Georges Ohnet Der Hüttenbesitzer – Erster Band 1884 Erstes Kapitel An einem klaren Oktobertage des Jahres 1880 saß ein junger Mann in elegantem Jagdkostüm am Saume eines der schönen Eichengehölze, die mit ihrem kühlen Schatten die vorderen Abhänge des Juragebirges bedecken. Ein großer brauner Wachtelhund, einige Schritte von seinem Herrn im Grase lagernd, sah denselben unverwandt an, als wollte er fragen, ob nicht bald aufgebrochen würde. Der Jäger schien indes nicht gesonnen, seinen Weg sobald fortsetzen zu wollen. Er hatte sein Gewehr an einen Baumast gelehnt, die leere Jagdtasche an den Rand des Weggrabens geworfen, und so, den Rücken der Sonne zugekehrt, das Kinn mit der Hand gestützt, ließ er seine Augen über das entzückende Panorama schweifen, das sich vor ihm entrollte. Auf der andern Seite des Weges, an dessen Rand er Halt gemacht, breitete sich, dem Hochwalde entlang, eine zweijährige Schonung aus, deren dünngepflanzte Schößlinge wie grüne Inseln aus der Mitte von Farnkräutern und großen gelben Stauden hervorlugten. Das waldige Terrain, welches gegen das Thal hin sich sanft abflachte, ließ in der Ebene den Marktflecken Pont-Avesnes erblicken, hinter dessen roten Häuserdächern der Schieferturm seiner alten Kirche löschhornförmig emporragte; rechts das Schloß, umgeben von breiten trockengelegten Grenzgräben, die mit Obstbäumen bepflanzt sind. Die Avesnes, ein stilles Bächlein, das die Einwohner anmaßend den »Fluß« nennen, glänzte wie ein silbernes Band zwischen dem zitternden Laubwerk verkrüppelter Weiden, die sich über seine Ufer neigen. Weiterhin trieb der Wind sein Spiel mit dem dichten Qualm, der den feuerspeienden Schornsteinen eines Hüttenwerks entströmte, welches seine schwarzen Mauern am Fuße eines Hügels ausbreitete, dessen felsige Schichten behufs Gewinnung der Erze von großen Luken durchbohrt waren. Oberhalb dieser Aushöhlungen grünten Weinstücke, die einen leichten Weißwein von erdigem Geschmack liefern, der gewöhnlich unter dem Namen »Moselwein« verkauft wird. Der blaßblaue Himmel war lichtüberflutet, ein leichter Nebel, durchsichtig wie ein Schleier, schwebte über den Höhen. Ein tiefer Friede ruhte auf dieser lachenden Natur, dazu war die Luft so rein, daß trotz der Entfernung vom Thale das dumpfe Geräusch der Hämmer aus den Werkstätten bis zum Walde heraufschallte. Von der ihn umgebenden Ruhe in einen traumhaften Zustand versenkt, blieb der junge Jäger unbeweglich sitzen. Nach und nach hatte die Landschaft aufgehört, seine Blicke zu fesseln. Ein Gefühl stiller Befriedigung bemächtigte sich seiner, und lächelnd überließ er sich seinen Gedanken, die in den Weiten der Vergangenheit umhervagabundierten oder sich in köstliche Unbestimmtheit verloren. Die in ihrem Lauf sich wendende Sonne vergoldete die unter ihren Strahlen errötenden Gipfel der Eichen, eine drückende Hitze entquoll dem Boden und das Schweigen des Hochwaldes wurde noch intensiver. Plötzlich wurde der junge Mann aus seinen Träumereien geweckt. Die kühle Schnauze seines Hundes hatte sich ihm auf die Kniee gelegt und zwei Augen mit menschlich verständigem Ausdrucke richteten eine stumme Bitte an ihn. »Ei,« lachte der Jäger, »du langweilst dich, mein guter Alter. Geh doch, sei nicht ungeduldig, wir werden gleich heimkehren,« und mit einem leichten Seufzer sich erhebend, hing er die Jagdtasche um, warf die Flinte über die Achsel und, die Straße überschreitend, sprang er über einen schmalen Graben und trat in den Holzschlag ein. Der Hund durchschnüffelte schon die Farnkräuter. Hinter einer Staude hielt er plötzlich still mit erhobener Pfote, gekrümmtem Halse, unbeweglich wie zu Stein verwandelt. Sein Schwanz bewegte sich leicht und mit den Augen nur schien er seinen Herrn zu rufen. Kaum hatte dieser einige Schritte vorwärts gethan, als ein großer Hase aus seinem Lager aufsprang und, kaum gesehen, sogleich wie eine Kugel verschwand. Der junge Mann legte sofort an und gab rasch Feuer. Als der Rauch verflogen war, bemerkte der Schütze zwar ohne Erstaunen, aber doch mißvergnügt den Hasen, der sich im Hochwalde verlor. »Wieder einen gefehlt!« murmelte er, und sich zum Wachtelhund wendend, der ihn mit resignierter Miene erwartete, sagte er: »Welches Pech, nicht wahr? Du hattest ihn doch so schön gestellt!« Im selben Momente krachte ein Schuß im Walde, ungefähr hundert Meter von dem jungen Schützen entfernt. Dann nach einer Weile Stillschweigens ließ sich ein Geräusch von Schritten hören, die Zweige wurden auseinander gebogen und ein großer robuster Mann in blauleinener Jagdbluse, hohen Stiefeln und großem Hute erschien am Rande des Waldes. Mit einer Hand trug er sein Gewehr, mit der andern hielt er den erlegten Hasen an den Hinterläufen hoch empor. »Es scheint, daß Sie glücklicher waren als ich,« sagte lächelnd der junge Jäger, dem Neuangekommenen entgegentretend. »Ah, Sie sind es, der geschossen hat, mein Herr?« fragte der Mann in der Bluse. »Jawohl, und sehr ungeschickterweise, denn das Tier lief mir fast zwischen den Beinen hindurch, obgleich ich nur auf zwanzig Schritt Entfernung zielte.« »In der That, das ist nicht sehr brillant,« bemerkte ironisch der Fremde. »Aber wie kommt es, daß Sie in diesem Teile des Waldes jagen?« »Ich jage eben hier,« erwiderte der junge Mann mit leichtem Erstaunen, »weil ich das Recht dazu habe ...« »Ich glaube kaum; dieser Teil des Waldes gehört Herrn Derblay, der niemand hier die Jagd gestattet.« »Ah! So! Dem Hüttenbesitzer von Pont-Avesnes.« rief mit etwas hochmütigem Ausdrucke der junge Jäger; »wenn ich mich in seinem Revier befinde, so geschieht dies ohne mein Wissen, und ich bin ganz untröstlich darüber. Ich muß mich verirrt haben. Sie sind ohne Zweifel ein Wächter des Herrn Derblay?« »Und Sie selbst, wer sind Sie?« fragte der Mann in der Bluse, ohne auf die an ihn gestellte Frage zu antworten. »Ich bin der Marquis von Beaulieu und ich ersuche Sie, zu glauben, daß ich das Wildern nicht gewohnt bin.« Bei diesen Worten errötete der Fremde, verneigte sich achtungsvoll und sagte: »Verzeihung, Herr Marquis, hätte ich gewußt, mit wem ich zu thun habe, so würde ich mir nicht erlaubt haben, Sie anzuhalten und Erklärungen von Ihnen zu fordern. Setzen Sie Ihre Jagd fort, ich bitte darum ... an mir ist es, mich zurückzuziehen.« Während der Fremde sprach, beobachtete ihn der junge Marquis aufmerksam. Trotz seines gewöhnlichen Anzuges hatte derselbe ein sehr edles Aussehen; sein Gesicht, umrahmt von einem schwarzen Barte, war schön und intelligent, die Hände fein und wohlgepflegt. Ueberdies trug er ein Gewehr von jener reichen Einfachheit, wie sie nur die englischen Waffenschmiede zu fertigen verstehen. »Danke,« entgegnete kalt der Marquis, »ich habe nicht die Ehre, Herrn Derblay zu kennen, und weiß nur, daß er ein unbequemer Nachbar ist, zu dem wir in schlechten Beziehungen stehen. Es ist mir deshalb sehr daran gelegen, gerade auf seinen Besitzungen keinen Schuß weiter abzugeben. Ich weile erst seit gestern in Beaulieu und kenne das Terrain noch zu wenig ... mein Jagdeifer hat mich aus unsern Grenzen gelockt, aber ein zweites Mal soll dies nicht vorkommen.« »Wie es Ihnen beliebt, Herr Marquis,« antwortete der Mann in der Bluse. »Herr Derblay würde indessen sehr glücklich gewesen sein, Ihnen bei dieser Gelegenheit beweisen zu können, daß er sicher gegen seinen Willen ein unbequemer Nachbar ist. Er hat ein Recht auf die Domäne von Beaulieu insofern sich angemaßt, daß er eine Grubenbahn dort vorbeiführte ... Aber seien Sie versichert, daß er es bereut und daß er bereit ist, Sie nach Ihrem Belieben zu entschädigen. Die Grenzen zwischen zwei Nachbarn sind oft sehr unbestimmt,« fügte er lächelnd hinzu; »Sie haben ja soeben selbst diese Erfahrung gemacht, Herr Marquis! ... Verurteilen Sie daher Herrn Derblay nicht, ohne ihn zu kennen. Sie würden später gewiß Ihre Strenge bereuen.« »Sie sind sicherlich ein Freund von ihm,« bemerkte der Marquis, »vielleicht einer von seinen Beamten, denn Sie verteidigen ihn mit einer Wärme ...« »Die ganz natürlich ist, glauben Sie, Herr Marquis!« Doch rasch zu etwas Anderem übergehend, fügte er verbindlich hinzu: »Aber Sie scheinen heute nicht sehr glücklich gewesen zu sein, weder in Beaulieu, noch in Pont-Avesnes. Herr Derblay ist stolz auf seine Jagd und er würde es sehr beklagen, wenn Sie sein Gebiet verließen, ohne etwas mitzunehmen. Wollen Sie diesen Hasen behalten, den Sie mir freundlichst in den Schuß geschickt, und dürfte ich auch die vier Rebhühner hinzufügen?« »Das kann ich nicht annehmen,« erwiderte lebhaft der Marquis. »Behalten Sie alles; Sie verletzen mich, wenn Sie weiter darauf bestehen.« »Auf die Gefahr hin, Ihnen zu mißfallen, bestehe ich dennoch darauf,« antwortete der Mann in der Bluse. »Ich lege das Wildpret auf den Grabenrand, und es steht Ihnen frei, dasselbe hier liegen zu lassen ... desto besser für den Fuchs ... Ich habe die Ehre, mich Ihnen zu empfehlen, Herr Marquis.« Und mit einem Satze war er in dem nahen Walde, wo er mit langen Schritten verschwand. »Mein Herr, mein Herr!« rief der Marquis, aber der Fremde war bereits seinen Blicken entschwunden. »Ein seltsames Abenteuer,« murmelte der Marquis; »was ist da zu thun?« Eine unerwartete Vermittelung machte bald seinem Zögern ein Ende. Der Wachtelhund war zum Graben gelaufen und, vorsichtig ein Rebhuhn mit den Zähnen erfassend, apportierte er es seinem Herrn. Dieser begann zu lachen und, den Hund liebkosend, sagte er: »Du willst nicht, daß wir unverrichteter Sache heimkehren, scheint mir,« und indem er den Hasen samt den vier Rebhühnern in die Jagdtasche packte, entfernte er sich langsamen Schrittes und schlug den Weg nach Hause ein. Schloß Beaulieu ist ein Gebäude im Stile Louis XIII. und besteht aus einer Hauptfassade mit zwei Seitenflügeln. Es ist aus weißen Steinen mit versetzten Ziegeln erbaut; die spitzen Dächer der Seitenflügel sind von hohen, mit kunstreichen Skulpturen verzierten Schornsteinen überragt. Eine breite, fünfhundert Meter lange Terrasse mit einer Balustrade aus rotem Sandstein erstreckt sich zu ebener Erde vor dem Schlosse. Man gelangt zu derselben über einen acht Stufen hohen Perron, unter welchem sich eine Grotte befindet, hinunter, an dessen schön gearbeitetem Eisengeländer Blumenguirlanden emporklettern, der Hand des Hinabsteigenden eine duftende Stütze bietend. Diese gegen Süden gelegene Terrasse bildet im Spätherbst eine herrliche Promenade. Die Aussicht von hier ist reizend. Das Schloß, auf einem Hügel erbaut, der den Weinbergen und Steinbrüchen von Pont-Avesnes gegenüber liegt, ist von einem dreißig Hektar großen Park umgeben, welcher sanft in kleinen Abhängen gegen das Thal hinabläuft. Das Hüttenwerk des Herrn Derblay hat die Schönheit der Landschaft wohl ein wenig beeinträchtigt, sowie die Stille des Landlebens unterbrochen; aber trotzdem gehört die Besitzung zu den schönsten. Während langer Jahre blieb dieselbe jedoch vereinsamt. Der Marquis von Beaulieu, der Vater des jungen Jägers, im Jahre 1845 zwanzig Jahre alt und bereits Herr eines bedeutenden Vermögens, hatte in Paris ein Leben auf großem Fuße zu führen begonnen. Trotzdem kam er jährlich zur Jagdsaison auf drei Monate nach Beaulieu. Das war dann ein Fest für die Aristokratie der Umgegend, und die großartige Verschwendungssucht des Schloßherrn entschädigte alsdann das Land für die kargen Wintermonate. Als im Jahre 1848 die Revolution ausbrach, setzten es sich die Winzer von Pont-Avesnes, elektrisiert von dem Wortschwalle einiger socialistischer Führer, in den Kopf, die generöse Unterstützung, die ihnen der Marquis stets gewährte, dadurch zu belohnen, daß sie sein Schloß plünderten. Mit Flinten, Sensen und Heugabeln bewaffnet stürmten sie, die Marseillaise brüllend, hinter einer roten Fahne nach Beaulieu hinauf. Sie durchbrachen die Gitter, welche zu öffnen der Schloßkastellan hartnäckig verweigert hatte, und so, im Schlosse sich verteilend, machten sie sich ans Plündern, alles zertrümmernd, was sie nicht mitnehmen konnten. Der Geriebenste der Bande hatte den Kellereingang entdeckt und bald ging man vom Diebstahl zum Zechgelage über, wobei die auserlesenen Weine des Marquis von den Winzern als Kenner nach ihrem vollen Werte gewürdigt wurden. Mit der Trunkenheit kam auch ihre Roheit wieder und in die mit außerordentlicher Sorgfalt gepflegten Gewächshäuser eindringend, zerstampften diese Brutalen die schönsten Blumen und zerbrachen die kostbaren Vasen. Eine herrliche Flora von Pradier, auf einem Sockel im dichten Laubwerk stehend, zu deren Füßen eine Kaskade in einem Steinbassin plätscherte, war ihren Angriffen ausgesetzt. Einer der Wüteriche wollte eben mit Sensenhieben die wundervolle Statue zerstören, als der Betrunkenste unter ihnen, in einem plötzlichen Anfalle von Empfindsamkeit sich vor das Meisterwerk stellte und erklärte, daß er ein Freund der Künste sei und dem ersten, der die Figur berühre, seine Heugabel in den Bauch rennen würde. Die Flora war gerettet. Dann aber, um sich zu entschädigen, beschlossen die guten Pont-Avesner, einen Freiheitsbaum aufzustellen. Sie entwurzelten im Parke eine junge Pappel, und nachdem sie dieselbe mit roten Lappen geschmückt hatten, pflanzten sie den Baum unter Jubelgeheul gerade in die Mitte der Terrasse. Hierauf stiegen sie wieder in den Marktflecken hinab, wo sie ihre revolutionäre Orgie bis in die Nacht fortsetzten. Am andern Morgen kam eine Gendarmeriebrigade nach Pont-Avesnes und die öffentliche Ordnung wurde ohne jede Schwierigkeit wiederhergestellt. Als der Marquis von diesen tollen Streichen hörte, begann er herzlich zu lachen. Er fand es ganz natürlich, daß die braven Pont-Avesner die Wohlthaten, mit denen er sie überhäufte, mit Bösem vergalten. Aber was ihn schier außer Fassung brachte, war die Erzählung von der Errichtung eines Freiheitsbaumes auf seiner Terrasse. Das war zu arg! Der Spaß schien ihm alle Grenzen zu überschreiten. Er erteilte sofort seinem Gärtner den Auftrag, die Pappel in regelrechte Holzscheite zu zersägen und ihm dieselben zur Heizung seiner Zimmer nach Paris zu senden. Dem betrunkenen Freunde der Kunstwerke schickte er fünfhundert Franken und ließ den Pont-Avesnern sagen, daß er, um sich für diese revolutionäre Posse zu rächen, zeitlebens nicht wieder nach Beaulieu zurückkehren würde. Der Marktflecken, für den dieses Verbannungsdekret einem Verluste von mindestens zwanzigtausend Franken jährlich gleichkam, machte durch seinen Maire alle möglichen Annäherungsversuche und überreichte schließlich sogar eine vom Gemeinderate unterzeichnete Bittschrift. Alles vergebens! Der Marquis verzieh den Freiheitsbaum nicht und Schloß Beaulieu blieb unbewohnt. In Wirklichkeit aber trugen die Reize des Pariser Lebens nicht wenig zu diesem Entschlusse bei. Der Klub, die Theater, der Sport und die Galanterieen hielten ihn viel sicherer von Beaulieu entfernt als der Groll gegen seine Bauern. Indes nach mehreren Jahren eines Lebens voll Aufregungen und Genüssen wurde er all dieser Tollheiten überdrüssig und, eine gute Stunde benützend, verheiratete er sich. Seine junge Frau, eine Tochter des Herzogs von Bligny, besaß ein sanftes Gemüt und einen ruhigen Geist. Sie vergötterte den Marquis und wußte über seine Schwächen die Augen zuzudrücken. Er gehörte zu jenen liebenswürdigen Verschwendern, für welche das Vergnügen der Hauptzweck des Lebens ist und die Hand und Herz stets offen haben. Unfähig, einer Laune seiner Gemahlin zu widerstehen, konnte er sie doch vor Kummer vergehen lassen, um es nachher wieder bitter zu bereuen. Wenn die Marquise am Morgen nach irgend einem gar zu tollen Streiche grollte, küßte er ihr die Hände und sagte mit Thränen in den Augen: »Du bist eine Heilige!« Und am nächsten Tage begann er von neuem. Die Flitterwochen der jungen Gatten dauerten drei Jahre. Das war anständig genug für einen Mann von dem Schlage des Marquis. Ihrer Ehe entsprangen zwei Kinder: ein Sohn und eine Tochter. Octave und Claire wurden von ihrer Mutter erzogen; der künftige Erbe, ernst und strenge, um ein tüchtiger Mann zu werden, die Tochter fein und sorgfältig, um dereinst das Glück desjenigen zu werden, den sie lieben würde. Seltsame Laune der Natur! Der Sohn war das leibhaftige Ebenbild der Mutter, sanft, ruhig und heiter; die Tochter hatte den stolzen, heftigen Charakter des Vaters geerbt. Erziehung vermag nun wohl die Natur zu mildern, verändern kann sie dieselbe niemals. Als sie heranwuchsen, wurde Octave der liebenswürdige junge Mann, der zu werden er versprochen, und Claire das stolze, hochfahrende Mädchen, welches schon ihre Kindheit prophezeit hatte. Durch einen traurigen Unglücksfall erhielten sie bald noch einen Gefährten. Der Bruder der Marquise, der verwitwete Herzog von Bligny, kam auf die erbärmlichste Art auf dem Rennplatze ums Leben, indem ihm von seinem Pferde die Rippen eingedrückt wurden. Dieser Sprosse eines alten Heldengeschlechtes, der wie ein Jockey endete, hinterließ nur ein geringes Vermögen. Sein Sohn Gaston wurde nach den Trauerfeierlichkeiten zu seiner Tante, der Marquise, gebracht und verblieb bei ihr. Geliebt wie ein drittes Kind, wuchs er neben Claire und Octave heran. Aelter als sie, verriet sein Wesen bereits die Eleganz und den Zauber einer veredelten Rasse. Er war von seinem Vater vernachlässigt worden, dessen Existenz als Lebemann mit der Erziehung und Ueberwachung eines Kindes wenig harmonierte. So, bald den Dienern überlassen, die ihn in ihre niedrigen Intriguen einweihten, bald von dem Herzog in seine Zirkel mitgeführt und von der ungesunden Kost des Restaurants überreizt, wurde die Unschuld dieses Kindes durch die Liederlichkeiten der Dienstboten und die Galanterieen seines Vaters harten Versuchungen ausgesetzt. Als er zu seiner Tante kam, war er physisch und moralisch ein sieches Kind. Doch fand er in der reinen Luft des Familienlebens die Anmut und Frische der Jugend wieder. Mit neunzehn Jahren beendete er seine Studien und versprach ein liebenswürdiger Kavalier und ein vollendeter Edelmann zu werden. Um diese Zeit bemerkte er, daß seine Cousine Claire, die vier Jahre jünger war als er, nicht mehr das kleine Mädchen von ehedem sei. Eine plötzliche Veränderung war mit ihr vorgegangen. Wie ein schöner Schmetterling sich aus seiner Larve entpuppt, war Claire zur glänzenden Pracht einer blonden Schönheit erblüht. Ihre schwarzen Augen glänzten in mildem Lichte und ihre bewunderungswürdig gebaute Gestalt war von unvergleichlicher Eleganz. Gaston betete sie an. Es war wie ein Blitzstrahl über ihn gekommen. Zwei Jahre lang verschloß er indes sein Geheimnis in sich. Ein großer Unglücksfall war schuld, daß er es verriet; im Schmerze sind die Herzen mitteilsamer. Der Marquis von Beaulieu war plötzlich gestorben. Dieser Lebemann verschwand geheimnisvoll à l'anglaise aus dieser Welt. Er war nicht krank, er hörte bloß zu leben auf. Man fand ihn tot in seinem Arbeitskabinett, wo er in den Akten eines Prozesses blättern wollte, den er gegen Seitenverwandte in England führte. Diese ungewohnte Arbeit war ihm nicht gelungen. Die Aerzte, welche alles präcis bestimmen und nicht zugeben wollen, daß man sich ihrem Ausspruch entziehe, selbst beim Sterben nicht, erklärten, daß der Marquis infolge von Berstung einer Pulsader verschieden sei. Die Klubfreunde schüttelten den Kopf und meinten, daß der gute Beaulieu geendet habe wie Morny, verzehrt, verbrannt durch sein ausschweifendes Leben. Gewiß ist, daß man nicht ungestraft eine Existenz führt, wie es der Marquis seit fünfundzwanzig Jahren gethan. Besser Eingeweihte behaupteten, daß die ihm eines Tages von seinem Rechtsanwälte gemachte Entdeckung, daß sein Vermögen bis auf den letzten Sou verbraucht sei, den leichtsinnigen Verschwender ebenso sicher getötet habe, wie wenn ihn eine Kugel ins Herz getroffen hätte. Die Familie des Marquis beschäftigte sich nicht mit der Ergründung der Ursachen dieses plötzlichen Todesfalles, sie dachte nur ans Weinen, denn Herr von Beaulieu wurde von den Seinen geliebt und geachtet, als wäre er das Muster eines Gatten und Vaters gewesen. Die Marquise kleidete ihr ganzes Haus in Trauergewänder und veranstaltete dem, den sie ungeachtet seiner Schwächen angebetet hatte und den sie nun bitter beweinte, ein fürstliches Leichenbegängnis. Octave, nunmehriger Marquis von Beaulieu, und der Herzog von Bligny, sein Adoptivbruder, schritten dem Trauerzuge voran, umgeben von dem ältesten Adel Frankreichs. Und als sie am Abend in das düstere, verödete Palais heimkehrten, erwarteten sie die Marquise und Claire, um sie zu trösten und ihnen für die schwere und schmerzliche Aufgabe zu danken, die sie eben erfüllt hatten. Hierauf begab sich die Marquise mit ihrem Sohn auf ihr Zimmer, um mit ihm über die Zukunft zu beraten. Gaston und Claire gingen in den Garten. Unter den hohen Bäumen dunkelte es bereits. Es war ein schöner Sommerabend und die Luft von Blumenduft erfüllt. Das junge Paar ging langsam und schweigend um den großen Rasenplatz herum. Beide hingen ihren Gedanken nach. Nach einer Weile blieben sie gleichzeitig stehen und ließen sich auf eine Steinbank nieder, wo die eintönige Melodie einer Fontäne zu ihren Füßen sie in Träumereien einwiegte. Plötzlich unterbrach Gaston das Schweigen und mit hastigen, sich überstürzenden Worten, wie jemand, der zu lange an sich gehalten, sprach er zu Claire von seinem tiefen Schmerze über den Verlust des ausgezeichneten Mannes, der Vaterstelle bei ihm vertreten hatte. Eine tiefe Rührung, die er nicht beherrschen konnte, erfaßte ihn. Seine Nerven waren tags über zu grausam angespannt gewesen, eine Schwäche bemächtigte sich seiner, und die schmerzliche Aufregung kam in dieser Stunde zum Ausbruch. Er vermochte nicht, seine Thränen zurückzuhalten und begann heftig zu schluchzen. Seinen heißen Kopf in die Hände Claires legend, rief er aus: »O, nie werde ich es den Deinen vergessen, was sie mir gewesen. Was auch das Leben bringen möge, du wirst mich stets an deiner Seite finden ... denn ich liebe dich ...« und zwischen seinem Schluchzen drangen immer die Worte hervor: »Ich liebe dich! Ich liebe dich!« Ciaire hob sanft Gastons Kopf empor und errötend, wie beschämt über diese leidenschaftliche Hingebung, erwiderte sie mit mildem Lächeln: »Auch ich liebe dich!« Gaston, außer sich, rief: »Claire!« Das junge Mädchen legte ihm die Hände auf die Lippen und mit der Feierlichkeit eines bindenden Versprechens hauchte sie einen Kuß auf die Stirne des Herzogs. Dann erhoben sie sich langsam und setzten Arm in Arm ihren Spaziergang fort, schweigend, denn sie lauschten der Sprache ihrer Herzen. Am nächsten Tage begann Octave von Beaulieu seine Rechtsstudien und Gaston trat in das Ministerium des Auswärtigen ein. Die republikanische Regierung suchte damals die hohen Namen der Aristokratie an sich zu fesseln, um Europa zu beruhigen, das mit besorgten Augen auf die triumphierende Demokratie blickte. Der junge Herzog wurde dem Kabinette des Herrn Decazes zugeteilt und schien einer glänzenden diplomatischen Laufbahn entgegenzugehen. In den Salons der vornehmen Gesellschaft hatte er durch die Eleganz seiner Formen, die Schönheit seines Gesichtes und den Reiz seiner Unterhaltung großen Eindruck gemacht. Zumeist waren es die Mütter erwachsener Töchter, die sich ihm näherten, doch blieb er gleichgültig gegen jedes Entgegenkommen. Seine schönsten Abende waren diejenigen, die er im kleinen Salon seiner Tante verlebte, wo er seine Cousine ansehen durfte, die mit vorgebeugtem Kopf an einer Stickerei arbeitete. Ihre im Scheine des Lichtes glänzenden blonden Locken fielen auf ihren weißen runden Hals hernieder. Und Gaston blieb ruhig und ernst, mit den Augen die goldenen Haare verschlingend, die er anbetend hätte küssen mögen. Um zehn Uhr empfahl er sich von der Marquise, drückte brüderlich die Hand Claires und ging in seine Gesellschaft, um bis in den Morgen hinein zu tanzen. Den Sommer verbrachte die ganze Familie in der Normandie auf einem Gute der Marquise, denn getreu dem Grolle ihres Gemahls, war sie noch kein einziges Mal in Beaulieu gewesen. Dort war Gaston vollkommen glücklich. Trunken von der reinen Landluft, durchstreifte er an Claires und Octaves Seite die Wälder, während die Marquise ihr Familienarchiv nach neuen Dokumenten durchstöberte, die ihr in dem Prozesse mit den englischen Verwandten etwa dienlich sein konnten. Es handelte sich dabei um eine bedeutende Summe, die dem Marquis von Beaulieu testamentarisch vermacht war. Die Engländer bestritten das Legat und die Advokaten beider Parteien, die sich in den Rechtsstreit eingenistet hatten, wie Ratten in einem Käse, bereicherten sich, indem sie die Feindseligkeiten in die Länge zogen. Diesen Prozeß, den der Marquis aus Eigenliebe begonnen, mußte seine Witwe aus zwingenden Gründen weiterführen, denn das Vermögen des Herrn von Beaulieu war durch dessen unsinnige Verschwendung so zusammengeschmolzen, daß die bestrittene Erbschaft in England das eigentliche väterliche Erbe der beiden Kinder bildete. Das persönliche Vermögen der Marquise war schön und solid, reichte jedoch bloß zur Bestreitung eines standesgemäßen Haushaltes hin. Trotz ihrer Angst vor den Rechtskniffen war Frau von Beaulieu als Klägerin aufgetreten, um das Vermögen von Octave und Claire zu verteidigen, und, vertieft in das Studium vergilbter Akten, in lebhaftem Briefwechsel mit Rechtsgelehrten, erwarb sie sich ganz hübsche Kenntnisse auf dem Gebiete des Prozeßverfahrens. Sie hegte unbedingtes Vertrauen in den Ausgang des Prozesses. Die Ihrigen bestärkten sie in dieser Sicherheit und so wurde Claire allgemein für eine Partie von zwei Millionen Franken für denjenigen geschätzt, der einst das Glück haben würde, sie die Seine nennen zu dürfen. Bewerber von hoher Geburt und großem Vermögen hatten bereits um ihre Hand angehalten, doch wies sie alle Anträge zurück. Die Marquise, darüber beunruhigt, befragte Claire um den Grund, und diese teilte ihr ohne Zögern mit, daß sie sich dem Herzog von Bligny versprochen habe. Frau von Beaulieu war von diesem Verlöbnisse nicht besonders befriedigt. Außerdem, daß sie über eine Ehe zwischen Cousins höchst mißbilligende Ansichten hatte, beurteilte sie auch Gaston mit einem gewissen Scharfblick. Sie erkannte ihn, wie er wirklich war, als flatterhaft, leidenschaftlich und unbeständig, wohl fähig, heiß zu lieben, doch unfähig, treu zu lieben. Indessen wollte sie ihre Tochter nicht beeinflussen. Sie kannte den seltsam festen Charakter Claires und wußte, daß nichts sie bewegen könnte, eine freiwillig eingegangene Verbindung zu lösen. Noch mehr, im Grunde ihrer Seele fühlte sich die Marquise von einer Verbindung geschmeichelt, welche den schönen Namen der Bligny, den sie bei ihrer eigenen Verheiratung abgelegt, wieder in ihre Familie zurückbrachte. Sie empfing daher ihren Neffen sehr gut, und da sie ihn nicht besser behandeln konnte, als sie es bis jetzt gethan, so fuhr sie fort, ihn wie ihren eigenen Sohn zu betrachten. Ueber diesen Zwischenfällen wurde der Herzog zum Sekretär der Gesandtschaft in Petersburg ernannt. Einem gemeinsamen Beschlusse zufolge wurde die Vermählung auf den ersten Urlaub festgesetzt, den der junge Diplomat erhalten würde. Dieser erste Urlaub wurde nach sechs Monaten erteilt und Gaston kam nach Paris, jedoch nur für acht Tage. Er war mit einer geheimen Mission beauftragt, die der Botschafter einer Depesche nicht anvertrauen wollte. Acht Tage! Konnte man sich während acht Tagen gewissenhaft verheiraten? Dieser kurze Zeitraum genügte ja kaum, um die Heirat ordnungsgemäß verkünden zu lassen. Der junge Herzog war zärtlich gegen Claire, aber mit einer Nuance von Leichtfertigkeit, die gegen seine frühere ehrfurchtsvolle Zärtlichkeit sehr kontrastierte. Seit seiner Abreise hatte Gaston die russische Gesellschaft frequentiert, die verderbteste der Welt, und er kam mit ganz eigenen Ideen über die Liebe zurück. Selbst der Ausdruck seines Gesichtes war verändert, wie die Gefühle seines Herzens. Seine Züge waren markiert und hart geworden und seiner ehemals so reinen Stirn war der Stempel eines ausschweifenden Lebens aufgedrückt. Claire sah oder wollte diese Veränderung nicht sehen. Sie hatte dem Herzog eine unerschütterliche Neigung geweiht, und überdies hatte sie Vertrauen zu dem Edelmann und wartete. Die Briefe Gastons, die früher häufig und regelmäßig gewesen waren, wurden seltener. Sie enthielten noch immer leidenschaftliche Beteuerungen; er litt, wie er schrieb, grausam unter der Verzögerung seines Glückes, aber sprach nicht vom Wiederkommen, trotzdem zwei Jahre seit seiner Abreise verflossen waren. Auf den Wunsch ihrer Tochter hielt Frau von Beaulieu während der letzten beiden Winter ihre Salons geschlossen. Die Verlobte wollte in Zurückgezogenheit leben, um dem Drangen der Bewerber, die sich nicht entmutigen ließen, zu entgehen. Octave setzte seine Rechtsstudien fort und die Marquise vertiefte sich mehr und mehr in die Aktenstöße ihres nicht endenwollenden Prozesses. Als der Frühling kam, wünschte Claire in einer Anwandelung der ihr eigenen Launenhaftigkeit die Besitzung Beaulieu kennen zu lernen, welche ihr Vater bei Lebzeiten in Bann gelegt hatte. Die Marquise, die nicht imstande war, ihrer Tochter zu widerstehen und es für nützlich hielt, sie zu zerstreuen, willigte in diese Veränderung. Und so kam es, daß an einem schönen Oktobertage der junge Marquis, der soeben sein Examen bestanden hatte, mit der Flinte über der Schulter und von seinem Wachtelhunde, begleitet, in den Wäldern des Herrn Derblay angetroffen wurde. Zweites Kapitel Zur selben Zeit, als der junge Marquis, mit dem Wildbret belastet, dem Schlosse zuschritt, saßen in dem großen Salon desselben Frau von Beaulieu und Claire, den Abend des schönen Tages genießend. Durch die hohen, offenstehenden Balkonthüren, welche auf den Perron führten, flutete die Sonne herein und schimmerte auf dem gebräunten Gold der breiten Bilderrahmen, aus denen die Ahnen in ihren Ceremonien-Kostümen lächelnd oder ernst herabblickten. Das Mobiliar á la Louis XVI., von weißlackiertem geschnitzten Holz, mit wassergrünen Randleisten, war mit Petit-Point-Stickereien bedeckt, welche die Verwandelungen Ovids darstellten. Ein breiter, niedriger Wandschirm, mit Genueser Samt bespannt, umgab die bequeme Bergère, in der die Marquise es sich bequem gemacht hatte, während sie mit großer Emsigkeit Wollhauben für die kleinen Dorfkinder strickte. Frau von Beaulieu hatte die Vierzig überschritten. Ihr ernstes, mildes Gesicht war von fast schon weißem Haar gekrönt, das ihr ein sehr vornehmes Aussehen verlieh. Ihre schwarzen melancholischen Augen schienen noch feucht von den Thränen, die sie im geheimen vergossen. Von zartem, schmächtigem Körperbau und delikater Gesundheit, mußte die Marquise eine höchst ruhige, vorsichtige Lebensweise führen. So war auch heute trotz des warmen Tages ein großer Shawl über ihre Kniee gebreitet, der ihre kleinen Füße, die sie aus beharrlicher Koketterie stets mit leichten Atlasschuhen bekleidete, vor der frischen Luft bewahren sollte. Versunken in einen großen Fauteuil, den Kopf zurückgelehnt, mit müßigen Händen, starrte Claire auf den herrlichen Horizont, der sich vor ihr aufthat, ohne ihn zu sehen. Schon seit mehr als einer Stunde saß sie so regungslos und schweigend da, sich von der Sonne bescheinen lassend, die ihre blonden Haare wie mit einem Glorienscheine umstrahlte. Die Marquise blickte seit einigen Minuten mit lebhafter Unruhe auf ihre Tochter. Ein trauriges Lächeln umspielte ihre Lippen, und um Claires Aufmerksamkeit zu erregen, schob sie geräuschvoll den Korb mit den Wollknäueln hin und her, indem sie diese Bewegung stets mit einem bedeutungsvollen: »Hm! hm!« begleitete. Das junge Mädchen, welches mit unerschütterlicher Hartnäckigkeit ihren Gedanken folgte, blieb jedoch unempfindlich gegen dies indirekte Rufen. Da legte die Marquise verdrießlich die Arbeit nieder und rief mit einem leichten Anfluge von Groll: »Claire! Claire!« Fräulein von Beaulieu schloß einen Moment die Augen, wie um ihrem Traume lebewohl zu sagen, und ohne den Kopf zu bewegen, bloß ihre weißen, schönen Hände leicht erhebend, antwortete sie: »Mama!« »Woran denkst du?« Claire blieb eine Weile stumm. Eine Falte legte sich auf ihre Stirne. Sie suchte indes sich zu beherrschen und erwiderte mit ruhiger Stimme: »Ich dachte an gar nichts, Mama. Die warme Luft hatte mich eingeschläfert ... Weshalb haben Sie mich gerufen?« »Damit du mit mir sprichst,« sagte die Marquise im Tone zärtlichen Vorwurfes, »damit du nicht so stumm und in dich gekehrt dasitzest.« Fräulein von Beaulieu wendete ihrer Mutter ihr schönes, trauriges Antlitz zu. Und als wollte sie den Ideengang wieder laut aufnehmen, dem sie früher im stillen gefolgt, sagte sie: »Wie lange ist es wohl, daß wir keinen Brief von Petersburg erhalten?« Die Marquise schüttelte den Kopf, was wohl heißen sollte: Ich wußte wohl, um was es sich handelt. Hierauf erwiderte sie mit gezwungener Ruhe: »Es sind zwei Monate ungefähr.« »Zwei Monate, ja!« wiederholte Claire mit schmerzlichem Seufzer. Nun verlor die Marquise die Geduld. Sie erhob sich rasch, setzte sich ans Fenster ihrer Tochter gegenüber und ergriff deren Hände. »Aber sieh doch, mein Kind, warum unaufhörlich daran denken und deinen Geist vergebens martern?« »Woran wollen Sie denn, daß ich denke,« erwiderte Claire mit Bitterkeit, »wenn nicht an meinen Verlobten? Und wie sollte ich nicht, wie Sie sagen, meinen Geist martern, um die Beweggründe seines Schweigens zu finden?« »Ich gestehe,« sagte die Marquise, »daß es schwer hält, dasselbe zu erklären. Nachdem der Herzog von Bligny, mein Neffe, im letzten Jahre acht Tage bei uns weilte, reiste er ab und versprach, im Laufe des Winters wieder hier zu sein. Zuerst schrieb er, daß eine politische Komplikation ihn auf seinen Posten banne. Dann, als der Winter zu Ende war, schützte er vor, den Sommer abwarten zu wollen, um nach Frankreich zurückzukehren. Der Sommer ist gekommen, aber der Herzog kommt nicht. Nun haben wir bereits den Herbst, und Gaston gebraucht nicht einmal einen Vorwand mehr, ja er nimmt sich nicht einmal die Mühe, uns zu schreiben. Nehmen wir an, daß es bloß aus Nachlässigkeit geschehe, so wäre es auch schon zu viel. Meine Tochter, alles entartet: sogar die Männer unserer Gesellschaft haben die Höflichkeit verlernt.« Die Marquise richtete ihr vorzeitig gebleichtes Haupt empor, das ihr so viel Aehnlichkeit mit den vornehmen gepuderten Damen verlieh, die rings an den Wänden lächelten. »Aber wenn er krank wäre?« wagte Claire, sogleich zur Verteidigung des Geliebten bereit. »Wenn es ihm unmöglich wäre, uns Nachrichten zukommen zu lassen?« »Das ist nicht anzunehmen,« versetzte ohne Mitleid die Marquise. »Die Gesandtschaft würde uns davon benachrichtigt haben. Sei versichert, daß er sich sehr wohl befindet, frisch und fröhlich ist und daß er während des ganzen Winters in der hohen Petersburger Gesellschaft den Kotillon geleitet hat.« Ein nervöses Zucken entstellte das Gesicht Claires. Sie erblaßte, wie wenn alles Blut ihrer Adern zu ihrem Herzen zurückgeströmt wäre. Nach einer kurzen Pause sagte sie mit erzwungenem Lächeln: »Er versprach mir mit Gewißheit, den Winter in Paris zu verbringen: wie freute ich mich, an seiner Seite in der Gesellschaft zu erscheinen! Ich hätte über seine Erfolge triumphiert. Vielleicht würde er dann auch die meinigen bemerkt haben. Uebrigens muß ich gestehen, Mama, daß er durchaus nicht eifersüchtig ist, und doch hätte er vielleicht Ursache, es zu sein; denn überall, wo wir hinkamen, wurde ich stets mit Huldigungen überhäuft, ja, selbst hier, in unserem einsamen Beaulieu, werden sie mir dargebracht und bis auf unsern Nachbar, den Hüttenbesitzer, der sich dreinmengt ...« »Herr Derblay?« »Herr Derblay, ja, Mama. Sonntag, während der Messe – Sie haben es nicht bemerkt, Sie sind zu andächtig – las ich in meinem Buche, aber ohne zu wissen, weshalb, fühlte ich mich beunruhigt. Eine Gewalt, mächtiger als mein Wille, zog meine Aufmerksamkeit an sich. Widerstrebend wendete ich mich um und im Schatten einer Säule bemerkte ich Herrn Derblay.« »Er betete.« »Nein, Mama, er sah mich an. Unsere Augen begegneten sich und ich las in den seinen stumme Bewunderung. Ich neigte den Kopf und bemühte mich, nicht mehr hinzusehen. Beim Hinausgehen fand ich ihn in der Vorhalle. Er getraute sich nicht, mir Weihwasser anzubieten, und als mir vorbeigingen, verbeugte er sich tief und ich fühlte, daß sein Blick mir folgte. Wie es scheint, war dies heuer das erste Mal, daß man ihn in der Messe sah.« Die Marquise erhob sich und indem sie zu ihrer Bergère zurückkehrte, sagte sie: »Gut, auch das eine Mal wird zu seinem Seelenheil beitragen. Aber statt dir verliebte Augen zu machen, sollte er uns lieber für die Eingriffe entschädigen, die er an unsern Grenzen sich zu machen erlaubte. Ich finde ihn höchst lächerlich mit seinen stummen Huldigungen, und du mußt wirklich sehr gelangweilt sein, um dich mit den Seufzern dieses Eisenschlägers zu beschäftigen, der uns eines Tages mit seinem Hämmern noch taub machen wird.« »Mama, die Huldigungen des Herrn Derblay sind ehrerbietig und ich habe keine Ursache, mich über dieselben zu beklagen. Ich gedenke des Hüttenbesitzers nur, um ihn den andern anzureihen. Schließlich, das Frauenherz ist veränderlich, sagt man ... Der Herzog ist nicht hier, um sein Gut zu verteidigen ... Und ich, in der Rolle der Penelope, unaufhörlich die Rückkehr desjenigen erwartend, der nicht kommt, könnte endlich derselben müde werden. Gaston sollte wohl daran denken ... aber er denkt nicht daran ... Und ich bleibe vereinsamt, geduldig, treu ...« »Damit hast du eben unrecht!« fiel die Marquise lebhaft ein. »Ich, wenn ich an deiner Stelle wäre ...« »Nein, Mama,« unterbrach sie, mit ernster Festigkeit Claire. »Ich habe nicht unrecht, aber ich habe auch keinerlei Verdienst dabei, denn ich liebe den Herzog von Bligny.« »Du liebst ihn!« rief die Marquise mit unverhehlter Erregung. »Wie du nur immer überspannt bist! Aus einer Jugendfreundschaft eine tiefe Herzensneigung, aus einem Verwandtschaftsbande eine unzerreißbare Kette machen zu wollen! Gaston und du, ihr seid miteinander aufgewachsen, und du glaubtest, daß dieses gemeinschaftliche Leben sich verewigen müsse und daß du ohne den Herzog nicht glücklich sein könntest ... Thorheiten all dies, mein Kind!« »Mama!« schrie Claire auf. Doch die Marquise war zu weit gegangen und die Gelegenheit, ihr Herz zu erleichtern, zu günstig, als daß sie dieselbe entschlüpfen lassen wollte. »Du machst dir große Illusionen über den Herzog ... Er ist in Wirklichkeit jedoch leichtsinnig, frivol; er hat, wie du weißt, Unabhängigkeitsgelüste, die er nicht wird ändern können, und ich sehe in der Zukunft viele Enttäuschungen für dich voraus. Höre! willst du alle meine Gedanken kennen? Nun, ich sehe nicht ohne tiefe Besorgnis dieser Verbindung entgegen!« Claire hatte sich emporgerichtet und eine glühende Röte stieg in ihre Wangen. Die beiden Frauen blickten eine Weile einander schweigend an. Es schien, als ob das erste Wort, das zwischen ihnen gesprochen werden sollte, eine ungewöhnliche Bedeutung haben würde. Fräulein von Beaulieu vermochte nicht, an sich zu halten, und mit erregter Stimme sagte sie: »Mama, es ist das erste Mal, daß Sie in dieser Weise zu mir sprechen. Es scheint, als wollten Sie mich auf eine schlechte Nachricht vorbereiten. Sollte die Abwesenheit des Herzogs Beweggründe haben, die Sie mir verbergen? Sollten Sie erfahren haben ...« Die Marquise schrak vor der heftigen Aufregung ihrer Tochter zurück. Mehr denn je begriff sie, wie tief und unerschütterlich die Neigung Claires sei. Sie sah, daß sie zu weit gegangen und trat sogleich den Rückzug an: »Nein, mein Kind, ich weiß nichts; man hat mir nichts gesagt. Ich finde sogar, daß man mir nicht genug sagt. Ein so langes Stillschweigen meines Neffen befremdet mich ... Gaston scheint die Diplomatie etwas zu weit zu treiben.« Claire beruhigte sich. Sie schrieb den heftigen Ausfall ihrer Mutter einer momentanen Indignation zu, welche sie selbst gerecht zu finden nicht umhin konnte. Indem sie sich bemühte, ihre Heiterkeit wieder zu gewinnen, erwiderte sie: »Habe noch ein wenig Geduld, Mama! Der Herzog denkt an uns, ich bin dessen gewiß. Und er wird, um uns zu überraschen, unangemeldet aus Petersburg zurückkehren.« »Ich wünsche es, meine Tochter, weil es dein Wunsch ist. Jedenfalls kommt heute mein Neffe, von Préfont, mit seiner Frau aus Paris. Vielleicht sind sie besser unterrichtet als wir.« »Sehen Sie, Mama, Octave ist schon zurück, er betritt eben mit Herrn Bachelin die Terrasse,« sagte lebhaft Claire, während sie eiligst aufstand, froh, der peinlichen Unterredung zu entschlüpfen. Das junge Mädchen verließ den Salon. Sie war zweiundzwanzig Jahre alt und stand im Vollglanze ihrer Schönheit. Ihre hohe Gestalt war von auserlesener Eleganz und ihre Arme, an prächtige Schultern bewunderungswürdig schön gefügt, endeten in königliche Hände. Ihre goldblonden Haare in einen Knoten gefesselt, ließen einen runden Nacken von rosiger Weiße sehen. Wie sie so mit leicht geneigter Haltung, den Arm auf das Eisengeländer des Perrons gestützt, dastand, mechanisch eine der Blumen zerpflückend, die sich dort hinaufrankten, stellte sie die lebendige Verkörperung der Jugend in ihrer ganzen Kraft und Anmut dar. Frau von Beaulieu blickte eine Weile mit bewundernden Augen ihrer Tochter nach, dann schüttelte sie schweigend den Kopf und stieß einen schmerzlichen Seufzer aus. Die Schritte der beiden Ankommenden knirschten auf dem Sande der Terrasse und ihre Stimmen klangen verworren bis zum Salon herauf. Der Notar Bachelin war ein kleines Männchen von ungefähr sechzig Jahren, hübsch abgerundet durch die gezwungene Inaktivität seines Büreaulebens. Die Haare silberweiß, das rote Gesicht sorgfältig rasiert, schwarz gekleidet, mit blendend weißen Handkrausen war er der vollendete Typus eines Dorfnotars unter dem alten Regime. Er war seinen vornehmen Klienten treu ergeben, sprach das »Frau Marquise« stets mit devoter Salbung aus und führte erbrechtlich die Angelegenheiten der Familie von Beaulieu. Vom Vater auf den Sohn waren die Bachelins die Notare der Gutsherren, und mit Stolz bewahrte der letzte dieser ehrenwerten Beamten in seiner Schreibstube Urkunden aus der Zeit Louis XI ., auf denen die schwerfällige Unterschrift des Marquis Honoré Oufroy, Jacques, Octave neben dem zierlichen Namenszuge des königlichen Notars Joseph Antoine Bachelin prangte. Die Rückkehr der Besitzer von Beaulieu in ihr Stammschloß machte dem trefflichen Manne große Freude. Er, der lange genug über die Abwesenheit seiner adeligen Klienten geseufzt, war wieder in Gnaden aufgenommen. In dem eifrigen Bemühen, seine Kenntnisse geltend zu machen, bot er der Marquise seine Dienste an, um die arg verwickelten Fäden des Prozesses in England zu entwirren. Seit sechs Wochen stand er mit dem Sollicitator in lebhafter Korrespondenz, welche den ins Stocken geratenen Prozeß wieder in Fluß brachte, und hatte in dieser kurzen Zeit die Sache überhaupt mit solchem Nachdruck betrieben, daß er mehr geleistet als die andern Advokaten in zehn Jahren. Trotz der fatalen Befürchtungen, die der gesetzeskundige Mann über das Resultat des Prozesses hegte, war die Marquise entzückt von der Hingebung und dem Eifer des Notars. Sie erkannte in ihm einen jener treu ergebenen Diener, welche würdig sind, zum Range eines Freundes erhoben zu werden, und sie behandelte ihn demgemäß auch als solchen. Auf dem Wege zum Schlosse war der Notar dem jungen Marquis begegnet und als er dessen reichgefüllte Jagdtasche bemerkte, nahm er ihm mit Gewalt das Gewehr ab, welches er nun in der linken Hand trug, indes sein rechter Arm eine umfangreiche, mit Briefschaften gefüllte Mappe festhielt. »O, mein armer Herr Bachelin, wie arg behemmt müssen Sie sich fühlen!« rief Claire heiter dem Notar zu, der, während er eiligst die Stufen des Perrons hinanstieg, den Hut zu lüften versuchte und gleichzeitig einige ceremonielle Verbeugungen machen wollte. »Meine Hochachtung, gnädiges Fräulein! Wie Sie sehen, vereinige ich in diesem Momente die Attribute des Rechtes mit denen der Stärke ... Das Gesetzbuch unter dem einen Arm, die Flinte unter dem andern ... doch, die Flinte unter dem linken Arm ... Cedant arma togae ! ... Verzeihung, Fräulein, Sie verstehen mich alten Schulfuchs gewiß nicht?« »Nun, so viel Latein versteht meine Schwester schon,« rief lachend der Marquis. »Und nun bitte, geben Sie mir meine Flinte wieder ... So, ich danke ...« »Du scheinst heute ganz besonderes Jagdglück gehabt zu haben,« sagte Fräulein von Beaulieu, indes sie ihren Bruder an der Schwelle des Salons anhielt und ihm die schwere Jagdtasche abnahm. »Ich will bescheiden sein und mich nicht mit fremden Federn schmücken ... Dies Wildbret wurde nicht von mir erlegt.« »Von wem sonst?« »Das weiß ich nicht. Wahrhaftig nicht!« bestätigte der Marquis, da seine Schwester eine erstaunte Miene machte. »Ich hatte mich in den Waldungen von Pont-Avesnes verirrt, als ich auf einen Jäger stieß, der mich anhielt und mich in ziemlich barschem Tone fragte, wer ich sei. Kaum nannte ich jedoch meinen Namen, als er nicht nur versöhnlich, sondern sogar sehr liebenswürdig that und mir, fast mit Gewalt, den Inhalt seiner Jagdtasche aufdrängte.« »Das ist in der That höchst seltsam,« sagte Fräulein von Beaulieu. »Wollte dieser Mann nicht etwa sich über dich lustig machen?« »Meiner Treu, nein, ich glaube nicht, es schien weit eher, als sei ihm viel daran gelegen, mir angenehm zu sein ... Nachdem er seine Höflichkeit angebracht, entfernte er sich so rasch, daß es mir unmöglich wurde, sein Anerbieten zurückzuweisen.« »Wollen Sie mir eine Frage gestatten, Herr Marquis?« sagte der Notar, der dieser Erzählung aufmerksam gefolgt war. »O gewiß, ich bitte Sie darum, mein lieber Bachelin.« »Wie sah denn der besagte Jäger aus?« »Er war ein großer, robuster Mann, sehr brünett, mit einem alten grauen Filzhute und einer Bluse bekleidet. »Ah! So! Das ist er!« sagte der Notar. »Ich bin in der Lage, Herr Marquis, Ihnen über den geheimnisvollen Geber Auskunft zu erteilen. Es ist Herr Derblay.« »Wie! Herr Derblay?« rief der Marquis aus, »in einer Bluse wie ein Bauer und mit einem zerknüllten Hute wie ein Wilddieb? Unmöglich!« »Vergessen Sie nicht, Herr Marquis,« sagte mit seinem Lächeln der Notar, »daß wir hier eigentlich alle bäuerliche Jäger sind. Ich, der ich doch gewöhnlich viel darauf halte, gut gekleidet zu sein, wenn Sie mir auf der Jagd bei der Wendung eines Waldpfades begegnen, ich würde Ihnen sicherlich Schrecken einflößen. Es ist Herr Derblay, seien Sie dessen gewiß. Und würde ich ihn nicht an ihrer getreuen Schilderung erkennen, so würde das liebenswürdige Anerbieten, das er ihnen gemacht, genügen, jeden Zweifel in mir zu zerstreuen. Er war es gewiß!« »So! Nun, dann war ich meinerseits keineswegs artig! Ich sagte, von ihm selber sprechend, daß er ein unbequemer Nachbar sei ... und dergleichen unangenehme Dinge mehr ... Ich muß wahrlich zu ihm gehen, um mich zu entschuldigen ...« »Sie werden das gar nicht nötig haben, Herr Marquis, und wenn sie meinen Besuch Ihrer Frau Mama melden wollen, so werde ich in deren Gegenwart Ihnen über gewisse Thatsachen berichten, die gewiß Ihre Meinung über Herrn Derblay ändern werden.« »Desto besser; ich verlange es gar nicht anders,« sagte Octave, während er sich seines Jagdgerätes entledigte. »Dieser Hüttenbesitzer hat ganz das Aussehen eines liebenswürdigen Kameraden.« Der Marquis trat hierauf in den Salon ein, und Frau von Beaulieu ehrfurchtsvoll die Hand küssend, sagte er: »Herr Bachelin ist da, Mama, und wünscht Sie zu sprechen.« »Warum kommt er denn nicht herein?« erwiderte lebhaft die Marquise. »Seit zehn Minuten höre ich euch schon auf dem Perron plaudern. Guten Tag, mein lieber Bachelin ...« Der Notar verbeugte sich so tief, als ihm dies seine gedrungene Gestalt erlaubte. »Bringen Sie mir gute Nachrichten?« fügte die Marquise hinzu. Das lächelnde Gesicht Bachelins veränderte sich, es wurde ernst und kummervoll. Und die ihm gestellte Frage umgehend, antwortete der Notar mit ernstem Tone: »Ich bringe Ihnen Nachrichten, ja wohl, Frau Marquise ...« Und als wolle er rasch einen andern Ideengang aufnehmen, fuhr er fort: »Ich war heute Morgen in Pont-Avesnes bei Herrn Derblay. Alle Schwierigkeiten, die zwischen Ihnen und ihm in der Frage über die beiderseitigen Grenzen bestanden, sind geebnet. Mein ehrenwerter Freund nimmt alle Bedingungen an, welche Sie ihm zu stellen belieben und ist glücklich, sich Ihrem Ermessen fügen zu können.« »Oh, wenn dem so ist,« sagte die Marquise mit leichter Verlegenheit, »dann wollen wir ihm gar keine Bedingungen machen. Von dem Momente, wo es keinen Streit gibt, gibt es auch weder Sieger, noch Besiegte. Die Angelegenheit soll Ihrem Schiedsspruche unterbreitet werden und ich billige im voraus alles, was Sie für gut finden.« »Das ist ein Entschluß, der mich entzückt, und ich bin glücklich darüber, daß das gute Einvernehmen zwischen dem Hüttenwerk und dem Schlosse wiederhergestellt ist. Es bleibt nur noch die Unterfertigung der Friedenspräliminarien. Zu diesem Zwecke will sich Herr Derblay mit seiner Schwester in Beaulieu vorstellen, um Ihnen, Frau Marquise, zugleich seine Ehrerbietung zu bezeigen, wenn Sie überhaupt geruhen, ihn dazu zu autorisieren ...« »Gewiß, gewiß! er möge nur kommen! Es wird mir sehr angenehm sein, ihn endlich einmal zu sehen, diesen Cyklopen, der das ganze Thal schwärzt ... Doch ich vermute, daß es nicht dieser Friedensvertrag allein ist, der Ihr Portefeuille so anschwellt,« sagte Frau von Beaulieu, auf die Mappe des Notars deutend. »Sie bringen mir wahrscheinlich neue Dokumente für unsern englischen Prozeß?« »Ja, Frau Marquise, ja,« erwiderte Bachelin mit sichtlicher Unruhe. »Wenn Sie wünschen, so wollen wir von Geschäften reden ...« Der Notar sah die Marquise mit bittendem Blicke an und wies dabei auf ihren Sohn und ihre Tochter. Die Marquise verstand ihn. Eine unbestimmte Besorgnis bedrückte ihr Herz. Was hatte ihr Vertrauensmann ihr denn so Wichtiges mitzuteilen, daß er eine geheime Sitzung für nötig erachtete? Doch die Marquise war eine entschlossene Frau, ihr Zögern währte nicht lange und, sich zu ihrem Sohne wendend, sagte sie: »Octave, sieh doch nach, ob Befehl gegeben wurde, nach dem Bahnhofe zu fahren, um unsere Gäste abzuholen, die um fünf Uhr ankommen.« Bei diesen Worten erhob Claire den Kopf, ihr Bruder zitterte, denn die Absicht der Marquise war nicht mißzuverstehen; sie gebrauchte einen Vorwand, um ihren Sohn zu entfernen. Zwischen diesen drei Wesen, die sich zärtlich liebten, herrschte eine geheime Befangenheit, die sie sich gegenseitig zu verbergen suchten. Claire und Octave, ohne weiter zu fragen, lächelten ihrer Mutter zu und zogen sich zurück, indem jedes eine entgegengesetzte Richtung einschlug. Fräulein von Beaulieu stieg langsam in den Garten hinab. Der Gedanke überkam sie plötzlich, daß der Notar Nachrichten von dem Herzoge bringen könne. Und in dieser Erregung, unfähig, in dem Wirrsale der in ihrem Gehirne stürmenden Ideen eine einzige festzuhalten, wandelte sie, ohne zu wissen wie lange, unter den hohen Bäumen auf und nieder. Im Salon blieben die Marquise und Herr Bachelin allein zurück. Der Notar bemühte sich nicht mehr, seinem Gesichte einen lächelnden Ausdruck zu verleihen. Er war nun ernst und gesammelt. Frau von Beaulieu verblieb einen Moment schweigend, als wolle sie bis zur letzten Minute die Ruhe genießen, die sie noch besaß; dann fragte sie gefaßt: »Nun, mein lieber Bachelin, was haben Sie mir mitzuteilen?« Der Notar schüttelte traurig das weiße Haupt. »Nichts Gutes, Frau Marquise, und das ist für mich alten Diener Ihrer Familie Ursache lebhaften Bedauerns. Der Prozeß, den bei seinen Lebzeiten der selige Marquis von Beaulieu, Ihr Gemahl, gegen die Seitenlinie in England angestrengt hatte, ist ernstlich bedroht.« »Sie sagen mir nicht die volle Wahrheit,« unterbrach ihn die Marquise. »Wenn Sie noch einen einzigen Hoffnungsschimmer hätten, wären Sie nicht so niedergeschlagen. Sprechen Sie, ich bin stark, ich kann alles hören. Die englischen Gerichte haben entschieden? Der Prozeß ist verloren?« Der Notar fand nicht den Mut, zu antworten. Er machte eine Gebärde, die dem trostlosesten Geständnisse gleichkam. Die Marquise biß krampfhaft in ihre Lippen, eine Thräne glänzte am Rande ihrer Wimpern, von der heißen Glut, die ihr zu Gesichte stieg, sofort getrocknet. Herr Bachelin, sehr bestürzt, begann mit raschen Schritten das Gemach zu durchmessen. Er hatte allen Respekt verloren, vergaß völlig, wo er sich befand, und von seiner Erregung fortgerissen, lebhaft gestikulierend, als studiere er in seinem Arbeitskabinett eine schwierige Angelegenheit, rief er: »Der Prozeß ist schon zu Beginn verpfuscht worden! Diese Sollicitatoren sind Esel! Und dabei habgierig! Sie schreiben Ihnen einen Brief, das muß bezahlt werden ... Sie antworten ihnen, sie lesen die Antwort, muß gleichfalls bezahlt werden ... Wenn der Marquis nur mich um Rat gefragt hätte! Doch er weilte damals in Paris und sein Sachwalter hat ihn irre geführt ... Auch Esel, diese Pariser Sachwalter! Leichtsinnige Gesellen, die nur ihren eigenen Vorteil im Auge haben!« Plötzlich stehen bleibend, schlug er die Hände zusammen: »Das ist ein schrecklicher Schlag für das Haus Beaulieu.« »In der That, ein schrecklicher Schlag,« sagte die Marquise, »der den Ruin meines Sohnes und meiner Tochter nach sich zieht. Es wird nicht weniger als zehn Jahre strenger Sparsamkeit brauchen, um mit meinem Vermögen unsere zerrütteten Finanzen wieder herzustellen!« Herr Bachelin hatte aufgehört, im Salon umherzurennen. Seine Ruhe war wiedergekehrt und er hörte nun mit achtungsvoller Rührung der Marquise zu. Er wußte, daß der Verlust des Prozesses unwiderruflich sei; er hatte soeben das Urteil erhalten, gegen das keine Appellation möglich war. Die geringschätzige Sorglosigkeit des Marquis hatte seinen Gegnern so bedeutende Vorteile gebracht, daß der Prozeß unhaltbar geworden war. »Ein Unglück kommt selten allein,« fing die Marquise wieder an. »Haben Sie mir etwa noch mehr schlimme Dinge zu berichten? Sagen Sie mir lieber gleich alles,« fügte sie mit resigniertem Lächeln hinzu. »Ich glaube nicht schwerer getroffen werden zu können, als ich es schon bin.« »Ich wünschte, diesen Glauben teilen zu können, Frau Marquise. Das, was ich Ihnen noch zu sagen habe, würde mir weniger peinlich fallen ... Aber ich kenne das Zartgefühl Ihres Herzens und befürchte, daß von den beiden Unglücksfällen der Geldverlust Ihnen weniger schmerzlich scheinen dürfte ...« Die Marquise erbleichte, eine außerordentliche Aufregung erfaßte sie. Sie ahnte, was ihr Notar ihr sagen wollte und unfähig, an sich zu halten, rief sie: »Sie haben Nachrichten vom Herzog von Bligny?« »Ich wurde von Ihnen, Frau Marquise, beauftragt, mich über das jeweilige Thun und Lassen Ihres Herrn Neffen zu informieren,« sagte der Notar mit einem Anfluge von Geringschätzung, charakteristisch genug bei einem so eifrigen Verehrer der Aristokratie. »Ich bin Ihrem Befehle von Fall zu Fall nachgekommen, und die jüngsten Erkundigungen lauten: Der Herzog von Bligny weilt seit sechs Wochen in Paris.« »Seit sechs Wochen,« wiederholte verblüfft die Marquise. »Und wir wissen es nicht?« »Ihr Herr Neffe wird sich wohl gehütet haben, es Sie wissen zu lassen ...« »Und er ist nicht zu uns gekommen! Und kommt noch immer nicht, obwohl er das Unglück, das uns betroffen, kennt! Denn er kennt es, nicht wahr?« »Er war einer der ersten, Frau Marquise, die es erfahren haben!« Frau von Beaulieu machte eine Gebärde schmerzlicher Ueberraschung und sagte im Tone tiefer Betrübnis: »Ja, Sie haben recht, Bachelin, diese Nachricht berührt mich grausamer als der Geldverlust. Der Herzog sagt sich von uns los. Er ist nicht gekommen und wird nicht kommen, ich ahnte es. Was er von uns wollte, war das Vermögen ... Das Vermögen ist verschwunden, der Verlobte zieht sich zurück ... Das Geld ist die Parole unseres feilen, habgierigen Zeitalters. Die Schönheit, die Tugend, die Intelligenz, sie zählen nicht mehr! Man sagt nicht mehr: Platz dem Würdigsten! man ruft: Platz dem Reichsten! Gestern arm geworden, kennt man uns heute nicht mehr!« Bachelin hörte gelassen den heftigen Ausbruch dieses tief gekränkten Mutterherzens an. Wider seinen Willen konnte der Notar jedoch einer geheimen Befriedigung sich nicht erwehren. Seine rote Gesichtsfarbe war wiedergekehrt und mechanisch rieb er sich die Hände hinter dem Rücken. »Frau Marquise,« sagte er, »ich glaube, Sie thun unserer Zeit Unrecht. Gewiß, die positiven Ideen sind gegenwärtig die herrschenden und die natürliche Habgier des Menschengeschlechtes hat beträchtliche Fortschritte gemacht; aber man muß darum noch nicht alle Zeitgenossen in Bausch und Bogen verdammen. Es gibt noch uneigennützige Männer, denen die Schönheit, die Tugend und die Intelligenz Güter sind, welche eine Frau über alles begehrenswert machen. Ich sage nicht, daß ich gerade viele solcher Menschen kenne, aber ich kenne immerhin einen ... und das genügt.« »Was wollen Sie damit sagen?« fragte erstaunt die Marquise. »Einfach dies,« fuhr der Notar fort, »daß nämlich ein sehr ehrenwerter Mann, einer meiner Freunde, Fräulein von Beaulieu nicht sehen konnte, ohne sich sterblich in sie zu verlieben. Ihr Verhältnis zum Herzog kennend, würde er nie gewagt haben, seine Gefühle zu offenbaren; doch heute, da er sie frei weiß, wird er sich äußern, wenn Sie geruhen, es zu gestatten.« Die Marquise blickte Herrn Bachelin unverwandt an. »Es ist Herr Philipp Derblay, nicht wahr?« »Ja, Frau Marquise, er ist es,« antwortete kühn der Notar. »Ich kenne die Gefühle, welche meine Tochter dem Hüttenbesitzer eingeflößt,« erwiderte Frau von Beaulieu, »er macht kein Geheimnis daraus.« »Deshalb, weil er Fräulein von Beaulieu liebt und aufrichtig liebt!« rief eifrig der Notar. »Aber Sie kennen Herrn Derblay nicht und vermögen daher nicht seinen Wert zu beurteilen.« »Ich weiß, daß er überall in der ganzen Umgebung sehr geachtet ist. ... Doch Sie, mein lieber Bachelin, Sie sind mit seiner Familie befreundet?« »Ich sah Herrn Philipp und seine Schwester Susanne zur Welt kommen. Sein Vater würdigte mich, sein Freund zu heißen ... Dies, Frau Marquise, erklärt Ihnen die Kühnheit, mit welcher ich Ihnen von den Gefühlen des Herrn Derblay sprach. Ich hoffe, daß Sie es mir verzeihen. In meinen Augen hat mein Klient nur einen Fehler; seinen Namen nämlich, der nur mit einem Worte geschrieben wird, ohne Apostroph. Doch, wenn man ordentlich nachforscht, wer weiß? Seine Familie ist sehr alt. Unter der Revolution schloßen sich die ehrlichen Leute eng aneinander; warum sollte es mit den Buchstaben nicht ebenso gegangen sein?« »Behalte er nur seinen Namen wie er ist,« sagte traurig die Marquise. »Er trägt ihn in Ehren, und in der Zeit, in der wir leben, genügt dies. Sehen Sie den Herzog, der sich von Claire zurückzieht, weil sie ihr Vermögen verloren; dann vergleichen Sie ihn mit Herrn Derblay, der das verarmte Mädchen sucht, und sagen Sie mir, welcher von den beiden, der Adelige oder der Bürgerliche, ist der Edelmann!« »Herr Derblay wäre glücklich, könnte er Sie hören.« »Wiederholen Sie ihm nicht, was ich Ihnen eben sagte,« unterbrach ihn ernsthaft die Marquise. »Fräulein von Beaulieu nimmt niemands Großmut an. Bei ihrem Charakter ist es nur zu wahrscheinlich, daß sie unvermählt bleibt. Wollte Gott, daß der doppelte Schlag, der sie treffen wird, sie stark und gefaßt finde!« Der Notar schwieg eine Weile, dann sagte er mit vor Aufregung zitternder Stimme: »Was auch kommen möge, Frau Marquise, erinnern Sie sich, daß Herr Derblay der glücklichste der Menschen sein würde, wenn es ihm vergönnt wäre, zu hoffen. Er wird warten, denn er gehört nicht zu denen, deren Gefühle wechseln. Ich sehe in diesen Ereignissen großen Kummer für uns alle voraus, denn Sie erlauben mir wohl, mich zu jenen zu zählen, die auserwählt sind, mit Ihnen zu leiden. Und nun, wenn es mir gestattet wäre, einen Rat zu geben, so würde ich Ihnen empfehlen, Fräulein von Beaulieu von dem Vorgefallenen nichts zu sagen. Vielleicht wird der Herzog sich noch eines Bessern besinnen. Und schließlich wird es für Fräulein Claire immer noch Zeit genug zum Leiden sein.« »Sie haben recht. Meinem Sohne muß ich jedoch das Unglück mitteilen, das ihn trifft.« Und zu dem Perron schreitend, winkte die Marquise den jungen Mann herbei, der auf der Terrasse saß und geduldig das Ende der Unterredung abwartete. »Nun,« rief er fröhlich, »ist die Sitzung schon aufgehoben oder ruft Ihr mich, um gleichfalls daran teilzunehmen?« »Ja,« antwortete sanft die Marquise, »ich will dir wirklich wichtige Eröffnungen machen, welche mich tief betrüben.« Der Marquis wurde sofort ernst. »Wovon ist die Rede?« fragte er. »Mein Sohn, Herr Bachelin, hat von unserem gerichtlichen Vertreter in England einen entscheidenden Bericht erhalten.« »In betreff des Prozesses?« Octave näherte sich der Marquise und zärtlich ihre Hand erfassend, sagte er: »Er ist verloren, nicht wahr?« Die Marquise, betroffen von der Kaltblütigkeit, mit welcher der Marquis die Unglücksbotschaft hinnahm, blickte Herrn Bachelin fragend an, wie, um von ihm eine Erklärung zu fordern; da der Notar jedoch ganz ruhig blieb, wendete sie sich wieder ihrem Sohne zu. »Du wußtest es also schon?« fragte sie mit einem tiefen Atemzuge, wie selbst erleichtert von der ruhigen Resignation des Marquis. »Ich wußte es nicht geradezu,« antwortete der junge Mann, »doch ich ahnte es. Ich wollte nichts sagen, weil ich Ihre Illusionen achtete ..., aber ich war vollkommen überzeugt, daß der Prozeß unhaltbar sei, und bin demgemäß schon lange auf seinen Verlust vorbereitet. Ich befürchtete ihn bloß meiner Schwester wegen, deren Mitgift auf dem Spiele stand. Es gibt indes ein sehr einfaches Mittel, die Sache zu arrangieren. Sie geben Claire den Teil, der mir aus Ihrem Vermögen zukäme, und was mich betrifft, so seien Sie ohne Sorge, ich werde mir schon allein durchzuhelfen wissen.« Bei diesen großmütigen Worten errötete die Marquise vor Stolz. Zum Notar gewendet rief sie: »Wie konnte ich mich beklagen, wenn ich einen solchen Sohn habe.« Dann öffnete sie dem Marquis ihre Arme. »Du bist ein braves Kind. Komm, laß dich umarmen!« »Ich habe kein Verdienst dabei,« sagte gerührt der Marquis, »ich liebe meine Schwester und werde alles thun, daß sie glücklich werde. Aber da wir nun daran sind, von traurigen Dingen zu reden, glauben Sie nicht, daß das Stillschweigen unseres Cousins Bligny mit dem verlorenen Prozesse zusammenhängt?« »Du irrst, mein Kind,« sagte lebhaft die Marquise mit einer Gebärde, als wolle sie ihren Sohn zurückhalten ... »Und der Herzog ...« »Oh, fürchten Sie nichts, Mama,« unterbrach sie Octave; »wenn Gaston zögern sollte, sein Wort zu halten, heute, da Fräulein von Beaulieu nicht mehr mit einer Million in jeder Hand sich präsentiert, so sind wir, wie ich glaube, die Leute nicht, um ihn beim Kragen zu nehmen und ihn zur Achtung seines Versprechens zu zwingen. Falls der Herzog meine Schwester nicht heiratet, so wird der Schaden lediglich auf seiner Seite sein. »Sehr gut, mein Sohn!« rief die Marquise. »Vortrefflich, Herr Marquis!« bestätigte Herr Bachelin. »Und wenn Fräulein von Beaulieu nicht mehr reich genug ist, um einen Mitgiftjäger anzulocken, so wird sie stets vollkommen genug sein, um einen Mann von Herz zu bezaubern.« Mit einem strengen Blicke legte die Marquise dem Notar Schweigen auf. Und dieser, glücklich, so günstig eine Krise beendet zu sehen, vor der ihm sehr bange gewesen, empfahl sich mit gewohnter Ehrerbietung seinen vornehmen Klienten und eilte, so rasch als ihm dies seine alten Beine gestatteten, nach Pont-Avesnes zurück. Drittes Kapitel So wie Herr Bachelin es behauptet hatte, war es in der That Herr Derblay,, der, wie ein Wildschütze gekleidet, in den Wäldern von Pont-Avesnes dem Marquis von Beaulieu begegnet war. Vergebens rief dieser ihn mit lauter Stimme zurück, der Hüttenbesitzer wollte ihn nicht hören, und unempfindlich gegen die Peitschenhiebe und Dornenstiche der Baumäste, stürzte er quer durch das Gehölz fort, während er mit nervösem Lachen einzelne Worte, von Freudenrufen unterbrochen, vor sich hinmurmelte. Er war in tiefster Seele erfreut über den Zufall, der ihn derjenigen genähert hatte, die er in seinen Träumen anbetete wie eine junge, aus der Ferne bewunderte Königin. Im Laufschritt das Terrain durchmessend, stieg er den Weg, der ins Thal führte, hinab, ohne sich seines raschen Gehens, das ihm dicke Schweißtropfen auf die Stirne trieb, bewußt zu werden. Immer heftiger stürmte er weiter, wie seine Gedanken, die rasch und leichtbeschwingt dahinflogen. »Wenn der Marquis wissen wird, mit wem er es zu thun gehabt – denn schließlich muß er es doch erfahren – wird er nicht dankbar das ritterliche Benehmen anerkennen, das sein, wie er sagte, unbequemer Nachbar ihm gegenüber an den Tag gelegt? Und wer weiß? Vielleicht würde dieser Schritt zu gegenseitigen freundschaftlichen Beziehungen führen? Dann könnte er in der Nähe jener anbetungswürdigen Claire weilen, deren süßes Gesicht ihm fortwährend in seiner Erinnerung zulächelte, dürfte mit ihr sprechen ...« Doch bei diesem Gedanken schwebte eine Wolke vor seinen Augen, es schien ihm, als würden in ihrer Gegenwart ihm die Worte in der Kehle ersticken, als müßte er vor ihr verstummen, vernichtet vor tiefster Bewegung; dann würde er in eine dunkle Ecke des Salons flüchten und sie von dort nach Herzenslust betrachten, in ihren Anblick versinken und glücklich sein. »Glücklich! Wie? Wohin könnte sie ihn führen, diese unsinnige Liebe? Um etwa im engeren Zirkel der Trauung derjenigen beizuwohnen, nach der sein tiefstes Sehnen ging? Denn daß der Herzog wiederkehren würde, daran zweifelte er keinen Augenblick. Wie wäre es auch denkbar, daß ein Mann, den eine solche Frau liebt, diese verschmähen könnte? Und würde es auch nicht der Herzog sein, so käme ein anderer Bewerber, irgend ein vornehmer Kavalier, der nur zu erscheinen, sich nur zu nennen brauchte, um mit offenen Armen empfangen zu werden, während man ihn, den Bürgerlichen, mit verächtlicher Kälte abweisen würde.« Wie gelähmt von diesem Gedanken fühlte er seine Thatkraft erschlaffen und eine namenlose, tiefe Traurigkeit ergriff seine Seele. Welch ein Unglück, nicht einmal streben zu dürfen nach dem Besitz dieses idealen Geschöpfes! Er lief nicht mehr wie ein gehetztes Wild zwischen den Stämmen des Hochwaldes umher; mit langsamen, müden Schritten verfolgte er den Weg nach Pont-Avesnes, indem er mechanisch Blätter von den Zweigen abriß und sie zwischen den Fingern zusammenpreßte. In ernstes Sinnen verloren, lehnte er sich endlich an den Stamm einer Eiche, und ohne an das Niedersitzen zu denken, das Antlitz bleich und ernst, die Augen feucht von grausamer Herzenspein, blieb er hier stehen. Er rief sich all das ins Gedächtnis zurück, was er bereits im Leben geleistet, und fragte sich, ob die erfüllte Aufgabe ihn nicht jedes Glückes würdig mache. Nach glänzend beendigten Studien verließ er als erster die polytechnische Schule, worauf er sich dem Bergbau widmete. Gerade als er zum Ingenieur ernannt werden sollte, brach der Krieg aus. Er war damals zweiundzwanzig Jahre alt. Ohne Zögern trat er als Freiwilliger in ein Regiment der Rheinarmee. Er wohnte dem blutigen Treffen von Fröschweiler bei und kehrte dann mit den Trümmern des ersten Armeekorps ins Lager von Châlons zurück. Am Abend nach der unglücklichen Schlacht von Sedan sah er sich als Kriegsgefangener von preußischen Ulanen bewacht. Doch sich so leichthin zu ergeben, war nicht seine Sache. Nachts auf allen Vieren fortkriechend, benützte er die Dunkelheit, um sich durch die deutschen Linien zu schleichen. Kaum in Belgien angelangt, fuhr er sofort nach Lille, um sich einem der dort in Eile gebildeten Regimenter einverleiben zu lassen. Der Krieg wurde fortgesetzt. Er sah die feindliche Invasion wie ein tötliches Geschwür sich langsam und sicher über sein Land ausbreiten. An der Seite des Generals Faidherbe machte er hierauf den Feldzug im Norden mit. Bei St. Quentin schwer verwundet, verblieb er im Lazarett, wo er sechs Wochen lang zwischen Leben und Tod schwebte, und als er endlich aus seiner langen Betäubung erwachte, erfuhr er zu seinem Entsetzen, daß Paris in den Händen der Kommune sei. Seine Rekonvalescenz ersparte ihm die traurige Notwendigkeit, gegen Franzosen kämpfen zu müssen. Wohl schmerzte seine Wunde noch, als er sich dem elterlichen Hause zuwendete, aber er trug auf der Brust das Kreuz der Ehrenlegion, das sein General ihm persönlich auf das Krankenbett gelegt. Bei seiner Heimkehr erwartete ihn ein Schmerz, der noch brennender war als alle Bitternisse, die er in so kurzer Zeit erlebt hatte. Er fand das Haus in Trauer. Seine Mutter war kurz zuvor gestorben und die kleine siebenjährige Susanne war ohne mütterliche Pflege verwaist zurückgeblieben. Der Vater, von wichtigen, unaufschiebbaren Geschäften abberufen, mußte seine Tochter der Obhut treuer Diener überlassen. Die Ankunft Philipps verursachte einen neuen Ausbruch von Schmerz und Thränen. Die kleine Susanne empfing ihn mit der krampfhaften Zärtlichkeit eines Kindes, das alle Schrecken des Verlassenseins empfunden. Sie schloß sich ihm an wie ein armes, schwaches Wesen, das um Schutz und Hilfe fleht. Philipp, mit seinem schlichten, weichen Gemüte, vergötterte dies Kind, das sich so sehr nach Liebe sehnte und sie ebensowenig bei dem Vater fand, der ganz den Geschäften lebte, als bei den Dienern, die ihrer Herrschaft zwar treu ergeben, doch unfähig waren, jene zarten Liebesbeweise zu bieten, die dem Leben der Kinder und der Frauen fast noch unentbehrlicher sind, als die materielle Pflege. Die Pflichten seines Berufes erheischten indes bald wieder seine Entfernung. Der Abschied, der beiden ungemein schmerzlich fiel, erneuerte in dem Kinde die Verzweiflung, welche es beim Tode der Mutter erfaßt hatte. Doch das Schicksal hatte beschlossen, daß diese Trennung nicht lange währen sollte. Sechs Monate später erlag Herr Derblay den Ueberanstrengungen seiner Geschäfte und Philipp und Susanne standen allein in der Welt. Neue Anforderungen traten nun an den jungen Mann heran. Die Liquidation der väterlichen Geschäfte war überaus schwierig und reich an peinlichen Überraschungen. Sein Vater, ein Mann von hervorragender Intelligenz, besaß den großen Fehler, mehr zu unternehmen, als er mit seinen Mitteln durchführen konnte. Er wendete seine Thatkraft den verschiedensten Unternehmungen zu, ohne imstande zu sein, alle mit gleichem Erfolge zu leiten. Der Gewinn der einen Unternehmung wurde von dem Verluste der andern absorbiert. Unaufhörlich hatte er mit einer stets wachsenden Flut von Schwierigkeiten zu kämpfen, die er zwar mit Geschick und Energie momentan bezwang, denen er aber früher oder später unterliegen mußte. Sein Tod kam einer unvermeidlich gewordenen Katastrophe zuvor und seine Verlassenschaft befand sich in der heillosesten Verwirrung. Philipp, der als Ingenieur eine vielversprechende Zukunft vor sich hatte, konnte die Unternehmungen seines Vaters, so gut es eben ging, liquidieren und seine Laufbahn weiter verfolgen. Doch dies wäre der Ruin gewesen, denn das ganze väterliche Erbe genügte kaum, den Namen zu retten, und seine Schwester wäre ohne Vermögen dagestanden. Ohne einen Augenblick zu zögern, entsagte der junge Mann seiner Carriere, und die schwere Last, unter der sein Vater zusammengebrochen war, auf seine Schulter nehmend, wurde er Industrieller. Ein schweres Stück Arbeit harrte seiner! Was befand sich da nicht alles in der Erbschaft! Glashütten, Gießereien, Schieferbrüche und Eisenhämmer! Philipp stürzte sich mutig in diesen Abgrund und versuchte die zerstreuten Trümmer zu sammeln. Er arbeitete unermüdlich, und während sechs Jahren opferte er seine Tage und den größten Teil seiner Nächte dem kühn unternommenen Rettungswerke. Was er an Bargeld vorgefunden hatte, verwendete er zum weiteren Betrieb der verschiedenen Unternehmungen, und nachdem er sie zu einer gewissen Blüte gebracht, verkaufte er die meisten und behielt nur diejenigen, welche für die Zukunft einen bedeutenden Wert versprachen. Nach sieben Jahren war die väterliche Erbschaft liquidiert und er selbst Besitzer der Gießerei von Rivernais und des Hüttenwerkes von Pont-Avesnes. Heute war er vollständig Herr seiner Unternehmungen und fühlte sich imstande, ihnen eine großartige Ausdehnung zu geben. In seiner Provinz vergöttert, brauchte er sich bloß den Wählern vorzustellen, um Deputierter zu werden. Und konnte man es wissen? Diese Ernennung war wohl geeignet, der Eitelkeit einer Frau zu schmeicheln. Zudem ist ja die Industrie eine gebietende Macht unseres golddürstigen Jahrhunderts. Und nach und nach lebte die Hoffnung in seinem Herzen wieder auf. Er setzte den Weg fort, der ihn bald auf eine weite Lichtung hinausführte. Rechts dehnte sich das Thal mit seinen Feldern und Wiesen, zu seiner Linken bauten sich stufenweise die ersten Felsenschichten empor, die dem Hügel als Fundament dienten. In diesen Steinschichten befanden sich die Eingänge zum Schacht. Eine kleine Grubenbahn stieg in sanftem Gefälle zu den Mineneingängen empor und führte das gewonnene Erz direkt dem Hüttenwerke zu. – Philipp, durch diesen Anblick jählings aus seinen Betrachtungen gerissen, beschloß, in den Minen ein wenig nach dem Rechten zu sehen und schlug den Weg nach dem Schachte ein. Je näher er kam, desto mehr schien es ihm, als höre er Geschrei und Hilferufe. Eine ungewöhnliche Aufregung herrschte vor dem Mineneingange. Der Hüttenbesitzer beschleunigte seine Schritte und in einigen Minuten war er auf dem Platze, um die Ursache des Tumultes kennen zu lernen. Eine Erdabrutschung hatte infolge der Feuchtigkeit auf der Bahnstraße stattgefunden. Die Waggons waren umgestürzt und am Fuße der Böschung hatte eine Unmasse von herabgerolltem Sand und Holzpflöcken den Führer des Zuges, einen Burschen von fünfzehn Jahren, verschüttet. Einige Taglöhner und viele Arbeiterinnen bildeten eine bewegte Gruppe, in deren Mitte ein laut jammerndes Weib verzweiflungsvoll die Hände rang. Philipp schob die Umstehenden zur Seite und trat rasch in den Kreis. »Was ist geschehen?« fragte er in seiner Unruhe. Beim Anblicke des Herrn Derblay verdoppelte die weinende Frau ihr Schreien und Schluchzen. »Ach, Herr Derblay, klagte sie, es ist mein armer Junge, mein kleiner Jacques, der mit seinem Waggon herabgerissen wurde und seit Dreiviertelstunden hier unten liegt.« »Und was that man, um ihn zu befreien?« fragte lebhaft Philipp, indem er sich zu den Bergleuten wendete. »Man hat so viel Schutt, als möglich war, hinweggeräumt,« erwiderte einer derselben, auf eine tiefe Höhlung hindeutend, »doch an das Gebälk wagt man sich nicht, denn eine einzige ungeschickte Bewegung würde alles hinabstürzen und der Junge müßte unfehlbar zermalmt werden.« »Noch vor zehn Minuten sprach er mit uns,« rief die verzweifelte Mutter, »und jetzt hört man ihn nicht mehr! Oh, er ist gewiß schon erstickt! Oh, mein armer, teurer Jacques! Man wird dich also hier hilflos umkommen lassen!« Die Unglückliche sank unter herzzerreißendem Schluchzen erschöpft auf den Rasen der Böschung nieder. Herr Derblay warf einem der Bergleute seine Flinte zu, legte sich platt auf die Erde und lehnte den Kopf dicht an die gekreuzten Holzpflöcke, um mit gespanntem Ohr nach einem Lebenszeichen zu lauschen. Doch lautlose Stille herrschte in dem Sandgrabe, in dem das verschüttete Kind lag. »Jacques!« rief Herr Derblay, und seine Stimme verhallte dumpf und traurig in der Erd- und Holzschichte. »Jacques, hörst du mich?« Ein Stöhnen antwortete ihm und nach einer kleinen Pause vernahm er die mit schwacher, atemloser Stimme hervorgestoßenen Worte: »Ach, Herr Derblay, Sie sind es! Oh, mein Gott! Wenn Sie es sind, dann bin ich gerettet!« Dieses naive Vertrauen rührte Philipp fast zu Thränen und er beschloß, selber das Unmögliche zu wagen, um die Hoffnung des Knaben zu verwirklichen. »Vermagst du dich noch zu rühren?« fragte er weiter. »Nein, keuchte halb erstickt der Kleine, auch glaube ich, daß mein Fuß gebrochen ist.« Diese Antwort, inmitten der Todesstille, entriß den Anwesenden ein schmerzliches Gemurmel. »Fürchte dich nicht, mein Junge, wir werden dich sofort herausziehen,« erwiderte Philipp, indem er sich emporrichtete. »Vorwärts! Nehmet Stangen und hebt mir diesen Balken!« rief er und zeigte auf einen zwischen den Trümmern eingepferchten Holzpflock, der einen natürlichen Hebel zu bilden schien. »Nicht möglich, Herr,« entgegnete ein Werkmeister, traurig den Kopf schüttelnd. »Alles würde zusammenstürzen! Es gibt nur ein Rettungsmittel: Drei oder vier starke Männer müßten sich nacheinander in die von uns gemachte Grube hinablassen und versuchen, den Jungen, der sich nicht mehr rühren kann, zu entlasten. Während dieser Zeit könnten wir mit Stangen die ganze Geschichte halten, aber hübsch gefährlich ist es schon und sehr wahrscheinlich, daß man unten bleibt!« »Gleichviel, man muß hinabsteigen,« sagte entschlossen Herr Derblay, indem er seine Taglöhner musterte. Doch da sie alle unbewegt und schweigend dastanden, stieg eine Röte des Unwillens in sein Gesicht. »Wenn einer von euch hier unten läge, was würde er von seinen Kameraden denken, wenn sie ihn hilflos zu Grunde gehen ließen. Wohlan, da es niemand von euch wagt, so werde ich hinabsteigen.« Und seine hohe Gestalt beugend, ließ sich Philipp in den Schutt hinabgleiten. Ein Schrei der Bewunderung und der Dankbarkeit erhob sich aus der Menge, und als hätte dieses Beispiel genügt, den guten Leuten ihren verlorenen Mut wiederzugeben, folgten drei Männer dem Hüttenbesitzer, während die Anwesenden, alle ihre Kräfte vereinigend, die Holzpflöcke stützten und sie mit unglaublicher Anstrengung emporhielten. Wieder war es still geworden. Man vernahm nur das Schluchzen der geängstigten Mutter und die tiefen Atemzüge der unter dem schweren Gewichte fast erstickenden Retter. Einige Minuten, lang wie Jahrhunderte, verstrichen, während unten fünf Menschen in Lebensgefahr schwebten. Dann erschallten Freudenrufe. Mit Sand und Erde bedeckt, Hände und Schultern verwundet, stiegen aus der Oeffnung vier Männer herauf und als letzter Herr Derblay, den ohnmächtigen Jungen in seinen Armen tragend. Einen Moment später stürzten die von den Arbeitern losgelassenen Pfähle mit entsetzlichem Gekrache in den nun leeren Graben hinab. Die tiefbewegte Menge umgab schweigend und achtungsvoll den Retter und den Geretteten, indes die vor Freude halb wahnsinnige Mutter nicht wußte, ob sie zuerst ihren Sohn umarmen oder Herrn Derblay danken sollte. »Und nun, traget den Jungen nach Hause,« rief fröhlich Philipp, »und holet den Arzt!« Sodann brachte der Hüttenbesitzer seine Toilette wieder in Ordnung, nahm die Flinte und ging nach Pont-Avesnes heim. Dem Gerüchte von dem schrecklichen Unfalle war bald die Nachricht von der glücklichen Rettung gefolgt und als Philipp beim Schlosse anlangte, sah er seine Schwester in Begleitung des Herrn Bachelin ihm entgegenkommen. Beim Anblicke ihres Bruders beschleunigte Susanne ihre Schritte. Sie trug ein lichtes Kleid und auf ihren Schultern wiegte sich ein rosafarbener Sonnenschirm, der an dem schönen, sonnigen Herbsttage ihren reizenden Kopf sehr vorteilhaft beschattete. Fräulein Derblay zählte siebzehn Jahre und ihr frisches, heiteres Gesicht hatte einen wunderlieblichen Ausdruck von Vertrauen und Offenheit. Ihre braunen Augen lachten noch mehr als ihre Lippen. Sie war nicht von regelmäßiger Schönheit aber ihr anmutiges, naives Wesen verlieh ihr einen unwiderstehlichen Reiz. In ihrer Ungeduld fing sie zu laufen an und atemlos wollte sie ihm um den Hals fallen, als Philipp sie sanft zurückhielt: »Rühre mich nicht an,« rief er, »meine Kleider sind voll Schmutz, du verdirbst deine Toilette.« »Was liegt daran!« rief Susanne mit fröhlichem Lachen. »Oh, ich muß dich umarmen! Du hast das Kind gerettet! Mein guter Philipp, überall wo es etwas schönes und edles zu thun gibt, bist du dabei.« Das Mädchen ergriff mit beiden Händen den Kopf ihres Bruders und küßte ihn zärtlich. Herr Bachelin, der durch Susannens Voraneilen zurückgeblieben war, trat keuchend heran. »Guten Tag,« mein teurer Freund, grüßte der Notar, »schon wieder eine edle That auf Ihre Rechnung.« »Sprechen wir nicht weiter davon, ich bitte Sie,« unterbrach ihn lachend Philipp, »es lohnt wahrhaftig nicht der Mühe. Das Ernsteste bei der Sache ist, daß ich den Knaben verwundet glaube. Du wirst gut thun, Susanne, mit Brigitten und deiner Apotheke zu seiner Mutter zu gehen. Etwaige Kosten übernimmst du selbstverständlich.« »Gern, lieber Bruder,« antwortete das Mädchen und entfernte sich rasch. »Auch wir, mein lieber Herr Bachelin,« fügte Herr Derblay hinzu, »wollen ins Haus treten. Ich sehe ja wie ein Einbrecher aus und muß mich sofort umkleiden.« Philipp und der Notar durchschritten den geräumigen, mit alten Linden bepflanzten Hof, in dessen Mitte aus einem großen, viereckigen, von Blumenbeeten umkränzten Wasserbecken ein Springbrunnen seine Wasserstrahlen in die Luft emporschnellte, die, in seine Perlen zerstäubt, wieder zurückfielen, vom Winde verjagt oder von der Sonne regenbogenfarbig beschienen. Dieses Bassin bildete das letzte Ueberbleibsel der breiten Wassergräben, die ehemals einem Gürtel gleich das Schloß umgaben. Unter Louis XIII. wurden diese Schloßgräben trockengelegt und in dem zurückgebliebenen fruchtbaren Schlamm gediehen Obstbäume, deren herrliche Früchte noch heute zu den Merkwürdigkeiten von Pont-Avesnes gehören. Das Schloß von Pont-Avesnes steht auf einer Rampe von braunem Sandstein, welche es erhöht und ihm eine gewisse Eleganz verleiht. Aber es sieht düster und traurig drein und seine großen Schieferdächer zeichnen sich melancholisch am Himmel ab. Philipp bewohnte bloß einen Flügel des weitläufigen frostigen Gebäudes, und ohne die Sorgfalt Brigittens, der Milchschwester Susannens, die, dank einer glücklichen Frühreife, trotz ihrer Jugend die Pflichten einer Haushälterin mit viel Autorität erfüllt, bliebe der übrige Teil des Schlosses vollständig vereinsamt. Doch die treue Brigitte, mit ihrem Eifer die ihr zu Befehl stehende Dienerschaft animierend, unternimmt sehr häufig ein gründliches Fegen und Bürsten in den mit herrlichen Möbeln aus der Zeit Louis XIV. ausgestatteten Empfangssälen. Wenn sie dann die Fensterläden öffnet und das Licht in die hohen, weiten Gemächer strömt, so ist es, als ob ein Bühnenvorhang in die Höhe ginge, dem Auge eine wundervolle, luxuriöse Dekoration darbietend. An den Wänden entrollen die schönsten Gobelins die ganze Geschichte Alexanders und auf den Kissen der großen Fauteuils mit den pompösen vergoldeten Armlehnen erglänzt Genueser Samt. Die hohen venezianischen Spiegel reflektieren für einen Moment die Blumen des Parterres, die Kaskade und ein Stückchen Himmel. Nach einigen Stunden werden die Läden geschlossen und die Kunstschätze des Schlosses versinken wieder in Dunkelheit und Stille. Im Erdgeschosse des bewohnten Flügels befindet sich das große Arbeitskabinett des Herrn Derblay mit seinen hohen, bis an den Plafond reichenden Büchergestellen. In der Mitte steht ein riesiger Schreibtisch, auf dem Bücher und Papiere in mehr scheinbarer als wirklicher Unordnung sich auftürmen. Ein sehr schönes Tintenfaß ist mit zwei pausbäckigen, miteinander kämpfenden Amoretten geschmückt, wovon der Sieger lachend eine Weintraube in den Mund des Besiegten preßt. Auf dem Kamme steht in meisterhafter Boule-Arbeit eine Uhr aus Ebenholz mit Kupfer eingelegt. An das Arbeitszimmer stößt der Speisesaal mit altertümlichen, in Birnholz geschnitzten Möbeln, Auf dem Buffett steht reiches massives Silbergerät, das nie zur Verwendung gelangt; dann folgt ein kleiner Salon in modernem bürgerlichen Geschmack mit blauseidenen Tapeten und gleichfarbigen Möbeln. Auf einem Tischchen mit eingelegter Arbeit scheint eine angefangene Stickerei der Rückkehr Susannens zu harren. Zwei mit mehr Sorgfalt als Talent ausgeführte Porträts zeigen die Bildnisse des Herrn und der Frau Derblay. Im ersten Stocke verbinden zwei Toiletten-Kabinette die Schlafzimmer Philipps und seiner Schwester. Das eine, in braunem gepreßten Samt und schwarzem Holz, besitzt als einzigen Schmuck eine Trophäe von modernen Waffen (Feldzugserinnerungen), das andere duftig und jungfräulich wie seine Bewohnerin! weißer Mousselin über blaue Seide gespannt, weißlackierte Möbel und all die zierlichen Nippsachen, die dem Zimmer eines jungen Mädchens so viel Reiz verleihen. Vom Fenster blickt Susanne in die weiten Alleen des Parkes, die sich in der Ferne im Grün verlieren. Hier konnte sie nach Herzenslust träumen, wenn Träumereien die fröhliche Heiterkeit ihrer sorglosen Jugend für einen Augenblick umwölken konnten. Philipp führte Herrn Bachelin nach seinem Arbeitskabinett. Er wußte, daß der Notar heute in Beaulieu gewesen und, ungeduldig wie alle Verliebten, wollte er so rasch als möglich alle wichtigen und unwichtigen Einzelheiten erfahren, die ihm sein alter Freund aus seinem Verkehr mit den vornehmen Schloßbewohnern stets mitteilte. Doch heute schien Herr Bachelin zum Erzählen nicht aufgelegt. Er verhielt sich ganz ruhig in seinem Fauteuil und richtete nur zuweilen sehr zerstreute Blicke auf den Hüttenbesitzer, der wie ein riesiges Fragezeichen sich ihm gegenüber aufgepflanzt hatte. Philipp konnte seiner Ungeduld nicht länger Herr bleiben und begann freimütig das Gespräch. »Haben sie Frau von Beaulieu von meinem Versöhnungsvorschlage Mitteilung gemacht?« fragte er mit scheinbarer Ruhe. »Gewiß!« »Nun, fand sie denselben hinreichend und annehmbar?« »Vollständig.« Philipp schielte nach Herrn Bachelin, der hartnäckig dabei verharrte, mit verzweifeltem Lakonismus zu antworten. Dann entschloß er sich zu einem vertraulicheren Tone: »Haben sie auch die Benützung meiner Jagd angeboten?« »Wozu denn?« antwortete ruhig der Notar, indem er dem Hüttenbesitzer einen ironischen Blick zuwarf. »Wozu? Wie können sie so fragen!« rief dieser erstaunt. »Ei nun, ich brauchte dieses Anerbieten einfach darum nicht zu stellen,« entgegnete Bachelin, »weil Sie es heute morgen selbst dem Marquis gemacht haben, und zwar auf eine möglichst romantische Art.« Philipp errötete und senkte verlegen den Kopf. »Ah, Herr von Beaulieu hat mit Ihnen von unserer Begegnung gesprochen? Aber er wußte doch nicht, wen er vor sich hatte?« »Ich habe es ihm verraten; hätte ich ihm etwa auch sagen sollen, daß, wenn Sie seine Jagdtasche so wohl bedachten, dies aus Liebe zu seiner Schwester geschah?« »Lieber Freund! ...« »Ah, ah, wollen Sie vielleicht widerrufen?« fragte lustig Herr Bachelin. »Sollten Sie etwa Fräulein von Beaulieu nicht mehr lieben?« »Wollte Gott, daß dem so wäre, denn es ist eine große Thorheit von mir,« erwiderte Philipp. »Wie kann ich, der Mann, der jahrelang von der Welt zurückgezogen, nur seinen Arbeiten lebt, wie darf ich an dieses junge Mädchen denken, das so schön, so stolz und vielleicht eben darum so reizend ist? Ich sah sie ernst und gedankenvoll, wahrscheinlich beunruhigt durch das unerklärliche Benehmen ihres Verlobten. Und gegen meinen Willen, fast ohne es zu merken, begann ich sie zu lieben. Ich übersah die tiefe Kluft, die mich von ihr trennt und vergaß den Unterschied unserer gesellschaftlichen Stellung. Weder auf die Stimme der Vernunft, noch auf den Rat der Erfahrung hörte ich, und lauschte nur dem Liebeszauber, der meine Seele unwiderstehlich gefangen nahm. O, mein Freund, ich schäme mich vor mir selbst, und doch vermag ich dieser unsinnigen Leidenschaft nicht zu widerstehen, die mich berauscht, die mir unsägliche Freuden gewährt ... die mir alles, alles gibt, nur keine Hoffnung; denn hier endet meine Blindheit ... ich hoffe nicht ... mein Wort darauf!« »Sie hoffen nicht? ... möglich ...« versetzte langsam der Notar. »Aber Sie lieben, das ist gewiß, nicht wahr? Ich hatte also recht, mit der Marquise so zu sprechen, wie ich es that.« »Zu sprechen? Mit der Marquise?« stammelte in höchster Erregung Philipp. »Wie! Wovon haben Sie gesprochen?« »Nun von dem, was Sie mir eben in einer ebenso leidenschaftlichen als überzeugenden Sprache auseinandersetzten.« Herr Derblay fuhr entsetzt einen Schritt zurück; seine Augen schossen Blitze, er biß heftig auf seine Lippen und mit einer Stimme, die er vergebens zu dämpfen suchte, rief er: »Habe ich Sie etwa ermächtigt, der Frau Marquise derartige Mitteilungen zu machen?« »Nein, das wohl nicht; Sie haben mich keineswegs dazu ermächtigt,« antwortete ruhig der Notar; »aber, meiner Treu, ich fand die Gelegenheit zu günstig, um sie nicht zu benützen. Sehen Sie, es geht doch nichts in der Welt über klare Verhältnisse! Sie hätten wohl noch wochen-, ja monatelang gezaudert und sich immer mehr in Ihr Liebesabenteuer verstrickt. War es somit nicht besser, auf einmal alles zu sagen, selbst auf die Gefahr hin, mit Hochmut zurückgewiesen zu werden? Diese Gründe bewogen mich zum Sprechen. Finden Sie dieselben nicht gewichtig genug?« Philipp antwortete nicht, er hörte kaum die Worte des Notars. In dem Sturme seiner Gefühle hatte er fast das Bewußtsein seiner Existenz verloren. Es schien ihm, als hätte ein mächtiger Ruck ihn in unermeßliche Regionen geführt, ohne Halt, ohne Stütze. Die Luft pfiff ihm vor den Ohren und wie ein Nebel schwamm es ihm vor den Augen, die keinen Gegenstand zu erkennen vermochten. Und in seinem schmerzenden Gehirn erhob sich gleich einer Offenbarung des Geschickes eine Stimme, die sich nicht zurückweisen ließ: »Claire! Wie, wenn sie doch einst dein sein könnte!« Die Stimme des Notars weckte ihn aus seiner Betäubung. »Heda, mein Freund!« rief Herr Bachelin, »warum blicken Sie mich denn mit so starren Augen an, Sie sehen ja wie ein Nachtwandler aus.« Philipp fuhr mit der Hand über die Stirn, als wollte er einen peinlichen Eindruck verwischen, dann erwiderte er lächelnd: »Entschuldigen Sie, der Gedanke, daß Sie ohne mein Wissen so tief in mein Geschick einzugreifen sich erlaubten, verwirrte, betäubte mich. Hätte ich Sie dessen für fähig gehalten, so würde ich Sie um Schweigen gebeten haben. Seit dem Tage, wo ich so schwach war, Ihnen meine Liebe zu Fräulein von Beaulieu zu gestehen, habe ich nicht aufgehört, meinen Leichtsinn zu bereuen. Aber es scheint, als sei, wenn man liebt, das Herz zu enge, um all' die Seligkeit, die es erfüllt, zu fassen; es geht über, die Geständnisse entströmen unwillkürlich den Lippen und man verrät mehr, als man sollte. Kaum verriet ich mein Geheimnis, als auch schon die Illusion verflog, und mir die Wahrheit in ihrer unerbittlichen Nacktheit erschien, Fräulein von Beaulieu wird mir nie die Ehre erweisen, von meiner Person Notiz zu nehmen. Sie ist reich, vornehm, die Verlobte eines Herzogs, und ich muß ein wirklicher Narr sein, um sie zu lieben. Ich verdiene dafür eine Züchtigung und bin bereit, sie zu ertragen. Sagen Sie mir alles, schonen Sie mich nicht.« »Wohlan, zuerst will ich Ihnen sagen, daß Fräulein von Beaulieu nicht mehr reich ist, daß sie vielleicht nie Herzogin wird, und daß ein ehrlicher Mensch niemals bessere Aussichten hatte, erhört zu werden, als gerade Sie in diesem Momente.« Bei diesen Worten wurde Philipp so bleich, daß er einer Ohnmacht nahe schien. Ein Freudenruf entrang sich seinem gepreßten Herzen, und zitternd vor Aufregung ließ er sich in einem Fauteuil nieder. »Oh! nehmen Sie sich in acht, mein Freund, machen Sie mir keine Hoffnung, die Enttäuschung wäre zu qualvoll,« »Und doch, ich kann Ihnen Hoffnung geben; aber indem ich dies thue, verrate ich Familiengeheimnisse. Sie sind indes so sehr dabei beteiligt, daß ich Ihrer Verschwiegenheit sicher bin.« Und da Philipp die Hände des Notars ergriff und ihn mit vor Neugierde funkelnden Augen ansah, fuhr dieser fort: »Fräulein von Beaulieu ist durch den Prozeß in England um ihr ganzes Vermögen gebracht, ahnt es jedoch ebensowenig, wie daß der Herzog seit sechs Wochen in Paris weilt und sie verrät. An dem Tage, wo sie diesen Verrat erfährt, wird sich ein schrecklicher Sturm in ihrem Herzen erheben und dann ...« »Ruiniert und treulos verlassen!« rief Philipp; »ein so vollkommenes Geschöpf! Dieses anbetungswürdige Mädchen! Sie sollte des Geldes bedürfen? Der größte Schatz, den man von ihr fordern kann, ist sie selbst!« »Oh, gewiß, und eben dieser Ihr uneigennütziger Standpunkt war es, den ich zur Geltung brachte.« »Ja, sagen Sie es,« rief Philipp feurig aus, »sagen Sie es der Marquise und, wenn es nötig ist, auch ihr selbst, ich bitte Sie darum!« Doch wie von einem entmutigenden Gedanken betroffen fuhr er fort: »Nein, dem Fräulein von Beaulieu sagen Sie nichts davon. Sie ist stolz und hochfahrend und der Gedanke, daß sie ihrem künftigen Gatten zu Dank verpflichtet sein sollte, würde mich mehr denn je von ihr entfernen und sie bestimmen, meinen Antrag zurückzuweisen. Verhüten Sie das, indem Sie der Marquise diese meine Gedanken und Bedenken mitteilen und vor allem verpflichten Sie mich ihr gegenüber. Sagen Sie ihr, daß ich die Hand ihrer Tochter knieend, als das höchste Gut empfangen will, aber daß ich zugleich wünsche, daß Claire sich noch im Vollbesitze ihres Vermögens glaube, damit sie meine Werbung frei annehmen oder frei zurückweisen könne. Und sollte ich bei dieser Heirat mein ganzes Hab und Gut ihr verschreiben müssen, so würde ich ihre Hand doch noch als ein Gnadengeschenk betrachten.« »Halt, halt!« unterbrach ihn mit freundschaftlicher Gebärde Herr Bachelin. »Eilen Sie nicht gleich per Schnellzug davon. Oh, dieses Feuer der Jugend und der Leidenschaft! In dieser Angelegenheit ist es viel vernünftiger, im langsameren Tempo vorzugehen. Es handelt sich momentan ja bloß um ihren ersten Besuch im Schlosse. Begnügen Sie sich einstweilen ›mit der Betrachtung des Gegenstandes Ihrer heißesten Wünsche‹, wie man im vorigen Jahrhundert sagte. Seien Sie ernst und ruhig und benehmen Sie sich mit der Bescheidenheit, die Ihre Lage erfordert. Und nehmen Sie ja Ihre Schwester mit, sie wird Ihnen als Blitzableiter dienen, denn während man sich mit ihr beschäftigt, werden Sie Zeit zur Sammlung finden.« »Und wann soll dieser Besuch stattfinden?« fragte Philipp mit sichtbarer Unruhe. »Haben Sie etwa gar schon Angst, noch ehe Sie sich vorstellten? Fahren Sie morgen hinüber; ich hoffe, daß eine ruhige Nacht Ihnen die nötige Festigkeit und Zuversicht wiedergeben wird, damit Sie imstande sind, Ihre Vorzüge ins rechte Licht zu setzen.« Der Notar erhob sich, nahm seine Mappe und hatte schon einige Schritte gegen die Thür gethan, als er wieder stehen blieb. »Sind Sie noch unwillig darüber, daß ich mit Frau von Beaulieu gesprochen, ohne von Ihnen dazu autorisiert worden zu sein?« sagte er mit spöttischer Miene. »Uebrigens fragten Sie in Ihrer Aufregung nicht einmal danach, was sie denn eigentlich geantwortet habe?« »Wahrhaftig,« rief Philipp, indem seine freudige Stimmung jählings in peinliche Angst überging. »Bei Gott! Was sagte sie denn?« »Sie sagte, was man in ähnlichem Falle immer sagt, nämlich: daß ihre Tochter freie Wahl habe, daß sie dieselbe nie zwingen würde ... die gewöhnlichen Alltäglichkeiten ... Glauben Sie mir, der Schwerpunkt der Situation liegt in den Händen der Tochter und nicht in denen der Mutter; also guten Mut!« Und mit einem freundschaftlichen Händedruck entfernte sich der Notar. Als Philipp allein war, vertiefte er sich in eine gründliche Ueberlegung. Er blickte der Sachlage ruhig ins Gesicht und mußte sich gestehen, daß sie nicht hoffnungslos sei. Fräulein von Beaulieu, von ihrem Verlobten auf eine unwürdige Weise verlassen, mußte wenigstens einige Monate auf Schloß Beaulieu bleiben, um die Welt ihr demütigendes Mißgeschick vergessen zu lassen. Es war ihm daher Gelegenheit geboten, sie zu sehen, sie mit zarten Aufmerksamkeiten zu umgeben und vielleicht dahin zu gelangen, ihr nicht zu mißfallen. Susanne konnte ihm dabei sicherlich nützlich sein, denn durch ihre Anmut und Güte würde sie gewiß Claires Zuneigung gewinnen, vielleicht ihre Freundin werden, und nach und nach könnte auch der Gedanke an den Bruder derselben in das Herz des Fräuleins von Beaulieu Eingang finden. Allmählich begann dieser holde Traum den Schein der Wirklichkeit anzunehmen und Philipp sah die beiden jungen Damen, die eine von hoher, stolzer Gestalt, die andere klein und zierlich, Arm in Arm in den schattigen Alleen des Parkes von Pont-Avesnes lustwandeln. Er fühlte sich von dem süßen Dufte ihrer Nähe berauscht; er wollte sie umfassen ... als plötzlich ein frischer Mund seine Stirne berührte und ihn der Wirklichkeit wiedergab. »Woran denkst du, Philipp?« flüsterte die liebe, treue Stimme Susannens. Und da er ihr bloß mit einem matten Lächeln antwortete, fuhr sie fort: »Du willst es mir nicht sagen? Muß ich zuerst sprechen? Wohlan, wetten wir, daß du an ein junges, schönes, blondes Mädchen denkst!« Philipp sprang rasch empor und ergriff die Hand seiner Schwester. »Susanne!« rief er unwillig. Aber unter dem schelmisch lächelnden Blicke des jungen Mädchens vermochte er nicht, seine strenge Haltung zu bewahren. Wie gebannt blieb er stehen und fragte sich, auf welche Art dies Kind dazu gelangt sein konnte, seine Gedanken zu erraten. »Du blickst ja ganz verstört drein,« fing Susanne wieder in zärtlichstem Schmeicheltone an. »Du glaubtest also dein Geheimnis sehr wohl verwahrt? Aber sieh' doch, seit einem Monate bist du gar nicht mehr derselbe, und es bedarf wahrlich keines großen Scharfsinnes, um zu bemerken, daß dein Herz nicht mehr mir allein gehört. Aber ich bin nicht eifersüchtig, dazu liebe ich dich viel zu sehr. Ich bin unruhig, bekümmert, aber nicht aus Furcht, daß du mir einen Teil deiner Liebe entziehst, um ihn einer andern zu weihen, sondern weil ich dich leiden sehe. Oh, ich verdanke dir doch so unendlich viel, mein Philipp! Du hast mich gepflegt, erzogen, geliebt, als ich allein zurückblieb, ohne Vater und ohne Mutter! Und es ist mir immer, als ob ich mehr als deine Schwester, als ob ich deine Tochter sei, das Kind deiner Pflege, deiner liebevollen Sorgfalt. Geh' doch! liebe und werde wieder geliebt! Du wirst sehen, daß ich mich darüber nur freuen werde; denn ich halte kein Glück auf Erden für groß genug, um ein so vollkommenes Wesen, wie du es bist, zu belohnen.« Zwei Thränen entquollen den Augen des Hüttenbesitzers und flössen still über seine Wangen hinab. Die milden guten Worte seiner Schwester hatten die Spannung seiner überreizten Nerven behoben. Er stand regungslos da, an den hohen Kamin gelehnt, in den Anblick des kindlichen Mädchens versunken, das ihm liebevoll zulächelte. »Jetzt weinst du wieder,« rief Susanne, »ist denn die Liebe etwas so trauriges?« »Rede mir nicht wieder von diesen Thorheiten,« rief Philipp mit erregter Stimme. »Thorheiten ... warum nicht gar. Welche Frau, die dich kennt, würde nicht wünschen, dir zu gefallen?« Und mit kühner Miene und entschlossenen Gebärden stellte sie sich dicht vor ihn hin und fuhr fort: »Sei ruhig, wenn es nötig sein wird, so werde ich zu derjenigen, die du liebst, gehen und zu ihr sprechen: ›Mein Fräulein‹ werde ich sagen, ›Sie haben unrecht, meinen Bruder nicht zu vergöttern, denn es gibt in der Welt keinen Mann, dem er nicht vollständig überlegen wäre. Ich kann es Ihnen versichern, denn ich kenne ihn schon sehr lange und sehr genau.‹ Und mein Mund wird so beredt sein, daß sie zu dir kommen, einen artigen Knix machen und dir sagen wird: ›Mein Herr, das kleine Persönchen da, Ihre Schwester, ist so allerliebst, daß ich nicht umhin kann, die hohen Verdienste ihres Bruders anzuerkennen. Wollen Sie mir die Gunst erweisen, mein Gemahl zu werden?‹ Und du – du wirst dich daraufhin höflich verbeugen und mit nachdenklicher Miene antworten: ›Nun ja, mein Gott, Fräulein, um Ihnen einen Gefallen zu thun ...‹ Ah, siehst du, du lachst! du bist getröstet!« Susanne ergriff schmeichelnd den Arm ihres Bruders, dessen Aufregung der ausgelassenen Fröhlichkeit dieses Wildfangs nicht standhielt und zog ihn mit sich fort. »Komm!« rief sie, »in Erwartung deiner nächstens stattfindenden Hochzeit wollen wir einstweilen einen Spaziergang im Garten machen.« Viertes Kapitel Sechs Wochen vor den erwähnten Ereignissen war der Herzog von Bligny von Petersburg nach Paris gekommen und fuhr, ermüdet von der langen, ununterbrochenen Fahrt, vom Bahnhofe direkt in seinen Klub. Da er in Paris keine Wohnung besaß und das Hotel seiner Tante geschlossen war, fand er es sehr bequem, eines der Zimmer zu beziehen, welche die bedeutenden Klubs stets zur Verfügung ihrer Mitglieder bereithalten. Er gedachte, längstens acht Tage in Paris zu weilen, gerade so lange, als er Zeit brauchte, um seine Geschäfte im Ministerium zu ordnen und einige Einkäufe zu besorgen; dann wollte er sich nach Beaulieu begeben. Seit mehr als einem Jahr war er von Frankreich abwesend. Inzwischen hatte er in der vornehmen russischen Gesellschaft jenes künstliche Pariser Leben geführt, das im Auslande als höchster Grad des feinen Tones gilt, welches aber der Lebensweise der Pariser großen Welt ebensowenig gleicht, wie ein Rheinkiesel einem Diamant von Wisapoor. Die raffinierte Sittenverderbnis der Slaven hatte sich seiner gleichfalls bemächtigt und er fand großen Genuß an einer Existenz, welche asiatische Ueppigkeit mit europäischer Thätigkeit vereint. Die vornehmen Russinnen fesselten ihn mit ihrer Grazie und dem rätselhaften Zauber ihrer Schönheit; er wollte das Geheimnis dieser lächelnden Sphinxe mit den feurigen Augen und den drohenden Krallen ergründen. Als schöner, wohlerzogener Kavalier und Träger eines großen Namens war er viel gesucht und allmählich war das Bild seiner Verlobten, einst so treu seinem Herzen eingeprägt, verloscht, wie die schönen Pastellgemälde Latours, deren Farben mit der Zeit verblassen. Fern von Claire fühlte er sich anfangs wie im Exil und beschloß, höchst zurückgezogen zu leben. Doch wie sich absondern, wenn man der jüngste Attaché der französischen Botschaft und von allen Seiten Gegenstand der liebenswürdigsten Zuvorkommenheiten ist! Nach acht Tagen streng beobachteter Zurückgezogenheit konnte Gaston sich nicht erwehren, an einem der Empfangsabende seines Chefs zu erscheinen. Er hielt seinen Einzug in die hohe Petersburger Gesellschaft. Von diesem ersten Abende an wurde der junge Herzog der Liebling der russischen Aristokratie. Sein Großvater, zur Zeit der Revolution mit dem Grafen Artois emigriert, hatte mit Nesselrode, Pahlen, Gortschakow in nahen Beziehungen gestanden. Gaston wurde daher von den hervorragendsten Persönlichkeiten des Hofes mit schmeichelhafter Auszeichnung empfangen und dem Zar vorgestellt, der ihm mit außerordentlicher Gunst begegnete. Von heute auf morgen war die Stellung des fünfundzwanzigjährigen Diplomaten eine der wichtigsten geworden und seine Vorgesetzten, gewandt genug, um dessen Erfolge nicht zu verdunkeln, hofften, aus dem so rasch gewonnenen Einflusse ihres Untergebenen gelegentlich Nutzen zu ziehen. War aber Gaston ein eleganter Kavalier und ein vollendeter Weltmann, so blieb er doch stets ein höchst mittelmäßiger Politiker. Er warf sich auf das Vergnügen und vernachlässigte die Intrigue und es unterlag bald keinem Zweifel, daß, wenn auch die Petersburger Gesellschaft einen brillanten Gast, Frankreich keinen nützlichen Diener in ihm gewonnen hatte. Schwadronierend, von Blume zu Blume flatternd, glich der Herzog nicht der arbeitsamen Biene, die Honig erzeugt, sondern der glänzenden Wespe, die ihren goldenen Panzer in der Sonne funkeln läßt und auf Raub ausgeht. In wenig Wochen entwickelte er sich zum flottesten Lebemann, dessen gestählte Nerven den ermüdendsten Anstrengungen trotzten. Er hielt den renommiertesten Trinkern stand und alle Welt weiß, wie die Russen trinken können. Im Adelsklub spielte er einst eine zur Legende gewordene Partie Baccara, bei welcher die Spielenden den Tisch während drei Tagen und Nächten nur verließen, um ihre erschöpften Kräfte wiederherzustellen, und er besiegte schließlich seine gewaltigen Partner nicht etwa durch sein ausdauerndes Glück, sondern weil der Schlaf sie todmüde auf den Teppich hinstreckte. Die reizende Lucie Tellier, der französische Stern des Theaters Michel, wurde seine Geliebte und blieb es trotz aller Versuchungen der verschwenderischsten Bojaren. Eines schönen Tages jedoch, als er sie langweilig fand, wahrscheinlich weil sie ihm zu treu war, überließ er sie wieder der moskowitischen Galanterie. Frau von Beaulieu hatte recht gehabt. Der Herzog war der Held der Saison und es gab kein richtiges Fest ohne ihn. Die reichsten Erbinnen richteten ihre Blicke hoffnungsvoll auf ihn; er wies jedoch alle Anträge zurück und wurde darum nur um so lebhafter begehrt. Nach sechs Monaten hatte diese Existenz keinen Reiz mehr für ihn; er war vollständig blasiert und fand nur noch im Spiel ein Mittel gegen seinen Spleen. Sobald er eine Karte in die Hand nahm, war er Spieler mit Leib und Seele. Er spielte und zwar mit unverschämtem Glück, und jeden Morgen kehrte er, mit der seinen Partnern abgenommenen Beute beladen, heim, mit fahlem Antlitz, einen Staubgeschmack auf den Lippen, um alsdann erschöpft bis in den Nachmittag hinein zu schlafen. Gegen vier Uhr, wenn das Gas in der Stadt angezündet wurde, stand er auf, und so sah er während zwei Jahren kaum die Sonne. Er war ein Nachtschmetterling. Seine markierten Züge waren noch schön, aber der Reiz der Jugend, dieser Duft der frischen leidenschaftslosen Gesichter, war verschwunden. Er trug die Physiognomie eines Lebemannes; seine braunen Haare begannen an den Schläfen dünner zu werden, und das Auge, von unbestimmtem Blau, war tief eingefallen. Das tolle Leben, das er führte, drückte ihm von Tag zu Tag sichtbarer seinen unheilvollen Stempel auf. Seine Tante hätte Mühe gehabt, ihn wiederzuerkennen. Das war nicht mehr der junge schüchterne Mann mit der sanften Stimme, den Fräulein von Beaulieu mit ihrem resoluten männlich-festen Charakter lachend »Fräulein Gaston« nannte. Er besaß nichts mehr von jener anmutigen Weichheit, die ihn einst einem Mädchen ähnlich machte. Er war ein Mann, und zwar einer der gefährlichsten geworden, ein Skeptiker, der an gar nichts mehr glaubte und der sein Vergnügen über alles setzte. Das väterliche Blut, durch die ruhigen Freuden des Familienlebens abgekühlt, war ins Sieden geraten. Und dieses feurige, leidenschaftliche Geschlecht der Bligny, das seit Heinrich III . dem französischen Hofe die frivolsten Söhnchen, die verwegensten Wüstlinge, die galantesten Kavaliere und die liederlichsten Roués geliefert, fand in ihm einen Vertreter, der seinen Ahnen Ehre machte. Eine Riesenkraft wohnte dem zierlichen Körper des jungen Mannes inne. So wie ehemals die verweichlichten Seigneurs, die Gesicht und Hände schminkten und eher ihren Pagen herbeiriefen, als daß sie sich bückten, um ihr Bilboquet aufzuheben; die sich in einer Sänfte tragen ließen, um die Strapazen des Reitens zu vermeiden, am Tage der Schlacht aber, mit hundert Pfund Eisen auf dem Körper, wie Rasende ins Getümmel stürzten und die heroischsten Thaten verrichteten, so hätte auch Gaston für einen nützlichen Zweck keine hundert Schritte zu Fuß gethan; aber er war imstande, einen ganzen Tag zu jagen oder mit dem Rapier in der Hand stundenlang auf die ermüdendste Art zu fechten. Beim Spiele zeigte er sich in seiner ganzen Kraft. Er schien das Glück unter seinen Willen zu beugen und er gewann mit unerhörter Beharrlichkeit. Das schlechteste Spiel wurde gut, wenn er es übernahm; die Bank, die fortwährend verlor, solange er sie angriff, zeigte sich unerschöpflich, wenn er sie hielt. Zwei Jahre lang behandelte ihn Fortuna als verzogenen Liebling und man nannte ihn nur noch: »Gaston der Glückliche«. Die Trümmer seines väterlichen Erbes, vermehrt durch die Hilfsquellen des Spieles, erlaubten ihm, auf großem Fuße zu leben. Er besaß ausgezeichnete Pferde, eine prächtige Wohnung und all den luxuriösen Komfort, der einem Weltmann gleich ihm unentbehrlich ist. Nachdem Gaston den Abend im Theater oder in einer Familie zugebracht, bestieg er einen Schlitten und ließ sich spazieren fahren. In warme Pelze gehüllt, ließ er sich das Gesicht von dem eisigen Nachtwinde umwehen und stärkte auf diese Art seine Nerven zum Spiele. 11m zwei Uhr morgens kam er alsdann ganz erfrischt in den Klub, wo er seine Partner bereits übermüdet fand. Sein kühnes Wagen hatte daher volle Berechtigung, denn mit stoischer Gelassenheit nahm er an dem Spieltische Platz, und weder Gewinn noch Verlust konnten je über seine Ruhe triumphieren. Soweit die Erinnerung der Spieler reichte, hatte man nie eine schönere Haltung beim Spiele gesehen. Er ging auch viel in Gesellschaft und bestand unzählige Liebesabenteuer, obwohl er kein leidenschaftliches Temperament besaß und ein viel zu gründlicher Egoist war, um zu lieben. In Wahrheit benahm er sich als bon prince und ließ die Schönen, die ihm Avancen machten, nicht verzweifeln. Er verabscheute Thränen und wollte niemandem Kummer bereiten, aus Furcht vor Klagen und Vorwürfen. Ein einzigesmal glaubte er sich tiefer getroffen, aber die Folge bewies, daß er sich geschmeichelt hatte. Eine der vornehmsten Damen der russischen Gesellschaft, die Gräfin Woresew, berühmt durch ihre blonden Haare und ihre Smaragde, verliebte sich in ihn. Von ihrem eifersüchtigen Gatten streng überwacht, konnte die schöne Gräfin Gaston weder sprechen, noch ihm schreiben. Der Herzog, der sehr verliebt war, vergaß fast seine Karten. Er folgte der Gräfin in alle Gesellschaften und walzte mit ihr unter den düster flammenden Blicken des Grafen, fand jedoch keine Gelegenheit, sich ihr im geheimen zu nähern. Um den Gemahl irrezuführen, fingierte Gaston eine Reise nach Moskau, verschwand für zwei Tage und kehrte insgeheim zurück. Der dadurch getäuschte Graf milderte seine Ueberwachung und die schöne Russin konnte dreimal den Herzog besuchen. Die Gräfin ließ ihren Wagen vor dem Hauptportale von Saint-Alexis halten, betrat die Kirche, und dieselbe sofort durch eine Seitenpforte verlassend, ging sie leichten Fußes zu ihrem Rendezvous. Beim dritten Besuche wurde sie von dem Lakai verraten, der ihr heimlich gefolgt war und rasch den Grafen benachrichtigte. Dieser eilte wütend zu Bligny, mußte jedoch erst im Vorzimmer mit dem Diener, einem Pariser, durchtrieben wie Mascarille, parlamentieren. Während dieser Zeit suchte die reizende Gräfin entsetzt mit Gaston nach einem Ausgang, bei welcher Gelegenheit sich die Muskelkraft des jungen Mannes in glänzendster Weise bewährte. Das Badezimmer seines Palais lag nach dem Hofe des benachbarten Hauses, aber das Fenster des Zimmers war durch Eisengitter verschlossen. In einem Momente, mit einer fürchterlichen Anstrengung seiner bis zum Zerreißen angespannten Muskeln bog er das Gitter auseinander und Frau Woresew konnte ungesehen entfliehen. Einige Sekunden später empfing Herr von Bligny ruhig lächelnd den Grafen und dieser war genötigt, seinen schlecht begründeten Verdacht zu gestehen und sich unter Entschuldigungen zurückzuziehen. Da jedoch sorgfältige Nachforschungen die Richtigkeit seiner Vermutung feststellten, beschloß Woresew, den Herzog zu einem Duell zu zwingen. Er begab sich in den Klub und übernahm die Bank. Nachdem die Karten verteilt und Gaston abgehoben hatte, erklärte der Graf plötzlich nicht weiter spielen zu wollen. Der Herzog verlangte kalt eine Erklärung, der Graf verweigerte sie und eine Herausforderung folgte. Das Benehmen des Grafen wurde einstimmig getadelt; aber der Zweck, den der beleidigte Gatte angestrebt, war erreicht. Am nächsten Morgen fand das Rencontre statt. Man schlug sich bei grimmiger Kalte in einem Birkenwäldchen auf Pistolen, zwanzig Schritt Entfernung, Feuer nach Belieben. Gaston, voll Respekt für sein eigenes Leben, zeigte sich jedoch keineswegs großmütig gegen den Gatten seiner Geliebten und jagte beim ersten Zeichen seinem Gegner eine Kugel in den Unterleib. Der Graf, auf den blutgeröteten Schnee hingestreckt, erhob sich hierauf mit wilder Energie und zielte, auf den Ellbogen gestützt, kalt nach Bligny. ... Aber die Schwäche, die ihm der Blutverlust verursachte, ließ seine Hand zittern und er traf den Herzog bloß an der Schulter. Der Graf genas von seiner lebensgefährlichen Verwundung und auch Gaston konnte nach Verlauf von sechs Wochen sein gewohntes Leben wieder beginnen. Doch seltsam! Die Kugel des Grafen Woresew schien die Glücksader des jungen Herzogs entzweigerissen zu haben. War's das verlorne Blut, welches das glückliche Gleichgewicht seiner Fähigkeiten gestört hatte? Oder hatte das Glück treulos seinem Günstling den Rücken gekehrt? Genug, seit jenem Tage war er mit dem Erfolge entzweit und verlor unablässig. Seine stolze Sicherheit verließ ihn und er lernte die Pein des Spielers kennen, der schlechte Karten wittert. Er warf sein Geld nicht mehr mit der Zuversicht des Siegers auf den Spieltisch; er beherrschte seine Partner nicht mehr durch seine unerschütterliche Ruhe; er erbleichte jetzt und die zitternden Hände trommelten nervös auf dem Tische. Die schwarzumränderten Augen blickten düster unter den zusammengezogenen Brauen und die weißen Zähne bissen krampfhaft in die Lippen. Mutlosigkeit und Schwäche überfielen ihn und seine ehemals so viel bewunderte Haltung erschlaffte und brach zusammen. Stufenweise sank er von der Höhe des Erfolges hinab, die er im Triumphe erstiegen hatte. Der Spielgewinn verschwand unglaublich rasch und der Herzog geriet in Geldverlegenheit. Er entschloß sich zu Anleihen – diesen Vorboten nahenden Sturzes – und gezwungen, sich an die Hilfe anderer zu wenden, verlor er das Vertrauen zu sich selbst. Er, der einst als Meister galt, den das blinde Glück über seine Gefährten erhob, der sich als Souverän dieser Weltkinder gefühlt und stolz auf diese Ueberlegenheit gewesen, sah nun sein Piedestal zusammenstürzen; denn von dem Tage an, wo er nicht mehr gewann, hörte er für diese Spieler zu existieren auf. Kam er nun in den Klub, so wurde er nicht mehr mit aufmerksamem Schweigen empfangen. Ein paar alltägliche Begrüßungen ... und niemand wendete sich seinetwegen vom Spiele ab. Er verlor sich in den gleichgültigen Gruppen; man fürchtete ihn nicht mehr. Trotzdem war seine Leidenschaft für das Spiel nie so heftig gewesen, als gerade in dieser schweren Epoche. Er berechnete seine Züge nicht mehr, sondern griff seine Gegner mit blinder Wut an und gewann und verlor in einer Nacht ungeheure Summen. Er war nicht mehr der geschickte stolze Kavalier, der sein Roß beherrscht, er war der entsetzte, sinnlose Jockey, der, von dem schwindelnden Galopp seines Pferdes fortgerissen, nicht mehr versucht, es zu lenken, und der viel näher daran ist, die Knochen zu brechen, als das Ziel zu erreichen. Gaston erreichte in der That das Ziel nicht. Wenn Fortuna auch hie und da ihm wieder lächelte, so verstand er nicht mehr ihre Gunst zu benützen und verlor in seiner Spielwut alles wieder, was er gewonnen hatte. Der Botschafter rettete ihn von einer unausbleiblichen Katastrophe, indem er ihn mit einer Mission nach Paris schickte. Das Duell mit dem Grafen Woresew hatte einen schlechten Eindruck in den höchsten Kreisen gemacht; der Diplomat fand es daher klug, den Herzog für einige Zeit zu entfernen und er erteilte ihm einen dreimonatlichen Urlaub. Dieser Urlaub, den Gaston aus Eigenliebe nie freiwillig gefordert hätte, damit es nicht den Anschein habe, als verließe er besiegt das Schlachtfeld, kam ihm sehr gelegen und er empfing ihn mit großer Freude. Er sah, daß es in Petersburg mit seiner Rolle zu Ende sei und er beeilte sich demgemäß, zu verschwinden, um sich zu sammeln und einen neuen Lebensplan zu entwerfen. Es blieben ihm nur noch fünfzigtausend Franken als letzter Fonds seiner Spielbörse, die eine Zeitlang wahre Schätze geborgen hatte. Mit der Verarmung änderten sich auch seine Gedanken. In dem Taumel seines schwelgerischen Lebens hatte er die Erinnerung an Claire verloren. Jetzt begann er wieder an seine Verlobte zu denken. Der freundliche, stille Salon des Hotels Beaulieu, in welchem Claire geduldig, vielleicht seufzend seiner harrte, erschien ihm plötzlich in seinem früheren Reize, und auch die alte Liebe glaubte er wieder im Herzen zu verspüren. Er schwor, dem fieberhaften, tollen Leben zu entsagen, das ihm so viele bittere Freuden und grausame Sorgen gebracht. Auch der Gedanke, daß, wenn er selbst die Trümmer seines väterlichen Erbes vergeudet hatte, Fräulein von Beaulieu hingegen ein bedeutendes Vermögen besaß, trug nicht wenig dazu bei, ihn in seinen guten Vorsätzen zu bestärken. Mit einmalhunderttausend Franken Renten, ihrer Mitgift, konnte man, wenn man sechs Monate auf den Gütern weilte, während des andern Halbjahres einen standesgemäßen Haushalt in Paris führen. Diese Ideen verliehen ihm neue Thatkraft. Er fühlte, daß er ein anderer Mensch und wieder sanft und gut werden könne. Mit wonnigem Entzücken genoß er diese Rückkehr zu seinen ersten Jugendträumen, und als der Zug in den Glashallen des Nordbahnhofes hielt, begrüßte er freudig und leichten Herzens Paris, von dem entfernt sein Geist und sein Herz sich so schwer verirrt hatten. Es war abends. Wie ein Kind vergnügte er sich damit durch das Wagenfenster auf die lange, mit unzähligen Gasflammen besäte Rue Lafayette hinauszublicken. Das Getriebe der großen Stadt griff ihm mächtig ans Herz. Es schien ihm als hätten die Vorübergehenden in ihrem ganzen Wesen eine ihnen speciell eigene Lebendigkeit und Regsamkeit; der Straßenverkehr war ein höchst geräuschvoller. Beim Faubourg Montmartre geriet er in ein Wagengedränge; die Kutscher schrieen und eiferten gegeneinander und die eiligen Fußgänger glitten dicht unter den Köpfen der Pferde hinweg. Endlich konnte der Wagen weiterfahren, zuerst längs der großen Gartenmauer des Hotel Rothschild hin, dann bog er in die Rue du Helder und plötzlich sah sich der Herzog mitten auf dem Boulevard. Eine heftige Gemütsbewegung erfaßte ihn. In endloser Folge bewegten sich die Kutschenreihen zur Oper. Im Hintergrunde bequemer Landauer erblickte man schöne Frauen in eleganten Ballhüllen, den Kopf mit Spitzenshawls umgeben. Elektrische Sonnen, welche die Fassade des Theaters mit bleichem, weißlichem Lichte übergossen, ließen die Helme der Stadtsergeanten funkeln, die hoch zu Roß unbeweglich inmitten des Platzes hielten. Die Auslagen der Kaufläden hoben sich flammend von den Trottoirs ab, die schwarz von Menschen waren. Es war das bezaubernde Bild der Pariser Nächte, welches sich hier in seiner unwiderstehlichen Gewalt und seiner ganzen Pracht und Fülle entrollte. Ermüdet von der langen Eisenbahnfahrt, begab sich der Herzog sogleich nach seiner Ankunft im Klub in das für ihn reservierte Zimmer und schlief in einem Zuge bis zum nächsten Morgen. Gaston war nicht lange genug von Paris entfernt gewesen, als daß er die süßen Gewohnheiten des Boulevardiers verloren hätte. Er faßte sofort auf dem Asphalt Fuß; der garstige russische Firnis verduftete und er fühlte sich wieder Pariser vom Scheitel bis zur Sohle. Zwei Tage war er trunken von Paris, er fuhr in den Champs Elysées, im Bois spazieren, flanierte im »Hotel des Ventes« umher und wandelte entzückt die kurze Strecke zwischen der Magdalenenkirche und dem Boulevard Montmartre auf und nieder, glücklich mit seinen Bekannten Grüße wechseln und seinen Freunden die Hand drücken zu können. Er besuchte die kleinen Theater und fand die dümmsten Stücke köstlich. Sein inneres Behagen strömte in maßlosem Enthusiasmus über. Im Grunde fühlte er sich wie erlöst, seitdem er Rußland verlassen hatte. Der Bann war gebrochen; nun war er frei und erleichtert atmete er auf. Seine Geschäfte im Ministerium waren in drei Tagen geordnet und er beschloß, zu Ende der Woche abzureisen, um Claire und ihre Mutter zu überraschen. Im Voraus genoß er schon die Freude dieser Ueberraschung, hörte er ihre Freudenrufe. Um ein Königreich hätte er nicht auf dies Vergnügen, unvermutet anzukommen, verzichten mögen. Er hatte einen sehr schönen Verlobungsring gekauft, einen großen Saphir, von Brillanten umgeben. Schon sah er Claire vor sich, wie diese, süß lächelnd, ihm ihren rosigen Finger reichte, damit er selbst ihn mit dem goldenen Reifen schmücke. Und diesmal war es ernst, der Ring war das erste Glied der Kette, die beide bald für immer umschließen sollte. Am Abende vor seiner Abreise bemerkte der Herzog bei der Rückkehr vom Theater eine ungewöhnliche Lebendigkeit im Klub. Er erkundigte sich nach der Ursache und erfuhr, daß im Festsaale eine außerordentliche Vorstellung stattfinde. Ein vornehmes, auserlesenes Publikum war versammelt, um »Die Erziehung der Prinzessin« anzuhören, eine Operette in zwei Akten, komponiert von Jules Trélon, Text vom Herzog von Féras, zwei talentvollen Männern aus den besten Gesellschaftskreisen. Die Darstellung versprach eine sehr glänzende zu werden. Madame Judic gab die Prinzessin unter Mitwirkung einiger adeliger Dilettanten und der ersten Kräfte der Variétés, des Palais Royal und des Gymnase. Man erwartete einen großartigen Erfolg und alle Welt kam gleichzeitig sehr früh an, um einen guten Platz zu erhalten. Das geräumige, mit prächtigen Tapeten geschmückte Vestibule war vom Gemurmel fröhlicher Stimmen, vom Rauschen der seidenen Toiletten, die von ihren Trägerinnen mit graziöser Handbewegung wieder zurecht gebracht wurden, und der warmen, mit den feinsten Parfüms gesättigten Luft erfüllt. Anstatt, wie er beabsichtigte, sich zur Ruhe zu begeben, warf der Herzog seinen Ueberrock einem Lakai zu und folgte der eintretenden Menge. So entscheidet oft ein höchst geringfügiges Ereignis das Geschick der Menschen. Als der Herzog sich entschloß, die Operette anzuhören, ahnte er keineswegs, daß er damit seine ganze Zukunft wesentlich umgestalten sollte. Der Festsaal erglänzte in strahlendem Lichte. Auf den Sesseln hatte Kopf an Kopf die zahlreiche Gesellschaft Platz genommen. Ein buntes Gemisch von Atlas, Samt und Seide, eine Skala der funkelndsten Farbentöne, aus denen das schimmernde Weiß nackter Schultern hervorleuchtete, das Ganze von leisem Schwirren der Fächer wie von zarten Flügelschlägen bewegt. Das Summen der mit flüsternder Stimme geführten Konversation wurde von Zeit zu Zeit lebhafter, sobald irgend eine berühmte Persönlichkeit den Saal betrat. Der Herzog wendete sich einer Gruppe schwarzer Fräcke zu, unter denen er einige Freunde erkannt hatte. In ihrer Mitte thronte Herr Escande, ein junger Notar und künftiger Erbe von Millionen. In tadellos eleganter Kleidung redete er mit wichtigthuender Miene, aber der unerwartete Anblick des Herrn von Bligny schien seine flinke Zunge in ihrer Behausung festzunageln. Verblüfft, mit offenem Munde starrte er den Herzog an, der sich lächelnd näherte. Das plötzliche tiefe Schweigen der Umstehenden wurde durch den Ausruf: »Ach, das ist wirklich jammerschade!« unterbrochen. Diese in betrübtem Tone ausgestoßene Bemerkung kam von einem großen, alten, kahlköpfigen Herrn, mit rotem Gesichte, weit abstehenden, von gelben Haarbüscheln beschatteten Ohren und steifem, durch eine breite weiße Kravatte in die Höhe gehobenem Kinn. Seine Kleidung verriet den ehemaligen Kaufmann; große Diamantenknöpfe prangten an dem Chemisett, während die ausgeschnittenen Lackschuhe weiße Baumwollstrümpfe sehen ließen. Bligny hatte seinen Freunden die Hand geschüttelt und betroffen von dem Schweigen, das ihm sehr beredt erschien, wollte er eben fragen, weßhalb sein Erscheinen den Umstehenden ein so sichtliches Mißbehagen einflöße, als der alte Herr sich an einen der Freunde des Herzogs wendete und ihm, laut genug, um gehört zu werden und eine Weigerung unmöglich zu machen, ins Ohr raunte: »Bitte, lieber Freund, stellen Sie mich dem Herzog vor.« Der Freund zeigte eine verdrießliche und zugleich erstaunte Miene, die sonnenklar zu sagen schien: Was hat denn dieser Kerl wieder für verrückte Einfälle? Nach kurzem Zögern entschloß er sich endlich. »Mein lieber Herzog ... Herr Moulinet ...« »Industrieller,« fügte lebhaft der Mann mit den Diamantenknöpfen hinzu, »ehemaliger Richter beim Handelsgerichte ...« Und mit gerührter Miene der Hand des jungen Mannes sich bemächtigend, fuhr er fort: »Ich habe die Ehre, Herr Herzog, Ihre Familie zu kennen. Fräulein Moulinet, meine Tochter, wurde mit Fräulein von Beaulieu, Ihrer Cousine, im selben Kloster erzogen. Ja, mein Herr, im Sacré-Coeur, dem ersten Erziehungs-Institute von Paris ... Aber für meine Athénaïs war mir nichts zu viel. Das Beste schien mir nicht gut genug für sie ... und ich bitte Sie, zu glauben, daß ich mit großem Bedauern die betrübende Nachricht ...« Seit einem Augenblicke machte Herr Escande sehr sonderbare Bewegungen. Auf die Gefahr hin, sein Hemd zu zerknüllen und den künstlich geschlungenen Knoten seiner Kravatte zu derangieren, gab er mit den Armen telegraphische Zeichen, stampfte mit den Füßen, stieß mehrere »Hm, Hm« aus ... doch vergebens ... Herr Moulinet, der zu sehr in seine Mitteilungen vertieft war, oder absichtlich nicht verstehen wollte – die späteren Ereignisse lassen das letztere vermuten – fuhr in seinen Beileidsbezeugungen fort ... »Verzeihen Sie,« unterbrach ihn der Herzog, die Stirne runzelnd, »ich verstehe Sie nicht ... Sie sprechen von einer betrübenden Nachricht, die unsere Familie berührt und insbesondere Fräulein von Beaulieu betrifft. Ich weiß nicht, was das heißen soll. Wollen Sie gefälligst, ich bitte, sich deutlicher erklären,« Die Aufregung des Herrn Escande erreichte den höchsten Grad und als Moulinet mit gesenktem Kopfe schwieg, als wäre ihm die Antwort peinlich, ergriff der junge Notar das Wort, indem er sich dem Herzog näherte. »Mein Gott, lieber Herzog,« begann er mit feierlichem Tone, »ich bedaure unendlich, daß Sie heute abend und an einem Orte, der sich für eine derartige Mitteilung so wenig eignet, die traurige Thatsache kennen lernen sollen, auf welche Herr Moulinet eben anspielte ... Indes, da Sie dieselbe morgen ohnehin erfahren würden, so zögere ich nicht länger, Sie von dem Vorgefallenen zu unterrichten. Eben als Sie eintraten, hatte ich diesem Herrn hier erzählt, daß ich, heute aus England zurückgekehrt, als erster erfahren habe, daß der Prozeß, den die Familie von Beaulieu gegen die Seitenlinie in England führte, verloren sei, ohne daß eine Appellation möglich wäre ...« Bei dieser unerwarteten Nachricht erbleichte der Herzog. Der Verlust dieses Prozesses, auf den die Marquise so große unzweifelhafte Hoffnungen gesetzt, bedeutete den Ruin Claires. Gaston machte indes eine gewaltsame Anstrengung, um seinen Schrecken zu verbergen und entgegnete mit zurechtweisendem Ton: »Erlauben Sie mir, mein lieber Notar, über die Leichtfertigkeit zu staunen, mit der Sie diesem Herrn hier Mitteilungen machen, welche die Familie von Beaulieu betreffen. Ich dachte nicht, daß die Angelegenheiten der Meinen Stoff böten zur Unterhaltung Unbeteiligter und zu müßigen Klatschereien. Ich wäre Ihnen sehr verbunden, wenn Sie in Zukunft etwas zurückhaltender sein wollten ...« Der junge Notar erbebte bei diesen Worten. Seine Gesichtsmuskeln zuckten vor Aufregung, er schüttelte den Kopf und begann mit verletzter Miene: »Aber mein lieber Herzog, glauben Sie doch ...« »Ich glaube, was ich glauben muß,« unterbrach ihn trocken der Herzog und entfernte sich mit seinen Freunden. Moulinet und Escande, die allein zurückgeblieben, sahen sich eine Weile sprachlos an, dann begann der Industrielle mit sauerm Lächeln: »Stolzes Blut diese Blignys! Sie sind ordentlich abgetrumpft worden, nicht wahr, mein lieber Notar? Und ich habe auch meinen Teil weggekriegt. Liegt übrigens nicht viel daran. Wildes Blut! Wildes Blut! Und dazu ruiniert?« »Bis auf den letzten Heller,« entgegnete verächtlich der Notar, »und das spielt dann den großen Herrn, befiehlt, erteilt Zurechtweisungen. ...« »Und wie ausgezeichnet! Ja, sehen Sie, mein lieber Notar, die Revolutionen können immerhin Gleichheit proklamieren, diese Leute werden uns doch nie als ihresgleichen betrachten. Uebrigens wäre dieser Herzog ein vorzüglicher Gatte für ein reiches Mädchen ...« Die drei mit feierlicher Langsamkeit ertönenden Hammerschlage, welche den Beginn der Vorstellung anzeigen, unterbrachen die Konversation. Escande und Moulinet setzten sich und der Herzog hatte ebenfalls unweit von ihnen Platz genommen. Die Ouvertüre begann. Ein Walzer mit leicht beschwingtem Rhythmus ließ seine süß schmeichelnde Melodie erklingen. Gaston, scheinbar aufmerksam lauschend, war insgeheim mit seinen stürmenden Gedanken beschäftigt. Der Blitzschlag, der das Vermögen des Fräuleins von Beaulieu, seiner Verlobten, getroffen, vernichtete auch seine Zukunft; denn keinen Augenblick, wir müssen es zu seinem Lobe gestehen, dachte er daran, sein Versprechen nicht zu halten. Es kam ihm gar nicht in den Sinn, daß er eine andere als Claire zur Frau nehmen könnte. In seiner Brusttasche trug er das weißsamtene mit den vereinigten Wappen der Beaulieus und Blignys gezierte Etui, das den Verlobungsring umschloß; aber durch sein Wort hielt er sich viel fester gefesselt, als durch das Symbol dieses Goldreifens. Und dennoch! Claire ohne Vermögen bedeutete die Mittelmäßigkeit fürs ganze Leben, die Notwendigkeit, als Landedelmann zu vegetieren, sich wie ein wildes Tier in einem Provinzschlosse zu verbergen, und, aus Furcht vor unnützen Ausgaben, mit niemandem zu verkehren. Das war für den schönen, verführerischen und gesuchten Gaston ein Einsargen in der Vollkraft und im Vollglanze des Lebens. Bitter bereute er nun, ungeheure Summen leichtsinnig vergeudet zu haben. Freilich war dies bloß im Spiele gewonnenes Geld, aber schließlich war es doch Geld und in unserer prosaischen Zeit, wo jeder nur nach seinem pekuniären Werte geschätzt wird, ohne reiche Mittel leben zu müssen, hieß für ihn gar nicht leben. Sodann dachte er gerührt an die Verzweiflung Claires und ihrer Mutter ... noch ahnten sie nichts, da doch dieser Dummkopf von Escande die verhängnisvolle Nachricht erst ganz frisch aus England gebracht. Gaston nahm sich vor, seine Reise zu beschleunigen, um früher bei seinen Lieben einzutreffen, sie zu trösten und den harten Schlag durch seine Gegenwart zu mildern. Inzwischen hatte der Vorhang sich erhoben und zeigte eine blühende Sommerlandschaft. Ein Chor von Schnittern und Schnitterinnen sang nach einer Tanzmelodie: »Schöne Mädchen, singet doch. Und ihr Knaben auch, Eure Sicheln schwinget hoch, Wie's der Schnitter Brauch.« Und als hatte dieser kurze banale Vers ihm einen neuen Ideengang eröffnet, sah er sich plötzlich in Beaulieu unter dem klaren, blauen Himmel eines warmen Sommertages, wahrend auf den nahen Getreidefeldern die Schnitter singend ihre Garben banden. An der Seite des geliebten Mädchens fühlte er sich glücklich in seiner Armut. Es war eine heilige Ruhe und ein süßer Friede nach den stürmischen Kämpfen seines kurzen Weltlebens! Willig überließ er sich dieser Empfindung und sing an, in der Mittelmäßigkeit, zu der ihn Claires Vermögensverlust verdammte, ungeahnte fesselnde Befriedigung vorauszusehen. Auf der Bühne sang die Judic mit ihrer schmeichlerisch süßen Stimme in leidenschaftlicher Glut: »Komm'! All der Größe ich gern entsage, Hinweg vom Hof, hinweg von dem Palaste!« Und mit schelmischem Blicke antwortete der Chevalier Alphonse von Rouflaquette: »Nicht doch! Die Größe schließet nicht die Liebe aus; Bewahre Macht und Reichtum für die Tage, Wo du sie deinem Alphonse bieten magst.« Herr Moulinet, der lang ausgestreckt in seinem Sessel lag, wiegte den Kopf wie ein Bär, der die Flöte blasen hört. Weit entfernt, den Abenteuern der Bühnenprinzessin zu folgen, beschäftigten sich seine Gedanken mit einer andern Prinzessin ... es war dies seine Tochter, die braune Athénaïs. Er sah sie im Kloster als kleines Mädchen mit ihrem zu kurzen Kleide, ihren plumpen Schuhen und roten Händen, mit der eckigen, in voller Entwicklung begriffenen Gestalt und den verschwommenen, undankbaren Zügen. Sie kam zu ihm ins Sprechzimmer, inmitten der andern elegant gekleideten, vornehmen Pensionärinnen, die mit geringschätzenden Blicken die Kaufmannstochter maßen, Papa Moulinet war damals noch nicht reich, hatte noch nicht seine große Schokoladefabrik in Villepint gegründet, noch nicht die im Marktschreierstil verfaßten, auf blaues Papier gedruckten Prospekte erfunden, welche später seine Erzeugnisse bis in die entferntesten Ortschaften Frankreichs verbreiteten. Er verkaufte zu jener Zeit Kolonialwaren en gros und die vornehmen Damen genierten sich nicht, laut ihr Erstaunen darüber zu äußern, daß die Erbin des »Krämers« in dem Pensionate Aufnahme gefunden. Das Echo der kleinen Intriguen der Klasse war bis zu ihm gedrungen, er wußte, mit welcher Arroganz seine Tochter von den adeligen Zöglingen behandelt wurde. Und an der Spitze dieser oppositionellen Koterie stand, wie er sich erinnerte, das stolze Fräulein von Beaulieu. Wie oft hatte er seine Tochter Worte des Zornes und des Hasses gegen ihre Feindin ausstoßen hören. Weinend schwor sie, daß sie sich einstens rächen würde. Und war er nicht heute gekommen, der Tag der Rache, ohne daß man selbst nur die Hand dazu gerührt hätte? Athénaïs Moulinet war heute eine der reichsten Erbinnen von Paris und die hochmütige Claire von Beaulieu ein armes Mädchen ohne Mitgift. Die Tochter des »Krämers«, gekleidet von Worth, vorteilhaft frisiert, umgeben von Luxus, war wie umgewandelt und, beleuchtet von ihrem Millionenschimmer, galt sie heute als eines der schönsten Mädchen der Geldaristokratie. Die Tochter der Marquise hingegen in bescheidener einfacher Kleidung lebt in der Provinz, muß im Dunkel verschwinden und wird – wer konnte es wissen – vielleicht sogar auch auf die seit langen Jahren geplante Verbindung verzichten müssen. Herr von Bligny, ein so glänzender Kavalier, Träger eines so schönen Namens! Wie oft, wenn der junge Herzog mit seiner Tante, der Marquise, ins Sacré-Coeur kam, um Claire zu besuchen, hatte Athénaïs vor Wut gezittert, wenn sie die beiden beisammen sah, denn sie ahnte, daß sie für einander bestimmt seien. Claire sollte Herzogin werden. Und sie, Athénaïs? Sie würde sicherlich irgend einen Notar oder einen Industriellen heiraten und die Mutter gleich ihr gedemütigter Töchter und von oben herab behandelter Söhne werden. Bei diesem Gedanken zuckte ein stolzes Lächeln um seinen Mund. Er lehnte sich zurück, und mit der Hand in eine seiner Taschen fahrend, aus der bald ein leiser Klang durcheinander geworfener Goldstücke ertönte, murmelte er: »Warum denn das? Erlauben es meine Mittel etwa nicht, ihr den Gemahl zu bezahlen, der ihr gefällt?« Er wendete sich mit ernsthafter Miene um und, seine Augen über die glänzende Versammlung gleiten lassend, schien er hier den passenden Schwiegersohn zu suchen. Wer war der Kühne, der seine Athénaïs zurückweisen würde, wenn diese einen Check von unbeschränktem Werte in der Hand hält! War's ein Graf, ein Marquis? Welche Summe war erforderlich, um ihn sich zu verschaffen? Man brauchte sie nur zu nennen. Moulinet konnte ebenso leicht zehn Millionen wie eine geben. »Herbei zur Auktion, ihr Herren, der Vater ist reich genug, für seine Tochter einen Prinzen zu kaufen!« Sein Blick wurde kühn, fast drohend; er irrte flüchtig auf all diesen unbekannten Gesichtern umher und blieb an dem Herzog von Bligny haften. Der junge Mann sah düster genug darein. »Er denkt an seine Cousine,« sagte sich Moulinet, und eine lebhafte Aufregung erfaßte ihn. In welch sonderbaren Ideengang verlor sich nun Moulinet? Gewiß hatte er selber es nicht deutlich anzugeben vermocht; genug, der Beginn eines Projekts keimte bereits in seinem rechnenden Gehirne. Laute Beifallsrufe durchrauschten den Saal. Der Vorhang war gefallen, der erste Akt der Operette war vorüber. Der Herzog hatte sich erhoben und, begleitet von seinen Freunden, schritt er mit gleichgültiger Miene dem Ausgange zu. Moulinet folgte ihm mit den Augen, dann verließ auch er seinen Platz und entfernte sich gleichfalls in derselben Richtung wie die jungen Leute. Die Spielpartie im ersten Stocke ließ sich durch das Fest nicht stören und die für das Spiel reservierten Säle blieben ruhig und schweigsam. Nur hie und da drang ein Refrain der Operette wie ein leises Gesumme zu den Ohren der Spieler. Nichts vermochte indes, sie zu zerstreuen. Sie wußten gar wohl, daß man unten sich belustige; aber was lag ihnen daran? Ihr Vergnügen war an diesen Tisch in Hufeisenform gefesselt, unter den glühenden Gasflammen, welche ihr Gehirn austrockneten. Elegant geschmückte Frauen in duftenden frischen Toiletten hatten sich wie ein Blumenstrauß um die Spielenden gruppiert, doch sie wurden von ihnen kaum beachtet. Die Coeur- und Pikdame erschien ihren Augen weit anziehender. Unempfindlich gegen die Reize des Festes, gegen den Klang der Musik und des Gesanges fuhren sie in der drückenden, entnervenden Hitze des Saales fort, Geld über den grünen Tisch rollen zu lassen. Mechanisch war der Herzog nach dem Spielsaal geschritten, absichtslos hatte er seinen Weg dem Zufalle überlassen. Oder war es sein Geschick, das ihn nach so heldenmütigen Vorsätzen wieder an den Rand des grünen Tisches führte? Der Banquier hatte eben sein: »Messieurs, faites votre jeu!« gerufen. Der Herzog zog ein Tausendfrankenbillet aus der Tasche und ließ es nachlässig auf den Tisch fallen. Er gewann. Ueberrascht, daß der Erfolg sich ihm neuerdings zuwende und neugierig, ob sein Glück auch anhalten würde, setzte er sich nieder. In demselben Augenblicke betrat Moulinet den Spielsaal. Es war das erste Mal, daß er den Fuß hiehersetzte, denn er verabscheute aus Princip das Hazardspiel und wollte nur durch Geschicklichkeit das Glück errungen wissen. Er näherte sich dem Tische, und das Tausendfrankenbillet des Herzogs erblickend, legte er ernsthaft ein Zehnfrankenstück daneben. Moulinet wünschte offenbar das Recht zu haben, den Herzog beobachten zu dürfen, und da er nicht unbescheiden scheinen mochte, erkaufte er sich durch das Spiel dieses Recht. Moulinet war eben ein Mann, der im gegebenen Fall Konzessionen zu machen wußte. Das Spiel dauerte fort, doch das Glück hatte sich gewendet. Es schien, als hätten die zehn Franken des tugendhaften Industriellen den Zauber gebrochen. Bligny erbleichte, und neuerdings von seiner Leidenschaft erfaßt, wagte er wütend seine letzten Bankbillette: Moulinet, der den Spielgewinn verachtete, fuhr fort, zehn Franken zu setzen. Als gegen Tagesanbruch das Spiel aus Mangel an Spielern endete, hatte der Herzog vierzigtausend Franken verloren, während Herr Moulinet, befriedigt über das Geschick des Verlobten des Fräuleins von Beaulieu, schon lange fest und ruhig in seinem prächtigen Hotel auf dem Boulevard Malesherbes schlief. Zu derselben Stunde, als Gaston seinem Vorsatz gemäß den Frühzug besteigen sollte, um nach Beaulieu zu fahren, begab er sich mit ausgehöhltem brennenden Kopfe auf sein Zimmer und, am Fenstergeländer lehnend, sah er den Straßenkehrern zu, die eben ihr Tagwerk begannen. »Ich habe mir heute nacht eine Dummheit zu schulden kommen lassen,« rief er, »aber diesen Abend reise ich ab. Zum Teufel mit dem Baccarat!« Er kleidete sich um, stieg hinab und ließ sich in das Bois de Boulogne fahren. Abends reiste er nicht ab, sondern kehrte zum Spieltische zurück. Während dieser Zeit erwartete Claire, unerschütterlich in ihrem Vertrauen und unwandelbar in ihrer Liebe, die Rückkehr ihres Verlobten. Fünftes Kapitel Am Abend des Tages, an dem Herr Bachelin die beiden gleich schlechten Nachrichten von dem Verluste des Prozesses und der Rückkehr des Herzogs nach Paris ins Schloß gebracht hatte, saß die Marquise, noch ganz betäubt von dem schweren Schlage, auf ihrem Zimmer und überdachte die Ereignisse, deren schmerzliche Eindrücke sich auf ihrem Gesichte deutlich verrieten. Der Marquis, der hastig eintrat, entriß die gute Frau ihren traurigen Betrachtungen. Erschreckt blickte sie auf ihren Sohn, als erwartete sie, ein neues Unglück zu erfahren. Aber da sie Octave mit ruhigen Augen und lächelndem Munde sah, atmete sie erleichtert auf. »Was gibt es denn, mein Kind?« »Ich melde dir die glückliche Ankunft unseres Cousins von Préfont,« antwortete der junge Mann. »Der Wagen fährt soeben in den Schloßhof.« In der That vernahm man durch die stille Abendluft das Knirschen der Räder auf dem Kiessande. Die Marquise hüllte rasch ihre fröstelnden Glieder in einen warmen Shawl und eilte ihren Gästen entgegen. Der Wagen, einen kunstgerechten Halbkreis beschreibend, hatte eben vor dem Portale angehalten, am Wagenfenster erschien ein lachender Frauenkopf, auf dem ein rundes, mit Straußenfedern garniertes Hütchen saß, und während eine in schwedisches Leder gekleidete Hand lebhaft winkte, rief eine frische, sonore Stimme: »Ah, guten Tag, grüß euch Gott!« Eine seidenwogende Flut, die einen kleinen Lederstiefel und ein reizendes, von einem grauen Seidenstrumpf umhülltes Bein auf dem Kutschentritt erblicken ließ, entstieg mit außerordentlicher Beweglichkeit dem Wagen und die Baronin Préfont in eigener Person sprang in die Arme der Marquise, küßte sie, und rief mit atemloser Stimme: »O, liebe Tante, wie freue ich mich! O, meine gute Tante! Es ist schon so lange her... Und ihr, meine Lieben...« Flugs hing sie schon wieder am Halse des Fräuleins von Beaulieu und erneuerte ihre stürmischen Liebkosungen, begleitet von zärtlichen Worten: »Meine teure Claire! Es scheint mir, als wäre es ein Jahrhundert!« Dann ging sie ohne Säumen zu Octave über, dem sie beide Wangen zum Kusse reichte, worauf sie mit ihm ein paar derbe Shakehands à l'anglaise wechselte und in einem fort lachend, teilte sie im Nu dem Schlosse und seinen Bewohnern ihre übersprudelnde fröhliche Laune mit. Plötzlich ernst geworden, schrie die Baronin: »O, mein Gott! Und mein Gemahl?« Dabei drehte sie sich suchend nach allen Seiten um. »Habe ich vielleicht meinen Mann verloren?« Eine sanfte Stimme antwortete: »Hier bin ich, meine Liebe; ich erwartete nur geduldig das Ende Ihrer Herzensergießungen, um nun meinerseits die Damen begrüßen zu können.« Und aus dem Schatten heraustretend, erschien ein junger Mann von ungefähr dreißig Jahren in elegantem Reisekostüme und näherte sich mit ruhig lächelnder Höflichkeit der Marquise und Claire. »Nun! so grüßen Sie doch endlich!« fing die mutwillige Baronin ungeduldig wieder an. »So, nun ist's geschehen. Jetzt, mein Lieber, wollen Sie die Güte haben, das Ausladen meines Gepäckes zu überwachen. Besonders empfehle ich Ihrer Sorgfalt den großen, schwarzen Koffer, in welchem sich meine Hüte befinden; Sie haften mir dafür mit Ihrem Kopfe.« »Neunzehn Kolli! Dreihundert Kilo Uebergewicht!« sagte der Baron mit resigniertem Lächeln zu Octave. Die Damen traten in den Salon. Die Baronin, sich zu der Marquise neigend, flüsterte in ihrer Geschwätzigkeit, indem sie die Augen zum Himmel erhob: »Ah, liebe Tante, was für schreckliche Dinge haben wir Ihnen zu erzählen! ...« Hierauf drückte sie ihr zärtlich die Hand und fuhr mit gerührter Stimme fort: »Sie wissen, wie sehr wir Sie lieben, und daß nichts, was Sie berührt, uns gleichgültig ist...« Und als Frau von Beaulieu unruhig auf Claire blickte, welche aufmerksam geworden war und zu lauschen anfing, fügte sie rasch hinzu: »Ja, ja, ich weiß. ... Nun, mein Mann wird Ihnen schon alles sagen.« Dann eilte sie rasch auf Claire zu und, wie um den Eindruck ihrer unklugen Worte zu verwischen, fing sie mit gewohnter Zungenfertigkeit von etwas Anderem zu plaudern an. »Wir reisen in die Schweiz, du weißt es doch? ... Aber wir wollten nicht so nahe an Beaulieu vorbei, ohne euch gesehen zu haben. Wir bleiben einige Tage hier, dann fahren wir zu Wagen weiter, durch das Defilé von Verrières... Ach! unsere arme Ostarmee! Der Baron wurde bei dem letzten Treffen mit den Badensern des fürchterlichen Werder verwundet... Ihr wisset doch... O, diese Reise ist für mich eine Wallfahrt ... Mein Mann hat sich dazumal als Held benommen ... Von zweihundert Mann seiner Kompanie ... Ach! die armen Jungen sind im Schnee erfroren... hat er nur achtzig zurückgebracht, . . Und er wurde nicht einmal dekoriert! ... Es ist wahr, wir sind Legitimisten. O, meine Freunde! Diese Regierung, wie entsetzlich! ... Glaubt man hier, daß Gambetta sich entschließen wird, das Ministerium zu übernehmen? ...« Und dabei trippelte die Baronin hin und her, lachend, gestikulierend, schwätzend wie ein Papagei, und mit verblüffender Ideengelenkigkeit und staunenswerter Mannigfaltigkeit der Ausdrucksweise von einem Gegenstande zum andern übergehend. Ein lebendes Kaleidoskop, das jeden Moment seine Bilder und Farben wechselt. Die Marquise und Claire hörten erstaunt und fast betäubt zu. In der Stille des einförmigen Landlebens waren beide um vieles ernster und ruhiger geworden, so daß die übersprudelnde Lebhaftigkeit der kleinen Pariserin mit ihren geräuschvollen Allüren ihnen fast ein Gefühl des Schwindels verursachte. Ohne eine Antwort auf ihre Frage abzuwarten, durchschritt die Baronin den Salon und blieb bei einem Fenster stehen. Das Thal lag bereits in tiefes Dunkel gehüllt, nur im Hintergrunde flammten die Schornsteine der Hochöfen des Hüttenwerkes, leuchtende Feuergarben in die Finsternis emporschleudernd. Mit kindlicher Bewunderung in die Hände klatschend, rief sie: »O, wie schön, wie herrlich ist doch die Natur! ... Man glaubt eine Operndekoration vor sich zu sehen! ... Wie glücklich seid ihr, inmitten dieser Wiesen und Wälder leben zu können! Ach! Diese beneidenswerte Existenz und wie gut man sich dabei erhält! ... Sehen Sie einmal mich an und vergleichen Sie mich mit Claire. Wir sind gleichen Alters und doch sehe ich aus, als wäre ich ihre Mutter. Das sind die Strapazen der Bälle, der Diners, der Besuche, des Theaters, das Entnervende des Pariser Lebens überhaupt, wovon man so rasch dahinwelkt. Welche Arbeit all' diese Vergnügungen! – Sie lächeln, Tante? Sie wollen sagen, daß wir dies unterlassen und auch einige Monate auf unsern Gütern in der Bourgogne verleben könnten. Gewiß! Aber wie ist das möglich? Ein Gelehrter, wie mein Mann, findet geistige Anregung nur in der Stadt. – Er besucht wissenschaftliche Vereine und die Akademie. ... O, mein Gott, die Akademie! ... Und dann ich, ich habe tausend Verpflichtungen, von denen ich mich nicht lossagen darf, Beziehungen zu erhalten, Wohlthätigkeitsvereine zu leiten. Und schließlich meine Tochter – ich kann sie doch nicht immer mit ihrer Gouvernante allein lassen. – Hat man dann zwei Monate im Seebade, zwei Monate auf Reisen, zwei Monate in Nizza zugebracht, wie viel Zeit bleibt dann noch übrig? O, ich bin ganz erschöpft. – Wollen wir uns nicht niedersetzen?« Wie ein Wirbelwind schlüpfte sie zwischen Frau von Beaulieu und Claire hindurch und nahm von der großen Bergère der Marquise Besitz. »So, jetzt erzählt mir etwas von euch! Was treibt ihr hier? Wie vergeht euch die Zeit? Und Octave? Und euer Nachbar, der Hüttenbesitzer? ... Seht ihr, ich erinnere mich an alles, was ihr mir geschrieben habt. O, mein Gott, was würde auch aus einem werden, wenn man nicht ein bißchen Kopf hätte?« Dabei machte sie sich's in dem großen Lehnstuhl recht bequem, und indem sie die Augen langsam schloß, bereitete sie sich vor, ihrer Tante und ihrer Cousine zuzuhören. Doch, fast ohne jeden Uebergang, wie ein Singvogel, dessen letzter Triller kaum verhallt ist, unmittelbar darauf am Rande des Nestes einschläft, ließ auch die von der Reise ermüdete Pariserin nach kurzem Stillschweigen ihr schweres Köpfchen auf die spitzenbedeckte Lehne zurücksinken und die regelmäßigen Atemzüge, die ihren halbgeöffneten Lippen entströmten, zeigten, daß der Schlaf sie übermannt hatte. Die Marquise und Claire tauschten ein wohlwollendes Lächeln, nahmen eine Stickerei zur Hand und erwarteten still das Erwachen der reizenden, noch so ganz Kind gebliebenen jungen Frau. Die Baronin Sophie von Préfont – welche Ironie! Sophie der Name der Weisheit, diesem Brausekopf gegeben – war die Nichte des Marquis von Beaulieu. Sie wurde mit Claire im Kloster erzogen und gehörte gleichfalls zu der adeligen Partei, die sich so schroff gegen die kleinen Bürgerlichen benahm. Auch sie kannte die Erbin Moulinets. Engelguten Herzens, aber vogelleichten Sinnes war es ihre Lebensaufgabe, mit ihrer Güte das durch ihren Leichtsinn verschuldete Böse auszugleichen. Sie hatte nicht wenig zu dem Hasse beigetragen, den Athénaïs gegen Fräulein von Beaulieu hegte. Sie war es, die gleich am ersten Tage für Fräulein Moulinet den Beinamen »kleine Cacao« erfand. Und als es einst zwischen den dreizehnjährigen Schülerinnen zu einem Handgemenge kam, da war es hingegen Claire, die als die größte und vernünftigste dem Streite Einhalt gethan. Doch Athénaïs fühlte sich gegen die Vermittlerin noch mehr aufgebracht, als gegen die Angreiferin. Auch war Fräulein von Beaulieu eine gar zu imponierende Erscheinung. Sie war sozusagen die Verkörperung der Aristokratie, die der kleinen Moulinet das Leben so sauer machte, und eben durch diese Ueberlegenheit erregte sie zumeist den Groll des verachteten Kindes. In Wirklichkeit hatte Fräulein von Beaulieu Athénaïs nie irgend etwas böses zugefügt, aber ihre beiden Naturen bildeten eben den ausgeprägtesten Kontrast. Alles an dieser Patricierin beleidigte und verdroß die Bürgerliche: die weißen Hände, die Eleganz und geschmackvolle Einfachheit der Toilette bis zu dem Briefpapier mit dem vergoldeten Monogramm und den Handschuhen, welche Fräulein von Beaulieu in den Erholungsstunden trug. Claire und ihre Freundinnen duzten einander. Athénaïs wollte auch mit allen auf du und du sein – darob gewaltiger Streit in dieser Welt en miniature. Sophie d'Hennecourt – so hieß die Baronin mit ihrem Mädchennamen – wollte diese Vertraulichkeit sich durchaus nicht gefallen lassen und sagte stets »Sie« zu der Tochter des Schokolade-Fabrikanten. Claire lachte über diese Kindereien und ließ sich dadurch nicht abhalten, Athénaïs gleichfalls zu duzen, doch diese erblickte in der Willfährigkeit Claires nur einen Schimpf. Die feindselige Gesinnung der kleinen Moulinet entging Claire keineswegs, doch that sie, als ob sie keinerlei Gewicht darauf lege, und vielleicht unbewußt, offenbarte sie eben dadurch ihre Geringschätzung für Athénaïs. Zwischen Fräulein d'Hennecourt und der kleinen Cacao wurde der Krieg unaufhörlich und erbittert fortgesetzt. Eines Tages erschien Sophie mit einer Düte Schokoladebonbons und allen Freundinnen davon anbietend, näherte sie sich auch mit zuvorkommender Miene Athénaïs: »Ist Ihnen ebenfalls gefällig?« sagte sie, süß lächelnd. »O, Sie können es schon wagen, es kommt nicht aus Ihrem Hause,« Athénaïs erbleichte vor Wut, entriß ihrer Gegnerin die Düte und warf sie mit einer Gewalt durchs Fenster, daß die Scheiben klirrend zu Boden fielen. Es entstand eine Prügelei, in deren Verlauf die kleine Moulinet, gewaltsam zurückgedrängt, an der zerbrochenen Scheibe sich die Hand verletzte. Aus Zorn und vor Schrecken, ihr Blut fließen zu sehen, sank Athénaïs bewußtlos zu Boden. Einer plötzlichen Eingebung ihres guten Herzens folgend, umarmte Sophie die Kleine und klagte sich laut weinend als die Urheberin des Unfalles an. Von diesem Tage an wechselte die Scene. Athénaïs stellte sich offen an die Spitze der bürgerlichen Partei und die Schule zerfiel in zwei Lager: die Adeligen auf der einen, die Reichen auf der andern Seite. Die Kinder wuchsen heran und ihre Zwistigkeiten nahmen ein gemäßigteres, gleisnerisches Wesen an, welches bereits die Kenntnis der gesellschaftlichen Formen verriet. Sie zerkratzten sich nicht mehr die Hände, sondern verwundeten sich desto grausamer mit Worten. Claire, mit ihrem stolzen hochfahrenden Wesen, nahm an diesen Plänkeleien keinen Anteil, doch wurde sie darum nicht minder verabscheut. Zwischen ihr und Athénais hatte sich ein stummer Kampf entwickelt. Fräulein Moulinet war die erklärte Gegnerin des Fräuleins von Beaulieu, und in der That, die beiden Rivalinnen standen sich mit gleichen Kräften gegenüber. Inzwischen erwarb Papa Moulinet ein sehr großes Vermögen. Man sagte, die Chemie der Nahrungsmittel habe ihn ein Verfahren gelehrt, welches seine Schokolade zwar ihres Nährwertes beraubte, jedoch ihm jährlich enorme Summen einbrachte. In der Pariser Welt fing man bereits an, mit ihm als einen Mann von finanziellem Wert zu rechnen; er wurde zum Schiedsrichter beim Handelsgerichte ernannt und seine Freunde hielten ihn für eine bedeutende Persönlichkeit. Moulinet war stolz auf seinen Geldsack und blieb stets derselbe gewöhnliche, aber durchaus nicht bösartige Mensch. Er war imstande, jemand eine Gefälligkeit zu erweisen, doch natürlich stets unter der Bedingung, daß sein Interesse dabei nicht zu kurz kam. Da er sehr ehrgeizig war, bemühte er sich eifrig, den Kreis seiner Beziehungen zu erweitern und seine Gesellschaft sorgfältig auszuwählen; er sah niemals hinab, sondern hielt den Blick unentwegt nach oben gerichtet. Auf diese Weise war er, stetig emporsteigend, zur Höhe gelangt. Mit sechzehn Jahren verließ Athénais das Kloster und ihre Mitschülerinnen sahen sie fortan nur Sonntags im Bois de Boulogne in der prächtigen Equipage ihres Vaters. Einige Monate später kehrten auch Claire und Sophie ins elterliche Haus zurück, und der Krieg endete aus Mangel an Feinden. Die Feindseligkeit blieb jedoch im Herzen der Tochter Moulinets sehr lebendig und sie verfolgte neidisch das glänzende Leben ihrer Rivalinnen. In der Oper blickte sie aus ihrer Loge im zweiten Rang, die ihr Vater nur mit großer Mühe sich verschaffen konnte, mit gehässigen Gefühlen auf die Logen im ersten Range, wo Fräulein von Beaulieu in ihrer strahlenden blonden Schönheit an der Seite des Fräuleins von Hennecourt thronte, und wo während der Zwischenakte ein unaufhörliches Kommen und Gehen der elegantesten Kavaliere stattfand, indes bei Moulinet sich niemand blicken ließ. Athénaïs sagte sich mit Bitterkeit: Von diesen glänzenden Kavalieren wird sicherlich einer Claire heiraten. Indessen war es Sophie, die zuerst zum Altare ging. Die Trauung fand in der Kirche St, Augustin mit großem Pompe statt. Athénaïs ward nicht geladen, doch behaupteten einige von den ehemaligen Schulgefährtinnen, sie verschleiert im Schatten eines Pfeilers bemerkt zu haben. Nach der Verheiratung Sophiens und der Abreise des Herzogs nach Petersburg lebte Claire sehr zurückgezogen und seit sechs Monaten war sie sogar von Paris abwesend. Das Andenken an Athénaïs war vollständig erloschen, und als sie die in der Bergère friedlich schlummernde Baronin betrachtete, dachte sie keineswegs an die Zwistigkeiten, zu denen das leichtfertige Benehmen dieses reizenden Tollkopfes ehemals Veranlassung gegeben. Das Oeffnen der Salonthüre weckte die Baronin aus ihrem Schlummer. Sie sah ihren Gemahl und Octave eintreten, und rasch wieder auf den Füßen, rief sie mit ihrem augenblicklich wiedergewonnenen Frohsinn: »O, mein Gott, ihr habt mich einschlafen lassen. Man ist also hier wie Dornröschen in einem verzauberten Schlosse? Kaum angekommen, muß man die Augen schließen. Aber wo ist der erlösende Prinz? Sollten Sie es sein, Baron? Nein, es ist Octave! Liebe Tante, verzeihen Sie ... Die Landluft trägt daran alle Schuld. Sie hat mich ermüdet. Man ist in Paris an eine so kräftige Luft nicht gewöhnt.« »Das ist bloß der erste Eindruck,« sagte die Marquise, »morgen hast du dich bereits acclimatisiert.« Der Baron näherte sich seiner Frau mit ruhigem Ernste. »Liebes Kind,« sagte er, »ich habe soeben deine Befehle ausgeführt. Das Gepäck ist abgeladen und das ganze Schloß damit verbarrikadiert.« »Sehr wohl,« erwiderte die Baronin mit der Miene einer zufriedenen Königin. »Wünschest du nicht deine Zimmer zu sehen?« fragte Claire ihre Cousine. »Oh, sehr gern,« antwortete die junge Frau, und einen Blick des Einverständnisses mit ihrem Manne wechselnd, ergriff sie Octaves Arm, um sicher zu sein, daß auch er das gewünschte tête-à-tête ihres Mannes mit der Marquise nicht stören würde, und ein Liedchen trällernd, entfernte sie sich in Begleitung Claires und Octaves. Im Salon dunkelte es bereits. Der Baron war ernst und gesammelt und ging schweigend auf und nieder, während die Marquise gedankenvoll vor sich hinstarrte. Das Feuer, das sie des kühlen Oktoberabends wegen befohlen hatte, knisterte in dem weiten Kamin von rosenrotem Granit und warf mit seinen lodernden Flammen bewegliche Schatten auf die Zimmerdecke. »Wohlan, mein lieber Neffe,« begann die Marquise, »Sie wollten mich allein sprechen? Ich ahne, um was es sich handelt, und Sie sehen mich tief bekümmert.« »Es ist auch in der That eine traurige Sache,« erwiderte der junge Mann», »und die Achtung, deren sich unser Stand erfreut, wird durch diesen Fall nicht erhöht. Mein Gott, wenn einer der unsrigen seiner Pflicht nicht nachkommt, so fällt die Schmach des verübten Unrechts auf alle seine Ranggenossen zurück. Wir besitzen nur noch einen Vorzug vor den andern Klassen der Gesellschaft: das ist das treue Festhalten an dem gegebenen Worte. Man sagt wohl noch sprichwörtlich: ›Auf Edelmannes Wort‹. Aber gar bald, wenn man sieht, daß auch wir unser Versprechen ebensowenig halten wie der erste beste – gar bald wird man uns auch diese Achtung nicht mehr zollen und damit wird unser Nimbus vollends verschwunden sein.« Eine Thräne glänzte in den Augen der Marquise. »Sagen Sie mir alles,« bat sie, »verbergen Sie mir nichts. Dank der Umsicht meines Notars weiß ich bereits, daß der Herzog von Bligny seit sechs Wochen in Paris weilt.« »Ah, wirklich, Tante, Sie wissen dies alles?« erwiderte mit Bitterkeit der Baron. »Und wissen Sie auch, daß der Herzog im Begriffe ist, zu heiraten?!« »Zu heiraten!« schrie die Marquise auf und mit todesbleichem Antlitz erhob sie sich von ihrem Sitze. »Ja, meine gute Tante, verzeihen Sie mir die herbe Offenherzigkeit, womit ich Ihnen so rasch diese Mitteilung machte, aber ich glaube, daß es in solchen Fällen am besten ist, geradeaus aufs Ziel loszugehen.« »Zu heiraten,« wiederholte langsam die Marquise. »Der Herzog that das Möglichste, daß die Nachricht nicht bekannt werde,« fuhr der Baron fort, »allein sein Schwiegervater, ein Bürgerlicher der alltäglichsten Art, wie es scheint, war weniger diskret. Er jubelt, der gute Mann! Seine Tochter, denken Sie, seine Tochter ... Herzogin –! Die Geschichte wurde mir von Casteran, einem intimen Freunde Blignys, erzählt, der genau weiß, wie sich der Handel zugetragen, und ich bedauere tief, Ihnen, beste Tante, gestehen zu müssen, daß es nichts Kläglicheres geben kann. Der Herzog, kaum aus Petersburg zurückgekehrt, ließ sich in seinem Klub zum Spiele hinreißen. Vom Glücke scharf mitgenommen, war er mit seinen ohnehin mageren Hilfsquellen bald zu Ende und er mußte seine Zuflucht zu den reichen Fonds der Klubkasse nehmen, In seiner maßlosen Leidenschaft fuhr er fort, so hoch zu spielen, daß seine Differenzen sich in einer Woche auf zweimalhunderttausend Franken beliefen. Es scheint, als hätte sein Mißgeschick ihm vollständig den Kopf verdreht, denn er warf sich blindlings in den Kampf. In zwei Abenden gewann er wieder alles zurück, doch spielte er weiter, verlor wieder und blieb schließlich mit zweimalhunderttausend Franken hängen.« »Das ist eine bedeutende Summe,« meinte die Marquise. »Um so bedeutender, als Gaston keinen Sou besaß, diese Summe zurückzahlen zu können. Bekanntlich müssen derartige Schulden binnen vierundzwanzig Stunden bei Strafe des Ausschlusses aus dem Klub und der Veröffentlichung gedeckt werden und die Lage des Herzogs war daher eine äußerst kritische. Freilich hätte er sich an die Familie wenden können. Obgleich wir kein flüssiges Vermögen besitzen, so hätten wir ihm dennoch einen Teil der Summe verschafft und für den Rest hätte man einen Aufschub erlangen können. Gaston dachte nicht daran oder wollte vielmehr nicht daran denken, denn Casteran hatte es ihm wohl geraten. Der Unglückliche verschloß sich in sein Zimmer und überließ sich den traurigsten Betrachtungen. Er sah seine sociale Stellung gefährdet und auch seine Zukunft ernstlich bedroht. Da war's, wo die Vorsehung sich ins Mittel legte in Gestalt seines zukünftigen Schwiegervaters, den Gaston, wie man mir versicherte, nur ein einziges Mal bei einer Theatervorstellung flüchtig gesehen hatte. Der gute Mann schritt entschlossen auf sein Ziel los und hielt dem Herzog ungefähr folgende Rede: »›Herr Herzog, Sie schulden zweimalhunderttausend Franken und müssen dieselben im Laufe des Tages sich verschaffen, was Ihnen nicht gelingen wird.‹ »Und als der Herzog erzürnt eine derartige Unterredung mit einem Unbekannten abbrechen wollte, erwiderte der Alte kurz und bündig: »›Diese zweimalhunderttausend Franken, ich bringe sie Ihnen. Ich besitze ein ungeheures Vermögen und will nicht, daß man sagen könne, ein Mann, wie ich, der seiner Tochter zehn Millionen zur Mitgift gibt, habe wegen armseliger zehntausend Louisdor eines der edelsten Adelsgeschlechter unseres Landes preisgeben lassen.‹ Das ist stark, Tante, nicht wahr? Freilich kann ich Ihnen den Wortlaut dieser entscheidenden Unterhaltung nicht verbürgen, vielleicht hat Casteran etwas übertrieben, indes mir wurde der Vorgang so erzählt. Genug, Bligny ließ sich von dem rettenden Antrage blenden. »Er tauchte vorsichtig zuerst nur mit einem Finger in die offene Kasse seines unerwarteten Wohlthäters, nach und nach folgte die ganze Hand und blieb schließlich samt dem Herzogstitel drin. So kam Bligny zu einer Braut.« Die Dunkelheit war plötzlich hereingebrochen und kaum vermochte der Baron noch den stolz zurückgeworfenen Kopf der Marquise zu unterscheiden, da sah der junge Mann plötzlich ein weißes Tuch vor dem Gesichte seiner Tante und merkte an einem schlecht verhehlten Schluchzen, daß sie weinte. Er näherte sich ihr, ließ sich auf ein Tabouret zu ihren Füßen nieder und ergriff zärtlich ihre Hand, fand jedoch kein Wort des Trostes für diesen gewaltigen Schmerz, der mächtiger war als der Stolz. »Es ist vorüber,« sagte langsam die Marquise, »ich war nicht gleich Herrin meines Kummers; ich gestehe, so schwer getroffen zu sein, daß ich meine Thränen nicht zurückhalten konnte. Ich habe Gaston wie einen zweiten Sohn geliebt! Er ist von meinem Blute und alles Böse, das er sich zu schulden kommen läßt, berührt mich doppelt schmerzlich. Er war ein so gutes Kind, besaß ein so edles, großmütiges Herz, daß ich diese Veränderung nicht zu begreifen vermag. Konnte die Welt das Erziehungswerk langer Jahre in wenig Monaten so gänzlich vernichten? Wie sorgsam, wie zärtlich habe ich ihn behütet und wie belohnt er mich dafür! Oh, der Undankbare, der Undankbare!« Tief gerührt hatte der Baron mechanisch eine der Elfenbeinnadeln ergriffen, mit denen die Marquise Häubchen für arme Kinder strickte, und mit erzürnter Hand durchbohrte er eifrigst einen großen, grauen Wollknäuel. Nachdem die Marquise ihre Selbstbeherrschung wieder gewonnen, trocknete sie ihre Thränen und sagte mit fester Stimme: »Das Wichtigste ist nun, daß wir Claire gegenüber die schonendste Vorsicht gebrauchen. Sie wissen, wie stolz und leidenschaftlich sie ist. Sie gleicht ganz ihrem Vater; ein Herz von Gold, aber ein Kopf von Eisen. Der verräterische Schlag trifft sie im Gefühle vollster Sicherheit, denn heute erst sprach sie mit mir von dem Herzog und nicht einen Augenblick zweifelte sie an ihm. Niemals kam ihr die Idee, daß Gaston an eine andere Frau denken könnte. Sein Schweigen und seine Zurückhaltung legt sie den Anforderungen seiner Stellung zur Last. Bei ihrem hochherzigen offenen Charakter erwartet sie auch von andern Großherzigkeit und Offenheit und auf ein Gemüt, wie das ihrige, kann eine derartige Enttäuschung sehr schädlich einwirken.« »Aber, liebe Tante, sind Sie nicht der Ansicht, daß man erst versuchen sollte, Bligny zur Erfüllung seines Versprechens zu bewegen? Gaston hat sich hinreißen lassen ... Indem man ihm die ganze Tragweite des Fehlers, den er begehen will, vorhält, kann man ihn vielleicht auf den rechten Weg zurückführen. Wenn Sie es wünschen, so will ich den Versuch wagen.« »Nein,« entgegnete die Marquise hoheitsvoll. »Wir gehören nicht zu denen, die sich demütigen und bitten. So traurig unsere Lage auch sein mag, so ist sie doch eine würdevolle und ich mag sie nicht ändern. Ich werde meiner Tochter so lange die traurige Wahrheit verbergen, bis die Verlobung des Herzogs mit seiner neuen Braut unwiderruflich geworden ist; denn,« fügte sie bitter lächelnd hinzu, »bei einem so launenhaften Manne, wie der Herzog von Bligny, kann man für nichts gutstehen und vielleicht wird er nochmals wechseln.« »Wie es Ihnen beliebt,« versetzte der Baron. »Ich kann Ihre Handlungsweise nicht tadeln und, um die Wahrheit zu sagen, erwartete ich, Sie so sprechen zu hören. Komme nun, was da wolle; die Sympathie der Welt ist auf Ihrer Seite. Und sollten Sie im Geheimen Thränen vergießen, vor der Oeffentlichkeit können Sie mit ruhigem Antlitz erscheinen. Bei Bligny wird dies nicht der Fall sein.« Flüchtige Tritte, von fröhlichem Stimmengewirre begleitet, ertönten auf der Steintreppe. Sorglos und lachend stiegen Octave und Claire mit der Baronin hinab, die durch den Frohsinn der jungen Frau in die heiterste Laune versetzt waren. Die Salonthüre wurde rasch geöffnet und wie eine Lawine stürzte die mutwillige Baronin mit Octave und Claire in das dunkle Zimmer. »O du mein Gott! Ihr seid ohne Licht! Da ist's ja schauerlich!« schrie sie. »Man könnte glauben, in einer Gruft zu sein, so abscheulich finster, daß man sich nicht sprechen hört... Liebe Tante, Sie verhätscheln uns gewaltig. Der Baron und ich haben die schönsten Gemächer des Schlosses – wir werden uns hier bald so wohl fühlen, daß wir gar nicht mehr werden fortreisen wollen.« »Desto besser, mein liebes Kind! Aber ich denke, die Reise wird euch Appetit gemacht haben; mir wollen zum Diner gehen.« Als ob die Worte der Marquise gehört worden waren, öffneten sich im selben Augenblicke die hohen Flügelthüren des Speisesaales, eine Lichtflut erglänzte auf dem mit kostbarem Porzellan und massivem Silbergerät reich geschmückten Buffett und ein Diener meldete mit ernster Stimme: »Madame la Marquise est servie.« Sechstes Kapitel Am Tage nach der Ankunft des Barons und der Baronin von Préfont in Beaulieu erschien Philipp Derblay, von seiner Schwester begleitet, im Schlosse. Er kam gerade zur rechten Zeit, um der Baronin wieder etwas Interesse am Landleben einzuflößen, das sie schon heute entsetzlich langweilig gefunden hatte. Unter einem großen Zelte von grau- und rotgestreifter Leinwand sitzend, überließen sich die Schloßbewohner dem Zauber eines schönen Herbsttages, diesem letzten Lächeln der Saison, die sich schon zum traurigen Erstarren bereitet. In den Gebüschen des Parkes zwitscherten die Vögel, getäuscht durch die warmen Sonnenstrahlen, so hell und lustig wie im Sommer. Auf dem glänzenden Kies der Terrasse stritten zwei Amseln um die Brotkrümchen, welche ihnen der Marquis zugeworfen hatte. Die Marquise, in ihre Shawls gehüllt, hörte mit zerstreutem Ohr der Baronin und Claire zu, die, an die Balustrade von rotem Sandstein gelehnt, miteinander plauderten. Der Baron stieß langsam dichte Rauchwolken zum blauen Himmel empor, während Octave heimlich die von dem klaren Hintergründe des Horizontes elegant und graziös sich abhebende Silhouette der beiden jungen Frauen in sein Notizbuch skizzierte. Eine tiefe Ruhe umgab diesen reizenden Winkel und eine köstliche, unbezwingliche Mattigkeit bemächtigte sich allmählich des Körpers und schläferte den Geist ein. Die Schritte eines Dieners, welche sich knirschend auf dem Kies der Allee näherten, weckten die Gesellschaft aus ihrer physischen und geistigen Schlaftrunkenheit. Die Marquise öffnete die Augen, Claire und die Baronin wendeten sich um, der Marquis steckte schleunigst sein Notizbuch in die Tasche, nur der Baron, ein Feind jeder unnützen Bewegung, begnügte sich, bloß mit dem Kopfe zu nicken. »Herr und Fräulein Derblay fragen, ob die Frau Marquise heute empfängt,« meldete der Diener. Bei diesen Worten umdüsterte sich Claires stolze Stirne. Der Besuch dieses Mannes, gegen den sie sich instinktiv eingenommen fühlte, mißfiel ihr im höchsten Grade. Wie eine Vorahnung überkam es sie, daß dieser Fremde einen mächtigen Einfluß auf ihr Leben üben sollte, und sie fühlte sich im voraus darüber empört. Eine plötzliche Bitterkeit beschlich ihr Herz, denn der Gedanke an eine mögliche Untreue Gastons hatte im Grunde ihrer Seele bereits heimlich Wurzel gefaßt. Sie fragte sich, wie Herr Derblay nach den Andeutungen seiner Leidenschaft, so schüchtern dieselben auch waren, es wagen konnte, sich im Schloß vorzustellen. Herr Bachelin hatte zwar diesen Besuch angekündigt und es sollte sich dabei nur um einen geschäftlichen Ausgleich handeln ... aber konnte diese Geschäftsfrage nicht bloß zum Vorwande dienen? Alle diese Betrachtungen durchkreuzten in einer Sekunde ihren Kopf und wurden der Ausgangspunkt ihrer Abneigung gegen Philipp. »Empfangen Sie ihn doch, beste Tante, bitte, empfangen Sie ihn,« hatte die kleine Baronin ausgerufen. »Ich bin so neugierig, ihn zu sehen, diesen Hüttenbesitzer. Er soll uns ein bißchen amüsieren und seine Schwester muß uns von allen Vorgängen im Dorfe erzählen. Oh, das wird reizend werden! Trägt sie auch das hier übliche Bauernkostüm?« »Aber, liebes Kind, ich wünsche ja gleichfalls, ihn zu empfangen,« erwiderte lächelnd die Marquise, und sich zu dem wartenden Diener wendend, erteilte sie ihm den Auftrag, Herrn und Fräulein Derblay hereinzuführen. Nach einigen Augenblicken erschien Philipp, von Susannen begleitet, auf der Terrasse. Ein Sonnenstrahl vergoldete sein braunes männliches Gesicht. Seine Haltung zeigte Energie, Ernst und Ruhe und, von einem langen schwarzen Ueberrock engumschlossen, schien seine ohnedies hohe Gestalt noch größer als sie wirklich war. Susanne in einer einfachen dunkelblauen Toilette, von innerer Aufregung belebt, hielt ihre Augen mit unruhigem, aber zugleich entschlossenem Blicke auf ihren Bruder gerichtet, wie um ihm Mut einzuflößen. Die Marquise hatte sich erhoben, um ihren Gästen entgegenzugehen. Philipp verbeugte sich tief vor ihr und stammelte einige unzusammenhängende Worte, deren Verwirrung ein Lächeln auf die Lippen der Weltdame lockte. Um der Verlegenheit des jungen Mannes zu Hülfe zu kommen, ergriff sie die Hand Susannens und sagte mit gewinnender Freundlichkeit: »Sagen Sie Ihrem Bruder, mein liebes Kind, daß er uns sehr willkommen ist.« Philipp richtete sich empor und mit dem Ausdrucke tiefgefühlter Dankbarkeit erwiderte er: »Ich weiß nicht, wie sehr ich Ihnen danken soll, Frau Marquise, für den wohlwollenden Empfang, den Sie meiner Schwester zu teil werden lassen. Sie ist noch ein Kind, ohne mütterliche Sorge erzogen und bedarf der Unterweisung und des Rats, die sie nirgends besser als in Ihrer Nähe finden könnte, wenn Sie ihr die Gunst erweisen wollten, sich ein wenig für sie zu interessieren.« Frau von Beaulieu betrachtete Susanne mit erhöhter Teilnahme und gerührt von ihrer zarten, naiven Anmut, berührte sie mit ihren Lippen das blonde Haar des jungen Mädchens. »Die Stirne dieses Kindes trägt den Stempel des Friedens und der Seelenreinheit,« sagte sie zu Philipp. »Alle Ihre Sünden seien Ihnen deshalb vergeben, mein lieber Nachbar, und nun will ich Sie mit meiner Familie bekanntmachen.« Mit der Hand nach Octave weisend, der eben hinzutrat, fügte sie hinzu: »Der Marquis von Beaulieu, mein Sohn.« »Die Vorstellung ist überflüssig, Mama,« sagte Octave, indem er mit ungezwungener Miene Herrn Derblay die Hand reichte. »Herr Derblay und ich kennen uns bereits. Diable , lieber Nachbar, Sie haben flinke Beine und Ihre Hasen, die ich stets so wunderbar verfehle, laufen nicht so rasch, als Sie, wenn Sie nicht hören wollen.« »Entschuldigen Sie, Herr Marquis,« entgegnete lächelnd Philipp, »wenn ich mich Ihnen gestern nicht vorstellte ... Aber Sie schienen von so wenig sympathischen Gefühlen für mich erfüllt, daß ich aus Furcht, schlecht aufgenommen zu werden, mein Inkognito nicht lüften wollte.« »O, mein Gott, ich kannte Sie ja bloß von unserem Grenzstreite her. Nun ist derselbe geordnet und ich hoffe, daß wir gute Freunde werden, und nun machen Sie mir das Vergnügen, mich Fräulein Derblay vorzustellen.« Susannens Reiz begann zu wirken. Mit größter Aufmerksamkeit näherte sich Octave dem jungen Mädchen, während Frau von Beaulieu, Philipp der Baronin und ihrer Tochter vorstellend, sagte: »Herr Derblay, der Hüttenbesitzer von Pont-Avesnes ...« Dann auf die beiden jungen Frauen deutend: »Die Baronin Préfont, meine Nichte, und Fräulein von Beaulieu, meine Tochter.« Eine dunkle, heiße Glut überflog das Gesicht Philipps, und ohne zu wagen, diejenige anzublicken, die er im stillen anbetete, verbeugte er sich so tief vor ihr, als wollte er niederknieen. »Aber sieh doch, meine Liebe, das ist ja ein Herr!« flüsterte die Baronin ihrer Cousine ins Ohr. Ich dachte mir den Hüttenbesitzer mit nackten Armen, einer großen Lederschürze und mit Eisenspänen in den Haaren. Gott verzeih mir, er ist ja sogar dekoriert ... Und der Baron ist es nicht! Es ist wahr, daß unter dem jetzigen Regime ... Aber, das ist merkwürdig! Er führt also nicht selbst den Hammer? Sieh ihn doch an, Claire ... Es ist unglaublich ... Aber er sieht sehr gut aus ... Und was für wundervolle Augen er hat! ...« Claire, von blindem Zorne gegen Philipp erfaßt, fixierte ihn mit stolzen, strengen Blicken. Am liebsten hätte sie die verletzendsten und beleidigendsten Worte an den Verwegenen richten mögen. Sie fand ihn gemein mit seiner stämmigen, breitschulterigen Gestalt und alles an ihm mißfiel ihr, bis zu seiner dunklen, feierlichen Kleidung, die ihm ein ernstes, würdevolles Aussehen verlieh. In demselben Moment zog gleich einer Vision das bezaubernde Bild des Herzogs an ihren Augen vorüber. Sie sah die elegante, schlanke Tournüre Gastons, sein ovales Gesicht mit den blauen Augen, den braunen Haaren und dem langen, blonden Schnurrbart um den geistreichen Mund ... Der Gegensatz zwischen ihm und Philipp konnte kaum schärfer gedacht werden. Der eine verkörperte in seiner kräftig gebauten Gestalt die solide Festigkeit des Bürgertums, der andere war der vollendete Typus des feinen, etwas verweichlichten Wesens der Aristokratie. Unter dem strengen Blicke des jungen Mädchens blieb Philipp sprachlos. Seine Füße schienen am Boden festgewachsen und tief bestürzt versuchte er, sich der feindseligen Prüfung dieser Augen zu entziehen. Er wollte sich dem Marquis nähern, der mit Susannen plauderte, um sich an jemanden anzuschließen, der ihm wohlwollend schien, doch er vermochte es nicht. Mechanisch warf er einen Blick auf seine Person und kam sich plötzlich schwerfällig, gemein und unelegant vor. Mit stummer Bitterkeit verglich er sich mit den beiden jungen Männern vor ihm, die in der freien, einfachen Gefälligkeit gut gemachter Kleider sich leicht und graziös bewegten, während sein schwarzer Rock von provinzialem Schnitt ihm plötzlich abscheulich erschien. Er dachte, wie komisch er sein müsse mit dem hohen Hute in der Hand, und litt grausam unter dieser Vorstellung. Zehn Jahre seines Lebens hätte er in diesem Momente hingegeben, so gekleidet zu sein und eine so ungezwungene Haltung zu haben, wie Octave und der Baron. Er sagte sich, daß Claire niemals den Anblick vergessen würde, unter dem er sich, ihr das erste Mal vorgestellt, und daß sie diesen ungünstigen Eindruck nicht würde verwinden können. Zugleich bemaß er genau die tiefe Kluft, die zwischen dem Fräulein von Beaulieu, obgleich sie nun verarmt war, und dem Hüttenbesitzer von Pont-Avesnes bestand. Und in voller Verzweiflung schalt er sich einen Narren, seine Augen so hoch zu erheben, zu einer Höhe, die sein Ehrgeiz nie zu erreichen hoffen durfte. Die Stimme Octaves riß ihn aus seinem Brüten. »Mein lieber Herr Derblau,« sagte der Marquis, »wir haben hier jemanden, der Ihnen in industriellen Fragen die Wage hält; es ist dies mein Cousin, der Herr Baron Préfont, ein Gelehrter ...« »Sagen Sie lieber ein Lernender, mein teurer Octave,« unterbrach ihn der Baron. »Das Gebiet der Wissenschaft ist zu weit, als daß ich einen andern Anspruch erheben dürfte, als einen ganz kleinen Teil desselben erforscht zu haben.« Philipp, der mit den Augen Fräulein von Beaulieu folgte, die mit der Baronin auf- und abwandelte, seufzte tief auf, und, seine Blicke gewaltsam abwendend, antwortete er dem Baron: »Ich höre den Namen des Herrn von Préfont heute nicht zum erstenmal,« und als der Baron eine zwar höfliche, aber abweisende Gebärde machte, fuhr er fort: »ist der Herr Baron nicht der Verfasser einer höchst bedeutenden Arbeit über das Cementieren? Ich habe mich selbst viel mit dieser wichtigen metallurgischen Frage beschäftigt und las daher mit großem Interesse die Abhandlungen, welche Sie der Akademie der Wissenschaften überreichten.« »O! O! mein lieber Baron!« rief lachend Octave, »darauf waren Sie wohl nicht gefaßt, selbst in unsern Bergen gekannt zu sein ... Sie sind auf dem Wege, eine Berühmtheit zu werden, da Ihr Name bis in die entlegensten Hütten gedrungen ist, und Ihrer alten Devise: »Fortis gladio« muß man hinzufügen: »et penna« . Glauben Sie übrigens nicht, mein Lieber, daß ich mich über Sie lustig mache ... ich würde im Gegenteil ihr Beispiel nachahmen, wenn ich es imstande wäre ...« Doch der Baron kümmerte sich jetzt sehr wenig darum, was Octave sagte. Entzückt, einen Zuhörer gefunden zu haben, der fähig war, ihn zu verstehen, begann er sofort mit einer schwierigen Auseinandersetzung über die Stahlfabrikation. Seine gewöhnliche englische Steifheit hatte einer höchst mitteilsamen Ungezwungenheit Platz gemacht. Lebhaft gestikulierend schlug er in die Hände, ahmte das Getriebe der Maschinen nach, um seine Beweisgründe zu erhärten und nahm schließlich Herrn Derblan beim Arm, um nur sicher zu sein, daß er ihm ja nicht entschlüpfe. Doch Philipp, weit entfernt, sich der überströmenden Vertraulichkeit des Barons zu entziehen, war vielmehr glücklich, in diesem Hause, wo er sich so wenig am rechten Orte fühlte, an dem Baron einen Verbündeten gefunden zu haben: er zog ihn daher immer tiefer in seine gelehrte Abhandlung hinein. Der Baron folgte willig, sprach ungeheuer viel und nannte Philipp bereits seinen »lieben Freund«; was er sicherlich selbst nach mehrmonatlicher fortgesetzter Bekanntschaft einem andern gegenüber nicht gethan hatte. Doch ihre gemeinsame wissenschaftliche Beschäftigung hatte sie einander so rasch genähert, wie es bei Freimaurern der Fall, die beim Händedruck sich durch ein geheimnisvolles Zeichen als Brüder erkennen. »Sie besitzen also Ihre eigenen Minen, woraus Sie das Erz gewinnen?« fragte der Baron, »wie das interessant sein muß. Ich werde gleich morgen früh nach Pont-Avesnes kommen, damit Sie mir Ihre Werkstätten zeigen. Sie beschäftigen wohl viele Leute?« »Zweitausend Arbeiter.« »O, das ist großartig! Und wie viele Hochöfen?« »Zehn Hochöfen, deren Feuer Tag und Nacht nicht erlischt. Sie sollten meinen Dampfhammer sehen! Er wiegt vierzigtausend Kilo und läßt sich mit solcher Präcision handhaben, daß er beim Herabfallen die Schale eines Eies berühren kann, ohne dasselbe zu zerbrechen.« »Aber mit so großartigen Hilfsmitteln können Sie ja sogar den Staatsbergwerken Konkurrenz machen!« »Gewiß, nur leisten wir im kleinen, was jene in viel größeren Dimensionen vollbringen.« »Mein lieber Herr, es ist wahrlich ein Glück für mich, daß ich Ihnen begegnet bin,« rief vergnügt der Baron ... »Ich wollte in einigen Tagen mit der Baronin nach der Schweiz reisen, aber zum Teufel mit der Reise ... Ich bleibe hier, wir wollen miteinander Versuche machen ... Haben Sie ein Laboratorium? Ja! Sind Sie auch Chemiker? O, mein Gott! Sie sind einer der liebenswürdigsten Menschen, die ich je kennen gelernt.« Und Arm in Arm mit Philipp begann er mit raschen Schritten die Terrasse auf- und abzugehen. »Aber sieh doch, was hat denn mein Mann?« fragte die Baronin, die mit Claire herantrat. »Was er hat, allerliebste Cousine,« erwiderte lustig Octave, »er reitet soeben mit Herrn Derblay auf seinem Steckenpferd davon. »Nun, die könnten hübsch weit kommen, wenn man den Baron nicht aufhält.« »Und warum sollte man ihn aufhalten?« entgegnete Octave. »Haben Sie an der Kollegialität dieser beiden Männer etwas auszusetzen? Ihr Gemahl, als Sprosse eines alten Rittergeschlechtes, verkörpert in seiner Person zehn Jahrhunderte kriegerischer Größe; Herr Derblay, der Sohn des Industriellen, vertritt bloß ein einziges Jahrhundert, aber ein Jahrhundert, das den Dampf, das Gas, die Elektricität zu benützen versteht. Und ich gestehe Ihnen, daß ich die Sympathie dieser beiden Männer bewundere, die in einer aus gegenseitiger Achtung entstandenen Intimität alles vereinen, was die Grüße eines Landes bildet: den Ruhm der Vergangenheit und den Fortschritt der Gegenwart.« »Octave, mein Freund,« meinte kopfschüttelnd die kleine Baronin, »man merkt, daß Sie Advokat sind, Sie sprechen sehr gut. Aber erlauben Sie, daß ich es Ihnen rund heraussage: ich finde, daß Sie für den Sohn Ihres Vaters etwas zu sehr Demokrat sind!« »Ja, meine liebe Cousine,« entgegnete lachend der Marquis, »die Demokratie bemächtigt sich unser aller. Schaffen wir also in dieser Demokratie selbst eine Aristokratie. Um dies zu erreichen, nehmen wir die Mittelmäßigkeit als Niveau an und stellen jeden von Verdienst darüber. Auf diese Art werden wir die Aristokratie des Geistes gründen, die einzige, welche würdig ist, der Geburtsaristokratie zu folgen. Uebrigens, indem wir so vorgehen, ahmen wir ja nur das Beispiel unserer Ahnen nach. Sie bilden sich doch nicht etwa ein, daß die Ahnherren unserer Häuser adelig geboren waren? Ihre Tapferkeit war's, welche die Ursache ihrer Erhebung über andere Menschenkinder geworden. Der erste der Préfonts hieß ganz einfach Gaucher, was ihn ohne Zweifel nicht im geringsten hinderte, sehr tüchtig zu sein, denn er galt für einen sehr mutigen Soldaten. Durch seine Waffenthaten in den Adelstand erhoben und durch Kriegsbeute bereichert, nahm er, von Palästina heimkehrend, den Namen seines Gutes an. Und diesem Kapitän Gaucher haben Sie, Verehrteste, es zu danken, daß Sie heute Baronin sind. Warum sollten wir also heutzutage Männern, die vielleicht ebenso viel wert sind als Ihr Ahnherr es war, das Recht verweigern, sich über die Mittelmäßigkeit zu erheben? Zu jener Zeit hieß es: Ehre dem Tapfersten; heute sagen wir: Platz den Intelligentesten.« »Vortrefflich gedacht und vortrefflich gesprochen, Herr Marquis, und ich bitte die Frau Baronin, mir zu verzeihen, wenn ich mich ebenfalls ihrer Meinung entgegensetze,« rief mit hellklingender Stimme Herr Bachelin, der, wie gewöhnlich, mit rotem Gesichte, den Hut in der Hand und seine Mappe unter dem Arme, am Ende der Terrasse erschien. »Oh, Herr Bachelin, Sie kommen gerade recht,« rief lustig die Baronin; »ihr Advokaten, ihr gehöret ja alle zum »dritten Stand«. Natürlich, die Revolution hat euch nur genützt. Aber woher kommen Sie denn so plötzlich?« »Ich komme von Varenne und bin durch eine Seitenthür in den Park getreten. Doch Verzeihung ... dabei verbeugte er sich tief vor Fräulein von Beaulieu, die sich eben mit Susanne näherte. »Frau Marquise ... meine Ehrerbietung ... Fräulein Susanne, meine Hochachtung. Es ist heute außerordentlich heiß und ich habe mich tüchtig beeilen müssen ... ich wollte mit Herrn Derblay zu gleicher Zeit hier eintreffen, doch eine sehr wichtige Angelegenheit hielt mich zurück. Die Unterzeichnung eines Kontraktes nämlich, der mir lebhaftes Bedauern verursacht. Es handelt sich um den Verkauf des Rittergutes Varenne.« »Ah, die d'Estrelles haben also endlich einen Käufer gefunden?« fragte der Marquis. »Ja,« seufzte der Notar, »und zwar einen Käufer, der einen sehr guten Preis bezahlte. Er gab fast um ein Drittel mehr, als man sonst unter den günstigsten Umständen erreicht hätte. Es ist ein reicher Fabrikant aus Paris, der, wie er sagte, die Ehre hat, die Familie der Frau Marquise zu kennen, und die Nachbarschaft von Beaulieu dürfte zweifelsohne ein Grund mehr sein, daß es ihm gerade so sehr um den Kauf dieser Besitzung zu thun war.« »Kann man den Namen dieses Herrn erfahren?« fragte gleichgültig die Marquise. »Er heißt Moulinet,« erwiderte ruhig der Notar. Herr Bachelin ahnte keineswegs, welche Wirkung der Name des Käufers von Varenne hervorbringen würde. Fräulein von Beaulieu erhob sich jählings, während die Baronin, die Hände ineinander schlagend ausrief: »Das ist der Vater von Athénais!« »Herr Moulinet war in der That von einem jungen Mädchen begleitet, welches er Athénais nannte,« fügte der Notar hinzu. »Die Besitzung wurde auch in ihrem Namen gekauft, um an ihrem Hochzeitstage als ihr Eigentum zu figurieren, was nicht weniger als 30 000 Livres Revenuen besagen will.« »Ah! Das ist doch zu stark! Nun sind sie sogar eure Nachbarn!« lachte die Baronin, »und Herr Moulinet wird den Schloßherrn spielen. Der arme Mann! Er wird viel eher das Aussehen seines Gärtners haben.« »Man sagt, daß er sehr reich sei?« fragte Bachelin. »Ungeheuer reich,« antwortete die Baronin, »lächerlich reich. So, Octave, nun sehen Sie, mein Teurer, wohin Ihre Theorieen führen! Da haben wir sie, die Aristokratie der Intelligenz! Herr Moulinet ist einer ihrer schönsten Vertreter! Die d'Estrelles, welche Frankreich zehn Feldherren, zwei Admirale, einen Marschall und mehrere Staatsminister gegeben, die ihre Ahnenporträts in Versailles haben, deren Namen auf den glänzendsten Seiten unserer Geschichte verzeichnet sind, diese Familie muß ihr Schloß verlassen, um einem Schokolade-Fabrikanten Platz zu machen, der seinem Vaterlande noch nicht den geringsten Dienst erwiesen, dessen Name bloß auf den Prospekten prangt, die er an den Straßenecken verteilen läßt. Das ist Ihre Demokratie, mein Teuerster! O, sprechen Sie mir nicht von einem Lande, wo derartige Gräuel geschehen können ... Das ist ein verlornes Land!« »Beruhigen Sie sich, Baronin,« sagte Octave lächelnd, ich finde es ebenso beklagenswert wie Sie, daß die d'Estrelles genötigt sind, ihr Stammschloß zu verkaufen; aber was läßt sich dagegen thun? Soll man etwa Herrn Moulinet sein Geld abnehmen, um unsere Freunde damit zu bereichern? Das wäre denn doch zu despotisch. Und da man schließlich den Preis sehr in die Höhe getrieben hat, so sehe ich nicht ein, was man ihm ärgeres hätte anhaben können.« »Lassen Sie mich in Ruhe, Sie sind heute unausstehlich,« schrie die Baronin. »Uebrigens meine ich, daß Sie das alles nur sagen, um mich zu necken, und daß Sie selbst kein Wort davon glauben.« Hierauf ergriff sie den Arm der Marquise und ging mit ihr dem Baron entgegen, der mit Philipp auf sie zukam. Claire blieb verstimmt und gedankenvoll allein zurück. Das plötzliche Eindringen des Herrn Derblay und Athénais Moulinet in ihr streng zurückgezogenes Leben beunruhigte sie lebhaft. In der vornehmen Welt aufgewachsen, um welche der strenge Stolz ihrer aristokratischen Bewohner einen unübersteiglichen Wall gezogen, sah sie mit bitterem Befremden diesen unerwarteten Einbruch in ihren Familienkreis. Von dem Momente, da Herr Derblay so leichten Zutritt ins Schloß fand und gleich beim ersten Besuche als Gleichgestellter behandelt wurde, erschien ihr der alte Familiensitz gewöhnlich geworden wie die Straße, und sie beschloß, durch abweisende Kälte gegen die Handlungsweise ihrer Umgebung zu protestieren. Auch litt sie entsetzlich unter der bedrückenden Ahnung irgend eines bevorstehenden Unglückes. Das lange Stillschweigen des Herzogs beunruhigte sie weit mehr, als sie gestehen mochte; dazu trat noch die etwas gezwungene Haltung der Ihrigen, deren vermehrte Zärtlichkeit und ein paar zufällige im Fluge erhaschte rätselhafte Worte, die ihr Mißtrauen bestärkten. Dieser stolzen, offenen Natur war jeder Zweifel unerträglich, in ihrem Charakter lag es, jedem Hindernis frei die Stirn zu bieten; doch bei dieser Gelegenheit wagte sie es nicht, ihre Liebe machte sie zaghaft. Sie fürchtete, den Verrat des Herzogs zu erfahren, und tief beschämt über das unwürdige Benehmen des Mannes, den sie mit ganzer Seele liebte, wollte sie nicht fragen und verharrte lieber in schmerzlichem Stillschweigen. Alles dies trug dazu bei, daß Philipp sie hochfahrend und unzugänglich fand, daß sie seine schüchternen Ehrfurchtsbeweise mit schlecht verhehlter Verachtung entgegennahm und ihm nur gerade so viel Aufmerksamkeit schenkte, als erforderlich war, um ihm zu zeigen, wie sehr ihr seine Anwesenheit mißfiel. Susanne, die vergeblich gesucht hatte, mit einigen freundlichen Worten dem krampfhaft zusammengepreßten Munde des Fräuleins von Beaulieu eine Antwort oder nur ein Lächeln abzugewinnen, flüchtete sich, erschreckt und vollständig außer Fassung gebracht, zu dem Notar, der sie in seinen väterlichen Schutz nahm. Die liebenswürdigen Aufmerksamkeiten Octaves, der durch die anspruchslose Grazie des jungen Mädchens sichtlich für sie eingenommen wurde, waren nicht imstande, Susannens Traurigkeit und Entmutigung zu verscheuchen. Die Hoffnungen, welche sich das gute Kind gemacht, waren in einem Momente in nichts zerflossen. Sie sah das Glück ihres Bruders ernstlich bedroht und ihr frühreifer, gesunder Verstand ließ sie die große Entfernung erkennen, welche Philipp von dieser stolzen Aristokratin trennte. Sie begriff, daß nur ein außergewöhnliches Ereignis diese beiden, so grundverschiedenen Wesen einander nähern könnte. Trotzdem verzweifelte sie nicht; denn mit ihrem treuen Kinderglauben überließ sie es einer gütigen Vorsehung, die Schwierigkeiten zu ebnen. Die Marquise, welche von den Lobsprüchen des Notars im voraus gewonnen und von dem Enthusiasmus des Barons, der dem Hüttenbesitzer nicht von der Seite wich, entzückt war und die sich zugleich aufrichtig freute, einen Mann, wie Herrn Derblay, kennen zu lernen, ließ sich in ihrer Freundlichkeit soweit gehen, denselben zum Diner zu laden. Erschreckt durch einen kalten Blick ihrer Tochter, fragte sie sich, ob sie mit den Beweisen ihrer Sympathie nicht etwas zu voreilig gewesen; sie konnte sich indes keinen Vorwurf machen und sah in Claires Mißbilligung bloß einen Anfall übler Laune. Philipp lehnte jedoch die Einladung mit vollendetem Takte ab, indem er dringende Geschäfte vorschützte. In Wirklichkeit war es ihm nur darum zu thun, sich so rasch als möglich zu entfernen, denn die zwei Stunden, die er auf der Terrasse zugebracht hatte, indem er dem Baron zuhörte, ohne ihn zu verstehen, die Schläfen wie in einen Schraubenstock gepreßt, das Gehirn von den aufregendsten Gedanken gefoltert, waren eine grausame Prüfung für ihn gewesen. Diese Begegnung, die er mit Ungeduld herbeigesehnt, von der er sich unaussprechliche Freuden versprochen hatte, wurde eine der größten Bitternisse seines Lebens, und niedergeschlagen, entmutigt, bereit, seinen ehrgeizigen Plänen auf immer zu entsagen, nahm er Abschied von den Schloßbewohnern. Claire schien seiner Entfernung nicht mehr Beachtung zu schenken, als seiner Ankunft; sie blieb kalt und abweisend und erwiderte Philipps ehrerbietigen Gruß bloß mit einer leichten Kopfbewegung, nicht mehr und nicht weniger, als sie jedem Geschäftslieferanten gewährt hätte. Philipps Rückzug hätte einer Flucht nur zu sehr geglichen, wenn die Verbündeten, die er in so kurzer Zeit gewonnen, ihm nicht ihren förderlichen Beistand geliehen hätten. Der Baron bewies bei dieser Gelegenheit, bis zu welchem Grade eine Leidenschaft den Charakter eines Menschen zu verändern vermag. Dieser sonst so zurückhaltende Aristokrat begleitete Herrn Derblay bis zum Parkthor und schüttelte ihm so nachdrücklich und freundschaftlich die Hand, wie einem langjährigen guten Freunde. Der Marquis folgte ebenfalls mit Susannen und bewies durch die Artigkeit, welche er an den Bruder verschwendete, das lebhafte Interesse, das er für die Schwester empfand. Herr Bachelin schloß den Zug. Am Thore wartete das mit einem Grauschimmel bespannte Kabriolet des Notars; Philipp und Susanne stiegen ein, und während der Baron die Zuvorkommenheit soweit trieb, das Pferd beim Zügel zu halten, wechselte Octave ein letztes Lächeln mit dem jungen Mädchen. Als sich der Wagen entfernte, riefen beide in rührender Uebereinstimmung: »Auf Wiedersehen!« Philipp sprach mit zitternder Stimme »niemals«, was glücklicherweise im Geräusche des dahinrollenden Gefährtes verlorenging. Der Notar wendete sich rasch zu Herrn Derblay. »Niemals?« wiederholte er. »Niemals! Wie mein lieber Freund, haben Sie etwa den Verstand verloren? Und warum sollte man Sie nie mehr in Beaulieu sehen?« Philipp eröffnete dem Freunde sein Herz und ließ dem bitteren Strome seiner Enttäuschung freien Lauf. Wozu auf einem Vorhaben bestehen, meinte er, welches allen Anzeichen nach beschämend ausfallen müsse; wozu auch soviel Kummer und unverdiente Demütigung ertragen? Wäre es nicht besser, sogleich zu entsagen und das Uebel mit einem Schlage in der Wurzel zu treffen, ehe es unheilbar geworden wäre. »Gemach, gemach, mein Teuerster,« unterbrach ihn ironisch der Notar, »was haben Sie denn heute eigentlich erwartet? Die Heftigkeit Ihrer Enttäuschung läßt mich voraussetzen, daß Sie eben zu große Ansprüche erhoben. Glaubten Sie etwa, daß Fräulein von Beaulieu Ihnen sofort Avancen machen würde, wie eine Grisette dem ersten besten Studenten? In der Welt, in die Sie, mein Freund, eintreten wollen, offenbaren sich die Gefühle in der Regel durch Nuancen von außerordentlicher Feinheit. Da gibt es weder deutlich merkbare Sympathieen, noch rund heraus erklärte Antipathieen und alles vollzieht sich unter dem Zepter der Etikette. Nach meiner Ansicht haben Sie unglaubliche Resultate erzielt. Die Männer sind Ihre Freunde geworden, die Marquise ist Ihnen so wohlwollend gesinnt, daß sie Sie gleich am ersten Tage, wie einen langjährigen Freund, zum Diner ladet, und dennoch beklagen Sie sich? Wie kann man so ungerecht sein? Ich gebe zu, daß Fräulein Claire Ihnen etwas kalt entgegenkam. Hat viel zu bedeuten! Hätte sie Ihnen etwa um den Hals fallen sollen? Ach, ihr jungen Leute, ihr wollt an einem Tage die Welt erstürmen! Gestern träumten Sie von nichts Süßerem, als von dem Glücke, sie nur sehen und einige Minuten in ihrer Nähe weilen zu dürfen; heute haben Sie zwei Stunden in ihrer Nähe zugebracht und sind nun verzweifelt und klagen Himmel und Erde an! Sie wollen nicht wieder nach Beaulieu zurückkehren? Das wäre unsinnig! Erstens dürfen Sie nicht für immer vom Schlosse wegbleiben, ohne für einen schlechterzogenen Menschen gehalten zu werden und dann hätten sie wirklich die Selbstbeherrschung, dem herrlichen Mädchen nicht weiter zu huldigen? O, mein lieber Philipp, wie glücklich sind Sie mit Ihrer Jugend und Ihrer Liebe! Weinen Sie, leiden Sie, die Liebe bleibt trotzdem das Köstlichste in der Welt! Es geht nichts darüber, glauben Sie dies einem alten Manne, der als Notar vierzig Jahre lang viel vom Menschenleben erfahren und der heute nur das eine bereut...« Herr Bachelin, dessen blitzende Augen eine lebhafte Erregung verrieten, wollte ohne Zweifel von einem vergangenen Liebestraume seiner eigenen Jugend erzählen, doch ein Blick auf die aufmerksam lauschende Susanne ließ ihn seine Mitteilungen jählings unterbrechen, und seinem Klepper, der, den Kopf zwischen den Beinen, dahintrabte, einen heftigen Peitschenhieb versetzend, fuhr er fort: »Folgen Sie mir, einem alten Freunde, machen Sie häufigere Besuche im Schlosse. Fräulein Claire wird nächstens schwere Prüfungen zu bestehen haben und ihr Benehmen Ihnen gegenüber kann durch die bevorstehenden Ereignisse sonderbar verändert werden. Ah, Sie schweigen? Sie sagen nicht mehr ›niemals‹. Ich hoffe, daß Sie morgen ›auf immer!‹ sagen werden. Aber da wären wir schon in Pont-Avesnes. Ich steige nicht mit Ihnen ab, da ich noch wichtige Geschäfte zu erledigen habe. Also, guten Appetit und versuchen Sie, alles in rosigem Lichte zu sehen.« Nachdem Herr Bachelin noch einen letzten Händedruck mit Philipp gewechselt und Susannen galant die Fingerspitzen geküßt hatte, fuhr er rasch die Hauptstraße des Marktfleckens hinab und verschwand bald hinter der Ecke des großen Platzes. Philipp öffnete seufzend die kleine Hofthüre und betrat mit gesenktem Haupte, in Begleitung seiner Schwester, die sein trauriges Schweigen ehrte, das Haus, welches er zwei Stunden früher so hoffnungsfreudig verlassen hatte. Siebentes Kapitel Das Schloß von Varenne ist eines der schönsten Feudalgebäude, die noch in Frankreich vorhanden sind. Erbaut von Enguerrand d'Estrelles, der sich bei Bouvines auszeichnete, indem er den durch einen flamändischen Pikenier vom Pferde geworfenen König Philipp August rettete, hatte es einst die Ehre, unter den spitzen Türmchen seiner kunstvoll verzierten Bleidächer Kaiser Karl V., als er sich zur Belagerung von Nancy begab, zu beherbergen. Von Turenne während eines Streifzuges, den der berühmte Marschall gegen die Kaiserlichen unternahm, in Trümmer geschossen, lag der Schloßturm von Varenne unter der Regierung Louis XV. und Louis XVI. in Ruinen. Die Revolution war ohnmächtig über seine Trümmer hinweggeschritten. Es gab hier eben nichts mehr zu verwüsten und die Bürger von Besançon begnügten sich, die Bäume zu fällen, um ihre Oefen zu heizen und die Steine zu stehlen, um sich Häuser zu bauen. Der Rittersitz wurde wie ein Steinbruch ausgebeutet und lieferte für mehr als zwanzig Behausungen Baumaterial. Ein Alteisenhändler hat allein an dreitausend Kilo des von den Dächern herrührenden Bleis fortgeführt und sie ungestraft verkauft. Die d'Estrelles, die mit dem Grafen Artois im Felde lagen, konnten gegen diese Plünderungen nicht protestieren. Sie kämpften vor Mainz und mit dem heldenmütigen Feuer, das Frankreich Fontenoy eintrug, säbelten sie die Husaren Birons und die Grenadiere Pichegrus nieder. Die wohlorganisierten Diebstähle, an denen die ganze Bevölkerung teilnahm, retteten – seltsames Resultat – die d'Estrelles vom Ruin, denn niemals konnte die Kommune von Besançon die Besitzungen von Varenne als Nationalgüter verkaufen, weil niemand die Domäne zu erwerben gewagt hatte aus Furcht vor der Böswilligkeit der Bauern und Bürger, die gewohnt waren, daselbst wie im Feindesland zu plündern. Unter dem Direktorium durften die d'Estrelles, Dank der Protektion Barras, nach Frankreich zurückkehren. Sie fanden ihren Besitz verwüstet, aber frei, und richteten sich in einem Wächterhäuschen ein, in das sie zuvor Fenster und Thüren einsetzen ließen. Mit den Trümmern ihres während der Dauer des Kaiserreichs sorgfältig verwalteten Erbteiles stellten sie ihr Vermögen wieder her. In den ersten Tagen der Restauration erschienen sie wieder in Paris und konnten hier eine glänzende Rolle spielen. Unter der Julimonarchie heiratete der letzte der d'Estrelles ein reiches Mädchen mit 200 000 Franken Revenuen, die Tochter des Banquiers Claude Chrétien, welcher für seine der Civilliste geleisteten Dienste eben erst in den Freiherrnstand erhoben worden war. Der Edelmann, ein leidenschaftlicher Antiquitätenliebhaber, ließ das Schloß mit ungeheuren Kosten wieder ganz so herstellen, wie es in der Zeit seines Glanzes gewesen. Die hohen, mit Zinnen gekrönten Mauern, die prächtigen Türme mit den wunderlich geformten Wasserspeiern erhoben sich wieder über die schattigen Bäume des Parkes. Die Arbeit dauerte zehn Jahre und kostete immense Summen. Das Mobiliar wurde mit exquisitem Geschmacke erneuert. Herr d'Estrelles kaufte, der Mode voraneilend, feingeschnitzte Credenztische, Spiegel mit prunkvollen Rahmen, Kirchengetäfel, wahre Meisterstücke der Holzschnitzerei des Mittelalters, und wundervolle flandrische Tapeten. Varenne wurde ein wahres Museum, überfüllt mit den zu jener Zeit verachteten und heute so eifrig gesuchten Kunstreichtümern der Provinz. Diese prunkvolle Behausung war für den leidenschaftlichen Sammler, der hier Schätze anhäufte, ein Paradies geworden. Als Herr d'Estrelles starb, hinterließ er dieses schöne und reiche Besitztum seinem Sohne, einem jungen Gardelieutenant. Nach Verlauf von vier Jahren war das Gut von Varenne mit Hypotheken bis zu zwei Drittel seines Wertes belastet und die unschätzbaren Kunstwerke sollten eben nach Paris gesendet werden, um dort zur Versteigerung zu gelangen, als Herr Moulinet als Käufer der Domäne auftrat. Der Industrielle, welcher den Plan einer Verbindung des Herzogs mit seiner Tochter stets im Auge behielt, hatte anfangs daran gedacht, das Familiengut der Bligny in der Touraine zurückzukaufen; doch das väterliche Schloß seines künftigen Schwiegersohnes war nach mancherlei Wandlungen endlich in den Besitz eines reichen Fayencefabrikanten gelangt, der alle, noch so glänzenden Anerbietungen Moulinets zurückwies. In Ermangelung des Familiengutes ging der ehrgeizige Vater mit allem Eifer an die Erwerbung von Varenne und nach abgeschlossenem Geschäfte war er entzückt von seiner Acquisition. Die Nähe von Beaulieu hatte nicht wenig zu seinem Entschluß beigetragen. Man würde sich dann, so dachte er, en famille befinden und die nachbarlichen Beziehungen mußten sich dadurch in der Folge sehr angenehm gestalten. Moulinet, als getreuer Vollstrecker der finsteren Berechnungen, die Athénaïs bei der Wahl ihres Gatten geleitet, jedoch keineswegs imstande, die ganze Hinterlist und Falschheit seiner Tochter zu ermessen, war wohl auf einigen Widerstand von seiten der Verwandten des Herzogs gefaßt. Freilich ... Gaston hätte seine Cousine heiraten sollen ... Aber mit erstaunlicher Geistesfreiheit hielt der gute Mann dieses Verlöbnis bloß für ein nichtssagendes Kinderspiel. Gaston und Claire waren zusammen erzogen worden, kein Wunder also, wenn sie sich auch als künftige Gatten betrachteten. Er setzte keine tiefere Neigung bei ihnen voraus, da dieselbe zu einer Zeit entstanden war, wo das Herz noch unbewußt und der Geist noch nicht selbständig ist. Hatte er doch auch als junger Kommis einer dreizehnjährigen Müllerstochter derlei kindische Versprechungen gegeben. Dieses, im Laufe der Jahre vollständig von ihm vergessene Mädchen sah er eines Tages zufälligerweise als wohlbeleibte, rotwangige Gattin eines Fleischers wieder. Welche Beziehung bestand nun heute zwischen ihm, Moulinet, dem ehemaligen Handelsrichter, dem Millionär, der auf dem Boulevard Malesherbes ein prächtiges Hotel bewohnte, und dieser von Gesundheit strotzenden Fleischerin? Das Leben hatte mit den tollen Wünschen aufgeräumt, und indem es beide voneinander trennte, jedes an seinen rechten Platz gestellt. Verhielt es sich nicht gerade so mit Fräulein von Beaulieu und dem Herzog? Vereint wären sie zu gemeinschaftlicher Mittelmäßigkeit verdammt, getrennt vermochte sich jedes wunderbar aus der Klemme zu ziehen. War der Herzog untergebracht, konnte es auch Fräulein von Beaulieu an einer guten Partie nicht fehlen und er, Moulinet selbst, würde ihr mit allen seinen Kräften dazu verhelfen. Und schließlich stellte er sein eigenes Belieben allen anderen Rücksichten voran; er erblickte eben einmal in dem Herzog von Bligny den ihm zusagenden Schwiegersohn. Freilich war dies kein Mann wie er, der das Glück bezwungen hatte, auch kein Mann, der sich etwa leicht hätte lenken lassen. Aber er hatte einmal beschlossen, daß seine Tochter Herzogin werden solle, und somit sollte und mußte diese Heirat stattfinden. Das Schloß von Varenne schmeichelte außerdem durch seine großartigen Verhältnisse der Eitelkeit des Herrn Moulinet. Die Türme mit den Zinnen, die steinernen Schilderhäuser, der Glockenturm, von dem langsam und feierlich die Stunden ertönten, gefielen dem Parvenü ungemein. In seinem Eigendünkel glaubte sich der reich gewordene Kaufmann in dem hohen Ahnensaal an seinem Platze, an dessen Wänden die Wappen aller Familien glänzten, mit denen die d'Estrelles im Laufe der Jahrhunderte sich verschwägert hatten. Das mit peinlicher Sorgfalt, restaurierte Gemach, in dem einst Karl V. nach der Schlacht bei Nancy übernachtet hatte, wählte Moulinet zu seinem Schlafzimmer. Mit einem Gefühle unvergleichlicher Befriedigung schlief der Schokoladefabrikant auf derselben Stelle, wo der Sieger von Pavia einst geruht. Er hatte dieses Zimmer das Kaiserzimmer nennen hören und vergaß dabei die stattgefundene Restauration und die vollständige Erneuerung des Mobiliars. Er bildete sich ein, daß dies derselbe Fußboden, dieselben Mauern wären, in denen der große Mann einige Stunden verlebt hatte, und behaglich streckte er seine plebejische Person in dem prächtigen Himmelbette aus, das, von kostbaren Vorhängen umgeben, sich auf einer Estrade erhob. Mit hochtrabenden Worten erzählt er: »Meine Uhr wurde einst von Karl dem Fünften aufgezogen.« Er glaubte wirklich, daß sich der große Kaiser während seines ganzen Lebens mit dem Aufziehen der Uhren beschäftigt habe, wie er es später in St. Just that, um die Langeweile zu vertreiben, die seinen reichen Geist verzehrte. Athénaïs war der Empfindung befriedigten Stolzes weniger zugänglich und sah in dem Schlosse bloß eine sichere Festung, von der aus sie jederzeit über ihre Feindin herfallen konnte. Der größte Vorteil, den Varenne in ihren Augen besaß, war, daß es seine stolzen, prächtigen Türmchen kaum zwei Meilen von Beaulieu erhob. Von hier aus beherrschte sie die Situation und konnte in völliger Sicherheit die Stunde wählen, in der sie diejenige unfehlbar verwunden würde, die sie mit allen Kräften ihrer Seele haßte. Gleich nach ihrer Ankunft in Varenne zog sie geschickt die sorgfältigsten Erkundigungen über die Schloßbewohner von Beaulieu ein und wußte daher, daß die Baronin Préfont sich dort befinde. Aber eine Gegnerin mehr konnte sie durchaus nicht einschüchtern, sie freute sich vielmehr, vor den Augen der Baronin über die stolze Claire triumphieren zu können. Seit zwei Tagen bewohnten Athénaïs und Moulinet das Schloß, und nachdem sie einigemal die Runde durch den Park gemacht, die Treibhäuser und Wirtschaftsgebäude wiederholt besucht hatten, fingen sie eben an, sich in ihrer neuen Besitzung zu langweilen als eine Depesche die Ankunft des Herzogs, den man nicht so bald erwartet hatte, meldete. Dieses plötzliche Eintreffen Gastons kam dem jungen Mädchen höchst ungelegen, denn Athénaïs fürchtete, daß der Herzog ihre Feindlichen, böswilligen Absichten durchkreuzen und die berechtigten Empfindungen seiner Familie schonen würde. Jeder Versuch, Fräulein von Beaulieu zu kränken, konnte vielleicht bei dem Herzog auf ernsten Widerstand stoßen, und Athénaïs faßte daher den Entschluß, sich zu rächen, noch ehe Gaston in der Lage wäre, ihr in ihren Schritten entgegentreten zu können. Der Verlobte sollte um drei Uhr nachmittags in Varenne eintreffen; es war also keine Minute zu verlieren. Moulinet, die Depesche des Herzogs in Händen, durchwandelte der Länge und Breite nach das Parterre à la française , das sich vor dem Schlosse ausbreitete, als seine Tochter in reizender Besuchstoilette zu ihm trat und, die Festigkeit ihres Entschlusses, unter scheinbarer Sorglosigkeit verbergend; mit süßem Lächeln sagte: »Weißt du, Papa, daß wir noch heute nach Beaulieu fahren müssen?« »Und weshalb noch heute?« fragte Moulinet überrascht. »Der Herzog kommt: wäre es nicht schicklicher, ihn zu erwarten? Auch würden wir unter seinem Schutze besser empfangen werden; – er selbst soll uns seiner Familie vorstellen.« »Das ist es eben, was ich zu vermeiden wünsche,« entgegnete Athénaïs mit ruhigem Gesichte. »Zwischen Claire und mir ist kein Vermittler nötig und sie könnte mit Recht erstaunt sein, wenn sie meine Verlobung nicht zuerst von mir selbst erfährt. Und dann, unter uns gesagt, Papa, die Situation des Herzogs ist nicht ganz so, wie sie sein soll... und ich glaube, er wird uns dafür nur Dank wissen, wenn wir ihm die Schwierigkeiten der ersten Begegnung mit seinen Verwandten geebnet haben. Ist die Sache einmal rund heraus erklärt, so wird man dann nicht mehr auf alte Geschichten zurückkommen und alles wird vortrefflich gehen. Du fürchtest doch etwa nicht, schlecht aufgenommen zu werden?« »Schlecht aufgenommen!« schrie Moulinet, indem er sich in seiner ganzen Länge emporrichtete und mit Entschlossenheit die Hände in die Hosentaschen steckte. »Ein Mann in meinen Verhältnissen, ein ehemaliger Handelsrichter, ein Millionär, wird nirgends schlecht aufgenommen. Wenn wir nicht unter einer so miserablen Regierung lebten und wenn es noch einen Hof in den Tuilerieen oder anderwärts gäbe, so würde ich dort wie in meinem eigenen Hause aus- und eingehen. Das lasse dir gesagt sein. Schlecht empfangen von Leuten, die vielleicht nur 60 000 Franken Renten besitzen. Das möchte ich doch sehen! Warte ein wenig, ich will sogleich Befehl geben, den Galawagen bereit zu machen, auch sollen die Lakaien die große Livree anlegen.« »Nein, Papa,« unterbrach ihn Athénaïs, »im Gegenteil, wir fahren in einem einfachen Wagen. Nur keinen Prunk mit unserem Vermögen! Je reicher wir sind, desto bescheidener müssen wir uns zeigen. Ueber unseren Luxus würden sie sich lustig machen, unsere Einfachheit wird ihnen imponieren.« »Glaubst du?« fragte Moulinet mit dem Ausdrucke des Bedauerns. »Es scheint mir doch, die kurzen Hosen und die seidenen Strümpfe hätten einen gewissen Effekt gemacht. Indes vertraue ich deiner besseren Einsicht; du bist ein Mädchen von Geschmack und kennst die Gebräuche der vornehmen Welt ... Halte dich bereit, ich lasse sogleich anspannen.« Eine Viertelstunde später rollten Athénaïs und ihr Vater in einem leichten Wagen, von einer Staubwolke umhüllt, auf der Straße nach Beaulieu. Die in einem Augenblicke der Entmutigung gefaßten Entschlüsse vergessend, war Philipp Derblay wieder in das Schloß zurückgekehrt. In der That hatte es ihm der Baron unmöglich gemacht, sich fern zu halten, denn gleich am Tage nach Herrn Derblays Besuch in Beaulieu war der leidenschaftliche Verehrer der technischen Wissenschaften am frühen Morgen schon im Hüttenwerke erschienen und hatte hier seine Toilette, trotz hinaufgestülpter Hemdärmel, in einen so trostlosen Zustand gebracht, daß Philipp genötigt war, ihm Kleider zum Wechseln zu leihen und ihn dann zum Frühstück zu laden. War es nach all dem dann möglich, ihn nicht selbst wieder ins Schloß zu bitten? Philipp wußte seine Schwäche mit so triftigen Gründen vor sich selbst zu entschuldigen, daß er ohne Mißvergnügen jene Terrasse wieder betrat, auf der er tags vorher zwei so qualvolle Stunden verbracht hatte. Fräulein von Beaulieu benahm sich ihm gegenüber ebenso kalt und gleichgültig, wie bei der ersten Begegnung; aber anstatt, wie damals, sich eingeschüchtert zu fühlen, reizte das hochfahrende, verächtliche Benehmen des jungen Mädchens den Stolz Philipps und forderte dessen ganzen Mut heraus. Je mehr Fräulein von Beaulieu sich den Anschein gab, ihn nicht zu bemerken, desto mehr wollte er sie zwingen, sich mit ihm zu beschäftigen. Die Marquise war eine jener glücklichen Frauen, die von der Natur mit einer sanften, sich stets gleichbleibenden Laune bedacht sind. So wie man sie gestern sah, fand man sie morgen wieder. Philipp war ihr vom ersten Momente an sympathisch und die gute Meinung, die sie von ihm hatte, blieb fest und unerschütterlich. Sie empfing ihn daher immer mit derselben wohlwollenden Freundlichkeit und versetzte ihn dadurch in die Lage, sich frei und ungezwungen benehmen zu können. Die Baronin, neugierig, den Charakter desjenigen zu ergründen, den sie sich in ihrer Phantasie wie eine Art von Cyklopen vorgestellt, entfaltete vor Herrn Derblay die ganze Grazie ihres lebhaften prickelnden Geistes. Sie fand Philipp liebenswürdig, ohne daß er Anstrengungen machte, es zu sein, und interessant, ohne daß er Anspruch darauf erhob. Sie erklärte, seine geistigen Eigenschaften für ebenso vollkommen wie seinen Körper und faßte eine besondere Hochachtung für ihn. Octave hatte in Susannen eine sehr angenehme Gesellschafterin gefunden und beide vertieften sich in so endlose Billardpartieen, daß kein ernsthafter Mensch daran hätte teilnehmen können. An dem Tage, als Moulinet und seine Tochter sich auf den Weg nach Beaulieu machten, wurde im Schloßhofe auf einem großen Rasenplatze sehr eifrig Croquet gespielt. Philipp und Bachelin waren die Schiedsrichter, während der Baron, Octave, Susanne und die Baronin einander sehr lebhaft bekämpften. Durch die offenen Fenster des Salons hörten die Marquise und Claire, die sich am Spiele nicht beteiligten, die Schläge der Klöpfel und die munteren Jubelrufe der Spieler, je nachdem ein geschickter oder mißratener Wurf den Sieg dem einen oder dem andern Lager näher brachte. Eben war ein gewissenhaft und aufmerksam befolgter Schiedsspruch zu gunsten des Barons und Susannens erfolgt, als plötzlich ein Wagen vor dem Schloßthore hielt, der die Aufmerksamkeit der Gesellschaft ablenkte und sie im Nu das Interesse an ihre Spielpartie vergessen ließ. Wie eine Schar aufgescheuchter Vögel stoben die Spielenden in einem Augenblick auseinander, erstiegen rasch den Perron und traten in den Salon ein, während ein Diener der Marquise eine Karte überreichte. Mit erstauntem Kopfschütteln las Frau von Beaulieu: »Herr und Fräulein Moulinet.« Ein langes Stillschweigen folgte diesen Worten, als ob die Anwesenden geahnt hätten, welch ernstes Ereignis unerbittlich nahe. Die Baronin erholte sich zuerst und die Hände ineinanderschlagend rief sie: »Das ist denn doch etwas zu stark!« »Was wollen diese Leute von uns?« fragte ruhig die Marquise. Da niemand antwortete, ergriff der Notar das Wort. »Ich vermute, Frau Marquise, daß Herr und Fräulein Moulinet der Sitte gemäß als Neuangekommene ihre Besuche bei den Nachbarn machen. Sie fangen in Beaulieu an und das ist nur recht und billig, da Ihre Familie zu den ältesten und angesehensten der Provinz zählt. Auch sagte Herr Moulinet, daß seine Tochter Fräulein von Beaulieu schon seit Jahren kenne; das sind Gründe genug, um ihr heutiges Erscheinen zu erklären.« »Ich hoffe, liebe Tante,« rief ungestüm die Baronin, »daß Sie sich die Vertraulichkeit der Familie Moulinet nicht gefallen lassen werden. Was gehen Sie diese Leute an? Er ist einer der gewöhnlichsten Menschen, und seine Tochter kenne ich als eine der gefährlichsten Personen, die es je gegeben. Da kommen nun diese Parvenus und bilden sich ein, daß sie sich gesellschaftliche Beziehungen verschaffen können, wie sie sich mit Hilfe ihrer Millionen ein Schloß gekauft haben. Weisen Sie diese Ansprüche zurück, liebe Tante, und widerstehen Sie dieser Aufdringlichkeit.« »Ich denke, liebes Kind,« sagte kalt der Baron, »daß Ihre Tante es versteht, selbständig zu handeln und daß es überflüssig ist, ihr Ratschläge zu erteilen.« Der Marquise war die Sache sichtlich höchst unangenehm. Sie wendete sich an ihre Tochter, die bis dahin gleichgültig und teilnahmslos geschwiegen. »Claire,« sagte sie, »wie denkst du darüber?« »Mein Gott, Mama,« antwortete ruhig das Mädchen, »ich finde es sehr schwierig, Herrn und Fräulein Moulinet geradewegs die Thüre zu verschließen. Man brauchte dazu einen Vorwand, doch welchen? Sich verleugnen lassen? Von ihrem Wagen aus haben sie diese Herren und Damen im Hofe spielen und uns am Fenster stehen sehen. Ihnen einfach sagen lassen, daß wir nicht empfangen, hieße ein im Grunde artiges Benehmen mit einer Unhöflichkeit erwidern. Wäre dies unserer würdig? Ich glaube nicht. Man muß heute diesen Besuch ertragen und es dann ein- für allemal dabei bewenden lassen. Sind Sie nicht auch derselben Meinung Mama?« »Ja mein Kind, du hast recht, und ich will mich danach richten. Octave, sage, daß wir empfangen.« Eine Minute später betraten Herr und Fräulein Moulinet den großen Empfangssaal des Schlosses. In allen Frauen ist eine gewisse Dosis Schauspielertalent vorhanden. Trotz ihrer großen Aufregung und ihres hochklopfenden Herzens besiegte Athénaïs die Verlegenheit des ersten Moments mit einem kühnen Manöver. Ein süßes Lächeln auf den Lippen, ein freudiges Aufleuchten in den Augen, schritt sie mit offenen Armen rasch auf Fräulein von Beaulieu zu, fiel ihr um den Hals und sie gleich einer zärtlich geliebten Freundin umarmend, rief sie dreist aus: »O, meine schöne Claire, wie glücklich bin ich, dich wieder zu sehen!« Das Erstaunen über diese unerwartete Zärtlichkeit und Vertraulichkeit war bei Fräulein von Beaulieu so stark, daß sie, trotz ihrer gewohnten Geistesgegenwart, kein Wort der Erwiderung fand. Athénaïs nützte den errungenen Vorteil rasch aus, wendete sich sofort zu Frau von Beaulieu und mit vollendeter Artigkeit und Bescheidenheit grüßend sagte sie: »Es gereicht mir zur unaussprechlichen Freude, Frau Marquise, mich Fräulein von Beaulieu nähern zu dürfen. Seitdem ich sie kenne, und es ist dies schon sehr lange her«, fuhr sie fort, indem sie lächelnd nach Claire blickte, »war es stets mein heißestes Bestreben, ihr in allem zu gleichen und ich glaube, daß es schwer fallen dürfte, sich ein vollendeteres Vorbild zum Muster zu nehmen.« »Mir bloß zu gleichen?« versetzte ruhig Claire, »du bist bescheiden.« »Und das passiert ihr wohl zum erstenmal,« murmelte die Baronin zwischen den Zähnen, indem sie herantrat. Bei dem Anblicke der Frau von Préfont schien die Freude des Fräuleins Moulinet keine Grenzen mehr zu kennen. Aber sie wagte nicht, die Baronin ebenfalls zu umarmen. Diese kleinen Hände hatten sie einstens zu oft zu Boden geschlagen, als daß es geraten schien, heute öffentlich ein derartiges Abenteuer zu versuchen. Diese tolle, launische Sophie war wohl imstande, ihr vor aller Augen einen Schimpf anzuthun, der das mühsam aufgeführte Gebäude ihrer Pläne zerstören und mit einem Schlage alle Fäden der künstlich gesponnenen Intrigue zerreißen konnte. Die kluge Athénaïs begnügte sich daher, der Baronin einen kräftigen Händedruck zu geben, der ihre Armbänder klingen machte, und verbarg in geschickter Weise ihre Zurückhaltung mit überströmenden Freundschaftsbeteuerungen. Das war heute ein doppeltes Glück für sie! Wie, diese teure d'Hennecourt ebenfalls anwesend! Da sie nicht zur Vermählung der Baronin geladen war, gab sie sich den Anschein, als wüßte sie nichts davon und zwang dadurch Frau von Préfont, ihr den Baron vorzustellen, was Athénaïs wieder Gelegenheit zu einer reizenden Phrase gab, mit welcher sie Herrn von Préfont zu einer so ausgezeichneten Gefährtin beglückwünschte. Auf dem mit Hindernissen und Fallen reich besäeten Kampfplatze mit der Geschicklichkeit und Sicherheit eines großen Taktikers sich bewegend, lähmte Fräulein Moulinet durch ihre Kühnheit die Kraft ihrer Gegnerinnen, verblüffte ihren Vater durch ihre Geistesgegenwart und gab allen Anwesenden einen hohen Begriff von ihrer Intelligenz. Sie erschien der Baronin und Claire als eine viel gewaltigere Feindin, als sie bis dahin geahnt hatten. Das kleine Mädchen hatte sich seit zwei Jahren auf wirklich überraschende Art entwickelt. Sie war sehr hübsch geworden. Von etwas untersetztem Wuchse, mit einer leichten Neigung zum Embonpoint, was ihr übrigens sehr gut stand, besaß sie Haare von dunkelstem Schwarz und sehr ausdrucksvolle blaue Augen. Nur die in schwedischen Handschuhen steckenden Hände und die unter dem sehr kurzen Kleide sichtbaren Füße verrieten durch auffallende Plumpheit ihre plebejische Abstammung. Einer aufmerksamen Prüfung mußte sie überhaupt etwas gewöhnlich erscheinen, aber auf den ersten Blick machte sie entschieden einen guten Eindruck. Papa Moulinet verstummte vor Entzücken. Er gestand sich selbst, daß seine Tochter wirklich ein höheres Wesen und unbestreitbar zur Herzogin geboren sei. Im Uebermaße seiner Bewunderung überkam ihn eine tiefe Rührung und er dachte, wenn seine Selige das erlebt hätte, wie entzückt und erstaunt sie über die kleine Athénaïs wäre. Diese eheliche Erinnerung brachte eine Thräne in die Augen des ehemaligen Handelsrichters, so daß er sein großes Taschentuch herausziehen und sich laut schneuzen mußte. Ein vernichtender Blick seiner Tochter brachte ihn rasch wieder zur Erkenntnis der Situation und machte ihm begreiflich, daß in der Welt, in der er sich jetzt befand, alles mit Mäßigung und Selbstbeherrschung geschehen müsse. Hierauf verneigte er sich vor der Marquise und den Hut fest an sein Herz drückend, begann er: »Fräulein von Beaulieu und Madame« – dabei deutete er mit der Hand nach der Baronin – »waren Mitschülerinnen meiner Tochter im Sacré-Coeur. Ich war stets stolz darauf und bin es heute mehr als jemals, daß ich meine Tochter in diesem Institute erziehen ließ, das doch sicherlich eines der besten in Paris ist. Die jungen Mädchen erhalten dort eine glänzende Erziehung und gelangen zu sehr vorteilhaften Verbindungen.« Die Marquise lächelte, indem sie Herrn Moulinet vom Kopf bis zum Fuß musterte. »Ich bemerke es,« sagte sie mit einem Anfluge von Ironie, die der Industrielle nicht verstand, die aber bei Athénaïs ihre Wirkung nicht verfehlte. »Was mich betrifft,« fuhr Herr Moulinet fort, »bin ich sehr gerührt, Frau Marquise, von der großen Gunst, die Sie mir erweisen, indem Sie mir gestatten, Ihnen meine Hochachtung darzubringen. Ich schulde sie Ihnen erstens als Neuangekommener in dieser Provinz, in welcher ich eine Besitzung gekauft habe ...« Die Marquise wechselte mit dem Notar einen Blick des Einverständnisses. »Eine herrschaftliche Besitzung,« fuhr Moulinet fort, einen Moment durch die Augensprache der Marquise mit dem Notar außer Fassung gebracht. »Es ist Varenne, ehemals den d'Estrelles gehörend. Ich hielt nicht sehr viel darauf, aber meine Tochter, die sehr verständig ist, überzeugte mich, daß bei einem so großen Vermögen, wie das meinige, der Besitz eines Landgutes nötig sei. Und lassen Sie es mich nur gestehen, Frau Marquise, in politischer Hinsicht bin ich liberal, aber in Bezug auf den Verkehr halte ich es nur mit der Aristokratie.« Bei diesen Worten blickte Moulinet, den Umschlag seiner weißen Weste mit der Zimperlichkeit des achtzehnten Jahrhunderts mit den Fingern schnellend und wohlwollend lächelnd die Anwesenden der Reihe nach an. Ein tiefes Staunen über die monumentale Dummheit des ehemaligen Handelsrichters bemächtigte sich der ganzen Gesellschaft und Athénaïs, vernichtet von dieser Erkenntnis, ließ sich seufzend in einen Fauteuil niedersinken. Die Marquise zeigte bei dieser Gelegenheit den feinen Takt der Frau eines vornehmen Hauses und die verschleierte Impertinenz einer wirklich großen Dame. Sie wollte ebensowenig, daß Moulinet bemerke, wie ungünstig sie ihn beurteile, noch mochte sie sich die Befriedigung versagen, ihm einige feine Spöttereien anzuhängen. Sie spielte daher für jene, die sie verstehen konnten, eine köstliche Komödie. »Glauben Sie, mein Herr,« sagte sie zu Moulinet, »daß ich sehr gerührt bin von den Gefühlen, die Sie mir mit ebensoviel Bescheidenheit als Ungezwungenheit ausdrücken, sie sind eines Mannes in einer Stellung, wie Sie sich dieselbe durch ihre Intelligenz errungen haben, würdig.« Moulinet, entzückt von dieser Antwort und keinerlei Bosheit darin erblickend, dachte bei sich, die Marquise müsse doch eine gar gutmütige Frau sein, und nahm sich vor, ihr ganz besondere Ehrerbietung zu beweisen. Er sah bereits eine Intimität zwischen sich und dieser vornehmen Familie angebahnt und meinte, man brauche sich nur noch die Hände zu reichen. »Ja, sehen Sie, so bin ich,« rief er überschwenglich aus; »und wenn mein Charakter Ihnen paßt, Frau Marquise, so hoffe ich, daß wir viel Vergnügen an unserer Nachbarschaft finden werden.« Die Baronin, welche das Lachen kaum mehr unterdrücken konnte, erhob sich rasch, zog Herrn Derblay zu einer Fensternische und flüsterte, um sich zu erleichtern: »Aber dieser Mensch ist ja ein wirkliches Ungeheuer.« Moulinet merkte wohl, daß er eine gewisse Sensation errege, doch konnte er sich keine Rechenschaft darüber geben, ob dies in gutem oder schlechtem Sinne geschehe und plauderte ganz ungeniert weiter: »Die Besitzung von Varenne ist sehr bedeutend. Sie kennen gewiß das Schloß und wissen, daß es historisch ist. Ich bewohne ein Zimmer, in welchem, wie man mir sagt, Karl V. übernachtete. Ja, Frau Marquise, ich schlafe in einem kaiserlichen Bette.« Mit bescheidener Miene fügte der ehemalige Handelsrichter hinzu: »Aber, du lieber Himmel, deshalb bin ich doch nicht im mindesten stolzer!« Nun konnte Athénaïs sich nicht mehr zurückhalten, sie sah ihren Racheplan ernstlich bedroht und sich rasch emporrichtend, sagte sie mit verändertem Gesichte und einem bösen Blicke in den Augen: »Papa, bitte doch die Frau Marquise, dir die berühmte Terrasse des Schlosses zu zeigen, die, wie es scheint, einen herrlichen Ausblick gewährt.« Um die weiteren väterlichen Herzensergüsse kurz abzuschneiden, schritt sie entschlossen auf die Thüre zu, die auf den Perron hinausführte. Die Marquise erhob sich und Herrn Moulinet den Weg weisend, ging sie, gefolgt von ihren Gästen, voran. Claire blieb verdrießlich und verstimmt einen Augenblick zurück, doch kaum wollte sie gleichfalls hinaustreten, als sie sich Athénaïs gegenübersah, die sich geschickt von der Gesellschaft getrennt hatte, um in den Salon zurückzukehren. Die Blicke der jungen Mädchen kreuzten sich, Claire sah erstaunt und nachdenklich, Athénaïs ernst und sichtlich beunruhigt aus. »Möchtest du nicht ein wenig hier bleiben?« fragte Fräulein Moulinet, indem sie in den Salon trat. »Recht gerne,« antwortete Claire mit einer plötzlichen Beklemmung. »Du willst mich sprechen?« In der Gewißheit, daß das lang geahnte Unheil unabwendbar geworden, fand Claire ihre ganze Ruhe und Kaltblütigkeit wieder. Ihre hohe Gestalt richtete sich empor, und vollständig Herrin ihres Geistes wie ihres Herzens, erwartete sie mit stolzer Zuversicht den Angriff derjenigen, die sie als ihre unversöhnliche Feindin kannte. »Du kannst dir die Freude kaum vorstellen, die ich empfinde, mich mit dir allein zu sehen,« begann Athénaïs. »Während der zwei Jahre unserer Trennung habe ich viel erlebt und viel nachgedacht. Ich habe ein wenig an Erfahrung gewonnen und demgemäß haben sich auch meine Ansichten und Gefühle bedeutend verändert. Ehemals konnte man gerade nicht sagen, daß wir gute Freundinnen waren.« »Doch ...« meinte Claire mit einer Gebärde stolzen Widerspruchs. »Nein, es ist, wie ich sage!« rief Athénaïs lebhaft, »ich liebte dich nicht, denn ich war eifersüchtig auf dich. Heute darf ich es dir wohl gestehen, denn ich habe mich zu hoch über jene Zeit erhoben, um heute nicht das Recht zu haben, offenherzig zu sein, ohne mir etwas zu vergeben. Unbewußt habe ich dich indes stets geliebt, bewundert, und mein Ideal war, dir zu gleichen. »Mir zu gleichen! Mein Gott,« sagte Claire mit bitterem Lächeln, »ich bin doch so wenig! Du übertriffst mich, ich versichere es dir, und zwar um vieles! Beurteile dich doch selbst gerechter! Schönheit, Eleganz, Luxus, du besitzest ja alles ...« »Ja alles,« entgegnete kalt Athénaïs, »nur keinen Namen ...« »Nun,« meinte Claire ruhig, »ein Name? Heutzutage kann man sich doch einen kaufen. Es gibt welche zu allen Preisen, kleine, mittelmäßige, große. Wenn dir an dem Adel gelegen ist, so vermagst du doch dir einen von der besten Sorte zu verschaffen. Deine Mittel erlauben es dir.« »In der That,« antwortete Athénaïs, indem sie sich bemühte, ihrer vor Zorn zitternden Stimme Festigkeit zu verleihen, »in der That handelt es sich in diesem Augenblicke um einen mir gemachten bedeutenden Heiratsantrag.« »Ah, das trifft sich ja reizend. Ich bringe dir meine aufrichtigsten Glückwünsche dar.« »Ich erwarte etwas ganz anderes von dir als Glückwünsche.« »Ja, was denn?« fragte erstaunt Claire. »Deinen Rat.« »Meinen Rat? Und worüber?« »Ueber die Wahl, welche ich treffen will.« »Wirklich, du bringst mich mit deinem Vertrauen in Verlegenheit. Wir kennen uns doch so wenig! Könntest du dich nicht ohne meine Meinung behelfen?« »Nein, unmöglich!« versetzte Athénaïs. »Ich verstehe nichts von alledem,« entgegnete Claire, mit wachsender Besorgnis. »Höre mich aufmerksam an,« sagte Fräulein Moulinet. »Die Sache lohnt wohl der Mühe. Die Heirat, um die es sich handelt, ist eine sehr große, die meine Stellung hoch überragt und meine kühnsten Hoffnungen übertrifft. Es handelt sich dabei um eine Krone ...« »Eine Königskrone?« fragte Claire, sich zu einem Lächeln zwingend. »Nein, nur eine Herzogskrone,« erwiderte Äthénaïs, indem sie ihren Blick tief in die Augen ihrer Rivalin senkte. »Ich soll Herzogin werden.« Bei diesen Worten erbebte Fräulein von Beaulieu. Es schien ihr, als ob plötzlich ein Schleier vor ihren Augen entzweirisse; in einem Momente erriet sie alles, was die ihrigen ihr mit soviel Sorgfalt verheimlichten, und sie zweifelte keine Sekunde, daß von Gaston die Rede sei. Seine Entfernung, sein Stillschweigen, alles war erklärt. Ein unermeßliches Weh ergriff ihre Seele, eine Blutwelle quoll mächtig, fast erstickend zu ihrem Herzen, während ihr schönes Antlitz erbleichte und ein schmerzlicher Seufzer auf ihren Lippen verhauchte. Mit grimmiger Freude sah Athénaïs die plötzliche Veränderung in Claires Zügen und ergötzte sich an deren Qualen. Rachetrunken zählte sie die unregelmäßigen wild klopfenden Pulsschläge dieser Schläfen und in vollen Zügen genoß sie die Genugthuung, dem stolzen Mädchen mit einemmale alle Demütigungen vergelten zu können, die sie selbst seit Jahren und seit einer Viertelstunde neuerdings erlitten hatte. Da sie Claire regungslos, fast erstarrt ansah, fürchtete sie, ihre Rivalin konnte ohnmächtig werden und ihrem Rachedurst entschlüpfen. Nein, das durfte nicht geschehen, Claire mußte noch die zweite Hälfte ihrer unseligen Eröffnungen ertragen. »Du fragst mich nicht einmal um den Namen meines Verlobten?« »Nein,« stammelte Clane, in peinliche Gedanken versunken, kaum wissend, was sie antwortete. »Du mußt ihn jedoch kennen lernen, es ist meine Pflicht, ihn dir zu nennen,« versetzte Athénaïs. Und weit ausholend, langsam, als wollte sie genau die Stelle wählen, wo sie am sichersten treffen würde, sagte sie: »Es ist der Herzog von Bligny.« Claire erwartete den Stoß, sie machte sich keine Illusionen mehr und war des Verrates des Herzogs gewiß. Und doch! Der Name des geliebten Mannes, von den Lippen ihrer Rivalin ausgesprochen, ließ sie neuerdings schmerzlich zusammenzucken, und mit zitternden Händen, trockenem Munde, die Augen von dunklen Ringen umgeben, fürchtend, daß jedes Wort ihre Aufregung verraten könnte, verharrte sie unbeweglich in ihrem Schweigen, den bittern Kelch der Enttäuschung bis auf die Neige leerend. »Der Herzog von Bligny ist dein Verwandter,« fuhr Athénaïs fort, »dein Jugendfreund. Man hat sogar von gewissen Heiratsplänen zwischen euch gesprochen. Das lag mir am Herzen, nun verstehst du mich wohl? Ich komme daher, dich ehrlich davon zu benachrichtigen und dich zu befragen ...« In den falsch edelmütigen Worten Athénaïs' sah Claire etwas wie einen Hoffnungsschimmer leuchten. Vielleicht waren die Dinge noch nicht so weit gediehen, als man sie es glauben machen wollte. Sie faßte neuen Mut und beschloß, sich bis zum äußersten zu verteidigen. »Mich befragen?« sagte sie, »und worüber denn?« »Mein Gott, über das wirkliche Verhältnis des Herzogs zu dir,« antwortete Fräulein Moulinet. »Wenn es wahr ist, daß ihr insgeheim verlobt seid, könntest du mich anklagen, dir deinen Verlobten entrissen zu haben. Der Herzog hat um meine Hand angehalten, aber ich liebe ihn nicht, ich kenne ihn kaum ... Er oder ein anderer, was liegt mir daran ... Höre ... sei einmal aufrichtig gegen mich. Liebst du ihn? Würde meine Heirat mit ihm dich kränken? Sprich ein einziges unumwundenes Wort und ich verpflichte mich, mit ihm zu brechen.« Vielleicht, wenn Claire mutig ihre Liebe gestanden hätte, würde Athénaïs sich die höchste Befriedigung, die Großmütige spielen zu können, gegönnt haben und hätte entsagt, um Fräulein von Beaulieu in ihrem Stolze desto tiefer zu verletzen. In einem Augenblicke mußte sich das Geschick der beiden jungen Mädchen entscheiden. Aber von alledem, was Athénaïs gesprochen, behielt Claire nur den einzigen Satz: Der Herzog hat um meine Hand angehalten ... Eine heiße Glut stieg ihr ins Gesicht und bereit, eher zu sterben, als ihre Neigung zu dem Herzog zu gestehen, verstand sie es, durch ein Wunder von Willenskraft, ihrem Blicke, ihrer Stimme zu gebieten und eine ruhige Haltung anzunehmen. »Ich danke dir,« erwiderte sie mit eisigem Lächeln. »Sei aber versichert, daß ich die Frau nicht bin, die man verschmäht und verläßt. Wenn der Herzog mir gegenüber verpflichtet wäre, glaube nicht, daß er eine andere heiraten würde. Nein! Mein Gott, unter Verwandten ist es alltäglich, daß man die Kinder verlobt, Cousins miteinander verheiratet, ehe man zwei zählt; das sind Kinderspiele; aber man wächst heran, man kommt zur Vernunft und die Ansprüche des Lebens vernichten derlei Pläne. Der Herzog hat um deine Hand angehalten, sagst du? Heirate ihn! Es wäre jammerschade, wenn ihr nicht vereinigt würdet ... Ihr seid eines des andern würdig!« Athénaïs erbebte unter dem Schimpf der letzten Worte. Claire hatte ihr mit einem Schlage alle Bitternis wiedergegeben, die sie von ihr hatte erdulden müssen. Die beiden Freundinnen sahen einander lächelnd an, aber mit tödlichem Lächeln. Ihr Kampf hielt sich stets in den Formen der ausgesuchtesten Höflichkeit. Es war ein Gefecht mit goldenen Nadeln, die sich spitz und schneidig wie Dolche ins Fleisch bohrten, ein Duell mit Fächern, lächelnd geführt, aber jede Bewegung perfid und beschimpfend wie Ohrfeigen, ein Damenkrieg mit schlau berechnetem Angriff, mit raffinierter Strategik, in welchem der heißbestrittene Sieg beide Gegnerinnen, gleich grausam verletzt, auf dem Schlachtfelde lassen mußte. »Diese Heirat hat also nichts unangenehmes für dich?« begann Fräulein Moulinet wieder. »Wie glücklich machst du mich dadurch, denke doch, welch unverhofftes Glück! Deine Verwandte, deinesgleichen, diesmal in Wirklichkeit ... und ... Herzogin.« »Alles, was du verdienst,« gab Claire mit tiefer Ironie zurück. »Laß dich umarmen!« rief Athénaïs und warf sich dabei um Claires Hals, als wollte sie dieselbe erwürgen. Fräulein von Beaulieu, unfähig, sich zu bewegen, ließ sie gewähren und Athénaïs konnte auf die Wange ihrer Feindin den heuchlerischsten Kuß drücken, den je ein Weib gegeben. »Wisse, daß du in mir eine aufrichtige und ergebene Freundin hast.« Claire besaß nur noch die Kraft, zu erwidern: »Du hast mir soeben den Beweis davon geliefert.« Dann ließ sie sich mit zitternden Knieen auf ein Sofa niedersinken. Glücklicherweise trat eben die Baronin ein, die unruhig über das Wegbleiben der jungen Mädchen und irgend eine Bosheit des Fräuleins Moulinet vermutend, dieselben aufsuchte. Sie sah Claire totenbleich und gebrochen, Athénaïs aufrecht und strahlend und erriet sofort, was vorgefallen. »Was macht ihr denn hier, seid einer halben Stunde?« sagte sie. Und sich angstvoll über Claire neigend: »Was gibt's denn?« Fräulein von Beaulieu antwortete nicht. Mit herzzerreißendem Blicke wies sie auf ihre Rivalin, die kalt ihre Handschuhe zurechtrückte, wie ein Duellant, der soeben seinen Gegner getötet. Dieser stumme, bittende Hilferuf brachte die Baronin außer sich. Sie fühlte einen entsetzlichen Zorn ihr zu Kopfe steigen, ihre kleinen Ohren wurden rot wie Feuer und mit drohender Gebärde auf Athénaïs zuschreitend, wies sie nach der Thüre, indem sie den bedeutungsvollen Satz begann: »Geh hinaus ...« Mit seltener Geistesgegenwart schnitt Athénaïs so rasch die Beschimpfung ab, daß es scheinen konnte, als habe sie dieselbe nicht verstanden.... »Ja freilich werde ich gehen, um meinen Vater auf der Terrasse aufzusuchen;« dann wendete sie sich zu Claire: »Auf Wiedersehen!« Und ohne ihren Schritt zu beschleunigen, wie um zu beweisen, daß sie sich siegreich vom Kampfplatze entferne, verließ sie den Salon. Achtes Kapitel Kaum war Fräulein Moulinet verschwunden, als Claire sich mit einem Satze erhob und mit vor Wut funkelnden Augen auf die Baronin zustürzte. »Du, du wußtest also, daß er sich verheiratet? Warum hast du es mir nicht gesagt?« Und da die Baronin in ihrer Bestürzung sprachlos blieb, rang Fräulein von Beaulieu in einem Anfalle wahnsinniger Verzweiflung ihre schönen Hände und fuhr stürmisch fort: »Verraten! Verlassen! Um ihretwillen, wegen eines solchen Mädchens! Und ihr ließet es aus ihrem Munde mich erfahren! Sie konnte ungehindert mir den Todesstoß versetzen. Aber ihr, ihr seid ja alle ihre Mitschuldigen! Ist denn kein einziges unter euch, das mich liebt! Und er? Er! Für Geld! O, der Elende!« Entsetzt über den Anblick dieses fassungslosen, alle Schranken durchbrechenden Schmerzes, versuchte die Baronin vergebens, ihre Freundin zu beruhigen. »Um Gotteswillen! Claire, du machst mir Furcht!« stammelte sie. Doch Fräulein von Beaulieu war ihrer selbst nicht mehr mächtig. Die Heftigkeit ihres so lange bemeisterten Charakters kam rückhaltlos zum Ausbruch. Die Seelenstärke, die sie während dieser schrecklichen Unterredung bewiesen hatte, erschien ihr jetzt als feige Schwäche. Verwundert fragte sie sich, warum sie derjenigen, die so frech mit ihren Qualen gespielt, nicht all die Beschimpfungen und Beleidigungen ins Gesicht geschleudert, welche ihr nun so reichlich von den Lippen strömten. Sie bedauerte, ihre Feindin nicht geschlagen, nicht erwürgt zu haben. Sie schrie in ihrem Zorne laut auf, wie das erste beste Weib aus dem Volke, dem man ihren Geliebten geraubt. Es war eine echt weibliche, alle Fesseln der Konvenienz abstreifende Raserei und tobend, mit den Füßen stampfend, war sie taub für die Stimme der Vernunft. Das Blut der alten Barone, welche die Gerichtsbarkeit besaßen, schäumte in den Adern des Fräuleins von Beaulieu und sie erdachte die schrecklichsten, grausamsten Martern für ihre Rivalin. Aber bald überkam sie das Gefühl ihrer Ohnmacht von neuem und sie fing wieder zu begreifen an, daß ihre Hoffnungen für immer vernichtet und daß jede Rache ihr verboten sei. Die Spannung ihrer Nerven ließ plötzlich nach, und das Gesicht von Thränen überschwemmt, fiel sie mit herzerschütterndem Schluchzen der Baronin in die Arme. »Ach, wie unglücklich bin ich! Wie unglücklich!« Frau von Préfont, selbst untröstlich, drückte Claire liebkosend ans Herz, stützte deren Kopf auf ihre Schulter und mit der süßen Sprache, in welcher Mütter zu ihren Kindern reden, um die Angst der Kleinen zu stillen und ihre Schmerzen einzuschläfern, bemühte sich die Baronin, dem tiefgekränkten Gemüte ihrer Freundin wieder etwas Ruhe einzuflößen. Claire weinte unaufhaltsam, aber diese Thränenergüsse schwemmten das Gift hinweg, das Athénaïs in die Wunde gegossen und linderten die brennende Pein. Fräulein von Beaulieu beruhigte sich endlich wieder, und darüber errötend, daß sie sich bis zu einem solchen Grade der Verzweiflung erniedrigt hatte, beschloß sie, von nun an sich zu beherrschen und durch eine gewaltsame äußerste Anstrengung ihres Stolzes gelang ihr dies auch. Als ihre Mutter, durch ein naives Geständnis Moulinets erschreckt, in den Salon zurückkehrte, fand sie ihre Tochter zwar nicht resigniert – die Resignation war ihr unmöglich – aber doch mutig und ihrer würdig. Sie preßte Claire in ihre Arme: »Mein Kind, mein armes Kind!« »Sie wissen, Mama,« fragte Claire, noch bleich und zitternd. »Ihr Vater hat es mir soeben mitgeteilt. Und wenn ich denke,« rief die Marquise, die Arme mit Entrüstung zum Himmel erhebend, »daß gerade du, nur um keine Unhöflichkeit zu begehen, für ihren Empfang stimmen mußtest!« »Ich bin dafür schön belohnt worden, nicht wahr?« erwiderte Claire mit Bitterkeit. »Es war sehr unklug von mir, ich hätte mich vor dieser ... Person besser in acht nehmen sollen, kannte ich doch ihre Gefühle gegen uns. Haben wir sie einst Demütigungen erdulden lassen, so hat sie sich heute gründlich dafür gerächt! Sie hat nie verziehen und nur den günstigen Zeitpunkt abgewartet, um über die glücklichste ihrer ehemaligen Mitschülerinnen herzufallen und sie mitten ins Herz zu treffen. Es ist ihr gelungen, mein Leben ist gebrochen, denn die Schmach, deren Opfer ich bin, wird stets auf mir lasten, und wenn ich nach der erfahrenen Demütigung je so thöricht sein könnte, noch ans Heiraten zu denken, wer würde mich noch wollen?« »Wie? Wer dich wollen würde?« rief lebhaft die Marquise. »Mein Gott, alle diejenigen, die Augen zu sehen und Ohren zu hören haben. Mein Kind, wenn jemand in diesem Falle beschimpft ist, so kann es nur der Herzog sein und nicht du, und wenn du dich verheiraten willst, so wird dir, Dank dem Himmel, die Wahl wehe thun. Einem Mädchen wie Fräulein von Beaulieu mangelt es nie an Bewerbern. Es sind noch keine sechs Monate, daß ich Anträge von den achtbarsten Familien zurückweisen mußte, und jene Leute, die sich damals um dich bewarben, waren zu unglücklich, keine Erhörung gefunden zu haben, als daß sie heute anderer Meinung sein könnten.« Claire machte eine Gebärde der Entmutigung. »Nach dem Herzog von Bligny könnte ich nur einen Mann heiraten, der sehr hoch über ihm steht, oder einen, den ich zu lieben vorgeben könnte. Meine einzig mögliche Rechtfertigung in den Augen der Welt bestände in der Außergewöhnlichkeit meines Erwählten oder in einer wirklichen Neigungsheirat. Aber, Mama, Sie wissen, daß diese Frage unmöglich ist, und daß ein Mädchen wie ich nach einer derartigen Enttäuschung sich nur dem Kloster vermählt.« »Du übertreibst, mein Kind,« entgegnete sanft die Marquise. »Das Kloster? Nun, und wir? Nein, du bist zu jung, um das Recht zu haben, zu verzweifeln. Du besitzest zu viel Geist und Schönheit, als daß die Zukunft dir nicht sicher noch Entschädigung bieten sollte. Und wenn du es schließlich wissen willst, gut: es befindet sich hier in deiner Nähe ein Mann, der deine Hand als das höchste Glück empfangen würde ...« Fräulein von Beaulieu erhob ihre stolzen Augen. »Herr Derblay?« fragte sie ruhig. »Herr Derblay, ja,« erwiderte die Marquise. »Aber ich spreche nur deshalb von ihm, um dir die Grundlosigkeit deiner Besorgnis zu beweisen. Wer könnte sich dir nähern, ohne dich zu lieben? ... Willst du, daß wir nach Paris zurückkehren, oder möchtest du mit unsern Verwandten nach der Schweiz gehen? Sprich, mein Kind, ich bin zu allem, was dich beruhigen und trösten konnte, bereit. Was wünschest du?« »Ach, weiß ich es?« rief Claire mutlos. Ich möchte augenblicklich verschwinden, den Menschen und mir selber entfliehen. Meine Seele ist von Haß und Verachtung erfüllt. O, daß ich sterben könnte!« »Der Tod, mein liebes Kind, ist das einzige Uebel, wofür es kein Heilmittel gibt. Wenn alle Frauen, die von ihren Verlobten oder Gatten betrogen wurden, sterben würden, so wäre die Welt entvölkert! ... Es gibt fast gar keine treuen Männer, hörst du, und wenn sie uns nicht vor der Hochzeit täuschen, so thun sie es später! ...« Als hätte die Marquise, indem sie von der Treulosigkeit der Männer sprach, den Ungetreuen selbst, der so viel Seufzer und Thränen verursachte, herbeigerufen, ertönte plötzlich der Hufschlag eines galoppierenden Pferdes und durch das offen stehende Gitterthor sprengte der Herzog von Bligny auf einem mit Schaum bedeckten Rosse in den Schloßhof. Im Nu sprang er zur Erde, und nachdem er die Zügel einem erschrockenen Diener zugeworfen, erstieg er, immer vier Stufen auf einmal nehmend, den Perron, und ohne nach jemandem zu fragen, wollte er unangemeldet in den Salon eintreten, als der Baron und Herr Bachelin herbeieilten und ihn im Vestibül aufhielten. Bleich, mit verstörten Zügen, ließ sich der Herzog nicht ohne Widerstreben den Weg versperren. »Sind Herr und Fräulein Moulinet noch hier?« fragte er mit erregter Stimme. Da der Baron bejahend antwortete, fuhr er fort: »Meine Tante! Ich muß die Marquise augenblicklich sprechen; vielleicht ist es noch nicht zu spät.« »Es ist zu spät,« entgegnete der Baron, »Herr und Fräulein Moulinet haben bereits gesprochen.« Dem Herzog entfuhr ein tiefer Seufzer und, auf eine der geschnitzten Bänke niedersinkend, blickte er tiefbekümmert die beiden Männer an. »Wie vermag ich das Unheil wieder gut zu machen, welches ich angestiftet?« fragte er. »Dieses Unheil ist leider nicht mehr ungeschehen zu machen,« bemerkte Bachelin im Tone ehrerbietigen Vorwurfs, »und das Beste wäre, wenn Sie umkehren würden, ohne Fräulein von Beaulieu gesprochen zu haben.« »Nimmermehr, auf diese Unterredung werde ich nicht verzichten,« rief lebhaft der Herzog, indem er sich erhob. »Ich kann den Vorwurf, der auf mir lastet, nicht auf mir ruhen lassen. Ich muß meine Handlungsweise rechtfertigen und vor allem meiner Tante die Versicherung geben, daß ich keinen Anteil habe an der Gemeinheit, die heute hier verübt wurde ... Ich bin zu allem bereit ... Aber ich muß sie sehen, sie sprechen und ... mit ihr weinen. Sehen Sie denn nicht meine Verzweiflung über das Vorgefallene?« Der Herzog zeigte dem Baron und dem Notar ein so schmerzbewegtes Gesicht, daß beide trotz der Voreingenommenheit gegen den jungen Mann sich tief gerührt fühlten. »Sei es,« sagte der Notar, »der Herr Baron wird die Güte haben, Ihnen, Herr Herzog, Gesellschaft zu leisten, während ich Frau von Beaulieu fragen will, ob sie geneigt ist, Ihre Bitte zu erfüllen.« Herr Bachelin ließ die beiden Cousins allein zurück und begab sich nach dem Salon. Teils ahnungslos und teils unempfindlich für die schreckliche Aufregung, die das Haus durchtobte, dessen Gäste sie waren, plauderten Herr und Fräulein Moulinet, Philipp, Susanne und Octave ruhig und friedlich auf der Terrasse. Die Sonne neigte sich bereits am Horizont und rötete mit einem Purpurstreifen den Himmel, dessen Blau eine leichte Schattierung von Grün zeigte. Eine köstliche Ruhe stieg mit dem Abend ins Thal hinab, dessen Hintergrund sich schon mit dunklen Schatten füllte. Die Glocke der Kirche von Pont-Avesnes tönte mit melancholischem Klange in der Ferne, für den nächsten Tag ein Leichenbegängnis verkündend. Die ganze Natur atmete einen so tiefen Frieden, daß auch Athénaïs seinem Einflusse unterlag. Sie fühlte sich weniger gereizt, und nachdem sie so vollständig über ihre Rivalin triumphiert hatte, wollte sie ihr von nun an mit schonender Rücksicht begegnen. Im Salon, wo die drei Frauen weilten, herrschte unterdessen namenlose Bestürzung. Als Claire den Herzog mit verhängten Zügeln in den Hof sprengen sah, war sie vor Schrecken außer sich emporgesprungen. Sie versuchte, zu sprechen, vermochte es jedoch nicht und indem sie bloß die Hand gegen den Neuangekommenen ausstreckte, wurde sie von einem durch nervöses Lachen unterbrochenen Stammeln befallen. Sie schien wahnsinnig zu werden. Entsetzt stürzten die Marquise und die Baronin auf das junge Mädchen zu, das am ganzen Körper konvulsivisch zitterte und dessen Lippen ganz blau geworden. Sie befürchteten einen Ohnmachtsanfall und wollten um Hilfe rufen; doch mit befehlender Gebärde hielt Claire sie zurück und mit gewaltsamer Anstrengung stieß sie mühsam die Worte hervor: »Nichts, niemand, lasset mich, ich werde mich sogleich erholen.« Sie setzte sich und kalte Schweißtropfen perlten auf ihrer Stirn. Die Marquise umhüllte ihre fröstelnde Tochter mit ihren Wollfichus und ihrem Shawl. So verstrichen in tödlicher Angst einige Minuten. Claire saß mit vorgeneigtem Kopfe, den Rücken gegen die Kissen gelehnt, regungslos, wie betäubt da und nur ihre funkelnden, starr nach einem Punkte gerichteten Augen verrieten, daß sie nicht schlafe. Sie überlegte und unter der Anstrengung dieses tiefen Nachdenkens zeigte sich eine tiefe Falte zwischen ihren Augenbrauen. Nach einer kurzen Weile kehrte das Blut wieder in ihre Wangen zurück; ein rettender Gedanke schien in ihrem stürmisch arbeitenden Gehirn aufgetaucht zu sein. Ein Seufzer erleichterte ihre Brust und mit einer raschen Bewegung warf sie die Tücher, mit denen ihre Mutter sie bedeckt hatte, von sich. Beim Geräusch der sich öffnenden Glasthüre, durch welche Bachelin eintrat, wandte sie sich um, und da sie nicht wollte, daß man ihr den Kummer ansehe, lächelte sie dem Notar freundlich zu. Mit bestürztem Ausdruck und wie in einem Krankenzimmer auf den Fußspitzen gehend näherte sich dieser der Marquise und sagte mit leiser Stimme: »Ich bitte um Entschuldigung, Frau Marquise, doch was sich eben ereignete, ist so außerordentlich ...« »Ich weiß,« unterbrach ihn Frau von Beaulieu heftig, »der Herzog ist da.« »Ja, Frau Marquise,« erwiderte etwas aus der Fassung gebracht der Notar, »und trotzdem wir ihn zurückzuhalten suchten, besteht er darauf, Sie zu sprechen ...« »Das ist denn doch zu stark,« rief die Marquise aus, indem sie mit ungewohnter Raschheit zur Thüre schritt. »Wohin gehen Sie, Mama?« fragte Claire. »Ich will ihn hinauswerfen lassen, wie er es verdient,« antwortete die Mutter mit vor Entrüstung hoch gerötetem Antlitze. Claire schwieg einen Moment, als schrecke sie noch vor der Ausführung eines ernsten Entschlusses zurück, dann warf sie stolz den Kopf zurück. »Nein, Mama,« sagte sie, »man darf den Herzog nicht hinauswerfen lassen, man muß ihn empfangen.« »Ihn empfangen?« wiederholte die Marquise verblüfft, als zweifle sie an dem Verstande ihrer Tochter. »Ja, und man muß ihm sogar ein freundliches Gesicht zeigen,« fuhr Claire fort. »Um keinen Preis der Welt will ich, daß er wisse, wie sehr mich seine Untreue schmerzt. Er ... er sollte sich von einem Mädchen, wie ich es bin, beweint sehen! Er könnte zu stolz werden. Lieber alles erdulden, nur nicht sein beschimpfendes Mitleid! Nein ... nein ... Sie müssen ihn empfangen, Mama. Man darf ihm wohl die Thüre öffnen, wenn man sie seiner Verlobten nicht verschloß.« »Aber mein Gott, was hast du vor?« fragte die Marquise beunruhigt. »Ich will mich rächen!« rief Claire mit zornblitzenden Augen. Dann wendete sie sich zum Notar. »Haben Sie die Güte, den Herzog zu bitten, er möge sich noch einen Augenblick gedulden. Unterdessen wollen Sie mir Herrn Derblay rufen.« Die Marquise und die Baronin wechselten einen Blick des Staunens. Sie verstanden Claire noch nicht, während der scharfsinnige Notar, der sofort erriet, daß seine Kombination dem günstigen Erfolge nahe war, mit der Leichtigkeit eines jungen Mannes aus dem Zimmer verschwand. Einen Augenblick später betrat Philipp das Gemach. »Ich bitte euch, meine Lieben, entfernt euch auf kurze Zeit, ich will mit Herrn Derblay allein sprechen,« sagte Claire. Frau von Beaulieu und die Baronin zogen sich zurück und erwarteten in peinlicher Spannung das Ende der Unterredung. Philipp, durch ein flüchtiges Wort des Notars verständigt, war tief bewegt: er fühlte, daß sich in diesem Augenblicke sein Geschick entscheiden sollte, und unbeweglich, mit geneigtem Haupte, blieb er vor dem heißgeliebten Mädchen stehen. »Mein Herr,« begann Fräulein von Beaulieu, »unser alter Freund und ausgezeichneter Berater, Herr Bachelin, teilte meiner Mutter mit, daß Sie mir die Ehre erweisen, sich um meine Hand zu bewerben.« Ohne etwas zu erwidern, verneigte sich Philipp bloß, um seine Zustimmung auszudrücken. »Ich halte Sie für einen Ehrenmann,« fuhr Claire fest und ruhig fort. »Um solche Absichten zu hegen, mußten Sie, gleich meiner Umgebung, gewußt haben, daß der Herzog sich von mir abgewendet ...« »Ja, mein Fräulein, ich wußte es,« erwiderte Philipp mit Nachdruck; »und glauben Sie, daß, wenn es von mir abhinge, Ihr Glück zu sichern, indem ich Ihnen den Herzog wieder zuführte, ich selbst in diesem Augenblick nicht zögern würde, es zu thun, gälte es auch den Preis meines Lebens.« »Ich danke Ihnen,« entgegnete Claire, »doch jedes Band zwischen mir und dem Herzog ist für immer gelöst. Und der sicherste Beweis, den ich zu geben vermag, ist der, daß ich bereit bin, Ihnen, wenn Sie noch die gleichen Gefühle hegen, meine Hand zu reichen.« Bei diesen Worten wurde Claires Stimme so schwach, daß Philipp dieselben mehr erriet als hörte. Der junge Mann gedachte plötzlich des Tages, wo seine Schwester, als sie ihn traurig und entmutigt gesehen, lachend zu ihm gesagt: »Du wirst sehen, sie selbst wird dich noch einmal um die Gunst bitten, ihr Gemahl zu werden.« So hatte sich denn Susannens Prophezeihung erfüllt. Und jetzt träumte er nicht, es war wirklich wahr, Claire selber bot ihm ihre Hand an. Ein unsägliches Glücksgefühl erfüllte Philipps Herz, und die schöne Hand, die zu besitzen er nicht mehr gehofft, erfassend, drückte er auf die eiskalten Finger den schüchternsten und zugleich wonnigsten Kuß. »Nun bleibt mir noch eine Bitte, mein Herr. Ich wünsche, daß es den Anschein habe, als wären wir bereits seit einigen Tagen verlobt. Ich brauche Ihnen wohl die Gründe dieses Verlangens nicht zu erklären, sie wurzeln in meinem Stolze. Ueber den Zustand meines Herzens sind Sie ja gewiß nicht im Unklaren, aber ich kann Ihnen die Versicherung geben, daß Sie in mir jederzeit eine treue und ergebene Frau finden werden. Und nun, bitte, verlassen Sie mich, doch bleiben Sie in der Nähe, weil Ihre Anwesenheit vielleicht notwendig sein dürfte.« Unterdessen hatte der Notar in geschickter Weise den Herzog hinzuhalten gewußt und erst als er Herrn Derblay mit strahlendem Antlitz aus dem Salon kommen sah, öffnete er die Thür zur Terrasse, um sich mit dem Herzog zu Frau von Beaulieu zu begeben. Der Schrecken Moulinets und seiner Tochter, als sie den Herzog von Bligny vor sich erblickten, war ungeheuer. Napoleon, als er seinen General Grouchy erwartete und statt seiner die Vorposten des Marschalls Blücher gewahrte, konnte nicht bestürzter sein, als die Tochter Moulinets. Die Anwesenheit des Herzogs in diesem Momente durchkreuzte alle ihre Berechnungen ... Eine quälende Angst ergriff sie. Wie, des Sieges so gewiß, sollte sie etwa nun eine verhängnisvolle demütigende Niederlage erleiden? Was konnte nicht ein Zusammentreffen Gastons mit Claire für Folgen haben? War der Bruch in der That so weit gediehen, daß eine Versöhnung unmöglich geworden? Konnte nicht ein einziger Blick die alte Neigung entflammen und die Freude des Wiedersehens die Verlobten wieder zusammenführen? Herr Moulinet war gleichfalls ungemein überrascht, ging indes in seinen Vermutungen nicht so weit, wie der hellblickende Verstand seiner Tochter. Es war ihm unbegreiflich, warum der Herzog nicht in Varenne ihre Rückkehr erwartet hatte, und er hatte keine Ahnung, was ihn nach Beaulieu geführt. Mit einem liebenswürdigen Lächeln schritt er seinem künftigen Schwiegersohne entgegen und wollte ihm die Hand reichen, aber entsetzt vor dem zornigen Blicke des Herzogs, der ohne Gruß an ihm und seiner Tochter vorüberschritt, fuhr er zurück. Dennoch folgte er dem Herzog in den Salon. Hier hatten die Damen schleunigst einen Scenenwechsel improvisiert, und als der Herzog eintrat, fand er die Marquise wie gewöhnlich in ihrer großen Bergère vergraben; die Baronin stand ans Kamin gelehnt mit verschränkten Armen, damit es Gaston ja nicht in den Sinn käme, ihr etwa die Hand reichen zu wollen. Fräulein von Beaulieu saß mit dem Rücken gegen das Licht gekehrt, um die Erregung ihrer Gesichtszüge zu verbergen. Claires wundervolles Goldhaar war das erste, das die Blicke des jungen Mannes fesselte. Unwillkürlich erbebte er, und von tiefer Rührung übermannt, stand er auf dem Punkte, zu ihr, die er noch immer zärtlich liebte, hinzueilen und sich ihr zu Füßen zu werfen, unbekümmert, was auch aus dieser leidenschaftlichen Aeußerung entstehen könne. Der strenge, kalte Blick der Marquise hielt ihn jedoch zurück und indem er sich vor der Frau, die ihm stets eine gütige Mutter gewesen, tief verneigte, begann er mit gepreßter Stimme: »Frau Marquise ... teure Tante ... Sie sehen meine Erregung ... meinen Kummer ... mein schmerzliches Bedauern! ... In Varenne angekommen bei dem Herrn – der Herzog schämte sich, den Namen Moulinets auszusprechen – erfuhr ich den nicht zu entschuldigenden Schritt ...« »Aber, Herr Herzog,« unterbrach ihn der ehemalige Handelsrichter, sichtlich beleidigt. Der Herzog wendete sich hierauf mit stolzer Gebärde zu seinem künftigen Schwiegervater: »Ein unverzeihliches Benehmen, an dem ich, wie ich laut erklären muß, nicht im geringsten beteiligt bin. Ich habe vielleicht viele Fehler begangen, war leichtsinnig und undankbar, doch ein so beleidigendes Benehmen gegen die Meinen billigen ... das, nein, bei meiner Ehre, das habe ich nicht gethan!« »Ein einfacher Höflichkeitsbesuch,« murmelte Moulinet, von der energischen Sprache des Herzogs eingeschüchtert; »ich verstehe nicht ...« »Sie haben kein Verständnis für etwas derartiges,« unterbrach ihn der junge Mann mit niederschmetternder Verachtung, »dies ist Ihre einzige Entschuldigung!« Herr Moulinet war jedoch von seiner eigenen Bedeutung zu tief durchdrungen, als daß er sich noch länger meistern lassen wollte, selbst nicht von einem Manne, der ihm, wie der Herzog, als ein höheres Wesen erschien. Er nahm eine würdevolle Miene an und sich gravitätisch verneigend, sagte er: »Wenn ich einen Fehler gemacht habe, mein lieber Schwiegersohn, so bitte ich, mir zu sagen, worin mein Unrecht besteht; ich bin bereit, es wieder gut zu machen.« Jedoch mit der Anrede »mein lieber Schwiegersohn« brachte er den Herzog vollends außer sich und mit einem schneidigen »genug, mein Herr,« wehrte Gaston jede weitere Bemerkung des ehemaligen Handelsrichters ab. Hierauf wendete er sich wieder den Damen zu. »Liebe Tante, ich bin Ihnen eine Erklärung schuldig, erlauben Sie, daß ich sie Ihnen gebe. Claire, ich werde mich nicht von hier entfernen, ehe Sie mir verziehen haben.« Bei diesen Worten, die Gaston jetzt zum erstenmal direkt an Claire richtete, erhob sich Fräulein von Beaulieu und ihrem treulosen Verlobten mit bewunderungswürdiger Ruhe ins Gesicht blickend, entgegnete sie langsam: »Aber, Herzog, Sie schulden mir keine Erklärung und haben keinerlei Verzeihung nötig. Sie verheiraten sich, wie man mir sagte, mit der Tochter des Herrn ...« In dieses letzte Wort legte Claire eine Unsumme von Sarkasmus. »Sie hatten doch, scheint mir, das Recht, so zu handeln, wie Sie es gethan. Waren Sie denn nicht frei, wie ich es war?« Der Herzog, welcher zu träumen glaubte, blickte der Reihe nach auf Claire, auf seine Tante und die Baronin und bemerkte mit Erstaunen, daß man ihnen weder Erregung, noch Trauer oder Zorn ansah. Er war auf Thränen gefaßt und fand nichts als Lächeln. War es möglich, daß Fräulein von Beaulieu während eines Jahres, das er freilich unglücklich genug angewendet, sich so vollständig von ihm abgewendet hatte?« »Ihre Verlobte kam selbst, um mir diese erfreuliche Nachricht mitzuteilen,« fuhr Claire fort, »das ist sehr schön und ich will auch meinerseits nicht zurückbleiben.« Sie machte einige Schritte gegen die Terrasse und rief Philipp mit einer Handbewegung herbei. Athénaïs folgte unerschrocken dem Hüttenbesitzer und bald waren alle Gäste des Schlosses im Salon. »Meine Herren, ich muß Sie einander vorstellen,« sagte Claire mit schrecklicher Kaltblütigkeit. Und zu Philipp gewendet, wies sie auf Gaston: »Herr Herzog von Bligny, mein Cousin,« hierauf wendete sie sich zum Herzog und ihm mit ihrem Blicke Trotz bietend, sagte sie: »Herr Derblay, mein Verlobter! ...« Wäre ein Blitzstrahl auf das Schloß herniedergefahren, er hätte kaum eine ähnliche Erschütterung hervorgerufen, als sie die Zuschauer dieser Scene empfanden; der Herzog wankte völlig vernichtet. Athénaïs bekam einen Schwindelanfall und ihr blühender Teint wurde aschfarben. Der Baron und die Baronin wechselten einen Blick höchsten Erstaunens und nur Herr Bachelin und Susanne zeigten keinerlei Verwunderung; der Notar, weil er insgeheim an der Herbeiführung dieser Lösung gearbeitet, und Susanne, weil sie in der Vergötterung ihres Bruders nicht daran gezweifelt, daß Fräulein von Beaulieu eines Tages die unwiderstehlichen Vorzüge Philipps werde anerkennen müssen. Der Herzog bewies bei dieser Gelegenheit, daß seine diplomatische Laufbahn für ihn nicht ganz fruchtlos gewesen. Er erholte sich augenblicklich und mit tadelloser Haltung und liebenswürdigem Lächeln wendete er sich zu Herrn Derblay: »Empfangen Sie meine besten Glückwünsche, mein Herr,« sagte er mit einer Stimme, die nur wenig zitterte. »Sie heiraten eine Frau, deren sehr wenige unter uns würdig gewesen wären.« So niedergeschmettert Athénaïs sich auch in ihren Gedanken fühlte, begriff sie doch, daß sie gute Miene zum bösen Spiel machen müsse. Sie näherte sich Fräulein von Beaulieu und sie aufmerksam anblickend, brachte sie ihr gleichfalls ihre Glückwünsche dar. Mit perfidem Lächeln fügte sie halblaut hinzu: »Das ist also eine Neigungsheirat!« Claire erbebte und plötzlich fühlte sie das Entsetzliche ihrer Lage. Der Mann, den sie heiß liebte, stand vor ihr und war im Begriffe, sich mit ihrer Rivalin zu entfernen. Sie sah ihn, wie er, durch die unerwartete Nachricht mit der Familie Moulinet wieder versöhnt, mit Athénaïs plauderte und, ihre Hand in der seinen haltend, mit der Unbefangenheit eines glücklichen Mannes lachte. Und sie, Ciaire, hatte in einer Regung unbezähmbaren Stolzes über ihr Leben entschieden, sich ihrer Freiheit für immer beraubt. Sie hatte sich einem Manne verlobt, den sie nicht lieben konnte, weil ihr Herz noch von den schmerzlichsten und teuersten Erinnerungen an einen andern erfüllt war. Sie warf einen Blick tödlicher Angst auf den Herzog und war nahe daran, zu ihm zu eilen, ihn den Koketterieen ihrer Rivalin zu entreißen und ihm die Wahrheit zu gestehen. Aber Gaston benahm sich so ruhig, so gleichgültig und ungezwungen, daß eine Wiederkehr von Zorn und Stolz sie vor dieser Schwäche schützte. Nein, lieber alles andere, als die Rolle der Verlassenen spielen. Von neuem Mute belebt, opferte sie ihre ganze Zukunft dem Triumphe ihrer Eigenliebe, und den Herzog und Athénaïs mit siegesbewußtem Blicke streifend, murmelte sie: »Ich werde früher als ihr verheiratet sein.« Neuntes Kapitel Die Vorbereitungen zur Hochzeit wurden mit unglaublicher Raschheit getroffen und sowohl in Beaulieu als in Pont-Avesnes schien jedermann bemüht, durch seinen Eifer sich als Claires Verbündeter zu erweisen. Philipp reiste selbst nach le Berry, um sich die nötigen Papiere zu verschaffen, und der Marquis begab sich zu demselben Zwecke nach Paris. Die Post und der Telegraph arbeiteten um die Wette, um die zahllosen Aufträge den verschiedenen Lieferanten zu übermitteln. Eine fieberhafte Unruhe, trat an die Stelle des Friedens, welchen Frau von Beaulieu seit zwei Jahren genoß. Die treffliche Frau, durch die Ereignisse niedergedrückt, fügte sich dem raschen Entschluß ihrer Tochter, ohne die nötige Energie zu finden; ihn zu bekämpfen. In ihrem Vertrauen zu Herrn Bachelin, der ihr über Herrn Derblay so ausgezeichnete Referenzen gegeben und noch mehr von dem uneigennützigen Zartgefühl Philipps gerührt, der durchaus nicht wollte, daß man Claire den Verlust des Prozesses wissen lasse, sah sie mit mehr Erstaunen als Besorgnis diese Verbindung sich vollziehen. Anfangs hatte sie freilich bedauert, daß Claire nicht einige Zeit gewartet, um einen Gemahl aus ihren Kreisen zu wählen. Aber zugleich fragte sie sich, ob in unserer prosaischen Zeit ein Mann aus der Aristokratie von Reichtum und Stellung Fräulein von Beaulieu ohne Mitgift geheiratet haben würde. Die Antwort schien ihr so zweifelhaft, daß sie nach und nach dahin gelangte, das Anerbieten des Herrn Derblay in dem kritischen Momente als ein seltenes, großes Glück zu betrachten. Claire that ihrerseits das Möglichste, um das Mißtrauen ihrer Mutter zu beseitigen und sie in vollkommene Sicherheit zu wiegen. Sie zeigte ein fröhliches Gesicht und mit diesem Schein des Glückes täuschte sie ihre Umgebung über ihren wahren Gemütszustand. Die Baronin allein war die Vertraute ihrer Angst und ihrer Reue. Tagelang blieb Claire in ihrem Zimmer eingeschlossen, und physisch und moralisch tief darniedergedrückt, lag sie mit düster blickenden Augen und gefalteter Stirn unbeweglich auf einer Chaiselongue. Sie vermochte nicht, sich an das plötzliche Entschwinden ihrer teuersten Hoffnungen zu gewöhnen und in ihrem schmerzenden Gehirn wiederholte sie immer und immer wieder all die schrecklichen Einzelnheiten des Bruchs ihres Verlöbnisses. Dann fragte sie sich, ob sie denn ein solches Unglück verdient habe, aber sie fand keinen Anlaß, sich irgend einen Vorwurf zu machen. Ihr ganzes Mißgeschick rührte von dem Hasse ihrer Rivalin und der Feigheit ihres Geliebten her. Gezwungen, sich als das Opfer erbitterter Feinde, und als Märtyrerin eines unerbittlichen Schicksals zu betrachten, kam Claire allmählich auf Rachegedanken. Das Leben erschien ihr wie eine Schlacht, in der man mit Verachtung gepanzert sein muß, um nicht verletzt zu werden, und mit Kühnheit bewaffnet, um nicht zu unterliegen. Sie verwünschte die Gewissensskrupel, welche sie mit gebundenen Händen, wehrlos ihren Gegnern überliefert hatten, und schwur es sich zu, von nun an vor keinem Hindernisse zurückzubeben, um ihr Ziel zu erreichen. Ihr Herz verbitterte und ihr Urteil trübte sich. Sie wurde hart, egoistisch, böswillig und bereit, alles ihrer Willkür zu opfern, so daß von der edlen, hochherzigen und zartfühlenden Claire nichts zurückblieb. Es schien, als sei ihr Herz am Feuer des Schmerzes verdorrt, ja selbst ihre Schönheit veränderte sich, sie wurde sozusagen marmorn und nahm die Majestät und Kälte der Statuen an. Indem sie über die ihr bevorstehende Veränderung ihres Lebens nachdachte, zeichnete sie sich ihren künftigen Standpunkt vor, dem sie unwandelbar treu bleiben wollte. Gegen Philipp empfand sie die äußerste Gleichgültigkeit und wußte ihm keinen Dank für seine blinde Ergebenheit. Sie kannte Herrn Derblays großmütige Gesinnungen nicht und schrieb dessen Willfährigkeit nur seinem Ehrgeize zu. Warum hätte auch der junge Mann nicht einwilligen sollen, ein Mädchen mit so großem Vermögen und aus so vornehmer Familie zu heiraten? Sie fühlte sogar etwas wie Verachtung bei dem Gedanken, wie leicht sich Philipp in die demütigende Komödie gefügt, die sie vor dem Herzog gespielt hatte. Die bewunderungswürdige Großmut Philipps erschien Claire als Niedrigkeit. Claire sagte sich, daß sie in ihm einen schwachen, leicht zu lenkenden Gatten haben würde, und das eben war es, was sie wollte. Würde sich Herr Derblay fügsam erweisen, so wollte sie sich für seine Zukunft interessieren, und, gestützt auf ihre mächtigen Verbindungen, ihn zu einer sehr hohen Stellung emporbringen, um auf diese Weise den Mangel seiner Geburt auszugleichen. Lebte man doch ohnehin im Zeitalter der Parvenüs! Die kleine Baronin war beunruhigt von der entsetzlichen Kaltblütigkeit, mit der ihre Cousine sich zu einer Verbindung vorbereitete, die unmöglich mit frohem Herzen geschlossen werden konnte und bemühte sich, in die Gedanken Claires einzudringen. Sie befragte das junge Mädchen ernstlich, und Claire machte vergebliche Anstrengungen, auch vor ihr die Gleichgültige zu spielen. Die Bitterkeit, die ihre Seele erfüllte, stieg unwillkürlich zu den Lippen empor und sie ließ ihre Freundin die grausame Wunde sehen, die auf dem Grunde ihres Herzens blutete. Die Baronin erfuhr so alle Qualen des stolzen, jungen Mädchens, und wenn sie einerseits den Mut Claires bewunderte, so blickte sie doch auch mit ahnungsvollen Befürchtungen auf deren Entschlüsse für die Zukunft. Mit den Erfahrungen, die sie in einer dreijährigen Ehe erworben, begriff sie die ernste Gefahr der Haltung, die Claire sich vorgezeichnet, und sie versuchte, ihr das Leben in seiner Wirklichkeit zu zeigen, doch stieß sie dabei auf einen unbeugsamen Willen. Claire hatte sich nach ihrem Belieben eine Art Wiedervergeltungsgesetz konstruiert. Weil sie durch die Schuld anderer litt, so sollten die andern nun um ihretwillen leiden; gleichviel, ob sie schuldig waren oder nicht. War denn sie etwa schuldig? Da die Ungerechtigkeit nun einmal die Richtschnur der Menschheit sei, so wollte auch sie um Recht und Pflicht sich nicht weiter kümmern, sondern alles ihren Zwecken opfern. In ihrer Anschauungsweise sanken alle Geschöpfe zu Hilfsmitteln für ihre Zwecke herab und sie war entschlossen, Alle, Männer wie Frauen gleich Schachfiguren zu dirigieren, um die Partie zu gewinnen. An Athénaïs sich rächen, den Herzog demütigen, das war ihr Ziel, dieser traurigen Rachebefriedigung sollte alles dienen, und das erste Opfer wurde der großmütige, edeldenkende Philipp, er, der nur davon träumte, seiner angebeteten Claire den gestörten Frieden und das verlorene Glück wiederzugeben. Frau von Préfont konnte sich nicht enthalten, diese despotischen Absichten ihrer Freundin ernstlich zu tadeln. Diese grausame Vermengung von Recht und Unrecht, die Claire zur Befriedigung ihres kalten Egoismus erdacht hatte, schien der jungen Frau dermaßen unsinnig, daß sie dieselbe auf Rechnung einer Nervenüberspannung schob, die mit der Zeit von selbst vergehen müsse. Sie bemühte sich indes, ihrer Freundin begreiflich zu machen, daß lebende und denkende Wesen tyrannisieren zu wollen nicht gar so leicht sei, als Claire glaubte. Sicherlich, Herr Derblay konnte sich nur höchst geschmeichelt fühlen, in eine Familie, wie die der Beaulieus, aufgenommen zu werden, und es konnte ihn kein Opfer kosten, ein so viel umworbenes Mädchen wie Claire zu heiraten. Als Ersatz für den Dienst, den Philipp dem jungen Mädchen geleistet, indem er ihr beistand, ihre Feinde in dem Momente niederzuschlagen, als diese sie gedemütigt und besiegt glaubten, dafür reichte ihm Claire die Hand. Das war ganz in Ordnung. Doch welche Zukunft gedachte sie nun diesem Manne zu bereiten? Und was würde Philipp dazu sagen, wenn er, mit offenen Armen, mit Worten der Zärtlichkeit auf den Lippen sich seiner jungen Frau nähernd, diese kalt und abweisend finden würde? Claire schrieb die Bewerbung des Herrn Derblay einzig dem Ehrgeize zu: doch konnte diese nicht auch durch Liebe erklärt werden? Gewiß, die Spekulation spielt heutzutage eine wichtige Rolle in den Eheschlüssen und man beschäftigt sich gern mit dem »Haben« der zukünftigen Gattin, aber schließlich gibt es denn doch noch Männer, die ihre Frauen aus Liebe heiraten, und warum sollte Herr Derblay nicht auch zu diesen Ausnahmen gehören? Claire hatte die Sache einseitig betrachtet und die Baronin bestand darauf, ihr dieselbe von allen Seiten zu beleuchten. In der Ehe sei die Frau höchst selten die Herrin und der Mann schon seinem Charakter nach gewöhnlich zum Befehlen geneigt. Wenn Herr Derblay, der sehr wohl zu wissen schien, was er wolle, sich empören und alle von Claire gefaßten Pläne niederwerfen würde, was konnte dann nicht aus dem Aufeinandertreffen dieser sich begegnenden Willenskraft entstehen? Es handle sich nicht um eine flüchtige Verbindung von einigen Stunden, wie man sie im Salon hinter dem Fächer schließt, um irgend eine Intrigue glücklich zu beenden, sondern um einen Bund fürs ganze Leben, und dabei könne man den Genossen nicht verabschieden, indem man ihm als Lohn für den geleisteten Beistand die Fingerspitzen zum Kusse reiche. Darüber müsse man nachdenken, so lange es noch Zeit sei: Einmal verheiratet, könne man sich nicht mehr lossagen, denn die Ehe sei keine Komödie, die sich in wenigen Minuten abspielt, und leicht könne eine Tragödie daraus werden, wenn man die Vorsicht außer acht lasse, und vielleicht wäre es deshalb besser, zurückzutreten, bevor es zu spät sei. Alle diese Gründe machten jedoch auf Fräulein von Beaulieu keinen Eindruck und sie war eher bereit, alles zu wagen, als ihre Pläne zu ändern. Sie wollte den Anschein erregen, als ob sie den Herzog verschmäht habe, und darum wollte sie früher verheiratet sein, als er. Der Hochzeitstag war bereits festgesetzt und nichts konnte sie in ihrem Entschluß wankend machen. Sie begriff indes, daß es unklug gewesen, der Baronin die geheimsten Gedanken ihrer Seele eröffnet zu haben und fand es daher angemessen, von nun an vor ihrer Freundin gleichfalls zu heucheln. Sie zwang ihre krampfhaft zusammengezogenen, harten Züge zu einem Lächeln und beklagte in leichtem scherzenden Tone Herrn Derblay, welcher in der ihm bevorstehenden Verbindung kaum die Vorteile finden dürfte, die ihn für die kapriziöse und etwas tyrannische Laune seiner Frau entschädigen könnten. Die Baronin ließ sich täuschen und hoffte, daß die Zukunft die düstere Melancholie ihrer Freundin zerstreuen und deren schmerzliche Aufregung beruhigen werde. Zudem sagte sie sich, daß ja die Ehe voller Ueberraschungen für ein junges Mädchen sei und daß dieselbe auch die heftigsten Charaktere zu mildern pflege. Einmal mit ihrem Gatten allein, ist auch die Widerspenstigste gezwungen, Vernunft anzunehmen und ein Mann, der sehr verliebt und dabei nicht ganz dumm ist, vermag wohl die Ansichten einer Frau merkwürdig umzugestalten. Und später, wenn ein Kind kommt, ist die Situation mit einemmal vollständig verändert: aus der Tigerin wird das sanfteste und geduldigste Lamm. Diese Erwägungen beruhigten die Baronin. Außerdem war sie auch die Frau nicht, sich lange mit einer Idee zu beschäftigen, und nachdem sie während eines ganzen Tages ernst und gründlich überlegt hatte, überließ sie sich für den Rest der Woche ihrer gewöhnlichen Sorglosigkeit. Mittlerweile war Herr Derblay von seiner Reise zurückgekehrt und hatte den Verlobungsring, einen herrlichen dunkelroten Rubin, von Diamanten umgeben, mitgebracht. In tiefer Erregung bat Philipp Fräulein von Beaulieu um die Erlaubnis, ihr denselben anstecken zu dürfen. Claire würdigte das wahrhaft fürstliche Geschenk kaum eines Blickes und reichte Herrn Derblay mit stolzer Gleichgültigkeit und ohne ein Wort des Dankes ihre weiße Hand hin. Dieser Ring, das Symbol ihrer Verlobung, war ihr verhaßt und schon am nächsten Tag bemerkte Philipp mit beklemmtem Herzen, daß sie denselben nicht mehr trug; doch fühlte er sich so eingeschüchtert von ihr, daß er nicht wagte, etwas zu sagen; nur seine Augen richteten sich mit so zwingender Beredsamkeit auf die Hand Claires, daß das junge Mädchen nicht umhin konnte, zu sagen: »Sie entschuldigen, ich trage nie einen Ring.« Diese Worte beruhigten den Hüttenbesitzer wieder. Er hatte in dieser Beseitigung des Ringes eine offenbare Abneigung Claires gegen alles, was von ihm kam, zu sehen vermeint. Allerdings war er über die Gefühle des jungen Mädchens durchaus nicht im unklaren und wußte, daß seine Bewerbung nur aus Trotz gegen das Geschick angenommen wurde. Er fühlte sich jedoch von so heftiger Leidenschaft, von so hingebender Liebe erfüllt, daß er sicher zu sein glaubte, dieses verirrte Herz einst gewinnen zu können. Konnte denn eine Frau für eine so treuergebene, so innige und zärtliche Neigung auf die Dauer unempfindlich bleiben? Fräulein von Beaulieu hatte sich, als ihre Hoffnungen gescheitert waren, schmerzerfüllt in sich selbst zurückgezogen; aber sollte sich mit zwanzig Jahren das Herz schon für immer verschließen? In der Blüte der Jugend kalt und unzugänglich verbleiben, taub gegen alle Lockrufe des Lebens, das Auge geschlossen für jeden Hoffnungsschimmer? War dies möglich? Philipp, in seiner grenzenlosen Liebe zu Claire, zweifelte nicht, daß es ihm gelingen müsse, ihre Liebe zu erringen; wenn auch das junge Mädchen glauben machte, ihr Herz sei tot, so war es doch wohl nur eingeschlummert und nach und nach würde es sich wieder beleben, wieder in Glück und Lebensfreude zu schlagen beginnen. Und für wen dann sonst, als für ihn, der es dieser Lethargie entrissen? Wenn er diese Seele rettete, müßte er nicht heilige Rechte auf sie besitzen? Und müßte nicht Claire, dem Leben wiedergegeben, die Augen der Wahrheit wieder geöffnet, den Unterschied zwischen der Liebe, die sie verloren, und derjenigen, die sie gewonnen, erkennen; müßte sie nicht Philipp mit einem ganzen Leben voll Glück für diese Erlösung belohnen? So dachte Philipp während stundenlanger stummer Betrachtungen. Seit vielen Jahren gezwungen, seine ganze Zeit und Aufmerksamkeit den schwierigsten Geschäften zu widmen, war er wenig in Gesellschaft gekommen, und er war daher Frauen gegenüber im allgemeinen schüchtern, bei Fräulein von Beaulieu insbesondere war er vollends befangen und konnte sich ihr niemals ohne heftiges Herzklopfen nähern. Diese kalte, ernste Claire brauchte bloß ihr ruhiges Auge auf ihn zu richten, und er verlor sofort seine ganze Haltung, so daß er oft kaum ein paar Phrasen zu stammeln vermochte und sich verzweifelt fragte, warum er nicht imstande sei, dem jungen Mädchen sein Herz zu eröffnen und sie all die geheimen Schätze, die es enthielt, sehen zu lassen. Mit den ersten Novembertagen war Kälte eingetreten, so daß man sich nicht mehr gruppenweise auf der Terrasse unterhalten konnte und die Gäste des Schlosses sich nunmehr im großen Salon zusammen fanden. In diesem engeren Kreise fand Philipp öfters Gelegenheit, sich in günstigem Licht zu zeigen, nicht etwa, indem er von seiner Liebe sprach, denn sobald es sich um ihn selbst handelte, blieben seine Lippen geschlossen, sondern, wenn er sich über allgemeine Fragen äußerte, in denen er, von dem Baron und Octave unterstützt, die Richtigkeit seines Urteils und die Gründlichkeit seiner Kenntnisse offenbaren konnte. Doch Frau von Beaulieu hörte nur mit halbem Ohre zu und Claire arbeitete an ihrer Stickerei, ohne die Augen zu erheben. Durch die weitgeöffnete Thüre des Billardsaales ließ sich das fröhliche Lachen Susannens und des Marquis vernehmen, die mit Leidenschaft das Salon-Croquetspiel betrieben. Die beiden waren die einzigen, welche etwas Licht in das düstere Bild brachten. Vom ersten Tage an vereinigten sie sich zu gemeinsamer Unterhaltung und vergnügten sich miteinander wie zwei Kinder. Tief ergrimmt, ihre schlauen Berechnungen mißlungen zu sehen, war Athénaïs mit ihrem Vater und dem Herzog nach Paris zurückgekehrt. Herr Moulinet machte noch einen Abschiedsbesuch in Beaulieu und wurde dabei von der Marquise höchst freundlich aufgenommen. Auf Claires Bitte erhellte sich die umdüsterte Stirn der Marquise, ihr Mund bemühte sich, zu lächeln und sie empfing den ehemaligen Handelsrichter mit all jener Rücksicht, wie sie dem Schwiegervater eines geliebten Neffen zukommt. Damit übernahm auch die Mutter ihre Rolle in der von ihrer beleidigten Tochter arrangierten Komödie. Die Moulinets und der Herzog sollten der von Fräulein von Beaulieu öffentlich abgegebenen Erklärung vollen Glauben schenken und jeden Gedanken, als sei Claire die Beleidigte, von sich weisen. Der Herzog war höchlich erstaunt, sich urplötzlich unschuldig zu finden, nachdem er sich so tief schuldig gefühlt. Athénaïs bewunderte im stillen die Seelenstärke ihrer Rivalin, und da sie statt des erhofften Sieges eine Niederlage erlitten hatte, begann sie von neuem, auf Rache zu sinnen. Ihre Vermählung, welche sie in Varenne mit großem Pomp in der Schloßkapelle zu feiern gehofft, sollte nun nach reiferer Ueberlegung in Paris stattfinden. Sie wußte, daß die von ihrem Vater geladene Bürgerschaft nicht in die Provinz kommen würde, um sich am Hochzeitszuge zu beteiligen, und die großen Familien des Landes, welche der Herzog einlud, würden sicherlich ferne bleiben. Sie befürchtete eine Blamage, der sie sich nicht aussetzen wollte. Zur Hochzeitsfeier ihrer künftigen Cousine, der »guten Claire«, wie sie dieselbe stets nannte, beschloß sie jedoch, nach Varenne zurückzukehren. Die Abreise ihrer Rivalin war für Claire eine große Erleichterung und es schien ihr, als wäre die Luft dadurch rings umher reiner geworden. Ihr schönes Gesicht erheiterte sich und zeigte beinahe eine freudige Regung. Philipp benützte diesen Sonnenstrahl guter Laune, um Frau von Beaulieu zu veranlassen, die künftige Wohnung ihrer Tochter in Augenschein zu nehmen. Sein Vorschlag wurde mit Vergnügen angenommen und am nächsten Morgen fuhren die Schloßbewohner von Beaulieu nach Pont-Avesnes hinab. Der erste Eindruck, den Fräulein von Beaulieu empfing, war ein günstiger. Der große Hof mit den alten Linden, das Schloß mit seinem Kranz von Obstbäumen gefielen Claire. Der Park mit seinen langen, düsteren Alleen versprach ihr Sammlung und Ruhe und die feierliche Oede der weiten Gemächer schien dem jungen Mädchen mit ihrer eigenen Melancholie zu harmonieren. Die Baronin, welche alle Zimmer der Reihe nach durchflog, schrie laut auf vor Freude und Ueberraschung, als sie die reichen Kunstschätze gewahrte, welche der Vater Philipps gesammelt; das Mobiliar à la Louis XIV. entzückte sie, und außer sich vor Bewunderung stand sie vor den prächtigen Gobelins, welche die Schlachten Alexanders darstellten. Seit die Antiquitätensucht zur Modekrankheit geworden ist, gehört es zum guten Ton, ein wenig sachverständiger in diesen Dingen zu sein und die Baronin, die oft bei Auktionen gewesen war, wußte mit wunderbarer Geläufigkeit die kostbaren geschnitzten Möbel und altsächsischen Bonbonnièren abzuschätzen. Susanne und Octave waren nicht ins Schloß eingetreten, sondern hatten plaudernd einen Rundgang durch den Park gemacht und waren beim Karpfenteiche stehen geblieben, wo sie sich damit vergnügten, den Fischen Brotkrumen zuzuwerfen. Der Baron konnte der Anziehungskraft, welche die Nähe des Hüttenwerkes auf ihn ausübte, nicht widerstehen, und durch eine kleine, ihm wohlbekannte Allee schreitend, schlug er den Weg zu den Werkstätten ein. Während die Baronin die Möbel vom Schlosse Pont-Avesnes inventierte und Philipp der Marquise die Honneurs machte, blieb Claire allein zurück. Sie gewahrte eine auf einen Perron hinausführende Balkonthüre, trat durch dieselbe ins Freie und stieg in den Park hinab. In der Ferne schlugen die Eisenhämmer lustig auf die Ambosse los, die Hochöfen glühten und pusteten, dicke Rauchwolken zum Himmel emporsendend, während der Park in geheimnisvoller Stille dalag. Dieser Kontrast gefiel Claire, und mit langsamen Schritten unter dem von den Herbststürmen geröteten Laub der hohen Bäume dahin wandelnd, verlor sie sich in ernstes Träumen. Dieser düstere, öde Park erschien ihr der passende Rahmen für ihr künftiges Leben. Die abgestorbenen Zweige, die unter ihren Füßen knisterten, waren von den Bäumen abgefallen, wie die Hoffnungen von ihrem Herzen, und ihre Glücksträume waren verflogen, wie dies welke Laub, das sich nach allen Richtungen zerstreute. Mit bitterer Freude bemerkte sie die Traurigkeit der sie umgebenden Natur. Wie diese dunkeln Alleen, die stumm und verlassen vor ihr lagen, so war auch ihr Inneres vereinsamt und öde. Bei einer Biegung des Weges sah sie plötzlich durch eine weite Lichtung die von der Herbstsonne hell beschienene Landschaft mit ihren fernhin sich erstreckenden fruchtbaren Gefilden wie ein plötzlich enthülltes Gemälde vor sich. Claire empfand eine heftige Erschütterung, denn sie hatte sich seit einigen Minuten so vollständig mit dieser traurigen Natur eins gefühlt, daß diese jähe Veränderung einen tiefen Eindruck auf ihre Sinne machte. War es möglich, daß die Heiterkeit so unmittelbar der Traurigkeit folgen konnte? Nach diesem düstern Park sonnige, heitere Ebenen! Sollte es mit ihr ebenso gehen? Konnten die Gefühle, die sie heute empfand, einen ähnlichen raschen Wechsel erleiden? Zornig wendete sich das junge Mädchen von der lachenden Aussicht hinweg, und in die Einsamkeit der finstern Alleen zurückkehrend, wies sie hartnäckig jede Glücksverheißung, die ihr die Zukunft zu machen schien, zurück. Als erstaunt und beunruhigt über das lange Wegbleiben Claires die Marquise, Philipp und die Baronin nach ihr suchten, kam diese ihnen langsam aus dem Park entgegen. Sie sah ruhig und lächelnd aus und nur ihre noch feuchten Augen erzählten von ihren schmerzlichen Herzenskämpfen. Die Gesellschaft war bald wieder vereint und kehrte zum Diner nach Beaulieu zurück. Nur acht Tage noch trennten Philipp und Claire von ihrem Hochzeitsfeste, das von dem Stolze der einen und von der Liebe des andern gleich heiß ersehnt wurde. Je näher der bestimmte Zeitpunkt kam, desto aufgeregter und nervöser wurde Claire, und wer sie in dieser letzten Woche sah, mußte glauben, daß diese Verbindung sie in der That glücklich mache, sosehr wollte sie dieselbe beschleunigt wissen. Sie schien fortwährend von der Furcht erfüllt, daß noch im letzten Momente ein Hindernis eintreten könnte. Als man die Einladungskarten versenden sollte, faßte Fräulein von Beaulieu einen Entschluß, der ihre Umgebung in das höchste Staunen versetzte. Sie wünschte nämlich, daß die Trauungsceremonie ohne jeden Pomp in der kleinen Kirche von Pont-Avesnes um Mitternacht stattfinden solle, und daß außer den Familienmitgliedern niemand zugegen sein möge. Claire bestand, ohne Gründe für ihren Beschluß anzuführen, fest auf ihrem Willen und ertrug ruhig, aber ohne nachzugeben, die Bestürmungen der Ihrigen. Eine Trauung um Mitternacht! Das war schon sonderbar genug, obwohl diese Mode im Faubourg Saint-Germain noch herrschte. Eine nächtliche Messe! Kein Zweifel – das sollte Trauer bedeuten. – Claire betrachtete sich als die Witwe des Herzogs. Indes mit dieser nächtlichen Ceremonie konnte man sich schließlich noch befreunden, aber niemand dazu einladen? Das war zu arg! Würde es nicht scheinen, als fürchte man sich vor der Welt und als ob Fräulein von Beaulieu sich ihrer Wahl schäme? Auch könnte dies ja Unglück bringen! Dieser letzte Punkt wurde von der Baronin zur Geltung gebracht, hatte aber ebenso wenig Erfolg, als alle andern Gründe. Philipp erklärte, als man ihn um seine Meinung befragte, daß ihm alles, was Fräulein von Beaulieu wünsche, vortrefflich erscheine und daß er in ihrem Verlangen nichts Unzukömmliches finde. Da der Hauptbeteiligte keine Schwierigkeiten erhob, legte sich auch bald die Opposition der andern. Nur die Baronin war sehr verdrießlich – sie hatte aus Paris eine prachtvolle Robe zu dieser Gelegenheit kommen lassen – und meinte, »daß dies eine Heirat wäre, wie sie in den Volksdramen vorkomme, wenn der zum Tode Verurteilte vom Könige die Erlaubnis bekommt, seine Geliebte, bevor er das Schaffot besteigt, im Kerker heiraten zu dürfen.« Die Unterzeichnung des Kontraktes fand am Vorabend des großen Tages statt und Herr Bachelin bewies beim Lesen des Ehekontraktes eine außerordentliche Geschicklichkeit. Der alte Praktikus stotterte so unverständliches Zeug zusammen, daß Claire, selbst wenn sie aufmerksam zugehört hätte, über den Inhalt nicht klar geworden wäre. Fräulein von Beaulieu blieb demnach in vollständiger Unkenntnis über den Verlust ihres Vermögens, und als ihr der Notar, der aufgeregter und mehr gerührt war als sie selbst, die Feder darbot, unterzeichnete sie ein Aktenstück, das ihr, ohne daß sie es ahnte, die Hälfte des Vermögens des Herrn Derblay zusicherte. Nach der Unterzeichnung des Kontraktes fühlte sich Philipp bedeutend erleichtert, doch gestand er später, daß er erst dann wirklich ruhig geworden sei, als Claire auf die Frage des Maire mit fester Stimme ihr Jawort gab. Zehntes Kapitel Es war bereits ein Uhr nach Mitternacht, als Susanne in ihrem weißen Kleide noch vor Beendigung der Namensunterzeichnung die Sakristei verließ und mit Windeseile in den Gemächern der Neuvermählten erschien. Vor dem hohen, in Sandstein gemeißelten Kamin des kleinen Salons kniete die treue Brigitte und schürte mit kräftiger Hand das große Feuer, das mit seinem Scheine die blumenbemalte Kaminplatte erhellte. »Wie, Fräulein Susanne,« rief Brigitte aus, »Sie kommen schon aus der Kirche zurück? Ist die Trauung denn schon beendigt?« »Jawohl, vollständig fertig, meine Gute, und darauf habe ich die ganze Gesellschaft im Gespräche mit unserem lieben Pfarrer verlassen, um hierher zu eilen und nochmals nachzusehen, ob wir nichts vergessen haben. Wir haben nun eine neue Herrin im Hause, Brigitte, und müssen trachten, daß es ihr bei uns gefällt.« »O, mein Gott, wie sollte es ihr denn bei uns nicht gefallen,« rief Brigitte, »wenn sie die Frau von unserem Philipp wird? Und ist der Vogel hübsch, so ist unser Käfig gleichfalls nicht übel.« Dabei warf das Mädchen einen bewundernden, liebkosenden Blick auf das prächtige kunstvolle Mobiliar à la Henri III.; welches den hohen Raum schmückte, auf die großen Fauteuils mit den geschnitzten Lehnen, die niedrigen Kredenzen mit den geschweiften Füßen und die Tapeten von Cordovaleder, deren von der Zeit gebräunter Goldglanz bescheiden im Schatten funkelte. Durch eine halb geöffnete Thür erblickte man das Schlafzimmer, das von einer Lampe, deren Schimmer in dem Spiegelglas eines herrlichen Schranks im Stil Louis XVI. widerstrahlte, matt erleuchtet wurde. »Ist da drinnen gleichfalls alles in Ordnung?« fragte Susanne, indem sie auf das Schlafzimmer wies. »Alles, ich stehe gut dafür, ich selbst habe alles vorbereitet. Die Hochzeit hat ja ohnedies unseren Dienern den Kopf verdreht, man ist nicht imstande, etwas von ihnen zu bekommen, den Faulenzern.« Alsdann näherte sie sich dem jungen Mädchen und sagte mit malitiösem Augenzwinkern: »Wenn man denkt, Fräulein, daß in einem oder zwei Jahren Sie ebenfalls das ganze Haus so drunter und drüber bringen werden!« Susanne errötete und wendete sich verlegen ab. »Davon ist gar keine Rede, meine Gute, glücklicherweise!« »Glücklicherweise?« wiederholte die treue Magd. »O desto besser! Aber wer ist denn nur der schöne junge Mann, der dem Fräulein beim Fortgehen den Arm reichte und dabei so glücklich aussah? ...« »Das ist der Marquis Octave von Beaulieu,« erwiderte das junge Mädchen, indem sie, um einer strengeren Prüfung zu entgehen, sich umwendete und nochmals alles zu überblicken schien; »der Bruder von Fräulein Claire.« »So, so!« rief Brigitte mit lautem Lachen, »dieser Brautführer sieht mir ganz danach aus, als ob er gewisse Absichten habe.« »So geh' doch, du weißt nicht, was du sprichst,« schmollte Susanne, bis zu den Haarwurzeln rot werdend. Das Rollen mehrerer Equipagen auf dem Kiessande des Hofes unterbrach gerade rechtzeitig Brigittens Geplauder und Susanne eilte ans Fenster, von wo sie in der Dunkelheit die Wagenlaternen mit ihrem hellen Schein das dunkle Grün der Bäume beleuchten sah. »Unsere Gesellschaft kommt,« rief das junge Mädchen, und die Thüre öffnend, betrat sie den Salon zu gleicher Zeit mit der Baronin, die, eingehüllt wie auf einer Nordpolexpedition, mit Octave und dem Baron eintrat, indem sie ausrief: »Oh, lasset euch nicht stören! Wir sind's ja. Welches Glück, daß ich hier Feuer finde! Ich bin ja schon zu einer wahren Eisscholle geworden.« Die junge Frau zog einen Fauteuil heran und machte sich's vor dem Kamin bequem, indem sie ihr Kleid etwas zurückschob und ihre kleinen, mit schwarzem Atlas bekleideten Füße am Feuer wärmte. Sodann ließ sie ihren Pelzmantel bis zur Taille hinabgleiten und seufzte nach einer kleinen Weile: »So, jetzt ist mir besser!« Die Equipagen, welche die Verwandten der Familie Beaulieu, die Zeugen des Herrn Derblay und einige wenige Bekannte herbeiführten, hielten nun in rascher Folge vor dem Perron. Herr Moulinet, Athénaïs und der Herzog hatten gleichfalls der Ceremonie beigewohnt. Die bekannte Galakutsche und die große Livree der Lakaien waren bei dieser Gelegenheit benützt worden, aber leider war die Dunkelheit so groß, daß der Glanz und Reichtum des prächtigen Gefährtes nicht die gewünschte Wirkung that. Moulinet hätte hundert Franken gegeben, wenn wenigstens Mondschein gewesen wäre, doch das Nachtgestirn blieb unerbittlich und zeigte sich nicht ein einziges Mal. Der ehemalige Handelsrichter war übrigens sehr enttäuscht. Er war eigens zu dieser Feier aus Paris gekommen, in der Hoffnung, einer Hochzeit der großen Welt beiwohnen zu können, und war nun mitten in eine mehr als bürgerlich einfache Feierlichkeit hineingefallen. Er hatte erwartet, die vornehmsten Familien des Landes zu treffen, und wen bemerkte er in diesem Augenblicke im Salon, wen? den Notar, der ihm das Gut von Varennes verkauft hatte, einige von den Verwandten und die Zeugen der Vermählten. Es war zum Lachen. Einen Augenblick lang hatte Moulinet indes eine wirkliche Aufregung verspürt und gefunden, daß die Festlichkeit, trotz ihrer Einfachheit, dennoch großartige Verhältnisse durchblicken ließ. Als sie nämlich von Beaulieu hinabfuhren, um sich zur Kirche zu begeben, mußten die Wagen an den Arbeitern des Herrn Derblay vorbei, die, in dichten, langen Reihen geordnet, ehrfurchtsvoll schweigend am Wege standen. Die guten Leute waren zwar nicht zur Messe geladen, allein sie wollten ihren verehrten Brotherrn nicht zur Trauung fahren lassen, ohne ihm und seiner jungen Frau ihre Huldigung darzubringen. In ihrem Sonntagsstaat erwarteten sie den Hochzeitszug vor dem Portale gruppiert und diese leise flüsternde, bewegte Menge von fast zweitausend Personen, Männer, Frauen und Kinder, schien in der Dunkelheit riesige Verhältnisse anzunehmen. Als nun die Wagen heranrollten und alle Häupter sich entblößten und ehrfurchtsvoll neigten, da fühlte sich Moulinet tief befangen. Er wollte lächeln und grüßen, wie er dies bei feierlichen Anlässen von hohen Persönlichkeiten gesehen, doch wurde er plötzlich dermaßen verwirrt, daß sich seine Kehle zusammenschnürte und er verlegen zu lachen anfing, ohne zu wissen warum. Durch einen zornigen Blick seiner Tochter wieder zu sich gebracht, bemühte er sich, mit großer Würde aus dem Wagen zu steigen, und indem er rasch noch die Falten seiner perlgrauen, ein wenig zerknitterten Beinkleider glatt strich, versuchte er, eine prächtige, stolze Haltung anzunehmen. Die Kirche erschien ihm enge und schmutzig. Er schnitt eine verächtliche Grimasse, als er sich auf die Holzbank niedersetzte und warf stolze Herrscherblicke auf seine Umgebung. Kaum zwanzig Kerzen brannten vor dem Altar und der Pfarrer trug denselben priesterlichen Schmuck, wie acht Tage früher bei der Trauung einer Müllerstochter. Moulinet fühlte sich zu Spöttereien aufgelegt und zum Herzog sich neigend, wollte er ein Gespräch mit ihm beginnen; doch Gaston sah ihn mit so sonderbarem Blick an, daß der ehemalige Handelsrichter es für besser hielt, nicht weiter darauf zu bestehen. Er richtete seine Aufmerksamkeit wieder der Ceremonie zu, die einfach, wie für arme Leute vor sich ging. Nur die Orgel, von kunstfertiger Hand gespielt, begleitete mit ihren Klängen die Worte des Priesters, und die ernsten, feierlichen Töne des Instrumentes hallten in dem kalten düsteren Räume tief melancholisch wider. Der Herzog, bleich, mit gefurchter Stirne, schien von ernsten Gedanken erfüllt. Dieser Choral that ihm weh. Seine Erinnerung führte ihn in die kleine, alte Kirche seiner Heimat, zur Leichenfeier seines Vaters zurück. Es waren dieselben klagenden Orgeltöne, dieselbe durch Altarkerzen schwach erhellte Dunkelheit, derselbe Duft brennender Wachskerzen und verbrannten Weihrauchs, der zum Herzen dringt und es bedrückt. Ihm zur Seite saß damals seine Tante, die mit ihm weinte, und Octave und Claire, die, gleich ihm in Trauerkleidern, ihm liebevoll die Hand reichten. Und heute war er allein. Die geliebten Wesen, die ihn tröstend umgaben, die stets so gütig gegen ihn gewesen, er hatte sich mit ihnen entzweit, für immer, hatte freiwillig die Bande zersprengt, die ihn an seine Familie fesselten. Diese Claire, die er angebetet, war nun die Gattin eines andern, und er selbst sollte der Gemahl einer Fremden werden, der er, wie er ganz gut wußte, bloß zum Werkzeug ihrer gehässigen und ehrgeizigen Absichten diente. Eine unendliche Traurigkeit beschlich sein Gemüt und bitter beklagte er seine Schwäche. All die Güte und Liebe, die man ihm, als er verwaist zurückgeblieben, erwiesen hatte, vergalt er mit Undank und Treulosigkeit. Aber war er nicht selbst hart genug dafür bestraft? Hatte er, indem er auf Claire verzichtete, nicht auch seinem eigenen Glücke entsagt? ... Alsdann fing er an, seine Handlungsweise mit der des Herrn Derblay zu vergleichen und konnte nicht umhin, anzuerkennen, daß der Hüttenbesitzer ebenso ergeben und großmütig sich erwiesen, als er selbst undankbar und selbstsüchtig gewesen. Konnte er nicht ebensogut das geliebte Mädchen heiraten, auch wenn sie kein Vermögen besaß? Er hätte nur zu arbeiten brauchen. Indem der Herzog sein unnützes Leben zu bereuen begann, fand er mit einmal, daß er in der Welt eine traurige Rolle spiele, gleich einer Null, die erst zur Bedeutung gelangt, wenn man eine Zahl voranstellt. Um etwas aus sich zu machen, mußte er seinen altadeligen Namen durch eine bürgerliche Heirat beflecken. Doch was vermochte er aus sich selbst? Nichts. Er war zum Luxusgegenstand geworden, den man sich kauft, wie man sich ein Luxuspferd hält. Diese Betrachtungen, die er bis dahin noch nie gemacht, flößten ihm einen tiefen Widerwillen gegen Moulinet ein. Er kam sich vor wie sein Sklave, und wütend beschloß er, sich gegen diese Gewalt zu empören und seinerseits den künftigen Schwiegerpapa zu beherrschen. Gleichzeitig erschien ihm auch Athénaïs als das, was sie in Wirklichkeit war, ein unbedeutendes Geschöpf, ohne Geist und Gemüt, niedrig, gemein und böswillig. Er beobachtete sie, wie sie steif und geziert im Betstuhle kniete und in ihrer für ein junges Mädchen viel zu reichen Toilette mit gelangweilter Miene zerstreut umhergaffte. Hierauf wendete er seine Blicke zu Claire, die mit geneigtem Kopfe unter ihrem weißen Schleier andächtig zu beten schien. An einer leichten Bewegung ihrer Schultern erriet der Herzog, daß sie weinte. Neben ihr, unbeweglich, mit ernstem Gesichte, richtete Philipp seine Gestalt empor. War dies der Mann, den sie liebte und den sie ihm vorgezogen hatte? Unglaublich! Da erkannte der Herzog in einem Momente den Beweggrund von Claires Handlungsweise und die Situation, die ihm seit zwei Wochen dunkel und unergründlich geschienen, wurde ihm plötzlich licht und klar. Er begriff nun die wirkliche Stellung des Hüttenbesitzers. Und als er Claire in ihrem Schmerze so bewunderungswürdig schön sah, durchzuckte ihn ein Gedanke, der ein flüchtiges Lächeln auf seine Lippen brachte. Der aufrichtige und bereuende Bligny, der er seit vierzehn Tagen gewesen, verschwand für immer und er wurde wieder der kalte, blasierte Skeptiker, den die russische Verderbtheit aus ihm gemacht. Gaston nahm sich vor, an diesem Derblay, dem Hauptmitschuldigen an der Demütigung, die er hatte erleiden müssen, eine süße Rache zu nehmen. Dieser Eisenschläger im definitiven Besitze einer so reizenden Frau wie Claire! War dies zu ertragen möglich? Sie weint, sagte er sich weiter, sie verabscheut also diesen Mann und liebt noch mich. Sogleich gewann er seine ganze Sicherheit wieder. Bis zu diesem Momente war er in trüber, gedrückter Stimmung gewesen. Kaum fühlte er sich jedoch auf günstigem Terrain, als er, seiner Ueberlegenheit gewiß, die ungezwungene stolze Haltung des großen Herrn wieder annahm. Als die Ceremonie zu Ende, begab man sich in die kleine armselige Sakristei, und als die Neuvermählte ihren Schleier zurückschob und ihr Antlitz den forschenden Blicken der Gesellschaft darbot, suchte der Herzog vergebens die Spur der Thränen, die er sie insgeheim vergießen sah. Das Feuer ihres Stolzes hatte dieselben verzehrt und ruhig lächelnd bewegte sie sich mit vollkommener Geistesfreiheit. Der Herzog wurde unzufrieden, er wünschte Claire niedergeschlagen zu sehen. Die stolze junge Frau wollte sich also gegen ihn verteidigen und ein Kampf schien unvermeidlich; er wollte ihn aufnehmen und zweifelte keinen Augenblick an seinem endlichen Triumph. Bei der Rückkehr aus der Kirche mußte er im Wagen die ganze Flut der Bemerkungen über sich ergehen lassen, die Moulinet während der Ceremonie zurückzuhalten gezwungen war. »Das sei was rechtes, so eine Heirat um Mitternacht in einer Grabeskirche, wo die Kälte einem wie ein Bleimantel auf die Schulter sinke. Er, der ehemalige Handelsrichter, könne einen solchen Geschmack nicht begreifen. In drei Wochen würde er seine Tochter zum Altare führen und dann würde man sehen, was er unter einer Hochzeit verstehe. Die Trauung müsse in der Magdalenenkirche stattfinden. Große Illumination, Blumen, grüne Bäume, Chöre und Solos ...« »Soli,« unterbrach ihn der Herzog, den dieses anmaßende Zurschautragen des Reichtums zu verdrießen anfing. »Solos, Soli ...« wiederholte Moulinet, der auf die Richtigkeit der Endungen nicht viel Gewicht legte. »Ja die Sache würde wohl fünfzehntausend Franken kosten! Aber was hatte dies für ihn zu bedeuten! Er verheiratete ja nicht alle Tage seine Tochter und er wünsche, daß man noch lange davon sprechen solle.« »Mein Herr, so wenig man auch davon sprechen mag, es wird leider immer noch zu viel sein,« unterbrach ihn wieder der Herzog mit schneidigem Tone. »Aber mein Schwiegersohn ...« wollte Moulinet ärgerlich erwidern. »Aber, mein Herr,« unterbrach ihn von neuem der Herzog; »erstens bin ich noch nicht Ihr Schwiegersohn, und dann werden Sie mich sehr verbinden, wenn Sie es künftig unterlassen, mir gegenüber diese Benennung zu gebrauchen, die so sehr nach dem Kramladen schmeckt. Endlich mache ich Sie aufmerksam, daß wir bereits bei Herrn Derblay angekommen sind, und ich bitte Sie in unser aller Interesse, so wenig als möglich zu sprechen.« Im großen Empfangssalon von Pont-Avesnes unterhielt sich die Marquise, in einem Fauteuil sitzend mit Herrn Bachelin. Frau von Beaulieu hatte am Morgen den alten Notar beauftragt, Philipp um die Erlaubnis zu ersuchen, Claire über den wirklichen Stand ihres Vermögens aufklären zu dürfen. Nach der Hochzeit, dachte die Marquise, sei es an der Zeit, die junge Frau von ihrem Vermögensverluste und von der zartsinnigen Uneigennützigkeit ihres Gemahls in Kenntnis zu setzen. Herr Derblay würde auf diese Weise den gerechten Lohn für sein taktvolles Zartgefühl empfangen. Philipp, der sehnlichst wünschte, jede Sorge und jede Bitterkeit von Claire fernzuhalten, wollte nichts davon hören. Die junge Frau sollte keinerlei Demütigung erleiden, wenn sie die Schwelle seines Hauses betrat. Dieses verletzte, empfindliche Gemüt noch mehr verdüstern wollen? Und weshalb? Um seiner Eigenliebe einen Genuß zu bereiten? Damit ihm Claire dankbar sei? Es schien ihm seiner unwürdig, zu ähnlichen Mitteln zu greifen, um die Neigung seiner Frau zu gewinnen. Er verlangte mehr als ihre Dankbarkeit, er strebte nach ihrer Liebe. »Mein lieber Bachelin,« sagte die Marquise, »ich werde schweigen, da es Herr Derblay wünscht; doch ich weiß nicht, ob ich an seiner Stelle so viel Feinheit zeigen würde. Seine Handlungsweise entzückt mich, ich gestehe es; er hat eine ungewöhnlich hohe Sinnesart, besitzt eine erstaunliche Charaktergröße und ist in der That ein außerordentlicher Mensch.« »Das hatte ich die Ehre, Ihnen zu sagen, Frau Marquise, als ich, Sie erinnern sich noch, das erste Mal von ihm sprach,« erwiderte der Notar. »Er ist in Wahrheit ein Edelmann.« »Ja, ja, wir hatten Glück mit ihm,« fügte die Marquise hinzu, »und Ihnen verdanken wir dieses günstige Resultat. Hoffen wir, daß auch meine Tochter gleich uns ihren Gatten zu schätzen wissen wird ... Aber sehen Sie, Bachelin, wie blaß sie ist – –« Der Notar wendete sich um. Claire, unter ihrem Orangenblütenkranze bleich wie eine Tote, erschien ihm wie Julia, die bei der geliebten Stimme Romeos sich von ihrem Marmorlager erhebt. Der Herzog hatte sich ihr genähert und mit melancholischem Lächeln sich vor ihr verneigend, sagte er: »Ehe wir uns trennen, Claire, wollte ich Sie noch einmal sprechen. Mein Herz ist unruhig und betrübt und mit einem einzigen Worte können Sie mir die Ruhe wiedergeben. Seien Sie gütig, sagen Sie, daß Sie mir verzeihen ...« Claire erhob stolz ihre Stirn und dem Herzog einen triumphierenden Blick zuwerfend, antwortete sie mit fester Stimme: »Ich habe Alles vergessen ... Ich liebe meinen Gemahl ... Leben Sie wohl, Herzog!« Bligny zitterte und den herausfordernden Trotz mit gleicher Münze zahlend, entgegnete er: »Ich wünsche, daß Ihre Worte aufrichtig seien.« Dann fügte er fast drohend hinzu: »Auf Wiedersehen, Claire,« und nachdem er sich nochmals verbeugt hatte, entfernte er sich. »Sie gehen schon, Herzog?« sagte der Baron Préfont, indem er den jungen Mann aufhielt. »Ja,« antwortete kalt der Herzog. »Ich habe hier nichts mehr zu thun. Die Reihe kommt nun an den Gemahl.« »Ei, ei, Herzog, Sie sagen dies nicht ohne Bitterkeit. Gestehen Sie, daß Sie jetzt, da Sie Claire vermählt sehen, Reue empfinden.« Mit spöttischem Blicke wies der Herzog auf Claire, die sich kaum aufrecht halten konnte. »Reue? Sollte wirklich ich es sein, der bereut?« »Mein Lieber,« entgegnete der Baron, »das ist eine sehr anmaßende und lächerliche Antwort. Aber, wenn Sie sich für einen so gewaltigen Sieger halten, so erlauben Sie doch, daß ich Sie auf Herrn Derblay aufmerksam mache. Sehen Sie ihn einmal genau an und sagen Sie mir, ob er das Aussehen eines Mannes hat, der sich seine Frau nehmen läßt?« Der Herzog fixierte Philipp, der in einer Ecke des Salons seine hohe Gestalt emporrichtete. Sein von der Luft gebräuntes Gesicht verriet Kraft und Energie. Der Zorn eines solchen Mannes mußte schrecklich sein. »Bah!« machte der Herzog mit frivolem Tone, »seit Vulkan haben die Schmiede kein Glück bei den Frauen ...« »Und ich sage Ihnen,« versetzte ernst der Baron, »hüten Sie sich vor seinem Hammer ...« Bligny zuckte leichtfertig die Achseln und begab sich zu Herrn Moulinet, der in einer Thüröffnung stand. »Wenn Sie wünschen, so wollen wir uns jetzt entfernen,« sagte er zu ihm. »Nun, ich werde Sie nicht zurückhalten,« murmelte der ehemalige Handelsrichter. »Welcher Empfang! Mein lieber Herzog ... nicht einmal ein Glas Wasser wird einem angeboten! Das ist doch bei uns Bürgerlichen ganz anders. Sie sollen sehen, wie ich so etwas verstehe ... Ich werde zwei Diners und einen Ball geben und unsere Gäste werden nicht mit hungrigem Magen fortgehen, dafür bürge ich.« Moulinet konnte ungestört alle geplanten Festlichkeiten aufzählen, der Herzog hörte ihm nicht zu. Er betrachtete Athénaïs, die eben von der Neuvermählten Abschied nahm, indem sie Claires Hände ergriff und sich lauten Zärtlichkeitsergüssen überließ. »Während des Sommers werden wir sehr oft beisammen sein,« sagte sie. »Varenne ist ja kaum eine Meile von hier entfernt. Aber während des Winters, wie wirst du mir da fehlen! ... Oh, ohne dich wird mir Paris öde und leer scheinen! Wird dich Herr Derblay denn ohne Erbarmen für immer in Pont-Avesnes gefangen halten? Ich weiß wohl, daß du selbst es nicht besser wünschest: du bist geliebt, du liebst ... Versprich mir indes, daß du an mich denken wirst, in Glück und auch im Leid, wenn dir je welches zustoßen sollte. Du weißt, daß ich stets innigen Anteil daran nehmen werde.« Diese perfiden, grausamen Worte trafen Claire gewaffnet. »Sei versichert,« entgegnete sie, »daß ich deine Freundschaft nach ihrem richtigen Werte zu schätzen weiß. Aber du weißt, das Glück sucht keine Zeugen und ich werde glücklich sein, ohne es zu äußern.« Mit Wut im Herzen sah Athénaïs, daß es ihr nicht gelungen war, ihre mutige Gegnerin einzuschüchtern, und so wollte sie ihr denn wenigstens keinerlei Qual ersparen. »Willst du mich umarmen?« sagte sie. »Sehr gerne,« antwortete Claire ohne Zögern und ihre brennenden Lippen berührten Athénaïs Stirne. Doch nun fühlte die junge Frau ihre Kräfte erschöpft, sie ergriff rasch den Arm der neben ihr stehenden Baronin und zog sie in ein Nebengemach. »Gehen wir hinaus, ich ersticke!« Die beunruhigte Marquise folgte gleichfalls ihrer Tochter, deren Gesicht entstellt war, die Augen waren geschlossen, der Mund verzerrt und sie schien ohnmächtig zu werden. Aber die Energie ihrer Seele besiegte nochmals die Schwäche ihres Körpers und mit einem liebevollen Blicke auf ihre Mutter, die sich besorgt zu ihr hinabneigte, sagte sie: »Es ist nichts, ein wenig Müdigkeit und die Alteration ... doch fühle ich mich schon besser ...« Und wirklich stieg in diesem Momente Fieberglut in ihre Wangen und ihre Augen glänzten. Die Marquise, vor der Claire sorgfältig ihre Qualen verborgen hatte, fing in diesem Momente an, Verdacht zu schöpfen. Sollte ihre Tochter sie getäuscht haben? Würde die Verbindung, welche sie selbst so vollständig befriedigte, auch ihrem Kinde das verdiente Glück gewähren? Die gute Frau überdachte in einem Augenblicke mehr, als sie dies während vierzehn Tagen gethan, und stellte sich eine Menge von Fragen, die sie nicht zu beantworten vermochte. Gewohnt, dem Willen anderer zu gehorchen, stets nachsichtig und fügsam, wie sie es ehemals gegen die Untreue ihres Gatten gewesen, hatte sie sich auch in diesem Falle dem Despotismus ihrer Tochter gebeugt, ohne sich weiter viel um ihre mütterliche Verantwortlichkeit zu kümmern. Sie war eines jener willenlosen Wesen, die sich in jede Lage des Lebens geduldig fügen, und die nicht zu begreifen vermögen, daß man versuchen könne, gegen sein Geschick anzukämpfen. Sie hatte Claire ganz nach eigenem Belieben handeln lassen, doch in dieser ernsten Stunde fragte sie sich zum erstenmal, ob diese Nachgiebigkeit auch klug gewesen. Tief bewegt, suchte sie nun eine Billigung ihres Vorgehens in den Augen ihrer Tochter und Claire zärtlich in die Arme schließend, sagte sie: »Du bist doch glücklich, mein Kind, nicht wahr? ... Meine mütterliche Führerrolle ist nun zu Ende. Von heute an wirst du selbst Herrin deines Lebens ... Sage mir, ob ich alles that, was von mir abhing, um dich glücklich zu machen.« Claire, welche die peinliche Unruhe ihrer Mutter sah, machte eine letzte Anstrengung, um sie noch länger zu täuschen, und indem sie sie umarmte, erwiderte sie: »Ja, teure Mutter, du hast mich glücklich gemacht. Sei ruhig und ohne Sorge.« Und als die Marquise bei diesen Worten in Thränen ausbrach, fügte sie mit erstickter Stimme hinzu: »Mache mich nicht weich ... man könnte glauben ...« Sie vollendete den Gedanken nicht und umarmte die Mutter ein letztes Mal. »Geh,« sagte sie, »wir müssen uns trennen ... geh auf morgen ...« Frau von Beaulieu, durch diese scheinbare Ruhe beschwichtigt, fand ihre, eine kurze Weile gestörte Sicherheit wieder und kehrte ohne den geringsten Verdacht in den Salon zurück. In eben dem Augenblicke trat Susanne, von Brigitten begleitet, in das Zimmer der Neuvermählten. Das junge Mädchen, die hinreichende Geschicklichkeit der treuen Dienerin bezweifelnd, wollte derselben in ihren Dienstleistungen behilflich sein. Das gute Kind ging, leicht wie ein Vogel, in dem Gemache hin und wieder, indem sie sich um die geringsten Details kümmerte und alles sorgfältig überwachte. Claire beobachtete sie, im stillen unzufrieden und argwöhnisch, und dachte mit Erbitterung, daß sie an der Schwester ihres Gatten eine allezeit gegenwärtige Wächterin haben würde, deren von Liebe erleuchteten Augen keine einzige ihrer Mutlosigkeiten und Schwächeanwandlungen entgehen würde. Sie sah in Susannen einen natürlichen Spion und in der Ueberspanntheit ihrer Gefühle fing sie an, dieselbe zu hassen. Inzwischen hatte das junge Mädchen ihrer Schwägerin den Schleier und den Brautkranz abgenommen, und indem sie dieselben behutsam hin- und herwendete, bald die Falten des Tülls zurechtstrich, bald die einzelnen Blüten wieder aufrichtete, war sie sichtlich von einem geheimen Wunsche gequält, den auszusprechen sie noch zu zaudern schien. Endlich begann sie errötend: »In unserer Gegend glaubt man, daß eine Blume aus dem Kranze einer Neuvermählten, die man aufrichtig liebt, Glück bringt. Schwester, ich liebe Sie so sehr, wollen Sie mir erlauben, eine dieser Blumen zu nehmen? ...« Claire blickte das junge Mädchen kalt an, und indem sie mit einer raschen Bewegung die Guirlande, die ihr Kleid schmückte, herunterriß, warf sie ihr dieselbe zu Füßen. »Wenn diese Blumen Glück bringen,« rief sie aus, »so sind sie mir unnütz! Da sind sie, nehmen Sie alle!« Susanne fuhr erschreckt zurück, das Bouquet entfiel ihren Händen und mit Thränen in den Augen wendete sie sich zu Claire, indem sie sanft klagend erwiderte: »Sie scheinen nicht viel Wert auf diese Blumen zu legen und doch ist es mein Bruder, der sie Ihnen gab.« Ciaire fühlte sich gerührt von der schmerzlichen Klage dieses Kindes, sie versuchte, sich zu beherrschen, doch die Heftigkeit ihrer Natur siegte und die Hand, die sie noch eben Susannen reichen wollte, fiel kalt und starr zur Seite hinab. »Lassen Sie sie, gute Kleine,« sagte im selben Momente die Baronin zu Fräulein Derblay. »Claire bedarf der Ruhe. ... Seien Sie unbekümmert und nehmen Sie das kleine Bouquet mit; es wird Ihnen bald als Muster dienen können.« Dabei zeigte sie Susannen ein lächelndes Gesicht und führte sie, wieder beruhigt und vertrauensvoll zur Thür des Zimmers. Alsdann kehrte sie zu Claire zurück, die mit starren Augen schweigend dasaß. »Woran denkst du, meine Liebe?« fragte die Baronin. »Du hast der Kleinen weh gethan und so ganz unverdienterweise. Vermagst du denn gar nicht deine Nerven zu beherrschen? Wirklich,« fügte sie hinzu, indem sie zu scherzen versuchte, »wenn man dich unter den Klangen des Trauermarsches aus dem fünften Akte der »Jüdin« zum Scheiterhaufen führen würde, könntest du auch nicht verstörter aussehen.« Claire warf ihrer Freundin einen so vorwurfsvollen Blick zu, daß dieselbe sofort wieder ernst wurde. »Nun, was fehlt dir denn, sage mir's doch!« Claire ergriff ängstlich die Hände der Baronin und sagte: »Aber siehst du denn nicht, wie sehr ich leide? Du verstehst also nicht, daß ich wahnsinnig werde? In einem Augenblicke werdet ihr alle, die ihr mich liebt, euch entfernen, und ich werde allein in diesem großen Hause zurückbleiben. An wen mich wenden, auf wen mich stützen? Alles was mich an die Vergangenheit fesselt, bricht entzwei, und die Zukunft liegt schwarz und öde vor mir.« »Du jammerst,« versetzte die Baronin, »als wärest du in Wirklichkeit verlassen. Bleibt dir denn nicht die alte Zuneigung der Deinen und wirst du nicht von nun an eine neue, aufrichtige und ergebene Liebe bei deinem Manne finden? Sieh, er betet dich an; habe Vertrauen.« Die Baronin hielt inne, denn sie sah Claire bei den Worten »dein Mann« erbleichen und zittern. »O, wenn du wüßtest, was in mir vorgeht!« flüsterte die junge Frau. »Diese Heirat, die ich gewollt, die ich mit dem Ungestüm meines empörten Stolzes herbeigesehnt, flößt mir nun, da sie stattgefunden, Entsetzen ein. Dieser Mann, der mein Gatte geworden, ich möchte ihm entfliehen! Ich bitte dich, geh' nicht fort, bleibe da, er wird sich nicht an mich heranwagen, wenn du bei mir bist. O, dieser Mann! Dieser Mensch, der mir die erste Furcht in meinem Leben einflößt, o wie hasse ich ihn!« »Mein Gott!« rief die Baronin entsetzt aus, »du erschreckst mich. Deine Mutter ist vielleicht noch nicht fort, willst du, daß ich sie rufe?« »Nein!« erwiederte Claire rasch, »nein! Gerade vor ihr will ich es am meisten verbergen. Du hast doch gesehen, wie aufrecht ich mich in ihrer Gegenwart gehalten. Sie soll meine Pein nicht kennen, meine Verzweiflung nicht ahnen. Gute Mutter, aus Liebe zu mir, aus Schwäche hat sie mich ermutigt, mir geholfen diese Heirat zu schließen. ... Wenn sie denken könnte! ... Ach nein, es ist genug, wenn ich allein leide! Alles, was geschehen ist, habe ich selbst gewollt, und ich selbst muß die Folgen tragen. Meine Schwäche ist nicht zu entschuldigen und sie ist meiner unwürdig. Sei ruhig, sie wird sich nicht wieder erneuern. ...« Und indem sie der Baronin, die, beunruhigt von dem herben Tone und der Bitterkeit dieser Worte, sie aufmerksam beobachtete, ein undurchdringliches Gesicht zeigte, fuhr sie fort: »Entferne dich nun ohne Hintergedanken und ohne Besorgnis. Umarme mich und möge alles, was du in dieser Stunde von mir gehört, auf immer von dir vergessen sein, so bald du die Schwelle dieses Zimmers überschritten hast. Versprichst du es mir?« »Ich verspreche es dir,« sagte die Baronin. ... Dabei erstickte sie einen Seufzer, warf noch einen letzten Blick auf ihre Freundin und ging hinaus, indem sie murmelte: »Arme Claire!« (Ende des ersten Bandes.)