst wenn sich der Sinn verdunkelt hat, erhält das Wort die große Absolution für seine Ursprungssünden und wird in den Staatsbürgerverband aufgenommen. Nichts hindert uns aber, entgegengesetzt zu urteilen und zu erklären: der Schüler der vierten Klasse soll auf einem deutschen Gymnasium auf gut deutsch Quartaner heißen. Der Pilger ist nichts anderes als der alte peregrinus , und so hat auch der Pilgermantel die Erinnerung an den peregrinus bewahrt, nämlich als »Pelerine« . Nur der Prozentsatz des Fremdwörtlerischen ist verschieden, es besteht darin nur ein Unterschied des Grades, nicht des Wesens. Der lateinische modus hat sich seiner mehrfältigen Bedeutung entsprechend sowohl zu Maß , als zu Modell, Mode, modern entwickelt. Das »Maß« soll gelten, die »Mode« wird von den ganz Gestrengen verpönt, obgleich sie schon im 15. Jahrhundert als Wort in Deutschland heimatsberechtigt war. Auch Schillers Fürsprache (in der Ode an die Freude) hat dem Wort Mode nicht viel geholfen; wir kommen aus dem Zwiespalt am leichtesten heraus, wenn wir das Verfahren der ganz Gestrengen als eine vorübergehende Mode erklären. Das massige centum ist im Gewicht Zentner , in der Berechnung Prozent geworden. Bevor es Zentner wurde, war es centenus, centenarius ; dieser Weg war ihm erlaubt, aber Prozent, prozentig; – das geht nicht, das müssen sie verdeutschen. Müssen sie wirklich? dann sollen sie auch für das Fremdwort Zentner Hundertpfünder sagen und es dem Hörer überlassen, ob er dabei an ein messendes Gewicht oder an eine Kanone denken will. Der alte deus steckt noch in »Dienstag« , zugegeben in alleräußerster Verdünnung; er steckt weit sichtbarer in »ade!« und »adieu!« , aber wehe dem Zeitgenossen, der den lieben Gott auf dem Umwege über Frankreich in den deutschen Gruß hineinbemühen will! Lieber verzichten sie auf den ganzen deus und rufen Guten Morgen, Guten Abend, Empfehle mich Ihnen, damit bloß der verwelschte deus aus der Anrede verschwinde. Einige sagen allerdings (für den Norddeutschen beinahe mundartlich): »Grüß Gott«, und glauben damit auf unanfechtbarem Deutschgrund zu stehen. Aber auch das »Grüß« war einmal Fremdwort, als es in unmerklichen Umbiegungen aus der griechischen Formel χαι̃ρε, chaire, zu uns hinüberwanderte. Erscheint es nicht viel einfacher, das ade und adieu, adjö, nachdem es milliardenfach von deutschen Lippen erflossen, als Bestandteil deutscher Sprache anzuerkennen? und dabei festzustellen, daß der alte deus in dieser Gestalt bei uns nicht nur Volksrecht, sondern sogar Volksliedrecht gewonnen hat? Es gibt auf diesem Wege kein Aufhören. Je mehr Beispiele man behandeln will, desto mehr bleiben als unerledigt zurück. Aber schon beim hundertsten müßte es völlig erwiesen sein, was das tausendste nur noch zu bestätigen, nicht mehr zu beweisen hätte: auf die Frage, was ist Fremdwort? gibt es keine Antwort. In unermeßlicher Anzahl waren sie Fremdworte, die nämlichen Lautgebilde, die längst deutsch geworden, oft genug ununterscheidbar von den teutschesten Urworten. Sie waren es in Zeiten, da sie die Möglichkeit fanden, sich einzudeutschen, da keine Verbieter auf allen Wegen umherlauerten, um das Eindringen fremden Sprachgutes zu verhindern, das Aufsprießen aus fremden Wurzeln zu verhüten. Und wie sähe die Sprache aus, wenn die Aufpasser schon vor Jahrhunderten ihr Werk geübt hätten, mit welcher Verödung, Verkümmerung, Verarmung hätte sie solches »Reinigungswerk« von anno olim bezahlt! Und wie sehr ist sie mit ihrer heutigen Pracht und Fülle den Vorfahren verpflichtet, die in aller Einfalt das Gute nahmen, wo sie es fanden, die es in aller Freiheit nehmen und verarbeiten durften! Wäre die Sprachkunde nicht nur ein gelehrtes Wissen, sondern eine exakte Wissenschaft wie Physik und Astronomie, so würde sie den Prozentsatz des Fremdwortlichen im Einzelwort genau bestimmen können. Wir würden dann etwa feststellen: Meister enthält vom Stammwort magister nur noch 20%, Magistrat enthält 90%, der Trennungsstrich aber, der Deutsch von Nichtdeutsch scheidet, soll bei irgend einem Mittelwert, sagen wir bei 50% liegen. Willkür genug bliebe noch übrig, aber man hätte doch wenigstens eine erfaßbare Regel. Da eine solche fehlt und niemals gewonnen werden kann, so bleibt alles dem Empfinden anheimgestellt, das nur Gradunterschiede, aber keine Wesensunterschiede wahrnimmt. In der Dehnbarkeit dieses Empfindens liegt aber zugleich die Bürgschaft für eine gedeihliche Fortentwickelung des Sprachgutes. Tritt es eng und pedantisch auf, so werden zahllose Keime abgeschnürt, die in naher oder ferner Zukunft zur Vermehrung unseres Sprachschatzes erwachsen können. Tritt es frei auf und nicht durch Verfügungen beängstigt, so können tausende von Fremdlingen dereinst gutdeutsch werden, wie sie früher gutdeutsch waren, als die Empfindung sich noch nach dem Bedarf und nicht nach ausgeheckten Maßregeln richtete. Sprachlich wie wirtschaftlich war und ist Deutschland darauf angewiesen, Rohstoffe einzuführen, die einem Umbildungs- und vielfach einem Veredelungsverfahren unterworfen werden. Daran wird auch die Zukunft nichts ändern. Je freier die Grenzen, desto größere Möglichkeiten für den Veredelungsbetrieb. Nun hätte es noch allenfalls einen Sinn, dafür zu sorgen, daß nichts hinausdringt, aber die Einfuhr zu unterbinden, ist in jedem Betracht unsinnig, namentlich auch in dem, daß die Worte des gegenwärtigen Bestandes alsdann zur Inzucht verurteilt würden. Und Inzucht führt in allem Organischen zur Entartung, stellt einen verschleierten, langsamen Selbstmord dar. Wo die Kreuzungen ausgeschaltet werden, verfällt die Zucht dem Ruin. Und auf dieses zwar nicht gewollte, aber unvermeidliche Ziel arbeiten diejenigen hin, die angeblich zum Schutz der Sprache die chinesische Mauer errichten. Ginge es nach ihnen und hielte ihre Sperrmauer so dicht, wie sie sich einreden, so hätte Deutschland in hunderten von Jahren nicht eine gereinigte, sondern eine durch Inzucht verschmutzte, verdorbene, hinsichtlich der Ausdrucksmöglichkeit verhungernde Sprache. Nur dann verhungert sie nicht, wenn sie einigermaßen Schritt zu halten vermag mit dem alle Umkreisungen durchbrechenden Denken, das die begriffliche Peripherie dauernd und unaufhaltsam ausweitet. Aber wie soll sie Schritt halten, wenn sie nach allen Richtungen hin gegen eine Mauer anrennt? Zum Glück hält die Mauer eben keineswegs dicht, und es steht zu hoffen, daß sie unter dem Ansturm der Notwendigkeiten zusammenbrechen wird. Das ist die Hoffnung derer, die da wissen, daß das Fremdwort von gestern das eingedeutschte Wort von morgen und das Deutschwort von übermorgen werden kann; wozu sich ja aus unserer kleinen vorher gegebenen Liste ein ziemlich überzeugender Beweis ziehen läßt. Inzwischen mögen die schulmeisterlichen Veredler von heute fortfahren, ihr Tagewerk zu üben, mit Bestanderhebungen und Beschlagnahmungen von Ausdrücken, denn das ist ihres Amtes, »wie sie es verstehen«. Sie rationieren, sie beliefern uns, sie stellen Bezugsscheine auf Worte aus, nach einem Schema von unergründlicher Amtstiefe. Und manch einer, der sich in seinem Sprachhunger gegen die Bevormundung auflehnt und Auslandsware aufnimmt, mag in den Verdacht des Schleichhandels geraten. Das ist nur ein Übergang. Über kurz oder lang wird doch der freie Handel, auch mit Worten und Gedanken, wieder in Kraft treten, denn er ist die alleinige Form, die den Bedingungen des Menschendaseins und des Geisteslebens völlig gerecht wird. Eine Unmenge von Zeit, Scharfsinn, Gerede und Geschreibe wurde von den Scholastikern auf die Frage verwendet: »Ist die Fledermaus ein Vogel?«, und keinem der weisen Streiter fiel es ein, erst einmal den Begriff »Vogel« fest zu umgrenzen. Ist ein Vogel durch die Federn eindeutig definiert? dann gehört der Kasuar mit seiner roßhaarartigen Bekleidung nicht zu den Vögeln; durch das Fliegenkönnen? dann darf sich die Fledermaus melden, und ebenso der Hammel, der zugleich mit Ente und Hahn den ersten denkwürdigen Flug in der Montgolfiere ausführte, nicht aber der Strauß. Und man definiere, wie man wolle, immer wäre in der Vorzeit oder auf einer unentdeckten Insel ein Geschöpf möglich, das Vogel wäre und doch nicht in die Definition paßte, oder das die Definition erfüllte, ohne Vogel zu sein. Die Enkel jener Scholastiker leben mitten unter uns, die Fledermaus-Debatte haben sie aufgegeben, aber sie fragen so ähnlich und mit derselben Ausdauer: ist dieser oder jener Ausdruck ein Fremdwort? Und wiederum gehen sie an der Hauptsache vorbei, an der Definition. Nämlich weil sie längst definiert wähnen, was ewig undefinierbar bleiben wird. Die Frage: »Was ist ein Fremdwort?« wird noch nicht einmal von der Frage des Pilatus »Was ist Wahrheit?« an Schwierigkeit übertroffen. Unmöglich bleibt es, aus der Fülle fließender Erscheinungen Bildtafeln herauszuschneiden, sie in Rahmen zu spannen und diese mit gültigen Aufschriften zu versehen, wohl gar aus den Zügen alle Entlegenheiten des Stammes und der Rasse herauszulesen. Das Wort verhält sich in dieser Hinsicht wie der Mensch, da es ähnlichen Bildungsgesetzen unterliegt. Jeder Mensch hat einen Vater, zwei Großväter, vier Urgroßväter, und so steigt die Reihe hinan in scharfer Progression; bis sich die Spuren ins Unerkennbare verlieren. Die Lebensdauer des Einzelwortes mag länger sein als die des Einzelmenschen, seine Ahnentafel gestreckter, aber was aus ihr ermittelt werden kann, bleibt immer nur eine dürftige Linie in ungeheurem Geäste. Denken wir an die letzten Verzweigungen, die vom Dunkel der Jahrtausende überschattet werden, so verliert für uns der Begriff des »Fremden« jeden Sinn; und ebenso werden die Begriffe »schädlich«, »entbehrlich« nur vorläufige Merkzeichen, in engem Bereiche, gewissen höchst veränderlichen Bedürfnissen angepaßt. An sich betrachtet ist kein Wort schädlich, es stamme woher es wolle, und über seine Zweckdienlichkeit entscheidet nicht ein zum Sonderzweck eingesetzter Gerichtshof, sondern die Zeit. Sie allein läßt sprießen und verkümmern, sie stößt ab, was sein Dasein nicht mehr zu rechtfertigen vermag, sie begünstigt lebenskräftige Keime, die der Wind aus aller Welt uns zuträgt, und sie verschafft dem tüchtigen Wort die freie Bahn. Grenzschutz der Sprache Das Moralische versteht sich immer von selbst, sagt der Schwabe Vischer, und obschon sein Satz mit einem »Fremdwort« (Weltwort) beginnt, wollen wir ihn als kerndeutsch anerkennen, nach Fassung und Bedeutung. Ohne Rückhalt sei zugegeben, daß auch das Sprachmoralische, die Reinheit, das Deutschtum im deutschen Wort sich immer von selbst versteht; nämlich das Deutschtum, wie wir es im Laufe unserer Untersuchung als für den Bestand und die Entwicklung der Rede und des Schrifttums notwendig erkennen. Wo das Wort wirklich als lästiger Ausländer erkannt wird – nicht von den Fexen, sondern von den Könnern –, möge es sich vom Sprachboden entfernen. Aber seine Ausweispapiere, seine Arbeitsvergangenheit, seine Hilfsleistungen sollen in jedem Falle sorgsam geprüft werden. Wir wollen uns vergewissern, ob wir nicht durch die Verdrängung eines Ausdruckswesens einen Sprachverlust erkaufen, Bedeutungsfülle opfern, um Dürftigkeit einzutauschen, und ob bei der Neubesiedelung des Bodens nicht etwa störende Begriffsverwirrungen eintreten. Und ferner: wir wollen uns jederzeit gegenwärtig halten, daß wir im Sprachlichen neben der inneren Kolonisation auch eine äußere wahrzunehmen haben: daß in unseren entfernten Sprachkolonien Kostbarkeiten wachsen, die uns dem Klange nach fremdländisch ansprechen, aber doch für die Wohlfahrt des Mutterlandes unentbehrlich und deshalb schutzbedürftig sind. Eine Anzahl dieser Fremdgewächse sei hier zur Untersuchung gestellt. In knappster Form sollen etliche Grenzfälle untersucht werden; vereinzelte Stichproben, die sich zur Gesamtaufgabe verhalten wie herausgefischte Tropfen zum Ozean. Und diese Liste, die sich leicht zu einem ansehnlichen Buche auswachsen könnte, wird eine wichtige Ergänzung der vorhandenen Verdeutschungs-Wörterbücher ergeben. Pathos . Wörtlich: das Leiden, die Leidenschaft; nur daß mit dem Wörtlichen nicht viel anzufangen ist. Im Pathos lebt nämlich auch eine Gehobenheit, Getragenheit, die nur dem Grade nach mit der Leidenschaft verglichen wird, ohne selbst Leidenschaft zu werden. Ja, in der feinsten Blüte des Pathos waltet sogar die Ruhe . Beethovens Sonate pathetique liefert hierfür ein tönendes Beispiel; nicht minder Nietzsches mit Recht so berühmtes »Pathos der Distanz« , das doch wohl andere Gefühle auslöst, als die bierbanklichen Nörgeleien, die den wundervollen Ausdruck verfolgen. Man unterstelle für »Pathos der Distanz« die »Leidenschaft des Abstands« oder den »Schwung der Entfernung«, und man fühlt statt der Erhabenheit eine leichte Komik und dazu eine innere Verdrehung des Begriffs. Sarrazin nennt in seinem trefflichen Buche u. a.: Würde, Gewicht, Erhabenheit, Wärme, Glut, Schwung; was dazwischen liegt, nennt er nicht, kann er nicht nennen, eben weil es dazwischenliegt. Und an dem die Zwischenstufen umspannenden Ausdruck sollten wir vorübergehen? wir sollten zerfasern, was sich uns als Einheit bietet? Längst schon besitzt das griechische Wort alle Anwartschaft auf Einbürgerung in den deutschen Sprachschatz, dem wir in diesem Fall um so sicherer dienen, je häufiger wir Pathos ganz einfach mit Pathos übersetzen. Dimension . Zur Auswahl stehen: Abmessung, Umfang, Ausdehnung, Größe, Erstreckung, Größenverhältnis, Maßverhältnis, Ausmaß, Raumverhältnis, Höhe, Breite, Stärke, Abstand, Raum usw. Unter den verfügbaren Deutschhilfen erscheint »Ausmaß« im wesentlichen noch als die brauchbarste, da sie wenigstens am Sinne Dimension nicht geradezu vorbeigeht. Indes ist es auch dem »Ausmaß« nicht gegeben, anzudeuten oder gar zu erschöpfen, was über die platte, klägliche Anwendung hinaus das Wesen der Dimension ausmacht: nämlich die aus der Vorstellung des Raumes abgezogene Mehrfältigkeit, die innere Berufung auf Länge, Breite und Tiefe, die auf den Urgrund der Flächen- und Raumerfassung deutet und für grundsätzlich verschiedene Anschauungen einen Generalnenner schafft; und eine denknotwendige Beziehung auf irgend welches Koordinatenkreuz. Nur in den Fällen, wo wirklich eine Messung vorliegt oder erfolgen soll, wo Längen-, Breiten-, Höhenwerte eine Rolle spielen und eine metrische Vergleichung erfahren, wäre »Ausmaß« oder »Abmessung« am Platze. Wo aber die rein geometrische Vorstellung oder gar die metaphysische vorschlägt, bleibt das Wort »Dimension« in Alleinherrschaft, wovon man sich leicht überzeugt, wenn man auch nur den Versuch unternimmt, Worten wie »zweidimensional«, »vieldimensional«, mit einer Übersetzung nahezukommen; ein Versuch, der übrigens in den mir vorliegenden Hilfsbüchern gar nicht erst angestellt wird. Sensuell : Scheint sich sehr leicht mit »sinnlich« zu übersetzen, und in einigen Fällen, wo es auf die genüßliche Begierde ankommt, findet auch vollkommene Begriffsdeckung statt. Aber es schüttelt mich jedesmal, wenn ich den heillosen Mißverstand gewahre, der die »Sensualität« als eine Erkenntniswurzel mit der Sinnlichkeit zusammenwirft. Hier geht die wirkliche Trennung messerscharf: auf der einen Seite die nach der »Lust« gerichtete Lebensfülle, auf der anderen eine durchaus philosophische von bestimmter Sinneswertung abgeleitete Anschauung. Die Gegensätzlichkeit ist so groß, daß man das Sonderwort, wenn es nicht schon bestünde, eigens erfinden müßte. Milieu : Das Musterbeispiel und Paradestück der Sprachreiniger, die mit dem angeblichen Zauberwort »Umwelt« einen ihrer stärksten Trümpfe ausspielen. Ist nun »Umwelt« wirklich dasselbe, dient es ebensogut dem Erläuterungszweck? Das wäre ernstlich zu bestreiten. Den charakterbildenden, sozial bestimmenden Wert kann »Umwelt« als viel zu weit gegriffen niemals erreichen, kaum anstreben. Nehmen wir ein Beispiel: Zur Umwelt eines Fabrikarbeiters gehört seine besondere Fabrik, die Stadt, das Land, Europa,– sein Milieu bildet die Fabrik allein; sie ist für ihn das bildende Medium, im Sinne des physikalisch wirksamen »Mittels«, und zugleich der Mittelpunkt der Welt. Als man die soziale Bedeutung der engeren Umgebung erkannte, stand es frei, das Wort zu wählen, sofern dieses Wort eben nur verdichtete ,einen möglichst kleinen Ausschnitt bezeichnete und auf die verändernde Wirkung dieser Enge hinwies. Dem Wort »Lebenskreis« fehlt die Beziehung auf das vermittelnde , werkzeughaft umbildende eines Mittels. Der Ausdruck »Nahwelt« oder »Engwelt« wäre möglich gewesen, allein auch nur im Sinne eines dürftigen Ersatzes, der wesentlich das »Örtliche« bezeichnet, das »Bildende« dagegen nur oberflächlich streift. Fanatisch, Fanatiker, Fanatismus: Für das persönliche Hauptwort wäre »Eiferer« (besser als »Schwärmer« oder »Schwarmgeist«) ein, wenn auch nicht vollwertiger, so doch in manchen Fällen leidlich ausreichender Ersatz. Beim Eigenschaftswort »fanatisch« entsteht mit der Übersetzung »eifernd« oder »eifervoll« bereits eine Begriffslücke, denn ein Mensch, sagen wir ein Schillerscher »Fridolin«, kann im Dienst eifern, ohne sich fanatisch zu betragen. – Die Schwierigkeit wird beim »Fanatismus« unlösbar. Von der Verfolgungswut, die im Fanatismus steckt, ist im Eifer nichts zu spüren, und diese Wut ist wiederum im Fremdwort nur eine Zutat, nicht der Kern. Wie flau, wie schwammig klingt »bis zum Eifer« gegen das brennende »bis zum Fanatismus«! »Bis zur Wut« aber wäre nur eine Viertelsübersetzung, da drei Vierteile des Begriffs in den Motiven, in den Überzeugungen ruhen, während die »Wut« nur die Hitze ausdrückt, nicht aber den Grund der Hitze. Dieser Grund käme wiederum erst hinein, wenn man z. B. sagen würde: »bis zur Glaubenswut«; nur daß sich damit eine schulmeisterliche Analyse einschleicht, die in Grund und Erscheinung auseinanderspaltet, was im Einheitswort untrennbar zusammengehört. Sarrazin verweist bei Fanatismus auf: Delirium, Ekstase, Enthusiasmus, Exaltiertheit, Exzentrizität, Paroxysmus. Recht so! denn diese Hinweise enthalten an Überzeugungskraft des Wortes wirklich mehr als die zuvor genannten Ersätze: Glaubenseifer, Übereifer, Schwärmerei, Begeisterung und Überspanntheit; genau wie das kraftstrotzende »vulkanisch« bei jedem Versuch einer Umschreibung sofort aufhört, vulkanisch zu sein und zu wirken. Neutral, Neutralität : »Keiner Partei angehörig, das völkerrechtliche Verhältnis von Staaten, die an einem Kriege auf keiner Seite teilnehmen.« Abgesehen davon, daß »Partei« selbst wiederum ein Fremdwort ist, gibt das Wort »Unparteilichkeit« (oder »Parteilosigkeit«) ein ebenso schiefes wie verschwommenes Bild von der Neutralität. Gerade das wichtigste: Die völkerrechtliche Beziehung und Grundlage fehlt und muß fehlen, sobald wir die langatmige Umschreibung durch ein gebrauchsfertiges reindeutsches Wort zu ersetzen wünschen; eben weil es sich nicht um einen reindeutschen, sondern im Widerspruch um einen Weltbegriff handelt. Bei bloßem Versuch, einer »neutralen Wasserstraße«, einem »Neutralhandel«, einer »bewaffneten Neutralität« mit dem blanken Begriff der »Unparteilichkeit« nahezukommen, spürt man deutlich die gar nicht zu überbrückende Unstimmigkeit. – Ganz neuerdings hat man das Wort »Ohnseitigkeit« für Neutralität herausgestellt, und der erste Bildner des Ausdrucks mag ja dabei eine ungeheure, ganz ohnsinnige Erfinderfreude verspürt haben. Aktuell, Aktualität : Will man sich nicht auf umständliche Umschreibungen einlassen und verwirft man »wirklich«, »gegenwärtig«, »jetzig«, »dringlich« als gar zu wenig zum heutigen Aktualitätsbegriff passend, so bleibt nur übrig »zeitgemäß«. Man mache sich aber klar, daß hier Fremdwort (Weltwort) und Verdeutschung nur teilweis ineinandergreifen, dagegen in erheblicher Begriffsbreite auseinanderfallen. Brächte eine große Tageszeitung zu Kriegszeiten im Lenz einen Leitartikel über neue Frühlings-Damenmoden, so wäre das »zeitgemäß« (denn der Frühling bestimmt die Zeit), aber keineswegs »aktuell« (denn für den Leitartikel gibt es dann keine Aktualität außerhalb des Krieges und seiner ernsten Begleiterscheinungen). Die Leser der Zeitung würden sich also den Modenartikel an erster Stelle verbitten, weil er, obschon zeitgemäß, der Aktualität geradezu ins Gesicht schlägt. Ebenso erscheint eine Parsifal-Aufführung im Deutschen Opernhaus gegenwärtig durchaus zeitgemäß, ohne daß der Parsifal auf Aktualität Anspruch erhebt. Brächte dagegen irgendwelche übelberatene Bühne ein von aufstachelndem Völkerhaß triefendes Schauspiel heraus, so müßte ein besonnener Zuschauer bekennen: Das ist zwar höchst aktuell, aber ich lehne es ab, weil es nicht zeitgemäß ist. Hier liefert das Gefühl den zureichenden Grund: Das »Zeitgemäße« trägt nach der Seite der Nützlichkeit und Güte eine Nebenbetonung, die dem Aktuellen abgeht. Erschiene in Kriegszeit eine Flugschrift: »Fort mit dem Burgfrieden«, so könnte man sie aktuell nennen, während sie sich, um zeitgemäß zu sein, genau umgekehrt gegen die Störer des Burgfriedens wenden müßte. Qualität : Ist nicht Eigenschaft, Beschaffenheit, nicht Güte. Die Bezeichnung »Güte« und die ähnlich gemeinten in den Wörterbüchern enthalten ein Werturteil nach der Seite der Zweckdienlichkeit, dazu eine sittliche Wertung in Hinsicht der Würde, von der die »Qualität« frei ist. Nur in einzelnen Fällen, etwa bei einer bestimmten Ware, kann sich Qualität mit Güte decken. Spreche ich aber von einer Sinnes-Qualität, so meine ich eine nur physiologisch zu begreifende Besonderheit des Sinnes, nämlich die des Auges, eine Menge mechanischer Eindrücke zu einer Farbe, die des Ohres, sie zu einem Ton zusammenzufassen und dieser Leistung eine nur zu fühlende, niemals ausdrückbare Färbung und Tönung zu verleihen. Der Sinn schafft das Wunder, eine Quantität (die Menge der empfangenen Wellen-Erregungen) in eine Qualität umzuwandeln, und diese wunderbare Abhängigkeit muß hörbar bleiben. Besäßen wir ein Wort, das sich zu »Menge« klanglich und begrifflich genau so verhielte wie Qualität zu Quantität, so wäre hier das Fremdwort, das Weltwort, überflüssig. »Beschaffenheit« und »Eigenschaft« greifen aber weit über jene Beziehung hinaus, da sie alle erdenklichen Sinnesmöglichkeiten, die Brechung in der Augenlinse, die Sehschärfe, die Hörschärfe, die Lagerung der Einzelteile im Organ umspannen, ohne gerade das, was wir unter Qualität verstehen, irgendwie zu begrenzen; und zudem enthalten sie im Wortklange nicht die allerleiseste Beziehung auf die »Menge«, sie entbehren also gerade des Hinweises, auf den es besonders ankommt. Ideal : Mag in vielen Fällen recht gut ersetzbar sein durch: das Vollkommenste, Höchste, Schönste, Vorbild, Musterbild, Traumbild, Gedankenbild, Sehnsuchtsbild, erhabenstes Gut usw., nur nicht dort, wo ich alle diese Übersetzungen in ihrer Vereinigung brauche und zugleich den Wunsch habe, im Leser oder Hörer die Berufung an Platos Ideenlehre anklingen zu lassen. Die Vorstellung, daß es sich um etwas von der Wirklichkeit abgezogenes und zugleich gänzlich Unerfüllbares handelt, hat sich geschichtlich so fest in das eine Wort eingelagert, daß bei jedem Ersatzwort der Mangel dieser Einlagerung deutlich fühlbar wird; sie wirken ärmlich, weil ihnen die Wortgeschichte und Beziehungsgeschichte, das »Ideal« fehlt. »Traumbild«, »Gedankenbild«, »Sehnsuchtsbild« können sich mit einem Ideal beschäftigen, aber auch mit gänzlich Un-Idealem; und das gegenständliche – »Bild« bleibt zumeist ein Widerspruch gegen das im Übersinnlichen schwebende Ideal; wie es sich denn auch verflüchtigt, sobald wir vom Hauptwort zum Zeitwort übergehen. Bei » Idealisieren « finden wir: vollkommen, in höherer Auffassung, künstlerisch, in reinen Kunstformen usw. darstellen oder gestalten; zur Vollkommenheit erheben, veredeln, verschönern; nicht aber: »gedankenbildnern«, »traumbildnern«, »sehnsuchtsbildnern«. Dazu kommt noch, daß »Ideal« klangmusikalisch einen besonderen, unersetzbaren Wert darstellt. Schiller schrieb: »Die Ideale «, »das Ideal und das Leben«, schrieb: Erloschen sind die heitern Sonnen, Die meiner Jugend Pfad erhellt, Die Ideale sind zerronnen, Die einst das trunk'ne Herz geschwellt; schrieb: Wollt ihr hoch auf ihren Flügeln schweben, Werft die Angst des Irdischen von euch, Fliehet aus dem engen, dumpfen Leben In des Idealen Reich! schrieb: »Das Jahrhundert ist meinem Ideal nicht reif« – und war doch wohl ein deutscher Dichter und kein »Welscher«, als er das schrieb. Nation, national : Ohne weiteres sei zugegeben, daß sich diese Worte in den allermeisten Fällen verdeutschen lassen; freilich mit den auch an andern Orten wiederholten Vorbehalten, die sich der Nebenbedeutung des »Völkisch« entgegenstellen. Aber ich möchte doch fragen, ob denn eigentlich ein ersichtlicher Grund vorliegt, die »Nation« abzuschaffen und bei einem so weitgespannten Begriff die Wortauswahl künstlich zu verengen: »Nichtswürdig ist die Nation, die nicht ihr alles freudig setzt an ihre Ehre!« Man muß schon sehr völkisch empfinden, um in diesem Satz die Übersetzungsbedürftigkeit herauszuspüren. Und wie steht es mit den feinen Ableitungen, die uns ein übertriebenes, überschärftes, nach der politischen Seite gefährliches Empfinden und Wollen darstellen? kurzum, wie übersetzt man »Nationalist, nationalistisch, Nationalismus«? Etwa mit »Übervölkler«, »übervölkisch«? Die beste Antwort gibt schon Sarrazin (vierte Auflage), indem er sich darüber ausschweigt: der Nationalist fehlt in seinem Register. Aber auch bei den Grundformen selbst wäre noch an allerlei zu erinnern; so z. B., ob denn nun die »National-Zeitung« verpflichtet wäre, sich fortab »Volks-Zeitung« zu nennen, und ob der Verlag der »Volks-Zeitung« mit diesem Eingriff einverstanden sein müßte. Prinzip : Leitsatz, Quellsatz, Grund, Urgrund, Grundgesetz, Grundregel und noch viele andere, deren Gebrauchstüchtigkeit nicht angezweifelt werden darf. Und trotzdem muß das »Prinzip« gerettet werden, überall wo aus dem Zusammenhang ein gerader oder anlehnender Hinweis auf einen naturgesetzlichen Urgrund herausleuchten soll. Diese naturgesetzlichen, wesentlich physikalischen Urgründe sind nun einmal zur Unterscheidung von anderen Erkenntnisgründen als »Prinzipe« ausgerufen. Das »Prinzip der kleinsten Wirkung«, »Prinzip von der Erhaltung der Kraft«, allgemein die Prinzipien der Mechanik bis zu Schopenhauers Principium individuationis. Nicht nur ein Urzustand der Erkenntnis, sondern die dem Princeps beigeordnete Gewalt, Machtfülle kommt hier zum Ausdruck, und so unterscheidet sich solches Prinzip von dem bestgesicherten Lehrsatz. Und nicht nur in Physikbüchern soll das »Prinzip« stehen bleiben, sondern überall dort, wo wir streben, einer Regel, einem Leitsatz den entsprechenden Geltungsbereich zuzuweisen, und wo wir über das gerade vorliegende Beispiel hinaus an den Zusammenhang der Weltgesetze erinnern wollen. Konzert : Musikaufführung; Tonstück; Übereinstimmung, Einmütigkeit, Eintracht, Einvernehmen. Stimmt das? Bisweilen wohl. Ob einer ein Konzert gibt oder eine Musikaufführung veranstaltet, das bleibt ununterscheidbar. Lassen wir sogar noch den Konzertgeber als Musikaufführer oder als Musikaufführungsveranstalter durchgehen. Aber nun beginnen die Schwierigkeiten: Der Veranstalter spielt das Es-Dur-Konzert von Beethoven. In der Übersetzung wird daraus ein Es-Dur-Tonstück. Gibt er darauf eine Sonate, so wird wiederum daraus ein Tonstück. Man setze sich die Reihe beliebig fort. Aus eindeutigen Bestimmtheiten entwickeln sich zerfließende Gemengsel, und in der allgemeinen Tonkunstgallerte gehen die Besonderheiten zu Grunde. Man müßte denn anfangen, die Ausdrücke genauer festzulegen, also etwa: der Musikaufführungsveranstalter spielte das in Es-Dur stehende, dreisätzige Flügelstück mit Orchesterbegleitung von Beethoven. Hier wäre nun glücklich das schöne Ziel erreicht: das »welsche« Konzert ist verschwunden, allein drei andere welsche Störenfriede sind geblieben: Musik, Dur und Orchester (nach Duden): »Gesamtheit von Musikern«; Dur: »harte Tonart« – das wird recht übersichtlich und sprachhandlich! – Daß ein Konzert im übertragenen Sinne (»Konzert der Großmächte«) seinen ganzen Wesensinhalt, seine Klangbeziehung zu einem orchestralen Vorgang vollkommen einbüßt, wenn man es zur »Eintracht« oder »Einmütigkeit« umformt, sei in diesem Zusammenhange nur nebenher erwähnt. System, systematisch : Ein ungeheures Füllhorn von Deutschworten schütten die Wörterbücher aus, um einen Massenbund zur Vertilgung des Zweisilbers »System« zustande zu bringen; an einer Stelle finde ich wohlgezählte 75 Ausdrücke, darunter für Einzelfälle recht brauchbare und einleuchtende, wie Netz, Gerüst, Kranz, Kreuzung, Bündel, Verband, Leitung usw. Allein dieser starke Aufmarsch beweist doch zunächst, daß dem »System« eine ganz außerordentliche Ausdrucksfähigkeit innewohnt, und daß es 75 Mal zerspalten werden muß, ehe die Splitter soviel leisten, wie das Urwort allein. Fragt sich nur noch, ob dieses Ergebnis auch wirklich erzielt wird. Ich bezweifle das lebhaft. Gewiß kann ich Röhrensystem durch Rohrleitung, Rohrnetz, Planetensystem durch Irrsterngruppe, Koordinatensystem durch Linienbezugsbündel oder Achsenkreuz ersetzen, und so fort in beliebiger Menge; nur verflüchtigt sich hierbei das Gemeinsame, das diese Begriffe verbindet, kurz und unübertrefflich gesagt: »das Systematische«. Um dieses als das gemeinsam beziehungsvolle zu erfassen, müßten wir uns nämlich wieder an die allgemeinen Übersetzungen halten: »Planordnung«, »Gliederung«, »Zusammenhang«, »Einteilung«, usw. Wählen wir aber eine von diesen, so geht doch wiederum das sinnlich wertvolle verloren, das in »Netz«, »Gruppe«, »Kreuz«, »Bündel« steckt, und wir gewahren durchweg, daß wir entweder den Allgemeinbegriff erniedrigen oder die Anschaulichkeit opfern müssen bei dem Vorhaben, das »System« um jeden Preis loszuwerden. Ganz zu schweigen von besonderen Fällen, in denen ein sehr wichtiger und zugleich sehr verwickelter Begriff eigentlich erst durch das Wort zu gemeinverständlicher Klarheit herausgearbeitet wird. Beispiel: »Das parlamentarische System.« Schlagen wir auf: Parlament gleich Volksvertretung, Landtag, Reichstag, Abgeordnetenkammer, Unterhaus usw. und versuchen wir alsdann eine Verbindung mit den 75 Ersatzworten für System. Da ergibt sich zahlloses, aber in der ganzen Fülle des Wortmöglichen nicht eine einzige Brauchbarkeit. Je angestrengter wir vervielfältigen und kombinieren, desto mehr verschwindet uns der geschichtliche, politische Sinn des »Parlamentarischen Systems« unter den Händen. Daß vollends die exakte Wissenschaft (»geschlossenes System«, »System von Gleichungen«, »dekadisches System« usw.) niemals auf das eindringliche Weltwort verzichten kann, wird jedem als unumstößlich gelten, der jemals in diesen Gebieten gearbeitet hat. Krise : Gehört zu den Worten, in deren Sinn sich ein ganzer Zellenbau von Sinnfälligkeiten eingesponnen hat. Nur Schulfuchsentum und Neuerungssüchtelei wird sich an »politische Krise«, »Ministerkrise« mit Übersetzungskünsten heranmachen. Die vorhandenen: »Wendung, Wendepunkt, gefährlicher Zustand, Bedrängnis« usw. geben allesamt nur ungefähre Sinnrichtungen, ohne dem Hauptpunkt erkennbar nahezukommen, weil eben derartige »Krisen« Bestandteile unseres persönlichen Erlebens geworden sind und sich mit der ganzen Beziehungsfülle des Urwortes so fest in uns organisiert haben, daß wir jedes Abweichen vom Urworte als eine Verwaschung oder Verfälschung des Sinnes empfinden. Staatsbeamte in Notlage, in Wendung, in Bedrängnis erleben für sich und uns ganz andere Dinge als Minister in einer Ministerkrisis, die in ihren politischen Folgen oft viel weiter greift, als eine Amtsnot in Zeiten ohne Wetterzeichen der Krisis. Gab oder gibt es in solchen Zeiten ein einziges ernstzunehmendes Blatt, einen einzigen Schriftleiter, der den Ausdruck unterdrückt hätte? Nein, alle ohne Ausnahme brachten ihn in ihren Überschriften und hundertmal im Text, in fetten und schlanken Buchstaben, weil sie es alle gleichdeutlich empfanden: wer in den Zeiten der Krisis das Wort umschreibt, der verwechselt den Schatten mit dem Körper, der macht sich unverständlich, wo nicht gar lächerlich. Mikroskop : Wie einfach müßte es sein, das zu übersetzen! es ist ja ein faßbarer Gegenstand ohne Begriffsfülle mit sonderlich viel Deutungsmöglichkeit. Also man sagt und soll sagen: »Vergrößerungsglas«, damit wäre die Aufgabe gelöst. Restlos? doch wohl nicht, denn die Lupe ist doch auch ein Vergrößerungsglas, leistet dabei erheblich weniger und deutet nur die Richtung an, auf der das Mikroskop die Vollendung bietet. Um beide auseinander zu halten, müßte man schon sagen: »zusammengesetztes Vergrößerungsglas« oder noch richtiger »Gerüst (System) von Vergrößerungsgläsern«, und mit der unhandlichen Plumpheit des Ausdrucks hätte man sich dann abzufinden. Aber hier, wie so oft, gerät man bei den Ableitungsworten an die unübersteigliche Grenze. Mikroskopisch : »Nur durch das starke Vergrößerungsglas wahrnehmbar.« Und vollends: wie verdeutschen wir »Mikroskopiker, mikroskopieren«? Das löse mir einer vollkommen deutschsprachlich auf! Das gültige Weltwort rückt mit unübertrefflicher Deutlichkeit und Kürze den Gelehrten vor Augen, der mit Hilfe des Mikroskops seinen Forschungen obliegt und das unsichtbare Kleine bis zur Erkennbarkeit bearbeitet. Und nun warten wir auf den Sprachfex, der uns mit allerprobter Verwegenheit vorschlagen wird, die Neuheit zu bilden: »Der Vergrößerungsglaser vergrößerungsglaselt.« – In ausgewählten Einzelfällen wäre ja ein Notersatz denkbar, denn ein mineralischer »Dünnschnitt« und »Dünnschliff« kann allerdings ein »mikroskopisches Präparat« sein. Nur läßt sich die Sache nicht umkehren, denn in 99 von hundert Fällen ist das mikroskopische Präparat weder Schnitt noch Schliff, sondern ganz etwas anderes und meistenteils etwas, wovon der Fex nichts weiß. Oder sollte er eine Ahnung davon haben, was der Atomforscher von heute mit dem »Ultramikroskop« anfängt? Ist wohl kaum anzunehmen; denn wenn er sich mit diesen schwierigen Dingen beschäftigt hätte, würde er schwerlich die Zeit gefunden haben, nebenher ein Sprachfex zu werden. Telephon : Wiederum ein Gegenständliches, und noch dazu eines, das seit ungefähr vierzig Jahren unter amtlichem Sprachschutz steht. Denn die Behörde kennt kein »Telephon«, sondern nur den Fernsprecher, sie hat ihre ganze ausschlaggebende Machtfülle für das Wort eingesetzt und damit erzielt, daß von den Millionen, die sich der Einrichtung dauernd bedienen, auch nicht ein einziger »fernspricht«. Der Titel unseres amtlichen Handbuches lautet gewichtig und schwülstig: Verzeichnis der Teilnehmer an den Fernsprechnetzen in Berlin und Umgegend, täglich, oft stündlich, haben wir ihn vor Augen, und nicht ein einziger von uns wiederholt jemals den Titel dieses meistgewälzten Buches. Wir sagen »Telephonbuch«, und wir telephonieren. Kein Mensch denkt daran, sich auf die vorgeschriebene, umständliche Konjugation des Zeitwortes einzulassen. Wendungen wie: »gestatten Sie mir fernzusprechen« – »er spricht gerade mit dem Kaufhaus fern« erscheinen uns geschraubt und komisch, und schließlich will doch auch der sprechende Mensch, wenn er als Fernsprecher auftritt, nicht mit einem Wandkasten verwechselt werden, der ebenfalls Fernsprecher heißen soll, obschon er gar nicht spricht, sondern Gespräche nur aufnimmt und leitet. Hauptsächlich aber: wie sich die Dinge im Verkehr gestaltet haben, ist die Bezeichnung geradezu verfehlt und irreführend. »Bitte das Fernamt« ruft man, wenn man ein wirkliches Fern gespräch beabsichtigt, das man von dem Stadtgespräch, dem Nahgespräch, nachdrücklich unterscheidet. Und die Behörde unterscheidet es ja ebenso geflissentlich. Stelle ich mich genau auf den Boden der amtlichen Verdeutschung, so spreche ich mit Herrn A. fern, wenn A. sich in Dresden oder Frankfurt befindet, und ich spreche mit Herrn A. nahe, wenn er in Groß-Berlin wohnt. Wem fällt es ein, sich auf diese überflüssigen Holprigkeiten einzulassen, da man doch, so oder so, mit Herrn A. ganz einfach »telephoniert«? Auf der einen Seite eine langatmige Bewegung, ein Druck von oben durch die Jahrzehnte, eine tausendfältig angewandte Machtfülle der Verordnung, – auf der anderen Seite der gesunde Sprechinstinkt der Masse, die das Weltwort vom Augenblick der ersten Erfindung an ergriffen hat und es mit allen Abwandlungen als das allein zweckdienliche festhält. Selbst der eingeschworene Fex wird nicht zu bestreiten wagen, daß das Weltwort auf der ganzen Linie als Sieger besteht. Interesse : Das Wort läßt sich nach Ausweis der Fachbücher auf mindestens vierzig Arten verdeutschen; nur daß jedes der Ersatzwörter in einem Teilbogen um den Grundbegriff herumgeht und selbst alle vierzig zusammen sich noch nicht zu einem vollen Kreis zusammenschließen. Darum eben ist dieses Beispiel so »interessant«! Die Ersätze lauten: Anteil, Teilnahme, Aufmerksamkeit, Beachtung, Spannung, Vorliebe, Anziehungskraft, das Fesselnde, der Anreiz, Belang, Nutzen, Vorteil usw., keiner ist falsch, keiner ganz richtig, und in dem, was ihm zur Richtigkeit fehlt, steckt gerade das »Interessante«. Es ist, als ob man den feinsten Duft, die letzte Essenz aus dem Wort herausgezogen hätte, und eine seltsame Verflauung tritt ein, wenn man das Wort zwingen will, auf das Interessante zu verzichten. In unseren Empfindungsorganen lebt ein Nerv, der nur von ihm getroffen wird, der nicht antworten will, wenn der Ersatz anklopft. Wie das zugeht, ist an dieser Stelle nicht zu untersuchen. Genug, daß jener Nerv sich nicht täuschen läßt und dem falschen Stichwort die Mitschwingung versagt. Willst du ihn mitschwingen lassen, Zeitgenosse, so halte dich nicht an die neuen Magister der Wortfexerei, sondern an Goethe: »Die Jugend ist vergessen Aus geteilten Interessen ; Das Alter ist vergessen Aus Mangel an Interessen .«                       (Zahme Xenien.) »Die Mädels sind doch sehr interessiert .«                       (Faust I.) »Greift nur hinein ins volle Menschenleben! Ein jeder lebt's, nicht vielen ist's bekannt, Und wo ihr's packt, da ist's interessant .«                       (Faust I.) Verdeutscht mir das und verbessert dem »verwelschten« Goethe das Handwerk und die Handschrift. Fex hält es für möglich, daß ihm dies völkisch gelinge. Er braucht dabei nicht gerade ins volle Menschenleben zu greifen, ihm genügt der Griff in das volle Wörterbuch. Kultur und Zivilisation : Sie ergänzen und durchdringen einander, zeigen im Grunde ein und dieselbe Erscheinung von verschiedenen Seiten betrachtet: so wie man zu den Begriffen Konvex und Konkav gelangt, je nachdem man zum nämlichen Bogen den Standpunkt wählt. Gibt sich die Überwindung des Rohzustandes in Gesetz und Einrichtung zu erkennen, so reden wir eher von Zivilisation; meinen wir den erreichten Grad der Pflege, besonders der Geistespflege, so sprechen wir von Kultur, ohne daß wir eine Trennung durch Begriffsabgrenzung für möglich erachten. Es gibt da keine Vorstufe und Nachstufe, jedes ist Voraussetzung und Folge des andern. Vor allem: Kultur und Zivilisation haben als Worte in historischer Entwickelung ihre Prägung gewonnen, die sich weder abwischen noch durch irgendwelchen Sprachbefehl anderswohin übertragen läßt. Und nun schlage man die Wörterbücher auf, prüfe die Ersätze und frage sich, ob diese mehr geben als Rednerei zum selben Thema, ohne jene Prägung. Kultur: Anbau, Bearbeitung, Anpflanzung, Wirtschaft, Zucht, Geistesbildung, Veredelung, Gesittung usw. und bei Zivilisation fast gleichlautend: Bildung, Gesittung, Schliff, Veredlung, Verfeinerung der Sitten. Es ist derselbe Grad der Vollendung und Eindringlichkeit, als wenn man Florenz mit die Blühende und Neapel (Neapolis) mit Neustadt übersetzt. Man kommt zumal bei der unentbehrlichen Verbindung beider Worte »Kultur und Zivilisation« mit den Übersetzungen in ein Gemengsel von Tautologien, von Gleichklängen hinein, – und die Prägung, der für die ganze Welt erkennbare und gültige Stempel, ist herunter. Element : Man kann hoch darauf wetten, daß unter zehn neumodischen Sprachfrisören sich noch nicht einer befindet, der sich um die Herkunft des Wortes Element ernsthaft bekümmert hat. Aber sie erhitzen sich allesamt bis zur Weißglut, wenn sie es in Schrift oder Rede vorfinden. Bei Bekanntschaft mit den einschlägigen Abhandlungen von Diels und Mauthner, die das Wort bis zu elepantus, ελέφας, bis zum Indischen, dann wieder in anderer Reihe bis zu Empedokles und Aristoteles zurückverfolgen, würde sich die Wut der Weißglühenden merklich abkühlen. Ihnen würde dann eine Ahnung aufsteigen, daß das »Element«, sofern es an die Grundbuchstaben, an die Anfangsgründe, an das naturwissenschaftlich Unzerlegbare gedanklich anknüpfen soll, jene Herkunft zu betonen hat, aber nicht verleugnen darf. Der Übersetzer sagt: Urstoff, Grundstoff, Bestandteil, Keime, Zelle, Fach, Gebiet, Kraft, Ding, Wert, Größe usw. und stochert damit aus dem Elementbegriff allerhand heraus, oder wickelt ihn in allerhand ein, was im Einzelfall als Notbehelf gute Dienste leisten kann; nur die Herkunft wird dabei verleugnet, weil der Übersetzer sie nicht kennt oder für nebensächlich hält, während gerade sie das wesentliche an der Sache, das »Elementare« bedeutet. Gewiß, er wird auch für »elementar« etwas passendes in Bereitschaft haben, wiederum für gewisse Fälle, also gegebenenfalls: »naturgewaltig.« Verlange ich nun aber, daß er mir für das Hauptwort einen Ersatz stelle, der den »Grundstoff« enthält, den »Keim«, das »Ding«, und dabei auch noch die »Naturgewalt«, auf die es mir ankommt, so wird er in Verlegenheit geraten; weil diese Vereinigung sich nicht in der Sprachretorte herstellen läßt, sondern ausschließlich auf natürlichem Sprachboden erwachsen kann. Und in diesem natürlichen Wuchs heißt sie eben: »Element« und nicht anders. Illusion . Wir notieren auf den Spuren unsrer besten Entwelscher: Täuschung, Verblendung, Wahnbild, (schöner) Wahn, eitle Hoffnung, Einbildung, (falsche) Vorstellung; und Ähnliches, ja Gleichlautendes findet sich auf dem Spektralband, wenn sie die Begriffe Fiktion, Halluzination, Phantom, Vision, Ideal, Imagination durch ihr Deutschprisma zerlegen. Wahn, überall Wahn! wie Hans Sachs in den Meistersingern ausruft. Daß die Wissenschaft jedem der Ausdrücke Selbständigkeitswerte zuweist, davon ist in diesen Zerlegungen nichts zu merken; und ebensowenig, daß bei aller »Einbildung«, »Täuschung«, allem »Wahn« zum Trotz in der Illusion wie im Imaginären positive Wirkungen stecken; gerade das Gegenteil heben die Übersetzungen hervor, indem sie in der Verlängerung des Spektralbandes ausdrücklich eintragen: »ohne Wirkung, wirkungslos, vergeblich, hinfällig.« So verwandelt sich der »imaginäre Wert« in einen »unmöglichen Wert«, und nichts bleibt übrig für die Feststellung, daß neben dieser Unmöglichkeit für das Imaginäre eine vielfältige Möglichkeit, ja Notwendigkeit besteht, wie jedem Mathematiker geläufig ist. Daneben finden wir »bildlichen Wert« als gänzlich nichtssagende Umschreibung, da in der Mathematik nicht nur der Imaginär-Ausdruck, sondern sämtliche Bezeichnungen bildlichen Wert besitzen. Und so liefert jenes Deutschprisma bei Zerlegung der »Illusion« zwar vorhandene Bestandteile, aber mit Unterdrückung einer Hauptsache, nämlich der lebendigen Wirkung , die der Illusion eignet. Ich zitiere aus einem vortrefflichen Philosophiewerk (»Der Sinn des Daseins« von L. Stein): »Die großen Ideale des Menschengeschlechtes, als da sind: Heiligkeit, Seelengröße, Gesinnungsvornehmheit, Ehre, Nachruhm, Liebe, Patriotismus, Nationalismus, Weltmacht, ... – alle diese Granden im Reiche menschlicher Idealbildungen haben von der Pike auf gedient, das heißt, ihre Begriffskarriere ganz bescheiden als Illusions-Proletarier begonnen.« Die schöne Begründung des schönen Satzes findet sich in der Urschrift. Sie zeigt uns die großen, unersetzlichen Lebenswerte, die sich mit dem Wort und Begriff »Illusion« verknüpfen, und die sofort abgestreift werden, sobald man dem Wahn, der Einbildung, der Wirkungslosigkeit gestattet, in die Übersetzung hineinzupfuschen. Klassiker : Und »Feindschaft sei zwischen euch«, nämlich zwischen dem Klassiker und dem, der ihn übersetzen will. Will er denn wirklich? Ach, wie gerne würde er sich um die Aufgabe drücken, deren Unmöglichkeit ihm ja klar vor Augen steht und an die er nur in der Zwangsläufigkeit der Bewegung gerät. Wenn irgendwo, so muß er hier zum Verräter am Worte werden: traduttore – traditore! In die Unkosten längerer Beweise braucht man sich kaum zu stürzen, die bloße Nebeneinanderstellung müßte genügen; wir finden da wörtlich und übereinstimmend: Klassiker: »Meister- oder Musterschriftsteller, Dichter usw., solcher ersten Ranges.« Und wo bleibt da die bestimmte Erinnerung an Athen, an Rom, an Florenz, an Weimar? wo bleibt der literaturgeschichtlich feststehende Gegensatz zum Romantiker ? was fange ich an, wenn mir der Frühklassiker mit dem Spätromantiker ins Satzgehege kommt? Also schlagen wir die Übersetzungen zu » Romantiker « auf, um den Gegensatz im »reinen« Wort aufzuspüren. Der weise Sarrazin schweigt sich aus, er rettet seine Seele, indem er die Schwierigkeiten einfach überspringt. Im Hilfsbuch von Düsel lesen wir: romantisch : ( auch :) wildschaurig, dämmerhaft, unklar, nebelhaft, unglaubwürdig, abenteuerlich. Das eingeklammerte »auch« spricht Bände; und Bände der Literatur sind auch erforderlich, um das auseinanderzusetzen, was wir klar und allgemeinverständlich in den Ausdruck »Romantiker« hineinlegen. Alle Welt weiß, was damit gemeint ist, und alle Welt müßte dem ins Gesicht lachen, der die weltgültige Abkürzung schulmeisterlich entzweiwalzt. Klassiker und Romantiker sind Wortkristalle von Edelsteinwert; an Stelle dieser Kristalle bietet uns der scholastische Wortklauber Schwämme, Mollusken. Schlegel, Tieck, Uhland, Novalis, Eichendorff – Chopin und Robert Schumann hören auf, Romantiker zu sein und werden »Wildschaurige«, »Dämmerhafte«, »Unglaubwürdige«. Aber Meister ersten Ranges bleiben sie doch trotzdem, also doch wieder »Klassiker«? Es ist nicht auszudenken, man kann die Vermanschung unmöglich weiter treiben. – Und nur nebenbei: die strenge Wissenschaft würde sich für solche Sprachhilfe mit einem Fußtritt bedanken. Sie redet im Sinne der Physik z. B. von der »klassischen Mechanik«; beabsichtigt dabei aber keineswegs, diese als »meisterhafter«, als »musterhafter« hinzustellen, als die neuere (elektrodynamische, relativistische) Mechanik. Was sie will, ist der jedem Höhergebildeten sofort verständliche Hinweis auf die »Klassiker« ihres Faches, auf Galilei, Huyghens, Newton usw.; was sie will, ist die geschichtliche Zuordnung, ihrer Weltbedeutung gemäß, dieser Klassiker zu den anderen Klassikern der Weltgeschichte. Der Wortkristall »Klassiker« besitzt genügend viel Glanzflächen, um all dies und noch viel mehr wiederzustrahlen; die Wissenschaft, wie ihre Schwester, die Kunst, wird sich dafür keinen stumpfen Holzkloben oder ein breiiges Gemengsel aufschwatzen lassen. Lyrik : Still und verschämt schleichen die Hilfsbücher um den Ausdruck herum. Sie fühlen wohl, daß da ehrlicherweise nichts zu holen ist. Mit einem schüchternen Hinweis auf Leier und Lied gehen sie der Schwierigkeit aus dem Wege. Bei Duden heißt es: lyrisch: Zur Leier singbar; der persönlichen Stimmung Ausdruck gebend; liedartig; dazu: Lyriker: »lyrischer Dichter.« Das wird annähernd stimmen, wie es überhaupt am besten stimmt, wenn man das eingebürgerte Fremdwort ungeschoren läßt. Denn was finge man sonst mit der »lyrischen Oper« an, mit einem »lyrischen Tenor«, mit der Lyrik einer Mondnacht, mit dem lyrischen Gehalt einer Dichtung? In der Odyssee, also in einem Epos, wirkt so manches, wie die Begegnung mit Nausikaa, echt lyrisch. Wird es darum liedförmig? müssen wir eine Leier herbeiholen, um uns die Lyrik der Szene zu vergegenwärtigen? Freilich, der Unentwegte wird mit irgendwelcher teutschklingenden Neubildung Rat schaffen; er wird aus dem reichen Bezug des längst heimischen Fremdwortes eine einzelne Saite herauszupfen und auf ihr seine eintönige Melodie spielen; wie ihm ja auch im »Drama«, im »Dramatischen« nur das Handlungsreiche, das lebhaft Bewegte zum Bewußtsein kommt, nicht aber das innerlich künstlerische, das dem dramatischen eine ganz andere Stellung zuweist, als der lebhaftesten Bewegung der unkünstlerischen Wirklichkeit. Da sich aber diese Unentwegten so gern auf Lessing berufen, darf man neugierig sein, wie sie dessen Hamburgische »Dramaturgie« in Zukunft zitieren und benamsen werden. Politik . »Staatskunst, Regierungskunst, Staatswissenschaft, Steuerkunst, öffentliche Angelegenheiten, Staatsfragen, Staats- oder Welthandel; die Zeitforderungen; Weltklugheit, Schlauheit, feine Berechnung, Absicht, Ziel; Arbeit, Wirtschaft«, – so liest man's und mag zugeben: jedes einzelne ist richtig, gehört zur Politik, und alle zusammen werden ja wohl ungefähr dem Begriff gerecht werden. Wozu aber dann die Zerfaserung, die Aufdröselung? Nehmen wir ein Vergleichsbeispiel. Aus dem Wort » Spektralanalyse « kann ich herausziehen, begrifflich auslaugen: Lichtbetrachtung, Lichtbandforschung, Lichtlinienvergleichung, chemisches-physikalisches Verfahren, Methode nach Kirchhoff und Bunsen, und noch viele andere Einzelheiten, die in sich nicht falsche Teilumschreibungen ergeben, aber keine Übersetzung; weil eben erst die Gesamtsumme den vollen Begriff ergibt, der eindeutig und unübertragbar uns als »Spektralanalyse« bekannt ist. Bei der » Politik « liegt die Sache noch viel einfacher, weil sie nicht nur gelegentlich, sondern ohne Unterlaß in unser Denken und Leben eingreift. Wer ließe sich da, bei der unendlichen Vielfältigkeit der »politischen« Beziehungen, eine Umschreibung, Zerteilung, Auflockerung gefallen? Ob einer Freude daran erlebt oder Weh, – auch das »garstig Lied« soll ein »politisch Lied« bleiben und nicht ein staatswissenschaftlich oder steuerkünstlich oder weltklug Lied werden. Experiment : Der »Versuch«. Ein Forscher stellt einen »Versuch« an, er betätigt sich damit auf dem Gebiet der Experimental-Physik, der Versuchs-Physik oder richtiger, der Versuchs-Naturkunde, und zwar als Experimentator, als »Versucher«. Man merkt schon, wie die Sache, die richtig auf den Beinen stand, anfängt zu humpeln. Über die Kunst des Versuchens schreibt der nämliche Forscher alsdann für eine Monatsschrift einen »Essay«; das darf er nicht, denn der Schulmeister kommt ihm dazwischen und belehrt ihn darüber, daß Essay auf gut deutsch »der Versuch« heiße. Er soll also in der Monatsschrift nicht als Essayist auftreten, sondern wiederum als Versucher. Der Forscher wendet ein, daß er weder als Experimentator noch als Schriftsteller irgend etwas »versucht«, sondern Dinge mit ganz festem, vorher bestimmbarem Ausgang aufgestellt habe. Was einstmals, vielleicht bei Torricelli oder Arago, ein Versuch, eine Probe gewesen sei, wäre bei ihm eine vollkommen sichere, durchaus nicht mehr zweifelhafte Wiederholung gewesen; nur eine Erfahrungstatsache habe er hinstellen wollen, mit Mitteln, die der Franzose zweckentsprechend und zusammenfassend als » expérience « bezeichnet. Und in seiner Abhandlung habe er dies dargestellt, ebenfalls nicht versuchsweise, nicht tastend, sondern zielsicher. Nutzt ihm nichts; gegen Herrn Fex zieht er den Kürzeren, und um des lieben Friedens willen fügt er sich in die Rolle des »Versuchers«, mag ihm auch sein besseres Sprachgewissen zurufen: Der »Versuch ist strafbar«! Parlament : »Landtag, Reichstag, Volksvertretung, Kammer, die Abgeordneten« usw. Sehr schön und brauchbar, wo es sich um einen einfachen Bericht aus den Volkshäusern handelt und wo nichts anderes bezeichnet werden soll als die festumschriebene Sache. Nun hat aber »Parlament« – und kein anderer Ausdruck außer diesem – außerdem noch die verfassungsrechtliche Bedeutung der Einrichtung in sich aufgenommen, das innerlich wirkende nach politischer Kräfteverteilung, die Strebungen im Sinne der Macht, kurz die Entwicklung des »Parlamentarismus«, die man erklären, aber durch kein Kunstmittel ersetzen kann; weil jeder Ersatz auf einen Gleichlaut, auf eine Tautologie auslaufen müßte. Man nähme denn die Zuflucht zu sprachlichen Mammutgebilden: Volksvertretungsherrschaft, volkshäuslerische Übermächtigkeit; und selbst damit käme man noch nicht aus beim »Parlamentarischen System« und bei »Parlamentarisieren«. Der Zielpunkt des Ausdruckes bleibt die Regierungsform, bei der das Schwergewicht und die Entscheidung im Parlament ruht, wobei das Parlament nicht als ein Gebäude, nicht als eine Summe von Abgeordneten aufgefaßt wird, sondern als der in beauftragten Personen verkörperte Volkswille. Und für diese unvermeidbare Länglichkeit gibt es nur eine einzige verständliche Abkürzung: Parlamentarismus. Wer diesen befördert, der parlamentarisiert. Oder sollten wir dafür sagen: »er vervolkshäusert«, oder »er regierungskammert«, oder »er verabgeordnet«, oder »er volkswillkräftigt«? Vielleicht erleben wir's noch, denn das Gebiet des Sprach-Ulkes für die tiftelnden Erfinder ist unermeßlich. Problem : Wie der Sprachverkünstler einzelne Begriffswurzeln herausreißt, den Teil als das Ganze vorspiegelt, so täuscht er auch in umgekehrtem Sinne, wenn er auseinanderliegendes zusammenwirft und Dinge aus verschiedenen Betrachtungsflächen in eine einzige zusammenschmuggelt. Das »Problem« wird ihm zur »Aufgabe«, zur lösbaren oder unlösbaren, gleich allen anderen Aufgaben, die Schule oder Werktag an den Menschen stellen. Man kann sich durch diese Betrachtungsart mancherlei im Leben erleichtern; z. B. der Elefant ist ganz bestimmt ein Rüsseltier, und die Fliege ist auch eins. Man kann also im Dschungel mit Stahlgeschossen und ebenso an der Stubenwand mit der Lederklatsche auf Rüsseltiere Jagd machen, und kein Zoologe dürfte sich dieser Vereinheitlichung widersetzen. Nichtsdestoweniger wissen wir, daß der Elefant nach Größe und Rang etwas anderes bedeutet, als die Fliege, und so kann es uns auch zum Bewußtsein kommen, daß ein Problem nicht schlechtweg in die Ebene der gemeinen Aufgaben hineingehört. Der Tertianer, der den Pythagoreischen Lehrsatz an der Tafel beweisen soll, steht vor einer Aufgabe, unter Umständen vor einer unlösbaren. Als aber Pythagoras sich anschickte, den Lehrsatz aufzustellen und zu beweisen, stand er vor einem Problem. Soll ich alle Rüsseltiere der Naturgeschichte aufzählen und hinschreiben, so blüht mir eine Aufgabe; habe ich aber die Natur des Rüssels morphologisch zu entwickeln, so gerate ich an ein Problem. Ein Schachproblem ist zunächst nichts weiter als eine Schachaufgabe. Hier findet Deckung statt. Tritt indes die Frage auf, ob die Anzahl der Schachprobleme endlich sei oder unendlich, so liegt schon in der Formulierung der Frage etwas jenseits der Aufgabe, nämlich ein Problem. Eine Aufgabe bewältige ich, wenn ich auf verkehrte, mißglückte oder unzureichende Verdeutschungen der landläufigen Handbücher eingehe; wenn ich mir aber einen Geisteszustand vergegenwärtigen will, in welchem das »Problem« restlos nichts anderes auslöst als eine Aufgabe, so gerate ich an ein Problem, und wie ich hinzufüge, an ein unlösbares. Damit hängt es auch zusammen, daß die Verkünstler in der Übertragung von »problematisch« fast durchweg die »Aufgabe« fallen lassen; sie sagen: – zweifelhaft, unentschieden, fragwürdig, dunkel, noch zu lösen; weil sie sich eben bei aller Flachdenkerei dunkel des Umstandes bewußt sind, daß das »Zweifelhafte« im »Problematischen« nicht unbedingt auf eine »Aufgabe« zurückgeht, sondern bisweilen doch auf ein Problem, das einer anderen Denkordnung angehört. Phantasie : Die Erörterung über diesen Ausdruck könnte sich zum Teil mit den bei »Illusion« aufgestellten berühren. Aber die Phantasie beansprucht auch eine Sonderstellung, da sie nicht nur als etwas planlos schweifendes gedacht wird, sondern oft als ein fertig abgeschlossenes, zumal künstlerisch vollendetes uns entgegentritt. Der Dichter verfaßt eine Phantasie an die Geliebte, an den Mond; die Illusion, das Visionäre, Traumhafte spielt dabei eine Rolle, und er weiß das. Aber wie soll er das fertige, in Niederschrift oder Druck vorhandene Kunstgebilde nennen? Einfach Dichtung oder Ode? Das genügt ihm nicht, denn er will die phantastische Dichtung betonen. Er wird also auf die stelzbeinige Übersetzung gedrängt: »Einbildungsdichtung«, »in Gedanken umherirrende Dichtung« – oder vielleicht »Traumbild«, wie ihm die Übersetzer vorschlagen? Das mußte er schon aus Gründen des Sprachgefühls verwerfen, denn »Traumbild an den Mond« ist grammatisch falsch. Schumann schrieb die C-Dur-Fantasie, Chopin die Fantasie in F-Moll; fertig ausgewachsene Stücke, von der Einbildungskraft erzeugte, das versteht sich von selbst. Wie es sich von selbst versteht, daß sämtliche Werke jener Meister aus der Einbildungskraft erwuchsen. Nur daß ihre Fantasien noch etwas besonderes aufzeigen; eben jenes gesteigert Fantastische, das in der ganzen Welt Kurs hat, außer im Kreise der Beschränkten, denen alles Weltgültige zuwider ist. Wer dem mit erweitertem Bewußtsein Denkenden für Phantasie, allgemein genommen, »Einbildungskraft« aufzwingen will, rennt zudem gegen festgegründete Erinnerungen: Alles wiederholt sich nur im Leben, Ewig jung bleibt nur die – »Einbildungskraft« (Was sich nie und nirgend hat begeben, Das allein – ist ewig dauerhaft) .... steigt im Gedächtnis auf, als unmögliches Gebilde, wie eine dem Überbrettl entlaufene parodistische Verballhornung. Dieser zum Trotz lassen wir uns die »Phantasie« als ein unantastbares Heiligtum leuchten, als ein Vorzugswort der Klassiker von Weimar, die schon in ihren Xenien die anmutige Frage aufwarfen: »Sinnreich bist du, die Sprache von fremden Wörtern zu säubern, Nun so sage doch, Freund, wie man Pedant uns verdeutscht!« Kurzes und Längeres zur Sprachweisheit Jede Rechnung findet ihre Gegenrechnung. Man kann in reinen Deutschworten ein miserables Deutsch schreiben und mit einer Fülle von Fremdworten ein vorzügliches Deutsch. * Alle Philosophie ist nur Ausdruck und Umschreibung der uns fehlenden Worte. Besäßen wir die uns fehlende Million Worte, so brauchten wir keine Philosophie. Denn die Sprache selbst enthielte dann schon die Summe aller Denkweisheit. * Der Astronom betrachtet und erforscht die Sonnenflecken. Er bucht ihre Anzahl, verfolgt ihre Bewegungen und deutet ihre Herkunft. Aber er stellt nicht mit Bedauern fest, daß er auf der Glanzscheibe der Sonne dunkle Punkte gefunden habe. Und ganz gewiß ersinnt er kein Mittel, um die Sonnenflecken wegzuputzen. Unter den Sprachgelehrten gibt es Leute, die anders verfahren; schnurrige Käuze, die sich einreden, man könne und müsse der Sprachsonne mit Fleckwasser beikommen. * Sie wären auch mit gewissen Eiferern zu vergleichen, die von metallnen Kunstwerken den Edelrost abkratzen, in der Meinung, Kupferoxyd sei schädlich und müsse herunter. Oder mit Kollegen aus einer anderen Zunft, die alte Prachtgewänder mit Schwefelsäure und Ätzkalk behandeln. Sie entfernen Flecke und brennen Löcher hinein. * Wir freuen uns, wenn die deutsche Valuta steigt. Das ist ein auf internationalen Beziehungen beruhender Vorgang. Gäbe es Sprachbörsen in der Welt, so hätten wir zu solcher Freude wenig Veranlassung. Denn je mehr der Purismus durchdringt, desto ungeeigneter wird die deutsche Sprache für den internationalen Verkehr. Sie stellt sich auf Innenverständnis und Binnengebrauch ein und verliert den Kurswert draußen. Sorgen wir dafür, daß die deutsche Sprachvaluta wieder die steigende Richtung einschlägt. * Mit jedem gut brauchbaren, aber vertilgten Weltwort verliert die deutsche Sprache einen winzigen Bruchteil ihrer Weltverständlichkeit und damit ihrer Macht. Und diese Teilchen häufen sich zu ansehnlichen Größen. Wer sich zum Anwalt dieser Minderung macht, der verfährt so, als wäre sein vaterländisches Grundbekenntnis: »Mein Vaterland muß kleiner sein!« Wir wollen es größer haben, sprachlich erweitert, sprachlich machtvoller. * Sprachschäden können Sprachtugenden sein. Es kommt darauf an, wie man die Dinge ansieht. Einer stellt sich vor das Felsgewirre hin und bejammert die zerstörenden Gewalten der Verwitterung und Erosion. Was da alles zerspalten, abgeschrammt, zerhobelt, hinausgeschwemmt wird, dem ursprünglich so kompakten Felsen zum unheilbaren Schaden! Der andere aber sagt: es gibt auf der Welt keinen besseren Baumeister, als diese Verwitterung. Sie allein bewirkt alle Schönheit, alle Romantik, alles malerisch Eindrucksvolle in diesen Massen. Auch die Sprache leidet unter Erosion und Fortschwemmung, wenn man eben als Leiden bezeichnen will, daß vieles verloren geht, was ursprünglich fest dastand. Man muß es nur verstehen, die Reize wahrzunehmen, die ihr Dasein den Lücken verdanken. Das ganze gelehrte und dichterische Schrifttum vergangener Jahrhunderte ist von solchen Lücken durchsetzt. Aber was stehen blieb, wirkt eindringlicher als vordem. Und auch das Sprachganze zeigt Verwitterungsschönheiten. * Das Latein wird als eine tote Sprache bezeichnet. Wann starb das Latein? Diese oft aufgestellte Frage steht auf gleicher Stufe mit dem vor langer Zeit von einer ausländischen Akademie ausgerufenen Doktorproblem: Warum wiegt ein toter Fisch mehr als ein lebendiger? Zahlreiche Beantwortungen preislüsterner Bewerber liefen ein, bis einer auf den Gedanken verfiel, die Sache mit der Wage zu untersuchen; der ermittelte: ein toter Fisch ist gar nicht schwerer. Auf unsern Fall übertragen: das Latein ist gar nicht gestorben. Es lebt ein anderes Leben als zur Zeit Ciceros, ein anderes als in der mittelalterlichen Gelehrtensprache, aber es lebt. Und wenn wir leidlich gebildet reden, so lebt es auch unter uns. Als Ovid in der Verbannung sang: barbarus hic ego sum, quia non intelligor ulli – war sein Latein tot in dem Umkreis, der ihn nicht verstand. Solange aber noch irgend ein deutscher Student mit strotzender Kehle und blitzendem Auge sein Gaudeamus schmettert, lebt das Latein in Jugendkraft. * Muß es denn immer am Buch liegen, fragt Lichtenberg, wenn es beim Zusammenstoß von Buch und Kopf hohl klingt? Ein prachtvoller Aphorismus, der zwar nicht jeder akustischen Probe standhält, aber doch weiter verfolgt werden sollte. So klingt es meist recht hell und freundlich, wenn ein leeres Buch und ein leerer Kopf zusammenstoßen. Und viele Bände verdanken ihren Erfolg einzig der Echowirkung dieser freundlichen Klänge. * Von Lichtenberg stammt auch der Ausspruch, daß jeder Mensch einmal im Jahre oder einmal im Leben genial sei. In der Wissenschaft reicht solch einmalige Genialität aus, um dem Menschen einen hohen Platz zu sichern. Robert Mayer, der Entdecker des mechanischen Wärme-Äquivalents, war einmal im Leben genial, eben bei dieser Entdeckung, nie zuvor und nie nachher. Aber da dieser Lichtmoment gerade auf wissenschaftlichem Gebiet auftrat, so genügte er. Im Schrifttum genügt die Einmaligkeit nicht. Da tritt die Menge als Wertfaktor hinzu und zwar als selbstverständlicher. Es findet keiner einen genialen Satz, eine geniale Strophe, dem nicht das Genie aus den Poren bricht. Keiner schafft ein unvergängliches Gedicht und nur dieses einzige. Und wenn euch solch ein Sonderfall angepriesen wird, verlangt die Probe und Kontrolle durch andere Erzeugnisse des nämlichen Verfassers. Sind sie nicht zu ermitteln, so mißtraut auch dem Sonderfall. Es liegt kein vereinzeltes Goldkorn im Sande. Finden sich ihrer nicht mehrere, so war's ein Messingsplitter. * Wenn Lessing fordert, daß ein schlechter »Dichter« wenigstens ein guter Reimer sein müsse, so verlangt er zu viel. Der schlechte Dichter besitzt die Befugnis, schlecht zu reimen, im selben Grade wie der gute, der schlecht reimen mag, ohne damit seiner Dichterhöhe etwas zu vergeben. Aber keiner besitzt das Recht, das Ohr des Lesers und Hörers auf den Reim lyrisch einzustellen und es dann mit absichtsvoll falsch konstruierten Reimen zu überfallen; bloß um zu zeigen: ich mach's anders als andere. Das ist schlimmer als ein Verbrechen, das ist ein Fehler im sittlichen Empfinden. Der Dichter, wenn man ihn noch so nennen will, lädt den Hörer zu Gaste, stellt sich an, als wolle er ihm Musik machen, intoniert einen Takt richtig, läßt das Instrument blitzschnell sinken und haut dem Gast mit der harten Leyer aufs Ohr. Das fällt nicht mehr unter die Kunstregeln, sondern unter die Strafparagraphen. * »Was er weise verschweigt, zeigt mir den Meister des Stils.« Nur bedingungsweise anzuerkennen. Nur als eines unter den zahllosen Zeichen der Meisterschaft kann das weise Verschweigen gewürdigt werden, und nicht einmal als das oberste von allen. Übergeordnet ist ihm das weise Aussprechen dessen, was kein Leser zu finden vermöchte, obschon er an der entscheidenden Stelle gar nichts vermißt. Der Autor setzt einen Ausdruck hin, der Leser ergänzt es aus eigener Intuition durch fünf andere, freut sich der Anregung und begrüßt die Stilmeisterschaft. Aber diese Prägnanz, sechs durch eins, hat die Möglichkeiten nicht erschöpft. Es gibt noch ein siebentes Wort, eines, das nur der Autor zu finden vermag, und das, an das erste gestellt, unabsehbare Reflexe zu erzeugen vermag. Verschweigt er es, dann bleibt er der Meister des Stils, spricht er es aus – obschon es entbehrlich ist –, so erhöht er den Stil. Die Fälle sind selten, aber doch feststellbar, so besonders bei Nietzsche. Und es ist bezeichnend, daß Nietzsche sich dieser absonderlichen Meisterschaft bewußt war: »Es ist gut, eine Sache sofort zweimal zu sagen und ihr einen rechten und einen linken Fuß zu geben. Auf einem Bein kann die Wahrheit zwar stehen: mit zweien aber wird sie gehen und herumkommen.« Sogar in diesem Satze hat er das, was zu sagen war, nicht nur zweimal, sondern dreimal gesagt; weit entfernt davon, irgend etwas weise zu verschweigen. »Du mußt es dreimal sagen«, spricht Mephistopheles, einer der besten Stilisten in deutscher Sprache. * Steht die wissenschaftliche Tat höher oder die künstlerische, insonderheit die dichterische? Die Frage ist einer Beantwortung zugänglich, wenn man sich über den Begriff »höher« verständigt und die Höhe nach dem Maß der Unersetzlichkeit erfaßt. Die Wissenschaftstat, selbst die gewaltigste, ist immer ersetzlich, wie schon daraus ersichtlich, daß sie häufig in Duplizität auftritt. Newton fand das Gravitationsgesetz, weil es reif zum Finden war; er und Leibniz erfanden die Infinitesimalrechnung, und wir können zwar darüber streiten, wem die Priorität gebühre, nicht aber darüber, daß die Erfindung fällig war und auch ohne jene beiden längstens nach fünfzig Jahren ans Licht getreten wäre. Aber wenn Beethoven nicht seine Fünfte Symphonie geschrieben hätte, so wäre sie bis heute nicht vorhanden. Sie war so, wie sie uns als Offenbarung erscheint, nicht fällig. Ganz ebenso können die großen Taten des Schrifttums gewertet werden, nach dem Grade ihrer Unersetzlichkeit; und in diesem Sinne stehen sie höher als ihre wissenschaftlichen Mitbewerber. Am höchsten aber stehen die Werke, welche die Kennzeichen aus beiden Gebieten in sich vereinigen, die Einzigkeit der Worte mit dem Gehalt an Erkenntnis. Das sind die Kohinoors unter den Diamanten, ausgezeichnet durch Seltenheit, Glanz und Unvergleichbarkeit. Zu ihren Vertretern gehören Plato, Lukrez, Shakespeare, Albrecht Haller, Lessing, Goethe, Wieland, Rückert, Gobineau, Fechner, Fr. Vischer. Nicht zu ihnen gehören die Gefühlsdusler, denen bisweilen ein Vers gelingt in einer gebildeten Sprache, die für sie dichtet und denkt; und die alles von der Sprache erwarten, ohne ihr das geringste zu geben. * Dem Gesetz von der Erhaltung der Kraft entspricht ein Gesetz von der Beständigkeit der Interessen und von der Konstanz der Begabungen. Ein wirklicher Beweis hierfür wird niemals geliefert werden, nur die Analogie und eine aus Erfahrung fließende Wahrnehmung drängt dazu, es anzuerkennen. Die Summe der Begabung bleibt in der Welt, wahrscheinlich schon innerhalb eines großen Volkes, unveränderlich, ebenso die Summe der Interessen, welche die Begabungen zu ihren Leistungen drängen. Setzt man dies als ein Axiom voraus, so muß man schließen, daß die Höhepunkte der Wissenschaft nicht mit denen der Kunst zusammenfallen können, und ebenso, daß innerhalb eines Schrifttums nicht alle Zweige zugleich zur Blüte gelangen. Dieselbe Begabung, die zu anderer Zeit und im Zuge anderer Interessen ein reines Dichtwerk, eine Messiade, einen Kranz von Oden vollbracht hätte, wird mit Notwendigkeit anders gerichtet ein Werk wie Zarathustra, Zendavesta, Kritik der Sprache, Von kommenden Dingen ans Licht stellen. Erkennt man die reine Geistigkeit als das Bestimmende einer gewissen Zeit, so wird sich jene Konstanz dadurch herstellen, daß die reine Poesie die Kosten zahlt, um den Mehraufwand auf der andern Seite zu bestreiten. Der Sprache selbst ist dies ganz gleichgültig; ihr kommt es nur darauf an, daß diese Wirtschaftsrechnung in Plus und Minus stimmt. * Die Glaubwürdigkeit des Finders ist im allgemeinen größer als die des Nichtfinders. Wenn ein ehrlicher Mensch erklärt: ich habe in diesem Gelände Spuren von Erz gefunden, ein anderer ebenso ehrlicher: ich habe keine gefunden, so nehmen wir den Erzbestand als höchstwahrscheinlich an. Denn man kann übersehen, was vorhanden, aber nicht finden, was gar nicht existiert. Hieraus könnte man mit Rückschluß auf das Schrifttum folgern, daß man mehr auf den Lober hören soll als auf den Tadler. Denn der Lober muß in dem Drama, dem Roman, oder was es sei, Vorzüge entdeckt haben, die dem Tadler entgingen. Im großen und ganzen wird es wohl auch so sein, und man wird die verzehnfachte Prüfung aufzuwenden haben, ehe man sich entschließt, dem Tadler beizutreten. Aber eine durchgreifende Regel läßt sich hieraus nicht ableiten, und ein Rest von Glaubwürdigkeit bleibt beim Ablehner, insofern auch er ein Finder ist gegenüber dem lobenden Nichtfinder; denn der Mangel im Drama, im Roman, ihre Verkehrheit, Plattheit, Unzulänglichkeit, sind auch Positivitäten, die dem einen entgehen können, während der andere sie entdeckt. Ja, es gibt im Geistigen, wie Börne bemerkte, ein angebornes Genie der Dummheit, und es ist nicht jedermanns Sache, mit seinem Urteil die Höhe solchen Genies vollkommen zu erfassen. * Wer in Sprachfragen politische Kampfmotive mitspielen läßt, bringt Begriffe durcheinander, die in aller Welt nichts miteinander zu tun haben. Er verdächtigt den sittlichen Charakter, wo nur der Ausdruck in seiner Beziehung von Form zu Inhalt in Frage steht. Vor Jahrzehnten war man ein »Reichsfeind«, wenn man sich gegen irgendwelche Paragraphen einer Regierungsvorlage, etwa in Sachen des Versammlungs- oder Vereinsrechtes auflehnte. Heute erscheint uns das unfaßbar, und doch ist die Methode noch im Schwange, und man gerät in die politische Acht, als ein »Undeutscher«, wenn man sich für gute und tüchtige Ausdrücke nicht elende, leistungsunfähige aufschwatzen lassen will. Mit dieser sinnlosen und verwerflichen Methode kann man das konfuseste Zeug beweisen. Zum Beispiel: in Fichtes Reden an die deutsche Nation findet man die welschen Ausdrücke »absolut, Element, apriorisch, Barbar, genialisch, Reformation, Republik, Reflexion, Rivalität, Chaos, Subjekt, objektiv, Sphäre, Instinkt, Idee, Epoche, mechanisieren, empirisch, Nationalcharakter, Majestät, Rebellion« usw., folglich war Fichte zum mindesten als er diese Worte sprach und schrieb, ein Deutschfeind. Oder: von zwei Bildhauern arbeitet der eine in welschkararischem Marmor, der andere in grunddeutschem Sandstein vom Elbufer, folglich ist dieser der sittlich hochstehende Deutsche, jener der fremdländernde Reichsgegner. Eine unausdenkbare Perspektive, in deren Vordergrund aber ganz gegenständlich gekämpft, beschimpft und verdächtigt wird. Aber einst wird kommen der Tag – wahrscheinlich ist er gar nicht so fern –, wo der deutsche Sprachgeist nach ganz anderer Methode sichten und urteilen wird; tretet zur Linken Reinemacher und Reinegemachte, die andern zur Rechten, und laßt sehen, auf welcher Seite die wirklichen Schriftsteller stehen, die Sprachgewaltigen, die Mehrer des Schrifttums. Das wird eine hübsche Statistik werden, und man wird sein blaues Wunder erleben! * Wer die innige Beziehung von Sprache und Musik begriffen hat, der wird auch in Ansehung des Purismus dem nachfolgenden Beispiel volles Verständnis entgegenbringen. Es ist der Berliner Musikgeschichte entnommen und zeigt uns, wohin es führt, wenn die »absolute Reinheit« zum obersten Prinzip erhoben wird. Nämlich ganz einfach zur Vernichtung der Kunst . Im Jahre 1852 gelangte Eduard Grell an die Spitze der Berliner Singakademie, ein sehr bedeutender Theoretiker und Kontrapunktist, Schöpfer der noch heut bewunderten 16stimmigen Messe. Alle seine Kunstbestrebungen gipfelten im Reinheitsfanatismus. Nach dem vollgültigen Zeugnis von Carl Krebs bedeutete ihm die Reinheit des Zusammenklangs alles, und in der Verfolgung dieses Geschmacksweges mußte er am Ende dahin kommen, jedes Musizieren, das die akustisch reinen Tonverhältnisse nicht darstellen kann, abzulehnen, also die temperierte Stimmung und mit ihr die ganze Instrumentalkunst . In einem Gutachten über die Kompositionsklasse der Akademie erklärte Grell die gesamte Instrumentalmusik als den » vernichtenden Feind aller musikalischen Kultur , der aus jeglicher Schule des Landes gänzlich entfernt werden müsse!« Und ein offner Brief an unsere Singakademie, die er ihr als sein künstlerisches Vermächtnis hinterließ, beginnt mit den Worten: »Dir, liebe Singakademie, drängt es mich, an das Herz zu legen, Dich anzuflehen, niemals durch Bau oder Benutzung einer Orgel Deinen bisherigen Gesang zu entweihen!« Von seinem Standpunkt aus hatte Grell vollkommen recht, denn wer nichts anderes kennt als Reinheit und diesen Standpunkt bis in die äußerste Folgerung vertritt, muß zu solcher Barbarei gelangen. Nur daß im Falle der Musik dieses Ergebnis von jedermann als Barbarei erkannt wird, während im Falle der Sprache die verwüstenden Folgen noch nicht durchschaut werden. Weil eben das Zeitmaß der Sprachentwickelung als ein ungeheuer verzögertes auftritt, gegenüber den Siebenmeilen-Sprüngen in der Entwicklung der Tonkunst. In wenigen Jahrzehnten sind Grells Ansichten grinsende Lächerlichkeiten geworden. In Jahrhunderten, zu Zeiten der deutschen Universalsprache, werden die sprachpuristischen Rufe der Vorzeit dem nämlichen Lose verfallen. Der Vergleichspunkt liegt ausschließlich in der Übertreibung eines einzigen Begriffs, den die Heerrufer als einen lebenswichtigen ausposaunen, während er tatsächlich nur eine äußerlich-mechanische Geltung hat. Letzten Endes bleibt die Reinheit der Kunstwirkung gänzlich unabhängig von der Beschaffenheit der Elementar-Ursachen, wie ja auch die Reinheit eines Landschaftseindrucks unbeeinflußt bleibt von der chemischen Natur der Stoffe in der Landschaft. Wer die Reinheit bis in die Grundstoffe, bis in die Urklänge und Urworte hinein verfolgt, betreibt eine Apotheker-Analyse, die mit künstlerischer Analyse nichts zu tun hat; er verwechselt Begriffe und vertauscht Elemente, die in getrennten Welten liegen. * Ist eine Universalsprache überhaupt möglich? Ist der Gedanke an sich nicht viel zu allgemein, zu utopisch, um jemals verwirklicht zu werden? Gewiß, wer die Hoffnung ausspricht, gerät leicht in die Gefahr, als Träger einer Schrulle belächelt oder gar als unvölkisch verschrien zu werden. Und es werden sich aus zottigen Hochbrüsten Stimmen gegen ihn kehren mit der Behauptung: nie zuvor hätte ein treudeutscher Schriftsteller von Rang sich zu solcher phantastischen Unmöglichkeit verstiegen. Wirklich, nie zuvor? Ach, wie wäre es, wenn die kernigen Vielwisser einmal anfingen, die Akten zu revidieren; sie könnten dabei auf eine Abhandlung stoßen, die auf das Jahr 1846 zurückgeht und keinen geringeren als Friedrich Hebbel zum Urheber hat. Dort heißt es in der Betrachtung bestimmter Formen im Denken und Dichten: ».... Hier ist der Punkt, auf dem der Gedanke an eine Universalsprache , – gegen die sich die verschiedenen Nationalsprachen wie ebensoviele ihr vorhergegangene Exerzitien verhielten, deren Zweck auf relative Ermittelungen und Vorbereitungen hinausliefe, wenigstens nicht unvernünftig und willkürlich erscheint, .... Aber die Kenntnis der Rahmen erweitert nicht die Spiegel, und die Hoffnung, sie alle dereinst näher und näher zu rücken, dann zerbrechen und auf dem Gipfel der Zivilisation in einem einzigen verschmelzen zu sehen, ermangelt keineswegs des Fundaments .... Auch soll, um zu diesem Ziel zu gelangen, nicht aus dem Stegreife ein Sprung unternommen, es soll nur einfach fortgeschritten werden, da man, wenn kein Stillstand eintritt, auf demselben Weg und ungefähr auch mit denselben Opfern ... von der National -Sprache zur Universal -Sprache kommen muß, auf dem .. man von der Individual-Sprache, um die ersten stammelnden Verständigungs- und Mitteilungs-Versuche so zu nennen, zur Familien-, Provinzial- und National-Sprache kam.« Der Neuschöpfer der Nibelungen ist wohl über den Verdacht erhaben, mit dem Bestand unserer Sprache mutwillig gespielt zu haben. Allein seine Ausführungen lassen keinen Zweifel darüber, daß er als einer der Vielzuwenigen genau wußte, wohin die Reise gehen wird. Warum redet er von den vorhandenen Teilsprachen als von »Exerzitien«, warum sagt er nicht Übungen, Vorübungen? – Weil im Exerzitium der Begriff Exercitus mitklingt, das auf Feindeswirkung eingestellte Heer, das Gegensätzliche in den Teilsprachen. Warum wird bei ihm die Universal- nicht zur Allgemein- oder zur Weltsprache? Weil in »Universal« das unus steckt und das vertere , der Vorgang, kraft dessen sich das Mehrspaltige zur Einheit wenden soll, und weil keine Übersetzung imstande ist, diesen Vorgang in sich aufzunehmen. Hebbels Ansage ist in dem dickflüssigen Stil geschrieben, in den er so häufig, von der eigenen Gedankenflut gedrängt, sich verfangen mußte. Allein seine sprachlichen Mittel sind Werkzeuge der Fernsicht, und sie selbst verraten in losen Andeutungen bereits Fernspuren der Universalsprache. * Den nur sehe ich als Dichter an – der auch gute Prosa schreiben kann – und nur der gilt mir als Prosaist, der gewandt in jeder Versform ist: so umschreibe ich eine Forderung, die von unseren Besten, mit besonderem Nachdruck von Lessing, Heine, Gottfried Keller, Storm, vertreten wurde. Letzten Endes fließen Prosa und Dichtung in einander über. Aber nur im eigenen Schaffen kann man der Wurzeleinheit beider Formen sich bewußt werden, in eigenem Erlebnis des Denkens, Schreibens und künstlerischen Formens. Wie sollen die aufs Sprachmechanische gerichteten Schulmeister davon wissen? Sie trennen ab, rubrizieren, schachteln und gelangen so allenfalls dahin, dem Versemacher allerhand Freiheiten zu gewähren, die sie dem Prosaschreiber verweigern. Sie sind also gnädig genug, dem Dichter in Ansehung des Reimzwanges sogar das Fremdwort zu gestatten. Dunkel schwebt es ihnen vor, daß andernfalls ein großer Teil unserer dichterischen Schätze und die Gesamtheit der humoristischen Verskunst gar nicht existieren würde. Daß aber Prosa und Poesie denselben Grundgesetzen unterliegen, dieselben Zwänge aushalten, von denselben Freiheiten leben, das vermögen sie nicht zu begreifen, genauer gesagt, es kann ihnen gar nicht einfallen, diese Einheit wahrnehmen zu wollen, weil man sie eben erlebt haben muß, in Blut und Nerven, während sie nichts anderes erleben als pedantisch abgezogene Regeln und Vorschriften. Goethes Iphigenie war ursprünglich in Prosa verfaßt, »in einer mit Versen förmlich gesättigten Prosa. Er wollte in Prosa schreiben, aber unwillkürlich nahmen seine Gedanken die poetische Form an. Aus der Vergleichung ersieht man nicht nur, wie häufig in jener schon die Verse sind, sondern auch, wie wenig Änderungen nötig waren, um das prosaische Drama in ein Gedicht umzuschaffen« (Lewes). »Fürwahr, man schreibt nur im Angesicht der Poesie gute Prosa!« ruft Nietzsche; und wenn Schiller erklärt, der Poet stehe unter anderer, also höherer Gerichtsbarkeit, so liegt dem der Sinn zugrunde, daß in der Prosa nichts verfemt sein dürfe, was sogar die strengere Gerichtsbarkeit als zulässig und notwendig anerkenne. Nach landläufigem Ausdruck ist der Vers die gebundene, die Prosa die freie Rede. Und der freien Rede wollt ihr Fesseln aufschmieden, die der gebundenen nach eurem eigenen Zugeständnis unerträglich wären? Kann man die Fehlerhaftigkeit eines fehlerhaften Zirkels noch weiter treiben? * Ein berühmter Satz von Rivarol besitzt noch heute richtende Geltung für das Urteil und den Geschmack in Frankreich: »Ce qui n'est pas clair, n'est pas français.« Der Satz hat den Neid deutscher Sprachmeister erregt, und diese verlangen nun auch in unserem Bereich Klarheit, Eindeutigkeit um jeden Preis, das heißt möglichste Auslöschung der nicht scharf abgegrenzten Übergänge, der Schattierungen, der Nuancen. Aber die unbedingte Forderung nach Klarheit ist stets falsch gewesen und wird ewig falsch bleiben. Kein sprachliches Kunstwerk könnte vor ihr bestehen. Wirkliche Eindeutigkeit ist die Tugend eines Gesetzbuches, einer Logarithmentafel, eines Lehrbuches der Geometrie, einer amtlichen Bekanntmachung. Aber schon Descartes, der als Begründer seiner Analysis eindeutig war, wird vieldeutig, wo er philosophiert, und nicht nur seine, sondern überhaupt alle Philosophie und dazu die Hälfte der besten Dichtungsliteratur müßte man einstampfen, wenn die Klarheitsforderung souveräne Gewalt erlangen könnte. Weil nämlich alles, was den Menschen als Gedankenaufgabe vorschwebt, im Grunde nichts anderes ist als ein System verwickelter Gleichungen. Die Fragestellung in diesen Gleichungen ist eindeutig, nur diese Bestimmtheit fühlen die Klarheitsapostel hindurch, und nun verlangen sie auch eindeutige Lösungen, weil sie nicht wissen und begreifen, daß genau entgegengesetzte Lösungen zur Befriedigung ein und derselben Gleichung dienen können, daß auch das Imaginäre, d. h. das in bestimmten Worten gar nicht mehr faßbare herangezogen werden muß, um die Gleichung zu erfüllen. Wir besitzen Ansätze zu einer Algebra der Logik, und es wird einmal eine Wissenschaft entstehen, die Algebra der Sprache, die tausend Sprachgeheimnisse von einst und heute entschleiern wird. Wie diese Wissenschaft aussehen wird, das wissen wir nicht, von ihrem Inhalt können wir nur weniges erahnen, aber das eine wird sie gewiß unter Beweis stellen: daß die Fülle, Schönheit und Macht einer Sprache nicht von ihrer Klarheit, sondern von ihrer Vieldeutigkeit abhängt. Und dann wird man sich der Nüancentöter erinnern, als der brüllenden Löwen, die da einst umhergingen, suchend, wen sie verschlängen. * In den ersten Kriegsmonaten, als man mit Haßgesängen Ehrenplätze auf dem Parnaß erwarb, wurde eine Umfrage ausgeschickt: darf man auf einer deutschen Bühne Shakespeare spielen? Die nahezu einstimmige Antwort lautete: man darf, und man soll. Aber die bloße Tatsache der Umfrage zeigt doch, daß manche Leute mit dem schönen und für eine große Orgel bestimmten Grundthema »Deutsch« erst dann etwas anzufangen wissen, wenn sie es auf die Radauflöte übertragen haben. Sie hätten ebensogut zur Erörterung stellen können, ob man in Deutschland noch eisenbahnfahren dürfe, da die Erfindung der Lokomotive von dem Engländer Stephenson herrühre. Über den Shakespeare haben sich ja nun die Umfrager beruhigt, aber sie fragen mit einer weiteren Umbildung des Themas, ob man Fremdworte, Weltworte gebrauchen dürfe, und sie gelangen zu dem Ergebnis, man dürfe es nicht, man solle ausschließlich »deutschdenken«, um deutsch zu reden und zu schreiben. Es ist der Haßgesang in einer anderen Variation, mit einem Piff-paff-puff-Geschmetter gegen alle, die nicht deutsch denken wollen oder deutsch zu denken verstehen; mithin so ziemlich gegen alle Großmeister der deutschen Literatur. Ganz vornehmlich aber kriegen die Heutlebenden, die sich etwa gegen die Forderung wehren, eins auf den unpatriotischen Pelz gebrannt. Was heißt nun »Deutsch denken«? Geht es auf die vaterländische Gesinnung, so verbitten wir uns jeden Zweifel und jede Überhebung, da wir in unserm Glaubensbekenntnis gar nichts Höheres finden als eben dieses Denken. Geht es aber auf die Gehirnleistung, die etwas schaffen soll, so gibt es ebensowenig ein deutsches Denken, als eine protestantische Mathematik oder als eine katholische Botanik. Es gibt eben bloß ein »Denken«. Und der Satz, der umgedacht werden kann, war des ersten Denkens nicht wert. Was den Satz zum neuen Satz, das Werk zum wertvollen Werk macht, beruht auf der Erfindung, auf einer neugestaltenden Arbeit der Gehirnzellen, die nur von Sprache wissen, aber nicht von Sondersprache. Ist der Satz, das Werk heraus, dann kann man darüber streiten, ob diesen oder jenen Ausdruck durch einen andern zu ersetzen möglich oder zweckmäßig sei. Den Streit in den ursprünglichen Denkakt verlegen, ist ein Unsinn. Ein großer Teil der wertvollsten Weltliteratur trat zur Zeit der Humanisten lateinisch ans Licht. War er lateinisch gedacht? Hätten die Volksgenossen den Urhebern zurufen dürfen: denkt deutsch, denkt italienisch, denkt holländisch? höchstens doch: schreibt es auf, daß wir's verstehen, übersetzt es uns. Das kann man machen, in jedem Einzelfalle. Aber das betrifft nur das nachträgliche Kleid, nicht den Körper. Der ist urerschaffen, ein Adam, nackt, nicht behängt mit irgendwelchen nationalen Kennzeichen. * Es gibt Schriftsteller, die leben vom Nichtverstandenwerden. Bei einigen von ihnen kann man sogar einen Aufstieg von Fiasko zu Fiasko beobachten. Das Geheimnis ihres Erfolges besteht darin, daß er nicht vorhanden ist, und ihr Lorbeer beginnt zu welken, sobald man anfängt, sie zu verstehen. Sie schreiben, dichten und dramatisieren in Runen. Weil Heraklit und Hegel, Hamlet und Tristan dunkel sind, tun sie dunkel und tauchen in die Vieldeutigkeiten der Sprache. Ihnen folgt der Schatten eines chorus mysticus mit der Schicksalsfrage: ist am Ende doch etwas dahinter? Und an diesem Fragezeichen hängt ihre Existenz. Erst wenn das dahintersteckende in den Vordergrund tritt, wenn aus dem Verkannten ein Erkannter wird, ist es vorbei; auf die Dauer wird nämlich der Vieldeutige heute gar nicht verkannt. Das Exempel zwischen ihm und seinem Beurteiler braucht gar nicht glatt aufzugehen, ebensowenig wie das Exempel zwischen der Sprache an sich und dem Sprachkenner jemals glatt aufgeht. Vorausgesetzt wird eben wirkliche Vieldeutigkeit, nicht verlarvte Eindeutigkeit. Wer es darauf anlegt, verkannt zu werden, der nimmt auch leicht die Figur des Weltschmerzlers an. Dann lebt er von den Sorgenrunzeln seiner Schriften und Gedichte. Träte ein unverhoffter Glücksfall ein, dann wäre es mit der Verhärmtheit zu Ende, und der Beglückte wüßte nicht mehr, was er weiter dichten soll. Das wäre eine Katastrophe für ihn. Verkanntsein, Nichtverstandenwerden und Wehleidigkeit gehören zu einander und können einem Dichter das Leben auf längere Weile hin ganz behaglich machen. * Sollte es am Ende wie in Raum und Zeit auch im Kunsturteil ein Relativitätsprinzip geben? Wenn uns einmal eins bekannt wird, dann müßten wir aus ihm allerlei über die Geschwindigkeit des Urteils erfahren und über die Möglichkeit wiederum, die Geschwindigkeit zu beurteilen. Heut sind wir, ob jung ob alt, schnell fertig mit dem Wort. Wir lesen ein Werk, durchblättern einen Roman, hören ein Stück bis zur großen Mittelpause und wissen, was wir zu sagen haben. Das Leben, die Technik sind auf Geschwindigkeit eingestellt, warum nicht auch das Urteil? Weil der Irrtum lauert? Das ist kein Grund dagegen. Der Irrtum hat keine Uhr. Er kann der Minute aus dem Wege gehen und sich mit dem Jahr intim befreunden. Wir tragen unsere Maßstäbe in uns, aus langer Erfahrung gewonnen, zum Gebrauch in jedem Augenblick bereit. Sie legen sich von selbst an und liefern uns die untrüglichen Ergebnisse. Cogito, ergo criticus sum . Bisweilen aber fallen uns die welthistorischen Fehlurteile ein in alten Kritiken über Schriftwerke, welche die Feuerprobe der Zeit bestanden haben. Jene Urteilsfäller waren ebenso gescheite Leute wie wir und brachten auch ihre fertigen Maßstäbe mit: Voltaire über Shakespeare, Friedrich über Lessing, Goethe über Kleist; und dazu hundert andere, die sich mit dem geschwinden – für ihre Zeit geschwinden – Urteile vergaloppiert haben. Da werden wir bedenklich und nehmen uns vorübergehend vor, das Warten zu lernen. Als er mit dem Hammer philosophierte, begeisterte sich Nietzsche für das langsame Urteil; man muß die Entscheidung hinausschieben können, aussetzen können, zugunsten einer höheren Geistigkeit, so lehrte er. Und mit diesem Hinausschieben im langsamen Urteil gelangte er dazu, den Parsifal für einen Operettenstoff zu erklären. War nicht ein dunkler Kunstschreiber, der sich die Begeisterung frisch von der Seele schrieb, der Wahrheit näher als ein zögernder Philosoph? Es ist und bleibt ein fehlerhafter Zirkel, aus dem wir nicht herauskönnen. Beim raschen Urteil geht es zu wie bei der Geburt der Minerva, die fertig aus dem Haupte Jupiters sprang. Nur daß bei uns Menschen gewöhnlich eine Doppelgeburt herauskommt, da der Irrtum der Zwillingsbruder der Kritik ist. Das langsame Urteil reift aus; nur daß wir so selten zwischen Reifung und fauliger Gärung unterscheiden können. * Nach dem Gesetz der Stetigkeit wäre Genie das höchstgesteigerte Talent. Die neueste Wissenschaft steht im Begriff, uns zu zeigen, daß dieses Gesetz nicht lückenlos gilt. Und so gibt es auch eine Genialität abseits des Talentes, Leistungen in der Dichtkunst, die man als genial, aber als durchaus talentlos bezeichnen kann. Grabbe, Büchner, Lenz besaßen Genie, aber ihnen fehlte das Talent, mit ihrem Genie etwas anzufangen. * Das Volkslied fremdwörtelt nicht. Das ist erweislich wahr, und es läßt sich erwarten, daß unsere Sprachretter sich keine Gelegenheit zum Ausspielen dieses Trumpfes entgehen lassen. Aber sie wissen dabei genau, daß sie das nicht dürfen und daß ihnen der Trumpf nicht mit natürlichen Dingen in die Finger kommt. Sie schlagen die Volte, sie bedienen sich eines Kunstgriffs, um Dinge in eine Vergleichsebene zu bringen, die ewiggetrennten Welten angehören. Wer Gott im Himmel sucht, kann ihn mit geschlossenen Augen finden, aber zur Erforschung des Sternenreichs am Himmel gehören die umständlichsten Apparate und Rechnungen. Die Einfachheit eines Gesprächs mit Gott fordert durchaus nicht die Übertragung dieser Einfachheit auf das Komplizierteste. Sie könnte sonst ebenso in Anwendung auf den Himmel das Verbot des Fernrohrs und der Spektralanalyse fordern. Was das Volkslied betrifft, so liegt seine Sprache und seine Musik in derselben Ebene, aber wiederum in anderer Welt, wenn wir zum Vergleich die Bildungssprache und die musikalischen Ausdrucksmittel unserer Zeit heranziehen. Wer des Volksliedes Sprachreinheit als das allgemeine Muster hinstellt, kann auch verlangen, daß die moderne Tonkunst mit den Mitteln der trällernden Kindheit auskomme. Jede Verallgemeinerung einer Einfachheit führt ins Absurde. Auch die Tonne des weisen Diogenes war einfach, sie läßt sich aber zum Beweis gegen Spiegelfenster, Treppenanlagen und Warmwasserversorgung nicht verwerten. Der Hausvater, der die Häupter seiner Lieben zählt, kommt mit einem Blick aus; zu anderen Zählungen gehören höhere Arithmetik und Integralrechnung. * Bei der Gleichsetzung der Worte lauert Gefahr. Denn das Wort schleppt seine eigene Geschichte mit sich und verrät bisweilen Begrenzungen im historischen Ablauf, die zu der Gleichsetzung nicht stimmen. Antiochus von Syrien bekämpfte die Juden, war also ein Judenfeind . Das ist eine Tautologie. War Antiochus ein Antisemit ? Die Frage kann stutzig machen. Wortwörtlich bleibt's dasselbe, und trotzdem regt sich ein Widerspruch. Denn wir besinnen uns, daß »Antisemit« als Ausdruck erst seit 1879 existiert und für die Besonderheit einer bestimmten, von uns erlebten Bewegung geschaffen wurde. Eine rückwirkende Kraft bis ins zweite Jahrhundert vor Chr., vollends mit Geltung für einen Syrer, der selbst Semit war, kann ihm also nicht beigelegt werden. Es sei denn, der Sprecher wolle aus irgend einer Absicht den unstimmigen Ausdruck bevorzugen; wie man ja auch zum Zweck eines gewissen Kontrastes vom Professor Aristoteles oder vom Grand Prix im alten Olympia reden könnte. Wo aber diese Absicht nicht kenntlich wird und nichts anderes herauskommen soll als eine identische Gleichung, bleibt es bestehen: Antiochus war ein Judenfeind, aber kein Antisemit. * Und was fangen wir mit den -ismen an, mit allen den -ismusen , die sich dem Wort so willig anfügen, um aus einer Person, einem Gegenstand, einer begrenzten Erscheinung etwas Allgemeineres zu entwickeln? Gerade aus der Willigkeit wird ihnen der schlimmste Vorwurf gemacht, von jenen, die im Fremdwort den Schmarotzer, also im -ismus den Parasiten auf dem Parasiten erblicken. An sich schon ein übler Welschling, klammert er sich noch dazu fast ausnahmslos ans Welsche, um es noch mehr zu verausländern, dazu noch an Eigennamen – Cäsarismus, Platonismus, Pyrrhonismus, Galvanismus, Alpinismus – und wenn wir es nicht an der Wurzel erfassen, wird es sich auch bald im Reindeutschen ansiedeln; und daraus könnte sich ein netter Sprechanismus entwickeln! Eine durchgreifende Hilfe gegen das Anhängsel gibt es nicht. Der Übersetzer verweist auf die einzelnen Fälle und findet vielfach brauchbaren Ersatz, für den Einzelfall; d. h. er kann das Hauptwort mit seinem Schwanz auf Deutsch beschreiben. Aber ein für allemal so, daß er den weiteren Begriff etwas verengt. Er liefert in der Übersetzung, bestenfalls, einen konzentrischen Kreis mit verkürztem Radius. Nur ein Ring bleibt zwischen den Kreisen übrig, just in diesem sitzt der -ismus, und den kriegt er nicht mit hinüber. Zum Beispiel: Naturalismus : Abklatschung, Abklatschkunst, Alltagsäfferei, Kunstlosigkeit, Plattheit, Armeleutdichtung, Wirklichkeitsbild, Lebenstreue usw. Lauter Begriffskreise, die mit dem des Naturalismus den Mittelpunkt und einen Teil der Fläche gemeinsam haben; aber nicht die ganze Fläche. Der -ismus liegt immer jenseits, weil er nicht nur eine Teilkunst bezeichnet, nicht nur einen Zustand, eine Richtung, sondern die Gesamtheit aller Zustände, die in den kleineren Kreisen Platz finden. Pessimismus , gleich Weltschmerz, Weltverzweiflung, Lebensverneinung, Verdüsterung, Schwarzseherei, Wehleidigkeit, Trübsinn, Miesmacherei usw. – reicht's aus? gewiß, für den Einzelmenschen, nicht für den Umring des Begriffs. Jede Übersetzung gibt Stimmungseinzelheiten, die selbst in ihrer Zusammenfassung sich noch nicht zur Weltanschauung des Pessimismus addieren. Denn sie alle hadern nur mit den Erlebnissen innerhalb dieser Welt, geben trübe Ausblicke, enthalten aber kein Wertmaß zwischen dieser und anderen als möglich vorgestellten Welten. Diese Ansage zu leisten bleibt dem Pessimismus vorbehalten, als der Erweiterung der Stimmungen bis zu einer Lehre, die einen Beweis darstellen will: davon, daß unter allen vorstellbaren Welten die der Wirklichkeit als die schlechteste anzusehen ist. Wer die Reihe der -ismen so an sich vorbeischreiten läßt, ergibt sich einer ganz nützlichen Gedankenübung. Es empfiehlt sich, zur Analyse nicht nur die Worte, sondern Sätze heranzuziehen, in denen verwandte -ismen neben einander auftreten; wie z. B. »Der gröbste Zynismus ist unschuldiger als der feinste Obszönismus «; oder »Eine philosophische Linie führt vom Nominalismus über den Idealismus zum Solipsismus «. Man wird erkennen, daß es gar nicht so leicht ist, dergleichen restlos aufzulösen, und zugleich begreifen, warum sich unsere Wörterbücher an manchem - ismus mit scheuem Schweigen vorbei drücken. * Die Berufung auf Einfachheit und Erbaulichkeit entspricht dem Verfahren der einstmaligen preziösen Regelschmiede in Frankreich. Damals wurden Ächtungslisten der »unedlen Worte« aufgestellt, heute stehen die Fremdworte auf der Liste. In beiden Fällen wird die Schattenprojektion der Vollsprache für gleichwertig mit dem Körper genommen. Damals lief die Projektionsebene durch Hof und Salon, heute wird sie durch Himmel oder durch Wiese gelegt. Der Unterschied ist nur, daß die Regelschmiede von heute die Mängel ihrer Konstruktion ganz gut kennen und sie nur darum anwenden, weil kindliche Gemüter durch sie so leicht überrumpelt werden können. * Es ereignet sich nur selten, daß Sprachweisheit, Ausdrucksfülle und strenge Wissenschaft in einem Menschen zusammentreffen. Ernst Mach war einer der Vielzuseltenen. Höret auf ihn und nicht auf die Vielzuvielen. Alle Wissenschaft hat, nach Machs Erkenntnis, die Aufgabe, Erfahrungen zu ersetzen oder zu ersparen, durch Nachbildung und Vorbildung von Tatsachen in Gedanken. Die Erfahrungen ganzer Geschlechter werden durch die Aufbewahrung in Bibliotheken späteren Generationen übertragen und diesen daher erspart. Diesem ökonomischen Charakter der Wissenschaft entsprechend ist auch die Sprache als das Mittel der Mitteilung eine ökonomische Einrichtung. Die Schriftsprache nähert sich allmählich dem Ideale einer internationalen Universalschrift, denn sie ist keine reine Lautschrift mehr. Die Lautsprachen sind noch durchaus national und werden es voraussichtlich noch lange bleiben. Auf eine Voraussage über diese Zeitlänge läßt sich Mach nicht ein. Ihm genügt es, die Richtung des Weges zu bezeichnen und den Grenzwert zu bestimmen, den auch die Lautsprache in irgendwelcher Zukunft erreichen muß. Unsere heutigen Wünsche, Hoffnungen und Befürchtungen spielen demgegenüber keine Rolle. Das Ersparnisprinzip setzt sich durch, als eine Form des Naturgesetzes, das die Erzielung der größten Wirkung mit dem kleinsten Kraftaufwand verlangt. Dieses Prinzip kennt nur die Zweckdienlichkeit, nicht die Schönheit, und schreitet über die Leichen mancher ästhetischer Werte dahin; in eine sehr ferne Zeit hinein, die vielleicht keine Waldlyrik, aber bestimmt keine Kriegslyrik mehr kennen wird. * Man mag Sprachfragen aufstellen wie man will, ein Grundzug bleibt allen gemein, und auf irgend eine Weise gerät man immer wieder ans Fremdwort, weil im Weltwort ein Teil der zukünftigen Weltgestaltung beschlossen liegt. Wir sind uns freilich dessen nicht bewußt, wenn wir uns um diese oder jene Bedeutung, um diese oder jene Übersetzung streiten; aber in jedem Teilstreit steckt, unendlich verdünnt, der Gedanke an die Zukunft nicht nur der Sprache, sondern der Menschenschicksale überhaupt. Wüßten wir Schreiber in einem einzigen Falle die restlose, absolute Lösung, so wären wir aus aller Not heraus. Es ist der Schreiber ewig Weh und Ach, so tausendfach, aus einem Punkte zu kurieren. Bei Goethe heißt es nicht Schreiber, sondern Weiber, aber das Fremdwort kurieren steht genau so bei Goethe, und alle Schreiber der Welt könnten es nicht übersetzen. * Die Sprachlogik läßt sich nicht in Regeln pferchen; was heute falsch klingt, kann morgen richtig klingen und umgekehrt. Es kommt immer nur darauf an, wie der Redeteil sich in den Gebrauch des Tages, des Jahres, des Jahrzehntes einfügt. Der Schüler von heute bekommt einen Wischer, wenn er das Partizip so leichtsinnig anwendet, wie ein Klassiker, wenn er etwa im deutschen Aufsatz schreibt: »die vorstürmende Schlacht«, »der ankurbelnde Motor«, »die selbstladende Flinte«, oder gar »der einpackende Koffer«. Junge, hast du denn gar keine Logik im Leibe? begreifst du denn nicht, daß nur ein Mensch, nicht aber eine Sache oder ein Abstraktum vorstürmen, kurbeln, laden und packen kann? Aber Schiller und Goethe durften von wohlschlafender und schlechtschlafender Nacht reden, und Werther durfte schreiben: »Wollen Sie mir wohl zu einer vorhabenden Reise Ihre Pistolen leihen?« Damals war's logisch, heute ist's unlogisch, in irgendwelcher Zukunft kann es sich wieder in schönster Logik befinden. Die Gegenwart eröffnet bereits Ausblicke: Ohne Zögern schreibt der Erzähler »Die Leiche des erschlagenen Feindes wurde jubelnd umtanzt«, und die jubelnde Leiche stört ihn nicht im geringsten; im Bankdeutsch sind die »dorthabenden Effekten« keine Seltenheit, und in der Kaserne ergeht bisweilen ein Dienstbefehl an »die vormittags nach der Scheibe geschossenen Mannschaften«. Der Schulmeister des einundzwanzigsten Jahrhundert wird sich vielleicht über den Deutschpauker von heute lustig machen, der so gar keine Ahnung von der Verwendbarkeit des Partizips hatte. Heute zerbricht man sich den Kopf darüber, ob man Eigenschaftswörter mit »-weise« bilden dürfe. Ein Schauspiel mit »teilweiser« Benutzung eines älteren Stoffes, das geht nicht, denn »-weise« ist doch Umstandswort. Der Dichter hat den Stoff teilweis benutzt, aber wenn er das Wort adjektivisch an die Benutzung klebt, so treibt er Sprachunfug. Eine ausnahmsweise Erlaubnis, zwangsweise Vorführung eines Zeugen, vorzugsweise Befriedigung, – schauderhaftes zivilprozeßliches Undeutsch. Aber bei Lessing, Goethe und Schiller gibt es »stufenweiser Gang«, »wechselweise Antworten«, »teilweisen Besitz«, und die Großmeister haben die freie adjektivische Benützung des Adverbs für selbstverständlich gehalten; weil sie eben keine Schulmeister waren und dem Tifteln keinen Platz im Denken einräumten. * Wie die Newtonschen Lehrsätze nur eine Annäherung an eine erschöpfende Gravitationslehre darstellen, so bedeutet jede Sprachschärfe immer nur eine Annäherung an die Wirklichkeit, welche durch die Mittel des Ausdrucks niemals restlos erfaßt werden kann. Wenn wir sagen »ein chemisches Lehrbuch«, so ist das gut und unmißverständlich, wiewohl nicht restlos genau; denn das Buch selbst ist nicht chemisch, handelt vielmehr nur von chemischen Wirkungen. »Ein mathematischer Lehrstuhl« heißt es in zweckentsprechender Abkürzung für einen Lehrstuhl, dessen Inhaber Mathematik vorträgt; der Stuhl selbst ist ebensowenig mathematisch wie eine kohlensaure Jungfrau kohlensauer; und man erkennt die Ungenauigkeit schon eher, wenn man sich etwa einen strafrechtlichen, geburtshilflichen oder venerischen Lehrstuhl vorstellt; denn Strafrecht, Geburtshilfe und Venerie sind Vortragsstoffe wie die Mathematik. Als restlos genau kann nicht einmal der »botanische Garten«, das »optische Institut«, die »quadratische Gleichung« angesprochen werden; diese enthält quadratische Elemente, ohne sich als ganzes Gebilde mit dem Begriff des Quadratischen zu decken; sie kann zum Beispiel eine Beziehung zwischen Kugel-Elementen darstellen und dürfte dann bei bestimmter Einstellung der Aufmerksamkeit ohne logischen Fehler als eine Kugelgleichung gelten. Im Verfolg dieser Linie gerät man leicht an die »silberne Hochzeit«, an die »militärische Reitanstalt«, an den »brieflichen Ratgeber«, an »die gelbe Gefahr«, an den »doppelten Buchhalter«, den »mehrfachen Millionär« und den »dreifachen Raubmörder«. Richtig oder falsch? ein aufdröselnder Schulfuchser kann da allerlei beweisen, widerlegen, für den Sprachgebrauch verbieten wollen. Die Sprache selbst aber rechnet mit dem Näherungswert und nimmt den Ausdruck an, sobald er sich als abkürzend, zweckentsprechend und für den gerade vorliegenden Fall als eindeutig erweist. Der »Zoologische Garten« enthält schon eine leise Ungenauigkeit. Immerhin, der Schulfuchser überhört sie und erhebt keine Einwendung. Nun aber soll eine Straße nach dem Zoo benannt werden, und da beginnt er zu fuchsen. Sie müßte heißen »Zoologischergarten-Straße« oder so ähnlich; aber nicht: Zoologische Garten-Straße; denn die Straße ist doch, um Himmels willen, nicht zoologisch. Und darüber kann es tatsächlich zwischen Stadtvätern, Gelehrten und Zeitungsschreibern zum Streit kommen. Aber das Adjektiv setzt sich durch und überwindet mit seiner Geschmeidigkeit die starren Formeln der Logik. Wo soll nun die Grenze liegen? Jedenfalls nicht da, wo wir sie heute vermuten, sondern sehr viel weiter darüber hinaus. Im Volksmund gibt es längst »das adlige Fräuleinstift «, »das ärztliche Honorar«, »das schriftstellerische Einkommen«, »der innere Kliniker«, »die gelben Fieberanfälle«, »das einjährige Dienstzeugnis«, sogar den »vierstöckigen Hausbesitzer« und die »reitende Artilleriekaserne«. Man spricht vom »körperlichen Arbeiter«, und im deutschen Reichstag wurde, ohne daß es im geringsten auffiel, Irgendwer »ein glatter Landesverräter« genannt. Man vergegenwärtige sich, wieviel Metaphern nötig sind, um das eine »glatt« zu rechtfertigen. Aber die Hilfsbrücken bauen sich von selbst, man versteht, was gemeint ist und läßt den Ausdruck durchschlüpfen. Die Wustmänner sind dagegen. Aber die nämlichen Männer weisen uns doch dauernd auf den Mund des gemeinen Mannes von Straße und Markt, aus dem wir zu erfahren haben, was der Sprache nottut. Und mit diesem Hinweis werden sie wahrscheinlich rechtbehalten, in Anbetracht der erweiterten Möglichkeiten für das Eigenschaftswort und die Attributbildung. Der »musikalische Instrumentenmacher«, der »geräucherte Fischladen« sind heute noch unmöglich, werden vielleicht ungebräuchlich bleiben, da sie durch Hauptwörter – Musikinstrumentenmacher, Rauchfischladen – ersetzt werden können. Dagegen halte ich es für denkbar, daß die Zukunft sich mit zahlreichen Adjektivverbindungen befreunden wird, die uns heute noch gar nicht vorschweben, weil die entsprechende Begriffszerteilung noch nicht vollzogen ist. Ich kann mir zum Beispiel eine chromatische – durchaus über Halbtöne aufgebaute – Oper vorstellen. Und dazu einen chromatischen Operntext, nämlich eine Dichtung, die nach ihrer Anlage eine chromatische Vertonung erfordert. Dann wäre es eine zweckentsprechende Abkürzung, von einem »chromatischen Dichter« zu reden; weil es einer höchst umständlichen Beschreibung bedürfte, um den an sich weder farbigen, noch halbtonigen Dichter logisch genau zu bezeichnen: als einen Künstler, dessen Verse so geartet sind, daß sie den Komponisten zu einer Vertonung in Halbtönen anregen. Das mag man sich weiter ausspinnen, an eine unübersteigbare Grenze wird man niemals stoßen. Unsere größten Sprachmeister haben, ohne sich auf grammatische Begründung einzulassen, Adjektive hingeschrieben, die heut im Schülerheft den Tadelstrich herausfordern und vielleicht in hundert Jahren wieder als selbstverständlich erlaubt gelten werden. Lessing spricht von »verschmitzten Frauenrollen«, Grimm von »ungeborenen Lämmerfellen«. Fritz Mauthner führt im zweiten Bande seiner Sprachkritik das Wesen der Adjektive fast restlos auf metaphorische Beziehung zurück: »... Eine Sache ist rein, ein Mensch, den man mit ihr vergleichen will, heißt reinlich. Ein anderer Mensch, den man mit dem schmutzigen Schwein vergleichen will, heißt schweinisch. Eine genaue Durchsicht unserer Adjektive würde ergeben, daß alle diejenigen, deren Etymologie noch nachweisbar ist, solche Metaphern sind; und die Vermutung, daß alle Eigenschaftswörter auf bewußter Vergleichung mit Dingen ursprünglich beruhen, liegt nahe.« Da aber kein Vergleich ganz aufgeht, restlos stimmt, so können wir auch niemals dazu gelangen, den statthaften Grad der Annäherung durch eine Regel festzulegen. Das gegenwärtige Sprachgefühl gilt immer nur für die Gegenwart einer so oder so eingestellten Einzelperson; neben ihr leben andere mit erweitertem Sprachgefühl, und ganz gewiß wird die Zukunft uns alle, die wir noch mühsam die Grenzstriche erforschen, als engbrüstig und pedantisch erklären. Die Dinge an sich bleiben uns ewig unzugänglich, nur ihre Eigenschaften treten uns ins Bewußtsein; je mehr sich die Wahrnehmungen verfeinern, verästeln und in ihren Verzweigungen wiederum zu neuen Begriffsverbindungen führen, desto schwerer kann die Sprache nachkommen, und oft genug geht ihr der Atem aus. Es ist ein Wettrennen zwischen den Eigenschaften im Bewußtsein und in den Eigenschaftswörtern in der Sprache. So bleibt nichts übrig, als den vorhandenen Adjektiven immer mehr Freiheitsgrade einzuräumen und ihnen den Zutritt zu manchen Attributbildungen zu verstatten, die sich nach strenger Logik nicht rechtfertigen lassen. * Da öffnet sich ein weites Feld der Findigkeit und Geschmacksbewährung, zumal für die Schriftsteller, die Kunstkritik und -analyse betreiben. Die substanzloseste aller Künste, die Musik, entzieht sich der Sprachbehandlung fast vollkommen, und wir kämen im Ausdruck überhaupt nicht vorwärts, wenn die Logik durchweg das letzte Wort behalten sollte. Die Beschreibung eines Tonstückes läßt sich nur durch eine Häufung von Metaphern ermöglichen, die mit der Wirklichkeit recht wenig zu tun haben. Eduard Hanslick behandelte die Paganini-Variationen von Brahms und beschrieb sie als »mit Schwierigkeiten unterminiert «. Wie kommt der Begriff eines mit Explosivstoffen gefüllten Stollens in ein Klavierkunstwerk? Was soll hier in die Luft gesprengt werden? Gewiß, er hätte schreiben können: mit Schwierigkeiten beladen, mit Schwierigkeiten gesättigt, und der logische Widerspruch wäre dann leiser geworden; immer noch nicht verstummt; denn die Last und die Sättigung sind in diesem Zusammenhange auch nur metaphorisch, also ungenau, zu verstehen. Schrieb er »unterminiert« so holte er den Vergleich aus weitester Entlegenheit, aus ganz unwahrscheinlicher Ferne, und doch: für den, der die Natur dieses Stückes genau kennt und seine Sonderschwierigkeit im Gegensatz zu anderen Virtuosenschwierigkeiten abzuschätzen weiß, für den steht es fest, daß der Ausdruck »unterminiert« einzig und allein unter allen Adjektiven hierher paßt; und daß ein großer Sprachkünstler dazugehörte, um ihn der Logik zum Trotz zu finden. Drastisches Beispiel eines Ganzmodernen. Oskar Bie in seinem großen Werk »Die Oper« über Beethovens Fidelio: ».....Ringsherum kracht es von Erregungen und drängenden Willensentladungen, in all jenen eisernen Ton-Konsequenzen, die Beethovens Handschrift sind,.... Und den Schluß dieser wilden Szene (da sich Leonore als Florestans Weib zu erkennen gibt) siegelte kein gewohnter Dreiklang – ganz unaufgelöst und glotzäugig ein verminderter Septimenakkord!« Eine Tonfolge aus Eisen, Eisen als Handschrift, ein erwarteter Dreiklang als Siegel, – auf solche Metaphern ist man eingerichtet, sie liegen im Rahmen notwendiger Vergleiche. Aber das Adjektiv »glotzäugig« wirkt an dieser Stelle geradezu überrumpelnd, mit fabelhafter Stärke, wie ein Triumph des Wortes über die Logik. Es tritt auf wie das große Los in einer Lotterie von hunderttausend Nummern. Wie in aller Welt kommt ein verminderter Septimenakkord dazu, die Gestalt eines Auges anzunehmen, eines abnormen, unschönen Auges, das nun gerade dadurch, daß es glotzt, die ungeheure Gewalt dieser Tonstelle uns versinnbildlicht?! Es ist ein Sprachwunder und nicht das einzige in dem genannten Werk; und ein Beweis für die Leistungsfähigkeit des Adjektivs, wenn man ihm erlaubt, gegen alle Vorschriften der Logik sich einen substantivischen Gefährten zu suchen. Nur ein Sprachmeister ersten Ranges vermag für solche Verbindung die Möglichkeit aufzuspüren. Die dichtenden Neutöner unserer Tage versuchen ähnliches in der entgegenkommenden Unlogik lyrischer Gestaltung; aber sie erschöpfen sich in krampfartigen Versuchen und bereichern zumeist nur die Sprachmöglichkeiten des Kabaretts. Wie die Dinge sich entwickelt haben, ist die Hochkultur des Adjektivs nur von Meistern der Prosa zu erwarten. * Leopold Kronecker , der bedeutende Mathematiker, entwickelte einst das folgende Gleichnis: Man hat sich jedes Wort einer Sprache vorzustellen wie eine runde Scheibe , mit der man einen gewissen Teil einer Fläche zu bedecken versucht. Da wo diese Scheiben aneinanderstoßen, entstehen naturgemäß unbedeckte Lücken. Diese Zwischenräume sind das, was mit den Worten einer Sprache nicht ausgedrückt werden kann. Aber je mehr Kreisscheiben aus anderen Sprachen zur Verfügung stehen, um so vollständiger werden wir die Fläche bedecken können. Dieses Gleichnis muß aber noch stark erweitert werden, um der Wirklichkeit nahezukommen. Denn die runden Scheiben stoßen nur ganz vereinzelt aneinander bei den nächstverwandten Begriffen. Wäre es möglich, das ganze Kreisexperiment sichtbar durchzuführen, so würde man entdecken, daß man eben erst angefangen hat, das Feld anzugreifen. Nur in der Mitte der Fläche finden Berührungen statt, darüber hinaus weiten sich die Lücken zu Gebieten, auf denen alle Wortscheiben aus allen Sprachen der Welt nur wie verstreute Pflästerchen sitzen würden. * Zum eisernen Bestand der satirischen Blätter gehören die bildlich dargestellten Mischformen »zur Darwinschen Theorie«. Man sieht da Zwittergebilde zwischen Ente und Frosch, Ziege und Schildkröte, Maki und Uhu, und die Fantasie der Zeichner wird in der Unendlichkeit der Kreuzungsmöglichkeiten niemals zur Ruhe kommen. Der Beschauer findet das jedesmal höchst komisch, denn jede einzelne Mischform stellt doch einen grotesken Unsinn dar; bis dann irgendwo ein Petrefakt aufgefunden wird, das einen bestimmten Unsinn als eine Wirklichkeit aufzeigt. Vor den Entdeckungen von Marsh wäre ein Vogel mit Zähnen im Schnabel nur als Scherzfigur möglich gewesen. Aber der Archäopteryx ist ein echter Vogel und hat dennoch einen bezahnten Kiefer. Diese Mischform hat also ihre Komik verloren, da sie sich über ihre zoologische Richtigkeit ausgewiesen hat. Bei manchem Sprachgemengsel kann ähnliches beobachtet werden. Wer unterschiedslos Deutsch und Englisch zusammenquirlt, kann damit Posseneffekte erzielen, und uns allen erscheinen die Proben von Pennsylvanisch als drollige Ausgeburten, keineswegs als ernstzunehmende Sprache. Einem in Cleveland erscheinenden Magazin entnehme ich folgende Kauderwelschereien: Ein Deutscher geht mit einem Trunk in der Hand durch eine Elle in seine Residenz ; dort läßt er sich einen Besen geben, um sich zu waschen, bürstet seinen Kot und ißt Motten . Er hatte sich anfangs durch seine Leber mühselig sein Vieh verdienen müssen. Später kam er in eine Bank, wurde Teller mit guter Sellerie und schickte am Jahresschluß ein schönes Weihnachts gift und einen Neujahrs wisch in die alte Heimat. (Zur Erklärung diene die Worttabelle: trunk: Koffer; alley: Allee, Gäßchen; residence Wohnung; basin: Waschbecken; coat: Rock; moutton: Hammelbraten; labour: harte Arbeit; fee: Lohn; teller: Kassengehilfe, »Zähler«; salary: Gehalt; gift: Geschenk; wish: Wunsch.) – – Für das Nachwirken des Heimatgefühls zeugt das Bekenntnis eines Deutsch-Amerikaners: Ich les in de Päpers ( papers ), daß schun widder gege de schörmen Lessens ( german lessons ) in de poblik skuhls ( public schools ) gekickt werd ( to kick : stoßen, Fußtritte geben) ... Mei Eidie ( idea ) is, daß de Perents ( parents , Eltern) viel derbei tu könne, daß de Kinner mehr Progreß ( progress ) im Deutsche mache. Vor alle Dinge derf mer ihne kee englische Expreschens ( expression ) dorchgehe losse un muß sie immer ahalte, alles deutsch zu sage. Wann zum Beispiel mei Bu sagt: »Pa, ich hen in der Menädscherie ( menagerie ) e Rettlsneck ( rattlesnake , Klapperschlange) gesehne«, do sag ich glei: Du Räskel ( rascal , Hallunke), kannscht net sage, e Rasselschneck ? Wenn ein deutscher Schriftleiter derartige Possierlichkeiten übernimmt, so denkt er zunächst schmunzelnd an das Gaudium seiner Leser, dann aber gibt er sich einen Ruck ins Moralische und übt Richteramt. Mit einem »Gefühl der Beschämung« stellt er fest, daß der Deutsche, immer nur der Deutsche, durch die Verballhornung seiner Sprache sich und sein Volk im Ausland lächerlich mache. Ich kann dieses Gefühl der Beschämung nicht teilen, so stark ich auch die Drolligkeit der Sprachkarikatur empfinde. Denn der pennsylvanisch Redende steht in der Sprachbedrängung und hat nur die Wahl: verschmutztes Deutsch oder gar kein Deutsch. Er verteidigt die Reste seiner Stammsprache, um nicht vom Englisch überflutet zu werden, mit derselben Zähigkeit, wie der Jude im Osten sein armes Deutsch-Jiddisch gegen das Slawische behauptet. Vielleicht wehrt er sich vergebens. Dann ist das Pennsylvanisch von heute nur ein Vorläufer einer Mischlingssprache, die dereinst Eigenleben erringen kann. Das Komische tritt nur als Übergangserscheinung auf. Alles Romanische z. B. muß Zwischenformen durchlaufen haben, die vom Standpunkt der reinen Grundsprache aus gehört, Kauderkeltisch, Kauderrömisch, Kaudernormannisch usw. klingen mochten. Die Zwischenform kann verschwinden, sie kann sich aber auch befestigen und über den bloßen Notbehelf hinaus in Zeit und Raum Geltung gewinnen. Das Pennsylvanische in heutiger Form ist sicherlich Verzerrung, niederste Form eines Patois und außer Stande, aus sich heraus irgendwelches Schrifttum zu erzeugen. Aber auszudenken ist es schon, wenngleich die Wahrscheinlichkeit dagegen spricht, daß sich aus ihm irgendwann ein neuer Dialekt entwickeln wird, der dem Sprachkundigen der Zukunft mehr bedeutet als ein lächerliches Kuriosum. Anstatt dieser Denkbarkeit nachzugehen, benutzen die Reinlichkeitseiferer jene Pröbchen aus dem sprachlichen Wildwest zu dem ihnen nächstliegenden Zweck. Sie erklären einfach: da habt ihr das Muster einer Ludersprache, und in dem mit Fremdbrocken durchsetzten Gelehrtenjargon Deutschlands habt ihr ein zweites Muster. Eines wie das andere; das angeblich hochgebildete, verwelschte Schriftdeutsch unserer Tage ist genau so verludert wie das Pennsylvanische und wirkt auf den völkisch denkenden genau so skurril wie die Ausdruckweise der Ungebildeten jenseits des Großen Teiches. Und dann werden die Belegproben angeführt, etwa: »Goethes ethische Anschauung ist ein teleologischer Energismus mit perfektilibistischer Tendenz« – »Die Musik des Novalis ist nicht die der transzendentalen Pneumatologen und Theurgen«. Fehlt nur der Beweisschluß; denn solche herausgerissene Sätze einzelner Entgleister haben mit wissenschaftlichem Deutsch nicht das geringste zu tun; sie verhalten sich zu ihm wie die Kathederblüten des Galletti zum Gesamtinhalt der deutschen Wissenschaft. Nicht das Fremdwort, das Weltwort, ist für jene Sätze verantwortlich zu machen, sondern der Geisteszustand der Konfusionariusse, die sie aufschrieben. * Wenn der Laie Ausdrücke vernimmt wie Pseudoïsidorische Dekretalen, Dielektrizitätskonstante, Aethylphenylpropylsilicylchlorid, so kommt er bei ausreichender Unbildung auf Gegenstücke aus dem Alltag, etwa auf »Militärintendantursekretariatsassistent«, und er glaubt dann, das Wesen der Sache erfaßt zu haben; weil er nicht zu unterscheiden versteht zwischen geschichtlich oder organisch begründeter Notwendigkeit und lächerlichem, überflüssigem Gemansche. Gewiß, man kann mit Fremdworten kauderwelschen, aber man kann auch mit Heimworten kauderdeutschen. Und in den Übersetzungskünsten, die auf uns einstürmen, wimmelt es von solchem Gekauder, wie in vorliegendem Buch an zahlreichen Zitaten bewiesen wird. An dieser Stelle und im Zusammenhang mit dem Ausflug ins Pennsylvanische sollte nur ein Zufallsbeispiel herausgegriffen werden. Der Titelkopf des »Vorwärts« trägt für alle Welt verständlich die durchaus sach- und sinngemäße Bezeichnung: Zentralorgan der sozialdemokratischen Partei Deutschlands; in fünf Worten fünf Fremdbestandteile, – mithin nach der Auffassung der Sprachpriester: »Geluder«. Mit aller Hilfe der besten Verdeutschungsbücher wäre dafür herauszubringen »Mittelzeitschrift der Genossenvolksherrschaftlichen Gruppe Deutschlands«. Das klänge aber auch nicht besser als pennsylvanisch, und wäre dazu im Ausdruck minder treffend als die Redeweise des vorerwähnten Cleveländers, der mit dem Ausdruck »Rasselschneck« wenigstens ganz deutlich und volksverständlich bezeichnet, was er meint; der verballhornt nur Silben und Worte, nicht den Sinn. * In der Beurteilung aller Fragen, die uns hier beschäftigen, würde die »Gefühlsbetonung« eine sehr große Rolle spielen, wenn wir von ihr nur etwas wesentliches wüßten. Die Angelegenheit der Gefühlsbetonung wird oder kann einmal eine Wissenschaft für sich werden; heute sind dafür nur die ersten Ansätze vorhanden, lose Ahnungen, die wir unter dem Sammelnamen »Onomatopoiie« begreifen und auf den inneren Zusammenhang der Worte mit Vorgängen in der Natur beziehen. Der wirkliche Zusammenhang liegt ganz im Dunkeln, selbst bei Worten, die uns wie brüllen, lispeln, säuseln, Donner, röcheln, rollen ganz unverkennbar onomatopoetisch, also klangbildnerisch nachgeahmt erscheinen. Ja sogar in Lautbildungen, die ganz einfach und geradezu einen Naturschrei wiederholen, kommen wir von der Täuschung nicht los. Wir Deutsche sind z. B. der festen Meinung, daß es zur Nachahmung des Hahnenschreies gar keine treffendere Beschreibung geben könne, als »Kikeriki«, und wir würden jeden Versuch, dieses zum Substantiv erhobene Wort durch ein anderes zu ersetzen, als unsinnig ablehnen. Wir empfinden zumal die drei »i« als eine naturgewollte Notwendigkeit. Aber schon das Zeitwort »krähen« sollte uns stutzig machen, da es doch für denselben Vorgang onomatopoetisch auftritt, aber auf ganz anderer Vokalgrundlage. Warum heißt es nicht »kriehen«, – und wenn das »ä« onomatopoetisch richtig ist, warum heißt das Hauptwort nicht Kähkeräkäh? warum? weil wir erst, willkürlich, den Vokal hinzuerfinden, der dem Vogelruf an sich ganz fremd ist. Der gallische Hahn äußert sich ganz gewiß nicht anders als der germanische, allein der Franzose hört und schreibt »cocorico« , wiederum mit anderer Vokalisierung. Soll etwa die Naturtreue beim Konsonanten liegen, beim »k«? Damit ist auch nicht durchzukommen, denn der nämliche Laut hieß im 16. Jahrhundert »Tutterhui«, und manchem Ohr wird vielleicht noch heute das »T« und das »u« der Wahrheit näher zu kommen scheinen als das »co« und »ki«. Nun beschränkt sich aber der Kreis der Gefühlsbetonungen keineswegs auf die eigentlichen onomatopoetisch gebildeten Worte; er umfaßt vielmehr hunderte, tausende von Worten, ja vielleicht die ganze Sprache. Der Reiz und die Traulichkeit der Muttersprache sind im Grunde nichts anderes als das symphonische Zusammenklingen aller dieser Gefühlstöne. Mauthner untersucht in diesem Zusammenhange den Satz: Die Schwalbe zwitschert, und findet den Gefühlston in dem Wort »Schwalbe«. Stimmt es aber mit dem Gefühlszusammenhange in einem Falle, so ist das Ende überhaupt nicht abzusehen. Alles ist gefühlsbetont, nichts läßt sich somit vollkommen getreu, das heißt, mit Hinübernahme dieser Betonung übersetzen, mag auch der Sinn restlos in anderer Form ausgedrückt werden können. Solche Gefühlswerte lagern sich aber nicht nur um die Heimatsworte, sie hängen auch an Fremdworten, und sie gewinnen für uns eine Bedeutung, wenn es sich um vielgeübte Worte der Bildungssprache handelt. Etwas Onomatopoetisches arbeitet hier mit, etwas Unerforschtes in den Geheimwirkungen der Wortklänge, also besonders der Vokale. Bleiben wir noch einen Augenblick beim Rein-Deutschen. Unsere Ausdrücke für Farben, grün, gelb, rot, blau, schwarz, weiß, zeigen verschiedene Vokale, die man als Zufallslaute ansehen kann. Eine sachliche Notwendigkeit verknüpft weder das »ü« mit dem Grün, noch das »o« mit dem Rot, wie der Vergleich mit beliebigen anderen Sprachen sofort zeigt. Aber für uns deutsche Menschen, denen sich durch Vererbung und Gebrauch der Vokal mit der Farbe zur einheitlichen Vorstellung organisiert hat, für uns liegt in diesem Zusammenhang eine Gefühlsnotwendigkeit. Der Vokal »ü« hat für uns etwas Grünes, und in der Farbvorstellung Rot schwingt etwas vom Vokal »o«. Und dieses Etwas schwingt noch weiter. Wenn man sich z. B. eine Rose von bestimmter Farbe vorstellen will, so liegt es am nächsten, an eine rote Rose zu denken, nicht weil ein begrifflicher Grund hierfür vorliegt, sondern weil das »o« in Rose und das »o« in Rot klanglich aufeinander eingestellt sind. Das »o« besitzt aber auch zudem im Klanglichen ein gewisses Übergewicht, das sich zwar jeder Messung entzieht, aber wahrnehmbar wird, wenn man die Aufmerksamkeit auf die Klangworte selbst richtet. Das »o« ist für uns um einen Grad tönender als die andern Vokale. Vom eindringlichen Ausruf oh! oho! angefangen bis zum Walkürenruf hojotoho! zieht sich eine auf »o« abgestimmte Skala, in deren Sprossen sich Ton, Chor, Vox, Vokal, Glocke, Orgel, Donner, Wort befinden, dazu aus uns geläufiger Sprache die Endung phon, von phoneo, phtongos (davon Diphthong), oro, loquor, sonor, oratorisch, rhetorisch, Tenor usw. Selbstverständlich ist nicht von einer Ausschließlichkeit die Rede, sondern eben nur davon, daß unserem Ohr das »o« um einen Grad onomatopoetischer vorkommt, sobald wir Worte von innewohnender Klangbedeutung sprechen oder hören. Übersetzen wir uns nun oratorisch, rhetorisch, mit rednerisch, schönrednerisch, so mag das dem Inhalt nach recht genau sein, nur der kleine mitschwingende Gefühlston kommt nicht mit hinüber, und es ist uns, als ginge uns im Klangwert etwas verloren, weil das betonte »o« fehlt. Grobsinnlich ist das freilich nicht zu ergreifen, ich habe indes die Erfahrung gemacht, daß jeder Feinfühlige es erfaßt, sobald er darauf besonders hingewiesen wird. Mit solchen Gefühlsbetonungen ist weiterhin zu rechnen, sobald die Lautgruppen »o«–»a« oder »a«–»o« hervortreten. Das »a«, nicht so elementar wie das »o«, tönt mit einer gewissen Weihe, zu dem sich das »e, i, u« und die Doppellaute seltener und minder in Grade erheben. Kirchenlied sagt wohl ziemlich dasselbe wie Choral, aber das Wort Choral atmet voller und besitzt in seinem Vokale eine etwas stärkere Betonungsweihe; es steckt in ihm mehr Gnadenklang und eine magistralere Akustik (so wie auch Dom und Kathedrale der Kirche und dem Münster durch ihre Vokale akustisch überlegen sind). Gesetzt, es wäre möglich, das Wort Pathos vollkommen sinngetreu zu übersetzen, so würde eine wirkliche Gleichwertigkeit doch nur dann entstehen, wenn auch die Gefühlsbetonung in »a–o« ungeschwächt hinübergenommen werden könnte. Diese ändert sich aber bei jeder Übersetzung, und das Unterbewußtsein meldet einen leisen Widerspruch an, weil es diese besondere Vokalfolge von Pathos vermißt. Darum genügt uns auch nicht Urgemisch für Chaos, und wüst für chaotisch, ganz abgesehen davon, daß hier der Verstand seine besondere Einrede erhebt. Im Unterbewußtsein regt sich eine auf das Phonetische gerichtete Sehnsucht, die sich mit Worten vielleicht nur tautologisch bezeichnen läßt: Chaos klingt chaotischer als jede Übersetzung, es trägt schon im Klange die an das Chaotische erinnernde Gefühlsbetonung. Das sind nur Anfänge von Hindeutungen, gewisse lose und zunächst sehr angreifbare Versuche, dem schwierigen Problem der Gefühlsbetonung etwas näherzukommen. Wesentlich erscheint mir zunächst, hier überhaupt ein Problem zu wittern und den Leser nach dieser Richtung anzuregen. Folgt er ihr, so wird er im Sprachklanglichen schon heute Erscheinungen wahrnehmen, die erst in einer Phonetik der Zukunft nach ihrem vollen Wert erkannt werden können. Solche Erscheinungen werden schon merklich, wenn wir uns bemühen, den Grenzen von wirklicher und vermeintlicher Onomatopoiie nachzuspüren. Welche Hindernisse findet die Sprache in ihrem eigenen Lautgefüge bei der Nachbildung der Naturlaute? welche Rolle spielt hierbei die Anordnung der Konsonanten? Ist es Tücke des Objektes oder Naturnotwendigkeit, daß sich auf gewisser Stufe der Onomatopoiie unüberwindliche Härten einstellen? »Im Röhricht seufzt's und ächzt's und krächzt's« – das ist eine ganz hervorragende Leistung der klangmalenden Sprache, aber zeigt sich hier nicht ein Widerspruch zwischen Naturlaut und möglicher Menschenrede? Und das sind noch einfache Fragen gegenüber den verwickelten, die uns jede Übertragung aufgibt, sobald der Logos mit der Akustik zu verhandeln anfängt. In seinem bedeutenden Werk »Philosophie des Unvollendbar« sagt Lasker: »Jede Sprache hat eine gewisse Kapazität und vermag ein gewisses Gebiet des Ausdrucks zu beherrschen. Lateinisch und Deutsch, wenn von ihren zufälligen Unvollkommenheiten abgesehen wird, sind äquivalent , sie haben die nämliche Kapazität, denn man vermag aus dem Lateinischen ins Deutsche zu übersetzen, wie auch umgekehrt. Bei der Übersetzung hat man nur zu beachten, daß jedes Wort in dem Sinne genommen wird, der ihm innerhalb seiner Sprache zukommt, und natürlich, daß dieser Sinn eindeutig sei: alsdann sind die Sprachen, richtig verstanden, äquivalent.« »Richtig verstanden « das ist möglich. Aber eine »richtig gehörte « Äquivalenz besteht nicht und kann durch kein Kunstmittel hergestellt werden. Nur der Sinn läßt sich transformatorisch abbilden, nicht der Ton. Mit den Verschiebungen, die sich beim Abbilden des Sinnes ergeben, mag sich der Verstand abfinden, und er wird im Einzelfall mit ihm fertig werden wie bei anderen projektivischen Veränderungen; er sucht die Eindeutigkeit in der Beziehung und zeigt sich, wo es irgend angeht, willig in der Deutung. Aber der Klang, die Klangfarbe, und die von ihm unzertrennliche Gefühlsbetonung wird grundsätzlich verändert, nicht nur transformatorisch. Es entsteht etwas anderes, akustisch verschiedenes; und die Wertabmessung zwischen dem Urbild und dem klanglichen Neubild bildet den Inhalt des Problems, das wir hier zur Erörterung gestellt haben. Eine Reise durch Verdeutschland Eins muß man den Unerbittlichen lassen: sie geraten niemals in Verlegenheit und strecken niemals die Waffen. Der Fall mag noch so schwierig liegen, – der Unerbittliche findet einen Ausweg in sein eigenstes Sprachland, in das von ihm mit so großer Virtuosität verhunzte Deutsch, das in seinem Verdeutschland gesprochen wird. Da gerät er z. B. an die Chemie und sieht sich zunächst von einem Dickicht fremdsprachlicher Ausdrücke umfangen. Ganz leicht wird's ihm ja nicht werden, sich aus dem Gestrüpp herauszuwinden. Aber mit alterprobter Tapferkeit durchhaut er die Hindernisse, und mit einer Geschwindigkeit, die jede Hexerei übertrifft, springt er aus der Umstrickung in sein vertrautes Gelände. Er hat es geschafft, hat eine neue Sprachprovinz erobert und gibt durch amtlichen Anschlag – jeder Fex fühlt sich als Behörde – der Welt folgendes bekannt: Es heißt nicht mehr »Chemie« sondern »Scheide- und Fügekunst«. Der Chemiker, im allgemeinen »Scheide- und Fügekünstler«, hat sich zu entscheiden, ob er als Organiker: »Kohlenstoffverbindungsscheideundfügekünstler« oder als Anorganiker wirken will, also als »Nichtkohlenstoffverbindungsscheideundfügekünstler«. Der Synthetiker schreitet fortan als »Grundstoffklebekünstler« durch die Wissenschaft, der Analytiker als »Scheidler«, der Laborant als »Scheidlergehülfe« oder »Scheidler zweiter Güte«. Das sind aber erst die vorbereitenden Anfänge, hoffnungerregende Proben, die eine in Mitteldeutschland erscheinende Chemiker-Zeitung vorschlagsweise der aufhorchenden Mitwelt schon vor Jahren unterbreitet hat. Die Liste geht natürlich weiter und öffnet uns eine wahre Schatzkammer sprachlicher Erfreulichkeiten: Fremdsprachlich:       Neudeutsch aus Verdeutschland: Oxydieren versauerstoffen reduzieren entsauerstoffen nitrieren verstickstoffen Katalysator Scheidungskitzler Spektroskop Brechlichtlinienrohr Hygroskopie Wassersucht Elektrochemie Funkenscheideundfügekunst Emulsion Hängeschleim Explosion Plötz-Zersetzung Guano-Industrie Vogelabfallwerktätigkeit Ultramarin Übermeerblau Qualitative Analyse Was-drin-Scheidung Quantitative Analyse Wieviel-drin-Scheidung Isolieren bloßstellen Eisenoxyd Dreifachversauerstofftes Doppeleisen Kaliumferricyanid Zwölffachverblaugastes Sechskaliumdoppeleisen. Der Leitspruch »Alles läßt sich übersetzen« feiert hier schöne Triumphe. Die Wissenschaftssprache kapituliert und überliefert den Stürmern ihre lebenden und toten Bestände. Kein Zweifel, daß auch Worte wie »Paraphenylendiamin«, ... »Phenylglycinorthocarbonsäure« und noch viel komplizierte Ausgeburten der chemischen Werkstätten sich nicht länger in ihrer bitterbösen Fremdsprachlichkeit behaupten können werden. Die Unerbittlichen werden sie schon zwangsweise in Verdeutschland anzusiedeln wissen. Dabei muß es auffallen, daß ihnen das Kleine und Allerkleinste doch größere Schwierigkeiten verursacht als das Große und Allergrößte. Kein Fex zögert eine Sekunde, wenn er »Universum«, »Kosmos«, »Totalität« gereinigt wiedergeben soll, aber jedem merkt man die Verlegenheit an, sobald er an das »Atom« gerät. Soll er »Ur-Teilchen« sagen? geschrieben ginge es ja, allein gesprochen hört es sich an wie ein kleiner Gerichtsbeschluß: Urteil-chen. Und dann lassen sich auch die Ableitungen »Atomist«, »atomistisch«, »Atomistik« aus dem Ur-Teilchen nur höchst mangelhaft oder garnicht entwickeln. Man hat vorgeschlagen » Kleinchen «, ja ein besonders findiger Apostel der Sprachreinigung setzte sich dafür ein, statt des unleidlichen »Atom« die schmucke Bezeichnung » Das Etwas « in Umlauf zu bringen; in der Mehrheit: » Die Etwase «. Beim Begriff des Moleküls hat man dann die Auswahl zwischen » Doppelkleinchen «, » Kleinchengruppe « und » Doppeletwas «. Der gewissenhafte Verdeutsch-Chemiker, der schon die Kleinchen so liebevoll sprachbetreut, wird selbstverständlich auch die Körperwelt der Elemente, also der »Größchen« unter seine Obhut nehmen. Der Stoff Jod kann allenfalls als genügend » eingedeutscht « gelten, obschon er noch deutlich seine Herkunft vom griechischen ioeides verrät und deshalb die Übersetzung »Veilchenfarb« ganz gut vertragen würde. Aber die Lumpazivagabunden Tellur , Helium , Selen tragen doch ihr Fremdattest zu auffällig vor sich her und müssen deshalb von den Sprachvögten zur Landessitte gezwungen werden. Also schnell ein gutes Lexikon her und nachgeschlagen; da haben wir's ja: tellus , – Helios , – Selene , und sogleich behängen wir die drei Fremdbürger mit den Täfelchen: Erdstoff – Sonnenstoff – Mondstoff. Daß dabei, wissenschaftlich betrachtet, ein Unsinn herauskommt, verschlägt uns nichts; denn der blanke Übersetzungsunsinn hat ja bei hundert anderen wissenschaftlichen Gelegenheiten auch nicht gestört. Also lassen wir es dabei und fügen wir noch für Radium und radioaktiv hinzu: Strahlstoff und strahlstofftätig (kürzer strahlstofflich), wobei nur zu beachten, daß die Radioaktivität noch einer ganzen Anzahl anderer Elemente zukommt, z. B. dem »Polonium«, das sich Polenstoff, Polenblende oder Polenglutstoff nennen mag, je nach der Polenvorlage mit Sprachparagraphen, die wir von den Tausendkünstlern zu erwarten haben. Man darf annehmen, daß die Unentwegten bei allem sonstigen Selbsttrotz nicht mit ganz blanken Gewissen an derlei herantreten. Denn sie spüren bei der Beschäftigung mit den Atomen, daß sie damit in die Nähe des Elektrons, ja der ganzen » Elektrizität « geraten, und diese ist keines Sprachreinigers Freundin. Zwar für »elektrisieren« haben sie: durchblitzen, durchzucken, begeistern, aufrütteln, aber die Elektrizität als Erscheinung an sich ist ihnen unangenehm. Man findet dafür: »Bernsteinkraft«, auch wohl »Bernsteinigkeit« (in allerletzter Zeit: »Elt«), was ja an sich wunderschön wäre, wenn man nur im wissenschaftlichen oder landläufigen Gebrauch das Geringste damit anfangen könnte. Ich brauche das nicht im Einzelnen zu begründen und möchte nur darauf hinweisen, daß man mit dem Ausdruck »bernsteinige Straßenbahn« bei allen Mitbürgern, die mit der Elektrischen fahren, in den Verdacht des Irrsinns gelangen würde. Was im griechischen Wort mit der Beziehung auf Elektron , Bernstein, als eine wertvolle und unverlierbare Erinnerung eingekapselt liegt, muß bei jedem Anklang an irgendwelche Neusprache wie ein Ulk wirken. Wer da einfach und unverdrossen den alten Keim auf den neuen Zweig hinüberpfropft, verfällt der Lächerlichkeit. Der Galvanismus, die Berührungselektrizität, gab sich zuerst als eine Erscheinung am zuckenden Froschschenkel zu erkennen, sowie diese Kraft im allgemeinen am geriebenen Bernstein. Es sollte mich daher nicht wundern, wenn der Bernsteinkraftler etwa dahin gelangte, das Wort »Galvanoplastik« mit »Froschschenkelzuckungsbildnerei« zu verdeutschen. Er hätte ja damit den historischen Zusammenhang, er, der nämliche, der in tausend anderen Fällen tausend wichtigere geschichtliche Zusammenhänge in Weltworten nicht erkennt oder verleugnet, wenn sie mit seinen Reinigungs- und Putzversuchen in Widerstreit geraten; wo er dann den historischen Edelrost unbedenklich abkratzt und mit seinem Sprachputzpulver darüber wegschrubbert. – Ein » Planet « ist ursprünglich zweifellos ein »Wandelstern«, und das Deutschwort mag heute noch statthaft erscheinen, wo der Zusammenhang irgendwelchen Hinweis auf das Wandeln darbietet. Kriegt es einer sonst fertig – (es ist und bleibt natürlich eine sprachliche Unmöglichkeit) –, so mag er sogar die Keplerschen Gesetze mit Wandelsternen vortragen. Wenn aber z. B. von der »Seeherrschaft auf dem Erdplaneten« gesprochen wird, so bedeutet der Planet unsere Welt, den Schauplatz unseres Wirkens, aber durchaus nicht ein Gestirn, welches wandelt. Es wäre mithin abgeschmackt, von der »Seeherrschaft auf dem irdischen Wandelstern« zu reden, wie es anderseits vollkommen richtig wäre, im Gegensatz zu vielen Vergänglichkeiten von der » Unwandelbarkeit « unseres »Planeten« zu sprechen. – Für » Komet « ist »Schweifstern« unbedingt abzulehnen, da ja auch andere Himmelskörper wegen ihres Schweifens im Raume als Schweifsterne angesprochen werden können. Bleibt also »Irrstern« oder »Haarstern«. Mit diesen zwei Übersetzungen bewehrt mag sich der Reinmachemann über Goethes Epilog zu Schillers Glocke hermachen, um ihm den alten Sprachflecken abzuscheuern. Denn da heißt es: »Er glänzt uns vor, wie ein » Komet « entschwindend, Unendlich Licht mit seinem Licht verbindend«, womit ganz bestimmt weder die Eigenschaft des Irrwandelns noch das Auffallende eines Haarbusches gemeint ist, sondern ganz ausschließlich das Glänzende, Übersinnliche, das sich nach kurzem Leuchten in dem Dunkel des Weltalls verliert. Nun wird es aber Zeit, dem ewig fremdwörtelnden Goethe den Text zu verbessern: »Er glänzt uns vor, wie ein Haarstern entschwindend..« was ja auch im Munde eines Vortragenden, rein dichterisch genommen, viel besser klingt ! * Wenn man statt Säson , Saison ( season ) »Spielzeit« sagen will, so wäre wenig dagegen einzuwenden, obwohl »Spielzeit« mit einem leisen Doppelsinn behaftet ist und sich z. B. von der Spieldauer des einzelnen Stückes nicht genügend unterscheidet. Aber der Begriff der Saison, wie die Welt ihn versteht, ragt über den Theaterbetrieb weit hinaus und umfaßt auch den Wechsel der Jahreszeit mit ihren vielfachen Hinweisen auf Sonnenstand, Klima, Mode, Sport, gesellschaftliche Veranstaltung. Da versagt also die »Spielzeit«, und der Ruf nach Ersatz hat bereits zu Preisausschreibungen geführt, die zwar bis heute ergebnislos blieben, indes doch den Ausdruck »Gezeiten« als den begünstigten erscheinen lassen. Ein anerkanntes Pluralwort, das sich nunmehr auch die Einzahl, die »Gezeit« wird angewöhnen müssen. Wiederum liegt ein unangenehmer Doppelsinn vor, da die Gezeiten, um den neuen Bedürfnissen gerecht zu werden, sich von ihrer Grundbedeutung als dem Spiel von Ebbe und Flut abdrängen lassen sollen. Aber derartige zarte Erwägungen pflegen ja die Reformer nicht zu beunruhigen. Sie werden für Sportsaison wohlgemut Sportgezeit sagen, auf die Gefahr hin, ein Wort mit dem früheren Geltungsbereich vom Nord- bis zum Südpol auf den Engbereich ihrer Versteher einzuschränken, vorausgesetzt, daß sie nicht auch den »Sport« als lästigen Ausländer hinauswerfen und sich zu »Leibesübungsgezeit« oder »Wettrenngezeit« entschließen. Sie werden aber an noch stärkere Peinlichkeiten geraten, z. B. in der »Badezeit«, wenn sich da etwa ein junges Paar während der »Hochsaison« vermählt, wo dann die »Hochzeit« in der »Hochgezeit« stattfindet. Aber auf den Klang kommt es ja nicht mehr an. Hat sich doch statt des kurzen, von zwei Vokalen getragenen, so leicht wie eine Stimmgabel ansprechenden »Büro« die mindestens doppelt so lange, von Konsonanten erdrückte »Geschäftsstelle« durchgesetzt. Und wieviele der neuzeitlichen Übersetzungskünste laufen im Nebenberuf darauf hinaus, die musikalischen Ansprüche des Ohres auf Null und unter Null hinabzudrücken! Das abgestumpfte Gehör, die stolpernde Zunge sind ja vergleichsweise noch die geringeren Übel. Der Mann aus Verdeutschland bemerkt sie überhaupt nicht, er kennt nur ein Ziel und blendet sich mit Scheuklappen gegen alles ab, was rechts und links auf dem Wege liegt, mag sich da auch das Wichtigste und Wesentlichste befinden: die Bestimmtheit des Ausdruckes, seine Unterscheidbarkeit, seine Übereinstimmung mit dem Vorgestellten. Die »Alliierten« sind selbstverständlich die »Verbündeten«. Daß es aber im großen Kriege zwei Sorten von Verbündeten gab, darauf kam es nicht an, die »Übersetzung« geht vor; geht so unbedingt vor, daß selbst Blätter, die sonst gar nicht im Übersetzungstaumel befangen sind, das Verdeutschwort unterschiedslos schreiben oder doch wenigstens schrieben, allen Verdunkelungen im Zusammenhange zum Trotz. Da las man denn zu unzähligen Malen von den Erfolgen der »Verbündeten« denen die Niederlagen der »Verbündeten« gegenüberstehen; in ein und demselben Satz marschierten die Verbündeten gegen die Verbündeten, sie bekämpften einander, zogen sich voreinander zurück, erlebten und bereiteten Schicksale und überließen es dem Leser, sich aus dem verwirrenden Gleichklang herauszuwickeln. In der Regel gelang das, da man ja die Tatsache kannte. Aber in hunderten von Fällen schritten die Verbündeten ohne Abzeichen durch das Satzgefüge, so daß für den Leser immer wieder die Frage offen blieb: Welche Verbündete? . . . »wie die holländischen Zeitungen mitteilen, holen die »Verbündeten« zu einem neuen Schlage aus«; »es verlautet, daß die »Verbündeten« eine neue Note vorbereiten«; »die Verluste der »Verbündeten« waren schwer«; »auf spanischem Boden wird ein Wechsel der Stimmung gegen die »Verbündeten« bemerkbar«. Was wäre einfacher und klarer gewesen, als von Anfang an unsere verschworenen Feinde als die Alliierten und die vereinigten Mittelmächte als die Verbündeten auseinanderzuhalten? Aber dazu konnten sich die Schreibefedern nicht entschließen, denen eine Zwiespältigkeit des Sinnes willkommener war, als das Fremdwort. Lieber übersetzte man: Franzosen, Engländer, Italiener, Portugiesen, Rumänen, als daß man sie unter dem Sammelwort der »Allianz« vereinigte; sie mochten uns Fremde sein, fremde Feinde, fremde Verlästerer deutschen Wesens, aber zu einem Fremdwort durften sie uns nicht zwingen! Dazu wurden die Gegensätze aufgestellt und festgehalten: Dreibund – Dreiverband; Vierbund – Vierverband; aber Sprachgeist und Logik haben auch dabei nicht Gevatter gestanden. Herrscht in Bund kontra Verband sprachlich irgendwelcher Kontrast? lebt in ihnen irgend eine Ausdrucksdeutlichkeit zur Bezeichnung eines weltgeschichtlichen Gegensatzes? Man braucht die Frage nur aufzustellen, um sie zu verneinen. Das Wesen dieser Worte, sobald sie gegeneinander gestellt werden, ist die Verschwommenheit, die vollständige Abwesenheit begrifflicher Grenze. Wenigstens hatte man, um der letzten Verwirrung vorzubeugen, immer noch das Fremdwort »Entente« , das einer glatten Übersetzung widerstrebend vielfach als »Angtante« verkleidet auftrat, womit doch dem dringendsten Verdeutschungsbedürfnis Genüge geleistet wurde! Wie sich die Zukunft zu diesen Künsten stellen wird, bleibt abzuwarten; ich vermute, daß sie das natürliche Verhältnis wieder herstellen und in der Geschichtsschreibung die Mächtegruppen mit aller Evidenz als das bezeichnen wird, was sie waren: als die Verbündeten und die Alliierten. * »Worte über Worte«, das wäre ein besonderes Kapitel und soll auch besonders behandelt werden. Wir verstehen darunter die gültig gewordenen Kunstausdrücke, welche die Sprache als solche in ihren inneren Beziehungen zum Gegenstand haben, in Prosa, Vers, Struktur, Anordnung, Stil usw. Was auf diesem Gebiete von den Reinemachern verbogen, verwischt, verwaschen und vermanscht wird, übersteigt alle Begriffe. An dieser Stelle soll nur ein Abenteuer erwähnt werden, das dem nicht sonderlich wichtigen, aber ganz interessanten »Palindrom« zugestoßen ist. Man versteht darunter ein Wort oder eine Wortfolge von solcher Eigentümlichkeit, daß die Vorwärts- oder Rückwärtslesung genau den nämlichen Sinn ergibt, wie »Marktkram«, »Reliefpfeiler« usw. Da aber Palindrom ersichtlich welsch ist, so muß es ausgerottet werden. Wie verdeutscht man es nun? Man höre und staune; wir sollen sagen: »Rückläufer«! Das kommt dem Herrn, der in und von der mechanischen Übersetzung lebt, ganz genau vor, und der Lehrer in Obersekunda könnte ja auch damit zufrieden sein, wenn eben nur Griechisch-Deutsch verhandelt wird, ohne die Sonderbedeutung des Wortes. Hört man nun »Palindrom«, so weiß man sofort ganz eindeutig, was gemeint ist, und die ganze Kompliziertheit der Vorwärts- und Rückwärtslesung mit gleichbleibendem Klang und Sinn wird uns gegenwärtig. Was aber ist »Rückläufer« ohne weiteren erklärenden Zusatz? Da hat man die Auswahl: ein ausreißender Soldat; eine Schachfigur; ein Billardball unter Wirkung des Tiefstoßes; eine im Buchhandel zurücklaufende (als »Krebs« bezeichnete, remittierte) Druckschrift. Schließlich kommt dem Mann aus Verdeutschland diese Vielsinnigkeit dunkel zum Bewußtsein, und so schlägt er denn vor, ein funkelnagelneues Wort einzuführen: »Hinterfür« ! Ich nehme an, daß es sich so schreibt und nicht etwa »Hinterführ«, was etwa besagen würde, daß die Sprachfuhre auch nach hinten fahren kann; nein, nur die zwei Richtungen »fürwärts« und »nach hinten« sollen verschmolzen werden, und wer das Wort wirklich annehmen will, der könnte sich beruhigt schlafen legen, mit dem süßen Gefühl, dem scheußlichen Welschwort endgültig den Kragen umgedreht zu haben. Ach, ihr lieben Herrn! wenn ihr nur eine Ahnung hättet, mit wieviel »Hinterfürs« euer zusammengeklaubter Wortschatz belastet ist und wie der Sprachgenius schaudert, wenn er von solchen bösartigen Neubildungen Kenntnis erhält! Berlinfranzösisch und Parisberlinisch Eigentlich könnte dies ein erfreuliches Kapitel werden, und es wird ja auch allerhand Wohlgemutes darin zum Vorschein kommen; aus der Fülle der Frohlaune, welche der Dialekt so gern offenbart, sobald man ihm nur sein freies Wort gestattet. Wenn nur nicht über dem reizenden Blütenfeld die Wolke des Unmuts schwebte, aus der auch hier ein grämlicher Regen niederrieselt. Und die Wolkengötter mit ihren sauertöpfischen Ergüssen sind selbstverständlich wieder die nämlichen Häuptlinge der Sprachfürsorge, mit denen wir uns in diesem Buch so ausgiebig zu beschäftigen haben. Wo sich etwas regt, das nicht in die strenge Schulregel paßt, ob im Ernsten, ob im Heiteren, sind sie zur Stelle. Sie hocken in den Höhen, in den Niederungen, wie der böse Geist, in einer Dornenhecken von Neid und Gram verzehrt, ... er lauert da und lauscht, wie er das frohe Singen zu Schaden könnte bringen ... Aus Wagners Meistersingern wissen wir, daß Beckmesser schließlich den Kürzeren zieht und mit seiner ganzen ledernen Tabulatur grimmig hineinfällt. Und wer Zeit hat, den Schluß abzuwarten, wird es auch erleben, daß die Beckmesser unserer Tage mit ihren Regeln von Leder und Strohpapier übel abschneiden. Aber vorläufig sind wir da noch im ersten Akt, wo Ritter Walther mit seinem frohen Singen in arge Bedrängnis gerät. Zugegeben sei: Beckmesser von heute hat sich ein sehr wirksames Schlag- und Kampfwort zurechtgedrechselt: das »Berlin-Französisch« ; und zugegeben sei ferner: sein Gegner gibt sich Blößen. Aber dieser Tatbestand, der keineswegs verschleiert, vielmehr ausführlich erörtert werden soll, hat eine sehr liebenswürdige Vorgeschichte; deren Held ist » Der richtige Berliner «, der mit Spree- und Pankewasser getaufte, in Ironie und Selbstverspottung schwelgende Sprecher, dem der deutsche Humor so viel zu verdanken hat. Seine Schnoddrigkeit ist weltberühmt, und man hat sich sogar, um ihr den gebührenden Rang zu sichern, versucht gefühlt, ihr einen erlauchten Ahnen nachzuweisen: »Schnoddern« soll abstammen von Snotar, einer altnordischen Gottheit, der irgendwelche Beziehung zur Redekunst nachgesagt wird. Sicherer als diese Vermutung besteht der Umstand, daß das Hineinziehen französischer Brocken zur Berliner Schnoddrigkeit gehört und ihr besondere Reize verleiht: »So'n bisken Französisch macht sich doch wunderschön, Très-ämabel, sagt schon Schnabel ...« Dieses Bekenntnis der altberliner Posse aus der Mitte des vorigen Jahrhunderts ist noch heut unvergessen und genau so gültig wie zu Zeiten von David Kaiisch, der die Brücke schlug zwischen jüdischem und berlinischem Humor. Und wenn Beckmesser unter Verwerfung des Zeugen Schnabel mit seinen Reinigungsrezepten anrückt, so wird seine Bußpredigt mit einem hohnlachenden »nich in de la main!« abgewehrt. Die dazu gehörige Handbewegung ist zwar sehr »lescher«, aber sie erfolgt doch »mit'n jewissen Aweck« ( avec ), sogar »mit avec dü fö« ( du feu ) und läßt keinen Zweifel darüber, daß der Spree-Athener sich von keinem Sprachheiligen aus der »Balanse« ( balance ) bringen läßt. Durchaus Au controleur! ( au contraire ); in der Verteidigung seines Idioms steht er seinen Mann, und geht es nicht »dusemang« ( doucement ), so fehlt es ihm auch nicht an »Kurasche«, seinem Gegner eins an den »Buljonkopp« (von brouillon ) zu geben; »verstandez-vous?« Ihm ist es ein »Pläsiervergnügen«, seine Sprache französisch zu sprenkeln. Seine »Poussade« sieht er gern in hübscher »Kleedage«, und er würde ihr sogar eine »Eklepage« gönnen. Reicht es dazu nicht, so poniert er ihr schräg-à-vis beim Kondex ein »Baiser«, einen »Bobóng«, im Restaurant ein »Omelett kommvorditür« ( aux confitures ), während er, wenn er solo ausbummelt, sich mit einem »Maison du Nord« (Nordhäuser) begnügt. Hat er Eile, so stürmt er »plängschass« (aus pleine chasse ) dahin, um nicht etwa durch Verspätung in die »Brodullje« ( bredouille ) zu geraten. Flüchtige Begrüßung erledigt er durch »Comment vous Portugal?« ( portez-vous ), oder auch durch »Comment vous Portemonnaie-vous?« mit nachfolgendem »Au réservoir« ( à revoir ). Zur Betonung seiner Eigenperson ist ihm »Je!« und »Moi-je!« geläufig. Eine Wette bietet er mit »Paree?«, als Tanzkommando behagt ihm das »Schassee an de Wand« ( chassez en avant ). Sein durchdringendes Auge kennt den feinen Unterschied: »Dieselbe Farbe in anderer Kulör«; dem Jarssong oder Pikkolo befiehlt er »Haare apart, Bouletten apart«, denn bei unappetitlichen Gerichten wird ihm ganz »blümerant« (rätselhaft aus bleu mourant abgeleitet). Beim Geldwechseln läßt er sich »retour« geben, im Wortstreit spielt bei ihm die »Retourkutsche« eine große Rolle, im übrigen übt er gegen Anderssprechende die größte Toleranz, nach seinem Grundsatz chacun à son goût , was in seinem Munde die Form gewinnt: »Jeder nach seinem Chacun!« Kaum erscheint es nötig, auf die französischen Splitter hinzuweisen, die sich jenseits des Berliner Platt in der weiteren niederdeutschen Mundart vorfinden. Friederizianische Nachklänge, Einflüsse der Emigrantenfamilien, naive Aufnahme schönklingender Fremdbrocken wirken zusammen, um der an sich schon so reichen Färbung der Mundart noch eine besondere, gar nicht zu übersehende Farbe aufzutragen. Drollig klingt's ja manchmal, was dabei in gewollter und ungewollter Verstümmelung herauskommt, aber nur einem Griesgram kann solche Drolligkeit beleidigend auf die Nerven fallen. Bodenständig genug drücken sich Entspekter Bräsig und die Personen seiner Umgebung aus; lockert es ihre Wurzelfestigkeit, wenn ihre Mundart in den Jargon überschlägt? Hätte es überhaupt einen Sinn, sie auf irgendwelches »Welsch« sprachamtlich festzunageln? Wie nach Marc Aurel der König, so trägt auch der Dialekt in sich sein lebendiges Gesetz, seine eigne Rechtfertigung; ein Dialekt kann nicht Unrecht tun. Erinnern wir uns einiger Blüten aus Reuters Sprachgarten: wie prächtig hat sich dort, im Mecklenburgischen die »Schockelor«, die »Karnallje«, ja sogar die fremde Münze »Luggerdur« eingedeutscht! Die Berlin-französische Brodullje tritt lautähnlich genug als »Pardullje« auf, – das sausende »plängschaß« erscheint unverändert, das Wort »krepieren«, von crever, mildert sich rückbezüglich vom viehischsterben zum menschlich-sich-ärgern: »Darüber krepiere dich nicht, Lining!« Ein Malheur verwandelt sich in »Mallür«, was einen geniert, wird »schanierlich«, die höchste Wurstigkeit äußert sich in »ganz partie egal« (partout), und das gelegentlich anknüpfende à propos erklingt mundartlich derb, aber durchaus volksverständlich: »Apopoh!« Bis zu klassischer Höhe gedeiht diese Redeweise dort, wo Bräsig die große Menschheit »regardiert« und zu dem überwältigenden Schluß gelangt, daß die große Armut von der großen »Powerteh« herrührt. Der Spruch hat Rang und Würde erworben, wurde im Büchmann unter den Geflügelten bestätigt, und noch ist kein Nörgler aufgestanden, der ihm die Stellung zu bestreiten gewagt hätte. Dem Humor läßt sich eben schlecht Fehde ansagen, und man kann nicht gut Anti-Reuterianer sein. Wohl aber Anti-Berliner. Das geht, und diejenigen, die gegen das Berlin-Französisch losgehen, schielen wenigstens mit einem bösen Seiten blick nach dem Richtigen Berliner, als dem Vorläufer der Sünder von heute. Die sind nun zweifellos vorhanden, und manches, was ihnen in ihren Reden und Schriften unterläuft, soll auch hier als Getue und Geckerei preisgegeben werden. Ganze und halbe, richtige und verdächtige französische Sätze wimmeln mitten in deutscher Rede, ohne Bezug und Begründung, und man braucht nicht weit zu suchen, um solches Gesprenkel in den Romanen und halbwissenschaftlichen Schöngeistereien des vorigen Jahrhunderts reichlich zu finden. Manche erinnern an die französelnde Figur in der Holbergschen Komödie »Jean de France«, manche an Riccaut de la Marlinière, die meisten an die Gespreiztheiten des heute vergessenen Fürsten von Pückler-Muskau; und man kann ruhig zugestehen, daß diese Häufungen von ... à la – comble – faute de mieux – à peu près – vogue la galère – sans rancune – à la bonheur! – cause célèbre – fin de siècle – tout Paris, tout Berlin bis zu tout Frankfurt an der Oder – (»e tutti quanti«) – heute als nicht mehr erträglich empfunden werden. Aber das betrifft Wandlungen im Sprachganzen, und manche ursprünglich kern deutsche Wendung, die im Zeitenlauf Schimmel und Rost angesetzt hat, mögen wir heute auch nicht mehr. Vor allem darf man nicht verallgemeinern, nicht einen Nietzsche, Fontane, Grimm, ja nicht einmal einen Spielhagen der Französelei wegen in einen Topf werfen mit irgendwelchen kauderwelschenden Narren, die einmal in Wochenschriften ihre Pariser Fetzen herumschwenkten. Denn in denselben Topf gehörten dann Goethe-Schiller mit ihrem Briefwechsel, der ganze Jean Paul, der halbe Heine, der drittel Bismarck – wozu die Aufzählung, da man doch fragen könnte: wer von den Ganzgroßen gehört nicht in diesen Topf? Tatsächlich sind denn auch von den Sprachstockmeistern der Gegenwart nicht wenige entschlossen, hier kurzen Prozeß zu machen, den italienischen Futuristen vergleichbar, die lieber alle Museen anzünden, als einen Schmierer – wie z. B. Raffael – retten wollen. Dem Futuristenschreck Raffael entspricht im Sinne der Deutsch-Stockmeister der Schmierer Nietzsche, dessen Größe sie nicht begreifen, nicht einmal ahnen, an dessen gewaltige Sprachkunst sie gar nicht herankönnen, weil sie nicht imstande sind, ihren Gesichtskreis über das zunächst Auffällige zu spannen. Die andere Verallgemeinerung betrifft die Fremdsplitter selbst in ihrer Verwendbarkeit für die redende und schreibende Gegenwart. Weil wir heut ohne tout Berlin , ohne fin de siècle , ohne à quatre épingles und ohne vieux jeu auskommen können, deshalb sollen wir uns zum Allgemeinverzicht bekennen, erzitternd vor dem Beckmesser, der allzeit sein Gemerk bereithält, um uns jede regelwidrige Silbe als Berlin-Französisch anzukreiden: Sieben Fehler gibt er euch vor, Die merkt er mit Kreide dort an; Wer über sieben Fehler verlor, hat versungen und ganz vertan! Diese Fehlervorgabe ist so zu verstehen: vermöge besonderer Nachsicht des Aufpassers darf man noch heute vom Park »Sanssouci« sprechen, ohne gerüffelt zu werden; Sanssouci , besser Ohnesorg oder Sorgenfrei, ist zwar ein Fehler, aber er fällt noch unter den Ablaß. Man darf auch, wenigstens in historischem Zusammenhange, das Schloß »Monbijou« nennen, was sehr Berlin-Französisch klingt, und beinahe noch welscher als der Gensdarmen-Markt und das Regiment Garde du corps. Auch der Orden »Pour le mérite« gehört als geschichtliches Zeichen noch zur zugestandenen Fehlervorgabe und sonst noch verschiedenes, was sich durch eigene Altehrwürde gegen offenen Angriff – nicht geheimen Tadel – zu schützen vermag. Ob sich die Duldsamkeit des Merkers wirklich genau nach der heiligen Siebenzahl richtet, bleibe dahingestellt, ist auch in unserem Zusammenhange belanglos. Jedenfalls setzt die Ankreiderei mit voller Schärfe ein, sobald die sogenannten entbehrlichen, die überflüssigen Worte und Satzteile sich hervorwagen, kurzum die Fehler, welche das Urteil bedingen »versungen und vertan«! Denn die pedantische Regel ist stets bereit, ihr letztes Wort auszusprechen, sobald die kurzgeschnittene Elle der Notwendigkeit einen Überfluß nachweist. Aber Voltaire hat den schönen Spruch gefunden: » Le superflu, chose très-nécessaire «, und wenn irgendwo, so gilt dieses Wort »Das Überflüssige, ein sehr notwendiges Ding!« in Angelegenheiten der Sprache. Hier nun besonders, wo es sich um Arabesken, um Andeutungen handelt, wollen wir uns zu dem scheinbar paradoxen Glaubenssatz von der Wichtigkeit des Entbehrlichen bekennen. Gewiß, Buch und Rede würde nicht gerade sterben, wenn wir gezwungen wären, etliche gallische Wendungen zu unterdrücken; nur wollen wir uns eben aus sehr guten Gründen hierzu nicht zwingen lassen. »Embarras de richesse« ist als Ausdruck gewiß sehr überflüssig, denn wir können ja sagen: »Verlegenheit aus Überfülle«, oder »Verlegenheit wegen zu großer Auswahl«. Aber spürt ihr nicht, wie das humpelt und stottert, wie die Schlagkraft des Urwortes sich abstumpft? Dieses Urwort war einst der Titel eines Lustspiels (von 1726), das als Stück verschollen, eben nur in seinem Titel sich erhalten hat und uns in seinen drei Worten eine Komödie vor Augen hält. Auf diesen Durchklang des Schwankhaften mag verzichten, wer weiter nichts beabsichtigt, als den nackten Begriff hinzustellen. Wollen wir darüber hinaus, liegt uns daran, die Verlegenheit aus Überfülle wie ein Schauspiel für Lachlustige zu kennzeichnen, so brauchen wir jenen Durchklang; und der steckt nur im französischen Original, nicht in irgendwelcher Abschrift; ebensowenig wie in einem »ruhmredigen Kriegsmann« der »miles gloriosus« steckt. – Gehört das Wort »Bravour« zu den Überflüssigkeiten? gewiß für den, dem es Tapferkeit, Heldentum bedeutet und nichts anderes. Aber das andere kann vorhanden sein, Wichtigkeit gewinnen, und dann wird aus dem superflu die chose très-nécessaire. Man kann nämlich ansetzen: Bravour verhält sich zu Tapferkeit wie Effekt zur Wirkung, oder wie Virtuosität zur Meisterschaft. Streng genommen zeigt jede Heldentat ihre besondere Tapferkeit, eine davon, die dramatisch zugespitzte, als Schaustellung eindringliche, ist die Bravour. Sie findet ihr Gegenstück beim ausübenden Musiker und ist auch bei ihm ein Notwendiges. Im Künstlerischen ist der Gleichungsansatz: »Bravour verhält sich zur Meisterschaft wie x zu y« nicht zu vollenden; die Bravour wird durch die Virtuosität bedingt, aber nicht erschöpft. Von zwei Spielern kann der eine die größere Virtuosität besitzen, während ihn der andere durch die Bravour übertrifft. Das Blendende steckt in beiden Begriffen, das Draufgängerische nur in einem. Der Wortübersetzer, der dieser Betrachtung gerecht werden will, stößt gegen eine Unmöglichkeit; und mit aller Tapferkeit seines Ansturms gegen das »überflüssige« Wort wird er nichts anderes beweisen, als dessen Notwendigkeit. Der Bravour innerlich verwandt ist das »Prestige« als Begleiterscheinung einer Person, einer Macht. Das »Prestige« kommt dem Beckmesser als französelndes Getue vor, denn wir haben ja dafür die gleichwertigen Ausdrücke: Übergewicht, Ansehen, Machtstellung; wißt ihr aber, was diesen Ausdrücken zur Aufnahme des Wettbewerbes fehlt? eben das Prestige! Denn dieses hat obendrein etwas Theatralisches, von der Schaubühne, vom Märchen, es integriert eine Wirkungsvergangenheit zur unerklärlichen Zukunftswirkung. Der Zauberer, der das Wunder – »prestigium« – vor Staunenden ausführt, gibt dem Wort seine Eigenart. Von dem Manne, dem ich Prestige zumesse, behaupte ich nicht nur das Ansehen in der Gegenwart, sondern eine Summe vergangener Erfolge, die in seine weitere Geltung wie ein Wunder hinüberstrahlen. Also wiederum: für das Wort ist Ersatz möglich, und der Ersatz leistet etwas; er leistet nur nicht das, was wir gerade von ihm verlangen. – Ist die Wendung »par impossible« überflüssig? Selbstverständlich! meint der Kreideschwinger, denn man kann ganz genau auf gut deutsch angeben, was damit gemeint ist. Nur daß der Zufall der Ausdrucksentwicklung im Französischen zu einem kurzen Stichwort zusammengedrängt hat, was bei uns einen ganzen Satzbau bedingt. Er bedeutet nämlich in aller Vollständigkeit: »wenn man (zum Zweck einer vorliegenden Ansage) etwas Unmögliches als möglich annimmt.« Seien wir der Hilfe dankbar, die uns eine solche Weitläufigkeit erspart und uns in der Form des Überflüssigen etwas sehr Notwendiges anbietet. »Revanche«, »Chauvinist«, »Sabotage« gehören nach der Willensmeinung unserer Aufpasser – par ordre de moufti – auf den Index. Warum sage ich »Index!« ? Weil mir dies einzige Wort eine ganze Geschichte umschließt mitsamt einem dogmatischen Hintergrund. Es gibt dazu keine Übersetzung, sondern nur eine ziemlich lange »Erläuterung«. Aber diese Erläuterung kann fortfallen, wenn das Wort selbst durch seinen Klang seine Stammesgeschichte bekannt gibt. Der Sprachmufti verordnet mir für Sabotage: Sachzerstörung; das genügt mir aber nicht im mindesten, denn ich vermisse darin den Hinweis darauf, daß sie in Frankreich aufgekommen ist als ein verwerfliches Mittel im sozialpolitischen oder kriegspolitischen Kampfe. Vom »Chauvinismus« hat schon Kaiser Friedrich gesagt: Gott sei Dank, daß wir dafür keinen deutschen Ausdruck besitzen; und in der Tat haben ihn alle Sprachmuftis zusammen noch nicht zu übersetzen vermocht; denn es steckt ein Eigenname darin, Nicolas Chauvin, napoleonischen Angedenkens, an den dieses Wort anklingen soll; fehlt dieser Anklang, so verschwindet im Begriff der geschichtliche Rückblick, auf den es durchaus ankommt. Und ebenso hat die Revanche einen andern geschichtlichen Hintergrund als die deutsche Rache oder als die italienische Vendetta. Ich kann es meinen Lesern überlassen, den Unterschieden nachzuspüren. Beim ersten Anlauf werden sie erkennen, daß hier wie in vielen Fällen ein organisches Gesetz obwaltet, und zwar das (biogenetische) Grundgesetz der Entwicklungslehre; das Wort wiederholt in kurzem Auszug seine ganze Stammesgeschichte . Es gibt also mehr als die oberflächliche Kennzeichnung des heut gültigen Begriffs, es erzählt dessen Entstehung, und hierin liegt sein Wert. Wer darauf verzichten will, der mag mit irgendwelchen Ersätzen und Behelfen auskommen. Er hat dann etwas »Überflüssiges« beseitigt, jenes superflu, das wir mit Voltaire als eine chose très-nécessaire anerkennen. Nun kommen uns andere mit einem Einwand, der zuerst sehr bedrohlich aussieht. Sie sagen: wie kommt ihr dazu, als Deutsche französische Brocken einzuflicken, da es doch keinem Franzosen einfällt , deutsche Worte für seine Rede in Anspruch zu nehmen? Wie ein Grundsatz in der Mathematik reckt sich hier eine Behauptung auf, selbstverständlich und beweislos, weil keines Beweises bedürftig. Urplötzlich ward dem Welschen, dem Franzosen, ein Ruhmeskranz aufgestülpt, da er im Gegensatz zu uns deutschen Sprachschmutzern bei sich zu Hause unverbrüchlich auf Reinheit hält. Zur Beantwortung jener Frage diene eine Wendung, die eher französisch als deutsch war: ça s'explique parce que ce n'est pas vrai – das erklärt sich dadurch, daß es nicht wahr ist; es ist sogar gründlich falsch! Dem Franzosen fällt es nämlich gar nicht ein, auf Deutschworte zu verzichten, und unsere Sprachvögte müßten dies wissen, wenn ihre Belesenheit auch nur zum zehnten Teil so erheblich wäre, wie der Sicherheitstrotz ihrer Behauptungen. Diesem Wissensmangel sei hier eine kleine Auslese aus französischer Rede und Schrift entgegengestellt, vornehmlich aus Zeitungen der Neuzeit; in Worten, die sich zum Teil festgesetzt und in den großen Nachschlagewerken ihre Stätte gefunden haben. Der Franzose darf sagen und schreiben: le kaiser , le kaiserisme , kaiserlich , le kanzler , le reichstag , le reichstaler , le dom-chor , le landsturm , le landwehr in der Bedeutung von Landwehrmann, der in dieser Form z. B. in Romanschriften von Erckmann-Chatrian auftritt. Bismarcker , als Zeitwort, heißt: überlisten, bismarckiser : nach Bismarcks Art regieren; un bismarck ist ein guter 1866er Wein, couleur bismarck bedeutet rotbraun, bismarck malade : hellbraun, bismarck en colère : kastanienbraun. In Paris wie auch in Südfrankreich besucht der gemeine Mann, wenn er auf deutsches Bier Lust hat, une kneipe ; und dort bestellt er zum Erstaunen unsres Herrn Säuberlich: un bock , un kummel , un bitter , un kirsch , des bretzels , un hareng saur , und un knickebein ; bringt er es zu einiger Fertigkeit im Biervertilgen, so wird er un bockeur (seine Gefährtin une bockeuse ), und für die Heimat de ce bockbier hat er allerhand Nebenbezeichnungen, wie Choucroutland ; wie denn überhaupt das Sauerkraut in seinen Gedankenverbindungen eine Rolle spielt: tête de choucroute , choucroutard , selbst choucroutman treten im Gespräch auf und bedeuten, wie leicht zu erraten, keine Liebenswürdigkeiten. Er mag als Franzmann keinen Deutschen leiden, doch seine Biere trinkt er – il les trinque – gern. Er kennt la trinkhalle und le tringuelte , schon von Rousseau her, bei dem auch le havresac zu finden. Geläufig sind ihm le bourgmestre , le vaguemestre (Wagenmeister, oft genannt in »le Feu« von Barbusse); la brèche (Bresche, von brechen); blinder (von blenden), bloquer, la hase (Hasenweibchen). Er benützt auch seine Adjektive und bezeichnet in Gerichtsakten (seit 1919) einen Menschen ohne Ausweispapiere als »heimatlos« , so geschrieben und vermutlich »ämatloh« gesprochen. Der Kindergarten ist auf Französisch nicht nur le jardin d'enfants , sondern, wenn auf die Fröbelsche Herkunft hingewiesen werden soll: le kindergarten . Ein Schuhflicker wird zum choufliqueur , mit dem Zeitwort choufliquer . Der Reiter wird le reitre , der Landsknecht le lansquenet , dort, wo sie Obdach finden, kommt das Zeitwort héberger , beherbergen vor, und befindet sich unter ihnen ein lustiger Geselle, so gilt er als ein »loustic« . Wir finden ferner: le Wehrgeld, le wispel, le heimvé, jodler (jodeln), le feldmaréchal, le gemsbock, le Kursaal, le crach, le kopstick und le kopfestuck, le Rheingrave, le Kronprinz, le pompernickel, le lastgelt, le ohmgeld, la nagelfluhe, le gelberde (gelbe, ockerhaltige Erde), le lied, le schicksal ; auf der Grenze von Eigen- und Sachnamen: le Baedeker, le Gilka, les taubes (die Flugzeuge), und wenn auch nicht dem Sprachdeutschen, so doch dem Berufsdeutschen entnommen: le privatdozentisme . Während wir im Pariser Stadtbild das Marsfeld, das Gehölz und den Eintrachtsplatz ( Champ de Mars, Bois de Boulogne, Place de la Concorde ) nennen, gilt dem Franzosen als der berühmteste Berg der Schweiz nicht la Vierge, sondern la Joungfrau , er kennt la heimvéflouh , und vom Oberland bildet er das Adjektiv oberlandais . Interessieren ihn auf einer Wanderung die Minerale, so treten sie erlaubterweise in der Form auf: le kalkspath, le klebschiefer, le kupferkies, le schlamm . Auf Franko-allemand heißt es: le klingstein, le klinker, le korallen-erz ; unter den Eßwaren kommen vor: le kougelhof (Gugelhupf), la erbswurts (mit ts geschrieben, für Erbswurst), sogar le boutterbrödchen und l'ersatz . Notieren wir weiterhin: le chenapan (Schnapphahn), le choumaquer , le backfisch , le willkomm , le groschen , le schtosse (Stoß), le springbock , le balast , l'Alpenstock (zuerst bei Daudet), le talweg , le hinterland , le vasistas (was ist das? – Guckfenster), le stoppeur (Kunststopfer), le stand (Scheibenstand), le kuchenreiter (Waffenschmied, auch Schießwaffe), schlitter (schlittenfahren), knouter (knuten), le Wertherisme und le Schopenhauerisme (als Zustände der Empfindung und Anschauung). Und fügen wir noch ein ganz abenteuerliches Kuriosum hinzu: Wir sollen uns doch bekanntlich die Eau de Cologne zugunsten von Kölnischem Wasser abgewöhnen; was aber begibt sich in Pariser Geschäften? dort haben die Verkäufer auf den Flaschen der Firma Johann Maria Farina den Vermerk gelesen: Gegenüber dem Jülichplatz, und hieraus ist zur Bezeichnung der echten Eau de Cologne die Marke entstanden: le veritable »Gegenüber« , ausgesprochen Scheeschanübähr! Und mit dieser Liste, die wir beliebig verlängern könnten, vergleiche man nun die Ansage unserer Herrn Säuberliche, die uns erklären: »Nur der Deutsche«, nur der sprachkranke, mit Berlin-Französisch verseuchte Deutsche flickt Fremdbrocken in seine Rede! keinem Franzosen fiele es ein, zu ähnlichem Zweck irgendwelche Splitter von uns zu erborgen! Er borgt sie wirklich, wo er sie nur erwischen kann, und man darf ohne Übertreibung sagen, daß er zur Ausübung dieser Selbstverständlichkeit keinen Tag ungenützt verstreichen läßt. Freilich, auch er hat seine Beckmesser, seine Sprachvögte, und diese sitzen sogar in der französischen Akademie; sogar? nein mit Fug und Recht, denn wo sonst sollten sie sitzen, als in dem privilegierten Hort aller Rückständigkeiten? Im Zuge unserer Betrachtung müssen wir uns aber auch des weiteren daran erinnern, daß überaus viele Französischworte, die bei uns umlaufen, gar nichts anderes sind, als Überläufer, Rückläufer, eigentlich Gutdeutschworte, die einst hinüber- und mit veränderter Frisur zu uns zurückwanderten. Hier abermals eine ganz kleine, aber wie ich denke, recht belehrsame Auslese: Der Balkon ist nichts anderes, als der ehrliche deutsche Balken, der Fauteuil ein noch deutlich erkennbarer Faltstuhl, das Bivouak entstand aus der Beiwache, Beiwacht, die gute deutsche Laube versuchte in der Fremde ihr Heil, zeigte zur Heimat wiederkehrend ihre verfeinerte Gestalt und – fertig war die »Loge« . Boulevard kommt her von Bollwerk, die Drogue ist ursprünglich nicht französisch, überhaupt nicht romanisch, sondern Lübeckisch; die niederdeutsche Grundform lautet (nach G. Baist) Droge-Fate, trockne Fässer, Güter in Packfässern, die nach Begriff und Inhalt ungefähr Droguen darstellten. Die Agraffe stammt aus dem althochdeutschen Krapfo = Haken, das sich als »Krapfen« in einem hakenförmigen Gebäck erhalten hat. Das Billard geht über bille, Kugel, vermutlich auf das mitteldeutsche bickel = Murmel zurück. Lorgner entstand aus »lauern«; die Lorgnette ist mithin ein Belauerungswerkzeug, das sich allerdings stark verkleidet hat, um seine germanische Herkunft zu verbergen. Auch die Garderobe legt es darauf an, uns irrezuführen, und man muß sich schon ein wenig anstrengen, um ihr auf die Schliche zu kommen: die Garde – ganz allgemein und auch im militärischen Sinne des Wortes – ist unsere »Warte« , die Robe stammt aus dem mittel- und althochdeutschen roup, roub = Raub, Beute; der Bedeutungswandel machte den Umweg über die geraubte Rüstung, das erbeutete Kleid, wobei der Begriff der gewaltsamen Aneignung allmählich verschwand und nur noch die Sache selbst, das Kleid, übrig blieb. Die Garderobe ist also eigentlich eine Raubwarte, die Garderobière eine Raubwärterin; ein Zusammenhang, der sich satirisch weiter ausfolgern läßt, der aber nichts an der Tatsache ändert, daß wir auf jenes vielbemäkelte Fremdwort einen gesicherten Anspruch aus deutschem Sprachrecht erheben dürfen. In der Nachbarschaft der Robe und als Zubehör der Bekleidungskunst finden wir die Ausdrücke Mannequin und chic , die wir ohne weiteres anfordern, da sie sich deutlich genug als Männchen und Schick zu erkennen geben. Die Marquise , das leinene Sonnenzelt, zuerst über dem Zelt vornehmer Offiziere, hängt mit Marquis, margrave = Markgraf zusammen. Der Friseur ist kein welscher Fremdling, sondern ein Sprachbürger aus Friesland. Sein Name geht auf Fries, krauses Tuch, zurück, – Verzweigung mit dem friesischen friesle = Haarlocke. Das Bankett , von Bank abgeleitet, bedeutet ein Bankgelage, wie es z. B. im Nibelungenlied als banc bei Beschreibung einer höfischen Festlichkeit vorkommt; das anspruchsvollste Souper kann seine Herkunft von der deutschbürgerlichen Suppe nicht verleugnen. Das Bouquet stammt aus dem Busch , wie man an der Donau noch heute einen Blumenstrauß einen Buschen nennt. Will man der Etikette , dem Etikett die Sprachbeichte abnehmen, so trennt man den Anlaut E... vom Wort und findet in -tikett das niederdeutsche »sticke« = Stiftchen, kleiner Stecken, spitzes Hölzchen zum Anheften eines Zettels, der den Inhalt bezeichnet. Engagieren , Gage , stammen – über die Zwischenstufe vadium – von Pfand, Unterpfand; Fourage von Futter. Die Patrouille kann als wesentlich deutsch angesehen werden; der Hauptbestandteil des Wortes gilt dem Bewegungsorgan der Streifwache, der patte , die ihre Abkunft von Pfote, Patsche herleitet. Der Trumeau kommt her von »Trumm«, dem Singular von Trümmer; dieser bedeutet Stück, massiges Einzelstück unter gemauerter Wand, hier Fensterpfeiler. Ins Unabsehbare würden wir geraten, wollten wir gar noch derjenigen Französischworte gedenken, die überhaupt aufs Germanische zurückgehen, ohne den Heimweg ins Vaterland gefunden zu haben. Zu vielen Hunderten wären sie anzumerken, wie jardin von Garten, auberge von Herberge, bloquer (und Blockade) von Block, espion von spähen, filtre von Filz, attraper von trapo (Schlinge), Ballon und ballotter von Ball, arquebuse von Hakenbüchse, beffroi (Sturmglocke) von Belfried, bière (Sarg) von Bahre, blafard aus bleich und farbig, estafette von Staffel, blason von blasen, Garantie von weren, gewähren, escroc von Schurke, harpe von Harfe, espiègle von Eulenspiegel, épingle von Spange, blesser von bletzen, verletzen, éblouir vom altdeutschen blodi, blöde, plaque von Platte – genug davon! Die Auslese wird hinreichen, um jene verallgemeinernden Behauptungen mit dem Anfang: – ... Nur der Deutsche ...! ins rechte Licht zu setzen. Nein, in dem großen deutsch-französischen Kontobuche stehen durchaus nicht alle Belastungen auf unserer Seite. Wir haben höchst ansehnliche Forderungen dagegen aufzurechnen, und die Herrn Vögte brauchen uns nicht ihre Dienste aufzudrängen, um uns aus dem Schuldverhältnis zu erlösen. Und ebensowenig steht es ihnen zu, sich über einseitiges Französeln lustig zu machen, da sie sich noch gar nicht die Mühe gegeben haben, zu untersuchen, wie sehr es da drüben auf der Gegenseite »deutschelt«. Selbstverständlich liegt es nicht im Sinne dieser Erörterungen, die glücklich verstorbene Pücklerei, das französisch-deutsche Gemengsel der Pückler-Muskau und Genossen etwa wieder aufleben zu lassen. Unsere Absicht erstreckte sich vielmehr auf eine abwägende Betrachtung, auf Sprachtatsachen, die man kennen muß, wenn man mitreden will, wenn man gar mit richtender Wage oder beckmessernder Kreide Urteilssprüche zu fällen sich herausnimmt. Seien wir also streng diesen Richtern gegenüber und verfahren wir duldsam mit den Worten. Viele von ihnen verdienen eine Gaststätte an unserem Herde, den Menschen vergleichbar, die uns willkommen waren, obschon ihre Namen französisch klangen. Der edle Dichter und hervorragende Naturforscher Chamisso brauchte sich nicht umzutaufen, um uns lieb zu werden, der große Physiologe du Bois-Reymond brauchte sein keltisches Blut nicht zu verleugnen, um uns als eine Zierde unserer Lehrkanzel zu erscheinen. Der erste preußische General, der beim Sturm auf die Spicherer Höhen fiel, hieß von François, sein Sohn Kurt von François hat deutsche Kulturarbeit in Afrika geleistet. Lejeune-Dirichlet, in Deutschland geboren, in Frankreich gebildet, wurde Gauß' Nachfolger in Göttingen und wie dieser ein princeps mathematicorum zum Ruhme deutscher Wissenschaft. Die Namen der Savigny, de la Motte Fouqué, Roquette, Moritz Carrière, Thibaut, Hans v. Marées, Tuaillon, Douzette, Credé, R. H. Francé, Salingré, Fontane, Reuleaux, Eugen d'Albert, sind uns keine Fremdworte. Wohl aber müßten sie als welsch gewissen Völkischen auf die überempfindlichen Nerven fallen. Wie wäre es, wenn sie versuchten, einige dieser Namen auf dem Wege der Übersetzung einzudeutschen und auszufranzen? Als Musterbeispiel könnte man ihnen den berühmten preußischen Feldmarschall Guillaume René Baron de l'Homme de Courbière empfehlen. Dieser Heerführer ist fast durchweg gut verdeutschbar, und man muß sich eigentlich darüber wundern, daß die Cour bière-Straße im völkischen Wörterbuch nicht schon längst zu der heimatlichen »Hof-Bräu«-Straße geworden ist. Ganz ernstlich: man kann darin weit groteskere Dinge finden! Der Vorkämpfer Ich entwerfe das Bild eines Mannes, der als wirkende Persönlichkeit den hervorragendsten Platz im Felde der neuen Sprachbewegung einnimmt. Er ist Vorkämpfer mit zahlreichem Gefolge und würde auch ohne Troß eine Armee für sich darstellen. Nimmt man die Bewegung als eine Reformation, so ist er ein Ulrich von Hutten, nach seinem Temperament und nach der Quersumme seines Wissens. Wäre er es auch nach der Weite der Anschauung, dann besäßen wir in ihm eine der bedeutendsten Figuren des Schrifttums überhaupt. Aber schon hier versagt die Parallele, und weiterhin ergibt sich sogar schroffe Gegensätzlichkeit. Suchen wir einen anderen Vergleich. Und da fügt es sich, daß der Name selbst uns auf eine gute Fährte leitet. Unser Vorkämpfer heißt Doktor Engel, was, in scholastisches Latein gebracht, Doktor Angelicus lauten würde. Mit diesem Titel wurde einst ein anderer Vielwissender geschmückt, auch ein Vorkämpfer, ein Streiter, ein Dogmenbekenner: Thomas von Aquino. Eine päpstliche Enzyklika aus unseren Zeiten hat diesen glaubensstarken Thomas zum Universalschulmeister, zum Patron und Schutzheiligen aller Lehranstalten erhoben. Und unser neuer Doktor Angelicus steht im Begriff, dieselbe Würde aus eigener Machtherrlichkeit zu gewinnen. Es ist der Geist des Doktor Engel, der das Kampfgelände der neuesten Zeit durchweht und durchbraust. Eine Analyse seiner geistigen Persönlichkeit führt zu unlösbaren Schwierigkeiten, und eben das macht ihn so interessant. Er ist eine komplexe Natur mit offen aufgezeigten Widersprüchen, das Musterbeispiel einer Rechnung, die niemals aufgeht und bei jeder Behandlung andere unlösbare Reste ergibt. Und es kommt ihm nicht darauf an, sich selbst zu verleugnen. Denn er fühlt sich als Reformer, ein Reformator muß einseitig sein, und in dieser Einseitigkeit fegt er durch seine eigenen Werke, die ehedem den Glanz der Vielseitigkeit hatten. Um nur ein Beispiel vorweg zu nehmen: er verkündet heute: Kein fremdwörtelndes Buch überlebt seinen Verfasser nur um ein Menschengeschlecht, nicht das wissenschaftlich wertvollste, nicht das geistreichste, nicht das sittlich schönste. Nennet mir eine einzige Ausnahme, und ich bekenne mich für besiegt; eine einzige? Nun es wäre nicht schwer, sie zu Hunderten zu nennen, und wenn man sie nicht wüßte, so brauchte man bloß Engels große Deutsche Literaturgeschichte aufzuschlagen, um sie dort zu finden, zum Teil trefflich erörtert und geschichtlich so behandelt, wie es Unsterblichkeiten zukommt. Wäre seine heutige Meinung rechtskräftig, so bestände der Weltbau der deutschen Literatur aus Stümpfen und verwesten Resten, und Engels vormaliges Werk wäre die Beschreibung einer ungeheuren Leichenkammer. Das ist es aber keineswegs; und wie es Lebendiges behandelte, so zeugte es auch von dem lebendigen Geist seines Verfassers, dessen Temperament sich noch zu zügeln wußte und nicht in den Sturmeifer eines Savonarola überschlug. Engels literarisches Gepäck ist außerordentlich umfangreich, inhaltsschwer und um das Ding mit richtigem Namen zu nennen: unübersehbar. Er selbst erklärt im Vorwort seiner Geschichte der englischen Literatur, er habe der fast übermenschlichen Pflicht gehorcht, »nur über selbstgelesene Werke zu schreiben«. Ich hege keinen Zweifel an der vollen Wahrheit dieses Bekenntnisses und beziehe es ohne weiteres auch auf Engels Geschichtswerke der deutschen und französischen Literatur. Das ergibt – selbst wenn man die sehr beträchtlichen anderen Werke Engels außer Ansatz läßt –, ein Gesamtmaß des Wissens von unvorstellbarer Ausdehnung. Man könnte es im Sinne neuester Wissenschaft als »unvollendbar« bezeichnen, wenn es nicht auf tausenden von Druckseiten abgeschlossen und vollendet vor uns läge. Diesem Maß entspricht die Vielfältigkeit seiner Sprachkenntnisse. Von Mithridates, Mezzofanti, Friedrich Müller, Jakob Grimm werden uns Unglaublichkeiten erzählt. Professor Remward Brandstetter in Luzern hat in unseren Tagen eine Studie herausgegeben, die sich auf die Kenntnis von annähernd hundert Sprachen stützt. Ich nehme an, daß Professor Eduard Engel diesen Sprachwundern nahesteht. Und vermöge seiner Herrschaft in so vielen Sprachen müßte er eigentlich auch der sinnreichste Beurteiler und Führer geworden sein, wenn das Wort »soviel Sprachen, soviel Sinne« durchgreifende Geltung besäße. Das aber muß durchaus bestritten werden. Wir erleben hier das nämliche wie in der Naturkunde bei den Wellenbewegungen. Schall auf Schall gesetzt braucht nicht verstärkten Schall zu liefern, sondern kann Tonlosigkeit ergeben, Licht auf Licht Dunkelheit. Man nennt dies Interferenz, ein unübersetzbares Fremdwort, das auch in Engels Verdeutschungsbuch nicht vorkommt. Es hat aber nicht nur einen bedeutsamen allgemeinen, sondern hier auch einen besonderen Sinn: bei Engel interferieren die Kenntnisse, die Urteile, alle Schwingungen seines so reichen, so lebhaften Geistes. Helltönend und blendend im einzelnen, überdecken sie sich oft an entscheidenden Punkten derart, daß sie einander auslöschen. Und hierauf beruht ein Teil der Widersprüche, die uns überfallen, wenn uns der Sturm seiner Gedankenflüge ergreift. Ich möchte ihn nicht missen, und ich kehre oft zu ihm zurück, um all die widerspruchsvollen Erregungen durchzukosten, zu denen er Hörer und Leser aufpeitscht. Er reißt mich fort, und ich lasse mich fortreißen, weil ich die Wucht seines Vortrages als etwas Seltenes und Gewaltiges empfinde. Wie ich mich auch vom Vortrag eines alten Kirchenvaters, ja sogar eines genialen Ketzerrichters ergreifen ließe, um Sturm zu genießen. Man braucht nicht vom Inhalt überzeugt zu sein, wenn man nur überzeugt ist, daß da Einer mit der Gewalt seiner eigenen Überzeugung redet. Fast durchweg weiß ich: hier stimmt's nicht, hier wird's brüchig, hier vollkommen falsch und verkehrt. Und trotzdem will ich weiter hören aus Lust an der Beredsamkeit; aus eigenem Widerspruch an so vielen platten Richtigkeiten, die in Legionen talentloser Vertreter ihre Anwälte finden. Bei unserem Doktor Angelicus bleibe ich in Bewunderung, ich ärgere mich rechtschaffen, aber ich langweile mich nicht eine Sekunde in all den Monaten, die ich ihm widme. In mein Handexemplar seiner »Deutschen Stilkunst« schrieb ich nach erster Lesung den Vermerk: Groß und falsch wie die Bibel. Der Vergleich ist gewagt, aber nicht ganz unstimmig. Denn auf das Buch wird geschworen, und dem Ungläubigen droht die Gefahr eines geistlichen Gerichtes. Zu den Leitsätzen dieser »Stilkunst« gehört eine schrille Fanfare gegen den Humanismus . Schon in der »Geschichte der Deutschen Literatur« setzt sie präludierend ein, hier entwickelt sie sich zu voller, kampffroher Stärke. Mit Hussa und Horridoh geht es gegen den alten Drachen Humanismus, der die reine Jungfrau, die deutsche Sprache, seit Jahrhunderten in Schimpf und Qual gefangen hält: Bis zum Wagnis des Thomasius, 1687, »war die deutsche Gelehrsamkeit die Hauptfeindin der deutschen Sprache«. »Gewöhnlich entschuldigt man in Deutschland die schlechte Prosa mit der allgemeinen Redensart vom höheren Formensinn anderer Völker, besonders der romanischen. Ihr widerspricht die Vollendung der Kunstform in der deutschen Lyrik; ihr widerspricht aber auch die Schönheit deutscher Prosa von der mittelhochdeutschen Zeit bis fast zur Mitte des 16. Jahrhunderts, also bis zur Deutschverderbung durch die Humanisterei .« »Nicht von den humanistischen Affen der alten Lateiner hat er (Luther) seine Vorbilder fürs Deutsche genommen.« »Immerhin gewahren wir bei vielen neben Lessing und Goethe das deutliche Bestreben, sich von dem eklen Wust der deutschen Humanisten- und Franzosenzeiten zu befreien.« »Die Überlieferung dieses (an Gutzkow, Nordau, Lamprecht bewiesenen) scheingelehrten Wortgeschwöges reicht, wie die meisten Grundlaster des Gelehrtenstils, bis in die Humanistenzeit.« – – »Die tiefe, bleibende Deutschverderbung durch das lateinische Blutgift hat erst der Humanismus des 16. Jahrhunderts dem Körper der deutschen Sprache eingeträufelt.« Aber ist denn nicht unser Doktor Angelicus selbst ein Gelehrter, wohl gar ein Germanist, ein Erbe der strebenden Forschungen, deren Quell wir andern im Humanismus erblicken? Spürt er, der Gelehrte auf einsamem Sprachfloß, nicht, daß eine Strömung ihn trägt, dieselbe Strömung, die er von der Planke des Flosses aus beschimpft? Er selbst gibt uns die Antwort in einem Ausfall gegen die Schar der übrigen Germanisten, die es wagen, noch heute den alten Flußgottheiten zu huldigen: »Die deutschen Gelehrten unserer Tage, die über altdeutsche Heldenlieder schreiben, benennen ihr Tun mit einem Barbarenwort, zusammengemanscht aus Latein, etlichem Griechisch, einigem Deutsch: Die germanistische Forschung, und schreiben, mit verschwindenden Ausnahmen alle, in ihren Büchern über die deutsche Heldendichtung ein ähnliches Sprachgemansche.« Und freilich, wenn schon das Wort »Germanist« als unvölkisch verketzert wird, dann muß wohl auch ihre gesamte nach Weltgültigkeit strebende Ausdrucksweise als verdammenswert erscheinen. Aber diesen Männern schweben nicht Kirchtümeleien vor, sondern germanische, weitgerichtete Geistigkeiten. Der Germanist, wenn er nicht bloß am Kleinkram einer Mundartforschung festklebt, ist Humanist, treibt Humaniora, fühlt sich als Erbe der Strebungen aus der Renaissance. Der Grad der Annäherung an die Antike, für Goethe und Burckhardt das Maß künstlerischer Wertschätzung überhaupt, ist für ihn selbst bestimmend, für seine Kultur und seine Künstlerschaft im Ausdruck. Gerade ihm kommt es zu, die Klänge aus der klassischen Vergangenheit aufzunehmen und sie einer Klangsprache der Zukunft anzunähern, welche die letzte Folgerung des Humanismus dereinst verwirklichen wird. Es gibt eine Folgerichtigkeit auch im Falschen. Und so spürt denn unser Angelicus sehr wohl, daß er, um auf seiner Linie nicht schnurstracks umkehren zu müssen, nicht bei den Germanisten stehen bleiben darf. Die ganze Richtung paßt ihm nicht, die ganze Wissenschaft wird von ihm ad audiendum verbum befohlen und gottsjämmerlich gerüffelt. In den Wintertagen von 1852 rief der berühmte Rückwärtsler Friedrich Julius Stahl sein bis in unsere Zeiten hallendes Donnerwort: Die Wissenschaft muß umkehren! Das aber war ein sanftes Gesäusel gegen die zerschmetternde Standpauke, die von Angelicus' geweihtem Munde losbricht. Also das ganze Sprachunheil der Zeit, die »Fremdwörterseuche«, kommt im Grunde von der Wissenschaft her, die mit ihrer »Kastendünkelsprache, ohne die geringste Begriffsbereicherung durch bloßes Wortgeklingel den Schein einer besonders neuen, besonders tiefen Geheimwissenschaft erzeugen will und bei den Unkundigen leider oft wirklich erzeugt ... Behörden und Sprachvereine mögen noch soviele schmutzige Zuläufe reinigen und verstopfen, aus immer neuen Schlammgruben und Sielen sickert ununterbrochen neue üble Jauche in den stolzen Strom unserer Sprache.« Der Jauchherd, darüber läßt der Zusammenhang keinen Zweifel, ist die Wissenschaft, deren Schlammgruben und Sielen mithin restlos, das heißt bis zum letzten lateingriechischen Ausdruck, zugeschüttet werden müßten. Leider aber hat die Göttin der Wissenschaft nur eine einzige Sprache gelernt, die Weltsprache, und kann sich auf andere Weise nicht verständlich machen. Man muß der Pallas Athene also die Zunge ausreißen. Und was aus den Jüngern werden soll, wenn die Meisterin verstummt, das mögen die Götter wissen. Der Großherr des heiligen Offizes will allerdings einige Ausnahmen zulassen. Gewisse abgelegene Zweige der Wissenschaft, deren Vertreter ganz unter sich arbeiten, sollen von den strengsten Maßnahmen verschont bleiben. Da kommt die Güte zum Vorschein. Leider eine ganz unbrauchbare Huld: Denn es gibt keine abgelegene Zweige, und wer vom Wesen der Wissenschaft nur eine Ahnung besitzt, der kennt ihre Verwebungen, den wunderbaren Kräfteaustausch an ihren fließenden Grenzen, der weiß auch, daß die Wissenschaft das gesamte Leben bis in seine letzten Verästelungen mit Denkstoff und Sprachstoff durchdringt. Alle Befruchtung müßte aufhören, wenn diese Düngung des allgemeinen Ackers – die dem zürnenden Engel als Verjauchung vorkommt –, jemals durch die Wasserkünste und Verwässerungen der Wissensfremden fortgespült würden. Es klingt nun freilich sehr weihevoll, wenn die Schutzheiligen der Sprache als Ursprung des Wassersegens den Kastalischen Quell ausrufen. Durch den Jungbrunnen der Dichtung soll die Sprache hindurch, um ihre antiken Runzeln loszuwerden und ihr vergiftetes Blut aufzufrischen. Gut, ich nehme mir einen Gedichtband vor, nicht einen von den schlechtesten, und entnehme diesem Heilquell einige Tropfen zur Probe; hört sie rieseln: Exempel, Elemente, Dedizieren, genieren, Pantheist, Obskuranten, Physikus, Pole, Kompaß, Prävenire, Versatilen, Interessen, Maltraitieren, Kompagnie, Firma, Kapital, Falsum, Kontinent, Projekt, in usum Delphini, Kollegen, Heautontimorumenie, Konstitutionell, – Genügt's noch nicht? dann weitere Proben, immer aus demselben einbändigen kastalischen Quell, aus dem nämlichen unverfälschten, unverwelschten Borne: Prisma, oval, retardieren, Revolution, geognostisch, Spatium, Probleme, Pyro-Hydrophylacium, fabulieren, Trilogie, Parabolisch, Séance, Rezensent, Dilettant, Neologen, Ornat, Funktionen, Kursus, methodice, Symbole, Mythologeme, Autochthone, Totalität, Katechisation, Enthusiasmus, protestieren, Credo, Panacee, Etymologie, Poetik, Politika, Logos, genieren, Metamorphose, Organ, harmonisch, Aeonen, Atmosphäre, Charakter, Ultimatum, Rhythmen, Antichambre, Transoxan, Kolumne, Sarkophage, Mirakel, Spelunke, sentimentalisch, Influenzen, staffiert, koloriert, passiert, frappiert, Typus, monoton, Sphäre, Qualität, Celebrität, kolossisch, paralysiert, Perfektibilität, – – Der Leser weiß längst, wessen Dichtungen diese »Welschereien« entnommen sind, wessen poetische Ader mit diesem blutgiftigen Gerinnsel durchseucht waren. Und er entsinnt sich der Ansage unsres Vorkämpfers, »daß kein fremdwörtelndes Buch seinen Verfasser nur um ein Menschenalter überlebt«; er entsinnt sich dessen um so gewisser, als all diese, beliebig zu vermehrenden Proben durchaus nicht aus Goethes wissenschaftlicher Prosa stammen, sondern aus Goethes Gedicht blättern; aus Goethes gereimten, skandierten, lyrischen und spruchweisen Versen und deren Überschriften, die schon als Vorsatzworte das wahre Sprachbekenntnis des größten Dichters verkünden. Und wenn der Leser die kastalische Probe vervollständigt, so findet er in Goethes Reimsprüchen auch ein von Fremdwörtern verschmuddeltes Albumblättchen, das in hundert Jahren noch nichts von seiner Lebenskraft verloren hat: Die Sprachreiniger. Gott Dank! daß uns so wohl geschah, Der Tyrann sitzt auf Helena! Doch ließ sich nur der eine bannen, Wir haben jetzo hundert Tyrannen, Die schmieden, uns gar unbequem, Ein neues Continentalsystem. Deutschland soll rein sich isolieren, Einen Pestcordon um die Grenze führen, Daß nicht einschleiche fort und fort Kopf, Körper und Schwanz vom fremden Wort. Hundert Tyrannen damals, – wieviel sind es heute? und wie wenig wiegen die Tyrännchen von damals gegen den einen Großen, der keines lebenden Goethe Trotz zu befürchten hat; der Odem jener war Zephyr, der schnaubende Trotz des Heutigen ist ein Taifun! Und in diesem Wettersturm trat ein Werk zutage, das in seiner Stoßkraft tatsächlich Unerhörtes leistet; dem wir also mit der Achtung zu begegnen haben, welche jeder Elementarkraft gebührt, sei sie gerichtet wie sie wolle. Es heißt: » Entwelschung – Verdeutschungswörterbuch «; ein tosender Widerspruch, in sich selbst widerspruchsvoll, ausgerüstet mit den Waffen einer Heilsschrift und den Werkzeugen des Hexenhammers; der alte Hexenhammer, Malleus maleficarum, hatte zwei Verfasser: Sprenger und Institor. Der Urheber des neuen ist Sprenger und Institor zugleich; er sprengt die Brücken zwischen Deutsch und Welsch als ein Institor eloquentiae, was nach Quintilian soviel bedeutet wie Austräger der Wortkunst. Ich denke von solchem Titel nicht gering; und obschon ich viele der zu Unrecht verklagten maleficarum ins Herz geschlossen habe, muß ich doch gestehen, daß Meister Institor, eben unser Engel, den Prozeß gegen sie mit fabelhaftem Geschick führt. Zunächst widerlegt sein Buch die alte Weisheit des Rabbi Ben Akiba: ein spannendes Wörterbuch, – das ist wirklich noch nicht dagewesen! So viele ihrer auch existieren mögen, haften sie doch, die andern alle, an der Langweiligkeit der Buchstabenfolge, haspeln sie sich mit selbstverständlichem Gleichmaß am alphabetischen Leitseil vom trocknen A zum dürren Z; – Engels Fremdwörterbuch kämpft! es beißt sich durch 15 000 Worte hindurch, und ein Blutbad bezeichnet den Weg. In keinem Ritterroman der Welt gibt es soviele Leichen wie in diesem Buche. Räumen wir es getrost ein, daß mehrere Tausende der dahingemetzelten Welschworte kein besseres Schicksal verdienten. Sie verbluteten sich zu Ehren eines Temperamentes und einer Begabung. Denn auch das muß anerkannt werden: Engel ist wirklich ein Verdeutschungskünstler ersten Ranges und wird als solcher vielleicht dereinst neben Zesen, Opitz und Campe genannt werden. Eine große Anzahl der auf seine Rechnung kommenden neuen Deutschworte wollen wir nicht wieder verlieren; nämlich als bereichernde Zutaten, nicht aber als Mittel zu einer Zwangsveräußerung erworbenen Sprachgutes. Und da meldet sich schon wieder eine Unstimmigkeit: Dieses Buch mit seiner deutschfördernden Absicht und seinen zahlreichen gelungenen Deutschformungen ist zugleich der stärkste Beweis gegen die Grundüberzeugung des Vorkämpfers. Würde restlos in Sprachübung übergeführt, was das Buch fordert, so wäre das Ergebnis ein deutschklingender Jargon, ausreichend zur oberflächlichen Verständigung, aber unfähig, geistige Feinheiten zu erfassen. Dieses volkstümliche, völkische, vielfach auch verrüpelte Deutsch wäre fortan nicht nur entwelscht, sondern auch entbildet. Nehmen wir Stichproben, vorwiegend in Ausdrücken, die an anderen Stellen meiner Schrift nicht ausführlicher behandelt werden. Vergegenwärtigen wir uns dabei die Behauptung, daß alles übersetzbar sei, daß » jedes fremde, nicht vollkommen eingedeutschte Wort sprachwidrig, gemein, unkünstlerisch , unvölkisch, würdelos klinge«! Einige Erläuterungen werden bei gewissen Stichproben nicht überflüssig erscheinen. Wo ich sie unterdrücke, wird sich der Leser, wie zu hoffen, selbst den geeigneten Vers dazu machen. Orient : Ost, = land, = welt (A. von Humboldt), Morgenland. Diese Ausdrücke waren Goethe bekannt und geläufig. Warum schrieb er: Wer sich selbst und andre kennt, Wird auch hier erkennen: Orient und Occident Sind nicht mehr zu trennen. – – – Gottes ist der Orient! Gottes ist der Occident! klang ihm das nicht sprachwidrig und gemein? klingt es unseren Ohren unkünstlerisch und würdelos? Ach, hier steckt wohl noch ein Geheimnis, und das will ich dem Doctor Angelicus verraten, ihm, der immer nur bis zum Vorletzten oder Drittletzten dringt, aber niemals bis zum Letzten. Im Grunde steckt nämlich hier sol oriens , die aufgehende Sonne, die als Gottheit mitklingen soll im Ausdruck. Im klassischen Latein ist oriens vollkommen gleichbedeutend mit Sonnengott, Tagesgott; diese Beziehung festzuhalten mag dem Unvölkischen von Weimar wohl wesentlicher erschienen sein, als einen Reim auf Ost oder Morgenland zu finden. Und diese Beziehung schwingt noch heute hinüber in den Worten sich orientieren, Orientierung, selbst in dem Wort Neuorientierung, das dem Professor Engel so unsagbar albern erscheint. War es doch wesentlich dieser Ausdruck, der ihm den Aufenthalt in Spree-Athen vergällte und ihn veranlaßte, sich in Bornim bei Potsdam anzusiedeln, wo so fatale Anklänge an den klassischen Schund die Rede nicht verunzieren. Heißt es doch nunmehr in jenem Wörterbuch bei orientieren: . . . sich zurechtfinden, = einstellen, . . . morgenländern (scherzhaft feldgrau, das ernst zu werden verdient). Daß es dem Entwelscher selbst mit solchen komisch gemeinten und nur im Ulk zu verstehenden Ausdrücken völlig ernst ist, ersehen wir aus zahllosen Empfehlungen; wir finden z. B. beim Lehnwort Torpedo : Zwiebelfisch (fg. = feldgrau), nichts weiter; nicht einmal den Versuch, den unter Wasser wirkenden Sprengkörper irgendwie mit dem Torpedo der Zoologie, dem Zitterrochen, in Sprachvergleich zu setzen. Wir haben nunmehr die Wahl, Zwiebelfisch als den allein gültigen Ausdruck hinzunehmen oder Torpedo als eingedeutscht zu betrachten; dann aber wollen wir den nämlichen Vorzug auch tausend anderen Fremdworten zusprechen, gegen welche der Vorläufer anstürmt; z. B. der Explosion: Entladung, Schuß, Spreng-, Zündschlag . . . Lospuff, Schlagwetter; Plotze (neu). – Warum nicht: Die Sprenge? Dieser Gewissensfrage diene zur Antwort: Weil »Explosion« in allen fünf Erdteilen verstanden wird, »Die Sprenge« aber nur in Bornim bei Potsdam. Funktion (17. Jahrhundert; Schwammwort): Aufgabe, Amt, Dienst, Obliegenheit, Geschäft, Betätigung, Befugnis, Verpflichtung . . . und noch mehr als 20 andere Verdeutschungen; alle gut, richtig und an geeigneter Stelle brauchbar; und nicht eine einzige, die dem wissenschaftlichen Begriff der Funktion gerecht wird. Nur von Amt und Leistung ist die Rede, nicht von der Verknüpfung veränderlicher Größen, die heute eine Grundform gebildeten Denkens darstellt. Mehr und mehr verdrängt die Funktion, die funktionelle Abhängigkeit, den alten Kausalbegriff, indem sie über die Klüfte zwischen Ursache und Wirkung, Grund und Folge betretbare Brücken schlägt. Die Funktionsarbeit der strengen Wissenschaft ist heute schon jedem Schreiber dienstbar, der nicht bloß berichten, sondern Zusammenhänge darstellen will. Und wo ist dafür die Übersetzung? sie steht nicht da, kann nicht aufkommen, weil man zuvor die Funktion aus der Wissenschaft herausreißen müßte. Und das kann selbst Er nicht, der Allwelschzermalmer; messe er sich mit Roethe, Sombart, Lamprecht, Wilamowitz, Simmel, aber pralle er zurück vor Leibniz, Johann Bernoulli und der nachgeborenen Phalanx der Algebra-Meister, die das Wort schirmen. Algebra? brauchen wir das Wort überhaupt? Ich halte es für unentbehrlich, selbst dort, wo nicht nur von algebraischen Dingen geredet wird, also im übertragenen Sinne als den höchsten Ausdruck für alles in Gleichungen Vorstellbare. Und zu meiner Freude finde ich in besagtem Wörterbuch: Algebra: Buchstabenrechnung, Zeichenrechnung; kurz und bündig. Aber wenigstens das Wort ist vorhanden. Es steht da in nackter Selbstherrlichkeit. Denn die beiden Übersetzungen sind nichtssagend, da die Buchstaben- und Zeichenrechnung nur Hilfsmittel der Algebra sind. Es ist ungefähr so, als wollte man Maschinentechnik durch Hebekran, Physik durch Luftpumpe, Chemie durch Glaubersalz verdeutschen. Gewiß, diese Hilfsworte gehören dazu, aber sie deuten nur an, sie erschöpfen nicht. Findet man etwa den Vergleich übertrieben, so lese man im Wörterbuch: Kollodium: Schießbaumwolle; woraus der Chemiker ein vereinfachtes Verfahren lernen kann. Infinitiv: Nennform, Akkusativ: Wenfall, vierter Fall; Ist das nötig, deutlich, bringt es frisches Sprachgut, dem gegenüber wir die Altworte als Bestandteile einer Ekel- und Schwindelsprache zu verwerfen haben? Engel hat hier nichts neues erfunden, nur Zweckwidriges weitergegeben und mit seinem Ansehen gedeckt. Der Infinitiv ist nicht die Nennform, sondern eine unter vielen Nennformen, die substantivisch gewordene Nennform des Zeitwortes. Das Wichtigste am Infinitiv, das Verbale, fällt auf der Übersetzungsfähre über die Kante ins Wasser. Johannes Scherr hat den Gemahl der Luise nach seiner abgerissenen Redeweise sehr witzig den »König Infinitiv« genannt. Scherr war als Geschichtsmensch natürlich ein widerlicher Welscher; er hätte den Monarchen »König Nennform« benamsen sollen; das wäre zwar nicht geistreich, vielmehr blödsinnig gewesen, aber vor dem Richterstuhl des Gestrengen hätte Scherr eine bessere Note bekommen. Zum Glück bleibt der Humor beim Akkusativ erhalten. Der »Wenfall« und seine fallenden Genossen haben mich schon seit längerer Zeit als Köstlichkeiten des völkischen Ziergartens angeblickt. Sie entstehen aus dem Wenfall wie die grammatischen Formen in einem niedlichen Galgengedicht von Christian Morgenstern. Der läßt einen Werwolf von einem toten Schulmeister abwandeln: »Der Werwolf« – sprach der gute Mann –: »Des Weswolfs«, Genitiv sodann, »Dem Wemwolf«, Dativ, wie man's nennt, »Den Wenwolf«, – damit hat's ein End'. Der lebende Schulmeister wird mir vorhalten, daß Wolf und Fall nicht dasselbe ist. Ich entgegne ihm, daß auch zwischen Deklination und Konjugation ein Unterschied besteht, den er auswischt: Deklinieren: beugen, Konjugieren: abwandeln, biegen, beugen, und solchen verallgemeinernden und unscharfen Gleichsetzungen begegnen wir zu Hunderten. Wo bleibt da der Vorsatz, die »Schwammworte« loszuwerden? Interesse – »das formelhafteste aller welschen Schwammwörter«; seine Ableitungen – »eine Wortschwammsippe«; Element – »schwammiges Allerweltswort«; Pathos –»Schwammwort der »Ästheten« für alles Mögliche«; Privat – »echtes Schwammwort«, Idee – »schwammiges Allerweltswort«, usw. ins Unabsehbare. Also Krieg allen weitmaschigen, vielporigen Worten! Nur daß sich im Kriegsplan selbst falsche Voraussetzungen und falsche Folgerungen verfilzen. Alles weitgespannte ist Schwamm gegen alles begrenzte. Welt ist Schwamm gegen Kristall, Pflanze Schwamm gegen Lilie, Kultur Schwamm gegen Pflug, Zahl Schwamm gegen Einzelzahl. Will er die Schwämme auch im Deutschen abschaffen? dann adjö Sprache überhaupt. Oder bloß die fremdländischen? dann zeige er mir die Schärfe in der Übersetzung. Im vorgenannten Fall sind Deklinieren und Konjugieren die schärferen Ausdrücke, biegen und beugen die loseren; aber sie werden zum Schwammdienst gepreßt, damit doch nur eine Übersetzung zustande kommt. Für den Schwamm »Interesse« werden sieben- oder neunhundert Einzel-Ersätze geboten. Das ist sprachlicher Sportbetrieb, aber keine Sprachförderung. Wo neunhundert passen sollen, paßt ganz selbstverständlich nicht ein einziger. Es wird immerfort nur aufgedröselt, nicht erfaßt. Es geht immer ums Zuviel oder ums Zuwenig, wobei der unausgleichbare Überschuß abwechselnd links beim Weltwort liegt oder rechts beim Heimwort. So werden auf jeder Seite künstliche Schwammplantagen gezüchtet:       Tenor       Hochstimme Sopran Hochstimme Diskant Hochstimme Wo sitzt der Schwamm? links oder rechts an der Wand?       Sanguinisch       heißblütig Cholerisch heißblütig Technik Fertigkeit Virtuosität Fertigkeit Bravour Fertigkeit Routine Fertigkeit Rokoko Schnörkelstil Barockstil Schnörkelstil Fiktion Unterstellung, Annahme begrifflich grundverschieden von       Hypothese       Unterstellung, Annahme Travestie Verulkdichtung Parodie Verulkdichtung Gigantisch riesig Immens riesig Pyramidal riesig Herkulisch riesig Enorm riesig Kyklopisch riesig Homolog entsprechend Adäquat entsprechend Konform entsprechend Kongruent entsprechend Analog entsprechend und so in beliebiger Auswahl, natürlich mit anderen Ausdrücken daneben, die sich wiederum in großer Zahl wiederholen. Wer Lust und Zeit hat, die Rechnung durchzuführen, der würde feststellen, daß sich die Schwämme hüben und drüben zu Null aufheben, somit die ganze Theorie als das erkennen, was sie wirklich ist: eine Blenderei. Eine ansehnliche Hilfe ist dem Vorkämpfer aus der Feldgrau-Sprache erwachsen. Zudem richtete sich vor dem Doctor Angelicus das Vorbild des Doctor Luther auf, mit seinem unsterblichen Befehl: ... »man muß die Mutter im Hause, die Kinder auf der Gassen, den gemeinen Mann auf dem Markt drum fragen und denselbigen auf das Maul sehen, wie sie reden, und darnach dolmetschen, so verstehen sie es denn und merken, daß man deutsch mit ihnen redet!« Aber der Sprachreformer von heute geht in seiner unfehlbaren Einseitigkeit mit dem Prinzip durch, überrennt alle literarischen Bedenken und wird aus lauter Volksverständlichkeit zu einem begeisterten Anwalt des Jargon. Was in schwerer Zeit aus Gefahr und Anstrengung, aus Blut und Morast als humoristische Blüte entkeimte, bleibe Eigentum der Truppe. Kräftig und urwüchsig klingt es, wenn im Schützengraben-Deutsch der Ballon umgetauft wird zu Wasserblase, Preßkopf, graue Leberwurst, Himmelswurst, Strohsack, Luftgurke, Schwartemagen. Das soll man in besonderen Schatzkästlein buchen, nicht aber als Sprachmuster in der Richtlinie der Entwelschung ausgeben. Engel indes macht auch hier ganze Arbeit, und wo die Feinkunst des Verdeutschers reden sollte, läßt er die Sprachgewalt der Handgranaten böllern. Dafür zwei unverkürzte Stichproben: Artillerist: (fg) Bumskopf, Bombenschmeißer, Bimser (österreichisch) = Pulversack. Infanterie: (17. Jahrh.) Fußvolk (Fachausdruck z. B. 1917 Ausbildungsvorschriften (früher Exerzierreglement) für das F., = truppe; (fg): Fußlappen, Sandhase, -laatscher, Stoppelhopser, Dreckstampfer, Kilometerschwein, in einem Wörterbuch, das nach seinem Vorspruch auf Seite eins den Schreiber zu »reiner edler Ausdrucksform« emporzuläutern verspricht! Er kann aber auch anders, der in sich so Widerspruchsvolle, und das beste kann er, wo er nicht dem gemeinen Mann aufs Maul sieht, sondern selbst daran geht, Neuworte zu formen. Fehlschläge, Entgleisungen, unbeabsichtigte Drolligkeiten ereignen sich dabei oft genug, und manches Gebilde zerbricht ihm unter der Hand, wenn er mit dem Grobschmiedehammer dreinfährt, wo Filigranarbeit zu leisten ist. Zum Glück kann auch der Temperamentvollste nicht durch 15 000 Artikel in Weißglut des Zornes verharren. Und in Pausen der Abkühlung verschwindet der Berserker, um den Künstler ans Werk zu lassen. Ich kann und mag nicht untersuchen, ob nachstehende Wortbildungen sämtlich auf seine Rechnung kommen. Viele gehören ihm sicherlich, und wäre es auch nur ein einziges, so würde das genügen, um uns zu einem Preislied für seine Erfindung zu stimmen. Denn es gibt nichts selteneres als ein neues, brauchbares, wohlgeformtes Wort. Es stellt einen Gewinn der Sprache dar, so zu verstehen, daß wir uns des Zuwachses freuen, ohne auf den Altbesitz zu verzichten. Auf die Mehrung kommt es an, nicht auf die Beseitigung. Als Bereicherung seien genannt: bei differenzieren: feingliedern; bei Induktion: Stufenbeweis; bei aktuell: zeitwirksam; bei Panik: Schreckflucht; bei Frondeur: Stürzer; bei Boudoir: das Trautzimmer, die Lausche; bei appetitlich: mundwässernd; bei korrekt: fadengrade; bei Emanzipation: Entjochung; bei fraternisieren: brüderschafteln; bei arrogant: dünkelfrech; bei ironisch: hohnwitzig; bei Facette: Schliffraute; bei hygroskopisch: feuchtempfänglich; bei Falsifikat: das Gefälsch; bei Phantasie: Innenschöpfung; bei Futurist: Zukunftspinsler; bei Feminismus: Weibserei; bei Schikane: Argwille; bei Esprit: Sprühgeist; bei Tautologie: Wortgedoppel; und wenn Engel für Sauce Soubise vorschlägt: Roßbach-Soße, so können wir gleich in Nutzanwendung jener Neuworte den Ersatz als Erzeugnis eines »hohnwitzigen Sprühgeistes« bezeichnen. Zahlreiche Proben stehen auf der Grenze zwischen Scharfsinn und Schrulle; so bei Optiker »der Briller«, der hier zuerst als befremdender, aber nicht ganz aussichtsloser Gast auftritt; da ja auch vereinzelte Ingenieure angefangen haben, sich »Ingner« zu nennen. »Hundrig« sollen wir sagen statt des rackerlateinischen prozentual. Wird sich's durchsetzen? Ich wage zu zweifeln, denn selbst im Rackerlatein kommt man bei centum eher auf Hundert als auf den Hund. Die »Monade« soll verschwinden, um dem »Einchen« Platz zu machen. Das klingt sehr reizend und eröffnet Ausblicke auf eine verniedlichende Wissenschaft, in der Atome bereits als »die Etwase« vorgemerkt sind. Auf Engels Rechnung kommen sicherlich auch die prächtigen Schlagworte, die über seinem ganzen Werk als die klangfarbigen Obertöne schweben: »Kunstschmockwort, Heimpariserei, Stallknechtenglisch, Leierkastenitalienisch, Wissenschaftelei, Berlinfranzösisch, Blödlingswort, Engländernde Affenschande, Schwammverwandt, Neumodische Schmockerei usw.«; oft und gründlich mißbraucht, wenn ihm der Rotkoller des Amokläufers zu Kopf steigt, sind sie doch Eigenprägung, trutzige Wahrzeichen seines Stils und seiner Persönlichkeit. Er fühlt sich im Recht, und er hat auch bisweilen Recht auf gewissem nicht allzuweitem Gebiet der Selbstverständlichkeit, wo der Purist gute und lohnende Arbeit zu leisten vermag. Beschränkt er sich auf dieses Gebiet, ohne sich und uns sein Wirken als eine Reformation an Haupt und Gliedern der deutschen Sprache aufzureden, so soll er uns willkommen sein. Ich habe es in vorliegender Schrift nicht für notwendig gehalten, dieses Feld besonders zu beackern; weil es mir widerstrebt, Selbstverständlichkeiten zu beweisen oder auch nur ausführlich zu erörtern. Aber im Zuge dieses Kapitels mag es hingestellt werden, daß die landläufige Rede und Schreibe viel Entbehrliches und manches Schädliche aufgenommen hatte, Fremdbrocken, die ohne Verlust für das Große und Ganze abgestoßen werden können. Ein Wort wie Perron wäre uns nicht zum Verhängnis geworden, und das Wort Bahnsteig beglückt uns nicht. Aber es lohnt nicht, darum zu streiten. Mit rekommandiert und poste restante kommt man in der Welt weiter, als mit eingeschrieben und postlagernd, Portier ist weltverständlicher als Pförtner, aber es kostet mich keine Überwindung, rekommandiert, poste restante und Portier als Entbehrlichkeiten anzuerkennen; und ich kann mich in ein Amtsgewissen hineindenken, dem sie als schädlich erscheinen. Nur daß die Frage, ob so oder so, nicht in das höhere Schrifttum hinüberreicht. Daß mit Fremdwörtern in übermäßiger Häufung und verkehrter Verwendung gesündigt werden kann, braucht nicht erst bewiesen zu werden; ebensowenig, daß die ärgsten Sünder ebensooft beim Frevel mit Deutschworten ertappt werden können. Beim sinnlosen Kauderwelscher liegt die Sinnlosigkeit durchaus nicht nur im Vokabular; entzieht es ihm, trichtert ihm dafür ein blitzsauberes ein, an seiner Sinnlosigkeit wird sich nichts ändern. Gibt es überhaupt so ein ganz sauberes Vokabular? ich glaube, kein Mensch vermag es aufzustellen, auch nicht der Großreformator. Er bleibt von Lehnwörtern abhängig; deren Güte und Gültigkeit bestritten wird, vom wechselnden Grade der »Eingedeutschtheit«, ja er selbst erliegt nicht selten mitten in der besten Deutscharbeit den fremdländischen Sirenenklängen. In seinem Wörterbuch steht »preziös« dreizehnmal übersetzt, wird damit als entbehrlich nachgewiesen. Er selbst aber spricht und schreibt »preziös« an entscheidender Stelle und zeigt es dadurch als unentbehrlich. Er wettert gegen die berühmte Erklärung der Einundvierzig in Sachen der Sprachvereine und ballt seinen ganzen Zorn gegen den Hauptmann jener Erklärung in die Worte zusammen: Verfaßt war sie von Erich Schmidt , einem hochgeschätzten Gelehrten, zugleich aber einem Schriftsteller mit dem allerschlechtesten Stil, dem preziös verschnörkelten. Recht so! aber wenn am wichtigsten Punkte plötzlich das eine Welschwort als unvermeidlich, einzigbrauchbar hervortritt, weshalb soll ich dann nicht den Beweis Engel contra Engel bei tausend anderen vermeintlich überflüssigen Worten verwerten? Und wenn in der nämlichen, zornsprühenden Abhandlung der auf jeder Zeile welschende Bismarck als einer der »sprachreinsten Schriftsteller« ausgerufen wird, weshalb werden mir dann die Einzelworte aus Bismarcks Vokabular als Zeichen der Sprachbarbarei, der Verluderung, der Verschmuddelung, ja des Gemauschels verfemt? Jene Erklärung der Einundvierzig in den Preußischen Jahrbüchern von 1889, ein Seitenstück zum Protest der Göttinger Sieben, gehört längst der Geschichte an, kann aber bei Sprachgefahr wieder lebendig und zeitwirksam werden. Ihr eindringlicher Schluß lautet: Sie kennen und wollen keine Reichssprachämter und Reichssprachmeister mit der Autorität zu bestimmen, was Rechtens sei. Unsere durch die Freiheit gedeihende Sprache hat nach jeder Hochflut von Fremdwörtern allmählich das ihrem Geist Fremde wieder ausgeschieden, aber die Wortbilder neuer Begriffe als bereichernden Gewinn festgehalten. Darin soll sie nicht verarmen. Den maßvollen Satzungen des Allgemeinen Deutschen Sprachvereins laufen zahlreiche Beiträge in den Vereinsorganen und der übergroße Eifer vieler Vertreter zuwider, welche das Heil der Sprache im Vernichtungskriege gegen das Fremdwort suchen und durch sprach- und sinnwidrige Schnellprägung von Ersatzwörtern Schaden anrichten und Unwillen herausfordern. Die Unterzeichneten wollen in diesen Fragen da stehen, wo die freien Meister der Sprache, unsere Klassiker standen. Darum verwahren sie sich gegen die Anrufung staatlicher Autorität und gegen die bestehende Geschäftigkeit der Puristen, die nach Jakob Grimms Wort an der Oberfläche der Sprache herumreuten und wühlen. Zu den Unterzeichnern gehörten: Gustav Freytag, Fontane, Paul Heyse, Hopfen, Jordan, Spielhagen, Wildenbruch, Curtius, Gneist, Haeckel, Harnack, Mommsen, Schmoller, Delbrück, Sybel, Virchow, Wilamowitz, Zeller, – und ungeschrieben neben ihren Namen, aber doch für Geisteraugen erkennbar, stehen Schiller, Goethe, Herder, Wieland, stehen Schopenhauer, Nietzsche und Vischer, steht Bismarck, der nicht besonders zu unterschreiben brauchte, was in der Sprachfülle seines ganzen Lebens längst unterschrieben war. Aber unser Vorkämpfer hadert noch heute mit den Unterzeichnern. In seiner Stilkunst rückt er ihnen die »Dreistigkeit« vor, sich für die ärgsten eigenen Sprachsünden auf unsere Klassiker zu berufen und sich ausdrücklich auf deren Seite zu stellen. Wo standen denn diese Klassiker? fragt Engel: »Mitten im 18. Jahrhundert, der deutschen Franzosenzeit unserer Sprache.« Eine Gegenfrage, Meister Angelicus: wann schrieb wohl Goethe sein Abwehrgedicht gegen die hundert Sprachtyrannen? mitten im 18. Jahrhundert? und da wußte er schon von Napoleon auf Helena? ahnte aber nicht das Muster der Sprachreinheit in Fichtes Reden von 1808? Seltsame Verknotung der geschichtlichen Folgen; da werden wir wohl umlernen müssen! Mir will es übrigens scheinen, daß der Sprachverein seit den Zeiten jener Erklärung seine eigenen Wege gegangen ist, mit Vorsätzen, die sich von denen des Kämpen Engel merklich unterscheiden. Nach mancherlei Irrungen und Wirrungen hat sich der Verein zu Methoden emporgeläutert, denen wir zwar Vorbehalte, aber nicht mehr unbedingte Ablehnung entgegenstellen dürfen. Er ist eine Macht geworden, mit der wir zu rechnen haben, und er konnte diese Machtstellung nur dadurch erringen, daß er nicht bloß verbot und einschränkte, sondern auch bereicherte. Traten ehedem offen oder versteckt Strebungen hervor, die auf Strafparagraphen abzielten und die freien Schriftsteller früher oder später unter Staatsaufsicht und Kuratel gestellt hätten, so hat sich allmählich ein freies Spiel der Kräfte mit vielfach ersprießlichen Ergebnissen entwickelt. Diese hat ihre Bedeutung für die Gegenwart, für weitere Jahrzehnte, vielleicht Jahrhunderte, denen es obliegt, die Nationalkultur des Deutschen zu vollenden. In der sehr fernen Zukunft unsrer Sprache, deren Feld die Welt sein wird, müssen Kräfte zum Ausdruck kommen, die von Vereins wegen nicht zu berechnen sind und außerhalb aller Satzungen wirken. Aber bis zur Morgendämmerung dieser fernen Zukunft, im Gehege des Einstweiligen, mag noch viel vereinsrührige, gärtnerische Arbeit notwendig sein, in Beseitigung von Unkraut und in Züchtung sprachlicher Blumen. Das Feld dieser Arbeit ist nicht die Welt, sondern die Heimat, und es reicht bis zu den Abhängen des deutschen Parnaß; nicht in dessen Schroffen oder gar bis zur Bergspitze. Die Wenigen, die mit ihrer Kunst- und Wissenschaftssprache den Gipfel erreichen wollen, finden ihn ohne Vereinshilfe, brauchen keinen Führer und sind schon dankbar, wenn ihnen auf dem Wege durch Verordnungen und Bevormundungen keine Stacheldrähte gespannt werden. Der Vorkämpfer mag noch so oft versichern, daß derartige Maßnahmen ihm fernlägen, – das Werkzeug in seinen Händen deutet auf Zwang; seine Schriften sind stacheldrähtig und harren nur der Gelegenheit, um den freien Könnern beim Vorwärtsschreiten ins Fleisch zu stechen. Die mit stetig erhöhter Umsicht verwaltete Zeitschrift des Allgemeinen Deutschen Sprachvereins legt es nicht mehr darauf an, die Mommsen und Heyse von heute in Notwehr zu drängen. Sie hält Abstand; sie untersucht, vergleicht, erörtert, stellt zahlreiche interessante Angelegenheiten zur öffentlichen Aussprache, erledigt nicht alles mit Ja und Nein und gebärdet sich nicht als letzte Instanz. Der Vorkämpfer entscheidet, unfehlbar, rechtsgültig und mit rückwirkender Kraft. Als Rex tremendae majestatis schreitet er einher, mit Sprühfeuer im Blick, vor dem der freie Schriftsteller zusammensinken soll mit dem bangen Ruf: »quid sum miser tunc dicturus?« Jeder Tag ein dies irae! Trösten wir uns damit, daß wir in dem Strudel der Verdammten gute Gesellschaft antreffen werden, die beste, die wir uns wünschen können: die Ritterschaft der Ganzgroßen sitzt dort fast vollzählig. Das Schmoren in der Hölle der Auserwählten mag immer noch erträglicher sein, als das ewige Psalmensingen im Paradies der Sprachheiligen. Und vielleicht erleben wir dort noch, daß unser Angelicus selbst eines Tages hereinspaziert kommt, um die fürtreffliche Gesellschaft der Edelsünder zu vervollständigen. Denn über jeden Ultra kommt immer noch ein Über-Ultra, und kein Großinquisitor ist vor dem Größtinquisitor sicher. Der mag sich zum stürmischen Engel etwa verhalten, wie dieser zu dem besonnenen und wundermilden Weisen Sarrazin. Dieser, noch nicht vorhandene, Größtinquisitor wird da einsetzen, wo Engel aufgehört hat und zunächst einmal diesen selbst der Welscherei überführen. Was wir ihm heut als Vorzug anrechnen, wird dann Todfrevel geworden sein. Engel schreibt tatsächlich: Konfusion, Stilasthmatiker, Rhythmus, Phrase, Zitätlein, Tragödie, Parabel, Humor, Ironie, Rebus, stilistisch, Genie, preziös hin und preziös her, er wirkte für »Zonentarif«, er schuf sogar zur Kennzeichnung des Bahnbürokraten das welschlateinische Neuwort »rabies complicatoria«, er hat auf den Titeln seiner Werke »Literatur«, »Stil« stehen lassen –, fort mit diesen Lehnwörtern, fort mit ihren Verwendern, wir müssen den Engel überwinden; er ist uns nicht völkisch genug –, so wird der Größtinquisitor urteilen. Quid est miser tunc dicturus, was wird er sagen, wenn der Schärfere über den Scharfen kommt? O, ich wüßte für ihn eine glänzende Verteidigungsrede, er braucht nur zu wiederholen, was ein großer Kampfmeister unserer Tage ausgesprochen hat: »Um Himmelswillen keine bloße Schulmeisterei in Fragen der Sprache und des Stils! ... Gemeinsam ist allen Sprachmeistern die Blindheit gegen das ewig fließende, ewig sich wandelnde Leben der Sprache im Munde lebendiger redender Menschen ... Wieviel Schaden durch solche Splitterrichterei gestiftet wird, wie diese gerade die einflußreichsten Schriftsteller erbittert und verstockt, das ahnen die Sprachbenörgler nicht, obschon ihnen die Beispiele aus unserer Literaturgeschichte bekannt sein müßten.« Wuchtige Sätze! – woher wohl? aus der »Deutschen Stilkunst« des nämlichen Proteus Engel, der hier den ewig fließenden Strom der Sprache rauschen hört, dort ganz genau die Kanäle anweist, in denen sie zu fließen hat. * Den stärksten Trumpf hat Engel mit seinem Werk »Deutsche Sprachschöpfer« hingeworfen, und man muß ihm zugeben, daß er hier mit meisterlichem Geschick alle Kräfte der Überrumpelung spielen läßt. Er steht in diesem Buche auf ganz gesichertem Wissensgrund, und man soll ihm dahin folgen, um eine Menge von Tatsachen kennen zu lernen, die in diesem scheinbar zwingenden Zusammenhang noch nirgends geboten worden sind. Wer dem gegenüber nicht die in noch tieferer Bildung verankerte Überzeugung aufzubringen hat, wird die Waffen strecken müssen. Dieses Buch liefert einen erneuten Beweis dafür, daß man aus ganz richtigen Voraussetzungen durch scheinrichtige Schlüsse zu ganz falschen Ergebnissen gelangen kann. Scheinrichtig sind die Schlüsse deshalb, weil sie zwar Wahrheit, aber nicht die volle Wahrheit erfassen. Sie verfehlen die Wahrheiten, die außerhalb eines engbegrenzten Horizontes liegen. Auch die blitzende Begeisterung, mit der sie vorgetragen werden, sind hier die Anzeichen einer Engnis, vergleichbar den Spannungszuständen auf einer elektrischen Fläche. Die elektrische Spannung wächst, je mehr sich die Oberfläche verengt. Bei Engel erreicht sie einen Höchstgrad der Wucht, allein man darf nicht vergessen, daß diese auf Überzeugung gestellte Stärke von der Kleinheit der Oberfläche abhängig bleibt, auf der er operiert. Und so behält er im kleinen Recht, während ihm das andere, größere, wichtigere Beweisfeld gar nicht zum Bewußtsein kommt. Soeben schrieb ich die Ausdrücke »Oberfläche« und »Bewußtsein«, und der Gegenpart wird nicht verfehlen, mich darauf festzunageln. Denn beide zum besten deutschen Sprachgut gehörigen Wörter sind einmal von bestimmten Wortformern zur Verdrängung fremdländischer Ausdrücke erfunden worden, und aus dem Buche »Sprachschöpfer« kann man lernen, daß diese Erfindungen hoch in die Hunderte, vielleicht bis ins zweite Tausend gehen. Das Wort »Oberfläche«, statt superficies, stammt aus dem Jahre 1648, Philipp von Zesen ist sein Erzeuger, es erscheint uns heute kerndeutsch, und man würde es zum ältesten Sprachbestand rechnen, wenn man nicht wüßte oder aus der vorliegenden Quelle erführe, wie sich die Sache wirklich verhält. Neben Zesen treten als Neuschöpfer auf: Schottel, Opitz, Harsdörfer, vor allem Campe, dazu einige Ganzgroße des Schrifttums, Luther, Lessing, Goethe, Wieland usw., wobei schon im ersten Anlauf ein besonderer Umstand stutzig machen müßte: daß nämlich das sprachschöpferische Genie der Neuformung ganz überwiegend bei den Männern getroffen wird, die sonst als Zierden der Literatur kaum in Betracht kommen; Bei Campe verrät sich die Weite des geistigen Horizontes durch seinen Ausspruch: Er hätte lieber die Braunschweiger Mumme erfinden mögen, als sämtliche Tragödien von Äschylos bis auf Shakespeare. des weiteren der Umstand, daß dieses Neuformungsgenie mehr und mehr ausstirbt und heutzutage trotz zahlloser Versuche zur Neuwortbildung sich in keiner hervorragenden Persönlichkeit des Schrifttums klar zu erkennen gibt. Aber sie waren doch vorhanden, und Engels Buch gibt in einem auf bewunderungswerten Studien errichteten Register die genaue Aufstellung ihrer Leistungen. Gar nicht zu leugnen: damit hat sich der Vorkämpfer eine Treppe gebaut, die von unten gesehen bis in die Unsterblichkeit hinaufreicht. Es ist jedoch zu unterscheiden zwischen der sprachwissenschaftlichen Arbeit, die ich als großartig anerkenne, und dem Beweis, der darauf gegründet werden soll. Dieser Beweis bleibt Null, ja man kann sogar behaupten, daß er das Gegenteil dessen beweist, was er darzutun unternimmt. Denn es handelt sich gar nicht darum, zu untersuchen, ob irgend eine Menge von Fremdbrocken durch gut Neudeutsch ersetzt werden kann oder muß, sondern darum, ob das Gesamt-Ausdrucksmittel unserer Sprache durch solche Übung gewinnt oder verliert. Was sich dabei herausstellt, ist nur das eine: daß jede Bereicherung durch ein gutes neues Deutschwort als preiswerter und festzuhaltender Gewinn zu gelten hat –, daß aber die Sprache an sich tausendmal mehr anderer Gewinne bedarf, die nicht in dieser Linie liegen und die uns abgesperrt werden, wenn man diese Linie als die alleingültige eigensinnig verfolgt. Hochgerechnet bleiben in jenem Register zwei- bis dreihundert Wörter bestehen, die als wirklicher, restloser Ersatz der entsprechenden Fremd- oder Internationalformen auftreten können. Das ist immer noch sehr erheblich, sehr ermutigend zu weiteren Anstrengungen, aber doch verschwindend im Verhältnis zu den hunderttausenden von Ausdrücken, die der Sprache noch fehlen und die sie wird erobern müssen, um im Wettbewerb mit den Gedanken durchzuhalten. Und was die Restlosigkeit der Lösung betrifft, so hapert es damit bedenklich, selbst bei vielen Musterbeispielen, etwa bei der von Goethe geformten »Auflebung« für Renaissance. Lassen wir den erlaubten Anspruch des Deutschwortes ganz außer Betracht, so wird man es getrost anwenden können, wo sich kein Gegengrund erhebt, und wir haben dann ein schönes Deutschwort mehr, also sicherlich einen Gewinn. Aber die Gegengründe sind vorhanden. Denn bei Frühauflebung, Spätauflebung, Hochauflebung tritt sofort ein physiologischer Doppelsinn hinzu, der – im Gegensatz zu Früh-, Spät- und Hochrenaissance – eine bedenkliche Unklarheit hineinträgt. Ganz abgesehen davon, daß wir, um diesen Sinn von »Auflebung« zu verstehen, zuvor erfahren müssen, daß überhaupt von Künsten und Wissenschaften die Rede ist. Weil ja auch ein einzelner Mensch, ein politisches Bekenntnis, ein Irrtum und eine verschollene Brutalität wieder aufleben kann, weil renaissance durchaus nicht gleichbedeutend mit resurrection, während die Renaissance ohne erklärende Zutat die Eindeutigkeit bewahrt. Hier besteht also der Gewinn nicht in der Verdrängung, sondern in dem Doppelt für Einfach. Der Ausdruck »Satzbruch« (von Engel 1917 selbst erfunden) ist vortrefflich und eine Freude für jeden, der das Wort »Anakoluth« vermeiden will. Als Gegenstück bietet er den »Satzdreh« für »Inversion«. Aber macht diese an sich beifallswerte Form die »Inversion« überflüssig oder entbehrlich? Man befrage darüber die Gelehrten, die in der Kombinations- und Funktionentheorie mit »inversen« Dingen arbeiten. In jenem Register steht die Bemerkung: Uhland sagte schwäbisch: »Hinterfür.« Nun soll aber das nämliche »Hinterfür« auch die Übersetzung für »Palindrom« werden, und schon daraus folgt, daß mindestens die eine Verdeutschung auf Hinkefüßen läuft. Die Ausdehnung eines ganzen Buches müßte man zur vollständigen Analyse des Registers in Anspruch nehmen, aber wenige Seiten würden genügen für die Aufzählung der bedingungslos gültigen Sprachschöpfungen, die Bereicherung waren und zugleich das entsprechende Auslandswort ohne Rückstand ausmerzten oder beseitigen dürften. Genannt seien nach der vorliegenden Quelle: Bildhauer für Skulptor, Brennpunkt (Harsdörfer 1651) für Focus, Menschenrecht (Schiller), Kupferstich für Gravure, Mitwirkung (Campe)für Cooperation, Mundart (Zesen, Schottel, von Campe erneuert) für Dialekt, Idiom, Lohndiener (Campe) für Lakai, Liebesbrief (Zesen) für Billet doux, Leidenschaft (Zesen) für Passion, Königtum (Wieland 1792), Kernspruch (Zesen), herkömmlich (Campe) für traditionell, Heldentum (Wieland) für Heroismus, usw. Viele sogenannte Lehnwörter mit Fremdklang fehlen mit gutem Grunde, denn durch ihre Übersetzung wäre verraten worden, daß sie sich nicht übersetzen lassen. Wie steht es z. B. mit »Magnet«? Man hat dafür »Segelstein« oder »Nordstein« vorgeschlagen; nur daß er bis auf verschwindende Ausnahmen kein Stein ist, mit dem Segeln nur sehr oberflächlich zusammenhängt und daß seine sonstigen physikalischen Äußerungen bedeutsamer sind, als seine Einstellung in die Nordlinie. Aber viel richtiger ist es ja auch nicht, wenn uns hier statt »Pogrom« »Raubmord« und statt »Bolschewismus« »Umsturz« angeboten wird. Und soll man es für Ernst nehmen, daß unser Autor aus der erfolgreichen Umbildung Campes »Stelldichein für Rendezvous« die Berechtigung für die Neuform »Fragmichwas« statt Konversationslexikon herleitet? Tatsächlich, durch solche sprachliche Purzelbäume wird die von ihm vertretene Sache nur kompromittiert, und das verdient sie nicht, denn sie ist vom Standpunkt der Ehrlichkeit betrachtet grundgut. Ihre Brüchigkeit wird erst klar, wenn man sie mit den scharfen Mitteln der Erkenntnis prüft, wobei dann herauskommt, daß die knappen Formeln Deutsch–Undeutsch, Freund–Feind nicht ausreichen, um das Geheimnis der Sprache aufzuspüren, geschweige denn den Grad ihrer Geltung im Weltverkehr zu fördern und ihren Gang dem Fluge der Gedanken anzupassen. Im Grunde genommen wendet sich auch das »Sprachschöpfer«-Werk seiner Absicht nach an das Gefühl der Vielzuvielen, welche die völkische Grenze mit der Sprachgrenze und die Güte des hier vorgetragenen Lehrstoffes mit der Güte der daraus abgeleiteten Forderung verwechseln. Und wenn es bei diesen Recht behält, so bleibt nur noch die Zuflucht zu einem Wort des Malebranche: »Vulgi assensus et approbatio circa materiam difficilem est certum argumentum falsitatis istius opinionis, cui assentitur –, die Zustimmung der Masse betreffs eines schwierigen Stoffes ist der sichere Beweis für die Falschheit eben der Meinung, der sie beipflichtet.« Und schwer genug ist die Materie, obschon sie in völkischen Schlagworten dargestellt so leicht aussieht. Was hier von Volkstribunen auf die Gefühlsbank geschoben wird, gehört im Kern der Angelegenheit zur Gerichtsbarkeit des Verstandes, und der »ist stets bei wenigen nur gewesen!« Von Gottsched bis Engel, oder von Adelung bis Engel hätte dieses Kapitel heißen können, das lang geworden ist und doch viel zu kurz, um der Bedeutung des Gegenstandes gerecht zu werden. Wir haben den lebenden Vorkämpfer in den Vordergrund gestellt, als den deutlichsten Ausdruck der Spracherschütterungen, die uns umwirbeln. Faßt man diese Wirbel als eine Naturerscheinung, so wird in ihr erkennbar, was der Chemiker als »Katalyse« bezeichnet; wieder so ein verdammtes Welschwort, das sich nicht übersetzen lassen will. Es bedeutet das Auftreten oder die Beschleunigung eines Vorganges durch die bloße Gegenwart eines Körpers, welcher selbst anscheinend keine Veränderung darin erleidet. So ist Engel in den Sprachwandlungen unserer Zeit zwar nicht die größte wirkende Kraft, aber sicherlich der stärkste Katalysator. Alles gärt und explodiert um ihn, in widerstreitenden Gewalten, die, aus ganz anderm Ursprung hervorbrechend, sich an ihm entzünden. Eine Betrachtung der gegenwärtigen Bewegung kann eher an einem schöpferischen Genie vorbeisehen, als an ihm. Er ist durchaus Vordergrunds-Erscheinung und steht in der Beleuchtung ununterbrochenen Sprühfeuers. Immerhin ein fesselnder, mit nichts anderem zu vergleichender Anblick; denn wo ward es erlebt, daß eine Pedanterie mit funkelnden Reizen auftrat? Diese Reize anzuerkennen wird auch dem ein Bedürfnis sein, der an die Notwendigkeit einer Sturmreform im Ausdruck nicht glaubt. Die deutsche Sprache ist an Haupt und Gliedern gesund. Hält sie sich nicht sauber genug? gut, so verordne man ihr kosmetische Mittel, aber nicht stündliche Purganzen, zur Blutentgiftung. Sie müßte in Entkräftung verfallen, wenn die Kritik bei diesem Verfahren beharren würde. Vergegenwärtigen wir uns dabei, daß der größte Sprachkritiker der Neuzeit, Fritz Mauthner, Wunder des Denkens und des Ausdrucks zu leisten vermochte mit Worten und Sätzen dieser so schönen, von gesunden Säften strotzenden Sprache; und warten wir ab, ob die Sturmkritiker der Folgezeit mit ihrer entwelschten, entseuchten Sprache bessere Kunstwerke zustande bringen werden. Pantheon und Ghetto Joachim Raff, der Schöpfer der Wald- und der Lenoren-Symphonie, einer der fähigsten Meister des vorigen Musikgeschlechtes, übte in seinen Mußestunden vielfach Kritik an seinen Kollegen. Daß er bei Wagner danebengriff, brauchte heute kaum noch erwähnt zu werden; irrte sich doch auch Brahms in Wagner, Weber in Beethoven, Händel in Gluck. Aber Raff ließ es bei der verneinenden Kritik nicht bewenden. Er erbot sich allen Ernstes, Wagner durch Unterricht auf den rechten Weg zurückzuleiten und ihm durch zweckmäßige Rüge die Schmutzereien seiner Disharmonien auszutreiben. Lebte Bismarck heute, er hätte zu gewärtigen, daß ähnliche Anerbieten an ihn heranträten. Wir haben unter uns Besserschreiber und Besserwisser, denen es ein Leichtes ist, in den Schriften Bismarcks mit dem Rotstift herumzuwerken, ihm die Sprachschmutzereien anzustreichen, und die ihn ganz bestimmt zu einem sauberen Schriftsteller erziehen würden, wenn er noch auf Erden wandelte. Nämlich Bismarck – so behaupten diese Sprachheiligen der jüngsten Tage –, Bismarck – – – mauschelte . Und wer das noch nicht weiß, der sollte sich darüber durch die gestrengen Herren aufklären lassen. Man glaube mir, daß ich hier weder erfinde, noch übertreibe: auf erschrockene Anfragen ist der Bescheid in diesem Sinne tatsächlich ergangen und zwar auf Grund der identischen Gleichung: »fremdwörteln« gleich »mauscheln«. Ich füge sofort hinzu, daß im Einzelfalle mildernde Umstände zugebilligt werden. Man macht ein Kredit- und ein Debet-Saldo auf und untersucht, ob das Guthaben stark genug ist, um die Belastung zu ertragen. Das wird denn auch im Bescheide als eine Erfreulichkeit festgestellt: wer im Stande ist, ein Deutsches Reich zu gründen, wie Bismarck, oder einen Faust zu schreiben, wie Goethe, der darf auch das Recht beanspruchen, ein wenig zu fremdwörteln, zu mauscheln. Jeder Mindere aber, so wird hinzugefügt, wie z. B. der Geschichtsforscher Ranke, muß in seinen Schriften zugrunde gehen, dieweil er, Ranke, sich nicht auf germanisch ausdrückte, sondern auf platt-jiddisch. Bei Bismarck stehen die »Gedanken und Erinnerungen« für die Beurteilung im Vordergrund. Diese, bei Cotta herausgegeben, nicht von der Eingebung des Augenblicks beeinflußt, wie etwa eine Parlamentsrede, sorgsam gefeilt und redigiert, geben das Maß für das Sprachgefühl des Eisernen Kanzlers. Und jeder, der das Werk gelesen hat – wer hätte das nicht? –, jeder weiß, daß es in Fremdworten geradezu schwelgt. Einer mag fünfzehn Stück auf der Druckseite zählen, einer fünfundzwanzig; – wichtiger wäre es, zu ermitteln, welche sonst gebräuchlichen Fremdworte bei Bismarck nicht vorkommen. Ich glaube, die Mehrheit ist vertreten; und noch dazu eine Unzahl der weniger geläufigen, wie Contagion, Capitis diminutio, Parti pris, Proselytismus, videlicet, promiscue, saturiert, realiter, ab irato, Connubium, a limine und so fort ins Unzählbare. Die Tatsache ist jedenfalls nicht zu bestreiten, und läßt man hier Gedankentiefe und Vorzüglichkeit des Stils außer Ansatz, um lediglich nach der Menge der Fremdausdrücke zu rechnen, so ergibt sich, daß Bismarck in der Vermischung von Deutsch und Nichtdeutsch kaum vom Fürsten Pückler-Muskau übertroffen wird. Es würde sich empfehlen, eine Stunde lang in Bismarcks Werk zu lesen und sich dann sofort die nachstehende Stelle vorzuhalten, die ich einer neueren, sehr temperamentvoll abgefaßten Werbeschrift entnehme. Ich zitiere wörtlich: In Deutschland gibt es wohl keine verächtlichere Benennung einer Sprachgemeinheit als Mauscheln . So sage man mir, welcher sprachwissenschaftlicher Unterschied zwischen Mauscheln und Welschen ist! Der hochdeutsche oder jiddische Mauschler durchsetzt sein deutsches Gemauschel mit hebräischen Brocken: ist etwa Hebräisch, die Sprache der Bibel, weniger vornehm als Mönchslatein und Berlinfranzösisch ? Und was die vielgerühmte unentbehrliche Nüankßierung der bekanntlich nüankßenarmen deutschen Sprache betrifft, so erkundige man sich bei den Kennern des jiddischen Gemauschels, ob sich mit solchen Knoblauchsblüten im Rosenstrauß wie Nebbich, Chuzpe, Stike irgend ein Wort selbst in dem grenzenlos reichen Welsch völlig »deckt«? Die Ekelhaftigkeit der Mauschelei besteht in der Verschmutzung, die sie in das von ihr verschleimte Deutsch bringt. Dem gesunden, nun gar dem feinhörigen Sprachgefühl klingt jede regelmäßige Sprachverschmuddelung wie Mauscheln, und ich empfehle allen Ernstes, schon der Abwechslung wegen, so oft wie tunlich statt Fremdwörteln zu sagen: Mauscheln. Es klingt nicht schön, es soll nicht schön klingen; aber es klingt wahr und ist wahr. Also steht es in dieser Werbe- und Kampfschrift. Wer eben von den kraftvollen Gedankengängen Bismarcks herkommt, wird dieser saftstrotzenden Stelle ein besonderes Verständnis entgegenbringen: Und setze man neben Bismarck einige andere Sprachmeister und Gedankenformer größten Formates, so wird sich dieses Verständnis noch vertiefen. Vor dem inneren Auge entwickelt sich ein parnassisches Ghetto gestikulierender, fremdländisch näselnder Gestalten, als ein komisches Zerrbild, dem jedoch ein sehr ernsthafter Kommentar gebührt. Und in dieser Erklärung würde dem Jiddisch eine ganz andere Bedeutung zuzuweisen sein, als sie der Vorredner ahnt. Was ihm als ein Angriffspunkt für Schimpf und Hohn, als ein knoblauchsduftender Gegenstand des Ekels erscheint, gehört in Wirklichkeit zu den Wurzeln germanischer Sprachkraft. Dem Völkischen wäre anzuraten, sich einmal in den Forschungsschriften von Strack, Klausner, Grunwald, Bodenheimer u. a. umzutun, um aus ihnen die Stellung der ihm so verächtlichen Mundart innerhalb der Sprachkultur zu erfahren. Um ihm dies zu erleichtern, weise ich ihn hier auf etliche Ergebnisse eines Kölnischen Gelehrten, die in aller Kürze erkennen lassen, wie weit sich der Völkische von der wahren Erkenntnis der Dinge entfernt hält. Unter den Merksätzen des Dr. S. Simchowitz behauptet den Vorrang: Das Jüdisch-Deutsche weist Wörter und Formen auf, die noch dem früheren Entwicklungsstadium der deutschen Sprache entstammen und jetzt (leider!) aus unsrer Sprache verschwunden sind. Es ist ein lebendiger Zeuge altdeutscher Vergangenheit! – – – Die eigentliche Grundlage ist durchaus deutsch, und gerade Wörter, die zunächst uns etwas wunderlich anmuten, erweisen sich bei genauer Untersuchung als richtiges deutsches Sprachgut . »Ein systematisch durchgearbeitetes etymologisches Wörterbuch des Jüdisch-Deutschen würde uns darüber erstaunliche Enthüllungen bringen;« (ein solches aus der Feder des Professors Dr. H. Strack wurde übrigens 1916 angezeigt) . . . . . »Nehmen wir als Stichproben zwei der gebräuchlichsten Worte, die jüdisch-deutschen Bezeichnungen für Vater und Mutter: »Tatte« und »Mamme«. Das klingt zunächst komisch – (der Vorredner würde sagen, verschmutzt, mauschlig, knoblauchig) –, aber beide Worte erfreuen sich guten deutschen Ursprungs und sind in Deutschland bis ins 17. Jahrhundert gebraucht worden; sie kommen auch noch weiterhin vor, so setzt Aug. Wilh. Schlegel das Wort Tatte an zwei Stellen seiner Shakespeare-Übersetzung ... Auch bei Zacharias Werner ist es zu finden ...« »Heute« heißt im Jüdisch-Deutschen » heint «; das ist nicht etwa eine Entstellung des deutschen Wortes (also keine »Verschleimung«), sondern kommt noch heute im bayrischen und kärntischen Dialekt vor, wird aber auch sogar von Luther gebraucht: »Lasset uns heint nit weise sein, ein jeder spare seine Weisheit bis morgen« ... Die jüdischdeutsche Bezeichnung für gestern, » nechten «, ... kommt vor allem im Nibelungenlied vor. Sehr wunderlich klingt das Wort » Leilach « (Mehrzahl Leilacher) für Bettlaken; das Wort ist aber mittelhochdeutsch und wird noch jetzt in Bayern und Österreich gebraucht. Wenn der russische (polnische) Jude sein Gemüse » Zimmes « nennt, so ist es das altdeutsche »Zumus«, wenn er seine Mehlspeise als » Kuggl « bezeichnet, so taucht der gute schwäbische Guglhupf auf. Für »lesen« sagt er »leinen«; das kommt her von dem mittelhochdeutschen »lei«, das Gesang, Weise, Lied bedeutet« ... Der ostjüdische Ausdruck »Jüpitze« für Jacke bewahrt den Anklang an das mittelhochdeutsche Juppe (Schaube); das hessische »Heit« (Art und Weise) hat sich in manchen adverbialen Wendungen erhalten, wie krankerheit, schwangrerheit, im Zustand des Krankseins, der Schwangerschaft. Im Ausdruck »Schmodder« (lüderliche Wirtschaft, unsauberer Mensch) steckt das mundartliche »smodderen«, besudeln. »Wenn der russische Jude sagt: Ich fahre ken Wilna (oder kein Wilna), so drückt er sich gut altdeutsch aus: gen Wilna. »Eppes« für »etwas« ist schwäbisch, wie jeder weiß, der diesen Dialekt kennt.« In der Vokalbehandlung klingt manches wie Nachlässigkeit, während in Wirklichkeit nur das Festhalten an früherer Aussprache vorliegt ... »Das Jüdisch-Deutsche hat vielfach die mittelhochdeutsche Phonetik beibehalten. Das jüdische o statt a, z. B. statt das: »dos«, statt was: »wos«, statt Gras: »Gros«, ... findet sich in der älteren Schriftsprache, so bei Geiler von Kaisersberg († 1510), und wenn der russische Jude statt Atem »Otem« sagt, so spricht er » gutlutherisch «. Die Völkischen jenseits des großen Wassers haben schon seit Jahren in mehreren Staaten Amerikas einen Kampf gegen das Jiddisch organisiert, sie verlangen die Ausschaltung dieser Sprache aus der Öffentlichkeit mit dem ausdrücklichen Hinweis auf die Tatsache, daß dieses Jiddisch zum größten Teil aus deutschen Worten besteht. In New York allein leben 1½ Millionen Juden, von denen eine Million sich nur auf Jiddisch verständlich machen kann. Die jiddischen Tageszeitungen in New York mit einer Auflage von 600 000 verteidigen einen Jargon, der bei allem Übelklang doch zahllose Bestandteile aus deutscher Sprachheimat aufweist. Zu den scharfsinnigsten Aufspürern verschollener Sprachschätze gehört G. Regis, der in seiner berühmten Rabelais-Übersetzung mehrere tausend scheintoter Worte aus dem Altdeutschen neubelebt hat. Sein Werk bietet zugleich eine Fundgrube für den Sprachvergleicher, der die jüdischen Worte an der Wurzel erfassen will. Im Regis findet er, um nur einige zu nennen, das jiddische »gehl« für gelb (in »Gelbschnabel«), »Göderl« für Doppelkinn (»Göderlein«), »übern Gänsdreck führen« für nasführen, »Händsch oder Händschkes« für Handschuh. Wer zudem seinen Luther, Dürer usw. daraufhin nachliest, kann bei einiger Kenntnis des Jüdischen die Liste bis zu beliebiger Länge ergänzen. Die angeblichen Mauschelwörter »Seiger« (für Zeiger, auch Uhr), »Fickes zeigen« (die Feige bieten, jemand Spott erweisen), »tur« (für darf, bei Luther), »Kaul« (für Kugel, erhalten in Kaulquappe, Kaulbars), »Nebbich« (aus die Nebigen, die Danebenlaufenden, die Knappen; also nicht ein hebräischer Brocken, wie der Völkische fälschlich unterstellt), »derohn« für ohne dieses (sogar noch bei Schopenhauer anzutreffen) – sind allesamt altes, vortreffliches, deutsches Sprachgut! Daraus folgt nun mancherlei. Erstlich, daß es nicht angeht, eine Misch-Sprache zu verlästern, die sich in ausgedehnten Gebieten des Ostens als der stärkste, auf weiten Strecken sogar als der einzige Wegebahner des Deutschen erwiesen hat; wie sie auch im Westen unter schwierigsten Bedingungen noch immer Reste deutscher Kulturarbeit leistet. Zweitens, daß es noch weniger angeht, sie in ihrer Wirkung auf uns Deutsche zu beschimpfen, denn diese Wirkung ist eine hervorragend erhaltende: viele sprachliche Vortrefflichkeiten, die nahezu verloren sind und sonst wahrscheinlich unwiederbringlich verschwinden müßten, werden einzig im Jüdischen erhalten, das als ein Lebendiges den Verwesungskeimen entgegenwirkt. Sonach müßte gerade der Völkische durch sein eigenes Interesse auf die sorgsame Erkundung einer Sprache hingewiesen werden, die bei allem äußern Mißklang doch im Innern so wertvolle echtdeutsche Sprachgüter verwaltet. Je weiter man dieser Betrachtung nachgeht, desto mehr verflüchtigt sich die Sinnspur in der zuvor angeführten Parallele. Es gibt Gleichnisse, die auf einem Bein, und andere, die auf beiden Beinen hinken. Das oben angeführte, worin Fremdwörterei und Mauscheln durch das Gleichheitszeichen verbunden werden, begnügt sich damit noch nicht. Es blickt gleichzeitig nach dem Ehrentempel des Schrifttums und nach der Judengasse, vergleicht Vortreffliches mit Verwerflichem, übersieht, daß das Verwerfliche gar nicht vorhanden, und übersieht besonders, daß es Dinge gleichsetzt, die ihrem Wesen nach schnurstracks auseinandergehen. Jenes Gleichnis ist also, gelinde gesagt, ein Vierfüßler, der es fertig bekommt, auf allen vier Beinen zu hinken. Die Sprache der Neutöner Im sechsunddreißigsten Stück seines ersten Buches bringt Montaigne den anscheinend sehr paradoxen Satz: »Es ist leichter, Gedichte machen, als verstehen.« Ohne sich auf eine ernstliche Begründung einzulassen, stützt er sich auf einige dem Plato entlehnte Bildervergleiche, um seiner Meinung Nachdruck zu geben: wir haben weit mehr Dichter als Kenner und Ausleger der Poesie; hält sie sich in niedrigem Fluge, so kann man sie nach den Regeln der Kunst beurteilen; die gute aber ist über allen Regeln und über aller Vernunft. Man kann das seltsame Wort des Montaigne verschärfen, indem man hinzufügt: bisweilen wissen die herrlichsten Dichter selbst nicht einmal, wie herrlich sie dichten; was darauf hinauslaufen würde, daß sich nicht einmal den poesiebegnadeten Verfassern das volle Verstehen ihrer Schöpfungen ermöglicht. Und ich glaube, daß sich dies an hervorstechenden Beispielen unserer Neutöner im Gebiet der Wortkunst unter Beweis stellen läßt. Nicht als ob ich mir persönlich etwa damit jenes höhere und ganz besondere Verständnis zusprechen wollte. Hiervon weit entfernt, bekenne ich sogar leidvoll, daß ich mich in vielen Geländen unserer Neulyrik nicht zurechtzufinden vermag; ja noch mehr, ich weiß ziemlich genau, die Schuld daran liegt in mir, liegt daran, daß eine stiefmütterliche Natur mir gewisse seelische Saiten versagt hat, deren Mitschwingen unerläßlich ist, wenn man jene Gelände mit Genuß durchstreifen möchte. Und dennoch! Was nach Montaigne über allen Regeln und aller Vernunft liegt, besitzt auch Pforten, die sich nur dem Denken öffnen. An diese Pforten habe ich zu klopfen versucht, und einige haben sich mir aufgetan. Zuerst ermittelte ich, daß viele Gedichte unserer lyrischen Neutöner sich »umkehren« lassen, also ein experimentum crucis vertragen, das die Dichtungen ehemaliger Lyriker von Anakreon angefangen bis zu Goethe, Mörike, Heine, Eichendorff in keiner Weise bestehen können. Ich mag die Beispiele, die ich dafür an anderer Stelle mitgeteilt habe, hier nicht wiederholen. Genug: es geht. Man kann eine Reihe der besten Neudichtungen strophenweis, ja versweis umkehren, umstülpen, Zeile für Zeile rückwärts lesen, und sie bewahren vollkommen den Sinn ihres Inhalts, eines Inhalts, dessen Schönheit und Bedeutung mir zwar entgeht, der aber jedenfalls, da es sich um bekannte und berühmte Dichter handelt, vorhanden sein muß. Daß dies möglich ist, kann nur auf einer ungeheuren Sprachmeisterschaft beruhen. Diese studiere man an den leichtzugänglichen Urbildern, die sich in sich selbst spiegeln und in der Spiegelung ungeahnte Reize entfalten. Intuitives offenbart sich hier, aus seelischen Erregungen der Meister, denen ein Gott nicht nur gab, zu sagen, was sie leiden, sondern es zweimal zu sagen: im Urton und im Spiegelton. Das wahre Kennzeichen des Genies, die Naivität des Schaffens, feiert hier einen schönen Triumph: ein Gedoppeltes entsteht, während der Dichter oder die Dichterin glaubte, ein einfaches ausgesprochen zu haben. Und als Nebengewinn ergibt sich noch eine in unseren Zeiten sehr hoch zu schätzende Ersparnis an Papier, da jedes umkehrbare, von rückwärts lesbare Gedicht nur die Hälfte des Platzes beansprucht, das ihm nach den Satzungen Apolls und von Rechtes wegen eigentlich gebührte. Wenn es eines Beweises bedürfte, daß Sprachkunst die Tonkunst zu überflügeln vermag, die Verfasser der modernen Vor- und Rückwärtsgedichte hätten ihn erbracht. Im ganzen Bereich der Musik von Palestrina bis zu Korngold gibt es keine sinnige Tonfolge, keine Melodie, die solchem Experiment gewachsen wäre. Das umgekehrt-akustische Bild wird immer sinnlos. Anders im wortmelodiösen Gefüge, wo über einer grundsätzlich veränderten Wortfolge die poetische Empfindung in unverbrüchlicher Einheit schwebt. Eine solche Dichtung besitzt sozusagen eine Dimension mehr als selbst die besten aus klassischer und romantischer Zeit. Keinem meiner Leser will ich die Genugtuung stören, durch eigenes Nachforschen in modernen Gedichtbändchen und Sturm-Heftchen die Proben solchen spiegelbildnerischen Schaffens zu erhalten. Stöbert, so werdet ihr sie finden, die Kleinodien einer Lyrik mit Rücklauf und Rückprämie; und bei jedem einzelnen Funde wird es euch zur Gewißheit werden: es ist eine Lust, das erlebt zu haben! Ihr werdet aber noch mehr finden, nämlich Sprachformen, die gar nicht auf den Spiegel zu warten brauchen, sondern schon im ersten Auftreten und aus eigenem Vermögen das Ohr mit Zauber umschmeicheln und dabei den Verstand überrennen. Und so scheint es sich ja zu bestätigen, daß in der neuen Lyrik die in deutscher Prosa so mißhandelte Sprache nicht nur ein Asyl, sondern die ihr zukommende Prachtstätte gefunden hat. Diese Schlußfolgerung stammt allerdings nicht von mir, sie enthält vielmehr nur die Meinung gewisser Sprachpäpste, die hier, soweit es die Dinge nur irgend gestatten, Recht bekommen sollen. Denn das Wort ist der Urgrund und der Grundbestand der Sprachmeisterschaft. Also sehen wir zu, welche Worte wir aus der Neulyrik gewinnen können, zum Ersatz für die verdammten Welschereien wie Interesse, objektiv, Element und tausend andere, wenn wir diese erst glücklich aus unserem Sprachkasten herausgeworfen haben. Ich schlage das Werk auf eines der Angesehensten, den »Sternhellen Weg« von Theodor Däubler . Das ist ein Heftchen von erfreulicher Schmächtigkeit, nicht beschwert mit Element, Pathos, Phantasie, auch nicht mit Interesse, Genie, Originalität und ähnlichen fremdbrockigen Ludereien. Da es aber die echteste, die höchstgesteigerte – um nicht zu sagen: sublimste – Poesie enthält, wie die Kenner behaupten, denen ich unbedingt vertraue, so wird es zweifellos Zeugnis ablegen von sprachschöpferischer Kraft; es wird sich uns Verschlammten als ein Jungbrunnen öffnen, in dem wir wenigstens einen Teil unserer scheußlichen Welschkruste erweichen und abbaden können, um mit gereinigtem, verjüngtem Sprachbewußtsein daraus hervorzusteigen. Da wird in einem Gedicht »Der stumme Freund« endlich einmal – es war die höchste Zeit! – der Mond angesungen: Wir träumen uns hinweg nach einem Heime, Wo unser Aufgang starr und frostig sei. Im angeträumten Schlummerebbungsschleime Erscheint des Sterbens Silberstickerei, Der Mond verstreut die bleichen Todeskeime, Sein Mitleid keimt bereits in jedem Ei. Die erstaunliche Tatsache, daß in allen Eiern außer den Zellkernen auch noch das Mitleid des Mondes keimt, oder vielmehr bleiche, vom Mond verstreute Todeskeime, die in den Eiern auf dem Umwege über das Mitleid wieder lebendig werden, lasse ich ganz beiseite. Das sind rein dichterische Angelegenheiten, die unsere Neutöner ganz unter sich auszumachen haben, in einer Sternenhöhe der Anschauung, zu der sich ein Schriftsteller meines Formates nicht emporwagen darf. Wir können allenfalls Descartes verstehen, und Algebra, und den ganzen Goethe, und ein bißchen Astronomie bis zum Sirius – die letzten Beziehungen vom Erdtrabanten zu den Eiern bleiben uns verschlossen. Dagegen sind wir durchaus befähigt, ein wahrhaft deutsches Neuwort wie » Schlummerebbungsschleim « zu begreifen und zu würdigen; und zugleich zu erahnen, daß da noch hunderte von anderen angeträumten oder angewachten Schleimen existieren müssen, die uns in unserer Sprachnot die wertvollsten Dienste leisten können. Wir könnten so etwas nur mühsam und ohne Aussicht auf Erfolg konstruieren, der Dichter findet es intuitiv. In anderen Offenbarungen des nämlichen Arion finden wir folgende sprachliche Herrlichkeiten: —   —   —   —   —   — Die Äste mit nassen Glizinien behangen Beträumen ein Taudiamantangebot —   —   —   —   —   — Der Mohr gehört zu den geträumten Sklaven, Er wird von Sorgenwölfen angebissen Und wälzt sich unter Wollusthindernissen ; Doch lieblich blüht das Träumen von Agaven. Und wiederum kann unsereiner nur erschauernd ahnen, was in all dem Geträumten eigentlich vorgeht. Aber das mangelnde Verständnis braucht kein Sorgenwolf zu sein, der uns anbeißt. Ganz im Gegenteil: diese traumselig beschwingte Wortgestaltung befreit uns, indem sie auf uns überströmt, von einer Wolfssorge; vor uns breiten sich unendliche Flächen ertragsreichen Wort-Neulandes, auf denen uns Überfülle erwartet, selbst wenn uns unsere eigne Welsch-Ernte total verhagelt; und wir wälzen uns bereits in einem Gemisch von Wollusthindernissen und Wollustförderungen, wenn wir daran denken, welch reiche sprachliche Taudiamantangebote wir beträumen, wieviel Schleimschlummerebbungen uns künftig im Kampf mit der Sprache erspart werden. Ja, vielleicht gehört die ganze Sprache nur zu den geträumten Schwierigkeiten, wie der Mohr zu den geträumten Sklaven! In diesem Sinne begrüßen wir solche Dichtungen als eine schriftstellerisch höchst wertvolle Agave. Aber da erscheint ein neuer Sorgenwolf, man könnte beinahe sagen, eine Sorgenhyäne, oder da es sich um ein Wasserspiel handelt: ein Sorgenhaifisch. Denn die nachstehende Strophe des nämlichen Meisters entzündet in uns einen Gewissenskonflikt. Sein wundersames Gedicht »Auf sonniger See« beginnt nämlich: Ein Segel wird zur Meereswanderblüte, Mit Plätscherblättern silbert es dahin, Dir kommen Lotosblumen in den Sinn, Doch plötzlich untertulpt sich eine Tüte . Nicht als ob ich an der Ausgiebigkeit dieses Musters für weitere Fälle zweifelte. Das wäre nur eine Frage des kombinierenden Verstandes, der ja schließlich mit allem fertig wird. Allein hier beißt mich ein Sorgenhecht, und nicht bloß ein geträumter, direkt ins Gewissen. Denn wenn sich eine Tüte untertulpt, dann kann sich auch eine Tulpe untertüten, und was der Tulpe und der Tüte recht ist, das muß im Stande der Sprachfreiheit allen Gewächsen und Materialformen billig sein. Das Gewissen fragt: darf man das bis in alle Fessellosigkeit? Gibt es nicht gewisse Schranken, die selbst der Meister nicht niedertulpen darf? Ist es denn im Sprachgebiet verstattet, jede Regel, jede Überlieferung niederzunelken, entzweizufliedern, kaputzuastern? Die Tüte antwortet mit Ja. Aus ihren Meereswanderblütenplätscherblättern tulpt sich ein Sprachsignal empor, mit dem Hinweis darauf, daß wir uns aller Überlieferung entäußern sollen; und überhaupt ent..., so ent... wie möglich, unserm Meister folgend, der so eifrig die Entdichtung pflegt: —   —   —   —   — Dein Blick will entblauen . —   —   —   —   — He he! Hört ihr nicht, wie's Helene He he le le Lene der Treppe entdröhnt? Das ent ... , vordem verkannt und mißachtet, soll der Auftakt und die Leitsilbe der Literatur werden. Noch gibt es tausende von Worten, die mit dieser Silbe keine Bekanntschaft gemacht haben: führen wir sie zusammen, und wir gewinnen tausende von dichterisch schönen Neuworten. Den vordem so armen, so hilflosen Ausdruck wollen wir entarmen, enthilflosen und dadurch der Sprache zahllose neue Reize entschreiben, entdichten, entreden, entschriftstellern, daß uns selbst Demosthenes, der alte He he le le Hellene darum beneiden soll. Hier gibt es kein Entweder, Entoder, sondern nur den Vorsatz, die freie Farbe der Entschließung zu entkränkeln. Es wird Zeit, daß wir uns verjüngen, nachdem wir lange genug entjungt waren; so dürfen wir hoffen und zürnen nach dem Vorbild des großen Dichters Alfred Wolfenstein , der uns dieses »entjungt« in einer himmlischen Strophe geschenkt hat. Und dann, wenn wir uns glücklich entaltert haben, dann wollen wir erst einmal gründlich untersuchen, was denn eigentlich unsere Seele wünscht und will; der Prosaschreiber, der welschende Dümmling, ist noch weit entfernt davon, das zu wissen; aber der Dichter weiß es schon heute..... Die Arme werfen ihre Hände Durchs Fenster in die breite Luft, Sie aber (die Seele) will recht nahe Wände Vom Weltall eisern abgepufft. – Ein leises Ruhn auf wildem Fegen – Ich bin so irr als ginge wer Im D-Zug-Korridor entgegen Dem Hinsturm auf dem Rädermeer. – Ich verhehle mir nicht, daß dieser Seelenwille an Klarheit zu wünschen übrig läßt; ja, ich bin nicht einmal sicher, ob die Seele nun wirklich andauernd im D-Zug zu fahren begehrt. Einerlei; auf den Ausdruck kommt es an, und die recht nahen, vom Weltall eisern abgepufften Wände stellen entschieden eine Sprachbereicherung dar, der zuliebe wir sogar den lateinisch-italienisch-französischen »Korridor« gern in den Kauf nehmen. Dafür wird sich schon einmal ein poetisch-bahnamtlicher Ersatz finden, wenn wir erst die Wände unserer Sprachbehausung gegen das französelnde Weltall eisern abgepufft haben. Ich muß die vorstehenden Zeilen wohl wieder ausstreichen, denn soeben entdecke ich, daß mein leiser Zweifel unberechtigt war: die Dichterseele ist und bleibt tatsächlich auf den D-Zug angewiesen: —   —   —   —   —   — Wenn ich vom schmalen Fenster der Stadt Die mauerne Straße besah, Die schlürfend, bremsend, konversierend vorbeigeschah , Sichtbar im Drehn wie ein Droschkenrad –: —: Fühlt ich von lauem Wannenbad Umplätschert meine gierige Geberde – — Von dir, unplanetenhafte abgestandene Stadt! – — Nur der Zug hält die Hand der rasenden Erde! —   —   —   —   —   — Aber von mir sei euch vernichtenden Räder! Euch Fülle dichtenden – geglaubt! Ihr Füße über Eisen unter meinem Fleisch und Haupt! Das ist klar, einleuchtend und zeigt uns zudem, wie weit wir es in der Dichtkunst gebracht haben, während die Prosa ringsum aus sattsam bekannten Gründen verluderte. Auch Schiller hat ja einst die Stadt in den Kreis seiner, ach so unbeholfenen Dichtung zu ziehen versucht, im Spaziergang: »Prangend verkündigen ihn von fern die beleuchteten Kuppeln, Aus dem felsigten Kern hebt sich die türmende Stadt.« »Türmend«? welch ein unpassender, grammatisch verfehlter Ausdruck! Der Sprachmeister der Neuzeit sieht, fühlt und bietet das anders; eine Stadt ist unplanetenhaft abgestanden, mit ihren Straßen, die an uns vorbeigeschehen. Da haben wir die Steigerung im Verhältnis vom Spaziergang zum Blitzzug; und wir begreifen vollkommen: um wahrhaft formgestaltend zu dichten, muß man Fülle dichtender Eisenräder unter Fleisch und Haupt haben. Eine gewisse Enttäuschung stellt sich ein, wenn man an die Werke von Stefan George herangeht, der sich eine starke, treugläubige Gemeinde erworben hat. Nicht als ob ich hier sein dichterisches Ingenium als solches bestreiten wollte, denn hierfür müßte ich mich in eine Analyse einlassen, die ganz und gar nicht in den Rahmen dieses Buches fällt, nicht fallen kann, da sie nur im Zusammenhang mit der deutschen Dichtung überhaupt gegeben werden könnte, was mindestens einen Zehnbänder für sich beanspruchen würde. All die Geheimnisse und Unwägbarkeiten, welche zwischen Gefühl und Formung, zwischen Kunst und Künstelei, zwischen Offenbarung und Bluff liegen, müssen hier beiseitegelassen werden. Die Pole, durch welche die Achse dieses Buches bestimmt wird, sind Ausdruck und Bildung im Sinne wirklicher Geistigkeit, wirklicher Einheit von Dichten und Denken. Und so wird auch den Neutönern hier nur das abgefragt, was sie uns an Geistigem in ihren eigenen neuen Sprachformungen zu bieten haben. Aber wo sind bei Stefan George die Neuprägungen? Überwiegen nicht die Schablonen, die klischierten Vergleiche, mit denen die Goldschnittlyriker von jeher die Erde verhimmelt haben? Ohne Unterlaß umklingeln uns da »sonniger Flaum«, »klingende Flocken«, »glutumsäumte Firmamente«, »Gold und Rosen«, »dunkle Anemonen«, »Demantenes«, »Silberflocken«, »Blüten-Überschwall«, »silbrig welkes«, »Purpurlicht«, »Purpurschwellendes«, »Perlmutterfarbenes«, »Gold-Karneol«, – wirklich da fehlen nur die Gelbveiglein, und man hätte alles beieinander, was sich schmachtselige Gouvernanten nur wünschen können. Gold, – Silber, – Silber, – Gold, – versilbert, übersilbert, entsilbert, umsilbert, – ein Bimetallismus, ein Bimmelmetallismus ohne Ende. Aber schließlich muß doch aus der abgründigen Tiefe der Dichtung auch Neues im Ausdruck ans Licht steigen, zumal uns dies ausdrücklich versprochen wird. In dem Bande »Der siebente Ring« wird uns vom Dichter selbst angesagt: Euch ist die Haut nur kund – – – – oder noch besser in Stefan Georges urschriftlicher Notierung Euch ist die haut nur kund – Wir wissen tausend namen Von wind- und wolkenschub Vom heer im wassergrund Von tausend dunklen samen Die finsternis vergrub. Das macht neugierig. Und wir, denen die Haut nur kund ist, wir haben ein Recht zu der Forderung: Her mit den tausend Namen, die du weißt! lege sie nieder auf den Literaturtisch, zur Bereicherung unsrer Sprache, aber nicht die sonnigen Flaume, das flockige Silberzeug – denn diese Namen wissen wir auch –, sondern die tausend neuen, die du, nur du, wissend geschürft und gefördert hast! Sollen wir die letzte Strophe des nämlichen Gedichtes schon für den Anfang einer Erfüllung nehmen? Euch stach man nie den staar: Ihr wandelt blöd und dumpf. Wir feiern fest am sumpf Am wasen der kafiller Im giftigen fosforschiller Sehn wir das wesen klar. Nun, das klingt doch wenigstens, wenn auch nicht allgemein verständlich; denn nicht jedem dürfte es bekannt sein, daß der »Wasen der Kafiller« ungefähr soviel bedeutet wie Schindanger oder Abdeckerei, und außerdem: wenn die Sprache um Ausdrücke kämpft, so sorgt sie sich nicht gerade um den Schindanger und seine Synonyme, sondern um ganz andere Dinge. Aber hier sind es Hexen, die im fosforschiller an der Abdeckerei das Wesen klar sehen und tausend Namen wissen, die sie dem Dichter als ihrem Verkünder doch zweifellos mitgeteilt haben, also nochmals: heraus damit! Man muß aber mit der Lupe suchen, ehe man was findet. Vielleicht hier? . . . . . für zehntausend münder Hält einer nur das maß. In jeder ewe Ist nur ein gott und einer nur sein künder. Was mag ewe sein? klein geschrieben, nicht mit v, sondern mit w schließt es den Verdacht aus, als könnte etwa Eva gemeint sein. Neuprägung? Ich vermute so etwas: ein verkürzter, poetisch verdichteter Ausdruck für »Ewigkeit«; was ja auch im Zusammenhang einen ganz guten, sogar bedeutungsvoll ansprechenden Sinn ergibt. Sollte meine Mutmaßung nicht gänzlich fehlgehen, so hätten wir hier allerdings einen Sprachfund. Was hat sich unsereiner schon mit dem holprigen Wort »Unendlichkeit« geplagt; sagen wir: »Die Unendle« und wir können einen sprachlichen Fortschritt buchen; statt Obrigkeit zu setzen: die Obre, statt Geschicklichkeit: die Geschickle, wäre statthaft, und die Deutle, ich meine die Deutlichkeit, würde darunter nicht leiden. Freilich der Weimaraner wußte noch nicht zu schreiben: »Was man von der Minute ausgeschlagen, gibt keine ewe je zurück«; aber zwischen dem altbackenen Dichter Schiller und dem modernen fosforschiller besteht eben ein Unterschied. Weiter! —   —   —   —   —   — Verlöschen muß der kerzen bleiches glinstern . . . —   —   —   —   —   — Du warst für uns in frostger lichter glosen . . . Diese Ausdrücke sind, wenn nicht neu erfunden, so doch so fabelhaft selten, daß sie als Neuprägungen gelten können. Sanders geht an ihnen vorbei, obschon sich glinstern auf finstern und glosen auf Rosen reimt. Die Hauptsache ist, daß sie für alle Bezeichnungen des Leuchtens, Glitzerns, Glimmens den Hinweis zu neuen Verfeinerungen und Abschattierungen gewähren. In Betracht kämen für glitzern: glotzern, glützern, glanzeln, glanstern, gliseglastern, gloseglostern; für glimmen: glommeln, glimmstern, gluseglinstern, glemmlitzern usw. wobei zu bemerken, daß »glinzen« schon bei Luther vorkommt, der Georges Fortschritt wohl vorausgeahnt haben mochte. Jedenfalls öffnet sich hier eine dichterisch begründete Methode, um so abscheulichen Fremdworten wie irisieren, fluoreszieren, opalisieren und ähnlichem Gelichter den Garaus zu machen. Noch wichtiger erscheint mir die Sprachbereicherung durch Beschränkung, die durch Armut emporgezauberte Fülle. Daß die Artikel »der, die, das« oft nur einen Ballast darstellen, haben wir oft genug empfunden, ohne den Wagemut aufzubringen, diese störenden Entbehrlichkeiten abzuwerfen. Und doch bedarf es hierzu nur eines kurzen Entschlusses: —   —   —   —   —   — Pfad noch läuft vom tor wo du Standest ohne umzuschaun Dann ins tal hinunterbogst. Bei der kehr warf nochmals auf Mond dein bleiches angesicht .. Doch es war zu spät zum ruf. Dichter zeigt uns Weg. Artikel verliert Berechtigung. Zeitgenosse nimmt sich vor, Beispiel zu folgen. Wer Zweck will, muß Mittel wollen. Im Anfang war Wort; aber Wort, wenn entbehrlich, sie sollen nicht lassen stahn. Buchstabe tötet. Aber Geist macht lebendig. Und man müßte schon in rettungsloser Erstarrung liegen, um nicht wachgerüttelt zu werden von Ausdrucksgewalten wie: Was machst du daß zu höherem gerase Uns immer fernres fremdres wehe umblase? Wenn kaum wir eine weil in stille flacken Treibt uns ein neuer mund zu lohen zacken. Hier endlich öffnet sich der Mund unbegrenzter Ausdrucksmöglichkeit, und wenn er uns auch nicht wie angesagt tausend neue Namen liefert, so treibt er uns doch zu jenen lohen Zacken, zu jenen Feuergipfeln, auf denen wir das Geheimnis der seligen Sprachschönheit vermuten. Denn es besteht kein Zweifel: was uns Richard Wagner als den Brünhildenfels mit der wabernden Lohe vorgestellt hat, das ist hier in einem gesteigerten Feuerzauber zu lohen Zacken geworden. Zu ihnen wollen wir aufstreben, nachdem wir lange genug in Stille geflackt haben, ohne uns auf das im Sprachsinne so wichtige höhere Gerase zu besinnen. Nur ein einziger Ausdruck stört uns in dieser stürmischen Ode: das »Umblasen«. Wenn man nämlich durch jenes fernere Wehn einfach umgeblasen wird, so hilft das sublimste Wollen nichts, und man gelangt ebensowenig zu den lohen Zacken, als wenn man im Stillen immer weiterflackte. Tatsächlich aber tritt der Moment des Umgeblasenwerdens ein; an einer windscharfen Ecke nämlich, wo der Ausdruck so orkanartig auftritt, daß er alle unsre Begriffe von Anklang und Reim entzweiknickt: Verschollen des traumes Des gottes herabkunft! Nun waltet des raumes Ein ruf aus dem abgrund . Tobt hier ein Verhängnis oder scherzt ein neckischer Zufall mit Gleichheiten der Vokale? Die nächsten Strophen müssen die Aufklärung bringen: Verschwunden das sehnen: Verheerender glutschwall Schon schloß über jenen Der stärkere flutprall . Nun liegt die Absicht klar am Tage, denn glutschwall reimt sich auf flutprall beinahe wie Zufall auf Fußbank. Die alte, starre Reimfront wird elastisch, zahllose ungeahnte Ausdrucksmöglichkeiten öffnen sich, der Reim als Mittelglied zwischen Sprache und Symphonie wird aus den Fesseln uralter denkträger Gewohnheit erlöst: Der oft sich erneunde Nicht sei mehr der schwur laut! Ich reiche euch freunde Den mund hin zum urlaub . Schwur laut, Urlaub, Flurraum, Epikurschmaus, Uhrraub, Skulpturhaupt, Torturgraus – wer hätte gedacht, daß sich das alles einmal reimen, daß der Dichter, statt nach Reimen zu suchen, von Reimhorden überfallen werden könnte! Die hände die mienen Erflehn von dir ruh nun Ich frieden vor ihnen . . . Und wach bleibst du nur . Damit schließt diese Dichtung, die an der Weltenwende wie ein Leuchtturm seinen Scheinwurf in ein Zukunftsparadies der Sprache spielen läßt. Was ist, was war der Reim? Ludwig Fulda hat ihn einst als den Standesbeamten der Begriffe definiert, »indem er ein Wortpaar zusammengibt, das sich schon lange heimlich geliebt.« Aber erst jetzt werden uns die Augen geöffnet über die Ausmessungen dieser Wortliebe. Alles liebt sich! Denn bei den Vokalen werden wir doch nicht stehen bleiben wollen? Auch die Konsonanten melden ihre heimliche Neigung an und streben zum Standesbeamten, der sie zusammengibt. Dann reimt sich Gasthof auf Gustav, Pettenkofer auf Patentkoffer, Hungergefühl auf Kupferoxyd, Füllfeder auf Hilfslehrer, Leuchtkraft auf Euphrat, Braustübl auf Brustübel, Autorschutz auf Autobus, Stefan auf Steppgarn und George auf Drehorgel. Alle Prosa kann sich dann in tönende Reimpoesie auflösen, die Sprachentwicklung liegt vollendet vor uns. Ein Klang wie von Bach und Beethoven – steigt auf überm Wortozean, – und das hat mit seinen Strophen – der Stefan George getan. * Ich nehme an, daß die hier betrachteten Ausdruckskünste in das weite System des »Expressionismus« gehören, das seit einem Jahrzehnt so große Geltung erlangt hat. Mit diesem Wort wird man sich wohl befreunden müssen, da es allen Übersetzungsversuchen widersteht und, wie die Fachkenner behaupten, nur gefühlt, nicht erklärt werden kann. Vielleicht könnte man »Ausdruckismus« sagen, um es wenigstens von dem uns geläufigen »Ausdruck« zu trennen, und dementsprechend auch »Eindruckismus« (Impressionismus), »Würfelismus« (Kubismus) und »Zukunftismus« (Futurismus). Erläutert wird, daß der »Expressionismus« direkt aus dem Herzen kommt, nur fehlt die genaue Angabe darüber, wie talentvoll ein Herz wohl sein müsse, um Expressionistisches zu leisten; jedenfalls waren die Herzen der alten Literaturschimmel von Horaz bis zu Lenau nicht geeignet dazu, da sie sonst die Ehre, den Expressionismus zu entdecken, nicht den Neutönern überlassen hätten. Dieser Unzulänglichkeit der Alten entspricht die Unfähigkeit mancher Neueren, die, obschon im Zeitalter des Expressionismus lebend und von seinen Segnungen umspielt, ihr Gemüt noch gegen ihn verhärten; die sogar so weit gehen, Dichtungen zu bezweifeln, wenn sie nicht genau ermitteln können, ob diese Dichtungen wirklich deutsch sind oder am Ende chaldäisch. Die Chaldäer waren nicht nur Beherrscher einer sehr schwierigen, dem Deutschen wenig ähnlichen Sprache, sondern auch bekanntlich Astrologen, Wahrsager, Geheimkünstler, Magier. Und auch von diesen Kennzeichen ist mancherlei auf die dichtenden Expressionisten unserer Tage übergeflossen; sie bestimmen besonders deren Stellung zur Natur. So dichtet der zuvorerwähnte vorzügliche Seher Th. Däubler: Du Fluß, du mußt mein Spiegelbild umblauen, An meinem Atem liegt es einem alten Baum. Die Quellenlust mag mich aus Fischlein her beschauen, Ich glaube an den Schwan wie an den besten Traum. Durch unsre Nähe, Wachteln, wird das Reh geboren. Sein Dasein kennt sich sanft im Wald den Bach entlang. Des Windes Knistertritt am Saum geht nie verloren, Mir wird im Reh um mich, um Specht und Blätter bang. Hier steckt das Chaldäische in der Wortfolge, in der Anschauung und ganz besonders in den Wachteln. Bei uns in Europa, zumal in Deutschland, werden sonst diese muntern Vögel selten aufgefordert, an einem Lehrkursus der Zoologie teilzunehmen, um darin zu erfahren, daß die Menschennähe die Geburt eines jungen Rehes bewirkt oder befördert. Oken, Darwin und Häckel geben hierüber keine Auskunft, noch weniger darüber, daß sich der geburtshelfende Mensch sogleich im Reh um den Specht ängstigt, und am allerwenigsten darüber, warum dies die Wachteln wissen müssen. Anders in Chaldäa, dessen Sprachmystik so seltsam in die jüngstdeutsche Lyrik hineinstrahlt. Aber auch jene Ganzgroßen, die Däubler, Stefan George, Wolfenstein blicken schon wieder auf ein Epigonengeschlecht, an dem man nicht vorübersehen darf; immer im Zuge des Leitmotivs, daß nicht in der heillos verwelschten Prosa, sondern im kastalischen Born der Poesie die helle Zukunft der deutschen Sprache beschlossen liegt: Spielender Knabe – von Sophie van Leer. Zehn Steinchen sieben Eicheln ein braunes Tier mit silbernen Füßen Runde Körnchen die Berge eine Wasserpfütze das Meer Grasbüschel grüne Wälder Ein Käfer mit Flügeln wie der Himmel und noch einer Warum darf man Käfer nicht an einem Faden aufreihen? Sie glänzen so schön zwischen Kastanien. Aus ist's. Man könnte schwanken, ob man diese Dichtung schlechtweg dem Sezessionismus, oder dem Impressionismus, oder dem Futurismus beiordnen soll. Da es aber in der hervorragenden Zeitschrift »Der Sturm« erschien, so wird es wohl expressionistisch sein. Auf alle Fälle ist es lieb, herzig, unangekränkelt von Fremdländerei, Reim und Rhythmik, mithin durchaus geeignet, ein neues Modell für unsere Sprachgestaltung abzugeben. Aber auch für die Erweiterung des Ausdrucks sind wir den Epigonen zu Dank verpflichtet. Der nämliche »Sturm« brachte aus der Werkstatt von Kurt Heynicke: Händefassen. —   —   —   —   —   — —   —   —   —   —   —   —   — Stelle dein Seelchen in die Vase mit hellgrünen Birken zage will ich Wächter sein. Schimmer und Schein ist alle Welt rot und golden alle Stunden erhellt Fern hergetragen in das Nun. Weile vor mir. Morgen verschlingt uns der jegliche Tag. Heute nachtigallen noch alle Sterne. Wind aus den Rosen will mit uns reden. Duftreich erblühn wir uns in den Schoß. Daraus kann der Prosaschreiber mancherlei lernen, vor allem, wie man zwanglos aus einem Hauptwort ein Verbum macht. Ich nachtigalle, du nachtigallst, er lercht, wir goldammern, ihr pirolt, sie baumpiepern. John Locke hat sich über die unzureichende Zahl helfender Wörter beklagt. Hier stehen sie zu Legionen in Aussicht. Denn wenn die Sterne nachtigallen können, so steht nichts im Wege, auch die Nachtigallen sternen zu lassen. Die Singvögel werden nicht nur flöten, sondern auch planeten, kometen, monden, venussen und siriussen. So duftreich können wir uns in den Schoß erblühen, wir und die andern Seelchen in der Vase mit Birken. Ob dieser Baum wohl in einer Vase Platz findet? Das kommt nicht in Betracht; Hauptsache ist: wir birken, ihr laubholzt, sie pappeln. Und nun zu euch, ihr lieben Dadaisten , ihr allerletzte Blüte auf dem deutschen Parnaß. Nicht vergebens hat die deutsche Sprache gerungen, da sie diese äußerste, vorläufig unüberbietbare Herrlichkeit zu erreichen vermochte. Aber die Entwickelungslinie läßt sich verfolgen vom Expressionismus über den Primitivismus, Exhibitionismus, Äternismus, Kataklysmus, Paroxysmus bis zum Dadaismus . Dieser setzte 1907 noch ziemlich schüchtern mit einem Druckwerk Walter Heymanns ein: Der Sprosser ruft: Du – du – du – Sieh mal, – sieh mal, sieh mal! Da – da – da – Sieh mal, sieh mal, sieh mal: Grün, grün, grün, Blühn, blühn, blühn, Sieh mal, sieh mal, sieh mal Dadada – dadada – da! Seitdem hat sich diese Kunstform auf dem Umwege über eine Züricher Dichterschule weiter ausgebildet, sie drang bis in die Reichshauptstadt und hat hier die Prüfung zum höheren Literaturdienst mit Ehren bestanden. Zu ihrem Lobe kann ich feststellen, daß sie nicht welscht, sich von den Untugenden unserer arg verkünstelten Prosa abkehrt und mit kerngesunden Trieben in die Allmutter Natur einwurzelt. Unnötig erscheint es mir, die einzelnen Vertreter dieser allerneuesttönenden Dichtung zu nennen. Nur auf ihre Leistungen kommt es an, und diese sollen hier nicht verschwiegen werden; denn sie sind schon merklich über das zwar verheißungsvolle, aber doch noch stammelnde Da da da hinausgewachsen. Wir finden Dada da (wörtlich): O burrubuh hibi; Umbaliska bumm Dadai, .. eine Versstelle, die höchstens noch von der folgenden an schmelzendem Wohllaut und Gefühlstiefe übertroffen wird; der Schluß eines dadaistischen Gedichtes lautet, ebenfalls wörtlich und buchstäblich: Burrubu hibi o burrubuh hihi o hojohojolodomodoho Es ist wirklich eine Freude, das erlebt zu haben, obschon es bis zu einem gewissen Grade vorausgeahnt werden konnte. Schon vor vielen Jahren erschien – übrigens mit meiner kräftigen Beihilfe – eine Reihe von parodistischen Büchern, betitelt: die Insel der Blödsinnigen, der Drehwurm im Überbrettl, der lackierte Affe, worin wir Kollegen vorwegzunehmen versuchten, was die dichtende Zukunft bringen würde. In einer dieser Vorahnungen gab eine talentvolle Mitarbeiterin die ahnende Probe: Trinklied: Daglonigleiaglühlala Hahaha! Daglonigloni Noch eines Vroni! Daglonigleia Eia! Eia! Daglonigluckgluckgluhlala Trulala     Hohoho!     O!     –   –   –   –     Ha! –   –   –     Ah? –     – ˘ ˘ ? – ˘     ! ! ! ! ! ! ! ! ! ! ! !     – ? – Das wurde in entlegener Zeit parodistisch vorgedichtet, als »die Moderne«, wie sich die Kunstschule nannte, ihre ersten Fühler ausstreckte, als in den literarischen Nachtkaffees männliche und weibliche Astralleiber auftauchten, die Goethe und Schiller für alten klassischen Quatsch erklärten und ihre eignen gesammelten Werke auf Zigarettenpapier und Hemdmanschetten aufschrieben. Immerhin waren es noch richtige Verse, die damals verfaßt wurden, und man durfte sogar Talent haben, um mitzudichten. Erst wesentlich später kamen unter Marinettis Führung die italienischen Futuristen auf, die in Mailand den berühmten Kunstabend veranstalteten mit den hartnäckigen Neutönen glu glu glu gru gru gru und dafür von den Hörern gelyncht wurden. Folgerichtig entwickelte sich die Linie über alle Kriegsstürme hinweg, um auf germanischer Erde in einem Dadadada-Gestammel zu enden, das keiner Parodie mehr fähig ist. Man könnte die Frage aufwerfen, ob es sich denn überhaupt verlohnt, lyrische Fexe zu erwähnen, deren Hervorbringungen doch ganz einflußlos bleiben und dem Publikum nur bekannt werden, wenn mitleidige Feuilletonisten ihnen einige halb verulkende, halb ermunternde Zeilen widmen. Ich möchte diese Frage bejahen, sehr kräftig bejahen. Ein Buch, das sich mit Sprachentwicklung und Sprachzukunft beschäftigt, darf an dieser Erscheinung gar nicht vorübergehen, denn sie hat bei aller Komik der Außenseite einen sehr ernsten Kern. Sie zeigt uns, wohin die Reise geht, wenn das Grundelement der Sprache, das Denken, ausgeschaltet wird, und sie hält sich damit in engster Übereinstimmung mit den letzten Ausläufern der Malerei: Solange da noch nach berechtigten Kernen, nach aussichtsreichen Möglichkeiten geforscht wird, besteht die Gefahr. Und man forscht tatsächlich, man läßt sich einweihen, man späht und spürt und entdeckt im lallenden Gestammel Ansätze der Meisterhaftigkeit, Evokationen, Ähnlichkeit mit Hölderlin, Möricke, manchmal mit Goethe. Diese vereinzelten Anerkennungen Intelligenter besagen: die Neulyrik fiebert zwar, redet irre, aber zwischendurch zeigt sie doch lichte Augenblicke. Aber das gehört zu den Kennzeichen aller Delirien, und solange im Gesichtskreis des Deliranten überhaupt noch Mäuse erscheinen, tobt das Gift in seinen Adern. Das wäre im Sinne der Allgemeinheit zu verschmerzen, wenn wir nicht wüßten, daß solches Gift im Kunstbereich über den Körper des Befallenen ansteckend hinausfrißt. Die Angesteckten beginnen zwar nicht immer aus eigenen Visionen zu dichten, aber ihr Urteil wird fiebrig. Sie sehen Flecken und Mäuse in der Lyrik früherer Tage, zumal in der klassischen und romantischen, in der alten Volkspoesie, die noch dichtete und dachte, die noch die Sprache in rauschenden Faltenwurf zu legen wußte und Begriffe wie Gefühle in konstruierbare Sätze zu spannen verstand. Eine Welt von Herrlichkeiten geht ihnen verloren, und einer Welt möglicher Zukunftswerte versperren sie die Tore, sie, die Intelligenten, deren Einfluß größer ist als der Einfluß jener in Echolalie dahintaumelnden Stammler. Wir haben uns in vorangehenden Betrachtungen gegen die Annahme einer Sprachkrankheit gewehrt. Hier ist der Punkt, wo wir unseren Widersachern entgegenkommen müssen, freilich in anderem Sinn, als sie es meinen. Das deutsche Volk ist im Kerne sprachgesund, und es wird um so gesünder werden, je mehr Weltworte es sinnig verarbeitet. Denn in dieser Verarbeitung liegt das Maß der Denkerweiterung, Denkvertiefung, Denktauglichkeit, und Denken und Sprechen sind Eines. Die Gefahr droht aus einer anderen Ecke, aus dem lyrischen Winkel, in dem die Neutöner hausen. Scheinbar eng zusammengedrängt, auf Innenverkehr angewiesen, lassen sie einen Dunst ausströmen, der sich zu erkennbaren, krankheitbringenden Schwaden zu ballen beginnt. Der deutschen Prosa werden diese Dünste nicht viel anhaben, allein die Lyrik und besonders das Urteil über Versdichtung hat bereits einen Knacks weg. Es steht zu hoffen, daß sie sich davon erholen werden, denn die deutsche Dichtung hat den vorzüglichsten Arzt im Hause, eben die deutsche Prosa. Zudem besitzt sie eine gute Heilhaut und eine ursprünglich kräftige Natur. Dafür spricht die Tatsache, daß sie trotz jener -ismen noch lebt. Wie stark muß sie sein, daß sie das aushält!! Bunte Steine im Kaleidoskop Das sind Einzelheiten aus dem Sprachleben, die ihre Bedeutung erst in der Vervielfältigung erhalten. Dann fügen sie sich zu Figuren, die erfreulich genannt zu werden verdienen, nämlich für die, denen eine Vermehrung der Einsicht Vergnügen bereitet. Zu solcher Vervielfältigung, die aus losen Objekten reizvolle kaleidoskopische Figuren formt, gehören spiegelnde Flächen, und eben darauf will unser Vergleich hinaus. Jede der größeren Erörterungen in diesem Buche kann als Spiegel dienen, und jede der folgenden Einzelheiten erwartet aus ihnen ihre Reflexe. In der geistigen Netzhaut des Lesers mögen sie sich dann zu einem Linien- und Farbenspiel vereinigen, wofür die Steinchen an sich in ihrer ursprünglichen Anlage nur die erste Andeutung mitbringen. Fatal, daß ich für meinen Vergleich schon wieder ein Fremdwort brauche, und noch dazu eines, das sich aus drei griechischen Bestandteilen zusammensetzt. »Kaleidoskop« läßt sich doch ganz gut übersetzen, es heißt auf Deutsch ziemlich genau: »Schönbildschauer«. Nach Duden kann man auch sagen: »Sehspielzeug«. Wie so oft trifft auch hier Sarrazin in seinem vorzüglichen Wörterbuch das Richtige, indem er Kaleidoskop gar nicht übersetzt, nicht einmal erwähnt. Er scheint damit andeuten zu wollen, daß der Verdeutscher die Finger lassen soll von Dingen, die jedem Kinde in der Urform geläufig sind. Das gewährt mir für das Gleichnis dieses Kapitels wenigstens einige Deckung. Ich hätte ja freilich für die nachfolgenden bunten Splitter die Entwicklung zu »sehspielzeuglichen« Figuren erhoffen können, oder zu »schönbildschauerlichen«, und wäre dann der Rüge entgangen, der ich nunmehr wegen verstockter Fremdwörterei verfallen muß. Aber mir kommt es doch zunächst darauf an, verstanden zu werden, gleichviel ob eine von mir gebrauchte Wendung jeder Prüfung standhält oder nicht. Spreche ich von einem Kaleidoskop, so weiß jeder, was ich meine, rede ich aber von einem Schönbildschauer oder Sehspielzeug, so wird unter zehn Lesern kaum einer erraten, was mir als Vergleichswerkzeug vorschwebt. Und nun zu den Objekten –, ich wollte sagen zu den Einzelgegenständen, für deren unmittelbare Zusammengehörigkeit ich ja nach der zuvor geäußerten Erwartung nicht zu sorgen habe. * Da im Goethe wie in der Bibel alles steht, so konnte es nicht fehlen, daß im Fremdwortkampf beide Parteien eifrig ihren Goethe befragten, um ihn als höchste Autorität gegen einander auszuspielen. Noch wichtiger als seine eigenen Aussprüche zum Kampfthema an sich – er hat genug Erbauliches darüber geredet – erschienen seine Dichtwerke als unmittelbare Beweise für und gegen. Und da brauchte einer nur zum Beispiel den »Faust« aufzuschlagen, wo er wollte, er fand, was er suchte, in Überfülle, ein ganzes Museum der Fremdworte, eingelagert in die Unendlichkeit des Dichtwerkes, das ja im In- wie im Auslande als das gewaltigste, vielen sogar als das deutscheste aller Werke gilt. Schon das Vorspiel begibt sich nicht auf der Schaubühne, sondern auf dem Theater, der erste Mann ist kein Bühnenleiter, sondern ein Direktor, der von gedrechselten Komplimenten, von einem Ragout redet, nicht Prospekte und Maschinen schonen will. Das heut so verpönte »Element« ist dem Dichter ein Deutschwort, jedenfalls ein freigestelltes Weltwort, die Lustige Person lädt zum Griff ins volle Menschenleben mit dem Schlagwort »interessant«, während der Dichter von der unharmonischen Menge, von Rhythmen, Akkorden, Maximen zu reden weiß. Daß Faust selbst und Mephisto wie Berliner Leitartikler bis an die Grenze der Möglichkeit »welschen«, braucht noch gar nicht übermäßig betont zu werden; sie, wie der Schüler und der Famulus gehören ja in eine lateinische Welt und müssen sich in der Sprache ihrer Zeit ausdrücken. Aber hatte es Goethe nötig, er, der Faustgoethe, wenn er für das deutsche Stück Figuren schuf, gar so römisch-griechisch-klassisch – so pennälerhaft, wie die heutigen Völkischen spotten – zu Werke zu gehen? Ist das überhaupt noch ein deutsches Stück, in dem als Personen nicht nur Autor, Orthodox, Minister, Parvenü, sondern Musaget, Xenien, Proktophantasmist, Supranaturatist, Homunkulus, Psyllen, Marsen, Magna peccatrix, Una poenitentium und der Ci-devant Genius der Zeit auftreten? Da haben sich nun die neueren Sprachvögte einen famosen Griff zurechtgelegt, um ein für allemal jeden, der sich für's Fremdwort auf Goethe berufen will, unterzukriegen. Sie stützen sich nämlich mit der einen Hand auf Goethes offensichtlich sprachreine Lyrik und schlagen mit der andern Hand eine Volte. Der Sinn dieser Volte aber ergibt sich aus folgendem Gegenruf: Frechlinge ihr, die ihr uns immer wieder den Goethe unter die Nase reibt, – dichtet ihr erst einmal ein Werk wie der Faust , dann sollt ihr auch fremdwörteln dürfen wie Goethe! Daß man das zu hören bekommt, ist so sicher wie das Amen in der Kirche, und es klingt ja auch so zwingend, so niederschmetternd, daß dem Angeschnarchten gar nichts übrig bleibt, als in die Knie zu sinken. Natürlich kann ich kein Weltwerk schreiben wie der Faust, und damit habe ich auch das Recht verwirkt, mich der Weltworte zu bedienen, die den Fausttext bevölkern. Anders ausgedrückt: Quod licet Jovi, non licet bovi, was dem Jupiter von Weimar erlaubt war, paßt sich noch lange nicht für ein am Fuß des Olymps weidendes Rindvieh; erst muß einer den Befähigungsnachweis für die Höhe des Olympiers erbringen, ehe er sich herausnehmen darf, gleich einem Goethe Ausdrücke anzuwenden, wie: interessant, reüssieren, Phantasie, Meteor, Mikrokosmos, spekulieren, präparieren, Paragraph, System, Qualität und Dutzende von der Sorte. Wenn aber durchaus der Abstand vom Jupiter zum bos maßgebend und als Erkenntnisgrund durchschlagend sein soll, dann dürften wir doch den Spieß umkehren und sprechen: Wir boves können freilich keinen Faust schreiben, aber könnt ihr boves denn Goethesche Lyrik dichten ? und wenn wir boves uns für unsere Sprachansicht nicht auf den Faust berufen dürfen, wie kommt ihr boves dazu, euch für eure Sprachansicht auf Goethes Lieder zu stützen? Hier liegt doch wohl Grund und Gegengrund hüben und drüben mathematisch genau verteilt! Es fällt uns also gar nicht ein, in die Knie zu sinken; im Gegenteil: wenn diese Kampfmethode überhaupt einen Schimmer von Berechtigung hätte, dann könnten und müßten wir ergänzen: Sagt doch, ihr Sprachvögte, könnt ihr Prosa schreiben wie Schiller, wie Kant, wie Schopenhauer, wie Heine, wie Mommsen, wie Ranke, wie Lotze, wie Mauthner? Und wenn ihr das nicht könnt, woher nehmt ihr die Befugnis, Gegenwärtige und Künftige zu maßregeln, von denen etliche jenen Mustern näherkommen dürften als ihr? Aber nach eurem unerbittlichen Regelmaß sind das ja gar keine Muster, vielmehr Fremdwörtler, von deren verwelschendem Einfluß wir uns ringend erlösen müssen. Danach wird sich die Literatur auf ihren weiteren Wegen einzurichten haben. Viel Glück auf die Reise! * Wenn schon durchaus übersetzt werden soll, dann auch möglichst allgemein und durchgreifend. Was Eigenname war, kann mit leichter Biegung Art- und Gattungsname werden, Zeit- oder Eigenschaftswort, und wenn es dann fremdländisch wirkt –, wozu erst warten, bis dieser Zustand erreicht ist? Fangen wir lieber beim Eigennamen an, beim nomen proprium, in der Hoffnung, daß sich einige Exemplare unserem Begehren willfährig erweisen werden. Durchweg geht das freilich nicht. Der Begriff »Robinsonade« ließe sich vielleicht noch ganz deutsch umschreiben, aber der Robinson selbst wird den englischen Anklang nicht los; für Galvanismus und faradisieren ließen sich vielleicht Näherungsworte finden, aber Galvani und Faraday machen Schwierigkeiten. Minder störrisch würde sich der gelehrte Pasteur benehmen: man könnte ihn ganz wörtlich als »Schafhirt« ins Deutsche hinüberpflanzen und besäße dann ein Mittel, um das störende Fremdwort »pasteurisieren« zu beseitigen. Wer da verdeutschen wollte: »krankhafte Gärungsstoffe durch Erhitzung abtöten«, der machte sich durch schulmeisterliche Langatmigkeit lächerlich. Sagen wir einfach für pasteurisieren: »schafhirteln«, dann ist die Aufgabe gelöst, und wir können in der Schule der Allesübersetzer eine gute Klassenzensur bekommen. Die Humoristik hat sich dieser Angelegenheit längst bemächtigt, aber auch im hohen Schrifttum finden wir Anläufe nach derselben Richtung. Sprach doch Goethe von »Julius dem Römer«, wenn er den Maler Giulio Romano meinte. Wir möchten indes hinzufügen, daß in dem gewaltsam übersetzenden Humor ein recht ernster Kern steckt, nämlich wirkliche Sprachkritik. Ursprünglich mögen derlei drollig klingende Namensverdeutschungen aus einem reinen Ulkbedürfnis hervorgegangen sein. Man nannte Johanna d'Arc: das Bogenhannchen; Signorelli: Herrchen; Leoncavallo: Löwenpferd; Don Juan: Herr Hänschen; Racine: Wurzel; den Philosophen Bacon: Speck; Gambetta: Beinchen; Shakespeare: Schüttelspeer oder noch moderner: Schütte-Lanz; und bei Torquato Tasso genügte ein Blick ins lateinische und italienische Lexikon, um die ziemlich wörtliche Ungeheuerlichkeit: »Verdrehter Dackel« zustande zu bringen. Es ist ein Gebiet der unbegrenzten Möglichkeiten. Wer den Fabeldichter Jean de Lafontaine Johannes Born oder Hans Springbrunn nennt, kann sich noch immer auf Goethes »Julius der Römer« stützen. Ohne sträfliche Willkür dürfte einer den Cartesius Herrn von Karten benamsen, denn der Philosoph unterschrieb sich Des-Cartes. Baruch Spinoza zeichnete als Benedictus d'Espinosa, und von da bis zu Gesegneter Stachlicht ist für einen wagemutigen Umdeutscher nur ein kurzer Sprung. Napoleone wird zu einem Waldgebirgslöwen, das Florentiner Geschlecht der Medici zu einer Familie von Ärzten, und Marcus Tullius' »Cicero« zu einem »Kicherling.« Ist's wirklich der reine Ulk? oder steckt hinter dem Scherz und der Ironie eine tiefere Bedeutung? am Ende gar die sprachkritische Empfindung für den inneren Zusammenhang von Eigennamen und Gattungsnamen? Darauf nämlich kommt es an. Man könnte ja leichtherzig behaupten, der Eigenname sei seinem Träger angewachsen wie die Haut am Leibe, und es wäre unerlaubte Vivisektion, sträfliche Schinderei, einer Person den Namen aus irgend einem Grunde abzuziehen. Kein Zweck heilige hier das Mittel. Zugestanden. Aber dann soll man sich auch darüber klar werden, daß es sehr viel Dinge, Gegenstände, Begriffe, Unpersönlichkeiten gibt, denen der Name genau so fest, genau so persönlich angewachsen ist. So betrachtet, wird jede komische Namensverdeutschung zu einer spottenden Kritik der Allesumdeutscher überhaupt. Tatsächlich führt ein unmerklicher, stetiger Übergang vom strengpersönlichen nomen proprium zum Artnamen, Begriffsnamen, zum Eigenschaftswort in Substantivform. Wenn wir sagen: ein Aeskulap, ein Herkules, ein Demosthenes, ein Adonis, ein Thersites, so ist der Übergang schon vollzogen. Der Mäzen ist nicht mehr der bestimmte Maecenas, der den Horaz begönnerte, sondern jeder beliebige werktätige Kunstfreund, der Mentor nicht mehr der auf Ithaka wohnende Freund des Odysseus, sondern jeder beliebige Erzieher und Berater. Auch die umgekehrte Stetigkeit ist in zahllosen Formen nachweisbar. Augustus, der Ehrwürdige, Erhabene wird der Beiname, der Vollname des römischen Kaisers, und setzt sich über ihn, über den Vornamen August, in einer burlesken Umbildung bis zum komischen Aujust fort, der wiederum Adjektivfärbung annimmt, wenn auch eine der ursprünglichen schnurstracks entgegengesetzte. Apostata, der Abtrünnige, gesellt sich begrifflich zu Claudius Julianus und verschmilzt mit diesen Personalworten zur Namenseinheit. Man braucht aber gar nicht das mythologische und geschichtliche Altertum zu bemühen, das uns in Namen und Beziehungen wie Cäsar, Venus, Juno, Phryne, Vulkan (ein Gott und eine Schiffswerft), Augias, Phaeton, Pyrrhus, Ganymed, Hebe, Herostrat, Tantalus, Sisyphus usw. eine nie auszuschöpfende Menge von Begriffs-Dehnungen und Dehnbarkeiten liefert. Denn auch die Neuzeit ist voll davon, und keiner von uns kann an den Namen vorbei, die im Anwendungs-Wandel über ihre persönliche Ursprungsbedeutung hinausgewachsen sind. Um nur einige zu nennen: Havelock, Sir Henry, ein britischer General, verwandelt sich in einen Herrenmantel und findet dabei Gesellschaft im Ulster, der je nachdem eine Provinz in Irland und einen Überzieher bedeutet. Kremser, gut Berliner Eigenname, geht auf das Fuhrwerk über, das ein Herr Major Kremser zuerst in Verkehr stellte. Der Landauer bedeutet zwar kein Gefährt aus Landau, hängt aber geschichtlich mit dem Namen dieser Stadt zusammen. Der Machthaber John Lynch in Nordkarolina wird Wahrzeichen für die Volksjustiz gleichen Namens. Die Guillotine ist nicht die Frau des französischen Arztes Guillotin, sondern das nach ihm benannte Köpfwerkzeug. Bei Chester hat man die Wahl, ob man an den Bischofssitz nahe bei Liverpool oder an den von dort stammenden Käse denken will. Pompadour läßt die Wahl zwischen der üppigen Marquise und einem Strickbeutel, Boycott zwischen einem gewissen Gutsverwalter in der Grafschaft Mayo und einem sozialpolitischen Kampfmittel von sehr verwickelter Eigenart. Wenn ich englische Kammerdebatten verfolge, kann ich auf einen Lord Derby stoßen, der über alle erdenklichen Dinge redet, nur nicht über das, was uns vorschwebt, wenn ich nach Hamburg zum Derby fahre. Usw. ohne Aufhören. Es würde nicht stimmen, wenn man in dieser Betrachtung alle Namen als gleichwertig ansetzen wollte. Tatsächlich zeigen sich bei den auf Eigennamen zurückgehenden Bezeichnungen sehr verschiedene Grade der Anhänglichkeit an Gegenstand und Begriff. Das Derby zum Beispiel, gleich Derby-Pferderennen, bewahrt den Eigennamen so stark, daß kein Mensch auf den Gedanken der Verdeutschung verfällt. Es ist da ein gewisser Grad der Vermenschung eingetreten, und das Rennen führt seinen Namen wie eine Person. Beim Richter Lynch steht die Sache schon anders, und der Purist ist sofort mit der »Volksrache« oder etwas ähnlichem zur Hand. Aber es stimmt nicht ganz, es bleibt ein unübersetzter Rest, die Erinnerung an die Besonderheit der Lynchjustiz in Amerika, und in diesem Rest steckt Lynch nicht nur als ein Ausdruck, sondern als ein Eigenname. Wiederum anders liegt die Sache beim Pompadour. Beutel oder Strickbeutel reicht nicht aus, man müßte zum mindesten sagen: »der Tragbeutel der eleganten Dame«. Er brauchte nicht Pompadour zu heißen, könnte auch irgendwie anders genannt werden, wenn nur dies andere eine Beziehung zum Eleganten aufwiese. Ein weiblicher Eigenname von Weltklang löst diese Aufgabe in der einfachsten Weise. Mit Hebe kann ich schmeichlerisch oder ironisch eine Kellnerin, mit Ganymed einen Mundschenk, Kellner meinen. Nie kann ein Fall eintreten, der mich zwingt, diese Bezeichnungen zu gebrauchen; wohl aber behalte ich hierfür das Recht in Rede und Schrift; und wenn ich es ausübe, so macht der olympische Eigenname den gleichbedeutenden Artnamen unübersetzbar. Nur noch einen Schritt weiter, und wir sind am Ziel. Das Thema spitzt sich auf die Frage zu, ob nicht am Ende sehr viele ganz allgemeine Bezeichnungen als Eigennamen zu betrachten sind und auch wirklich von uns so empfunden werden. Nehmen wir z. B. den »Kaffee«, so empfinden wir zwischen ihm und anderen Artnamen, wie etwa Pferd, Fuchs, Apfel, einen Unterschied in dem Sinne, daß uns »Kaffee« unverrückbarer betont erscheint. Es ist uns nicht im mindesten auffällig, daß Pferd, Fuchs, Apfel in verschiedenen Ländern verschieden heißen, aber wir würden sehr erstaunt sein, wenn wir erführen, daß der Kaffee irgendwo wesentlich anders hieße als Kaffee. Wir fühlen, daß das Ausdruckskleid auf dem Gegenstand unabtrennbar sitzt, wie die Haut auf dem Leib, also ungefähr so, wie der Eigenname auf der Person, die ihn trägt. Im allgemeinen, ohne durchgreifende Regel, kann man sagen: je unterschiedsloser die Einzelkörper bei großer Masse auftreten, je gleichmäßiger sie auf den Menschen wirken, desto enger haftet der Name auf ihrem Wesen. Das törichte Bauernwort »auf deutsch heißt es nicht nur Brot, es ist auch Brot« wird ganz richtig in der Übertragung: es heißt nicht nur Kaffee, es ist Kaffee, denn das Sein und Heißen deckt sich für ihn fast restlos in der ganzen Welt. Und der Begriff des Wort-Übersetzens kann als unnütz und unmöglich gar nicht aufkommen. Wie nun, wenn wir eine ähnliche Empfindung durchmachten bei Worten, die sich allenfalls übersetzen lassen, bei denen wir aber doch spüren, daß sie vom Übersetzer gewaltsam operiert werden? Der Telegraph als Gebrauchsgegenstand wird philologisch richtig ein »Fernschreiber«, aber der Telegraph als Gegenstand der Erfindung trägt seine Bezeichnung als Eigennamen. Gauß und Weber haben keinen Fernschreiber erfunden, sondern den in aller Welt gültigen Telegraphen. Elektrizität heißt Bernsteinkraft, sofern der geriebene Bernstein als Grund der Erscheinung auftritt. Wo der Bernstein fortfällt, also nahezu überall, heißt und ist diese Kraft Elektrizität, das Wort ist zum unübertragbaren Eigennamen geworden. Zu vielen hunderten ließen sie sich aufzählen, die Worte, die wie Logik, Philosophie, induktiv, Subjekt, Hypothese, auf rein begrifflichem Gebiet, wie Akustik, Resonanz, Motiv, Symphonie auf musikalischem etc., zu vollständigen Eigennamen geworden sind für das, was sie bezeichnen. Und hierauf beruht im letzten Grunde das Mißbehagen, das den Feinfühligen befällt, wenn man ihm Übersetzungen aufreden will; mögen diese auch sachlich und wörtlich genau und zweckdienlich sein. Es ist das nämliche Mißbehagen, das sich einstellt, wenn vor unseren Augen einem Lebewesen die Haut abgezogen wird. Das Angewachsene, ob Haut oder Namen, abzuschinden, ist und bleibt eine Barbarei; bleibt es noch, selbst wenn es sich gar nicht um Naturkräfte, Erfindungen und erhabene Begriffe, sondern um ganz gewöhnliche Dinge des Tagesbedarfs handelt. Wenige Beispiele statt vieler: »Das Portemonnaie«. Man kann natürlich auch Geldtasche, Geldbeutel sagen. Aber warum bleibt alle Welt beim Portemonnaie? Nicht aus Laune, nicht aus sprachlicher Dickfelligkeit, sondern aus der Empfindung der Unabtrennbarkeit dieses Wortes, das dem Gegenstand als Rufname angewachsen ist. Wie auch »das Billardqueue« als Namen an dem schlanken Werkzeug haftet, mit dem man »Karambolage« spielt. Man übersetze: der »Spielstab«, der »Zusammenprall«. Aber der Billardspieler würde sich eher umbringen, ehe er sich hierzu verstände. Ihm würde der Unsinn genau so ungeheuerlich vorkommen, wie uns der spielerische Versuch grotesk und lächerlich erscheint, den Dichter Racine »Wurzel« und »Torquato Tasso« einen »verdrehten Dackl« zu nennen. Nicht immer waren das Spielereien in drolliger Absicht. Ich brauche nur an die Latinisierung und Graecisierung zu erinnern, die hervorragende Männer an sich selbst ausführten zum Zwecke innigeren Anschlusses an die Gelehrtenwelt. Mancher Herr Müller trat als Mylius, mancher Schneider als Sartorius auf, aus Schultze wurde Scultetus, Reuchlin nannte sich Kapnion, der Reformator Heußgen (Hausschein): Ökolampadius, und Melanchthon ist ja bekanntlich die genaue Übersetzung von Schwarze Erde, Schwarzert, wie Luthers Freund ursprünglich hieß. Es soll sich auch der umgekehrte Vorgang mit fehlerhafter Rückübersetzung ereignet haben, so daß aus einem Bürger Klein, der sich zu Parvus umtaufte, in weiterer Geschlechtsfolge eine Familie Barfuß entstammte. So sind vielfache Möglichkeiten gegeben, in Ernst und Scherz, absichtlicher oder zufälliger Verdrehung, aber aus allen zusammen ergibt sich für unseren Zweck das eine: daß zwischen der Übersetzung des Eigennamens und dem des sonstigen Ausdrucks nur ein Unterschied des Grades besteht. Wer mir im Ernst erklärte: Alles ist verdeutschbar, der nähert sich in meinen Augen schon merklich dem Gebiet, auf dem die sprachlichen Scherzblüten gedeihen. Und ich traue es ihm zu, daß er auf einer zukünftigen Riviera-Reise – er sagt Ufer-Reise – nicht wie andere Menschen von Ventimiglia über Menton nach Cannes, sondern von »Zwanzigmeil« über »Kinn« nach »Spazierstöcke« fahren wird, vorausgesetzt natürlich, daß ihm auf seiner Tour von irgendwelchem Herrn Poincaré – Vierschrotfaust – oder von Painlevé – Hebebrot – keine Hindernisse bereitet werden. * Was ist »völkisch«? Dem Sinne nach soll es wohl mit national übereinstimmen, in einer verbesserten, streng heimatlich betonten Ausgabe des Wortes. Die Übereinstimmung könnte aber nur dann gewährleistet werden, wenn Volk und Nation Begriffe von gleichem Umfang und gleichem Inhalt wären. Daß dies nicht zutrifft, wird mehrfach in diesem Buche erörtert. Hier möchte ich nur darauf hinweisen, daß Luther, den wir in diesen Dingen als vorbildlich anzuerkennen haben, den Unterschied deutlich wahrnimmt. Er spricht vom Volk und zum Volk als zu einer Gemeinde; wo er aber die Besonderheit dieses Volkes hervorheben will, wird es bei ihm zur Nation. Wo er von dem Urteil der Fremdvölker über unsre Volksgenossen spricht, werden ihm die Deutschen zur Nation; und er wendet sich an den christlichen Adel deutscher Nation, nicht des deutschen Volkes. Definiere man aber, wie man wolle, eins ist sicher: das Wort Nation hat das Adjektiv national unmittelbar und willig hergegeben, während sich »Volk« für diesen Zweck spröder verhielt. Die älteren Wörterbücher verzeichnen: volklich, volkhaft, völkerschaftlich, volksmäßig, und es läßt sich nicht leugnen, daß diese Ausdrücke dem national nur recht mangelhaft entsprechen; abgesehen von dem papierenen Beigeschmack, der einigen von ihnen anhaftet. Das Wort »völkisch« ist noch nicht hoch bei Jahren. Es kam auf im Zusammenhange mit gewissen Bewegungen von alldeutscher, nationalistischer Eigenart, und die Begier, mit der es aufgenommen wurde, zeigt jedenfalls, daß es einem starken Bedürfnis der betreffenden Kreise entgegenkam. Kein Zweifel, daß es sich dort vollkommen durchgesetzt hat und ein unentbehrliches Sprachwerkzeug geworden ist. Rein sprachbildnerisch genommen gehörte es nicht zu den glücklichsten Formungen der Neuzeit. Als es eben geboren war, klang es manchem so ähnlich, als hätte man versucht, das Wort Wolke für den adjektivischen Dienst einzurichten. Man könnte ja auch z. B. den Regen und das Gewitter als »wölkische« Erscheinungen bezeichnen. Der Unterschied liegt im Erfolg; »wölkisch« hätte keine Aussicht auf Annahme, völkisch hat sich behauptet und besitzt Geltung. Da dieses Buch sich lediglich mit der Sprache und durchaus nicht mit der Politik beschäftigt, so ginge uns die politische Bedeutung des Wortes eigentlich gar nichts an. Wenn es nur möglich wäre, die beiden Bedeutungen so zu trennen, daß wir für unseren Zweck das rein-sprachliche reinlich abzusondern vermöchten. Das ist aber, wie leicht zu sehen, undenkbar. Denn das Wort hat in jedem Betracht, auch im Sinne der durchaus nur Sprachbeflissenen, eine politische und zwar eine ganz ausgesprochene antisemitische Färbung gewonnen. Die Stellung für oder gegen ist hier ganz gleichgültig. Nur darf man dem Worte gegenüber keine Vogelstraußmethode betreiben. Man soll sich dessen bewußt sein, daß das Wort »völkisch«, auch im reinen Sprachkampf angewendet, antisemitisch gemeint ist und antisemitisch verstanden wird. Er hat diese Meinung und Wirkung nicht aus dem Hauptwort entnommen, verhält sich also zu Volk durchaus nicht so wie national zu Nation; vielmehr bezog es seine Besonderheit aus der Feder und dem Munde derjenigen, die es erfanden und in Umlauf setzten. Und wenn diese dem Wort völkisch den Vorzug geben, so geschieht es nicht deshalb, weil national ein Fremdwort ist, sondern weil völkisch schon im Augenblick seiner Entstehung in jener besonderen Beleuchtung erschien. Völkisch umfaßt also nicht das ganze Volk; es schließt eine Minderheit aus und will in dieser Absicht nicht mißverstanden werden. Es wird auch in der Regel nicht mißverstanden. In neun von zehn Fällen läßt schon der Zusammenhang in Rede und Aufsatz gar keine Nebenbedeutung zu, das Wort gibt sich treuherzig als das zu erkennen, was es nach dem Willen seiner Anhänger sein soll. Um so erstaunlicher berührt die Wahrnehmung, daß sich gerade unter den besten unserer neuesten Sprachreformer einige befinden, die es fleißig und nachdrücklich anwenden, obschon sie kein Wort so sorgsam zu vermeiden hätten als gerade dieses. Das Unbegreifliche, hier wird es Ereignis. Schriftsteller von Rang und Bedeutung, die etwas zu verteidigen haben, leihen sich die Jagdhörner der Gegner, um darauf zu blasen, malen ihre Fahnen mit den gegnerischen Farben und glauben ihrer Sache zu dienen, während sie mit dem Schlagwort völkisch im wesentlichen die Geschäfte der Widersacher vertreten. So lange in der Welt Symbole und Programmworte gelten, muß man seine eigenen haben und sich nicht so stellen, als könne man auch mit den gegenteiligen etwas ersprießliches ausrichten. Wer Welf ist, soll nicht Hie Waiblingen rufen, und ein Freigeist soll seine Freigeisterei nicht bei allen Heiligen beschwören. Wer im Widerspruch zu seiner Wesensart sich das Wort völkisch geläufig macht, bloß weil ein Kampfruf darin steckt, der gleicht einem Manne, der auszieht, um den Aberglauben zu bekämpfen und bei jeder Gelegenheit »unberufen« sagt. – Ich hege den Verdacht, daß diejenigen, die es angeht, sich des Widerspruchs gar nicht recht bewußt sind, der contradictio in adjecto, die hier wörtlich zu einer contradictio in adjectivo wird. Sie glauben, wenn sie mit völkisch hantieren, wie es ihnen gerade paßt, so werden die andern es genau so verstehen, und beileibe nicht so, wie der völkische Leitartikler und Abgeordnete es auffaßt. In meinem Verdacht steckt zugleich die Annahme, daß die sprachliche Feinfühligkeit jener Herren nur innerhalb enggezogener Grenzen rege wird. Denn wenn sie sprachlich nicht einmal abzutasten vermögen, was in ihren eigensten Interessenkreis fällt, wie sollen sie es dann können in Bereichen, wo sich das Persönliche ganz verflüchtigt? Und meine Annahme wird mir zur Gewißheit, wenn ich beobachte, wie sie es anstellen, um sich in den entlegenen Bereichen zurechtzufinden; nämlich immer mit demselben Werkzeug für Weg und Richtung; wie der Wanderer, der in den Gebirgstälern des Helikon umherstreift und sich zur Orientirung eine Wegkarte vom Teutoburger Wald mitgenommen hat. * Neue Gestaltungen . Wenn ein Deutscher wie der Held in Bellamys Rückblick vor Jahrzehnten in Starrschlaf verfallen wäre und heute plötzlich erwachte, so würde er sich in unserer Sprachwelt nicht ohne weiteres zurechtfinden. Rede und Buch würden ihm noch zur Not verständlich erscheinen, wiewohl er auch in ihnen recht viel zu erraten, zu ergänzen hätte. Ob er aber die Schwierigkeit in den Zeitungen über und namentlich unter dem Strich mit Verständnis überwinden könnte? Wir sind da, wie ich glaube, auf eine einseitige Perspektive eingestellt. Weil uns die Sprache vom Jahre 1800 der heutigen so ähnlich vorkommt, daß wir sie lesen wie die unsrige, machen wir leicht den Schluß, das müßte sich wohl bei angenommener Umkehrung ebenso verhalten. Der Schluß wäre aber sehr gewagt, vielleicht ganz verfehlt. Denn die Technik der Sprache hat sich verändert, wie die Technik überhaupt. In uns allen lebt noch die Technik von ehedem, die der Spinnstube, der Postkutsche, des auf Zeitüberfluß eingerichteten Verkehrs, und wir empfinden sie als unmittelbar begreiflich. Aber der in unsere Zeit hineingestellte Mensch von 1800 muß erst zu lernen anfangen, um über die Rätselhaftigkeit eines Bahnhofs, einer Telephonzentrale, eines Dynamowerkes hinwegzukommen, und vielleicht wird er den Bahnhof schneller begreifen als den Inhalt einer heutigen Zeitung. Oben im Leitartikel liest er von Männern, welche »die Klinke der Gesetzgebung« ergreifen, um eine neue »Wahlkreis-Geometrie« in Verbindung mit dem »Proporz« zu schaffen. Sie bereiten eine »Plattform«, um den »Schleichhandel mit Wahlstimmen« zu unterbinden und um zu verhüten, daß »reaktionärer Speck hintenherum in die Kammer geschleppt wird«. Was geht da vor? Was hat Klinke, Plattform und Speck mit Geometrie zu schaffen? Aber der Leser von Anno dazumal nimmt sich zusammen, er liest sich hinein und entdeckt schließlich einige Zusammenhänge. Bis zur genauen Erfassung des »Proporz« wird er zwar nicht vordringen, aber er ahnt doch, daß da von einer gewissen Neuordnung einer gewissen gesetzgebenden Körperschaft die Rede ist. Eine Frage wird »angeschnitten«; zu seiner Zeit wurden Würste angeschnitten, Fragen aber erörtert. Ein Gesetz wird »verabschiedet«, das heißt also, denkt er, weil es nichts taugte, bekam es als untauglich den Abschied. Weit gefehlt: es wurde angenommen, fiel nicht »unter den Tisch«, erhielt Gültigkeit. Verabschiedet bedeutet mithin: nicht verabschiedet. Ihm vorauf ging ein »Mantelgesetz«, und die Gültigkeit ergab sich durch einen »Hammelsprung«. Schwieriger Fall; um 1800 hatten die Gesetze keine Mäntel und standen in keiner Beziehung zu springenden Hammeln. Der Leitartikel spricht von Abgeordneten, welche »umfallen« und von anderen als den Nachfolgern der »Kanalrebellen«, welche »die Treppe hinauffielen«. Wie macht man das, und in welchem Kanal stehen für Rebellen solche der Schwerkraft entgegenwirkende Treppen? nicht zu ergründen. Der Leser blättert die Zeitung um und findet auf der Folgeseite wieder eine Unmenge von Ausdrücken, die in seinem alten Vokabular entweder gänzlich fehlten oder darin eine für die Neulesung unverwendbare Bedeutung hatten. Was Krieg ist, glaubt er zu wissen, die Ausdrücke »U-Boot-Krieg«, »Gasangriff«, »Trichtergelände« und Dutzende dazu blicken ihn als Fremdlinge an. Auf »Seegeltung« vermag er sich allenfalls einen Vers zu machen, die »Gulaschkanone« bleibt ein ungelöstes Rätsel. Er stößt auf »Hapag«, »Wumba« und »Flak«. Hundert Jahre angestrengten Nachdenkens würden ihn nicht auf die Spur bringen. Er fängt an sich zu erkundigen. »Flak«, so sagt man ihm, ist eine Abkürzung nach Anfangsbuchstaben und bedeutet: »Flugzeug-Abwehr-Kanone«. Da hat er die wörtliche Erklärung; aber bei Flugzeug denkt er an die alten friedlichen Maschinen von Montgolfier und Charles, und die Feindschaft zwischen Ballon und Kanone müßte ihm besonders erläutert werden. Mit halbem, viertel oder gar keinem Verständnis liest er: funken, Funker, Blindgänger, Autotempo, Autobus, Kintopp, Aufmachung, Überbrettl, Tintenkuli, Einpeitscher, Pendelverkehr, schlechte Kinderstube (vom erwachsenen Menschen), Kaffee Größenwahn, Kohlenhamster, Zwangsläufig, Kriegsgewinnler, Ufa, Malzschieberei, Kochkiste, Einwecken, Abbauen (Abbau von Zensur oder von Warenpreisen), Sinnfeiner, Streikposten, markenfrei, sich anstellen, Zigarrenpolonäse, Kurzschluß, Steuerflucht, Trust, Drahtung, Papierkontingent, Mehlstreckung, Überfremdung, Überalterung, Rechts- und Linksputschist, Iststärke, freibleibend und greifbar (von Waren), Flächigkeit (bei Gemälden), Hausbrand (im Sinne von Heizung), Zionist, Verreichlichung (wie Verstaatlichung), Treuhänder, Scharfmacher, und dazwischen wird er sogar von allgemein verständlichen Worten beunruhigt, wie: Errungenschaft, Findung, Fühlung, großzügig, abwegig, Schneid, ertüchtigt, Woller, Wollungen, Sehnsüchte, Auswirkungen, denn die schrankenlose Pluralbildung war zu seiner Zeit noch nicht im Schwange, und »Auswirkung« z. B. bedeutete damals etwas ganz anderes, nämlich das Erzielen einer Wirkung, während wir es heut mit dem inneren Ausreifen einer Fähigkeit gleichsetzen. Gerät er an Feuilletons mit Wissenschafts- und Kunstbehauch, so wird ihm oft genug zumute werden, als läse er Abhandlungen in ganz fremder Sprache. Die derberen Ausdrücke wie »Kitsch«, »Schinken«, »Schwimmen« (beim gedächtnisschwachen Schauspieler), »verschlimmbessern«, »Aufkläricht«, »Kraftstofflich«, »Schusterfleck« (in der Musik Spottname für gewisse Motiv-Wiederholungen), »Klavierwalküre«, »Krawattentenor«, »Zotologie«, »Parnassauer«, vermöchte er vielleicht zu entsiegeln; aber aus den verfilzten Begriffssynthesen, aus den undurchdringlichen -ismen, die ihn umwuchern, kann er sich mit aller Anstrengung nicht herauswickeln. Heute darf man schreiben: »Der Rhythmus, der dieses Portrait beherrscht«, »Der melodiöse Ernst dieser Malerei ...«, »in jenem Drama steckt Atmosphäre ...«, »Kommt man von Salome zu Pelleas, so ist einem zumute, als wendete man einem furiosen Goya, der im Blute schwimmt, den Rücken und träte vor einen verdämmernden Turner«, »... Eine Harmonik von zwingender immanenter Logik und in ihrer impressionistischen Gelöstheit kaum anders als im blinzelnden Ohre zu empfangen«, »Der Dichter dieses Schauspiels harft auf Charakteren, die sich in grünlichen Ellipsen bewegen ....«; man darf das schreiben und findet immer Leser, die es verständnisinnig aufnehmen. Zu diesen wird der Mann von 1800 nicht gehören. Eine Welt trennt ihn von den Ausdrucksformen dieser Sprache, die ihn mit Unbegreiflichkeiten überfällt. Wiederholen wir das Gedankenexperiment an uns selbst, versetzen wir uns in die Lesung eines Blattes vom Jahre 2000. Alle Wahrscheinlichkeit spricht dafür, daß auch wir einer im Ausdruck fernen Sprache entgegentreten würden, zu deren Erfassung uns wichtige Vorbedingungen fehlen. Wir können sie ebensowenig voraussehen, wie ein Zeitgenosse des Mozart die Melodik des Parsifal oder des Rosenkavaliers hätte vorausahnen können. Rückwärts gemessen, bedeutet ein Jahrhundert im Leben einer Sprache sehr wenig, vorwärts gemessen, eine Ewigkeit. Ich zweifle nicht daran, daß diese Sprache von 2000 manche Bestandteile aufzeigen wird, die ihren Ursprung in der heutigen Sprachbewegung finden. Trotzdem ist mit aller Sicherheit vorauszusagen, daß diese Bestandteile nach Menge und Einfluß vollkommen verschwinden werden gegenüber anderen Wandlungen, die sich aller Vorausberechnung entziehen. Und die Ausdrucksvögte von heute würden gewaltig erstaunen, wenn sie wahrnehmen könnten, wie wenig dann von ihrem Werk übriggeblieben ist. Auch im folgenden Jahrhundert wird es an Sprachvögten nicht fehlen; aber die werden sich und ihrer Mitwelt in ganz anderer Weise das Dasein versauern. * Das Tor nach Halb- und Ganzasien ist aufgesprengt, und so steht zu erwarten, daß auch vom Osten her eine Reihe von Ausdrücken in unser Deutsch einziehen wird. Bisher hielt sich dieser Import in recht engen Maßen. Wir haben von früher den »Ukas«, den »Tschin«, den »Samowar«, die »Sakuska«, die »Potemkiniade«, neuerdings ergänzt durch die Duma, den Pristaw, den Pogrom, den Sowjet, den Bolschewismus, die in leisen Anspielungen herüberklingen. Noch sind sie kaum gebrauchsfertige Fremdwörter geworden. Sollte sich ihre Anzahl und ihr Einfluß vergrößern, dann wird die Verslawung der »Verwelschung« an die Seite treten, und das alte Schlagwort kann sich erneuern: Nur der Deutsche bringt das fertig! keinem Russen fällt es ein, mit deutschen Fremdbrocken seine Rede zu vermanschen! und das wird natürlich auch geglaubt werden, genau wie in dem Falle von Deutsch-Französisch, den wir an anderer Stelle dieses Buches mit dem ausführlichen Beweise des Gegenteils erörtern. Mir selbst ist das Russische ganz fremd, und ich beabsichtige auch nicht es zu studieren. Aber für den vorliegenden Zweck genügt mir ein sicherer Gewährsmann. Ich entnehme die folgenden Angaben den Mitteilungen von R. Rotheit, der bei seinem Aufenthalt in Kiew manche Urwüchsigkeiten des Russischen festgestellt hat: »Eine gewisse, zusammengesetzte Speise, die als Vorgericht genossen wird, ist bei den Russen als ›Vorschmack‹ bekannt, und belegte Brödchen, einerlei womit, nennt man ›Butterbrode‹, auch wenn keine Butter darauf ist. ... Ein Gemälde heißt ›Landschaft‹, Schmuckgegenstände heißen ›Kleinode‹, und wer sich setzen will, der setzt sich auf einen ›Stul‹. Die Hofdame ist ein ›Frejlen‹, Mehrzahl ›Frejlini‹, der Hofmeister wurde zum ›Gofmeyster‹, dann gibt es ›Stalmejster‹, ›Gefrejte‹, ›Wachtmejster‹, ›Rottmejster‹, einen ›Berajter‹, eine ›Patrontasch‹ ... Für den Mann, der einem den Bart rasiert und die Haare schneidet und für den im Deutschen noch immer der richtige Name gesucht wird, haben die Russen überall die echt russische Bezeichnung: ›Parikmacher‹ (Perückenmacher). Das Schmuckstück der männlichen Kleidung, über dessen deutsche Benennung wir uns in Deutschland ebenfalls noch die Köpfe zerbrechen, heißt bei den Russen einfach ›Galstuck‹ (Halsstück), Mehrzahl ›Galstuki‹. Tritt ein fremder Künstler in einem Theater auf, so gibt er ›Gastroli‹ usw.« Was ja alles schließlich nicht sehr absonderlich erscheint in Betracht des deutschen Einflusses, der sich ja auch in Dutzenden deutscher, auf russischem Boden gedruckter Zeitungen zu erkennen gibt. Die kleine Auslese soll nur zeigen, daß aus allen Weltecken her die Nörgler zu widerlegen sind, wenn sie uns immer wieder einen unvölkischen Frevel um die Ohren schlagen, dessen nur wir, wir allein unter allen Erdenvölkern, fähig sein sollen. * Es gibt Anekdoten mit treffender Scherzmoral, die das Wesen gewisser Übersetzungskünste genauer kennzeichnen als jede Fachkritik. Der Feldwebel korrigierte einen Einjährigen, der im Dienst von einem abrupten Befehl gesprochen hat: »Et heißt nich abrupt, et heißt: abjeruppt!« Die Verdeutschung des Feldwebels ist nämlich, so komisch sie auch klingt, wertvoller als die aller Wörterbücher, da sie allein sachliche und etymologische Richtigkeit vereinigt: Die Kommandoworte sind aus einem ausführlicher gedachten Befehl herausgerupft, wie die Federn aus einem Vogelhals, und tatsächlich ist dieser Zusammenhang in abrumpo, abruptus kenntlich, wofür in den römischen Klassikern Belege zu finden. – Aus einer Synagoge ist ein »Schofar« gestohlen worden, jenes eigentümliche Blasinstrument, das an hohen Feiertagen rituellen Zwecken dient. Der Synagogenvorstand wird vom Richter nachdrücklich bedrängt, den Gegenstand zu erklären. Immer wieder behauptet der Zeuge, ein »Schofar« sei eben ein »Schofar«; schließlich bequemt er sich zu der Übersetzung: – »e Trompeten.« »Nun, sehen Sie, wie Sie es mit einem Mal erklären können –, warum haben Sie das nicht gleich gesagt?« – »Herr Richter, nu, is es denn e Trompeten?« Diesem Blasinstrument lassen sich hundert fremdsprachige, sogar fast eingedeutschte Dinge und Begriffe zur Seite stellen. Sie lassen sich, wenn es durchaus verlangt wird, zur Not in Übersetzungen auflösen, ergeben aber dabei trübe Rückstände und Niederschläge. Für »Revolver« z. B. kann man sagen »Drehschießeisen«, für »Radium« Strahlstoff, und für den Augenblick mag's hingehen. Schließlich aber kommt doch einmal die Frage: ist es denn ein Drehschießeisen? ist es denn ein Strahlstoff? * Die Sprache soll sterilisiert, entkeimt, von schädlichen Bakterien befreit werden. Wäre es möglich, was wäre der Erfolg? Das Wort selbst gibt die Antwort; denn sterilisieren bedeutet auch steril, unfruchtbar machen. Und die Physiologie ergänzt, daß mit der Abtötung aller Bazillen auch der Organismus selbst zum Tode verurteilt würde. Ein kreisender Saft kann durch Sporen und Kokken erkranken; er muß verderben, wenn aus ihm sämtliche Mikroben herausgetrieben werden. Ein anderer Bildvergleich führt auf die Symbiose von Blume und Insekt. Wie häßlich, dieser kleine brummende Unhold, der die Blume belästigt und ihren besten Nährsaft fortträgt! Gewiß, man wird der Blume (der Heimatsprache) den größten Dienst erweisen, wenn man die wimmelnde Horde der Insekten (der Fremdworte) totschlägt. Nur daß man durch eben dieses Verfahren der lieben Pflanze eine unerläßliche Lebensbedingung entzieht. Sie stirbt aus, wenn kein Insekt vorhanden, das ihre Samenzellen abnimmt und zu anderen Geschlechtsorganen weiterträgt. So ist auch die Sprache, die deutsche, auf die schwirrenden Gewimmel der Fremdworte symbiotisch angewiesen. Sie sind die Liebesvermittler zwischen getrennten Werten und ermöglichen die Fortzeugung neuer Ausdrucksgebilde. Daraufhin prüfe man eine Menge von Neuprägungen in zusammengesetzten Ausdrücken; sie wären nie zustandegekommen, wenn nicht zuvor das Fremdwort zwischen den einzelnen Wortteilen gesummt hätte, Beiwort und Hauptwort hätten sich nicht umschlungen ohne den Kuppeldienst der vielverlästerten Fremdlinge. * Wenn einer die sprachverseuchten oberen Zehntausend meidet, um sich beim niedern Volk anzusiedeln, so kann er zu seltsamen Erfahrungen gelangen. Gewiß, er wird in der Tiefschicht nichts zu hören bekommen von Synthesen, Prophylaxen, Peripetien, Symbolismen, Paralogismen und solchem Zeug. Aber das Paradies der Reinheit wird sich auch bei den Unverbildeten nicht erschließen. Der gemeine Mann leugnet noch heute die Plattform und das Abteil, er stellt sich auf den Perron, setzt sich ins Kupee, verlangt auf der Station ein Billett, fährt retour, geht in die Kantine, bestellt sich kein Ripplein, sondern Kotelette, Bulljon, Fisch in Aspik, Frikassee, plaudert mit dem Portier vom Toto, spielt mit dem Polier eine Karambole; für ihn heißt es unentwegt Montör, Schofför, Adresse, Kuvert, Alibi, Motor (Motohr), Trottoir, Rendezvous, Paraplü, pleite, meschugge, und seinem Feind, dem Filuh, der Karnaillje, haut er mit Forsche eins in die Fassade. Wobei festzuhalten, daß der gesamte Wortvorrat des gemeinen Mannes sehr gering ist, verglichen mit dem des Hochgebildeten. Eine Vergleichsberechnung läßt sich natürlich nicht aufstellen, allein alles spricht dafür, daß der Mann von der Gasse prozentual ebensoviel Welsch verbraucht, als der Mann der Gelehrtenstube. Sollte die Reinheit in den kleinsten Orten, weit entfernt von den Mittelpunkten der Überbildung anzutreffen sein? denkbar wär's, wahrscheinlich ist es nicht. Ich schlage ganz aufs Geratewohl die »Urgeschicht von Mecklenborg« auf und finde da beim ersten Blick die Worte: Chronik, Avkaten (Advokaten), infam, Produkte, Manieren, Parteien, Cuntrebutschon (Kontribution), Collegen, Diplomatiker, das grundwüchsige Ackern wird noch verwelscht und heißt auf urmeckelnborgsch: ackerieren. Einem forschenden Fremdling könnte es in der kleinsten Kleinstadt begegnen, daß er vergebens nach dem »Bader« fragt; errät der Eingeborene den Wunsch, so erteilt er vielleicht die Auskunft: Zum »Barbier«? »direkt visavis«! Unser herrlicher V-Vischer, von Haus aus ein Starkwelscher, hat sich in seinen Pfahldorfgeschichten alle erdenkliche Mühe gegeben, ein durchgesiebtes reines Urdeutsch hinzustellen; in den Reden, die er den Vorzeitlichen selbst in den Mund legte, also Menschen, die vor Jahrtausenden, in der Steinzeit, lebten, und von Humanisterei und Französelei ganz gewiß noch nicht angesteckt sein konnten. Er bemerkt zudem ausdrücklich, daß seine Pfahlmänner jedes fremdländische Wort verabscheuten. Aber auch sie verfielen ins lehnwörteln und fremdwörteln, in ihren pfahlbäuerischen Reden gibt es »Religion«, »phantastisch«, »trivial«, »Produkt«, »dogmatisch«, »Ära«, »Poesie«, »Exekution«, usw. In den deutschen Hochalpen strecken sich unberührte Seitentäler, zu denen keine Stimme der Außenwelt dringt. Seitlich vom Pflerschtal leben Älpler, deren ganzer Sprechvorrat aus wenig Dutzenden Worten besteht, die nur in engster Umgebung verstanden werden. Vielleicht sind diese Weltabgeschiedenen die Inhaber der ersehnten Reinheit. An der Grenze der Stummheit kann die Sprache wohl nicht merklich verludert, vermanscht und verschmuddelt werden. * Es gibt Leute, die der Sprachkrankheit von unten herauf beikommen wollen, anfangend bei der unzerlegbaren Sprachzelle, beim Buchstaben. So ein Wille führt die Gleichgestimmten zu einander, erzeugt einen Verband mit Programm und Satzungen, führt im engeren Umkreis zu einer Bewegung. Ob der Verein der »Lauttreuen« heute noch wirbt und wirkt, ist mir nicht bekannt. Sollte er verstorben sein, so wird er zu gelegener Zeit wieder aufleben, denn jede Quacksalberei ist an den Segnungen der ewigen Wiederkunft beteiligt. Seine ersten für uns wahrnehmbaren Zeichen entfaltete er 1876, und durch ein Menschenalter konnte man seinen Spuren begegnen. Auf den Angriff einer Berliner Tageszeitung erfolgte im Jahre 1910 nachstehende Entgegnung eines Heilmeisters, der im Auftrag der »lauttroien« einer gesunden »fonetik und lautlere« das Wort redete: ... das es zehr vohl möhklic ist, di ausschpraxe gants genau vidertzugeben, bevaist das fohrhandenzain des internatsionalen lautschriftferains ... ven es dem hern ferfasser belihpt, zic über uns lustig tsu maxen, zo tseikt dihs eben nuhr fon Unkenntnis der zaxe. ven man aber etvas nixt kent, zol man eben hüpsch den munt halten. vihr erschtreben mit unzerer schraibug nuhr das beste. bedegen zi bitte, vifihl unnütse tsait mit dem erlernen der oft föllic züstehmlozen, schtellenvaise zogahr blöhtzinnigen zogenannten »rect«schraibug fergoidet virt! vi fihl besser könte zi führ andre, unendlic victigere lerfäxer fervendet vehrden! Man kann es bedauern, daß die Lauttroien bisher im Geistesleben der Nation nicht stärkere Furchen gezogen haben, braucht aber an der Zukunft dieser »rect schraibug« noch nicht zu verzagen; um so weniger, als ja gewisse Spuren im sprachlichen Flugsande noch immer das Walten dieser Bestrebungen verraten. Erst unlängst gab es Anwälte einer »einheizortografi«, die »orzname« und »rechzgefül des deutschen folx« empfahlen. Wenn wir heute statt Bureau schreiben dürfen Büro, statt Cake Keks, statt Check Scheck, statt Chauffeur Schofföhr, statt Queu Kö – Heil diesem Fortschritt! –, so müssen wir uns vergegenwärtigen, daß solche prächtige Errungenschaften durchaus auf der Linie lagen, die uns die Lauttroien vorgezeichnet haben. * Angesichts der immer bedrohlicher auftretenden Wort-Ungeheuer möchte ich eine verkannte Größe zu Gnaden empfehlen. Eigentlich ist es gar keine Größe, sondern eine winzige Kleinheit. Aber sie kann für Auge und Verstand Bedeutung gewinnen, Schädlichkeiten verhüten und besonders auch den Auslandsdeutschen, die unserer Schrift mit wachsender Ratlosigkeit gegenüberstehen, eine Hilfe gewähren. Unsere rezepttiftelnden Schulmeister erwarten solche Hilfe von zweckentsprechender Abteilung der Silben am Schlusse der Zeilen. Wichtiger wäre die Abteilung der Worte mitten in der Zeile, mitten in ihnen selbst. Jene kleine, verkannte, hier so notwendige Größe ist: der Bindestrich . Ihm fällt die Aufgabe zu, im Wortgefüge zu gliedern und die Übersicht zu erleichtern. Er wirkt vorbeugend und antiseptisch gegen Mißverständnisse, Sprachgreuel und klangliche Unbilden. Leider wird dieses so wichtige Kleinwesen im Leben der Sprache von Schreibern und Druckern mehr und mehr ausgerottet. Statt See-Geltung schreiben wir Seegeltung. Die Übung verlangt es so, obschon das Auge immer wieder Einspruch erhebt. Es kommt nicht davon los, den Akzent auf der ersten Silbe zu suchen und das Wort sinnwidrig in Segel-tung zu zerlegen. Auch bei anderen See-Anfängen meldet sich ein inneres Organ mit falscher Orientierung: das Seeende bringt als störendes Nebenbild das Sehende, der Seeigel ruft nach dem Bindestrich, um in der Mitte sein ei loszuwerden. Was bedeutet »Bilderfolge«, eine Folge von Bildern oder Bild-Erfolge? Was ist ein Eiersatz? ein Satz Eier oder ein Ersatz für Ei? Auslandsdeutscher, verlaß dich aufs Raten! und was ist deutlicher »Arm-Ersatz« oder Armersatz mit seinem sinnwidrigen Auftakt »Armer«? Mitten im Wort entstehen Sonderwesen ohne Aufenthaltsberechtigung. In »Erbübel« tummelt sich ein Bübel, während wiederum im wohligen »Braustübel« eine schreckhaft an Brust-Übel erinnernde Buchstaben-Verbindung auftritt. Unmotivierte Tiergebilde spuken in bindestrichlosen Worten: in »Alibigelegenheit« kriecht ein Igel umher, in »Totalausverkauf« eine Laus; im »Hammelsterben« hüpft eine Elster, im »Schwanenteich« schwimmt eine Ente. Niemals wird das lesende Auge begreifen, warum »Spargelder« mit Spargel anfangen müssen, was im »Telegrammempfang« die Amme, was in »Kunstrichter« der Trichter zu suchen hat. Störend sind Rienzi in »Fe rienzi el«, Tauben in » Tauben etzt«, Tante in »Drah tante nne«, Mama in »Du mama nifest«, Talent in » Talent wässerung«, Trara in »Ul trara dikale«. Unschön wirken die stammelnden »Stammeltern«, das Zeitwort »nachtrollen«, kaum zu unterscheiden von Nacht-Rollen, »Nachteilzüge«, also Eilzüge, die einen Nachteil bringen, im Gegensatz zum »Vorzug«, dessen Vorzüglichkeit darin besteht, daß er im Fahrplan nicht besonders vermerkt wird. Eine besondere Tücke des Objekts zeigt »Mittw ochs g esel l schaf t« mit seiner ruchlos eingekapselten Menagerie Ochs-Esel-Schaf; dagegen kann sogar der Bindestrich nichts ausrichten; wohl aber kann er den blöden Schmerzensruf Au! Au! in »B auau sführung«, wenn auch nicht verhüten, so doch sinnig abdämpfen. Unerläßlich erscheint er bei Them seufer , Han saufer und Ode rufer zur Beseitigung der sinnwidrigen seufer, saufer und rufer. Doppeldeutung kann er beseitigen bei Zugreifen (Zug-Reifen – zugreifen), Gründung (Grün-Dung). In vielen Fällen erspart er dem Blick das Stolpern über Fremdkörper; stockt nicht das Auge beim Striegel in Indu striegel ände? oder beim » Stocken gländer«, wo sich das Stocken selbst mit einem zusammengeschobenen Geländer ankündigt? Es kann noch schlimmer kommen; z. B. in dem unzählige Mal gedruckten Wort » Urinstinkt «, dem man die Erinnerung an übelduftenden Urin durch sinngemäße Trennung in Ur-Instinkt so leicht abgewöhnen könnte. Läßt sich die Konsonantenstülpung in länglich zusammengesetzten Worten nicht verhüten, so mildere man wenigstens ihre phonetische Mißwirkung. Schreibt man Großkampf-Schiff, so erteilt der Bindestrich den Sprachwerkzeugen einen leisen Wink, sich neu einzustellen. Bei »Großkampfschiff« wird das unmöglich, zwischen dem Blaselaut pf und dem Zischlaut sch liegt im Munde ein mechanisches Hindernis, das sinnfällig hervortritt, wenn man bei deutlichem Aussprechen die volle Aufmerksamkeit auf die Stellung der Organe richtet. Wo die Zischlaute aufeinanderplatzen, wird die Schwierigkeit des unvermittelten Übergangs noch stärker; man beobachte die tonerzeugenden Werkzeuge in Worten wie Waschschüssel, Klatschschwester, Schwatzstube, Fischschuppe, Fortbildungsschulzwang. Da sind ferner die Konsonanten in dritter Potenz. Stutzt nicht noch heute jeder Schreiber wenigstens für die Dauer einer Sekunde, wenn ihm Worte wie Schifffahrt, Helllicht in die Feder kommen? Mit klaren Ursprungs-Zeugnissen treten diese Gebilde auf, und man sollte darin nicht herumkorrigieren, um die Dreizahl der Buchstaben in eine Zweizahl zu verfälschen. Sie verlangen ihre wohlgezählte Menge, die Stillleben, Schnellläufer, Klapppult, Kristalllinse, Kammmacher, Schallleitung, Brennnessel, Schlammmolch, Rollladen, Stofffülle, Sperrriegel, und der Dreizahl beinahe gleichzuachten ist die Doppelerscheinung der räuspernden ch in Sprechchor oder in Bachchromatik. Nur die Trennung kann hier helfen, nicht aber eine von Amtswegen erlassene Regel, die mir einfach aufgibt: »Wenn bei Zusammensetzungen drei gleiche Mitlaute zwischen Selbstlauten zu stehen kommen, so ist einer davon zu streichen.« Also in Galopppferd oder in Falstafffluch bleibt es beim Dreifachen, aber der Brennnessel, der Schifffahrt wird ein wohlerworbener Buchstabe abgesägt. Kein Sprachamt rührt sich, um die unförmlichsten Wortklötze zu zerschneiden, aber hier wird das Amputationsmesser zur Eisenbartkur angesetzt. Für mich sind Schiff und Fahrt geschlossene Organismen, und eine Schiffahrt kommt mir vor wie eine schiefe Fahrt mit amputiertem e; verkürzt man die Stalllaterne um ein l, so ergibt sich für mich eine Stahl-Laterne mit fortgeschnittenem h. Und das Stilleben ohne drittes l gilt mir als das Leben eines Stils oder einer Stilgattung. Bindestrich, steige aus der Versenkung und erbarme dich des Problems! Die erwähnte amtliche Verordnung geht, wie mir wohl bekannt, am Bindestrich nicht grundsätzlich vorbei. Sie verordnet ihn sogar als Schutz gegen Irrungen in Worten wie Schill-Erinnerung, Drucker-Zeugnis und dem vorgenannten Grün-Dung. Aber damit schöpft sie doch nur Tropfen aus einem Ozean von Möglichkeiten, die aus dem Reichtum unserer Sprache fließen und sich in beständig wachsenden Ausdrucks-Verkettungen äußern. Einstweilen harrt der Bindestrich seiner Berufung in Geduld. Noch ist seine Zeit nicht gekommen; aber wenn wir erst bei Wort-Mammuten von dreißig Silben und darüber anlangen, dann könnte sich doch die Sehnsucht nach dem Zeichen erheben, das so geringen Platz beansprucht und so bedeutende Ordnungs-Hilfe leistet. Dann mag es wirken, bis es selbst wiederum – wie an anderer Stelle dieses Buches zu lesen – durch die noch stärkere Leistung des abkürzenden Weltwortes überflüssig wird. * Liebliches und Betrübliches. Ich blättre in älteren Kammerberichten und stoße auf ein Kuriosum, das ich in aller Wörtlichkeit hierhersetze. Deutscher Reichstag vom 30. März 1911. Abg. Gräf -Weimar (Wirtsch. Vg.): Wir hatten unseren Antrag von allen Fremdwörtern gesäubert, die hier noch gebräuchlich sind, wie Etat, Kommission usw. Es wurde uns aber erklärt, daß ein solcher Antrag nicht gedruckt werden könnte. (Heiterkeit.) Den Seniorenkonvent könnte man Ältestenrat nennen. Auch für das Bureau, wo der Direktor sein Domizil – (Große Heiterkeit), – seinen Wohnsitz hat, wird sich ein anderes Wort finden. Sachliche Differenzen – (Erneute Heiterkeit) – existieren – bestehen in dieser Frage wohl nicht. Präsident Graf Schwerin -Löwitz: Ihr Antrag soll zurückgewiesen worden sein, weil er Fremdwörter enthielt? Abg. Gräf : In Konsequenz (Große Heiterkeit) unseres Antrages hatten wir alle Fremdwörter ausgemerzt. Präsident Graf Schwerin -Löwitz: Der Antrag war als Adresse an den Präsidenten gerichtet. Meine Vorgänger haben aber stets den Standpunkt vertreten, daß Adressen an den Präsidenten nicht der Geschäftsordnung entsprechen. Abg. Pütz (Ztr.) fordert, daß die Uhr, die sich jetzt an der Hinterwand des Sitzungssaales befindet, an der Vorderwand angebracht wird, damit sich die Abgeordneten nicht umzudrehen brauchen. (Große Heiterkeit.) Abg. Speck (Zentr.): Die Budgetkommission, oder um mich möglichst deutsch auszudrücken: Die Kommission für den Reichshaushaltsetat (Schallende Heiterkeit), – so ist der offizielle Titel (Erneute Heiterkeit), hat sich auch mit dem Grundstück gegenüber dem Reichstag beschäftigt, das jetzt zu Spekulations zwecken verkauft werden soll, usf. Wird diese Verhandlung einem der ganz Unentwegten vorgelegt, so wird dieser ganz gewiß nicht in die schallende Heiterkeit einstimmen, vielmehr den Vorgang mit großem Bedauern auf die allgemeine »Sprachkrankheit« des deutschen Volkes zurückführen; um so mehr, als die Herren vom Reichstag ja als der sprechende Ausdruck des Volkes betrachtet werden sollen. Liegt aber eine Sprachseuche vor, so darf man sich auch der Volksweisheit nicht verschließen, daß Lachen gesund macht. Das Lachen, sagt Dante , ist nichts anderes, als ein wetterleuchtendes Aufblitzen der Seelenfreude, ein Aufzucken des Lichtes nach draußen, so wie es innen strahlt. Und diese Bedeutung hatte auch das dröhnende Gelächter in jener Reichstagssitzung. Es war der Ausdruck unbändiger Freude darüber, daß die Herren, die etwas Sprachliches beweisen wollten, im nämlichen Atem den überzeugenden Gegenbeweis durch den Saal schmetterten. * Es ist an sich schon fehlerhaft und kindisch, dem Heer der sogenannten Fremdworte mit Übersetzungen beikommen zu wollen; aber ein offenkundiger Schaden wird angerichtet in den zahllosen Fällen, wo sich Wort und Begriff über die platte, greifbare Gegenständlichkeit erhebt, um irgendwelche Berührung mit dem Geistigen zu gewinnen. Da wird Verrat am Wort geübt, und der gesunde Menschenverstand, wie er sich in kurzer Spruchweisheit kundgibt, hat dies auch niemals bezweifelt. » Traduttore – traditore « heißt es im Italienischen, » Qui traduit – trahit « im Französischen mit jener wortspielerischen Kürze, die so oft als das Kennzeichen echter Volkserkenntnis auftritt. Niemals ergibt sich eine vollständige Gleichheit zwischen zwei Texten, die mit einander korrespondieren sollen. Das Wort sie sollen lassen stan, und wer sich dagegen vergeht, der verrät es, il trahit, er wird traditore. Im Deutschen fehlt bislang ein ähnliches Kernwort; vielleicht wird es geboren werden, wenn eine gesteigerte Sprachkultur uns die Sünden der Gewaltverdeutscher recht fühlbar gemacht hat. Vielleicht wird man dann sagen: Übersetzer–Überschwätzer! und dadurch ausdrücken, daß Schwatz, Überschwatz aufgeboten werden muß, um die Leute zu überreden, Wortersatz für Urwort hinzunehmen. * Der Meister kann die Form zerbrechen , so besonders auch die Form, die er durch Schule, Grammatik und Überlieferung dargeboten vorfindet. Es fragt sich bloß, ob das Gebilde, das aus der zerbrochenen Form zu Tage tritt, auch wirklich klingt. Wir begegneten solch einem Meister vor längerer Zeit, etwa anderthalb Jahre vor Kriegsbeginn. Damals hatten etliche Abgeordnete (Dr. Werner, v. Liebert und Kuckhoff) die Errichtung eines Reichsamtes für deutsche Sprache gefordert, als eine Machtstelle gegen die Sprachverderber. Wenn daraus im ersten Anlauf nichts geworden ist, so mag das daran gelegen haben, daß die geeigneten Kräfte nicht zu beschaffen waren, obschon bei uns an willenskräftigen Personen mit sprachamtlicher Begabung kein Mangel herrscht. Einer dieser Willenbesitzer, seines sonstigen Zeichens hervorragender Politiker und Leitartikler, hatte sich auch des Antrages mit der ganzen Wucht seiner Schriftleitung angenommen und hatte sofort zur Probe auf das Exempel in der nämlichen Nummer seiner Zeitung folgendes geschrieben, selbstverständlich in ganz anderem Zusammenhange, aber doch als Musterbeispiel im Sinne des Befähigungsnachweises: Allgemein scheint uns in beinahe allen Zeitungsäußerungen der letzten Wochen über liberianische Angelegenheiten eine Unklarheit darüber zu herrschen, daß der Präsident von Liberia, ob er nun Neger ist, oder was sein Beruf früher war, ehe er Präsident wurde, wie endlich sein Bildungsgrad sein mag, er dessenungeachtet als Präsident im Sinne der internationalen Etikette behandelt werden muß, ebenso wie der Präsident der Vereinigten Staaten, oder um ein anderes Extrem zu nennen, wie der Präsident von Haiti. Auf der ersten Seite desselben Blattes las man's anders. Da wurde das Reichssprachamt herbeigesehnt als Erwecker der alten, kräftigen, frischen Mundarten, da wurde gegen das leidige »hölzerne Papierdeutsch« fröhliche Attacke geritten. Wie nun, wenn das Reichssprachamt nächsten Tages erschaffen worden wäre? Welche Maßregeln hätte es gegen den krausen, papierdeutschen Liberia-Satz mit seinem Berufs-Neger zur Anwendung gebracht? Das können wir natürlich nicht wissen. Desto sicherer sind wir in der Behauptung, daß das »dritte Ohr«, so wie Nietzsche es versteht, gerade bei denen am seltensten vorkommt, die am stärksten auf den Besitz dieses Organs angewiesen wären. Selten genug ist es ja überhaupt. Und wenn es einer sein eigen nennt, dann hat er aus den Geheimnissen der Sprache zum mindesten das herausgehört, daß eine Berufung an sprachamtliche Gewalten sinnlos ist. * Die Hilfstruppe der Sekundaner . Unserm Friedrich Nietzsche haben die Sprachreiniger weder das (vielleicht entbehrliche) »Ressentiment«, noch das gewaltige »Pathos der Distanz« verziehen. Wie ihnen denn der Zarathustra-Mann überhaupt sehr viel Pein verursacht, da er im Gebiet der Gegner eine gar zu starke Festung darstellt. Aber bei der Berennung dieser Festung ergeben sich üble Abenteuer, von denen ich ein besonders verhängnisvolles hier herausgreife. Unsere Hauptautorität (E. E.) schreibt nämlich: ....... »Endlich ein paar Sätzchen von einem so berühmten Schreiber, daß ich ihn vorerst nicht zu nennen wage: »Man übersetze sich solchen physiologischen Habitus in seine letzte Logik.« – »Ich nenne dies eine sublime Weiterentwicklung des Hedonismus auf durchaus morbider Grundlage.« – »Die Philologie ist die Ephexis in der Interpretation.« Dieser unerhört berühmte Welscher heißt Nietzsche; er stellt insofern eine ganz vereinzelte Ausnahme dar, als er zwei durchaus verschiedene Stile schrieb: einen unausstehlichen Welscherstil, der sich nicht von dem Gewelsch der Dutzendschreiber unterscheidet, und einen bezaubernden deutschen Kunststil, dessen Reiz grade in seiner kristallnen Sprachreinheit besteht. Nebenbei: Nietzsche war »klassischer Philologe«, schrieb aber in einem seiner Anfälle toller Welscherei, da doch durchaus gewelscht werden sollte, die vollkommene Sinnlosigkeit von der »Ephexis« nieder. Dieses griechisch sein sollende Wort steht in keinem griechischen Wörterbuch, kann in keinem stehen, denn es ist nicht griechisch und kann nicht griechisch sein, wie jeder bessere Sekundaner begreift. Es steht auch in keinem Fremdwörterbuch; was alles natürlich nicht hindert, daß die Nietzsche-Bewunderer auch die Ephexis bewundern, die sie nicht verstehen, und weil sie sie nicht verstehen.« Also im Buche »Sprich deutsch«, das hier den Weisen von Sils-Maria auf das Zeugnis des besseren Sekundaners hin als einen Fälscher festnagelt, der den Leuten mit gemogelten Worten auf griechisch imponieren will. Also die Ephexis steht in keinem griechischen Wörterbuch, bedauerlicherweise in keinem, worüber unsere Autorität verfügt. Wie aber, wenn Ephexis doch ein gut griechisch Wort wäre und z. B. im großen Wörterbuch von Jacobitz und Seiler stünde?? Wie ferner, wenn dort mit genauer Angabe auf Aristophanes als Standort hingewiesen würde?? Es heißt da wirklich η έφεξις der Vorwand , kommt her von επέχω (ep-echo, Futurform ephexo, seine Gedanken worauf richten, im Sinne haben), einem in der ganzen Griechenliteratur gebräuchlichen Zeitwort; keinesfalls würde ich dem besseren Sekundaner raten, dies zu bestreiten, da er sonst bei seinem Oberlehrer in Unannehmlichkeiten geraten würde. Und jener herausgerissene Nietzsche-Satz birgt den ganz verständlichen Sinn: Die Philologie bietet den Vorwand in der Interpretation, will sagen, das Interpretieren, das Erklären ist (in einem bestimmten von Nietzsche vorausgesetzten Zusammenhange) für den Erklärer nicht Selbstzweck und Hauptsache, sondern dient dem Ausbreiten philologischer Künste als Vorwand. Es wäre natürlich ebenso kleinlich wie töricht, einen vereinzelten Satz bei Nietzsche auf landläufige »Richtigkeit« zu prüfen. Wohl aber muß man ihn schützen, wenn beim Angriff auf ihn unterstellt wird, er habe sich falscher Worte wie falscher Spielkarten bedient, um den Leser zu übertölpeln. Im vorliegenden Fall ist der Angriff glänzend mißlungen, was zu beweisen war und, wie ich denke, bis ins letzte bewiesen worden ist! Das Werk »Sprich Deutsch« lag mir in erster Auflage vor. Ich habe Grund zu der Vermutung, daß die Ephexis-Stelle aus den folgenden Auflagen verschwindet. Vielleicht erleben wir noch bis zur hundertsten Auflage unser blaues Wunder an dem Nietzsche-Verkenner von heute. Nehmen wir einen anderen Fall, der die Zuverlässigkeit des nämlichen Angreifers in merkwürdigem Lichte zeigt. Es heißt in dem vorgenannten Buche des großen Welschtöters: »Ein vermutlich großartiger Mann, ein Herr Bernouilli , möchte der Welt seine großartige »wissenschaftliche« Entdeckung mitteilen: Je mehr einer schon besitzt, desto geringer ist seine Freude an der Vermehrung des Besitzes. Dieser Satz könnte aus einer Kinderfibel stammen, also muß er in erhabene Wissenschaft umgewelscht werden. Dies geschieht so: »Der subjektive Befriedigungswert eines objektiven Quantums der Güter ist der Summe der von dem betreffenden Subjekte bereits besessenen Güter umgekehrt proportional. Erst in dieser Fassung wird der Fibelsatz zur analytischen Psychologie oder Psychoanalyse, und wenn ich einer solchen Leuchte der Wissenschaft die pappene Welschermaske abreiße, so wird sie sehr böse, schimpft mich subjektiv und einen Puristen.« Ein gründlicher Haß gegen die Wissenschaft spricht aus diesen Zeilen, und wie mancher Leser vielleicht sofort vermuten wird, ein ansehnlicher Grad von Sachfremdheit. Aber der Wissenschaftsfeind hat hier besonderes Pech gehabt und wider Willen ein ganz erstaunliches Maß von Nichtkenntnis enthüllt. Die Zielscheibe seines mißglückten Spottes, » ein Herr Bernouilli « (falsch geschrieben), ist nämlich kein anderer als der große Mathematiker Daniel Bernoulli, der den zitierten Satz zum Ausgangspunkt einer höchst schwierigen, in ihren Ergebnissen ebenso überraschenden Wahrscheinlichkeitsbetrachtung genommen hat, und zwar nicht heute und gestern, sondern im Jahre 1731, und nicht in einer welschenden Deutschschrift, sondern in einer lateinischen Abhandlung: Specimen Theoriae novae de Mensura Sortis, herausgegeben von der Petersburger Akademie der Wissenschaften. Das braucht unser Wissenschaftsfeind nicht zu wissen, und er weiß es auch wirklich nicht; er findet den Satz irgendwo, stößt sich an den Fremdworten, schreibt ihn einem lebenden Schmierer zu, reißt ihm die pappene Welschmaske ab und erwartet trotzig, daß die ironisch gemeinte Leuchte der Wissenschaft, der Urheber der »wissenschaftlichen« Entdeckung in höhnenden Gänsefüßchen, nämlich »ein Herr Bernouilli« morgen sehr böse werden und schimpfen wird. Das wird ihm nicht einfallen, sintemalen ein Herr Bernouilli schon vor 138 Jahren das Zeitliche gesegnet hat, als zehnmal von der Pariser Akademie preisgekrönter Forscher. Wer seine Lehrsätze der »Kinderfibel« zuweist, der versteht weder sie, noch andere vom gleichen Rang, der hat keine Ahnung von derlei Dingen und besitzt nicht das mindeste Recht, den Wissenschaftlern dreinzureden, weder sachlich noch in der Ausdrucksweise, da die Sache vom Ausdruck gar nicht getrennt werden darf. Und wer aus reiner Unkenntnis der Dinge den Ausdruck »umgekehrt proportional« verhöhnt, der kann ja auch gleich das Newtonsche Gravitationsgesetz und die Hälfte der Physik dazu als kinderfiblig verspotten. Aber nein, verehrter Herr! so beweist man keine Verwelschung, sondern nur seine Ahnungslosigkeit und sein völliges Unvermögen, eine große Frage beurteilen zu können; die Frage nämlich, in welchen Ausdrucksformen sich die Wissenschaft und das wissenschaftlich befruchtete Schrifttum überhaupt zu bewegen hat. – Ich blättere weiter in dem »Buch zur Entwelschung« und stoße auf folgenden Zornerguß: »Ein ärztlicher Welscher gebraucht, d. h. erfindet sich ein großartiges Gelehrsamkeitswort Euphorie , das angeblich Wohlverhalten bedeutet, bezeichnet damit aus eigner Willkür den schmerzlosen Zustand mancher Kranken kurz vor dem Hinscheiden und fragt dann den dummen oder doch gutmütigen Puristen: He? wie willst du das übersetzen?, denn Sprache ist dem Welscher, dem ewigen Pennäler , das Übersetzen. Der Purist fällt darauf hinein, quält sich ab mit den selbstverständlich besseren deutschen Wörtern: Sterbefrieden, Sterbseligkeit, Erlösungsglück, Scheideglück, Sterbeglück, Schmerzlösung, anstatt dem Deutsch- und Griechischverderber zu entgegnen: Zeige mir in einem griechischen Wörterbuch deine Euphorie, wär's nur im elendesten Byzantinergriechisch, so will ich dir's übersetzen; hast du aber nur einen Klingklang aus eigener Vollmacht verübt, so mach' ich's wie du, nenne das Ding Virama, sage, es sei Sanskrit, und erwarte den Gegenbeweis. Da Sanskrit noch vornehmischer als Griechisch ist, so hast du nicht zu mucken.« Mucken wir ein wenig, im Namen des ärztlichen Welschers, der es sich erlaubt hat, die Lehre von der Euphorie zu verkünden, und der es sich dafür gefallen lassen soll, hier als der »ewige Pennäler« behandelt zu werden, dem man das Lexikon um die Ohren schlägt. Mucken wir, indem wir das Lexikon vom Boden aufheben, nachschlagen und ausrufen: Aber, du gestrenger Magister, du quengelnder Besserwisser, kannst du nicht lesen?! Hier in meinem Wörterbuch steht doch ευφορία, euphoria, das leichte Tragen, Geduld, klar abgeleitet von euphoros, dem zugehörigen Eigenschaftswort, das bei Plutarch, bei Xenophon, bei soviel anderen guten Schriftstellern vorkommt! Und der aufmuckende Pennäler könnte ergänzen, daß das echtklassische Euphoria schon bei den altgriechischen Ärzten als eine Erscheinung im Lebensablauf auftritt, wenngleich die Lehre von der Euphorie ihren fachgründlichen, auf reiche Erfahrung gestützten Ausbau erst in unseren Tagen (zumal durch Wilhelm Fließ) erfahren hat. Ehe er also poltert, der Magister, schaffe er sich ein anständiges Lexikon an und erkundige er sich bei Fachleuten, ob die Euphorie wirklich ein so einfach Ding ist, daß es sich mit einem kurzen Wort übersetzen ließe. Man wird ihm das Gegenteil beweisen. Und wenn der Erklärer sehr viel freie Zeit zur Verfügung hat, wird er ihm sogar ein Licht darüber aufstecken, daß der sinnvolle Anklang an Goethes Euphorion hier für das sprachlich vortreffliche Fremdwort noch einen besonderen Schönheitswert darstellt. – Durchweg läßt sich feststellen, daß solch ein Magister zu seinem aufgedonnerten Hochmut nur über die Vorstufe des mangelnden Fachwissens gelangt. Mit winzigem Gepäck springt es sich ja am leichtesten zu jener Höhe, von der herab man die wirklich Wissenden als Pennäler betrachten kann. Die Wissenschaft liefert uns in Unzahl Worte, die mit ausgezeichnetem Klange ganze Entwicklungsreihen einschließen, höchst umständliche Bedeutsamkeiten, die sprachlich unverwertbar bleiben müßten, wenn man nicht das zusammenfassende, abkürzende Wort dafür erfunden hätte. Um aus den Tausenden nur einige wenige zu nennen: Abscisse, Potenz, Integral, Asymptote, algebraisch, Interferenz, Polarisation, Koeffizient, – Entropie, Spektralanalyse, Katalysator, Induktion, Determinismus, Finalität, virtuell, geozentrisch, Heliotropismus, – wo anfangen, wo aufhören? Der Magister zupft aus dem Begriff, je nach Glück und Zufall, ein Begriffelchen, gibt diesem eine Teilübersetzung, die sich zum Original verhält wie der Katzenschwanz zum Löwen, und hat dann die Sprache gerettet. Setzt sich dann der Wissende zur Wehr, so wird er in die Klasse der Pennäler gesteckt, und weist ihm der Wissende im Einzelfall einen offenkundigen Unsinn nach, dann macht sich der Magister mit einem Scherzwort zum Herrn der Lage; er gibt den Unsinn mit der Wendung preis: »Man müsse von Zeit zu Zeit dem Walfisch eine Tonne zum Spielen hinwerfen.« Der Walfisch, – das sind wir, die wir das Abenteuer durchschauen, die wir uns der Verkümmerung des Sprachgutes widersetzen, die wir Weltworte richtig deuten und eine leere Tonne für das nehmen, was sie hier ist: für eine inhaltsleere Behauptung. Nur weiter fort in dieser anmutigen Beschäftigung! Du glaubst zu werfen, und du wirst geworfen. Ist's ein Spiel, Herr Magister, dann werden Sie es verlieren! Besser schon, er läßt es fallen und bleibt in vollem Ernst auf dem Kampfgelände, das er übersieht. Daß er dort eine Größe darstellt, habe ich zuvor willig anerkannt. Und ich werde nie aufhören, ihm bei aller Sachgegnerschaft zu huldigen, wenn er mir mit dem funkelnden Rüstzeug seines eigenen, durchaus literarischen Wissens zur Bewunderung Anlaß gibt. * Bedeutungswandel . Über dieses Thema sind schon dicke Stöße geschrieben worden, und wollte man all das erörtern, was an wichtigem noch übrig bleibt, so kämen erst recht dicke Bücher heraus. Hier soll nur eine auffällige Einzelheit herausgegriffen und dem Leser zu weiterem Nachdenken überliefert werden. Man kann getrost behaupten, daß fast jedes Wort, sofern es nicht etwas unverrückbar Gegenständliches bezeichnet, aller erdenklichen Bedeutungen bis zur vollen Gegensätzlichkeit fähig ist. Das geht so weit, daß selbst die anscheinende Verneinungs-Vorsilbe »Un« als Bejahung, als Verstärkung aufzutreten vermag. Unmenge verneint nicht die Menge. Ungewitter hebt die Bedeutung von Gewitter nicht auf, verstärkt sie vielmehr. Untiefe bezeichnet nicht nur eine seichte Stelle, sondern auch eine unermeßliche Tiefe. Geziefer und Ungeziefer sind, zoologisch genommen, dasselbe. Man kann, wenn auch sprachlich nicht schön, so doch verständlich, eine Erscheinung, ein Verhalten als ungemein gemein, als ungewöhnlich gewöhnlich bezeichnen. Kontrastworte wie subjektiv und objektiv haben im Lauf der Denkentwicklung mehrfach ihre Bedeutung bis zum Rollentausch verändert. Für die Stellung der Kämpfer auf dem Felde der Sprachfragen kommen nun Attributworte zur Geltung, die nach landläufiger Meinung ganz fest umschrieben sind, so namentlich: deutsch, patriotisch. Aber auch diese unterliegen einem Bedeutungswandel, der unter Umständen so stark an ihnen herumarbeitet, bis sie sich – was man zunächst für undenkbar und widersinnig halten müßte, – geradewegs in ihr Gegenteil verkehren. Wir besitzen keine nachdrücklichere Vorsatzsilbe als »All«; wenn wir statt »umfassend« sagen allumfassend, statt Macht: Allmacht, statt Mutter: Allmutter, so verstärken wir, und es erscheint zunächst ganz ausgeschlossen, daß das auch einmal anders kommen oder am Ende gar umschlagen könnte. Aber das scheinbar Widersinnige begibt sich, und zwar durch eine Zauberei, für die wir in diesem Falle die Hexe Politik als zuständig erklären müssen. Nach reiner Sprachlogik müßte doch »alldeutsch« das Deutscheste vom Deutschen sein; und auf die Gleichung deutsch = patriotisch übertragen, der Superlativ vom Patriotischen. Gerade das wird aber vom Parteistandpunkt aus heftig bestritten, und es machen sich Gesichtswinkel der Betrachtung geltend, unter denen sich jenes vorgesetzte »all« vollkommen verschiebt. Aus tausend Belegen hierfür zitiere ich hier nur einige Zeilen aus den Schriften eines unserer hervorragendsten politischen Schriftsteller; ich nenne sie ohne die geringste politische Eigen-Absicht, nur um zeigen, daß diese Betrachtungen vorkommen und eine Rolle spielen. Sie lauten: »Man vergesse doch ja nicht, daß unter Herrn v. X. zwar in der letzten Zeit seiner Kabinettspolitik › alldeutsch ‹ ungefähr ebensoviel bedeutete wie früher › sozialdemokratisch ‹, daß aber schließlich sich das Blättchen wieder einmal wenden könnte.« – »Seitdem ... von den Reichskanzleibeamten, die Herrn v. Y. nahestanden, die Bezeichnung ›Alldeutsche‹ als Schimpfwort für alle diejenigen geprägt wurde, die nicht bis ins einzelne mit den Zielen und Methoden der damals vom Auswärtigen Amt und der Reichskanzlei vertretenen Politik einverstanden waren, ist in einigen Köpfen die Scheidung zwischen alldeutsch und patriotisch zum Angelpunkt jeder politischen Betrachtung geworden.« Der angesagte Beweis ist damit zwingend und restlos geführt. Denn wenn selbst das scheinbar unerschütterliche »all«... irgend wann und irgend wo vollkommen umschlagen kann, so verschwindet damit der letzte Rest des Absoluten aus den Begriffen, und jeder kann sich zu seinem genauen Gegenteil umwerten ... Worauf stützen sich aber die Kräftlinge unter unsern Sprachheiligen? vor allem auf das Absolute der Begriffe, unter deren Zeichen sie marschieren. Aber diese Zeichen sind nur höchst veränderliche Symbole, und was sie als deutsch, alldeutsch, patriotisch betrachten, kann sich bei verschobenem Gesichtswinkel einmal als etwas ganz anderes darstellen. Die Kräfte, die hier ins Spiel kommen, Parteiströmungen, Neuorientierungen in Staat, Gesellschaft und Weltanschauung, sind mächtiger als sie ahnen, und so könnte es sich ereignen, daß der patriotische Sprachvogt von 1910 zwanzig Jahre später als durchaus nicht mehr so patriotisch begriffen wird. Nicht sein Charakterbild wird in der Geschichte schwanken, aber sein Werk; falls sich nämlich, wir wie vermuten, herausstellen sollte, daß sein Werk den wahren Interessen des Volkes mehr Hemmung als Förderung eingetragen hat. Dämmert diese Erkenntnis erst auf, so öffnen sich damit auch neue Förderungswege; wohl denen, die diesen Bedeutungswandel erleben werden! * Aus Goethes Gesprächen bewahren wir ein Wort, das man allen Meinungskämpfen über Sprachmöglichkeiten als Motto voranstellen sollte. Goethe hat gesagt: »Ich verfluche allen negativen Purismus, daß man ein Wort nicht brauchen soll, in welchem eine andere Sprache vielmehr oder Zarteres gefaßt hat.« Mit Goethes Fluch ist wohl nicht zu spaßen. Sein Ingrimm gegen die puristische Vergewaltigung, – die sich zu der von heute verhielt, wie ein Gesellschaftsspiel zu einem Schlachtgemetzel, – muß wohl ein ungeheurer gewesen sein, wenn sie ihm den schärfsten aller möglichen Proteste erpreßte. Und man weiß ja auch, welche Folgen sich an eines Sängers Fluch knüpfen können: »Versunken und vergessen!« Kein Wunder auch, daß den Vertretern der anderen Meinung jener Ruf gewaltig in die Zähne gefahren ist und daß sie noch heute daran herumwürgen. Es wird selbst dem denkschärfsten und redetüchtigsten dieser Vertreter, also unserem Engel, nicht leicht geworden sein, die Gegenoffensive aufzunehmen. Aber er wagt es, muß es wagen, denn es geht ums Ganze. Also sagt er: »Träfe Goethes spielend hingeworfenes, folgenloses Gesprächswort so allgemein zu, daß man jedes Wort gebrauchen dürfe, in dem »eine andere Sprache vielmehr oder Zarteres gefaßt hat«, so reichten nicht zehn-, nicht hunderttausend Fremdwörter aus, sondern wir müßten uns folgerecht jedes Fremdwort zu eigen machen.« Halb richtig und halb falsch. Zehn- oder hunderttausend reichen tatsächlich nicht aus, um unserer Sprache alle Färbungen zu gewähren, nach denen der an keine Grenzen gebundene Gedanke verlangt, – dagegen ist die Folgerung » jedes Fremdwort« durchaus nicht folgerecht, sondern gradezu folgewidrig und verkehrt. Denn es handelt sich in Goethes Fluch, wie ganz selbstverständlich und klar bezeichnet, nicht um die gleichgültigen Tautologien, die im Umkreise aller Sprachen in die Millionen gehen, sondern um die Worte erheblich größeren Wertes. Das erscheint doch gut unterscheidbar, und auf Grund dieser Unterscheidbarkeit wird wohl auch Goethes Zornwort nicht als »folgenlos« beiseite geschoben werden dürfen. Richtiger wäre es, von heute noch ganz unübersehbaren Folgen zu sprechen. Und nun gar: »spielend hingeworfen«? Ei warum nicht gar! wenn der Olympier wettert, so dröhnt der Donner, der uns nicht nachträglich in einen Scherzfluch oder säuselndes Zorngetändel umgedeutet werden soll. * Man spricht vom zweiten Satze der letzten Symphonie Beethovens. Eine Offenbarung. Wir hören in der Erinnerung urweltliches Gedröhn mit Wiederhall von Cyklopenmauern und fühlen uns gleichzeitig von seraphischen Fittichen angeweht. Beethoven hat über den Satz Molto vivace geschrieben, wir sprechen, wie wohl allgemein üblich, vom »Scherzo« der Neunten Symphonie. Da kommt jemand auf den Einfall, »Scherzstück« zu sagen, also ein seiner Meinung nach völlig gleichbedeutendes, herkunftlich sogar bis auf die Buchstaben übereinstimmendes Wort. Wir wehren uns dagegen und wollen davon nichts wissen. Ein Scherzo kann wohl ein Scherzstück sein, allein das Scherzo der Neunten scherzt nicht, und wenn uns einer die Übersetzung aufhalsen möchte, so geht uns das über den Spaß; uns wird dabei zu Mute, wie bei dem Versuche, uns Dantes »Divina Commedia« in ein Lustspiel oder einen Schwank umzudeutschen. Aber im Fall der Neunten könnte sich jener vielleicht auf Beethoven selbst berufen. Und wenn er die Spur nicht findet, so will ich sie ihm verraten. Nämlich ganz ohne Scherz: Beethoven selbst hat gelegentlich den Puristenweg beschritten und sich hierzu mit seinem Neffen Karl und seinem Freunde Karl Holz angeseilt. Nach einer Mitteilung von Paul Tausig enthielt Beethovens Liste folgende Ausdrücke: Arie = Lustgesang, Einsang; Baß = Grundsang; Kanon = Kreisfluchtstück; Chor = Vollsang; Klavier = Tastenspiel, Hammerklangwerk; Komponist = Tonsatzwerker; Konzert = Tonstreitwerkunternehmen; Konzertmeister = Tonstreitwerkmeister, Tonkampfmeister; Dilettant = Kunstzeitvertreibliebender; Fantasie = Launenspiel; Fuge = Tonfluchtwerk, Fluchtstück; Instrument = Klangmacherwerkzeug, Klangwerkzeug; Kapellmeister = Tonkünstlermeister, Tonmeister, Obertonmeister; Musik = Tonwerkerei; musikalisch = tonkünstig; Musikdirektor = Tonwerkordner, Tonvorsteher; Oper = Singwerk; Orchester = Tongerüst, Tonkünstlerbühne; Symphonie = Zusammenklangwerk; Sonate = Klangstück ; Trompete = Schmettermessing, Schmetterrohr; Trompeter = Schmettermessingwerker. Da hätten wir ja einen recht ansehnlichen Kronzeugen im Prozeß Deutsch gegen Fremd, und nun soll uns einer noch einmal mit anderen Autoritäten kommen! Selbst gegen den Puristenverflucher Goethe ließe sich Beethoven noch als kaum zu überstechender Trumpf ausspielen, – wenn nicht der nämliche zuverlässige Gewährsmann, dem wir die Liste verdanken, eine dämpfende Erklärung beigefügt hätte. Nämlich Beethoven hat die große Mehrzahl seiner Verdeutschungen nur lachend gewürdigt, also wienerisch ausgedrückt: einen Jux wollt er sich machen. Und das ist der Humor davon: Beethovens Liste ist nichts anderes als ein Scherzo im lustigsten Sinne über das Thema: Verdeutschung um jeden Preis! Das dritte Ohr Diese Betrachtung steht außerhalb der physiologischen Möglichkeit. Und wörtlich ist es auch nicht gemeint, wenn von einem Organ gesprochen wird, das keiner am Kopfe zu haben wünscht, das aber jeder besitzen sollte. Ein Todfeind der wörtlichen Richtigkeit nahm es für sich in Anspruch, und wohl für sich allein; mit dem Unrecht, das der Einseitigkeit anhaftet, mit dem Recht der Begriffsentdeckung und der Wortprägung für den neuen Begriff: »Welche Marter sind deutsch geschriebene Bücher für den, der das › dritte Ohr ‹ hat! Wie unwillig steht es neben dem langsam sich drehenden Sumpfe von Klängen ohne Klang, von Rhythmen ohne Tanz, welcher bei Deutschen ein ›Buch‹ genannt wird.« Also sprach Nietzsche, da er das Organ für Sprachmusik bezeichnen wollte. Hatte man nie zuvor davon geredet? Doch wohl, und gar nicht zu selten. Aber man verstand etwas anderes darunter; etwa die Fähigkeit, das Rauschen der Sprache in gebundener und getragener Rede als einen Rausch aufzunehmen. Doch dazu genügt schon das leidlich gebildete Ohr an sich, genügt schon die empfängliche Seele ohne Ohr. Das dritte Ohr verlangt mehr und leistet mehr. Es sitzt innen und ist mit ganz besondern Resonanzfäden bespannt. Es fehlt manchem Dichter, der hochtönende Verse hervorbringt, aber das Volk besitzt es. Die Bewußtseins-Schwelle des dritten Ohres ist anders gelagert. Es hört das zwischen den Worten Klingende, den Klang, der aus dem Sinn aufsteigt, es nimmt die Rhythmen der Gedanken wahr, nicht nur den Rhythmus des Satzes, der ihm den Gedanken mitteilt; dazu Gefühlsbetonungen, die den anderen Ohren entgehen, weil sie keine Resonanzfäden dafür besitzen. Denn die Allerweltsohren behelfen sich mit den bekannten, von Helmholtz nachgewiesenen Fasern, die sich zu denen des dritten Ohres verhalten, wie ein Tauwerk zu dem pythagoreischen Gespinst, das die Musik der Sphären erlauscht. Kann man sich das dritte Ohr anschaffen? Schwerlich. Aber man kann vielleicht das erste und zweite schärfen, verfeinern, und sich dadurch die Gnade der Natur verdienen, die in seltenen Fällen ein vortreffliches Duett zu einem Trio weiterbildet. Auf Schritt und Tritt wird das Ohr von der Natur geprüft. Jede Silbe, die ans Ohr schlägt, birgt einen Vokal, und das Ohr soll entscheiden, ob diese Vokale symphonisch zueinander stimmen. In den allermeisten Fällen merkt das Ohr nicht einmal, daß es gefragt wird, es merkt nichts von den Tücken des Objektes, die in den Vokalfolgen umherspuken. Nehmen wir zuerst einmal grobe Beispiele von unfreiwilligen Reimansätzen und Assonanzen. Wenn einer schriebe: »das ist eine Mahnung, welche die Kollegen erwägen mögen «, – oder »ob diese prophetische Botschaft wahr war, war nicht festzustellen«, oder »die Ausbeute, die er in jenem Land fand, stand in keinem Verhältnis zu den Anstrengungen«, so würde auch ein ungeübtes Ohr Einspruch erheben. Denn der Reimklang, der dem Vers zur Zierde gereicht, wird in fortlaufender Prosa als störend und musikwidrig empfunden. Aber von solchen Falschklängen wimmelt die Rede und das Schrifttum, und sie auch dort zu erkennen, wo sie nicht volle Register ziehen, ist die erste Probe, der sich das Ohr zu unterziehen hat. Es muß den Klangwert der Vokale, ihr Gleichgewicht, ihre Melodie und den motivischen Gehalt dieser Melodie abschätzen lernen. Klingen muß es ihm, nicht klingeln. Manchmal bekommt man es mit Beklemmung zu tun, selbst dort, wo ein Bedeutender über Sprachklang redet und mit Sprachklang zu wirken beabsichtigt. Einsicht und Pathos treten auf, es schwingt zwischen den Vokalen, aber der Rhythmus versagt. Die von Nietzsche geforderten Klänge mit Klang sind vorhanden, aber der Rhythmus fehlt, die freie Beweglichkeit des Tanzes. Hatte Hebbel das dritte Ohr? gar nicht daran zu zweifeln, wenn man an seine Dichtungen denkt. Aber er schrieb auch Lehrhaftes, streifte darin das Thema des dritten Ohres und verlor dabei den klangmusikalischen Faden. Er vernimmt von fern die Klänge des großen allgemeinmenschlichen Sprachchorals, möchte sie einfangen und wird gerade bei den entscheidenden Hebungen seiner Stimme vom dritten Ohr im Stich gelassen. Hören wir daraufhin einige Stellen aus Hebbel: ... Eine Sprache kann äußerst musikalisch und nichts destoweniger geistlos und unpoetisch sein, ihre Zeichen können dem Ohr durch Vokalfülle schmeicheln und dennoch dem Geist durch Dürftigkeit und Mischungsunfähigkeit trotzen. Darauf aber kommt es an, daß der Geist in der Sprache möglichst vollständig zur Erscheinung gelange, daß er hier an der Grenze der sich bereits verflüchtigenden materiellen Welt den letzten durchsichtigen Leib erhalte; nicht darauf, daß durch unendliches Sichten, Wägen und Messen ein Zwitter-Medium herausgebracht werde, das doch nicht Musik wird, noch bei der zwiefachen Verwendbarkeit des Tons zu werden braucht, das aber der Eitelkeit, sich der Musik um einen Schritt zu nähern, mit dem unschätzbaren Vorzug, den Geist mit jeder seiner Lebensregungen unverkürzt und unverdunkelt in sich aufzunehmen, bezahlen muß. – – – (Überleitung zu einer vorausgesehenen, höheren Organisation der Sprache:) ... Es handelt sich hierbei nicht um die Abfindung eines unberechtigten, nicht aus dem Wesen der Sache selbst hervorgehenden, sondern nur von einer ihr fremden Sphäre aus an sie angeknüpften Gelüstes, etwa nach höherer Gemächlichkeit im äußeren Verkehr, im Handel und Wandel; es handelt sich um die Befriedigung des tief in der Natur des Geistes begründeten Bedürfnisses, in jedem Kreise, und also auch in dem der Sprache, von den niedrigeren Organismen in allmählicher Erhebung zu den höheren und zum höchsten, sie alle in sich aufnehmenden, vorzudringen. Auch soll, um zu diesem Ziel zu gelangen, nicht aus dem Stegreife ein Sprung unternommen, es soll nur einfach fortgeschritten werden, da man, wenn kein Stillstand eintritt, auf demselben Weg, und ungefähr auch mit denselben Opfern in bezug auf das dahinterzulassende gar zu individuelle Beiwerk, von der Nationalsprache zur Universalsprache kommen muß, auf dem und mit denen man von der Individualsprache, um die ersten stammelnden Verständigungs- und Mitteilungsversuche so zu nennen, zur Familien-, Provinzial- und Nationalsprache kam. Ich habe einzelne Worte unterstrichen, um sie der Aufmerksamkeit des Lesers zu empfehlen, dem ich überdies die mehrfache Lesung des Absatzes anrate. Hebbel berührt hier die höchsten Angelegenheiten der Sprache in Gegenwart und Zukunft, er war nahe daran, einen Denkstein der Literatur aufzurichten, wie auch an anderer Stelle dieses Buches betont wird, allein anstatt ihn frei hinzustellen, läßt er ihn von sprachlichem Gestrüpp umwuchern. Er bildet Sätze ohne Rhythmus, Konstruktionen, in denen es wippt, wackelt, poltert und sich verheddert. Ich werde nie aufhören, ihn als Sprachmeister zu bewundern, aber ich gerate an ein unlösbares Rätsel, wenn ich den dichtenden Hebbel mit dem andern Hebbel vergleiche, der überlegt und Vortrag hält. Wo war sein drittes Ohr, ja wo war sein zweites und erstes, als er schrieb: ... Wenn in der heroischen Tragödie die Schwere des Stoffes, das Gewicht der sich unmittelbar daran knüpfenden Reflexionen eher bis auf einen gewissen Grad für die Mängel der tragischen Form entschädigt, so hängt im bürgerlichen Trauerspiel alles davon ab, ob der Ring der tragischen Form geschlossen, d. h. ob der Punkt erreicht wurde, wo uns einesteils nicht mehr die kümmerliche Teilnahme an dem Einzelgeschick einer von dem Dichter willkürlich aufgegriffenen Person zugemutet, sondern dieses in ein allgemein menschliches, wenn auch nur in extremen Fällen so schneidend hervortretendes, aufgelöst wird, und wo uns andernteils neben dem, von der sogenannten Versöhnung unserer Aesthetici, welche sie in einem in der wahren Tragödie – die es mit dem durchaus Unauflöslichen und nur durch ein unfruchtbares Hinwegdenken des von vornherein zuzugebenden Faktums zu Beseitigenden zu tun hat – unmöglichen, in der auf konventionelle Verwirrungen gebauten, aber leicht herbeizuführenden schließlichen Embrassement der Anfangs auf Tod und Leben entzweiten Gegensätze zu erblicken pflegen, aufs Strengste zu unterscheidenden Resultat des Kampfes, zugleich auch die Notwendigkeit, es gerade auf diesem und keinem andern Wege zu erreichen, entgegentritt. Man könnte zweifeln, ob man es hier mit einem Satz zu tun hat oder mit einem Attentat. Man darf aber nicht daran zweifeln, daß dieses Gebilde tausend gleichwertige Gegenstücke in der Literatur findet, bei Hebbel und anderen Großmeistern. Besäße das Ohr Schutzvorrichtungen, wie das Auge im Lid, so müßte es beim Anschlagen derartiger Klänge dicke Rollvorhänge herunterlassen. Sind solche langgezerrte Mißgeräusche Ausnahmen von den Regeln des Klanges und des Rhythmus? Zeugen sie wohl gar gegen meine Grundbehauptung, daß der eigene Sinn sich den eigenen Stil schafft? Der Fall liegt schwierig, und um ihn zu klären, wäre ein Lesebuch aus klangwidrigen Stellen hervorragender Könner erforderlich. Keine üble Aufgabe für einen Sammler, dem man zur Ermutigung obendrein einen ansehnlichen Bucherfolg voraussagen könnte. Hauptstücke für diese literarische Schreckenskammer würde Hegel liefern, um einen unter vielen herauszugreifen; Hegel, der in seiner Philosophie der Geschichte Sprachmeisterliches, sogar Klangmeisterliches geliefert hat; der aber trotzdem als abschreckendes Beispiel der Ohrenlosigkeit, ja der vollendeten Sprachtaubheit aufgestellt zu werden verdient; in Proben nämlich, von denen seine Phänomenologie etc. wimmelt: »Die gereinigte Sichselbstgleichheit«; – »Die Form des einfachen Insichzurückgegangenseins«; – »das Dieses ist also gesetzt als nicht dieses oder als aufgehoben, und damit nicht Nichts, sondern ein bestimmtes Nichts, oder als ein Nichts von einem bestimmten Inhalte, nämlich dem Diesen«; – »Die Individualität, welche sich an und für sich selbst reell ist«; – »Dies bietet sich hier so dar, daß, indem das, was zuerst als der Gegenstand erschien, dem Bewußtsein zu einem Wissen von ihm herabsinkt und das Ansich zu einem Für-das-Bewußtsein-Sein des Ansich wird«; – »ein Moment des Ansich- oder Fürunsseins«; – »Die Elektrizität ist der Zweck der Gestalt, der sich ihr von ihr befreit, die Gestalt, die ihre Gleichgültigkeit aufzugeben anfängt, denn die Elektrizität ist das unmittelbare Hervortreten, oder das nah von der Gestalt hervorkommende noch durch sie bedingte Dasein, oder noch nicht die Auflösung der Gestalt selbst, sondern der oberflächliche Prozeß, worin die Differenzen die Gestalt verlassen, aber sie zu ihrer Bedingung haben und noch nicht an ihnen selbständig geworden sind«; – und merkwürdig genug: Hegel selbst spricht an anderer Stelle vom Rhythmus und von der Harmonie philosophischer Sätze, er spricht davon in einem schaurigen Holpersatze. Aber wie sich bei ihm Alles und Jedes verwirrt, so fand sein Sinn auch seinen Stil und seinen Klang, den durch keine konstruierte Disharmonie zu überbietenden Mißklang. Wo das Delirium herrscht, ist die Klangvernichtung das Selbstverständliche. Und keinen schärferen Beweis wüßte ich für das Vorhandensein dieses Deliriums als die Art, in der Hegel mit fremden Klängen umgeht, als die völlige Resonanzlosigkeit, mit der er wahres Klanggut wiedergibt und verunstaltet. Er will Töne Goethes beschwören und sagt in der Absicht, getreu zu zitieren: »Es verachtet Verstand und Wissenschaft des Menschen allerhöchste Gaben – es hat dem Teufel sich ergeben und muß zugrunde geh'n«. Also wörtlich und buchstäblich in Hegels Kapitel »Die Lust und die Notwendigkeit«. Das Ungeheuerliche, hier wird es Ereignis. Und dieses Ungeheuerliche erhellt uns den ganzen Zusammenhang der Dinge: Sinn, Stil und Klang gehen wirklich auf dieselbe Wurzel zurück, eines prüft sich am anderen. Wo der Sinn vom Unsinn überflutet wird, da geht der Klang zum Teufel, mit ihm die Möglichkeit, fremde Wohlklänge zu erfassen. Der ungeheuerliche, gänzlich formlose, verunstaltete Satz, das stammelnde Wortgebilde, das zermetzelte Zitat zeigen allemal die Geistesverfassung des Schreibers zu einem bestimmten Zeitpunkt. Das Ohr ist und bleibt das ausschlaggebende Organ für die Wertmessung: Sinntaubheit und Klangtaubheit gehören zueinander. Ich sage ausdrücklich: zu einem bestimmten Zeitpunkt; denn der nämliche Autor befindet sich zu verschiedenen Zeiten in verschiedenen Verfassungen. Das Prinzip der natürlichen Stetigkeit findet bei ihm keine Anwendung. Als Hebbel den zuvor genannten Greuelsatz schrieb, unterlag er einem besonderen Schicksal: nicht zuwenig hatte er zu sagen, sondern zuviel, die ungebändigte Fülle der Gedanken wurde zum Chaos und entlud sich in chaotischem Wirrwarr. Das dritte Ohr, das schon den Sinnklang erlauschen soll, war ausgeschaltet, gab kein Signal, und so rasselten die Gedanken ineinander wie Züge bei falscher Weichenstellung. Die Wissenschaft hat auf experimentellen Wegen von Ernst Mach und Cyon ermittelt, daß wir im Ohr das einzige Organ für unmittelbare Raumempfindung besitzen. Ich glaube, daß diese Forschung damit noch nicht zu Ende ist. Denn auch bei Gedanken kann man sich eine räumliche Anordnung vorstellen. Sie wohnen nicht so leicht beieinander, wie Wallenstein meint, sondern sie stoßen sich hart im Raume der Schädelhöhle. Und nur einer vollendeten Signalgebung kann es gelingen, die Stoßkatastrophen zu verhindern. Der Signalwächter ist das Ohr. Die Hellhörigkeit, Feinhörigkeit ist durchaus eine innere Eigenschaft, unabhängig von der anatomischen, grobsinnlich wahrzunehmenden Struktur des Ohres. Sie verhält sich zum äußeren Hören, wie das Einsehen, also das Begreifen, zum Sehen. Ist doch das Wort »Idee«, Idea, nach seiner Herleitung gar nichts anderes als das Gesehene, entsprechend der Sprachwurzel eidõ, die das Sehen bedeutet und ebenso das Wissen. Der blinde Seher sieht mehr als der sehende Guckindiewelt; und so braucht auch der innerlich Feinhörige gar nicht von wirklichen Schallschwingungen erreicht zu werden. Er erfaßt den Sinnklang und Wortklang aus der Schrift, symphonisch oder kakophonisch, so wie den Musiker eine Partitur ohne instrumentale Hilfe anspricht. Beethoven war mit taubem Ohr hellhörig, viele Neutöner sind im Besitz durchaus gesunder Ohren klangtaub. Das innere Ohr ist von akustischen Regeln weit unabhängiger als das äußere, es kritisiert und entscheidet von Fall zu Fall intuitiv. Stellt es sich auf einen Wohlklang ein, auf den bel canto, dann erscheinen ihm romanische Sprachen schöner als die deutsche. Es befindet sich dann sozusagen in einer Pergolese-Stimmung oder Rossini-Stimmung, es sättigt sich dann an Vokalfiguren, die mit dem Reiz einer natürlichen Singstimme auftreten. Stellt es sich auf eine Bach- oder Brahms-Stimmung ein, so erhöhen sich ihm die Klangwirkungen des Deutschen, und der absolute Wohlklang wird ihm gleichgültiger. Es gewahrt über alle Rauheiten und Reibungen, über Dissonanzen und Querstände hinweg im Deutschen eine übergeordnete melodische Fülle. Bisweilen aber gerät es an Mittellagen der Stimmung, die sich nicht so einfach beschreiben lassen. Es erfreut sich dann an gewissen Klängen, nimmt Anstoß an anderen, ohne sich gerade am Für und Wider leidenschaftlich aufzuregen. Immerhin kommen diese Mittellagen für uns in Betracht und sollen nicht übergangen werden. Das Ohr findet also, daß unser gutes Deutsch und besonders die deutsche Prosa gewisse phonetische Verbesserungen zuläßt und daß sich diese sehr gut aus einer bestimmten Quelle beziehen lassen. Wir sind da wieder einmal bei den Weltworten angelangt, deren Bedeutung und Notwendigkeit im Haushalt der Sprache schon genügend erörtert wurden. Nur auf den Klang soll es in diesem Zusammenhange ankommen, und als tugendhafte Klanggebilde erscheinen sie allerdings dem Ohr so unentbehrlich, daß sie erfunden werden müßten, wenn sie nicht schon vorhanden wären. In pythagoreischem Geist ist verkündet worden, die Musik sei das Vergnügen einer Seele, welche zählt, ohne zu wissen, daß sie zähle. Für die konzertante Musik ist dieser schöne Ausspruch ohne weiteres gültig und richtig. Wo es sich indes um die Musik des Wortklanges handelt, da weiß die Seele in der Regel, daß sie zählt. Sie treibt Statistik mit Vokalen und Konsonanten, sie spürt ihr Vergnügen in offenkundiger Abhängigkeit von der Vokalmenge und wertet sonach das Weltwort als einen sehr erheblichen Klangverbesserer. Schon das Wort »Vokal« zeigt seine musikalische Überlegenheit. Es enthält selbst zwei Vokale o–a, die wie der Auftakt einer Arie hallen, am schlanken Gerüst von nur drei Konsonanten. Von Vox, die Stimme, leitet es sich her, und Stimme ist es geblieben. Man kann dafür »Selbstlaut«, »Selbstlauter« sagen und drückt sich dann reiner deutsch aus. Aber nicht reiner musikalisch; erstlich weil die Folge e–au keinen Bewerb mit o–a aufnehmen kann, und vor allem wegen des Gerüstes an Konsonanten, das sich um mehr als das doppelte verdickt. Dadurch entsteht eine so starke Dämpfung, daß ein großer Teil der Resonanz verloren geht und von der ursprünglichen Vox nicht mehr sonderlich viel übrigbleibt. Für das klangreiche »Vokalisation« müßten wir sagen, wenn wir nicht bloß umschreiben, sondern durch ein einziges Wort sinngetreu übersetzen wollen: »Selbstlautergesangsaussprache.« Die zur Statistik aufgelegte Seele zählt wiederum, verzichtet auf den sprachreinen Ersatz und bleibt beim klangreinen Weltwort. Sie horcht auf das Ausmaß und den melodiösen Gehalt der Vokale im Rahmen ihrer Gerüste, zählt und wertet sie unbewußt oder bewußt in: Idee, Ideal, Genie, Polar, Natur, Religion, Planet, Organ, Pathos, Funktion, Poesie, Prosa, Graziös, Eleganz, Routine, Reform, Zone, Militär, Division, Physik, Fauna, Flora, Phase, und so hundertfach, tausendfach. Nicht um alsdann zu bekennen: So ausschließlich sei unsere Rede, denn in der großen Hauptsache entscheidet Logos und nicht Melos; aber um festzustellen, daß in den Weltworten phonetische Werte stecken, die zu verschleudern kein Anlaß vorliegt. Und wenn das Ohr den Ausdruck »Wert« im Laufe einer Auseinandersetzung zwanzigmal vernommen hat, so wird ihm sogar der Ausdruck »Valeur« willkommen sein, weil es bei gleicher Bedeutung endlich doch anders klingt und gewiß nicht schlechter. Wer den Wert der Weltworte für die klangliche Abwechslung verkennt, der besitzt kein Ohr für phonetische Notwendigkeiten. Um ein ganz banales Beispiel zu nehmen: glauben unsere Vögte denn wirklich, daß nur ein blöder Welschtrieb die deutsche Menschheit gezwungen hat, das Wort »Telephon« bis zur Ausschließlichkeit zu bevorzugen und den »Fernsprecher« abzulehnen? Nein, der Klangtrieb hat das gemacht; freilich unterstützt von sachlichen Erwägungen, die wir an anderer Stelle dieses Buches behandeln. Aber zu fünf Sechsteln hat in dem Streit Telephon gegen Fernsprecher der freie Vokal o gesiegt, gegen die unfreien e in ihrem Pferch von Konsonanten; es war ein musikalischer Prozeß der schwingenden Vox gegen den Wulst – rnspr –, zu dem sich die nichtschwingenden Buchstaben im Fernsprecher verknoten. Das Volk hat das dritte Ohr. Verfolgt nach dieser Richtung die Willigkeit und Sprödigkeit des Gehörs, und ihr werdet an zahllosen weiteren Beispielen des täglichen Lebens wie des höheren Schrifttums erkennen, warum sich das Volk wehrt, wenn der Besen gar zu wütig in seinem Sprachinstrument herumfegt. Es spürt, daß ihm damit nicht nur Unreinheiten herausgewischt, sondern auch tönende Saiten entzweigerissen werden. Und es wird dies in Jahren und Jahrzehnten noch weit deutlicher zu spüren bekommen; wenn erst die Neubildungen in Massigkeit nach Breite und Dicke jenen Umfang erreicht haben werden, den die heut vorliegenden Muster bereits ahnen lassen. Eine hohe Tugend unserer Sprache steht in Gefahr, durch Mißbrauch in ihr Gegenteil umzuschlagen. Wir meinen ihre unvergleichliche Fähigkeit, jeder Begriffsauslese durch Erweiterungen der Worte beizukommen. Da gab es kein Halt und keine Grenze, weder für das Vermehren der Silben, noch für das Aufhäufen der Konsonanten. Die Verführung, Begriffe durch Worte einzuholen, erwies sich als stärker denn die Warnung der Signale, mit denen das innere Ohr Protest einlegen mochte. Im Hinblick auf Lautschwierigkeit und phonetische Greuel prüfe man etwa folgende Worte: Zwangssprachverordnung – Sumpfpflanze – Triumphpforte – Großkampfschiffsrumpf – Starkstromkurzschluß – Postprotestfrist – Marschtaktschlag – Hauptmeisterschaftstrophäe – Geschwulstschwund – Holzklotzpflock – Karstschroffe –Wirkstrumpfsknüpfung – Versskandierung – Jauchzzwischenruf – Starrkrampfspezialist – Zwitscherschwingung – Provinzschauspielerproletariat – Nernststromschlußplättchen – Hackfruchtstrunk – Einbruchsdiebstahlversicherungsgesellschaft – bis zu den abenteuerlichen Mammut-Gebilden neuester Prägung: Allerweltsbierbankstrategenkopf – und Kriegsverpflegungsfeldproviantamtinspektorstellvertreter; und das sind doch nur dürftige Einzelproben aus einem ungeheuren Musterlager, das von jüngstdeutschen Dichtern durch Weitläufigkeiten wie »Schlummerebbungsschleime« bereichert wird. Zur Nachtzeit spukt in diesen Lagerräumen der Geist der seligen Hegelei mit seinen insichzurückgegangenseienden Anundfürsichigkeiten. Die Berufung auf die exakte Wissenschaft hält nicht Stand. Denn diese gehorcht ausschließlich ökonomischen Gesetzen, in deren Umkreis das Wort nicht mehr tönende Verkündung ist, sondern Zeichen, Symbol, Formel wie der Buchstabe und die Zahlen in der Arithmetik. Der Philosoph soll noch Sprachverkünder sein wie der Dichter, und in seinen besten Erscheinungen von Plato bis über Schopenhauer hinaus ist er es auch wirklich gewesen. Der strenge Naturforscher wird von dieser Verpflichtung freigestellt. Ein Chemiker mag sprechen und schreiben: Dichlorhydratdioxydiamidoarsenobenzol; er hat Chemie zu treiben und nicht Phonetik. Wir andern aber haben dafür zu sorgen, daß die Wortungeheuer nicht Gewalt gewinnen in der Sprache, und daß deren Klang nicht von den Massenleibern der Ungetüme erstickt werde. Um es offen zu bekennen: wir alle stehen in dieser Gefahr. Jeder Tag schafft uns in Zeitung und Buch, in Rede und Dichtung neue Überworte, neue mißtönende Streckungen, und es ist nicht abzusehen, wo dereinst der Klang ein Asyl finden kann. Und wiederum sehe ich die einzige Hilfe, – sofern solche noch möglich, – im Weltwort, obschon auch dieses bis zu gewissem Grade der Gefahr unterliegt, durch Packung und Versippung seine Form und Klangfigur zu verlieren. Die Hilfe liegt hier in der Fähigkeit des Weltwortes, weitausgesponnene Begriffe kurz zu ergreifen, und langes Gerassel in ein faßliches Tonbild zu verwandeln; was ja wohl einer Forderung des inneren Ohres entsprechen würde. Wenn ich dies an einigen Beispielen erläutere, so darf ich mir nicht verhehlen, daß ich damit durchaus keinen Beweis, höchstens einen Hinweis zu liefern vermag; aber in der anzugebenden Richtung mag vielleicht von denkenden Lesern der Beweis gefunden werden. Wir sprechen von »Gedankenübertragung«; das ist als Worteinheit gefaßt, ein siebensilbiges Wesen von erträglichem Rhythmus. Wir spezialisieren den Begriff, indem wir dem Gedanken einen Willen beigesellen, und dabei verlangen, daß dieser übertragene Wille eine Tat auslöse, damit noch nicht genug: wir wollen ein Mittel bezeichnen, das von einer Ursprungsperson ausgehend auf dem Wege der Gedanken- und Willensübertragung eine Zielperson veranlaßt, im Zustande der Unbewußtheit bestimmte Vorstellungen und Gefühle aufzunehmen und in scheinbar freiwillige, tatsächlich aber erzwungene Handlungen umzusetzen. Der also dargestellte Begriff ist sehr verwickelt, und wenn wir dafür einen einheitlich-substantivischen Ausdruck verlangen, so müßte ein Wort von unübersehbaren Abmessungen erscheinen. Noch existiert es nicht, aber irgend ein Gewaltformer wird es einmal in die Welt setzen als ein Neugebilde, das vom Bandwurm die Figur und vom Kettengerassel den Rhythmus haben wird. Da meldet sich das Weltwort und erklärt: ich mache dasselbe einfach, klingend, eindeutig und unverschachtelt; ich umspanne den Begriff vollständig und brauche dazu weder Abhängigkeitssätze noch im Notbehelf aneinander gekleisterte Einzelworte; und kurz gesagt, ich heiße: » Suggestion «. Wir begeben uns in einen Garten und gewahren dort eine Bewegungserscheinung; das Wort reicht nicht, wir müssen sagen: »Pflanzenbewegungserscheinung«; damit sind wir bei acht Silben, die wir noch gern in den Kauf nehmen. Jetzt drängt uns aber der Begriff, noch irgendwo die Silbe »Licht« hineinzukeilen und weiterhin den durch das Licht bedingten Wachstumsprozeß, und dazu die Richtung der einfallenden Sonnenstrahlen, und obendrein die Längsachsen der Pflanzenteile. Das alles soll ein Wort leisten, damit es dem einen geschlossenen, aber sehr komplizierten Begriff gerecht werde. Die Zunge macht Schwierigkeiten, aber sie wird auch dieses neuzuschaffende und bestimmt zu erwartende Goliathwort aussprechen lernen. Würde das innere Ohr befragt, so käme die Antwort: Strengt euch nicht an, denn was ihr da sucht und knetet und leimt, ist längst vorhanden; in einem wohlrhythmisierten Klangwort von starkem und erschöpfendem Ausdruck; sprecht, bitte: Heliotropismus ! In demselben Garten finden wir ein eigentümliches Kriechtierchen, das von der Natur mit einer besonderen Anpassungswaffe ausgerüstet ist. Wenn wir sagen: »Verähnlichungsanpassungsschutzwaffe«, so ist das Wort zwar schon sehr unbeholfen und mißklingend geworden, aber dem Begriff sind wir schon nähergerückt. Was noch fehlt, ist der Hinweis darauf, das die Natur dem Tierchen jene Schutzwaffe der Verkleidung zum Zweck der Feindestäuschung verliehen hat. Noch zehn Silben hinein, – man erlasse mir die Ausführung, der ich nicht gewachsen wäre, – und das Problem könnte als gelöst gelten; begrifflich-sprachlich gelöst, wenn man eben solche Wimmelworte als zur Sprache gehörig betrachten will. Das innere Ohr will das Problem anders gelöst wissen, mit dem hellklingenden Daktylus: Mimicry . Wir betrachten das Tier, die Pflanze, finden im einzelnen verwandtschaftliche Beziehungen und suchen dafür nach einem gemeinsamen Ausdruck, der für die gewöhnliche Rede, wie für die getragene Dichtung paßt. Mit den Worten Glied, Körperteil, Körperwerkzeug ist uns nicht gedient. Wir verlangen, daß das Wort etwas aussage über die »innere« Zweckmäßigkeit, über den Gegensatz dieses Werkzeugs zum Instrument, zur Maschine, über seinen Trieb zur Selbsterhaltung und über den Zusammenhang der obwaltenden Lebenskräfte innerhalb der großen Natur. Diesem Verlangen entsprechend, wird sich also das Wort zu einem Massengebilde auszuwachsen haben, das seines Formers noch harrt und dessen Längsstreckung wir nur schaudernd erahnen können. Und wenn es fertig dasteht in seiner ganzen sinnvollen, aber klanglosen Plumpheit, wird neben ihm ein kleiner musikalischer Jambus auftauchen, der im Sinn genau dasselbe leistet, das Weltwort: Organ . Wir bilden ein neues Adjektiv: erdmittelpunktig. Daß es in dieser Form schon drei Begriffe und elf Konsonanten enthält, soll uns nicht weiter stören. Wohl aber stört es uns, daß es zu wenig betont, worauf es uns ankommt, nämlich die Ausschließlichkeit der Erde in einer menschlichen Anschauungsform. Nicht das Geometrische wollen wir hervorheben, sondern die Enge einer Vorstellung, welche einseitig auf die Erde bezieht, was bei erweiterter Anschauung auf die Sonne oder das Weltall bezogen werden müßte. Strecken wir also jenes Adjektiv, sagen wir: »enganschauungserdmittelpunktig« und schachteln wir weiter, bis die Gesamtheit des Begriffs glücklich hineingestopft ist. Aber nie werden wir imstande sein, das Wort klingend zu machen oder gar, ihm den historischen Klang beizubringen. Und die ganze Arbeit hätten wir uns sparen können, denn das alte Weltwort geozentrisch leistet alles, was wir verlangen in Sinnbeziehung, in geschichtlichem Anklang und im Klang überhaupt. Wir wollen einen eigenwilligen, herrschsüchtigen Menschen bezeichnen, einen, der bei der Durchsetzung seiner Pläne vor Vergewaltigung der Mitmenschen nicht zurückschreckt. Dafür wird die Sprache Rat wissen und die deutsche besonders im Reichtum ihrer Ausdrucksmöglichkeiten. Vielleicht: Machtstreber? reicht nicht. Denn über die Art der Macht wird nichts ausgesagt und über die Methode des Strebers nichts verraten. Wir aber haben ganz Bestimmtes im Auge, und wir definieren: dieser Mensch soll unabhängig davon, in welcher Staatsform er lebt, unabhängig davon, ob er selbst despotisch oder sozialistisch gerichtet ist, nach Macht streben; und zwar nach einer Macht außerhalb des Interessenkreises seines eigenen Volkes mit gewaltsamem Übergriff in die Angelegenheiten anderer Nationen. Das ist, obschon im Begriff sehr vielfältig, ganz klar, und dafür muß es ein Wort geben. Das Suchen hilft nichts, man muß es bilden, und irgend ein Bildner, will sagen ein Wort- und Silbenbäcker, ist vielleicht schon bei der Backarbeit. Aber das Wort existiert längst und hat sich mit dem inneren Ohr vortrefflich angefreundet. Es heißt: Imperialist . Neue Begriffe sind auf dem Anmarsch, wollen und werden sich durchsetzen, verlangen nach Ausdruck. Der Denkmeister Emanuel Lasker erweitert den Übermenschen zu einer Figur, der in der Forschung und sicherlich auch in der Dichtung künftiger Tage eine Rolle spielen wird. Starke Lichtbündel einer neuen Philosophie strahlen von ihr aus, sie verknüpft mathematische Strenge mit poetischer Freiheit, und es bedarf langer schwieriger Auseinandersetzungen, um die neue übermenschliche Gestaltung zu verdeutlichen. Aber im Kopfe des Erzeugers entstand der neue Begriff zugleich mit dem neuen kurzen Ausdruck: Der Macheïde , abgeleitet vom griechischen maché, der Kampf. In seiner umfänglichen Sinnfülle trotzt er der Übersetzung, und dereinst wird der Macheïde, wie vordem der Pelide und der Atride, auch den Vers erobern. Sollen wir uns den Taktrufen verschließen, die aus Technik und Verkehr auf uns eindringen, aus Fächern, die in ihrem Wesen auf Bewegung und Rhythmus eingestellt sind? Auf den Wagen neuer Bahnzüge, die Abendland mit Morgenland verbinden, lasen wir: » Mitropa «. Das war zunächst eine willkürliche Abkürzung von Mitteleuropa, und doch schon erkennbar ein neues Weltwort, ausgestattet mit den Vorzügen der Kürze, des Klanges und der weitreichenden Sinnbeziehung. In ihm steckt Zusammenschluß, Raum- und Zeitüberwindung, internationale Weite, Völkerbrücke. Und das innere Ohr hat seine Patenschaft nicht verweigert, als das Neuwort geboren wurde. Gewiß, das Abkürzungsverfahren hat bei uns neben gut und leidlich Klingendem auch manches Übeltönende hervorgebracht. Aber diese kleinen Sprach-Geschwürchen sind noch erträglich gegenüber den unabsehbaren Wucherungen der Langwörterei. Deren Erzeugnisse sind wie die Atlantosauren und Diplodokken der Vorwelt Schrecknisse der Natur, und man kann nur wünschen, daß es ihnen ebenso ergehe, wie den Riesenechsen der Vorzeit; das heißt: daß sie von der Überfülle ihrer eigenen Körper erdrückt werden. Das ergäbe auch einen Ausblick auf gedeihliche Neu- und Zukunftsgestaltungen. Aus den Dinosauriern entwickelten sich die Vögel, die das Singen erlernten. Ob sich vielleicht aus den Dinosaurischen Sprachungeheuern, die uns heute umkrächzen, später einmal beschwingte Singworte entwickeln werden? Das wäre ein Segen für Auge und Ohr, nicht nur für das Ohr allein. Denn das innere Auge nimmt die Chladnifigur des Klanges wahr, zum Tone ein Bild. Es liefert zur Sinnesempfindung eine wichtige, obschon den meisten Menschen unmerkliche Komponente. In Lessings Nachlaß fand sich ein Aufsatz über das Thema »Daß mehr als fünf Sinne für den Menschen vorhanden sein können«, und hieraus hat Fritz Mauthner in seiner gewaltigen Kritik der Sprache bedeutsame Folgerungen gezogen. Unsere Sinne sind »Zufallssinne«, nicht so zu verstehen, daß unsere Sinne zufällig so wurden, wie sie geworden sind, aber so, daß in einer unbekannten Welt die Sinne ganz andere Wahrnehmungen ihrem Träger zuführen können. Der Zufall ist der wohltätige Hilfsbegriff, der uns zum Ersatz unauffindbarer Glieder in der Kausalkette dient. Er öffnet uns die Möglichkeit von Fragen, die in der strengen Notwendigkeit keinen Bestand hätten und trotzdem zu Einsichten führen können. Diese Einsichten haben die Form der Wahrscheinlichkeit, des »Vielleicht«; und in diesem Vielleicht steckt wiederum die Berufung auf den Zufall. Vielleicht irren wir uns alle in der Beurteilung unserer Sinne. Vielleicht hatte Epicharm Recht mit seinem Ausspruch: »Das Auge ist blind, das Ohr ist taub, nur der Verstand sieht und hört.« Vielleicht ist das Feld der Sinne überhaupt ganz anders abgegrenzt, als wir meinen. Tieck sah den Flötenton blau und stellte einen Maler dar, der den Gesang der Nachtigall auf die Leinwand wirft. E. T. A. Hoffmann erklärte, daß der Geruchssinn für den Musiker zum Hörsinn wird, daß Düfte wie Farben und Lichtstrahlen ihm als Töne erscheinen, und daß ihr Zusammenklingen ihm zu einem wunderbaren Konzert wird. Der Duft der roten Nelke erregt in ihm den Eindruck ferner Waldhornklänge. Sein Kapellmeister Kreisler trägt einen Rock in Cis-Moll und einen Kragen in D-Dur; der Ton wird ihm greifbar, und mit einer übermäßigen Quinte will er sich erdolchen. Dem Maler Feuerbach galten seine Farben dauernd als Klangschwingungen, für Otto Ludwig verwandelten sich Goethe und Schiller in Farbenerreger, und der große Dirigent Hans von Bülow forderte oft vom Orchester, bestimmte Stellen röter oder grüner zu spielen. Vielleicht verbirgt sich in all diesen Phantasien ein Stück unerkannter Wirklichkeit? Vielleicht ist das besondere Sprachohr, Nietzsches »Drittes Ohr«, physiologisch erforschbar? Wir haben keinen Anlaß, uns dieser Möglichkeit völlig zu verschließen, ja wir bekennen sogar, daß wir mit ihnen rechnen wollen, um gewisse Erscheinungen anders zu erfassen, als im Zuge der Landläufigkeit. Daß das Ohr sieht, zu sehen vermag, wurde schon erörtert. Über den akustischen Klang hinweg vernimmt es Sinn-Klänge und wird dadurch zu einem Organ der Ein-sicht in Zusammenhänge. Der Verstand antwortet auf Botschaften des Ohres mit Einsichten. Und das Auge hört. Jede Musikaufführung müßte uns zur Anerkennung dieses Satzes zwingen, wenn nicht ein anderer Denkzwang uns immer wieder auf die angeblich festen Grenzen zwischen den Sinnen stieße und irreführte. Die alten, neuerdings wieder lebhaft besprochenen Frageprobleme: Sollen wir die Orchester verdecken? Ist die Sichtbarkeit des Kapellmeisters für den Kunstgenuß wertvoll? beruhen auf diesem alten Denkzwang. Man hat Umfragen veranstaltet, zahlreiche hervorragende Künstler haben sie beantwortet, so oder so, und alle Gutachten gingen am Wesentlichen vorbei; da sie immer nur vom »Urteil über die Leistungen« handelten, nicht auf die elementare Empfindung eingingen. In dieser aber ist die Mitwirkung des hörenden Auges ein wesentlicher Bestandteil. Die gesehene Bewegung schwingt hinüber in das Feld der Hörklänge, und der höchste Grad der Polyphonie läßt sich nur bei Zutritt der Optophonie erreichen. Der Klangsichtbarkeit des ausübenden Musikers entspricht der Sinnklang und Sinnrhythmus im Schrifttum, in Prosa und Dichtung. Ein einzelnes Wahrnehmungs-Organ reicht nicht aus, um sie zu erfassen; an den Grenzen der Organe vermuten wir Helfer, wenn sie auch vorerst nur in Andeutungen vorhanden sein mögen. In allem Organischen ist der Wunsch der Vorläufer der Erfüllung. Der Vogel flog nicht, weil ihm Flügel wuchsen, sondern ihm wuchsen die Flügel, weil in seinen kriechenden Altvordern ein Trieb zum Flug vorgebildet war. Und jeder Wunsch entspringt einer Not, in unserem Falle einer Sprachnot, die um so fühlbarer wird, je weiter der Prozeß der Begriffs-Verästelung vorschreitet. Durch Wort- und Satz-Ungeheuer sucht sie der Schwierigkeit Herr zu werden, in ihrer Not, mit dem Ausdruck überhaupt fertig zu werden, sei es auch um das Opfer des Klanges. Wir aber ahnen: Das Ohr der Zukunft wird sich solches Opfer nicht gefallen lassen, und es bedarf nur dieser Ahnung; sie ist gleichbedeutend mit dem Wunsche, das Zukunftsohr zu besitzen. Ihm werden die Angstrufe des mißhandelten Klanges erspart bleiben, denn die Sprache wird sich nicht auf alle Dauer den phonetischen Forderungen entziehen können. Sie wird andere Mittel entdecken, die Begriffsschwierigkeiten zu überwinden, wenn der Verfolg der heutigen Linie das Ohr zur Rebellion getrieben hat. Von diesen Mitteln liegen die meisten und wichtigsten auf dem Wege zur Universalsprache. Sie leisten klanglich was sie sollen, bewahren die Sprache vor Geschwülsten und erheben zugleich den Ausdruck zur allgemeinen Verständlichkeit. Der Sprecher und Schreiber sehr ferner Zeiten wird vielleicht einmal eine Statistik der Drachengebilde entwerfen, die wir heute für Worte und Sätze halten. Er wird sie mit den Gebilden von früher und später vergleichen und die Frage aufwerfen: wie kam es, daß gerade die Spanne vom neunzehnten zum zwanzigsten Jahrhundert soviel Unausstehliches hervorbrachte und ertrug? hatten die Leute keine Ohren? Und sein Kollege von der Musik wird ihm entgegnen: Nimm dir die Noten derselben Zeit vor und prüfe sie auf melodiösen Klang; da erkennst du die Wechselwirkung: die Leute hatten zumeist wirklich keine Ohren! In einer Sackgasse Noch heute wird der Gebildete von dem Gedanken an den Brand der Alexandrinischen Bibliothek schmerzlich bewegt, an jene Katastrophe, der 700 000 Bände oder Rollen, der Inbegriff des damaligen Wissens, zum Opfer fielen; und er mag es sich dabei ausmalen, was wohl geschehen würde, wenn in unseren Tagen alle Bücher in Rauch und Flammen aufgingen. Die Frage ist gestellt worden, wesentlich im Zusammenhang mit einer zweiten von noch schrecklicherem Inhalt. »Man stelle sich einmal vor, sagt Mauthner, Kritik der Sprache, Band II es würden in allen Kulturländern plötzlich alle Schriften und Bücher für immer vernichtet, dazu auch der Gebrauch der Schrift; der Gebrauch der mündlichen Sprache aber bliebe erhalten. Es wäre wohl keine übertriebene Schwarzmalerei, wenn man behauptete, daß unsere Welt damit rasch in die Kulturzustände des Mittelalters zurücksinken müßte. Unsere Erfindungen und ihre Anwendungen in der Industrie und im Verkehr könnten vielleicht noch einige Tage oder Wochen oder Jahre weiter bestehen, aber endlich könnten keine neuen Maschinen mehr gebaut werden, ein Räderwerk nach dem andern aus dem Uhrwerk unserer Kultur würde stehen bleiben, und am Ende wäre unsere Zivilisation eine Ruine, wie die Kunstuhren an alten Münstern, die man nicht mehr in Gang bringen kann, weil der Schlüssel fehlt. Denn alle Wissenschaft, deren wir uns rühmen, ist so recht eigentlich nicht in der Sprache niedergelegt, sondern in der Schrift. Und wir stellen uns vor, was freilich noch schwerer vorzustellen ist, der Gebrauch der lebendigen Sprache würde in allen Kulturländern mit einem Schlage aufhören, der Gebrauch aber und das Verständnis der Schriften und Bücher bliebe erhalten (wie man die altchinesische Schrift wohl verstehen, aber nicht aussprechen kann), so wäre dieser Zustand der Menschheit vom Standpunkte des Dichters nicht eben schön zu nennen, aber ohne Unterbrechung könnte die Kultur der Welt ihre .... Erfindungen weiter benützen und entwickeln.« Wer sich mit dem Schluß befreundet – und mir scheint er unwiderleglich –, wird zu der Ansicht gelangen, daß die Summe der Schriften und Bücher für uns Lebende, nächst dem Leben selbst, das Wichtigste ist, was wir besitzen; und daß somit auch jede Angelegenheit und Bewegung der Sprache zunächst an diesem Wichtigsten geprüft werden muß. Was sie da bewirkt und verhindert, überhaupt anrichtet, hätte uns als erheblicher zu gelten, als jeder noch so starke Einfluß auf unsere Sprache der Mündlichkeit; zudem auch aus dem einleuchtenden Grunde, weil diese in ihrer Beweglichkeit, einem schädlichen Einfluß gegenüber wehrhaft bleibt, während die festgelegte Welt der vorhandenen Schriften aushalten muß, was auf sie eindringt, ohne die Möglichkeit eines Protestes oder Gegenangriffs. Da droht nun ein Unheil von gar nicht auszudenkenden Abmessungen, ja eigentlich wäre es gar nicht mehr abzuwenden, schon vollzogen; denn die Herolde der neuen Sprachbewegung behaupten ja nichts Geringeres als den sicheren und nahen Untergang aller nicht sprachreinen – nach ihrer Definition reinen – Bücher und Schriften. Nun unterliegt es nicht dem allergeringsten Zweifel, daß nur ein verschwindender Bruchteil der Hunderttausende von Büchern dieser Anforderung genügt. Die ungeheure Masse der Deutschbücher ist, an jenem Maßstab gemessen, schon in der Anlage verdorben, in der Ausführung unrein, verwelscht oder wie man jetzt so liebenswürdig-neckisch sagt: vermauschelt; ihr Urteil ist gesprochen, sie können ihrem Schicksal nicht mehr entrinnen, das heißt, sie werden in absehbarer Zeit verschwinden, vor allen die von Halblatein und -griechisch wimmelnden wissenschaftlichen Werke. Und damit wiederholt sich eigentlich, nur ins Riesige vergrößert, der Brand der alten Alexandrinischen Bibliothek auf deutschem Boden. Soll man sich gegen diese Gefahr versichern? das dürfte schwierig sein, denn es brennt schon. Aber den Feuermelder wollen wir in Bewegung setzen, um zu retten, was noch zu retten ist. Es darf nicht verschwiegen werden, daß sich unter den vorgenannten Herolden einige befinden, die zur freiwilligen Feuerwehr gehören. Nach ihrem Programm wären die nicht bedingungslos verlorenen Bände zu retten, wenn man sie imprägniert, wenn man sie in einer sprachlichen Lauge badet, die ihnen die gefährlichen Fremdkörper fortbeizt; unbildlich gesagt, wenn man sie aus ihrem Scheindeutsch in wirkliches Deutsch übersetzt. Nehmen wir einmal an, dies wäre möglich; es fänden sich tausende von rührigen, geschickten und überzeugungstreuen Übersetzern, ungezählte Millionen neuer Druck- und Verlagskapitalien und Legionen von Lesern, die sich diese Verbesserung oder Verschlimmbesserung der vorhandenen Texte gefallen ließen. Unter Annahme dieser als möglich gesetzten Unmöglichkeit sähe man dann vielleicht einen Weg, auf dem die gefährdeten Werke ins Freie gebracht werden können. Sie wären dann anders geworden, nach unserer Auffassung schlechter, undeutlicher, aus der Universalhöhe in eine Plattebene hinabgedrückt, allein sie hätten dann doch wenigstens die Erlaubnis, mit hohem Privilegio weiterzuexistieren. Nur zeigt sich dabei im ersten Anlauf eine unübersteigliche Schwierigkeit. Der Weg führt in eine Sackgasse, an deren Gegengemäuer sich der wagemutige Retter den Schädel einrennen kann. Jene Werke haben nämlich nicht nur einen Inhalt, sondern Titel, Titel und Würden möchte ich sagen, und sehr viele dieser Titel wollen sich um alles in der Welt nicht übersetzen lassen. Nur von diesen Titelbezeichnungen soll hier die Rede sein, von Deutschwerken und von Fremdwerken, die bei uns heimisch geworden sind; einschließlich aller Vervielfältigungen in Noten und Tafeln. Betrachten wir die Titel für sich, im Hinblick auf das Verfahren, dem sie zu unterwerfen wären, so müssen wir bekennen: sie ragen empor wie Köpfe mit persönlichem Ausdruck, mit Profil und lebendigen Augen, die uns anschauen mit Vorwurf, Anklage und Trotz. Diese Köpfe lassen sich nicht gefallen, was vielleicht noch auf einer Textseite angängig wäre. Wer sie umformt, der trennt ihnen die Nase ab, sticht ihnen die Augen aus oder schlägt sie, so groß wie sie sind, mit dem Hackmesser vom Rumpf. Wollt ihr Beispiele? Schlagt in euren Büchereien auf wo ihr mögt, da stehen sie. Wie heißen Schopenhauers Parerga und Paralipomena, wie seine Grundprobleme der Ethik auf deutsch? es ist zur Not möglich, die Titel zu übersetzen, aber wer das tut, bringt die Köpfe der Werke unters Fallbeil. Die Person ihres Schöpfers verblutet unter dem Beginnen. Was soll werden aus Kants Prolegomena, aus seiner Kritik der reinen und der praktischen Vernunft, aus der Anthropologie, aus Hegels Hauptwerk Phänomenologie, aus Fechners Zendavesta? Sollen wir das zerlegen in Avesta und Zend, Text und Auslegung heiliger Schriften? Aber dann hört es doch auf, Fechners Buch zu sein, deckt sich nicht einmal annähernd mit seinem Inhalt! Tut nichts, wir handeln im Auftrag des erwachten Sprachgeistes, wir gehen an die Umtaufe von Humboldts Kosmos, von Lessings Dramaturgie, von Freytags Technik des Dramas, von Goethes Metamorphose der Pflanzen, von Schellings Briefen über Dogmatismus und Kriticismus, von Jakob Burckhardts Kultur der Renaissance und Cicerone, von Machs und Liebmanns Analysen, von all den Werken, die mit dem Ausdruck Renaissance pennälern, und kümmern uns nicht im geringsten darum, ob ihre Urheber sich dabei im Grabe herumdrehen. Das Verfahren wird ja so oft wiederholt, daß sie nach der zwanzigsten oder dreißigsten Umdrehung immer wieder richtig liegen. Die Wesenheit des Titels ist gleich der eines Eigennamens. Und wenn uns ein fremdsprachiger Titel, wie Parerga und Paralipomena, teuer geworden ist, so hängen wir an ihm als an einem Schatz und wehren den Veränderer ab, als ob er uns sonst einen liebgewordenen Namen vergewaltigen wollte. Man mute es einem Max zu, seine Agathe fortan »die Gute« zu nennen, weil Agathe doch griechisch ist und wirklich auf reindeutsch gar nicht anders heißt als die Gute. Oder man verlange von einem deutschen Egmont, er möge nicht mehr für Clara, sondern für »die Helle« oder für »die Berühmte« schwärmen, im kosenden Diminutiv statt für Klärchen für sein »Berühmtchen«. Ich möchte nicht in der Haut des Antragstellers stecken. Und doch verhält sich Berühmtchen zu Klärchen gar nicht anders als irgend eine mögliche Übersetzung zu Kritik, zu Problem, zu Ethik, zu Analysis und hundert anderen Weltworten im Titel. Aber das alles – so könnte man einwenden – betrifft doch nur das Gebiet der Gelehrsamkeit und berührt nicht das schöngeistige Schrifttum. Wirklich nicht? Ich glaube doch, daß unsere Herren Wiedertäufer auch im Felde der Dichtung recht viel Arbeit vorfinden könnten. Das ganze Heer der Balladen, Romanzen, Oden, Sonette, Xenien wartet schon auf sie; dazu Goethes Römische Elegien, Venetianische Epigramme, seine Campagne in Frankreich, Schillers Kabale und Liebe, Gryphius' Horribiliscribrifax, Ebers' Per aspera, Hauffs Memoiren des Satans und Phantasien im Ratskeller, Heyses l'Arrabiata und Märtyrer der Phantasie, Heines Romancero und Lyrisches Intermezzo, der Roman Quo vadis, Hoffmanns Automate, Fermate, Doge und Dogaressa, Andersens Improvisator, Freytags Journalisten, Fontanes L'Adultera, Ebers' und Harts Homo sum, Holteis Vagabunden und Nestroys Lumpacivagabundus, Hamerlings Homunculus, Storms Aquis submersus und so fort durch Unendlichkeiten bis zu Thomas Medaille und Lokalbahn und bis zu Sudermanns Morituri, wofür ich mich anheischig mache, in den bewußten Kreisen die Bezeichnung »Die Sterblinge« durchzusetzen. Ich nenne diese Titel, wie sie mir grade durch den Kopf gehen, ohne im geringsten an deren geschichtliche Folge zu denken, und ich ergänze ebenso, außer Zusammenhang, aus anderen Schriftbereichen: Opitzens Deutsche Poeterei, Schillers Über das Pathetische, Über den moralischen Nutzen ästhetischer Sitten, Über naive und sentimentalische Dichtung, Lavaters Physiognomik, Nordaus Konventionelle Lügen und Paradoxe, ja ich ergänze als eine Gesamtheit das grunddeutsche, unvergleichlich deutsche Kommersbuch, das wohl in irgendwelcher Zeit Festkneipenbuch heißen wird, falls es dann noch Universitäten, Studenten und Präsiden geben wird, die einen Cantus steigen lassen. Jeder meiner Leser kann die Aufzählung aus dem Gedächtnis beliebig fortsetzen, aber nicht jeder weiß, daß solche Bestrebungen selbst den Titeln gegenüber sich tatsächlich schon hervorgewagt haben und wohl noch im Schwange sind. Ich kann das natürlich nicht im einzelnen belegen, denn wer hebt sich all das Zeug zeitungsschreibenden Eintagsgeflügels auf? Aber ich besinne mich, schon »Troersang« gelesen zu haben, wo die Ilias gemeint war, »Aufsteigezug« für Xenophons Anabasis, »Wellmaid« für Fouqués oder Lortzings Undine, und einmal verwies der Schreiber auf Jean Pauls »Riesen-Geschichte«, wo ihm der »Titan« vorschwebte. Als eine besonders glänzende Blüte ist mir die Umtaufung von Murgers später veroperter La Bohème erinnerlich (ursprünglich: Scenes de la vie de Bohème), woraus sich »Böheimer Leben« entwickelt hatte; was ungefähr so viel Sinn- und Sprachbedeutung hat, als den Führer des ersten Kreuzzuges Gottfried von Fleischbrühe, den Père Lachaise Vater Stuhl zu nennen, oder mit der Unerschrockenheit vormaliger Berliner Ulkbrüder die Cavalleria rusticana zu einer »russischen Kavallerie« umzukrempeln. Ein Franzose wiederum könnte auf demselben Wege dazu gelangen, Seidels Leberecht Hühnchen als »Vivejuste Cocotte« anzusprechen. Vorläufig erfreuen sich ja die Titel noch eines gewissen Rechtsschutzes. Wer heute im Laden Boccaccios Dekamerone unter dem Namen eines »Zehnteilers« verlangt, dem kann es begegnen, daß der Verkäufer zur Kritik des Begehrens mit dem Finger an die Stirn tippt. Aber schon heute kann er ohne Aufsehen zu erregen im Musikladen nebenan Beethovens Heldensymphonie (noch nicht Heldengetöne ) statt der Eroica verlangen, und in gemessener Zeit wird man ihm Volksausgaben vorlegen mit übersetzter Pathétique, Appassionata, mit Chopinschen Übungen (Etüden), Nachtstücken (Nocturnes), Stegreifern (Impromptus) und mit der Liederzählung in weichem G (Ballade in G-Moll). Und abermals in gemessener Zeit wird Clementis Gradus ad Parnassum als Schritt auf den Kunstberg an die Reihe kommen, vielleicht sogar Bachs »Wohltemperiertes Klavier«; ohne eine bestimmte Voransage zu stellen, halte ich nach allem bereits Erlebten Bachs »Wohlgewärmten« Flügel nicht für ganz unmöglich. Immerhin werden die Tondichter in der Hauptsache, nämlich in ihren Notentexten, die eine Universalsprache reden, unangetastet bleiben; abgesehen natürlich von den Vortragsbezeichnungen; da Worte und Zeichen wie piano, forte, allegro, presto, crescendo als heimatfeindliche Unholde nicht geduldet werden dürfen. Aber die großen Urheber im Schrifttum wird die Neuerung in die Eingeweide treffen, in die Texte, und in fernerer Zukunft sogar in die Titelköpfe. Horch, der Wilde tobt schon an den Mauern; und sein Programm ist so umfassend, sein Heerruf so dröhnend, sein Troß so gewaltig, daß sich die Büchereien auf die durchgreifendsten Maßregeln gefaßt machen müssen. Der Weg ins Freie Es ist gezeigt worden, daß der genügend gekennzeichnete Weg in eine Sackgasse führt. Die Voraussetzung war die Annahme, daß die neue Forderung versuchen würde, auf das längst vorhandene Schrifttum zurückzuwirken. Fügen wir eine neue Voraussetzung dazu, so ließe sich ein entfernter Ausblick auf einen Weg ins Freie wahrnehmen. Diese neue Voraussetzung ließe sich kurz dahin bestimmen: es müßte möglich sein, überhaupt eine neue Literatur zu schaffen. Wird diese Möglichkeit zugegeben, und die Voraussetzung damit erfüllt, dann könnten die Forderer schließlich doch wohl Recht behalten. Es würde ihnen am Ende gelingen, am Gegengemäuer der Sackgasse einen Durchbruch zu erreichen. Wir versetzen uns damit in eine denkbare Zukunft. Heute ist es eine immerhin beschränkte Anzahl von Kämpfern, die vor dem eigentlichen Literaturdeutsch, dem verseuchten Deutsch der humanistisch durchtränkten Schreiber, einen Ekel empfinden und diese Empfindung in Wort und Schrift klar bekennen. Griffe diese Empfindung in weiteste Kreise über, gewänne sie richtende Gewalt, so müßte sie die eben genannte Rückwirkung einmal zwingend äußern: in »gereinigten« Ausgaben der vorhandenen Schätze (wie man ehedem ad usum delphini noch ältere reinigte) und in Neuschaffung einer Literatur ohne Ekelsubstanzen. Der Versuch, das Vorhandene neu aufzuarbeiten, führt, wie wir sahen, in die Sackgasse. In der Unendlichkeit der Schwierigkeiten bilden schon die Titelbezeichnungen für sich ein unübersteigliches Hindernis. Die Gegner werden das leugnen; und wenn sie in der Geschichte der Umformungen sehr beschlagen sind, so werden sie mir sogar mit Gegenbeweisen entgegenrücken. Vielleicht fällt ihnen der folgende ein: Es lebte einmal in Alexandrien ein großer Gelehrter namens Klaudius Ptolemäos, der ein grundlegendes Werk herausgab unter dem griechischen Titel: megale syntaxis tes astronomias, große Zusammenstellung der Astronomie. Als dieses Werk nach Jahrhunderten ins Arabische, aus dieser Sprache noch später ins Lateinische übersetzt wurde, erhielt es durch Verkuppelung des arabischen Artikels al mit dem griechischen Superlativ megistos (größter) den Bastardnamen »Almagest«, und unter dieser noch heute geltenden Bezeichnung ist das Werk eine Säule der Weltliteratur geworden. Da hätten wir also den überzeugenden Beweis für die Wandelbarkeit eines Titels, der seinen Ewigkeitsruhm erst in einer dem Urheber Ptolemäos völlig fremden Fassung erreichte. Und die Folge wäre, daß man sich durchaus nicht zu genieren brauchte, ein ähnliches Verfahren, sagen wir einmal auf Humboldt zu übertragen. Sein Werk, das er »Kosmos« nannte, braucht gar nicht so zu heißen, kann vielleicht – bei genügend übersetztem Text – unter anderem Namen noch weit berühmter werden. Das wäre indes ein Trugschluß, der nur dadurch zustande kommt, daß das Wesentlichste übersehen wird. Wenn der ursprüngliche Titel als Al-magest im neunten Jahrhundert arabisch-griechisch wurde, so gewann er dadurch eine erweiterte Weltgeltung; setzen wir aber für Kosmos irgendwelches Deutschwort, so bewirken wir in demselben Sinne eine Verengung . Ich behaupte sogar, daß ein Wort wie Kosmos vielen Deutschen – ich denke dabei an die Mittelschicht von bescheidenem Bildungsstand – ohne weiteres verständlicher klingt, als mancher Reindeutsch-Titel; verständlicher als »Götzendämmerung«, als die »Vierfache Wurzel des Satzes vom zureichenden Grunde«, als »Trutz-Nachtigall«, sogar als des alten Fischart »Affentheuerlich-naupengeheuerliche Geschichtklitterung«. Indes, wir brauchen uns gar nicht auf den weiteren Verfolg dieser Betrachtung einzulassen. Jeder Versuch, die Namen oder gar die vorhandenen Texte einem Großreinemachen zu unterziehen, würde schon am Umfang des Unternehmens scheitern. Denn das vorhandene, so mangelhaft deutsche Schrifttum ist eben auch ein Kosmos, ein Makrokosmos, ein Almagest, und wenn es der neuzeitlichen Forderung nicht genügt, so bleibt eben nichts anderes übrig, als – eine neue Literatur zu schaffen. Allen Ernstes wird in den Schriften der Forderer darauf hingewiesen, daß eine solche bereits im Entstehen sei. Man bekommt die Aufzählung einer Reihe neuer Deutschbücher aus verschiedenen Fächern, die sich bei vortrefflichem Inhalt durch vollkommene oder annähernde Sprachreinheit empfehlen. Gewiß ein höchst schätzbarer Zuwachs zum Vorhandenen. So wie das Gewicht der Erde durch den Anfall von Meteorsteinen zunimmt oder das Vermögen eines Milliardärs durch einen Treffer in der Lotterie. Der Treffer verschwindet selbst im besten Fall gegen seine Jahreszinsen. Unser Schriftschatz, der Kosmos der deutschen und in Deutschland heimischen Bücher, ist der Milliardär, und sein natürlicher Zinszuwachs setzt sich zusammen aus seiner fortzeugenden Wirkung in den Gehirnen und aus den neuen Werken, die in seinem Geiste und in seiner Sprache geschrieben werden. Wer das leugnet, der faßt den Begriff der Geistigkeit anders als ich, und wir werden uns nicht verständigen können, weil wir über verschiedene Dinge reden. Arten und Unarten Es liegt nicht im Plan dieses Buches, die Eigentümlichkeiten des Stils wie die Gegenstände eines Museums in irgendwelcher Vollständigkeit auszulegen und sie mit Lob, Zurechtweisung, Analyse und Satire zu bedenken. Ich widerstehe dieser Versuchung schon deshalb, weil man sich mit solcher Behandlung leicht ins Schulmeisterliche verliert und in Gefahr gerät, Nebendinge für literarisch wichtig zu nehmen. Unsere Betrachtungen galten und gelten den Fernblicken, wenigstens der Absicht nach. Aber auch der Wanderer, der den Aussichtspunkten zustrebt, wird hin und wieder einen Quarzsplitter vom Wege aufnehmen oder einen Halm abzupfen; so nur mag es verstanden werden, wenn wir hier einige Besonderheiten herausgreifen. Im großen und ganzen kann man sagen: Stilschönheiten fallen nicht auf. Wer sie zu bieten vermag, dem erfließen sie so selbstverständlich als Zeichen der Gedankengüte und Gedankenfülle, daß sie in der Regel als hervorstechende Einzelwesen gar nicht auftreten können. Sie stehen immer dicht bei einander; und wer sie in getrennter Schönheit auf sich wirken läßt, verfährt nicht wesentlich anders als ein Betrachter, der auf flutendem Meer eine einzelne Woge als besonders gelungen empfindet. Die Häßlichkeit im Stil, die Schrulle, das unbegründete Wagnis, die offenbare Entgleisung fallen auf, können Ärgernis erregen, beanspruchen aber doch noch Vorsicht in der Beurteilung. Ihr vereinzeltes Auftreten ist gleichgültig. Aber selbst dort, wo die Auffälligkeit in gewollte Manier überzuschlagen droht, könnte ihr Urheber selbstherrliche Rechte geltend machen, und oft genug wäre es verfehlt, ihm zuzurufen: das geht nicht, so schreibt man nicht, das darfst du nicht! Als Wagner mit seinem Rheingold-Deutsch herauskam, spritzte es den Ironikern nur so aus den Federn. Sie bewiesen, sie spießten, sie führten glänzende Florettstöße gegen die Schrulle, mit dem Erfolg, daß sich die vermeintliche Unart als bedeutsame Art durchsetzte. Und der glänzende Stil jener Spießer wirkt heute flau wie ihre Beweisgründe, die uns nicht mehr als stahlscharf, sondern als vernunftledern erscheinen. Heut wird gegen andere Stilsünden scharfgemacht, so gegen die abgehackten Sätze. Für ihre Sonderart hat Konrad Fischer in einer lesenswerten Abhandlung den witzigen Ausdruck » Der asthmatische Stil « aufgestellt. Ich entnehme diesem Aufsatz (in der Zeitschrift des Allg. Deutschen Sprachvereins vom Dez. 1917) einige Beispiele aus Ganghofer, Rudolf Stratz und anderen: Sie ritten im Nebel vorüber. Und verschwanden im Grau. – Das war nicht lieblich. Aber hilfreich. – Ich erschrecke vor Ratten. Weil mir ekelt.– Gute Vettern sollten sich zuweilen besuchen. Um sich auszusprechen. Ich habe das Meine getan. Wirklich das Äußerste. – Es sah schlimm aus. Wie ein Schlaganfall. Oder wenigstens wie eine Ohnmacht. – Jetzt bleibt er fest. Ist hart. – Aber da saß ein Feldgrauer. Am Ostersonntage. In einer Kirche. Auf einer Bank. Das kann natürlich bei Nachtretern zu Mißbrauch und Lächerlichkeit führen. Der gedankenlose Stilfex hält den Satzstummel für das Wesentliche und stümmelt auf eigne Hand darauf los mit möglichster Konstruktions-Ersparnis. Seine Sprache wird dann merklich asthmatisch, aber nicht deshalb, weil den Sätzen, sondern weil den Gedanken der Atem fehlt. Der abgerissene Satz an sich zeigt weder Symptome einer Krankheit, noch überhaupt Kennzeichen eines Stiles. Erst durch den Zusammenhang, durch Absicht und Bau des Ganzen wird erkennbar, ob er durch Marotte, durch Unvermögen oder durch künstliche Eingebung entstand. Die gesamte Literatur wimmelt von Abgerissenheiten, und in ihren höchsten Entzückungen neigt sie, um das Wort beizubehalten, zum Asthma: Freudvoll und leidvoll – Gedanken voll sein; – Langen und bangen – in schwebender Pein, – Himmelhoch jauchzend, – Zum Tode betrübt – – ist auch konstruktionslos frei in die Luft hingestellt. Werthers Schluß ist mit der Axt gehauen: Der Alte folgte der Leiche und die Söhne. Albert vermocht's nicht. Man fürchtete für Lottens Leben. Handwerker trugen ihn. Kein Geistlicher hat ihn begleitet. Goethe hätte das auch stilistisch fein gliedern und in verbundener Konstruktion ausbauen können; aber er wollte nicht mörteln, sondern unbehauene Quadern türmen. Der Dänenprinz ist nach Aussage der Königin »fett und kurz von Atem«; auch seine Rede? Sterben – schlafen – Schlafen! Vielleicht auch träumen! – Ja, da liegt's – – das klingt sehr kurz und abgerissen, ist aber nicht asthmatisch; sondern wuchtig, lapidar. Isoldes letzte Worte: ertrinken – versinken – unbewußt – höchste Lust – – konstruiert das Ohr da noch rückwärts, um eine Verbalverbindung aufzuspüren? nein, hier herrscht Satzverzicht, und das Einzelwort entledigt sich der letzten Fesseln. Bei Friedrich Theodor Vischer: »Hund eingetan: Pudel. Lustig und doch sehr rationell. Gutes Vieh. Rührend.« Ein klassischer Fall von Asthma, der gerade so bedeutungsvoll auftritt, weil er den Einwand hervorlockt: »Aber das ist ja Tagebuchstil!« Nur daß dieser Einwand Grund und Folge vertauscht: Vischer wählte den Rahmen des Tagebuchs, um den asthmatischen Auftakt zu gewinnen. Man lese nur die Stelle weiter, um die hohe künstlerische Wirkung wahrzunehmen, die durch den kurzatmigen Auftakt eingeleitet wird. Da sitzt ein Geheimnis der Stilmeisterschaft und zugleich ein Beweis von der Untrennbarkeit stilistischer und gedanklicher Edelwerte. – – Bedenklicher als der asthmatische erscheint mir der Taumelstil, zu dessen Kennzeichnung wohl noch ein schärferer Ausdruck zu finden wäre. Ich nenne ihn einstweilen so, um auf den Zustand eines Schreibers hinzudeuten, der zwischen einzelnen Worten keinen Halt zu finden weiß, so daß seine Satzgebilde windschief geraten, wackeln und wie besinnungslos dahintaumeln. Hier einige Beispiele ohne Nennung der Urheber, auf deren Namen es in diesem Zusammenhang nicht ankommt: »Einen blutigen Zynismus, wie ihn auf dem russischen Thron nur das Scheusal Iwan, dem die Geschichte den Beinamen des Grausamen beigelegt hat, bewies, trägt jetzt wohl wider seinen eigenen Willen in Rußland X. X. zur Schau.« Die drei verhedderten Zeitworte »hat bewies trägt« bewirken, daß der ursprünglich klar gedachte Satz aus dem Gleichgewicht gerät und vor den Augen des Lesers umkippt. »Schwachsichtigkeit, die die Folge von Verletzungen, welche die Hornhaut erlitten hat, ist, ist heilbar, wenn es dem Arzt gelingt usw.« »Das Manöver ging darauf aus, durch geschickt erfundene Kabeldepeschen, die von London aus durch Vermittelung der unter britischem Einfluß stehenden Agenturen nach Amerika befördert wurden, die Handlungen der deutschen Regierung zu verdächtigen ... Man darf mit Sicherheit behaupten, daß das durch die zielbewußten verleumderischen Machinationen der Engländer genährte und geschürte Mißtrauen, das damals in Washington Wurzel faßte, trotz aller von Berlin aus ergangenen Aufklärungen und freundschaftlichen Beteuerungen seit jener Zeit bis zur Gegenwart unausrottbar fortbestanden hat.« Im Schachtelsatz ereignet sich ein Unglück selten allein. Wo sich Zeitwörter und Bindewörter ineinander verfilzen, treiben gewöhnlich auch die Präpositionen allerhand Unfug. Ihr Durcheinanderwirbeln verursacht zumeist den Eindruck des Taumeligen; denn eine Präposition soll Richtung geben, und wer in einem Atemzug drei, vier, fünf verschiedene Richtungen einschlägt, der bewegt sich direktionslos. Der gute und hohe Stil verfällt oft in Eigenheiten, die an den Regeln der Gegenwart gemessen auf die schwarze Liste gehören; dann wird die Regel eben unwirksam wie ein Polizeiparagraph vor einem Hoheitsrecht. Aber der wackelnde Schachtelsatz ist und bleibt Sünde, auch in den Schriften der Großen. Mir ist kein Beispiel eines übergeordneten rechtfertigenden Grundes bekannt. Da aber nichts ohne zureichenden Grund geschieht, so halten wir uns an das Horazische: – »quandoque bonus dormitat Homerus.« Der Sprachstümper liefert Schachtelsätze und Taumelsätze, weil er überhaupt nicht im Stande ist, seine Aufmerksamkeit fest einzustellen; der Sprachmeister, weil keines Menschen Aufmerksamkeit für dauerndes Wachestehen ausreicht. – – Neuerdings wird die Sprache von einem Übel bedroht, das meines Wissens von den Stilwächtern noch gar nicht recht bemerkt worden ist. Es handelt sich um den »Negativ-Stil«, der die Dinge durchaus in einem Umkehrungsspiegel erfassen will, anstatt ihnen gerade ins Angesicht zu blicken. Betrachten wir einige Beispiele, oder um den Sündern ihre eigene Ausdrucksweise vorwegzunehmen: lassen wir uns die Mühe nicht verdrießen, einige nicht unstatthaft gewählte Beispiele nicht mit Stillschweigen zu übergehen: »Wir haben kein Recht, zu den Beamten dieses Staates kein Vertrauen zu haben und nicht zu glauben, daß sie nicht nach dem Gesetz verfahren.« (Aus einer Ministerrede.) »Ein Teil der Presse hält es nicht für ausgeschlossen, daß der Beschluß des Polenklubs keine großen Weiterungen zur Folge haben werde.« (Bericht einer großen Berliner Zeitung von 1917.) (Oberstaatsanwalt Sch., Berlin 1910): »Ich verkenne nicht, daß in letzter Zeit nicht Dinge zur Sprache kamen, die die Sittlichkeit gefährden konnten.« (Aus einem Roman): »Hier handelte es sich nicht um zerstörte Illusionen: die Hoffnungen der Nichten wurden mit nichten vernichtet.« (Abg. Bassermann, 1910): »Es liegt mir fern, an dem guten Willen des neuen Reichskanzlers zu zweifeln, und ich kann allerdings nicht sagen, daß er nicht ein reaktionärer Mann ist, jedoch vieles an ihm ist uns nicht unsympathisch.« (Eugen Dühring, Geschichte der Philosophie): »Es würde allen Grundsätzen natürlicher Schlußfolgerungen widersprechen, wenn wir nicht annehmen wollten, daß ein Aristoteles seiner Zeit nicht allzufremd geblieben sei.« – – – »Hätte nach Kants Voraussetzung der menschliche Verstand die Fähigkeit, die Unhaltbarkeit der erwähnten drei Vorstellungen außer Frage zu stellen, so könnten sie auch in der Philosophie nicht mehr positiv in Frage kommen.« Jedes Kind weiß und empfindet es als logisch, daß zwei Verneinungen einander aufheben, so wie ein erster Spiegel rechts und links vertauscht und ein zweiter diesem entgegengestellter den positiven Bestand wiederherstellt. Aber der zweite Spiegel bringt keineswegs das gleichartige Urbild, sondern dessen verdunkelte Abschwächung, und die Verdunkelung steigert sich mit jedem weiteren Spiegel. Genau dasselbe begibt sich bei den fortgesetzten Verneinungen: der Sinn wird verdunkelt, seine Umrisse verschwinden, seine Farbe verdämmert. Wobei einzurechnen, daß nicht nur die reinen Verneinungsworte (nicht, nie, keinen, un – – usw.), sondern auch zahllose andere: fremd, ausgeschlossen, zweifeln, widersprechen, gefährden, außer Frage stellen usw. negativ wirken oder wirken können. Selbstverständlich sind die wiederholten, sogar die gehäuften Verneinungen nicht zu entbehren, wenn nämlich der Sinn selbst das Negative, Kontradiktorische als Bedingung enthält. Allein das Ergebnis hängt davon ab, ob die Wortfassung diesen Grundsinn klar darstellt oder in eine Rätselaufgabe verwandelt. Wird der Leser und Hörer gezwungen, mühsam aufzuknüpfen, Plus und Minus gegeneinander aufzurechnen, um schließlich sprach-algebraisch herauszukommen, was da wohl gemeint sein könnte, dann war die Sache im Ausdruck verfehlt. Freilich können sich die vielzuvielen Verneinungskünstler von heute auf ein klassisches Muster berufen, auf ein höchst seltsames; denn das Muster beweist, daß die Menschheit selbst dort, wo das Negativrätsel ganz falsch gestellt war, die richtige Auflösung findet. In den älteren Ausgaben von Emilia Galotti, Akt 2, Szene 6, sagt Claudia: ... »Gott, Gott, wenn dein Vater das wüßte! – Wie wild er schon war, als er nur hörte, daß der Prinz dich jüngst nicht ohne Mißfallen gesehen! ...« So wurde die Stelle von Millionen gelesen, gehört, als Ausdruck der Bezauberung aufgefaßt. Und fast hundert Jahre währte es, ehe die Verfilzung der drei Negative als ein Zufallsschnitzer erkannt wurde. Und hieraus können die Verneinungssportler allerdings die Beruhigung entnehmen, daß es auf ein paar »nein, nicht, un..., ohne« mehr oder weniger gar nicht ankomme; der Hörer wird schon raten, was dem Sprecher vorschwebt, selbst dann, wenn im Satze Fassung und Sinn schnurstracks auseinanderlaufen. – Man soll sich nur niemals einreden, eine Generation wäre der vorigen oder vorvorigen im Sprachgefühl sonderlich überlegen. Genau genommen läßt sich immer nur eine Veränderung des Gefühls, nicht aber ein Fortschritt feststellen, da ja ein Grundpunkt zur Orientierung in aller Sprachempfindung unmöglich vorhanden sein kann. Zu Goethes Zeit und weit darüber hinaus hatte der Satzbruch (das Anakoluth) wie überhaupt der Mangel an Folgerichtigkeit in der Konstruktion nichts auffälliges. Man schrieb ohne Bedenken: »Die Mittel, die er anwandte, und es auch richtig dahin brachte ...« »Der Becher, aus dem sie nippte, und mit vielen Danksagungen hinwegeilte ...« »Der Wagen, worin er die Unglücksfahrt unternahm, und ihm die Pferde bei der ersten Biegung der Landstraße durchgingen ...« »Marianne schaute mit einem traurigen Blick nach ihr auf, den Wilhelm bemerkte und in seiner Erzählung fortfuhr ...« »Ein physisches Mittel, dessen Schädlichkeit Du eine Zeitlang wohl eingesehen, und daß Du, aus Liebe zu mir, auch eine Weile vermieden und Dich wohlbefunden hattest« (aus einem Brief Goethes an Frau v. Stein). »In dem Göttinger Dichterbund, dem auch Goethe beitrat und mit den Brüdern Stolberg ein Freundschaftsbündnis schloß ...« Hatten die Schreiber etwa gar keinen Sinn für grammatische und logische Zusammenhänge? Hielt es einer für richtig, daß jemand aus einem Becher nippt und aus dem nämlichen Becher hinwegeilt? Eher könnte man eine gewisse Sorglosigkeit annehmen, und wenn wir im Laufe der Jahrzehnte darin strenger wurden, so kann, bei abermaligem »Fortschritt« des Sprachgefühls, diese Strenge wiederum als fesselnde Pedanterie erscheinen. Sollte nur ein einziger bedeutender Schriftsteller der Zukunft zur Anakoluthie zurückkehren, so könnte die Eingebung seiner Laune sehr bald wieder Mode werden. Und dann werden auch Ästheten auftauchen, die für die Herrlichkeit derartiger sorglos geformter Sätze mit urwüchsiger Begeisterung eintreten. Und wie steht es mit unseren eigenen Sorglosigkeiten? Leicht gleiten den Mitlebenden Formen aus der Feder wie: »Die alberne Figur, die er machte ...« – »Die Gefahr, die er lief ...« – »Die Flucht, die er ergriff ...« Soll schon Genauigkeit im Ausdruck herrschen, so sind alle solche Bezugsformen zu verwerfen, sofern nur irgend etwas Sinnbildliches, Uneigentliches in ihnen steckt. Derartige Formen sind den Vorgängen vergleichbar, die man in der Physik als »irreversibel« bezeichnet, und man gerät in Fallstricke, wenn man sie trotzdem als umkehrbar behandelt. Aber auch hier kann sich das Sprachgefühl ändern, und es ist nicht ausgeschlossen, daß die Zukunft alle Formen dieser Gattung freigibt, ohne den logischen Einwand zu beachten. Dann wird man unbedenklich schreiben: »Die Epoche, die er machte ...« – »Die Lunte, die er roch ...« – »Der Vogel, den er (z. B. ein Konzertkünstler) abschoß«, und niemand wird danach fragen, ob das Hauptwort gegenständlich oder figürlich gemeint sei. Auch der Zwang der Einzahl (im Singularetantum) kann einmal aufhören. Schon heute gelten unsern Schöngeistern Bildungen wie »die Dränge«, »die Inhalte«, »die Eigensüchte«, »die Vordergründe«, »die Wollungen«, »die Pietäten«, »die Humore«, als erlaubt und stilschön; und da in diesen Pluralstrebungen kein Ende abzusehen, so müssen sich auch die übrigen Singulare in absehbarer Zeit auf Vervielfältigung gefaßt machen: die Heimaten, die Neide, die Adel, die Prünke, die Schanden, die Raube (oder Räube?), die Reuen, Treuen und Spreuen, dazu eine Unzahl anderer Worte, die sich zurzeit ohne zureichenden Grund auf die Einzahl festgelegt haben. Warum »die Kohlen« und nicht auch »die Marmore«, warum die Quarze und nicht auch die Sande, die Stäube? Was der Luft, der Erde, dem Eisen recht ist, könnte auch dem Stahl, dem Silber und dem Schwefel billig sein; und es ist nicht abzusehen, weshalb sich der Kopfschmerz, das Fieber und der Schnupfen leichter pluralisieren lassen, als die Gicht und das Zahnweh, weshalb der Mangel sich zu Mängel auswachsen kann, die Fülle aber nicht zu Füllen, und warum Liebe wie Haß gemeinsam dem Plural einen merklichen Widerstand entgegensetzen. – Wie leichtherzig sich das Sprachgefühl bisweilen den Zugriffen der Logik entzieht, das zeigt sich deutlich bei gewissen negativ betonten Eigenschaftswörtern, die einen Höchstgrad bedeuten, aber immer noch weiter gesteigert werden. Wir lesen von einem »unerhörten Vorgang«, und etliche Zeilen darauf wird ein »noch unerhörterer Vorgang« berichtet. Auf den »unvergleichlichen Künstler X« folgt ein Künstler Y, den der begeisterte Kritiker »noch unvergleichlicher« findet. Dieses Überstürzen des Ausdrucks ist nicht von heute und gestern, stammt vielmehr aus den Zeiten, da die höfischen Berichte zu melden wußten: Die allerhöchsten Herrschaften begaben sich in den Dom, um dem Höchsten zu danken. Eduard Hanslick, einer der größten Sprachkünstler unter den deutschen Kunstschreibern, hat in Übereinstimmung mit Felix Mendelssohn die Sängerin Jenny Lind als »noch nie dagewesen« und »niemals wiederkehrend« bezeichnet, zehn Jahre später feierte er die Carlotta Patti als eine »Erscheinung ohne Gleichen«, was ihn nicht hinderte, Désirée Artot »noch beispielloser« als Carlotta, und Adelina Patti »noch unvergleichlicher als alle andern« zu finden. Wir haben uns daran gewöhnt. Das Perpetuum mobile ist unmöglich, und die Quadratur des Kreises ist noch »unmöglicher«. Ein namenloses Entsetzen kann leicht noch namenloser, ein unsagbares Elend noch unsagbarer werden; und man stutzt nicht sonderlich, wenn man liest: »Nur um den Minister zu schleunigem Eingreifen zu veranlassen, haben wir diese unbeschreiblichen Zustände so genau beschrieben.« Die Vorsilbe »un« besitzt eben nur redensartlichen Wert, bezeichnet auf dem Maßstab irgend einen Grad und läßt sich darauf nach Bedarf verschieben. Genau genommen sollte man sich bei jedem Komparativ fragen, ob nicht im Wort irgend etwas Bildliches, Abgeleitetes steckt, das nicht mitgewandelt werden kann. Von zwei Verleumdern kann der eine nicht »eingefleischter«, von zwei Verbrechern der eine nicht »gewiegter, abgebrühter« sein als der andere. Man dürfte ebensowenig sagen »der ausgemachteste Dummkopf« wie der »gerissenste Schieber«, »die zweideutigere Redensart«, »der gesiebtere Lump«, »der ungeschlachtere Riese«, »das mittelmäßigere Talent«, oder das »lauere Badewasser«. In der Mathematik gibt es zweifellos wahre, aber unbewiesene Sätze, z. B. den berühmten Primzahlsatz von Goldbach; man dürfte indes, um ganz streng zu bleiben, nicht behaupten, der pythagoreische Satz sei »bewiesener« als der Goldbachsche, eben weil für diesen gerade das fehlt, was wir Beweis nennen. Beide Sätze verkünden Wahrheiten, aber die eine ist nicht wahrer und nicht ewiger als die andere. Hier öffnet sich ein weites Feld für die Betätigung des Sprachgefühls, und es wäre vielleicht lohnender, in diesem Feld die Spuren abzusuchen, als für allerhand sprachlichen Kleinkram schulmeisterliche Verordnungen zu drechseln. – Drei übelbeleumundete und vielfach vorbestrafte Subjekte werden an die Schranken gerufen: »Derselbe«, »Welcher« und die »Inversion nach Und«. Es kann aber zweifelhaft erscheinen, ob sie überhaupt vor ein Forum der höheren Stilkunst zu laden sind und nicht vielmehr zum kriminellen Kleinkram der Sprache gehören. Mit der Inversion wäre ja nicht viel Federlesen zu machen, sie klingt uns unschön, fehlerhaft und wird allgemein als eine Schwerverbrecherin angesehen. Sie frönt zudem der Gier, sich mit »Derselbe« zu gemeinsamen Straftaten zu verbinden, deren Art am besten in der scherzhaften Parodie erkannt wird, mit der sie ein witziger Zeitgenosse, Gustav Hochstetter, wie in einer Schlinge gefangen hat: »Auf dem Fels saß Lorelei mit ihrem goldenen Haar und goldenen Kamme, – und kämmte dieselbe dasselbe mit demselben.« Und trotzdem bin ich der Ansicht, daß in den Akten »derselbe, dieselbe, dasselbe« das letzte Wort noch nicht gesprochen ist. Vordem spazierten sie mit recht gutem Leumundszeugnis durch die Welt, und man braucht nur Schillers Briefe, Fichtes Reden, Schopenhauers Schriften zu lesen, um in eine Sprachstimmung zu geraten, die sich mit »demselben« ohne Schwierigkeit abfindet. Es erscheint sonach nicht ausgeschlossen, daß sich das Sprachgefühl der Zukunft auf das der Vergangenheit zurückbesinnen und die ängstliche Unterscheidung zwischen is und iste nicht aufrechterhalten wird. Heute freilich sitzt uns diese Unterscheidung im Blute, und kein wirklicher Schriftsteller könnte sie verleugnen. Aber ein innerer, durchgreifender Stilgrund ist nicht zu entdecken. Wäre er vorhanden, so hätte er doch schon vordem wirken müssen, vor allem in den Reden und Schriften unserer Großmeister, die doch nicht auf dem Aktenschimmel den Parnaß hinaufgeritten sind. Daß es sich hier um ein Zeitgesetz handelt, läßt sich beweisen. Jenes Fürwort gilt seit Jahrzehnten als Hauptkennzeichen des »papierenen Stils«. An der Unnatur und Steifbeinigkeit unseres ganzen schriftlichen Ausdrucks, – so heißt es z. B. bei Wustmann, trägt dieses Wort die Hälfte aller Schuld. Könnte man unserer Schriftsprache diesen Bleiklumpen abnehmen, schon dadurch allein würde sie Flügel zu bekommen scheinen. – Sehr schön. Der Kampf gegen das steifbeinige Fürwort ist längst mit allem Erfolg durchgeführt, der Bleiklumpen ist verschwunden, und der andere Bleiklotz, die fehlerhafte Inversion, beschwert die Schreiber von heute ebensowenig. Sonach müßte der ersehnte Zustand der beflügelten Sprache tatsächlich eingetreten sein. Das aber gerade wird von den nämlichen Kämpfern geleugnet, die so scharf zwischen Papier-Stil und Flug-Stil zu unterscheiden wissen. Und wenn ich mir ihre eigenen Sprach-Erzeugnisse neben ältere lege, die sich mit dem Bleiklumpen »derselbe« schleppten, so finde ich die älteren beflügelt, die neueren lahm. Ich nannte eben Fichte; hören wir: Auf das zuerst zum Bewußtsein erwachende Kind dringen alle Eindrücke der dasselbe umgebenden Natur zugleich ein ... (Leben der Menschheit): ... soll eine gänzliche Umbildung mit derselben vorgenommen werden, so muß sie einmal ganz losgerissen werden von sich selber ... (Die neue Erziehung): ... Ihr ist nur die Welt, die durch das Denken erfaßt wird, die währe und wirklich bestehende Welt; in diese will sie ihren Zögling, sogleich wie sie mit demselben beginnt, einführen. Die Sprache dieses Volks ist notwendig, so wie sie ist, und nicht eigentlich dieses Volk spricht seine Erkenntnis aus, sondern seine Erkenntnis selbst spricht sich aus demselben . Das also wäre Papierdeutsch. Dagegen lautet das allererste Wort des Antipapierenen Wustmann, der Auftakt seiner Einleitung: Seit einigen Jahren sind uns plötzlich die Augen darüber aufgegangen, daß sich unsre Sprache in einem Zustande der Verwilderung befindet. Diese über mehrere Jahre verteilte Plötzlichkeit gibt zu denken und regt zu Vergleichen an. Den Klassikern waren bezüglich der Verwilderung die Augen noch nicht aufgegangen; sonst hätten sie vielleicht geschrieben: »Was man von der Minute ausgeschlagen, gibt keine Ewigkeit plötzlich zurück«, oder »Es kann die Spur von seinen Erdetagen nicht in Äonen plötzlich untergehen.« Ich möchte nicht mißverstanden werden: Nach heutigem Sprachgefühl entspricht die Beschränkung des Fürworts »derselbe« einer zurzeit bestehenden und für uns bis auf weiteres gültigen Regel; diese steht nicht in der Verfassungsurkunde der Sprache, aber immerhin in einer vorläufig bindenden Verordnung. Dagegen möchte ich doch für das bezügliche Fürwort »welcher« größere Freiheit verlangen, als ihn die Regel heute zugestehen will. Zuerst erinnere ich daran, daß der Allerwelts-Ersatz »der, die, das, dem, dessen usw.« mit den anderen Bedeutungen in ein dauerndes und gefährliches Gedränge gerät. »Der« ist der allgemeine bestimmte Artikel, zugleich der demonstrative (dieser) und obendrein der bezügliche. Die einfachste Statistik müßte ergeben, daß unser Deutsch bei unterschiedsloser Anwendung dieser Fürwörter von dem Anfangskonsonanten d geradezu überschwemmt würde. Nun ist d nicht nur Verschluß-, Dental-Laut, sondern wie die Erfahrung ergibt, bei häufiger Wiederholung geradezu ein Stotterlaut; schon aus phonetischen Gründen müßte dafür gesorgt werden, daß das stotternde D-Gewimmel nicht überhand nimmt. Die tatsächlich vorhandenen oder absichtlich konstruierten Beispiele, die wie Scherze klingen, deuten im Ernst auf einen dauernden Zustand und eine beständige Gefahr: »Die Dichterin, die die Dido dithyrambisch verherrlichte ...« »Die, die die Didaktik Diderots zum Gegenstand ihrer Studien machten ...« »Der, der den, der den Pfahl, auf dem steht, daß der, der hier Gegenstände ins Wasser wirft, bestraft wird, selbst ins Wasser geworfen hat, anzeigt, erhält eine Belohnung.« – – – Das sind natürlich Äußerstfälle, allein zehnmal täglich gerät auch ins Stottern »der, der das der dauernd durchgehen läßt«, ohne sich des hilfsbereiten »welcher« zu erinnern. Wir haben uns an das ewige d gewöhnt, wie der Franzose an das unaufhörliche kehlkopfige k in qu, das ihre Sprache belastet; sie merken es nicht, aber es ist die unausrottbare Härte ihrer sonst so klangreichen Rede: »Je dis donc, que la souverainité, n'étant que l'exercice de la volonté générale, ne peut jamais s'aliéner, et que le souverain qui n'est qu'un être collectif, ne peut être représenté que par lui-même« (Rousseau); ... les officiers n'obéiront-ils pas avec plus d'allégresse à un homme de guerre, qui aura comme eux signalé son courage qu'a un homme de cabinet, qui ne peut que deviner tout au plus les operations d'une campagne, quelque esprit qu'il puisse avoir? (Voltaire). Zu unzählbaren Tausenden wimmeln diese qui, que, ne-que, verhärtet durch quel, quelque, quelconque, bis zum Eindruck des Keuchhustens für den, der drauf achtet. Es ist das gutturale Gegenspiel zu dem dentalen Dadaismus, dem wir entgegengehen, wenn »der, die, das, dem, dessen« wirklich alle Relativstellen besetzen sollten. Der Franzose ist gegen die »qu«-Flut wehrlos, wir aber können uns der »D«-Überschwemmung widersetzen. Das bezügliche »Welcher« leistet aber nicht bloß klanglich wertvolle Dienste, sondern erscheint meinem Sprachgefühl auch nach seiner inneren Bedeutung ganz unentbehrlich. »Kein Mensch spricht welcher , es wird immer nur geschrieben,« lautet die Formel der antipapierenen Schulmeister; aber sie selbst sind mit dieser Formel auf dem holzpapierensten Holzwege und wissen einfach nicht, wie der gebildete Mensch redet. Ich sage allerdings: Der Baum, der in meinem Vorgarten steht, verdunkelt mir im Sommer das Arbeitszimmer, aber ich sage in anderem Zusammenhang: Der Baum, welcher ein Organismus ist wie das lebendige Tier ... Hört ihr den Unterschied? der Fex wird ihn nicht spüren, Baum ist ihm Baum, und ein Bezugsatz wie der andre. Prüfen wir weiter: Der Lichtstrahl, der durch den Spalt fiel, zeigte dem Gefangenen, daß die Sonne bereits hoch am Himmel stand; dagegen: Der Lichtstrahl, welcher den Weltraum mit einer Geschwindigkeit von 300 000 Kilometern durcheilt, kann als eine elektrische Erscheinung aufgefaßt werden. Der Mensch, der mir entgegentrat, war mit einem Knotenstock bewaffnet; dagegen: Der Mensch, welcher von Sophokles als das allergewaltigste Wesen gefeiert wird, ist das eigentliche Studium der Menschheit. Das »Welcher« hat eben eine andre Betonungsschwere und unterstreicht das Allgemeine, in Erweiterung Gültige gegenüber dem zufälligen Einzelfall. Schopenhauer begnügt sich noch nicht mit dem gewichtigeren Fürwort, er schreibt zur Verstärkung der Akzentwucht: »als welcher«; klingt's papieren in Schopenhauers Granit? Zum mindesten möchte ich behaupten, daß die Kriminalakten gegen die drei Verrufenen noch nicht geschlossen sind. Künftige Sprachübung könnte wohl dem heute als Schwerverbrecher behandelten »Welcher« die bürgerlichen Ehrenrechte wiedergeben. Und ich scheue auch vor einer weiteren Ansage nicht zurück: soviel die »Schreibe« auch von der Rede zu lernen hat, soviel, wenn nicht mehr, könnte auch die Rede lernen vom Geschriebenen, mag darin auch bisweilen »gewelchert« werden: Der Satz, durch welchen alles Ding Bestand und Form empfangen – – – Also sieht man bei euch den leichten Tanz der Thalia Neben dem ernsten Tanz, welchen Melpomene geht; – Woher nehmt ihr denn aber das große, gigantische Schicksal, Welches den Menschen erhebt, wenn es den Menschen zermalmt?« Ist das Papierstil oder Schrift in Felsen? Man braucht den Bescheid der Regelschmiede nicht abzuwarten, denn Schiller selbst hat geantwortet: So war's immer, mein Freund, und so wird's bleiben: die Ohnmacht Hat die Regel für sich, aber die Kraft den Erfolg! Gespenster und Atome Vor dreihundert Jahren entfaltete Bacon von Verulam in seinem Novum Organon die Lehre von den Sprachgespenstern ; eine der merkwürdigsten Offenbarungen dieses tiefgründigen Denkers. Die Hohepriester der heutigen Sprachbewegung werden schwerlich Veranlassung nehmen, dieses Jubiläum besonders festlich zu begehen; Grund genug für mich, des Jahres und des Werkes zu gedenken und einige Zeilen aus Bacons Lehre herauszuholen: »Die alleinige Ursache fast alles wissenschaftlichen Unheils liegt darin, daß man die Kräfte der menschlichen Vernunft oder Sprache fälschlich bewundert und erhebt ... Die Logik dient mehr dazu, die in den sprachlichen Begriffen steckenden Irrtümer zu befestigen, als die Wahrheit zu entdecken ... Die Gespenster der menschlichen Sprache halten die Vernunft so gefangen, daß die Wahrheit nur schwer Zutritt findet; würde aber dieser Zutritt dennoch ermöglicht, so würden bei der Erneuerung der Wissenschaften diese Gespenster immer wiederkehren und belästigen ... Denn die Worte der Sprache vergewaltigen die Vernunft; die Kausalität und alle diese (Aristotelischen) Begriffe gehören zu den Gespenstern der Menschenhorde... Es glauben nämlich die Menschen, die Vernunft herrsche über die Sprache; aber die Worte haben wiederum Gewalt über die Vernunft, und davon ist die Philosophie sophistisch und unwirksam geworden ... Wenn ein schärferer Verstand oder eine genauere Beobachtung die Definitionen der Begriffe mit der Natur mehr in Übereinstimmung bringen möchte, so schreien die Worte dagegen; darum endigen gelehrte Kämpfe so oft in Wortstreitigkeiten ... Also muß den Gespenstern aller Art mit einem festen und feierlichen Entschlusse aufgesagt und aufgekündigt werden ... Die Pietät für eitle Hirngespinste ist die Pest des Verstandes ... Die Atomistiker sind immerhin tiefer in die Natur eingedrungen als die Begriffsphilosophen ... Die wahre Einsicht in das Wesen der Natur kann nur von besonderen Fällen und geeigneten Versuchen kommen ... Die lichtbringenden Experimente sind noch wertvoller als die fruchtbringenden.« Schon aus dieser dürftigen Auslese erhellt Bacons Überzeugung davon, daß Worte und Wortbegriffe unvermögend sind, aus sich heraus Geisteswerte zu erzeugen. Aber ohne Worte keine Sprache, ohne Sprache keine Gedankenübermittelung, ja kein Denken, auch kein Baconsches Denken, und so ergäbe sich ein Fehlerzirkel, der sich nur dadurch löst, daß man das Sprachgespenst mit der hellen Laterne schärfster Definitionen beleuchtet. Alsdann verflüchtet sich das Gespenstische, und das Wort wird zum brauchbaren Diener der in Beobachtung verankerten, durch das Experiment erwiesenen Gedanken. Freilich läßt sich mit den Worten selbst nicht experimentieren, wie man Kräfte, Strahlungen und chemische Reagenzen der Beobachtung unterwirft. Nur ein einziger Apparat steht hier zur Verfügung, nämlich wiederum der Gedanke, das Gedankenexperiment. Dieses kann aber so aufgebaut werden, daß aus ihm zur Beurteilung des Wortes gewisse Erkenntnisse erfließen. Zu den Experimenten, welche die drei Jahrhunderte nach Bacon verwirklichten, gehören uns zeitlich zunächst die auf Atomforschung gerichteten. Sie haben unter anderm zur Entdeckung der radioaktiven Familien geführt und elementare Umwandlungen erkennen lassen, die in Erscheinungen des Sprachlebens ihre Gegenbilder finden. Es soll kein physikalischer Satz sein, sondern eben nur gedankenexperimentell verstanden werden, wenn ich mich zu der Ansage versteige: Die Begriffe einschließlich der Empfindungen, mit denen wir arbeiten und die uns bearbeiten, bilden eine radioaktive Familie. Ihr Kennzeichen ist die beständige Umwandlung, der Zerfall und die Abspaltung. Bei den in der Chemie betrachteten Elementen schwanken die Zerfallsperioden zwischen Milliarden von Jahren und Bruchteilen einer Sekunde. Das Eisen z. B. besitzt wirklich eine eiserne Natur und dementsprechend eine ungeheure Lebensdauer während das Niton in vier Tagen, eine bestimmte Radiumklasse in drei Minuten Zerfallserscheinungen aufzeigt. Diese Umwandlungen erfolgen nicht stetig, sondern in kleinsten Teilteilchen explosiv, wie denn überhaupt die Atome im Kleinen das wiederholen, was wir im Großen als Explosion und Bombardement bezeichnen. Man ist (in der sogenannten Quantentheorie) dazu übergegangen, auch in dem Walten der unkörperlichen Kräfte eine atomistische Struktur anzunehmen, und eine neue auf Intuition gegründete Philosophie bezeichnet zudem das Wesen unserer sinnlichen und seelischen Wahrnehmung als ein unstetiges, atomistisch auflösbares. Die Brücke ist also eigentlich schon gegeben. Und da Intellekt, Seele, Wahrnehmung, Begriff, Empfindung nur verschieden dargestellte Formen derselben Sache sind, so gehört kein übertriebener Wagemut zu der Folgerung: unsere Begriffe zerfallen beständig, spalten ab und bilden Neu-Elemente, welche diese Tätigkeit in Explosionen bis ins Unabsehbare fortsetzen. Kein Begriff, und sei er auch noch so alt und scheinbar gefestigt, widersteht dem Abspaltungsprozeß; er verändert sich nicht nur, sondern er schleudert unablässig Teilchen von sich, die sich zu neuen Gestaltungen zusammenfinden. Und kein Neubegriff ist jemals aufgetaucht, der nicht aus Altem sein Material gewonnen hätte. Ihre Anzahl überschreitet alles Vorstellbare, das Zählen hört bei ihnen auf wie im Bombardement der Atome. Jede geringste Verschiebung in einer Empfindung, jedes zum ersten Mal wahrgenommene Pulsieren in einem Nerv ist etwas begrifflich Neues, wünscht, – fast immer vergeblich, – in Sprache mitgeteilt zu werden. Mit den Radio-Elementen verglichen sind dies Empfindungen von kürzester Lebensdauer, räumlich oft nur auf einen einzelnen Menschen angewiesen, zeitlich auf Tage oder auf Sekunden beschränkt. Und zwischen ihnen und den Dauerbegriffen lebt eine Welt von Begriffsformen in stetem Kampf mit der Sprödigkeit des Ausdrucks. Denn das Wort kann diese Explosionstätigkeit nicht mitmachen. Seine Abwandlungsfähigkeit ist gering, seine Beständigkeit vergleichsweis ungeheuer. Das Wort arbeitet mit den endlichen Permutationen weniger Zeichen, bleibt also mit all seinen Veränderungen im Endlichen, bis zu Null Geringfügigen gegenüber der Unendlichkeit der unvollendbaren Begriffe. Jeder Allgemeinwert – (wie Welt, Gottheit, Kraft, Stoff, Form, Erscheinung, Begriff, Idee, Wesen, Art, Gattung, Leben, Beziehung) – wird vom wogenden Begriffsinhalt immer stärker aufgetrieben und besagt immer weniger, je mehr auszudrücken er sich abmüht. Er gibt vor, etwas zu sein, zwingt uns, daran zu glauben, selbst wenn wir die Dünnheit des Worthäutchens durchschauen, verhält sich dem Verstande gegenüber gespenstisch. Wir empfinden das Mißverhältnis zwischen Worthülse und Inhalt, besitzen aber kein Mittel, uns aus der Unstimmigkeit zu befreien und verfallen immer wieder in den Aberglauben, dem Wort eine greifbare Bedeutung zuzuschreiben. Wir wirtschaften mit ihnen wie mit Banknoten von ungeheurem aufgedruckten Wert, kommen uns immens reich mit ihnen vor und erleben niemals den Augenblick der Umwechslung in erprobbares Bargeld. Aber auch die Legionen der Worte von engerer Spannweite gebärden sich träge in der Fortzeugung gegen die wimmelnde Vermehrung der Begriffe und Empfindungen, denen sie beikommen wollen. Eine endlose Begriffsbrut schreit unartikuliert nach Worten, aber ehe auch nur das Dürftigste herbeigebracht ist, hat sich die Zahl der leeren Mäuler schon wieder vermehrt. Dem Mißverhältnis zwischen den Neuzeugungen hüben und drüben ist nicht beizukommen, auch die Aufschüttung der weltbürgerlichen Fremdworte nützt nicht viel, aber sie hilft doch manchmal in Minuten der äußersten Bedrängnis. Man kann der Bedrängnis wehren, indem man sie einfach leugnet; sowie der Vogel Strauß das Widrige leugnet, wenn er den Kopf in den Sand steckt. Man braucht nur den Blick gegen die Begriffsfülle zu verschließen, und das Wort leistet, was man nur verlangt. Der Chinese kommt mit seinen höchstens neunhundert lautlich verschiedenen Worten vollkommen aus. Ein und dasselbe Wort braucht nur verschieden betont zu werden und dient dann allen erdenklichen Zwecken der Verständigung. li bedeutet Pflaume, und Birne, und Kastanie, und Licht, und Vernunft, und noch sehr viel daneben, der andere weiß schon, was gemeint ist, besonders wenn der andere und der eine nach guter Chinesenart es verschmähen, sich auf feinere Begriffsschattierungen einzulassen. Vielleicht besitzt ihr höchstentwickelter Dialekt, der von Fu-tschou, sogar einen prägnanten und ironisch betonten Einsilber für die Entbehrlichkeit der Schattierung und für die Lächerlichkeit eines Sprechers, der ihr nachläuft. Auf Deutsch-Chinesisch nennt man das »Nüanksse«. Der Purist wird den Hinweis auf das Chinesische ebenso ablehnen wie alle Bildschlüsse von Bacons Gespenstern bis zum atomistischen Abbau und Neubau. Er fühlt sich als ein Krösus im Besitz seiner ein- bis zweimalhunderttausend Worte, mit denen er alle Begriffsnot zudecken kann. Denn diese seine Worte, so behauptet er, sind klar, fest, scharf bestimmt, während die fremden schon deshalb nicht als Aushilfe in Betracht kommen, weil er sie allesamt als verschwommen, unklar, nebelhaft erkannt hat. Nun denn! wenn der Purist ansagt: Alles deckt sich, ist bedeckbar mit den Wörtern der Heimat, so behaupte ich dagegen: Nichts deckt sich, selbst wenn wir die Hilfe aller erdenklichen Auslandswörter hinzurechnen. Wenn einer in Erstaunen oder Entrüstung ausruft: »Ich finde keinen Ausdruck ...«, »Das ist einfach unbeschreiblich!« so befindet er sich nicht in der Ausnahme, sondern in der Regel; denn wo er sonst vermeint, den sicheren Ausdruck zu haben, beschreibt er ebenfalls ungenau, wenn auch ausreichend für das gewöhnliche Verständnis. Nur im Gebiet der Mathematik – und auch da nicht durchweg – umkleidet das Wort straff und prall den Begriff, während es sonst ihn mehr oder minder lose umhängt, oft schattenhaft nachschlottert; was sich auch anders gesehen so darstellen kann, als schlottre der Begriff um das vorgestellte Wort. So oder so, wenn wir nicht gerade von mathematischen Exaktheiten reden, deckt sich nichts, ein Nebelrand, ein Rest von Gespenstischem bleibt immer bestehen, damit haben wir uns abzufinden. Und da wir erkannt haben, daß das Wort immer hinter der erwarteten Leistung zurückbleibt, so wollen wir uns wenigstens die Möglichkeit nicht verschränken, die Leistungsgrenze ein wenig hinauszurücken. Im großen und ganzen wird feststehen: der Schluderer kann deutschen oder welschen, er wird immer schludern. Die Unklarheiten liegen bei ihm zu allererst in seinem Mund und in seiner Feder. Er kann an den möglichen Grad der Klarheit gar nicht heran, weil seine Gedanken in ihrer atomistischen Abspaltung vorwiegend die Kennzeichen einer fauligen Gärung darbieten. Damit entfallen schon tausende von Beispielen, die uns aus Schriften untergeordneter Schreiber zur Abschreckung vorgehalten werden. Sie beweisen uns nur, daß des Schluderns kein Ende ist, und das begründet an sich noch gar keinen Notstand in der Literatur; denn wäre der Meister denkbar ohne das Gegenbild der Stümper? Aber auch der anerkannte Meister muß sich den Rüffel gefallen lassen, wenn er nicht so tut, wie die Gestrengen von der klaren Observanz wollen. Goethe verteidigte (durch Aurelie in Wilhelm Meister) die Anwendung von »perfide«. »Zu Reservationen, Halbheiten und Lügen ist es (das Französische) eine treffliche Sprache; sie ist eine perfide Sprache. Ich finde, Gott sei Dank, kein deutsches Wort, um perfid in seinem ganzen Umfange auszudrücken; unser armseliges treulos ist ein unschuldiges Kind dagegen. Perfid ist treulos mit Genuß. O, die Ausbildung einer Nation ist zu beneiden, die so feine Schattierungen in einem Wort auszudrücken weiß.« Stelle dich ad audiendum verbum, Meister Goethe! vernimm die Belehrung, daß zwar nicht treulos, aber heimtückisch, arglistig, hinterlistig genau dasselbe leisten wie perfid und stecke dir die Rüge dafür ein, daß dir dies nicht einfiel. Darf man die Vermutung aussprechen, daß Goethe bei aller hier so grausam aufgedeckter Spracharmut doch noch eine besondere Schattierung, eine ganz feine, nur dem Akzent erreichbare, treffen wollte? Es war vielleicht eine Forderung des inneren Ohres, das hier einen Jambus mit schneidendem, pfeifendem Auslaut wünschte; keinen Daktylus, keinen Trochäus noch Doppeltrochäus, sondern eben einen Ausdruck, »kurz lang«, der wie ein Peitschenknall durch die Luft fährt; der nicht nur ausdrückt, was gemeint ist, sondern als Durchzieher auf dem Objekt eine Striemenspur hinterläßt. Spürt ihr nicht die pfeifende Strähne in »Perfid«? Auch sie bewirkt eine »Nüanksse«, die sich den mitbewerbenden, im Ausdruck sonst ziemlich gleichwertigen Worten entzieht. Und man darf es als ausgemacht hinnehmen, daß die nachgoethesche Bezeichnung »Perfides Albion« (französische Prägung von 1840) niemals geflügelt worden wäre, wenn es nicht im schrillen Grundwort perfid den besonderen Luftschwung gefunden hätte. Ich gehe noch weiter. Ich kann mir Fälle denken, und brauche sie durchaus nicht erst zu konstruieren, wo das Fremdwort stärker nebelt als das entsprechende Deutschwort und trotzdem mit einem Anspruch der Berechtigung auftritt; nämlich dort, wo der Begriffszerfall im einzelnen Menschen vor sich geht und ihm nur auf kurze Zeit ins Bewußtsein tritt. Er kann dann in die Lage eines Lyrikers geraten, der die huschende Stimmung festhalten möchte und den undeutlichen Ausdruck bevorzugt, weil der klarere ihm zu gegenständlich, also stimmungsfremd erscheint. Auch der Erzähler, der Denker, der Forscher kann im Augenblick einer Niederschrift von diesem Wunsch beherrscht werden, und der nichtpedantische Hörer oder Leser wird sich mit seinem eigenen leichtbeweglichen Empfindungsspiel im Augenblick dem Verlangen anpassen. Der Ausdruck »Reservationen« in dem vorgenannten Satz ist vielleicht um einen Grad verschwommener als »Vorbehalt« und sicherlich minder scharf als »Gedankenvorbehalt«. Aber der Schreiber, Goethe, dachte wenn auch flüchtig an die besondere Bedeutung der reservatio mentalis, wie sie in den Moralschriften der Jesuiten seit Thomas Sanchez Geltung gewonnen hat. Ein Gedankenvorbehalt kann noch ehrlich gemeint sein, die lateinisch unübersetzte reservatio ist immer heimtückisch, soll es sein nach der ausdrücklichen Begründung jenes Jesuitenpaters. Folglich hat die Reservation, wenn der Schreiber schon auf »perfid« hinauswollte, eine Berechtigungsnote mehr, als jeder andere Ausdruck, da der andere zwar ausreichend scharf an sich ist, aber nicht scharf genug, um die Beziehung zu einer bestimmten Schwurmoral zu vermitteln. Friedrich Vischer gibt in dem berühmten Tagebuch des Polizeivogtes Einhart die Rechtfertigung der Todesstrafe, in einer Zahlenbegründung, welche mit den Worten schließt »Dies ist eine schlichte und doch gewiß sehr expediente Rechnung.« Expedient in dieser Bedeutung gehört zu den allerseltensten Auslandsworten und wird in den meisten handlichen Nachschlagewerken nicht erwähnt. Gemeint ist: rasch fördernd, beschleunigend, schnell wirksam, und ich habe gar nichts dagegen, wenn einer diese Deutschausdrücke für klarer beschreibend erachtet, als das wenig gebräuchliche Auslandswort. Aber ich versetze mich mit dem Autor in die Seele seines sehr belesenen und gern zitierenden Vogtes, und fühle hindurch, daß er mit der Zusammenfassung der Rechtsgründe ganz unauffällig die Erinnerung an das richtende Fallbeil einfließen lassen will. Das kann er so nebenher, mit dem Fremdwort, da expédier in der Vulgärsprache bedeutet: einen rasch in die andere Welt befördern. Die Rechnung, die der Vogt aufmacht, beschleunigt zwar nur den logischen Schluß, also die Erkenntnis von der Notwendigkeit abschreckender Strafe, aber das Beiwort »expedient« wirft dabei noch ein Blitzlicht auf den Hof, in dem gerade der Verbrecher ins Jenseits expediert wird. Ich bemerke: das Beiwort »schlag-fertig« hätte ähnliches geleistet, aber nicht dasselbe; denn es gibt nur eine Bereitschaft, einen Zustand, nicht aber den Vollzug einer Handlung. In Nietzsches vielgescholtener »Distanz« steckt auch so ein geheimes, auf Begriffsabspaltung zurückzuführendes Empfindungsspiel. Abstand und Entfernung decken sich tatsächlich mit Distanz in neunundneunzig von hundert Beziehungen, aber gerade auf das letzte Hundertstel kommt es hier an. Weil nämlich die Vorsilbe dis nicht nur das »auseinander«, sondern auch das duo, δύο, das Zweipersönliche enthält, und dazu den weiteren Nebenklang dis, womit der einen Person die hohe Würde zuerkannt wird; Dis patér steht sprachlich dem Diespiter nahe, dem Jupiter. Nietzsche empfand also schon in der Vorsilbe einen Wert, der zwar nicht schulphilologisch, aber klangphilologisch seiner Empfindung entgegenkam. Dieser Wert erhöhte sich ihm durch den Tonfall des ganzen Wortes, wiederum durch den Jambus, der hier die Kraft eines Befehls gewinnt; Distánz, ich híer, – du dórt! Man übersetze Páthos der Distánz, wie man wolle, der Rhythmus kehrt nicht wieder. Aber auch der Rhythmus ist ein Begriff, und wenn dem Wortbildner gerade daran gelegen ist, diesen herauszubringen, so opfert er eine andere Begriffsklarheit, um dieser einen näherzukommen. Und wenn der Dichter-Philosoph ebensowenig eine »Deckung« von Wort und Begriff zu erreichen vermag, wie der simpelste Schulmeister, der seinen Schülern den Begriff Hauptwort oder Zeitwort klarmachen will, und wenn selbst neben den alten Sprachgespenstern neue auftauchen, so wollen wir doch den Wenigen dankbar sein, den prometheischen Naturen, die uns neue Illusionen verschaffen an Stelle der verblassenden. Wertvoller erscheint uns ihre Magie, als das hausbackne, vernunftlederne Handwerk der Schnellformer, die für jeden Begriff auf Bestellung das Wort prägen, ein Dutzend in der Woche, wenn's verlangt wird; und die niemals dahinterkommen werden, wo die wirkliche Sprachnot sitzt. Denn sie ahnen nichts von den molekularen Vorgängen in der Begriffswelt als von den eigentlichen Urhebern der Sprachnot. Diese hat immer bestanden und wird immer bestehen, im Kampf des schwachen Wortes mit dem unzählbaren Heer der Begriffe und Empfindungen; und sie macht dem Dichter und Denker, dem Sprachmeister, ganz andere Sorgen als dem mit zurechtgeschnittenen Wortlappen fleißig arbeitenden Flickschuster. Abgebrochene Kristalle So viele Sprachen einer versteht, so viele Male ist er ein Mensch. Dieses schöne Wort des Kaisers Karl V. ist mit Vorsicht zu genießen. Mithridates von Pontos, der Große zubenannt, sprach die Sprachen von 22 ihm unterworfenen Völkern und mag ja wohl eine Vollnatur gewesen sein. Bei Giuseppe Mezzofanti, der am Ende seines Lebens 58 Sprachen beherrschte, regen sich die Zweifel. Er wird bei der Anstrengung, die er seinem Gedächtnis zumutete, kaum Zeit gefunden haben, 58 mal sein Menschentum zu entwickeln. Wir haben an unseren Gerichtshöfen vereidete Dolmetscher, die in mehr als einem Dutzend Sprachen sattelfest sitzen, und wir wissen anderseits, daß wirklich tiefe Gelehrte und Menschen von innerer Bedeutung nicht über ihre Muttersprache hinausgekommen sind. Jenes Wort wird vielleicht richtiger, wenn wir den Besitz des Griechischen fünffach, des Lateinischen zehnfach, beider Sprachen zusammen zwanzigfach bewerten. Karl V. selbst hat die Vorsicht gebraucht, seinen Satz lateinisch auszusprechen: Quot linguas quis callet, tot homines valet. * Von d'Alembert: »Es gibt keinen erhabenen Stil: der Gegenstand muß erhaben sein.« Das ist die notwendige, aber nicht die hinreichende Bedingung. Es kann einer über [einen] erhabenen Gegenstand elend schreiben, ja er ist gar nicht in der Lage, ihn in gutem Stil zu behandeln, wenn der erhabene Gegenstand ihm nicht gehört; wenn er ihn nur wählt, um darüber zu schreiben. Dagegen wird jeder Gegenstand, über den der Schreiber besonderes zu sagen hat, ihm allein angehöriges, zu einem erhabenen. Und dann ist der gute Stil nicht die Folge des Gedankens, sondern seine ganz selbstverständliche äußere Erscheinung. * Von Friedrich Vischer : »Eine Rede ist keine Schreibe.« Aber eine Schreibe verliert dadurch nicht an Wert, daß sie eine Rede ist; ja sie wird eigentlich um so besser, je mehr sie sich der Rede nähert. Wenn ihr die Schreibe prüfen wollt, so lest sie vor. Ist sie dem Hörerkreis überhaupt verständlich, so muß sie in lebendiger Stimme gewinnen, sonst taugt die Schreibe nicht viel. * Der Lehrmeister der Rhetorik, Quintilian , stellte den Grundsatz auf: In einer Rede müssen die schlechten Beweisgründe voran gestellt werden, damit die nachfolgenden guten desto stärker wirken. Cicero war der entgegengesetzten Meinung: die guten voran, die schlechten nachher! Aus diesem Widerstreit der Lehren haben einige Sprachvögte unserer Tage die Resultante gezogen: In ihren Anklagereden gegen die deutsche Prosa stellen sie einige schlechte Beweisgründe an den Anfang und einige andere schlechte Beweisgründe an den Schluß. * Von Fritz Mauthner : »Es gibt nicht zwei Menschen, die die gleiche Sprache reden. Gemeinsam ist die Muttersprache etwa wie der Horizont gemeinsam ist; aber es gibt keine zwei Menschen mit gleichem Horizont, jeder ist der Mittelpunkt seines eigenen.« Diese geistreiche Betrachtung läßt sich nach mancher Richtung ausfolgern. Man muß schon ein tüchtig Stück emporsteigen, um den Sprachhorizont erheblich auszuweiten; wogegen er rapide zusammenschrumpft, wenn man den Augenpunkt senkt. Und der Horizont wird Null, sobald der Blick nur noch an der Scholle herumsucht. * Von Schopenhauer : »In der Literatur ist das Schlechte nicht nur unnütz, sondern positiv verderblich.« Wem verderblich? der Literatur? das dürfte schwer zu beweisen sein. Nur zwei Annahmen sind möglich: Entweder bleibt es wirkungslos, – und das ist das Schicksal der ungeheuren Mehrheit, denn »wer nennt geschrieben das, was ungelesen bleibt?« – dann kann es auch nichts sonderlich verderben. Oder es wirkt, dann ruft nach mechanischem Grundgesetz die actio eine reactio hervor. Gesetzt, der Macchiavell war schädlich, so verdanken wir ihm den Antimacchiavell. Ohne die wirkende Kraft der elenden Ritterromane wäre Cervantes' Don Quixote nicht möglich gewesen. Und auf wieviele Seiten herrlichsten Schopenhauers müßten wir verzichten, wenn die Verderblichkeiten der Hegelei im Schrifttum nicht vorangegangen wären! * Wenn Berlioz sagt: ich will mich nicht unterhalten, ich will das Fieber kriegen! so meint er die Musik; und wenn wir ihm das Bekenntnis an dieser Stelle nachsprechen, so meinen wir die Literatur. Erfüllt ein Werk des Schrifttums nicht die Bedingung, den Leser wenigstens an einer Stelle in Fieberwallung zu versetzen, so hätte sich der Leser die Bekanntschaft mit diesem Werk ersparen können. Ob der Anlaß zum gesteigerten Puls vom Herzen ausgeht oder vom Kopf, das ist gleichgültig. Die Innervation soll vorhanden sein, und der Knacks soll sich einstellen. Ist der Leser selbst Schriftsteller, so muß ihn im Anlauf des Fiebers ein Gemisch von Freude und Verzweiflung überfallen: der Freude darüber, daß ein anderer so etwas gekonnt, und der Verzweiflung, daß er, der Leser, das niemals können wird. * Von Rückert: »Du fragest, was du sollst, was nicht in Verse bringen? Was dir in Prosa nicht zu fassen will gelingen. Verloren ist die Kunst, in Versen vorzutragen, Was du gefälliger in Prosa könntest sagen.« Der weise Brahmane könnte diese Weisheit gegen Rückert selbst ausspielen, dessen vorstehender Gedanke sich ebensogut in Prosa sagen läßt. Und gegen die Gedankenpoesie, überhaupt, gegen nahezu den ganzen Rückert und drei Viertel vom Schiller. Aber Rückert legt den Ton nicht auf die Gleichwertigkeit des Inhalts, sondern auf das Gefällige. Und er hätte mit allem Recht ergänzen können: Verloren ist die Kunst, in Prosa vorzutragen, Was du gefälliger in Versen könntest sagen. Cicero sagte, nach einer von Seneca zitierten Stelle: »Wenn ich auch das Alter zweier Menschen leben sollte, so würde ich mir doch nicht die Zeit nehmen, die lyrischen Dichter zu studieren.« Diese Ablehnung kann nur den Gefühlspoeten gegolten haben, die sich seitdem so fruchtbar vermehrten und später unserem Hebbel den Ruf entlockten: »Was noch nicht einmal Gedanke geworden, was Vorstellung geblieben, gilt für Anschauung!.. Wir haben jetzt mehr als ein Schock Poeten, deren ganze Poesie auf ihrem Denkunvermögen beruht.« Hebbels Anschauung war hier zweifellos eine sehr niedrige. Sie wäre höher gewesen, wenn er von zwanzig Schock gesprochen hätte. Aber die nichtdenkenden Dichter sind gar nicht auf den Beifall der Denker angewiesen. Sie erringen den höchsten menschlichen Wert, das Glück, wenn auch nicht in der Literatur, so doch in ihrer persönlichen Empfindung. Und sie können sich dabei auf Sophokles berufen, der gesagt hat: »Im Nichtsdenken liegt des Lebens Glückseligkeit!« * Jean Paul sagt: »Ein Buch, das nicht wert ist, zweimal gelesen zu werden, ist auch nicht würdig, daß man's einmal liest.« Diese Empfehlung wird zur Forderung verschärft durch Schopenhauer : »Jedes irgend wichtige Werk soll man sogleich zweimal lesen.« Das »zweimal« in allen Ehren, aber das »sogleich« ist vom Übel. Es erinnert an das Vorgehen des Hans von Bülow, der die Neunte Symphonie an einem Abend zweimal aufführte und damit am Empfänger eine unzulässige Belastungsprobe ausführte. Die Zeitpause, die man dazwischen legen soll, ist eben so wichtig wie das Werk selbst. Die neunjährige Pause des Bedenkens, die Horaz dem Autor anrät – nonumque prematur in annum – könnte auch für den Leser das richtige Intervall darstellen. Hält das Werk diese Probe aus, dann war es nicht nur würdig, einmal gelesen zu werden, sondern es wird sich nach neun Jahren mit der neunfachen Gewalt einbohren. * Zu einer Mechanik der Literatur besitzen wir wenig Material, aber einige Anläufe. Flaubert erklärte: »Nur im Sitzen kann man denken und schreiben«; dagegen Nietzsche: »Das Sitzfleisch ist grade die Sünde wider den heiligen Geist. Nur die ergangenen Gedanken haben Wert.« Wer wird daraus eine Regel ableiten wollen? Nietzsches Wandrer- und Schatten-Gedanken konnten nur ergangen, Heines Gedanken in der Matratzengruft nur erlegen, Humboldts Gedanken nur erreist werden. Eine ganze Wissenschaft ist dadurch entstanden, daß Poncelet ihre Grundgedanken buchstäblich »ersaß«, bewegungslos in den Kasematten eines Gefängnisses. Der blinde Homer und der über seinen Kreisen brütende Archimed haben ihre Gedanken wahrscheinlich erhockt und erkauert. Ein künftiges Dichter- und Denkergeschlecht wird vielleicht Gedanken erfliegen. Aber das wird keinen Wesensunterschied bedingen. Ersessene Gedanken können Flügel haben, und erflogene können am Boden kriechen. * Von Dürer : »Ein guter Maler ist inwendig voller Figur.« Der gute Schriftsteller zeigt die nämliche Eigenschaft. Die Stärke seiner Vorstellung offenbart sich im Figürlichen, in der Fülle seiner Vergleiche, im symbolischen Ausdruck. Das Allerbedeutendste, was uns ein Galilei, ein Pascal zu sagen hatte, liegt im Zutagetreten der Figuren, von denen ihr Inwendiges voll war. Nicht nur alles Vergängliche, sondern erst recht alles Erschaffene, alles Dauernde ist ein Gleichnis, kann nur in Gleichnissen ausgesprochen werden, in Figuren der dichtenden Denker. Der Wert der Illusion Man könnte die Frage aufwerfen, ob das Leben ohne Illusion sonderlich lebenswert wäre; und daran anknüpfend, ob einer Sprache die Aufgabe zufiele, die Zahl der Illusionsworte zu vermindern. Denn zu Hunderten dienen die Fremdworte allerdings der Illusion, der scheinbaren Erhöhung der Lebenswerte. Sie umspielen die Dinge mit einem Glanz, den keiner für echt hält und den doch jeder zu schätzen weiß, wie alles Symbolische, Allegorische, aus der starren Wirklichkeit herausragende. Grau in grau würde die Welt uns anblicken, wenn wir dahin gelangten, von den Dingen den Schein abzustreifen, nur das Echte übrigzubehalten, die »Dinge an sich«, die uns leere Abstraktionen bleiben. Unser Lebensbedürfnis drängt uns dazu, dieses Grau in grau zu vermeiden und in Anschauungen wie in Worten alles zu versuchen, um uns den farbigen Abglanz des Lebens gegenwärtig zu halten. Schon Aeschylos hat es ausgesprochen, und Vischer hat ihm das deutsche Echo verschafft: »Es ist derselbe Prometheus, der den Menschen das Feuer, die Technik, das Selbstbewußtsein, die Vernunft, und der ihnen die Illusion gebracht hat: er gab ihnen die Freude am Augenblick und das Glück der blinden Hoffnung – derselbe , Prometheus, der Vordenkende! Er, der uns das Vordenken gebracht, er hat es auch durch die Phantasie begrenzt, begrenzt aus Vordenken, was sonst folgen würde. Die Illusion ist also ein philosophisches Gut!« In jenem Lebensbedürfnis wurzelt alle Kunst, alle Romantik, die von Aposteln der Nüchternheit totgesagt werden kann, ohne jemals zu sterben. Es gibt keinen Nicht-Romantiker, und wenn es einen gäbe, so müßte er seinen Standort an einem Weltpunkt wählen, wohin nicht Licht noch Ton dringt. Wir andern sind Sonnenanbeter, wes Bekenntnis wir sonst sein mögen; im Regenbogen erblicken wir noch etwas anderes als eine prismatische Lichtzerlegung, ein Wald erzählt uns von andern Dingen, als von seinen Kubikmetern Holz, ein Vogellied berührt uns nicht nur mit soundsoviel Schallschwingungen in der Zeiteinheit. Kein Zufall, daß das Illusionswort in allem, was schon seinem Wesen nach auf Illusion, als Vortäuschung beruht, so große Geltung erlangt hat. Was ist ein »Theater«? Ein »Schauhaus«, sagt der Kaltverständige, der weit entfernt von jedem Schein nur in der Wesen Tiefe trachtet. Wenn du ins Schauhaus willst, erwidern wir ihm, so geh' in die Leichenkammer, die in gutem Amtsdeutsch Schauhaus genannt wird. Wir gehen, wie die Zeitgenossen des Euripides ins Theater, wohin wir ungeheuer viel Illusion mitbringen, z. B. daß uns ein nur dreiseitig geschlossener Raum als ein vierseitiger erscheint, ganz gegen alle Regeln der starren Wahrheit. Wir hören einen ungebildeten Schweizer Bauern namens Melchthal in Versen deklamieren, wie man sie nur auf dem Parnaß spricht, und wir zittern für das Leben eines Knaben aus Anlaß eines Apfels, der sich mit einem nicht abgeschossenen Pfeil zu einer Attrappe verbindet. In dieser Verfassung sind uns zahllose ursprünglich fremdländische Bezeichnungen willkommen, eben weil sie eine Lautspur des Fremden, des Abseitigen, des nicht auf der grundbürgerlichen Heerstraße Gelegenen aufzeigen. Wir wollen eine Oper hören und nicht ein Singwerk, in einer Prosceniumsloge sitzen und nicht in einer Vorderlaube, uns an einem Tenor begeistern und nicht an einer Hochstimme. Ein Orchester kommt unserem Illusionsdrang besser entgegen als eine Menge von Spielleuten, ein Ballett besser als ein Schautanz, eine Primadonna besser als eine erste Sängerin, und wir rufen bravo! bravo!, um nicht mit wacker! wacker! aus der Illusion zu fallen. Die Höhe und Tiefe der Erbauung oder des Vergnügens bedingt dabei keinen Unterschied. Ob wir uns einem Oratorium, einem Requiem, einer Kantate hingeben oder uns bei kinematographischen Künsten zerstreuen, – das fremdländische Wort steht der Illusionslage durchgängig um eine Gradstufe näher. Gewiß, wir können »Kientopp« sagen oder auch »Flimmerkiste«; aber wir begeben uns damit auf den Weg einer verulkenden Kritik und versauern uns selbst absichtsvoll eine Erregung, die der Kinematograph und sogar noch das Kino hervorzurufen vermag. In einem Etablissement glühen Lampions und bengalische Feuer, Raketen explodieren, Transparente erscheinen, Karussels wirbeln, neben der fontaine lumineuse lockt eine Tombola unter elektrischen Guirlanden, das ganze nennt sich Italienische Nacht. Wir wissen ganz gut, daß dies bengalische Feuer nicht aus Bengalen, sondern aus der Ackerstraße stammt, daß es Springwasser beleuchtet, und daß die ganze Veranstaltung ebenso treffend eine Hinterpommersche Nacht genannt werden könnte. Es ist also Mumpitz. Aber da wandeln hunderte von kleinen Leuten, in deren Unterbewußtsein traumhaft etwas lebt, was mit der brutalen Formel des Mumpitz nicht abgetan wird. In ihnen glimmt ein Willensrest, der unbeeinflußt vom Verstande sein Feuerchen aus der groben Täuschung bezieht. Was sie umfängt, ist doch nicht ganz der graue Werkeltag, sondern eine Art von Maskerade, ein winziger Ausschnitt aus dem Karneval des Lebens, in dem die Dinge nicht genau das bedeuten, was sie sind, sondern was wir in sie hineinlegen. Auf Augenblicke empfinden sie die Nacht wirklich als eine exotische, in die Versatzstücke von Pappe träumen sie etwas Fernes, Ersehntes hinein; so plump die Suggestion auch angelegt sein mag, sie bleibt nicht wirkungslos, und in ihr stellt sich auch die Wortempfänglichkeit williger ein auf Lampions, Raketen und Karussels, als auf Lämpchen, Steilfeuer und Ringelbuden. Die Welt der Artisten, welche die Varietés und Zirkusse bevölkern, zeigt die Vereinigung von Internationalität und Illusion in vollkommener Verschlingung. Und wer möchte diese Welt missen, in der Kraft, Geschicklichkeit, Mut und stürmischer Humor Kunsterscheinungen ermöglichen, die im Punkte der Vollendung alles sonst erlebte übertreffen. Wieviel Lobredner hat sie unter den Höchstentwickelten gefunden, eben weil sie sich so ganz außerhalb der gewohnten Welt der Trägheit, der Schwergesetze, der Kausalität und des Kampfes mit dem Objekt stellt! Nur ein Illusionsräuber wird diese Welt um das Illusionswort bringen wollen, das zu ihrem wirkenden Rüstzeug gehört wie ihr berufliches Blendwerk. Um Artisten handelt es sich, nicht um Künstler oder Kunstmacher, ihr Platz ist das Varieté und der Zirkus, nicht der Tingeltangel, das Brettl, die Kleinbühne, die Reithalle; und der Jongleur, nicht der Gaukler, sei er bürgerlich ein Schulze, Piefke oder Cohn, soll Cinquevalli, Kara, Spadoni heißen. Der Akrobat, der einen Originalakt mit einem Saltomortale zeigt, entfernt uns auf Minuten weiter von der Planimetrie des Daseins als der Hochturner mit dem Todessprung einer Urhandlung. Die Dompteuse, der Star in einer Monumentalplastik, die Colombine in einer burlesken Commedia dell'arte, der Excentric, der looping-the-loop-Fahrer, der Soubretten-Parodist, der Illusionist einer Fata Morgana, der Voltigeur, der Parforcereiter, die Pirouettistin stehen dem Märchen, dem Unwahrscheinlichen um einen Grad näher als ihre irgendwie übersetzten Berufsbrüder und -schwestern, sind, um mit Kant zu reden, um einen Grad transzendenter; schon darum, weil ihre Bezeichnungen auf eine Internationalität hinweisen, die der landläufigen Erfahrung widerspricht, weil sie sich in anderen Berufskreisen nicht wiederholt. Das ganze Handwerk der Artisten läßt sich, wenn man will, verdeutschen, und es wird dann für uns richtiger, wahrer werden, so wie der Artist selbst richtiger und wahrer wird, wenn man ihn abschminkt und seiner Flitter entkleidet. Die Genüsse der Tafel erscheinen um so verfeinerter, je lebhafter an ihnen die Illusion beteiligt wird. Ja, ihre ganze Einordnung in die Kultur, ihre Bedeutung für die Geselligkeit, ihr Rang im Lebensfest beruhen darauf, daß sie den Stoff unter einer Hülle von Illusion verschleiert. Die rauhen Forderungen der Zeit haben diese Beziehung arg entstellt, das rein Animalische des Essens und Trinkens in den Vordergrund geschoben und die Phantasie auf Hungerkost gesetzt; und man muß heute schon die Erinnerung bemühen, um sich zu vergegenwärtigen, wieviel Kunst und Romantik sich zwischen Suppe und Käse zu entfalten vermag. Ich werde wohl kaum in den Verdacht geraten, als wollte ich die Herrlichkeiten des Apicius und Trimalchio wieder heraufbeschwören. Nur das Illusionäre jedes über die elementare Notdurft herausgehobenen Tafelwerkes betone ich, und dieses verknüpft sich allerdings in weit höherem Maße, als die Meisten ahnen, mit den alten Vorbildern. Jedenfalls ist mit den allgemeinen Formeln von Gutschmecken, Besserschmecken und Andersschmecken nichts anzufangen. Das Wesen dieser Genüsse im höheren Sinn genommen, ist der Programmsymphonie zu vergleichen, sie erregen den Geschmack, wie das Gehör, nicht nur durch die nachweisbaren Reize, sondern durch die Ideen, die der Empfänger in sie hineingeheimnist. Sehr viele, vielleicht die meisten Menschen vermögen mit verbundenen Augen nicht zu unterscheiden, ob man ihnen Weißwein oder Rotwein vorsetzt, während ihnen sonst weit über den Farbunterschied hinaus zahllose Abstufungen im Geschmack aufgehen. Aber die Zunge verlangt die beratende Mithilfe nicht nur vom Auge, von der Nase, sondern von jenem sechsten Sinn, der ausschließlich auf Illusion reagiert; dem es nicht gleichgültig ist, zu wissen, wo die Beere wuchs, wie sie heißt und welche Fernwelt sie zum Reifen brachte. Im Namen der Gewächse kann ein Troubadourklang herüberschwingen, oder der Duft aus südlicher Landschaft, irgendwelche Dinge, die mit der Chemie des Stoffes nicht das geringste zu tun haben und doch nicht bedeutungslos sind als Anregung für den Genießenden. Eine nicht nur nach Daten geordnete Geschichte der Gastronomie wird in ihr einen Bestandteil aussondern, die Gastrologie, die mit den Mitteln der Einbildungskraft arbeitend Künstlerisches, Jenseitiges, Übersinnliches anstrebt. Vom Hunger und vom Sattwerden ist darin ebensowenig die Rede wie im Tanz von der zweckdienlichen Fortbewegung, wie sie dem Gewühl des Marktes dient. Es ist ein Irrtum, anzunehmen, daß die Alten bloß schlemmen wollten, wenn sie sich Nachtigallenzungen auftragen ließen; nein, »sie schmeckten die ganze Musik dieses Vogels in dessen Singorganen«, und in ihrem Verlangen steckte ein phantastischer Trieb. In der Auster steckt noch heute ein Geheimnis. Wer nur die Substanz analysiert, geht am Reiz vorbei und behält nichts zurück als eine Menge Wasser, einige Prozent phosphorsauren Salzes, etwas Fett, alles zusammen eine fischige Minderwertigkeit. Wenn man die Auster aus der Schale löst, entbartet und sie zu Dutzenden in einer Suppenterine aufträgt, so hat sich an der Substanz nichts geändert; man kann mit der Kelle hineinfahren und sie auslöffeln; aber selbst der Wahrheitsfanatiker, dem es um die Sache zu tun ist, wird sich dafür bedanken; denn so serviert kann man die Austern allenfalls noch essen, etwa wie ein Gericht Pilze, aber nicht im geringsten mehr genießen. Der Schein, das Hantieren mit der Auster und eine hierdurch angeregte bis in den Meeresgrund reichende Verträumtheit, kurz das Außersubstantielle steckt auch in den gastrologischen Bezeichnungen. Ganz sachlich genommen ist die Sauce wirklich nichts anderes als die Tunke, an der Mayonnaise ändert sich nichts, wenn sie sich in Ölbeiguß verwandelt, und ein Chateaubriand bleibt, was es ist, auch wenn es der Wirt Rindsdoppel oder Doppellendenstück nennt. Nur ein leiser Mitklang geht verloren, nämlich an das, was die fremdländischen Bezeichnungen galten, als sie noch unverfolgt auftreten durften; als sie noch international waren und sich die Fäden der Gastlichkeit zwischen den Lebensfesten der Kulturländer spannen. Diese Worte bedeuten nicht bloß, sie erzählen auch und wecken Erinnerungen. Es sind Illusionsworte, die man aus ihrer fremdländischen Schale ganz bequem herauskratzen kann wie Austern, und die weiter nichts verlieren, als ihr bißchen Illusion, wenn man sie in der großen völkischen Terrine gebrauchsfertig aufträgt. Es geht natürlich auch so, und die Sauce Béarnaise könnte als Eiertunke ebensogut in Chemnitz erfunden worden sein, als in Béarn. Bleiben wir also streng bei der Sache und lassen wir alle schweifenden Gefühlsverbindungen beiseite. Ganz gewiß, der Mensch braucht nicht zu soupieren, und er bleibt sogar etymologisch im Richtigen, wenn er statt dessen einfach »suppt«. Zudem ist bei so vielen Eßwerken der Sprachweg so klar vorgezeichnet. Das welsche Beefsteak wird durch das kerndeutsche Biefstück ersetzt, ein Cake durch Kek oder Kehk, wenn wir Pralinen sagen, so stehen wir treu auf der Scholle und dürfen den, der noch von Pralinées spricht, als nicht ganz wurzelecht betrachten. Wir hatten einst in Berlin ein doppelsprachiges Restaurant, dessen Karte a broiled chicken mit: »ein gebroiltes Tschicken« übersetzte. Auch dieser Weg ist gangbar. Wer die Omelette soufflée durch Schaum-Eierkuchen ersetzt, kann von jeder Köchin eines Fehlers beschuldigt werden; warum also nicht ein gesuffeltes Omlett? oder ein Wollowang? Da sähe man doch wenigstens den guten Willen, wie man ihn sah, als sich der fremdländische Autoomnibus in Autobus und der Kinematograph in einen Kientopp verwandelte. Ich widerstehe der Versuchung, diese Betrachtungen auf das Gebiet der Bekleidungsstoffe, der Juwelierarbeit, der Konfektion, der Parfümerie (Duftei) auszudehnen. Jedermann weiß, wie kräftig die Illusionstöter hier schon gearbeitet haben und wie emsig sie dabei sind, ihr Werk zu vollenden. Herunter mit dem Toiletten-Crême, der doch nichts anderes ist als eine täuschende Hautwichse, und daß sich keiner mehr unterstehe, an frivole Dessous zu denken, wo in echter Wirklichkeit nichts anderes vorhanden als Unterwäsche und braver Flanell. Aber wohin soll das arme Illusionswort flüchten, wenn man ihm nicht einmal in solchen, auf Illusion gestellten Betrieben einen Unterschlupf gönnen will? Wer durchaus nicht von der Wirklichkeitslinie abweichen will, nur Kerne kennt, nicht Schalen, der könnte sich überhaupt gegen die Namensgebung auflehnen bei leblosen Dingen, die eigentlich keine Namen brauchen. Ehedem wurden die deutschen Lokomotiven personifiziert, man saß im Zuge, während vorn eine Marie oder Mathilde, ein Bismarck oder Camphausen fauchte. Diese Nachwehen einer Spätromantik sind längst überwunden, wir fahren mit dampfenden Nummern. So wäre auch eine rechtwinklig gebaute Stadt mit Straßen und Häuserblocks, die nach Ziffern und Buchstaben benannt werden, das Ideal einer städtischen Anlage; denn auch die Illusionslosigkeit strebt nach einem Ideal, nach dem einfachen Koordinatensystem, wie es bereits in einem Teil von New-York und von Mannheim verwirklicht ist. Gleichwohl tragen unsere Straßen fast ausnahmslos noch persönliche Bezeichnungen, auf die sie getauft wurden, passend oder unpassend. Und der Name mag so deutsch sein, wie nur immer, hinsichtlich der Straße bleibt er ein Fremdwort, da eine eindeutige Beziehung zwischen dem Wort und dem Wortträger nicht besteht. Auf die fremdländischen Worte Bellealliance, Kolonie, Kommandant, Invaliden, Pallisade, Garde du Corps sind Berliner Straßen getauft; sie sind der Straße selbst nicht fremder und nicht näher als hunderte von Deutschworten und Deutschnamen; fast alle haben sie eine geschichtliche Begründung in Erinnerung, Anspielung, symbolistischer Verschmelzung, und die so tauften, handelten im Stande der Illusion mit Illusionsworten. Und im Grunde sind auch all die so übel beleumundeten Welschbezeichnungen in so vielen Betrieben Eigennamen, die irgendwie das Bild einer Persönlichkeit hervorlocken oder mit einem lockenden Begriff spielen. Wenn von zwei Herbergen in gleicher Lage und mit gleicher Leistung das eine Hotel Luxor heißt, das andere Gasthaus zur Stadt Meseritz, so wird das erste in seinen Anziehungskräften eine magnetische Einheit mehr besitzen; und es hat in diesem Falle keinen Sinn, dem Publikum zuzurufen: wählt völkisch! denn wer nur eine Reisetasche in der Hand hat, in dessen Horizont flimmert schon eine blasse Fata Morgana. Auf den Eisenbahnwagen der neuen Orientlinien steht »Mitropa«, mit Herleitung aus Mitteleuropa, mit Anspruch auf den Wert eines Eigennamens. Etwas Fremdländisches klingt an, und das ist des Namens Vorzug, denn das geflügelte Rad deutet auf Internationalität, auf eine Illusion, die über die geographische Heimat hinauswill. Heißt eine gewisse Eisspeise gut deutsch Fürst Pückler, so laßt ein Glas Champagner auf spanisch oder englisch-falstaffisch Sekt, einen geschliffenen Stein Brillant, einen Ring Marquis, eine wippende Hutfeder Pleureuse heißen. Die Worte sind zum geringen Teil eingedeutscht, zum größeren würden sie eingebürgert erscheinen, wenn wir ein Lexikon der Illusion besäßen. Schreibt meinethalben Plöröse, wenn euch das glücklich macht, aber jagt das hübsche und unübersetzbare Anspielungswort nicht von Amtswegen zum Teufel. Laßt auch dem großen Illusionsreich des Titel- und Ordenswesens seine erworbenen Rechte und denkt daran, daß der scharfsinnigste aller Zweifler, Schopenhauer, den Wert dieser Illusion anerkannte. Ersetzt mir den Rector magnificus nicht durch einen prächtigen Leiter, nicht die Exzellenz durch Seine Ausgezeichnet, nicht den historischen Pour le mérite durch ein Verdienstkreuz. Die Welt hängt nicht an diesen Ausdrücken, aber die Ausdrücke hängen an einer unsichtbaren Begleiterin, an der Fee Illusion, die sich in allen Sprachen verständlich macht, obschon sie keine einzige fehlerlos beherrscht. »Die Natur freut sich an der Illusion. Wer diese in sich und anderen zerstört, den straft sie als der strengste Tyrann.« Ein Phantast mag das gesagt haben, ein Wolkenkukuksheimer. Er hieß Goethe. Ausklang Albrecht Dürer als Sprachmeister (In Form einer freigestalteten Unterhaltung) Dürer: Und hiermit, viellieber Freund Pirkheimer, lege ich mein fertig Werk in deine Hände, dir zugeeignet zu freundlich Dienst und Gedenken. Wird ein nützlich Buch sein, verhoffe ich. Pirkheimer: Aber nit fast leicht zu lesen. Hab hie und da etwelche Schwierigkeit gehabt: »Zu Nutz allen Kunstliebhabenden mit zugehörigen Figuren« stehet darauf und dabei die Vermahnung, es gebe in Deutschland recht viele sonst geschickte Maler, welche doch mancherlei ganz falsch zeichneten, auch ihre Schüler es so machen lehrten, als wenn sie Wohlgefallen an ihrem Irrtum hätten; während doch die alleinige Ursache sey, daß sie die Kunst der Messung nicht gelernt hätten, ohne welche kein rechter Werkmann werden könne. Dürer: Derohalben ist das Buch eine Unterweisung der Messung mit dem Zirckel und Richtscheydt geworden, in dem Gedanken, der perspektivischen Zeichnung eine mathematische Vorschrift zugrunde zu legen. Sixtus Paumgartner : Mir zu gelahrt, Herr Dürer. Hab mich darin umgetan, als ich die Blätter in der Druckwerkstatt liegen sah. Freund Pirkheimer, unser gewaltig Ratsherr, mag ja etwelches davon begreifen und verstehen, der liest doch sogar den Plinius und den Vitruvius in der Lateinschrift. Für einen ehrsamen Kleinbürger ist das zu schwer, und für unsere Maler wird es auch zu hoch seyn. Saget, werter Dürer, warum brauchet ihr so viel fremdländische Worte und Ausdrücke, ihr, ein teutscher Künstler? Pirkheimer: Und ich hinwiederum frage hingegen anders, lieber Albrecht; wessentwegen bekennst du dich nicht mit Entschiedenheit zu den strengen Worten der Wissenschaft? Zur Hälfte läßt du sie stehen, und zur Hälfte versuchst du eine Verdeutschung . Du bildest gleichsam deutsche Ausdrücke, so man nie zuvor vernommen; fremdartig muten sie an, weil sie nicht klingen wie eingewachsen in das Gefüge, sondern wie künstlich hergerichtet. Also frage ich dich, Meister Albrecht, gedenkest du der klassischen Ausdrucksweise Fehde anzusagen? Dürer: Wenn ich eure zwo Fragen in eins zusammenhalte, so paaren sie sich und erzeugen die Antwort. Dir, Pirkheimer, bin ich nit klassisch genug, euch, Sixtus Paumgartner, nit deutsch genug, woraus zu schließen, daß ich das Richtige möge getroffen haben. Gewißlich ist eine Absicht in meinem Beginnen. Ich forme neue deutsche Worte und denke mir, es könnten noch mehre geformet werden. Statt Quadrat schreibe ich »eyn gefierte Ebne«, statt Cylinder erfinde ich »eyn bogen Ebne«, für sphärisch sage ich »kugelet«, für Punkt »eyn Tupf«, für Parallele »eyn barlini«, für Ellipse »Eierlini«, für Parabel »Brennlini«, für Hyperbel »Gabellini«. Ein jeglicher versteht's, und der Darstellung geschieht kein Schade. Wo ich aber Schaden befürchte in Belang der Deutlichkeit, bewahre ich säuberlich das Schulwort auf Latein oder Griechisch, wie es seit den weisen Alten die Wissenschaft gefestiget hat. Also ziehe ich meine eigene Straße. Pirkheimer: Auream mediocritatem, wobei nur zu reflektieren, ob nicht am letzten Ende auch das Resultat mediocris ausfallen könnt. Nicht etwan in der Sache und in disciplina. Wenn du ein Buch schreibst, so wird es gewißlich so herrlich, als wenn du ein Gemälde schaffest. Aber in Belang auf die Folgen deines Ausdrucks. Wie die Welt die Bilderstürmer erlebt hat, so künnt sie die Wortstürmer sehen hervorbrechen. Und so wird sie rufen: Meister Dürer hat den Anfang gemacht! Ihm nach, dem berühmten Dürer, durch die Bresche, so er in das Latein geschlagen! So wird sie sprechen, die breite Menge, wo wir Erwählten mit Kunst und Mühsal eben ein klassisch Fundament für alle Bildung nachweisen und befestigen. Paumgartner: Ich spreche schon heut also. Warum schreibet ihr, Dürer, Ausdrücke wie Perspektive und Proportion, nachdem ihr selber doch aufzeiget, daß sich Punkt und Quadrat auf gut deutsch bereitstellen lassen? Und sogar Parabel als Brennlinie, obzwar ich mir bei Parabel gar nichts vermag vorzustellen, und bei Brennlinie noch weniger. Dürer: Warum? Weil ich mir nit die Hände will binden, wenn ich der Schrift obliege. Die Sprache ist ein lebendig Geschöpf, nit festgewachsen wie Kohle und Erz im Gebürg, sondern mit Veränderlichkeiten begabt, und sie spähet, wie sie sich rege und bewege. Sie spricht zu mir anders in jeder Stunde; und nit so wie ein Schüler, welchen ich abfrage, sondern wie ein Meister, welcher mich lehret. Und ihre Hauptlehre ist: Zwänge mich nit und schnüre mich nit, ansonsten mit der Starrheit der Sprache auch die Starre der Gedanken beschlossen war. Und so gewiß ein Gedanke den andern gebiert, der sich losreißt von seinem Erzeuger, so verlangt er auch einen Ausdruck, der nit festgeschmiedet an den ersten und aufgenagelt mit Grammatik und Wortregel. So horche ich auf den Sinn des neuen Satzes, der aufsteigt in mir, und lasse ihm seine eignen Worte; er gibt sie mir , nit ich ihm. Warum diesmal so und andermal anders – ich weiß es nit. Wenn ich es künnt erklären, war ich klüger denn mein eigener Gedanke. Darum bin ich ein Künstler und vertraue auf mein Gefühl, welches mich mit richtiger Farbe versorgt beim Malen und mit richtigem Ausdruck beim Schreiben. Pirkheimer : Gefühl ist ein unzuverlässig Ding. Kann ein hilfreicher Gefährte sein für den Künstler und ein unweiser Ratgeber oder Irrwisch für den Autor in Wissenschaften. Unterscheide derohalben. Wo du in Wissenschaft arbeitest und die Fortsetzung schaffst über Aristoteles und Albertus Magnus, dürft dir kein Gefühl in die Quer kommen. Kommet dir aber, wo du volkstümlich sagen willst, was nur wissenschaftlich zu sagen möglich. Nehmen wir ein Exempel: Statt Ellipse sagest du fein Nürnbergisch: Eierlinie, und hast dabei die Empfindung, ein widerborstig Wort schmiegsam zu machen. Das Gefühl ist richtig, aber die Eierlinie ist falsch; denn einer Henne Geleg hat nur oberflächlich Ähnlichkeit mit einer Ellipse, ist nimmer elliptisch, und ein Regiomontanus müßte sagen: hier hat der Dürer meiner lieben Frau Mathematica einen Backenstreich versetzt. Item ein ander Exempel. In deinem Werk über Malerei sagest du: »Die Vergleichung Eins gegen dem Anderen das ist schön.« Verzeih, Albrecht, in solchen Worten ist Umstand und Ungeschick; denn du willst sagen: »Symmetrie« ist schön, und ich ließ mir eher die Zunge abreißen, als ich mich entschließ, ein so schön und edel Wort wie »Symmetrie« zu opfern. Dürer: Und wer sagt dir, Pirkheimer, daß ich opfere? daß ich nit vielmehr anmesse und anpasse mein Wort an den Gedanken? genau anpasse, wenn der Gedanke selbst nit künnt bestehn ohne Genauigkeit; und leichtlich , wenn der Gedanke mehr Meinung ist denn Lehrsatz, mehr Wegweiser denn Ziel, mehr Keim denn Frucht. Und weiterhin: es muß klingen , eine Abgestimmtheit muß sein zwischen den Worten; das eine Mal klinget das Fremdwort besser, das andere Mal aber gibt eine Übersetzung oder Umschreibung den besseren Klang; denn das einzeln Wort schwinget ja nit für sich, sondern im mehrstimmigen Chor mit seinen Nachbarn. Also ob ich sage Beschaffenheit oder Complexion, – abgemalt oder conterfeit, – Geschöpf oder Creatur, – Verhältnis oder Proporz, – das messe ich nit bloß mit dem Verstand, sondern mit dem Ohr. Insonderheit wenn ich zu denen Künstlern spreche, so daß ich ihnen einerlei Regel nach zweierlei Form gebe, mit zweierlei Klang. Einmal sage ich so: »Ein guter Maler ist inwendig voller Figur , und ob's möglich war, daß er ewiglich lebte, so hätt er aus den inneren Ideen , davon Plato schreibt, allweg etwas Neues durch die Werk auszugießen.« Und auf einem andern Blatt sage ich: »Der Künstler Gemüt ist voller Bildnuß , das ihn möglich zu machen war.« Aber wenn ich wortweis begründen soll, warum ich hie von Bildnuß rede, da von Figur, so antworte ich wie der heilige Augustinus, da er den Begriff von der Zeit definieren sollte: »Wenn keiner mich fraget, so weiß ich es, – wenn ich es erklären soll, so weiß ich es nit.« Alldieweil Worte spröde sind und kärglich, um jegliches Gefühl zu dolmetschen. Paumgartner : Mein Gefühl, Meister Dürer, wär einfacher. Mich verlangte nur nach einer kurzen Verordnung wohlweisen Rates dieser Stadt: Fremdworte sind verboten! Sind ja soviel Vögte in Nürnberg, warum nit ein Sprachvogt, der euch die »Ideen«, davon Plato schreibt, auskehret? Da habt ihr mein Gefühl, Meister Dürer! Dürer : Glaub nit, Herr Eiferer Sixtus, daß eures Vogtes Befehl hineinreichen künnt in die Gehirnkammer und in die Herzkammer. Und ob ich hinfüro nit mehr eine Zeile in Satz und Druck geben möcht, so war doch Fortpflanzung für meine Gedanken und Ideen. Und immer wieder wird einer kommen nach mir, welcher die Schönheit in der Sprache erfaßt wie die Schönheit in der Kunst . »Denn wahrhaftig steckt die Kunst in der Natur, wer sie heraus kann reißen, der hat sie«; und so gewiß ihr die Natur nit verbieten künnt, so auch nit die Schönheit, die in ihr steckt, und die Sprachschönheit , darein sie sich spiegelt. Aber aufspüren kann sie nur der Künstler, welcher innen voll ist von Bildnuß und Sprachfigur, ohn Anfang, ohn End und ohn Begrenzung. Der reißt sie heraus aus der Natur, und der wird sie haben! Ende.